Gustav Weil Tausend und eine Nacht. Vierter Band Arabische Erzählungen Erste werkgetreu und vollständig aus dem Urtext übersetzte Ausgabe. Geschichte des Königs Kalad und seines Veziers Schimas. Man behauptet, einst lebte in Indien ein mächtiger König von hoher Statur und starkem Körperbau, sein Name war Kalad. Er gebot über zweiundsiebzig Vizekönige; dreihundertundfünfzig Kadhis war die Justizpflege anvertraut, und in seinem Divan saßen siebzig Veziere, von denen je zehn einem Oberen gehorchten. Über alle siebzig stand aber der Großvezier Schimas, der sowohl bei dem König als bei den übrigen Vezieren sehr beliebt war. Die Regierung dieses Königs war sehr mild, denn er liebte seine Untertanen, war sehr wohltätig und erleichterte ihre Abgaben mehr, als alle seine Vorgänger. Er war aber doch sehr mißvergnügt, weil er keinen Sohn hatte, der ihm hätte auf den Thron folgen können. Eines Nachts, als ihn der Schlaf in diesen Gedanken überwältigte, sah er im Traume die Wurzel eines Baumes, aus dem viele Zweige hervorsprossen; dann entstieg dieser Wurzel eine Flamme, welche alle Zweige rund umher verzehrte. Der König erwachte hierauf sehr erschrocken und befahl einem seiner Diener, sogleich den Vezier Schimas zu rufen. Dieser kam schnell herbei und verbeugte sich vor dem König, der auf seinem Bett saß, wünschte ihm dauerndes Glück und sagte: »O König, Gott erhalte dich! Was ist dir Unangenehmes widerfahren, daß du mich plötzlich in der Nacht rufen läßt?« Der König hieß ihn sitzen, erzählte ihm seinen Traum und sagte: »Ich habe dich rufen lassen, weil ich dich als einen großen Gelehrten kenne, der Träume auszulegen versteht.« Schimas beugte den Kopf eine Weile und erhob ihn dann wieder lächelnd. Der König bat ihn, ihm zu sagen, was er von diesem Traum halte, ihm aber ja nichts zu verbergen, Schimas antwortete: »Beruhige dich in Gottes Namen und sei froh, denn ich habe viel Glück für dich. Gott wird dir einen Sohn bescheren, der nach langem Leben dein Reich erben wird, doch etwas wird vorfallen, das ich dir jetzt noch nicht mitteilen kann.« Der König freute sich sehr und sagte: »Wenn deine Deutung war ist, so erkläre mir alles, damit meine Freude vollkommen sei; mein ganzes Streben geht doch nur nach Gottes Wohlgefallen.« Schimas aber suchte allerlei Vorwand, um sich von der gänzlichen Auslegung des Traumes loszusagen, Da ließ der König Astrologen und andere Traumdeuter rufen und bat sie, ihm seinen ganzen Traum auszulegen. Einer von ihnen bat um das Wort und sagte: »O König! Dein Vezier Schimas kann den Traum ebensogut deuten, als einer von uns, aber er scheut sich vor dir; wenn du mir deine Gnade verbürgst, will ich dir enthüllen, was er dir verborgen.« Als der König ihm Gnade versprach, sagte er: »Wisse, o König, du wirst einen Sohn zeugen, der dein Reich erben und einige Zeit in deinem Pfade wandeln wird, bald aber wird er treulos gegen seine Untertanen handeln, sein Volk wird mißvergnügt werden, und es wird ihm gehen, wie der Maus mit der Katze!« Der König rief Gottes Hilfe an und fragte: »Was ist das für eine Geschichte?«Da begann der Traumdeuter: Geschichte der Katze mit der Maus. Man erzählt, o König! Eine Katze ging einst in der Nacht auf Raub aus, lief aber die ganze Nacht in den Wiesen umher, ohne etwas zu finden. Da es heftig regnete und es sie sehr fror, suchte sie einen trockenen Zufluchtsort und ging auf ein Loch zu, welches sie in der Wurzel eines Baumes bemerkte. Als sie nahe daran war, roch sie eine Maus darin und kroch langsam an den Baum hin, um sie zu fangen. Da aber die Maus die Nähe der Katze merkte, schleppte sie schnell Erde herbei und verstopfte die Öffnung des Loches. Die Katze miaute gar jämmerlich und schrie: »Warum tust du dies, mein Freund? Ich suche Zuflucht bei dir, erbarme dich meiner und laß mich diese Nacht in deiner Höhle zubringen; ich bin alt, schwach und matt, kann mich nicht mehr bewegen; ich laufe schon die ganze Nacht auf dem Felde umher, habe mir oft den Tod gewünscht, um einmal meiner Qualen los zu werden, und nun liege ich hier vor deiner Tür, krank vor Nässe und Kälte; ich bitte dich um Gotteswillen, beherberge mich im Gang deiner Höhle, ich bin arm und fremd; es heißt ja: Wer einen Fremden bei sich beherbergt, dem wird am Gerichtstage das Paradies als Wohnung angewiesen.« Als die Maus das Flehen der Katze vernahm, sagte sie erschrocken: »Wie kann ich dir öffnen? Du bist doch mein natürlicher Feind und lebst nur von meinem Fleisch; ich fürchte deinen Verrat, du bist treulos von Natur, ich kann dir nicht glauben, ich kann dir ebensowenig mein Leben anvertrauen, als man eine schöne Frau einem Wollüstling, einen Schatz einem Dieb, oder Holz dem brennenden Feuer anvertraut; auch sagt man: Von einer natürlichen Feindschaft, so schwach sie auch sein mag, ist doch starkes Übel zu erwarten.« Die Katze antwortete hierauf mit demütiger, rührender Stimme: »Was du sagst, mein Freund, ist wahr; ich leugne meine Sünden gar nicht, doch Gott verzeihe mir und verzeihe auch du mir vergangene Schuld, heißt es doch: Wer einem Geschöpfe seinesgleichen verzeiht, dem verzeiht auch Gott; ich war allerdings bisher dein Feind, doch nun suche ich deine Freundschaft; sagt man nicht: Willst du deinen Feind in einen Freund verwandeln, so erweise ihm Gutes; ich will nun einen festen Bund mit dir schließen und dir versprechen, daß ich dir nie etwas zuleide tun werde; ohnedies habe ich gar keine Kraft mehr dazu. Nimm nur meine Freundschaft an, vertraue auf Gott und versage mir deine Hilfe nicht!« Da sagte die Maus: »Wie soll ich mit einem Treulosen einen Bund schließen? Wie darf ich das tun, da doch unsere Feindschaft uns von Natur angeboren ist? Legte ich mich in deine Gewalt, so wäre es gerade, als wenn jemand seine Hand in den Mund einer Otter stecken wollte.« Da sagte die listige Katze: »Mein Leben erlischt in mir, bald werde ich vor deiner Tür sterben, und du wirst die Schuld tragen, denn du hättest mich retten können; ich sage dir zum letzten Mal, wenn du mich einläßt, so werde ich dein wahrer Freund sein, stets für dich beten, und der Himmel wird dich dafür belohnen.« Bei diesen Worten wurde die Maus von Gottesfurcht ergriffen und dachte bei sich: Wer seinem Feind Gutes erweist, dem steht Gott gegen ihn bei; ich will nun im Vertrauen auf Gott diese Katze vom Untergang retten und mir dadurch himmlischen Lohn erwerben. Sie trat dann zur Katze heraus und schleppte sie in die Höhle: Die Katze machte sich schwer und stellte sich tot, so daß es der Maus sehr mühsam wurde, sie auf ihr Lager zu bringen. Nachdem die Katze ein wenig ausgeruht hatte, öffnete sie den Mund und klagte über Schwäche und Mattigkeit. Die Maus bemitleidete sie und redete ihr Mut ein. Die Katze aber kroch allmählich bis zur Öffnung der Höhle, um der Maus den Ausgang zu versperren, dann sprang sie auf sie los und faßte sie mit allen Vieren und biß sie, hierauf schleuderte sie sie in die Höhe und lief ihr wieder nach. Die Maus rief Gottes Hilfe an und sagte zur Katze: »Treuloser Freund, hältst du so den Bund, den wir geschlossen, und den Eid, den du geschworen? Ist das mein Lohn dafür, daß ich dich in meine Höhle hereingelassen und dir mein Leben anvertraut? Mit Recht sagt man: Wer dem Versprechen eines Feindes traut, der ist seines Lebens nicht mehr sicher und verdient den Tod; doch ich vertraue auf Gott, der wird mich retten.« Wahrend die Maus so zur Katze sprach, welche vorhatte sie zu zerreißen, kam ein Jäger mit Fanghunden herbei; einer derselben hörte das Geräusch in der Höhle, sprang munter heran in der Meinung, es sei ein Fuchs, der etwas zerreißen wolle, packte die Katze von hinten, und zog sie heraus und zerriß sie in Stücke. Die Maus aber kam ohne schwere Wunde davon, denn die Katze hatte sie in ihrem Schrecken losgelassen, und so bestätigt sich hier: Wer Mitleid hat, der wird auch (von Gott) bemitleidet; wer Unrecht handelt, dem geschieht auch Unrecht. »Das ist's, o König, was dieser Katze geschehen, darum soll niemand sein Wort brechen und das ihm geschenkte Vertrauen mißbrauchen, sonst geht es ihm auch so; wer aber Gutes übt, dem wird reicher Lohn. Doch betrübe dich nicht, o König, dein Sohn wird später wieder deinen Pfad wandeln und Buße tun. Dein gelehrter Vezier fürchtete sich aber, dir dies zu offenbaren, weil schon mancher durch seine Gelehrsamkeit sich große Gefahr zugezogen.« Der König entließ die Traumdeuter hierauf gnädigst, ging nachdenkend in seine Wohnung und brachte die Nacht bei der geliebtesten und geachtetsten seiner Frauen zu. Nach einigen Monaten, als sie die Merkmale der Schwangerschaft an sich wahrnahm, lief sie freudig zum König, um es ihm zu melden. Dieser rief höchst entzückt aus: »So war mein Traum doch wahr! Gott wird mir auch ferner in allem beistehen.« Er erwies von nun an seiner Frau viele Ehre und ließ ihr das schönste und beste Zimmer im Schloß einräumen. Sobald Schimas ins Schloß kam, teilte ihm der König seine Hoffnung, bald Vater zu werden, mit, und sagte: »Nun sind meine Wünsche erfüllt; ich hoffe, meine Frau wird einen Sohn gebären, der meinen Thron erben kann. Was sagst du dazu, Schimas?« Schimas schwieg und antwortete nichts. Da sagte der König: »Warum freust du dich nicht mit mir? Warum schweigst du? Ist dir das nicht angenehm?« Schimas verbeugte sich und sagte: »Mögest du lange leben, o König; warum sollte der in der Mittagshitze unter einem schattigen Baum Ausruhende, oder der Lechzende, welcher an klarem Wein oder frischem Quellwasser sich labt, sich nicht freuen? Noch größer, o König ist meine Freude mit dem, was dir Gott geschenkt, bin ich doch ein Diener Gottes und dein Diener. Doch sagt man: Von drei Dingen darf ein Verständiger nicht zu früh sprechen: von einem auf die Reise gehenden Kaufmann, bis er zurückkehrt; von einem in den Krieg Ziehenden, bis er seinen Feind überwunden, und von einer Schwangeren, bis sie ihr Kind geboren; denn wisse, o König, wer von etwas spricht, ehe es da ist, dem geht es wie dem Einsiedler mit dem verschütteten Schmalz.« Der König fragte: »Was ist das für eine Geschichte?« Da begann Schimas: Geschichte des Einsiedlers mit dem Schmalz. Wisse, o König, einst lebte ein Einsiedler in einer Stadt bei einem der vornehmsten Bürger, der ihn sehr liebte und ihm jeden Tag drei Brötchen und etwas Honig und Schmalz reichen ließ. Da das Schmalz damals sehr selten und teuer war, sammelte der Einsiedler alles, was er von seinem Gönner erhielt, in einem großen Krug, den er zu Häupten seines Bettes stellte, um immer ein wachsames Auge darauf haben zu können. Eines Tages, als er auf seinem Bett saß, fiel ihm sein Schmalz ein, das jetzt so hoch im Preis stand, und er dachte bei sich: Ich werde es jetzt ganz im stillen verkaufen und dafür eine Ziege kaufen, ich mache dann Gemeinschaft mit einem Bauern, der einen Bock hat, sie wird im ersten Jahr ein Männchen oder ein Weibchen, und im zweiten ein Weibchen oder ein Männchen gebären, und so wird es fortgehen, bis ich eine Menge Böcke und Ziegen habe; ich verkaufe dann die Böcke und kaufe Kühe und Stiere dafür; wenn auch diese sich vermehrt haben, verkaufe ich einen Teil davon und kaufe ein schönes Gut und bebaue es; dann lasse ich mir ein schönes Schloß darauf bauen, schaffe mir kostbare Kleider an, kaufe Sklaven und Sklavinnen, dann heirate ich die Tochter eines reichen Kaufmanns oder Fürsten, und feiere eine Hochzeit, wie noch nie eine gefeiert worden; es wird weder an allerlei Fleischgerichten noch an Süßigkeiten fehlen. Auch lasse ich Musiker und Sänger und Märchenerzähler kommen, die uns bei dem Dufte der schönsten Blumen und der feinsten Wohlgerüche belustigen; ich werde Reiche und Arme einladen, alles was durch Gelehrsamkeit und Bildung sich hervortut, sogar den Sultan mit seinen Offizieren; ich lasse in der ganzen Stadt ausrufen: Jeder soll zu essen und zu trinken bei mir finden! Ist dann die Braut königlich geschmückt, begebe ich mich zu ihr und ergötze mich an ihren Reizen, esse und trinke und scherze mit ihr und denke bei mir selbst: Nun bin ich am Ziele meiner Wünsche, fern von dem traurigen Einsiedlerleben. Bald freue ich mich dann mit dem Knaben, den mir meine Frau gebären wird, und gebe ein großes Fest bei seiner Geburt; ich lasse ihn in Pracht und Glanz erziehen und in allem unterrichten, so daß sein Name berühmt werde in allen Gesellschaften. Ich werde ihm dann dies und jenes befehlen; gehorcht er mir, so lasse ich ihn immer mehr unterrichten, wird er aber ungehorsam, so komme ich mit dem Stocke hinter ihn. Bei diesen letzen Worten hob der Einsiedler den Stock, den er in der Hand hatte, mit aller Kraft in die Höhe, begegnete dem Schmalzkrug, der ihm zu Häupten stand, und zerbrach ihn; das Schmalz stürzte über seinen Kopf herunter, beschmierte sein Gesicht und seinen Bart, und befleckte seine Kleider und sein Bett, und so wurde er eine Warnung denen, die sich belehren wollen. »Darum, o König, soll man niemals von etwas sprechen, das noch gar nicht ist.« Der König sagte: »Du hast recht, Schimas, du bist ein herrlicher Vezier, deine Worte sind aufrichtig und dein Wandel gerade, darum nehme ich auch alles von dir gut auf.«Schimas erwiderte, sich verbeugend: »Gott schenke dir ein langes Leben und eine dauerhafte, glänzende Regierung; du weißt, daß ich dir stets meinen aufrichtigsten Rat erteile, daß nur deine Zufriedenheit mit mir mich glücklich macht, daß ich keine andere Freude, als die deinige habe, daß ich nicht schlafe, wenn du mir zürnst, denn Gott hat mich durch dein Wohlwollen über alle Erwartungen bereichert; darum bete ich immer zu ihm, daß seine Engel dich beschützen mögen und er durch seine Gnade dir reichen Lohn zufließen lasse. Amen.« Der König war entzückt über die Worte des Veziers, und erhöhte seinen Rang und seine Stellung noch mehr. Nach einiger Zeit gebar die Königin einen Sohn; der König freute sich sehr, als man es ihm meldete, und dankte Gott, dem barmherzigen Vater, für diese nicht mehr erwartete Gnade. Er ließ dann nach allen Seiten seines Landes schreiben, und alle Veziere, Oberhäupter der Truppen, andere Große des Reiches und alle Gelehrten zu einem Fest einladen; die Gäste fanden sich zahlreich ein, denn jeder wollte den geliebten König beglückwünschen. Nach dem Fest entließ sie der König wieder hochgeehrt und reichlich beschenkt. Als er wieder allein mit seinen Vezieren war, fragte er sie: »Was denkt ihr von dem Glück, das mir beschert worden?« Der Großvezier Schimas bat und das Wort und sprach. »Gepriesen sei Gott, unser Herr, der uns aus nichts geschaffen, daß er uns einen König geschenkt, durch dessen Huld uns so viel Glück zuströmt und durch dessen Gerechtigkeitsliebe ein jeder in unserem Lande sicher und ruhig lebt! Wo regiert wohl noch ein so gerechter, weiser, fürsorgender und beschützender König? Wie wacht er über alle unsere Bedürfnisse; wie horcht er auf alle Klagen seiner Untertanen, und wie beschützt er sie gegen jeden Feind! Haben doch die Türken ihre Söhne ihren Königen als Sklaven gegeben, damit er sie gegen Feinde beschütze: Wie dankbar müssen wir sein, da unter der Regierung unseres Königs kein Feind unser Land zu betreten wagt; wie sehr verdient er die göttliche Huld, da wir so unbeschreiblich glücklich unter seinen Fittichen leben; Gott erhalte ihn lange! Nun hatten wir aber bisher immer zu Gott gebetet, daß er ihn mit einem Sohn segne, und jetzt, wo er unser Gebet gehört hat, ist unsere Freude so groß, wie die jenes Fisches im Wasserteich. Der König fragte: »Was ist das für eine Geschichte?« Geschichte des Fisches im Wasserteich. Wisse, o König, fuhr Schimas fort: Einst hielten sich viele Fische in einem Wasserteich auf, der nur von Regenwasser gefüllt war. Da kam einmal ein Sommer, in welchem es sehr wenig regnete. Der Teich wurde immer kleiner, und die Abnahme des Wassers setzte die Fische in große Besorgnis. Sie sagten einer zum anderen, »Was wird aus uns werden; was fangen wir an und bei wem holen wir Rat?« Da sprang der älteste hervor und sagte: »Es bleibt uns nichts übrig, als zu Gott unsere Zuflucht zu nehmen und zum Krebs, dem verständigsten unter allen Wasserbewohnern.« Die übrigen Fische stimmten ihm bei und sie begaben sich sämtlich zum Krebs, der ruhig an der Türe seines Nestes lag und nichts von der Not der Fische wußte. Der älteste trat zu ihm und sagte, nachdem er ihn gegrüßt hatte: »Macht dir unsere traurige Lage keine Sorge, o weiser, gelehrter Krebs?« Dieser fragte: »In welcher Lage befindet ihr euch denn?« Da erzählten sie ihm von dem Mangel an Wasser und von ihrem nahen Untergang, und baten ihn um Rat und Beistand. Der Krebs schwieg eine Weile und dachte: Wie wenig Vertrauen haben diese unverständigen Fische zu Gott? Doch ich will ihre Furcht verscheuchen, Gottes Wille wird dann geschehen. Er sägte ihnen daher: »Wisset, ihr Fische, das Jahr hat ja erst begonnen und noch bleibt uns Wasser genug; es wird gewiß noch regnen, darum vertraut auf Gott, betet viel zu ihm, denn er erhört das Gebet seiner Geschöpfe; laßt uns nur den Winter abwarten; regnet es dann wie gewöhnlich, gut, wenn nicht, so fliehen wir aus diesem Teiche wohin Gott will.« Sämtliche Fische stimmten der Meinung des Krebses bei, dankten ihm und gingen ihres Weges. Nach wenigen Tagen kam ein Regen vom Himmel und füllte den Teich noch mehr als gewöhnlich. – »So auch wir, o König; schon hatten wir alle Hoffnungen auf einen Thronerben aufgegeben – der Mensch soll aber nie an seinem Herrn verzweifeln – und nun ist unser Wunsch erfüllt: – Gott hat dich mit einem Sohn gesegnet, dessen Regierung nach Vollendung deines langen Lebens unseren Nachkommen Heil bringen wird.« Der zweite Vezier sagte dann: »Wie sehr verdient ein König, der gerecht und mild gegen seine Untertanen ist, der ihre Frauen und Güter beschützt und stets ein wachsames Auge auf ihr Wohl richtet, daß er in diesem und in jenem Leben den höchsten Rang einnehme. Da nun du, o König, alle Herrschertugenden im höchsten Maße besitzt und dein Land durch dich so gesegnet ist, so mußte es uns weh tun, dich ohne Nachkommen zu sehen; nun hat aber Gott unser Gebet erhört. Deine Hingebung und volles Vertrauen zu Gott wurde belohnt, wie das des Raben mit der Schlange.« Der König fragte: »Was ist das für eine Geschichte?« Geschichte des Raben und der Schlange. Wisse, o König, erzählte der zweite Vezier: Einst wohnte ein Rabe mit seinem Weibchen auf einem Baum. Als die Zeit kam, wo sie Junge ausbrüteten – es war im Sommer – da kroch eine Schlange aus ihrer Höhle hervor, hing sich an die Wurzel des Baumes fest, schlich hinauf, bis sie zu dem Nest des Raben gelangte, legte sich hinein und brachte den ganzen Sommer darin zu. Der Rabe wartete, bis sie nach der heißen Jahreszeit das Nest wieder verließ, und ging dann wieder hinein mit seinem Weibchen und sagte zu diesem: »Laßt uns Gott danken, der uns von diesem Übel befreit, und haben wir auch dieses Jahr keine Jungen ausbrüten können, so hören wir doch nicht auf, auf Gott, unseren Schöpfer, zu vertrauen, und danken wir ihm, daß er uns gesund und wohl wieder hierher zurückkehren ließ. Wir müssen uns eben in seinen Willen fügen, vielleicht werden wir das nächste Jahr uns an unseren Jungen freuen.« Als aber die Zeit kam, wo sie wieder Eier legten, kam die Schlange wieder aus ihrer Höhle, und wollte wieder auf den Baum kriechen und in das Nest des Raben schleichen. Da ließ sich aber ein Raubvogel vom Himmel herunter, biß sie in den Kopf, daß sie ohnmächtig zu Boden fiel, und die Ameisen sich um ihre Wunde sammelten und sie auffraßen. Der Rabe lebte nun in Ruhe mit seinem Weibchen, das ungestört seine Eier ausbrütete und den Schöpfer pries. – »So wollen auch wir Gott danken, daß er dich mit einem Sohne gesegnet, und beten, daß er alles zu einem glücklichen Ende führe!« Der dritte Vezier begann hierauf: »Freue dich, o König, mit der Wohltat des Himmels, der dir ebenso hold ist, wie allen Menschen, die in deinem Reich leben. Alles, was der Mensch hat, kommt ihm ja von Gott, der jeden nach Willen beschenkt, den einen mit Wohlstand und Kindern, den anderen mit Vernunft und Verstand; er erhebt und erniedrigt, macht reich oder arm, und für alles muß man ihm danken. Aber du, o König, gehörst zu den Glücklichen in diesem Leben, und wirst es auch einst jenseits werden. Doch jeder muß mit seinem Los zufrieden sein, und wer sich nicht begnügt mit dem, was er hat, dem geht es wie dem wilden Esel mit dem Fuchs.« Der König fragte: »Was ist das für eine Geschichte?« Der Vezier antwortete: Geschichte des wilden Esels mit dem Fuchs. Man erzählt, o König! Einst lebte ein Fuchs, der jeden Tag seine Höhle verließ, um sich seine Nahrung zu verschaffen. Eines Tages, als er wie gewöhnlich aufs Gebirge ging, traf er einen anderen Fuchs, und sie erzählten einander, was sie auf ihrem Raubzug gefangen. Da sagte der eine: »Ich traf gestern einen toten wilden Esel, und da ich sehr hungrig war, – denn ich hatte in drei Tagen fast gar nichts gegessen – freute ich mich sehr darüber und dankte Gott, der mir ihn beschert. Ich habe mich an dessen Herz so satt gegessen, daß ich seit drei Tagen nicht hungre.« Als der andere Fuchs dies hörte, beneidete er ihn und dachte bei sich: Ich muß doch auch einmal ein Eselsherz essen, um satt zu werden. Er ging so lang mit diesem Gedanken um, bis er ganz mager wurde und erschöpft in seiner Höhle lag. An diesem Tag gingen Jäger auf die Jagd und konnten den ganzen Tag nichts schießen, bis sie endlich einen wilden Esel trafen. Einer von ihnen schoß mit einem Pfeile nach ihm, der im Herzen stecken blieb, worauf der wilde Esel leblos vor die Höhle des Fuchses hinfiel. Die Jäger wollten dem Esel den Pfeil aus dem Herzen ziehen, aber nur das Holz ging heraus, die eiserne Spitze blieb darin stecken. Als der Fuchs das Geräusch vor seiner Türe hörte, verbarg er sich bis Nachts, wo die Jäger wieder fort waren. Jetzt kam er langsam aus seiner Höhle hervor, denn er konnte vor Schwäche nicht mehr schnell gehen, und freute sich sehr, als er einen toten Esel vor der Türe fand, und dankte Gott, der ihm so seinen Wunsch ohne Mühe erfüllt. Er ging heißhungrig darauf los, riß ihm den Leib auf und wühlte mit seinem Kadaver umher, bis er das Herz fand. Aber die Spitze des Pfeils blieb ihm im Hals stecken und brachte ihn dem Tod nahe; da klagte und jammerte er: »Mir geschieht es recht; kein Geschöpf soll mehr verlangen, als ihm Gott zugeteilt – ich wäre jetzt nicht in solcher Not, wenn ich mich mit Gottes Gabe begnügt hätte.« – »So, o König, wagten auch wir nichts mehr von Gott zu fordern, aber er hat dich doch mit einem Erben beglückt, dem er ein langes Leben schenken und den er deinen Pfad betreten lassen möge!« Dann sprach der vierte Vezier: »Wenn ein König weise ist und versteht, beglückend über seine Untertanen zu herrschen, wenn er sich zum Guten wendet und das Böse meidet, wenn er die Abgaben seines Volkes erleichtert, ihr Blut schont und ihre Schwäche deckt, so wird dadurch sein Reich immer mehr befestigt, er wird stets gegen seine Feinde siegen und durch Gottes Huld alles erlangen, wonach er strebt. Ein gewalttätiger Regent aber wird sich und seine Untertanen ins Verderben stürzen, und es wird ihm gehen, wie dem König mit dem Reisenden.« Der König fragte, was das für eine Geschichte wäre? Da erzählte der Vezier: Geschichte des Königs und des Wanderers. Wisse, o König! Einst herrschte im äußersten Westen ein König, der sehr gewalttätig war, und sowohl seine Untertanen, als Fremde, die in sein Land kamen, unterdrückte. Jeder Fremde fürchtete sich, sein Land zu betreten, denn es wurde ihm nur der fünfte Teil seines Besitzes gelassen und die übrigen vier Fünfteile für den König weggenommen. Es traf sich nun, daß einst ein Wanderer, der von Jugend auf nur dem Gottesdienst lebte, auf seinen Reisen auch die Residenz dieses Königs besuchte. Sobald er ans Tor kam, fielen die Beamten, die die vier Fünftel einzunehmen hatten, über ihn her und untersuchten sein Gepäck; sie fanden aber nur zwei Kleider auf ihm, von denen sie ihm das eine auszogen, nachdem sei ihn vorher tüchtig durchprügelten. Der fromme Wanderer schrie: »Wehe euch, ihr Übeltäter, ich bin ein armer Pilger, was tut ihr mit meinem Kleid? Laßt mir es, oder ich verklage euch beim Regenten.« Sie antworteten: »Wir handeln nach dem Befehl des Regenten; tue, was du willst!« Da dachte der Wanderer bei sich selbst: Ich will einmal zum Regenten gehen und sehen, ob diese Leute die Wahrheit sagen. Er erkundigte sich nach dem königlichen Palast; aber als er hineintreten wollte, hielten ihn die Pförtner auf und mißhandelten ihn. Nun dachte er: Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis der König ausgeht, dann will ich ihm klagen, was mir widerfahren. Während er so dachte, hörte er, wie jemand aus dem Palast sagte: »Der König geht auf die Jagd.« Da freute er sich sehr und stellte sich auf den Weg, wo der König vorbeireiten mußte, grüßte ihn und sagte: »O König, höre meine Klage! Ich bin ein armer Wanderer, werde überall gut behandelt, wohin ich mich wende; als ich aber hierher kam, fielen deine Leute über mich her, schlugen mich und zogen mir ein Kleid aus; nun bitte ich dich um deinen Beistand.« Da sagte der König: »Wer hieß dich als Fremder meine Stadt betreten?« Der Wanderer antwortete: »Ich habe gefehlt, o König, ich will nie mehr diese Stadt betreten, laß mir nur mein Kleid zurückgeben.« Der König versetzte: »Du beklagst dich, daß wir dir dein Kleid genommen und freuest dich nicht, daß dein Leben verschont geblieben; morgen will ich dir auch das Leben nehmen.« Hierauf ließ ihn der König einsperren. Der Wanderer bereute es, nicht sein Leben gerettet und lieber sein Kleid aufgegeben zu haben. Als es Nacht wurde, betete er: »O Gott, du kennst meine Lage diesem Tyrannen gegenüber, ich flehe dich an, rette mich aus seiner Hand und bestrafe diesen gewalttätigen Mann, der Arme und Fremde unterdrückt: Du bist doch der gerechte und allwissende Richter.« Der Gefängniswärter, der dieses Gebet hörte, dachte, als um Mitternacht ein Brand ausbrach, der den König mit seiner ganzen Familie verzehrte und die ganze Stadt in Asche verwandelte, das ist gewiß nur in Folge des Gebets des Wanderers geschehen; er befreite ihn daher und rettete sich mit ihm in eine andere Stadt. – »So, mächtiger Herr, enden ungerechte Tyrannen: Sie werden hier von allen verflucht, und Gottes Strafe harrt ihrer in jenem Leben. Wir aber, o König, danken morgens und abends dem Herrn, daß er uns einen so edlen und beschützenden Herrn geschenkt. Wir waren nur darüber betrübt, daß er dir einen Erben versagt, und fürchteten, es möchte dir jemand folgen, der die Treue gegen uns verletzt. Nun hat aber der gnädige Gott uns auch von dieser Sorge befreit, indem er dich mit einem Sohne gesegnet, den er in dauerndem Ruhm und Glück dir nachfolgen lasse!« Der fünfte Vezier begann: »Gepriesen sei der allmächtige Gott, der edle Gaben spendet denen, die in reiner Absicht ihn anflehen, der seine Huld schenkt denen, die durch einen religiösen Lebenswandel ihm ihre Dankbarkeit bezeigen: So hat auch Gott dich, o König! der du die höchsten Tugenden besitzest, nach langer Hoffnungslosigkeit noch mit einem Sohne gesegnet, mit dem wir uns herzlich freuen, weil wir stets befürchteten, du möchtest ohne Nachkommen sterben, wir aber in Fehde und Zwiespalt zuletzt untergehen, wie die Raben durch den Falken.« Der König fragte: »Wie war das?« Geschichte des Falken und der Raben. Wisse, o König! erzählte der Vezier: Es lebten einst in einem weiten Tal, das reich an Früchten, Flüssen und Brunnen war, viele Vögel, welche den Schöpfer des Tags und der Nacht priesen. Die meisten dieser Vögel waren Raben, die in Friede und Sicherheit unter einem von ihrem Geschlecht lebten, der die Obergewalt mit vieler Milde und Güte handhabte und sie gegen die größten Raubvögel beschützte. Groß war daher die Trauer der Vögel, als ihr Anführer starb. Sie versammelten sich, um einen Nachfolger zu wählen, aber es entstand ein großer Zwist unter ihnen, weil manche wieder einen Raben wählen wollten, andere aber nicht. Endlich kamen die Obersten der Vögel dahin überein, daß alle Vögel einen Tag fasten und am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang zu gleicher Zeit in die Höhe fliegen sollten: Wer dann am höchsten flöge, der sollte König werden. Dies geschah am folgenden Tage, und nach langem Wettflug sahen die Vögel in die Höhe und fanden einen Falken über sie alle hervorragen. Dieser wurde nun einstimmig zum König gewählt; er übernahm gern die Regierung und versprach, seine Untertanen noch besser als sein Vorgänger zu behandeln. Aber bald nach seinem Regierungsantritte flog er jeden Tag mit einer Abteilung Vögel nach einer Höhle, fraß dort ihre Augen und ihr Gehirn, und warf ihren Körper ins Wasser. Die Vögel merkten bald, daß ihre Zahl jeden Tag geringer wurde; sie gingen daher zum Falken und sagten: O König! Wir wissen nicht, wie es zugeht, daß wir seit deinem Regierungsantritt uns jeden Tag vermindern, und besonders vermissen wir solche Vögel, die als deine Diener dich umgeben.« Der Falke erwiderte zürnend: »Gewiß bringt ihr die Vögel aus meinem Gefolge ums Leben, und jetzt fordert ihr sie von mir.« Er sprang dann auf sie los, nahm zehn ihrer Häupter gefangen, drohte ihnen mit dem Tod und ließ sie im Angesicht aller Vögel prügeln. Nun bereuten die Vögel, was sie getan, und sagten: »Wir wußten wohl, daß es uns nach dem Tod unseres ersten Königs schlecht gehen würde, aber wir verdienen es um so mehr, weil wir einen Fremden über uns gesetzt; mit Recht sagt das Sprichwort: »Wer nicht von den Seinigen regiert sein will, der wird vom Feind tyrannisiert; nun bleibt uns nichts übrig, als uns zu zerstreuen und in fernen Gegenden einen Zufluchtsort zu suchen.« – »So, o König! fürchteten auch wir, es möchte ein gottloser Mann einst unser König werden; nun hat aber Gott dich mit einem Sohne gesegnet, von dem wir nur Heil erwarten.« Dann sprach der sechste Vezier: »Du hast gehört, o König, wie es den Vögeln mit dem Falken gegangen und wie auch wir ein ähnliches Los befürchteten. Nun müssen wir nur noch zu Gott beten, daß er deinem Sohne ein langes Leben schenke. Zwar kann der Mensch nie im voraus wissen, ob das, was er wünscht, ihm frommt oder nicht, und es könnte manchem durch vermessene Wünsche gehen, wie dem Schlangenbeschwörer und seiner Frau und seinen Kindern.« Der König fragte: »Wie ging es diesen?« Da erzählte der Vezier: Geschichte des Schlangenbeschwörers und seiner Frau und Kinder. Wisse, o König! Einst lebte ein Mann, dessen Geschäft war, Schlangen zu erziehen, um sie über die Zukunft zu befragen. Er hielt seine Schlangen in einem großen Krug vor den Seinigen verborgen, ging jeden Morgen damit in die Stadt, um durch seine Schlangen Nahrung zu suchen, und kehrte abends wieder nach Hause zurück und verbarg den Krug. Aber eines Tages bemerkte seine Frau diesen Krug und fragte ihn, was er enthalte? Ihr Mann sagte ihr: »Was liegt dir daran? haben wir nicht unser tägliches Brot im Überfluß? Begnüge dich damit und frage nicht weiter.« Die Frau schwieg, dachte aber bei sich: Ich werde schon durch irgend eine List Mittel finden, zu sehen, was in diesem Krug ist. Sie hieß dann auch ihre Kinder, den Vater zu bitten, daß er ihnen sage, was sein Krug enthalte. Die Kinder, welche glaubten, es sei etwas zu essen darin, plagten nun ihren Vater täglich, er möchte ihnen doch zeigen, was er in seinem Krug habe; er aber wies sie ab und suchte sie durch allerlei Ausreden zufriedenzustellen. Nach langer Weigerung des Schlangenbeschwörers verabredeten sich endlich seine Kinder mit ihrer Mutter, sie wollten vor ihrem Vater nichts mehr essen noch trinken, bis er ihnen zeige, was in dem Krug verborgen. Als der Vater bald darauf mit allerlei Speisen nach Hause kam und die Kinder zum Essen einlud, stellten sie sich recht böse und nahmen nichts an. Der Vater gab ihnen süße Worte und fragte sie, was sie für Speisen, Getränke oder Kleidungsstücke wünschten. Sie antworteten aber: »Wir wollen nichts, als daß du uns deinen Krug öffnest, damit wir sehen, was darin ist; sonst bringen wir uns um.« Er erwiderte: »Es wird euch nichts Gutes daraus entsprießen, wohl aber großes Unglück.« Doch die Kinder hörten nicht auf zu murren und zu trotzen, bis ihr Vater einen Stock herbeiholte und ihnen mit Schlägen drohte und, als sie davonliefen, sie ins Innere der Wohnung verfolgte. Während er aber mit seinen Kindern beschäftigt war und die Frau allein mit dem Krug blieb, in welchem die Schlangen waren, deckte sie ihn auf. Die Schlangen krochen heraus und töteten sie und ihre Kinder, nur ihr Mann entkam durch eine schnelle Flucht aus dem Haus. – »Daraus merkte ich mir, o König! daß kein Mensch so zudringlich etwas begehren soll, das ihm Gott nicht gewähren will. Aber du, o König! warst geduldig und ergeben, hast auf Gott vertrauend ihn nicht zu sehr mit Bitten um ein Kind bestürmt, er erkannte aber dein Inneres und segnete dich mit einem Sohne, den er zu deinem gerechten, gottgefälligen Nachfolger heranwachsen lassen möge.« Der siebente Vezier sprach endlich: »Ich habe vernommen, was die gelehrten sechs Veziere vor mir über deinen ausgezeichneten Lebenswandel gesagt. Auch ich danke dem Herrn, der dir einen Sohn geschenkt, die edelste Gabe, die einem Menschen auf Erden werden kann, denn wer kinderlos stirbt, dessen Andenken erlischt mit ihm. Durch dein Vertrauen auf Gott ging es dir, wie der Spinne mit dem Wind.« Der König fragte, was das für eine Geschichte wäre, und der Vezier fuhr fort: Geschichte der Spinne mit dem Wind. Wisse, o König! Eine Spinne setzte sich einst an einem hohen Mastbaum fest, baute sich dort ihr Haus, wohnte darin in voller Ruhe und dankte Gott für den sicheren Zufluchtsort, den sie gefunden. Aber nach einiger Zeit wollte Gott ihre Geduld und Ausdauer prüfen; er ließ einen heftigen Sturm wehen, der sie samt ihrem Haus wegriß und auf das tobende Meer schleuderte. Aber bald trieben die Wellen sie wieder ans Land und sie dankte Gott für ihre Rettung; doch stellte sie den Wind zur Rede und sagte: »Warum hast du aus meiner Wohnung mich vertrieben, ist das von Gott erlaubt?« Der Wind antwortete: »O Spinne! Weißt du nicht, daß diese Welt eine Wohnung des Unglücks ist? Wem hat je das Glück immer gelächelt? Weißt du nicht, daß Gott seine Geschöpfe versucht, um ihre Geduld zu prüfen? Was klagst du, da er dich aus dem furchtbaren Meer gerettet? Die Spinne antwortete: »Du hast recht, ich bin Gott Dank schuldig und ich vertraue ihm auch, er wird in diesem fremden Land mein Führer sein und mich in meine Heimat zurückbringen.« Hierauf versetzte der Wind: »Ich selbst hoffe mit dem nächsten Westwind dich wieder mitzunehmen, weil du so dankbar und so gottergeben bist; vertraue nur auf Gott; wer ihm vertraut, dem kommt er entgegen, wer mit Geduld ausharrt, der erreicht das Ziel.« Die Spinne betete nun mit noch mehr Hingebung zu Gott; Gott erhörte ihr Gebet und gebot einem sanften Wind, sie wieder in ihre Heimat zu tragen. – »So wollen auch wir jetzt zu Gott beten, der lange deine Ausdauer geprüft und nun in deinem Alter dir noch einen Sohn geschenkt hat, daß er diesem verleihe, was er dir an Macht und Ruhm verliehen.« Als der König die sieben Veziere vernommen und ihnen für ihr Lob und ihre Glückwünsche gedankt hatte, sagte er: »Wisset o Veziere! Gottes Beschluß ist unabänderlich, sein Wille geschehe an meinem Sohn; was er voraus bestimmt hat, trifft sicherer ein, als alles, was ihr von dessen Widerspenstigkeit und Treulosigkeit voraussehet; lasset uns hoffen, daß Gott ihn segnen und zu einem frommen, tugendhaften Regenten heranwachsen lassen wird! Amen.« Hierauf erhoben sich die Veziere und verbeugten sich vor dem König, der sie mit reichen Geschenken entließ. Dann ging der König zu seinem Sohn, küßte und segnete ihn und nannte ihn Wardchan. Als der Prinz zwölf Jahre alt war, ließ ihm der König ein Schloß bauen mit dreihundertundsechzig Gemächern, und übergab ihn drei Lehrern, die ihn in allen Wissenschaften unterrichten sollten. Sie mußten jeden Tag in einem anderen Zimmer zubringen, und wenn sie es verließen, auf die Tür schreiben, was der Prinz an diesem Tag gelernt, und alle sieben Tage dem König Bericht erstatten. Da der Prinz viel Verstand, Geist und Gedächtnis hatte, auch mit derselben Lust die Lehren aufnahm, wie ein Kranker ein Arzneimittel, durch welches er seine Gesundheit wieder zu erlangen hofft, so bezeigten sie dem König ihre Zufriedenheit mit demselben und sagten ihm, sie hätten in ihrem Leben keinen Schüler gehabt, der alles so leicht begreife; sie scheuten daher auch keine Mühe, um ihn alles zu lehren, was sie wußten, weshalb ihnen der König immer mehr Ehre erwies. Bald übertraf Wardchan alle seine Zeitgenossen in seinen Kenntnissen, und die Lehrer stellten ihn seinem Vater vor mit den Worten: »Freue dich, o König; mit deinem Sohn, der alles gelernt hat, was wir selbst wissen.« Der entzückte König dankte Gott, ließ den Vezier Schimas rufen und teilte ihm die Worte der Lehrer seines Sohnes mit. Der Vezier sagte: »Der rote Rubin glänzt auch aus dem härtesten Gebirge hervor; dein Sohn aber ist eine kostbare Perle, aus anderen edlen Perlen entsprungen, und sein reicher Verstand stimmt mit seiner schönen Gestalt überein. Nun halte ich es für angemessen, o König, daß du morgen alle Veziere und Gelehrten und Philosophen zusammen berufest, damit sie öffentlich sich mit dem Prinzen unterhalten und ein jeder sich von seinen Kenntnissen überzeuge.« Der König billigte diesen Vorschlag, und am folgenden Tag, als alle Gelehrten der Stadt versammelt waren, trat zuletzt Schimas in die Versammlung und verbeugte sich vor dem Prinzen. Als dieser sich zu gleicher Zeit vor Schimas verbeugte, sagte letzterer: »Es ziemt einem jungen Löwen nicht, daß er vor einem anderen Tier sich verbeuge, und nicht dem Licht, daß es gegen die Finsternis ehrerbietig sei.« Da erwiderte der Prinz: »Auch der junge Löwe verbeugt sich vor dem Leoparden, und das Licht vor der Finsternis, um zu sehen, was darin verborgen ist.« Schimas bat dann um Erlaubnis, einige Fragen an ihn zu richten, und als der Prinz sie zu beantworten sich erbot, fragte er: »Welcher Mensch ist der vorzüglichste?« – »Derjenige, der die zukünftige Welt dieser vorzieht.« – »Und wer kann dies?« – »Derjenige, welcher bedenkt, daß er in einer vergänglichen Welt lebt, daß er sterben muß, daß dem Tod ein neues Leben und ein Tag des Gerichts folgt, und daß, wer hier nicht fromm lebt, keine gute Zukunft zu erwarten hat. Den Bewohnern dieser Welt geht es wie Handwerkern, die einst in einem engen Haus eine Arbeit zu verrichten hatten; jedem war sein Werk vorgezeichnet, und es wurden Aufseher angestellt, die einen jeden nach vollendeter Arbeit aus dem Haus befreien und ihn reichlich belohnen, die Müßiggänger aber hart bestrafen sollten. Während sie nun an der Arbeit waren, zeigte sich ihnen ein Honigstock, sie kosteten ihn und fanden ihn süß, vernachlässigten aber die Arbeit, um an der Süßigkeit des Honigs sich zu ergötzen, und alle Warnungen der Aufseher blieben fruchtlos. Als der Oberste dies vernahm, befahl er den Aufsehern, alle umzubringen, die wegen des Bischens Süßigkeit ihr Werk vernachlässigt, diejenigen aber zu belohnen, welche die Süßigkeit verschmäht.« – »Du hast recht; doch wie lassen sich die Bedürfnisse dieser Welt mit den Ansprüchen der zukünftigen vereinigen? Wenn der Mensch nicht für irdische Bedürfnisse sorgt, so geht doch sein Körper zugrunde.« – »Man kann auf dem Weg des Rechtes für irdische Bedürfnisse sorgen, aber ein Teil des Tages genügt dazu, den übrigen soll man seinem Seelenheil und dem zukünftigen Leben widmen. Ich will dir hierüber noch ein Beispiel anführen.« Der Prinz fuhr fort: »Einst herrschten gleichzeitig zwei Könige, von denen der eine gerecht, der andere aber gewalttätig war. Das Land des letzteren war sehr fruchtbar und lieblich, und reich an Fundgruben und Perlen und Edelsteinen; der König war aber so habgierig, daß er alle Kaufleute in seinem Land beraubte. Als der gerechte König, der ein großer Liebhaber von Edelsteinen war, von diesem Reich hörte, ließ er einen seiner Leute rufen, gab ihm viel Geld und befahl ihm, in jenes Land zu reisen, um Edelsteine für ihn zu kaufen. Sobald aber der gewalttätige König von der Ankunft dieses Mannes hörte, ließ er ihn vor sich kommen, und sagte ihm: »Wehe dir! Weißt du nicht, wie ich selbst gegen die Kaufleute meines eigenen Landes verfahre? Wie magst du, Fremdling, mein Land betreten? Wer bist du?« Der Kaufmann sagte ihm, sein König habe ihn mit Geld hierhergeschickt, um Edelsteine einzukaufen und das Geld, das er bei sich habe, gehöre nicht ihm. Da erwiderte der König: »Ich lasse dich nicht lebendig aus meinem Land ziehen, wenn du mir nicht dein Geld gibst.« Der Kaufmann ließ den Kopf sinken und dachte bei sich: »Ich stehe hier zwischen zwei Königen; widerstehe ich diesem, so läßt er mir mein Geld mit Gewalt nehmen und mich umbringen, stelle ich ihn zufrieden, so wird mein König, dem das Geld gehört, mich umbringen lassen. Das beste ist, ich gebe diesem König einen Teil meines Geldes und rette dadurch mein Leben, für das übrige kaufe ich Edelsteine, die hier ja so wohlfeil sind, und bringe sie meinem König, und so stelle ich beide zufrieden. Der Kaufmann bot hierauf dem König eine bedeutende Summe und bat um Erlaubnis, noch einige Zeit im Land bleiben zu dürfen, um die Geschäfte seines Königs zu verrichten. Der König nahm das Geld und gewährte dem Kaufmann seine Bitte. Dieser kaufte für das ihm übriggebliebene Geld die kostbarsten Edelsteine um einen sehr geringen Preis, reiste dann wieder in seine Heimat und entschuldigte sich bei seinem König. Der gerechte König nahm seine Entschuldigung an, setzte ihn zur Rechten in seinem Divan und sicherte ihm ein reiches Einkommen für sein ganzes Leben zu.« – Als der Vezier nach der Anwendung dieses Beispiels fragte, sagte der Prinz: »Der gerechte König stellt die zukünftige Welt vor, der gewalttätige diese Welt; der Kaufmann ist das Bild des Menschen, das Geld bedeutet die Gaben Gottes, und die Edelsteine die schönen frommen Werke; wer sich damit begnügt, für unentbehrliche Bedürfnisse dieses Lebens tagtäglich zu sorgen und mit der übrigen Zeit sich jene Welt zu verschaffen sucht, der stellt beide Teile zufrieden.« Der Vezier fragte dann: »Werden Körper und Seele gleich sein in Lohn und Strafe?« – »Sie nehmen gleichen Anteil an allem, denn sie handeln auch hier in Gemeinschaft, wie einst ein Blinder und ein Lahmer.« – »Was ist das für eine Geschichte?« – Ein Blinder und ein Lahmer, welche Freunde waren und miteinander bettelten, wünschten sich eines Tages, ein reicher Mann möchte sie doch in seinen Garten aufnehmen; dies hörte ein gutherziger Mann, der einen Garten hatte, er bemitleidete sie, nahm sie in seinen Garten, pflückte ihnen Früchte, ließ sie im Garten und bat sie nur, nichts darin zu verderben. Sobald diese aber die süßen Früchte gekostet hatten, schmeckten sie ihnen so gut, daß sie nach mehr gelüsteten. Der Lahme und der Blinde teilten einander ihr Verlangen mit; der Lahme bedauerte, nicht zu den Früchten gelangen zu können, und der Blinde, sie nicht zu sehen. Während sie so nach diesen Früchten schmachteten, kam der Wächter zu ihnen und fragte sie, warum sie so traurig wären; als sie ihm die Ursache gestanden, rief er ihnen zu. »Wehe euch! Habt ihr nicht gehört, wie der Eigentümer des Gartens euch gewarnt hat, nichts zu verderben? Bezähmet daher eure Begierde, sonst wird er euch aus seinem Garten jagen.« Aber sie erwiderten: »Wir müssen von diesen Früchten haben, der Eigentümer wird nichts merken; wir bitten dich, uns nicht zu verraten und uns ein Mittel anzugeben, wie wir unsere Begierde befriedigen können.« Als der Wächter sah, daß sie seinem Rat nicht folgen wollten, sagte er zum Blinden: »Richte dich auf und nimm den Lahmen auf deine Schultern, er wird mit seinen Augen dich leiten und du mit deinen Füßen ihn zum Baum tragen; ich entferne mich, und ihr könnt dann eure Lust stillen.« Der Blinde erhob sich sogleich, nahm den Lahmen auf die Schultern und trug ihn an den Baum hin, wo sie nun Früchte pflückten und Zweige zusammenrissen und den ganzen Garten zertraten. Sobald der Eigentümer des Gartens aber heimkehrte und den ganzen Garten in Unordnung fand, ging er zornig auf sie los und sagte ihnen. »Was habt ihr getan? Ist das der Lohn dafür, daß ich euch in meinen Garten gelassen und euch von dessen Früchten gereicht habe? Konntet ihr so mein Vertrauen mißbrauchen?« Sie antworteten: »O Herr! Du weißt doch, daß wir nichts verderben konnten, der eine ist ja blind und der andere lahm.« Aber er erwiderte: »Wollt ihr eure Tat auch noch leugnen? Glaubt ihr, ich wisse nicht, wie ihr es gemacht? Hättet ihr eure Schuld gestanden, so würde ich euch eueres Weges gehen lassen; weil ihr sie aber noch leugnet, verdient ihr bestraft zu werden.« Er jagte sie hierauf aus dem Garten und warf sie in einen Kerker, wo sie umkamen. – »Die Bedeutung dieser Parabel«, fuhr der Prinz fort, »ist folgende: Der Blinde stellt den Körper vor und der Lahme die Seele; der Garten ist das Bild der Welt, der Eigentümer des Gartens ist Gott der Schöpfer; der Baum bedeutet die tierische Lust, und der Wächter den Verstand, der vor dem Bösen warnt und das Gute empfiehlt; darum müssen auch Körper und Seele Lohn und Strafe miteinander teilen.« Schimas fragte ferner: »Welcher Gelehrte ist der Vorzüglichste?« – »Der nach den Geboten des Herrn handelt, nur sein Wohlgefallen sucht und seinen Unwillen scheut.« – »Welche Gebote sollen wir uns am meisten zu Herzen nehmen?« – »Die, welche uns auffordern, gegen Nebenmenschen mild zu sein, unseren Stolz zu beugen und oft an Gott zu denken; wer dies tut, gleicht dem, der einen klaren Spiegel immer säubert, so daß er stets an Glanz zunimmt.« – »Welche Schätze sind die vorzüglichsten?« – »Die des Himmels, Lob und Preis Gottes; auch Wohltätigkeit gehört zu den Schätzen des Himmels.« – »Was entstellt Einsicht, Vernunft und Wissenschaft?« – »Die Begierden und Leidenschaften; sobald diese bei den Menschen Eingang finden, entarten sie alle seine Vorzüge, und er gleicht dem in der Luft schwebenden Raben.« – »Wieso das?« »Ein Rabe«, erzählte der Prinz, »der verständigste und bescheidenste aller Vögel seiner Zeit, lebte lange in einer einsamen Wüste; da kam eines Tages ein Jäger in die Wüste, spannte sein Netz auf, warf ein Stückchen Fleisch hinein und ging fort. Der Rabe sah dies aus der Ferne, aber seine Begierde nach dem Fleisch war so groß, daß er das Netz darüber vergaß; er ließ sich herunter, fiel über das Fleisch her und verstrickte sich im Netz. Als der Jäger wiederkam und den Raben im Netz sah, sagte er ganz erstaunt: Ich habe das Netz nur für kleine Vögel ausgespannt, wie kommt's, daß du, verständiger Rabe, dich in eine solche Gefahr stürzest? – »Daraus sehen wir«, fuhr der Prinz fort, »daß die Lüsternheit über alle Tiere viel Gewalt übt. Der Mensch muß daher, wenn er mit den Augen seines Verstandes sich von Begierden ergriffen sieht, mit aller Kraft dagegen kämpfen und sich nicht von ihnen, wie ein Esel am Zaum, in den Abgrund führen lassen, sonst geht es ihm schlecht und er findet nie Ruhe.« Der Vezier fragte dann: »Was ist der Vezier dem Sultan schuldig?« – »Ihm seinen Rat zu erteilen«, antwortete der Prinz, »seine Geheimnisse zu bewahren, ihn über alles aufzuklären, nichts zu vernachlässigen, was ihm übertragen ist, dem Zorn des Königs auszuweichen, auf eine Weise ihn anzureden, daß er ihn wohl verstehe, nicht mehr von ihm zu fordern, als seine Stellung ihm gegenüber ziemt, ihn zart wie ein Kind zu behandeln und ihn nie in seinen Reden zu verletzen, sonst möchte es ihm gehen, wie dem Jäger mit dem Löwen.« – »Wie war das?« fragte Schimas. Der Prinz erzählte: »Einst lebte ein Jäger, der wilden Tieren nachjagte, ihr Fleisch verkaufte und ihre Haut und was er nicht verkaufen konnte, einem Löwen hinwarf, der sich in der Wüste an ihn gewöhnt und zuletzt so zahm wurde, daß er sich ihm nähern, seinen Rücken streicheln und seinen Schwanz in die Hand nehmen durfte. Als der Jäger die Unterwürfigkeit des Löwen sah, dachte er eines Tages: Ich will einmal auf ihm reiten, um mich dessen bei meinen Freunden rühmen zu können. Als er dies tat, geriet der Löwe in Zorn, hob die Tatze auf, schlug den Jäger damit, zerriß ihn mit seinen Klauen und trat ihn mit Füßen. So darf auch der Vezier«, schloß der Prinz, »durch die Milde des Sultans sich nicht verleiten lassen, ihn zu beleidigen.« Dann fragte Schimas: Was soll ein Vezier tun, wenn der König ungerecht und gewalttätig ist, wenn ihm schlechte Handlungen aufgetragen werden und er nicht imstande ist, den Sultan vom Bösen abzubringen?« – »So soll er«, antwortete der Prinz, »nachdem sein wiederholter Rat nicht angehört worden, sich von ihm trennen.« – »Und was sind dem König seine Untertanen schuldig?« – »Ihm gehorsam sein, an seiner Freude, wie an seinen Leiden, teilnehmen, ihm geben, was ihm gebührt, ihr Leben für ihn opfern und ihm dankbar sein, wenn er gerecht und wohltätig ist.« –»Und was ist der König seinen Untertanen schuldig?« – »Ein König, der sein Reich befestigen will, muß Gottes Gebote befolgen, gegen alle seine Untertanen gerecht sein und sich eifrig mit den Regierungsangelegenheiten beschäftigen.« Nachdem nun der Prinz noch über vieles andere gefragt wurde, und seine Antworten den höchsten Beifall aller Anwesenden gefunden hatten, fragte der König: »Nun, was sagt ihr zu diesem Prinzen? Verdient er euer König zu werden?« Schimas antwortete. »O mächtiger, einsichtsvoller, treuherziger König! Du bist unser Herr und Gebieter, und nach deinem Willen richtet sich all unser Streben; jeder von uns wird sich freuen, wenn du sogleich deinen Sohn zu deinem Nachfolger ernennst, denn er ist würdig, König zu werden; er ist ja dein Sohn und hat seine Gelehrsamkeit vor allen Weisen an den Tag gelegt.« Der König, von dieser Antwort entzückt, sagte zu seinem Sohn: »Du bist, gelobt sei Gott, so verständig und so unterrichtet, daß wir dir nicht zu empfehlen brauchen, wie du deine Untertanen beherrschen sollst; du wirst nach Gottes Gesetzen Gerechtigkeit walten und durch die Macht dich nicht zum Bösen verleiten lassen; eine Stunde, mit Gerechtigkeitspflege zugebracht, zieht einen tausendjährigen Lohn nach, während Ungerechtigkeit dich ins Verderben stürzt; schließe dein Auge nicht, wenn Gewalt geübt wird, die deine Untertanen kränkt, schone ihr Blut und ihre Ehre, entziehe ihnen deine Nähe nicht, damit ihre Liebe stets zunehme; ehre deine Veziere, beherzige ihren Rat und wache stets für das Gute; begnüge dich mit dem, was du hast, und gelüste nicht nach dem Reich anderer, neige dich zu nichts hin, was das Gesetz oder dein Verstand verwirft; es wird dir wohl ergehen, wenn du alles dies beobachtest, und dich reuen, wenn du es vernachlässigst; bete zu Gott, daß er dich unter die ihm Gehorchenden und nicht unter die Widerspenstigen reihe.« Als alle Anwesenden »Amen« sagten, setzte der König seinem Sohn die Krone aufs Haupt, hob ihn auf seinen Thron und gebot allen Anwesenden, Häuptern der Truppen, Gelehrten und Vezieren, ihm zu huldigen und Treue in Wort und Gesinnung zu schwören. Nach dieser Huldigung lebte der König noch zehn Jahre; da überfiel ihn eine schwere Krankheit, die kein Arzt zu heilen vermochte. Als er sich dem Tod nahe sah, versammelte er alle Veziere und Häupter der Truppen und des Volkes, ließ auch seinen betrübten Sohn zu sich rufen und sagte: »Ich habe nun den letzten Tag dieses Lebens erreicht, ich trenne mich ungern von euch, doch niemand entgeht dem Tod. Fürchte Gott, mein Sohn, und gedenke dieser Stunde und des darauf folgenden Gerichtstages, wo sich Schwereres ereignen wird, als du jetzt mit deinen Augen siehst.« Der Prinz sagte weinend: »Du weißt, daß ich dir stets gehorchte und deine Lehren beobachtete, ich will auch jetzt deinen letzten Willen vernehmen und ihn treu befolgen; doch wie kann ich deine Trennung ertragen? Wo finde ich einen anderen Vater, so liebend, so treu ratend?« Der König sagte: »Höre, mein Sohn, auf meine Worte und grabe sie in dein Herz; wenn du nach meinem Tod König wirst, so merke dir zehn Dinge, die ich erprobt und die ich dir, als meinen kostbarsten Schatz und teuersten Erwerb hinterlasse. Bist du im Zorn, so schweige; wirst du von einem Unglück heimgesucht, so habe Geduld; sprichst du, so sei wahr in deinen Reden; versprichst du etwas, so erfülle dein Versprechen; urteilst du, so sei mild; bist du mächtig, so sei großmütig; fordert man etwas von dir, so gewähre; bist du jemanden feind, so vergiß seine Schuld; lobt man dich, so sei freigebig; schmäht man dich, so sei gerecht.« Hierauf wendete sich der König zu den übrigen Anwesenden und sagte: »O ihr Veziere und Häupter des Reiches! Ich weiß, daß ihr mir Freunde und treue Ratgeber wart, und erkenne es öffentlich zu dieser Stunde an; ihr wisset aber auch, daß ich einen jeden von euch ehrte und belohnte. Nun fordere ich von euch, daß ihr meinem Sohne werdet, was ihr mir waret, er wird gewiß in meine Fußstapfen treten: Bleibt einig untereinander, fürchtet Gott und gehorcht euren Oberen, ihr werdet dann nie euren Feinden unterliegen und eures Vaterlands Wohl sichern; hütet euch vor Widerspenstigkeit und Treuebruch, sonst stürzt ihr euch und euer Land ins Verderben und macht eure Feinde schadenfroh. Erinnert euch dessen, was ihr mir bei der Geburt des Prinzen geschworen, bewahret den Bund, den wir miteinander geschlossen, Gott wird euch und meinem Sohn, der von nun an euer König ist, beistehen.« Als er diese Worte gesprochen hatte, überfielen ihn die Todeskrämpfe, seine Zunge wurde gelähmt, das Schwarze seiner Augen verbarg sich, er drückte seinen Sohn an sich, küßte und umarmte ihn, betete zu Gott um Verzeihung und verschied in Frieden. Alle Anwesenden weinten heftig, entkleideten und wuschen ihn, zogen ihm ein königliches Totengewand an, legten ihn in einen goldenen Sarg, trugen ihn in die königliche Gruft und beweinten ihn von ganzer Seele. Der Prinz teilte viel Almosen aus und wurde im ganzen Reich bemitleidet. Nach einigen Tagen kamen die Veziere und Großen des Reiches zu ihm und trösteten ihn, indem sie ihm sagten: »Du mußt nun die Trauer aus deinem Herzen verscheuchen, denn du bist durch den Tod deines Vaters unser König und mußt seine Stelle auf dem Thron einnehmen; was geschehen ist, war Gottes Wille, in den sich jeder fügen muß.« Der Prinz sagte: »Tut, was ihr für euch gut haltet, ich widersetze mich euerem Willen nicht.« Sie küßten ihm die Hände, zogen ihm die Erbprinz-Uniform aus und bekleideten ihn mit dem königlichen, golddurchwirkten und mit Perlen und Edelsteinen besetzten Gewand, setzten ihn auf den königlichen, mit Juwelen verzierten Thron und verbeugten sich vor ihm, wie sie es vor seinem Vater getan. Nach dieser Zeremonie mußten Ausrufer in der Stadt verkünden, daß die Trauer ein Ende habe und daß jeder wie früher in Ruhe und Sicherheit kaufe und verkaufe. Alle Städte des ganzen Landes wurden sieben Tage lang festlich geschmückt, und es fanden allerlei Festlichkeiten, Mahlzeiten, musikalische Unterhaltungen und öffentliche Spiele statt. Am vierten Festtag ritt der König in der Mitte seiner Veziere an der Spitze seiner Truppen mit unzählbarem Gefolge aus; die Freude des Volkes war sehr groß, und von allen Seiten brachte man ihm Glückwünsche dar. Nachdem er viele Geschenke ausgeteilt hatte, ritt er unter Begleitung von Zimbeln und Trommeln, von deren Schall der Boden zitterte, in seinen Palast zurück. Bald wurde er noch mehr als sein Vater, wegen seiner Bildung, Weisheit und Tapferkeit, geachtet und geehrt, denn auch sein Verfahren gegen seine Untertanen war gerecht, mild und dem göttlichen Gesetz gemäß. Aber nach einiger Zeit verblendete ihn Satan durch weltliche Gelüste, er liebte allzu leidenschaftlich das schöne Geschlecht und übertrat deshalb die Gesetze Gottes und seine Pflichten gegen seine Untertanen; denn sobald er eine schöne Frau sah, mußte er sie besitzen, und war es auch die Frau seines Veziers; auch brachte er oft ganze Monate in seinem Harem zu, ohne sich um die Regierung zu kümmern. Die Veziere waren über diese Lebensweise des Königs sehr betrübt; sie versammelten sich heimlich, um zu beraten, was zu tun sei, um das Land von dem Verderben zu retten, das ihm durch die Nachlässigkeit des Königs drohte. Sie ließen auch den Vezier Schimas rufen und fragten ihn, ob der Lebenswandel des Königs, der allen Verträgen zuwider handle und oft ganze Monate unsichtbar bleibe, ihm keine Sorgen mache? In diesem Augenblick sah Schimas einen der Offiziere des Schlosses, welcher aus dem Palast kam; er ging auf ihn zu und sagte ihm: »Melde dem König, ich habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen und bitte nach seinem Mittagsmahl um die Erlaubnis, ihn zu besuchen, vergiß aber ja nicht!« Nach der Tafel ging der Offizier zum König und sagte ihm: »Schimas bittet um die Erlaubnis, dir etwas Wichtiges mitzuteilen.« Der König ließ ihn hereinkommen, und nach wechselseitigen Grüßen fragte er ihn erschrocken, was ihn herbringe? Schimas erwiderte: »Erschrick nicht vor mir, o erhabener König, ich sehnte mich nach deinem glorreichen Antlitz, das ich so lange schon nicht gesehen, auch wünsche ich dir einiges mitzuteilen.« – »Sprich ohne Scheu!« – »O König! Gott hat von deiner Jugend an dich durch Kenntnisse und Weisheit ausgezeichnet und dir Macht und Reich geschenkt, damit du über deine Herde wachest; nun zerstreue nicht, was er dir gesammelt, zerstöre nicht, was er gebaut, entwürdige nicht, was er so herrlich ausgestattet; ich sehe leider, daß du alle deine Herrscherpflichten vernachlässigst und bloß deinen Begierden nachhängst; laß ab von diesem Wandel, denn das Wohl des Königs hängt von dem seiner Untertanen ab. Du kennst selbst das Gute und weißt, was dein seliger Vater dir eingeschärft.« – »Und was rätst du mir zu tun?« – »Du sollst die Folgen bedenken und auf den geraden Weg zurückkehren, auf dem das wahre Leben sich findet; folge nicht den Leidenschaften, die dich ins Verderben stürzen, daß es dir nicht gehe wie dem Mann mit dem Fisch.« – »Wie war das?« – Schimas erzählte: Geschichte des Mannes mit dem Fisch. Ein Mann, der einst vor einem breiten Fluß sich befand, beugte sich an einer leicht zugänglichen Stelle, um Wasser zu trinken. Da sah er einen schönen, herrlich gestalteten Fisch vorüberschwimmen; er hörte auf zu trinken, betrachtete den Fisch und dachte: Wie wunderschön von Ansehen ist dieser Fisch, wie muß er erst zum Essen sein; wenn ich nicht fürchtete zu ertrinken, so würde ich ihm nachjagen. Bald kam der Fisch wieder vorüber und zwar etwas näher; da sprang er darauf los und faßte ihn am Schwanz, konnte ihn aber nicht zu sich heraufziehen. Der Fisch suchte sich loszuwinden, er aber wollte ihn nicht gehen lassen und ließ sich mit in die Tiefe ziehen, bis er endlich in einen Strudel kam, aus dem ein schlechter Schwimmer, wie er war, sich nicht mehr zu befreien imstande ist. Erst als er dem Ertrinken nahe war, ließ er den Fisch los und schrie um Hilfe. Da kam ein Fischer vorbei und sagte ihm: »Ich weiß kein Mittel, dich aus dem Strudel zu ziehen; ich kann nicht begreifen, wie du dich da hineinwagtest.« Der Mann sagte: »Ich habe den geraden Weg verlassen, um meine Leidenschaft zu befriedigen«, und erzählte ihm den Vorfall mit dem Fisch. Hierauf entgegnete der Fischer: »Ich habe nie einen unverständigeren Menschen gesehen, als du bist; ich bin froh, wenn ich mit dem Netz Fische fangen kann, und du willst sie mit der Hand fassen; aus diesem Strudel kann nur ein vorsichtiger Schwimmer sich retten, aber nicht ein Mann, der seiner Hand so viel zutraut; du hättest den Fisch früher loslassen sollen, ehe er dich in den Strudel gezogen, jetzt verdienst du zu ertrinken, und an dir bestätigt sich das Sprichwort: Lüsterne Menschen stürzen sich selbst in den Abgrund; füge dich nun in den Willen des erhabenen Gottes und bereue, was du getan.« Der Mann aber schrie solange um Hilfe, und seufzte und jammerte und bat den Fischer solange, bis er aus Mitleid und Gottesfurcht ihn zu retten suchte. Er warf ihm zuerst sein Netz zu; da er es aber nicht erreichen konnte, stürzte er sich selbst in den Strudel und warf es ihm mit vieler Kraft noch einmal zu; diesmal konnte er dessen Ende fassen, und der Fischer mit Gottes Beistand ihn schwimmend nach sich ans Ufer ziehen und ihn vom Tode retten. »Ich habe dir, o mächtiger König«, fuhr Schimas fort, »dieses Beispiel angeführt, weil auch ich dich mit eigener Gefahr aus der Tiefe retten will, die dich zu verschlingen droht; entsage deinen verächtlichen Vergnügungen, die dir nichts nützen, und halte dich an edlere Dinge, zu denen du berufen bist. Du bist noch jung, laß dir nichts Böses nachreden und deinen Namen nicht vor Gott und den Menschen beflecken.« – »Ich billige deine Rede und finde sie wahr; doch lassen wir das Vergangene, was soll nun geschehen?« – »Lasse morgen alle Veziere und Gelehrten und andere Ratgeber vor dich kommen, übe dein Herrscheramt aus, wie es einem gerechten Regenten ziemt, entschuldige dich bei ihnen über dein langes Ausbleiben und führe wieder einen bessern Lebenswandel.« Als der König dies zu tun versprach, ging Schimas freudig zu den Vezieren und den Großen zurück und berichtete ihnen den günstigen Erfolg seiner Unterredung mit dem König. Dieser aber dachte über die Worte seines Veziers nach, der ihn so zur Rede gestellt hatte, und wurde sehr aufgebracht darüber. Des Abends, als ihn nach seiner Gewohnheit eine seiner Frauen besuchte, um die Nacht bei ihm zuzubringen – es war gerade diejenige, die er am meisten liebte – und ihn sehr blaß und mißmutig fand, fragte sie ihn, was ihm fehle. Er erzählte ihr, was zwischen ihm und dem Vezier vorgefallen. Da sagte sie lachend: »Sonderbar, der Löwe fürchtet sich vor dem Hasen; mir ist klar, daß deine Veziere und Ratsherren dir das Leben verdüstern wollen; sie gönnen dir keine Ruhe, kein Vergnügen; sie wollen, daß du dich immer abmühest, damit sie sorgenlos leben können: Weil sie wenig Freude haben, sollst auch du nicht angenehm leben; bei dir geht es wie bei dem Jungen mit den Dieben.« Der König fragte: »Was ist das für eine Geschichte?« Da erzählte seine Geliebte: Geschichte des Jungen mit den Dieben. Sieben Diebe, die eines Tages auf Raub ausgingen, begegneten einem armen Waisen, der etwas zu essen bettelte. Einer der Diebe sagte ihm: »Komm mit uns, wir geben dir zu essen und zu trinken und kleiden dich.« – »Gerne folge ich euch, wohin ihr wollt«, erwiderte der Junge, »und sehe euch als meine Verwandten an.« Sie nahmen ihn mit in einen Garten, in welchem ein großer, schwer mit Früchten beladener Nußbaum war, hießen ihn hinaufsteigen und ihn schütteln, verboten ihm aber, auf dem Baum Nüsse zu essen; erst wenn sie alle abgeschüttelt und aufgelesen sein würden, sollte er seinen Anteil erhalten. Der Junge tat, wie ihm befohlen, und die Diebe hoben die Nüsse auf, steckten sie ein und aßen davon. Da kam auf einmal der Eigentümer des Gartens, machte ihnen Vorwürfe und drohte ihnen, sie beim Richter zu verklagen. Die Diebe, welche sich schon satt gegessen hatten, entschuldigten sich, indem sie sagten: »Wir gingen hier vorüber und sahen den Jungen an der Gartentüre stehen, da fragten wir ihn, wer er sei; er antwortete, er wäre der Eigentümer des Gartens und erbot sich auf unser Verlangen, uns Nüsse von dem Baum zu schütteln.« Als der Eigentümer des Gartens dies hörte, ließ er den noch hungrigen Jungen vom Baum herunterkommen, sagte ihm: »Wie wagst du es, du Dieb, in diesen Garten zu kommen?« und stellte sich an, ihn tüchtig durchzuprügeln. Der Junge schrie: »O Herr! Es ist nicht so, wie diese Leute sagen; ich bin ein armer Waise, der einige Nahrung suchte, da kamen die Leute und wollten mich als ihr Kind annehmen, und als wir hierher kamen, befahlen sie mir, Nüsse abzuschütteln, ich sollte aber keine essen, bis sie sie alle aufgelesen.« Der Eigentümer des Gartens glaubte ihm und ließ ihn frei ziehen, warnte ihn aber, die Gesellschaft dieser Diebe zu meiden. Der arme Junge ging wieder heim und auch die Diebe machten sich bald aus dem Weg. »So, o Herr«, schloß die Geliebte des Königs, »wollen auch deine Veziere und Gelehrten dir Mühe und Sorgen aufladen, damit sie um so mehr Ruhe genießen.« Der König ließ sich von diesen süßen Worten betören, gab ihr seinen Beifall und sagte: »Du bist mir teurer, als die alle, und hast durch deine Ansicht mich von schwerem Kummer befreit, laß uns jetzt essen und trinken und uns um niemanden mehr kümmern.« Dieses Weib freute sich ihres Sieges über des Königs Verstand; sie zog ihn immer mehr von den Regierungsangelegenheiten ab, bis er ganz in Vergnügen und Wollust versank. Als des Morgens alle Veziere und Häupter des Reiches und der Truppen sich in den bekannten Gerichtssaal begeben wollten, um den König zu erwarten, fanden sie die Türe geschlossen; sie klopften an, aber niemand antwortete, und als sie nach dem König fragten, sagte ihnen eine Frau, er schlafe und halte heute und morgen keinen Divan. Nun fielen alle über Schimas her und sagten ihm: »Wie gefällt dir des Königs Verfahren gegen dich und gegen uns? Dieser junge König behandelt uns jeden Tag mit mehr Geringschätzung; unsere Geduld ist nun zu Ende, geh einmal zu ihm und sehe, was ihn abhält, zu erscheinen.« Schimas wartete bis abends, dann sagte er einem Offizier des Königs: »Sage deinem Herrn, der Vezier Schimas habe ihm etwas mitzuteilen, das ihm großen Nutzen und viel Vergnügen verursachen wird.« Schimas traf den König allein und sagte ihm nach wechselseitiger Begrüßung: »Ich bitte Gott um Verzeihung für mein Vergehen!« – »Welches Vergehen?« fragte der König. »Das, welches ich begangen haben muß, um in eine so verächtliche Stellung zu geraten; ist mir dies vom Schicksal auferlegt, so bitte ich Gott und dich um Verzeihung, ist es aber bloß Folge deines Willens, so tust du Unrecht; du bist ja unser Hirt und Oberhaupt und darfst nicht wegen eitler Vergnügungen uns vernachlässigen, du wirst sonst dem Mann gleichen, der ein Kamel erzogen und es zur Unzeit melken wollte, so daß es entfloh, und er weder Kamel noch Milch hatte. Niemand darf des Hungers willen beständig am Tisch sitzen, noch des Durstes willen immerfort Wasser trinken, oder aus Liebe zu Weibern immer in ihrer Umgebung leben: Die Hälfte der vierundzwanzig Stunden, die Nacht nämlich, genügt dazu; am Tag aber ist man schuldig, seinem Beruf zu leben. Wer sich zuviel mit Weibern abgibt, der schwächt seinen Körper und seinen Geist, und verkürzt sein Leben. Die Frauen empfehlen das Gute, das sie selbst nicht tun, und verbieten das Böse, das sie selbst begehen; höre sie nicht an, sonst geht es dir, wie dem Gärtner mit seiner Frau.« Der König fragte: »Wie ging es diesem?« Schimas erzählte: Geschichte des Gärtners mit seiner Frau. Einst war ein Gärtner, der eine sehr schöne Frau hatte, die er so sehr liebte, daß er sich ganz von ihr beherrschen ließ. Er hatte einen Garten, den er jeden Tag tränkte und pflegte, und aus dem er abends mit nach Hause nahm, was sich gerade vorfand. Eines Abends, als er zu seiner Frau kam, fragte sie ihn, wie es mit dem Garten stehe? Der Gärtner antwortete: »Es steht alles gut und er bringt mir viel Segen,« Da sagte die Frau: »Wenn du wahr sprichst, so solltest du mich einmal mitnehmen, daß ich dich dafür segne.« Der Gärtner erwiderte: »Dein Wunsch ist leicht zu erfüllen und ich bedarf deines Segens; so Gott will, sollst du morgen mit mir gehen, bereite dich nur dazu vor.« Als sie am folgenden Morgen in ihrem Garten waren, stiegen junge Leute, die sich in einem benachbarten Garten belustigten, ganz leise auf die Mauer, welche die beiden Gärten trennte, um die Frau zu sehen, deren Stimme so lieblich zu ihnen hinüberklang, und einer sagte zum anderen: »Gewiß hat der Gärtner ein Freudenmädchen hierher bestellt; laß uns hinabsteigen und ihn von seinem Mädchen verjagen.« Da erwiderte einer der jungen Leute: »Warte noch, bis wir uns überzeugen, daß dem wirklich so ist.« Sie sahen bald, wie die Frau, nachdem sie eine Weile im Garten umhergegangen war, sich an ein Bächlein setzte, ihren Mann zu sich rief und ihn küßte; er machte sie darauf aufmerksam, daß hier kein passender Ort dazu wäre, aber sie schlang leidenschaftlich ihre Arme um ihn und drückte ihn an ihr Herz. Sobald die jungen Leute dies sahen, sprangen sie von der Mauer herunter und sagten zum Gärtner: »Laß uns dieses Mädchen, sonst bringen wir dich um, du Ehebrecher und laufen davon,« Der Gärtner erwiderte mit demütiger Stimme: »In Wahrheit, dieses Weib ist meine Gattin; nehmet unsere Kleider und was wir sonst haben, und lasset uns in Frieden ziehen, Gott wird euch dafür belohnen!« Aber die Jünglinge sagten: »Ihr seid Ehebrecher und wollt uns belügen.« Da ging einer von ihnen und band den Gärtner an einen Baum und steckte ihm einen Stein in den Mund. Die Frau aber wurde trotz ihrer vielen Tränen so mißhandelt, daß der Gärtner vor Ärger und Gram starb. Als die Jünglinge den Gärtner tot sahen, befürchteten sie, durch die Frau verraten zu worden; sie führten sie daher zu ihm hin und erwürgten sie neben ihm, und entflohen. Hieraus siehst du, o König, wie es dem Mann geht, der seiner Frau nachgibt; darum hüte dich wohl, du, der du so weise warst, jetzt so töricht zu werden, und dich von Frauen beherrschen und von so verderblicher Leidenschaft hinreißen zu lassen.« Der König sagte. »Ich sehe nun ein, daß du recht hast; so Gott will, werde ich morgen im Divan erscheinen und deinen Rat befolgen.« Schimas freute sich über dieses Versprechen des Königs, ging zu den übrigen Vezieren und sagte ihnen. »Der König kehrt bald wieder auf den guten Weg zurück, von dem ihn seine Jugend abgeleitet; er schämt sich vor euch, und nur ein unüberwindliches Hindernis hielt ihn heute ab, vor euch zu erscheinen, er wird aber morgen früh kommen, darum fehle niemand von euch.« Der König brachte nun wieder einige Zeit in Unruhe und Nachdenken über die Worte des Veziers zu, bis die Schöne zu ihm kam, an der die Reihe war. Sie grüßte ihn mit süßen, zarten Worten. Der König erwiderte ihren Gruß, stieß aber dabei einen tiefen Seufzer aus. Da sagte die Schöne: »Gott lasse dir keinen Kummer zustoßen! Warum seufzest du so, o tapferer Löwe? Erzähle mir, was dir widerfahren, daß du so ganz außer dir bist?« Als ihr der König erzählte, was zwischen ihm und dem Vezier vorgefallen, sagte sie lächelnd, nachdem sie eine Weile den Kopf zur Erde gebeugt hatte: »Du machst mich staunen; wie, du bist König und Königssohn, und fürchtest dich vor deinen Untertanen? Gott bewahre, was wirst du erst tun, wenn ein Feind dich heimsucht? Sei nur recht standhaft, die Herde muß dem Hirten und nicht der Hirt der Herde folgen. Du betrübst dich, weil du etwas Schlimmes von ihnen befürchtest? Sie wollen gewiß nur deine Tapferkeit prüfen; sie werden dich beherrschen, wenn sie dich feig finden, dich aber fürchten, wenn du dich tapfer zeigst; so machen es die schlechten Veziere; wenn du ihnen Gehör schenkst, so werden sie dich zuletzt in den Abgrund stürzen, und es wird dir gehen, wie dem Kaufmann mit den Dieben.« Der König fragte: »Was war das für eine Geschichte?« Da erzählte sie in der folgenden Nacht: Geschichte des Kaufmanns und der Diebe. Einst reiste ein reicher Kaufmann mit vielen kostbaren Waren in ein großes Königreich, mietete sich daselbst eine anständige Wohnung, in der er sich mit seinen Waren niederließ, und viele Leute der Hauptstadt befreundeten sich mit ihm, weil er die kostbarsten Stoffe mitgebracht hatte. Bald war seine Ankunft aber einigen sehr gewandten Dieben, die schon viele andere reiche Leute bestohlen und sich sogar an des Königs Schatzkammer schon gewagt hatten, kein Geheimnis mehr. Eines Nachts versammelten sie sich an einem bestimmten Ort und unterhielten sich von diesem fremden Kaufmann, und beratschlagten, wie sie ihn berauben könnten, obschon seine Niederlage an einem sehr festen und wohlverwahrten Ort war. Da sagte einer von ihnen: »Seid nur ganz ruhig, ich übernehme dieses Geschäft ganz allein und werde euch bald dessen Erfolg ankündigen.« Die Diebe freuten sich und lobten ihren Gesellen, und wünschten ihm Glück zu seinem Unternehmen. Am folgenden Morgen kleidete er sich als Arzt und nahm eine niedliche Tasche mit allerlei Kräutern und Medikamenten und Pflastern auf den Rücken, und ein schönes medizinisches Buch unter den Arm, ging in die Nähe der Wohnung des Kaufmanns und ordnete seine Pulver und Salben auf Blätter und behielt das Buch unter seinem Arm. Bald kamen viele Leute, um seine Medikamente zu sehen, und er hatte für jeden ihn um Rat Fragenden eine Antwort bereit. Nachdem er sich auf diese Weise einen Ruf in der Stadt erworben, begab er sich zum Kaufmann, der eben seine Mittagsmahlzeit hielt, und fragte ihn, ob er eines Arzneimittels bedürfe. Der Kaufmann sagte, er brauche nichts; doch hieß er ihn sitzen und mit ihm essen. Der Dieb aß mit ihm und als er merkte, daß der Kaufmann ein Freund von guten Bissen war, sagte er zu ihm: »Da wir nun Freunde sind, darf ich dir einen wohlgemeinten Rat nicht vorenthalten; ich sehe, du bist ein starker Esser und schadest dadurch deinem Körper; wenn du nicht dafür sorgst, so gehst du bald dem Tod entgegen.« – »Wie«, sagte der Kaufmann, »kann mir das schaden? Ich esse ja schon lange so viel und befinde mich wohl dabei?« Der Dieb antwortete: »Der Nachteil wird sich erst später zeigen, drum nimm eine Arznei, die dich vor vielen Krankheiten schützen wird.« Der Kaufmann nahm dem Dieb eine ihm dargereichte Arznei ab und trank sie des Abends, obschon sie sehr bitter war. Am anderen Abend brachte ihm der Dieb wieder eine Arznei, noch bitterer als die erste; doch der Kaufmann ließ sich nicht vom schlechten Geschmack abschrecken. Als der Dieb nun sah, daß der Kaufmann ihm vertraute und alles trank, was er ihm überreichte, holte er am dritten Tag Gift und überreichte es dem Kaufmann, der noch in derselben Nacht daran starb. Der Dieb kam nun mit seinen Gesellen herbei und trug alles davon, was er besaß. »Ich erzähle dir dies, o König«, sagte die Schöne, »damit du dich nicht betören läßt von Leuten, die dich hintergehen wollen.« Der König erwiderte: »Du hast recht, ich werde morgen wieder nicht zu meinen Vezieren gehen.« Als daher des Morgens die Leute wieder vergebens den König erwarteten, gingen sie zu Schimas und sagten ihm: »Du siehst, o weiser Herr, daß es der König immer schlimmer macht, drum geh und sage ihm, daß, wenn er sich nicht bessert, das Wohl des Reiches es erfordert, daß wir ihn des Thrones verlustig erklären. Wir werden morgen mit unseren Waffen vor dem Schloß erscheinen, und kommt er nicht heraus, so erstürmen wir es, bringen ihn um und ernennen einen anderen König; er mag dann nur sich selbst anklagen.« Schimas ging zum König und sagte ihm: »Was bewegt dich, gegen unsere Verträge zu handeln und so dir selbst zu schaden? Was verwandelt deine Klugheit in Torheit, deine Aufrichtigkeit in Lüge, deine Treue in Treulosigkeit? Warum folgst du meinem Rat nicht, wie dein Vater dir befohlen? Erwache doch, ehe das Unheil zu groß wird; wie willst du allen deinen Gegnern entkommen, die beschlossen haben, dich zu töten und einen anderen König zu ernennen? Verschmähe deine Untertanen nicht, denn wenn auch Steine noch so lange im Wasser liegen, springt doch Feuer heraus, wenn man sie aneinander reibt; befürchte, daß es dir gehe mit deinem Volk, wie dem Wolf in der folgenden Geschichte.« Und der Vezier erzählte: Geschichte vom Fuchs, Wolf und Löwen. Einst zog nämlich eine Herde Füchse aus, um etwas zu essen zu suchen. Als sie ein totes Kamel fanden, sagte einer von ihnen: »Nun haben wir auf einen Monat zu leben; doch wollen wir uns einen Obersten wählen, der dafür wache, daß das Kamel gleich verteilt werde und der Schwächere nicht zu kurz komme.« Während sie darüber sich besprachen, kam ein Wolf herbei, und einer der Füchse sagte: »Hier ist ein Wolf; wir wollen ihn zu unserem Oberhaupt erwählen, denn er ist stark und mächtig, und auch sein Vater war schon unser König. Hoffen wir, daß er ebenso gerecht sein wird, wie sein Vater war.« Die Füchse begaben sich insgesamt zum Wolf, teilten ihm ihren Beschluß mit und baten ihn, die Regierung zu übernehmen, damit er nach Recht und Billigkeit unter ihnen entscheide und einem jeden das ihm Gebührende zuteile. Der Wolf nahm ihren Antrag an, und teilte am ersten Tag die Nahrung zur allgemeinen Zufriedenheit aus; aber am anderen Tag dachte er bei sich: Wenn ich fortfahre, dieses Kamel unter den Füchsen zu teilen, halten sie mich für schwach; aber ich bin doch stark, sie können mir nicht widerstehen, darum will ich niemandem mehr etwas geben, ich fürchte mich nicht vor ihnen, sie sind ja meine Sklaven. Als am folgenden Tag die Füchse wieder demütig vor dem Wolf erschienen und um Nahrung baten, sagte er ihnen: »Was ihr besitzt gehört mir, geht eueres Wegs; wer sich wieder sehen läßt, wird umgebracht.« – Die Füchse sagten zueinander: »Dieser gottlose Verräter hat uns ins Verderben gestürzt, und wir haben keine Macht über ihn; was fangen wir nun an?« Da sagte ein Fuchs: »Nur der Hunger hat ihn heute irre geleitet; laßt ihn heute essen und sich sättigen, wir wollen dann morgen wieder vor ihm erscheinen.« Am anderen Morgen sagten sie ihm: »O Wolf, wir haben dich zum König erwählt, damit du jedem seinen Anteil gewährst und niemandem Unrecht geschähe; wir haben uns aber selbst getäuscht, denn seit gestern müssen wir hungrig umhergehen; doch wollen wir das gerne vergessen, gib uns nur heute etwas zu essen.« Aber der Wolf wurde noch gröber und wollte wieder nichts hergeben. Da sagten die Füchse untereinander: »Von diesem Wolf haben wir nur immer Schlimmeres zu erwarten, darum laßt uns den Löwen um Hilfe anflehen und ihm unser Kamel zum Lohn überlassen, damit er diesen treulosen Wolf umbringe.« Dieser Vorschlag wurde gebilligt und der Löwe nahm ihr Gesuch an und brachte den Wolf um, den dann die Füchse in Stücke zerrissen. »Lerne daraus, o König«, fuhr der Vezier fort, »daß man seine Untertanen nie geringschätzen darf; ich warne dich zum letzten Male und erinnere dich an den letzten Willen deines seligen Vaters; klage dann nur dich selbst an!« Der König sagte: »So Gott will, werde ich morgen Sitzung halten.« Schimas verließ ihn hierauf und berichtete dem Volk, was er dem König gesagt und was ihm dieser geantwortet. Sobald aber diese Unterredung der Geliebten des Königs bekannt wurde, eilte sie zu ihm und sagte: »Wie sehr muß ich mich über dich und über deinen Gehorsam gegen deine Veziere wundern. Haben sie dich etwa nackt gefunden und dich auf einmal auf den Thron erhoben? Und selbst dann dürften sie sich nicht so abscheulich gegen dich benehmen; du darfst dich nicht so tief herablassen. Weißt du nicht, daß sie die Sklaven deines Vaters waren, der dich zu ihrem Herrscher eingesetzt? Du bist aber so furchtsam, als hätte dich nicht dein Vater gezeugt, du erschrickst vor denen, die Gott unter deine Fußsohlen gelegt. Mit Recht sagt man: Wenn das Herz eines Königs nicht von Eisen ist, so verdient er nicht, König zu sein. Denn nur das Vieh hat ein Herz von Fleisch. Diese Leute drohen dir mit ihrem Abfall und Ungehorsam bloß um dich einzuschüchtern; gibst du ihnen nach, so werden sie sich bald über dich erheben und aus Gewohnheit nach deiner Macht lüstern werden. Hüte dich wohl davor, es möchte dir sonst gehen, wie dem Hirten mit den Dieben.« Der König fragte: »Wie war dies?« Und seine Geliebte fing an zu erzählen: Geschichte des Hirten und der Diebe. Ein Hirt war einst mit seinen Schafen auf der Weide und wachte über sie, daß ihm keines gestohlen werde. Eines Nachts kam ein Dieb in der Absicht, ein Schaf zu stehlen; er fand aber den Hirten so wachsam bei Tag und bei Nacht, daß er kein Mittel sah, seinen Zweck zu erreichen. Nachdem er lange sich vergebens bemüht hatte, nahm er eine Löwenhaut, stopfte sie mit Stroh aus und stellte sie auf einen Hügel, so daß der Hirt sie sehen konnte. Er ging dann zum Hirten und sagte ihm: »Ein Löwe fordert sein Nachtessen von dir.« – »Wo ist ein Löwe?« fragte der Hirt. »Dort auf dem Hügel«, antwortete der Dieb. Der Hirt blickte hin und sah das ausgestopfte Fell, das er für einen Löwen hielt, und fürchtete sich so sehr, daß er dem Dieb sagte: »Nimm von meiner Herde, was du willst.« Der Dieb nahm, was ihm beliebte, und dachte bei sich: nun bin ich meiner Beute gewiß, und sooft er nach Schafen gelüstete, holte er die Löwenhaut und erschreckte den Hirten damit, bis er ihm nach und nach alle Schafe abgelockt hatte.« Die Geliebte des Königs sprach dann weiter: »Dies erzähle ich dir, o König, damit du dich ja nicht weich finden lassest, und diese Menschen ihren Zweck erreichen: Der Tod ist ihnen viel näher, als daß sie dir ein Übel zuzufügen imstande wären.« Der König horchte auf diese Rede und gab ihr seinen Beifall. Am folgenden Morgen kamen alle Bewohner der Residenz bewaffnet vor das Tor des Schlosses und forderten den Pförtner auf, zu öffnen. Als dieser sich weigerte, holten sie Feuer herbei, um das Tor zu verbrennen. Der Pförtner berichtete dem König, was sich zugetragen und fragte Ihn, was er tun solle. Als sich der König in so großer Gefahr sah, ließ er seine Geliebte rufen und sagte ihr: »Hat mir nicht Schimas die Wahrheit prophezeit? Nun hat sich das Volk zusammengerottet, und man will mich umbringen.« Die Geliebte erwiderte: »Fürchte nichts, o König, Gott wird dir beistehen, laß nur deine Veziere und die Gelehrten und Häupter des Volkes und der Truppen umbringen, du hast dann von den Übrigen nichts mehr zu befürchten, niemand wird sich mehr deinem Willen widersetzen, noch deine Ruhe stören.« Der König sagte ihr: »Du hast recht«, ließ sich schnell seinen Turban geben und schickte nach Schimas. Als er kam, sagte er ihm: »Du weißt, daß ich dich liebe, denn du bist mein Bruder und Vater seit meines Vaters Tod, auch befolge ich deinen Rat und zeige mich meinen Leuten; entschuldige mich nur jetzt bei ihnen und stelle die Eintracht wieder her; ich wollte eben zu ihnen herauskommen, als diese Gewalttätigkeiten stattfanden; doch ich entschuldige sie, und morgen werde ich in allem ihren Wünschen willfahren.« Schimas verbeugte sich vor dem König, küßte ihm Hände und Füße, ging dann freudig zum Volk hinaus, verkündete ihm, was der König versprochen, und hielt es von seinem gewalttätigen Vorhaben ab. Man löschte das Feuer aus, und jeder ging nach Hause. Der König wendete sich hierauf zu den zehn ältesten und stärksten Sklaven seines Vaters und sagte ihnen: »Ihr wisset, wie ihr bei meinem Vater sowohl, als nach dessen Tod bei mir so gut und hoch gehalten waret; nun frage ich euch, ob ihr auch etwas für mich tun wollt?« Die Sklaven antworteten: »Befiehl nur, o Herr, wir sind deine Sklaven und bereit, alles für dich zu tun.« Da sagte der König: »Ihr wisset, was die Bewohner dieser Stadt meinem Vater geschworen, und nun haben sie die Treue gebrochen und meinen Tod beschlossen. Ich muß daher, um das Übel auszurotten, seine Anführer und Gelehrten ums Leben bringen, und zwar auf folgende Weise: Ich lasse einen nach dem anderen vor mir erscheinen; sobald er aber hereinkommt, führt ihr ihn in das Nebenzimmer und bringt ihn um.« Da die Sklaven Gehorsam versprachen, setzte sich der König am folgenden Morgen auf den Thron mit dem Richterbuch in der Hand, und ließ die Tore öffnen und alle Veziere, Gelehrten und Häupter des Volkes einen nach dem anderen vor sich kommen und von den Sklaven aus dem Wege räumen. Nachdem auf diese Weise alle Mächtigen das Leben verloren hatten, wurde das gemeine Volk weggejagt, und ein jeder eilte in seine Wohnung. Der König überließ sich nun ganz seinem Vergnügen und vernachlässigte das Heil des Staates und das Wohl seiner Untertanen. Da aber dieser König wegen seines an Gold, Silber und Edelsteinen so reichen Landes von allen seinen Nachbarn beneidet wurde, so dachte einer der benachbarten Sultane, der von der Hinrichtung der Veziere und Gelehrten hörte: Nun werde ich bald zum Besitz dieses kostbaren Landes gelangen; dieser junge, unbesonnene König hat niemanden mehr, auf den er sich stützen kann, es wird mir leicht werden, sein Land zu erobern. Er beschloß daher, um seine Stärke zu prüfen, ihm folgenden Brief zu schreiben: »Im Namen Gottes, des Allgnädigen, Allbarmherzigen! Wir haben vernommen, daß du die Gelehrten deines Reiches und deine Veziere und mächtigen Krieger hast umbringen lassen, und daß du überhaupt einen schlechten und ruchlosen Lebenswandel führst, wodurch uns Gott den Sieg über dich erleichtert. Du stehst nun unter meinen Befehlen, baue mir daher einen großen Palast auf der Oberfläche des Wassers mitten im Meer; kannst du dies nicht, so verlasse dieses Land. Ich werde meinen Vezier mit zwölftausend Regimentern, jedes aus tausend Kriegern zusammengesetzt, in dein Land schicken, um davon Besitz zu nehmen; er wird dir nur drei Tage Frist gönnen, und widersetzest du dich ihm, so wird es bald um dich geschehen sein.« Diesen Brief schickte der Sultan durch einen Boten ab, und als der verweichlichte König ihn gelesen hatte, verlor er allen Mut und alle Kraft, und wußte nicht, was beginnen, denn er hatte niemanden, der ihm Beistand leistete. Er ging ganz blaß und entstellt zu seinen Frauen, und als sie ihn fragten: »Was hast du, o König?« antwortete er: »Ich bin nicht mehr König, ich bin nur noch ein Sklave«, und las ihnen weinend den eben erhaltenen Brief vor und fragte sie, ob sie ihm nun in dieser Not zu raten wüßten? Die Frauen antworteten: »Wir sind ja nur Weiber, wir haben weder Verstand noch Kraft genug, um in einer solchen schwierigen Sache einen Ausweg zu finden; du kannst nur bei Männern Rat und Hilfe suchen.« Jetzt sah der König erst ein, daß er durch die Hinrichtung seiner Veziere, Gelehrten und Großen des Reiches ein großes Unheil über sein Land gebracht hatte; er bereute sehr, was er getan, und sagte zu seinen Frauen: »Mir geht es mit euch, wie dem Rebhuhn mit den Schildkröten.« Da fragten die Frauen: »Was war das für eine Geschichte?« Darauf erzählte der König: Geschichte des Rebhuhns mit den Schildkröten. Einst lebten Schildkröten auf einer sehr fruchtbaren, mit vielen Bäumen bepflanzten Insel. Da flog eines Tages ein Rebhuhn vorbei, das wegen der großen Hitze einen kühlen Ruheplatz suchte, und ließ sich neben dem Nest der Schildkröten nieder. Als die Schildkröten von ihrem Ausfluge zurückkehrten und das Rebhuhn sahen, fanden sie es so ausgezeichnet schön, daß sie sich mit seiner Gesellschaft freuten und sagten: »Das ist gewiß der Herr aller Vögel.« Sie näherten sich ihm daher so freundlich, daß es jeden Abend, nachdem es den Tag über auf der Insel umhergestreift war und Korn aufgelesen hatte, wieder zu ihnen zurückkehrte. Die Schildkröten gewannen es bald so lieb, daß es ihnen schwerfiel, den ganzen Tag von ihm getrennt zu leben. Sie sagten daher eine zur anderen: »Wir müssen ein Mittel finden, das Rebhuhn ganz an uns zu fesseln, daß wir auch am Tage uns an ihm ergötzen und nicht zu befürchten haben, daß es einmal auf seinen Ausflügen sich an einen anderen Vogel anschließe und uns ganz verlasse.« Da sagte eine von den Schildkröten: »Ich will euch aus dieser Verlegenheit helfen.« Die Schildkröte näherte sich des Abends dem Rebhuhn, als es heimkehrte, wünschte ihm guten Abend, küßte die Erde vor ihm und sagte: »Gott hat dir unsere Liebe in vollem Maße geschenkt und uns ebenso mit der deinigen gesegnet. Doch der Liebende findet nur Ruhe in der Nähe seiner Geliebten, jede Trennung aber bringt ihm herben Schmerz; wir können aus Wohlgefallen an dir dich gar nicht genug sehen und in deiner Abwesenheit gar keine Freude genießen, und doch sind wir so wenig beisammen: Das kränkt uns sehr; auch du mußt sehr leiden, wenn deine Liebe der unsrigen gleich ist.« Das Rebhuhn sagte: »Mir ist nur wohl, wenn ich bei euch bin, doch was soll ich mit meinen zwei Flügeln anfangen, die mich immer von euch treiben?« Die Schildkröte antwortete: »Wenn dir deine Flügel alle Ruhe und alles Vergnügen rauben und dich dazu noch der Gefahr aussetzen, von einem deiner Feinde unter den Vögeln auf dem Flug ergriffen zu werden, so lege sie ab, bleibe bei uns und lasse dir es wohl sein in unserem Überfluß.« – »Wie kann ich das?« fragte das Rebhuhn. Da sagte die Schildkröte: »Reiße eine Feder nach der anderen mit deinem Schnabel aus, bis keine einzige mehr übrigbleibt.« Das Rebhuhn verlor keinen Augenblick, diesen Rat zu befolgen. Das Schicksal führte aber gerade ein Wiesel vorüber, das auch auf dieser Insel wohnte; es sah mit Erstaunen das kahle Rebhuhn und rief: »Nun ist mein Glück gemacht, nun entgeht mir dieses Rebhuhn nicht mehr.« Es sprang sogleich auf das Rebhuhn los, das vergebens seine federlosen Flügel aufschlug, um zu entfliehen; es wurde vom Wiesel ergriffen und zerrissen. Die Schildkröten, vor deren Augen dies geschah, weinten vor Mitleid. Als aber das Rebhuhn sie fragte, ob sie mit etwas anderem, als mit Tränen ihm helfen könnten, sagten sie: »In Wahrheit, gegen ein solches Übel wissen wir nichts anderes zu tun.« Da sagte das Rebhuhn: »Weinet nicht, ihr seid unschuldig, ich selbst habe mein Unglück herbeigezogen.« »So muß auch ich«, sagte der König, »nur mir selbst Vorwürfe machen, daß ich euren Rat befolgt und die Wackersten und Klügsten in meinem Reich umgebracht habe, die, welche mich am meisten liebten und mich am besten gegen meinen Feind schützen konnten, und finde ich jetzt keinen Ersatz für sie, so muß ich, wie jenes Rebhuhn, untergehen.« Der König ging dann in das Zimmer, wo die Leichen seiner Veziere und Gelehrten lagen, und weinte heftig und schrie: »O könnte doch jemand diese Toten nur einen Augenblick wieder beleben, daß ich ihnen mein Verbrechen bekenne und ihnen meinen Zustand klage.« Nachdem er den ganzen Tag, ohne zu essen oder zu trinken, in tiefster Trauer in diesem Zimmer zugebracht hatte, zog er schlechte Kleider an und streifte verkleidet in der Stadt umher. Da sah er zwei Jungen von zwölf Jahren, die an einer Mauer saßen, und hörte, wie einer zum anderen sagte: »Hast du schon gehört, daß unser Feld aus Mangel an Regen ganz verdorrt ist? Alles Unglück kommt von unserem König, der die Gelehrten und Veziere schuldlos hat umbringen lassen, bloß um seine Geliebte, die Feindin Gottes und der Menschen, zufrieden zu stellen.« Der zweite Junge erwiderte dem ersten: »Das ist noch nicht alles, du wirst noch Schlimmeres erleben.« – »Wie«, versetzte der erste, »gibt es etwas Schlimmeres, als keinen Regen zu haben?« –»Jawohl«, erwiderte der andere; »schon hat ein benachbarter König dem unsrigen einen Boten geschickt, durch welchen er ihn auffordern läßt, ihm ein Schloß mitten im Meer auf der Oberfläche des Wassers zu bauen; vermag er dies nicht, so wird er zwölftausend Regimenter, jedes aus tausend Kriegern bestehend, abschicken, um Besitz von seinem Königreich zu nehmen, und wisse, daß dieser König sehr mächtig ist und über ein unzählbares Volk herrscht; wenn nun unser König dieses Übel nicht abzuwenden weiß, so ist es um unsere Stadt geschehen; denn unser Nachbar war ein Feind des Vaters unseres Königs; er wird dann Männer und Kinder umbringen, die Frauen in Gefangenschaft führen, alles Vermögen rauben und den König verbannen. Gott stehe uns bei!« Des Königs Tränen flossen im Übermaß, als er dieses Gespräch hörte, und er dachte: Dieser Junge muß sehr klug sein, wie kann er etwas von dem Boten wissen, der noch niemanden gesprochen? Vielleicht wird mir Gott durch ihn helfen. Er näherte sich hierauf dem Jungen und sagte: »Was du eben vom König erzählt, lieber Junge, ist wahr, er hat mit Unrecht seine Veziere und Weisen umbringen lassen; doch woher weißt du, was der König von Indien unserem König geschrieben?« – »Ich weiß es«, sagte der Junge, »durch meine Zauberkunst, die ich von meinem Vater gelernt.« Da fragte der König: »Gibt dir diese wohl ein Mittel an, durch welches der König aus seiner Not gerettet werden könnte?« – »Wohl weiß ich ein Mittel«, antwortete der Junge; »doch ich werde es nur dem König selbst offenbaren, wenn er mich rufen läßt und um Rat fragt.« Da fragte der König: »Woher kennt er dich, daß er nach dir schicken soll?« Der Junge erwiderte: »Wenn er nach den Gelehrten und Weisen schickt, so findet er auch mich unter dieser Zahl, tut er dies aber nicht und fährt fort, bei seinen Weibern sich zu zerstreuen, so werde ich nicht zu ihm gehen, um auch, wie seine Veziere, umgebracht und dazu noch von allen Leuten für blödsinnig gehalten zu werden; dann würde sich das Sprichwort bestätigen: »Wer mehr Kenntnisse hat, als Verstand, der geht durch seine Kenntnisse wegen seiner Torheit zugrunde.« Der König, erstaunt über die Worte dieses Jungen, fragte ihn nach seiner Wohnung, und der Junge antwortete: »Ich wohne in dieser Straße, und hier ist die Mauer meines Hauses.« Der König merkte sich sein Haus, grüßte die, Jungen, kehrte freudig in sein Schloß zurück, legte die Trauerkleider ab und zog wieder sein königliches Gewand an, aß und trank und dankte Gott, bekannte sein Verbrechen, bat um Vergebung und beschloß, Buße zu tun und fromme Werke zu vollbringen. Sodann ließ er einen seiner Diener rufen und beschrieb ihm das Haus des Jungen, den er an der Mauer gesehen, so wie den Jungen selbst, und die Straße, in welcher er wohnte, und sagte ihm: »Geh' zu diesem Jungen, und sage ihm in einem milden, einnehmenden Ton: Der König läßt dich zu sich bitten, um dich über etwas zu befragen, das dir viel Glück bringen wird.« Der Bote traf den Jungen noch an derselben Stelle der Mauer, wo ihn der König verlassen, und teilte ihm den Wunsch des Königs mit. »Ich bin bereit, zu gehorchen«, sagte der Junge, folgte dem Boten, verbeugte sich mit Anstand vor dem König, grüßte ihn und wünschte ihm Glück. Der König hieß ihn sitzen und fragte ihn: »Weißt du wohl, wer heute an deinem Hause vorüberging und mit dir sprach?« Der Junge fing an nachzudenken, und sagte nach einer Weile: »Du warst es, erhabener König!« – »Du hast die Wahrheit gesagt, geliebter Junge«, versetzte der König, ihn küssend und zu sich auf seinen Thron hebend. Der König ließ dann Speisen und Getränke bringen, und nachdem sie gegessen hatten, sagte er: »Du sprachst heute von einem Mittel, den Drohungen des Königs von Indien zu entgehen; nun, worin besteht dieses?« – »In einem tapferen Herzen«, sagte der Junge; »schicke nur nach deinen Frauen, die dir geraten haben, meinen Vater Schimas und die übrigen Veziere und Gelehrten umzubringen.« – »Wie«, sagte der König tief seufzend, »Schimas war dein Vater? Gott, der dich mir schickt, um über das Unrecht, das ich an deinem Vater begangen, mich zu beschämen, stehe mir bei! Diese Strafe habe ich verdient, doch will ich dich nun an die Stelle deines Vaters erheben und dich seinetwillen noch mehr ehren; rate mir nur jetzt, wie ich gegen meinen Feind mich verteidigen soll, und lasse die Frauen auf eine andere Zeit.« Da sagte der Junge: »Schwöre mir, daß du alles tust, was ich von dir fordere.« Der König erwiderte! »Gott ist Zeuge, daß ich nur deinem Rat und deinem Willen zu folgen bereit bin.« – »Nun«, versetzte der Junge, »laß den Boten des Königs von Indien bis zum dritten Tag warten, dann sagst du ihm, du wolltest ihm morgen die Antwort geben, so gewinnst du Zeit und wenn er Einwendungen macht, so weise ihn zurecht, doch ohne Härte. Wenn er dann alles Vorgefallene in der Stadt verbreitet, und die Einwohner vor dem Untergang warnt, so lasse ihn zu dir rufen, und sage ihm: Du verdienst den Tod, weil du mich bei meinen Untertanen anklagst, doch Gott verzeiht dir; auch habe ich jetzt zu wenig Zeit, mich mit dir zu beschäftigen. Du fragst ihn dann, ob er sonst noch einen Auftrag habe, und antwortet er, nein, so sage ihm: Dein König muß ein recht blödsinniger Mann sein, der keine Folgen bedenkt und niemand um Rat fragt, sonst würde er nicht durch eine solche Forderung sich in so große Gefahr begeben; doch freue ich mich über seine Torheit, denn ich habe dadurch einen gerechten Vorwand, sein Land zu erobern, ohne von irgend jemandem deshalb getadelt zu werden. Ich halte es nicht einmal der Mühe wert, ihm zu antworten, ein Schulknabe mag dies tun; du schickst dann nach mir, und ich werde die Antwort schreiben.« Der König schenkte dem Jungen seinen Beifall, gab ihm ein kostbares Ehrenkleid und entließ ihn; gegen den Boten benahm er sich aber ganz, wie ihm der Junge geraten, und zuletzt ließ er letzteren wieder rufen, gab ihm des Königs Brief und sagte ihm: »Beantworte dieses Schreiben.« Der Junge las den Brief und sagte lächelnd: »O König! Wenn du die Beantwortung dieses Briefes für wichtig hältst, so will ich deinem Befehl gehorchen, aber ein weit jüngerer Knabe könnte es auch tun.« Da sagte der König: »Schreibe schnell, denn der Bote eilt, er ist schon einen Tag zu lang aufgehalten worden.« Der Junge nahm Tinte und Papier und schrieb: »Friede und Heil vom Barmherzigen aller Gläubigen! Wisse du, den man den großen König nennt, wir haben deinen Brief erhalten, gelesen und verstanden und daraus deine Torheit und Gewalttätigkeit erkannt; aus Verachtung gegen dich haben wir deinen Boten zurückgehalten, und nur aus Mitleid für diesen schicken wir dir eine Antwort. Was du von meinen Vezieren, Gelehrten und Großen des Reiches schreibst, ist wahr, doch ist das nur ein Unkraut, das ich aus dem Weizenfeld gerissen; für jeden Umgebrachten haben wir tausend Bessere und Tüchtigere. Jedes Kind, das nur sprechen kann, ist so reich an Kenntnissen, als der Regen des Himmels an Segen; fragst du nach meinen Kriegern, so findest du bei mir Helden, von denen ein einziger tausend deiner Truppen schlägt. Was meine Schätze angeht, so schneiden wir Juwelen aus den Gebirgen wie Steine, und meine Fundgruben bringen mir täglich tausend Pfund Silber ein, auch ist der Wohlstand und die Macht meiner Untertanen unbeschreiblich. Dein Wunsch, ein Schloß mitten im Meer zu haben, beweist deinen Unverstand; gebiete zuerst dem Wind Ruhe und den Wellen Stillstand, dann wollen wir dir ein Schloß bauen. Du glaubst, Gott habe dir den Sieg über mich verliehen, ich aber, der ihm vertraue und nach dessen Geboten handle, hoffe das Gegenteil, weil du dich ungerechterweise, als wäre ich dein Sklave, über mich erheben willst, Du verdienst eine Strafe von mir, doch ich fürchte Gott und verzeihe dir, wenn du mir auch dieses Jahr Tribut schickst; wo nicht, so sende ich dir eine Armee von elfhunderttausend Mann unter der Anführung des Veziers Ghadhan, der dich drei Jahre lang belagern wird, statt der drei Tage Frist, die du mir gegönnt; er wird Besitz von deinem Reich nehmen und nur dich allein töten; darum sei auf deiner Hut und überlege es wohl, ehe du es wagst, dich mir zu widersetzen.« Dieses Schreiben wurde versiegelt und dem Boten gegeben, der nach dem, was er vom Jungen hörte, froh war, mit heiler Haut davon zu kommen. Als er zu seinem König zurückkehrte, der schon wegen dessen langer Abwesenheit einen großen Divan hielt, überreichte er ihm den Brief und erzählte ihm alles, was er gesehen und gehört. Der König konnte seiner Erzählung nicht glauben, bis er endlich den Brief las; da erschrak er sehr und sah sich schon seines Reiches beraubt. Er ließ sogleich seine Veziere und Gelehrten rufen und las ihnen den Brief vor; sie suchten zwar den König zu beruhigen, doch war ihr eigenes Herz voller Furcht. Endlich sagte der Großvezier: »Alle diese Worte helfen nichts, ich rate dir, dich in einem Schreiben bei dem König zu entschuldigen, ihn an die alte Freundschaft zu erinnern, und ihm zu sagen, du habest nur seine Tapferkeit und Gewandtheit erproben wollen, wünschest ihm aber ein langes, glorreiches Leben.« Der König sagte: »Das muß ein mächtiger Sultan sein, dessen Schulknaben solche Briefe schreiben; ich habe selbst ein verzehrendes Feuer angezündet, ich muß es nun auch löschen.« Er ließ dann sogleich kostbare Geschenke zubereiten, schrieb einen schönen Brief und schickte ihn mit einem Hauptmann, von vielem Gefolge begleitet, ab. Der König ließ bei der Ankunft des Hauptmannes den Jungen rufen, um ihm den Brief vorzulesen, und auf dessen Rat nahm er die Entschuldigungen und die Geschenke, des Hauptmannes an und machte ihm königliche Gegengeschenke. Der Junge aber wandte alle seine Gelehrsamkeit auf und schrieb einen sehr sinnreichen, freundlichen Brief, den er dem König vorlas. Der Hauptmann wurde dann mit dem Brief entlassen und von einer Abteilung Truppen den halben Weg begleitet. Nach der Abreise des Hauptmannes, der wegen der Wiederherstellung des Friedens von seinem Herrn durch Erhöhung seines Ranges belohnt wurde, kehrte der König wieder zu seinem früheren frommen Lebenswandel zurück, hörte auf, der Frauenliebe und dem Vergnügen zu leben, und beschäftigte sich ausschließlich mit den Angelegenheiten seiner Untertanen. Der junge Sohn des Veziers Schimas wurde zum Vezier ernannt, die Stadt wurde drei Tage hintereinander festlich geschmückt und groß war die Freude des Volkes, das einer besseren Zukunft entgegen sah, und für den König und den Vezier Gebete gen Himmel sandte. Als dann der König den Vezier fragte, was nun zur neuen Organisation des Staats zu tun sei? sagte er: »Zuerst muß das Übel an seiner Wurzel ausgerottet werden, damit es nicht wieder zu noch größerem Unheil nachwachse.« – »Was meinst du damit?« fragte der König. »Ich meine«, antwortete der junge, aber verständige Vezier, »den Hang nach Weibern und das Befolgen ihres Rates; durch Frauenliebe wird sogar der Klügste irregeführt. War nicht Salomo, der Sohn Davids, der Weiseste aller Sterblichen, so daß Menschen und Genien, Tiere und Vögel ihm dienstbar waren? Hat er nicht viele Werke über weltliche Angelegenheiten und Religion geschrieben, und doch vergaß er alles wieder durch seine Liebe zu den Weibern, und wußte in Gegenwart aller Gelehrten eine Frage nicht mehr zu beantworten, die in einem ihm früher wohlbekannten Werk ausführlich behandelt war, so daß er zuletzt gestehen mußte, daß er durch seine Liebe zu den Weibern seinen Verstand verloren hatte, und daher alle Leute, besonders aber Gelehrte und Könige, davor warnte.« Der König erwiderte hierauf: »Schon habe ich aufgehört, die Frauen zu lieben; doch sage mir, was ich ihnen tun soll, weil sie mir geraten haben, deinen Vater und die übrigen Großen zu ermorden.« Der Vezier erwiderte: »Nicht sie allein sind schuldig; sie sind wie schöne Waren, die wohl Käufer herbeilocken, doch niemanden zwingen, sie zu kaufen.« Da sagte der König: »Ich sehe, daß du die Schuld auf mich laden willst, und du hast ganz recht.« Der Vezier erwiderte: »Das wollte ich zwar nicht, o König; doch Gott hat uns Macht über uns selbst gegeben, wir können dem Bösen widerstehen, wenn wir wollen. Gott will nur unser Bestes, durch unsern eigenen Willen aber neigen wir uns zum Schlimmen hin; doch jetzt ist nichts mehr zu tun, als das Gewand der Torheit mit dem des Verstandes zu vertauschen, die Begierden zu besiegen und den Geboten des Herrn zu folgen, Gott wird dir dann verzeihen, dir heitere Tage schenken und allen deinen Feinden Ehrfurcht vor dir einflößen.« Der König versprach dem Vezier, der ihn aus so großer Not gerettet, ihm in allem zu gehorchen, alle seine Vorschläge anzunehmen und alle seine Handlungen zu billigen. Auf den Rat des Veziers wurden dann alle Gelehrten versammelt und sieben neue Veziere gewählt, die Frauen des Königs aber in das Haus, wo die Ermordeten lagen, lebenslänglich eingesperrt; so fielen sie selbst in die Grube, die sie anderen gegraben. – Soviel ist uns von dieser wunderbaren Geschichte zugekommen. Geschichte der unglücklichen Frau mit dem Bettler. Man erzählt unter anderm: Ein König verbot einst seinen Untertanen, Almosen zu geben, und ließ jedem, der diesem Verbot zuwider handelte, die Hand abschneiden, so daß niemand mehr es wagte, den Armen etwas zu schenken. Eines Abends kam ein hungriger Bettler zu einer Frau und forderte Almosen. Da sagte ihm die Frau: »Wie kann ich dir etwas geben? Der König läßt ja jedem die Hand abhauen, welcher Almosen reicht.« Aber der Bettler beschwor sie solange bei Gott, sie möchte ihm doch etwas geben, daß sie seinen Bitten nicht widerstehen konnte und ihm zwei Laib Brot schenkte. Sobald der König dies erfuhr, ließ er die Frau rufen und ihre beiden Hände abschneiden. Nach einiger Zeit sagte der König zu seiner Mutter: »Ich möchte gern heiraten, wähle mir doch eine schöne Frau.« Seine Mutter antwortete: »In unserer Nachbarschaft lebt die schönste Frau, die man je gesehen hat; aber sie hat beide Hände verloren.« Der König wünschte sie zu sehen, und als sie vor ihm erschien, wurde er so bezaubert von ihrer Schönheit, daß er sie heiratete. Aber die Nebenbuhlerinnen dieser Frau beneideten sie so sehr, daß sie sie dem König als ein schlechtes Frauenzimmer schilderten. Der König schrieb dies seiner Mutter und befahl ihr, die von ihr empfohlene Frau aus dem Harem zu verstoßen. Die Frau wanderte nun, über ihr Unglück weinend, mit ihrem Kinde am Hals in der Wüste umher, bis sie an einen Bach gelangte; da kniete sie nieder, um ihren Durst zu löschen, und ließ das Kind in den Bach fallen. Sie weinte darüber sehr heftig, als zwei Männer vorüberkamen und sie fragten, warum sie so weine. »Mein Kind«, schrie die Arme, »ist ins Wasser gefallen.« Sie fragten: »Sollen wir es retten?« Als die Frau sie darum bat, beteten die Männer zu Gott und das Kind kam unverletzt aus dem Wasser. Sie fragten dann die Frau: »Wünschest du auch deine beiden Hände wieder zu haben?« Auf ihre bejahende Antwort beteten die Männer wieder, und, siehe da! Ihre beiden Hände wuchsen wieder hervor, noch schöner als sie waren. Dann sagten sie ihr: »Weißt du, wer wir sind?« – »Das weiß nur Gott.« – »Wisse denn, wir sind die zwei Laibe Brot, die du dem Bettler gegeben und durch welche du deine beiden Hände verloren; danke nun Gott, der dir deine beiden Hände wiedergegeben und dein Kind.« Sie dankte und pries Gott und setzte ihren Weg getröstet fort. Geschichte des edlen Gebers. Man erzählt ferner: Einst verlor ein sehr reicher Juwelier sein ganzes Vermögen, so daß ihm gar nichts mehr übrig blieb. Da sagte ihm seine Frau: »Geh zu einem deiner Freunde und suche Hilfe bei ihm.« Er ging zu einem Freund und klagte ihm seine Not. Der Freund lieh ihm fünfhundert Dinare, mit denen er wieder sein Geschäft betreiben sollte. Der Juwelier öffnete hierauf wieder seinen Laden und kaufte und verkaufte. Als er einst in seinem Laden saß, kamen drei Männer und fragten nach seinem Vater; der Juwelier sagte ihnen, er sei schon längst tot. Da fragten sie, ob er keine Nachkommen hinterlassen. »Ich bin dessen Sohn!« – »Kannst du dies beweisen?« – »Alle Kaufleute des Bazars können mir es bezeugen!« – »Bringe einige her, um uns zu überzeugen, daß der Mann, nach welchem wir dich fragten, dein Vater war.« Der Juwelier rief einige Kaufleute zu sich, und nachdem sie bezeugt hatten, daß der Mann, nach dem die drei Fremden sich erkundigt hatten, sein Vater war, zogen diese einen Sack heraus, in welchem etwa dreißigtausend Dinare Gold und Edelsteine waren, und sagten: »Das hat dein Vater uns aufzubewahren gegeben«, und gingen wieder ihres Weges. Bald darauf kam eine Frau und entlieh einen Edelstein, welcher fünfhundert Dinare wert war, und bald darauf kaufte sie ihn für dreitausend Dinare. Der Juwelier ging nun zu seinem Freund und wollte ihm die fünfhundert entlehnten Dinare zurückgeben; dieser nahm sie aber nicht und sagte: »Ich habe sie nach Gottes Willen hergegeben, behalte sie nur, nimm auch dieses Briefchen, öffne es aber nicht, bis du zu Hause bist und beherzige dessen Inhalt.« Der Juwelier nahm das Briefchen, ging nach Hause und fand folgende Zeilen darin: »Die Männer, welche bei dir waren, sind mein Vater und meine beiden Oheime; die Frau, welche bei dir einkaufte, war meine Mutter, und alles Geld und alle Edelsteine kamen von mir. Ich hatte dabei nicht die Absicht, dich zu beleidigen, sondern dir ein Erröten zu ersparen.« Wunderbare Erfüllung eines Traumes. Man erzählt ferner: Ein sehr begüterter Mann aus Bagdad verlor sein ganzes Vermögen und hatte viele Mühe, sich sein tägliches Brot zu erwerben. Eines Nachts, als er sich in trauriger Stimmung niederlegte, erschien ihm im Traum jemand, der ihm sagte: »Du wirst deinen Lebensunterhalt in Kahirah finden, reise dahin.« Der Mann machte sich des Morgens auf und trat seine Reise nach Kahirah an. Da er des Abends daselbst ankam, ging er in eine Moschee und schlief darin. In derselben Nacht drangen Diebe von der Moschee aus in ein daran stoßendes Haus, um es zu bestehlen. Aber die Bewohner dieses Hauses erwachten und machten Lärm. Die Polizei kam herbei, und die Diebe entflohen wieder durch die Moschee. Als der Polizeioberste in die Moschee kam und den Mann aus Bagdad fand, den er für einen der Diebe hielt, ergriff er ihn, ließ ihn fast tot prügeln und ins Gefängnis werfen. Nach drei Tagen wurde er vor den Polizeiobersten geführt, der ihn fragte, woher er wäre und was er in Kahirah täte? Er antwortete: »Ich wohne in Bagdad und bin hierher gekommen, weil mir jemand im Traum gesagt, ich werde hier meinen Lebensunterhalt finden; nun fand ich aber nichts, als die Prügel, die du mir erteilen ließest.« Der Polizeioberste lachte so herzlich, daß er alle seine Zähne zeigte, und sagte: »Du dreifach unverständiger Mensch, mir ist jemand im Traum erschienen, der mir sagte: In dem Stadtviertel N. N. in Bagdad ist ein Haus, das so und so aussieht, in dessen Hof ist ein Gärtchen, mit einem Pistazienbaum; dort ist Geld begraben, das von einem Verbrechen herrührt, geh hin und nimm es! Und doch bin ich hier geblieben, und du törichter Mensch machst eine solche Reise wegen eines eitlen Traumes.« Er gab ihm dann einige Drachmen und sagte ihm: »Suche damit deine Rückkehr anzutreten.« Der Mann nahm das Geld und kehrte damit nach Bagdad zurück, ging in sein Haus, welches kein anderes war, als das vom Polizeiobersten von Kahirah beschriebene, ließ unter dem Baum aufgraben, und fand so viel Geld darunter, daß er wieder reicher war, als zuvor. Tod eines Liebenden aus dem Stamm Uzra. Man erzählt ferner: Unter dem Stamm der Söhne Uzra war ein Mann, der keinen Tag ohne eine neue Liebe leben konnte. Einst liebte er ein schönes Mädchen aus seinem Stamm und warb um sie; sie aber verschmähte ihn und wies ihn immerfort ab. Der Mann wurde darüber krank und grämte sich so sehr, daß alle seine Kräfte schwanden und er so schwach und mager wurde, daß seine Liebe kein Geheimnis mehr blieb. Lange baten seine und ihre Verwandten seine Geliebte, sie möchte ihn doch besuchen, aber sie weigerte sich, bis er dem Tod nahe war. Erst als sie sein nahes Ende vernahm, bemitleidete sie ihn und entschloß sich, ihn zu besuchen. Als er sie erblickte, flossen seine Augen in Tränen über und er sprach folgende Verse: »Wenn du meinen Leichenzug vorüberziehen siehst, wirst du ihm nicht folgen und den Verschiedenen grüßen, der dem Grabe überlassen wird?« Das Mädchen sagte weinend: »Ich dachte nicht, daß es so weit mit dir gekommen wäre, aber bei Gott, ich will dir alles gewähren, was du von mir forderst« Da rezitierte er weinend folgenden Vers: »Sie nahet mir, wenn Todesschatten uns trennen, und will mir gehören, wenn ich sie nicht mehr besitzen kann.« Dann atmete er tief und verschied. Das Mädchen weinte, küßte ihn und fiel in Ohnmacht, und nach drei Tagen starb auch es und wurde in sein Grab gelegt. Geschichte des Dichters Mutalammes. Ferner wird erzählt: Der Dichter Mutalammes mußte einst vor Numan, dem Sohne Munzirs, entfliehen, und er blieb so lange abwesend, daß man ihn für tot hielt. Er hatte eine schöne Frau, welche Umeima hieß und ihn so innig liebte, daß sie lange keinen anderen heiraten wollte, so sehr auch ihre Familie sie darum bat. Doch endlich wurde ihr so viel zugeredet und fast Zwang angetan, daß sie nachgeben mußte und mit einem Mann aus ihrem Stamm sich verlobte. Mutalammes kam aber gerade zur Hochzeitsnacht von seiner Reise zurück. Er hörte Musik und Freudengesang und jubelnde Frauen, und fragte einen Knaben, was denn für ein Fest gefeiert werde. Der Knabe antwortete: »Die Gattin Mutalammes verheiratet sich wieder diese Nacht.« Als Mutalammes dies hörte, mischte er sich verkleidet unter die Frauen und sah, wie der Bräutigam neben seiner Frau saß und sie küssen wollte. Sie aber seufzte und sprach weinend: »O wüßte ich doch bei so vielen heranstürmenden Unglücksfällen, wo du weilest, o Mutalammes!« Dieser antwortete: »O du meine Heimat! o Umeima! wisse, daß ich mich stets nach dir sehnte, sooft die Karawane ihre Zelte aufschlug.« Als der Bräutigam dies hörte, merkte er, daß er überflüssig geworden, und zog sich zurück. Mutalammes blieb allein bei seiner Frau und lebte höchst glücklich mit ihr, bis der Tod sie trennte. Sonderbares Gebet eines Pilgers. Man erzählt ferner: Zur Zeit der Pilgerfahrt rief einst ein Mann, an den Vorhängen der heiligen Kaba sich festklammernd: »O Gott, laß sie doch wieder ihrem Manne zürnen, daß sie sich mir hingebe!« Als einige Pilger dieses sonderbare Gebet hörten, ergriffen sie ihn, prügelten ihn durch, führten ihn zum Emir der Pilger und sagten ihm, was sie von diesem Mann an einem so heiligen Ort vernommen. Der Emir der Pilger gab den Befehl, ihn zu hängen; aber der Angeklagte beschwor ihn bei Mohammed, dem Abgesandten Gottes, er möchte doch zuerst seine Erzählung anhören, dann nach Belieben mit ihm verfahren. Der Emir gewährte ihm seine Bitte, und er sprach: Wisse, o Emir, ich bin ein Mann von der niedersten Volksklasse, der sich oft mit Haschisch berauscht; mein Geschäft war, dem Vieh die Haut abzuziehen, und Blut und anderen Schmutz auf den dazu bestimmten Ort zu bringen. Eines Tages ging ich mit meinem beladenen Esel über die Straße, da sah ich, wie alle Leute davonliefen, und einer derselben sagte mir: »Flüchte dich schnell in dieses Gäßchen, sonst bringt man dich um.« Ich fragte, warum denn alle Leute so flöhen. Da antwortete mir der Diener eines vornehmen Herren: »Es kommt ein Harem, und die ihm vorangehenden Diener schlagen alle Leute, um den Weg freizumachen.« Ich wollte, als ich dies hörte, mit meinem Esel in eine Nebenstraße einlenken, da kamen die Diener, mit großen Stöcken in den Händen, an der Spitze von ungefähr dreißig Frauen, worunter eine einen Wuchs wie die Zweige des Ban, und Augen wie eine nach Wasser lechzende Gazelle hatte; diese ausgezeichnet schöne und liebliche Frau war die Gebieterin aller übrigen, die sie begleiteten. Ich blieb stehen und betrachtete sie von allen Seiten. Auf einmal rief sie einen ihrer Diener zu sich und sagte ihm etwas ins Ohr. Sogleich lief der Diener auf mich zu und nahm mich fest. Alle Leute liefen davon, nur ein alter Mann nahm meinen Esel und führte ihn weg, während die Eunuchen mich mit einem Strick banden und mit sich schleppten. Ich wußte gar nicht, was dies zu bedeuten habe, und alle Leute hinter mir schrien: »Das ist nicht erlaubt von Gott, mit einem armen Bettler, einem elenden Haschischfresser, so umzugehen.« Manche sagten zu den Eunuchen: »Habt doch Mitleid mit ihm, Gott wird sich auch eurer erbarmen, und laßt ihn doch los!« Ich dachte bei mir selbst: Gewiß hat die Dame den Schmutz und Unrat, mit dem mein Esel beladen war, gerochen und will dafür mich bestrafen lassen. Was kann ich tun? Es gibt keinen Schutz und keine Macht, als bei Gott, dem Erhabenen! Ich wurde nun von den Eunuchen mitgeschleppt, bis wir an die Pforte eines großen Hauses kamen. Da traten sie hinein und führten mich in einen großen Saal von unbeschreiblicher Schönheit; er war rein ausgekehrt und frisch bespritzt, und mit kostbaren Matten und Polstern bedeckt. Die Gebieterin und ihr Gefolge zogen an mir vorüber, und ich blieb allein mit den Eunuchen zurück und dachte: Man hat mich gewiß hereingebracht, um mich hier mit dem Tod zu bestrafen, ohne daß jemand nur meinen Tod erfahre. Aber statt dessen führten mich die Eunuchen in das Badzimmer, welches an den Saal stieß, und drei Sklavinnen kamen, hießen mich sitzen, und die eine rieb mir die Füße, die andere wusch mir den Kopf und die dritte trocknete mich ab. Als dies geschehen war, gaben sie mir einen Bündel Weißzeug und Kleider, und hießen mich sie anziehen. Ich sagte: »Bei Gott! Ich weiß nicht, wie man solche Kleider anzieht.« Sie näherten sich mir lachend und kleideten mich an, bespritzten mich mit Rosenwasser und führten mich wieder in einen herrlich verzierten und mit Divanen belegten Saal. Hier saß eine Dame, von vielen Sklavinnen umgeben, die, sobald ich in den Saal trat, vor mir aufstand und mich hieß, neben ihr Platz zu nehmen. Kaum hatte ich mich gesetzt, als die Sklavinnen auf ihren Befehl die verschiedenartigsten, schmackhaftesten Speisen auftrugen, dergleichen ich in meinem Leben nie gekostet hatte und deren Namen ich nicht einmal kannte. Nachdem ich mich sattgegessen hatte, wurden die Schüsseln weggetragen, und man brachte mir Wasser, um meine Hände zu waschen. Die Dame ließ dann allerlei Nachtisch bringen und hieß mich davon essen. Als auch dies geschehen war, befahl sie einigen Sklavinnen, Wein und Trinkgefäße herbeizuschaffen, sowie auch allerlei feines Räucherwerk. Ein Mädchen wie der Mond schenkte uns ein, und ich und die Dame tranken so lange beim Klang des Saitenspiels, bis wir berauscht waren. Dies alles geschah, o Emir, und ich glaubte immer nur zu träumen. Auf ihren Wink entfernten sich dann die Sklavinnen; sie umarmte mich und drückte mich an ihren Busen, und ich sog den feinsten Moschusduft aus ihren Lippen und glaubte nicht anders, als entweder ich sei im Paradies, oder ich träume. Des Morgens fragte sie mich nach meiner Wohnung, gab mir ein goldgesticktes Taschentuch, in welches etwas eingebunden war, und sagte mir: »Geh' damit ins Bad.« Ich ging freudig fort und dachte: Ist Geld in diesem Tuch, so kann ich dafür zu Mittag essen; doch ging ich so ungern von ihr fort, als hätte ich das Paradies verlassen müssen, und begab mich in meine Wohnung, öffnete das Tuch, welches sie mir geschenkt hatte, und fand fünfzig Goldstücke darin, die ich sogleich eingrub. Nach Mittag, als ich in Gedanken vertieft vor meiner Tür saß, kam auf einmal eine Sklavin zu mir und sagte: »Meine Gebieterin verlangt nach dir.« Ich folgte der Sklavin bis zur Tür ihres Hauses, bat um Erlaubnis, hineinzutreten, und küßte die Erde vor der Dame. Sie hieß mich wieder sitzen, ließ Speisen und Wein bringen, und ich brachte wieder diese Nacht wie die vorhergehende bei ihr zu. Des Morgens schenkte sie mir wieder ein Tuch, in welches fünfzig Goldstücke eingebunden waren, mit denen ich wieder in meine Wohnung ging, wo ich sie eingrub. So ging es acht Tage lang, ich wurde jeden Nachmittag geholt und blieb bis morgens bei meiner Dame. Aber am achten Tag, als ich bei ihr war, kam auf einmal eine Sklavin herbeigelaufen, die mich schnell in ein Nebenzimmer hineinstieß. Dieses Zimmerchen hatte ein Fenster, das auf die Straße ging; ich hörte Geräusch von Dienern und Pferdtritten, und ich sah vom Fenster aus einen jungen Mann wie der Vollmond, von vielen Mamelucken begleitet, der vor der Haustüre abstieg, dann in den Saal trat, vor der Dame sich verbeugte und ihre Hand küßte. Sie schwieg lange, und es kostete ihm viele Mühe und Demütigung, bis sie sich mit ihm versöhnte und einwilligte, die Nacht bei ihm zuzubringen. Des Morgens, als er wieder mit seinen Leuten ausgeritten war, kam die Dame zu mir und fragte mich: »Hast du gesehen?« Ich antwortete: »Jawohl.« Nun sagte sie: »Dieser Mann ist mein Gatte; ich will dir erzählen, was zwischen uns vorgefallen. Eines Tages waren wir beisammen im Garten neben unserem Haus. Auf einmal stand er von meiner Seite auf und blieb sehr lange weg. Da folgte ich unbemerkt, um nach ihm zu sehen; als ich an der Küche vorüberkam, fragte ich eine meiner Sklavinnen nach ihm; sie zeigte mir ein kleines Kabinett; hier fand ich ihn in den Armen einer Sklavin. Als ich dies sah, schwor ich einen heiligen Eid, auch einen Mann von der niedersten Klasse zu umarmen. Ich durchzog daher drei Tage lang alle Straßen der Stadt, um einen solchen Mann zu finden; erst am vierten Tag begegnete ich dir, und fand dich so erbärmlich und schmutzig, daß ich meinen Eunuchen befahl, dich mitzunehmen. Was nun zwischen uns geschehen ist, war Gottes Beschluß. Nun ist mein Eid gelöst, und ich werde dich nicht eher wieder rufen lassen, bis mein Mann sich wieder einer Sklavin nähert und mir untreu wird.« Hierauf entließ sie mich, nachdem ich vierhundert Goldstücke aus ihrem Haus fortgetragen, von denen ich schon einen großen Teil ausgegeben. Darum kam ich hierher und betete zu Gott, der Mann möchte doch seine Sklavin wieder besuchen, damit ich seine Gattin wiedersehe.« Als der Emir der Pilger diese Geschichte hörte, ließ er den Angeklagten frei und erklärte ihn für unschuldig in Gegenwart aller seiner Ankläger. Geschichte des Arabers mit den Bohnen. Unter anderem wird auch erzählt: Als Harun Arraschid den Barmekiden Djafar hängen ließ, befahl er, daß wer ihn betrauere und beweine, auch gehängt werden sollte, so daß es natürlich ein jeder unterließ. Eines Tages kam ein Araber aus entfernter Wüste, der jedes Jahr Djafar ein Gedicht überreichte, für welches er tausend Dinare erhielt, womit er und seine Familie das ganze Jahr lebte. Sobald er hörte, daß Djafar gehängt worden, ging er auf den Hinrichtungsplatz, ließ dort sein Kamel niederknieen, seufzte und weinte laut und rezitierte sein Gedicht; dann schlief er ein und sah Djafar im Traum, der ihm sagte: »Du hast meinetwillen diese mühsame Reise unternommen und findest mich nun, wie du siehst; doch geh nach Baßrah, frage nach dem Kaufmann N. N. und sage ihm, Djafar der Barmekide läßt ihn grüßen und bei den Bohnen beschwören, dir tausend Dinare zu geben.« Der Araber machte sich sogleich auf den Weg nach Baßrah, suchte den Kaufmann auf und trug ihm Djafars Bitte vor. Der Kaufmann weinte so heftig, daß er beinahe sein Leben aufgab, nahm den Araber mit Auszeichnung auf, bewirtete ihn drei Tage lang und gab ihm am vierten Tage fünfzehnhundert Dinare, indem er ihm sagte: »Du erhältst tausend Dinare nach Djafars Befehl und fünfhundert als Geschenk von mir.« Auch hieß er ihn jedes Jahr wiederkehren, um tausend Dinare in Empfang zu nehmen. Der Araber beschwor den Kaufmann, er möchte ihm doch sagen, was Djafar mit den Bohnen meinte. Da sagte der Kaufmann: »Ich war früher ein armer Bohnenhändler. Einst ging ich an einem kalten Tag auf dem Markt mit Bohnen umher; meine Kleidung war so schlecht, daß sie mich weder gegen die Kälte, noch gegen den Regen schützte. Ich zitterte vor Frost und fiel einige Male auf den nassen Boden. Dies bemerkte Djafar und bemitleidete meinen schauerlichen Zustand, ließ mich zu sich rufen und sagte mir: »Verkaufe meinem Gefolge diese Bohnen.« Ich holte mein Maß herbei, und so wie ich die Bohnen hergab, füllte Djafar mein Maß mit Gold, bis ich statt meiner Bohnen ein großes Bündel Gold hatte. Zuletzt fragte Djafar: »Hast du nichts mehr?« Ich suchte im Korb und fand nur noch eine Bohne. Djafar nahm sie, teilte sie in zwei Hälften, ging damit in seinen Harem und sagte: »Wer will diese halbe Bohne kaufen?« Eine seiner Frauen sagte: »Ich, für das Bündel Gold, das der Mann trägt.« – »Nun«, sagte Djafar, »ich behalte die andere Hälfte für den doppelten Preis.« Ich glaubte, es sei nur Scherz, aber ein Diener brachte das Gold herbei und legte es in meinen Korb. So hat mich Gott, gepriesen sei sein Name, durch Djafar reich gemacht, und wenn ich dir jedes Jahr tausend Dinare gebe, so ist dies nur eine geringe Vergeltung für seine Wohltaten gegen mich.« Der wunderbare Reisesack. Man erzählt ferner: Als der Kalif Harun Arraschid eines Nachts sehr übel gelaunt und mißmutig war, ließ er seinen Vezier Djafar rufen und sagte ihm: »Ich bin sehr verstimmt und fühle meine Brust so beengt, suche doch auf irgend eine Weise mir Zerstreuung zu verschaffen.« Djafar sagte: »O Fürst der Gläubigen! Ich habe einen Freund, der Ali der Perser heißt, der weiß sehr viele Märchen und Geschichten.« – »So hole ihn gleich her«, sagte der Kalif. Djafar schickte sogleich jemanden, um Ali zu rufen. Er kam bald und grüßte den Kalifen. Dieser hieß ihn sitzen und sagte ihm: »Meine Brust ist diesen Abend so beklommen, daß ich dich rufen ließ, weil ich hörte, du wissest so viele Märchen und Anekdoten; erzähle mir nun etwas, das meinen Gram und meine düsteren Gedanken verscheuche.« Ali erwiderte: »Was wünschest du, o Fürst der Gläubigen, zu hören, um dich aufzuheitern? Soll ich etwas erzählen, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen, oder etwas, das ich mit meinen Ohren gehört?« Der Kalif antwortete: »Erzähle mir etwas, das du selbst gesehen.« Da begann Ali: Wisse, o Fürst der Gläubigen! Ich reiste einst mit einem Jungen von Bagdad, meiner Vaterstadt, weg und hatte einen sehr hübschen Reisesack bei mir. Während ich kaufte und verkaufte, kam ein wilder Kurde auf mich zu, nahm mir meinen Reisesack weg und sagte: »Dieser Sack mit allem, was darin ist, gehört mir.« Ich war ganz außer mir und rief alle umstehenden Leute um Hilfe. Die Leute sagten: »Geht miteinander zum Kadhi.« Wir gingen zum Kadhi und sagten ihm: »Wir haben eine Streitsache.« – »Wer ist der Kläger?« fragte der Kadhi. Der Kurde näherte sich ihm und sagte: »Gott stärke unsern Herrn, den Kadhi! Ich habe diesen Sack mit allem, was darin ist, verloren und eben wieder in der Hand dieses Mannes gefunden.« – »Wann hast du ihn verloren?« fragte ihn der Kadhi. Der Kurde antwortete: »Erst gestern.« – »Wenn du den Sack kennst«, versetzte der Kadhi, »so sage mir, was darin ist.« Der Kurde antwortete: »Im Sack sind zwei silberne Spiegelchen, Kohel für das Auge, ein Tuch für die Hände, zwei Leuchter, zwei Schüsseln und zwei Löffel, ein Kissen, zwei Matten, zwei Waschbecken mit Kannen, ein Topf, ein Kamm, zwei Hündchen, eine Kuh, zwei Kälber, zwei Schafe, eine Ziege, zwei Lämmer, zwei weiße Katzen, ein männliches und zwei weibliche Kamele, ein Büffelochs, zwei Stiere, eine Löwin, zwei Löwen, ein Wolf, zwei Füchse, zwei Divane und zwei Säle und eine Küche mit zwei Türen, und viele Kurden, die bezeugen, daß dieser Sack mir gehört.« Als der Kurde vollendet hatte, fragte mich der Kadhi: »Was sagst du dazu, Ali?« Ich näherte mich ihm, erstaunt über die Rede des Kurden, und sagte: »Gott verherrliche unseren Kadhi! In meinem Sack ist ein zerfallenes Häuschen mit einem Hundeställchen, ferner eine Schule für Knaben, dann viele Soldaten mit ihren Zelten, die Städte Kahirah und Bagdad und das Schloß Schadads, ein Fischernetz, ein Stock, mehrere Pfeiler und viele Mädchen und Knaben, und tausend Meister, welche bezeugen, daß dieser Sack mein Sack ist.« Als der Kurde dies hörte, sagte er weinend und schluchzend: »O mein Herr Kadhi, der Sack gehört mir, ich weiß alles, was darin ist. Du findest darin Schlösser und Zitadellen, Städte und Dörfer, Bären und Löwen und allerlei wilde Tiere; ferner eine Stute und zwei junge Hengste, zwei lange Lanzen und zwei Hasen, eine alte Frau und zwei Freudenmädchen, zwei Obersten und zwei Gaukler, und einen Blinden und einen Lahmen, einen Pfaffen und zwei Kirchendiener, und einen Patriarchen, einen Kadhi und zwei Zeugen, welche bezeugen, daß der Sack mir gehört.« Nun war ich außer mir vor Zorn und Ärger, ich ging auf den Kadhi zu und sagte: »Gott stärke unsern Herrn, den Kadhi! In meinem Sack ist ein Zeughaus, mit allerlei Waffen und Kriegsmaterialien gefüllt, Weinberge, Gärten mit Feigen- und Apfelbäumen, allerlei Weingefäße mit Dienern und Freunden und Gesellschaften, Musiker mit allerlei Instrumenten und Sänger und Sängerinnen, Kinder mit ihren Ammen, zwei abessinische Sklavinnen, drei Indianerinnen, vier Medinenserinnen, fünf Griechinnen, sechs Türkinnen, sieben Perserinnen, acht Kurdinnen, und neun Ägypterinnen; im Sack waren der Euphrat und der Tigris mit Fischen und Fischernetzen und Feuerzeug, tausend Pferde, mehrere Badehäuser, viele Städte und Länder mit allen ihren Beamten und Handwerkern, Kufa und Anbar, zwanzig Kisten voll Weißzeug und Kleider, und einige Magazine mit allerlei Mundvorrat gefüllt, Gaza, Askalon, die ganze Strecke von Damiet bis Assuan, der Palast des Chosrocs, Vaters des Nuschirwan, das ganze Reich Salomons, Chorasan, Balch und Ispahan, alle Länder, die zwischen Indien und Nubien liegen.« Der Kadhi, ganz betäubt von dem Aufzählen aller dieser Gegenstände, sagte: »Ihr seid gewiß zwei abtrünnige Ketzer, die mit einem frommen Kadhi ihren Spaß haben wollen; hat man jemals gehört, daß ein Reisesack alles das enthalte, was ihr beschrieben? Das ist ein bodenloses Meer!« Der Kadhi ließ dann den Sack öffnen; man fand darin ein wenig Brot, eine Zitrone, ein wenig Käse und ein paar Oliven; ich warf den Sack dem Kurden zu und ging fort. Den Kalifen ergötzte diese Geschichte so sehr, daß er vor Lachen auf den Rücken fiel und den Perser Ali reichlich beschenkte. Gott ist allwissend! Der freigebige Hund. Einst war ein armer Mann so sehr von seinen Gläubigern gedrängt, daß er seine Familie und seine Heimat verlassen und in fremden Ländern bettelnd umherziehen mußte. Hungrig und müde, im zerknirschtesten Seelenzustand, erreichte er eine große, prachtvolle Stadt, von hohen Mauern umgeben. Auf einem großen Platz sah er einige vornehme Leute in ein Haus gehen, das einem königlichen Palast glich, und folgte ihnen in einen Saal, wo ein Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen in dessen oberem Ende saß, der gleich einem Vezier von vielen Dienern und Sklaven umgeben war. Der Mann stand vor seinen Gästen auf und hieß sie willkommen. Der Arme aber trat erschrocken zurück, als er diese vielen Diener und andere Pracht und Herrlichkeit sah, und setzte sich aus Furcht in einen Winkel, wo ihn niemand sehen konnte. Als er so dasaß, kam ein Diener mit vier Jagdhunden, die mit kostbarem Seidenstoffe bedeckt waren und goldene Ketten mit silbernen Schellen am Hals hatten, und band jeden derselben in einer Ecke an. Dann ging er weg und kam nach einer Weile wieder mit goldenen Schüsseln, voll von den herrlichsten Speisen, stellte jedem Hund eine solche Schüssel vor und entfernte sich wieder, Der Arme war so sehr von Hunger geplagt, daß er mit Lüsternheit nach den Speisen der Hunde sah, und gern hätte er mit einem derselben gegessen, wenn er sich nicht gefürchtet hätte. Einer dieser Hunde bemerkte dies durch eine göttliche Eingebung, entfernte sich von seiner Schüssel und winkte dem Armen zu, er möchte sich nähern. Der Arme trat herbei und aß, bis er satt war, dann wollte er wieder gehen; aber der Hund gab ihm durch Zeichen zu verstehen, er möge die Schüssel mit allem, was darin ist, nehmen, ja, er schob sie sogar mit der Tatze vor ihn hin. Der Arme nahm sie, ging damit fort und niemand folgte ihm. Der Arme reiste dann in eine andere Stadt, verkaufte die goldene Schüssel, kaufte Waren dafür und kehrte damit in seine Heimat zurück, verkaufte sie wieder, bezahlte seine Schulden und hatte nun so viel Glück, daß er sehr bald ein reicher Mann wurde. Da dachte er: Ich muß doch noch einmal in jene Stadt reisen, aus der ich die goldene Schüssel genommen, und dem Eigentümer derselben ein schönes Geschenk machen für die Freigebigkeit, die einer seiner Hunde gegen mich ausgeübt, und ihm auch den Wert der Schüssel wieder ersetzen. Er machte sich bald auf die Reise nach jener Stadt; als er aber das Haus suchte, in welchem er die Schüssel gefunden, sah er an dessen Stelle einen Steinhaufen, auf dem Raben krächzten. Die Wohnungen waren verödet und alles hatte ein Ansehen der Verwüstung. Er ließ sich betrübt nieder und dachte nach über den Wechsel der Zeit und des Geschicks. Als er umherblickte, sah er einen armen Mann in einem Grausen erregenden Zustand, der Felsen Erbarmen einflößte; er fragte ihn: »Wie ist das Schicksal gegen den Eigentümer dieses Hauses verfahren? Wo sind die leuchtenden Monde und Sterne ? Wo ist das schöne Gebäude hingekommen, von dem nur noch einige Ruinen übrig sind?« Der Arme antwortete, aus einem betrübten Herzen seufzend: »Ein jeder beherzige, was der Gesandte Gottes gesagt: Gott hat das Recht, jeden, den er erhoben, auch wieder zu erniedrigen. Frage nicht warum und wieso; denn wer kann über die Launen des Schicksals sich wundem? Wisse, ich war der Eigentümer dieses Hauses, ich habe es erbauen lassen und mir gehörte es mit allem, was darin war. Aber die Zeit hat sich geändert: Ich habe mein ganzes Vermögen verloren, und befinde mich nun, ohne selbst zu wissen warum, in diesem erbärmlichen Zustand.« Auf die Frage des Verarmten, was ihn herführe, erzählte ihm der wieder reich gewordene seine Geschichte mit dem Hund und sagte ihm: Er sei gekommen, um ihm den Wert der goldenen Schüssel zurückzuerstatten, die ihm aus der Not geholfen und um ihm ein ansehnliches Geschenk zu bringen. Aber der Arme schüttelte mit dem Kopf und sagte weinend und schluchzend: »Ich glaube, du hast den Verstand verloren, lieber will ich den größten Mangel dulden, als zurücknehmen, was einer meiner Hunde verschenkt hat. Nimmermehr! Reise wieder hin, wo du hergekommen, ich werde nicht den Wert eines Nagelabschnitts vor dir annehmen.« Der Reiche küßte ihm Hände und Füße, dankte ihm, nahm Abschied und reiste in seine Heimat zurück. Der gewandte Dieb. Man erzählt auch: Der Polizeipräfekt von Alexandrien wurde einst von einem Soldaten besucht, der ihm sagte: »Wisse, o Herr, ich bin diese Nacht in die Stadt gekommen und in dem Chan N. N. abgestiegen. Als ich des Morgens erwachte, fand ich meinen Reisesack zerrissen und einen Geldbeutel mit tausend Dinaren daraus gestohlen.« Der Polizeipräfekt schickte sogleich nach dem Aufseher und ließ alle Bewohner des Chans zu sich rufen, und schon wurden die Torturinstrumente herbeigeholt, um die Leute zu züchtigen. Da drang auf einmal ein Mann durch die Volksmasse, ging auf den Präfekten zu und sagte: »O Emir, lasse diese Leute frei, sie sind unschuldig, ich habe das Geld dieses Soldaten gestohlen, hier ist sein Beutel.« Bei diesen Worten zog er ihn aus seinem Ärmel und legte ihn vor den Präfekten. Dieser sagte zum Soldaten: »Nimm dein Geld und lasse diese Leute in Frieden.« Als der Dieb hierauf von allen Anwesenden gelobt und bewundert wurde, sagte er zum Präfekten: »Das war keine große Kunst, diesen Beutel selbst wieder herzubringen, die, ihn nochmals zu stehlen, ist viel größer.« – Der Präfekt fragte: »Wie hast du es denn (zum erstenmal) angefangen?« Der Dieb antwortete: »Als ich in Kahirah auf dem Bazar der Geldwechsler stand, sah ich, wie dieser Soldat sein Gold einwechselte und in den Beutel legte; ich folgte ihm von Straße zu Straße, konnte aber keine Gelegenheit finden, ihn zu bestehlen; als er dann von Kahirah abreiste, folgte ich ihm von einem Ort zum anderen, bis er endlich hierher kam; da ließ ich mich in demselben Chan neben ihm nieder und wartete, bis er schlief. Als ich ihn laut schnarchen hörte, näherte ich mich ihm leise, schnitt den Sack mit einem Messer auf und nahm so den Beutel heraus.« Während er dies sagte, nahm er wirklich in Gegenwart des Präfekten dem Soldaten den Beutel weg und lief fort. Die Leute glaubten, er wolle ihnen nur zeigen, wie er es gemacht, er aber warf sich schnell in einen Teich, und ehe die Kawas sich entkleideten, um ihn zu verfolgen, war er schon in einer der vielen aneinander stoßenden Straßen Alexandriens verschwunden. Der Präfekt sagte zum Soldaten: »Nun bist du um dein Geld, den Leuten hier kannst du nichts anhaben, denn durch Gottes Gnade ist ihre Unschuld bewiesen.« Die drei Polizeipräfekten. Ferner wird erzählt: Der König Naßir ließ einst den Polizeipräfekten von Neu- und Alt-Kahirah und den von Bulak zu sich rufen und sagte ihnen: »Ich wünschte von jedem von euch zu vernehmen, was ihm am wunderbarsten in der Verwaltung seines Amtes vorgekommen.« Da sprach der Polizeipräfekt von Kahirah: »Wisse, o Herr, es waren in meiner Stadt zwei Gerichtszeugen, die über Leben und Tod Zeugnis abzulegen hatten, und von denen ich wußte, daß sie den Weibern, dem Trunk und anderen Schlechtigkeiten nachhingen, und doch konnte ich kein Mittel finden, sie zu ertappen und zu bestrafen; ich gab allen Weinhändlern, Früchtehändlern, Wachskerzenverkäufern und Eigentümern verworfener Häuser den Auftrag, mich zu benachrichtigen, wenn diese Leute bei ihnen einkehrten, um etwas zu kaufen, was man zu Saufgelagen braucht oder sonstige Schlechtigkeit zu begehen. Endlich kamen eines Nachts Leute zu mir, die mir sagten: »Die Gerichtszeugen sind da und da, und geben sich sündhaften Genüssen hin.« Ich machte mich auf und ging ganz allein an das Haus, das mir bezeichnet wurde, und klopfte an der Türe. Eine Sklavin öffnete mir und fragte, wer ich sei? Aber ich antwortete nicht, sondern ging gerade ins Haus und fand den Hausherrn und die beiden Gerichtszeugen beim Wein und neben Freudenmädchen sitzend. Als sie mich sahen, standen sie auf, erwiesen mir viel Ehre, hießen mich obenan sitzen und sagten ganz ohne Scheu: »Sei uns willkommen, edler Gast!« Dann stand der Hausherr auf, blieb eine Weile weg und kam wieder mit einem Beutel, worin dreihundert Dinare waren, und sagte: »Wisse, o Emir! Du kannst uns freilich entehren und strafen, doch was gewinnst du dabei? Du machst dir nur viele Mühe umsonst, nimm lieber dieses Geld und verschone uns, Gott heißt ja auch der Bedeckende, er liebt es, daß die Menschen Fehler bedecken, und er wird dich für deine Gnade belohnen.« Ich dachte bei mir: Ich will dieses Geld nehmen und ihnen diesmal noch verzeihen. So nahm ich denn das Geld und ging fort, ohne von jemandem bemerkt worden zu sein. Auf einmal kam am anderen Tag der Diener des Kadhi und sagte, »Der Kadhi läßt dich bitten, zu ihm zu kommen.« Als ich zum Kadhi kam, sah ich die zwei Gerichtszeugen und den Hausherrn, der mir die dreihundert Dinare gegeben. Dieser klagte mich beim Kadhi an, ich sei ihm dreihundert Dinare schuldig, und da ich es wegen der Zeugen nicht leugnen konnte, mußte ich die dreihundert Dinare wieder herausgeben und zu spät bereute ich es, sie geschont zu haben, beschloß aber, ihnen in Zukunft so viel wie möglich zu schaden. Das ist das Sonderbarste, das mir begegnete. – Das Sonderbarste, was mir, o Herr, in meinem Amte vorgekommen ist, sprach dann der Polizeipräfekt von Bulak, ist folgendes: Ich war einst dreitausend Dinare schuldig und wußte nicht, wie sie heimzahlen: Ich verkaufte alles, was ich hatte, konnte aber nicht mehr als tausend Dinare zusammenbringen. Als ich so des Nachts in düstere Gedanken vertieft dasaß, klopfte es an der Türe. Ich sagte einem Diener, er möge doch sehen, wer an der Tür ist, er ging und kam ganz blaß und zitternd zurück und sagte: »An der Tür steht ein halbnackter Mann, nur mit einer Haut bedeckt; er hat ein Schwert in der Hand und ein Messer im Gürtel; ihn begleiteten einige Leute, die ebenso aussehen, wie er, und er wünscht dich zu sprechen.« Ich ergriff das Schwert, ging vor die Tür und sah Männer, wie sie mir der Diener beschrieben hatte. Ich fragte sie, wer sie wären; sie antworteten: »Wir sind Diebe, haben heute Nacht eine große Beute erlangt, die wir nun zu deiner Verfügung stellen, damit du dir aus deiner Verlegenheit helfen mögest und deine Schulden damit bezahlest.« Ich fragte dann: »Wo ist denn das Geraubte?« Da brachten sie eine große Kiste voll von goldenen und silbernen Gefäßen. Ich freute mich sehr und dachte, damit kann ich meine Schulden bezahlen und es bleibt mir noch ebensoviel übrig. Als ich die Kiste ins Haus gebracht, dachte ich, das wäre doch unedel von mir, wenn ich sie so leer abziehen ließe, ich holte daher die tausend Dinare, die ich hatte, und schenkte sie ihnen. Sie nahmen das Geld und gingen fort, ohne daß jemand etwas von dem ganzen Vorfall erfuhr. Als ich aber am folgenden Morgen die Kiste näher untersuchte, fand ich nichts, als kupfernes und zinnernes, übersilbertes und vergoldetes Geschirr, das zusammen nicht fünfhundert Drachmen wert war; so kam ich um meine tausend Dinare und befand mich in einer noch traurigeren Lage, als zuvor; das ist das Sonderbarste, was mir während der Verwaltung meines Amtes widerfahren. – Sodann erhob sich der Polizeipräfekt von Alt-Kahirah und sprach: Das Sonderbarste, das mir während der Verwaltung meines Amtes zugestoßen, ist folgendes: Einst ließ ich zehn Diebe hängen, jeden auf einem besondern Galgen, und befahl den Wächtern, acht zu geben, daß sie nicht gestohlen werden. Als ich aber des anderen Morgens kam, um nach den Dieben zu sehen, fand ich zwei an einem Galgen hängen; ich fragte die Wächter, wer dies getan und wo der Galgen hingekommen, auf dem der eine gehängt worden. Die Wächter wollten nichts gestehen, bis ich ihnen mit Prügeln drohte, da sagten sie: »O Emir wisse, wir sind gestern Nacht eingeschlafen, und als wir erwachten, vermißten wir einen der Gehängten samt seinem Galgen, da fürchteten wir uns vor dir und ergriffen einen Bauern, der eben auf einem Esel zu uns geritten kam, und hängten ihn statt des Diebes, der uns gestohlen worden.« Ich fragte sie: »Was habt ihr bei dem Bauern gefunden?« Sie antworteten: »Einen Esel mit einem Quersack beladen.« – »Und was darin?« – »Das wissen wir nicht.« Da ließ ich den Quersack holen, und als ich ihn öffnete, fand ich darin die zerschnittene Leiche eines Ermordeten; da dachte ich bei mir selbst höchst erstaunt: Gepriesen sei Gott! Gewiß hat der Bauer durch seine Mordtat verdient, gehängt zu werden. Der Herr läßt seinen Geschöpfen kein Unrecht widerfahren. Der zweimal bestohlene Geldwechsler. Ferner wird erzählt: Ein Geldwechsler, der einen Beutel mit Gold bei sich hatte, ging einst vor einer Bande Spitzbuben vorüber; da sagte einer von ihnen: »Wenn ich will, so ist dieser Beutel mein.« Sie fragten: »Wieso?« Er antwortete: »Ihr sollt es bald sehen.« Er folgte dem Geldwechsler, welcher, in seinem Haus angelangt, den Beutel auf eine Bank warf und in den Hof ging. Er rief dann seiner Sklavin, sie möchte ihm das Waschbecken bringen; sie ging mit dem Waschbecken in den Hof und ließ die Tür des Zimmers, in welchem der Beutel war, offen. Der Dieb benutzte diesen Augenblick, stahl den Beutel, ging damit zu seinen Freunden und erzählte ihnen den Erfolg seiner Unternehmung. Da sagten ihm seine Freunde: »Wahrlich, was du hier getan, kann jedermann tun, doch wenn jetzt der Geldwechsler aus dem Hof kommt und seinen Beutel nicht findet, wird er die Sklavin dafür bestrafen; wahrlich, du hast nichts Lobenswertes vollbracht; bist du ein geschickter Dieb, so mußt du dafür sorgen, daß die Sklavin nicht geschlagen werde.« Er sagte: »Gut, das will ich.« Der Dieb ging sogleich in das Haus des Geldwechslers zurück, und er hörte vor der Tür, wie dieser seine Sklavin wegen des Beutels bestrafte. Er klopfte an der Tür, und als der Geldwechsler ihn fragte, wer er sei, sagte er: »Ich bin der Diener deines Nachbarn auf dem Bazar, der dich grüßen und dich fragen läßt, warum du auf einmal so leichtsinnig geworden, daß du deinen Beutel vor die Tür deines Ladens hinwirfst und fortgehst, so daß, wenn ihn ein Fremder genommen hätte, er für dich auf immer verloren geblieben wäre.« Er zog bei diesen Worten den Beutel heraus und zeigte ihn dem Geldwechsler. Dieser sagte: »Bei Gott, wahr, hier ist mein Beutel!« Und er streckte seine Hand danach aus, um ihn zu nehmen. Aber der Spitzbube sagte: »Bei Gott, ich gebe dir ihn nicht, bis du mir einen Empfangsschein schreibst und dein Siegel darauf drückst, damit ich meinen Herrn überzeugen kann, daß ich ihn dir überliefert.« Der Geldwechsler ging in sein Kabinett, um ihm den verlangten Schein zu schreiben; aber unterdessen lief der Dieb mit dem Beutel davon und die Sklavin hatte keine Strafe mehr zu befürchten. Der fromme Israelit. Ferner wird erzählt: Einst lebte ein frommer Mann unter den Söhnen Israels, der stets Gott anbetete und dessen Familie sich von ihrer Hände Arbeit ernährte. Er verkaufte nämlich jeden Tag die gesponnene Baumwolle und kaufte dafür rohe ein, und lebte so von dem Gewinn mit seiner Familie. Eines Tages, als er die Baumwolle verkaufte, traf er einen Freund, der in solcher Not war, daß er ihm das eben gelöste Geld schenkte und zu seiner Familie ohne rohe Baumwolle und ohne Lebensmittel zurückkehren mußte. Als er seiner Familie erzählte, daß er all sein Geld einem unglücklichen Freund geschenkt, fragten sie: »Was fangen wir nun an?« Da nahm der Mann einen alten Wasserkrug und eine alte Mütze, die er noch im Haus hatte, und ging damit auf den Markt, aber niemand wollte sie kaufen. Endlich ging ein Mann mit einem übelriechenden Fisch vorüber und sagte ihm: »Willst du mir deine ungangbare Ware für die meinige geben?« Der Israelit willigte ein, gab ihm den Wasserkrug und die Mütze, und ging mit dem Fisch zu seiner Frau und sagte: »Brate diesen Fisch, daß wir doch einstweilen nicht hungern, bis uns Gott das weitere beschert.« Da spaltete die Frau den Fisch, und siehe da, es war eine Perle darin, die nicht durchlöchert war. Am folgenden Morgen ging der Israelit damit zu einem sachverständigen Freund, um sie ihm zu zeigen. Dieser fragte den Israeliten, woher er diese Perle habe. Er antwortete: »Gott hat sie mir beschert.« – »Nun«, sagte der Freund, »sie ist tausend Drachmen wert, die ich dir gern dafür geben will; doch geh lieber damit zu N. N., der reicher ist als ich.« Der Israelit ging damit zu dem bezeichneten Mann und dieser sagte: »Sie ist 70.000 Drachmen wert, mehr nicht.« Der Israelit ließ sich das Geld geben und rief zwei Lastträger, die es ihm bis zur Tür seiner Wohnung trugen. Als er hier anlangte, kam ein Bettler und sagte: »Gib mir auch etwas von dem Geld, das dir Gott beschert!« Der Israelit antwortete: »Gestern war ich ebenso arm, als du, nimm daher die Hälfte dieses Geldes.« Nachdem nun der Israelit das Geld in zwei Teile geteilt hatte und dem Bettler die eine Hälfte übergeben wollte, sagte dieser: »Behalte dein Geld, Gott segne dich! Ich bin ein Abgesandter deines Herrn, hierher beschieden, um dich zu versuchen.« Der Israelit sagte: »Gott sei gelobt und gepriesen«, und lebte dann mit seiner Familie im größten Wohlstand bis zu seinem Tod. Abul Hasan und der Kalif Mamun. Man erzählt auch: Abu Hasan war einst in sehr großer Not, er wurde von Bäckern, Gemüsehändlern und allen Handwerkern gedrängt, und wußte sich gar nicht zu helfen. Da kam, als er über seine Armut nachdenkend in seinem Haus saß, sein Diener herein und sagte ihm: »Es steht ein Pilger vor der Tür, der zu dir hereinzukommen wünscht.« Abu Hasan ließ ihn hereinkommen. Der Pilger, ein Mann aus Chorasan, trat herein und grüßte Abu Hasan, der ihm seinen Gruß erwiderte. Dann fragte er ihn. »Bist du Abu Hasan?« – »Der bin ich, was begehrst du von mir?« – »Ich bin hier fremd und bin auf der Pilgerfahrt nach dem heiligen Haus Gottes; ich habe zehntausend Drachmen bei mir, die ich nicht gerne nachschleppen möchte, ich wünsche daher, mein Geld dir aufzubewahren zu geben, bis ich von der Pilgerfahrt zurückkehre. Kommt später die Pilgerkarawane zurück und ich bin nicht dabei, so kannst du mich als gestorben betrachten und das Geld als ein Geschenk von mir behalten.« – Ich sagte, so erzählt Abu Hasan: »Es sei so, mit Gottes Willen.« Da zog der Fremde einen großen Geldsack heraus, ich ließ mir von meinem Diener die Waage bringen, und als der Pilger das Geld gewogen hatte, übergab er es mir und ging fort. Sobald der Pilger fort war, ließ ich meine Gläubiger kommen und bezahlte meine Schulden, denn ich dachte: Gott wird mir schon helfen, bis der Pilger von Mekka zurückkehrt. Aber am anderen Tage kam auf einmal der Diener und meldete mir den Pilger von Chorasan, der einen Tag vorher bei mir war. Ich ließ ihn bitten, hereinzukommen, und als er bei mir war, sagte er: »Ich hatte beschlossen, nach Mekka zu wallfahren, nun erhielt ich aber Nachricht, daß mein Vater gestorben ist, so daß ich nach meiner Heimat zurückreisen muß; gib mir daher das Geld, das ich dir aufzubewahren gegeben, wieder.« Da kam ich in die allergrößte Verlegenheit, in der sich je irgend einer befand; ich wußte nicht, was ich antworten sollte: Leugnete ich, das Geld empfangen zu haben, so hätte er mich schwören lassen, und es wäre um meine Ehre in jener Welt geschehen gewesen; gestand ich die Wahrheit, so hätte er mich hier zuschanden gemacht. Endlich sagte ich ihm: »Mein Haus ist nicht dazu eingerichtet, Geld zu verwahren, ich habe daher dein Geld einem Freund gebracht, bei dem es besser verschlossen werden kann; komme also morgen wieder, ich will es inzwischen von ihm holen lassen.« Der Pilger ging fort, und ich war in der größten Verzweiflung und konnte die ganze Nacht vor Angst wegen der Wiederkehr des Pilgers kein Auge schließen. Da ich keine Ruhe zu Hause fand, hieß ich mitten in der Nacht meinen Diener den Maulesel satteln. Er sagte mir, ich könne noch nicht ausreiten, der Morgen sei noch fern. Ich ging wieder zu Bett, konnte aber nicht schlafen und weckte dreimal den Diener, der mir immer sagte: Es sei noch zu früh, bis endlich der Morgenstern leuchtete; da ritt ich aus, ohne zu wissen wohin, und ließ dem Maulesel den Zaum frei, so daß er hingehen konnte, wo er wollte. Er trug mich in den östlichen Teil der Stadt Bagdad; ich begegnete einigen Leuten, wollte ihnen ausweichen und einen anderen Weg einschlagen, aber als sie bemerkten, daß ich das Kostüm eines Rechtsgelehrten trug, folgten sie mir und fragten mich, ob ich wisse, wo Abu Hasan wohne. Ich sagte: »Ich bin Abu Hasan.« Als sie dies hörten, sagten sie: »Komme zum Fürsten der Gläubigen.« Ich ging mit ihnen zum Kalifen Mamun, und dieser, als er hörte, ich sei Abu Hasan, bat mich, ihm zu erzählen, was mir widerfahren. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit dem Mann aus Chorasan. Da fing er laut zu weinen an und sagte: »Wehe dir! Der Gesandte Gottes (Friede sei mit ihm!) hat mich die ganze Nacht wegen deiner nicht schlafen lassen. Sobald ich anfangs der Nacht einschlafen wollte, rief er mir zu: Hilf Abu Hasan! Da erwachte ich und wußte nicht, was ich tun sollte, weil ich dich nicht kannte. Ich schlief wieder ein, und er rief wieder: Wehe dir! hilf Abu Hasan! Ich konnte nun nicht mehr schlafen, weckte meine Leute und schickte sie nach allen Seiten umher, um dich zu holen.« Der Kalif, so fährt Abu Hasan fort, gab mir dann zehntausend Drachmen und sagte: »Diese sind für den Mann aus Chorasan.« Dann gab er mir noch andere zehntausend Drachmen und sagte: »Die sind für dich, suche damit dich wieder in Wohlstand zu versetzen.« Dann gab er mir noch 30,000 Drachmen mit den Worten: »Statte dich damit aus und erscheine bei der ersten öffentlichen Versammlung, daß ich dir ein Amt verleihe.« Ich ging mit dem Geld nach Hause, und kaum hatte ich das Morgengebet verrichtet, als der Mann aus Chorasan kam; da holte ich einen Beutel von zehntausend Drachmen herbei und sagte ihm: »Hier ist dein Geld.« Er versetzte: »Das ist nicht das Geld, das ich dir aufzubewahren gegeben.« Ich sagte: »Du hast recht«, und erzählte ihm, wie es mir gegangen. Da sagte er weinend: »Bei Gott, hättest du mir gleich die Wahrheit gestanden, ich hätte mein Geld nicht von dir zurückgefordert, und, bei Gott! Ich nehme nichts von diesem Geld und spreche dich von deiner Schuld frei.« Mit diesen Worten verließ er mich. Ich machte nun Ordnung in meinen Geschäften, und an einem Versammlungstag ging ich zu Mamun, der unter seinem Teppich hervor einen Firman holte und mir sagte: »Hier ist deine Ernennung zum Kadhi des westlichen Teils der edlen Stadt Medina, wofür du einen Gehalt von soundsoviel monatlich zu empfangen hast. Fürchte Gott, und der Gesandte des Herrn wird dir ferner beistehen.« Alle Anwesenden waren erstaunt und wußten nicht den Sinn seiner Worte zu deuten, bis ich sie ihnen erklärte. Abu Hasan starb als Kadhi der edlen Stadt Medina unter Mamun. Gottes Erbarmen sei mit ihm! Mutawakkel und Mahbubah. Unter anderem wird noch erzählt: Unter den vielen Sklavinnen des Mutawakkel – er hatte deren viertausend von allen Nationen: Griechinnen, Abessinierinnen, Araberinnen usw. – war eine aus Baßrah, die ihm Obeid Ibn Taher mit vierhundert anderen Schwarzen und Weißen zum Geschenk gemacht hatte. Sie hieß Mahbubah, war ausgezeichnet schön und liebenswürdig, hatte eine herrliche Stimme und viel Fertigkeit im Lautenspiel, schrieb sehr schön und war auch Dichterin. Mutawakkel war so für sie eingenommen, daß er sich keine Stunde von ihr trennen konnte. Als sie die starke Neigung des Kalifen zu ihr bemerkte, wurde sie kühn und aufbrausend und erzürnte einst Mutawakkel so sehr, daß er sie von sich stieß und allen Bewohnern des Schlosses verbot, mit ihr zu sprechen. Aber nach kurzer Zeit sehnte sich der Kalif wieder sehr nach ihr, und eines Morgens sagte er einem seiner Gesellschafter: »Ich habe diese Nacht geträumt, ich wäre wieder mit Mahbubah versöhnt.« Der Mann erwiderte: »Ich hoffe von dem erhabenen Gott, daß dieser Traum sich verwirkliche.« Während dieses Gesprächs kam eine Dienerin und sagte Mutawakkel etwas ins Ohr. Er stand sogleich auf und ging in seinen Harem. Die Dienerin hatte dem Kalifen nämlich gesagt: Mahbubah singe und spiele auf der Laute; ob er nicht hören wolle, was dieser Gesang zu bedeuten habe. Mutawakkel näherte sich ihrer Tür und hörte, wie sie folgende Verse sang: »Ich gehe im Schloß umher und niemand redet mich an, kein Ohr vernimmt meine Klagen, als hätte ich ein Verbrechen begangen, das keine Buße wieder gutmachen kann; o wollte doch jemand bei dem König für mich sprechen, der mich im Traum besucht und mir verziehen hat; schon leuchtet ja der Morgen wieder, und noch bin ich von ihm verstoßen.« Als Mutawakkel diese Verse hörte, war er sehr erstaunt über diese sonderbare Übereinstimmung ihrer Träume. Er ging in Mahbubahs Gemach, die sogleich aufstand, sich ihm zu Füßen warf, seine Füße küßte und ihm sagte: »Ich habe dich heute Nacht im Traum gesehen und daher beim Erwachen die Verse gedichtet, die du eben gehört.« Mutawakkel erzählte ihr auch seinen Traum, versöhnte sich mit ihr und brachte sieben Tage mit den Nächten bei ihr zu. Mahbubah liebte ihn so sehr, daß sie seinen Namen auf ihre Wangen eingrub, und als er starb, blieb sie allein von allen seinen Sklavinnen untröstlich bis zu ihrem Tod. Sie wurde neben ihm begraben. Gottes Erbarmen sei mit ihnen allen. Die Frau mit dem Bären. Ferner wird erzählt: Zur Zeit der Regierung Hakems in Ägypten lebte in Kahirah ein Metzger, Namens Wardan. Jeden Tag kam eine Frau zu ihm mit einem Dinar, der so schwer war als dritthalb gewöhnliche ägyptische Dinare, kaufte dafür Hammelfleisch und ließ es von einem Lastträger in einem Korb forttragen. Als dies lange so fortdauerte, fing Wardan an, über den regelmäßigen Besuch und das eigene Geld dieser Frau zu erstaunen. Er fragte daher einst in ihrer Abwesenheit den Träger, der jeden Tag mit ihr ging, wohin er das Fleisch trage. Der Träger antwortete: »Mir selbst ist diese Frau ganz unbegreiflich; jeden Tag belädt sie mich hier bei dir mit Fleisch, dann kauft sie verschiedene andere Speisen ein: Frische und dürre Früchte, Lichter, Wein u.s.w., und läßt mich alles in die Nähe der Gärten des Veziers tragen. Dort angelangt, bindet sie mir die Augen zu, so daß ich nicht weiß, wohin ich meinen Fuß stelle, führt mich eine Strecke weit an der Hand, dann sagt sie mir. »Lege hier ab!« Ich lege nun alles Eingekaufte in einen Korb, der ihr gehört, und sie führt mich wieder mit meinem leeren Korb an der Hand bis an die Stelle, wo sie mir die Augen zugebunden. Hier nimmt sie mir meine Augenbinde herunter und gibt mir zehn Drachmen.« Als Wardan dies hörte, sagte er: »Gott stehe dir bei! Das machte mich noch neugieriger.« Ich dachte nun (so erzählt er selbst) die ganze Nacht sehr unruhig über diese Frau nach, und als sie am folgenden Morgen wie gewöhnlich wiederkam und Fleisch kaufte und mit dem Träger wegging, überließ ich meinen Laden dem Jungen und folgte ihr, ohne von ihr bemerkt zu werden, bis zur Stadt hinaus in die Nähe der Gärten der Veziere. Ich sah, wie sie dem Träger die Augen verband, und folgte ihr dann noch heimlich gegen das Gebirge zu. Die Frau nahm nun vor einem großen Felsen dem Träger seine Last ab und leerte sie in einen Korb; ich näherte mich indessen dem Felsen und fand eine Treppe in denselben gehauen; ich stieg hinunter und kam in einen langen Gang, der sehr hell beleuchtet war: endlich fand ich eine Art Gemach mit einer Tür. Ich versteckte mich hinter der Tür des Gemachs und sah bald, wie die Frau das Fleisch zerschnitt, die besten Stücke in einen Topf legte und das übrige einem großen Bären zuwarf, der alles auffraß. Als das Fleisch im Topf gekocht war, aß sie, brachte dann Wein und Früchte, trank selbst, gab dem Bären aus einer goldenen Schüssel zu trinken und liebkoste ihn, bis sie einschliefen. Voll Ärger über das Leben dieser Frau ging ich mit einem Messer, das so scharf war, daß es Knochen noch schneller als Fleisch durchschnitt, in das Gemach und hieb dem Bären den Kopf ab. Vom Gestöhne des Tiers erwachte die Frau und schrie: »O Wardan! Ist das der Lohn des Guten, das ich dir getan?« Ich sagte ihr: »O Feindin deiner selbst! Gibt es nicht Männer genug auf der Welt, daß du in Gesellschaft eines Tieres leben mußt?« Sie beugte ihren Kopf zur Erde, antwortete nicht und richtete stets ihre Blicke auf den geschlachteten Bären. Nach einer Weile sagte sie: »Höre mich an, Wardan, und es wird dir gut gehen und du wirst reich werden für dein ganzes Leben lang; schlachte mich, wie du diesen Bären geschlachtet, nimm von meinem Schatz hier soviel du brauchst, und gehe deines Weges!« Da sagte ich ihr: »Bin ich nicht besser als dieses Tier? Warum willst du sterben? Ich will dich heiraten, und wir können zusammen von diesem Schatz leben.« – »Das kann nicht sein, Wardan«, erwiderte sie; »wie kann ich diesen Bären überleben? Bei Gott, wenn du mich nicht schlachtest, so werde ich dir nach deinem Leben trachten und du wirst dem Tod nicht entgehen!« Da zog ich sie an den Haaren herbei und schlachtete sie, und sie fuhr mit dem Fluch Gottes, der Engel und der Menschen in die Hölle. Dann sah ich mich in ihrer Wohnung um und fand eine unbeschreibliche Masse Gold und Perlen und Edelsteine. Ich nahm den Korb des Trägers, legte so viel hinein, als ich tragen konnte, deckte ihn mit einem Tuch, das ich bei mir hatte, zu, und ging in einem fort bis an das Siegestor. Da begegneten mir zehn Offiziere aus dem Palast des Kalifen Hakem, und Hakem selbst an ihrer Spitze. Er fragte mich: »Hast du den Bären und die Frau getötet?« Als ich diese Frage bejahte, sagte er: »Nimm den Korb vom Kopf, sei guten Mutes, was darin ist, gehört dir, niemand kann dich dessen berauben.« Ich legte den Korb vor ihm nieder, er deckte ihn auf, und als er sah, was darin war, fuhr er fort: »Erzähle mir, wie du es gemacht.« Als ich ihm alles erzählt hatte, sagte er: »Du hast die Wahrheit gesprochen; nun, Wardan, komme mit mir und überliefere mir den übrigen Schatz.« Ich ging mit ihm und fand die Falltüre geschlossen. Aber Hakem sagte mir: »Dieser Schatz kann auf deinen Namen geöffnet werden.« Da näherte ich mich der Falltüre, rief den Namen Gottes an, und siehe da, die Türe öffnete sich von selbst. Dann sagte Hakem: »Steige jetzt hinunter und hole heraus, was darin ist, denn dies kann nur durch dich geschehen; dieser Schatz ist für dich hier niedergelegt worden, ich habe es so in meinen Büchern geschrieben gefunden und den Augenblick erwartet, bis es eintraf.« Ich stieg hinunter und holte den Schatz herauf; Hakem ließ Lasttiere kommen, um ihn in sein Schloß zu bringen; mir aber ließ er den Korb mit allem, was darin war, und ich ging damit auf den Bazar, der später unter dem Namen Wardans-Bazar bekannt wurde. Das ist ein sonderbares und höchst merkwürdiges Ereignis. Das Liebespaar in der Schule. Man erzählt auch: Ein Jüngling war mit einer jungen Sklavin in der Schule und liebte sie so leidenschaftlich, daß er sich alle Mühe gab, sich ihr zu nähern. Eines Tages, als der Lehrer kein Auge auf seine Schüler hatte, schrieb er auf die Tafel der Sklavin folgende Verse: »Was sagst du dem, den die Liebe so ausgetrocknet, wie ein dünnes Rohr? Dessen Schmerz so heftig ist, daß er seine Liebe nicht länger mehr in seinem Herzen verbergen kann?« Als die Sklavin ihre Tafel wieder nahm und des Jünglings Verse darauf fand, weinte sie vor Mitleid über ihn und schrieb folgende Antwort: »Sehen wir einen Jüngling, in dem die Liebesflamme glüht, so sind wir ihm von Herzen gut und sagen ihm, daß seine Liebe erwidert wird und viele Freuden bringen kann.« Als sie diese Verse geschrieben hatte, trat der Lehrer wieder ins Zimmer und nahm plötzlich ihre Tafel, und als er gelesen hatte, was darauf stand, bemitleidete er die Liebenden und schrieb noch folgende Verse hinzu: »Erhöre deinen Geliebten, fürchte niemanden, habe Mitleid mit dem von Liebesgram Gepeinigten.« Nun trat zufällig der Eigentümer der Sklavin in die Schule, und nahm die Tafel seiner Sklavin und las, was darauf geschrieben stand von der Hand des Jünglings, der Sklavin und des Lehrers; da schrieb auch er folgende Verse hinzu: »Möge Gott euch nie trennen und eure Verleumder stets beschämen, auch eueren Lehrer segne ich, weil er so nachsichtsvoll und teilnehmend war.« Sodann ließ der Eigentümer der Sklavin den Kadhi und Zeugen rufen und den Ehekontrakt zwischen dem Jüngling und der Sklavin schreiben; er ließ auch eine große Mahlzeit bereiten und überhäufte sie mit Geschenken, und sie lebten miteinander in Glück und Wohlstand, bis der jeder Lust ein Ende machende Tod sie trennte. Der Eseltreiber und der Dieb. Ein leichtsinniger Eseltreiber ging einst auf der Straße und hatte den Zaum seines Esels in der Hand, den er daran nachschleppte. Zwei Diebe bemerkten dies, und einer sagte zum anderen: »Ich will diesem Mann seinen Esel entwenden.« – »Wie kannst du dies?« fragte der andere. »Folge mir nur«, erwiderte jener und ging auf den Esel zu, nahm ihm den Zaum ab, gab den Esel seinem Freund und legte den Zaum um seinen Kopf, und ging dem Eigentümer des Esels solange nach, bis sein Freund mit dem Esel fort war. Sobald er den Esel in Sicherheit wußte, blieb er stehen; der Eseltreiber zog am Zaum, aber der Dieb ging nicht weiter. Da drehte sich der Eseltreiber um, und als er den Zaum um den Kopf eines Menschen sah, fragte er ihn: »Wer bist du?« Der Dieb antwortete: »Ich bin dein Esel und habe dir eine wunderbare Geschichte zu erzählen. Wisse, ich hatte eine sehr fromme, alte Mutter; einst kam ich betrunken nach Hause, da sagte sie: Mein Sohn, es ist bald Zeit, daß du dich zu Gott bekehrest; ich nahm meinen Stock und schlug sie damit; sie verfluchte mich, und Gott verwandelte mich in einen Esel, und als solcher diene ich dir die ganze Zeit her. Heute hat nun aber meine Mutter meiner gedacht und mich bemitleidet; darum hat mir Gott meinen Verstand wiedergegeben und mir wieder die Gestalt eines Menschen verliehen.« Da sagte der Eseltreiber: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen; ich beschwöre dich bei Gott, erlasse mir meine Schuld!« Der Dieb ließ den Eseltreiber stehen und ging seines Weges, und der Bestohlene ging tief betrübt nach Hause. Da fragte ihn seine Frau: »Was ist dir zugestoßen und wo ist dein Esel?« Er antwortete: »Weißt du es noch nicht?« und erzählte ihr die Geschichte. »Wehe uns vor Gott!« rief die Frau aus; »so haben wir die ganze Zeit einen Menschen für einen Esel arbeiten lassen.« Sie flehte dann Gott um Gnade an und teilte Almosen aus. Nachdem aber der Eseltreiber einige Zeit müßig zu Hause saß, sagte ihm seine Frau: »Wie lange willst du noch so zu Hause sitzen? Geh auf den Markt, kaufe einen anderen Esel, mit dem du etwas erwerben kannst.« Er ging auf den Markt und blieb bei einem Esel stehen, um ihn zu kaufen; auf einmal erkannte er ihn als seinen früheren Esel. Da sagte er ihm ins Ohr: Wehe dir, du Verruchter! Warst du schon wieder betrunken und hast deine Mutter geschlagen? Bei Gott! Ich kaufe dich nicht mehr.« Er ließ den Esel dann stehen und ging fort. Hakem und der reiche Kaufmann. Ferner wird erzählt: Der Kalif Hakem Biamr Illah ritt einst mit großem Gefolge aus und bat einen Mann, der, von vielen Dienern und Sklaven umgeben, vor seinem Garten saß, er möchte ihm doch zu trinken geben. Der Mann reichte ihm zu trinken und sagte. »O Fürst der Gläubigen, wollest du mir nicht die Ehre erweisen, ein wenig bei mir einzukehren?« Hakem stieg ab und ging mit seinem Gefolge in den Garten. Da ließ der Mann hundert Matten, hundert Teppiche, hundert Kissen, hundert Schüsseln mit Früchten, süßen Speisen mit Zuckerwerk herbeibringen. Als der Fürst der Gläubigen dies sah, sagte er: »Ich bin höchst erstaunt; wußtest du denn, daß ich, kommen würde, daß du so viele Vorbereitungen veranstaltet?« Er antwortete: »Nein, bei Gott, Fürst der Gläubigen, ich bin ein Kaufmann von deinen Untertanen und habe hundert Sklavinnen; sobald der Fürst der Gläubigen mir die Ehre erwies, bei mir abzusteigen, ließ ich von jeder etwas von ihrem Divan und von ihren Speisen und Getränken holen.« Da verbeugte sich der Fürst der Gläubigen dankend vor ihm und sagte: »Gepriesen sei Gott, der meinen Untertanen einen solchen Wohlstand schenkt!« Er schickte dann in seine Schatzkammer und ließ alle in diesem Jahr geschlagenen Münzen holen – es waren 3,700,000 Drachmen – und schenkte sie diesem Mann, indem er sagte: »Nimm dies Geld, damit deine Freigebigkeit nie beschränkt werde.« Dann ritt er wieder weiter. Nuschirwan und das vorsichtige Mädchen. Es wird auch erzählt: Der gerechte König der Perser, Chosru Nuschirwan, ritt einst auf die Jagd und blieb allein hinter seinen Soldaten, die ihn begleiteten, zurück. Da er dürstete, ging er auf eine Hütte, die er in der Nähe vor sich sah, zu, hielt vor der Tür und forderte Wasser zum Trinken. Ein Mädchen, das an der Tür stand, ging schnell ins Haus, preßte ein Zuckerrohr aus, mischte dessen Saft mit Wasser und brachte es dem König in einem Becher. Der König bemerkte etwas Spreu im Wasser und trank sehr langsam. Als er getrunken hatte, sagte er zu dem Mädchen: »Dein Wasser ist sehr gut, wenn es nur etwas klarer gewesen wäre.« Da sagte das Mädchen: »Das habe ich absichtlich getan, denn ich bemerkte, daß du recht durstig bist, und fürchtete, du möchtest zu schnell trinken und dir schaden, darum warf ich etwas Spreu hinein.« Nuschirwan erstaunte über diese Antwort und erkannte daran ihren Verstand und ihre Klugheit. Nuschirwan fragte dann: »Wie viele Zuckerrohre hast du ausgepreßt zu diesem Wasser?« – »Ein einziges«, antwortete das Mädchen. Nuschirwan erstaunte darüber und ließ sich die Steuerregister dieses Dorfes bringen, und als er sah, daß es eine sehr geringe Steuer bezahlte, dachte er: Das ist viel zu wenig für einen Ort, der einen so guten Boden hat, daß man aus einem Zuckerrohr einen Becher voll Zuckerwasser machen kann, und beschloß, sobald er nach Hause kommen würde, seine Steuer erhöhen zu lassen. Einige Zeit nachher kam er wieder in dieses Dorf, und hielt wieder vor derselben Hütte und bat um Wasser. Das Mädchen erkannte ihn wieder und lief ins Haus, um ihm zu trinken zu holen, aber sie blieb lange weg. Da fragte sie Nuschirwan, warum sie so viele Zeit brauche, sie möchte doch ein wenig eilen. Das Mädchen antwortete: »Heute gibt ein Zuckerrohr nicht Saft genug, ich habe schon drei Zuckerrohre ausgepreßt, und noch genügt es nicht.« – »Woher kommt dies?« fragte der König. »Daher«, antwortete das Mädchen, »weil uns der Sultan nicht mehr so gut ist; denn sobald des Sultans Wohlwollen sich von einem Orte abwendet, nimmt auch dessen Segen und Glück ab.« Nuschirwan lachte, ließ die Steuer dieses Orts wieder herabsetzen und war von dem Geist und der Beredsamkeit dieses Mädchens so hingerissen, daß er sie heiratete. Die tugendhafte Frau. Man erzählte ferner: Unter den Söhnen Israels lebte eine tugendhafte Frau, die jeden Tag ins Gebethaus ging und zuvor in einem Garten neben dem Bethaus sich wusch. Eines Tages kamen zwei Männer, die Aufseher dieses Gartens, zu ihr und wollten sie zur Sünde verleiten. Als sie sie abwies, sagten sie ihr: »Wenn du uns widerstehst, so klagen wir dich als eine Buhlerin an.« Die Frau sagte: »Gott wird mich gegen eure Bosheit schützen.« Da öffneten die Männer die Gartentür und machten Lärm. Als Leute herbeiliefen und fragten, was es gäbe, sagten sie: »Wir haben diese Frau bei einem jungen Mann ertappt, der uns aber entlaufen ist.« Die Frau wurde nach dem damaligen Gesetz drei Tage lang eingesperrt, um dann gesteinigt zu werden, und die zwei Männer kamen jeden Tag zu ihr, legten ihre Hand auf der Frau Haupt und sagten: »Gelobt sei Gott, der an dir Rache nimmt!« Als man sie steinigen wollte, folgte ihr Daniel, der damals zwölf Jahre alt war und hier sein erstes Wunder ausübte. Er sagte: »Übereilt euch nicht, lasset mich die Wahrheit untersuchen.« Man errichtete ihm einen Thron; er setzte sich darauf, trennte die beiden Männer – er war der erste, der die Zeugen voneinander absonderte – und fragte jeden, was er gesehen. Nachdem beide dieselbe Tat bezeugten, fragte er, wo diese Tat begangen worden. Da antwortete der eine, »Unter einem Quittenbaum im östlichen Teil des Gartens«, und der andere: »Unter einem Apfelbaum im westlichen Teil des Gartens.« Die Frau stand indessen, Augen und Hände zum Himmel gehoben, ihn um Rettung anflehend da. Da ließ Gott einen Donnerschlag die beiden Männer treffen, und die Unschuld der Frau wurde klar. Das ist die erste öffentliche Handlung des Propheten Daniel. Das wunderbare Augenheilmittel. Es wird erzählt: Der Fürst der Gläubigen, Harun Arraschid, ging einst mit seinem Gesellschafter Abu Jakub, mit dem Barmekiden Djafar und den Dichtern Abu Nuwas und Asmai aus; da begegneten sie einem alten Mann auf einem Esel reitend. Harun Arraschid sagte zu Djafar: »Frage diesen Mann, woher er ist.« Djafar fragte ihn, und der Alte antwortete: »Von Baßrah.« – »Und wo willst du hin?« fragte ferner Djafar. »Nach Bagdad«, antwortete der Alte. »Und was willst du dort tun?« – »Ich will mir dort ein Arzneimittel für meine Augenkrankheit holen.« Da sagte Harun Arraschid zu Djafar: »Treibe mit diesem Mann ein wenig Scherz.« Djafar erwiderte: »Ich werde, wenn ich mit ihm Scherz treibe, unangenehme Dinge hören müssen.« Aber Harun Arraschid beschwor ihn nochmals, er möge ihn doch zum besten haben. Da sagte Djafar dem Alten: »Was gibst du mir, wenn ich dir ein Mittel sage, das dich gewiß heilt?« Der Alte antwortete: »Gott wird dir einen bessern Lohn geben, als ich es vermag.« Djafar sagte dann zu dem Alten: »So höre denn mein geheimes Mittel, das ich vor dir noch niemandem anvertraut. Nimm drei Pfund Wind, drei Pfund Sonnenstrahlen, drei Pfund Mondschein und drei Pfund Flamme eines Öllichts, mische alles in einem bodenlosen Mörser, laß es drei Monate in der Luft stehen, dann stoße es drei Monate lang. Wenn du es gestoßen hast, leere es in eine durchlöcherte Schachtel und laß es wieder drei Monate in der Luft stehen. Du gebrauchst dann diese Arznei jeden Tag dreihundert Mal, ehe du schlafen gehst, und wenn du sie drei Monate hintereinander gebraucht hast, wirst du mit Gottes Willen genesen.« Als der Alte diese Worte von Djafar hörte, sagte er: »Gott schenke dir für deinen Lohn eine Sklavin, durch die du zuletzt dein Gesicht verlierst, und wenn du stirbst und deine Seele in die Hölle fährt, so ziehe sie dich im Kot am Bart herum.« Harun Arraschid lachte so heftig, daß er umfiel, und als er wieder zu sich kam, ließ er dem Alten dreitausend Drachmen geben. Die Pyramiden. Man erzählt auch: Als Mamun, der Sohn Harun Arraschids, einst nach Kahirah kam, beschloß er, die Pyramiden zu besuchen, um die darin verborgenen Schätze zu nehmen. Als er dahin gelangte, wollte er sie umreißen lassen, konnte aber nicht. Nach vielen Anstrengungen und außerordentlichen Kosten gelang es ihm endlich, in einer derselben ein kleines Fensterchen ausgraben zu lassen, und man behauptet, er habe hinter diesem Fensterchen gerade so viel Geld gefunden, als er ausgegeben, nicht mehr und nicht weniger. Mamun war sehr erstaunt über diesen Fund, nahm das Geld fort und gab seinen Vorsatz auf. Diese drei Pyramiden gehören zu den Wundern der Welt; man findet ihresgleichen auf der ganzen Erde nicht, so fest und unerschütterlich sind sie gebaut und dabei so hoch. Sie sind aus großen Steinen zusammengesetzt, die an den beiden Enden durchlöchert sind. Durch diese Löcher wurden eiserne Stangen gezogen und durch heißes Blei befestigt, und so wurde das ganze Gebäude zusammengehalten, das hundert mekkanische oder fünfhundert gewöhnliche Ellen hoch ist. Die Alten behaupten, in der westlichen Pyramide seien dreißig Schatzkammern voll von den feinsten Edelsteinen, Geld, wunderbaren Statuen, allerlei Instrumenten und feinen Waffen, mit dem Wasser der Weisen bestrichen, das sie vor Rost bewahrt bis zum Tage der Auferstehung; auch findet sich darin allerlei Glaswerk, das man biegen kann, ohne daß es zerbricht und allerlei künstlich zusammengesetzte Arzneien. In der zweiten Pyramide finden sich die Sagen der Priester auf Tafeln gegraben; jeder Priester hat eine Tafel in der Hand, auf der seine Wunderwerke geschrieben sind. An den Wänden sind Statuen wie Götzen, die allerlei Handarbeit verrichten, und über jede Pyramide ist ein Schatzkämmerer und ein Wächter gesetzt, die sie bis auf ewige Zeiten bewachen. Sehr schön sind die folgenden Verse eines Dichters über die Pyramiden: »Betrachte die Pyramiden und lasse dich von ihnen belehren über die Täuschung der Zeit. Könnten sie sprechen, sie würden dir sagen, wie die Zeit mit den Frühern und den Spätern verfahren.« Ein anderer Dichter sagt sehr passend: »Kein Gebäude unter dem Himmel gleicht an Festigkeit den Pyramiden Ägyptens, sie flößen der Zeit Ehrfurcht ein, während sonst alles auf der Welt sich vor der Zeit fürchtet.« Ferner sagt ein Dichter: »O ihr, die ihr das Vergängliche zur Stütze wählet, wo sind die Erbauer der Pyramiden? Noch lebt ihr Werk lebendig fort, während sie selbst schon längst zu Nichts geworden.« Der kühne Diebstahl. Ein Dieb, der aufrichtig Buße getan und wieder als ehrlicher Kaufmann einen Laden geöffnet hatte, schloß eines Abends seinen Laden und ging in sein Haus; da kam ein Dieb in der Gestalt und dem Aufzug des Eigentümers des Ladens, zog Schlüssel aus seiner Tasche heraus und ging zum Wächter des Bazars, um sein Licht bei ihm anzuzünden; dann öffnete er den Laden und zündete noch ein anderes Licht an, das er bei sich hatte. Als der Wächter an dem Laden vorüberging, fand er den Dieb da sitzen, mit dem Rechnungsbuch in der Hand und an den Fingern zählend. Sobald der Morgenstern aufging, sagte der Dieb zum Wächter: »Hole mir ein Kamel.« Der Wächter holte ein Kamel, und der Dieb lud ihm vier Stück Waren auf, schloß den Laden wieder, schenkte dem Wächter, der ihn für den Eigentümer des Ladens hielt, zwei Drachmen und ging hinter dem Kamel her. Als des Morgens der Eigentümer des Ladens in seinen Laden kam, dankte ihm der Wächter noch einmal für die zwei Drachmen. Der Kaufmann wußte nicht, was er meinte, bis er in seinen Laden kam und die zwei Lichter brennend und das Buch noch daliegend fand; auch vermißte er sogleich die vier Stück Waren. Als er den Wächter fragte, was das bedeute, erzählte er ihm, was er in der Nacht gesehen. Da sagte der Kaufmann: »Hole mir den Kameltreiber, der diesen Morgen die Waren fortgebracht.« Als der Wächter ihn brachte, fragte der Kaufmann, wohin er die Waren gebracht. Der Kameltreiber nannte ihm den Hafen und das Schiff. Der Kaufmann ließ sich von ihm dahin begleiten, ging zum Schiffer und sagte ihm: »Wo hast du diesen Morgen den Kaufmann mit vier Stück Waren hingebracht?« Der Hauptmann antwortete: »Da und da hin, von wo sie durch einen Lastträger weitergebracht wurden.« Der Kaufmann ließ den Träger kommen und fragte ihn, wohin er die Waren getragen. Als er den Ort nannte, der weit vom Ufer war, ließ sich der Kaufmann von ihm begleiten, öffnete das Magazin, das ihm der Träger bezeichnet hatte, und fand darin die vier Stück Waren, die er sogleich als die seinigen erkannte. Er nahm sie mit einer Decke, in welche sie eingewickelt waren, und gab sie dem Träger, schloß das Magazin wieder und ging mit dem Träger fort. Unterwegs begegnete ihm der Dieb und folgte ihm, bis er die Waren auf das Schiff gebracht. Dann sagte er zu ihm: »Mein Freund, du hast unrecht, mir meine Decke zu nehmen, da du doch alle deine Waren wiedergefunden.« Der Kaufmann lachte und gab ihm seine Decke wieder, und ging seines Weges, ohne ihn anzuklagen. Ibn Alpharebi und Masrur. Man erzählt noch: Harun Arraschid war eines Nachts sehr mißmutig. Er ließ seinen Vezier Djafar, den Barmekiden, rufen, und sagte ihm: »Ich kann nicht einschlafen vor Beklemmung und weiß gar nicht, was ich anfangen soll.« Masrur, der dabeistand, als Harun Arraschid dies sagte, fing laut zu lachen an. Da fragte ihn der Kalif. »Warum lachst du? Spottest du meiner?« Masrur antwortete: »Nein, bei Gott und deiner Verwandtschaft mit dem höchsten Propheten! Ich lache nicht über dich, sondern mir fiel ein Mann ein, den ich gestern, als ich ausging, am Ufer des Tigris von vielen Menschen umgeben sah, die er durch seine spassigen und witzigen Einfälle lachen machte; darum verzeihe, o Fürst der Gläubigen!« Harun Arraschid sagte: »Hole mir sogleich diesen Mann!« Masrur eilte zu ihm – er hieß Ibn Alpharebi – und sagte ihm: »Der Fürst der Gläubigen wünscht dich zu sprechen; ich will dich zu ihm führen, jedoch unter der Bedingung, daß, wenn er dir etwas schenkt, du nur ein Viertel davon behältst und das übrige mir gibst.« Ibn Alpharebi erwiderte: »Das nicht; aber ich will das Geschenk mit dir teilen.« Nach langem Streit kamen sie endlich dahin überein, daß Ibn Alpharebi ein Drittel behalten und Masrur zwei Drittel geben sollte. Als Ibn Alpharebi vor dem Fürsten der Gläubigen erschien, sagte ihm dieser: »Wenn du mich durch deine Spässe lachen machst, so werde ich dich beschenken, wo nicht, so sollst du drei Schläge mit dieser ledernen Tasche erhalten.« Ibn Alpharebi, welcher glaubte, die Tasche sei leer, willigte ein, machte allerlei Spässe und sagte Dinge, worüber der härteste Felsen hätte lachen müssen, aber alle seine Mühe war vergebens, Harun Arraschid war zu keinem Lächeln zu bringen, und er sagte zu Ibn Alpharebi: »Nun hast du deine Schläge verdient.« Man holte die lederne Tasche herbei, in welcher vier Steine waren, die zwei Pfund wogen, und als er den ersten Hieb auf seinem Rücken empfing, schrie er jämmerlich und erinnerte sich des Vertrages, den er mit Masrur geschlossen, und sagte: »Verzeihe, Fürst der Gläubigen! Erlaube mir zwei Worte zu sprechen.« Harun Arraschid fragte ihn, was er zu sagen habe. Er erwiderte: »Ich bin mit Masrur übereingekommen, daß ich ihm zwei Drittel der Gaben des Fürsten der Gläubigen überlassen und nur ein Drittel für mich behalten wollte, und zwar kostete es mich noch viele Mühe, bis er mir das Drittel zugestand; nun ist der eine Hieb genug für mich, die anderen beiden kommen ihm zu; hier steht er, laß ihn seinen Anteil nehmen!« Der Fürst der Gläubigen lachte und ließ Masrur prügeln. Als dieser einen Schlag empfing, sagte er: »Ich habe genug, ich überlasse Ibn Alpharebi zwei Drittel.« Der Kalif lachte wieder, ließ tausend Dinare holen und schenkte jedem von ihnen fünfhundert. Beide gingen dann erfreut mit dem Geschenk des Kalifen fort. Der fromme Sohn Harun Arraschids. Es wird auch erzählt. Harun Arraschid hatte einen Sohn, der, als er sechzehn Jahre alt war, immer mit frommen Einsiedlern und Heiligen lebte, stets auf den Gräbern umherwanderte und ausrief: »Ihr habt die Welt besessen, was habt ihr nun davon in euerem Grab; ich möchte wissen, was ihr alles in der Welt gesagt und was von euch gesagt worden.« Eines Tages, als er ein wollenes Oberkleid um den Leib und ein wollenes Tuch um sein Haupt hatte, begegnete ihm sein Vater mit den Vezieren und Großen des Reiches, und es sagte einer zum anderen: »Dieser Jüngling macht den Fürsten der Gläubigen vor allen Königen zuschanden; wenn er ihn doch nur zurechtwiese, vielleicht würde er seinen Lebenswandel ändern.« Harun Arraschid sagte ihm dann: »Mein Sohn, du machst mich zuschanden durch deine Eigenheiten.« Der Jüngling antwortete nicht, sondern rief einem Vogel, der auf dem Dach des Schlosses stand, zu: »O Vogel, bei dem, der dich geschaffen, lasse dich auf meine Hand nieder!« Sogleich flog der Vogel auf des Jünglings Hand. Dann sagte er ihm: »Kehre wieder auf das Dach zurück!« Da flog der Vogel wieder auf die Stelle, wo er hergekommen war. Dann rief er ihm zu: »Bei deinem Schöpfer, lasse dich auf die Hand des Fürsten der Gläubigen nieder!« Aber der Vogel weigerte sich. Da sagte der Jüngling zu seinem Vater: »Du machst mich zuschanden unter den Heiligen durch deine Liebe zur Welt, darum habe ich auch beschlossen, mich von dir zu trennen.« Hierauf ging der Jüngling fort und reiste nach Baßrah, wo er mit den Maurern arbeitete und 1 1/6 Drachmen Taglohn empfing, von welchem er lebte. Abu Amer aus Baßrah erzählt von ihm: Als in meinem Haus eine Mauer einstürzte, ging ich auf den Platz, wo die Maurer standen, um einen Arbeiter zu holen, der sie wieder aufbauen sollte. Da fiel mein Auge auf einen hübschen Jüngling mit einem feinen Gesicht; ich ging auf ihn zu, grüßte ihn und sagte ihm: »Mein Freund, willst du Arbeit, so komme mit mir!« – »Recht gerne«, antwortete der Jüngling, »doch unter der Bedingung, daß du mir nur 1 1/6 Drachmen Taglohn gibst, und sooft zum Gebet gerufen wird, mich mit der Gemeinde beten lässest.« Ich willigte ein, nahm ihn mit nach Hause und er arbeitete, wie ich noch nie arbeiten gesehen. Als ich ihn an das Mittagessen erinnerte, nahm er nichts an, und ich merkte, daß er fastete. Als dann das Gebet ausgerufen wurde, sagte er: »Erinnere dich unserer Übereinkunft!« Ich sagte: »Gut.« Da löste er seinen Gürtel, wusch sich auf die frommste Weise, ging in die Moschee und betete mit der Gemeinde. Dann kam er wieder und arbeitete mit dem größten Eifer, bis das Nachmittagsgebet ausgerufen wurde. Da erinnerte er mich wieder an die Bedingung, ging in die Moschee und betete mit der Gemeinde, dann kehrte er wieder zur Arbeit zurück. Ich sagte ihm: »Mein Freund, sonst arbeiten die Maurer nur bis zum Nachmittagsgebet.« Er sagte aber: »Gepriesen sei Gott, ich pflege immer bis nachts zu arbeiten.« Als es Nacht war, gab ich ihm zwei Drachmen. Da sagte er: »Was ist das?« Ich antwortete: »Nur ein geringer Lohn für deine große Arbeit.« Aber er warf mir sie zu und sagte: »Ich nehme nicht mehr, als ich mir vorbehalten«, und trotz aller Mühe konnte ich ihn nicht dahin bringen, mehr als 1 1/6 Drachmen zu nehmen. Am folgenden Morgen ging ich wieder auf den Sammelplatz der Arbeiter; aber ich fand ihn nicht, und als ich nach ihm fragte, sagte man mir, er komme nur jeden Sonnabend. Ich ging sonnabends wieder, um ihn aufzusuchen, und fragte ihn, ob er in Gottes Namen wieder bei mir arbeiten wollte? Er sagte: »Recht gerne, nach den dir wohlbekannten Bedingungen.« Ich nahm ihn mit nach Hause und führte ihn an die Arbeit. Da bemerkte ich, ohne von ihm gesehen zu werden, wie er nur eine Handvoll Lehm auf die Mauer warf und plötzlich alle Steine fest aufeinander saßen, und ich dachte: Solche Kraft haben nur die Heiligen. Er arbeitete an diesem Tage noch viel mehr als früher, und des Abends gab ich ihm seinen Lohn, mit dem er fortging. Am dritten Sonnabend wollte ich ihn wieder holen, fand ihn aber nicht, und als ich nach ihm fragte, hörte ich, er sei krank und liege auf dem Begräbnisplatz in dem Zelt einer alten Frau, die durch ihre Frömmigkeit berühmt war. Ich ging nach dem Zelt und fand ihn darin auf dem Boden liegend, ohne etwas unter sich zu haben. Ich grüßte ihn und setzte mich ihm zu Häupten und weinte über seine Jugend, die er so in der Fremde zubringen mußte. Ich fragte ihn dann, ob ich ihm irgend einen Dienst erweisen könnte? Er sagte: »Jawohl; wenn du morgen mich wieder besuchst, so wirst du mich tot finden, wasche mich dann, hülle mich in den Oberrock, den ich anhabe, und beerdige mich, ohne jemand etwas von mir zu sagen. Doch ehe du mich beerdigst, nimm aus den Taschen meines Oberkleides, was darin ist. Wenn mich dann die Erde bedeckt und du für mich gebetet hast, so reise nach Baßrah und gib dem Kalifen Harun Arraschid, was du in meiner Tasche findest, und grüße ihn von mir; sage ihm auch, daß ich bis zur Todesstunde mich nach ihm gesehnt, daß weder Haß noch Überdruß mich von ihm getrennt, daß ich nur darum in die Fremde wanderte, weil meine Seele zu fern von seiner Welt stand.« Dann rezitierte er noch folgende Verse: »O Freund, laß dich durch die Annehmlichkeiten des Lebens nicht verblenden: Das Leben ist nicht von Dauer und seine Freuden vergehen bald; hast du je das Schicksal eines Volks gekannt, so wisse, daß du einst danach gefragt wirst, und hast du je eine Leiche ins Grab geführt, so bedenke, daß man auch dich dahin tragen wird.« Nachdem er durch diese Verse mich ermahnt hatte, verließ ich ihn, und als ich ihn am folgenden Morgen wieder besuchte, war er tot (Gottes Erbarmen sei mit ihm); ich wusch ihn, öffnete seine Tasche und fand einen Rubin darin, der eine Million Dinare wert war, da dachte ich: Bei Gott, der Jüngling hat der Welt vollkommen entsagt! Ich reiste dann nach Baßrah, begab mich vor den Palast des Kalifen und wartete, bis Harun Arraschid herauskam; dann trat ich ihm in den Weg und gab ihm den Rubin. Sobald er ihn sah, fiel er in Ohnmacht. Die Diener hielten mich an; aber als er zu sich kam, sagte er ihnen, sie möchten mich nur loslassen, ließ mich ins Schloß führen, und als ich in seinem Zimmer war, fragte er mich: »Was hat Gott über den Eigentümer dieses Rubins verhängt?« – »Er ist gestorben«, antwortete ich, und erzählte ihm, was ich von ihm wußte. Da schrie er schluchzend: »Der Sohn hat das Bessere gewählt und der Vater wird zuschanden!« Dann rief er einen Frauennamen; da trat eine Frau heraus, die; als sie mich sah, wieder zurücktreten wollte; aber der Kalif sagte ihr: »Bleibe nur, du brauchst vor diesem Mann dich nicht zu verbergen«, und warf ihr den Rubin zu. Sobald sie ihn sah, stieß sie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie: »O Fürst der Gläubigen! Was hat Gott über meinen Sohn verhängt?« Der Kalif bat mich, es ihr zu sagen, denn er konnte vor Tränen nicht sprechen. Als ich ihr seinen Tod erzählte, weinte sie und rief mit herzzerreißender Stimme: »O wie sehne ich mich nach dir, Freude meines Auges, o könnte ich dir doch zu trinken geben, wenn niemand es tut! O könnte ich dich doch unterhalten, wenn es dir unheimlich wird!« Ich fragte dann: »O Fürst der Gläubigen, war denn dieser Jüngling dein Sohn?« – »Jawohl«, antwortete Harun Arraschid, »er besuchte oft die Gelehrten und Frommen, ehe ich zum Kalifen erhoben worden, sobald ich aber die Regierung antrat, wollte er sich von mir entfernen; da sagte ich zu seiner Mutter: Dein Sohn will abgeschieden von uns nur Gott allein leben; er wird gewiß hart geprüft werden und in große Not kommen, gib ihm daher diesen Rubin, damit er in der Not etwas habe; ich gab ihr also diesen Rubin, und sie drang in ihn, bis er ihn annahm; so verließ er uns, und wir haben ihn nicht wiedergesehen, bis er aus unserer Welt geschieden, um mit reiner Seele vor seinen erhabenen Herrn zu treten.« Dann sagte der Kalif: »Komm mit mir, und zeige mir sein Grab!« Als wir dort anlangten, weinte und seufzte er lange, betete für seinen Sohn und rief: »Wir sind Gottes und zu ihm kehren wir zurück.« Dann bot mir der Kalif eine Stelle an; ich schlug sie aber ab und sagte. »Ich habe eine Lehre von deinem Sohn angenommen«, und rezitierte folgende Verse: »Ich bin ein Fremdling, gehöre niemandem an, wo ich auch weile; ich bin ein Fremdling, habe weder Frau noch Kind; meine Herberge sind die Moscheen, von denen nie mein Herz sich trennt, und dafür danke ich Gott, dem Herrn der Welten.« Der trauernde Schullehrer. Man erzählt ferner von einem Mann aus Baßrah folgendes: Ich ging einst – so erzählt er selbst – vor einem Schullehrer vorbei, der so hübsch aussah und so zierlich gekleidet war, daß ich bei ihm stehen blieb. Er stand vor mir auf, hieß mich sitzen, und ich unterhielt mich mit ihm über den Koran, über die Sprache, Poesie und Grammatik; ich fand ihn in allem sehr bewandert, und er gefiel mir so gut, daß ich ihn sehr oft besuchte und mich zu ihm setzte. Eines Tages aber, als ich ihn wieder wie gewöhnlich besuchen wollte, fand ich seine Schule geschlossen; die Nachbarn, die ich nach ihm fragte, sagten mir, es sei ihm jemand gestorben. Da hielt ich es für meine Pflicht, ihm einen Trostbesuch zu machen. Ich ging also in sein Haus, klopfte an der Tür, eine Sklavin kam mir entgegen und fragte mich, was ich wollte? »Ich will deinen Herrn sprechen.« – »Mein Herr ist in Trauer.« – »Sage ihm: Dein Freund N. N. will dich trösten.« Sie ging und meldete mich, und er erlaubte mir, ihn zu besuchen. Als ich in sein Zimmer kam, saß er da ganz allein mit verbundenem Haupt. Ich sagte: »Gott vergrößere deinen Lohn in jener Welt! Das ist ein Weg, den jeder betreten muß, du mußt dein Unglück standhaft tragen.« Dann fragte ich ihn: »Hast du einen Vater verloren?« – »Nein.« – »Ist deine Mutter gestorben?« – »Nein.« – »Dein Bruder?« – »Nein.« – »Sonst ein naher Anverwandter?« – »Nein.« – »Wer denn?« – »Meine Geliebte.« – »Du kannst schon wieder eine andere finden, schöner als sie war.« – »Wisse, daß ich sie nie gesehen noch gehört habe.« – »Das ist sonderbar; wie konntest du sie denn lieben?« – »Ich saß am Fenster und hörte, wie ein Vorrübergehender folgenden Vers sang: »O Mutter Amrus, Gott möge dich dafür belohnen! Gib mir doch mein Herz wieder, wie es war.« »Da dachte ich, wäre die Mutter Amrus nicht die ausgezeichnetste Frau in der Welt, so würde man keine solche Verse für sie dichten, darum liebte ich sie. Nach zwei Tagen sah ich wieder denselben Mann vorübergehen, und er sang folgenden Vers: »Als der Esel die Mutter Amrus wegtrug, kehrte der Esel allein zurück, ohne sie.« »Aus diesem Brief schloß ich, daß sie gestorben sein müsse, und darum traure ich schon drei Tage um sie.« Als ich dies hörte – fährt der Erzähler fort – ließ ich ihn sitzen und ging weg, erstaunt über seinen Blödsinn; denn nur ein Tor kann eine Frau lieben, die er nie gesehen. Der bekehrte König. Man erzählt noch: Ein gewisser König reiste einst verkleidet in seinem Reich umher und kam durstig in einem großen Dorf an. Da blieb er vor der Tür eines Hauses stehen und forderte Wasser. Eine sehr schöne Frau kam aus dem Haus mit einem Becher voll Wasser und überreichte ihn ihm. Nachdem der König getrunken hatte, betrachtete er die Frau und fand sie so reizend, daß er ihr Liebeserklärungen machte. Die Frau, die ihn wohl kannte, nahm ihn mit ins Haus, hieß ihn sitzen, legte ihm ein Buch vor und sagte: »Unterhalte dich einstweilen damit, ich muß nur schnell etwas besorgen, dann komme ich wieder.« Der König setzte sich und fing an, in dem Buch zu lesen; es enthielt Warnungen gegen den Ehebruch und die Strafen, die Gott über den Ehebrecher verhängt. Da überfiel ihn ein Schaudern und er beschloß, sich zu bekehren. Er rief sogleich die Frau, gab ihr das Buch und ging fort. Als der Gatte dieser Frau nach Hause kam, erzählte sie ihm das Vorgefallene. Er war sehr verlegen und fürchtete sich, der König möchte doch noch nach ihr gelüsten, und wagte es nicht mehr, von jenem Augenblick an, sie zu berühren. Nach einiger Zeit erzählte die Frau ihren Verwandten, daß ihr Gatte nicht mehr seine Pflichten gegen sie erfülle. Da führten sie ihn hin zum König und sagten: »Gott verherrliche unseren König! Hier ist ein Mann, der ein Stück Land von uns gepachtet hat, um es anzubauen und zu besäen, das hat er auch einige Zeit getan, nun aber läßt er es brach liegen; er besäet es nicht mehr, und doch gibt er es uns nicht zurück, daß wir es durch einen anderen besäen lassen, und so fürchten wir, das Land möchte, wenn es nicht bebaut wird, zugrunde gehen.« Da sagte der König zu dem Manne: »Warum besäest du dein Feld nicht?« Der Mann antwortete: »Gott erhebe den König! Ich habe gehört, es sei ein Löwe auf das Feld gekommen, den ich so sehr fürchte, daß ich mich meinem Felde nicht mehr zu nähern wage, denn ich weiß wohl, daß ich zu schwach bin, um ihm zu widerstehen.« Der König merkte nun, worum es sich handelte, und sagte zu dem Manne: »Geh' nur und besäe dein vortreffliches Feld wieder, der Löwe wird es nie mehr betreten und dir nie was zuleide tun; Gott segne dich!« Sodann ließ er noch für ihn und seine Gattin kostbare Geschenke herbeiholen und entließ sie damit. Abu Bekr, der Sohn Muhameds, erzählt: Ich reiste einst von Anbar nach Amurijeh in Griechenland und stieg in der Nähe der Stadt vor einem Kloster, das am Wege lag, ab. Der Prior des Klosters, welcher Diener des Messias hieß, kam mir entgegen und führte mich ins Kloster, das vierzig Klosterbrüder bewohnten, und ich wurde von ihnen sehr gastfreundlich bewirtet; auch sah ich bei ihnen eine Frömmigkeit, die ich noch nie gefunden. Nachdem ich meine Geschäfte in Amurijeh versehen hatte, kehrte ich wieder nach Anbar zurück. Ein Jahr darauf pilgerte ich nach Mekka, und als ich am Festtag den Kreis um den Tempel machte, sah ich den Prior, Diener des Messias, auch um den Tempel ziehen mit fünf seiner Klosterbrüder. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß er es war, ging ich auf ihn zu und fragte ihn: »Bist du nicht der Prior, Diener des Messias?« Er antwortete: »Nein, ich heiße jetzt Diener Gottes, der Einsiedler.« Dann küßte ich seinen Bart und weinte. Dann ergriff ich seine Hand und bat ihn, mir zu sagen, warum er Muselmann geworden. Er antwortete: »Die Ursache meiner Bekehrung ist wunderbar. Einst reisten nämlich einige fromme Muselmänner durch den Flecken, neben welchem unser Kloster liegt, und schickten einen Jüngling, der bei ihnen war, aus, um Speisen einzukaufen. Da sah der Jüngling eine junge Christin auf dem Markt, welche Brot verkaufte, und fand sie so schön, daß er sich in sie verliebte und vor heftiger Leidenschaft ohnmächtig dahinsank. Als er wieder zur Besinnung kam, ging er zu seinen Reisegefährten und erzählte ihnen, was ihm begegnet, und sagte. »Reiset ihr nur weiter, ich werde nicht mit euch gehen.« Sie wiesen ihn zurecht und predigten ihm, aber er hörte sie nicht an und ließ sie fortreisen. Er kehrte dann in den Flecken zurück, setzte sich vor die Tür des Ladens jener Christin, und als sie ihn fragte, was er wolle, gestand er ihr seine Liebe. Sie wendete sich von ihm weg, er aber blieb drei Tage vor der Türe sitzen, ohne etwas zu essen, noch zu trinken, und sah immer der Christin ins Gesicht. Als sie sah, daß sie den Fremden nicht loswerden konnte, ging sie zu ihren Leuten und erzählte es ihnen. Diese hetzten die Jungen des Fleckens gegen ihn: Sie warfen mit Steinen nach ihm, die ihm fast die Rippen zerschlugen, aber dennoch wich der Fremde nicht von der Stelle. Schon hatten die Einwohner des Fleckens beschlossen, ihn zu töten, als mir Kunde davon wurde. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn auf der Erde hingestreckt; ich wischte das Blut von seinem Gesicht ab, trug ihn ins Kloster und pflegte seine Wunden vierzehn Tage lang. Sobald er dann wieder imstande war zu gehen, verließ er das Kloster und setzte sich wieder vor die Tür des Bäckerladens, um die schöne Christin anzusehen. Als sie ihn wieder bemerkte, ging sie zu ihm und sagte: »Bei Gott, du hast mich gerührt; willst du meinen Glauben annehmen, so heirate ich dich.« Der Jüngling antwortete: »Bewahre mich Gott, daß ich den Monotheismus mit dem Polytheismus vertausche!« Da sagte sie: »Komm mit mir in mein Haus, umarme mich und ziehe dann weiter mit deinem Glauben.« Aber der Jüngling antwortete: »Ich kann nicht zwölf Jahre der Tugend und Enthaltsamkeit für die Lust eines Augenblicks hingeben.« – »So verlasse mich denn«, versetzte die Christin. – »Das vermag mein Herz nicht.« – Die Christin wendete sich wieder von ihm weg, und die Jungen des Fleckens kamen und warfen ihn mit Steinen, daß er auf sein Gesicht fiel und rief: »Gott, der den Koran vom Himmel gesandt, ist mein Herr, er läßt den Frommen nicht ohne Lohn.« Als ich den Lärm hörte, lief ich wieder aus dem Kloster zu dem Jüngling, jagte die Buben fort und hob ihn von der Erde auf. Da hörte ich, wie er sagte: O Gott, vereinige mich mit ihr im Paradies!« Ich wollte ihn dann ins Kloster tragen, aber er starb, ehe er es erreichte. Da ließ ich vor dem Flecken ein Grab bauen und beerdigte ihn dort. Um Mitternacht hörte man auf einmal die Christin so laut schreien in ihrem Bett, daß alle Bewohner des Fleckens sich zu ihr drängten, um zu hören, was ihr zugekommen. Da erzählte sie: »Als ich schlief, kam der Muselmann zu mir, der heute gestorben ist, und faßte meine Hand und führte mich ins Paradies; als ich aber an die Pforte des Paradieses kam, ließ mich der Wächter nicht hinein, indem er sagte: Das Paradies bleibt den Abtrünnigen verschlossen. Da bekehrte ich mich vor ihm zum Islamismus und ging mit ihm hinein, hier sah ich Paläste und Gärten, so schön, daß ich sie euch nicht beschreiben kann. Endlich führte er mich in einen großen Palast und sagte: Dieser Palast von Edelsteinen ist für uns bestimmt, ich werde nicht eher hineingehen, bis du bei mir bist, und so Gott will, wird dies in fünf Tagen geschehen. Dann streckte er die Hand nach einem Baum aus, der vor der Tür des Palastes stand, pflückte zwei Äpfel von demselben und sagte: Iß den einen und bewahre den anderen für den Prior des Klosters auf. Ich aß den einen und fand ihn so schmackhaft, wie ich noch keinen gegessen. Sodann ergriff er wieder meine Hand und führte mich in meine Wohnung.« Ich nahm dann – so fuhr der Diener Gottes fort – den einen Apfel aus ihrer Tasche, und er leuchtete in der dunklen Nacht wie ein Stern, es war eine Frucht, wie man keine ähnliche auf dieser Welt sieht. Ich nahm ein Messer und zerschnitt ihn in so viele Teile, daß jeder meiner Gefährten im Kloster ein Stück davon bekam, und wir haben nie einen feineren Geschmack noch einen edleren Geruch gefunden, als dieser Apfel hatte; wir dachten: Das ist gewiß Satans Werk, der sie von ihrem Glauben abtrünnig machen will. Die Verwandten der Christin führten sie dann nach Hause, aber sie wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen, bis in der fünften Nacht, da stand sie auf, ging auf das Grab des Jünglings, warf sich dort hin und starb, ohne daß ihre Leute etwas davon wußten. Am folgenden Morgen kamen zwei alte Muselmänner In den Flecken mit härenen Kleidern, auch zwei alte Frauen waren bei ihnen, ebenso gekleidet, und sagten: »O ihr Bewohner des Fleckens! Gott der Erhabene hat eine seiner Heiligen unter euch als Muselmännin sterben lassen, wir kommen, um sie als solche zu beerdigen.« Aber die Bewohner des Fleckens, welche nach langem Suchen endlich die Christin tot auf dem Grab des Muselmannes fanden, sagten: »Die gehört uns, sie ist in unserem Glauben gestorben und wir wollen sie beerdigen.« Die Alten behaupteten hingegen, sie sei als Muselmännin gestorben. Nach langem Streit sagte endlich einer der Alten: »Wollt ihr euch überzeugen, daß sie als Muselmännin gestorben, so lasset alle vierzig Priester aus dem Kloster kommen, um sie vom Grab wegzubringen; vermögen sie es nun, so gebe ich zu, daß sie als Christin beerdigt werde. Bringen sie sie aber nicht von der Stelle, dann möge einer von uns es versuchen, sie wegzuziehen, und gelingt es ihm, so dient es als Beweis, daß sie als Muselmännin gestorben.« Die Bewohner des Fleckens waren mit dieser Probe zufrieden und ließen sogleich die vierzig Klosterbrüder kommen, um sie wegzutragen, aber sie konnten es nicht. Zwar nahmen sie ein sehr starkes Seil und banden es um ihren Körper und zogen mit aller Kraft daran, aber das Seil zerriß; zuletzt versuchten sogar noch alle Bewohner des Fleckens, sie wegzutragen, aber dennoch brachten sie sie nicht von der Stelle. Endlich sagten sie einem der Alten: »Nun versuche du es, sie wegzutragen.« Er näherte sich ihr, faßte ihren Oberrock und sagte: »Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Allmilden!« nahm sie auf den Arm und trug sie in eine Höhle dort in der Nähe; die zwei alten Frauen wuschen sie und hüllten sie in ein Totengewand, und beerdigten sie neben dem Grab des Jünglings. Wir alle – fuhr der Diener Gottes fort – sahen dies mit unseren Augen. Als wir daher allein untereinander waren, sagte einer zum andern: »Es ist unsere Pflicht, die Wahrheit anzuerkennen, die sich uns so klar geoffenbart hat. Wie können wir einen sichereren Beweis für die Echtheit des islamitischen Glaubens fordern, als den, den wir mit eigenen Augen gesehen?« Ich bekehrte mich daher zum Islamismus mit allen Priestern des Klosters und allen Einwohnern des Fleckens. Wir schickten dann nach Djeziereh und ließen um einen frommen Lehrer bitten, der uns mit den Grundsätzen des Islams und der Art und Weise des Gottesdienstes bekannt machte, und so leben wir nun im schönsten Segen. Gott sei gelobt und gepriesen! Der Todesengel vor zwei Königen und einem Frommen. Man erzählt ferner: Einer der älteren Könige wollte sich einst im höchsten Glanz, von allen Großen des Reiches umgeben, seinem Volke zeigen. Er befahl allen seinen Freunden und Emiren, sich zu einer Musterung vorzubereiten, ließ sich von seinem Kammerdiener die kostbarsten Kleider bringen und von seinem Stallmeister die schönsten Pferde vorführen, und nachdem er das schönste gewählt hatte, ritt er, ganz in Gold und Perlen und allerlei Edelsteine gehüllt, mit glänzendem Gefolge von seinem Schloß weg und begab sich mitten unter seine Truppen. Hier ließ er seinen Renner stolz umhertummeln, Satan blies Eitelkeit und Hochmut in seine Nase, so daß er voll Selbstgefallen zu sich selbst sagte: Wer in der Welt kann sich mit mir vergleichen? Während der König so stolz umhersprengte und vor Hochmut niemanden ansah, kam auf einmal ein Mann in zerrissenen Kleidern auf ihn zu und grüßte ihn. Der König erwiderte seinen Gruß nicht. Da ergriff der Mann die Zügel seines Pferds. Als der König dies sah, sagte er ihm; »Ziehe deine Hand zurück, du weißt nicht, wessen Zügel du ergriffen.« – »Ich habe ein Anliegen.« – »Warte, bis ich absteige, dann magst du mir dein Anliegen vortragen.« – »Ich kann nicht warten, bis du absteigst, mein Geschäft leidet keinen Aufschub.« – »So sprich denn!« – »Ich muß es dir geheim sagen.« Da neigte der König sein Ohr zu ihm hin und der Mann sagte ihm ins Ohr: »Ich bin der Todesengel und komme, um deine Seele zu holen.« – »Warte doch, bis ich nach Hause gehe, und meiner Frau und meinen Kindern und meinen Nachbarn Lebewohl sage.« – »Das kann nicht sein, die siehst du nie mehr wieder; deine Lebenszeit ist vorbei, ich muß sogleich deine Seele haben.« Sobald der Todesengel dies gesagt hatte, fiel der König von seinem Pferd tot zur Erde. Der Todesengel begab sich hierauf zu einem frommen, gottgefälligen Mann, grüßte ihn und sagte ihm: »Ich habe dir, o frommer Mann, ein Geheimnis anzuvertrauen.« – »Sage mir es ins Ohr.« – »Ich bin der Todesengel.« – »Sei mir willkommen! Gelobt sei Gott, der dich zu mir gesandt; ich erwarte deine Ankunft schon seit langer Zeit mit vieler Sehnsucht.« – »Wenn du vorher irgend ein Geschäft zu verrichten hast, so tue es.« – »Ich kenne kein wichtigeres Geschäft, als meinem Herrn zu begegnen.« – »Wie soll ich deine Seele holen? Denn Gott hat mir befohlen, ich möchte dir die Wahl lassen.« – »So warte, bis ich mich wasche und bete, dann töte mich beim Niederfallen.« Der Mann wusch sich nun und betete, und als er betend niederfiel, nahm der Engel seine Seele und brachte sie an den Ort des Erbarmens, der Verzeihung und der Seligkeit. Ebenso wird erzählt: Ein gewisser König sammelte einst unzählbare Schätze und schaffte sich alles in der Welt an, was zu seinem Vergnügen und zu seiner Bequemlichkeit dienen konnte; er ließ sich ein großes, hohes Schloß bauen, wie es die mächtigsten Sultane nur hatten, mit zwei festen Toren, die von vielen Dienern und Soldaten und Pförtnern bewacht wurden. Eines Tages befahl er seinem Koch, eine Mahlzeit von den ausgesuchtesten Speisen zuzubereiten, und lud alle seine Freunde, seine ganze Familie und viele seiner Beamten dazu ein. Als er bei der Mahlzeit auf seinem königlichen Sofa an ein Kissen gelehnt ganz stolz da saß, sagte er zu sich selbst: Du hast dir alle Annehmlichkeiten der Welt verschafft, jetzt genieße sie auch und freue dich des Lebens und des Glücks, um das du dich solange bemüht. Kaum hatte er dieses Selbstgespräch geendet, als ein Mann in zerrissenen Kleidern, mit einem Bettelsack am Hals hängend, so stark an die Tür des Schlosses klopfte, daß das ganze Schloß zitterte und der Thron des Königs wankte. Die Diener liefen erschrocken zur Tür und riefen dem Klopfenden zu: »Wehe dir! Was ist das für eine Ungezogenheit und Frechheit? Warte, bis der König gespeist hat, dann wird man dir etwas geben von dem, was übrig bleibt.« Der Fremde sagte zu den Dienern: »Saget eurem Herrn, er soll zu mir herauskommen, ich habe ihm etwas sehr Wichtiges mitzuteilen.« Die Diener versetzten: »Wer bist du, Elender, daß du den König zu dir herausbitten läßt?« Er erwiderte: »Sagt ihm nur, was ich euch aufgetragen.« Sie gingen nun zu ihrem Herrn und meldeten es ihm. Da sagte der König: »Habt ihr ihn nicht angeschrieen und fortgejagt?« Während aber der König dies sagte, klopfte es noch einmal an die Tür, heftiger als zum ersten Male. Die Diener sprangen auf die Türen zu mit Stöcken und Waffen, um den Klopfenden zu schlagen. Aber er schrie sie an: »Bleibt an eurer Stelle! Ich bin der Todesengel.« Da zitterte ihr Herz, ihr Verstand und ihr Mut verließ sie, und sie konnten vor Angst kein Glied mehr bewegen. Der König rief ihm zu: »Töte jetzt einen anderen statt meiner!« Aber der Todesengel erwiderte: »Ich bin nur deinetwillen gekommen und werde keines anderen Leben nehmen. Ich will dich von allen Schätzen, die du aufgehäuft, und von allen Annehmlichkeiten, die du dir verschafft, trennen.« Als der König dies hörte, seufzte und weinte er und schrie: »Gott verdamme das Geld, das mich verblendet und abgehalten hat, meinem Herrn, gepriesen sei sein Name, zu dienen. Ich glaubte, es würde mir nützen, aber es war zu meinem Verderben, denn nun soll ich mit leeren Händen abziehen und es meinen Feinden überlassen.« Da verlieh aber der erhabene Gott dem Geld eine Sprache und es rief aus: »Warum fluchst du mir? Fluche dir lieber selbst! Denn Gott hat uns beide, dich und mich, aus Staub geschaffen; mich hat er aber in deine Hand gegeben, damit du dir durch mich Vorrat für jene Welt verschaffest, damit du den Armen und Schwachen Almosen gebest, und Moscheen und Brücken und andere Gebäude zum allgemeinen Wohl errichten lassest; statt dessen hast du mich aber eingespeichert und nur zu deinem Vergnügen verwendet; du hast meinen Wert nicht anerkannt, darum mußt du mich jetzt deinen Feinden überlassen, und dir bleibt nur Verderben und Reue; aber was kann ich dafür, daß du mich anklagest?« Sobald das Geld so gesprochen hatte, nahm der Todesengel des Königs Seele, während er noch auf seinem Thron saß. So spricht Gott der Erhabene im Koran: »Während sie sich freuen mit dem, was ihnen gegeben worden, nehmen wir sie plötzlich weg und geben sie der Verzweiflung preis.« Alexander und ein gottesfürchtiger König So erzählt man auch: Alexander der Zweihörnige sah auf seinen Zügen ein schwaches Volk, das gar nichts von den Annehmlichkeiten der Welt besaß. Sie begruben ihre Toten vor den Türen ihrer Häuser, besuchten beständig diese Gräber, und kehrten den Staub davon ab und beteten darauf zu Gott; ihre Nahrung bestand ganz allein aus Kräutern und Pflanzen der Erde. Da schickte Alexander jemanden zu ihrem König und ließ ihn zu sich bitten. Aber der König dieses Volkes sagte: »Ich habe nichts bei ihm zu schaffen.« Alexander ging zu ihm und fragte ihn, wie es ihm und seinem Volke gehe. Er sehe weder Gold noch Silber bei ihnen, auch gar nichts, was zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre. Der König erwiderte: »Was nützen die Annehmlichkeiten des Lebens? Es wird doch niemand mit dem, was er besitzt, zufrieden.« Alexander fragte ihn dann, warum sie ihre Toten vor ihren Häusern begraben. Der König antwortete: »Damit wir sie stets vor Augen haben, immer an den Tod denken und nie jenes Leben vergessen, damit die Liebe zur Welt aus unserem Herzen weiche und uns nicht von der Verehrung Gottes abziehe.« – »Und warum«, fragte Alexander, »nährt ihr euch von Pflanzen?« – »Weil wir nicht unseren Leib zum Grabe der Tiere machen wollen«, erwiderte der König; »denn schmackhafte Speisen machen nicht das Glück eines Menschen aus.« Dann zog er einen Menschenschädel heraus, legte ihn vor Alexander hin und fragte: »Weißt du, wer das war?« – »Nein«, antwortete Alexander. »Es war«, versetzte der König, »ein sehr mächtiger Sultan, der seine Untertanen tyrannisierte, die Schwachen unterdrückte und seine ganze Zeit verwendete, weltliche Gegenstände zu sammeln. Gott hat nun seine Seele genommen und ihr die Hölle als Wohnort angewiesen, und hier ist sein Kopf.« Dann zog er einen anderen Schädel heraus und fragte: »Kennst du diesen?« – »Nein«, antwortete Alexander. »Dieser war«, fuhr der König fort, »ein gerechter König der Erde, ein Wohltäter seiner Untertanen; Gott hat seiner Seele im Paradiese einen hohen Rang angewiesen.« Alexander mußte laut weinen; dann drückte er den König an sein Herz und sagte ihm: »Wenn du bei mir leben willst, so ernenne ich dich zu meinen Vezier und teile mein Königreich mit dir.« Der König antwortete: »Das sei fern von mir! Dazu habe ich keine Lust.« – »Und warum?« fragte Alexander. »Darum«, erwiderte der König, »weil alle Leute wegen deiner Macht und deines Reichtums dich hassen, während sie mich in meiner Armut und Genügsamkeit aufrichtig lieben; darum gelüste ich weder nach Macht, noch nach anderen weltlichen Vorzügen.« Alexander drückte ihn noch einmal an sein Herz, küßte ihn und ging weiter. Nuschirwan erforscht den Zustand seines Landes. Man erzählt auch: Der gerechte König Nuschirwan stellte sich einst krank und sagte seinen Freunden und Vertrauten, die Ärzte hätten ihm zu einer Arznei alte Ziegelsteine aus einem verwüsteten Dorf verordnet. Es wurden Boten nach allen Teilen des Königreiches geschickt, aber sie kamen zurück und sagten: »Wir haben nirgends ein verwüstetes Dorf gefunden.« Da freute sich Nuschirwan, dankte Gott und sagte: »Ich wollte nur sehen, ob es in meinen Ländern noch einen in Trümmern liegenden Ort gebe, damit ich ihn aufbauen lasse; da ich nun höre, daß es keinen solchen gibt, so bin ich überzeugt, daß der Wohlstand und die Kultur in meinem Lande den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht hat.« So, sagte Schehersad, waren die alten Könige stets bemüht um die Kultur ihres Landes, denn sie wußten, wie wahr die Weisen gesagt: Der Glaube muß von der Regierung unterstützt werden, die Regierung durch Truppen, die Truppen durch Geld und das Geld durch die Kultur des Landes, und diese wird durch die Gerechtigkeit gegen die Untertanen gefördert, denn durch Gewalttat und Tyrannei zwingt ein König seine Untertanen, auszuwandern; die Bevölkerung seines Landes nimmt ab, die Schatzkammern werden leer und die Zurückbleibenden verwünschen ihren Tyrannen so lange, bis sein Untergang sie befreit. Die tugendhafte Frau eines israelitischen Richters. Man erzählt ferner: Unter den Söhnen Israels war ein Kadhi, der eine ausgezeichnet schöne Frau hatte, die auch sehr gottesfürchtig war und oft fastete. Als der Kadhi einst nach Jerusalem wallfahren wollte, übertrug er das Richteramt seinem Bruder und empfahl ihm auch seine Frau. Aber der Bruder des Kadhi hatte so oft ihre Schönheit rühmen hören, daß er sie besuchte und ihre Liebe zu gewinnen suchte. Die Frau stieß ihn von sich, aber er hörte nicht auf, sie zu verfolgen, bis sie sich gar nicht mehr vor ihm sehen ließ. Als er endlich alle Hoffnung verloren hatte, ihre Gunst zu erlangen, und fürchtete, sie möchte ihn bei seinem Bruder nach seiner Rückkehr anklagen, bestellte er falsche Zeugen, die sie als Ehebrecherin anklagten; sie wurde vor den damals regierenden König gebracht, und er verurteilte sie zum Tode. Man legte sie in eine Grube und warf so viele Steine auf sie, bis sie ganz damit bedeckt war. Dann sagte der König: »Diese Grube sei ihr Grab.« Als die Nacht heranbrach und die Frau noch schluchzte und stöhnte, kam ein Reisender vorüber, der sie hörte. Er ging auf sie zu, zog sie aus der Grube hervor, führte sie zu seiner Gattin und befahl ihr, ihre Wunden zu pflegen. Sobald sie wieder geheilt war, übergab ihr die Frau des Reisenden ihr Kind zur Pflege, behielt sie bei sich und wies ihr eine besondere Wohnung an. Eines Tages sah sie ein Gauner, dem sie so wohl gefiel, daß er zu ihr schickte und um ihre Liebe sich bewarb. Als sie ihm aber kein Gehör gab, beschloß er, sie zu töten, schlich des Nachts, als sie schlief, in ihr Haus und ging mit einem Messer auf sie zu, um sie zu töten; aber statt der Frau traf er den Jungen, der bei ihr war, und tötete ihn. Sobald er sein Versehen wahrnahm, überfiel ihn eine solche Furcht, daß er schnell davonlief und durch Gottes Gnade die Frau verschonte. Als sie des Morgens erwachte und das Kind getötet fand, ging sie damit zu seiner Mutter. Aber diese sagte: »Du hast mein Kind getötet«, und schlug sie sehr heftig und wollte ihr den Hals abschneiden. Glücklicherweise kam der Mann hinzu und befreite die Frau des Kadhi aus seiner Gattin Hand. Jene ging nun mit einigen Drachmen, die sie bei sich hatte, fort, ohne zu wissen, wohin. Da kam sie in ein Dorf und sah viele Leute zusammengerottet, und einen Mann noch lebendig an einem Baumzweige hängend, Sie fragte: »Was hat dieser Mann begangen?« Man antwortete ihr: »Er hat ein Verbrechen begangen, das er nur durch den Tod büßen kann oder durch so und so viel Almosen.« Sie zog ihr Geld aus der Tasche und sagte: »Nehmet diese Drachmen als sein Lösegeld und lasset ihn los.« Die Leute nahmen ihr Geld und befreiten den Mann. Dieser tat sogleich Buße in Gegenwart seiner Retterin, und gelobte ihr, bis zu seinem Tode Gott treu zu dienen. Er baute ihr eine Hütte zu ihrer Wohnung und brachte ihr Holz und Lebensmittel. Die Frau lebte nun ganz der Gottesverehrung, und kein Kranker oder sonst Unglücklicher kam zu ihr, den sie nicht heilte oder tröstete, so daß alle Leute für sie beteten und den Segen des Himmels für sie erflehten. Nun bekam durch Gottes Richterspruch der Bruder des Kadhi, der sie hatte steinigen lassen, einen Krebs im Gesicht; die Frau, welche sie wegen des getöteten Kindes geschlagen hatte, wurde aussätzig, und der Gauner, der sie hatte verführen wollen und statt ihrer das Kind getötet hatte, wurde lahm. Da die Frau durch ihre Frömmigkeit und die Wunder, die sie vollbrachte, weit und breit berühmt und von allen Teilen des Landes her besucht wurde, sagte der Kadhi, der inzwischen von seiner Wallfahrt zurückgekehrt war und mit Bedauern von dem Verbrechen und der Strafe seiner Frau gehört hatte, zu seinem Bruder: »Warum gehst du nicht auch zur frommen Frau in die Hütte? Vielleicht wird dich Gott durch sie heilen.« Da bat er den Kadhi, ihn zu ihr zu bringen. Auch der Gatte der aussätzigen Frau hörte bald von der frommen Frau sprechen und führte seine Gattin zu ihr. Der Gauner endlich begab sich auch zur Hütte, um sich heilen zu lassen, und so trafen alle zusammen vor der Tür ihrer Hütte; sie konnte alle sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden, und sobald sie an die Tür kam, erkannte sie ihren Gatten, dessen Bruder, den Gauner und die ungerechte Frau und sagte ihnen: »Hoffet nicht, geheilt zu werden von mir, wenn ihr nicht zuerst alle eure Sünden bekennet, denn Gott verzeiht nur dem, der seine Sünden nicht verhehlt, und gewährt nur einem solchen, was er begehrt.« Da sagte der Kadhi zu seinem Bruder: »Bekehre dich zu Gott und beharre nicht im Übel, nur so wirst du gerettet.« Der Kadhi ermahnte dann seinen Bruder noch durch folgende Verse: »Ein Tag wird kommen, wo Unterdrückte und Unterdrücker einander gegenüberstehen, und wo Gott die verborgensten Geheimnisse offenbaren wird. An jenem Ort werden die Sünder gedemütigt werden, während Gott die erheben wird, die ihm gehorsam waren. Wehe denen, die den Herrn erzürnen, als wüßten sie von Gottes Strafe nichts. Da hört alle Täuschung auf und bleibt nichts, als Ergebung in Gottes Willen.« Der Bruder des Khadi sagte: »Ich will mein Verbrechen bekennen«, und gestand sein Unrecht gegen seine Gattin. Dann sagte die Mutter des getöteten Kindes: »Auch ich will meine Sünde bekennen«, und erzählte, wie sie ungerechterweise eine Frau geschlagen und fortgejagt habe. »Und ich«, sagte endlich der Gauner, wollte einer Frau den Hals abschneiden, weil sie meiner Leidenschaft Widerstand leistete und tötete statt ihrer ein Kind, das bei ihr lag. Das ist mein Verbrechen.« Als die Frau des Khadi diese Geständnisse hörte, rief sie aus: »O Gott, wie du siehst, haben die Sünder sich gedemütigt, laß ihnen nun den Lohn des Gehorsams werden, du bist ja mächtig über alles.« Gott erhörte ihr Gebet und heilte sie alle. Sodann gab sie sich zu erkennen, und der Khadi dankte Gott, daß er ihn wieder mit ihr vereint. Sein Bruder aber, der Gauner und die Mutter des Kindes baten sie um Verzeihung; sie verzieh ihnen, und alle blieben nun beisammen und lebten der Gottesverehrung, bis der Tod sie trennte. Die gerettete Frau in Mekka. Einer der Großen erzählt: Während ich einst in dunkler Nacht den Kreis um die Kaaba machte, hörte ich eine jammernde Stimme aus einem traurigen Herzen heraufsteigen, welche rief: »O Allgütiger, mein Herz bleibt seinem Gelübde treu!« Mich rührte diese Stimme so sehr, daß ich mich ihr näherte, und siehe da, es war die Stimme einer Frau. Ich sagte ihr: »Friede sei mit dir, Mutter Gottes!« Sie antwortete: »Mit dir sei Friede und Gottes Barmherzigkeit und Segen.« Ich beschwor sie dann bei Gott, mir zu sagen, was das für ein Gelübde wäre, dem ihr Herz treu bleiben wollte. Sie antwortete: »Hättest du mich nicht bei Gott beschworen, ich würde dir mein Geheimnis nicht anvertraut haben. Doch siehe, was ich bei mir habe!« Ich sah sie genau an und fand ein Kind schlafend in ihren Armen liegen, und sie erzählte dann: »Ich verließ, dieses Kind unter meinem Herzen tragend, meine Heimat, um hierher zu wallfahren. Ich hatte mich aber kaum eingeschifft, als uns der Wind ungünstig wurde; ein mächtiger Sturm erhob sich bald; die Meereswellen tobten mit solchem Ungestüm, daß sie das Schiff zerschlugen; ich aber rettete mich auf einem Brett, wurde entbunden und wurde so auf diesem Brett, mit meinem Kind im Schoß, von den Wellen hin und her getrieben. Auf einmal kam einer der Matrosen des Schiffes zu mir geschwommen und faßte mein Brett und sagte: Bei Gott! Ich habe dich schon geliebt, als ich dich auf dem Schiff sah; da ich dich nun erreicht habe, so erhöre meine Liebe, oder ich werfe dich vom Brett herunter ins Meer. Ich sagte: Wehe dir! Hat dir das eben erlebte Unglück nicht zur Belehrung und Ermahnung gedient? Er antwortete: Dergleichen habe ich schon oft gesehen und bin immer glücklich davon gekommen; das macht keinen Eindruck auf mich. Ich sagte: Wir sind doch in einer Lage, aus der wir nur durch Gottergebenheit gerettet werden können, nicht durch Sünde. Aber alle meine Reden waren vergebens, der Matrose wurde so zudringlich, daß ich, in der Hoffnung, ihn täuschen zu können, ihm sagte: Warte nur, bis mein Kind schläft. Aber er nahm mir mein Kind weg und warf es ins Meer. Als ich dieses sah, zerbrach mein Herz vor Gram, ich hob den Kopf gen Himmel und rief den Allmächtigen an, daß er mich aus der Hand dieses schwarzen Ungeheuers befreie. Kaum hatte ich mein Gebet vollendet, als ein großes Seetier aus dem Meer emporstieg und ihn vom Brett herunterwarf. Als ich nun allein auf dem Brett war, da erwachte mein Schmerz von neuem über den Verlust meines Kindes, meiner Leibesfrucht, und ich betete zu Gott, daß er mich doch wieder mit ihm vereinige. Am folgenden Morgen sah ich auf einmal weiße Segel in der Ferne, auf die mich Wind und Wellen hinstießen. Die Schiffsleute nahmen mich gerne auf, und als ich in ihrer Mitte war, sah ich auf einmal mein Kind bei ihnen. Ich fiel darüber her und sagte den Leuten, daß es mein Kind wäre, und fragte sie, wie sie dazu gekommen. Sie antworteten: Unser Schiff hielt mitten in seinem Lauf auf einmal still, und als wir uns nach der Ursache umsahen, entdeckten wir ein Seeungeheuer, so groß wie eine Stadt, mit einem Kinde auf dem Rücken, das an seinen Fingern saugte. »Als ich dies hörte«, sprach die Frau weiter, »erzählte ich den Schiffsleuten, was mir begegnet, und dankte dem Herrn für seine Hilfe und gelobte, nie aufzuhören, ihm in seinem Tempel zu dienen; auch habe ich seither ihn nie um etwas angefleht, das er mir nicht gewährt hätte.« Ich wollte nun – fährt der vornehme Pilger fort – ihr einiges Geld schenken, aber sie sagte: »Laß mich! Ich erzähle dir von Gottes Huld und Gnade, wie kannst du glauben, daß ich von einer anderen Hand als der seinigen etwas annehme.« Da sie durchaus nichts von mir annehmen wollte, verließ ich sie und rezitierte folgende Verse: »Wie oft ist Gottes Huld im Verborgenen tätig, ohne daß der schärfste Verstand es wahrnimmt, wie manche Armut verwandelt er in Wohlstand, wie manchem brennenden Herzen reicht er erfreuliche Labung; wie mancher ist des Morgens von Gram beladen, der des Abends nur Wonne empfindet. Geht es dir einmal schlecht einen Tag, so vertraue nur dem einzigen Allmächtigen und flehe die Fürbitte des Propheten an, dem alles gewährt wird, was er für die Seinigen fordert.« Der von Gott geliebte Neger. Ferner wird erzählt im Namen Maleks, des Sohnes Dinars (Gottes Barmherzigkeit sei mit ihm!): Einst regnete es sehr lange in Baßrah nicht, wir beteten mehrmals um Regen, fanden aber keine Erhörung. Eines Abends begab ich mich wieder mit vielen meiner Freunde in die Moschee, wo die ganze Gemeinde mit allen Schulkindern das Gebet um Regen verrichtete, ohne daß jedoch sich ein Wölkchen am Himmel zeigte. Nach vollendetem Gebet, als die Gemeinde schon wieder die Moschee verlassen hatte, und nur ich und der Baumeister Thabet noch zurückblieben, trat ein Schwarzer in die Moschee; er hatte ein schönes Angesicht und eine hübsche Gestalt, und war in ein wollenes Tuch gehüllt, für das ich nicht zwei Drachmen gegeben hätte; er holte Wasser im Hof, wusch sich, betete das Abendgebet, hob dann sein Auge gen Himmel und sprach: »Mein Gott und Herr! Wie lange versagst du deinen Dienern noch, was in deiner Macht steht, ihnen zu gewähren? Sind denn die Schätze deines Reiches erschöpft? Bei deiner Liebe zu mir beschwöre ich dich, sende uns gleich einen labenden Regen!« Kaum hatte der Neger dieses Gebet vollendet, bildeten sich schwarze Wolken am Himmel und es regnete so stark, als fiele der Regen aus der Öffnung eines großen Wasserschlauches, so daß wir beim Heimgehen bis zu den Knieen im Wasser wateten. Voller Verwunderung über den Neger und sein Gebet näherte ich mich ihm und sagte ihm: »Schämst du dich nicht dessen, was du eben gesagt?« – »Wieso denn?« – »Du sagtest, zu Gott dich wendend: Bei deiner Liebe zu mir; woher weißt du denn, daß Gott dich liebt?« – »Laß mich! Wie kann ich an Gottes Liebe zweifeln? Wer war ich denn, daß er mich mit seiner Einheit bekannt machte, wenn es nicht aus Liebe geschah? Übrigens, wenn ich von Gottes Liebe spreche, so meine ich damit nur so viel, als mit den göttlichen Eigenschaften übereinstimmt, so wie ich mit meiner Liebe zu ihm auch wieder ganz andere Begriffe verbinde.« Ich bat ihn dann, ein wenig bei uns zu bleiben; aber er entgegnete, er sei ein Sklave und müsse seinem kleinen Herrn gehorchen. Als er aber wegging, folgte ich ihm mit Thabet in der Ferne, bis er in das Haus eines Sklavenhändlers ging. Es war Mitternacht, und die zweite Hälfte der Nacht wurde mir vor Ungeduld sehr lang. Sobald der Morgen anbrach, ging ich zum Sklavenhändler und fragte ihn, ob er einen Sklaven zu verkaufen habe? »Ich habe deren hundert«, antwortete er, und stellte mir sie einen nach dem anderen vor, ohne daß ich den Neger, welchen ich suchte, unter ihnen fand. Als er dann sagte, er habe keinen mehr, und wir weggehen wollten, sah ich in einem zerfallenen Zimmer hinter dem Haus den Neger beten. Ich kehrte wieder zum Sklavenhändler zurück und bat ihn, mir ihn zu verkaufen. Der Sklavenhändler sagte: »Mein Freund, dieser Sklave taugt nichts, der weint die ganze Nacht durch und schläft den ganzen Tag.« – »Eben darum«, versetzte ich, »will ich ihn kaufen.« Der Sklavenhändler ging und führte ihn halb schlafend herein und sagte: »Nimm ihn hin und gib mir dafür, was du willst, ich habe dir seine Fehler angezeigt.« Ich gab ihm zwanzig Dinare und fragte ihn nach dem Namen des Sklaven. Der Sklavenhändler sagte mir: »Er heißt Meimun.« Als ich ihn hierauf an der Hand faßte, um ihn nach Hause zu führen, fragte er mich: »Mein kleiner Herr, warum hast du mich gekauft? Bei Gott! Ich tauge nicht zum Dienst der Geschaffenen.« Ich antwortete: »Ich habe dich gekauft, weil ich dich selbst bedienen will, bei meinem Haupte!« – »Und warum dies?« – »Warst du nicht gestern bei uns in der Moschee?« – »Hast du mich gesehen?« – »Jawohl, und sogar gesprochen.« Da ging er in eine Moschee und rief nach dem Morgengebet: »Mein Gott und mein Herr! Der geheime Bund zwischen uns ist nun den Menschen bekannt, wie kann ich länger leben? Ich beschwöre dich, nimm mir sogleich meine Seele!« Er verbeugte sich hierauf und fiel hin. Ich wartete eine Weile, als er aber den Kopf nicht mehr in die Höhe hob, schüttelte ich ihn, aber vergebens, er war tot. (Gottes Erbarmen sei mit ihm!) Da streckte ich seine Hände und seine Füße und sah ein lächelndes Gesicht, das ganz weiß und leuchtend wie der Mond geworden. Dann kam ein Jüngling zur Tür herein und sagte: »Friede sei mit euch! Gott erhöhe eueren Lohn für das, was ihr unserem Freund Meimun erwiesen. Hier habt ihr ein Totengewand, zieht es ihm an.« Bei diesen Worten gab mir der Jüngling zwei Kleider, wie ich dergleichen nie auf Erden gesehen; wir zogen sie ihm an und beerdigten ihn an der Stelle, wo noch heute in trockenen Jahren sowohl als in anderen Notfällen gebetet wird. Das tugendhafte israelitische Ehepaar. Man erzählt ferner: Einst lebte unter den Söhnen Israels ein sehr tugendhafter und gottesfürchtiger Mann, der sein Herz allen weltlichen Dingen verschlossen hatte, auch seine treue Gattin teilte seine Frömmigkeit und seine Duldung. Sie ernährten sich lange von ihrer Hände Arbeit, flochten den ganzen Tag Fächer, Mückenwehrer und dergleichen, damit ging der Mann abends auf die Straßen und Märkte, bis er sie verkaufte, und brachte für das Geld Lebensmittel nach Hause. Als der Mann eines Tages nach vollendeter Arbeit in einer Straße umherging, wo er Käufer suchte, sah ihn die Frau eines vornehmen Weltmannes und fand ihn so schön und ehrwürdig, daß sie sich leidenschaftlich zu ihm hingezogen fühlte. Da ihr Mann gerade abwesend war, sagte sie zu ihrer Dienerin: »Kannst du vielleicht ein Mittel erfinden, den Mann, der da vorübergeht, hereinzubringen und zu veranstalten, daß er unbemerkt die Nacht bei mir zubringe?« Die Dienerin ging zu ihm auf die Straße, rief ihm nach, sie wollte ihm etwas abkaufen, und lockte ihn so bis zur Haustür. Dann sagte sie ihm: »Komm herein, setze dich auf die Bank hier, daß ich deine Waren meiner Herrin zeige, damit sie aussuche, was sie zu kaufen wünscht.« Da der Mann kein Mißtrauen hegte, folgte er der Dienerin ins Haus, ohne irgend ein Übel zu befürchten. Aber kaum hatte er sich niedergesetzt, verschloß die Dienerin die Haustür und ihre Herrin kam aus ihrem Gemach, zog ihn zu sich hinein und sagte: »Wie lange wünsche ich schon mit dir allein zu sein! Mit welcher Ungeduld erwartete ich diesen Augenblick! Sieh, das Zimmer ist beräuchert, das Essen ist bereit, der Herr des Hauses kommt heute Nacht nicht nach Hause, und ich liebe dich von ganzem Herzen. Wie manche Könige und Große und Reiche haben schon um meine Liebe sich beworben; aber du bist der erste Mann, dem ich eine solche Gunst bezeige.« Die Frau sprach noch vieles in diesem Sinne, aber der Mann hob seinen Kopf nicht in die Höhe, weil er vor Gott sich scheute und seine schwere Strafe befürchtete. Als er aber kein Mittel sah, sie loszuwerden, sagte er. »Ich habe eine Bitte an dich.« – »Worin besteht sie?« – »Gib mir reines Wasser und laß mich auf der Terrasse deines Hauses waschen und etwas verrichten, was ich dir jetzt nicht sagen kann.« – »Das Haus ist groß und hat der verborgenen Winkel gar viele, sowie auch ein Reinigungszimmer, du brauchst nicht auf die Terrasse zu gehen.« – »Ich muß den höchsten Platz im Haus besteigen.« Da rief sie eine Dienerin und sagte zu ihr: »Geh' mit dem Mann auf die Terrasse des Hauses und nimm ein Waschbecken voll Wasser mit!« Als der Mann auf der Terrasse war, wusch er sich, betete, blickte dann auf die Straße hinunter und merkte wohl, daß, wenn er hinunterspringen wollte, er zerstückelt auf den Boden kommen würde. Doch dachte er an die große Sünde, die er begehen wollte, und an deren harte Strafe, und entschlossen, sein Leben zu opfern, rief er aus: »Mein Gott und Herr! Du siehst meine Lage und weißt, daß ich gerne mein Leben hingebe, um dein Wohlgefallen zu erlangen, doch bist du ja allmächtig.« Als er diese Worte vollendet hatte, warf er sich von der Terrasse herunter; aber Gott schickte einen Engel, der ihn auf seine Flügel nahm und sanft auf die Erde niederließ, ohne daß er sich nur im mindesten beschädigte. Als der fromme Mann den Boden erreichte, dankte er Gott, der ihn für sein Vertrauen so reichlich belohnt, und ging mit leerer Hand zu seiner Gattin. Sie fragte ihn, warum er so lange ausgeblieben und was er mit der mitgenommenen Arbeit angefangen? Er erzählte ihr, was ihm für eine Versuchung zugestoßen und wie ihn Gott auf eine wunderbare Weise gerettet. Die Frau sagte hierauf: »Da unsere Nachbarn wissen, daß wir jeden Tag fasten und abends Feuer machen, um unser Abendessen zu kochen, so wollen wir in Gottes Namen auch diesen Abend Feuer anzünden, um ihnen unsere Armut zu verbergen; wir aber wollen auch diese Nacht fortfasten.« Sie ging dann und machte ein großes Feuer, um die Nachbarn zu täuschen; dann wusch sie sich und betete mit ihrem Mann das Nachtgebet. Auf einmal kam eine ihrer Nachbarinnen, um Feuer bei ihr zu holen. Die Jüdin sagte ihr, sie möchte nur an den Ofen gehen. Als die Nachbarin aber an den Ofen trat, rief sie der Jüdin, sie möchte doch schnell ihr Brot aus dem Ofen nehmen, ehe es verbrenne. Die Jüdin sagte zu ihrem Manne: »Hast du gehört, was diese Frau sagte?« Er erwiderte: »Geh' einmal und sieh nach!« Die Frau stand auf und ging an den Ofen, und siehe da, er war mit Brot gefüllt von dem allerfeinsten und weißesten Mehl. Sie brachte es, Gott dankend, ihrem Mann und sie aßen miteinander davon. Dann sagte sie: »Laß uns zu Gott beten, daß er uns etwas beschere, wodurch wir diesem armseligen Leben und dieser harten Arbeit enthoben werden, damit wir uns ganz seinem Dienst hingeben können.« Als sie miteinander gebetet hatten, spaltete sich auf einmal das Dach des Hauses, und es fiel ein Rubin herunter, der das ganze Haus beleuchtete. Sie freuten sich über alle Maßen mit dieser Gabe Gottes und dankten ihm immer mehr für seine Huld. Als sie aber spät in der Nacht einschliefen, träumte die Frau, sie befinde sich im Paradies, wo sie viele Kanzeln und unzählige Throne aufgestellt sah. Sie fragte, für wen dies wäre. Man sagte ihr: »Die Kanzeln sind für die Propheten, und die Thron für die Aufrichtigen und Frommen.« Sie fragte dann nach dem Throne ihres Gatten. Man zeigte ihn ihr, und sie bemerkte eine Spalte auf einer Seite. Sie fragte: »Was bedeutet diese Spalte?« Man antwortete ihr: »Sie bedeutet den Rubin, der euch vom Himmel gesandt worden.« Hierauf erwachte die Frau aus ihrem Traum und weinte und war sehr traurig wegen des mangelhaften Thrones ihres Gatten mitten unter makellosen der anderen Frommen, und sie sagte zu ihrem Manne: »Bete zu Gott, daß er diesen Rubin wieder zurücknehme; es ist besser, diese wenigen Tage noch Armut und Hunger zu ertragen, als unter den vortrefflichen Männern auf einem mangelhaften Thron sitzen.« Der Mann betete, der Rubin flog wieder durch das Dach fort, und das fromme Ehepaar lebte in Armut und Gottesverehrung, bis sie der Herr zu sich rief. Der Schmied und das tugendhafte Mädchen. Es wird auch erzählt: Ein frommer Mann hörte einst, es lebe in einer gewissen Stadt ein Schmied, der die Hand ins Feuer strecken und ein glühendes Eisen herausholen könne, ohne sich im mindesten zu beschädigen. Da er diesen Schmied gern sehen wollte, reiste er nach jener Stadt, erkundigte sich nach der Wohnung des Schmieds, ging zu ihm und sah wirklich, daß man ihn nur Wahrheit von ihm erzählt hatte. Er wartete, bis der Schmied mit seiner Arbeit zu Ende war, ging dann auf ihn zu, grüßte ihn und sagte: »Ich wünsche diese Nacht dein Gast zu sein.« Der Schmied hieß ihn willkommen, nahm ihn mit in seine Wohnung, speiste mit ihm zur Nacht und ging dann mit ihm zu Bett. Als der Fremde bei dem Schmied keine Spur von Andacht und nächtlichen Gebeten fand, dachte er: Vielleicht unterläßt er es in meiner Gegenwart. Er blieb daher noch eine zweite Nacht und eine dritte, beobachtete den Schmied genau, fand aber, daß er nicht mehr als die vorgeschriebenen üblichen Gebete verrichtete und daß er in der Nacht nicht aufstand, um zu beten. Er sagte daher am folgenden Morgen dem Schmied: »Ich habe gehört, welche wunderbare Gabe dir Gott verliehen, und nun sehe ich gar nicht, daß du wie ein von dem Herrn besonders Begnadigter lebst; wie bist du denn zu dieser Auszeichnung gelangt?« – »Das will ich dir erzählen«, erwiderte der Schmied. »Ich liebte einst sehr leidenschaftlich ein Mädchen, das aber so tugendhaft war, daß alle meine Bemühungen, sie zu besitzen, fruchtlos blieben. Während ich nun einmal in einem schrecklichen Hungerjahr zu Hause saß, klopfte es an meiner Tür; ich ging an die Tür, um nachzusehen, wer zu mir wollte, und siehe da, es war das Mädchen, das ich liebte, und es sagte: »Mein Freund, ich bin hungrig und erhebe mein Haupt zu dir, daß du für Gottes Sache mir etwas schenkest.« Ich erwiderte: »Weißt du nicht, was ich um deinetwillen leide und wie die Liebe zu dir mich schon so lange martert? Ich werde dir daher nichts schenken, bis du mich erhörst.« Das Mädchen antwortete: »Lieber vor Hunger sterben, als eine Sünde gegen Gott begehen«, und ging wieder fort. Nach zwei Tagen kam sie wieder und forderte wieder zu essen; ich gab ihr wieder dieselbe Antwort, nahm sie ins Zimmer und hieß sie sitzen, denn sie war sehr schwach und elend. Als ich ihr dann Speisen vorlegte, flossen Tränen aus ihren Augen und sie sagte: »Speise mich zu Ehren Gottes«, aber ich erwiderte: »Bei Gott! Nicht eher, bis du mich umarmst,« Da stand sie auf, ließ die Speisen stehen und sagte: »Ich will lieber den Tod, als die Strafe Gottes.« Nach zwei Tagen klopfte es wieder an der Tür und als ich herausging, sah ich das Mädchen wieder, und es sagte mir, mit einer von Hunger geschwächten Stimme: »Meine Kraft ist dahin, und ich vermag es nicht, von einem andern, als von dir, etwas zu fordern; speise mich doch zu Ehren Gottes.« Ich erwiderte: »Nicht eher, bis du meinem Verlangen nachgibst.« Sie trat ins Zimmer und setzte sich; da ich keine Speisen hatte, zündete ich Feuer an, kochte etwas, stellte es ihr in einer Schüssel vor und dachte: Dieses Mädchen muß doch wohl verrückt sein, da es so sehr von Hunger geplagt ist und dennoch meine Anträge verwirft; aber es verweigerte mir standhaft meine Bitte, bis ich mir selbst Vorwürfe machte über mein sündhaftes Begehren und, mich reuevoll zu Gott bekehrend, endlich sagte: »Hier hast du zu essen, fürchte nichts, ich gebe es dir im Namen Gottes.« Als das Mädchen dies hörte, sagte es: »Mein Gott, wenn dieser Mann aufrichtig ist, so bewahre ihn vor dem Feuer in dieser und in jener Welt, du kannst ja, was du willst.« Ich ließ sie nun essen und ging, das Feuer vom Herd zu nehmen; da fiel eine brennende Kohle auf meine Füße, und durch Gottes Allmacht empfand ich nicht den geringsten Schmerz, und es fiel mir ein, daß wahrscheinlich ihr Gebet erhört worden. Ich ergriff dann eine andere glühende Kohle mit der Hand und sie brannte mich auch nicht. Da ging ich wieder zu dem Mädchen ins Zimmer und sie sagte: »Mein Gott, so wie du eben meinen Wunsch erfüllt, so erhöre auch jetzt mein Gebet und nimm meinen Geist zu dir! Du bist ja allmächtig.« Gott erfüllte auch sogleich diese Bitte. Sein Erbarmen sei mit ihr! Der Wolkenmann und der König. Man erzählt noch: Es lebte einst unter den Söhnen Israels ein durch seine Frömmigkeit berühmter Mann auf dem Gebirge als Einsiedler. Er betete ganze Nächte durch, und Gott gewährte ihm stets, was er von ihm begehrte. Gott stellte sogar eine Wolke zu seiner Verfügung, die ihm überall hin folgte und ihn mit Wasser versah, sowohl zum Waschen als zum Trinken. Eines Tages ließ er sich aber im Dienste des Herrn eine Nachlässigkeit zuschulden kommen; da entzog ihm Gott seine Wolke und erhörte sein Gebet nicht mehr. Der Einsiedler war sehr bestürzt, bereute sein Vergehen und entbrannte vor Sehnsucht nach der Stunde, wo ihm Gott seine Huld wieder schenken würde. Als er eines Nachts mit diesem Wunsch beschäftigt einschlief, wurde ihm im Traum gesagt: »Wünschest du, daß dir Gott deine Wolke wiedergebe, so gehe zu dem König N. N. und bitte ihn, daß er für dich bete, denn nur durch den Segen seines Gebetes wird sie dir Gott wieder gewähren.« Der Einsiedler machte sich am folgenden Morgen auf die Reise nach dem Land, das ihm im Traum angegeben worden, und erkundigte sich nach dem Palast des Königs. Als man ihn dahin führte, sah er einen Jüngling auf einem hohen Stuhl vor der Tür sitzen, der ihn fragte, was er wolle? Der Einsiedler antwortete: »Mir ist ein Unrecht geschehen, das ich dem König klagen will.« Da sagte der Pförtner: »Du kannst heute nicht zu ihm gelangen, der König hat einen besonderen Tag in der Woche dazu bestimmt, alle Bittenden anzuhören; warte also, bis dieser Tag kommt.« Als der Einsiedler hörte, wie der König so abgeschlossen von seinem Volk lebe, dachte er: Wie kann dieser Mann ein Heiliger sein? Doch wartete er, bis der bestimmte Audienztag kam, den der Pförtner angezeigt hatte, dann ging er wieder vor das Schloß und fand an dem Tor viele Leute, welche warteten, bis sie vorgelassen wurden. Endlich kam ein Vezier mit einigen Dienern und Sklaven und ließ die Bittenden ins Schloß treten. Im Audienzsaal saß der König, von den Großen seines Reiches umgeben, und vor ihm stand der Vezier, der einen Bittenden nach dem anderen ihm vorstellte. Als endlich die Reihe an den Einsiedler kam, sah ihn der König eine Weile an und sagte dann: »Willkommen, Herr der Wolke! Setze dich, bis ich mit den übrigen zu Ende bin.« Der Einsiedler war sehr erstaunt über diese Anrede sowohl als über das Talent, das der König in der Ausübung seines Amtes entwickelte. Nachdem er mit vieler Weisheit alle ihm vorgetragenen Streitsachen geschlichtet hatte, erhob er sich, faßte den Einsiedler bei der Hand und führte ihn ins Innere des Schlosses durch ein Tor, vor welchem ein schwarzer Sklave in kriegerischer Rüstung mit Bogen, Panzer und Schwert bewaffnet saß. Er stand auf, als er den König sah, hörte seine Befehle an und öffnete das Tor. Der König führte mich dann weiter – so erzählt der Einsiedler – bis wir an eine andere Tür kamen, die er selbst öffnete; wir befanden uns jetzt in einem alten, zerfallenen Gebäude und traten in ein Gemach, das nur einige Dattelbaumblätter, ein Waschbecken und einen Teppich enthielt. Sobald der König in diesem Zimmer war, warf er sein königliches Gewand von sich, zog ein grobes Oberkleid von weißer Wolle an und bedeckte seinen Kopf mit einer Filzmütze; dann setzte er sich, hieß mich auch sitzen und rief seine Gattin. Als diese erschien und fragte, was er befehle, sagte er: »Weißt du, wer heute unser Gast ist?« – »Jawohl«, antwortete sie, »der Wolkenmann.« Er sagte dann: »Nun kannst du wieder gehen, du hast nichts bei ihm zu tun.« Die Frau war auch in ein grobes wollenes Oberkleid gehüllt; aber ihr Gesicht war schön und leuchtete wie der Mond. Als wir wieder allein waren, fragte mich der König, ob er gleich für mich beten solle, daß ich wieder fortkomme, oder ob er mir zuvor über sein Leben einige Auskunft geben sollte. Ich bat ihn, mir über seine Umstände einiges mitzuteilen, und er sprach: »Wisse, mein Vater und Großvater und alle meine Ahnen bis zur frühesten Zeit zurück waren Könige dieses Landes. Als nach dem Tode meines Vaters die Krone mir zufiel, hatte ich keine Freude daran, denn ich hätte vorgezogen, als Einsiedler zu leben. Da ich aber fürchtete, wenn ich mich ganz zurückziehe, möchten Empörungen und Zwist im Lande entstehen, und die heiligen Gesetze nicht mehr geachtet werden und der Glaube untergehen, ließ ich alles wie es war und stellte Sklaven vor die Tore des Palastes, um die Bösen zu schrecken und zu bestrafen, und zog, wie meine Vorgänger, ein königliches Gewand an. Sobald ich aber mit den Regierungsangelegenheiten zu Ende bin, begebe ich mich hierher und kleide mich, wie du mich jetzt siehst, und lebe hier allein dem Gottesdienste, von meiner frommen Base unterstützt, die du eben hier gesehen. Wir verfertigen des Tages allerlei Arbeit aus diesen Blättern, verkaufen sie und für das Geld essen wir zu Nacht, den ganzen Tag aber fasten wir; so leben wir schon vierzig Jahre. Bleibe nun bei uns, bis wir unsere Arbeit verkauft haben, iß mit uns zu Nacht und übernachte bei uns.« Gegen Abend kam ein Diener und holte die Arbeit, verkaufte sie und kaufte Bohnen dafür, welche unser Nachtessen wurden. Gegen Mitternacht hörte ich dann, wie der König und die Königin aufstanden und beteten. Gegen Morgen sah endlich die Königin, wie sich eine Wolke am Himmel bildete, und sie sagte mir: »Freue dich, unser Gebet ist erhört worden.« Ich nahm Abschied von ihnen und ging, von meiner Wolke begleitet, fort, und was ich nachher in ihrem Namen von Gott begehrte, wurde mir gewährt. Die bekehrte Christin. Man erzählt: Der Fürst der Gläubigen, Omar, der Sohn, Chattabs, rüstete einst eine Armee aus und schickte sie nach Syrien, um eine der dortigen christlichen Festungen zu belagern. Unter der muselmännischen Armee waren zwei Brüder, so kühn und so tapfer, daß der Emir der Christen oft zu den Seinigen sagte: »Wenn wir einmal diese zwei Muselmänner getötet und aus dem Weg geschafft haben, so fürchte ich die übrigen nicht mehr.« Endlich gelang es den Christen nach vielen Anstrengungen und allerlei List und Hinterhalt, den einen der Brüder zu töten und den anderen gefangen zu nehmen. Als man ihn in Ketten vor den Befehlshaber der Festung brachte, sagte er, nachdem er ihn eine Weile betrachtet hatte: »Es wäre schade, einen solchen Mann zu töten, und doch wäre es schlimm für uns, wenn er wieder zu den Muselmännern zurückkehrte; das Erwünschteste wäre wohl, wenn er sich zum Christentum bekehrte, wir hätten dann eine starke Stütze an ihm.« Da sagte einer der Feldherren: »Wenn dieser Mann bekehrt werden soll, so kann es am besten durch ein Weib geschehen, denn die Muselmänner sind gar leidenschaftlich. Ich bin gewiß, daß, wenn er meine schöne Tochter sieht, er bald in sie verliebt sein wird.« Der Emir sagte: »So nimm ihn mit dir!« Der Feldherr nahm den Muselmann mit in sein Haus, bat seine Tochter, ihre schönsten Kleider anzuziehen, um ihre natürlichen Reize noch zu erhöhen, und als das Essen aufgetragen wurde, mußte sie wie eine Dienerin vor dem Muselmann stehen und auf seine Befehle warten. Als der Muselmann sich in einer solchen Versuchung sah, nahm er seine Zuflucht zu Gott, drückte seine Augen fest zu und betete und las den Koran mit einer sehr lieblichen Stimme, die bald einen sehr tiefen Eindruck auf die junge Christin machte. Nach sieben Tagen war ihre Liebe so groß, daß sie gerne Muselmännin geworden wäre, um dadurch seine Neigung zu gewinnen. Sie bat ihn, er möchte sie doch mit dem Islamismus bekannt machen, und als er sie die Grundpfeiler desselben gelehrt hatte, legte sie das Glaubensbekenntnis ab; dann lehrte er sie auch das Gebet und die demselben vorangehende Reinigung. Als dann die Christin ihm gestand, sie sei nur aus Liebe zu ihm zum Islam übergegangen, sagte er ihr: »Nach den Gesetzen des Islams können wir nicht heiraten, außer in Gegenwart zweier rechtgläubigen Zeugen, die hier nicht zu finden sind, und vermittelst einer Morgengabe, die ich auch hier nicht besitze. Wenn du nur ein Mittel findest, daß wir aus dieser Festung entkommen, dann verspreche ich dir, nie eine andere als dich zu heiraten.« – »Ich will mir Mühe geben«, erwiderte das Mädchen. Am folgenden Morgen ging das Mädchen zu seinen Eltern und sagte ihnen: »Schon habe ich das Herz dieses Muselmannes gewonnen und ihm vorgeschlagen, er möge sich zum Christentum bekehren, wenn er mich besitzen wolle. Hierauf sagte er mir aber: Das kann nicht sein an dem Ort, wo mein Bruder erschlagen worden; wenn ich nur an einem anderen Ort leben könnte, da würde ich mich zu zerstreuen suchen und dann alles tun, was von mir begehrt wird. Ich glaube also«, fuhr das Mädchen fort, »ihr tut nicht übel daran, wenn ihr ihn nach einem anderen Ort gehen lasset, ich verbürge mich für ihn bei dem König.« Der Vater des Mädchens ging zum Emir und hinterbrachte ihm die Worte des Mädchens. Der Emir freute sich sehr über diese Nachricht und erlaubte dem Muselmann, mit dem Mädchen in das Städtchen zu gehen, welches sie vorgeschlagen hatte. Hier verweilten sie aber nur einen Tag; sobald die Nacht heranbrach, machten sie sich auf den Weg und reisten die ganze Nacht durch. Der Muselmann hatte einen sehr schnellfüßigen Renner bei sich, und er nahm das Mädchen zu sich auf sein Pferd. Als der Morgen zu leuchten anfing und sie abgestiegen waren, um sich zu waschen und das Morgengebet zu verrichten, hörten sie auf einmal Waffengeklirr, Männerstimmen und Pferdtritte; da sagte der Muselmann zu dem Mädchen: »Das sind Christen, die uns verfolgen, wir entkommen ihnen nicht mehr, mein Pferd ist so müde, daß es kaum mehr den Fuß aufheben kann, was fangen wir nun an?« Das Mädchen schrie ihn an: »Wehe dir! Du zitterst und fürchtest dich, und hast mir doch so viel von Gottes Macht erzählt und von der Hilfe, die er denen reicht, die ihn anflehen? Komm laß uns zu Gott beten, vielleicht beschützt er uns und steht uns mit seiner Huld bei.« – »Du hast recht«, erwiderte der Jüngling, und sie beteten recht inbrünstig zu dem Herrn, Indessen kamen die Heranreitenden immer näher, und auf einmal hörte der Muselmann die Stimme seines als Märtyrer gestorbenen Bruders, welche ihm zurief: »Fürchte dich nicht, mein Bruder, die herannahenden Truppen sind Engel, die der Herr euch sendet, um Zeugen eures Ehebündnisses zu sein. Der Herr segnet euch und hat auch zum Lohn eurer Tugend und eures Vertrauens die Erde vor euch zusammengebogen, so daß ihr bei Sonnenaufgang auf dem Berg vor der Stadt Medina anlangen werdet.« »Wenn du dann«, fuhr der Märtyrer fort, »zu Omar, dem Sohn Chattabs, kommst, so grüße ihn von mir und sage ihm: Gott wird dich wegen deines Eifers für den Islam belohnen.« Als der Märtyrer so gesprochen hatte, erhoben die Engel ihre Stimme und grüßten den Jüngling und seine Braut und sagten: »Gott hat euch im Himmel schon zweitausend Jahre, ehe er Adam geschaffen, miteinander verbunden.« Das junge Ehepaar war außer sich vor Freude über diese Botschaft, und kaum leuchtete die Sonne, als sie vor den Mauern Medinas sich befanden, und Omar, der Sohn Chattabs, mit seinen Freunden ihnen entgegenkam. Dieser pflegte sonst sehr lange beim Morgengebet zu verweilen; er las oft mehrere Suren des Korans vor dem Gebet, so daß, ehe das eigentliche Gebet begann, die entlegensten Bewohner der Stadt Zeit hatten, aufzustehen, sich zu waschen und in die Moschee zu kommen. An diesem Tag aber betete Omar sehr schnell, und kaum hatte er vollendet, sagte er seinen Freunden: »Kommt mit mir, wir wollen den Verlobten entgegengehen.« Seine Freunde staunten ihn an und wußten nicht, was er meinte; er ging aber vor ihnen her zum Tor hinaus und grüßte das junge Ehepaar, nahm sie mit in die Stadt und ließ ein großes Hochzeitsmahl bereiten, dem viele Muselmänner beiwohnten. Nachdem die Mahlzeit zu Ende war, begab sich der Jüngling zu seiner Braut, und Gott schenkte ihnen Söhne, die auf den Pfaden Gottes kämpfend ihrem Stamm Ehre machten. Die himmlische Vergeltung. Man erzählt auch: Ein Prophet, der einen hohen Berg bewohnte, unter welchem eine Wasserquelle floß, und hier fern von den Menschen seine ganze Zeit der Andacht weihte, sah eines Tages einen Reiter auf die Quelle zukommen, der vom Pferd abstieg, einen Beutel, der ihm um den Hals hing, ablegte, sich ausruhte und Wasser trank. Der Reiter ging dann wieder und ließ den Beutel, in weichem Geld war, unter dem Baum liegen. Bald nachher kam ein anderer Mann, um ebenfalls von dem Wasser zu trinken; er sah den Beutel mit Geld da liegen, nahm ihn und ging damit weg. Nach diesem kam ein Dritter, es war ein Holzhauer, der eine schwere Last Holz auf dem Rücken hatte; er legte seine Bürde neben der Quelle nieder und setzte sich, um Wasser zu trinken, als der erste Reiter wiederkehrte und ihn fragte: »Wo ist der Beutel hingekommen, der hier lag?« Der Holzhauer antwortete: »Ich weiß nichts davon.« Da zog der Reiter sein Schwert, tötete den Holzhauer, durchsuchte ihn vergebens und ging wieder seines Weges. Als der Prophet alles dies vom Berg aus sah, rief er: »O Herr, der eine hat das Geld genommen und ein anderer wird ungerechterweise erschlagen.« Da offenbarte ihm Gott folgende Worte: »Beharre du nur bei deiner Andacht und kümmere dich nicht um die Weltregierung; der Vater des Reiters hat einst dem Vater des Diebes tausend Dinare geraubt, so habe ich dem Mann wieder das Geld seines Vaters verschafft; der Holzhauer aber hat den Vater des Reiters umgebracht, darum ließ ich diesen den Tod seines Vaters rächen.« Da rief der Prophet: »Es gibt keinen Gott außer dir, gepriesen sei dein Name, du allein kennst alles Verborgene!« Lohn des auf Gott Vertrauenden. Ferner wird erzählt: Einst lebte unter den Söhnen Israels ein sehr frommer, reicher Mann, der auch einen sehr tugendhaften Sohn hatte. Als der Vater dem Tode nahe war, setzte sich sein Sohn ihm zu Häupten und bat ihn, ihm seinen letzten Willen kund zu tun. Der Vater sagte: »Schwöre nie bei Gott, weder einen wahren, noch einen falschen Eid.« Bald nach des Vaters Tod kam einer von den Söhnen Israels zu dem Mann und sagte: »Dein Vater war mir soundsoviel Geld schuldig, und du weißt wohl davon, gib mir also das Geld oder schwöre, daß du nichts davon weißt.« Da der Mann sich des letzten Willens seines Vaters erinnerte, gab er ihm, was er begehrte, um nur keinen Eid zu schwören. Nach diesem kamen dann noch viele andere mit falschen Forderungen, bis der Mann endlich sein ganzes Vermögen hergegeben hatte. Als ihm nichts mehr übrig blieb, sagte er zu seiner gottesfürchtigen Frau, die ihm zwei Söhne geboren hatte: »Da ich nun alles weggegeben habe, was ich besaß, und wenn wieder jemand mich einer Schuld anklagt, ich gezwungen wäre, zu schwören, so laß uns unsere Heimat verlassen und in ein Land reisen, wo uns niemand kennt.« Er bestieg daher mit seiner Frau und seinen zwei Kindern das erste beste Schiff, ohne eigentlich zu wissen, wohin er wollte. Aber bald wurde das Schiff zerschmettert, der Mann rettete sich auf einem Brett, die Frau auf einem anderen, und jeder der beiden Söhne wieder auf einem anderen. Die Wellen ließen sie nicht lange beisammen. Die Frau wurde ans Land gestoßen in ein kleines Dorf, einer ihrer Söhne in ein entlegenes Städtchen, der andere wurde von einem vorübersegelnden Schiff aufgenommen, den Vater aber stießen die Wellen auf eine entfernte Insel. Sobald er dort anlangte, wusch er sich im Meer und betete; da sah er verschiedenartige Gestalten aus dem Meer steigen, die mit ihm beteten. Nach vollendetem Gebet ging er auf einen Baum zu und sättigte sich an dessen Früchten. Dann fand er auch eine Wasserquelle, an welcher er seinen Durst löschen konnte, wofür er Gott dankte. So lebte er drei Tage lang, und sooft er betete, beteten Gestalten, die dem Meer entstiegen, mit ihm. Am vierten Tage hörte er eine Stimme, die ihm zurief: »O frommer Mann, der seinen Herrn verehrt und den Willen seines Vaters achtet, betrübe dich nicht! Gott wird dir alles wieder ersetzen, was du verloren hast; auf dieser Insel sind unermeßliche Schätze verborgen, die dir der Herr schenken will, und durch dich soll diese Insel angebaut und bewohnt werden; ich werde viele Schiffe zu dir hierher senden, sei gütig gegen die Leute, die darauf sind, und lade sie ein, bei dir zu bleiben, Gott wird ihre Herzen dir zuneigen.« Der Mann fand bald die Schätze, die ihm Gott versprochen hatte, bald kamen auch mehrere Schiffe auf die Insel, und da er sehr wohltätig und zuvorkommend gegen die Leute war und sich sehr angelegentlich nach den Armen und Bedürftigen erkundigte und sie unterstützte, so kamen immer mehr Auswanderer herbei von allen Ländern her, und nach kaum zehn Jahren war die Insel angebaut und hatte eine sehr ansehnliche Bevölkerung, die den frommen Juden zum König erwählte. Der neue König wurde bald allenthalben wegen seiner außerordentlichen Wohltätigkeit berühmt, so daß sein ältester Sohn, den ein guter Mann aufgenommen hatte und sehr sorgfältig ausbilden und erziehen ließ, auch von ihm hörte und zu ihm reiste, ohne zu wissen, daß er sein Vater war. Der König nahm ihn sehr gut auf und machte ihn bald zu seinem Geheimsekretär. Bald darauf hörte auch der jüngere Sohn, der ebenfalls einen guten Erzieher gefunden hatte und ein tüchtiger Kaufmann wurde, von diesem frommen und gerechten König, und begab sich auch zu ihm und wurde bald zum Verwalter der königlichen Güter ernannt. Nicht lange nachher kam auch der Kaufmann auf die Insel, welcher des Königs Frau bei sich aufgenommen und ihr versprochen hatte, sie nie zu verlassen und ihr stets alles zu bieten, daß sie ungestört der Gottesverehrung leben könne. Als der Kaufmann mit der Frau vor der Insel Anker geworfen hatte, nahm er allerlei kostbare Kleidungsstücke und andere edle Erzeugnisse des festen Landes zu sich und ging damit zum König, um sie ihm als Geschenk anzubieten. Der König freute sich sehr damit und machte ihm herrliche Gegengeschenke. Da unter den Geschenken des Kaufmanns einige Wurzeln und Medikamente waren, deren Namen und Gebrauch der König kennen wollte, bat er den Kaufmann, bei ihm zu übernachten und ihm alles zu erklären. Aber der Kaufmann erwiderte: »O König, ich habe auf dem Schiff eine fromme Frau, deren Gebet mir Segen bringt und der ich beständigen Schutz versprochen habe; ich kann sie nicht allein auf dem Schiff lassen. Der König sagte: »Ich will zuverlässige Männer zu ihr schicken, die sie und das Ihrige bewachen und beschützen werden.« Da der Kaufmann nichts hierauf zu entgegnen hatte, willigte er ein, bei dem König zu bleiben, und dieser schickte seinen Sekretär und seinen Verwalter auf das Schiff und befahl ihnen, es die ganze Nacht zu bewachen. Sie gingen auf das Schiff, der eine setzte sich auf den Vorderteil und der andere auf den Hinterteil desselben. Nachdem sie einen Teil der Nacht mit Beten zugebracht hatten, sagte einer zum anderen: »Da uns der König befohlen hat, das Schiff zu bewachen, so wollen wir, um nicht einzuschlafen, uns miteinander von den Weltbegebenheiten oder von unseren eigenen Abenteuern und Erfahrungen unterhalten.« Da erwiderte der andere: »Ich habe schon viel erfahren, denn das Schicksal hat mich von meinem Vater und meiner Mutter getrennt; auch hatte ich einen Bruder, der so hieß wie du, wir waren auf einem Schiff beisammen, das der Sturm zerschmetterte, und so wurden wir voneinander getrennt.« Als der erste dies hörte, fragte er nach den Namen seiner Mutter und seines Vaters, und als jener sie nannte, warf er sich ihm in die Arme und sagte: »Bei Gott, du bist mein Bruder!« Sie erzählten dann einander noch vieles, was ihnen in der Jugend widerfahren, und ihre Mutter hörte allem zu, aber sie nahm sich zusammen und verriet sich nicht. Als der Morgen leuchtete, sagte ein Bruder zum andern: »Laß uns jetzt nach Hause gehen und zu Hause weiter plaudern.« Bald nachher kam der Kaufmann wieder und fand seine Frau sehr angegriffen. Er fragte sie, was ihr zugestoßen. Sie antwortete: »Du hast mir diese Nacht zwei Männer geschickt, die von mir etwas Schlechtes wollten, so daß ich sehr aufgebracht gegen sie bin.« Der Kaufmann ging ganz zornig zum König und erzählte ihm, wie sich seine Vertrauten gegen die Frau benommen. Der König, der sie wegen ihrer Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sehr liebte, ließ sie sogleich rufen; auch nach der Frau schickte er, damit sie erkläre, was die Männer verschuldet haben. Als die Frau erschien, sagte ihr der König: »Was hast du Schlechtes von meinen Vertrauten gesehen?« Die Frau sagte: »O König, ich beschwöre dich bei dem allmächtigen Gott, bei dem Herrn des Himmels! Befiehl ihnen, das Gespräch zu wiederholen, das sie diese Nacht miteinander geführt.« Auf den Befehl des Königs erzählten sie wieder einander die Geschichte ihrer Trennung. Da stand der König von dem Thron auf, fiel über sie her, umarmte sie und schrie: »Bei Gott, ihr seid meine Söhne!« Hierauf nahm die Frau ihren Schleier vom Gesicht und rief, »Und ich, bei Gott, bin ihre Mutter!« So blieben sie denn beisammen und lebten in Glück und Freude, bis sie der Tod erreichte. Gepriesen sei der, welcher den Diener rettet, der sich zu ihm wendet, und den nie beschämt, der auf ihn sein Vertrauen setzt. Ikirma und Chuseima. Es wird noch erzählt: Zur Zeit des Kalifen Suleiman, des Sohnes Abd Almeliks, lebte ein Abkömmling von dem Stamm der Söhne Asad, der durch seine Biederkeit, seinen Edelmut und seine Freigebigkeit allenthalben berühmt war; sein Name war Chuseima, der Sohn Baschars. Nachdem er lange alle seine Freunde mit Wohltaten überhäuft hatte, verließ ihn das gute Glück, so daß er zuletzt derjenigen bedurfte, deren Wohltäter er bisher gewesen war. Aber diese Menschen waren seiner bald überdrüssig, und sobald er eine Veränderung in ihrem Benehmen gegen ihn wahrnahm, ging er zu seiner Frau, welche zugleich seine Base war, und sagte ihr: »Ich habe meine Freunde ganz verändert gegen mich gefunden und daher beschlossen, nicht mehr aus dem Hause zu gehen, bis ich sterbe.« Er schloß sogleich die Tür und lebte zu Hause von dem, was er noch hatte, bis endlich gar nichts übrig blieb und er gar nicht mehr wußte, was er tun sollte. Dies hörte zufällig Ikirma, der Statthalter von Mesopotamien, der wegen seiner Freigebigkeit berühmt war, und er sagte zu denjenigen, die ihm von Chuseimas Not erzählten: »Sind selbst diesem Mann keine Freunde und keine Bekannten zu Hilfe gekommen?« Er wartete dann, bis es dunkel war, nahm vierhundert Dinare und legte sie in einen Beutel, ließ sich sein Maultier satteln und nahm nur einen Diener mit, der das Geld trug, und ritt bis vor die Tür von Chuseimas Haus. Hier nahm er dem Diener den Beutel ab, schickte ihn weg und stieß die Tür auf. Als Chuseima herauskam, gab ihm Ikirma den Beutel und sagte: »Verbessere damit deine Lage!« Chuseima fand den Beutel so schwer, daß er ihn fallen ließ; er ergriff dann den Zaum von Ikirmas Maultier und sagte: »Wer bist du? Ich will es wissen, damit ich mein Leben für dich opfere!« Ikirma antwortete: »Ich werde es dir jetzt nicht sagen; wollte ich von dir gekannt sein, so wäre ich nicht zu dieser Stunde gekommen.« Aber Chuseima entgegnete: »Wenn du mir nicht sagst, wer du bist, so nehme ich dein Geld nicht an.« Da sagte Ikirma: »Ich bin ein Mann, der gern das Unglück der Elenden mildert, mehr sage ich dir nicht«, und lief schnell fort. Chuseima ging mit dem Beutel zu seiner Frau und sagte ihr: »Freue dich, Gott hat uns geholfen, wenn dieser Beutel voll Geld ist; zünde einmal Licht an!« Aber die Frau sagte: »Wir haben kein Licht im Hause.« Und so mußte er mit Ungeduld den Morgen erwarten. – Ikirma aber, als er wieder nach Hause kam, hörte, daß seine Frau ihn vermißt und nach ihm gefragt habe, und als man ihr gesagt, er sei ausgeritten, ihr die Sache sehr verdächtig vorgekommen sei. Sie sagte ihm daher, als er zurückkam: »Wie? Der Statthalter von Mesopotamien reitet in der Nacht aus ohne Gefolge? Der kann nur irgend ein Mädchen oder eine Frau besuchen.« – »Gott weiß es«, antwortete Ikirma, »daß ich weder bei einer Frau noch bei einem Mädchen war.« – »So sage mir denn, wo du warst«, entgegnete die Frau. Er antwortete: »Ich bin ja nur darum zu dieser Stunde ausgeritten, weil niemand wissen soll, wohin.« Aber sie plagte ihn so lange, bis er ihr endlich die ganze Geschichte erzählte, und als er damit zu Ende war, fragte er sie, ob er auch noch schwören solle; aber sie erklärte, daß sie nun vollkommen beruhigt sei. Nachdem Chuseima am folgenden Morgen mit dem Geld seine Schulden bezahlt und sich neu ausgestattet hatte, ritt er zu dem Kalifen Suleiman, dem Sohn Abd Almeliks, der ihn wohl kannte und daher auch gleich sich kommen ließ. Sobald Chuseima den Kalifen gegrüßt hatte, fragte ihn dieser, warum er ihn so lange nicht gesehen. Chuseima antwortete: »Meine schlechten Umstände haben mich abgehalten, und erst vergangene Nacht wurde ich in den Stand gesetzt, vor dem Fürsten der Gläubigen zu erscheinen«, und erzählte ihm hierauf, wie ihm jemand einen Beutel mit Geld gebracht. Suleiman sagte. »Kennst du den Mann?« – »Nein«, antwortete Chuseima; »er wollte sich nicht zu erkennen geben, und nannte sich nur den Mann, der das Unglück der Elenden mildert.« Suleiman wünschte sehr zu erfahren, wer er war, um ihn belohnen zu können. Bald nachher ließ Suleiman Chuseima eine Fahne überreichen und ernannte ihn zum Statthalter von Mesopotamien an Ikirmas Stelle. Chuseima machte sich auf den Weg nach Mesopotamien, und als er in die Nähe der Hauptstadt kam, ging ihm Ikirma mit den vornehmsten Bürgern der Stadt entgegen und begleitete ihn in den Regierungspalast. Chuseima fand bei der Übernahme der Kasse, daß viel Geld im Schatz fehlte, und forderte Ikirma auf, es herauszugeben. Ikirma bestand darauf, er habe kein Geld, man möge mit ihm verfahren, wie man wolle. Chuseima ließ ihn einsperren und schickte noch einmal zu ihm ins Gefängnis, um ihn aufzufordern, das, was er dem Schatz schuldig sei, zu bezahlen. Ikirma antwortete: »Ich gehöre nicht zu denen, die lieber ihre Ehre opfern, als ihr Geld; tue, was du willst!« Chuseima ließ ihn hierauf in Ketten legen und länger als einen Monat im Kerker schmachten. Als aber Ikirmas Gattin vernahm, was ihm zugestoßen, rief sie eine ihrer Sklavinnen, welche sehr viel Verstand hatte, und sagte ihr: »Gehe sogleich zu dem Statthalter Chuseima und sage: Du habest ihm einen wohlgemeinten Rat zu geben, und wenn er fragt: Was? Sage ihm, sobald du allein mit ihm bist. Belohnst du so mit Kerker und Fesseln den, welcher die Leiden der Elenden mildert?« Die Sklavin tat, wie ihr befohlen worden, und sobald Chuseima ihre Worte hörte, rief er mit lauter Stimme: »Wehe mir! So kam jenes Geld von ihm?« – »Allerdings«, erwiderte die Sklavin. Chuseima ließ sogleich die angesehensten Einwohner der Stadt zu sich rufen und ritt mit ihnen bis vor die Türe des Gefängnisses, trat dann mit seinem Gefolge hinein und fand Ikirma ganz entstellt von Schmerz und Gram, und beschämt den Kopf zur Erde beugend. Er fiel über ihn her, küßte sein Haupt und sagte: »Deine Handlungen waren edel, und ich habe dich schlecht dafür belohnt.« – »Gott verzeihe dir und mir!« erwiderte Ikirma. Chuseima nahm ihm dann die Fesseln ab und wollte sie sich selbst anlegen lassen, damit er erdulde, was er seinem Wohltäter angetan. Ikirma beschwor jedoch Chuseima bei Gott, dies zu unterlassen, und so gingen sie denn alle zusammen in des letzteren Wohnung; auch Ikirma, der sich entfernen wollte, wurde von Chuseima genötigt, mit ins Haus zu kommen. Als Ikirma ihn fragte, was er von ihm wolle, sagte er: »Ich will dich in einen besseren Stand setzen, denn ich schäme mich vor deiner Gattin noch mehr, als vor dir selbst.« Er führte ihn hierauf ins Bad, wo er ihn selbst bediente, schenkte ihm ein kostbares Kleid und viel Geld und begleitete ihn in sein Haus. Als Chuseima in Ikirmas Haus war, bat er ihn, ihm zu erlauben, sich bei seiner Frau zu entschuldigen, und als dieses geschehen war, bat er ihn, mit ihm zum Kalifen zu reisen, der damals in Syrien sich aufhielt. Als sie vor dem Palast des Kalifen anlangten und der Pförtner Chuseima meldete, sagte der Kalif: »Der Statthalter von Mesopotamien kommt ohne Befehl hierher, da muß wohl etwas Außerordentliches sich ereignet haben. Er ließ ihn daher schnell hereintreten und fragte ihn, noch ehe er grüßte: »Was bringst du?« Chuseima antwortete: »Nur Gutes, o Fürst der Gläubigen! Ich habe endlich den Heilenden des Unglücks der Edlen gefunden, und da ich wußte, wie sehr du wünschest, ihn kennenzulernen, wollte ich dich mit dessen Anblick erfreuen.« – »Und wer ist es?« fragte Suleiman. »Ikirma«, antwortete Chuseima. Der Kalif ließ ihn hereintreten, grüßte und bewillkommte ihn freundlich und sagte: »Deine Wohltaten haben dir nur Schmerzen gebracht; doch schreibe jetzt auf, was du brauchst!« Ikirma machte ein Verzeichnis von allem, was ihm Bedürfnis war, und Suleiman ließ ihm alles geben und schenkte ihm noch obendrein zehntausend Dinare und zwei Stücke Tuch. Dann sagte er ihm: »Chuseimas Schicksal liegt in deiner Hand; wenn du willst, lasse ich ihm seine Statthalterschaft, wo nicht, so nehme ich sie ihm.« Ikirma bat den Kalifen, er möge Chuseima auf seinem Posten lassen; er selbst aber erhielt dann vom Kalifen die Statthalterschaft von Adserbeidjan und Armenien. Beide verließen hierauf den Kalifen Suleiman und blieben seine Statthalter während der ganzen Dauer seines Kalifats. Es wird noch erzählt: Unter dem Kalifate Hischams, des Sohnes Abd Almeliks, lebte ein Mann, unter dem Namen Junus, der Schreiber, bekannt. Er reiste einst nach Damaskus mit einer Sklavin, die durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit ausgezeichnet war, und die er auch in allem, was ein Mädchen wissen soll, hatte unterrichten lassen, so daß er sie auf hunderttausend Drachmen schätzte. In der Nähe von Damaskus ließ er sich mit seiner Karawane am Ufer eines kleinen Sees nieder und holte einige Speisen herbei, die er noch bei sich hatte, und einen Krug mit Wein. Auf einmal kam ein hübscher junger Mann mit zwei Dienern hergeritten, grüßte Junus und fragte ihn, ob er sein Gast sein dürfe. Junus lud ihn ein, hielt seine Steigbügel und ließ ihn absteigen, gab ihm zu trinken und hieß seine Sklavin etwas singen, so daß der Reiter ganz entzückt war. Nachdem sie so bis nach der Zeit des Nachtgebets miteinander gezecht hatten, fragte der Reiter den Schreiber Junus, was ihn nach Damaskus führe. Junus antwortete dem jungen Mann: »Ich will diese Sklavin hier verkaufen!« – »Und um welchen Preis?« fragte dieser. – »Um die Summe, die ich brauche, um meine Schulden zu bezahlen und meine Lage zu verbessern.« – »Ich gebe dir dreißigtausend Drachmen.« – »Das genügt nicht, biete mehr!« – »Meinetwegen vierzigtausend Drachmen!« – »So viel brauche ich gerade, um meine Schulden zu bezahlen, ich bliebe dann mit leeren Händen.« – »Nun, so nehme ich sie für fünfzigtausend Drachmen, schenke dir noch ein Kleid und gebe dir Teil an meinem Geschäfte, solange ich lebe.« – »So sei sie dir verkauft!« Der Reiter fragte dann, ob er sie gleich mitnehmen dürfe und ihm erst morgen das Geld geben, oder ob er sie solange noch behalten wolle. Junus, vom Weine berauscht, schämte sich, gegen den Reiter Mißtrauen zu zeigen und sagte: »Ich traue dir, nimm sie nur gleich mit, Gott segne dich durch sie!« Der Reiter sagte einem seiner Diener: »Nimm sie vor dir auf dein Pferd!« Dann nahm er Abschied von Junus und ritt weg. Nach einigen Stunden sah erst Junus seinen Leichtsinn ein und er bereute es, die Sklavin einem Mann gegeben zu haben, den er gar nicht kannte und zu dem er gar nicht zu gelangen wußte. Am folgenden Morgen, als die Karawane nach dem Morgengebet in die Stadt zog, hatte er Lust, ihr zu folgen, denn die Sonne war sehr glühend an der Stelle, wo er sich befand; er fürchtete aber, es möchte ein Bote von dem Reiter kommen und ihn nicht finden, und er so nach der ersten Torheit noch eine zweite, größere, begehen. Er setzte sich daher in den Schatten einer Mauer, die dort war, und bald kam zu seiner größten Freude einer der Diener, die den Reiter begleitet hatten und sagte: »Kennst du den Herrn, der dir die Sklavin abgekauft?« – »Nein«, antwortete Junus. »So komme mit mir«, sagte der Diener, »es ist Walid, der Sohn Suheils, Dies soll wohl "Jesids" heißen, denn der auf Hischam folgende Kalif war ein Sohn Jesids der Statthalter von Indien.« Junus bestieg das Pferd, das der Diener für ihn mitgebracht, und als er in Walids Wohnung kam, trat ihm seine Sklavin entgegen und grüßte ihn. Junus fragte sie, wie es ihr gehe. Sie antwortete: »Ich bin in dieses Gemach gebracht und mit allem Nötigen versehen worden.« Bald kam ein Diener und führte ihn in einen Saal, wo der Käufer auf einem Throne saß und ihn bewillkommte und nach seinem Namen fragte. Dann sagte er: »Ich habe eine kummervolle Nacht zugebracht, weil ich die Sklavin nahm, ohne daß du mich kanntest; hast du es nicht bereut, sie einem Fremden ohne Geld gegeben zu haben?« Er ließ zuerst fünfzigtausend Drachmen bringen und legte sie Junus vor. Dann ließ er noch fünfzehnhundert Dinare herbeiholen und sagte: »Tausend Dinare gebe ich dir für die gute Meinung, die du von mir gehabt, und fünfhundert für deine Reisekosten; ich nehme die Sklavin nur unter dieser Bedingung; bist du zufrieden?« – »Vollkommen zufrieden«, antwortete Junus und küßte Walid die Hände. Er lobte dann die Sklavin sehr, ließ sie rufen und vor Junus einige Verse singen. Dann befahl er einem Diener, ein Pferd für Junus zu bringen und ein Maultier für seine Effekten, und sagte ihm: »Wenn du meiner wieder bedarfst, so komme nur, du sollst keinen Mangel haben, solange ich lebe.« Hierauf ritt Junus fort mit seinem Geld. Als dann später Walid Kalif wurde, ging Junus zu ihm, und Walid hielt sein Versprechen, nahm ihn mit vieler Auszeichnung auf, schenkte ihm viel Geld und Güter und verschaffte ihm hohes Ansehen. Junus lebte in den glücklichsten Umständen in der Nähe des Kalifen bis zu seinem Tod. Gottes Erbarmen sei mit ihm! Es lebte in grauer Vorzeit ein griechischer Weiser, dessen Namen Daniel war; seine Gelehrsamkeit war so groß, daß alle Gelehrten Griechenlands zu ihm wanderten, um seine Weisheit zu vernehmen, und daß sein Wort allenthalben als höchste Autorität galt. Dieser Mann hatte aber keinen Sohn und war sehr betrübt darüber. Eines Abends ging er traurig und krank nach Hause, nahm fünf Blätter, die ihm noch übrig geblieben von einem Buch, das er ins Meer hatte fallen lassen, verschloß sie in eine Kiste und sagte zu seiner Frau: »Wisse, daß meine Todesstunde nahe ist; ich werde diese vergängliche Welt verlassen und in eine ewigdauernde übergehen. Gott weiß, ob du nicht in gesegneten Umständen bist und nach meinem Tod einen Sohn gebärst; ist dies der Fall, so nenne ihn Haseb Kerim Eddin (den Edlen im Glauben), gib ihm eine gute Erziehung, und wenn er dich fragt, was ich ihm hinterlassen, so überreiche ihm diese fünf Blätter, und wenn er sie liest und versteht, so ist er der gelehrteste Mann seiner Zeit.« Er nahm nach diesen Worten Abschied von ihr, seufzte tief, schöpfte noch einmal Atem und schied aus der Welt. (Der erhabene Gott erbarme sich seiner!) Seine Familie und Stammgenossen beweinten, wuschen und beerdigten ihn. Seine Frau aber gebar nach einiger Zeit einen hübschen Knaben, den sie Haseb nannte, wie ihr Gatte es befohlen; als er zur Welt kam, ließ sie Sterndeuter kommen, um ihm seine Zukunft zu prophezeien, und sie sagten ihr: »Wisse, daß dein Sohn sehr lange leben wird, wenn er einige Gefahren übersteht, die ihm in seiner Jugend zustoßen werden; er wird dann auch der Weiseste seiner Zeit werden.« Die Astrologen gingen dann wieder nach Hause und die Mutter pflegte Haseb bei sich im Hause, bis er das Alter von fünf Jahren erreicht hatte; dann schickte sie ihn in eine Schule, und nach mehreren Jahren ließ sie ihn ein Handwerk lernen, aber er lernte gar nichts und wollte gar nicht arbeiten, so daß er seiner Mutter viel Kummer machte. Man riet ihr dann, ihn zu verheiraten, weil er durch die Ehe doch zur Arbeit gezwungen würde, und sie warb um eine Gattin für ihn. Nachdem er einige Zeit verheiratet war, sagten seine Nachbarn, welche Holzhauer waren, zu seiner Mutter: »Kaufe deinem Sohn einen Esel und Strick und ein Beil, wir wollen ihn dann mit uns in den Wald nehmen, und was wir für das Holz lösen, werden wir, wenn er mit uns arbeitet, untereinander teilen, so daß ihr davon leben könnt.« Hasebs Mutter freute sich sehr mit dem Anerbieten ihrer Nachbarn und kaufte ihrem Sohn einen Esel, ein Beil und einen Strick, und schickte ihn mit den Holzhauern ins Gebirge. Diese halfen ihm schneiden und aufladen; kehrten mit ihm zur Stadt zurück, verkauften das Holz und ernährten ihre Familien damit. Sie setzten diese Lebensweise lange fort, bis sie eines Tages, als sie im Gebirge waren, ein starker Regen überfiel, da flüchteten sie sich in eine Höhle, um sich vor dem Regen zu schützen. Haseb schlug in der Höhle mit seinem Beil auf den Boden, da merkte er, daß der Boden hohl war; er grub eine Weile nach und fand eine runde Platte mit einem Ring. Bei dieser Entdeckung freute er sich sehr und rief seine Gefährten. Die Holzhauer eilten zu ihm und halfen ihm die Platte aufheben; als sie weg war und sie eine Grube ganz mit Honig gefüllt sahen, sagten sie zueinander: »Diese Grube ist von Honig gefüllt; es bleibt uns nichts übrig, als in die Stadt zu gehen, um Gefäße zu holen, in welchen wir ihn in die Stadt tragen, um ihn dort zu verkaufen; das Geld teilen wir dann. Doch muß einer von uns hier bleiben, um die Grube zu bewachen.« Haseb sagte: »Ich will als Wache hier bleiben, geht ihr in die Stadt und kommt bald wieder mit Gefäßen.« Alle gingen fort bis auf Haseb und kehrten bald wieder mit großen Töpfen zurück; sie füllten sie mit Honig, führten sie in die Stadt, verkauften sie und kehrten wieder zur Grube mit leeren Gefäßen. So machten sie viele Reisen hin und her und verkauften immer den Honig in der Stadt, während Haseb immer in der Höhle blieb, um die Grube zu bewachen, bis eines Tages einer der Holzhauer zu den übrigen sagte: »Wisset, da Haseb die Grube entdeckt hat, so könnte er morgen, wenn er in die Stadt kommt, uns anklagen und alles Geld in Anspruch nehmen, das wir für den Honig gelöst; das beste ist daher, wir lassen ihn nun noch einmal in die Grabe steigen, um den übrigen Honig herauszugeben, dann lassen wir ihn unten vor Hunger sterben; es wird nie ein Mensch etwas mehr von ihm erfahren.« Sämtliche Holzhauer stimmten mit diesem Vorschlag überein; sie gingen wieder zur Höhle und sagten zu Haseb: »Steige in die Grube hinab, um uns den übrigen Honig zu holen.« Haseb stieg hinunter; als er aber die Gefäße gefüllt hatte und den Holzhauern sagte: »Zieht mich wieder hinauf, es ist kein Honig mehr da«, erhielt er keine Antwort, denn sie waren alle in die Stadt zurückgekehrt und hatten ihn in der Grube gelassen. Haseb rief vergebens nach Hilfe und sagte weinend: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, als bei Gott dem Erhabenen! Nun bin ich lebendig begraben.« Die Holzhauer verkauften wie immer ihren Honig in der Stadt; dann gingen sie zu Hasebs Mutter und sagten ihr: »Mögest du leben statt deines Sohnes Haseb!« Sie fragte: »Was ist denn diesem geschehen?« Da antworteten die Holzhauer: »Als wir im Gebirge waren, fing es an, stürmisch zu regnen, und wir flüchteten uns in eine Höhle; da entfloh die Eselin deines Sohnes ins Tal, und als dein Sohn ihr nachlief, um sie zurückzubringen, kam ein großer Wolf, tötete deinen Sohn und fraß den Esel.« Als Hasebs Mutter dies hörte, schlug sie sich ins Gesicht, streute Erde auf ihr Haupt und trauerte um ihren Sohn; die Holzhauer aber wurden angesehene Kaufleute, sie aßen und tranken, schickten auch Hasebs Mutter zu essen und führten das vergnügteste Leben. – Haseb blieb lange in der Grube, bis endlich ein großer Skorpion auf ihn von oben herunterfiel; er brachte ihn um und dachte: die Grube war doch ganz mit Honig angefüllt, wo mag wohl dieser Skorpion hergekommen sein? Er machte sich auf, um die Stelle zu untersuchen, wo der Skorpion hergekommen; da sah er eine Spalte, durch die Licht hereinfiel; er nahm sein Messer und erweiterte sie, bis er durchschlüpfen konnte; er kam dann an einen langen Gang und sah zuletzt eine große eiserne Tür mit einem silbernen Schloß, an dem ein goldener Schlüssel war. Er näherte sich der Tür und öffnete sie, und als er durchgegangen und eine Strecke vorwärts war, kam er vor einen großen See; daneben sah er einen Hügel aus grünem Smaragd, auf dem ein goldener Thron stand mit allerlei Edelsteinen besetzt. Rings um diesen Thron standen Stühle, einige von Gold, andere von Silber, andere von Kupfer und einige von Eisen, von Sandelholz, von Elfenbein und von Ebenholz; es waren nicht weniger als zwölftausend Stühle. Haseb setzte sich auf den Thron, um welchen die Stühle standen, und vor großem Erstaunen und Wohlgefallen an diesem See und diesen Stühlen schlief er ein. (Gepriesen sei der, welcher nie schläft!) Als er wieder erwachte, hörte er ein Zischen und Wispern und Blasen; er öffnete seine Augen und richtete sich auf, da sah er auf den Stühlen große Schlangen sitzen; eine jede war hundert Ellen lang. Hasebs Mund trocknete aus vor Furcht; er verzweifelte schon am Leben, als er die Augen dieser Schlangen sah, welche wie blanke Schwerter funkelten. Als er dann seinen Blick auf den See warf, sah er darin viele kleine Schlangen, so viele, daß nur Gott ihre Zahl kennt. Nach einer Weile kam eine Schlange herbei, so dick wie ein Maultier und trug eine goldene Kufe auf dem Rücken, in welcher eine Schlange mit einem Menschengesicht wie Kristall leuchtete. Als sie in die Nähe Hasebs kam, grüßte sie ihn mit beredter Zunge, und er erwiderte ihren Gruß. Dann kam eine Schlange und setzte die Kufe auf einen der Stühle; die Schlange, die darin war, schrie dann die übrigen in ihrer Sprache an; sie erhoben sich alle von ihren Stühlen, fielen vor ihr nieder und grüßten sie. Erst auf einen Wink dieser Schlange setzten sie sich wieder. Sie sagte hierauf zu Haseb: »Fürchte dich nicht vor uns, ich bin die Königin der Schlangen und ihre Sultanin!« Diese Worte beruhigten Hasebs Herz um so eher, als sie einigen Schlangen befahl, etwas zu essen zu bringen, und sie sogleich mit Äpfeln, Trauben, Granatäpfeln, Pistazien, Haselnüssen, Mandeln, Nüssen und Bananen herbeikamen und sie Haseb vorstellten. Die Königin hieß ihn noch einmal willkommen, fragte ihn nach seinem Namen und bat ihn, von diesen Früchten ohne Furcht zu essen. »Gekochte Speisen«, sagte sie, »haben wir nicht.« Haseb aß von den Früchten, bis er satt war, und dankte dem erhabenen Gott dafür. Als er vollends gegessen hatte, wurden die Speisen weggetragen, und die Königin fragte ihn, woher er komme und wie er diesen Ort erreichen konnte. Haseb erzählte ihr, was seinem Vater mit dem Engel Gabriel begegnet, wie er erst nach seines Vaters Tod geboren worden und in der Schule nichts lernen wollte, wie er dann Holzhauer wurde und die Grube entdeckte, in der ihn seine Gefährten zurückgelassen, und wie er endlich durch einen Skorpion auf einen Ausgang aufmerksam gemacht worden. »Das ist«, schloß er, »alles, was ich über die Art und Weise, wie ich hierher gelangt, zu erzählen weiß.« Als Haseb seine Erzählung vollendet hatte, sagte ihm die Schlange: »Sei nur ruhig: Es wird dir nur Gutes begegnen; bleibe nur einige Zeit bei mir, Haseb, ich will dir auch meine Geschichte erzählen, du wirst darüber erstaunen.« Haseb sagte., »Ich gehorche recht gern deinem Befehl.« Darauf begann die Königin: »Wisse, o Haseb, es war in Ägypten ein Mann von den Söhnen Israels, welcher einen Sohn hatte, der Bulukia hieß. Der Mann tat nichts anderes, als Gott anbeten und die heilige Schrift lesen; als er erkrankte und dem Tod nahe war, kamen die Vornehmsten des Landes zu ihm und grüßten ihn; er sagte ihnen: Wisset, ihr Männer, meine Abschiedsstunde ist nahe; ich verlasse diese Welt, um in eine andere zu wandern; ich habe euch nichts zu empfehlen, als meinen Sohn Bulukia, dessen ihr euch annehmen möget. Hierauf rief er: Ich bekenne, daß es keinen Gott gibt außer dem einzigen Gott, atmete zum letzten Mal und schied aus der Welt. (Gott erbarme sich seiner!) Man bereitete ihm sein Totengewand zu, wusch und beerdigte ihn und ernannte seinen Sohn Bulukia zum Sultan. Dieser war so gerecht gegen seine Untertanen, daß die höchste Ruhe und Zufriedenheit in seinem Land herrschte, Eines Tages aber öffnete er die Schatzkammern seines Vaters, um zu sehen, was sie enthalten; da fand er in einer der Kammern eine verborgene Tür; er öffnete sie und kam in ein kleines Kabinett, worin auf einer weißen marmornen Säule ein Kästchen von Ebenholz stand. Bulukia öffnete es und fand darin ein anderes, goldenes Kästchen; er öffnete auch dieses und sah ein Buch darin, auf dessen Außenseite geschrieben war: Ein Prophet mit Namen Mohammed wird einst aufstehen (Gott sei ihm gnädig und bewahre ihn!), der ist der Herr aller ihm Vorangegangenen und ihm Nachfolgenden. Als Bulukia diese Worte gelesen, wurde er ganz rasend vor Liebe zu Mohammed; er versammelte die Großen und die Priester seines Volkes, machte sie mit dem Buch bekannt und sagte ihnen: Mein Vater verdient, daß ich ihn aus dem Grabe hervorziehe und verbrenne, weil er mir dieses Buch verborgen hat, das er gewiß aus der Tora oder aus den Büchern Ibrahims ausgezogen hat; wie mochte er ein solches Buch so sorgfältig verschließen und niemand damit bekanntmachen! Aber die Vornehmen der Söhne Israels widersetzten sich einer solchen Handlung und sagten: Laß ihn nun in der Erde ruhen, Gott hat ihn zu sich genommen! Bulukia ging dann zu seiner Mutter und sagte ihr, was er in der Schatzkammer seines Vaters gefunden, und erklärte ihr, daß er nun Mohammed so leidenschaftlich liebe, daß er alle Länder durchziehen wolle, bis er mit ihm zusammenträfe, sonst müsse er sterben. Er zog sogleich ein Reisekleid an und bat seine Mutter, nicht zu unterlassen, für ihn zu beten. Die alte Königin weinte und sagte: Was wird aus mir werden, wenn du fort bist? Aber er erwiderte: Ich kann unmöglich länger hier bleiben, und reiste fort in der Richtung nach Syrien, ohne einen Menschen in diesem Land zu kennen. Als er ans Ufer des Meeres kam, fand er ein Schiff; er bestieg es und wurde auf eine Insel gebracht. Da stieg er ans Land und schlief ein. (Gepriesen sei der, welcher nie schläft!) Unterdessen segelte das Schiff weiter, und als er erwachte, war es schon fort und hat ihn allein auf der Insel gelassen. Als er weinend auf der Insel umherging, begegneten ihm Schlangen, so groß wie Kamele und so lang wie Dattelbäume, die Gottes Lob verkündigten und für Mohammed beteten, worüber er sehr erstaunte. Eine dieser Schlangen fragte nun Bulukia: »Wer bist du, wo willst du hin und wo kommst du her?« Er antwortete: »Ich heiße Bulukia, gehöre zu den Söhnen Israels und reise aus Liebe zu Mohammed (Gott sei ihm hold!), um ihn aufzusuchen; doch wer seid ihr, ihr edlen Geschöpfe?« Sie antworteten: »Wir sind Bewohner der Hölle, zur Pein der Ungläubigen geschaffen.« Bulukia fragte sie, wie sie denn hierher gekommen. Die Schlange antwortete: »Wisse, Bulukia, daß die Hölle, welche auch ein lebendiges Wesen ist, zweimal im Jahr Atem schöpft, einmal im Sommer und einmal im Winter, und daher entsteht auch die große Hitze im Sommer; so oft sie ausatmet, wirft sie uns aus, und wenn sie wieder einatmet, zieht sie uns wieder an.« Bulukia fragte dann, ob in der Hölle noch größere Schlangen umherkriechen, worauf die Schlange antwortete: »Wir sind die allerkleinsten; in der Hölle gibt es aber Schlangen, die es gar nicht empfinden, wenn die größte von uns in ihre Nase kriechen würde. Bulukia fragte ferner: »Woher kennt ihr Mohammed, für den ihr betet?« Sie antworteten: »O Bulukia, Mohammeds Name ist über die Tür des Paradieses geschrieben, und wäre er nicht, so hätte Gott gar nichts geschaffen, weder Paradies noch Hölle, weder Himmel noch Erde; Gott hat alles nur seinetwillen geschaffen und hat überall Mohammeds Namen mit dem seinigen verschlungen, darum beten wir für Mohammed (Gott sei ihm hold!). Als Bulukia diese Worte von der Schlange hörte, vermehrte sich seine Liebe und Sehnsucht zu Mohammed noch. Er nahm dann von den Schlangen Abschied, ging ans Ufer des Meeres, wo ein Schiff vor Anker lag, bestieg es und fuhr damit nach einer anderen Insel. Als er hier ans Land stieg und eine Weile umherging, sah er endlich viele große und kleine Schlangen. Unter anderen sah er auch eine, welche weißer und glänzender als Kristall war, sie saß in einer goldenen Kufe auf dem Rücken einer anderen Schlange, groß wie ein Elefant; die Schlange in der Kufe war die Königin der Schlangen, und die bin ich.« Haseb sagte: »Nun erzähle mir, was zwischen dir und Bulukia vorgefallen!« Die Königin fuhr fort: »Als ich Bulukia sah, grüßte ich ihn und fragte ihn, wo er herkomme, wer er sei, was er suche und wie er heiße; er antwortete mir: »Ich heiße Bulukia, bin von den Söhnen Israels und ziehe umher, um Mohammed, den Propheten Gottes, aufzusuchen, den ich in der heiligen Schrift angekündigt fand.« Er fragte mich dann: »Und wer bist du?« Ich sagte ihm: »Ich bin die Schlangenkönigin und heiße Tamlicha; wenn du Mohammed, dem Gott gnädig sei, triffst, so grüße ihn von mir.« Bulukia nahm dann Abschied von mir, bestieg das Schiff wieder und reiste nach Jerusalem. Da lebte ein Mann, der in allen Wissenschaften bewandert war; er hatte Geometrie, Astronomie, Chemie und Metaphysik studiert, auch viel in der Tora, in den Evangelien und Psalmen und den Büchern Abrahams gelesen. Dieser Mann – er hieß Afan – hatte in einem seiner Bücher gefunden, daß, wer den Siegelring unseres Herrn Salomon anlegt, dem gehorchen alle Vögel, Tiere, Menschen und Genien, kurz alle Geschöpfe. Als unser Herr Salomon aber starb, wurde er in einen Sarg gelegt und in einem Berg begraben, der von sieben Meeren umgeben ist, wo kein Schiff hinkommen kann, damit weder ein Genius noch ein Mensch ihm den Siegelring nehme.« »Nun hatte aber Afan in einem seiner Bücher gefunden, daß, wenn man sich mit dem ausgepreßten Saft eines gewissen Krautes die Füße salbt, man auf jedem Meer, das Gott geschaffen, gehen kann, ohne unterzusinken; niemand kann aber zu diesem Kraut gelangen, ohne die Hilfe der Schlangenkönigin. Als nun Bulukia nach Jerusalem kam und in einem Tempel Gott anbetete, ging Afan auf ihn zu und grüßte ihn; Bulukia erwiderte seinen Gruß und fuhr wieder fort die Tora zu lesen und andächtig zu beten. Da näherte sich ihm Afan und fragte ihn, wer er sei und wo er herkomme; Bulukia antwortete: »Ich bin aus Ägypten und reise umher, um Mohammed zu suchen.« Afan lud ihn ein, mit ihm nach Hause zu kommen und sein Gast zu sein. Bulukia ging mit Afan, der ihn sehr gut bewirtete und ihm eine bequeme Wohnung einräumte. Am folgenden Morgen fragte Afan seinen Gast, wieso er Mohammed liebe und woher er etwas von ihm wisse. Als Bulukia hierauf seine Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählte, verlor Afan fast den Verstand vor Erstaunen, dann sagte er: »Führe du mich zur Schlangenkönigin, ich bringe dich hernach zu Mohammed, dem Gott gnädig sei, doch wird das noch lange dauern. Sperre aber nur einmal die Schlangenkönigin in einen Käfig, wir tragen sie zu den Pflanzen, die auf dem Berg wachsen; jede Pflanze, an der wir vorübergehen, wird ihr dann sagen, wozu sie zu gebrauchen ist durch die Allmacht des erhabenen Gottes. Ich weiß, daß es ein Kraut gibt, dessen Saft die Eigenschaft hat, dem, der sich die Füße damit salbt, die Kraft zu verleihen, auf allen Meeren, die Gott geschaffen, umherzugehen. Haben wir einmal durch die Schlangenkönigin dieses Kraut kennengelernt, so lassen wir sie wieder ihres Weges gehen und salben uns mit dem Saft desselben, durchwandern die sieben Meere, bis wir zu Salomons Grab gelangen, da nehmen wir den Siegelring von seinem Finger und werden so mächtig wie Salomon, und erreichen alle unsere Wünsche; wir trinken hierauf von der Lebensquelle im Meer der Dunkelheit; unser Leben wird dann mit Gottes Willen so lange währen, bis wir in späterer Zeit mit Mohammed zusammenkommen.« Als Bulukia diese Worte hörte, sagte er: »Ich will dir zeigen, wo die Schlangenkönigin sich aufhält.« Afan ließ sich hierauf einen eisernen Käfig machen, nahm zwei Becher, füllte den einen mit Wein und den anderen mit Milch, und reiste mit Bulukia Tag und Nacht, bis sie auf die Insel kamen, wo er mich gesehen hatte. Sobald sie ans Land stiegen, machte Afan eine Falle an den Käfig, stellte die beiden Becher hinein und entfernte sich wieder. Nach kurzer Zeit kam ich herbei und staunte eine Weile den Käfig an, sobald ich aber die Milch und den Wein roch, stieg ich vom Rücken der Schlange herunter, die mich trug, und kroch in den Käfig hinein. Als ich aber von dem Wein getrunken hatte, schwindelte mir der Kopf; Afan, der nicht weit vom Käfig verborgen war, bemerkte dies, schloß die Türe des Käfigs und trug mich fort. Als ich wieder zu mir kam und mich eingesperrt auf dem Gipfel des Berges neben Bulukia fand, sagte ich: »So geht es denen, die Menschen schonen.« Bulukia erwiderte aber: »Fürchte nichts, o Königin der Schlangen, wir tun dir nichts zuleide, du sollst uns nur die Pflanze zeigen, deren Saft uns die Kraft gibt, auf allen Meeren zu gehen, die Gott geschaffen, ohne zu versinken; sobald wir sie gefunden, bringen wir dich wieder dahin zurück, wo wir dich gefangen.« So gingen sie nun mit dem Käfig, in welchem ich eingesperrt war, auf dem Gebirge umher unter allerlei Pflanzen, deren jede verkündete, wozu sie zu gebrauchen, bis sie endlich zu einem Kraut kamen, welches ausrief: »Wer mich pflückt und meinen Saft auspreßt und damit seine Füße salbt, der kann auf allen Meeren gehen, die Gott geschaffen, ohne daß sein Fuß wanke.« Als Afan dies hörte, stellte er den Käfig auf den Boden, pflückte von diesem Kraut, so viel er brauchte, zerstieß es, drückte es aus, goß den Saft in zwei Fläschchen, die er aufbewahrte, und salbte seine Füße mit dem übrigen. Dann ging er mit Bulukia wieder auf die Insel, wo er mich gefunden; Afan öffnete die Tür des Käfigs und ließ mich heraus. Als ich wieder im Freien war, sagte ich; »Was wollt ihr mit diesem Saft tun?« Sie antworteten: »Wir wollen die sieben Meere durchschreiten, um zu dem Grab unseres Herrn Salomon zu gelangen und den Siegelring von seinem Finger zu nehmen.« Ich erwiderte aber: »Das könnt ihr nie erreichen, denn der erhabene Gott hat nur Salomon damit beschenkt, als er betete: O Gott, schenke mir ein Reich, das keiner nach mir haben wird, du bist ja der Gebende. Was tut ihr also mit diesem Ring? Hättet ihr lieber das Kraut gepflückt, das dem, der es genießt, bis zum Auferstehungstag Gesundheit und Jugend verleiht, das hätte euch mehr genützt.« Als Afan dies hörte, bereute er, was er getan, und ging wieder mit Bulukia fort. Ich aber kehrte wieder zu meinem Heer zurück, wo durch meine Abwesenheit eine große Verwirrung entstanden war; ein Teil desselben war erkrankt, ein anderer gestorben. Als die Schlangen aber mich wieder sahen, versammelten sie sich vor Freude jubelnd um mich und fragten mich nach der Ursache meiner langen Abwesenheit. Ich erzählte ihnen, was mir mit Afan und Bulukia wiederfahren, und befahl ihnen, um keinen weiteren Verfolgungen der Menschen mehr ausgesetzt zu sein, mit mir auf den Berg Kaf zu ziehen, wo ich nun sonderbarerweise dich traf. Das ist's«, schloß die Schlangenkönigin, »was ich dir, o Haseb, erzählen wollte.« Haseb war sehr erstaunt über diese Erzählung und bat die Schlangenkönigin Tamlicha, ihm eine ihrer Schlangen mitzugeben, die ihn wieder auf die Erde zu seiner Familie zurückführe. Tamlicha sagte aber: »Du darfst uns nicht bis zum Winter verlassen; sieh dich indessen auf dem Berg Kaf ein wenig um, wie Berge und Täler, Bäume und Flüsse, Blumen und Vögel den einzigen allmächtigen Gott preisen.« Haseb fragte dann Tamlicha, ob Afan und Bulukia wirklich die sieben Meere überschreiten und Salomons Siegel aus seiner Grabstätte ihm vom Finger nehmen konnten. Tamlicha antwortete: »Sie haben wirklich die sieben Meere durchschritten und haben dessen Wunder gesehen, dann sind sie an einen hohen Berg von grünem Smaragd gekommen, an dessen Fuß eine Wasserquelle hervorsprudelt, welche wie der feinste Moschus duftet. Sie freuten sich sehr und glaubten schon am Ziel zu sein.« »Afan sah dann in der Ferne ein Minarett mit einer großen Kuppel; er ging mit Bulukia darauf zu, und als sie hineinkamen, fanden sie einen goldenen Thron mit allerlei Edelsteinen besetzt; um diesen Thron herum standen eine unzählbare Menge Stühle. Sie sahen dann unseren Herrn Salomon auf dem Thron; er hatte ein grünes seidenes Kleid an, mit Gold und Perlen und allerlei kostbaren Edelsteinen durchwirkt, seine rechte Hand lag auf seiner Brust und der Siegelring war an seinem Finger. Afan lehrte Bulukia allerlei Beschwörungen und Zauberformeln, die er immerfort hersagen sollte, dann näherte er sich dem Thron; aber auf einmal sprang eine große Schlange unter dem Thron hervor und zischte so laut, daß die ganze Gegend erbebte, und Feuerfunken flogen aus ihrem Mund. Mit grimmiger Miene sagte sie zu Afan: »Wenn du dich nicht schnell von hier entfernst, so gehst du zugrunde.« Aber Afan erschrak nicht vor dieser Schlange und rezitierte immer seine Beschwörungsformeln, Da blies ihn die Schlange so heftig an, daß fast das Minarett zusammenstürzte, und sagte: »Wehe dir! Wenn du nicht umkehrst, so wirst du verbrennen.« Als Bulukia dies hörte, entfloh er; aber Afan erschrak nicht, ging auf den Thron zu und streckte die Hand nach dem Ring aus; da fiel die Schlange über ihn mit einem Feuerregen her, bis er zu einem Haufen Asche wurde. Bulukia fiel in Ohnmacht, als er dies sah; während er aber in Ohnmacht lag, befahl Gott seinem Engel Gabriel, zur Erde zu steigen und ihn zu retten, ehe die Schlange auch ihn töte. Gabriel ließ sich herunter, weckte Bulukia, grüßte ihn und fragte ihn, wie er hierher gekommen. Bulukia erzählte Gabriel, was ihm mit Afan widerfahren, von Anfang bis zu Ende. Da sagte Gabriel: »Wisse, daß, wer Mohammed liebt, von keinem Feuer verbrannt wird.« Bulukia bat ihn dann, er möchte ihn doch mit Mohammed bekannt machen. Gabriel sagte aber: »Geh' jetzt deines Weges, Bulukia, die Zeit Mohammeds ist noch fern;« dann stieg er wieder gen Himmel und Bulukia sah jetzt erst ein, daß ich mit Recht ihm vorausgesagt, der Ring würde ihnen nichts nützen, und bereute, was er getan. Er stieg dann vom Berg herunter und brachte die Nacht Afan beweinend und über die Wunder dieses Berges nachdenkend zu. Am folgenden Morgen salbte er seine Füße wieder und ging mehrere Tage und Nächte auf dem Meer umher, dessen wunderbare Geschöpfe anstaunend, bis er an eine Insel kam, die dem Paradies glich. Da stieg er ans Land und bewunderte deren Schönheit. Der Boden war Safran, die Steine Rubin und andere edle Metalle, das Holz war lauter Jasmin und Aloe, und es wuchsen nichts als Rosen, Nelken, Lilien, Veilchen und andere wohlriechende Blumen auf der Erde. Schöne Vögel von allerlei Farben sangen fröhlich auf den Zweigen der Bäume, zwischen denen klare Bäche rieselten; allerlei niedliche Tiere weideten friedlich umher; der Taube Liebesgesang erfreute das Herz, und die Nachtigall antwortete ihr mit zärtlicher Stimme; die ganze Insel verkündete laut den Herrn des Ostens und Westens, den niemand erreicht und vor dessen Bestimmung niemand entfliehen kann, (Gepriesen sei er, der erhabene Gott!) Bulukia merkte bei diesem Anblick, daß er einen anderen Weg eingeschlagen, als den, welchen ihn Afan auf der Hinreise geführt.« Er wandelte auf der Insel umher bis abends, dann bestieg er einen hohen Baum. Auf einmal fing das Meer zu toben an und es kam ein großes Tier hervor, das so laut schrie, daß die ganze Insel wankte. Nach einer Weile kamen Löwen, Tiger, Wölfe, Panther und andere wilde Tiere herangesprungen, jedes mit einem Edelstein im Vorderfuß, der wie ein Licht glänzte; es waren ihrer so viele, daß nur Gott ihre Zahl kennt; die ganze Insel war davon angefüllt. Sie unterhielten sich miteinander, bis der Tag anbrach, dann verschwanden sie wieder. Bulukia, aus Furcht vor ihrer Wiederkehr, stieg nun ins zweite Meer und ging Tag und Nacht, bis er an einen hohen Berg kam, unter welchem ein tiefes Tal lag, dessen Boden von Magnetstein war; hier stieg er ans Land und trocknete einige Fische in der Sonne. Als er aber am Ufer des Meeres sie verzehren wollte, kam ein Tiger drohend auf ihn zu, als wollte er ihn verschlingen, da salbte er sich schnell die Füße und sprang ins dritte Meer. Die Nacht war sehr dunkel und stürmisch und er mußte lange umhertappen, bis er auf eine Insel kam, wo allerlei Obstbäume wuchsen. Er pflückte einige Früchte, aß sie, dankte Gott und ging dann auf der Insel spazieren, die ihm so gut gefiel, daß er zehn Tage darauf zubrachte; am elften salbte er seine Füße wieder und ging auf das vierte Meer. Nach mehreren durchwanderten Tagen und Nächten kam er auf eine Insel, deren Boden aus weißem Sand bestand, auf dem weder Bäume noch sonst etwas Grünes zu sehen war. Es war ein Sandmeer, in welchem Raubvögel ihre Nester hatten. Er hielt sich daher gar nicht auf, sondern ging gleich auf das fünfte Meer, das er in einigen Tagen überschritt, und gelangte an eine kleine Insel, deren Boden wie Kristall glänzte und von vielen Goldadern durchschnitten war. Bäume wuchsen auf dieser Insel, die wie die Sonne leuchteten, und Blumen, die wie Gold aussahen. Bulukia brachte den Tag auf der Insel zu, und des Nachts sah er die Blumen wie Sterne leuchten. Man behauptet, diese Insel heiße die Blumeninsel, und diese Blumen seien lauter Funken, die von der Sonne abfallen. Bulukia schlief eine Nacht auf dieser Insel; am folgenden Morgen salbte er seine Füße wieder und stieg ins sechste Meer; dieses führte ihn nach einigen Tagen auf eine Insel, wo zwei Berge sich erhoben, auf denen viele Bäume wuchsen, an deren Zweigen Menschenköpfe an den Haaren hingen; andere Bäume sah er, an denen grüne Vögel mit den Füßen hingen, wieder andere, die wie Feuer strahlten und Früchte trugen, von denen brennende Funken herabtropften, er sah auch lachende und weinende Früchte und noch viele andere wunderbare Dinge. Auch sah er, als er des Nachts unter einem Baum lag, die Nymphen aus dem Meer steigen, mit Edelsteinen in der Hand, die wie ein Licht glänzten; sie tanzten und spielten und hüpften und scherzten miteinander, bis der Morgen heranbrach, dann sprangen sie wieder ins Meer. Auch Bulukia salbte sich wieder und betrat das siebente Meer. Er mußte zwei Monate lang gehen, ehe er Land erblickte, und große Hungersnot leiden, da er nichts als Fische aus dem Meer nehmen konnte, die er roh verzehren mußte. Endlich kam er an einem Morgen auf eine Insel, welche reich an Bächen und Bäumen war; er ging gleich auf einen Baum zu und streckte die Hand aus, um Äpfel zu nehmen. Da schrie ihn ein Mensch aus diesem Baum an: Wenn du etwas von diesem Baum nimmst, so teile ich dich in zwei Teile. Bulukia hob die Augen auf und sah eine Gestalt vor sich, welche wohlgemessene 40 Ellen lang war, er fürchtete sich sehr und sagte: Warum darf ich von diesen Früchten nichts essen? Der Mann antwortete: Weil du ein Erdensohn bist und dein Vater Adam Gottes Befehl übertrat und von dem verbotenen Baum aß. – Wem gehören denn diese Bäume und wer bist du? – Ich heiße Scherahia, und diese Insel mit ihren Bäumen gehört dem König Sachr, dessen Untertan ich bin, beauftragt, diese Insel zu bewachen; doch wer bist du und wie kommst du hierher? Bulukia erzählte ihm seine ganze Geschichte, worauf Scherahia ihm etwas zu essen brachte und Abschied von ihm nahm. Bulukia irrte nun wieder zehn Tage umher, zwischen Bergen und Tälern, bis er einen dichten Staub in der Ferne erblickte. Als er auf diese Staubwolken zuging, hörte er ein großes Geschrei und Kriegsgetümmel, und sah in einem Tal, durch welches man zwei Monate zu reisen hat, ganz eigene Gestalten, auf Pferden sitzend, gegeneinander so erbittert kämpfen, daß das Blut wie ein Strom unter ihnen floß; dabei schrieen sie mit einer Stimme wie der Donner und waren mit langen Schwertern und Lanzen, und eisernen Stangen und Bogen und Pfeilen bewaffnet. Bulukia zitterte das Herz vor Angst, als er diesen mörderischen Krieg sah; sobald aber die Krieger ihn erblickten, traten sie auseinander und machten dem Kampf ein Ende. Eine Abteilung der Krieger, deren Aussehen Bulukias Erstaunen erregte, näherte sich ihm, und ein Reiter trat auf ihn zu und fragte ihn: Wer bist du, woher kommst du, wo willst du hin und wer hat dir diesen Weg gezeigt? Bulukia antwortete: Ich bin ein Mensch, wandere umher aus Liebe zu Mohammed, dem Gott gnädig sei, und habe den rechten Weg verfehlt. Aber wer seid ihr denn? – Wir sind Genien vom weißen Land, das hinter dem Berg Kaf liegt, in einer Entfernung von 75 Jahren. – Was bedeutet denn der Krieg zwischen euch, und wie heißt dieses Land? – Du befindest dich hier auf dem Land Schaddads, des Sohnes Aads, und Gott befiehlt uns, jedes Jahr gegen die ungläubigen Genien hier zu kämpfen; wir aber tun weiter nichts, als Gott preisen und seine Heiligkeit verkünden. Wir haben auch einen König, der Sachr heißt, du mußt mit uns zu ihm gehen, daß er dich sehe. Sie führten dann Bulukia in ihr Lager, und er sah große seidene Zelte, so viel, daß nur Gott der Erhabene ihre Zahl kennt. Alle Zelte waren grün, nur ein sehr großes Zelt war rot, dieses hatte tausend Ellen im Umfang, die Stricke waren von blaugrüner Seide, und die Pfähle von Silber und Gold; es war das Zelt des Königs Sachr, in welchem ihm Bulukia vorgestellt wurde. Sachr saß auf einem goldenen Thron, mit Perlen und Edelsteinen besetzt, zu seiner Rechten standen die Könige der Genien und zu seiner Linken die Befehlshaber der Truppen, die Gelehrten und die Vornehmen des Reiches. Als Bulukia vor den König trat, verbeugte er sich und grüßte ihn. Der König erwiderte seinen Gruß und bat ihn, näher zu treten und sich auf einen Stuhl neben ihn zu setzen. Der König fragte ihn dann: Wer bist du? Er antwortete. Einer von den Söhnen Adams, ein Israelit. Der König bat ihn dann, ihm zu erzählen, wie er hierher gekommen und was ihm auf der Reise widerfahren. Als der König Sachr Bulukias Abenteuer vernahm, befahl er den Kammerdienern, etwas zu essen zu bringen. Nach einer Weile brachten sie gedeckte Tische, worauf allerlei Schüsseln von Silber, Gold und Messing standen; in einigen Schüsseln waren fünfzig gekochte Kamele, in anderen zwanzig, wieder in anderen fünfzig Hammel; es waren im ganzen 1050000 Schüsseln. Die Genien aßen dann miteinander, und Bulukia aß mit ihnen, bis er satt war, dann wurden die Fleischspeisen abgetragen und Früchte gebracht. Nachdem auch diese gegessen waren, priesen sie gemeinschaftlich Gott und beteten für seinen Propheten Mohammed. Als Bulukia den Namen Mohammed hörte, war er sehr erstaunt und bat den König Sachr um Erlaubnis, ihn etwas zu fragen. Auf einen bejahenden Wink des Königs sagte er: O König, wer seid ihr, woher stammt ihr und wieso kennt ihr Mohammed, daß ihr ihn liebt und für ihn betet? Der König antwortete: O Bulukia, Gott der Erhabene hat sieben Höllen übereinander geschaffen und zwischen der einen und der anderen ist eine Strecke von tausend Jahren. In die erste Hölle kommen die gläubigen Sünder, die ohne Buße sterben, in die zweite die Gottesleugner, in die dritte die Völker Jadjudsch und Madjudsch, in die vierte die Anhänger Satans, in die fünfte die, welche das Gebet vernachlässigen, in die sechste, wo man harte Pein aussteht, die Juden und Christen, und in die siebente die Heuchler. Die erste Hölle, welche die oberste ist, ist die minder peinliche von allen. Sie enthält tausend Feuerberge und bei jedem Berg 70000 Täler, und in jedem Tal 70000 Feuerstädte, in jeder Stadt 70000 Quartiere, in jedem Quartier 70000 Häuser, in jedem Haus 70000 feurige Stühle und auf jedem Stuhl 70000 verschiedene Qualen, und doch, o Bulukia, ist diese Hölle die oberste und allerleidlichste von allen. Die Anzahl der Feuerstädte in den übrigen Höllen aber kennt nur Gott. Bulukia weinte bei diesen Worten und fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, fragte er den König Sachr: Wie wird es denn uns gehen? Er antwortete. Fürchte nichts, Bulukia, wisse, daß, wer Mohammed liebt, der bleibt von der Hölle befreit, und kein Feuer kann ihn verletzen, denn die Hölle flieht vor allen, die an ihn glauben. Was aber uns angeht, o Bulukia, uns hat Gott aus Feuer geschaffen. Zuerst schuf nämlich Gott in der Hölle zwei Könige, der eine hieß Chalit und der andere Malit. Chalit hatte die Gestalt eines Löwen und Malit die eines Wolfes. Chalit war männlichen Geschlechts und Malit war ein Weibchen. Gott befahl ihnen dann, sich zu begatten, und sie zeugten allerlei Skorpione und Schlangen, mit denen Gott zur Pein der Ungläubigen die Hölle bevölkerte, denn diese häßlichen Tiere vermehrten und verbreiteten sich bald ins Unendliche. Nachher befahl Gott den beiden Engeln, zum zweiten Mal sich zu begatten; Malit wurde schwanger und gebar sieben Männchen und sieben Weibchen, die, als sie groß wurden, nach dem Willen Ihrer Eltern wieder einander heirateten; nur ein einziger widersetzte sich und wurde in einen Wurm verwandelt, dieser Wurm war Iblis (der Teufel), den Gott verdamme; später betete er doch den erhabenen Gott an, bis er in den Himmel erhoben und zu denen, die in der Nähe Gottes leben, gebracht wurde. Iblis blieb unter den Gottesfürchtigen, bis Gott Adam erschuf; da befahl er Iblis, sich vor Adam zu beugen; der stolze Iblis wollte dies aber nicht tun, darum fluchte ihm Gott und verbannte ihn aus seiner Nähe. Von Iblis, der sich dann später vermehrte, kommen die Satane; von den sechs übrigen Paaren aber, die einander heirateten, stammen die gläubigen Genien her, zu denen wir gehören. Das ist alles, Bulukia, was ich dir über unsere Abkunft zu sagen weiß. Bulukia war sehr erstaunt über diese Worte und bat den König Sachr, ihm einen seiner Genien mitzugeben, der ihn in seine Heimat zurückbringe. Der König sagte: Wir dürfen nur tun, was uns Gott befiehlt; doch wenn du willst, so gebe ich dir eines meiner Pferde und befehle ihm, dich an die Grenze meines Reiches zu bringen; dort findest du einen König, welcher Barachja heißt, der mein Pferd wohl kennt; sobald er es sieht, wird er dich herunternehmen und das Pferd zurückschicken; das ist alles, was ich für dich tun kann, mehr nicht. Bulukia weinte, als er dies hörte, und sagte zum König: Tue, was du willst! Der König ließ dann ein Pferd bringen, man setzte Bulukia darauf und sagte ihm: Hüte dich wohl abzusteigen oder es zu schlagen oder zu schelten, sonst bist du verloren; laß es nur immer fortgehen, bis es von selbst mit dir stehen bleibt; dann steige ab und gehe deines Weges. Als Bulukia am Zelt des Königs vorüberritt, da sah er in der Küche große Kessel, die fünfzig Kamele hielten, unter denen Feuer brannte; er erstaunte so sehr über die Größe dieser Küche und ihrer Gerätschaften, daß er ein wenig stille hielt. Der König, der ihn vor der Küche halten sah, glaubte, er sei hungrig; er ließ daher zwei gebratene Kamele bringen und hinter ihm auf den Rücken des Pferdes befestigen. Bulukia nahm dann Abschied von diesen Genien und reiste bis an die Grenze ihres Reiches, wo das Pferd stehen blieb. Hier stieg er ab und schüttelte den Staub von seinem Kopf; da kamen Männer herbei, die sogleich das Pferd erkannten und es am Zaum in den Stall führten, ihn aber brachten andere zum König Barachja. Der König saß in einem prächtigen Saal, von vielen Genienfürsten und Helden und Truppenanführern zur Rechten und zur Linken umgeben. Nach gegenseitigem Gruß befahlt der König Bulukia, näher zu treten und sich neben ihn zu setzen. Als er dies getan hatte, ließ der König die Tische bringen, und Bulukia sah, daß hier ebenso unmäßig wie bei dem König Sachr gelebt wurde. Nach der Mahlzeit, an welcher auch Bulukia teilzunehmen eingeladen wurde, fragte ihn der König, wann er den König Sachr verlassen. – Vor zwei Tagen. – Weißt du, welche Strecke du in diesen zwei Tagen zurückgelegt? – Nein, ich weiß es nicht. – Du hast eine Reise von siebzig Tagen gemacht; du hättest aber noch weniger Zeit gebraucht, wenn man dem Pferd seinen freien Lauf gelassen hätte; da es nämlich wußte, daß du ein Mensch bist, wollte es dich herunterwerfen, darum hat man ihm zwei Kamele aufgebunden. Bulukia war sehr erstaunt über diese Worte und dankte Gott, glücklich angekommen zu sein. Barachja ließ sich dann von ihm seine ganze Reise und die Geschichte seiner Wanderungen erzählen und fand so viel Wohlgefallen daran, daß er ihn zwei Monate bei sich behielt.« Nachdem Haseb diese wunderbare Erzählung von der Schlangenkönigin Tamlicha gehört hatte, bat er sie, sie möchte doch nun ihm eine ihrer Gehilfinnen mitgeben, daß er in seine Heimat zurückkehre. Aber die Schlangenkönigin erwiderte: »Wisse, oh Haseb, wenn du auf die Oberfläche der Erde zurückkehrst, zu deinen Leuten gehst und dann ein Bad nimmst, so muß ich, sobald du dich wäschst, sterben.« Haseb sagte zur Schlangenkönigin: »Ich will dir schwören, daß ich in meinem Leben in kein Bad mehr gehen will, sondern, wenn ich eines Bades bedarf, mich zu Hause waschen lasse.« Aber die Schlangenkönigin erwiderte: »Und wenn du mir hundert Eide schwörst, so glaube ich dir nie und lasse dich nicht weg; du bist ja Adams Sohn und kennst so wenig Treue, als dein Stammvater, der Gottes Bündnis gebrochen, obschon der erhabene Gott vierzig Jahre lang an der Materie, woraus er geschaffen worden, gearbeitet und allen Engeln befohlen hatte, vor ihm niederzufallen.« Als Haseb dies hörte, schwieg er; dann rief er weinend: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott dem Erhabenen!« Nach zehn Tagen bat er die Schlangenkönigin, ihm zu erzählen, was denn aus Bulukia geworden, nachdem er zwei Monate bei Barachja zugebracht hatte. Da erzählte sie: »Wisse, o Haseb, nachdem Bulukia den König Barachja verlassen hatte, irrte er Tag und Nacht in Wüsten und Einöden umher, bis er an einen hohen Berg kam, auf dem er einen erhabenen Engel sitzen sah, der Gott lobte und für Mohammed betete. Er hatte eine Tafel in der Hand, auf der etwas weiß und schwarz geschrieben war. Der Engel hatte zwei Flügel, einen nach Osten und einen nach Westen. Bulukia ging auf den Engel zu und grüßte ihn. Der Engel erwiderte seinen Gruß und fragte ihn, wer er sei und wo er herkomme. Bulukia erzählte ihm seine ganze Geschichte und bat ihn dann, ihm auch zu sagen, wie er heiße und was diese Tafel mit den Inschriften bedeute. Der Engel antwortete: Mein Name ist Michael. Ich bin beauftragt, über den Wechsel des Tages und der Nacht zu wachen; bis zum Auferstehungstag ist dies mein Geschäft. Auf dieser Tafel sind die Stunden des Tages und der Nacht aufgezeichnet. Nachdem Bulukia die ehrfurchtgebietende Gestalt des Engels bewundert und über seine geheimnisvollen Worte nachgedacht hatte, nahm er Abschied von ihm und reiste wieder einen Tag und eine Nacht, bis er in eine schöne, fruchtbare Wiese kam, welche von sieben Bächen durchschnitten war. Er erging sich eine Weile darin, bis er an einen hohen Baum kam, unter welchem vier Engel saßen; der eine hatte die Gestalt eines Menschen, der andere die eines wilden Tieres, der dritte die eines Stieres, und endlich der vierte die eines Vogels. Sie lobten Gott und beteten gemeinschaftlich: O mein Herr und Schöpfer, ich beschwöre dich bei deiner Allmacht und bei der Würde des Propheten Mohammed, verzeihe die Sünden aller Geschöpfe, welche meine Gestalt haben, und sei ihnen gnädig, du bist ja der Nachsichtsvolle! Bulukia verließ auch diese Engel mit großem Erstaunen und ging wieder weiter; da kam er an einen hohen Berg, auf dem ein Engel saß, der Gott lobte, für Mohammed betete und immer seine Hand zudrückte und wieder öffnete, sie ausstreckte und wieder zu sich zog. »Bulukia ging auf den Engel zu und grüßte ihn. Da fragte ihn derselbe: Wo kommst du her, wo gehst du hin, wer bist du und wie ist dein Name? Er antwortete: Ich heiße Bulukia, bin von den Söhnen Adams und wandere umher in der Liebe zu Mohammed, dem Gott hold sei, und erzählte ihm hierauf seine ganze Geschichte. Als er damit zu Ende war, fragte er den Engel: Wer bist du, wie heißt du und was ist das für ein Berg? Der Engel antwortete: Wisse, Bulukia, dieser Berg ist der Berg Kaf, der die ganze Welt umgibt; ich halte in meiner Hand alle Länder, die der erhabene Gott geschaffen; ich vollziehe hier Gottes Willen, und ohne von hier zu weichen, bringe ich, wenn er es befiehlt, Erdbeben, Hungersnot oder Fruchtbarkeit auf der Erde hervor, denn in meiner Hand liegen die Adern der Erde. Bulukia fragte dann: Hat Gott hinter dem Berg Kaf auch noch ein Land geschaffen? Der Engel antwortete. Gott hat hinter dem Berg Kaf ein weißes Land geschaffen wie Silber; nur Gott weiß, wie groß dieses Land ist, er hat es mit Engeln bevölkert, die, statt zu essen, ihn preisen, und statt zu trinken, seinen heiligen Namen verkünden, und die viel für Mohammed beten, dem Gott gnädig sei. Jeden Donnerstag Abend versammeln sie sich auf diesem Berg und preisen Gott und beten zu ihm für die Sünder unter den Muselmännern und für die, welche sich am Freitag baden; so leben sie fort bis zum Tag der Auferstehung. Bulukia fragte ferner, ob es hinter dem Berg Kaf auch noch andere Berge gäbe. Und der Engel antwortete: Hinter dem Berg Kaf ist noch ein Berg, der fünfhundert Jahre hoch ist; er ist ganz aus Schnee und Eis gebildet und dient als Damm der Hölle, sonst würde die ganze Welt durch die Hitze der Hölle verbrennen. Dann, mein Freund, fuhr der Engel fort, sind hinter dem Berg Kaf noch vierzig Länder, jedes vierzigmal so groß, als die bekannte Welt; einige sind aus Gold, andere aus Silber, wieder andere aus Rubin, manche aus Smaragd und aus Safran, und jedes dieser Länder hat eine eigene Farbe; auch diese Länder hat Gott mit Engeln bevölkert, die sein Lob verkünden und seinen Namen heiligen und für die Anhänger Mohammeds beten, sonst aber gar nichts wissen, weder von Adam noch von Eva, weder von Tag noch von Nacht. Wisse ferner, o Bulukia, daß diese Länder in sieben Schichten übereinander liegen; um sie zu tragen, hat Gott einen Engel geschaffen, den nur er zu schildern vermag und dessen Kraft nur er kennt; unter diesen Engel hat Gott einen Felsen gelegt, unter den Felsen einen Stier, unter den Stier ein Seeungeheuer, und unter dieses Seeungeheuer ein unendliches Meer. Mit dem Seeungeheuer hat Gott einst Jesus bekannt gemacht, als er es zu sehen wünschte; Gott befahl nämlich einem Engel, Jesus an das Meer zu bringen, wo das Seeungeheuer ruht. Als er dort war, sagte ihm der Engel: Sieh nun, Jesus, hier ist das Seeungeheuer! Jesus konnte aber nichts sehen, denn es fuhr an ihm vorüber wie ein Blitz, so daß er in Ohnmacht fiel. Als er wieder zu sich kam, fragte ihn Gott, ob er das Seeungeheuer gesehen und dessen Länge und Breite beobachtet habe. Er antwortete: Bei deiner Herrlichkeit und Erhabenheit, o Herr! Ich habe nichts gesehen, als ein Licht, das an mir vorüberzog, so lang, daß man drei Tage von einem Ende zum anderen zu reisen hätte; ich weiß aber nicht, was es war. Da sagte Gott: Das, was du für ein Licht hieltst, war nichts anderes, als der Kopf des Seeungeheuers, und wisse, o Jesus, daß ich jeden Tag vierzig solche Seeungeheuer schaffe. Bulukia fragte dann, was Gott unter dem Meer geschaffen, in dem das Seeungeheuer lebt. Der Engel antwortete: Einen großen Luftraum, unter diesem ein Feuer und unter dem Feuer eine braungefleckte Schlange, so groß, daß, fürchtete sie sich nicht vor Gott, sie den Engel verschlingen würde, der die sieben Länder trägt, samt dem Felsen und dem Stier und dem Seeungeheuer und dem Meer und dem Luftraum mit allem, was der Engel sonst trägt, ohne etwas davon im Leib zu spüren. Als Gott diese Schlange schuf, sagte er ihr: Ich will dir etwas anvertrauen, bewahre es aber wohl! Die Schlange sagte: Tue, was du willst. Da sagte Gott: Öffne deinen Mund! Als sie ihren Mund öffnete, steckte ihr Gott die Hölle in den Leib und sagte ihr: Bewahre die Hölle auf bis zum Auferstehungstag; wenn dieser kommt, wird Gott seinen Engeln den Befehl erteilen, mit Ketten herbeizueilen und die Hölle auf den Versammlungsplatz zu schleppen, dann wird Gott den Toren der Hölle befehlen, sich zu öffnen, und es werden Funken herausspritzen, größer als der höchste Berg. Als Bulukia diese Worte vernahm, weinte er heftig, nahm vom Engel Abschied und wendete sich nach Westen, bis er zwei Engel traf, die vor einer großen verschlossenen Tür saßen; der eine hatte die Gestalt eines Löwen und der andere die eines Stieres. Bulukia grüßte sie, und nachdem sie seinen Gruß erwidert hatten, fragten sie ihn, wer er sei und was er hier tue; er erzählte ihnen alle seine Reiseabenteuer von Anfang bis zu Ende, und fragte sie dann, wer sie seien und was sie hier für eine Tür bewachen. Die Engel antworteten: Wir haben kein anderes Geschäft, als vor dieser Tür Wache zu halten, Gott zu preisen und für Mohammed zu beten; was aber hinter dieser Tär ist, wissen wir selbst nicht. Bulukia beschwor sie bei dem erhabenen Schöpfer, ihm diese Tür zu öffnen, damit er sehe, was dahinter ist. Aber sie antworteten: Weder wir, noch irgendein Geschöpf Gottes hat die Macht, diese Türe zu öffnen, das kann nur der wahrhaftige Engel Gabriel. Als Bulukia diese Worte vernahm, betete er zu Gott: O Herr, schicke mir den Engel Gabriel, daß er mir diese Tür öffne, damit ich sehe, was sie verschließt. Gott erhörte sein Gebet und befahl dem Engel Gabriel, sich auf die Erde niederzulassen, um Bulukia die Tür zu öffnen. Gabriel grüßte Bulukia, öffnete die Tür und hieß ihn zur Tür hineingehen. Als Bulukia darin war, schloß Gabriel die Tür wieder und stieg gen Himmel. Bulukia sah ein ungeheures Meer, halb süß und halb gesalzen, das von zwei hohen Bergen aus Rubin umschlossen war. Auf diesen Bergen gingen Engel umher, die Gott lobten; Bulukia ging auf sie zu, grüßte sie und fragte sie, was das für ein Meer und für Berge wären. Sie erwiderten seinen Gruß und antworteten ihm: Du befindest dich hier unter dem himmlischen Thron, und dieses Meer ist die Quelle aller Gewässer von der Welt, wir schöpfen aus diesem Wasserbehälter und verteilen sowohl süßes, als gesalzenes Wasser unter alle Meere, Seen und Flüsse bis zum Auferstehungstag. Diese zwei Berge aber hat Gott geschaffen, um das Wasser zusammenzuhalten. Bulukia fragte sie dann nach seinem Weg, und sie sagten ihm: Es gibt keinen anderen, als längs dieses Meeres. Bulukia zog sein Fläschchen heraus, salbte sich die Füße wieder und ging einen Tag und eine Nacht auf dem Meer. Da begegnete ihm ein schöner Jüngling, den er grüßte und fragte, wo er hingehe. Der Jüngling sagte: Mein Freund, ich muß eilen, denn meine Gesellschaft, welche gleich folgen wird, darf mir nicht zuvorkommen. Als der Jüngling weiterzog, sah Bulukia vier Engel, die wie ein Blitz über das Meer liefen; er stellte sich in den Weg und beschwor sie bei dem Herrn, sie möchten ihm doch sagen, wie sie heißen und wo sie hingehen. Da antwortete der eine: Ich heiße Gabriel, ein anderer: Israfil, der dritte: Michael, und der vierte: Asrail. – Gott hat uns befohlen, sagten sie einstimmig, einen Drachen in die Hölle zu werfen, der schon tausend Städte verwüstet und alle ihre Bewohner aufgefressen hat. Bulukia zog dann wieder weiter, bis er an eine Insel kam; hier sah er einen schönen Jüngling, dessen Angesicht wie ein Licht glänzte; er saß zwischen zwei Gräbern und weinte und seufzte. Bulukia näherte sich ihm und fragte ihn, wie er heiße, wer er sei, was diese Gräber hier bedeuten und warum er so weine. Der Jüngling wendete sich zu Bulukia, weinte so heftig, daß alle seine Kleider durchnäßt wurden, und sagte: Meine Geschichte ist wunderbar und verdient wohl, daß du dich zu mir setzest, um sie anzuhören; doch zuerst sage mir, wer du bist und wie du hierhergekommen. Bulukia erzählte ihm alles, vom Eröffnen der Kiste seines Vaters, in der das Buch lag, in welchem von Mohammed geschrieben war, bis zu seinem Eintritt in die verschlossene Pforte. Als er vollendet hatte, sagte der Jüngling: Das ist alles sehr unbedeutend; du hast noch nichts in deinem Leben gesehen. Wisse, o Bulukia, ich habe unzählbare Wunder erlebt; ich habe den König Salomo zu seiner Zeit gesehen; setze dich nur zu mir, daß ich dir alles erzähle, was mir im Leben widerfahren; du wirst dann auch hören, warum ich hier bei diesen beiden Gräbern sitze.« – Haseb war sehr erstaunt über diese wunderbare Erzählung der Schlangenkönigin Tamlicha; doch bat er sie, ihm seine Freiheit zu schenken und durch eine ihrer Schlangen ihn auf die Erde zurückbringen zu lassen, und schwor abermals, er wolle nie ins Bad gehen. Aber sie antwortete wieder: »Ich glaube dir nicht, wenn du hundert Eide schwörst; daraus kann nie etwas werden.« Haseb weinte bei dieser Antwort so heftig, daß alle Schlangen aus Mitleid mit ihm weinten und die Königin baten, ihn auf die Erde zurückzuschicken, wenn er schwöre, nie ins Bad zu gehen. Die Schlangenkönigin begab sich hierauf zu Haseb und ließ ihn beim erhabenen Gott schwören, daß er nie ins Bad gehen wolle, und befahl dann einer Schlange, ihn auf die Oberfläche der Erde zurückzubringen. Als aber diese Schlange zu ihm kam und ihn wegführen wollte, bat er die Schlangenkönigin, ihm zuerst die Geschichte des Jünglings zu erzählen, dem Bulukia auf der Insel begegnet war, worauf jene begann: Wisse, o Haseb, nachdem Bulukia seine Geschichte vollendet hatte und sich neben den Jüngling setzte, begann dieser: »Wisse, mein Freund, mein Vater war ein mächtiger König, der in Kabul residierte; sein Name war Tighanus. Unter ihm standen zehntausend Statthalter, deren jeder über hundert Städte und hundert Schlösser gesetzt war; auch waren sieben Sultane meinem Vater untertan, und von Osten bis Westen wurden ihm aus den entferntesten Ländern Huldigungen dargebracht, denn seine Regierung war sehr mild und gerecht. Der erhabene Gott segnete auch meinen Vater in allen seinen Unternehmungen; nur hatte er keine männlichen Nachkommen, weshalb er immer dachte: Wer wird wohl nach meinem Tode mein Nachfolger sein? Eines Tages ließ er die Weisen seines Landes und die Sterndeuter zu sich kommen und fragte sie, ob er wohl noch einen Sohn zeugen werde, dem er sein Reich hinterlassen könne. Die Sterndeuter öffneten ihre Bücher und beobachteten sein Gestirn, machten ihre Berechnungen und sagten: Wisse, o mächtiger König und edler Herrscher, eine Prinzessin von Chorasan wird dir noch einen Sohn gebären. Der König Tighanus freute sich sehr mit dieser Prophezeiung, schenkte den Sterndeutern unzählbare Schätze und entließ sie wieder. Er ließ sogleich seinen Großvezier Einsar kommen, der ein sehr tapferer Ritter war, teilte ihm der Sterndeuter Prophezeiung mit, und bat ihn, nach dem Lande Chorasan zu reisen und um eine dortige Prinzessin für ihn zu werben. Der Vezier verließ sogleich den König, um die Vorbereitungen zur Reise zu treffen und Ritter und Truppen zu seiner Begleitung zu versammeln. Der König aber ließ fünfzehnhundert Kamele mit Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Seidenstoffen und allerlei Ausstattungsgerätschaften beladen und gab sie dem Vezier mit; auch schrieb er einen Brief folgenden Inhalts: »Nachdem wir Bahrawan, den König von Chorasan, freundlich grüßen, melden wir ihm, daß die Weisen und Sterndeuter uns prophezeiten, nur von deiner Tochter würde uns ein Sohn geboren werden; wir schicken dir daher den Vezier Einsar mit allerlei Geschenken zur Morgengabe als unseren Stellvertreter und Bevollmächtigten, und ersuchen dich, ihm ohne Säumen zu gewähren, was er von dir fordert; was du uns Gutes tust, wird reichlich belohnt werden; hüte dich aber, dich unsern Wünschen zu widersetzen, denn wisse, o König Bahrawan, daß uns Gott das mächtige Königreich Kabul geschenkt hat; wenn du uns deine Tochter gibst, so verbinden wir unsere Reiche und wir schicken dir jedes Jahr so viel Geld du brauchst. Das ist's, was wir dir mitzuteilen haben.« »Diesen Brief versiegelte der König, übergab ihm den Vezier und befahl ihm, abzureisen. Der Vezier reiste, von vielen Offizieren begleitet, nach Chorasan. Sobald der König Bahrawan dessen Ankunft vernahm, schickte er ihm einige Adjutanten entgegen mit allerlei Speisen und Getränken, und mit Futter für die Pferd.. Sie ließen ihren Proviant abladen, sobald sie dem Vezier begegneten, und bewillkommten ihn im Namen des Königs. Der Vezier brachte mit ihnen zehn Tage unter vielen Festlichkeiten in einer freundlichen Weise zu. Am ersten Tage, als er ausgeruht hatte, zog er in die Stadt; hier besuchte ihn der König sogleich und lud ihn ein, mit ihm ins Schloß zu kommen. Der Vezier überlieferte dann die Geschenke, die er mitgebracht hatte, und den Brief des Königs Tighanus.« »Als Bahrawan den Brief gelesen hatte, freute er sich sehr und sagte zum Vezier: Dein Begehren sei dir gewährt; dem König Tighanus gäbe ich auch mein Leben, wenn er es verlangte. Er ging dann zu seiner Gattin und ihren Verwandten, um ihnen die Botschaft des Veziers mitzuteilen, und auch sie sahen mit Freude der Vermählung der Prinzessin von Chorasan mit dem König von Kabul entgegen. »Der Vezier verweilte, nachdem ihm die Gewährung seiner Bitte zugesagt wurde, noch zwei Monate bei dem König Bahrawan; dann bat er ihn, ihm die Prinzessin, um derentwillen er gekommen, mitzugeben, daß er sie dem König zuführe. Der König ließ alles, was zur Aussteuer seiner Tochter gehörte, auf Kamele laden, beauftragte die Priester seiner Hauptstadt, einen Ehekontrakt zwischen seiner Tochter und dem König Tighanus aufzusetzen, beschenkte den Vezier, als Stellvertreter des Königs, mit den kostbarsten Edelsteinen, ließ die Stadt mit Teppichen belegen und herrlich ausschmücken, und dann reiste der Vezier mit der Prinzessin ab. Der König Tighanus liebte die Prinzessin von Chorasan mehr als seine übrigen Frauen, und nach einem Jahr zeigte sich die Bestätigung dessen, was die Astrologen prophezeit hatten, denn sie gebar einen Sohn, so schön wie der Vollmond. Der König Tighanus freute sich außerordentlich über die Niederkunft seiner Gattin; er ließ die Weisen und Sterndeuter abermals rufen und sagte ihnen: Ich wünsche von euch zu vernehmen, was diesem neugeborenen Kind in seinem Leben widerfahren wird. Die Sterndeuter und Weisen beobachteten des Prinzen Gestirn und fanden es glückverkündend; nur sahen sie, daß ihm nach dem fünfzehnten Jahr manches Unangenehme zustoßen würde; wenn er das aber überstanden hat, sagten sie, so wird er viel Glück erleben, ein großer König werden, noch mächtiger und gesegneter als sein Vater; alle seine Feinde werden untergehen, und ungetrübte Freude werden ihn bis zu seinem Tode begleiten. (Doch nur Gott ist allwissend!) Als der König Tighanus diese Wahrsagung der Astrologen hörte, wurde er sehr vergnügt. Er ließ dann Ammen und Pflegefrauen kommen, um den Prinzen zu erziehen, den er Djanschah nannte. Als der Prinz ein Alter von fünf Jahren erreichte, ließ ihn Tighanus Lesen lehren, so daß er bald das Evangelium lesen konnte, und noch ehe weitere sieben Jahre vergingen, lernte er auch die Kriegskunst und übte sich in allen Ritterspielen; er war bald in allem sehr gewandt und hatte besonders viel Freude an der Jagd; auch im Krieg zeichnete er sich zur größten Freude seines Vaters als ein wackerer Held aus. Eines Tages zog der König Tighanus mit Djanschah und vielem Gefolge auf die Jagd und trieb sich drei läge lang vergebens in Wüsten und Einöden umher. Am dritten Nachmittag sprang an Djanschah eine Gazelle von wunderschöner Farbe vorüber und entfloh vor ihm. Djanschah verfolgte sie, aber sie sprang immer vor ihm her, ohne daß er sie erreichen konnte, obschon sieben Mamelucken sich bald zu ihm gesellten und sie mit ihm verfolgten. Endlich blieb aber doch der Gazelle, da sie den Prinzen und die sieben Mamelucken im Rücken und das Meer vor sich hatte, nichts anderes zu ihrer Rettung übrig, als sich ins Wasser zu stürzen. »Als die Gazelle im Meer war, sprang der Prinz mit sechs Mamelucken in einen Fischerkahn, der am Ufer lag, und ließ den siebten Mamelucken an Land, um die Pferde zu halten. Sie ruderten dann der Gazelle nach, bis sie sie eingeholt und aufgefangen hatten. Schon wollten sie wieder ans Land zurückkehren, da erblickte Djanschah eine Insel im Meer, und er sagte zu seinen Mamelucken: Laßt uns, ehe wir heimkehren, diese Insel sehen, Die Mamelucken erwiderten: Wir gehorchen dir in allem, was du befiehlst, und ruderten nach der Insel zu, stiegen daselbst ans Land und gingen eine Weile darauf spazieren, Dann bestiegen sie mit der Gazelle das Schiff wieder, um heimzukehren; aber die Nacht überfiel sie, sie irrten auf dem Meer umher und wurden vom Wind getrieben, ohne zu wissen wohin. »Der König Tighanus vermißte aber bald seinen Sohn und schickte Soldaten nach allen Wegen aus, um ihn aufzusuchen, Da kamen nun auch einige Offiziere an das Meer, wo der zurückgebliebene Mameluck bei den Pferden stand; sie gingen auf ihn zu und fragten ihn nach seinem Herrn und nach den anderen sechs Mamelucken, und der Mameluck erzählte ihnen, was er wußte. Sie kehrten dann mit dem Mamelucken und den Pferden zum König zurück, um ihm diese Auskunft über seinen Sohn zu bringen. Der König weinte heftig, als er diese Nachricht hörte, warf die Krone von seinem Haupt, schlug die Hände übereinander, ließ Briefe nach den verschiedenen Inseln ausfertigen, versammelte hundert Schiffe und befahl den Hauptleuten, überall auf dem Meer seinen Sohn Djanschah zu suchen. Nach diesen Anstalten kehrte er höchst bestürzt mit seinen Truppen in die Stadt zurück und trauerte mit seiner Gattin, die sich auch ins Gesicht schlug, sobald sie die Abwesenheit ihres Sohnes bemerkte; ihre Angst war aber noch größer, als nach zehn Tagen die hundert Schiffe zurückkehrten, ohne den Prinzen gefunden zu haben. Dieser irrte lange mit den Mamelucken auf dem Meer herum, bis ihn ein Sturmwind an eine Insel warf. Er stieg auf diese Insel mit seinen sechs Mamelucken, und nachdem sie eine Weile umhergegangen waren, kamen sie an eine Wasserquelle, neben der ein Mann saß. Djanschah ging auf ihn zu und grüßte ihn. Der Fremde erwiderte seinen Gruß mit einer Stimme, welche dem Gezwitscher der Vögel ähnlich war und den Prinzen in Erstaunen versetzte; dann sah er sich links und rechts um, teilte sich in zwei Teile, und jede Hälfte wendete sich nach einer anderen Seite. Kaum war dieser fort, kamen noch unzählbare Gattungen Menschen vom Gebirge her zur Quelle, teilten sich in zwei Hälften und gingen auf den Prinzen und die Mamelucken los, um sie zu fressen. Djanschah entfloh; aber sie verfolgten ihn und fraßen ihm drei seiner Mamelucken. Djanschah bestieg dann schnell mit den übrigen drei Mamelucken den Nachen und segelte wieder ins offene Meer, ohne zu wissen, nach welcher Richtung. Bald mußte er die Gazelle schlachten lassen, um nicht vor Hunger zu sterben. Nach einigen Tagen trieb ihn der Wind auf eine andere Insel, welche reich an Bäumen und Bächen wie das Paradies war, Diese Insel gefiel dem Prinzen so gut, daß er seine Mamelucken fragte, ob einer von ihnen ans Land steigen wolle, um sich auf dieser Insel umzusehen. Einer von ihnen erbot sich zum Aussteigen; doch der Prinz sagte: Es ist besser, ihr geht alle drei zusammen, und ich warte hier, bis ihr wiederkehrt. »Die Mamelucken stiegen ans Land und durchstreiften die Insel nach Osten und nach Westen, ohne einem Menschen zu begegnen. Als sie aber mitten auf die Insel kamen, sahen sie eine Zitadelle von weißem Marmor mit einem Palast aus dem reinsten Kristall. Mitten in der Zitadelle war ein Garten mit allerlei frischen und trockenen Früchten und allerlei wohlriechenden Pflanzen und vielen Vögeln, die auf den Baumzweigen zwitscherten. Am Ende des Gartens lag ein großer Teich, vor welchem ein herrliches Zelt aufgeschlagen war. In diesem Zelt standen viele Stühle ringsumher, und in ihrer Mitte erhob sich ein großer Thron mit allerlei Edelsteinen besetzt. Die Mamelucken bewunderten dieses schöne Schloß und den Garten und gingen überall herum, ohne jemand zu finden. Sie kehrten dann zu ihrem Herrn zurück und berichteten ihm, was sie gesehen. Als der Prinz ihren Bericht hörte, sagte er: »Ich muß auch dieses Schloß sehen!« Er verließ sogleich das Schiff und ging mit den Mamelucken nach der Zitadelle. Der Prinz war auch erstaunt über dieses schöne Schloß, und ging den ganzen Tag mit den Mamelucken im Garten spazieren und aß von dessen Früchten. Als der Abend herankam, begab er sich an die Stelle, wo die Stühle und der Thron standen, setzte sich auf den Thron und weinte heftig wegen der Trennung von seinem Vater und seiner Heimat, und die drei Mamelucken weinten mit ihm. Auf einmal hörten sie einen großen Lärm vom Meer her, und es kam eine Herde Affen, so zahlreich wie ein Heuschreckenschwarm, herbei, die sich nach allen Seiten hin verbreiteten, so daß Djanschah und die Mamelucken sich sehr fürchteten. Als die Affen – fuhr die Schlangenkönigin in ihrer Erzählung fort – den Prinzen Djanschah, welcher kein anderer als der Jüngling war, den Bulukia auf den Gräbern fand, auf dem Thron sahen, küßten sie die Erde vor ihm und verbeugten sich ehrerbietigst. Dann kamen mehrere Affen mit verschiedenen geschlachteten Tieren in die Zitadelle, zogen ihnen die Haut ab, zerschnitten und kochten sie und legten sie in goldene und silberne Gefäße. Bald wurde der Tisch gedeckt und die Affen gaben dem Prinzen und den Mamelucken durch Zeichen zu verstehen, sie möchten sich dem Tische nähern und mitessen. Djanschah stieg vom Thron herunter und aß mit den Mamelucken und den Affen, bis er satt war: Dann wurden die Speisen von einigen Affen weggetragen und Früchte herbeigebracht. Djanschah aß auch davon und dankte dem erhabenen Gott. Nach vollendeter Mahlzeit wendete sich der Prinz zu den Häuptern der Affen und fragte sie: Wer seid ihr und wem gehört dieses Schloß? Die Affen antworteten: Wisse, dieser Ort gehört Salomon, dem Sohne Davids, Friede sei mit ihm! Er kam jedes Jahr einmal hierher spazieren und ordnete unsere Regierungsangelegenheiten. Wisse auch, o glücklicher König, daß wir dich jetzt zu unserem Sultan ernennen und dir treu dienen wollen: Du kannst essen und trinken und befehlen, was du willst, es soll alles nach deinem Wunsche geschehen. Sodann verbeugten sich die Affen und zogen sich einer nach dem anderen zurück. Djanschah bestieg den Thron wieder und schlief darauf ein, und die drei Mamelucken saßen um ihn herum. Am anderen Morgen kamen die vier Veziere der Affen mit ihren Truppen, welche die ganze Gegend ausfüllten, und ließen sie in geschlossenen Reihen an ihm vorüberziehen; dann baten sie ihn im Namen der Armee, er möchte doch ihr Sultan werden. Hierauf zerstreuten sich die Affen wieder mit furchtbarem Lärmen; nur einige blieben stehen, um den Prinzen zu bedienen.« »Bald darauf kam wieder eine Herde Affen mit Hunden, so groß wie Pferde, deren jeder eine Kette um den Hals gebunden hatte. Die Anführer der Affen gaben dem Prinzen durch Zeichen zu verstehen, daß er auch einen solchen Hund besteige und mit ihnen reite; er tat nach ihrem Wunsch; die drei Mamelucken und viele Truppen auf Hunden und zu Fuß folgten ihm. Als sie am Ufer des Meeres vorüberkamen, sah Djanschah, daß das Schiff, mit welchem er gekommen, in den Grund gebohrt war; er wendete sich zu den Anführern der Affen und fragte sie, wo sein Schiff hingekommen. Sie antworteten ihm: Wisse, o König, als du mit dem Schiff auf unsere Insel kamst, beschlossen wir gleich, dich zu unserem Sultan zu ernennen; da wir aber fürchteten, du möchtest, wenn wir uns dir nähern, vor uns entfliehen und wieder fortsegeln, haben wir das Schiff in den Grund gebohrt. Als Djanschah dies hörte, sagte er zu seinen Mamelucken gewendet: »Nun hilft uns keine List mehr zum Entkommen, wir müssen nun bei diesen Affen bleiben; doch Geduld ist eine schöne Tagend, Gott kann immer helfen!« Er zog dann traurig mit den Affen weiter bis an das Ufer eines Flusses, hinter welchem ein hoher Berg lag. Auf diesem Berge sah er eine unzählbare Menge Werwölfe und fragte die Affen, was das für Tiere seien. Die Affen antworteten: »Das sind unsere Feinde, gegen die wir nun Krieg führen.« Djanschah war sehr erstaunt über die Gestalt dieser Werwölfe; sie waren so groß wie ein Pferd und hatten Stierköpfe; manche glichen sogar Kamelen. Sobald sie die Affen erblickten, stürzten sie vom Gebirge herunter an den Fluß und warfen die Affen mit Steinen, so groß wie Säulen, und töteten viele von ihnen. Als Djanschah die Niederlage der Affen sah, rief er den Mamelucken zu: »Holt schnell die Bogen herbei und schießt Pfeile gegen die Werwölfe ab, um sie zurückzutreiben.« Die Mamelucken taten dies und töteten viele Werwölfe und trieben die übrigen in die Flucht. Nachdem alle verschwunden waren, bestieg Djanschah mit den Affen einen hohen Berg. Auf dem Gipfel des Berges erblickte er eine marmorne Tafel, auf der geschrieben war: Wanderer, der du in dieses Land kommst, wisse, daß die Affen dich zu ihrem Sultan machen und dir nur zwei Wege zur Flucht übrig lassen. Der eine zieht sich östlich am Gebirge hin, ist drei Monate lang und führt dich an Werwölfen, allerlei reißenden Tieren, Gespenstern und abtrünnigen Geistern vorüber; dann gelangst du an das Meer, das die Welt umgibt. Auf dem andern, westlichen Weg hast du vier Monate durch das Ameisental zu reisen, wo du dich sehr vor den Ameisen in acht nehmen mußt. Dieses Tal endet an einem hohen Berg, über den man zehn Tage zu steigen hat und der wie Feuer brennt. Jenseits des Berges – stand ferner auf der Tafel – fließt ein großer Strom mit so reißender Schnelligkeit, daß man ganz verblendet wird, wenn man hineinsieht; jeden Samstag trocknet aber dieser Strom aus. Am jenseitigen Ufer des Stromes liegt eine Stadt, die nur von Juden bewohnt ist; es befindet sich überhaupt kein einziger Muselmann im ganzen Land; auch ist weit umher die ganze Gegend öde und menschenleer. Solange du bei den Affen bleibst, werden sie stets gegen die Werwölfe siegreich kämpfen. Unten stand: Wisse, daß Salomo, der Sohn Davids, diese Inschrift auf die Tafel gegraben. Als Djanschah diese Inschrift gelesen hatte, weinte er heftig und erzählte den Mamelucken, was diese Tafel enthielt: Dann kehrte er mit den Affen, die über ihren erfochtenen Sieg sich gar zu sehr freuten, zur Zitadelle zurück und residierte darin als Sultan der Affen achtzehn Monate lang. Nach Verlauf dieser Zeit befahl er der Affenarmee, sich zu einer großen Jagdpartie auszurüsten, und zog mit ihr in Begleitung seiner Mamelucken mehrere Tage durch Wüsten und Einöden, bis er an das Ameisental kam, wo er das Merkmal fand, das auf obenerwähnter Inschrift angegeben war; da befahl er den Affen, ihre Zelte aufzuschlagen, um in diesem Tal zehn Tage lang zu lagern. Aber in der folgenden Nacht sagte er zu seinen Mamelucken: »Meine Absicht ist, jetzt zu entfliehen; wir wollen ins Ameisental geben, das uns in die Judenstadt führt; Gott wird uns beistehen, daß wir glücklich diesen Affen entkommen.« Die Mamelucken sagten: »Wir gehorchen in allem, was unser Herr uns befiehlt.« Als dann ein Teil der Nacht vorüber war und die Affen, welche seine Leibwache bildeten, schnarchend vor seinem Zelt lagen, machte er sich mit den Mamelucken auf, bewaffnete sich mit Schwert und Dolch und anderen Kriegsgerätschaften, und entfloh ins Ameisental. Als am Morgen aber die Affen vom Schlaf erwachten und Djanschah und die Mamelucken nicht mehr fanden, teilten sie sich in zwei Haufen; der eine ritt nach Osten gegen den Ozean und der andere nach Westen ins Ameisental, bis sie Djanschah und den Mamelucken auf die Spur kamen. Djanschah hörte bald die Affen hinter sich und floh immer vorwärts ins Tal; aber er wurde noch vor Mittag eingeholt, und schon wollten die Affen ihn und seine Mamelucken töten, als eine Herde Ameisen aus dem Tal hervorkamen, jede so groß wie ein Hund, sich über die Affen herstürzten und viele von ihnen fraßen; doch auch von den Ameisen wurde eine große Anzahl getötet. Der Kampf zwischen ihnen dauerte den ganzen Tag fort, und Djanschah benutzte diese Zeit, um vor beiden zu entfliehen und ins Innere des Tales zu dringen. Aber noch am folgenden Morgen sah sich Djanschah von den Affen verfolgt; da rief er seinen Mamelucken zu: »Ziehet eure Schwerter und dringet auf sie ein!« Die Mamelucken zogen ihre Schwerter und hieben nach den Affen rechts und links, bis auf einmal ein großer Affe kam, mit Vorderzähnen wie ein Elefant; dieser sprang auf einen der Mamelucken los und teilte ihn entzwei; ihm folgten viele andere Affen, so daß Djanschah weiter ins Tal fliehen und zuletzt, um sein Leben zu retten, sich in den Strom stürzen mußte; die beiden übrigen Mamelucken taten dasselbe, aber sie ertranken, denn der Strom riß sie mit sich fort; und nur der Prinz schwamm hinüber, hielt sich an einem Baum fest und stieg ans jenseitige Ufer. Er lief den ganzen Tag umher und weinte über den Verlust seiner Mamelucken. Abends ging er in eine Höhle und brachte die Nacht in großer Furcht darin zu. Am folgenden Tage zog Djanschah wieder weiter und nährte sich von den Pflanzen der Erde, bis er an den Berg kam, der wie Feuer brannte. Er bestieg diesen Berg und entdeckte bald den Strom, der jeden Samstag austrocknet, und jenseits des Stromes die große Stadt, welche nur von Juden bewohnt war. Er wartete bis Samstag, weil er wußte, daß an diesem Tag der Strom ausgetrocknet sein würde; dann ging er hinüber in die Judenstadt, fand aber keinen Menschen auf den Straßen. Da klopfte er an eine Tür und als man ihm öffnete, sah er die Bewohner des Hauses still dasitzen: Niemand sprach ein Wort. Djanschah sagte ihnen. »Ich bin fremd und hungrig.« Da stellten sie ihm zu essen vor und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, er möge essen und trinken, aber kein Wort sprechen. Djanschah aß und trank und schlief dann die ganze Nacht durch. Am folgenden Morgen kam der Hausherr zu ihm und bewillkommte ihn und fragte ihn, woher er komme und wohin er wolle. Djanschah erzählte ihm weinend seine Geschichte und sagte, er wolle in seine Heimat zurückkehren, und nannte seine Vaterstadt. Der Jude sagte mit Verwunderung: »Diese Stadt habe ich in meinem Leben nicht nennen hören; wir wissen nur durch Karawanen, welche zuweilen hierher kommen, daß es ein Land gibt, welches Jemen heißt.« Djanschah fragte: »Ist das Land, von dem die Karawanen sprechen, sehr weit von hier?« Der Jude antwortete: »Die Karawanenführer sagen, dieses Land sei zwei Jahre und drei Monate weit von hier entfernt.« Djanschah fragte dann: »Wann wird wohl wieder eine solche Karawane kommen?« Der Jude antwortete: »Das nächste Jahr.« Djanschah weinte heftig bei diesen Worten über seine lange Trennung von seinen Eltern, über alles, was er auf der Reise leiden mußte, und über den Verlust seiner Mamelucken. Der Jude sagte ihm aber: »Weine nicht, Jüngling; bleibe bei uns, bis die Karawane kommt, dann schicken wir dich mit ihr in deine Heimat zurück.« Djanschah blieb nun zwei Monate lang bei dem Juden und ging jeden Tag aus, um die Stadt zu sehen. Als er eines Tages nach seiner Gewohnheit auf der Straße war und sich rechts und links umsah, hörte er, wie ein Mann ausrief: »Wer will tausend Dinare nehmen und ein wunderschönes Mädchen, und von morgens bis mittags eine Arbeit verrichten?« Der Mann rief lange so und niemand antwortete. Djanschah dachte: Das muß zwar keine leichte und gefahrlose Arbeit sein, die man mit tausend Dinaren und einem schönen Mädchen bezahlen will; indessen will ich mich doch melden. Er ging zum Ausrufer und sagte: »Ich will diese Arbeit verrichten.« Der Ausrufer nahm ihn bei der Hand und sagte: »Komm mit in die Wohnung dessen, bei dem die Arbeit geschehen soll.« Djanschah ließ sich von ihm in ein großes Haus führen, in dessen Hof ein Jude auf einem Stuhl von Ebenholz saß. Der Ausrufer sagte zu diesem: »Ich laufe nun schon drei Monate in der Stadt herum und rufe deine Arbeit aus, konnte aber niemanden finden, bis endlich dieser Jüngling sich hier meldete.« Der Jude bewillkommte Djanschah und hieß ihn sitzen; nachdem er eine Weile neben ihm saß, führte er ihn in das Wohnzimmer und gab einem Sklaven Befehl, zu essen zu bringen. Sie aßen miteinander, wuschen sich, dann tranken sie, und als sie getrunken hatten, holte der Jude einen Beutel mit tausend Dinaren und führte ein wunderschönes Mädchen an der Hand und sagte zu Djanschah: »Hier ist der versprochene Lohn für die Arbeit, die du zu verrichten hast; morgen früh sollst du ans Werk gehen.« Hierauf verließ er ihn. Djanschah legte das Geld beiseite und brachte die Nacht auf dem Diwan neben dem Mädchen zu. Am folgenden Morgen kam der Jude zu ihm, führte ihn ins Bad und befahl den Sklaven, ihm ein seidenes Kleid nachzubringen. Als Djanschah aus dem Bad kam, überreichten ihm die Sklaven das seidene Kleid und führten ihn wieder nach Hause. Der Jude ließ dann allerlei Musiker und Getränke holen; man spielte und trank und scherzte, bis die halbe Nacht vorüber war; da zog sich der Jude in seinen Harem zurück, und Djanschah schlief wieder an der Seite seines Mädchens. Sobald aber der Morgenstern leuchtete, kam der Jude zu Djanschah und sagte ihm: »Ich wünsche nun, daß du mir meine Arbeit verrichtest.« Djanschah erwiderte: »Ich bin bereit zu allem, was du befiehlst.« Da ließ der Jude von seinen Sklaven zwei Maulesel bringen, hieß Djanschah den einen besteigen und ritt selbst auf dem zweiten. Nachdem sie von morgens bis Mittag auf dem Wege waren, kamen sie an einen unermeßlich hohen Berg. Der Jude stieg hier ab und befahl auch Djanschah abzusteigen. Er zog dann ein Messer und ein Seil aus der Tasche und sagte zu Djanschah: »Schlachte deinen Maulesel!« Djanschah schürzte sich auf, warf dem Maulesel den Strick um die Füße und stürzte ihn zu Boden. Dann sagte der Jude zu Djanschah: »Spalte dem Maulesel den Leib und schlüpfe hinein!« Als Djanschah hineinschlüpfte, nähte der Jude den Leib wieder zu, ging fort und verbarg sich im Gebirge. Nach einer Weile kam ein großer Vogel herangeflogen, ergriff den Maulesel und trug ihn auf den Berg, um ihn zu essen. Sobald aber der Leib aufgepickt war, kroch Djanschah heraus und stellte sich aufrecht; da erschrak der Vogel vor ihm und flog davon. Djanschah sah sich rechts und links um, fand aber niemanden. Bald entdeckte er viele Totengebeine und Leichen in der Sonne verdorrt und schrie: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« Er blickte dann vom Berg herunter und sah den Juden unten stehen und hörte, wie er ihm zurief, er möchte ihm von den Steinen herunterwerfen, die auf dem Berg liegen, er wolle ihm dann den Weg angeben, auf welchem er wieder herunterkommen könne. Djanschah warf dem Juden etwa zweihundert Steine vom Berge herunter zu; es waren nichts als Rubine, Smaragde und andere kostbare Edelsteine. Als er aber dann dem Juden sagte: »Zeige mir nun den Weg, der mich herunterführen soll, ich werfe dir dann noch einmal so viele Steine zu!« gab ihm der Jude keine Antwort, sondern wickelte seine Edelsteine ein, lud sie auf den Maulesel, bestieg ihn selbst und ritt davon. Djanschah blieb nun allein auf dem Berg sitzen und weinte und schrie um Hilfe drei Tage lang. Am vierten Tag machte er sich auf und ging zwei Monate lang auf dem Berg umher, von rohen Pflanzen sich nährend. Endlich kam er an den Abhang des Berges; da sah er ein Tal vor sich mit vielen Bäumen und Bächen. Er kam bald an einen Pfad, neben welchem sich ein Bach ins Tal ergoß und stieg da hinunter. Nachdem er eine Weile im Tal umherging und nach allen Seiten sich umsah, erblickte er ein sehr hohes Schloß; er ging darauf zu und sah vor dem Tor einen alten Mann mit ehrwürdigem, strahlendem Gesicht, der in der rechten Hand ein Beil von Rubin hielt. Djanschah näherte sich ihm und grüßte ihn; der Alte erwiderte seinen Gruß, bewillkommte ihn und hieß ihn sitzen. Als Djanschah sich vor das Tor des Schlosses neben den Alten setzte, fragte ihn dieser: »Wie kommst du in dieses Land, das vor dir noch kein Sohn Adams betreten, und wo willst du hin?« Djanschah erinnerte sich an alle Mühseligkeiten und Leiden, die ihm auf der Reise widerfahren, und weinte so heftig, daß er nicht antworten konnte. Da sagte ihm der Alte: »Laß das Weinen, mein Sohn!« und holte ihm etwas zu essen. Djanschah aß, bis er satt war, und dankte Gott. Als er gegessen hatte, bat ihn der Alte wieder, ihm zu erzählen, wie er hierhergekommen, und Djanschah erzählte ihm alle Abenteuer seiner Reise bis zu seinem Zusammentreffen mit ihm; dann bat er den Alten, welcher ihm mit viel Aufmerksamkeit und Teilnahme zugehört hatte, ihm zu sagen, wem dieses Tal und dieses Schloß gehöre und wie er heiße. – Der Alte antwortete: »Wisse, mein Sohn, dieses Tal mit allem, was du darin siehst, so wie auch dieses Schloß, gehört unserm Herrn Salomo, dem Sohne Davids (Friede sei mit ihm!); mein Name aber ist Scheich Naßr und ich bin König der Vögel. Unser Herr Salomo hat mir dieses Schloß anvertraut und mich die Sprache der Vögel gelehrt und zum Herrscher über alle Vögel von der ganzen Welt ernannt; sie müssen sich jedes Jahr in diesem Schloß versammeln, und ich halte Musterung über sie.« Djanschah fragte weinend: »Was soll ich nun tun, um in meine Heimat zu kommen?« Der Alte antwortete: »Es bleibt dir nichts übrig, als hier zu warten, bis sich die Vögel versammeln; da gebe ich einem der Vögel den Auftrag, dich mitzunehmen; einstweilen kannst du hier im Schloß wohnen, essen und trinken und spazieren gehen.« Djanschah blieb bei Scheich Naßr und lebte mit ihm sehr angenehm, bis endlich die Vögel kamen, um Scheich Naßr zu besuchen. Bei der Ankunft der ersten Vögel übergab Scheich Naßr Djanschah die Schlüssel des Schlosses mit den Worten: »Bleibe du hier und ergehe dich im ganzen Schloß; nur die Tür eines Zimmers darfst du nicht öffnen, sonst geht es dir schlecht; nimm dich also wohl in acht!« Hierauf verließ Scheich Naßr das Schloß und ging den Vögeln entgegen. Sobald die Vögel Scheich Naßr erblickten, flogen sie zu ihm hin, und eine Gattung nach der anderen küßte ihm die Hand. Djanschah ging indessen im Schloß umher und besuchte ein Gemach nach dem anderen, bis er endlich an die Tür kam, die ihm Scheich Naßr zu öffnen verboten hatte. Die Türe war schöner als die aller übrigen Gemächer, und es hing ein goldenes Schloß davor. Da dachte Djanschah: Gewiß ist dies das schönste Zimmer im Schloß; ich möchte doch wissen, was darin ist, daß Scheich Naßr mir den Eingang verboten. Er blieb eine Weile nachdenkend stehen; dann sagte er: »Ich muß in dieses Zimmer und sehen, was darin ist; es kommt dem Menschen doch nur zu, was im Himmel über ihn bestimmt ist.« Er öffnete hierauf die Tür und sah einen großen Teich, neben welchem ein kleines Schloß gebaut war aus Gold, Silber und Kristall; die Fenster waren aus Rubin, und der Boden aus grünem Smaragd, Diamanten, Perlen und marmorfarbigen Edelsteinen. Mitten im Schloß war ein goldener Springbrunnen voll mit Wasser, und rund herum allerlei goldene und silberne wasserspeiende Tiere und Vögel, die, sooft der Wind ihnen in die Ohren wehte, jedes in seiner Sprache redete. Neben dem Springbrunnen war ein großer Saal mit einem Thron aus Rubin mit Perlen und Edelsteinen verziert, und über dem Thron war ein Zelt von grüner Seide aufgeschlagen mit allerlei Juwelen durchwirkt; das Zelt war fünfzig Ellen groß und dessen Boden mit einem Teppich bedeckt, der unserem Herrn Salomo gehörte. Hinter dem Schloß war ein Garten mit vielen Bächen und Fruchtbäumen, und ein Blumenbeet von Rosen, Jasminen, Nelken, Lilien, Narzissen, Veilchen, Anemonen und anderen wohlriechenden Blumen, die ein leiser Zephyr sanft umherschaukelte. Djanschah ging lange in diesem Garten umher, der unbeschreiblich viele Merkwürdigkeiten enthielt; dann bewunderte er wieder den schönen Teich, dessen Boden aus den kostbarsten Edelsteinen zusammengesetzt war. Nachdem Djanschah alle Wunder des Gartens und Springbrunnens angestaunt hatte, ging er ins Zelt, das neben dem Springbrunnen aufgeschlagen war, bestieg den Thron, der darin stand, und schlief eine Weile. Als er erwachte, ging er wieder zum Zelt hinaus und setzte sich vor die Tür, um noch einmal dieses schöne Schloß zu bewundern. Einige der folgenden Nächte haben Ähnlichkeit mit denen aus der Geschichte Hasans aus Baßrah, konnten aber des Zusammenhangs willen nicht ausgelassen werden. Auf einmal kamen drei Vögel in der Gestalt von Tauben, aber so groß wie Adler, herbeigeflogen, ließen sich neben dem Teich nieder und spielten und scherzten eine Weile miteinander; dann zogen sie ihre Federn aus und sprangen in den Teich, und siehe da! Es waren drei Mädchen wie der Mond, dergleichen Djanschah in der Welt noch nie gesehen hatte. Er wußte nicht, was er am meisten bewundern sollte, ihr blühendes Gesicht mit seinen regelmäßigen Zügen oder das Ebenmaß und die Grazie ihres Wuchses. Nachdem sie eine Weile gebadet hatten, stiegen sie wieder ans Land und gingen im Garten spazieren. Djanschah verlor fast den Verstand, als er sie in der Nähe sah; er lief ihnen nach und grüßte sie. Als sie seinen Gruß erwiderten, fragte er sie: »Wer seid ihr, meine Damen, und wo kommt ihr her?« Da sagte die Jüngste unter ihnen: »Wir kommen aus dem Reiche Gottes, um in diesem Garten ein wenig spazieren zu gehen.« Djanschah blieb eine Weile betroffen; dann sagte er: »O habe doch Mitleid mit mir und mit meinem Zustand, es sind mir schon gar zu viele Leiden im Leben zugestoßen.« Das Mädchen antwortete: »Ich kann dir nicht helfen; geh' deines Weges!« Djanschah weinte heftig über diese Antwort, denn er war schon in Liebe und Verlangen aufgelöst, und er sprach folgende Verse: »Sie erschien mir im Garten im grünen Gewande mit aufgelöstem Gürtel und herunterhängenden Haaren; ich frage sie nach ihrem Namen, und sie antwortet: Ich bin die, welche das Herz der Liebenden wie mit heißen Kohlen entzündet. Da klage ich ihr die Qualen der Liebe und sie antwortet: Du klagst einem Felsen, weißt du das nicht? Ich erwidere: Wäre auch dein Herz ein Felsen, hat nicht Gott Wasser aus einem Felsen entspringen lassen?« Die Mädchen machten sich über diese Verse lustig und fuhren fort, zu scherzen und zu spielen und zu singen. Djanschah brachte ihnen dann einige Früchte, die sie aßen; dann legten sie sich nieder und schliefen die ganze Nacht in der Nähe von Djanschah. Als der Morgen leuchtete, zogen sie ihre Kleider wieder an und flogen in der Gestalt von Tauben davon. Djanschah sah sie vor seinen Augen verschwinden und verlor fast seinen Verstand darüber; er schrie laut auf und fiel in eine Ohnmacht, die den ganzen Tag dauerte. Scheich Naßr aber war inzwischen von seiner Zusammenkunft mit den Vögeln zurückgekehrt und hatte schon einige Vögel gebeten, Djanschah in seine Heimat zu bringen, was die Vögel auch gerne tun wollten; er suchte Djanschah überall im Schloß, konnte ihn aber nirgends finden. Endlich kam er an die Tür des verschlossenen Gemachs und fand sie offen; da dachte er: Djanschah müsse trotz seines Verbotes hineingegangen sein; und als er vor das Schloß kam, fand er ihn ohnmächtig auf dem Boden liegen. Als Djanschah durch die Pflege des Scheichs Naßr aus seiner Ohnmacht erwachte, seufzte er vor Liebe und Sehnsucht und rezitierte folgende Verse: »Sie erschien wie der Mond in der Nacht der Seligkeit, mit zarten Hüften und schlankem Wuchs und einem Auge, so reizend, daß es jedes Herz fesselt; die Röte ihrer Lippen glich Rubinen, und lange, schwarze Haare bedeckten ihren Rücken. Hüte dich wohl vor ihr, denn ihr Herz ist härter als ein Fels; aus den Bogen ihrer Augenbrauen sendet sie Pfeile ab, die auch aus der Ferne nie das Ziel verfehlen.« Als Scheich Naßr diese Verse hörte, sagte er: »Mein Sohn, habe ich dich nicht vor der verschlossenen Tür gewarnt? Warum hast du mein Gebot nicht beobachtet?« Djanschah weinte so heftig, daß er lange nicht imstande war, Scheich Naßr zu erzählen, was ihm in seiner Abwesenheit widerfahren. Dann bat er ihn, ihm zu sagen, wer die drei Mädchen waren, die ihm als Tauben erschienen. Scheich Naßr antwortete: »Diese drei Tauben sind Genientöchter, die jedes Jahr einmal hierher kommen, um in diesem Garten auszuruhen, und dann wieder in ihre Heimat zurückkehren.« – »Und wo ist denn ihre Heimat?« fragte Djanschah. Scheich Naßr antwortete: »Bei Gott! Mein Sohn, das weiß ich selbst nicht! Darum rate ich dir: Mache dich jetzt auf; ich will dich mit den Vögeln in deine Heimat schicken. Denke nicht mehr an diese Mädchen, die dir ewig unerreichbar bleiben!« Djanschah stieß ein furchtbares Geschrei aus, als er diese Worte hörte, und fiel wieder in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, sagte er zu Scheich Naßr: »O mein Vater! Ich werde nicht in meine Heimat zurückkehren, bis ich diese Mädchen wieder gesehen, ich will lieber hier sterben; laß mich hier bleiben, ich bin zufrieden, wenn ich sie nur jedes Jahr einmal sehe.« Er warf sich dann Scheich Naßr zu Füßen und küßte sie, und fuhr heftig weinend fort: »Habe Mitleid mit mir, Gott wird sich auch deiner erbarmen; hilf mir in meiner Not, Gott wird auch dir helfen!« Da sagte ihm Scheich Naßr: »Bei Gott! Mein Sohn, ich weiß nicht, wer diese Mädchen sind; doch wenn deine Liebe so heftig ist, so bleibe noch ein Jahr bei mir; sie müssen gewiß das nächste Jahr um diese Zeit wiederkehren; da verbirgst du dich im Garten unter einem Baum, und wenn sie in den Teich steigen, um zu baden und zu scherzen, und recht weit von ihren Kleidern sind, da springst du hervor und nimmst das Kleid derjenigen von ihnen, die dir am besten gefällt. Wenn dann die Mädchen dich bemerken, werden sie ans Land steigen und die, deren Kleid du genommen, wird dich mit süßen Worten und rührender Stimme bitten, ihr das Federnkleid zurückzugeben. Gibst du ihr dann Gehör, so bleibt dir kein Mittel mehr übrig, sie an dich zu fesseln, denn sobald sie ihr Kleid wieder anzieht, fliegt sie in ihre Heimat, und du siehst sie nie mehr wieder. Nimm daher ihr Kleid unter den Arm und gib es ihr ja nicht zurück, bis ich von der Zusammenkunft mit den Vögeln zurückkehre, da will ich euch verbinden und zusammen in deine Heimat zurücksenden. Das ist alles, mein Sohn, was ich für dich tun kann, sonst nichts.« Djanschah beruhigte sich bei diesen Worten und blieb noch ein ganzes Jahr bei Scheich Naßr, bis endlich die Zeit der Zusammenkunft mit den Vögeln wiederkehrte; da kam Scheich Naßr und sagte zu ihm: »Ich gehe jetzt wieder zur Versammlung der Vögel; beherzige wohl, was ich dir geraten in bezug auf die Kleider der Mädchen.« Djanschah versprach ihm, alles zu befolgen, und wünschte ihm Glück zur Reise. Sobald Scheich Naßr fort war, ging Djanschah in den Garten und verbarg sich unter einem stark belaubten Baum, und wartete darunter drei Tage lang; da aber niemand kam, war er sehr betrübt und niedergeschlagen und weinte, bis er in Ohnmacht fiel. Nach einer Weile, als er wieder zu sich kam, sah er bald nach dem Himmel, bald auf die Erde, bald in den Teich, und sein Herz zitterte vor Liebe und Verlangen. Auf einmal kamen drei Tauben aus der Luft und ließen sich neben dem Teich nieder. Sie drehten sich nach allen Seiten um, und als sie niemanden, weder einen Menschen noch einen Genius erblickten, entkleideten sie sich, stiegen in den Teich und spielten und scherzten miteinander. Als sie glänzend wie neugegossenes Silber im Wasser umherschwammen, sagte die älteste zu den anderen: »Wie wäre es, wenn jemand in diesem Garten verborgen wäre?« Die mittlere antwortete: »Wo denkst du hin? Seit der Zeit unseres Herrn Salomo ist weder ein Mensch noch ein Genius in dieses Schloß gekommen.« Hierauf sagte die jüngste lachend: »O wenn jemand im Garten verborgen wäre, würde er gewiß mich rauben!« Dann scherzten sie wieder untereinander und schwammen im Teich umher. Djanschah, der unter dem Baum hervor sie ungesehen beobachten konnte, wartete mit zitterndem Herzen, bis sie mitten im Teich waren, recht weit von ihren Kleidern, dann sprang er hervor wie ein Blitz und nahm das Federnkleid der Jüngsten, welche Schemsiah hieß. Als die Mädchen sich umdrehten und Djanschah erblickten, tauchten sie vor Scham unter das Wasser; dann hoben sie nur den Kopf aus dem Wasser hervor, näherten sich dem Ufer und fragten ihn: »Wie kommst du hierher und wer bist du, daß du Schemsiahs Kleider nimmst?« Djanschah antwortete: »Kommt nur näher her zu mir, da will ich euch erzählen, wie es mir gegangen.« Da sagte Schemsiah. »Wer bist du, daß du gerade meine Kleider gestohlen, und mich hier ohne Bedeckung gelassen?« Djanschah antwortete: »O Licht meines Auges, Innerstes meines Herzens, steige nur ans Land, da will ich dir alles sagen, wie ich dich kennengelernt und warum ich hierher gekommen.« Schemsiah sagte: »O mein Herr, Freude meines Auges, Frucht meines Herzens, gib mir meine Kleider, daß ich meine Scham bedecke, dann will ich zu dir kommen.« – »Ich will mich nicht selbst vor Liebesgram ins Grab stürzen; ich kann dir deine Kleider nicht zurückgeben, bis Scheich Naßr kommt.« – »Wenn du mir meine Kleider nicht geben willst, so warte, bis meine Schwestern angezogen sind, daß sie mir etwas bringen, um mich zu bedecken.« –»Das will ich recht gern«, sagte Djanschah und ging einstweilen voraus ins Schloß. Die Mädchen stiegen dann ans Land, und die ältesten gaben der jüngsten einen Teil ihrer Kleider, mit denen sie aber nicht fliegen konnte, und sie gingen zusammen ins Schloß zu Djanschah, der auf dem Thron saß. Schemsiah, die wie der Mond oder wie eine weidende Gazelle aussah, setzte sich neben ihn und sagte: »O schöner Jüngling, der du dich und uns ins Verderben gestürzt, erzähle mir nun, was dir widerfahren.« Djanschah fing an zu weinen, bis alle seine Kleider von Tränen benetzt waren; aber Schemsiah trocknete ihn ab und war so liebevoll gegen ihn, daß er bald gefaßt genug war, seine ganze Geschichte zu erzählen. Als Djanschah seine Erzählung vollendet hatte, stand Schemsiah auf und sagte: »Mein Herr, wenn du mich wirklich liebst, so gib mir meine Kleider, daß ich mit meinen Schwestern zu meinen Eltern zurückkehre und ihnen von deiner Liebe zu mir erzähle; dann komme ich wieder hierher zu dir und bringe dich in deine Heimat,« Djanschah sagte weinend: »Erlaubt dir dein Gott, daß du mich unschuldigerweise tötest?« – »Wieso das?« fragte Schemsiah. »Ich weiß«, erwiderte Djanschah, »daß, wenn du deine Kleider anziehst, du mich verläßt, und ich muß sogleich sterben.« Schemsiah lachte über diese Worte und ihre Schwestern lachten mit ihr. Dann sagte sie: »Sei frohen Herzens, ich will dich heiraten.« Sie umarmte ihn hierauf, drückte ihn an ihre Brust und küßte ihn auf die Wangen und zwischen die Augen. Nachdem sie sich lange umarmt hatten, setzten sie sich wieder auf den Thron, und Schemsiah sagte zu Djanschah: »O mein Geliebter, Freude meines Auges, bei Gott; ich liebe dich sehr und werde mich nie von dir trennen!« Diese Worte erleichterten Djanschahs Brust und erheiterten sein Gesicht. Sie aßen dann miteinander einige Früchte, welche die älteste Schwester aus dem Garten holte, und bald darauf kam Scheich Naßr zurück. Da standen alle vor ihm auf und grüßten ihn. Er erwiderte ihren Gruß, bewillkommte sie und hieß sie wieder sitzen. Als sie wieder Platz genommen hatten, sagte er zu Schemsiah: »Ich empfehle dir diesen Jüngling hier, der dich sehr leidenschaftlich liebt; er ist von edler Geburt, sein Vater ist Sultan im Lande Kabul.« Schemsiah sagte: »Ich gehorche dir in allem, was du mir befiehlst«, und küßte Scheich Naßr die Hand. Scheich Naßr versetzte hierauf: »Wenn du aufrichtig bist, so schwöre mir bei Gott, daß du ihm nie untreu werden willst, solange du lebst.« Schemsiah schwor einen schweren Eid, daß sie Djanschah heiraten, ihm stets treu bleiben und sich nie von ihm trennen wolle, solange sie lebe. Als sie diesen Eid geschworen hatte, glaubte ihr Scheich Naßr und rief freudig aus: »Gelobt sei Gott, der euch beide vereinigt!« Djanschah war vor Freude außer sich und lebte noch drei Monate mit Schemsiah in Scheich Naßrs Schloß in den schönsten irdischen Genüssen. Nach drei Monaten sagte sie zu Djanschah: »Nun wünsche ich, daß du in deine Heimat zurückkehrst, damit wir uns dort verheiraten.« Djanschah ging zu Scheich Naßr und teilte ihm Schemsiahs Wunsch mit. Scheich Naßr sagte: »Kehre in deine Heimat mit ihr zurück und laß sie dir empfohlen sein; du kannst ihr ohne Furcht ihre Kleider zurückgeben, sie wird dich nie mehr verlassen.« Djanschah ging ins Schloß und holte Schemsiahs Kleider und gab sie ihr. Als sie sie angezogen hatte, sagte sie ihm: »Steige nun auf meinen Rücken, drücke deine Augen und deine Ohren zu, damit dich das Geräusch der Himmelssphäre nicht zerschmettere; halte dich mit der Hand recht fest an meinem Rücken und nimm dich wohl in acht, daß du nicht herunterfällst.« Djanschah bestieg ihren Rücken, und Scheich Naßr belehrte sie über die Lage des Landes Kabul, damit sie den Weg dahin finde. Dann empfahl er ihr noch einmal Djanschah und nahm von beiden Abschied. Schemsiah verabschiedete sich hierauf von ihren beiden Schwestern und sagte ihnen: »Geht nun in eure Heimat zurück und erzählt zu Hause, was mir mit Djanschah begegnet.« Dann flog sie in einem fort von morgens bis abends, und Djanschah hielt sich fest an ihrem Rücken. Gegen Abend erblickte sie in der Ferne ein Tal mit vielen Bäumen, Früchten und Bächen; da sagte sie zu Djanschah: »Wir wollen uns ein wenig in diesem Tal ergehen und diese Nacht darin ausruhen.« Djanschah erwiderte: »Tue, was dir gut dünkt.« Sie ließ sich hierauf aus der Luft auf die Erde herunter, Djanschah stieg von ihrem Rücken ab und küßte sie zwischen die Augen; sie setzten sich eine Weile an das Ufer eines Flusses, dann gingen sie spazieren und aßen von den Früchten des Tales, bis es Nacht wurde; da legten sie sich unter einen Baum und schliefen die ganze Nacht. Des anderen Morgens stand Schemsiah auf und hieß Djanschah wieder auf ihren Rücken steigen, und flog wieder in einem fort bis Mittag; da erkannte sie die Merkmale, die ihr Scheich Naßr vom Lande Kabul gegeben, und ließ sich in eine schöne, weite Wiese herab, wo viele Bäche flossen und viele Gazellen umherhüpften. Als sie auf den Boden kam, stieg Djanschah ab und küßte sie zwischen die Augen. Da sagte Schemsiah: »Weißt du, mein Geliebter, welche Reise wir in zwei Tagen zurückgelegt?« Djanschah antwortete: »Bei Gott, ich weiß es nicht!« – »Wir haben«, fuhr sie fort, »eine Reise von dreißig Monaten gemacht.« Djanschah dankte Gott und setzte sich neben Schemsiah. Auf einmal, als sie so beisammen saßen und aßen und tranken und scherzten, kamen zwei Mamelucken auf sie zu, von denen der eine zur Zeit, wo Djanschah mit seinem Vater auf die Jagd gegangen war, die Pferde gehalten hatte, während Djanschah den Nachen bestieg. Sie küßten Djanschah Hände und Füße, als sie ihn erkannten, und sagten: »Dein Vater jagt hier in der Nähe; wir wollen ihm schnell deine Ankunft melden.« Djanschah antwortete: »Tut dies; dann bringt Zelte herbei: Wir wollen hier eine Woche ausruhen, damit alle Fürsten und Heerführer mir hierher entgegenkommen, und ich dann mit Pomp und Glanz meinen Einzug halte.« Die beiden Mamelucken bestiegen ihre Pferde und ritten zu Djanschahs Vater und sagten: »Gute Nachricht, o König der Zeit!« Als der König Tighanus dies hörte, sagte er: »Wehe euch, bringt ihr mit etwa Botschaft von meinem Sohne Djanschah?« Die Mamelucken antworteten: »Ja wohl, dein Sohn Djanschah ist von seiner Reise zurückgekehrt; er ist hier in der Nähe.« Der König verlor das Bewußtsein bei diesen Worten. Als er wieder zu sich kam, freute er sich sehr, befahl seinem Vezier, jedem der Mamelucken ein Ehrenkleid zu schenken für tausend Dinare und noch einen Beutel voll Geld dazu. Der Vezier holte sogleich nach dem Befehl des Königs zwei Ehrenkleider und zwei Beutel voll Geld, gab sie den zwei Mamelucken und sagte ihnen: »Hier habt ihr den Lohn für die frohe Botschaft, die ihr überbracht, ihr möget wahr gesprochen oder gelogen haben.« Da versetzten die Mamelucken: »Wir lügen nicht, wir sind eben bei Djanschah gesessen, haben ihn gegrüßt und ihm die Hand geküßt; auch hat er uns befohlen, Zelte zu holen, weil er sieben Tage in der Wiese verweilen will, bis alle Emire, Fürsten und Prinzen ihm entgegenkommen.« Als der König Tighanus dies hörte, ließ er in die Trompeten stoßen und Botschafter umherreiten, um die Ankunft Djanschahs allenthalben zu verkünden; auch sandte er einen Eilboten an Djanschahs Mutter, um ihr die Rückkehr ihres Sohnes zu melden. Dann zog der König Tighanus mit vielen Truppen in die Wiese, wo Djanschah neben Schemsiah saß. Djanschah stand auf, als er die Truppen bemerkte und ging ihnen entgegen. Alle Reiter stiegen von ihren Pferden ab, als sie den Prinzen erblickten, grüßten ihn und küßten seine Hände. Djanschah ging immer vorwärts an den Truppen vorüber, bis er zu seinem Vater kam. Als dieser Djanschah erblickte, sprang er vom Pferd herunter, umarmte ihn und weinte heftig. Dann bestieg er sein Pferd wieder, Djanschah ritt ihm zur Rechten und die Truppen folgten. Hierauf wurden Zelte aufgeschlagen und Fahnen aufgesteckt, und die Trompeten erschallten von allen Seiten. Der König ließ für Schemsiah ein Zelt von roter Seide aufschlagen, und als sie eine Weile darin ausgeruht hatte, besuchte er sie mit dem Prinzen. Als Schemsiah den König Tighanus sah, stand sie auf und verbeugte sich vor ihm. Er setzte sich, ließ den Prinzen zu seiner Rechten und Schemsiah zu seiner Linken Platz nehmen, bewillkommte letztere und fand viel Wohlgefallen an ihr. Der König ließ sich dann von seinem Sohn alles erzählen, was ihm während seiner Abwesenheit widerfahren, und als er dessen Erzählung angehört hatte, wendete er sich zu Schemsiah und sagte: »Gelobt sei Gott, der dich mit meinem Sohn vereinigt! Wünsche dir nun etwas, ich werde es dir gewähren, was es auch sein mag!« Sie sagte: »Ich wünsche, daß du mir ein Schloß bauen lassest mitten in einem Garten, am Ufer eines Flusses.« Der König antwortete: »Dein Wille geschehe!« Während dieses Gesprächs kam Djanschahs Mutter mit den Frauen der Fürsten und Veziere und aller Vornehmen der Stadt. Als Djanschah sie kommen sah, ging er ihr entgegen zum Zelte hinaus. Bei dem Anblick ihres Sohnes verlor sie fast den Verstand vor Freude; sie fiel ganz außer sich über ihn her und hielt ihn lange umarmt. Dann sagte sie weinend folgenden Vers: »Die Freude stürmt so gewaltig über mich her, daß ich vor allzu großem Entzücken weinen muß; mein Auge hat sich so sehr ans Weinen gewöhnt, daß nun die Freude ihm wie einst der Gram Tränen entlockt.« Während sie so einander die Schmerzen der Trennung und Sehnsucht klagten, kamen auf einmal Boten, welche Schemsiahs Ankunft meldeten, die ihre Schwiegermutter zu begrüßen kam. Djanschahs Mutter ging ihr entgegen, grüßte und umarmte sie, und begleitete sie wieder mit allen Frauen der Fürsten und Staatsoberhäuptern in ihr Zelt zurück und brachte zehn Tage in allerlei Festlichkeiten bei ihr zu. Der König, der auch so lange in seinem Zelt geblieben war, befahl nun den Truppen, in die Stadt zu ziehen, und er ritt selbst an der Spitze, von zahlreichem Gefolge umgeben. Die Stadt wurde mit Atlas und anderen Seidenstoffen, farbigem Tuch und sonstigem Zierat ausgeschmückt. Die Vornehmen des Reiches veranstalteten allerlei Feste, und die Armen und Bedürftigen wurden reichlich gespeist. Nach zehn Tagen schickte der König Tighanus zu sachverständigen Baumeistern und Geometern und befahl ihnen, ein Schloß mitten in seinem Garten anzulegen. Die Baumeister entwarfen einen Plan zur Erbauung des Schlosses, und als der Grund gelegt wurde, ließ Djanschah eine weiße marmorne Säule herbeischaffen und befahl den Arbeitsleuten, sie wie ein Rohr auszuhöhlen. Als dies geschehen war, nahm er Schemsiahs Kleid und legte es in diese Säule, die er dann in den Grund versenken und mit einem Gewölbe überbauen ließ. Sobald das Schloß vollendet war, ließ es der König ausmöblieren, und bald darauf wurde Djanschahs Hochzeit in diesem Schloß gefeiert. Als aber Schemsiah das Schloß betrat, stieg ihr der Geruch ihres Kleides entgegen und leitete sie auf den Platz, wo es verborgen war. Nun ging sie mit dem Gedanken um, sich desselben wieder zu bemeistern. Aber sie mußte warten, bis die Hochzeitsgäste das Schloß verließen und Djanschah in ihren Armen eingeschlafen war. Gegen Mitternacht, als er in tiefen Schlaf versunken war, stand sie leise auf, ging zur Säule hin, grub das Gewölbe auf, das darüber gebaut war, bis sie zur Säule gelangte, in welcher das Kleid war; dann zerschnitt sie das Blei, das darüber gegossen war, nahm das Kleid heraus, zog es an und flog auf die Terrasse des Schlosses; von hier aus rief sie ihren Leuten zu, sie möchten Djanschah wecken, damit sie von ihm Abschied nehme. Als Djanschah heraustrat und Schemsiah auf der Terrasse des Schlosses in ihrem Federnkleid sitzen sah, sagte er: »Was hast du getan?« Sie antwortete: »O mein Geliebter, Freude meines Auges! Bei Gott, ich liebe dich sehr und bin dir sehr gern hierher gefolgt; auch habe ich mich mit deinem Vater und deiner Mutter gefreut; aber länger will ich doch nicht hier bleiben. Wenn du mich nun auch liebst, so folge mir zur Zitadelle von Edelsteinen.« Sobald sie diese Worte gesagt hatte, flog sie davon und kehrte zu den Ihrigen zurück. Djanschah wurde fast wahnsinnig, als er sie verschwinden sah, und fiel ohnmächtig zu Boden. Seine Leute benachrichtigten seinen Vater von dem, was vorgefallen; er eilte ins Schloß und fand seinen Sohn noch immer ohnmächtig über den plötzlichen Verlust seiner Geliebten; er bespritzte ihn mit Rosenwasser, bis er wieder zu sich kam; dann fragte er ihn: »Wie konnte deine Gattin von der Terrasse entfliehen?« Der Prinz antwortete: »Wisse, mein Vater, Schemsiah war eine Genientochter, aus Liebe zu ihr nahm ich ihr das Kleid weg, mit welchem sie fliegen konnte, und verbarg es in einer Säule, die ich in den Grund versenkte; sie aber grub die Grundlage des Hauses auf, nahm das Kleid, flog davon und lud mich ein, ihr in die Diamanten-Zitadelle zu folgen.« Da sagte der König: »Betrübe dich nicht, mein Sohn, ich will alle Reisenden und Kaufleute versammeln und mich erkundigen, wo diese Zitadelle liegt; dann ziehen wir hin, und mit Gottes Hilfe werden ihre Verwandten sie dir zurückgeben.« Der König ließ hierauf sogleich seine vier Veziere rufen und befahl ihnen, alle Kaufleute und Reisenden der Stadt zu versammeln und sie nach der Diamanten-Zitadelle zu fragen, und dem, der weiß, wo sie liegt, tausend Dinare zu geben. Die Veziere taten, wie ihnen der König befohlen, aber niemand wußte etwas von dieser Zitadelle; sie kehrten daher bestürzt zum König zurück und berichteten es ihm. Dieser ließ nun, um seinen Sohn zu zerstreuen, die schönsten Sklavinnen, die besten Sänger und geschicktesten Musiker ins Schloß kommen. Auch schickte er Kundschafter nach allen Ländern aus, um die Zitadelle der Genien zu erfragen; aber alle kehrten ohne Nachricht zurück. Er ging dann weinend zu seinem Sohn, der mitten unter Sängern und Sklavinnen doch seine Geliebte nicht vergessen konnte, sagte ihm, daß alle seine Bemühungen, die Zitadelle zu erforschen, fruchtlos geblieben, und schlug ihm vor, eine andere Gattin zu nehmen, schöner und liebenswürdiger als Schemsiah. Aber Djanschah war untröstlich, und brachte alle Nächte weinend und seufzend zu; auch sein Vater lebte daher sehr mißvergnügt und unruhig. Dies vernahm der König Kefid, der über Indien herrschte und ein alter Feind des Königs Tighanus war. Kefid gebot über tausend Statthalter, deren jeder über tausend Völkerschaften herrschte, von denen jede tausend Reiter ins Feld stellte. Er versammelte daher seine Veziere und Staatsräte und Emire, und sagte ihnen: »Ich habe vernommen, daß der König Tighanus wegen der Trauer seines Sohnes Djanschah alle Staatsangelegenheiten vernachlässigt: nun wißt ihr wohl; daß er einen Teil meines Landes geraubt, meinen Vater und meine Brüder getötet und ihr Gut geplündert hat; wir wollen daher diesen günstigen Augenblick benutzen, um eine Armee auszurüsten, ihn zu überfallen, ihn und seinen Sohn zu töten und ihr Land uns zu unterwerfen.« Die Veziere und Emire schenkten dem König Kefid ihren Beifall, und jeder von ihnen machte die nötigen Vorbereitungen zum Feldzug. Als nach sieben Tagen alle Anstalten zum Krieg getroffen waren und die Truppen sich versammelt hatten, erschallten die Trompeten und Zimbeln, die Fahnen wurden umhergetragen, und der König Kefid begab sich mit seinen Truppen bis an die Grenze des Landes Kabul, das dem König Tighanus gehörte. Sie fingen gleich an, die Ortschaften an der Grenze auszuplündern, den Bewohnern Gewalt anzutun, Große zu töten und Kinder gefangenzunehmen, so daß bald die Nachricht davon zum König Tighanus gelangte. Dieser entbrannte vor Zorn, versammelte die Großen des Reiches, die Veziere und Emire und sagte ihnen: »Wisset, daß der König Kefid herangezogen ist, um uns zu bekriegen, er hat so viele Truppen bei sich, daß nur Gott ihre Zahl kennt; ratet nun, was zu tun ist.« Sie sagten: »O König der Zeit, wir müssen ihm entgegenziehen und unser Land verteidigen.« Da sagte der König Tighanus: »Nun bereitet euch vor zum Feldzug!« Er öffnete dann alle Waffenmagazine und verteilte Panzer, Schwerter, Schilde, Helme und anderes Kriegsmaterial, versammelte die Armee, ließ die Trompeten erschallen und die Fahnen aufpflanzen, und zog mit den Truppen dem König Kefid entgegen. Als sie an die Grenze des Landes Kabul in das Land Sahran kamen, stieg der König Tighanus ab, schrieb einen Brief und schickte ihn mit einem Boten an den König Kefid. Folgendes war der Inhalt des Briefes: »Wir tun dir, o König Kefid, hiermit kund, daß du als ein Niederträchtiger gehandelt hast; wärest du von königlichem Geblüte, so hättest du nicht auf diese Weise unser Land überfallen, um darin zu plündern und Gewalt auszuüben. Hätte ich früher deine Absicht gewußt, so wäre ich dir längst schon entgegen gezogen, um dir den Eintritt in mein Land zu versperren; doch willst du nun zurückkehren, so lassen wir das Geschehene und hegen keine Feindschaft mehr; wenn nicht, so stelle dich zum Kampf.« Der Bote, der sehr verständig und von Kundschaftern begleitet war, begab sich ins feindliche Lager; da sah er viele seidene Zelte, darunter ein sehr großes von rotem Atlas; es war das Zelt des Königs Kefid, in dessen Mitte er selbst auf einem Thron saß, von Emiren, Vezieren und Staatsräten umgeben. Der Bote zog vor dem Zelt den Brief hervor, es kamen Soldaten und nahmen ihn ihm ab und brachten ihn dem König. Als Kefid den Brief gelesen hatte, schrieb er folgende Antwort: »Wir tun dem König Tighanus kund, daß wir entschlossen sind, uns zu rächen, sein Land zu verwüsten, und alle Großen zu töten; morgen werde ich mich auf dem Kampfplatz zeigen.« Diesen Brief versiegelte er und gab ihn dem Boten. Der Bote kehrte zu dem König Tighanus zurück, verbeugte sich vor ihm, übergab ihm die Antwort des Königs Kefid und sagte ihm: »O König, ich habe eine unzählbare Menge Reiter und Fußvolk gesehen!« Tighanus wurde sowohl durch den Inhalt der Antwort als durch das, was der Bote ihm mündlich sagte, so aufgebracht, daß er sogleich seinem Vezier Einsar den Befehl erteilte, mit tausend Reitern in der Nacht plötzlich den Feind zu überfallen und in Verwirrung zu bringen. Auf der anderen Seite hatte der König Kefid seinem Vezier Ghatarfan befohlen, mit fünftausend der tapfersten Ritter um Mitternacht über die Truppen des Königs Tighanus herzufallen. Beide Veziere rückten mit ihren Truppen aus, um die Befehle ihrer Herren zu vollziehen. Um Mitternacht stießen sie aufeinander, und es entstand ein mörderischer Kampf zwischen ihnen, der die ganze Nacht fortdauerte. Gegen Morgen wurden Kefids Truppen geschlagen, und nachdem sie etwa zweitausenddreihundert Mann, darunter auch den berühmten Helden Sarchin, verloren hatten, ergriffen die übrigen die Flucht. Als Kefid die flüchtigen Truppen zurückkehren sah, entbrannte er vor Zorn und sagte ihnen: »Wehe euch, was ist euch geschehen?« Sie antworteten: »Als wir um Mitternacht mit dem Vezier Ghatarfan auszogen, da begegnete uns Einsar, der Vezier des Königs Tighanus, und auf einmal fanden wir uns mitten unter seinen Truppen; wir kämpften bis morgens, und viele von uns wurden getötet, und wären wir nicht entflohen, wir hätten den letzten Mann verloren!« Der König Kefid rief ganz außer sich vor Zorn: »Die Sonne zürne euch und versage euch ihren Segen!« Der König Tighanus hingegen flog fast vor Freude, als der Vezier Einsar zurückkehrte und ihm zum Sieg seiner Truppen Glück wünschte. Er ließ dann seine Truppen zählen, und es fehlten nur zweihundert. Am folgenden Tag musterte der König Kefid seine Armee und führte sie in geordneten Reihen auf das Schlachtfeld; es waren fünfzehn vollständige Reihen, jede von zehntausend Reitern; auch hatte er zweihundert Helden bei sich, die auf Elefanten ritten. Alles war zum Kampf gerüstet, die Fahnen waren aufgerollt, die Trompeten erschallten und die Helden sehnten sich nach Kämpfern. Auch der König Tighanus hatte seine Truppen in Schlachtordnung aufgestellt; es waren zehn Reihen, jede von zehntausend wackeren Reitern, und hundert Helden ritten ihm zur Rechten und zur Linken. Als die beiden Armeen einander angriffen, zitterte die Erde unter den Hufen der Rosse; das Lärmen der Zimbeln und Trompeten, vermengt mit dem Gewieher der Pferd und dem Kriegsgeschrei der Männer, war betäubend; der Staub umhüllte die Häupter der Kämpfenden, welche den ganzen Tag wie Löwen stritten. Erst die Dunkelheit der Nacht trennte die beiden Armeen und führte jede in ihr Lager zurück. Der König Kefid entbrannte vor Zorn, als er seine Truppen zählte und fünftausend Mann vermißte; aber der König Tighanus war sehr aufgebracht, als er seine Truppen musterte und dreitausend seiner ausgezeichnetsten Ritter fehlten. Am folgenden Tag zogen beide Armeen wieder auf das Schlachtfeld, und jede hoffte diesmal den Sieg davonzutragen. Aber der König Kefid rief seinen Truppen zu: »Wer unter euch will hervortreten und durch einen Zweikampf den Krieg eröffnen?« Da trat ein Ritter, auf einem Elefanten reitend, aus den Reihen hervor – sein Name war Barkik, der Sohn Farsachs – stieg von seinem Elefanten ab, verbeugte sich vor dem König und bat um Erlaubnis, als Kämpfer in die Schranken zu treten; er bestieg dann seinen Elefanten wieder, spornte ihn in die Kampfbahn und schrie: »Wer will mit mir sich messen, wer will mit mir fechten, wer will mit mir eine Lanze brechen?« Als der König Tighanus dies hörte, wendete er sich zu seinen Truppen und rief: »Wer von euch will die Herausforderung dieses Ritters annehmen?« Da trat ein Ritter hervor, auf einem hübschgestalteten Roß reitend, verbeugte sich vor dem König Tighanus und bat um Erlaubnis, den Zweikampf anzunehmen; auf einen bejahenden Wink des Königs ritt er dann auf Barkik zu. Dieser sagte ihm: »Wer bist du, daß du mich so geringschätzest und ganz allein mit mir kämpfen willst, und wie ist dein Name?« Er antwortete: »Mein Name ist Ghadhanfar, der Sohn Schamchils!« Da sagte Barkik: »Ich habe schon in meiner Heimat von dir gehört; doch diesmal laß ab vom Kampf, sonst ist all dein Ruhm dahin!« Ghadhanfar aber zog seine Lanze hervor und Barkik sein Schwert, und sie fochten lange miteinander, bis endlich Barkik seinem Gegner einen Hieb versetzte, der ihm aber nichts schadete; Ghadhanfar benutzte jedoch diesen Augenblick, um Barkik mit der Lanze so zu durchbohren, daß er ihn an seinem Elefanten festnagelte. Als dies geschehen war, kam ein Mann auf Ghadhanfar zu und sagte ihm: »Wer bist du, daß du meinen Bruder tötest?« Mit diesen Worten verwundete er ihn am Schenkel. Aber Ghadhanfar zog schnell sein Schwert und teilte ihn in Zwei, so daß ganze Meere von Blut auf die Erde strömten, dann kehrte er um und eilte zum König Tighanus zurück. Als der König Kefid dies sah, feuerte er seine Truppen zum Kampf an; der König Tighanus tat dasselbe; Pferde rannten auf Pferde, Männer stießen auf Männer, Schwerter klirrten, Trompeten erschallten, Krieger schrien jubelnd und jammernd, bis die Sonne unterging; da zog sich der König Tighanus zurück, zählte seine Soldaten und fand, daß er gegen fünftausend Reiter verloren hatte und vier Fahnen. Auch der König Kefid zog sich in sein Zelt zurück und ließ seine Truppen zählen, und es fehlten ihm sechshundert der besten Ritter und sieben Fahnen waren zerbrochen. Hierauf wurde ein Waffenstillstand von drei Tagen geschlossen. Während des Waffenstillstandes schrieb der König Kefid an seinen Freund, den König Kafun, mit dem er von mütterlicher Seite her verwandt zu sein vorgab, und bat ihn um Hilfstruppen. Kafun versammelte so viele Ritter, als er konnte und zog zu ihm. Aber der König Tighanus erhielt bald Nachricht davon durch einen seiner Kundschafter, welcher ihm sagte, er habe einen furchtbaren Staub in der Ferne gesehen, der bis zum Himmel steige. Tighanus befahl einer Abteilung Soldaten, zu sehen, was dieser Staub bedeute, und sie sahen, als ihn der Wind zerstreute, sieben Fahnen darunter hervorkommen, jede von dreitausend Reitern umgeben, die zur Armee des Königs Kefid stießen, und diese Nachricht verbreitete großen Schrecken im Lager des Königs Tighanus. »Der König Kefid hingegen begrüßte freudig seinen Bundesgenossen Kafun und erzählte ihm, der König Tighanus habe seinen Vater und seine Brüder getötet, nun wolle er Rache an ihm nehmen. Der König Kafun sagte: Die Sonne segne dich, mein Freund, und begab sich mit dem König Kefid höchst zufrieden in sein Zelt. »Das ist's, was die beiden Könige angeht. Der Prinz Djanschah aber, höchst beunruhigt darüber, daß er zwei Monate lang weder seinen Vater, noch die Sklavinnen sah, mit denen er ihn zuweilen besuchte, erkundigte sich bei einem seiner Diener, der ihm besonders ergeben war, nach ihm, und als er von dem Krieg mit Kefid hörte, sagte er: Bringt mir mein Pferd, ich will zu meinem Vater auf das Schlachtfeld. Bei sich dachte er aber: Bin ich einmal im Freien, so reise ich in die Judenstadt; dort wird mir Gott beistehen, daß ich wieder einen Kaufmann finde, der wie das erste Mal gegen mich verfährt; niemand weiß ja, woher sein Glück kommt. Er bestieg sein Pferd und nahm tausend Reiter mit sich, so daß alle Leute glaubten, er ziehe in den Krieg zu seinem Vater. Aber des Abends ließ er die Ritter in einer großen Ebene absteigen, um daselbst zu übernachten, und als sie schliefen, machte er sich allein auf, setzte sich wieder auf sein Pferd und schlug den Weg nach Bagdad ein, weil ihm der Jude gesagt hatte, daß von Bagdad alle zwei Jahre eine Karawane zu ihnen komme, in der Absicht, sich dieser Karawane anzuschließen. Als die Ritter, die Djanschah begleitet hatten, ihn bei ihrem Erwachen vergebens auf allen Seiten suchten, gingen sie zu seinem Vater und berichteten ihm des Prinzen Flucht. Tighanus war so aufgebracht, daß ihm Funken aus dem Gesicht sprühten, ganz außer sich warf er die Krone von seinem Haupt und sagte: Nun habe ich meinen Sohn verloren und der Feind ist in meinem Angesicht. Es gibt keinen Schutz, außer bei Gott! Seine Emire und Veziere suchten ihn zu trösten und zu ermutigen, aber er wollte den Krieg nicht fortsetzen, sondern zog sich mit seinen Truppen in die Hauptstadt zurück, ließ die Tore schließen und die Mauern befestigen. Kefid kam jeden Monat, um die Stadt zu erstürmen, wurde aber von den Belagerten zurückgeschlagen und so dauerte der Krieg zwischen den beiden Königen noch sieben Jahre lang. »Djanschah aber reiste, nachdem er seine Truppen verlassen hatte, Tag und Nacht durch Wüsten und Einöden, und überall, wo er hinkam, erkundigte er sich nach der Diamanten-Zitadelle; aber niemand hatte je davon gehört. Er erkundigte sich dann nach der Judenstadt, und ein Kaufmann sagte ihm, sie liege an der äußersten Spitze des Ostens: er solle in einem Monat mit ihm nach der indischen Stadt Marsakan gehen, von da nach Chorasan, von Chorasan nach der Stadt Schanum, von hier nach Chowaresm; dann bliebe nur noch eine Reise von fünfzehn Monaten nach der Judenstadt. Der Übersetzer hat hier wörtlich seinen Text wiedergegeben, so unsinnig er auch in geographischer Beziehung sein mag. Djanschah wartete, bis die Karawane nach Marsakan abreiste, und als er mit ihr diese Stadt erreichte, erkundigte er sich nach der Diamanten-Zitadelle, aber niemand konnte ihm Auskunft darüber geben. Er reiste daher unter vielen Leiden und Gefahren nach Chorasan; dort fragte er nach der Judenstadt, und man bezeichnete ihm den Weg, der dahin führt. Er reiste nun Tag und Nacht, bis er an die Stelle kam, wo er vor den Affen entflohen war. Dann hatte er wieder mehrere Tage zu reisen, bis er an den Strom kam, an dessen jenseitigem Ufer die Judenstadt lag. Er setzte sich ans Ufer des Stromes und wartete bis samstags, wo er durch die Allmacht Gottes austrocknete. Dann ging er in das Haus des Juden, der ihn auch zum ersten Mal aufgenommen hatte. Der Jude grüßte und bewillkommte ihn, brachte ihm zu essen und zu trinken, und fragte ihn, wo er so lange geblieben. Er antwortete: Im Reiche Gottes. »Am folgenden Tage ging er in die Stadt spazieren, da hörte er wieder ausrufen: Ihr Leute, wer will ein schönes Mädchen und tausend Dinare um einen halben Tag Arbeit? Er ging zum Ausrufer und sagte: Ich will diese Arbeit verrichten. Der Ausrufer sagte ihm: Folge mir, führte ihn in ein großes Haus und sagte zum Hausherrn: Dieser Jüngling will deine Arbeit übernehmen. Der Hausherr bewillkommte ihn, führte ihn in seine Wohnung und ließ ihm Speise und Getränke reichen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, brachte ihm der Hausherr tausend Dinare und ein schönes Mädchen. »Am folgenden Morgen nahm Djanschah das Mädchen und die tausend Dinare und schenkte sie dem Juden, der ihn samstags bewirtet hatte. Dann ging er wieder zum Kaufmann zurück und ritt mit ihm bis an den Fuß eines sehr hohen Berges. Der Kaufmann zog ein Messer und einen Strick heraus, warf letzteren dem Pferd um die Füße, stürzte es zu Boden und schlachtete es; dann zog er ihm die Haut ab, hieb ihm Kopf und Füße ab, spaltete den Leib und sagte zu Djanschah: »Schlüpfe hinein, daß ich zunähe, und sage mir dann, was du siehst; das ist die Arbeit, die ich von dir verlange.« Djanschah schlüpfte hinein, und der Kaufmann nähte den Leib zu und verbarg sich. Nach einer Weile kam ein ungeheurer Vogel und trug das Pferd auf den Gipfel des Berges. Hier wollte er das Pferd fressen, aber sobald Djanschah dies merkte, schnitt er den Leib auf, kroch hervor, und der Vogel entfloh vor Schrecken. Djanschah sah den Kaufmann am Fuß des Berges stehen und fragte ihn, was er wolle? Er bat ihn, ihm von den Steinen des Berges herunterzuwerfen, aber Djanschah erwiderte: Hast du nicht vor fünf Jahren mich treulos verlassen und mir so viele Leiden und Gefahr verursacht? Bei Gott! Ich werfe dir nichts zu. Mit diesen Worten ließ er den Juden stehen und nahm den Weg zum Schloß des Scheich Naßr, dem König der Vögel. Nach einer sehr mühevollen Reise von mehreren Tagen und Nächten gelangte er endlich vor das Schloß unseres Herrn Salomo, und Scheich Naßr saß vor dem Tor. Als dieser Djanschah erblickte, stand er auf, grüßte und bewillkommte ihn und sagte ihm: Wie kommst du wieder allein hierher? Du bist ja so vergnügt mit Schemsiah von hier abgereist? Djanschah weinte und erzählte ihm, wie Schemsiah davongeflogen und ihm gesagt hatte: Wenn du mich liebst, so folge mir auf die Diamanten-Zitadelle. Scheich Naßr erstaunte und sagte: Bei Gott! Ich weiß nichts von dieser Zitadelle, und bei unserm Herrn Salomo, dem Sohne Davids, Friede sei mit ihm! Ich habe nie etwas davon gehört. Djanschah rief weinend: Wie wird es mir nun gehen? Ich sterbe vor Liebe und Verlangen. Scheich Naßr suchte ihn zu trösten und sagte ihm: Warte, bis die Vögel wieder zu mir kommen, ich will sie nach der Diamanten-Zitadelle fragen, vielleicht kennt sie einer von ihnen. Djanschah beruhigte sich bei diesen Worten und ging mit Scheich Naßr ins Schloß, und öffnete wieder das Gemach, das zum Teich führte, in welchem die drei Mädchen gebadet hatten, aber der Teich blieb leer. Nach Verlauf einiger Wochen kam Scheich Naßr zu ihm und sagte ihm: Nun ist die Zeit der Ankunft der Vögel, hier hast du einige heilige Namen, lerne sie auswendig, dann kannst du mich zu den Vögeln begleiten. Djanschah freute sich sehr und begleitete Scheich Naßr zu den Vögeln, welche diesen, eine Gattung nach der anderen, begrüßten. »Als aber Scheich Naßr die Vögel nach der Diamanten-Zitadelle fragte, antworteten alle: Wir haben sie in unserem Leben nicht nennen hören. Djanschah weinte heftig bei dieser Antwort und fiel in Ohnmacht. Scheich Naßr rief dann einen großen Vogel herbei und sagte ihm: Bringe diesen Jüngling in das Land Kabul. Der Vogel nahm Djanschah auf den Rücken und sagte ihm: Nimm dich wohl in acht, daß dich die Luft nicht zerschneide, und stopfe deine Ohren zu wegen der Wind- und Seekrankheit und dem Getöse der Himmelssphären. Djanschah tat, wie ihm gesagt wurde, und der Vogel erhob sich und flog mit ihm einen Tag und eine Nacht; dann ließ er sich herunter in der Nähe der Wohnung des Königs der Tiere und sagte ihm: Ich habe den Weg verfehlt, den mir Scheich Naßr beschrieben, wir müssen wieder umkehren. Aber Djanschah sagte: Geh' nur deines Weges, ich will hier sterben oder in meine Heimat zurückkehren. Der Vogel flog hierauf seines Weges fort und Djanschah ging in das Schloß des Schah Bedr, des Königs der Tiere. Dieser fragte ihn, wer er sei und wo er mit diesem ungeheuren Vogel herkomme? Djanschah erzählte ihm seine ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende, und bat ihn um Auskunft über die Diamanten-Zitadelle. Schah Bedr erstaunte sehr über seine Erzählung und sagte: Bei unserem Herrn Salomo, dem Sohne Davids, Friede sei mit ihm: Ich weiß nichts von dieser Zitadelle; sobald mir aber jemand darüber Auskunft gibt, will ich dich dahin senden. Djanschah weinte heftig und blieb einige Zeit bei Schah Bedr. Eines Tages kam Schah Bedr zu ihm und sagte ihm: Nimm diese Tafel und lerne auswendig, was darauf geschrieben, dann kannst du mich zu den Tieren begleiten und sie nach der Diamanten-Zitadelle fragen. Nach einer kurzen Weile kamen alle möglichen Gattungen Tiere an und grüßten Schah Bedr. Er fragte sie nach der Diamanten-Zitadelle, aber niemand wußte etwas davon. Da weinte Djanschah und bedauerte es, nicht mit dem Vogel gereist zu sein, den ihm Scheich Naßr mitgegeben. Der König der Tiere bemitleidete ihn und sagte ihm: Mein Sohn, betrübe dich nicht, ich habe einen älteren Bruder, der dem König Salomo abtrünnig geworden und viel mehr vermag, als Scheich Naßr, denn er ist der Herrscher über alle Genien dieses Landes; ich will dich zu ihm schicken, vielleicht weiß er etwas von der Diamanten-Zitadelle. Hierauf setzte er Djanschah auf den Rücken eines ungeheuren Tieres und gab ihm Empfehlungsschreiben mit an seinen Bruder, den König Schamach. Das Tier lief sogleich weg, und nach mehreren Tagen und Nächten blieb es in einiger Entfernung von der Wohnung des Königs Schamach stehen, denn aus Ehrfurcht vor ihm wagte es nicht, sich ihm ganz zu nähern. Djanschah stieg ab und ging zum König, küßte ihm die Hände und übergab ihm das Schreiben seines Bruders. Als der König Schamach es gelesen hatte, bewillkommte er Djanschah und sagte ihm: Mein Sohn, ich habe in meinem Leben die Diamanten-Zitadelle nicht nennen hören. Djanschah weinte und seufzte, und erzählte auf Verlangen des Königs Schamach seine ganze Geschichte. Als er zu Ende war, sagte Schamach: Mein Sohn, ich glaube nicht, daß unser Herr Salomo je von dieser Zitadelle gehört, noch sie gesehen hat; aber ich kenne einen sehr alten Priester im Gebirge, dem alle Tiere und Vögel und Genien gehorchen, der selbst durch seine Beschwörungen die Könige der Genien sich zu unterwerfen versteht; auch war er es allein, der etwas gegen mich vermochte, als ich von unserm Herrn Salomo abtrünnig und gefangengenommen wurde, denn er ist ein gar zu listiger Zauberer und geschickter Beschwörer. Er hat auch, um in seiner Kunst sich auszubilden, alle Länder durchreist, und ich glaube nicht, daß es einen Ort gibt, der ihm verborgen ist. Ich will dich zu ihm schicken, vielleicht kann er dir den Weg angeben, der dich zur Diamanten-Zitadelle fährt; weiß er ihn nicht, so weiß ihn auch niemand in der ganzen Welt, denn alle Geschöpfe Gottes sind seine Diener. Er ist ein so großer Zauberer, daß er eine Achse aus drei Stücken zusammengesetzt hat; wenn er sie in die Erde einschlägt und über das erste Stück einige Zauberformeln liest, so kommt Fleisch heraus, aus dem noch Blut fließt; macht er Beschwörungen über das zweite Stück, so fließt süße Milch hervor, und aus dem dritten Stück wächst auf sein Verlangen Gerste, Weizen und allerlei Obst. Wenn er dann die Achse wieder aus der Erde nimmt, so zieht er sich wieder in sein Kloster zurück, das man das Diamantenkloster nennt. Dieser verdammte Priester, dem ich dich nun empfehlen will, heißt Jaghmus. Der König Schamach rief dann einen ungeheuren Vogel herbei, setzte Djanschah darauf und befahl jenem, diesen Menschen zum Priester Jaghmus zu bringen. Der Vogel hatte vier Flügel, deren jeder dreißig Ellen lang war, und zwei Füße, wie die Füße eines Elefanten; er flog nur zweimal im Jahre aus, und ein Adjutant des Königs Schamach mußte ihm jeden Tag aus Irak seine Beute zur Fütterung holen. Auf den Befehl seines Herrn flog er mit Djanschah mehrere Tage und Nächte durch, bis er an das Gebirge kam, wo das Diamantenkloster stand. Djanschah stieg dann ab und ging ins Kloster, wo er den Priester in der Kirche betend fand. Als der Priester gebetet hatte und Djanschah sich vor ihm verbeugte, bewillkommte ihn jener und bat ihn, ihm die Ursache seines Besuchs mitzuteilen. Djanschah erzählte ihm seine ganze Lebensgeschichte von seiner Geburt an bis zu seiner Ankunft im Kloster. Der Priester erstaunte sehr über diese Erzählung und sagte: Bei Gott, mein Sohn, ich habe in meinem Leben nichts von dieser Zitadelle gehört, und ich lebe doch schon seit den Zeiten Noahs, des Propheten Gottes, und herrschte über die ganze Erde bis zur Erscheinung unseres Herrn Salomo; ich glaube sogar, daß sie Salomo, dem Sohne Davids, Friede sei mit ihm, unbekannt war. Warte jedoch, mein Sohn, bis die Vögel, Tiere und Genienfürsten zusammenkommen, vielleicht kann uns einer von ihnen Auskunft darüber geben. Djanschah blieb beim Priester, bis die Tiere, Vögel und Genien sich versammelten; da fragte sie der Priester nach der Diamanten-Zitadelle, aber jeder sagte: Ich habe sie weder gesehen, noch etwas davon gehört. Djanschah weinte und seufzte. und flehte Gottes Hilfe an. »Auf einmal erschien ein ungeheuer großer schwarzer Vogel, der eben erst aus der Luft herabstieg, und küßte dem Priester die Hand. Der Priester fragte auch ihn nach der Diamanten-Zitadelle, und der Vogel sprach: O Priester, als wir hinter dem Berge Kaf wohnten auf dem Kristallberg, der neben einem großen Tal sich erhebt, und ich noch ganz jung war, da weidete ich viele Jahre lang mit meinen Schwestern auf dem Berg; unsere Eltern aber machten jeden Tag einen Ausflug, um uns mit noch besserer Nahrung zu versorgen. Einst flogen sie auch von uns weg und blieben sieben Tage aus, so daß wir fast vor Hunger starben. Am achten Tag kamen sie weinend zurück, und als wir sie nach der Ursache ihrer ungewöhnlich langen Abwesenheit fragten, sagten sie uns, ein widerspenstiger Geist habe sie ergriffen und auf die Diamanten-Zitadelle zum König Schahlan gebracht, und dieser habe sie erst dann wieder freigelassen, als sie ihm sagten, sie haben Junge zu Hause, die vor Hunger sterben müßten. Wenn nun, fuhr der Vogel fort, meine Eltern noch lebten, so könnten sie dir Auskunft geben über die Lage der Diamanten-Zitadelle, ich weiß aber nichts Näheres darüber. Als Djanschah dies hörte, weinte er heftig und bat den Priester, diesem Vogel zu befehlen, daß er ihn auf den Kristallberg hinter dem Berg Kaf bringe, wo seine Eltern ihr Nest hatten. Der Priester ersuchte den Vogel, Djanschah in allem zu gehorchen, und der Vogel versprach, keine Mühe für ihn zu scheuen. Er ließ sogleich Djanschah auf seinen Rücken steigen und trug ihn nach dem Kristallberg, wo das Nest seiner Eltern war. Hier ließ er sich herunter und sagte zu Djanschah: Hier ist das Nest meiner Eltern. Djanschah stieg ab und sagte weinend: Ich bitte dich, bringe mich in die Gegend, nach welcher deine Eltern auszufliegen pflegten und von welcher sie zurückkehrten. Der Vogel sagte: Ich gehorche dir in allem, Djanschah; er flog nun noch sieben Tage und sieben Nächte mit ihm, dann setzte er ihn eines Abends auf einen Berg und sagte ihm: Von hier an weiter weiß ich nichts mehr. Djanschah stieg auf den Gipfel des Berges und schlief darauf ein. Als er wieder erwachte, wurde er ganz geblendet von dem Glanz des Schlosses, das in einer Entfernung von zwei Monaten ihm entgegenstrahlte; es war die Diamanten-Zitadelle, die aus den feinsten Edelsteinen und Kristall gebaut war. Diese Festung mit dem Schloß war so groß und so strahlend, daß sie die ganze Gegend, eine Strecke von zwei Monaten umher, beleuchtete, und dort thronte der König Schahlan, der Vater der drei fliegenden Mädchen. Dieser König hatte, sobald seine Tochter zu ihm zurückgekehrt war und ihm von ihrem Abenteuer mit Djanschah und von seiner Liebe zu ihr erzählt hatte, in der Hoffnung, Djanschah werde sie wieder aufsuchen, allen widerspenstigen Genien, seinen Adjutanten, den Befehl erteilt, sobald sie einen Menschen erblickten, ihn festzunehmen und vor ihn zu führen. »Als nun Djanschah auf das leuchtende Schloß zuging, das er vom Berg erblickt hatte, begegnete ihm einer der Adjutanten des Königs Schahlan, der gerade in jener Gegend ein Geschäft hatte, und fragte ihn, wie er heiße? Djanschah fürchtete sich vor diesem Adjutanten und antwortete zitternd: Ich heiße Djanschah und hatte eine Geliebte unter den Genien, die Schemsiah hieß; es gelang mir, sie für mich zu gewinnen, aber sie entfloh mir wieder. Er erzählte ihm dann seine ganze Geschichte und weinte so heftig, daß der Adjutant voller Rührung zu ihm sagte: Weine nicht, denn du bist am Ziel; wisse auch, daß Schemsiah dich liebt und ihren Eltern ihre Liebe gestanden hat, auch sind alle Bewohner der Zitadelle dir zugetan! Sei nur frohen Mutes! Der Adjutant nahm ihn dann auf die Schultern und trug ihn in die Nähe der Diamanten-Zitadelle und benachrichtigte sogleich den König Schahlan und seine Tochter Schemsiah von Djanschahs Ankunft. Der König kam ihm entgegen, umarmte, grüßte und bewillkommte ihn und ließ Schemsiah die Ankunft ihres Gatten melden, und auf des Königs Befehl erschienen alle seine Adjutanten und Truppen, um Djanschah zu begrüßen und zur Zitadelle zu begleiten. Der König schenkte Djanschah ein buntfarbiges seidenes Kleid mit Gold bestickt, desgleichen kein König auf Erden eines besitzt, auch ließ er ihm ein herrliches Pferd vorführen, und ritt mit ihm, von zahlreichen Truppen umgeben, bis ans Tor der Zitadelle; da stiegen sie ab und traten ins Schloß, dessen Edelsteine, Gold, Silber, Perlen und Kristall Djanschah nicht genug bewundern konnte; auch erstaunte er über die schönen Diwane und Teppiche, die er hier sah, und weinte vor Freude. Der König und Schemsiahs Mutter trockneten ihm seine Tränen ab und sagten ihm: Laß jetzt das Weinen und den Gram, du bist ja am Ziel. Man führte ihn dann mitten ins Schloß, wo schöne Sklavinnen ihm entgegen kamen und ihm ihre Dienste anboten. Der König ließ den Tisch herrichten und setze sich neben ihn auf den Thron. Die Sklavinnen brachten Speisen und Getränke, und nach der Mahlzeit brachten sie Wasser zum Waschen. Bald nachher kam Schemsiahs Mutter wieder und bewillkommte Djanschah abermals und sagte ihm: Du bist nun am Ende deiner vielen Mühseligkeiten und kannst nach langem Wachen wieder ruhig schlafen; gelobt sei Gott, der dich erhalten! Sie ging hierauf weg und holte ihre Tochter Schemsiah, welche ganz schamrot Djanschah grüßte; auch ihre Schwestern, welche mit ihr im Schloß waren, kamen, um Djanschah zu grüßen und seine Hände zu küssen. Die Königin sagte dann zu Djanschah: Verzeihe meiner Tochter, was sie gegen deine Liebe verbrochen, denn sie hat es unseretwillen getan. Djanschah stieß einen lauten Schrei aus und fiel in Ohnmacht, und man mußte ihn lange mit Rosen- und Moschus-Wasser bespritzen, bis er wieder zu sich kam. Als er die Augen öffnete und Schemsiah erblickte, sagte er: Gelobt sei Gott, der mich ans Ziel meiner Wünsche geführt und die Flammen meiner Sehnsucht gestillt hat! Schemsiah sagte ihm hierauf: Gott bewahre dich vor den Flammen! – Doch erzähle mir, was dir seit meiner Abwesenheit widerfahren, und wie du diesen Ort entdeckt, den selbst die meisten Genien nicht kennen, denn wir haben uns gegen alle Könige der Genien aufgelehnt und leben hier verborgen. Djanschah erzählte ihr alles, was ihm zugestoßen, vom Tag ihrer Flucht bis zu seiner Ankunft. Als er dabei auch den Krieg zwischen seinem Vater und dem König Kefid erwähnte, sagte ihm die Königin: Nach einem Monat feiern wir Schemsiahs Hochzeit nochmals, dann kannst du mit ihr in deine Heimat ziehen, und wir geben dir tausend unserer mächtigsten Genien mit, von denen der Geringste auf deinen Befehl den König Kefid und seine ganze Armee in einem Augenblick vernichten wird; wir schicken dir dann jedes Jahr eine Abteilung Genien, von denen ein einziger alle deine Feinde töten kann. Wir geben dir aber, fuhr die Königin fort, unsere Tochter Schemsiah nur unter der Bedingung mit in dein Land, daß du abwechselnd ein Jahr in deiner Heimat und ein Jahr bei uns zubringst. Der König Schahlan setzte sich dann auf den Thron und befahl den Großen des Reichs, siebentägige Feste zu veranstalten und alles zur Hochzeitsfeierlichkeit vorzubereiten, Nach einem Monat, als alles zur Hochzeit bereit war, wurde Djanschah zu Schemsiah geführt, und er lebte einige Zeit mit ihr im schönsten Liebesrausch. Doch bald erinnerte er sich wieder seines Vaters und sagte zu Schemsiah: Dein Vater hat mir versprochen, dich mit mir in meine Heimat zurückzuschicken, daß wir abwechselnd ein Jahr dort und ein Jahr hier zubringen, bitte ihn nun um die Erfüllung seines Versprechens. Sobald der Abend hereinbrach, ging Schemsiah zu ihrem Vater und trug ihm Djanschahs Bitte vor. Der König sagte: Ich füge mich gern in seinen Willen; wartet nur bis zu Anfang des Monats, daß ich die Genien zu eurer Begleitung ausrüste. Als die bestimmte Zeit vorüber war, befahl Schahlan seinen Genien, sich in den Dienst Djanschahs und Schemsiahs zu begeben, und ließ für Djanschah und Schemsiah einen großen goldenen Thron verfertigen, mit Perlen und Edelsteinen beschlagen, und darüber ein rotes seidenes Zelt spannen, mit Gold durchwirkt und mit allerlei Farben bemalt. Djanschah und Schemsiah setzten sich darauf, und vier Genien faßten ihn an den vier Ecken. Schemsiah nahm Abschied von ihrer Mutter, ihren Schwestern und ihren übrigen Verwandten, ihr Vater aber stieg auf den Thron und begleitete sie bis mittags, dann stieg er ab und nahm Abschied, empfahl Djanschah seine Tochter, und sie beide den Genien, die sie tragen sollten; er schenkte dann Schemsiah noch zweihundert schöne Sklavinnen, und Djanschah hundert junge Mamelucken, und kehrte wieder in seine Zitadelle zurück. Djanschah mit den Seinigen reiste nun auf dem Thron, der zwischen Himmel und Erde von vier schwebenden Genien getragen wurde, zehn Tag nacheinander fort und legte jeden Tag eine Strecke von dreißig Monaten zurück. Am elften Tag erblickte einer der Genien das Land Kabul, das ihm wohl bekannt war, und gab den Trägern Befehl, sich herabzulassen. Die Genien ließen sich gerade vor der Stadt des Königs Tighanus, Djanschahs Vater, auf die Erde herunter. »Der König Tighanus, weicher, wie wir schon erzählt haben, nach der Abreise seines Sohnes die Flucht ergriffen und sich in die Stadt zurückgezogen hatte, die dann der König Kefid eng belagerte, befand sich in so großer Not, daß er gern dem Feind die Stadt öffnen wollte, wenn er ihm nur Leben und Freiheit zusicherte. Da ihm aber Kefid auch diese Bitte nicht gewährte, beschloß er, um seinen Leiden ein Ende zu machen, sich selbst das Leben zu nehmen. Er hatte schon von seinen Vezieren und Staatsräten und von seinen Frauen Abschied genommen und saß eben in größter Verzweiflung da, als die Genien ins Schloß traten, welches innerhalb der Zitadelle lag, und auf Djanschahs Befehl den Thron mitten im Diwan niedersetzten und ihn heraushoben. Als Djanschah seinen Vater in einem so betrübten Zustand fand, sagte er zu Schemsiah: O Geliebte meines Herzens, sieh, in welcher Lage mein Vater sich befindet. Schemsiah befahl sogleich den Genien, die Truppen des Königs Kefid zu schlagen, bis kein einziger von ihnen übrig bleibe. Djanschah befahl einem der Genien, der sehr stark war und Karatesch hieß, den König Kefid gefangen zu bringen. Die Genien gingen mit dem Thron und dem darüber gespannten Zelt weg, und um Mitternacht ließen sie ihn im Lager des Königs Kefid nieder und fielen vernichtend über Kefids Truppen her; ein einziger faßte acht bis zehn Feinde samt den Elefanten, auf welchen sie ritten, hob sie in die Luft und ließ sie fallen, so daß sie in Stücken niederfielen, andere schlugen von oben herab mit eisernen Stangen, bis sie die ganze Armee aufgerieben hatten. Karatesch ging dann in das Zelt des Königs Kefid, der auf einem Diwan saß, und ergriff ihn und flog mit ihm in die Luft, brachte ihn auf den Thron und befahl den vier Genien, ihn fortzutragen. Als Kefid erwachte, fürchtete er sich sehr vor den Genien und stieß einen lauten Schrei aus, als er sah, daß er zwischen Himmel und Erde schwebte, und schlug sich vor Verzweiflung ins Gesicht. Der König Tighanus, der bei dem Anblick seines Sohnes in Ohnmacht gefallen war, kam eben wieder zu sich und umarmte ihn heftig weinend, als Schemsiah hereintrat, ihm die Hände küßte und ihm sagte: Mein Herr, komm auf die Terrasse des Schlosses, um zuzusehen, wie die Genien meines Vaters gegen die Truppen des Königs Kefid kämpfen. Tighanus setzte sich auf die Terrasse und sah, wie die Genien mit der Armee des Königs Kefid umgingen. Die einen schlugen mit eisernen Stangen Elefanten samt ihren Reitern zu Boden, andere nahmen durch einen einzigen Schrei ins Gesicht einer ganzen Reihe Soldaten das Leben, wieder andere hoben auf einmal zehn Reiter in die Höhe und stürzten sie mit solcher Kraft auf die Erde, daß ihr Rücken zerschmettert wurde. Der König Tighanus saß noch auf der Terrasse des Schlosses und sah höchst vergnügt dem Kampf zu, als Djanschah den Genien befahl, den Thron auf dem der König Kefid, weinend und hilferufend saß, mitten in die Zitadelle des Königs Tighanus niederzulassen. Als die Genien Djanschahs Befehl vollzogen, bat Tighanus einen der Genien, den König Kefid zu fesseln und in den schwarzen Turm zu sperren. Sodann ließ er den errungenen Sieg mit Trompeten und Trommeln verkündigen und auch Djanschahs Mutter von allem, was geschehen war, in Kenntnis setzen. Diese kam zu ihrem Sohn und fiel vor Freude in Ohnmacht. Djanschah bespritzte sie mit Rosenwasser und drückte sie innig an seine Brust, bis sie wieder zu sich kam und seine Umarmung erwiderte. Sodann kam Schemsiah, von vielen Sklavinnen begleitet, zu ihr und begrüßte sie und hielt sie lange umarmt. »Der König ließ nun die Tore der Stadt wieder öffnen und sendete überall Boten umher. Alle Emire und Fürsten kamen aus den entlegensten Provinzen, um dem König zu seinem Sieg und zur glücklichen Rückkehr seines Sohnes Djanschah Glück zu wünschen und ihnen allerlei Geschenke darzubringen. Bald darauf ließ der König Schemsiahs Hochzeitsfeier noch einmal begehen, die Stadt wurde festlich geschmückt und Schemsiah im reichsten Putz und Schmuck ihrem Gatten zugeführt. Schemsiah bat dann den König Tighanus, er möchte dem König Kefid seine Freiheit schenken und ihn in sein Land zurückkehren lassen, denn sobald er wieder etwas Böses tun wollte, würde sie ihn durch einen ihrer Genien aufgreifen lassen. Der König sagte: Dein Wille geschehe, und befahl dem Genius Schamauel, der Kefid eingesperrt hatte, ihn aus dem Gefängnis zu holen und zu ihm zu führen. Schamauel brachte Kefid gefesselt vor den König Tighanus. Aber dieser ließ ihm die Fesseln abnehmen, setzte ihn auf ein hinkendes Pferd und sagte ihm: Die Königin Schemsiah hat mich gebeten, dich zu begnadigen; du kannst in dein Land zurückkehren; unternimmst du aber wieder etwas Schlechtes, so sendet sie einen ihrer Genien, der dich wieder hierherbringt. Der König Kefid reiste hierauf allein mit betrübtem Herzen im schlechtesten Zustand in seine Heimat zurück, und Djanschah lebte mit Schemsiah bei seinem Vater in den glücklichsten Verhältnissen. »Dies alles erzählte Djanschah Bulukia und sagte ihm zuletzt: Ich bin Djanschah, der alles dies erlebt hat. Bulukia, der aus Liebe zu Mohammed umherwanderte, bewunderte diese Geschichte und sagte zu Djanschah: Nun, mein Freund, was bedeuten denn diese beiden Gräber, zwischen denen du weinend sitzest? Djanschah antwortete: Wisse, o Bulukia, nachdem wir viele Jahre hindurch gegessen und getrunken und abwechselnd ein Jahr in Kabul und ein Jahr auf der Diamanten-Zitadelle angenehm zugebracht hatten, ließen wir einmal unsern Thron, auf welchem wir, von Genien getragen, die Reise zu machen pflegten, auf dieser Stelle nieder und schlugen unser Zelt neben diesem Fluß auf, aßen, tranken, spielten und belustigten uns. Auf einmal sagte Schemsiah: Ich habe Lust, in diesem Fluß zu baden. Sie entkleidete sich und auch ihre Sklavinnen entkleideten sich und schwammen im Fluß umher; ich blieb am Ufer sitzen und sah zu, wie sie miteinander scherzten. Auf einmal kam ein ungeheuer großer Fisch herbei und tötete Schemsiah; die Sklavinnen entflohen aus dem Fluß aus Furcht vor dem Seeungeheuer und kamen ins Zelt zurück; doch blieben einige und holten Schemsiah aus dem Fluß und brachten sie tot ins Zelt. Als ich sie tot vor mir sah, fiel ich in Ohnmacht. Die Sklavinnen bespritzten mich mit Wasser, und als ich wieder zu mir kam, weinte ich und befahl den Genien, Schemsiahs Verwandten Nachricht von ihrem Tod zu geben. Die Geniert flogen davon und kehrten bald mit Schemsiahs Eltern zurück, die ihre Tochter wuschen, beerdigten und betrauerten. Sie wollten mich dann mit in ihre Zitadelle nehmen, aber ich sagte zum König: Laß mir hier ein Grab bauen, damit, wenn ich sterbe, ich hier neben Schemsiah beerdigt werde. Der König befahl einem der Genien, das zu tun, und so verließ er mich hier einsam trauernd um Schemsiah. Das ist meine Geschichte, schloß Djanschah, und die Ursache, warum ich hier zwischen den Gräbern sitze. Dann rezitierte er folgende Verse: Seitdem du nicht mehr bist, ist mein Haus kein Haus mehr und mein guter Nachbar kein Nachbar mehr: Der Freund, der mich darin besuchte, ist nicht mehr derselbe, auch die Blumen, die es umgaben, sind anders. Nicht mehr dieselbe Sonne, noch derselbe Mond beleuchten es mehr. Wohin bist du geflohen, Geliebte, die du mein Herz mit fortgetragen? Warum bist du fern und machst durch deine Abwesenheit mir die ganze Welt unheimlich und das ganze Leben trübe? Seit ich dich nicht mehr sehe, schmeckt mir das Leben nicht mehr süß, und ich kann deine Wohnung nicht mehr sehen, ohne vor Gram und Sehnsucht zu vergehen. Ich frage stets meine Heimat nach dir und es ist mir, als wäre sie meine Heimat nicht mehr; o möge sie, weil du sie nicht mehr bewohnst, nie mehr grünen, möge kein Regen des Himmels sie mehr tränken!« »Als Bulukia das alles von Djanschah gehört hatte, sagte er: Bei Gott! Ich habe geglaubt, ich sei weit in der Welt umhergereist, nun habe ich aber durch deine Erzählung alles vergessen, was ich gesehen. Nun, mein Freund Djanschah, bitte ich dich, die Güte zu haben, mir den sicheren Weg zu zeigen. Djanschah belehrte ihn über den Weg, den er einschlagen sollte, und nahm Abschied von ihm.« Als die Schlangenkönigin Tamlicha mit ihrer Erzählung zu Ende war, fragte sie Haseb, woher sie dies wisse; sie sagte: »Wisse, o Haseb, ich habe vor fünfundzwanzig Jahren eine große Schlange nach Ägypten geschickt und ihr einen Brief mit Grüßen an Bulukia mitgegeben. Als er meinen Brief sah, bat er die Überbringerin, ihn mitzunehmen, und sagte ihr, er habe ein Geschäft mit mir abzumachen. Die Schlange führte ihn zu ihrer Tochter und diese sagte ihm: Drücke deine Augen fest zu! Er drückte sie zu, und als er sie wieder öffnete, fand er sich auf dem Gebirge, wo die Schlange wohnte, der ich den Brief gegeben hatte. Er fragte dann nach mir und die Schlange sagte ihm, ich sei mit meinen Truppen nach dem Berg Kaf gezogen und kehre erst im Sommer zurück; wenn er etwas von mir wolle, so sage er es nur ihr als meiner Stellvertreterin. Bulukia sagte: Ich bitte dich, zeige mir die Pflanze, deren Saft vor Alter und Schwäche schützt. Die Schlange erwiderte: Ich werde dir sie nicht eher angeben, bis du mir erzählst, was dir mit Afan widerfahren, seitdem ihr euch von uns getrennt. Bulukia erzählte ihr seine ganze Geschichte, und als er vollendet hatte, bat er sie, ihm nun sein Verlangen zu gewähren, daß er wieder heimkehre. Die Schlange schwor bei unserm Herrn Salomo, sie kenne keine solche Pflanze, und befahl einer ihrer Dienerinnen, ihn wieder in seine Heimat zu bringen. Diese sagte ihm: Drücke deine Augen zu! Er drückte sie zu und befand sich auf einmal auf dem Berg Mokattem in der Nähe der Stadt Kahirah, von wo er in seine Wohnung ging.« »Als ich nun«, fuhr die Schlangenkönigin fort, »vom Berg Kaf zurückkam, trat mir meine Stellvertreterin entgegen, bewillkommte mich, richtete mir Grüße von Bulukia aus und erzählte mir alles, was ihm auf seiner Wanderung widerfahren; so, o Haseb, ist mir die Geschichte von Bulukia bekannt geworden.« Haseb bat nun die Schlangenkönigin, ihm noch zu erzählen, was Bulukia begegnet war von dem Augenblick, wo er Djanschah verlassen, bis er nach Ägypten kam. Da sagte die Schlangenkönigin: »Nachdem Bulukia Djanschah verlassen hatte, reiste er Tag und Nacht, bis er an ein großes Meer kam, da salbte er seine Füße mit dem Saft, den er bei sich hatte, und ging auf dem Meer, bis er eine Insel erreichte, reich an Früchten, Bäumen und Flüssen, wie das Paradies. Er sah unter anderem einen großen Baum mit Blättern, wie Segel eines Schiffes, unter welchem ein Tisch, mit den verschiedenartigsten herrlichsten Speisen bedeckt, stand. Auf dem Baum sah er einen Vogel aus Perlen und grünem Smaragd, die Füße waren silbern, der Schnabel war aus rotem Rubin und die Federn aus allerlei Edelsteinen; da pries er Gott und betete für Mohammed, Friede sei mit ihm, und staunte eine Weile diesen wunderbaren Vogel an und dann sagte er: O herrliches Geschöpf, wer bist du? Der Vogel antwortete: Ich bin einer der Vögel des Paradieses. Wisse, mein Freund, als Gott Adam aus dem Paradies verbannte, gab er ihm vier Blätter mit, um seine Scham zu bedecken: da fiel eines davon auf den Boden, ein Wurm fraß es, und daher stammen die Seidenwürmer; ein anderes fiel auf den Boden, eine Biene aß davon, und daher kommt der Honig. Von dem dritten Blatt, das einer Gazelle in den Mund fiel, kommt der Moschus, und von dem vierten, das Adam in Indien fallen ließ, der feine Weihrauch. Auch ich verließ damals das Paradies und wanderte lange auf der Erde umher, bis mir Gott diesen Platz anwies, wo jeden Donnerstag Abend alle Heiligen sich versammeln, um von diesen Früchten zu genießen, mit denen sie Gott jeden Freitag bewirtet und die er die ganze Woche im Paradies verschlossen hält. Bulukia aß auch von diesen Früchten und dankte Gott. Als er gegessen hatte, erschien ihm der Prophet Alchidhr , Friede sei mit ihm. Bulukia grüßte ihn und wollte wieder weiter gehen, aber der Vogel erlaubte ihm, sich neben ihn zu setzen und Alchidhr bat ihn, ihm zu erzählen, wie er hierhergekommen. Nachdem Bulukia seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählt hatte, fragte er Alchidhr, wie weit er nach Ägypten habe. Alchidhr antwortete: Es ist ein Weg von fünfundneunzig Jahren. Bulukia weinte heftig, als er dies hörte, warf sich auf Alchidhrs Hand, küßte sie und sagte: Rette mich aus diesem fremden Land, daß ich nicht darin untergehe. Gott wird dich dafür belohnen. Alchidhr antwortete: Bete zu Gott, und wenn er es mir befiehlt, so bringe ich dich nach Ägypten. Bulukia weinte und flehte zu Gott mit demütigem Herzen. Gott erhörte sein Gebet, offenbarte sich in der Nacht Alchidhr und befahl ihm, Bulukia nach Ägypten zu bringen. Alchidhr sagte des Morgens zu Bulukia: Erhebe dein Haupt, Gott hat dein Gebet erhört; umfasse meinen Leib recht fest und drücke deine Augen zu! Sobald Bulukia Alchidhr umschlungen und seine Augen zugedrückt hatte, machte dieser nur einen einzigen Schritt und sagte zu Bulukia: Du kannst deine Augen wieder öffnen. Als er sie öffnete, befand er sich vor der Tür seines Hauses; er drehte sich um und suchte Alchidhr, um von ihm Abschied zu nehmen, aber er sah keine Spur mehr von ihm. »Als Bulukia in sein Haus trat und seine Mutter ihn erblickte, schrie sie laut und fiel in Ohnmacht; man bespritzte ihr Gesicht mit Wasser, bis sie wieder zu sich kam, dann umarmte sie ihren Sohn und weinte heftig, doch bald darauf lachte sie wieder. Bald nachher kamen Bulukias übrige Verwandte und Freunde mit vielen Geschenken, um ihm Glück zu wünschen; die Nachricht seiner Rückkehr verbreitete sich nach und nach im ganzen Land von Osten bis Westen, Zimbeln und Psalter ertönten auf allen Straßen, und die Freude und das Erstaunen über Bulukias wunderbare Rettung waren allgemein.« Als die Schlangenkönigin dem vor Verwunderung und Teilnahme heftig weinenden Haseb alles dies erzählt hatte, sagte sie ihm: »Nun kehre auch du in deine Heimat zurück, aber hüte dich wohl, den Eid zu brechen, den du mir geschworen und gehe niemals ins Bad!« Haseb wiederholte seinen Schwur, worauf Tamlicha einer Schlange befahl, ihn auf die Oberfläche der Erde zurückzubringen. Die Schlange kroch lange umher, bis sie endlich Haseb durch einen unterirdischen Gang auf die Oberfläche der Erde zurückbrachte. Haseb ging dann seines Weges fort, bis er in die Stadt kam, und die Sonne ging gerade unter, als er vor sein Haus trat. Er klopfte an der Tür, seine Mutter kam heraus und öffnete sie ihm, und als sie ihren Sohn erblickte, schrie sie laut und weinte und umarmte ihn. Hasebs Frau, welche dieses Geschrei hörte, kam auch herbei, bewillkommte ihren Mann, küßte seine Hände und freute sich sehr mit ihm. Sie führten ihn dann ins Innere des Hauses, und nachdem er eine Weile bei den Seinigen saß, fragte er nach den Holzhauern, die mit ihm Holz gehauen und ihn dann in der Grube gelassen hatten. Seine Mutter sagte ihm: »Die Holzhauer sind damals zu mir gekommen und haben mir gesagt, ein Löwe habe dich gefressen; sie aber wurden angesehene Kaufleute, und erwarben sich ein großes Vermögen; sie haben viele Magazine mit den schönsten Waren angefüllt, und besitzen viele Güter und Sklaven.« Haseb sagte zu seiner Mutter, »Gehe morgen früh zu ihnen und sage ihnen: Mein Sohn Haseb ist von seiner Reise zurückgekehrt, kommt ihn zu besuchen und zu begrüßen.« Als Gott den Morgen heranbrechen ließ, ging Hasebs Mutter in die Häuser der Holzhauer und sagte ihnen, was ihr ihr Sohn aufgetragen. Die Holzhauer nahmen jeder ein gesticktes seidenes Kleid und sagten ihr: »Bring dies deinem Sohn und sage ihm, morgen früh werden wir zu ihm kommen.« Die Alte ging wieder zu ihrem Sohn zurück, brachte ihm das Geschenk und sagte ihm, daß sie morgen ihn besuchen würden. Die Holzhauer berieten sich aber mit einigen Kaufleuten über das, was sie tun sollten, und entschlossen sich, Haseb die Hälfte ihres Geldes, ihrer Mamelucken und ihrer Sklavinnen zu geben. Sie besuchten Haseb am folgenden Tag und brachten die Hälfte ihres Vermögens mit, küßten ihm die Hände und sagten: Unser Schicksal liegt nun in deinen Händen.« Haseb erwiderte: »Was geschehen ist, ist geschehen. Gott hatte es so bestimmt, und da half keine menschliche Vorsicht.« Sie sagten ihm dann: »Komm mit in die Stadt spazieren, wir wollen dann zusammen ins Bad gehen;« Haseb versetzte aber: »Ich habe geschworen, nie in ein Bad zu gehen.« Da sagten sie: »So komm mit uns in unser Haus, daß wir dich bewirten!« Er ging mit ihnen und brachte bei jedem eine Nacht zu, sieben Nächte nacheinander, dann kaufte er einen Laden und lebte lange als reicher Kaufmann, bis er eines Tages, als er in die Stadt ging, einem alten Freunde begegnete, welcher Herr eines Badhauses war. Als dieser ihn sah und erkannte, umarmte er ihn und sagte: »Komm herein in mein Bad, daß ich dich nach dem Bad bewirte.« Haseb sagte: »Ich habe geschworen, nie mehr in ein Bad zu gehen.« Da schwor der Badherr, er würde von allen seinen Frauen sich dreimal scheiden lassen, Gewöhnlicher Eid der Muselmänner: tust du dies nicht, so lasse ich mich dreimal von meiner Frau scheiden, weil nach der dritten Scheidung man seine Frau nicht wieder heiraten darf. wenn er nicht mit ihm komme und ein Bad nehme. Haseb dachte eine Weile nach und sagte dann: »Du willst meine Kinder zu Waisen machen, mein Haus verwüsten und mir eine schwere Sünde aufladen.« Da küßte der Badherr Haseb die Füße und sagte: »Ich will die Sünde übernehmen, komm nur mit mir.« Die Badgesellen und alle Badgäste drangen dann in Haseb, schleppten ihn ins Haus, zogen ihm die Kleider aus und führten ihn in die Badstube. Er hatte sich aber kaum an die Wand gesetzt und sich Wasser über den Kopf gießen lassen, als zwanzig Mann zu ihm traten und ihm sagten: »Steh auf! Du bist des Sultans Gefangener.« Einer dieser Männer ging sogleich zum Vezier, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, und bald darauf kam der Vezier zu Pferd mit sechzig Mamelucken vor das Bad, grüßte und bewillkommte Haseb, schenkte dem Badherrn hundert Dinare, ließ Haseb ein Pferd besteigen und ritt mit ihm ins Schloß zum Sultan. Sie ließen sich in einem Saal des Schlosses nieder, und man brachte ihnen Speisen und Getränke und Wasser zum Waschen. Als sie gegessen und getrunken hatten, schenkte der Vezier dem erstaunten Haseb zwei Ehrenkleider, deren jedes fünftausend Dinare wert war. Haseb, dessen Befremden immer wuchs, bat den Vezier, ihm doch zu sagen, was dies alles bedeute? Der Vezier antwortete ihm: »Wisse, daß uns Gott durch deine Ankunft eine große Gnade erzeigt hat. Der Sultan ist so krank infolge eines Aussatzes, daß man jeden Augenblick seinen Tod befürchtet; und wir haben in Büchern gelesen, daß er durch dich wieder geheilt werden kann.« Haseb, den diese Worte in noch größeres Erstaunen versetzten, wurde dann, von vielen Soldaten begleitet, durch sieben Tore geführt, bis er endlich zum Sultan gelangte, welcher Kersedan hieß. Dieser Sultan herrschte über sieben Länder, und hundert Könige, die auf goldenen Thronen saßen, waren ihm untertan; außerdem gebot er über zehntausend Heerführer, deren jeder hundert Adjutanten hatte und von hundert Offizieren mit gezogenem Schwert umgeben war. Als Haseb in den Saal trat, schlief der Sultan und hatte das Gesicht mit einem Tuch bedeckt. Haseb, durch die furchtbare Umgebung des Sultans eingeschüchtert, verbeugte sich tief und betete für das Wohl des Sultans. Der Großvezier Schamhur bewillkommte ihn und ließ ihn zur Rechten des Sultans sitzen. Sobald Haseb sich niedergelassen hatte, brachte man ihm wieder einen Tisch mit Speisen und Getränken und Wasser zum Waschen. Dann stand der Vezier auf – und sogleich erhoben sich auch alle übrigen Anwesenden – ging auf Haseb zu und sagte ihm: »Wir alle hier wollen deine Diener werden, fordere von uns, was du willst, auch die Hälfte des Reiches soll dir nicht versagt werden, heile nur unseren Sultan!« Er nahm dann Haseb bei der Hand und führte ihn vor das Bett des Sultans. Haseb deckte sein Gesicht auf und erschrak vor dessen üblem Aussehen. Der Vezier küßte dann Haseb die Hand und sagte: »Wir wünschen, daß du den Sultan heilest; wir geben dir dann alles, was du verlangst; du allein, als Abkömmling Daniels, kannst ihn vom Tod retten.« – »Es ist wohl wahr, daß ich ein Abkömmling Daniels, des Propheten Gottes, bin, aber ich bin nicht wissenschaftlich gebildet, ich habe nur dreißig Tage eine medizinische Schule besucht, ohne etwas gelernt zu haben; jetzt bedaure ich sehr, nichts gelernt zu haben, um den Sultan heilen zu können.« –»Mache keine langen Reden; wenn wir alle Gelehrten des Ostens und Westens versammeln, so kann niemand als du den Sultan heilen.« – »Wie soll ich ihn heilen, ich kenne ja weder seine Krankheit, noch ein Mittel dagegen?« – »Mache es nur kurz, seine Genesung steht in deiner Hand.« –»Wieso denn? Sagt mir, wie ich ihn heilen soll, und wenn ich es vermag, so will ich es gern tun.« – »Die Genesung des Sultans hängt von der Schlangenkönigin ab; du kennst sie, hast sie gesehen und weißt, wo sie sich aufhält.« – »Was wollt ihr von der Schlangenkönigin? Ich kenne sie nicht und habe in meinem Leben nichts von ihr gehört.« – »Lüge nicht, ich habe Beweise, daß du sie kennst und zwei Jahre bei ihr zugebracht hast.« – »Ich kenne sie nicht und war nicht bei ihr und höre jetzt zum ersten Mal von ihr sprechen.« »Wir haben ein heiliges Buch, in welchem angedeutet ist, daß ein Mann zur Schlangenkönigin gelangen und zwei Jahre bei ihr zubringen würde, dessen Leib schwarz wird, sobald er ins Bad geht; zeige also deinen Leib!« Haseb entblößte seinen Leib, und da er in der Tat ganz schwarz war, sagte er: »Mein Leib ist schwarz von dem Tag her, wo mich meine Mutter geboren.« Der Vezier entgegnete: »Wir haben in jedes Bad drei Mamelucken geschickt und jeden beim Ein- und Ausgehen untersuchen lassen: Die haben gesehen, daß dein Leib beim Entkleiden noch weiß war, und dich darum hierher gebracht; sage uns also, wo du wieder auf die Oberfläche der Erde gekommen, wir werden uns dann schon der Schlangenkönigin bemächtigen.« Haseb bereute es jetzt, wo es zu spät war, ins Bad gegangen zu sein, doch fügte er sich in die göttliche Bestimmung und bestand hartnäckig darauf, die Schlangenkönigin nicht gesehen zu haben. Da gab der Vezier den Offizieren den Befehl, ihn zu entkleiden, auf den Boden hinzustrecken und zu prügeln. Haseb ließ sich schlagen, bis er vor Schmerzen dem Tod nahe war. Als der Vezier sah, daß er mit Gewalt nichts gegen Haseb vermochte, küßte er ihm den Kopf und sagte in einem sanften Ton: »Was leugnest du länger deine Bekanntschaft mit der Schlangenkönigin, da wir Beweise haben, daß du sie kennst und bei ihr warst? Zeige uns nur den Ort, wo du zur Erde heraufgekommen, wir haben schon jemanden, der sie ergreifen wird, du kannst dann deines Weges gehen.« Der Vezier ließ dann Haseb wieder aufrichten und ihm ein goldgesticktes Kleid mit Edelsteinen besetzt bringen, das er ihm selbst anzog. Der Vezier bestieg sein Pferd, von allen Emiren und vielen Truppen begleitet, und Haseb mußte an ihrer Spitze reiten, um ihnen die Stelle zu zeigen, wo er zur Oberfläche der Erde zurückgekehrt war. Als Haseb den Brunnen erreichte, aus dem er hervorgekommen, stieg er ab, und der Vezier nebst seinem Gefolge taten das gleiche. Der Vezier ließ dann Feuer anzünden, machte Räucherwerk, murmelte allerlei unverständliche Zaubersprüche, nahm ein Buch heraus und las darin; dann rief er mit lauter Stimme dreimal nacheinander: »Komm hervor, Schlangenkönigin!« Bis endlich das Wasser, das in dem Brunnen war, austrocknete, eine große Tür sich öffnete, aus der ein jämmerliches Geschrei hervorkam, wie der Donner, so daß man glaubte, die ganze Welt würde zusammenstürzen. Alle Anwesenden fielen ohnmächtig hin und einige starben sogar. Dann kam aus der Höhle eine Schlange hervor, größer als ein Elefant, die eine goldene Kufe auf dem Rücken hatte, in welcher eine andere Schlange lag mit einem strahlenden Menschengesicht. Letztere, welche die Schlangenkönigin war, wendete sich rechts und links um, bis sie Haseb erblickte und sagte ihm in deutlicher Menschenzunge: »Wo ist der Eid, den du mir geschworen? Warum bist du ins Bad gegangen? Doch was bestimmt ist, das muß geschehen; Gott hat nun das Ende meines Lebens beschlossen, ich soll sterben und der Sultan Kersedan soll von seiner Krankheit geheilt werden.« Bei diesen Worten weinte sie heftig, und Haseb weinte mit ihr. Der Vezier streckte dann die Hand nach ihr aus, um sie zu ergreifen, da sagte sie: »Wenn du deine Hand nicht zurückziehst, du Verruchter, so verwandle ich dich durch einen einzigen Hauch in einen Haufen Fleisch und schwarze Asche; komm du, Haseb, lege du mich auf die Platte, die ihr mitgebracht, und trage mich auf deinem Kopfe: es ist von Ewigkeit her geschrieben, daß ich durch dich sterben soll.« Haseb nahm sie und legte sie auf die Platte. Sogleich nahm der Brunnen wieder seine frühere Gestalt an. Als Haseb mit der Schlange auf dem Kopf zur Stadt ging, sagte sie ihm: »Höre Haseb, was ich dir sagen will; ich muß dir einen guten Rat erteilen, obschon du deinen Eid gebrochen, denn so wollte es die Bestimmung von jeher. Wenn du in das Haus des Veziers kommst und er dir sagt: Schlachte die Schlangenkönigin und teile sie in drei Stücke, so tue es nicht, behaupte, du könntest nicht mit Schlachten umgehen, und laß ihn selbst mich schlachten. Sobald er mich geschlachtet und zerschnitten hat, wird ein Bote vom Sultan kommen und den Vezier zu ihm rufen. Er wird vorher mich in einen Topf legen und über das Feuer stellen und dir befehlen, mich am Feuer zu lassen, bis der Schaum aufkocht, diesen Schaum dann in ein Schüsselchen abzuheben, ihn kalt werden zu lassen und dann zu trinken; auf diese Weise, wird er sagen, vergehen deine Schmerzen am Leibe. Er wird dich ferner beauftragen, mich zum zweiten Mal ans Feuer zu stellen, bis wieder Schaum aufkocht, und diesen Schaum für ihn stehen zu lassen, damit er ihn von seinen Kreuzschmerzen heile. Tue dies aber nicht, sondern trinke du den zweiten Schaum und bewahre ihm den ersten auf, sonst geht es dir schlecht. Hast du«, fuhr die Schlangenkönigin fort, »den zweiten Schaum getrunken, so nimm mein Fleisch aus dem Topf, lege es auf eine kupferne Schüssel und gib dem König davon zu essen; sobald er es aber im Leib hat, so bedecke seinen Mund mit einem Tuch. Dann warte bis Mittag, da soll er etwas Wein trinken, und er wird so gesund werden, wie er war, durch den Beistand Gottes. Merke dir aber wohl, was ich dir hier anempfahl.« Haseb war unter diesem Gespräche mit der Schlange, die er auf dem Kopf trug, an das Haus des Veziers gekommen; da legte er die Platte ab, auf welcher die Schlangenkönigin lag. Der Vezier entließ nun sein ganzes Gefolge und sagte zu Haseb: »Schlachte jetzt die Schlangenkönigin!« Haseb antwortete: »Ich kann nicht schlachten, ich habe in meinem Leben nicht geschlachtet; hast du Lust, so schlachte sie selbst!« Der Vezier nahm die Schlange aus Hasebs Hand und schlachtete sie. Als Haseb bei diesem Anblicke heftig weinte, sagte ihm der Vezier: »O Blödsinniger, wegen einer Schlange weinst du?« Nachdem der Vezier die Schlangenkönigin geschlachtet hatte, zerschnitt er sie in drei Teile und legte sie in einen kupfernen Topf, den er über das Feuer stellte. In diesem Augenblicke kam einer der Mamelucken des Sultans und sagte zum Vezier: »Der Sultan verlangt sogleich nach dir.« Der Vezier holte zwei Schüsselchen, gab sie Haseb und sagte ihm: »Laß diesen Topf kochen, bis der Schaum aufsteigt, hebe ihn dann in eines dieser Schüsselchen ab, laß ihn kalt werden, dann trinke ihn, und es wird an deinem Körper kein Schmerz mehr zurückbleiben. Setze dann den Topf wieder ans Feuer, und wenn zum zweiten Mal Schaum aufsteigt, so hebe ihn in das zweite Schüsselchen ab und bewahre ihn auf, bis ich wiederkomme, daß ich es trinke, um meine Kreuzschmerzen zu vertreiben.« Der Vezier ging hierauf zum Sultan und Haseb wartete, bis der erste Schaum aufstieg; er nahm ihn herunter, goß es in eines der Schüsselchen und ließ es stehen, Als dann zum zweiten Mal Schaum aufkochte, nahm er ihn wieder herunter und bewahrte ihn für sich auf, und als das Fleisch weichgekocht war, nahm er es vom Feuer und ließ es stehen. Nach einer Stunde kam der Vezier herbeigesprungen und fragte Haseb, was er getan? Haseb antwortete: »Alles, wie du mich geheißen.« Er fragte dann wieder: »Was hast du mit dem ersten Schaum getan?« – »Ich habe ihn getrunken.« – »Was empfindest du?« – »Ich fühle ein Kochen und Brennen im ganzen Körper.« – »So gib mir das zweite Schüsselchen, daß ich mich auch heile.« Haseb reichte ihm das erste Schüsselchen, das der Vezier für das zweite hielt und austrank. Kaum hatte er getrunken, fiel ihm das Schüsselchen aus der Hand, sein ganzer Körper wurde von Geschwüren bedeckt, sein Leib öffnete sich und er starb auf der Stelle, wie das Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der fällt selbst hinein. Als Haseb sah, wie es dem Vezier ging, fürchtete er sich, die zweite Schüssel zu trinken, doch dachte er, wäre diese auch schlecht, so würde sie der Vezier nicht für sich gewählt haben, übrigens vertraue ich auf Gott; und so trank er sie in Gottes Namen. Sobald er getrunken hatte, öffnete Gott in seinem Herzen die Quellen der Weisheit und Gelehrsamkeit, und versetzte ihn in die freudigste Stimmung. Der Vorschrift der Schlange eingedenk, nahm er dann das Fleisch, das im kupfernen Topf war, und verließ das Haus des Veziers. Auf der Straße blickte er gen Himmel und sah die sieben Himmel bis zum äußersten Lotusbaum des Paradieses; er sah, wie das ganze Firmament im Kreise herumging, auch die Bewegung der Fixsterne und Planeten zeigte ihm Gott, und die Beschaffenheit der Erde und der Meere und den Lauf der Flüsse. So wurde er auf einmal erfahren in Geometrie und Astronomie und anderen Wissenschaften, die mit der Uranologie in Verbindung stehen, als, die Kenntnis der Sonnen- und Mondfinsternisse und dergleichen, Er blickte dann zur Erde, und alles, was darauf war, redete ihn an, alle Pflanzen, Bäume und Metalle entdeckten ihm den Nutzen, den sie bringen, und so wurde er auf einmal in der Botanik, Arzneikunde, Chemie und Mineralogie äußerst bewandert. Als er endlich mit dem Fleisch zum König Kersedan kam, verbeugte er sich vor ihm und sagte ihm: »Dein Haupt lebe für das deines Veziers Schamhur.« Gewöhnliche Redensart für: N. N. ist gestorben. Der König erschrak sehr über den Tod seines Veziers und weinte so heftig, daß alle übrigen Veziere, Fürsten und Staatsräte mit ihm weinten. Dann fragte der König: »Der Vezier Schamhur war ja eben bei mir, er ist nur nach Hause gegangen, um zu sehen, ob das Fleisch gekocht ist, wie ist er auf einmal gestorben?« Haseb erzählte ihm, wie es dem Vezier gegangen, nachdem er die Schüssel ausgetrunken. Da sagte der König: »Wie wird es mir gehen, da Schamhur nicht mehr ist?« Haseb antwortete: »Betrübe dich nicht, o König der Zeit, ich will dich in drei Tagen so herstellen, daß keine Spur von deiner Krankheit übrigbleibt.« Haseb stellte dann den Fleischtopf vor den König, schnitt ein Stück von der Schlangenkönigin herunter und reichte es ihm. Sobald er es gegessen hatte, deckte ihm Haseb den Mund mit einem Tuch zu und ließ ihn von Mittag bis Abend schlafen, dann gab er ihm etwas Wein zu trinken und ließ ihn die Nacht durch wieder mit bedecktem Gesicht schlafen. An den zwei folgenden Tagen wiederholte Haseb dasselbe Verfahren; da schwitzte der König von Kopf bis Fuß, seine ganze Haut schälte sich und er wurde ganz gesund. Haseb führte ihn dann ins Bad, und als er herauskam, war er wie eine Silberstange. Er zog dann seine prachtvollsten Kleider an, setzte sich auf den Thron und ließ Haseb neben sich sitzen. Er befahl hierauf, den Tisch für beide zu decken, und nachdem sie gegessen, getrunken und sich gewaschen hatten, kamen alle Emire und Veziere und Großen des Reiches, um dem König zu seiner Genesung Glück zu wünschen. Der König ernannte in ihrer Gegenwart Haseb zu seinem Großvezier an die Stelle Schamhurs. Dann sagte der König: »Wer Haseb liebt, der liebt auch mich, wer ihn verehrt, der verehrt auch mich, und wer ihm Gehorsam leistet, der beweist dadurch seinen Gehorsam gegen mich.« Alle Veziere, Emire und Großen des Reiches begrüßten nun Haseb und wünschten ihm Glück zum Vezierate; der König aber schenkte ihm ein Ehrenkleid mit Perlen und Edelsteinen besetzt, das tausend Dinare wert war. Ferner schenkte er ihm zweihundert Mamelucken, zweihundert weiße Sklavinnen wie der Mond, zweihundert Abessinierinnen, zweihundert Paar Kleider, fünfhundert Maulesel mit Waren beladen, zweihundert Kamele und ebenso viele Stiere, Büffel und Schafe. Haseb wurde dann auf Befehl des Sultans von allen Vezieren, Emiren und Großen des Reiches und vielen Truppen in sein Haus begleitet. Seine Mutter freute sich außerordentlich und wünschte ihm Glück zum Vezierate. Dann kamen seine übrigen Verwandten und Freunde und auch die Holzhauer, um ihm zu gratulieren. Am folgenden Tag begab er sich in das Schloß des Veziers Schamhur, ließ alles versiegeln und in sein Haus bringen. Haseb war so auf einmal durch die Allmacht Gottes, nachdem er sehr arm war und keinen Buchstaben verstand, der reichste und gelehrteste Mann in der Welt. Eines Tages sagte er zu seiner Mutter: »Hat mein Vater Daniel kein Buch oder etwas Ähnliches hinterlassen?« Da brachte ihm seine Mutter eine Kiste, in welche Daniel die fünf Blätter gelegt hatte, die ihm vom Buch übriggeblieben waren, welches Gabriel in den Fluß Gichon geworfen hatte. Als Haseb nach dem Übrigen vom Buch fragte, sagte ihm seine Mutter: »Wisse, dein Vater wollte ein Arzneimittel gegen den Tod verfertigen, da befahl Gott dem Engel Gabriel, Friede sei mit ihm, das Buch deinem Vater zu entreißen und es in den Strom Gichon zu werfen. Als der Engel dies getan hatte und dein Vater das Buch im Wasser sah, sprang er ihm nach, rettete aber noch fünf Blätter davon, welche er, als seine Todesstunde herannahte, in diese Kiste legte; er sagte mir: Bewahre sie auf, und wenn du einen Sohn gebärst und er dich fragt, ob ich nichts hinterlassen, so gib sie ihm.« Haseb lernte noch vieles aus diesen Blättern, obgleich er schon der gelehrteste Mann seiner Zeit war, und lebte ganz den Wissenschaften, bis der Zerstörer aller Freuden und der Trenner aller Vereinigungen ihn heimsuchte. Das ist das Ende dessen, was uns zugekommen von der Geschichte Hasebs, des Sohnes Daniels; Gott erbarme sich ihrer insgesamt! Geschichte Alis, des Ägypters. Man erzählt: Es lebte einst in Kahirah ein sehr reicher Kaufmann, der unzählbare Güter, Gold und Edelsteine besaß, auch hatte ihm Gott einen Sohn geschenkt, der ausgezeichnet war durch seine Schönheit, Liebenswürdigkeit und hübsche Gestalt, und den er im Koran und in allen möglichen Wissenschaften unterrichten ließ und zu seinem Geschäft verwendete. Als der Kaufmann einst sehr krank und dem Tod nahe war, ließ er seinen Sohn, welcher Ali hieß, rufen und sagte ihm: »Mein Sohn, diese Welt ist vergänglich, die zukünftige aber von ewiger Dauer, und kein Mensch entgeht dem Tod; da nun meine Todesstunde nahe ist, so höre, was ich dir anempfehle. Ich hinterlasse dir so viele Güter und Schätze, daß, wenn du auch jeden Tag fünfhundert Dinare ausgibst, du doch dabei nicht arm wirst; bleibe nur gottesfürchtig, befolge die Gesetze Gottes und befolge die Worte des Propheten, dem Gott gnädig sei; sei nur immer wohltätig und wähle dir gute und fromme Leute zu Freunden; sei nicht geizig und gehe nicht mit schlechten Menschen um. Sei mild gegen deine Diener und deine Frau und übrigen Verwandten; deine Frau stammt von großer Familie und ist nun schwanger, vielleicht wird dir Gott fromme Nachkommen schenken.« Nachdem er ihm noch manches weinend anempfohlen hatte, rief er: »Ich bete zu Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, daß er dir in jeder Not und Bedrängnis beistehe.« Als er diese Worte vollendet hatte, schöpfte er noch einmal Atem und verschied. Gott erbarme sich seiner! Ali war außerordentlich betrübt über den Tod seines Vaters, Er machte mit den Freunden seines Vaters, welche ihn zu trösten suchten, die Vorbereitungen zu dessen Beerdigung, ließ vierzig Tage lang für ihn beten und den Koran lesen, blieb stets zu Hause, um ihn zu betrauern, nur jeden Freitag ging er aus, um seines Vaters Grab zu besuchen. Nach vierzig Tagen kamen seine Bekannten, die jungen Kaufleute, zu ihm und sagten: »Was bedeutet diese lange Trauer? Warum vernachlässigst du so alle deine Geschäfte und deine Freunde? Das muß dich krank machen.« Sie redeten ihm dann so lange zu, bis er sich vom Teufel verführen ließ und einwilligte, mit ihnen auszugehen. Sie ließen ihn auf seinem Maultier reiten und begleiteten ihn in einen Garten, der einem von ihnen gehörte, und wohin der Eigentümer ein Frühstück bringen ließ. Sie brachten den ganzen Tag im Garten zu, aßen und tranken und belustigten sich, und jeder kehrte dann wieder in sein Haus zurück. Am folgenden Morgen kamen sie wieder und beredeten ihn, in einen anderen, noch schöneren Garten zu kommen. Er ritt mit ihnen, fand wieder ein Frühstück dort, und nachdem sie gegessen hatten, wurde berauschender Wein gebracht, Ali fragte: »Was ist das für ein Getränk?« Sie antworteten; »Es ist ein Getränk, das den Kummer verscheucht und das Herz erfreut.« Ali ließ sich überreden, den ganzen Tag mit ihnen zu trinken, und des Abends kehrte jeder wieder in seine Wohnung zurück. Als Ali nach Hause kam, überfiel ihn ein Schwindel. Seine Frau fragte ihn, was ihm fehle, und er sagte ihr. »Wir haben uns heute in einem Garten belustigt, wo ich mit meinen Freunden Wein trank; daher kommt mein Schwindel.« Seine Frau sagte ihm: »Mein Herr, hast du die Warnung deines Vaters vergessen? Hat er dir nicht verboten, mit leichtsinnigen Menschen umzugehen?« Er antwortete: »Diese jungen Kaufleute sind nicht leichtsinnig, es sind nur lustige junge Leute«, und fuhr fort, jeden Tag mit einem anderen zu gehen, bis sie ihm sagten: »Nun ist die Reihe an dir, uns zu bewirten.« Ali antwortete: »Ihr seid mir willkommen«, und ließ am folgenden Tag allerlei Speisen und Getränke herrichten, so wie es die übrigen getan, nahm Köche, Diener und Kaffeeschenker mit in einen Garten und brachte darin einen ganzen Monat mit seinen Freunden zu. Als der Monat zu Ende war, bemerkte Ali, daß er all sein bares Geld ausgegeben hatte. Aber der verdammte Satan reizte ihn und stellte ihm vor, daß ihm noch viel anderes Vermögen übrig bleibe; er fuhr daher noch drei Jahr lang fort, so mit seinen Freunden zu leben, trotz der Warnungen seiner Frau und der Ermahnungen seines Vaters, und verkaufte nach und nach alle seine Juwelen, Häuser und Güter; zuletzt verkaufte er sogar das Haus, das er selbst bewohnte, und er mußte eine erbärmliche Wohnung in einem Hof mieten und da mit seiner Frau und seinem Sohn, den sie ihm inzwischen geboren, wohnen. Als ihm gar nichts mehr übrig blieb, sagte ihm seine Frau: »Ich habe dich immer gewarnt und an die Ermahnung deines Vaters erinnert, du hast mir aber kein Gehör geschenkt; wovon sollen wir nun leben? Geh einmal zu deinen Freunden und sieh, ob sie dir etwas schenken.« Ali machte sich auf, ging zu seinen Freunden, von einem zu dem anderen, aber alle kehrten ihm den Rücken und sagten ihm noch manches Unangenehme. Er kehrte bestürzt zu seiner Frau zurück und sagte ihr, es wolle ihm niemand etwas schenken. Die Frau ging hierauf zu einer ihrer Nachbarinnen, mit der sie befreundet war, und schilderte ihr weinend ihre Lage. Die Nachbarin nahm sie freundlich auf und schenkte ihr so viel, daß sie einen Monat davon leben konnte. Als sie damit zu Ali zurückkehrte, sagte er: »Da uns nun gar nichts mehr übrig bleibt, so will ich gehen, wohin mich Gott führt, vielleicht wird er uns helfen.« Er tröstete seine Frau und küßte sein Kind und verließ das Haus, ohne zu wissen, wohin er gehen wolle, und nahm den Weg nach Bulak. Hier fand er ein Schiff, das eben nach Damiet absegeln wollte, er bestieg es und fuhr nach Damiet. Als er ausstieg, begegnete er einem alten Freund seines Vaters, der ihn begrüßte und fragte, wo er hin wolle. Ali sagte: »Nach Bagdad.« Der Mann nahm ihn mit in sein Haus, bewirtete ihn, gab ihm Lebensmittel und einiges Geld, und brachte ihn auf ein Schiff, das nach Syrien fuhr. Als er in Syrien anlangte und nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, begegnete er einem Kaufmann, der ihn bemitleidete und ihn mit in sein Haus nahm. Ali blieb bei ihm, bis er eine Karawane fand, die nach Bagdad reiste; er schloß sich ihr an und Gott flößte einem der Kaufleute dieser Karawane Erbarmen für ihn ein, so daß er ihn während der Reise ernährte. Als die Karawane nur noch einen Tag von Bagdad entfernt war, wurde sie von Straßenräubern überfallen und ausgeplündert; nur wenige von der Karawane konnten durch die Flucht sich retten. Ali setzte seine Reise nach Bagdad fort und kam bei Sonnenuntergang an, als gerade die Tore der Stadt geschlossen wurden. Er sagte zu den Torwächtern: »Laßt mich noch in die Stadt!« Sie ließen ihn hinein und fragten ihn, wer er sei, und wo er herkomme. Er antwortete: »Ich bin aus Kahirah und hatte viele Maulesel und Waren bei mir, die mir nachkommen sollten; ich bin vorausgereist, um einstweilen eine Wohnung zu mieten, wo ich mich mit meinen Waren niederlassen könnte; da kamen aber Straßenräuber und nahmen meine Maulesel mit den Waren, und ich konnte nur meine Person retten.« Die Torwächter luden Ali ein, die Nacht bei ihnen zuzubringen, bis er am folgenden Morgen eine Wohnung mieten würde. Ali suchte in seiner Tasche und fand noch einen Dinar von dem Geld, das ihm der Kaufmann in Damiet geschenkt; er gab ihn einem der Torwächter und sagte ihm: »Nimm diesen Dinar und kauf' dafür etwas zum Nachtessen.« Der Torwächter nahm das Geld, ging in die Stadt und kaufte Brot und gekochtes Fleisch, das sie miteinander verzehrten, dann legten sie sich schlafen, Am folgenden Morgen ging einer der Torwächter mit Ali zu einem Kaufmann und erzählte ihm, was Ali widerfahren. Der Kaufmann, der in seinem Laden war, ging mit Ali in sein Haus, gab ihm eines seiner Kleider, führte ihn ins Bad und ließ ihm in seiner Wohnung ein Frühstück reichen. Dann sagte er einem seiner Diener: »Gehe mit diesem Herrn und zeige ihm unsere Häuser und gib ihm die Schlüssel des Hauses, das ihm am besten gefällt.« Ali ging mit dem Diener und sah in einem Quartier drei neue verschlossene Häuser. Als er zwei derselben besehen hatte, fragte ihn der Diener, welches von beiden ihm am besten gefiele. Da sagte Ali: »Wem gehört denn dieses große dritte Haus?« – »Es gehört auch uns.« – »Warum öffnest du es nicht, daß ich es auch besehe?« – »Du hast nichts darin zu schaffen, denn es hat noch niemals jemand darin übernachtet, den man nicht den anderen Morgen tot gefunden hätte; wir öffnen nicht einmal die Tür, sondern steigen nur auf die Terrasse der benachbarten Häuser, da sehen wir die Leiche liegen und schaffen sie fort; darum läßt nun mein Herr dieses Haus leer stehen.« – »Öffne nur die Tür, daß ich es sehe; hier übernachte ich, und findet man mich tot, so habe ich Ruhe vor meinem Elend.« Der Diener öffnete das Haus, welches unvergleichlich schöner als die übrigen war, und Ali sagte ihm: »Ich will kein anderes als dieses.« Der Diener ging zu seinem Herrn und sagte ihm, der Fremde wolle kein anderes Haus als das große. Der Hausherr begab sich selbst zu Ali, um ihn von seinem Wunsch abzubringen. Als Ali aber darauf bestand und an alle Warnungen sich nicht kehrte, sagte der Hausherr: »Du mußt mir ein Zeugnis geben, daß, wenn dir ein Unglück im Haus begegnet, die Schuld nicht auf mich falle.« Ali willigte ein, und der Hausherr ließ einen Zeugen vom Gericht holen und ließ sich von Ali ein Zeugnis geben; dann überlieferte er ihm die Schlüssel des Hauses. Ali öffnete das Haus und der Hausherr schickte ihm ein Bett, das er auf eine Bank legte. Als er im Hof einen Brunnen mit einem Eimer sah, füllte er ihn, wusch sich und betete und setzte sich eine Weile. Da kam der Diener mit einer Lampe, einem Wachslicht und Waschbecken nebst einem Wasserkrug, und empfahl sich wieder. Ali zündete das Wachslicht an, aß zu Nacht und betete das Nachtgebet. Er dachte dann: Ich will lieber das Bett hinaufnehmen, als hier im Hof schlafen. Er ging eine Treppe hinauf und kam in einen großen Saal, dessen Decke vergoldet und dessen Boden und Wände von farbigem Marmor waren. Er legte hier sein Bett zurecht und las ein wenig im Koran. Auf einmal rief jemand: »Ali, Sohn Hasans, soll ich herunterkommen?« Er antwortete: »Wo ist das Gold?« In diesem Augenblicke strömte Gold von oben herunter, bis der ganze Saal voll war. Als der Goldregen aufhörte, sagte dieselbe Stimme: »Schenke mir nun meine Freiheit, daß ich weiterziehe, denn mein Dienst ist nun vollbracht.« Ali sagte: »Ich beschwöre dich bei dem erhabenen Gott, sage mir, was dies zu bedeuten hat?« Die Stimme antwortete: »Dieses Geld ist von frühester Zeit her dir bestimmt; so oft nun jemand dieses Haus betrat, sagten wir: Ali, sollen wir herunterkommen? Der Fremde fürchtete sich aber und schrie, da kamen wir herab und brachen ihm das Genick! Da wir nun dich fragten und du uns nach dem Gold fragtest, wußten wir, daß du der rechte Ali bist, dem das Gold gehört! Auch ist noch ein anderer Schatz für dich in der Provinz Jemen aufbewahrt. Nun schenke mir aber meine Freiheit, daß ich meines Weges gehe.« Ali schwor, er werde ihn nicht frei lassen, bis er ihm auch den Schatz von Jemen bringe. Als der Geist gehen wollte, rief Ali ihm nach: »Noch etwas fordere ich von dir: Bringe mir meine Frau und meine Kinder auf eine bequeme Weise hierher, so daß ihnen die Reise gar nicht beschwerlich falle.« Der Geist versprach, sie in drei Tagen mit großem Gefolge und Dienern in einem Tragsessel zu bringen, und ging fort. Ali suchte im Saal einen Platz, um das Gold zu verbergen. Da bemerkte er in einer Ecke des Saales einen Marmorstein mit einer Drehscheibe, und als er daran drehte, schob sich die Platte zurück, und er sah eine Tür, die in eine große Schatzkammer führte, welche mit neuen Säcken gefüllt war; er legte sein Gold in diese Säcke, schloß die Tür wieder, schob den Marmorstein wieder vor und setzte sich auf die Bank hinter der Tür. Während er hier saß, kam der Diener des Kaufmanns und klopfte an die Tür des Hauses. Sobald Ali ihm öffnete, lief er nach Haus, um seinem Herrn zu sagen, daß der Fremde sich wohl befände. Sein Herr ging freudig in das Haus und nahm ein Frühstück mit, umarmte und küßte Ali und fragte: »Wie ist es dir gegangen?« – »Recht gut; ich habe oben im marmornen Saal geschlafen?« – »Hast du nichts gesehen und ist niemand zu dir gekommen?« – »Nein, ich habe im Koran gelesen, bis ich eingeschlafen bin, und bin dann bis diesen Morgen nicht mehr erwacht.« Der Kaufmann dankte Gott, ging in sein Haus und schickte All Diener und Sklavinnen und Divane, und ließ das Haus reinigen. Ali behielt drei Mamelucken, drei schwarze Sklaven und vier Sklavinnen zu seiner Bedienung, und schickte die übrigen zurück. Auch die übrigen Kaufleute machten ihm allerlei Geschenke, sowohl an wertvollen Gegenständen als an Kleidungsstücken, Speisen und Getränken, nahmen ihn mit sich auf den Bazar und fragten ihn, wann seine Waren ankommen würden, worauf er antwortete. nach drei Tagen. Als die drei Tage vorüber waren, kehrte der Diener des Schatzes, der Ali in der Nacht erschienen war, zurück und sagte ihm: Mache dich auf und gehe deiner Frau entgegen, die aus Ägypten angekommen und einen Teil des Schatzes aus Jemen mit sich führt, der deine Waren vorstellt.« Ali ging zu den Kaufleuten und sagte: »Kommt, wir wollen zur Stadt hinaus der Karawane entgegengehen; bringt auch eure Frauen mit, daß sie die meinige bewillkommen.« Sie gingen zusammen in einen der Gärten vor der Stadt, und auf einmal sahen sie einen furchtbaren Staub; sie liefen, um zu sehen, wer komme, und entdeckten viele Maulesel mit Dienern, welche singend und tanzend herbeikamen. Der Führer der Karawane ging dann auf Ali zu und sagte: »Mein Herr, du bist lange vor uns angekommen, weil wir von Straßenräubern drei Tage aufgehalten wurden, vor denen wir uns verbergen mußten, bis sie Gott aus dem Weg schaffte.« Diese Männer und Maulesel und Pferde und Kamele der Karawane waren aber nichts als Genien in Menschen- und Tiergestalt. Die Kaufleute führten nun die Karawane in die Stadt, und die Frauen blieben zurück, um Alis Gattin zu begleiten. Die Männer bewunderten die vielen Waren, womit die Maulesel beladen waren, und die Frauen die prachtvolle Kleidung der Gattin Alis und ihrer Kinder und sagten: »So etwas besitzt der König von Bagdad nicht.« Sie zogen zusammen nach Alis Haus, wo alle Waren abgeladen wurden. Dann aßen und tranken sie miteinander bis nach Mittag, darauf zogen sie sich zurück und ein jeder beschenkte All nach seinem Rang und Vermögen, so daß sein ganzes Haus mit Sklaven und Sklavinnen, Zucker, allerlei Getreide und Schafen angefüllt wurde. Er entließ dann die Diener des Schatzes, für welche der Hauseigentümer ihm einen Platz einräumen wollte, sie gingen zur Stadt hinaus und flogen wieder nach ihrem Wohnort. Des Abend, als der Hauseigentümer sich entfernte, ging Ali in sein Harem, begrüßte seine Frau und fragte sie, wie es ihr seit seiner Abwesenheit gegangen. Sie sagte, sie habe viel gelitten an Hunger und Mangel an Kleidung, er fragte sie dann, wie sie hierher gekommen. Sie antwortete: »Ich schlief gestern Nacht bei meinen Kindern; auf einmal wurde ich mit ihnen wie ein Vogel in die Höhe gehoben; dann wurden wir wieder in ein Lager, wie die Beduinen haben, herabgelassen, da sahen wir zwei große Maulesel mit Tragsesseln beladen und von Führern und Dienern umgeben. Ich fragte: Wo sind wir und was gibt es hier? Die Führer antworteten: Wir sind die Diener Alis, Hasans Sohn, er schickt uns, um euch zu ihm nach Bagdad zu bringen. Ich fragte, ob der Weg dahin lang oder kurz wäre. Sie antworteten: Er ist kurz, er braucht nur diese Nacht dazu! Und, in der Tat! Bei Tagesanbruch waren wir hier.« Er fragte sie dann, wer ihr dies schöne Kleid gegeben. Sie antwortete: »Einer der Führer hat mir eine Kiste, die ein Maulesel trug, geöffnet und mir und den Kindern die Kleider daraus gegeben; er hat dann die Kiste wieder geschlossen und mir den Schlüssel überreicht.« Er fragte sie, ob sie die Kiste kenne, aus der er die Kleider genommen. Sie antwortete: »Recht gut«; und ging mit ihm in das Magazin, wo die Kisten waren, und zeigte sie. ihm Ali öffnete sie und fand darin viele Kleider nebst den Schlüsseln zu allen anderen Kisten; er nahm sie und öffnete auch die übrigen Kisten und bewunderte die Schätze, die sie enthielten. Es waren Perlen und Edelsteine dabei, wie sie kein König besitzt. Er schloß dann die Kisten wieder und ging mit seiner Frau in den Saal und zeigte ihr auch das Gold, das unter der Marmorplatte war. Sie fragte ihn erstaunt, woher er dies alles habe. Er erzählte ihr seine Geschichte von dem Tag an, wo er Kahirah verlassen, bis zu ihrem Wiedersehen. Da sagte sie: »Das alles hast du deinem Vater zu verdanken, der vor seinem Tod zu Gott betete, er möge dir aus jeder Not helfen. Nun, gelobt sei Gott, der dir mehr wiedergegeben, als du verloren hast! Ich beschwöre dich aber, ja nicht mehr mit leichtsinnigen Menschen umzugehen.« Ali beherzigte die Ermahnung seiner Gattin und betete zu Gott, daß er ihm keine schlechten Genossen mehr zuschicke, die ihn vom Gehorsam gegen ihn abziehen. Er richtete sich dann einen Laden ein, den er mit allerlei Juwelen ausfüllte, und lebte mit seiner Familie in Bagdad äußerst angenehm. Bald hörte der König von ihm und ließ ihn zu sich rufen. Ali ging ins Schloß, nahm vier goldene Schüsseln voll mit allerlei Edelsteinen mit und bot sie dem König als Geschenk an. Als der König diese Juwelen von unschätzbarem Wert sah, nahm er sie an, zeigte sie den Großen des Reiches und sagte: »Wie manche Könige haben schon um die Hand meiner Tochter geworben: Hat je einer mich so beschenkt? Darum habe ich beschlossen, diesem Kaufmann meine Tochter zu geben; was sagt ihr dazu?« Die Ratsherren sagten: »Tue, was dir gut dünkt!« Der König gab die Schüsseln einem Verschnittenen und ging damit zu seiner Frau, erzählte ihr, was er von All wußte, und erklärte ihr, daß er wünsche, seine Tochter mit ihm zu vermählen. Da die Königin sich gern in den Willen ihres Gatten fügte, ließ er am folgenden Morgen Ali und alle Kaufleute von Bagdad vor sich kommen; auch der Kadhi wurde gerufen und beauftragt, den Ehekontrakt zwischen der Prinzessin und Ali zu schreiben. Ali erhob sich aber und sagte: »Verzeihe, o König der Zeit, ich verdiene als Kaufmann nicht, des Königs Schwiegersohn zu werden.« Der König warf ihm aber das Ehrenkleid eines Veziers um, mit den Worten: »Ich ernenne dich zugleich zu meinem Vezier.« Da sagte Ali: »Höre nur ein Wort von mir; wenn du doch deine Tochter vermählen willst, so gib sie lieber meinem Sohn, der vierzehn Jahre alt ist.« Der König erwiderte: »Laß ihn sogleich holen!« Ali schickte jemanden nach seinem Sohn und als er erschien, verbeugte er sich vor dem König und blieb bescheiden stehen. Der König fand ihn noch schöner als seine Tochter, und fragte ihn nach seinem Namen. »Ich heiße Hasan«, antwortete der Jüngling. Der König befahl dem Kadhi, den Ehekontrakt zwischen seiner Tochter und Hasan zu schreiben. Man trennte sich dann wieder; Ali ritt mit dem Gefolge und den Insignien eines Veziers nach Hause, empfing die Glückwünsche aller Kaufleute und erzählte seiner Frau alles, was vorgefallen. Am folgenden Tag ließ der König Festlichkeiten auf dreißig Tage anordnen, und als diese vorüber waren, feierte Hasan seinen Hochzeitstag und war entzückt über die Schönheit und Anmut der Prinzessin. Der König ließ dann noch zwei Schlösser neben dem seinigen bauen, eines für Ali und das andere für Hasan, so daß sie einander zu jeder Zeit besuchen konnten. Einige Zeit nachher wurde der König sehr krank, da ließ er die Großen des Reiches versammeln und sagte: »Ich bin dem Tod nahe und wünsche daher, daß ihr bei meinem Leben noch einen anderen König wählet, damit ich ruhig sterbe.« Sie sagten einstimmig: »Wir wählen Hasan, deinen Schwiegersohn!« – »Wenn ihr das von Herzen und nicht bloß mir zu Gefallen sagt«, fuhr der König fort, »so erklärt es morgen im Beisein aller Emire, des Großkadhis und der Häupter der Truppen, und huldigt ihm in meiner Gegenwart.« Am folgenden Tage taten sie, was der König verlangte; dieser ließ Hasan rufen und eröffnete ihm, daß er zum Sultan gewählt worden. Hasan wollte, solange sein Vater lebte, nicht König werden; als aber Ali sich weigerte, die Regierung zu übernehmen, verbeugte er sich vor dem König, und dieser ließ ihm huldigen, trat ihm in einem Abdankungsschreiben die Regierung ab und ließ ihn auf den königlichen Thron sitzen. Drei Tage nach dieser Huldigungs-Zeremonie war der König dem Tod nahe; er ließ Hasan zu sich rufen, ermahnte ihn, nach dem Willen Gottes zu herrschen, empfahl ihm seine Tochter und starb. Ali zog ihm das Totengewand an, ließ ihn beerdigen und vierzig Tage für ihn den Koran lesen. Nach dieser Trauerzeit lebte Hasan höchst glücklich als ein milder und einsichtsvoller Regent. Sein Vater Ali war der Vezier seiner Rechten und ein anderer tugendhafter Mann der Vezier seiner Linken. Seine Gattin gebar ihm drei Söhne, welche ihm auf den Thron folgten, und auch seine Nachkommen lebten in den gesegnetsten Umständen, bis der Zerstörer aller Freuden sie heimsuchte. Gepriesen sei der, dessen Herrlichkeit ewig dauert! Abukir und Abusir. In Alexandrien wohnte einst ein Färber, Namens Abukir, neben einem Barbier, welcher Abusir hieß. Jener war ein großer Lügner und Müßiggänger; auch war ihm kein Diebstahl oder sonstiges Verbrechen zu schwer, als wäre sein Herz aus Pfeilern eines jüdischen Tempels gegossen gewesen; sooft ihm jemand etwas zu färben brachte, ließ er sich zuerst den Lohn geben unter dem Vorwand, er habe kein Geld, um Farbmaterialien zu kaufen; er verschwendete ihn aber sogleich für allerlei Leckerbissen; dann verkaufte er auch den Stoff, den er färben sollte, und wenn dessen Eigentümer ihn wieder verlangte, sagte er ihm: »Komme morgen, so früh du willst, findest du deinen Stoff gefärbt.« Kehrte aber der Eigentümer am folgenden Tag wieder, so sagte ihm Abukir: »Ich hatte gestern Abend Gäste, darum konnte ich nichts arbeiten; morgen, so Gott will, sollst du mit mir zufrieden sein.« Am dritten Tag hieß es: »Es tut mir leid, aber meine Frau ist gestern entbunden worden, da konnte ich sie keinen Augenblick verlassen.« So ging das fort mit Entschuldigungen, Versprechungen und Schwüren, bis endlich der Eigentümer ihm sagte; »Ich habe jetzt das viele Versprechen satt, gib mir meinen Stoff ungefärbt wieder.« Da erwiderte Abukir: »Bei Gott, mein Freund, ich schäme mich, die Wahrheit zu gestehen; aber Gott verdamme alle Diebe! Denke, ich hatte deinen Stoff noch an demselben Tag, wo du ihn mir brachtest, ausgezeichnet schön gefärbt und an ein Seil zum Trocknen aufgehängt; als ich aber danach sehen wollte, fand ich ihn nicht mehr.« War nun der Betrogene ein guter Mann, so sagte er: »Gott wird mir etwas anderes dafür schenken!« war er aber nicht so leichtgläubig, so stritt er eine Weile mit ihm, drohte ihn zu verklagen, konnte aber wenig dabei gewinnen. Bald wurde indessen Abukir in ganz Alexandrien so verschrieen, daß niemand mehr in seine Werkstätte kam, und nur Fremde oder Leute vom Lande brachten ihm hie und da etwas zu färben. Er hielt sich daher gewöhnlich in der Barbierstube seines Nachbarn auf, zeigte sich nur, wenn jemand Arbeit brachte, verbarg sich aber, so oft man kam, um dieselbe wieder abzuholen. Eines Tages, als er wie gewöhnlich bei Abusir saß, kam ein Bote vom Kadhi und versiegelte seine Werkstätte. Es hatte nämlich ein Mann, dessen Waren Abukir verkauft hatte, sich an den Kadhi gewendet und ihn gebeten, alles, was in der Werkstätte sich vorfände, verkaufen zu lassen; da sich aber nur ein paar alte Wasserkrüge darin fanden, so ließ er die Werkstätte verschließen. Als Abusir dies sah, sagte er zu Abukir: »Wie kommt's, daß du alles verlierst, was die Leute dir zu färben bringen? Ist etwa deine Werkstätte ein Sammelplatz von Dieben?« – »Lieber Nachbar«, erwiderte Abukir, »ich will dir die Wahrheit sagen; mir ist niemals etwas gestohlen worden, sondern ich habe alles verkauft, was mir die Leute zum Färben brachten, weil mein Handwerk so schlecht geht, daß ich vom Färberlohn allein nicht leben kann.« Abusir fing hierauf auch an, über sein Geschäft zu klagen, und sagte: »Sieh, ich bin doch der beste Barbier in der Stadt, und doch kommen wenig Leute zu mir, weil ich arm bin; darum ist mir auch mein Handwerk zuwider.« Abukir versetzte: »Sowohl dein Geschäft, als das meinige ist gut, nur ist uns der Aufenthalt in Alexandrien nicht günstig; laß uns zusammen in die Welt reisen, wir können uns überall besser als hier ernähren; gedenke der Worte des Dichters: »Verlasse die Heimat, wenn du nach Ruhm dürstest. Auch gewährt dir das Reisen Zerstreuung, Reichtümer, Wissenschaft und Bildung; scheue nicht Mühe und Sorgen, Trennung und Gefahr: Der Edle stirbt lieber, als daß er in Verachtung lebe zwischen Neid und Bosheit.« Abusir ließ sich von Abukir überreden und schiffte sich mit ihm fast ohne Vorrat nach einem entfernten, ihnen ganz unbekannten Land ein. Zu ihrem Glück war auf dem Schiff, welches hundertundzwanzig Kaufleute trug, kein einziger Barbier, so daß es Abusir nicht an Arbeit fehlte, wofür er von dem einen Geld, von dem anderen Lebensmittel und von dem dritten süßes Wasser erhielt. Ihrer Verabredung gemäß teilte er alles mit Abukir, der seine ganze Zeit auf dem Schiff schlafend oder essend zubrachte. Der Hauptmann selbst bedurfte auch bald der Dienste des Barbiers und lud ihn samt seinem Freund Abukir zum Abendessen ein. Abukir stellte sich seekrank und bat Abusir, ihm zu gestatten, von dem zu essen, was er gebracht. Er schnitt sich hierauf Stücke herunter, als wären es Steine aus einer Steingrube, und verschlang sie, wie ein Elefant, der mehrere Tage Hunger gelitten; er verdrehte jetzt seine Augen wie ein Werwolf und blies aus der Nase wie ein Stier, der sich mit Stroh und Bohnen gefüllt. Als indessen der Hauptmann nach Tisch ihm eine Schüssel voll Speisen schickte, leerte er auch diese noch, als hätte er noch gar nichts gegessen, und so ging das fort bis zum zwanzigsten Tag, wo das Schiff vor einer großen Stadt Anker warf. Abusir mietete ein Zimmer und richtete es für sich und Abukir ein; dieser ließ sich aber sogleich auf den Teppich nieder und schlief wieder, bis ihn Abusir zum Abendessen weckte. Am folgenden Morgen ging Abusir mit seinem Barbierinstrument aus und arbeitete den ganzen Tag über in der Stadt; des Abends teilte er das Geld und die dafür eingekauften Lebensmittel mit Abukir. Am dritten Tag fragte er Abukir, ob er nicht auch ausgehen und sich nach Arbeit umsehen oder wenigstens in der Stadt spazieren gehen wolle; aber Abukir gab vor, er sei noch seekrank, und blieb wieder liegen, bis ihm Abusir den Tisch vorstellte. So ließ sich Abukir achtzig Tage lang von dem Barbier bewirten und dachte nicht daran, selbst etwas zu erwerben. Auch am einundachtzigsten Tag, als der Barbier krank wurde, regte sich Abukir noch nicht, sondern ließ den Pförtner ihres Hauses alle Arbeit verrichten; erst nach einigen Tagen, als die Krankheit des Barbiers immer zunahm, gefiel es ihm nicht mehr auf seinem Teppich; er nahm daher, während der Barbier bewußtlos da lag, das Geld aus seiner Tasche, schloß die Tür von außen, ging auf den Bazar und kaufte hübsche Kleider, und wandelte wie ein vornehmer Herr gekleidet in der Stadt umher. Da fiel ihm sehr bald auf, daß alle Bewohner der Stadt entweder weiß oder blau gekleidet waren; er ging daher zu einem Färber, zog sein Taschentuch heraus und sagte ihm: »Was kostet dieses Tuch zu färben?« – »Zwanzig Drachmen.« – »Bei uns färbt man ein solches Tuch für zwei Drachmen.« – »So lasse es in deinem Land färben; ich nehme nicht weniger als zwanzig Drachmen.« – »Und wie willst du es färben?« – »Welche Frage? Ein Färber färbt das Weiße blau.« – »Ich will es aber rot gefärbt haben.« – »Das kann ich nicht.« – »So färbe es grün.« – »Das bin ich auch nicht imstande.« – »Nun meinetwegen gelb.« – »Ich kann nur blau färben, und kein einziger der vierzig Färber, welche hier wohnen, ist geschickter als ich.« – »So wisse denn, daß ich auch ein Färber bin, daß ich aber jedem Stoff alle möglichen Farben geben kann; wenn du willst, so arbeite ich bei dir und lehre dich alle Farben; du kannst dann alle übrigen Färbermeister zuschanden machen.« – »Es ist uns verboten, einen Fremden aufzunehmen.« – »Wenn ich mir aber selbst eine Färberei einrichte?« – »Das wird dir auch nicht gestattet werden; es dürfen nur vierzig Färber hier wohnen, und wenn einer stirbt, so tritt immer ein Färbersohn oder ein anderer Verwandter des Verstorbenen an dessen Stelle.« Abukir verließ diesen Färber, begab sich zu einem anderen und erhielt dieselbe Antwort; ebenso zu einem dritten und vierten. Niemand wollte ihn als Gesellen annehmen, noch wollte der Oberste der Färber ihm die Erlaubnis erteilen, ein eigenes Geschäft zu errichten. Da wandte er sich verzweiflungsvoll zum König und sagte ihm: »O König der Zeit, ich bin hier fremd und wünsche mein Handwerk, das eines Färbers nämlich, als Gesell oder Meister hier zu treiben; aber kein hiesiger Meister will mich als Gesellen aufnehmen obschon ich nicht nur blau, sondern auch schwarz, gelb, grün und rot in allen ihren Nuancen zu färben verstehe, noch will man hier gestatten, mich hier als Meister niederzulassen.« Der König antwortete ihm: »Wenn du wahr sprichst, so lasse ich dir eine Färberei einrichten und gebe dir Geld, um die nötigen Materialien zu kaufen, und wagt es ein hiesiger Färber, dir im mindesten etwas in den Weg zu legen, so lasse ich ihn vor die Tür seiner Werkstätte hängen.« Der König schenkte ihm sogleich tausend Dinare, ein schönes Pferd, ein kostbares Kleid und zwei Mamelucken, wies ihm eine bequeme, gut eingerichtete Wohnung an und befahl den Maurern und Zimmerleuten, eine Färberei nach Abukirs Willen an jedem ihm beliebigen Ort herzurichten. Als dieselbe vollendet war und Abukir die nötigen Farben eingekauft hatte, schickte ihm der König fünfhundert Stücke Tuch; Abukir gab ihnen die verschiedenartigsten Farben und hing sie vor seine Werkstätte zum Trocknen auf; die ganze Stadt versammelte sich bald vor seiner Werkstätte, denn noch nie hatte man vorher einen rot-, grün-, gelb- oder schwarzgefärbten Stoff gesehen; jeder brachte ihm die feinsten Stoffe, um sie färben zu lassen, und belohnte ihn reichlich dafür. Der König war so erfreut über die gefärbten Tücher Abukirs, daß er ihm unermeßliche Geschenke machte und seine Färberei die königliche Färberei nannte. Alle übrigen Färber kamen und entschuldigten sich bei ihm und wollten bei ihm als Gesellen arbeiten, aber er nahm keinen von ihnen an, sondern arbeitete mit Hilfe vieler Sklaven und Sklavinnen, und wurde bald einer der reichsten und angesehensten Männer der Stadt. So viel von Abukir. Abusir, welchen er bewußtlos verlassen hatte, blieb drei Tage liegen, bis er wieder zu sich kam; dann seufzte und klagte er so laut, daß der Pförtner, der ihn hörte, zu ihm ging und ihn nach seinem Freund fragte. Abusir antwortete ihm, er habe seit kurzer Zeit erst sein Bewußtsein wieder erlangt und wisse nichts von ihm. Er griff dann in den Beutel, um sich etwas zu essen kaufen zu lassen, fand ihn aber leer und schloß daraus, daß Abukir mit seinem Geld davongelaufen sei. Der Pförtner, der Abusirs Verzweiflung sah, bemitleidete ihn, bereitete ihm eine gute Suppe zu und pflegte ihn zwei Monate lang, bis er wieder ganz hergestellt war. Als Abusir zum ersten Male wieder ausging und eine große Masse Menschen vor einer Färberei versammelt sah, fragte er, was hier zu sehen wäre. Man antwortete ihm: »Es ist ein fremder Färber, namens Abukir, hierher gekommen, der nicht nur blau, sondern auch rot, gelb, grün und schwarz färben kann. Jeder bringt ihm nun Arbeit und bewundert die hier aufgehängten Stoffe.« Abusir dachte bei sich selbst: Gottlob, daß es ihm gut geht! Gewiß hat er mich wegen vieler Beschäftigung vergessen; aber wie wird er sich freuen, wenn er mich, seinen Wohltäter, jetzt wiedersieht. Als er aber sich der Färberei näherte, sagte ihm Abukir, welcher wie ein Vezier, von vielen Sklaven umgeben, auf einer Bank mit hohen Polstern saß: »Taugenichts, wie oft habe ich dir schon verboten, hier zu stehen? Willst du durch einen Diebstahl mich zuschanden machen?« Dann rief er seinen Sklaven zu: »Ergreift ihn und werfet ihn nieder!« Er nahm dann einen Stock, prügelte Abusir und sagte ihm: »Jetzt geh'; sehe ich dich aber noch einmal vor meiner Tür, so werde ich dich bei der Polizei anklagen und dich hängen lassen. Wie oft«, sagte ferner Abukir, zu den erstaunten Umstehenden sich wendend, »hat mich dieser Nichtswürdige schon bestohlen; ich habe den Leuten ihre Waren ersetzt und dazu geschwiegen, weil ich dachte: Es ist ein armer Mann, ich will ihn nicht unglücklich machen; nun soll er aber keine Gnade mehr finden, wenn er wiederkehrt.« Abusir entfernte sich mit zerknirschtem Herzen unter den Verwünschungen einer großen Volksmenge nach Hause. Als seine Schmerzen nachgelassen hatten, wollte er ein Bad nehmen. Er fragte jemanden nach einem Badehaus, aber man antwortete ihm, man wisse nicht, was er meine. »Ich möchte«, sagte Abusir, »in ein Haus gehen, wo man sich wäscht und reinigt.« – »So gehe in den Fluß.« – »Ich will aber in ein Bad.« – »Wir wissen nichts von einem Badehaus; wenn wir uns reinigen wollen, so gehen wir in den Fluß; selbst der König weiß von keiner anderen Waschanstalt.« Als Abusir hörte, daß man in dieser Stadt von der Annehmlichkeit eines Bades noch nichts wußte, begab er sich zum König, verbeugte sich vor ihm und sagte: »Ich bin ein fremder Badheizer und habe mit Erstaunen vernommen, daß deine Stadt kein einziges Badehaus besitzt; das befremdet mich sehr von einer sonst so angenehmen Stadt. Ich komme daher, um dir vorzuschlagen, hier ein Badehaus zu errichten.« – »Und wie ist denn ein solches Badehaus?« fragte der König. Abusir beschrieb ihm ein Badehaus nach dem Muster der kahiranischen Badehäuser, und der König wurde so sehr dafür eingenommen, daß er Abusir ein Ehrenkleid, Sklaven, Sklavinnen und Geld schenkte, dann den Baumeistern befahl, ein Badehaus nach dem Plan Abusirs zu bauen. Als das Badehaus vollendet war, sagte Abusir zum König: »Nun fehlen nur noch Divane und Teppiche.« Der König schenkte ihm zehntausend Dinare zur Möblierung des Badehauses. Abusir kaufte die schönsten Teppiche, Bettdecken und Handtücher, heizte das Bad, lehrte zehn jungen Mamelucken, wie sie die Gäste waschen, einseifen, abtrocknen und kneipen sollten, ließ drei Tage jedermann ohne Bezahlung baden und lud dann den König ein, bei ihm zu baden. Abusir bediente den König selbst und zeigte ihm den Schmutz, den er von seinem Körper abrieb und der wie Lampendocht aussah. Nachdem er ihn gewaschen hatte, ließ er ihn in das Bassin steigen, in das er Rosenwasser gegossen hatte; dann legte er ihn in den beräucherten Saal und ließ ihn von den Mamelucken abtrocknen. Der König befand sich in einem Zustand von Behaglichkeit, den er bisher noch nicht gekannt hatte, und sagte zu Abusir: »Wahrlich, meine Stadt wird eigentlich jetzt erst zu einer vollkommenen Stadt! Was wirst du wohl für ein Bad fordern? – »Was der König für angemessen findet.« – »Ich glaube, tausend Dinare für ein solches Bad wäre nicht zu viel.« – »Der König verzeihe, mein Bad würde auf diese Weise nicht viel besucht werden, denn es sind nur wenige Leute reich genug, um für ein Bad tausend Dinare zu geben.« – »Nun, welchen Preis willst du denn festsetzen?« – »Ich halte es für das Beste, es den Leuten zu überlassen, wie sie mich bezahlen wollen; die Armen werden mir wenig und die Reichen viel geben.« Die Großen des Reiches, welche mit dem König im Bad waren, gaben Abusir ihren Beifall, und der König selbst gestand, daß es so am besten sein würde. »Doch«, sagte er, »wünschte ich, daß der Mann, dem unsere Stadt eine solche Zierde verdankt, reichlich belohnt werde: Darum gebe ihm diesmal jeder von euch hundert Dinare, einen schwarzen und einen weißen Sklaven und eine Sklavin; in Zukunft aber bezahle jeder nach Belieben.« Da an diesem Tage vierhundert vornehme Leute badeten, erhielt Abusir vierzigtausend Dinare, achtundert Sklaven und vierhundert Sklavinnen; dazu schenkte ihm der König noch zehntausend Dinare, zehn weiße und zehn schwarze Sklaven und zehn Sklavinnen. Als Abusir diese Menge Sklaven und Sklavinnen beisammen sah, sagte er zum König: »Eine so zahlreiche Dienerschaft kann wohl von einem mächtigen Regenten unterhalten werden, aber wo soll ich alle diese Leute unterbringen? Woher Speisen, Getränke und Kleider für sie nehmen?« Der König sagte lachend: »Du hast recht; willst du mir deine Sklaven, das Stück für hundert Dinare, verkaufen?« – »Recht gern«, erwiderte Abusir. Darauf befahl der König seinem Schatzmeister, Abusir auszubezahlen, und schenkte dann die Sklaven wieder ihren früheren Eigentümern. Abusir dankte dem König, daß er ihn auf eine so edle Weise von den Werwölfen befreit, die nur Gott zu sättigen imstande wäre. Am folgenden Tag ließ Abusir in der ganzen Stadt bekanntmachen, daß sein Bad jedermann offen stehe und daß jeder nach Belieben bezahlen könne. Da strömte das Volk in Scharen herbei, das Badehaus war den ganzen Tag gedrängt voll, jeder bezahlte nach seinem Vermögen, und des Abends, als das Bad sich leerte, hatte Abusir eine ganze Kiste voll Geld beisammen. Am dritten Tag, als er hörte, die Königin wolle auch sein Bad besuchen, teilte er den Tag in zwei Teile, bestimmte die erste Hälfte für Männer und die andere für Frauenzimmer, und lehrte einige Sklavinnen, wie sie mit den Badenden umzugehen hätten. Die Königin war sehr zufrieden mit dem Bad, sie schenkte Abusir tausend Dinare und vermehrte durch ihre Lobsprüche noch den Zudrang zu Abusirs Badehaus. Eines Tages begab sich auch des Königs Schiffer ins Bad, diesen nahm Abusir mit besonderer Auszeichnung auf, bediente ihn selbst, reichte ihm nach dem Bad Sorbette und Kaffee und weigerte sich, von ihm auch das geringste anzunehmen. Als Abukir von einem neuen Badehaus allenthalben mit Entzücken sprechen hörte, wandelte auch ihn die Lust an, wieder einmal zu baden. Er zog eines seiner schönsten Kleider an, setzte sich auf einen Maulesel und ritt von acht Sklaven begleitet ins Bad. Als er Abusir sah und ihn als den Herrn des Badehauses erkannte, sagte er ihm: »Ist das recht, daß du mich nie aufgesucht, während doch die ganze Stadt meinen Namen und meine Färberei kennt und ich sogar bei dem König in großem Ansehen stehe? Ich meinerseits habe allenthalben nach dir gefragt und meine Sklaven nach dir ausgeschickt, konnte aber nirgends Nachricht von dir erhalten.« Abusir erwiderte: »War ich nicht bei dir? Da behandeltest du mich, als wäre ich ein Dieb.« Abukir stellte sich höchst betrübt und sagte: »So warst du es, den ich für den Spitzbuben hielt, der mir schon so viele Waren gestohlen? Er hat die vollkommenste Ähnlichkeit mit dir, aber warum gabst du dich mir nicht zu erkennen? Darum mußt du mir verzeihen, hättest du nur deinen Namen genannt, so wäre eine solche Verwechslung nicht möglich gewesen.« Abusir erwiderte: »Gräme dich nicht länger, es ist vorüber, es war so von Ewigkeit her über mich verhängt.« – »Und wieso«, fragte Abukir, »bist du zu einer solchen Herrlichkeit gelangt?« Abusir erzählte ihm, wie er, nachdem er gesehen, daß man in der ganzen Stadt noch kein Badehaus besitze, dem König den Vorschlag gemacht, ein solches zu errichten, und wie er dadurch zu großem Ansehen und vielen Reichtümern gelangte. Als Abukir sein Bad genommen hatte, sagte er zu Abusir: »Dein Bad ist sehr schön und bequem eingerichtet, nur etwas fehlt noch!« – »Und das wäre?« fragte Abusir. »Eine Salbe«, antwortete Abukir, »welche die Haare am Körper ausfallen macht; ich will dir sagen, wie diese Salbe zubereitet wird, du kannst sie dann, wenn der König wieder dein Bad besucht, ihm anbieten, er wird dir sehr dankbar dafür sein und dich noch mehr lieben und ehren.« – »Du hast recht«, sagte Abusir, »die darf in einem Bad nicht fehlen; darum will ich sie heute noch zubereiten.« Abukir verließ hierauf seinen Freund, bestieg sein Maultier, ritt in das königliche Schloß und sagte zum König: »Ich habe dir einen Rat zu erteilen, großer König; wisse, daß, wenn du wieder in das neue, hier errichtete Bad gehst, dein Leben gefährdet ist; der Fremde, dem du so viele Wohltaten erwiesen, ist dein Feind und hat dieses Bad aus keiner anderen Absicht errichtet, als um dich zu vergiften; seine Frau und seine Kinder sind als Gefangene bei dem Sultan der Christen, der ihnen ihre Freiheit versprochen, wenn du durch ihn umkommst. Auch ich war bei diesem Sultan als Gefangener, er gewann mich aber wegen meiner Geschicklichkeit in der Färberei so lieb, daß er mich in meine Heimat zurückkehren ließ; Abusir aber wurde zurückgehalten, bis er versprach, dich zu vergiften. Darum hat er hier ein Badehaus errichtet und eine giftige Salbe zubereitet, die er dir gegen die Haare am Körper empfehlen wird; sobald du aber Gebrauch davon machst, wird er entfliehen, um mit seiner Gattin und seinen Kindern in seine Heimat zurückzukehren.« Als der König dies hörte, entbrannte sein Zorn gegen Abusir, und um sich von der Wahrheit zu überzeugen, ritt er sogleich ins Bad. Abusir entkleidete sich, um den König wie gewöhnlich selbst zu bedienen, und als er ihn angeseift und abgewaschen hatte, sagte er: »O König, ich habe eine Salbe verfertigt, die alle häßlichen Haare ohne Schmerz ausrottet, darf ich dich damit einreiben?« Der König antwortete: »Bring sie her!« Als Abusir sie brachte und der König sie sehr übelriechend fand, zweifelte er nicht mehr daran, daß er vergiftet werden sollte; er rief daher seinen Mamelucken zu: »Ergreift diesen Mann und fesselt ihn.« Die Mamelucken vollzogen des Königs Befehl, und niemand wagte es, ihn nach der Ursache seines Zorns gegen Abusir zu fragen. Der König kleidete sich dann wieder an und ging ins Schloß, ließ Abusir vor sich kommen, übergab ihn seinem Schiffer und sagte diesem: »Nimm einen großen Sack, lege zwei Zentner ungelöschten Kalk hinein und stecke diesen Verbrecher dazu; erscheine dann in einem Nachen vor meinem Palast, und auf meinen Wink bindest du den Sack zu und wirfst ihn ins Wasser, damit dieser Übeltäter zugleich verbrenne und ertrinke.« Der Schiffer entfernte sich mit Abusir und fuhr nach seinem Häuschen, welches auf einer kleinen Insel gerade dem Schlosse gegenüber lag. Hier angelangt, sagte er zu Abusir: »Ich erinnere mich der Ehre, die du mir erwiesen, als ich vor einiger Zeit dein Bad besuchte und möchte mich jetzt gern erkenntlich zeigen. Aber sage mir zuerst, was du verbrochen hast, daß der König einen so abscheulichen Tod über dich verhängt?« – »Bei Gott! Ich habe nichts verbrochen«, antwortete Abusir. »Nun«, sagte der Schiffer, »du warst reich und angesehen, gewiß hat dich jemand beneidet und beim König verleumdet; aber so Gott will, sollst du gerettet werden; ich habe die freundliche Aufnahme nicht vergessen, die ich bei dir gefunden, darum will ich dich hier verbergen, bis ein Schiff nach deiner Heimat segelt, statt deiner aber einen großen Stein zum Kalk in den Sack binden, um den König zu täuschen. Doch will ich dir hier ein Netz geben; du mußt während meiner Abwesenheit fischen, denn ich bin heute wegen dieses Vorfalls verhindert worden, und muß doch Fische für die königliche Küche liefern.« Der Fischer fuhr hierauf mit einem Sack voll Kalk und einem großen Stein vor das königliche Schloß und fragte den König, der am Fenster saß, ob er ihn ins Wasser werfen sollte; der König winkte ihm bejahend mit der Hand, ließ aber bei dieser Bewegung seinen Siegelring fallen, durch dessen Zauberkraft er mit einer einfachen Handbewegung jeden Feind töten konnte. Er schwieg aber, denn nur wegen dieses Ringes war er so gefürchtet, und hätte er gesagt, daß ihm sein Ring ins Wasser gefallen, so wäre im Augenblick ein Aufstand gegen ihn ausgebrochen. Abusir fischte inzwischen mit vielem Glück; er hatte kaum sein Netz einige Male ausgeworfen, als er schon einen ganzen Haufen voll Fische vor sich liegen hatte. Da dachte er: Ich will nun, da ich schon lange keine Fische gegessen habe, mir auch einen Fisch backen. Er nahm daher einen großen, fetten Fisch und schnitt ihn mit einem Messer, das er bei sich hatte, auf; aber siehe da! Das Messer blieb im Schlund stecken, denn dieser Fisch hatte den Zauberring des Königs aufgefangen. Abusir nahm den Ring heraus und zog ihn an, ohne dessen Tugenden zu kennen. Da kamen zwei Diener des Leibkochs, um die Fische zu holen, und fragten Abusir nach dem Schiffer; Abusir antwortete: »Ich weiß nicht«, und machte dabei eine kleine Bewegung mit der Hand. Dies genügte, um die beiden Diener leblos hinzustrecken. Abusir war sehr erstaunt, als er beide zugleich hinstürzen sah, und während er über die Ursache ihres plötzlichen Todes nachdachte, kam der Schiffer und sah die beiden Leichen und den Zauberring am Finger Abusirs. Da rief er ihm schnell zu: »Bewege deine Hand nicht, sonst bin ich des Todes, wie diese beiden Diener! Woher hast du den Ring an deinem Finger?« – »Ich habe ihn in einem Fisch gefunden.« – »Wisse, es ist des Königs Zauberring, ich habe gesehen, wie er ihn ins Wasser fallen ließ; jetzt kannst du ohne Furcht wieder mit mir in die Stadt kommen, denn mit einer einzigen Bewegung deines Fingers liegt der Kopf des Königs vor deinen Füßen.« Abusir freute sich sehr, als er dies hörte, stieg wieder in des Schiffers Nachen und ließ sich vor dem königlichen Schloß ausschiffen. Der König saß bestürzt wegen des Verlustes seines Ringes mitten unter seinen Vezieren und Heerführern, und fuhr zusammen, als er Abusir unangemeldet hereintreten sah. »Wie kommst du daher?« fragte der König; »bist du nicht ertrunken?« Abusir antwortete dem König: »Dein Schiffer, dem ich einst einige Dienste im Bade geleistet, hat mich gerettet, weil er wohl einsah, daß ich ein Opfer des Neides werden sollte, und statt meiner einen Stein ins Wasser geworfen. Während dies aber geschah, fischte ich vor seiner Hütte, und als ich einen Fisch für mich backen wollte, fand ich deinen Zauberring darin. Ich komme daher, um dir ihn wiederzugeben, und glaubst du wirklich, daß ich den Tod verdiene, so sage mir nur, was ich verbrochen habe, ich will dann gern meine Strafe tragen.« Als hierauf Abusir den Ring vom Finger nahm und ihn dem König überreichte, umarmte ihn dieser und sagte: »Du bist wohl der beste und rechtschaffenste Mensch auf Erden, kein zweiter hätte mir nach dem, was zwischen uns vorgefallen, den Ring wiedergegeben; verzeihe mir nur das Übel, das ich über dich verhängen wollte.« – »Wenn ich dir verzeihen soll«, sagte Abusir, »so erkläre mir die Ursache deines grausamen Befehls.« – »Bei Gott!« sagte der König, »ich kann nicht mehr an deiner Unschuld zweifeln; ich hätte auch nie einen Verdacht gegen dich gehabt, aber der Färber Abukir hat mich gewarnt und mir gesagt, du wolltest mich vergiften, um die Deinigen aus den Händen des Sultans der Christen zu befreien.« – »Großer König!« rief Abusir, »ich weiß nichts von einem Christenkönig, war nie im Land der Ungläubigen und habe weder Weib noch Kind.« Er erzählte ihm dann, wie der Färber Abukir so verräterisch seit ihrer Abreise von Alexandrien gegen ihn gehandelt hatte, bis er ihm zuletzt den treulosen Rat gab, eine Haarsalbe für den König zu verfertigen. »Aber wisse, o König!« setzte er hinzu, »diese Salbe ist durchaus nicht schädlich und wird bei uns in jedem Bad gebraucht; ich will vor deinen Augen an mir selbst die Beweise davon geben. Auch kannst du, um dich von allem zu überzeugen, den Pförtner des Chans, in welchem ich mit Abukir wohnte, und die Gesellen, von denen er mich schlagen ließ, verhören.« Der König ließ sogleich den Pförtner des Chans, die Gesellen und Abukir selbst, letzteren gefesselt, barfuß und mit entblößtem Haupt vor sich kommen, und da die Aussage Abusirs von dem Pförtner und den Gesellen bestätigt wurde, ließ er Abukir in einen Sack mit Kalk binden und ins Wasser werfen. Abusir aber, dem der König jeden Wunsch zu gewähren versprach, erbat sich ein Schiff, um in seine Heimat zurückzukehren. Der König schenkte ihm ein eigenes Schiff mit Matrosen, die seine Mamelucken wurden, und ließ es mit den kostbarsten Gegenständen anfüllen. Er steuerte nach Alexandrien und als er hier landete, sah einer seiner Mamelucken einen zugebundenen Sack am Ufer liegen und meldete es seinem Herrn, Abusir öffnete den Sack und fand darin den Leichnam Abukirs, welchen das Meer hier ausgeworfen hatte, er zog ihn heraus und ließ ihn beerdigen und ihm einen Grabstein setzen. Abusir überlebte seinen Genossen noch um einige Jahre und als er starb, wurde er neben ihm begraben, und ihre Grabstätte wurde früher »Abukir und Abusir« genannt, später wurde dieser Platz nur »Abukir« genannt. Zeitmond und Morgenstern. Ein sehr reicher Kaufmann – sein Name war Abd Arrahman – hatte einen so schönen Sohn und eine so schöne Tochter, daß er ersteren Zeitmond und letztere Morgenstern nannte. Er fürchtete so sehr die List, den Neid und die Bosheit der Menschen, daß er seine Kinder bis zu ihrem vierzehnten Jahre nicht ausgehen ließ; auch nahm er keinen fremden Lehrer ins Haus, sondern unterrichtete selbst mit seiner Frau seine Kinder im Schönschreiben, Koranlesen, Mathematik und anderen Wissenschaften. Als aber Zeitmond das vierzehnte Jahr erreicht hatte, sagte seine Mutter zu Abd Arrahman: »Wie lange willst du deinen Sohn noch von der Welt trennen? Das geht wohl für ein Mädchen, aber ein Knabe muß unter Menschen leben; drum nimm ihn mit dir auf den Bazar, mache ihn mit deinen Freunden bekannt und lehre ihn den Handel. Wer weiß, ob dir nicht einmal etwas zustößt; läßt du ihn immer zu Hause eingesperrt, so wird ihn niemand als deinen Sohn anerkennen wollen, und nach deinem Tode wird sich die Regierung deine hinterlassenen Reichtümer zueignen; selbst meine Tochter möchte ich nicht länger so abgeschlossen lassen; man soll sie sehen und von ihr sprechen, vielleicht findet sich ein ebenbürtiger junger Mann, der um sie anhält.« Abd Arrahman erwiderte: »Nur meine allzu große Liebe zu meinen Kindern ist die Ursache ihrer Abgeschlossenheit; ich fürchte das böse Auge.« – »Vertraue auf Gott«, versetzte seine Gattin: »Wer unter seinem Schutze steht, hat kein Leid zu fürchten; nimm nur heute deinen Sohn mit!« Abd Arrahman ließ sich überreden und nahm seinen Sohn in einem höchst zierlichen Kleid mit auf den Bazar. Zeitmond war an diesem Tag so reizend, daß, wer ihn sah, bei ihm stehen blieb und ihn küßte. Zu Abd Arrahmans großem Ärger drängten sich immer mehr Leute zu ihm; der eine rief: »Heute ist eine neue Sonne auf dem Bazar aufgegangen;« der andere: »Heute hat sich neuer Mond gezeigt.« Abd Arrahman vermochte nichts gegen die Lobpreisungen des Volks und verwünschte nur immer seine Gattin, welche ihn beredet hatte, Zeitmond mitzunehmen. Unter den vielen Leuten, welche Zeitmond bewunderten, war auch ein reisender Derwisch, welcher den Jüngling lange betrachtete und viele Verse rezitierte; dann näherte er sich Zeitmond und schenkte ihm einige Blumen. Abd Arrahman griff in die Tasche und gab ihm, in der Hoffnung, ihn dadurch zu entfernen, einige Drachmen; aber der Derwisch setzte sich auf den erhöhten Platz des Ladens vor Zeitmond hin, hörte nicht auf, ihn anzusehen und dabei zu seufzen und zu weinen. Alle Leute hefteten mit Erstaunen ihre Augen auf ihn; die einen riefen: »Kein Derwisch taugt etwas!« die andern: »Der Derwisch ist sterblich verliebt in den Knaben!« Abd Arrahman aber ärgerte sich so sehr darüber, daß er zu seinem Sohne sagte: »Komm, wir wollen den Laden schließen und nach Hause gehen, wir haben für heute genug gehandelt.« Dann hieß er den Derwisch aufstehen, schloß den Laden und ging nach Hause. Aber der Derwisch folgte Abd Arrahman mit vielen Leuten bis vor seine Haustür. Da wendete er sich um und fragte ihn: »Was willst du, Derwisch, und warum weinst du so?« Er antwortete: »Ich möchte diese Nacht dein Gast sein; nimm mich auf, denn ich bin ein Gast Gottes!« – »Du bist mir willkommen!« antwortete Abd Arrahman, dachte aber bei sich: Ich werde aufpassen, und erlaubt er sich die geringste Unanständigkeit gegen meinen Sohn, so bringe ich ihn um. Er führte ihn in ein Gemach, hieß Zeitmond ihm Gesellschaft leisten, sagte ihm aber vorher: »Setze dich neben den Derwisch und scherze mit ihm; Ich werde durch die Öffnung von oben herunter zusehen und ihn töten, wenn er dir zu nahe tritt.« Der Derwisch hörte nicht auf, zu weinen und Zeitmond anzusehen, ohne ihn jedoch zu berühren, bis das Nachtessen aufgetragen wurde. Einige Zeit nach dem Essen ging Abd Arrahman weg und sagte seinem Sohn: »Schlafe du beim Derwisch, vielleicht bedarf er deiner in der Nacht.« Als aber der Derwisch für dieses Anerbieten dankte und beteuerte, er schlafe immer ganz ruhig nach dem Gebet, war Abd Arrahman überzeugt, daß er ihm durch seinen Verdacht sehr Unrecht getan. Am folgenden Morgen bat er den Derwisch, ihm doch zu sagen, warum er seinen Sohn stets mit Tränen in, den Augen angesehen. Nach einigem Zögern begann der Derwisch: »Wisse, ich kam letzten Freitag des Morgens nach Baßrah, da fand ich alle Läden geöffnet, ohne daß sich ein Mensch sehen ließ; auch zeigte sich in keiner Straße weder eine Katze noch ein Hund; vor den Bäckerläden lag frisches Brot, in den Kaffeehäusern stand die Kaffeepfanne auf den Kohlen, und in den Trinkhäusern waren die Tische mit Sorbetten gefüllt, aber nirgends war eine lebende Seele anzutreffen. Ich aß und trank, soviel ich Lust hatte, und dachte: Sonderbar, wo sind wohl die Bewohner dieser Stadt mit ihren Hunden und ihren Katzen hingekommen? Es ist, als wäre auf einmal alles ausgestorben oder in der größten Angst entlaufen, ohne sich Zeit zu nehmen, die Läden zu schließen. Während ich so über diese wunderbare Erscheinung nachdachte, hörte ich auf einmal eine Trommel schlagen; da fürchtete ich mich und verbarg mich schnell in einem Haus, wo ich durch eine Wandritze auf die Straße sehen konnte. Ich hatte mich kaum zurückgezogen, da sah ich vierzig Paar Mädchen ganz unverschleiert vorüberziehen; dann folgte eine Dame zu Pferd, ebenfalls unverschleiert, welche so schön war, daß ich vor Liebe fast wahnsinnig wurde; das Pferd konnte kaum die Füße bewegen, so schwer war es und die Dame, die es trug, mit Gold, Silber und Edelsteinen beladen; zu ihren beiden Seiten, vor und hinter ihr ritten Mädchen mit gezogenen Schwertern, deren Griff von Smaragd war. Als die Dame mir gegenüber war, hielt sie still und sagte zu den Mädchen: Ich höre hier im Laden ein Geräusch; seht einmal nach, ob sich nicht ein Mann darin verborgen hat, um uns unverschleiert zu sehen. Die Mädchen gingen in den Laden, gerade dem Haus, in welchem ich verborgen war, gegenüber, und kamen eine Weile darauf mit einem Mann heraus, dem sie auf den Befehl der Dame den Kopf abschlugen, der auf der Straße liegen blieb. Ich fing an, für mein Leben zu zittern, doch konnte ich meinen Blick nicht von der Dame entfernen, die zu meinem Glück, ohne mich zu bemerken, vorüberzog. Als sie eine Weile vorüber war, kehrten alle Leute wieder zu ihren Geschäften zurück; ich erkundigte mich nach der schönen Dame, aber niemand konnte mir Auskunft über sie geben. So verließ ich Baßrah mit einer feurigen, hoffnungslosen Liebe im Herzen, welche durch die große Ähnlichkeit, die dein Sohn mit meiner Geliebten hat, wieder frische Tränen meinen Augen entlockte.« Zeitmond, welcher diese Erzählung mit anhörte, beschäftigte sich so sehr mit der Dame, welche den Derwisch so entflammte, daß er die ganze Nacht nicht schlafen konnte und am folgenden Morgen seinen Vater bat, ihn gleich anderen Kaufmannssöhnen mit Waren auf Reisen zu schicken. Abd Arrahman sagte ihm: »Andere Kaufleute schicken ihre Söhne mit Waren von der Heimat weg, um mehr Geld zu gewinnen; ich bin aber so reich und genügsam, daß ich dessen nicht bedarf. Wie könnte ich übrigens die Trennung von dir ertragen, da ich keine Stunde ohne dich leben kann? Auch wäre ich wegen deiner ausgezeichneten Schönheit schon allzu sehr besorgt für dich.« Zeitmond erwiderte aber: »O Vater, ich muß einmal reisen, und wenn du mir keine Waren gibst, so entfliehe ich so.« Als Abd Arrahman dies hörte, sprach er mit seiner Gattin darüber, welche ihm sehr zuredete, Zeitmond wie andere Kaufmannssöhne reisen zu lassen. Er ließ ihm daher für neunzigtausend Dinare Waren zusammenpacken, und seine Gattin gab ihm noch vierzig Edelsteine, von denen der geringste fünfhundert Dinare wert war, mit denen er sich bald auf den Weg nach Baßrah machte. Die ganze Reise lief glücklich ab, bis er nur noch einige Meilen weit von Baßrah war, da wurde er von einem räuberischen Beduinenstamm überfallen, die ganze Karawane wurde ausgeplündert, seine Leute wurden getötet und er selbst wurde von den Räubern für tot gehalten. Als sie sich aber mit ihrem Raub entfernt hatten, machte er sich auf und ging, Gott für seine Rettung und die Erhaltung seiner Edelsteine, welche er in einem Gürtel auf dem Leib trug, dankend, in die Stadt. Es war auch an einem Freitag, und er fand die Stadt in demselben Zustand, wie der Derwisch sie ihm beschrieben hatte; bald kam auch der Mädchenzug, welchen er aus dem Winkel eines Ladens, in welchem er sich schnell verbarg, sehen konnte, und auch seiner bemächtigte sich eine glühende Liebe zur Dame, welche zu Pferd war. Als der Zug vorüber war und die Leute wieder auf die Straße und in ihre Läden kamen, ging Zeitmond auf den Bazar der Juweliere und verkaufte einen der vierzig Edelsteine, welche ihm seine Mutter gegeben, kaufte sich schöne Kleider, ging ins Bad und von da zu einem Barbier, um sich den Kopf rasieren zu lassen. Diesem erzählte er, wie er bei seiner Ankunft die ganze Stadt leer gefunden und bald darauf einen Zug Mädchen gesehen habe, von denen besonders eine zu Pferd wegen ihrer ausgezeichneten Schönheit einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. »Mein Sohn«, rief der Barbier erschrocken, »hüte dich, mit irgend jemandem darüber zu sprechen, denn nicht alle Leute sind so verschwiegen wie ich; wie leicht könnte zuletzt die Dame erfahren, daß du sie unverschleiert gesehen, und dich umbringen lassen. Denn wisse, daß du der erste bist, der diesen Zug gesehen hat; die Bewohner Baßrahs ziehen sich jeden Freitag zu dieser Stunde in ihre Moscheen zurück und schließen vorher ihre Hunde und Katzen ein, so daß die Straßen ganz leer sind. Warum aber all dies geschieht, weiß ich selbst nicht; ich will einmal diesen Abend es versuchen, etwas Näheres bei meiner Frau darüber zu hören, denn sie kommt in die vornehmsten Häuser und weiß alle Stadtneuigkeiten; morgen will ich dir dann alles wieder erzählen.« Zeitmond nahm eine Handvoll Gold aus der Tasche und gab es dem Barbier für seine Frau, dann eine zweite für ihn selbst. Als der Barbier das viele Gold sah, sagte er zu Zeitmond: »Ich will sogleich nach Hause gehen und meine Frau um Auskunft über den sonderbaren Zug der Mädchen bitten; bleibe du einstweilen hier in meinem Laden, bis ich wiederkehre.« Nach einer Weile kam der Barbier wieder zu Zeitmond und sagte ihm: »Meine Frau läßt dich grüßen und bittet dich, selbst zu ihr zu kommen; sie wird alles aufbieten, um dir in deinem Anliegen behilflich zu sein.« Zeitmond ging mit dem Barbier und wurde von dessen Gattin sehr freundlich aufgenommen. Er schenkte ihr wieder hundert Dinare und bat sie, ihm zu sagen, wer die schöne Dame war, welche hinter den vielen Sklavinnen ritt, und was überhaupt dieser ganze Zug bedeute. Da sagte sie: »Wisse, mein Sohn, der König von Indien hat dem Sultan von Baßrah eine so außerordentlich schöne Perle geschenkt, daß dieser sogleich alle Juweliere aus der Stadt kommen ließ und sie fragte, wer diese Perle durchlöchern wollte, ohne sie im mindesten zu beschädigen. Wer dies vermag, sagte der Sultan, der darf wünschen, was er will, es soll ihm nichts versagt werden; wer aber etwas daran verletzt, soll getötet werden. »Kein einziger Juwelier wagte es, diese Arbeit unter solchen Bedingungen zu übernehmen; sie sagten daher dem Sultan: So sicher ist niemand in seiner Arbeit, als unser Vorgesetzter Abid; der allein kann ohne Gefahr eine solche Perle durchlöchern. Der Sultan ließ Abid rufen und übergab ihm die Perle, und als er sie unbeschädigt wiederbrachte, sagte ihm der Sultan: Nun, welchen Lohn erbittest du dir? – Ich werde es morgen dem Sultan sagen, antwortete Abid; ich will einmal zuerst mit meiner Gattin mich darüber beraten; denn er liebt sie so sehr, daß er nichts ohne sie tut; sie verdient auch wohl eine solche Liebe, denn sie ist die Dame zu Pferd, die dir so gut gefällt. »Als Abid seine Gattin fragte, was er vom Sultan fordern sollte, sagte sie ihm: Da uns gar nichts fehlt, so bitte den Sultan, er soll ausrufen lassen, daß jeden Freitag zwei Stunden vor dem Gebet sich alle Bewohner der Stadt in die Moschee zurückziehen sollen, damit ich mit meinen Mädchen unverschleiert ausreiten könne; daß, wer sich aber an einem Fenster oder auf der Straße blicken lasse, meinem Schwert verfalle. Abid begab sich am folgenden Tag wieder zum Sultan und trug ihm seinen Wunsch vor, den ihm auch der König, seinem Versprechen gemäß gewährte. Da aber die Leute fürchten, Hunde und Katzen möchten ihnen ihre Waren in den offenen Läden verderben, sperren sie auch diese Tiere ein, ehe sie in die Moschee gehen. Nun weißt du«, fuhr die Gattin des Barbiers fort, »wer diese Dame ist; willst du aber mit ihr bekannt werden, so sage mir, ob du nicht etwa einige Kostbarkeiten bei dir hast.« – »O ja«, erwiderte Zeitmond, »ich habe allerlei Edelsteine bei mir, von fünfhundert bis tausend Dinaren das Stück.« – »Gut«, versetzte die Frau des Barbiers, »wenn du einige derselben zu opfern bereit bist, so kannst du zu deinem Ziel gelangen. Geh' einmal zuerst mit einem Stein, welcher fünfhundert Dinare wert ist, zu Scheich Abid, dem Obersten der Juweliere, und sagte ihm, er soll dir einen Siegelring daraus machen; du gibst ihm sogleich zwanzig Dinare Arbeitslohn und jedem seiner Gesellen einen Dinar, bleibst eine Weile bei ihm sitzen und unterhältst dich mit ihm; kommt ein Bettler, so schenke ihm einen Dinar; zeige dich überhaupt recht freigebig, damit alle Leute im Hause dich lieb gewinnen. Dann komme morgen wieder mit hundert Dinaren zu mir, da wollen wir das Weitere beraten.« Zeitmond befolgte genau den ihm erteilten Rat, und Abid war so für ihn eingenommen, daß er den Edelstein mit nach Hause nahm, um ihn selbst nach Zeitmonds Wunsch zu schleifen. Dies tat er nur bei Arbeiten, an denen ihm sehr viel gelegen war und die er allein verrichtete, damit keiner seiner Gesellen es absehe und anderen Meistem verrate. Als er an dem Siegelring arbeitete, kam seine Frau in die Werkstätte und fragte ihn, wem dieser Ring gehöre, der eines Königs würdig wäre. »Er gehört einem fremden Kaufmannssohn«, antwortete Abid, »der ebenso schön und wohlgebildet ist, als edel und freigebig; wenn ich nicht fürchtete, dich zu beleidigen, so würde ich sagen, er ist noch tausendmal schöner als du.« Abid fuhr dann wie ein recht einfältiger Gatte, fort, Zeitmond solange zu loben, bis seine Gattin sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlte. Als der Ring fertig war, ergriff sie ihn und legte ihn an, und da er ihr gerade paßte, sagte sie zu Abid: »Der Ring gefällt mir so gut, daß ich ihn für mich behalte, ich nehme ihn nicht mehr vom Finger.« – »Habe Geduld«, erwiderte Abid, »der Jüngling ist sehr edel, vielleicht verkauft er mir ihn, oder vielleicht hat er noch einen ähnlichen Stein, den ich dann für dich herrichte.« Am folgenden Morgen begab sich Zeitmond zum Barbier, schenkte ihm wieder hundert Dinare und bat seine Frau um weitere Verhaltungsmaßregeln. »Wenn dir heute Abid den Ring bringt«, sagte des Barbiers Frau, »so tue, als wenn du ihn anziehen wolltest, und sagte, er sei dir zu eng; wenn er ihn dir dann erweitern will, so sage: Lasse ihn, wie er ist: schenke ihn einer deiner Sklavinnen und mache mir einen anderen aus einem besseren Stein. Du gibst ihm dann einen Edelstein, welcher siebenhundert Dinare wert ist, bezahlst ihm dreißig Dinare für den Siegelstecher voraus und schenkst jedem Arbeiter zwei Dinare. Morgen komme dann wieder mit zweihundert Dinaren zu mir, da will ich dir sagen, was du ferner zu tun hast.« Zeitmond begab sich hierauf in den Laden Abids und tat, wie ihm des Barbiers Frau geraten. Abid konnte eine solche Freigebigkeit gar nicht fassen; freudig ging er nach Hause, gab seiner Frau Zeitmonds Ring und erzählte ihr, wie edel sich Zeitmond gegen ihn benommen. »Dieser Jüngling«, fuhr er dann fort, »kann unmöglich ein Kaufmannssohn sein; er ist gewiß irgendein fremder Prinz.« Hierauf zog er dann den zweiten Stein aus der Tasche und arbeitete daran, bis der Ring fertig war. Seine Gattin zog ihn wieder an und wünschte auch diesen zu behalten; aber Abid sagte ihr: »Habe Geduld, vielleicht verkauft er mir ihn.« Am dritten Tag, als Zeitmond wieder zum Barbier mit zweihundert Dinaren kam, sagte ihm dessen Frau: »Wenn Abid dir heute den zweiten Ring bringt, so sage, er sei dir zu weit, er solle dir, um nicht wieder zu irren, das Maß nehmen; schenke ihm auch den zweiten Ring für eine seiner Sklavinnen und gib ihm einen Edelstein, welcher tausend Dinare wert ist, vierzig Dinare für den Siegelstecher und drei Dinare für jeden Arbeiter. Komme dann morgen wieder zu mir mit dreihundert Dinaren, ich werde dich bald ans Ziel führen,« Zeitmond befolgte wieder pünktlich, was ihm des Barbiers Frau geraten, Als daher Abid wieder zu seiner Gattin kam, konnte er gar nicht aufhören, seine Freigebigkeit und sein edles Benehmen zu loben; auch von seinen äußeren Reizen sprach er wieder so viel, daß seine Gattin ihm sagte: »Wenn dieser Jüngling wirklich so ist, wie du ihn schilderst, warum hast du ihn nicht auf diesen Abend eingeladen? Eine solche Ehre verdient doch wohl ein Mann, der dir zwei so kostbare Ringe schenkt? Lade ihn nur morgen ein, und wenn er es nicht annehmen will, so schwöre bei deinem Haupt und bei deinen Augen, bis er dir zu kommen verspricht.« Zeitmond kam diese Einladung nicht unerwartet, denn schon hatte die Frau des Barbiers gesagt, daß Abid ihn wahrscheinlich einladen werden und daß er natürlich seine Einladung nicht abschlagen dürfe. Abids Gattin stand hinter ihrem Gitter, als Zeitmond zum Abendessen kam, und der Blick, den sie auf ihn warf, überzeugte sie, daß ihr Gatte in seinem Lob noch sehr bescheiden war. Als daher die, Mahlzeit vorüber war und eine Sklavin den beiden Männern Kaffee bringen sollte, mischte sie einen Schlaftrunk hinein, so daß sie gleich darauf in einen tiefen Schlaf versanken. Sie ging dann in das Gemach, in welchem die Männer waren, umarmte Zeitmond und küßte ihn so viel, daß er beim Erwachen des anderen Morgens im ganzen Gesicht rote und blaue Flecken hatte. Als er sich bei Abid darüber beklagte, sagte er ihm: »Das kommt von den Schnaken, die fallen stets die jungen, glattwangigen Gäste an, welche bei mir schlafen, bärtigen Männern wie ich aber tun sie nichts.« Nachdem Zeitmond auch noch bei Abid gefrühstückt hatte, begab er sich zur Frau des Barbiers, welcher sogleich sein verküßtes Gesicht auffiel. Sie fragte ihn: »Nun, wie hast du die Nacht zugebracht? Bist du am Ziel deiner Wünsche? Erzähle mir doch, was du gesehenl« – »Ich habe gar nichts gesehen«, antwortete Zeitmond; »ich habe mit Abid allein zu Nacht gegessen, dann schliefen wir bis diesen Morgen.« – »Und was hast du denn an deinen Wangen und Lippen?« fragte lachend des Barbiers Frau. – »Die Schnaken haben mich so gestochen diese Nacht.« – »Und sonst ist dir gar nichts aufgefallen?« fragte sie ferner. – »O ja«, antwortete Zeitmond; »ich fand diesen Morgen einiges Spielzeug in meinen Taschen und weiß nicht, wo es herkommt.« – »Nun«, fragte die Ratgeberin, »ich will dir sagen, was das bedeutet. Deine Geliebte hat dich diese Nacht im Schlaf besucht und dir damit angedeutet, daß du noch ein Kind bist und nicht viel von Liebe verstehst, sonst würdest du nicht schlafen; drum bleibe das nächste Mal wach, denn ich bin es überzeugt, sie wird ihren Gatten bewegen, dich noch einmal einzuladen; ist dies der Fall, so komme morgen wieder zu mir mit fünfhundert Dinaren. Du bist nun deinem Ziel sehr nahe.« Die Frau des Barbiers hatte sich nicht getäuscht, denn kaum war Zeitmond aus Abids Hause weggegangen, als er zu seiner Gattin ging und ihr sagte, wie sein Gast so von Schnaken geplagt wurde, daß er sich schäme. »So geht es allen Gästen«, erwiderte sie, »welche in diesem Saal schlafen; darum lade ihn auf heute Abend wieder ein, vielleicht kann er in einem anderen Gemache besser schlafen.« Abid widersprach seiner Frau nicht, und auch diese Nacht verging wieder wie die vorige, nur daß Zeitmond diesmal beim Erwachen statt des Spielzeugs ein Messer in seiner Tasche fand. Er begab sich daher nach dem Frühstück wieder zu seiner Alten und erzählte ihr, wie die Nacht gelaufen, und wie er trotz aller seiner Anstrengung doch, sobald er den Kaffee getrunken hatte, sich nicht mehr wach halten konnte. Gott stehe dir bei«, sagte die Alte, »wenn du diesen Abend wieder eingeladen wirst und einschläfst, denn durch das Messer bedroht dich deine Geliebte mit dem Tod. Wenn dir also dein Leben teuer ist, so trinke keinen Kaffee, denn dieser scheint mit einem einschläfernden Getränk vermischt zu sein.« Auch diesmal sagte die Frau des Juweliers zu ihrem Mann, nachdem Zeitmond sich entfernt hatte: »Es ist Sitte, einen Gast drei Tage lang zu bewirten, darum lade auch heute noch den jungen Kaufmann ein.« Der Juwelier eilte in Zeitmonds Wohnung und beschwor ihn, auch diese Nacht noch sein Gast zu sein, was er auch nicht ablehnte. Es wurde wie in den beiden ersten Nächten gespeist und gebetet; als aber nach der Mahlzeit die Sklavin den Kaffee brachte, sagte ihr Zeitmond: »Gib mir ein wenig Wasser, ich habe Durst.« Während sie aber ging, um den Wasserkrug zu holen und der Juwelier seinen Kaffee schlürfte, goß Zeitmond den seinigen aus, stellte sich aber, um seine Geliebte zu täuschen, als schliefe er, bis sie mit einem Messer auf ihn zukam. Da sprang er lachend auf und umarmte sie. »Du hast gewiß eine schlaue Ratgeberin«, sagte die Frau des Juweliers, »denn so viel List ist nicht deinem jungen Gehirn entsprungen; weiter als bis zu einer so kurzen Vereinigung reicht aber gewiß auch ihr Verstand nicht. Mir genügt aber weder eine Nacht, noch ein Monat, noch ein Jahr deiner Nähe; ich muß dich für immer besitzen, ich muß von meinem Mann geschieden werden und dir noch sein ganzes Vermögen verschaffen, folge nur meinem Rat.« Abids Gattin sagte weiter zu Zeitmond: »Wenn mein Gatte dich wieder einladet, so danke ihm und sage, du möchtest ihn nicht länger von seinem Harem trennen, du müßtest gewiß auf diese Weise ihm und seinem Harem zur Last werden; will er häufig in deiner Gesellschaft sein, so miete er dir eine Wohnung in seiner Nähe, damit du zu jeder Stunde in der Nacht noch in dein Haus geben könntest. Überbringt mir dann mein Gatte«, fuhr die Frau fort, »deine Antwort, so rate ich ihm, unserem Nachbarn aufzukündigen und seine Wohnung dir einzuräumen, und bist du einmal unser Nachbar, so wird mir Gott schon ferner beistehen.« Nach dieser Unterredung küßten und umarmten sie sich, bis der Tag heranbrach, dann entfernte sich die Frau und die Sklavin weckte Abid, welcher sich freute, als Zeitmond ihm sagte, er sei diese Nacht nicht von Schnaken beunruhigt worden. Als des Abends Abid wieder zu Zeitmond kam, um ihn abzuholen, sagte dieser, was Abids Gattin ihm geraten, und Abid bat ihn, nur diese Nacht noch bei ihm zuzubringen, morgen wolle er ihm eine Wohnung in seiner Nähe mieten. Diese Nacht verging wieder, wie die vorige, Abid lag wie eine Leiche hingestreckt, während dessen Gattin mit Zeitmond sich aufs zärtlichste unterhielt. Am folgenden Morgen wurde dem Nachbar aufgekündet und Zeitmonds Effekten in dessen Haus gebracht. Abids Gattin ließ dann, während ihr Gatte ausgegangen war, einen geschickten Baumeister kommen und bot ihm so viel Geld, bis er sich dazu verstand, einen geheimen Gang in das nachbarliche Haus anzubringen. Sobald er vollendet war, begab sie sich zu Zeitmond, so oft ihr Gatte auf dem Bazar oder eingeschlafen war, und schleppte ihm auch nach und nach viel Geld und wertvolle Gegenstände zu. Nach einigen Tagen brachte sie ihm ein Messer, das ihr Gatte selbst verfertigt hatte und das über fünfhundert Dinare wert war, und sagte ihm: »Geh' damit auf den Bazar zu meinem Gatten, erzähle ihm, du habest dieses Messer für dreihundert Dinare gekauft und möchtest wissen, ob es nicht zu teuer ist. Fragt er dich, von wem du es gekauft hast, so sage, von einem jungen Mann, welcher dir erzählte, seine Geliebte habe es ihm geschenkt. Sobald du ihm aber das Messer gezeigt hast, gehst du damit wieder nach Hause und gibst mir es an der geheimen Tür, wo ich dich erwarten will.« Zeitmond tat, wie seine Geliebte wünschte; Abid, welcher sogleich sein Messer erkannte und es doch nicht zu sagen wagte, wurde so bestürzt, daß er Zeitmond kaum zu antworten imstande war, er hatte auch keine Ruhe mehr im Laden, sondern wollte, um jeden Zweifel zu tilgen, nach Hause gehen und sehen, ob sein Messer noch an seinem Platz sei. Aber schon war Zeitmond vor ihm zu Hause und gab seiner Gattin das Messer zurück. Als daher Abid es forderte, übergab sie es ihm und fragte ihn, was er damit wolle und warum er so angegriffen aussehe, er werde doch wohl niemanden umbringen wollen? »Zeige mir nur das Messer, ich schwöre dir, daß ich niemandem etwas damit zuleide tue.« Da holte sie das Messer aus der Kiste, er betrachtete es auf allen Seiten und rief. »Bei Gott, sonderbar«, und gab es ihr wieder zurück. Dann beschwor sie ihn, ihr zu sagen, was das bedeute; und als er ihr erzählte, was sie wohl wußte, stellte sie sich beleidigt und sagte, »Du konntest also meine Treue bezweifeln und dazu noch glauben, ich verschenke meinem Liebhaber, was dir gehört?« Abid entschuldigte sich auf alle mögliche Weise, bis sie sich wieder besänftigte. Am folgenden Tag, als er wieder auf dem Bazar war, brachte sie Zeitmond ihres Gatten Uhr, welche siebenhundert Dinare wert war, denn er hatte sie selbst mit den feinsten Steinen verziert, und sagte ihm: »Geh zu Abid und erzähle ihm, du habest von demselben jungen Mann, der dir das Messer verkauft hat, auch diese Uhr gekauft und frage ihn, ob sie nicht für fünfundachtzig Dinare zu teuer sei, dann bringe mir sie schnell wieder.« Zeitmond befolgte treulich den Befehl seiner Geliebten, und als Abid seine Uhr sah, dergleichen gar kein anderer Meister je verfertigt hatte, stiegen neue Zweifel gegen seine Gattin in ihm auf, er eilte schnell nach Hause und fragte ganz atemlos nach seiner Uhr. Seine Frau, welcher sie Zeitmond schon wieder zurückgebracht hatte, überreichte sie ihm und fragte, was er auf einmal damit wolle, und als er ihr gestand, daß er sie im Verdacht hatte, weil er sie bei Zeitmond gesehen, überschüttete sie ihn wieder mit Vorwürfen über sein Mißtrauen und sagte: Wäre also die Uhr oder das Messer aus unserem Haus entwendet worden, so müßte ich sie meinem Geliebten geschenkt haben? Wenn du so fortfährst, werde ich weder deine Speise, noch dein Getränk mehr mit dir teilen und dich in der Tat hassen.« Abid tat, was er konnte, um seine Gattin wieder zufriedenzustellen, und ging wieder auf den Bazar. Des Abends, als er allein nach Hause kam, fragte ihn seine Gattin, ob die Freundschaft zwischen ihm und Zeitmond schon erkaltet sei, daß er ihn nicht mitgebracht? Er antwortete: »Ich hasse ihn, weil er die Veranlassung zu meinem ungerechten Verdacht gegen dich war.« – »Hole ihn nur«, sagte seine Gattin, »du bist es meiner Ehre schuldig.« Abid ging zu Zeitmond und fiel fast in Ohnmacht, als er vieles, was ihm gehörte, in dessen Zimmer umherliegen sah; indessen wagte er es nicht, ein Wort zu sagen, und bat ihn, den Abend wieder bei ihm zuzubringen. Zeitmond mußte bei Tisch allein das Gespräch unterhalten, denn Abid war so tief ergriffen, daß er nicht viel Worte hatte. Nach dem Abendessen wurde wieder der Kaffee gebracht, worauf Abid in einen tiefen Schlaf versank, während Zeitmond die Nacht mit dessen Gattin durchwachte. Nachdem Abids Gattin Zeitmond genug geküßt hatte, sagte sie ihm: »Morgen werde ich mich als Sklavin verkleiden, das kann ich sehr gut, denn ich war ja einst Sklavin, du führst mich dann zu Abid und sagst, du habest mich auf dem Sklavenmarkt für tausend Dinare gekauft, er möchte sehen, ob du nicht zu viel für mich gegeben. Wenn er mich unverschleiert gesehen hat, so führst du mich wieder in dein Haus, aus welchem ich mich sogleich in meine Wohnung begebe; ich will einmal sehen, wie Abid sich dabei benehmen wird; diese List führt uns am schnellsten zu unserm Ziele.« Abid wurde fast wahnsinnig, als er die Sklavin betrachtete und sie als seine Frau erkannte, und den Schmuck an ihr sah, welchen er ihr selbst geschenkt hatte, sogar seine Ringe an den Fingern hatte, die er nicht mit anderen verwechseln konnte; noch größer war seine Verzweiflung, als er sie nach ihrem Namen fragte, und sie ihren wahren Namen, Halimah, nannte. In aller Eile schloß er den Laden und ging nach Hause, um zu sehen, ob seine Gattin zu Hause sei, aber als er in seine Wohnung trat, saß sie schon wieder ruhig da mit demselben Schmuck, den er bei ihr als Sklavin gesehen. Voller Verwunderung rief er: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« – »Was ist dir wieder?« fragte ihn seine schlaue Gattin, »du siehst ja aus, als hättest du den Verstand verloren.« Abid erzählte ihr, wie er geglaubt habe, sie als Zeitmonds Sklavin auf dem Bazar zu sehen. »Und warst du es nicht«, setzte er hinzu, »so hat diese Sklavin die größte Ähnlichkeit mit dir, nicht nur ihr Wuchs und Gesicht sind ganz dem deinigen gleich, sondern sie trägt auch denselben Halsschmuck und dieselben Ringe wie du.« – »Wenn du noch einigen Verdacht hast«, entgegnete Halimah, »und etwa glaubst, ich wolle dich zum besten haben, so will ich hier in meinem Zimmer bleiben, eile du zu Zeitmond: findest du dieselbe Sklavin wieder bei ihm, so hat sie eben die auffallendste Ähnlichkeit mit mir – (Gepriesen sei der, dem nichts zu vergleichen ist!) – findest du sie aber nicht bei ihm, so will ich jene Sklavin gewesen sein, die du auf dem Bazar gesehen.« Abid beteuerte zwar, er habe nicht den mindesten Verdacht mehr, ließ sich aber von Halimah überreden, sich durch einen plötzlichen Besuch bei Zeitmond noch näher von seinem Irrtum zu überzeugen. Ehe er aber zu seiner Haustür hinaus war und an der Zeitmonds klopfte, war Halimah durch den geheimen Gang schon bei diesem und benachrichtigte ihn von allem, so daß Abid wirklich an eine vollkommene Ähnlichkeit zwischen seiner Gattin und Zeitmonds Sklavin glaubte und sich bei Halimah, welche wieder vor ihm in ihr Haus zurückgekehrt war, vielmals entschuldigte. Als er hierauf wieder in seinen Laden ging, begab sich Halimah zu Zeitmond mit vier Beuteln voll Gold und sagte ihm: »Jetzt bereite alles zur Reise vor, in einigen Tagen müssen wir diese Stadt verlassen und in deine Heimat reisen, denn ich sehe, daß trotz aller Efersucht er mich doch immer mehr liebt und sich nicht scheiden laßt. Schaffe zuerst all dein Geld und deine anderen wertvollen Gegenstände fort, die ich dir gebracht; dann gehe zu meinem Gatten, melde ihm deine Abreise und frage ihn, was du für die Hausmiete schuldig bist, dann komme wieder zu mir.« Abid war sehr betrübt über Zeitmonds Abreise, und vom Augenblick an, wo er Nachricht davon erhielt, verließ er Zeitmond keinen Augenblick mehr, und stets fand er seine Gattin als Sklavin bei ihm, wenn er auch einen Augenblick vorher sie in seinem Haus gesehen hatte. Als Zeitmond alle Vorkehrungen zur Abreise getroffen hatte, sagte ihm Halimah: »Du hast nun alles, was meinem Mann gehört; es bleibt ihm nur noch eine Sklavin, die ich ihm aber auch nicht lassen will; ich werde mich daher unzufrieden mit ihr stellen und ihn nötigen, sie zu verkaufen; du kaufst sie ihm ab und wir nehmen sie auch mit, denn sie ist meine Vertraute und hat mir stets mit vieler Treue und Anhänglichkeit gedient.« Da auch diese List gelang, so wurde es der schlauen Frau möglich, mit ihrem Geliebten und ihrer Sklavin abzureisen, ohne daß ihr Gatte, der Zeitmond noch eine Strecke weit begleitete, auch nur eine Ahnung von ihrer Flucht hatte, denn als er sein Haus verließ, saß sie noch ruhig in ihrem Gemach, und schon saß sie in Zeitmonds Hof auf dem Dromedar, als Abid zu ihm kam. Erst als Abid von Zeitmond Abschied genommen hatte, um nach Hause zurückzukehren, fürchtete Halimah, er möchte, wenn er sie nicht zu Hause fände, ihr nachsetzen; darum schlug sie mit Zeitmond einen anderen Weg ein und blieb mit ihm auf unbefahrenen Straßen, bis sie die Grenzen Ägyptens erreichten. Hier schickte Zeitmond einen Boten voraus an seinen Vater, welchem er seit seiner Abreise keine Nachricht von sich gegeben hatte, und der daher ein höchst betrübtes Leben führte. Er war außer sich vor Freude, als er seines Sohnes Rückkehr vernahm, und ging ihm mit vielen Kaufleuten entgegen. Nachdem er seinen Sohn umarmt und geküßt hatte, fragte er ihn, woher er die schöne Sklavin habe, welche mit Ihm gekommen. »Sie ist keine Sklavin«, antwortete Zeitmond, »sie ist meine Geliebte, die schöne Dame, um derentwillen ich nach dem Bild, welches der Derwisch von ihr entwarf, meine Heimat verlassen.« Er erzählte ihm dann, als er allein mit ihm war, alle seine Abenteuer vom Tag seiner Abreise an und teilte ihm seinen Entschluß mit, Halimah für seine Gattin auszugeben. Da sagte Abd Arrahman: »Wenn du das tust, so werde ich dir nie mehr gut sein; bedenke, daß sie einst ebenso gegen dich verfahren kann, wie gegen ihren ersten Gatten. Sie ist eine Verräterin, und verdient daher kein Vertrauen. Gehorche mir, ich will dir eine tugendhafte Frau aus angesehener Familie verschaffen, die noch schöner sein wird, als Halimah, und mir und dir Ehre macht; es ist besser, als daß man sage: Zeitmond hat ein Mädchen aus niederer, unbekannter Familie geheiratet.« So fuhr Abd Arrahman fort, seinen Sohn zu umarmen und ihm allerlei Verse und Anekdoten von lasterhaften Frauen zu erzählen, bis er in eine Trennung von Halimah willigte und seinem Vater erlaubte, eine andere Frau für ihn zu werben. Letzterer ließ sogleich Halimah und ihre Sklavin in ein abgelegenes Haus bringen und gestattete nur einem Schwarzen den Zugang zu ihnen, um sie mit den nötigen Lebensbedürfnissen zu versehen. Für seinen Sohn aber ließ er um die Tochter des Scheich El Islam werben, welches das schönste Mädchen ihrer Zeit war und welche ihm auch seines Ansehens und seiner Reichtümer willen nicht versagt wurde. Der Ehe-Kontrakt wurde bald geschrieben und große Festlichkeiten wurden veranstaltet. Mehrere Tage nacheinander wurde eine große Mahlzeit zubereitet, zu der zuerst die Geistlichen, dann die übrigen Gelehrten und Staatsmänner, dann die Kaufleute und zuletzt die Armen geladen waren. Unter den letztern bemerkte Zeitmond plötzlich seinen Freund Abid in einem höchst ärmlichen Aufzug. Er hatte sich nämlich auf die Reise nach Ägypten gemacht, sobald er nach Hause kam, seine Haustüre offen und seinen Schatz geleert fand und seine Frau nirgends zu sehen war. Um indessen kein Aufsehen zu machen und seinen Feinden keine Schadenfreude zu verursachen, sagte er zu dem obersten seiner Gesellen, er mache mit seiner Gattin in Gesellschaft Zeitmonds eine Vergnügungsreise, trug ihm aber, falls Fremde oder der König von Baßrah nach ihm fragen sollten, auf, ihnen zu sagen, er sei mit seiner Gattin nach Mekka gepilgert. Abid hatte aber auf der Reise dasselbe Schicksal, wie Zeitmond auf seiner Reise nach Baßrah; er wurde von Arabern angefallen und ausgeplündert. Er mußte ganz nackt bis in das nächste Dorf laufen, wo ihm einige gute Leute ein paar alte Kleider schenkten. Er reiste dann mit geschenktem Vorrat weiter von Ort zu Ort und kam so hungrig in Kahirah an, daß er auf den Straßen bettelte, bis ihn ein Kahiraner mit zur öffentlichen Tafel nahm. Sobald Zeitmond ihn bemerkte, machte er leise seinen Vater darauf aufmerksam. Dieser sagte ihm: »Der Mann ist sehr hungrig, lasse ihn vor allem sich sättigen, dann wollen wir ihn zu uns rufen lassen.« Sobald Abid gegessen und Kaffee und Sorbet getrunken und sich gewaschen hatte, ließ Zeitmond ihn zu sich kommen, umarmte ihn und weinte an seinem Hals. Aber Abd Arrahman sagte ihm: »So empfängt man keinen Freund; lasse ihn zuerst ins Bad gehen und andere Kleider anziehen, dann unterhalte dich mit ihm.« Er ließ hierauf Abid von einem seiner Diener wegführen, und nach einer Weile kehrte er wieder und sah aus wie der Oberste der Kaufleute. Zeitmond stellte ihn dann seinen Bekannten als einen alten Freund und Wohltäter vor und erzählte ihnen, daß er von Arabern ausgeplündert worden und es daher seine Pflicht sei, sich seiner anzunehmen. Als aber die Gäste sich zurückgezogen hatten und sie allein mit ihm waren, sagte ihm Abd Arrahman: »Du wirst wohl selbst einsehen, daß deine Frau viel schuldiger ist als mein Sohn, und ihm daher nicht grollen; bedenke aber auch, daß alle Männer mehr oder weniger von ihren Frauen sich gefallen lassen müssen. Ich rate dir daher, ihr zu verzeihen; schon bereut sie ihr Betragen gegen dich und wird gewiß in Zukunft dir treu sein. Was das verlorene Geld angeht, so gräme dich darüber nicht, ich will dir es gern ersetzen und auch für alles Nötige zur Reise sorgen, falls du mit ihr in deine Heimat zurückkehren willst; ziehst du es aber vor, hier bei uns zu bleiben, so wollen wir dir deinen Aufenthalt so angenehm als möglich machen. Hier hast du den Schlüssel des Hauses, in welches ich sie allein mit ihrer Sklavin eingeschlossen habe, weil ich wohl dachte, daß der Gatte einer so schönen Frau ihr bald nachfolgen würde. Gehe zu ihr, tue ihr aber nichts zuleid und versöhne dich mit ihr.« Abid nahm den Schlüssel und ging in das Haus, welches ihm Abd Arrahman bezeichnete. Dieser aber folgte ihm unbemerkt mit einem Schwert und beschloß bei sich selbst, ihn umzubringen, wenn er schwach und gemein genug sein würde, sich mit einer so schlechten Frau wieder zu versöhnen. Als Abid in das Haus seiner Gattin kam, hörte er im Vorzimmer, wie sie über Zeitmonds Verehelichung mit einer anderen laut weinte. Ihre Sklavin sagte ihr: »Warum hast du meiner Warnung kein Gehör geschenkt? Ich habe dir oft genug gesagt: Dein Verhältnis mit dem fremden Jüngling wird ein schlechtes Ende nehmen.« Darauf versetzte Halimah: »Noch gebe ich nicht alle Hoffnung auf; Zeitmond kann sich nicht immer von mir trennen, er wird schon wieder zu seiner früheren Liebe zurückkehren, so wie ich ihn niemals aus meinem Herzen verbannen werde.« Bei diesen Worten trat Abid in ihr Zimmer und erwürgte sie; dann wendete er sich zur Sklavin und sagte ihr: »Von dir kommt alles Übel, du warst ihre Vertraute, warum hast du mich nicht von ihrem schlechten Lebenswandel in Kenntnis gesetzt? Auch du sollst sterben!« Sobald indessen Abid diese doppelte Mordtat begangen hatte, fing er an zu fürchten, Abd Arrahman möchte ihn, weil es in seinem Haus geschah, darüber zur Rede stellen. Aber dieser kam ihm freundlich entgegen und sagte ihm: »Fürchte nichts, du hast als Mann gehandelt. Hättest du deiner Frau verziehen und fortgefahren, mit ihr als Gatte zu leben, ich hätte euch alle mit eigener Hand aus der Welt geschafft! Nun sollst du aber, wenn es dir angenehm ist, zum Lohn für dein männliches Betragen meine Tochter Morgenstern zur Gattin haben; sie ist tausendmal schöner als Halimah und so tugendhaft und wohlerzogen, daß du nie etwas Schlimmes von ihr zu befürchten hast.« Abid nahm dieses Anerbieten mit Dank an und fand in der Hochzeitnacht, daß Abd Arrahman nicht zu viel von der Schönheit seiner Tochter gesagt hatte. Den Leuten aber sagte man, Abid habe zwei Sklavinnen von Baßrah mitgebracht, die bald nach ihrer Ankunft gestorben. Nach einiger Zeit sehnte sich Abid nach seiner Heimat, wo er noch sein Geschäft und viele Häuser und Güter zurückgelassen hatte, und bat daher seinen Schwiegervater, ihm zu erlauben, auf einige Zeit nach Baßrah zu reisen. Abd Arrahman sah mit Freude, daß Abid seine Heimat nicht vergessen hatte, und erbot sich sogar, ihm seine Tochter mitzugeben. »Wird aber«, sagte Abid, »deine Tochter gern ihre Heimat und ihre Familie verlassen?« – »Bei uns«, antwortete Abd Arrahman, »haben die Frauen keinen anderen Willen, als den ihres Mannes; man weiß auch daher bei uns nichts von Ehescheidung, ja, es verheiratet sich sogar keine Frau zum zweiten Male, wenn ihr erster Gatte stirbt.« Abid reiste also mit seiner Gattin nach Baßrah, wo er, sobald man nicht mehr zu befürchten hatte, jeden Freitag eingesperrt zu werden, überall eine freundliche Aufnahme fand; auch der König verzieh ihm seine Abreise ohne Urlaub, sobald er die Ursache derselben erfuhr, Nach fünf glücklichen Jahren starb Abid. Da wollte der König seine Witwe heiraten. Sie weigerte sich aber, der Sitte ihres Landes gemäß, und bat den König um Erlaubnis, in ihre Heimat zurückzukehren. Der König ließ sie von seinem Vezier mit einem starken Geleit nach Ägypten bringen, wo sie bei ihrem Vater als Witwe ihr Leben beschloß. So sind eben die Frauen verschieden: Die eine buhlt noch beim Leben ihres Mannes mit einem fremden Jüngling, und die andere weist nach dem Tod ihres Gatten noch die Hand eines Königs zurück. Wer glaubt, alle Frauen seien einander gleich, der ist im Gehirn nicht recht gesund! Die Abenteuer Alis und Zahers aus Damaskus. Ali, der Sohn Zahers, erzählte einst dem Kalifen Abdul Malik, dem Sohne Merwans: Wisse, o Fürst der Gläubigen (Gott erhalte dich in deiner Frömmigkeit!), mein Vater Zaher aus Damaskus war ein sehr reicher Mann und stand in so großem Ansehen, daß die höchsten Staatsbeamten ihm häufig nachstehen mußten; er lebte lange kinderlos und hatte manche schlaflose Nacht, wenn er dachte, daß alle seine gesammelten Schätze nach seinem Tod an Fremde übergehen würden. »Eines Nachts«, – so erzählte mir mein Vater selbst – »sah ich im Traum eine weibliche Gestalt, schöner als der Mond, vor mir herwandeln, die mir mit einem Korallenmund freundlich zulächelte und dabei eine Perlenschnur enthüllte, deren Glanz sich bis zu den Wolken erhob; auch ihre Stirn leuchtete wie der Halbmond, aber ihre Haare hingen wie die schwarze Nacht über ihren Nacken herunter; ihre Wangen, welche Anemonen glichen, belebten ein Paar Gazellenaugen, welche von Augenbrauen wie von einem Bogen umwölbt waren. Ganz entzückt rief ich aus: Gepriesen sei der edle Schöpfer! Bist du, meine Herrin, ein Mensch oder ein Genius? Denn ich habe in meinem Leben kein so schönes Weib gesehen. Sie antwortete: Wo denkst du hin! Seit wann sehen Genien mir gleich? Ich stamme von den besten Menschen her; mein Name ist Farha; ich bin die Tochter des Königs Mutaa, des Gebieters der Korallenstadt, welche auf einer Insel des schwarzen Meeres nahe am grünen Meer liegt. Meine Vaterstadt wird wegen ihrer vielen Perlen, Korallen, Saphire und anderer Edelsteine von vielen Kaufleuten besucht, die ihr allerlei Lebensmittel dagegen bringen. Da ich aber keinen von allen schön genug fand, um ihn zu meinem Gatten zu wählen, machte ich mit der Einwilligung meines Vaters eine Reise, um einen Mann zu suchen, der würdig ist, mein Gebieter zu werden. Du bist aber der einzige, dessen Frau ich sein möchte! »Ich fragte sie hierauf: Und wo kann ich dich finden, um dich zu heiraten? Sie antwortete: In der Residenz meines Vaters, des Königs Mutaa, auf der Koralleninsel. Mit diesen Worten verschwand sie und ich erwachte und konnte die ganze Nacht nicht mehr einschlafen. Sobald Gott den Morgen hereinbrechen ließ, befahl ich meinen Dienern, Geld und Waren zusammenzupacken und alles Nötige zu einer Reise nach Bagdad herbeizuschaffen. Mein Traum beschäftigte mich so sehr, daß alles in größter Eile geschehen mußte. Um nicht aufgehalten zu werden, ließ ich einen Teil meines Vermögens zurück und setzte einen Verwalter darüber. In Bagdad vertauschte ich meine Waren gegen andere, die in Indien am gangbarsten sind, und nach zehn Tagen bestieg ich ein Schiff, das nach Indien segelte. Der Wind war anfangs so günstig, daß, als es den Hafen verließ, es einem Pfeil glich, der aus dem Bogen fliegt. Drei Monate lang war unsere Fahrt glücklich; aber am ersten Tage des vierten Monats wurde auf einmal der ganze Himmel schwarz, die Wellen spielten hin und her, das Meer schäumte, der Wind blies bald von der einen, bald von der anderen Seite. Die Schiffsleute fingen an, laut zu weinen und den erhabenen Gott anzurufen; aber plötzlich kamen vier Wellen von vier verschiedenen Seiten her und zerschlugen das Schiff in tausend Trümmer, so daß alle Schiffsleute in den Abgrund des Meers versanken. Mir gelang es indessen, mich an ein Brett festzuklammern, das die Wellen drei Tage lang umhertrieben; am vierten Tag aber legte sich der Wind und die See wurde ruhiger. Da flehte ich Gott um Rettung an, und siehe da! Ein schönes Schiff mit großen Segeln steuerte auf mich zu, und als es dicht vor mir war, rief ein Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen den Schiffsleuten zu: Nun haben wir unseren Zweck erreicht; werft diesem Unglücklichen eine Strickleiter zu! Ich ergriff die Leiter, die mir die Matrosen zuwarfen, und bestieg das Schiff, fiel aber vor allzu großer Freude über meine unerwartete Rettung in Ohnmacht und blieb bewußtlos liegen bis nach Sonnenuntergang. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich vor mir einen goldenen Leuchter mit zwei Wachskerzen von Mannesgröße mit Ambra und Aloeholz besteckt, welche, so oft die Flamme sie berührte, die edelsten Wohlgerüche verbreiteten; daneben saß auf einem griechischen Teppich ein Jüngling in golddurchwirkte Seide gekleidet, von einem goldenen, mit vielen Edelsteinen besetzten Gürtel umwunden und mit einem grünen smaragdenen Szepter in der Hand. Geblendet von so vielem Glanz schlug ich verlegen wieder die Augen nieder; aber der Jüngling, der dies bemerkte, sagte mir: O Zaher, was setzt dich so sehr in Verlegenheit? Wisse, daß wir dich schon zehn Tage auf allen Bergen und Meeren suchen; außer uns segeln noch neun Schiffe deinetwillen umher, alle abgesandt vom mächtigen König Mutaa, Beherrscher der Koralleninsel. Gottlob, daß wir dich gefunden haben, denn der König hat dem, der dich ihm bringt, zehntausend Dinare versprochen. Höchst erstaunt über diese Worte, sagte ich: Ich beschwöre dich bei Gott, sage mir, woher wußtest du, daß ich hierherkommen würde und wie kennst du meinen Namen? Er antwortet mir: Wisse, ich bin ein Adjutant des Königs Mutaa und wurde von ihm nach Syrien gesandt, um dich zu holen. Da hörte ich, du seist nach Bagdad gereist; ich reiste dir nach, vernahm aber, daß du dich nach Indien eingeschifft; später hörte ich, das Schiff, auf dem du dich befandest, sei verunglückt, da berichtete ich es dem König Mutaa, welcher sogleich zehn Schiffe auslaufen ließ, um dich aufzusuchen; auch befahl er den Offizieren, die er mit diesen Schiffen absandte, dich mit besonderer Auszeichnung zu behandeln. Hier hielt er inne und überreichte mir den seidenen Überrock und den goldenen Gürtel, die er am Leib hatte, ließ mir ein Tischchen mit verschiedenem Braten, Backwerk und Süßigkeiten vorstellen und lud mich ein, nach Lust davon zu essen. »Als ich gegessen hatte, sah ich in der Ferne auf dem Meer ein großes Licht, und als ich den Adjutanten darauf aufmerksam machte, sagte er mir: »Es ist gewiß das Schiff des Königs Mutaa, der gemerkt hat, daß wir dich gefunden haben, und dir nun selbst entgegenzieht. Darum laß uns schnell auf ihn zusteuern, um ihn nicht länger in Zweifel zu lassen. In wenigen Augenblicken waren wir in der Nähe des großen, hell beleuchteten Schiffes, auf welchem in der Tat der König Mutaa saß, der uns freundlich zulächelte und zurief, wir möchten seinem Schiff ans Ufer folgen. Hier angelangt, verbeugte ich mich vor ihm und dankte ihm für meine Rettung. Er bewillkommte mich herzlich, ließ mir ein herrliches Pferd vorführen, und ich ritt an seiner Seite durch die Stadt, deren Bewohner uns freundlich zujubelten, nach dem königlichen Schloß. Am Vorhof des Schlosses, als die verschiedenen Adjutanten und das übrige Gefolge des Königs abstiegen, wollte auch ich desgleichen tun; aber Mutaa gab es nicht zu, sondern ließ mich bis in das Innere des Palastes reiten. Hier sah ich eine Pracht und Herrlichkeit, die in meiner Heimat nirgends zu sehen ist. Der König führte mich in einen großen Saal, wo eine Schar Diener seiner harrten, setzte sich auf einen Thron und hieß mich an seiner Seite Platz nehmen. Sogleich wurde ein Tisch mit allerlei Speisen beladen und vorgesetzt; der König sagte: Im Namen Gottes! Und reichte mir selbst die besten Bissen, wofür ich ihm jedesmal die Hand küßte. »Als wir gegessen hatten, wurden silberne und goldene Kannen und Waschbecken herumgereicht. Endlich sagte mir der König: Weißt du wohl, Zaher, warum ich dich hierher gebracht und dich mit so vieler Liebe aufnehme? Ich habe eine Tochter, die Sonne ist noch bis heute über keiner Schöneren und Liebenswürdigeren aufgegangen; auch hat sie es durch den Unterricht, den ihr eine alte Amme erteilt, in der Zauberkunst so weit gebracht, daß, wenn sie es wollte, sie in einer Nacht die ganze Welt von Osten bis Westen durchfliegen könnte. Sehr oft kamen Gesandte aus fernen Ländern, welche im Namen von Königen und Prinzen um sie warben; da sagte sie mir immer: Ich will zuerst mit eigenen Augen meinen zukünftigen Gatten sehen. Hierauf verließ sie mich und kehrte am folgenden Morgen wieder und sagte: Der gefällt mir nicht; du kannst den Gesandten mit irgend einer Entschuldigung entlassen. Ich erwiderte ihr stets: Tue, was du willst, meine Tochter, ich werde dir keinen Zwang antun und dich mit keinem Mann verheiraten, der dir nicht gefällt. Eines Tages, als sie auch in Damaskus war, um einen dortigen Prinzen zu sehen, der um sie werben ließ, und auch ihn nicht nach ihrem Geschmack fand, erging sie sich auf den Bazaren und in den Straßen der Stadt, und da sie nirgends einen Mann fand, der ihr gefiel, schlich sie sich durch Zauberkünste mitten in der Nacht von Haus zu Haus, bis sie endlich zu dir kam; du allein hast ihr Herz besiegt und ihr so gefallen, daß sie dich zu heiraten wünscht. Sie wußte auch bald die Stunde auszurechnen, in welcher du hier anlangen würdest. Gelobt sei Gott, der dich wohlerhalten und zur vorausgesagten Zeit hierher geführt! Ich erwiderte: O erhabener König, bin ich doch weniger als einer deiner Diener, wie sollte ich mich dem Wunsch deiner Tochter widersetzen, wenn dir dessen Erfüllung genehm ist! »Der König begab sich hierauf in ein Kabinett, und nach einer Weile trat er wieder lächelnd heraus, ließ den Kadhi und Zeugen rufen, man schrieb den Ehekontrakt, streute Gold und Silber aus, beräucherte den Verlobungssaal und beschenkte die Dienerschaft. Als alles dies geschehen war, wurden auch der Kadhi und die Zeugen bezahlt. Dann sagte mir der König: Stehe auf, Zaher, und folge mir! Ich stand auf und alle anwesenden Veziere, Staatsräte und anderen hohen Beamten erhoben und entfernten sich. Der König führte mich dann durch sieben Gänge und sieben Gemächer, in deren jedem etwa tausend ganz junge, in Seide gekleidete Mamelucken standen; endlich kamen wir in den innersten Saal, in dessen Mitte ein Springbrunnen sprudelte und an dessen oberer Seite ein mit Perlen und Edelsteinen verzierter elfenbeinerner Thron stand, der mit von Gold durchwirktem Atlas bedeckt war. Als wir dem Thron nahe waren, öffneten sich zwei Türen, eine zur Rechten und eine zur Linken des Saales, und es traten aus beiden Türen Sklavinnen hervor, welche goldene, mit Juwelen besetzte Räucherpfannen trugen, die den Saal mit Moschus- und Ambraduft erfüllten, so daß ich glaubte, die Pforten des Paradieses seien geöffnet. Als ich eine Weile neben dem König saß, erschienen aus einem Seitenzimmer hundert Sklavinnen wie der Mond, mit einer Jungfrau in ihrer Mitte, welche wie die Sonne strahlte, so schön, daß weder die Zunge eines Menschen, noch die eines Genius sie zu beschreiben vermag, und so reich geschmückt als eine Sultanin. Sobald sie mir näher trat, erkannte ich sie als das Mädchen, das mir im Traum erschienen war; ich verlor fast den Verstand vor Freude, vergaß alle Gefahr, der ich mich um ihretwillen ausgesetzt hatte, und pries Gott, den Schöpfer eines so vollkommenen Wesens. »Als der König mein Entzücken bei dem Anblick sah, sagte er: Hier ist meine Tochter, nimm sie hin, Gott segne euch! Der König entfernte sich hierauf; auch die Sklavinnen zogen sich mit Farha zurück, erschienen aber bald wieder mit ihr in einem anderen, noch schöneren Aufzug und so gingen und kehrten sie zweiundsiebzigmal mit meiner jedesmal anders gekleideten Braut wieder, bis ihre Stirn mit Schweiß bedeckt war, ihre Wangen wie Feuer glühten und mein Verlangen den höchsten Grad erreichte; da zog ich sie zu mir her, führte sie in ein Seitenzimmer, küßte und umarmte sie und sagte ihr: O Freude meines Auges, wie wenig bedaure ich es, um deinetwillen Familie und Vaterland verlassen und mich der Todesgefahr ausgesetzt zu haben. Sie erwiderte: Auch ich hatte manche schlaflose Nacht, manche Mühe und Sorge, bis ich zu deinem Besitz gelangte, ich mußte mir Menschen- und Genienkönige unterwerfen, um jede Stunde bis zu deiner Ankunft hierher Nachricht von dir zu erhalten. Nun, gelobt sei Gott, der mir in allem beigestanden! Laß uns jetzt alles Überstandene vergessen und uns ganz der Wonne und dem Genuß hingeben; doch da niemand gegen die Tücke des Schicksals gesichert ist, gib mir wenigstens als Erinnerung an diese Nacht den Ring, den du an deinem Finger hast. Ich zog den Ring, den ich von meinem Vater geerbt, von meiner Hand und überreichte ihn ihr, und sie gab mir ein kostbares Armband dagegen. Ich schlief dann bald in ihren Armen ein, denn ich hatte schon lange nicht mehr geschlafen, und erwachte erst, als die Sonne schon längst brannte; aber wie groß war mein Schrecken, als ich die Augen öffnete und mich in einer öden Wüste befand, in der kein Mensch sich regte, kein Vogel einen Laut von sich gab, kein grünes Blättchen das Auge erfreute, wo sich nur das Geheul von Werwölfen und das dumpfe Murmeln von bösen Genien vernehmen ließ. Ich stand verzweifelt auf, sah mich nach allen Seiten um, entdeckte aber nichts als Himmel und Sand; da sagte ich den Spruch, dessen sich niemand zu schämen hat: Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Dann hob ich die Augen weinend gen Himmel und rief: O Herr, der du das Geheime wie das Offenbare kennst, erbarme dich meiner aus Liebe zu Mohammed, blicke auf mich herab mit deinem Auge, das nie schläft, ich weiß ja nicht, wohin ich mich wenden soll, um gegen die brennende Sonne mich zu schützen! Kaum hatte ich diese Worte vollendet, als ich in Ohnmacht fiel, und ich blieb regungslos liegen, bis die Sonne sich von mir wandte und eine frische Luft mich anwehte. Da stand ich auf und tappte in der Dunkelheit umher, ohne zu wissen, nach welcher Seite hin; bald fiel ich aber, von Hunger, Durst, Müdigkeit und Schmerz erschöpft, zu Boden und schlief wieder ein. Da hörte ich im Traum eine Stimme, welche mir zurief: Sei ohne Furcht, Zaher! Deine Hilfe ist nahe. Ich erwachte gestärkt und durch meinen Traum neu ermutigt, und ging wieder bis vor Tagesanbruch aufs Geratewohl vorwärts; da erblickte ich in der Ferne etwas wie ein Feuer, und als ich mich demselben mehr näherte, sah ich, daß es eine Laterne war, welche auf dem Turm eines alten, festen, aber sehr hohen Klosters brannte. Das Kloster selbst war auch von tausend Kerzen und Lampen beleuchtet und schien sehr stark bewohnt zu sein. Ich war nur noch ein paar Schritte davon entfernt, da öffnete ein steinalter, schwarz gekleideter Mönch ein Fenster, steckte den Kopf heraus und rief: O Herr, Schöpfer der sieben Erden und der sieben Himmel, der gesalzenen Meere und der süßen Flüsse, der Dunkelheit und des Lichts, der du die Toten belebst und die Lebendigen tötest, Beherrscher dieser und jener Welt, o Gott dessen heilige Namen gepriesen seien, Dank sei dir für deine Huld und Erlösung bei deinen Versuchungen, es gibt keinen Gott, außer dir, du allein kennst das Verborgenste, bei dir allein, der du Jakob seinen Sohn Joseph zurückgegeben, ist ein sicherer Zufluchtsort zu finden, du allein bist der wahrhaft Vergebende, darum, o Herr, verzeihe allen denen, die dir ungehorsam waren, und sende allen Unglücklichen deine Hilfe! Ich warf mich, von diesem Gebet ergriffen, vor die Tür des Klosters und schlief vor allzu großer Mattigkeit bald wieder ein. Als ich erwachte, schien mir die Sonne schon heiß ins Gesicht, und ich fand mich von einer Schar Mönche umgeben, die in ihren schwarzen Kutten wie Raben aussahen, sie sprachen unter sich eine mir fremde Sprache, und als ich aufstand und sie grüßte, verstanden sie mich nicht, denn niemand erwiderte meinen Gruß; nur ein alter Mönch, er am Fenster betete, drängte sich zu mir, grüßte mich in meiner Sprache und sagte: Mein Freund, bei dem Messias! Wir leben nun in dieser Wüste seit unserem Alter von sieben Jahren und nun zählen wir alle siebzig und achtzig Jahre, und bis zu dieser Stunde haben wir weder einen Menschen noch einen Djinn erblickt, denn wir befinden uns hier auf einer viereckigen Insel, welche von allen Seiten vom Meer umgeben ist und die so hohe Ufer hat, daß kein Schiff hier landen kann; sie erscheint dem auf dem Meer Schiffenden wie eine weiße Wolke, und der Berg, der sie umgibt, wird der Diamantberg genannt, ist aber so steil und unzugänglich, wie eine umgestürzte Schüssel; sage mir daher, wie es dir möglich war, hierher zu gelangen? Als ich diese Worte des Mönchs vernahm, sagte ich: Bei deinem Glauben, bei dem verehrten Evangelium, bei der mächtigen, heiligen Maria! Sage mir, wie weit ist Damaskus von hier? Der Mönch staunte mich eine Weile an, dann sagte er: Was sprichst du von Damaskus? Du befindest dich auf einer Insel des schwarzen Meeres, das alle übrigen Meere samt dem Berg Kaf umgibt, darauf hat man, nach den Berichten der Reisenden, welche an die Ufer dieser Insel kommen, zehn Jahre zu segeln, bis man das blaue Meer erreicht, auch dieses durchschifft man nicht in weniger als zehn Jahren, es führt in das grüne Meer und letzteres nach einer abermaligen zehnjährigen Fahrt ins griechische Meer, welches nach bewohnten Ländern und Inseln sich erstreckt. »Ich fragte den Mönch: Und woher habt ihr denn in dieser unfruchtbaren, trockenen Wüste Nahrung und Trank? Er antwortete: Komm mit mir ins Kloster, da sollst du alles sehen. Als ich in den Hof kam, sah ich eine Wasserquelle, süßer als Honig und frischer als Schnee; sie war von allerlei Obstbäumen umgeben, auf denen die schönsten Vögel umherhüpften. Da ich schon lange nicht gegessen und getrunken hatte, bat ich den Mönch, mir einiges Wasser und einige Früchte zu reichen. Er führte mich auf die Terrasse des Klosters und hieß mich einen Augenblick warten; ich sah mich um und war erstaunt, als ich beim hellen Tag in der Entfernung von ungefähr einer Tagereise in eine schwarze Nacht hineinblickte, und bat den Mönch, mir diese Erscheinung zu erklären. Er sagte mir: Das, was du für die Nacht hältst, ist das schwarze Meer, das, wie ich dir schon gesagt habe, diese Insel umgibt, doch komme jetzt und stille deinen Durst und deinen Hunger. Er führte mich hierauf in einen herrlichen Saal, wo ein goldener mit Perlen und Edelsteinen besetzter Tisch aufgetragen wurde, schöner als der des Herrn von Damaskus. Auf dem Tisch standen vier goldene Platten mit allerlei Fleischspeisen, frischen Fischen, Backwerk und ganz wohlschmeckendem Gerstenbrot. Alles war so vortrefflich und ich dabei so hungrig, daß ich in meinem Leben nicht so viel Lust am Essen hatte, wie damals. Als der Mönch bemerkte, daß ich satt war, brachte er mir allerlei Früchte, verschieden an Aussehen, Geschmack und Geruch von den unsrigen. Da sagte ich ihm: Da doch der Zugang zu dieser Insel, nach deinen eigenen Worten so schwer ist, woher habt ihr denn so frische Fische, so vielerlei Früchte und Fleisch und Gerstenbrot? Er antwortete: Erzähle mir zuerst, wie du hierher gelangt, dann will ich deine Frage beantworten. Ich erzählte ihm nun alles, was mir, von meinem Traum in der Heimat bis zum Augenblick, wo ich vor der Tür seines Klosters erwachte, widerfahren. Als ich vollendet hatte, stieß er ein lautes Gelächter aus und sagte: Wisse, mein Freund, wärest du nicht zu etwas Großem bestimmt, so hättest du nie die Strecke von Damaskus hierher zurücklegen können, denn die Insel, auf welcher der König Mutaa herrscht, liegt zwischen dem grünen und dem griechischen Meer, also sehr weit von deiner Heimat und von hier; was aber deine Frage in bezug auf unsere Früchte und andere Speisen angeht, so sollst du alles erfahren, folge mir nur. Er führte mich hierauf wieder in den Hof des Klosters und von hier in einen unterirdischen dunklen Gang, aber bald kamen wir wieder ins Freie und befanden uns auf einem Boden, der wie Silber glänzte, vor einem kleinen See, dessen Wasser süßer als Honig und kälter als Schnee war; um den See herum blühten die herrlichsten Blumen und die schönsten Fruchtbäume, auf denen die Vögel in den verschiedensten Sprachen Gottes Allmacht priesen; ich war wie berauscht vom süßen Duft dieser Blumen und vor Entzücken über all diese Herrlichkeit ganz außer mir. »Der Mönch fragte mich alsdann: Habt ihr wohl in eurer Heimat auch solche Lustgärten? Ich antwortete: Nein, bei Gott! Eine so wundervolle Anlage gibt es in der ganzen Welt nicht mehr. Er sagte mir dann: Nun blicke auch einmal zurück. Ich drehte mich um und sah etwas, das einer Wolke am Himmel glich, und fragte, was das wäre. Das ist, erwiderte der Mönch, der Berg, auf welchem unser Kloster liegt, es liegt so fern, daß es von hier nur einer Wolke gleicht, in der Nacht hingegen hält man es für einen Stern, wegen der vielen Lampen, die darin brennen. – Nun weiß ich, woher ihr Getreide und Früchte nehmet; doch wie kommt ihr zu Perlen und Edelsteinen und frischen Fischen? – Wisse, mein Freund! Das hier angrenzende Meer steigt zuweilen bis hierher; wenn dann das Wasser sich zurückzieht, bleiben gewöhnlich Fische zurück und auch viele Perlen und Edelsteine, an denen dieses Meer sehr reich ist. Wir blieben nun am Ufer des Reiches bis abends sitzen, da bemerkte ich die Lichter des Klosters wie kleine Sternchen über mir, und nach der Versicherung des Mönchs sieht man sie bis auf eine Strecke von zehn Tagreisen. Wir wollten eben wieder den Rückweg ins Kloster antreten, da hörte ich von jener Seite her ein so mächtiges Geschrei, daß die ganze Insel bebte; ich fuhr zusammen und fragte den Mönch, was dieser Lärm bedeute. Bei dem Messias, erwiderte der Mönch, ich habe manche Nacht hier allein zugebracht und nie das mindeste Geräusch vernommen; ohne Zweifel sind fremde Seetiere auf die Insel gekommen, die nun aber mit den einheimischen Tieren im Kampf sind. Wir stellten uns dann auf einen hohen Stein, der vor dem Teich lag, und sahen uns nach allen Seiten um, da entdeckten wir überall kleine fliegende Lichtchen, die sich gegenseitig verzehrten, auch sahen wir bewaffnete Männer in der Luft, gegen andere mit Schwert und Lanze kämpfend, dann stießen zwei Armeen zu Pferd aufeinander mit einem Kriegsgeschrei, daß die Erde wankte. Das blutigste Gefecht dauerte eine Weile fort, endlich gingen die zwei Heere auseinander und es stellte sich ein alter, ehrwürdiger Graubart, von schönem Aussehen, jedoch halbblind, zwischen sie und rief mit lauter Stimme: Schonet doch euer Blut, ihr törichtes Volk, und reibt einander nicht gegenseitig auf wegen eines Fremdlings, der weder König noch Prinz, sondern nur ein unbedeutender Mensch von der gewöhnlichen Klasse ist. Dann trat dem Alten ein Mann in Elefantengestalt entgegen, sein Name war Tud (hoher Felsen), und sagte ihm: O unser Vater, bei dem Siegel unseres Herrn Salomo, der Sohn Davids! Unser Herr, der König Mutaa, ist ganz unschuldig an diesem unheilbringenden Krieg; das ganze Übel kommt von diesem verruchten Teufel Schulahek her, der ist in unser Land gedrungen, hat unser Heiligtum entweiht, einen fremden Mann, Namens Zaher, entführt und ganz allein auf die Insel gesetzt; wir wollten weiter nichts, als diesen Fremdling nach dem Befehl der Prinzessin Farha zu uns nehmen, ihn beschützen und wieder in die Korallenstadt zum König Mutaa bringen, da widersetzte sich uns der Räuber Schulahek, und so entspann sich der mörderische Kampf, dessen du Augenzeuge warst. Der alte Halbblinde, sein Name war Abu Tawaif, erwiderte hierauf: Wisse, o König Tud, Schulahek ist nicht so sehr zu tadeln, wie du glaubst; die Prinzessin Farha, welche so viele Menschen und Genien durch ihre Schönheit bezaubert, hat unter anderen auch Schulahek und seinen Bruder Schalhuk in das Netz ihrer Liebe gezogen, sie bekriegten sich daher aus Eifersucht, und nach langem Kampf gelang es Schulahek, seinen Bruder zu töten. Als er aber nun um Farha anhielt, wurde er von ihr zurückgestoßen und sie zog ihm einen fremden Menschen aus Damaskus vor, darum gab er sich Mühe, ihr diesen zu entreißen, und darum flog er mit ihm auf diese entlegene Insel. Darauf sagte Tud: Und warum hat er ihn nicht umgebracht? Der Alte antwortete: Weil er doch die Rache Farhas und ihres Vaters fürchtete, darum zog er vor, ihn hierher zu setzen; aber verdient wohl ein Geschöpf wie Zaher, daß ihr um seinetwillen euch so bekriegt? – Du hast recht, antwortete Tud, indessen gebührt dem Fremdling Schutz und Beistand; Zaher ist übrigens ganz unschuldig, dazu tu' ich weiter nichts, als den Befehl meiner Herrin Farha vollziehen; mir ist indessen selbst lieb, wenn ihr den Frieden zwischen uns nach euerem Gutdünken herstellen wollt, aber ich frage euch alle, bei dem Siegel Salomos, der Sohn Davids (Friede sei mit ihm!), ist einer unter euch, der seinen Gast dessen Feind ausliefern würde? Sämtliche Genien antworteten: Nein, das würden wir nicht tun; aber sollen wir wegen eines hergelaufenen Menschen uns noch länger bekriegen? – Es ist wahr, sagte Abu Tawaif, der Mensch hat viel Unheil unter uns gestiftet, da aber sein bitterster Feind sein Leben nicht anzutasten wagte, so wäre es doppelt unrecht, wenn wir ihn töteten; bringt mir ihn einmal her! Bei diesen Worten sprang ein Genius aus der Luft auf mich los und trug mich vor Abu Tawaif. »Weißt du, sagte er mir, daß ein ganzes Heer Genien um deinetwillen aufgerieben worden ist? Sage mir einmal, wie du es wagen konntest, dir eine Gattin zu wählen, um die so viele Könige und Genien vergebens warben? Als ich ihm hierauf meine ganze Geschichte von meinem Traum bis zu meinem Spaziergang mit dem Mönch erzählte, sagte er: Ich beschwöre euch, Tud und Schulahek, macht euerem Kampf ein Ende und entlasset eure Scharen, ihr kennt ja die List und Macht der Königin Farha, dieser arme Mensch ist ganz unschuldig; ich will ihn durch einen meiner Diener in seine Heimat zurückbringen lassen. – Das darf nicht sein, sagte Schulahek; wenn ihr ihn nicht töten wollt, so soll er doch auch nicht frei in seine Heimat ziehen, wo meine Geliebte sich bald wieder mit ihm vereinigen könnte; laßt uns ihn ins Meer werfen: Steht Gott ihm bei, so wird er sich retten, wo nicht, so mag er untergehen, und wir sagen der Königin Farha, wenn sie uns mit einem Krieg bedroht, bei dem Anblick des blutigen Kampfes zwischen uns hat er die Flucht ergriffen. »Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall, und schon wollten einige Genien mich wegschleppen, als auf einmal unzählbare Lichtchen und Flämmchen zum Vorschein kamen und furchtbare Stimmen hörbar wurden, welche riefen: Tut es nicht, tut es nicht, wir sind Abgeordnete der Königin Farha, welcher euer Vorhaben bekannt wurde, und die uns mit dem König Seisam, der sogleich hier eintreffen wird, zur Rettung Zahers hierher gesandt. Als Abu Tawaif den Namen Seisam, Gebieter des Götzentales, vernahm, wurde er ganz blaß, und sagte zitternd zu Schulahek: Ich habe wohl gedacht, diese verruchte Königin Farha wird alles aufbieten, um ihren Geliebten nicht zu verlieren. Jetzt hat sie meinen teuren Sohn Seisam für sich gewonnen, der wird euch alle vernichten, wenn ihr dem fremden Menschen, dessen er sich annimmt, etwas zu Leid tut. – Beschließe, was dir gut dünkt, rief Schulahek dem Alten zu, nur lasse Zaher nicht mehr zu Farha zurückkehren, das könnte ich nicht ertragen. Abu Tawaif gab dem Wunsch Schulaheks nach und beredete seinen Sohn Seisam, zu erlauben, daß Zaher wieder in seine Heimat gebracht werde. Als sie sich aber nach mir umsahen, war ich verschwunden und nirgends mehr zu finden. Da sagte Seisam zu Schulahek: Gewiß hast du ihn von einem deiner untergeordneten Genien wegbringen lassen, um ihn im verborgenen aus der Welt zu schaffen. Schulahek schwor aber bei dem Siegel Salomos. er wisse nicht, wo ich hingekommen, und glaubte, Seisam habe mich der Königin Farha geschickt. Bald hätte sich aus diesem Wortwechsel ein blutiger Kampf entsponnen, wenn nicht Abu Tawaif sie beschworen hätte, so lange zu warten, bis es sich herausstellen würde, was aus mir geworden; ich selbst, setzte er hinzu, übernehme es dann, den Schuldigen zu bestrafen, und wäre es mein eigener Sohn. »Mein Vater Zaher«, fuhr Ali fort, »den nach der göttlichen Bestimmung ein widerspenstiger Geist, Dalhudsch genannt, im Augenblick, als die beiden Genienhäupter miteinander stritten, aus ihrer Mitte entführte, wurde auf dessen Schloß, das auf einer Insel mitten im Meer der Dunkelheit liegt, getragen, um dort, weil er Veranlassung zu einem so mörderischen Krieg zwischen den Genien war, gepeinigt zu werden. Dalhudsch ersann alle möglichen Qualen für ihn, ließ ihn sogleich in Ketten legen und in einen finsteren Kerker werfen. Des Abends, als er beim Wein saß, ließ er ihn holen und zur Belustigung seiner Trinkgenossen durchprügeln, dann ließ er ihn in einer Ecke stehen und schüttete ihm jedesmal, wenn er von neuem einschenkte, das Überbleibsel des Bechers ins Gesicht.« Ali erzählte weiter: Mein Vater hatte mehrere Tage hindurch so viel zu dulden, daß sein Wächter, der Geist Mifradj, ihn bemitleidete und, statt ihn nach den Vorschriften Dalhudschs auf verschiedene Weise zu quälen, seine Leiden durch freundliche Worte zu mildem suchte. »Gerne«, sagte er ihm; »würde ich dich in ein von Menschen bewohntes Land zurückbringen, aber eine Strecke von zehn Jahren trennt uns von der Welt des Lichts, die wir nicht ohne die größte Gefahr zurücklegen können, und wo wären wir sicher vor dem gottlosen König Dalhudsch? Der würde uns bis ans Ende der Welt verfolgen.« Während aber Mifradj, auf diese Weise fortfahrend, meinem Vater versprach, so viel es von ihm abhinge, seine Lage erträglich zu machen, trat plötzlich Dalhudsch ins Gefängnis und schwor bei der Dunkelheit, nun müsse Mifradj für Zaher leiden; und ließ ihm sogleich tausend Prügel geben. Mifradj stellte sich ohnmächtig, bis Dalhudsch wieder das Gefängnis verlassen hatte; dann machte er sich schnell auf, entfesselte meinen Vater, nahm ihn auf den Arm und flog mit ihm die ganze Nacht durch über die Wolken hinauf; dann sagte er ihm: »Weißt du, Zaher, daß wir schon eine Strecke von zehn Jahren zurückgelegt haben?« Voll Erstaunen rief mein Vater, nicht bedenkend, daß sein Genius bei dem Namen Gottes vernichtet würde: »Es gibt nur einen einzigen Gott, und Mohammed ist sein Abgesandter!« Kaum hatte er diesen Spruch vollendet, da fiel ein feuriger Pfeil vom Himmel auf Mifradj und verbrannte ihn: Mein Vater aber fiel zur Erde herunter, ohne sich jedoch zu beschädigen. Die ihm unbekannte Gegend, wo er wieder die Erde berührte, war sehr öde; erst als er einen halben Tag hindurch aufs Geratewohl umherirrte, kam er in ein wohlbebautes, frucht- und wasserreiches Land, und sah am Ufer eines Flusses einen Mann, der sich zum Beten wusch. Er wusch sich auch und betete mit ihm. Nach vollendetem Gebet sagte er ihm: »Ich beschwöre dich bei dem, den wir anbeten, sage mir doch, in welchem Land ich mich befinde und unter welchen Geschöpfen.« – »Wisse«, antwortete er, »diese Insel ist von rechtgläubigen Genien bewohnt, die der Prophet Hidhr den Koran gelehrt hat; man nennt sie die Diamanteninsel; sie ist vom grünen Meer umgeben, das sich bis zum Berg Kaf erstreckt. Hier ist der Sammelplatz der Engel, welche täglich auf der Erde umherstreifen, um die Befehle Gottes zu vollziehen.« Er fragte ihn dann: »Wie sieht denn der Berg Kaf aus?« – »Der Berg Kaf«, antwortete er, »besteht aus einer grünen Perle, ist von den edelsten Geschöpfen Gottes bewohnt und von den mächtigsten Engeln rings umher bewacht, niemand kann ihn betreten ohne besondere Erlaubnis Gottes. Doch komme mit mir zu unserem König, der kann dir besser als ich über alles Auskunft geben.« Ali erzählte weiter: Der Genius führte meinen Vater hierauf in eine herrliche, sehr feste Stadt, deren Tore von Engeln bewacht waren, welche Geister unter sich hatten, die mit silbernen und goldenen Pfeilern in der Hand auf und ab gingen. Da mein Vater aber in der Stadt keine Minaretts sah, auf denen bei uns das Gebet ausgerufen wird, fragte er seinen Begleiter, wieso sie die Stunde des Gebetes wüßten. Er antwortete: »Wenn die Zeit kommt, wo uns von dem Propheten Hidhr das Gebet vorgeschrieben ist, steigt eine Lichtsäule aus dem Berg, der über der Stadt sich erhebt, und tausend Engel rufen laut: »Gott ist groß! O ihr Geschöpfe des Herrn verkündet, daß es nur einen Gott gibt und daß Mohammed sein Abgesandter!« Er erzählte ihm hierauf von vielen anderen wunderbaren Erscheinungen dieser Insel und versprach ihm, wenn der König es erlauben würde, ihn auf dieser ganzen Insel herum zu führen. Unter solchen Gesprächen erreichten sie das Schloß des Königs Amrad, dem nichts von allem, was mein Vater bisher gesehen, zu vergleichen ist. Sein Begleiter trat in den Diwan, wo Amrad von seinen Vezieren, Räten und Truppenanführern umgeben saß, und meldete ihn. Dann holte er ihn ab, stellte ihn dem König vor und sagte ihm: »Der König wünscht zu wissen, wieso du hierher gekommen, da doch vor dir kein Mensch noch dieses Land je betrat.« Er erzählte dem König seine ganze Geschichte von seinem ersten Traum von Farha an, bis zu seiner Flucht mit Mifradj, den er ohne seinen Willen verbrannte. Er hatte aber seine Erzählung noch nicht ganz vollendet, als man einen furchtbaren Lärm vernahm und eine unzählbare Menge Lichtchen und Flämmchen in der Luft erblickte. Auch trat ein Adjutant des Königs in den Diwan und sagte: »Erhabener Herrscher, vor unserer Stadt liegt eine Armee, deren Stärke nur Gott kennt; ich habe natürlich sogleich deine Truppen rings um die Stadt aufgestellt; doch wollte ich nichts weiteres unternehmen, ohne zuvor deine Befehle darüber einzuholen.« – »Da wir noch nicht wissen«, sagte der König Amrad zu seinen Räten, »ob sie in feindseliger Absicht hierher kommen, so ist das beste, wir schicken ihnen einen Gesandten und lassen sie fragen, was sie hierher geführt.« Er begab sich dann auf die Terrasse des Schlosses, und als er fand, daß sein Adjutant in seinem Bericht von der Anzahl der angerückten Heere nichts übertrieben hatte, rief er seinen Großvezier Dilhat zu sich und sagte ihm: »Gehe zur Stadt hinaus zu den Häuptern der fremden Truppen, frage sie, wer sie sind, welchen Glauben sie haben und in welcher Absicht sie gekommen.« Dilhat bestieg sein Pferd und ritt, von einigen Dienern begleitet, zur Stadt hinaus, und bat einen fremden Soldaten, ihn zu den Häuptern der Armee zu geleiten und ihm zu sagen, wer sie eigentlich sind. »Die Armee, die du hier vor dir siehst,« sagte der Soldat, »gehört vier Königen, die selbst hier an ihrer Spitze stehen. Der eine heißt Schulahek, der andere Tud, der dritte Seisam und der vierte Dalhudsch; auch Abu Tawaif, der schlaueste aller Genienhäupter, ist bei ihnen. Wenn du zu den Königen willst, so gehe nur in Abu Tawaifs Zelt, dort unten auf der grünen Wiese, da findest du sie alle beisammen.« Dilhat ging nach dem ihm bezeichneten Ort, wo ein äußerst geschmackvolles und reich verziertes Zelt aufgeschlagen war, in das er als Abgesandter des Königs Amrad eingelassen wurde. Folgendes ist die Ursache, warum diese vier Könige nach der Diamanteninsel zum König Amrad gezogen. Als Dalhudsch an dem Tage nach meines Vaters Flucht in dessen Gefängnis kam, in der Absicht, ihn dem Gott der Finsternis zu opfern, und weder ihn noch seinen Wächter Mifradj fand, dachte er gleich, daß dieser, wegen seiner harten Strafe erbittert, es versucht haben werde, mit Zaher zu entkommen. Er machte sich daher gleich auf und flog nach allen Meeren und Inseln, um sie aufzusuchen, bis er auch auf die Diamanteninsel kam. Dort hörte er, wie ein Genius zum anderen sagte: »Heute habe ich ein großes Wunder gesehen: Einen Menschen auf dem Rücken eines Genius; letzterer wurde dann plötzlich zu Asche, der Mensch aber hat unbeschädigt die Erde erreicht und befindet sich gegenwärtig bei unserem König.« Als Dalhudsch dies hörte, freute er sich über den Untergang Mifradjs, und da er wohl wußte, daß Zaher nunmehr in sichere Obhut gelangt, flog er wieder heimwärts. Da fand er aber vor seinem Schloß ein Heer, so zahlreich wie die Regentropfen der Sündflut, und dachte: Bei der Nacht und der Dunkelheit! Hier muß sich etwas Außerordentliches ereignet haben, denn so viele Truppen habe ich noch nie beisammen gesehen; auch hat es bisher noch niemand gewagt, mein Schloß zu belagern. Er wendete sich daher an einen der Belagerer und sagte ihm: Ich bringe schon mein ganzes Leben auf dieser Insel zu, und noch nie sah ich einen Genius des Lichts darauf; was führt nun auf einmal ein so großes Heer zu uns, und unter welchen Befehlen steht es?« – »Dieses Heer«, antwortete der Soldat, besteht aus drei Abteilungen, deren eine dem König Schulahek, die andere dem König Tud und die dritte dem König Seisam gehorcht; letzterer ist der Sohn des Teufels Abu Tawaif, der sich auch hier befindet, um mit ihnen einen Menschen Namens Zaher aufzusuchen, den der König Dalhudsch geraubt haben soll.« – »Und woher wissen sie denn«, fragte Dalhudsch, »daß Zaher hierher gebracht worden?« – »Sie haben es«, antwortete der Soldat, »von Mifradjs Gattin gehört, welche, um ihren Gatten und Zaher zu befreien, die Hilfe des Königs Seisam anflehte.« Als Dalhudsch dies hörte, dachte er bei sich selbst: Da doch Zaher noch lebt, so habe ich von diesen Königen nichts zu befürchten. Er ging daher zu Abu Tawaif und sagte ihm: »Zaher aus Damaskus, um dessentwillen du mit den drei Königen hierhergezogen bist, befindet sich auf der Diamanteninsel bei dem König Amrad; ich hatte ihn geraubt, weil ich eurem Krieg ein Ende machen und den Menschen, der so viel Unheil unter Genien stiftet, züchtigen wollte; aber der Wächter, den ich über ihn setzte, hat mich verraten und ihn nach der Diamanteninsel getragen. Wenn euch daher so viel an diesem Menschen gelegen ist, so will ich euch mit meinen Truppen dahin begleiten.« Dieser Vorschlag wurde von Abu Tawaif angenommen, und so zog er denn mit den vier Königen weiter, um Zaher aufzusuchen. Als der Abgesandte Dilhat diese Könige in Abu Tawaifs Zelt auf goldenen Stühlen sitzend fand, grüßte er mit Ehrerbietung und sagte zu Abu Tawaif: »Ich bin ein Abgesandter des Königs Amrad, welcher mit Erstaunen ein so zahlreiches fremdes Heer auf seinem Gebiet erblickt und gern wissen möchte, in welcher Absicht ihr hierher gekommen. Ich zweifle zwar nicht im mindesten an euren friedlichen Gesinnungen; ihr werdet wohl die Macht des Königs Amrad kennen und um keinen Preis euch in einen Krieg mit ihm einlassen wollen, der euch jedenfalls nur verderblich werden kann; denn solltet ihr auch einmal über seine Truppen siegen, so steht es ihm doch immer frei, euch zu verweigern, was ihr von ihm begehrt, und sich auf den Berg Kaf zurückzuziehen, wo ihn Engel beschützen, deren feurige Pfeile euch abhalten, ihn weiter zu verfolgen.« – »Allerdings«, erwiderte Abu Tawaif, »wünschen wir sehnlich, mit deinem Herrn in gutem Einverständnis zu bleiben; jedoch können wir es nur unter der Bedingung, daß er uns den Menschen aus Damaskus ausliefere, der sich bei ihm aufhält und um dessentwillen, weil die Königin Farha ihn liebt, schon so viel Genienblut geflossen ist.« Dilhat kehrte darauf wieder zu Amrad zurück und machte ihn mit den Namen und der Forderung der vereinigten Könige bekannt. Amrad versammelte sogleich seine Räte und trug ihnen die ganze Geschichte Zahers und das Verlangen der Genienhäupter Tud, Seisam, Dalhudsch und Schuhalek vor und sagte: »Bei den Lichtstrahlen des Propheten Mohammed! So ungern ich auch Krieg führe, werde ich doch niemals einen rechtgläubigen Muselmann, der meinen Schutz anfleht, gegen seinen Willen ungläubigen Genien ausliefern; ich will sogleich Zaher kommen lassen, und will er nicht gern mit den Genienkönigen von hier ziehen, so mögen sie sehen, ob sie stark genug sind, ihn mir mit Gewalt zu entreißen.« Als mein Vater erschien, sagte ihm der König: »Die Genienhäupter, von denen du mir schon erzählt hast, sind mit ihren Heeren hier angelangt, um dich abzuholen; willst du mit ihnen zu deiner Gattin ziehen, oder ziehst du es vor, hier zu bleiben?« Mein Vater neigte eine Weile den Kopf zur Erde und sagte: »Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, erhabener König, so sehne ich mich am meisten nach meinen Verwandten und Freunden in Damaskus; doch auch hier verweile ich nicht ungern, da man hier den einzigen Gott anbetet, der auch mein Gott ist. Aber diese ungläubigen Genien verabscheue ich so sehr, daß ich, selbst wenn sie mir vorschlügen, mich wieder mit der Königin Farha zu vereinen, auch nicht mit ihnen ziehen möchte.« – »Du hast die Antwort Zahers gehört«, sagte der König entschlossen zu Dilhat; »kehre zu den Genienhäuptern zurück und sage ihnen, ich sei zum Kampf bereit, wenn sie darauf bestehen, daß ich den Menschen, dem ich Schutz gewährt, ihnen herausgebe.« Als Dilhat diese Antwort den Königen hinterbrachte, entbrannte ihr Zorn und sie riefen voller Entrüstung aus: »Wie, wegen eines elenden Menschen, der uns schon so viele Not verursachte, fordert uns der König Amrad zum Kampf heraus? Das ist ein Verfahren, das wir nicht dulden dürfen! Laßt uns aufbrechen und seine Stadt verheeren und alle ihre Bewohner töten oder gefangen nehmen!« Nachdem sich aber die erste Wut der Könige gelegt hatte, sagte ihnen Abu Tawaif: »Wisset, meine Kinder, der König Amrad ist nicht so leicht zu überwinden, wie ihr wohl glaubt, er ist selbst ein Held und seine Armee gleicht einem tobenden Meer. Das beste ist, wir ziehen von hier ab und sagen dem König, wir seien nur auf das dringende Verlangen der Königin Farha gekommen, weil sie glaubte, ihr Gatte wäre neuen Mißhandlungen ausgesetzt; da wir aber sehen, daß ihn der König so sehr liebt, daß er seinetwillen uns den Krieg erklärt, so können wir ihn ohne Sorge hier lassen. Wir lassen aber«, fahr Abu Tawaif fort, »einige unsichtbare Genien hier und beauftragen sie, Zaher zu rauben, sobald sie ihn einen Augenblick allein finden. So erreichen wir unseren Zweck, ohne unsere Truppen einem zweifelhaften Kampf auszusetzen.« Dieser Vorschlag wurde mit jubelndem Beifall angenommen, und es wurde sogleich ein Bote an den König Amrad gesandt, der ihm den Abzug der Genien aus den angeführten Gründen mitteilen sollte. Aber der König Amrad, den ein Engel von den treulosen Anschlägen Abu Tawaifs in Kenntnis gesetzt hatte, ließ sogleich meinen Vater rufen und sagte ihm: »Dein Leben ist hier in Gefahr; du bist von unsichtbaren Genien umgeben, die nur einen günstigen Augenblick abwarten, um dich zu entführen. Ich werde dich daher von einem meiner dienstbaren Geister entweder in deine Heimat oder zur Königin Farha zurücktragen lassen; welches von beiden ziehst du vor?« – »Gnädiger König!« antwortete mein Vater, »so sehr ich auch meine Gattin, die vielleicht schon Mutter ist, liebe, so habe ich doch seit meinem ersten Traum von ihr so viel gelitten, daß ich nicht von neuem ein so unruhiges, gefahrvolles Leben wieder beginnen möchte; am liebsten ist es mir daher, wieder in ein Land, das von Menschen meinesgleichen bewohnt ist, gebracht zu werden.« Der König ließ sogleich einen fliegenden Geist rufen und sagte ihm: »Bringe diesen Menschen in seine Heimat und gib ihm so viel, daß er sein ganzes Leben sorgenlos bei seiner Familie zubringen kann.« Der Geist nahm meinen Vater und einen Beutel voll mit Edelsteinen auf seinen Rücken und flog mit ihm die halbe Nacht durch; dann setzte er ihn auf den Gipfel eines hohen Berges, gab ihm den Beutel und sagte ihm: »Ich muß jetzt zurückkehren, denn bei Tagesanbruch muß ich wieder zu Hause sein; bleibe du hier bis Tag, dann steige den Berg hinab, da findest du eine große Stadt, von der aus du leicht in deine Heimat gelangen kannst.« Aber mein Vater wollte nicht lange auf einer Stelle sitzen bleiben und ging, sobald der Geist sich entfernt hatte, auf dem Berg umher und kam immer mehr von dem einzigen Pfad ab, der zur bezeichneten Stadt führte. Als der Tag heranbrach, befand er sich mitten zwischen furchtbaren Klüften und Abgründen, aus denen er gar keinen Ausweg mehr sah. Da warf er sich nieder und betete: »O Gott, der du mich aus den Händen der ungläubigen Genien befreit, ist meine Lebenszeit abgelaufen, so beschleunige meinen Tod und lasse mich nicht länger auf diesem öden Berg umherirren; willst du aber durch deine Gnade mich noch länger beim Leben erhalten, so zeige mir einen Ausweg aus diesem wilden Gebirge, wo weder ein grünes Blättchen, noch ein Tropfen Wasser zu sehen ist!« Als er sich aber wieder erholte, sah er zwei Füchse vor sich, welche wohlgenährt aussahen; er dachte, hier muß ein fruchtbares Land in der Nähe sein, sonst hielten sich keine Tiere da auf. Er ging daher diesen Füchsen über Felsen und Klippen nach, bis sie in eine Höhle sich verloren. Er folgte ihnen und fand eine sehr künstlich ausgehauene Treppe, welche von der Öffnung, durch welche er hineingegangen, eine Weile beleuchtet war; aber das Licht verlor sich allmählich, je tiefer er hinunterstieg. Die Treppe war indessen so bequem, daß er auch in der Dunkelheit vorwärts schreiten konnte, und bald erblickte er zu seiner größten Freude von der entgegengesetzten Seite eine Öffnung, der ähnlich, welche ihm den Eingang in die Höhle gestattete. Er setzte daher rastlos seinen Weg fort, bis er wieder auf die Oberfläche der Erde kam am Ufer des Meeres, in der fruchtbarsten und blühendsten Gegend, die er in seinem Leben gesehen. Nachdem er sich an den süßen Früchten und dem frischen Wasser, das hier reichlich aus der Erde sprudelte, gelabt hatte, ging er auf eine kupferne Statue zu, welche er auf einer zwanzig Ellen hohen, marmornen Säule vor sich sah. Die Statue hatte die rechte Hand ausgestreckt und hielt eine goldene Tafel, welche folgende Inschrift hatte: »Im Namen Gottes des Barmherzigen! Wisse, o Wanderer, der du hierher gelangst, du stehst an der äußersten Grenze des von Menschen bewohnten Landes; hier beginnt das Reich der Genien. Diese Insel des Ozeans ist der Fuß eines der höchsten Berge nach dem Berg Kaf. Als Salomo, der Sohn Davids (Gottes Friede sei mit ihm!), sich einst vom Wind durch die ganze Welt tragen ließ und, diesen Berg auf der oberen Seite so öde und steinig und auf der unteren so äußerst lieblich und fruchtbar fand, sagte er zu seinen Genien: O gäbe es doch einen Weg durch diesen Berg, damit, wenn jemals ein Mensch sich hierher verirrt, er nicht vor Durst und Hunger umkomme! Da sagte ein Genius: O Prophet Gottes, alle Berge haben Zweige und Adern wie die Bäume; auch dieser Berg hat unter anderen eine große Ader, welche von dessen Gipfel bis zu dieser Insel sich erstreckt; wenn du es befiehlst, so erweitere ich sie, so daß man bequem von dem Berg zur Insel herabsteigen kann. Auf Salomos Befehl machte er sich sogleich an die Arbeit, bis der Weg durchgebrochen war; dann baute er auch noch einen Hafen in der Nähe, welcher bei den heftigsten Stürmen den Schiffen ein sicheres Obdach gewährt.« Als mein Vater diese Inschrift gelesen hatte, besuchte er den von Genien erbauten Hafen und dachte: Kämen nicht zuweilen Schiffe hierher, so würden die Genien hier keinen Hafen erbaut haben; ich will also hier warten, bis ich Gelegenheit zur Rückkehr in meine Heimat finde. Es dauerte in der Tat nicht lange, da kam ein Schiff mit Segeln, die den Flügeln eines großen Vogels glichen, wie ein Pfeil daher geschossen und lief in den von Genien erbauten Hafen ein. Als aber die Kaufleute ans Land stiegen, erschraken sie vor meinem Vater, der mit seinem langen Bart, Schnurrbart und Nägeln eher einem wilden Tier, als einem Menschen gleich sah. Einer von ihnen sagte: »Das ist gewiß der Djinn dieser Insel!« ein anderer entgegnete aber: »Nein, er hat Menschenfüße, es ist vielleicht ein Verunglückter; ich will im Vertrauen auf Gott mich ihm einmal nähern.« Er nahm sein Schwert zur Hand, ging auf meinen Vater zu und sagte ihm: »Bist du ein Djinn, so ziehe dich zurück vor dem heiligen Namen Gottes, bist du aber ein Mensch, so sei mir gegrüßt!« Mein Vater erwiderte seinen Gruß und sagte. »Warum hältst du mich für einen Djinn? Ich bin ein Mensch aus Damaskus!« – »So komme mit mir auf mein Schiff«, sagte der Kaufmann, »und erzähle mir, wie du hierher gekommen.« Nachdem mein Vater den Kaufleuten seine ganze Geschichte erzählt hatte, sagten sie ihm, er könne mit ihnen nach Syrien zurückkehren, denn auch sie seien von einem Sturm aus dem mittelländischen Meer in den Ozean getrieben worden, als sie aus dem Abendland nach Latakie segeln wollten. Mein Vater – fuhr Ali in seiner Erzählung vor dem Kalifen Abdul Malik fort – schenkte den Schiffsleuten einige von den Edelsteinen aus dem Beutel, den ihm der König Amrad geschenkt hatte, wogegen er reichlich mit Kleidern, Wasser und Nahrungsmitteln versorgt wurde. Er gelangte nach einigen kleinen Unglücksfällen nach Latakie, wo er nur kurze Zeit sich aufhielt, und kehrte dann zur größten Freude aller seiner Bekannten und Verwandten nach Damaskus zurück, wo er bald die höchsten Staatsämter bekleidete. Neun Monate nach meiner Mutter Hochzeit gebar sie mich und ließ mich auf das Sorgfältigste erziehen. Mein Großvater, der mich wie seinen eigenen Sohn liebte, ließ die besten Lehrer kommen und mir im Lesen und Schreiben, dann in der Philosophie, Geschichte und Astronomie Unterricht erteilen. Ich hatte kaum das Jünglingsalter erreicht, als mir die Schwermut meiner Mutter auffiel; so oft sie mich sah, umarmte sie mich mit einer mehr als mütterlichen Heftigkeit. Sehr oft weinte sie, wenn sie mich küßte, und sagte: »Du siehst deinem Vater gar zu ähnlich.« So oft ich sie aber fragte, wer denn mein Vater war, nannte sie mir einen unbekannten König. Eines Tages schlug ich einen ihrer Sklaven, der mir von meiner Kindheit an verhaßt war, und sagte ihm: »Verruchter Schwarzer, wie oft habe ich dir schon gesagt, ich wollte dich nicht mehr vor meinen Augen haben, warum weichst du mir nicht aus, wenn du mich kommen siehst?« Da antwortete er mir: »Ich bin allerdings nur ein Sklave, doch jeder kennt meine Eltern und weiß, daß sie auch Sklaven waren, wie ich; aber du vaterloser Bub, weißt du, daß dein Vater ein unbekannter, auf dem Meer aufgefundener, hergelaufener Mensch war! Gott verdamme dich, weil du mich so mißhandelst, und lasse dich gleich mir unter fremden Leuten umherwandern, die kein Mitleid mit dir haben!« Der Sklave entfloh bei diesen Worten; ich verfolgte ihn mit entblößtem Schwert, konnte ihn aber nicht erreichen und wußte gar nicht, wo er hingekommen, ob er in die Erde versunken oder in den Himmel gestiegen. Ich blieb eine Weile über die Aussage des Sklaven nachdenkend sitzen; dann begab ich mich zu meiner Mutter. Sie küßte und umarmte mich wie gewöhnlich; ich blieb aber ernst und düster neben ihr sitzen, und als sie mich fragte, was mir denn Unangenehmes widerfahren sei, sagte ich ihr: »Bei dem erhabenen, barmherzigen Gott, ich muß wissen, wer mein Vater war, oder mein Schwert soll deinem lasterhaften Leben ein Ende machen!« Meine Mutter erwiderte weinend: »Mein Sohn, bei dem, der die Berge geschaffen und ihre Größe und Schwere kennt, dein Vater war einer der Besten und Edelsten seines Volkes!« – »Nicht so viele Worte!« rief ich ganz außer mir: »Nenne mir meinen Vater, oder ich bringe dich und mich um, denn ich habe heute etwas gehört, das meine jugendlichen Locken grau färbt.« Als meine Mutter dies hörte, sagte sie mir: »Stecke dein Schwert ein und setze dich ruhig zu mir, ich will dir alles gestehen.« Sie erzählte mir dann, wie so viele Prinzen um ihre Hand anhielten, aber kein einziger ihr gefiel; wie sie dann in Damaskus meinen Vater beim ersten Anblick liebte, ihm daher im Traum erschien und ihn aufforderte, zu ihr auf die Diamanteninsel zu kommen; wie er dann nach einem Schiffbruch auf dem Meer gefunden und mit ihr gesetzlich verheiratet wurde. »Aber«, schloß sie dann, »mein Glück war nur von kurzer Dauer: Als ich am Morgen nach der Hochzeitsnacht erwachte, fand ich ihn nicht mehr. Ich erfuhr zwar, daß ihn Schulahek, einer der Genienhäupter, die mich heiraten wollten, geraubt; aber all mein Bemühen, wieder mit ihm vereinigt zu werden, blieb ohne Erfolg, denn der König Amrad, bei dem sich dein Vater zuletzt aufhielt, ist mächtiger als ich, und läßt keinen Genius mehr in seine Nähe kommen. Ich habe nun nichts mehr von ihm, als einen Siegelring, den ich in der Brautnacht gegen ein Armband mit ihm vertauschte.« Als meine Mutter ihre Erzählung vollendet hatte, sagte ich ihr: »Wenn die Sache sich so verhält, so bleibt mir nichts übrig, als meinen Vater aufzusuchen; erlaube mir, alsbald nach Syrien zu reisen.« Sie erwiderte aber: »Mein Sohn, ich kann die Trennung von dir nicht ertragen; auch fürchte ich, es möchte dir auf einer so großen Reise ein Unglück begegnen.« Ich verließ sie zornig über ihre Weigerung, jedoch höchst glücklich über die Nachricht, die sie mir von meinem Vater gegeben. Ich hatte sie aber kaum eine Viertelstunde verlassen, da wurde ich zu meinem Großvater, dem König Mutaa, gerufen. Ich freute mich schon, denn ich dachte: Gewiß hat ihm meine Mutter gesagt, ich wollte nach Syrien reisen, und er hat sie bewogen, mir ihre Einwilligung zu erteilen. Als ich aber zu meinem Großvater kam, sah er mich grimmig an und sagte: »Wenn du dich nicht der härtesten Züchtigung aussetzen willst, so schlage dir deinen Reiseplan aus dem Kopf und aus dem Herzen, und sprich nie mehr davon.« Ich dachte: Gut, wenn ihr auf diese Weise mich behandelt, so will ich euch hintergehen. Als ich darauf wieder zu meiner Mutter kam, sagte ich ihr: »Wie konntest du meinen Scherz so ernst nehmen? Kenne ich von der ganzen Welt doch nur dieses Schloß, wie wollte es mir einfallen, allein eine Reise nach Damaskus zu machen? Das einzige, was ich wünschte, das wäre, den Siegelring meines Vaters an meinen Fingern tragen zu dürfen, um doch etwas von ihm zu haben.« – »Gebiete über alles, was ich besitze, und über mich selbst«, sagte meine Mutter, indem sie mir den Ring überreichte. Ich ging hierauf zu einem meiner Freunde, der auch Zaher hieß, wie mein Vater, und erzählte ihm alles, was zwischen mir und meiner Mutter und meinem Großvater vorgefallen, und sagte ihm, ich könnte keinen Augenblick mehr Ruhe finden, bis ich bei meinem Vater sein werde. Mein Freund Zaher stimmte mir bei und schwor, er wolle mich begleiten. Wir gingen sogleich an den Hafen und mieteten heimlich ein Schiff nach Syrien, auf das ich durch Zaher einige Kleidungsstücke und einen Beutel voll Gold und Edelsteine, die ich meiner Mutter entwendete, bringen ließ, und am folgenden Abend segelten wir ab. Der Wind war uns in den ersten zwei Tagen sehr günstig, am dritten Tage aber legte er sich nach und nach, die Segel wurden immer lockerer, das Schiff immer träger, bis zuletzt eine gänzliche Windstille eintrat, so daß das Schiff mitten auf dem Meer wie in dem verschlossensten Hafen unbeweglich dastand. Der Hauptmann erschrak sehr, als er dies sah, und sagte uns: »Seid auf eurer Hut vor den furchtbaren Seetieren, die auf diesem Meer hausen, und die zuweilen auf das Schiff steigen und die Mannschaft auffressen; setzet euch mit dem Schwert in der Hand auf den Rand des Schiffes, um sie zurückzustoßen.« In der folgenden Nacht, als ich mit der einen Hälfte der auf dem Schiff sich befindenden Kaufleute Wache hielt, während die andere Hälfte schlief, sah ich auf einmal etwas wie ein hoher Berg auf das Schiff zukommen; der Hauptmann, der es zu gleicher Zeit mit mir sah, schrie: »Wir sind verloren, hier naht sich uns ein Seetier, gegen das weder Schwert noch Lanze etwas vermögen, denn seine Haut ist so hart, daß man Schilder daraus macht, wenn man je ein solches Tier tot findet.« Indessen zog doch jeder sein Schwert und suchte das Tier, das immer näher kam, abzuschrecken, und als es nur noch ein paar Schritte von dem Schiff war und die große bewaffnete Menschenmasse darauf sah, zog es sich wirklich zurück. Aber bald darauf, als wir uns schon gerettet glaubten, kehrte es mit mehr als zweihundert seiner Gattung wieder. Schon rief der Hauptmann: »Nehmet Abschied von euren Freunden und betet zu Gott um Verzeihung eurer Sünden, denn heute ist der letzte Tage auf dieser und unser erster auf jener Welt.« Die Tiere hatten das Schiff schon von allen Seiten umzingelt und waren schon im Begriff hinaufzuspringen, als auf einmal ein heftiger Wind sich erhob, der das Schiff wie einen fliegenden Stern über sie wegtrieb; da jubelte alles, was auf dem Schiff war, und der Hauptmann warf, vor Freude außer sich, seinen Turban in die Höhe. Wir setzten nun bei immer günstigem Wind, klarem Himmel und ruhiger See unsere Reise dreißig Tag lang fort: Der eine sang, der andere rezitierte Gedichte, der dritte erzählte Märchen, so daß uns die Zeit recht angenehm verstrich. Am einunddreißigsten Tag aber bemerkten wir am Himmel einen schwarzen Punkt, nicht größer als ein Drachmen, und bald darauf wehte eine schneekalte Luft, so daß wir alle unsere Winterkleider anzogen. Der schwarze Punkt dehnte sich indessen immer mehr aus, bis er zuletzt sich über den ganzen Himmel verbreitete und man den Auferstehungstag nahe glaubte. Bald blitzte und donnerte es von allen Seiten her, die Wolken vergossen Tränen wie aus Wasserschläuchen, die See kochte und schäumte und trieb das Schiff im Kreis umher. Wir waren alle beschäftigt, das Wasser aus dem Schiff zu schöpfen, das der offene Himmel und das aufbrausende Meer zugleich füllten, aber bald fiel ein so zerschmetternder Hagel, daß wir nicht mehr auf dem Verdeck bleiben konnten, und kaum waren wir heruntergestiegen, als vier Wellen, wie die höchsten Berge von verschiedenen Seiten her gegen das Schiff schlugen und es so zerschmetterten, daß das größte Brett nur die Größe einer Schiefertafel behielt; alles, was auf dem Schiff war, sank in den Abgrund, nur ich hielt mich an einem Sack Mehl fest, das bekanntlich (?) vierzig Tag lang sich auf der Oberfläche des Wassers erhält, und schwamm darauf zwei Tage und zwei Nächte umher, von den Wellen manchmal bis zu den Sternen hinauf und wieder bis in den Abgrund hinuntergeschleudert. Aber am dritten Tage war ich so sehr von Hunger und Durst geschwächt und von der Nässe und Kälte erstarrt, daß ich nicht mehr Kraft genug hatte, mich an dem Mehl festzuhalten. Indessen hielt ich mich doch mit Hilfe der Wellen noch bis gegen Abend auf der Oberfläche des Wassers, da ich aber nicht mehr hoffen konnte, die Nacht zu überleben, hörte ich auf zu schwimmen und wollte durch einen schnellen Tod meinem Leiden ein Ende machen, als ich auf einmal etwas wie ein großes Feuer mitten auf dem Meer vor mir sah, Jetzt strengte ich von neuem alle meine noch übrige Kraft an, um mich dem Feuer zu nähern. Bald bemerkte ich aber, daß ich ein großes goldenes Schloß, von vier riesenhaften Genien getragen, für ein Feuer gehalten, denn es war so hell beleuchtet und so reich mit funkelnden Edelsteinen verziert, daß es über das ganze Meer wie die reinste Mittagssonne ein blendendes Licht verbreitete. Als ich nur noch ein paar Schritte davon entfernt war, hörte ich, wie jemand rief: »Nehmet den Verunglückten auf!« und sogleich flog ein Genius aus dem Schloß zu mir und trug mich hinein. Ali fuhr fort: »Ich fiel in Ohnmacht, als der Genius mich aus dem Wasser hob, und kam erst am folgenden Morgen wieder zum Bewußtsein. Da befand ich mich auf einem Bett von rotem Atlas überzogen, vor mir lag ein grünes golddurchwirktes seidenes Kleid, und auf dem Marmorboden stand eine Kohlenpfanne, auf der Aloeholz brannte, daneben ein Tisch, mit den ausgesuchtesten Speisen der Luft, des Wassers und der Erde gefüllt. Sobald ich mich aus dem Bett erhob, kamen zwei Diener, welche an der Türe standen, auf mich zu, wuschen mich mit Rosenwasser und zogen mich an. Ich setzte mich ganz ausgehungert an den Tisch, bis ich satt war. Dann brachten die Diener allerlei Früchte und Süßigkeiten, und zuletzt wieder Wasser mit wohlriechender Seife. Hierauf verschwanden sie und es traten vier Mädchen wie der Mond zu mir herein und fragten mich, wer ich sei und wie ich auf dieses Meer gekommen? Als ich ihnen meine ganze Geschichte erzählt hatte, sagten sie: »Danke dem Schöpfer, daß dich die Wellen zu uns hergetrieben, denn hier harret deiner nur Glück und Freude.« Ich bat sie dann, mir zu sagen, wo ich mich eigentlich befinde? Was dieses Schloß mitten auf dem Meer bedeute, wer es gebaut und bewohne? Da sagte eine von ihnen: »Wisse, mein Freund, du befindest dich hier auf dem großen Ozean, der die ganze Welt umgibt, und aus dem alle übrigen Meere ausfließen. Dieses Meer ist aber auch bewohnt; so befindest du dich vor einer runden Insel, die zwischen zwei unermeßlich hohen Bergen liegt, an deren Gipfeln sich ein Schloß mit goldenen Mauern erhebt, das im Sonnenschein wie ein Stern leuchtet. Auf dieser Insel wächst das beste Aloeholz, und entspringt eine Quelle von dunkelblauem, wohlriechendem Wasser, in der sich Fische von den verschiedensten Farben aufhalten, ohne Gräte, mit goldgelben Augen und spitzigen schneidenden Ohren, mit denen sie den härtesten Felsen zersplittern können. Auch sammelt sich zuweilen ein dichter Schaum auf dieser Quelle, den der Wind häufig, an den zwei Bergen vorüber, ins Meer treibt, wo ihn Kaufleute auffangen und unter dem Namen Ambra verkaufen. Die Stadt, welche auf dieser Insel liegt, übertrifft an Glanz und Reichtum alle Städte der Welt und heißt auch darum Asaf, weil ein jeder bei ihrem Anblick ausruft: Asaf (Wehe!) über die ganze übrige Welt! Sie ist von goldenen Mauern umgeben, mit Zinnen aus Rubinen, und von Reitern bewacht, welche große silberne Lanzen mit smaragdenen Spitzen in der Hand tragen. Mitten in der Stadt erhebt sich ein Schloß, dessen Inneres und Äußeres mit den kostbarsten Edelsteinen überschüttet ist, und dessen wundervolle Einrichtung ich gar nicht beschreiben kann; es enthält unter anderem einen viereckigen Saal, der auf vier goldenen Pfeilern ruht, in dessen Mitte ein Springbrunnen aus rotem Korall ein Meer von Wohlgerüchen verbreitet. Auch hängen in diesem Saal viele goldene Käfige mit silbernem Schloß und smaragdenem Schlüssel, aus denen die süßesten Töne das Ohr entzücken. An der Spitze dieses Saales sitzt auf einem Thron, von grüner Seide überzogen, das schönste Mädchen, das der Herr geschaffen, die mächtige Königin Turaja, Tochter des Königs Farkad, von vielen Menschen und Genien umgeben.« »Nicht weit von der Insel, auf welcher die Königin Turaja regiert, liegt aber noch eine größere, sehr völkerreiche Insel, deren König Kanas heißt; er hat eine Tochter, weiche unter dem Namen »die blaue Königin« bekannt ist und in der Zauberkunst den höchsten Grad erreicht hat. Sie liebt fremde Männer aufs leidenschaftlichste, und hat daher auf allen Seiten dieses Meeres ihre Spione, die, sobald sie einen schönen Mann sehen, ihr Nachricht davon geben; sie läßt ihn dann durch einen ihr ergebenen Geist zu sich bringen, unterhält sich mit ihm, solange es ihr Freude macht, dann bringt sie ihn um oder verzaubert ihn in irgendein vierfüßiges Tier, oder in einen Vogel. Die Königin Turaja hat daher, um zu verhüten, daß nicht jeder Verunglückte in die Gewalt der abscheulichen blauen Königin falle, dieses Schloß, mitten auf dem Meer, an der Grenze ihres Reichs bauen lassen, und Gott sei gedankt, daß du auf diese Weise gerettet worden.« Die Sklavinnen führten mich dann in einem zierlichen Nachen mit den feinsten Teppichen belegt nach der Stadt Asaf, und brachten mich in ein für Fremde bestimmtes Hotel, das der mächtigste Sultan bewohnen dürfte, so schön war dessen Bauart und innere Einrichtung, und so vortrefflich war es mit allen Annehmlichkeiten des Lebens versehen. Es war Nacht, als wir in das Hotel kamen, und ich wurde in ein Zimmer geführt, in welchem unzählbare Wachslichter mit Aloeholz besteckt in goldenen Leuchtern brannten; ein mit den schmackhaftesten Speisen und Getränken beladener Tisch stand vor einem höchst bequemen und reichgeschmückten Divan. Die Sklavinnen bedienten mich noch bei Tisch, dann zogen sie sich zurück, und ich legte mich auf den Divan und schlief die ganze Nacht. Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah ich ein wunderschönes Mädchen in einem golddurchwirkten mit Perlen verziertem Kleid vor mir; ich sagte ihr: »Bist du, Teure, die Königin Turaja?« – »Wo denkst du hin, blödsinniger Mensch?« sagte sie; »ich bin die geringste ihrer Sklavinnen, die Dienerin dieses Gemachs, und harre deiner Befehle.« – »Wann wird denn die Königin Turaja hierherkommen?« – »Ich glaube, du bist von Sinnen, wenn du dir einbildest, die Königin Turaja werde dich hier besuchen. Nach drei Tagen wird sie dich rufen lassen und dich fragen, wer du bist und wieso du hierher gekommen, und dich dann nach deinem Rang behandeln, hüte dich aber nur, ihr etwas von deinen Umständen zu verbergen, denn sie erfährt durch ihre Geister doch alles, und findet sie dich als einen Lügner, so bist du verloren.« Während mir nun die Sklavin noch manches von ihrer Königin erzählte, erschienen auf einmal vierhundert Mamelucken in Atlaskleidern, mit goldenem Gürtel um den Hüften und gezogenem Schwert in der Hand, und ihr Anführer sagte mir: »Mein Herr, die Königin Turaja schickt uns hierher, um dich abzuholen.« Die Sklavin sah ihn mit Erstaunen an und sagte mir: »Wisse, daß du der erste Fremde bist, den die Königin vor dem dritten Tag nach seiner Ankunft ins Schloß rufen läßt, das ist eine gute Vorbedeutung; sei nur recht ehrerbietig und gehorsam gegen sie, sprich nicht zu laut vor ihr, und sei recht bescheiden.« Ich verließ hierauf das Fremdenhotel, der Anführer der Mamelucken hieß mich ein Maultier besteigen, dessen Geschirr ein Königreich wert war, und ritt mit mir nach dem Schloß durch sieben Vorhöfe, welche von mehreren tausend Genien bewacht waren. Als ich endlich in den Thronsaal gelangte, bewillkommte mich die Königin, und alle Veziere und Generäle welche bei ihr waren, erhoben sich vor mir. Nachdem ich ihren Gruß erwidert, und noch einen Wunsch für die lange Dauer ihres Reiches und ihres Lebens hinzugefügt hatte, sagte sie: »Ich weiß schon, wer du bist, und kenne deine Mutter recht gut, darum habe ich dich auch heute schon sprechen wollen; erzähle mir nur zuerst, wie es dir seit deiner Abreise von deiner Heimat gegangen?« Als ich ihr alles von meiner Einschiffung bis zu dieser Stunde mitgeteilt hatte, bewillkommte sie mich nochmals und sagte: »Betrachte mein Land als das deinige, und meine Diener als die deinigen!« Dann erhob sie sich, ergriff meine Hand und führte mich in das Schloß ihres Vaters. Dieser sagte ihr: »Warum besuchst du mich heute so spät, meine teure Tochter?« – »Der Jüngling, den ich hier vorstelle«, antwortete sie, »ist die Ursache meines ungewöhnlich langen Ausbleibens.« Der König, welcher sogleich merkte, daß ich seiner Tochter nicht gleichgültig war, hieß mich näher treten und neben ihn sitzen, und lud mich ein, mit ihm das Frühstück zu nehmen. Die Königin Turaja legte mir die besten Bissen vor, und ich stülpte meine Ärmel zurück und aß mit den Spitzen meiner Finger, bis ich satt war. Nachdem wir gegessen, und unsere Hände aus goldenen Waschbecken mit Rosenwasser und parfümierter Seife gewaschen hatten, wurden die Trinkgefäße mit allerlei frischen und trockenen Früchten nebst Zuckerwerk aufgetragen, und als wir den Wein im Kopf spürten, befahl der König einer seiner Sklavinnen, die Sängerinnen zu holen. Sie kehrte bald wieder mit hundert königlich geschmückten jungen Mädchen, deren jede einen golddurchwirkten Atlasbeutel mit grünen seidenen Schnüren und einem diamantenen Schloß in der Hand trug. Sie nahmen ihrem Rang nach rings um den Saal herum Platz, zogen ihre Instrumente aus den Beuteln und fingen an zu singen und zu spielen, daß ich glaubte, das ganze Schloß tanze mit mir herum. Sie wurden erst nach einigen Stunden wieder entlassen, und als wir allein waren, fragte mich die Königin, ob ich ihr Gatte werden wollte? Da ich vom ersten Augenblick an, wo ich sie sah, eine heftige Liebe für sie fühlte, antwortete ich ihr: »Es ist das höchste Glück, das mir in diesem Leben zuteil werden könnte.« Turaja machte hierauf ihren Vater mit meiner Familie und meinen Abenteuern näher bekannt, gestand ihm ihre Liebe zu mir und bat ihn um seine Einwilligung in unsere Verbindung. Der König Farkad erteilte uns seinen Segen, worauf die Königin Turaja mich wieder bei der Hand nahm und in ihr Schloß zurückführte. Als wir allein waren, holte sie ein Schwert, ein Stückchen Brot und einen Koran und schwor, daß sie weder in meiner Anwesenheit noch in meiner Abwesenheit, weder bei meinem Leben noch nach meinem Tod einem anderen Mann gehören wolle als mir. Dann bat sie mich, denselben Eid zu schwören, und als ich geschworen hatte, küßte und umarmte sie mich als ihren Gatten. – Am folgenden Morgen sagte sie mir: »Bleibe du hier im Schloß, ich muß wegen einer dringenden Angelegenheit meinen Vater besuchen.« Als sie mich verließ, ging ich im Schloß umher, von einem Gemach zum andern, bis ich zuletzt auf die Terrasse stieg, welche mir eine wundervolle Aussicht auf die ganze Stadt und das Meer gewährte. Schon wollte ich wieder herunter ins Schloß steigen, als ein Vogel auf mich zuflog, mich bis zu den Wolken hinaufhob und den ganzen Tag mit mir herumflog. Erst gegen Sonnenuntergang ließ er sich mit mir auf eine sehr blühende, stark bevölkerte Insel herunter und verwandelte sich plötzlich in einen schönen, königlich gekleideten und geschmückten Jüngling. Höchst erstaunt über diese Verwandlung fragte ich ihn, zu welcher Gattung Geschöpfe er gehöre? Er antwortete mir: »Ich bin ein Mensch wie du, und heiße Tarad, Sohn Anans, König des rauchenden Berges; doch komme nur weiter mit mir, ich will dich mit meinem ganzen Leben bekannt machen.« Er führte mich dann in ein Schloß, vor dessen Toren viele Diener mit goldenen Stäben und Mamelucken mit indischen Schwertern standen, die sich alle vor ihm bis zur Erde verbeugten. In einem großen Saal des Schlosses setzte er sich auf einen Divan, hieß mich neben ihn sitzen und begann: »Wisse, mein Freund, mein Vater, der mächtige König Anan, hat außer mir noch zwölf Söhne, deren jeder ein großes Königreich besitzt. Er liebte mich aber von meiner Jugend an mehr als alle meine übrigen Brüder, daher beneideten mich diese, und bald verwandelte sich sogar ihr Neid in bitteren Haß. Mein Vater, welcher befürchtete, meine Brüder möchten mir einmal in seiner Abwesenheit etwas zuleide tun, rief eines Tages einen ihm ergebenen Genienfürsten mit Namen Dahisch, der über unzählbare mächtige Genien zu gebieten hat, zu sich und sagte ihm: »Von heute an sollst du nicht mehr mir, sondern meinem Sohn Tarad dienen, vollziehe alle seine Befehle, und hieße er dich auch Berge ausreißen oder Meere austrocknen, und schütze ihn besonders gegen die bösen Anschläge seiner Brüder.« Da mich dieser Genienfürst aller Mühe, Sorge und Arbeit enthob, gab ich mich ganz dem Studium der Zauber- und Beschwörungskunst hin, zu der ich von meiner Kindheit an schon viel Neigung hatte. Ich brachte es bald in dieser Kunst so weit, daß ich glaubte, mich mit den anerkanntesten Zauberern messen zu dürfen. Als ich das Mannesalter erreicht hatte und mich nach einer Gattin sehnte, rief ich Dahisch und sagte ihm: Wisse, daß ich nicht mehr länger hier allein leben mag, ich will mich verheiraten, möchte aber keine andere Gattin als Turaja, die Königin der Moschusinsel, denn nach allem, was ich gehört und gelesen habe, übertrifft sie alle anderen Frauen an Schönheit, Macht, Weisheit und Gelehrsamkeit; darum geh' zu ihr und sage ihr: Der König Tarad, der Sohn Anans, Herr des rauchenden Berges, will dich zur Gattin haben, gewährst du ihm sein Verlangen, so sollst du das glücklichste Weib auf Erden werden, wo nicht, so wird er mit Menschen- und Genienscharen zu dir ziehen, dein Land verwüsten und dich als Gefangene fortschleppen. Dahisch entgegnete mir: Weißt du nicht, erhabener König, daß Turaja so mächtig ist, daß sie den Berg Kaf umzustürzen vermag? Alle Könige dieser Meere sind ihre Verbündeten, selbst Abu Tawaif gehorcht ihr und fürchtet sie: Wie soll ich eine solche Sprache gegen sie führen? – Thu' was ich dir befehle, versetzte ich zornig; mich schrecken ihre Zauberkünste nicht ab; indessen nimm doch aus Vorsicht tausend Riesengenien mit verbranntem Gesicht mit dir und bringe mir bald ihre Antwort. Dahisch weigerte sich nicht länger und flog in sehr kurzer Zeit, von tausend Genien begleitet, nach der Moschusinsel. Als die Königin Turaja die Ankunft eines Genienfürsten mit tausend fliegenden Genien vernahm, schickte sie ihnen einen ergebenen Geist entgegen und ließ sie fragen, in welcher Absicht sie gekommen. Der Geist flog zu Dahisch und grüßte ihn, dieser erwiderte aber den Gruß nicht und der Geist schloß daraus, daß es widerspenstige Genien sein müßten. Einer derselben fragte dann in einem unsanften Ton: Was verlangst du von uns? – Ich bin, antwortete der Geist, von der erhabenen Königin Turaja zu euch gesandt, um euch zu fragen, wer ihr seid, wem ihr gehorchet und was ihr begehret? Dahisch erwiderte hierauf: Ich bin gekommen, um im Namen des Königs Tarad um die Königin Turaja zu werben. Als der Geist mit dieser Antwort zu seiner Herrin zurückkehrte, sagte sie ihm: »Geh' wieder zu Dahisch und sage ihm, er möge mich allein in meinem Schloß besuchen, und mir das Nähere über seine Botschaft mitteilen. »Als aber der Geist den Wunsch seiner Herrin dem Fürsten Dahisch vortrug, sagte dieser: Du Hund, wie wagst du es, eine solche Botschaft an mich zu übernehmen? Wer ist deine Herrin, daß sie es wagt, mich allein zu sich zu rufen, statt zu mir herauszukommen? Er zog hierauf sein Schwert, tötete den Geist, und drang mit seinen verbrannten Genien ins Schloß. »Schon hielt sich Dahisch seines Sieges gewiß, als die Königin Turaja ihm entgegentrat, durch das Ausrufen eines heiligen Namens ihn zu Boden stürzte und von ihren Geistern, welche jetzt tausendweise herbeiströmten, in Ketten legen ließ; auch die Genien, die mit ihm gekommen waren, wurden teils verbrannt, teils gefangengenommen. Turaja setzte sich dann auf ihren Thron, ließ Dahisch, der sich so klein wie ein Hühnchen machte, gefesselt vor sich führen und sagte ihm: Wehe dir! Warum hast du meinen Geist erschlagen? Gott verdamme dich! Doch laß mich einmal deine Botschaft vernehmen. – Verzeihe, Königin! rief Dahisch mit zitternder Stimme, mich sendet Tarad, der Sohn Anans, König des rauchenden Berges, zu dir, um dich zu fragen, ob du ihm nicht mit deiner Hand beglücken wolltest. – Und was hat er dir ferner aufgetragen? fragte dann Turaja, Dahisch senkte den Kopf zur Erde und antwortete nicht. Hat er dir weiter nichts gesagt? fragte Turaja nochmals, und da Dahisch in seinem Schweigen beharrte, schlug sie ihm den Kopf ab und befahl ihren Geistern, alle seine Begleiter aus der Welt zu schaffen. Als dieser Befehl vollzogen war, rief sie Charub, einen ihrer Adjutanten, zu sich und sagte ihm: »Bringe mir Tarad, den Sohn Anans, hierher!« Charub nahm sogleich die Gestalt eines ungeheuren Vogels an und flog zu mir, hob mich von meinem Thron weg und trug mich zur Königin Turaja. Willkommen, Herr Bräutigam, rief sie mir höhnisch zu; bei Gott! Du sollst allen Königen dieser Insel zur Warnung dienen, daß keiner so bald es wage, mich nur zu nennen. Sie sagte dann einigen ihrer Genien: Führet ihn ins Gefängnis und bewachet ihn wohl, bis ich von meinem Vater, dem König Farkad, zurückkehre, den ich fragen will, was ich mit diesem Hund anfangen soll. Aber im Augenblick, als ein furchtbarer Genius mich ins Gefängnis führen und die Königin sich entfernen wollte, trat der König Farkad herein und fragte seine Tochter, warum sie ihn heute nicht zur gewöhnlichen Stunde besuchte, und was ihr denn widerfahren, daß sie so aufgeregt aussehe? Turaja erzählte ihm hierauf alles, was zwischen mir, Dahisch und ihr vorgefallen. Gott lasse dich ferner über alle deine Feinde siegen, sagte der König erfreut; doch wo ist der König Tarad? Ich möchte ihn auch gern sehen. Als die Königin auf mich hindeutete, sagte er: Das ist ein König, der um meine Tochter wirbt? Der zittert ja wie ein altes Weib! Er trat mich dann mit seinem Fuß aus dem Saal und befahl dem Scharfrichter, mich zu hängen. Ich hatte schon alle Hoffnung auf Gnade verloren, da traten die Adjutanten des Königs herein und sagten: Der König Anan, Abu Tawaif und einige andere Genienkönige sind mit einer großen Anzahl Truppen im Anzug, um den König Tarad zu befreien; vor dem Schloß steht ihr Abgesandter, der vorgelassen zu werden wünscht. – Führe ihn herein, sagte Farkad einem seiner Adjutanten. Da erschien ein alter Mann, der so ehrwürdig aussah, daß Farkad ihn freundlich aufnahm, neben sich sitzen ließ und ihn in einem sanften Ton fragte, woher er komme, wer er sei und welche Botschaft er bringe? Ich bin, antwortete der Alte, ein Gesandter des Königs Anan, der mit Abu Tawaif mir bald hierher folgen wird, um dich um Gnade für seinen leichtsinnigen, tollkühnen Sohn zu bitten, den er trotz aller seiner Fehler doch zärtlich liebt. Farkad befahl einem seiner Diener, mich einstweilen in ein Gemach des Schlosses zu bringen, und auch den Gesandten meines Vaters ließ er in eines der schönsten Zimmer des Schlosses führen und ihm zwei Genien zur Bedienung geben. Als er dann allein mit Turaja war, sagte er ihr: Teure Tochter, so sehr auch Tarad den Tod verdient, müssen wir doch bedenken, daß er ein König und Sohn eines mächtigen Königs ist, auch uns wird der Großmut nur noch mehr vor den Augen aller Könige erheben; übrigens wäre es auch unklug von uns, wenn wir, um an einem verwegenen Jüngling Rache zu nehmen, uns in einen Krieg mit Anan und Abu Tawaif einlassen wollten; was sagst du dazu? – Ich habe keinen anderen Willen als den deinigen, erwiderte Turaja; ich denke, wir warten einmal die Ankunft Anans ab und sehen, wie er sich gegen uns benimmt; sieht er das Unrecht seines Sohnes ein und bittet uns um Gnade für ihn, so werde sie ihm gewährt; droht er uns aber mit Gewalt, so üben wir Gerechtigkeit aus und lassen uns nicht von ihm einschüchtern. Einige Tage nach diesem Vorfall trat ein Adjutant vor den König Farkad und meldete ihm die Ankunft des Königs Anan mit Abu Tawaif und einigen anderen Genienhäuptern. Farkad und Turaja bestiegen ihre Pferde und ritten ihm, in Begleitung einiger fliegender Genien, deren Flügel so bunt wie Pfauenfedern aussahen, entgegen. Als sie ihm vor dem Tor begegneten, stieg Anan vom Pferd und verbeugte sich vor Farkad; dieser wollte ebenfalls absteigen, aber Anan schwor, er gebe dies nicht zu. Da schwor Turaja auch, er dürfe nicht zu Fuß gehen und redete ihm solange zu, bis er wieder aufstieg und zwischen Farkad und Turaja in die Stadt ritt. Schon waren auf dem Schloß alle Vorkehrungen zum Empfang Anans und Abu Tawaifs getroffen, und es harrte ihrer ein Mittagsmahl, wie man es nur bei so mächtigen Genienkönigen findet, die sich das beste, was da kriecht und läuft und schwimmt und fliegt, zu verschaffen wissen. Während der Mahlzeit wurde wenig und nur von unbedeutenden Dingen gesprochen; erst als der Nachtisch aufgetragen wurde, erhob sich Abu Tawaif und sagte: Der glorreiche König Farkad weiß schon durch unseren Boten, was den König Anan bewogen hat, seine Insel zu verlassen und hierher zu kommen; darf ich wohl dem betrübten Vater die Versicherung geben, daß sein Sohn ihm zurückgegeben wird? Da erhob sich Duha, der Vezier des Königs Farkad, der klügste Mann seines Jahrhunderts und bat ums Wort. »Als der König Farkad Duhas Bitte gewährte, sagte er: Es ist jedermann bekannt, daß der König Farkad der friedliebendste Regent dieser Inseln ist, daß aber Tarad ohne allen Grund und gegen alles Recht die Ehre der Königin Turaja angegriffen hat; er ist nun selbst in die Grube gefallen, die er ihr zu graben glaubte; er ist jetzt ihr Gefangener, statt daß er sie mit Gewalt aus ihrer Heimat fortzuschleppen hoffte; gern wird sie ihm indessen, so groß auch sein Verbrechen war, um seines Vaters und des ehrwürdigen Abu Tawaif willen verzeihen; aber wer bürgt uns dafür, daß dieser tollkühne Jüngling, einmal wieder in Freiheit, seine verbrecherischen Absichten aufgeben und nicht neue Ränke gegen sie schmieden wird?« »Da erhob sich Abu Tawaif und sagte: Sein Vater Anan und ich, wir verbürgen uns für ihn, wir selbst übernehmen es, ihn zu züchtigen, wenn er es je wieder wagen sollte, gegen die erhabene Königin Turaja etwas zu unternehmen; laßt ihn nur rufen, ich will es ihm selbst verkünden. Ich wurde hierauf aus meinem Zimmer geholt und in den Saal geführt, wo mein Vater, Abu Tawaif, Farkad, Turaja, Duha und einige andere Veziere und Genienhäupter beisammen saßen. Ich senkte den Kopf zur Erde und befand mich in einem Zustand, der tausendmal schlimmer als der Tod war, denn mein Herz war von Reue, Ärger, Scham und Liebe gedrückt. Auch sah ich so niedergeschlagen und zerknirscht aus, daß alle Anwesenden aus Mitleid weinten. Abu Tawaif redete mich dann folgenderweise an: Weißt du nicht, verwegener Jüngling, daß Gutes mit Gutem vergolten wird, daß aber der Bessere den Anfang macht? Daß Böses mit Bösem bestraft wird, der Schlimmere aber es zuerst übt? Hast du eine so geringe Meinung von der allenthalben verehrten und gefürchteten Königin Turaja, daß du glaubtest, sie ungestraft beleidigen zu können? Doch du bist ein unüberlegter Jüngling, darum will sie dich auch begnadigen, schwöre aber in unserem Beisein, daß du sie fernerhin nie mehr beunruhigen, daß du nie mehr ihr Land betreten, noch ihren Namen aussprechen willst, schwöre dies, dann bürgen wir für dich; bedenke aber, daß der unsichtbare Gott deinen Eid hört und daß du in diesem und jenem Leben verloren bist, wenn du ihn brichst. Ich schwor bei Dem, der die Himmel wie ein Zelt ausgedehnt und die Erde wie eine Wiege geschaffen, der den Morgen in ein weißes und die Nacht in ein schwarzes Gewand hüllt, daß ich mich ihr nie mehr nähern, noch ihren Namen aussprechen wollte. Kaum hatte ich diesen furchtbaren Eid geschworen, als ich in Ohnmacht fiel; ich brachte die ganze Nacht halb bewußtlos zu, und am folgenden Morgen, als ich wieder zu mir kam, erschien mein Vater und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich mußte mit ihm hierher zurückkehren, ohne zuvor meine Geliebte wieder gesehen zu haben, und auf der ganzen Reise machte er mir Vorwürfe über meine Unbesonnenheit, die mir noch härter waren, als der Verlust meiner Geliebten. Ich mußte, ehe er von mir Abschied nahm, ihm noch einmal schwören, daß ich Turaja ganz vergessen wollte; aber kaum war ich allein, da dachte ich nur noch an Turajas Reize, die ich über alle Schilderung gefunden; ich nahm daher die Gestalt eines Vogels an, und seither flatterte ich jeden Tag um ihr Schloß herum in der Hoffnung, sie zu erblicken, bis ich heute dich auf der Terrasse fand, da wandelte mich die Lust an, dich mit mir zu nehmen, um etwas von meiner Geliebten zu hören; auch bin ich sehr begierig, zu vernehmen, wieso du auf die Insel der Königin Turaja gekommen, und in welcher Eigenschaft du dich in ihrem Schloß aufhältst.« Als Tarad diese wunderbare Geschichte – fuhr Ali dem Kalifen zu erzählen fort – vollendet hatte, dachte ich: Hier muß ich behutsam zu Werke gehen; sage ich diesem rasenden Jüngling, daß ich Turajas Gatte bin, so wird er aus Eifersucht mich umbringen; ich sagte ihm daher bloß, ich sei der Sohn der Königin Farha, Freundin der Königin Turaja, und habe dieser auf meiner Mutter Befehl einen kleinen Besuch gemacht. Als Tarad dies hörte, sagte er: »Wehe mir, wenn Turaja dich vermißt und erfährt, daß ich dich fortgeschleppt habe; da wird sie zu meinem Vater und Abu Tawaif schicken und mich als einen meineidigen König anklagen, da ist es um meine Ehre, vielleicht gar um mein Leben geschehen, das Beste ist daher, ich schicke dich ihr zurück, und bitte dich, sie um Gnade für mich anzuflehen.« Kaum hatte er aber diese Worte vollendet, da trat hastig sein Adjutant herein und sagte ihm: Draußen steht ein Abgesandter der Königin Turaja mit mehr als hundert schwarzen Genien, welcher dich zu sprechen wünscht.« Bei dem Namen Turaja fing Tarad an zu zittern und zu beben, und mit Mühe stammelte er: »Führe ihn herein.« Als der Abgesandte erschien, stand Tarad vor ihm auf, grüßte ihn mit Ehrerbietung und fragte ihn, welche Botschaft er bringe? Der Bote überreichte ihm einen versiegelten Brief, den er hastig erbrach, und als er ihn gelesen hatte, brach er in Schmähungen gegen Turaja aus und sägte dem Gesandten: »So behandelt man keinen König, so sehr er auch gefehlt haben mag.« Da ich fürchtete, Tarad möchte mein Geheimnis erfahren, benützte ich diesen Augenblick, um aus seinem Schloß zu fliehen und irrte auf seiner Insel umher, ohne zu wissen, wohin ich meinen Fuß setzte. Nach einigen Stunden, als ich ziemlich weit vom Schloß entfernt war, warf ich mich voller Verzweiflung auf die Erde, dachte an meinen Vater, an meine Mutter und an Turajas Angst um meinetwillen, und fing an laut zu weinen und Gottes Hilfe anzuflehen. Da rief mir eine Stimme aus der Höhe zu: »Beruhige dich, Ali, es naht dir Hilfe.« Als ich die Augen aufhob, erblickte ich über mir einen großen Genius in Vogelsgestalt; ich bat ihn, sich zu mir herabzulassen und mir zu sagen, zu welcher Gattung Genien er gehöre? Er stieg herunter und sagte mir: »Ich gehöre zu den Genien des Königs Tarad und entfliehe vor dem roten Tod, der sie durch das Schwert der Königin Turaja erreicht. Bald nach deiner Flucht aus dem Schloß des Königs Tarad erblickten wir nämlich eine Röte in der Atmosphäre, daß wir glaubten, der ganze Himmel stehe in Flammen; es waren die feuerspeienden Scharen der Königin Turaja, welche Tarads Schloß wie ein Schwarm Heuschrecken oder Ameisen umlagerten und alles, was darin war, töteten oder gefangennahmen. Die Königin selbst, welche an ihrer Spitze stand, sprang auf Tarad mit gezogenem Schwerte zu und fragte ihn: Wo ist Ali, der Sohn der Königin Farha? Tarad schwor bei Gott, er wisse nicht, wo er hingekommen, er habe sich bei Ankunft ihres Gesandten entfernt und sei wahrscheinlich irgendwo verborgen, oder habe aus Furcht vor den Genien die Flucht ergriffen. Aber Turaja nannte ihn einen Wortbrüchigen und Meineidigen, trat ihn mit Füßen und befahl einem ihrer Offiziere, ihn gefangenzunehmen. Nun, gottlob, daß ich dich hier finde, ich will dich sogleich zur Königin Turaja, die vor Liebe zu dir ganz rasend ist, bringen; du mußt ihr sagen, daß Tarad dir nichts zuleide getan, so wird sie ihm gewiß auch diesmal wieder verzeihen.« – »Tu dies, mein Freund«, sagte ich, »du wirst dadurch Turaja, Tarad und mich verbinden.« Da nahm er mich auf seinen Rücken und flog mit mir so hoch hinauf, daß ich nur noch eine Hand breit vom Himmel entfernt war, dann ließ er sich auf einen hohen Berg herunter, schüttelte mich ab und stellte sich vor mich in der Gestalt eines Raben mit einem Löwengesicht und Adlerkrallen. Ganze Feuersäulen stiegen aus seinem Schlund hervor, und auch seine Augen, welche in die Länge gespalten waren, sprühten Funken, seine Worte glichen dem Donner, und sein Hauch verbreitete Leichengeruch um ihn. »Was bedeutet diese fürchterliche Gestalt?« fragte ich ihn erschrocken. Statt einer Antwort schlug er mich so heftig ins Gesicht, daß ich das Bewußtsein verlor, und als ich wieder zu mir kam, befand ich mich allein auf dem Gipfel eines hohen Berges, mit einem so schweren Stein auf der Brust, daß ich mich weder links noch rechts bewegen und kaum noch atmen konnte. Ich lag so den ganzen Tag unter diesem Felsen; die Sonne brannte mir so heiß ins Gesicht, daß ich es mit den Händen bedecken mußte. Als ich aber gegen Abend sie von meinen Augen weghob, sah ich vier Jungfrauen vor mir, deren Aussehen, Kleidung und Schmuck mich nicht zweifeln ließ, daß es Prinzessinnen sein müßten. Ihr Anblick blendete mich noch mehr, als früher die Sonne; ich schloß daher meine Augen wieder und stellte mich, als schliefe ich. Da hörte ich, wie eine von ihnen sagte, »Wer mag wohl dieser schöne Jüngling sein? Wer hat ihn auf diesen steilen Berg gebracht und ihm einen so schweren Stein aufgebürdet?« Eine andere antwortete: »Dieser Jüngling ist Ali, der Sohn der Königin Farha, der Geliebte der Königin Turaja; der König Sarech, welcher die Königin Turaja leidenschaftlich liebt, hat ihn hierhergetragen, um ihn hier vor Hunger und Durst umkommen zu lassen; aber bei dem Siegel Salomos, wäre auch der König Sarech so mächtig wie Barachja, Salomos Vezier (Friede sei mit ihm!), so muß doch dieser Jüngling gerettet werden.« Bei diesen Worten ging die Jungfrau auf mich zu und hob den Stein von meiner Brust. Ich öffnete die Augen wieder, schöpfte Atem, stand auf und beschwor meine Retterin, mir doch zu sagen, wieso sie diesen unzugänglichen Berg besteigen konnte, was sie hierherführte und wer sie sei? Sie antwortete mir: »Ich heiße Djauharah und bin die Tochter der blauen Königin, Herrin der weißen Stadt; die drei Mädchen, die du hier bei mir siehst, sind meine Schwestern; die eine heißt Sumurda und ist meine rechte Schwester, die anderen beiden, Murdjana und Jakuta, sind meine Stiefschwestern. Uns ist kein Land zu fern, kein Berg zu hoch und kein Meer zu tief, denn wir fliegen wie Vögel in der Luft und tauchen wie Fische in den Abgrund des Meeres hinab; auf diesen Berg sind wir aber nur um deinetwillen gekommen, als wir auf einem Ausflug dich so hilflos daliegen sahen; komme jetzt mit uns, erhole dich von deinen schweren Qualen; dann steht es dir frei, wieder zu deiner Geliebten zurückzukehren.« Sie nahm mich hierauf in ihren Arm und flog mit mir so schnell wie ein Blitz nach einer herrlichen großen Stadt, welche in einem reizenden Tal lag, ließ sich mit mir auf die Terrasse eines Schlosses herab und führte mich eine marmorne Treppe hinunter in einen Saal, der an Größe und Glanz dem der Königin Turaja nicht nachstand. Es war schon Nacht, als wir ankamen, aber der Saal war heller beleuchtet, als wenn die Mittagssonne ihn beschienen hätte. Djauharah befahl sogleich den Sklavinnen, welche den Saal füllten, das Nachtessen aufzutragen, und kaum hatte sie es gefordert, als niedliche kleine Tischchen mit goldenen Schüsseln, kristallenen Tellern und silbernen Löffeln gebracht wurden, erstere mit Speisen gefüllt, deren Geschmack und Aussehen mir ganz fremd waren, aber ganz vorzüglich mundeten. Als wir satt waren, wurden die Weingefäße gebracht mit allerlei trockenen und frischen Früchten; eine alte Wirtschafterin, die wie eine scheckige Schlange aussah und Feirusadj hieß, schenkte ein und reichte die Becher im Kreis umher, dann holte sie auch Sängerinnen, welche ihren Gesang mit allerlei Instrumenten begleiteten. Gegen Mitternacht, als wir mehr oder weniger berauscht waren, sagte Djauharah zu ihren Schwestern: »Unser Gast bedarf jetzt der Ruhe, darum ziehet euch in eure Gemächer zurück.« – »Glaubst du etwa«, erwiderte Sumurda, »ich werde vor dir diesen Saal verlassen? Wenn eine von uns den noch übrigen Teil der Nacht in Alis Nähe zubringen soll, so gebührt es mir, als der Ältesten, zuerst.« – »Nein«, versetzte Djauharah, »ich habe den Stein von ihm hinweggewälzt, unter dem er gestorben wäre; ich habe ihn auf meinem Arm hierhergetragen, ich allein habe ein Recht auf seine Gesellschaft.« Sumurda zog aber ihr Schwert und drang auf Djauharah ein: Diese zog schnell das ihrige, und es entstand ein Kampf, als wenn zwei Meere einander entgegentobten. Während aber Djauharah und Sumurda um meinen Besitz miteinander fochten, näherten sich mir Murdjana und Jakuta und sagten: »Weißt du, daß dein Leben hier in Gefahr ist? Wie leicht könnte eines dieser Mädchen in seiner Wut dich ergreifen und der anderen zum Trotz umbringen! Wir raten dir daher, diesen Augenblick zu benützen und mit uns zu kommen.« Ich ging mit ihnen zur Tür hinaus; eine von ihnen nahm mich auf ihre Schultern und die andere flog hinter uns her, um uns zu bewachen, bis wir glücklich in Murdjanas Schloß anlangten. Aber kaum hatten wir uns auf einem Divan niedergelassen, als schon die alte Feirusadj erschien und den Mädchen sagte: »Wisset, daß, nachdem Djauharah und Sumurda noch einige Zeit miteinander gefochten hatten, es mir gelang, mit Hilfe einiger Sklavinnen sie zu trennen und den Frieden wieder herzustellen. Als sie aber dann nach der getroffenen Übereinkunft sich die eine zur Rechten und die andere zur Linken Alis setzen wollten und ihn nicht mehr fanden, so dachten sie wohl, er sei von euch entführt worden, und wollten sogleich mit ihren Kriegerscharen euch hier überfallen. Mit vieler Mühe gelang es mir, sie zu bewegen, zuerst mich hierherzusenden, um Ali von euch zurückzufordern und erst, wenn ihr mir ihn verweigert, euch den Krieg zu erklären.« Als Feirusadj so gesprochen hatte, erhoben sich Murdjana und Jakuta und sagten wie mit einer Zunge: »Bei dem erhabenen Gott, lieber sterben wir, als daß wir diesen Jüngling unseren Schwestern ausliefern, und wärest du uns nicht von Jugend an so teuer, so würden wir dich als Überbringerin einer so kühnen Botschaft umbringen; doch kehre zurück und sage unseren Schwestern, das Schwert möge zwischen uns entscheiden.« Feirusadj entschuldigte sich und versprach, alles aufzubieten, um ihre Gebieterin von einem Krieg abzuhalten, hoffte aber in ihrem Inneren, durch List viel leichter ihr Ziel zu erreichen. Sobald sie nämlich Djauharah die Antwort ihrer Schwestern überbracht hatte, kochte sie eine ihr wohlbekannte schwarze Wurzel und wusch damit ihren ganzen Körper, so daß sie wie eine geborene Negerin aussah; sie kleidete sich dann wie die Sklavinnen Murdjanas und flog nach ihrem Schloß, mischte sich unter ihre Sklavinnen und trat so in den Saal, wo ich zwischen Murdjana und Jakuta vor einem Weintischchen saß. Gegen Morgen, als ich einen Augenblick den Saal verließ und in den Hof ging, folgte sie mir, murmelte ein paar unverständliche Worte her, und sogleich stieg ein abscheulicher Genius aus der Erde, dem sie befahl, mich in Djauharahs Schoß zu tragen. Als aber der Genius mit mir hoch in der Luft, ungefähr Mitte Wegs zwischen Djauharahs und Murdjanas Insel, war, rief ich: »Es gibt keinen Gott außer dem einzigen Gott, und Mohammed ist sein Abgesandter!« Sogleich traf ein feuriger Pfeil meinen Träger und verwandelte ihn in Asche, ich aber fiel herunter in den Abgrund des Meeres. Zu meinem Glück war die See so stürmisch, daß mich die Wellen bald wieder herauf warfen und ich ohne große Anstrengung den ganzen Tag fortschwimmen konnte. Aber gegen Abend nahmen meine Kräfte ab, ich konnte keinen Arm mehr bewegen und dachte: Jetzt wird die Tiefe des Meeres mich verschlingen und kein Mensch und kein Genius wird mein Grab kennen, als die Wellen mich auf einen großen toten Fisch trieben, der auf der Oberfläche des Wassers schwamm. Ich klammerte mich daran fest und ließ mich so einen Teil der Nacht von den Wellen umherschaukeln. Nach Mitternacht tauchten aber Seetiere von jeder Größe und jeder Gestalt, manche waren größer als Elefanten, aus dem Meer, umgaben meinen Fisch von allen Seiten und fraßen so lange daran, bis nur noch das Stück, auf dem ich lag, übrig blieb. Da ich fürchtete, mitgefressen zu werden, sprang ich schnell herunter und schwamm wieder eine Weile umher, bis mein Fuß auf etwas Hartes stieß; da hielt ich an und blieb darauf stehen, bis der Tag heranbrach und mir zeigte, daß ich mich auf einem aus dem Meer hervorragenden kleinen Felsen befand, in der Nähe einer großen Stadt, mit einem schönen von Schiffen angefüllten Hafen. Ich dankte Gott für meine Rettung aus so großer Not, denn ich zweifelte nicht, daß mich bald jemand vom Land aus erblicken und abholen würde. Ich hatte mich nicht getäuscht, denn bald war ein Fischerkahn vom Hafen losgebunden, der auf mich zusegelte und mich aufnahm. Ich dankte dem Schiffer, der mich in seinen Kahn hob, und bat ihn, mir zu sagen, wo ich mich befände? »Du kommst sogleich«, antwortete er mir, »in die weiße Stadt, welche auch wegen der vielen Säulen, auf denen nicht nur das königliche Schloß, sondern auch viele Privathäuser ruhen, die Säulenreiche genannt wird; diese Stadt und Insel wird von einer Frau beherrscht, welche die blaue Königin heißt; sie ist eine der mächtigsten Königinnen der Erde und behandelt ihre Untertanen mit vieler Härte, um so gütiger ist sie aber gegen fremde Jünglinge deinesgleichen.« Der Schiffer gab mir dann ein Stück von seinem Brot und einen Trunk süßes Wasser, und ich fischte mit ihm den ganzen Tag, bis der Kahn mit den schönsten Fischen angefüllt war. Gegen Abend, als wir in den Hafen einliefen, sagte mir der Schiffer: »Morgen bringe ich die Fische der Königin, denn ich bin ihr Leibfischer, und sage ihr, daß ich sie einem fremden Jüngling verdanke, den ich auf einer Klippe gefunden, und bitte sie um die Erlaubnis, dich ihr vorzustellen.« Wir waren aber kaum gelandet, als die Diener der Königin kamen und dem Fischer sagten: »Gib schnell her, was du gefangen, denn wir brauchen diesen Abend Fische zu einem Festmahl.« Der Fischer gab die Fische her und begleitete die Diener bis zur Königin, um ihr zu sagen, daß er seinen reichen Fang nur mir verdanke, worauf sie ihm sogleich befahl, mich zu ihr zu führen. Als ich vor ihr erschien, verbeugte ich mich wie ihre Diener, aber sie bewillkommte mich sehr freundlich und hieß mich sitzen. Da setzte ich mich einen Augenblick, stand aber gleich wieder auf. »Warum bleibst du nicht sitzen?« fragte sie mich. Ich antwortete ihr: »Ich habe mich nur einen Augenblick niedergelassen, um den Befehl der erhabenen Königin zu vollziehen, ich erhob mich aber wieder aus Ehrfurcht vor ihr.« Sie hieß mich dann wieder sitzen, ließ sich bei ihren Gästen als unwohl melden und blieb allein bei mir. Ich mußte ihr alle meine Abenteuer erzählen, und als ich vollendet hatte, sagte sie: »Armer Mann, du hast viel gelitten, ein Säugekind könnte grau davon werden, doch sei frohen Mutes, du bist hier in einem Hause des Trostes und der Freude.« Sie ließ dann ein köstliches Abendessen auftragen und nach der Mahlzeit mich von einer Sklavin in ein Schlafgemach führen, wie ich noch keines in meinem Leben gesehen. Ich schlief bald auf einem seidenen Diwan ein, und erwachte erst am folgenden Morgen, als die Sonne schon längst aufgegangen war. Als ich mich gewaschen und gebetet hatte, kamen vier Diener in mein Zimmer und sagten: »Ist es unserem Herrn gefällig, ins Bad zu kommen?« Ich machte mich auf und folgte ihnen in ein königlich eingerichtetes Badzimmer; die Diener wuschen mich, bis ich wie eine Silberstange aussah, dann zogen sie mir ein recht prachtvolles Kleid an, umgürteten mich mit einem juwelenbesetzten Gürtel und setzten mir eine goldene Krone auf, die mit allerhand Edelsteinen verziert war, und führten mich, so geschmückt, zur blauen Königin. Sie stand vor mir auf, zog mich zu sich auf den Diwan und fragte mich, wie ich die Nacht zugebracht. Ich küßte ihr die Hand, grüßte sie und die Veziere, die um sie versammelt waren, und dankte für die ausgezeichnete Bewirtung. Wir unterhielten uns dann bis zur Mittagsstunde; die Königin wandte keinen Blick von mir, und ich hörte, wie sie zu einer Dame, die in ihrer Nähe saß, sagte. »Ich habe in meinem Leben keinen so schönen Jüngling gesehen.« Nach dem Mittagsgebet gingen wir zur Tafel, wo ich wieder neben der Königin Platz nehmen mußte. Aber nach Tisch, als sie vom Wein erhitzt war und die übrigen Gäste sich entfernt hatten, sah ich ein, daß ich meine gute Aufnahme nicht der Gastfreundschaft der Königin, sondern ihrer leidenschaftlichen Liebe zu mir verdankte, denn kaum waren wir allein, da fiel sie mir wie ein schamloses Weib um den Hals. Mir schwebte aber Turajas Bild vor Augen, ich dachte an den Eid der Treue, den ich ihr geschworen, und wand mich aus ihren Armen los. Da sagte sie voller Wut: »Wie, eine Königin, wie ich, läßt sich zu dir herab und du verschmähst sie?« Sie murmelte dann einige mir unverständliche Worte, stieß mich aus dem Zimmer und sagte: »Verlasse deine menschliche Gestalt und werde ein zahnloser Hund von ekelhaftem Aussehen.« Bei diesen Worten, die ich noch als Mensch vernahm, fing ich an zu zittern und zu beben, und in einem Augenblick war ich ein häßlicher Hund ohne Zähne und konnte kein Wort mehr sprechen. Ich lief nun, wie andere Hunde, in den Straßen umher; aber die Hunde spürten doch etwas Fremdartiges an mir, und verfolgten mich bellend und beißend von einer Straße zur anderen, bis ich zuletzt in eine kleine Sackgasse kam, wo ich keinen Ausweg mehr fand. Da versammelten sich mehr als hundert Hunde um mich, und zerbissen mich von Kopf bis Fuß. Ich bellte so jämmerlich, daß eine Frau, welche in dieser Gasse wohnte, mich bemitleidete und, mit einem Stock in der Hand, herauskam und die Hunde von mir vertrieb. Dann faßte sie mich ins Auge und sagte zu sich selbst: »Dies ist kein Hund, sondern ein verzauberter Mensch;« sie nahm mich daher am Ohr und führte mich in ihr Haus. Diese Frau hieß Djarda und hatte es in der Zauberkunst noch weiter als die blaue Königin gebracht. Sobald ich in ihrem Haus war, zog sie sich einen Augenblick in ihr Kabinett zurück, dann kam sie wieder mit einer Kohlenpfanne und einem Schüsselchen Wasser, beräucherte und bespritzte mich, murmelte allerlei Beschwörungen und sagte zuletzt: »Bei den heiligen Namen, die ich soeben ausgesprochen, nimm wieder deine frühere Gestalt an!« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als ich in meiner früheren Gestalt vor ihr stand. Sie führte mich dann zu ihren Töchtern, welche schnell mit ihren Ärmeln ihr Gesicht bedeckten und erstaunt fragten: »Woher kommt dieser Jüngling auf einmal, da doch die Haustüre geschlossen ist?« – »Diesen Jüngling,« antwortete Djarda, »habe ich als Hund von der Straße hereingeführt, wir wollen ihn morgen der Königin bringen, die wird ihre Freude an ihm haben; doch holt ihm schnell etwas zu essen, denn er ist gewiß recht hungrig.« Die Mädchen brachten allerlei Speisen und aßen selbst mit mir; dann kam Djarda mit den Weingefäßen und schenkte so lange ein, bis sie und ihre Töchter berauscht waren. Da ich fürchtete, es möchte mir auch in diesem Haus nicht anders gehen, als bei der Königin, und ohnedies nicht wünschen konnte, am folgenden Morgen dieser zurückgebracht zu werden, verließ ich unter dem Vorwand, ein wenig frische Luft zu atmen, das Zimmer und schlich mich leise zum Haus hinaus. Ich lief lange in der Stadt umher, bis ich endlich vor einem schönen großen Haus eine bequeme steinerne Bank mit einer Matte bedeckt sah; ich legte mich darauf und schlief ein. Ich war aber kaum eingeschlafen, als mich jemand am Arm rüttelte; ich öffnete die Augen und sah einen schönen jungen Mann von sehr vornehmem Aussehen vor mir, der mir sagte: »Was schläfst du hier im Freien auf dieser harten Bank? Komm mit mir herein ins Haus!« Ich folgte ihm schüchtern in ein Haus, das ebenso kunstvoll gebaut und eingeteilt, als geschmackvoll verziert war. Nachdem er mich durch manche große Säle mit Springbrunnen geführt hatte, blieb er in einem kleinen niedlichen Zimmer, setzte sich auf einen seidenen Diwan, hieß mich neben ihm Platz nehmen und fragte mich, wo ich herkomme und wer ich sei? Ich machte ihn mit meiner ganzen Lebensgeschichte bekannt, von meiner Geburt an bis zu meiner Flucht aus dem Haus der alten Zauberin. »Danke Gott«, rief er aus, »für deine Rettung aus der Gewalt der blauen Königin und der noch boshaftern und gefährlichern Djarda. Du mußt jetzt ein paar Tage bei mir verborgen bleiben, ich erwarte einen befreundeten Kaufmann aus der Gegend des rauchenden Berges, der bringt uns vielleicht Nachricht von dem König Anan und der Königin Turaja, dann beschließen wir das Heilsamste für dich.« Ich blieb nun drei Tage bei diesem Jüngling und wurde von ihm mit der größten Freundlichkeit und Aufmerksamkeit bewirtet. Am vierten Tag trat ein alter Mann von ehrwürdigem Aussehen zu uns herein; der Jüngling bewillkommte ihn herzlich und sagte zu ihm: »Ich habe dich schon lange erwartet, Maher, deine Waren liegen längst bereit, wo bleibst du denn so lange?« –»Unser ganzes Land«, antwortete Maher, »ist sehr mit Kriegern angefüllt, daß man nicht ohne Gefahr und nur auf Umwegen durchkommen kann; der König Anan unternimmt nämlich einen Feldzug mit vielen Verbündeten gegen die Königin Turaja, welche seinen Sohn Tarad nicht eher ausliefern will, bis sie ihren Geliebten, einen gewissen Ali, Sohn Farhas, wiedergefunden,« – »Wenn dem so ist«, sagte der Hausherr, »so reise schnell zur Königin Turaja mit diesem Jüngling, der kein anderer als Ali ist, vielleicht triffst du noch zeitig genug mit ihm ein, um den Krieg zu verhindern, der um seinetwillen auszubrechen droht.« – »Morgen früh«, versetzte Maher, »will ich mich mit ihm auf den Weg machen.« Am folgenden Tag schenkte mir mein Wirt einen Beutel, voll mit Gold und Edelsteinen, vier Sklaven, zwei Maultiere mit Lebensmitteln beladen, und ein Reitpferd, dessen Geschirr ein halbes Königreich wert war, und begleitete mich, noch ehe die Sonne mich verraten konnte, bis zur Stadt hinaus, wo Maher mit vielen berittenen Dienern mich erwartete. Er empfahl mich diesem noch einmal, nahm Abschied von mir und kehrte in die Stadt zurück. Ich reiste nun mit Maher drei Tage lang durch ein sehr wildes und unwirtbares Land, am vierten Tag aber gelangten wir in ein lachendes Tal mit wohlduftenden Blumen, murmelnden Bächen und zwitschernden Vögeln; ich bat Maher, hier ein Zelt für uns aufschlagen zu lassen, um einen Tag auszuruhen. Er stieg sogleich von seinem Maultier und ließ von seinen Dienern am Ufer eines Baches, dessen Wasser den Tränen eines Liebenden in der Trennungsnacht gleichen, ein großes seidenes Zelt aufschlagen und Teppiche darunter ausbreiten, mit Diwanen von Straußfedern. Nachdem ich eine Weile ausgeruht hatte, erging ich mich im Tal und pries den Schöpfer der Welt, der die Zahl der Regentropfen sowohl als der Sandkörnchen kennt. Der Gesang der Taube glich den Seufzern des Fremdlings, der sich nach seiner Heimat sehnt, die Baumzweige umschlangen sich, vom Winde gewiegt, wie Freunde, die sich wiedersehen, die ganze Natur schien mir belebt und entzückte mich so sehr, daß ich in Gedanken immer vorwärts ging, ohne zu wissen, wohin, bis endlich der Abend herannahte. Jetzt suchte ich vergebens Maher wieder auf, ich wußte aber den Weg nicht zurückzufinden. Da indessen die Nacht immer dunkler wurde, bestieg ich einen Baum, in der Absicht, darauf zu übernachten, um vor wilden Tieren geschützt zu sein; morgen, dachte ich, werden meine Leute mich aufsuchen und ich werde auch eher den Weg wieder zu ihnen finden. Als ich auf dem Baum war, sah ich zwei Männer kommen, von denen der eine auf einem Elefanten und der andere auf einem Löwen ritt, und viele Diener auf Pferden und Kamelen folgten. In der Nähe des Baumes, auf welchem ich saß, machten sie Halt und der eine sagte zum anderen: »Wollen wir nicht hier die Nacht zubringen, Madjad?« – »Jawohl, Cheidar, hier sind wir sicher vor weiteren Verfolgungen.« –»Was bedeutet wohl das königliche Zelt, an dem wir vorübergekommen?« – »Auch mir ist es aufgefallen; wir wollen einen unserer Diener hinschicken und ausspähen lassen, wem es gehört, vielleicht gibt es etwas zu erbeuten für uns.« Bei diesen Worten zitterte ich wie die Blätter des Baumes, auf dem ich mich befand, und hielt meinen Atem zurück, um nicht entdeckt zu werden. Ich hörte dann, wie Cheidar einen seiner Diener nach dem Zelt schickte und Ihn beauftragte, sich auf eine geschickte Weise Nachricht über den Besitzer desselben zu verschaffen. Der Diener kam bald wieder und sagte: »Das Zelt gehört einem Mann aus dem Land des rauchenden Berges, welcher Ali, den Sohn Farhas, zur Königin Turaja begleitet; Ali selbst wird aber schon den ganzen Abend vermißt und irrt vermutlich in diesem Tal umher.« Als Madjad dies hörte, rief er aus: »Welch ein sonderbares Zusammentreffen! O Gott, laß uns doch Ali finden!« Bei diesen Worten hob er die Augen gen Himmel und bemerkte mich auf dem Baum, den eben der Mond beleuchtete. Meine Angst war so groß, daß ich fast vom Baum fiel, aber Madjad rief mir zu: »Steige herunter, Ali, fürchte nichts! Gelobt sei Gott, der uns ohne weitere Mühe und Gefahr mit dir vereint.« Ich stieg herunter und fragte sie, was sie von mir wollten, und bat sie, mich zu den Meinigen zu führen. Sie riefen den Diener, der ihnen Nachricht von mir gegeben, und wir gingen zusammen in Mahers Zelt; hier angelangt, fragte ich nochmals: »Wer seid ihr und was wollt ihr von mir?« Da antwortete Madjad: »Wir sind die Söhne des Königs Anan, Brüder Tarads, der dich aus dem Schloß der Königin Turaja weggetragen. Diese machte sich, als sie dich vermißte, mit einem zahlreichen Heer gegen Tarad auf, und nahm ihn gefangen. Als mein Vater um seine Freiheit anhielt, sagte sie: Ich gebe ihn nicht eher heraus, bis ich Ali wieder habe. »Vergebens schworen mein Vater und Tarad, sie haben keine Kunde von dir; sie sagte immer: Ich fordere ihn von euch zurück, ihr müßt mir ihn verschaffen, und wär er unter der Erde. Mein Vater und wir alle suchten dich dann überall und sandten Boten nach allen Provinzen unseres Reiches; als aber all unser Bemühen vergebens war, schrieb mein Vater der Königin Turaja, daß, wenn sie den unschuldigen Tarad nicht freilasse, er mit allen seinen Verbündeten gegen sie ausrücken würde. Aber der fliegende Genius, der diesen Brief überbrachte, kehrte nicht wieder, und statt seiner erblickte mein Vater auf einmal nichts als Flügel am Himmel und Füße auf der Erde; es waren die fliegenden Genien und andere Truppen der Königin Turaja, welche sein Schloß von oben und von unten her zugleich angriffen, ihn gefangennahmen und mit sich fortschleppten. Mein Bruder und ich, wir kamen gerade von einer Reise zurück, als dies geschah, und es blieb mir nichts als eine schnelle Flucht übrig. Nun sei Gott gelobt, der uns so unverhofft zu dir führte: Denn du ziehst jetzt mit uns zur Königin Turaja, sie wird sich dann von der Unschuld meines Vaters und meines Bruders überzeugen und ihnen wieder ihre Freiheit schenken.« Am folgenden Morgen nahm ich von Maher Abschied, und setzte meine Reise mit Tarads Brüdern nach dem rauchenden Berg fort, wo Turaja noch immer Anans Schloß besetzt hielt. Wir hatten auf der Reise noch manchen harten Kampf mit Räubern und mit Genien, welche mir die blaue Königin und die Zauberin Djarda nachgesandt, zu bestehen, und ohne den Beistand einiger der Königin Turaja ergebenen Geister, welche ebenfalls umherstreiften, um mich aufzusuchen, wäre ich wieder zu jenen zurückgebracht worden; aber durch die Gnade Gottes erreichten wir am achten Tag nach unserer Trennung von Maher die Residenz des Königs Anan. Turaja war außer sich vor Freude, als sie mich wiedersah, und auch ich vergaß in ihrer Nähe alle überstandene Gefahr und sank ohnmächtig in ihre Arme. Als ich wieder zu mir kam, sagte Madjad zu Turaja: »Du siehst nun, erhabene Königin, daß weder mein Bruder noch mein Vater deinem Geliebten etwas zuleide getan, lasse dir nun selbst von ihm erzählen, wie ihn Tarad behandelt und wie er dir auf so lange entrissen worden, sei dann gerecht gegen meinen Vater und gnädig gegen meinen Bruder!« Turaja begab sich mit mir allein in ein Gemach und bat mich nach nochmaliger Umarmung, ihr nichts zu verbergen von allem, was mir seit unserer Trennung widerfahren. Nachdem ich mehrere Male alle meine Abenteuer mit Tarad, mit der blauen Königin und ihren Töchtern, mit Djarda und dem gastfreundlichen Jüngling wiederholt hatte, begab sie sich zu ihrem Vater, dem König Farkad, erzählte ihm alles wieder und fragte ihn, was er nun über Tarad und Anan verfüge. Farkad ließ sogleich Anan, Tarad und Abu Tawaif rufen und sagte zu ersterem: »Da du ganz unschuldig an den Leiden bist, die den armen Ali trafen, so können wir nur bedauern, daß der Leichtsinn deines Sohnes dich in einen für dich so unheilbringenden Krieg stürzte; wir können das Geschehene nicht ändern, aber alles, was wir dir genommen haben, soll dir wiedergegeben werden; dein Sohn Tarad hingegen, wenn er auch selbst Ali nichts zuleide getan hat, so ist er doch Veranlassung zu all dem Unglück gewesen, das seither diese Länder getroffen, auch hat er seinen, vor euch allen geschworenen Eid gebrochen, indem er auf die Terrasse des Schlosses meiner Tochter flog und einen darauf sich befindlichen Gast entführte; er kann daher nicht mehr begnadigt, auch deine und Abu Tawaifs Bürgschaft für ihn nicht mehr angenommen werden, er soll als Gefangener in meine Heimat geschickt werden, wo ich ihn übrigens als König behandeln will; ihm soll auch die blaue Königin mit ihren Töchtern folgen, welche Ali für sich haben wollten und noch in unserer Nähe ihn mit ihren Scharen überfielen.« Er suchte dann Turaja zu bewegen, mit ihm in ihre Heimat zu ziehen; aber sie konnte sich nicht entschließen, dieses schöne Land zu verlassen, denn die Insel des rauchenden Berges ist nach Übereinstimmung aller Reisenden die reizendste auf der ganzen Welt und ist zuerst von Salomo angebaut worden, dem es auf seiner Wanderung durch die Welt hier am besten gefiel, er nannte sie daher auch die Paradiesinsel. Sie ließ also ihren Vater mit den Gefangenen und dem größten Teil der Armee voranziehen und versprach ihm, bald mit mir zu folgen. Als sie aber nach einigen Tagen mit mir und Anan einen größern Spaziergang machte, sahen wir auf einmal etwas wie eine weiße Wolke vom Himmel herabsteigen und uns von allen Seiten umlagern, und siehe da, es waren mehr als zweitausend Genien mit weißen Flügeln, angeführt von der blauen Königin, dem König Tarad, der alten Feirusadj und der Zauberin Djarda. Beide letzteren hatten nämlich, sobald sie ihre Königin als Gefangene abführen sahen, in aller Eile ein paar tausend Genien aus der weißen Stadt, der Residenz der blauen Königin, geholt, und in der Nacht, als Farkads Armee schon weit voraus war und nur noch einige hundert Soldaten die Gefangenen bewachten, fielen sie über die Wache her und töteten sie bis auf den letzten Mann, so daß Farkad gar keine Nachricht davon erhielt; dann kehrten sie zusammen auf die Insel des rauchenden Berges zurück und überfielen Turaja. Turaja – fuhr Ali in seiner Erzählung vor dem Kalifen Abdul Malik fort – kämpfte zwar wie eine Löwin und tötete allein mehr als hundert ihrer Feinde, aber zuletzt war sie so von Genien umringt, wie der Finger von einem Siegelring; es blieb ihr nichts übrig, als sich zu ergeben, denn Anan, der ihr beistehen wollte, wurde von seinem Sohn Tarad als Gefangener vom Kampfplatz weggeführt, mich aber packte die alte Feirusadj, trug mich auf einen hohen Berg und sagte: »Damit es nicht zwischen der blauen Königin und ihren Töchtern um deinetwillen zu neuen Feindseligkeiten komme, sollst du, Verwüster der belebten Häuser, eine Gestalt annehmen, die niemanden verführt.« Sie nahm dann ein bißchen Erde, murmelte etwas, spie darauf, warf sie mir ins Gesicht und sagte: »Verlasse deine menschliche Gestalt und werde ein häßlicher Rabe, der auf den Gipfeln der Berge umherirrt und mit dem sich kein Mensch bis zum Auferstehungstag befreundet.« Sie hatte kaum diese Worte gesprochen, als ich auf einmal ein Rabe wurde, so schwarz wie die Nacht; ich breitete meine Flügel aus und flog davon. Ehe ich aber, o Fürst der Gläubigen, fuhr Ali fort, dir meine weiteren Schicksale als Rabe vortrage, will ich dir erzählen, was sich noch ferner zwischen Turaja und der blauen Königin zugetragen. Sobald jene als Gefangene der blauen Königin gebracht wurde, sagte diese: »Wehe dir, du kühne Dirne, mit welchem Recht eignest du dir den schönsten Jüngling auf Erden zu, und verwüstest um seinetwillen ganze Königreiche! Bei Gott! Wenn ich dich nicht um seinetwillen schonte, du wärest schon unter den Toten, doch soll dir das Leben in meiner Hauptstadt nicht allzu süß werden.« Sie befahl dann einigen Genien, Turaja zu fesseln und in die weiße Stadt zu bringen, wohin sie auch gleich folgte. In ihrer Heimat angelangt, begab sich die blaue Königin sogleich ins Bad, dann setzte sie sich im höchsten Glanz, von ihren Töchtern und den Großen des Reiches umgeben, auf ihren goldenen Thron und ließ die Königin Turaja in Ketten vor sich führen. Turaja beugte einen Augenblick vor Scham den Kopf zur Erde, denn es war die erste Niederlage, die sie in ihrem Leben erlitten, dann hob sie ihn aber stolz zur blauen Königin empor und sagte: »Wahrhaft große Könige sind großmütig nach dem Krieg, übrigens kannst du dich nicht rühmen, mich besiegt zu haben, du hast mich plötzlich mit zahlreichen Scharen überfallen, verdankst also deinen Sieg weder deiner Kraft noch meiner Schwäche; indessen, Gott hatte es so über mich bestimmt und niemand kann seinen Verhängnissen ausweichen. Bedenke aber, daß, sobald mein Vater erfahren wird, daß ich hier gefangen bin, er mit einer Armee heranziehen wird, der du nicht zu widerstehen vermagst. Übrigens, wären nur meine Hände und Füße von ihren Ketten befreit, so würde ich allein es mit dir aufnehmen.« Als die blaue Königin dies hörte, sagte sie zu ihren Töchtern: »Ich glaube, Turaja hat den Verstand verloren, sonst würde sie in diesem Zustand es nicht wagen, so mit mir zu reden; aber nehmet ihr einmal ihre Fesseln ab, ich will doch sehen, was diese Verrückte im Sinn hat, und ihr zeigen, daß ich sie auch ungebunden nicht fürchte.« Djauharah hatte ihr kaum die Ketten abgenommen, als sie mit dem Fuß stampfte; sogleich bekam sie Flügel und flog zu einem oberen Fenster hinaus ihrer Heimat zu. Aber auch die blaue Königin nahm die Gestalt eines ungeheuren Vogels an und verfolgte sie, bis sie ihr nahe war, dann packte sie sie an einem Fuß und sagte ihr: »Wehe dir, du Dirne, glaubst du, es wäre so leicht, mir zu entkommen? Warte nur, ich will dich jetzt in einen Käfig sperren, aus dem zu entfliehen dir alle Lust vergehen soll.« Aber noch ehe die blaue Königin ausgeredet hatte, verwandelte sich Turaja in eine Ameise, ließ sich auf den Boden herunter und kroch in die Erde hinein. Die blaue Königin nahm darauf die Gestalt eines Hahnes mit einem großen Schnabel an und pickte die Erde auf, bis sie zur Ameise gelangte. Aber im Augenblicke, wo sie die Ameise mit ihrem Schnabel fassen wollte, verwandelte sie sich in ein Feuer, das wie der Blitz in sie hineinfuhr und ihre Flügel verbrannte, darauf stieg das Feuer in die Höhe und entfernte sich. Die blaue Königin sah sich dann nach ihren Töchtern und Freunden um, sammelte ihre Truppen abermals und verfolgte Turaja, bis sie sie wieder einholte. Turaja war eben im Kampf gegen Feirusadj und Djauharah, als sie sich plötzlich wieder von Feinden umgeben sah, an deren Spitze die blaue Königin mit roten vor Freude strahlenden Wangen stand und ihr zurief: »Wehe dir, Dirne, jetzt ist deine Todesstunde gekommen.« Turaja rief mit kräftiger Stimme: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« Und siehe da, ihr Vater Farkad kam mit einer zahlreichen Armee herangezogen, um sie aus der Hand ihrer Feindin zu befreien. Sobald er nämlich einige Tage vergebens die Ankunft der Gefangenen mit der Abteilung Truppen, die er bei ihnen zurückgelassen, erwartet hatte, machte er sich auf, um ihnen entgegenzuziehen; da fand er die Seinigen erschlagen, von den Gefangenen aber war keine Spur zu sehen; jetzt fing er auch an für seine Tochter zu zittern, und zog daher wieder nach dem rauchenden Berg hin, um sie zu beschützen. Sobald Turaja ihren Vater sah, fiel sie ihm um den Hals und sagte: »Gelobt sei Gott, der dich jetzt hierher gesandt: Denn wärest du nur ein wenig später gekommen, so hättest du mich nicht mehr unter den Lebenden gefunden.« Sie spornte dann seine Truppen zum Kampf an, welche bald die Genien der blauen Königin entweder töteten oder gefangennahmen, die Königin selbst wurde von Turaja bis in ihre Hauptstadt verfolgt und erschlagen, ihr Reich aber dem König Anan geschenkt, »denn«, sagte Turaja, »ich bleibe nur noch so lange hier, bis meine ausgeschickten Boten Ali auffinden, dann kehre ich mit ihm in meine Heimat zurück.« Während dies in der weißen Stadt sich zutrug, o Fürst der Gläubigen, flog ich als Rabe unstet umher, ohne zu wissen, in welcher Richtung. Drei Tage lang schwebte ich in der Luft, ohne Speise und ohne Trank, da wurde ich so matt, daß ich keinen Flügel mehr bewegen konnte; ich mußte mich daher herunterlassen, blieb aber bald an einem Baum hängen, bald stieß ich mich an einen Felsen, bis ich endlich ganz ohnmächtig den Boden erreichte. Es versammelten sich aber mehr als tausend Raben um mich, der eine schlug mir seinen Flügel um den Kopf, der andere pickte mich mit dem Schnabel, der dritte riß mir die Federn aus und zerbiß meine Haut, kurz ich mußte alles dulden, wie ein Spatz, der in die Gewalt eines Adlers gefallen. Als sie mich genug geplagt hatten, warf mich ein Rabe, der mich für tot hielt, in das Netz eines Jägers und flog davon. Ich glaubte mich nun jetzt außer aller Not und wollte wieder weiter fliegen, verstrickte mich aber immer mehr, bis zuletzt der Jäger herbeieilte, mich durchprügelte, am Fuße packte und sagte: »Du scheußlicher Rabe, Freund der Verwüstung und Trennung, du sollst dafür büßen, daß du alle anderen Vögel aus meinem Netz verscheuchst.« Er zog dann eine Schere aus der Tasche, schnitt mir die Flügel ab, band mir einen Strick um den Fuß und zog mich daran fort. Er sah aber bald ein, daß er an mir doch einen guten Fang getan, denn ich lockte unterwegs viele Vögel herbei, welche in sein Netz fielen. Als wir des Abends in eine Herberge kamen, sagte er, mich sanft streichelnd: »Gelobt sei Gott, der dich mir sandte, durch dich ist mein Tag gesegnet worden, ich habe heute mehr Vögel gefangen, als sonst in einer ganzen Woche.« Am folgenden Tag, da er bemerkte, daß ich müde war, setzte er mich neben sich auf sein Kamel, und sooft dieses stehenblieb, pickte ich es mit meinem Schnabel, bis es wieder weiter ging; darüber lachte der Jäger herzlich und sagte: »Du bist ein allzu gescheiter Vogel.« Des Abends erreichten wir endlich die Stadt Nischran, wo der Jäger wohnte. Es war eine große Stadt, mitten unter blühenden Gärten gebaut; der König dieser Stadt hieß Rihan und hatte drei Töchter, welche es in der Zauberkunst weiter als Harut und Marut gebracht hatten. Als der Jäger in seine Wohnung kam, wunderte sich seine Gattin darüber, daß er so schnell zurückgekehrt. Er sagte ihr: »Ich verdanke meine baldige Rückkehr mit reicher Beute diesem Raben; gib nur recht acht auf ihn, ich gehe jetzt zu einem Jagdhändler und verkaufe ihm, was ich gefangen.« Die Frau des Jägers führte mich in ein schönes Zimmer und stellte mir Speisen und Wasser vor; ich aß und trank und hüpfte in der Stube umher, spielte mit der Frau und ihren Töchtern, sprang bald dieser, bald jener auf den Schoß, bis der Jäger wieder zurückkam, da verbeugte ich mich und blieb ehrfurchtsvoll vor ihm stehen. Sowohl der Jäger als seine ganze Familie gewannen mich bald so lieb, daß sie nie mehr ohne mich ausgingen. Auf der Straße hatte ich meine große Freude daran, die Hunde zu plagen: Dem einen schlug ich die Flügel ins Gesicht, den anderen biß ich in den Rücken, und wenn sie sich umdrehten und bellten, flog ich davon; auch die Katzen neckte ich so lange, bis sich keine mehr vor mir sehen ließ. Bald sprach man in der ganzen Stadt von mir, viele Leute kamen zum Jäger, um mich zu sehen und mit mir zu spielen, und ein jeder brachte mir etwas Gutes zum Essen mit. Nach einiger Zeit hörte auch der König so viel von meinem Verstand, daß er einen seiner Diener zum Jäger schickte und ihn bitten ließ, mich ins Schloß zu bringen. Der Jäger nahm mich unter den Arm und trug mich zum König. Ich verbeugte mich dreimal vor ihm, wie es seine Untertanen zu tun pflegten, so daß alle seine Veziere und Adjutanten ausriefen: »Bei Gott, das ist ein wunderbarer Vogel.« Als darauf der König seine Hand nach mir ausstreckte, küßte ich sie mit meinem Schnabel und setzte mich bescheiden zu seinen Füßen, aber er hob mich zu sich auf seinen Schoß, streichelte meinen Rücken, ließ einige süße Speisen bringen und sagte: »Komm, kluger Vogel, iß mit mir!« Ich schüttelte schüchtern meinen Kopf, um damit anzudeuten, ich verdiene eine solche Ehre nicht, aber der König sagte nochmals: »Iß nur, freundlicher Rabe!« Da griff ich nach den Süßigkeiten, bis ich satt war, dann putzte ich meinen Schnabel an meinen Federn ab. Dies ergötzte den König so sehr, daß er mich dem Jäger abkaufte und mich stets in seiner Nähe behielt. Eines Tages, als der König etwas später als gewöhnlich in sein Harem ging, fragte ihn seine Gattin, warum er sie so lange allein lasse? Er antwortete: »Ich habe einen Raben, der so klug ist, wie ich noch nie einen Vogel gefunden, er hat mir heute so viel Spaß gemacht, daß ich mich ganz vergaß.« Da sagte die Königin: »Und warum zeigst du mir nicht auch einmal diesen Vogel? Bei Gott, ich habe schon so viel von ihm gehört, daß ich längst wünschte, ihn auch einmal zu sehen; ich wagte es nur nicht, dich darum zu bitten, weil du seiner nie erwähntest.« Der König befahl einer Sklavin, mich zu holen, und als sie mich brachte, sagte er: »Herzenstrost«, denn diesen Namen hatte er mir schon längst gegeben, weil ich ihn in mancher trüben Stunde durch meine Scherze erheiterte, »unterhalte einmal diese Damen ein wenig.« Ich fing an, allerlei Späße zu machen, der einen küßte ich die Wangen, der anderen zog ich das Tuch vom Hals, die dritte zupfte ich an den Locken, der vierten tanzte ich auf dem Schoß herum, bis sie alle vor Lachen sich kaum mehr aufrecht erhalten konnten. Die Königin hatte so viele Freude an mir, daß sie durch eine Sklavin ihren Töchtern sagen ließ, sie möchten doch auch kommen, um an ihrer Unterhaltung mit dem Raben teilzunehmen. Nach einer Weile erschienen drei Mädchen von bezaubernder Schönheit und stolzer Haltung, und kaum hatte die älteste von ihnen einen Blick auf mich geworfen, als sie zu den beiden anderen sagte: »Bei Gott, dieser Rabe ist ein verzauberter Mensch!« Die Mädchen faßten mich scharf ins Auge und riefen: »Du hast recht, teure Schwester, das ist sonderbar.« Sie baten dann ihre Mutter, ihnen zu erlauben, mich mit sich auf ihr Zimmer zu nehmen, und als sie es erlaubte, sagte mir die älteste Prinzessin: »Folge mir, ich will dir etwas zeigen, das verdient, aufgezeichnet und bis zum Auferstehungstag nicht vergessen zu werden.« Sie führten mich dann in ihr Zimmer zu ihrer alten Erzieherin, welche noch von Amalekiten abstammte und ihre Lehrerin in der Zauberkunst war, und sagten ihr: »Verehrte Mutter, hier bringen wir dir einen Raben, den irgend ein böser Mensch verzaubert hat; willst du nicht einmal sehen, ob du ihm helfen kannst?« Die Alte, welche ein sehr schwaches Gesicht hatte, bat sie, da es schon anfing dunkel zu werden, einige Lichter anzuzünden, dann riß sie mir einige Federn aus, betrachtete meine Haut und rief: »Ich erkenne an diesem Raben die Zauberkraft der alten Feirusadj, Erzieherin der blauen Königin; gewiß liebte ihn diese und ließ ihn verzaubern, weil er ihre Liebe nicht erwiderte.« Sie ging dann mit mir in ein Nebenzimmer, wo ihr Zauberapparat aufbewahrt war, goß gelbes Wasser aus einer versiegelten Flasche in einen kupfernen Becher und murmelte einige mir unverständliche Worte darüber. Das Wasser fing an zu kochen und in die Höhe zu steigen. Da schrie sie: »Bleibe stehen«, und das Wasser, welches eben überlaufen wollte, senkte sich bis an den Rand des Bechers. Sie setzte dann den Becher auf den Boden und es sproßt ringsumher ein grünes Kraut mit einer gelben Blüte aus dem Boden, von diesen Blüten pflückte sie eine Handvoll und rieb meine Füße und meinen Schnabel damit, dann bespritzte sie meinen Kopf mit dem Wasser aus dem Becher und stieß einen furchtbaren Schrei aus, meine ganze Haut zog sich zusammen und ich fiel in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, war ich wieder ein Mensch wie zuvor, die Alte stand freundlich lächelnd vor mir und fragte mich, sobald ich die Augen öffnete, nach meinem Namen und ob ich nicht die blaue Königin kenne. Als ich ihr hierauf meine ganze Geschichte erzählte, sagte sie zu den Prinzessinnen: »Ihr seht, daß ich mich nicht getäuscht habe, es war aber auch keine leichte Aufgabe, diesen Zauber zu lösen, wenig fehlte, und ich hätte mein Leben dabei eingebüßt; doch nun ist gottlob alle Gefahr überstanden; dieser schöne Jüngling, der, wie ich wohl merke, euch gar nicht gleichgültig ist, kann jetzt wieder als freier Mensch umherziehen, denn hierher reicht die Macht der blauen Königin nicht.« Ich beschwor sie dann bei Gott, mir zu sagen, ob ich weit von der Moschusinsel entfernt wäre? »Wo denkst du hin?« antwortete sie mir: »Du bist hier ganz in der Nähe des Reiches der Dunkelheit, nicht weit vom Meer Alexanders des Zweihörnigen und der Quelle des ewigen Lebens; ich rate dir, hier bei mir zu bleiben, ich nehme dich an Kindesstelle an und stelle dich dem König als meinen Neffen vor: Nach meinem Tode erbst du alle meine Schätze und ziehst damit hin, wo es dir am besten gefällt.« Ich hatte schon Erfahrung genug, um zu wissen, wie gefährlich es ist, einer Zauberin etwas abzuschlagen; so gern ich also, auch trotz aller Entfernung und Gefahr, sogleich in das Land meiner Geliebten zurückgekehrt wäre, so dankte ich doch für ihr Anerbieten und willigte ein, bei ihr zu bleiben, dachte aber bei mir selbst, Gott wird mir schon eine günstige Gelegenheit zum Entkommen verschaffen und mich wieder mit meiner Geliebten vereinigen. Ich hatte mich nicht geirrt, denn auf meine Einwilligung, bei ihr zu bleiben, sagte sie: »Gelobt sei Gott, der deine Zunge nach seinem Willen geleitet, denn hättest du mein Anerbieten nicht angenommen, so wärest du in diesem Augenblick schon wieder, was du warst.« Sie führte mich dann in ihr Zimmer, das eine freundliche Aussicht auf den Hafen und das Meer gewährte, ließ mir von ihren Dienerinnen die köstlichsten Speisen reichen, dann brachte sie mir selbst einen Kelch voll Wein, der mir meine frühere Kraft und Jugendfrische wieder gab. Als ich gegessen und getrunken hatte, schickte sie mich in ihr Bad, wo schon die schönsten Kleider für mich bereit lagen, und als ich wieder zu ihr kam, sah ich so verjüngt und verschönert aus, daß sie mich kaum wieder erkannte. Auch die Prinzessinnen, welche des Abends die Alte besuchten, um zu sehen, was aus mir geworden, erkannten mich in meinem wieder gewonnenen guten Aussehen und veränderten Aufzug nicht wieder. Es sagte eine zur anderen, als sie mich neben der Alten sahen: »Sitzt hier ein Genienkönig oder ein Engel vom Himmel? Gepriesen sei der Herr, der ihn so geschaffen! Wie schön ist sein Wuchs, wie angenehm seine Gesichtsbildung, Josef dürfte noch sein Diener sein.« Sie waren so bezaubert von meiner Schönheit, daß sie sich ganz vergaßen und stets von neuem in Ausrufungen der Bewunderung ausbrachen. Ich wollte gleich bei ihrem Hereintreten aufstehen und ihnen entgegengehen, aber die Alte erlaubte es mir nicht, indem sie sagte: »Ein Prinz deinesgleichen darf vor niemandem aufstehen, und käme der König selbst hierher.« Sie bewillkommte dann die Prinzessinnen und sagte zu ihnen: »Euer Besuch ist mir sehr angenehm, denn ihr werdet euch gewiß mit Ali, dem Sohn meiner Freundin Farha, Tochter des Königs Mutaa, gut unterhalten.« Die Prinzessinnen dankten ihr, küßten ihr die Hand und blieben den ganzen Abend bei uns, bis endlich die Alte ihnen sagte: »Wenn der König, euer Vater, hört, daß ihr den ganzen Abend in Gesellschaft eines fremden jungen Mannes zugebracht, so wird er euch und mir zürnen, darum rate ich euch, uns jetzt zu verlassen.« Als aber die Prinzessinnen sich entfernt hatten, überhäufte mich die Alte so sehr mit Schmeicheln und Liebkosungen, daß mir ganz unheimlich bei ihr zumute wurde. Noch verdächtiger wurde sie mir, als ihre Sklavin Rihana ins Zimmer trat und sie ihr zurief: »Wer hat dich hierhergerufen, du Dirne? Was hast du in diesem Zimmer zu suchen? Entferne dich eiligst und lasse niemanden ungerufen hereintreten.« Die Alte holte dann abermals Wein und andere berauschende Getränke herbei, und schenkte mir solange ein, bis ich einschlief. Da erschien mir Turaja im Traum, schlank wie der Zweig eines Ban, mit schmachtendem Blick wie eine nach ihren Jungen sich umsehende Gazelle; Tränen standen auf ihren Wangen wie Tautropfen auf Rosenblättern, sie hatte das Gesicht auf ihre Hand gestützt und sagte mit gebrochener Stimme: »Gleichst du auch gewöhnlichen Menschen, Ali? Konntest du mich so leicht vergessen und dich hier von einer alten Zauberin zurückhalten lassen, sollen meine Feinde an unserer Trennung schadenfroh sein? Du weißt, was ich um deinetwillen gelitten, sei nicht verzagt, zerbrich die Fesseln, die um dich geschmiedet worden, und suche unsere Vereinigung!« Bei diesen Worten öffnete ich meine Augen wieder, und die Alte, welche vor mir saß, kam mir wie eine giftige Schlange vor. Ich fing nun wieder an zu trinken, stellte mich ganz heiter und schenkte der Alten solange ein, bis sie ganz bewußtlos auf den Diwan hinsank. Jetzt machte ich mich schnell auf, öffnete leise die Tür ihres Zimmers, dann das Haustor und entfloh zur Stadt hinaus. Ich lief die ganze Nacht fort, ohne zu wissen wohin, und als der Morgen heranbrach, befand ich mich in einer Wüste, wo weder ein grünes Blättchen noch ein Tropfen Wasser zu sehen war. Bald brannte die Sonne so heiß, daß der glühende Boden meine Fußsohlen entzündete und ich kaum mehr auftreten konnte; da warf ich mich verzweifelt auf den Boden und wälzte mich den ganzen Tag in einem Meer von Tränen und Schweißtropfen umher. Nach Sonnenuntergang, als ein kühler Wind sich erhob, stand ich wieder auf und lief die ganze Nacht in der Dunkelheit umher. Am folgenden Morgen, als die Welt wieder mit ihrem Lichtgewande sich schmückte, und die belebende Sonne das Totenreich der Dunkelheit verdrängte, befand ich mich an einem so hohen Berg, daß kein Vogel sich bis zu dessen Spitze hinaufschwingen kann; er war mit allerlei Fruchtbäumen bewachsen, auf deren Zweigen die schönsten Vögel ihr Morgenlied sangen, und von vielen Bächen bewässert, die wie ein Pfeil von unsichtbarer Höhe herab sich ergossen. Ich labte mich an dem Wasser eines dieser Bäche, denn es war weißer als Milch, frischer als Schnee und süßer als Honig, und setzte mich unter einen hohen Baum, dessen volle Zweige mit ihren großen Blättern kein Sonnenstreifchen zu mir dringen ließen. Ich war so müde und schläfrig, daß ich bald einschlief, aber die Alte erschien mir im Traum mit gezogenem Schwerte, noch häßlicher als sie in Wirklichkeit war, und hob ihr Schwert auf, um mich zu töten, worauf ich vor Schrecken wieder erwachte. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, machte ich mich auf und ging den Berg hinauf. Auf einmal erblickte ich zwei riesenhafte Gestalten vor mir, von scheußlichem Aussehen; ihre Augen standen mitten im Gesicht und waren in die Länge gespalten, und sie hatten hervorstehende Zähne, so groß wie Elefantenzähne. Ich hielt still und hörte, wie einer zum anderen sagte: »Hast du den Jüngling gesehen, Meischum, der dort unten schläft? Wie mag der wohl hierhergekommen sein? Ich bin in meinem Leben noch keinem menschlichen Wesen auf diesem Berg begegnet.« – »Freilich habe ich ihn gesehen, Barari«, antwortete Meischum, »es ist ein Jüngling, so schön wie der Mond, wer ihn sieht, der liebt ihn.« – »Er heißt Ali, der Sohn Farhas.« – »Wenn du wahr sprichst«, versetzte Meischum, »so bin ich am Ziel meiner Bemühungen; denn wisse, mein Freund, ich bin von der Königin Turaja ausgesandt, um Ali, ihren Geliebten, zu suchen, und habe ihr geschworen, nicht heimzukehren ohne Nachricht von ihm. Ich wandere schon so lange in allen bewohnten und wüsten Ländern, in Städten und Dörfern, auf Bergen und Tälern umher und frage Menschen und Genien nach ihm. Zuletzt hörte ich, es sei ein als Rabe verzauberter Mensch hierhergekommen, dem die Erzieherin der Prinzessinnen seine frühere Gestalt wieder gegeben. Ich erkundigte mich im Schlosse nach diesem Fremden, aber man sagte mir, er sei heimlich abgereist, niemand wisse, wohin. Doch komm, laß uns schnell zu ihm eilen, ehe ich wieder seine Spur verliere.« Da rief ich ihm zu: »Bleibe, wo du bist; ich bin Ali, der Sohn Farhas, den du suchst; willst du mich zu meiner Geliebten, der Königin Turaja, tragen?« – »Das geht nicht«, antwortete Meischum, »das würde meinen Flug hemmen, und ich muß so bald als möglich der Königin Nachricht von dir geben, daß sie nicht vor Schmerz und Sorge um dich sterbe; bleibe indessen hier bei meinem Freund Barari, ich eile zu Turaja und komme bald hierher mit ihr.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er seine Flügel schwang, und in einem Augenblick war er meinem Auge entschwunden. Als Meischum fern war, sagte mir Barari: »Weiche nicht von dieser Stelle, bis ich wiederkehre.« Er flog dann auch weg und kam erst des Abends mit einigen Nahrungsmitteln wieder zu mir. Am folgenden Tag nahm er wieder Abschied von mir, und nicht lange nachher ließ sich ein fliegender Genius zu mir herunter, nahm mich auf den Rücken und schwang sich mit mir gen Himmel; ich fiel vor Angst und Schrecken in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem königlichen Schloß, einer Dame gegenüber, welche auf einem goldenen, juwelenverzierten Thron saß, vor welchem viele Dienerinnen knieten. Als ich die Augen öffnete, sah mich die Dame starr an und sagte leise zu einer anderen Dame, die vor ihr stand: »Dieser Jüngling verdient wahrlich nicht, daß meine Schwester Turaja sich um seinetwillen so gräme und mit allen Genienkönigen Krieg führe, sieh, wie sein Auge so matt ist, wie farblos seine Wangen und wie unbedeutend sein ganzes Wesen; wahrlich, hätte ich gewußt, daß der vielgepriesene Ali so aussieht, ich hätte gewiß niemanden abgesandt, um ihn hierherzubringen, doch, da er einmal in meiner Gewalt ist, so diene er mir zum Versöhnungsmittel mit meiner Schwester Turaja.« Sie sagte dann laut zu den sie umgebenden Dienern: »Wer von euch geht am schnellsten zu meiner Schwester Turaja, welche sich noch in der weißen Stadt bei den Töchtern der blauen Königin aufhält, und berichtet ihr, daß ihr Geliebter Ali, der Sohn Farhas, bei mir ist.« Da trat Humarich, ein Genius von riesenhafter Gestalt und schauderhaftem Aussehen, hervor und sagte: »Ich eile wie der Wind zu ihr, wenn du es befiehlst, erhabene Königin.« Sie ließ sich sogleich Tinte und Papier bringen und schrieb ihrer Schwester Turaja einen Brief, dessen Inhalt keiner Erwähnung bedarf, legte ihn zu und übergab ihn Humarich, welcher ihr die Hand küßte und sich auf den Weg machte. Als mich aber die Königin des Abends wieder sah, nachdem ich mich gebadet, umgekleidet, ausgeruht und an stärkendem Wein gelabt hatte, bereute sie es, ihrer Schwester Kunde von mir gegeben zu haben; denn sie fand mich so schön, daß sie in Anwesenheit aller Gäste mich mehrere Male küßte, und als sie sich zurückgezogen, mich bat, noch bei ihr zu bleiben. Aber ihr glühendes Auge ließ mich ihre Absicht erraten, ich entfernte mich daher, trotz ihrer wiederholten Bitte, noch einige Stunden bei ihr zuzubringen, und schloß mich in mein Zimmer ein. Am folgenden Morgen, nachdem ich mich gewaschen und gebetet hatte, trat ein Diener in mein Zimmer und sagte: »Die Königin will dich sprechen, sie erwartet dich vor der Stadt.« Ich verließ mit dem Diener das Schloß, vor welchem ein gesatteltes Maultier für mich bereit stand, und ritt zur Stadt hinaus, wo die Königin mit einer Alten auf einem griechischen Teppich unter einem schattigen Baum saß. Sie lud mich ein, Platz zu nehmen, und stellte mir die Speisen und Getränke vor, welche sie in einem Quersack mitgebracht hatte. Als ich gegessen und getrunken hatte, sagte sie: »Komm jetzt mit mir, die Alte wird hier bei unseren Effekten bleiben.« Die Königin führte mich in ein grünes Tal, dessen Bäche sanft murmelten, dessen Vögel munter sangen und dessen Baumzweige sich liebend umarmten. »Welch ein herrliches Tal!« rief ich voll Entzücken aus; »laß uns doch ein wenig absteigen, verehrte Königin, und hier ausruhen.« –»Wenn dir dieses Tal so gut gefällt, so steige nur ab, du sollst es nicht allzubald verlassen.« Als ich auf dem Boden war, ließ auch sie sich von ihrem Maultier herunter und sagte: »Schämst du dich nicht, Ali, meine Speisen zu essen und meinen Wein zu trinken, und doch meinen Wünschen dich zu widersetzen? Aber bei Gott! Wärest du ein süßes Meer, und ich müßte vor Durst sterben, ich möchte keinen Tropfen von dir trinken.« Bei diesen Worten schlug sie mich ins Gesicht, hauchte mich an und schrie: »Ali, Sohn Farhas, werde eine marmorne Statue, die weder spricht, noch sonst ein Lebenszeichen von sich gibt!« und bei Gott, o Fürst der Gläubigen, kaum hatte sie diese Worte ausgestoßen, fiel ich als ein Stein auf die Erde und wußte nichts mehr von der Welt. Als ich wieder zu mir kam, stand die Alte vor mir und sagte zur Königin: »Es hängt nun ganz von deinem Willen ab, Ali hier als Statue bis zum Auferstehungstag liegen zu lassen; wenn aber deine Schwester, die Königin Turaja, kommt, und nach ihm fragt, was willst du ihr zur Antwort geben?« – »Habe ich etwa die Königin Turaja zu fürchten?« erwiderte die Königin; »sind meine Truppen nicht zahlreich wie der Sand des Meeres und die Regentropfen des Himmels? Sind nicht die mächtigsten Genienhäupter dieser Insel meine Bundesgenossen?« Als die Alte merkte, daß die Königin so von Liebe und Ärger erfüllt war, daß ihre Worte keinen Eingang fanden, sagte sie: »Du hast mehr Einsicht, als ich, mächtige Königin, tu, was dir gut dünkt.« Die Königin befahl dann zweien ihrer Diener, mich, abgelegen vom Weg, an eine Stelle des Wes zu tragen, wo die Bäume so dicht ineinander verzweigt sind, daß kein Sonnenstreifchen durchdringen kann, und verbot ihnen bei Todesstrafe, mit jemand über diesen ganzen Vorfall zu sprechen. »Wenn Turaja nach ihm fragt«, sagte sie zur Alten, »so sagen wir, er sei gegen unseren Willen allein ausgegangen und nicht wiedergekehrt.« Die Diener trugen mich dann fort und die Königin kehrte vergnügt zur Stadt zurück. Die Königin Turaja wollte eben mit Meischum, der, wie ich schon erzählt habe, mich bei Barari auf dem waldigen Berg zurückgelassen hatte, abreisen, als Humarich mit dem Brief der Königin Schuhba eintraf. Sie erbrach hastig den Brief ihrer Schwester, und als sie darin die Nachricht von meiner Ankunft las, fragte sie den Boten, ob er mich mit eigenen Augen gesehen, und als er bei ihrem Leben schwor, er habe mich bei der Königin gesehen, nahm sie ihn freundlich auf und ließ sogleich ihren Truppen den Befehl erteilen, daß sie sich zum Aufbruch nach der Grenzeninsel, wo die Königin Schuhba residierte, rüsten. Jedermann erstaunte über diesen Befehl, denn zwischen Turaja und Schuhba herrschte seit ihrer frühesten Jugend ein bitterer Haß. Sie waren nämlich die einzigen Töchter des Königs Farkad, und jede von ihnen wollte am meisten von ihrem Vater geliebt sein. Auch behauptete jede von ihnen, es in der Zauberkunst, die sie ihr Vater Jemen ließ, am weitesten gebracht zu haben. Ihre gegenseitige Eifersucht war zuletzt so groß, daß sie einen Tag bestimmten, wo sie auf einem öffentlichen Platz im Angesicht der ganzen Stadt ihrer langen Fehde durch einen Zweikampf ein Ende setzen wollten. In diesem Kampf wurde Schuhba tödlich verwundet, ja man trug sie sogar ganz leblos vom Kampfplatz. Der König Farkad, in dessen Abwesenheit alles dies vorgefallen war, kehrte eben von einer Reise zurück, als man seine Tochter Schuhba in ihr Schloß brachte; er ließ sogleich die besten Ärzte rufen und war außer sich vor Freude, als sie die Wunde für nicht lebensgefährlich erklärten. Schuhba öffnete die Augen wieder, sobald die Ärzte ihre Wunde mit einem Pulver bestreuten und ihr etwas Wein eingossen, und nach einigen Wochen war sie wieder vollkommen geheilt. Aber der Gedanke, von ihrer verhaßten Schwester vor den Augen aller Großen des Reiches und aller Häupter der Armee besiegt worden zu sein, drückte sie so sehr, daß sie gar nicht mehr auszugehen Lust hatte, und der Aufenthalt in ihrer Heimat ihr unerträglich wurde. Sie bat daher ihren Lehrer, ihr eine entfernte Insel auszusuchen, wo sie mit ihren Getreuen ein neues Reich gründen könne. Ihr Lehrer sandte sogleich die ihm ergebenen Genienhäupter auf Kundschaft aus; sie durchstreiften alle Länder der Welt und fanden keinen angenehmeren, noch unbewohnten Aufenthaltsort, als die Insel, welcher sie wegen ihrer Fruchtbarkeit und reizenden Lage den Namen Vollkommenheitsinsel gaben. Als sie mit dieser Nachricht zu ihm zurückkehrten, befahl er ihnen, sich mit ihren Truppen zur Reise vorzubereiten, dann begab er sich zum König Farkad und sagte ihm: »Wenn dir das Leben deiner Tochter Schuhba teuer ist, so willige in ihre Entfernung von diesem Land; du siehst, wie sie täglich an Kraft und Gesundheit abnimmt, ihr Gemütszustand bedarf durchaus einer Luftveränderung, und schon habe ich einen Aufenthaltsort für sie gewählt, wo sie, so Gott will, bald wieder genesen kann.« Der König antwortete hierauf: »Du weißt, verehrter Meister, daß meine Tochter Schuhba mein Leben und meine Seele ist, und daß mir nichts schmerzlicher sein kann, als eine Trennung von ihr; jedoch, weil ich sie so von Herzen liebe, will ich sie lieber in der Ferne wohl wissen, als hier krank und leidend sehen, darum möchte ich auch ihrer Abreise kein Hindernis in den Weg legen.« Er ließ sogleich seinen Schatzmeister rufen und dem Lehrer so viel Geld, als er für nötig fand, auszahlen, dann befahl er dem Großadmiral, die besten Schiffe für seine Tochter auszurüsten. Auf dem Schiff, das Schuhba besteigen sollte, ließ er ein Zelt aus Aloeholz errichten und dessen Boden mit den kostbarsten Teppichen belegen. Als alles zur Reise bereit war, ließ er den Hauptmann dieses Schiffes zu sich kommen und sagte ihm: »Ich beschwöre dich bei Gott, sorge dafür, daß meine Tochter eine angenehme Fahrt habe; lasse deine Matrosen nicht zu viel Lärm machen, daß sie in ihrer Ruhe nicht gestört werde, und sei in allem recht vorsichtig.« Dann nahm er von seiner Tochter und ihrem Lehrer Abschied. Der Hauptmann ließ nur die kleinen Segel spannen, solange die Schiffe im Angesicht des Hafens waren, wo der König ihnen nachsah; dann wurden aber die großen Segel gespannt, und der Wind war ihnen so günstig, daß sie in wenigen Tagen die Vollkommenheitsinsel erreichten. Schuhba war sehr zufrieden mit der Wahl ihres Meisters, denn diese Insel schien ihr ein wahres Paradies. Sie bestimmte dann den schönsten Punkt auf der ganzen Insel zu einem Schloß, dessen Plan ihr Meister entwarf; bald erhob sich aber eine Stadt in der Nähe dieses Schlosses, denn die Fruchtbarkeit dieser Insel und ihr Reichtum an Edelsteinen zog viele Auswanderer aus allen Gegenden der Welt herbei, und so wurde Schuhba eine immer mächtigere Königin, bis sie abermals sich mit Turaja messen zu können glaubte. Um nun aber, nach vielen Gebeten für unseren Herrn Mohammed, den Edelsten aller Sterblichen, zu unserer Erzählung zurückzukehren, verfolgen wir nicht weiter die Geschichte Schuhbas und lassen sogleich ihre Schwester Turaja bei ihr ankommen. Diese suchte ihren Geliebten im ganzen Saal, wo Schuhba von ihrem Hofstaat umgeben, sie empfing, und als sie ihn nirgends fand, wurde sie sehr unruhig, wagte es aber doch nicht, ihre Schwester nach ihm zu fragen. Sie brachte eine schlaflose Nacht zu, und am folgenden Morgen, als die Großen des Reiches und die Häupter der Armee kamen, um sie zu bewillkommnen, war sie so zerstreut und aufgeregt, daß sie ihnen kaum zu antworten vermochte. Als sie wieder allein bei Schuhba war, bat sie sie, mit ihr einen Spaziergang zu machen, und sagte ihr, sobald sie die Stadt im Rücken hatten: »Teure Schwester, so gut mir auch diese unvergleichlich schöne Insel gefällt und so gern ich auch längere Zeit bei dir verweilen möchte, so gestatten mir doch meine Regierungsangelegenheiten keinen langen Aufenthalt bei dir; auch darf ich unseren Vater nicht allzu lang allein lassen. Darum bitte ich dich, sage mir, wo ist Ali, der Geliebte meines Herzens, dessen Ankunft bei dir mir dein Bote gemeldet hat? Meine Sehnsucht nach ihm ist unermeßlich und ich möchte gern bald mit ihm nach meiner Heimat zurückkehren.« – »Teure Schwester«, erwiderte Schuhba, »Ali ist wenige Tage nach der Abreise meines Boten ausgeritten und seither nicht wiedergekehrt; ich habe ihn schon auf der ganzen Insel aufsuchen lassen, niemand konnte aber eine Spur von ihm entdecken; da bereute ich es natürlich, dir einen Boten zugesendet zu haben, aber ich konnte es nicht mehr ändern.« – »Betrübe dich nicht darüber, liebe Schwester«, versetzte Turaja; »Alis Leiden scheinen noch nicht das ihnen bestimmte Ende erreicht zu haben, sonst wäre er hier geblieben; indessen hat er sich doch vielleicht im Wald verirrt und kehrt bald wieder; darum werde ich noch einige Tage hier verweilen und ihn erwarten.« Am folgenden Tag stand Turaja früh auf und ging ins Gebirge, um selbst noch Ali aufzusuchen; sie ritt aber den ganzen Tag umher und rief tausendmal seinen Namen: Niemand antwortete ihr. Gegen Abend warf sie sich ermattet auf die Erde und rief weinend: »O Gott, du hast diese unglückliche Liebe zu Ali über mich verhängt, mit allen Leiden, welche sie nach sich zog; nach deinem Beschluß habe ich von meiner Heimat und meinem Vater mich getrennt; jetzt ist alle meine Hoffnung dahin; nur bei dir suche ich Hilfe, dir ist ja nichts verborgen, weder im Himmel, noch auf der Erde. Ich bitte dich bei deinem Auserkorenen Mohammed (Gottes Friede sei mit ihm!) offenbare mir den Ort, wo mein Geliebter sich aufhält, und vereine mich mit ihm!« Kaum hatte Turaja dieses Gebet vollendet, da hörte sie eine Stimme, welche ihr zurief: »Deine Erlösung ist nahe: Dein Gatte liegt in diesem Tal; die Königin Schuhba hat ihn in eine steinerne Statue verzaubert. Als sie ihn nämlich zuerst sah, war sein Aussehen so schlecht – denn er hatte gar zu viel gelitten –, daß sie ihn häßlich fand und daher, um sich mit dir zu versöhnen, dir durch einen Boten seine Ankunft bei ihr melden ließ. Sobald er aber sich wieder erholt und seine frühere Schönheit wieder erlangt hatte, gefiel er ihr so gut, daß sie es bereute, dich von seiner Ankunft in Kenntnis gesetzt zu haben. Dies hielt sie indessen nicht ab, alles aufzubieten, um seine Liebe zu gewinnen. Da sie aber all ihr Bemühen fruchtlos fand, indem Ali sich stets als ein treuer Gatte bewährte, verwandelte sie ihn in eine steinerne Statue und ließ ihn in den Wald tragen an eine Stelle, wo die Bäume am engsten ineinander verzweigt sind.« Turaja vertiefte sich hierauf wieder in den Wald und hörte, wie zwei Genien um den Besitz ihres Geliebten stritten; es war Sader, den sie selbst noch vor ihrer Reise zu ihrer Schwester Schuhba auf Kundschaft ausgesandt hatte, und Duha, eine Freundin der Königin Farha. Nachdem nämlich Sader mehrere Wochen lang alle Täler und Berge von Osten bis Westen durchstreift hatte und endlich auf die Vollkommenheitsinsel kam, gab er alle Hoffnung, Ali zu finden, auf, und wollte eben wieder zu Turaja zurückreisen, als ihm eine weibliche Djinn begegnete, die sehr erschrocken und ängstlich aussah; sie wendete sich immer links und rechts, nach vorne und hinten um, und war so erhitzt, daß ihr das Feuer aus der Nase sprühte, Sader schnitt der Djinn den Weg ab und fragte sie: »Wer bist du und wo willst du hin?« Sie antwortete: »Ich bin Duha, die Tochter eines angesehenen Fürsten in der Nähe der Diamanteninsel; ich verließ aber meinen Vater, als er gegen meinen Willen mich mit dem häßlichen Prinzen der Löweninsel verheiraten wollte, und flüchtete zur Königin Farha. Diese fand ich sehr niedergeschlagen, und als ich sie nach der Ursache ihrer Leiden fragte, sagte sie mir: Ich bin betrübt über den Verlust meines einzigen Sohnes, von dem ich nicht weiß, ob er noch lebt, und nach dem ich mich nicht einmal erkundigen darf, weil mein Vater nach seiner Flucht geschworen, daß, wenn je meine Zunge seinen Namen ausspreche, er aufhören würde, mich als seine Tochter anzusehen. So traure ich nun im stillen schon ein ganzes Jahr und wage niemandem meinen Kummer mitzuteilen noch mir Linderung zu verschaffen, weil hier jedermann meinen Vater fürchtet und ich leicht verraten werden könnte. Nun sei der Herr gelobt, der dich hierher gesandt, denn ich zweifle nicht, daß du mich bemitleiden und mir Kunde von meinem Sohn bringen wirst. Bei diesen Worten weinte sie heftig und fiel in Ohnmacht. Ihr Zustand rührte mich so sehr, daß ich, als sie wieder zu sich kam, ihr versprach, sogleich abzureisen und nicht eher zurückzukehren, bis ich ihr Nachricht von ihrem Sohn oder ihn selbst bringe. So flog ich nun von einer Insel zur andern, bis ich hierher kam und hörte, daß Ali von der Königin Schuhba in eine Statue verwandelt worden; ich durchsuchte nun den ganzen Wald in der Hoffnung, die Statue zu finden, und sie der Königin Farha bringen zu können, der es ein leichtes sein wird, ihrem Sohn seine frühere Gestalt wiederzugeben; aber zwei Genien, welche, wie ich aus einigen ihnen entschlüpften Worten entnehmen konnte, die Wächter der Statue zu sein schienen, flogen mit so drohender Miene auf mich zu, daß ich die Flucht ergreifen mußte, und noch fürchte ich immer, von ihnen eingeholt zu werden.« Als Duha vollendet hatte, sagte Sader: »Bei Gott! Unser Zusammentreffen ist wunderbar: Wir verfolgen dasselbe Ziel, denn so, wie die Königin Farha um ihren Sohn trauert, so ist die Königin Turaja wegen des Verlustes ihres Gatten in Verzweiflung; darum sandte sie mich aus, um Erkundigungen über ihn einzuziehen. Nun, da uns die Vorsehung zusammengeführt hat, laß uns beisammen bleiben und gemeinschaftliche Nachforschungen anstellen, vielleicht kann einer dem anderen nützlich werden, und haben wir einmal Ali gefunden, so können wir ja beide Königinnen zufriedenstellen.« – »Wir können sogleich«, versetzte Duha, »durch ein freundschaftliches Zusammenwirken unser Ziel erreichen; binde mich mit einem Strick und führe mich mit Gewalt zu den beiden Genien, welche mich verfolgten, grüße sie freundlich und sage ihnen: Meine Brüder, hier ist die verfluchte Djinn, welche vor euch entflohen ist; sie scheint schlimme Absichten zu haben, denn auch mir wollte sie ausweichen und die Fragen, die ich an sie stellte, nicht beantworten; aber ich schlug ihr meine Flügel ins Gesicht, daß sie zu Boden sank, und nun bringe ich sie euch, daß ihr nach Gutachten mit ihr verfahrt. Auf diese Weise«, fuhr Duha fort, »gewinnst du ihr Vertrauen, und es wird dir leicht sein, nötigenfalls mich vor einer allzu harten Strafe zu bewahren.« Sader bewunderte ihren listigen Plan, warf Duha sogleich einen Strick um den Hals und näherte sich dem Berg, wo ihr die beiden Genien begegnet waren. Als er sie sah, rief er: »Herbei, teure Brüder, hier bringe ich euch die verdammte Djinn, welche vor euch entfloh; auch mir wollte sie nicht sagen, wer sie sei und was sie hier suche, dann warf ich sie zu Boden und band sie fest.« – »Wir kümmerten uns weiter nicht viel um diese Djinn«, sagte einer der Genien, »doch, da du sie uns gefangen zuführst, soll sie den Lohn für die Widerspenstigkeit empfangen; schleppe du sie uns nach in das Fremdenhotel.« Sader folgte den beiden Genien, Duha am Strick führend, nach einem sehr schönen Schloß mit unzählbaren Gemächern, das zwischen zwei hohen Bergen lag. Hier angelangt, ließen die Genien Speisen und Wein auftragen, setzten sich zu Sader und aßen und tranken mit ihm. Im Laufe des Gespräches hörte Sader, daß ihnen wirklich Schuhba den Auftrag gegeben, die Statue zu bewachen, damit sich niemand ihrer nähere; er bat sie daher um die Erlaube, sie am folgenden Tag begleiten zu dürfen. Duha, welche noch immer gebunden dastand, brach jetzt in Tränen aus und sagte, vor den beiden Genien niederknieend: »Wenn ihr es mit Schuhba gut meint, so dürft ihr auch mich nicht als einen Feind behandeln, denn ich bin eine ihr befreundete Djinn, von ihr beauftragt, ihren Vater herbeizurufen, damit er sie gegen Turaja schütze, wenn sie ihr Verfahren gegen All erfährt; doch will ich gern, wenn ihr einen anderen Boten abschicken wollt, bei euch bleiben und treu dienen.« Die Genien, welche der Wein in gute Laune gebracht hatte, glaubten Duhas Worten, nahmen ihr sogleich den Strick vom Hals und ließen auch sie am folgenden Morgen mit in den Wald kommen. Als sie in der Nähe der Statue sich niederließen, sagte Sader: »Was mag wohl der arme Mensch begangen haben, daß ihn die Königin Schuhba in einen Stein verwandelt, der durch keine Bewegung sich weder vor Kälte noch vor Hitze schützen kann, und dazu noch wie ein Mensch fühlt und denkt und hungert und dürstet?« »Ich kenne sein Verbrechen nicht«, antwortete der Wächter, »aber gewiß hat er sich schwer gegen die Königin verfehlt; vielleicht liebte er sie und erkühnte sich, ihr seine Gefühle zu erklären.« – »Das glaube ich nimmermehr«, versetzte Duha, »denn Ali liebt die Königin Turaja und hat um ihretwillen sich schon der größten Lebensgefahr ausgesetzt; mir ist wahrscheinlicher, daß die Königin Schuhba ihm zugeneigt war, denn Ali ist der schönste Mann, den Gott geschaffen, und daß, weil er ihre Neigung nicht erwiderte, sie sich in Haß verwandelte; auch scheint sie noch immer zu hoffen, er werde ihren Wünschen nachgeben, sonst hätte sie ihn gleich getötet.« Als der Wächter, der selbst Schuhba leidenschaftlich liebte, dies hörte, sagte er: »Wenn dem so ist, so mag Schuhba ihn selbst bewachen«, und flog mit dem anderen Genius davon. Sader ging sogleich auf die Statue zu, nahm sie auf den Rücken und wollte sie zu Turaja tragen, damit sie den Zauber löse; aber Duha trat ihm in den Weg und sagte: »Das geht nicht, ich muß ihn seiner Mutter Farha bringen; bedenke, daß Ali nur durch meine List gerettet worden, und daß die Sehnsucht einer unglücklichen Mutter nach ihrem Sohn eher Mitleid verdient, als die einer Geliebten.« – »Ich glaube, du hast den Verstand verloren«, erwiderte Sader; »meinst du, ich streife schon so lange in allen Ländern umher, um endlich, nachdem ich Ali gefunden, ihn dir zu überlassen? Komm mit mir zu Turaja, dann wollen wir alle zusammen seine Mutter Farha besuchen.« Als Duha einsah, daß Sader nicht nachgeben würde, fiel sie so schnell wie der Blitz über ihn her, schlug ihm einen Flügel ins Auge, daß er umstürzte, und sagte: »Wehe dir, du Hundsgeist, ich will dir zeigen, wie unklug es ist, einer weiblichen Djinn zu widersprechen.« Sie riß ihm dann die Statue aus der Hand und wollte damit zu Farha fliegen, als Turaja erschien und ihr zurief: »Halte ein, oder du bist des Todes!« Duha drehte sich um, und als sie die Königin Turaja vor sich sah, rief sie: »Gnade, großmütige Königin! Bei dem Siegel Salomos! Ich wollte deinem Geliebten nichts zuleide tun, ich wollte ihn nur, meinem Eide gemäß, seiner Mutter Farha bringen; dann verzeihe mir und bedenke, daß ich als eine treue Dienerin und Freundin der Königin Farha nicht anders handeln konnte.« – »Du hast deine Pflicht getan«, erwiderte Turaja; »doch gib jetzt Sader die Statue, daß er sie an einen Ort trage, wo uns niemand überrascht; und dir steht es frei, der Königin Farha sogleich Nachricht von ihrem Sohn zu geben und sie einzuladen, mich zu besuchen, oder mir zu folgen und bei mir zu bleiben, bis ich Ali seine frühere Gestalt wiedergegeben.« – »Ich schicke sogleich meiner Gebieterin einen Boten; ich weiche aber nicht von hier, mächtige Königin«, erwiderte Duha, »bis ich den Sohn meiner Gebieterin wieder beim Leben sehe.« Sie ging dann mit Turaja in eine Höhle, wohin Sader schon mit der Statue vorangeeilt war. Turaja fuhr der Statue mit der Hand über das Gesicht und nahm ein wenig Erde herunter, die noch darauf klebte, beschwor heilige Namen darüber und streute die Erde auf den Boden. Sogleich sproßte ein grünes Kraut aus dem Boden mit roter Blüte. Turaja pflückte diese Blüte und preßte einen öligen Saft heraus, mit dem sie die Statue bestrich. Dann sagte sie: »Bei den heiligen Namen, durch deren Kraft dieses wunderbare Kraut hervorsproß, kehre wieder zu deiner früheren menschlichen Gestalt zurück!« Kaum hatte Turaja diese Worte vollendet – so fuhr Ali in seiner Erzählung fort – als meine Zunge sich zu regen anfing und ich rief: »Es gibt keinen Gott, als einen einzigen, und Mohammed ist sein Gesandter; er ist allmächtig, und durch seinen Willen werden die Toten wieder belebt!« Als Turaja mich wieder sprechen hörte, und in meiner früheren Gestalt wieder sah, küßte und umarmte sie mich und befahl Sader, mich in ihre Wohnung zu tragen, wohin sie und Duha mir folgten. Wir brachten den Abend zusammen unter den traulichsten Gesprächen und gegenseitiger Mitteilung unserer Abenteuer zu; gegen Mitternacht zogen sich Sader und Duha zurück, und ich blieb allein bei Turaja, deren Küsse noch süßer waren, als die unserer Hochzeitsnacht. Nach den herzlichsten Umarmungen schliefen wir ein, und siehe da! Als ich des Morgens erwachte und meine Augen öffnete, befand ich mich zwischen Himmel und Erde auf den Schultern einer fliegenden Djinn, Da sagte ich den Spruch, dessen sich niemand zu schämen braucht: »Es gibt keinen Schutz und keine Hilfe, außer bei Gott, dem Erhabenen!« Dann sagte ich zu der mich tragenden Djinn: »Wer bist du und wo willst du mich hinbringen?« Sie antwortete: »Fürchte dich nicht, ich bin Duha, die Freundin deiner Mutter Farha, zu der ich dich trage; ich bin der Königin Turaja nur aus List gefolgt, um dich im ersten günstigen Augenblick ihr wieder zu rauben, denn deine Mutter sehnt sich gar zu sehr nach dir; sobald wir bei ihr in Sicherheit sind, schicken wir Turaja einen Boten und lassen sie zu uns kommen.« Als ich Duha wieder erkannte, beruhigte ich mich und ließ mich ohne Widerstreben von ihr weitertragen. Schon freute ich mich, meine Mutter bald wiederzusehen, und hoffte, nun bald am Ziel meiner Leiden zu sein, als auf einmal in der Nähe der Löweninsel, an welcher wir vorüberfliegen mußten, eine unzählbare Schar fliegender Genien mit dem König Djahak an ihrer Spitze, sich um uns herlagerte und uns so eng umschloß, wie ein Siegelring den Finger. »Wir sind verloren!« rief Duha: »Hier ist der Mann, der um mich geworben hat und vor dem ich mich zu deiner Mutter flüchtete: Wir sind allein und hilflos und können ihm nicht mehr entfliehen. Gott erbarme sich unser und deiner Mutter!« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als ein paar Genien, so groß wie der höchste Berg, sich auf sie stürzten und ihr mit schweren Ketten die Hände auf den Rücken banden. Dann faßten sie mich und fragten mich: »Wer bist du?« – »Ich bin Ali, der Sohn Farhas«, antwortete ich. »Bist du es also«, versetzten sie, »um dessentwillen so viele Länder verwüstet, so viele Könige! entthront und so viele Genien getötet wurden. Bei dem Siegel Salomos! Du sollst für das Unheil, das du gestiftet, schwer büßen!« Schon wollte ein Genius vom Berg Kaf, auf den Wink des Königs Djahak, Duhas und meinem Leben ein Ende machen, als sich auf einmal ein furchtbares Kriegsgetöse vernehmen ließ. Die zwei Adjutanten des Königs Djahak sprengten heran und riefen dem König zu. »Entfliehe, so schnell du kannst, sonst bist du verloren; schon sind deine besten Truppen teils getötet, teils gefangen worden, denn die Königin Farha überfiel sie unerwartet, wie ein Blitz vom Himmel, um ihren Sohn zu befreien.« Aber noch ehe Djahak einen Entschluß gefaßt hatte, stand schon meine Mutter mit einigen unüberwindlichen Genienhäuptern vor mir; Djahak wurde mit den Ketten, welche Duha abgenommen wurden, gefesselt und in seine Hauptstadt geführt, wohin meine Mutter auf ihren eigenen Armen auch mich trug. Meine Rettung durch meine Mutter war wunderbar. Sie hatte nämlich, sobald der Bote, welchen Duha von der Vollkommenheitsinsel abgesandt hatte, ihr die Nachricht von meinem Aufenthalt bei Turaja brachte, aus Furcht, letztere möchte mich so streng bewachen, daß Duha kein Mittel, mich zu entführen, finden könnte, ohne ihren Vater davon zu benachrichtigen, sich mit einigen tausend Genien auf den Weg nach der Vollkommenheitsinsel gemacht, und war gerade auch in der Nähe der Löweninsel, als Djahak mit den Seinigen Duha und mich angriff. In Djahaks Residenz angelangt, setzte sich meine Mutter auf dessen Thron, hieß mich neben ihr Platz nehmen und bat mich, ihr zu erzählen, was mir seit meiner Flucht aus der Heimat widerfahren. Noch hatte ich meine Erzählung nicht vollendet, als Duha hereintrat und die Ankunft der Königin Turaja mit vielen Genien meldete. Turaja hatte nämlich, als sie des Morgens erwachte und mich nicht mehr fand, zuerst an eine List von ihrer Schwester Schuhba gedacht; als aber auch Duha nirgends zu finden war, zweifelte sie nicht, daß diese mich in der Nacht geraubt und zu meiner Mutter getragen. Da ihr ohnehin der Aufenthalt bei ihrer Schwester verhaßt war, versammelte sie daher ihre Getreuen, die sie zu ihrer Schwester begleitet hatten, und forderte sie auf, mit ihr nach der Diamanteninsel zu fliegen. Als sie aber an der Löweninsel vorüberkam, sah sie aus der Ferne dem Kampf zwischen den Truppen der Königin Farha und des Königs Djahak zu, hielt still, bis einer von des letzteren Genien auf seiner Flucht in ihre Nähe kam, und fragte ihn, was dieser Krieg bedeute. Als sie hörte, daß die Königin Farha mich und Duha aus den Händen Djahaks befreite, flog sie uns nach und ließ sich bei meiner Mutter in Djahaks Schloß melden. »Gehe du ihr entgegen«, sagte mir meine Mutter, »und heiße sie willkommen.« Ich stürzte zur Tür hinaus, umarmte sie und stellte sie meiner Mutter als meine Gattin vor. Unsere allseitige Freude war so groß, daß wir alle Gott für diese wunderbare Vereinigung dankten, und Duha für die uns geleisteten Dienste den Thron und das Reich Djahaks schenkten. Wir blieben nun den ganzen Tag beisammen; gegen Abend aber sehnte ich mich danach, mit meiner Geliebten allein zu sein; ich forderte sie daher zu einem Spaziergang vor die Stadt auf und ließ meine Mutter bei Duha. Ich war so selig bei Turaja, daß ich mich mit ihr immer weiter in die Gärten vertiefte, welche die Stadt umgeben, und der Mond hatte schon längst die Stelle der Sonne am Himmel eingenommen, ehe wir an eine Rückkehr dachten. Erst als die finstere Nacht uns umhüllte, wollte ich wieder den Weg in die Stadt einschlagen, verirrte mich aber und entfernte mich immer weiter von derselben, bis ich an ein schönes, ganz menschenleeres Zelt kam. Da sagte ich zu Turaja: »Laß uns lieber in diesem Zelt übernachten, als die ganze Nacht im Freien zubringen, denn in dieser Dunkelheit finden wir doch den Weg zur Stadt nicht zurück.« Turaja stimmte mir bei, und wir traten in das Zelt, in welchem alle Bequemlichkeiten des Lebens aufgehäuft waren: Herrliche Divane und Teppiche, reicher Vorrat an Speisen und Getränken, wohlriechende Wachslichter und was sonst hohe Reisende mitzunehmen pflegen. Aber kaum hatten wir uns niedergelassen, als zwei Männer mit vier fliegenden Genien hereintraten; es waren Djahaks Brüder, welche bei dessen Niederlage die Stadt verlassen und ihr Zelt hier aufgeschlagen hatten, um am folgenden Tag weiterzufliehen. Sobald sie uns sahen und erkannten, fiel der eine über mich und der andere über Turaja her, und riefen: »Jetzt können wir unseren Bruder rächen!« Der eine übergab mich dann einem der vier Genien und sagte ihm: »Trage diesen verderbenbringenden Menschen hinter den Berg Kaf, daß ihn dort Gottes Fluch treffe!« Der Genius nahm mich auf den Rücken und flog mit mir so hoch hinauf, daß ich den kleinsten Stern so groß wie den höchsten Berg sah, und ich hörte, wie die Engel Gott priesen. Da rief ich: »Es gibt nur einen einzigen Gott, und Mohammed ist sein Prophet!« Kaum hatte ich diese Worte vollendet, so traf ein feuriger Pfeil den Genius, der mich trug, und verwandelte ihn in Asche; ich aber schwebte lange in der Luft umher und wurde vom Wind hin und her getrieben, bis ich endlich auf eine Terrasse der Stadt Damaskus fiel. Mein Fall machte so viel Geräusch, daß der Hausherr erwachte, und da erst vor kurzem bei ihm eingebrochen wurde, weckte er seine Diener und bestieg mit ihnen die Terrasse. Als sie mich sahen, hielten sie mich für einen Dieb und fielen, ohne mich anzuhören, mit ihren Stöcken über mich her; dann banden sie mich und ließen mich bis Tagesanbruch im Hof liegen. Kaum war die Sonne aufgegangen, führten sie mich zum Polizeiobersten und sagten ihm: »Hier ist ein Dieb, den wir heute Nacht auf unserer Terrasse gefunden.« – »Gewiß war er es«, sagte der Hausbesitzer, »der schon vor einiger Zeit mich bestahl.« Der Polizeioberste fragte mich, wer ich sei, und als ich ihm sagte, ich sei Ali, der Sohn Farhas, Königin der Diamanteninsel, lachte er und befahl seinen Soldaten, mich auf den Boden zu strecken und zu prügeln, bis ich die Wahrheit gestehe und das Gestohlene wieder herausgebe. In diesem Augenblick aber trat mein Vater herein, und als er seinen meiner Mutter in der Hochzeitsnacht gegebenen Siegelring sah, fuhr er zusammen und fragte erstaunt den Polizeiobersten: »Wer ist dieser Jüngling?« – »Es ist ein Dieb«, antwortete der Polizeioberste, »welcher heute Nacht bei diesem Mann einbrechen wollte.« – »Aber dieser Jüngling«, versetzte mein Vater, »sieht keineswegs einem Dieb gleich; hast du ihn gefragt, wie er heißt und wo er her ist?« – »Er nennt sich Ali, Sohn Farhas, aus der Diamanteninsel«, antwortete der Polizeioberste lachend. Bei diesen Worten fiel mein Vater mir um den Hals und sagte: »Er hat wahr gesprochen, er ist mein Sohn, ich erkenne ihn an seinem Siegelring!« Er forderte mich dann auf, ihm in Gegenwart des Polizeiobersten zu erzählen, wieso ich auf die Terrasse dieses Mannes gekommen, Ich erzählte hierauf meine ganze Lebensgeschichte von meiner Geburt an bis zu dem Augenblick, wo ein feuriger Pfeil den mich tragenden Genius traf und ich auf die Terrasse fiel. Mein Vater machte dem Polizeiobersten Vorwürfe über sein voreiliges Urteil und nahm mich mit in sein Haus, wo ich ihm nochmals alle meine Abenteuer erzählen mußte. Am folgenden Tag stellte er mich dem König vor, und diesem gefiel ich so gut, daß ich einer seiner vertrautesten Gesellschafter wurde. Eines Tages, als ich mit ihm spazieren ritt und ihm manches von den Genien erzählte, sagte er: »Ich möchte doch auch einmal eine Djinn sehen, wie du; wie sehen sie denn aus?« Ich antwortete ihm: »Mein Herr, die Djinn sind von verschiedenartiger Gestalt: Sie sehen bald vierfüßigen Tieren, bald Vögeln, bald Menschen gleich.« Kaum hatte ich dies gesagt, rief der König: »Sieh einmal, Ali, wie dort in der Ferne eine düstere Wolke den Himmel überzieht; man sieht die Sonne gar nicht mehr!« Ich blickte nach der mir bezeichneten Seite hin und sagte: »Das ist keine Wolke, erhabener König; es ist eine Schar fliegender Djinn, die auf uns zukommt.« In der Tat zerteilte sich bald die schwarze Masse nach den verschiedenen Seiten von Damaskus, und eine Abteilung von ungefähr hundert Genien ließ sich in unserer Nähe herab und wollte in die Stadt gehen. Ich näherte mich dem Anführer dieser Abteilung und fragte ihn, was er in Damaskus suchte. Er antwortete: »Ich soll dem König die Ankunft der Königin Turaja und der Königin Farha melden.« – »Hier ist der König«, sagte ich ihm und bat ihn, mir zu erlauben, den beiden Königinnen, meiner Mutter und Gattin entgegenzugehen. Der König gewährte mir meine Bitte und kehrte allein zur Stadt zurück, während ich mich in das Genienlager zu den beiden Königinnen führen ließ. Beide fielen vor Freude, mich wiederzusehen, in Ohnmacht; ich bespritzte sie mit Rosenwasser, und als sie wieder zu sich kamen und mich mehrmals geküßt und umarmt hatten, fragte ich sie, wieso sie hierhergekommen. »Wisse«, sagte meine Mutter, »als du allein mit 'Turaja auf der Löweninsel des Nachts so lange ausbliebst, wurde ich so unruhig, daß ich Duha bat, mit einigen mächtigen Genien in der Richtung, nach welcher wir dich hinziehen sahen, dich zu suchen. Duha flog lange in den Gärten umher, bis endlich ein jämmerliches Wehgeschrei sie vor ein schönes Zelt lockte; es war Turajas, welche Djahaks Brüder mißhandelten, weil sie ihrem lüsternen Verlangen kein Gehör gab.« Duha stürzte sogleich über Djahaks Brüder her und fesselte sie mit Hilfe der Genien, die bei ihr waren, und führte sie zu mir. Ich fragte sie nach dir und hörte, sie haben dich hinter den Berg Kaf bringen lassen. Jetzt hatte ich wenig Hoffnung mehr, dich wiederzufinden, ich bat jedoch die treue Duha, abermals dir nachzueilen, vielleicht könnte sie dich doch noch einholen, ehe du den traurigen Ort deiner Bestimmung erreichtest. Duha gehorchte mir und flog, so schnell sie konnte, nach der Richtung des Berges Kaf. Als sie über Syrien schwebte, begegnete ihr eine alte Freundin und fragte sie, was sie so weit von ihrer Heimat suche. Ich verfolge einen Djinn, antwortete Duha, der Ali, den Sohn Farhas, hinter den Berg Kaf tragen will. – Wenn dies der Zweck deiner Reise ist, so darfst du sie nicht fortsetzen, versetzte Duhas Freundin, denn ein Djinn, der einen Menschen trug, ist von einem feurigen Pfeile verbrannt worden und der Mensch nach Damaskus gefallen, geh einmal dahin und erkundige dich nach diesem Menschen, vielleicht ist es Ali, den du suchst. Duha ging hierauf in menschlicher Gestalt nach Damaskus, kam vor ein Kaffeehaus, wo viele Leute versammelt waren, die sich von der Ankunft eines Sohnes des Zaher aus der Diamanteninsel unterhielten. Sie zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß du der vom Djinn getragene Mensch warst, und brachte uns eilig diese freudige Nachricht, worauf wir – so schloß meine Mutter – sogleich den Entschluß faßten, dir hierher zu folgen.« Nachdem ich dann meinerseits meiner Mutter und meiner Gattin erzählt hatte, auf welche wunderbare Weise ich durch meinen Vater von Stockschlägen, an denen ich gewiß gestorben wäre, gerettet wurde, begaben wir uns zusammen zum König, welcher schon meinen Vater von der Ankunft seiner Gattin in Kenntnis gesetzt und zu sich geladen hatte. Mein Vater brach in Tränen aus, als er meine immer noch schöne Mutter wiedersah, und bedauerte die so lange Trennung von ihr; sie aber machte ihm Vorwürfe darüber, daß er es niemals wieder versuchte, zu ihr zu gelangen. Der König, welcher uns alle reichlich beschenkte und den innigsten Anteil an unserer Freude nahm, versöhnte sie aber miteinander, und meine Mutter ließ sich bewegen, noch drei Tage in Damaskus zu bleiben; länger aber wollte sie nicht ihren Vater in Verlegenheit lassen; Turaja hingegen wollte Damaskus nicht mehr verlassen, und begnügte sich damit, dem König Farkad durch einen Boten ihren Entschluß mitzuteilen; und so lebte ich mit ihr in den glücklichsten Umständen, bis der nichts schonende Tod sie mir entriß. Als Ali diese Erzählung vollendet hatte, fragte ihn der Kalif Abdul Malik, der Sohn Merwans, ob ihm seine Gattin keine Kinder gezeugt, und als er diese Frage bejahte, ließ er sie sich vorstellen und schenkte jedem ein schönes Kleid, auch Ali schenkte er ein Ehrenkleid, bestimmte ihm ein ansehnliches Gehalt und ließ sich von ihm Märchen erzählen, sooft seine Brust beklommen war. Das ist alles, was uns von den Abenteuern Alis und Zahers aus Damaskus zugekommen. Gepriesen sei der einzige Gott und gegrüßt sei unser Herr, sein Gesandter Mohammed, mit seinen Verwandten und Gefährten, bis zum Tage des Gerichts! Die Abenteuer des Fischers Djaudar aus Kahirah und sein Zusammentreffen mit dem Abendländer Mahmud und dem Sultan Beibars. Diese aus einem herzoglich-gothaischen Manuskript übersetzte Erzählung ist mit der unter gleichem Namen schon gegebenen nur in Bezug auf das Zusammentreffen Djaudars mit den Abendländern übereinstimmend, sonst aber von derselben ganz verschieden. Der Sultan Zaher Beibars, der wegen seiner Gerechtigkeitsliebe sowohl als wegen seiner anderen schönen Eigenschaften und besonders seiner Beredsamkeit in ganz Ägypten von Männern und Frauen, Vornehmen und Geringen geliebt und verehrt war, hatte einen Polizeipräfekten über Kahirah gesetzt, der alle seine Zeitgenossen an Klugheit und Schlauheit übertraf; er rastete weder bei Tag noch bei Nacht, sondern wachte unermüdlich über die Ruhe und Sicherheit Kahirahs: Keine Tugend blieb unbelohnt, kein Laster unbestraft. Eines Tages, als er beim Sultan war, der von den höchsten Beamten des Reiches umgeben auf seinem Thron saß, traten fünf alte Männer mit langen Bärten, so weiß wie Baumwolle, in den Divan und baten um Gehör. »Wer hat euch Unrecht getan?« fragte der Polizeipräfekt. Da küßten sie die Erde vor ihm, und einer von ihnen sagte: »Wisse, edler Herr, wir haben eine ganz sonderbare Klage vorzutragen, die uns nötigt, zum erstenmal in unserem Leben vor Gericht zu stehen. Wir sind fünf Brüder und wohnen in einem Haus beisammen, in der Nähe des Elefantenteiches. Wir lebten früher in großem Wohlstand, aber nach und nach verließ uns das Glück, bis wir ganz arm waren. Eines Abends, als wir den letzten Bissen verzehrt hatten und den harten Entschluß fassen mußten, am folgenden Tag zu betteln, kam ein schöner Jüngling auf einem Maulesel vor unsere Tür geritten, übergab den Maulesel seinem Diener und stieg zu uns herauf. Er hatte einen grünen Kaftan an, rote seidene Beinkleider darunter, und einen Turban auf dem Haupt, wie ihn die Jemeniten zu umwinden pflegen. Nachdem wir ihn freundlich begrüßt und bewillkommt hatten, fragten wir ihn, womit wir ihm dienen könnten. Ich bin euer Nachbar, antwortete er, ich wohne jenseits des Elefantenteiches und möchte gern diesen Abend euer Gast sein. Wir antworteten ihm, er sei uns stets willkommen; aber diesen Abend hätten wir ihm gar nichts anzubieten, darum möchte er doch lieber morgen unser Gast sein. Da sagte er lächelnd: Nun, so seid ihr heute meine Gäste; bei Gott, ihr müßt mir nach Hause folgen! Wir gingen im Vertrauen auf Gott mit ihm, ohne ihn zu kennen. Er blieb vor einem großen Hause stehen und klopfte leise an die Tür; sie wurde sogleich geöffnet, und er hieß uns im Namen Gottes eintreten. Er führte uns in einen Saal, der mit den schönsten Diwanen und Teppichen ausgestattet war, und sagte: Betrachtet dieses Haus als das eurige und mich als einen eurer Diener. Wir küßten ihm Hände und Füße und sagten: Wir sind bereit, alle deine Wünsche zu erfüllen; gebiete uns nur, wenn du unser bedarfst. Er ging dann auf eine zur Rechten des Saales verschlossene Tür zu und rief: Freudendauer! Sogleich öffnete sich die Tür, und es trat eine indische Sklavin heraus mit schwarzen babylonischen Augen und schön gewölbten Augenbrauen, mit Wangen, auf deren jeder eine Rose blühte und sich darauf wie Korallen auf weißem Marmor ausnahmen; auf sie waren die Worte des Dichters anwendbar: »Hätten Polytheisten sie gesehen, sie wäre vor allen anderen Götzen angebetet worden, und zeigte sie sich im Westen einem Mönch, er verließe sein Gebet im Osten und folgte ihr.« Dieses wunderschöne Mädchen, deren Reize wir gar nicht zu schildern vermögen, sagte in einem süßen Ton zu dem Jüngling: Was befiehlt mein Herr? Der Jüngling antwortete: Bringe diesen Männern, meinen Gästen, etwas zu essen. Die Sklavin ging weg und kehrte bald wieder mit Hühnern, Reis, Backwerk und Braten, und lud uns zum Essen ein. »Als wir uns gesättigt und Gott gedankt hatten, – fuhr der eine der Brüder in seiner Erzählung vor dem Polizeipräfekten fort – brachte uns das Mädchen ein goldenes Waschbecken und eine silberne Kanne, welche mit Rosenwasser gefüllt war, und als wir uns gewaschen hatten, brachte sie einen Bündel, welcher fünf Kleider enthielt, die wir anziehen mußten. Der Jüngling hieß uns dann auf die Diwane sitzen, die aber von so feinen Stoffen und so reich ausgeschmückt waren, daß wir sagten. Diese Diwane sind für Könige; es ziemt uns armen Leuten nicht, uns darauf niederzulassen. Aber der Jüngling blickte uns freundlich an und sagte: Nehmet nur Platz und verschwendet nicht so viele Worte. Er wendete sich dann einer anderen Tär zu und rief: Seelenlust! Sogleich trat eine griechische Sklavin aus einem Gemach, so blendend weiß, als käme sie gerade aus dem Paradies; auch sie war in ihrer Art so vollkommen schön, daß wir unmöglich alle ihre Reize schildern können: Am bewundernswertesten war aber ihr schlanker Wuchs, ihr Ebenmaß, ihre würdige und doch zierliche Haltung. Als sie vor dem Jüngling stand, sagte sie. Mein Herr, du hast uns heute lange das Vergnügen deiner Gesellschaft entzogen; wo bleibst du denn so lange? – Ich habe mich bei meinen Gästen hier aufgehalten, antwortete der Jüngling; bringe uns doch etwas zu trinken. Seelenlust entfernte sich einen Augenblick und kehrte dann mit zwei Sklavinnen wieder, welche goldene Kannen, silberne Becher, kristallene Gläser und chinesische Tassen brachten. »Seelenlust füllte den Becher mit Wein, die Gläser mit allerlei wohlriechenden Blumen und die Tassen mit den ausgesuchtesten trockenen Früchten. Wir waren über diesen Luxus so erstaunt, daß wir uns auf die Finger bissen und dachten: Wachen oder träumen wir? – Hierauf wandte sich der Jüngling nach einer anderen Mir und rief. O Seligkeit! Da erschien ein Mädchen wie der Mond, mit leuchtender Stirne, zartroten Wangen, einem Blick, schneidender als das schärfste Schwert, und einem Wuchs, wie die Zweige des Ban; sie war wie eine Braut geschmückt und hatte eine indische Laute in der Hand. Was wünscht mein Herr? fragte sie den Jüngling. Setze dich antwortete er, und spiele meinen Gästen etwas vor! Da fing sie so schön zu spielen und zu singen an, daß wir glaubten, das ganze Haus müsse mit uns umhertanzen. Nach dieser rief der Jüngling noch vier andere Mädchen, deren jede ein anderes Musikinstrument mitbrachte, und so verging uns ein Abend bei Wein, Gesang und Musik, wie wir noch keinen erlebt hatten. Das Wunderbarste aber war: Als wir uns entfernen wollten, überreichte uns der Jüngling eine goldene und eine silberne Schüssel, mit den besten gekochten Speisen und Früchten für unsere Familie gefüllt, und lud uns auf den folgenden Abend wieder ein. Wir küßten ihm Hände und Füße, dankten für seine Gastfreundschaft und versprachen, wieder zu kommen. Am folgenden Abend nahmen wir die beiden Schüsseln unter das Oberkleid und begaben uns wieder in das Haus des reichen Jünglings. Er nahm uns so freundlich wie am vorigen Tage auf und bewirtete uns wieder auf dieselbe Weise und so folgten noch achtundfünfzig Tage, die wir nie vergessen werden, immer feinere Speisen, bessere Weine und schönere Mädchen, deren Schmuck mehr wert war, als alle Einkünfte Ägyptens. Der junge Mann entfaltete vor uns einen solchen Reichtum, daß wir zuletzt mißtrauisch wurden und dachten, so viel kann nur ein Dieb oder Zauberer besitzen, darum, edler Emir, sind wir hierhergekommen, um dich auf diesen Jüngling aufmerksam zu machen.« Der Polizeipräfekt ließ sich des Jünglings Haus zeigen, und am folgenden Tag ließ er es von hundert Mamelucken umzingeln, trat mit einem Offizier hinein und forderte ihn auf, ihm zum Sultan, dem König Zaher Beibars, zu folgen. »Recht gern«, antwortete der Jüngling; er schloß seine Wohnung, steckte den Schlüssel ein und ging mit dem Polizeipräfekten hinaus. Unterwegs sagte ihm dieser: »Mache mich mit deinen Verhältnissen bekannt, und sage mir, wie du zu so unermeßlichen Reichtümern gelangt bist, ich werde dir dann vor dem Sultan beistehen.« – »Ich bedarf nur Gottes Beistand«, erwiderte der Jüngling, »ich will meine ganze Lebensgeschichte dem Sultan selbst mitteilen.« – Vor dem Sultan angelangt, begann er also: »Höre, o mächtiger Sultan, als mein Vater in einem Alter von fünfundsechzig Jahren von einer gefährlichen Krankheit befallen wurde, sagte er zu meiner Mutter: Mutter Djaudars! – So nannte er nämlich meine Mutter, welche außer mir kein Kind gebar – wisse, daß ich dem Tod nahe bin (gepriesen sei der, welcher allein ewig lebt!) und aus dieser vergänglichen Welt scheide, um in eine bessere und ewigdauernde hinüberzuwandern. Ich danke Gott dafür, daß er mich bis zu meinem Tod gesund und rüstig erhalten und mir stets die Mittel gegeben, dich und meinen Sohn Djaudar zu ernähren. Meine Ersparnisse sind leider nicht groß, ich hinterlasse nur hundertundzehn Dinare an Geld; gib hundert Dinare meinem Sohne und zehn Dinare verwende für mein Leichengewand, für Begräbniskosten, Koranlesen und dergleichen. Mein Sohn soll mit den hundert Dinaren irgend einen Handel treiben, um nicht arm zu werden, denn wer in Ägypten kein Geld hat, wird auch für gar nichts geachtet; sollte er aber je arm werden, so treibe er das Fischerhandwerk, es wird ihm Segen bringen, er wird ein Fischernetz in einer Schachtel in meinem Schrank finden.« »Drei Tage, nachdem er so zu meiner Mutter gesprochen«, – so erzählte der Jüngling – »nahm der Herr seine Seele zu sich; wir trauerten um ihn, beerdigten ihn, und meine Mutter befolgte alles, was er ihr anbefohlen hatte. Sobald ich aber im Besitz der hundert Dinare war, brachte ich einen Tag in Bulak und den anderen auf der Insel Rhoda bei Matrosen zu, arbeitete aber nichts, sondern ließ mir trotz der Warnungen meiner Mutter Ruhe und gute Kost wohl schmecken, so daß nach drei Monaten mir gar nichts mehr übrig blieb. Ich ging zu meiner Mutter und klagte ihr meine Armut und Not. Da sagte sie: Wie oft habe ich dich vor schlechter Gesellschaft gewarnt, du hast mir aber kein Gehör gegeben. – Niemand entgeht eben seinem Verhängnis, versetzte ich; doch was geschehen ist, ist geschehen, gib mir jetzt Geld, daß ich mir etwas zu essen kaufe. – Meine Armut ist nicht geringer als die deinige, erwiderte meine Mutter; ich habe nicht so viel, um ein Laibchen Brot, oder auch nur ein Senfkörnchen dafür zu kaufen, auch habe ich gar nichts in meinem Haus, darum befolge jetzt den Willen deines Vaters und werde Fischer. Ich öffnete die Schachtel, welche mir mein Vater hinterlassen, nahm das Netz heraus, sagte: Wir sind Gottes und kehren einst wieder zu ihm zurück, nahm Abschied von meiner Mutter und ging nach Altkahirah; dort bestieg ich einen Kahn, schiffte im Vertrauen auf Gott mit ausgeworfenem Netz umher, aber so oft ich es heraufzog, war es leer, obschon ich es an verschiedenen Plätzen versuchte, die selten ohne Fische sind. Ich wurde besonders wegen meiner armen Mutter sehr betrübt darüber und weinte mir fast die Augen aus dem Gesicht. Ich legte dann mein Netz zusammen und wollte es den Fischern verkaufen oder verpfänden, aber kein einziger wollte mir etwas dafür geben. Da ich mich noch nicht zum Betteln entschließen konnte, ging ich mit meinem Netz nach einem kleinen See, Karunssee genannt, der manchmal ganz seicht ist. Diesmal fand ich ihn aber bis herauf angefüllt, und er kochte und schäumte wie Wasser in einem über Feuer stehenden Topf. Da dachte ich, vielleicht bin ich hier glücklicher, als am Nil und warf mein Netz aus. Als ich es aber wieder heraufzog, war es mit Steinen und allerlei Unrat gefüllt. Ich reinigte es mit vieler Mühe und warf es wieder aus, fand aber gar nichts darin. Da dachte ich, jetzt versuche ich mein Glück noch einmal, und bringt mir mein Netz auch diesmal keinen Fisch, so gebe ich das Fischerhandwerk auf. Als ich aber das Netz zum dritten Male heraufzog, sprang ein Fisch darin herum, der über drei Pfund schwer war; ich legte das Netz zusammen, brachte den Fisch meiner Mutter und erzählte ihr, wie es mir am Nil so schlecht gegangen, wie ich hingegen am Karunssee ganz unverhofftes Glück hatte. So geht es, mein Sohn, sagte meine Mutter, der Lebensunterhalt wird den Menschen von Gott beschert; auch hat ein sehr weiser Mann gedichtet: »O Mensch, der du deinen Lebensunterhalt in der Ferne suchst, laß ab von deinen Anstrengungen, denn du erhältst doch nur, was dir bestimmt ist. Die Glücksgüter wenden sich häufig dem zu, der sie gar nicht sucht, während sie den fliehen, der ihnen nachjagt.« Darum, fuhr meine Mutter fort, darf der Mensch nie den Mut verlieren; Gott vergißt niemanden. Meine Mutter nahm mir dann den Fisch ab, reinigte ihn und ließ ihn braten, wir verzehrten ihn mit vielem Appetit und dankten Gott dafür. Am folgenden Morgen nahm ich wieder mein Netz auf die Schultern und wollte damit nach Bulak gehen, aber meine Mutter sagte mir: Geh lieber wieder an den See Karun, und solltest du auch nur einen Fisch dort fangen, das genügt uns ja, bis uns Gott auf sonst eine Weise hilft, oder uns den Tod sendet. Ich gehorchte meiner Mutter und ging nach dem See Karun und warf daselbst mein Netz aus. Als ich es heraufzog, war es wieder mit Steinen, Knochen und Scherben angefüllt; da dachte ich, welch ein schlimmes Geschick verfolgt mich, ich glaube, daß, wenn ich vom Wasser des Meeres trinken wollte, es sich in Feuer verwandeln, daß, wenn ich am Lauf der Sonne mich freute, sie auf einmal stille stehen, und daß, wenn ich stromabwärts segelte, das Wasser plötzlich seiner Quelle entgegenströmen würde. Ich saß nun eine Weile am Ufer des Sees, die Wange auf meine Hand gestützt, verzweiflungsvoll da, als auf einmal ein Abendländer auf einem Maultier zu mit geritten kam, das so leicht wie ein Spatz daherschoß; die Füße dieses Tieres waren zwar so stark wie die Pfeiler eines Tempels, aber dennoch schien es wie ein Vogel in der Luft zu schweben. Der Abendländer war sehr vornehm gekleidet und sah wie ein Emir aus. Friede sei mit meinem Herrn, dem Pilger! Ein Beiname, der vielen Muselmännern gegeben wird, auch wenn sie nie in Mekka waren. rief er mit zu, als er abgestiegen war. Ich antwortete ihm: Mit dir sei der Friede Gottes, sein Segen und seine Barmherzigkeit! Er fragte mich dann: Warum sitzest du so verzweifelt da? Ist dir jemand gestorben, oder ist eines deiner Schiffe untergegangen? – Keines von beiden, mein Herr Pilger, antwortet ich. Er fragte dann: Bist du nicht Djaudar, der Sohn des Fischers Omar aus Kahirah? Ich sah ihn erstaunt an und sagte: Ja. Er fragte mich dann nochmals, warum ich denn so niedergeschlagen aussehe? Ich klagte ihm meine und meiner Mutter Armut und die schlechte Aussicht, die mir die Fischerei gewährte. Als der Abendländer dies hörte, lachte er, nahm eine seidene Schnur, die, um recht stark zu werden, drei Tage in Kamelmilch eingeweicht war, aus dem Quersack, der auf seinem Maulesel lag, und sagte: Höre mir zu, Djaudar, deine Armut soll bald verschwinden; binde mich mit dieser Schnur und wirf mich in den See, breite dann dein Netz über mich aus, und streue etwas Weißes, das die Fische herbeilockt, hinein, komme ich mit dem Kopf zuerst aus dem Wasser, so wisse, daß ich tot bin, du beerdigst mich dann am Ufer des Sees, und führst mein Maultier auf den Bazar, hüte dich aber, darauf zu reiten, sonst ist es um dich geschehen. Du wirst auf dem Bazar einen erhöhten Punkt zu deiner Linken bemerken, dort sitzt in einem Laden ein Jude, der den größten Schnurrbart auf dem ganzen Bazar hat, nähere dich ihm, und lege deine Hand auf seinen Kopf, er wird sogleich aufstehen, dir den Maulesel abnehmen und einen goldenen Dinar schenken, nimm ihn und geh deines Weges; komme ich aber lebend aus dem See, so sollst du reichlich beschenkt werden. Als der Abendländer so gesprochen hatte, reichte er mir seine Schultern her, woraus ich sah, daß er nicht bloß scherzte, sondern wirklich gebunden sein wollte; ich tat seinen Willen und warf ihn an der Stelle, die er mir bezeichnete, in den See. Es dauerte nicht lange, so kam des Abendländers Kopf in die Höhe, seine Zähne waren fest zusammengeschlossen und seine Augen erloschen. Ich zog ihn aus dem See und beerdigte ihn am Ufer desselben. Dann machte ich mich auf, nahm mein Netz auf den Rücken und den Zaum des Maulesels in die Hand und führte ihn zu dem Juden, den mir der Abendländer bezeichnet hatte, wofür ich einen Dinar erhielt. Ich ging vergnügt zu meiner Mutter, zeigte ihr meinen Dinar und erzählte ihr, auf welche Weise ich dieses Geld erworben hatte. Sie hörte mir mit Erstaunen zu, und bedauerte den Abendländer, der sich selbst in das Grab gestürzt. Am folgenden Morgen ging ich wieder mit meinem Netz an den See Karun und warf es zweimal aus, ohne etwas zu fangen. Eben wollte ich es zum drittenmal auswerfen, da kam wieder ein Abendländer in einem ebenso reichen Aufzug, wie der erste; sein Maultier hatte eine Decke von grüner Seide über dem Sattel, einen goldenen Zaum im Mund und eine Kette am Hals, an welcher die kostbarsten Edelsteine funkelten. Ich erschrak, als ich ihn sah, und glaubte, er werde den Tod seines Bruders an mir rächen wollen; er grüßte mich und fragte: Bist du Djaudar, der Sohn des Fischers Omar? – Bewahre Gott, mein Herr Pilger, antwortete ich; ich bin nicht Djaudar und weiß nichts von ihm. Kaum hatte ich ihm diese Antwort gegeben, stieg er von seinem Maultier ab, packte mich am Hals, daß ich glaubte, er reiße mir ihn herunter, sein Gesicht war rot, seine Augen sprühten Feuer und seine Lippen waren kohlschwarz. Sagst du mir nicht die Wahrheit, schrie er mich an, so bist du des Todes! Da rief ich: Gnade, mein Herr Pilger, ich bin Djaudar, der Sohn des Fischers Omar aus Kahirah. – Und warum, elender Mensch, sagte er, verleugnest du deinen Namen und deine Abkunft? Bei Gott! Hättest du noch einen Augenblick länger gezögert, mir die Wahrheit zu gestehen, du wärest schon bei den Toten. Doch sage mir jetzt, war nicht gestern ein Abendländer hier, der sich von dir binden und in den See werfen ließ? – Allerdings, mein Herr Pilger, antwortete ich, aber ich bin nicht an seinem Tod schuld, denn er hätte mich getötet, wenn ich nicht seinen Willen getan hätte. Als der Abendländer dies hörte, lächelte er, griff in den Quersack, der auf seinem Maultier lag, und holte eine Schnur hervor, gab sie mir und sagte: Verfahre mit mir wie mit meinem Bruder: Sterbe ich, so bringe auch mein Maultier dem Juden und er wird dir wieder einen Dinar geben. Ich dachte, diese Abendländer scheinen wahnsinnig zu sein, doch bleibt mir nichts übrig, als ihnen zu gehorchen; ich band daher auch diesem Hände und Füße und warf ihn in den See, aber auch er streckte bald einen toten Kopf aus dem Wasser, da warf ich mein Netz aus, zog ihn ans Ufer und beerdigte ihn, Dann brachte ich sein Maultier dem Juden, der mir wieder einen Dinar schenkte, worauf ich zu meiner Mutter zurückkehrte. Am dritten Tag; wollte ich an den Nil gehen, aber mein Füße trugen mich ganz unwillkürlich wieder an den See Karun. Ich warf mein Netz dreimal ins Wasser und zog es jedesmal leer herauf; da legte ich es zusammen und wollte weggehen, als wieder ein Abendländer auf einem Maulesel auf mich zuritt, mich freundlich grüßte und fragte, ob ich nicht der Fischer Djaudar wäre? Als ich seine Frage bejahte, fragte er mich, ob nicht seine beiden Brüder in diesem See ertrunken wären? Ich fing an zu zittern und blaß zu werden und wußte nicht, was ich antworten sollte. Als er meine Verlegenheit bemerkte, sagte er: Verhehle mir nur die Wahrheit nicht, dann hast du nichts von mir zu befürchten. »Als ich dem Abendländer hierauf alles, wie es sich zugetragen hatte, erzählte, sagte er lachend: Bei dem, der Tag und Nacht, Luft und Wasser geschaffen, der die Toten belebt und Lebenden tötet! Hättest du einen meiner Brüder lebendig aus dem Wasser gezogen, so flöge jetzt dein Kopf von deinem Hals herunter. Er griff dann auch nach dem Quersack, zog eine rote seidene Schnur heraus und fuhr fort: Binde jetzt auch mir Hände und Füße und verfahre mit mir, wie mit meinen Brüdern, finde ich aber auch den Tod in diesem See, so hüte dich wohl, mein Maultier dem Juden zu bringen, sonst stirbst du, ohne daß irgend ein Mensch deinen Tod erfährt, sondern nimm es mit in dein Haus, es wird, sobald die Nacht heranbricht, jemand an die Tür klopfen und rufen: Djaudar, gib mir das Maultier des Abendländers Mahmud. Diesem Mann gibst du mein Maultier, er wird dir einen Beutel mit tausend Dinaren schenken. Lasse dir es dann wohl sein und gräme dich nicht über meinen und meiner Brüder Tod. Ich dachte, dieser ist noch der beste der drei Brüder, aber nicht minder wahnsinnig als sie. Ich nahm dann die Schnur in die Hand, band ihn und warf ihn in den See, und siehe da, er streckte nicht wie seine beiden Brüder den Kopf, sondern die Hände aus dem Wasser, und hatte in der rechten Hand einen roten und in der linken Hand einen schwarzen Fisch, und rief: Djaudar, deine Trommel hat geschlagen (dein Glücksstern ist aufgegangen), denn ich habe mein Ziel erreicht. Ich zog ihn schnell mit dem Netz ans Land, und er lief nach dem Maultier, zog eine rote korallene Büchse aus dem Quersack und steckte den roten Fisch hinein, dann eine schwarze, in welche er den schwarzen Fisch sperrte; beide Fische aber waren kaum in den Büchsen, als der eine zu einer roten und der andere zu einer schwarzen Flüssigkeit wurde. Wir sind und bleiben nun Freunde, sagte er, nachdem er die Büchsen wieder in den Quersack gesteckt hatte, hier hast du hundert Dinare für deine Mutter, bringe sie ihr schnell und kehre wieder hierher zurück. Als ich nach einigen Stunden wieder an den See kam, stieg der Abendländer auf sein Maultier und hieß mich hinter ihn sitzen, ich stieg auf und das Maultier flog wie ein Vogel mit uns nach dem Berg Mukattam. Hier angelangt, sagte mir der Abendländer: Wisse, Djaudar, daß ich nur durch dich zu meinem Ziel gelangen kann, darum darfst du mich nicht verlassen, du wirst gewiß Ansehen und Reichtümer erlangen. Als ich ihm versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er meiner bedürfe, band er den Maulesel an, breitete einen Teppich auf die Erde und holte aus dem Quersack einige Speisen heraus. Nach der Mahlzeit bat ich ihn, mich doch über den Tod seiner beiden Brüder und über die zwei wunderbaren Fische, die er gefangen, ein wenig aufzuklären. Da hob er an: Wisse, Djaudar, mein Name ist Mahmud, ich bin aus der Stadt Tunis und hatte daselbst einen Lehrer, der mich in die geheimsten Künste der Zauberei einweihte. Als er ein Alter von dreihundert Jahren erreichte, schenkte er mir ein Buch, welchem tausend Geister unterworfen sind, und sagte mir: Bewahre dieses Buch wohl, denn es haben Könige, Priester und Zauberer mich darum beneidet, weil man durch es alle seine Wünsche befriedigen kann. Wenn du etwas brauchst, so rufe nur: Geflügelter Sandja! Er wird dir ein Geist erscheinen, der dir bringt, was du begehrst, und läge es im siebenten Meer hinter dem Berg Kaf. Ich freute mich sehr mit einem so wertvollen Geschenk, und zeigte in meiner Freude das Buch meinen Brüdern, den beiden Männern, die in dem See ertranken. Aber diese beneideten mich und trachteten danach, mich desselben zu berauben. Eines Tages, als ich das Buch in Anwesenheit meiner Brüder erproben wollte, rief ich: Geflügelter Sandja! Da stieg ein Rauch aus dem Buch gen Himmel, der sich nach und nach zusammenzog und eine ungeheure menschliche Gestalt bildete mit drei Flügeln, einen an jeder Seite und einen mitten auf dem Rücken. Dieses wunderbare Wesen sagte: Hier bin ich, was befiehlt mein Herr? – Ich möchte mit meinen Brüdern, antwortete ich, eine kleine Lustreise nach dem Korallenberg machen, bringe uns schnell dorthin! – Sehr gern, sagte er, breitete seine drei Flügel aus, nahm mich auf seinen Rückenflügel und meine beiden Brüder auf seine Seitenflügel, und setzte uns nach einem raschen Flug durch die Luft auf den Korallenberg. Hier angelangt, fragte ich Sandja, was wohl hinter diesem Berg läge? Er antwortete: Mein Herr, hinter diesem Berg liegt das Gazellental und die Insel des Königs Numan, des Amalekiten, welche der Ozean mit seinen Wellen umspült. – So führe uns in dieses Tal, sagte ich, und stieg abermals auf seinen Rücken, während meine beiden Brüder sich auf seine beiden Seitenflügel setzten. Sandja schwang seine Flügel und brachte uns in ein Tal, dessen Boden wie die allerfeinste Baumwolle aussah und reinsten Moschusduft verbreitete. Mitten durch das Tal schlängelte sich ein Bach, dessen Wasser frischer als Schnee und süßer als Honig war. An den Ufern dieses Baches blühten Lilien, Kamillen, Narzissen und Jasmine. Wir gingen das Ufer dieses Baches entlang spazieren, bis wir an einen ungeheuer großen Nußbaum kamen, der so groß war, daß er recht gut hundert Reiter in seinem Schatten aufnehmen konnte. Da sagte Sandja: Steiget auf diesen Baum, da könnt ihr auf die reizende Insel des Königs Numan herabsehen. Wir freuten uns, einen Blick auf diese so berühmte Insel werfen zu können, und kletterten auf den Nußbaum, bis die Insel in ihrer ganzen Länge und Breite mit allen ihren Städten und Dörfern, Bergen und Tälern, Wäldern und Gärten vor uns ausgedehnt lag. Als wir uns nach allen Seiten umgesehen hatten und wieder herabsteigen wollten, sahen wir, wie ein roter Fisch, so groß wie ein Kamel, aus dem Meer, das die Insel umgibt, in den Bach schwamm, der nicht weit unter dem Nußbaum sich ins Meer ergießt, und in unserer Nähe in der Gestalt einer schönen Jungfrau ans Land stieg. Sie näherte sich immer mehr dem Nußbaum, und mit jedem Schritt mußten wir ihre Reize mehr bewundern, Sie hatte babylonische Augen, über welche sich Augenbrauen wie ein Bogen wölbten. Ihre Stirne leuchtet wie der Mond, ihre Wangen schienen Rosen zu sein, ihre Lippen ein Labsal für jeden Kranken, ihre Haare, schwärzer als die Nacht und feiner als Seide, hingen bis auf die Erde herab. Ihr Anblick bezauberte uns so sehr, daß wir vor Entzücken beinahe vom Baum fielen. Die Jungfrau hatte kaum das Land betreten, da rief sie mit einer tief ins Herz dringenden Stimme: O Königssonne! Da kam ein grüner Fisch den Bach heraufgeschwommen, stieg in ihrer Nähe ans Land, warf seine Fischhülle ab, und es zeigte sich uns eine Jungfrau mit so feinen Gesichtszügen, so schlankem Wuchs und so zarten Hüften, daß wir die erste ganz vergaßen und ihr allein unsere Bewunderung und Liebe schenkten. Mein Herz ist mir heute so schwer, teure Königssonne, sagte die erste Jungfrau zur zweiten, daß ich mich in diesem lieblichen Tale ein wenig mit meinen Gespielinnen zerstreuen möchte. Sie rief dann: Augenperle! Und siehe da! Es kam ein gelber Fisch herangeschwommen, der, sobald er ans Ufer sprang, sich auch wieder in eine Jungfrau verwandelte, welche die beiden ersten noch an Schönheit übertraf; neben ihr mußte der Mond erbleichen und die Sonne schien eine ihrer Dienerinnen zu sein. Wer sie sah, mußte ausrufen: Hier ist die Schwester des frommen schönen Josef! Und so rief sie eine Jungfrau nach der anderen herbei, bis ihrer vierzehn beisammen waren, von denen immer die letzte die ersteren verdunkelte. Vor Liebe und Entzücken ganz außer mir, rief ich Sandja, und als er erschien und mich fragte, was ich befehle, sagte ich ihm: Da du doch über tausend abtrünnige Geister gebietest, so bemächtige dich dieser schönen Jungfrauen und trage sie in mein Haus, daß ich an ihren Reizen mich ergötze. – Ich gehorche deinem Befehl, sagte Sandja und verschwand. Aber er kehrte bald, blaß und zitternd wie ein schwaches Rohr beim Sturmwind, wieder und sagte: Wisse, mein Herr, ich wollte nach deinem Befehl mit meinen Geistern über die Mädchen herfallen, da schossen drei Lichtsäulen gegen mich heran, die mich zu verzehren drohten und denen ich nur mit der größten Mühe entkam. Ich sandte dann einige andere Geister gegen sie; aber sie kehrten alle mit verstörtem Angesicht zurück und erklärten, daß sie gegen diese Mädchen nichts vermögen. Ich sah nun den Jungfrauen zu, wie sie miteinander spielten und dann wieder ihr Fischgewand anzogen und nach ihrer Insel zurückschwammen. Als sie meinen Augen entschwunden waren, rief ich Sandja und befahl ihm, mich nach Tunis zu tragen. Er war aber noch so erschöpft von seinem Kampf gegen die Genien, welche die Mädchen beschützten, daß er mich bat, ihm noch einige Augenblicke der Ruhe zu gönnen. Da sagten meine Brüder: Nun, so laß auch uns indessen ein wenig unter diesem Baum schlafen, bis Sandja zur Reise gestärkt ist. Sie legten sich dann unter den Baum und stellten sich bald, als schliefen sie ein. Als ich dies sah, dachte ich: Nun kann auch ich ohne Furcht, daß mir mein Buch genommen werde, ein wenig schlafen. Sobald ich aber einschlief, standen meine Brüder auf, beschworen zwei Geister herbei und befahlen ihnen, das Buch, das in einem roten seidenen Beutel, an einer goldenen Kette befestigt, um meinem Hals hing, zu nehmen und es ihnen zu bringen. Die beiden Geister zogen mir die Kette vom Hals und trugen meine Brüder nach Tunis, aber verschwanden dann mit dem Buch, so daß meine Brüder ausriefen: Wehe uns, nun haben wir gar nichts für unseren Verrat an unserem Bruder, und kein Geist wird ihn mehr in seine Heimat zurücktragen. Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Das ist's, was meine Brüder angeht. Was aber mich betrifft, so schlief ich noch eine Weile fort, und als ich erwachte und nach meinem Buch griff, fand ich es nicht mehr. Ich rief dreimal Sandja; aber er erschien nicht. Da ich auch meine Brüder nicht mehr sah, so zweifelte ich nicht, daß sie mir das Buch gestohlen, und rief: Wir sind Gottes und kehren einst zu ihm zurück. Was Gott will, das geschieht, und was unser Herr nicht will, das geschieht nicht! Dann dachte ich: Hätten sie mir nur das Buch in Tunis gestohlen, wäre ich doch wenigstens in meiner Heimat gewesen! Aber jetzt? Was fange ich in diesem fremden Land an? Doch machte ich mich auf und ging im Vertrauen auf den einzigen Gott dem Bache nach, bis ich an einen sehr hohen, schwarzen Berg kam, aus welchem dieser Bach entsprang. Ich ging nun drei Tage am Fuße des Berges fort, der überall sich so steil erhob, daß ich ihn unmöglich besteigen konnte. Am vierten Tag erst entdeckte ich einen schmalen Pfad, der auf den Berg führte, und ich entschloß mich; ihn zu betreten, denn ich dachte: Wohnte nicht jemand auf diesem Berg, so würde kein Weg hinauf führen. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, denn als ich ein paar Stunden lang gestiegen war, kam ich vor ein Kloster, das eine eiserne Mauer mit einer messingenen Pforte umgab. Ich klopfte leise an, und sogleich rief mir jemand zu: Willkommen! Sei ohne Furcht, du wirst dein Ziel erreichen und deine Feinde zuschanden machen. Ein kohlschwarzer Sklave öffnete mir dann die Tür und hieß mich hereintreten. Dieser Sklave sah aber so schauerlich aus, daß ich mich fürchtete, ihm zu folgen. Da er merkte, daß ich ihm nicht traute, ging er ins Kloster zurück, kam aber bald wieder und sagte mir: Mein Herr, der Besitzer des Klosters, sendet mich zu dir, um dir zu sagen, daß, wenn du der Abendländer Mahmud aus Tunis bist, du ihm höchst willkommen seist; bist du aber auch ein anderer und bedarfst seiner, dann kannst du auch auf seinen Beistand zählen. Ich antwortete: Ich bin der Abendländer Mahmud, und folgte ihm ins Innere des Klosters in ein reich ausgestattetes Gemach, wo auf einem seidenen Divan ein alter Mann saß mit einem grauen Bart, der bis zu den Füßen herabhing; er sah aber trotz seines hohen Alters doch noch so rüstig wie ein reißender Löwe aus, und seine Stimme hatte noch die Kraft des Donners. Ich küßte ihm die Hand und grüßte ihn ehrfurchtsvoll; er erwiderte meinen Gruß und befahl dem Sklaven, mir einige Speisen zu bringen. Als der Sklave ein Tischchen mit den schmackhaftesten Speisen beladen vor mich stellte, sagte mir der Alte: Ich weiß, daß du mehrere Tage nichts gegessen hast, darum labe dich an diesen Speisen. Während des Essens fuhr er dann fort: Ich weiß deine ganze Geschichte, ehe du sie mir erzählst; deine Brüder haben dich um dein Buch gebracht; du aber denkst mehr an die schönen Mädchen, die du im Gazellental gesehen, als an den Verlust deines Buches. Wisse, Mahmud, diese Mädchen, welche ein Leckerbissen für Sultane und Kaiser wären, haben bisher alle Menschen und Genien, die bei ihrem Vater Numan, dem Herrn der Rabeninsel, um sie warben, abgewiesen, denn sie folgen in allem dem Rat des Priesters Ansarut, der bei ihrem Vater im höchsten Ansehen steht. Ansarut ist ein sehr berühmter Arzt und Zauberer, welcher drei Tage bei den Genien und drei Tage bei dem König Numan zuzubringen pflegt. Eines Tages, als er von den Genien zurückkehrte, trat ihm Numan bestürzt entgegen und sagte ihm, alle seine Töchter lägen krank darnieder, er möchte sie doch schnell besuchen. Ansarut besuchte mit mehreren Dienern eine nach der anderen, verordnete einiges und kam lächelnd wieder zu Numan und sagte ihm: Deine Töchter werden wieder genesen, sobald sie ein wenig von dieser Insel, auf der eine fortwährende Seeluft weht, sich entfernen; ich werde dafür sorgen, daß sie auf angenehme Weise sich zuweilen auf das feste Land begeben können. Er verließ dann den König und ließ einen Fischer rufen und befahl ihm, die Haut von fünfzehn großen Fischen zu bringen. Sobald der Fischer die Häute brachte, schrieb er auf die innere Seite derselben allerlei heilige Namen, welche diesen Häuten die Tugend verliehen, wie lebendige Fische im Meer nach jeder Richtung zu schwimmen, welche der von ihnen Umhüllte ihnen zu geben wünscht. Am folgenden Tag gab er jeder Prinzessin in Anwesenheit des Königs eine solche Haut; die fünfzehnte Haut aber gab er seinem Sohn Didakam und befahl ihm, die Mädchen nach dem Gazellental zu begleiten. Dem König sagte er dann: Sei frohen Mutes und vertraue mir; was deinen Töchtern Schlimmes widerfährt, trifft auch meinen Sohn, der, wie du wohl weißt, mir ebenso teuer ist, wie dir deine Töchter sind. – Tue, was du für heilsam hältst, erwiderte der König. Darauf befahl Ansarut seinem Sohn, mit seinen Prinzessinnen ins Meer zu steigen und ins Gazellental zu schwimmen, dessen Luft sie bald wieder herstellen würde. Denn dort, sagte er, sind sie sicher vor Menschen und vor Genien; auch schützen euch die heiligen Namen, die in die Haut geschrieben, gegen Menschen wie gegen Genien, die Wellen des Meers fliehen, die Berge ebnen sich und die Bäume verbeugen sich vor ihnen. Didakam stieg hierauf mit den Prinzessinnen ins Meer, und sie schwammen wie natürliche Fische ins Gazellental bis an den großen Nußbaum hin. Dort stiegen sie ans Land und brachten den ganzen Tag im Tal zu, und schon am ersten Abend fand sie ihr Vater, als sie wieder heimkehrten, so gestärkt und wohl aussehend, daß er Ansarut und seinem Sohn ein Ehrenkleid schenkte. Seither kommen die Prinzessinnen jeden Tag in das Gazellental und spielen miteinander in der Nähe des Baumes, auf dem du dich mit deinen Brüdern befandest. Doch schlage dir jetzt die Mädchen aus dem Kopf und denke zunächst daran, wieder in den Besitz deines Buches zu gelangen, und das kannst du nur mit Hilfe deines Lehrers in Tunis; darum werde ich dafür sorgen, daß du noch diese Nacht dahin gebracht werdest. Grüße nur deinen verehrten Lehrer vielmal von mir und sage ihm, der Priester Sanuda, Herr des eisernen Klosters mit der messingnen Pforte, sehne sich sehr nach ihm. Schon wartet hier, fuhr Sanuda fort, ein Geist, den mir dein Lehrer mit einem Brief gesandt, in welchem er mir anzeigte, was dir widerfahren, und der beauftragt ist, dich nach Tunis zu tragen. Sei aber nur auf deiner Hut: Dieser Geist ist ein wahrer Satan; er kann sich so klein wie ein gewöhnlicher Menschenarm, und so groß wie der höchste Dattelbaum machen; er fliegt wie ein Vogel, und sein Hauch verbrennt die Erde, an der er vorüberfliegt. Fällst du von seinem Rücken herunter, so zerfließest du wie heißes Blei; nimm dich also wohl in acht! Er rief dann diesen Geist und setzte mich auf seinen Rücken; ich nahm Abschied vom Priester, und der Geist flog mit mir einige Stunden lang zwischen Himmel und Erde und ließ sich mit mir vor der Tür meines Lehrers Abul Adjaib (der Wundervater) in Tunis herab. Als ich den Fuß auf die Erde setzte, hörte ich, wie mein Lehrer seinen Jungen sagte: Geht hinaus und bewillkommt Mahmud in meinem Namen und führet ihn herein! Die schönen Töchter des Königs Numan hätten dir beinahe das Leben gekostet, sagte mir mein Lehrer lächelnd, als ich zu ihm ins Zimmer trat; aber auch deinen Brüdern ist diese Lustreise schlecht bekommen, denn die Geister haben sie überlistet, so wie sie dich überlisten wollten; sie haben das Buch in die Adlerschlucht gebracht, zu weicher niemand gelangt, der nicht durch die sieben Pforten hinter dem Berg Mukattam dringt; sie haben es in eine messingne Kiste neben das Zauberschwert gelegt, welches der Priester Sintbest mit Talismanen beschrieben. Dieser Priester hat die Zauberkunst von einer Tochter Satichs, des Meisters aller Zauberer, gelernt und es dahin gebracht, daß er mit seinem Schwert, vermöge der darauf geschriebenen Beschwörungsformeln, gegen die mächtigsten Könige und zahlreichsten Heere glücklich kämpfte; auch unterwarf er sich so viele Länder und Städte, daß nur Gott ihre Zahl kennt. Aber nicht nur Menschen, sondern auch Genien fürchteten dieses Schwert; denn wenn er gegen jemanden zürnte, so durfte er es nur gegen ihn erheben, da fuhr ein Lichtstrahl heraus, der ihn in zwei Teile teilte und sogleich in einen Haufen Asche verwandelte. Waren ihrer viele gegen ihn, so durfte er nur einen mit dem Schwert berühren, und alle stürzten leblos zur Erde. Eines Tages aber besuchte ihn seine Lehrerin, die Tochter Satichs, welche auch viel von der Macht dieses Zauberschwertes gehört hatte, und sagte ihm: Verehrter König, zeige mir doch einmal das Schwert, das so viele Wunder übt, daß man es in der ganzen Welt fürchtet. – Da ich dir alles verdanke, erwiderte Sintbest, kann ich dir nichts versagen, und reichte ihr das Schwert hin. Die Tochter Satichs nahm es in die Hand und betrachtete es auf allen Seiten. Nach einigem Nachdenken sagte sie ihm: Teurer König! Dieses Schwert, dessen Verfertigung dir so viel Mühe und schlaflose Nächte verursachte, wird einst in die Hände eines Menschen fallen, der dadurch die höchste Stufe von Macht und Ansehen erreichen wird. Die mächtigsten Genienhäupter werden von ihm getötet werden; auch wird er damit den uralten Baum des Magiers Bahram abhauen. Als Sintbest dies hörte, legte er das Schwert in eine smaragdene Scheide und befahl einem Djinn, es nach der Adlerschlucht zu tragen. Dort, sagte er, wird es kein Mensch holen. Sintbest irrte sich aber, fuhr Abul Adjaib fort, denn ich habe in meinem Weisheitsbuch gelesen, daß die Adlerschlucht sich einst vor dir mit Hilfe eines Fischers aus Ägypten, welcher Djaudar heißt, öffnen wird, und daß du Herr des Schwertes und des Buches wirst. Den Fischer Djaudar aber triffst du vor einem kleinen See bei Kahirah, welcher der See Karun heißt. Mein Lehrer ging dann in sein Arbeitszimmer, holte eine schwarze und eine rote Büchse und eine seidene Schnur und sagte: Geh' nach Ägypten an den See Karun, lasse dich vom Fischer Djaudar binden und in den See werfen; du wirst im See einen Mann mit einem weißen Bart und einem hohen Turban auf dem Haupt sehen, der in der einen Hand einen roten und in der anderen einen schwarzen Fisch hält und sie dir hinreicht, sobald er dich erblickt; nimm sie ihm ab, steige ans Ufer und sperre den roten Fisch in die rote Büchse und den schwarzen in die schwarze. Laß dann Djaudar mit dir nach dem Berg Mukattam reiten, wende dich nach Osten bis zu einem roten Hügel, zünde dann Feuer an, nimm ungefähr die Schwere eines Drachmen aus der roten Büchse und gieße es ins Feuer, da wird ein Licht aufsteigen bis zum Himmel und dir eine Falltür mit zwei Ringen, die zu einem unterirdischen Gang führt, zeigen. Fasse die Ringe und hebe die Falltür auf, da wird eine steinerne Treppe zum Vorschein kommen; gehe mit Djaudar diese Treppe hinunter, auf der einunddreißigsten Stufe werdet ihr einen Gang vor euch sehen, dessen Boden von Blei und dessen Wände von Kupfer sind. Geht durch diesen Gang, da kommt ihr an die Tür eines Saales, vor welcher eine Jungfrau sitzt, so schön, wie ihr noch keine in eurem Leben gesehen; sie wird in einem Buch lesen und bei eurer Ankunft aufstehen und das Buch in einen roten Beutel stecken; dann wird sie euch bei euren Namen rufen und euch bewillkommnend die Hand hinstrecken. Wenn ihr aber ihre Hand ergreifet, so wird der Boden unter euch zu kochen anfangen, und ihr befindet euch in glühend schmelzendem Blei, das euch das Fleisch von den Knochen abbrennen wird. Statt ihr die Hand zu reichen, nimm schnell ungefähr die Schwere eines Drachmen aus der roten Büchse und spritze es gegen die Mauer, da wird euch die Jungfrau durch den Saal lassen, den sie bewacht. Hierauf gelangt ihr in einen marmornen Gang, an dessen Ende wieder eine Jungfrau vor einer Tür sitzt, noch schöner als die erste. Sobald sie euch erblickt, wird sie aufstehen und euch zurufen; Mahmud aus Tunis und Fischer Djaudar aus Kahirah, seid mir willkommen! Erwidert ihren Gruß und befreundet euch mit ihr, denn sie meint es gut mit euch und wird euch treu zur Seite stehen, bis ihr euch des Schwertes und des Buches bemeistert habt; ich gebe euch daher keine weiteren Verhaltungsbefehle, denn ihr könnt und müßt ohne Bedenken alles tun, was euch diese Jungfrau befiehlt. Wisse auch, Mahmud, fügte noch mein Lehrer hinzu, deine Brüder haben an der Tür alles gehört, was ich dir bisher gesagt, und lassen sich in diesem Augenblick von zwei Geistern nach Ägypten bringen, denn sie glauben, wenn sie das befolgen, was ich dir anempfohlen habe, statt deiner sich das Schwert und das Buch zueignen zu können; aber sowie sie in den See Karun steigen, werden sie von den Genien des Sees getötet, doch nur Gott ist allwissend! Nach diesen Worten rief mein Lehrer den Geist, der mich von dem Kloster nach Tunis gebracht hatte, und befahl ihm, mich nach Ägypten zu tragen. Der Geist breitete sogleich seine Flügel aus und trug mich bis in die Nähe des Sees Karun; dann verschwand er und brachte mir eine Djinn in der Gestalt eines Maultiers und setzte mich darauf. Dieses Maultier trug mich mit Blitzesschnelligkeit zu dir, teurer Djaudar. Das ist alles, was ich dir über mein Vorhaben zu erzählen weiß. »Als Mahmud seine wunderbare Geschichte vollendet hatte, faßte ich Mut und zweifelte nicht an einem glücklichen Ausgang für ihn und für mich. Nachdem er noch manches über Genien und Zauberer mitteilte, schliefen wir ein, und am folgenden Morgen wendeten wir uns nach Osten, bis wir an einen roten Hügel gelangten. Mahmud war außer sich vor Freude, als er ihn erblickte, und sagte mir, Djaudar, jetzt sind wir an der von meinem Lehrer mir bezeichneten Stelle. Er nahm dann ein Feuerzeug aus der Tasche, zündete Feuer an, goß einen Drachmen aus der roten Büchse darauf, und siehe da, es stieg eine große Lichtsäule gen Himmel auf, welche uns eine Falltür mit zwei Ringen zeigte. Sie öffnete sich, sobald Mahmud den Ring anfaßte, und wir gingen dreißig Stufen hinunter, dann kamen wir in einen Gang und fanden eine Jungfrau, wie sie Abul Adjaib beschrieben; sie grüßte uns und streckte die Hand nach uns aus, aber Mahmud, statt ihr die Hand zu reichen, griff schnell nach der roten Büchse und spritzte etwas daraus gegen die Mauer, da stürzte die Jungfrau um, und wir gingen durch einen leeren Saal in einen marmornen Gang, an dessen Ende eine Jungfrau, wie der Mond in der vierzehnten Nacht, auf einem goldenen Stuhl saß. Sobald sie uns erblickte, stand sie auf und sagte mit einer Zephyrstimme, welche jedem Kranken die Gesundheit wiedergeben müßte: Willkommen, mein Herr Mahmud aus Tunis und mein Herr Djaudar aus Kahirah! Gelobt sei der Herr, der mich durch euch erlöst. Ich schmachte hier schon zwanzig Jahre, und sah euch schon mehrere Nächte im Traum so, wie ihr jetzt vor mir steht; auch ist mir eure Ankunft prophezeit worden. Doch werdet ihr wissen wollen, wer ich bin und wie ich hierhergekommen, darum höret mich an, ehe ich euch weiter führe. Ich bin die Tochter des Königs Sasan, Herr des Luftberges und des goldenen Schlosses, und heiße Heifa. Mein Vater war einer der tapfersten Könige seiner Zeit, er war immer der Erste im Krieg, obschon unzählbare Armeen für ihn fochten. Da er aber außer mir kein Kind hatte, wurde ich als Kriegerin erzogen und ich zeichnete mich bald durch so glänzende Waffentaten aus, daß unsere ganze Armee mich nicht weniger als meinen Vater verehrte. Bald wurde mein Name sowohl durch meine Tapferkeit als wegen meiner Schönheit so bekannt, daß die entferntesten Könige und Prinzen um mich warben, Da ich aber keine Lust zu heiraten hatte, mußte ich gegen manchen beleidigten Werber ins Feld ziehen. Eines Tages kam ein Bote mit einem Brief zu meinem Vater, welcher folgendermaßen lautete: Von dem König Sintbest, dem höchsten König seiner Zeit! Wisse, König Sasan, daß ich so viel von der Tapferkeit und Schönheit deiner Tochter gehört habe, daß ich sie liebe, ohne sie je gesehen zu haben, und sie daher von dir zur Gattin fordere. Ich hoffe, du wirst einen Schwiegersohn meinesgleichen nicht verschmähen, Fordere, welche Morgengabe du willst, antworte mir nur bald und sei von mir gegrüßt. »Als mein Vater diesen Brief gelesen hatte, kam er mit dem Boten zu mir und las mir ihn vor. Da sagte ich: Laß mich einmal den Brief sehen. Als er mir aber den Brief gab, zerriß ich ihn und zog mein Schwert gegen den Boten, und wäre er nicht schnell geflohen, so hätte ich ihm den Kopf vom Hals gehauen. Der Bote kehrte zu Sintbest zurück und erzählte ihm, wie er von mir behandelt worden. Sintbest rief sogleich den Geist Dilhudj und befahl ihm, mich im Augenblick aus meinem väterlichen Haus zu ihm zu führen. Ich saß gerade allein in meinem Zimmer, als Dilhudj, der so groß war wie der höchste Dattelbaum, auf mich losstürzte, und ehe ich mich faßte hatte er mich schon auf dem Rücken und flog mit mir zum König Sintbest. Dieser schrie mich an: Wie wagtest du es, elende Dirne, meinen Brief zu zerreißen und meinen Boten zu mißhandeln? Weißt du nicht, daß die mächtigsten Könige sich vor mir beugen, und daß selbst Genienhäupter mich fürchten? Als ich mich aber entschleierte und er mein Gesicht sah, fuhr er in einem sanfteren Ton fort: Doch ich verzeihe dir, wenn du meine Liebe erwidern und meine Gattin werden willst. – Lieber lasse ich mich in Stücke hauen, versetzte ich, als daß ich deine Umarmung dulde. Als er dies hörte, schlug er die Zähne übereinander und befahl Dilhudj, der noch immer an der Tär stand, mich nach der Adlerschlucht zu tragen. Ich bin nun schon zwanzig Jahre hierher gebannt, und der Geist Dilhudj bringt mir jeden Tag meine Nahrung. Ich hatte schon alle Hoffnung verloren, je wieder meine Freiheit zu erlangen, als vor zehn Tagen mir im Traum ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen erschien, der mir zurief: Freue dich, Heifa, die Stunde der Erlösung ist nahe, der Tyrann Sintbest liegt in den letzten Zügen, du kannst bald in deine Heimat zurückkehren und den Thron deines Vaters, der schon längst tot ist, besteigen. Habe nur noch Geduld, bis zwei Männer hierherkommen; der eine heißt Mahmud aus Tunis und der andere Djaudar aus Kahirah, und stehe ihnen bei, daß sie in den Besitz des Zauberschwertes und des heiligen Buches gelangen, sie werden dann auch dich in deine Heimat zurückbringen. Nun wißt ihr, wer ich bin, folget mir jetzt und tut, was ich euch rate. Bei diesen Worten zog sie einen goldenen Schlüssel aus einer Tasche und öffnete den Saal, vor welchem sie saß. Er war ungeheuer groß und ringsum mit Divanen belegt, auf welchen Könige saßen mit Kronen von den kostbarsten Edelsteinen auf dem Haupt. Jeder hatte eine goldene Kette um den Hals, an welcher eine silberne beschriebene Tafel hing. Wie kommen so viele Könige hierher? fragte ich Heifa erstaunt, leben sie oder sind sie tot? – Du siehst hier nur Leichen, antwortete Heifa (gepriesen sei Gott, der allein Unsterbliche!), es sind Könige, Söhne von Königen, denen sogar Könige als Sklaven dienten. In der Mitte des Saales war ein Springbrunnen mit vier goldenen Löwen, über welche sich vier Pfauen aus Perlen und Edelsteinen erhoben, und den Löwen gegenüber standen vier messingene Statuen, deren jede eine Trompete an den Mund hielt. Neben diesen Statuen befanden sich vier griechische Sklavinnen mit Tamburinen aus Gazellenhaut und vier Fränkinnen mit Lauten. Die Mädchen sahen aber so frisch aus, daß man sie für lebendig hielt und glaubte, sie müßten sprechen. Um den Springbrunnen herum standen Stühle, auf denen Könige saßen, aber ein schönerer und höherer Stuhl stand leer da. Dies ist der Stuhl des Königs Sintbest, sagte Heifa und bat mich, darauf Platz zu nehmen. Sobald ich mich niederließ, drehten sich die Löwen dreimal im Ring herum, standen auf, wedelten, streichelten und leckten mich, die Pfauen sperrten den Schnabel auf und verbreiteten die feinsten Wohlgerüche aus ihrem Mund, die messingenen Statuen verbeugten sich und die Sklavinnen fingen an auf ihren Instrumenten zu spielen. Ich blieb sitzen und hörte ihnen zu, bis Heifa zu mir sagte: Wenn du tausend Jahre auf diesem Stuhl bleibst, werden die Mädchen nicht aufhören zu spielen; sie werden nicht müde, denn sie leben nicht und bewegen sich durch eine Zauberkraft, welche Sintbest, der sie hervorgerufen, überdauert. Als ich dies hörte, stand ich wieder auf und näherte mich der Tafel, welche am Hals eines der Könige hing. »Auf der Tafel des Königs stand: Wanderer, der du einst hierher gelangst, wisse, daß ich, der mächtige König Alexander, von dem Zauberer Sintbest besiegt worden bin. Nimm dir ein Beispiel an mir und an anderen Königen, die gleich mir vom Gipfel der Macht in die tiefste Erniedrigung gefallen sind. Wisse, ich habe hundert Jungfrauen geheiratet, die mir zweihundert Söhne gebaren. Ich war Herr über zwanzig Hauptstädte, für deren jede ich einen Vizekönig ernannte. Meine Armee war unzählbar, meine Schatzkammern waren mit Gold, Perlen und Edelsteinen und den feinsten Stoffen angefüllt; aber zuletzt kam derjenige, welcher jede Freude zernichtet, jede Vereinigung auflöst und so viele Söhne und Töchter zu Waisen macht, der Tod, und verwüstete unsere Paläste. Darunter standen noch folgende Verse: »O Erdensohn, laß dich nicht blenden vom trügerischen Glanz der Welt, wie manchen Hohen hat sie schon erniedrigt, wie manchen Starken geschwächt, wie manche Paläste verödet, und wie manches Grab ausgefüllt. Sie sendet dem Freudigen plötzliche Trauer, füllt auf einmal die Augen des Lachenden mit Tränen und trennt die Freunde, wenn ihre Vereinigung sie am glücklichsten macht.« »Diese Verse rührten uns zu Tränen und griffen mich so sehr an, daß ich die übrigen Tafeln nicht mehr lesen wollte, sondern Heifa bat, uns weiter zu führen. Sie öffnete eine Tür gegenüber derjenigen, zu welcher wir hereinkamen, und nachdem wir wieder einen langen Gang durchschritten, gelangten wir in einen Saal, der vierzig kleine Kabinette hatte, vor deren jedem ein seidener golddurchwirkter Vorhang hing. Mitten im Saal stand eine kupferne Statue mit einer Rauchpfanne in der Hand, aus der sich bald Ambra-, bald Moschus-, bald Weihrauchduft verbreitete. Als ich den Vorhang von einem der Kabinette weghob, sah ich ein Mädchen wie die leuchtende Sonne auf einem Bett liegen, und so lagen rund umher noch neununddreißig Mädchen, welche alle in tiefem Schlaf versunken zu sein schienen, aber Heifa versicherte mich, sie seien alle tot. Heifa schob dann einen Thron weg, der mitten im Saal stand, und wir sahen einen goldenen Ring auf dem Boden, mit welchem Heifa eine Falltür öffnete, unter welcher eine große marmorne Treppe in einen dunklen Gang führte. Heifa nahm mich und Mahmud bei der Hand, und wir brauchten einen halben Tag, bis wir ans Ende dieses Ganges kamen. Jetzt befanden wir uns wieder im Freien, und zwar in einem sehr blühenden Garten, mit allerlei Obstbäumen geziert, deren Früchte wie die herrlichsten Edelsteine strahlten, und auf deren Zweigen die verschiedenartigsten Vögel ihren Schöpfer priesen. Als wir eine Weile in diesem Garten umhergingen, sahen wir in der Ferne einen sonnenähnlichen Strahlenglanz: Wir näherten uns demselben, und siehe da, es war ein großes Schloß, mit den reinsten Diamanten verziert, wie sie kein König und kein Kaiser je besessen. Das Schloß hatte aber weder Tür noch Fenster. Vor demselben lag ein Stück Felsen, auf welchem ein langbärtiger Geist in einem weißen seidenen Kleid mit einem Buch in der Hand saß. Er drehte sich immer nach allen Seiten um, bis er uns erblickte; dann stand er auf, warf sich auf die Erde und rief: Gepriesen sei der Herr der Welten, der die Stunden meiner Erlösung herbeigeführt! Dann erhob er sich wieder, grüßte uns freundlich und sprach: Ich erwarte euch hier schon dreißig Jahre mit Ungeduld, denn ich habe viele Kinder, von denen ich nicht weiß, was aus ihnen geworden. Nun hat Gott doch mein Flehen erhört, denn ich durfte vor eurer Ankunft nicht von hier weichen, weil ihr meiner bedürfet, um eueren Zweck zu erreichen. Sehet ihr diese Katze da oben? Da hoben wir unsere Augen auf und sahen auf einer weißen marmornen Säule, welche sich aus einem Teich erhob, eine schwarze Katze, welche eine goldene Kette an die Säule fesselte. Was bedeutet diese Katze? fragte ich erstaunt. – Die Katze, erwiderte der alte Geist, ist wegen euer schon zehn Jahre an diese Säule gebannt, sie kann nur durch zwei Worte aus eurem Munde erlöst werden, dann verschafft sie euch das Zauberschwert und das heilige Buch. Sie ist eine der berühmtesten und gefürchtetsten Zauberinnen unter den Genien und heißt Schah Bair. Mein Name aber ist: Schwarzer Abd Allah, Kadhi der muselmännischen Genien. Um diese Katze zu befreien, rufet sie nur bei ihrem Namen und bespritzet den Teich mit der Flüssigkeit aus der schwarzen Büchse, sogleich wird die Katze ihre Pfote ausstrecken, die Kette von der Säule losbinden und davonfliegen. Als der Kadhi der Djinn so gesprochen hatte, breitete er seine Flügel aus, und in einem Augenblick war er verschwunden. Wir gingen dann um den Teich herum, den wir mit der Flüssigkeit aus der schwarzen Büchse bespritzen sollten. Dann rief ich: Schah Bair, besorge unser Anliegen! Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, stand die Katze auf und machte sich zweimal so groß als die Säule war, zerriß die Kette, die sie am Hals hatte, und flog auf das Dach des Schlosses. Bald kehrte sie aber wieder in Menschengestalt mit sechs Hörnern, eins auf jeder Seite, zwei zwischen den Augen und zwei auf dem Rücken, und hatte eine messingene Kiste mit einem Buch auf dem Kopf und ein Schwert unter dem Arm, legte beides vor uns nieder und verschwand. Mahmud war außer sich vor Freude, als er die Kiste, welche sein Buch enthielt, sah. Es hing aber ein goldenes Schloß davor, und als er es öffnen wollte, ließen sich viele furchtbare Stimmen vernehmen. Die eine rief: Ergreifet ihn! Die andere: Haut ihn in Stücke! Die dritte: Schlagt ihn zu Boden! Dabei waren wir von allen Seiten von kleinen Flämmchen umgeben, die uns zu verzehren drohten. Mahmud bemühte sich vergebens, die Kiste zu öffnen; ich aber zitterte an allen Gliedern, und all mein Blut stockte. »Heifa, welche über unsere Angst lachte, sagte zu Mahmud: Gieße ein wenig Flüssigkeit aus der schwarzen Büchse auf das Feuer, du sollst dann Wunder sehen. Als Mahmud dies tat, stieg ein schwarzer Rauch gen Himmel, wir sahen und hörten nichts mehr. Mahmud küßte dann Heifa den Kopf und die Hände, und diese sagte: Jetzt öffne die Kiste und ziehe das Schwert aus der Scheide, du hast nichts mehr zu fürchten, denn alle Geister, welche Sintbest zu ihrer Bewachung aufgestellt, sind dahin. Mahmud sagte: Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, und das Kästchen öffnete sich von selbst. Als er aber sein Buch wieder sah, fiel er vor Freude in Ohnmacht. Wir mußten ihn lange bespritzen bis er wieder zu sich kam, dann öffnete er das andere Kistchen von Smaragd, da lag ein grüner seidener Beutel darin, und neben demselben ein Siegelring, welcher strahlte wie ein Stern in einer dunklen Nacht. In dem Beutel lagen drei Stücke Stahl, welche Mahmud zusammensetzte und in ein blitzendes Schwert umgestaltete. Es hatte eine ganz feine Inschrift, wie Ameisenfüße; die letzten Worte lauteten: Ich bin ein edles Schwert, nur zum Guten brauchbar; wer mich besitzt, den bewahre ich vor Unglück und bringe seinen Feinden Verderben. Auf dem Siegelring, welcher daneben lag, stand: Dieser Ring ist für Zaher Beibars, Sultan von Ägypten. Als ich diese Inschrift gelesen hatte, bat ich Mahmud, mir diesen Ring zu geben, er antwortete mir aber: Dieser Ring, der den Sultan Zaher zum mächtigsten Herrscher seiner Zeit erheben und ihm die glänzendsten Siege über die Ungläubigen verleihen wird, kann ihm nicht eher zukommen, bis du mich in den Besitz der Mädchen setzest, die ich im Gazellental gesehen. Mit Hilfe dieses Schwertes, fuhr er dann fort, indem er mir das Zauberschwert überreichte, können wir ans Ziel gelangen. Er las dann ein wenig in seinem Buch und rief: Sandja! Beflügelter Sandja! Da stieg ein Rauch aus dem Buch gen Himmel, dann sammelte er sich und nahm die Gestalt eines Geistes an, so groß wie der höchste Dattelbaum; er hatte drei Flügel, einen auf jeder Seite und einen auf dem Rücken, welche, wenn er sie ausbreitete, wie Segel eines großen Schiffes aussahen. Er küßte Mahmud Hände und Füße und fragte ihn, was er befehle. Da trat Heifa hervor und sagte: Ihr wisset, daß ich schon zwanzig Jahre euch hier erwarte, ihr bedürfet nun meiner nicht mehr, darum bitte ich euch, lasset mich in meine Heimat zu meiner Familie zurückbringen, der ich gewaltsam entrissen wurde. – Sandja! rief Mahmud dem Geiste zu, nimm Heifa auf den Rücken und trage sie nach dem goldenen Schloß auf dem Luftberg. Heifa nahm Abschied von uns, und Sandja flog mit ihr davon. Als wir sie aus dem Gesicht verloren hatten, kehrten wir auf demselben Weg, durch welchen wir in den Garten gekommen, zurück, bis wir wieder an den roten Hügel auf dem Berg Mukattam kamen. Mahmud rief dann sein Maultier und befahl ihm, seinem Lehrer Abul Adjaib Nachricht vom Gelingen seines Unternehmens zu geben, mir aber sagte er: Laß uns vor allem jetzt zu deiner Mutter gehen, daß sie nicht länger dich als tot beweine, dann wird mein Buch mir angeben, was wir ferner zu tun haben. – Weißt du, Mahmud, sagte ich ihm auf dem Weg zu meiner Mutter, daß es mich reut, Heifa in ihre Heimat zurückgesandt zu haben? Erst seitdem sie fern ist, fühle ich, wie sehr ich sie liebe. – Verschaffe mir die Töchter des Königs Numan, versetzte Mahmud, so sollst du auch Heifa haben, und wenn du willst, noch hundert Abessinierinnen und ebenso viele Türkinnen und Inderinnen dazu. Während wir uns nun über unsere gegenseitigen Geliebten unterhielten, gelangten wir vor das Haus meiner Mutter, Schon von außen hörte ich sie weinen und jammern, denn da ich ohne Abschied von ihr wegging, weil ich selbst nicht wußte, daß ich mehrere Tage abwesend sein würde, hielt sie mich für tot. Als sie mich daher wiedersah, fiel sie in Ohnmacht, und kam erst nach einigen Stunden wieder zum Bewußtsein, des Abends bereitete sie Mahmud auf eine noch längere Abwesenheit vor, schwor ihr aber bei Gott, daß er mit Bestimmtheit meine glückliche Wiederkehr voraussehe. Am folgenden Morgen, als wir allein waren und unser Gebet verrichtet hatten, sagte Mahmud, nachdem er eine Weile in seinem Buch gelesen: Laß uns nicht länger auf glühenden Kohlen verweilen, wer weiß, ob wir es später nicht bereuen würden; jetzt aber verbürge ich einen leichten, glücklichen Erfolg, wenn du meine Vorschrift treu befolgest. Mache dich sogleich auf und gehe nach Bulak, dort findest du ein Schiff, das in vier Tagen nach Alexandrien hinabfährt, gehe sogleich auf den Bazar, der am Meer liegt, dort wirst du in einem Laden einen Perser sehen mit einem weißen wollenen Turban auf dem Haupt, vier weiße Sklaven stehen zu seiner Rechten, vier schwarze zu seiner Linken, und zu seinem Haupte steht noch ein bartloser Jüngling mit einem grünen, seidenen Tuch in der Hand. Der Perser wird dich grüßen, wenn du vor seinem Laden stehen bleibst, und dich fragen, womit er dir dienen kann; antworte ihm, er solle dir nur seine Rechte hinstrecken. Tut er dies, so stelle dich, als wenn du ihm die Hand küssen wolltest, beiße ihn aber in den Daumen, da wird er ausrufen: Es gibt nur einen einzigen Gott, Mohammed ist Gottes Gesandter! Alles trifft zu seiner bestimmten Zeit ein. Er wird dann seinen Laden schließen, und mit dir, den acht Sklaven und dem bartlosen Jüngling ans Ufer gehen und ein zierliches Schiffchen besteigen. Die acht Sklaven werden rudern, der Jüngling wird am Steuerruder, und du und der Perser, ihr werdet in der Mitte des Nachens sitzen und zwanzig Tage auf dem Meer bleiben, bis ihr an eine grüne Insel gelangt. Dort wird der Perser dich ans Land setzen und dir sagen, was du weiter zu tun hast, vertraue ihm nur und fürchte nichts! Wisse auch, Djaudar, fuhr er fort, daß, wenn einer meiner dienstbaren tausend Geister mir statt deiner die Töchter Numans verschaffen könnte, ich dich nicht bemühen würde, aber wer außer dir das Zauberschwert berührt, wird sogleich zu einem Haufen Asche, nur du kannst mit diesem Schwert den Tyrannen Hindmar, den Herrn des Rabenteiches und des Pfeilerschlosses, töten und den eisernen Baum des Magiers Bahram abschneiden, welcher den Muselmännern so viel Unglück bringt. Erst nachdem alles dieses vollbracht ist, kannst du die Erfüllung meiner und deiner Wünsche herbeiführen. Er rief dann Sandja, und als er erschien, fragte er ihn, ob er Heifa in ihre Heimat gebracht? Jawohl, mein Gebieter, antwortete Sandja; sie ist jetzt Königin in ihrem Land, denn ihr Vater ist während ihrer Abwesenheit gestorben, und der verhaßte Vezier Dimdiman, welcher den Thron usurpiert hatte, wurde gleich in der Nacht ihrer Rückkehr genötigt, ihn Heifa wieder abzutreten. Sie beauftragte mich, euch dies mitzuteilen und vielmal von ihr zu grüßen. Auch soll ich euch versichern, daß sie euch nie vergessen und stets mit Liebe euer gedenken wird. »Diese Worte des Geistes belebten meine Hoffnung, ich nahm Abschied von meiner Mutter und Mahmud, und ging nach Bulak, wo ein segelfertiges Schiff stand, das nach Alexandrien fuhr. Dort traf ich den Perser, den mir Mahmud beschrieben, ich biß ihn in den Finger, und er brachte mich in zwanzig Tagen auf einem Nachen nach einer grünen Insel. Steige ans Land, sagte er mir, sobald wir das Ufer erreichten, und gehe in gerader Richtung über die Insel, da wirst du am jenseitigen Ufer ein noch niedlicheres Schiffchen als das meinige finden, in welchem ein Abendländer am Steuerruder sitzt. Er wird dich bei deinem und deines Vaters Namen rufen, dich in seinen Nachen nehmen, zehn Tage mit dir auf dem Meer bleiben, am elften dich auf eine schneeweiße Insel setzen, und dir sagen, was du ferner zu tun hast; befolge nur seinen Rat, denn er meint es gut mit dir. »Hierauf verließ mich der Perser; Ich durchschritt die grüne Insel und kam gegen Mittag an das jenseitige Meeresufer, wo der verheißene Mann mich aufnahm und weiter schiffte. Am elften Tage nach unserer Abfahrt setzte er mich auf eine weiße Insel, wo kein grünes Blättchen wuchs, und sagte mir: Ich habe nun vollbracht, was mir oblag; gehe in gerader Richtung durch sieben Täler, da gelangst du auf einen roten Berg, auf welchem ein Kloster liegt, geh auf das Kloster zu und klopfe an dessen Tür; wenn man fragt, wer klopft, so sage: Der Fischer Djaudar aus Kahira. Die Tür wird sich öffnen, und du trittst durch einen Hof in ein Gemach, wo ein noch unbärtiger Jüngling auf einem Thron von Elfenbein mit goldenen Füßen sitzt, es ist der Priester Schanuda, der dir angeben wird, was du ferner zu tun hast. Er nahm dann Abschied von mir und kehrte wieder um, ich aber ging in das mir bezeichnete Kloster und fand einen Priester mit sieben Schleiern um sein Gesicht auf einem Thron sitzen. Als ich zu ihm hintrat, grüßte er mich nicht, sondern stand auf, drehte sich siebenmal im Kreis herum und hob dabei jedesmal einen Schleier weg, bis ich zuletzt ein sehr schönes, junges Gesicht sah; dann setzte er sich wieder, grüßte mich freundlich und sagte: Wisse, Djaudar, ich sehnte mich sehr nach dir und erwarte dich schon lange. Gepriesen sei der Herr, der dich und Mahmud aus der Adlerschlucht errettet, in welcher schon so viele Menschen vor euch ihren Tod gefunden! Ihr verdanket aber eueren glücklichen Erfolg nur dem frommen Lehrer Abul Adjaib, der das Wohl der Muselmänner dabei im Auge hat, denn durch dich soll der Tyrann Hindmar getötet und der Baum des Magiers Bahram abgeschnitten werden. Wisse auch, Djaudar, fuhr er fort, daß, so wie Sandja über tausend Geister gebietet, welche dem Besitzer des heiligen Buches untertan sind, so ist Misram der Anführer der fünfhundert Geister, die demjenigen gehorchen, welcher das Zauberschwert an seiner Seite trägt. Als du eben zu mir hereintratst, sah ich die fünfhundert Geister hinter dir und sie grüßten mich, einer nach dem andern, Misram fehlte aber, und als ich nach ihm fragte, hörte ich, er sei auf dem Rauchschloß im Kamillental bei der Königin Daruma. Da du ohne Misram nicht zu deinem Ziel gelangen kannst, so geh zur Königin Daruma, grüße sie von mir, und bringe ihr eine kleine Tafel mit Inschriften, die ich dir morgen früh mitgeben will; sie wird dir dann weiter behilflich sein. Hüte dich aber vor den dreihundert Mädchen, welche sie bei sich im Schloß hat, sonst bist du verloren, denn sie sind sehr gewandt in der Zauberkunst und haben schon manchen König und Prinzen verführt. Nachdem er so gesprochen hatte, ließ er das Nachtessen auftragen, an dem er und noch einige andere Priester teilnahmen, dann ging ich zu Bett, träumte von Heifa und rezitierte im Traum folgenden Vers: »Ich bin noch nicht alt, aber meine vielen Tränen haben meine schwarzen Haare weiß gefärbt.« »Als ich des Morgens erwachte, fragte mich Schanuda, wieso ich im Traum darauf gekommen sei, diesen Vers zu rezitieren? Da senkte ich eine Weile beschämt das Haupt zur Erde nieder, und als er seine Frage wiederholte, sagte ich: Ich befand mich diese Nacht im Traum bei Heifa, meiner Geliebten, da fragte sie mich, wieso ich denn auf einmal so grau geworden? Ich glaubte, sie scherze nur, denn ich hatte noch nie ein graues Haar an mir bemerkt, sie holte aber einen Spiegel und hielt mir ihn vor, und in der Tat sah ich darin alle meine Haare weiß, nur einige wenige am ganzen Bart waren noch schwarz. Ich erstaunte sehr über diese Verwandlung, und rezitierte den Vers, den du gehört zu haben scheinst. »Schanuda holte ein Buch und las ein wenig darin, dann sagte er: Sei frohen Sinnes, Djaudar, dein Traum bedeutet die sichere Erfüllung deiner Wünsche; hättest du alle deine Haare weiß gefunden, so wärest du jetzt schon am Ziel, die paar noch übrigen schwarzen Haare deuten auf einige dir noch bevorstehende Hindernisse und Mühseligkeiten, über die du aber mit Gottes Hilfe gewiß siegen wirst. Er holte dann einige Lebensmittel herbei und sagte mir: Geh nur weiter in diesem Tal, bis du an einen schwarzen Berg kommst, auf den ein bequemer Pfad führt, folge diesem Pfad über einen Berg, der führt dich zum Schloß der Königin Daruma. Ich brauchte zehn Tage, bis ich den schwarzen Berg überstiegen hatte; am elften Tage gelangte ich wieder in ein blühendes Tal, in welchem sich ein großes Schloß bis zu den Wolken erhob. Auf diesem Schloß stand eine kupferne Statue, die, als ich mich demselben näherte, in eine Trompete stieß. Sogleich öffnete sich die Tür des Schlosses, es traten mehr als hundert Jungfrauen heraus, in die feinsten seidenen Stoffe gehüllt, mit goldenen Gürteln um den Leib und diamantenen Kronen auf dem Haupt, verbeugten sich vor mir, als wäre ich ein Vezier oder ein Sultan und führten mich ins Schloß zu Daruma, Tochter des Königs Kaschuch. Sie saß auf einem goldenen, mit vielen Edelsteinen verzierten Thron, dessen Füße von Elefantenzähnen waren, die Krone auf ihrem Haupt verbreitete einen Glanz, der meinen Augen nicht erlaubte, sich zu ihr zu erheben. Sie war schön wie der Mond, hatte aber doch ein würdiges, ehrfurchtgebietendes Aussehen. Zu ihrer Rechten saßen hundertundfünfzig Sklavinnen, zu ihrer Linken ebenso viele. Daruma erhob sich von ihrem Thron, als ich in den Saal trat, reichte mir die Hand, bewillkommte mich bei meinem Namen und zog mich zu sich auf ihren Thron. Ich grüßte sie vom Priester Schanuda, und überreichte ihr die Tafel, die er mir für sie mitgegeben. Sie freute sich sehr damit und verschloß sie in ein Kästchen. »Daruma ließ mir dann Speisen und Getränke geben, trank selbst mit mir, und befahl einigen ihrer Jungfrauen, zu singen und zu spielen; dann sagte sie: Da du doch liebst, hast du gewiß auch schon gedichtet, ich möchte wohl einige Verse von dir hören. Als ich ihr hierauf einige Verse rezitierte, in welchen ich meine Sehnsucht nach Heifa ausdrückte, sagte sie: Heifas Besitz ist dir sicher, doch vorher muß dem armen Mahmud, der vor Liebe zu den Töchtern des Königs Numan fast wahnsinnig wird, geholfen werden. Vor allem aber muß der Tyrann Hindmar durch dich sterben, denn auch mir würde Gefahr drohen, wenn er noch ein Jahr lebte. Wisse nämlich, Djaudar, mein Vater, welcher ein mächtiger Genienfürst war, hatte einen Weisen bei sich, welcher Kandarin hieß. Eines Tages, als dieser von einer Reise nach einem von Menschen bewohnten Land heimkehrte, fragte ihn mein Vater, was er Schönes auf seiner Reise gesehen? Er antwortete: Als ich in die Stadt Dalaß kam, da fand ich alle Einwohner in Bewegung und die Stadt ganz festlich geschmückt, ich nahm die Gestalt eines Menschen an und fragte einen alten Mann, was denn für ein Fest gefeiert werde, das die ganze Stadt in Bewegung setze? Der Alte antwortete mir: Wisse, der König dieser Stadt, welcher Schamkur heißt, hat eine Tochter, so schön, daß noch kein Menschenauge ihresgleichen gesehen. Diese Prinzessin wurde vor einiger Zeit plötzlich so krank, daß man sie schon als tot beweinte, nun ist sie aber genesen, und da sie heute zum erstenmal wieder ausreitet, wird auf Befehl ihres Vaters ein öffentliches Fest gefeiert. – Als ich dies hörte, beschloß ich, Dalaß nicht zu verlassen, bevor ich die schöne Prinzessin gesehen. Es dauerte nicht lange, da kam der König Schamkur mit seiner Tochter geritten, von vielen Offizieren begleitet, mit Musikern und Fackelträgern vor ihnen her. Ich mischte mich unter das Gefolge, um die Prinzessin länger und näher zu sehen, und fand sie in der Tat so vollkommen schön, daß ich es gar nicht versuchen mag, sie zu schildern; das ist das Schönste, was ich im Land der Menschen gesehen. Als mein Vater, welcher ohnedies Menschentöchter mehr liebte, als weibliche Djinn, den weisen Kandarin so sprechen hörte, sagte er: Ich werde in der Gestalt eines menschlichen Königs nach Dalaß reisen und bei dem König Schamkur um seine Tochter werben; gibt er mir sie freiwillig, so soll es ihm gut gehen: Verweigert er mir sie aber, so nehme ich sie mit Gewalt. Er rief dann sogleich eine Abteilung Djinn herbei und sagte ihnen: Kommt morgen früh in Menschengestalt auf leichten Rennern in einem reichen Kriegeraufzug hierher. Am folgenden Tag erschienen sie, wie ihnen mein Vater befohlen hatte, zwanzigtausend an der Zahl; mein Vater selbst bestieg dann ein Pferd, das etwas größer war, als das seiner Truppen, und leichter als ein Rabe flog, und ritt an ihrer Spitze, in Begleitung Kandarins, nach Dalaß. Der König Schamkur erschrak sehr, als er auf einmal eine so zahlreiche Armee vor den Toren der Stadt sah, und sandte seinen Vezier zu meinem Vater, um ihn zu fragen, in welcher Absicht er gekommen. Mein Vater bat den Vezier, seinem Herrn zu sagen, der König Kaschuch sei gekommen, um bei ihm um die Hand seiner Tochter anzuhalten; gewähre er sie ihm, so werde er ihm Freund sein und so viel Morgengabe versprechen, als von ihm gefordert wird. Als der Vezier dem König Schamkur diese Antwort brachte, ging dieser zu seiner Tochter und fragte sie, ob sie den mächtigen König Kaschuch heiraten wolle. Er soll auf die Rennbahn kommen, antwortete die Prinzessin, da kann ich ihn vom Schloß aus sehen; gefällt er mir dann, so heirate ich ihn, wo nicht, so lasse ich mich lieber von ihm in Stücke hauen, als daß ich seine Gattin werde. Der König Schamkur ritt selbst zu meinem Vater und brachte ihm die Antwort seiner Tochter. Mein Vater nahm ihre Bedingungen an, und begab sich am anderen Morgen an der Spitze seiner Djinn in menschlicher Kriegergestalt auf die Rennbahn und zeigte sich als einen so gewandten Ritter, daß die Prinzessin bald ihrem Vater erklärte, sie wolle gern seine Gattin werden. Schamkur ließ sogleich meinen Vater rufen und sagte ihm: Nimm meine Tochter zur Gattin, denn du hast ihr Herz gewonnen. Er ließ dann alsbald an der Ausstattung seiner Tochter arbeiten, und als sie vollendet war, reiste mein Vater mit ihr voraus zu Pferd, ihre Aussteuer aber folgte nach auf dreihundert Kamelen. Als mein Vater in seiner Heimat war und die Hochzeitsnacht feiern wollte, sagte ihm Kandarin: Deine Gattin ist verloren, wenn du sie berührst, denn du bist aus Feuer geschaffen, sie aber aus Erde, welche das Feuer verzehrt. Du wirst dann ihren Tod beweinen, wenn es zu spät ist. Morgen, fuhr er fort, will ich dir eine Salbe bringen, mit der du dich und sie einreiben mußt: Dann könnt ihr lange miteinander glücklich leben. Am folgenden Tage brachte er eine weiße Salbe, mein Vater salbte sich und seine Gattin damit und feierte ohne Gefahr die Hochzeitsnacht. Nach neun Monaten wurde ich zur großen Freude meiner Eltern geboren und Daruma genannt. Schon als Kind war ich von auffallender Schönheit, denn das Sanfte und Liebliche des Menschen war mit der Kraft und Majestät des Djinn wunderbar gepaart; als ich aber mein fünfzehntes Jahr erreichte, wurde meine Schönheit so sehr gepriesen, daß auch der Tyrann Hindmar von mir hörte und bei meinem Vater um mich werben ließ. Mein Vater ließ sogleich Kandarin rufen und fragte ihn um Rat, wie er, ohne sein Verderben herbeizuziehen, dem bösen König Hindmar mich verweigern könne? Kandarin antwortete: Laß ihm sagen, deine Tochter sei noch zu schwach und zu jung, um jetzt schon zu heiraten, er möchte doch noch zwei Jahre warten, dann solle sie seine Gattin werden. Ist er mit dieser Antwort zufrieden, fuhr Kandarin fort, so bist du aus aller Not, denn ich habe in einem Buch gelesen: Nach einem Jahr wird ein Fischer aus Kahirah, mit Namen Djaudar, Sohn Omars, hierher kommen und Hindmar mit einem Zauberschwert töten. Mein Vater befolgte Kandarins Rat, und als die Boten, welche er mit dieser ausweichenden Antwort zu Hindmar schickte, zurückkehrten und einen Brief von Hindmar brachten, in welchem er erklärte, daß er gern noch zwei Jahre warten wolle, sagte Kandarin zu meinem Vater: Ich rate dir, damit deine Tochter jedenfalls sicher vor den möglichen Nachstellungen Hindmars sei, sie mit mir auf mein Schloß, das im Kamillental liegt, zu schicken; auch habe ich eine kupferne Statue, mit einer Trompete in der Hand, verfertigt, welche in die Trompete stoßen wird, sobald Djaudar den Berg übersteigt, der zu meinem Schloß führt. Djaudar wird nämlich in meinem Schloß den Geist Misram suchen, und um ihn herbei zu beschwören, muß er ein kleines Türchen öffnen, das am Leib der kupfernen Statue sich befindet; er findet in dessen Leib ein kleines Kästchen, in welchem viele zerstreute Blätter liegen, auf welchen ein Alef steht; die lasse er liegen, bis er ein Blatt findet, auf dem gar nichts geschrieben ist; dieses werfe er ins Feuer, und sogleich wird ihm Misram erscheinen und ihm helfen, den Tyrannen Hindmar umbringen. Mein Vater übergab mich Kandarin mit dreihundert Jungfrauen, und ich lebe nun schon drei Monate hier und wartete immer, bis in die Trompete gestoßen werde, aber die Statue regte sich nicht bis zu deiner Ankunft. Darum, Djaudar, freute ich mich so sehr mit dir und sandte ich dir einen Teil meiner Jungfrauen entgegen. Das ist's, was ich dir mitzuteilen hatte; nur Gott ist allwissend. »Als Daruma so gesprochen hatte, ergriff sie meine Hand und führte mich auf das Dach des Schlosses zur kupfernen Statue; ich nahm das Kästchen heraus und fand darin viele Blätter von Gazellenhaut, auf denen ein Alef stand, ein einziges war ganz weiß; ich warf es auf einige Kohlen, die mir Daruma reichte, da stieg ein Rauch gen Himmel aus dem Mund der Statue, der sich bald sammelte und die Gestalt eines furchtbaren Geistes annahm, mit einem Kopf wie eine Kiste, Augen in die Länge gespalten und Nasenlöcher, aus denen große Flammen hervorsprühten. Als er vor mir stand, rief er mit einer Stimme wie der Donner: Hier bin ich, mein Herr, die Hilfe ist nahe, die bestimmte Zeit ist gekommen, ich gehorche dem Besitzer des Zauberschwertes, an das ich gebannt bin. Sieh einmal, sagte Daruma, was dein Schwert vermag; dieser schreckliche Geist zittert vor dir, wie ein Rohr beim Sturmwind. Misram wendete sich dann zu Daruma und fragte sie, ob ich wisse, was die übrigen Blätter in dem Kästchen bedeuten, und bat sie, mich davon in Kenntnis zu setzen. Da sagte sie. Wisse, Djaudar, Misram hat zwei Söhne, der eine heißt Mahik und der andere Lahik, die er so zärtlich liebt, daß er nicht lange leben würde, wenn er sie nicht von Zeit zu Zeit wiedersähe. Als er daher von Sintbest an dieses Schwert gebannt wurde, erbat er sich als Gnade, jeden Monat drei Tage bei seinen Söhnen zubringen zu dürfen. Sintbest gewährte ihm seine Bitte, verfertigte diese Blätter aus Gazellenhaut und gab ihm jeden Monat ein solches als Schutzbrief für die Reise; da aber du jetzt Herr des Zauberschwerts bist, so ist es deine Sache, ihm jeden Monat Urlaub auf drei Tage und ein solches Sicherheitsblatt zu geben, ohne welches er keinen Augenblick von mir weichen kann. Sie sagte dann zu Misram: Ich zweifle nicht, daß Djaudar nicht härter gegen dich sein wird, als Sintbest; hingegen solltest du auch, da Djaudar ein gewöhnlicher Mensch ist, der bisher noch gar keinen Umgang mit Geistern hatte, ihm zu Gefallen ein freundlicheres Äußeres annehmen, damit er sich heimlicher bei dir fühle. Misram verschwand einen Augenblick und kehrte wieder als ein schöner unbärtiger Jüngling mit freundlichen schwarzen Augen, rosigen Wangen, leuchtender Stirn, frischen Lippen wie Korallen und einem Hals so klar wie Kristall. Nun aber, Djaudar, sagte er, als ich ihn mit Staunen betrachtete, müssen wir weiter ziehen, wenn wir zu bestimmten Zeit bei Hindmar eintreffen wollen. Ich nahm Abschied von Daruma und folgte Misram zehn Tage lang, ohne die mindeste Müdigkeit zu empfinden, bis wir vor ein großes Zelt kamen, aus welchem wir eine klägliche Stimme hörten, welche rief: O barmherziger Gott, der du Hiobs Leiden ein Ende gesetzt, erbarme dich auch meiner! Ich öffnete schnell das Zelt und fand darin einen nackten Menschen auf den Boden gestreckt, seine ganze Haut war zerschlagen, so daß das Blut von allen Seiten herströmte, seine Hände und Füße waren mit starken eisernen Ketten zusammengebunden. Ich rief ihm zu: Friede sei mit dir, mein Herr! Er antwortete: Mit dir sei Gottes Friede, Segen und Barmherzigkeit. Wer bist du? – Ich bin ein Mensch. – Wer hat dich hierher gebracht? – Der Allmächtige, dem nichts zu schwer ist, und du, wer hat dich in diese peinliche Lage versetzt? – Zwei große, schwarze Sklaven, die mich jetzt schon zehn Tage lang auf jede Weise mißhandeln. – Und warum dies? – Weil ich meinen Glauben mit dem ihrigen nicht vertauschen will. – Zu welcher Zeit kommen sie gewöhnlich? – Ich erwarte sie leider wieder in dieser Stunde, darum fliehe schnell von hier, daß du nicht mein Los teilest, denn die beiden Sklaven haben Stricke bei sich, mit denen sie einen Elefanten töten könnten. – Fürchte nichts mehr; ich bin gewiß nur durch göttliche Fügung hierher gekommen, um dich zu befreien. Wie heißt du denn? – Mein Name ist Hatem aus der Stadt Baser; ich reiste mit meiner Braut, die mir entrissen wurde und von der ich gar nichts mehr weiß. –Beruhige dich nur, vertraue auf Gott und habe Geduld, denn Geduld ist der Schlüssel der Erlösung, Ich verließ dann das Zelt und verbarg mich hinter einem Baum in der Nähe und wartete, bis die Sklaven kamen. Als sie im Zelt waren, näherte ich mich der Tür des Zeltes, um Hatem in jedem Augenblick beistehen zu können, zog mein Schwert aus dein Beutel und setzte es zusammen. Bald hörte ich, wie einer der Sklaven zu Hatem sagte: Habe doch Mitleid mit dir selbst, gib deinen Glauben auf und nimm den unseres Königs an, und ermahne deine Braut zum Gehorsam gegen unseren König, so hast du nur Gutes von uns zu erwarten; tust du dies aber nicht, so wirst du und deine Braut gepeinigt bis zu unserem großen Fest, dann werdet ihr beide unserem kristallenen Götzen geopfert. Hatem antwortete hierauf: Es gibt keinen wahren Glauben als den Mohammeds, den Sohn Abd Allahs; euer König mag mit mir verfahren, wie er will, ich werde bis zum letzten Atemzug bekennen: Es gibt nur einen einzigen Gott und Mohammed ist sein Prophet! Als die Sklaven dies hörten, stellten sie sich der eine zur Rechten und der andere zur Linken Hatems und hoben ihre Arme auf, bis man das Schwarze unter ihrer Achsel sah, aber im Augenblicke, wo sie Hatem schlagen wollten, stürzte ich in das Zelt und rief: Ihr verruchten Götzendiener, wehe euch! Lasset diesen Mann in Ruhe oder ich räche ihn. Die Sklaven drehten sich nach mir um, und als sie mich sahen, sagten sie lachend: Wer bist du? und hoben ihren Strick gegen mich auf, aber ich kam ihnen mit meinem Schwert zuvor, und kaum hatte ich sie mit demselben berührt, als ihre Köpfe vom Rumpf flogen. Ich entfesselte dann Hatem, der vor Freude und Erstaunen ganz außer sich war, und reichte ihm einige Speisen. Als er wieder gestärkt war, fragte ich ihn, wieso er hierher gekommen? Meine Geschichte ist wunderbar, antwortete er mir; wenn man sie mit einer Nadel in die Tiefe des Auges schriebe, so könnte sie jedem zur Warnung dienen. Wisse nämlich, in Baser, meiner Heimatstadt, regiert seit einem Jahr ein junger König, man nennt ihn den Perser Kink, der das ausschweifendste Leben auf der ganzen Welt führt. Die Weinkrüge weichen nicht von seinem Tisch, und weiß er ein schönes Mädchen oder sogar eine schöne Frau in der Stadt, so muß er sie haben, oder er läßt alle ihre Verwandten hängen. Die meisten Leute, welche schöne Töchter oder Frauen haben, verbergen sie daher, damit er nichts von ihnen höre. Da aber der König viele Spione unterhält, welche unter allerlei Vorwand ins Innere der Häuser dringen und auskundschaften, wo junge Frauen oder Mädchen sich aufhalten, so ist auch dieses Mittel nicht immer sicher. Eines Nachts, als ein Mädchen aus einem Nachbarhaus gewaltsam zum König geschleppt wurde, fing ich auch an, für meines Bruders Tochter, welche ich bei mir verborgen hatte, und mit der ich schon seit einigen Monaten verlobt war, zu fürchten und faßte daher den Entschluß, mit ihr zu entfliehen. Meine Braut, die mich leidenschaftlich liebt, war mit mir einverstanden, und gleich in der folgenden Nacht verließen wir die Stadt Baser, dachten weiter an nichts, als der Tyrannei unseres Königs zu entgehen, und wußten nicht, wohin wir uns wenden, noch welchen Weg wir einschlagen sollten. Zehn Tage lang reisten ich und meine Braut aufs Geratewohl umher, da kamen wir in einer großen Wüste vor eine hohe marmorne Säule, an welcher eine stählerne Tafel hing mit der Inschrift: Wanderer, der du hierher kommst, wende dich nicht rechts, sonst gehst du zugrunde, auch nicht links, sonst ist dir der Tod gewiß, sondern gehe gerade vor dich hin, mitten durch das Tal, so wirst du gerettet. Ich sagte zu meiner Braut: Sieh einmal, was gute Leute für Reisende tun. Wir schlugen dann das bezeichnete Tal ein und gelangten bald in eine Ebene, welche ein klarer Bach durchströmte und auf der die herrlichsten Obstbäume prangten, auf deren Zweigen muntere Vögel den Schöpfer priesen. Jetzt sind wir aus aller Not, sagte ich zu meiner Braut, laß uns hier ausruhen. Ich stieg von meinem Kamel herunter und hob auch meine Braut aus ihrer Sänfte; die Kamele weideten auf der grünen Wiese vor uns, während wir einiges Obst pflückten und Wasser aus dem Bach tranken. Wir befanden uns hier sehr behaglich, nachdem wir zehn Tage mit sehr spärlichen Lebensmitteln in unwirtbaren Gegenden umhergeirrt waren. Auch überfiel uns der Schlaf, sobald wir unseren Hunger und Durst gestillt und uns auf unseren Teppich gelegt hatten. (Gepriesen sei der Herr, der nie schläft!) Als wir aber erwachten, befanden wir uns vor einem König, der noch von den Amalekiten herzustammen schien, denn er war über dreißig Schuh hoch. Neben ihm standen viele Offiziere, er selbst saß auf einem Throne, an welchem vier Löwen mit goldenen und silbernen Ketten angebunden waren. Wisset ihr, wer ich bin? fragte er uns, als wir die Augen öffneten. Nein, mein Herr, wir kennen dich nicht, antworteten wir. So wisset, versetzte er, ich bin der König Mudsil und habe schon manchen König meinem kristallenen Götzen unterworfen; wer ihm huldigt, erhält von mir, was er wünscht, wer ihm aber seine Huldigung versagt, wird vernichtet. Darum befehle ich auch euch, jetzt meinen Götzen anzubeten; tut ihr es, so verleihe ich dir, sagte er, zu mir gewendet, ein ehrenvolles Amt und nehme das Mädchen, das bei dir ist, in mein Schloß, wo nicht, so werdet ihr eueren Ungehorsam schwer büßen. – Ich werde mich nie deinem Willen fügen, rief ich voller Entrüstung, wie soll ich mich vor einem Götzen verbeugen, der weder nützen noch schaden kann? Ich werde nur den anbeten, der mich geschaffen, der mir Augen zum Sehen, Füße zum Gehen und Ohren zum Hören gegeben hat. Es gibt nur einen einzigen Gott, der den Tag und die Nacht geschaffen, die Sonne und den Mond, dem nichts auf Erden oder im Himmel verborgen ist; darum rate ich auch dir, den Götzendienst aufzugeben und den einzigen Gott anzubeten, dann wirst du von der Hölle befreit und kannst einst das Paradies, das mit Huri und schönen Knaben gefüllt ist, bewohnen. Mudsil sprang zornig auf, als er dies hörte, und sagte: Vor einem Mann, wie ich bin, wagst du es, so zu lästern. Er rief dann einen seiner Diener und befahl ihm, einen der vier Löwen zu schlachten und ihn ihm zu bringen. Der Sklave schlachtete den Löwen und als er ihm die Haut abgezogen hatte, machte er einen Braten daraus und reichte ihn dem König, welcher ihn in einem Augenblick verschlang. Dann ließ er das Zelt aufschlagen, in welchem wir uns eben befinden, und befahl den beiden Sklaven, die du getötet, mich zu foltern, bis ich meinen Glauben abschwöre; was aber aus meiner Braut geworden, weiß ich nicht. Das ist alles, was ich zu erzählen weiß, – Verzage nicht, rief ich ihm zu, derjenige, der mich zu dir gesandt, ist auch mächtig genug, deine Braut zu befreien. Ich rief dann Misram und befahl ihm, mich zu Mudsil zu führen und die Braut Hatems zu befreien. Folge mir, sagte Misram; Mudsil hält sich jetzt im Leopardenschloß auf, das drei Tage weit von hier liegt. Ich machte mich mit Hatem und Misram auf und lief wieder drei Tag lang über Berge und Täler, ohne müde zu werden. Am dritten Tage sagte uns Misram: Bleibt hier sitzen, bis ich wiederkehre. Ich unterhielt mich unter einem Baum mehrere Stunden lang mit Hatem; auf einmal sahen wir in der Ferne einen dicken Staub aufsteigen, dann kamen fünfhundert Reiter auf arabischen Pferden zum Vorschein, mit indischen Lanzen in der Hand und davidischen Panzern auf der Brust. Als sie in unserer Nähe waren, trat ein Reiter von riesenhafter Gestalt aus ihrer Mitte, der ganz in Eisen gehüllt war. Hatem schrie: Wehe uns, das ist gewiß Mudsil; wenn der mich sieht, so bringt er uns beide um. Ich nahm schnell die Klinge aus dem Beutel und setzte sie zusammen; da rief mir aber der Reiter mit einer donnernden Stimme zu: Stecke dein Schwert ein, mein Herr Djaudar, ich bin Misram und komme mit meiner Schar, um für Turaja, die Braut Hatems, gegen Mudsil zu kämpfen; wir sind hier ganz in der Nähe seines Schlosses, bleibe du nur noch hier, bis ich dich rufe. Er kehrte dann zu seinen Kriegern zurück, ließ in die Trompete stoßen und die Fahnen entfalten und ritt gegen das Schloß. Als Mudsil Kriegslärmen vor seinem Schloß hörte, schickte er seinen Vezier heraus zu Misram, um ihn zu fragen, was er wolle und wer er sei? Misram sagte dem Vezier: Geh zu deinem Herrn und sage ihm: Misram, der Sohn Akus, fordert Turaja von ihm, und wenn er sie nicht gleich herausgibt, so wird er seinen Kopf von ihm fordern und seinen kristallenen Götzen in tausend Stücke zerschlagen. Als der Vezier mit dieser Antwort zu Mudsil zurückkehrte, schäumte dieser vor Wut und fluchte und lästerte; dann rief er alle seine Leute zusammen und teilte ihnen mit, was er vom Vezier gehört, und forderte sie auf, mit ihm gegen diesen kühnen Misram zu ziehen. Sobald aber Mudsil mit seinen Kriegern aus dem Schloß kam und zu einem allgemeinen Angriff sich vorbereitete, rief Misram: Wer nimmt meine Herausforderung an? Wer hat Lust, sich mit mir zu messen? Wer mich kennt, dem brauche ich nichts zu sagen, wer mich aber nicht kennt, der wisse, ich bin Misram, der Sohn Akus, der weder vor Schwarzen noch vor Weißen, weder vor Menschen noch vor Genien sich fürchtet. Auf diese Herausforderung trat ein Krieger aus Mudsils Reihen, der so groß war, wie der höchste Dattelbaum, und eine dicke eiserne Stange auf der Schulter trug, stellte sich Misram gegenüber und sagte ihm: Wie wagst du es, einen König mit solcher Geringschätzung zu behandeln? Er drang dann auf ihn ein und schlug ihn mit seiner Stange, sie fügte ihm aber nicht mehr Leid zu, als wenn ein Zephyr ihn anwehte. Indessen glaubten alle Zuschauer, Misram werde unterliegen, als ein einziger Feuerhauch aus seinem Mund seinen Gegner leblos zu Boden streckte. Als Mudsil dies sah, wendete er sich zu seinen Leuten und sagte ihnen: Wer will den gefallenen Krieger rächen! Sogleich trat ein zweiter Ritter aus ihrer Mitte und drang auf Misram ein. Aber kaum war er auf der Rennbahn, als Misram mit ihm wie mit seinem Vorgänger verfuhr. Diesem folgten noch achtzehn andere, welche ebenso von Misram in Asche verwandelt wurden. Mudsil schlug sich vor Ärger mit solcher Heftigkeit ins Gesicht, daß ihm fast die Augen heraussprangen, dann wendete er sich zu einem schwarzen Sklaven, der es schon oft mit tausend Reitern aufgenommen hatte, und forderte ihn auf, gegen Misram zu kämpfen, die Schmach, welche seine Brüder erlitten, zu tilgen, und ihrem Götzen Genugtuung zu verschaffen. Djamus (Büffel), so hieß nämlich dieser schwarze Sklave, sagte zu Mudsil: Es ist wohl Zeit, daß ich aufhöre, als bloßer Zuschauer hier zu stehen – aber ich will deinen Rachedurst kühlen und dir Misram lebendig überliefern, daß du ihn deinem Gott zum Opfer bringen kannst. Er drang hierauf auf Misram ein und hob eine Stange gegen ihn auf, die einen Elefanten zertrümmert hätte. Aber Misram wich nicht von der Stelle, sondern hauchte bloß Djamus' rechten Arm an und er fiel sogleich zu Boden. Djamus ergriff sein Schwert mit der linken Hand und stürzte abermals auf Misram los; aber dieser hauchte auch den linken Arm an, und auch er fiel zu Boden, Jetzt entfloh Djamus, und Mudsils Truppen, welche diesem Kampf zugesehen hatten, riefen insgesamt: Gegen einen Helden wie Misram können wir nicht länger kämpfen. Da sagte Mudsil: Wenn es niemand mehr wagt, sich mit Misram zu messen, so will ich es versuchen, doch will ich zuvor meinen Götzen befragen. Während er aber vor seinem Götzen auf den Knieen lag und ihn um Hilfe anflehte, ließ ihn Misram von zwei Geistern ergreifen und unter den Baum bringen, wo ich mit Hatem saß. Was hältst du von der Macht deines Götzen? fragte ihn Misram lachend. Ich glaube, er zürnt mir, antwortete Mudsil. Misram sagte dann zu Hatem: Hier ist dein Feind, verfahre mit ihm, wie es dir gut dünkt. – Gestehest du mir die Wahrheit, redete ihn Hatem an, so soll dir alles verziehen werden; lügst du aber, so bist du des Todes, Was ist aus meiner Braut Turaja geworden? – Sie ist geehrt und geliebt in meinem Schloß, aber sie seufzt fortwährend nach dir und weint unaufhörlich. – So laß sie hierher kommen, versetzte Hatem, daß wir uns von der Wahrheit deiner Worte überzeugen. Mudsil wollte aufstehen und in sein Schloß gehen, aber Misram sagte: Du weichst nicht von hier, bis du bekennst, daß dein Götze ein lebloses Ding ist, das weder nützen noch schaden kann, und daß es nur einen einzigen Gott gibt. Als Mudsil dies hörte, rief er: O du mein kristallener Gott, jetzt ist es Zeit, deine Macht zu zeigen, bedenke, daß ich dich schon fünfzig Jahre anbete und dir jedes Jahr ein großes Fest feiere, an dem ich dir Fürsten und Könige opfere, errette mich nun in diesem Augenblick der Gefahr! Aber schon hatte Misram einen Geist abgesandt, der, noch ehe Mudsil sein Gebet vollendet hatte, den Götzen herbeibrachte, den Kopf gegen die Erde und die Füße in die Höhe gestreckt. Misram schlug ihn zusammen und fragte nochmals Mudsil: Was hältst du jetzt von deinem Götzen? – Ich sehe ein, antwortete Mudsil, daß er weder mir noch sich selbst helfen kann, darum bitte ich euch, lehret mich einen besseren Glauben. – So bekenne, wiederholte Misram, daß es nur einen Gott gibt und daß Mohammed sein Gesandter ist. Nachdem Mudsil dieses Glaubensbekenntnis zu unserer großen Freude abgelegt hatte, gingen wir mit ihm ins Schloß. Er ließ alle seine Leute zusammenkommen und erzählte ihnen, was zwischen ihm und Misram vorgefallen, worauf sie alle Muselmänner wurden. Er ließ dann Turaja rufen, und sie fiel vor Freude in Ohnmacht, als sie Hatem wieder sah. Wir blieben dann noch drei Tage bei Mudsil und lehrten ihn das Gebet, die Reinigung, das Fasten, und beschrieben ihm die Hölle, das Paradies und die übrigen Glaubensartikel des Islamismus. »Er ließ uns königlich bewirten und wollte uns sehr kostbare Geschenke machen, ich dankte ihm aber und sagte: Tu für Hatem, was du im Sinne hattest, für mich zu tun. Mudsil fragte dann Hatem, wohin er sich wenden wolle, und ob er nicht etwa wünsche, bei ihm zu bleiben? Schenke mir das Zelt, antwortete Hatem, welches in dem freundlichen Tal aufgeschlagen worden ist, wo ich so viel gelitten habe, mit einigen dabei liegenden Gütern, ich werde darin glücklich sein mit Turaja. Mudsil sprach hierauf zu Hatem: Das sollst du haben, und dazu ein jährliches Gehalt, das nicht nur für deine Bedürfnisse hinreicht, sondern dir auch gestattet, alle Reisenden, welche in diese Gegend kommen, zu bewirten; das bin ich dem einzigen Gott, zu dem ich mich bekehrt habe, schuldig für die vielen Mißhandlungen, welche die Reisenden, die sich durch die Tafel an der marmornen Säule dahin locken ließen, von mir zu dulden hatten. Der König Mudsil begleitete hierauf selbst Hatem und Turaja bis an ihr Zelt und ließ eine Abteilung Truppen zu ihrer Sicherheit in der Nähe lagern. Misram und ich aber, wir nahmen Abschied von ihnen und reisten wieder zehn Tage durch Wüsten und Einöden, wo kein grünes Blättchen, noch ein lebendes Wesen zu sehen war. Am elften Tag, als wir in ein fruchtbares Tal kamen, bat mich Misram um einen dreitägigen Urlaub. Ich reichte ihm eines jener Pergamentblätter, und er flog davon. Als ich aber meinen Hunger an den Früchten dieses Tales stillen wollte, fand ich sie so bitter, daß ich sie nicht genießen konnte; ich mußte daher an meinem Vorrat zehren, der so klein war, daß mir schon am zweiten Tag nichts mehr übrig blieb. Am dritten Tag plagte mich der Hunger so sehr, daß ich mich aufmachte, um entweder Nahrungsmittel oder eine bewohnte Stelle zu finden. Da erblickte ich am Ausgang des Tales auf einem Hügel ein großes steinernes Kloster mit einem schönen nußbaumenen Tor. Ich ging darauf zu und fand am Tor folgende Inschrift: Wanderer, den das Geschick hierher führt, bist du hungrig, so speisen wir dich, bist du nackt, so kleiden wir dich, bist du verirrt, so führen wir dich auf den rechten Weg, besuche uns nur, wir werden uns als Gäste und dich als den Hausherrn ansehen. Als ich diese Verse gelesen hatte, dachte ich: Was ist mir in diesem Augenblick wünschenswerter, als ein gastfreundliches Kloster, ich gehe hinein und stille meinen Hunger, inzwischen wird Misram wiederkehren. Kaum hatte ich angeklopft, da rief eine Stimme von innen: Wer ist da? Ich antwortete: Ein armer, hungriger Reisender. – So sei uns willkommen! versetzte die Stimme, und sogleich wurde das Tor geöffnet. Ein schwarzer Sklave trat mir entgegen, führte mich in einen freundlichen Saal und hieß mich auf einen schönen Divan sitzen. Er verließ mich dann einen Augenblick und kehrte wieder mit einer goldenen Schüssel, welche mit Fleisch und Gemüse gefüllt war, die im Fett schwammen, stellte sie mit zitternder Hand vor mir hin und entfernte sich wieder. Da ich fast vor Hunger starb, streckte ich meine Hand danach aus und sagte: Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen. Als ich aber einen Bissen in den Mund stecken wollte, hörte ich eine Stimme mir zurufen: Iß nicht! Ich legte den Bissen nieder, drehte mich nach allen Seiten um, sah aber niemanden. Da streckte ich wieder die Hand nach der Schüssel aus und griff nach einem Stückchen Fleisch, als ich es aber an den Lippen hatte, rief dieselbe Stimme wieder: Iß nicht! Ich sah mich wieder rechts und links um und erblickte wieder niemanden. Als ich aber zum drittenmal essen wollte und auch dieses Mal dieselbe Warnung vernahm, ohne jemanden zu sehen, sagte ich: Wer du auch seist, der du mit mir sprichst ohne dich mir zu zeigen, sage mir, warum ich nicht essen soll, da mich doch der Hunger bald umbringt? »Hierauf antwortete die Stimme: Blicke einmal nach deiner Rechten! Ich drehte mich um, und siehe da, Misram stand neben mir und sagte: Mein Herr Djaudar, hättest du einen einzigen Bissen von diesem Fleisch gegessen, du würdest jetzt wie heißes Blei zusammenschmelzen, dein Schwert wäre dir entrissen worden, ich müßte mein ganzes Leben durch ruchlosen Leuten dienen und Mahmud müßte vor Verzweiflung sterben, Gelobt sei Gott, der mich noch zur rechten Stunde hierhergesandt hat. Wisse, Djaudar, dieses Kloster gehört einer Alten, welche das Feuer anbetet, die Inschrift auf dem Tor soll ihr Reisende herbeilocken, die sie alle ihrem Vetter Hindmar zuführt, der sie dann brät und wie gebackene Hühner frißt. Doch das Nähere will ich dir erzählen, wenn du den schwarzen Sklaven umgebracht hast, der jetzt auf der Terrasse des Schlosses sitzt. Geh nur hinauf, er wird einen lauten Schrei ausstoßen, wenn er dich hört, berühre ihn nur mit deinem Schwert, und er wird ein Haufen Asche werden; wenn dann morgen die Alte mit ihrem Vetter Hindmar zurückkommt, in der Hoffnung, neue Beute für ihn zu finden, so verfahre mit ihr ebenso, dann ziehen wir zusammen gegen Hindmar, das Verderben der Muselmänner. Als ich nach Misrams Befehl den schwarzen Sklaven getötet hatte und wieder zu ihm herunter kam, sagte er mir: Komm, wir wollen uns in einem Kabinett verbergen, damit die Alte nicht davonlaufe, sobald sie uns sieht, und noch ferner Unheil stiftet in der Welt. Ich folgte Misram in ein Kabinett, das dicht an der Tür des Saales war, und wir blieben bis zum folgenden Tag darin. Da hörten wir auf einmal ein Getöse im Kloster, als wenn es donnerte, und siehe da, ein altes Weib trat in den Saal und setzte sich auf den im oberen Teil desselben angebrachten Divan. Sie hatte einen Kopf wie ein Büffel, dazu aber kleine Augen wie Oliven, einen Hals hatte sie, so gelb wie abgefallene Blätter, einen Mund wie eine Trompete, eine Brust wie eine Kiste, einen Leib wie ein Esel, Zähne hatte sie wie ein Elefant und eine Zunge, die bis über die Brust herabhing, Das ist die alte Djachka, sagte mir Misram, Hindmars ruchlose Base. Als ich dies hörte, zog ich mein Schwert, sprang aus dem Kabinett und teilte sie entzwei. Da stieg ein Rauch gen Himmel, der sich dann sammelte und zu einem Haufen Asche wurde. Misram jubelte vor Freude wie ein Frauenzimmer, als er die Alte in einen Haufen Asche verwandelt sah, und sagte: Es wird alles gelingen, Djaudar, bald wird Hindmar das Los seiner Base teilen, und wir sind dann nicht mehr fern vom Ziel. Misram sammelte dann alles Silber, Gold und alle Edelsteine, welche in großer Masse im Kloster aufgehäuft waren, belud damit zehn Geister und sagte ihnen: Gehet nach Ägypten zur Adlersschlucht, dort findet ihr den Abendländer Mahmud, der euch erwartet, küsset ihm seine Hände und Füße, bringet ihm diese Kostbarkeiten und saget ihm, es gehe alles gut, wir hoffen bald wieder bei ihm zu sein. Nach einigen Stunden waren die Geister schon wieder zurück und brachten uns Grüße von Mahmud und versicherten uns, er habe schon durch sein Buch den Tod der Alten gewußt, und nun bete er fortwährend, daß auch unser Unternehmen gegen Hindmar gelinge. Daran zweifle ich jetzt noch weniger als früher, sagte Misram, denn auf meiner letzten Reise habe ich Schilschanum, den Sohn Djaldjamuks, vertrauten Priester Hindmars, für unsere Sache zu gewinnen gewußt. Djaldjamuk, von dem man eigentlich nicht recht weiß, ob er ein Jude, Christ oder Muselmann ist, wußte durch seine Geschicklichkeit in der Arzneikunst sich bei Hindmar sehr beliebt zu machen. Hindmar war nämlich einmal so krank, daß seine besten Ärzte ihn für unrettbar erklärten, und es nicht der Mühe wert hielten, ihm Arzneimittel zu geben. Als Djaldjamuk dies hörte, ließ er sich zum König führen, und kaum hatte er den Puls gefühlt, so sagte er: Mein König, du hast eine innere Krankheit, für die es nur ein Heilmittel gibt, und zwar, Menschenfleisch essen und Menschenblut trinken. Sobald Djaldjamuk dies gesagt hatte, rief Hindmar einen seiner ihm untergeordneten Geister und befahl ihm, einen Menschen herbeizuschaffen. Der Geist flog wie ein Blitz in ein von Menschen bewohntes Land, raubte einen fetten Mann und brachte ihn vor Hindmar. Djaldjamuk untersuchte ihn und sagte: Der ist recht, hänge ihn nun an den Füßen auf und lasse ihn drei Tage mit dem Kopf gegen die Erde gerichtet hängen, am vierten Tag schneide ihm den Kopf ab, fange das Blut in eine goldene Schüssel und trinke es ganz warm, du wirst bald darauf einschlafen; inzwischen kann man das Fleisch des Geschlachteten braten, das ißt du beim Erwachen, und du wirst wieder so gesund sein, wie früher. Da Hindmar auf diese Weise sehr bald wieder seine frühere Gesundheit erlangt hatte, beschenkte er Djaldjamuk königlich und ließ in seinem ganzen Reich ausrufen: Wer Hindmar liebt und ehrt, der liebe und ehre auch seinen Retter Djaldjamuk. Da indessen Hindmar häufig von seinem Übel befallen wurde, so nährte er sich fortwährend von Menschenfleisch, und ließ sich von allen Seiten Menschen herbeischleppen; waren sie fett, so wurden sie sogleich geschlachtet, wenn nicht, so mästete man sie mit Hühner- und Gänsefleisch. Das ist die Ursache, warum seine alte Base, die ihn leidenschaftlich liebte, ein Kloster mit einer lockenden Inschrift an dem Tor bauen ließ; denn wer hineinkam, dem ließ sie einen Schlaftrunk im Essen reichen und schleppte ihn zu Hindmar. So lebt nun Hindmar schon viele Jahre von Raub und Mord, auch ist er schönen Mädchen ebenso gefährlich als fetten Männern, darum fürchtet man ihn allenthalben, und kein König wagt es, ihm den Krieg zu erklären, weil er ebenso tapfer als mächtig ist und über unzählbare Heere gebietet. Er fühlte sich aber vor einigen Monaten ohne alle äußere Veranlassung auf einmal so beklommen, daß er Djaldjamuk rufen ließ und ihn fragte, ob ihm nicht ein Unglück bevorstehe. Djaldjamuk las eine Weile in einem Buch, dann sagte er: Hüte dich vor einem Menschen der aus Ägypten kommt, er besitzt das Zauberschwert Sintbests, das Menschen und Genien besiegt. Darum will ich dir eine kupferne Statue gießen, mit einer Trompete in der Hand, in welche sie stoßen wird, sobald dieser Mensch gegen dein Schloß zieht. Vernimmst du den Trompetenschall, so lasse mich gleich rufen, daß ich gegen den Zauber des Schwertes Mittel ergreife, sonst bist du verloren und alle deine Feinde freuen sich an deinem Untergang. Hindmar lebte nun ruhig fort, bis auf einmal – es war gerade an dem Tag, wo du in Alexandrien dich einschifftest – die Statue mit einer solchen Kraft in die Trompete stieß, daß sein ganzes Schloß zitterte. Da ließ er schnell Djaldjamuk rufen und sagte ihm: Der Mann mit dem Zauberschwert muß nahe sein, denn die Trompete erschallte so laut, daß sie mich ganz betäubt. – Fürchte nichts, erwiderte Djaldjamuk, ich werde unserem Feind vier Schlingen legen, denen er, wenn ihn kein Verräter warnt, gewiß nicht lebendig entkommen soll. Da er indessen nicht allein alles verrichten konnte, mußte er seinem Sohn Schilschanum sein Geheimnis mitteilen. Dieser ist aber in seinem Inneren ein Muselmann und sieht daher schon längst mit Abscheu das ruchlose Leben Hindmars, welcher das Feuer anbetet, auch ist er ein Jugendfreund meiner beiden Söhne; als ich ihn daher auf meiner letzten Reise bei ihnen traf, erzählte er mir alles dies und versprach mir, sich auf dem Vogelberg einzufinden, den wir, um zu Hindmar zu gelangen, übersteigen müssen, um dir dort die Mittel anzugeben, wie du der vierfachen Gefahr, die dir droht, ausweichen kannst. Nun komm, und laß uns nicht länger hier verweilen. »Misram befahl dann, als wir aus dem Kloster traten, einigen Geistern, es zu zerstören und in einem Augenblick war es in einen Haufen Asche verwandelt. Dann reisten wir wieder zwanzig Tage lang, bis wir vor einen grasgrünen, sehr hohen Berg kamen. Dies ist der Vogelberg, sagte mir Misram; hinter diesem Berg liegt das Feuertal, und hinter dem Feuertal das Schloß Hindmars. Wir blieben zwei Tage am Fuß des Berges, weil er überall so steil war, daß wir ihn nicht erklimmen konnten. Erst am dritten Tag entdeckten wir einen treppenartigen Pfad, der uns auf den Berg führte. Auf dem Gipfel desselben stand ein Schloß, dessen Grund den Boden berührte, dessen Spitze aber bis zu den Wolken emporstieg, und auf der Terrasse des Schlosses stand ein kupferner Vogel von der Größe eines Adlers. Das Tor des Schlosses war offen und ein Mädchen stand davor, das Misram und mich freundlich bewillkommte und mich fragte, ob ich nicht Djaudar sei. Als ich ihre Frage bejahte, sagte sie: Sei mir nochmals willkommen, du, dem der Islamismus so viel zu verdanken haben wird, folge mir mit deinem Freund Misram. Sie führte uns dann auf die Terrasse neben den kupfernen Vogel zu einem steinalten blinden Mann. Sobald wir auf die Terrasse kamen, drehte sich der Vogel dreimal im Kreis herum und breitete seine Flügel aus. Da sprang der alte Mann vor Freude in die Höhe und das Mädchen jubelte laut auf. Ich bat sie, mir die Ursache ihrer Freude zu erklären, da hub sie an: Wisse, Djaudar, der Greis, den du hier vor dir siehst, ist mein Vater, meine Mutter ist längst tot, aber noch eine Schwester habe ich, sie heißt Badiah, welche schon in ihrem achten Jahr das schönste Mädchen auf Erden war. Wir lebten mehrere glückliche Jahre nach meiner Mutter Tod beisammen, als auf einmal ein Geist von der Größe eines Dattelbaumes zu uns hereintrat, Badiah auf den Arm nahm und mit ihr davonflog. Es sind jetzt zwölf Jahre schon, daß uns dieses Unglück getroffen, und schon hatten wir alle Hoffnung verloren, Badiah wiederzusehen, als mir gestern im Traum eine Stimme zurief: Sei frohen Herzens, Djirah, so heiße ich nämlich, du wirst bald deine Schwester wiedersehen; es werden morgen zwei Leute kommen, ein Mensch namens Djaudar und ein Geist mit Namen Misram, durch die deine Schwester befreit wird. Wenn du diese beiden siehst, so führe sie auf die Terrasse, und wenn der Vogel sich dreimal im Kreis herumdreht und seine Flügel ausbreitet, so diene es dir als Zeichen der Wahrheit meiner Worte. Darum, mein Herr Djaudar, so schloß Djirah, freute ich mich so bei der Bewegung dieses Vogels. Kaum hatte Djirah ihre Erzählung beendet, da flog ein weißer Vogel zu uns und schüttelte von seinen Flügeln einen Geist auf die Terrasse herab. Das ist Schilschanum, sagte Misram, der Sohn des Priesters Djaldjamuk, der uns mit den Schlingen bekannt machen will, die uns sein Vater in Hindmars Schloß gelegt habe. Er grüßte ihn dann freundlich und stellte mich ihm als den Besitzer des Zauberschwertes vor. Weißt du, Misram, sagte Schilschanum, warum ich dich hierher bestellt habe? Weil ich gar oft diesen alten Mann um seine verlorene Tochter Badiah jammern hörte, welche kein anderer als Hindmar geraubt hat, und ich daher ihm die Rückkehr derselben verkündigen wollte, sobald Djaudar die Welt von diesem Ungeheuer befreit haben wird. Wollt ihr aber in euerem Unternehmen gegen Hindmar nicht den Tod finden, so höret mir aufmerksam zu und vernachlässigt nichts von dem, was ich euch sage. »Schilschanum – so fuhr Djaudar in seiner Erzählung fort – sprach weiter zu uns: Ihr müsset nun von hier aus drei Tage lang durch das Feuertal gehen; dann gelangt ihr an einen grünen Berg, der ebenso hoch ist, als dieser, und zu dessen Gipfel ein bequemer Fußpfad führt. Habt ihr die höchste Spitze dieses Berges erstiegen, so sehet ihr das Säulenschloß und den Rabensee vor euch liegen. Das Schloß ist ungeheuer groß und ruht auf vierundzwanzig Säulen; es ist ganz glatt, hat weder Fenster noch Türen, so daß man es in der Ferne für einen Felsenblock hält. Dem Schloß gegenüber liegt ein kleiner See, vor welchem eine dünne, hohe Säule steht mit einem goldenen Raben, der den Schweif gegen den Himmel und den Schnabel zur Erde streckt. Du, Djaudar, mußt die Erde aufgraben an der Stelle, nach welcher der Schnabel des Raben gerichtet ist, bis du einen Beutel findest, welcher einen Bogen und drei Pfeile enthält. Spanne den Bogen und ziele nach dem Schnabel des Raben; triffst du ihn, so wird er sich dreimal im Kreise herumdrehen und drei goldene Schlüssel aus dem Mund fallen lassen; fehlst du zum ersten Male, so wird sich ein furchtbares Getöse um dich erheben, Geister von verschiedenartigster Gestalt werden dich angrinsen; der eine wird rufen: Ergreifet ihn! der andere: Zerreißet ihn! Laß dich aber nicht abschrecken, sondern schleudere auch den zweiten Pfeil nach dem Raben. Triffst du ihn wieder nicht, so wird der drohende Lärm um dich zunehmen; greife aber ohne Furcht nach dem dritten Pfeil, denn zum dritten Male triffst du gewiß den Schnabel des Raben. Nimm dann die Schlüssel, die aus seinem Schnabel fallen, gehe damit an den rechten Flügel des Schlosses und rufe: Abd Assurur, Bewohner dieses Schlosses! Man wird antworten: Hier bin ich, mein Herr Djaudar; es ist alles geschehen. Du wirst dann ein großes Geräusch aus dem Inneren des Schlosses vernehmen, als wenn viele Leute über einander stürzten; dann wird es nach und nach still werden und eine vorher unsichtbare Tür sich öffnen, an welcher ein schwarzer Sklave dich bewillkommnen und um eines der Blätter bitten wird, die Misram als Urlaub von dir erhielt. Gib ihm eines; er wird sogleich seine Flügel ausbreiten und davonfliegen. In der Halle des Schlosses siehst du eine Tür zu deiner Linken, welche einer der drei goldenen Schlüssel öffnet; du kommst durch ein großes Zimmer in einen Gang mit vierzig marmornen Platten, zwanzig davon sind weiß und zwanzig schwarz; trittst du auf eine weiße Platte, so sinkst du unter und zerschmilzest wie heißes Blei, und hättest du auch fünfzig Zauberschwerter bei dir. Du mußt also, immer nur die schwarzen Platten berührend, durch diesen Gang gehen; da gelangst du vor eine Tür, welche du mit dem zweiten goldenen Schlüssel öffnen mußt; es werden aus einem großen Saal mehr als siebzig Genien wie Elefanten auf dich losstürzen; ziehe aber nur dein Zauberschwert aus der Scheide, da sinken sie sogleich in den Boden. Gehe darauf durch diesen Saal in einen anderen, dessen Tür der dritte goldene Schlüssel öffnet; da wirst du zwei kupferne Statuen sehen mit einem fränkischen Bogen in der Hand, zu dem sie Pfeile haben, welche den härtesten Felsen wie Mehl zermalmen. Sobald sie aber auf dich zielen, berühre ihren Bogen mit deinem Schwert, so wird er ihnen aus der Hand fallen. Hierauf kommst du in einen Saal, wo dir eine brennende Luft entgegenweht, welche den Speichel im Mund dir austrocknet, du wirst Lust haben, an dem Springbrunnen zu trinken, aus dem mitten in diesem Saal frisches Wasser hervorsprudelt; aber ein einziger Tropfen von diesem Wasser reicht hin, um dich zu töten. Darum bezähme deinen Durst und gehe weiter, bis du ins Freie kommst, da liegt ein kleiner See vor dir, aus dem sich ein Inselchen erhebt, wo ein goldenes Zelt mit roten seidenen Schnüren aufgeschlagen ist. Am Ufer des Sees steht eine Säule mit einer Statue, welche eine bleierne Kugel in der Hand hält; berühre diese Kugel mit deinem Schwert, so wird sogleich ein zierlicher Nachen, welcher an die Insel befestigt ist, sich losmachen und zu dir kommen. Steige hinein, er wird dich zur Insel bringen, wo Hindmar in seinem Zelt sitzt; er ist seit einigen Tagen schon vor Angst so niedergeschlagen, daß du ihn ohne Mühe mit deinem Schwert töten kannst. Wisse auch, lieber Djaudar, fuhr Schilschanum fort, fürchtete ich meinen Vater nicht, ich würde dich gern begleiten, bis du Heifa wiedergefunden und deinem Freund Mahmud die Töchter des Königs Numan verschafft hast; übrigens wird Misram dir beistehen, und auch Gottes Hilfe ist dir gewiß. Schilschanum nahm hierauf Abschied von uns, und Misram sagte mir: Mein Herr Djaudar, es ist jetzt Zeit, daß wir mit Gottes Segen weiterreisen. Wir verabschiedeten uns bei dem Alten und versprachen ihm, seine Tochter Badiah recht bald zurückzuschicken. Nach drei Tagen waren wir vor dem grünen Berg, den uns Schilschanum bezeichnet hatte, und auf dessen Gipfel angelangt, sahen wir das Säulenschloß und den Rabensee vor uns liegen. Hier wiederholte mir Misram, was Schilschanum mir zu tun befohlen, und da ich nichts vernachlässigte, traf auch alles so ein, wie Schilschanum uns vorhergesagt, bis ich in das Zelt auf der Insel kam; da saß Hindmar auf einem goldenen Thron, der mit den schönsten Hyazinth-, Saphir- und Smaragd-Steinen verziert war; vor ihm stand ein Tisch, mit Weinkrügen und kristallenen Gefäßen besetzt. Er war halb betrunken, hatte ein Gesicht wie ein Stier, und einen Kopf mit vier Hörnern; einen Hals hatte er wie ein Esel, sein Körper war haarig, wie der eines Affen, nur seine Hände und Füße glichen denen eines Menschen. Sobald er mich sah, starrte er mein Schwert an, schlug seine Zähne zusammen und stieß einen Schrei aus, daß das ganze Schloß bebte. Ich ging auf ihn zu und berührte kaum seinen Hals mit dem Schwert, da flog sein Kopf vom Rumpf, ein Rauch stieg in die Höhe und der so gefürchtete Hindmar war nur noch ein Häufchen Asche; sein Geist aber fuhr in die Hölle. (Wehe einem solchen Aufenthaltsort!) Als Misram dies sah, umarmte er mich, küßte mich zwischen die Augen und sagte: Nun haben Menschen und Genien ihre Ruhe wieder. Geh du jetzt ins Schloß; du kannst trockenen Fußes dahin gelangen, denn der See, über den du hierher gefahren, ist ausgetrocknet; ich bleibe inzwischen hier im Zelt. Das erste Zimmer, das ich öffnete, war ganz leer, nur eine kupferne versiegelte Flasche stand in einer Ecke auf dem Boden. »Sobald ich aber hineinkam, hörte ich eine Stimme, welche mir zurief: O du, der du die Katze von ihren Fesseln befreit, sei mir willkommen! – Wer bist du? rief ich erstaunt, der du so mit mir sprichst, ohne dich zu zeigen? – Bist du nicht der Fischer Djaudar aus Kahirah? versetzte jene Stimme, und hast du die Katze vergessen, die dir in der Adlersschlucht das Zauberschwert und das heilige Buch gebracht? Nur um deinetwillen schmachte ich nun schon fünf Monate in dieser kupfernen Flasche; wenn du Hindmar getötet hast, so befreie mich schnell! Ich riß das Siegel von der Flasche, da stieg ein dichter Rauch gen Himmel, der sich bald sammelte, und siehe da! Schah Bair stand vor mir, wie ich ihn in der Adlersschlucht gesehen, und dankte mir für seine Befreiung. Ich bat ihn dann, mir zu erzählen, wieso er in dieses Schloß gesperrt worden. Da hob er an: Wisse, Djaudar, ich bin der Sohn Abu Tawaifs, welcher auch Iblis genannt wird, und habe einen Bruder, der Schamhurisch heißt und in der Nähe von Tunis sich aufhielt. Eines Tages, als letzterer allein in seiner Wohnung war, wurde er von zwei großen Genien ergriffen und gefesselt vor den alten Abul Adjaib geführt. Mein Bruder fragte ihn erstaunt, wodurch er eine so gewalttätige Behandlung verdient habe. Aber Abul Adjaib antwortete bloß, er wolle seinen Vater Iblis zu sich berufen, ihm wolle er sagen, was er mit dieser Entführung bezwecke. Schamhurisch sandte einen Boten an unseren Vater, und als er zu Abul Adjaib kam und ihn fragte, was er von ihm begehre, antwortete jener: Wisse, ich habe seit vielen Jahren an einem heiligen Buch gearbeitet, bis es mir gelang, ihm tausend Geister zu unterwerfen; dieses Buch schenkte ich meinem frommen Schüler Mahmud, aber er wurde von seinen Brüdern verraten, und das Buch liegt jetzt in der Adlerschlucht in dem Schloß Sintbests neben dessen Schwert, welchem fünfhundert Geister gehorchen. Beide sind der Obhut deines Sohnes Schah Bair anvertraut, welcher in der Gestalt einer schwarzen Katze auf einer Säule Wache hält. Liegt dir daher das Leben und die Freiheit deines Sohnes Schamhurisch am Herzen, so bewege deinen Sohn Schah Bair, meinem Schüler Mahmud, der mit Djaudar in die Adlerschlucht kommen wird, Schwert und Buch auszuliefern. Mein Vater eilte zu mir, und sobald ich den Zweck seiner Reise erfuhr, faßte ich den Entschluß, um meinen Bruder zu befreien, dem Wunsch Abul Adjaibs zu willfahren. Als ich dir Schwert und Buch übergeben hatte, flog ich zu Abul Adjaib und benachrichtigte ihn davon. Darauf gab er meinen Bruder frei, und ich reiste mit ihm zu unserem Vater. Wenige Tage nach meiner Flucht verlangte aber Sintbest nach Heifa, und als er hörte, sie sei von zwei Männern befreit worden, denen ich Schwert und Buch übergeben, fing er an zu toben und zu lärmen, zu schäumen und zu fluchen, und Sonne und Mond und alle seine Gatter zu lästern; dann versammelte er alle seine Scharen, Menschen und Genien, und zog mit ihnen gegen uns aus, Wir konnten ihm nicht lange widerstehen, denn unser Häuflein Truppen war bald aufgerieben; doch gelang es meinem Vater und meinem Bruder, durch die Flucht zu entkommen; ich aber wurde gefangen und mit Ketten beladen vor Sintbest geführt, Schon hatte er den Befehl zu meiner Hinrichtung erteilt, als meine Freunde, unter denen auch Hindmar war, ihn um Gnade für mich baten. Aber Sintbest wollte mich nicht begnadigen und befahl Hindmar, mich in eine kupferne Flasche zu sperren und ins Meer zu werfen. Hindmar beschwor aber Sintbest so lange, mich beim Leben zu lassen, daß er ihm endlich erlaubte, mich in der Flasche mit in sein Säulenschloß zu nehmen; er mußte jedoch vorher schwören, daß er mich nie befreien würde. Fünf Monate bring ich nun schon in dieser Flasche zu, verzweifelte aber nicht, weil ich wohl wußte, daß du einst mit dem Zauberschwert Hindmar töten und mich befreien würdest. Nun weißt du alles, mein Herr Djaudar; jetzt bitte ich dich, mich zu entlassen, daß ich zu den Meinigen zurückkehre und ihnen von dem Gelingen des Unternehmens Nachricht bringe. – Reise mit Gottes Segen! rief ich ihm zu, und er breitete seine Flügel aus und flog davon. Als Schah Bair fort war, verließ ich dieses leere Zimmer und kam durch einen langen Gang in eine Küche, da standen vier Kessel über dem Feuer; in dem einen waren Granatäpfelbeeren, welche im Fett schwammen, im anderen Pilaw, im dritten Kulkas und im vierten Fleisch. Da ich sehr hungrig war, langte ich mit einem goldenen Löffel, der neben jedem Kessel lag, nach dem Fleisch; aber siehe da, es kam eine Menschenhand heraus. Ich warf sie mit Abscheu wieder in den Kessel und dankte Gott, daß ich auch von den übrigen Speisen nichts gegessen, weiche wahrscheinlich mit Menschenfett geschmälzt waren. Von der Küche aus kam ich wieder in einen Gang und hörte, wie jemand in einem Zimmer zu meiner Rechten rief. O mein Gott, welch schwere Versuchung! Allein in einem fremden Land auf eine so schauerliche Weise zu sterben! Ich rief nach der Richtung, wo die Stimme herkam: Wer bist du, der du so klagst, und wie kann ich zu dir gelangen? – Tritt nur auf den goldenen Skorpion, antwortete die Stimme, welcher zu deiner Rechten auf der Platte liegt! Als ich dies tat, öffnete sich eine Tür, und ich sah einen schönen jungen Mann an den Füßen aufgehängt. Wer hat dich so gehängt? fragte ich, ihn schnell losbindend, Hindmars Sklaven, antwortete er. Ich hänge schon acht Tage hier, und morgen Abend soll ich geschlachtet und von Hindmar verzehrt werden. – Sei ohne Furcht, Hindmar ist tot, sagte ich ihm; erzähle mir nun, wie du hierhergekommen und wer du bist. – Mein Name ist Tadj Almuluk, hob der Jüngling an, und seit drei Monaten bin ich König von Tauris. Ich war von meiner Jugend an ein großer Jagdliebhaber, und sehr schwer fiel es mir, nach meines Vaters Tod einige Zeit dem Vergnügen der Jagd entsagen müssen. Sobald daher die ersten Trauermonate vorüber waren, veranstaltete ich eine große Jagdpartie; wir trieben aber lange umher, ohne etwas jagen zu können. Endlich zogen wir im Kreis in ein schönes grünes Tal, und als der Kreis enger wurde, befanden sich drei Gazellen darin, so lieblich, wie ich noch keine im Leben gesehen. Der Kreis zog sich immer näher zusammen, aber die Gazellen hüpften darüber weg, ehe jemand nach ihnen zielen konnte. Dies schmerzte mich so sehr, daß ich meinen Leuten befahl, zurückzubleiben, und ganz allein diese Gazellen verfolgte. Zwei derselben hatten aber schon einen zu großen Vorsprung, und ich verlor sie bald aus dem Auge. Die dritte hingegen hüpfte immer vor mir her, bis ich endlich kurz vor Sonnenuntergang ihr so nahe war, daß ich mit meinem Bogen nach ihr zielen konnte. Mein Pfeil traf ihr Herz und sie sank hin; aber wie groß war mein Erstaunen, als ich statt einer schönen Gazelle nichts als einen Haufen Asche fand. Nun bereute ich es, mich von meinen Leuten so weit entfernt zu haben, denn die Nacht brach heran und ich wußte nicht, wohin mich wenden. Ich irrte eine Weile umher, da stieß ich auf ein Beduinenlager von ungefähr hundert Zelten am Fuße eines Berges. Ich trat in das erste Zelt und sah darin einen Jüngling wie der Mond in der vierzehnten Nacht; er hatte einen alten Kaftan an, den er eben ausbesserte, und rezitierte dabei folgende Verse: »Wer wenig Güter hat, den verachtet die Zeit; nur wer viel Geld hat, wird geehrt. Hätte ein Hund viel Geld, so würde man aus Ehrfurcht ihn Hund des Glaubens nennen.« Ich sah mich im Zelt um und fand nichts als einen weißen Hahn darin. Sobald der Jüngling mich erblickte, sagte er: Friede sei mit dir! – Mit dir sei Gottes Friede, Segen und Barmherzigkeit! antwortete ich ihm. Du scheinst verirrt zu sein, sagte er; ich freue mich, daß Gott deine Schritte hierher gelenkt; sei mir willkommen als mein Gast. Er nahm mir dann mein Pferd ab und band es an einen Pfosten des Zeltes; dann trug er den Hahn in ein nachbarliches Zelt und nach einer Weile kehrte er wieder mit einem Weinkrug, einem Laib Brot, einer Schüssel voll Oliven, einigen syrischen Aprikosen und einem Säckchen voll Gerste. Letzteres legte er dem Pferd vor und das übrige stellte er neben mich und sagte: Im Namen Gottes! Wir aßen und tranken miteinander, bis wir satt waren. Als ihm aber der Wein in den Kopf stieg, rezitierte er folgenden Vers: »Beruhige dich, du bleibst nicht lange in der Fremde, morgen löse ich dich mit meinem Leben aus. Nur um eine heilige Pflicht zu erfüllen, trennte ich mich von dir; Gott wird dich mir wieder schenken!« Ich fragte ihn, was diese Verse bedeuten. Da sagte er: Ich bin der tapferste und der ärmste Mann in der ganzen Wüste; doch lasse ich keinen Fremden an meinem Zelt vorübergehen, ohne ihn zu bitten, bei mir einzukehren. Heute, als du mich mit deinem Besuch beehrtest, hatte ich gar nichts mehr, als einen weißen Hahn, den ich in meinem Zelt erzogen; ich mußte ihn daher verpfänden, um dich zu bewirten. Nun hörte ich ihn aber fortwährend schreien, dann rezitierte ich diese Verse. – Ich bewunderte die Freigebigkeit dieses Mannes und nahm mir vor, ihn reichlich zu belohnen, verschwieg ihm aber doch den ganzen Abend meinen Stand und unterhielt mich mit ihm über Jagd und Beduinenleben, bis der Schlaf unsere Augen schloß. Am folgenden Morgen rückten die Truppen, welche mich auf die Jagd begleitet hatten, heran; mein Wirt wollte seine Leute zusammenziehen, um nicht von irgend einem Feind überfallen zu werden. Da sagte ich ihm: Bleibe nur ruhig in deinem Zelt, diese Truppen gehorchen mir; ich bin der König von Tauris und freue mich, sogleich deinen Hahn auslösen und dich für die gute Aufnahme, die ich bei dir gefunden, belohnen zu können. Ich sagte dann, auf die Beduinen hindeutend, meinen Leuten, welche sich inzwischen uns genähert hatten und vor Freude, mich wiedergefunden zu haben, ganz außer sich waren: Diesem Manne habe ich es zu verdanken, daß mir in der Nacht nichts Unangenehmes zugestoßen ist; wer mich liebt, der gebe ihm einen Beweis seiner Erkenntlichkeit. Kaum hatte ich dies gesagt, da warf ihm ein jeder, was er an Geld oder Kleidungsstücken entbehren konnte, zu; ich selbst aber befahl meinem Schatzmeister, ihm zehntausend Dinare auszubezahlen und schenkte ihm dazu noch zwanzig vorzügliche Pferde und hundert Mamelucken. Dann ließ ich alle Beduinen, welche im Lager waren, zusammenkommen und sagte ihnen: Wisset, ich bin der König von Tauris, und der Mann, bei dem ich die Nacht zugebracht, ist mir teurer als ein Bruder geworden; ich wollte ihn mit mir nehmen und ihm ein hohes Amt verleihen, aber er kann sich nicht entschließen euch zu verlassen. Darum ist es eure Schuldigkeit, ihn als eueren Oberen anzuerkennen; ich fordere es hiermit von euch, und solltet ihr je ihm ungehorsam werden, so lasse ich keine eurer Wohnungen unverwüstet, und niemand soll darin bleiben, der imstande wäre, ein Feuer anzublasen. Alle Beduinen riefen einstimmig: Wir gehorchen Gott und dir! Ich sagte dann meinem Wirt noch besonders: Bedarfst du je meiner, so sende mir nur einen Boten, der sich als Abgesandter des Herrn vom weißen Hahn bei mir melden lasse, und fordertest du die Hälfte meines Königreiches, so soll sie dir gewährt werden. Ich nahm hierauf Abschied von den Beduinen und kehrte mit meinen Leuten in meine Hauptstadt zurück. Als wir aber das Tor erreichten, vernahmen wir ein so furchtbares Getöse, daß wir glaubten, die ganze Stadt müsse zusammenstürzen, und als ich fragte, was das bedeute, flog ein riesenhafter Geist auf mich zu und sagte: Nun will ich den Tod meines teuren Sohnes rächen! Er hob mich hierauf aus meinem Sattel und schwang sich mit mir in die Luft. Ich weiß nicht, wie lange er mit mir umherflog, denn ich verlor bald das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich auf einer Insel, welche von verschiedenartigen Genien bewohnt war: Die einen waren lang, die anderen kurz, bei den einen sah man vor vielen Haaren kein Gesicht, bei anderen nichts als Knochen ohne Fleisch; auch befanden sich Köpfe ohne Rumpf und Rümpfe ohne Kopf unter ihnen; sie schienen aber alle sehr niedergeschlagen, und viele weinten und jammerten ganz laut und schlugen sich dazu ins Gesicht. Nach langem Schweigen sagte der Genius, der mich auf diese Insel gebracht, mit einer Stimme, welche dem Donner glich: Hier ist der Mörder meines Sohnes, was beginnen wir mit ihm? Da riefen einige Genien in Elefantengestalt: Gib ihn her, daß wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken. Aber ein Genius, der mehr einem Menschen glich, sagte: Es steht keinem von uns zu, diesen Mann zu richten; er muß vor unseren König geführt werden. Ich brachte die Nacht, von zwei furchtbaren Genien bewacht, in einem Gefängnis zu und wurde am folgenden Tag in ein großes Zelt gebracht, in welchem der König, von seinen Vezieren umgeben, saß. Der König schien schon von allem unterrichtet, denn sobald er mich sah, sagte er: Du Mensch, hast den Sohn dieses Genius umgebracht, und deutete dabei auf den Geist, der mich auf die Insel getragen. Verzeihe, mächtiger König! rief ich; ich habe den Sohn dieses Genius nie gesehen; ich weiß nicht, ob er groß oder klein, weiß oder schwarz ist. Erzähle mir, sagte der König zu meinem Ankläger, auf welche Weise dieser Mensch deinen Sohn getötet hat. – Mein Sohn, versetzte der Genius, lief in Gazellengestalt umher; da verfolgte ihn dieser Mensch den ganzen Tag und tötete ihn mit einem Pfeil. Hier ist der Pfeil, setzt er hinzu, indem er einen Pfeil dem König hinreichte, den ich meinem armen Sohn aus dem Leib gezogen. Der König betrachtete den Pfeil eine Weile; dann überreichte er ihn einem seiner Veziere. Dieser drehte ihn nach allen Seiten um und sagte: Dieser Pfeil ist von einem Djinn vergiftet, sonst hätte er nicht die Kraft gehabt, einen Geist in Gazellengestalt in Asche zu verwandeln. Der Mensch ist daher unschuldig: Das Leben dieses Geistes war zu Ende; dieser Mensch war nur ein willenloses Werkzeug der Bestimmung. Als der König dies hörte, befahl er dem Vater des Getöteten, mich wieder in meine Heimat zurückzutragen. Aber statt nach Tauris trug er mich hierher zum König Hindmar und klagte mich nochmals bei ihm an. Hindmar freute sich mit ihm und sagte: Der soll seine Schuld büßen! Ich habe noch acht Menschen, die ich zuerst verzehren will; bis zum neunten Tag soll er gemästet werden, dann kommt die Reihe an ihn. Ich wurde hierauf an den Füßen gehängt, und in diesem Zustand befinde ich mich schon acht Tage. Morgen hätte ich das Los so vieler anderer Unglücklicher geteilt, wärest du nicht, mein Herr Djaudar, zu meiner Befreiung gekommen. Nun weißt du alles, was ich zu erzählen habe. Gelobt sei Gott, der dich noch zur rechten Stunde hierhergesandt. Als der Jüngling so gesprochen hatte, rief ich Misram und befahl ihm, ihn in seine Heimat zurückzutragen. Ich ging dann durch einige Zimmer in einen großen Saal, welcher rings umher von kleinen niedlichen Kabinetten umgeben war: Ich befand mich im Harem des Königs Hindmar. Mitten in diesem Saal stand ein goldener Thron, mit Perlen und Edelsteinen besetzt, und es saß eine Dame darauf, wie die aufgehende Sonne, so blendend schön; ich dachte, sie müsse aus dem Paradies entschlüpft sein in einem Augenblick, wo der es bewachende Engel Ridhwan nachlässig in seinem Amt war. Als diese Dame mich sah, bedeckte sie schnell ihr Gesicht und rief mir zu: Wie wagst du es, in den Harem des mächtigen Königs Hindmar zu dringen? – Hindmar ist tot, antwortete ich ihr; ich bin jetzt Herr dieses Schlosses mit allem, was darin ist. – So bist du der Fischer Djaudar aus Kahirah! versetzte sie und rief sogleich ihre Freundinnen aus ihren Kabinetten herbei. Habe ich euch nicht oft vorausgesagt, fuhr sie dann fort, daß unsere Sklaverei nicht ewig dauert? Nun ist meine Prophezeiung in Erfüllung gegangen: Der Mann, den ihr hier vor euch sehet, hat unseren Räuber mit dem Zauberschwert getötet und wird uns alle unserer Familie und Heimat wieder schenken. Wisse nämlich, mein Herr Djaudar, sagte sie dann, zu mir gewendet, sowohl ich, als alle Mädchen, die du hier siehst, und noch viele andere, welche noch in ihren Zimmern sind, hat Hindmar mit Gewalt entführt. Meine Entführung wurde meinem Vater von einem sehr berühmten Wahrsager schon mehrere Jahre vorher prophezeit; aber auch meine Befreiung durch einen Fischer aus Kahirah, welcher Djaudar heißt und Sintbests Schwert besitzt, wurde vorausgesagt. Ich betrachtete dann die Mädchen, welche alle sehr schön waren, und fragte, welche von ihnen Badiah heiße und vor zwölf Jahren ihrem Vater und ihrer Schwester entrissen wurde. Da trat eine unter ihnen hervor, mit einem Blick, der den einer Gazelle beschämte, und sagte: Ich bin die, nach welcher du dich erkundigst. Ich rief Misram und befahl ihm, sie in ihr väterliches Haus zurückzubringen. Als Misram mit ihr davonflog, bat ich die Dame, welche auf dem Thron saß und Sakirsad hieß, alle Mädchen, welche im Schloß sich befänden, zu versammeln. Da schickte sie einige Sklavinnen umher, welche die Mädchen zu ihr riefen; der Saal füllte sich immer mehr, und Sakirsad zählte immerfort, bis es ihrer achtundneunzig waren. Da sagte sie mir: Jetzt fehlt nur noch eine, welche so hart gefesselt ist, daß wir sie erst befreien müssen; doch lasse zuerst diese achtundneunzig wieder in ihre Heimat bringen. Ich rief Misram, welcher von seiner Reise mit Badiah schon wieder zurück war, und bestellte bei ihm achtundneunzig Geister. In einem Augenblick stiegen sie aus der Erde hervor, und jeder von ihnen nahm ein Mädchen auf die Schultern und schwang sich mit ihm in die Luft. »Sakirsad führte mich dann in das Gemach, wo das gefesselte Mädchen lag, und siehe da, es war Heifa, meine Geliebte, welche ich schon einmal aus der Adlerschlucht befreit hatte. Vor Freude über ein so unverhofftes Wiedersehen fiel ich in Ohnmacht. Als mir das Bewußtsein wiederkehrte, stand Heifa schon entfesselt vor mir, ich umarmte und küßte sie, und bat sie, mir zu erzählen, wieso sie in dieses Schloß gekommen. Wisse, Djaudar, erwiderte sie, nicht lange nachdem Sandja mich nach Haus gebracht und ich an der Stelle meines Vaters den Thron bestiegen hatte, kam auf einmal eine Armee gegen meine Hauptstadt herangezogen, so zahlreich, daß meine Truppen ihr nicht zu widerstehen vermochten. Ich schickte ihnen meinen Vezier entgegen, um zu vernehmen, wer sie seien und in welcher Absicht sie gekommen. Da kehrte er bestürzt zurück und sagte: Es sind Truppen Sintbests, von ihm selbst angeführt. Als Ich dies hörte, fing ich an zu zittern, wurde blaß und fiel in Ohnmacht. Da stürzte ein furchtbarer Geist herein, vor dem alle meine Wachen erbebten, und trug mich vor Sintbest, bei dem auch Hindmar zugegen war. Sintbest wollte mich ins Meer werfen lassen, aber Hindmar sagte ihm: Gib sie lieber mir, ich will sie in meinem Schloß so lange peinigen, bis sie vor Gram stirbt. Sintbest willigte ein, und so schmachte ich seither in diesem Gemach in schweren Fesseln; aber nichts drückte mich so schwer, als die Trennung von dir, mein Geliebter, denn seitdem ich dich in der Adlerschlucht gesehen, ist mein Herz nur mit dir beschäftigt. – Auch ich, versetzte ich, habe keinen anderen Zweck bei allen meinen Unternehmungen, als dich zu erlangen; nun hat uns Gott vereinigt, wir wären am Ziel unserer Wünsche, wenn ich nicht Mahmud geschworen hätte, nicht eher mich dem Genuß meines Glückes hinzugeben, bis ich ihm die Töchter des Königs Numan zugeführt, die er ebenso leidenschaftlich liebt, als ich dich. Da sagte sie: Laß uns wenigstens einige Tage hier beisammen bleiben, dann erfülle du deine Pflicht gegen Mahmud, und ich erwarte dich hier mit Sakirsad, bis du wiederkehrst. Ich rief Misram und fragte ihn, was ich tun sollte? Bleibe drei Tage hier in diesem Schloß, wo du Überfluß an allen Annehmlichkeiten des Lebens findest und niemanden zu fürchten hast, und erlaube mir inzwischen, meine Söhne zu besuchen, die ich schon so lange nicht wiedergesehen. Ich überreichte Misram ein Urlaubsblatt, und brachte drei Tage bei Heifa und Sakirsad so angenehm zu, daß mir dieses Mal Misrams Wiederkehr am vierten Morgen höchst unerwünscht war. Doch ich dachte an das, was ich Mahmud verdankte, und nahm Abschied von den beiden Mädchen. Misram führte mich zehn Tage lang durch ein wüstes Land, bis wir in eine Seestadt kamen. Hier schifften wir uns ein, und sobald wir uns eingeschifft hatten, erhob sich ein so günstiger Wind, daß der Hauptmann uns umarmte und sagte: Wir warten schon zehn Tage hier im Hafen vergebens auf günstigen Wind, es scheint, daß ihr uns eine glückliche Reise bringt. Er ließ schnell die Anker lichten und die Segel spannen, und das Schiff flog davon wie ein Pfeil oder Blitz; aber der Wind wurde bald so heftig, daß der Steuermann das Schiff nicht mehr zu lenken vermochte, und da er nicht immer von derselben Seite herwehte, wußte der Hauptmann nach einigen Tagen nicht mehr, wo er sich befand. Da hieß er einen Matrosen auf den Mastbaum klettern, um zu sehen, ob das Schiff sich nicht in der Nähe eines bekannten Landes befinde. Der Matrose stieg bis auf die höchste Spitze des großen Mastbaumes, und als er wieder auf das Verdeck kam, sagte er: Ich habe einen roten und einen schwarzen Berg gesehen, die einander gegenüber liegen. »Sobald der Hauptmann dies hörte, stieß er ein jämmerliches Geschrei aus, schlug sich ins Gesicht und rief: Wehe uns, wir sind ohne Rettung verloren, wir können nichts mehr tun, als unser Sterbegebet hersagen. Da liefen alle Kaufleute zum Hauptmann hin, auch ich und Misram traten immer näher und fragten ihn, warum er uns in solche Todesangst versetze? Weil es für uns kein Rettungsmittel mehr gibt, erwiderte der Hauptmann; der rote Berg, den mein Matrose gesehen, ist der Affenberg, auf dem zweihundert verzauberte Affen seit langer Zeit hausen, die keinen Menschen verschonen, der in ihre Hände fällt; was aber mein Matrose für den schwarzen Berg hält, ist nichts anderes, als der eiserne Baum mit eisernen Blättern und Früchten, den der Magier Bahram zum Verderben der Reisenden durch allerlei Zauberkünste hierher gepflanzt hat. Einst war hier nämlich ein trockenes Land, in dessen Mitte ein sehr hoher Berg sich erhob, von dem die Geographen behaupten, er stehe in unterirdischer Verzweigung mit dem Berg Kaf. Dieses Land war von Feueranbetern bewohnt, welche in festen Burgen hausten, aus denen sie die Reisenden überfielen und mißhandelten. Auch Bahram wurde auf einer Reise durch dieses Land von den Bewohnern dieser Burgen beschimpft; um sich zu rächen, bestieg er den hohen Berg, öffnete sein Zauberbuch und beschwor Geister herbei, welche von dem Fuß des Berges her bis ans Meer einen Kanal gruben, und so viel Wasser herbeileiteten, daß jene ganze Gegend überschwemmt wurde. Hierauf pflanzte er einen großen eisernen Baum mit magnetischer Kraft, der alle Schiffe in einer Entfernung von vierundzwanzig Stunden an sich zieht. Es bleibt dann den Leuten, welche auf den Schiffen sich befinden, keine andere Wahl, als den Berg zu besteigen. Sobald dies aber die verzauberten Affen sehen, fallen sie über sie her und fressen sie. Als die Kaufleute, welche auf dem Schiff waren, dies hörten, weinten sie und jammerten laut wie Frauen. Aber Misram, der mich stets in der Gestalt eines schönen Jünglings begleitete, fing an so laut zu lachen und zu jubeln, daß die Kaufleute ihn für verrückt hielten und ihm sagten: Spottest du über unsere Not? Glaubst du etwa, du allein würdest dem Tod entgehen? – Seid ohne Furcht! sagte Misram; was euch der Hauptmann hier erzählt hat, ist zwar ganz wahr, aber wir besitzen ein Schwert, das den eisernen Baum wie ein Blatt Papier zerschneidet, und niemand hindert uns dann, unserem Schiff jede beliebige Richtung zu geben. Da die Leute sich des guten Windes erinnerten, der mit unserer Einschiffung zu wehen anfing, beruhigten sie sich ein wenig, wurden aber doch immer noch ängstlicher, je näher unser Schiff dem eisernen Baum kam. Als es endlich ganz in der Nähe desselben auf den Berg stieß, rief Misram: Wer das Schiff verläßt, wird von den Affen gefressen. Djaudar allein darf es wagen, ans Land zu steigen, denn sein Zauberschwert schützt ihn. Er sagte mir dann: Geh nur ohne Furcht auf den Baum zu und rufe: O du, der du Moses das Meer gespalten, David das Eisen erweicht und unserem Herrn Mohammed den Koran geoffenbaret hast, steh mir bei und lasse mich diesen eisernen Baum umhauen, du bist ja allmächtig. Ich befolgte, was mich Misram hieß, das Eisen gab meinem Schwert wie ein weiches Rohr nach und stürzte mit einem donnernden Getöse ins Meer. Hierauf lief ich wieder zum Schiff zurück, und kaum hatte ich es wieder bestiegen, da blies der Wind vom Berg her und stieß unser Schiff ins offene Meer. »Der Hauptmann tanzte vor Freude auf dem Verdeck umher und küßte mich einige Male, und wer auf dem Schiff war, dankte mir und entschuldigte die geringe Aufmerksamkeit, die er mir bisher geschenkt. Wir segelten nun drei Tage lang nach Osten, bis wir an eine grüne Insel kamen, welche Misram die Smaragdinsel nannte; hier stieg dieser mit mir aus und belehrte den Hauptmann über die Richtung, die er zu nehmen hatte, um an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen. Mich führte dann Misram drei Tage lang durch ein grünes Tal, welches ein kleiner Fluß bewässert, dessen Wasser süßer als Honig und frischer als Schnee war; aus der Erde sproßen nichts als wohlriechende Kräuter und Blumen hervor, und die Bäume waren mit den schönsten und schmackhaftesten Früchten beladen. Endlich, als wir vor einen großen Nußbaum kamen, in dessen Nähe der Fluß sich ins Meer ergießt, sagte Misram: Jetzt sind wir am rechten Platz; hier ist das Gazellental und hier der Baum, von welchem Mahmud auf die Töchter des Königs Numan herabsah. Besteige nun auch du diesen Baum, und warte, bis die Mädchen wiederkehren. Siehst du sie ans Land steigen, so verbirg dich sorgfältig hinter den Zweigen des Baumes, sobald sie aber ihre Fischhaut abgelegt haben, so springe schnell mit deinem Schwert darauf los, es ist ihnen dann unmöglich, wieder heimzukehren und du kannst sie deinem Freund Mahmud zuführen, um dessentwillen wir diese ganze Reise unternommen; das ist der letzte Rat, den ich dir zu erteilen habe. (Nur Gott ist allwissend!) Ich hatte kaum nach Misrams Rat den Nußbaum bestiegen, als drei Fische, ein blauer, ein grüner und ein gelber, aus dem Meer den Fluß aufwärts bis in die Nähe des Nußbaums geschwommen kamen. Hier stiegen sie ans Ufer und warfen ihre Fischhaut ab, und es wandelten drei Mädchen vor mir umher, so schön und wohlgestaltet, wie ich noch keine im Leben gesehen. Ich versteckte mich sorgfältig, weil ich dachte, es würden ihnen noch andere nachfolgen, da hörte ich aber, wie eine derselben zur anderen sagte: Heute wollen wir uns nicht lange hier aufhalten, weil unsere Schwestern zu Hause geblieben sind, nach denen ich mich sehr zurücksehne. Ich wartete daher nur so lange, bis sie sich von ihren Fischgewändern entfernt hatten, dann sprang ich vom Baum und bemächtigte mich derselben. Misram freute sich sehr, als er dies sah, und befahl drei Geistern, die drei Mädchen in Hindmars Schloß zu Heifa und Sakirsad zu tragen und uns dort zu erwarten. Jetzt glaubte auch ich am Ziel meiner Bemühungen zu sein, denn ich dachte, mit drei solchen Mädchen kann Mahmud schon zufrieden sein; ich wusch mich daher im Fluß, dankte Gott für seinen Beistand und betete zu ihm, daß er mir nun auch meine Rückkehr nach Ägypten erleichtere. Als ich aber das Gebet vollendet hatte, kamen zwei der Geister, welche Misram mit den Mädchen abgeschickt hatte, mit zerstörtem Gesicht zurück, und als Misram sie fragte, was ihnen zugestoßen sei, sagte einer von ihnen: Wisse, mein Gebieter, als wir mit den Mädchen in die Nähe des schwarzen Berges kamen, an dem uns der Weg nach Hindmars Schloß vorüberführte, sprangen zehn Geister auf uns zu und hielten uns an. Als ich ihnen sagte, ich sei ein Abgesandter Misrams und Djaudars aus Ägypten, erwiderten sie: Die sind es eben, die wir suchen, einer von euch bleibe hier mit den Mädchen bei uns, und die übrigen beiden müssen zu Misram und Djaudar zurückkehren und sie hierher bringen. Als Misram dies hörte, sagte er mir: Mache dich auf, Djaudar, hier darf keine Zeit verloren werden, man will uns gewiß etwas Wichtiges mitteilen. Wir reisten nun zusammen nach dem schwarzen Berg, bis wir zu den Geistern kamen, welche die Mädchen gefangen hielten. Misram fragte sie: Wer seid ihr und was wollt ihr von mir? – Wir sind auf Befehl Schilschanums, des Sohnes Djaldjamuks, hier, antwortete einer von ihnen, um euch zu sagen, daß ihr ihn hier erwarten sollt, und wir hielten einen eurer Geister mit den Mädchen zurück, um desto sicherer zu sein, daß ihr hierher kommt. Kaum hatte der Geist ausgesprochen, da erschien Schilschanum selbst in der Gestalt eines weißen Vogels, und sagte uns: Ich suche euch schon drei Tage überall, denn in meinem Herzen glüht eine glühende Kohle wegen dessen, was ich im Schloß Hindmars gesehen. Bald nachdem ihr nämlich dasselbe verlassen hattet, um den eisernen Baum des Magiers Bahram zu vernichten, rief mich mein Vater zu sich und befahl mir, ihn zu Hindmar zu begleiten. Sobald er aber den Vogel, welcher auf der Säule war, umgestürzt und das Tor des Schlosses geöffnet fand, rief er: Wehe mir! Es ist um meinen Ruf geschehen, mein Freund Hindmar ist tot, alle meine Zauberei vermochte nichts gegen das Zauberschwert Djaudars; aber ich will mich rächen. Er ging hierauf ins Schloß und nahm alles, was an Silber, Gold, Edelsteinen und kostbaren Stoffen darin war, und befahl einigen Geistern, es ins Meer zu werfen. Als er dann in das Gemach kam, wo Heifa und Sakirsad mit ihren Sklavinnen saßen, stieß er einen Schrei aus, daß ich glaubte, das ganze Schloß stürze über uns zusammen; dann sagte er mir: Mein Sohn, Djaudar soll nun sehen, daß man gegen mich nicht ungestraft sich vergeht. Bringe mir eine goldene Tasse und etwas weißen Sand; als ich ihm dies brachte, rührte er den Sand mit einer Flüssigkeit an, die er bei sich trug, murmelte einige unverständliche Worte darüber, dann sagte er mit lauter Stimme: Behaltet eure Menschengestalt nur an der obern Hälfte eures Körpers, eure untere Hälfte aber werde zu Stein; er bespritzte sie hierauf mit der Flüssigkeit aus der Tasse, welche zu kochen anfing, als stünde sie über dem Feuer, und siehe da, Heifa, Sakirsad und die anderen acht Mädchen wurden zur Hälfte in Stein verwandelt, so daß sie sich nicht mehr von der Stelle bewegen konnten. Hierauf zog mein Vater ein Buch aus der Tasche und las ein wenig darin, wurde blaß, fing an zu zittern und zu beben. Was ist dir, mein Vater? fragte ich ihn. Wehe mir, antwortete er, mich reut, was ich eben getan habe, denn Djaudar wird mich zuletzt doch noch überwinden und zwar mit Hilfe eines mir nahestehenden Wesens; doch will ich wenigstens dafür sorgen, daß seine Geliebte nicht ihre frühere Gestalt wieder erlange. Er schrieb daher ihren und der übrigen Mädchen Namen auf eine Tafel, schloß sie in ein smaragdenes Kästchen und befahl dem Geist Schamhurisch, es in eine Statue zu legen, welche nicht weit von dem Schloß des Zauberers Munkich im Königstal steht. Auch ich, fuhr er dann fort, begebe mich jetzt zu Munkich, wo ich doch gewiß eine geraume Zeit von den Nachstellungen Djaudars sicher sein werde. Hierauf zerstörte er das ganze Schloß Hindmars bis auf das Gemach, in welchem die verzauberten Mädchen waren, und nahm Abschied von mir. Sobald er aber fern war, ging ich zu den Mädchen, die ich von Herzen bedauerte, gab mich ihnen zu erkennen und tröstete sie, indem ich ihnen versprach, euch von allem in Kenntnis zu setzten, und sie versicherte, daß es euch nicht allzu schwer fallen werde, ihren Zauber zu lösen. Ich verließ dann die Mädchen und nahm zehn Geister mit mir, die ich beauftragte, alles anzuhalten, was vom Gazellental herkomme, weil ich wohl wußte, daß ihr der Töchter des Königs Numan willen dorthin ziehen würdet; ich selbst wanderte auch umher, um euch zu suchen, und danke nun Gott, euch gefunden zu haben, damit ihr mir folget, um die armen Mädchen zu befreien. »Als Schilschanum seinen Bericht vollendet hatte, weinten wir heftig und waren, ohne Wein getrunken zu haben, in einem furchtbaren Taumel. Ganz bewußtlos folgten wir Schilschanum nach dem verwüsteten Schloß Hindmars, und als wir zu den halbversteinerten Mädchen kamen, verwünschten sie uns und sagten: O lebte doch Hindmar noch! O hätten wir euch doch nie gesehen! Aber Misram ermutigte sie, indem er ihnen schwor, nicht eher seine geliebten Söhne wiederzusehen, bis er ihnen wieder ihre frühere Gestalt mit Hilfe Gottes zurückgegeben. Er befahl dann drei Geistern, die drei Töchter des Königs Numan nach Ägypten zu tragen, sie Mahmud zu bringen und ihn dann im Schloß bei Heifa zu erwarten. Als dies geschehen war, nahm mich Schilschanum auf seine Schultern und flog mit mir von morgens bis mittags durch die Luft, dann setzte er mich auf eine Insel nieder und sagte mir: Das ist die Insel der Tochter des Veziers Schems, den Gott mit einem roten Kamm wie einen Hahn geschaffen, mit Zähnen, wie die eines Elefanten und Flügel, wie die Segel eines großen Schiffes. Er hat diese Insel seiner Tochter überlassen und will seine Tage im Königstal bei seinem Freund Munkich beschließen. Von dieser Insel bis ins Königstal braucht ein leichtes Schiff bei immer günstigem Wind wenigstens zwanzig Jahre, Geister durchfliegen aber diesen Raum in zwei Tagen, und Besitzer der heiligen Namen in einer Stunde; auch gibt es eine eigene Gattung Vögel, welche den Weg von hier nach dem Königstal in einem Tag zurücklegen. Ich werde jetzt ein Kamel schlachten, ihm die Haut abziehen und dich in dieselbe einnähen, es wird gewiß bald einer dieser Vögel kommen und dich ins Königstal tragen, wohin auch ich dir folge. Gerne hätte ich dich auf meinen Schultern dahin getragen, aber wir kommen an vielen feindlichen Ländern vorüber, wo ich, um jeden Angriff abwehren zu können, frei sein muß. Ich werde aber stets hinter dir sein, und du hast ebensowenig zu fürchten, als wärest du auf meinen Schultern. Er verließ mich dann eine Weile und kehrte mit einem großen Kamel wieder, schlachtete es, zog ihm die Haut ab, nähte sie um mich zu und entfernte sich ein wenig. Sogleich kam ein Vogel, so groß wie ein Elefant, nahm mich zwischen seine Krallen und flog mit mir von morgens bis abends. Dann setzte er mich nieder und wollte mich aufpicken, aber Schilschanum, der stets hinter mir geblieben war, verscheuchte ihn, riß die Haut auf und sagte: Steh auf, Djaudar! Wir sind am Ziel; gelobt sei Gott, der uns auf keinen Feind stoßen ließ. Ich stand auf und sah mich nach allen Seiten um, und befand mich in einem der reizendsten Täler in der Welt, bei jedem meiner Tritte duftete Moschus aus der Erde hervor. Bäche, Bäume und Vögel priesen vereint den allmächtigen Schöpfer. Das ist das Königstal, sagte mir Schilschanum, und nicht weit von hier liegt das Schloß Munkichs mit seinen vier eisernen Toren. Vor einem dieser Tore steht eine Statue, neben welcher ein goldener Skorpion liegt; reibe diesen Skorpion an der rechten Seite, so wird sich am Leib der Statue ein Türchen öffnen, gerade so groß, daß du mit der Hand hineinlangen kannst; strecke sie hinauf bis an das Hirn der Statue, da findest du einen kupfernen Käfig, mitten in diesem Käfig erhebt sich eine goldene Säule, auf der ein Spatz aus grünem Smaragd steht; greife nach diesem Spatz, er wird sich dreimal im Kreis herumdrehen, dann bindest du ihn an der Säule mit einer seidenen Schnur fest. Hüte dich aber wohl, daß der Vogel dich weder mit dem Schnabel noch mit den Krallen berühre, denn die kleinste Wunde die er dir beibringt, ist tödlich. Djaudar setzte seine Erzählung vor dem Sultan Zaher Beibars also fort: »Als ich alles vollbracht hatte, was Schilschanum mich geheißen, trat Djaldjamuk aus dem Schloß zu mir heraus und sagte: Alles hat seine bestimmte Zeit; ich bin jetzt dein Freund, geh und befreie den Spatzen wieder, dann will ich dir die Mittel angeben, wie du deiner Geliebten ihre frühere Gestalt wieder geben kannst. Eile aber, denn mein Leben geht bald zu Ende und ich darf nicht sprechen, so lange der Spatz angebunden ist. Sieh, ich werde jeden Augenblick schwächer, mein Auge wird trübe, meine Hand erstarrt, mein Fuß kann nicht vom Platz weichen, eile also, daß mir meine Lebenskraft wiederkehre, und ich dir zur Befreiung der Mädchen und zu deiner Rückkehr in die Heimat beistehe. Diese in einem wehmütigen Ton gesprochenen Worte Djaldjamuks rührten mich so sehr, daß ich, alle früheren Feindseligkeiten vergessend, ihn verließ, in der Absicht, den Spatzen wieder loszubinden. Ich fand aber Schilschanum vor der Statue, der den Spatzen immer fester band, so daß er ihn fast erwürgte. Als er mich sah, stieß er einen Schrei aus, daß ich vor Angst zu Boden stürzte, und Feuer sprühte dabei aus seinen Nasenlöchern, das, wenn ich mich nicht schnell entfernt hätte, mich gewiß verzehrte. Dann sagte er: Bestände nicht ein alter Bund zwischen uns, so wärest du jetzt nicht mehr; du ließest dich von meinem Vater erweichen und wolltest den Spatzen wieder befreien, hättest du dies aber getan, so wäre für dich, für mich und die Mädchen, welche in Hindmars Schloß schmachten, keine Rettung mehr möglich; mein Vater hätte dann die ausgedehnteste Gewalt über uns, und du dürftest nie mehr daran denken, deine Heimat wiederzusehen. Gehe nun als ein Mann zu meinem Vater zurück und kehre dich nicht an seine Klagen und Versprechungen, bis du zuerst die Befreiung der Mädchen von ihm erlangt hast. Ich ging wieder zu Djaldjamuk und fand ihn in den letzten Zügen auf die Erde gestreckt. Als er mich erblickte, sagte er: Du hast mir doch versprochen, meinen Zustand zu erleichtern, und nun geht es mir noch schlimmer als vorher. – Ich durchschaue deine Treulosigkeit, antwortete ich ihm, zuerst befreie die Mädchen, dann soll auch dir Erleichterung werden. Als er dies hörte, sagte er vor Zorn lachend: Nun, mein Sohn, du bist unschuldig, ein anderer hat mich verraten, so höre mich denn an: Nimm den Siegelring, den ich an meinem Finger trage, und geh damit zu meinem Sohn Schilschanum, er wird dich zu Schamhurisch führen, welcher die heiligen Namen aufbewahrt, vermöge derer die Mädchen in Stein verwandelt wurden. Gib ihm den Ring als Zeichen, daß du von mir gesandt bist; er wird dir eine kleine, mit vielen Talismanen beschriebene, smaragdene Tafel verschaffen, mit dieser gehst du zu den Mädchen. Dort nimmst du weißen Sand aus einer Büchse, welche zu ihrer Rechten steht, streust ein wenig davon in eine goldene Tasse mit Wasser gefüllt. Mein Sohn Schilschanum lese dann siebenmal, was auf der Tafel geschrieben ist, dann bespritze er die Mädchen mit dem Wasser aus der Tasse und sage: Bei diesen heiligen Namen und dem Schöpfer des Himmels und der Erde, nehmet euere frühere Gestalt wieder an! So wird der Zauber sich lösen und die Mädchen können frei mit menschlichen Füßen umherlaufen wie zuvor; ja sie werden noch schöner und wohlgestalteter sein, als je. Ist dies geschehen, dann verfahre mit mir, wie ich es verdiene. Ich nahm den Ring von seinem Finger und ging damit zu Schilschanum; als dieser ihn sah, sagte er: Jetzt sind wir unserem Ziel nahe, folge mir nur! Ich ging mit ihm bis in die Nähe eines schönen Gartens, in welchem die herrlichsten Früchte prangten. In diesem Garten, sagte Schilschanum, sitzt der Geist Schamhurisch mit einer Schlange in der Hand, deren Gift den härtesten Felsen zermalmen könnte, er hat diese Schlange nur um deinetwillen in der Hand, damit, wenn du dich ihm näherst, du von ihr getötet werdest. Du mußt daher auf den Geist von hinten her zugehen und ihm, ehe er dich bemerkt, den Ring meines Vaters zeigen, dann wird er nicht zulassen, daß die Schlange dich beschädige. Ich ging nun in den Garten, der mit den schönsten Bächen, Blumen, Früchten und Vögeln angefüllt war, die je eine Zunge genannt oder ein Auge gesehen hat. Am Ufer eines Baches blieb ich stehen, wusch mich und betete. Nach vollendetem Gebet ging ich weiter, bis ich in die Mitte des Gartens kam, da sah ich einen furchtbar langen Geist mit einem dicken Kopf und einem Kamelhals vor einer Wasserleitung sitzen, wo ein goldener Ochs mit diamantenen Hörnern ein Rad aus Sandelholz mit einer smaragdenen Achse in Bewegung setzte. Ich schlich wie ein Dieb ganz leise heran, bis ich den Geist von hinten her umarmen konnte, dann hielt ich ihm den Ring vor die Augen und sagte: Djaldjamuk sendet mich zu dir wegen der Befreiung der in Hindmars Schloß verzauberten Mädchen. – Alles hat seine bestimmte Zeit, sagte Schamhurisch, ich glaubte schon, die Mädchen müßten bis zum Auferstehungstag so verzaubert bleiben; nun ist es anders. Gott erlöst, wen er will, auch mir wird es nun vergönnt werden, zu den Meinigen zurückzukehren, denen mich Djaldjamuk schon vor vierundzwanzig Jahren durch allerlei Zauberkünste entrissen hat, Der ist ein wahrer Iblis (Teufel), der sich den Gläubigen zwischen Haut und Knochen setzt. Doch nun ist es bald aus mit ihm und seinen Ränken, denn wäre noch seine alte Kraft in ihm, so hätte er dir diesen Ring nicht gegeben. Höre mir nur aufmerksam zu und vergiß kein Wort von dem, was ich dir sage, sonst ist dein Untergang unvermeidlich. Geh nun aus dem Garten hinaus durch das Tor, welches dem, durch das du gekommen bist, gegenüber liegt; da wirst du in einer großen Wiese eine marmorne Säule sehen, auf deren Spitze ein weißer Vogel auf einem Bein steht, grüße ihn und sage ihm: Schamhurisch sendet mich zu dir und bittet dich, mir die Tafel zu geben, die er dir anvertraut hat; schlage dann mit deinem Schwert auf die Säule, antwortet dir der Vogel etwas, so wird dein Wunsch erfüllt, verstummt er aber, so schlage noch einmal auf die Säule, er wird dir dann gewiß die Tafel geben. Steht aber der Vogel auf zwei Beinen, von denen das eine rot und das andere schwarz ist, so rede ihn gar nicht an, sondern kehre schnell zu mir zurück, da werde ich dir das Weitere raten. Ich nahm den Weg, den mir Schamhurisch anzeigte, bis ich an die Säule kam, auf welcher ein weißer Vogel stand, und da er auf einem Bein ruhte, redete ich ihn nach Schamhurischs Unterweisung an. »Der Vogel schwieg eine Weile, dann breitete er die Flügel aus, öffnete den Mund und sprach mit einer menschlichen, sehr wohlklingenden Stimme: Es gibt keinen Gott außer dem einzigen Gott, der alles zu der von ihm bestimmten Zeit in Erfüllung bringt! Mir ist diese Nacht im Traum meine Rückkehr in meine Heimat durch die Ankunft eines Fischers aus Ägypten verkündet worden. Bist du dieser Fischer? Als ich seine Frage bejahte, flog er fort und kehrte nach einer Weile wieder mit einer grünen Stange, und sagte: Hier bringe ich vom Baumschloß, das dem Berg Kaf gegenüberliegt, den Schlüssel zu dieser Säule, welche die smaragdene Tafel enthält, die mir Schamhurisch aufzubewahren gegeben. Er ließ sich dann in Menschengestalt zu mir herunter; aber sein Anblick machte mich schaudern. Er war nur zwei Ellen lang; seine Zunge war halb so lang, wie sein ganzer Körper, und hing weit über die Brust herunter; sein Bart aber reichte bis zu den Füßen herab; Augen hatte er wie feurige Kohlen, und Nasenlöcher wie zwei Trompeten; er war viel dicker als lang, und am häßlichsten war noch an ihm ein langer Affenschwanz. Als er neben mir stand, überreichte er mir die schlüsselförmige Stange und sagte: An der linken Seite der Säule ist ein marmorenes Schloß: Öffne es mit diesem Schlüssel, strecke die Hand hinein und hole eine grüne Tafel heraus. Als ich ihm die Tafel brachte, sagte er: Sieh einmal, was auf dieser Tafel geschrieben steht. Da las ich den Namen Heifas, Sakirsads und der übrigen Mädchen, welche bei ihnen waren. Darunter stand aber noch der Name: Hinkender Schimhar, der mir unbekannt war, und als ich ihn fragte, was dieser einzeln stehende Name bedeute, antwortete er: Es ist mein Name, wodurch ich gleich den Mädchen von dem verruchten Djaldjamuk verzaubert wurde; ohne dich müßte ich eben so lange als Hüter der Tafel hier auf der Säule stehen, wie die Mädchen in Hindmars Schloß. Noch immer bin ich wie ein Gefangener, bis du meinen Namen von dieser Tafel auslöschest. Das kannst du aber ohne Gefahr tun, denn du bedarfst meiner nicht mehr: Schilschanum wird das Nötige für dich tun. Ich wischte den Namen Schimhar weg, und siehe da! Der häßliche Mann, der neben mir stand, verwandelte sich wieder in einen weißen Vogel und flog, mir dankend und viel Glück wünschend, davon. Ich steckte dann die Tafel in die Tasche und ging damit zu Schilschanum, der mich vor dem Garten erwartete. Er war außer sich vor Freude, als ich ihm die Tafel zeigte, und rief: Jetzt können wir getrost zu den Mädchen zurückkehren! Doch können wir nicht wissen, welche neue Falle uns mein Vater legt; darum ist das Sicherste, wir schaffen ihn aus der Welt. Er trug mich hierauf wieder vor die Säule, wo der Spatz angebunden war, und erwürgte ihn. Geh einmal jetzt ins Schloß, du wirst Wunder sehen, sagte er mir, als der Vogel tot vor unseren Füßen lag. Ich ging ins Schloß, und, siehe da! Djaldjamuk war in eine schwarze Kohle verwandelt, welche sich nach und nach in einen Haufen Asche auflöste, Als ich wieder herauskam und Schilschanum erzählte, was ich gesehen, tanzte er vor Freude und küßte und umarmte mich. Er schlachtete dann wieder ein Kamel, zog ihm die Haut ab und nähte sie um mich. Ein Vogel trug mich über das Land, wo Schilschanum einen feindlichen Angriff befürchtete. Dann nahm er mich selbst auf die Schultern und flog mit mir bis in die Nähe von Hindmars Schloß. Als wir vor das Gemach kamen, wo die Mädchen waren, hörten wir ein lautes Schluchzen; dann erkannten wir Misrams Stimme, der sie tröstete und ihnen unsere Wiederkehr verkündete. »Ich hatte nicht mehr Geduld, länger zu lauschen, und stürzte freudetrunken ins Gemach, zog die smaragdene Tafel hervor und verfuhr damit nach Djaldjamuks Vorschrift, und siehe da! Die Mädchen wurden noch schöner gestaltet, als zuvor und fielen eine nach der anderen mir um den Hals. Ich mußte ihnen dann erzählen, auf welche Weise ich zu dem Besitz dieser Tafel gelangt, und nachdem ich sie mit allen meinen Abenteuern auf dieser weiten Reise bekannt gemacht hatte, küßten sie mich wieder und dankten Gott für das Gelingen einer so schwierigen Unternehmung. Ich näherte mich dann Heifa, welche zwar während meiner ganzen Erzählung ihren Blick nicht von mir wandte, aber noch immer mir kein liebendes Wort sagte, und fragte sie, ob denn ihre Liebe ihr kein Wort für mich auf die Zunge legte. Mir geht es, antwortete sie, wie dem Dichter folgender Verse: »Stets wünschte ich meinen Geliebten zu sehen und ihm Worte der Liebe zu sagen; als ich aber in seine Nähe kam, war meine Zunge gelähmt, mein Auge wagte es vor Ehrfurcht nicht, sich zu ihm zu erheben, und ich verbarg in mein Inneres, was unaufhaltsam hervorbrechen wollte. Ganze Bücher voll hatte ich ihm zu sagen, und nun fand ich keinen Buchstaben mehr.« »Wir brachten nun den Abend bei Wein, Gesang und Tanz zu, und am folgenden Morgen sagte Misram: Nun haben wir nichts mehr in diesem Schloß zu tun; auch ist es nicht ratsam, an einem Ort zu bleiben, der zu jeder Zeit von bösen Geistern und Zauberern besucht wird; darum lasset uns jetzt nach Ägypten aufbrechen. Ich werde acht Geister für die acht Mädchen kommen lassen; ich trage Heifa und Sakirsad, und Schilschanum nimmt Djaudar auf die Schultern. Ich freute mich, bald in meine Heimat zurückzukommen, um so mehr, da ich Mahmud geschworen hatte, mich erst dort mit Heifa zu vermählen; jedoch bat ich Misram, mir vorher zu erlauben, die Terrasse des Schlosses zu besteigen, um einen Überblick über diese wunderbare Gegend zu gewinnen. Misram begleitete mich selbst eine marmorne Treppe hinauf, welche zweihundertundachtzig Stufen zählte. Als ich oben war, kam mir das Schloß wie der Berg Kaf vor, und die Erde unter mir schien mir so fern, wie der Himmel. Als ich mich eine Weile nach allen Seiten umsah, erblickte ich in der Ferne etwas, das wie die Sonne strahlte und mich ganz verblendete. Ich fragte Misram, was das bedeute. Es ist ein goldenes Schloß, antwortete Misram, mit den kostbarsten Diamanten verziert; die Fenster sind vom feinsten Kristall, die Tore von Sandelholz; es ist das größte und schönste Schloß auf Erden, das Schadad, der Sohn Ads, der Gründer der säulenreichen Irem, erbauen ließ. Schadad war nämlich Herr der ganzen Erde nach ihrer Länge und ihrer Breite, und hatte zwei Söhne: der eine hieß auch Schadad und der andere Schadid. Eines Tages ließ Schadad die Großen seines Reiches versammeln und sagte ihnen: Ich möchte eine Stadt gründen, deren Boden wie Moschus und Safran duftet, deren Steine wie die kostbarsten Edelsteine glänzen, von Bächlein durchkreuzt, so klar wie Silber. Darum gehet zu meinen Präfekten und lasset euch die Einkünfte der ihnen anvertrauten Länder an Gold, Silber und Juwelen auf drei Jahre voraus entrichten. Schadads Befehl wurde vollzogen, und nach einigen Monaten kehrten die deshalb abgesandten Kommissare mit viertausendfünfhundert beladenen Kamelen zurück. Als das Nötige an Gold, Silber und Edelsteinen beisammen war, machte er sich mit seinen Truppen auf und reiste zehn Tage lang, bis er in ein sehr blühendes Tal kam. Hier stieg er ab und erteilte den Befehl, Zelte für ihn und seine Truppen aufzuschlagen, und in einer Stunde erhoben sich hundertundfünfzigtausend Zelte. Djaudar fuhr in seiner Erzählung vor dem Sultan mit Misrams Worten fort: Schadad ließ dann Baumeister, Zimmerleute, Goldarbeiter, Bildhauer, Maler und andere Handwerksleute und Künstler kommen, und trug ihnen auf, eine Stadt mit viertausend Säulen zu bauen. Mitten in der Stadt ließ er ein Schloß mit einem Garten anlegen, der den des Paradieses übertreffen sollte. Für das Schloß wurden nur das reinste Gold und die edelsten Perlen und Diamanten gebraucht, und der Garten wurde mit den seltensten Blumen und Früchten aus allen Weltteilen angefüllt. Die Obstbäume wurden aus Griechenland und Persien herbeigeholt, die Veilchen aus Baßrah, die Rosen aus Kufa, Basilienkraut aus Mekka, Lilien und Jasminen aus Ägypten, Safran aus Genua, Aloe und Sandel aus China; dabei war ein Park, in welchem die schönsten Gazellen umherhüpften und die buntfarbigsten Vögel ihre Liebeslieder sangen. Die Mauern dieses Gartens wurden mit den feinsten Stoffen bedeckt, auf denen allerlei Bäume und Vögel gemalt und gestickt waren. Als alles vollendet war, beschenkte Schadad die Arbeiter und Künstler königlich und bezog sein Schloß. Aber in der ersten Nacht, die er darin schlief, hatte er einen bösen Traum, aus dem er ganz erschrocken und niedergeschlagen erwachte; er wußte aber nicht mehr, was er eigentlich geträumt hatte. Des Morgens früh ließ er seinen Traumdeuter rufen, welcher Ifrach hieß und dem er ein unbedingtes Vertrauen schenkte, und sagte ihm: Mein teurer Ifrach, ich habe diese Nacht einen schrecklichen Traum gehabt, dessen ich mich aber nicht mehr erinnere; nur so viel weiß ich noch, daß ich mit zitterndem Herzen darüber erwachte. Erkläre mir, was dieser Traum bedeutet. Ifrach zog eine Tafel aus der Tasche, bestreute sie mit Sand und schrieb allerlei fremde Charaktere hinein; dann rechnete er eine Weile mit den Fingern und sagte: Erhabener König, du befandest dich im Traum auf einem Schiff mitten auf dem tobenden Meer, da kam ein häßlicher Schwarzer mit einem Löwengesicht auf dich zu, faßte eine Kette, welche am Vorderteil des Schiffes herabhing, tauchte unter und zog das Schiff nach sich in den Abgrund. Du stürztest um und fielst in Ohnmacht. Als du wieder zu dir kamst, befandest du dich in einer großen Grube, von der du weder den Eingang noch den Ausgang sahest; nachdem du eine Weile darin umhergingst, fandest du ein großes Feuer, das hell aufflammte, ohne daß jedoch ein Rauch aufstieg; das Feuer kam dann auf dich zu und verzehrte dein linkes Bein wie ein Stück dürres Holz, und als es dann weiter herauf gegen das Herz stieg, erwachtest du. – Du hast wahr gesprochen, sagte Schadad, das war mein Traum, nun sage mir aber auch, was er bedeutet, Ifrach zog ein Buch aus der Tasche und las eine Weile darin; dann stieß er einen Schrei aus, daß das Schloß trotz der vielen Säulen, auf denen es ruhte, doch davon erbebte. Was hast du gesehen, fragte Schadad, vor Schrecken außer sich. Sage mir deine Gnade zu, versetzte Ifrach, und ich verhehle dir nichts. Als ihm Schadad hierauf das Gnadentuch überreichte, sagte er: In zehn Tagen wird der Tod dich und dein ganzes Volk hinwegraffen. – Am zehnten Tag, als Schadad über seine Truppen Musterung hielt, erhob sich ein heftiger Sturm, die ganze Erde bebte und verschlang den König Schadad mit seinem ganzen Heer, und sie waren nicht mehr als der gestrige Tag, der nie wiederkehrt. Sein schönes Schloß aber bewohnte nach ihm Deidabudj, ein sehr mächtiger, aber lasterhafter Genienfürst, welcher seinen Vater Jadjudj, König der bleiernen Stadt, ermordete. Er blieb aber nicht lange im ruhigen Besitz desselben, denn der Zauberer Busirian, welcher ein vertrauter Freund Jadjudjs war und dessen Tochter Unka leidenschaftlich liebte, sperrte ihn in eine kupferne Flasche, die er fest versiegelte; er wollte ihn sogar ins Meer werfen, aber Unka bat um Gnade für ihn. Deidabudj blieb viele Jahre in dieser Flasche, bis eines Tages sein Vetter Iblis zum Priester Djindar ging, welcher ein festes Schloß auf einer kleinen Insel des Ozeans bewohnte, und ihn um Beistand gegen Busirian anflehte. Djindar las eine Weile in seinem Zauberbuch, dann sagte er zu Iblis: Ich vermag nichts für deinen Vetter zu tun, so gern ich ihn auch befreien möchte; der einzige Mann auf der Welt, dessen Hilfe dir von Nutzen sein kann, ist Abul Adjaib, den ich in einigen Tagen hier erwarte, und mit deinem Anliegen bekannt machen will. Am dritten Morgen traf wirklich Abul Adjaib bei Djindar ein. Er hatte ein doppeltes Gesicht, ein menschliches vorn und ein Elefantengesicht hinten; war er guter Laune, so verschleierte er letzteres, zürnte er aber jemanden, so zeigte er nur sein Elefantengesicht, dessen Anblick Menschen und Genien mit Angst und Schrecken erfüllte. Sobald er hörte, was Deidabudj widerfahren, sagte er zu Iblis: Sei frohen Herzens; Busirian soll für seine Grausamkeit gegen deinen Vetter büßen. Er rief dann einen häßlichen geflügelten Geist herbei, und befahl ihm, Busirian gefangenzunehmen und die kupferne Flasche, welche in seinem Schloß stehe, zu öffnen. Soll ich auch eingesperrt werden? fragte der Geist mit zitternder Stimme; habe ich das um dich verdient? War ich je treulos gegen dich? Wie kann ich dem mächtigen Busirian beikommen? – Sei nur ohne Furcht, erwiderte Abul Adjaib, ich folge dir. Busirian hat seine geliebte Gattin verloren und trauert nun auf einem Berg, welcher Schadads Schloß gegenüber liegt; er ist so betrübt über den Tod Unkas, daß er nicht daran dachte, sein Zauberbuch mitzunehmen; auch seine schöne Tochter hat er im Schloß zurückgelassen, und diese Beute ist nicht minder wichtig, als die des Zauberbuches, ohne welches er nicht mehr als ein gewöhnlicher Mensch ist. Abul Adjaib ließ sich hierauf von dem beflügelten Geist nach dem Berg tragen, wo Busirian seine Gattin betrauerte, und nahm ihn gefangen; dann befreite er Deidabudj aus der Flasche und schenkte ihm das Schloß Schadads samt den Töchtern Busirians, welche darin waren. Dies geschah vor wenigen Monaten, setzte Misram hinzu, und was sich inzwischen zugetragen hat, ist mir unbekannt. Kaum hatte Misram diese letzten Worte gesprochen, da kam ein Geist in der Gestalt des Vogels Rock und überreichte Schilschanum einen Brief von dem Abendländer Mahmud, welcher folgendermaßen lautete: Am Namen Gottes, des Allbarmherzigen! Ehre, Gruß und Segen dem Priester Schilschanum und seinen Freunden Djaudar und Misram, welche für die Ruhe der Guten und das Glück der Unschuldigen mit so rastlosem Eifer gearbeitet. Noch eine verdienstvolle Tat bleibt dir zu vollbringen, dann kannst du wieder in den Schoß der Deinigen zurückkehren. Du mußt meinen Freund Busirian und seine Töchter befreien, und Djaudar soll den ruchlosen Abul Adjaib, so wie den Vatermörder Deidabudj, welche Schadads Schloß bewohnen, mit dem Zauberschwert töten. Busirian gibst du dann sein heiliges Buch zurück, damit er nicht länger wie ein Vogel ohne Flügel umherflattere. Sobald dieser Brief zu dir gelangt, fliegst du mit Djaudar, Misram, Heifa und Sakirsad nach dem Schloß Schadads und wartest dort, bis dessen treulose Besitzer, welche jetzt auf Reisen sind, wieder dahin zurückkehren. Gott ist allmächtig!« »Als Schilschanum diesen Brief gelesen hatte, sagte er zu dem Boten: Kehre zurück zum Abendländer Mahmud, grüße ihn, küsse ihm Hände und Füße für mich und sage ihm, sein Wille soll geschehen, und hernach werden wir alle zusammen ihm einen Besuch abstatten. Dann wendete er sich zu uns und sagte: Ihr sehet wohl, daß ich euch über das Schloß Schadads nur die Wahrheit berichtet habe; es scheint, daß ein Freund oder Verwandter Busirians Mahmuds Hilfe angefleht hat, oder daß er dessen Schicksal in seinem Zauberbuch lesen konnte. Schilschanum nahm mich dann auf seine Schultern und Misram die beiden Mädchen, und in einem Augenblick waren wir auf der Terrasse des goldenen Schlosses Schadads. Wir stiegen dann herunter, und ich fand es noch viel schöner, als es Misram beschrieben hatte. In einem geräumigen Salon, welcher nach dem wundervollen Garten lag, fanden wir die fünf Töchter Busirians, welche höchst erstaunt waren, von fremden Männern besucht zu werden; während ich ihnen aber erzählte, wer uns zu ihnen gesandt und warum wir gekommen, ließ Schilschanum den armen Busirian, der in einem der unteren Schloßzimmer eingesperrt war, entfesseln, und die Mädchen fielen vor Freude in Ohnmacht, als sie ihren Vater wiedersahen. Wir brachten nun in Gesellschaft Busirians und seiner Töchter drei höchst vergnügte Tage zu. Am vierten Tag, als wir Abul Adjaib und Deidabudj wiederkommen sahen, verbargen wir uns in einem Nebenzimmer, und sobald sie sich auf den Diwan neben den Mädchen niedergelassen hatten, sprang ich mit dem Zauberschwert auf sie zu, und mit einem Schlag flogen beide Köpfe vom Rumpf. Misram sammelte dann die Kostbarkeiten dieses Schlosses und beauftragte einige Geister, sie hierher zu bringen; er selbst nahm Heifa und Sakirsad auf die Arme, Schilschanum bot mir seine Schultern an, wir nahmen von Busirian und seinen Töchtern Abschied, und in einem halben Tag waren wir hier. Ich entließ nun auf immer Misram und Schilschanum und feierte meine Hochzeit mit Heifa an demselben Tag, als Mahmud, der mich in meinem Haus erwartete, sich mit den Töchtern des Königs Numan vermählte. Die aus Schadads Schloß mitgenommenen Schätze setzten mich in den Stand, alle Armen Kahiras königlich zu bewirten. Dies tat ich auch fortwährend, mächtiger Sultan, bis meine Nachbarn mich als einen verdächtigen Menschen anzeigten und der Polizeipräfekt mich hierher beschied. Nun, gelobt sei Gott, der mich in deine Nähe geführt, denn schon längst suchte ich eine Gelegenheit, dir das mächtige Zauberschwert zu schenken, das dir gewiß in allen deinen Kriegen gegen die Ungläubigen den Sieg verschaffen wird.« Der Sultan Zaher nahm Djaudars Geschenk mit Dank an und lebte fortan mit ihm in der vertrautesten Freundschaft. »Ich selbst«, sagte der Dichter Hasan aus Andalusien, der Verfasser dieses Buches, »lernte Djaudar auf meiner Reise nach Kahira kennen und erfuhr von ihm selbst alle Abenteuer seines Lebens; auch stellte er mich dem Sultan Zaher vor, bei dem er wie ein Bruder ein- und ausging. Ich schrieb aber alles nieder, was mir Djaudar erzählte, weil ich es würdig fand, der Nachwelt überliefert zu werden.« Das ist alles, was uns von dem Leben Djaudars zugekommen. Gepriesen sei Gott und gegrüßt sein Prophet Mohammed und dessen Verwandte und Gefährten. Die listige Dalilah. Zur Zeit des Kalifen Harun Arraschid lebten zwei schlaue und listige Männer, welche so außerordentliche Taten vollbrachten, daß der Kalif sie als Polizeipräfekten anstellte und jedem von ihnen eine Wache von vierzig Mann zur Verfügung stellte. Jeder erhielt auch ein Ehrenkleid vom Kalifen und ein monatliches Gehalt von tausend Dinaren nebst freier Tafel. Als dies Seinab, die Tochter des verstorbenen Polizeipräfekten, hörte, sagte sie zu ihrer Mutter Dalilah: »Sieh einmal, wie der Kalif zwei hergelaufene Männer begünstigt, während wir ohne Ansehen und ohne Gehalt ein ärmliches Leben führen müssen.« Dalilah, welche durch ihre List und Schlauheit eine Schlange aus ihrem Nest zu locken wußte, und bei der Iblis (der Teufel) selbst noch hätte Unterricht nehmen dürfen, antwortete ihrer Tochter: »Habe nur Geduld, ich werde Streiche ausführen, die meinen Ruf bald über den der beiden jüngst ernannten Polizeipräfekten Ahmed Denf und Hasan Schuman erheben werden, so daß der Kalif mir das Gehalt meines seligen Gatten wird fortbezahlen lassen.« – Sie verschleierte sich hierauf, zog ein wollenes Kleid mit einem breiten Gürtel an, wie die sich Gott weihenden Frauen zu tragen pflegten, nahm eine Waschkanne und füllte sie mit Wasser, in das sie auch einige Goldmünzen legte, die sie mit Palmblättern bedeckte, dann in die andere Hand einen ungeheuer großen Rosenkranz und eine Fahne mit roten und gelben Lumpen behängt. So ging sie in den Straßen Bagdads umher und sagte die frommsten Sprüche her, während sie in ihrem Herzen auf Trug und Verrat sann. Endlich blieb sie vor dem Haus des Obersten der Leibwache des Kalifen stehen. Dieser Mann war unermeßlich reich, er bezog ein starkes Gehalt aus der Staatskasse und besaß nebenbei noch viele Häuser und Güter. Das Haus, welches er mit seinem Harem bewohnte, war eines der schönsten Bagdads. Er war aber in seiner Ehe nicht glücklich, denn seine Gattin, welche er sehr liebte, gebar ihm kein Kind, und er hatte ihr in der Hochzeitsnacht schwören müssen, daß er nie eine zweite heiraten wollte. Gerade an dem Tag, wo Dalilah vor seinem Haus stand, hatte er, als einige seiner Freunde mit ihren schönen Kindern den Diwan besuchten, seiner Gattin über den Eid, den er ihr hatte schwören müssen, bittere Vorwürfe gemacht und sie in übler Laune verlassen. Seine Frau stand am Fenster, wie eine Braut geschmückt und mit den kostbarsten Edelsteinen an Hals, Ohren und Fingern beladen. Als Dalilah sie sah, sagte sie: »Diese Frau muß ich aus dem Haus ihres Gatten entführen und ihr ihren ganzen Schmuck ausziehen.« Sie fing dann an, Gott zu loben und zu preisen, bis die junge Frau aufmerksam auf sie wurde, und in der Hoffnung, vielleicht durch ihren Segen von Gott mit einem Kind beschenkt zu werden, ihrem Pförtner befahl, ihr die Tür zu öffnen. Der Pförtner, ein armer Mann, der schon drei Monate keinen Lohn von seinem Herrn erhalten hatte, öffnete die Tür und bat Dalilah um einiges Wasser aus ihrer geweihten Kanne. Sie schüttelte sie so, daß die Palmblätter wegflogen und einige Goldmünzen herausfielen, und als sie der Pförtner ihr zurückgeben wollte, sagte sie: »Die hat dir Gott beschert, ich habe nichts mit irdischen Gütern zu tun.« Er führte hierauf Dalilah zu seiner Herrin, welche so vielen Schmuck an sich hatte, daß sie Dalilah wie ein Schatz erschien, dessen ihn verhüllende Talismane plötzlich ihre Kraft verloren. Die Hausherrin begrüßte Dalilah und bewillkommte sie freundlich und ließ ihr zu essen bringen. Dalilah sagte aber: »Ich faste das ganze Jahr hindurch bis auf fünf Tage, und auch des Abends esse ich nur von den Speisen des Paradieses, die mir einige Heilige meiner Bekanntschaft verschaffen. Aber du, edle Frau, siehst sehr betrübt aus; was fehlt dir denn, da du doch so von Glanz und Reichtum umgeben und noch so jung und schön bist?« – »O Mutter«, antwortete die Hausherrin, »ich ließ in meiner Hochzeitsnacht meinen Gatten schwören, daß er nie eine andere Frau zu mir nehmen würde; nun möchte er aber Kinder haben, die nicht in meiner Macht liegen, ihm zu geben, und er drohte mir, bei seiner Rückkehr von einer Reise, die er eben unternommen, trotz seines Eides noch eine andere zu heiraten; tut er dies aber, und erhält er Kinder von einer anderen Frau, so werden sie alle seine Güter und seine Schätze einst erben, und ich werde arm und verlassen bleiben.« – »Hast du denn noch nichts von dem heiligen Abu Hamlat gehört«, fragte Dalilah im Ton des Erstaunens, »den noch keine unfruchtbare Frau besucht hat, die nicht bald nachher Kinder geboren hätte?« – »Ich bin seit meiner Vermählung weder zur Freude noch zur Trauer ausgegangen«, antwortete die Hausherrin, »und weiß nichts von Abu Hamlat.« – »So folge mir sogleich«, versetzte Dalilah, »ich kenne ihn gut und werde ihn bitten, daß er für dich alle seine Frömmigkeit aufbiete, um von Gott die Erfüllung deines Wunsches zu erlangen. Du aber mußt mir versprechen, daß, wenn du einen Sohn oder eine Tochter gebärst, du sie ganz für Gott erziehest.« Die Frau ließ sich überreden, mit ihr zu gehen, und der Pförtner, den seine Goldmünzen nicht an der Frömmigkeit Dalilahs zweifeln ließen, bestärkte sie in ihrem Vertrauen auf dieselbe. Als Dalilah mit ihr auf der Straße war, dachte sie an nichts anderes, als ihr die kostbaren Kleider und den reichen Schmuck, mit dem sie ausging, auf eine geschickte Weise abzunehmen. Sie ging nun voran und hieß des Obersten Frau ihr in einiger Entfernung folgen, damit sie nicht gestört werde, wenn die Leute sich mit ihren Anliegen um sie drängen. Da kamen sie an dem Laden eines jungen Kaufmanns vorüber, welcher Hasan hieß und noch unverheiratet war, dieser sah ihr mit so verlangendem Blick nach, daß Dalilah es merkte. Sie hieß die Frau des Obersten auf eine Bank vor dem Laden Hasans sich niederlassen, so daß dieser sie gut sehen konnte. Dann begab sie sich zu ihm und fragte ihn: »Bist du der Kaufmann Hasan, der Sohn Muhsins?« – »Der bin ich«, antwortet Hasan; »doch woher kennst du meinen Namen?« – »Gute Leute«, versetzte Dalilah, »haben mich mit deinem Namen bekannt gemacht. Wisse, dieses Mädchen ist meine Tochter; ihr Vater ist vor kurzem gestorben; er war ein reicher Kaufmann und hat ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen. Da sie nun das Alter erreicht hat, wo Mädchen zu heiraten pflegen, sagte mir mein Herz, ich sollte dich zu meinem Schwiegersohn wählen; was sagst du dazu?« – »Schon oft«, erwiderte Hasan, »schlug mir meine Mutter diese und jene als Braut vor, aber ich konnte mich nie dazu entschließen, mich zu verloben, ohne meine Braut vorher zu sehen; ich werde daher auch deinen Antrag nur annehmen, wenn du mir gestattest, deine Tochter zu entschleiern.« – »Das sollst du«, versetzte Dalilah; »folge mir nur in einiger Entfernung!« Hasan schloß seinen Laden und steckte für den Notfall einen Beutel mit tausend Dinaren zu sich. Die Alte ging voran; eine Strecke hinter ihr folgte die Frau des Obersten und dann Hasan, bis sie vor den Laden eines Färbers kamen, von dem Dalilah wußte, daß er eine Wohnung zu vermieten habe. Hier blieb sie stehen, grüßte ihn und sagte ihm: »Da in meinem Haus einige Reparaturen vorgenommen werden müssen und ich vernommen habe, daß du ein Haus zu vermieten hast, so bin ich zu dir gekommen, um dich zu fragen, ob du mir es auf einige Zeit vermieten willst.« – »Recht gern«, antwortete der Färber; »jedoch nur unter der Bedingung, daß ein Zimmer des Hauses für unsere gemeinschaftlichen Gäste bleibe.« – »Schicke mir nur so viel Gäste du willst, sie sollen eine freundliche Bewirtung bei mir finden.« Der Färber übergab ihr dann die Schlüssel zu seinem Haus, das sehr weit von der Färberei lag. Dalilah führte nun zuerst die Frau des Obersten in das gemietete Haus, indem sie sagte: »Hier wohnt Scheich Abu Hamlat«, und schloß sie in ein Zimmer ein; dann holte sie Hasan, der vor der Tür wartete, führte ihn in ein anderes Gemach und sagte ihm: »Warte hier, ich werde dir bald meine Tochter bringen, dann kannst du sie entschleiert sehen.« Hierauf kehrte sie wieder zur Frau des Obersten zurück und sagte ihr: »Wisse, meine Tochter, du kannst so nicht den Scheich Abu Hamlat besuchen, denn mein Sohn, welcher sein Vikar ist, würde dir deinen Schmuck und deine schönen Kleider vom Leibe herabreißen, du kannst nur in einem einfachen Unterkleid vor ihm erscheinen, wenn du seinen Segen erlangen willst.« Die Frau des Obersten legte sogleich ihren Schmuck, ihren Gürtel und ihr Oberkleid ab; Dalilah nahm alles und verbarg es hinter die Treppe. Sie begab sich wieder zu Hasan, und als er sie fragte: »Wo ist denn meine Braut?« schlug sie sich ins Gesicht und schrie: »Gott verdamme alle bösen Nachbarn! Gäbe es doch keinen neidischen Menschen! Denke einmal: Als die Nachbarn mich mit dir in meine Wohnung kommen sahen und von meiner Tochter hörten, du solltest ihr Bräutigam werden, sagten sie ihr, du wärest aussätzig, so daß sie schwor, sie werde nicht eher einwilligen, bis sie deine Arme und deine Brust entblößt gesehen. Ich bitte dich daher, ziehe dein Oberkleid aus, damit sie sich von der Verleumdung dieser bösen Menschen überzeuge.« Hasan tat, was Dalilah von ihm forderte, und diese verließ ihn mit dem Oberrock, in welchem der Beutel mit tausend Dinaren war, nahm schnell Schmuck und Kleider der Frau, weiche sie hinter der Treppe verborgen hatte, band alles zusammen und ging damit zum Färber. »Nun, wie gefällt dir mein Haus?« frage sie dieser. »Recht gut«, antwortete Dalilah: »Ich werde sogleich meine Effekten dahin bringen lassen. Du würdest mir aber einen großen Gefallen tun, wenn du in meine Wohnung gehen wolltest, um zugegen zu sein, wenn die Träger meine Mobilien, Bett und Weißzeug bringen; hier hast du auch einen Dinar; kaufe einige Speisen dafür und verzehre sie mit den Trägern.« Der Färber beauftragte seinen Jungen, auf den Laden achtzugeben, und ging mit dem Dinar fort. Als er aber fern war, sagte Dalilah zu dem Jungen, den er zurückgelassen, er sollte zu seinem Herrn gehen, und erbot sich, so lange den Laden zu bewachen. Sobald sie aber allein in der Färberei war, packte sie alle Stoffe und Kleider, die in der Färberei waren, zusammen, rief einem Eseltreiber, der eben vorüber ging, und sagte ihm: »Warte hier in der Färberei, bis ich mit dem Esel zurückkehre: ich will nur diese Sachen nach Hause bringen, denn der arme Färber hier, mein Sohn, ist verschuldet, und der Kadhi wird heute noch daher schicken, um alles, was sich hier befindet, aufnehmen zu lassen; zerstöre nur Kessel und Öfen und alles, was zur Färberei dient, damit diese Leute nichts von Wert mehr darin finden.« Der Eseltreiber vertraute Dalilah seinen Esel an, und so machte sie sich auf, mit einem Esel, beladen mit dem Besten, was in der Färberei war, mit den tausend Dinaren Hasans und seinen und der Frau des Obersten Kleidern und Schmuck, und erzählte ihrer Tochter Seinab, wie sie auf einmal vier glückliche Streiche ausgeführt. So viel, was Dalilah angeht. Der Färber aber, der, ehe er in seine vermietete Wohnung ging, Fleisch und Brot einkaufte und damit wieder vor seiner Färberei vorbeikam, war sehr betroffen, als er einen Eseltreiber fand, der alle Häfen zusammenschlug, und als er die zum Trocknen und Färben umherhängenden Stoffe nicht mehr fand. »Wie kommst du daher und was tust du hier?« fragte ihn der Färber, vor Zorn außer sich. »Ich bin auf Befehl deiner Mutter hier«, antwortete der Eseltreiber, »die, um deine Waren vor dem Kadhi zu retten, sie auf meinem Esel in ihr Haus bringt; sie hat mir auch gesagt, ich möchte alles im Haus zerstören, damit nichts von Wert in die Hände des Gerichtes falle.« Als der Färber dies hörte, schlug er sich auf die Brust und schrie: »Gott beschäme alle Spitzbuben! Meine Mutter ist längst tot und ich bin niemandem etwas schuldig; wehe mir, meine Stoffe!« Da fing der Eseltreiber auch zu weinen an und schrie: »Wehe mir, mein Esel! Von dir fordere ich ihn!« Der Färber hingegen forderte seine Ware von dem Eseltreiber, und so zankten sie miteinander herum, bis alle Nachbarn zusammenliefen und mit ihnen nach dem gemieteten Haus gingen, wo Hasan und die Frau des Obersten waren. Nachdem letztere Dalilah lange vergebens erwartet hatte, ging sie allein in das Zimmer Hasans, den sie für Abu Hamlats Vikar hielt. Hasan freute sich, als er die Frau des Obersten endlich kommen sah, und fragte sie nach ihrer Mutter. »Meine Mutter«, antwortete sie, »ist längst tot, was willst du von der?« – »Ist die Alte, welche mich hierher führte, um mich mit dir zu verloben, nicht deine Mutter?« fragte Hasan erstaunt. »Gewiß nicht«, erwiderte die Frau; »mir sagte sie, du seiest ihr Sohn und segnest unfruchtbare Frauen an Abu Hamlats Stelle.« – »Ich sah sie heute zum ersten Male«, versetzte Hasan, »und gewiß ist sie eine Gaunerin, die nur meine Kleider und mein Geld haben wollte; aber von dir fordere ich alles zurück, denn hätte ich dich nicht bei ihr gesehen, ich wäre ihr nicht gefolgt.« Die Frau hingegen sagte: »Du mußt mir meine Kleider und meinen Schmuck ersetzen, du bist im Einverständnis mit deiner Mutter.« So stritten sie miteinander, als der Färber und der Eseltreiber zu ihnen hereintraten und sie nach ihrer Mutter fragten. Als sie aber hörten, daß auch sie von der Alten betrogen worden, gingen sie zusammen zum Gouverneur und erzählten ihm, was ihnen widerfahren. »Was kann ich tun?« sagte der Gouverneur; »es gibt ja so viele alte Weiber in Bagdad; geht und sucht sie auf, wenn ihr mir sie herbringt, so will ich sie bestrafen und euch das Eurige zurückerstatten lassen.« Während diese nun in der ganzen Stadt umherliefen, um Dalilah aufzusuchen, saß sie ruhig bei ihrer Tochter Seinab und sagte ihr: »Mich gelüstet nach neuen Streichen.« – »Wie«, sagte Seinab, »du wagst es, nach deinen letzten Streichen dich noch in Bagdad zu zeigen?« – »Ich fürchte nichts«, antwortete Dalilah; »ich gleiche Bohnenabfall, dem weder Feuer noch Wasser schadet.« Sie kleidete sich hierauf als Dienerin eines vornehmen Hauses und lief in der Stadt umher, bis sie vor ein Haus kam, wo eine Amme mit einem Kind auf dem Arm stand, das ein golddurchwirktes Kleid trug, eine goldene Kette mit Edelsteinen am Hals und einen Tarbusch mit Perlen besetzt auf dem Haupt hatte. Es war der Sohn des Obersten der Kaufleute, in dessen Haus die Verlobung, seiner einzigen Tochter gefeiert wurde. »Ich höre Gesang und Musik oben«, sagte Dalilah zur Amme, »warum stehst du denn vor der Tür?« – »Meine Herrin«, antwortete die Amme, »hat mich heruntergeschickt, weil viele Damen bei ihr sind, um ihr zur Verlobung ihrer Tochter Glück zu wünschen, und das Kind, sobald es seine Mutter sieht, nicht ihren Arm verlassen will.« – »Also wohnt hier der Oberaufseher der Kaufleute?« versetzte Dalilah; »geh zu deiner Herrin, grüße sie von meiner Gebieterin Um Alchair (Mutter des Guten) und sage ihr, sie lasse ihr Glück wünschen und sie werde am Hochzeitstag sie besuchen, und ihre Putzfrauen beschenken.« Auch gab sie ihr ein falsches Goldstück für die Sängerinnen. »So nimm du einstweilen das Kind,« sagte die einfältige Amme, »denn ich bringe es sonst nicht mehr von seiner Mutter weg.« Dies war alles, was Dalilah wünschte, denn sobald die Amme wegging, zog sie ihm seine Kette und sein golddurchwirktes Kleid aus und nahm ihm seinen Tarbusch ab. Dann dachte sie: Das Kind kann mir noch wenigstens tausend Dinare eintragen. Sie nahm es daher auf den Arm und ging damit auf den Bazar der Goldarbeiter, trat in den Laden eines Juden und sagte ihm: »Die Schwester dieses Kindes, die Tochter des Obersten der Kaufleute, ist heute verlobt worden und bedarf eines Schmuckes; gib mir Ohrringe, Fußringe, Gürtel, Armbänder, Ringe und eine Kette für sie, das zusammen ungefähr tausend Dinare kostet; ich will es meiner Gebieterin zeigen, und wenn es ihr gefällt, dir das Geld bringen. Behalte du einstweilen das Kind.« Da der Jude das Kind kannte, machte er keine Schwierigkeiten und gab Dalilah das Schönste und Wertvollste, das er im Laden hatte, sie aber lief zu ihrer Tochter und erzählte ihr, auf welche Weise sie zu so kostbarem Schmuck gelangt. Die Amme war inzwischen zu ihrer Herrin gegangen und hatte ihr Um Alchairs Glückwünsche überbracht und den Sängerinnen das falsche Gold übergeben. Als diese aber es für Messing erkannten, lief sie schnell wieder hinunter, um ihr Kind zu nehmen, aber Dalilah war längst mit ihm verschwunden. Nun fing die Amme an zu weinen und zu schreien, und erzählte ihrer Herrin, was ihr widerfahren, Das ganze Haus geriet in die größte Bestürzung und das Fest wurde in einen Trauertag verwandelt. Nachdem man vergebens das ganze Haus durchsucht hatte, machte sich der Oberste der Kaufleute selbst mit seinem ganzen Hausgesinde auf den Weg und durchstreifte alle Straßen Bagdads, bis er endlich sein Kind halbnackt in dem Laden des Juden sah. Da sagte er zum Juden: Hier ist ja mein Sohn. – Jawohl, mein Herr, antwortete der Jude. Der Kaufmann, außer sich vor Freude, sein Kind wiedergefunden zu haben, nahm es auf den Arm, ohne zu bemerken, daß es halb nackt war, und wollte damit fortgehen. Da sagte der Jude: Mein Herr, eine alte Frau, die das Kind hier ließ, hat einen Schmuck für tausend Dinare von mir für deine Tochter genommen und mir das Kind als Unterpfand gegeben; nimmst du das Kind weg, so verschaffe mir meinen Schmuck oder tausend Dinare. – Ich weiß nichts von einem Schmuck, noch von einer Alten, du bist betrogen worden. Da schrie der Jude: O Muselmänner, helfet mir, man tut mir Unrecht! Der Kaufmann hingegen, der jetzt erst entdeckte, daß sein Sohn aller seiner Kostbarkeiten beraubt worden, forderte sie vom Juden zurück. Als sie so miteinander stritten, kamen der Färber, der Eseltreiber und Hasan vorüber, welche noch immer Dalilah suchten. Sobald sie die Ursache des Streites zwischen dem Juden und dem Kaufmann hörten, sagten sie: Gewiß ist dies ein Streich von derselben Alten, die auch uns betrogen hat. Der Kaufmann sagte hierauf: Ich freue mich so sehr, mein Kind wieder zu haben, daß ich seine Kleider leicht verschmerze. Der Jude aber schloß sich den anderen Betrogenen an, um Dalilah aufzusuchen; er riet ihnen aber, sich zu trennen, um sie desto eher zu finden. »Bei dem Barbier Mahmud«, sagte er, »wollen wir, jeder von einem anderen Weg her, wieder zusammenkommen.« Der Eseltreiber war kaum eine Straße weit allein gegangen, als er die Alte in einem anderen Aufzug sah. Er erkannte sie aber wieder, sprang auf sie zu und forderte seinen Esel von ihr. »Dein Esel«, antwortete sie ganz unbefangen, »steht bei dem Barbier Mahmud samt dem Mietlohn; folge mir nur, so will ich ihm sagen, daß er dir ihn gebe.« Sie ging aber eine Strecke weit voran, und ehe noch der Eseltreiber folgte, sagte sie dem Barbier: »Mein Freund, hier kommt mein Sohn, der unglücklich liebte und deshalb seinen Verstand verlor. Er rufet immer, wo er steht und sitzt und geht: Mein Esel! Mein Esel! Nun haben einige Ärzte mir geraten, ihm zwei Backenzähne herausreißen zu lassen, vielleicht würde ihn diese Erschütterung heilen. Hier ist ein Dinar, ich bitte dich, wenn er seinen Esel fordert, ihm zwei Zähne herauszunehmen und ihn wieder fortzuschicken.« Dalilah blieb vor dem Laden des Barbiers stehen, bis der Eseltreiber darin war, dann ging sie fort, und sobald dieser vom Barbier seinen Esel forderte, führte er ihn in ein Nebenzimmer, rief seinen zwei Jungen und befahl ihnen, ihn zu binden; inzwischen holte er sein glühendes Instrument, riß ihm zwei Backenzähne aus und sagte zu ihm: »Hier hast du deinen Esel.« Als der Eseltreiber den Barbier fragte, warum er ihm mit Gewalt Zähne herausgenommen? antwortete er: »Ich habe es auf Befehl deiner Mutter getan und hoffe, daß du dadurch von deiner Geisteskrankheit genesen wirst.« Der Eseltreiber schrie: »Ich habe keine Mutter, und du mußt für den Verlust meiner Zähne und meiner erlittenen Schmerzen mich entschädigen, komm nur mit mir zum Kadhi.« Der Barbier wollte ihm nicht folgen, sie zankten eine Weile auf der Straße miteinander herum; unterdessen schlich Dalilah wieder in den Laden, schleppte das Wertvollste daraus fort und ging zu ihrer Tochter Seinab, um ihr ihre weiteren Streiche zu erzählen. Als der Barbier wieder in seinen Laden kam und vieles daraus vermißte, packte er seinerseits den Eseltreiber und forderte von ihm den Ersatz dessen, was ihm entwendet worden. Der Eseltreiber sah endlich ein, daß sie wieder beide hintergangen worden, und erzählte dem Barbier alle Streiche, welche die Alte schon ausgeführt hatte. In diesem Augenblick stellte sich auch der Jude, der Färber und Hasan ein, und da sie des Eseltreibers Aussage bestätigten, blieb dem Barbier nichts übrig, als seinen Laden zu schließen, und mit ihnen zu gehen, um die Alte aufzusuchen. Da sie aber dieses Mal mit mehr Vorsicht zu Werke gehen wollten, erbaten sie sich vom Gouverneur zehn Soldaten, um sie sogleich ergreifen zu lassen. Die Alte ließ sich von Seinab nicht abhalten, auf neue Beute auszugehen, und sie wandelte gerade um eine Ecke herum, als der Eseltreiber mit seinen zehn Soldaten vor ihr stand. »Dieses Mal«, sagte er, »sollst du mir nicht entkommen«, und befahl sogleich den Soldaten, sie in ihre Mitte zu nehmen und vor den Gouverneur zu führen. Es war schon Abend und der Gouverneur war ausgeritten, sie mußten daher im Hof warten, wohin auch bald der Jude, der Färber, Hasan und der Barbier folgten. Da aber der Gouverneur noch lange ausblieb, und die Soldaten die ganze vorhergehende Nacht durchwacht hatten, schliefen sie ein, die Ankläger aber saßen beisammen in der Nähe des Haustores. Als Dalilah dies sah, schlich sie leise dem Haremgebäude zu, welches im Hinterhof lag und eine kleine Tür nach einer anderen Straße hatte, und fragte nach der Herrin des Harems. Als diese erschien, sagte sie ihr: »Mein Gatte ist Sklavenhändler, und führte eben fünf Sklaven auf den Markt, als dein Gemahl, der Gouverneur, ihm begegnete, sie für tausend Dinare kaufte und ihm befahl, sie hierher zu bringen; da aber mein Gatte abreisen mußte, beauftragte er mich, sie hierher zu führen.« Da der Gouverneur wirklich seiner Frau wenige Tage vorher tausend Dinare für Sklaven gegeben hatte, so zweifelte sie nicht an Dalilahs Aussage, um so weniger, als auf ihre Frage, wo denn die Sklaven wären, Dalilah ihr vom Fenster den Eseltreiber, den Färber, den Barbier, den Juden und Hasan zeigte, welche alle recht stattlich aussahen und der Frau des Gouverneurs recht gut gefielen. Sie öffnete daher ihre Kiste und gab Dalilah tausend Dinare als Kaufpreis und schenkte ihr noch zweihundert Dinare für sie. Dalilah bat sie, ihr die geheime Tär öffnen zu lassen, weil sie dann einen großen Umweg ersparte, und so entkam sie ungesehen wieder aus dem Haus, und eilte zu ihrer Tochter Seinab, welche mit Erstaunen hörte, auf welche listige Weise ihre Mutter nicht nur der Gefahr entronnen, sondern sogar mit neuer Beute heimgekehrt. Als der Gouverneur bald darauf nach Hause kam, sagte ihm seine Frau: »Ich freue mich sehr mit den Mamelucken, die du gekauft.« – »Was für Mamelucken?« fragte der Gouverneur erstaunt, »ich habe bei dem Leben meines Hauptes keinen Mamelucken gekauft.« – »Du scherzest«, versetzte die Frau, »die Alte war bei mir, und ich bezahlte ihr tausend Dinare, und die Mamelucken sitzen da unten im Hof, ich habe den Pförtner beauftragt, sie zu bewachen.« Der Gouverneur ging in den Hof und sah niemanden als die fünf Ankläger Dalilahs, und als er den Pförtner nach den fünf Mamelucken fragte, sagte er, er wisse nichts von Sklaven, es sei nur eine Sklavin aus dem Harem gekommen, die ihm sagte, er möge auf die fünf Menschen acht geben, die mit der Alten gekommen, und das habe er auch getan. Als der Gouverneur dies hörte, sagte er zu den Anklägern: »Nun seid ihr meine Sklaven; denn ihr habt die Alte hergebracht, ohne euch hätte sie meiner Frau kein Geld entlocken können.« Diese schrien aber: »Von dir fordern wir, was die Alte uns entwendet hat, denn wir brachten sie gefangen her, deine Soldaten sind eingeschlafen und deine Gattin hat sie entschlüpfen lassen.« Auch der Oberst der Leibwache, der inzwischen von seiner Reise zurückgekehrt war und von seiner Frau hörte, wie sie ihren Schmuck und ihre Kleider verloren, eilte jetzt herbei und sagte zum Gouverneur: »Du mußt mir alles ersetzen, denn du solltest dafür sorgen, daß keine solche Spitzbübin sich in Bagdad aufhalte.« – »So wartet nur einige Tage«, sagte der Gouverneur, »wir wollen sie schon wieder ertappen, dann lasse ich sie gleich hängen.« Am folgenden Morgen gab er dem Eseltreiber, der sie am besten kannte, wieder zehn Soldaten mit und befahl ihm, die Alte aufzusuchen. Gegen Mittag begegnete er ihr auf der Straße, ließ sie ergreifen und wieder zum Gouverneur führen. Da dieser gerade ausreiten wollte, befahl er dem Kerkermeister, sie einzusperren; dieser sagte aber: »Ich übernehme keine solche Verantwortlichkeit, dieses Weib ist ein wahrer Teufel, sie wird mir entkommen und dann muß ich für sie büßen.« Der Gouverneur ritt deshalb selbst mit der Alten und den Soldaten ans Ufer des Tigris, und befahl dem Scharfrichter, sie an den Haaren aufzuhängen. Der Scharfrichter tat, wie ihm befohlen wurde, und die zehn Soldaten blieben zu ihrer Bewachung zurück. Diese schliefen aber bald wieder ein, und glaubten es um so eher tun zu können, als Dalilah sich unmöglich allein losmachen konnte. Da kam ein Beduine vorübergeritten, welcher zu sich selbst sagte: »Wie freue ich mich, auch einmal nach Bagdad zu kommen, wie will ich mich an den Bagdader Honigkuchen laben!« Als Dalilah dies hörte, sagte sie: »Schütze mich, verehrter Scheich der Araber!« – »Du stehst unter Gottes Schutz«, antwortete der Beduine, »doch hast du gewiß ein Verbrechen begangen, weil du so dahängst.« – »Mein Vergehen ist sehr gering«, erwiderte Dalilah; »ich wollte bei einem Zuckerbäcker, der mein Feind ist, etwas kaufen, da spuckte ich aus und traf einen Honigkuchen, worauf er mich bei dem Richter verklagte. Der Richter sprach: Diese Frau muß hängend zehn Pfund Honigkuchen essen, und so lange hängen bleiben, bis sie sie verzehrt hat. Da ich aber keinen Honigkuchen hinunterbringen kann, so muß ich hier sterben, wenn du mir nicht hilfst.« Der Beduine sagte hierauf freudig zu Dalilah: »Gib mir den Kuchen her, ich will ihn gleich für dich essen.« – »Ja, das hilft nur«, versetzte Dalilah, »wenn du ihn hängend ißt, sonst wird mir meine Strafe nicht erlassen.« Der Beduine entkleidete sich hierauf und zog das Gewand der Alten an, und ließ sich an den Haaren von ihr aufhängen. Sie aber nahm schnell seine Kleider und seine Kopfbinde, setzte sich auf sein Pferd und sprengte davon zu ihrer Tochter Seinab. Als der Beduine eine Weile dahing, und die Alte mit dem Kuchen nicht kommen sah, rief er: »Wo bleibt denn der Kuchen?« Die Soldaten aber die aus ihrem Schlaf erwachten und den Beduinen am Baume sahen, fragten ihn: »Was tust du hier und wo ist die Alte hingekommen?« – »Ich habe die Alte losgebunden«, antwortete der Beduine, »weil ich statt ihrer den Honigkuchen essen will, den sie nicht ertragen kann.« Sie merkten aus dieser Antwort, daß die Alte sie abermals hintergangen. Nun waren sie unschlüssig darüber, ob sie den Beduinen länger hier bewachen oder die Flucht ergreifen sollten, als auf einmal der Gouverneur erschien und ihnen sagte: »Bindet Dalilah los und führet sie vor Gericht!« – »Hast du den Honigkuchen?« fragte ihn der Beduine. Als der Gouverneur den ihn Fragenden ansah, und statt einer alten Frau ein junges Männergesicht sah, sagte er zu seinen Soldaten: »Was habt ihr getan?« Sie erzählten ihm hierauf, wie sie eingeschlafen und erst beim Erwachen den Beduinen an Dalilahs Stelle fanden; und baten ihn um Gnade. »Ihr habt nichts zu befürchten«, sagte ihnen der Gouverneur; »dieser Gaunerin ist niemand gewachsen, bindet nur den armen Beduinen los.« Sobald dieser frei war, fiel er dem Gouverneur zu Füßen und sagte: »Gott beschütze um deinetwillen den Kalifen! Verschaffe mir doch mein Pferd und meine Kleider wieder, ich wußte ja nicht, daß diese Frau eine Spitzbübin war, sonst hätte ich sie nicht losgebunden.« Bald darauf kamen auch der Färber, der Jude, Hasan, der Barbier, der Eseltreiber und der Oberste der Leibwache herbei, um zu sehen, was nun mit Dalilah vorgehen werde, und als sie hörten, sie sei wieder entronnen, fielen sie über den Gouverneur her, forderten von ihm den Ersatz ihres Verlustes und verklagten ihn beim Kalifen. Sie gingen hierauf ins Schloß des Kalifen und ein jeder erzählte ihm, wie er von Dalilah bestohlen worden. Als sie vollendet hatten, sagte der Kalif zu dem Gouverneur: »Womit kannst du dich entschuldigen?« – »Damit«, antwortete er, »daß sie mich selbst um zwölfhundert Dinare gebracht hat, indem sie meiner Frau diese fünf freien Menschen als Sklaven verkaufte.« – »Du mußt mir diese Alte herbringen«, sagte der Kalif, »ich fordere sie von dir als Gouverneur.« – »Fordere lieber mein Leben«, versetzte der Gouverneur, »als diese Alte, die schon an einem Baum hing und sich wieder zu befreien wußte. Das ist ein Geschäft für Ahmed Denf oder Hasan Schuman, die ein Gehalt von zwölfhundert Dinaren jährlich beziehen und einundvierzig geheime Agenten zu ihrer Verfügung haben, deren jeder ein Monatsgehalt von hundert Dinaren bezieht.« – »Du hast recht«, sagte der Kalif, »es ist die Sache meiner Polizeipräfekten, ihrer habhaft zu werden«, und ließ sogleich Ahmed Denf rufen, und befahl ihm, die Alte zu bringen, welche alle diese Männer bestohlen. Ahmed, der Dalilah nicht genau kannte, wollte seinen Kollegen Hasan Schuman zu Rate ziehen, aber einer seiner Leute hielt ihn davon ab und verbürgte ihm die Gefangennehmung Dalilahs. Ahmed teilte nun seine Leute in vier Abteilungen, und sie zogen je zehn in der Stadt herum, um Dalilah aufzusuchen. Da man bald in der ganzen Stadt davon sprach, so erfuhr auch Dalilah, daß man ihr aufpasse; aber Seinab, weit entfernt, sich zu fürchten, sagte zu ihrer Mutter: »Dieses Mal will ich es mit der Polizei aufnehmen: Kleider und Waffen Ahmeds und seiner Einundvierzig sollen heute noch meine Beute werden.« Sie zog sich hierauf sorgfältig an, ging zu einem Drogisten, von dem sie wußte, daß er eine Wohnung mit doppeltem Eingang zu vermieten hatte, gab ihm einen Dinar und sagte ihm: »Vermiete mir für dieses Geld deine Wohnung nur bis auf heute Abend.« Als er ihr den Schlüssel gab, ließ sie einige Speisen und Getränke, einen Diwan und Teppiche hineinbringen; dann stellte sie sich nur halb verschleiert vor die Tür, bis Ali, einer von Ahmeds Unteroffizieren, mit seinen zehn Polizeidienern vorüberkam; da ging sie auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Ali sah ihr ins Gesicht, und da sie sehr hübsch war, fragte er sie in einem freundlichen Ton, was sie begehre. »Bist du Ahmed Denf?« fragte Seinab in schüchternem Ton. »Nein«, antwortete Ali; »aber er ist mein Vorgesetzter und wenn du irgend ein Anliegen hast, so kannst du es mir ebensogut vortragen. Wer bist du denn?« – »Mein Vater war Wirt in Moßul«, antwortete Seinab, »und hinterließ bei seinem Tod ein so großes Vermögen, daß ich aus Furcht vor den Gerichten mit meinem Geld hierher floh, und hier möchte ich gern des Schutzes Ahmed Denfs mich versichern, weil ich hörte, daß er nach dem Kalifen die mächtigste Person in Bagdad wäre.« – »Du kannst dich auf ihn verlassen«, sagte Ali. »Wenn du wahr sprichst«, versetzte Seinab, »so wirst du mit deinen Leuten mir wohl die Ehre erweisen, einen Bissen bei mir zu essen und einen Trunk Wein dazu zu nehmen.« Sie führte sie hierauf in ein Gemach und gab ihnen zu trinken, bis sie halb berauscht waren; dann mischte sie einen Schlaftrunk in den Wein, und sie sanken einer nach dem anderen wie tot zu Boden. Hierauf stellte sie sich wieder vor die Tür, bis die anderen Zehn vorüberkamen, lockte sie in ein anderes Zimmer und verfuhr mit ihnen, wie mit den ersten. Dasselbe tat sie auch mit der dritten und vierten Abteilung, an deren Spitze Ahmed Denf selbst stand. Sie zog dann einem nach dem anderen seine Kleider und Waffen aus, lud sie auf den Esel des Eseltreibers und ging damit zu ihrer Mutter. Als Ahmed erwachte und sich und seine Leute halb nackt sah, schrie er: »Wehe mir! Ich ging aus, um die listige Dalilah gefangenzunehmen: Nun hat sie mich und alle meine Leute zum besten gehabt. Mit welchem Gesicht werde ich vor dem Kalifen erscheinen?« Nun blieb ihm nichts mehr übrig, als sich an Hasan Schuman zu wenden und seinen Beistand anzuflehen. Hasan sagte ihm: »Sei ohne Sorge, vor Abend bringe ich die Alte vor den Kalifen; aber vorher muß er mir ihre Gnade versprechen, denn diese Frau ist keine Diebin, sie hat gewiß alle diese Streiche nur vollbracht, um Beweise von ihrer Gewandtheit und Schlauheit zu geben.« Sie begaben sich hierauf zusammen zum Kalifen und als er Ahmed fragte, wo die Alte sei, antwortete er: »Ich kann sie nicht finden; beauftrage Hasan, sie gefangenzunehmen, der kennt sie besser als ich.« – »Ich bürge für alles, was den Leuten von Dalilah entwendet worden«, hob Hasan an, »und bringe dir Dalilah her, wenn du sie begnadigen willst, denn sie ist keine gewöhnliche Diebin.« – »Bei meinen Ahnen!« schwor der Kalif, »wenn sie den Leuten das Ihrige zurückgibt, so begnadige ich sie; hier hast du ein Gnadentuch für sie, bringe es ihr!« Hasan verließ den Kalifen, und in wenigen Stunden hatte er Dalilahs Wohnung ausgemittelt. Er begab sich mit einigen seiner Leute vor ihr Haus und klopfte an der Tür. Seinab fragte: »Wer da?« – »Hasan Schuman!« antwortete er. »Im Namen des Kalifen, wo ist deine Mutter?« Als Dalilah, welche oben war, dies hörte, sagte sie zu Seinab: »Jetzt sind wir gefangen; gegen Hasan Schuman vermag ich nichts mehr. Sage ihm nur die Wahrheit, da kommen wir noch am besten durch.« – »Meine Mutter ist hier«, rief Seinab zum Fenster hinunter; »was willst du von ihr?« – »Sie komme mit mir zum Kalifen und bringe alles mit, was sie den Leuten entwendet hat, dann wird der Kalif sie begnadigen; weigert sie sich aber, dies zu tun, so klage sie nur sich selbst an, wenn es ihr schlimm geht.« Dalilah kam herunter, knüpfte das Gnadentuch um den Hals und lud die entwendeten Kleider und Stoffe auf den Esel des Eseltreibers und das Pferd des Beduinen, nahm einen Beutel voll Gold in die Tasche und wollte Hasan folgen. Hasan untersuchte alles; da er aber noch die Kleider und Waffen Ahmeds und seiner Einundvierzig vermißte, fragte er sie, warum sie diese zurückgelassen. Sie antwortete: »Die hat meine Tochter ausgezogen, nicht ich.« Sie gingen nun miteinander zum Kalifen und legten alles vor ihn hin, was dem Juden, dem Obersten der Leibwache, dem Färber, dem Barbier, dem Beduinen, dem Eseltreiber und Hasan gehörte, und jeder nahm das Seinige zurück. Aber der Färber rief: »Wer ersetzt mir meine zugrunde gerichtete Färberei?« Auch der Eseltreiber schrie: »Wer bezahlt mir meine erlittenen Schmerzen und wer erstattet mir meine Zähne wieder?« Der Kalif lachte und ließ jedem hundert Dinare bezahlen. Dann fragte er Dalilah: »Warum hast du den Leuten so viel auf einmal entwendet?« – »Nicht aus Begierde«, antwortete Dalilah, »nach dem, was anderen gehört, sondern weil ich so viel von der Gewandtheit Ahmeds und Hasans hörte, daß ich zeigen wollte, daß ich ihnen in nichts nachstehe.« – »Und was wünschest du?« fragte der Kalif. »Mein Vater«, antwortete Dalilah, »war Richter in Bagdad; ich beschäftigte mich, Tauben zu Briefträgern zu erziehen, und mein Gatte war Polizeipräfekt. Ich möchte nun für mich den Gehalt meines Vaters und für meine Tochter den meines Gatten beziehen.« – »Und was wollt ihr dafür leisten?« fragte der Kalif. »Ich will die Oberaufseherin deines großen Chans sein.« Der Kalif hatte nämlich einen Chan für Kaufleute errichten lassen, welcher dreißig Wohnungen enthielt; vierzig Sklaven waren zur Bewachung desselben und zur Bedienung der darin wohnenden Kaufleute angestellt, und vierzig Hunde wurden unterhalten, um ihn vor jedem Einbruch bei Nacht zu schützen; auch war ein eigener Koch angestellt, um diese Sklaven und Hunde zu füttern. »Meiner Tochter aber, welche noch besser als ich die Leitung der Taubenpost versteht, räume das Schlößchen vor dem Chan ein, daß sie dort mit der Erziehung der Tauben sich beschäftige und die Versendung deiner geheimen Briefe besorge.« Der Kalif ernannte sogleich Dalilah zur Oberaufseherin des Chans und vertraute Seinab die Leitung der Taubenpost an. Das ist's, was wir von den Streichen der listigen Dalilah wissen. Nicht minder merkwürdig sind aber die damit zusammenhängenden Streiche des Ägypters Ali. Salih, der Polizeipräfekt von Kahirah, der vierzig Agenten zu seiner Verfügung hatte, gab sich alle mögliche Mühe, um seiner habhaft zu werden, aber vergebens; er erhielt deshalb auch den Beinamen Quecksilber, weil er, sooft man ihn zu haschen glaubte, wieder entrann. Eines Tages, als er sehr verstimmt war, ging er, um sich zu erheitern, in ein Weinhaus, ließ sich ein besonderes Zimmer geben und trank so viel Wein, bis er ihm in den Kopf stieg. Dann ging er wieder auf die Straße, da kam ein Mann vorüber, welcher Zibebenwasser ausrief. »Komm her«, rief ihm Ali zu, »und gib mir zu trinken.« Der Wasserträger füllte einen Becher voll und reichte ihn Ali; aber er goß ihn auf die Erde und forderte einen anderen Becher voll. Der Wasserträger füllte ihn wieder; aber Ali goß ihn wieder aus, ließ sich einen dritten Becher von reichen und schüttete auch diesen auf die Erde. Da sagte der Wasserträger: »Wenn du nicht trinken willst, so gehe deines Weges.« Ali ließ sich noch einmal den Becher füllen, nippte ein wenig daran und gab ihn dem Wasserträger mit einem goldenen Dinar zurück. Der Wasserträger sah ihn spottend und mit unzufriedener Miene an. Da griff Ali nach seinem Dolch und sagte ihm: »Wehe dir, was spottest du meiner? Du hast mir drei Becher voll Wasser gereicht, die höchstens drei Drachmen wert sind, und ich habe dir dafür einen Dinar geschenkt; was willst du mehr? Ist dir je ein freigebigerer Mensch begegnet, als ich bin?« – »Allerdings«, antwortete der Wasserträger; »ich kenne einen Mann, dessen Freigebigkeit nie übertroffen wird, solange Frauen Kinder gebären. Wisse nämlich, mein Vater war der Oberste der Wasserträger in Kahirah und hinterließ mir bei seinem Tod fünf Kamele, ein Maultier, einen Laden und ein Haus. Aber der Arme wird selten reich, und wenn er reich ist, so stirbt er. Bald nach seinem Tod entlehnte ich fünfhundert Dinare; ich wollte nämlich nach Mekka pilgern und von dort einige in Ägypten gangbare Waren mitbringen. Ich verlor aber auf dem Weg mein Geld und wagte es wegen meiner Schulden nicht, nach Ägypten zurückzukehren. Ich schloß mich daher der syrischen Karawane an bis Haleb (Aleppo), und von hier ging ich nach Bagdad, fragte nach dem Obersten der Wasserträger und erzählte ihm, was mir widerfahren. Der Oberste gab mir einen Schlauch und die übrigen Gerätschaften zum Wassertragen; aber ich ging vom Morgen bis Mittag in der Stadt umher und konnte für keinen Drachmen Wasser verkaufen. Der eine sagte: Ich trinke nicht, bis ich gegessen habe; der andere sagte. Gott helfe dir, und der dritte wieder etwas anderes. Gegen Mittag sah ich einen großen Zug von bewaffneten Leuten durch die Stadt reiten, dem viele Leute nachliefen; ich war auch begierig, ihn zu sehen, und als ich fragte, was er bedeute, sagte man mir: Der neue Polizeipräfekt Ahmed Denf reitet heute zum erstenmal mit seinen Leuten aus. Als der Zug an mir vorüber kam, hielt Ahmed Denf sein Pferd an und rief mir zu: Komm her, Wasserträger, ich habe Durst, gib mir zu trinken! Ich reichte ihm einen Becher voll Wasser hin; aber er goß ihn aus und forderte einen zweiten. Aber auch den zweiten stürzte er um auf den Boden, gerade wie du. Als ich ihm dann auf sein Begehren den dritten reichte, schlürfte er einige Tropfen hinunter und fragte mich, wo ich her sei. Ich antwortete: Aus Kahirah. Da rief er: Gott segne die Bewohner Ägyptens! Wie kamst du aber hierher? Da erzählte ich ihm die Ursache meiner Entfernung aus der Heimat und gab ihm zu verstehen, daß meine Lage nicht die allerbeste wäre. Er griff in seine Tasche, holte fünf Dinare heraus und schenkte sie mir. Dann sagte er zu seinen Leuten: Schenket zu Ehren Gottes diesem Mann etwas. »Da schenkte mir ein jeder einen Dinar. Beim Wegreiten sagte mir Ahmed noch: Gib mir nur zu trinken, sooft du mir begegnest; du sollst jedesmal so viel von mir erhalten. In kurzer Zeit erhielt ich nun tausend Dinare teils von ihm selbst, teils von seinen Leuten und anderen, die mich als seinen Günstling beschenkten. Als ich diese Summe beisammen hatte, ging ich zu ihm, küßte ihm die Hand und sagte ihm: Es reist in diesen Tagen eine Karawane nach Kahirah, erlaube mir, mich ihr anzuschließen, um meine Familie wiederzusehen. Da schenkte er mir hundert Dinare und ein Maultier und sagte: Ich gebe dir auch einen Brief an Ali Quecksilber nach Kahirah mit und bitte dich, wenn du den Brief abgibst, ihn von seinem ehemaligen Meister zu grüßen. Sobald er den Brief geschrieben hatte, nahm ich Abschied von ihm und reiste hierher, bezahlte meine Schulden und wurde wieder Wasserträger; den Brief an Ali trage ich aber noch immer bei mir, denn ich weiß nicht, wo er wohnt, und niemand kann mir es sagen.« – »Freue dich, Wasserträger!« rief Ali; »ich bin Ali Quecksilber, gib mir den Brief!« Der Wasserträger zog den Brief aus seiner Tasche und überreichte ihn Ali. Als er ihn öffnete, fand er zuerst folgenden Vers darin: »Ich schreibe dir, Zierde der Edlen, auf einem Blatt, das mit dem Wind zu dir gelangt; hätte ich Flügel, ich würde ihm selbst noch zuvorkommen, wie kann man aber mit abgestutzten Flügeln fliegen?« Dann stand im Brief: »Den schönsten Gruß vom Polizeipräfekten Ahmed Denf an den Besten seiner Zöglinge, den Kahirahner Ali Quecksilber! Wisse, daß ich durch meine Gaunerstreiche in Kahirah sowohl als später hier so berühmt geworden bin, daß der Fürst der Gläubigen mich zum Polizeipräfekten von Bagdad ernannt hat. Ist die Freundschaft, welche uns verband, noch dieselbe in deinem Herzen, so komm hierher; es wird dir bald gelingen, dich hervorzutun und ein ansehnliches Amt an der Polizei zu erhalten. Das ist der Zweck dieses Schreibens. Friede sei mit dir!« Als Ali diesen Brief gelesen hatte, küßte er ihn, legte ihn unter seinen Turban und schenkte dem Wasserträger noch zehn Dinare. Dann ging er zu seinen Freunden, nahm Abschied von ihnen und versprach ihnen, daß er auch in der Ferne sich ihrer annehmen wollte; steckte eine kleine Büchse zu sich, welche ein sehr langes auseinandergelegtes Schwert enthielt, und suchte eine Karawane auf, welche nach Syrien reiste. Da hörte er, daß eine große Karawane, bei der sich auch der Oberste der Kaufleute Kahirahs befände, schon außerhalb der Stadt lagere und zum Aufbruch bereit sei. Er verließ schnell die Stadt und fand schon alles zum Abmarsch bereit, nur der Oberste der Kaufleute hatte seine Waren noch nicht aufgepackt, und vergebens bat er die Kameltreiber, ihm zu helfen. Als Ali dies sah, näherte er sich ihm, grüßte ihn und fragte ihn, wie es käme, daß er keinen Gehilfen und keinen Diener mitgenommen habe, zu so vielen Mauleseln mit Waren beladen. »Ich hatte zwei Jungen bei mir«, antwortete der Oberste, »die ich kleidete und denen ich noch Geld in die Tasche gab; aber sobald wir vor der Stadt waren, entflohen sie, und nun befinde ich mich allein.« Als Ali dies hörte, sagte er: »Ich will dein Gehilfe sein«, und fing sogleich an, die Maulesel mit den auf der Erde herumliegenden Waren zu beladen. Der Kaufmann gewann ihn deshalb sehr lieb und teilte mit ihm allen Mundvorrat, den er bei sich hatte. Die Karawane setzte glücklich ihren Weg fort, bis sie an den Löwenwald kam. Dort hauste ein Löwe, der jede Karawane anfiel und sehr oft einen Menschen fraß. Es wurde gewöhnlich unter den Kaufleuten gelost, wer vorangehen und sich dem Löwen hingeben müsse, um die übrigen zu retten. Das Los fiel dieses Mal auf den Obersten der Kaufleute, der so ängstlich und bestürzt darüber war, daß er schon sein Testament machte. »Warum seid ihr so verzweifelt?« fragte Ali; und als man ihn von dem Vorfall unterrichtete, sagte er: »Flieht ihr vor einer Landkatze? Ich will den Löwen töten.« Als der Karawanenführer dies dem Kaufmann meldete, erbot er sich, Ali tausend Dinare zu geben und auch die übrigen Kaufleute verhießen ihm Geschenke. Ali zog sein Oberkleid aus und stand in stählener Rüstung da, dann öffnete er seine Büchse, zog seine Klinge heraus, setzte sie zusammen und versetzte dem Löwen, der bald darauf aus dem Wald gesprungen kam, einen Hieb zwischen die Augen, der ihm den ganzen Kopf entzwei spaltete. Als der Oberste der Kaufleute dies sah, umarmte und küßte er Ali und gab ihm die tausend Dinare. Auch die übrigen Kaufleute schenkten ihm ein jeder zwanzig Dinare. Am folgenden Tag kamen sie ins Hundstal, wo ein Beduine mit seiner Räuberbande sich aufhielt, der schon manche Karawane ausgeplündert hatte. Auch dieses Mal zeigte er sich wieder, im Begriff, die Karawane zu überfallen; manche Kaufleute entflohen; der Oberste schrie: »Wehe mir, mein ganzes Vermögen ist dahin!« Da trat Ali hervor und forderte den Beduinen, welcher die Räuberbande anführte, zu einem Zweikampf heraus. Als der Beduine aber zu ihm heransprengte, zog er schnell einen Panzer an, daran viele Schellen hingen, so daß das Pferd des Beduinen scheu wurde und umkehrte. Diesen Augenblick benutzte Ali und stieß dem Beduinen eine Lanze in den Nacken, die ihn tödlich verwundete. Sobald der Anführer tot war, entflohen alle seine Leute. Ali steckte dann den Schädel des Beduinen auf seine Lanze und die Karawane setzte ungehindert ihren Weg bis Bagdad fort. Hier nahm Ali Abschied von dem Obersten der Kaufleute und bat ihn, das Geld, das ihm auf der Reise geschenkt worden, seinen Kameraden in Kahirah zu geben. Ali erkundigte sich jetzt nach der Wohnung Ahmed Denfs, aber niemand wollte ihn hinführen. Da sah er Kinder auf der Straße vor einem Zuckerbäckerladen spielen und dachte: Eines von diesen wird mir wohl für ein Stück Kuchen Ahmeds Wohnung zeigen. Er ging in den Laden und kaufte einige Süßigkeiten, zeigte sie den Kindern und fragte sie, wer ihm Ahmed Denfs Haus zeigen wolle. Einer der Knaben, welcher Ahmed Lakit hieß und Seinabs Neffe war, trieb seine Spielkameraden zurück und sagte zu Ali: »Folge mir nur, bis ich ein Steinchen an eine Tür werfe, da ist Ahmeds Haus.« Ali ging hinter ihm her und klopfte an die Tür, gegen welche der Knabe ein Steinchen warf. Sobald Ahmed Denf es hörte, rief er seinem Diener zu: »Öffne schnell! Ali Quecksilber steht vor der Tür, ich kenne sein Klopfen!« Ahmed nahm Ali sehr freundschaftlich auf, schenkte ihm ein Kleid, wie es seine vierzig Agenten trugen und erbot sich, ihn dem Kalifen vorzustellen, damit er ihm ein Gehalt aussetze. »Damit hat es noch Zeit«, erwiderte Ali; »ich will einmal zuerst mich in Bagdad umsehen und auf irgend eine Weise hervortun.« – »Sei aber nur behutsam«, versetzte Ahmed; »Bagdad ist kein Kahirah; Bagdad ist die Residenz des Kalifen, der Sammelplatz aller Gauner und Spione, die hier gleichsam wie Gras aus der Erde hervorwachsen; ich rate dir sogar, an den ersten Tagen gar nicht auszugehen.« Ali blieb nun drei Tage bei Ahmed, am vierten Tag hatte er Lust, auszugehen, denn er war nicht gewöhnt daran, so lange zu Hause zu bleiben, und fühlte sich daher sehr beklommen. Als er auf der Straße war, sah er vierzig bewaffnete Sklaven vorübergehen, und hinter ihnen ritt die Gaunerin Dalilah auf einem Maulesel mit vergoldetem Helm und stählernem Panzer; sie kam eben vom Divan des Kalifen und begab sich in ihren Chan. Als sie Quecksilber sah, fiel er ihr auf, denn er hatte viel Ähnlichkeit mit Ahmed Denf, und die Gewandtheit und Tapferkeit leuchteten aus seinem Gesicht hervor. Sobald Dalilah in den Chan kam, holte sie ihr Sandbrett hervor, schrieb allerlei Namen hinein, bis sie endlich durch verschiedene Zauberkünste den Namen Ali Quecksilber herausbrachte, der ihr aus Ahmeds Erzählungen schon bekannt war; zugleich sah sie aber auch im Sand, daß sein Glücksstern heller leuchtete, als der ihrige und der Seinabs. »Was hast du gesehen?« fragte Seinab ihre Mutter. »Ich habe heute einen jungen Mann auf der Straße gesehen«, antwortete Dalilah, »der mir wegen seiner Ähnlichkeit mit Ahmed Denf so sehr auffiel, daß ich begierig war, zu wissen, wer er ist. Nun habe ich herausgebracht, daß er Ali Quecksilber aus Kahirah ist, ein Zögling Ahmed Denfs, der gewiß seinen Meister rächen und uns einen schlimmen Streich spielen wird.« – »Dem sind wir schon gewachsen«, sagte Seinab. Sie zog sogleich das schönste Kleid an, das sie hatte, ging aus und durchstreifte die Straßen Bagdads, bis sie Ali Quecksilber fand, den sie nach der Schilderung ihrer Mutter sogleich erkannte. Als sie neben ihm stand, stieß sie ihn ein wenig mit dem Arm und sagte. »Gott segne die gescheiten Leute!« – »Gott erhalte deine schöne Gestalt!« sagte Ali; »wer bist du?« – »Ich bin die Tochter eines Kaufmanns«, antwortete Seinab, »und auch mein Gatte ist Kaufmann. Als ich mich zu Tisch setzen wollte, war mir es unmöglich, einen Bissen zu essen. Ich ging daher aus, – es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich allein ausgehe; nun gefällst du mir so gut, daß ich gern dich bei Tisch an meiner Seite haben möchte; willst du mir folgen?« AU sagte: »Wer ruft, dem wird geantwortet;« und ging einige Straßen weit hinter ihr her, Dann dachte er doch an die Warnung Ahmeds und an die Gefahr, in einer fremden Stadt sich mit einer verheirateten Frau in ein Verhältnis einzulassen. Er griff daher in seine Tasche, holte einen Dinar heraus, reichte ihn Seinab hin und sagte: »Nimm dies; ich kann dir jetzt nicht weiter folgen.« Aber Seinab stieß seine Hand zurück und beschwor ihn, sie nach Hause zu begleiten und sich von ihr bewirten zu lassen. Ali konnte nicht widerstehen und blieb bei ihr, als sie vor einem großen Haus mit verschlossenem Tor stillhielt. »Da«, sagte Seinab; »öffne das Tor!« – »Wo ist der Schlüssel?« fragte Ali. »Den habe ich verloren«, antwortete Seinab; »schlage nur die Tür ein!« Ali versetzte: »Das werde ich nimmermehr tun; ich will nicht für einen Dieb gehalten werden.« Er war im Begriff, sie zu verlassen, weil sie ihm verdächtig vorkam; aber sie hob ihren Schleier auf und zeigte ihm ein so schönes Gesicht, daß es ihm nicht mehr möglich war, sich von ihr zu trennen. Da er indessen die Tür nicht mit Gewalt erbrechen wollte, öffnete sie das Schloß ohne Schlüssel durch die Kraft einiger heiliger Namen von der Mutter Moses, und ging mit Ali in den Hof, in welchem viele Waffen umherlagen. Seinab nahm dann ihren Schleier ab und setzte sich neben Ali. Als er sie aber küssen wollte, bedeckte sie ihr Gesicht mit der Hand und bat ihn, sich bis zum Abend zu gedulden. Sie holte dann Speisen und Wein herbei, und als sie gegessen und getrunken hatten, füllte sie eine Kanne mit Wasser aus dem Brunnen, der im Hof war, und wusch ihre Hände; darauf schlug sie sich auf die Brust und schrie: »Wehe mir, ich bin verloren!« Ali sprang zu ihr hin und fragte sie, was ihr zugestoßen. »Ich habe einen Diamantenring in den Brunnen fallen lassen«, antwortete sie, »der bei meinem Gatten für fünfhundert Dinare verpfändet ist und den ich angezogen habe. Nun wende dein Gesicht nach der Tür zu, daß ich mich entkleide und in den Brunnen hinabsteige, um ihn zu suchen.« – »Das lasse ich nicht zu«, rief Ali; »bleibe da, ich steige hinunter!« Er warf sogleich seine Kleider von sich, band sich an den Eimer fest und Seinab ließ ihn langsam hinunter in den Brunnen, der sehr tief war. Als er drunten war, nahm sie seine Kleider, ging damit zu ihrer Mutter und erzählte ihr alles. Ali mußte im Brunnen bleiben, bis der Emir Hasan, Eigentümer des Hauses, welcher den ganzen Vormittag im Divan des Kalifen zuzubringen pflegte, nach Hause kam. Er wollte vor dem Mittagsgebet sich waschen und befahl seinem Diener, die Waschkanne am Brunnen zu füllen. Dieser fand aber den Eimer so schwer, daß er ihn nicht heraufziehen konnte; er sah dann hinunter und erschrak so sehr, als er eine menschliche Gestalt darin erblickte, daß er Ali für einen Afrit (Gespenst) hielt, um so mehr, da er gewiß wußte, daß er beim Weggehen das Haustor geschlossen hatte und es nun offen stand, ohne daß etwas am Schloß verletzt war. Er lief daher erschrocken zu seinem Herrn und sagte ihm: »Mein Herr, ich habe einen Afrit im Brunnen gesehen!« – »So rufe vier Geistliche«, sagte Hasan, »daß sie den Koran vor ihm lesen, bis er sich entfernt.« Die Geistlichen lasen lange aus dem Koran vor dem Brunnen, es wollte aber kein Afrit heraussteigen. Endlich rief Hasan seinen Stallknecht und mehrere andere Diener herbei, um den Eimer heraufzuziehen, und ihr Erstaunen war nicht gering, als Ali halb nackt aus dem Eimer heraussprang. Die Geistlichen riefen, Gott lobend: »Hier ist der Afrit!« Hasan, der aber hinzutrat, sagte: »Hier ist ein Mensch wie ich und kein Afrit. Wie kamst du in diesen Brunnen?« fragte er dann Ali. »Bist du ein Dieb?« – »Nein«, antwortete Ali; »ich wollte im Tigris baden, da sank ich unter und die Strömung des Wassers trieb mich durch einen Kanal bis hierher.« – »Das kann nicht sein«, sagte Hasan; »gestehe die Wahrheit.« Da erzählte ihm denn Ali, auf welche Weise er in den Brunnen gekommen, und bat ihn um einige Kleider, damit er nicht nackt nach Hause gehen müsse. Als er dann in alten Kleidern vor Ahmed Denf erschien, sagte ihm dieser: »Habe ich dich nicht vor den Streichen der hiesigen Gauner gewarnt? Hier gibt es Frauen, welche die klügsten Männer zum besten haben.« Als All dann erzählte, auf welche Weise er seine Kleider verloren, sagte Ahmed. »Diesen Streich hat dir keine andere, als Seinab, die Tochter der Gaunerin Dalilah, Oberaufseherin des großen Chans, gespielt; doch hast du dich nicht zu schämen, denn es ging deinem Meister mit seinen Einundvierzig auch schon einmal so mit ihr.« – »Nun«, sagte Ali, »liebe ich sie noch mehr als zuvor, und werde nicht eher ruhen, bis sie meine Frau wird.« – »Das wird nicht so leicht sein«, versetzte Ahmed; »reiße dich los von ihr, solange du es noch kannst.« Da sagte Hasan Schuman zu All: »Willst du zum Ziel gelangen, so folge meinem Rat. Du hast bis auf die Farbe die auffallendste Ähnlichkeit mit dem Koch aus dem Chan, den Dalilah mit ihrer Tochter bewohnt; nimm daher eine pechartige, schwarze Farbe und färbe dich damit; dann gehe auf den Markt, wo gewöhnlich Dalilahs Koch sein Fleisch und sein Gemüse einkauft; grüße ihn als deinen Landsmann und lade ihn zu einem Frühstück ein. Wenn er dir entgegnet, er habe soviel zu tun für die vierzig Sklaven und ebenso viele Hunde, für Dalilahs und Seinabs Tisch, so beschwöre ihn, wenigstens ein Glas Buza (eine Art Bier) und ein Stück Braten anzunehmen, das kein Schwarzer verschmäht. Du führst ihn dann in ein dazu gemietetes Zimmer, und hat er einmal ein Glas Buza getrunken, so wird es dir leicht sein, ihn zu einem zweiten und dritten zu bereden, Inzwischen wird er immer offener und gesprächiger, und du mußt ihn über alles ausfragen, was er täglich zu besorgen hat, über die Anzahl Schüsseln, die er kochen muß, sowohl für Dalilah und Seinab, als für die Sklaven und Hunde, über den Platz, wo er den Küchen- und Speisenmagazinschlüssel hinzulegen pflegt, kurz über alles, was du wissen mußt, um seine Stelle versehen zu können, ohne daß man den Wechsel bemerke. Hat er alles ausgeplaudert, so schenke ihm noch einmal ein und gieße einen Schlaftrunk in das Buza; sobald es wirkt, entkleidest du ihn, ziehst seine Kleider an, steckst sein Küchenmesser in den Gürtel, nimmst den Korb mit Gemüse und Fleisch auf den Kopf, gehst damit in die Küche des Chans und kochst alles, wie es der eigentliche Koch zu tun pflegt, du legst aber ein einschläferndes Pulver in die Speisen, und wenn Seinab schläft, so nimmst du deine und Ahmeds und seiner Leute Kleider aus ihrem Schlafzimmer, wo sie sie aufbewahrt, und gehst damit fort; und willst du Seinab heiraten, so nimm auch ihre vierzig Posttauben. Ali befolgte diesen Rat; der Koch machte nicht viele Schwierigkeiten, ein Glas Buza anzunehmen, und er wurde darauf so redselig, daß Ali ihm alles auslockte, was er wissen wollte; er hörte nicht nur, wie viele Gerichte er täglich zuzubereiten hatte, sondern auch noch, welche auf heute verlangt waren und welche am vorhergehenden Tag aufgetischt worden. Auch über den Platz, wo die verschiedenen Schlüssel lagen, erhielt er Auskunft, und nun zog er sein einschläferndes Pulver hervor und mischte es in das Buza, das er dem Koch vorstellte. Dieser stürzte um, sobald er davon trank; Ali zog dann dessen Kleider an und ging mit dem Marktkorb in den Chan. Aber Dalilah erkannte Ali sogleich und rief herunter: »Geh heim, Spitzbubenhäuptling, hast du im Sinn, in diesem Chan einen Spitzbubenstreich auszuführen?« – »Was sagst du, Pförtnerin?« fragte Ali im Ton des Erstaunens.« – »Was hast du aus meinem Koch gemacht?« versetzte Dalilah; »hast du ihn getötet oder ihm einen Schlaftrunk beigebracht?« – »Gibt es hier einen anderen Koch als mich?« entgegnete Ali. – »Du lügst«, schrie ihn Dalilah an, »du bist Ali Quecksilber!« Da sagte er im Dialekt der Schwarzen: »O Pförtnerin, seit wann sind die Ägypter schwarz? Auf diese Weise kann ich nicht länger dienen.« – »Gott erhalte unseren Koch!« riefen einige Sklaven Dalilah zu; »was willst du von ihm?« – »Es ist nicht euer Koch«, sagte Dalilah, »wartet nur, ich komme gleich herunter, um einmal zu sehen, ob seine Schwärze natürlich ist.« Sie kam und wusch ihm den Arm, aber die Schwärze blieb, denn Hasan hatte ihm eine Salbe gegeben, welche das Wasser nicht zu vertreiben vermochte. Demungeachtet bestand Dalilah auf ihrer Behauptung, bis endlich die Sklaven ihr sagten: »Laß doch den Koch unser Mittagsessen zubereiten, ist er es nicht, so wird er weder die Küche noch das Speisezimmer finden, auch wird er nicht wissen, welche Gerichte er uns heute auftischen soll.« – »Nun«, sagte Dalilah, »fragt ihn einmal, welche Speisen ihr gestern von ihm verlangt.« Ali sagte eine Speise nach der anderen her, nahm dann den Küchenschlüssel von dem Platze, wo er gewöhnlich lag, und ebenso den zur Speisekammer; er erkannte ersteren, weil Federn daran klebten und letzteren an Spuren von Fett, den Weg nach beiden zeigte ihm überdies noch eine vor ihnen herspringende Katze. Obgleich aber Dalilah dies wohl merkte, widersprach sie doch ihren Dienern nicht länger. Ali bereitete nun zuerst das Essen für Seinab und Dalilah zu und mischte eine so starke Dosis einschläferndes Pulver hinein, daß sie beim ersten Bissen zusammensanken. Er reichte dann den Sklaven ebenfalls Speisen, in welche er einen Schlaftrunk mischte, in das Essen für die Hunde aber mischte er Gift, so daß er des Abends ungestört mit allen Kleidern, welche Seinab ihm und Ahmed geraubt, ja sogar mit ihren Tauben aus dem Chan gehen konnte. Als er zu Hasan kam, kochte ihm dieser ein Kräuterwasser, das ihm seine frühere Farbe wiedergab. Hierauf ging er in das Gemach, wo der Koch noch schlafend lag, hielt ihm ein Gegenmittel gegen den Schlaftrunk unter die Nase, gab ihm seine Kleider wieder und seinen Korb und verließ ihn. Als einer der Bewohner des Chans bei Tagesanbruch aufstand, fand er alle Türen geöffnet, die Hunde tot, die Sklaven, sowie Seinab und Dalilah in tiefen Schlaf versunken. Er weckte letztere, und als sie wieder zu sich kam, fand sie ein Papierchen neben sich, auf dem geschrieben stand: »Kein anderer als der Ägypter Ali Quecksilber hat dir diesen Streich gespielt.« – »Ich habe es wohl gewußt«, sagte sie zu Seinab, »daß Ali seinen Meister Ahmed rächen würde, indessen meint er es gewiß gut mit uns, sonst hätte er uns einen weit schlimmeren Streich spielen können.« Sie schalt dann die Sklaven wegen ihres Widerspruchs und befahl ihnen, den ganzen Vorfall zu verschweigen, kleidete sich in gewöhnliche Frauenkleider, warf ein kleines Tuch um den Hals und ging zu Ahmed Denf, bei dem auch Hasan Schuman und Ali Quecksilber waren. »Was willst du, verruchte Alte?« fragte sie Hasan; »du hast gewiß wieder mit deinem Bruder Sureik, dem Fischer, irgend einen schlimmen Streich vor.« – »Das mag sein«, sagte Dalilah; »aber dieses Mal bin ich die Angeführte: Einer deiner Leute hat uns die Posttauben gestohlen, und ich komme, sie mir wieder von dir zu erbitten.« – »Die Tauben sind schon geschlachtet«, sagte Ali, »ich wußte nicht, daß es Posttauben waren.« Dalilah erschrak um so mehr, als sie dies hörte, da wirklich auf dem Tisch gebratene Tauben standen. Als sie aber daran roch, sagte sie sogleich: »Das sind nicht unsere Tauben, die müßten nach Moschus riechen, mit dessen Körnern ich sie gefüttert habe.« – »Nun«, sagte Hasan, der wohl wußte, daß andere Tauben zum Essen gekauft wurden, »gewähre Alis Bitte, so sollst du deine Tauben wieder haben.« – »Und was verlangt er von mir?« fragte Dalilah. – »Deine Tochter Seinab zur Gattin«, antwortete Hasan. – »Ich habe keine Gewalt über sie«, versetzte Dalilah; »wenn er aber wirklichen Gaunermut hat, so werbe er um sie bei ihrem Oheim, dem Fischer Sureik, welcher ihr Pfleger ist.« – »Willst du unseren Freund verderben?« fragte Hasan; »Sureik ist der Meister aller Spitzbuben aus Irak, ihm ist es ein leichtes, den fernsten Stern zu erreichen und den Leuten den Kohel aus den Augen zu stehlen. Um den Käufer in seinen Fischerladen zu locken, hat er einen Beutel mit zweitausend Dinaren hinter die Tür gehängt und er ruft immer: Ihr Spitzbuben Ägyptens, ihr Gauner aus Irak, ihr Beutelschneider aus Persien! Der Fischer Sureik hat einen Beutel voll Gold in seinem offenen Laden hängen; versucht es einmal, ihn zu stehlen! Bisher haben aber die gewandtesten Spitzbuben sich vergebens bemüht, diese zweitausend Dinare zu stehlen, denn Schellen, welche an einer seidenen Schnur befestigt sind, warnen ihn durch ihren Klang, sobald der Beutel, an den diese Schnur geknüpft ist, berührt wird, und er hat schon manchen, den er auf diese Weise ertappte, mit bleiernen Kugeln, die er vor sich liegen hat, getötet oder schwer verwundet.« Dalilah erwiderte: »Wer meine Tochter Seinab heiraten will, darf keine Gefahr scheuen; übrigens wird ohne Sureiks Zustimmung meine Tochter nicht heiraten.« Ali nahm diese Bedingung an und gab ihr ihre Tauben zurück. Sobald sie fort war, baten ihn Hasan und Ahmed, sein Vorhaben aufzugeben und sich um eine andere Gattin zu bewerben; allein er gab ihnen kein Gehör, ließ sich Frauenkleider bringen, verkleidete sich als eine vornehme schwangere Frau und ging auf die Straße, nahm einen Esel, stellte sich dem Eseltreiber als die Gemahlin des Obersten Hasan vor und ritt mit ihm durch die Stadt, bis er an dem Laden Sureiks vorüberkam. Da sagte er zum Eseltreiber: »Ich rieche so gute gebackene Fische, daß es mich danach gelüstet; geh und laß dir einige von dem Fischhändler geben, damit es meiner Leibesfrucht nichts schade.« Während aber der Eselstreiber bei Sureik ein Stückchen Fisch bestellte, zerdrückte Ali eine Blase voll Hammelblut, die er zu sich unter den Rock genommen hatte, und schrie: »Wehe mir! Meine Leibesfrucht ist dahin!« Als Sureik das Blut zu den Füßen Alis sah, erschrak er so sehr, daß er aus dem Laden in sein Wohnzimmer floh; Ali benützte diesen Augenblick, um nach dem Beutel zu greifen, der im Laden hing, sobald aber Sureik den Klang der Schellen hörte, sprang er heraus und sagte: »Deine List ist dir nicht gelungen, hier hast du, was dir zukommt«, und warf ihm darauf solange bleierne Kugeln nach, bis er fern war. Beschämt kam er wieder zu Hasan Schuman, warf seine Frauenkleider von sich und zog die eines Stallknechtes an. Er ging wieder zu Sureik und forderte heiße Fische von ihm, so daß er in die Küche gehen mußte, um frische zu backen; unterdessen suchte Ali den Beutel loszumachen, aber die seidene Schnur verriet ihn wieder, doch gelang es ihm, den bleiernen Kugeln auszuweichen. Eine der ihm nachgeworfenen Kugeln traf einen Kadhi, der eine Schüssel voll heißer Suppe über die Straße trug, die Schüssel zerbrach und die heiße Suppe lief ihm gerade den Ärmel hinunter. Alle Leute versammelten sich um Sureik und forderten ihn auf, um ähnliches Unglück zu verhüten, den Lockbeutel wegzunehmen; er versprach es auch zu tun, aber am folgenden Tag sah ihn Ali wieder an derselben Stelle hängen. Da rief er einen Schlangenbeschwörer, der mit zwei zahmen Schlangen vorüberging, zu sich und bat ihn, mit ihm nach Hause zu gehen, um seine zwei Kinder mit seinen Künsten zu unterhalten. Als er bei ihm war, stellte er ihm eine Speise vor, in welche er einen Schlaftrunk gemischt hatte, zog dessen Kleider an, nahm den Beutel mit den zwei Schlangen und den übrigen Gerätschaften des Schlangenbeschwörers, ging damit vor den Laden Sureiks, spielte auf der Flöte und forderte ein Almosen. »Gott helfe dir!« schrie ihn Sureik an. Da warf Ali die beiden Schlangen vor ihn, und er fürchtete sich so sehr, daß er in seine Wohnstube lief. Ali griff schnell nach dem Beutel, aber auch dieses Mal kam Sureik wieder herbei, ehe er sich dessen bemeistern konnte, und warf ihm einige Kugeln nach. Eine derselben traf den Stallknecht eines Offiziers, der gerade vorüberging; er nötigte Sureik, den Beutel wegzunehmen, aber am anderen Morgen hing er wieder im Laden. Ali versuchte nun noch mehrere ähnliche Streiche, aber alle mißlangen ihm; da indessen die bleiernen Kugeln gar manchen Vorübergehenden unschuldigerweise verletzten, und Sureik übrigens doch fürchtete, ihn zuletzt noch zu verlieren, gab er den Bitten seiner Nachbarn nach und entschloß sich, nach Alis siebtem Versuch, ihn mit in sein Haus zu nehmen. Ali wartete, bis er des Abends nach Hause ging, und da es schon sehr dunkel war, schlich er sich unbemerkt in sein Haus. Ali hörte, wie Sureik zu seiner Gattin, welche eine freigelassene Sklavin des Veziers Djafar war, sagte: »Hier bin ich endlich mit dem Beutel voll Gold, den ich dir für die einstige Beschneidungs- und Hochzeitsfestlichkeiten deines Sohnes Abd Allah versprochen. – Bewahre ihn wohl auf, denn ich bin heute Nacht zu einem Fest bei einem meiner Nachbarn geladen.« Die Schwarze nahm ihm den Beutel ab und sagte. »Schlafe erst ein wenig.« Er legte sich auf den Diwan und schlief bald ein. Da schlich Ali leise auf den Zehen aus dem Kabinett, in welchem er sich versteckt hatte, in das Zimmer, nahm den Beutel und ging damit zum Fest, zu dem auch Sureik eingeladen war. Diesem träumte, daß ein Vogel seinen Beutel mit Gold davontrage; er sprang erschrocken auf, rief seine Gattin und bat sie, einmal nach dem Beutel zu sehen. Als sie ihn vergebens suchte, sagte Sureik: »Wehe mir! Den hat niemand anderes als Ali gestohlen, doch ich will ihn schon wieder bekommen.« – »Das rate ich dir«, sagte seine Gattin, »sonst, bei Gott! Öffne ich dir die Haustür heute Nacht nicht.« Sureik ging zum Fest, wo er wohl wußte, daß auch Ali erscheinen werde. Als er ihn sah, zog er sich zurück und dachte bei sich selbst: Schon gut, der hat meinen Beutel noch in der Tasche, den will ich bald haben. Er ging daher in die Straße, wo Ahmed Denf wohnte, und stieg von einem benachbarten Haus aus, das offen stand, auf die Terrasse von Ahmed Denfs Haus und schlich dann leise bis zur Tür herunter. Niemand bemerkte ihn, denn alles schlief schon im Haus. Hier wartete er, bis Ali vom Fest kam und an die Tür klopfte. Da fragte er, Hasan Schumans Stimme nachahmend: »Wer ist da?« – »Ali Quecksilber, der Ägypter.« – »Hast du den Beutel Sureiks?« – »Ich habe ihn, öffne nur!« – »Ich darf nicht öffnen, bis du mir ihn gibst, ich habe mit Ahmed gewettet.« – »So strecke die Hand unter dem Tor heraus!« Sureik tat dies, nahm den Beutel und entwich wieder durch die Terrasse auf dieselbe Weise, wie er gekommen war. Als Ali noch eine Weile vor der Tür stand, und immer noch nicht geöffnet wurde, klopfte er so stark, daß alle im Haus erwachten. Hasan Schuman, der ihn am Klopfen erkannte, trat zu ihm heraus und fragte ihn: »Hast du den Beutel?« – »Du scherzest«, antwortete Ali, »ich habe dir ihn ja eben durch das Tor hineingereicht, weil du schworst, du öffnetest mir nicht eher, bis du den Beutel habest.« – »Bei Gott!« schwor Hasan, »ich habe dir nichts abgenommen, gewiß hat ihn Sureik wieder.« – »Nun«, sagte Ali, »ich will mir ihn schon wieder verschaffen.« Er kehrte hierauf wieder zu dem Fest zurück und sah sich nach Sureik um; sobald er ihn bemerkte, zog er sich zurück und stieg auf die Terrasse von Sureiks Haus und von da in das Zimmer der Schwarzen, welche schlief und ihr Kind neben sich liegen hatte. Er zog die Kleider der Schwarzen an, und goß ihr sowohl als dem Kind einige Tropfen Schlaftrank ein und wartete, bis Sureik nach Hause kam. Als er an die Tür klopfte, legte er sich ans Fenster und rief, eine Weiberstimme nachahmend. »Wer ist an der Tür?« – »Der Vater Abd Allahs«, antwortete Sureik. »Ich habe geschworen, dir nicht zu öffnen, bis du deinen Beutel wiederbringst; hast du ihn?« – »Jawohl, hier ist er.« – »Gib ihn her.« Bei diesen Worten ließ Ali einen Korb mit Kuchen, welcher im Zimmer stand, an einem Strick zum Fenster hinunter, und als Sureik den Beutel hineinlegte, zog er ihn wieder herauf und ging mit dem Korb und dem Kind über die Terrasse wieder fort nach Hause. Sureik wartete lange vergebens, bis seine Gattin die Tür öffnete, sie fragte sogleich: »Hast du den Beutel?« – »Habe ich ihn nicht in den Korb gelegt, den du zum Fenster herabgelassen?« – »Ich weiß nichts von einem Korb noch von einem Beutel.« – »Bei Gott! So ist mir der Gauner Ali wieder zuvorgekommen.« Als seine Frau die Tür öffnete, suchte er den Korb, und da er ihn nicht mehr fand, zweifelte er nicht mehr daran, daß Ali sich bei ihm eingeschlichen. Jetzt vermißte aber auch die Schwarze ihr Kind, sie schlug sich auf die Brust und schrie: »Mein Kind, mein Kind!« Dann sagte sie zu Sureik: »Morgen verklage ich dich bei Djafar, du bist an dem Verlust meines Kindes schuld, denn du hast den Gauner durch deinen verdammten Beutel hierher gelockt.« – »Ich bürge dafür, daß ich morgen das Kind wiederbringe«, versetzte Sureik, »beruhige dich nur!« Am folgenden Morgen ging Sureik zu Ahmed Denf und sagte ihm: »Bewege deinen Freund Ali, daß er mir mein Kind zurückgebe, dann schenke ich ihm den Beutel mit Gold.« Da sagte Hasan Schuman, der auch zugegen war, zu Ali: »Warum hast du mir nicht gesagt, daß das gestohlene Kind Sureik gehört?« – »Ist ihm was zugestoßen?« fragte Sureik erschrocken. – »Leider«, sagte Hasan, »haben wir ihm Zibeben zu essen gegeben, an denen es erstickte. Hier liegt es schon in sein Leichengewand gehüllt.« Ahmed, der wohl dachte, daß Sureik sein Kind bei ihm suchen würde, hatte wirklich, um ihn zu erschrecken, ein Lämmchen geschlachtet und in ein Leichengewand gehüllt. Als Sureik dies sah, schrie er: »Wehe mir, mein Sohn! Was werde ich seiner Mutter sagen?« Er ging dann auf das Kind zu und enthüllte es, da bemerkte er, daß es nur ein Lämmchen war und sagte zu Ali: »Gib mir das Kind und behalte mein Geld.« – »Das gehört ihm von Rechts wegen«, sagte Hasan; »du hast oft genug alle Gauner herausgefordert, dir einen Beutel zu nehmen, indessen wird dir ihn Ali gern wieder zurückgeben, wenn du ihn mit deiner Nichte Seinab, der Tochter Dalilahs, verlobst.« – »Willst du das Geld unter dieser Bedingung zurücknehmen?« fragte Ali. »Ich kann meiner Nichte nur raten, aber nicht befehlen«, antwortete Sureik; »ich meinerseits gebe meine Zustimmung, und nehme daher auch mein Geld wieder zurück, aber Seinab wird nur den Mann heiraten, der ihr als Hochzeitsgeschenk die Kleidung und den Schmuck Kamrs, der Tochter des Juden Usra bringt.« – »Unsere Verlobung finde nicht statt«, sagte Ali, »wenn ich sie nicht herbeischaffe.« Sureik ging freudig nach Hause und brachte seiner Frau ihr Kind und ihren Beutel. Ali aber fragte Hasen, wer denn eigentlich der Jude Usra wäre, dessen Tochter Schmuck er Seinab bringen sollte? »Usra«, antwortete Ahmed, »ist ein Zauberer, der dich ins Verderben stürzt, wenn du etwas gegen ihn zu unternehmen wagst, denn die boshaftesten Genien stehen unter seinem Befehl. Er bewohnt ein Schloß außerhalb der Stadt, dessen Wände halb von Gold und halb von Silber sind; dieses Schloß ist aber nur sichtbar, solange er darin ist; verläßt er es, so bemerkt man keine Spur mehr davon.« »Usra bringt den Tag in der Stadt zu, wo er eine Niederlage von Goldwaren hat und reitet des Abends in sein Schloß zu seiner Tochter Kamr. Dann legt er seiner Tochter Kleider und Schmuck, die er ihr aus dem Schatz Feidas heraufbeschworen, in eine goldene Platte, hängt sie vor das Fenster und ruft: Kommt herbei, ihr Gauner Ägyptens, ihr Spitzbuben Iraks, ihr Beutelschneider Persiens: Wer diese Platte nimmt, darf sie behalten mit allem, was darin ist. Aber die gewandtesten Gauner scheiterten in ihren Versuchen und wurden in Affen oder Esel verwandelt.« – »Ich scheue keine Gefahr«, sagte Ali; »ich muß mit Kamrs Schmuck Dalilahs Tochter Seinab zieren.« Er ließ sich hierauf den Laden des Juden Usra zeigen und wartete in der Nähe desselben, bis Usra den Laden schloß, einen Quersack, mit Silber und Gold gefüllt, auf ein Maultier lud, sich dann selbst daraufsetzte und fortritt; dann folgte er ihm bis zur Stadt hinaus. Auf einmal hielt Usra still, zog ein Beutelchen mit Sand aus der Tasche, murmelte einige unverständliche Worte darüber und streute ihn in die Luft – und, siehe da, plötzlich sah Ali ein goldenes Schloß vor sich stehen; das Maultier, welches ein dienstbarer Geist war, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Usra ging mit dem Quersack ins Schloß. Bald darauf erschien er am Fenster und befestigte die Platte mit Kamrs Schmuck an demselben und rief: »O Gauner Ägyptens, ihr Spitzbuben Iraks und ihr Beutelschneider Persiens: Wer gewandt genug ist, diese Platte zu nehmen, der darf sie behalten, mit allem, was darin ist.« Hierauf sagte er einige Beschwörungsformeln her, und es stieg ein Tisch, mit den kostbarsten Speisen beladen, aus dem Boden herauf. Als er sich gesättigt hatte, rief er wieder einige heilige Namen an; der Tisch verschwand und ein anderer stieg an dessen Stelle hervor, auf welchem die besten Weine in den zierlichsten Trinkgefäßen standen. Da dachte Ali, welcher sich unbemerkt eingeschlichen hatte und hinter einer Tür verborgen war: Nun wird der Jude sich gewiß betrinken, dann kann ich um so leichter ihm beikommen. In der Tat trank Usra so viel Wein, daß er sich kaum mehr aufrecht halten konnte; als aber Ali mit gezogenem Schwert hinter der Tür hervorsprang, schrie er seine Hand an: »Bleibe regungslos, Hand!« Und siehe! Alis Hand blieb ausgestreckt, und er war nicht mehr imstande, sie zu bewegen. Dasselbe widerfuhr seiner linken Hand, als er mit dieser das Schwert aus seiner Rechten nehmen wollte, und als er auf den Juden zugehen wollte, wurde auch sein rechter Fuß lahm. Usra ließ ihn eine Weile so mit ausgestreckten Armen auf dem linken Fuße stehen; dann sagte, er ihm: »Wer bist du und warum kamst du hierher?« – »Ich bin Ali Quecksilber aus Kahirah«. antwortete er; »einer der Jünger Ahmed Denfs; ich habe um Seinab, Tochter der Gaunerin Dalilah, geworben, und man hat von mir das Kleid und den Schmuck deiner Tochter Kamr als Hochzeitsgabe verlangt; willst du daher in Ruhe vor mir bleiben, so gib mir sie her.« –»Ich will dir dein Leben schenken«, sagte Usra; »geh damit weg und gib dein Vorhaben auf, sonst geht es dir nicht besser, als vielen anderen vor dir; du verdankst übrigens die Schonung, die ich gegen dich habe, nur dem großen Glücksstern, den ich über dir leuchten sehe.« – »Ich werde mein Vorhaben nie aufgeben«, sagte Ali, durch diese Worte des Juden ermutigt; »verfahre mit mir, wie du willst.« Da füllte Usra eine Tasse mit Wasser, sagte einige heilige Namen darüber her, bespritzte Ali damit und schrie ihn an: »Verlasse deine Menschengestalt und werde ein Esel!« Kaum waren diese Worte aus Usras Mund, da stand Ali als ein Esel da, mit Hufen und langen Ohren, und brüllte wie ein wahrer Esel. Zwar hörte und verstand Ali noch alles wie zuvor, aber sprechen konnte er nicht mehr. Usra zeichnete nun mit dem Fuß einen Kreis um ihn, und sogleich erhob sich eine Mauer um ihn herum, die ihm das Entweichen unmöglich machte. Dann setzte sich Usra wieder zu seinem Wein, trank noch einige Becher voll und schlief ein. Am folgenden Morgen sagte er zu dem in einen Esel verwandelten Ali: »Ich will einmal heute mein Maultier schonen und dich satteln, um nach der Stadt zu reiten.« Er schloß dann Kamrs Kleid und Schmuck in ein Kabinett, holte den Quersack und legte ihn auf Ali; hierauf bestieg er ihn selbst, und sowie er aus dem Schloß war, verschwand auch das ganze Schloß. Vor seinem Laden stieg er ab, nahm den Quersack herunter und band Ali an. Da kam ein verunglückter Kaufmann und bot dem Juden die goldenen Armbänder seiner Frau zum Verkauf an. »Was willst du mit dem Geld anfangen?« fragte ihn der Jude. »Ich will einen Esel dafür kaufen«, antwortete der Kaufmann, »und mich fortan als Wasserträger zu ernähren suchen.« – »Ich verkaufe dir meinen Esel«, versetzte der Jude. Der Kaufmann besah ihn, und da er ein gutes Aussehen hatte, begnügte er sich mit wenigem Geld, das ihm der Jude herausgab. Da dachte Ali: Wenn der Wasserträger mit einem hölzernen Sattel und einem Wasserschlauch mich belädt und zehnmal durch die Stadt führt, so ist es um mich geschehen. Als daher die Frau des Wasserträgers ihm Futter brachte, fiel er sie an und küßte und umarmte sie, so daß sie um Hilfe schreien mußte, und mit Mühe gelang es den herbeieilenden Nachbarn, ihn von ihr loszureißen. Sobald ihr Gatte nach Hause kam, erzählte sie ihm, was ihr mit dem Esel begegnet war, und sagte: »Entweder du verkaufst diesen Esel wieder, oder gibst mir einen Scheidebrief, denn das ist ein Teufel in Eselsgestalt; wer weiß, was geschehen wäre ohne das schnelle Herbeieilen unserer Nachbarn.« Der Wasserträger nahm den Esel, ging wieder zum Juden, sagte ihm, er könne den Esel nicht behalten, weil seine Frau sich vor ihm fürchte, und ließ sich dessen Wert in Geld geben. Als der Jude abends wieder in seinem Schloß war, löste er Alis Zauber und sagte ihm: »Es steht nun bei dir, deine Braut Seinab aufzugeben und keine weiteren Pläne mehr wegen des Schmuckes meiner Tochter zu schmieden, oder ich verwandle dich in einen Bären, daß du der ganzen Stadt zur Belustigung dienst.« – »Solange ich lebe«, erwiderte Ali, »entsage ich Seinab nicht, und da ich sie ohne den Schmuck deiner Tochter nicht erlangen kann, so werde ich alles aufbieten, um mir denselben zu verschaffen; ist dir daher dein Leben teuer, so schenke mir ihn lieber.« Statt aller Antwort murmelte Usra einige unverständliche Worte her und Ali stand als ein Bär vor ihm. Am folgenden Tag nahm der Jude Usra den in einen Bären verwandelten Ali mit sich in die Stadt und band ihn an eine Kette vor seinem Laden, nachdem er ihm einen Maulkorb angelegt hatte; da kam ein Kaufmann und bat ihn, er möchte ihm doch diesen Bären verkaufen, da die Ärzte seiner kranken Kusine Bärenfleisch verordnet hätten. Usra schenkte ihm den Bären, und jener sagte im Vorübergehen einem Metzger, er möchte ihm mit seinem Messer folgen, um den Bären zu schlachten. Ali war schon auf den Boden hingestreckt und der Metzger wetzte nur sein Messer noch, als auf einmal ein Geist den Bären aufhob und ihn in Usras Schloß trug. Diesen Geist hat Usra auf das Verlangen seiner Tochter abgesandt, welche sich beim ersten Anblick in Ali verliebt hatte, und daher ihren Vater bat, ihm noch einmal zu verzeihen. Usra gab ihm seine frühere Gestalt wieder; da er aber hartnäckig auf dem Besitz des Schmuckes bestand, verwandelte er ihn in einen Hund und nötigte ihn, am folgenden Tag ihm in dieser Gestalt in die Stadt zu folgen, wo alle natürlichen Hunde ihn anbellten und bissen, bis er vor dem Laden eines Krämers vorüberkam; dieser bemitleidete ihn, trieb die anderen Hunde weg und nahm in mit nach Hause. Als aber des Krämers Tochter den Hund sah, verschleierte sie sich schnell und sagte: »Warum, o Vater, bringst du fremde Männer herein?« – »Ich sehe nichts«, antwortete der Krämer, »als einen fremden Hund, den ich vor den Anfällen der hiesigen schützte.« – »Das ist kein Hund«, versetzte das Mädchen; »es ist Ali Quecksilber aus Ägypten, den der Jude Usra verzaubert hat. Ist es nicht wahr?« sagte sie, zu dem Hund sich wendend. Der machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf. »Willst du mich heiraten?« fragte sie Ali, »dann gebe ich dir deine menschliche Gestalt wieder.« Der Hund schüttelte wieder bejahend den Kopf. Da nahm sie eine Tasse, worauf allerlei heilige Namen geschrieben waren, und sagte einige Beschwörungsformeln her; aber in diesem Augenblick vernahm sie einen so lauten Schrei, daß ihr die Tasse aus der Hand fiel, und die Sklavin ihres Vaters trat herein und sagte ihr: »Hältst du so dein Wort? Hast du mir nicht geschworen, keinen Mann zu heiraten, der nicht auch mich zugleich heiratet? Wisse nämlich«, sagte sie, zu ihrem erstaunten Herrn sich wendend: »Ich war ehemals die Lieblingssklavin des Juden Usra, und sooft er in die Stadt ging, setzte ich mich hinter seine Zauberbücher und las darin. Als er mich dir verkaufte, erbot ich mich deiner Tochter, sie alles zu lehren, was ich aus Usras Büchern gelernt hatte, unter der Bedingung, daß wenn sie einst heirate, sie ihren Gatten nötige, mich als zweite Gattin zu nehmen. Willst du also auch mich zur Frau haben?« fragte sie Ali. Als dieser durch eine Kopfbewegung seine Einwilligung zu erkennen gab, hob die Sklavin die Tasse von der Erde auf und bespritzte Ali damit, und sogleich stand er wieder als schöner, junger Mann da und erzählte dem Krämer, warum ihn Usra verzaubert hatte. Nun fragte ihn der Krämer: »Genügen dir diese beiden Gattinnen jetzt?« – »Nein, bei Gott!« antwortete Ali, »ich muß auch Seinab haben.« In diesem Augenblick trat Kamr zur Tür herein und sagte zu Ali: »Obschon gewöhnlich Männer den Frauen eine Hochzeitgabe bringen, will ich dieses Mal dich mit meinem Kleid und meinem Schmuck und dem Haupt meines Vaters, deines und Gottes Feindes, beschenken, wenn du mein Gatte werden willst. Wisse nämlich, daß ich heute Nacht im Traum eine Stimme vernahm, welche mit zurief: werde Muselmännin! Ich legte das moslemische Glaubensbekenntnis ab und forderte auch meinen Vater auf, Moslem zu werden, und als er sich weigerte, gab ich ihm einen Schlaftrunk und enthauptete ihn. – »Ich erwarte euch alle morgen im Diwan des Kalifen«, sagte Ali zu den drei Mädchen; »da wollen wir in seiner Gegenwart den Ehe-Kontrakt schreiben lassen.« Er nahm dann die goldene Platte mit Kamrs Schmuck und ihres Vaters Kopf, und verließ sie, in der Absicht, nach Hause zu gehen. Als er auf der Straße war, kam ein herumziehender Zuckerbäcker zu ihm, bot ihm ein Stück Kuchen an und erbat sich ein Geschenk; Ali war so freudetrunken, daß er den Kuchen annahm und sogleich ein Stückchen davon aß. Aber er enthielt eine starke Dosis einschläferndes Pulver, daß er sogleich bewußtlos hinfiel, worauf der scheinbare Zuckerbäcker die Platte mit allem was darin war, nahm, und sie in die Kiste, welche die Kuchen enthielt, einschloß. Er war aber kaum ein paar Schritte weit damit fort, da kam ein Kadhi auf ihn zu, überreichte ihm ein Stückchen Kuchen und sagte ihm: »Koste einmal diesen Kuchen und backe mir einen ähnlichen.« Kaum hatte er ihn mit den Lippen berührt, fiel er um, denn auch dieser Kuchen enthielt einschläferndes Pulver. Der Kadhi nahm ihm dann die ganze Kiste weg und ging damit fort. Dieser als Kadhi verkleidete Mann war kein anderer, als Hasan Schuman, und der als Zuckerbäcker umhergehende Jüngling war Ahmed Lakit, der Neffe Seinabs, derselbe, der Ali bei seiner Ankunft in Bagdad des Polizeipräfekten Ahmeds Haus gezeigt hatte. Sureik war nämlich zu Dalilah gegangen und hatte ihr gesagt, sie möchte nur auf ihrer Hut sein, da Ali am Ende doch noch den versprochenen Schmuck dem Juden entlocken könnte. Dalilah rief hierauf ihren Enkel Ahmed Lakit und bat ihn, sich als Zuckerbäcker zu verkleiden, um Ali, wenn er mit des Juden Schätzen käme, derselben wieder zu berauben. Ahmed suchte ihn lange vergebens, begegnete ihm aber wie wir eben gesehen haben, im Augenblick, als er seine drei Bräute verließ. Hasan Schuman aber, der ebenfalls mit einigen seiner Leute, als Kadhi verkleidet, Ali aufsuchte, den er schon mehrere Tage vermißte, erkannte Ahmed Lakit sogleich und überlistete ihn auf die angeführte Weise, während seine Leute den schlafenden Ali von der Erde aufhoben und in seine Wohnung trugen. Als letzterer wieder zu sich kam, fragte ihn Hasan, der schon vor ihm mit den Schätzen und dem noch schlafenden Ahmed Lakit nach Hause kam: »Hast du das versprochene Hochzeitgeschenk?« – »Ich hatte es«, antwortete Ali, »aber ein Zuckerbäcker hat es mir durch List wieder genommen.« – »Kennst du ihn?« fragte Hasan. Er antwortete: »Jawohl, wenn ich ihn sehe, so kenne ich ihn.« Da führte ihn Hasan in ein Nebenzimmer, wo Ahmed Lakit lag. Ali weckte ihn auf und wollte ihn töten, aber Hasan hielt ihn zurück und sagte ihm: »Hüte dich, ihm etwas zuleide zu tun, denn er ist der Neffe deiner Braut Seinab, dem ich alles wieder entlockt habe.« – »So gehe zu deiner Großmutter Dalilah«, sagte ihm Ali, »und zu dem Fischer Sureik, und sage ihnen, daß ich die versprochene Hochzeitsgabe besitze und dazu noch den Kopf des Zauberers Usra, und daß ich sie morgen im Diwan des Kalifen erwarte.« Am folgenden Tag ging Ahmed Denf mit Ali zum Kalifen und stellte ihn ihm als den wackersten seiner Zöglinge und Häuptling der Gauner Ägyptens vor, Ali machte einen sehr günstigen Eindruck auf den Kalifen, denn die Tapferkeit und Klugheit leuchteten aus seinen Augen hervor. Ahmed erzählte dem Kalifen manche Streiche, welche Ali mit bewunderungswürdiger Gewandtheit durchgeführt, und zuletzt den gegen den Juden Usra. Der Kalif äußerte einige Zweifel gegen den Tod dieses Zauberers, als Kamr in den Diwan trat und alles bestätigte, was ihm Ahmed erzählt hatte. Zugleich erneuerte sie vor dem Kalifen ihr muselmännisches Glaubensbekenntnis und bat ihn, als ihr Bevollmächtigter, sie mit Ali zu vermählen. Der Kalif schenkte Ali das Schloß des Juden mit allem, was darin war, und fragte ihn, was er sonst noch wünsche, »Ich habe keinen anderen Wunsch, als stets deinen Teppich betreten und an deiner Tafel speisen zu dürfen.« – »Das sei dir gewährt«, sagte der Kalif; »was wünschest du noch?« – »Erlaube mir, meine vierzig Jünger von Kahirah hierher zu berufen,« – »Tu dies, und ich werde sogleich meinem Schatzmeister den Befehl erteilen, zehntausend Dinare herzugeben, um dir mit deinen Jüngern ein schönes Haus zu bauen. Hast du sonst keinen Wunsch mehr?« – »König der Zeit, suche Dalilah zu bereden, daß sie mir ihre Tochter Seinab zur Gattin gebe, und Kleider und Schmuck Kamrs als Morgengabe für sie annehme.« Dalilah, welche anwesend war, sagte sogleich: »Ich nehme es an und werde heute noch den Ehe-Kontrakt schreiben lassen.« Ali ließ auch, seinem Versprechen und der Bitte des Kalifen für Kamr zufolge, einen Ehe-Kontrakt zwischen ihm und Kamr, sowie auch zwischen ihm und der ehemaligen Sklavin des Juden und ihrer Gebieterin schreiben, und nach kurzer Zeit, als seine Jünger aus Kahirah ankamen, heiratete er diese vier Mädchen und fand sich höchst glücklich in ihrem Besitz. Der Kalif ließ dann eines Abends sich von Ali nochmals alle seine Abenteuer mit der Gaunerin Dalilah, mit ihrer Tochter Seinab, mit dem Fischer Sureik und dem Juden Usra erzählen und fand sie so merkwürdig, daß er seinem Sekretär befahl, sie niederzuschreiben und in seinem Archiv aufzubewahren. Aber nur der erhabene Gott ist allwissend! Ein Bagdadenser und seine Sklavin. Einst lebte in Bagdad ein wohlhabender Mann, der von seinem Vater ein großes Vermögen geerbt hatte. Er liebte eine Sklavin und kaufte sie und wurde auch von ihr zärtlich geliebt. Für diese Sklavin machte er nach und nach so viele Ausgaben, daß endlich sein ganzer Besitz dahin war und ihm nichts mehr übrig blieb, wovon er leben konnte. Dieser Mann hatte in seinen besseren Tagen die Gesellschaften von Leuten gesucht, die Kenner der Gesangkunst waren, und selbst darin eine große Meisterschaft erlangt. Als er daher einen seiner Freunde um Rat fragte, sagte ihm dieser, er wisse keinen besseren Erwerb für ihn, als daß er mit seiner Sklavin singe, das werde ihm viel Geld einbringen, wovon er gut essen und trinken könne. Dieser Rat gefiel aber weder ihm noch der Sklavin. Diese sagte: Ich halte es für das Beste, du verkaufst mich, dann sind wir aus aller Not, denn mich kauft nur ein wohlhabender Mann und es findet sich schon wieder Gelegenheit zu unserer Vereinigung. Da führte er sie auf den Sklavenmarkt und der erste, der sie sah, war ein edler gebildeter Haschimite aus Baßrah (aus dem Geschlecht der Propheten) und er kaufte sie für fünfzehnhundert Dinare. Als ich das Geld in Empfang genommen, – so erzählt der Bagdadenser selbst – reute mich der Verkauf, ich weinte und die Sklavin weinte mit mir, und ich wollte den Handel wieder rückgängig machen, der Käufer ging aber nicht darauf ein. Ich legte nun das Geld in einen Beutel und wußte nicht, wohin mich wenden, denn mein Haus schien mir durch ihre Abwesenheit verödet. Ich seufzte, weinte und schlug mich selbst, wie nie zuvor. Endlich trat ich in eine Moschee, legte den Beutel als Kissen unter mein Haupt, fiel, vom vielen Weinen erschöpft, in einen Zustand der Betäubung und schlief ein. Da kam, ohne daß ich es bemerkte, ein Mann, zog mir den Beutel unter dem Kopf hervor und lief schnell davon. Hierauf erwachte ich in großem Schrecken und da ich den Beutel nicht mehr fand, wollte ich aufstehen, um dem Dieb nachzulaufen, aber meine Füße waren mit einem Strick zusammengebunden, so daß ich umstürzte. Da weinte ich wieder und schlug mich und sagte zu mir selbst: Nun ist dein Leben fern von dir und dein Geld ist auch dahin. Meine Verzweiflung war so groß, daß ich an den Tigris ging, mein Gesicht mit meinem Gewand bedeckte und in den Fluß sprang. Als aber umherstehende Leute dies bemerkten, sagten sie: Gewiß hat ihn schweres Unglück dazu veranlaßt, sie sprangen mir daher nach, brachten mich wieder ans Land und erkundigen sich nach meinen Umständen. Ich erzählte ihnen, was mir widerfahren und sie bedauerten mich sehr. Dann kam ein Greis auf mich zu und sagte: Willst du, weil dein Besitz verloren ist, auch deine Seele zugrunde richten und dich in die Hölle stürzen? Komm und zeige mir deine Wohnung! Ich führte ihn dahin und er setzte sich zu mir, bis ich ruhiger wurde und ich dankte ihm für seine Teilnahme. Als er sich wieder entfernt hatte, war ich nahe daran, meinem Leben ein Ende zu machen, aber ich dachte an das Jenseits und an die Hölle, darum verließ ich in Eile mein Haus und begab mich zu einem Freund und erzählte ihm, was mir zugestoßen. Er weinte aus Mitleid mit mir und schenkte mir fünfzig Dinare und sagte: Folge meinem Rat, verlasse Bagdad sogleich und lebe von diesem Geld, bis die Liebe aus deinem Herzen weicht, dann wende dich an irgend einen Statthalter, du kannst als gewandter Schönschreiber und gebildeter Mann leicht Mittel finden, mit Gottes Hilfe wieder zu deiner Sklavin zu gelangen. Ich beherzigte diese Worte, die meinen Schmerz einigermaßen linderten und beschloß nach Wasit zu reisen, wo ich Verwandte hatte. Als ich an das Ufer kam, sah ich ein Schiff vor Anker liegen, nach welchem Matrosen kostbare Gerätschaften brachten. Ich bat sie, mich mitzunehmen, sie sagten aber: Dieses Schiff gehört einem Haschimiten, wir können dich nicht so mitnehmen. Da versprach ich ihnen einen großen Lohn, worauf sie sagten: Wenn du es durchaus willst, so ziehe deine vornehme Kleidung aus, und kleide dich als Matrose und geselle dich zu uns, als wärest du auch ein Matrose. Ich ging sogleich und kaufte mir Matrosenkleider, zog sie an und bestieg das Schiff, welches nach Baßrah fahren sollte. Kaum war ich eingestiegen, da erblickte ich meine Sklavin, welche zwei andere Sklavinnen bedienten, da war ich getröstet, denn ich dachte: Nun kann ich sie ja sehen und singen hören, bis zu unserer Ankunft in Baßrah. Bald darauf kam der Haschimite mit einer Anzahl Leute herangeritten und schiffte sich ein. Er setzte sich zur Sklavin und aß mit ihr, während die übrigen Leute in der Mitte des Schiffes ihre Mahlzeit hielten. Der Haschimite sagte dann zur Sklavin: Wie lange soll noch diese Trauer währen? Wie lange wirst du dich noch weigern, vor mir zu singen? Du bist nicht die erste, die von ihrem Geliebten getrennt wird. Daraus schloß ich, daß sie mich noch immer sehr heftig liebte. Er ließ dann an einer Seite des Schiffes, wo die Sklavin saß, einen Vorhang anbringen, setzte sich außerhalb des Vorhangs zu den Leuten, die sich mit ihr auf dem Schiff befanden und die, wie ich hörte, seine Brüder waren, ließ Wein und Früchte auftragen und hörte nicht auf, in die Sklavin zu dringen, daß sie doch etwas singe, bis sie sich endlich eine Laute bringen ließ, sie stimmte und folgende Verse sang: »In finsterer Nacht ist die Karawane mit meinem Geliebten geschieden, sie zog ohne Schonung fort mit meiner Herzenslust, und seit ihre Kamele aufgebrochen sind, glühen feurige Kohlen im Herzen der Geliebten.« Da überwältigten sie ihre Tränen, sie warf die Laute weg und hörte auf zu singen. Die ganze Gesellschaft wurde bestürzt und ich fiel in Ohnmacht, so daß man mich für einen Fallsüchtigen hielt und mir etwas ins Ohr las. Die Fallsüchtigen gelten bei den Arabern als Besessene und man liest ihnen Koranverse vor, um die bösen Geister zu verjagen. Man gab dann der Sklavin so viel süße Worte und bat sie so inständig, weiter zu singen, daß sie ihre Laute wieder stimmte und folgende Verse sang: »Ich blieb stehen und weinte über die Dahinziehenden. Sie sind in meinem Herzen, wenn sie auch weit weg gezogen sind. Ich blieb bei den Trümmern stehen und fragte nach ihnen, und ihr Haus war verödet und ihre Wohnung stand leer.« Hierauf fiel sie wieder in Ohnmacht, es erhob sich ein Weheklagen aus der Mitte der Gesellschaft und auch ich stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Die Matrosen wurden besorgt um meinetwillen, und ein Diener des Haschimiten sagte ihnen: Warum habt ihr diesen Besessenen mitgenommen? Dann sagte einer zum anderen: Wenn wir an ein Dorf kommen, schiffen wir ihn aus und schaffen uns Ruhe vor ihm. Dies versetzte mich in große Angst, ich nahm mich daher zusammen, soviel ich konnte und dachte: Es bleibt mir nichts übrig, um nicht ans Land gesetzt zu werden, als daß ich sie von meiner Anwesenheit in Kenntnis setze. Wir fuhren dann weiter, bis wir gegen Abend in eine schöne angebaute Gegend kamen, da sagte der Herr des Schiffes: Laßt uns hier ein wenig an das Land steigen! Als alle Leute ausgestiegen waren, machte ich mich auf, ging hinter den Vorhang, stimmte die Laute um und spielte in einer Weise, die ich die Sklavin gelehrt hatte, und nahm dann wieder meinen früheren Platz auf dem Schiff ein. Bald nachher stieg auch die ganze Gesellschaft wieder ein, und der Mond beschien das Ufer und den Fluß. Da sagte der Haschimite zu seiner Sklavin: Ich beschwöre dich bei Gott, trübe unser Leben nicht länger! Sie nahm daher die Laute, betastete sie und schrie laut auf, so daß man glaubte, ihre Seele verlasse sie. Dann sagte sie: Bei Gott, mein Meister ist bei uns auf dem Schiff. Der Haschimite erwiderte: Bei Gott, wenn er bei uns wäre, so würde ich ihn nicht aus unserer Gesellschaft ausschließen, er könnte deinen Schmerz lindern und uns den Genuß an deinem Gesang verschaffen, doch ist es nicht wahrscheinlich, daß er sich auf diesem Schiff befinde. Sie aber versetzte: Ich kann nicht Laute spielen und mich zu verschiedenen Liedern begleiten, wenn mein Herr bei uns ist. Da sagte der Haschimite: Ich will einmal die Matrosen fragen. Als er auf ihren Wunsch jene fragte, ob sie einen fremden Mann mitgenommen, sagten sie: Nein. Da ich nun fürchtete, er werde keine weitere Frage an sie richten, lachte ich und sagte: Ich war ihr Lehrer und habe ihr Unterricht erteilt, als ich noch ihr Herr war, und sie sagte: Bei Gott, das ist die Stimme meines Herrn. Da kamen die Diener und führten mich zum Haschimiten, der mich alsbald wieder erkannte und mir zurief: Wehe dir! In welchem Zustand bist du? Was ist dir zugestoßen? Ich erzählte ihm unter Tränen, was mir widerfahren, alsbald hörte man das Schluchzen der Sklavin hinter dem Vorhang her, und der Haschimite selbst und seine Brüder weinten mit uns aus Mitleid. Dann sagte er: Bei Gott, ich bin dieser Sklavin nicht nahe gekommen und habe sie bis heute nicht einmal singen hören. Ich bin ein Mann, den Gott mit Reichtum gesegnet und bin nur nach Bagdad gereist, um meine Pension vom Fürsten der Gläubigen in Empfang zu nehmen und um schön singen zu hören; als ich daher beides erreicht hatte, dachte ich, nun will ich doch, ehe ich heimkehre. noch einmal eine Bagdadenserin singen hören und kaufte daher deine Sklavin, ohne etwas von eurem Verhältnis zu ahnen, ich nehme aber Gott zum Zeugen, daß ich bei unserer Ankunft in Bagdad diesem Mädchen die Freiheit schenken und sie mit dir verheiraten und euch mehr als nötig zu leben geben will, jedoch unter der Bedingung, daß, sooft ich Lust habe, sie singen zu hören, mir dies hinter einem Vorhang gestattet werde, du sollst dann einer meiner Freunde und Gesellschafter werden. Ich freute mich mit diesem Vorschlag und der Haschimite steckte seinen Kopf zur Sklavin hinein und fragte sie: Bist du damit einverstanden? Sie dankte ihm und wünschte ihm alles Gute. Er rief dann einen Diener und befahl ihm, mich zu entkleiden und mir kostbare Kleider anzuziehen, mich zu beräuchern und ihm wieder vorzustellen. Als dies geschehen war, wurde mir wie den anderen Wein vorgestellt und die Sklavin sang dann in schönster Weise folgende Verse: »Sie tadeln mich, weil ich beim Abschied vom Geliebten Tränen vergoß, sie haben den Trennungsschmerz nie gekostet und das Feuer nicht gefühlt, das mein Inneres verzehrt. Nur die Betrübte, deren Herz in diesem Lager verloren gegangen ist, kennt die Liebespein.« Alle Zuhörer waren entzückt über diesen Gesang und ich selbst nahm im Übermaß des Glücks die Laute aus ihrer Hand und sang mit schönster Begleitung folgende Verse: »Verlangst du eine Wohltat, so wende dich an einen Edlen, der nur Reichtümer und Wohlhabenheit kennt; eine Bitte an einen Edlen bringt Ehre, eine solche an einen Gemeinen bringt Schande. Bist du gezwungen, dich zu erniedrigen, so tu es nur vor einem Großen, du erniedrigst dich nicht, wenn du einen Edlen verehrst, wohl aber, wenn du vor einem Geringen dich beugst.« Die Leute hatten ihre Freude an mir und wir fuhren nun so fort, die Sklavin und ich, abwechselnd zu singen, bis das Schiff an einem gewissen Ufer anlangte und alle Leute ausstiegen. Ich ging auch in trunkenem Zustand ans Land und wurde vom Schlaf überwältigt und schlief noch fort, als alle wieder ins Schiff stiegen und weiterfuhren. Sie hatten meine Abwesenheit nicht bemerkt, denn auch sie waren vom Weine erhitzt und langten ohne mich in Baßrah an, ich aber schlief, bis mich die Sonnenglut weckte, da fand ich mich ganz allein und ohne Geld, denn ich hatte es der Sklavin gegeben. Auch hatte ich vergessen, den Haschimiten nach seiner Wohnung und seinem Namen zu fragen, so daß ich in größter Verzweiflung war und das freudige Wiedersehen der Sklavin für einen Traum hielt. Ich blieb trostlos am Ufer sitzen, bis ein großes Schiff vorübersegelte, da bestieg ich es und gelangte nach Baßrah, ohne jemanden in dieser Stadt zu kennen und ohne zu wissen, wo der Haschimite wohnte. Ich ging zu einem Gemüsehändler, forderte Tinte und Papier und schrieb etwas, und da er meine Schrift schön fand und mich in schmutzigem Kleid sah, erkundigte er sich nach meinem Zustand, und als ich mich für einen armen Fremden ausgab, schlug er mir vor, bei ihm zu bleiben, um sein Buch zu führen und bot mir für meine Dienste Kost und Wohnung und einen halben Drachmen Lohn für den Tag. Ich willigte ein und blieb einen Monat bei ihm, besorgte sein Geschäft und führte Buch über seine Ausgaben und Einnahmen. Nach einem Monat, als seine Einnahmen gestiegen waren und seine Ausgaben sich vermindert hatten, gab er mir einen Drachmen täglich, und als das Jahr zu Ende war, bot er mir seine Tochter als Frau an und gab mir Teil am Geschäft. Ich nahm das Anerbieten an, heiratete das Mädchen und besorgte den Laden, war jedoch nicht glücklich, denn mein Herz war zerknirscht, so daß ich auch, wenn mein Schwiegervater mich zum Trinken einlud, ihm nicht folgte. So vergingen zwei Jahre. Eines Tages sah ich viele Leute mit Speisen und Getränken vorübergehen und als ich fragte, was dies bedeute, sagte man mir: Dies ist der Tag der Lebenslustigen, an dem die wohlhabenden und fröhlichen jungen Leute am Ufer des Obollakanals unter den Bäumen zechen. Da überkam mich die Lust, dies auch zu sehen, denn ich dachte, vielleicht sehe ich unter den vielen Leuten auch meine Geliebte. Der Gemüsehändler, dem ich mein Verlangen danach äußerte, richtete mir Speisen und Getränke her und ich begab mich an das Ufer, um mit anderen den Kanal zu befahren. Da erblickte ich den Kapitän des Schiffes, auf welchem der Haschimite und die Sklavin sich befunden hatten. Ich rief ihm zu und er erkannte mich und fragte mich, ob ich noch am Leben? Dann umarmte er mich und ließ sich meine Abenteuer erzählen. Als ich damit zu Ende war, sagte er: Da du sehr betrunken warst, glaubten wir, du seiest ins Wasser gestürzt und darin umgekommen. Ich fragte dann nach meiner Sklavin und er sagte mir: Als man dich vermißte, zerriß sie ihre Kleider, verbrannte ihre Laute und fing an zu weheklagen und sich zu schlagen. Als wir in Baßrah anlangten, sagten wir ihr: Lasse jetzt dein Weinen und dein Weheklagen! Sie erwiderte: Ich werde mich jetzt schwarz kleiden und mir an der Seite dieses Hauses ein Grab graben lassen und in der Nähe desselben leben und nie mehr singen. Wir widersetzten uns ihrem Vorsatz nicht und so lebt sie jetzt bis zu dieser Stunde. Ich ließ mich dann zu ihr führen und fand sie in dem vom Hauptmann bezeichneten Zustand. Als sie mich sah, stieß sie einen furchtbaren Schrei aus, so daß ich glaubte, sie sei des Todes. Ich hielt sie lang in meinen Armen und der Haschimite sagte: Nimm sie hin! Ich erwiderte: Schenke ihr die Freiheit, wie du mir versprochen hast und gib mir sie zur Ehefrau. Er tat dies und schenkte uns kostbare Gerätschaften, viele Kleider und Diwane und fünfhundert Dinare, indem er hinzusetzte, so viel bestimmte er uns für jeden Monat, jedoch unter der Bedingung, daß wir in seiner Gesellschaft leben und er die (ehemalige) Sklavin singen höre. Er wies uns dann eine Wohnung an, in die er alles Nötige an Mobilien bringen ließ und in welche sich auch meine Gattin begab. Ich ging hierauf zum Gemüsehändler und erzählte ihm, was sich mit mir zugetragen und bat ihn, mir es nicht als Sünde anzurechnen, wenn ich seiner Tochter, ohne daß sie etwas verschuldet habe, nach Entrichtung ihrer Morgengabe, einen Scheidebrief gebe. Als dies geschehen war, kehrte ich zum Haschimiten zurück und lebte wie früher mit dem Mädchen in großem Wohlstand, Gott verscheuchte jeden Kummer von uns, überhäufte uns mit seiner Gnade und belohnte unsere Geduld, indem er uns an das Ziel unserer Wünsche gelangen ließ. Das Märchen von Maruf. In Kahirah lebte einst ein Schuhflicker, mit dem Namen Maruf, der eine sehr böse und schlechte Frau hatte, die ihn auf alle mögliche Weise kränkte. Er ließ sich alles gefallen, um öffentliche Szenen zu vermeiden, wurde aber auch immer ärmer, weil er, um Frieden zu haben, alles, was er verdiente, für seine Frau ausgeben mußte. Eines Tages sagte ihm Fatma, so hieß diese böse Frau: »Heute muß ich einen Honigkuchen von Bienenhonig haben.« Er antwortete: »Gott gebe mir die Mittel dazu, so will ich dir ihn verschaffen; im Augenblick besitze ich aber keinen Drachmen. Doch Gott wird mir helfen.« – »Ich lasse mich nicht auf solche Redensarten ein«, erwiderte Fatma; »bringst du mir diesen Abend keinen Honigkuchen, so erwartet dich eine bittere Nacht.« – »Gott ist gnädig«, sagte Maruf tief seufzend; dann betete er das Morgengebet, ging in seine Butike und flehte Gott um Arbeit an, daß er in den Stand gesetzt werde, seiner Frau einen Honigkuchen zu kaufen. Aber sein Gebet blieb unerhört: Er saß bis mittags in seiner Butike, ohne daß ihm die geringste Arbeit gebracht wurde, so daß er nicht einmal Brot, viel weniger Kuchen kaufen konnte. Mit Tränen in den Augen schloß er seine Butike und machte sich auf den Weg nach Hause. Da winkte ihm ein Kuchenbäcker, den sein betrübtes Aussehen rührte, und fragte ihn, was ihm zugestoßen sei. »Ich fürchte mich vor meiner Frau«, antwortete Maruf, »denn ich soll ihr einen Honigkuchen bringen und habe nicht einmal Geld zu Brot.« – »Beruhige dich«, sagte der Kuchenbäcker, »wieviel Pfund willst du?« – »Fünf Pfund«, antwortete Maruf. »Schon gut«, sagte der Bäcker, »ich habe Butter und Honig, zwar nicht von Bienen, jedoch von Zuckerrohr, der besser als Bienenhonig ist, ich will dir einen Kuchen backen, der wert wäre, Königen vorgelegt zu werden. Willst du nicht auch etwas Brot und Käse? Nimm nur, was du bedarfst, ich borge dir einige Tage, bis Gott dir hilft. Hier hast du auch noch etwas Geld, gehe dafür ins Bad und bringe dann einen vergnügten Abend bei deiner Frau zu.« Maruf ging, dem Kuchenbäcker und Gott für diese Gnade dankend, mit Kuchen, Brot und Käse nach Hause und brachte alles seiner Frau. Als sie aber sah, daß der Kuchen nicht von Bienen-, sondern von Zuckerrohrhonig gemacht war, fragte sie ihn: »Warum handelst du gegen meinen Willen? Habe ich nicht einen Kuchen von Bienenhonig begehrt?« Maruf entschuldigte sich damit, daß er ihn nicht für bares Geld kaufen und daher auch nicht lange wählen konnte. Aber Fatma kehrte sich nicht an seine Worte, sondern geriet in heftigen Zorn, schmähte ihn und schlug ihm einige Zähne aus; als er hierauf seinen Zorn nicht länger bemeistern konnte und auch ihr eine Ohrfeige gab, faßte sie ihn am Bart und schrie so laut, daß alle Nachbarn herbeieilten, um den Frieden wieder herzustellen. Sobald sie wieder allein waren, schwor sie, sie werde nichts vom Kuchen essen; Maruf aber, den sehr hungerte, aß davon. Da sagte sie: »Möchte der Kuchen doch zu Gift in deinem Leib werden!« Er ließ sie aber fluchen und erwiderte lachend: »Da du geschworen hast, den Kuchen nicht zu berühren, so muß ich ihn wohl allein essen; ein andermal bringe ich dir einen Kuchen von Bienenhonig, den magst du dann allein verzehren.« Am folgenden Tag saß Maruf in seiner Butike, da kamen auf einmal zwei Gerichtsdiener auf ihn zu und luden ihn vor den Kadhi. Hier fand er seine Frau mit verbundenem Arm und blutigem Schleier, und die Augen mit Tränen gefüllt. Der Kadhi sagte ihm: »Fürchtest du Gott nicht, daß du deine Frau so mißhandelst?« Da erzählte ihm Maruf die Ursache ihres Streites und berief sich auf das Zeugnis seiner Nachbarn. Der Kadhi, welcher ein sehr guter Mann war, schenkte ihm einen Viertelsdinar und sagte ihm: »Kaufe dafür einen Kuchen von Bienenhonig und lebe in Frieden mit ihr.« Maruf bat den Kadhi, das Geld seiner Frau zu geben, und hoffte nun wieder einige Ruhe vor ihr zu haben. Aber kaum war er in seine Butike zurückgekehrt, da kamen die Gerichtsdiener und forderten ihren Lohn für die Vorladung. Maruf sagte ihnen: »Der Kadhi hat mir ja nicht einmal etwas abgenommen, ja, er hat meiner Frau sogar noch Geld geschenkt, wie soll ich euch etwas geben?« – »Der Kadhi mag tun, was er will«, erwiderten die Gerichtsdiener, »wir müssen unseren Lohn haben, und wenn du ihn uns nicht gibst, so werden wir ihn schon nehmen.« Hierauf schleppten sie ihn auf die Straße und nötigten ihn, die Geräte seiner Butike zu verkaufen. Er saß jetzt trostlos in seiner Butike und dachte mit Schaudern daran, daß ihm nunmehr kein Mittel mehr bliebe, etwas zu verdienen. Da kamen wieder Gerichtsdiener und forderten ihn vor Gericht wegen Mißhandlungen, die er sich gegen seine Frau zuschulden hatte kommen lassen. »Aber der Kadhi hat ja den Frieden zwischen uns hergestellt und mich entlassen!« sagte Maruf. »Wir sind die Diener eines anderen Kadhi«, erwiderten sie, »bei dem dich deine Frau von neuem angeklagt: Folge uns also.« Maruf ging mit ihnen und erzählte dem Kadhi den ganzen Vorfall im Hause und vor dem ersten Kadhi. Fatma behauptete aber, er habe sie nachher wieder geschlagen; indessen wurde Maruf doch wieder entlassen. Aber auch diese Diener mußte er bezahlen, so daß ihm von dem Geld, das er für seine Gerätschaften gelöst hatte, nur noch einige Pfennige übrigblieben. Er ging dann wieder in seine Butike und saß ganz von Sinnen wie ein Betrunkener da, als einer seiner Bekannten ihm zurief: »Flüchte dich, so schnell du kannst, denn deine Frau hat bei der hohen Pforte eine Klage gegen dich erhoben.« Maruf schloß schnell die Butike, kaufte für sein übriges Geld etwas Brot und Käse, lief vor das Siegestor und flüchtete sich in ein verfallenes Gebäude, das ihm auch gegen den wie aus Schläuchen herabstürzendem Regen einigen Schutz gewährte. Hier weinte er bitter und rief: »Wo finde ich Ruhe vor meiner verruchten Frau! O Gott, sende mir doch jemanden, der mich in ein fernes Land bringt, wohin sie keinen Weg findet!« Bei diesen Worten spaltete sich die Mauer und ein sehr langer Genius trat heraus, von schauderhaftem Aussehen, und sagte ihm: »Was störst du mich in meiner Ruhe? Ich wohne nun schon zweihundert Jahre hier und bin von keinem Menschen beunruhigt worden; doch sage mir, was du begehrst, denn du flößest mir Mitleid ein.« Maruf erzählte ihm, wie er von seiner Frau stets gepeinigt werde und daß er nichts sehnlicher wünsche, als irgendwo hingebracht zu werden, wo sie ihn nicht verfolgen könne. Der Genius nahm ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm die ganze Nacht durch. Beim Anbruch der Morgenröte setzte er ihn auf dem Gipfel eines Berges ab und sagte ihm: »Am Fuß dieses Berges findest du eine Stadt; gehe hinein, du bist darin sicher vor den Verfolgungen deiner Frau.« Maruf blieb, über seine Lage mit Erstaunen nachdenkend, auf dem Berg liegen, bis die Sonne aufging; dann stieg er den Berg hinab, um in die Stadt zu gehen. Er fand sie außerordentlich schön, von hohen Mauern umgeben und mit zahlreichen Palästen geschmückt, so daß ihr Anblick jedes Herz erfreuen mußte. Er erregte aber so großes Aufsehen in der Stadt, daß viele Leute sich um ihn versammelten, um seine Kleidung, welche von der ihrigen ganz verschieden war, zu bewundern. »Ihr seid hier fremd«, sagte ihm einer von den Bewohnern der Stadt; »woher seid ihr?« – »Ich bin aus Kahirah.« – »Und wann habt ihr eure Hauptstadt verlassen?« – »Gestern abend.« – »Ich glaube, ihr seid verrückt: Wie, ihr wollt gestern abend noch in Kahirah gewesen sein, während man von Kahirah hierher ein ganzes Jahr zu reisen hat?« – »Ihr seid verrückt, nicht ich, ich sage die Wahrheit; hier könnt ihr noch Brot sehen, das ich gestern in Kahirah gekauft.« Er zeigte ihnen hierauf das Brot, das er in der Tasche hatte; alle Leute drängten sich heran, um es zu sehen, denn es glich dem ihrigen gar nicht. Viele glaubten nun, was Maruf von seiner Reise erzählte; andere indessen hielten ihn für einen Lügner und verspotteten ihn. Während nun die Leute so miteinander über Maruf stritten, kam ein Kaufmann, von zwei Sklaven begleitet, auf einem Maulesel herbeigeritten, trieb die Leute auseinander und machte ihnen Vorwürfe, daß sie einen fremden Menschen so zum Gegenstand ihres Spottes machten. Er nahm dann Maruf mit nach Hause und ließ ihm sogleich schöne Kleider reichen, in denen er wie der Oberste der Kaufleute aussah; dann ließ er ihm die köstlichsten Speisen und Getränke vorstellen. Erst als sie gegessen und getrunken hatten, fragte der Kaufmann seinen Gast nach Namen, Stand und Heimat. Als Maruf über alles Auskunft gegeben hatte, fragte der Kaufmann: »Aus welchem Quartier Kahirahs seid ihr?« –»Seid ihr denn in Kahirah bekannt?« – »Ich bin daselbst geboren!« – »Nun, ich bin aus dem roten Quartier.« – »Kennt ihr den Drogisten Ahmed?« – »Allerdings, er ist mein Nachbar; sein Haus steht dicht neben dein meinigen.« – »Befindet er sich wohl?« – »O ja, es geht ihm recht gut.« – »Wie viele Kinder hat er und was ist aus ihnen geworden?« – »Er hat drei Söhne: Der eine heißt Mustafa, der andere Mohammed und der dritte Ali. Mustafa ist Professor geworden, Mohammed Drogist, und Ali, der als Knabe mit mir in den Kirchen herumlief, um die Bücher der Christen zu stehlen und zu verkaufen, ist vor zwanzig Jahren aus Kahirah entflohen, weil er einmal von den Christen ertappt wurde und sein Vater ihn deshalb gar zu arg prügelte. Seither hat kein Mensch mehr etwas von ihm gehört.« Der Kaufmann erwiderte: »Nun, Maruf, ich bin dein Jugendfreund Ali, Sohn des Drogisten Ahmed: Sei mir willkommen und erzähle mir, wie du so hierhergekommen bist.« Maruf erzählte ihm hierauf die ganze Geschichte seiner Frau bis zu seiner Flucht vor das Siegestor; dann, wie ein Genius seinen Wunsch, an einen Ort gebracht zu werden, wo Fatma ihn nicht finden könne, erfüllte und ihn auf dem Gipfel des Berges vor der Stadt absetzte, Dann bat er Ali, ihm nun auch zu sagen, wie er hierhergekommen, wie diese Stadt heiße und wie er zu so großen Reichtümern gelangte. »Meine Reise hierher«, antwortete Ali, »ging nicht so schnell, ich trieb mich seit meinem siebten Jahr in der Welt umher, bis ich hierher kam. Hier beschloß ich, mich anzusiedeln, weil ich bald sah, daß die Bewohner dieser Stadt, welche Ichtian Alchuta heißt, sehr gute rechtschaffene und mildtätige Leute sind; auch bemerkte ich, daß man hier gar nichts von einer Lüge weiß. Ich gab mich daher für einen fremden Kaufmann aus und bat einen der hiesigen Kaufleute, mir tausend Dinare zu leihen, bis meine Waren ankommen würde. Für dieses Geld kaufte ich Waren, mietete mir einen Laden und fing an zu handeln, bis ich reich wurde. Benutze auch du nun den Umstand, daß dich hier niemand kennt, und gib dich nicht für einen vor seiner Frau geflüchteten Schuhflicker aus; sage auch nicht, daß du in einer Nacht von einem Genius hierhergetragen wurdest, denn man würde dich nur verspotten, und diejenigen, welche es glauben, würden sich vor dir als einem verhexten Menschen fürchten und deine Nähe scheuen. Morgen will ich dir tausend Dinare geben und einen Maulesel mit einem meiner Diener leihen. Du reistest dann auf den Bazar, wo ich dich erwarten und mit vieler Auszeichnung aufnehmen will; ich werde dich nach allerlei Waren fragen, worauf du stets antwortest, du erwartest sie demnächst. Die Kaufleute werden mich dann fragen, wer du seist: Da will ich ihnen viel Gutes und Schönes von dir erzählen und dir ein geräumiges Magazin für deine Waren verschaffen; stelle dich nur recht reich: Wenn ein Bettler zu dir kommt, so gib ihm recht viel Almosen, damit man meinen Worten glaube. Ich werde dann dir zu Ehren eine große Mahlzeit geben, die angesehensten Kaufleute einladen und sie mit dir bekannt machen. Du kannst nach Belieben handeln, denn du findest überall Kredit und in kurzer Zeit kannst du ebenso reich sein, wie ich.« Am folgenden Morgen benahm sich Maruf so, wie Ali mit ihm verabredet hatte, und dieser nannte Maruf den ersten Kaufmann der Welt und sagte von ihm, er habe Handelshäuser in Ägypten, in Indien, in Arabien und China, und besitze so viele Waren, daß kein Feuer sie verzehren könne. »Neben ihm«, sagte Ali, »bin ich ein ganz untergeordneter Krämer!« Als die Kaufleute Ali so sprechen hörten, faßten sie eine hohe Meinung von Maruf und boten ihm alle ihre Waren an: Auch warteten sie ihm einer nach dem anderen mit allerlei Kuchen und Sorbetten auf. Während Maruf sich mit dem Obersten der Kaufleute unterhielt, kam ein Bettler vor Alis Laden und bat um ein Almosen. Die Kaufleute gaben ihm einige Pfennige, Maruf aber griff in die Tasche und reichte ihm eine ganze Hand voll Dinare hin, was den Kaufleuten noch eine höhere Meinung von seinen Reichtümern beibrachte. Bald kamen aber so viel Bettler, daß Maruf, der einem jeden eine Handvoll Geld schenkte, nichts mehr von den tausend Dinaren übrigblieb. Da schlug er die Hände zusammen und sagte: »Wie es scheint, gibt es hier viele Arme; hätte ich das gewußt, so hätte ich einen ganzen Sack voll Dinare mitgebracht; was soll ich nun tun, wenn ein Armer mich um etwas bittet, da ich kein Geld mehr bei mir habe?« – »Sage ihm: Gott stehe dir bei!« antwortete der Vorsteher der Kaufleute. »Das kann ich nicht«, versetzte Maruf; »willst du mir nicht für die Armen tausend Dinare leihen, bis meine Waren ankommen?« – »Recht gern!« antwortete der Vorsteher und schickte sogleich einen seiner Diener nach Hause, um das Geld zu holen, Maruf verteilte auch dieses Geld wieder unter die Armen, welche vor der Moschee, wo er sein Mittagsgebet verrichtete, sich um ihn drängten. Er ließ sich dann von einem anderen Kaufmann wieder tausend Dinare leihen, die er bei dem Nachmittagsgebet austeilte, dasselbe tat er beim Abend- und Nachtgebete, so daß er an diesem Tag fünftausend Dinare verschenkte. Ali sah ihm mit Bewunderung zu, durfte aber, ohne sich selbst zum Lügner zu machen, nichts sagen. Des Nachts war eine große Mahlzeit bei Ali, während welcher Maruf nicht aufhörte, von seinen vielen Waren und Edelsteinen zu reden. Am folgenden Tag wendete er sich wieder an andere Kaufleute und fuhr so fort, bis er sechzigtausend Dinare entlehnt hatte. Als aber noch immer keine Waren ankamen, verloren doch die Kaufleute ihr Vertrauen zu ihm und fragten Ali, warum denn Marufs Waren so lange ausblieben. Ali wußte ihnen nichts zu sagen als: »Habt Geduld, sie werden bald ankommen.« Als er aber allein mit Maruf war, machte er ihm Vorwürfe darüber, daß er so viele Schulden mache, die er nie zu zahlen imstande wäre, da er nichts besitze noch etwas durch Handel zu erwerben suche. »Was sind sechzigtausend Dinare?« erwiderte Maruf; »wenn meine Waren kommen, so lasse ich meinen Gläubigern die Wahl, ob sie Geld oder Waren wollen.« Ali nannte ihn einen Lügner und drohte ihm, ihn vor allen Leuten zuschanden zu machen; indessen konnte er, ohne sich selbst zum Lügner zu stempeln, nichts gegen ihn sagen, denn das Sprichwort lautet: Wer jemanden lobt, dann schmäht, der lügt zweimal. Als daher die Kaufleute wieder zu ihm kamen, sagte er ihnen: »Ich wage es nicht, Maruf etwas zu sagen, weil er mir selbst auch tausend Dinare schuldig ist, übrigens habe ich euch keineswegs geraten, ihm Geld zu leihen, wollt ihr also die Ankunft seiner Karawane nicht abwarten, so klagt ihn bei dem König an.« Die Kaufleute begaben sich hierauf in den Diwan und trugen dem König ihre Klage vor. Als aber der König hörte, daß Maruf alles entlehnte Geld wieder an Arme verschenkt habe, dachte er: Dieser Mann ist kein Gauner, er ist gewiß außerordentlich reich und erwartet die kostbarsten Waren, die es nur gibt, darum will ich mir ihn zum Freund machen, so daß seine Schätze mir und nicht diesen Kaufleuten, die schon reich genug sind, zufließen. Übrigens will ich einmal an einer Perle, die ich besitze, sehen, ob er dergleichen wertvolle Gegenstände zu schätzen weiß. Der König ließ also Maruf zu sich rufen. Dieser bestätigte die Aussage der Kaufleute und erklärte, er würde bei Ankunft der Karawane einen jeden nach Wunsch mit Geld oder Waren befriedigen. Der König zeigte ihm hierauf eine Perle, so groß wie eine Haselnuß, die er für tausend Dinare gekauft hatte, und fragte ihn, wieviel sie wert sei. Maruf nahm sie zwischen seine Finger, zerdrückte sie und sagte lachend: »Das ist keine Perle: Was nicht so groß als eine Nuß ist, verdient den Namen Perle nicht, doch ihr seid arme Leute, darum schlagt ihr auch so eine Perle hoch an, bei uns aber gibt es Perlen, welche siebzigtausend Dinare wert sind.« Des Königs Habsucht wurde dadurch noch mehr gereizt und er fragte Maruf, ob er solche Perlen erwarte und ob sie ihm feil sein werden?« – »Ich erwarte deren eine große Anzahl«, erwiderte Maruf, »und werde dir mit Vergnügen einige davon zum Geschenk machen.« Der König entließ dann die Kaufleute mit dem Befehl, die Ankunft der Karawane abzuwarten, und beauftragte den Vezier, Maruf die Prinzessin anzutragen; denn auf diese Weise, dachte er, gelange ich am sichersten zum Besitz aller seiner Kostbarkeiten. Der Vezier versuchte vergebens Maruf als Gauner darzustellen. Der König hörte ihn nicht an, weil er glaubte, er möchte lieber die Prinzessin seinem eigenen Sohn zur Frau geben. So mußte denn der Vezier zu Maruf gehen und ihm die Tochter des Königs als Gattin antragen. Maruf nahm die Heiratsvorschläge an, sagte jedoch, er wolle mit der Hochzeit bis zur Ankunft der Karawane warten, denn er brauche fünftausend Beutel zur Morgengabe, tausend Beutel für die Armen in der Hochzeitnacht, ebensoviel für die Frauen der Prinzessin, auch müsse er hundert Perlen für die Königin haben und ebensoviel für die Sklavinnen der Prinzessin, auch wolle er wenigstens tausend Arme kleiden, und das alles könne er erst nach Ankunft der Karawane. Als der Vezier mit dieser Antwort zum König zurückkehrte, bat er ihn nochmals, vorsichtig zu sein und dergleichen Windbeuteleien nicht zu glauben; der König wurde aber immer begieriger nach Marufs Reichtümern, drohte dem Vezier mit dem Tod, wenn er noch etwas gegen Maruf verlauten lasse, und befahl ihm, ihn zu holen. Der König sagte ihm dann: »Deine Gründe, die Hochzeit mit der Prinzessin zu verschieben, sind nicht triftig genug; hier hast du den Schlüssel zu meiner gefüllten Schatzkammer, nimm daraus so viel Geld, als du brauchst; wenn die Karawane anlangt, kannst du mir ja alles ersetzen.« Der König ließ dann den Großmufti holen und den Ehekontrakt schreiben; die Festlichkeiten begannen, die Stadt war geschmückt, die öffentlichen Schauspiele, denen Maruf auf einem hohen Thron beiwohnte, belustigten die ganze Stadt. Maruf warf Hände voll Geld unter die Ringer, Taschenspieler und Musiker, und verschenkte so viel an Arme, daß der Schatzmeister zum großen Ärger des Veziers gar nicht Geld genug herbeischaffen konnte. Diese Festlichkeiten dauerten vierzig Tage lang; am einundvierzigsten Tag wurde erst die Hochzeit mit erstaunlicher Pracht gefeiert. Als Maruf des Nachts allein bei der Prinzessin war, schlug er die Hände übereinander und rief: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« – »Was hast du?« rief die Prinzessin; »warum seufzest du so?« – »Dein Vater«, antwortete Maruf, »hat unsere Hochzeit so übereilt: Ich wollte warten, bis die Karawane ankommt, da wäre ich auch imstande gewesen, dir deiner würdige Geschenke zu machen, aber so schäme ich mich vor dir und deinen Sklavinnen, denen ich auch, um dich dadurch zu ehren, von meinen Perlen schenken wollte.« – »Gräme dich nicht darüber«, erwiderte die Prinzessin; »du bist niemandem etwas schuldig, und was du geben willst, wird später ebenso angenehm sein; laß uns deshalb die Freuden der Hochzeitsnacht nicht vergessen.« Maruf setzte noch zwanzig Tage lang sein bisheriges Leben fort und verschenkte, was die Schatzkammer an Geld und Ehrenkleidern enthielt. Am einundzwanzigsten Tag, als der König allein mit seinem Vezier war, trat der Schatzmeister zu ihm herein und meldete ihm, daß die Schatzkammer bald erschöpft wäre. Der Vezier benutzte diese Veranlassung wieder, um Maruf als einen Abenteurer darzustellen, so daß der König, wegen des aIlzulangen Ausbleibens der Karawane selbst argwöhnisch, zum Vezier sagte: »Wie fangen wir es an, um endlich einmal Gewißheit über den wahren Zustand Marufs zu erhalten?« – »Das beste ist«, antwortete der Vezier, »du bittest deine Tochter, in Maruf zu dringen, daß er dir die Wahrheit über seinen früheren Stand gestehe, denn selten kann ein Mann lange seiner Frau ein Geheimnis vorenthalten.« – »Das soll geschehen«, versetzte der König, »und ist er ein Lügner, so soll er den schlimmsten Tod sterben.« Er ließ sogleich seine Tochter rufen, und der Vezier, den nur ein Vorhang von ihr trennte, belehrte sie, wie sie es anzufangen habe, um hinter die Wahrheit zu kommen. Die Prinzessin, welche selbst der vielen Prahlereien und Versprechungen ihres Gatten müde war, erbot sich, alles aufzubieten, um ihm sein Geheimnis zu entreißen. Als er des Abends nach Hause kam, trat sie ihm mit vielen Liebkosungen entgegen und sagte ihm Worte, süßer als Honig. »Geliebter«, redete sie ihn an, »Freude meiner Augen, Frucht meines Herzens, möge das Schicksal uns nie trennen, denn mein Herz ist so voll von Liebe zu dir erfüllt, daß ich ohne dich nicht mehr leben könnte. Aber ich bitte dich, fahre nicht länger fort, meinen Vater in bezug auf deine Reichtümer zu täuschen, er wird einmal die Wahrheit erfahren und dann im Zorn Maßregeln gegen dich ergreifen, die wir nicht mehr verhindern können; gestehe mir lieber alles, ich werde dann schon Mittel finden, dich außer aller Verlegenheit zu bringen.« »Nun«, sagte Maruf zu seiner Gattin, »wenn du die Wahrheit hören willst, so wisse, daß ich kein reicher Kaufmann, sondern ein armer Schuhflicker aus Kahirah bin«, und hierauf erzählte er ihr seine ganze Geschichte. – »Du bist ein gewandter Lügner«, sagte die Prinzessin, »und hast es ziemlich weit mit deinen Lügen gebracht; indessen hielt dich der Vezier immer für einen Abenteurer, und auf seinen Rat hat mein Vater mich ersucht, alles aufzubieten, um dir dein Geheimnis zu entlocken. Ich werde mich aber wohl hüten, es ihm mitzuteilen, er würde dich mit dem Tod bestrafen, ich gälte in der Welt als die Witwe eines Schuhflickers und würde gezwungen werden, ein zweites Mal zu heiraten. Darum folge meinem Rat; hier sind fünfzigtausend Dinare, kleide dich als Mameluck, nimm ein gutes Pferd aus dem königlichen Stall, reite in ein Land, das nicht mehr meinem Vater untertan ist, und lasse dich daselbst als Kaufmann nieder; gib mir dann Nachricht von dir, damit ich dir schicke, was ich für dich auftreiben kann. Dort bleibst du, bis mein Vater stirbt, dann lasse ich dich sogleich wieder hierher rufen; stirbt aber eines von uns zuerst, nun, so wird der Tag der Auferstehung uns vereinen.« Maruf nahm zärtlich Abschied von seiner Gattin und machte sich vor Tagesanbruch auf den Weg. Einige Stunden darauf ließ der König seine Tochter kommen, um zu hören, was sie von Maruf entlocken konnte. »Gott schwärze das Angesicht deines Veziers«, sagte die Prinzessin. »Als gestern Nacht mein Gatte bei mir war, trat mein Eunuche mit einem Brief herein und sagte: Zehn Mamelucken, welche vor dem Schlosse stehen, haben ihn gebracht. Ich öffnete den Brief, und siehe da, er war von den fünfhundert Mamelucken, welche meines Gatten Karawane begleiteten; sie meldeten ihm, daß sie von Arabern angegriffen worden und in einem langen Kampf zweihundert Lasttiere verloren haben, sie seien darum so lange ausgeblieben, weil sie, um ihre Ladungen wieder zu erlangen, mehrere Angriffe auf die Räuber gemacht hätten. Mein Gatte rief dann, Gott verdamme meine Mamelucken! War es wohl der Mühe wert, wegen zweihundert Ladungen mich so lange in Verlegenheit zu lassen? Das macht ja höchstens siebentausend Dinare. Aber ich will mich schnell aufmachen und ihnen entgegengehen, damit sie sogleich kommen. Hierauf verließ er mich, ohne im mindesten über den erlittenen Verlust betrübt zu sein, und ritt mit zehn Mamelucken davon, welche schöner waren, als der Mond, und deren jeder ein Kleid anhatte, das wenigstens zweitausend Dinare wert war. Ich dankte Gott, ihm noch keinen Zweifel über seine Reichtümer gemacht zu haben, er würde sonst mich und dich verspotten.« So wurde der Vezier abermals zum Schweigen gebracht und vom König mit Vorwürfen überhäuft. Maruf ritt indessen, von herbem Schmerz gefoltert, immer vorwärts, bis gegen Mittag. Da fand er in der Nähe eines kleinen Dorfes einen Bauern an seinem Pflug; er grüßte ihn und bat ihn, ihm etwas zu essen zu verschaffen, Der Bauer, welcher ihn für einen Mamelucken des Königs hielt, lud ihn ein, abzusteigen und sein Gast zu sein. »Du hast ja selbst nichts«, sagte Maruf. – »Steige nur ab«, erwiderte der Bauer, »ich eile ins Dorf und hole dir zu essen.« – »Aber ich kann ja selbst ins Dorf gehen«, versetzte Maruf, »und mir etwas zu essen auf dem Markt kaufen.« Darauf antwortete der Bauer: »Das Dorf ist so klein, daß es in demselben keinen Markt gibt, darum warte lieber hier, ich gehe schnell und hole dir etwas.« Während nun der Bauer ins Dorf lief, dachte Maruf: Ich will einstweilen weiter pflügen, damit der arme Mann keine Zeit verliere. Als er aber die Ochsen antrieb, stieß der Pflug auf etwas Hartes, und das Vieh konnte ihn nicht vom Platz bringen. Da er sehen wollte, was den Pflug aufhalte, fand er einen goldenen Ring an eine marmorne Tafel befestigt. Er räumte die Erde weg, hob die Platte auf und entdeckte eine Treppe, die in ein unterirdisches Gemach, so groß wie ein Badesalon, führte, welches ganz mit Gold, Smaragden, Perlen, Rubinen und anderen Edelsteinen gefüllt war. Er sah unter anderem auf einem kristallenen Koffer, welcher mit Perlen von der Größe einer Nuß gefüllt war, ein kleines goldenes Kästchen, dessen feine Arbeit seine Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich zog; er öffnete es und fand einen goldenen Siegelring darin mit allerlei Talismanen beschrieben, so klein wie Ameisenfüße. Als er an dem Ring ein bißchen rieb, ließ sich eine Stimme hören: »Was beliebt, was beliebt? mein Herr! Fordere nur, es wird dir alles gewährt. Soll ich ein Land blühend machen? Soll ich eine Stadt verwüsten? Einen König töten, oder einen Sturm aus der Erde hervorrufen? Der Schöpfer des Tages und der Nacht erlaubt mir, alle eure Befehle zu vollziehen.« – »Wer bist du denn?« fragte Maruf. – »Ich bin der Diener dieses Ringes«, antwortete der Geist, »und gehorche dem, der ihn besitzt. Mir ist alles möglich, denn ich gebiete über alle Genienhäupter und meine Armee besteht aus unzählbaren Geistern jeder Gattung; reibe nur den Ring, sooft du mir etwas zu befehlen hast, und fordere von mir, was dir Freude macht. Reibe aber den Ring nie zweimal nacheinander, sonst bin ich des Todes.« – »Wie heißt du denn?« fragte Maruf. – »Ich heiße Abu Saadat (Glücksvater), war der dienstbare Geist des Königs Schadad, der Sohn Ads, und du befindest dich in seiner Schatzkammer, wo er mich aufbewahrte.« – »Kannst du«, fragte Maruf, »diese Schätze auf die Oberfläche der Erde bringen?« – »Nichts leichter als dies«, antwortete Abu Saadat. Auf seinen Wink spaltete sich die Erde, und nach einer kleinen Weile erschienen hübsche junge Burschen – es waren die Söhne Abu Saadats – mit goldenen Tragkörben, und trugen alles, was in der Schatzkammer war, auf die Oberfläche der Erde. Nachdem die Söhne Abu Saadats diese Arbeit verrichtet hatten, fragte dieser seinen Herrn, was er nun weiter befehle. »Jetzt«, sagte Maruf, »bringe mir Kisten und Maulesel, lege alle diese Schätze in Kisten und lade sie den Mauleseln auf.« Abu Saadat stieß einen Schrei aus und sogleich erschienen seine achtundert Söhne, von denen die einen die Gestalt von Mauleseln und die anderen die von Treibern und Knechten annahmen. Letztere brachten dann Kisten herbei, und die Schätze waren so zahlreich, daß sie dreihundert Maulesel damit beluden. Maruf forderte dann noch hundert Ladungen von den feinsten Stoffen Ägyptens, Syriens, Griechenlands, Persiens und Indiens. Abu Saadat versprach bis zum folgenden Morgen alles zu liefern, und sandte sogleich Genien nach allen diesen Ländern aus, um die gewünschten Waren zu holen. Maruf erbat sich hierauf ein Zelt, um die Nacht darunter zuzubringen. Abu Saadats Söhne schlugen ein schönes Zelt auf und brachten ihm auch einen Tisch mit Speisen beladen. In diesem Augenblick kam der Bauer mit einer Schüssel voll Linsen aus dem Dorf zurück und wollte sie Maruf anbieten; als er ihn aber in einem königlichen Zelt von Mamelucken umgeben sah, hielt er ihn für den Sultan und dachte: Hätte ich doch ein paar Hühner geschlachtet und gebacken; er wollte schon wieder umkehren, um dies zu tun, da rief ihn Maruf zu sich und fragte ihn, was er in der Hand habe. »Ich habe nur Linsen«, antwortete der Bauer verlegen, »und ein bißchen Gerste für dein Pferd; ich glaubte nicht, daß der Sultan hierher kommen würde, sonst hätte ich Hühner geschlachtet.« – »Gib sie her«, versetzte Maruf, »da du, ohne mich zu kennen, mich bewirten wolltest, so will ich auch dein Gericht nicht verschmähen. Indessen bin ich nicht der Sultan, sondern sein Schwiegersohn, ich habe ihn nach einem Wortwechsel plötzlich verlassen, nun schickte er mir aber seine Mamelucken nach, um sich wieder mit mir zu versöhnen, ich reise daher wieder zur Hauptstadt zurück.« Er aß dann die Linsen, füllte die Schüssel, in der sie waren, mit Gold und lud den Bauer ein, ihn in der Stadt zu besuchen. Der Bauer kehrte glückselig mit seinem Gespann in sein Dorf zurück, und Maruf brachte die Nacht in fröhlicher Gesellschaft von Genientöchtern zu. Am folgenden Morgen rückten die Genien mit den fremden Stoffen heran, Abu Saadat ritt als Karawanenführer voraus und meldete Maruf, daß alles zum Aufbruch bereit sei. Maruf schrieb dem König einen Brief, in welchem er ihm seine Ankunft an der Spitze der Karawane meldete, und ihn bat, ihm mit einigen Truppen entgegenzukommen. Diesen Brief befahl er Abu Saadat durch einen Genius in Gestalt eines Boten voraus zum König der Stadt Ichtian zu schicken. Der König war eben im Gespräch mit dem Vezier, welcher behauptete, Maruf sei entflohen, um nicht zuschanden zu werden, als Marufs Brief anlangte. Der König machte dem Vezier neue Vorwürfe, sobald er den Brief gelesen hatte, gab Befehle, die Stadt festlich zu schmücken, und ging zu seiner Tochter, um ihr die erhaltene Nachricht mitzuteilen. Die Prinzessin war außer sich vor Freude, und dachte bei sich selbst: Gewiß hat Maruf mich nur prüfen wollen; gottlob, daß ich so gegen ihn verfuhr. Nicht minder als die Prinzessin war Ali erstaunt, als er die Vorbereitungen zur Ausschmückung der Stadt sah, und hörte, sie gelte der Rückkehr Marufs mit einer großen Karawane. Dieser bestieg, sobald der Bote zurück war, eine Sänfte und ließ nicht anhalten, bis er dem König mit seinen Truppen begegnete, dann zogen sie zusammen mit großem Pomp in die Stadt, wo alle Kaufleute ihn zu begrüßen kamen. Auch Ali stellte sich ein, und da er glaubte, das Ganze sei nur eine List der Prinzessin, sagte er: »Willkommen, Abenteurer, du hast deine Sache gut gemacht.« – Maruf lachte. Als er in den Palast kam, ließ er die Maultiere abladen, die Lasten Gold in die Schatzkammer seines Schwiegervaters tragen, die kostbarsten Stoffe, Perlen und Edelsteine aber vor sich bringen. Er ließ dann die Kisten öffnen und nahm die schönsten Stoffe und Edelsteine heraus für die Frauen und Diener des Königs, mit den übrigen bezahlte er die Kaufleute und beschenkte alle Armen der Stadt. Dann griff er zu den Smaragden, Rubinen und anderen Edelsteinen und verteilte sie unter die Truppen. Vergebens rief ihm der König zu: »Es ist genug, mein Sohn! Es bleiben ja nur wenige Lasten für dich übrig.« Er verschenkte aber immerfort und sagte: »Ich habe noch viel«, und in der Tat brachte ihm sein Diener soviel er wollte. Niemand wagte es mehr, nach dem soeben Vorgefallenen an Marufs Worten zu zweifeln, um so weniger, als gerade der Schatzmeister hereintrat und dem König sagte, die Schatzkammer sei voll und noch bleibe viel Gold übrig, er möchte ihm doch einen anderen Platz dafür anweisen. Maruf begab sich dann zu seiner Frau, welche ihm lachend entgegenkam, und er erbat sich von Abu Saadat für sie ein prächtiges Kleid und eine Halskette von vierzig Solitärperlen nebst äußerst wertvollen Armbändern, Ohrringen und Gürteln. Sie wurde fast närrisch vor Freude, als sie alles dies sah, und sagte zu Maruf: »Ich will dieses Kleid und diesen Schmuck für Festtage aufbewahren.« – »Das ist nicht notwendig«, versetzte Maruf, »denn ich habe deren noch viele.« Als er wieder allein war, bestellte er bei Abu Saadat hundert Kleider mit Schmuck für die Sklavinnen seiner Gattin. Sie zogen sie an und leuchteten wie die Sterne um die Prinzessin, welche dem Mond glich. Der König wußte nicht mehr, was er von allen diesen Schätzen denken sollte; und als er den Vezier um seine Ansicht darüber fragte, sagte dieser: »König der Zeit, ein Kaufmann ist weder so freigebig, noch so reich, als dein Schwiegersohn, selbst Könige sind selten beides in einem so hohen Grad, hier liegt gewiß irgend ein Geheimnis verborgen; folge daher meinem Rat und lade Maruf mit mir zu einem Spaziergang in deine Gärten ein, dort stellst du uns Wein vor, und wir geben ihm so viel zu trinken, daß er die Besinnung verliert und sein Geheimnis offenbart; wir ergreifen dann die nötigen Maßregeln für deine Sicherheit, denn ein so reicher Mann könnte dir gefährlich werden.« Der König fand diesen Rat gut und beschloß, ihn am folgenden Tag auszuführen; sein Entschluß war noch fester, als am folgenden Morgen seine Diener ihm das Verschwinden der Maulesel und der Mamelucken, die mit Maruf gekommen, meldeten und dieser dazu lachte, als wäre ein Verlust von tausend Mauleseln und fünfhundert Mamelucken gar nicht anzuschlagen. Maruf wurde daher zum verabredeten Spaziergang eingeladen, und im Pavillon des Gartens wurde er solange zum Trinken beredet, bis er nicht mehr wußte, was er sagte. Jetzt bat ihn der König, er möchte ihn doch mit den näheren Umständen seines Lebens bekanntmachen, denn weder seine Schätze noch seine Freigebigkeit seien die eines Kaufmanns. »Gewiß«, sagte der König, »bist du irgend ein Sultan oder ein Prinz.« – »Ich bin keines von beiden«, erwiderte Maruf, und erzählte hierauf seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. Da sagte der Vezier: »Zeige mir doch einmal diesen Ring.« Maruf zog ihn aus und gab ihn dem Vezier. Dieser rieb sogleich daran, und als Abu Saadat erschien, sagte er ihm: »Trage diesen Mann in eine öde Wüste, wo er weder Trank, noch Nahrung findet, und keinem Menschen begegnet.« Abu Saadat nahm ihn auf den Rücken, erhob sich mit ihm, trug ihn in das unbewohnte Viertel der Welt und sagte zu ihm: »Du verdienst noch schlimmeres, weil du einen solchen Talisman so leichtsinnig hergabst.« – »Siehst du«, sagte der Vezier zum König, »daß ich doch recht hatte, als ich Maruf für einen Gauner hielt.« – »Du hast recht Vezier«, antwortete der König, »Gott erhalte dich! Zeige mir auch einmal den Ring.« –»Blödsinniger Mensch«, versetzte der Vezier ganz zornig, »jetzt bin ich Herr, glaubst du wohl, ich werde dir den Ring geben, um wieder dein Diener zu werden?« Er rieb hierauf wieder an dem Ring und befahl dem Diener des Ringes, den König zu seinem Schwiegersohn zu tragen. Der Vezier versammelte dann die Häupter seiner Truppen, erzählte ihnen alles, was zwischen ihm, dem König und Maruf vorgefallen, und sagte ihnen: »Wollt ihr mich nun als König anerkennen, gut, wo nicht, so befehle ich dem Diener des Ringes, euch alle in öde Wüste zu bringen, wo ihr vor Hunger und Durst sterben müßt.« – »Tut uns nichts zuleide«, riefen alle: »Wir wollen dir gerne huldigen und allen deinen Befehlen gehorchen.« Er schickte dann zur Prinzessin und ließ ihr sagen, sie möchte sich auf diesen Abend zu seinem Besuch vorbereiten. Sie ließ ihn bitten, doch wenigstens die gesetzlich bestimmte Frist für eine Frau, die ihren Mann verloren, ablaufen zu lassen. Er antwortete aber, er wisse nichts von gesetzlicher Frist, noch von Ehe-Kontrakt, sie müsse ihn diesen Abend empfangen. Die listige Prinzessin zog des Abends ihre schönsten Kleider an, empfing den Vezier mit heiterem Gesicht und war so freundlich und zuvorkommend gegen ihn, daß er, vor Liebe und Leidenschaft ganz außer sich, sie umarmen wollte. Da sagte sie: »Siehst du nicht den Mann, der uns beobachtet? Ich beschwöre dich bei Gott, entferne ihn!« – »Wo ist ein Mann, der uns zusieht?« fragte der Vezier erstaunt. – »Er streckt seinen Kopf aus dem Stein des Siegelringes hervor«, antwortete die Prinzessin, »lege ihn doch ab, denn ich fürchte mich vor Genien.« Der Vezier, welcher glaubte, sie sehe wirklich den Diener des Ringes, legte ihn auf das Kissen und näherte sich ihr wieder. Sie stieß ihn aber zurück, daß er ohnmächtig hinfiel, rief ihre Diener herbei und ließ ihn festnehmen; unterdessen rieb sie an dem Ring und befahl Abu Saadat, den Vezier in das schwärzeste Gefängnis zu sperren und ihren Vater und Gatten zu ihr zu bringen. Sie setzte ersteren wieder zum König ein und ließ letzteren zum Großvezier ernennen, den Ring gab sie aber nicht mehr aus der Hand. Am folgenden Tag war diese neue Wendung der Dinge den Häuptern der Truppen und Staatsräten mitgeteilt, die sich außerordentlich freuten, von einem gottlosen Mann, wie der Vezier war, befreit zu sein und ihn zum Tod verurteilt zu wissen. Nach fünf Jahren starb der König, da folgte ihm Maruf auf dem Thron, den Ring aber gab ihm seine Gattin erst nach anderen fünf Jahren, als sie auf dem Sterbebett lag, und empfahl ihm denselben so angelegentlichst, wie ihren Sohn, der damals fünf Jahre alt war. Eines Nachts, als Maruf nach dem Tod seiner Gattin sich allein niederlegte, fühlte er schon halb schlafend, jemanden neben sich liegen; er schlug erschrocken die Augen auf und rief Gottes Schutz gegen die Teufel an, und siehe da, seine Frau Fatma lag neben ihm, noch viel häßlicher, als sie früher war. »Wie bist du hierhergekommen?« fragte Maruf erstaunt. – »Wisse«, hob sie an, »daß ich bald nach deinem Verschwinden es sehr bereute, dir so viel Verdruß gemacht zu haben; auch sah ich ein, was ich an dir besessen hatte, denn seit deiner Abreise mußte ich um jedes Stückchen Brot betteln. Gestern ging ich auch lange auf den Straßen bettelnd umher und niemand gab mir etwas, manche beschimpften mich sogar, so daß ich hungrig nach Hause ging und weinte. Da erschien mir ein Geist und fragte mich: Warum weinst du so? Ich antwortete: Weil ich nicht weiß, wo mein Gatte hingekommen ist, der, solange er bei mir war, mich mit allem nötigen versorgte. – Dein Gatte, sagte der Geist, ist jetzt Sultan der Stadt Ichtian; wenn du willst, so trage ich dich zu ihm. Ich bat ihn, es zu tun, und er nahm mich auf seinen Rücken, flog mit mir eine Weile in der Luft zwischen Erde und Himmel, dann setzte er mich in diesem Schloß ab, bezeichnete mir dein Schlafzimmer und sagte: Hier liegt dein Gatte. So ging ich denn herein, in der Hoffnung, du werdest mich nicht verstoßen.« Sie bat dann so lange um Erlaubnis, bei ihm zu bleiben, bis er ihren Wunsch erfüllte, jedoch drohte er ihr mit dem Tod, bei der ersten Bosheit, die sie wieder gegen ihn ausüben würde. »Hier«, sagte er, »fürchte ich deine Klagen nicht, denn ich besitze einen Ring, mittelst welchem ich nur Gott zu fürchten habe, sobald ich daran reibe, erscheint mir ein Geist, der alle meine Befehle vollzieht. Ich lasse dir die Wahl, ob du nach Hause zurückkehren willst, da sollst du so viel Geld haben, daß du bis zum Tod im Überfluß leben kannst, oder ob du bei mir zu bleiben wünschest, da räume ich dir eine herrlich möblierte Wohnung im Schloß ein, schenke dir zwanzig Sklavinnen zu deiner Bedienung und verschaffe dir die schönsten Kleider und die schmackhaftesten Speisen und Getränke.« Fatma wünschte bei ihm bleiben zu dürfen, und lebte einige Zeit wie eine Königin. Bald hatte sie aber großes Mißfallen an Marufs Sohn und noch größeren Ärger über Maruf selbst, der bei aller Fürsorge jedoch nicht mehr als Gatte mit ihr lebte, denn sie war alt und hatte ihn zu tief gekränkt. Sie ließ sich daher vom Teufel die Idee eingeben, sich des Ringes zu bemächtigen, ihn zu töten und selbst den Thron zu besteigen. So schlich sie eines Nachts aus ihrem Gemach in das Marufs, im Augenblick, wo er herausging und sie wohl wußte, daß sein Ring auf dem Kissen lag. Aber Marufs Sohn hatte sie gesehen, und es war ihm aufgefallen, daß seine Stiefmutter zu einer ganz ungewöhnlichen Stunde in seines Vaters Schlafzimmer gehe; er folgte ihr daher leise mit einem Schwert umgürtet, das er schon als Kind trug, und als er sah, daß sie den Ring nahm, sich damit freute und schon daran reiben wolle, zog er sein Schwert und schlug ihr den Hals ab. Maruf umarmte seinen Sohn und verspottete ihn nicht mehr wegen seines Schwertes. Am folgenden Tag ließ er Fatma beerdigen und bald darauf heiratete er die Tochter des Bauern, der ihn auf seiner Flucht bewirtet hatte, und ernannte seinen Schwiegervater zu seinem Großvezier. So lebte er nun viele glückliche Jahre, bis der allen Freuden ein Ende machende Tod ihn heimsuchte. Gepriesen sei der Ewigdauernde! Als Schehersad, welche während der tausend und einen Nächte dem König drei Söhne geboren, diese Erzählung vollendet hatte, warf sie sich vor dem Sultan nieder und sprach: »König der Zeit, Herr deines Jahrhunderts, darf ich nun als Lohn für meine Erzählung mir eine Gnade ausbitten?« – »Wünsche, was du willst, Schehersad, es werde dir gewährt!« antwortete der Sultan. Da rief sie die Ammen und befahl ihnen, ihre Kinder herbeizubringen. Die Ammen brachten drei Knaben, von denen der eine schon laufen konnte, der andere kroch und der dritte noch am Busen seiner Amme lag. »König der Zeit«, sagte Schehersad, »hier sind deine Kinder; ich bitte dich, um ihretwillen mir das Leben zu schenken, damit die armen Kinder nicht mutterlos werden.« Der König, bis zu Tränen gerührt, umarmte seine Kinder und sagte: »Bei Gott! Schehersad, ich habe dir schon längst verziehen, denn du bist tugendhaft und rein; Gott segne dich und die Deinigen!« Schehersad küßte dem König die Hand und wünschte ihm noch ein langes, glorreiches Leben. Die Freude verbreitete sich sogleich im ganzen Palast und bald darauf in der ganzen Stadt. Es war eine äußerst freudige Nacht, lichter als der hellste Tag. Am folgenden Morgen schenkte der König in Anwesenheit aller Truppen seinem Schwiegervater, dem Vezier, ein prachtvolles Ehrenkleid und dankte ihm dafür, daß er ihm seine Tochter zur Frau gegeben, welche ihn von ferneren Mordtaten abhielt. Er beschenkte dann auch die übrigen Veziere, Emire und Großen des Reiches und ließ die Stadt auf seine Kosten beleuchten, allerlei öffentliche Spiele und Belustigungen veranstalten und den Armen viele Almosen aus seiner Schatzkammer austeilen. Er herrschte dann noch viele Jahre in Glück und Freude, bis ihn der Tod überraschte, mit dem alles irdische endet. Gepriesen sei der, an dem die Zeit nichts ändert, und Friede sei mit seinem Gesandten Mohammed, der Zierde aller Sterblichen!