Joseph von Lauff Die Brinkschulte Erstes Kapitel »Ick gröte Ju, leiwe Mann!« Etwas Großes, Feierliches, Leuchtendes lag unter dem ehernen Himmel. Der Weizen rauchte, und von den nahen Hügellehnen kam der warme Blust der Roggenschläge herüber. Fern im Nordosten verschwamm im blauen Duft die lange Osningkette. Dunkles Grün zog sich näher heran, während in der Niederung selber, die sich zwischen Ruhr und Lippe erstreckte, der Brinkschultenhof lag, selbstgefällig und trotzig, insichgekehrt und von schwerfälliger Eigenart wie die Herren dieses Anwesens, die schon Jahrhunderte hindurch auf diesem Grund und Boden den Pflug geführt und die Scholle gebrochen hatten. Etwas Grobknochiges ging von diesem Gehöft aus. Mit Ausnahme des Herrenhauses krochen die Nebengebäude wie breit hingelagerte Tiere fast am Boden hin, überragt von knorrigen Eichen, die in regelmäßiger Anordnung und wie stiernackige Bauernknechte so kraus und sparrig eingepfählt waren, als sollte das für die Ewigkeit so weiter gehen. Von hier aus lief freies Land gen Norden zu, eine einzige blanke Fläche, im Volksmund die ›Soester Börde‹ genannt, die nur gen Westen und in der Nähe des Brinkschultenhofes von dem ›Düstermoor‹ durchsetzt war, wo die Kiebitze flogen und die Regenpfeifer ihre melancholischen Stimmen vernehmen ließen. Durch dieses Moor mit seinen Erlenstrünken und Torfstichen streckte sich der Hellweg, eine verwahrloste Straße, die zur Linken nach Unna und Dortmund, zur Rechten über verschiedene Bauern- und Liegenschaften bis ins Lippische führte. Moor und Hellweg waren verwunschen. Jetzt lag alles vergoldet; aber wenn die Dämmerung heraufstieg, wenn die Abendstimmen lebendig wurden, hoben sich dort weiße Fäden auf, häkelten sich um Busch- und Strauchwerk und krochen als quirlige Tücher über den Hellweg, und dann sagten die auf dem Brinkschultenhof: »Der Heidemann steigt; wollen man die Läden zumachen,« und dann machten sie die Läden zu und ließen sie verschlossen, bis die Sterne wieder verblaßten. »Ick gröte Ju, leiwe Mann!« Hatte da jemand gesprochen? Niemand, keine menschliche Seele; nur ein feines Säuseln lief mit den endlosen Feldern, auf denen das Korn sich kaum wahrnehmbar gegen den tiefblauen Horizont anwellte. Es war wie Katzenfell, so graugrün gab es sich unter dem fächelnden Hauch des leise dahinziehenden Windes. Ähre bei Ähre! Halme und Spelze verflochten sich, umarmten sich wechselseitig und ließen ihre fadigen Grannen gegeneinander spielen. Ein verlorenes Wiegen und Biegen! – und darüber hin wogte eine Wolke fruchtbaren Staubes, der an den Duft frischgebackenen Brotes erinnerte. Es war der Auftakt seligen Vergessens und Liebens. Nicht lange mehr, und die junge Frucht mußte in den Zustand der ersten Milchreife treten, um bald darauf der Ernte entgegenzuschauern. Das Wiegen und Biegen verlor sich. Eine tiefe Stille setzte plötzlich ein, die weder Anfang noch Ende hatte. Eine Glocke, die von der benachbarten Bauernschaft anschlug, machte das Schweigen noch fühlbarer. Sie sagte die Mittagszeit an. Da ging es wie ein Aufatmen durch die immer drückender werdende Schwüle. Die da drüben auf der Wiesenkoppel, Knechte und Mägde, wischten sich den Schweiß von der Stirne, schulterten die Sensen und schlenderten dem Brinkschultenhof zu. Vereinzelte Blinkfeuer liefen eigenartig durch die lebendigen Hecken oder züngelten wie Schlangen über das flimmernde Getreide. Dann regierte wieder die Sonne mit ihrem gleichmäßigen Licht und legte glühende Filigrannetze über die immensen Roggen- und Weizenschläge. »Ick gröte Ju, leiwe Mann!« In den Korngassen, die eine schmale Hügellehne durchquerte und etwa auf fünfhundert Schritt am Eingang des mächtigen Hofes vorbeiführte, wurde eine Stimme lebendig. Es war eine schleppende, lurgsende Stimme, die aber zu einem widrigen Gelächter wurde, als sich eine verschrumpfelte Hand emporstreckte, sich ballte und mit nervösem Rütteln und Schütteln den Brinkschultenhof bedrohte. Wohl an fünfzehn Herzschläge hindurch stand sie ehern in der zittrigen Luft, weiß und starr wie eine Totenhand, um dann mit einem kurzen Schrei zurückgezogen zu werden und schlapp niederzusinken. Gleichzeitig ließ sich die Gestalt eines verwachsenen Mannes in die Korngasse fallen, griff mit beiden Fäusten in die Erdkrume hinein und zermürbte die trockenen Klumpen zwischen den hageren Fingern. Langsam, fast widerwillig fielen die knochentrockenen Partikelchen wieder in den Schoß der Mutter Erde zurück. Der Mensch mit dem hafergelben Gesicht und den hohen Schultern, zwischen denen der Kopf bis zu den Ohrläppchen steckte, sah sie rinnen und rieseln. Die lange Nase schien noch länger zu werden. In den blutunterlaufenen Rattenäugelchen stand ein gieriges Leuchten, ein halsstarriges Festhalten am Besitz, der ihm von Rechts wegen nicht zustand. Das Spiel mit den Erdkrumen wiederholte sich ständig. Nach dem dreizehnten Mal bohrte er seine Hände tief in die Schollen hinein, ließ sie dort wühlen und knirschte zwischen den Zähnen, die noch fähig waren, Kieselsteine zu schroten: »Brinkschultenland, neunhundert Morgen, das verdammte Düstermoor gar nicht gerechnet ... Land, mein Land! – Kreuzhimmel, verdammich ...!« Mit einem Ruck stand der Alte wieder auf den Füßen, und seine Blicke gingen aufs neue über die endlose Flut der kaum merklich auf und nieder wogenden Halme. Raubvogelartig glitten sie von einem Acker zum andern, von einem Weizenschlag zum andern, als müßten sie jede einzelne Ähre zählen und sie auf ihre Ertragsfähigkeit ansprechen, um abermals den Eingang des weitläufigen Gebäudes unter scharfer Beobachtung zu halten. Dann revierten sie wieder. Langsam drehte sich dabei der fleischlose Schädel auf dem kurzen Halse, der sich nur schwer und wie in verrosteten Angeln bewegte. Eine seidene Schirmmütze deckte den Hinterkopf. Vereinzelte Haarsträhnen schoben sich aus dem unteren Rand vor. Es waren Strähnen wie aus einem alten Ziegenfell gezwirbelt. Etwas Marabuartiges haftete dem einsamen Späher an, der unentwegt auf Posten stand und mit gierigen Augen die weite Gegend absuchte. Die Weizen- und Roggenfelder allein waren es nicht, die ihn interessierten; straffer denn vorhin spähte er jetzt den Pfad entlang, der am Rand der nächsten Parzelle vorbeilief, nach links abbog und schließlich in den Hof des stattlichen Anwesens mündete. Aber nichts regte sich auf ihm und im Schatten der krausen Eichen, die den Eingang flankierten und violblaue Tücher über die Ziegel- und Strohdächer des Gehöftes warfen. »Kreuzhimmel, verdammich ...!« Der Alte schob die klebrige Seidenmütze noch mehr in den Nacken und versuchte, die aufgelösten Sardellenhaare mit spitzen Fingern zu ordnen. »Schon drei Tage steh ich hier,« sagte er durch das Kämmen hindurch. »Morgen ist der letzte Tag; aber wenn sie morgen nicht kommt ...« Er verschluckte die letzten Worte. Erneut kam die alte Wut über ihn. Das hafergelbe Gesicht machte Anstalten, sich aus den hohen Schultern zu recken. Es gelang nicht. Da streckte der Alte wieder die Faust aus. Drohend war sie auf den Brinkschultenhof gerichtet, als müsse er ihm die gekrümmten, leichenhaften Finger ins Gesicht hineinstoßen. »Denn also bis morgen!« Hierauf drehte er bei, schnitt sich aus der eingesprengten Hecke einen handlichen Weißdorn und begann, ihn mit scharfem Messer zu schälen, wobei er immer die zudringlichen Stechfliegen, die sich auf Nacken und Hände niederließen, verscheuchen mußte. So ging das eine Viertelstunde hindurch, und er bemerkte es nicht, daß einer den Brinkschultenhof verließ, sich der sanftabgedachten Hügellehne zuwandte, um von hier aus den Hellweg zu gewinnen. Es war der jüdische Beschneider Simmchen Löwenthal aus dem nahen Werl, ein noch immer viver Mann in den sechziger Jahren, der im Nebenamt einen kleinen Woll- und Viehhandel betrieb, um, wie er sagte, seinem schmalen Gehalt etwas unter die Arme zu greifen. Dabei ließ er die Würde seines Standes keineswegs außer acht, trug stets einen abgelebten Zylinder, selbst auf seinen merkantilen Gängen, weil er die Ansicht vertrat: Wer nobel erscheint, wird nobel bedient, und so kam es denn, daß er von Werl bis weit ins Lippische hinein ein gern gesehener Mann war. Simmchen Löwenthal hatte ein Nazarenergesicht, über und über mit linsengroßen Sommersprossen verziert und gesprenkelt. Ein fuchsiges, nur mit etlichen grauen Fäden durchsetztes Bärtchen rahmte es ein. In den verschleierten Augen lag ein sanftes Licht, sanft wie das Girren der Turteltauben und milde wie Rahmkäse. Dazu waren seine Worte süße wie König, und wenn er so mit zur Seite geneigtem Kopf die Vorzüge oder Nachteile einer melkenden Kuh begutachtete, mit schönen Augen und gelenkigen Fingern das Euter befühlte, noch eine gehörige Portion Worte hinzutat, dann war das Geschäft so gut wie gesichert; denn Simmchen Löwenthal bezahlte nicht nur mit blanken Speziestalern, sondern auch mit lieblichen Augen und feinen Redensarten, die er mit der gönnerhaften Ruhe eines wirklich edlen Menschen anpräsentierte. Letzteres allerdings mehr zu seinem eigenen Profit als zu dem der stumpfsinnigen Bauern, weshalb denn auch seine Glaubensgenossen einen großen Respekt vor ihm hatten, öfters die Köpfe zusammensteckten und sich zumauschelten: »Gott, was e Mann! Simmchen Löwenthal is reicher als reicher.« – Simmchen schnürte sich immer näher und näher. Nach Art seines Stammes kam er auf weichen Füßen gegangen, blinzelte wie ein bekümmertes Hühnchen über die weiten Getreidefelder und überdachte das mise Geschäft des heutigen Tages, als er sich plötzlich dem Alten gegenüber sah, der eben mit dem Abschälen des geschnittenen Weißdorns fertig geworden war. Mit einer kurzen Bewegung prallte er zurück. »Straf' mich Gott ...!« lallte er wie vom Monde gefallen. »Ja, Simmchen, ich bin es,« versetzte der Alte. Seine Stimme flackerte. Die Begegnung schien ihm nicht recht zu gefallen. »Aber was stieren Sie denn? Zehn Jahre sind doch keine Ewigkeit, Simmchen!« »Wahrhaftiger Gott!« erstaunte sich Löwenthal. »Schon ßurück von die Vereinigten Staaten? Er is es wahrhaftig! Darf ich fragen, Herr Jaspers, wie's Ihnen bekommen is bei die Leute dahinten?« »Wie's mir bekommen ist?« »Ja – ich meine, Herr Jaspers.« »Schmul, Sie sind wohl verrückt!« Über die Züge Löwenthals glitt ein ergebenes Lächeln. Mit einer weichen Bewegung legte er den Christuskopf auf die linke Seite des etwas angefetteten Rockkragens. »Schmul?« fragte er mit sanfter Betonung. »Was heißt Schmul? Ich werde mir doch wohl mit Ihrem gütigen Einverständnis die Frage erlauben dürfen: Herr Jaspers, haben Sie 'ne schöne Bekömmnis gehabt über das große Wasser dahinten?« »Nee, Simmchen, das dürfen Sie nicht.« »Nich?!« meinte dieser, »wo Sie doch unsichtbar gewesen sind lange ßehn Jahre hindurch vor meinen sichtbaren Augen, Herr Jaspers!« Der Alte klopfte ihm mit häßlichem Grinsen auf die Schulter: »Tun Sie doch nicht wie 'n neugeborenes Kalb. Sie wissen doch, Simmchen ...« »Ich weuß,« sagte der Jude, »man kann in fitale Begebnisse kommen.« »Und da wissen Sie auch ...« »Gott, ich weuß! Das mit die preußischen Gerichte! Es war 'ne fitale Sache.« »Fatal nur?« fragte der Alte. »Nu, sagen wir, es war 'ne große Maramme. Es war ein Schlamassel.« »Und alles um das da!« grinste der alte Brinkschulte, genannt Jaspers, und seine Augen überflogen wieder das Areal des stolzen Gehöftes, das sich selbstbewußt unter dem ehernen Himmel sonnte und streckte. »Nur um dem verfluchtigen Anerbenrecht um die Ohren zu knallen und meinem verstorbenen Bruder eins auszuwischen – nur um dessentwegen ist alles gekommen.« Er schnappte nach Atem. »Ich weuß, Sie haben ihm ein Feuerchen unter die Nase gehalten.« »Den roten Hahn habe ich ihm aufs Dach gesetzt,« konstatierte der Verwachsene mit hämischer Genugtuung und ließ dabei den geschälten Dorn durch die Luft spielen, »ihm und seiner hochfahrigen Tochter, und wenn er auch nur auf der Weizenscheuer gekräht hat, eins hat mich fuchsteuflisch gefreut: ihn, was mein Bruder ist, hat der Schreck in die Stoppeln geworfen.« »Schweigen Sie still,« meinte Simmchen. »Ich bin ein alter Mann un kann mich nich einlassen in solche Geschichten. Sie riechen wie aus dem Abtritt geßogen. Sprechen Sie leise, Herr Jaspers, oder gehen Sie wieder ßu die Vereinigten Staaten. Die preußischen Gerichte kommen Ihnen über dem Halse, un diesmal sind sie fixer als mit ihre damaligen Beine.« »Hat nichts mehr zu sagen.« »Weil Sie glauben, Herr Jaspers, die Sache ist von die Rolle des hohen Gerichtes gestrichen?« Der Alte nickte und machte dazu die Hantierung des Strickdrehens. »Tot und verjährt,« sagte er tonlos. Simmchen Löwenthal trat näher. In seinen sanften Augen stand ein versöhnliches Leuchten. »Herr Jaspers,« sagte er nach einigem Überlegen, »hören Sie, bitte, auf meine schönen Gefühle. Lassen Sie den Spektakel von wegen die Anerbenrechte. Es is 'ne alte Gewohnheit von die westfälischen Leute. Sie können doch nich dagegen anoperieren. Werden Sie wieder ein Mann mit 'nem noblen Gewissen, machen Sie Ihren Frieden mit der leiblichen Tochter Ihres verstorbenen Bruders, der Madam Brinkschulte, gehn Sie wieder nach Dortmund, wo Sie geschrieben haben auf die Advokaturkanzlei für dreißig Pfennig den Bogen, benehmigen Sie sich als ein Engel aus dem Paradies dem Brinkschultenhof gegenüber, un die Leute werden sagen: Der Herr Jaspers is wiedergekommen von die Vereinigten Staaten, hat sich 'nen neuen Menschen zugelegt un den alten Adam bei die Indianers gelassen.« »Daß ich ein Idiot wäre!« trumpfte der Alte auf. »Wie heißt ›Idiot‹?« meinte Simmchen. »Warum sind Sie denn gekommen nach hier, warum stehn Sie denn mang die Roggenfelder un kucken sehnsüchtig nach die Geburtsstätte ihrer Väter herüber? Gott, du Gerechter! – Sie wollen doch nicht bringen ein neues Malör über die Pfannen Ihres eingeborenen Hauses?« »Ich stehe hier, um mit der Tochter meines Bruders zu sprechen,« kam es gepreßt aus dem Munde des Heimgekehrten. »Seit drei Tagen warte ich hier. Hier will ich sie abfassen, um ihr den Skandal unter dem eigenen Dach zu ersparen. Aber wenn sie morgen nicht kommt, dann sollen auch ihre Türpfosten hören, was ich mit ihr zu besprechen habe.« »Dann müssen Sie sich anderweitig benehmen, Herr Jaspers.« »Wieso?« fragte dieser. »Nu,« meinte Simmchen, »bin ich doch soeben gewesen im Hof, um ßu kaufen die Blesse. Gott, was 'ne Kuh! Die beste zwischen Unna un Dortmund. Gut, sage ich, werde ich beßahlen hundertfünfßig Speziestalers. Aber wem soll ich beßahlen? Natürlich werde ich beßahlen an die Madam von dem Hause. Aber wo is sie? Ich frage die Viehmagd. Nich ßu Hause, Herr Löwenthal. Sie hat ins Lippische gemacht. Auf wie lange? frage ich wieder. Auf vierßehn Tage, Herr Löwenthal. Schön, sage ich, dann komme ich wieder ßu diesem Termin, um ßu beßahlen die Blesse. – Sehn Sie, Herr Jaspers, wie ich mit die hundertfünfßig Talers warten muß, werden auch Sie warten müssen, um ßu skandalieren auf dem Brinkschultenhofe.« »Himmel, Gewitter ...!« »Ich bitte Ihnen, bleiben Sie bei 'ner Besinnung, Herr Jaspers.« »Wo mir das alles passiert ist?!« zeterte der Alte. »Glauben Sie denn, Simmchen, mir stände der Gusto danach, mich mit meinem krummen Kadaver wieder über den Kontorstuhl zu flegeln, den verdammten Aktenstaub herunterzuschlucken, in dreckigen Prozessen herumzuschnüffeln und mit den Ratzen wie früher an ein und derselben Brotkruste zu schroten, wo die da drüben bis über die Ohren im fetten Schmand sitzt und sich die Finger abschleckert?! Simmchen, Sie sind wohl meschugge! Dafür habe ich nicht wieder retour gemacht. Das wäre noch schöner! – Nee, Simmchen, jetzt wird mit allen Klarinetten aufgespielt. Mein Recht will ich haben: Vieh und Mist und den Hahn drauf und alles übrige, was mir von Rechts wegen zusteht.« »Ich bitte Ihnen nochmals, Herr Jaspers, es wird doch nicht so eilig pressieren.« »Ja, es pressiert!« schrie der Alte, und wieder streckte er die leichenfarbige Faust über die Korngasse. »Entweder – oder; sie bezahlt, oder sie soll verrecken, das Fraumensch!« Simmchen Löwenthal verfärbte sich. Entsetzt sah er auf die eingekrampften Finger, die drohend in der zittrigen Luft standen. »Schweigen Sie still!« wimmerte er. »Ich bin ein alter Mann un ein ehrlicher Mann; es sind faule Geschichten. Ich schmeiße sie fort wie ein Stück trefer Fleisch über die Schulter. Waih geschrien! Was sollen die gefährlichen Betreibungen?! Tun Sie nich so entsetzlich mit die Hand; es is ein Greuel vor dem Herrn. Fluchen Sie nich so gefährlich auf die Madam Brinkschulte; es is auch ein Greuel vor dem Herrn; denn Sie un was die Madam Brinkschulte is, sie stammen doch her von die Erbsälzer in Werl un haben dieselben Erbväter gehabt, oder wie sie heißen mögen, die Leute.« »Nur mit dem Unterschied, Simmchen,« versetzte Jaspers, indem er die gestreckte Faust zurückzog, »daß sie, das Fraumensch, bis ans Maulwerk in andermanns Talg sitzt, in meinem Talg, der mir vor Gott und den Menschen ...« Er unterbrach sich. Mit dem Hagedorn zeichnete er krause Figuren auf den hartgebackenen Boden. Simmchen legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sie wird Ihnen nich verlassen,« sagte er ruhig. »Die?!« lachte der Alte grimmig auf, »die rückt mit keinem scheelen Kastemännchen heraus. Dem Vieh wirft sie's scheffelweise ins Maul; ihr eigen Fleisch und Blut aber kann im Chausseegraben Staub fressen.« »Ich bitte Ihnen, bleiben Sie in einer richtigen Verfassung, Herr Jaspers, denn was die Madam Brinkschulte is: sie is 'ne ehrliche Frau, sie is 'ne vorsichtige Frau, obgleich sie noch immer keine richtige Frau is. Aber sie wird Sie an ihren jungfräulichen Busen ßiehen, un sagen wird sie: Der verlorene Sohn is ßurückgekommen von die Indianers und Szulukaffers, wo er hat gegessen die Treber mit die amerikanischen Schweine. Wollen ihm schlachten lassen ein Kalb ßu seiner Bekömmnis. – Aber, was ich sagen wollte, Herr Jaspers. Ich meine, haben Sie für die nächsten vierßehn Tage noch eine ausgiebige Notdurft? Haben Sie 'ne Bettstelle un etwas für mittags un abends? Haben Sie Rippchentoback, um sich ßu stopfen 'ne Pfeife mit so was?« »Nee!« lachte der Alte und beutelte seine leere Tasche nach auswärts. »Nichts, keinen roten Heller, Simmchen.« Simmchen Löwenthal legte den Kopf noch mehr auf die Seite. Dann sagte er mit wehleidiger Stimme: »Sie rühren mir in Ihrer grausamen Menschlichkeit. Wissen Sie was, Herr Jaspers! Kommen Sie mit ßu meinem Blümchen nach Werl. Sie wird Ihnen geben 'ne Bettstelle un etwas für mittags un abends. Sie wird Ihnen geben Rippchentoback un ein Schälchen mit Kaffee, damit Sie wieder ßusammen bringen Ihren inneren und auswendigen Menschen, bis die vierßehn hungrigen Tage herum sind.« »Ich danke Ihnen, Simmchen. Ich habe Freunde in Dortmund.« »Was sind das für Leute?« »Sozis und solche, die es werden wollen.« »Die gefallen mir nich,« sagte Löwenthal. »Ich werfe sie auch wie trefer Fleisch über den Rücken.« »Es sind Menschenbeglücker, die die Hungrigen nicht verkommen lassen und den Fetten an die dicken Bäuche greifen.« »Püh!« machte Simmchen, »dann spaßieren Sie man nach die Menschenbeglücker in Dortmund; ich gehe ßu mein Blümchen nach Werl. Leben Sie wohl, Herr Jaspers; ich habe die Ehre.« Damit ging Simmchen Löwenthal seines Weges, während der Alte noch einen langen, häßlichen Blick auf das stille Gehöft warf, einen saftigen Fluch hervorholte und mit diesem auf den Lippen durch das säuselnde Getreide schritt. Fingerfertig suchte er in den Westentaschen herum und fand, was er suchte. »Das langt noch bis Dortmund,« sagte er ruhig. Alsbald hatte er den mulmigen Heerweg unter den Füßen, um auf ihm die nächste Station zu gewinnen. Stunde um Stunde verging. Die drückende Schwüle verlor sich. Die immense Ebene schmückte sich mit weicheren Farben. Nachdem das Flimmern nachgelassen hatte, traten auch die einzelnen Liegenschaften und Bauerngehöfte mehr in die Erscheinung. Nach Osten zu streckte sich ein scharfumrissener Streifen, der wie Neutraltinte aussah. Dort lag Soest. Deutlich hoben sich die zierlichen Türme der Kirche ›Maria zur Wiesen‹ in die spiegelreine Luft. Die vom Brinkschultenhof waren wieder mit Mähen beschäftigt. Ein durchdringender, würziger Geruch stieg herauf – der warme Duft nach geschnittenem Gras und welkenden Blumen. Im schaukelnden Marsch wiegten die Knechte ihre Sensen. Leise sirrten diese durch die bunten Halme. Es klang wie das Gezirp von geigenden Heupferdchen. Sonst herrschte die große Stille von eben, die nicht aufhören wollte. Plötzlich zerriß sie. Ein Schuß fiel auf dem Hof. Knechte und Mägde, die beim Heuen waren, horchten auf und sahen nach der Richtung des gefallenen Schusses. Ein blaues Wölkchen kräuselte aufwärts. Es stand dicht neben der großen Scheune, die dem Herrenhaus zunächst lag. »Der Spökenkieker,« sagte der Großknecht dumpf vor sich hin und senste weiter. Eine Magd grinste lustig auf; auch die übrigen lachten und gingen wieder an ihre Arbeit. Auf dem Brinkschultenhof aber stellte ein vierschrötiger Mensch das noch rauchende Gewehr beiseite. Er war lang aufgeschossen, hatte blasse Haare und Augen, die in ihrer Eigenart an die Augen eines Hellsehers erinnerten. Vor ihm lag eine prächtige Ohreule, die er soeben aus dem sommergrünen Eichenlaub herunter geknallt hatte. Mit ungelenken Bewegungen wiewackte er dem nahgelegenen Schuppen zu und kam mit etlichen Nägeln und einem Hammer zurück. Hierauf ergriff er den toten Vogel und nagelte ihn mit gebreiteten Schwingen an das mächtige Scheunentor. Weithin klangen die Schläge durch die große Einsamkeit, die stundenlang im Schatten der alten Eichen gebrütet hatte. Die gekreuzigte Ohreule aber senkte die weiche Holle herunter und zog die Nickhaut über die runden, schwefelgelben Lichter, die für immer ihr Sehen vergessen hatten. Von unten aber klang es herauf: »Scheuch' Blitz und Donnerwetter Von diesem Haus, Und laß die schwarzen Bretter Noch lange draus.« Hierauf schallte ein langausgezogenes Gelächter über den Hof, das sich bis zu den ferngelegenen Wiesenkoppeln erstreckte. »Höhö!« lachte der Spökenkieker. Zweites Kapitel »Ticktack, ticktack!« machte der große Perpendikel auf der Diele im Brinkschultenhof, »ticktack, ticktack!« So war er schon an zweihundert Jahre hindurch gegangen – derselbe Perpendikel, in demselben verräucherten Uhrgehäuse, auf der nämlichen Diele und unter demselben Strohdach, das wie ein schweres Augenlid über die weißgekälkten Mauern vorragte. Der Perpendikel hatte sich ehrlich geplagt. Feierabende kannte er nicht. Immer dasselbe: »Ticktack, ticktack!« – und hier, wo er auf- und niederging, hatten seit Menschengedenken immer freie und selbstherrliche Leute gesessen. Früher war es anders auf der Soester Börde. Da profitierten nicht viele von dieser Selbstherrlichkeit. Ungezählte Jahrzehnte hindurch waren die Bauern durchweg in einen Zustand der Halbfreien und der Überbürdung mit Steuern und Hofeslasten versunken gewesen. Bei der Schwäche der Territorialherren ihren eingesessenen Ritterschaften und Prälaten gegenüber lagen die rechtlichen Verhältnisse sehr im argen. Die Bauern verkümmerten an Leib und Seele. Mehr oder weniger zählten sie zu den eigenbehörigen, den meierstättischen oder den zinspflichtigen Leuten. Niedergedrückt und mit Schulden belastet, schienen sie nur dazu verdammt, andermanns Scholle zu brechen und mit gekrümmtem Rücken andermanns Scheuern zu bestellen, um schließlich als unfreie Männer in die schwarzen Bretter zu kommen. Nirgends ein erlösender Auftakt! Zwischen Michaelis- und Martinitag war das Zinskorn in marktgängiger Ware, frei von Kaff, Drespe und Rade, auf den Gutshof zu bringen. Die Schweine wurden gezeichnet und wanderten in den Stall des adeligen Bedrückers. Um Martini waren zwei Gänse und auf Fastnacht fünf Rauchhühner in die Küche des Herrn zu liefern. Dazu lastete auf dem Hof ein wöchentlicher Spanndienst. Weib und Kinder hatten nach der Pfeife des Patrons zu tanzen und fanden erst Ruhe, wenn die Leichenfrau vorsprach, um ihnen das letzte Hemd über die Ohren zu ziehen. Das war noch das beste an dem ganzen Luderleben gewesen, denn auf diese Weise hatten sie sich wenigstens den Himmel oder das Fegefeuer erhungert. Mit dem Jahre 1825 ging's besser. Aber auch da und bis in die neuere Zeit hinein gab es an manchen Feuerstellen noch viel zu bemängeln und viel zu beklagen. Alte brutale Herrenhand greift bis ins dritte und vierte Glied hinein, selbst dann noch, wenn sie lange schon tot ist. Die auf dem Brinkschultenhof hatten jedoch von solchen Herrenfäusten nie etwas zu erdulden gehabt, und als es einmal geschah, als im Jahre 1748 der Edle von Plettenberg den damaligen Schulten um Martinsgänse und Zinshafer anging, fand er sich eine halbe Stunde später in der Mergelgrube wieder, und das von Rechts wegen; denn schon bis ins sechzehnte Jahrhundert hinein zählten die Brinkschultenleute zu den Vollfreien im Lande, waren in ihren Dispositionen über ihr volles Eigentum weder unter Lebenden noch von Todes wegen beschränkt, hatten sich nicht an Zins und Gedinge zu kehren und fühlten sich, als wenn sie es mit den Vornehmen und Edelleuten in der Nachbarschaft aufnehmen konnten. Das war altes Recht und verbriefte Sitte und galt bis zum heutigen Tage. Auf dem Hofe ruhte das Anerbenrecht. Vor zielloser Zersplitterung waren seine Wiesen und Weiden geschützt. Seine Äcker und Liegenschaften verfielen nicht der Meßrute des Geometers. ›Frei Gut kommt nicht an die dritte Brut,‹ dieser Wahlspruch wurde nirgends strenger gehandhabt, und der verbriefte Grundsatz, immer nur einen, und zwar den ältesten, zum Stättenerwerb zuzulassen, die übrigen Miterben aber durch Aussteuern oder Brautschätze abzufinden, wurzelte in dem jeweiligen Besitzer so grundtief und unverrückbar, wie die ehrwürdigen Eichen, die man kaum noch auf ihr Alter ansprechen konnte. Nach Gesetz und Pflicht wurde auch demnach verfahren, und so war es gehalten worden von Anbeginn an, wo ein Vollfreier diesen Grund und Boden betreten und seine Sparren errichtet hatte. Auch hatte keiner von ihnen im Glauben gewankt. Die Mehrzahl der Hellwegleute waren zum Bekenntnis Luthers übergetreten. Fast alle benachbarten Ortschaften bekannten sich dazu. Nur vereinzelte Katholiken waren eingesprengt. Zu ihnen gehörten die vom Brinkschultenhofe. Mit zäher Eigenart hielten sie auch hieran fest. Des zum Zeichen stand auf der breitangelegten Eingangspforte geschrieben: »Wenn Geld und Gut und Haus vergehn, Was christkatholisch, bleibt bestehn, In Christi Namen! – Amen.« Durch sie trat man in die mächtige Diele ein, flankiert von Kuh- und Pferdeställen, und sah von hier aus durch die schummerige Dämmerhelle das Herdfeuer aufleuchten, woselbst sich das Haus nach beiden Seiten hin zu einem Querschiff erweiterte. Von hier leitete die Brinkschulte ihre weitverzweigte Wirtschaft, kontrollierte die Aus- und Eingehenden und beobachtete die Mägde, wenn sie müde und abgearbeitet ihre Kammern im Obergeschoß aufsuchten. Um diesen weißgekälkten Raum, von dem die Balkendecke düster und schwerfällig herabhing, gruppierten sich die anderen Gemächer des Hauses: die Schlafkammer der Herrin, die Spinn- und Wohnstube und das geräumige Zimmer, das nur geöffnet wurde, wenn vornehmer Besuch kam oder sich die höchsten Feiertage des Jahres einstellten. Neben dem Feuer streckte sich der blanke, weißgescheuerte Tisch, an welchem Knechte und Mägde ihre gemeinsamen Mahlzeiten einnahmen und Wort an Wort reihten, langsam und bedächtig, wie der Eimer, der aus dem tiefen Brunnen stieg und das Wasser herausholte. Diese Halle hatte etwas Kirchliches an sich. In ihr ruhte der Herd wie ein niedriger Altar, auf dem die Opferflamme nicht zum Verlöschen kam. In der vorgelagerten Diele gähnte die Bodenluke herab. Unter ihr war geheiligte Erde. Hier wurden nach altem Brauch die Toten aufgebahrt, die Verlobungsringe gewechselt, Knechte und Mägde verpflichtet und die Eide abgenommen. Genau unter dieser gähnenden Luke war auch der alte Brinkschulte zusammengebrochen, als er hörte: Dein Bruder hat den roten Hahn auf die volle Weizenscheuer gesetzt! – sein Bruder, der bucklige Mensch, der Advokatenschreiber, sein eigen Fleisch und Blut, der hundsmiserable Kerl, der ihm schon so oft seine besten Trümpfe konterkariert und ihm durch seine verfluchte Mitwissenschaft die Seele zusammengeknebelt hatte. – Noch sah er seine Scheune sich totenstill gegen den Abendhimmel abheben, als auch schon ein gieriger Feuerstrom über sie fortglitt und die Ausbeute von zweihundertfünfzig Morgen Ackerland zu verschlingen drohte. Da drehte sich der erbfreie und bodenständige Mann um sich selbst. Mit einem dumpfen Schrei, der schwer wie ein Stein von seinen Lippen fiel, knickte er in sich zusammen, röchelnd, ein gefällter Stier, als hätte ihm eine Sense die harten Fesseln durchschnitten. Drei Tage später streckte er sich mit spitzer Nase und glattrasiertem Gesicht auf geweihter Erde unter der Bodenluke, genau auf der Stelle, wo das Malör ihn niederwarf und ein Abschein des unheiligen Feuers in die schon halbgebrochenen Augen hineinspielte. Auf zwei Flachsbrechen ruhte der pompöse Sarg. Juffer Eli, die Ankleidefrau, hatte alles aufs beste hergerichtet. Auf dem Deckel brannten drei Kerzen. Die über dem Herde niederhängende Lampe leuchtete herüber. Das Leichenhemd war mit Fäden ohne Knoten zusammengeschneidert. Buchsbaumpartikel und Rosenblätter lagen auf dem Boden. Den Bienen war der Tod angesagt worden. Dreimal hatte Juffer Eli mit hartem Knöchel gegen die Strohkörbe geklopft: »Wacht auf, euer Herr ist gestorben!« –und da waren sie aufgestöbert, als sollte die Schwarmzeit schon losgehn, so ein Toben und Lärmen war zwischen den Stöcken und Gemüserabatten. Nein, Juffer Eli hatte gar nichts vergessen. Sie wußte genau, was dem vollfreien Manne gebührte, der nun von seinem Erbe mußte, um seinem Erlöser und Herrgott näher zu kommen. Steif wie ein Uhrkasten, im schwarzen Wollkleid und mit straffgescheiteltem Haar, das sich wie strähniges Werg ausnahm, stand sie unentwegt neben dem Toten und wartete auf das Sterbeläuten von dem benachbarten Sönnern. Jeden Augenblick mußte es herübertönen. Mit gefalteten Händen und runden Augen, deren Blicke an das sanfte Gleiten von Fledermäusen erinnerten, sah sie über die schwarzen Bretter fort, als die Brinkschulte erschien, die einzige Tochter, wie überhaupt das einzige Kind des Verstorbenen, und dicht an ihre Seite trat. Kein schmerzentstelltes Gesicht! – alles abgeklärte Ruhe und selbstverständliche Hinnahme. Sie begegnete dem Tod, wie sie ihrem großen Erbe begegnete. Josepha Brinkschulte kannte keine schwächlichen Anwandlungen. Tod und Leben waren ihr gleichwertige Dinge. Blond wie Weizenähren, in der Vollkraft ihres Daseins, das bereits die Mitte der Zwanziger hinter sich hatte, pflanzte sie sich neben den Flachsbrechen auf, um dem Begräbnis beizuwohnen. Eigentlich schön war diese Josepha Brinkschulte nicht, dazu waren ihre Züge zu bedeutsam, zu scharf in der Linienführung und wie aus Bronze herausgearbeitet. Obgleich unverheiratet, haftete ihr etwas Frauenhaftes an. Als hätte stets eine heiße Sommersonne auf ihrem Scheitel gelegen, so bräunlich lief es ihr über Nacken und Arme. Eine verhaltene Glut lebte in diesem heißen, verlangenden Körper, der etwas an sich hatte, was die Künstler nötig haben, um ein heroisches Weib aus dem Stein hervorzuholen. Die Anerbin des Brinkschultenhofes war zum Herrschen geboren. Das hatte sie von ihrer verstorbenen Mutter aus Engern, einer hagenfreien Sattelmeierin, die ihr Geschlecht bis in die Zeiten des großen Wittekind zurückführte und mit Rücksicht darauf auch unter ganz besonderen Feierlichkeiten bestattet wurde. Schon Monate vorher hatte sich diese eigenartige Frau auf ihr Sterben gefreut, als ginge es zum Taufschmaus oder zu einer Hochzeiterei, denn als Sattelmeierin begraben zu werden, galt ihr mehr, als sich noch im Besitz aller irdischen Güter zu wissen. Der Tod kam ihr als Befreier und Erlöser. Sie folgte ihm, als ginge es über blumige Wiesen. Ein Abglanz von ihr war auch auf die einzige Tochter übergegangen. Josepha Brinkschulte atmete tief auf. Mit kräftigen Armen rückte sie ihr schweres Haar zurecht. Seltsam leuchtete es durch die weite Dämmerhelle. Die Luft war dick und warm und von den Ausdünstungen des Viehs durchsetzt. Von Sönnern her tönte das erste Sterbeläuten. Dann verstummte es wieder. Die Brinkschulte stand unbeweglich. Als die Nachbarsleute kamen, wurde der Deckel noch einmal vom Gesicht des Toten gezogen. Alle traten näher und besahen sich die energischen Züge des Entschlafenen. Trotz der starren Glieder und der wächsernen Hände, trotz der Unbeweglichkeit des Kopfes und der bleiernen Augen, die toten Lippen schienen zu sprechen: »Brand und die jämmerliche Not wegen meines Bruders warfen mich in die Stoppeln; aber macht euch keine Sorge, ihr Bauern. Ich weiß mein Erbe gesichert, und zwar besser gesichert, als wenn zehn Mannskerle den Pflug regierten und die Scholle brächen.« Des freuten sich die harten Bauerngesichter und ließen von dem Toten ab, um den Schreiner zu seinem Recht kommen zu lassen. Mit Hilfe des Leichenbitters brachte er den Deckel wieder an Ort. Dann fielen dumpfe Hammerschläge. Keine Schrauben wurden verwendet. Die Brinkschultenleute wollten von Neuerungen nichts wissen. Fünfzöllige Nägel taten es auch – dreißig fünfzöllige Nägel auf Reihe. Beim letzten bekreuzte sich der Dorfschreiner und sagte: »Amen.« Niemand weinte, niemand klagte dabei. Stumm wie die Fische standen die von der Soester Börde nebeneinander. Das war auch der früheren Lebensweise und dem Sinne des Verstorbenen gemäß. Zum andern setzte die Glocke ein. Mit ihrem Geläute kam der junge Kaplan von Sönnern, ein Schwärmerkopf mit versonnenen Augen, eine Lilie in einen Bauerngarten verpflanzt. Küster und Meßjungen folgten. Der junge Kaplan sprach das ›De profundis‹. Es verklang, ohne gehört zu werden. Nichts regte und rührte sich auf der schummerigen Diele. Nur die alte Kastenuhr tickte und tackte. Als aber der Sarg von den Knechten hinausgetragen und auf den vierspännigen Leiterwagen geschoben wurde, drängten die Kühe näher zusammen, und die Pferde zerrten ängstlich an ihren Halfterketten. Der Deckstier aber trat mit angeschwollenem Halse zurück, witterte mit vorgestreckten Nüstern und stieß ein Gebrüll aus, vor dem der Erdboden erzitterte und die Stallpfosten ins Wanken gerieten. Unter dem Geklirr der Halfterketten und dem Gebrüll des Stieres mußte Heinrich Christian Brinkschulte von dem Erbe seiner Väter herunter. Mit ihm wurde ein Mann zu Grabe getragen, von dem man sagen konnte: Er lebte, um zu schaffen, er schaffte, um zu sterben, aber sein Leben und Schaffen war wie eine dreizinkige Forke, zugreifend, arbeitsam und unerbittlich wie eine dreizinkige Forke. Er sah weder rechts noch links. Sein Weg ging geradeaus und wenn es nötig war, über seine eigene Sippe. Er hatte keine Liebe gesät, aber auch keine Liebe geerntet. Kein unrechtes Gut klebte an seinen Fingern, aber auch kein freudiges Gut. Nicht die Wohltat des Genießens war bei ihm. Die rauhe Feldluft hatte ihm Herz und Nieren getrocknet. Sein Sinnen und Denken war eisgrau geblieben, eisgrau wie die strähnigen Haare, die seinen vierkantigen Schädel bedeckten. Aber in diesem Schädel hatte ein energischer Geist gelebt, energisch bis zur Brutalität, bis zur Anmaßung, und diese Anmaßung war ihm zugute gekommen und hatte sein Ansehn gestärkt, nicht nur bei den erbfreien Bauern, sondern auch bei den Erbsälzern, die sich glücklich schätzten, einen solch stiernackigen Mann in ihrer Gesellschaft zu wissen. Sein Tod ging keinem ans Herz. Eher hätte man über einen Ziegel getrauert, der in einen Brunnen gefallen; aber sie hatten Achtung vor ihm, sie bewunderten ihn, und mit dieser Bewunderung unter den steifen Sonntagsröcken folgten sie dem verhangenen Sarg, der langsam und von monotonen Sterbegebeten begleitet durch die abgeernteten Felder gespensterte. Alle begleiteten ihn. Der Brinkschultenhof lag wie ausgestorben. Nur Juffer Eli und eine Stallmagd blieben zurück. Juffer Eli hatte noch manches zu ordnen. Dem Mädchen gab sie Befehl, die Flachsbrechen an Ort und Stelle zu bringen, die Raufen zu füllen und die Diele von den verstreuten Buchsbaumpartikelchen und den welken Rosenblättern zu säubern. Sie selber löschte die Kerzen und machte sich im Schlafzimmer der Herrin zu schaffen. Viertelstunde um Viertelstunde verging. Die Sonne war merklich tiefer gesunken. Als das Leichengefolge den Hof verließ, hatte die Kastenuhr die vierte Nachmittagsstunde verkündet. Jetzt schlug sie fünf Uhr. Und wieder brüllte der junge Stier auf und blähte die Nüstern. Seine Haut fältelte sich. Das Auge rollte, und mit hartem Stöhnen stampfte er die warme Streu hinter sich auf. Da erschien Juffer Eli. »Um Gott nicht!« sagte sie hastig, »das hätte ich bald vergessen,« und klingelte mit einem Schlüsselbund das aufgeregte Tier an. Dann summelte sie vor sich hin: »Heraus, herein und ein und aus! – Der Tod ist jetzt aus diesem Haus; Für Vieh und Mensch, für groß und klein Josepha wird die Herrin sein.« Da duckte sich der Stier, drehte sich der Raufe zu und begann ruhig zu fressen. Ebenso machte sie es mit dem Lieblingspferd des Verstorbenen. Hierauf begab sich Juffer Eli ins Freie. Man hörte nicht ihr Gehen. Seit der Stunde, wo sie eine verwitwete Braut war und ihr Geliebter Blasius Küttelwesch, der als Küster im nahen Werl amtiert hatte, mit Tod abgegangen war, liebte sie es, die Angewohnheiten ihres seligen Blasius weiter leben zu lassen. Blasius war während seiner Amtstätigkeit ein geräuschloser Mann gewesen, und so ging denn auch Juffer Eli wie auf Gummischuhen. Im Schatten der hundertjährigen Eichen gewann sie alsbald den Haus- und Gemüsegarten, der mit seinen letzten Rabatten an die vorgelagerten Kleeäcker anstieß. Hier standen dreißig Bienenstöcke auf Reihe, sauber und blank gehalten und von fetten Sonnenblumen umgeben, die ihre strotzenden Blütenköpfe dem werdenden Abend zukehrten. Die Völker befanden sich noch immer in wilder Erregung. Sie flogen ab und zu, kreisten um Körbe und Fluglöcher oder häkelten sich in starren Klumpen um die Stämme der Obstbäume. Juffer Eli trat auf lautlosen Schuhen näher, klingelte die Bienenkörbe an und sprach dann wie eben: »Heraus, herein und ein und aus! – Der Tod ist jetzt aus diesem Haus; Für Vieh und Mensch, für groß und klein Josepha wird die Herrin sein.« And wie vorauszusehen, ließ die Ruhe nicht mehr lange auf sich warten. Das wütige Schwirren und Surren verlor sich. Die angehefteten Klumpen lösten sich auf. Die Trachtbienen gingen ihrer alten Beschäftigung nach, während die andern aufs neue ihre gewohnten Stöcke bezogen. Die Völker hatten ihren Frieden wieder gefunden. Juffer Eli trat ihren weiteren Rundgang an, um auch den übrigen Tieren des Hofes die neue Herrin anzusagen. Als sie bald darauf an der niedergebrannten Weizenscheuer vorbeikam und in die Höhe der Schweineställe gelangte, die sich an einen seichten Tümpel lehnten, hielt sie unwillkürlich den Fuß an. Die Schatten machten schon lange Beine und lange Gesichter und fielen über einen hageren Menschen her, der auf einem Sägeklotz hockte und mit aufgerissenen Augen von einer seltsamen Durchsichtigkeit und Tiefe etwas zu überwachen schien. Stier waren sie auf eine handbreite Öffnung in der Stallmauer gerichtet. Neben ihm lag eine Portion glatter Kieselsteine, in zierlichen Häufchen gestapelt. Einen davon hielt er mit der Rechten umklammert. Juffer Eli drückte plötzlich ihren Atem zurück. Sie hörte den einsamen Menschen leise vor sich hin sprechen. Er redete mit weicher, zärtlicher Stimme: »Komm mal her. Komm nur, mein Hühnchen, mein Täubchen! – Hierher. So ist's schön! Immer man näher, immer man näher!« Dabei schlug er sich mit der Linken sacht auf den Schenkel, wie man es tut, um ein störrisches Hündchen heran zu locken: »Hierher. Immer man näher, immer man näher!« Dann schnellte er auf: »Verfluchte Biester!« Der Stein pfiff durch die Luft, begleitet von einem lauten Gelächter, dem ein helles Quieksen auf dem Fuße folgte. Der lange Mensch hinter ihm her, ergriff die zappelnde Ratte beim Schwanz, turtelte sie um sich selbst und ließ sie fahren. Mit mattem Klatschen fiel sie in den Tümpel hinein, versuchte noch etliche Ruderbewegungen, um dann lautlos unterzusinken. Etliche Blasen stiegen auf, die kaum wahrnehmbar an der schmutzigen Oberfläche zerplatzten. »Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten! – 'rin mit die Ratzen!« Mit einer pompösen Bewegung, die etwas Tragisches an sich hatte, streckte der Sprecher seine Hände über das noch immer Blasen ziehende Wasser. Juffer Eli trat auf ihn zu: »Was treibt Ihr hier, unwiese Kardel?« Der lange, versonnene Mensch stierte sie mit gläsernen Augen an. »Du siehst doch,« sagte er ruhig, »Ratzen, hungrige Ratzen! Die fünfte liegt schon im Wasser. Mausekaputt!« In dem feierlichen Gesicht leuchtete es eigentümlich auf, als er das sagte. »Du könntest auch was Besseres schaffen,« meinte die Juffer. Der Angeredete senkte den Kopf. Er dachte und grübelte nach. Es war ein Knäuel von grauen und wirren Gedanken. Sie waren wie Fäden, die weder Anfang noch Ende hatten. Sie tauchten auf, um wieder ins Wesenlose zu gehen. Sie waren wie Schneeflocken, die durch die Luft wirbelten, traumhaft auf und nieder gaukelten, um ebenso traumhaft wieder zu zerfließen. Sie waren schwankend in der Form und unsicher in der Bewegung. Er konnte sich mancher Dinge nicht entsinnen, obgleich sie einschneidend sein Leben durchfurcht hatten; andere standen scharfumrissen vor seinen klaren, hellen, durchsichtigen Augen, um jählings in das leere Nichts zu verschwinden. Andere wieder waren ihm wie zerstreute Bruchstücke aus der Vergangenheit, die er linkisch zusammenfügte, ohne das Ganze regelrecht rekonstruieren zu können. Nur zeitweilig lief ein klares Licht über seine verkrüppelte Seele. Und dieses Licht war ein solches, was andere Menschen nicht kannten und nicht kennen wollten. Sie bangten davor. Sie hatten mit ihm nicht gerne zu tun, denn es war wie das seherische Licht der Propheten, das den Tagen vorauseilte und das geheimnisvolle Dunkel des Zukünftigen aufhellte. Karl Mersmann, der jetzt schon an die dreizehn Jahre auf dem Brinkschultenhof lebte, hatte etwas davon abgekriegt. Als blutjunger Mensch schaffte er für vier, ging wie ein König mit seinem Sämannstuch über die Schollen und verstand es, die unbändigsten Pferde willig und gefügig zu machen. Kaum achtzehnjährig liefen ihm alle Weiber nach, und alle liebten es, sich von seinen Armen, die wie Kurbelstangen waren, umfassen zu lassen. Er glich einem braunen, tiefgepflügten Ackerland, das eben aufkeimen wollte. Und Frühlingsstürme liefen darüber hin, und sieghaftes Sonnenfeuer und heiße Liebe, die wie leuchtender Mohn aufflammte. Er war ein Starker, Gewaltiger unter den westfälischen Leuten, um dann plötzlich zusammenzubrechen, krank an Seele und Leib, und als Simpel auf dem Brinkschultenhof weiter zu leben. Von seinem früheren Ich waren nur die schönen, blaugrauen, abgrundtiefen Augen übriggeblieben. Und wie so alles gekommen? Still, still! Ich will nichts gesagt haben. Jetzt noch nicht, zurzeit noch nicht. Aber ihr sollt alles erfahren: »Wie es sich hub, und wie es kam, Und wie es ein stilles Ende nahm.« Ich fasse mich in Geduld und reihe Begebenheit an Begebenheit. Unmerklich lasse ich das Schiffchen des Webstuhles hin und wieder spielen, schürze Faden an Faden und Masche an Masche. Ihr sollt alles erfahren, folgerichtig und wie es geschehn ist und ohne Übereilung der Dinge. Eine Blüte kann sich nur ruhig entfalten. Sie folgt einem ungeschriebenen Gesetz. Und dieses Gesetz legt ihr mit zarten, schöpferischen Fingern den Kelch auseinander. So auch hier. Ich will die Geschichte nach meiner stillen Weise erzählen. Also Karl Mersmann senkte den Kopf und grübelte nach. Er konnte den Faden nicht erhaschen, die Antwort nicht bringen. Er jagte einem Gedanken nach und verfolgte ihn mit offenen Augen, ohne zu wissen, daß seine Augen offen waren. Es war ein schweres Stück Arbeit. So ein Gedanke schien ein flüchtiges Wild zu sein. Aber wenn er es zur Strecke gebracht hatte, dann erging er sich in biblischen Ausdrücken oder in Redensarten, die sich des Plattdeutschen bedienten, um dann wieder in seine gewöhnliche Sprechweise zu fallen. Plötzlich kehrte die Einsicht zurück. Es hellte bei ihm auf. »Du,« sagte er mit leisem Wiehern, »du heft guet küren, sag de Henne taum Hahn, du brukst käine Eier te leggen.« »Was heißt das?« fragte die Lichtjungfer. »Wo die hier alles rungenieren! – Das heißt das. Ratzen, immer nur Ratzen! Tripptrapp, tripptrapp! – Im Stall, an die Ferkel ...! Aber hier ist Gottes Finger« – und der Simpel streckte die Faust aus – »und Gottes Finger hat sie von der Tenne gekitzelt. Quieks! machten die Ratzen. Haben Gesichter wie der bucklige Brinkschultenbruder – die Biester.« »Kardel, hör' auf!« »Nee, ich höre nicht auf. Dat Krut kenn ick, sag de Düwel, do harr he sik in de Briennieteln sat. So'n Aasknochen! – hat den roten Hahn auf die Roggenmiete und dann auf die Weizenscheuer geschmissen. Feurio – Feuer ...!« Seine Stimme nahm einen widrigen Klang an. Mit schartigem Messer durchschnitt sie die Luft und lief über die Brandstätte, wo noch einige Balken schwelten und bläuliche Rauchwölkchen nach oben schickten. »Feurio – Feuer ...! – und was der richtige Brinkschulte ist, der muß nu Totenerde schlucken.« »Hättest nach Sönnern mitmachen sollen, um ihm die letzte Ehre zu geben. Alles, was recht ist.« »Ich? – nee,« sagte Karl Mersmann, und seine aufgerissenen Augen schillerten wie Mondsteine. »Warum nicht?« »Weil ich nicht darf.« »Warum darfst du nicht?« »Weil ich nicht will.« »Warum willst du denn nicht?« »Hö!« brüllte der simple Mensch auf, und seine Gedanken verzwirnten sich wieder zu einem Knäuel, das sich nicht mehr entwirren ließ, »ich bin ja aus der Bodenluke gefallen, koppheister aus der Bodenluke gefallen – un da wull ick jau leiwer ... Eli,« flüsterte er der Nähterin mit häßlichem Grinsen zu, »et is'n dull Volk, sag de Düwel, do harr he 'ne Schufkar vull Ratzen te fahren. Die sind ja noch leiger als Jan van Leyden und Knipperdölling. Adjüs, Eli.« Damit steckte er die Hände in die Hosentaschen und stakelte langsamen Schrittes über den Hof fort. Kopfschüttelnd ging Juffer Eli ihrer heimlichen, unheimlichen Pflicht nach, denn sie mußte noch vor Abend nach Hause, nach Sönnern, wo sie die junge Frau des Lehrers einzukleiden hatte, die im Kindbettfieber geblieben war. – Weit über Werl fort standen feurige Bänder. Unter ihrem Licht lohten die alten Eichen des Brinkschultenhofes wie brennende Strohschober. Auf der tellerflachen Ebene, über die Kleefelder hin, zogen dunkle Punkte, die sich scharf gegen den warmen Abendhimmel absetzten. Es war das Leichengefolge, das von der Beerdigung zurückkehrte: Knechte und Mägde und die Nachbarn des verstorbenen Mannes. Ein einzelner Punkt löste sich ab und bewegte sich hundert Schritte und mehr hinter den andern. Und aus dem Punkt wurde ein Weib mit herbem Gesicht und ruhiger Sicherheit. Nur die Flügel der stolzen Nase zitterten unmerklich, wie unter der Gewalt mühsam verhaltener Leidenschaft. Sie kam allein ihres Weges; niemand war bei ihr. Sie wollte keinen um sich wissen. Jede Bequemlichkeit hatte sie von sich gewiesen, Wagen und Pferde, und so ging sie denn herrisch über ihren Grund und Boden, den die scheidende Sonne mit goldenen Teppichen belegte. Die Stoppelfelder schwanden unter diesen prächtigen Tüchern. Alles gleißte und leuchtete um sie, und sie, dieses königliche Weib, war würdig, über solchen Teppich zu schreiten. Die alte, glanzhelle Zeit verkörperte sich in ihr: Brinkschulten- und Sattelmeiergeschlecht. Gewöhnliche Menschen sahen das nicht, nicht das Hoheitsvolle in ihr, das unnahbare und das Sichabwenden von alltäglicher Gemeinschaft. Die heimatlichen Stillsitzer hatten keine Ahnung davon. Sie sahen in ihr nur die verschlossene, wortkarge Frau und die Anerbin des Brinkschultenhofes. Aber schon die Ursulinerinnen in Torsten, bei denen sie drei Jahre hindurch Körper und Geist gepflegt hatte, waren anderer Ansicht, erkannten ihre Eigenart, ihre Herbheit, die gleichsam aus betäubenden Nelken- und Rosendüften herauswuchs, und hatten sie nur die steinerne Madonna von der Soester Börde geheißen. Die steinerne Madonna ... Unbeweglich blieb sie jetzt stehen. Auf den Feldern lag die Abendstille. Kein Geräusch lief über die Äcker, die teilweise schon unter dem Pflug ruhten. Die dampfenden Schollen, die mit offenem Schoß sich dehnten und streckten, um die Wintersaat zu empfangen, strömten einen würzigen Geruch aus. Mit geblähten Nüstern sog sie ihn ein. Ihre Brust hob und senkte sich. Der Tod lag hinter ihr. Sie hatte sich mit ihm abgefunden, so gut es ging. Pflichten traten an sie heran. Ein neues Leben, ein selbständiges Wirken und Schaffen dämmerte vor ihr auf. Mit zuckenden Lippen und fliegendem Atem sah sie es steigen und immer größer werden. Etwas Zurückgedämmtes beherrschte sie. Durch ihre verhaltenen Sinne zitterte ein heißes Verlangen. Sie überflog die Gegend von Soest bis nach Unna. »Ich brauche noch etwas,« sagte sie vor sich hin, »um meine durstige Seele zu tränken.« Dann hafteten ihre Blicke an der Erde und umgriffen die Ackerkrumen, den fruchtbaren Boden. »Liegt es hier, und wenn es hier liegt, wird es meine schwülen Nächte kühlen und das, was das Weib in mir ersehnt, in Erfüllung bringen?« Sie verschluckte die letzten Worte. Der Brinkschultenhof, jetzt ihr Hof und ihr Besitz, das Erbe in seiner massigen Schwere und mit den Eichenkronen, die wie Riesenbälle erschienen, stand in brennender Abendlohe. Da gab es Arbeit für sie. Dort hinein mußte sie, und Josepha Brinkschulte schritt erhobenen Hauptes in die feurige Lohe. Seit diesem Tage waren zehn Jahre vergangen – zehn lange Jahre. – Drittes Kapitel Karl Mersmann, der unwiese Kardel, den sie auch den Spökenkieker nannten, war der alte geblieben. Nichts hatte sich an ihm und in ihm verändert. Nur seine Augen waren noch gespensterhafter geworden, weitsichtiger, klarer. Mit diesen Augen von graublauer Farbe, die nach der ungewöhnlich kleinen und zusammengezogenen Pupille zu immer lichter wurden, ging er allabendlich auf den Hellweg und in das Düstermoor hinaus und sah in die Gegend. Oft kam er zitternd zurück, mit kaltem Schweiß übergossen, und hielt große Reden. Vornehmlich dann, wenn der Vollmond im Scheitel stand und die Nebel nicht aus dem Röhricht heraus konnten, vielmehr gezwungen waren, niedrig zu schwimmen und sich um die alten Erlenstrünke zu häkeln. Dann mußte ihm etwas passiert sein, denn an solchen Abenden gab er sich menschenscheuer, insichgekehrter, und seine Gedanken nahmen an Verworrenheit zu, obgleich sie manchmal aufblitzen konnten wie scharfgeschliffenes Glas. Was ihn bewegte, hielt er meistens geheim, verschloß es ängstlich vor der Außenwelt, um nicht Gegenstand des Grausens zu werden. Einige hielten dieses fahrige Wesen für ein Erbübel, wie Fallsucht und Bluterkrankung, andere wieder für ein überkommenes Sehertum, während die Dritten es bei ihm als die Folgen eines vorhergegangenen Unglücks ansprachen. Knechte und Mägde, auch die Nachbarn, spotteten vielfach über ihn, obgleich ihnen dieses Spotten nicht so recht von Herzen kam; aber es war so. Tiefer Denkende vergaßen zu spotten, so die Brinkschulte selber und der junge Kaplan, der inzwischen in die verwaiste Pfarrstelle zu Sönnern eingerückt war. Zu diesem hatte damals der unwiese Kardel gesagt: »Morgen brennt's, Herr Kaplan, und einer muß mit,« und dann war das Malör mit der Scheune und der jähe Tod unter der Bodenluke gekommen. Drei Tage später stellte der Kaplan die Sterbeurkunde aus und schrieb daneben: »Viel Unglaubliches kannst du finden, wie auch vieles, was nicht wahrscheinlich ist; und dennoch ist es wahr. So der heilige Hieronymus,« und trotzdem wußte er nicht, was er mit diesem Gottestropf, mit seinem vergangenen und seinem gegenwärtigen Leben anfangen sollte. Um Karl Mersmann lag es wie ein engmaschiges Netz von Straminfäden, das sich eigenwillig gegen die Außenwelt absperrte. Auch Juffer Eli war in all dieser Zeit dieselbe geblieben. Nur wenn einer genauer zusah, dann merkte er: ihr Gesicht war länger geworden und ihre Nase feiner und durchsichtiger. Auch hatte ihr der liebe Gott etwas Graumeliertes durch die straffgescheitelten Haare gesponnen. Im übrigen war sie die alte von früher. Noch immer sprach sie einmal in der Woche auf dem Brinkschultenhof vor, um Wäsche und Leinenzeug in Ordnung zu halten, schneiderte auf den Bauernschaften herum und legte die Toten zurecht, wenn ihre armen Seelen in den Himmel wollten. Innerhalb dieser Jahre hatte sie sich drei neue Merinokleider angeschafft, drei neue, weiche, schwarze Merinokleider. Das erste, als die braven Westfälinger aus Schleswig-Holstein zurückkehrten und ihr Bruder das Wiederkommen vergessen hatte. Er hatte es vergessen, als die Dänen hinter der Schlei und dem Danewerk in befestigter Stellung lagen und die Preußen gegen sie vorstürmten. Ohne einen Laut von sich zu geben, war er kopfüber gestürzt und hatte die Spitze seiner Pickelhaube in den hartgefrorenen Boden gestoßen. Auf dem Feld von Missunde träumt er jetzt von seiner westfälischen Heimat. Das zweite Merinokleid legte sie sich gleich nach sechsundsechzig um ihren tieftraurigen Menschen. Kurz zuvor war Juffer Eli zum zweiten Male in Liebe gefallen. Ihren verstorbenen Bräutigam, den Küster Blasius Küttelwäsch, hatte sie längst vergessen und abgetrauert. Bei einem Besuche in Münster lernte sie dann den schmucken Oberlazarettgehilfen Theophil Schentuleit kennen, der bei den Dreizehnern stand und auf den Zivilversorgungsschein lossteuerte. Er war aus ›Königsbarg‹ und hielt viel auf gutes ›Assen‹ und Trinken. Keine vierzehn Tage vergingen, und Juffer Eli ließ die Verlobungsanzeigen auf ihre Kosten drucken, gab einen monatlichen Zuschuß von fünf harten Talern und wartete geduldig auf den Augenblick, wo sie das goldne Ringlein vom linken auf den rechten Finger streifen konnte. In dieser hoffnungsvollen Zeit blühte sie sichtlich auf. Ihre Formen rundeten sich, auf ihren Wangen schimmerte es wie von Heckenröschen; sie war fidel wie ein Zwitschermäuschen geworden, das an einer fetten Käsekruste herumschnabulierte. Dann aber kam Weh und Leid über sie. Preußen und Österreicher machten mobil, und fett wie ein Kantinenwirt mußte Theophil Schentuleit sich aus den Armen der Geliebten reißen und zur Elbarmee stoßen. Mit kummerrotem Gesicht, vollgepfropftem Brotbeutel und den bräutlichen Ersparnissen im Sack ging es nach Böhmen. Tage der Bängnis begannen für Juffer Eli, bis die ersten Briefe einliefen. Da schwellte sich ihre Brust, denn nach diesen Briefen zu urteilen, mußte ihr Theophil Wunderdinge hinter der Front verrichten, und als dann eines Tages die große Siegespost kam, in welcher Theophil wieder gar viel von seinen Heldentaten erzählte, hielt sie ihren Oberlazarettgehilfen für den Zertrümmerer der österreichischen Macht, obgleich eine dumpfe Fama umging, weder Theophil Schentuleit noch die preußischen Heerführer, sondern der preußische Schulmeister habe die Schlacht von Königgrätz gewonnen. Juffer Eli jedoch hielt an ihrer Meinung fest und blieb dabei, bis die braven Truppen wieder »Mit Sing und Sang, Mit Paukenschlag und Kling und Klang« in ihre Garnisonen einrückten. Aber von Theophil war nichts mehr zu hören. Da ging Juffer Eli hin und forschte nach ihm, genau so wie es die arme Leonore getan hatte, als sie nach der Prager Schlacht und ums Morgenrot aus feuchten Kissen emporschreckte und sich aufmachte, ihren ungetreuen oder toten Wilhelm zu suchen – und es kam Licht in die Sache. Laut Ausweis der Regimentspapiere war Theophil gleich nach Schluß des Feldzuges zur Reserve entlassen. Weitere Forschung ergab: Theophil Schentuleit, Oberlazarettgehilfe a. D., nunmehr domiziliert als Garnisoninspektoranwärter in Stallupönen, gedenkt sich demnächst zu verheiraten mit Sophia Franziska Sömmerau aus Pillkallen; nichts Nachteiliges über ihn bekannt ... da weinte Juffer Eli unter dem blühenden Apfelbaum ihres kleinen Gärtchens still vor sich hin, legte ihr schwarzes Merinokleid auf den Altar christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit und verfiel kurz nach dem glorreichen Kriege von siebzig und einundsiebzig wieder in Liebe. Dieses Mal war es eine bodenständige Neigung, und der Beglückte schrieb sich Jans Sandhage aus Sönnern, ein Mann mit vierzig Morgen Ackerland und fünf melkenden Kühen. Aber das nicht allein. Jans Sandhage liebte Rucksack und Pulverflasche und machte gern Dampf auf, um Meister Löffelmann niederzuschroten. Am vierzehnten Dezember fand die Verlobung statt. An diesem Tage trug Juffer Eli ihr neues Merinokleid, reich festoniert und mit zierlichen Rüschchen besetzt. Als sie sich dann verschämt an die neue Männerbrust herandrückte und einen kräftigen, heimatlichen Geruch unter die Nase bekam, war sie froh ihres Glückes und gönnte der Sophia Franziska Sömmerau aus Pillkallen ihren Ostelbier von ganzem Herzen. Aber das mit der Jagd, das war doch bei Licht besehn ein gottsträfliches Beginnen, und so zupfte sie denn ihren Jans beim Ohrläppchen und flüsterte ihm zu: »Aber keine Häschens mehr schießen.« »Morgen nur noch,« sagte dieser, »denn nie mehr,« und er streckte des zum Zeichen feierlichst die rechte Hand hoch. Das konnte ihm sein Bräutchen nicht abschlagen. – Anderen Tages wurde im Uhlenbrinker Feld und in der anliegenden Gemarkung getrieben. Die Kegelgesellschaft ›Gut Holz‹, zu der auch Jans Sandhage gehörte, hatte die Einladungen ergehen lassen. Fast alle sagten zu, so unter anderen der Apotheker Schölwink und der dicke Kreisrichter Zumloh aus Soest, zwei weidgerechte Männer, die sich aber, damit die Augen klar und rein und die Hasen größer sein, stets des schärfsten Visierwassers bedienten, vornehmlich jetzt, wo der Schnee unter den Füßen piepste und knirschte und die Spatzen vor Kälte von den Dachrinnen purzelten. Ein knappiger, knusperiger Wintermorgen brach an. Ein zarter Schimmer, wie von der rosenfingrigen Eos getempert, legte sich über das Uhlenbrinker Feld. Die grimmige Kälte biß in die Ohren und Nasenspitzen hinein, und die fernen Buschpartien standen in einem feinmaschigen Duft. Erfahrene Rammler hoppelten schon hin und her, machten die Löffel hoch und trommelten verwarnend mit dem rechten Hinterlauf. »Tatteratta!« Der erste Kessel war geschlossen. Das Knallen und Treibergeschrei ging los. Zuerst an der Sandkuhle. Resultat: fünfzehn Krumme; dreizehn gesunde und acht angekratzte retteten sich in den folgenden Kessel. So ging das weiter bis zum Schüsseltreiben, wo das Blaue vom Himmel schwadroniert wurde und ungezählte Würste daran glauben mußten. Jans Sandhage war bis jetzt Jagdkönig geblieben. Vierzehn Löffelmänner hatte er in den Hasenhimmel verwiesen. Eine animierte Stimmung senkte sich über Bohnensuppe und angewärmten Klaren. Nur der dicke Kreisrichter konnte seines Lebens nicht froh werden. Er hatte einen hundsmiserablen Anlauf gehabt; außerdem machten ihm die dunstigen Brillengläser zu schaffen. Das mußte am Visierwasser liegen. Erneut nahm er es zu sich. Kaum war er damit fertig geworden, als auch schon wieder das ›Tatteratta‹ die Hasenherzen banger klopfen ließ. Also los denn dafür! – Stunde um Stunde verrann. Das Taglicht zwinkerte schon. Dicht bei Sönnern wurde zum letzten Male gekesselt. Es war das Haupttreiben. Ungezählte Hasen fegten aus ihrem Pott. Ein infernalisches Geknalle setzte ein. Jans Sandhage bewegte sich zwischen dem Apotheker und dem dicken Kreisrichter. Beide hatten kein Glück, und daher: neues Visierwasser. Es blitzte und paffte von allen Ecken und Enden. Graue Gestalten flitzten über die schneeblaue Fläche. Die meisten von ihnen schlugen ein Rad und blieben im Dampf, aber nicht von den Schroten der beiden. Die Schatten wurden länger und dichter. Neues Visierwasser war nötig. »Da löpt noch een!« schrie Jans den beiden zu. »Wo?« »Dichte bi! – Druff, druff!« »Himmel, Gewitter!« – Zwei Schießprügel bammelten wie die Ochsenschwänze durcheinander. Dann wurden sie an die Backen gerissen. »Nicht durchziehn!« schrie es von weither. Aber es war schon zu spät. Apotheker und Kreisrichter ließen gleichzeitig fahren. Dampf und Knall und dann ein verfluchtiges Spritzen. »Au weih!« zeterte Jans Sandhage und brach im Feuer zusammen. – Dunkle Schleier senkten sich über die Uhlenbrinker Gemarkung, und als drei lange, bange Tage vergingen, war Juffer Eli eine bräutliche Witwe geworden. Sie beweinte Jans, wie es sich gehörte, sie ehrte das Andenken des auf dem Uhlenbrinker Acker Gefallenen, wie es ihm zukam, aber seit dem Begräbnistage waren ihr Hasenbraten und Hasenpfeffer zuwider. Ihr Merinokleid aber legte sie nicht in die Kommode oder gab es, wie sie es mit dem zweiten getan hatte, etwa den Armen, sondern besetzte es mit Kreppstreifen und trug es in Erinnerung an den braven Jans Sandhage aus Sönnern und trug es bis zum heutigen Tage, eine reine Jungfer, die wieder ihrem stillen Beruf nachging, geliebt von Gott und den Menschen. Es blieb alles beim alten. Seit dem Tode des vergrämelten Brinkschulten hatte sich Juffer Eli nur wenig verändert. Leiden, ja, die waren ihr nicht erspart geblieben; sie bekam Ohnmachtsanfälle, wenn ihr ein Krummer über den Weg hoppelte und konnte kein Schießpulver mehr riechen; im übrigen jedoch lebte sie ihr früheres Leben. – Auch die Brinkschulte ... wenigstens versuchte sie es, Stunden an Stunden zu reihen und Tage an Tage und Jahre an Jahre, die den früheren glichen. Unter ihrer energischen Führung tat der Brinkschultenhof einen tiefen und langen Atemzug. Die Scholle wuchs ihr ans Herz, und sie konnte aufjubeln, wenn ihr Getreide in der Soester Börde Wellen um Wellen schlug, mit seinen Grannen und Spelzen blitzte, um dann in weicher und breiter Ruhe gegen die Goldfolie des ersterbenden Tages anzufließen. Und wenn dann das Korn in die Milchreife trat, gelb wie Bernstein wurde und mit schwerem, sommerlichem Raunen der Sense entgegenharrte, dann schritt sie stolz und schön gefesselt durch die Roggengassen, streifte mit schmalen Händen über die Ähren und gefiel sich darin, ihre harte Brust mit flammendem Mohn zu schmücken. Nur – das Blühen währte nicht lange; denn kehrte sie von ihrem Gange zurück, war von der Blütenpracht nichts mehr zu finden, und dann sagten Knechte und Mägde: »Seht, da kommt sie. Wie alles verwelkt ist. Ihr Herz ist zu kalt für solche Dinge,« und gingen ihr scheu aus dem Wege. Sie verbreitete keine Liebe um sich. Ein mächtiges Stolz- und Machtgefühl schwellte ihre Brust. Sie war eine Königin in ihrem kleinen Bauernstaat und zum Herrschen geboren. Die hingemordete Roggen- und Weizenscheuer hatte sie schon im ersten Jahre ihres Regierens wieder aufbauen lassen. Ein Strohdach sollte nach altem Brauch auf die Sparren. Aber das ging nicht mehr nach dem neuen Gesetz. Da ließ sie brennendrote Ziegel über das Mauerwerk legen, aus Haß gegen den Brandstifter, dessen Racheakt den Vater mit brutaler Faust gewürgt und auf die Flachsbrechen gestreckt hatte. Sie erinnerte sich noch: eine wilde Erpresserszene war dem Feuer vorhergegangen. Bruder gegen Bruder, Zahn um Zahn und Auge um Auge, und ein Stuhlbein hätte einen Schädel zertrümmert, wäre nicht der Großknecht dazwischen getreten. So aber hielt dieser das zunächstgelegene Unheil ab, sah aber noch, wie der verwachsene Mensch mit eingezogenem Kopf über den Hof torkelte, scheinbar dem Tor zuging, um plötzlich wie von der Erde verschluckt zu werden. Eine halbe Stunde später roch es sengerig und brandig. Das Vieh brüllte auf, und die Pferde rasselten mit den Halfterketten. Knechte und Mägde sahen sich verstört an. Feine Rauchfäden drehten sich aus allen Ecken und Fugen. In der großen Scheuer, die bis unter Dach voll köstlicher Frucht lag, rumorte es. Es knisterte und knasterte wie von Schermäusen. Floriger Qualm biß in die Augen. Schwarze Laken fielen über die Dächer. Die Eichenkronen erschauerten im Luftzug. Ein Gewirr von blauen, gelben und roten Zungen lief plötzlich über die Sparren: Feuer und Lohe! – Dann aber prasselte eine Flackersäule nach oben, die blutige Garben mit sich führte, sie heulend gen Himmel trieb und in die zunächst gelegenen Strohmieten hineinschleuderte. Da legten sich gierige Glutherde um den Brinkschultenhof und schwelten sich lechzend an ihn heran. Nur mit knapper Not entging er diesen furchtbaren Tieren, die ihn mit Flammenhauch zu überschütten drohten. Das Entsetzen drehte sich auf dem Absatz herum und sank in die Knie. Und aus diesen Raketen heraus trat einer mit tiefer Ruhe und war still wie der Tod und bleich wie der Tod und war selber der Tod. Und ging in die große Diele, wo der Brinkschulte mit kaltem Gesicht unter der Bodenluke auf heiliger Erde stand und legte ihm die Hand auf die Schulter. Da sah der Alte zum letztenmal sein Erbe und wurde still wie der Mann, der ihm die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Dessen erinnerte sich Josepha Brinkschulte noch mit allen Einzelheiten, und dieses Erinnern ließ sie die roten Ziegel auf das Dach der neuen Scheune setzen, flammendrote Ziegel, rot wie Haß und rot wie die Glut, die damals gen Himmel leckte. Diesen Haß gegen den Brandleger pflegte sie durch alle Jahre hindurch bis zum heutigen Tage; aber sie vergaß ihre Pflicht nicht darüber. Nur wenn die Einsamkeit kam, wenn der Winter über das weite Land ging, streckte sie die Füße am Herdfeuer und gönnte sich bequeme Stunden. Dann konnte sie sitzen und ruhen und auf das monotone Geräusch der Dreschflegel hören, das von den knochenharten Tennen durch den eingeschneiten Frieden tönte. Dieses Geräusch hatte sie nötig. Es war ihr der Pulsschlag der Zeit, der in ihr Sinnen und Denken hineinarbeitete, und sie hörte auf ihn, bis ein anderer einsetzte, also der Pulsschlag der toten Erde wieder lebendig wurde. So saß sie in ihrer ganzen Herrschernatur bei den warmen Buchenscheiten und lauschte auf das ferne Gepoch der Dreschflegel und das Singen der Mägde, das gedämpft aus der Spinnstube herüberwehte. In solchen Augenblicken wurde sie weich gegen ihren eigenen Willen, wog das Heute gegen das Gestrige ab und suchte nicht mehr in der Vergangenheit herum, wo sie soviel des Unruhigen liegen hatte, das die Gedanken verlähmte und die Seele schwer machte. Dann fiel alles von ihr, womit sie sonst umherging: das Insichgekehrte, das Herbe und Strenge, nur – sie zeigte es keinem ... und als eines Tages eine Jugendfreundin sie aufsuchte, die mit ihr bei den Ursulinerinnen gewesen und jetzt als die glückliche Frau eines Rechtsanwaltes in Dortmund lebte, da sagte diese, als Auge in Auge und Hand in Hand ruhte: »Du bist noch immer wie früher, Josepha.« »Wie meinst du das?« »Nun, du bist eben die alte geblieben.« »Die alte ... ?« »Besinne dich doch. Im Klostergarten zu Dorsten, damals – du weißt doch?« »Nein, ich entsinne mich nicht.« »Wirklich nicht?« »Wirklich nicht. Ich weiß nicht, wo du hinauswillst.« »Auch dann nicht, wenn ich dir sage, wie wir dich verehrten und doch eine bange Scheu vor dir hatten?« »Nun weiß ich.« »Herrgott ja, Josepha! – wir nannten dich eben die steinerne Madonna von der Soester Börde.« »Aber, Marie ...!« »So ist es, Josepha; das läßt sich nicht fortstreiten. So ist das immer gewesen – bis heute. Darunter leidest du. Das geht mit dir wie ein Schatten und sieht in deine Träume hinein. Schon am frühen Morgen ist es bei dir, um bei dir zu bleiben, bis die Sterne aufgehn ... immer die steinerne Madonna von der Soester Börde. Du hast heißes Blut in dir und läßt es gefrieren. Alles in dir ist Kraft und schreit nach Leben; aber du benutzt es nur, die Erde zu knechten und sie für dich ergiebig zu machen. Der eigentliche Zweck jedoch verkümmert und findet keine Betätigung. Du lächelst? Das ist es ja eben. Das ist das Lächeln von früher. Es ist nicht herzerquickend und bringt keine Freude. Unter diesem Lächeln sterben die schönsten Blüten in dir ab. Das Weib in dir verkümmert darunter und geht schließlich elend zugrunde.« Josepha Brinkschulte atmete tief auf. »Und weißt du denn, warum es so ist?« fragte sie tonlos. »Ich weiß nur: du bist nicht wie die übrigen Frauen. Das geht nicht so weiter, und wenn du auf mich hören würdest, ich wüßte schon das Weib in dir rege zu machen.« »Du wirst immer rätselhafter, Marie.« »Bis ich dir sage: einer muß kommen, der das verhaltene, niedergedrückte Sehnen und Suchen in dir wieder zum klingenden Leben erweckt. Ich weiß, das ist nicht so einfach. So einer ist rar und gehört zu den ganz besonderen Menschen. Er brauchte kein Studierter zu sein, einer der grübelt und sinniert. Aber er müßte dich zu packen verstehn, dich in deiner Absonderlichkeit und deinem verschlossenen Willen. Und beugen müßtest du dich, und sein Schritt müßte etwas Klirrendes an sich haben. Nur so wird das verhaltene Weib in dir zum wirklichen Weibe. Das wäre der Frühling für dich.« Die Brinkschulte erhob sich aus ihrer träumerischen Ruhe. »Wo ich bereits zu den alten Jungfern gehöre?« fragte sie bitter. »Du?!« klang es ihr empört entgegen. »Ja, ich,« kam es hastig zurück. »Wo wäre der Mann, der sich noch in meine Jahre verlieben könnte? Früher, ja, da aber war ich nicht vollreif im Blut, und jetzt, wo ich es bin, wo ich weiß, was es überhaupt ist und bedeutet, herrische Mannesliebe zu kosten, bin ich zur alten Jungfer geworden.« »Dann frage, bitte, deinen Spiegel, und er wird dir sagen, wer du eigentlich bist.« »Es ist zu spät, Marie, und es ist schon besser, ich bleibe, was ich bin: die Einsame, Weltfremde, Insichgekehrte; gut, und wenn du willst, die steinerne Madonna von der Soester Börde.« Damit hatte sie ihr Evangelium abermals niedergelegt und folgte ihm bis kurz vor Beginn dieser Geschichte. Da eines Tages kam sie von Sönnern zurück, wo sie bei Meister Stedink einen neumodischen Schwingpflug in Bestellung und Arbeit gegeben hatte. Ein wohliges Kraftgefühl durchströmte sie. Ganz entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit spielte eine schöne, selige Scheu in ihren Augen, die stündlich an Innigkeit zunahm. Irgend etwas mußte ihr begegnet sein, was diese Wandlung bewerkstelligt hatte. Knechte und Mägde atmeten auf. Wie Sonnenschein lief es über die Diele. Helles Licht schien in die Kammern des Hauses zu dringen und alles zu vergolden. In Scheunen und Ställen wurde lauter gesungen. Früher wagte sich kaum eine fröhliche Stimme nach draußen. Nur Karl Mersmann ging verstörter und versonnener als an sonstigen Tagen herum. Er redete viel mit sich und knöchelte den Stier zwischen die Hörner, daß er aufbrüllte. Er war auch in Sönnern gewesen. Keiner achtete auf ihn, auch die Brinkschulte nicht. Man ließ ihn gewähren. Bei ihrer Heimkehr mußte sie unwillkürlich an ihre Freundin Marie Berlage in Dortmund denken. Die weitzurückliegende Aussprache mit dieser trat ihr wieder lebhaft vor die Sinne. Sie erinnerte sich jedes einzelnen Wortes. Keine Wendung entging ihr. Immer und immer wieder erneuerte sie das damals Durchlebte. Wie Sonntagsfreude ging es über sie fort. Gegen Abend kam die Post. Ein Brief aus Dortmund befand sich unter dem Eingang. Ihn erbrach sie zuerst und las mit fliegendem Atem: »Ich bin in Gedanken bei dir, liebe Josepha. Wir sahen uns lange nicht. Seit unserm letzten Begegnen sind Jahre vergangen, stille, verborgene, lange drei Jahre. Immer wieder drängt es mich zu dir, vornehmlich jetzt, wo das Korn so herrlich in Blüte steht und die köstlichste Zeit seines jungen Lebens durchkostet. Was ihm recht ist, sollte auch dem Menschen billig sein. Ich nehme es für meine Person in Anspruch. Ein Raunen und Flüstern ist bei mir. Ich höre es deutlich. Ein leises und wunderbares Schwingen berührt mich. Ich habe es schon früher erfahren. Jetzt regt es sich wieder. Eine geheimnisvolle Offenbarung ist in mir. Die Bestimmung des Weibes fordert ihr Recht, und ich bin glücklich darüber. Ach, könntest auch du dieses Glückes teilhaftig werden! Tu kannst es, das weiß ich. Öffne nur das Tor deiner Seele, und du wirst wie ein blühendes Weizenfeld sein. Du brauchst nur zu wollen. Der Herr wird schon kommen, der dieses Weizenfeld segnet. Ich weiß, meine Schreibweise hat den Erdenstaub von sich getan. Sie mag dir seltsam erscheinen. Aber über so etwas zu sprechen, gibt Flügel. Sind Spuren hinter dir, die dir unangenehm sind, so verwische sie; lasse nur deine jetzigen Spuren offen und voller Seligkeit sein. Was früher geschehn ist, darüber bist du keinem Rechenschaft schuldig. Jeder kann über sich selber verfügen bis zu einer gewissen Stunde. Aber was soll das? Du bist ja immer voller Reinheit gewesen, und glücklich der Mann, dem du diese Reinheit ans Herz legst. Und wenn da Zweifel sind ... Hast du meinen früheren Rat befolgt und beim Spiegel angefragt? Wenn nicht, hole das Versäumte nach, du wirst keine Enttäuschung erleben. Dein häßliches Wort von der ›alten Jungfer‹ wird in nichts zerfließen. Der Spiegel spricht eine lautere Wahrheit. Er lügt nicht. Die Zeit ist für dich gekommen. Nütze sie aus, wenn dein heißes Blut nicht langsam einfrieren soll. Denke daran: öffne die Arme, und du wirst wie ein blühendes Weizenfeld sein. Der Herr wird schon kommen. And dann: im Laufe des nächsten Monats führen mich Familienangelegenheiten nach Lippstadt. Möglich, daß ich dich, die große Einsame, bei meiner Heimreise überfalle. Ich freue mich schon auf die Stunde, dich in meine Arme zu schließen. Ich küsse dich – und du: halte lieb deine treue Marie.« Langsam ließ sie die Arme herunter. Ein Flackerfeuer stieg in ihr auf, daß sie hätte aufschreien mögen. Allein sie preßte den Schrei mit allen Kräften zurück, trat ans Fenster und sah in den Abend hinaus. Und ihre Seele wurde still und sinnig wie das eingedunkelte Land, das keine Grenzen hatte und unendlich erschien. Das Alleinsein in der Ruhe war bei ihr. Eine Stunde nachher ließ sie den großen Stehspiegel, das Prunkstück der Guten Stube, in ihr Schlafzimmer bringen und gebot, neue Kerzen auf die Leuchter zu schieben. Bald darauf machten alle Lichter im Brinkschultenhof die Augen zu; die im Schlafzimmer der Herrin jedoch hellten auf und weckten das Spiegelglas mit ihrem sanften Leuchten. Draußen aber senkte sich eine stille Nacht über die Soester Börde, eine große, feierliche, sternklare Nacht, so ruhig und friedlich wie das Herz abgeklärter Menschen, die keine Wünsche mehr haben. Viertes Kapitel Ja, es war eine stille, feierliche Juninacht! In dem weitläufigen Hause regte sich nichts mehr. Alle hatten ihre Ruhe gefunden – nur sie nicht. Ihre Blicke umfaßten den Spiegel, dessen Reflex auf der gegenüberliegenden Wand zitterte – eine schlichte, einfache Wand, ohne jeglichen Schmuck, nur mit einer verwaschenen Tapete überzogen. Auf dem Brinkschultenhof gab es nur wenige Luxusgegenstände. Ein altmodisches Mobiliar stand unter der niedrigen Decke. Rechts das große Bett mit den schablonierten Rosen, am Fußende zwei gemalte, sich umschließende Hände, eine Frauenhand und eine Manneshand, darüber zwei sich schnäbelnde Tauben. Das Bett hatte ihre Mutter mit in die Ehe gebracht. Jetzt schlief die Tochter darin, sie, die stolze Nachfahre mütterlicherseits aus dem Geschlecht der Sattelmeier. Links davon erhob sich die langgestreckte Birnbaumkommode, auf der zwei künstliche Lilienschäfte in Porzellanvasen standen, dazwischen ein beinerner Kruzifixus, von dessen gespreizten Armen die Perlen eines Rosenkranzes niederhingen. Trat man von der anliegenden Küche ins Zimmer, so hatte man direkt die schwere Kommode vor Augen und wunderte sich, daß sie, das schöne, hochfahrige Weib, es in diesem einfachen Raume aushalten konnte. Nichts Sinngefälliges durchwehte ihn oder war dazu angetan, der weiblichen Eitelkeit zu dienen. Nüchtern war alles und jedes. Nur von der Kopfseite des Bettes her flimmerte es von Gold und Steinen. Es kam von einer Konsole herunter und hatte Ähnlichkeit mit einer künstlerisch aufgebauten Krone, die unter einer mächtigen Glasglocke ruhte – und es war eine Krone, wie sie hierzulande von der Braut getragen wurde, wenn die Hochzeitsglocke anschlug. Sie stammte aus der schwedischen Zeit und war eine gute Goldschmiedearbeit aus Soest, reich mit Glasflüssen umkrustet und mit klingendem Flitter behangen. Die Mutter hatte sie zugebracht, als sie ihren Einzug auf den Hof ihres Zukünftigen hielt, behauptete aber: die Entstehung des Schmuckstückes in die Schwedenzeit zu verlegen, sei ein Unding. Schon das stahlblaue Auge Wittekinds sei darauf gefallen und habe sich gewundert und sei fast neidisch geworden. Aber nicht lange! – und zugestanden habe der große Herzog: eine Braut aus dem Geschlecht der Wittekind trägt eine Fürstenspange im Haar, eine Sattelmeierin jedoch trägt eine stolzere Krone ... und diese Überzeugung pflegte sie ihr ganzes Leben hindurch und nahm sie mit sich, als ihre Nase spitz und lang wurde und ihre Füße sich streckten. Das war lange dahin, und jetzt ruhte die Brautkrone unter der Glasglocke Jahre um Jahre und wartete schon Jahre um Jahre. Aber auf wen wartete sie nur? Bis jetzt war Josepha achtlos an ihr vorübergegangen. Sie hatte keine Blicke für sie. Sie war ihr gleichgültig wie irgend ein unwesentliches Ding, mit dem sie nichts anfangen konnte. Ihr Ehrgeiz erstrebte sie nicht; in ihrem Herzen ging nichts vor, was darauf zielte, dieser Brautkrone teilhaftig zu werden. Sie schien ihr nur ein totes Metall, dazu angetan, ein Frauenleben unter das brutale Joch des Mannes zu zwingen. Den Kult ihrer verstorbenen Mutter hatte sie niemals verstanden, und nur aus Pietät gegen sie verblieb das Andenken aus großer Zeit, wo es war, über dem Kopfende des Bettes; sonst wäre es schon längst in die Rumpelkammer gewandert. Das Schmuckstück sagte ihr nichts, hatte ihr nie etwas gesagt. Ebenso gut hätte da ein ausgestopfter Vogel oder ein nichtiges Spielzeug hängen können. Mit dem heutigen Tage war das anders geworden. Die Krone lebte, leuchtete auf, sprach mit ihr und umhüllte ihr Fühlen und Denken mit einem geheimnisvollen Glänzen und Gleißen. Mit innigen Blicken umgriff sie Gold und Steine. Plötzlich wandte sie sich, trat ans Fenster und schlug den Flügel zurück. Der warme Atem einer duftigen Sommernacht flutete ins Zimmer. Ab und zu klang das kurze, metallische Rufen der Unken aus dem Düstermoor herüber. Von den Kronen der in Dunst getauchten Bäume rieselte flüssiges Silber. Der Mond war im Aufstieg begriffen. Weiter zur Rechten tat sich freies, offenes Land auf, begrenzt von einer langen Pappelreihe, die mit ihren verwaschenen Spitzen die Sterne zu berühren schien. And alles so seltsam, so verträumt und von den Schwingungen überirdischer Saiten durchklungen! Im vorgelagerten Garten blühten Levkojen und Feuerbohnen. Dazwischen gaukelten vereinzelte Fünkchen. Auf dem Boden, zwischen Gesträuch und Stauden, blitzte es gleichfalls, lockend, werbend, ohne von der Stelle zu rücken. Aber keine Gedankenspanne verging, und die schwebenden Lichtchen senkten sich tiefer, suchten die ruhenden auf und fanden sich schließlich in heißer, begehrlicher Liebe. Eine köstliche Aussaat von Blütenstaub und Sporen wehte über die Glücklichen. Der Garten duftete davon – und diese Aussaat kam von den Kornfeldern, die unter Sternen- und Mondlicht schliefen, eine köstliche Welle, bestimmt, den kurzen Rausch einer seligen Stunde zu feiern. And diese Welle legte sich auch über die Einsame und berührte sie mit zartem Hauch und leisen Fingern. Es war eine Nacht, wie sie noch keine erlebt, so voller Widersprüche war sie und doch so voller Einheit und Harmonie. Geborenwerden und Sterben lag in ihr. Verwelken und Blühen; sie lockte an, um von sich zu stoßen, sie gab wie ein Bettler und verschwendete doch mit Händen, die wahllos schenken, als würden die Äste einer blühenden Fichte gerüttelt. Solche Nächte sind selten unter dem Himmel. Das fühlte auch sie. Ihre Gedanken wurden schwer von den unbestimmten Erregungen und wechselnden Bildern, die auf sie eindrangen. Und dennoch überflutete ein Rausch von Glück ihr ganzes Sein. Sie erinnerte sich der heute verlebten Stunden in Sönnern. Sie sah den Spiegel und dachte dabei an ihre Freundin in Dortmund. Sie erinnerte sich des Briefes. Sie trug ihn bei sich. Ohne es zu wissen, hatte sie ihn schon lange zerknittert. Jetzt knisterte er wieder in ihrer Hand. Er war welk und unansehnlich geworden. In fieberhafter Eile glättete sie ihn und begann eifrig zu lesen – in kurzen Absätzen, ohne Verbindung, mit fliegendem Atem. Sie griff einzelne Stellen heraus. »Die Bestimmung des Weibes fordert ihr Recht, und ich bin glücklich darüber. Ach, könntest auch du dieses Glückes teilhaftig werden!« Sie trat näher ans Licht, um besser lesen zu können. »Was früher geschehn ist, darüber bist du keinem Rechenschaft schuldig ...« Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Wollte da jemand den Schleier heben und ein banges Menschenherz auf seine geheimsten Tiefen durchforschen? Nein, sie war keinem Rechenschaft schuldig. Sie war keinem verpflichtet, die verborgenen Falten ihres Lebens auseinander zu legen. Nur sich gegenüber. Und diese Verpflichtung nahm sie auf sich, denn sie war Herrin über sich selbst, Königin und Herzogin über Seele und Körper, und wo da Spuren zu verwischen waren, das war längst geschehn, und ein toter Wind säuselte darüber hin, wie er säuselt über Gräber und langes Kirchhofgras. Erhobenen Hauptes konnte sie noch immer unter die Menschen treten und sagen: »Wer wagt es, den Stein gegen mich zu heben? Ich warte darauf. Hebet den Stein auf!« Aber keiner wagte es. Alle schlichen davon wie verschüchterte Hunde. Nein, sie hatte nichts zu befürchten. Da waren keine Spuren vorhanden. Und wieder las sie: »Deine Zeit ist gekommen. Nütze sie aus, wenn dein Blut nicht langsam einfrieren soll. Denke daran: öffne die Arme, und du wirst wie ein blühendes Weizenfeld sein. Der Herr wird schon kommen.« Der Brief entsank ihrer Hand. Ihr Körper straffte sich unter dem dünnen Gespinst ihres Kleides, ihre Arme hoben sich, und so mit gebreiteten Armen trat sie vom Fenster zurück und sagte mit verlorenen Worten: »Ja, ich bin wie ein blühendes Kornfeld. Nur – der Herr müßte kommen! – Und wenn er käme, würde er sagen: Ich will mich an deinem Duft berauschen.« Sie lachte bitter auf: »Das ist ja ein Unding, ein Unsinn! – Das brachten die Jahre fertig. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war.« Sie fühlte ihr Herz in der Einsamkeit klopfen und dachte wieder an das Schreiben von eben, das jetzt zerknittert am Boden lag. Da stand noch etwas darin, was sie vergessen hatte zu lesen. Ja, da stand noch: »Hast du einen Spiegel befragt? So ein Spiegel spricht die lautere Wahrheit und lügt nicht.« »Gut, ich will ihn befragen,« sagte sie heftig. Aus diesem Grunde hatte sie ihn ja auch herbringen lassen. Noch zögerte sie. Sie wagte es nicht, in die blanke Fläche zu schauen, die unter dem Kerzenlicht hundert und aber hundert grelle Reflexe hervorzauberte. Endlich entschloß sie sich, streifte ihr Oberkleid von den Schultern herunter und trat vor den Spiegel. Sie hätte aufschreien mögen. Das hatte sie niemals gesehen; so nicht, in solchen verlockenden Farben noch nicht. Ihre Haare leuchteten anders denn sonst; ihre Augen brannten verklärter; ihr Körper war nicht mehr der Körper von früher. »Das bin ich nicht!« keuchte sie, wie erschrocken vor dieser Erscheinung, denn eine Frauenherrlichkeit blickte ihr aus dem Glase entgegen, geschaffen, um Mannessinne trunken zu machen und ihnen heiße Liebe zu geben. Ob sie es war? Ja, sie war es – das erkannte sie jetzt. Sie gab sich keiner Täuschung mehr hin. Spurlos waren die Jahre an ihr vorübergegangen. Nichts Steinernes mehr. Das Abgestorbene in ihr war wieder lebendig geworden. Sie fand sich mit dieser Erkenntnis ab. Sie war glücklich darüber. Jetzt wußte sie doch, warum sie überhaupt lebte und ein Herz in der Brust hatte, das aus seiner Starre herauswollte, um zart und innig an dem eines Mannes zu schlagen. Ihre Freundin hatte schon recht. Es brauchte nicht das eines Studierten zu sein, nicht das eines Grüblers und Sinnierers. Aber dem dieses Herz gehörte, dessen Schritt mußte etwas Klirrendes an sich haben, in ihm mußte eine Herrennatur sein und die Freude an einem Weib, das nicht war wie die anderen Weiber. Und war sie nicht ein solches Weib? Und er! – hatte sie einen solchen gefunden, der einen klirrenden Schritt unter sich hatte und die Liebe eines aparten Weibes begehrte? Sie wußte es nicht. Sie gab sich keine Rechenschaft darüber, aber der Gedanke, daß es so war, ließ sich nicht mehr abweisen. Noch einmal musterte sie ihre stolzen Formen und den sanften Bronzeton, der ihr selig über Nacken und Schultern und die entblößten Arme rieselte. Nur zwei Sekunden währte diese trunkene Selbstschau, diese verzückte Selbstanbetung, dann trat sie zurück, nahm ihr Morgengewand und ließ es über sich niederfallen. Wie ein lauer Strom glitten die weißen Falten an ihrem schönen Körper herunter, hüllten ihn ein, um in sanften Wellen am Boden weiter zu fließen. Mit dieser Umhüllung kam das Verhaltene zurück. Nichts regte sich mehr an ihrem Leibe, kein Glied, keine Fiber und keine Linie ihres weißen Kleides. Nur ihre Brust hob und senkte sich mit jedem Atemzuge. Dann streckte sie mechanisch die Arme und verschränkte die Hände hinter dem goldigen Haarknoten. Mit einem verlorenen Lächeln suchte sie etwas. Aber sie fand nicht, was sie suchte. Ihre Blicke irrten wieder durch das geöffnete Fenster über die Feuerbohnen fort in das Staunen der verschwiegenen Nacht hinein, die Augen hatte wie verschleierte Frauenaugen. And noch immer suchte sie. Da war es ihr, als wenn sie Schritte vernähme, langsame, verhaltene Schritte. Sie kamen von oben. Monoton gingen sie auf und nieder. Sie störten die Einsamkeit der Nacht nicht. Dafür waren sie zu stumpf und gemessen. Sie hörten sich an wie der weiche Pendelschlag in dem Getriebe einer großen Turmuhr. Und dennoch lag ihr der unbestimmte Schall in den Ohren. Er beunruhigte sie und ließ sie ängstlich aufhorchen. Und dann ein Geräusch, als drehte sich über ihr eine Stubentür leise in den Angeln, als glitte es heimlich über die Treppe, die zur Diele führte. Ihr Herz klopfte hörbar. Sollte etwa der Spökenkieker ... Die Nacht war mondhell, und in solchen Nächten pflegte er auf den Hellweg zu gehen. Gut, mochte er gehen. Sie hatte jetzt andere Gedanken. Außerdem verloren sich die Schritte, als wären sie niemals Schritte gewesen. Schon möglich, sie war der Spielball irgendeiner Täuschung gewesen, und ihre Gedanken begannen wieder zu suchen. Ihr fehlte noch etwas. Plötzlich umgriffen ihre Blicke die Krone, die noch nichts an ihrem Leuchten verloren hatte. Wenn sie diese erst hatte, wenn sie diese mit Ehren auf ihren Scheitel setzen und zur Kirche tragen durfte, dann erst war sie wie ein wiegendes, blühendes Kornfeld. Dann erst war ihr Herr und Gebieter gekommen, und der Schrei des Weibes, des erwachten Weibes in ihr, hatte Erhörung gefunden. Die vermeintlichen Schritte hatte sie längst vergessen. Sie streckte die Hände. Da war ja, was sie suchte. Unter der Glasglocke lockte es wie ein Zauber. Aus alten Zeiten winkte es ihr zu. Das kostbare Erbe vom Hofe der Sattelmeier erschien ihr wie ein Heiligtum in der Kirche, umspielt von dem frommen Licht lautlos brennender Kerzen. Es war ihr ureigenes Recht, sich dieses Heiligtum auf die hämmernden Schläfen zu drücken, ein Symbol ehelicher Treue und köstlicher Jahre. Noch einen Blick warf sie durch das geöffnete Fenster. Scheitelrecht hing der Mond über dem stillen Garten. In breiten Garben warf er sein Licht über die verschwiegenen Beete. Der Blumenduft schwebte herein, schwer und betäubend. Dazwischen das weltferne Choralen der Unken. Sie gestand sich noch einmal: nie war ihr eine solche paradiesische Nacht begegnet, eine solche westfälische Nacht, eine solche Nacht auf der Soester Börde. Der Himmel senkte seinen ganzen Segen zur Erde. Gott umgab die irdische Liebe mit seiner Herrlichkeit und ließ sie erschauern unter dem Odem seiner gütigen Allmacht. Mit ihrer ganzen Weichheit und Größe fiel diese Nacht über die Brinkschulte her. Flüssiges Silber rieselte an ihrem Körper herunter. Sie wandte wieder das Antlitz. Schritt für Schritt ging sie vor. Mit zagen Fingern stellte sie die Glocke beiseite, dann aber: mit beiden Händen umgriff sie die Brautkrone und drückte sie auf das goldblonde Haar, das unter dem alten Schmuck leise zu knistern begann. Hierauf trat sie vor den Spiegel und dann ans Fenster. Jetzt stand sie da, die große, beinah mächtige Gestalt, das Erbstück der Sattelmeier auf dem erhobenen Haupt, strahlend zwischen Kerzenlicht und Mondlicht, und sah über den kleinen Garten fort in das verträumte Land, das ihr gehörte bis dort, wo die schlanken Pappelreihen im weichen Nebel verschwammen. Jetzt hatte sie, was sie suchte. Wie eine Botschaft wehte es sie an. Alles war vorbereitet, was sie nötig hatte, um ihre Seele in die Arme eines andern gleiten zu lassen. Der Herr brauchte nur zu kommen. Ihr Blick konnte ein kleines Stück des hellen Kornes umfassen, das hinter den nahen Kleeäckern aufragte. Daneben, durch eine niedrige Terrainwelle gedeckt, lag das Düstermoor, von dem nur einige Erlenbüsche sichtbar waren, zusammengeballt, fast am Boden liegend und mit Silberpünktchen durchstichelt. Ein weißlicher Nebel webte und wirkte dort auf und nieder. Unwillkürlich lenkte sie ihre Blicke dorthin. Sie glaubte das Geräusch von langsam ziehenden Schritten zu hören. Dieselben kamen näher, um dann beiseite zu rücken. Hörbar tönte es durch die stille Nacht, lautlos zerging es wieder. Sie wußte mit dem seltsamen Treiben nichts anzufangen. Minute reihte sich an Minute. So mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als die Schritte von neuem durch die verwunschene Nacht gingen, begleitet von dem leisen Gesäusel und Wuchteln einer großen Eule, die vom Düstermoor bis zu den Scheunen revierte. Unter diesem Säuseln und Wuchteln kam einer näher, drehte sich dem Garten zu und schritt bedächtig über den Kiesweg, immer umkreist von dem fliegenden Schatten, der nicht Ruhe geben und abschwenken wollte. Die Brinkschulte horchte hinaus. Nur noch wenige Herzschläge, und der einsame Waller mußte auf dem mondlichten Weg, der dicht am Fenster vorüberführte, erscheinen. Eine plötzliche Angst überlief sie. Was hatte überhaupt dieser Eindringling in ihrem Garten zu schaffen? Sie wollte zurücktreten, sich hinter die Gardine verbergen, als er auch schon vor ihr auftauchte und sich ein bleiches Gesicht zwischen die Blumenscherben drängte. Es war das des Spökenkiekers. »Ihr?« fragte sie mit heimlichem Grauen. »Ja, Brinkschulte, ich bin es,« sagte er ruhig. »Wo kommt Ihr her?« »Brinkschulte, ich war auf dem Hellweg.« Für eine Augenblicksspanne war Totenstille zwischen ihnen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sah er sie an. Er schien ein Willenloser zu sein. Die Außenwelt hatte nichts mit ihm gemein, aber seine Augen ruhten auf ihr und waren wie leuchtend in seinem Angesicht. Es lag weder Glück noch Zufriedenheit darin, sondern nur ein vages Scheinen, wie das unbestimmte Licht eines fernen Wetters. Wieder kroch das Grauen an sie heran. Sie machte Miene, das Fenster zu schließen. »Hiergeblieben,« kam es von draußen. Es lag ein befehlender Ton darin. »Was wollt Ihr von mir?« Karl Mersmann legte die Hände auf das Fenstergesims: »Brinkschulte, ich war auf dem Hellweg.« »Das weiß ich. Das habt Ihr mir schon einmal gesagt.« »Na – und wenn einer so auf dem Hellweg stand ... Brinkschulte, es ist von Sönnern gekommen.« »Was ist von Sönnern gekommen?« »Brinkschulte, ich hatte ein Gesicht.« »Das ist wieder die alte, verfluchte Geschichte von früher.« »Keine verfluchte Geschichte! – nee, Brinkschulte, keine verfluchte Geschichte.« »Macht, daß Ihr ins Bett kommt,« sagte sie heftig. »Ich?!« begehrte er auf, und seine Augäpfel erschienen ungewöhnlich klein und zusammengezogen. »Baukwaiten Saot un Fraulüe Raot gedeiht bloß alle sieben Jaohr. Ich will freien Weg zu fahren haben, wenn es über mich kommt. Freien Weg will ich fahren. Das ist abgemacht zwischen uns, und wer mir das nehmen will, dem schlage ich den Bregen zusammen – hier mit meinen zwei Fäusten schlage ich ihm den Bregen zusammen. Brinkschulte, das ist so mein Gefühl. Hö, mein Geschäft!« »Ihr sollt ruhig sein, Kardel. Ihr weckt ja Menschen und Vieh auf.« »Hat sich was mit Menschen und Vieh! Wißt Ihr was, Brinkschulte: von Müse kumt Müse, von Ratzen – Ratzen, und von Sönnern kommt das Malör!« »Das sind dumme Gedanken.« »Dumme Gedanken ...!« Karl Mersmann flegelte sich hoch: »Brinkschulte, daß Ihr es noch einmal wißt: ich bin auf dem Hellweg gewesen.« »Gute Nacht, Kardel ...!« Das Fenster sollte zufliegen. Aber der Spökenkieker war schneller. Mit raschem Griff umspannte er ihre Handgelenke und hielt sie wie zwischen Schraubstöcken. Langsam, glasig, wie transparent, krochen seine Blicke an ihr herauf, während er immer fester und nachhaltiger schraubte. Und diese Blicke – sie gingen über die geschmeidigen Arme, die Schultern; sie schoben sich über das totenstille Gesicht, das ihnen mit Entsetzen entgegenstarrte. Auf der goldenen Brautkrone blieben sie haften. »Wenn olle Schüren brennt,« kam es von den blutleeren Lippen, »dann brennt se lichterloh. – Brinkschulte, ich bin in Sönnern gewesen. Da soll doch kein Hochzeiter ins Haus?« »Laßt mich zufrieden!« Vergebens suchte sie aus seiner Umschnürung zu kommen. »Da soll doch kein Hochzeiter ins Haus?« »Ich sage Euch nochmals ...« »Ach was!« schrie Karl Mersmann und zog die Handfesseln schärfer an, »et is biäter, en Dullkopp äs en Dudelkopp. Der junge Kerl, der Schulmagister von Werl ist Euretwegen schon ins Wasser gegangen ... mausekaputt wie 'ne verquiemte Ratze! – Soll's einem zweiten passieren?!« »Was kümmert's Euch!« Die Brinkschulte wand und drehte sich wie eine Torquierte, um aus der wütigen Umschlingung zu kommen. Da griff er nach oben, direkt nach der funkelnden Krone. »'runter mit dem Ding von den Sattelmeiern!« schrie er durch die qualvolle Stille, »'runter mit dem verfluchtigen Popanz!« Die Brinkschulte warf sich rücklings. Mit knapper Not hatte sie das Erbe aus alten Tagen gerettet. »Mensch, daß du immer in meine Seele hineingreifst!« Das Fenster legte sich zwischen sie und den Hellseher; dann schlug sie die Läden zu. Karl Mersmann stöhnte auf wie ein über den Haufen geschossenes Tier: »Brinkschulte, Brinkschulte! – kommt da ein Hochzeiter ins Haus – verfluchtig noch mal! – dann bin ich nicht aus der Bodenluke gefallen. Nee! – dann bin ich nicht aus der Bodenluke gefallen.« Mit hellem Gelächter drückte er sich hierauf durch die Feuerbohnen dem Eingang des Hauses zu; aber mit blödem Grinsen hielt er plötzlich inne. »Lach nicht, du lachst dich in den Himmel hinein.« Er sprach es, als wenn er sich in einem Sterbezimmer befände und der Priester jeden Augenblick mit der Wegzehrung eintreten müßte. Dann brach er in sich zusammen: »Die Krone, die verfluchtige Krone!« Über den Brinkschultenhof senkte sich wieder die große Stille von eben. Weit draußen im Feld, beim Nachbarkotten, bellte ein Hund. Er vermehrte nur die lautlose Einsamkeit. Sonst war keines Lebenden Ruf auf Erden. Wohlige Düfte hüllten das weite Gehöft ein. Sie kamen von dorther, wo die Weizen- und Roggenfelder in wundersamer Blüte standen. Sie atmeten leise und weich, wie ein junges Weib atmet, das eine große Sehnsucht in sich trägt und zukunftsfreudig in die geheimnisvollen Worte ausbricht: »Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.« Und ganz hinten, weit über die einsamen Pappelreihen fort, die über und über in Silbergeriesel standen, nach Sönnern zu, löste sich plötzlich ein weißer Fleck vom Himmel, ein unbestimmtes Etwas, ein Stern, ein fließender Lichtschein, der auf lautloser Bahn dahinglitt, um spurlos in das Wesenlose zu schwinden. Vor dem Spiegel, im Gemach der Brinkschulte, brannten die Kerzen noch immer. Hörbar tropften sie ab. Sie aber, die Brinkschulte, hatte sich angekleidet aufs Bett geworfen, auf das Bett mit den grellen, krapproten Rosen. Der Brautschmuck flimmerte zwischen den Kissen. Die Kräfte fehlten ihr, ihn von den Schläfen zu heben. Ihre Sinne umflorten sich, und in einem schweren, bleiernen, traumlosen Schlafe fanden ihre aufgepeitschten Gedanken die ersehnte Ruhe. Anderen Tages stand der Alte, genannt Jaspers, zwischen den Korngassen. Dann kam Simmchen, redete mit ihm und zog wieder betrübten Sinnes nach Werl, wo sein Blümchen mit dem Kaffee auf ihn gewartet hatte. »Püh!« machte Simmchen. Gegen Abend fiel der Schuß zwischen den Eichen, und der Spökenkieker nagelte die herabgeholte Ohreule an das Tor der großen Scheune. Josepha Brinkschulte jedoch war schon in früher Morgenstunde zu ihren Verwandten ins Lippische gefahren. Fünftes Kapitel Es mochte ungefähr vierzehn Tage später sein, als sich Simmchen Löwenthal durch eine der Torfgassen von Sönnern bewegte. Er hatte ein gutes Geschäft gemacht und wollte wieder auf Werl zu, um anderen Tages von wegen der Blesse auf dem Brinkschultenhofe vorzusprechen. Da sich aber eine hahnebüchene Hitze zwischen Himmel und Erde rekelte, die Luft zähfadig und dick wie abgestandener Leim war, Simmchens Gangwerk auch nicht zu dem besten gehörte, so stand er alsbald vor der Wirtschaft ›Zum fröhlichen Anton‹ und überlegte, ob es wohl an der Zeit wäre, sich einen Wacholder mit Sodawasser zu gönnen. Dem ›Fröhlichen Anton‹ schräg gegenüber wohnte Jans Stedink, der Schmiedemeister von Sönnern, ein Mann, als hätte seine Wiege zwischen denen der Enakssöhne gestanden, so mächtig ragte er auf, wenn er am Amboß schaffte und den Vorschlaghammer regierte. Dazu war er gutmütig bis in die schwarzen Holzpantoffeln hinein. Nur wenn ihn Haß anflog oder böse Gedanken über ihn fortliefen, legte er seine angestammte Gutmütigkeit beiseite, etwa so, wie einer ein schönaufgebügeltes Chemisettchen in die Kirschholzkommode legt, schlug sich mit rußiger Faust auf sein trockenes Schurzfell, daß es wie ein Ofenblech klapperte, und sagte: »Ich heiße Jans Stedink, und wer mir nicht für voll estimiert, der kann für dessentwegen seine eigenen Backenzähne schlucken,« und dann war es Zeit, die Türe zwischen sich und Jans Stedink zu legen, wenn man nicht wollte, daß die angedrohten Worte sich in die Tat übersetzten. Jans Stedink lachte nie oder selten, und wenn er herzlich lachte, dann mußten schon Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen, und das war niemals geschehen. Und doch war er der beste Kerl zwischen Ruhr und Lippe. Das Beste jedoch, was er an sich hatte, war sein prächtiger Bart, den er bei der Arbeit zwischen Hemd und Weste einknöpfte, um bei seinem Schaffen nicht gehindert zu werden. Nur an Sonn- und Feiertagen und wenn er Schicht gemacht hatte, ließ er ihn fließen. In ihrer ganzen Fülle und Herrlichkeit rieselten dann die schwarzen Strähnen bis über den Hosengurt, teilten sich im Wind und gaben ein Leuchten von sich, als wären sie mit glühenden Schmiedefunken gesprenkelt. Nur vereinzelte weiße Fäden waren dazwischen, und zwar da, wo die Ohrläppchen ansetzten. Man sah es Jans Stedink nicht an, daß er bereits die sechziger hinter sich hatte. Mit diesem wehenden Bart, er selber groß wie Saul und würdig wie ein Domschweizer, sprach er tagtäglich mit seinem lieben Herrgott, stolzierte er durch die Straßen Sönnerns, beehrte er die Wirtschaft ›Zum fröhlichen Anton‹ und sagte, indem er auf die Anrichte zeigte: »Tag, die Herrens! Von dem will ich haben; 'nen Wachholder. Um dessentwegen bin ich gekommen,« setzte sich in seiner ganzen Länge und Absonderlichkeit nieder und teilte seinen Bart auseinander. Simmchen Löwenthal war inzwischen mit sich einig geworden. Auf weichen Schuhen glitt er über die ausgetretenen Steintreppen und von hier aus ins Wirtszimmer. Er fand schon Gesellschaft. Mit übergeschlagenen Beinen saß der emeritierte Rektor Tobias Klopps auf dem ripsenen Sofa, ein vierschrötiger, nach Sönnern verschlagener Mann mit leidlicher Volksschulbildung und dem Firnis einer Präparandenanstalt behaftet, aber mit einem vielwisserischen Dünkel in dem kleinköpfigen Schädel, als habe er zeit seines Lebens zu Füßen der größten Geistesheroen gesessen, um ihnen ihre Heilswahrheiten löffelweise von den Lippen zu nehmen. Als Lehrer wenig begabt, als Rektor minderwertig und als Mensch nichtsnutzig, war er frühzeitig aus seiner Karriere geworfen und benutzte seine Zeit jetzt, unverdaute Freiheitsideen unter die Leute zu bringen, auf Gott und die Staatsregierung zu schimpfen und ihm nicht genehme Einrichtungen und Dinge wie ein Reihervogel mit seinem klebrigen Mist zu beschmeißen. Kurz – Herr Rektor Tobias Klopps war ein aufgeblasener Gernegroß, ein Habenichts an Geist, aber ein Flegel kernfestester Sorte, von dem man sagen konnte: Verpfuscht in der Anlage und vor Gott und den Menschen kein Wohlgefallen. Nur einen fürchtete er und ging ihm scheu aus dem Wege, und der hieß Jans Stedink. Nicht weit von ihm hockten etliche Bauern aus dem Münsterländischen zusammen, die mit schiefgezogenen Mundecken und bedenklichen Mienen die im Ruhrgebiet niedergegangenen Hagelwetter besprachen. Als Simmchen Löwenthal mit einem schönen Diener eintrat, hörten sie auf. »Wat is dat vör'n Kärl?« fragte der eine. »Ick kenn em nich,« gab der zweite zur Antwort. »Jau, un wat hett he vör'n unwiesen Hot up!« kam es von dritter Stelle. »Ick gleiw, de Kärl is en luttersken Dickkopp!« sagte der erste. »Um Verßeihung, die Herrens,« meinte Simmchen, »ich habe die Ehre, bin aber mosaischen Glaubens,« ließ sich hierauf beim offenen Fenster nieder, stellte den altmodischen Zylinder neben sich und blinzelte über die Straße fort, gerade in die Schmiede hinein, wo Meister Stedink mit seinen Gesellen am offenen Feuer hantierte. In diesem Augenblick hörte er von der Anrichte her: »Tag, Simmchen! Darf ich mir nach Ihrem gütigen Wollbenehmen erkundigen? Wie geht es?« »Danke,« erwiderte Simmchen, »es geht ja – un Ihnen, Herr Wimke?« »Merci!« kam es zurück, als Simmchen auch schon von seinem Stuhl aufschnellte und einen zweiten Diener zuwege brachte: »Ah! – auch der Herr Leppers. Wohl bei's Balbieren! Ich ersuche Ihnen um ein gefälliges Schnäpschen, aber eins mit Soda, Herr Leppers.« »Muß's gleich sein?« »Ich bitte Ihnen! – erst die Balbierung, dann die Verpflegung.« »Wird gemacht,« sagte Leppers, lehnte sich eingeseift und mit einer Serviette um den Hals wieder zurück, um sich von Herrn Emanuel Wimke rasieren zu lassen. Fritze Leppers, der Besitzer der Schankwirtschaft ›Zum fröhlichen Anton‹, war ein viver Kerl, flott wie eine Dampfnudel und rosig wie ein frischgewaschenes Schweinchen. Seine Augen erinnerten an blanke Schrotkügelchen. Fidel und kregel saßen sie in dem vollen Gesicht, als wären sie von einem lustigen und treffsicheren Schützen hinein geknallt worden, während Emanuel Wimke, der just die Nase seines Kunden zwischen Daumen und Mittelfinger hielt und eifrigst an dessen aalglatter Oberlippe herumschabte, mehr Ähnlichkeit mit einem dünndarmigen Schneider hatte. Eigentlich war er das auch; allein die Verhältnisse, wie sie nun einmal lagen, ließen ihn auf andere Ideen kommen. Wie gesagt, Emanuel Wimke hatte auf Nadel und Bügeleisen studiert, war jedoch ein unruhiger Geist, ein Hans in allen Hecken und Hägen, und konnte sich dieserhalb keine sitzende Lebensweise angewöhnen. Er mußte sich anderweitig betätigen, mußte unter die Menschen, in die Häuser hinein, und er gefiel sich darin, alle Neuigkeiten, Kuriositäten und sonstige Dinge wie Perlen auf eine Rosenkranzschnur zu reihen und sie bei Gelegenheit semmelwarm herunter zu beten und wieder an den Mann zu bringen. So kam er denn schließlich auf das löbliche Gewerk eines Barbiers, war im Nebenamt Hochzeitsbitter, machte die hierzu gehörigen Verse und Reime und pilgerte auf Anruf zu den verschiedenen Bauernschaften in der Umgegend herum, um zur Erhöhung des Nutzzweckes die jungen Bullen in Ochsen, die Hähne in Kapaune und die männlichen Ferkel in Hämlinge zu verwandeln, eine Tätigkeit, die er mit billigen Witzen spickte und mit der Würde und Menschenfreundlichkeit eines Weltweisen zu Ende führte. »Fertig, Herr Leppers!« Klatschend schlenkerte er den am linken Zeigefinger abgestrichenen Seifenschaum auf den Boden, und während nun der fette und ölichte Inhaber des ›Fröhlichen Anton‹ sich hinter der Anrichte zu schaffen machte, seinen äußeren Menschen in Ordnung brachte, die Sodabouteille zurechtstellte und etliche Schnäpse einschenkte, schob Wimke Messer und Etuileder in die Rocktasche und schlängelte sich fidel an Simmchen heran: »Jan Trantel met de Mantel Un Snippsnapp, siene Brut, De tröcken gistern Abend Tor Poorte herut! Na, Simmchen, was Neues?« Simmchen sah ihn betrübt an und kämmte, statt eine Antwort zu geben, mit weichen Fingern durch sein fuchsiges Bärtchen. Von der Bank der zugereisten Bauern jedoch kam eine ranzige Stimme: »Nu, wat sall't giewen? Dat Nie is gewühnlik nich van't Best.« »Jau, jau! – da hefft Se recht. Hölscher. Et geiht leig to in de Welt.« »Woso?« fragte Wimke. »Hefft Se denn nich in de Tidung liäsen?« »Nee,« sagte Emanuel Wimle und sah fragend auf Simmchen. »Es stimmt,« sagte dieser und sah dabei so wehleidig aus, als hätte ihm sein Konkurrenzmann Levi Eliassohn aus Werl seinen schönsten Kuhhandel verdorben, »leider es stimmt. Kaum, daß wir haben die großen Schlachten gewonnen mit die Petronen un die Zündnadelflinten un wieder von Paris nach Berlin hineintriumphiert sind, kaum, meine Herrens, daß wir geschrien haben Hurra un Vivat un uns wieder benehmen können mit gute Geschäften, wollen sie machen 'ne Rebellionierung in Preußen.« »Na, wer denn?« »Die unbewußten Menschen, Herr Rektor.« Tobias Klopps lachte kurz und höhnisch auf. »Aber ich bitte Ihnen, Herr Rektor ...!« Dieser machte eine abwehrende Handbewegung. »Dummheit, dein Name ist Simmchen,« sagte er abgerissen und gallig. Simmchen wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu. »Erzählen Sie hier keine Mordgeschichten,« mit diesen Worten trat der fette Leppers an den Tisch, präsentierte Sodawasser und Wacholder an und placierte sich Simmchen Löwenthal schräg gegenüber. »Nee, Simmchen, das stimmt nicht.« »Wo ich doch bin gewesen in Dortmund, Herr Leppers?« »Auch dann nicht.« »Schön!« sagte Simmchen, »aber darf ich mir 'ne Frage erlauben?« »Man zu.« »Wie benennen Sie das, wenn sie schon's Hinterleder an die Wand hängen un nich mehr unter Tag fahren wollen?« »Das haben die in Dortmund getan?« »Natürlich – auf die Zeche ›Glückauf‹ un ›Luise Tiefbau‹, un denn noch auf die übrigen Werke.« »Das will gar nichts sagen.« »Nee,« sagte auch Wimke, »mit Ihrem gütigen Wollbenehmen, Simmchen, das will gar nichts besagen.« »Schön!« meinte Simmchen, »aber wie benennen Sie das, wenn sie haben die Wetterführung zerstört, wenn sie haben die Fahrkünste in Stücke gehauen durch die Demolation un die unbewußte Gewalt?« »Wer sagt das?« »Mein Vetter Zodik, Herr Leppers.« »Na – der!« meinte Wimke. Verächtlich zuckte er mit den Achseln. Simmchen erhob sich. »Aber ich bitte Ihnen, wo er is der Schwager vom schönen Elkan in Borbeck un ein angestellter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund! Das reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund hat keine Schnorrers. – Ich bitte die Herrens! – Mit's Tezzerol sind sie losgegangen auf die, welche einfahren wollten. Tausendfältig sind sie losgegangen, un geschrien haben sie: Wer einfährt, wird kalt gemacht! Gott behüt' mir! Die größte Pleite kommt ja über die Leute. Die Dreißehners aus Münster haben auch schon getrommelt.« Mit einem tiefen Seufzer sank Simmchen Löwenthal auf die Binsen zurück. »Was, die sind auch schon da?« fragte der ›Fröhliche Anton‹, wobei seine Schrotkügelchen in ein lebhaftes Feuer gerieten. »Natürlich, Herr Leppers. Ich will nich heißen Simmchen Löwenthal, wenn sie nich gekommen sind mit die Lazerontasch un die hinterwärts geladenen Flinten, um ßu schießen auf die Rebellionäre.« »Sie sind wohl verrückt.« »Herr Leppers, bei die bedrohlichen Zeiten!« »Da wird doch nicht gleich auf Menschen geschossen.« »Warum nich? – wo sie haben die Wetterführung zerstört aus purer Gewalt un mit's Tezzerol haben angelegt auf die friedfertigen Leute, die da 'rausholen wollten ihr tägliches Brot aus die Grube!« »Auch da nicht.« »Auch da nich, wo sie geschrien haben: Alles muß gleich sein! Wo sie hinein tun wollen die Fleißigen un die Unfleißigen, die Könners un die Nichkönners in ein un demselbigen Topfe! Auch da nich? Das wäre ja eine Blamation für die menschliche Ordnung! Da wäre ich ja lieber eingebunden ins Bündlein der Lebendigen im Garten Eden un ließe meinem Blümchen un mir 'ne Bewährung machen in Werl hinter die Tannen. Amen! Amen!« Langsam fuhr er sich mit dem Taschentuch über die Augen. »Es wird wohl so schlimm nicht sein. Simmchen.« »Noch schlimmer, Herr Leppers. Wenn alles rungeniert is in Dortmund, werden sie auch kommen nach Sönnern. Und sagen werden sie: Tag, Herr Leppers, werden sie sagen, wo haben Sie Ihre schnäpsernen Handelsartikel?« »Meine Handelsartikel?« »Warum nich? – un nehmen werden sie Ihre schnäpsernen Handelsartikel ohne Beßahlung.« »Das wäre noch schöner!« »Un Ihre schweinernen Würste daßu. Un Ihren ›Fröhlichen Anton‹ werden sie streichen un darüber schreiben: Gemeinsames Eigentum vor Gleichheit, Freiheit un Brüderlichkeit.« Der Rektor griemelte still vor sich hin und gab sich den Anschein, als interessiere ihn das ganze Gespräch nicht. Turmhoch stand er ja über diesen dämlichen Menschen. Nur seine Hand zuckte, die klobige, brutale Magisterhand mit den abgezirkelten Sommersprossen, die früher den schwanken Bakel regiert hatte. Am liebsten hätte er Simmchen eine kräftige Ohrfeige verabfolgt, hielt sich aber noch zurück, denn er mußte ihm noch derber und närrischer kommen. Fritze Leppers jedoch schnellte wie ein Gummiball in die Höhe. Über sein rosiges, glattrasiertes Gesicht lief es in giftigen Kulören. Seine blanken Schrotkügelchen schossen feurige Blitze. »Da schlage ja der heilige Ludger von Billerbeck in die miserablen Kerls! Finger von's Ganze. Wo ich mir das ehrlich verdient hab'! Immer geschuftet und 'rum kariolt! Nee, Simmchen, da müssen schon andere kommen. Das hier sind meine Schnapsbouteillen, und der ›Fröhliche Anton‹ ist mein ›Fröhlicher Anton‹, denn ich habe ihn von meinem Vater selig in Erbschaft bezogen – und bevor ich mich abledern lasse ...« Die patschige Sand des Sprechers fuhr auf den Tisch, daß davon die Schnapsgläser lustig aufhoppelten: »Donnerwetter noch mal!« »Püh!« – sagte Simmchen, »da werden Sie also auch rufen nach die preußischen Trommlers?« »Simmchen ...!« »Warum sollen Sie nich rufen nach die preußischen Trommlers, Herr Leppers? Rebellionierung is Rebellionierung! – un die Petronen werden Ihnen sein mehr als bekömmlich, schießen sie doch vierßigfältig in einer Minute, um sich nich ßiehen ßu lassen das Fell über die Ohren. Nu, werden Sie rufen, Herr Leppers?« »Offen gestanden ...« »Schön!« sagte Simmchen. »Ihr angenehmes Pröstchen, Herr Leppers.« Mit stillem Lächeln klingte er mit ihm an und sah mit pfiffigem Blinzeln über die Straße, die von lautem Schmiedegehämmer widerhallte. Gleich darauf tönte eine mächtige Stimme durch das offene Fenster: »Sechs Uhr! Schicht wird gemacht.« »Haha!« meinte Simmchen. Der Rektor aber horchte interessiert auf, erhob sich und stülpte den Strohhut über seinen kleinköpfigen Schädel. »Sie wollen schon fortmachen?« fragte ihn Leppers. »Das Gespräch ist mir zu dumm,« versetzte der Rektor und verließ den ›Fröhlichen Anton‹ gelassen und mit dem breiten Anstand eines selbstgefälligen und doch vorsichtigen Mannes. »Auf ein andermal, Leppers.« Das Hämmern verstummte, und Jans Stedink, der große und machtvolle Jans Stedink, trat vor seine rußige Schmiede, sah ins Wetter und holte ganz bedächtig seinen schönen Bart zwischen Hemd und Weste hervor, knöpfte ihn auf und ließ die schwarze, seidenfadige Flut bis zum Hosengurt gleiten. Er war heute voll Ruhe und Würde, laulich und weich wie der Abend, der sich allmählich über Sönnern ausbreitete. Sein Geschäft florierte. Die halbe Nachbarschaft war auf ihn angewiesen, und die Brinkschulte hatte ihm noch vor vierzehn Tagen einen schottischen Schwingpflug in Bestellung gegeben, ein Werkzeug, an das sich seine Kollegen in Soest und Anna nicht herangetrauten, die eingestehen mußten: Das bringt nur Jans Stedink aus Sönnern zuwege. Darauf war er stolz und war dieserhalb auch voll Ruhe und Würde und laulich und weich wie der Abend, der mit seinem Bart spielte und eitel Glimmerfünkchen zwischen den todschwarzen Strähnen hervorzauberte. In seinen Augen, die das Weiße fast gelb zeigten, spiegelte sich dieser Abend wider. Jans Stedink war zufrieden mit sich, schmunzelte versonnen vor sich hin und gedachte, für ein halbes Stündchen seine Beine unter den Wirtstisch zu strecken, als einer aus der Schmiede trat und sich gemessen an seine Seite stellte. Das war sein erster Gesell und erst seit kurzem verpflichtet. Er trug die Hemdärmel in Wulsten aufgestülpt. Die Muskeln sahen aus wie aus Stahl geschmiedet und waren geschaffen, ein Menschenleben darin veratmen zu lassen. Eine Husarenmütze hatte er flott bis auf das linke Ohr gezogen, blau und rot, wie sie es in Paderborn und auf der Senne tragen. Und sein freies und offenes Gesicht erst! Da war Licht und Sonne darin, wie das Licht an einem schönen Sonntag, oder wie das Licht auf einer blanken Pflugschar, wenn sie in voller Arbeit ist und der junge Morgen darauf steht. Es war kein alltägliches Gesicht, ruhig und selbstbewußt und apart vielmehr, und mit diesem Gesicht sagte er denn auch: »Meister, auf ein Wort.« »Ja, Tillbeck, wo brennt's denn?« »Es ist nur von wegen der Brinkschulte.« »Was soll's denn mit der?« »Meister, ich dächte, wir täten schnellere Arbeit; und wenn Ihr nichts dagegen habt, möchte ich Überstunden machen.« Jans Stedink drehte bedächtig den Kopf. »Geschieht es der zu Liebe?« fragte er in seiner nachdenklichen Weise, »oder von wegen des neumodischen Schwingpflugs?« »Da ist schwer Bescheid drauf zu geben. Da muß sich schon einer besinnen, aber wie das so ist: ich habe noch so 'ne opulente Kraft zwischen den Fäusten; die möchte noch ihre Betätigung haben. Es schafft sich kommod am Abend.« »Offen gesprochen ...?« »Meister, schenkt mir die Antwort. Sie ist so oder so ... Es wird wohl wegen des Schwingpflugs sein. Möglich – auch ihr zu Gefallen.« Da lachte Jans Stedink vergnügt in sich hinein und sagte: »Na, denn man los und macht propere Arbeit.« Damit ging er über die Straße, nahm je eine Portion Haare zwischen die Finger und trat mit also abgeteiltem Bart in die Wirtsstube, nickte den Anwesenden ernst und würdig zu, wie nur Jans Stedink zu nicken verstand, und sagte: »Tag, die Herrens! Von dem will ich haben; 'nen Wacholder. Um dessentwegen bin ich gekommen,« und setzte sich nieder und sah, daß sie alle ernste Gesichter machten. Fritze Leppers, der ihm sofort das Verlangte hinstellte, konnte noch immer seine schweren Bedenken nicht loswerden und sagte denn auch: »Stedink, glaubt Ihr, daß sie nach hier kommen?« »Wer soll nach hier kommen?« »Na – die von Dortmund.« »Habt Ihr das auch schon gehört?« »Sie haben's nich glauben wollen, Herr Stedink,« warf Simmchen Löwenthal dazwischen, »wo ich's doch gesehn hab mit die leiblichen Augen, un was ich nich konnte sehn mit die leiblichen Augen, hat mir der Zodik erßählt, wo is ein angestellter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund. Um Verßeihung, Sie haben doch auch dieselbe Meinung, Herr Stedink? Ich meine, von wegen die Rebellionierung.« »Warum nicht?« sagte Stedink in seiner besonnenen Weise. »Das kann alles passieren. Nach großen Zeiten kommen immer solche, die Dreck an den Schuhen haben. Die Unzufriedenen werden nicht alle. Dränger und Bedrücker füttern sie auf, bis sie fettleibig werden.« Wimke erhob sich: »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen, wer sind das?« »Vereinzelte Großmoguls und Kapitalisten.« »So?!« »Ja, weil sie dem dreschenden Ochsen das Maul verbinden. Das ist miserabel von ihnen, denn Brot muß sein, ausgiebiges Brot, aber es braucht nicht scheffelweise und wagenweise auf den einzelnen zu fallen. Da liegt nu wieder die Schuld bei die andern. Die päppeln die begierlichen Kerle groß und schieben ihnen die Hände faul in die Taschen. Die Arbeitswilligen leiden darunter und kriegen einen mit's Hinterleder in die Zähne, daß sie nicht wissen, wo sie hinkucken sollen und ein altes Weib für 'ne Tanzmamsell verschleißen. Recht auf Arbeit muß sein. Das ist mein Evangelium, und richtige Art und Weise könnte da helfen. Dessentwegen sind die Gesetze da, und die möchten auch gerne. Aber das geht nicht so einfach. Warum nicht? Da mengelieren sich andere dazwischen. Die leben vom Skandal und schicken die Dummen ins Feuer; die treten mang die Arbeitgeber und Arbeitnehmer und halten jedem 'nen brennenden Schwamm unter den Hintern, daß ihnen das Feuer aus den Augen spritzt, und haben 'nen diebischen Spaß, wenn sie immer fester einkacheln können und schließlich alles in Brand und Brunst setzen. Und dessentwegen ist der Deuwel dann los.« »Jau, jau!« bestätigte einer der Münsterländer, »da hefft Se recht; et geiht leig to in de Welt.« Fritze Leppers verfärbte sich. Seine Schrotkügelchen sahen äußerst bedenklich bald den Münsterländer, bald Jans Stedink an. Er dachte an seine ›schnäpsernen‹ Handelsartikel. »Und da glauben Sie wirklich ...?« fragte er ängstlich. »Kann immer passieren,« war die bündige Antwort. »Hetzer sind Hetzer. In den Städten fängt's an, wie zum Beispiel in Dortmund. Erst bei die Geldsäcke, dann bei die kleinen Handwerkers und dann bei die eingeborenen Landmänners ... Aber Kreuzhimmeldunnerwetter noch mal ...!«, Jans Stedink erhob sich, legte seinen ruhigen und abgeklärten Menschen beiseite und ließ die Faust schwer auf den Tisch fallen: »Kommen diese Scharfmacher nach Sönnern und säen ihren Lausesamen aus und praktizieren mir Flöhe in den Pelz« – die Faust hob sich wieder und trommelte gegen das steife Schurzfell, daß es aufrasselte – »ich heiße Jans Stedink, und wer mir nicht für voll estimiert, dem kann ich nicht helfen, der muß für dessentwegen seine eigenen Backenzähne schlucken. Das soll hiermit gesagt sein.« Dann vertauschte er wieder den zornigen mit dem bedächtigen Menschen, zerlegte den Bart mit breiten Händen in zwei gleiche Hälften, ließ die abgeteilten Strähnen langsam durch die Finger gleiten und setzte sich wieder. Simmchen schnürte sich näher an ihn heran. »Um Verßeihung, Herr Stedink. Das mit Sönnern is ja 'ne richtige Sache, aber wenn sie kommt, die Rebellionierung, so kommt sie ßuerst über dem Brinkschultenhofe.« »Wer sagt das?« »Herr Stedink, ich habe mir die Ehre genommen.« »Wieso denn?« »Herr Stedink, was Sie soeben erßählten von dem brennenden Schwamm unter dem Hintern, das wird ßuerst besorgt auf dem Brinkschultenhofe. Da kommt einer hin, der hat 'ne tigerische Wut auf alles geworfen, um sich ßu machen reicher als der ägyptische Krösus.« Wimke grinste auf. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen,« kicherte er über sein Schnapsgläschen fort, »hat Ihnen das auch Ihr Vetter Jodik erßählt, wo is ein angestellter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund?« »Püh!« sagte Simmchen sehr verärgert, »verhohnepiepeln Sie lieber Ihre alten Pantoffeln, Herr Wimke, aber lassen Sie 'nen alten Juden ßufrieden, der nich immer kann sprechen wie die gebildeten Balbiere un Ferkelschneider.« Er machte eine Verbeugung: »Verßeihung, die Herrens, aber ich mußte so reden; un Sie, Herr Wimke, Sie sind ein Witzenmacher, aber, bitte, lassen Sie Ihre schofelen Witze ßu Hause. Herr Stedink,« fuhr er dann fort, »ich bin ein stiller Mann un ein ehrlicher Mann un habe gesagt, was richtig un bekömmlich is vor meinem Gewissen. Der neue Mensch kommt dem Brinkschultenhofe über dem Halse, fühlt sich äußerst wohl bei die da in Dortmund, un als ich ihm 'ne Tasse mit Kaffee anofferierte, hat er gesagt: Simmchen, hat er gesagt, trinken Sie Ihren Kaffee man mit Ihrem Blümchen alleine. Nein, Herr Stedink, ich habe kein Mitleid mehr mit dem Mann, obgleich er is arm wie'n Mäuserich in die Kinderbewahranstalt ßu Sönnern.« »Na, Simmchen, wer ist's denn?« fragte Jans Stedink. »Nu,« meinte Simmchen, »der alte Herr Jaspers.« »Wer?!« fragten drei Stimmen gleichzeitig, die von Jans Stedink jedoch war fahrig und gänzlich verbaselt. »Nu,« sagte Simmchen noch einmal, »der alte Herr Jaspers, der Brandstifter, was is der Bruder von dem gewesenen Herrn Brinkschultenhöfer.« »Ihr wollt uns doch hier keinen Narren anhängen?« sagte Jans Stedink und sah Simmchen scharf von der Seite an. »Soviel ich weiß, ist der Mensch doch in Amerika, und von dessentwegen ...« »War er, is er einmal gewesen,« fiel Simmchen ein. »Ganz nach Ihrem Ermessen, Herr Stedink, aber er is ßurück von die Vereinigten Staaten, wo er mit die Indianers un so welche hat gegessen die schweinernen Trebers.« »Und ist leibhaftig wieder in Deutschland, in Dortmund ...?« »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, ßu dienen, bei die Genossen.« »Wo ihm noch eine starke Faust im Nacken sitzt!« »Sie meinen von wegen die Gerichte?« »Ja, von dessentwegen. Auf Brandstiftung steht doch reguläres Zuchthaus.« »Herr Stedink, die Sache is in Verjährung gekommen.« Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus der Brust des Schmiedemeisters. »Das wäre ja niedlich!« sagte er nachgrübelnd vor sich hin. Die andern steckten flüsternd die Köpfe zusammen. Jans Stedink erhob sich. »Und den Menschen haben Sie mit Ihrem richtigen Verstande gesehn?« fragte er mit sturer Nachdrücklichkeit. Jedes Wort war ausgiebig und hatte Pech an den Schuhen. »Ich meine, Simmchen, mit Ihrem klaren und richtigen Menschenverstand?« »Herr Stedink,« beteuerte Simmchen, »fragen Sie mir, wieviel is 19 mal 19, un ich werde sagen ßu Ihnen 361; fragen Sie mir, wie heißen die Wochentage auf jüdisch, un ich werde sagen ßu Ihnen Jom olef, Jom behs, Jom gimmel bis ßu Schabbes herunter. Vize kapore! – un gestanden hat er vor die Gewalt in die Roggenkoppel, un geschrien hat er über dem Brinkschultenhofe: Entweder – oder; sie beßahlt die Halbscheid an Vieh un Mist un alles übrige, oder sie soll verrecken, das Fraumensch!« Mit einem schmerzlichen Seufzer brach er ab und sah jeden einzelnen an, wehmütig wie ein krankes Hühnchen, das sich unter eine Dachtraufe gerettet hatte. Alle schienen bedrückt. Keiner konnte so recht das Wort mehr finden. Leise kam Simmchen wieder unter der Dachtraufe vor: »Un das Schlimmste, die Herrens! Es kroch mir den Rücken 'runter wie 'ne kalte Schnecke, als er die Hand ausstreckte über die Felder, wo doch der Schweiß un die Arbeit von die Menschen ruhte ßu ßehn Prozent un Gottes Segen ßu neunßig Prozent ... 'ne weiße Hand, als wäre sie aus 'nem Sarge gekommen. Sie soll verrecken, das Fraumensch! – Ich kann's nich mehr hören; ich geh nach Hause. Gott behüte Sie – un Sönnern – un die Leute auf dem Brinkschultenhofe. Adjö, meine Herrens. Morgen bin ich auf dem Brinkschultenhofe, um ßu kaufen die Blesse.« Damit bezahlte er und wollte sich auf die Socken machen. An der Türe blieb er aber stehn und sah auf Jans Stedink. Der sah nachdenklich und feierlich zugleich aus und drehte mit steifen Fingern etliche Spiralen in seinen schwarzen, prächtigen Bart. Als er die fünfte Spirale hineingedreht hatte und aussah wie ein ernster assyrischer König, da sprach er leise vor sich hin, erst suchend und tastend, dann bedächtig und freier, dann mit leisem Murren und Grollen, wie ein Gewitter, das am fernen Horizont glatt auf dem Bauch liegt und heraufkommen möchte, dann mit Zorn und Haß, in welchem Blitze waren, die wie blanke Sensen aufleuchteten, und also sprach er: »Es ist eine große Not in mir. Ich weiß nicht, wie ich es anpacken und wenden soll, um aus dieser großen Not herauszukommen. Das da in Dortmund macht mir keine besondere Bange. Um dessentwegen kann ich ruhig arbeiten und schlafen und essen und trinken. Mit solchem ist schon fertig zu werden, selbst wenn es bloß durch die Forsche und die pure Gewalt geht. Aber der eine – der ist schlimm für Sönnern, noch schlimmer für die auf dem Brinkschultenhof.« Jans Stedink löste die erste Spirale in seinem Bart, dann sprach er weiter: »Ich kannte ihn von der Schule her. Er war fünf Jahre älter als ich, gut bei Verstand und aufgeweckt von Sinnen. Das konnte mir gefallen und tat's auch. Aber es lag etwas in ihm, etwas ganz Queres und Absonderliches, das war hundsmiserabel. Um dessentwegen gingen ihm die meisten scheu aus dem Wege – Menschen und Tiere. Ich weiß noch: meinem kleinen Bruder praktizierte er 'nen brennenden Schwamm in den Nacken, daß er aufwieherte wie ein geschundenes Füllen; 'nen Maikäfer spießte er durch und durch und ließ ihn dann fliegen und wollte sich totlachen, wenn der arme Kerl durch die Luft surrte, um dann niederzufallen und Zirkels zu drehen. Das war seine heimliche Freude, und solche Freuden sind auch noch im Alter mobil. Möglich, er war von Natur aus so veranlagt, möglich auch nicht; aber es war so.« Jans Stedink hielt inne und löste drei Spiralen auf einmal; dann sprach er weiter: »Ich will von seinem späteren Leben nichts sagen. Ich dachte noch immer, er machte sich, denn in seinem Kopf war Raum genug für gute Gedanken und auch ein guter Boden dafür; aber er ließ man die minderwertigen und die schiefen hinein, und er machte sich nicht. Möglich, das hakte mit dem Anerbenrecht der Bauern zusammen. Was ihm eigentlich zustand, darüber kann ich keine Rechenschaft geben, denn so'n Recht ist 'ne ganz konfuse Sache, muß aber wohl 'ne gewisse Bedeutsamkeit haben, um die Bauernhöfe nicht auseinanderfallen zu lassen, wenn es auch für den Nachgeborenen verteufelt sein muß, so 'ne Pille zu schlucken. Jedenfalls hat sein Vater nicht dagegen anoperiert, hat ihm aber wohl gegeben, was ihm von Kindes wegen zustand. Auch sein Bruder, der verstorbene Brinkschultenhöfer; denn dieser war zwar hart wie gebackener Lehm, hätte sich aber eher 'nen Strick um den Hals gelegt, als von andermanns Eigen zu leben. Um dessentwegen ist also gar nichts zu sagen. Aber der Vielfresser saß in ihm ... und nu ist er wiedergekommen – in den Frieden von Sönnern hinein – in den Frieden des Brinkschultenhofes hinein, und das kann ein Malör geben für die Soester Börde und sonstwie.« Ein Blitz lohte in seinen gekniffenen Blicken auf, und seine Stimme schwoll an; dabei löste er die letzte Spirale in seinem Bart. »Was will der Mensch nur!« rief er bedrohlich aus. »Einen guten Gang geht das nicht. Das ist wie Hagelwetter und kloppt Strunk und Stiel auseinander. Von Rechts wegen kann er nichts machen, aber wohl von wegen die Boshaftigkeit. Da muß was geschehn. Die Brinkschulte weiß nun ja ihre Sache richtig zu führen, aber sie ist auch man 'ne Frau, und 'ner Frau werden kommoder die Fesseln durchschnitten als 'nem veritablen Mannskerl. Dessentwegen muß ich nach Hause, um zu 'ner richtigen Besinnung zu kommen. Das bin ich ihr schuldig als Mensch und weil sie mich immer nobel in Arbeit und Verdienst hält. Das wollte ich sagen.« Damit bezahlte er, empfahl sich bei Simmchen Löwenthal und den andern und ging auf die Straße, wo das Abendlicht war und lange Schatten über die Erde ausbreitete. Mitten über Sönnern stand eine Lerche. Die hatte sich von den nahen Feldern verflogen und stieg singend in den Himmel hinein. Jans Stedink hielt den Fuß an und sah zu dem jubilierenden Flieger auf. Das tat seinem Herzen wohl. Hätte er noch lange gestanden, sie hätte ihm seinen Anmut und die schweren Gedanken Stück für Stück von der Seele gesungen. Aber das wollte er nicht. Er mußte erst darüber nachsimulieren. So trat er denn in die Schmiede, wo Heinrich Tillbeck noch schaffte. Ein helles Feuer schlug ihm entgegen und weckte hundert und aber hundert Fünkchen in seinem langen und wehenden Vollbart. Sechstes Kapitel Jans Stedink trat bis in die Mitte der Schmiede. Dann wurzelte er an. Die grelle Esse blendete ihm zuerst die Augen, das Gehämmer nahm ihm das Gehör. Das währte nicht lange. Gleich darauf konnte er hören und sehen. Blutrot flammte es um ihn, und in dieser blutroten Lohe stand Heinrich Tillbeck, stark und mächtig und wie aus Erz getrieben. Unter seiner Arbeit sprühten kleine, bunte, zuckende Lichter auf. Sie umspielten die Pflugschar und sanken als knisternde Sternchen zu Boden. Der Hammer machte Musik dazu, voll und dröhnend, als habe er eine wilde Freude daran, die blanken Dinger springen zu sehen. Wortlos standen sich die beiden Männer gegenüber – der alte mit dem glutverhangenen Bart, der junge, über und über in Lohe und in der Kraft seiner Glieder. Die Brust stand offen. Jede Muskel straffte sich. Da sagte Jans Stedink: »Das ist ja wie in der Kirche am Sonntag, und du machst die Glocken dazu.« »Arbeit ist Sonntag!« lachte Tillbeck aus seinem Schaffen heraus. Und wieder das Schweigen von eben. Kein Wort mehr; nur Eisenklirren und das Ächzen der Pflugschar. Das rasselte wie auf Schilden und war urwüchsige Kraft, und in diese Kraft hinein spielte es mit bengalischem Feuer. So verging eine Viertelstunde. Jans Stedink hatte schon viel frische und mächtige Arbeit gesehen; aber solche noch nicht. Seit einem Vierteljahr war sie unter seinen Sparren. Er hatte einen guten Griff getan. Das merkte er daran, daß alles besser flutschte und einen forscheren Dreh hatte. Auch die Musik war ganz anders. Besonders heute, in dieser Stunde. So was konnte ein altes Herz schon in Schwung bringen. Er hielt's nicht mehr aus. Es mußte ihm von der Leber herunter. »Dunnerwetter!« platzte er in das Dröhnen hinein, »so was hab' ich schon mal in 'nem schönen Geschichtenbuch gelesen.« »Das hier?!« lachte Tillbeck und streckte den Hammer, daß die Muskeln aufsprangen und hart wie Stein wurden. »Ja, das!« gab Stedink zurück, »damals, als ich so'n Dreikäsehoher war in der Schule von Sönnern. Da saß Feuer und Fett drin, und wenn man's hörte, klang's wie Ketten und Stangenbrechen.« »So?!« rief Tillbeck und ließ den Hammer herunter, daß es klirrte und spritzte. »Genau so! – Herrgott, ist das schön! Hab's auswendig gelernt, Wort für Wort, wenn's auch schwer fiel und langsam vorwärts ging. Aber der Kerl erst, von dem es handelt! – War einer vom Niederrhein, so bei Xanten herum, sagte der Lehrer, und war einer, der auszog, um als gelernter Schmiedegesell der Welt Moritzen beizubringen. Es liest sich wie ein Gedicht und ist auch ein Gedicht, aber ein besseres, als sie Wimke zuwege bringt. Achtung, Tillbeck!« – und er deklamierte mit ungelenkem Feuer herunter: »Jung Siegfried war ein stolzer Knab', Ging von des Vaters Burg herab. Wollt' rasten nicht in Vaters Haus, Wollt' wandern in alle Welt hinaus.« »Famos!« sagte Tillbeck, stemmte den Hammer auf den Amboß und stützte das Kinn auf die Hände, die er kreuzweise über den Stiel gelegt hatte. Der Alte trat näher: »Und als er kam in finstern Wald, Kam er zu einer Schmiede bald. Da sah er Eisen und Stahl genug; Ein lustig Feuer Flammen schlug. Siegfried den Hammer wohl schwingen kunnt, Er schlug den Amboß in den Grund; Er schlug, daß weit der Wald erklang Und alles Eisen in Stücke sprang.« Seine Stimme zitterte vor Erregung. »Tillbeck, verdammich! – so'n Siegfried bist du auch, aber ein westfälischer, einer von der Senne dahinten – und nu komm mal her und sieh mir ins Auge, Junge.« Beide Hände legte er um den Hals seines Gesellen. »So – recht tief in die Augen. Noch tiefer. Das hab' ich früher ja gar nicht gesehn, wenigstens keine Obacht darauf gegeben. Ich bin mit deinen Augen zufrieden. Die stehn auf Posten. Verdammich! – wo die drüber zu wachen haben, da kann einer schon schlafen. – Und nu deine Hand, aber feste.« »Da, Meister,« und die beiden Hände lagen zusammen. Jans Stedink lächelte still vor sich hin. »Hab's mir gedacht,« freute er sich so recht tief aus dem Schurzfell heraus, »Schrauben und Klammern! – und deutsch wie das Eisen, das sich unter uns reckt, durchs Land Westfalen hindurch. Die lassen nicht die eigene Ehrenflagge von andermanns Fäusten 'runterholen. Das wollte ich wissen – um dessentwegen. Nu bin ich klar in die Sache.« Langsam, fast vorsichtig, löste er seine Finger. »Und nu Feierabend, Tillbeck.« »Wo noch Arbeitslicht ist?« »Tut nichts. Ich habe noch ein Wort mit dir nach dem Abendessen zu reden. Pardon, daß ich ›du‹ zu dir sage, aber das gibt sich runder und besser und vornehmlich um dessentwegen, was ich dir ans Herz legen möchte. Na, Tillbeck, bis gleich denn.« Damit wischte er sich über die Stirn, winkte seinem Gesellen noch zu und ging gemessenen Schrittes aus der Schmiede. »Er schlug, daß weit der Wald erklang Und alles Eisen in Stücke sprang,« sagte Tillbeck nachdenklich und besonnen vor sich hin, stellte das Handwerkszeug beiseite und löschte das Feuer. Über Sönnern spreitete sich das Behagen und das wohltätige Genießen eines warmen Sommerabends. Ein frischer Heugeruch kam von den nahgelegenen Wiesen. Vereinzelte Schnitter gingen durch die Dorfstraße. Sie trugen je eine Wiesenblume hinter dem Ohr oder zwischen den Lippen, Salbei und Pechnelke, und strömten den kräftigen Geruch aus, der den auf den Feldern und unter heißer Sonne schaffenden Männern anhaftet. Fast alle Fenster standen geöffnet, um die lauliche Luft in die Zimmer zu lassen. Gleich Weihrauch zog es über Sönnern. Das tat die alte Dorflinde, die schon während der Soester Fehde geblüht hatte und jetzt einen Duft von sich gab, als ginge die große Prozession durch die abendlichen Straßen. Wie von hundert und aber hundert Weihrauchfässern wölkte es auf und nieder und legte sich um die Sinne der Menschen, die vor den Haustüren saßen, um die Ruhe und den Frieden nach des Tages Arbeit zu suchen. Und der ›Engel des Herrn‹ schwebte darüber hin in weichen, getragenen Tönen, und alles war Traum und Feier. An das Haus Jans Stedinks stieß ein kleines Krautgärtlein. Darin blühten schneeweiße Lilien. Sie waren die Lieblingsblumen der Frau gewesen, die vor zehn Jahren wegemüde und kinderlos, aber zufrieden in Gott und mit einem verlorenen Lächeln um die Mundecken die große Pilgerfahrt angetreten hatte. Jans war ihr allzeit ein treuer Mann, ein guter Freund und ein sorgsamer Berater gewesen. In den letzten Jahren trug er sie tagtäglich von ihrem Schmerzenslager in die warme Sonne hinein, legte ihr die Kissen zurecht und brachte sie auch wieder in die Kammer zurück, wenn die Schatten länger wurden und die Abendkühle die Blätter auseinanderfältelte. An Sonn- und Feiertagen konnte er stundenlang bei ihr sitzen. Dann glitt sie ihm mit glücklichen Fingern durch den langen, fließenden Bart, schmiegte ihr armes Gesicht an seine breite, stolze Brust und sagte mit ihrer dünnen, schon halb verstorbenen Stimme: »Du, als ich früher noch jung und schön war und ich mich so kräftig in deinen Bart hineinwuscheln konnte, ach, Jans, ist das schön gewesen!« »Das kommt wieder,« sagte er dann und sah über sie fort und nahm ihr schmales Gesichtchen zwischen seine kräftigen Hände. Dabei fiel ihr eine Träne auf die fiebrige Stirn. »Warum weinst du?« fragte sie leise. »Aus Freude,« gab er heiter zurück, »aus purer Freude, weil du nu bald wieder zum alten Birkenbaum hinauskannst, wo die Heidelerche singt und du zum letztenmal mit meinem Bart gespielt hast.« Da glaubte sie ihm und strählte mit ihren bleichen, todkranken Fingern weiter und weiter. Es half aber nichts. Jans konnte auch das Schlimmste nicht abhalten. In ihrer Gegenwart war er puppenmunter und fidel; war er jedoch mit sich allein, dann schraubte ihm das Elend und die Not um sein armes Weib die Kehle zusammen. Und eines Abends kam Eli, auf weichen Schuhen, in ihrem schwarzen Merinokleid und mit gescheitelten Haaren. Nähzeug und ein Päckchen mit weißer Leinewand, Papierröschen und Flittergold trug sie bei sich. Alles stellte sie sorglich zurecht, ließ sich eine Portion Kaffee aufschütten; setzte sich bei der Lampe nieder und begann ihre Arbeit. Da trat Jans Stedink zu ihr, ganz auseinander, und sagte trostlos: »Eli, richtet alles aufs beste her. Sie hat es verdient um mich und um mein Haus. Und wenn Ihr soweit seid, dann kommt und sagt es mir. Das Letzte muß ich selber besorgen.« Da hielt Juffer Eli die Totenwacht, betete zwischendurch und schneiderte bis in den hellichten Morgen hinein. Hierauf besorgte sie alles, was nötig war, um dem armen Frauchen die Reise leichter zu machen. Am zweiten Tage ging sie zu Jans Stedink. Er saß in seinem Sonntagsrock am Schmiedefeuer, das unter der Asche in blauen Flämmchen züngelte. Zuerst klingelte sie dieses mit ihrem Schlüsselbund an und sprach in das Klingeln hinein: »Eure Herrin ist tot!« Dann legte sie dem stillen Mann ihre Hand auf die seine und sagte: »Nun ist es soweit.« Da hob sich Jans Stedink breit und schwer auf und ging in die Kammer, wo seine Frau unter dem Leintuch ruhte, hob sie mit starken Armen auf und brachte sie liebevoll und mit verhaltenem Schluchzen in die Gute Stube, wo der Schreiner den mit zinnernen Rosetten und Beschlägen ausgeschmückten Sarg hingestellt hatte. Sorgsam bettete er sie in die schwarzen Bretter hinein, legte ihr den Kopf zurecht und gab ihr ein beinernes Kreuzlein zwischen die kalten Finger. Am andern Tage war alles vorüber. Ein Bäschen, das allein in der Welt stand, führte von nun an die vereinsamte Wirtschaft und tat alles im Sinne der Verstorbenen. Just wie damals blühten auch heute die weißen Lilien in dem kleinen Hausgarten. Von der Guten Stube aus sah man ihre silbernen Kelche. Matte Dämmerung strömte ins Zimmer hinein. Es war noch nicht dunkel geworden. Die Sommerabende halten das langsam absterbende Licht eigentümlich fest. Es wollte nicht Nacht werden. Die Bilder an den Wänden waren noch deutlich erkennbar, auch die Porzellanvasen auf der Glasservante. – Sonst herrschte hier feierliches Schweigen, und war alles so still wie die aus blauen und weißen Glasperlen zusammengestellte Klingelschnur, die seit dem Tode der Frau nicht mehr berührt worden war. Heute jedoch, kurz nach dem ›Engel des Herrn‹, schien manches geändert, aber der selige Geist der Verstorbenen und die Liebe, die sie hineingetragen hatte, weilten wie am ersten Tage zwischen den schlichten Wänden. Jans Stedink ging mit großen Schritten und in weißen Lammfellsocken auf und nieder. Er hatte die Holzschuhe draußen gelassen, im Angedenken an seine Frau, die lange Jahre hindurch Friedhofsruhe und Kirchenstille liebte und aus ihren wehen Gedanken nicht herauskonnte. Er suchte nach Worten. Jetzt mußte er sie gefunden haben, denn er trat auf Heinrich Tillbeck zu, der neben der Glasservante saß, und sagte: »Tillbeck, es ist nur um dessentwegen und um meinen besorgten Menschen wieder in Ordnung zu bringen, daß ich einen Ton mit dir rede. Und daß ich es tue, kommt von daher, weil du ein anstelliger und properer Kerl bist. Was du innerlich hast, ist gut, und deine Äußerlichkeit paßt zu dem, was der Herr Pastor gesagt hat: Leib und Seele müssen einander konform sein, wenn da was Richtiges herausspringen soll; ich meine, was Gutes. Das ist nun bei dir der Fall, und daher darf ich mir wohl so 'ne kleine Frage erlauben.« »Man zu, es soll mir angenehm sein.« »Es ist keine Neugierigkeit, Tillbeck.« »Das weiß ich.« »Na, denn,« sagte Jans Stedink, »dann will ich mir die Freiheit zulegen. Also antworte mal: Wann bist du eigentlich der Brinkschulte zum erstenmal begegnet?« »Als sie hier in Sönnern war und den Schwingpflug bestellte.« »Und da habt Ihr zusammen gesprochen?« »'ne Viertelstunde vielleicht.« »So! – und da ist nichts passiert?« »Was sollte denn da wohl passiert sein?« »Ich meine man, Tillbeck, weil Ihr es so eilig mit der Arbeit gehabt habt.« »Meister, ich sagte ja schon ...« »Schon richtig, aber das war so recht nicht auf Eurem eigenen Grund und Boden gewachsen; da stimmte was nicht und waren so gedrehte ›Wenns‹ und ›Abers‹ dazwischen. Jetzt aber ... Tillbeck, wir sind unter uns. Ich meine daher: geschieht die eilige Arbeit der da zu Liebe oder nur von wegen des neumodischen Schwingpflugs? Das sind nämlich zweierlei Dinge. Das eine sitzt hier mang die Rippen und läßt einen die Sterne ankucken, während das andere ... Na, sagen wir, das ist wie so'n angelernter Karrengaul. Das geht so aus alter Gewohnheit und hat 'ne bekömmliche Lust daran, seine Knochen zu recken. Also – welches von beiden?« »Wenn ich denn offen sein soll ...« Mit einem Ruck war Heinrich Tillbeck in die Höhe geschnellt. »Ja, man frisch von der Leber herunter.« »Meister, da ist denn der Schwingpflug wohl Nebensache gewesen, denn als die Brinkschulte so in ihrer ganzen Herrlichkeit vor mir stand ...« »Und Euch ansah,« ergänzte Jans Stedink. »Ja, Meister.« »Und Euch kräftig die Hand gab und sagte: Wenn Ihr mal gelegentlich auf dem Brinkschultenhof vorsprechen wolltet ...« »Offen gestanden, auch das.« »Das wollte ich wissen ... und da ich es weiß, sollt Ihr auch von mir eine offene Antwort bekommen. Aber das geht nicht so einfach. Da muß ich auf Umwegen 'rum. Da muß ich erst sagen: Ich habe Geschichten gekannt, die rochen nach dem Spaten und frischer Erde. Der junge Schulmeister in Werl konnte davon erzählen. Das heißt, jetzt nicht mehr, aber früher, denn das kalte Ruhrwasser hat ihm das Wort von den Lippen gespült. Und alles der Brinkschulte wegen. Tillbeck« – und seine Stimme nahm einen tieferen, verschleierten Ton an – »Ihr seid kaum ein Vierteljahr auf der Soester Börde und kennt sie noch nicht, das heißt, die Brinkschulte nicht. Auch der junge Schulmeister von Werl kannte sie nicht, sonst hätte er sich sagen müssen: Du bist nicht der richtige Mann, du gehst an diesem Weibe zugrunde. Wie du, so gibt es hundert andere. Die sind billig wie Halme. Die mäht dich einfach von der Lebenskoppel herunter. Das hätte er einsehn müssen, um dessentwegen und dafür, um sich nicht das Herz auseinander reißen zu lassen. Aber der wollte ja nicht und hatte kein Einsehn. Der mußte blindlings in die Trauerkomödie hinein, bis er schließlich das Leben über kriegte und von sich tat, als hätte er freie Verfügung darüber. – Um mit so 'nem herrlichen Weib fertig zu werden, muß man Nervenstränge wie Schiffstaue haben und Ruhe wie die am Tabernakel. Und den Geruch des Rotwildes dazu, sonst hilft das nicht ... und dann, Tillbeck: sie ist soviel älter als Ihr und hat mehr Erfahrung und weiß mehr davon, was das Leben bedeutet. – Das muß doch erst gesagt werden, darüber muß Klarheit sein, bevor man die Sache weiter beredet. Kommt Ihr darüber nicht weg, ich meine, steht Euch die Sache konträr, dann laßt die Finger davon und sagt Euch: Ich bin für so was nicht richtig gebaut; das muß schon ein besserer machen. Glaubt Ihr aber« – und Jans Stedink ergriff die Hand seines Gesellen – »daß Ihr Nervenstränge wie Schiffstaue habt und die Ruhe dazu, wie sie am Tabernakel ist, dann, Tillbeck, wenn Ihr der Kerl dazu seid – dann in Gottes Namen, wie der Pastor sagt.« Mit einem tiefen Atemzug gab er die Hand frei. »Meister,« kam es aus jubelnder Brust, »ich bin so ein Kerl!« Und da stand er wie ein prächtiger Sommersonntag, in der Kraft seiner Jugend, ein Siegfried, einer, der sich mit gewappneter Faust und aus heller Begeisterung heraus vor seine eigene Überzeugung stellte. Heinrich Tillbeck reckte die Arme. In seinem bartlosen Gesicht lag eine selbstgefällige Ruhe. Und wie das auf seinem Körper spielte! – vom Scheitel bis zu den Füßen herunter. In seinen Augen brannte ein großes Licht, frei und offen und leuchtend, und nahm einen stillen und herrlichen Glanz an. »Meister!« und er hob die Husarenmütze empor, »ich bin schon bei Königgrätz und dann als Reservist bei Spichern und sonstwo gewesen, in Kampf und Dampf und Not, und das hier hat nicht gebangt und gepuppert.« Krachend fiel die rechte Faust auf die Herzgrube. »Und ich sollte mich vor so einer fürchten, vornehmlich, wenn sie so rank und schön ist wie die da!« »Herrgott, Mensch!« fiel Jans Stedink ein, und er ging in seiner Herzlichkeit und Freude über sich fort, »wenn Euch so die Brinkschulte sähe. Dunnerwetter noch mal!« – und wieder ergriff er die Hand des vor ihm Stehenden – »ja, du hast Wildgeruch, Tillbeck, und die Ruhe am Tabernakel. Na, denn man los. Viel Glück! – und macht auch hier propere Arbeit.« Die beiden Männer standen sich groß und still gegenüber. Sie fühlten, hier war etwas im Werden begriffen. Wieder ging der Geist der verstorbenen Frau und die Liebe, die sie hineingetragen hatte, durch die Stube. Fast alles Tageslicht war daraus genommen. Auch im Garten dunkelte es. Nur die Kelche der Lilien schienen noch kreidig herüber. Die Geranienstöcke, die in bunten Scherben am Fenster standen, dufteten stärker. Vereinzelte Sterne hingen am Himmel. »Dann also bis morgen, Tillbeck,« sagte Jans Stedink und ließ die Hand durch den schwarzfadigen Bart gleiten. »Morgen das andere.« Aber Heinrich Tillbeck rührte sich nicht. Nachdenklich fuhr er sich über die Stirn. Er suchte noch etwas. »Was soll's noch?« fragte Stedink. »Meister, ich weiß so recht nicht. Wenn ich darüber nachsimuliere, dann kommt mir das vor, als wenn das alles Luftschlösser wären, als läge die ganze Geschichte im Mond, als zerflösse einem das alles unter den Fingern ... Man kann eben nicht packen und zugreifen.« »Wieso nicht packen und zugreifen, wo's hier auf der nackten Hand liegt? Fehlt's schon an den Nervensträngen, die wie Schiffstaue sein müssen?« »Das schon weniger,« stieß Heinrich Tillbeck so recht aus tiefster Brust heraus, »aber, Meister, wer war ich? Einer von der Senne dahinten, ein Heidevogel zwischen Torf und trockenem Buchweizenstroh, wo der Huppevogel dem Kiebitz gute Nacht sagt, und dann – was bin ich eigentlich? Weiter nichts als das, was ich hier in den Knochen habe, und das, was mir die Ehre um Kaiser und Reich unter die Rippen gepflanzt hat. Sonst gar nichts. Und da sollte mich die Brinkschulte wollen? – Und dann erst – was werde ich sein?« »Was du jetzt bist,« kam es ihm schwer und überzeugungstreu entgegen, »ein ganzer Kerl. Das ist dein Kapital. Mit diesem hast du zu arbeiten. Und tust du es nicht ... Dunnerwetter noch mal! – ist schon die Ruhe vom Tabernakel zum Henker?! – Jedes Kapital wird zum Unsegen, zum Plunder, wenn man es ungenutzt beiseite schiebt. Und das macht ein ehrlicher und rechtschaffener Mensch nicht. Du verstehst mich doch, Tillbeck?« Tillbeck nickte nachdenklich und stumpf vor sich hin. »Ja, ich verstehe.« »Na, denn also. Mit einem solchen Kapital kann man Berge versetzen und ein aufsteigendes Malör auseinander kloppen. Tillbeck, es geschieht nicht deinetwegen allein, auch ihretwegen geschieht es, daß ich das sage. Ich habe das unbestimmte Gefühl: auf den Brinkschultenhof gehört einer hin ... Der Großknecht – na ja, aber er hat's man in der Faust, nicht im Begriff, und daher: die Frau kann's allein nicht; sie steht allein in der Welt ... Warum? – das kann ich alles nicht sagen. Das hängt von den Umständen ab und muß auch den Umständen nach in Beurteilung kommen – ganz allmählich und wie man das für nötig befindet. Aber eine gehörige Kraft gehört dahin. Die gilt mehr als fünfhundert Morgen Ackerland und fünfzig melkende Kühe. Da zieht ein Gewitter zusammen; da düstert und schwelt das ... Das zieht von die Vereinigten Staaten und Dortmund herauf. Aber wenn Kraft und Liebe zusammenkommen, da kann man da noch so 'nen gehörigen Pfahl gegen aufpflanzen. Verstehst du? – und dessentwegen, Tillbeck: ich sage nichts weiter. Das übrige muß ich dem lieben Gott und dir überlassen.« »Meister, ich will's mir durch den Kopf gehn lassen.« »Ach was, durch den Kopf! Durchs Herz muß es gehn, das ist 'ne reellere Arbeit und 'ne einfachere Sache, und darum: besinne die näheren Umstände. Und wenn die Gelegenheit da ist – kannst du es durchbiegen – dann bieg' man. Es kommt dir und dem Brinkschultenhof und uns allen zugute. Und damit: bis morgen, Tillbeck. Gute Nacht.« »Gute Nacht, Meister.« Noch einmal drehte sich Jans Stedink um. »Und will dir dabei einer in die Parade hinein,« sagte er ruhig, »dann kannst du sprechen, wie ich es in der Gewohnheit besitze: Ich heiße Heinrich Tillbeck, und wer mir nicht für voll estimiert, der kann für dessentwegen seine eigenen Backenzähne schlucken.« Damit ging er; auch Tillbeck – und wieder schwebte der Geist der verstorbenen Frau und die Liebe, die sie hineingetragen hatte, durch die Gute Stube, selig und alles verklärend. Es war mittlerweile völlig dunkel geworden. Aber unzählige Sterne grüßten vom Himmel und winkten den weißen Lilien zu, die sich leise im sachten Nachtwind bewegten. Siebentes Kapitel Die gekreuzigte Ohreule hing noch immer mit gebreiteten Schwingen am großen Tor der Roggenscheune. Die weiche Holle senkte sich tiefer; die Nickhaut hatte sich noch mehr über die runden, schwefelgelben Lichter gezogen. Der Kadaver war ausgedörrt unter der brennenden Tagesglut. So hatte sie schon an vierzehn Tage gehangen. Der Knall lag noch allen in den Ohren, unter dem sie aus dem Eichenlaub herausgeholt wurde. Tagtäglich, um die Dämmerstunde, erschien Karl Mersmann, rieb sich fröstelnd die Hände und sah mit seinen hellen, transparenten Augen zu dem toten Vogel empor. Dann sagte er verloren vor sich hin, so wie er es am ersten Tage getan hatte: »Scheuch' Blitz und Donnerwetter Von diesem Haus, Und laß die schwarzen Bretter Noch lange draus,« blickte hierauf nach Sönnern und dann in die Gegend hinein, wo Dortmund ungefähr liegen mochte, als wenn er von diesen beiden Orten aus das Nahen irgendeines großen Unglücks befürchte. So auch heute; nur dieses Mal hatte er die frühe Morgenstunde gewählt, um sein Sprüchlein in die Winde zu sagen. Bald darauf latschte er ziel- und zwecklos in den Scheunen und Ställen herum, stattete er ebenso zwecklos der Sattelkammer einen Besuch ab und langte schließlich auf seinem Dachzimmer an, wo er sich aufs Bett streckte und mit aufgerissenen Augen die Decke bestierte. Was er nur haben mochte? Ja, das wußte niemand, ebensowenig, wie niemand es wußte, warum er seit Jahren an der Scholle des Brinkschultenhofes klebte, überhaupt geduldet wurde und wie ein überkommenes Inventarstück zum Hause gehörte. Zuerst hatte man darüber gesprochen, vermutet und die konfusesten Dinge des längeren hin und her erwogen. Man tappte im Dunklen und konnte nichts finden, selbst nicht in den Fragen und Antworten des Armseligen, auch nicht in seinen Blicken, die zeitweilig aus dem Fenster irren konnten, als sehnten sie sich nach Licht, Freiheit und Sonne, um dann wieder als verschlagene Vögel ins Ungewisse zu flattern. Nein, man fand nichts Gewisses und konnte nichts finden. Schließlich gewöhnte man sich daran, wie man sich an alltägliche Dinge gewöhnt, ließ ihn gewähren – ihn und seine Vergangenheit, die wie ein verblaßtes Pastellbild anmutete, verwischt und unbestimmt, und keine eigentliche Farbe mehr hatte. Und doch – was er nur haben mochte? Die Kammer, wo er jetzt auf dem Rücken lag und die Decke anstierte, war einfach, aber in größter Ordnung gehalten. Ein eisernes Bett, ein grellilluminiertes Kleiderspind, ein Tisch mit offener Schublade, ein Stuhl und kahle Wände bildeten die ganze Einrichtung. Nur ein kleiner, mit einer schmalen Goldleiste eingerahmter Spiegel hing neben dem Fenster, das einzige Schmuckstück in der niedrigen Kammer, hinter dessen Rand ein vergilbtes Büschelchen von Buchsbaumzweigen hervorragte. Mit diesem, das wußten Knechte und Mägde, hatte Karl Mersmann seine Heimlichkeit. Einmal in der Woche stellte er die vertrockneten Zweige in ein Glas mit Wasser, sprach mit ihnen und glitt mit zärtlicher Hand über sie fort. Hierauf steckte er sie wieder hinter den Spiegel. Das war alles. Im übrigen war es das Zimmer eines Menschen, der scheinbar keine Geheimnisse hatte. In den unverschlossenen Kästen befanden sich keine Briefe, keine Gegenstände und Erinnerungen aus vergangenen Zeiten. Alles und jedes stand offen, etwa so, wie ein Schuljunge seine ganzen Habseligkeiten zu lagern pflegt, zu allermanns Einblick. Auf dem sauber gespreiteten Tisch ruhte eine Handpostille, in deren Seiten etliche Rezepte eingeklemmt waren als Mittel gegen Pferdemauke und den Rotlauf der Schweine. Dann noch ein schwerer Foliant! – des Hermann von Kerssenbroich Chronik von Münster, in der viel des Erschrecklichen über die Wiedertäufer Jan van Leyden, Knipperdolling, Krechting und die schöne Elisabeth Wandscherer erzählt war, von welcher Chronik das Vorwort also berichtet: »Als Knabe sang ich einst der Wiedertäufer Rasen, Wie alles sie verheert, von Mordluft aufgeblasen. In ungebundnem Stil will ich dies itzt erzählen Umständlicher, doch nur den niedern Ausdruck wählen. Den König von Westfalen und seine grausen Schlachten Will ich nach ihrer Reih' westfälisch schlicht betrachten. Kriecht die Erzählung zwar nur niedrig an der Erde, So ist doch alles wahr, was ich berichten werde.« Dieser Foliant war ihm ans Herz gewachsen. Er las darin, wie Kinder in einem Bilderbuche lesen, mit dem Zeigefinger die Buchstaben verfolgend, mit lauter Stimme und heimlichem Grausen, vornehmlich die Stelle, die von der schönen Elisabeth Wandscherer, der Kebse des Königs, handelte, und mit fliegendem Atem las er: »Und Jan van Leyden zeihete sie des Leichtsinns, des Ungehorsams und Aufruhrs, und siehe: er führete sie sogleich auf den Markt und schlug ihr am zwölften des Brachmonats mit eigenen Händen, in Gegenwart des ganzen Volkes und aller Kebsweiber, den Kopf mit dem Schwert herunter und trat ihren toten Leichnam mit Füßen. Hierauf tanzete er mit seinen Kebsen einen Ringelreihenrosenkranz um das gerichtete Weib, und alle sungen dabei den Lobgesang ab: ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ und tanzeten weiter.« »Höhö!« lachte dann der Spökenkieker über die abgegriffene und zerlesene Schrift hin und krampfte ganz allmählich die Finger der rechten Hand zusammen, »so 'n Aasknochen von Weibsbild! – aber allen Respekt: Jan van Leyden und Knipperdölling sind doch famöste Kerle gewesen.« Gleich darauf verfiel er wieder in trostlose Wehleidigkeit und weinte bitterlich über die arme Elisabeth Wandscherer. Was er nur haben mochte? Das da in Dortmund war es allein nicht, obgleich es ihn immer eigentümlich berührte, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer Krawall hatten. Im allgemeinen war Karl Mersmann friedlicher Natur. Zudem schien sich die Dortmunder Bewegung im Sande zu verlaufen, denn die bedrohlichen Zeichen, die gestern noch die Zechen und Gewerkschaften umlauerten, flauten ab und verloren ihren blutdurchsetzten Geifer. Weitere Ausschreitungen waren nicht vorgekommen, obgleich die Arbeit ruhte und die Ausständigen sich nicht entschließen konnten, das Schurzfell wieder vom Nagel zu langen. Etliche von ihnen lagen mit blutigen Köpfen auf dem Stroh. Das hatte Vernunft gebracht und die Einsichtigen bewogen, das frivole Werk wenigstens jetzt nicht auf die Spitze zu treiben. Das Trommeln verstummte, das Gegröle und Pfeifen ließ nach, und die Dreizehner standen Gewehr bei Fuß, bereit, die Arbeitswilligen zu schützen und die Propaganda der Tat nicht in Kraut und Ähren schießen zu lassen. Unwillige Fäuste krachten allerdings noch auf die Wirtstische, saftige Flüche klirrten gegen die Fensterscheiben, wagten sich aber nicht ins Freie hinaus, denn die Pickelhauben hatten ein infames Leuchten an sich, eine Art von Respekt, und die Gewehrkolben waren jeden Augenblick fertig, an die Backen zu fahren. Ruhe, immer nur Ruhe! – Also das da in Dortmund war es allein nicht, was ihn tiefsinnig machte. Seine Gedanken stelzten wie große Kankerspinnen die weißgekälkte Decke entlang, stießen unwillig in die Ecken hinein, glitten wieder zurück, wuchsen und dehnten sich, um schließlich zu einem unentwirrbaren Chaos von durcheinandergemengten Leibern und dann zu einer einzigen Riesenspinne zu werden. Und diese Spinne tastete um sich und streckte ein Gewirr von Gelenken aus, die plötzlich etwas Blankes, Leuchtendes umgriffen und nicht mehr loslassen wollten. Karl Mersmann richtete sich auf. Mit krallenartig gekrümmten Fingern fuhr er durch die Luft, versuchte er, das blanke Ding, das seine Gedanken umspannten, niederzureißen. Aus dem halbgeöffneten Munde kam ein Röcheln und Stöhnen. »Da ist ja die Krone,« lallte er wie ein Betrunkener, »die Krone, die Krone!« Die leeren, starren, lichtlosen Augen krochen ihr dicht auf den Leib. Polypenartig, lauernd umschlichen sie das leblose Metall, das Feuer sprühte und vor ihnen aufleuchtete, als wäre es wirklich vorhanden. Was er nur wollte – der verfluchtige Popanz! – Was hatte überhaupt das Weib in Sönnern und in der Schmiede zu schaffen gehabt? Sollte von daher etwa ein Hochzeiter ins Haus kommen ...?! – hier auf den Brinkschultenhof, wo er, Karl Mersmann, aus der Bodenluke gestürzt war? »Du da ...!« Mit einem heulenden Ton, wie ein Hund heult, wenn einer im Hause sterben will, riß er das goldene Phantom an seine keuchende Brust, zerquetschte es mit eisernen Gelenken und warf es mit heiserem Gelächter über die Dielen, daß die eingekrusteten Steine klingend umhersprangen. »'runter mit dem dämlichen Schmuck von den Sattelmeiern!« ächzte er dumpf vor sich hin, »'runter mit der verfluchtigen Krone!« Da lag sie. Mit gierigen Blicken tastete er über ihre geworfenen Trümmer und blitzenden Steine. Jetzt konnte sie keinen Schaden mehr anrichten. Jetzt war sie hin und verreckt und wurde nicht mehr lebendig. Eher hätte ein mistiger Halm wieder Wurzeln angesetzt. Die hatte jetzt Ruhe – Totenruhe, Kirchhofsruhe und konnte keinen Hochzeiter mehr anlocken. Man brauchte nur noch eine Handvoll Erde darüber zu werfen. Und das tat auch Karl Mersmann. Er machte die Bewegung des Säens. Dann sank er schmunzelnd zurück und sagte, indem er sich mit dem Gesicht der Wand zukehrte und die Blumenmuster der altfränkischen Tapete studierte: »Allen Respekt! – aber Jan van Leyden und Knipperdölling sind doch famöste Kerle gewesen.« Also das war es, was er finden mußte und nicht finden konnte. Jetzt war es gefunden und ihm der Hals umgedreht worden. Er und der Brinkschultenhof konnten wieder aufatmen. Sein Geist wurde heiter. Er zählte die Blumenmuster und stellte die schönsten Rabatten aus ihnen zusammen. Da waren Tulpen und Akelei und Sonnenblumen, die auf den Köpfen spazierten. Die schöne Elisabeth Wandscherer saß mitten dazwischen und kämmte sich mit einem Kamm, der wunderliebliche Musik machte, bis plötzlich Jan van Leyden und Knipperdolling erschienen und sagten: »Tag, Lisbeth! – Da sitzt du ja wie eine Butterblume, die dicke Milch und Veilchen mangiert. Laß das man sein, du könntest sonst wie Buttermilch werden.« »Aber die Veilchen!« meinte sie mit ihrem zartesten Lächeln. »Dummes Zeug!« warf Knipperdolling dazwischen, »wenn du nicht willst, so wollen wir uns im Tode lieben.« »Das wäre fein!« rief sie den beiden zu und kämmte ihr Haar, das wie Hobelspäne aussah, und sang dazu »Laot uß singen dat niee Leed, Wat bi Mönster iß passeert: Von Pastor sien' Koh – Trialo, trialo, von Pastor sien' Koh la lo, Trialo, trialo, von Pastor sien' Koh!« »Das ist Hochverrat!« jubilierten die mastigen Sonnenblumen und zogen die Hälse ein. »Tut nichts!« meinten die beiden Wiedertäufer, machten sehr feine, aber auch sehr subtile Gesichter und sagten: »Komm mal her, mein Hühnchen; jetzt wollen wir das neue Kegelspiel spielen. Es tut nicht weh!« »Auch wirklich nicht, meine Herren?« fragte sie mit scheuer Betonung. »Keine Idee,« sagte Jan van Leyden und machte ein Rasiermesser blank. Damit lag ihr auch schon der Kopf zwischen den Händen, und sie spielte mit ihm so leicht und pudelnärrisch, als wenn es ein Federball wäre. »Aus!« sagte Knipperdolling und stopfte seine Meerschaumpfeife mit Oldenkott Rippchentabak, während die Tapetenmuster Purzelbaum schlugen und Jan van Leyden sich in eine Sonnenblume verliebte, die sich an einem Kleiderständer aufgehängt hatte. »Damit schließt die Geschichte!« krähte es aus der Tiefe heraus. »Aber es war 'ne feine Geschichte,« konstatierte Karl Mersmann, streckte sich, daß die Gelenke knackten, und rekelte sich über die Bettkante ans offene Fenster heran. »Famöste Kerle, die beiden ...!« Er konnte sie nicht los werden – die beiden nicht und die schöne Elisabeth Wandscherer nicht, die jetzt leichtfüßig durch die Erbsenbeete tänzelte, mit ihrer Schleppe wippte und ihren abgesäbelten Kopf auf einem tellergroßen Kürbisblatt vor sich her balancierte. Dabei spitzte dieser sein allerliebstes Mündchen und sang wie ein Wundervogel, der hundert Stunden hinter Amerika in einer Mergelgrube zwitscherte: »Trialo, trialo, von Pastor sien' Koh la lo ...« und das zwischen Zähnchen hindurch, die wie Mausezähnchen aussahen. »Prachtvoll, prachtvoll!« ereiferte sich der Spökenkieker und klatschte dabei in die Hände, daß die Spatzen davonsurrten, als hätte Herr Fritze Leppers mit seinen viven Schrotkügelchen dazwischen geschossen. Dann wurde er nachdenklich. Halt! – er hatte ja das Beste vergessen. Er grübelte vor sich hin. Da war noch etwas. Das ging ihm schon seit vierzehn Tagen nach, ebenso nach wie die hundsföttische Brautkrone. Die war allerdings abgetan und hatte Leben und Luft verloren – aber das andere, das fehlte noch, das mußte er erst finden, um sich vollkommen ruhig und zufrieden zu wissen. Und als er so nachdachte, da flog ein lustiger Zug um seine Mundecken. Dann zählte er an den Finger herunter: »Montag, Dienstag, Mittwoch. Heute ist Mittwoch. Verfluchtig noch mal! – da kommt ja die Brinkschulte wieder.« Na, endlich! – jetzt war er beruhigt. Heute kam Josepha Brinkschulte von ihrer Reise zurück – und diese Erkenntnis schmunzelnd überlegend, zündete sich Karl Mersmann eine Zigarre an, verließ seine Bodenkammer und suchte die Erbsenbeete auf, noch immer des Glaubens, die schöne Elisabeth Wandscherer befände sich auch jetzt noch zwischen den grünen Schoten und zwitschere wie ein sorgloser, fremdländischer Vogel. – Über den Hof und bis weit ins Land hinein zog ein warmer Heugeruch. Schönabgezirkelte Wolkenbälle, gleichsam aus blankem Zinn getrieben, standen angenagelt am tiefen Horizont. Es war gutes Erntewetter. Ein lauer Wind erfrischte das heißglühende Firmament, unter dem die gemähten Halme knochentrocken wurden und sich raschelnd aneinander schoben. Noch vor Abend sollten die letzten Schober eingebracht werden. Schwere Leiterwagen fuhren ab und zu. Immer neue kamen an, schwenkten an der Mergelgrube herum und legten sich quer vor die Bodenluken der großen Scheune, die verschläfert in das flimmernde Land hinausgähnte. Knechte und Mägde, nur mit Hemd und leichtem Zeug bekleidet, wateten bis zu den Knien in dem duftigen Heu und schleuderten die Bündel in die Luken hinein, die unersättlich Wagenladung um Wagenladung verschlangen. Schweiß und Arbeit klebten an ihren Händen. Ein kräftiger Geruch ging von ihnen aus, gepaart mit dem Duft nach welken Halmen und trockenen Blumen, die sich in ihren Haaren und Kopftüchern gefangen hatten. Mitten auf dem Hof stand Ignaz Greving, der Großknecht, die behaarte Brust weit offen und die Hemdärmel bis zu den Achseln aufgewickelt, und lenkte mit kurzausgestoßenen Lauten Gespanne und Menschen. Auch die Augen gaben Befehle. Wort und Blicke hielten die Arbeit wie an ledernen Riemen. Nichts Unnützes und Übereiltes geschah. Die Wagen stellten sich auf die Minute ein, um auf die Minute wieder auf die Wiesenkoppel zu fahren. Alles ging wie am Schnürchen, obgleich Ignaz erst seit einem halben Jahre auf seiner jetzigen Stelle in Kost und Lohn stand. Wortkarg und ohne viel Federlesens zu machen, traf er seine Anordnungen und hielt er sich die Leute gefügig – er, der gutmütige Riese mit der weißen Haut, dem rötlichen Bart und dem Gesicht, das in seinem Ausdruck an das eines gesunden Kindes erinnerte. Er hatte nur langsam gelernt und war schwer auf der Zunge, aber was er gelernt hatte, das saß bei ihm wie zwischen Schraubstöcken, und was er widerhaarig und dickflüssig über die Lippen brachte, das war doppelt und dreifach verdiebelt und war auf einem Grund und Boden gewachsen, der kräftigen Mist an den Füßen hatte. Und dieser Hüne schaffte für andermanns Vorteil, als wenn er sein eigener wäre, und sorgte für jeden trockenen Grashalm, als wäre er für jeden trockenen Halm mit seinem Ersparten verantwortlich, so gewissenhaft und mit der Andacht eines Weltfremden begann er mit dem ersten Hahnenschrei seine Tätigkeit, um sie mit dem Blinzeln der ersten Sterne zu beschließen. So ging das seit aller Herrgottsfrühe schon Stunde um Stunde, selbstlos und ohne Unterbrechung, während Juffer Eli, die heute ihren Tag auf dem Brinkschultenhofe hatte, am offenen Küchenfenster saß, den Faden wachste und in die knitterige Leinwand hineinstichelte. Ab und zu sah sie mit ihren großen, runden Augen auf das Erntegetriebe hinaus. Knechte und Mägde interessierten sie. Sie hatte überhaupt ein reges Gefühl für die Wirtschafterei, und wäre sie nicht Nähterin und Lichtjungfer gewesen, vielleicht hätte sie ihre Tage als Beschließerin oder in einer sonstigen Vertrauungsstellung auf dem Lande hinleben mögen. So aber ging das nicht anders. Sie hatte schon den besten Teil erwählt; denn sie konnte frei über sich und ihre Zeit verfügen, war überall ein gerngesehener Gast und stand mit den Abgestorbenen auf dem besten Fuße, weil sie diese ehrlich und nach der neusten Mode bediente. So fehlte ihr nichts, sich wahrhaft zufrieden und glücklich zu schätzen. Juffer Eli legte den Kopf auf die Seite. Der warme Heuduft und der köstliche Geruch nach trockenen Wiesenblumen machten den Faden schleppend und die blanke Nadel weniger emsig. Schließlich stellten sie gänzlich den Dienst ein. Juffer Eli nickte ein wenig. Mit zarten Katzenpfötchen ging es über ihre Seele. Alte Tage, vergessene Leiden und eingeschrumpfelte Freuden stellten sich ein. Das alte Träumen begann wieder. Sie sah ihren armen Bruder bei Missunde, wie er kopfüber stürzte, in die Herzgrube packte und die Spitze seiner Pickelhaube in den hartgefrorenen Boden hineinbohrte. Sie begrüßte auch ihren ersten Bräutigam, den Herrn Küster Blasius Küttelwäsch, der mit dem Klingelbeutel in der Hand in das Himmelreich hineinstolpern mußte. Aber sie sah sein Bild nur schemenhaft. Es hatte viel an seinem früheren Glanz verloren und zerging in sich selbst, wie eine tropfende Unschlittkerze auseinanderfließt. Das war schon anders mit dem blitzsauberen Oberlazarettgehilfen Theophil Schentuleit aus ›Königsbarg‹! – immer noch ein liebes, wenn auch treuloses Kerlchen. Aber er roch so delikat nach Karbol und Flanellbinden, und sein Schnurrbärtchen erst! Das hatte ihr früher so allerliebst unter die Nase gekitzelt. Sie durfte gar nicht daran denken, auf die Gefahr hin, rückfällig zu werden und einen teuflischen Haß auf Sophia Franziska Sömmerrau aus Pillkallen zu werfen, und daher: resigniert wies sie die Erinnerung an Flanellbinden, Karbol und Schnurrbärtchen in das Tal des Vergessens, tat ein Übriges und ging mit ihrem neuen Bräutigam Jans Sandhage durch die Fluren von Sönnern spazieren. Vierzig Morgen fettes Ackerland und fünf melkende Kühe hatte er mit in die Ehe zu bringen. Jans hätte sich auch nicht lumpen lassen, wäre nur nicht die infame Kegelgesellschaft ›Gut Holz‹ gewesen, zu deren Mitgliedern auch er zu ihrem größten Leidwesen gehörte. Warum mußten diese Kegelbrüder überhaupt zur Treibjagd einladen? Warum verfielen sie auch gerade auf den Apotheker Schölwink und den dicken Kreisrichter Zumloh aus Soest, wo jeder von vornherein wissen mußte, daß sie mit ihrem verhängnisvollen Visierwasser anrücken würden? Juffer Eli tat einen tiefen Seufzer. Sie sah endlose Schneefelder. Die Sonne war mit Krepp verhangen. Sie konnte sich nicht helfen – wohin sie auch blicken mochte: von allen Bäumen, die fröstelnd in der Uhlenbrinker Gemarkung standen, hingen Trauerflörchen. Mit Eisnadeln kam es über sie, obgleich draußen die Hitze mit lechzender Zunge in den Brunnen hineinsah und mit gierigen Augen nach Wasser schlappte. Juffer Eli sah nur Schneewehen und verfrorenen Grünkohl. Dazwischen purzelten verschiedene aufgestöberte Löffelmänner. Sie trommelten mit ihren Hinterläufen und flitzten weiter. Fünfzig Krumme rückten plötzlich in ihr Gesichtsfeld. »Tatteratta!« Das erste Treiben wurde angeblasen, das zweite, das dritte. Die Sonne machte bereits ein hippokratisches Gesicht. Dicke Nebel schleppten sich über das Uhlenbrinker Feld. Wie Todeswehen berührte es Juffer Eli. Plötzlich war ein Schreien um sie, ein Jubilieren und Lachen. »Da löpt noch een!« »Wo?« »Dichte bi! – Druff, druff!« »Himmel, Gewitter!« Sie hörte ein Knallen und Lärmen. »Jans!« schrie sie entsetzt auf. »Druff, druff!« Dampf und Knall und dann ein infernalisches Spritzen ... Zehn, fünfzehn, hundert Flintenläufe waren auf sie gerichtet. Sie hielt es nicht mehr aus. Da mußte ein Unglück passiert sein. Erschreckt fuhr sie aus ihrer Traumwelt. Wo war sie nur? Sie stand doch nicht auf dem Uhlenbrinker Acker. Auch nicht auf einem Schneefeld mit spritzenden Schroten. Wo waren nur die hundert und aber hundert Trauerflörchen geblieben? Aber das Poltern und Lärmen hielt an. Blendendes Licht umgab sie. Die Hitze schlappte noch immer mit ihrer hängenden Zunge. Sie sah durchs Fenster. »Da löpt he!« »Wo?« »Dichte bi! – Druff, druff!« Knechte und Mägde hielten mit Schaffen inne und griffen nach werfbaren Geschossen. Selbst der Großknecht tat mit, bückte sich und pfefferte einen handlichen Knüppel auf einen hin- und herjagenden Schatten, der sich vom Felde versprengt hatte und jetzt mit eingezogenen Löffeln einen Ausgang zu gewinnen suchte. Aber überall polterten ihm Knüppel zwischen die Läufe. Ein Heidenlärm rumpelte über den Brinkschultenhof. Mägde kreischten auf, wenn ihnen der Krumme zwischen den Beinen durchflutschte. Andere hielten den Bauch vor Lachen. Der jüngste Pferdeknecht wälzte sich wie ein wieherndes Füllen am Boden. Gleich einem fressenden Feuer pflanzte sich der Spektakel fort. Eli begriff nicht, was eigentlich los war. Ein Flirren war vor ihren Augen. Sie schien rein wie betäubt, wie vor den Kopf geschlagen. Sie befand sich doch in der Küche des Brinkschultenhofes. Da lag ja das Leinenzeug, und sie hatte ja noch die Nadel und den gewachsten Faden zwischen den Fingern. Was war das denn nur? In diesem Augenblick trat einer hinter sie. Er war lautlos und mit verwehten Haaren gekommen und reckte sich wie einer, der was Großes zu sagen hatte. Es war Karl Mersmann. Jetzt sprach er. »Eli,« sagte er mit aufgerissenen Augen, die jetzt weder Glanz noch Tiefe hatten, und legte ihr die Hand auf die Schulter, »da läuft 'ne Seele.« »Was für 'ne Seele?!« schrie sie auf und erschreckte sich bis in die Zehen hinein. »Die von Jans Sandhage.« Dabei zeigte er auf den geängstigten Hasen, der mit knapper Not und verzweifelten Hakenschlägen seinen Bedrängern entschlüpfte. In schlanker Flucht steuerte er auf die nahen Kleeäcker los. »Um Gott nicht!« jammerte Eli in schwerer Not und schlug sich die Hände vor das Gesicht. Seit dem Tode ihres letzten Bräutigams konnte sie kein Schießpulver mehr riechen und keinen Hasen mehr sehen. Ohnmacht wandelte sie an, und sie wäre auch in solche verfallen, hätte sich nicht hinter ihrem Rücken ein verheißungsvolles Klappern von Tellern und Schüsseln erhoben. Das animierte sie wieder. Sie dachte an ihr Lieblingsgericht, das heute aufgetischt werden sollte. Da ließ sie Seele Seele und Hase Hase sein. Schnell glättete sie mit sanften Strichen das zerknitterte Leinen, streifte den Fingerhut ab und sah auf den Herd. Duftig kam es von den verschwiegenen Töpfen. »Durchwachsen Speck und dicke Bohnen,« hauchte sie mit zufriedenen Lippen. Dabei legte sie die Hände gottergeben zusammen: »Hill'ge Grautebauhnen-Tied! Buuk, wär mi nochmaol so wiet!« »Hat sich was mit durchwachsen Speck un Grautebauhnen!« höhnte der Spökenkieker und fuchtelte bedrohlich mit seinen Armen herum. »Heute gibt's was Besseres.« »Wieso?!« fragte Eli. Da beugte sich Karl Mersmann vor und tuschelte ihr mit sonderbarem Grinsen zu, das halb Freude, halb Leid in sich barg: »Du, Eli – heute kommt die Brinkschulte wieder.« Achtes Kapitel Zwölf Uhr! Die Mittagsstille saß in einer Ecke des Hofes auf einem Stein und sah in das Gewirr von Blättern, die leblos an den schlaffen Stielen hingen. Nichts regte sich in der weiten Umgebung. Nur ab und zu der Pfiff einer Lokomotive, der langausgezogen durch das müde, sonnenheiße Land glitt, kaum hörbar, weit nach Soest zu, um lautlos in der zitterigen Luft zu verklingen. Herzblattförmige Schatten klebten am Boden. Helle Reflexe lagen daneben. Sie rückten nicht von der Stelle. Kein Windhauch rührte sich. Alles zwinkerte mit verschläferten Augen. Ein schwerer Duft von Thymian und Lindenblüten war ausgetan, und doch trugen die Bienen nicht ein. Der sonst von Meisen und Heckenbraunellen belebte Hausgarten war ausgestorben. Unbeweglich, mit gesenkten Kelchen, standen die Kartäusernelken auf den Buchsbaumrabatten. Einzig und allein flogen die Schwalben noch ab und zu, und von den nahen Kleeäckern kam das verträumte Geigen der Heimchen herüber. Der Hof war menschenleer. Die Arbeit ruhte während der heißesten Stunden. Knechte und Mägde hatten sich von Staub und Schweiß gesäubert und waren zu Tisch gegangen. Nur ein Stalljunge bewegte sich schwerfällig von Krippe zu Krippe und tränkte die Pferde. Dann ging auch er in die Küche. An langer Tafel, dem Herde schräg gegenüber, an dem eine Magd mit aufgesteckten Kleidern hantierte, saßen fünfzehn bis zwanzig Personen. Türe und Fenster standen offen. Ein kräftiger Geruch nach frischem Heu wölkte sich über Speck und dicke Bohnen. Zwei andere Mägde trugen ab und zu. Ignaz Greving, der Großknecht, präsidierte. Neben ihm saß Juffer Eli, still und bedächtig, aber in reger Tätigkeit, während Karl Mersmann am anderen Ende des langen Tisches auftauchte. Alle sprachen kein Wort, um besser essen zu können. Minute reihte sich an Minute, eine Viertelstunde rundete sich ab, ohne daß sich eine Silbe vorgewagt hätte. Jeder Augenblick war kostbar. Er mußte ausgenutzt werden, und so geschah es denn, daß Speck und dicke Bohnen eine äußerst solenne, aber auch eine sehr schweigsame Bestattung erfuhren. Jeder wollte es dabei dem andern zuvor tun. Keiner blieb zurück, aus Furcht, zu wenig geleistet zu haben. »Wenn de Katten musen, dann mauet se nich,« griemelte der Spökenkieker in sich hinein und löffelte weiter. Nur eine aß nicht. Messer und Gabel lagen unberührt neben dem Teller. Sie saß zwischen den übrigen Mägden und war rank und schlank gewachsen und lieblich anzusehen. Ihr halbgeöffnetes Leibchen spannte sich prall über der harten, jungen Brust und ließ einen kleinen Teil des milchweißen Fleisches erkennen. Heute war sie beim Heuen beschäftigt, sonst meistens im Hause, ging ihrer Herrin zur Hand und wurde von dieser mit Zuneigung und stiller Liebe behandelt. »Die gefällt mir nicht,« sagte Juffer Eli vor sich hin und legte Gabel und Messer beiseite. Fragend sah sie Ignaz an. Dieser verstand sie. »Sie hat's soeben beim Heuen erfahren,« sagte er mit verhaltener Stimme. »Was denn beim Heuen erfahren?« »Na, das mit die blutigen Köpfe; es ist von Dortmund gekommen.« »Da ist doch nichts Schlimmes passiert?« »Wie man's nimmt,« sagte Ignaz und zuckte mit den Schultern, »und wen's trifft, kann darüber wirbelsinnig werden. Möglich, sie hat was abgekriegt und ist darüber wirbelsinnig geworden.« Er flüsterte ihr einige Worte zu. »Was?! – ihr Verlobter ...!« Juffer Eli mußte sich an der Tischkante halten, um nicht vom Stuhle zu fallen. »Wie ist das nur möglich gewesen?« »Je,« sagte Ignaz und dämpfte seine Stimme zu einem leisen Geflüster, »wenn so die Kerls nach Gleichheit und Brüderlichkeit schreien und die Wetterführung zertöppern, dann kann alles passieren. Na, und die Dreizehner erst! Was sie mit den anderen machten, haben sie auch mit dem Zechendores gemacht.« »Um Gott nicht, was taten sie denn?« »Still!« sagte der Großknecht und deutete mit einem stummen Zeichen auf das blonde Geschöpf, dem große Tränen in den Augen standen. »Eli, sie haben ihn einfach aus dem Leben getrommelt. Und nu liegt er im Totenhäuschen auf Stroh und besieht sich die Decke.« Eli war wie gelähmt. Der gutmütige Riese sah steif auf den Teller. »Das kommt toujours von die neumodische Lehre und ihre verfluchtigen Predigers,« sagte er ernst vor sich hin. Dann wurde seine Zunge ungelenkig. Er sprach nicht mehr. Aber seine schlichte Ruhe behielt er, und diese Ruhe war so selbstverständlich wie die eines verrosteten Sargnagels. Mit dieser Ruhe musterte er die Tischgesellschaft, Knechte und Mägde, ob jemand noch ein Verlangen oder ein Anliegen anbringen würde. Er las in allen Gesichtern. Niemand hatte ein Anliegen mehr. Alle saßen da mit dem Wohlbehagen gesättigter Menschen. Da ergriff Ignaz sein Messer und stieß es bis ans Heft in ein Laib Brot, das neben ihm ruhte, erhob sich, machte das Kreuzzeichen und sagte mit lauter Stimme: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« Alle beteten mit, rückten mit den Stühlen und stellten sich in Gruppen zusammen. Sie warteten auf ihre Orders. »Holthövel!« rief Ignaz. Der Angerufene, ein breitspuriger Gesell, antwortete denn auch in behaglicher Breite: »Ich will für meine Person zu wissen tun, daß ich hier bin.« »Ihr spannt die Braunen an und holt die Brinkschulte ab. Schlag fünf Uhr auf dem Bahnhof in Soest.« »Wollen's besorgen.« »Aber vorher ordentlich kardätscht und gestriegelt. Ihr wißt, die Madam sieht nach.« »Weiß ich. Die ist nie kommode gewesen.« »Für alle: Mittagspause bis drei Uhr von wegen die Hitze.« »Merci!« »Wo wird weiter gefahren?« kam es von dritter Stelle. »Toujours an die Mergelgrube beim Finkenkamp. Was nicht mehr unter Dach und Fach kann, wird auf Mieten gestellt.« »Es soll seine Richtigkeit haben.« »Aber alles schlankweg auf Reihe, denn was die Madam ist, sie kommt an die Mergelgrube vorbei.« »Man keine Bange, Großknecht. Adjüs denn.« »Adjüs denn.« Flinke Hände rückten die Stühle zurecht, während Knechte und Mägde der Türe zudrängten, um im Heu oder im Schatten der Bäume ein Mittagsschläfchen zu halten. Da breitete Karl Mersmann die Arme und rief ihnen mit feierlicher Stimme nach: »Heiliger Bülo Krawallo, segne die Arbeit!« Ein unterdrücktes Lachen kam als Antwort zurück. »Den Düwel noch mal! – wollt ihr wohl kusch sein, sonst läßt der Herr Pech und Schwefel vom Himmel regnen, drei Tage und drei Nächte hindurch.« Erneutes Lachen setzte ein, und einer rief aus diesem Lachen heraus: »De Narren, Papen un de Hiärk Verdiärft dat ganze Dageswiärk!« Da bäumte sich der Spökenkieker auf, als habe ihn eine Kugel getroffen. Er ballte die Fäuste und streckte unwillkürlich die breite Brust hervor, als sei er gewillt, den Spötter auf die Dielen zu legen. Aber Ignaz trat dazwischen und gab den Abziehenden ein stummes Zeichen. Karl Mersmann sah es. »Ignaz, verfluchtig ...!« trumpfte er auf. »Laß die Kerls man laufen,« begütigte Ignaz. Da gab sich der Spökenkieker zufrieden und ließ sich schwer in einen Lehnstuhl fallen, den die Brinkschulte zu benutzen pflegte, sah aber den Knechten und Mägden nach, als müsse er allen die fallende Sucht auf den Leib hexen. »Verklammtes Volk ...!« knirschte er zwischen den Zähnen, umgriff die Lehnen und stierte mit glanzlosen Augen in die dämmerige Helle, die von der Diele herüberzwinkerte. »Ich möchte sein wie unser Herr Jesus Christus,« sagte er hierauf und mit demselben Tonfall, wie er es gewohnt war, in der Kirche zu beten, »oder« – und er brach in ein lustiges Grinsen aus – »wie Jan von Leyden und Knipperdölling. 'runter mit die Köpfe!« Seine rechte Hand sirrte flach durch die Luft, als habe sie ein breites Schwert zu regieren. Dann verfiel er in ein dumpfes Brüten und zählte die Sonnenstäubchen, die vor ihm auf- und niedertanzten. Der Kopf sank ihm tiefer. Er zählte nicht mehr. Seine Gedanken waren schlafen gegangen. »Er hat wieder seinen schlimmen Tag,« flüsterte Ignaz Juffer Eli zu, die bereits am Fenster saß, den Faden wachste und ihn gegen das Licht und mit vorgeschobener Zunge in das Nadelöhr hineinpraktizierte. »Jeja!« sagte diese, »das kann kein gutes Ende nicht nehmen.« »Warum bleibt er denn hier?« »Ich weiß nicht.« »Auch das nicht, was sie an ihm gefressen hat?» »Was für 'ne ›sie‹ denn?« »Toujours die Madam.« »Ignaz, das kann keiner nicht wissen – hat keiner niemals gewußt – wird keiner niemals in Erfahrung nicht bringen. Da liegt so was drüber; wissen Sie, Ignaz, so was wie überm Düstermoor, wenn der Heidemann mit seinem weißen Laken herumwuschert. Ignaz, das können keine zehn Finger nicht heben.« »Auch er nicht? Ich meine, hat er gar keine Besinnung von früher, an das, was ihm mal als Junge oder so um diese Zeit herum passiert ist? Er muß seine Gedanken doch irgendwo anhaken können.« »Nee,« meinte die Nähterin, indem sie einen neuen Faden einzog, »er erinnert sich nicht oder man dösig. Ebensowenig können sich die gefirnißten Sargbretter erinnern, daß sie mal lebendig gewesen sind.« »Merkwürdig!« versetzte der Großknecht, trat an den Herd, nahm ein glimmendes Spänchen und setzte seine Pfeife in Brand, die er vorher mit aller Sorgfalt gestopft hatte. »Ich meine, Eli, das geht doch nicht so toujours weiter mit ihm; da muß doch jemand nach dem Richtigen kucken. Da müßte die Madam doch sagen: Jetzt wird reine Bahn gemacht; der Mann muß 'ne anderweitige Unterkunft haben.« »Ja, wenn sie könnte!« »Warum kann sie denn nicht?« »Ignaz, wenn ich das wüßte. Da kennt sich niemand drin aus. Vielleicht ist die Sache so oder so. Schon Jahre um Jahre sitzt er hier auf dem Hof, und ich will nicht Eli Distelkamp heißen, wenn das nicht immer so langsam voran geht, bis sie ihm mit 'ner Hand voll Erde das letzte Honör erweisen.« Der gutmütige Riese schüttelte bedenklich den Kopf und sah auf den Spökenkieker, der mit zusammengelegten Händen fest zu schlafen schien. »Aber wo stammt er denn eigentlich her?« fragte er nach einigem Besinnen, rückte näher ans Fenster heran und umgriff das Arbeitstischchen mit beiden Händen. Juffer Eli hielt mit Nähen inne. »Das ist auch so 'ne Sache,« meinte sie schließlich. »Da ist soviel drüber geredet worden, krauses und dummes Zeug durcheinander, daß es schwer hält, das Richtige unter Beobachtung zu kriegen. Aber eigentlich ist er doch wohl dem seligen Schulmagister Asmus Mersmann aus Hilbeck sein jüngster gewesen, hatte auch 'nen hellen und anstelligen Kopf und ist bei dem verstorbenen Pfarrer daselbst in die Lehre gekommen. Für seinetwegen hätte er auch alle Tage Student werden können. Aber wie das bei die Schullehrer so ist: sieben bis zehn Kinder, fünfhundert Taler Gehalt und man knapp in Beköstigung. Da hat denn der Brinkschultenhöfer ein übriges getan, nahm ihn in Kost und Logis und ließ ihn toujours, wie Sie immer sagen, in die Höhe avancieren: erst Stalljunge, dann Vorarbeiter, na und so weiter – und war einer, der einherging wie jemand, der Sonnenlicht um sich hatte und festen Grund unter den Füßen und alle Weibsbilder aus Verstand und Fassung brachte, bis der liebe Gott der Wirtschaft ein Ende machte und sagte: Bis hier und nicht weiter.« Ignaz rückte mit seinem Gesicht immer näher. »Und das ist ganz plötzlich gekommen?« fragte er mit scheuer Betonung. »Ganz plötzlich, wie so'n Malör kommt.« »Und Ihr wißt nichts Bestimmtes darüber?« »Keine blasse Idee.« »Man sollte doch meinen, wo Ihr hier seit Jahren ein- und ausgegangen seid, da hätten die Schlüssellöcher nicht dicht halten können.« »Da muß ich aber doch bitten ...!« Energisch knipste sie einen Faden ab und legte ebenso energisch die Hände zusammen. »Exküsiert!« meinte Ignaz, »selbstverständlich ohne Euch nahe zu treten. Ihr habt doch nicht nötig, Eure Ohren einzuwachsen.« »Das nicht,« sagte Eli und lenkte ihre Aufregung wieder in stilleres Fahrwasser. »Also gar nichts gehört?« Ignaz legte seinen Mund dicht an ihr Ohr: »Ich frage nicht aus Neugierde, Eli, aber es tut mir barbarisch leid, den armen Menschen in dieser Verfassung um sich zu wissen.« »Ignaz, das ist es ja eben! Was ich vorhin erzählte: die Geschichte vom Düstermoor und dem Weißen Laken ... Das kann keiner nicht heben. – Ich werde mir auch nicht die Finger verbrennen. Und darum: nichts, reineweg gar nichts.« »Aber sie – was die Brinkschulte ist! Wie sie's mit ihm aushalten kann, das will nicht unter meinen Hut und ist schwer zu begreifen. Toujours diesen Menschen um sich zu haben! – Überall ist er und ist nirgendwo zu finden. Rufst du ihn, so ist er da und doch nicht zu sehen. Er versinkt in den Boden. Er sieht und hört nichts, und doch weiß er alles. Er geht durch Mauern, ohne sich den Schädel einzurennen. Woher kommt er? Wohin will er? Eli, und dann immer diese Hellweggeschichten! – das läßt einem ja das Vaterunser im Munde gefrieren. Amüsiert sich da halbe Nächte hindurch, um dann verweht und ganz auseinander nach Hause zu kommen. Da müßte doch die Madam ...« »Ignaz, die kann nicht.« »Wo sie doch sonst wie'n richtiges Mannsmensch zugreift ...!« »Auch da nicht.« »Das wäre denn doch!« »Ignaz, ich habe so meine Gedanken.« »Was für Gedanken?« »Ignaz ...!« – und Juffer Eli versteinerte, so strack und aufrecht saß sie da, ohne Bewegung, ohne auch nur im geringsten mit den Wimpern zu zucken. Hierauf legte sie ihr Nähzeug beiseite und klopfte mit ihrem Fingerhut dreimal laut und deutlich unter die Tischplatte. »Ich will nichts berufen, aber ich kann die Sache nicht los werden. Immer ist sie bei mir, drückt sich mit mir in die Posen hinein und ißt mit mir aus ein und derselbigen Schüssel.« Damit zog sie Ignaz dicht an sich heran und flüsterte ihm mit aufgerissenen Augen zu: »Sie, Ignaz, ich habe mal so was Ähnliches gelesen und denke mir immer: sie, was die Brinkschulte ist, sie geht mit 'ner armen Seele herum, die 'ne schwere Eisenkugel hinter sich her schleppt.« Ignaz prallte zurück. »Aber, Eli!« »Pst!« sagte diese, zeigte auf Karl Mersmann und simulierte einen Fleiß, als müsse noch vor Abend der ganze Leinwandballen, der neben ihr lag, zugeschnitten und umsäumt werden. Der Gottesnarr streckte sich nämlich, knurrte wie ein Hund, den man mit einem Fußtritt beglückt hat, und versuchte, aus seinem Dusel herauszukommen. »Hat hier jemand geredet?« fragte er lauernd vor sich hin, »du, Eli, oder du, Ignaz?« »Keinen Ton,« sagte dieser. »Von mir oder der Brinkschulte?« inquirierte der Spökenkieker weiter und ließ seine glasigen Blicke von einem zum andern gleiten. »Nee,« sagte Ignaz. »Dann ist es das verklammte Volk von eben gewesen.« Ignaz trat auf ihn zu und bot ihm den Tabaksbeutel an: »Dummes Zeug, Kardel! – 'ne Pfeife gefällig?« »Her damit!« sagte der Angeredete, zog einen Tonstummel aus der Seitentasche und griff in den Beutel. »AB Reuter, prima Qualität,« meinte Ignaz und hielt ihm einen brennenden Span hin. »Merci!« Karl Mersmann blies seine Kringel zur Decke, aber er schnalzte dabei wie ein geangelter Karpfen. »Das schluckt den Ärger herunter,« sagte er nachdenklich. »Was für'n Ärger?« »Na, der von soeben. Alles met Moten, aber das unwiese Volk ist ja leiger als Ratzen und Wanzen.« Er streckte die Fäuste. Der alte Grimm kehrte zurück: »Hauen will ich sie mit 'ner Wagenrunge über den Bregen!« Auf seiner Stirn schwollen die Adern an. Die Stimme dröhnte mächtig auf. In seinem Hirn kam ein wirrer Gedanke zu Raum. Ein Zittern und Rütteln ging durch seinen stahlharten Körper. Er warf den Kopf herum und suchte durch die Küchentür die weite Diele ab. »Wer ist da?« schrie er plötzlich auf. »Es ist jemand gekommen. Der will was.« Ignaz versuchte zu lächeln. »Es ist niemand gekommen,« sagte er mit einer gewissen Beklemmung. Auch Juffer Eli fühlte sich ungemütlich. Der Spökenkieker sah vorsichtig über die Schulter zurück. »Wer da?!« rief er gegen die Diele an. Keiner war da. Nichts war zu sehen und nichts zu hören. »Aber da stand einer mit 'nem Kreuzdorn und 'nem hafergelben Gesicht.« »Keine Idee.« »Ignaz!« »Nee, Kardel, da hat keiner gestanden.« Da lachte der Spökenkieker hell auf, streckte die Hände und sagte: »Dann kommt er noch mit seinem verfluchtigen Gliewenkieken; aber der Herr wird erscheinen mit seinen himmlischen Heerscharen und ihn von der Tenne fegen wie Spreu vor dem Winde. Schiete, segg Leppers.« Wie schlappe Segel klappten die Arme zusammen. Langsamen Fußes schritt er der Treppe zu, die zu den oberen Kammern führte. Auf den ersten Stufen blieb er stehn und sagte von hier aus: »So wird es geschehen, auf daß sich erfülle das Geschick auf dem Brinkschultenhof. Ich aber will beten zum Herrn und zu Knipperdölling – und siehe: es wird dann Licht werden über den Feldern. Und das Licht ist groß und schön und leuchtet wie eine Flamme des Herrn.« Hierauf schloß er die Augen, und mit geschlossenen Augen ging er nach oben, innig lächelnd, zufrieden in sich und wie erleuchtet von einem inneren Glanz, die Vision dessen, was seine Seele bewegte. Niemand wagte es jetzt, ihn noch auszufragen oder gar zu belästigen. Ignaz warf ihm noch einen langen Blick nach; dann verließ er mit schweren Sorgen die Küche, um noch eine kleine Handvoll Schlaf zu sich zu nehmen. Juffer Eli machte gleichfalls ein Nickerchen, während die Küchenmagd abdeckte, Teller und Schüsseln abwusch und alles wieder an Ort und Stelle setzte. Abermals schlich eine Viertelstunde vorüber, da war es Juffer Eli so, als wenn jemand spräche, aber gedämpft und mit unverständlichen Lauten durchbrochen. Bald darauf gewannen die einzelnen Worte an Schärfe. Deutlich klangen sie in ihre Traumwelt hinein. Sie hörte dieselben, als würden sie in ihrer unmittelbaren Nähe gesprochen, und also hörte sie: »Und siehe: er, der König, führte Elisabeth Wandscherer sogleich auf den Markt und schlug ihr am zwölften des Brachmonats mit eigenen Händen, in Gegenwart des ganzen Volkes und aller Kebsweiber, den Kopf mit dem Schwerte herunter und trat ihren toten Leichnam mit Füßen. Hierauf tanzete er mit seinen übrigen Kebsen einen Ringelreihenrosenkranz um das gerichtete Weib, und alle sangen dabei den Lobgesang ab: ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ und tanzeten weiter.« »Um Gott nicht!« erschreckte sich Juffer Eli, machte in ihrer Bedrängnis das Zeichen des heiligen Kreuzes und sagte: »Da drippelt wohl schon Blut durch die Decke. Nein, dieser Kardel! Wenn die Sache man gut geht! Aber hier in diesem Hause nimmt alles einen konträrigen Gang, wenn sich die Brinkschulte den Menschen nicht vom Halse schafft. Jesus, Maria ...!« Dann nahm sie wieder die Arbeit auf und machte große und runde Augen, in welchen ein Ausdruck tiefer und trauriger Güte lag. – Etliche Stunden später ging ein fröhlicher Peitschenknall über die Roggen- und Weizenschläge, die zwischen Soest und dem Brinkschultenhof lagen. Eine frohe Verheißung ruhte auf den Feldern, die bereits die Milchreife hinter sich hatten. Man sah nur Getreide und nichts als Getreide, in welchem hier und da der Mohn flammte und die Kornblumen wie tiefblaue Sterne aufleuchteten. Die warme, schwere Frucht bewegte sich leise im Wind und harrte geduldig ihrer Niederkunft entgegen. Ab und zu lockte ein versprengtes Wachtelmännchen im Korn. Auf der Landstraße war lustiges Wagenrollen. In schlankem Trabe führte Holthöwel seine feurigen Braunen dahin. Zeitweilig schnalzte er mit der Zunge und ließ lediglich aus guter Laune heraus seine Peitsche spielen; dann knatterte es wie mit Flintenschüssen über die ruhigen Felder. Nach viertelstündiger Fahrt bog er ab. Jetzt ging es über eigenen Grund und Boden. Aufrecht saß die Herrin im offenen Wagen. Den Strohhut hatte sie neben sich liegen. Sie liebte es, sich von den heißen Strahlen der Sonne küssen zu lassen. Ein leichtes Gewebe hüllte ihre junonischen Formen ein. Ihre Hände steckten in schwedischen Handschuhen. Sie atmete tief auf. So weich und zärtlich ging die Luft, und von den Halmen und Ähren strömte ein gesunder und kräftiger Duft aus. Ein leises Beben zitterte um ihre Nüstern. Unter ihren Brauen lag eine stille Verklärung, für die sie keinen Grund hatte oder nicht haben wollte. Sie hob sich im Wagen. Dort über die blauen Wälder fort lag Sönnern. Sie glaubte, ein fernes Schmiedegehämmer zu hören, und neben ihr und weit um sie her streckte sich Scholle bei Scholle, Acker bei Acker, Morgen bei Morgen. In schneller Fahrt durchquerte sie diese unermessenen Weiten – ihre Weiten, ihre Felder und Äcker. Bald kam die Zeit, wo sehnige Männer mit erdbraunen Gesichtern und offener Brust hinter dem Vormäher hergingen, denen die Binderinnen folgten, tiefgebückt und die Ähren sammelnd von der geschorenen Fläche. Sie hörte schon jetzt die eigenartige Musik, die diese Arbeit mit sich brachte: das Rauschen der blanken Sensen, das taktmäßige Schreiten und Wetzen und das Niedersäuseln der Schwaden, der einzelnen Ähren, die noch im Sterben ihre Psalmen sangen. Ihr Auge, ein stolzes Frauenauge, bewachte dieses Schaffen und Ringen. Noch besser, wenn ein Herrenauge hier wachen könnte. So dachte sie, und wieder schweiften ihre Blicke gen Sönnern, dessen Kirchturm in weiter Ferne aufdämmerte. Dann warf sie sich in den Sitz zurück. Mit geblähten Nasenflügeln, die Lider halb geschlossen und mit verzückter Seele lauschte sie dem Rauschen und Wispern des Getreides, das unaufhörlich mit ihr zog. Es war eine Musik für die kommenden Tage. Bald darauf trabten die Braunen die sanfte Lehne hinan. In verschwenderischer Fülle nickte das Korn zu beiden Seiten der flinken Räder. Sie streifte die Handschuhe ab und glitt mit glücklichen Fingern über die vorbeifließenden Wellen, zwischen denen ihr stolzer Hof eingebettet lag wie ein Schiff in sanfter Dünung. Kobaltblaues Licht ruhte auf den mächtigen Eichen. Gleich treuen Knechten aus alter Vorzeit umstanden diese ihr blühendes Anwesen. Jetzt hob sich das Herrenhaus scharf von den Nebengebäuden ab. Die neuerbaute Scheune mit den brennendroten Ziegelpfannen knallte in die Landschaft hinein. Alles gab sich näher und freier. »Endlich!« kam es leise und kaum hörbar von ihren Lippen. Noch einmal ließ sie die Lider herunter. Wie eine Betäubung, wie eine selige Verwirrung ging es über sie fort. Das Oval ihres Gesichtes zog sich sanft in die Länge. Die Vorstellung: einer möchte dich besitzen, einer begehrt dich, ließ ihr das Herz bis in den Hals hinein schlagen und erregte den Wahn in ihr, er säße schon neben ihr, zöge sie stürmisch an seine Brust und sie müsse unter seiner wütigen Umarmung ersticken. Wie in einem schwimmenden Nebel trieb sie voran. Bald darauf war sie wieder Herrin über ihre Sinne geworden. Nicht das verzückte Weib, aber die steinerne Madonna von der Soester Börde fuhr nunmehr dem nahegelegenen Gehöft zu. Kaum eine Viertelstunde noch, und der Wagen rollte im Schatten der alten Eichen dahin. Plötzlich ließ sie halten – nicht an der Haustür, sondern mitten im Hof und zwischen den Scheunen, wo die Feldgespanne noch in voller Tätigkeit waren. Den Hut am Arm hängend, mit kurzem Rock und zierlich gefesselt, schwang sie sich aus dem Wagen, rückte ihr schweres Haar zurecht und ließ Gespanne und Menschen Revue passieren. Wo früher noch Kichern und heimliches Sprechen war, da schwieg jetzt alles. Ein großer Neufundländer, der sonst knurrend Haus und Stallung umkreiste, kam wedelnd näher und duckte sich zu ihren Füßen. Lautlose Stille war um sie. Nur das Knarren der ab- und zufahrenden Wagen ließ sich vernehmen. Nichts entging ihr. In schweren Zügen atmete sie den Geruch der Arbeit ein. Eine Freiin, ein stolzes und blendendes Weib stand sie auf dem Grund ihrer Väter. Ignaz Greving trat auf sie zu. Den Hut zwischen den Fingern drehend, sagte er stockend: »Ick gröte Ju, Brinkschulte.« Man merkte ihm die Befangenheit an. »Ick danke Ju, leiwe Mann,« gab sie kurz zurück. Dann flogen ihre Blicke nach den offenen Bodenluken. »Wie weit ist die Arbeit?« fragte sie in ihrer abgerissenen Weise. »Schlag Klock sieben wird die letzte Fuhre gemacht.« »Und keine Mieten gesetzt?« »Mensch und Vieh haben in die Hände gespuckt. Ist nicht nötig gewesen.« Sie nickte befriedigt. »Wenn der Herr erntet,« fuhr sie langsamer fort, »soll der Mietling nicht darben. Ihr versteht mich doch, Ignaz?« »Offen gestanden, so recht nicht.« »Ich meine von wegen der armen Marieke Maraunke. Einen Mann hat sie nie gehabt, aber zwei Kinder und nichts für den Pappenstiel. Ihre einzige Kuh jammert nach Fressen. Wenn Ihr vorbeifahrt, habt Ihr ihr doch einige Bündel vom Wagen geworfen?« »Alles besorgt,« sagte Ignaz und fühlte sich freier. »Ist sonst was passiert?« fragte sie wieder. »Passiert eigentlich nicht; aber Simmchen Löwenthal sprach vor vierzehn Tagen vor und will heute das nämliche machen. Ich glaube, er muß schon im Hof sein.« »Warum?« »Er spekuliert toujours auf die Blesse.« »Wieviel bot er?« »Hundertfünfzig Taler preußisch Kurant.« »Hundertundsechzig. Sonst nicht.« »Hab' ich auch schon gesagt.« »Dann habt Ihr richtig gesprochen.« Sie warf ihm einen wohlwollenden Blick zu: »Ick danke Ju, leiwe Mann.« »Guod lohn Ju, Brinkschulte.« Der Großknecht war entlassen und ging wieder seiner Beschäftigung nach, kehrte aber auf halbem Wege zurück und sagte: »Madam, ich habe noch etwas vergessen.« »Wo drückt's denn?« »Mir nicht, aber die Dörte.« »Was ist denn mit Dörte passiert?« »Das hakt mit Dortmund zusammen.« »Wo sie im Aufstand sind? Man keine Sorge. Das gibt sich in nächster Zeit. Blutige Köpfe bringen den Verstand wieder.« »Bei dem Zechendores aber nicht mehr, Madam. Der liegt nu im Totenhäuschen und hat den Atem verloren.« Die Brinkschulte zuckte zusammen. »Dörte ...!« kam es gepreßt von ihrem Munde. »Das ist es ja grade.« »Schlimmeres konnte für die Ärmste nicht kommen. Aber sie wollte kein Einsehn haben. Was betreibt sie jetzt?« »Ich habe sie von's Heuen geschickt, denn sie suchte den gestrigen Tag und konnte den gestrigen Tag nicht mehr finden.« »In einer Stunde will ich sie sprechen.« Damit ging sie dem Herrenhaus zu, insichgekehrt und mit schweren Gedanken. Am Eingang wurde sie von Eli empfangen, die ihr einen Strauß von Rittersporn und Sommerlevkojen überreichte. Auch hier die Begrüßung: »Ick gröte Ju, Brinkschulte – ick danke Ju, Eli,« als sich ein feines Räuspern im Schatten der Diele erhob, das verlegen näher rückte, Glacéhandschuhen überstreifte und schließlich in die Worte überging: »Schon ßurück von die Reise? Darf ich ergebenst fragen, wie's Ihnen bekommen is bei die Verwandten dahinten? Es sind ja vornehme Leute, die Sattelmeiers; un was mein Vetter, der Zodik, bedeutet, wo is angestellter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund, der hat mir erßählt, daß sie leben sollen wie die wirklichen Förschten.« Die Brinkschulte lächelte: »Simmchen, das ist wohl ein bißchen reichlich genommen.« »Nu, dann wie die Edelmänners,« versetzte Löwenthal, legte den Kopf auf die Seite und ließ die Finger durch sein rötliches Bärtchen gleiten. »Ich habe mit Ihnen ßu reden,« meinte er schließlich. »Ich weiß,« versetzte die Brinkschulte, »Sie haben ein Angebot auf die Blesse gemacht.« »'ne pompöse Kuh!« sagte Simmchen, »is sie doch unter Brüdern wert hundertunfünfßig Talers preußisch Kurant. Aber wo soll ich hernehmen hundertunfünfßig Talers preußisch Kurant? Gott Abrahams, die Szeiten sind miserabele Szeiten! Sie gefallen mir nich, wie auch mein Vetter, der Zodik, gesagt hat; haben sie doch gemacht die Rebellionierung unter die unbewußten Menschen in Dortmund.« »Simmchen, das ist alles recht schön, aber gute Ware will auch bezahlt sein.« »Soll sie auch,« sagte Löwenthal, trat einen Schritt näher und klimperte mit harten Talern in der Tasche herum, »wird auch gemacht das Geschäft, aber erst später, nu, sagen wir in vierßehn Tagen. Warum sollen wir nich machen das Geschäft in vierßehn Tagen von wegen die Blesse?« »Ich dächte, Sie sind deswegen schon heute gekommen.« Simmchen legte den Kopf noch mehr auf die Seite. Um seine Mundecken spielte ein verlegenes Zwinkern, während seine sanften Blicke sich ganz allmählich verschleierten. »Wollte ich auch,« sagte er mit einem wehleidigen Anflug in der Stimme. »Aber was sind menschliche Pläne? Sie haben kurze Beine un bleiben im Chausseegraben liegen. Sie sind marode geworden. Sehn Sie, Madam Brinkschulte, ich habe ßwei Päckchen ßu Hause: eins mit die Geschäften un eins mit die Sorgen. Das mit die Geschäften habe ich bei Blümchen gelassen; mit dem ßweiten bin ich ßu Ihnen gekommen.« Die Worte erstickten; jedes hatte ein Aschenkreuzchen am Hut. »Was bedeutet das alles?« fragte die Brinkschulte. »Daß die Sorgen über Ihnen kommen wie die ägyptischen Plagen.« »Simmchen ...!« »Madam, ich bin ein ehrlicher Jude ...!« »Mensch, was haben Sie nur?« »Auf daß Sie es wissen, auf daß Sie dagegen anoperieren können vor die Gewalt: der alte Jaspers is von die Vereinigten Staaten ßurück un kömmt Ihnen über dem Halse.« Die Brinkschulte fuhr auf. »Und kommt heute?« fragte sie tonlos. »Er kommt, wenn Sie da sind.« »Simmchen, ich frage noch einmal.« Simmchen Löwenthal war nicht wiederzukennen. Der ganze Mensch schien verändert: »Gott Abrahams, straf' mich! – ich will liegen auf dem ›guten Ort‹, wenn es nich wahr is.« In aller Feierlichkeit hob er die Hand auf und streckte zwei Finger zur Decke. Da wußte Josepha Brinkschulte genug. Sie dankte und suchte ihre Kammer auf. An der Schwelle stand Karl Mersmann. Mit einem tierischen Laut brach er nieder, ergriff den Saum ihres Kleides und küßte ihn. »Es ist gut,« sagte sie leise und warf einen langen und wehen Blick auf den Ärmsten. Dann betrat sie ihr Zimmer. Simmchen und Eli standen noch immer zusammen. »Ich habe meine Schuldigkeit getan,« sagte Simmchen, »un komme wieder, wenn's Szeit is. Ich kann heute nich machen Geschäften. Sie liegen mir nich. Fräulein Eli, halten Sie mich in 'ner liebreichen Erinnerung, mich un mein Blümchen.« Dann ging er. Eli war sprachlos. Schließlich kamen ihr die Worte zurück. »Es hat schon seine Richtigkeit,« meinte sie schaudernd, »sie geht mit 'ner Seele herum, die 'ne Eisenkugel hinter sich herzieht.« – Und nicht lange, da trat einer in den Bann und den Frieden des Brinkschultenhofes. Neuntes Kapitel Und er kam von der Wegescheide her, barhaupt, mit eisgrauen Haaren, die seidene Schirmmütze in der einen Hand und den geschälten Weißdorn in der anderen führend – und blieb stehn, dort, wo ein breiter Fahr- und Heckenweg zum Hof führte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und seine Augen revierten das Land seiner Kindheit ab, so wie wilde Stoßvögel dicht über die Erde gleiten, um nach Beute zu spähen. Hierauf bückte er sich, und wie am ersten Tage griff er in den mulmigen Boden, entnahm ihm eine Handvoll Humus und ließ die Partikelchen durch die geöffneten Finger rieseln. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte er den rinnenden Körnern. Ein wahrer Heißhunger nach Besitz durchwühlte seine Eingeweide. Dieser Hunger hatte sich im Laufe der Tage nicht abgeschwächt; im Gegenteil, er war stärker geworden und quälte den zermürbten Körper wie eine fressende Krankheit. Heute sprach er nicht vergebens vor. Er hatte in Soest gewartet und die Züge beobachtet, die langsam in die Halle einfuhren. Aber erst mit dem fünf Uhr Schnellzug kam die Ersehnte. Da stahl er sich auf die Seite und folgte dem Wagen, der alsbald seinen Blicken entschwand und im Flimmern der Landschaft untertauchte. Josepha Brinkschulte war wiedergekommen. Er aber stand einsam und allein auf der immensen Ebene und betrieb das amüsante Spiel mit dem fruchtbaren Boden. Seine Gier nach Erwerb und Besitz steigerte sich ins Ungemessene, vornehmlich jetzt, wo die Sonne tiefer sank und ihr rotes Feuer mit leckenden Züngelchen über die Spitzen der Halme und Rispen dahinglitt. Jede einzelne Ähre leuchtete auf und verhieß dreißigfältige Ernte. Hierauf begann er, die ungeheuren Weizen-, Roggen- und Haferschläge zu zählen. Das da drüben war Gerste. Er unterschied die einzelnen Bestände nach den Färbungen. Schachbrettförmig lagen sie vor ihm. Jedes Fleckchen Erde, jedes Ackerstück interessierte ihn. Er schätzte sie auf ihren Ertrag ab. Schwindelnde Summen stiegen vor ihm auf. Wenigstens die Hälfte davon mußte er als sein Eigentum ansprechen. Nicht nach dem Anerbenrecht, aber von Rechts wegen. Am liebsten hätte er alles für sich allein gefordert. Seine aufrührerischen, weltbeglückenden Ideen änderten daran nichts. Er lag vor ihnen nur so lange auf dem Bauch, als er ein Habenichts war. Sein Evangelium von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit ging in Rauch und Dampf auf, je nachdem es die Zeitläufte erheischten und die Karten zu seinen Gunsten fallen würden. Das wußte er. Bis dahin gab er sich mit den Glaubensartikeln von Marx und Konsorten zufrieden. Er hatte Gewalt über sich und konnte sie aufpäppeln oder ihnen wie Enten den Hals umdrehen – je nach Wunsch und Belieben. Er grapste eine Ähre ab und kaute sie zwischen den Zähnen, die blank und starkknochig hinter den schmalen Lippen arbeiteten. Es mochte auf sieben gehen, als der Alte den Weißdorn fester umgriff und sich wieder gegen den Brinkschultenhof in Bewegung setzte. Der heiße Dunst des Tages hatte sich tiefer gelagert. In der bewegungslosen Ruhe der Luft wurden die Geräusche des werdenden Abends lebendig. Das Zirpen der Grillen gab sich lebhafter; die Heupferdchen setzten mit lauterem Geigen ein. Ab und zu ließ sich eine ferne Stimme vernehmen. Inzwischen hatten die auf dem Brinkschultenhof Feierabend gemacht. Die letzte Fuhre der Heuernte war pünktlich eingebracht worden. Nach gemeinsamer Mahlzeit verloren sich Knechte und Mägde im Schatten der Bäume, erzählten sich allerlei Geschichten oder lauschten den Klängen einer Ziehharmonika, die der fünfundsiebenzigjährige Schäfer Matthias Brügelmann zum besten gab, ein Mann mit einer straffen und weißlichen Bartfräse und einem Gesicht, das an die Physiognomie eines gutmütigen Rambouilletbockes erinnerte. Schon fünfzig Jahre hindurch war er auf dem Hofe seßhaft gewesen, war allermanns Freund und hatte schon lange fünfzig Jahre hindurch dazu beigetragen, die Winternächte zu verkürzen und die Sommerabende erfreulich zu machen. Eben spielte er: »In des Gartens dunkler Laube Saßen heute Hand in Hand Ritter Ewald neben Minna, Von der Liebe festgebannt,« ein Lied, das zu seinem eisernen Bestand gehörte und nie seine Wirkung verfehlte. Alle sahen sich denn auch mit einer gewissen Rührseligkeit an und dachten bewegt darüber nach, ob ihnen nicht vielleicht Ähnliches im Leben passiert sei. Einzelne Mädchen schluchzten, die Knechte sahen stur vor sich hin, besonders bei der Stelle, wo der Alte tränenreich und mit fadenscheiniger Stimme einfiel: »Doch was sieht er statt der Minna? Ach, ein Kreuzlein, schwarz und leer, Und in Marmor steht geschrieben: Deine Minna lebt nicht mehr.« Auch Juffer Eli hörte es und dachte über den tiefen Sinn des Liedes ernstlich nach, hatte auch allen Grund dazu, denn so richtig bei Licht betrachtet, war ihr ganzes Leben nur ein unabsehbares Feld von geknickten Lilien, Scherben und Hoffnungen, die nicht auf die Beine gebracht werden konnten. Mit einem nassen und einem traurigen Auge packte sie denn auch ihre Siebensachen zusammen, um den Heimweg anzutreten. Für heute war sie mit ihrer Arbeit fertig geworden. Von sanften Harmonikaklängen begleitet, zog sie in den Abend hinein, ein geheimnisvoller Schatten, der sich lautlos weiterbewegte. Den Weg durch die Kleeäcker, obgleich er der nächste und bequemste war, vermied sie mit Absicht, und zwar der vielen Hasen wegen, die hier übermütig trommelten, Purzelbäume schlugen und sich noch ihres Daseins erfreuten. Sie wollte keine unliebsamen Erinnerungen auffrischen, nicht an die Stunde gemahnt werden, die mit unbarmherzigen Schroten ihren schönsten Traum zusammengeknallt und Jans Sandhage zu einem Märtyrer gemacht hatte. Also nicht über die Kleeäcker! und daher, so ungemütlich es ihr auch ankommen mochte, wählte sie den Umweg über das Düstermoor, wo um diese Zeit die Unken ihre schwermütigen Rufe vernehmen ließen und die ›weißen Schwestern‹ spazieren gingen. Die tiefe Sonne trippelte bereits mit blutroten Füßchen auf Lachen und Binsentümpeln herum, als Juffer Eli glücklich das Düstermoor mit seinen unheimlichen Stimmen, seinen Erlenstrünken und seinen verwunschenen Wiesen hinter sich hatte und mit frischeren Schritten auf Sönnern zuging. Gerne hätte sie vorher noch mit Dörte gesprochen, hätte für ihr Leben gerne noch Einzelheiten über das Trauerspiel in Dortmund erfahren, denn Hand aufs Herz: ihr Fall und der Dörtes lagen ähnlich, waren beide plötzlich und wie aus heiterem Himmel gekommen, nur mit dem Unterschied, daß Jans minderwertigen Schroten, der Zechendores jedoch regulären preußischen Geschossen zum Opfer gefallen war. Dennoch lagen gemeinsame Interessen vor, und sie hätten sich wechselseitig Trost zusprechen können. Allein Dörte blieb unsichtbar. Die Herrin hielt sie zurück, und da hatte Eli keine andere Wahl, als ohne Trost nach Hause zu gehen. Still und gefaßt, eine Braut in Trauer, schritt sie daher durch die abendlichen Felder. Aber die liebe Sonne hatte ein Einsehn. Köstliche, purpurfarbige Rosen streute sie ihr auf den Weg, wie Rosen der Freude, die gewissermaßen auf eine bessere Zukunft hinweisen sollten. Und Juffer Eli pilgerte in diesen Rosenzauber hinein. Sie nahm ihn kindlichen Sinnes hin, ihn und die zarten, wundersamen Abendstimmen, die um sie waren. Einzelne Rosen fielen auch über die Dächer des Brinkschultenhofes und legten sich über die Fliesen der geräumigen Küche, die jetzt einsam und leer war. Alles, was Atem und Leben hatte, war draußen. Nur Ignaz saß am offenen Fenster, genau dort, wo kurz zuvor noch Juffer Eli gesessen und genäht hatte, rauchte sein Pfeifchen Tabak und lauschte den Harmonikaklängen, die der laue Wind herüberwehte. Auf dem Herd glummsten noch etliche Flämmchen. Mit bläulichen Zipfelmützen liefen sie ab und zu, auf und nieder. Der darüberhängende Wasserkessel näselte mit feinen Lauten dazwischen. Es war so, als drehte eine schnurrende Miezekatze ihre Tageserlebnisse, ihre Leiden und Freuden aus der Nasenspitze heraus, so sehnsüchtig tönte es näher, so verlangend und glücklich und doch wieder mit einer tiefgründigen, aber abgeklärten Wehmut durchzittert. Ignaz Greving machte Feierabend. Er freute sich seines Tagwerkes. Nichts störte ihn in seinen Betrachtungen, auch die Schritte des Spökenkiekers nicht, die monoton über ihm waren, seit einer Viertelstunde auf- und niedergingen und an Stärke zunahmen. Ignaz Greving hatte eben seinen inneren Frieden und seinen äußeren Frieden, und er bemerkte es nicht, daß einer in diesen Frieden einbrechen wollte. Und dieser eine kam von der Wegescheide her, barhaupt und mit eisgrauen Haaren. Die Felder lagen hinter ihm. Er sah noch einmal zurück und sah, wie eine sanfte Brise das unermeßliche Korn gegen den Horizont anwellte – unaufhaltsam, majestätisch und von hundert und aber hundert züngelnden Sternchen begleitet. Dann trat er durch den Torweg und ging über den Hof fort. Er mußte dicht an den Leuten vorbei, die sich der Abendkühle freuten. Noch immer spielte der Alte auf seiner Harmonika. Eben stimmte er eine neue Melodie an, die ein junger Knecht aus dem Münsterschen mitgebracht hatte, und alle sangen dazu: »Warum weinst du, schöne Gärtnersfrau? Weinst du um das Veilchen dunkelblau, Oder um die Rose, die man bricht? Nein, ach nein, um diese wein' ich nicht.« Da hörte plötzlich Matthias Brügelmann mit Spielen inne. Der hochgewachsene Mann mit dem langen, faltigen Gesicht reckte sich starr in die Höhe und sah verstört auf den Eindringling, der auch seinerseits den Fuß anhielt und den geschälten Weißdorn vor sich hinpflanzte. »Herr Jesus Christus!« sagte Brügelmann, »so wahr mir Gott helfe, das ist ja ...« Seine Augen leuchteten dabei phosphorisch auf, sowie die der Schafe in der Nacht aufleuchten, wenn sie im Pferch sind und über die Latten fortgeistern. Dann aber kam es aus seiner Brust heraus, wie herausgestoßen, als wäre einer mit der Peitsche dahinter: »Feuer, Feuer! – die Scheune ...« um jählings abzubrechen. Die Harmonika entfiel seinen Händen. Sprachlos stierte er auf den einsamen Menschen. Die anderen verstanden ihn nicht. Sie waren noch nicht lange genug auf dem Hof, um das Verhalten des Schäfers begreifen zu können. Dieser aber hatte mit angesehn, wie das Entsetzen alle Gesichter in den Nacken drehte, damals, vor Jahren, als die brennenden Garben sich durch die Sparren fraßen und dann wie feurige Fledermäuse gen Himmel flatterten. Dieser Augenblick schob sich ihm wieder vor die Seele. Der Angekommene blieb ruhig. »Was schreist du?« fragte er höhnisch, und ein häßliches Lächeln zog seinen Mund auseinander. »Man keine Bange. So'n Feuer hat keinen ewigen Brand im Leibe. Brügelmann, du bist doch ein Lappes.« Gemächlich ging er dem Herrenhaus zu, ohne sich weiter um den Versteinerten zu kümmern, der zuerst keine Worte mehr hatte, dann aber, von allen zugesetzt, etwas hervorstammelte, aus dem die meisten so recht nicht klug werden konnten. Soviel aber stand fest: für heute abend hatte die Harmonika ihre Stimme verloren und bekam sie erst wieder, als der Erntekranz mit den ersten Roggengarben eingebracht wurde. Alle sahen dem Alten beklommen nach. Fest setzte er den Stock auf, und seine messerscharfen Blicke untersuchten jede Ecke des weiten Hofes. Nichts war ihm unbekannt. Alles trat ihm noch wie früher entgegen. Nur die Scheune mit den roten Ziegeln war neu. Daneben lag der Ziehbrunnen. Tief unten blenkerte es auf. Es schien so, als wäre ein Zyklopenauge in den Brunnen gefallen, kreisrund und noch immer lebendig. Er beugte sich über den gemauerten Rand und sah hinein, gerade so, wie er es als Junge getan hatte. Aus der Tiefe sah ihm ein verzerrtes, schadenfrohes Gesicht entgegen. Es war sein Gesicht. Mit diesem Gesicht ging er über die Dielenschwelle. Die Dämmerung einer Kirche empfing ihn. Er hörte den gleichmäßigen Pendelschlag der alten Kastenuhr. So war sie schon in seinen Kindertagen gegangen, bedächtig und langsam – immer dasselbe, immer dasselbe. Er blieb stehn und horchte, mit eingezogenen Schultern, aber dürr und gerade wie eine Kardendistel. Der Pendelschlag brachte ihm die alte Zeit näher. Er erinnerte sich wieder, und mit dieser Erinnerung wuchs das Ungerechte, was man ihm angetan hatte, ins Ungeheuerliche. Er, der Enterbte, stand hier auf dem Grund und Boden seiner Väter, also auch auf seiner eigenen Scholle, nur: andermanns Pflugschar brach sie und andermanns Sense heimste die Frucht ein. Ein langsam hervorgeholter Fluch bröckelte von seinen trockenen Lippen. Er hatte hier reine Bahn zu schaffen. Und Jaspers ging weiter – Schritt für Schritt – ein Eindringling – einer, der die mörderische Hand auf fremdes Eigentum legen wollte, um es für den jetzigen Besitzer absterben zu lassen ... Und er ging die Pfosten entlang, die Ställe entlang – und als er entlang ging, da wurde das Vieh unruhig und schreckte zusammen. Die Pferde schnaubten und drängten gegen die Latierbäume. Der gekörte Stier stampfte die Streu. Mit angeschwollenem Halse und gefältelter Haut brüllte er auf, daß der Boden davon erzitterte. Alle mußten es hören. Auch Ignaz. Da mußte etwas passiert sein, oder die Stallknechte hatten nicht die Raufen bestellt. Ignaz Greving erhob sich. Wieder brüllte der Stier. Die Scheiben klirrten, und die Grundpfosten des Hauses gerieten ins Wanken. Da dachte Ignaz an den Spökenkieker. Er erinnerte sich seiner Worte. Da sollte ja einer auf den Hof kommen. Vielleicht war es das, warum die Tiere unruhig wurden. Dem mußte Einhalt getan werden. Mit großen Schritten verließ er das Fenster. Aber da stand er schon zwischen Küche und Diele – der Fremde, der Mann mit dem Vogelkopf, der ungebetene Gast und trug das Grauen bis an die heilige Feuerstelle des Brinkschultenhofes. Aber nicht lange stand er so. Ohne weiteres setzte er sich an den zunächst stehenden Tisch, stützte die Ellenbogen auf und legte die Hände übereinander. »Ist die Brinkschulte zu Haus?« fragte er kurz abgebrochen. »Was soll's mit ihr?« gab Ignaz ebenso kurz zurück, nicht ohne dabei sich überrumpelt zu fühlen. »Ich habe nach der Madam gefragt. Das Weitere findet sich.« Die Worte drangen verächtlich aus dem zusammengekniffenen Munde. »Ja, sie ist wiedergekommen,« sagte Ignaz. »Dann muß ich sie sprechen.« Dem gutmütigen Riesen kam das Besinnen zurück. Unwillkürlich beschäftigte er sich damit, seine Hemdärmel in die Höhe zu rollen. Er trat näher. »Wer seid Ihr eigentlich,« kam es schwerfällig von seinen Lippen, »daß Ihr hier so 'reingestolpert kommt? Hier hat nur eine zu befehlen, und die ist jetzt nicht zu haben. Im übrigen – ich kenne Euch nicht.« »Geb's zurück,« sagte der Alte. »Zu meiner Zeit kannte ich alle, von der Milchmamsell bis zum Schweinemarkör herunter. Das ist jetzt anders geworden. Ganz anders. Alte Zähne wurden ausgerissen, neue eingesetzt. Ihr seid auch wohl so'n frischer?« »Natürlich.« »Der Großknecht?« »Zu dienen, seit vergangene Lichtmeß, und habe hier toujours nach dem Rechten zu kucken.« »Na, denn bitte, holt die Madam her.« Mit dem Stock, den er auf den Tisch knallte, gab er seinen Worten den gehörigen Nachdruck. »Man sachte, man sachte!« Der langsame Mensch patzte auf und legte in aller Gemächlichkeit, aber auch mit aller Bestimmtheit die Arme so kräftig ineinander, daß sie sich in ihrer ganzen Wucht präsentierten. »Im übrigen,« setzte er nachdenklich hinzu, »sucht Euch einen andern. Ich habe keine Vollmacht.« Der Alte erhob sich, faßte den Weißdorn und trat einige Schritte näher. »Oder keine Kurasch,« grielachte er in sich hinein. »Mensch, gehört Ihr auch zu dem verprügelten Pack, das immerzu katzebuckelt, wenn irgend einer, so ein vom Gesetz Salvierter, Euch in den Nacken tritt? Seid ein Mannskerl und verschluckt 'nen Ladestock, dann wird Euer Kreuz nicht krumm. Hättet bei denen in Dortmund in die Lehre gehn sollen.« »Bei denen in Dortmund?« »Aber natürlich.« »Bei denen? – die sind ja gepurzelt wie die armseligen Karnickel am Sandloch.« »Sollten sie auch.« »Dann sage ich Euch, die habt Ihr und ähnliche Räsoneurs auf dem Kerbholz.« »Haben wir,« lachte der Alte, »und wollen wir haben, denn es ist Guano und Mist für unsern Zukunftsacker. Was den einzelnen Karnickeln begegnet, dran profitiert die Masse. Wer mit der Laterne vorgeht, der stolpert eher, als wer hinter ihr herzieht. Das mußte so kommen, aber die letzten besorgen erst die richtige Arbeit, und dann heißt das: Der Geldsack muß platzen und aufgeteilt werden. Das geht so seinen gewöhnlichen Gang. Immer allmählich, immer man so sachte weg: zuerst in der Stadt und dann bei den dämlichen Bauern. Es pressiert nicht, aber kommen tut's, wie die Nägel in den Weihwasserkessel, denn ich glaube an eine Auferstehung der Roten, Nachlaß der Schulden, Verteilung der Säcke und eine Gemeinschaft der Weiber.« Der Alte reckte den Kopf aus den Schultern, den Marabukopf mit dem Raubvogelgesicht. »Na, Großknecht, wie gefällt Euch mein Kredo?« »Jesses!« sagte dieser, »wie soll's mir gefallen?« Alle Gutmütigkeit war von ihm gewichen. Der Alte sah es und schlug einen weicheren Ton an. »Großknecht,« meinte er so nebenher, »Ihr könntet doch ebenso gut ein selbständiger Bauer sein wie die übrigen Schulten?« Ignaz nickte stumm vor sich hin. »Und Euren eigenen Acker bemisten?« »Könnte ich schon.« »Und Eure Frucht einfahren: Hafer und Gerste und alles, was Euer ist, und den Grummet dazu?« »Könnte ich schon, wenn ich die Monetens dazu hätte.« »Das ist es ja, was ich eben schon sagte: die Sache müßte aufgeteilt werden. Ist ein Mensch nicht soviel wert wie der andere? Warum liegt hier alles doppelt und dreifach, bis unter die Sparren hinauf, und nur ein Fraumensch ist da?! Ich verlange mein Recht, und Ihr verlangt Euer Recht – und das mit den Weibern, das müßte zuerst an die Reihe.« »Wieso das?« »Großknecht,« und der Alte zwinkerte ihm zu, »warum sollt Ihr zum Beispiel im neuen Staat die Brinkschulte nicht freien? He, Großknecht, warum nicht?!« Ignaz riß die Augen auf und ließ die Muskeln auf seinen untergeschlagenen Armen spielen. »Jawoll,« knurrte er vor sich hin, wie ein Hund, den man aus seiner Ruhe aufstöbert, »das könnte ich schon, aber das täte ich nicht. Ich bin toujours immer derselbe. Herrin und Knecht, das sind konträrige Dinge, und wer dran 'rumstochert, der ist meistens ein Ferkel an der Seele.« »Gott's den Donner! – was möchtet Ihr denn, und wie denkt Ihr über die Sache?« »Was ich darüber dächte und möchte...?!« Ignaz Greving bäumte sich auf wie ein Pferd unter der Peitsche. »Mensch!« legte er los, »in die Haselbüsche, das möcht' ich, und einen Zölligen schneiden, das möcht' ich auch, und dann« – er spuckte in die rechte Hand und zog mit ihr einen pfeifenden Hieb – »gute Armlänge ab, um dem leigen Kerl mit dem infamen Kredo die Schwarte zu verhauen. Das ist mein Katechismus. Gebt's weiter und schert Euch in Dreiteufels Namen 'runter vom Hof. Wir sind christkatholisch und reichstreu.« Seine Stimme begehrte auf, und die Scheiben klirrten davon. »Was?!« zeterte der Alte und streckte die Hand in die Höhe. Die einzelnen Finger krampften sich ein. »Sieh, was ich für tote Finger habe! – Mit dir ist kein reden. Ich will die Brinkschulte sprechen.« Ignaz hätte den geifernden Alten niederschlagen können, ihn zerbrechen können wie Glas, so erbärmlich sah der greise Eiferer gegen seine Urkraft aus, aber er getraute sich nicht. Wie eine Lähmung packte es ihn, und er fand nur eben Kraft genug, seine Hand zu heben und auf den Ausgang zu deuten. »Nee!« wieherte ihn der Eindringling an und ließ den Weißdorn auf den Tisch fallen, »ich bleibe. Was ich unter den Füßen habe, mit dem bin ich in eins zusammengewachsen, ewig und unveränderlich. Das Weib will ich sehn. Ich habe mit der Brinkschulte zu sprechen – und du, Troddelmensch, gehe hin und sage ihr: Ohm Jakob Brinkschulte, der alte Jaspers, sei wiedergekommen. Das macht sie mobil. Her muß sie, denn – Gott's den Donner noch mal! – die Vergangenheit läßt sich nicht weglügen und fortdisputieren.« Da ging die Tür auf, die zur Kammer der Herrin führte. Hochaufgerichtet stand Josepha Brinkschulte auf der Schwelle. Auge bohrte sich in Auge. Da sah sie: da steht einer, der will sich an dich fressen, wie der Hausschwamm das kernige Holz angeht. Hier frommt kein Händeschütteln, hier helfen keine Familienbande, hier sind alle Worte vergebens, die darauf ausgehen, eine erträgliche Stunde zu schaffen. Hart auf hart mußte es kommen. Kein Mitleid, kein Erbarmen. Der Boden wankte unter ihren Füßen. Der Hausschwamm fraß sich langsam an sie heran. Niemand entrinnt seinem Schicksal, und da stand es jetzt zwischen ihr und jenem da und hielt das Messer zwischen den Zähnen. Aber sie faßte sich. In dem regungslosen Antlitz entstand eine Bewegung, ein verächtliches Lächeln. »Ignaz,« sagte sie eisig, »laßt uns allein; ich habe mit diesem Manne zu sprechen.« Da schloß Ignaz die Fenster und zog die Tür, die zur Diele führte, lautlos hinter sich zu. Zehntes Kapitel Draußen machte sich der Abend immer mehr bemerkbar; aber der Himmel blieb fernsichtig. Er sparte sorglich mit der aufgespeicherten Helle und gab sie nur widerwillig aus den Händen, und so kam es denn auch, daß der Schimmer des Tages nicht schwinden wollte. Er blieb in den Baumkronen hängen, er legte sich über die Felder, nur stiller und verträumter, er sah noch immer durch die Scheiben und ließ selbst die Gegenstände, die in den Ecken standen, verstohlen aufleuchten, als wäre ein Lächeln des zurückgebliebenen Lichtes an ihnen haften geblieben. In weichen Umrissen hoben sich die Scheunengiebel gegen die unbestimmte Farbe des Himmels ab. Nicht lange mehr, und sie mußten ineinander verschwimmen. Aus der bewegungslosen Ruhe der Luft senkte sich ein stilles Genießen. Alle Geräusche nahmen einen seltsamen Ton an. Sie klangen so, als wenn sie nicht von dieser Erde wären. Aus der Ferne tönte noch das Wetzen einer Sichel herüber. Es war die der braven Häuslerin Marieke Maraunke, die an den Wegen das Gras hieb, um es noch vor Nacht nach Hause zu bringen, und dieses Wetzen erinnerte an die feine Stimme eines nächtigen Vogels, vielleicht an die eines Ziegenmelkers, der es liebte, sich mit weltfremdem Singsang über einsame Erlenbestände und Hügellehnen zu wiegen. Im Krautgarten war ein verschwiegenes Leben. Die Levkojen dufteten stärker. Ihre Kraft nahm an Fülle zu. Sie gaben verschwenderisch und bedeckten alles mit ihren Blütensporen. Welcher Friede hätte hier sein können! Er war auch draußen. Er ging durch das Gesäusel der alten Eichen und war zwischen den Blumenbeeten. Er lächelte wie die Muttergottes in der Kirche von Sönnern. Er wollte alle Menschenherzen glücklich machen, hob sich auf Zehenspitzen und sah in die Küchenfenster hinein. Da wandte er sich ab, und seine Züge glichen nicht mehr denen der Muttergottes in der Kirche von Sönnern; sie ähnelten denen des Heilands, der in der nämlichen Kirche auf dem kalten Stein saß und blutrünstig war und eine Dornenkrone trug. Graue Fäden spannen sich von einer Ecke zur andern. Fast alles Licht war in diesem Augenblick aus den vier Wänden genommen. Und doch war noch Licht da. Es klebte an den Zinntellern und Kasserollen, die den Rauchfang des Herdes umgaben, es haftete an der blanken Schneide eines kurzstieligen Beiles neben der Feuerstelle, das in einem Hauklotz stak, und ging vom Herde selbst aus, wo unter dem hängenden Wasserkessel noch feines Knistern herrschte. Es war mitten im Zimmer, und zwar auf dem Gesicht des alten Jaspers, der sich nicht regte und rückte, und war im Antlitz der Brinkschulte, die wie angeschmiedet den Blicken des Eindringlings begegnete. Zwei harte Gesichter standen sich gegenüber. Die Stunde hatte ihnen alles Blut aus den Adern genommen – und diese Stunde war furchtbar. Sekunde reihte sich an Sekunde. Das Schweigen hielt an, und es war ein qualvolles Schweigen. Aber dann drängte alles nach Ausgleich, wie Sturmflut, die gierig über den gemarterten Deich stiert. Sie mußte ins Flachland. Der Damm war nicht länger zu halten. Und Josepha Brinkschulte zerriß dieses Schweigen. »Der Hof kann sich geschmeichelt fühlen, Euch wieder zu sehen,« sagte sie mit rauher Stimme. »Hohn oder nicht Hohn?« fragte der Alte. »Nehmt es, wie es Euch paßt.« »Merci,« kam es eisig zurück, »nur weiß ich selber so recht nicht, wie ich's ansprechen soll.« »Das ist Eure Sache.« »Schon richtig! – nur vergeßt nicht, daß ich Euch jetzt gegenüberstehe – Zahn um Zahn und Auge um Auge.« »Daß es mal so kommen mußte, darauf war ich gefaßt.« »Habt Ihr's denn anders erwartet?« »Nein.« »Es wäre auch töricht gewesen,« konstatierte Jaspers mit einem höhnischen Spiel um die Lippen. »Ich bin keine Straußennatur und wäre ein Narr gewesen, mir nach meinem gottseligen Ableben den Schlamm von Brooklyn ins Maul stopfen zu lassen. Dafür ist mir mein Kadaver doch zu schad'. Er ist von westfälischer Erde und will auch zur westfälischen Erde zurück. Menschen von der Soester Börde verlangen den Soester Wind um die Nase, selbst wenn sie ihn nicht mehr fühlen können. Noch spüre ich ihn und hoffe, ihn noch lange zu spüren. So bin ich denn hier, um von ihm zu profitieren. Meinetwegen auf Jahre hinaus.« Sie wehrte ab. »Da wird sich die Soester Börde freuen,« sagte sie hart. »Es wäre bekömmlicher, wenn Ihr Euch freutet. Das hätte die Sache eher geregelt. Wer die Hand gibt, hat schon halbgewonnenes Spiel. Hunde, die man getreten hat, soll man nicht aufs frische treten. Das vertragen die Biester nicht. Dann knurren sie. Im übrigen: ich bin doch noch immer der Bruder Eures verstorbenen Vaters.« »Allerdings – nur, daß Ihr ihn auf die Flachsbrechen strecktet.« »Was hatte er mir auch Hals und Seele zu knebeln?« »Was hattet Ihr ihm den roten Hahn auf die Scheune zu setzen?« »Es war Stroh von meinem Stroh und Korn von meinem Korn.« »Das habt Ihr schon immer behauptet.« »Weil es mein Recht ist, und hätte man mir die Halbscheid zukommen lassen, und hätte mein Bruder mich nicht mit dem kantigen Stuhlbein totschlagen wollen, damals vor Jahren, als wir Stirn gegen Stirn standen, der rote Hahn wäre nicht auf die Scheune geflogen.« »Aber er flog doch.« »Weil mir die Wut unter den Schädel kam. Da mußte er fliegen und aus Stahl und Zunder heraus. War es meine Schuld, daß mein Bruder darüber das Beten verlernte?« Ihre Augen flammten ihn zornig an. »Mordbrenner!« Sie hatte das Wort zurückhalten wollen, aber es saß schon. Jaspers zuckte wie unter einem pfeifenden Hieb. Langsam schob er sich näher heran: »Merci von wegen des Mordbrenners. Gleiche Brüder, gleiche Kappen, denn Ihr scheint noch nicht zu wissen, was Euer Vater eigentlich war?« »Ja, das weiß ich. Strack und stur und hochfahrig, aber ehrlich bis in die Knochen.« »Früher mal, aber später?« »Immer derselbe.« »Nein – er war ein Verbrecher.« »Mensch du ...!« schrie sie auf. Die Scham schlug ihr ins Gesicht. Sie warf den Oberkörper zurück. Ihre Brust straffte sich. Es lag eine herrische Kraft in diesem Frauenkörper. Mit gekrampften Händen, die Nägel in die Flächen gebohrt, schritt sie von Stufe zu Stufe, ging sie über den Estrich, trat sie auf den Würger ihrer Familienehre heran, gewillt, ihm den ›Verbrecher‹, diese niederträchtige Anklage, in den Hals zu stoßen. »Du ...!« keuchte sie atemlos, um jählings von ihrem Vorhaben abzulassen. Ihre eigene Schuld sprang gegen sie an. Ihre Schuld ...?! War sie überhaupt schuldig geworden? Ein mattes Lächeln flog über ihr Wachsgesicht. Sie wußte es nicht. Sie hatte in diesem Augenblick kein Erinnern daran. Sie wollte nichts wissen. Jedenfalls war sie keinem verpflichtet. Und dennoch dachte sie an früher. Jährige Nebel teilten sich von selbst auseinander und legten die Vergangenheit offen. Mit Gewalt riß sie die zerteilten aufs neue zusammen. Sie hatte lediglich mit dem Menschen zu schaffen, den ihr eine verhängnisvolle Stunde ins Haus getragen hatte. Was sie selber getan, ob im Recht oder Unrecht, ob sie es im verzehrenden Rausch oder aus verschwiegener Liebe heraus auf sich genommen hatte, kam hier gar nicht in Frage. Wer sagte überhaupt, daß sie schuldig war? Die Welt, ihr eigenes Gewissen? Wer hatte überhaupt die Befugnis, über ihr Tun und Lassen, über ihren Leib und ihre Seele zu richten? Unheiliges konnte ihr anhaften, aber nichts, was das Weib in ihr befleckte, dazu war sie eine zu keusche Natur, zu einsam in ihrem Fühlen und Denken, eine zu große Anbeterin ihres eigenen Leibes. Aber das mit ihrem Vater! Worauf wollte der Mensch hinaus? Sollte hier etwa die Axt angelegt werden, ein sorgfältig gehütetes Erbe plötzlich absterben zu lassen? Schlug hier ein Geheimnis die Augen auf? oder ein Spiel, das erdichtet und falsch bis in die Knochen war? Aber wie dem auch sein mochte: die Vergangenheit war tot für sie. Sie lebte ihr eigenes Leben. Sie war sich selber die nächste. – Mit dem hatte sie zu rechnen. Sie hatte auf Posten zu stehn. Jetzt, in dieser Stunde. Keinen Schritt durfte sie weichen. Hart auf hart, Kiesel auf Kiesel. Nur so war die Situation zu halten. Sie hob den Kopf in die Höhe. Mit einer furchtbaren Klarheit stand die Gegenwart vor ihr. Sie sah ihrem Gegner starr in die Augen. Um handeln zu können, mußte sie seine Gedanken erraten, mußte wissen, wie und wo er die Axt anlegen wollte. Ein Fieber ergriff sie. Es durchzuckte sie bis in die Fingerspitzen hinein. Sie ging direkt auf ihr Ziel los: »Also – was verschafft mir die Ehre?« Der Alte räusperte sich. »Ihr meint wohl,« sagte er brüchig, »weil ich jetzt noch vorspreche, jetzt nach langen zehn Jahren?« »Ja, das meine ich. Zehn Jahre sind endlos, aber trotzdem: Ihr kommt mir und meinem Frieden noch immer zu zeitig.« »Möglich! – Der Jude schüttelt den Pelz, wenn ihn die Laus molestiert. Auch Ihr schüttelt Euch, weil Ihr mich für Euer Insekt glaubt.« »Nur glauben?« Sie lachte bitter auf. »Nein, Jaspers, ich weiß es. Wie Ihr so vor mir steht, da wäre eine andere Deutung lächerlich, um nicht kindisch zu sagen.« »Daneben getastet. Ich will Frieden machen, Bäuerin; einen rechtschaffenen und ehrlichen Frieden.« »So hieß es schon früher, damals, als mein Vater selig noch lebte. Aber immer hieltet Ihr den Knebel zwischen den Fingern und hieltet ihn, bis das Gericht hinter Euch her war. Da kam Ruhe. Mein Vater nicht, aber der Brinkschultenhof profitierte davon. Wir alle profitierten davon: Vieh und Ställe und Äcker und Menschen. So ging das zehn glückliche Jahre hindurch. Bis auf den heutigen Tag. Es gibt Dinge, die haben ein Gewächs im Leibe. Bald schlummert es, bald wird es mobil; möglich, daß auch der Brinkschultenhof ...« »Sakramentsdirn' ...!« Der Alte fuhr kurz auf: »Was heißt das? – Himmel, Gewitter! – aber man Ruhe, Jaspers, immer man Ruhe.« Sein Gesicht stand dicht vor dem ihren, kreidig, wie angekälkt, als wäre die Hand des Todes darüber gefahren. »Immer man Ruhe, immer man Ruhe!« sprach er sich selbst zu. »Was tut man nicht alles, um klare Bahn zu schaffen, um sagen zu können, du hast dem Schlimmsten den Mund verstopft und bist gekommen, ehrliche und reine Sache zu machen. Bäuerin« – und seine Stimme nahm einen versöhnlicheren Ton an – »fragt bei allen Höfen in der Umgegend nach, und Ihr werdet erfahren: jeder hat was unter den Pfannen, was nicht an die Luft will und kein Taglicht vertragen kann. Keine Ausnahme; auch hier nicht. Da liegt etwas, das hat Blut an den Fingern.« »Menschenskind ...!« »Man stille, Bäuerin,« sagte der Alte. »Das darf nicht ausgesprochen werden, das muß in sich selber verquiemen, und darum: Brinkschulte, ich will vergessen, daß wir beide, ich und dein Vater, Brüder gewesen, daß ich von Kind an gehalten wurde, als hätte mich 'ne veritable Stallmagd zwischen dem hohen Roggen abgelegt, vergessen, Bäuerin, daß ich um mein Erbe beschuppt wurde, abgeschuppt wie'n modriger Karpfen – während mein Bruder und Ihr erst ...« Er schnappte nach Luft. »Der Brinkschultenhof mit Kisten und Kasten und allem, worüber der Pflug geht und die Gäule ackern, ist Euer, wächst Euch in die Hand hinein – wohingegen ich, der Ohm, was habe ich denn profitiert? Keinen Mist und keinen Halm! – Nur das ...! – nur den hier habe ich mir aus der Hecke geschnitten, um doch was zu haben: hier diesen ruppigen Weißdorn.« Und er stellte seinen Stock vor sich hin, als sollte er aufs neue Wurzeln schlagen, hier auf dem Grund und Boden, von dem er ein gutes Stück für sich beanspruchte, auf dem er jung gewesen war, der ihm gebot: »Packe man zu, du abgerissener Lump, du hungriger Narr, wenn du nicht willst, daß sie dich mal als Bettler in die Grube hineingröhlen.« Das mochte durch seine Gedanken taumeln. »Bäuerin,« sagte er heiser, und sein Hals machte vergebliche Anstrengungen, sich aus den Schultern zu recken, »so stehe ich hier. Seht mich genau an. Das ist aus dem elenden Bogenschmierer und Advokatenschreiber geworden! – und ich bin doch einer vom Brinkschultenhof, einer aus der Familie der Erbfreien, ein Sälzer, um so herunterzukommen.« Mit selbstquälerischem Behagen und erhöhter Stimme fuhr er fort: »Das ist Eure Schuld – die Schuld des Hofes! Das habt Ihr auf dem Gewissen: vom Habenichts über die Schreiberseele weg bis zum Brandstifter herunter.« »Das ist nicht wahr!« »Wo wären denn sonst meine Sporteln geblieben?« »Die habt Ihr mit Füßen getreten – als Junge schon mit Füßen getreten, als Student verludert, als Mensch mit greisen Haaren durch die Finger gehen lassen. Das ist längst verbrieft und gesiegelt, daran ist nicht zu rütteln und zu rücken und lebt wie das Amen in der Kirche bis in ewige Zeit. Und das, worauf Ihr jetzt spekuliert, was hier meine Hand umgreift, das übrige, das mit dem Hof – das steht auf Konto des Anerbenrechtes.« »Ein lumpiges Recht, ein hundsmiserables Recht ...!« »Aber ein Recht, das Euch gebietet: Hand von meinem Erbe und Eigen zu lassen. Das ist festgelegt wie mit Eisenketten im Willen meines Vaters auf Leben und Sterben, und – so wahr mir Gott helfe! – dieser Wille ist mir heilig wie das Wort in der Kirche, und damit Ihr seht, wie es geschrieben steht, schwarz auf weiß, daß Ihr seht, wie es auch um meinen Willen bestellt ist ...« Sie brach plötzlich ab. Langsam drehte sie ihren stolzen Kopf dem Fenster zu. Dort war nichts zu sehen; nur die Schattenrisse von Bäumen und Sträuchern. Dahinter lag ein violetter Schein, der stetig an Helligkeit abnahm. Aus ihm wuchs die Nacht heraus, eine warme, dunkle Sommernacht, in der noch die Schwüle des Tages leise nachzitterte. In diesem warmen Dunkel fand sie ihre Ruhe und Gemessenheit wieder. Sie fühlte keinen Pulsschlag mehr, so still und zuversichtlich war sie geworden. Wie klingender Frost wehte es sie plötzlich an, so eisig und kalt sah sie den nächsten Augenblicken entgegen. Zielbewußt lag alles vor ihr. Sie bangte vor nichts mehr. Etwas Stählernes, Sieghaftes war in ihr. Mechanisch hob sie die Hand. Was war das nur? Sie konnte kaum noch die Finger unterscheiden – nur gespenstische Streifen ... Da schritt sie zur Dielentür, gefolgt von lauernden Augen, klinkte auf und gebot Dörte, die Lampe zu bringen. »Was wollt Ihr?« lief es ihr nach. »Ich will Licht um mich haben.« »Unsinn!« »Licht sage ich Euch.« »Denn man zu,« meinte der Alte und trat einige Schritte vor, um in die Nähe des Tisches zu kommen. Mit beiden Händen umgriff er die gescheuerte Platte. Ein trockenes Husten erschütterte seinen Körper, der sich aufzubäumen versuchte, dann aber auf einem Lehnstuhl zusammenfiel und sich mit dem rechten Arm auf die Tischkante stützte. Der Alte grinste. »Licht sage ich Euch!« Er mahlte die eben gesprochenen Worte höhnisch zwischen den blanken Zähnen. Verstört suchte er in den Ecken herum. Nur er – sonst befand sich niemand mehr zwischen den Wänden. Wo sie nur geblieben war? Er hatte gar nichts bemerkt; auch das nicht, daß sie in die Kammer gegangen. Er hörte das Geräusch einer schweren Schranktür. Es kam aus dem Nebenzimmer. Also da war sie. »Himmel, Gewitter ...!« Er wollte ihr nach, ihr die geballten Fingergelenke gegen die Stirn knöcheln. Da kamen Schritte. Dörte brachte Licht, stellte es auf den Tisch und ging dann wieder, nicht ohne dabei einen ängstlichen und verweinten Blick auf Jaspers zu werfen. Gleichzeitig erschien die Brinkschulte auf der Kammerschwelle, schritt vor und trat in eine blendende Helle – mit ihrem bernsteinfarbigen Haar und dem Bronzeton ihres Gesichtes, der an den einer Cäsarin erinnerte. Keine Fiber zuckte. Ihr Blick war auf die Papiere gerichtet, die sie in der Hand trug. Hochaufgerichtet trat sie an den Tisch, Jaspers schräg gegenüber. Die letzten Willen zweier Toten knisterten zwischen ihren Fingern. Hierauf legte sie die Schriftstücke vor sich hin, ergriff eins davon und sagte: »Hier das Testament Eures seligen Vaters. Wollt Ihr auch das hören?« »Warum nicht?« kam es lauernd zurück. »Es ist bekömmlich und pläsierlich dazu, sich den Wisch aus alter Zeit noch einmal um die Ohren knallen zu lassen.« Da las sie: »Vor Notar und Zeugen. Ich, Johann Kaspar Brinkschulte, seßhaft auf dem Brinkschultenhof, erbfrei und bodenständig, niemandes Herr und niemandes Knecht und keinem verpflichtet, verordne in Kraft dieses und in Kraft des Anerbenrechtes zum Ersten. Nach meinem, so Gott will, erbaulichen Tode verfällt meinem Sohne Heinrich Christian unser Gut, genannt zum Brinkschultenhof, mit allen seinen Gebäuden, Ländereien, Wieswuchs, Holzungen, Marken und Fluren, nebst allen Appartinenzien, Kotten und Gerechtsamen in qualitate, wie wir solches besitzen, nichts davon ausgeschlossen – und er wird nur verpflichtet, seinem Bruder zukommen zu lassen, was das Gesetz bewilligt.« »Aha!« sagte Jaspers und trommelte mit spitzen Fingern auf den Tisch. »Zum andern,« las Josepha Brinkschulte weiter. »Da aber mein zweiter Sohn Jakob ...« »Also ich«, konstatierte der Alte. » ... willens schien, ein Studierter zu werden, auch manche Jahre hindurch die gelehrten Schulen aufsuchte, als da sind die zu Soest, Münster und Warendorf, dabei auch dreitausend fünfhundert Reichstaler durch die Finger rollen ließ, ohne Erkleckliches zu profitieren, auch keine Anstalten machte, Arbeit auf dem Hofe zu leisten. vielmehr ein Leben betrieb, das jeder Gottesfurcht, Kindesliebe und Einigkeit zuwider lief, inferner und mit Rücksicht darauf, daß die ihm behändeten dreitausend fünfhundert Reichstaler seine Leibzucht aufheben, so bestimmen wir hiermit ...« »Aus!« zeterte es vom Tisch her. Jaspers trillerte mit der gestreckten Hand. »Das Übrige wissen wir,« warf er heiser dazwischen, »und zwar dahinlautend, ihm, also mir, noch dreitausend Taler preußisch Kurant gewissermaßen als Draufgeld auszuzahlen.« »Was auch mein Vater besorgte.« »Richtig! – und dann noch: mich aus christlicher Barmherzigkeit wegen und um Gottes willen nicht das tägliche Brot vorzuenthalten, wenn ich ihn darum angehn sollte.« Der Alte erhob sich und tippte mit dem Zeigefinger auf das Testament: »Ja, das steht hier geschrieben, kurz und bündig geschrieben, und da frage ich nur: Hat er das auch aus freien Stücken besorgt? Den Deiwel hat er besorgt ...« »Schweigt!« gebot die Brinkschulte, »er hat es getan; das ist hier niedergelegt worden.« »Wo niedergelegt?« »In den Anlagen, die mein seliger Vater seinem letzten Willen beifügte.« Sie entnahm den Papieren ein neues Schriftstück, entfaltete es und stellte mit fester Stimme nachdrücklich fest: »Ich, Heinrich Christian Brinkschulte, erbfreier und bodenständiger Mann, niemandes Herr und niemandes Knecht, setze nach Pflicht und Gesetz und nach der Satzung des Anerbenrechtes meine einzige Tochter, da Söhne mir vorenthalten blieben, als Universalerbin ein und zwar über mein liegendes und bewegliches Eigen, mit Altem und Neuem, Gerechtigkeiten und Interessen, so wie ich es empfangen habe aus der Hand meines Vaters Johann Kaspar Brinkschulte, dem Gott eine fröhliche Auferstehung vergönne. Möge sie das Land wachsen lassen, wie ich es wachsen ließ, und möge dessen Hand eintrocknen und verdorren, dem es einfallen sollte, unrechtlich den Pflug an Acker und Scholle zu legen. Mein Bruder wurde abgefunden, und das, was ihm der Barmherzigkeit wegen und um Gottes willen zustand, wurde ihm doppelt und dreifach gegeben.« »Was?!« schrie der Alte und beugte sich vor. Mit gierigen Augen folgte er den Schriftzügen auf dem transparenten Papier und las sie wie Spiegelschrift, »was?! – doppelt und dreifach ...?! – Elendiglicher Lump! – Hundebraten, miserabeler! – Nichts, reineweg gar nichts!« »Hier steht es.« »Was steht da?« »Daß Ihr doppelt und dreifach erhalten habt – und wenn Ihr noch einmal den Namen meines Vaters betastet und ihn durch die Gosse schleift ...« Ihre stolze Brust hob und senkte sich und schien die leichte Umhüllung sprengen zu wollen. »Noch ein solches Wort,« ergänzte sie drohend, »und meine Geduld ist zu Ende. Gott sei Dank, noch fühle ich kernigen Halt unter den Füßen, und mein Hof hat noch Knechte, die das Andenken meines Vaters zu schützen wissen. Verstanden – Ihr?« Mit einem abgerissenen Laut ließ sich Jaspers auf den Stuhl zurückfallen, folgte aber den Schriftzügen des belichteten Schreibens, als müsse er jeden Buchstaben herauspicken. Und wieder las sie: »Dessen zur Urkunde und zum Beweise der Wahrheit: Neujahr 1854. Meinem Bruder, Kanzleischreiber und in Dortmund domiziliert, fünfhundert Taler zukommen lassen.« Sie hob die Augen. »Ja oder nein?« fragte sie kurz angebunden. Der Alte zuckte die Schultern. »Zwei Jahre später. Am ersten Sonntag Epiphania. Demselben dreitausend vierhundert Taler preußisch Kurant. Mußte dafür den Kotten am Birkenkamp hypothekarisch belasten.« Das Papier knisterte. »Wie steht es hiermit?« »Möglich!« gab der Alte zurück und fuhr sich langsam über das gelbe Gesicht. »Dann stimmt auch dieses,« versetzte sie mit eisiger Ruhe. »Brinkschultenhof, am Tage Mariä Lichtmeß des folgenden Jahres. Meinem Bruder zweihundert Taler – und ferner ...« »Satt und genug!« »Nein hören sollt Ihr, bis Ihr die Hefe zu schmecken bekommt. Nochmals dreitausend Taler, und wiederum tausend – und hier, kurz vor dem Ableben meines Vaters ...« »Ja, ja, ja!« geiferte der Alte, »alles schon richtig, und zwei Tage später, als er nicht wollte, da habe ich ihm den roten Hahn aufs Dach gesetzt – ich Esel! – Hätte ihm besser auf andere Weise den Hals zugehalten – diesem Geldsack, diesem Allesfresser, der sich unter dem Schutz der gesellschaftlichen Ordnung anmästen konnte wie 'ne fette Ackerschnecke. Es wäre besser gewesen.« »Warum besser gewesen?« »Um reichlicher zapfen zu können – um meine Faust auf den Hof zu legen – um dem ekelhaften Gesetz das Wasser abzugraben. So aber ... das verfluchtige Feuerzeug nahm mir die besten Trümpfe aus den Fingern.« »Das weiß ich!« schrie sie auf, »denn das ganze Testament steht unter dem Druck einer Erpressung. Tage um Tage, Wochen um Wochen, Jahre um Jahre habt Ihr den eisenstarken Mann zwischen den Klauen gehabt, um ihm langsam die Luft abzudrehen. Noch kurz vor seinem Tode saß ihm Eure Faust an der Kehle. Das Testament hier ist der Schrei eines Verzweifelten – und somit ...« Langsam, mechanisch hob sich ihr Arm, und ihre Hand zeigte auf die Tür, durch die er gekommen war. »Ich? – nee!« sagte der Alte. »Ich bleibe,« und suchend kroch er aus seinem Sessel hervor wie ein Frettchen aus dem Bau. »Ich bin noch nicht fertig. Die Sache fängt erst an. Klaren Wein in die Buddel. Ihr habt mir das Testament anpräsentiert und löffelweise zu kosten gegeben. Aber nicht alles. Da – zum Schluß, da steht noch was, 'ne Art von Kodizill. Wenn ich also bitten darf. Ich will auch die Hefe saufen.« Lauernd rückte er näher, immer näher heran, bis er dicht vor seinem Opfer stand. »Was wollt Ihr denn noch?« fragte sie hastig. »Das da will ich wissen, das da, was dem Geschmiersel noch angehängt wurde.« Mit dem geschälten Dorn berührte er die fragliche Stelle. Die Brinkschulte trat einen Schritt zurück: »Ich bitte mir aus ...« »Keine Fisimatenten, Madam,« höhnte der Alte. »Butter bei die Fisch. Immer klaren Wein in die Buddel. Grade das mochte ich wissen.« »Es ist belanglos,« sagte sie heftig. »Tut nichts.« »Und hat absolut nichts mit der vorliegenden Sache zu schaffen.« »Das findet sich. Das müßt Ihr schon mir überlassen – oder: habt Ihr was zu verschweigen, Madam?« »Nichtswürdige Unterstellung. Kein Wort hat hier das Tageslicht zu scheuen,« und mit fester Stimme begann sie: »Auch das sollt Ihr wissen. Also geschrieben steht: Ich will und verfüge somit, daß Karl Mersmann, krank an Geist und Seele und zwar durch ein Unglück, das ihm auf meinem liegenden Eigen zustieß, von jetzt an und immer auf dem Hof verbleibt, damit er keine Sorgen um das tägliche Brot hat. Es ist ein Verhängnis, aber es muß ertragen werden um Jesu Christi willen, und ich hoffe zu Gott, daß meine Tochter Josepha es also hält und ausführt, wie hier niedergeschrieben, auf daß sie teilhaftig werde der ewigen Gnade und Barmherzigkeit. Amen.« Mit hellem Gelächter taumelte Jaspers in den Sessel zurück, umgriff die Lehne und streckte die Beine von sich. »Das wollte ich wissen!« triumphierte er wie ein hämischer Nachtmar, legte die eisgrauen Haarsträhnen zurecht und reckte sich wieder. »Also Karl Mersmann! – Schön war der Kerl, das muß ihm der Neid lassen, um dann so in Verdummung zu fallen! Und mein Bruder ...?! – Kriegst du die Motten! – Bäuerin, wißt Ihr denn auch, warum und weshalb er dazu kam, alles das unter Brief und Siegel zu nehmen?« Die Brinkschulte nickte. »Um Jesu Christi willen, wie es geschrieben steht,« sagte sie tonlos. »Daß er ein Narr wäre!« »Mein Vater war hart, aber er wies das Mitleid nicht von sich.« »Der und Mitleid ...!« »Wo wollt Ihr denn hinaus? – Das wissen doch alle: der Mensch ist aus der Bodenluke gefallen. Da ist Mitleid doch angebracht, und es war ein Herzens- und Seelenbedürfnis meines Vaters, ihm das zerbrochene Leben erträglicher zu machen.« »Allerdings ein Herzens- und Seelenbedürfnis!« konstatierte Jaspers und wackelte betrüblich mit seinem Marabukopf, erhob sich wieder und schnürte sich vor. Mit trockenem Lachen legte er seine Totenfinger auf den Arm des blühenden Weibes. »Ja, du – er ist allerdings aus der Bodenluke gefallen.« Sie schleuderte die kalten Finger von sich, wie vom Ekel gepackt. »Zweifelt Ihr daran?« »Ich? – nee!« grinste der Alte, faßte seine Schirmmütze und voltigierte sie mit einer gewissen Selbstgefälligkeit auf den Hinterkopf, »aber nur so lange aus der Bodenluke gefallen, als ich – schweige.« Die Brinkschulte taumelte zurück. Ihre Hände griffen rückwärts und hielten sich an der Bekrönung des Feuerherdes. Vor ihren Blicken verschwamm alles in einem rötlichen Nebel. Sie hörte ein fernes Poltern und Brechen wie krachendes Gebälk, wie der Sturz eines Körpers, ein dumpfes Geräusch, ein Klagen und Wimmern, das einschlief, um wieder nachhaltiger und stärker zu werden. Durch diesen rötlichen Nebel hindurch sah sie die Gestalt ihres verstorbenen Vaters, die des Spökenkiekers, aber in der Vollkraft der Jugend. Und dann sah sie ihn unter der Bodenluke auf heiliger Erde liegen – hingemäht und mit verglasten Augen. Und jetzt war einer gekommen und wollte da ein Geheimnis herauswittern und das furchtbare Unglück auffrisieren, als wären dabei Dinge geschehen, die ihr geboten, das Gesicht zu verhüllen und nur durch Nacht zu wandeln, auf die Gefahr hin ... Sie dachte den quälenden Gedanken nicht zu Ende und riß sich zusammen. »Haltet Ihr wieder Euren Strick in Bereitschaft?« Ehern klirrte es von ihren Lippen. »Nee! – ich spreche die Wahrheit.« »Und da wollt Ihr behaupten ...« »Ja, das mit der Bodenluke.« »Ich sage Euch ja, dem Ärmsten ist ein Unglück passiert.« »Ach was, Unglück!« wieherte der Alte in sich hinein. »Tut man nicht so dumm. Gott's den Donner!– so leicht purzelt doch keiner aus der Bodenluke heraus, wenn ein anderer nicht nachhilft, vornehmlich so'n Kerl nicht, wie Karl Mersmann einer war – und daß Ihr es wißt, Bäuerin: einer hat nachgeholfen.« »Mensch – du infamer ...! – wo sind deine Zeugen dafür?« »Ich bin Zeuge gewesen.« »Als er stürzte?« »Ja, als er stürzte, und Euer Vater, mein leibhaftiger Bruder, der Brinkschultenhöfer, der vornehme Erbsälzer, hat dabei dicht an der Bodenluke gestanden.« »Und das habt Ihr gesehn?« »Hier mit meinen zwei Augen.« »Mensch – du ...!« Sie wollte schreien. Eine wahnsinnige Angst stieß den Schrei in die Kehle zurück. Sie wollte auf und davon. Ihre Füße erlahmten. Sie wollte sich auf den Alten stürzen, ihm die Finger um den Hals legen und ihn langsam und mit tierischem Behagen zu Tode würgen; aber ihre Finger waren wie erfroren, wie mit dem Starrkrampf behaftet. Sie hörte nur noch. Es klang ihr wie gelle Töne zu: »Ja, du – hier mit meinen zwei leiblichen Augen. Das war jener furchtbare Sonntag. Kurzzuvor ist der Bauer bei Euch gewesen – mit der Wagenrunge bei Euch gewesen. Wie alt wart Ihr damals? – Ich weiß nicht, aber Ihr hattet Dorsten noch nicht gesehn. Das sollte erst später kommen. Haarscharf ging's an 'nem Unglück vorbei, um dann hellichter Morgen zu werden. Und an diesem Sonntag hat der Brinkschulte neben Karl Mersmann gestanden. Und dann passierte die wilde Geschichte.« »Das ist nicht wahr ...!« Jetzt konnte sie schreien, und der Schrei gellte durch alle Räume des Hofes. Er lief in die Ställe und machte die Tiere unruhig; er kletterte die Treppen hinauf; er drang durch die Fenster und pochte an die Türen. Alles und jedes wurde zum Resonanzboden. Er stürzte sich ins Freie und verhallte im Gesäusel der schweren Eichenkronen. Es war ein Schrei im Angesicht des Todes. Also ihr Vater ...! Ihre Blicke waren aufgerissen, wie im Entsetzen. Und wieder der rötliche Nebel, nur dichter, nachhaltiger. Er ballte sich und färbte sich tiefer; er wurde zur blutigen Nacht, und aus dieser blutigen Nacht heraus tönte ihre wehe Stimme, wie ein Flattern und Lachen an einer nahen Katastrophe vorbei: »Mein Vater ...! – Und wenn es wahr wäre, dann nur Mann gegen Mann, aber nicht hinterrücks und an der Bodenluke ...! – Aber es ist nicht wahr! – Auch hier Erpressung! – Mensch, du ...!« – und ihre Hände kämpften sich ein, hoben sich, streckten sich zur Decke – »Erpresser, Erpresser ...!« Der Schrei hatte kein Aufhören, und in diesen Schrei hinein keuchte der Alte: »Hat sich was mit Erpresser! – Weib, du verfluchtes ...! Denkt daran, was Euer Vater auf mein Konto gebucht hat. Meint Ihr, das wäre sein Privatvergnügen gewesen. Na, so dumm! Er mußte, der Lump. Er konnte nicht anders. Ihm saß meine Faust im Genick. Er mußte mir das Maul verstopfen und die wissenden Augen verkleben – sonst: die Geschichte von der Bodenluke hätte lange Beine bekommen. Seine Speziestaler schlugen sie tot. Jetzt ist sie wieder lebendig geworden, und deshalb: entweder – oder, Brinkschulte. Entweder Ihr helft mir, oder die Geschichte kommt Euch mit Zeter und Mordio über den Hals ...« »Erpresser, Erpresser!« »Weib, du niederträchtiges!« Jaspers sprang vor, jede greisenhafte Muskel gestählt, ein Unhold, gierig, mit gekrampften Fingern und stechenden, blutunterlaufenen Augen, gewillt, sich wie eine wütige Ratte anzubeißen. »Keinen Schritt mehr!« Herrisch stand sie wieder da, gebieterisch – das Weib mit dem Blut der Sattelmeier in den Adern, das westfälische Weib, blond wie ein reifendes Kornfeld, die Anerbin, die Besitzerin des reichsten Hofes zwischen Ruhr und Lippe – aber bis in die tiefste Seele getroffen. Und dennoch, obgleich weidewund, schickte sie ihren Blick seitwärts, da wo das Beil sich in den Hauklotz eingefressen hatte. Zielbewußt umgriff er die blanke Schneide. Der Alte hielt an. Da wandte sie wieder ihr Auge. Drohend standen sich die beiden gegenüber. Was nun? Jedem lag die Frage auf den Lippen. Keiner wagte die Frage zu stellen. Warum nicht? Das wußten nur sie. Dann horchten beide auf. Leise kam es daher; noch aus weiter Ferne. Dann näher, anschwellend, mächtig, alles mit einem dumpfen Heulen erfüllend. »Das ist ja ...!« sagte der alte Jaspers. »Also immer noch ...!« Er nicht, auch die Brinkschulte nicht – aber sonst hätte es jeder für das Geheul eines gequälten Hundes angesprochen. Jetzt war es auf der Diele – jetzt dicht vor der Küchenhalle – jetzt wurde die Tür aufgerissen ... Ein hagerer, aber sehniger Mensch stand auf der Schwelle. Das grelle Licht der Lampe fiel über ihn her. Es war Karl Mersmann. Elftes Kapitel Das war nicht unerwartet gekommen. Auch der Schrei nicht. Schon lange vorher hatten sich Knechte, Mägde und Stalljungen, auch der alte Brügelmann, näher herangezogen, um hier das Weitere abzuwarten, denn das war gewiß: mit dem Erscheinen des ungebetenen Menschen mußte irgend etwas passieren, und so saßen sie denn wie verdammelte Kinder, halb neugierig, halb verstört, aber zumeist unvermögend, irgend einen Entschluß zu fassen, und sahen in das Licht des Abends hinaus, das immer mehr eindunkelte. Bald mußte es sich in sich selber verzehren. Der große Neufundländer, der bisher an der Kette gelegen hatte, um die Abendzeit herum aber freie Bahn erhielt, machte seine gewöhnliche, unheimliche Runde. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, witterte nach der Diele und belferte kurz auf. Dann ging es wieder rastlos um Scheunen und Herrenhaus. Die Ziehharmonika schwieg. Keiner hatte mehr Verlangen nach ihr. Zusammengequetscht lag sie neben dem Schäfer, der ab und zu mit ängstlichen Blicken den Weg verfolgte, den Jaspers gegangen war. Alle Fenster waren noch blind und wollten nicht aufhellen. Zeitweilig schüttelte er den Kopf, ließ den Bartkranz, der sich von Ohrläppchen zu Ohrläppchen hinzog, durch die rissigen Finger gleiten und erging sich in Reden, die sich mit alten Zeiten befaßten. Nur er hatte unter den Anwesenden noch den Bruder des verstorbenen Herrn gekannt und war oft Zeuge der wilden Auftritte zwischen den beiden gewesen. »Das nimmt kein gutes Ende«, hatte er schon damals behauptet, trug es Jahre um Jahre mit sich herum und ließ es auch jetzt mit trockenen Worten von den Lippen fallen, obgleich er im Zweifel war, was er alles in diese Worte hineinlegen konnte und durfte. Sie waren verworren und halbwegs angestockt. Das hatten die Jahre zuwege gebracht. Die Einzelheiten des Durchlebten fügten sich nicht mehr wie Kettenglieder zusammen, wiesen überall Lücken und tote Punkte auf, und so kam es denn, daß die Zuhörer so recht nicht wußten, was sie mit seinen Auslassungen anfangen sollten. Um so größer wurde ihre Begierde, das geheimnisvolle Dunkel zu lüften. Wie nächtige Tiere schlichen sich ihre Blicke an das Herrenhaus heran, das verwunschen unter dem Abendhimmel lag. Niemand ließ sich sehen; keine Stimme wurde laut. Das Gehöft hielt den Atem an, als dürfe es sich auch nicht durch den leisesten Hauch verraten. Alle machten lange Hälse. Die Spannung wuchs von Minute zu Minute. Sicherlich war eine halbe Stunde herum, seit der alte Jaspers den Hausflur betreten hatte, und noch immer ruhte das ganze Anwesen wie unter dem Bahrtuch. Das konnte nicht so weiter gehen. Entweder der Eindringling mußte unverrichteter Sache den Hof verlassen, oder aber dem Geschick war Ellenbogenfreiheit zu geben. Das fühlte auch Matthias Brügelmann. Irgend etwas mußte in die Erscheinung treten. Langsam drehte er den Kopf mit dem lederfaltigen Gesicht auf den schmalen Schultern. Mit verblaßten Augen untersuchte er die einzelnen Dächer, ob sich keine Rauchwölkchen erhöben, ob keine Feuerchen durch die Strohdecken spielten. Er dachte dabei an den letzten Besuch des Alten vor zehn Jahren. Aber nichts ließ sich sehen. Die meisten wurden ungeduldig, konnten sich aber nicht entschließen, ihren Platz zu verlassen. Wo Ignaz nur blieb? Sonst hatte er um diese Zeit schon längst die Arbeit für den morgigen Tag ausgegeben. Für gewöhnlich verlangte keiner besonders heftig danach; aber heute war das eine andere Sache. Endlich ...! Langsam kam der gutmütige Riese von der Dielenseite her; aber er ging wie einer im Pfluge, gebückt und die Augen am Boden. So trat er zwischen die andern. Erwartungsvoll hing jeder an seinem Munde, aber Ignaz Greving schüttelte den Kopf, drehte sich mit dem Gesicht wieder dem Gehöft zu und kaute undeutliche Worte zwischen den Zähnen. Keiner verstand ihn. Da sah ihn Brügelmann an, lange und mit offenem Munde, daß die gelben Zähne sichtbar wurden. »Was ist denn los?« fragte er endlich. Alle rückten näher zusammen. Ignaz lächelte, aber er lächelte, wie diejenigen es an sich haben, die schwere und grimmige Gedanken mit sich herumtragen. »Gute Armlänge ab,« sagte er mit gepreßten Lippen. Dabei griff er mit der rechten Hand in die leere Luft, als müsse ihm da irgend etwas in die geballte Faust hineinwachsen. »Man sollte ja dem feigen Kerl mit der dreckigen Visage die Schwarte verhauen. Toujours immer druff.« Pfeifend ließ er den Arm durch die totenstille Luft sausen. »Was will der infamtige Mensch denn?« fragte Brügelmann. »Er ist mit 'nem neuen Kredo gekommen, aber es ist nicht so wie das in die Kirche.« Ignaz zog einen Kreis um Hals und Nacken. »Das will der Kerl,« sagte er mit gequälter Ruhe. »Da soll doch ...!« fuhr Brügelmann auf. »Ich dächte, wir hätten noch Mark in den Knochen.« Mit leeren Augen, in deren Tiefe nur ein stechendes Fünkchen brannte, sah er die Knechte einzeln an. »Ich sage euch,« entgegnete Ignaz, »Hand von die Sache. Was die Brinkschulte ist, die wird allein mit ihm fertig.« Damit warf er sich neben den Alten und stützte das vierkantige Kinn auf. »Mich hat sie ausgeklinkt,« setzte er verärgert hinzu, »sonst wäre alles besser gekommen.« Hierauf schwieg er. Mit ihm die andern, aber keiner machte Anstalten, von der Stelle zu rücken. Schatten fielen über die Erde. Die Konturen verwischten sich. Viertelstunde reihte sich an Viertelstunde. Von Sönnern her tönten vereinzelte Glockenschläge, weich und wie auf bauschiger Watte getragen, als plötzlich mehrere Fenster im unteren Stockwerk aufleuchteten. »Da!« kam es wie aus einem Munde. Es war der Ausruf einer Erlösung. Gemächlich drängelte sich das Licht durch die Bohnenstangen, die sich in dem kleinen Gemüsegarten befanden. Darüber hinaus ruhte der Hof in feierlichem Dunkel. Alle Augen hafteten an dem befreienden Schimmer. Die Spannung ließ nach. Jeder sehnte sich nach einem friedlichen Ausgleich. Ignaz faltete die Hände, als wieder ein neues Licht aufblitzte. Im ersten Stock. Das Giebelfenster links erhellte sich. Es war das, hinter welchem Karl Mersmann wohnte. »Nu liest er von Knipperdölling und Krechting,« sagte ein dralles Mädchen und versuchte zu kichern. Aber keiner hatte Lust, ihm beizustimmen. Ein Schatten ging hinter dem Fenster auf und nieder; heftig gestikulierend, von Zeit zu Zeit stehenbleibend. Er wuchs und streckte sich maßlos; dann sank er wieder in ein Nichts zusammen. Das alte Interesse, das heimliche Grausen kehrte zurück. Wenn doch noch etwas passieren sollte! In aufsteigender Herzensangst rieb der alte Schäfer seine borkigen Finger zusammen. Er murmelte fahrig vor sich hin und zählte die einzelnen Minuten nach dem Auf- und Niedergehen seines Pulses. Mit diesem monotonen Gemurmel wallfahrtete er alljährlich nach Billerbeck, im Hinblick auf eine glückliche Sterbestunde. Und abermals war eine bange und lange Viertelstunde vergangen. Da klirrte es, und dennoch war es kein Klirren. Schartig teilte es die Luft. Ein markerschütternder Schrei ließ die Kerzen gefrieren. »Die Madam ...!« keuchte Brügelmann und riß sich auf. Auch Ignaz erhob sich. Fast gleichzeitig kam ein langgezogener Ton daher – heulend, kriechend, bohrend, um dann anzuschwellen und tierisch zu werden. »Nu aber, Ignaz ...!« Die kleinen, stechenden Fünkchen des Schäfers phosphoreszierten. Mit der Faust schlug er sich auf die offene Brust: »Mensch, du bist doch der nächste dazu.« Dicht trat er an die Seite des Großknechtes. Seine Hand streckte sich: »Dahin gehörst du.« »So lang die Madam nicht das Fenster aufreißt und um Hilfe schreit ... Ich kenne die Brinkschulte.« »Du mußt,« gebot der Schäfer. Seine Augen brannten jetzt wie flackernde Kerzen. »Na denn ...« sagte Ignaz. »Aber ich weiß, was mir blüht.« Wie ein vor den Kopf geschlagener Stier wankte er vorwärts, über den Hof, durch den Krautgarten, die Stangenbohnen entlang, bis er vor dem erleuchteten Fenster stand. Drinnen war es taghell. Greifbar nahe sah er die Brinkschulte vor sich. Jaspers bemerkte er nicht; aber Karl Mersmann stand in voller Beleuchtung. Ihm war es, als griffe die Not durchs Fenster. Da hob sich der blonde Hüne. Mit hartem Knöchel pochte er gegen die Scheiben. »Madam,« polterte er mit fester Stimme in die Helle hinein, »wenn Ihr mich nötig habt ... Hier ist Ignaz Greving ... toujours en vedette.« Das letztere war eine überkommene Redensart aus seiner Militärzeit, die er bei den vierten Kürassieren abgedient hatte. Er brauchte nicht lange zu warten. Der Riegel schob sich zurück. Die Brinkschulte erschien in dem lichtumsponnenen Rahmen. Sie machte eine Handbewegung, als wenn sie die ganze Welt beiseite schieben wollte. »Ich brauche keine Hilfe,« sagte sie bestimmt, »wenigstens jetzt nicht. Aber ich danke Euch, Ignaz. Im übrigen: es ist Schlafenszeit für den Hof. Morgen ist auch ein Tag. Gute Nacht.« Damit stand Ignaz vor dem verschlossenen Fenster und hatte einen Fluch zwischen den Zähnen. »Ich dachte mir's ja,« sagte er unwillig. »Toujours immer dieselbe,« und er ging rückwärts. Schritt für Schritt, und sah noch, wie der Spökenkieker stur und steif in der Tiefe des weiten Raumes aufragte, gewaltig und den Blick scharf in eine Ecke gerichtet. Und ganz benommen ging Ignaz seines Weges, während sich die drei Menschen drohend gegenüberstanden, in qualvoller Stille, in einem Erraten und Betasten der gegenseitigen Gedanken: Jaspers geduckt und abwartend, Karl Mersmann die Bruchstücke seines kranken Geistes zusammensuchend, ohne sie richtig finden zu können, die Brinkschulte wieder im Besitz ihrer Herrschaft. »Kardel,« gebot sie, »was ich Ignaz schon sagte, gilt auch für Euch. Ich habe keine Hilfe vonnöten – und daher: Ihr sollt Ruhe geben. Es ist Schlafenszeit für den Hof. Morgen ist auch ein Tag.« »Wo der da noch steht?« fragte der Spökenkieker. »Ja, wo der da noch steht.« »Brinkschulte, der will was.« »Das ist meine Sache; geht schlafen.« »Brinkschulte, das ist ja der Kerl mit dem Feuer. Wo der da noch hier ist?! Der bricht Euch das Kreuz! – Brinkschulte ...!« und Karl Mersmann gab sich, als wäre ein neuer Geist in ihn gefahren. Nichts Verwehtes mehr, keine Halbheit, nichts mehr von dem Aussehn eines Gottesnarren! Gerade wie damals, vor langen Jahren, von denen Juffer Eli berichtet hatte, also sah er aus ... und war einer, der umherging wie jemand, der Sonnenlicht um sich hatte und festen Grund unter den Füßen. Dann bröckelte sein Denken wieder langsam auseinander, Glied für Glied, Stück für Stück, wie ein künstlich aufgeführtes Gemäuer, dem man vergessen hatte, Fundamente zu geben. Nur sein Äußeres blieb, und die Stimme, die sonst was Heulendes an sich hatte, nahm ihren einstigen Ton an. »Brinkschulte, weißt du noch ...!« und er trat bis in die Mitte des Raumes, während Jaspers scheu zurückwich und sich hinter den Tisch verschanzte – »Brinkschulte, geschrieben steht: Gestorben, begraben, abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage wieder erstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, wo er sitzet zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten ... Und siehe, da sitzen sie: Jan van Leyden, Knipperdölling und Krechting und wollen Gericht abhalten. Ganz famöste Kerle, die drei! – und sie machen sich auf – und gehen zum Brinkschultenhof – und kommen über die Diele ... Und Jan van Leyden macht ein Rasiermesser blank. Gut so, gut so! – Komm mal her, mein Hühnchen; jetzt wollen wir das neue Kegelspiel spielen. Es tut nicht weh. Na, so was! – da steckt ja das Messer ...« Seine Blicke änderten sich. Es war Glut und Brand darin, und sie fielen über den Alten her, als müßten sie ihn bei lebendigem Leib verdorren. Dann irrten sie nach links, ungefähr dorthin, wo die Brinkschulte entsetzt neben dem Herdfeuer stand. Sprachlos sah sie ihn an. So war er noch niemals gewesen. Sie wollte sprechen, aber Karl Mersmann gab ihr keine Zeit dazu. »Da sieh doch!« brach es aus ihm heraus. »Ganz famöste Kerle – die drei! – Knipperdölling, ziehe dein Schwert aus der Scheide... Das Schwert, das Schwert!« Er machte einen Schritt auf Jaspers zu. »De Kärl is riep!« schrie er auf, tat einen wilden Satz zur Seite und hatte das Beil aus dem Hauklotz gerissen. Wie ein häßliches Licht stand die blanke Schneide zwischen Kopf und Decke. Jeden Augenblick konnte sie fallen. »Kardel ...!« Drohend stand die Brinkschulte neben ihm. »'runter damit!« »Wo der da noch steht?! – Keiner soll an dich heran. Brinkschulte, heilig bist du. Und der da will dein Heiligtum verschandelieren. Da soll doch der leibhaftige Bülo Krawallo ...« Die Faust packte am Stiel nach. »Ich sage dir, Kardel: Hab' keine Bange um mich. Ich habe mit dem da zu reden. Drum bekriege dich man. Wenn Not an mich kommt – ja, dann bist du der nächste dazu.« »So ...?!« »Ja.« »Gut, das will ich Knipperdölling vermelden.« »Dann geht schlafen.« Karl Mersmann duckte sich. Die Spannung in ihm ließ nach, wie ein Sturmwind plötzlich abflaut, und drückte ihm Arm und Beil herunter. Dann aber ... »Gut, ich geh!« brach es von neuem aus ihm heraus, und die Faust krampfte sich wieder, »aber kommt der Feuermensch noch mal auf den Hof und will Euch das Kreuz brechen – Brinkschulte, dann bin ich der nächste dazu, um zu richten die Lebendigen und die Toten. Heiliger Knipperdölling...! – Dessen will ich ein Zeichen geben. Brinkschulte – aufgepaßt...!« und ehe es die Erschreckte hindern konnte, beugte er sich rücklings, holte zum Hieb aus, ein Riese mit grenzenloser Kraft und Gewalt, fähig, Eisenstangen zu brechen. Und dann ein Klirren und Klingen... Mit hellem Schrei fraß sich die Schneide in den Türpfosten, zitterte nach und ließ noch geraume Zeit hindurch ein klagendes Singen vernehmen. Das Beil saß. Karl Mersmann griemelte und kam näher: »So wacht Knipperdölling für dich – und wacht, solange dir der Feurio im Nacken sitzt, solange das verflüchtige Ding von den Sattelmeiern steht, wo es steht, aber« – und seine Stimme begehrte auf – »kommt ein Hochzeiter ins Haus – verfluchtig noch mal! – nee, dann bin ich nicht aus der Bodenluke gefallen... Brinkschulte, Josepha, heilige Elisabeth Wandscherer, dann fällt dir der Kopf herunter, und wir alle singen dabei den Lobgesang ab: Ehre sei Gott in der Höhe!« Er brach in die Knie, streckte die Hände zu ihr, wie zu einem Heiligenbilde empor, um hierauf den Nacken zu beugen und den Staub von ihren Schuhen zu küssen. In diesem Augenblick leuchtete ihm ein schönes Licht, das Licht der Erkenntnis, und dennoch war alles eitel und nichtig. Das graue Gespenst mit den tiefliegenden Augenhöhlen, das bizarre Gedanken beschwor und verrenkte Bilder zeitigte, kehrte zurück, redete ihm gut zu und führte ihn abermals in das purpurblaue Reich, wo die Flamme nach unten brennt und die Wasser zu Berg gehen. Eine bange, schreckliche Minute verrann. Ohne sich zu rühren, eine Leblose, stand Josepha Brinkschulte neben der Feuerstelle, den Rücken an die Bekrönung gelehnt, eine andere wie vorhin, weiß wie der Tod und wie von seiner grauen Nähe berührt. Eisig wehte es um ihre Stirn. Sie stierte Jaspers an, der wieder aufatmete, die Tischplatte umgriff, sich vorbeugte und etliche Schriftsätze aus dem offen liegenden Testament seines verstorbenen Bruders zu fischen suchte. Draußen erneute sich das kurzausgestoßene Belfern des Hundes. Es wurde zu einem bösartigen Gekläff, das sich bald entfernte, bald näherte. Jetzt gab das Tier Standlaut vor dem Fenster und stand Posten davor. Dann trollte es weiter. Wie das Kreise um Kreise zog! Ewig dieses Trotten und Anschlagen! Der Alte hörte darauf. Seine Zuversicht verlor an Boden. Ängstlich kroch er in sich zusammen. »Das verfluchte Biest!« Die Brinkschulte hatte kein Ohr dafür. Ein dumpfes Rauschen wälzte sich gegen sie an – ein Racken und Brechen. Mit dröhnenden Glockenschlägen polterte es um sie her. Von der Balkendecke löste sich ein dunkles Gefieder, das ihr Denken und Fühlen einhüllte und sie ihrer Besinnung beraubte. Und immer die Glockenschläge, die sich nicht scheuchen ließen, immer entsetzlicher wurden und sie wie eherne Vögel umschaukelten. So ging das nicht weiter! Sie mußte die Flore zerreißen, den Glocken gebieten, mit ihrem Dröhnen inne zu halten, und sich selber entschließen, dem unabänderlichen mit offener Stirn gegenüberzutreten. Aber woher die Kraft dazu nehmen? Sie war zu Ende damit. Sie fühlte: ihr Wesensinnere fiel Stück für Stück auseinander. Die Erlebnisse der letzten Augenblicke waren zu mächtig. Es gab keine Überraschung mehr für sie, aber die letzte genügte, ihr das Lächeln für immer von den Lippen zu nehmen. Dort wartete das Unheil: der zusammengedrückte Mensch, der ihre Gedanken beherrschte und mit diabolischer Freude ihrem Vater das Stigma des Verbrechers aufstempeln wollte – und hier: da kauerte der andere zu ihren Füßen, der von Gott Gezeichnete, der Narr mit der Hundetreue und dem Kindergemüt, dessen Geist aufgefahren war in wütigem Zorn, für Gedankenspanne in heller Beleuchtung gestanden hatte, um dann wieder in hoffnungslose Umnachtung zu stürzen. Nur die Treue blieb, die Treue, die selbst an den Sargbrettern nicht haltmachte und noch jenseits des Grabes ihre Wurzeln schlug – aber wie dem auch sein mochte ... In diesem Augenblick fühlte sie alles, sah sie alles. Es gab kein Dunkel mehr für sie, kein barmherziges Dunkel mehr! Grelle Lichter fielen in ihr vergangenes Leben. Unberufene Hände wühlten darin herum. Mochten sie alles beleuchten, alles betasten! Sie hatte nichts zu verheimlichen und nichts zu fürchten. Nichts haftete ihr an, was andermanns Leid war. Und was in heißer Stunde sie aufgeschreckt und sehend gemacht hatte, das ging keinen etwas an. Aber ihr Vater ...? Ein wuchtiger Eichenstamm, eingepfählt auf westfälischer Erde, borkig und rissig, aber auch kernig und wetterhart bis ins Mark hinein, also hatte er stets und unwandelbar in ihrem Andenken gelebt – und lebte er jetzt noch. Anmaßend bis zur Brutalität, eigenwillig bis zur Unbarmherzigkeit, so hatte er sich immer gegeben, ohne Ansehn der Person und nur seinen eigenen Vorteil im Auge; das konnte selbst die Kindesliebe nicht von ihm nehmen. Trotzdem hatte sie ihn bewundert, wenn auch mit Furcht und heimlicher Scheu, denn seine Stirn war offen und sein Gang aufrecht wie der eines Gerechten gewesen ... und nun kam einer daher, sein eigener Bruder, der Mann, der schon in der Jugend angestockt und wurmstichig war, und hatte die Stirn ... Sie führte den Gedanken nicht weiter, wollte ihn nicht weiter führen, obgleich sie an den Schlußfolgerungen doch nicht vorbei konnte. Wenn der Mensch recht behielte ...! – wenn der andere, der da zu ihren Füßen, dem entsetzlichen Kläger beipflichten würde! – denn worauf zielten sonst die Worte des Irren? Und wenn sie auch nur den Lippen eines Minderwertigen entsprangen, mit der Wirklichkeit vielleicht gar nichts zu schaffen hatten – sie ließ es sich nicht mehr ausreden: hier wollte die Vergangenheit den Mund auftun – Unglaubliches trat in den Bereich des Möglichen – alte Tage wurden lebendig – zerrissene Saiten huben wieder an zu klingen ... Sie hielt's nicht mehr aus. Das ging über ihre Kraft und stieß sie dem Abgrund zu. Eine fliegende Angst kam über sie. Mit feurigen Striemen peitschte es durch ihre Seele. Dem mußte ein Ende gemacht werden, sofort und ohne langes Besinnen, selbst auf die Gefahr hin, einen Teil ihres gerechten Stolzes einzubüßen und mit dem Verhaßten paktieren zu müssen. Auge in Auge, Mensch zum Menschen. Das war der richtige, der einzige Weg, weil der allein mögliche Weg: Paktieren, um den Mann mit Ekel von sich zu stoßen. Nur so war ihre Position und die des Hofes zu halten. Mit dem Verlähmten wurde sie schon fertig, war sie schon Jahre um Jahre fertig geworden. Aber der Alte ... Der streckte die Hände und war willens, das Andenken ihres Vaters und das ihrer ganzen Familie an den Galgen zu schleppen. Sie mußte handeln. Es gab kein Rückwärts mehr. Sie war ihrem Vater verpflichtet; sie hatte vor die Ehre und das Andenken des Verstorbenen zu treten. »Kardel...!« Ihre Stimme klang weich. Sie legte ihm die Hand auf den Scheitel. Er stierte in die Höhe, ohne Empfinden dafür, wo er sich befand, was kurz vorher geschehen war. Nur – er hatte das Gefühl eines überwundenen Schmerzes. Karl Mersmann war glücklich. Ihm fehlten die Grenzen von Leben und Tod. Sein Geist erging sich in seligen Gefilden. »Nun geht,« sagte sie ruhig. »Habt keine Sorge um mich. Alles hat sich in Frieden gegeben.« »Seid Ihr auch jetzt allein?« fragte er leise. »Ganz allein.« »Wißt Ihr das ganz bestimmt?« »Ganz bestimmt.« »Und alle Ratzen sind fort?« »Alle sind fort.« »Und Knipperdölling ...?« »Auch fort.« Da hob er sich auf, geduldig und folgsam wie ein Kind, das man auf das heilige Christfest verwiesen hatte, und er ging rückwärts schreitend zur Tür, mit leuchtenden Augen, die alles haarscharf sahen und doch nichts sahen. Lautlos trat er auf die Diele hinaus. »Und nun zu Euch,« sagte die Brinkschulte. Ihre Worte klangen wie sprödes Metall. Jaspers schob langsam und vorsichtig den Kopf aus den Schultern. »Habt Ihr Euch endlich besonnen?« fragte er lauernd. »Ich dachte schon, Ihre hättet alle Besinnung verloren.« »Mir hat es nie an Besinnung gefehlt – auch jetzt nicht.« »Soeben doch,« konstatierte er mit hämischer Genugtuung, »aber gut Ding, was Einsehn lernt und sich einen andern Dreh zulegt. Ich sah das kommen, und es mußte so kommen – sonst: Weib, ich hätte Euch unbarmherzig von Eurem hochfahrigen Thron gestoßen.« Mit aufgestützten Händen flegelte er sich von seinem Stuhl, ließ sich die Lampe grell ins Gesicht fallen und sah über den Tisch fort, in das Halbdunkel hinein, wo die Brinkschulte noch immer geborgen stand. »Wird wieder der Erpresser lebendig ...?« Das wollte sie sagen, ihm die Worte ins Gesicht schleudern und die Hand daneben setzen ... Aber was hätte das alles geholfen? Nichts, reineweg gar nichts. Sie hatte keine andere Wahl, sie mußte sich beugen – immer tiefer, immer tiefer herunter ... Sie konnte nicht anders. Sie mußte den Schritt tun, wenn sie nicht wollte, daß die Leute sagten: »Die Stätte auf der Diele ist unheiliger Boden geworden,« und daher: noch ein letztes Aufbäumen, ein Sichsperren gegen sich selbst, dann aber ... sie schritt vor, trat an den Tisch, ohne den Blick von dem Antlitz ihres Blutsaugers zu lassen, und legte die Hand auf das Testament ihres Vaters. »Nun denn,« sagte sie mit gefaßter Stimme, »also was wollt Ihr?« Jaspers lachte auf. »Das wißt Ihr noch nicht?« fragte er heiter. Aber diese Heiterkeit hatte den Satan im Nacken. »Zum Henker, wofür ist denn die ganze Unterredung gewesen? Brot will ich haben.« Er warf sich zurück und zerknüllte seine Seidenmütze: »Brot, Brot, Brot ...!« »Hättet Ihr gleich darum gebeten, ich hätte mit vollen Händen gegeben – aus freien Stücken; nicht durch Gewalt, nicht durch Bedrohung. Ich bin kein Unmensch, aber Erpressern gegenüber sind die Kieselsteine weich gegen mich. Verstanden?« Der Alte sprang auf: »Weib, du – infames!« »Ruhe – Ihr! – oder wollt Ihr, daß wieder einer ungebeten hereintritt?« Sie sprach es mit unerbittlicher Schärfe, obgleich eine Stimme ihr zuraunte: »Willst du das Spiel aus den Händen geben, dann fahre so fort.« »Der Mensch von soeben?« fragte Jaspers. »Ja, der von soeben.« Da fiel sein Blick auf den Türpfosten. Noch stak das Beil darin, noch spielte das Lampenlicht mit der gierigen Schneide. Obgleich stumm wie ein Sargnagel, redete das Beil. Es hatte seine eigene Sprache, und gebieterisch äugte es herüber. Der Alte verstand, was es wollte. Kalt lief es ihm über den Nacken. Er lebte also unter dem Beil, und in dessen Anwesenheit sollte paktiert werden. Auch der Hund schlug wieder an – kurz und bösartig. Sein heißer Atem stand dicht unter dem Fenster. Da schluckte Jaspers den ›Erpresser‹ herunter. Auch ihm war ein Ziel gesetzt, wenn er nicht wollte, daß seine Pläne wie Kartenhäuser zusammen purzelten. Auch ihm brannte die Not auf den Nägeln. »Bäuerin,« meinte er heiser, »ist es Euch ernst mit dem, was Ihr mir anbietet?« »Ja, ich will Euch Brot geben, aber wie schon gesagt: nur aus freien Stücken heraus.« »So gebt es; ich nehme Euer Brot an.« Die Brinkschulte horchte auf. Das war anders gesprochen, so ganz anders wie früher und berührte sie eigenartig. Es war ihr so, als klänge ein versöhnlicher Ton aus diesen Worten heraus. Da nahm sie das Testament, warf noch einen kurzen Blick hinein und zerknitterte es nervös zwischen den Händen. »So will ich ein übriges tun,« konstatierte sie nach einigem Besinnen, »und gegen den letzten Willen meines Vaters eine Abmachung treffen, die meinem Erbe nicht, aber meinem Gewissen Schweres zumutet. Und daher: mit dem heutigen Tage setze ich Euch eine Rente von 2000 Talern aus, zahlbar in monatlichen Raten durch die Hand und auf der Amtsstube meines Rechtsanwaltes Klemens Berlage in Dortmund. – Nehmt Ihr an, so soll es mir recht sein, wenn nicht – mögt Ihr die wirkliche oder erdichtete Schuld meines Vaters im Kirchspiel und in den Bauernschaften herumschreien. Ich sehe dem Weiteren gefaßt entgegen und warte darauf. Also – ja oder nein?« Sie stützte sich mit den Knöcheln, den Blick zielbewußt auf ihren Partner gerichtet, ruhig und bestimmt, obgleich alles Blut aus ihren Lippen gewichen war. Aber sie hatte sich gefunden. Das Königliche in ihr begann wieder zu siegen. »Ich warte auf Antwort.« Es klang hart und zuversichtlich. Da griff der Alte nach seinem Stock und stülpte sich die Schirmmütze über. »Ich nehme an,« sagte er mürrisch, nicht ohne dabei einen schiefen Seitenblick auf den gezeichneten Türpfosten zu werfen. »Und damit hat der Hof wieder seinen Frieden?« fragte sie eilig. »Soll ein Wort sein.« »Und mein Vater seine Ruhe im Grabe?« »Meinetwegen – obgleich die Abfindungssumme ... lumpig! – da lachen ja die Hühner darüber. Aber so seid Ihr. Wie der Baum, so der Ableger. Nur noch schlimmer mit dem Sattelmeierblut drin. Ihr seid Kieselsteine – ihr Brinkschultenhöfer.« »Das habe ich schon vorhin behauptet. Ihr sagt mir nichts Neues, nur – es handelt sich nicht um mich, sondern um Euch, und darum, um eine runde Antwort zu haben: Wollt Ihr die Sache tot machen, wenn Ihr die Rente empfangt? Das Weitere laßt meine Sorge sein.« »Na, ja denn,« gab er schartig zurück, »tot soll sie sein.« Seine leichenfarbige Hand machte einen kurzen, horizontalen Strich durch die Luft. Die Brinkschulte atmete auf. Verächtlich wandte sie sich von ihm ab und schritt der Tür zu, riß sie auf und sagte: »So wären wir fertig.« »Merci.« Mit eingezogenen Schultern ging er unter dem Beil fort, wie unter dem Schatten des Schwertes. Die Brinkschulte folgte bis zum großen Dielentor. Als erste trat sie ins Freie. Eine fahle, dunstige Mondnacht lag unter dem Firmament. Der Hund schlug von neuem an. Er kam von der Roggenscheune her, im Nebel und mit heiserem Röhren. Wie ein Phantom wuchs er aus den Schwaden heraus. Mit schleppendem Kopf trollte er näher. Der Alte wollte zurück. Da sprang der Hund an. »Kusch dich!« Und das gewaltige Tier duckte sich knurrend und mit fließenden Lefzen zu Boden, drängelte sich dicht an seine Herrin und schmiegte sich an sie, während Jaspers ungefährdet den Hof verließ und im ziehenden Nebel untertauchte. Es war zehn Uhr unter dem Monde geworden. Die Kastenuhr meldete die Stunde. Noch lange sah die Brinkschulte in die Nacht hinaus. Erst als die Schritte des Alten verhallt waren, gab sie den Hund frei und schloß das Tor ab. Dann ging sie ihrer Kammer zu, wo Dörte noch wachte. Die Diele war matt erleuchtet und blieb es, bis der Tag graute. Das Vieh spürte die Gegenwart der Herrin. Leise Bewegung ging durch die Tiere, als sie vorbeikam. In der Höhe der Bodenluke hielt sie den Fuß an, unwillkürlich, ohne daß sie es wollte. Ein Zittern ging über sie hin. Sie konnte nicht weiter. Hier auf heiliger Erde hatte ihr Vater zwischen den schwarzen Brettern gelegen, bevor er seinen Grund und Boden verließ. Über ihr gähnte die Luke ... Von dort war Karl Mersmann ... und ihr Vater hatte neben ihm gestanden ... und das war an jenem furchtbaren Tage gewesen, wo es zuvor über sie fortgebraust war wie Sturm im jungen Frühlingswald, aber dieser Sturm hatte Blüten gebrochen. Jetzt begriff sie ... jetzt erst konnte sie die Fäden entwirren ... jetzt erst fand sie eine Verbindung zwischen dem Absturz und ihrem eigenen furchtbaren Tage ... Die Stunde hatte ihr die Binde von den Augen genommen. Sie wußte alles. Und das Entsetzen stand bei ihr – und da: ihr Haupt neigte sich, ihre Hände falteten sich, ihre Knie beugten sich: »Jesus Christus! – Erbarmen, Erbarmen ...! – Mir will das Herz auseinander ...!« Ihre Gedanken flogen nach Sönnern: »Wenn der Herr doch käme!« So fand sie Dörte, und mit verweintem Gesicht geleitete diese ihre arme Herrin zur Kammer. Der Brinkschultenhof hatte seine Ruhe gefunden. Zwölftes Kapitel »Glück auf!« Der alte Bergmannsgruß war im Industriebezirk wieder lebendig geworden. Die unheilvolle Bewegung, die stoßweise eingesetzt hatte, ebbte zurück. Der Geist des Unduldsamen und Aufhetzerischen verzog sich, die Knappschaft rückte mit neuen Kräften an, und unter Tag reihte sich Fünkchen an Fünkchen, die Getreuen der Arbeit, die wie liebe Seelen die weiten Strecken durchgeisterten. »Glück auf!« Es klang wie ein Befreiungsruf, wie Frühlingsstimmen. Die Zechen taten einen tiefen Atemzug, und ihre Riesengelenke griffen wieder ineinander. Das stampfte und kochte, streckte und dehnte sich. In stillen Nächten standen rotbraune Fahnen auf den Schloten, majestätische Flammenzeichen, nächtige Verkünder der neuerkämpften Arbeit und Einigkeit. Väter und Söhne, Brüder und Freunde fuhren einträchtig zur Tiefe, begrüßten einträchtig den Tag. Das gewaltige Pochwerk der Mutter Erde, das Herz, pulste aufs neue. »Glück auf!« Bis weit ins Land hinein drang die segenbringende Stimme. Alle hörten darauf – auch die in Sönnern, auch die auf dem Brinkschultenhof. Als Emanuel Wimke es hörte, schlenkerte er den Seifenschaum von den Fingern und sagte, indem er sich die Sprechweise Löwenthals anquälte: »Na, Simmchen, hat Ihnen das auch Ihr Vetter Zodik erßählt, wo is ein angestellter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund?« Simmchen Löwenthal zuckte die Schultern. Etwas paßte nicht in seinen Kram; er war stutzig geworden. »Denn nich,« sagte er abgeklärt und wiegte sich auf seinen schadhaften Füßen, »aber es is noch nich alle Tage Abend, die Herrens. Das mit Dortmund ... nu, das haben gemacht die Dreißehners mit die vierßehnfältigen Flinten, um ßu laden von rückwärts; aber das mit dem Brinkschultenhofe ... sie kommt ihm doch über dem Halse, die Rebellionierung.« »Mir soll's egal sein,« konstatierte Fritze Leppers, »wenn bloß mein ›Fröhlicher Anton‹ Lunge behält.« Dabei schlug er auf den Tisch, daß die Gläser aufhoppelten: »Finger von's Ganze!« »Schön!« meinte Simmchen, »aber was ich sagen wollte, Herr Leppers – sie haben noch nich ausgespielt, die preußischen Trommlers.« »Unsinn!« hielt ihm Leppers entgegen. Emanuel Wimke trat näher. »Simmchen,« brüllte er ihm in die Ohren, »haben Sie's nicht gehört? – Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen: Glück auf!« »Schön!« sagte Simmchen und zeigte ein überlegenes Lächeln, »das is ein liebreiches Wort; wenn's nur nich überschlägt in die Fitalität. Auch mein Kollege Levi Eliassohn in Werl hat liebreiche Wörter un schöne Betrachtungen; kommt's aber ßum Kuhhandel, nu, da hat er sie in den Abtritt geschmissen. Ich habe die Ehre, die Herrens.« Damit ging er, felsenfest von seiner Meinung überzeugt, und dennoch war er so halber stutzig geworden. Nur einer hatte seine geraden Gedanken und seine schnurgerade Ansicht. Das war Jans Stedink in Sönnem. Auch er hörte die Botschaft, schüttelte aber den Kopf und schlug auf sein rußiges Schurzfell, daß es aufrasselte wie eine alte Zirkustrommel. »Glück auf!« knurrte er zwischen den Zähnen, und zwar so höhnisch, daß sich das Weiße zeigte und das Gelbe in seinen Augen noch gelber wurde. »Hat sich was mit ›Glück auf‹! Das hält so lange, wie's hält. Das ist Stümperarbeit und kann um dessentwegen vor keinem Meister bestehn. Gebt mal Achtung, wie die aufs neue die Wetterführung zertöppern und die braunen Federbüsche von den Schloten pußten, wenn's ihnen kommoder ist und die richtigen Kerls an die Spritze treten. Einer ist schon dabei, einer von den Aufgeklärten; andere kommen hinzu und tragen ihr falsches Evangelium von Zeche zu Zeche, wenn sie mehr Ellenbogenfreiheit erhalten. Aber nicht die Zechen allein, auch das Land soll davon profitieren, so denken sie ... Indessen jedoch« – und das trockene Schurzfell rasselte wieder grimmig auf – »sollten sie sich einfallen lassen, nach Sönnern und auf den Brinkschultenhof zu marschieren, um ihre neuen Lehren frisch an den Mann zu bringen: ich heiße Jans Stedink, und wer mir nicht für voll estimiert, der kann für dessentwegen seine eigenen Backenzähne schlucken. Ich weiß, wo ich dran bin und lasse mir keine Fisimatenten vormachen. Nicht wahr, Tillbeck?« und er trat auf ihn zu und führte ihn seitwärts. »Paß Achtung, Tillbeck,« sagte er alsdann in seiner abgeklärten und selbstgefälligen Weise, »wenn einer ein Ziel vor sich hat und schießen will, so muß er Büchsenlicht haben. Denk an den Brinkschultenhof und an das, was von Dortmund kommt. Noch ist es nicht so weit. Aber ist es so weit, dann: Nervenstränge wie Schiffstaue, und eine Ruhe muß in dir sein, wie die Ruhe am Tabernakel. Hast du beides, dann ist manchem geholfen. Verstanden?« Ja, Heinrich Tillbeck hatte verstanden, und noch einmal so kräftig handhabte er den Vorschlaghammer, daß die Muskeln aufsprangen und die Eisenstangen gleich Domglocken läuteten. »Dann ist's gut,« sagte Jans Stedink, und des zum Zeichen legte er seine langfadigen Bartsträhnen auseinander, bedächtig und feierlich, und zwirbelte etliche Flechten hinein, daß er in diesem Schmuck wiederum aussah wie ein assyrischer König – ein assyrischer König im Abendfeuer, denn um Jans Stedink spielte die Glut der Esse mit bengalischem Licht. – Und Wochen vergingen. Die Soester Börde lag in Brand und Brunst, denn zwischen Ruhr und Lippe breitete es sich aus wie flammende Ginsterbüsche, wie eine brennende See, über die es dahinzuckte und -zischte, als wollten unzählige Blitze sich umschichtig bekämpfen. So hatten die Kornfelder niemals gestanden! Leuchtende Getreidewogen wellten sich übereinander und flossen in majestätischer Pracht dem tiefen Horizont zu. Ein vollreifes Weib, dehnte und streckte sich die Erde. Sie hatte empfangen, um jetzt in ihrer ganzen Fülle und Schönheit und mit offenen Händen zu geben. Der Brinkschultenhof versank in diesem goldenen Segen. Er stand mitten in einer feurigen Lohe, die ihn umspielte, umschmeichelte und mit lodernden Kämmen gegen ihn anrollte. Schon seit acht Tagen war der Roggen eingebracht oder stand noch in Garben auf den geschorenen Flächen. Aber noch unberührt schoben sich die immensen Weizenfelder nebeneinander. Eine stille Sehnsucht nach der blanken Sense durchzitterte sie. Sie fühlten den Abend kommen, das leise Einschlafen, die große Ruhe. Ach, wenn die Sense erst über sie fortging, mit verhaltenem Näseln und feinem Singen! Wie schön das war! – und das sollte morgen geschehn. Morgen war der Tag des heiligen Bernhard. Am Abend zuvor suchte Ignaz die Brinkschulte auf. Sie saß im Wohnzimmer und ordnete alte Papiere. »Ich komme von wegen morgen,« sagte er ruhig. »Sind die aus dem Lippischen da?« »Seit einer Stunde. Ein Vormäher und fünfzehn andere Mäher.« »Wo wird zuerst niedergelegt?« »Ich denke in der Frohnhauser Mark.« Die Brinkschulte dachte nach. »Einverstanden,« sagte sie schließlich, »aber nur, um von hier aus über den Hilgenkamp fort nach der Busgravener Flur weiter zu mähen. Das ist schon immer so 'ne alte Gewohnheit gewesen.« »Toujours meine Ansicht.« »Na denn, Ignaz – Gott segne die Arbeit.« »Gott lohn's, Brinkschulte.« Damit wollte er gehen. »Noch eins, Ignaz.« »Madam ...!« »Ich meine, seid Ihr in Sönnern gewesen?« »Bei Jans Stedink? – War ich, Madam.« »Wie steht's mit dem Schwingpflug?« »Die Montierung ist fertig. Er kann jeden Tag angeliefert werden.« »Dann also Dienstag. Um vier Uhr bin ich draußen, nach der Asbecker Scheid zu. Bestellt die beiden Oldenburger dahin. Ihr selber sollt das neue Möbel ausprobieren. Mal sehen, was dran ist. Im übrigen – gute Verrichtung. Ich meine von wegen der sonstigen Arbeit. Achtet auch auf die zugefahrenen Knechte und Mägde. Da kann man nicht Augen genug haben, daß nichts vorkommt zwischen Hecken und Hägen. Die Augustsonne schafft heißes Blut, aber schwachen Verstand, und nachher geht die arme Seele hungern.« Ignaz nickte ernst vor sich hin. Er kannte das. »Wollen's besorgen, Brinkschulte,« sagte er verständnisinnig, drückte sich leise der Tür zu und ließ das Schloß geräuschlos hinter sich einklinken. Also morgen rauschten die ersten Weizenhalme auf der Frohnhauser Mark, um mit seinem Säuseln niederzufallen. Also morgen ...! – Anderen Tages, als das junge Licht den violetten Streifen am tiefen Horizont niederdrückte, blitzte die erste Sense, dann die zweite, dann fünfundzwanzig auf einmal ... »Rietz!« machten die blanken Messer und warfen grelle Blinkfeuer über die endlosen Flächen. Mit sanftem Schaukeln bewegten sich die Mäher in schnurgerader Linie, schritten rhythmisch vor und legten die Frucht in langen Schwaden nebeneinander, gefolgt von den Binderinnen, die sich ebenso rhythmisch bewegten, die Ähren zusammenrafften und mit Strohseilen umflochten. Die vom Brinkschultenhof waren wieder in Tätigkeit. Die Arbeit brachte neue Sinne und hatte nicht Raum für grübelnde Betrachtungen. An den unheimlichen Abend dachten sie kaum noch. Den alten Jaspers hatten sie längst vergessen, vornehmlich jetzt, wo es alle Hände voll zu tun gab und die schwülen Abende die müden Glieder willenlos auf die Betten streckten. Auch Karl Mersmann hatte kein Besinnen mehr dafür. Er lächelte wieder. Er glaubte den Alten immer noch in den Vereinigten Staaten. Die letzten Begebenheiten waren für ihn kaum noch vorhanden. Er erinnerte sich ihrer, wie man sich eines verworrenen Traumes erinnert. Daß er das Beil aus dem Hauklotz gerissen und es in den Türpfosten getrieben hatte, war ihm gänzlich entschwunden. Er befand sich gleichsam im Nebel auf einem hohen Berge. Nur wenn die Schleier zerrissen und vereinzelte Lücken sich zeigten, dann gewahrte er ein Stück des Lebens, aber in ungewissen Konturen, verschwommen und nur für eine Gedankenspanne, die kaum drei Herzschläge hindurch anhielt. Er ging wie im Schlummer umher, teils auf dem Hellweg, teils auf den Feldern, sprach mit den Arbeitern, sah den Krähen zu und hielt dabei lange Zwiegespräche mit Jan van Leyden und Knipperdolling. Mit heiterem Grinsen verfolgte er das Umlegen des Getreides. Das kurze Aufblitzen der geschwungenen Sensen interessierte ihn. Dabei saß er auf einem Chausseestein und hielt eine abgerupfte Weizenähre zwischen den Zähnen. Jedesmal, wenn die Mäher zum Hieb ausholten, tat er es auch und freute sich, wenn es flirrte und säuselte und ein blankes Licht über die reichen Bestände glitt, als liefe ein mächtiger Spiegelreflex von Osten gen Westen. »Rietz!« sagte der Spökenkieker. Er wähnte das Schwert des Wiedertäuferkönigs zu führen, unentwegt und unerschrockenen Mutes, um damit seine Herrin gegen alle Miseren, ihre Bewerber und gegen alle irdischen Widersacher zu schützen, und dann sagte er mit einem seinen Kräuseln der Mundecken: »Küsse mich, Brinkschulte. Du sollst mich küssen; das tat auch die schöne Elisabeth Wandscherer,« und er schmunzelte, und sein kranker Geist tastete glückselig durch die purpurblaue Finsternis, die Gott der Herr in seiner Barmherzigkeit um ihn ausgetan hatte. – Die Zeit lindert und läßt das Unerträgliche weniger unerträglich erscheinen. Auch die kürzeste Zeit. Sie stellt Schatten zwischen das Gestern und Heute und gibt dem Heute Gelegenheit, in eine weniger umdüsterte Landschaft zu blicken. Mit weichen Händen zerteilt sie die dunklen Gewebe, die das Schicksal um die Stirnen der Menschen geschlungen – eine gütige Frau, eine Helferin, eine barmherzige Schwester. Josepha Brinkschulte hatte das an ihrem eigenen Leibe erfahren. Nachdem sie den Alten abgefunden, fühlte sie sich freier. Die Schauer und Bedrängnisse der verflossenen Wochen ließen von ihr ab. Was in ihren Kräften stand, hatte sie getan, um ihr Gewissen zu beruhigen und das Andenken ihres Vaters zu retten. Weiter zu gehen, hätte ihrem Wesensinneren nicht entsprechen und wäre Schwäche gewesen. Die ersten Tage nach der Katastrophe waren ihr furchtbar. Sie brach einfach zusammen. Nur langsam erholte sie sich. Dann aber war sie wieder die alte, nur noch stolzer und insichgekehrter – und dann noch eins ... Das bittere Leid hatte ihre Züge verändert und ihnen das Harte, Unbeugsame genommen. Was sie früher im eigentlichen Sinne des Wortes nicht besaß, das besaß sie jetzt: ihre Züge standen im Banne eigenartiger Schönheit. Zuversichtlich ging sie über das Durchlebte hinweg und war mit sich im klaren darüber: von nun an rüttelte keiner mehr an den Grundfesten des Brinkschultenhofes, weder die etwaige Schuld ihres Vaters, noch eine erpresserische Hand, selbst auf die Gefahr hin, einen erneuten Kampf bis aufs Messer führen und darüber sterben zu müssen – und dieser Wille, ehern und selbstherrlich, gab ihr Ruhe und Schönheit. In dieser Ruhe und Schönheit hörte sie auf das geheimnisvolle Zischen der Sensen, verfolgte sie den blanken Schein, der den schaukelnden Marsch der Schnitter begleitete, sah sie die gelbe Frucht einfahren, die mit dreißigfältiger Ernte ihre weiten Scheunen füllte. So war der Dienstagmorgen gekommen. Mit heißen, trockenen Augen und wacher Seele erwartete sie die vierte Nachmittagsstunde. Der Vormittag ging unter mannigfachen Anordnungen dahin. Sie begann die einzelnen Minuten zu zählen. Immer näher rückte der Augenblick, den sie mit allen Fibern ihres Herzens herbeisehnte. Gegen drei Uhr wurden die beiden Oldenburger, blank gestriegelt und im vollen Geschirr, aus dem Stall geleitet. Ignaz Greving führte sie nach der Asbecker Scheid. Auch Josepha Brinkschulte war fertig. Sie konnte die Zeit nicht erwarten und hatte kein Ohr mehr dafür, daß ein Wagen einfuhr, vor der großen Dielentür haltmachte und bald darauf wieder den Hof verließ. Mit geschürztem Rock und derben Schnürschuhen, die den Fuß bis zu den festgegliederten Knöcheln umspannten, stand sie vor dem Spiegel, damit beschäftigt, den leichten Strohhut auf ihre schwere Flechtenkrone zu drücken, als ein weicher Arm sich um ihre Taille legte. »Guten Tag, gestrenge Madonna,« kam es von übermütigen Lippen. Lautlos war jemand an ihre Seite getreten. Bestürzt sah sich die Brinkschulte um. »Also – wirklich! – du, Marie?« fragte sie hastig. »Mit Leib und Seele!« klang es ihr fröhlich zu. »Und du kommst ...?« »Wie mein Brief dir schon sagte: direkt von Lippstadt, um über deine selbstgewählte Einsamkeit wieder nach Dortmund zu fahren. Ich will doch wissen, wie es um dich sieht, ohne die Hand auf alte Wunden zu legen. Was dir inzwischen passiert ist, weiß ich von meinem Mann. Man muß sich eben mit solchen traurigen Tatsachen abfinden. Doch schweigen wir davon. Nur dich will ich haben, nur dich in deiner verträumten Stille und doch in deiner ganzen Herbe und Schaffensfreudigkeit. And wenn es dir recht ist, drücke ich mich sacht in die Kissen des Brinkschultenhofes und lasse mir von den ehrwürdigen Eichen etwas vorrauschen: alte Geschichten, Märchen, verklungene Lieder ... Bis morgen habe ich Urlaub.« Die Brinkschulte trat einen Schritt zurück. »Also bis morgen?« fragte sie lächelnd, »und ob es mir recht ist ...?« Dann breitete sie die Arme: »Hierhin gehörst du ...!« – und Brust ruhte an Brust und Seele an Seele, und stille Gedanken nahmen sich bei den Händen und wanderten über dämmerige Wiesen, die mit köstlichen Blumen bestellt waren und an die Ewigkeit grenzten. Für einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. Es war so, als senkte sich etwas über sie nieder – unauffällig, langsam, sie einhüllend ... und aus diesem Schweigen heraus glitt die Brinkschulte mit stillem Blick über die Gestalt ihrer Freundin, die sich weltverloren an sie geschmiegt hatte. Sie wußte, wie es um das junge Weib stand. Das hatte sie vor langen Wochen, schon aus dessen Brief erfahren. Heute sah sie es mit eigenen Augen. Eine selige Verklärung lächelte sie an. Andere hätten gar nichts gesehen. Aber sie sah es. Kaum wahrnehmbar, in keuscher Verschwiegenheit, köstlich wie das geborgene Saatkorn im Schoß der Mutter Erde, also reifte auch hier das süße Geheimnis seiner Ernte entgegen. »O du, du...!« sagte die Brinkschulte, »herzlich willkommen!« und ihr Mund legte sich heiß auf die Stirne der gesegneten Frau. Dann fragte sie leise: »Und wann hoffst du darauf?« »So Gott will, um Weihnachten. Es soll ein Christkindchen werden.« »Du bist gebenedeit unter den Weibern, während ich ...« »Aber, Josepha ...!« Mit einer jähen Wendung löste sich die Freundin aus der zärtlichen Umarmung. Ihre Brust ging auf und nieder. »Du könntest auch dieses Glückes teilhaftig werden,« sagte sie zuversichtlich, »wenn du nur wolltest.« »Wenn ich nur wollte ...?« In den Augen der Brinkschulte blitzte es auf. »Ja, wenn du nur wolltest.« Marie Berlage trat einige Schritte zurück. »Und wie du aussiehst, Josepha! – Du bist aus deinem grauen Denken heraus. Weißt du noch im Klostergarten zu Dorsten – wie sie dir scheu aus dem Wege gingen?! Nur ich nicht. Ich wußte, in der Brust der steinernen Madonna ruhte ein heißes Herz, heißer als die Herzen anderer Menschen. Aber es schlummerte – und es schlummerte Jahre um Jahre. Jetzt aber ... Etwas Frauenhaftes geht über dich hin. Die Rose ist aufgewacht. Ihr Duft hat deine Sinne geweckt ...« Und wieder war sie bei ihr und hatte ihre Hände ergriffen: »Du hast dich gefunden, Josepha. Erinnere dich meines Briefes ... rufe die einzelnen Zeilen zurück ... besinne dich auf die Worte, die ich dir in diesem Schreiben zuflüsterte: Öffne nur die Tore deiner Seele, und du wirst wie ein blühendes Weizenfeld sein. Und dann – habe ich recht oder nicht? – du hast in den Spiegel gesehn.« »Ja, ich habe in den Spiegel gesehn.« »Wann?« »Damals, als du mir schriebst.« »Und was sahst du, Josepha?« »Nun, ich fand deine Behauptung bestätigt. Ich war noch keine alte Jungfer geworden.« Da drängte es sich still und warm an ihre Seite, und ein weicher Odem raunte ihr zu: »Endlich! – so habe ich doch nicht vergebens gesprochen. Das Weib in dir ist geweckt. Das übrige findet sich. Der Herr wird schon kommen.« »Aber, Marie ...!« Mit einem kurzen Laut brach sie ab. Purpurne Glut bedeckte ihr Gesicht. Ein Schluchzen war in ihr und doch ein Glück, das in den Himmel hineinwollte. Dann riß sie sich auf. Ihre Hand streifte die ihrer Freundin. »Jetzt komm,« sagte sie mit scheuer Betonung. »Was befiehlt meine aufgewachte Madonna?« kam es von heiteren Lippen. »Ich dächte doch, du wolltest mich in meiner Tätigkeit sehen.« »Und darf ich fragen in welcher?« »Als Abnehmerin eines schottischen Schwingpfluges.« »Und da willst du mich mitnehmen?« »Aber natürlich.« »Und das gleich?« »Wenn es dir recht ist.« »Dann schenke mir noch zwei Minuten, um mich fertig zu machen.« »Und um einen kleinen Imbiß zu dir zu nehmen,« ergänzte die Brinkschulte. »Drum komm jetzt,« und damit zog sie die Freundin mit einem sanften Druck an ihre Seite, legte ihr den Arm um die Taille und geleitete sie auf die Fremdenkammer. Bald darauf gingen sie der Asbecker Scheid zu. Ein tiefblauer Himmel lag über der Erde. Nur im fernen Westen stand es majestätisch und regungslos. Ein aufgetürmtes Gebirge von lichten, silbrigen Wolken grenzte den Horizont ab. Ein sanfter Windhauch ging über die immense Ebene. So weit das Auge reichte, stand alles unter dem Pflug des Brinkschultenhofes – bis zu den Pappelreihen, die den Blicken Einhalt geboten. Ab und zu trat ein massiger Eichenkamp in die Erscheinung, geballt und schwerfällig am Boden liegend. Tiefe, violblaue Schatten waren von der Hand Gottes hineingetupft worden. Wie Giganten ruhten diese Eichenpartien auf der fruchtbaren Erde, Kinder der Vorzeit, alter Sitte und steifnackigen Westfalentums. Graue Stoppelfelder und noch bestellte Weizenschläge wechselten mit grünen Kleeäckern ab. Ein monotones Schwirren begleitete die Feldwege. Es kam von den Grillen her, die vor ihren Röhren lauerten und den warmen Sommertag ansangen. Seitlich eines schmalen Haferstückes ließ der alte Brügelmann zwischen den Stoppeln weiden. Fünfhundert Schafe waren ihm unterstellt, ausgezeichnete Tiere, eine Kreuzung von Rambouilletböcken und Merinoschafen, rot gezeichnet, mit breiten Köpfen und abgerundeten Nasen. Wie ein Patriarch stand der Alte auf weiter, einsamer Flur, stumm seine Befehle gebend, langsam weiter ziehend. Zwei Hunde umkreisten ihn und die Herde, lautlos, zwei Schatten, die auch dem kleinsten Augenzwinkern gehorchten. Er selber hob sich in seinem weißen Leinenkittel scharf gegen den Westen ab. Mit seiner sehnigen, ranken Figur schien er in den Himmel zu wachsen. Von Zeit zu Zeit schob er die flache Hand vor die Stirn und sah in die Landschaft. Mit langsamen Blicken strich er über die weite Gegend. Dann horchte er auf. Es klang ihm wie ferne Musik zu. Eine Sense wurde gedengelt, zwei Sensen, drei Sensen. Hierauf ging es wieder: »Rietz, rietz!« – wie das melancholische Singen eines weltfremden Vogels, der sich darin gefiel, seine Weise unentwegt über die sommerliche Erde zu schicken. Es mochte auf vier gehn. Die Wärme des Tages ließ nach. Der Wind nahm an Stetigkeit zu. Dem feinen Wetzen und Sensen gesellte sich das Rauschen des Weizens – da hob Brügelmann den Stab und senkte ihn wieder. Dreimal trieb er dasselbe Spiel hintereinander. Es war denen ein Zeichen, die an der Asbecker Scheid auf die Brinkschulte warteten. Jetzt mußte sie kommen. Alles war für ihren Empfang bereit. Der neue Pflug hielt mit seinen Scharen und Messern, die blank wie Silber glänzten, auf dem abgeernteten Roggenacker, der dem Wege zunächst lag. Die Oldenburger waren angesträngt und gewärtig, sich in die Kummetgeschirre zu legen. Ignaz führte die Leine. Jans Stedink und Heinrich Tillbeck machten sich noch an der Pflugschar zu schaffen, prüften die Streichbretter und zogen einzelne Bolzen nach. Als die beiden Frauen erschienen, knöpfte Jans Stedink seinen Vollbart aus der Weste heraus, strählte ihn mit breiten Fingern und ließ ihn im laulichen Sommerwind fließen. Hierauf trat er auf die Brinkschulte zu, ganz Würde, ganz selbstherrliche Befriedigung, und sagte: »Tag, Brinkschulte; die Arbeit ist angeliefert – und wartet.« Sie gab ihm die Hand. Dann sagte sie mit fester Stimme: »Gott segne das Handwerk.« »Gott lohn's,« gab Jans Stedink zurück, »aber darf ich mir 'ne Frage erlauben?« »Ich bitte darum.« »Na denn, Brinkschulte – Ihr habt wohl Ignaz bestimmt, den Acker brechen zu lassen?« »Das war allerdings meine Absicht.« »Dann möchte ich bitten, daß mein erster Gesell Heinrich Tillbeck von der Paderbörnschen Senne die Arbeit besorgt.« Sie errötete bis in die Haarwurzeln hinein, faßte sich aber und sagte: »Warum gerade dieser?« »Von wegen der neumodischen Sache. Um dessentwegen ist er gekommen. Allerhand Achtung für Ignaz, aber jedes neue Werkzeug will sich erst in den Griff hineinwachsen. Wir haben den Pflug angeliefert, besitzen daher und sozusagen ein Interesse daran, daß er auch proper vor Augen geführt wird. Und darum bin ich der Ansicht, daß Heinrich Tillbeck aus dem Dings da herausholt, was 'rauszuholen ist – von wegen meiner Reputierlichkeit. Es ist kommoder für mich und bringt die zugelieferte Arbeit in bessere Beurteilung.« Die Brinkschulte warf einen scheuen Blick auf Tillbeck, der bei den Pferden stand und mit weicher Hand über das spiegelglatte Haar des einen glitt. »Wird er das Ungewohnte auch leisten können?« fragte sie unsicher. »Na und ob!« meinte Jans Stedink und wandte sich an seinen Gesellen: »Nu sprich du, denn nu bist du an die Reihe gekommen und zeige, was du auf die Paderbörnsche Senne gelernt hast. Tillbeck, kannst du das Werkzeug regieren, oder kannst du es nicht? Das ist nu deine Sache geworden.« Da trat Heinrich Tillbeck vor, eine Siegfriedsgestalt, wie sie gestanden haben mochte unter den Augen Hermanns, des Cheruskers, als das Sturmbardiet klang: »Hermann, sla Lärm an, Lat piepen, lat trummen – Wer Kaiser will kummen ...« und offenen Gesichtes sagte er: »Um Vergebung, Brinkschulte, aber ich meine: wer imstande ist, einen schottischen Schwingpflug zu montieren und in Schick und Richte zu bringen, der muß auch den sogenannten Grips in sich haben, ihn führen zu können. Außerdem: als ich noch jung war und ohne Schurzfell herumging, da habe ich schon für den Heidekossäten den Acker gebrochen; Ödland war's und hart und trocken wie gebackene Ziegelsteine. Und doch war die Sohle tiefgründig, und die Furchen liefen schnurgerade nebeneinander. Also, wenn es Euch recht ist ... es ist gerne geschehn.« Jans Stedink nickte. Er war zufrieden mit seinem Gesellen. Allen Respekt! – Der Mensch hatte Lebensart und das Wort bei der Hand. Die Madam war schon an die richtige Schmiede gekommen. Zwei Sekunden hindurch sahen sich Tillbeck und die Brinkschulte an, Auge in Auge – nur zwei Sekunden hindurch, aber so, als wenn des einen Blick den des andern ausforschen wollte ... als sie ein bejahendes Zeichen machte und zur Seite trat. Da warf Heinrich Tillbeck den Rock von sich, wulstete die Hemdärmel zurück und trat hinter Pflug und Gespann. Mit kurzem Griff packte er die Leine. »Hia da hüp!« Erst gemächlich, fast zögernd, in beinahe ängstlicher Weise lenkte er das Werkzeug, tastend, suchend, jedem Stein aus dem Wege fahrend ... dann aber ... »Hia da hüp!« Fast urplötzlich packte er zu, mit nerviger Faust und herrlicher Mannesgewalt, und der harte Glanz seiner grauen Augen wurde metallisch. Dann ein Rucken und Stoßen – und das tiefgehende Pflugmesser warf die Scholle beiseite und schlitzte den Leib der Erde in klaffender Wunde auf. Es war so, als ließe sie ein banges Wimmern vernehmen, das stetig mitzog und nicht aufhören wollte. Die abgelöste Erde knirschte am Streichbrett. Fruchtbarer Duft stieg auf. Die Schollen dampften und legten sich poliert auf die Seiten. Der Pflug lebte; unter der gebieterischen Hand Heinrich Tillbecks war er zum folgsamen Haustier geworden, das den leisesten Wink seines Herrn und Meisters befolgte. Die Brinkschulte stand atemlos. Ihre stolze Brust hob und senkte sich stürmisch. Mit heißen Blicken folgte sie jeder Bewegung. Ihr Antlitz schien blutleer zu sein, und dennoch war es verklärt von einem sonnigen Leuchten. Hochaufgerichtet verfolgte sie sein Schreiten und Schaffen. Was der da vollführte, das war mit dem Herzblut gegeben. So hatte sie noch keinen gesehen – so nicht; er war einer von denen, die, obgleich unter einem Strohdach geboren, unbewußt nach einem Zepter greifen und etwas Zwingendes um die Stirne tragen – ein Herrscher ohne Hermelin ... Wie er dahinschritt, mit eherner Stirn, zielbewußt und in der ganzen Schönheit echter Kraft und Gliederfreiheit! Ja, er war einer von denen, die leben, um jeden Widerspruch zum Schweigen zu bringen und imstande sind, ohne eigenes Zutun ein stolzes Weib in die Knie zu zwingen. Sie mußte an sich halten, um ihre innere Bewegung nicht offenkundig zu machen. Aber ihre Augen taten sich weit auf, wie in Verzückung. Eine sinnliche Welle strömte über sie fort und machte sie trunken. Ihre Gedanken waren bei ihm, sponnen ihn ein, legten sich um ihn wie unzerbrechliche Fesseln. Ob er es spürte, ob er die Glutwelle erriet, die von ihr ausging und ihn mit heißer Kraft umbrandete? Ja, er mußte es spüren, er mußte ihre Gedanken erraten, die Schauer des Weibes fühlen, das den Wildgeruch des Mannes witterte – denn wenn schon andere es taten ... Josepha Brinkschulte bezwang sich. Ihre Freundin sah sie von der Seite an. Was war das nur? Hier war etwas im Werden begriffen. Es streckte sich mit Masern und Fasern. Und das mit einem Mal ...? Wie eine Offenbarung kam es über sie, und wenn da irgend welche Zweifel waren, in diesem Augenblick gab es keinen Zweifel mehr für sie. Es fiel wie Binden von ihren Augen. Da waren zwei Menschen, die sich etwas zu sagen hatten, zwei eigenartige Menschen mit starren Herrennaturen und doch von sinnlichgierigen Flammen umzüngelt. Und dann wußte sie noch: die Soester Börde hatte für immer ihre steinerne Madonna verloren. »Hia da hüp!« Das blanke Messer schnitt weiter. Stetig und gleichmäßig fraß es sich ein und warf Scholle bei Scholle. Tiefgründig legte sich Furche bei Furche. So totensicher hatte noch kein Werkzeug gearbeitet, war es noch von keiner Faust regiert worden. Und diese Faust gehörte Heinrich Tillbeck aus dem verlorenen Winkel, wo die Leute barhaupt gehen und sich den Heidewind um die Nase pfeifen lassen. Das gibt Kraft und ruhige Sinne. Und mit dieser Kraft und mit diesen ruhigen Sinnen führte er die Zügel, lenkte er den Pflugbaum, zog er Gasse bei Gasse, schnurgrade, wie mit der Leine gezeichnet. Immer der rhythmische Gang und der feste Blick seiner Augen! Erdgeruch umwölkte ihn, Zuversicht war bei ihm, Hoffnungsfreudigkeit begleitete ihn. Schon zweimal hatte er den schweren Acker in der Längsrichtung durchbrochen – jetzt machte er wieder kehrt und schnitt eine neue Furche an, geradeswegs auf die Brinkschulte zu. Festen Schrittes, mit offner Brust, die sich nervig dehnte und wölbte, war er bis in ihre Höhe gekommen, als Jans Stedink gebot: »Tillbeck, halt an!« – dann auf die Brinkschulte zutrat und sagte: »So, das wäre geleistet. Ich rechne auf Abnahme.« In ihrem Gesicht zuckte es auf. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte. Ihre Gedanken waren nicht bei der eigentlichen Sache gewesen, hatten nichts mit dem neuen Pflug zu schaffen und nichts gemein mit den blanken Riesenschollen, die er spielend zur Seite geworfen hatte – und doch antwortete sie schließlich: »Ich danke Euch, Meister. Ihr habt gute Arbeit geliefert.« »Keinen Dank, Brinkschulte,« gab Jans Stedink zurück, »denn wir haben nichts weiter getan als unsere Pflicht und Schuldigkeit, das heißt: ich bin man so obenhin dabei beteiligt gewesen, aber der da« – und er zeigte auf Heinrich Tillbeck, der dicht neben ihm stand – »der da hat es gemacht, aus Liebe zur Arbeit heraus, na – und so weiter, und wenn Ihr dem Heinrich Tillbeck danken wollt, ich glaube, er würde sich freuen. Und dann noch eins, Brinkschulte« – und er teilte seinen Bart in zwei mächtige Hälften und spielte damit, gewissermaßen, um besser und solider nachdenken zu können – »wenn Ihr den da mal gebrauchen könnt, sei es so oder so, in guten oder in bösen Tagen ... Brinkschulte, ich heiße Jans Stedink und weiß, was ich anpräsentiere. Und wer mein Wort nicht für voll estimiert ...« Er schluckte den letzten Teil des Satzes herunter, um dann gleich weiter zu sprechen: »Brinkschulte, wie schon angemerkt, ich heiße Jans Stedink, bin aus Sönnern gebürtig und habe das Meinige in der Welt prestiert. Also um dessentwegen kann ich schon ein Wörtchen riskieren und daher: wenn Ihr mal in Not seid, oder will da einer den Frieden zertöppern, der bei Euch mit gefalteten Händen am Feuer sitzt und nach getaner Arbeit Amen sagt und sich ein Pfeifchen anzündet – Brinkschulte, das kann von die Vereinigten Staaten und Dortmund kommen ... Brinkschulte« – und seine Stimme wurde anempfehlend und treuherzig – »dann erinnert Euch, was ich in diesem Momang über Heinrich Tillbeck von die Paderbörnsche Senne gesagt hab'.« Damit trat er zurück. Seine Worte hatten magische Kraft. Die Brinkschulte hörte darauf wie auf eine himmlische Botschaft. Sie hatte das unbestimmte Gefühl: hier redet das Schicksal mit dir – und was ihr abhanden gekommen war, das hatte sie wieder. Der eben noch stürmisch bewegte Spiegel ihrer Seele war ruhig geworden, lag eben und glatt da, aber das selbstherrliche Weib in ihr hatte seinen Meister gefunden. Sie bot Tillbeck die Hand und sah ihm fest und froh in die Augen. »Habt Dank,« sagte sie mit ihrer klaren und zuversichtlichen Stimme. »Ihr sollt mir willkommen sein, so wie es Meister Stedink gesagt hat.« Wortlos standen sie gegeneinander – mehr als zwanzig Herzschläge hindurch: das Weib und der Mann, und fühlten wechselseitig den Druck ihrer Hände. Ein sonniger Feiertag hatte sich um sie gespreitet. »Brinkschulte, ich komme, so wie es Meister Stedink gesagt hat.« Dann schieden sie. – Sie ging wie aus einer fremden Welt heraus in ein neues, glückliches Leben hinein – an der Seite ihrer Freundin, die ihren Arm preßte und sie nach Hause geleitete. Keiner wagte zu sprechen. Selbst das Laub hielt mit Rauschen inne, aus Furcht, eine stille, heilige Stunde gewaltsam zu stören. Aber zu Hause, als sie allein waren – ganz allein in der Kammer, wo die Krone der Sattelmeier hinter der großen Bettlade aufleuchtete und ein stilles, verklärtes Licht mit den weißen Gardinen spielte, da kam es aus übervollem Herzen heraus: »Josepha ...!« »Marie ...!« Und zwei Frauen schlossen sich in die Arme, glückselig und glücksberauscht – eine gesegnete Frau und eine, die das Los der andern herbeisehnte, um endlich der Bestimmung des Weibes teilhaftig zu werden. »Josepha ...!« »Marie ...!« Dreizehntes Kapitel Noch lange zitterte das Klingen dieser Stunde in ihrem Herzen nach. Und immer wieder begann es aufs neue zu klingen – die Tage hindurch, die Nächte hindurch, und Nächte kamen, die so hell und durchsichtig waren wie lichtklare Tage. Und diese Nächte verfolgte Karl Mersmann mit stiller Aufmerksamkeit und seltsamem Wesen. Er war überall und nirgends. Er stand auf dem Hellweg, das Hemd über der mächtigen Brust geöffnet, um plötzlich hinter einem Baum im Garten oder einem Gemüsebeet aufzutauchen. Den geweihten Buchsbaum oder Palm, wie er im Volksmunde hieß, der hinter dem kleinen Spiegel in seiner Kammer steckte, pflegte er in solchen Nächten mit rührender Einfalt, preßte ihn an die Lippen und netzte ihn mit klarem Brunnenwasser, stündlich gewärtig, daß er neue Zweiglein ansetzen und grünen würde. Er dachte dabei an die Jerichorose im Heiligen Lande. Wie diese sollte auch der Buchsbaum sich erschließen und von längst vergangenen Zeiten erzählen. Aber das Palmsträußchen blieb, was es war: ein verschrumpfeltes Ding mit mürben Blättchen und Zweigen, das kein Leben mehr ansetzte. »Denn nicht,« sagte Karl Mersmann und stellte sich an dem schwarzen Tümpel hinter der großen Scheune auf Anstand, gewillt, irgendeiner vagabundierenden Ratte den Garaus zu machen. Er war von einer merkwürdigen Atmosphäre umgeben. Niemand sah ihn, und doch sahen ihn alle. Er war von knechtischer Unterwürfigkeit und von eigenwilliger Anmaßung. In der letzten Zeit hatte sich sein Nacken gestrafft, war braun wie Erde und wurde von zähen, eisernen Muskeln getragen. Mehr denn sonst steckte Karl Mersmann voller Widersprüche. Er vermied die Brinkschulte, ging ihr aus dem Wege, wo er nur konnte, und doch war er bei ihr – ein treuer Hund, der eine Siedelung umkreiste. In solchen Nächten stand auch die Brinkschulte am Fenster. Und sie sah ein weites, endloses Meer und mitten darin ein friedliches Eiland. »Ach, wer da wohnen könnte!« hauchte sie leise, und sie breitete ihm Herz und Arme entgegen, denn auf dem fernen Eiland, das auf Mondlicht zu schwimmen schien, wohnte das Glück. »Wenn er doch käme!« Und sie wartete Stunde um Stunde und Tage um Tage – und er kam nicht. Er schien sie vergessen zu haben, trotz der Asbecker Scheid und trotz ihrer Aufforderung. Da drückte die schwergeprüfte Frau die Stirn gegen die Scheiben und hoffte, das Vergessen zu finden. – Die dumpfigheißen Sommertage wälzten sich gleich gigantischen Lastwagen über die Erde. Längst war auch der Weizen eingebracht worden. Die Brunnen senkten ihren Wasserstand tiefer; die lehmigen Feldwege wurden hart und trocken wie Asphalt und bekamen Risse und Schrunden. Auch die Tätigkeit des alten Jaspers trocknete ein. Er lebte ein verborgenes Leben. Man hörte nichts mehr von ihm. Er schien sich auf den Altenteil gesetzt zu haben. Die auf dem Brinkschultenhof hatten Ruhe vor ihm. Seine Begierde nach Grund und Boden war eingeschlafen, sein neues Evangelium klang hohl und geborsten wie ein zersprungener irdener Topf. So behaupteten wenigstens einige Leute aus Sönnern, die ihm in Dortmund zufällig begegnet waren. Im übrigen zerflatterte sein Name gleich Häckselspreu. Man hatte nicht gern mit dem zugeknöpften Brandstifter und Unfriedsucher zu schaffen. Man rückte von ihm ab, wie man von einem Unreinen abrückt. Nur eines Sonntags war er in Sönnern gewesen, hatte das Dorf abspioniert und dem emeritierten Rektor Tobias Klopps, der stets eine heimliche Freude darin fand, die harten Bauernköpfe gegeneinander auszuspielen und sie wirbelsinnig zu machen, einen Besuch abgestattet. Das war auch alles. Seit Wochen wurde Jaspers zu den Toten geworfen. Keiner sprach mehr von ihm, und wenn es doch einer tat, dann rasselte Jans Stedink entrüstet mit seinem steifen Schurzfell, daß die Unterhaltung unterging wie eine bleierne Ente. Auch heute geschah es. Die Fenster in der Wirtschaft ›Zum fröhlichen Anton‹ standen sperrangelweit geöffnet. Viereckige Stücke tiefblauen Himmels, in denen sich kein Federwölkchen bewegte, standen zwischen den Fensterrahmen. Nur ab und zu hastete eine rasche Schwalbe vorüber oder stimmte ein dickleibiger Brummer seine näselnde Melodie an, mit der er ungeschickt in die Wirtsstube hineintaumelte. Von jenseits der Schmiede kam eine wohltuende Kühle herauf. Pius der Neunte und Bismarck hingen friedlich nebeneinander. Wacholderduft und Tabakskringel umzogen die vergoldeten und jetzt von Fliegenschmutz gesprenkelten Rahmen. Auch heute saß der Rektor außer Dienst auf dem ripsenen Kanapee, einen ›ollen Klaren‹ vor sich und die langen Beine selbstgefällig unter die Tischplatte geschoben. Den zwerghaften Kopf mit dem Entenschnabelgesicht in die klobigen Hände gestützt, bohrte er die stieren Blicke in sein Leibblättchen hinein, das in Dortmund erschien und hinsichtlich seiner vaterländischen Gesinnung zu den minderwertigen Erzeugnissen der engeren Heimat gehörte. Der Inhalt interessierte ihn höchlichst, machte ihn tot für die Außenwelt und ließ ihn achtlos über die anderen Gäste hinwegsehen, die nicht weit von der Anrichte saßen und von diesem und jenem des Längeren und Breiteren erzählten. Ab und zu wurde ein politisches Wort dazwischen geworfen. Dann drehte sich der vermickerte Kopf auf den ungeschlachten Schultern herum, spitzte die Ohren, um gleich darauf den Entenschnabel wieder mit einem überlegenen und verbissenen Lächeln in die knitterigen Blätter der Zeitung zu stecken. Emanuel Wimke führte am Nebentisch das große Wort, kümmerte sich den Henker um den emeritierten Rektor und amüsierte die Gesellschaft damit, allerlei Kunststücke mit Schwefelhölzern zu machen oder einen funkelnagelneuen Taler wie eine Oblate zwischen den spitzen Fingern zu zeigen und ihn spurlos verschwinden zu lassen. Der Kerl war zum Närrischwerden. Selbst Fritze Leppers hielt sich hinter der Anrichte den Buch vor Lachen und spritzte mit seinen viven Schrotkügelchen herum, daß es man so eine Art hatte, obgleich er eigentlich vier Hände haben mußte, seine Gäste ordnungsmäßig zu bedienen. Es ging auf Feierabend. Aus der Stedinkschen Schmiede klang noch immer die Arbeit herüber. Dann eine mächtige Stimme: »Sechs Uhr. Schicht wird gemacht!« – und das wuchtige Hämmern verstummte, als wäre ihm die Zunge aus dem ehernen Leibe herausgeschält worden. Gegen seine Gewohnheit blieb der Rektor dieses Mal sitzen. Eine Notiz des Dortmunder Blättchens schien es ihm angetan zu haben. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen,« ließ sich Wimke vernehmen, indem er ein blankes Geldstück zwischen Daumen und Zeigefinger emporhielt und den Ärmel etwas in die Höhe streifte, »hier diesen preußischen Taler mangier ich mit Kopf und Wappen herunter und zieh' ihn mit Ihrem gütigen Wollbenehmen wieder aus die Nasenlöcher heraus. Wer wettet ein preußisches Kastemännchen dagegen?« Alles riß Nase und Mund auf, während Wimke das Geldstück herumzeigte und es den Zuschauern gewissermaßen mit der Handfertigkeit eines kundigen Taschenspielers anpräsentierte: »Wer wettet dagegen?« »Auf solchen Unsinn zu wetten ...!« klang es höhnisch von der Sofaecke her. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen – woso?« fragte Emanuel Wimke und sprang krötig auf seine fixen Beine. »Weil es Unsinn ist, purer, leibhaftiger Unsinn!« konstatierte der gallige Rektor und schlug dabei mit der flachen Hand auf die Zeitung, daß es knallte und das Glas mit dem ›ollen Klaren‹ umschüttete. »Herr!« unterbrach ihn Wimke, »ich bin ein Sönnener Bürger und Sie man ein Hergelaufener aus Dortmund. Ich bitte Ihnen, uns eingeborene Männer zu respektieren und uns unser Pläsier zu belassen.« »Ach was!« hielt ihm der Rektor entgegen, »Sie mit Ihren dämlichen Redensarten. Hier stehen wichtigere Dinge auf der Tagesordnung, Dinge, von denen Sie keine blasse Ahnung besitzen.« »Was ist denn los?« fragte Leppers und kroch hemdärmlig hinter der Anrichte vor. »Hier!« donnerte der Rektor, falzte die Zeitung zu einem schmalen Streifen zusammen und hielt die also zugerichtete wie ein Billardkö in die Höhe. »Die neuen Reichstagswahlen stehn vor der Tür, und einsichtsvolle Leute haben beschlossen, mir ein Mandat in die Hände zu legen. Ich würde in diesem Falle auch Sönnern vertreten.« »Sie?« fragte Wimke und machte dazu ein Gesicht wie der ungläubige Thomas, dessen Bild, von Ludger tom Rink gemalt, neben der Sakristei in der Kirche von Sönnern hing und vor dem die Kinder jedesmal ein heimliches Lachen bekamen. »Warum nicht?« versetzte der Rektor und erhob sich in seiner ganzen knolligen Schwerfälligkeit. »Es wäre ein Glück für die ganze Umgebung, für Preußen, für Deutschland. Es ist endlich an der Zeit, daß die richtigen Männer auf die richtige Stelle placiert werden. So geht das nicht weiter. Männer mit Haaren auf den Zähnen sind so nötig wie bei denen in Dortmund die Brotschnitten. Ich bin der Mann, ihnen Brot und Freiheit zu geben ...« In diesem Augenblick traten Jans Stedink und Heinrich Tillbeck ins Zimmer, blieben aber sprachlos an der Türe stehen, als sie die Expektorationen des Rektors vernahmen. Dieser ließ sich nicht stören, auch durch Jans Stedink nicht stören, obgleich er es meistens vorzog, ihm ängstlich aus dem Wege zu gehen. Dem zukünftigen Reichstagsabgeordneten geziemte das nicht mehr. Er hatte Farbe zu bekennen – offene und ehrliche Farbe und ohne Ansehn der Person. So harrte er denn auf seinem Posten aus, mit freier Stirn und einer großen Mission unter dem blaugestärkten Chemisettchen. »Gleichheit vor dem Gesetz, das ist meine Maxime,« also fuhr er fort und pfefferte das gefalzte Zeitungsblatt auf die Tischplatte zurück. »Was hat uns Bismarck zu sagen? Was haben uns die blöden Patrioten zu sagen? Was hat uns der ganze Militarismus zu sagen? Was bedeutet das alles? Kaum soviel wie das Schwarze unter meinem Nagel bedeutet. Fortschritt, nur Fortschritt! Aber das klebt, als hätte die verdummte Menschheit Pech an den Schuhen. Ich will nicht, daß die Kohlenbarone und die sonstigen Großtuer in Dortmund allein prosperieren. Ich will nicht, daß der Bauer die Hände in den Hosensack steckt und breitmäulig zusieht, wie ihm sein Ochse das Geld in die Taschen hineinfrißt. Dem muß der Brotkorb höher gehängt werden, damit er endlich begreift, was es heißt, hungern zu müssen. Und die da in Dortmund, die hungern.« »Da kiekt mal!« rief eine fette Stimme herüber. »Sie sind ja ein infames Faktotum von 'nem früheren Lehrer!« »In Ihrem Sinne jawohl, aber nicht im Sinne der Intelligenz. Aber ich will, daß man den Menschen unter Tag, den Menschen mit den leeren Mägen und dem gebrochenen Familienleben nicht in den Arm fällt und ihnen das ›Glückauf‹ in den Mund hineinzwingt. Denen in Berlin werde ich 'ne Laterne aufstecken, aber 'ne helle. Alles muß vor mein Forum: die Menschenschinderei, der aufgespeicherte Grundbesitz, die geknebelten Kunstanschauungen. Ist ein Mensch nicht so viel wert wie der andere? Warum hat die Brinkschulte alles und ich man das Nachsehn? Was ist überhaupt Besitz? Er gehört dir, er gehört mir, er gehört niemandem – nur daß ihn einige haben ...« »Ruhe, man Ruhe!« gebot Jans Stedink und gab seinen Bart frei, den er noch vergessen hatte, aus dem Schurzfell zu knöpfen. »Nein, ich gebe keine Ruhe, absolut keine Ruhe. Ich kämpfe für Gleichheit und Brüderlichkeit, für Kunst und Wissenschaft und werde denen in Berlin beweisen, was sie für 'ne schandmäßige Kunst in gewissen Lokalen und Theatern betreiben. Die schreit ja zum Himmel, die humpelt 'rum wie 'ne alte Großmutter, die sich am Byzantinismus den Magen verkolkt hat und nicht leben und sterben kann. Das sage ich, ich Tobias Klopps, emeritierter Rektor, wohnhaft zu Sönnern.« Ein helles Lachen verschlang seine letzten Worte. »Was kapieren Sie überhaupt von die Künste und Wissenschaften?« fragte Jans Stedink. »Sie verfertigen ja selber Gedichte und Riemsels, daß es ein Ferkel zu jammern vermag. Da ist Emanuel Wimke ein wahrhaftiger König dagegen.« »Ich und keine Gedichte ...?! – Ich, der Mann der Intelligenz und der Bildung ...!« »Ach was mit Ihrer krummnäsigen Bildung! Allerdings, wenn der Herr Pastor die Messe liest, dann fühlen Sie sich und nicken dazu, als wäre Ihnen jedes Wort so geläufig wie'n glatter Aal mang die Finger. Aber ich wette mein Schurzfell dagegen« – und damit ließ er es aufrasseln wie eine alte Franzosentrommel – »daß Sie davon soviel verstehn wie'n gesalzner Hering von's Mausefangen.« »Herr Stedink ...!« »Kein Wort mehr! – Nein, Sie können kein Latein und können keine Riemsels verfertigen. Sie können überhaupt nichts; höchstens verstehn Sie es, konfuse Schädel noch konfuser zu machen.« »Ich will ...« »Sie haben gar nichts zu wollen. Und damit aus!« Er drehte sich dem Wirt und den übrigen Gästen zu: »Tag, die Herrens! Von dem will ich haben; 'nen Wacholder. Um dessentwegen bin ich gekommen.« Hierauf nahm er Platz und winkte Tillbeck zu, sich an seine Seite zu setzen, während der Rektor sich mit einem höhnischen Lächeln in die Sofaecke zurückfallen ließ und aufs neue in seinem Leib- und Magenblättchen studierte. Über das ihm zuteil gewordene Lob ähnelte Wimke einem geschwollenen Laubfrosch, der eine Portion fetter Fliegen eingeschnappt hatte, sprach von neuen Ideen, zeigte ein frisches Kartenkunststückchen und ließ schließlich drei Talerstücke aus der Nase spazieren, eins nach dem andern, drei veritable preußische Talerstücke, daß die Bauern wähnten, Wimke habe einen regelrechten Verbrüderungsbund mit dem Satan geschlossen. Selbst Fritze Leppers versicherte, so etwas wie das Herausschneuzen der Taler noch niemals in seinem Leben gesehen zu haben, schlug sich auf die fetten Schenkel, daß es einen herzhaften Knall gab und ging in seinem Pläsier so weit, eine Lage Bier zum besten zu geben, als die dürre Gestalt des alten Jaspers in einem der Fensterrahmen auftauchte. Der grindige Marabukopf mit den gesunden Raubtierzähnen erschien gerade in Höhe des Sofas, nickte dem Rektor zu und versuchte es, sich über die anderen Gäste zu informieren. »Bitte Entree,« meinte der Rektor, als er den Alten bemerkte. »Wenn es erlaubt ist ...?« »Warum nicht? Man immer 'rein, Jaspers. Hier ist noch Platz genug für propere Leute.« Da aber sprang Jans Stedink mit einem jähen Ruck auf die Beine, umgriff seine Stuhllehne und wandte sich mit einer kurzen Drehung an Leppers. »Hier ist Euer Reich und Euer Tempel, Leppers,« sagte er fest und bestimmt. »Darüber habt Ihr zu verfügen. Um dessentwegen habe ich mich hier um gar nichts zu bekümmern. Tut, was Ihr wollt. Aber wenn der da 'nen Fuß über die Schwelle setzt, dann habe ich im ›Fröhlichen Anton‹ zum letztenmal 'nen Wacholder getrunken.« »Das wäre noch schöner ...!« Da stand der Herr Rektor Tobias Klopps in seiner ganzen fadenscheinigen Größe und seiner aufgeblasenen Unwissenheit und ließ seine Kauwerkzeuge gegeneinander spielen. »Das ist Tusch!« trat er Jans Stedink entgegen. »Wie können Sie sich unterfangen, einem friedfertigen Bürger, der zudem noch durch mich, den zukünftigen Mandatsträger, invitiert wurde, das Lokal zu verbieten?« »Weil der Mann nicht in den ›Fröhlichen Anton‹ gehört, wenigstens solange nicht gehört, als anständige Menschen sich hier ihren Wacholder genehmigen.« »Warum nicht gehört?« »Weil's mir nicht paßt. Im übrigen bin ich keinem Rechenschaft schuldig.« Das Schurzfell rasselte auf: »Ich heiße Jans Stedink und lasse mir von keinem Vorschriftens machen. Und wenn ich dennoch rede, so tu ich's man im Hinblick auf meinen Freund Fritze Leppers, um mir zu entschuldigen, wenn ich und meine Bekannten Leine ziehen und anderwärts Feierabend machen.« Der schwarze, seidenhaarige Bart legte sich in zwei mächtige Hälften. Jans Stedink fuhr daran herunter und zwirbelte die Enden mit Daumen und Zeigefinger zusammen. »Per primus,« sagte er würdig. »Mir kann keiner zumuten, mit 'nem Mann unter ein und demselben Balken zu sitzen, der gewissermaßen unter dem Henkerbeil des Gesetzes lebt und nur weiter 'rumvegetiert, weil er durch das Loch der Verjährung hindurch geflutscht ist.« »Leere Ausflüchte, schandbare Vermutungen!« ereiferte sich der vierschrötige Rektor, gestikulierte mit seinem Taschentuch und ließ die flache Hand auf den Tisch fallen. »Beweise, Beweise ...! Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, wenn auch 'ne Jugend mit 'nem babylonischen Vollbart ...« »Herr, ich bitte mir aus, meinen Vollbart in Ruhe zu lassen, wenn er nicht vorzieht, seine eigenen Backenzähne schlucken zu müssen.« »Ich wollte nur sagen: War einer dabei? Hat einer mit leiblichen Augen gesehn? Sie etwa? Jemand im Dorf? Ich nicht. Und da kommt so einer daher und schneidet einem Förderer der bürgerlichen und geistigen Freiheit die honorigen Knöpfe von seinem Ehrenkleide herunter. Das muß vor den Reichstag, das muß die Volksvertretung brandmarken. Ich werde, ich werde ...« Jans Stedink lächelte und hörte über die Kloppssche Drohung hinweg, wie ein Stocktauber über eine Brandglocke hinweghört. »Zum andern!« fuhr er dann fort. »Wer hat die armen Bergmannsleute aufgestachelt und ihnen brennenden Schwamm unter den Hintern gepfeffert, daß sie unbewußt in die blanken Bajonetters hineinmußten? – Wer hat Dörte und den braven Zechendores auf dem Gewissen? – Etwa die Dreizehner aus Münster? Keine blasse Idee. Die sind nur Mittelsleute gewesen. Aber die Kerls sind's gewesen vom Schlage des Mordiobrenners, die hier noch ihren angestammten Advokaten finden ... Um dessentwegen haben die Dortmunder Bergmannsleute alle viere gen Himmel gestreckt oder sind in die Käsemessers gelaufen, anstatt sich an Gesetz und Ordnung zu wenden.« »Dann wären sie längst verhungert. Und darum sage ich mit Fug und Recht, ich, der Mann, der vermöge seiner Intelligenz turmhoch über Sie steht: Herr Jaspers ist ein Apostel der Freiheit!« »Ein netter Apostel!« Die Stimme Jans Stedinks donnerte: »Das ist ja um Hundekuchen zu fressen ...!« – und das harte Schurzfell fiel rasselnd dazwischen – »das ist ja ...« Er besann sich anders. Er wollte dem Rektor die Ehre nicht antun. Er hatte lediglich mit Fritze Leppers und den vernünftigen Gästen zu reden. »Zum letzten! – Wer will mit 'nem Menschen was zu tun haben, den selbst die Vereinigten Staaten nicht wollen? Ich nicht, keiner von uns, auch die Brinkschulte nicht! – und nu kommt dieser Musjö mit seinem bankrotten Menschen von die Indianers retour und will sich wichtig machen im ›Fröhlichen Anton‹ und will sich als Ohm der Brinkschulte aufspielen, und will ihr mit seiner toten, grindigen Hand an die Kehle, und will ihr sagen: Dein Gut ist mein Gut; heraus mit dem Erbteil...« Ein helles Lachen unterbrach ihn. Der Rektor hatte gelacht, der jetzt seine Zähne aufeinanderwetzte, als müsse er den Sprecher zerschroten. »Immer noch besser,« fuhr er dazwischen, »als wenn er auf der faulen Haut läge und sich sein gutes Geld aus der Hand spielen ließe. Wir wissen ja alle, was das sogenannte Anerbenrecht für ein antiquiertes, liederliches Recht ist. Es ist überhaupt kein Recht. Es ist eine Familienraufe, bei dem einer vor Überfluß berstet, während der nächste sich zufrieden geben muß, die mistigen Strohhalme unter seinen Füßen zu fressen. Da kann nur Selbsthilfe zum Ziele führen. Und ich frage jeden denkenden Menschen: Wer ist höher einzuschätzen, derjenige, der als Verwandter des Hauses, also als leibhaftiger Bruder des Vorbesitzers, alles in Bewegung setzt, sein ihm von Gott verbrieftes Recht zu vertreten und durchzufechten, als der, der gewissermaßen als ein von der Senne Gelaufener, als Habenichts und landfremder Mann sich unterfängt, Haus und Hof und Weib anzuschleichen, um alles in seine Tasche zu stecken? Ich meine, da ist der erste doch besser.« »Hoho!« rief Jans Stedink und sah jeden einzelnen an und wurde wie einer, dem das Entsetzen auf die Schulter klopfte, und sagte: »Mein Sohn, du hast in dieser Sache nichts mehr zu reden; jetzt muß ein anderer sprechen.« Er meinte denn auch: »Nu bin ich fertig mit dem da, nu habe ich mich verdefendiert vor dem Besitzer des ›Fröhlichen Anton‹, warum ich nicht bleiben kann, wenn der alte Jaspers seine Beine hier unter den Tisch stellt. Das alles wißt Ihr jetzt,« und mit fürchterlichem Ernst wandte er sich an Heinrich Tillbeck, knüpfte bedachtsam einen Knoten in seinen Vollbart und sagte: »Tillbeck, ich habe gesprochen. Was nu erfolgen soll, das ist andermanns Sache. Ich würde ein Unrecht begehn, wollte ich's auf meinen Acker verpflanzen. Das steht mir nicht an. Da bin ich denn doch nicht der Kerl dazu. In diesem Augenblick nicht, in diesem Momang nicht. Tillbeck –« und seine Stimme nahm einen sonoren, feierlichen Klang an – »Tillbeck, jetzt ist die weitere Arbeit an deine Adresse gekommen.« »Bravo!« riefen Wimke und Leppers. Alle sahen auf den Angesprochenen. Aber da stand Heinrich Tillbeck schon – dem Rektor direkt gegenüber – wie aus Erz geschweißt – mit eisernem Gesicht – ruhig wie er geblieben war, als die blauen Husaren auf französischer Erde die Attacke anbliesen. Auf seinen Zügen lag der entschlossene Wille, den andern niederzuschlagen. Und dennoch beherrschte er sich. Ein Blutstropfen lag auf der Unterlippe, in die er die Zähne gebissen. Langsam kam er ins Fließen. »Also ich bin der hergelaufene Kerl, der Habenichts, der landfremde Mann, von dem Ihr vorhin geredet?« Jedes Wort war wie auf dem Amboß geschmiedet, zielbewußt und ohne jede Erregung; aber es war heiß und von glühenden Funken durchzittert. Der Rektor drehte den Tisch gegen Tillbeck. Hinter dieser Verschanzung fühlte er sich sicher. »Jawohl,« sagte er denn auch, »ich bin nicht gesonnen, mein Wort zu den Akten zu legen. Das steht einem zukünftigen Mandatsträger nicht zu. Und daher: wer fragt, der hat sich schon selber die Antwort gegeben.« »Den ›Habenichts‹,« sagte Tillbeck mit derselben Gelassenheit von eben, »lasse ich Euch hingehn, obgleich ich reiche und gesunde Kraft in den Knochen besitze; auch den ›hergelaufenen Mann‹, obschon ich mich auf westfälischem Boden zu Hause weiß – aber das mit der Brinkschulte...!« Mit einem Sprung war er bei ihm. »Mensch, du infamer! – das mit der Brinkschulte steht denn doch auf einem besonderen Brett verzeichnet. Da wird meiner persönlichen Ehre das Totenhemd angezogen. Aber ich laß es ihr nicht anziehn. Von keinem, auch von Euch nicht, selbst wenn Ihr zehn Reichstagsmandate besäßet« – und er lachte bitter auf, aber in dieser Bitternis saß Haß und Verachtung – »und ich sollte der Mann sein, der sich an die Brinkschulte heranschleicht – an ihren Leib, an ihr Hab und Eigen heranschleicht...?! – ich, Heinrich Tillbeck von der Paderbörnschen Senne...?!« Seine Stimme kam langsam ins Rollen. Der Rektor verfärbte sich. »Was ich gesagt hab',« meinte er kleinlaut, »versteht sich alles unter einer gewissen Reserve.« »Jetzt keine Ausflüchte mehr! – Gesagt ist gesagt. Jetzt werden keine Beleidigungen mehr heruntergefressen. Jetzt nicht – das hättet Ihr früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu spät. And das mit der Brinkschulte...! – Die Frau steht zu hoch, als daß man sich an sie heranschleichen könnte, und Ihr steht zu niedrig, als daß Ihr sie beleidigen könntet. Aber hier steht der Habenichts, der landfremde Mann – und dem habt Ihr die Beleidigung direkt zwischen die Zähne gehauen. Und ich weiß, was er wert ist. Das hat er erfahren in der Kraft seiner Arbeit und da, als er seinem angeschossenen Rittmeister den Säbelhieb eines Chasseurs d'Afrique ersparte... und so was vergißt man nie mehr im Leben. So was gibt Selbstbewußtsein und Ehre.« Spielende Flämmchen wetterleuchteten aus seinem sonnverbrannten Gesicht. »Und nun wagt so ein verfluchtiger Rektor...« Ein stählerner Arm streckte sich aus – und daran saß eine stählerne Faust ... und die packte zu ... »Seht euch diesen an ...!« Wie von einer Zange gefaßt, fühlte sich der Rektor aus seiner Verschanzung gezogen und den Gästen anpräsentiert. Wie er sich auch sträuben und verteidigen mochte, es half ihm nichts. Die Siegfriedgestalt faßte zu ehern. »Kinder!« rief Tillbeck, »seht euch den Mann an – den Volksbeglücker – den Kerl, der immerzu nickt, wenn der Pastor ein lateinisches Wort von sich gibt, der die Kunst für sich allein in Kauf und Pachtung genommen hat ... zu erbärmlich, ihn rechts und links um die Ohren zu knallen, zu schad' für die Hand, ihn am Kragen zu halten, zu nichtswürdig, sich weiter mit ihm zu beschäftigen, aber auch zu elend, ihn hier zwischen anständigen Leuten im ›Fröhlichen Anton‹ zu lassen ... Wo der da hingehört, der andere, der Kompagnon an Leib und Seele von ihm, der alte Jaspers: Mensch, da gehörst auch du hin! – 'raus mit dir zu deinem Gesinnungsgenossen!« Ein mächtiger Griff, und Tobias Klopps schwebte zwischen Diele und Decke – und dann: in sachtem Schwunge sah er sich durchs Fenster auf die Straße geschoben. Hut und Stock stolperten unter freudigem Zuruf der Tafelrunde hinter ihm her. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen,« rief Wimke, »allerhand Achtung!« »Bravo, bravo ...!« stürmte es auf Tillbeck ein. Alle umringten ihn, alle gaben ihm die Hand. Wie eine Erlösung ging es durch die Wirtsstube des ›Fröhlichen Anton‹. »Tillbeck, auf ein Wort,« sagte Jans Stedink und führte ihn still auf die Seite. »Das brauchen die andern nicht zu wissen,« sagte er tief aus der Brust heraus, »wenigstens jetzt nicht. Aber dir muß ich es sagen, denn nu weiß ich es, und es steht fest bei mir wie das Wort Gottes und die Ruhe am Tabernakel. Ich spreche dich als den richtigen Kerl an. Ich hab' keine Angst um dich. Tillbeck, greif zu« – und die Hand des Schmiedemeisters legte sich ihm schwer auf die Schulter – »von heute an kannst du den Brinkschultenhof in eigene Regie übernehmen.« Vierzehntes Kapitel Auf dem Brinkschultenhof erschauern die Blätter unter dem Odem des Spätsommertages. Etwas Unausgesprochenes hängt in der Luft, klammert sich mit Fieberhänden an und kann nicht herunterkommen. Wo die Sonne sonst ihren Weg nimmt, zieht eine rußige Milchscheibe vorüber, die mit ihrem verwaschenen Licht nichts anzufangen weiß und sich vergeblich abmüht, die quirligen Schwaden tiefer zu drücken. Keines Vogels Stimme erschallt, keines Menschen Ruf läßt sich hören. Selbst das Laub verliert sein Flüstern. Mäuschenstill hängt es an den ruhigen Zweigen; nur von Zeit zu Zeit wendet es sich auf die andere Seite. Der bläuliche Rauch der Kartoffelfeuer kriecht matt und träge am Boden hin. Er hat nicht Kraft genug, das qualmige Fähnchen zielbewußter und höher zu tragen. Über dem Düstermoor steht es unbeweglich, wie angenagelte Bretter. Es kann nicht rückwärts noch vorwärts und tut so, als müsse es dort für die Ewigkeit stehen. Kein Leuchten ist in ihm; keine Stimme murrt bedrohlich in den niederhängenden Streifen. Nur ein großer Vogel gleitet mit gebreiteten Schwingen über das stickige Sumpfwasser und die aufgebauten Torfhügel, die wie zusammengekauerte und schwarzgekleidete Weiber den Hellweg entlang hocken. Unter ihm zerplatzen vereinzelte Wasserblasen – fast lautlos, nur von einem feinen Gurgeln begleitet. Das Düstermoor brütet unter dem kränklichen Licht der langsam weiterziehenden Milchscheibe. Und alles so unheimlich still, so verlassen und einsam! – Es mochte auf vier gehn. Wie bei einer Sonnenfinsternis – also wunderlich und seltsam lag es zwischen Himmel und Erde. Mit zagen Füßen ging die Einsamkeit durch die dunstige Schwüle. Es war nicht eigentlich dunkel, und doch war es so, als sollte alles Licht von hinnen genommen werden. Es hätte Abend sein können, so schien es, obgleich die Sonne noch lange keine Anstalten machte, unterzugehen. Mit blinden Augen sah der Tag in die Häuser der Menschen hinein und ließ keine fröhlichen Sinne aufkommen. Auch die auf dem Brinkschultenhof waren nicht fröhlich. »Bei dem Wetter auch!« sagte der alte Brügelmann und sah bedenklich über die vorgeschobene Hand fort, »da kann ja einer dösig bei werden,« ließ die Hand wieder herunter und trieb gemächlich der Asbecker Scheid zu, wo die schnurgeraden Furchen noch unverändert lagen, die Heinrich Tillbeck vor wenigen Wochen in den fetten Acker hineingepflügt hatte. Hier begegnete ihm Emanuel Wimke, leidlich aufgeräumt und mit einem Lächeln um die rasierten Lippen, das halb an Theaterschminke und halb an Rindspomade erinnerte. Der Kerl sah verboten aus, ein Poseur mit durchlöcherten Glacehandschuhen, ein Aufschneider in Duodezausgabe, ein aufdringlicher Poltron und Allesfresser, der sich gleich darauf eine rührsame Träne mit gekrümmtem Zeigefinger aus dem Auge wischen konnte, um sie wie Seifenschaum in irgendeine verlorene Ecke zu schlenkern. Im verschossenen Überrock, den Hut im Nacken und ein abgegriffenes Lederbesteck zwischen Rock und Weste geschoben, trat er an den Alten heran, zwinkerte mit dem linken Auge und meinte mit einer närrischen Pose, die gleichzeitig einem trostlosen Leichenbitter und einem fidelen Schmierendirektor angehören konnte: »Tag, Herr Brügelmann! Darf ich mich nach Ihrem gütigen Wollbenehmen erkundigen?« »Merci, und Euer Befinden?« »Danke, es geht ja.« »Und was bringt Euch nach der Asbecker Scheid?« »Die Asbecker Scheid ist mir schnuppe.« »Also noch weiter?« »Zu dienen, jawoll. Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen, ich will nach dem Hof machen.« »So, so!« meinte der Alte, »also von wegen ...« »Stimmt,« sagte Wimke, »von wegen die Operatschon. Zwei Bullen auf einmal ...« Dabei griff er zwischen Rock und Weste und hielt das Lederbesteck, in welchem etliche blanke Messerchen staken, wichtig und geziert in die Höhe, gerade so, als wenn er damit andeuten wollte: Brügelmann, hier, zwischen den Falten dieses unscheinbaren Etuis, liegt das Alpha und das Omega meiner Kunst und meines tiefgründigen Wissens. Also Respekt vor mir, wenn ich bitten darf. Das sah Brügelmann auch ein und blickte mit einer gewissen Ehrfurcht und Scheu auf das geheimnisvolle Besteck, das langsam versenkt wurde. Wimke trat näher: »Und dann, Brügelmann – mit Ihrem Wollbenehmen, die Operatschon tut es allein nicht; auch die Brinkschulte ...« Mit umständlichem Wesen und selbstgefälliger Großtuerei flüsterte er ihm eine ellenlange Litanei zu. Als er damit fertig war, prallte der Alte zurück. »Ihr seid wohl verrückt!« sagte dieser mit aufgerissenem Mund. Wimke blieb ruhig, so ruhig wie die wolligen Nebelschwaden, die dick und kleberig über dem Moor und dem Hellweg lagen. »Nee!« sagte er so gelassen wie möglich, »wenn ich verrückt bin, dann finde ich auch Ihnen verrückt und die Hammels, die jetzt um Ihnen spazieren gehn.« »Aber das mit dem Hinrich Tillbeck ...!« versetzte der Alte, immer noch aus allen Wolken gefallen. Wimke blieb ruhig, aber seine Ruhe hatte etwas Gravitätisches an sich. Sie erinnerte an die pompöse Talmiruhe eines glattrasierten Komödianten, der auf einen wackeligen Binsenstuhl zeigt, etliche Freiübungen mit den Augäpfeln macht und dann in die pompösen Worte ausbricht: »Es sei denn – gut. Ihr zwingt mich ja dazu; Reicht mir den Purpur und das Zepter auch – Auf diesen Thron von England will ich steigen.« Ähnlich Emanuel Winke. »Brügelmann,« also begann er, »was ein richtiger Balbierer ist – und ich bin so frei und zähle mir dazu – der ist hellsichtiger und weiß mehr als Sie und Jans Stedink und die übrigen Kerle. Und daher sage ich Ihnen, Sie werden Dinge erleben, von denen Sie keine entfernte Ahnung besitzen. Das mit die abermalige Rebellion, von der Simmchen und sein Vetter Zodik immerzu die Backen vollnehmen, ist purer Kappes, obgleich der alte Jaspers jetzt öfters von Dortmund nach Sönnern macht und mit allerhand Knallerbsen herumschmeißt. Indessen jedoch – das mit Hinrich Tillbeck und der Brinkschulte ist nicht unter den puren Kappes zu rechnen. Und deshalb bin ich schon in mir gegangen, um die richtige Invitierung zu kriegen. Hier befindet sich schon alles im Kopfe. Sie werden noch von mir hören, Brügelmann.« Der Alte sah ihn verweht und ungläubig an. »Ihr wollt also sagen,« fragte er fahrig vor sich hin, »daß sich zwischen dem Schmiedehinrich und der Madam etwas anspintisiert?« »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen – jawoll,« sagte Wimke, »aber ich bitte gehorsamst: vor der Hand noch Pst!« »Mensch!« rief der alte Brügelmann. Mit Mittel- und Zeigefinger fuhr er sich zwischen Kragen und Bartfräse, als läge ihm eine schnürende Faust an der Kehle. In den ausgebleichten Augen begann es zu leuchten. Glühende Köhlchen krochen aus der Tiefe vor. »Mensch!« rief er nochmals, »laßt mir die Madam zufrieden.« Seine Hand streckte sich: »Der Heidemann steigt. Dort sitzt er im Torfmoor und quiemt und häkelt sich um Bast und Borke. Wer lügt, dem springt er ins Genick und dreht ihm den Hals um.« »Ach was, dummes Zeug.« »Wimke ...!« Die lederbraune Hand hob sich aufwärts. »Ich sage Ihnen nochmals ...« entgegnete Emanuel Wimke. Der Alte ließ sich nicht beirren: »Wimke, der Heidemann steigt ...!« Gleich schartigen Posaunenstößen lief seine Stimme über die geschorenen Ackerfelder. »Denn nicht,« sagte Wimke und legte dem Alten die Hand begütigend auf den leinenen Kittel. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen, wir Balbierer haben schon die richtige Meinung. Alles kommt an das Licht des allsehenden Tages. Auch dieses. Sie werden sehn: die Madam und Hinrich Tillbeck ... Das Gedicht ist schon fix und fertig, das heißt, erst im Verstand, noch nicht so aus dem Handgelenk heraus, wie wir Gedichtemachers uns auszudrücken die Gewohnheit besitzen. Aber Sie werden staunen, Brügelmann. Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen, doppelt gereimt: vorne und hinten. Das ist nicht jedermanns Sache. Es gibt viele Balbierer, aber nur einen Emanuel Wimke aus Sönnern. So etwas kann selbst der Herr Rektor Klopps nicht verfertigen. – Ich! Leben Sie Wohl, Brügelmann.« Damit zog er den Kopf ein und trollte auf die unbewegliche Wand zu, die immer bedrohlicher in den Himmel hineinwuchs. Er sah nicht mehr um. Er wollte von dem unheimlichen Schäfer nichts mehr hören und sehen. Nur noch einmal lief es wie ein schartiges Posaunenklingen hinter ihm her: »Wimke, der Heidemann steigt ...!« Dann hörte er nichts mehr. Auch der Brinkschultenhof nicht. Außerdem – der konnte kaum etwas hören. Fast alle verfügbaren Kräfte waren im Düstermoor, um die während der heißen Sommermonate aufgestapelten Torfkuchen unter Dach und Fach zu bringen. Mit fünf Gespannen arbeitete Ignaz Greving zwischen den Moorstichen und den Liegeplätzen im benachbarten Vorwerk. Eile tat not, denn er setzte alles daran, die einzelnen Frachten noch vor Abend trocken zu stellen. Von Zeit zu Zeit sah er nach der Windrichtung. Das da droben gefiel ihm nicht; auch das stickige Sumpfwasser nicht, das fortwährend weitbauchige Blasen aufwarf, die mit leisem Glucksen an der Oberfläche zerplatzten. Ignaz Greving hatte seine eigenen Gedanken. – Nein, die auf dem Brinkschultenhof konnten kaum etwas hören. Nur etliche Scheuermägde und Ochsenknechte waren zurückgeblieben. Sie hatten vollauf in den Ställen zu schaffen, die Streu zu richten und die Melkeimer blank zu machen. Aber wie es so kam, die Arbeit wollte so recht nicht. Das dumpfige Wetter saß auch ihnen in den Knochen und machte sie schläferig. Fast jede Verbindung zwischen dem Herrenhaus und den Wirtschaftsgebäuden war aufgehoben. Juffer Eli hatte heute ihren Tag auf dem Brinkschultenhof. Sie thronte mitten in der geräumigen Küchenhalle zwischen einem Meer von Leinenzeug, das sich wellenartig gegen sie anbauschte. Sie war nicht besonders aufgeräumt, denn fast eine Stunde hindurch hatte sie mit einem ekelhaften Schlickser zu schaffen. Die Herrin saß bei ihr. Auch sie hatte Weißzeug im Schoß, feierte aber und sah verträumt über die Scheunendächer fort, hinter denen sich die rauchige Wetterwand emporhob, ohne Anstalten zu machen, den Vormarsch anzutreten. Die Tür zur Diele stand offen. Ein fahles Licht gespensterte dort zwischen den Balkenträgern herum, ohne eine wirkliche Helle zu schaffen. Schatten gingen dort auf und nieder, und aus diesen Schatten heraus ließ sich mattes Hufgestampf und das verlorene Klingeln von Halfterketten vernehmen. »Whipp!« machte Juffer Eli, erhob sich und trat mit weichen Schuhen an den Herd, auf dem noch einige Flämmchen unter einem Wasserkessel züngelten. Mit schmalen Fingern griff sie in die Seitentasche, holte ein Schnupftabaksdöschen heraus und verkrümelte eine Portion Spaniol über die angewärmte Herdplatte. Mit weiten Nüstern sog sie den aufsteigenden Duft ein. »Was treibt Ihr da?« fragte die Brinkschulte. »Whipp!« machte die Juffer. »Es ist nur von wegen des infamigen Schlicksers – und dann: es riecht so lecker nach Mannsleut. Wissen Sie, das ist mir immer bekömmlich im Leben gewesen, so 'ne alte Gewohnheit von mir, denn der Geruch läßt mich so lieblich an Jans Sandhage denken.« »So!« meinte die Brinkschulte mit einem weltfremden Lächeln, drückte sich in den Korbsessel zurück und legte die Hände zusammen, während Eli wieder ihren Platz einnahm, nach Nadel und Zwirn langte und einen neuen Faden einwechselte. »Könnt Ihr noch sehn?« fragte die Brinkschulte. »Man ganz miserabel. Das ist ja gerade wie damals, zuzeiten unseres lieben Herrn Jesus auf dem Berge Golgatha, als sich der Himmel verfinsterte und der Vorhang des Tempels mitten entzwei riß.« Eli beugte sich vor, um besser sehen zu können. »Um Gott nicht!« meinte sie ängstlich, »da steht ja ein Wetter überm Hellweg – und schwelt wie 'n Kartoffelfeuer – und streckt fünf Finger gegen den Brinkschultenhof. So 'ne fünf Finger ...!« Feierlich spreizte sie die rechte Hand, um sie wieder einzuziehen und in den Schoß fallen zu lassen. »Mein Gott!« sagte die Brinkschulte und wurde unruhig, »da ist ja wohl Ignaz mit den Gespannen noch draußen. Das wär' ja entsetzlich, wenn das da über ihn käme!« Juffer Eli sicherte ins Wetter. Dann sagte sie ruhig: »Das hat noch Zeit, Brinkschulte. Whipp! – Das läuft nicht so schnell – das steht da wie 'ne alte Kirschholzkommode und kann den richtigen Dreh noch nicht finden. Das kommt nicht vor Abend herüber. Gut Ding will Weile haben! – aber meine Augen – whipp! – die sind übersichtig geworden.« »Dann kann Dörte Licht bringen,« sagte die Brinkschulte und rief über die Schulter: »Dörte! – Dörte!« Aber keine Antwort erfolgte, nicht von der Kammer her, nicht von der Diele her. Drei Minuten vergingen, drei lange, endlose Minuten, und noch immer nichts von Dörte zu sehen. »Jeja!« meinte schließlich Juffer Eli, wobei so ein paar recht verschlagene Fältchen um ihre Nasenflügel spielten, »whipp! – das sah ich kommen. Die ist taub wie 'ne Walnuß. Erst 'rumkarriolt in Hecken und Hägen, sich veramüsiert auf die Tanzböden, im Düstern herumgewuschert – und nun duselt und döst das.« Die Brinkschulte warf ihr einen harten Blick zu: »Ihr solltet barmherzig sein, Eli; der Zechentheodor ist ja kaum unter der Erde.« »Alles schon richtig; aber haltet die Augen auf. So was läßt sich nicht unterkriegen. Das wartet nicht lange; das kutschiert mit vieren einher und brennt wie Fixfeuer. Aber da es noch Zeit ist, so ist meine unmaßgebliche Meinung: tut sie anderweitig in Beköstigung, selbstverständlich nobel und anständig, sonst gibt's noch was auf dem Brinkschultenhofe zu wiegen.« »Aber, Eli! – ein unvernünftiges Vieh läßt man im Stall, und so ein armseliges Menschenkind sollte man ausklinken und sagen: Hier ist kein Raum mehr für dich; kannst dich anderweitig benehmen?!« und wieder rief sie: »Dörte, Dörte!« »Jeja!« machte Juffer Eli und gab ihrem Oberkörper eine wiegende, sanfte Bewegung, »es ist ja auch nur meine unmaßgebliche Meinung, wie ich vorhin schon sagte. Da muß jeder selber wissen, was er zu tun hat. Was dem einen bekömmlich ist, ist dem andern noch lang nicht bekömmlich. Ein Mannsmensch kann sich alles erlauben. Da kräht kein Hahn nach, und kein Huhn gackert danach. Ein reputierliches Mädchen hingegen muß auf alles gefaßt sein. Das ist einmal so im menschlichen Leben. Da heißt das: Halte dich proper, oder der Skandal schlägt dir rechts und links um die Ohren. Mit verliebten Nasenlöchern kommt man nicht durch, wenigstens allein nicht. Da gehört noch der Herr Pastor und der Goldschmied dazu. Fehlen die, dann ist die Sache man power. Whipp! – mehr als power, und daher: ich für meine Person würde sie nicht in Kost und Wohnung behalten. Man muß die Dekoration bewahren. Das will nu mal die allgemeine Turnüre. Was hätte die Welt dazu gesagt, wäre ich vorzeitig mit die verliebten Nasenlöcher gekommen? Theophil Schentuleit war doch ein leckeres Kerlchen; aber nicht rühr' an die Sache, von Jans Sandhage überhaupt nicht zu reden – whipp! – überhaupt nicht zu reden ...« Ihr Mundwerk glich einem endlosen Faden, und sie hätte diesen Faden noch weiter ausgedreht, wäre Dörte nicht erschienen, rank und schlank wie früher und in ihrem halbgeöffneten Leibchen, aus dem ein kleiner Teil ihres milchweißen Fleisches hervorsah. Aber sie schien bedrückt, und in ihren Augen standen heimliche Tränen. »Woher?« fragte die Brinkschulte. »Aus dem Kuhstall; hab' Kleie gerührt, um Tränke zu machen.« »Ist Wimke noch da?« »Mit die Ochsenknechte bei die Jungstiere.« »Wenn sie fertig sind, soll Wimke noch vorsprechen.« »Will's bestellen, Madam.« »Aber vorher Licht anmachen; Eli kann den Tag nicht mehr finden.« Da ging Dörte, um das Verlangte zu holen. Als sie bald darauf die brennende Lampe auf den Tisch stellte, war es wie ein Stürmen in ihrer jungen, harten Brust, und heiße Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Brinkschulte sah es. »Was gibt's denn?« fragte sie hastig. »Nichts,« gab Dörte zur Antwort und wollte mit ihrer noch immer schönen Gestalt wieder zur Türe. Aber in ihrem weißen Gesicht stand eine große Todesmattigkeit. »Komm mal her,« sagte die Brinkschulte und ergriff die Hand des verschüchterten Mädchens. »Du mußt den Kopf oben behalten und nicht in der Trauer ersticken wollen. Der Zechentheodor kann nicht mehr wirken; für dich nicht mehr und für das andere nicht mehr, was noch keine Luft atmet und noch nicht mit Händchen greifen kann. Dafür bist du nun an die Reihe gekommen, und darum mußt du mit deinem Leid und Elend nicht ganz auseinander. Sorge dich nicht um die Zukunft, wenigstens jetzt nicht, für die nächsten Monate nicht. Du kommst schon nicht um; es wird dir auch nicht gesagt werden: Gehe vor andermanns Tür und setze deine Füße unter andermanns Tafel. So was ist hier und bei den Sattelmeiern niemals Mode gewesen. Wenn es auf mich regnet, dann tröpfelt's auf dich, oder anders gesagt: Wenn für mich die Kornfelder wachsen, dann sollen auch dir die Brotschnitten nicht verwehrt sein. Du bleibst eben bei mir und zwischen meinen vier Pfählen, und wenn es soweit ist, dann soll die Marieke Maraunke alles besorgen – alles. Das lasse dir gesagt sein, und was die Brinkschulte einmal gesagt und versprochen hat ...« Sie fuhr sich mit der Hand über die Schläfen, gleichsam um eine alte Erinnerung niederzuzwingen. »Du verstehst mich doch, Dörte?« »Ach, Brinkschulte...!« Und da lag auch schon das arme Ding zu Füßen ihrer Herrin und berührte die umklammerten Hände mit heißen Lippen und in tiefer Bewegung. Sie konnte nicht sprechen, aber es war so, als stände das Herzeleid neben Juffer Eli und sähe sie an und spräche: »Eli, wenn du kannst, so stoße sie von dir. Ja – stoße sie von dir.« Und sie tat es nicht. Dörte aber schluchzte und schluchzte. »Es ist gut,« sagte die Brinkschulte. Mit zarten, schlanken Fingern glitt sie über den blonden Scheitel der vor ihr Knienden. »Nun geh man. Kein Haar soll dir gekrümmt werden, dir nicht und dem nicht, was dem Leben entgegen will. Jeder ist nicht Herr über sein heißes Blut, und die Frühlingsabende sind in diesem Jahr so lau und dunkel gewesen. Nun geh man, und dann, wenn es mit den Jungstieren soweit ist: Wimke soll kommen.« Da hob sich Dörte auf, in sich gefestigt und mit freierem Nacken, und ging ihres Weges – über die Diele und von hier über den Hof, wo das Laub an den Eichenbäumen wieder zu rauschen begann und wunderliche Dinge erzählte. Juffer Eli hatte sich erhoben. Sprachlos und mit wehen Gedanken verfolgte sie den Weg, den Dörte gegangen war. Sie stand mit sich in schwerem Kampfe und wußte nicht, wie sie den Augenblick ansprechen sollte. Es war eine tiefe Stille geworden, die nur von dem Säuseln des Laubes unterbrochen wurde, das sich bald von der linken Seite auf die rechte Seite bewegte, bald von der rechten zur linken, um dann wieder träge und faul an den Zweigen zu hängen. Ab und zu zirpte die Lampe dazwischen, fein und wie unter einem Schirtingvorhang heraus, ähnlich dem Zirpen einer verspäteten Grille, wenn die Welt schlafen möchte und die ersten Sterne aufblinzeln wollen. In dieser Stille und dem geheimnisvollen Zirpen stand Juffer Eli und sah noch immer in das wachsende Dunkel hinein, das von der Diele her langsam, aber stetig vorrückte. Allein Dörte erschien nicht wieder. Da kam es über Eli wie eine Selbstanklage. »Brinkschulte,« sagte sie schmerzlich, »das von eben ... Brinkschulte, das ist mir von so ungefähr zwischen die Zähne gekommen; denn wie Ihr so mit Dörte spracht, so von dem heißen, unruhigen Blut und den warmen Frühlingsabenden, die nicht hell werden wollen ...« Die Rührung übermannte sie. Das Weinen war ihr nah. »Brinkschulte,« sagte sie schluchzend, »das, was ich über sie gesagt hab', das kann ich jetzt nicht mehr für voll estimieren. Und wenn wir uns nicht mehr wiedersehn sollten im Leben – ich und Dörte nicht ... Brinkschulte, man kann alles nicht wissen ... Da muß ich ja ... da muß ich das von soeben doch reparieren, denn ich war ganz niederträchtig. Und wenn sie auch selber nichts gehört hat – ich kann mir nicht helfen: meine eigenen Gedanken brennen mir ein Loch in die Seele ... und unhonorig bin ich niemals gewesen.« Damit wollte sie hinter Dörte her, ganz auseinander und mit einer großen Portion Selbstanklagen auf dem Herzen; allein die Brinkschulte hielt sie zurück. »Eli,« sagte sie bestimmt, »das hat jetzt keinen Zweck. Ihr würdet mehr verderben als gut machen. Aber es freut mich, daß Ihr noch immer Euren guten Engel bei Euch habt. Soeben ist er an Eure Seite getreten. And das mit Dörte ... später vielleicht. Es braucht nicht heute und morgen zu sein. Ihr findet sie immer. Und wenn Ihr sie findet, dann sagt ihr ein gutes Wort, das macht ihr die Tage sonniger und die Arbeit bequemer.« »So soll's denn auch sein,« meinte Eli, tupfte sich mit dem Taschentuch gegen die Augen und placierte sich wieder zwischen ihr Leinenzeug, das sich feierlich aufbauschte und ganz unaufdringlich in das Zirpen der Lampe hineinknisterte. »Ich kann mir nicht helfen,« fuhr sie leise fort, und es glich einem scheuen Echo, das von ihren Lippen kam, »aber, Brinkschulte, Ihr gehört zu denen, die man nicht auskennt, so groß und doch so absonderlich. Und was Ihr vorhin erzähltet, dabei ist mir fast die Luft vergangen – und daher: es wird schon seine Richtigkeit haben.« Damit beugte sie sich vor, rückte am Lampenzylinder und stocherte den Docht etwas höher, wobei sie plötzlich zurückschreckte. War da nicht etwas Schattenhaftes vorübergegangen? »Um Gott nicht!« sagte sie mit verhaltener Stimme; dann schrie sie auf: »Da steht ja ...« Ein bleiches Gesicht hatte sich in den Fensterrahmen geschoben – und sagte nichts und war stumm und starr wie das Grauen, das es mitgebracht hatte. Und hinter ihm, weit nach dem Düstermoor zu, kam ein verlorenes Murren herauf, langatmig und ausgezogen, als wollte es kein Ende nehmen. Aber kein Leuchten saß darin und keine Stimme, die zuerst wie eine Peitsche knatterte und dann dumpf und majestätisch zwischen Himmel und Erde rollte. Die Brinkschulte wandte sich. »Was wollt Ihr?« fragte sie heftig. Auch sie hatte an Fassung eingebüßt. »Brinkschulte, daß ich's man sage,« versetzte der Spökenkieker und zeigte mit dem Daumen der rechten Hand über die Schulter, »ich bin eben von Wimke aus dem Kuhstall gekommen. Von dem hab' ich's. Der Feuermensch ist öfters in Sönnern und stellt sein Mordio auf. Vielleicht auch heute. Hei is dem Düwel ut 'n Tornöster sprungen.« Sie entsetzte sich anfangs, bezwang sich aber und sagte: »Das stimmt nicht, und außerdem, es kümmert Euch nicht und kümmert uns alle nicht. Man kann dem alten Jaspers doch nicht Sönnern verbieten.« »Aber den Brinkschultenhof,« konstatierte Karl Mersmann und knöchelte dabei auf dem Fensterrahmen herum, »den kann ich ihm verbieten, denn Ihr habt mir mal selber gesagt: Wenn Not an mich kommt – Kardel, dann bist du der nächste dazu.« »Ja, das hab' ich gesagt.« »Soll denn ein Wort sein,« grinste der Spökenkieker. »Und wenn er nach hier kommt und will Euch das Kreuz brechen« – langsam streckte er die geballte Faust vor sich her – »Brinkschulte, dann bin ich der nächste dazu. Dann sitze ich zur rechten Hand Knipperdöllings, um zu richten die Lebendigen und die Toten.« Die Brinkschulte versuchte zu lächeln. »Ja – dann seid Ihr der nächste dazu,« sagte sie nachdenklich, »aber die Sache pressiert nicht. Der Hof hat jetzt seine schöne Genügte. Da kommt keiner mehr heran, auch der alte Jaspers nicht. Aber da drüben im Moor, über den Hellweg fort, da pressiert's. Da will ein Wetter herauf. Könntet wohl mal nach Ignaz sehn, ob alles noch seinen richtigen Gang hat. Ihr tätet mir einen Gefallen damit.« »Gerne,« sagte der Spökenkieker, und ein seliges Behagen glitt über das Gesicht des Gottesnarren, selig und glücklich, »aber das mit Knipperdölling – Brinkschulte, das sitzt bei mir wie 'n Bremsenstich; das ist nicht in den Sand geschrieben. Hö, Knipperdölling ...!« Straff und stur trat er vom Fenster zurück, schritt über den Hof der dunklen Wand entgegen, die nicht leuchten wollte, die nicht knattern wollte, die nicht vorwärts noch rückwärts drängte, aber sich drohend aufhob, wie eine schwarze, riesige Pantherkatze mit gelben Lichtern, um im geeigneten Moment niederzuspringen. Die Brinkschulte sah ihm lange nach. Auch Juffer Eli. Dann biß sie nervös den Faden durch und wächste und wächste. Fünfzehntes Kapitel Ungefähr um dieselbe Zeit – also während Karl Mersmann straff und stur über den Hof ging und Juffer Eli in nervöser Hast den Faden wächste – stand Fritze Leppers vor seiner Wirtschaft ›Zum fröhlichen Anton‹ und sah mit fidelen Äugelchen die Straße entlang. Er dachte an Simmchen Löwenthal – und schmunzelte. Der hatte sich mal gründlich verrechnet, denn was war von dessen Prophezeiung übriggeblieben? Höchstens ein paar ekelhafte Redensarten des alten Jaspers, sonst reineweg gar nichts. Ein Riesenbrand sollte entstehen, und siehe da: ein elendes Feuerchen hatte die Gegend verstänkert, um schließlich jammerselig ausgetreten zu werden. Ihm, Fritze Leppers, war es schon recht; das lungensüchtige Feuerchen hatte ihm alle Sorgen von der Seele geräuchert. Sein ›Fröhlicher Anton‹ florierte wie immer, seine ›schnäpsernen‹ Handelsartikel fanden nach wie vor ergiebigen Absatz, und keiner hatte es gewagt, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf sein ehrwürdiges Wirtshausschild zu pinseln. Was sonstwo passierte, war ihm vollständig egal, genierte ihn nicht, hatte überhaupt kein Interesse für ihn, wenn ihn nur keiner mit den Worten anrempelte: »Fritze, wir wollen Halbpart machen.« Aber das hatte noch gute Weile, kümmerte ihn nicht und brauchte ihm überhaupt kein Kopfzerbrechen zu machen, und so stand er denn mit glattrasiertem Gesicht und rosig wie ein frischgewaschenes Schweinchen vor seiner Wirtschaft und blinzelte mit fidelen Äugelchen die Straße entlang. Pah! – die in Dortmund! – und Simmchen Löwenthal erst ...! Das hatte gar nichts mehr auf sich. Die Welt war so still und feierlich und ähnelte dem Gesicht des Herrn Pastors am Fronleichnamstage. Fast zu still, zu insichgekehrt, als habe der Tag Lammfellsocken übergezogen und säße mit einer baumwollenen Nachtmütze im Lehnstuhl. Das bedrückte Leppers in etwa. Merkwürdig! – es war heute so komisch in Sönnern. Was die Leute nur haben mochten? Die eigenartige Stimmung in der Natur, das Wetterbrauen und Schwelen in der Luft, das rußige Licht, das breithingelagert am tiefen Horizont stand, alles das konnte die langlebige Öde, die über Sönnern gekommen war, allein nicht veranlaßt haben. Fast niemand ließ sich auf der Straße blicken. Keiner hantierte; auch drüben die Schmiede hatte ihren Atem verloren. Sonst war hier alles Leben und Emsigkeit. Nur heute nicht. Kein Feilen und Bolzenvernieten, kein feines Gepinke und keine Hammerschläge, die oftmals Töne hervorzauberten, als würde die prächtige Angelusglocke in der Kirche ›Maria zur Wiesen‹ geläutet. Das Feuer schien auf der Esse erloschen zu sein, und die Arbeit setzte sich ans Fenster, legte die Hände zusammen und sah auf die Straße hinaus. Und was noch seltsamer war! – vor einer kleinen Stunde war Jans Stedink mit seinem ersten Gesellen über die Schwelle getreten, beide im Sonntagsrock, beide festtägig gestimmt. And Jans Stedink hatte auf Tillbeck eingeredet, bedächtig und langsam – wohl eine Viertelstunde hindurch. Dann war Tillbeck landeinwärts gegangen und hatte den Weg eingeschlagen, der über verschiedene Kirchspiele und Bauernschaften nach Soest führte. Dabei war das Gelände des Brinkschultenhofes zu passieren. Jans Stedink hatte ihm mit leuchtenden Augen nachgeschaut, hatte etliche Male seinen prächtigen Vollbart mit den Fingern gekämmt und war dann also kämmend wieder ins Haus getreten, ohne auf eine diesbezügliche Anfrage auch nur eine halbwegs befriedigende Antwort zu geben. Na, ihm, Fritze Leppers, konnte die Heimlichtuerei der beiden völlig gleichgültig bleiben, wenn sie ihm nur sein eigenes Behagen und seine eigene Seligkeit ließen ... und das taten sie auch, und darum und deshalb ... Aber Kreuzkuckuck noch mal ...! – plötzlich machte er ein verflixtes Gesicht, und seine Schrotkügelchen, die bislang noch zufrieden aus seinem fetten Kinderantlitz geleuchtet hatten, schielten jetzt bedenklich zur Seite, denn jemand kam um die Ecke herum, der so recht nicht in seine gemütliche Stimmung hineinpaßte – unversehens und gleichsam aus der Pistole geschossen. Fritze Leppers überlegte denn auch nicht lange und gedachte, seine behäbige Person mit einer unauffälligen, aber gewandten Drehung in seinen ›Fröhlichen Anton‹ verschwinden zu lassen. Es war zu spät. Die Zwinge eines Stockes tippte ihn auf die Schulter, und die Hand, die diesen Stock regierte, war fahl und eingetrocknet wie Dörrfleisch. Da konnte Fritze nicht anders; er mußte sich fügen, machte also Kehrt und halte die Ehre, den alten Jaspers vor sich zu sehen. »Auch mal wieder in Sönnern?« fragte er kurz angebunden, vigilierte aber die Straße auf und nieder, denn es wäre ihm peinlich gewesen, mit diesem gesehen zu werden. »Zu dienen,« gab Jaspers zurück, »und wenn es Euch keine Molesten macht, dann hätte ich so'n kleines Wörtchen mit Euch zu reden.« Da nahm der Besitzer des ›Fröhlichen Anton‹ seine ganze Forsche zusammen und meinte: »Hakt es etwa mit Dortmund zusammen, dann unter keiner Bedingung; habt Ihr aber sonst was zu fragen, dann, bitte, Entree.« »Na, denn Entree,« sagte der Alte, betrat die Wirtsstube und ließ sich einen doppelten Korn mit Kandiszucker anpräsentieren. Dabei knallte er einen harten Taler auf den Tisch. »Wir haben wieder ›Puttputt‹ im Sack,« konstatierte er mit sichtlichem Wohlbehagen, griff in die Tasche und ließ noch eine Portion ähnlicher Geldstücke gegeneinander klimpern. Fritze Leppers horchte auf. Das gefiel ihm. Wer über Geld zu verfügen hatte und etwas im ›Fröhlichen Anton‹ verzehrte, der konnte Respekt beanspruchen. Drum ließ er auch sein zugeknöpftes Wesen beiseite, suchte behutsam einzulenken und meinte: »Nichts für ungut, Jaspers, aber Ihr müßt selber wissen: aus Eurem Renommee läuft pieplings der Wurmsamen 'raus – und ich habe doch mit meiner Wirtschaft zu rechnen.« »Weiß ich,« bestätigte Jaspers und löffelte etliche Zuckerstückchen aus seinem Schnapsglas, »laßt ihn man laufen.« »Aber hier dichte bei wohnt Jans Stedink. Der Mann kann keine neuen Ideen vertragen. Und offen geredet: wenn Ihr mit Eurem Dortmunder Evangelium wieder herumhausiert, dann kann ein Unglück passieren.« »Ich hab' kein Evangelium mehr. Hab's zum alten Eisen gepfeffert.« »So?« fragte Leppers. Der Alte reckte den Marabukopf aus den Schultern. »Zu dienen, reineweg zum alten Eisen gepfeffert. Warum auch nicht? Wem nicht zu raten ist, der kann auch keine Seide nicht spinnen. Das besorgen die Fetten. Die Schlote haben wieder Dampf aufgemacht, und die Kohlenprotzen lachen ins Fäustchen. Wenn das Stimmvieh seinen Himmel nicht will – ich kann ihm nicht helfen. Man kann den dämlichen Kerls doch nicht die Vernunft mit Gewalt unter den Schädel trommeln, noch weniger sie wie die kranken Kälber behandeln, denen man die Medizin in den Hals gießt. So'n Pack ist noch nicht reif für die neumodischen Freiheitskaramellen. Mögen sie selber ihren Mistus besorgen. Ich für meine Person muß vorläufig danken. Und außerdem: ich bin unter die Rentiers gegangen. Hier sitzen die Musikanten – Musikanten vom Brinkschultenhof. Nur – sie blasen was dünn. Die Kapelle muß noch reichhaltiger werden. Die doppelte Portion. Das könnte meinen alten Kadaver so'n bißchen aufmuntern. Prost, Leppers! – Nee – ich bin aus einem andern Grunde gekommen.« »So?!« fragte Leppers, atmete befreit auf und gönnte sich selber ein vollgestrichenes Gläschen. »Ich darf also antippen?« »Ja, tippen Sie man.« »Schön!« sagte der Alte und schaukelte mit dem linken Fuß auf und nieder, »ich meine, Leppers, dem Rektor ist heute nicht beizukommen; er predigt im Lande herum, und da möchte ich Euch fragen: Ist noch immer der dicknäsige Tillbeck im Kirchspiel?« »Ist hier.« »Also derselbe, der aus dem Paderbörnschen stammt?« »Ganz richtig. Von der Senne dahinten.« »Und ist noch immer bei Jans Stedink in Kondition?« »Ja, als erster Geselle.« »Dann stimmt auch wohl, was hier so herum erzählt wird – aber man heimlich?« »Schon möglich.« »Ich meine das mit der Brinkschulte, Leppers.« »Wenn Ihr denn klaren Wein in die Buddel wollt ... Der Kerl hat Rasse im Leib und kann schon mit 'nem rassigen Weibsbild was aufstellen.« »Kein Wort mehr!« krähte der Alte und fuhr in die Höhe, »dann käme also der Brinkschultenhof ...« Mit einem raschen Griff hatte er seinen geschälten Dorn fester gepackt und auf den Tisch fallen lassen. »Merci! – Ihr habt noch Kurasch, mir offen und ehrlich ein Feuerchen unter der Nase abzubrennen. Während die andern ... allesamt Dämels! Haben das Maul voller Zähne, aber keine Antwort darin. Ihr aber, Leppers ... nochmals merci für prompte Bedienung. Adjüs denn.« Er reichte ihm die Hand. »Ihr wollt also noch weiter?« »Ja, ich habe noch weiter zu machen.« »Zum Brinkschultenhof?« »Hm!« meinte Jaspers, »ich weiß nicht und muß erst klar drüber werden. Die Musikanten verlangen Aufgeld, sonst bleibt es ein mageres Tuten. Mal sehn, was wird; aber das weiß ich: Brinkschultenland kommt nicht in fremde Hand! – wenigstens jetzt nicht, zur Zeit nicht ... oder: doppelte Portion und fettere Brotschnitten für mich. Eher noch wird dem hochfahrigen Weib die fromme Maske von der Visage gerissen.« Er schnappte nach Atem: »Himmel, verdammich! – dreimal von der Visage gerissen. Adjüs, Leppers.« Damit zog er seine seidene Schirmmütze über und verließ den ›Fröhlichen Anton‹. Fritze Leppers stand da wie ein begossener Pudel. Er kam sich ausgefragt vor. Hatte er irgend etwas Dummes geredet und dem umgefallenen Vertreter von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit Wasser auf die Mühle getragen? Er wußte es selbst nicht. Seine Schrotkügelchen nahmen einen florigen Glanz an. Wenn Jans Stedink dahinter käme! Kreuzkuckuck nochmal! – der war fähig, ihm einen Konkurrenzknüppel zwischen die Beine zu werfen und die Wirtschaft ›Zum westfälischen Landmann‹ gegen seinen ›Fröhlichen Anton‹ auszuspielen. Warum hatte er auch das Maul nicht gehalten? Profit hatte er sowieso nicht von dem Amerikafahrer, und wenn's schlimm kam, mußte er, Fritze Leppers, noch vor sein politisches Glaubensbekenntnis treten. Ungemütlich lief es ihm den Nacken herunter. Er besah sich die rechte Hand. Sie kam ihm merkwürdig kalt vor. Ganz richtig: da hatte vorhin die des alten Jaspers gelegen, frostig und ohne Leben, und da war ihm so, als hielte er noch immer tote Mäuse zwischen den Fingern. Ekelerregend stieg es in ihm auf. »Pfui Has'!« sagte er betreten und streifte die kalten, toten Mäuse von den Fingern herunter. Dann ging er hin und stärkte sich mit einem doppelten Münsterländer. Draußen stand wieder Jans Stedink in seinem Sonntagsrock vor der Haustür, groß und ruhig und mit fließendem Vollbart, insichgekehrt und selbstbewußt wie Saul aus dem Stamme Benjamin oder wie ein assyrischer König. Es passierte nicht oft, daß er sich an Werktagen seines schwarzen Düffelrockes mit den polierten Hornknöpfen bediente. Nur bei besonderen Gelegenheiten geschah es, mochten diese freudiger oder trauriger Art sein, und dann: wenn er selber feierlich gestimmt war. Das war heute der Fall. Seit einer Stunde hatte ihn Heinrich Tillbeck verlassen. Er war über Land gegangen in wichtiger Mission. In zwei bis drei Stunden konnte er zurück sein. Darauf wartete Jans Stedink, groß und würdig und in seinem schwarzen Düffelrock mit den polierten Hornknöpfen. Da schnürte sich Jaspers vorüber und faßte seinen Hagedorn fester. Allein Jans Stedink sah über ihn fort. Ebenso verächtlich blickte Saul über die Amalekiter hin, als er sie im weiten Blachfeld geschlagen hatte mit der Schärfe des Schwertes. »Der kommt zu spät,« sagte er ruhig und sah den Schwalben nach, die ängstlich hin und her schossen und niedrigen Flug hatten. – So war das in Sönnern ... und draußen auf dem Brinkschultenhof ...? Juffer Eli hatte keinen Sinn für die Außenwelt mehr. Sie wachste noch immer; mechanisch, immer dasselbe und den Faden mit leisem Seufzen über die honiggelbe Masse fortziehend, während die Brinkschulte am Fenster saß und mit zusammengelegten Händen auf die Schritte des Spökenkiekers horchte, bis sie sich jenseits der großen Scheune verloren. Zwischen Himmel und Erde hatte sich nicht vieles verändert. Es war eher sichtiger denn dunkler geworden. Ein langer, milchweißer Streifen hatte sich hinter die Eichenkronen geschoben. Dort hinein sah die Brinkschulte. Beim Anblick dieses weißen Lichtes kam eine selige Hoffnung über sie. Es war eine große und feiertägige Hoffnung, und da wußte sie: ihr Dasein war bis jetzt ohne Kern und Inhalt gewesen. Sie durfte sich nicht mehr schlafen legen ohne Erfüllung und nicht mehr aufwachen, ohne sagen zu können: Ich bin glücklich geworden. Sie war wie ein Blumenkelch, der sich dem Licht und dem Leben zukehrte, und ihre Gedanken waren wie Sabbatklänge auf weiter, blühender Heide. Das monotone Wächsen und das gemessene Ziehen des Fadens störte sie. Sie wandte sich. »Was treibt Ihr?« fragte sie unwillig. »Ich wächse,« erwiderte Eli, ohne in ihrer Beschäftigung innezuhalten. »Das weiß ich; aber was bezweckt Ihr damit?« »Es ist so'ne alte Angewohnheit von mir. Schöne Gedanken kommen bei's Wächsen, und dann: ich muß noch vor Abend über's Torfmoor und über den Hellweg, und wenn man dann so 'nen gewächsten Faden bei sich hat ...« Sie unterbrach sich plötzlich, rollte den Faden zusammen und steckte ihn zu sich. »Spökenkiekerei!« fiel die Brinkschulte unwirsch ein. »Eli, Ihr solltet Euch schämen. Ihr seid ja abergläubischer und leiger als der unwiese Kardel.« »Jeja, das mit dem Kardel!« lächelte Eli still und bedächtig vor sich hin. »Man kann alles nicht wissen. Den kennt keiner aus – hat noch keiner ausgekannt – und wird auch keiner niemals nicht auskennen. Der tut man so dösig und amüsiert sich damit, den Übersinnigen zu spielen, sieht aber durch zöllige Eichenbretter hindurch und weiß mehr als die gewöhnlichen Menschen. Whipp! – und dann, Brinkschulte: was ist der Kardel früher für'n Kavalier von Jüngling gewesen! Ordentlich mit 'nem richtigen Awek in seiner ganzen Verfassung; gerade so wie Tillbeck aus Sönnern. Und wenn er durchs Dorf ging oder die angrenzenden Kirchspiele besuchte – na, ich sage man bloß: so'n Brustkasten – so 'ne Arme, um Liebe zu geben und Liebe an sich zu reißen – und so'n Untergestell! Ich seh ihn noch heute so, und ich will nicht Eli Distelkamp heißen, wenn es nicht wahr ist. Haare wie Roggenstroh und Augen, als wären sie unter der Knopfgabel gewesen! Alle Weiber waren vernarrt in den Kardel – ohne Ausnahme – von Sönnern bis nach Budberg und Holtum herunter. Selbst die von Hexen-Gesecke machten verliebte Gesichter. Aber dann kam das Malör über ihn, denn seitdem er bei Eurem Vater selig aus der Bodenluke gefallen ist ...« Die Brinkschulte erhob sich. Ihr Gesicht flammte auf bis zu den Haarwurzeln. »Eli,« sagte sie mit herbem Anflug in der Stimme, »das sind alte Geschichten.« »Wenn auch,« entgegnete die Nähterin und warf einen schiefen Blick auf die Herrin des Brinkschultenhofes, die sich alle Mühe gab, ihre innere Erregung niederzuzwingen, »oder – ich meine man so – ist er nicht aus der Bodenluke gefallen?« »Eli!« Wie Wetterleuchten fiel es über die Angerufene her. Sie fühlte die Gewalt des stolzen Weibes, das neben ihr stand und ihr gebot, vergangene Zeiten schlafen zu lassen. Was so lange unter den Sparren des alten Hofes geruht hatte, sollte nicht aufgeweckt werden, war tot für die Welt; mit dem hatten die Menschen nichts mehr zu schaffen. Die Türe des ganzen Anwesens stand für jedermann offen. Aber was zwischen den Pfählen passierte, das durfte nicht über die Schwelle. Das verfiel den vier Wänden. So war es von jeher gehalten worden, ohne Ausnahme, und ebenso hielt es die jetzige Herrin. Das wußte auch Eli. Sie fügte sich scheinbar den harten Blicken, die über ihr waren, und dennoch – gerade heute zuckte es ihr in den Fingern, und unwiderstehlich drängte es sie, mehr zu erfahren und einen raschen Blick hinter die Gardine des Brinkschultenhofes zu werfen. Sie dachte an eine arme Seele, die eine Eisenkugel hinter sich herschleppte. Und diese arme Seele stand neben ihr. Was sich zwischen dieser und Karl Mersmann früher begeben hatte, das wußte niemand zu sagen. Auch sie nicht. Sie wußte nur, was sie sah, und sie sah, daß es die Brinkschulte von jeher ängstlich vermied, den Gottestropf allein und unter vier Augen zu sprechen. Sie sorgte für ihn mit aufopfernder Hingabe, aber es war eine erzwungene Sorge. Kein Zweifel: sie hätte ihn gern in andermanns Pflege gegeben, in berufene Hände, und dennoch scheute sie sich, ihm die Wohltat des Hofes zu nehmen. Etwas aus verklungenen Tagen stand zwischen ihnen. Trotzdem fühlte Eli heraus: hier war ein Geheimnis, hier spannen sich unsichtbare Fäden, die die beiden miteinander verbanden und doch nicht verbanden. Liebe war es nicht, oder wenigstens nicht das, was die Menschen Liebe nennen. Höchstens war es eine Liebe gewesen, die den Weg zur Freiheit nicht finden konnte – eine schuldige Liebe. In jedem Falle war Schuld da, die sich aufreckte, um wieder zusammenzufallen ... Sie verfolgte ihre Betrachtung nicht weiter und sagte denn auch, wobei ihre Hände verlegen über das knitterige Leinenzeug hinwegglitten: »Um Gott nicht! – es ist ja wohl von mir 'ne dämliche Frage gewesen. Aber man kann das Mitleid doch nicht so einfach aus seiner Besinnung 'rauskomplimentieren. Und daß ich's man sage ... Kardel ist nu mal wie so'n kranker Leisetreter zu Euch, dem man gerne 'nen Schubs geben möchte, daß er ins Wasser hineintorkelt, um der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden. Das ist so meine aufrichtige Meinung. Immer bei Euch – immer um Euch – immer so, als wäre er aus dem Boden gewachsen ... Man kriegt ja zuviel bei der Sache, und die Leute erzählen ...« Ihr Handgelenk wurde umspannt. Die Brinkschulte war dicht an ihre Seite getreten. »Eli, nun habe ich es aber satt und genug. Wenn Ihr meine Kundschaft nicht verlieren wollt, dann laßt das Geschwatze.« »Aber, Brinkschulte ...!« »Eli, kein Wort mehr!« Damit war für sie die Sache abgetan – für jetzt und immer, und ihre Blicke liefen gleichgültig die eingedunkelte Diele entlang, wo sich behutsame Schritte vernehmen ließen – und diese Schritte brachten Emanuel Wimke über die Türschwelle, großartig wie immer und mit einem Gesicht, als habe er einen Herzogsmantel zu vergeben. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen verbleibe ich Ihr gehorsamster Diener.« Dabei präsentierte er sich mit einer Verbeugung, die aussah, als wäre sie zwischen den schlappen Zeltwänden irgendeines Kasperletheaters gewachsen. Die Brinkschulte sah über ihn fort. »Seid Ihr fertig geworden?« fragte sie, kaum bei der Sache. »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen, zu dienen.« »Und alles ist glücklich verlaufen? Man hat schon Fälle erlebt, wo der Bauer das Nachsehn hatte.« »Aber ich bitte Ihnen, Madam!« lächelte Wimke, halb mitleidig, halb mit der Geste eines ausgepfiffenen Komödianten. »Mir – und nicht glücken! – wo ich selbst auf die nobelsten Etablissements herumoperiere! Da muß ich aber doch ergebenst ersuchen. Gegen mir sind alle Viehdökters nicht für voll zu betrachten. Nur wenn ich bitten darf: warme Kleie und Ruhe.« »Soll besorgt werden.« »Schön!« sagte Wimke. »Außerdem halte ich mich empfohlen für alle zunächst kommenden Fälle. Madam – ihr gehorsamster Diener.« »Noch auf ein Wort. Was versteht Ihr unter ›zunächst kommende Fälle‹?« »Allens!« konstatierte Emanuel Wimke, jetzt in seinem richtigen Fahrwasser, schob den rechten Fuß vor und zählte mit einer tragikomischen Grandezza an den Fingern herunter: »Hochzeit, Kindtaufe, Todesfall ...! Per primus aber die Hochzeit. Als Hochzeitsbitter proposuier' ich Ihnen die feinsten Gedichte. Mit oder ohne ›Riemsels‹, je nach Bekömmnis.« »Was für 'ne Hochzeit denn?« fragte die Brinkschulte. »Aber ich bitte Ihnen, Madam! – wo's die Spatzen von den Dächern pfeifen und die ganz kleinen Kinderchens schon mit Steinen danach schmeißen ...!« Heiß stieg es in ihr auf. Das Blut hämmerte ihr erregt gegen die Schläfen. »Machen Sie keine Dummheiten, Wimke. Bleiben Sie mir mit Ihren Geschichten vom Leibe. Die gehören nicht in den Ernst und die Ruhe des Brinkschultenhofes. Was wollen Sie überhaupt und wonach wird mit Steinen geschmissen?« »Mit Ihrem gütigen Wollbenehmen – nach Hinrich Tillbeck und Ihnen. Ganz Sönnern läuft davon über wie das Ölkrüglein der Witwe von Sarepta. Sie haben Ihnen entdeckt – sie sind enthüllt – sie stehn entblößt vor uns. Sie und der Hinrich, zur Anfeuerung für die jüngere Generation. Und daher halte ich mir als Hochzeitsbitter mit's Gedichtchen empfohlen. Wenn Musieke dabei – und die müssen Sie haben – fünf preußische Taler Unkosten extra. Und dann wird Hochzeit gemacht, aber mit allen Klarnetten. Die Invitierung ist bei mir schon fix und fertig im Kopfe. Lauter Riemsels! So um Martini 'rum kann es losgehn. Brinkschulte, passen Sie Achtung ...!« Die letzten Worte hatte Wimke mit einer wiegenden Bewegung der Beine und des Unterkörpers begleitet. Dann verfiel er in einen getragenen Bummelschottisch. In feierlicher Rückwärtsbewegung tanzte er der Türe zu, über die Schwelle hinaus, in das geheimnisvolle Zwielicht der Diele hinein, immer die Blicke auf die Brinkschulte gerichtet und in einen Lirumlarumlöffelstil verfallend. Und also sprach er und sang er: »Dann eßt ihr mich, Dann trinkt ihr mich Und stippt ihr in den Kaffee mich, Dann singt ihr alle ›Trialo‹ Bei Langkork, Warmbier und Burdo. Und abends, wie das Mode ist, Da wird die schöne Braut vermißt. Der Hinrich, der ist auch nicht dumm, Der sieht sich erst verwundert um, Und dann, mit Zieren und vor Tag, Springt er dem lieben Bräutchen nach. Marjo! – wie immer es geschah – Dann geht die Musik ›Trullala‹, He hoppla, heißa, hopsassa! Dann geht die Musik ›Trullala‹. Und was ich noch sagen wollte: alle drei Stunden warme Kleie und Ruhe.« Damit hatte Emanuel Wimke seine Mission ausgerichtet und trabte wieder nach Sönnern. Ein tiefes Schweigen folgte. Juffer Eli saß wie versteinert, aber innerlich gehoben und glücklich zwischen ihrem bauschigen Leinenzeug. Die herbe Zurechtweisung von eben hatte sie kurzerhand unter den Tisch fallen lassen. Sie war nicht nachträgerisch. Juffer Eli konnte vergessen. Dafür erging sie sich in vergangenen Tagen. Emanuel Wimke hatte zersprungene Saiten ins Klingen gerufen. Das hätte sie auch haben können, ebensogut haben können wie die, die mit hochgehender Brust neben ihr stand und scheinbar die Perpendikelschläge zählte, die gleichmäßig von der Diele herübertönten. Sie dachte dabei an ihre dreifache Brautzeit, ohne dabei altjüngferlich und bitter zu werden. Da zerriß die Brinkschulte das Schweigen mit einem höhnischen Lachen. Es war ein gequältes Lachen. »So'n Peijatz von Siesemännchen! – so'n Barbier und Ferkelschneider ...!« »Aber der Spargitzenmacher hat recht,« sagte Eli. »Was hat er?« »Recht hat er,« versicherte Eli und klopfte dabei dreimal mit ihrem Fingerhut gegen die Tischkante. »Außerdem: mir jucken die Finger, und hier der gewächste Faden, der zieht so.« »Was wollt Ihr nur immer mit Eurem gewächsten Faden?« ereiferte sich die Brinkschulte. Sie sagte es, um ihre Verlegenheit zu verbergen und auf andere Gedanken zu kommen. »Jeja!« meinte Eli so ganz versonnen heraus, netzte ihre Fingerspitzen und fuhr sich damit über ihre flachgescheitelten Haare. »Wie das so ist! – denn wenn einer so zwischen Dämmer und Düster noch übers Moor will – und so'n Gewitter schwalkt drüber hin – und man hat so 'nen gewächsten Zwirn in der Tasche, dann laß sie man kommen: das Homännchen und die andern alle ... Und wenn es dann quiekt und rummelt mang die Binsen – und dann noch die Jungfer Scholastika mit 'nem grünen Hütchen und 'ner Haspel am Weg sitzt und haspelt – whipp! – und wenn dann der Heidemann lebendig wird ... Brinkschulte!« – und Juffer Eli begann mit floriger Stimme weiter zu sprechen – »das ist so vor zwei Jahren gewesen. Draußen war so'n eigentümliches Schmeißwetter wie heute und streckte auch fünf Finger nach oben – da mache ich mit Settchen Thormanns übers Moor nach Schulte Gerling sein Anwesen zu. And als wir so gehen – ich mit, sie ohne den Zwirn – da kommt uns so'n kleines Kerlchen im Mantel entgegen. Das lacht man und schreit man, nimmt Settchen um die Mantille und drückt ihr 'nen kalten Kuß in den Nacken ... Und dann ...« Juffer Eli ließ gottergeben ihre Hände in den Schoß sinken. »Vier Wochen später,« ergänzte sie tonlos, »wurde Settchen Thormanns begraben; purweg begraben. Und wenn Ihr fragt, wer sie um die Mantille gefaßt hat, so kann ich nur sagen: es ist der Heidemann gewesen, und wenn Ihr fragt, warum mir reineweg gar nichts passiert ist, so kann ich dito nur sagen: das ist von wegen des gewächsten Fadens gekommen. So'n Faden mirakelt. And dann noch, Brinkschulte« – und ihre Worte gaben sich bestimmter und nahmen an Eindringlichkeit zu – »so'n richtig gewächster Zwirn in der Hand bringt ein hell Gesicht, so wie es Karl Mersmann besitzt, und die Gabe, in die Zukunft zu kucken.« Die Brinkschulte stand regungslos. Um ihre Lippen irrte ein nervöses, verhaltenes Zucken. Sie schien mit offenen Augen zu schlafen, und doch nahm sie Eli die Worte vom Munde. Ein leises Beben flog um ihre Nasenflügel. Dann machte sie eine abwehrende Handbewegung. Sie wollte nichts mehr hören und wissen. Sie wollte allein sein. Aber Juffer Eli hatte sich bereits erhoben. »Brinkschulte!« rief sie, gleichsam von einer Verzückung befallen, »ich will nichts berufen. Aber ich weiß, was ich weiß. Ich höre wen kommen, und so wahr ich lebe, in 'ner Woch' oder vier wird das Brautkleid geschneidert ...« Mit fliegender Hast trat sie näher: »Brinkschulte, ich höre wen kommen!« »Eli,« kam es aus gepreßtem Munde, »laßt mich endlich zufrieden. So geht das nicht weiter.« »Herr Jeses!« gab die Nähterin zurück und trat ans Fenster, »wie das düstert und schwalkt! Die Finger werden immer länger und größer. Das kommt auf den Hof zu ... aber ich will nichts berufen, gar nichts berufen ...!« Der erste Wetterschein zwinkerte geheimnisvoll um die Baumkronen, spielte wie eine Geisterhand über die Diele und erhellte sie für eine kurze Gedankenspanne. »Um Gott nicht!« fuhr Juffer Eli zusammen und sah auf die Brinkschulte. Die Hände auf die Brust gepreßt, stand diese wie von einem inneren Feuer verzehrt und stierte in die jähe Helle hinein, die so plötzlich verschwand, wie sie aufgetaucht war. Dort wuchs jemand aus dem Boden heraus. Von dorther mußte er kommen. Sie zählte die ruhigen Schritte. Sie kannte die Schritte, und ihr Herz hämmerte stärker. »Brinkschulte,« sagte Eli ganz leise, »ich will mal nach Dörte kucken. Das paßt sich grade; die ist so ganz allein in der Kammer.« Damit glitt sie auch schon hinaus, ohne Geräusch als hätte sie kaum den Boden berührt. Ebenso lautlos schnappte hinter ihr die Tür ins Schloß. Heinrich Tillbeck aber war in den Schein der friedlich singenden Lampe getreten. Sechzehntes Kapitel Nun war die Stunde gekommen. Zwei Menschen standen sich hart gegenüber, die sich etwas zu sagen hatten, Auge in Auge, Mensch zum Menschen, mochte der Weg auch schroff und steinicht sein, der sie zusammenbringen sollte. Wille und Verstand vermochten hier nichts mehr zu ändern. Eine höhere Macht setzte ein, über die sie keine Bestimmung mehr hatten, und diese Macht drückte ihnen, wenn auch zögernd und ganz allmählich, die Herzen zusammen. Hier wollte Blut zu Blut strömen, das zueinander gehörte. Es war mächtiger als alle Bedenken, die sich drohend emporreckten. Nicht die Jahre zählen. Auch die Unterschiede nicht. Auch das nicht, was die sinnierenden Köpfe mit hoch und niedrig bezeichnen. Nur gleichgeartetes Blut schwemmt alle Hindernisse beiseite, wittert das Gleiche im Gleichen und läßt die Stunde gebieten. Mann und Weib in der großen Einsamkeit! Beide in der Vollkraft des Lebens. Sie älter als er, aber immer noch so köstlich wie ein jungfräuliches Kornfeld, das in der ersten Blüte steht – herb, aber von dem geheimnisvollen Duft des Verlangens und verhaltener Sehnsucht umzittert. Damals und heute! Das war damals auf der Asbecker Scheid gewesen, als er in ihrer Gegenwart Furche bei Furche zog und in seiner ganzen majestätischen Kraft dahinschritt. Die Erde konnte glücklich sein, von ihm gebrochen zu werden. Das Pflugmesser blinkte auf, als wäre es von einem König geführt. Das sah sie alles noch einmal. Nichts entging ihr. Jede Einzelheit trat ihr deutlich vor Augen. Damals wölbte sich ein stahlblauer Himmel über sie beide, über Äcker und das dampfende Gespann, das sich wiehernd in die Stränge legte und dem leisesten Wink seines Führers gehorchte. Dreimal hintereinander brach er das schwere Feld in der Längsrichtung, mit offener Brust und dem freien Spiel seiner Muskeln und Sehnen. Sie fühlte seine Nähe und die gebieterische Macht, die sie ausströmte. Es war ein erlösendes Büscheln. Und dann war Jans Stedink nähergetreten, besonnen und würdig und gehoben durch die Schönheit seines wehenden Bartes. Kein Wort von dem, was er gesagt hatte, war ihr entfallen. »Wenn Ihr den mal gebrauchen könnt,« also hatte er gesagt und dabei auf Heinrich Tillbeck gezeigt, »sei es so oder so, in guten oder in bösen Tagen ... Brinkschulte, ich heiße Jans Stedink und weiß, was ich anpräsentiere.« So hatte Meister Stedink gesprochen, und sie freute sich dessen, weil sie eins mit dem Meister war und die bösen Stunden sich wieder zu regen begannen. Jans Stedink meinte es ehrlich. Seine Worte griffen zu, und seine Gedanken, die er langsam und zäh vorbrachte und die treffsicherer waren als die besten im Lande, waren ihr aus der Seele gesprochen. Solche Worte und Gedanken hatte sie nötig. Aus der eigenen Umgebung wuchs etwas gegen sie an, dem sie allein nicht gebieten konnte. Das machte ihr die Tage zur Qual und sah entsetzt in ihre Träume hinein. Jans Stedink hatte ihr Mittel und Wege an die Hand gegeben, das Quälerische ihrer Tage zu bannen und die Träume weniger schreckhaft zu machen. Das war damals geschehen, als sie in Gegenwart ihrer Freundin den angelieferten Schwingpflug ausprobieren ließ. Damals riß das blanke Messer den Schoß der Mutter Erde in breiten Wunden auf, in die das Saatkorn hineinsollte, um zu schwellen und in Halm und Ähren zu schießen und dreißigfältige Frucht zu tragen – und heute ... Kein stahlblauer Himmel lachte herunter. Dumpfiges Brüten ringsum. Nur ab und zu verlorene Unkenrufe aus der Ferne und das Gejaule von Hunden. Schwaden stiegen auf und blieben regungslos in der Luft hängen. Ein Tag, um geweihte Kerzen anzustecken, damit das Unheil vorbeiginge. So sah es draußen aus. Mit geschlossenen Fensterläden lag die Welt da, und doch war es noch nicht Abend geworden. Aber eins war wie damals. Auch heute zog eine blanke Pflugschar dahin. Zeitweilig blitzte sie auf. Aber sie pflügte keinen irdischen Acker, und keine menschliche Hand lenkte sie. Sie schlitzte die lehmgelben Wolken, um wieder durch tiefes Dunkel zu gleiten. Und Gott, der Herr, führte sie. Und wenn er sie von neuem einsetzte, dann öffnete sich jedesmal der Himmel ... Das war heute. Und heute war er gekommen. Erst heute! Warum war er nicht früher gekommen? Sie reichte ihm die Hand. »Tillbeck, Ihr seid lange geblieben,« sagte sie in ihrer verhaltenen Weise, und doch hatte sie die Wochen gezählt, die Tage, die Stunden ... »Ja, ich bin lange geblieben.« Er gab ihre Hand frei. Er erschauerte vor diesem Weibe. Sein Leib straffte sich, aber sein Geist und seine Überlegung konnten nicht mit; jetzt nicht, in diesem Augenblick nicht. Das fühlte auch sie. Ein qualvolles Schweigen setzte ein. So reihte sich Sekunde an Sekunde. Da trat sie näher: »Ihr denkt doch noch an die Asbecker Scheid, an das, was Jans Stedink über Euch sagte?« »An das denke ich schon – und ich hätte auch schon früher vorgesprochen. Aber warum sollte ich denn? Ein tiefes Gefühl sagte mir: Geh hin, und Jans Stedink sagte dasselbe. And so bin ich denn durch die Felder gegangen.« Er hielt plötzlich inne. Von der Diele kam ein leiser Windhauch. Der streifte sie und ihn und trug ihm den Duft ihres Leibes zu. Da legte sich ihm die Erinnerung schwer auf die Seele. Die drückte ihn tiefer und tiefer und zwang seinen Geist in die Knie. »Und so seid Ihr denn durch die Felder gegangen ...« Er horchte auf: »Ja, da bin ich denn durch die Felder gegangen ... aber die Besinnung ging auch mit, und was ich früher nicht wußte, das ist mir soeben klar geworden. Da kann auch Jans Stedink nicht gegen an und alles das nicht, was ich mir selber zurechtgelegt habe. Das muß man in stillen Stunden überdenken. Und so eine stille Stunde war bei mir. Die weist einem schon den richtigen Platz an und sorgt dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel hineinwachsen. Man soll nicht aus seinen eigenen vier Pfählen heraus, wenn man keine besseren findet. Es ist nicht gut, Nägel ohne Köpfe zu schmieden. Sie halten keinen ordentlichen Schlag aus, und wenn sie es tun, rutschen sie schließlich doch durch die Bretter. Erst glaubte ich, ich wäre auf dem richtigen Wege. Dann sah ich, du bist daneben gegangen. Jans Stedink hat recht, aber auch meine Überlegung hat recht. Und da sagte ich mir: Es ist schon besser – ich lasse dem Brinkschultenhof seine Ruhe und mir meine Ruhe.« Seine Worte waren trocken und hart und kamen ihm widerwillig von den Lippen. Und doch hatte er wie einer gesprochen, der über das Fleisch triumphierte, es unter die Füße trat und sich seiner doch nicht erwehren konnte. Die Brinkschulte fieberte unter dem heißandringenden Blut. Sie ging einige Schritte zurück und dann ans Fenster. Von hier aus sagte sie mit abgewandtem Gesicht: »Ihr habt früher so nicht gesprochen.« Es war ein weher Ton in der Stimme, als sie dies sagte. »Ja, damals, auf der Asbecker Scheid, nicht! – Damals regierte ich etwas und stand unter freiem Himmel. Damals war ich mein eigener Herr und wußte, wo meine Kraft und Arbeit hinaussollte. Das ist jetzt anders geworden.« »Warum anders geworden?« Er riß sich zusammen. »Brinkschulte,« sagte er heiser, »das muß ich mit mir selber ausmachen. Ihr hörtet schon eben: ich bin durch die Felder gegangen, und als ich so durch die Felder hindurchging, da ist mir die Besinnung gekommen. Nicht auf einmal, sondern ganz langsam, und da dachte ich mir: Was will so 'n Mensch von der Paderbörnschen Senne überhaupt auf dem Brinkschultenhof? Jans Stedink behauptet: Wer dort hin will, der muß die Ruhe vom Tabernakel besitzen. Die habe ich schon. Wenn's darauf ankäme, dann wäre hier schon für mich die richtige Stelle. Aber Jans Stedink hat etwas vergessen. Vornehme Herrenmenschen gehören nach hier. And darin kann ich nicht mittun. Ich zähle nicht zu ihnen. Wer über seine eigene Kraft fortgeht, der sitzt später auf einem Stein, drückt sich die Faust gegen die Stirn und hat den Glauben an sich selber verloren. Und darum – was soll ich auf Eurem Hof? And wenn ich auch bliebe, ich müßte als fünftes Rad neben dem Wagen laufen. Ich bin nicht gerade auf 'nem besonderen Fuhrwerk in die Welt 'reinkutschiert, aber mich als fünftes Wagenrad verschleißen zu lassen, das geht mir auch gegen die Ehre. Also warum denn? – es wird nicht anders dadurch.« »Ja, es wird anders dadurch.« Herrisch kam es von ihrem Munde. Er berührte sie mit hungrigen Augen. Hochaufgerichtet stand sie am Fenster. Er sah nur ihre Umrisse. Das Licht der Lampe reichte nicht so weit. Aber des Herrn Pflugschar ging in diesem Augenblick durch das schweigsame Dunkel da draußen. Ein Heller Schein leuchtete auf, ohne daß ein bedrohliches Murren gefolgt wäre. Für Gedankenspanne stand sie in diesem gespenstischen Feuer. Da sah er den stolzen und verführerischen Bau ihrer Glieder – und das heiße Leben in ihr – und die großen, stillen Blicke, die auf ihn gerichtet waren. »Ja, es wird anders dadurch. – Ihr seid eben gekommen, weil Ihr kommen mußtet, weil es Euch eine innere Stimme gebot – und das ist Euer gutes Verhängnis gewesen. Ihr stört nicht Eure Ruhe und die des Brinkschultenhofes – höchstens, daß Ihr Eure wohltätige Ruhe nach hier brächtet. Es geht ein verkehrtes Treiben durch die Welt, und aus dem verkehrten Treiben heraus streckt sich eine Faust, die in meine Äcker und in meine Seele hineingrapst. – Bitte, laßt mich ausreden, Tillbeck, sonst: es wird mir schwer, meine Gedanken auf die richtige Stelle zu setzen. Ich bin nicht stark genug, das, was in mir ist und um mich ist, ehrlich zu schützen und das Verkehrte, was durch die Welt geht, von meinem Erbe zu halten. Und einen sah ich am Amboß und sah, wie er den Hammer regierte, und da sagte ich mir: Der schafft an der richtigen Stätte. Und dann sah ich ihn wieder, wie er das Pflugmesser führte, um die Erde für ihre Empfängnis vorzubereiten, ein freier Mann, unter freiem Himmel und auf meinem Grund und Boden, und da sagte ich besser: Der Mann gehört nicht an den Amboß. Dein Anwesen aber – das hat einen Pfleger nötig, der nach dem Rechten sieht und der gierigen Faust gebietet: Finger vom Brinkschultenhof. Und so dachte ich denn: Du kannst nicht alles selbst beschaffen. Setze ihn daher als Obermann über die andern, und der Brinkschultenhof wird seinen Frieden haben.« Sie unterbrach sich plötzlich. Er hörte das Knistern ihres leichten Kleides. Sie war wieder in den Schein der Lampe und an seine Seite getreten. Ihre Nasenflügel zitterten. »Tillbeck, habt Ihr keine Antwort darauf?« fragte sie ruhig. Ja, er hatte eine Antwort darauf. »Brinkschulte,« sagte er schmerzlich, »Ihr bietet mir etwas an, das Ihr nicht voll halten könnt, und wenn Ihr es könntet, es würde zu unserm Unglück ausschlagen. Es ist nicht um meinetwegen, daß ich so rede, es ist um Euretwegen, daß ich es tue.« Er suchte nach Worten. »Jans Stedink hat unrecht,« fuhr er schartig fort, »und ich bin auch nicht auf dem richtigen Wege. Und trotzdem, ich möchte schon. Ja, ich möchte schon, Brinkschulte! – Aber das Gerede im Kirchspiel! Es ist jetzt schon satt und genug. Mir ist's schon lange egal; aber ich will nicht, daß sie Euch durch die Gosse ziehn... Und wenn ich mich dann weiter drauf besinne, wie ich als so'n armer, fahriger Kerl dahergeschneit bin, nichts Rechtes bin und nichts Rechtes habe... aber doch meinen regelrechten Stolz besitze, und wie ich dann hier leben und schaffen soll, gegönnt Brot essen und Euch sehn muß. Euch – in all Eurer ruhigen Schönheit, und das alle Tage, allstündlich, bis abends die Sterne heraufwollen...« Er griff hinter sich, um sich an die Tischkante zu halten. »Brinkschulte,« stöhnte er gequält auf, »ich habe doch auch ein Herz im Leibe. Ich kann ihm doch nicht zurufen: Kusch dich! – und Ihr habt kein Recht, es mir auseinander zu reißen. Und das ist um meinetwegen, daß ich so rede.« Er wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. »Ist das Eure Antwort?« fragte sie mit einem verlorenen Lächeln. »Ja,« sagte er mit fester Stimme, »es muß schon so bleiben.« Nichts zitterte in ihm, und doch, als Gottes Wetterschein plötzlich über sein Gesicht fiel, war es kreidig geworden. »Tillbeck ...!« Es kam aus wehem Herzen heraus. Ihr Antlitz stand dicht neben dem seinen. Ihr weicher Arm berührte ihn. Er fühlte die Wärme ihres köstlichen Leibes. Ihr Odem ging über ihn fort. Hatte er denn keine Augen für sie? Sah er denn nicht? Fühlte er denn nicht, was sie bewegte! Ihre Lippen redeten doch, wenn auch lautlos, unhörbar. Aber sie sprachen doch. Und also sprachen sie: »Was soll das alles? Worauf wartest du noch? Ich gleiche einer Blume, die am Wege steht und ihren Kelch sehnsüchtig auseinanderbreitet. Ich kann doch nicht sagen: Pflücke mich, denn ich verlange danach, gebrochen zu werden. Ich bin nicht mehr die steinerne Madonna von der Soester Börde. Nur noch ein unbestimmtes Frösteln liegt mir in den Gliedern. Ich möchte an deiner Brust erwärmen. Du findest bei mir, was du suchst, und ich finde bei dir, was ich nötig habe und was meinen Schlaf ruhiger macht. Ich suche keinen Studierten oder einen solchen, der sinniert und groß ist in Worten. Aber den ich suche, der muß Herr über mich sein und einen klirrenden Schritt unter sich haben. Bist du ein solcher, so komme, bevor es zu spät ist. Sonst verkümmert das Weib in mir und geht elend zugrunde. Also, worauf wartest du noch?« Sprachlos sah er sie an. Er begann wissend zu werden. Unwillkürlich hatte er die Lehne eines Stuhles umgriffen. Er horchte auf. Ferne Saiten klangen ihm zu, eine stille Freude wehte ihn an. Taumelnd gingen seine Gedanken zurück. In diesem Augenblick erlebte er alles noch einmal: seine Kindheit und alles das, warum seine Mutter einsam und allein stand, um schließlich wie eine erfrorene Blume über die Rabatte zu fallen. Später erfuhr er: sie hatte Liebe gegeben, ohne Liebe geben zu dürfen. Die Stätte, wo er seine Jugend verlebte, duckte sich wie ein Kiebitz mitten in der endlosen Senne. Er sah die Heide blühen, mit dem glasigen, blauen Himmel darüber. Er sah sie im Sterbehemd, starr und kalt und doch so lieblich in ihrer wunderseligen Reinheit. An stillen Sommerabenden horchte er auf die Signale, die aus dem Lager herüberklangen. Das hatte auch seine Mutter getan. Sie liebte die blauen Husaren, obgleich es ihr Unglück und schließlich ihr Tod war. Alle wandten sich ab, nur der Pastor nicht. Das war der besten und gerechtesten einer und ein Mann nach dem Herzen Gottes. »Wer wagt es, hier Richter zu sein?« sagte er mit gerunzelter Stirn, ging hin und nahm sich des Hinterlassenen an, obgleich sein Einkommen so mager war, wie die Stimme des Glöckchens, das jeden Morgen und jeden Abend über die hartherzige Gemeinde hinwegbimmelte. Und er leitete ihn und führte ihn und gedachte, etwas Großes und Heiliges aus ihm zu machen. Und der Pflegling gedieh. Er wuchs aus den Spuren seiner Kinderschuhe heraus und saß mit heißem Kopf und heißen Gedanken über seinen Büchern, suchte Wissen und Wahrheit aus ihnen und war eifrigst dabei, sich eine feste Unterlage mit Scherwänden und Balkensielen für die höhere Schule zusammenzuzimmern, als der Herr, vor dem alles gleich ist: Reichtum und Bettelstab, Hammer und Amboß, dem Leben des Heidepastors ein Ziel setzte. Mit ihm fielen alle Pläne des doppelt Verwaisten wie ein Kartenhaus zusammen. Und die Not klopfte mit harten Fingern auf den Tisch und sagte: »Na, nu weiter, mein Junge!« Der aber, ein vom Sturm verschlagener Vogel, saß zwischen Kraut und Pfriem und überlegte, was er anfangen sollte. In seiner Verzweiflung brach er bei rohen Menschen den Acker, aber nicht lange; denn ein Mann kam des Weges, rußig und im ledernen Schurzfell. Dessen rechte Schulter stand hoch vom ewigen Hämmern. Er hieß Ludger Thoholte, war krumm wie ein Hufeisen, aber auch zäh wie Stahldraht und beschlug die Pferde der Bauern und montierte denen die Pflüge und Sensen, die zwischen Ems und Lippe saßen. Der rief nun: »Heidevogel, komm mit!« Und der arme Heidevogel ging mit ihm und lernte das Eisen schweißen und fügen und freute sich an der Sprache der dröhnenden Hämmer. Und er glich einer Heidebirke, schlank und sehnig, und dann einer Eiche am Osning, kernig und wetterfroh, und kam in die Jahre, reich an Arbeit und zufrieden mit sich und seinem ehrlichen Handwerk. Und überragte alle, die um ihn waren. Die Signale der Paderborner Husaren klangen in sein Leben hinein, und sie klangen ihm bei Königgrätz und später, als die jenseits des Wasgenwaldes den infamen Mut hatten, ihren Fuß auf den Nacken der deutschen Ehre zu setzen. Aber wo er auch sein mochte: auf stiller Heide, am einsamen Feuer, in Kampf und Not – drei Dinge vergaß er nicht: seine tote Mutter nicht, die Liebe gegeben hatte, ohne Liebe geben zu dürfen, den braven Pastor nicht und nicht das Schmiedegehämmer auf weltvergessener Senne. Auch heute waren sie bei ihm, jetzt, in diesem Augenblick, wo es eisig über seine Stirne lief und sein Herz in verzehrendem Feuer glutete. Und neben ihm die Brinkschulte, das Weib, das ihn knebelte und allnächtens in seine Träume hineinsah. Das herrliche Weib, geschaffen, einen Mann glücklich zu machen. Aber auch das Weib ... Er dachte nicht weiter. Gottes Licht glitt wieder über sie hin. Wie sie neben ihm stand! Ohne Bewegung, aber königlich in ihrer gebieterischen Art. »Tillbeck, und das ist Eure ganze Antwort?« fragte sie nochmals. Spielte da eine Pantherkatze mit ihm oder ein Wesen, das zwischen Torf und Moor hauste, im Verwunschenen, um ihm das Blut aus dem Leibe zu trinken? – ihm, dem Vaterlosen, dem gequälten Menschen ...?! Ja, sie spielte mit ihm. Wütig lief diese Erkenntnis durch seine Sinne. Da vergaß er seine tote Mutter und den toten Pastor ... nur das Schmiedegeläut war bei ihm. Und aus diesem Schmiedegeläut dröhnte eine Stimme, erst aus weiter, verlorener Ferne, dann immer näher, dann mit häßlicher Gewalt: »Du Narr, du Narr, du Narr ...!« – und dieses ›du Narr‹ sprang aus seinem Denken in seinen Arm hinein und von hier in die Faust ... »Brinkschulte!« schrie er auf und umgriff ihre Schultern. Mit roher Gewalt bog er ihren Oberkörper zurück. Sie wehrte sich nicht. »Weib!« brach es aus ihm hervor, »Ihr wollt doch kein Spiel mit mir treiben?! Denn wenn Ihr es tätet ... Soll ich an Eurem Spiel verbluten? Denkt an den Schulmagister aus Werl! Soll ich um Euretwegen von der Lebenskoppel herunter, wie dieser arme Narr mit seiner gierigen Liebe? Soll ich um Euretwegen auch in die Ruhr ...?!« Sie gab keine Antwort Sie hatte nur ein verlorenes Lächeln. Ihre Lider schlossen sich. Die brutalen Fäuste taten ihr wohl. Ihr Kopf sank nach vorn. Er beugte sich vor: »Also soll ich verbluten – oder was wollt Ihr von mir ...?!« »Heinrich ...!« ächzte sie, und durch ihre hohe Gestalt lief ein Zittern und Beben, »so versteh mich doch endlich! Ich will nichts von dir. Aber der Brinkschultenhof will was von dir – und ich bin der Brinkschultenhof...!« »Josepha ...!« Da lag sie auch schon an seinem Hals und lachte und schluchzte. Und seine starke Brust schlug ihr entgegen, und seine Blicke standen über ihr – zwei herrliche Falkenaugen. Wie sie zueinander paßten, diese zwei prächtigen Menschen! – zwei Menschen, die da wohnen zwischen Ruhr und Lippe, blondhaarig, blauäugig – sie eine Veleda, und er: einer aus dem Heerbann des Cheruskers ... Hermann, fla Lärm an ... »Also du willst ...?!« »Sieh, wie ich will!« und immer enger drückte sie sich an ihn, immer enger und enger, an seinen Hals, an seine Schulter ... und er beugte ihr Antlitz zurück, das stolze, hochmütige Antlitz, jetzt so still und verklärt wie das eines Kindes. Da schlang er die Arme um sie, immer fester und fester, und ihre halbgeöffneten Lippen suchten die seinen. Und sie fanden sich zu einem verzehrenden Kusse, der kein Ende nehmen wollte und schmerzhaft war in seiner Keuschheit und Reinheit. Sie stöhnte und schluchzte. Sie erduldete alles mit einem seligen Grauen. »Du erstickst mich!« seufzte sie atemlos und doch glücklich in dieser verzückten Umarmung. »Das will ich, das will ich!« stammelte er in ihre Worte hinein, »denn ich habe dich jetzt: dich, das gefeierte Weib vom Brinkschultenhof – und die hochfahrigen Lippen, um die so viele gefleht und gebettelt haben – alles, alles, alles ...! – dich und den Brinkschultenhof, den ich dir erhalten will durch meiner Hände Kraft und Arbeit ... Und wenn es dann Frühling wird, und wenn es dann Sommer wird, und wenn dann das Korn in Pracht und Blust steht, dann gehn wir hinaus in die Felder, allein hinaus in die Felder, und ich rufe dem duftigen Korn zu: Sieh, wie mein Weib blüht, tausendmal schöner als du! – und wenn es dann Winter wird, kalter, lachender, frostiger Winter ... und wir sind allein in der Kammer ... Josepha, Josepha! – weißt du, was ich jetzt möchte ...« Taumelnd flüsterte er ihr einige Worte ins Ohr. »O du – du – du ...!« stöhnte sie auf und wurde starr in seinen Armen. »So glücklich, so glücklich ...!« Und wieder das Stammeln und die verzehrenden Küsse – und das ›du und du‹ – und das Überdenken ihres endlichen Findens ... zwei herrliche Menschen, zusammengeschmiedet und für immer verkettet ... und nur die Liebe war bei ihnen und das Pochen der stürmenden Herzen ... Und Gottes Wetterlicht umschien sie, und Gottes Donner überrollte sie – aber sie hatten dessen nicht acht, sie hatten nur sich und vergaßen die Welt und alles, alles, was um sie war und Odem und Leben hatte. Und sie sahen es nicht, daß Juffer Eli die gegenüberliegende Kammer verließ, feierlich, mit gescheiteltem Haar, und sie sahen es nicht, daß sie die Brautkrone der Sattelmeier zwischen den Händen hatte. Sie trug sie, wie der Priester eine Monstranz trägt. Geräuschlos kam sie näher, trat hinter die beiden und drückte der Herrin den Schmuck der Sattelmeier in die pochenden Schläfen. Dabei lispelte sie den alten westfälischen Brautspruch mit scheuen, aber seligen Lippen: »Der da hoch vom Himmelsthrone Hirt und Herde lenkt, Hat dir eine goldne Krone Liebevoll geschenkt. Meine Seele will sich heben, Auf zum Himmel tut sie schweben, Und sie jubelt und sie preist Gott den Vater, Sohn und Geist – Amen!« Große Tränen rollten ihr über die Wangen. Dann trat sie zurück. Willenlos hatte die Brinkschulte alles über sich ergehen lassen, dann aber ... Gleich einer Herzogin im goldenen Schmuck straffte sie sich, reckte sie sich und stand sie da, wie sie damals gestanden hatte, damals in der Sommernacht, als sie den Spiegel um ihre Schönheit befragte und sich kraft eigenen Willens das Erbstück ihrer Mutter auf die schweren Flechten setzte. Hoheit umgab sie, und Schönheit hüllte sie ein. »Josepha ...!« Und Tillbeck lag vor ihr – auf den Knien – und umfing ihren Schoß – und preßte sie an sich. »Josepha! – Josepha ...!« »Das tut's nicht allein!« sagte Eli, und ihre Stimme flackerte auf, und sie deutete auf die Diele, die jetzt unter blendender Helle und dem ersten wütigen Donner lag. »Dort müßt Ihr hin! – dort unter die Bodenluke! – Da ist heiliger Boden, da liegen die Toten, da hat der Vater selig geruht, als der Schrecken ihm das Blut stehn ließ, da werden Knechte und Mägde in Verpflichtung genommen, da wird Verlöbnis gehalten ...« »Was sagt Ihr da, Eli ...?!« »Brinkschulte, sonst ist kein Segen dabei!« »Aber ich will nicht!« »Brinkschulte, so ist es immer gewesen!« »Das wißt Ihr ...?« »Das weiß ich, sonst ist kein Segen dabei!« Da hob Tillbeck sie auf, obgleich sie sich gegen eine unheimliche Kraft sträubte, die unter ihr fortzog, und trug sie über die Schwelle und von dort auf die Diele, die aufleuchtete, um wieder einzudunkeln, die unter dem Donner polterte, um wieder still wie ein Kirchhof zu werden. And so trug er sie durch Lohe und Licht, durch Dunkel und Wetterrollen bis an die Stelle, wo heilige Erde war und über ihnen die Luke gähnte. Hier ließ er sie nieder. »Heinrich!« schrie sie auf und wollte aus seiner Umarmung. »Ich darf nicht und kann nicht! – Das greift nach mir und stößt mir das Herz ab! Hier ist furchtbarer Boden.« Wütend riß er sie an sich. Dann streckte er den rechten Arm zur Decke: »Ihr gütigen Geister, segnet mein Weib!« »Die Angst, die entsetzliche Angst!« »Fürchte dich nicht! Der Sturm peitscht nur, und der Donner rummelt über den Hof.« »Heinrich, das ist es ja nicht, das ist es ja nicht! Ich hab' was zu sagen und darf es nicht sagen. Mein Gott, mein Gott ...!« Sie warf sich in seinen Armen herum; dann lag sie wie tot an seiner Brust. Ihre Glieder erstarrten. Sie stierte nach oben, von wo das Entsetzen über sie herfallen wollte. »Willst du nicht reden?« fragte er schmerzlich. Sie griff mit beiden Händen um seinen Hals. »Ja, ich will!« sagte sie tonlos, fast gelassen, »aber wenn ich spreche ...« Sie suchte aus seiner Nähe zu kommen. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. »Ich bin deiner nicht würdig! – jetzt nicht ... später vielleicht, wenn alles klar zwischen uns ist, wenn du sagen kannst: Die Liebe vergibt, denn sie ist barmherzig – die Liebe!« Er verstand sie nicht. Es war ein verzweifeltes Ringen in ihr. Sie stemmte sich gegen ihn an: »Komm fort von hier; hier sieht das Grauen aus den Balken, und die Sünde steht neben ihm ...« Aber Tillbeck umschlang sie fester und fester: »Josepha ...! – Geliebte ...!« Mit einem jähen Ruck warf sie ihren Oberkörper zurück: »So sei doch barmherzig ...!« Von der raschen Bewegung löste sich ihr schweres Haar, und die Krone der Sattelmeier klirrte zu Boden. Etliche Steine sprangen aus der goldenen Fassung. »Mein Gott, mein Gott ...!« Juffer Eli bekreuzte sich und hob das Heiligtum auf. Die Brinkschulte streckte sich an der Seite Tillbecks. Schweigend und totenbleich sah sie auf das Erbstück aus verklungenen Tagen. Dann schluchzte sie: »Ich hab's ja gewußt. Nun ist mein junges Glück auseinander gerissen.« Da wurde von der Dielentür her ihr Name gerufen. Sie gab keine Antwort. Aber Juffer Eli rief in das Dunkel hinein: »Was soll's denn?« Eine untersetzte Gestalt, über und über mit Lehm und Torfwasser bespritzt, drängte sich näher. Es war Holthövel. Hinter ihm trieb der Wind das Tor zu. »Ich tue zu wissen,« meldete er aufgeregt, »Ignaz hat sich verfahren. Zwei Gespanne scheuten im Wetter und stecken nu bis zu den Kummetgeschirren im Moorwasser.« Die Brinkschulte stand regungslos. Sie hörte und sah nicht. Juffer Eli aber stierte Holthövel an. »Was ist das für ein Schrecken im Brinkschultenhof?« fragte sie entsetzt. »Schlimm genug, um die Gespanne ersaufen zu lassen, und daß ich's man sage: ich will die Nachbarschaft um Hilfe ansprechen.« »Und wo ist die Not?!« Tillbeck hatte gerufen. »Nirgends ist Not, nirgends ist Not!« ächzte die Verzweifelte. Sie stand genau an der Stelle, wo ihr Vater selig vor seinem letzten Gang auf den Flachsbrechen gelegen hatte. »Ja, Brinkschulte,« kam es hart aus dem Munde des Knechtes, »das läßt sich nicht wegdisputieren; die Not sitzt im Düstermoor, dicht beim Vorwerk. Und wenn keine Hilfe nicht kommt ... Ignaz kann's auch nicht mehr halten, so'n Durcheinander ist bei den Torfgruben.« Damit griff er hinter sich, trieb das schwere Tor gegen den Wind und suchte die Nachbarschaft auf. Juffer Eli bekreuzte sich wieder und wieder. Kalt lief es ihr den Rücken herunter. Sie schüttelte den Kopf und fröstelte. Hier – zwischen den Pfählen war doch alles verwunschen! Schritt für Schritt ging sie rücklings. Sie suchte die Kammer auf, um die Krone der Sattelmeier zu bergen. Selbst das Wetter erschreckte. Für eine Augenblicksspanne wurde eine Totenstille, und in diese Totenstille hinein klang es mit Zuversicht: »Das mußte so kommen!« Und eine heimliche Freude war in ihm, in Heinrich Tillbeck, eine Kraft, wie er sie noch nie gespürt hatte im Leben, höchstens damals, als er den schottischen Schwingpflug in die trockene Scholle hineinstieß. Nur – diese Kraft und diese Freude, sie waren sieghafter, nachhaltiger, und wie Jubel lag es in ihnen. »Josepha!« schrie es aus ihm heraus, und er preßte sie an sich, daß ihr der Atem verging, »drüben im Moor, bei der Torfgrube, da liegt sie – die erste Arbeit für mich, die erste Arbeit für dich und den Brinkschultenhof.« »Heinrich ...!« Beide Arme straffte sie gegen ihn an. Sie wollte sprechen; allein die Stimme ging unter in dem Krachen und Rollen des Wetters, das die Grundfesten des Hofes erschütterte. Sekundenlang stand das grelle Licht um sie her. Da blieb sie an seinem Munde hängen, gierig, verlangend, zu allen Gipfeln des irdischen Glückes emporgerissen. »Heinrich, Heinrich ...! – und du kommst wieder?« »Ja, wenn alles vorbei ist.« Noch einmal küßte er sie; dann schritt er in die Lohe hinein, die ihn mit zischenden Raketen umspielte, dem Düstermoor zu, das weit dahinten unter dem schwarzen Himmel aufblenkerte. Mit starren Blicken verfolgte sie ihn, und ihre Sehnsucht verfolgte ihn noch, als er längst die Türe zwischen sich und die Diele gelegt hatte und die schwülen Nebel durchquerte, die vom Moor herauf den Weg überschwemmten. Sie verschränkte die Hände. »Nun ist mir die Liebe gekommen,« sagte sie mit einer Stimme, die weder Glück noch Zuversicht hatte, »aber ich glaube, mein Leben geht darüber zugrunde. Vielleicht auch das seine. Jetzt weiß ich es. Noch heute soll er alles erfahren. Was dann geschieht ... Die Welt ist so weit. Auf der Soester Börde liegt so viel des Glückes. Wer das mit reinen Händen aufheben könnte! Ja, wer das aufheben könnte! Aber mir ist so: für uns beide ist kein Platz mehr auf Erden.« Mit beiden Händen griff sie aufwärts und legte ihr Haar wieder zurecht. Ein Lächeln spielte um ihre Mundecken. Und dieses Lächeln verzog sich. Es wurde zu einem schmerzhaften Zug, zu einem verhaltenen Schluchzen, das keine Tränen mehr hatte. Es war ihr, als öffnete sich die Bodenluke ins Ungemessene, als senkten die Balkensiele sich tiefer und tiefer. Dann breiteten sich blutigrote Schleier vor ihr aus, dann schwarze Flore und dann das Nichts ... »Mein Gott und mein Heiland!« Sie drohte niederzusinken. Da warf sie ihren Körper herum – jäh, mit aller Gewalt, unvermittelt und von einer plötzlichen Eingebung getrieben. Sie war wieder die alte, die Frau mit dem Blut der Sattelmeier im Herzen. »Licht!« schrie sie auf. »Ich will Licht um mich haben. Licht, Licht, Licht ...!« Gefaßt schritt sie ihrer Kammer zu. Da saß noch Juffer Eli neben der Brautkrone, kleinlaut und ganz durcheinander. Aber auch sie war wissend geworden. »Per Malör ist er nicht aus der Bodenluke gefallen,« sagte sie in sich hinein. »Per Malör nicht, so wahr mir Gott helfe! Aber sie, was die Madam ist – bei all ihrem Glück, sie kann einem leid tun.« Dann ging sie hin und steckte mit Dörte die Lampen im ganzen Hause an und setzte frische Kerzen auf die Leuchter. Siebzehntes Kapitel Qualvolle Viertelstunden ...! Unbeweglich stand die Brinkschulte jetzt mitten in ihrer Kammer. Blendende Helle umgab sie. Sie hörte: Juffer Eli und Dörte gingen von Zimmer zu Zimmer, um die Lichter anzuzünden. Selbst auf der schmalen Stiege, die zur Mägdekammer führte, brannte die Hängelampe. Aber warum war das alles geschehen? Sie wußte es selbst nicht, obgleich sie darüber nachdachte, was ihr Gebot eigentlich bezwecken sollte. Plötzlich wandte sie sich. Die Brautkrone stand an ihrem gewöhnlichen Platz. Ihre Strahlen glitzerten herüber. Eine magische Gewalt ging von ihnen aus. Aber die Vereinsamte wies sie von sich. Die Worte traten ihr in den Sinn, die da lauten: »Du bist wie eine Kamelin in der Brunst und wie ein Wild in der Wüste, das niemand aufhalten kann.« Sie schämte sich dieses Bildes und fuhr sich über die Stirn, als müsse sie es aus ihrem Gedächtnis wischen. Sie setzte sich und stand wieder auf. Sie löste ihr Haar und nestelte es wieder hastig zusammen. Dann glaubte sie sich mitten im Winter und eine der zwölf Nächte stiege herauf. In solchen Nächten heben leblose Dinge zu sprechen an, und Vergangenes schlägt die Augen auf. Und diese Augen ...!– Sie waren ihr Verhängnis geworden und machten ihr die Tage zu Nächten und die Nächte zu Stunden, die um Verlorenes weinten. Ja, sie erinnerte sich. Nichts entging ihr. Damals! – es war spät unter dem Monde. Ihr Blut hämmerte. Der Himmel war durchsichtig wie Gazeschleier, und die Sterne hatten ihr Leuchten verdoppelt. Da hatten jene Gespensteraugen über ihr gestanden, fordernd und doch wie zärtliche Flammen. Gebieterische Arme stießen sie in ein Stück Leben hinein, das sie halb willig, halb erzwungen ergriff, um eines kurzen Taumels teilhaftig zu werden. Schuldig und doch nicht schuldig! Selig, um gleich darauf an den Abgrund der Verzweiflung zu stürzen. Und doch war ihre Seele rein; denn ihr junges Blut begehrte auf und der Herr war so weit. Er konnte seine Stimme nicht erheben. Nicht rufen, nicht warnen. Er hatte anderweitig zu schaffen. In jener Nacht spielte er fern über den Erlen mit verschwiegenen Blitzen, und da war der Brinkschultenhof um eine Sünde reicher geworden. Ein junges Herz wollte auseinander. Verzweifelte Hände griffen ins Leere. Die Bäume schauerten dem kalten Frühlicht entgegen. Ein Tappen und Tasten aus der verschwiegenen Kammer heraus, ein scheues Sichducken und Drehen bis in die Nähe der Bodenluke ... und dann war jener furchtbare Sonntagmorgen gekommen ... »Ah!« machte sie schmerzlich. Der Gedanke an den Tod ergriff sie. Was suchte sie noch? Was konnte ihr das Leben noch lebenswert machen? Was wollte sie überhaupt noch auf dieser Erde? Es war doch alles eitel und nichtig ... eitel und nichtig! Und dann wieder ... Ein langsam anschwellender Ton drängte sich an sie heran. Es war wie ferne Musik, die immer eindringlicher wurde, wie das erneute Ebben und Fluten verhaltener Sinne und zurückgedämmter Lebensfreudigkeit. Ein wildes Verlangen, alles von neuem zu beginnen, sich dem Tode entgegenzustemmen und das sonnige, jauchzende Leben an die Brust zu reißen, stieg plötzlich in ihr auf. Das war es ja! Sie mußte Licht um sich haben, schönes, erlösendes, allbefreiendes Licht. Durch alle Kammern hindurch hatte diese erlösende Helle zu fließen. Und in diese Helle hinein wollte sie ihre quälenden Gedanken peitschen, um sie gefügig zu machen und sie zu zwingen, sich farbenfreudig zu kleiden. Sie wollte Ruhe haben, tiefe, barmherzige Ruhe, und ihre Seele sollte sein wie ein großer Vogel in der Abendstille, der gemessenen Fluges über eine blühende, unermeßliche Heide dahinglitt. Also sollte es sein, und sie horchte hinaus. Ab und zu ließ sich noch ein dumpfes Gerumpel vernehmen. Sie trat ans Fenster und schlug einen Flügel zurück. Alles lag grau in grau in der nächsten Umgebung. Mit leisen Fingern klopfte der Regen gegen die Scheiben. Das Wetter flaute ab. Nur über dem Vorwerk stand es noch in klumpigen Massen. Weißglühende, knitterige Bänder leuchteten dort auf, um jäh von dem dunklen Hintergrunde verschlungen zu werden. Vereinzelte Schläge kamen aus weiter Ferne – aus der Gegend von Sönnern. Sie zählte die einzelnen Schläge und glaubte sich zu irren. Aber sie irrte sich nicht. Gleich darauf holte die Kastenuhr auf der Diele aus und meldete die nämliche Stunde. »Erst sechs Uhr,« sagte die Brinkschulte. Dann hörte sie Stimmen und kräftige Schritte, die dem Hellweg zustrebten. Auch klingelten verschiedene Kummetgeschirre vorüber. Sie kannte das Geklirr; nach ihm beurteilte sie, wohin die einzelnen Gespanne gehörten. Das mit dem hellen Singsang war vom Bagedeshof, und das mit der klanglosen Mittellage kam von den Gäulen des Kolonen Brüning. Jetzt erst dachte sie wieder an Ignaz Greving. Der Mensch saß ja in tiefer Not, und Holthövel hatte die ganze verfügbare Nachbarschaft aufgeboten, ihm Hilfe zu bringen. Ihr Geist nahm wieder Fühlung mit den Dingen des Alltags. Am liebsten wäre sie selbst hinausgegangen. Vielleicht bedurften sie dort ihres Rates. Aber was sollte sie da? Heinrich Tillbeck hatte diese Pflicht bereits an sich gerissen und schaffte da drüben – in eigener Sache, durch Not und Gefahr, und den verzehrenden Kuß eines herrliches Weibes auf den brennenden Lippen. Also stand er und traf seine Maßnahmen, in seiner ganzen Kraft, in seiner kantigen Geradheit, die weder rechts noch links sah und mit eisernen Klammern zupackte – der ersehnte Herr, der da kommen mußte, um alle Not von ihr zu nehmen. Sie witterte diese Kraft in ihm, wie eine Hündin ein fernes Wild anspricht, und freute sich ihrer und gesundete an ihr, um dann einzusehn, daß sie ein Bettelweib am Straßenrain war, das nichts erübrigt hatte – nur Erinnerungen, die auf Krücken gingen ... als Juffer Eli, ihr dunkles Umschlagtuch über dem Arm, ins Zimmer trat, leise hüstelte und sich an ihren Ohrringen zu schaffen machte. »So, das wäre besorgt,« meinte sie ruhig. »Alle Lichters sind fertig. Piekfein, sage ich man. Das leuchtet noch schöner als Gottes Feuerwerk da draußen. Gehört sich auch so, denn wenn eine so richtig verlobt ist ....« Sie trat dicht an die Brinkschulte heran und sagte mit getragener Stimme: »Meine Seele will sich heben. Auf zum Himmel tut sie schweben, Und sie jubelt und sie preist Gott den Vater, Sohn und Geist. Amen.« Ihre Hände legte sie zusammen wie zum Gebet. »Daß ich das noch erleben durfte,« beteuerte sie aus ihrer sanften Merinobluse heraus, »ist mir 'ne größere Bekömmnis, als wäre ich noch mit meinem lieben Jans Sandhage versprochen. Das ist über alles Erwarten. Nein, diese freudigen Verhältnisse! So aus dem vollen Leben heraus! Da müssen ja alle Kirchspiele mittun und die Bekränzung und die sonstigen Feierlichkeiten in die Hände nehmen. And was da soeben passiert ist, das da unter der Bodenluke, wo zuletzt der Vater selig ... Ich meine, Brinkschulte: alles hat seine Zeit. Was mal geschehn ist, da gibt keiner was für. Man soll 'nem Unglücksraben nicht nachfliegen. Und daher ... soeben konnte ich den richtigen Dreh nicht finden, von wegen der sogenannten Amstände; aber jetzt hab' ich ihn wieder ... ich meine die Findigkeit von meiner persönlichen Gratulierung ... Whipp!« Sie suchte nach Worten. »Brinkschulte!« und in freudiger Hast ergriff sie die Hände der Insichgekehrten, »meinen innigsten Ausdruck. Und wenn er auch nicht durch eigenes Versehen 'raus gefallen ist – meinen herzlichsten Glückwunsch.« Die Brinkschulte nickte. »Ich danke Euch, Eli,« sagte sie ohne jede Erregung. »Nichts zu danken. Aber wie das so ist im menschlichen Leben: gut Ding will an die Luft und will seine Betätigung haben. In Sönnern und so. Die Leute haben Interesse dafür. Ich darf doch Gebrauch davon machen. Ich meine daher, ob ich nicht in der Nachbarschaft ....« »Ich bitte Euch, Eli, laßt es noch anstehn.« »Um Gott nicht, warum denn?!« fragte die Nähterin und legte sich das Umschlagtuch um die hageren Schultern. »Eli, ich bitte Euch ....« »Schön denn, Brinkschulte, obgleich ich nicht kapabel bin, die Sache so richtig begreifen zu können. Aber von wegen des Brautkleides bitte ich um liebwerte Erinnerung. Alles wird plissiert auf Seide gebracht .... Die in Dortmund haben auch kein besser Fasson. Außerdem bin ich die nächste dazu, denn hier auf dem Brinkschultenhof .... Für Mutter selig habe ich noch geschneidert: Buntzeug und Leinenzeug und dann das letzte Hemd. Für Vater selig dasselbe. Immer in Arbeit bis auf den heutigen Tag, und da habe ich mir denn auch gedacht ....« »Geduldet Euch, Eli; es wird alles schon werden.« »Schönen Tank, Brinkschulte, und nochmals meinen innigsten Ausdruck. And damit will ich mich für heute verabschiedet haben.« Fester zog sie ihr Umschlagtuch um die Schultern. »Und wie schon gesagt, Brinkschulte – man soll 'nem Unglücksraben nicht nachfliegen.« Damit wandte sie sich zum Gehen. »Wie, Eli, Ihr wollt schon fort?« »Sechs Uhr, Brinkschulte; ich muß noch über den Hellweg.« »Da steht ja noch immer das Wetter.« »Wenn auch; mit 'nem guten Regenschirm und 'nem reinen Gewissen kommt man überall durch. Und denn: der gewächste Faden ist bei mir.« »Trotzdem solltet Ihr bleiben.« »Wenn ich man könnte! Aber das geht nicht; ich hab' noch 'ne eilige Besorgung zu machen.« »Bei wem denn?« »Ihr hört's ja nicht gerne. Weil Ihr aber mal fragt: beim Schulte Düsberg. Der Mann kriegt heute noch 'nen Sack Hobelspäne ins Haus.« »Wer ist denn gestorben beim Schulten?« »Die junge Frau.« »Na denn,« sagte die Brinkschulte etwas bedrückt und sah still vor sich hin. »Eli, dann geht man.« Als sie wieder aufblickte, hörte sie nur noch ein mattes Hüsteln. Juffer Eli war ihres Weges gegangen. Sie selber aber suchte Dörte auf und fragte nach Ignaz. Noch immer war keine Nachricht gekommen. Der Hof blieb ausgestorben. Selbst der alte Brügelmann, der noch rechtzeitig eingetrieben hatte, hatte sich dem Aufgebot der Nachbarsleute angeschlossen und war mit ihnen zur Unglücksstelle gezogen. Immer größer wurde die Unruhe in ihr. Sie hielt's nicht mehr aus. Die überall ausströmende Helle bedrückte sie jetzt. Sie lächelte über den gegebenen Befehl, ging von Zimmer zu Zimmer, von Kammer zu Kammer und löschte die Lichter aus. Dörte schüttelte den Kopf und sah ihr mit großen Augen nach. Die arme Madam ...! Mechanisch schritt diese von Stube zu Stube. So war sie in die Kammer des Spökenkiekers gekommen. Auch hier brannte ein Licht. Durch das niedrige Fenster sah der Abend ins Zimmer. Sie trat dicht an die Scheiben. Von hier aus konnte sie die dunklen Erlenbestände und die blenkigen Tümpel des Moors erkennen. Dort also rangen sie mit dem tückischen Sumpfwasser. Ein verlogener Schein lag über der unheimlichen Gegend. Er täuschte Helligkeit vor, ohne Strahlen zu geben. Er war bleiern, stumpf, wie die Zinnbeschläge eines Sargdeckels. Leben und doch kein Leben! Nur ein langgezogener Streifen, schmal und olivenfarbig wie ein Wasserblatt, grenzte den Horizont ab. Darüber die graue Dämmerung des Himmels – und in dieser Dämmerung noch immer das Aufleuchten verlorener Blitze, die jetzt lautlos dahinglitten. Die Vereinsamte sah sich im Zimmer um. Seit Jahren war sie nicht mehr in dieser Kammer gewesen. Sie mochte sich unbefangen umsehen. Karl Mersmann hatte keine Geheimnisse, Alles lag offen: einige geweihte Medaillen, der Stumpf einer Wachskerze, ein Gebetbuch und zwei Rosenkränze aus dunklen Pockholzkügelchen. Überall Religion! – Ferner: die Handpostille und die Rezepte gegen Pferdemauke und den Rotlauf der Schweine. Die Kerssenbroichsche Chronik ruhte auf einem Nebentisch. Sie war aufgeschlagen. Deutliche Lesespuren bezeichneten die Stelle, die da lautete: Hierauf tanzete er mit seinen Kebsen einen Ringelreihenrosenkranz um das gerichtete Weib, und alle sungen dabei den Lobgesang ab: ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ und tanzeten weiter. Daneben waren mit Rötel und von ungelenker Hand zwei gekreuzte Schwerter gezeichnet. Sie wandte sich ab. Wider Willen hatte sie diese Stube betreten. Der Geist, der ihr hier von den gekalkten Wänden entgegenwehte, erfüllte sie mit Todestraurigkeit. Der kahle Spiegel blinkte sie an. Nichts zeichnete ihn aus; nur eine schmale Goldleiste rahmte ihn ein. Ein vergilbtes Büschelchen von Buchsbaumzweigen stak hinter der Leiste. »Mein Gott!« hauchte sie tonlos, »also noch immer ...!« Ihr Antlitz war um einen Schein fahler geworden. Sie kannte das Sträußlein. Sie hatte es ihm vor vielen Jahren gegeben, damals, am Tage Palmsonntag, als die Welt der Auferstehungsfreude entgegenharrte und acht Tage nachher die Osterfeuer aufleuchteten. Dann, um vieles später, mußte sie als junges Ding zu ihren Verwandten und hierauf zu den Ursulinerinnen nach Dorsten. Fünfundzwanzig Osterfeuer brannten in jener Nacht in den verschiedenen Kirchspielen und Bauernschaften. Dessen erinnerte sie sich. And das Sträußlein war geweiht worden in der Kirche von Sönnern. Morsch und vergilbt sahen die einst saftgrünen Partikelchen hinter dem Spiegel hervor – jene Partikelchen, von denen sich die Knechte und Mägde erzählten, daß sie Karl Mersmann allwöchentlich in ein Glas mit Wasser stellte, damit sie neues Leben empfingen. Gleich den toten Blüten der Jerichorose sollten sie aufgehn. Sie wußte nichts davon. Heute sah sie zum erstenmal den geweihten Palm wieder, in der Stube des armseligen Menschen, der einstens Sonnenlicht um sich hatte und alle Weiber gierig machte – heute, nach langen, traurigen Jahren. 'Modrige, staubige Blättchen! – tot und vergilbt... und dennoch redeten sie. Sie redeten eine eindringliche Sprache. Sie redeten wie aus einem Sarge heraus; aber um so entsetzlicher redeten sie. Sie hörte Wort für Wort. Nichts entging ihr. Da packte sie zu. Sie hatte das Büschel ergriffen und war mit ihm ans Fenster getreten. Hierauf stieß sie den Riegel zurück und zermürbte die starren Blättchen zwischen den Fingern. Ein seines Knistern entstand, ein Schrumpfeln und Rieseln. Tann streckte sie die Hand und tat einen tiefen Atemzug. Vieles war ihr vom Herzen genommen. Ein staubiges Wölkchen zerflatterte draußen im Wind, um still zu vergehen. Hierauf verließ sie die Kammer und nahm ihren Rundgang wieder auf. Überall, wo sie eintrat, löschte sie die Lichter. So war sie bis zur Küchenhalle gekommen, wo die Lampe noch brannte. Sie ließ sie brennen. Über ihr gingen Schritte. Es konnten nur die von Dörte sein. Sie schien aufzuräumen und Wasser in die Schlafstellen der Knechte und Mägde zu tragen. »Die hat auch ihr Leid,« sagte die Brinkschulte und machte sich daran, die noch umherliegenden Nähgerätschaften und Leinenstücke zu ordnen... »Guten Abend, Brinkschulte.« Sie prallte zurück. Den hatte sie allerdings nicht erwartet. »Ohm Jaspers...!« »Zu dienen,« sagte der Alte, erhob sich schwerfällig aus der Nähe des Feuerherdes und pirschte sich an den Tisch heran. Hier ließ er sich nieder, und zwar mit einer so ruhigen Selbstverständlichkeit, daß die Herrin des Hauses daran erstarrte. Es wäre ihr lieber gewesen: er hätte aufbegehrt und seinen Worten durch Aufschlagen des geschälten Stockes den gehörigen Nachdruck gegeben. Aber nichts von dem geschah. Er sprach nicht und rührte sich nicht, muffelte nur still vor sich hin und sah aus wie eine aus dem Wasser gezogene Ratte. Unter seinen Schuhen bildete sich eine ovale Lache, die langsam weiterkroch. Abwartend blinzelte er in den zirpenden Lichtschein. Es schien fast, als wäre er in irgendeiner dringlichen Sache herbestellt worden und stände jetzt zur Verfügung. Da nahm die Brinkschulte das Wort: »Ihr kommt ja, ohne davon Aufhebens zu machen. Selbst das Vieh brüllte nicht auf.« »Schon richtig,« versetzte der Alte, »es hatte Angst vor dem Gewitter. Könntet aber Eure Weiber und Mannskerle besser in der Zucht haben, wenn einer den Hof betritt. So bin ich unangemeldet erschienen.« »Alles ist draußen im Torfstich. Selbst der Hund ist draußen. Dort hat sich Ignaz verfahren.« »Drum auch das Geschrei und Gerufe vom Moor her. Kein Wunder bei diesem infamen Geknatter. Stundenlang hat's mich unter dem wilden Birnbaum in der Asbecker Scheid zurückgehalten. Himmel, verdammmich! – aber um so besser, daß ich Euch alleine treffe.« Er drehte den Kopf auf die Seite, damit das Regenwasser besser abträufeln konnte. Dann griff er zur Schirmmütze, legte sie vor sich hin und stülpte seine leichenfarbigen Hände darüber: »Schmeißwetter ist Schmeißwetter! – aber mit Gottes Hilfe bin ich hier untergekrochen. Gott lohn's, Brinkschulte.« »Merci! – und was verschafft mir heute die Ehre?« »Man hat doch ein bißchen Interesse am Hof. Zum Exempel« – und Jaspers zählte an den Fingern herunter – »ist der Hafer schon umgelegt? – ist der Weizen trocken eingebracht worden? – wie steht's mit dem Rindvieh? – wieviel Fetthämmel sind nach Dortmund verladen? – und dann Eure Gesundheit und so ... ich meine: nichts für ungut. Man darf sich doch diese Frage erlauben?« »Warum nicht? Es soll mir angenehm sein. Aber es ist wohl der alleinige Grund nicht.« »Wie meint Ihr das?« »Ihr seid doch der alte Jaspers geblieben.« »Das bin ich, weiß der Henker, das bin ich...! – Aber ich versteh' nicht so recht.« »Ganz einfach,« konstatierte sie mit erzwungener Gleichgültigkeit, »wir beide, der alte Jaspers und ich, wir haben doch so 'ne Art von Übereinkommen getroffen, und da möchte ich wissen: Ist Euch die zugedachte Rente etwa nicht prompt ausgezahlt worden?« »Das schon, aber das mit der Rente ... Sie scheint wacklige Beine zu haben.« »Wieso 'wacklige Beine'? Ich für meine Person habe meinem Rechtsbeistand zeitig Order gegeben.« Lauff, Die Brinkschulte. »Und ich für meine Person habe das Geld rechtzeitig erhalten.« »Was wollt Ihr denn noch?« Unwillig trat die Brinkschulte in den Bereich der brennenden Lampe. »Bitte, bitte!« sagte der Alte, »meine Sache ist nicht so ohne.« »Ja, das sieht wirklich so aus. Also was soll's mit der Rente? Um diese handelt sich's doch.« »Na denn – sie ist mir nicht sicher.« »Warum nicht sicher?« »Weil sie nicht unter Brief und Siegel liegt.« »Wer gibt? – Ihr oder ich?« »Brinkschulte, darf ich mir noch 'ne Frage erlauben? – und wenn ich es darf, dann möchte ich wissen, ob sich die Sattelmeierkrone noch auf der nämlichen Stelle befindet.« »Was soll das?« »Man kennt Fälle, wo solche Dinger neu aufgemuntert werden und in Gebrauch kommen.« »Was geht Euch die Krone der Sattelmeier an? Im übrigen – und wenn es so wäre?« »Soll mir gleich sein, das mit der Krone ... nur, wenn es dazu kommen sollte, dann hätte ich auch ein Wörtchen zu reden.« »Ihr?« fragte sie heiser. »Aber natürlich! – und im vorliegenden Fall: da erzählen sie viel von dem zugelaufenen Schmiedegesellen in Sönnern.« »Wenn Ihr darunter Heinrich Tillbeck versteht...« »Ja, Madam, den versteh' ich darunter.« »Dann dürftet Ihr nicht so unrecht haben.« »Also doch ...!« Der Alte kicherte vor sich hin und ließ sich in den Stuhlsitz zurückfallen: »Da soll mir einer kommen und sagen, es passiert nichts Neues zwischen Lippe und Ruhr! – Da springen ja die muntersten Dinge aus dem Narrenkasten 'raus.« Dabei schlug er lustig mit der nassen Schirmmütze auf den Tisch, daß die Spritzer umherflogen, und kicherte weiter. Aber in diesem Gekicher steckte es wie von blanken Messerchen. »So, so, so!« kaute er jetzt zwischen den Zähnen. »Also der Heinrich Tillbeck aus Sönnern, dem braven Jans Stedink sein neues Faktotum! Gratuliere. Jedenfalls ist die Sache äußerst fidel, und ich für meine Person habe gar nichts dagegen. Absolut gar nichts, Madam. Mag sich der Tillbeck hier eintun und sich als Herr auf dem alten Erbsälzerboden fühlen, nur« – und er drückte den Zeigefinger der rechten Hand auf den Tisch – »hinsichtlich meiner Person hat es beim alten zu bleiben. Man kann alles nicht wissen. Neue Herren, neue Ideen – und da kann es immer passieren, daß es dem Mannskerl von der Paderbörnschen Senne einfällt, mich auszuklinken und zum alten Eisen zu werfen. Gibt's nicht, Brinkschulte, unter keiner Bedingung, und daher will ich mein Darlehn festgelegt wissen, egal ob hypothekarisch oder sonstwie, aber festgelegt soll es werden und das auf Leben und Sterben.« Die Brinkschulte sah ihm ins Gesicht »Das wäre noch schöner!« lachte sie höhnisch auf. »Wo ich aus freien Stücken gebe, und hinreichend gebe, da will mir einer noch Vorschriften machen!« »Man sachte, immer man sachte!« suchte Jaspers einzulenken, indem er die Seidenmütze über den grindigen Marabuschädel stülpte und sie dann wieder auf den Tisch knallte, »es kann ja in aller Güte geordnet werden.« »Wieso in Güte geordnet werden?« »Ich denke, so ganz still unter uns. Es braucht ja nicht unter die Menschen zu kommen.« »Da kennt Ihr die Brinkschulte schlecht. Ich habe das Licht des Tages und die Menschen nicht zu scheuen – und will sie nicht scheuen.« Der Alte stieß ein kurzes Pfeifen aus. Die Messerchen wurden blanker. »Also unter keiner Bedingung?« »Unter keiner Bedingung.« »And Ihr weigert Euch somit, meine Angelegenheit hypothekarisch sicherzustellen?« »Ja.« »Oder etwas auf Leben und Sterben zu machen?« »Auch das.« »And denkt nicht daran, mich sonstwie schadlos zu halten?« »Auch das nicht.« »Brinkschulte...!« »Ich gebe aus freien Stücken, solange es mir zusagt, aber verpflichte mich zu keinem Heller und Pfennig.« »Ist das Euer letztes Wort?« »Mein letztes.« »Gut!« sagte Jaspers, und seine Stimme sprang in die Fistel hinein, »jetzt stelle ich die doppelte Forderung – in diesem Augenblick die doppelte Forderung. Greift zu! – die nächste Minute könnte Euch gereuen.« Die Brinkschulte horchte auf. Das fehlte gerade. Und dennoch – mochte jetzt kommen, was wollte; sie hatte schon das Ärgste erduldet. Was sie immer vermutet hatte, wurde ihr in diesem Augenblick zur Gewißheit: der Mensch hielt zwei Eisen im Feuer. Damals die Geschichte mit ihrem Vater und jetzt... Ekel stieg in ihr auf. »Noch ein Wort,« sagte sie herrisch, »und dort ist die Tür.« Der Alte knüllte die Mütze zusammen. »Kein Zweifel, Ihr habt Kurasch in den Knochen.« »Weil ich keinen zu fürchten habe.« »Auch mich nicht?« »Furcht! – Euch gegenüber? – Warum denn?« »Auch dann nicht, wenn ich Euch sage...« »Was Ihr zu sagen habt, sagt denen in Dortmund, Euren Kumpanen, Euren Freiheitshelden.« »Pah! – denen in Dortmund?! Kreuzhimmel, verdammich! – mit solchen Kerlen hab' ich überhaupt nichts mehr zu schaffen. So'n Pack ist noch nicht reif für die Freiheitsideen. Aber das kommt noch, und mir soll ein Kirchenlicht auf der Seele verbrennen, wenn es nicht kommt und das Volk mir aus der Hand frißt, wie Ihr mir aus der Hand fressen werdet. – Brinkschulte, seht mal...« Langsam, fast feierlich hob er die rechte Hand zur Decke und ballte sie ein. »Brinkschulte, Erbsälzerin, du aus dem Sattelmeiergeschlecht! – sieh mal, aber sieh genau zu. – Hier halt' ich's! – Jetzt sechstausend Taler auf Leben und Sterben! – Gibst du sie, dann ersäuf' ich, was ich hier halte, wie 'ne Katze im Dorfteich. Blase es aus, ein Licht am Tag Allerseelen, wenn der Wind es auspustet. Wenn nicht« – und Jaspers streckte alle fünf Finger – »fliegen soll's mit den Krähen, die über das Land streichen und den westlichen Himmel annehmen.« Die Augen sprangen ihm aus den Höhlen heraus. Die Messerchen blinkten jetzt wie haarscharfe Rasiermesser. Sie stand regungslos. Hoheit umgab sie. Dann wandte sie sich und machte Miene, den Alten allein zu lassen. Aber dieser vertrat ihr den Weg: »Jetzt Halbpart; drunter tu' ich's nicht mehr – und dieserhalb leg' ich die Hand auf den Brinkschultenhof.« »Laßt Euch auslachen, Mann...« »Also Ihr wollt nicht! – gut denn, und daher: über das mit der Bodenluke und Karl Mersmann – Schwamm über die Sache. Aber das andere...« Er tippte sie an. »Keine Berührung!« sagte sie eisig. »Es geht auch ohne das. Ich will nur eine kurze Andeutung machen. Sieht nicht ein böses Ding in Eure Träume hinein?« »Was sollte in meine Träume hineinsehn?« »Entweder Ihr habt ein schwaches Gedächtnis oder wollt es nicht wissen. Ich werde daher nachhelfen müssen. Ihr erinnert Euch doch des furchtbaren Sonntags?« »Ja, ich erinnere mich.« »Damals war also etwas vorgefallen zwischen Euch und Karl Mersmann?« »Ich bin keinem Rechenschaft schuldig.« »Das weiß ich; aber mein Bruder ist darüber so halber zum Mörder geworden. Kopf oben – das hat er behalten, stur wie immer und gefühllos wie eine eschene Wagenrunge ... Fünf Monate später seid Ihr heimlich fortgeschafft worden. Es hieß: Ihr wäret leidend gewesen. Eure Gesundheit bedürfe der Erholung.« »So war es.« »Und so kamt Ihr ins Lippische zu Verwandten. Ich glaube, sie wohnten in Engern.« »Ja, sie wohnten in Engern.« »Und dort habt Ihr dann Eure Gesundheit wiedergefunden?« »Auch das.« »War Eure Mutter damals schon tot oder war sie noch nicht tot?« »Sie war schon gestorben.« »Gut, daß sie tot war, sonst hätte sie sich als hagenfreie Sattelmeierin nicht auf ihr Sterben freuen können.« Die Brinkschulte griff hinter sich, um Halt zu gewinnen: »Jesus, mein Christus, was bedeutet das alles?!« Wie vor einem Gespenst schritt sie rückwärts, bis sie zur Dielenschwelle kam. Dort lehnte sie sich an den Pfosten, wo sich vor Wochen das Beil des Spökenkiekers eingefressen hatte. Jaspers drängte nach. »Das bedeutet, Brinkschulte ... Seid Ihr nicht damals, als Ihr Eurer Gesundheit wegen ins Lippische mußtet, schweren Fußes gegangen? Nennen wir also die Dinge bei ihrem richtigen Namen, und sehen wir zu, die Sache ins gleiche zu bringen.« Er sprach mit einer zuversichtlichen Überlegung, die aber nichts von Schärfe an sich hatte. Mit um so größerem Entsetzen starrte sie in das Gesicht ihres Peinigers, das immer wohlwollender und zufriedener wurde. »Nur keine Sorge, Brinkschulte. Das weiß keiner, niemand, keine menschliche Seele. Das ist so, als habe es der Wind über die Stoppeln geblasen. Nur ich ... für alle möglichen Fälle: ich habe nicht auf den Ohren gesessen, und die Schwalbe des seligen Tobias hat mir nicht in die Augen geschweinigelt ... Nur für alle möglichen Fälle ... Und so ein Fall ist jetzt da ... Und wenn Ihr Beweise haben wollt ...« Er griff mit langsamen Fingern in die Brusttasche und suchte dort gemächlich herum nach einem Papier. Jetzt knisterte es; jetzt wurde es mit einem stillen Behagen und in aller Form auseinander gefaltet. »Nur der Erinnerung wegen ...« sagte er hierauf. »Eine beglaubigte Abschrift aus dem Kirchenbuche zu Engern.« Dann las er: »Anna Josepha Brinkschulte, geboren am 24. März, gestorben zwei Tage später, nachdem sie kurz zuvor die Nottaufe erhalten. Gott sei dem Armseelchen barmherzig.« Das war alles. Sonst nichts, aber es zog dem gequälten Weib einen dunklen Flor vor die Augen und läutete ihm ein fernes Sterbeglöckchen. Der Alte hüstelte kurz auf. »Drei Monate später kamt Ihr nach Dorsten.« Kein Sterbeglöckchen mehr! Eine gewaltige Totenglocke wurde geläutet – dumpf, schwer, ohne Aufhören, ohne Erbarmen ... Die läutete ein Menschenglück und eine erwürgte Menschenehre zu Grabe – und in diese traurigen Glockenschläge hinein ... »Tot ist tot!« sagte der Alte, aber seine Stimme hatte eine andere Färbung, war grell und schneidend geworden und übertönte die dumpfen Schläge der fürchterlichen Glocke. »Tot ist tot! – aber die sakermentsche Geschichte bleibt dennoch bestehn. Die läßt sich nicht so ohne weiters fortschwatzen. Die sitzt Euch im Nacken ... Die kriecht und wedelt Euch nach wie ein treuer Hund ... Die zieht Euch wie Blei unter Wasser – es sei denn ...« Und der Schleicher nahm eine drohende Haltung an: »Noch ist alles still, noch zeigen sie nicht auf Euch – noch nicht ... Drum 'raus mit der Unterschrift auf Halbpart. Ich lege meine Hand auf einen Teil von Wiesen und Äckern ... Man zu. Keine Bedenkzeit mehr – oder ...« Er warf die hungrigen, kalten Finger nach oben: »Prrr! – oder das Geheimnis vom Brinkschultenhof flattert auf und fliegt mit Eurer Schande, mit Eurer Heimlichkeit, mit Eurer geilen Sünde über die Soester Börde ... und kommt zu den Menschen. Na – und denn ...?!« Seine Stimme lachte und gellte. »And wenn es so wäre ...!« Sie hatte sich wieder. Die Herrin war in ihr, die selbstbewußte, und, wenn es sein mußte, die brutale bis zum letzten Atemzuge. Josepha Brinkschulte hatte sich wieder. Ihre Schwäche fiel von ihr ab wie Bettlerkleider vom Leibe einer erlösten Königin. And schön war sie in ihrem lodernden Zorn, in ihrer gekränkten Frauenherrlichkeit, und sie mußte sich bezwingen, um mit ihrer geballten Hand nicht in die gelben, unbarmherzigen Züge ihres Quälers zu schlagen. »Ja – und wenn es so wäre!« Ihre Stimme erhob sich, wurde zur Feuersäule, war eine siegreiche Flamme: »Geboren am 24. März, gestorben zwei Tage später ... und dennoch: für Euch keinen Heller und Pfennig. Ihr habt meinen Vater zum Totschläger gemacht; macht aus mir, was Ihr wollt. Ich bin bereit, das Schlimmste auf mich zu nehmen. Und was Euch anbetrifft: wartet ab, bis mein Hab und Gut nach Eurem Evangelium aufgeteilt wird. Bis dahin aber ... Der Brinkschultenhof bleibt hier in dieser Faust und in den Händen von Tillbeck und wird von diesem regiert ...« »Brinkschulte, Brinkschulte ...!« »Schweigt, denn ich habe zu sprechen. Schreit's in die Welt nur – Euer Geheimnis! Mir liegt nichts mehr dran. Und wenn sie mich anspeien, und wenn alles drunter und drüber geht, und wenn Heinrich Tillbeck sich von mir und meinem Herzen lossagt« – sie stampfte den Boden und ließ ihre Blicke in den Abend hinausgehn, über den Hof, über die Felder, über die Baumkronen – »das hier ist mein Eigen und Erbe – hier hab' ich als Kind meinen ersten Schrei getan – hier soll auch mein letzter Todesseufzer mir von den Lippen kommen, denn ich bin die Schulte vom Brinkschultenhof!« »Du – die Schulte ...?!« Jaspers lachte wie ein Wahnsinniger. »Gut denn,« gab sie zur Antwort, »wenn es dir besser gefällt: die Dirne vom Brinkschultenhof. Aber ich halt ihn.« Lächelnd sah sie über den Alten fort. Der nahm Stock und Mütze und schwankte mit heiserem Hohngeschrei über die Schwelle. Hinter ihm polterte die Tür zu. Die Brinkschulte sah ihm nicht einmal nach. So gleichgültig war er ihr geworden. So war dieses das Ende. Da ging sie hin, legte Papier und Schreibgerät unter der Lampe zurecht und setzte ihren letzten Willen auf – auf Leben und Sterben. Achtzehntes Kapitel Erst kam der Hellweg. Fahl und sandig, eine riesenhafte Holzmade, lief er anfänglich zwischen lebendigen Hecken dahin. Hierauf wurde er von einzelnen Hasel- und Eichenbüschen begleitet. Ab und zu drängte sich ein Spillbaum ein, schon mit herbstlichen Blättern, über und über mit roten Korallen gesprenkelt. Von Zeit zu Zeit polterte eine lärmende Drossel von Holz zu Holz. Vereinzelte Haferschläge folgten dem verlorenen Wege. Dann wurden sie seltener. Schließlich hörten sie ganz auf. Das Ackerland blieb zurück, und der mit Heidekraut bewachsene Boden nahm eine schwarzbraune Färbung an. Der schwermütige Ruf des großen Regenpfeifers lief über die Gegend. In ihrer ganzen Breite, fast unvermittelt, trat die Straße in das Düstermoor ein. Soweit der Blick reichte, eine trostlose Fläche, mit Erlengruppen durchsetzt und mit Torfhaufen bestanden – endlos, ohne jede Lebensfreudigkeit, einsam, verlassen, als hätte von jeher das Elend die graue Hand darüber hingestreckt und die Worte gesprochen: »Du sollst verflucht sein auf Erden.« Dämmerung war eingetreten. Schwarz standen die Bäume gegen den Abendhimmel, der noch immer mit seinem verschwiegenen Feuerwerk spielte. Ein verwaschener Schein ruhte auf den Regenlachen und blenkerte aus den moorigen Binsentümpeln mit stieren, bleiernen Augen. Zwischen Pfriem und Binsen lag verräterischer Boden. Torfstücke waren dort aufgestapelt, große und kleine. Silbrige Birken hafteten in der filzigen Erde, die wie eine Sterbende röchelte. Weiche Nebel stiegen zwischen ihnen auf, zogen lange Fäden und Bänder, um schließlich in breiten Tüchern gegen den Weg zu schwimmen. Ein einsamer Vogel zog trägen Fluges über die Öde. Im tiefen West stand das letzte Leuchten des Tages. Nicht lange mehr, und das Wort des Propheten erfüllte sich: »Herr, du machtest Finsternis, und es wird Nacht; aber Himmel und Erde sind dein, denn du hast sie gegründet und alles, was darinnen ist.« Erst kam der Hellweg, diese riesenhafte, sandgelbe Made – unheimlich, verwünscht und verwunschen, wie das Düstermoor, das ihm stundenweit folgte. »Kreuzhimmel, verdammich ...!« Jaspers war auf dem Hellweg. Er kam vom Brinkschultenhof. Eine Viertelstunde lag hinter ihm. Wohin er eigentlich wollte, wußte er selber nicht. Ob nach Werl, Sönnern oder Dortmund. Aber irgend wohin mußte er noch vor Abend. So entschloß er sich denn, auf Umwegen nach Sönnern zu pilgern und seine Beine unter den Tisch des ›Fröhlichen Anton‹ zu setzen. Vielleicht traf er auch den Rektor zu Hause. Bei diesem war überhaupt der richtige Boden, das Weitere in Erwägung zu ziehen. Jetzt lag ihm alles wirbelsinnig unter der Seidenmütze. Die verflossene Stunde war ihm über gewesen. Nicht er, sondern die Brinkschulte hatte das Heft in den Händen behalten. Wie sie da stand! Zu Tode gehetzt, hob sie sich auf, um ihn niederzutreten. Das fühlte er erst jetzt. Bei diesem Weib hatte er auf Stahl gebissen. Und der Gewinn seiner Mission? Und seine Rente erst? Zweitausend Taler zum Henker! Nur die erbärmlichen Fetzen seiner ausgeklügelten Rache lagen ihm noch zwischen den Fingern. Und diese Fetzen sollten fliegen und sich um den Hals der Brinkschulte legen. Sie sollte ersticken an ihrer eigenen Schande. Aber was hatte er damit gewonnen? War ihm hierdurch selber geholfen? Er schob die Mütze zurück. »Nee!« sagte er bedrückt. Seine besten Trümpfe hatte er aus der Hand gegeben. Sie flatterten jetzt wie angeschossene Krähen über den Sturzacker. Er wirbelte den Kreuzdorn durch die Luft, die dick und zäh wie abgestandener Leim ihm entgegenströmte. In sich zusammengekrochen torkelte er durch die tiefen Fahrgeleise. Zu seinen Füßen war rege Bewegung. Der Nebel kroch höher. »Hoho!« lachte der alte Jaspers, »der Heidemann steigt.« Er hielt den Fuß an und lauschte. Er hatte menschliche Stimmen gehört. Kommandorufe waren dazwischen. Von dorther kamen sie, aus der Nähe des Vorwerks, das schmal hingelagert aus den weißlichen Schwaden auftauchte. Auch das Einrammen von Pfählen klang deutlich herüber, aber so, als müsse sich das Geräusch durch Bretter hindurcharbeiten. »Mögen die Gespanne im Moor verrecken,« sagte er heiser und ließ seinen Dorn wiederum durch die Luft pfeifen. »Hoho!« schrie er auf. Er rief einen Schatten an, der querfeldein an ihm vorbeistrich. Er kam von den Torfstichen und nahm Richtung auf den Brinkschultenhof. Dreihundert Schritte mochten zwischen ihm und dem eiligen Schatten liegen. Vorgebeugten Leibes und mit schnellen Füßen stakelte dieser über die sumpfige Fläche. An schwarzen Gräben und Tümpeln zog er totensicher vorüber. Dabei machte er scharfe Hiebe mit den Armen, als müsse er große Fladen aus der Luft heruntersäbeln. Der einsame Vogel von eben ruderte mit ihm. »Hoho!« rief Jaspers noch einmal und gab verzweifelte Zeichen. Aber der Schatten antwortete nicht, hielt straffe Richtung auf das Gehöft und fuchtelte weiter. Plötzlich stieß er ein wüstes Geheul aus. »Knipperdölling, das Schwert heraus!« klang es langgezogen durch den Nebel. »Die Kerls haben den schönen Braunen im Moor verquiemen lassen. Hals müssen sie geben – Ignaz und der verfluchtige Schmiedegesell. Hals müssen sie geben. Hosianna Jan van Leyden und Knipperdölling! Ho–si–anna ...!« Es klang wie der Ruf eines hungrigen Raubtiers. Jaspers duckte sich. Er kannte die Stimme. »Der unwiese Kardel ...!« sagte er ängstlich, zog die Schultern ein und suchte in die Deckung einer düsteren Erlengruppe zu kommen. Mit dem Menschen wollte er nichts mehr zu tun haben. Noch immer saß ihm das kitzlige Gefühl eines über ihm schwebenden Beiles im Nacken. Er sah es blinken und zittern, wie es im Türpfosten gezittert und geblinkt hatte, damals, als er wieder nach langer Zeit über die Schwelle des Elternhauses getreten war. Nur mit dem Kerl nicht zusammenkommen! »Hals müssen sie geben! Hosianna! – Ho–si–anna ...!« Wie eine Ratte lauert, also lauerte Jaspers. Von seinem sichern Versteck aus verfolgte er den Weg des Spökenkiekers, der über den trügerischen, wankenden Boden glitt, als habe er sichere Dielen unter den Füßen. Er hatte es eilig. Immer gerade aus, immer auf den dunklen Hof zu, der weit dahinten in der Ebene ruhte, dunstig, ungewiß und von den Silhouetten tiefschwarzer Bäume umgeben. Wie riesenhafte Soldaten hielten sie einsame Torwacht, und doch hatten sie es nicht vermocht, das Geheimnis des Brinkschultenhofes zu hüten. Das war flügge geworden und konnte jeden Augenblick zu den Menschen gelangen. Bald sollte es fliegen. Aber was dann?! Verstört blickte Jaspers dem Einsamen nach, der in immer weitere Ferne rückte, kleiner wurde, zusammenschrumpfte, um schließlich spurlos ausgeblasen zu werden. Nur die Stimme lebte noch, aber sie irrte auf Gummischuhen durch den Nebel: gedämpft, fahrig, wie in einen vorgehaltenen Sack gesprochen. »Hosianna! Hals müssen sie geben ...! – Ho–si–anna ...!« Dann verstummte auch dieses. Der Alte packte den Weißdorn fester und versuchte, auf dem kürzesten Weg nach Sönnern zu kommen. Da hinten, jenseits des Vorwerks, mußte es liegen, Unter seinen Schritten rollte er den Weg auf, aber je rascher er ausholte, um so weiter schien das kleine Gehöft von ihm abzurücken. Er fühlte selbst, wie er in sein eigenes Elend hineinstolperte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. Vor ihm flatterten wieder einzelne Krähen und taten so, als ob sie flügellahm wären. Das waren seine krummgeschossenen Trümpfe. Drohend hob er den Stock, als sei er gewillt, sie gänzlich zuschanden zu schlagen. Kein Zweifel, er hatte sich um seine beste Erwartung betrogen. »Auch egal!« begehrte er auf, »denn 'rein ins Pläsier; aber das Weibsbild zuerst. Und wenn alle Stränge reißen, den letzten für mich. Der wird's schon machen.« Mit grimmigem Behagen sah er sich schon an irgend einem Scheunenbalken oder Stallpfosten hängen. Das weite Land dunkelte ein. Immer dünner wurde das Licht unter dem fahlen Abendhimmel, den allerhand seltsame Wolkengebilde bedeckten. Noch war es nicht Nacht, aber die mußte bald kommen. Die Dinge nahmen unbestimmte Formen an, rückten ab und standen in langen Gewändern. Das Röcheln im Moor verstärkte sich, und die Schwaden wurden zu engmaschigen Netzen. Der Alte schritt mit verdoppelten Kräften. Es half ihm nichts. Unentwegt quirlte es gegen ihn an, und der nasse, moorige Sand hielt ihn zurück. So kam er nicht weiter. Er kämpfte mit der wütigen Anstrengung eines Verzweifelten. Aber je herzhafter er ausschritt, um so mehr wurde er rückwärts getrieben. So glaubte er selber. Er kannte doch die Gegend von Kindsbeinen an; jetzt fand er sich kaum mehr zurecht. Seine Kräfte erlahmten. Er tastete sich mühselig weiter, ohne eigentlich von der Stelle zu kommen. Hinter ihm war der Brinkschultenhof wie von der Erde verschluckt – und vor ihm, da in den ziehenden Dämpfen ... er sah das Gehöft nicht mehr, das er passieren mußte, um den richtigen Weg einzuschlagen. Nur Stimmen hörte er, verworrene Stimmen, und das langsame Mahlen von Karrenrädern. Das war Ignaz mit den geretteten Pferden und Wagen. Durch Dunst und Duft arbeiteten sie auf einem Seitenwege vorüber. Der Alte wollte sie anrufen. Seine Stimme versagte. Er versuchte, quer über das Moor zu dringen; aber knietief sank er ein und war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Seine Angst verdoppelte sich. Er schob die Seidenmütze zurück. Kalter Schweiß bedeckte ihm Stirn und Schläfen. Er vermochte sich kaum mehr aufrecht zu halten. Seiner Berechnung nach befand er sich höchstens zehn Minuten vom Vorwerk. Von dort aus war es nicht mehr allzuweit bis Sönnern. »Gott's den Donner noch mal ...!« preßte er zwischen den blanken Zähnen hervor und griff nach der Halsbinde, als müsse er sie weiter zerren, um sich Luft zu verschaffen. »Das halte ich nicht mehr aus,« sagte er röchelnd, »ich ersticke. Herrgott, ich ersticke!« Er taumelte am Straßenrande zusammen. Der Oberkörper sank zurück. Mit beiden Händen griff er in die moorige Grasnarbe. Qualvolle Minuten vergingen. Das Räderknarren hörte auf. Die Stimmen waren untergegangen. Nichts mehr in der unendlichen Weite als das Schwirren des Ziegenmelkers und das Seufzen des Torfwassers. Er stemmte sich mühsam auf und suchte Ziel und Richtung zu finden. Er suchte vergebens. Alles war ein einziges, undurchdringliches Grau, aus dem die Erlenbüsche wie drohende Lebewesen aufragten. Da sah er ... Zwischen den Gruben erschienen matte Lichter; dann verschwanden sie wieder. Neue erhoben sich, verbreiteten eine geisterhafte Helle, rückten kaum merklich von der Stelle und betteten ihr fahlblaues Leuchten zwischen Binsen und Röhricht. Auch sie vergingen wie ein Nichts, wie ein leeres Phantom. Jaspers stierte ihnen nach. Da kamen sie wieder, tänzelnd und schwebend, im Schilf haftend, weiter rückend, einschlafend und aufwachend, im matten Schein – irre Lichtchen in einer Grabkapelle ... Ein Irrwisch nach dem andern duckte im Moor auf. Jaspers suchte auf die Beine zu kommen. Endlich gelang es. Er sah kaum noch eine Hand vor Augen. Der Wind, der bislang geschwiegen hatte, erwachte, wurde lebhafter und raschelte in den Blättern. Aber was war das ... ?! Ging es nicht dumpf und hohl in der Ferne? Kam da nicht jemand? Jetzt hörte er nichts mehr. Nur dicht neben ihm, kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt, erhob sich eine wehmütige Stimme. »Kummit! – Kummit ...!« »Jungfer Scholastika!« sagte der Alte. Er glaubte, sie auf einem Baumstrunk sitzen zu sehen. Der Schleier des grünen Hütchens wehte im Wind. »Kummit! – Kummit ...!« Oder war es nur ein armseliges Käuzchen? Wirre Bilder bedrängten ihn. Noch einmal versuchte er die Füße zu heben. Er konnte nicht weiter. Die Schuhe klebten am Boden. Da wieder das rauhe Gepolter. Im Vorwerk schlugen die Hunde an. Andere antworteten ihnen. Eine Blendlaterne warf ihren rötlichen Schein über den Hellweg. Erst klein, wurde sie immer größer und größer und hatte einen erleuchteten Kreis um sich, der Ähnlichkeit mit einem nebelhaften Wagenrad hatte. Hinter diesem Dunstkreis mußte der Brinkschultenhof liegen ... und hinter diesem Dunstkreis mußte einer kommen, der die Laterne trug. Und sie kam näher, immer näher und näher. Und der erleuchtete Kreis nahm zu an Breite und Höhe und wandelte daher wie eine flüchtige Scheibe ... und warf ihr Licht über den Alten ... und aus diesem Dunstkreis heraus ... Jetzt war es bei ihm. Mit knochigen Fingern griff es zu. Jaspers schrie auf. Eine würgende Hand saß ihm an der Gurgel. Mit eigentümlichem Ton schlug ihm die Zunge gegen den Gaumen. »Feurio ...! – und siehe da: der Tag des Gerichtes will kommen!« Die Faust drückte den Alten zurück, bis sein Kopf gegen einen Baumstamm anschlug. Dann ließ sie nach. Die Laterne aber hob sich und beschien ein Antlitz, dem das Entsetzen alles Blut aus den Adern getrieben hatte. So sah der Tod aus. »Karl Mersmann ...!« »Ja, Karl Mersmann, der bin ich,« lächelte der Spökenkieker, und seine Augen waren friedlich und gütig und durchsichtig wie Spiegelscheiben. Dann ließ er die Blendlaterne herunter und sagte, indem er dem Alten mit fidelem Gesicht auf die Schulter klopfte: »Ohm Jaspers, der Bueren Riekeligkeit, der Papen Begehrlichkeit un Gottes Barmherzigkeit währt bis in alle Ewigkeit. Amen! – aber des Menschen Barmherzigkeit währt nicht bis in alle Ewigkeit, Jaspers. Ich bin vom Vorwerk gekommen, da, wo sie den Braunen ersaufen ließen, den mit der Blesse, und bin nach Hause gegangen, und bin auf meiner Kammer gewesen und suchte, aber es war alles zum Teufel. Da sagte ich mir: Geh wieder ins Moor und auf den Hellweg und suche. Du wirst es schon finden. Und so bin ich aufs neue ins Moor und auf den Hellweg gegangen.« Er hatte fast kindlich gesprochen. Jaspers erholte sich wieder. »Schön,« pflichtete er ihm bei, »dann sucht man weiter, Kardel. Da zwischen den Torfstichen wird es schon liegen.« »Da liegt nichts und hat nie was gelegen. Der Heidemann hat's, und wenn der es nicht hat...« Seine Stimme nahm einen harten, metallenen Klang an: »Jaspers, wenn der es nicht hat, dann hat's ein anderer – und der ist hier auf dem Hellweg.« »Außer mir ist hier keine menschliche Seele.« »Aber Ihr seid auf dem Hof gewesen?« »Das schon – nur früher als Tillbeck, Jans Stedink sein Schmiedegesell.« »Der nimmt keinen Palm weg. Nee, der nimmt keinen Palm weg!« »Was für 'nen Palm denn?« Der Spökenkieker wiegte sich unheimlich in den Hüften und meinte, halb sprechend, halb singend: »Äppelken – päppelken, Hüppelken – püppelken, Rättken un Kättken – Mien Pälmken is weg! Na, der hinterm Spiegel steckte, den mir die Brinkschulte gab – am Palmsonntag vor hundert Jahren. Oder ist es nicht vor hundert Jahren gewesen? – Ja, es ist vor hundert Jahren gewesen. Damals ...! – ein ganzes Sträußchen mit Palm – hundert Blättchen – zweihundert Blättchen – eins wie das andere ... Und dann kam Ostern ... grüne Ostern ... und fünfundzwanzig Osterfeuer brannten auf Reihe ... und dann, ja dann bin ich aus der Bodenluke gefallen ... Ah! – da kommt ja das Möndchen ...!–« Er zeigte nach links. Eine lichtschwache Helle stand über den Erlen und gab sich redliche Mühe, sattsam Raum zu gewinnen. Jaspers suchte nach einem rettenden Strohhalm. »Kardel, also wirklich aus der Luke gefallen?« »Ja – so ganz von alleine.« »Und keiner hat dabei geholfen?« »Wer sollte denn helfen?« »Aber wenn die Brinkschulte den Heinrich Tillbeck heiratet, bist du dann auch noch so ganz von alleine aus der Luke gefallen?« »Die Brinkschulte ...?! – Tillbeck ...?!« Karl Mersmann machte den Hals lang. »Höh!« meinte er hierauf und warf die Laterne über sich fort, daß sie einen Feuerstreifen zog und in einem nahen Tümpel verröchelte. »Mensch, laß die Brinkschulte zufrieden ...! – Ich und sie, wir gehören zusammen, aber Ihr ... Könnt Ihr beten, Ohm Jaspers?« »Ja, ich kann beten.« »Dann betet: Vater unser, der du bist in dem Himmel...« »Es ist gut, Kardel; wir wollen nach Hause.« »Ihr?! – und nach Hause? Keine blasse Idee von ›nach Hause‹!« Dann rollte seine Stimme: »Feuermensch, ich will meinen Palm wieder haben. Meinen Palm will ich haben. Er ist heilig, heilig, heilig!« »Ich habe den Palm nicht!« »Mensch, du hast ihn aus meiner Kammer gestohlen. Er hat hinterm Spiegel gesteckt, und wer ihn gestohlen hat, kommt nicht mehr aus dem Düstermoor 'raus. Schick di in de Welt oder scher di herut! Vater unser, der du bist in dem Himmel ... Betet, Ohm Jaspers! – der Palm war heilig, heilig, heilig!« Und »Heilig, heilig, heilig!« kam es durch Strunk und Büsche und vom Vorwerk zurück. »Auf Leben und Seligkeit – ich habe den Palm nicht ...! – Komm man, Kardel, wir sind doch immer Freunde gewesen.« »Nichts da mit ›Freunde‹, nichts da mit ›Leben und Seligkeit!‹ – wo de Foss ligg, dao frett he nich. – Jaspers, da hört mal ...!« Und Karl Mersmann wuchs und wuchs, übermenschlich, ein Riese im Nebel. Das eckige Gesicht wurde zu einem triumphierenden Antlitz. Hochaufgerichtet, ein eingerammter Pfahl, stand er neben dem Alten, dem das Herz aussetzte – und eine Augenblicksstille war, die kein Lächeln mehr hatte. Dann hörten sie ... Weit drüben im Moor, wo der Boden sich unter dem leisesten Schritt hebt und senkt, hub es an: seltsam, klagend, häßlich und schaurig, wie der Ton einer Geige, die ein Wahnsinniger spielte. Und immer lauter wurde das Geigen, und immer näher geigte es sich heran, und immer drohender und furchtbarer wuchs Karl Mersmann in den Nebel hinein. »Da spielt einer,« sagte er mit glutenden Augen. Jaspers wußte genug. So was hört man nur einmal im Leben. Der Herr über Sein und Nichtsein fiedelte im Moor. Da aber brach der Spökenkieker los: »Feuermensch ...! – Palmräuber ...! – Hundeseele ...! – Siehe dahinten, da sitzen sie: Jan van Leyden, Knipperdölling und Krechting und wollen Gericht machen. Ganz famöste Kerle die drei! – Und Jan van Leyden macht ein Rasiermesser blank. Gut so! – ist gut so! – Komm mal her, mein Hühnchen, jetzt wollen wir das neue Kegelspiel spielen. Es tut nicht weh ...! Kille, kille, kille ...!« Damit hatte er sich auf Jaspers geworfen. Ein wütiges Ringen begann. »Vater unser, der du bist in dem Himmel ...! – Beten, Ohm Jaspers, beten! – du kriegst jetzt Torfwasser zu saufen ...! Höhö! – du Palmräuber ...!« Und die wilde Jagd ging in den Nebel hinein, in das Ungewisse, in die grauen Sterbetücher – und fand erst ihr Ende, als zwei unbarmherzige Hände eine röchelnde Kehle umgriffen. In diesen Händen saß der Tod. »Heilig! – heilig! – heilig ...!« Die große Lache, südlich des Hellwegs, schluckte und schluckte, bis alles vorbei war. Schwarzes Wasser gurgelte – der Boden wankte und schwankte – Blasen stiegen auf – und eine feierliche Stimme ertönte: »Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten. 'rin mit die Ratzen ...!« Eine Viertelstunde später ging einer über den Hellweg, die Hände in den Hosentaschen, ruhig wie einer, der gläubigen Sinnes das Sakrament des Altares empfangen. Und seine Lippen spitzten sich, und versonnen pfiff er in den Abend hinein: »Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke...« und zog seines Weges. Neunzehntes Kapitel Inzwischen ... ja, da war sie während des Schreibens öfters aufgestanden, war ans Fenster getreten und hatte mit klopfender Brust in den Abend hineingehorcht. Ein leiser, weicher Wind spielte in den Zweigen. Sie sah die Schatten der Bäume sich im Nebel auf- und niederbewegen. Weiter reichte ihr Blick nicht. Aber sie hörte deutliche Rufe aus der Ferne, vom Vorwerk her, über den Hellweg fort. Es war so, als kämen sie näher. Dann aber schienen sie wieder in eine unbestimmte Weite zu rücken. Und niemand kam, ihr Nachricht über die Vorkommnisse in den Torfstichen zu bringen. Sie hatte Karl Mersmann doch Order gegeben. Das dauerte ewig. Sie war mit ihrer Verzweiflung allein und von aller Welt abgeschnitten. Jenseits des Hofes schlief das weite Land hinter einem undurchdringlichen Vorhang. Nichts Störendes, nichts Unruhvolles. Sie horchte und vernahm jetzt eilige Schritte, die über die Fliesen gingen, sich dann aber nach oben verloren. Das mußte Karl Mersmann sein. Warum erschien er nicht? Sie wartete doch schon lange auf ihn. Aber er kam nicht. Um so deutlicher wurden die Schritte über ihr. Hastig gingen sie auf und nieder. Schränke und Stühle wurden gerückt, Schubladen auf- und zugeschoben. Plötzlich nahm das Treiben über ihr an sinnloser Wut zu, als sollte eine Plünderung stattfinden. Dann polterte es auf der Treppe, und die Tür wurde geschlagen, die ins Freie führte. Er wollte also fort und sie im Ungewissen lassen. Da schickte sie Dörte hinter ihm her. Es dauerte fünf Minuten, bis diese zurückkehrte. »Er ist nicht zu halten,« sagte sie kleinlaut, »denn als er hörte, der alte Jaspers sei hier gewesen, hat er 'ne Stallaterne genommen und ist nochmals auf den Hellweg gegangen.« »Er hat wieder seinen hellsichtigen Tag,« meinte die Brinkschulte, scheinbar gefaßt und doch bis ins tiefste getroffen. Bald darauf hatte sich das Entsetzliche zwischen Karl Mersmann und dem alten Jaspers begeben. – Als Dörte fort war, ging die Brinkschulte zu ihren Papieren zurück. Sie beschloß, nicht mehr an diesen Unglücklichen zu denken und nur der gegenwärtigen Stunde zu leben. Sie kramte in alten Dokumenten herum. Das Testament ihres Großvaters und das ihres Vaters kamen ihr nochmals unter die Hände: verschnörkelte Sätze und Schriftzüge, die aber das Eigenartige und Stiernackige ihrer Niederleger in jeder Zeile verrieten. Sie las etliche Wendungen immer und immer wieder. Die harten, kernigen Worte taten ihr wohl. Da lag noch urgesunde Kraft drin, kein Wanken und Rückwärtsschreiten. Und diese urgesunde Kraft strömte in sie über wie eine spurfeste Welle. Sie hatte sie nötig. Jaspers trat ihr wieder in den Sinn. Endlich war der verhängnisvolle Knoten durchschlagen. Sie fürchtete nichts mehr. Auch den letzten Trumpf nicht, selbst auf die Gefahr hin, ihre Ehre wie ein Bettelweib verspottet zu sehen. Das hatte sie sich immer gesagt: Deine Liebe geht über Dornen; möglich, daß du an dieser Liebe verblutest. Gut denn, sie mochte verbluten, aber es mußte alles klar werden, um mit freier und offener Stirn vor Heinrich Tillbeck treten zu können, sonst: der Fluch haftete ihr an, wo sie den Segen erflehte, und keine Macht war imstande, die Sünde von ihr zu nehmen. Eilig sichtete sie die einzelnen Dokumente, schnürte sie zu einem Bündel zusammen und schob sie zur Seite. Hierauf überflog sie noch einmal die Zeilen, die sie auf einem großen Bogen niedergelegt hatte. Es war der Entwurf eines Testamentes, das sie in den nächsten Tagen vor Notar und Zeugen zu betätigen hatte. »Alles liegende und bewegliche Eigen, alles, alles...« sagte sie ruhig. »Es ist schon das beste. Eine starke Hand ist erforderlich, wenn diese hier die Zügel verliert. Herrenfaust hält den Pflug blank, und ich will, daß der Brinkschultenhof allzeit unter blankem Pflug ist. Also geschehe es ... und Dörte ...! – Wenn auf dem Hof die Kornfelder reifen, dann sollen auch für dich die Brotschnitten wachsen – für dich und das Kind. Drum hab' keine Furcht. Wenn ich nicht mehr bin – das Vorwerk hat Garten und Ackerland genug, um dich über Wasser zu halten. Also für dich ist gesorgt. Nur Dörte, wenn es dahin kommen sollte – einen Rosenkranz für mich bitte ich mir aus. Den wirst du für die Brinkschulte schon übrig haben. Man kann alles nicht wissen. Vielleicht wird es doch gewertet im Himmel. Vielleicht ...?! – Ja, es wird gewertet im Himmel, denn einer lebte auf Erden, der kein Schriftgelehrter war und kein Priester am Altare, aber er sagte: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken ...« Auch dieses Schriftstück legte sie zu den andern; dann nahm sie einen Briefbogen und reihte mit ihrer kräftigen und schönen Hand Zeile an Zeile. Sie schrieb an die Freundin in Dortmund. Bald zögernd, bald fließend setzte sie Gedanken neben Gedanken. Nach viertelstündigem Schreiben war sie zu Ende. Dann las sie ohne jede Erregung: »Geliebte! Du erinnerst Dich doch noch des Tages, als wir beide auf der Asbecker Scheid standen. Damals gaben sich die Eichen in ihrer ganzen Sommerpracht, und eine herrliche Mannsgestalt ging hinter dem Pflug, anzuschauen wie einer, der das klingende Leben vor sich hatte. Jetzt sind die Felder leer, und die Eichenblätter kränkeln dem Herbst entgegen – aber der Herr ist gekommen. Du wirst aufjubeln, wie ich aufgejubelt habe. Ich bin ganz offen zu Dir, ich verhehle Dir nichts. Ich habe diese Stunde herbeigesehnt, wie man ein unendliches Glück herbeisehnt, denn ich bin auch ein Weib, und mein Blut will in die Arme des Mannes hinein. Du schriebst mir damals: Meine Feder hat den Erdenstaub von sich getan. Das mag Dir seltsam erscheinen. Aber über so etwas zu sprechen, gibt Flügel. – Auch mir sind in dieser Stunde Flügel gewachsen. Ich bin eben namenlos glücklich geworden, und doch steht die Verzweiflung neben mir. Denke an mich, und vergegenwärtige Dir die Madonna von der Soester Börde. Früher und heute! – Ich bin nicht wiederzukennen. Ich gehe durch Licht, und dennoch schreite ich durch Finsternis. Aber es soll hell um mich werden, wenn diese Helle auch in eine namenlose Trauer hineinführt. Das sind Gegensätze und Widersprüche. Aber sie sind nun einmal da und lassen sich nicht fortwischen. – Was früher geschehn ist, darüber bist Du keinem Rechenschaft schuldig, so lautete eine Stelle Deines vorletzten Briefes. Du machst recht haben, Marie, aber einem gegenüber bin ich Rechenschaft schuldig. Da sind Spuren vorhanden ... und trotzdem trete ich erhobenen Hauptes unter die Scharen von Frauen, die freimütig sprechen können: Wir haben nur reine Liebe gekostet. – Auch hier sind Gegensätze, die unüberbrückbar erscheinen, und dennoch zähle ich mich zu den schuldlosen Frauen. Warum das? Um dies zu erklären, müßte ich weit ausholen, müßte mich mit Dingen befassen, die den Hauch des Todes in sich tragen. Das möchte ich Dir ersparen. Gib Dich mit dem Gesagten zufrieden. Und warum ich das alles schreibe ...? Ich will, daß Du mich richtig beurteilst, wenn ich nicht mehr bin. Ein toter Mund kann nicht mehr sprechen. – Ich stehe vor einer schweren Stunde. Gleich muß sie kommen. Es geht um Leben und Sterben, um köstliches, sonniges Leben, aber auch um fröstelndes, trostloses Sterben. Möglich, daß in diesem Sterben Erlösung liegt. Lebe wohl und halte mich lieb. Grüße Mann und Kinder. Ich küsse Deine guten, treuen Augen. Gott sei mit Dir und mit mir. Deine Josepha.« Sie falzte den Bogen und kuvertierte ihn – mechanisch, wie gewöhnlich, ohne dabei etwas zu denken. Jetzt, wo er geschrieben war, behandelte sie den Brief wie jeden andern, wie eine Geschäftssache, wie ein Ding, das für sie abgetan war für jetzt und immer. Mit derselben Gleichgültigkeit schrieb sie die Adresse und siegelte – langsam und mit einer erklügelten Umständlichkeit. Sie wollte weiter nichts, als die Zeit totschlagen. Das lenkte ab. Man betäubte sich doch auf Minuten hinaus. Man gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Die Notwendigkeit des Geschehens wurde so hingehalten, und man konnte vergessen. Dann sah sie auf. Draußen schlug der Hund an. Wirre Rufe kamen durch den Abend, und das Rollen von Wagen ließ sich vernehmen. Gleich darauf erschien Dörte. »Sie sind da,« sagte sie stammelnd, »sie sind schon im Hof: Ignaz und die Gespanne ... Auch die andern sind da ... Nur der eine Braune ist im Moorwasser geblieben ...« »Ich will keinen mehr sehen – keinen. Verstehst du?« Da ging Dörte. Sie aber horchte auf. Sie vernahm eine klare, zuversichtliche Stimme. Das war seine Stimme. Sie hörte, wie er Befehle gab und die Hilfsmannschaften aus der Nachbarschaft abfertigte. Er dankte ihnen und hieß sie morgen wiederkommen. Jedes Wort klang deutlich herüber. Er gab Orders an die Knechte ... an Ignaz ... Ein beifälliges Murmeln setzte ein. Alle schienen zu folgen, willig, ohne Widerrede. Er tat so, als wäre bereits alles in seine Hand gelegt worden. Er tat so ...? Ein Leuchten flog über ihr geisterbleiches Gesicht. Ihre Hand griff nach dem Papier, dem sie ihren letzten Willen anvertraut hatte. Sie riß es an sich und überlief einzelne Worte, einzelne Sätze ... Da stand es ja deutlich. Er war schon Herr des Brinkschultenhofes. Sie hatte lediglich ihre Pflicht getan. Das war auch alles gewesen. Die heimliche Schuld regte sich wieder. Sie glaubte, ersticken zu müssen. Was sie eben noch wollte, zu tun gedachte, rückte aus greifbarer Nähe. Sie strich sich über die Stirn. Wo war sie denn nur? Sie war nicht mehr Herrin über sich selbst. Entgegentreten wollte sie ihm, alles ihm sagen, das wollte sie – und nun konnte sie das Geständnis nicht finden und hatte den Mut nicht, vor ihre Überzeugung zu treten. Warum auch? Es wäre doch vergebens gewesen. Warum sollte sie dem Schicksal nicht den Rang ablaufen? Das beeilte sich nicht. Das dehnte die Minuten zu langen, qualvollen Stunden. Also – sie hatte nichts weiter zu tun, als das Verhängnis zu überholen. Jedes Menschen Geschick drängt nach Erfüllung. Je kürzer, je besser. Nichts mehr fühlen. Nichts mehr bedeuten... Ja, das wollte sie. Sie richtete sich jäh auf. Ihr Blick wurde starr. Sie stand wie betäubt. Sie kämpfte den letzten Kampf. Es blieb ihr sonst nichts mehr übrig. »Wer bin ich denn eigentlich? Weiter nichts als die Dirne vom Brinkschultenhof. – Auch gut!« Entschlossen trat sie vor. Sie legte die Hand auf den Drücker. Sie klinkte die Tür auf und horchte. Sie hörte seine Stimme nicht mehr. Ein scharfer Luftzug schlug ihr entgegen. Es wurde ihr kalt ums Herz. Sie hatte sich abgefunden mit allem. Sie mußte das Leben hinter sich werfen kraft eigenen Willens. Nur nicht langsam absterben, nicht Glied für Glied. Das stand ihr nicht. Zur Märtyrerin hatte sie niemals die geringste Neigung empfunden. Sie wollte hinaus... ihn nicht mehr sehen... Es war doch alles zu Ende... Auf den Hof hinaus... an den Brunnen... Sie sah im Geiste sein gespenstisches Auge... Sie sah es in den Nebel hinausblinken... Noch einmal durchlebte sie ihr vergangenes Leben... aber in einem rasenden Tempo... ohne anzuhalten... ohne sich auf jede Einzelheit zu besinnen... gleichsam, als wenn sie es auf einem galoppierenden Pferde durchritte... Dann trat sie über die Schwelle, um jählings ins Zimmer zu prallen. Nun war das Schicksal doch schneller als ihre Entschlüsse gewesen. Eine beklemmende, unabwendbare Gewißheit: hochaufgerichtet stand er vor ihr. Sein Haar war in Unordnung. Ein nasses Gewirr von Heidekraut und Föhrennadeln haftete an seinem Rock. Der schwüle Atem des Moorwassers war bei ihm. Entsetzt sah sie ihn an, und doch lag Hoheit in den entstellten Zügen. Er wollte die Arme heben, sie an sich reißen, ihr berichten, was er soeben durchkämpft hatte. Nichts von dem geschah. Die Arme sanken ihm am Leib herunter. Er fühlte instinktiv: unter dir gerät der Boden ins Wanken. Er sah, wie die bezwungene Leidenschaft in ihr ausbrechen wollte. Ihre Augen weiteten sich. Es war die letzte Prüfung. Sie sah den vor sich, den sie erträumt hatte, den das verlangende Weib in ihr mit allen Fasern begehrte: der arme Heidevogel war bei ihr – ihr unebenbürtig an Geburt und Erziehung, weit unter ihr stehend, ungelenk und langsamen Geistes, wo es galt, seine Gedanken nach den Gesetzen der Schule niederzulegen. Dazu war der stille Pastor zu früh von ihm gegangen. Aber das Singen wuchtiger Schmiedehämmer umklang ihn. Das hatte seinen Arm gestählt und ihm den Willen gehärtet. Und die Signale der blauen Husaren klangen in sein Leben hinein. Die geboten ihm, seine Mutter zu ehren und gut von den Menschen zu denken. So ging er durch leuchtende Sonnengarben und hatte einen klirrenden Schritt unter den Füßen. And seine Blicke sagten: Mein Gewissen ist rein; ich habe keine Schuld auf der Seele. Und seine ganze, stolze Manneskraft war bei ihm und seine heiße Liebe und alles, was nötig war, um ein Weib zum Weibe zu machen. Er hielt's nicht mehr aus. Sie mußte in seine Arme hinein. Was hinderte ihn noch, sein ein und alles an sich zu reißen ...? Sie war ihm doch gegeben vor Gott und den Menschen ... Sie konnte doch nicht erwürgen, was sie noch kurz zuvor ins Dasein gerufen hatte! And er – er konnte doch nicht wieder in den erbärmlichen Alltag zurück. Seine Herrennatur erwachte in ihm. Er drang auf sie ein. »Keinen Schritt mehr!« »Josepha ...!« »Rühr' mich nicht an,« sagte sie schaudernd, indem sie die Hände verschränkte. »Siehst du denn nicht? Fühlst du denn nicht? Du mußt doch begreifen, was in mir vorgeht. Hast du denn das unter der Bodenluke vergessen ...?« Mit einem wehen Laut brach sie ab. Sie wankte zurück, bis sie an der Tischkante Halt fand. Hier straffte sich ihr Leib. Mit eiserner Willenskraft zwang sie ihn aufwärts. Nur ihre Lider sanken tiefer und tiefer, und ein schmaler Streifen, fein wie ein Seidenfaden, schimmerte durch ihre Wimpern hindurch. »Ich habe dir ein Geständnis zu machen,« sagte sie endlich. »Unterbrich mich nicht. Ich will versuchen, dir alles verständlich zu machen. Wir stehen zwischen Leben und Tod. Daß es dazu kommen mußte, wußte ich bereits, als du mir den Pflug auf der Asbecker Scheid vorführtest. Schon damals hätte ich mir sagen müssen: Wende dich ab, du darfst keine Gemeinschaft haben mit dem, der in dir das schuldlose Weib sieht, makellos und rein wie die Scholle, die seine Pflugmesser auf die Seite legt, du darfst sein Geschick nicht mit dem deinen verflechten. Es wäre besser gewesen. Noch besser, wir wären uns im Leben niemals begegnet. Nein! – bitte, laß mich aussprechen. Ich bin noch nicht fertig, und wenn ich fertig bin, wirst du sagen: Ich habe mich in dir getäuscht. Mein Herz fällt von dir ab wie ein welkes Blatt vom Baum; aber du hast mir das Schlimmste erspart, denn du bist wenigstens ehrlich gewesen. – Ich hätte dir das alles früher sagen können – in dem entscheidenden Augenblick – als es noch nicht zu spät war. Ich tat es nicht, denn meine Liebe zu dir legte mir die Hand auf den Mund und brachte mich in den Taumel einer Selbstentfremdung. Und dann: ich glaubte vergessen zu können, eine wehe Erinnerung weniger schmerzhaft zu machen. Ich täuschte mich. Ich dachte, ein armes, zerpflücktes Leben an deiner Seite neu zu beleben. Das wäre auch möglich gewesen, also sagte ich mir, denn Gott verzeiht und kann nicht wollen, daß eine Verfehlung sich forterbt wie eine schleichende Krankheit und einem Leib und Seele vergiftet. Aber dann wieder: der klügelnde Verstand und das Gewissen sind von jeher unbarmherzig gewesen. Und das ist mein Verhängnis geworden. Über die Sünde eines Mannes geht die Welt lächelnd hinweg, über die eines Weibes richtet sie mit unerbittlicher Strenge. Und offen gestanden: die Welt geht nicht irre. Und daher: ich will freie Bahn vor mir haben. Das bin ich dieser Stunde schuldig, dir und mir gegenüber. Ich bin besser, als ich mich gebe. Das weiß ich. Das sagt mir mein eigenes Selbst. Das braucht mir keiner zu bestätigen. Trotzdem – ich klage mich an, ohne Rücksicht, ohne Erbarmen. Das hätte ich schon früher getan – vorhin – im Moment der Entscheidung, als wir auf der Stätte waren, die wir auf dem Brinkschultenhof ›heilige Erde‹ nennen. Da werden Eide abgenommen, da haben die Särge meines Vaters und meiner Mutter gestanden, da soll auch der meine ... Der Schrecken jedoch, der vom Düstermoor heraufkam, hinderte mich daran. Jetzt aber ist die Stunde gekommen. Die Vergangenheit hat dir etwas zu sagen ...« Ihre Stimme war schüchtern, zu einem leisen Geflüster geworden. Das schmerzliche Lächeln verstärkte sich, und der Seidenfaden, der zwischen ihren Wimpern hindurchschimmerte, nahm einen grünlichen Schein an. Dann öffneten sich ihre Blicke. »So geschehe denn,« sagte sie bewegt, »was einmal geschehn muß. Ich kann es nicht ändern. Ich weiß – du suchst die Reinheit des Weibes in mir, aber ich sage dir: ich habe diese Reinheit des Weibes verloren.« »Josepha ...! – das ist ja alles nicht wahr! – Das kann ja nicht wahr sein ...!« Er bäumte sich auf, um mit einem dumpfen Schrei niederzubrechen. Mit beiden Fäusten umgriff er die Schläfen. Sprachlos sah er sie an. Sie wandte sich zu ihm. Sie war einer Sterbenden ähnlich. Alles Blut war ihr von den Lippen gewichen. »Du leidest um mich,« sagte sie traurig. »Aber ich will das Leid von dir nehmen und dich von einer befreien, die deiner nicht würdig ist. Drum warte ab, du sollst alles erfahren. Das ist dein Recht und meine Verpflichtung dir gegenüber.« Sie schwieg eine Zeitlang hindurch und fühlte: aus ihrer Umgebung wuchsen die Schatten des Todes. Nichts regte sich. Nur die Lampe zirpte wie ein Heimchen an einem verschlafenen Sommerabend. Josepha Brinkschulte ordnete ihre Gedanken, dann sprach sie – einzelne Sätze – unzusammenhängend – verworren ... Schwer und zögernd rangen sich die Einzelheiten von ihrem gequälten Herzen. Dann sprach sie geregelter, der Ordnung gemäß ... Dann wurde ihre Stimme klar wie ein Kristall ... Dann unerbittlich und hart wie Granit ... Nichts verhehlte sie, nichts entging ihrem scharfen Verstande. Folgerung reihte sie an Folgerung. Mit selbstquälerischer Entsagung sah sie den vergangenen Dingen ins Auge. Ja – damals ...! – Sie gebot Karl Mersmann, über die Äcker zu schreiten. Der Schulmeisterjunge hatte das Sämannstuch umgetan und streute den Samen über das fette Erdreich, Korn bei Korn und sich ruhig wiegend in seinem jungen Körper ... Nichts Kleinliches haftete ihm an, nichts Grüblerisches ... Er nahm das Leben, wie ihm das Leben in den Weg lief, ohne lange zu fragen, ohne sich irgendwelche Bedenken über das Für und Wider zu machen. Die Weiber liefen ihm nach. Er hatte Mühe, sie sich vom Halse zu schaffen. Was sollten ihm diese Weiber? – denn er, der meisterlich den Pflug lenkte und die Sense führte, als müsse er Menschenherzen von der Koppel heruntersensen, war nicht gesonnen, an einem lumpigen Kotten zu kleben. Er brauchte ja nur die nervigen, weißen Arme zu strecken ... und er streckte sie über die Soester Börde, über den Brinkschultenhof, wo sie, des Schulten Tochter, ihm entgegenreifte und mit erstaunten Augen in das Leben hineinsah – in das erwachende Leben, von dem sie nicht einmal wußte, wie gefährlich es sein konnte, vornehmlich dann, wenn am tiefen Horizont das erste Wetterleuchten aufzuckte und ein warmer Heuduft die Sinne betäubte, daß sie trunken wurden wie arme, verlorene Falter, die willenlos das Licht einer Kerze umspielten. Es ist dabei nichts zu erzählen. Es war ein Tag, wie alle anderen es waren. Aber durch diese Tage hindurch sahen seine Blicke mit einem eigentümlichen Glanz. Sie waren schuldlos wie die der Turteltauben, und dennoch ruhte in ihnen das Gift, das die Wachsamkeit einschläfert und fesselt und den Verstand aus den Fugen renkt. Aber erst wenn die Sterne aufgingen ... Eine solche Nacht war damals gewesen ... »Heinrich!« ächzte sie und griff hinter sich, ins Leere, ins Nichts, »in dieser furchtbaren Nacht bin ich wissend geworden.« »Mein Gott und mein Heiland ...!« Er versuchte, sie in die Knie zu zwingen. Er lachte, wie die Wahnsinnigen lachen. Sie stemmte sich gegen ihn. »Laß mich los!« rief sie gellend. Die da draußen mußten es hören. »Ich weiß ja selber ... Die entsetzliche Stunde – das war ja alles im Wahnsinn, im Fieber ...! – O du Barmherzigkeit Gottes!« »Josepha, Josepha ...! – mir will der Verstand auseinander ... Also der, der ...! – der Narr, der Gottestropf ...!« Seine Finger lösten sich. Ohne einen Laut von sich zu geben, brach er vor ihr nieder. Seine Stirn lag auf dem Estrich, und Kälte schüttelte ihn. »Mein Gott, mein Gott ...! – mußte das sein, mußte das sein ...!« Dann sagte er nichts mehr. Ihre Gedanken jagten sich. Sie faltete die Hände auf der Brust. Sie fror – und wieder das eisige Lächeln von eben. »Also bin ich gerichtet,« sagte sie mit vernichtender Ruhe. »So kann ich denn gehn ... und du ...! – Bist du arm geworden auf dem Brinkschultenhof! So arm, so arm!« Tränen waren in ihrer Stimme. Da fühlte sie: eine fliegende Angst ging durch seinen gemarterten Körper. Mit würgenden Händen tastete er sich an ihrem Leib empor. »Also du willst gehn ...?« Seine Stimme keuchte. Sie kam aus einem vertrockneten, durstigen Gaumen. Immer höher tastete er sich. Mit beiden Händen umgriff er ihre Schultern. Seine Finger waren wie eiserne Klammern. »Wohin willst du?« »Ich habe noch einen Gang zu tun. Es ist besser für dich und mich, daß wir uns nie mehr begegnen.« »Du gehst nicht.« Das klirrte wie eine fallende Kette. Er wuchs über sie hinaus, übermächtig, gebieterisch, wie damals, als er in ihrer Gegenwart die Pflugschar in den Boden stieß. »Nein – du gehst nicht.« »Das wollen wir sehn!« schrie sie fassungslos. Ein wütiges Bestreben war in ihr, aus seiner Umarmung zu kommen. Da vergaß sie alles, was in ihr war und was sie sich vorgenommen hatte zu tun: ihrer Arbeit zu dienen, ihren letzten Willen zu betätigen – alles, alles. Nur der verzweifelte Gedanke war in ihr, fort von hier, auf den Hof, an den Brunnen – das erbärmliche Leben nicht mehr leben zu müssen ... »Laß mich los! – Es ist doch alles zerrissen – du hast kein Anrecht, keine Verfügung mehr über mich! – Ich will nicht! – Ich kann nicht! – Ich kann nicht darüber mehr fort – ich bin deiner nicht würdig – ich kann nicht mehr leben ...! Laß mich los, laß mich los ...!« Da sah er. Er las ihre Gedanken. Mit entsetzlicher Klarheit las er Wort für Wort, Zeile für Zeile ... »Du hast etwas vor, du willst über Bord!« »Das ist meine Sache. Darüber bin ich keinem Rechenschaft schuldig. Es ist alles aus zwischen uns. Ich bin dir nicht mehr verpflichtet. Du hast mein Geständnis, und damit bin ich wieder Herrin über mein Tun und Lassen geworden. Die Schande will über mich her ...!« »Nein, sie will nicht über dich her! – Josepha! – Josepha ...!« Ein lautloses Ringen begann, Weib und Mann gegeneinander – ein Kampf zwischen zwei herrlichen Menschen, die sich liebten bis aufs Blut, um vom Schicksal in dumpfe Verzweiflung getrieben zu werden ... gleichwertig an Kraft und Gesinnung ... gleichwertig in ihrer Not und Verzückung ... Sie drängte der Tür zu. Übermenschliche Kräfte hielten sie ab, die Tür zu gewinnen. Ihr Mieder zersprengte. Sie hatte dessen nicht acht. Der Kampf tobte weiter. Ihre Brust drängte sich vor, straff und hart und wie aus lichter Bronze getrieben. Mochte er sich daran trunken sehen. Sie hatte kein Gefühl mehr dafür. Engumschlungen und Körper an Körper rangen sie um jedes Stück Boden. Ein Ächzen und Stöhnen! – und durch dieses Stöhnen hindurch rissen sich zerfetzte Worte von ihren zuckenden Lippen: »Was willst du denn noch von mir? – Es hat ja doch keinen Zweck! – Es ist ja aus zwischen uns! – Wir haben nichts Gemeinsames mehr! – Ich bin doch verloren für dich – ich bin ja gerichtet! – Du hast mich selber gerichtet. – Aber so wahr mir Gott helfe ...!« – und sie ließ ab von ihm, und ein krampfhaftes Zittern durchflog ihren Leib – »schlecht bin ich nicht gewesen! – Ich war noch ein Kind, ein halbes Kind ... und alles war gelähmt in mir: Seele und Sinne – alles, alles ...! Heinrich, so wahr mir Gott helfe ...!« Da rissen die Wolken. Ein neues Leben durchfuhr ihn. Das war die Stimme der Wahrheit. »Das wußte ich ja, das wußte ich ja ...!« Keine Zweifel mehr! Er hielt ja ein schuldloses Weib am Herzen – eine Makellose, eine Erlöste, eine die durch ihre Läuterung reiner und begehrenswerter geworden als die meisten auf Erden. – Wütend suchte er ihre halbgeöffneten Lippen – und fand sie – und küßte sie – und ließ nicht ab von ihnen, bis er fühlte: sie haben deine verzehrenden Küsse erwidert. Und trunken kam es ihm vom Munde: »So habe ich dich wiedergefunden, schuldlos und rein, denn alles ist von dir genommen ...!« »Heinrich!« schluchzte sie und preßte sich an ihn, um Schutz in seinen umklammernden Armen zu suchen, »du gehst ja an meiner Liebe zugrunde.« Da lachte er auf. Es war ein befreiendes Lachen, ein leuchtendes Lachen, ein Gruß an die Sonne. Er sah nicht mehr rückwärts. Geradeaus ging sein Blick. Er sah in eine helle Zukunft hinein. Und um ihn lag Arbeit und das erkämpfte Heiligtum des Brinkschultenhofes. Der große, langersehnte, unbekannte Morgen dämmerte für ihn herauf. Vater, dein Wille geschehe! Und ein herrliches Weib war sein eigen geworden. »Josepha ...! – Josepha ...!« Aber ihre Kraft erlahmte. Ihr Haupt sank nach vorne. Sie warf sich in seinen Armen zurück und drohte, niederzusinken. Sie weinte leise an seiner Brust. Da hob er sie auf, sieghaft und willensstark, und trug sie ins Nebenzimmer, in die Kammer, wo die Krone der Sattelmeier von der Konsole herabglitzerte, kaum sichtbar und nur umzittert von dem Licht des Mondes, der sich mühsam durch die dichten Nebel hindurcharbeitete. Wie eine dunstige Lampe stand er vor dem verhangenen Fenster. Sorgsam, wie man eine Kranke trägt, ging er mit ihr über die knarrenden Dielen, trug er das Heil seines Lebens, das erkämpfte Weib, langsam und mit zögernden Schritten. Dann hielt er an. Liebevoll bettete er ihren zermarterten Leib in die Kissen. »Soll ich Dörte rufen?« fragte er leise. »Nicht rufen, nicht rufen ...« Sie sah ihn glücklich an und nickte ihm zu. Ihr Atem ging schwer. Da rückte er einen Stuhl neben sie und nahm ihre Hand zwischen seine Hände. So verging Stunde um Stunde, so saß er Stunde um Stunde. »Da geht die Vergangenheit hin,« sagte sie plötzlich. »Ich glaube, es wendet sich noch alles zum guten. Heinrich, und wenn die Felder dann rauchen ... wenn alles in Blüte steht...« Sie erhob sich zwischen den Kissen. »Sieh, wie lieb ich dich habe,« sagte sie innig und suchte nach seinem Munde. Da zog er sie an sich, und ihre Lippen fanden sich wieder. Und ihr Haupt ruhte an seiner Brust, bis draußen die Amseln zu flöten begannen und das erste Licht heraufzwinkerte. Da nahm er ihre Hand und streifte ihr einen silbernen Ring an. »Den hat meine Mutter getragen,« sagte er ruhig. »Mir ist wie im Hochamt,« lächelte sie heimlich vor sich hin und küßte den Reifen. »Ein stilles Hochamt auf dem Brinkschultenhof,« erwiderte er und hob sich auf und sah in den werdenden Morgen. Zwanzigstes Kapitel Dann krähten die Hähne ... Bald darauf machte sich Heinrich Tillbeck auf den Weg nach Sönnern. Als er über den Hof schritt, hörte er bereits das Klappern der Holzpantoffeln. Tore wurden auf- und zugemacht. Die Knechte waren schon munter. Sie gingen an ihre Arbeit, schweigend und mit aller Gelassenheit. Als sie Heinrich Tillbeck sahen, zogen sie ihre Mützen herunter. Die Stallmägde steckten die Köpfe zusammen. Es war also kein Geheimnis mehr, was gestern Abend passiert war. Auch Ignaz Greving kam ihm entgegen. Er war noch voll von schweren Bedenken. Der gestrige Tag hatte ihn unsanft gerüttelt. Es war, um die Kränke zu kriegen. Der schöne Braune lag im Torfwasser und sank immer tiefer. Aber er, der Großknecht, konnte nicht lange darüber nachgrübeln. Der Morgen brach an, und das Leben wollte Betätigung haben. So trat er denn an Tillbeck heran. »Gut,« sagte er in bedachtsamer Breite, »daß wieder ein Herr auf den Hof kommt. Das jagt die Ratten aus den Ställen und gibt Aufmunterung. Ick gröte Ju, Tillbeck.« Er reichte ihm die Hand. Da schlug dieser ein. »Ich danke Ju, leiwe Mann,« und er musterte ihn und sah, daß Ignaz verläßlich und überlegt und ein prächtiger Mensch war. »Auf fröhliche Arbeit zusammen.« »Soll ein Wort sein,« erwiderte Ignaz. »Toujours en vedette,« und sah ihm nach, als er den Hof verließ und den Feldweg einschlug, der an dem alten Birnbaum vorbei gen Sönnern führte. »Gott sei gedankt!« sprach er in sich hinein, »nu ist mal der Rechte gefunden. Freue dich, Brinkschultenland! – Der reitet ohne Trense und Kandare und überreitet alles, was gegen ihn anoperieren will. Ja, ja – ick gröte Ju, leiwe Mann. Amen!« Er dehnte sich, daß die Gelenke knackten, ging hierauf den Pferdeställen zu und sah nach den Raufen. Hinter dem Schwarzen Holz, das noch zur Gemarkung des Hofes gehörte, zündete der junge Tag seine Fackel an. Langsam hob er sie auf, langsam flogen die ersten Funken den grauen Himmel entlang. Dann schob er sie höher, mächtiger, wuchtiger. Das Schwarze Holz lag wie eine riesenhafte Silhouette auf einer flammenden Folie. Die Fackel sprühte und glühte. In den Lachen der Fahrgeleise, die das gestrige Wetter geschaffen hatte, spiegelten sich rote, zuckende Garben. Die Regentropfen, die von allen Rispen und Gräsern hingen, erinnerten an böhmische Granaten. Blut rieselte vom Himmel, legte sich über die Gehölze, spreitete sich über die Äcker. Wie in Blut getaucht, hob sich eine verspätete Lerche empor. Eine unendliche Blutsee deckte die Ebene. Es war so, als wäre die lange vorhergesagte, furchtbare Schlacht am Birkenbaum schon im Gange gewesen. Und in diese brünstige Glut hinein schritt Heinrich Tillbeck, hinter sich die unglückseligen, seligen Stunden, vor sich eine Welt der Arbeit und eine Welt des Genießens. Unter ihm ruhte die Mutter Erde, das Weib mit dem Brotgeruch, sich maßlos dehnend und streckend, bis dorthin, wo die schmale Pappelreihe den Horizont abgrenzte. Bis dort lief Brinkschultenacker. Bis dorthin reichte sein Arm und seine Machtbefugnis. Er sah schon im Geiste ein endloses Meer von rauchenden Halmen, das Umarmen und Kosen der Ähren, der Spelze und Grannen, die Brautnacht des Kornes in ihrem liebevollen Geben und Nehmen. Und dann wiegendes, wogendes Gold! – unaufhaltsam, eine sanftbewegte See, die weder Anfang noch Ende hatte. Und dann hörte er das Schwirren der Sensen. Die dem Tode geweihten Felder starben, um wieder zu leben. Tod und Erlösung! Arbeit und Auferstehungsfreude ...! Ein wohliges Gefühl schwellte seine Brust, denn neben sich wähnte er das Weib, dessen Hände ihm alles gegeben. Da wandte er sich noch einmal. Tief, gegen die Hügelkette an, ruhte der Brinkschultenhof. Der Morgen hatte ihn in Purpur getaucht. Und unter diesem Purpur ... »Josepha ...!« hauchte er leise. Sein ganzes Denken klammerte sich an diesen Namen. Dann nahm er wieder seinen früheren Schritt auf. Eine halbe Stunde später, kurz vor Sönnern, ging die erste Morgenglocke über die Erde. Wie das klang, wie das tönte ...! Auch Jans Stedink hörte sie. Er stand vor seinem kleinen Spiegel und streifte die Hemdärmel zurück. Auch er dachte an Arbeit und an den vorhergehenden Mittag und Abend. Wo Heinrich Tillbeck nur blieb? Stundenlang hatte er gestern vor seiner Haustür gewartet – im Sonntagsrock, in schwüler Verfassung, gewärtig, was da kommen sollte. Aber Tillbeck kam nicht und kam nicht. Schließlich hatte er das Warten aufgegeben. »Wer kennt Menschen aus, die sich was Heimliches zu sagen haben,« meinte er hierauf und ließ alles seinen geregelten Gang gehn. Und dennoch verbrachte er die Nacht unter Unruhe und schwerem Nachsinnen. Er trat ans Fenster und sah die Dorfstraße entlang. Einzelne Tagelöhner gingen vorüber. Das war alles. Der ›Fröhliche Anton‹ gegenüber hatte noch die Läden vor. »Na, der auch!« meinte Jans Stedink, »der sielt sich im Bett bis in den hellichten Tag hinein,« trat vom Fenster zurück und knöpfte seinen Vollbart hinter die Weste. Hierauf legte er das Schurzfell um und band die Riemen zusammen. In der Küche hörte er bereits sein Bäschen rumoren. Also – zum Morgenkaffee ...! Er fuhr in die rußigen Holzschuhe ... als er plötzlich aufhorchte. Es klang wie feierliches Glockenläuten von der Straße herauf. »Ist denn der Küster des Deiwels! – oder, Jans Stedink, du bist selbst des Deiwels geworden ...!« Immer eindringlicher, immer herzhafter riefen die Glocken. Stahl auf Stahl! – Donnerwetter, da saß ja Feuer darin und Halleluja und siegfrohe Verkündigung! So jubelten sie am Ostermorgen, wenn die Stachelbeeren ihre grünen Spitzen durchtrieben und die Menschen sich bei den Händen nahmen und sagten: Christ ist erstanden! Jans Stedink horchte und horchte. Plötzlich lachte er hell auf. Das war ja gar kein Glockengeläut! Das war ein Hämmern auf Eisenstangen – tief und voll und groß und schön! Das war das Geläut seines eigenen Handwerks! Das kam aus seiner eigenen Schmiede heraus ... »Hei!« rief Jans Stedink da aus, »so'n alter, lederner Bock, wie ich einer bin, so'n ausgelernter Schmiedekönig, und sich so übertölpeln zu lassen! Na denn – um dessentwegen und aus besonderen Gründen ...« Und er knöpfte die Weste wieder auf und brachte seinen schwarzen Vollbart zum Vorschein. Würdig glitt er durch die seidenfadigen Strähnen und ließ sie gegen alle Gewohnheit und Sitte über das rußige Schurzfell fließen. Und Gottes liebe Sonne fiel darüber her und bestickte sie mit Hunderten von roten, glitzernden Funken. So ausstaffiert, in seiner ganzen Größe und Freude, trat er über die Schwelle und begab sich nach unten. An der Treppe stand schon sein Bäschen, frisch und blond wie eine milchweiße Semmel, und sagte: »Ohm, er ist wiedergekommen.« »Ruhe, Ruhe ...!« gebot er. »Keine Aufregung, sonst springt mein Herz noch über den Kirchturm. Ruhe, immer man Ruhe.« Aber er fand sie selbst nicht. »Hei!« rief er zum andern, »der kommt mir gepfiffen,« und trat in die Schmiede. Hier pflanzte er sich auf. Glut und Feuer! – und durch Glut und Gehämmer hindurch klangen ihm Worte wie Harnischgerassel zu und doch Worte, die mit Frühlingsblumen bekränzt waren. Und also lauteten sie: »Siegfried den Kammer wohl schwingen kunnt. Er schlug den Amboß in den Grund; Er schlug, daß weit der Wald erklang And alles Eisen in Stücke sprang ...« Jans Stedink stand da wie angewurzelt. Das war ja prächtig! Herrgott noch mal, das war ja, um den Menschen an sich zu reißen! Wie er da schaffte bei Tau und Tag, seine letzte Arbeit unter Feuer und Hammer: eine Bestellung der Gradierwerke in Soest. And das Läuten, das Läuten ...! – und in dieses Läuten hinein die flammende Weise: »Nun hab' ich geschmiedet ein gutes Schwert, Nun bin ich wie andere Ritter wert; Nun schlag ich wie ein andrer Held Die Riesen und Drachen in Wald und Feld.« »Bravo!« rief Jans Stedink und verschränkte gemächlich die Arme, »schlag man, schlag man, das gibt Licht und Luft und gute Gewohnheit. Um dessentwegen stehst du am Amboß. Aber mir ist so, Tillbeck: du hast die längste Zeit am Amboß gestanden. Schade ums Handwerk! – aber du hast was gelernt bei der Sache. Davon profitiert man im Leben. Offen und ehrlich: hast du dir nicht gestern dein Glück zusammengeschmiedet? Ja oder nein! – und darf ich nicht sagen: Hermann, sla Lärm an, Lat piepen, lat trummen – Die Hochzeit will kummen ...?!« »Ja,« sagte Tillbeck und stellte den Hammer beiseite, »ja, Meister, die Hochzeit will kummen.« Und da standen sich die zwei gegenüber, Auge in Auge, Stirn gegen Stirn und Hand in Hand. Und Jans Stedink wurde ernst und nachdenklich und großartig, wie ein alter Schmiede- und Innungsmeister aus der Vorzeit. Und als solcher sprach er denn auch: »Glück herein! Gott grüße ein ehrbar Handwerk. Mit Gunst! So nimm denn einen ehrlichen Abschied von deinem Meister, Sonntag zu Mittag, nach dem Essen; denn es ist nicht Handwerksgebrauch, daß einer in der Woch' aufsteht. Geh auch zu deinen Freunden und Bruderschaften, bedanke dich bei ihnen und sage: Gott behüte Euch alle zusammen. Und damit: ich wünsche dir Glück zu Wege und zu Stege, zu Wasser und zu Land und wo der liebe Gott dich immer hinsenden mag. Und er sendet dich auf den Brinkschultenhof, auf daß du ihn hegen und pflegen magst nach altem Erbsälzerrecht und guter Gewohnheit. Und kommt ein Wetter, so bücke dich, aber nur so lange, wie du es vor dir selber verantworten kannst. Sonst schlage wieder, denn allzuvieles Bücken bringt Schaden. Und halte dein Weib in Ehren. Es ist etwas Hohes und Heiliges, ein stilles und seltenes Weib zu besitzen. Um dessentwegen noch einmal: viel Glück und Gunst auf dem Wege. Es ist gerne gegeben und kommt von 'nem braven Mannskerl.« »Ich danke Euch, Meister, es soll mir nicht vergebens gesagt sein.« »Das weiß ich, Tillbeck. Ein solches Weib ist ein Geschenk des Herrn und eine Freude im Leben. In ihm liegt das Heil der Tage, ein zufriedenes Sterben und ein fröhliches Auferstehn.« »Und dann,« sagte Tillbeck, und das Herz trat ihm in die Stimme, und Tränen waren dazwischen, »möge es mir vergönnt sein, mit diesem Weib zu sitzen, wie Ihr gesessen habt mit dem Euren unter dem Birkenbaum, gesegnet von Gott und geliebt von den Menschen.« »So soll es sein,« entgegnete Stedink, und er wischte sich mit der Hand über die Augen, »nur das Glück unter dem Birkenbaum ist ein zu kurzes gewesen. Ihm blieb das Blut vorzeitig stehn. Euch sei es doppelt zugemessen; ich behalte mir das Leid.« Da sahen sich die beiden Männer an, lange und eindringlich, und da war es so, als wäre der Geist der seligen Frau durch die Schmiede gegangen. – Auf dem Brinkschultenhof steckten sie noch immer die Köpfe zusammen, unter Wetterleuchten und Wettergrollen war eine Botschaft gekommen, die die Gemüter rüttelte und schüttelte und schließlich dem einen und andern die Worte abnötigte: »Wenn es denn sein mußte, so ist Tillbeck der Rechte gewesen.« »Jawoll,« sagte der alte Brügelmann, »das stimmt schon, wenn ihn auch der verfluchtige Balbierer ins Haus prophezeite. Mit Ehren gekommen und mit Ehren in die Freite gegangen. Da ist gar nichts dagegen zu reden. Ich für meinen Teil mache 'nen Strich unter die Sache und sage Ja und Amen dazu.« »Ich will für meine Person zu wissen tun,« mischte sich Holthövel, der Pferdeknecht, ins Gespräch, »daß ich die nämliche Meinung vertrete. Einer, der sich gestern abend so barbarisch forsch im Düstermoor herausmusierte, und wenn darüber auch der Braune koppheister ging, der hat Kurasch in den Knochen – und so was haben wir nötig.« »Bravo!« sagte Ignaz Greving, der aus der Geschirrkammer trat und sich zu den übrigen gesellte. Wie immer, so behielt er auch jetzt seine beschauliche Ruhe und seine langsame Stetigkeit im Reden. »Er ist aus dem Paderbörnschen,« meinte er nach einiger Überlegung. »Da pfeift im Winter 'ne besondere Sorte von Wind über die Gegend, und so was schafft 'nen klaren Verstand unter die Mütze. Und denn: er hat bei die Husaren gestanden. Das ist auch nicht so ohne. Und denn: ich hab' ihn gesehn, als er auf der Asbecker Scheid hinter dem Pflug herging. Wie er die Leine führte, die Gäule ansprach, den Pflugbaum herumschmiß und Gasse neben Gasse legte, toujours immer dasselbe, haarscharf und wie mit dem Lineal gezogen, das habe ich alles vor Augen bekommen, und da mußte ich sagen: Der kann noch viel mehr, denn er hat das Zeug in sich, richtige Befehle zu geben. Und sie, was die Brinkschulte ist ... Es geht ein tiefdeutiger Spruch durch die westfälischen Menschen: Wenn eine ein gelöschtes Kerzenlicht aus einem glimmenden Docht wieder anblasen kann, dann ist sie zeitlebens 'ne reine Jungfer geblieben. Vor einigen Tagen ist so was geschehn. Einen glimmenden Docht hat sie wieder ins Leben geblasen. Das unterfertige ich mit meiner eigenhändigen Unterschrift, und daher: wenn so eine aus freiwilligen Stücken einen Herrn und Schaffer über sich setzt, so muß er von besonderer Art sein, und unsereins, der hier in Lohn und Beköstigung steht, kann sich den neuen Herrn und Schaffer gefallen lassen und sagen: Was die Madam tut, ist Gotteswerk und Gotteswille.« Da nickten ihm alle zu und freuten sich und waren eins mit Ignaz Greving. Jeder fühlte heraus: hier ist einer deinesgleichen zu hohen Ehren gekommen. »Und daher denke ich,« fuhr Ignaz in seiner breiten und sicheren Umständlichkeit fort, »halten wir's mit Heinrich Tillbeck und geben ihm die Ehre, wie wir's allzeit mit der Madam gehalten und ihr die Ehre erwiesen haben.« Da traten alle auf ihn zu, und jeder einzelne hob die Hand und legte sie in die dargebotene Rechte. Auch Brügelmann tat es in tiefer Bewegung und mit einer gesuchten Feier und Form. Dann aber nahmen seine hellen, ausgebleichten Augen einen eigentümlichen Glanz an. »Ich kann mir nicht helfen, Großknecht;« sagte er hierauf, und in seiner Stimme lag eine gewisse Sorge und Bekümmernis, »einer wird Mordio schreien.« »Hier einer vom Hofe?« fragte Holthövel. »Ja – hier einer vom Hofe.« »Einer von uns, die wir hier stehn?« meinte ein anderer. »Unter uns ist kein Judas,« versetzte Brügelmann. »Er ist auch selber kein Judas, den ich in meiner Überlegung besitze. Das will ich nicht gesagt haben und nehm' es zurück. Er kann nicht dafür, wenn ihm die Sache nicht richtig zur Hand steht, denn seine Gedanken sind nicht seine Gedanken. Solche Gedanken stehen wie Hopfenstangen im Wind. Aber er wird Mordio schreien.« »Dann ist es der da,« sagte Ignaz nach kurzem Besinnen und zeigte auf das Fenster im Obergeschoß, hinter dem das Zimmer des Spökenkiekers lag. Allein der alte Schäfer drückte ihm entsetzt die Hand nieder und meinte, indem es in seinen blassen Augen aufleuchtete wie ein Licht von einem hohen Berge herunter: »Es geht noch ein anderer Spruch durch die westfälischen Menschen. Er ist ebenso richtig und erwiesen wie der, den Ihr soeben genannt habt. Großknecht, wenn Ihr mit dem Finger auf ein Wetter zeigt, dann schlägt's ein.« Alle fühlten den tiefen Sinn des Gesagten und machten krause Stirnen und Sauerampfergesichter. »Wenn Ihr hiermit Karl Mersmann genannt haben wollt,« versetzte Ignaz, »dann kann ich Euch vermelden: er ist nicht auf der Kammer, er ist überhaupt seit gestern abend nicht mehr in unseren vier Pfählen gewesen.« »Haha! – sagte ich's nicht?« orakelte der Alte. »Der fängt schon an, der schreit sein Mordio schon in die Welt hinaus, um dann wiederzukommen. Der hat noch mit Heinrich Tillbeck zu sprechen.« »Wie meint Ihr das?« fragte Ignaz. »Ganz einfach. Er ist treu wie'n Pudel und harmlos wie'n Junge am Kommunionstag. Aber wer ein Auge auf die Madam wirft ... So'n Beil ist ein arbeitsames Ding in verständiger Hand und tut keinem was an. Es ist geschaffen, um Holz zu kloppen und 'nen Latierbaum zu schälen, aber es kann auch des Satans werden, und dann haut es Menschenknochen zusammen. Ich sage Euch, Großknecht, Karl Mersmann kommt wieder.« »Und ich sage Euch, Brügelmann, daß er im Moor ist, vielleicht schon drüber hinaus, vielleicht auch nicht. Einer hat gestern abend noch sein Brüllen gehört. Dann ist's still geworden zwischen Torf und Bülten.« »Das hat Euch einer gesagt?« »Soeben – einer vom Vorwerk, ein Sachsengänger.« »Und weiß die Madam es?« »Ich habe Dörte beauftragt ... aber was hilft's noch? Ist er drüber hinaus, muß man abwarten, was kommt. Ist er noch drin, na – dann kann ihm keiner mehr helfen.« »Ihr glaubt also ...?« fragte der Alte, und seine verwaschenen Blicke schlichen sich eigentümlich von einem zum andern. Ignaz dachte nach. Er war ein Mann, der nichts übereilte. Schließlich schien er mit sich einig geworden, denn er sagte mit eisenfester Gemessenheit: »Möglich, er hat das letzte Heu auf die Raufe genommen. Und nu an die Arbeit!« Da gingen sie still und versonnen auseinander, ein jeder auf seine Stelle. Eine Viertelstunde später, gerade als der alte Brügelmann austreiben wollte, kam Order aus dem Herrenhaus, die eben begonnene Tätigkeit einzustellen und mit allen verfügbaren Kräften abzumarschieren, um Mersmann zu suchen. Ignaz schüttelte den Kopf. »Unnütze Arbeit,« kaute er gedehnt vor sich hin »aber denn los man dafür.« And da zog er mit seiner Kolonne ab, mit Stricken und Leitern und mit allem, was nötig war, um die gefährlichen Stellen des weiten, schweigsamen Moors betreten zu können. Bedrückt gingen sie über den Hellweg, ins Leere, ins Ungewisse hinein – ernste Menschen, grübelnde Menschen, um nach einem irren, vermißten Leben zu suchen. Gaukelnde Vögel schwankten mit ihnen. Es waren Kiebitze, die schon an ihre südliche Pilgerfahrt dachten. »Wo die stiegen,« sagte Ignaz zu Holthövel, der in tranigen Stiefeln neben ihm herschritt, »da kann unsereins man schwer hinterher pfeifen.« »Stimmt,« meinte Holthövel, »und wenn ich so alles besinne, dann bin ich derselbigen Meinung. Ignaz, ich tu Euch zu wissen: der sieht das Leben nicht wieder.« »Nee,« sagte Ignaz, »der sieht das Leben nicht wieder,« und seine Blicke suchten das weite, braune, unermeßliche Moor ab. – Der Geist des Spökenkiekers ging durch alle Kammern des Hofes. Er war in den Ställen, auf der Diele, er sah in die Küche hinein und machte die Mägde, die am Backtrog standen und den Feuerherd bedienten, ängstlich und verstört, daß sie sich kleinlaut zusammendrängten. Er trat in die Kammer, wo die Brinkschulte saß und ihrer großen Liebe gedachte, und legte ihr die Hand auf die Schulter. Karl Mersmann ...! Sie fuhr mit der Hand über die Stirne. Er war ihr seit vierundzwanzig Stunden in weite Ferne gerückt. Sie hatte nicht mehr an ihn gedacht. In ihrer grenzenlosen Verzweiflung, ihrer tiefen Not und in ihrer jubelnden Freude war er ihr aus dem Gedächtnis entschwunden. Jetzt dachte sie wieder an ihn – an ihn und den Alten. Aber was ihr von den beiden noch drohen konnte, hatte allen Schrecken für sie verloren. Mochte jetzt kommen, was wollte. Die durchlebten Stunden hatten sie auch hierin gestählt. Alles nahm für sie eine andere Fassung und Form an. Die Schuld war von ihr genommen. Sie fühlte sich sieghaft – sieghaft durch ihn und sich selber. Sie freute sich des endlich errungenen Friedens. In ihm lag die Ruhe und das Glück des Erkämpften. Ein seliges Gefühl durchrieselte sie. Sie ging wie durch klingendes, singendes Land, und ihr Herz war eine jubelnde Lerche. Den Brief an ihre Freundin zerriß sie. Er war zwecklos geworden. – Ums Dunkelwerden kehrte die ausgesandte Mannschaft zurück. Sumpf- und Torferde haftete an ihren Kleidern. Wortkarg waren sie ausgezogen, wortkarg und abgerackert setzten sie sich zum Abendbrot nieder. Ignaz begab sich zur Herrin. Sie sah ihn fragend an. Er war mit leeren Händen gekommen. »Nichts,« sagte er bedrückt vor sich hin. »Nur das hier. Sie hat zwischen Pfriem und Heidekraut gelegen.« Er zeigte die Laterne, die der armselige Mensch am Abend zuvor von sich geschleudert hatte. »Alles, Madam.« »Und sonst keine Spuren?« Er zuckte die Schultern: »Brinkschulte, in dem unermeßlichen Moor auch ...! Es ist vergebliche Mühe gewesen.« Schweigend winkte sie ab. Hinter ihm klinkte die Tür zu. Ein breiter, glutfarbiger Streifen fiel ins Zimmer. Da verklärte sich alles. Josepha Brinkschulte wurde von dieser Glut übergossen. Ihr Haar leuchtete auf wie flimmerndes Gold. Der Horizont brannte. Gott der Herr steckte ihr die Hochzeitsfackel an. Flammengarben züngelten zum ewigen Himmel – groß, heilig, allmächtig. »Sei stark, meine Liebe,« hauchte sie leise. »Siehe weder zur Rechten, noch zur Linken. Fürchte dich nicht. Werde nicht kleinmütig. Verzeihe denen, die dir den Staub von den Flügeln nehmen. Denke barmherzig ... Also geschehe es.« In allumfassender Menschenliebe sah sie in das Antlitz der untergehenden Sonne. – Anderen Tages fuhr sie nach Dortmund. Einundzwanzigstes Kapitel Nun kamen stille, beschauliche Tage. Die fetten Sonnenblumen, die wie dickleibige Kornhändler die Bienenstände im Garten des Brinkschultenhofes umstanden, blühten ab und setzten ihre violettfarbigen Samenscheiben an. Kopfüber hingen Blau- und Kohlmeisen daran und klaubten die öligen Früchtchen aus. Mit ihrem scharfen Gezerr machten sie schnelle und prompte Arbeit. Der letzte Hafer war eingebracht, und das ›Tock, tock, tock‹ der Dreschflegel zog wie stramme Militärmusik über die Stoppelfelder. Die aus der Nachbarschaft antworteten im gleichen Tempo, und da sagten die Leute: »De Wind gait üover de Stoppeln Un hört de hültenen Klocken ... Nu wird's Winter.« Blatt um Blatt senkte sich tiefer, drehte sich im Kreis herum, um sich schließlich zu den anderen zu betten. Mit vielen spielte der Herbstwind noch lange, und jetzt fühlten sie erst, wie schön und köstlich es war, sich frei und ungehindert in den laulichen Lüften bewegen zu dürfen. Wildgänse zogen vorüber. Eine stete Friedsamkeit umhegte die absterbende Natur, das Welken und Vergehen in ihr, nur zeitweise unterbrochen von dem Lärmen der Drosselvögel in den Ebereschen, die ihre flammenden Korallenbüsche strotzig aufgesteckt hatten. Graue Regenwolken, naß wie Schwämme, zogen vergrämelt über die Landschaft. Je mehr die Tage sich kürzten und die Nächte sich längten, um so stiller ward es von dem alten Jaspers und dem Spökenkieker. Sie blieben verschollen. Es fiel kein Licht in ihr geheimnisvolles Verschwinden. Auch die Anfragen in den zunächst gelegenen Ortschaften und Kirchspielen verliefen im Sande. Nur so um Mitte Oktober herum kam einer aus dem Lippischen, ein Mann, der in der Fremde gewirtschaftet hatte, nun aber wieder in Sönnern erschien, um sich selbständig zu machen. Er unterhielt einen fliegenden Laden mit Manufakturwaren. Allwöchentlich kutschierte er mit seinem Planwägelchen und einem struppigen, bissigen Ponny bei den Bauern und Kolonen herum, um seine bedruckten Kattune und grellilluminierten Taschentücher, seine neuesten Schnürriemen und Hosenträger an den Mann zu bringen. Dieser wollte nun den von Gott Gezeichneten vagabundierend in einem Dorf bei Salzkotten angetroffen haben, wie er hungernd von Tür zu Tür ging und die Hände aufhielt. Dabei habe er heillos gepredigt und die Schlacht am Birkenbaum für die allernächste Zeit angekündigt, in welcher Jan van Leyden und Knipperdolling mit scharfen Rasiermessern ein großes Blutbad anrichten würden. Auf Anruf jedoch sei er irr und wirbelsinnig ins Weite geflüchtet. Allein die Erzählung war so vage und die Ausführungen trugen so sehr den Stempel des Aufgebauschten an sich, daß die vom Brinkschultenhof die Mitteilung einfach beiseite schoben und Ignaz Greving totensicher erklärte: »Karl Mersmann ist nur zwischen Bruch und Bülten zu finden.« Also auch hier nichts Bestimmtes, nichts Greifbares. Wie gekommen, so zerrannen auch hier die einzelnen Spuren. Es waren eben Spuren im Sande. Da vergaßen die Menschen, und doch waren erst Wochen vergangen. Nur die Brinkschulte vergaß nicht. Heimlich ließ sie Rundfragen ergehen, setzte sich mit den maßgebenden Behörden in Verbindung und versuchte alles, sich über das Geschick des armseligen Menschen zu vergewissern. Aber auch ihre Mittel versagten. Immer dichter zogen sich die Gardinen zusammen. Karl Mersmann zerging gleich einem hastigen Schemen. Da nahm auch sie die Dinge hin, wie sie lagen. Ihr inneres Leben hellte auf. Mit jedem Tage strahlte ihr die Sonne schöner und reiner. Wohlige Wärme umgab sie. Niemals war sie so insichgekehrt, aber auch niemals frohgemuter gewesen. In dieser Stimmung sah sie die Sonnenblumen abblühen und die Astern sich entfalten, hörte sie auf das monotone Brechen des geernteten Flachses und den militärischen Schritt der Dreschflegel. So war sie zufrieden und glücklich. Jeder Tag war ihr wie ein köstliches Fest und jede Stunde, die sie mit Tillbeck verlebte, wie eine stille, heimliche Andacht. Mit Eli hatte sie wichtige Besprechungen, bediente sich ihres Rates und ihrer geschäftigen Nadel, und wenn diese vom Brinkschultenhof kam, fand sie nicht Worte genug, die Sattelmeierkrone und den zukünftigen Brautstaat zu schildern, geheimnisvolle Dinge über das kommende Fest zu verbreiten und das ausbündige Glück der Liebenden unter die Leute zu bringen. Emanuel Wimke horchte auf. Seine besten Gedichte, die er im Laufe der Jahre verfaßt hatte, gingen ihm durch den Kopf. Er fand sie minderwertig. Er mußte etwas Großes, Niedagewesenes schaffen, denn es unterlag keinem Zweifel, daß er die Rolle des Hochzeitsbitters zu agieren hatte. Bei seiner letzten Anwesenheit auf dem Hof hatte er schon etwas zum besten gegeben. Aber das war nach seiner eigenen Ansicht nicht erschöpfend genug, hatte den richtigen Schwung nicht. Nur der Schlußsatz gefiel ihm unter allen Umständen: Marjo! – wie immer es geschah – Dann geht die Musik ›Trullala.‹ Das konnte jedenfalls benutzt werden. Im übrigen war ein ganz neues Gebilde zu schaffen. So saß er denn in heißer Arbeit und mit heißen Gedanken über einem Papierbogen, reimte und zermarterte sich den Kopf, als gelte es, sich das ewige Heil zu erdichten. Und gelang ihm ein Vers, dann knallte er mit seinen schlenkrigen Fingern so lustig in der Barbierstube herum, daß man glauben konnte, eine spanische Tänzerin hätte mit ihren Kastagnetten geklappert. So zog denn die Freude und die bevorstehende Hochzeit der reichen Anerbin die weitesten Kreise. Fast die ganze Umgegend wußte davon. Aber wie das so ist, einer gehörte zu den unwissenden Leuten. Das war Simmchen Löwenthal in Werl. Denn als der Spätsommer Abschied nahm, stellte sich bei ihm ein infames Zucken und Zerren in seinen Gangwerkzeugen ein. Nach einem großartigen Kuhhandel hatte er das jammerselige Reißen mit nach Hause gebracht. Das prickelte und bohrte, als seien ihm die schadhaften Zähne in die Beine gefahren. Die Tage wurden ihm zur Last und die Nächte zu Quälgeistern. Eine sorgsame Einreibung mit Senfspiritus brachte keine Hilfe. Flanellbinden und Wattepackungen versagten. Der Doktor konstatierte: harnsaure Salze. »Was tu ich mit die harnsauren Salze?« »Salzschlirf,« sagte der Doktor. »Waih geschrien! – Salzschlirf ...!« – und Simmchen zählte die enormen Kosten zusammen. Aber es half ihm nichts. Er mußte Haare und Goldstücke lassen. Eines Tages pilgerte er mit Blümchen nach der gepriesenen Stätte, kümmerte sich nicht mehr um alltägliche Dinge, sondern erwartete gottergeben den Tag der Verheißung. Endlich sollte er kommen. Simmchen schwelgte in gehobener Stimmung. Neuverjüngt entstieg er der menschenfreundlichen Quelle. »Wie'n Gott ...!« sagte Blümchen. Lahm und marode war er eingezogen, kregel und mit fixen Tanzmeisterbeinen nahm er gerührten Abschied von Salzschlirf und dem Bonifaziusbrunnen. »Der Gott Abrahams möge sie segnen!« Als er in Werl ankam, war es bereits spät im Jahre geworden. Er wunderte sich über den raschen Gang der zuletzt durchlebten und durchlittenen Wochen. Anderen Tages hörte er von der neuen Verlobung. Er und Blümchen freuten sich herzlich darüber. Das war Ende Oktober – und noch an demselben Abend ... Was war das nur? Simmchen traute seinen Augen nicht. Leise, traumhaft, mit sanftem Auf- und Niederwiegen schwebten die Schneeflöckchen vom grauen Himmel. So ging das Stunde um Stunde, mit derselben Ruhe, mit demselben Wiegen und Gleiten und dem seligen Schaukeln und Träumen, das nicht aufhören wollte. Flöckchen bettete sich an Flöckchen, schmiegte sich auf Dächer und Gesimse, spreitete sich über die winkligen Straßen und Gassen, so daß die Leute von Werl wie auf Eiderdaunen gingen. »Wo lieblich!« sagte Simmchen und versuchte, die einzelnen Sternchen zu zählen. Es war so, als verlöre sich alles in einer weichen Lautlosigkeit. Dann ließ das Schneetreiben nach. Frühzeitiger denn sonst hatte sich der Winter eingestellt. Schon Ende Oktober fielen die Goldammern in hellen Scharen in die kleine Stadt ein, bummelten in den Höfen und vor den Ausspannungen herum und machten gemeinsame Sache mit den Spatzen und Haubenlerchen. Am ersten November bezog der liebe Gott die Fensterscheiben mit köstlichem Spitzenwerk und bepinselte die Nasen der Menschenkinder mit einem zarten Hauch von Karmin. Der Schnee zwitscherte unter den Schuhen, und nadelscharfe Eiskristalle glitzerten durch die stahlblaue Luft, die des Schneiens müde geworden. Weiße Taubenschwärme trugen das köstliche Winterlicht auf ihren Schwingen. An diesem Tage saß Frau Blümchen Löwenthal in ihrem wohldurchwärmten Zimmer am Fenster, rührte in ihrem Kaffeeschälchen herum und sah mit großen, schwarzen, mehr runden als mandelförmigen Augen auf die Straße hinaus, wo einige Jungen in der gefrorenen Gosse die Bahn schlugen oder, wechselseitig die Ständer anziehend, von dem einen auf das andere Bein hoppelten. Die Tür des Nebenzimmers stand geöffnet. Dort hing ein feines Damenkleid mit kurzen Ärmeln an einem Garderobenhalter, über und über gefältelt und von einer Farbe, die die indigoblaue Tapete des Zimmers, in welchem Frau Blümchen Löwenthal sich niedergelassen hatte, noch übertrumpfte – ein blauer Traum, ein blaues Gedicht, blau wie die Nächte am See Genezareth. Ein leichter, unaufdringlicher Duft nach Knoblauch und Zimtborke durchräucherte beide Stuben; nicht körperlich – mehr seelisch, durchgeistigt, etwa so, wie die Rosen von Amathont noch weitentlegene Küsten umspielen. Die Zimt- und Knoblauchdüfte wiegten sich auf zarten Falterschwingen, waren wie feinmaschige Ideen, die kaum noch Ideen genannt werden konnten. Und Frau Blümchen sog mit stillem Behagen und süßer Befriedigung diese feinmaschigen Ideen ein. Wir kennen Simmchen Löwenthal; wir wissen, daß er ein Mann nach dem Herzen Gottes war. Das war auch seine Frau. Wer sich aber nach ihm ein Bild von ihr zurechtgelegt hätte, der hätte verkehrte Pfade eingeschlagen und wäre schließlich auf den Holzweg geraten. Simmchen hatte ein gesprenkeltes Nazarenergesicht. Klein und hager aufgewachsen, war er mit seinen sechzig Jahren noch immer ein viver Mann. In seinen verschleierten Augen lag die Poesie des Rahmkäses und das märchenselige Gurren frommer Turteltauben. Er hatte nie ein böses Wort auf den Lippen. Seine Gedanken standen auf Ausgleich und Frieden, und seine Rede war freundlich. Frau Blümchen hingegen war eine resolute, zugreifende Dame, die über eine energische Perücke verfügte, straff wie Pferdehaare und von einer Farbe, die entschieden an die Tönung einer Roßkastanie erinnerte. Sie neigte zur Überfülle, trug aber ihren stattlichen Busen mit Würde und ließ von den Ohrläppchen aus ihre goldenen Gehänge wie zierliche Glöckchen klingeln. Sie hielt etwas auf sich, und das nicht ohne Grund. Von jeher hatte sie sich mit dem üppigen und gefeierten Weib aus dem Hohen Lied Salomonis verglichen. Kein Tag verging, wo sie nicht vor den Spiegel trat, ihre derben Reize betrachtete und jedesmal in die Worte ausbrach: »Blümchen, deine Backen stehen lieblich in den Spangen und dein Hals in den Ketten. Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du unter den Töchtern des Landes, und deine Augen sind wie Taubenaugen.« Dann legte sie sich straffer in die Bluse hinein und zitierte weiter: »Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge am Quell, die unter Rosen weiden, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würzen.« Und dann lächelte sie und zierte sich dabei wie eine fettleibige, überständige Henne, besonders, wenn sie ihr Indigoblaues anzog und Simmchen in der Nähe war. Und Simmchen nickte dazu, legte betrüblich das Gesicht auf die Seite und seufzte still vor sich hin: »Es stimmt; nur – das is vor fünfuntzwantzig Jahren gewesen.« Und dennoch war Blümchen eine treffliche Hausfrau und ein Weib ohne jegliches Arg unter dem Brusttüchlein. Also – Blümchen Löwenthal rührte in ihrem Schälchen herum. Ihre Seele war heiter, und ihre Finger waren so fleischig und mit Grübchen versehen, daß sich das Kaffeelöffelchen darin wie ein kleines Mäuschen versteckte. Aber sie blitzten von Ringen und Steinen, denn Frau Blümchen liebte es, sich mit seltenen Kleinodien zu schmücken und sie in die richtige Beleuchtung zu stellen. Ab und zu tippte sie mit ihren patschigen Weißwürstchen zur Seite und entnahm einer lackierten Dose rundliche Dinger, die sie fingerfertig in den Mund hineinpraktizierte. Sie kaute Rosinen und mochte die fünfundzwanzigste verspeist haben, als draußen die Haustür anklingelte und Simmchen erschien. Auf weichen Füßen trat er ins Zimmer, stellte den Zylinder auf die Anrichte und ging auf Blümchen zu. »Du bist eine Blume im Tal un eine Rose ßu Saron,« sagte er lieblich und rieb seine steifen Hände gegeneinander. Da lächelte Blümchen verschämt in sich hinein und meinte, um doch etwas zu sagen: »Was Neues, Simmchen?« »Nu,« sagte dieser, »was soll es geben Neues in Werl? Ich habe Geschäften gemacht, un die Papiere steigen. Aber was ich sonst habe gehört, is schofel gewesen.« »Un ich hab' was Schönes gehört. Ich bitte dir, Simmchen, was siehst du hier neben?« »Nu, ich sehe dein Indigoblaues.« »Un ich will's aufmunterieren lassen mit 'ner neuen Festionierung.« Simmchen winkte wehleidig ab. »Du bist nich mehr in die Tage der Jugend,« sagte er ernst vor sich hin. »Was soll's daher mit die neue Festionierung?« »Soll ich mir halten ßu alt? Ich bitte dir, Simmchen, wo doch der Herr Bürgermeister gesagt hat auf Königs Geburtstag: Sie geht wie'ne Fenus ! – un daher: für dekolletiert laß ich's machen.« »Gut,« sagte Simmchen, »laß es dir machen dekolletiert.« »Tu' ich auch, Simmchen, denn du weißt nich, wer gekommen is, mir ßu besuchen.« »Wer is denn gekommen, dir ßu besuchen?« »Herr Wimke aus Sönnern.« »Püh!« machte Simmchen, »er is ein guter Mann un ein pläsierlicher Mann; aber er hat schlenkrige Fingers. Ich habe nich gerne ßu tun mit schlenkrige Fingers.« »Ich sage dir, Simmchen, er hat liebreich gesprochen ßu mir.« »Püh!« machte Simmchen, »er is ein unterhaltsamer Mann un ein Witzenmacher; aber er is ein unbewußter Mann hinsichtlich dem Winde. Spricht er mit dem Herrn Pastor, behauptet er, die Kirchensteuer sei viel tzu niedrig gegriffen; spricht er mit dem Herrn Szeitungsredakteur, is er ein Demokrat; spricht er mit dem Herrn Schandarmen, dann is er ein preußischer Draufgänger. Ich habe nich gerne die Menschen, die pfeifen auf verschiedene Löchers.« Blümchen stand auf und warf sich energisch in ihre Bluse hinein: »Aber er macht feine Gedichte, un er hat mir angedichtet, der Herr Emanuel Wimke.« »Weuß ich,« konstatierte Simmchen in seiner unerschütterlichen Ruhe, »er macht in schöne Gefühle. Aber was tu' ich mit die schönen Gedichte un die schönen Gefühle, wenn er einem damit balbiert den ehrlichen Namen herunter? Herr Wimke is ein pläsierlicher Mann, aber er hat mir verhohnepiepelt durch die Gewalt, als die Dreitzehners haben getrommelt in Dortmund un er mir fragte: Hat Ihnen das auch Ihr Vetter Zodik ertzählt, wo is gelernter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund? Nein – ich habe nich gerne die Menschen, die einen verhohnepiepeln mit die schönen Gefühle. Ich schmeiße sie von mir.« Damit machte er eine Bewegung mit der rechten Hand über die Schulter, als müsse er ein Stück verdorbenes Fleisch in den Rinnstein werfen. »Wenn ich dir aber nu sage: er is hier gewesen mit 'ner Invitation ßu die Hochßeit. Un dann hat er weiter gemacht, um ßu fahren nach Dortmund.« »'ne Hochßeit?« fragte Simmchen ganz auseinander. »Nu, die von die Brinkschulte – un du bist auch invitiert, wenn sie stehn wird unter die Chuppe mit dem Herrn Heinrich Tillbeck aus Sönnern.« »Blümchen, wir ßwei beide, un das wirklich geladen ...?!« Blümchen nickte pompös, aber herablassend. »Die Ehre!« rief Simmchen und griff hinter sich. Dann ging er rücklings, Schritt für Schritt, bis er sich an das mit gehäkelten Deckchen geschmückte Sofa herangefühlt hatte. Dort ließ er sich nieder und sagte mit zittriger, glückseliger Stimme, nachdem er zuvor die Hände gottergeben zusammengelegt hatte: »Was 'ne Frau! – was 'ne Frau! – Blümchen, was hab' ich immer gesagt? Die Brinkschulte is 'ne ehrliche Frau, 'ne unschuldsvolle Frau, 'ne Frau mit 'ner auserwählten Bewunderung. Der Gott Abrahams segne sie un lasse sie eingehn nach einem gottwohlgefälligen Leben in 'ne schöne Bewährung.« »Un ihre Seele sei eingebunden im Büchlein der Lebendigen,« setzte Blümchen hinzu und rückte dabei ihre kastanienbraune Perücke zurecht, während Simmchen noch immer nicht aus seiner Verwunderung herauskommen konnte und ein Mal über das andere Mal ausrief: »Gott, was 'ne Frau! – Sie muß einbalsamiert werden mit köstliche Kräuter aus Afrika! – Blümchen, was stehst du, was kuckst du? Uns armselige Judenleute hat sie invitiert ßu ihre christkatholische Hochßeit un die schweinernen Schinkens ... Ich bitte dir, Blümchen, hol' mir Tinte un Schreibpapier ... Ich muß das alles niederlegen. Ich muß ihr schreiben, was sie 'ne majestätische Frau is.« »Simmchen, hab' dir nich so! Es is nu satt un genug mit die feine Bewölkung. Man meint ja, sie wäre 'ne richtig gehende Förschtin. Wir sind aber auch noch Leut'!« »Weuß ich,« bestätigte Simmchen. »Un können auch was prestieren.« »Weuß ich,« bestätigte Simmchen zum andern. »Dann balsamiere nich so! – An außerdem: hast du ihr nich immer abgekauft die Hammels un die Schafwull' un die andern Perdukte? Hast du ihr nich immer ehrlich beßahlt mit die preußischen Kassenscheine? Hast du nich immer gesagt, der alte Herr Jaspers is ein schofeler Mann un hat die Trebers gefressen mit die amerikanischen Schweine? Hast du ihr nich beraten in ihren miserabligen Nöten, um ihr ßu geben den Frieden in ihrem eigenen Hause, als er sie hat drangsalieren wollen durch die Gewalt? Un deshalb meine ich auch: sie hat 'ne auserwählte Ehre, wenn wir kommen, denn wir sind doch auch Leute von 'ner gewissen Bekömmnis.« »Weuß ich,« bestätigte Simmchen zum letzten und ließ die Unterlippe herunter; »aber sie is doch 'ne majestätische Frau un 'ne richtig gehende Förschtin.« »Simmchen hat recht,« sagte in diesem Augenblick eine feierliche Stimme aus dem Nebenzimmer, in welchem das Schneelicht einen weichen Glanz über das Indigoblaue gelegt hatte. Und aus diesem Schneelicht trat einer zu den beiden und faltete seinen schwarzen Bart auseinander. Simmchen sprang auf. »Wahrhaftiger Gott, der Herr Stedink!« sagte er freudig und brachte einen auserwählten Diener zuwege. »Nichts für ungut, Simmchen. Ich hatte in der Stadt zu tun, und da habe ich mir die Ehre genommen.« »Ganz auf unserer Seite, Herr Stedink, ganz auf unserer Seite! Hier meine Frau Blümchen,« stellte er vor, »un hier der Herr Stedink aus Sönnern, der mir kommt tzu besuchen. Wollen Sie sich nich setzen aufs Sofa, Herr Stedink? Wollen Sie nich ßu sich nehmen ein Schnäpschen von dem südlichen Weine? Er is immer bekömmlich. Blümchen, was stehst du, was kuckst du? Der Herr Stedink möchte haben ein Schnäpschen von dem südlichen Weine. Aber der mit die blaue Etikettierung.« Jans Stedink winkte lächelnd ab. »Eine Tasse Kaffee tut's auch,« sagte er ruhig, ließ sich aber auf das Sofa nötigen und stellte seinen Hut vor sich hin, während Simmchen einen Stuhl heranrückte und Blümchen in umständlicher Weise ein Schälchen mit Kaffee zurechtmachte. Jans Stedink schmunzelte eine Zeitlang vor sich hin, dann legte er dem Handelsmann und Produktenhändler die Hand auf die Schulter und meinte: »Eigentlich bin ich so hergeschneit, um mir bei Euch 'nen guten Rat zu holen.« »Herr Stedink, womit kann ich dienen? – Mit's Perduktengeschäft, dem Kuhhandel oder mit die südlichen Weine?« Stedink überhörte die verschiedenen, zungenfertigen Angebote und sagte: »Ihr wißt ja, Simmchen, daß nu alles auf dem Brinkschultenhof in Schick und Richte gekommen ist.« »Weuß ich, Herr Stedink.« »Und daß so in vierzehn Tagen herum Hochzeit gemacht wird.« »Weuß ich, Herr Stedink ...!« – und Simmchen fuhr elektrisiert in die Höhe: »Blümchen, was stehst du, was kuckst du? Hol' doch 's Indigoblaue herein und ßeig's dem Herrn Stedink. Wir sind auch invitiert, un Blümchen wird erscheinen dekolletiert. Ich bitte dir, Blümchen, ßeige dir gleich mit's Indigoblaue. Der Herr Stedink kennt sich darauf.« »Das schon,« meinte Jans Stedink, »aber ich für meine Person muß auch Anstalten machen. Der alte Sonntagsrock tut's nicht mehr. Da muß ein neuer heran. Für dessentwegen bin ich nach Werl gekommen, habe mir bei Isaak Spier 'nen frischen anmessen lassen und bin nun mit 'ner Düffelprobe hier, damit Ihr, Simmchen, als sachverständiger Mann den Stoff begutachten sollt, denn ich bin nicht so recht beschlagen mit's Wollzeug.« Damit hatte er die Probe aus der Rocktasche hervorgezogen und sie Simmchen gegeben. »Die Ehre, die Ehre!« sagte dieser und trat mit dem Düffelstreifen ans Fenster. Blümchen zierte sich wie 'ne Tanzmamsell und plinkte über den Tisch fort. »Der versteht's, Herr Stedink,« sagte sie siegesgewiß; »denn er is von jeher ein auserwähltes Stück von 'nem Wullkenner gewesen. Aber ich bitte Ihnen, Herr Stedink, sich freundlichst bedienen ßu wollen.« Damit schob sie ihm das Sahnekännchen und die Zuckerschale hin, während Simmchen den Stoff befühlte, einzelne Fäden herauszerrte und sie zwischen den Fingern zermürbte, die Selfkante auf ihre Festigkeit prüfte, die Ware als solche beroch und dann in die Worte ausbrach: »Grandiose Wull! – Es is auch ein reelles Haus, das Haus Spier un Söhne. Es beßieht von die feinsten Häuser in Aachen. Nu, wer kennt nich Simon Hirschkuh in Aachen! Gott, welche Leute! Sie sind reicher als Rothschild, sagt mein Vetter, wo is ein angestellter Kommis bei's reiche Haus Siegfried Gutmann in Dortmund. Fühlen Sie selber, Herr Stedink. Brillanter Düffel. Prima Qualität. Streichgarn mit 'nem Einschlag von Merinowull. Sie können's nehmen, Herr Stedink. Es wird Ihnen bekömmlich sein ßu Ihre heroinische Position, un wenn Sie ihn anßiehn, den Düffelrock, un kommen auf die große Festivität, Sie werden aussehn wie'n richtiger Kommerßialrat aus Preußen.« »Na,« sagte Stedink, »dann will ich's man nehmen. Man muß doch der Brinkschulte und dem Heinrich Tillbeck die Ehre erweisen. Im übrigen schönen Dank für die Auskunft. Und wenn Ihr mal selber 'nen guten Rat brauchen könnt, der in mein Fach schlägt – Ihr wißt ja, Simmchen, ich heiße Jans Stedink, und dessentwegen bin ich immer zu haben.« Damit schlug er auf sein Chemisettchen, daß es wie sein Schurzfell aufrasselte. »Pompös!« sagte Simmchen. »Blümchen, bist du meschugge? Bewundere doch den Herrn Stedink in seiner schmiedlichen Forschheit.« Das tat denn auch Blümchen, während Jans Stedink zum Zeichen des Aufbruchs seine Kaffeetasse über den Untersatz stülpte und sich nochmals bedankte. Hierauf erhob er sich langsam, schüttelte Blümchen und Simmchen die Hände und meinte: »Auf frohes Wiedersehn in vierzehn Tagen.« »Ah! – auf die Hochßeit!« lächelte Blümchen. »Soll ein Wort sein,« versicherte Simmchen, fragte aber, als sein Besuch sich bereits zwischen Tür und Angel befand: »Herr Stedink, wie steht's aber mit dem alten Herrn Jaspers? Ich kenne ihn in seiner kalten Bewußtlosigkeit. Gott, ob ich ihn kenne, den alten Herrn Jaspers! Wird er auch nich stören das Fest durch seine gefährlichen Redensarten?« »Der?« fragte Jans Stedink und trat ins Zimmer zurück. »Der stört keine Hochzeiten mehr.« »Woso nich, Herr Stedink? Vielleicht macht er doch noch 'ne kleine Rebellionierung.« »Auch das nicht.« »Aber ich bitte Ihnen, Herr Stedink! – Der Fuchs legt sein rötliches Haar ab, aber er legt nich ab seinen alten Sinn, um ßu drangsalieren die Hühnerställe un so was. Er is ein gewalttätiger Mann, der alte Herr Jaspers.« Da räusperte sich der Schmiedemeister, und das Gelbe in seinen Augen nahm einen eigentümlichen Glanz an. Hierauf griff er in seinen fließenden Vollbart, schlug einen Knoten hinein und löste ihn wieder. Etwas Zwingendes ging von ihm aus. »Wie'n König ...!« sagte Simmchen. »Blümchen, er steht wie ein König.« »Simmchen,« versetzte Jans Stedink, »ich habe das Gefühl: der Mann kommt nicht wieder. Der drangsaliert die Brinkschulte nicht mehr und die Hochzeit nicht mehr. Der legt den Ausständigen keinen brennenden Schwamm mehr unter den Hintern, wenn sie wieder die Wetterführung zertöppern und die braunen Straußenfedern von den Schornsteinen nehmen. Und wenn er auch käme: dem Brinkschultenhof setzt er nicht mehr den roten Hahn auf die Scheune. Gottverdammich, das nicht! Dafür ist Heinrich Tillbeck jetzt da, um Ordnung zu halten. Der Mann ist wie ich. Der hat Eisen im Blut, und so was gibt Kräfte. Und er kann sagen wie ich: Ich heiße Heinrich Tillbeck, und wer mir nicht für voll estimiert, der kann für dessentwegen seine eigenen Backenzähne schlucken. – Nee, Simmchen, der Mann kommt nicht wieder.« »So wird er zurück sein ßu die Vereinigten Staaten.« »Möglich, auch nicht möglich. Ich glaube jedoch: er ist nicht über das große Wasser gegangen.« »Aber wohin denn?« »Ja, wenn einer das wüßte. Der ist gegangen, wie er gekommen ist – so wie es Eisensteine vom Himmel regnet. An dem Tage indessen, wo Ignaz im Moor war und der schöne Braune verunglückte, ist er auf dem Hof gewesen. Dann hat Dörte gesehn, wie er im Nebel dem Hellweg zuging – ganz zerschlagen und wie ein Gerber, dem die Felle auf und davon schwammen.« »Aber ich bitte Ihnen, Herr Stedink ...!« »Und es war Nebel, handfester Nebel, und was so'n Nebel bedeutet ...« Simmchen sah den gewaltigen Mann von der Seite an. »Ja, was so'n Nebel bedeutet ...« sagte er kleinlaut. »Da kann alles passieren,« ergänzte Jans Stedink, und das Gelbe in seinen Augen zog einen Vorhang über. »Das Düstermoor hat seine Nucken und Naupen, und man versinkt in ihm wie in haushohe Asche. Ich will nichts gesagt haben, Simmchen; aber mit dem Tage ist der Alte nicht mehr nach Sönnern und nicht mehr nach Dortmund gekommen. Mag's so bleiben, denn mit ihm ist 'ne Plage aus der Gegend vertrieben, die grindig war und Menschen und Vieh malträtierte. Um dessentwegen ist mir nicht bange. Aber was merkwürdig ist: mit ihm ist Karl Mersmann verschwunden, total von der Erde verschluckt – weg – fort – nicht mehr zu sehn.« »Herrgott im hohen Himmel da droben!« rief Simmchen und schlug die Hände zusammen. »Aber wenn über sie is gekommen der Engel mit die schwarzen Flügel, der Malach Hamoves – der Herr sei mit ihnen. Amen, Sela!« »Sehr schön von Ihnen,« sagte Jans Stedink. »Indessen – da steht der oben dafür. Uns aber soll's nicht im Wege sein, 'ne fröhliche Hochzeit zu feiern. Das sind wir der Brinkschulte und dem Heinrich Tillbeck schuldig. Also denn auf Wiedersehn. Und damit will ich mich empfohlen haben bis später.« »Habe die Ehre, habe die Ehre ...!« Und Blümchen dienerte und sagte, ihr Indigoblaues passe sehr gut zu dem neuen Düffelrock, und es solle überhaupt eine allgemeine Pläsierlichkeit werden. Und Jans Stedink nickte noch einmal zurück und trat dann in seiner ganzen Größe und Kraft in Gottes helle, kalte Novembersonne hinein, die den jungen Schnee mit tausend und abertausend Fünkchen und Sternen überglitzerte. Und er kam an einer Schar Kinder vorbei, die in der spiegelklaren Straßenrinne die Bahn schlug. Und als er so dahinschritt, ein alter Recke, mit langem, wehendem Vollbart, da drängten sich alle ängstlich zusammen, steckten den Finger in den Mund oder die Hände unter die Schürzen, und so ein dralles, blondköpfiges Mädchen tuschelte ängstlich: »Da kommt der Nikolasmann.« Aber ein pfiffiges Judenjüngelchen mit Korkzieherlöckchen, dem Isaak Spier sein Ältester, wußte es besser. »Nein,« sagte er bestimmt und ließ ein Nasentröpfchen in den bitterkalten Schnee fallen, »das is der Herr Stedink aus Sönnern, wo hat gekauft 'nen Düffelrock bei meinem Vater – zwei Talers die Elle, um zu heiraten die schöne Frau Brinkschulte von dem Brinkschultenhofe.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Zwischen den Scheunen stand Holthövel mit allen verfügbaren Knechten, jeder mit einer Peitsche bewaffnet, in deren Schnüre rosenrote Schleifchen geknüpft waren. Die Gesellschaft stand in Reih' und Glied, weitgeordnet und mit dem nötigen Spielraum, um die erforderliche Ellenbogenfreiheit zu haben. Holthövel vor der Front. Er hielt Probe ab. Nach ortsüblichem Gebrauch war der Gutsherrin eine Ovation mit Peitschengeknalle zu bringen, wenn sie in den Brautwagen stieg, um nach der Kirche zu fahren. Und diese Ovation sollte geübt werden. Die zweite Probe stand an. Heute war Sonntag; aber trotz des Sonntags war reges Treiben auf dem Brinkschultenhof. Boten und Bestellungen gingen ab und zu. Mit Rücksicht auf die bevorstehende Feier hatte der Pastor von Sönnern Dispens erteilt, werktägig zu schaffen. Ein schwerbeladener Wagen mit Fichtengrün stand mitten im Hofe. Um ihn saßen die jungen Mägde, wanden Kränze und Girlanden und wärmten von Zeit zu Zeit ihre steifen Finger an dem Prasselfeuer, das lustige Funken in die kahlen Äste der ehrwürdigen Eichen hineinwirbelte. Burschen aus der Nachbarschaft hatten sich willig erboten, vom Dielentor bis zum Eingang des Gehöftes eine via triumphalis herzurichten. Stangen und Pfosten erhoben sich, zierliche Bogen wurden geschlagen. Von diesen ließen sie die fertiggestellten Kränze in schmucken Windungen auf- und niedergleiten. Dörte ging schon schweren Fußes in der Vorratskammer und der Küche herum. Sie hatte die Aufsicht über die Scheuer- und Putzfrauen. Zinn- und Kupfergeräte spiegelten alsbald, als wären sie funkelnagelneu aus der Werkstatt gekommen. Der alte Brügelmann saß in seinem Sonntagsrock am Herdfeuer und rauchte sein Pfeifchen. Er war munter und guter Dinge, erzählte den Weibern alte Geschichten und amüsierte sie durch fidele Lieder, die er zwischendurch und mit dünner, quäkender Stimme ableierte. Mit wackelndem Kopf gab er den Takt dazu. Seine Arbeit lag hinter ihm. Schon Ende der Woche war er mit einem Pinsel und einem Topf roter Farbe durch sein Reich gepilgert und hatte die Hammel ausgezeichnet, die bestimmt waren, über die Klinge zu springen und am Festtage die Tafel zu schmücken. Sechs schöne, feiste, zartwollige Schafe sahen ihrem Opfertode entgegen. Zwischen den Scheunen war es mittlerweile munter geworden. »Achtung!« kommandierte Holthövel. »Augen rechts!« Er trat auf den Flügel, kniff ein Auge zu und kontrollierte nochmals die Richtung. Er verstand sich auf die Sache, wobei ihm seine Dienstzeit, die er beim Trainbataillon in Münster abgemacht hatte, trefflich zustatten kam. »Rieget Ju! – Augen gradaus!« Er begab sich wieder vor die Front. »Meine Herren!« gebot er, und ein vierschrötiges Lächeln lief von einem Ohrläppchen zum andern, »ich will für meine Person folgendes zu wissen tun: Auf zwei – Peitschen hoch! – Natz Röwenkämper, was griemelst du?« »Icke?« fragte Röwenkämper, ein putziger Kerl mit einem dreibastigen Maultrommelgesicht, krummen, aber bodenständigen Beinen, ein Kartenkönig auf Draht gezogen, als hätte ihn ein grimmiger Humor aus einem Hohlspiegel in die Welt purzeln lassen. »Jawoll – du,« konstatierte Holthövel. »Aber ich bitte mir aus: ernsthafte Arbeit, sonst wirst du von's Knallen gestrichen. – Also auf zwei – Peitschen hoch! – Auf drei – wird angefangen. Achtung die Herrens! – eins, zwei ... Natz Röwenkämper, was griemelst du wieder?« »Icke?« fragte Röwenkämper zum andern, höchlichst erstaunt und mit demselben Maultrommelgesicht wie vorhin. »Jawoll – du,« sagte Holthövel. »Du bist doch kein Komödienspieler! Ich bitte dir nochmals, sonst soll dich der Deiwel frikassieren. – Zwei, drei ...!« Dieses Mal klappte die Sache. Fünf prächtige Peitschen knallten durch die Luft, gertenscharf und nadelspitz – und Solthövel rief: »Bravo!« – und die Knechte sangen dazu: »Mien' Frau – de kost't 'ne Kron'! Mien' Frau – de kost't 'ne Kiärmißkron', Juchheissa, vivat Kiärmißkron', Mien' Frau – de kost't 'ne Kron'!« Und weither, von dort, wo das Feuer zwischen den Eichenstämmen prasselte und die Mädchen im Fichtengrün saßen, kam das Echo zurück: »Juchheissa, vivat Kiärmißkron', Mien' Frau – de kost't 'ne Kron'!« Und dazwischen ein Geknatter wie von Flintenschüssen, aber gleichzeitig, Schuß bei Schuß, Ehrensalven, die keine Nachzügler kannten und jedem Exerziermeister die Tressen an den Kragen gebracht hätten. Schlangengleich wirrten sich die Peitschenschnüre durcheinander, entwirrten sich wieder, um mit hellem Hallo und Gejauchze in die Lüfte zu springen. Und seltsam! – schon vor wenigen Tagen hatte das Wetter an Bissigkeit nachgelassen. Die Schneedecke war von der Erde genommen; nur noch vereinzelte Lappen hingen zwischen den Wallhecken, weinten aber und tropften ab wie brennende Talgkerzen. Regnerisch sah es aus. Schwere Wolken marschierten über die Landschaft ... aber in diesem Augenblick ...! – da legte sich der Wind, der stetig aus Westen geblasen hatte, da fältelten sich die trüben Wolken sacht auseinander und die liebe Sonne vergoldete die weite Erde und Äcker und Felder und die Dächer des Brinkschultenhofes mit einer Fülle freudigen Lichtes. Es war so, als hätten die lustigen Peitschenhiebe alles Grämliche zur Welt hinausgeknallt. Und das war gut so, denn übermorgen wurde Hochzeit gefeiert. Ignaz Greving kam mit den beiden Oldenburgern auf den Hof kutschiert. Er hatte Probe gemacht und die Gäule im schlanken Trabe bis nach Sönnern bewegt, denn ihm war das Ehrenamt zugesprochen, das Brautpaar in die Kirche zu fahren. Ganz von Gold überflutet, trabte er durch die via triumphalis hindurch. Von den Messingrosen der Pferdegeschirre flatterten rosige Bänder. Ignaz kokettierte damit. Es lag bereits Hochzeitsstimmung in seinem Verhalten. An der großen Remise hielt er, stallte ein und begab sich zur Küche. »Hat's geklappt?« fragte Brügelmann. »Und ob!« lachte Ignaz. »Da kann 'ne Königstochter mitfahren.« »Ist auch nötig,« versetzte der Alte, »denn wer eine zu kutschieren hat, die Sattelmeierblut in den Knochen besitzt, der muß schon was Extraordinäriges leisten. Sattelmeierblut und Königsblut ist nämlich für gewöhnlich dasselbe.« Ignaz nickte. »Weiß schon,« sagte er überzeugt; »drum auch die kostbare Krone, die schon Wittekind in die Augen gestochen hat.« »Stimmt,« versetzte der Alte. »So was gibt's zwischen Ruhr und Lippe nicht wieder. Die von die westfälischen Edelmänners sind gar nichts dagegen. – 'ne Prise gefällig?« »Toujours!« sagte Ignaz und langte mit Daumen und Zeigefinger in die ihm dargebotene Schnupftabaksdose. Dann horchten beide auf. Noch einmal tönte es unter Peitschenknattern herüber: »Juchheissa, vivat Kiärmißkron', Mien' Frau – de kost't 'ne Kron'!« »Jaja,« meinte Brügelmann, »das wird 'ne Sache mit allen Kulören. Ich danke Gott, so was noch erleben zu dürfen. Das tut einem gut – und da kann man sich freuen, daß einem der Schreiner noch nicht das letzte Häuschen angemessen hat.« »Schon richtig,« konstatierte Ignaz, fingerte sich den Spaniol in die Nase und ging zu den Ställen. Einzeln musterte er sie durch, stellte Mißstände ab und bezeichnete die Kühe, deren Hörner am Hochzeitstage mit Goldschaum verkleidet sein mußten. Dann machte er Feierabend. Auch Holthövel tat es. »Rührt euch!« kommandierte er mit vollem Brustton und sagte alsdann: »Ich tue euch hiermit zu wissen, daß die Sache gefleckt hat. Abgetreten!« Da gingen sie gehoben und stramm auseinander. – Anderen Tages fand sich Heinrich Tillbeck auf dem Hofe ein. Es gab noch mancherlei zu besprechen und anzuordnen. Er und sie überlegten alles für morgen. Die Stunden vergingen ihnen, als wären es Minuten gewesen, und jede Minute hatte etwas Gehobenes in ihrem Wesen und Wollen. Sie zeigte ihr Brautkleid. Er bewunderte es. Sie sprach von ihrem Kopfschmuck und erklärte ihm die Einzelheiten des alten Familienstückes. Da blickte er still vor sich hin und war glücklich. Beim Abschied legte er den Arm um sie und preßte sie an sich. »Ich gehe noch mit dir,« sagte sie, an ihn geschmiegt. »Bis zum alten Birnbaum an der Asbecker Scheid gehe ich mit. Da bist du zum zweiten Male groß und schlicht und zuversichtlich in mein Leben getreten. Und dann: ich möchte noch den Abend genießen, mit dir genießen. Das gibt doppelte Freude.« Da leuchtete es in seinen Augen auf wie heilige Feuer, wie sie brennen in der Gnadenkapelle zu Telgte. »So komm,« sagte er hierauf, und da gingen sie Hand in Hand, klopfenden Herzens, aber mit stillen, ruhigen Seelen in die kahlen Felder hinaus, die unter einem weiten, fernsichtigen Novemberhimmel lagen. Die Felder ruhten aus von ihrer Arbeit auf Erden. Viele hatten bereits das Saatkorn umschlossen und hielten es warm wie an treuer Mutterbrust – aber sie schliefen. Und die beiden störten diesen gerechten Schlaf nicht. Wortlos schritten sie nebeneinander in den werdenden Abend, der immer schöner wurde, immer schöner und wärmer. Es war so, als ginge die Welt in den Frühling und nicht in den Winter hinein, so sanft war die Luft, so laulich und durchsichtig und von goldfeinen Ahnungen durchzittert. Vom Schwarzen Holz her woben sich graue Schleier gegen sie an. Sie achteten nicht darauf. Ein inneres Licht war bei ihnen. Das ging vor ihnen her und leuchtete ihnen. »Herrgott! wie das schön ist, so mit dir durch den Abend zu gehn,« sagte er endlich. Er konnte die Fülle des Glückes, die in ihm war, allein nicht mehr tragen. Da preßte sie seinen Arm mit zärtlicher Gewalt und drückte sich an ihn. »Wie gut du bist,« sagte sie leise. So waren sie an den alten Birnbaum gekommen. Kahl und leer streckte er seine Arme gen Himmel. Aber ein geheimnisvolles Raunen war in seiner breitausgelegten Krone. Einsam ragte er auf. Er beherrschte die weite Gegend, denn er stand auf sanftabgedachter Hügelung, die sich ganz allmählich in die Niederung hineinzog. Das Land lag zu ihren Füßen, mit Hecken durchquert, mit eingesprengten Gehölzen und Ortschaften besetzt, jetzt eingedunkelt, aber noch immer hell genug, schärfere Dinge und Einzelheiten hervortreten zu lassen. Es war ein verhaltenes Klingen in der Luft. Sie standen Schulter an Schulter und Hand in Hand und sahen in froher Selbstvergessenheit über die schon schlummernde Erde. Einer hörte auf den Herzschlag des anderen. Es war die Zeit, wo die Blassen im Lande den Hellweg aufsuchen und ihre Gesichte haben. In solcher Stunde wird alles Weihe und Andacht, und die Geräusche verstummen. Ganz leise und unauffällig ging der Werkeltag in den Feiertag über. Das fühlten die beiden. Und morgen war Feiertag. Seine Blicke suchten den einsamen Hof auf, und sie fanden ihn. Tief am Boden liegend und in seiner ganzen, trotzigen Eigenart machte er den Eindruck gesicherter Ruhe. Das also war seine zukünftige Heimat! – und Heimat ist Friede. Daran mochte er denken. Jenseits des Hofes stand ein silbriger Schein, der nicht schwinden wollte. Er nahm vielmehr an Größe zu und drängte sich höher. Unter ihm hellte ein Licht auf. Es kam aus dem Brinkschultenhof und war das erste in der weiten Umgebung. »Still!« sagte er und freute sich des aufgehenden Lichtes. »Heimat ist Friede.« »Daran denkst du jetzt?« fragte sie leise. »Ja, daran denke ich jetzt.« Und wieder schwiegen sie; nur ihre Seelen sprachen, nahmen sich bei den Händen und gingen wie große, glückliche Kinder durch das schlummernde, eingedunkelte Land hin. Und sie gingen auf das einsame Licht zu, und als sie näher kamen, da sahen sie, daß das einsame Licht in der Kammer brannte, wo die Krone der Sattelmeier von der Konsole herab grüßte. Ein kurzes Zucken überflog seinen Körper. Sie bemerkte es und suchte sich zu beherrschen. Einen Atemzug hindurch schloß sie die Augen; dann sagte sie innig: »Ich glaube, ich errate deine Gedanken.« »Und ich die deinen.« »Morgen,« kam es wie aus einem Munde. »Ja, morgen ...« »Ach, du ...!« sagte sie heiß und drückte sich fester an seine Schulter heran, »es ist doch etwas Großes und Schönes, starke Mannesliebe sein eigen zu nennen.« »Und heilige Weibesliebe kosten zu dürfen.« »Ach, du ...!« Sie warf sich in seinen Armen herum, daß ihr Kopf an seiner Achsel ruhte. »Was ich jetzt möchte ...!« Seine Stimme nahm einen besonderen Klang an. Es war ein Beben darin und geknechtete Leidenschaft. Da sah sie ihn an, wie im Erstaunen, willenlos, geborgen durch seine Nähe. Ihr Mund fältelte sich, und sie drängte ihre Brust an die seine. »Josepha ...!« Immer enger fühlte sie sich von seinen Armen umschlungen. »Josepha ...!« Sie warf sich im Oberkörper zurück. Auge senkte sich in Auge. Er beugte sich vor, und seine Lippen standen über den ihren. Er streichelte ihr Haar, ihre Stirne, ihre Schläfen. »Meine Josepha ...!« Eine Siegfriedsgestalt, ein Königsadler hielt eine köstliche Beute zwischen den Fängen. »So tue es doch,« sagte sie ächzend. Dann wurde sie ganz ruhig. Er aber legte seinen Mund fest auf den ihren, und zwei Menschen fanden sich in der großen Einsamkeit in einem langen und verzehrenden Kusse, und in diesem Kusse ruhte Liebe und Leid, Hoffnung und seliges Weinen. Da drüben wurde die Helle immer größer. Ein Schleiern und Weben wie von Filigrannetzen ging über die Landschaft. Himmel und Erde berührten sich. Da ließen sie voneinander. »Gute Nacht,« hauchte sie. Noch ein letztes Umarmen, ein keusches Anschmiegen, Brust an Brust und Wange an Wange, ein Geben und Nehmen .... Dann schieden sie. Noch lange sah sie ihm nach. Einsam rauschte der Birnbaum im weiten Felde. Es klang wie Musik. »Heimat ist Friede ...! – Heimat ist Friede ...!« Als sie sich zum Gehen wandte, lag das Mondlicht weiß auf dem Wege. Hochaufgerichtet und mit festem Knöchel schritt sie hindurch und ließ sich von dem fließenden Licht überrieseln. Vor ihr wuchs der Brinkschultenhof aus dem Boden. Je näher sie kam, um so breiter und höher stieg er in den Abend hinein, eine riesenhafte Silhouette mit flimmerigen Ecken und Kanten, in deren Giebelfront das einsame Licht brannte. Als sie die Eichenallee erreichte, die direkt in den Hof führte, trat sie in gitterige Schatten, die sich kaum merklich am Boden bewegten. Rechts und links davon lag alles in milchiger Beleuchtung. Unzählige Funken nisteten zwischen den gebrochenen Furchen. Plötzlich, als würde sie von einer höheren Gewalt zurückgehalten, verlangsamten sich ihre Schritte. Sie konnte kaum weiter. Jetzt wurde sie angesprochen. »Tag, Brinkschulte ...!« Der Puls setzte aus. Wurden die Toten wieder lebendig ...?! Ja, die Toten wurden lebendig. Da saß jemand seitlich der Straße. Er saß auf dem Grabenrand und hatte eine breite Wallhecke im Rücken. Er tat so, als sähe er nichts; aber langsam und gedehnt preßte er einzelne Worte durch die Zähne hindurch: »Im Susewind gesessen. Geschlafen im Roggenstroh; Hab' Rüben und Häcksel gefressen ... Der Hunger ... der Hunger ...« Mit einem tierischen Laut brach er ab; dann ein metallisches, hartes Lachen ... Es durchschnitt ihr die Seele. Er war also wiedergekommen. Sie konnte sich kaum noch auf den Füßen halten. In Rufweite lag der Hof ... Wenn doch einer käme! – Sie konnte nicht rufen ... Ihre Kraft war zu Ende ... Sie rang nach Atem ... Sie wollte aus der Nähe des Unheimlichen ... Sie versuchte weiter zu gehen ... Da stand er schon neben ihr – barhaupt, übermenschlich, mit aufgerissenen Augen, in die das Mondlicht wie in helle Scheiben hineinsah. »Wo kommt Ihr her ...?« stieß sie hervor und zog ihr Tuch eng um die Schultern. »Brinkschulte! – wie'n Vieh über die Heide getorkelt .... All die Wochen eingelegen bei Medard im Schafstall, weit dahinten, bei Salzkotten ... Rüben und Knollen gerammst ... Hunger ... Hunger ...!« Er trat näher heran. »Und das alles, um meinen Palm wieder zu holen. Der alte Jasper hatte ihn nicht. – Medard hatte ihn nicht. – Hast du meinen Palm ...?!« Er lächelte, er faltete die Hände, er bat mit flehender Stimme: »Brinkschulte, ich muß meinen Palm wieder haben.« Seine Stimme wuchs und nahm einen bedrohlichen Ton an: »Brinkschulte, es geht um Leben und Sterben .... Ich bin auf dem Hellweg gewesen ....« Hierauf wiegte er sich in den Hüften, als vernähme er ferne Tanzmusik, und begann wieder zu sprechen, aber näselnd, weich, mit eigentümlichem Singsang: »Im Susewind gesessen, Geschlafen im Roggenstroh; Der Hunger... der Hunger ....« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie schüttelte sie ab. Ihr grauste. »Brinkschulte, macht keine Dummheiten.« Seine Blicke umgriffen sie, hüllten sie ein, entkleideten sie und drangen in ihr Innerstes, um ihre Gedanken zu suchen. Woran dachte sie jetzt? Er parierte ihr nicht mehr. Ihre Gewalt über ihn war in die Brüche gegangen. Das fühlte sie deutlich, und daher: sie mußte es durch Güte versuchen, aus seiner gefährlichen und bedrohlichen Nähe zu kommen. »Ihr seid müde,« sagte sie keuchend. »Kommt mit auf den Hof. Da wird alles gut werden.« »Nach Hause...?! – Auf den Hof...?! – Unsinn...!« Er vertrat ihr den Weg. »Brinkschulte, daß ich's man sage: Soeben – am Hellweg bin ich gestanden... Da kam es gegangen... Wer soll dat Kindken begrawen? De Köster un de Rawen...! Totenlaken...! – Totenlaken...!« Er warf beide Arme nach oben: »Da kam es gegangen, aber ohne Viggelinen und Klarnetten. – Totenstill, totenstill! – 'ne große Proßjohne mit 'nem schwarzen Wagen dazwischen und mit 'nem schwarzen Kerl auf dem Bock. Der hatte ein düstres Flittken am Hut. Und dahinter der Kaplan und die Lichtjungfer und alle Knechte und Mägde – und sechs schwarze Bretter...! Die paßten nach Länge und Breite – für Euch nach Länge und Breite ...« und er legte zum andern die Hände zusammen: »Herr Jesus Christus, gib ihr die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihr. – Was siehst du mich an? Du glaubst wohl, ich könnte kein Kreuzchen mehr machen? So mach' ich ein Kreuzchen. – Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ...« Eiskalt fiel es über sie her. Sie konnte nicht vorwärts, nicht rückwärts. Der Mensch griff in ihre Seele hinein – brutal, unerbittlich, mit Leichenfingern ... »Komm, Kardel, wir wollen nach Hause ...« Sie zog ihr Tuch immer enger zusammen. Ihre Schultern fröstelten. »Ach was, nach Hause ...!« Karl Mersmann wuchs unter den Strahlen des Mondes. Einer trat neben ihn. Das war der Wahnsinn. Der stieß ihn in die Rippen: »Kardel, immer man vorwärts!« »Jawoll!« schrie der Spökenkieker. »Auf dem Hellweg bin ich gestanden, und also geschieht es, das mit den sechs Brettern, wenn Ihr meinen Palm nicht herausgebt. Meinen Osterpalm will ich haben.« »Ich habe den Palm nicht!« Ihre Worte erstickten. Sie griff nach den Schläfen. Kreidig stand ihr entsetztes Gesicht zwischen den Händen. »Nein, ich habe den Palm nicht!« »Nicht, wahrhaftig in Gott nicht ...?! – Aber da sitzen sie und halten Gericht ab: Jan van Leyden, Knipperdölling und Krechting ... und machen ein Rasiermesser blank. Komm her, Elisabeth Wandscherer, wir wollen das neue Kegelspiel spielen. Es tut gar nicht weh. Heiliger Bülo Krawallo ...!« Pfeifend ging ihm der Atem durch die Zähne. Seine Muskeln spannten sich in dem sehnigen Körper. Die Augen loderten. Sie waren blutunterlaufen. Es wurde klar in seinem konfusen Schädel. Die Gedanken sammelten sich, nahmen Richtung und Vernunft an. Die alte Zeit wurde lebendig, die Stunde, kurz vor der Katastrophe an der Bodenluke ... Er sah alles in dunklen Rissen, schattenhaft, aber scharf wie mit einer seinen Schere geschnitten. Da stand sie – das Weib von früher; nur älter, schöner, gereifter. Das waren dieselben Haare wie einstens; nur voller und in satteren Farben. Schwerer, duftiger. Wie ihr harter Busen unter dem straffgezogenen Tuch sich auf- und niederbewegte! Wie das gierig machte! Wie das ins Fleisch hineinpackte! Das gehörte ihm; das war früher mal sein eigen gewesen, wenn auch nur in einer kurzen, unseligen Stunde. Sein Blut kam ins Stürmen. Der arme Gottestropf war wieder zum Menschen geworden – zum Menschen, dem das Verlangen in den Ohren sauste, dem wieder in die Sinne trat, was er einst besessen und dann für immer verlieren mußte. Ein trunkenes Lallen! – und mit diesem trunkenen Lallen drang er auf sie ein, umstrickte sie mit nervigen Armen und preßte ihr den Kopf auf den Hals, zwischen Kleidrüsche und Ohrmuschel. Gierig, lechzend drückte er seine heißen Lippen auf die zuckende Stelle. »Laß mich los!« rief sie gellend. Ein Biegen ihres geschmeidigen Leibes, ein Ringen und Wehren – und dann ein Schrei des Entsetzens, ein Schrei nach dem Geliebten ... »Ja, schrei nur, schrei nur ...! Damals hast du nicht geschrien, damals, als der Brinkschulte mit 'ner Wagenrunge ... und dann bin ich aus der Bodenluke gefallen ...« Ein letztes Aufbäumen ... »Heinrich ...! – Heinrich ...!« Die Luft wurde auseinandergeschnitten. Es drang bis zum Hof. Aber Karl Mersmann lachte in diesen Verzweiflungsschrei hinein. »Das wußte ich ja ...! Der Mensch will dich hochzeitern! – Aber bevor er dich hochzeitert ... Gericht will ich halten ...! – Am Hellweg sitzen die drei ...! – Die werden dir sagen: Karl Mersmann ist der nächste dazu. Das werden sie sagen. Ins Düstermoor, ins Düstermoor ...! Da ist Ruhe, da wird Hochzeit gehalten ...!« Ihre Sinne starben ab. Eine barmherzige Ohnmacht umfing sie. Sie fühlte nur noch: von riesigen Kräften wurde sie aufgehoben, wurde getragen über Stoppeln und Acker, und eine wütige Stimme klang in das monotone Schreiten hinein: »Im Susewind gesessen, Geschlafen im Roggenstroh; Der Hunger ... der Hunger ...« Dann hörte sie nichts mehr. Als sie aufwachte, lag sie im hellen Mondlicht auf freiem Feld, hundert Schritte von der Straßenallee entfernt. Ignaz Greving und Holthövel bemühten sich um sie. Sie lächelte wieder. Von den beiden geleitet, ging sie nach Hause. »Ick gröte Ju, leiwe Mann,« sagte sie unter leisem Schluchzen und reichte jedem die Hand. Von Karl Mersmann aber war nichts mehr zu sehen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Am Spätabend kam Eli gefahren. Sie saß zwischen einem aufgetürmten Bau von zierlichen Kisten und umfangreichen Schachteln, in denen sich allerlei Dinge für die Hochzeitsfeier befanden. Sie selber, ernst und feierlich gestimmt, saß stocksteif auf dem Rücksitz und fuhr mit einem gewissen Selbstbewußtsein durch die fertiggestellten Girlanden und Ehrenpforten in den Hof ein, der wie auf dem Präsentierteller lag, so hell und blinkig war es mittlerweile unter dem Monde geworden. Ohne sie ging's nun einmal nicht. Das wußte sie längst. Ihre Arbeit, ihr Geschmack, ihr fingerfertiges Eingreifen, kurz alles, was mit ihrer Kunst als Nähterin und Ratgeberin zusammenhing, alles das war für den morgigen Tag so nötig wie das tägliche Brot geworden. Sie hatte die Tafeln auszuschmücken, die eine in der Guten Stube, die andere auf der mit Tannengrün austapezierten Diele, das Brautkleid noch einmal zu mustern, das Heer der Mägde hinsichtlich der Bedienung gründlich vorzubereiten und die Brautkrone durch einen weichen Lederlappen in die richtige Beleuchtung zu stellen. Das konnte nur sie; denn in Anbetracht ihrer Geschmeidigkeit und ihres feinen Benehmens hätte sie es mit jeder Mamsell und Stadtmodistin aufnehmen können. Während der Fahrt hatte sie ein gehobenes Gefühl, aber auch ein solches, das man mit ›bittersüß‹ bezeichnen konnte. Sie dachte an Jans Sandhage. Ein Zufall wollte es noch, daß ihr ein Krummer über den Weg lief, sich unmittelbar neben den Straßengraben postierte und die prächtigsten Männchen zum besten gab. Im Mondlicht sah sie alles haarscharf und fadengenau. Nach dem dicken Kopf und der prächtigen Blume zu urteilen, war es ein selbstbewußter, ausgetragener Rammler. Möglich, es war der verhängnisvolle Löffelmann aus dem letzten Treiben in der Uhlenbrinker Gemarkung. Ja damals ...! – Hätten damals der Apotheker Schölwink und der dicke Kreisrichter Zumloh aus Soest sich weniger des Visierwassers bedient und besser geschossen, vielleicht wäre ihm die große Retraite geblasen worden, und Jans Sandhage hätte noch unter dem irdischen Himmel gewandelt – ihr treusorgender Mann und der Vater ihrer ganz kleinen, niedlichen, unmündigen Kinder. Das hätte sie doch alles haben können! Und jetzt? – Nichts, auch nicht das geringste Titelchen. Sie warf einen ordentlichen Haß auf den Apotheker Schölwink und den dicken Kreisrichter Zumloh, verfluchte alle Visierwasser der Welt und wandte den Blick von dem dickköpfigen Rammler, der jetzt mit dem rechten Hinterlauf trommelte, die Blume zeigte und äußerst gemütlich über den Sturzacker hoppelte. So'n unverschämter, naseweiser Patron! – und Juffer Eli griff in ihren Pompadour und tupfte sich mit dem feinen Taschentuch gegen die Augen. Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer galt den Manen des braven Jans Sandhage aus Sönnern. Dann war auch dieses abgetan. Helles Licht strahlte ihr entgegen. Fast alle Fenster des Hofes waren erleuchtet. Eli gab sich zufrieden. Die kommenden Festtage wirkten belebend auf sie. Sie gewann wieder ihre alltägliche Form und Fassung, triumphierte mit einem erklärlichen Hochgefühl durch die duftigen Fichtengirlanden hindurch und ließ die mitgeführten Kisten und Schachteln durch Holthövel und Dörte ins Haus tragen. Für die Nacht nahm sie Quartier auf dem Brinkschultenhof. Es gab für sie Arbeit in Hülle und Fülle, und zeitig hatte sie schon ihres Amtes zu warten. Beim Betreten der Diele, die bereits ein festliches Gewand angelegt hatte, überschlug sie alles noch einmal: Fünf Uhr aus den Federn; dann Toilette, aber mit allen Schikanen; sieben Uhr Kaffee mit Korinthenstuten und sonst etwas, denn sie hatte ihre fünf Sinne zusammenzuhalten; gegen acht Uhr Bedienung der Brinkschulte, Empfang der Brautjungfern und sonstige Honörs; Punkt neun Uhr Fahrt nach der Kirche. Das übrige mußte sich dann von selber ergeben. Gleich bei ihrer Ankunft fragte sie nach der Herrin des Hauses. Die Brinkschulte war noch nicht zu sprechen. In einer Stunde vielleicht. »Gut,« meinte Eli, »ich werde mich inzwischen orientieren.« Sie stellte sich mitten auf die Diele. Von hier aus hatte sie den besten Überblick. Alles gab sich pompös. Kreuz und quer hingen duftige Kränze, mit Bändern verziert und mit bunten Papierfähnchen besteckt. Ignaz hatte hier das Oberkommando. Unter seiner Leitung wurden noch die letzten Vorkehrungen getroffen. Die Türrahmen schmückten sich mit Stechpalm und Fichtengrün, während die Musikantentribüne sich sinnreich aus den westfälischen Landesfarben herausschälte. Es war ein köstlicher Harzgeruch in der Luft. Es duftete nach Weihrauch, wie in der Kirche. Von der Bodenluke schwebte ein prächtiger Leuchter, den eine kunstfertige Hand aus Wagenspriegeln und Faßreifen zusammengestellt hatte. Zweihundertundfünfzig Talglichter hatten für den nächsten Abend die erforderliche Helle zu schaffen. Eli musterte alles mit kritischen Blicken, und sie sah, daß es gut war. Hierauf setzte sie sich an den Kopf der Haupttafel und beorderte Dörte, ihr den schmalen, weißen Karton und eine Portion Stechpalmblätter zu bringen. Während nun Dörte das Angeforderte holte und dem Karton eine große, mit lateinischen Lettern beschriebene Pappscheibe entnahm, legte Eli ihr Nähzeug zurecht und stülpte sich den silbernen Fingerhut über. Hierauf pinkte sie mit ihm dreimal gegen die Tischkante, daß es einen hellen, klingenden Ton gab. Nur so leitete sie jede Arbeit ein. Das war eine alte Gewohnheit von ihr. Sie dachte dabei an die heilige Dreifaltigkeit. »Mit Gott fang an, mit Gott hör' auf,« sagte sie still vor sich hin und begann damit, die Stechpalmblätter um den Rand der beschriebenen Pappscheibe zu nähen. Beim ersten Aufklopfen horchte Ignaz auf. »Das verfluchte Gepinke!« brummte er in sich hinein, denn das Klopfen mit dem Fingerhut löste bei ihm ein unangenehmes Empfinden aus und war ihm von jeher zuwider gewesen. Nach viertelstündiger Arbeit pinkte Eli zum andern und sagte: »Ignaz, ich bitte Ihnen, den Spruch über die Tür da nageln zu wollen.« Damit zeigte sie mit ihrem zerstochenen Finger auf die bezeichnete Stelle. Es war die Tür, die von der Diele zu den übrigen Gemächern des Hauses führte. Ignaz tat, wie ihm geheißen wurde, obgleich ihm das unheimliche Getue die gute Laune zu verderben drohte. »Pompös!« sagte Eli, als sich die Pappscheibe in ihrem ganzen Glanze darbot; dann las sie: »Viele Jahre Beieinand'; Bis zur Bahre Hand in Hand.« »Schön,« versicherte Ignaz, »äußerst lieblich gesagt! Hat wohl der pensionierte Herr Rektor Klopps in Sönnern verfertigt?« »Der?!« meinte Eli. »Na, so was! Der versteht soviel von die Kunst, wie 'ne überständige Kuh von's Klavierspielen. Und wenn der Riemsels erfindet, so haben sie Dreck an den Füßen und gehen mit schwarzen Fingern spazieren. Statt die Kinder ordentlich zu belernen, macht er in infamen Redensarten. Er ist man ein trauriges Überbleibsel von 'nem abgesetzten Magister. Mit die Gedichte ist ihm denn doch ein anderer über.« »Wer hat's denn gemacht?« »Emanuel Wimke.« »Na, der auch!« bestätigte Ignaz und drehte sich Dörte zu, die sprachlos die Inschrift betrachtete und dabei die Hände respektvoll zusammenlegte, während Eli die Gute Stube betrat, um auch hier nach dem Rechten zu sehen. »Dörte, habt Ihr's gehört?« fragte Ignaz, als Eli außer Hörweite war. Dann zeigte er geheimnisvoll über den Rücken. »Was meint Ihr damit?« »Na – das verfluchte Gepinke. Ich kann mir nicht helfen – aber wenn die Eli hier ist und schneidert und dann so ganz leise und sachte und doch so infam und deutlich mit dem Fingerhut auf den Tisch kloppt, dann ist mir toujours, als wenn der Totenwurm im alten Holz herumarbeitet.« »Aber, Ignaz ...!« »Dörte, ich sage Euch, akkurat wie'n Totenwurm, der was von schwarzen Brettern erzählt.« Dörte war außer sich. »Wie kommt Ihr grade heute darauf?« fragte sie endlich. »Wie kommt der Mensch zu 'ner Ahnung?« Dabei zuckte er mit den Schultern, wandte sich ab und ging die Viehstände durch, um dem Bullen und den ausgezeichneten Kühen die Hörner festlich zu vergolden. Eine halbe Stunde später saß Juffer Eli bei der Brinkschulte, hatte die Sattelmeierkrone vor sich stehen und pflegte sie mit zärtlicher Sorgfalt. Bei jeder Bewegung klingelten die einzelnen Goldplättchen lieblich gegeneinander. Insichgekehrt verfolgte die Brinkschulte die Arbeit der Nähterin. Noch etwas bleich sah sie aus; aber nichts verriet in ihrem Wesen, was sie noch vor wenigen Stunden Entsetzliches durchlebt hatte. Sie fand sich damit ab, wie man sich mit dem Unabänderlichen abfindet. Auch das mußte sie auf sich nehmen. Sie tat's zu dem übrigen. Sie hatte schon so vieles erduldet. Auf ein Mehr oder Weniger konnte es jetzt nicht mehr ankommen. Derartige Dinge mußte man mit sich selber abmachen, und daher: sie erwähnte den traurigen Vorgang mit keiner Silbe. Auch Ignaz Greving und Holthövel schwiegen darüber. Immer lieblicher und freudiger klingelten die Goldplättchen zusammen, und die Brinkschulte horchte darauf, als wären es überirdische Klänge. – Der Abend ging hin. In sehnsüchtiger Feier kam die Nacht herauf. Sie lag so hell unter Gottes wolkenlosem Himmel, als wäre es Tag gewesen. Auf der Diele holte die alte Kastenuhr zum Schlag aus. Elf langsam aushallende Schläge reihten sich nebeneinander. Bald darauf machte das stolze Anwesen die Augen zu. Nur in dem Erdgeschoß war noch Licht. Es kam aus der Schlafkammer der Herrin. Dann verlosch auch dieses. Lange konnte sie den Schlaf nicht finden. Durch das nur angelehnte Fenster kamen die Stimmen der Nacht, unmerklich und auf zärtlichen Schwingen. Aber sie hörte jede Bewegung: das Auf- und Niederschwanken der Zweige, das artige Geigen der Heimchen, das Stampfen der Pferde ... Einer umkreiste den Hof. Das war Ignaz, der mit dem Neufundländer die Runde machte. Er ging von einer Scheune zur andern, von einem Schuppen zum andern. Er hielt sich im Schatten auf, in den Remisen. So trieb er es eine Zeitlang hindurch. Dann hörte sie, wie er das Haus betrat, abschloß und seine Kammer aufsuchte. Nur der Hund hielt noch einsame Wache. Stetig und mit leisem Gehechel trollte er seine ihm vorgeschriebenen Wege. Das große Schweigen kam und mit ihm die ersehnte Stunde der Ruhe. In ihr lag die Seligkeit im Traum und das Vergessen im Leide. Da war es ihr plötzlich ... Der Nachhall irgendeines verlorenen Klanges drängte sich an sie heran. Aufrecht saß sie zwischen den Kissen und horchte. Da war es wieder – das von soeben. Kurz und scharf schlug der Hund an, um gleich darauf ein freudiges Belfern von sich zu geben. Dann hörte sie nichts mehr. Träumte oder wachte sie? Sie wußte es selbst nicht; aber sie hatte das unbestimmte Empfinden: der Hund ist beruhigt worden. Möglich, die Knechte waren schon munter. Von der Diele her wurde die Stunde angesagt. Sie zählte die einzelnen Schläge. »Vier Uhr,« sagte sie still vor sich hin; »also sind es die Knechte gewesen. Ach! – wenn der Tag erst käme!« Grau in grau hingen die Fenstervorhänge, lange, unbewegliche Schemen. Alles Mondlicht war von ihnen und von der Erde genommen. Sie sank wieder in die Kissen zurück – glücklich und schlummermüde. Sie lächelte im Schlaf. Ohne Erregung gingen ihre Atemzüge durch die friedliche Stille. Die Wunschlosigkeit stellte sich ein. Sie fand eine traumlose Ruhe. Und der Morgen kam. Laternen huschten über den Hof, lichterten durch die Ställe und Geschirrkammern. Die Raufen wurden bestellt und den Krippen Hafer und Häcksel zugemessen, die einzelnen Wagen in Reih' und Glied gefahren. Auf den Schornsteinen zeigten sich die ersten Krüsel. Kerzengerade stiegen sie in die heitere Luft. Fast Frühlingswetter. Ignaz trat zu den Knechten: »Holthövel!« »Hier!« »Alles in Ordnung?« »Allens.« »Dann nochmals gesagt: den Oldenburgern über die Hinterbacken gestriegelt, daß sie aussehn wie 'ne sanftene Decke. – Beim Einsteigen wird geknallt, und denn los dafür, was hast du, was kannst du. Dem neuen Schulten zu Ehren. Das heißt, ich fahre. Und was das bedeutet ... Hast ja auch bei die Kürassiere gedient?« »Nee,« sagte Holthövel, »bei's Trainbataillon.« »Bleibt sich gleich. Aber denn: toujours pläng schaff über die Asbecker Scheid nach die Kirche. Das muß seinen ordentlichen Schwung haben. Schulte Rumphorst und Schulte Sprickmann sind mit von der Partie. Hochnäsig Volk. Das mustert alles und vigiliert durch eichene Kisten hindurch. Die Kerls sollen doch wissen, daß die Brinkschulte hochzeitert. Verstanden?« Ja, Holthövel hatte verstanden, und Ignaz machte eine Bewegung, als ließe er eine elegante Peitschenschnur über einen prächtigen Viererzug gleiten. »So wird's gemacht,« sagte er hierauf und begab sich zum Frühstück. – Der Morgen wurde immer weitsichtiger. Die Laternen verloren ihr Licht. Dafür warf die Hand Gottes eine Portion Dämmerhelle durch Stallungen und Kammern. Der Hof drängte sich massig und selbstbewußt aus dem Morgengrau heraus. Juffer Eli saß bereits beim Kaffee, fix und fertig und mit einem funkelnagelneuen Merinokleid ausstaffiert. Ein keckes, leichtes Kapotthütchen, auf dem sich zwei stocksteife Schirtingrosen erhoben, zierte ihre straffgescheitelten und weit über die Ohrläppchen gelegten Haare. Schwere Goldgehänge bammelten darunter hervor und glitzerten bis zu den Schultern herab. Es machte sich großartig, dieses sanfte Glitzern und das kaum merkliche, zeremoniöse Nicken der Blumen. Mit Daumen und Zeigefinger tunkte sie ihre Korinthenbrötchen in die rahmweiße Brühe und ließ es sich schmecken. Sie mußte eine gründliche innere Auspolsterung haben, um den Anstrengungen des frühen Morgens begegnen zu können. Ignaz setzte sich zu ihr und langte zu. »Aber den Henker noch mal!« sagte er plötzlich, »nu schlag doch kien Mensk siene Kinder daud, man weet nich, wat der noch ut wären kann. Nee, Eli, diese prima Merinowolle ...!« »Kömmt mi to,« versicherte Eli, machte hierauf den Hals lang und glitt mit musterndem Blick über die langen Falten ihres Festkleides. »Nee – und das Hütchen ...! – Forsch und aufgeschirrt wie'n Kutschpferd.« »Desgleichen dito. Kömmt mi ebenfalls to. Alles zu Ehren von der da.« Mit einem schnellen Ruck machte sie eine Halblinksdrehung, daß sich die steifen Rosen energisch auf ihren Drähten bewegten, und zeigte mit dem Daumen über den Rücken. Sie wies auf das Schlafzimmer der Herrin. »Pst! – Ignaz, ich hör' was. Ich glaube, sie reibt sich den Schlaf aus die Augen. Wie spät schon?« »Der Geitlink singt all. Es läuft so auf achte.« »Jesus, mein Christus!« sagte Eli eilfertig und stülpte die leere Kaffeetasse auf das Unterschüsselchen. »Denn wird's Zeit; denn muß ich ihr völlig aus Morphe–us Armen erwecken.« »Schön gesagt,« meinte Ignaz und sah mit einer gewissen Bewunderung auf Eli. Diese aber ging auf den Zehenspitzen der mittleren Tür zu, klopfte an, horchte geraume Zeit, um dann ihre schmale Gestalt in die Kammer zu schieben. »Na, denn in den Staatsrock,« meinte Ignaz und stülpte ebenfalls seine Kaffeetasse zu unterst. Eine Stunde später setzte der Auftakt ein. Die Sonne stand leuchtend am Himmel; Goldschaum rieselte von den Dächern, von den knochigen Eichenstämmen; Goldschaumteppiche lagen auf der kahlen Erde. Es sah aus, als ständen hundert und aber hundert Morgen Ackerland in prächtiger Rapsblüte. Und in dieses Leuchten, in diesen Goldschaum hinein brüllte der Zuchtstier. Die Stallpfosten bebten. Die Wände zitterten davon. Es klang wie aus dem Boden, wie vom hohen Himmel herunter. Eine hallende Stimme war's, die an Menschen und Tieren rüttelte. Wie dröhnende Hornrufe marschierte sie weit ins Land hinein. Die ersten Freudenschüsse fielen in der Nachbarschaft. Andere folgten. Dann war ein minutenlanges Geknatter. Von der Hügellehne kam das Echo zurück. Die ganze Gegend stand unter dem Banne eines Freudentaumels. Die ersten Wagen fuhren ein. Schulte Rumphorst und Schulte Sprickmann erschienen mit ihren Frauen, behäbige Damen, die in strotzender Seide gingen und wie fette, weiße Mutterschweinchen über den Hof blinzelten. Hinter jeder standen wenigstens hundertfünfzigtausend preußische Taler, ihr Zugebrachtes gar nicht einmal zu rechnen. Die jungen Burschen, die dem Brautwagen das Ehrengeleit zu geben hatten, kamen auf schweren Ackergäulen geritten, alle in langen Stiefeln, kurzen Jacken und flottierenden Bändern. Von rot und blau und grün wirrte es bunt durcheinander. Immer frische Zugänge stellten sich ein. Ein Schäschen ratterte vor. Alles lächelte, denn hinter dem Spritzleder saßen Simmchen und Blümchen. »Wo erhaben! – wo erhaben!« kam es schmalzig von seinen Lippen, während er die Zügel beiseite legte. Blümchen strahlte. Als sie ausstieg, mußte die dicke Rumphorsten die Hand vorhalten, um von dem Indigoblauen nicht geblendet zu werden. Sie rümpfte die Nase. »Die auch!« meinte sie spitzig. Das kümmerte Blümchen nicht. Sie gab etwas auf sich, sah einfach über die Rumphorstsche fort und ließ das Indigoblaue knistern und knastern. Dabei stellte sie ihre rechte Hand, die mit Ringen über und über besät war, in die schicklichste Ansicht. Simmchen trat auf die beiden Schulten zu, die bislang Pferde und Wagen mit kritischen Blicken gemustert hatten. »Tag, Herr Schulte Rumphorst, Tag, Herr Schulte Sprickmann. Wie geht es? Wie is die Bekömmnis? Ich habe die Ehre. Aber ich bitte, die Herrens! – der Brinkschultenhof sieht aus, als wollte er Laubhüttenfest machen. Bin ich meschugge, die Herrens! – nein, er sieht aus wie der Erbdrostenhof oder wie'n anderes Kavalierenpalä von die Herrens in Münster. Es is 'ne große Erhabenheit unter dem Himmel.« »Möglich,« versetzte der dicke Rumphorst, griff in die Tasche hinein und ließ etliche Taler dicknäsig gegeneinander klingen. »Unser Hof kann sich auch sehn lassen. Der versäuft in seinem eigenen Fett. Im übrigen, wie steht's mit den Kornpreisen, Simmchen?« »Nu, wie soll's stehn?« meinte Simmchen. »Ich bin jetzt in 'ner festlichen Stimmung un habe die Kornpreise ßu Hause gelassen.« Neue Ankömmlinge erschienen und machten der Unterhaltung ein Ende. Es ging auf halb neun. Da trat Eli aus der Kammer, ganz Feier und Würde und mit einem heiligen Ernst auf der Stirn. Sie hatte ihres Amtes gewaltet. Die Braut war eingekleidet; die Krone der Sattelmeier ruhte auf ihren blonden Flechten. »Wie sieht sie denn aus?« fragte Dörte. »Still, Dörte, ganz still!« sagte Eli, legte die Hände zusammen und schlug die Blicke nach oben. »Wie 'ne Madonna, wie 'ne überirdische Königin. Ich nehm's auf meine erste heilige Kommunion, wenn sie nicht direkt in den Himmel hinein triumphieren könnte. Aber ich will nichts berufen ...« Sie streifte ihren Fingerhut über und klopfte dreimal gegen den Türpfosten: »Dörte, ich will gar nichts berufen, absolutemang gar nichts berufen.« Dörte sah sich ängstlich um: »Wie meint Ihr das, Eli?« »Na, das von wegen dem Himmel.« »So!« machte Dörte, »und wann kommt sie?« »Wenn's Zeit ist; sie hat noch mit ihrem Heiland zu sprechen.« Eli wurde unterbrochen. Ferne, lustige Musik setzte ein, ein fröhlicher Marsch, kernig und taktfest wie der rhythmische Gesang von Dreschflegeln. »Sie kommen, sie kommen!« Wie ein Flackerfeuer in dicht gereihten Strohdiemen pflanzte sich der Ruf fort. Alles stürmte hinaus, auch Eli, auch Dörte, und trieb lawinenartig dem Sönnerer Weg zu. Wohl eine Viertelstunde hindurch lag das Herrenhaus wie ausgestorben. Aber da draußen ... Herrgott! – war das eine Fülle von Licht und Freude. Immer näher kam die Musik. Auf dem ersten Wagen saßen die Musikanten, zwei und zwei hintereinander. Eine Frau mit einer großmächtigen Harfe war dazwischen. »Schönemann und Schönefrau!« jubelten alle. Neben dem Kutscher saß Wimke, wirbelte seinen bebänderten Stock durch die Luft und schwenkte den Hut. Bunte Schlängelchen drehten sich keck durcheinander. Im zweiten Wagen saß Heinrich Tillbeck, neben ihm Jans Stedink, ruhig wie eine Bildsäule, in seinem neuen Düffelrock, die Enden seines langen, gleißenden Bartes zwischen den Fingerspitzen. So still und groß und ruhig wie selten! Er war Trauzeuge. Es ging etwas Prophetisches von ihm aus. Als sie in den Hof einfuhren, stimmten die Musikanten ein neues Stück an. Das knallte man so in die heitere Stimmung hinein, und Wimke sang dazu: »Ich bin der Hochzeitsbitter hier – Fiedewitt bom bom! Die liebe Braut ich invitier' – Fiedewitt bom bom! Sie soll zur Kirche mit uns gehn Und vor dem Altar Gottes stehn – Fiedewitt juchheirassa, Fiedewitt bom bom! Aus...« Die Musik verstummte a tempo. Wimke sprang ab, desgleichen die anderen; sie umkreisten ihn, während Emanuel Wimke dreimal mit den schlenkrigen Fingern knallte, den Stock neben sich stellte und mit einem Lächeln aufwartete, das halb an Theaterschminke und halb an Rindspomade erinnerte. Hierbei ließ er das buntgewürfelte Sacktuch lang aus der Rocktasche hängen, räusperte sich und deklamierte mit wichtiger Pose: »Marjo! – das Schöne bleibt nicht aus – Und somit: guten Tag ins Haus! Denn nach der Kirche mit Pläsier Da lad' ich euch zu's Hochzeitsbier. Mit Gabels, Löffels und Behagen Sollt ihr euch voll die Wamke schlagen. Dann eßt ihr mich, Dann trinkt ihr mich. Dann stippt ihr mich in Fett und Supp' Und eßt mich ratzekahlen up: Wie Torten, Enten, Gans und Weck Und Bohnen mit durchwachsen Speck Und Sauerkraut, Korinthenstuten, Geschlagene Eier, Ferkelschnuten Und Buttermilch, so weiß wie Schnee, Geschmortes, Hühnerfrikassee Und Tittenklein von Muttersauen Und Würste, dick wie Ärmelmauen, Sell'riesalat mit Kümmelkräuter Und Hecht und Gans, gebackne Euter ... So eßt ihr mich, So trinkt ihr mich, So stippt ihr mich in Milch und Supp' Und eßt mich ratzekahlen up. Und dazu singt ihr ›Trialo‹ Bei Langkork, Warmbier und Burdo. Und abends, wie das Mode ist. Da wird die schöne Braut vermißt. Der Hinrich, der ist auch nicht dumm, Der sieht sich erst verwundert um. Und dann, mit Zieren und vor Tag, Springt er dem lieben Bräutchen nach. Marjo! – wie immer es geschah – Dann geht die Musik ›Trullala,‹ He hoppla, heißa, hopsassa! Dann geht die Musik ›Trullala.‹ Musieke...!« »Hoch soll sie leben...!« Wimke hob den bebänderten Stock und setzte sich unter Händeklatschen und Flintenschüssen an die Spitze des Zuges. Schönemann und Schönefrau folgten. Sie mit der Harfe. Die Spielleute bliesen einen zündenden Marsch auf. Von Eli geleitet ging der Zug durch die Ehrenpforte, an der großen Scheune vorüber, durch das allmächtige Dielentor auf die Diele. Als sie dort eintraten, holte die Kastenuhr bedächtig aus und schlug die neunte Morgenstunde. Das soeben noch stille Herrenhaus war ein Haus der Freude geworden. Durch alle Räume und Geschosse lief ein Poltern und Lärmen. Ein Toter hätte davon aufwachen können. »Welche Fetierung! – Welche Fetierung!« rief Simmchen ein über das andere Mal, »'ne Förschtin kann es nich reicher besitzen.« Blümchen nickte und ließ ihr Indigoblaues über den Estrich gleiten. Tillbeck und Jans Stedink gingen dicht hinter den Spielleuten. Tillbeck war seltsam erregt. Sein Herz klopfte, aber seine Gedanken flogen sieghaft in die kommenden Tage. »Weißt du noch, Tillbeck,« flüsterte ihm Jans Stedink zu, »was ich damals gesagt hab'? Brinkschulte, hab' ich gesagt, wenn Ihr den da, den Heinrich Tillbeck, mal gebrauchen könnt, sei es so oder so, in guten oder in bösen Tagen ... Brinkschulte, ich heiße Jans Stedink und weiß, was ich anpräsentiere. – Tillbeck, heute ist deine Stunde gekommen. Halte das Weib hoch, daß du ihm und mir Ehre machst, daß es dir wohlergehe auf Erden und ich nicht die Worte 'runterfressen muß: Ich weiß, was ich anpräsentiere.« Tillbeck nahm seine Hand und drückte sie an Eides Statt, und Jans Stedink begriff, was er sagen wollte. »Es ist gut,« meinte er ruhig, und seine Gestalt dehnte sich wohlig. So waren sie bis zur Brautkammer gekommen. Rechts und links von der Tür standen die Brautjungfern, verschämt und mit niedergeschlagenen Augen. Die Musik, die kurz zuvor geschwiegen hatte, setzte aufs neue ein, und Wimke sang wie vorhin: »Ich bin der Hochzeitsbitter hier – Fiedewitt bom bom! Die liebe Braut ich invitier' – Fiedewitt bom bom! Sie soll zur Kirche mit uns gehn Und vor dem Altar Gottes stehn – Fiedewitt juchheirassa, Fiedewitt bom bom! Aus ...!« Dann kirchliche Stille, die den ganzen Brinkschultenhof erfüllte, als wären die Herzen aller plötzlich stehengeblieben. Hierauf trat Juffer Eli feierlich auf die oberste Stufe der Kammertreppe, zog den Fingerhut über und klopfte dreimal vernehmlich gegen die Brauttür. Ignaz Greving drehte sich verärgert ab. »Wieder das verfluchte Gepinke!« sagte er erregt vor sich hin. Noch einmal pochte Juffer Eli an, klingend und spitz: »Brinkschulte, macht fertig, der Hochzeiter ist draußen.« Keine Antwort erfolgte. »Brinkschulte, sie warten schon alle!« Wieder keine Antwort. Dann rief sie: »Brinkschulte, wir müssen zur Kirche!« Es war Angst in der Stimme, obgleich die Juffer zu lächeln versuchte. Aber die Brautkammer lag wie unter dem Bahrtuch. Da sah Eli sich um und sah, daß sich alle verfärbten. »Dann muß ich selber ...« Und sie legte die Hand auf die Klinke. Sie brauchte die Tür nicht zu öffnen. Sie tat sich von selbst auf und drehte sich ruhig in den Angeln, geräuschlos, wie von Geisterhänden in Bewegung gesetzt – und da war es Eli, als müsse ein furchtbarer Name von ihren Lippen herunter. Sie taumelte von den Stufen. »Karl Mersmann ...!« Und Karl Mersmann stand auf der Schwelle, ernst und bedachtsam, nur totenbleich, Moorwasser und zermürbtes Heidekraut an den verlumpten Kleidem. »Sie schläft man, aber sie schläft lange ... Zwischen ihr und euch liegt das Schwert Knipperdöllings. Er und Jan van Leyden haben Gericht abgehalten.« Eine grausame Härte überflog seine Züge. Und in seinen Blicken stand es, als er Heinrich Tillbeck gewahrte: »Ich habe sie besessen, als sie noch jung war. Bekommen habe ich sie nicht. Aber du kriegst sie auch nicht.« Dann ging er, unbehelligt, unberührt, von keinem mehr gesehen. Eine Maschine, die unbewußt und willenlos ihre Arbeit getan hatte, schritt er durch die verwehten Menschen. Erstarren und Entsetzen hinter sich lassend – also schritt er über die Diele, über den Hof fort, dem nahen Düstermoor zu, das schweigend und mit seinem schwarzen Torfwasser unter einem sonnigen Himmel ruhte. Spurlos wie er gekommen, so war er auch spurlos verschwunden. Nur das Entsetzen blieb. Und dann ein Schrei, den der furchtbare Aufschrei der Hochzeitsgäste nicht zu übertäuben vermochte. Heinrich Tillbeck stürzte vor und umklammerte die Knie des stillen Weibes, das friedlich zwischen den Lehnen des schlichten Korbsessels ruhte. Den Kopf in ihren Schoß gepreßt, erstarb der Ausbruch seines gemarterten Herzens in einem fast lautlosen Wimmern. Eli war dicht an seine Seite getreten. »Sie ist tot,« hauchte sie, »die Brinkschulte ist tot.« Da saß sie – im Brautkleid – im leichten Schleier – die Krone der Sattelmeier auf den goldigen Flechten – mit gefalteten Händen – ohne Schmerzensausdruck und mit einem Antlitz wie aus kaltem, weißem Marmor geschlagen – schön wie eine tote Königin. Ihr Haupt ruhte etwas nach rückwärts. Nichts verriet die Ursache ihres gewaltsamen Todes. Nur um ihren schneeigen Hals lagen die Spuren von umschnürenden Fäusten. In die Knie...! In die Knie! – und alle knieten – alle, alle ... Nun war Josepha Brinkschulte wieder, was sie früher gewesen: die steinerne Madonna von der Soester Börde. Schluß Der Winter kam und nahm wieder Abschied. Der Schwingpflug tat seine Arbeit auf den Äckern des Brinkschultenhofes. In langen, stattlichen Reihen legte er die Furchen nebeneinander. Er schaffte für zwei, und seine emsige Tätigkeit war ein Ereignis für die dortige Gegend. Feine, grüne Speere drängten sich aus dem braunen Schoß der Mutter Erde. Die erste Lerche stieg in den sonnigen Himmel. Die Ranunkeln schlugen ihre gelben Augen auf und folgten dem kleinen Flieger, der wie ein Pünktchen über der Soester Börde schwebte. Nicht lange – und das junge Korn nahm einen silbrigen Glanz an. Und wenn der Wind darauf stand, dann wellte es sich auf weichen Sammetpfötchen gegen den Horizont, der mit einem zartblauen Streifen die weite Ebene abgrenzte. Es war so, als hätte der liebe Gott ein schmales Kränzlein von blühendem Flachs zwischen Himmel und Erde geschoben. Wer Augen zu sehen hatte, der sah, und er mußte sehen, daß alles gut und schön war wie am ersten Tage – und es wurde immer schöner und schöner. Flammender Mohn bestickte die Ränder der Getreidefelder, und blitzende Nadeln standen zitternd über den schwarzen Tümpeln des Düstermoors, um mit einem jähen Ruck und reißenden Fluges weiter zu schießen. Die Libellen trieben ihre artigen Liebesspiele. Das sumpfige Wasser streckte seine breiten Schwerter auf, schmückte sich mit weißem Hahnenfuß und gelben Mummelblumen, die wie Sterne aussahen. Es lächelte. Aber sein Lächeln war wie das eines tückischen Menschen. Es hatte sein furchtbares Geheimnis. Der alte Jaspers kam nicht wieder, und Karl Mersmann kam nicht wieder. Niemand wußte, wo ihre Spuren zu finden waren. Nur das Düstermoor wußte es, denn ihre Spuren waren keine irdischen mehr. – Alles nahm seinen geregelten Gang und geschah nach Ordnung und Gesetz. Bald nach dem Heimgang des schönen, stolzen Weibes hatte Eli den jungen Stier mit ihrem Schlüsselbund angeklingelt und dazu die Worte gesprochen: »Heraus, herein und ein und aus! – Der Tod ist jetzt aus diesem Haus; Für Vieh und Mensch, für groß und klein Wird Heinrich Tillbeck Herr hier sein.« Da hatten die Grundpfosten des Hauses wie Halme gezittert, denn sein Gebrüll war wie Donner gewesen und war auf Sturmgefieder weitergezogen. Dann fügte er sich, wie der Wille eines verschüchterten Kindes. Hierauf war sie zu den Bienenstöcken gegangen. Die Bienen hielten bereits Winterschlaf. Als aber das Klingeln ertönte und der Anruf an sie erging, wachten sie auf, rumorten im Stock und verließen die Fluglöcher, um kurz darauf wieder einzukehren und in ihre alte, beschauliche Ruhe zu fallen. Juffer Eli hatte ihres Amtes gewaltet, und auf dem Brinkschultenhof saß Heinrich Tillbeck als Schulte. Ja – als Schulte saß er da, als gebietender Schulte, aber auch als ein Mann der Verzweiflung und des grimmigen Leides, der allabends sein Herz mit beiden Händen umschnürte, um es nicht von dem fürchterlichen Weh zerbrechen zu lassen. Die Nachbarn ehrten ihn, sein Gesinde sah ihm jedes Wort von den Lippen ab, seine Freunde bemühten sich, ihn zu erheitern, und brachten es fertig, dann und wann ein Lächeln bei ihm zu wecken; aber ihm den Schnee vom Scheitel zu nehmen, der an jenem entsetzlichen Tage darauf gefallen war, das vermochten auch sie nicht. Der Pastor in Sönnern, ein frommer, beschaulicher Mann und ein Mann, von dem man sagen konnte: »Er sieht weder rechts noch links; sein Weg ist Gott und den Menschen wohlgefällig, und seine Taten werden dereinst mal gewertet im Himmel«, sprach des öftern große, stille, versöhnliche Worte zu ihm. Sie trösteten ihn, sie gaben ihm Halt und Stütze, sie waren freundliche Kostgänger bei ihm und liebe Berater, aber auch sie waren nur lindernde Mittel, kein unfehlbares Heil, keine Erlösung. Tagtäglich ging Heinrich Tillbeck mit seinem Weib, mit dem lieben Geist seines Weibes, durch die abendlichen Felder. Sie gingen Hand in Hand und Schulter an Schulter gelehnt. Und das Korn rauschte herauf und sprach zu ihnen wie in den kurzen Tagen des Glückes. Und sie gingen bis zu dem nahen Vorwerk, das Dörte mit der guten Marieke Maraunke bewohnte. Hier konnten Feierstunden über ihn kommen. Der Duft der geliebten Frau war bei ihm, ihre Worte sprachen zu ihm mit heiligen Zungen, ihre linde, weiche Hand glitt ihm sanft über die Stirne und ihre Lippen fanden sich in verzehrender Inbrunst. Er war eben gezwungen, eine Tote zu lieben. Dann verloren die Tage an Langlebigkeit, und die Sterne standen heller am Himmel. Bis spät in den Abend hinein hörte man das Dengeln der Sensen und das Schwirren ihrer tödlichen Stimmen. Es war die Zeit, wo der Tag sich erneute, an dem Heinrich Tillbeck die Scholle auf der Asbecker Scheid umgelegt hatte. – Am Nachmittage dieses Tages saß er in der Schlafkammer, wo die Krone der Sattelmeier von der Konsole herab grüßte. Er stützte den Kopf und hielt ein beschriebenes Stück Papier zwischen den Fingern. Er hatte es nur einmal gelesen, dann nicht mehr. Heute las er es wieder. Er war es der Verstorbenen schuldig. Seine Schläfen hämmerten, und seine Seele hielt den Atem an, um jedes Wort in seiner ergreifenden Schlichtheit und Tiefe umschließen zu können. Ihre gütige Hand war bei ihm, ruhte auf seiner Stirn, ihr Herz schlug an dem seinen, ihre Gedanken flossen mit seinen zusammen. Und eine große, unendliche Andacht erfüllte den Raum, eine Andacht, wie sie die Kirche erfüllt bei einem Totenamt. »Hier ist der Brinkschultenhof, mein angestammtes Erbe und Eigen,« also las er aus der beglaubigten Abschrift des Testamentes, das sie vor Jahr und Tag niedergelegt hatte. »Dieses Erbe und Eigen ist mir heilig. Kein Höriger saß darauf. Nur erbfreie Männer, geradnackig, blondhaarig und mit stahlgrauen Augen, bebauten die braune Scholle; nur solche schritten hinter der Sense; nur solche befruchteten die Erde. Sie waren eins mit ihr. Sie liebten sie, wie Mann und Weib sich lieben, wenn sie in der Vollkraft des Lebens stehen. Wenn sie durstig war, dursteten auch sie, wenn sie einfror, froren auch sie ein, wenn sie unter ihrem eigenen Segen erschauerte, erschauerten auch sie. Es war eine stete Sorge in ihnen um dieses Stück Erde. Nur widerwillig und störrisch rissen sie sich von ihr los, und wenn sie sterben mußten, war es ein hartes Sterben. Aber nie vergaßen sie, ihre geliebten Äcker zu sichern. Etwas von diesem Geist ist auch auf mich übergegangen. Ich bin nur ein Weib; aber die Schwachheit des Weibes liegt mir fern – und daher: auch ich will mein überkommenes Erbe gesichert wissen. Der Tod ist mir näher, als viele wohl denken. Nur ein Starker sei Folger in meinem Amt. Ich ehre, was stark ist, denn was hilft mir und meinem Eigen ein Mann, dessen Kopf nicht wach ist und dessen Hand sich nicht zur Faust zu ballen vermag? Ich will keinen Schwächling. Ich will keine Drohne. Aber ich weiß einen Starken im Lande, und dieser Starke im Lande ist meine Hoffnung und Freude. Ich sagte schon: Der Tod ist mir näher, als viele wohl denken. Ich höre seinen Schritt. Ich vernehme seine krachneuen Schuhe. Das gibt zu denken. Und dieser Starke im Lande ...! – Ich weiß, ich kann meine heiße Liebe und Leidenschaft zu ihm nicht auskosten. Aber dem sei, wie ihm wolle ... Das Sterben kommt eher als ein glückliches Leben. Und dennoch ist seine Liebe bei mir. Sie ist mächtig wie der Tod. Ich weiß: er wird mein Andenken segnen und mein Erbe zu sichern wissen. Sattelmeierblut und Brinkschultenblut wird in ihn übergehen. Er wird ein Sachwalter sein, wie das Land ihn braucht. Der Herr wird ihn führen und seine Arbeit benedeien. Und darum setze ich Heinrich Tillbeck von der Paderborner Senne, wo die blauen Husaren reiten und Fanfare blasen ...« Er las nicht weiter. Er hielt das Blatt zwischen den Händen, als würde jeder einzelne Buchstabe lebendig. Da überkam ihn die Zeit seiner Jugend und die Zeit, wo das schöne, stolze Weib an seiner Brust geruht – und eine Empörung war in ihm wie im Angesicht des letzten Kampfes ... »Josepha ...! – Josepha ...!« stöhnte er auf und warf die Arme über den Tisch und bettete die Stirn darauf und weinte bitterlich. So saß er lange. Da trat einer zu ihm. Lautlos war er gekommen. Der legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sei doch nicht so ganz auseinander,« sagte er in selbstquälerischer Fassung. Es lag Schmerz und Ruhe darin. »Das bringt ja Haus und Hof zuschanden. So geht das nicht weiter, denn es ist nicht im Sinne der Verstorbenen.« Da erhob sich Heinrich Tillbeck und sah mit wehen Blicken den Sprechenden an. Jans Stedink war bei ihm. »Ihr ...?!« »Ja, ich,« sagte Jans Stedink und schob seinen Arm in den seines jungen Freundes. »Nu komm man. Heute jährt sich der Tag, wo der schottische Schwingpflug seine erste Arbeit auf der Asbecker Scheid tat. Da kannst du nicht zwischen den vier Pfählen bleiben. Da mußt du hinaus. Das würde ihr weh tun, wenn du nicht hingingst.« Willenlos folgte er. Und da schritten die beiden Männer ihres Weges und sahen, daß bereits das Abendrot in den Birken und Erlen des Düstermoors wohnte. Sie gingen stumm nebeneinander. Der alte Brügelmann stand einsam auf einer sanftgedachten Terrainwelle. Gerade wie damals. Im Leinenkittel und Strohhut und mit verwaschenen Augen sah er über die Gegend. Die beiden grüßten ihn und gingen vorüber. Brügelmann sah ihnen nach, und sein Nacken straffte sich zusehends. »Da geht die Zukunft hin,« sagte er zuversichtlich, und wie ein alter Recke der Vorzeit wuchs er in den Abendhimmel hinein. Einen Büchsenschuß weiter suchte Heinrich Tillbeck mit bangem Herzen die Stelle, wo er den Schwingpflug geführt hatte. »Hier!« sagte er mit gekniffenen Lippen. »Ich will versuchen, mich aufrecht zu halten.« »Versuchen ...?!« kam es zäh aus dem Munde des Alten. »Du – und du willst nur versuchen?« Er packte die Hand des Insichgekehrten und preßte sie krampfhaft. »Du mußt,« sagte er rauh und gab wieder die Hand frei. Dann fuhr er langsam durch seinen Bart und teilte ihn in zwei mächtige Hälften. Das Abendlicht stand darauf, als wären die lohen Funken eines Schmiedefeuers lebendig geworden. »Tillbeck, du hast eine Mission zu erfüllen. Das sage ich dir jetzt, in dieser Stunde. Um dessentwegen bin ich gekommen und um dessentwegen stehn wir hier. Es muß endlich Klarheit sein – um deinetwegen muß es so sein, damit du dich wieder herausmusterst wie in früheren Tagen.« »Was versteht Ihr darunter?« »Ich wollte nur sagen: ich bin ein einfacher Mann, und meine Gedanken sind einfach; sie sind aber auf dem richtigen Weg und haben 'ne richtige Beaugenscheinigung vor sich. Eine große Zeit liegt hinter uns. Wir haben sie mit Blut und Eisen und mit Tränen erkauft, aber wir haben sie doch. Um dessentwegen können wir sagen: Deutschland ist unser. Und dennoch ist Sorge in mir. Wir Alten welken ab. Die Reihe kommt an Leute, wie du bist. Ihr habt Farbe zu bekennen. Das seid ihr der Menschheit schuldig. Da gibt es kein Kopfhängenlassen und Nachsimulieren. Da habt ihr die Hand an den Pflug zu legen und das Sämannstuch um die Schulter zu knüpfen. Ihr habt für Deutschland zu pflügen und für Deutschland zu säen. Nicht für eure Tasche allein. Freiwillige, opferfreudige Tat kann nur helfen. Der Geist des alten Jaspers ist noch immer im Land. – Vor Jahr und Tag bliesen sie in Dortmund die schwarzen Federbüsche von den Schornsteinen herunter. Dann wurde wieder ›Glück auf‹ geschrien, und die Federbüsche wurden aufs neue an Ort und Stelle gebracht. Das sollte für immer so sein. So dachten die Menschen. Jawoll! – Prosit die Mahlzeit und daneben geschrien. Wo sind die Federbüsche des Fleißes geblieben? Ausgepustet. Wo ist das ›Glück auf‹ hingebracht worden? Weggesäbelt, mit Fäusten zurückgestoßen, und die Schornsteine stehen ohne Luft und Leben.« »Aber, Stedink ...!« »So ist es – seit gestern ist es so. Denk daran, was ich damals gesagt hab'. So geht das nicht weiter. Jedem sein Recht, und jedem sein Brot. So will es der Herrgott im Himmel. Ordnung muß sein. Aber was die da in Dortmund betreiben, ist Unordnung. Das will der Herrgott im Himmel nicht. Dann geht alles seinen verkehrten Gang. Dann bleibt Deutschland nicht unser. Der Riese der Arbeit ist eingeschlafen. Böses steht auf. Das dringt vor mit Tausenden Gelenken, mit Millionen Gelenken. Das fällt wie Geifer über den Acker her; das vergiftet ihn und macht alte, gute Sitte zunichte. Und der Tag muß dann kommen, wo wir mit der Stirn gegen die Wand klopfen und sagen: Nun ist Deutschland auseinandergerissen. Tillbeck« – und Jans Stedink war mit Feuersglut übergossen, wie der Alte vom Berge – »Tillbeck, du bist einer von denen, die dagegen ein Bollwerk aufrichten können, aufrichten müssen. Tillbeck, lege die Hand an den Pflug und tu das Sämannstuch um, von jetzt an bis zu dem Tage, wo das Alter dich tiefer beugt. Aber tu es freudigen Herzens, sonst ist es kein richtiges Schaffen und Wirken. Ehre die Erde, halte sie rein von denen, die falsche Lehren verkünden und brechen und stürzen wollen. So wird ein Damm gesetzt und eine starke Festung gegen den Umsturz geschaffen. Hammer und Amboß, Handel und Wandel bringen Ehre und Gewinn. Pflug und Scholle erhalten. Und das steht höher als alles. Um dessentwegen siehe gradeaus und tue, was recht ist. Das hat auch sie von dir gewollt. Das will das Vaterland von dir. So lebst du im Sinne der Toten, so stirbst du in ihrem Andenken. Amen.« Jans Stedink zog die Mütze herunter. Auch Heinrich Tillbeck tat es. Ein Schauer ging über das Feld, und der Geist der Brinkschulte war bei ihnen. Das Abendrot hatte sich verblutet. Dämmerungen gingen über die Soester Börde, und trotzdem war die Luft wie Kristall. Das Leben des Tages ebbte zurück. Der Abend wurde still und feierlich, und dennoch war der Abend voller Musik. Eine mächtige Faust hatte in das Herz Tillbecks gegriffen, hatte zugepackt und gerüttelt; aber das gerüttelte Herz war voller Freude geworden. Leer und einsam ruhte das weite Land. Nur hinten auf dem Hügel, mehr dem Brinkschultenhof zu, stand der alte Brügelmann noch immer, eine dunkle Gestalt, die sich machtvoll gegen den Abendhimmel abhob. Er hatte kein Auge von den beiden Menschen gelassen. Keins von Heinrich Tillbeck und keins von Jans Stedink. »Die haben was Großes gesprochen,« sagte er vor sich hin, ernst und mit heiliger Inbrunst. »Mir ist nicht bange mehr um Hof und Acker, um Leben und Sterben. Es geht alles seinen Gang, der zur Erlösung und zur ewigen Anschauung führt.« Und hätte er zuhören können ... Heinrich Tillbeck war ein anderer geworden. »Es soll geschehn in Eurem Sinne, Stedink,« sagte er fest und bestimmt, »so wahr mir Gott helfe und so wahr ich hoffe, dereinst mit ihr vereinigt zu werden. So wird meine Trauer eine abgeklärte Entsagung und bleibt eine große, unvergängliche Liebe.« »In ihrem Andenken,« versetzte Jans Stedink. Da griff Tillbeck neben sich und faßte die Hand seines verstorbenen Weibes: »Ja, in ihrem Andenken.« »Auf daß es dir wohl ergehe auf Erden.« »Auf daß es mir wohl ergehe auf Erden.« Das Land dunkelte ein. Über dem Brinkschultenhof aber stand der Abendstern und brachte einen Gruß von ihr – von ihr aus dem Himmel.