Diedrich Speckmann Heidehof Lohe Erschien 1906 »Na, Herr Lohmann, auch mal'n büschen verreisen?« fragte der Stationsvorsteher von Elldingen einen stattlichen Bauersmann, der eben den kiesbestreuten Bahnsteig des bescheidenen Heidebahnhofs betrat. »Nee, nee,« gab dieser zur Antwort, »wollte man eben meinen Hinrich abholen; der kommt heute los.« »Aha, der Königsulan!« versetzte der andere, »hat der seine drei Jahre schon herum? Gratuliere,« dabei legte er die Hand an die rote Mütze – »so'n forschen Kerl in die Wirtschaft, das sollen Sie bei der Arbeit wohl merken.« »Naja,« meinte lächelnd der Bauer, »man selbst wird ja auch nicht jünger und schult sich sucht Schutz schon gern mal hinter seinen Jungens.« Der Beamte steckte sein Dienstgesicht auf, denn der Zug, dessen Nahen eine weiße Wolke über der rotbraunen Landschaft schon lange angezeigt hatte, lief ein, mit schlafenden, gähnenden und gelangweilten Reisenden an den Wagenfenstern. Kaum war er zum Halten gebracht, als auch schon die Tür eines Abteils dritter Klasse aufflog und ein langer, prächtig gewachsener Junge in der schmucken Uniform der hannoverschen Ulanen sporenklirrend in den gelben Kies sprang, ohne das untere Trittbrett zu benutzen. Die Mütze saß verwegen schief auf dem stark gebräunten, mit einem flotten Schnurrbart gezierten Gesicht. Zur Seite baumelte an schwarzweißrotem Bande die bauchige Reservistenflasche. Die Waffe fehlte, dafür ließ die Rechte ein biegsames Stöckchen durch die Luft pfeifen. So eilte der Junge mit den langen und breiten Schritten des Kavalleristen auf den ansehnlichen Bauersmann zu, als dessen verjüngtes Ebenbild er erschien und in dessen grauen Augen sich ein frohes, stolzes Blitzen zeigte. Der Vorsteher hat die strenge Dienstmiene fahren lassen und macht den Zugführer schmunzelnd auf die Szene aufmerksam. Die Zahl der Köpfe an den Fenstern hat sich verdoppelt, aus den Gesichtern ist der Ausdruck schläfriger Langeweile gewichen. Es ist, als ob von den beiden dort auf dem Bahnsteig ein Hauch warmen, frischen Lebens die Wagenreihe entlang wehte. Ein weißhaariger Herr an einem Fenster zweiter Klasse neigt sich lächelnd zu der greisen Dame ihm gegenüber und trällert: »Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,« und diese nickt und lächelt auch. Und dabei ist's, als läge auf den feinen alten Gesichtern etwas wie ein stiller Stolz. – – Ja, lieb' Vaterland, du magst ruhig und wir wollen auf dich stolz sein, solange deine Söhne, die den bunten Rock tragen, von der Art dieses Lüneburger Bauernjungen sind. Lieb' Vaterland, magst ruhig sein, solange solche Jungens, wenn sie des Königs Rock wieder mit der Bauernjacke vertauschen, mit starken Händen den väterlichen Pflug anfassen und das blinkende Eisen durch deinen altheiligen Boden führen, lieb' Heimatland, lieb' Vaterland! – »Abfahren!« rief der Vorsteher, und der Zug setzte seine Reise fort. Aus dem letzten Wagen flatterte ein lustig geschwenktes weißes Taschentuch, und Hinrich sah, wie ein Paar luftige Augen ihn anlachten. Er nahm die Hacken zusammen und legte das Stöckchen an die Mütze, so den übermütigen Scheidegruß eines jungen Dinges von siebzehn Lenzen erwidernd. Der Vater sah ihn befremdet an. »Kennst du de Deern?« brummte er. »Hee wat,« lachte der Junge mit dem ganzen Gesicht. »Dat mutt ja 'ne ganze Freche wän,« knurrte der Alte, dem Zuge nachblickend. »Se is noch jümmer an't Winken.« »Lat ehr, Vader, dat makt de Jungheit,« entschuldigte Hinrich. »Und düt blaue Dok, dat stickt nu mal de Deerns bannig in de Ogen.« Die beiden traten in das nahe Gasthaus, und der Vater bestellte eine Flasche Rotwein, »vom besten,« fügte er hinzu. Er hatte mit Freuden gesehen, daß er das trotz der dickbäuchigen Reservistenflasche noch wagen durfte. Als er die Gläser vollgeschenkt hatte, sagte er feierlich: »Nu wöt wi mal anstöten: ›Wer treu gedient hat seine Zeit, dem sei ein volles Glas geweiht! Drum stoßen wir die Gläser an: Es lebe der Reservemann!‹« AIs sie ausgetrunken hatten, sagte der Junge lebhaft: »Heft du't all hört? Wi beide sünd ja nu ok Regimentskameraden worrn.« »Wat snackst du da för dumm Tüg?« fragte der Alte, der eben wieder einschenkte, nur halb hinhörend. »Du weeßt doch, ick heww bi de hannoverschen Gardükor stahn.« »Just deshalw,« versetzte Hinrich eifrig. »De Kaiser hett uns Ulanen de Traditschon van din ole Regiment verliehen.« »Traditschon? Wat is dat?« »Weeßte, de beiden geltet nu as een Regiment. Prost, Vader-Kamerad!« Der Vater zögerte anzustoßen, dann nahm er aber doch das Glas, indem er sagte: »Ja, min Jung', gode Kameraden wöt wi nu wedder wän, bi de Arbeit, abers nich van Kommiß wegen. So'n olen hannoverschen Gardükor und so'n preußischen Ulanen, de hewwt nix mit'nander to dohn. Dar steiht sößundsößtig mang. Dor kann ok de Kaiser mit'n Fedderstrich nix an ännern. Prost.« Als sie die Gläser geleert hatten, sprang Hinrich auf: »Schall ick nu anspannen? Dat Mudder nich so lang to luern brukt!« »Man to,« sagte lächelnd der Alte. Ja, ein Mutterjunge war er immer gewesen, sein Ältester. Hinrich trat in den Stall. Da hatten auch einige Grubenholzfahrer ihre Pferde eingestellt, aber er fand seine Braunen auf den ersten Blick heraus. Zwischen sie tretend, drückte er die Mähnenwand von »Pudel« und »Liese« liebkosend an seine Wangen, dann gab er jedem ein Stück Zucker. Um seiner Rappstute Karline den Abschied zu versüßen, hatte er gestern abend in der Kantine für ein paar Pfennige gekauft, aber zwei Stück für die guten Braunen daheim gespart. Ach, das schöne, stolze Tier, das er hatte verlassen müssen! Bei manchem schneidigen Ritt hatte es ihn getragen, vor vierzehn Tagen noch wieder unter den Augen des höchsten Kriegsherrn. Der Hinrich und seine Karline, die hatten zusammengehört, wie ein Ulan und sein Pferd nur zusammengehören können. Aber diese braven Tiere, die ein bescheideneres Lebenslos gezogen hatten, sollten ihn schon trösten. Einen großen Vorzug hatten sie vor der Karline; sie gehörten nicht dem König, sondern dem Lohbauern und seinem Jungen, der natürlich nun ganz das Schirrwerken mit den Pferden bekam. Vater und John nahmen auf dem Bock des Jagdwagens nebeneinander Platz, und Hinrich sagte: »Üh, Pudel!« Die Chaussee, die Lohe berührte, machte einen weiten Umweg über das Kirchdorf Wiechel. Mit leichtem Gefährt zog man einen kürzeren Sandweg vor, der in ziemlich gerader Richtung durch die Heide lief. Hinrich wählte diesen denn auch. Bei dem leisen, weichen Fahren erzählte es sich ja viel besser. Und was hat einer nicht alles zu erzählen, der gerade aus dem Kaisermanöver kommt! Bei der Kaiserparade hatten natürlich die dreizehnten Ulanen die ganze übrige Kavallerie ausgestochen, von den Sandhasen, Bummsköppen und der Kolonne Brr gar nicht zu reden. Und natürlich war die zweite Schwadron mit ihrem Flügelmann, dem Gefreiten Hinrich Lohmann, am besten an Majestät vorübergekommen. Da war keine Pferdenase auch nur um eines Strohhalms Breite aus der Richtung gewichen. Und wie schlau hatte derselbe Gefreite auf nächtlichem Patrouillenritt die feindlichen Vorpostenstellungen erkundet! Und der schneidige Reiterangriff am letzten Manövertage – im Ernstfalle wäre die ganze feindliche Division in die Pfanne gehauen! Hinrich erzählte mit Feuereifer, und der Vater hörte lächelnd zu. Ja, solches Heldentum kannte er von seinen jungen Jahren her. Freilich, etwas anders war's doch, als da unten bei Langensalza, auf dem »langen Hög«, die beiden ersten Schwadronen der Gardedukorps sich in Galopp setzten, hinein in das Höllengeknatter der Zündnadelgewehre, dem bajonettstarrenden Karree entgegen. – – Endlich wandte Hinrichs Bericht sich weniger kriegerischen und blutigen Dingen zu. Er sprach von guten und schlechten Quartieren, von schwerem Weizen- und Zuckerrübenboden, schilderte die großen Güter, die mit Einheimischen die Arbeit nicht zwingen könnten und sich ganze Wagenladungen Polacken schicken ließen. »Glöw man, Vader,« schloß er, »wat da ünnen 'n Godsbesitter oder 'n groten Buern is, de kümmt lichtfardiger dör de Welt, as wi hier. De krüppt up sin Peerd und kiekt van baben hendal to, wat de annern för em quält.« »Schunge, Schunge,« meinte der Vater, »wenn du mi dor ünnen man nich to grotardig worrn büst! Mi is bange, dat paßt di hier bi us in die Heide gor nich mehr.« »Och, Vader, denk nich so wat!« sagte Hinrich schnell. »Du kannst gar nicht glöwen, wat ick mi up düssen Dag freut heww. Et giwt up de Welt man enen Lohhoff. Aah, wo fein liggt he dor nerden unten in den gälen Sünnenschien! Kiek doch blot mal an!« Das Gefährt hatte eben den Kamm einer Hügelwelle, die Höhe des sogenannten Hillberges, gewonnen, und vor ihnen, in einem lieblichen Bachtale, lag breit und behäbig der Hof Lohe, im Schatten zweihundertjähriger Eichen. Um das langgestreckte Wohnhaus bildeten Schafstall, Treppenspeicher, Backofen, Wagenschauer und Häuslingskaten einen weiten Kranz. Zur Linken zogen sich dunkle Nadelholzwaldungen am Wiesensaum hin, während rechts lange Ackerstreifen die sanft gewellten Hügel auf und ab liefen. Im Hintergrunde dehnten sich unabsehbare Heideflächen, zusammen ein Besitz von fast zweitausend Morgen. Und nun das alles im klaren, milden Herbstabendlicht – in den Fenstern des Gehöfts brannte still und goldig das Sonnenfeuer, das Flüßchen im Wiesengrunde blinkte wie Silber, über der Heide lag das sommermüde letzte Rosaglühen ihres Blütengewandes, die weiß leuchtenden Birken still-froh und die dunklen Wacholder ernst-beschaulich standen wie im Traum, und alle Dinge mit ihren Linien und Formen waren so zum Greifen nahe, und doch wieder von so stiller, feierlicher Größe. – Meine Heimatheide, du schlichtes, braunes Land, in solchen Stunden liegt auch auf dir das, was einer, der ein viel stolzeres, schöneres Land zur Heimat hatte, »das große, stille Leuchten« genannt hat. Und in solchen Stunden ist der Bund geschlossen zwischen dir und deinem Sohne. Daß du ihn nimmer loslässest, sondern ihn festhältst, auch in der Ferne, mit den starken Banden der Kinderheimat. Und daß er immer gern wieder im Geist die alten, lieben Jugendpfade wandelt und Einkehr hält in deinen altvertrauten Dörfern und Gehöften und deinen Kindern auf die Hände sieht, und in die Augen, und wenn's glücken will, wohl auch in die Seele ... und daß er da mit Vorliebe nicht nach dem Dumpfen, Schwülen, Stürmischen sucht, sondern am liebsten nach dem Leuchten, dem stillen Leuchten, sei's nun groß oder klein ... Und daß er dann deinen Freunden davon erzählt. Nicht so, daß er dir, du schlichte braune Heide, eine Romantik oder Größe oder sonst etwas dir Fremdes andichtet. Nicht so, daß er deinen schlichten Kindern allerhand Gedanken in das Gehirn schmuggelt, die sie nicht denken, Gefühle in das Herz lügt, die sie nicht fühlen. Nein, das kann er nicht; dafür hat er dich und deine Kinder einfach zu lieb. Er kann und will nichts anderes als schlicht und treu von dir erzählen, von dir und deinen Kindern, seinen Brüdern und Schwestern, wie sie arbeiten und feiern, lachen und weinen, irren und zurechtkommen, lieben und leiden, glauben und hoffen und sterben, kurz, von einem Leben, das seinen Sonnenbrand hat und sein Nebelgrau und sein Nachtdunkel, aber doch auch sein stilles Leuchten. Dieses stille Leuchten lag an jenem Herbstabend so groß und warm auf der Loher Heide, und es leuchtete in die Augen des heimkehrenden jungen Bauernsohnes. Kein Wunder, daß sie sich weit auftaten, um all den warmen Glanz der Heimat in sich aufzunehmen, daß alle Rittergüter der Welt mit Weizenbreiten und Zuckerrübenfeldern hinter ihm im Nebel versanken, als er ausrief: »Vader, up de ganze wiede Welt giwt't man enen Lohhoff.« Kein Wunder, daß des Alten Brust sich dehnte, von einem Gefühl freudigen Stolzes geschwellt, da er nun den starken Sohn und Erben auf den Hof der Väter heimführte. Dort unten, wo das Abendgold in den Fenstern glänzte, hatten sie gesessen in den Tagen Luthers – das vergilbteste Buch im Pfarrarchiv von Wiechel meldete davon –, wer will aber sagen, ob nicht auch schon in den Tagen Wittekinds und Karls! Und auf diesem uralten Erbe sollten seine Kinder sitzen – das hoffte Vater Lohmann –, solange die goldene Sonne über der weiten Heide auf und unter geht, solange der Herrgott das bunte Treiben seiner Menschenkinder auf Erden überhaupt noch mit ansehen will. Den Hügel hinab ließ Hinrich die Pferde flott traben. Donnernd ging's über die Holzbrücke, der Kuhjunge sprang eilfertig herzu, und Willkommen knarrend öffnete sich das Hoftor dem heimkehrenden Sohn und Erben. Willkommen winkte mit dem langen Schäferstecken der bucklige Schaperjochen, und Willkommen blärrten seine grauen Heidschnucken, die er eben eintrieb. Willkommen krähte der Hahn oben auf der Hühnerleiter, machte ein paar Kratzfüße und begab sich zu seiner Familie, die schon zur Ruhe gegangen war. Und nun Karo, der Hofhund! Schwanzwedelnd begrüßte er mit gemessener Freude den vom Wagen steigenden Bauern und beschnüffelte den blauen Ulan. Trotz der Urlaubsbesuche hatte er sich nicht gewöhnt, mit den Augen in diesem seinen Jugendgespielen und besten Freund wiederzuerkennen. Aber seine gute Nase half ihm, und nun mußte er mit den tollsten Sprüngen und Verrenkungen und heiseren, kurz abgerissenen Lauten der übermächtigen Freude, die sein treues Hundeherz bestürmte, Luft schaffen. Gerührt beugte Hinrich sich zu ihm, klopfte ihm das Fell und sagte: »Djunge, Djunge, Karo, wat freust du di!« Die beiden Männer treten durch die Missentür Einfahrtstor auf die breite Diele. Wie ein Mann erheben sich rechts und links die Kühe – ob vor dem tollen Gebaren Karos oder zur Bewillkomnmung des Haussohnes, wer kann das wissen! Und nun da mitten auf der Diele die Mutter. – Was? das unansehnliche, winzige Menschenkind da ist dieses stattlichen Jungen Mutter? Ja, sie ist's, und er hat sie in seine Arme geschlossen, und sie – küssen sich. Ja wirklich, sie küssen sich. Das ist zwischen Eltern und erwachsenen Kindern in Lohe niemals Mode gewesen, aber was hat in dieser Stunde die Mode zu sagen? Da gilt nichts als das Recht der überwallenden Herzen. Und Mutters blaue Schürze fährt in die Augenwinkel, und Hinrich wischt sich eine dicke Träne von der Backe – eine Mutterträne ist's wohl –, und die Geschwister drängen sich heran, und zwischen dem stattlichen Vater und dem bescheidenen Mütterlein, umschwärmt von dem Nachwuchs der Familie, tritt Hinrich Lohmann in die Dönze. Ehe sie sich setzen, meint der Vater: »Jung', treck man erst den bunten Rock ut und mak wedder'n örndtlichen Buersmann ut di!« »Up din Kamer liggt allens parat,« fügte die Mutter hinzu. Sporenklirrend verließ der blaue Ulan die Stube. Die Eltern blickten ihm stolz nach. Holzschuhklappernd und in grauem Bauernzeug steckend trat er nach einer Weile wieder ein, und Vater und Mutter sahen ihn glücklich an. Er selbst aber schnitt ein klägliches Gesicht, wand sich, machte ungelenke Bewegungen mit den Armen und stöhnte: Mudder, de Jack knippt ganz barbarsch.« »Kind, min beste Kind,« schwögte Mudder Lohmann, »wat hest du di bätert bi't Volk!« Dabei machte sie den vergeblichen Versuch, ihm das Ding über die Brust zuzuknöpfen. »Jawoll, du schast woll,« lachte Hinrich, »dat sünd all de Wöste und Specksieden, de du mi schickt hest.« Ach ja, manches nahrhafte Paket hatte sie in diesen drei Jahren eingenäht und mit der Feder, die niemals schreiben wollte, in ihren zittrigen, liegenden Buchstaben auf die Adresse geschrieben: »An den Ulan Hinrich Lohmann in Hannover, 2. Schwadron. Eigene Angelegenheit des Empfängers.« Das letztere fügte sie nicht der Post, sondern der Unteroffiziere und Kameraden wegen hinzu. Deren Angelegenheiten sollten alle die guten Dinge nicht werden. Nun waren, Gott sei Dank, solche Umständlichkeiten nicht mehr nötig. Nun streckte der Junge seine Füße wieder unter ihren Tisch. Als er seinen alten Platz auf der Bank am Fenster eingenommen hatte, warf er plötzlich die Arme in die Luft und stieß einen Juchzer aus. Die Mutter fuhr zusammen und sagte: »Djunge, wat hest du mi verjagt!« »Och Mudder,« rief er überglücklich und wußte die langen Arme und Beine nicht zu lassen, »ick kann't gar nich begriepen, dat ick nu jümmer, jümmer bi di bliewen schall.« Und er juchzte noch einmal und schlug mit der Hand dreimal auf den Tisch. Mutter Lohmann hatte diesen Abend gar keinen Appetit. Nur ihre kleinen grauen Augen waren so hungrig und wurden gar nicht satt, den Jungen anzusehen, das gesunde, braune Gesicht, das flotte Schnurrbärtchen, die breiten Schultern, kurz, den ganzen, großes, lieben Jungen, wie er da vor ihr saß und die Pellkartoffeln wegpackte, die sie mit hurtigen Fingern ihm abzog. »Dat is'n annern Snack, as bi'n Kommiß,« meinte er, indem er behaglich kaute und eine dicke Kartoffel in der sauren Specksoße umdrehte. »Dar blast de Trumpeter jo all tosamen vor de Köken, und denn ward di da so wat rinneschüppt in dat Picknapp, und du kannst sehn, woans du dat utkriggst. Nee, düt hier is'n annern Snack. Mudder, treck mi noch gau'n schnell por Tüften aff!« »Djunge, et ward ja woll rein to väl,« meinte sie besorgt, aber drei dicke Kartoffeln legte sie ihm doch noch auf seinen Teller. Nach diesen wurde noch eine dick mit Butter bestrichene Schnitte hausbackenen Schwarzbrotes weggepackt. Dann aber faltete Hinrich die Hände über dem Magen und sagte: »So, nu bin ick satt.« »Dat glöw ick di to,« meinte lächelnd der Vater. Nach dem Essen wurde das Gesinde in die Stube gerufen, und Vater Lohmann las den Abendsegen aus dem Starkenbuch. Dabei hatte seine Stimme heute abend einen ganz eigenen Klang. Als ob ein leises, tief heraufkommendes Beben darin wäre. Es war nicht nur ein Gefühl freudigen Stolzes, was ihn heute erfüllte. Einem aus seiner Freundschaft, der auch auf einem großen Heidehof saß, war vor einigen Jahren der einzige Sohn und Erbe da draußen verdorben, gestorben. Ihm aber hatte der Herrgott heute seinen Jungen gesund wiedergegeben, und der konnte ihm noch gerade so fest und frei ins Auge blicken als beim Abschied vor drei Jahren. Heißer Dank quoll ihm aus der Seele herauf und zitterte leise in den Worten des Abendsegens und fand seinen Widerhall in dem stillen Seufzen der Mutter, die ihm gegenüber mit innig gefalteten Händen an des Jungen Seite saß. In Lohe ging man zeitig zur Ruhe. Auch dieser Freudentag machte davon keine Ausnahme. Eine Stunde, nachdem Vater Lohmann die Bettdecke über sich gezogen hatte, hob er leise den Kopf aus seinem Rissen und flüsterte: »Mudder, slöppst du?« »Nee,« kam es aus dem Kissen an der Wand zurück, »de ole Mus makt so väl Spektakel!« »Mudder,« kam es nun wieder aus dem anderen Kissen, »dat makt nich de Mus, dat makt de Freude, dat du dinen Jungen wedder hest ... Dat harr ick gor nich dacht, dat ener sick up sine olen Dage noch so freuen künn.« »Dat magst du woll seggen,« bestätigte das Kissen an der Wand. »Ach, wat puckert klopft mi dat Hart!« »Lat't man puckern! Wenn't vör Freuden puckert, denn is dat den Minschen ganz gesund.« – Den jungen Reservemann hielt die Freude keine halbe Minute mehr wach. Aber am andern Morgen weckte sie ihn. Um dieselbe Stunde, in der ihn drei Jahre das schnarrende »Aufstehen« des Unteroffiziers vom Dienst aufgeschreckt hat, weckte ihn diesen Morgen die Freude. Er drehte sich auf die andere Seite, voll des Glücksgefühls, daheim und ein freier Mann zu sein. Aber nein, den ersten goldenen Morgen in der Freiheit verträumen – das bringt ein Hinrich Lohmann nicht fertig. Er stößt die schwere Bettdecke mit Kraft von sich und kleidet sich an. Dann schleicht er leise über die Diele und tritt auf den Hof, der noch im ersten Morgengrauen liegt. Karo will ein Freudengeheul anstimmen. Aber Pscht! wird ihm bedeutet, und zur Sicherheit muß er einen Stock ins Maul nehmen. Den trägt er ehrbar seinem jungen Herrn nach, der nun seinen Rundgang antritt. Wie die Herbstnebel brauen und dampfen in den Wiesen! Aber diese gehen ihn jetzt nichts an; der zweite Schnitt ist ja längst geborgen. Aber dort die Stoppelfelder, auf denen das Unkraut durchgrünt, warten auf den Pflug. Ha, sie sollten nicht lange mehr warten! Hinrich fühlt plötzlich eine unbändige Lust, zu pflügen. Rrrrrrr! Aus einem Kartoffelacker geht eine Kette Rebhühner hoch, und Karo kläfft ärgerlich hinterdrein. Gut, daß wir wissen, wo ihr steht! In den nächsten Tagen wird sich schon ein Stündchen finden, mit der Flinte wiederzukommen. So gelangt der junge Bauer an die Grenze des Kulturlandes, und vor ihm dehnen sich die weiten Heideflächen. Diese anderthalbtausend Morgen Schnucken- und Immenweide! Schade darum! Eigentlich müßte eine solche Riesenfläche doch mehr hergeben als einige Zentner Hammelfleisch und Honig. – Halt, was macht denn da drüben der Nachbar mit seiner Heide, dort zwischen den Krüppelfuhren jenseits der Grenze? Er ging näher heran. Ein Dampfpflug! Ach ja, in Delmsloh war vor einem halben Jahre ein neuer Besitzer eingezogen. Hatte der aber Unternehmungsgeist! – Das mächtige Eisen, das jetzt in der Morgensonne blinkte, hatte den Urboden der Heide tief aufgerissen und die böse Ortschicht, welche die tiefe Bewurzelung der Fuhren hindert, zermalmt und verstreut. Ja, jetzt konnten hier Holzungen gedeihen, die etwas einbrachten. Das mußten sie auf der Loher Heide auch machen. Freilich, Vater war ja mehr für die alte Art der Bewirtschaftung. Aber etwas mußte er doch auch mit der Zeit fortschreiten. Sonst kam ihm der Delmsloher ja weit vorbei. Er wollte mal mit Vater darüber sprechen. Ein wenig würde er auf seinen Jungen, der von der Ebstorfer Ackerbauschule so gute Zeugnisse mitgebracht hatte, hören. Man konnte ja nicht ewig in der weise Adams und Evas fortarbeiten. Die Lüneburger Heide brauchte doch nicht immer eine Wüste zu bleiben. Die Eltern hatten sich nach langem Warten auf den Jungen, den sie am ersten Tage in der Heimat tüchtig ausschlafen lassen wollten, endlich an den Kaffeetisch gesetzt. Da sprang die Tür auf, und er trat ein, die Ulanenmütze im Nacken, im Gesicht etwas vom Glanz der Morgensonne, die Hände in den Hosentaschen, die Hosen in die vom Tau benetzten Stiefel gesteckt und diese fest aufsetzend, als ob ihm die ganze Welt gehörte. »Schön Wäer vandag,« rief er, »wenn ick Kaffee drunken heww, will'ck plögen.« »Wenn du't bi'n Kommiß nich verleert hest ...,« meinte lächelnd der Vater, mit glücklichen Augen die Prachtgestalt des Jungen musternd. »Dat will ick di wiesen,« sagte Hinrich. Und nach einer Weile stand er auf, schirrte die Braunen an, und feldauf, feldab pflügte er schnurgerade, tiefe Furchen, den Pflugsterz mit den starken Händen fassend und lustige Weisen pfeifend. Die Pferde brauchten heute keine Peitsche, kaum einen Zuruf. Es war, als ob die Arbeitslust des jungen Bauernsohnes, der hinter dem blinkenden Eisen her mit langen Schritten über die dampfenden Schollen stapfte, auf sie überströmte. Pudel hob sogar mehrere Male ganz gegen seine Art laut wiehernd den Kopf. Mit solcher Lust war diese Ackerbreite, die schon dem Hinnerk Lohmann, der ein Zeitgenosse des Wittenberger Mönchs war, Brotkorn gespendet hatte, wohl niemals gepflügt worden, als diesen Morgen von dem jungen Reservisten und seinen beiden Braunen, die es zu fühlen schienen, daß sie ihm die feurige Karline ersetzen mußten. Ja, das ist wahr, eine Lust war's ihm diese Jahre gewesen, auf königlichem Rosse in die goldene junge Morgenwelt hinauszusprengen. Aber die stolzeste Reiterlust war nicht zu vergleichen mit der Lust, an diesem leuchtenden Septembermorgen, am ersten Tage der neuen Freiheit, das väterliche Erbe zu pflügen, zum ersten Male nach langer Zeit wieder den alten, edlen Beruf auszuüben, der ihm von den Urvätern her im Blute liegt, für den ihm nun einmal die Knochen so stark und breit gewachsen sind. Am Abend, nach vollbrachtem Tagewerk, belohnte Hinrich sich damit, daß er zum erstenmal aus seiner langen, kunstvoll gedrehten und geschnitzten Reservistenpfeife mit den Troddeln in den Regimentsfarben rauchte. Es schmeckte eigentlich scheußlich aus dem frischen Kopf, trotz des stolzen Ulanen darauf. Aber welchem Reservisten hätte das Anrauchen dieses Prunkstücks, das mit dem Stock, der Flasche und dem Bilde der mit ihm zur Reserve entlassenen Kameraden die Ausrüstung des jungen Reservemannes bildet, nicht Freude gemacht, zumal wenn die älteren Glieder der Familie schmunzelnd und die jüngeren ehrfurchtsvoll dabei zusehen! Während seine Pfeife dampfte, »as wenn'n lütten Mann backt,« dachte Hinrich plötzlich wieder an den Dampfpflug und die Heideaufforstung. Vater hatte sein Pflügen eben gelobt, und in diesen ersten Tagen der Freude über seine Heimkehr hörte er vielleicht noch am ersten auf ihn. So brachte er denn sein Anliegen vor. »Vader, wo väl Morgen Heide hewwt wi woll?« »An anderthalw dusend fehlt'n por Stieg'.« »Dat is mit Scha'e, Schade dat de so wild rümliegt. Wöt wi nich'n por hunnert Morgen mit'n Dampplog rümrieten laten und to Forst maken?« »Jung', hest du woll mal wat sehn?« fragte der Alte spitz. »Jawoll, ick heww sehn, dat unse Nahwer stark vorwars strewt.« »Jawoll, Herr Anton Kiewitz, Gutsbesitzer auf Delmsloh, der kann das gut machen,« sagte Vater Lohmann sehr ironisch. »Sünd wi Apen, dat wi nahmakt, wat annere Lüe uns vörmakt?« »Wenn't wat Godes is, worüm nich?« fragte Hinrich. »Van de Delmsloher is nix Godes to leern, man blot dat Bankrottmaken,« sagte der Alte spöttisch. »De Regierung will ok geern, dat wi Buern de Heide upforstet, und giwt ok Bischuß darto.« »Du wullt mi woll klok maken? Meenst du, dat ick dat nich weet? Abers meenst du, dat ick von de enen roden Pennig annehmen doh? Dat mi nahsten de Preuß in minen Kram rinkunjoniert? Dat kann de Herr Godsbesitter van Delmsloh maken. De Lohbur makt sökke Dummheiten nich. Junge, kumm mi nich mit sone Geschichten!« Hinrich widmete sich jetzt ganz seiner Reservistenpfeife und schwieg. Wenn Vater erst auf Delmsloh zu sprechen kam, war keine Möglichkeit mehr, eine Sache mit ihm verständig zu bereden. * Delmsloh hatte seit einem Vierteljahrhundert eine traurige Geschichte, die Vater Lohmann als nächster Nachbar miterlebt hatte, zuerst mit schmerzlicher Teilnahme, zuletzt aber nur als unbeteiligter Zuschauer, der gleichgültig ein unabwendbares Geschick sich vollziehen sieht. Die beiden großen, kaum zehn Minuten voneinander entfernten Höfe an der Werle waren durch ihre einsame Tage auf gute Nachbarschaft angewiesen und hatten diese seit unvordenklichen Zeiten treu gehalten. Die Kinder hatten gemeinsam den weiten Schulweg gemacht, waren zusammen aufgewachsen, und manche waren Mann und Frau geworden im Laufe der Jahrhunderte. Aber das alles war vorbei, seit Vater Lohmanns Schulkamerad, Ahlhorns Schorse, den einen dummen Streich gemacht hatte, sich aus dem Altpreußischen jenseits der Elbe, wo er eine Zeitlang Verwalter gewesen war, eine Frau mitzubringen. Ach, wenn Lohmann an die Zeit zurückdenkt, so könnte ihm noch die Galle überlaufen – wie sie ihm bei der ersten Begrüßung die Fingerspitzen reichte, und als er trotzdem die ganze Hand nahm, diese mit merkwürdigem Gesicht zurückzog, um sie heimlich abzuwischen, wie sie seine gute Frau wie ein Dienstmädchen behandelte. Das arme Delmsloh! Der arme Schorse, der immer ein guter Kerl gewesen war! Der hochmütigen Person genügte das alte Bauernhaus, das noch hundert Jahre hätte stehen können, natürlich nicht. Es mußte niedergerissen werden und einem zweistöckigen städtischen Kasten mit einem Anbau, beinahe wie ein Kirchturm, Platz machen. Im Sommer, wenn der Bauer alle Hände voll zu tun hatte, machte das Frauensmensch Reisen in die teuersten Bäder, natürlich immer zweiter Klasse. Schorse, den sie ganz unter dem Pantoffel hatte, durfte meistens mit. Ein Inspektor, von dessen Leistungen im Trinken man sich Wunderdinge erzählte, verwaltete den Hof. Das heißt, ein Hof war's ja jetzt nicht mehr. »Gut Delmsloh« stand mit roten Buchstaben auf dem weißen Milchwagen. Das ging nun solange, als es ging. Eines Tages waren die beiden verschwunden. Kein Mensch wußte, wo sie geblieben waren. Nur Ribckes Krischan, der im letzten Winter seine Kinder in Amerika besucht hatte, behauptete steif und fest, er hätte den Schorse in Neuyork als Droschkenkutscher auf dem Bock schlafen sehen. Seine Nase wäre sehr dick, aber sein Gaul sehr mager gewesen. – Der Hof kam unter den Hammer. Natürlich wollte kein ordentlicher Bauer oder Bauernsohn in den neumodischen Kasten mit dem Kirchturm hinein. So kamen denn Fremde, Männer, die hinten irgendwo in Altpreußen Inspektor gewesen waren, einige Mittel hatten und es deshalb einmal auf eigene Faust versuchen wollten. Zwei waren schon damit fertig. Mit den neuesten Maschinen und schwerem ostfriesischem Vieh fingen sie an, mit Holzauktionen und Zwangsversteigerungen hörten sie auf. Anton Riewitz war jetzt der Dritte. Daß es ihm nicht besser gehen würde als seinen Vorgängern, daran zweifelte Lohmann keinen Augenblick, obgleich er ihn erst einige Male getroffen und nur wenige Worte mit ihm gewechselt hatte. Das hatte er doch schon gemerkt, daß er von derselben Art war, wie die anderen. Diese Art kommt eben in der Heide nicht vorwärts. Diese Art glaubt nichts und geht beinahe niemals in die Kirche. Den alten Weisheitsspruch: »De Bur vörup!« kennt sie nicht; mit den einheimischen Dienstboten, die von dem vielen Fluchen und der schmalen Kost nicht satt werden, hat sie deshalb auch bald abgewirtschaftet. Dann werden die Handwerksburschen von der Landstraße festgehalten, und dann ist's bald vorbei. Nein, solche Art mag dahinten in der Kassubei gehen, in der Lüneburger Heide geht sie nicht. Vater Lohmann hat einmal mit der Faust auf den Tisch geschlagen und dazu gesagt: »Et möß keen Gott in'n Himmel wän, wenn so'n Heidenwirtschaft Bestand hewwen schöll!« Er hat aus dieser Geschichte Delmslohs für seine Welt- und Menschenkenntnis viel gelernt. Er weiß, woran auch der größte und schönste Hof zugrunde gehen muß. Und so will er seinem Hinrich, der das Leben noch nicht so kennt, gleich heute abend, wo der einmal das Gespräch auf Delmsloh gebracht hat, aus dessen Geschichte drei ernste, wichtige Lehren fürs Leben mitgeben. »Min lewe Junge,« beginnt er, »nimm von dinen Vader, de dat Leben kennt, und de dat mit ansehen hett, woans dat mit Delmsloh trüg gahn is, dree Stücken an und lehr se dine Kinner, wenn ick'r mal nich mehr bün. Denn hewwt ji hier in de Heide för alle Tieden jon Brod und gode Utkamen. Ton ersten: Bliew all den Lebenstied 'n Bur, und wenn du friegen wullt, denn nimm di'n Fro, de ok nix anners wän well, as 'ne rejalige reell Burfro. Du weeßt ja: Hochmut kümmt vor den Fall, aber den Demütigen gibt Gott Gnade. Ton tweten: Wahr di vör den neemodschen Kram! Wo din Vader und Grotvader sin Hot hangen hett, dor hang dinen ok hen! Du weeßt, et kummt jümmer wat Nee's up, abers nich faken oft wat Godes. Ton drütten , und dat is de Hhauptsack: Vergitt unsen Herrgott nich; denn vergitt he di und den Lohhoff ok nich. Du weeßt ja, wat öwer unse Missendör schrewen steiht: An Gottes Segen ist alles gelegen!« Vater Lohmann merkte selbst, daß seine Vermahnung mit ihren drei Teilen und Bibelworten etwas wie eine Predigt geworden war. Darum schloß er mit Amen. Es war ein zuversichtlich gewisses Amen. Ja, ja, es sollte also geschehen. Hinrich war ja ein vernünftiger Junge, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte. Wenn ihm da draußen in der Welt vielleicht etwas angeflogen war, was zu der guten Lüneburger Bauernart nicht paßte, so würde sich das schon verlieren, jetzt, wo er wieder alle vierzehn Tage regelmäßig zur Kirche kam, wo die festgefügte Sitte des Lohhofes ihn wieder umhegte und die Eltern ihm mit gutem Beispiel vorangingen. Und eine gute, tüchtige Frau würde dann auch wohl bald das Ihre tun, Hinrich in rechter Bauernart festzulegen. – Welche mochte es wohl werden? Auf den elf Vollhöfen der Gemeinde, die dafür in Betracht kamen, saßen etwa acht Mädchen, die den Jahren nach so ungefähr zu Hinrich passen mochten. Drei von diesen waren wegen zu naher Verwandtschaft mit Lohmanns nicht gerade erwünscht. Blieben noch fünf, von diesen war eine etwas »weitläufig«, leichtsinnig eine andere hatte den Fehler, ›in die Kuhle zu pedden hinken ‹«. Kurz, wenn Vater und Mutter alles richtig überlegten, Mitgift, Tüchtigkeit, Alter und Äußeres – »denn bi junge Lüe will dat Og' ok wat hewwen« –, so blieb doch eigentlich nur eine einzige übrig, Hinkens Gretschen vom Dierkshof. Lohmanns beschlossen, den freundschaftlichen Verkehr mit dem Dierkshof in der nächsten Zeit recht zu pflegen. Dann würde die Sache sich allmählich schon von selbst machen, und Eile hatte es ja nicht. Marie, das Nesthäkchen, ging noch in die Schule, und Vater Lohmann war noch zu jung und rüstig, als daß er wünschen konnte, den Hof schon gar zu bald abzugeben. Früh zog in diesem Jahre der Winter ins Land und drängte die Lohhöfer in den engen Raum des Hauses zusammen. Der Bauer und die Frau wußten aber trefflich dafür zu sorgen, daß es auch in der stillen Jahreszeit nicht an Arbeit fehlte. Die Mannsleute droschen, flochten Bienenkörbe, schnitzten Wurststicken, strickten Strümpfe, pahlten Lohnen und Erbsen aus, und was dergleichen Winterbeschäftigung mehr ist. Der Großknecht, der auf Freiersfüßen ging, schnitzte und nagelte feierabends aus den Brettchen von Zigarrenkisten ein zierliches Kammkästchen für seine Liebste. Die Frauensleute hechelten, ließen die Spinnräder schnurren und das Weberschifflein gleiten. So sorgten Lohmanns dafür, daß das Jungvolk nicht vor Langeweile auf Dummheiten verfiel. Eine angenehme Abwechslung war's, als nicht lange vor Weihnachten der Sniederkorl mit der großen Brille für einige Wochen den Tisch in der Dönze zu seinem Thron machte. Der wußte so nett zu erzählen, wie's auf den anderen Höfen herging, und wurde mit Essen und Trinken hoch geehrt, damit der Lohhof seinen guten Ruf behalte. Die Deerns waren während seiner Anwesenheit sehr fleißig und folgsam. Denn schon mancher hatte er einen Mann verschafft, solche dagegen, die er nicht mochte, hatten die beste Aussicht, sitzenzubleiben. Mutter Lohmann brachte einmal mit Umwegen das Gespräch auf den Dierkshof. Da fing Sniederkorl gleich vom Gretschen an, der er ein Zeugnis Nr. 1 ausstellte. Nächstens käme er wieder dahin, fügte er hinzu, diskret lächelnd, als wollte er sagen: »Stehe zu Diensten.« Aber einen Auftrag wollte Mutter Lohmann ihm denn doch noch nicht mitgeben. Als Sniederkorl seinen stolzen Thron verlassen hatte, nahm der kleine krumme Schosterchristoffer auf einem bescheidenen Schemel Platz. Das junge Volk lachte über ihn, weil seine Augen unter den buschigen Brauen weg immer so verwundert in diese närrische Welt hineinschauten. Aber Vater Lohmann hatte ihn gern und hörte ihm aufmerksam zu. Er war in der Bibel gut bewandert und wußte vor allem aus der Offenbarung Johannis genau, wie es in den letzten Zeiten zugehen würde. Und dann kam das liebe Weihnachtsfest. Lange hatte Hinrich in den tiefverschneiten Loher Büschen gesucht, bis er ein Bäumchen fand, das ihm gefiel. Als die Besucher der Christvesper von Wiechel zurück waren, erstrahlte es im Glanz der Kerzen und im Schmuck der Papierrosen, Zuckerkringel, Äpfel und Nüsse, und die stillfrohe Hausgemeinde sang: »Freue, freue dich, o Christenheit.« Unter dem Tannenbaum stand auch ein armes Häuslingskind, das Lohmanns erst kürzlich zu sich genommen hatten. Es war ein scheues, verschüchtertes Ding; denn es hatte die Mutter langsam hinsiechen und vor drei Wochen schwer sterben sehen, heute abend war in seinen umränderten, trüben Äuglein ein stilles Leuchten, es sah bald auf den Lichterglanz und dann wieder den Großen auf den Mund, wie sie sangen, und bei dem dritten Verse sang es selber mit: »Feue, feue dich, o Tissenheit.« Und so sang es die Festtage über, und die nächsten Wochen, und den ganzen Winter, fast bis Ostern hin, und ersang sich helle Augen und ein fröhliches Herz. Und keinem im Hause wurde es zuviel, dieses Lied der Freude von den Lippen des kleinen Mädchens. Es paßte zu diesem Winter, in dem nichts das warme Nachleuchten des Weihnachtsfestes störte. Der einsame Hof an der Werle hatte eine stille, frohe Zeit. Die Menschen, die da in der großen Stube um den warmen Ofen saßen, waren miteinander zufrieden, die Eltern mit den Kindern, die Herrschaft mit den Dienstboten und umgekehrt, vor allem waren Vater und Mutter Lohmann darüber glücklich, daß ihr Hinrich sich so gut wieder mit ihnen einlebte. Die Kraftausdrücke, die er vom Kasernenhof und aus der Reitbahn mitgebracht hatte, waren fast ganz verschwunden. Eigentlich merkte man's nur noch an dem militärischen »Jawoll!« und der immer mehr verschießenden Ulanenmütze, daß der Junge jemals etwas anderes gewesen war als Haussohn des Lohhofes. Der Winter rüstete zum Abschied, und keiner auf Lohhof nötigte ihn zum Verweilen, so gern man sein Kommen einst gesehen hatte. Dieser hergesuchte Pulkram am warmen Ofen war auf die Dauer doch unerträglich, das Blut wurde dick davon. Nein, da draußen sich den frischen Frühlingswind um die Nase wehen lassen, der so jugendherb über die Heide stürmt, die am Ofen eingerosteten Glieder rühren und die starken Knochen gebrauchen, das ist Leben, dabei kreist das Blut, dabei schmeckt das Pökelfleisch besser als das frisch geschlachtete im Winter bei dem Faulenzen. Nach dem ruhigen Winter brachte der Frühling um so mehr Unruhe. Nicht nur die glückselige Unruhe, die mit all dem neuen Werden in jedem Jahre verbunden ist, sondern dazu noch eine andersartige, die glücklicherweise nur jedes fünfte Jahr die stille Heide bewegt. Die Reichstagswahlen standen vor der Tür. Früher hatte man sich aus diesen in der Gemeinde Wiechel wenig gemacht. Wer Zeit und Lust hatte, trat am Wahltag in des Wiecheler Gastwirts Cord Stallbom Entreezimmer an die weiße Suppenterrine, um seinen Zettel hineinzuwerfen. Daß der adlige Rittergutsbesitzer, der im Wahlkreise ansässig war und treu zur welfischen Sache hielt, gewählt wurde, war selbstverständlich. Aber die Zeiten ändern sich, auch in dem Sande der Heide und der Hünengräber. Das letztemal hatte der alte Abgeordnete mit seinem nationalliberalen Gegenkandidaten in der Stichwahl ringen müssen und war schließlich nur mit einigen hundert Stimmen Mehrheit in den Reichstag eingezogen. Nicht nur in den Städten, auch auf dem platten Lande waren nicht wenige Wähler fahnenflüchtig geworden. Sollte der gefährdete Wahlkreis gehalten werden, so mußte etwas Besonderes geschehen, um die schläfrigen aufzurütteln und die Lauen anzufeuern. Lohmann berief also als Vertrauensmann der welfischen Partei eine Wählerversammlung bei Cord Stallbom in Wiechel und erbat sich dafür einen tüchtigen Redner aus Hannover. Er selbst holte den Mann vom Bahnhof ab, bewirtete ihn in seinem Hause aufs beste und begab sich am Abend mit ihm nach Wiechel. Hinrich sollte fahren und auch an der Versammlung teilnehmen. Er war zwar noch nicht wahlberechtigt, aber der Vater hielt es für gut, daß er einmal aus berufenem Munde eine Rede hörte, die ihm vielleicht die von der Ulanenzeit leider immer noch gebliebenen preußischen Nucken vertreiben konnte. Als die drei in den Versammlungssaal traten, war dieser fast bis auf den letzten Platz gefüllt. An einem langen Tische saßen die Großbauern der Vollhöfe von eintausend Morgen und darüber, stattliche Männer, meist bartlos, mit breiten, offenen, treuherzigen Gesichtern. Was einst in grauer Vorzeit, wenn das Heerhorn über die Heide klang, ihre Väter von den einsamen Höfen rief, das hat sie auch heute abend hier zusammengeführt, die altsächsische Gefolgschaftstreue. Als der Landrat des Kreises aus seiner östlichen Heimat in die Heide kam, hatte er sich öfters entrüstet über bäuerische Dickköpfigkeit und Hartnäckigkeit ausgesprochen. Jetzt hat er längst eingesehen, daß es diesen Männern denn doch etwas tiefer sitzt, als im Kopf und Nacken, nämlich im Herzen und im Blute. – Die Kötner, Handwerker und Häuslinge hatten ihre eigenen Tische. Die Pfeifen qualmten, und Cord Stallbom lief mit seinen Biergläsern geschäftig hin und her. Eben schickte Lohmann sich an, die Versammlung zu eröffnen, als zwei städtisch gekleidete Männer in den Saal traten und sich nach vorn arbeiteten. »De Delmsloher,« raunte jemand dem Bauern zu. Ja, der war's, und der kleine Mann an seiner Seite war natürlich so ein liberaler Wanderapostel, den sein Nachbar bestellt hatte, um hier heute abend Unkraut zwischen den Weizen zu säen. Lohmann warf den beiden einen feindseligen Blick zu. Durch Zuruf zum Leiter der Versammlung gewählt, richtete er einige Begrüßungsworte an die Getreuen: »Lieben Landsleute! Es ist nu so weit, daß wir wieder einen Mann wählen müssen für'n Reichstag. Es muß ein Mann sein, der eintritt für Recht und Gerechtigkeit und den Berlinern mal ordentlich die Wahrheit sagt. Und dann muß es einer sein, der selbsten Landwirt ist und weiß, wo uns Bauern der Schuh drückt. So'n Mann, das weiß ich und das wißt ihr alle, ist unser alter Abgeordneter, und darum müssen wir ihn wieder wählen. Liebe Landsleute, die Liberalen schreiben sich die Finger krumm, und was die Demokraten sind, die alles teilen wollen, haben letzten Sonntag hier in Wiechel ihre Lügenzettel während der Kirchzeit unter jede Tür durchgesteckt. Aber ich meine man, die müssen sich andertwegen Dumme suchen, wir wissen, was wir wollen. Und wenn's einer noch nicht weiß, denn soll's ihm dieser Herr aus Hannover heute abend sagen. Bitte, nun fangen Sie man an!« schloß er, seinem neben ihm sitzenden Gaste die Hand auf die Schulter legend. Dieser stand auf, ließ seine Augen über die große Versammlung schweifen und begann zu reden von einem Blümlein, das sehr selten geworden sei auf Erden. Das Blümlein heiße die Treue . Aber in dem Lande, wo die Heide so schön blühe, da sei dieses seltene Blümlein noch zu finden, da blühe es in vielen tausend Herzen. Freilich das Unglücksjahr 1866 habe diese Saat ja vernichten wollen, aber es sei ihm nicht gelungen, wenn es sonst auch viel Gutes vernichtet hätte. Und nun ging's über das Jahr 66 her. Daß die Sozialdemokratie immer mehr zunehme, daß die Militärlasten und andere Steuern immer schwerer drückten, daß die Dienstboten immer höhere Löhne forderten und immer weniger dafür tun wollten, daß so viele den Unterschied zwischen Mein und Dein nicht mehr kennten und die Religion im Volke immer mehr abnehme, dieses alles und noch vieles andere käme direkt oder indirekt von dem Unrecht des Jahres 66, und eine Besserung könnte nur eintreten, wenn dieses Unrecht gesühnt würde. Und darauf immer wieder vor Kaiser und Reich hinzuweisen, würden die welfischen Abgeordneten nicht müde, und auch der hochverehrte Abgeordnete dieses Wahlkreises habe darin treu seine Schuldigkeit getan. Darum müsse jeder treue deutsche und niedersächsische Mann ihm wieder seine Stimme geben. Und keiner dürfe zu Hause bleiben; die alte Sachsentreue, die sich bei Waterloo und Langensalza bewährt habe, müsse sich auch am Wahltage zeigen. Die Bauern sahen mit Bewunderung auf den hünenhaften Mann, der mit volkstümlicher Kraft sprach, die bäuerlichen Verhältnisse genau kannte und manche Urväterweisheit in plattdeutschem Spruch und Kernwort in seine Rede einwob. Je schwerfälliger sie selbst in der Rede waren, um so mehr bewunderten sie den Mann, der solche »barbarsche Utgaw« hatte. Als der Redner sich setzte, erschallten aber doch nur einzelne Bravos. Dem gemessenen Wesen dieser Versammlung entsprach es nicht, wüst durcheinanderzuschreien. Aber die Art, wie sie ihre vom Redestrom ausgelöschten Pfeifen ausklopften, von neuem füllten und in Brand setzten, zeigte deutlich genug, daß der Mann ihnen aus dem Herzen gesprochen hatte. Hofbesitzer Lohmann dankte dem Redner, der sich die dicken Schweißtropfen von der Stirn wischte, und machte Anstalt, mit ein paar Worten die Versammlung zu schließen. Da aber flog der kleine Mann mit den funkelnden Äuglein hinter den blanken Brillengläsern, der mit dem Delmsloher gekommen war, in die Höhe und rief mit helltönender Stimme durch den Saal: »Ich bitte ums Wort!« Lohmann erteilte es ihm. Jetzt war er nicht mehr bange. Gegen seinen Redner, dessen Worte so durchgeschlagen hatten, kam das Männchen sicher nicht auf. Die Bauern sahen mit unverhohlener Geringschätzung auf den Brillenmann und pafften, was die Pfeifen hergeben wollten. »Meine Herren,« begann der Kleine mit seiner scharfen, hellen Stimme, »der geehrte Herr Vorredner hat die unheilvollen Folgen des Jahres 66 auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und sittlichen Lebens, ich will nicht sagen, nachgewiesen, aber doch behauptet. Ich für mein Teil bin der Meinung, daß wir von dem Standpunkt jenes Herrn in der Feststellung solcher üblen Folgen noch viel, viel weiter gehen müssen. Ich erlaube mir daher, seine Ausführungen, die den Beifall dieser angesehenen Versammlung gefunden haben, noch in einigen Stücken zu ergänzen. »Meine Herren, als ich heute nachmittag von Ihrem Bahnhof zu Ihnen fuhr, sah ich auf der Straße drei Männer um ein ausgemästetes Kalb sich bemühen, das nicht vorwärts wollte und auch nicht rückwärts. Da mußte ich an meine Jugend denken, wir hatten ein kleines Gut vor Hannover, und ein einziger Mann konnte bequem unsere Kälber in die Stadt zum Schlachter treiben. Das war aber vor 66. Ist da der Schluß nicht zwingend, daß eben in diesem bösen Jahre, das so viel Unheil angerichtet hat, der unheilvolle Geist der Störrigkeit und Widersetzlichkeit in die Kälber gefahren ist?« Lohmann ließ seine Augen über die Versammlung gleiten. Die Bauern machten lange Gesichter und sahen sich verdutzt an. Einige Handwerker und kleine Geschäftsleute im Hintergrunde des Saales grienten. Und sein Hinrich, der infame Bengel, lachte mit dem ganzen Gesicht und tuschelte mit seinem Nachbar. Er mußte wohl einen Witz gemacht haben, denn jetzt lachten beide. Der Redner fuhr inzwischen fort: »Als Junge auf unserem väterlichen Gute mußte ich jeden Nachmittag die Eier zusammensuchen. Nichts war leichter als das. Die Hühner legten eben, wie sich das für ein ordentliches hannoversches Landhuhn gehört, in die Nester, die mir ihnen angewiesen hatten. Und das war, ich muß das wieder ausdrücklich bemerken, vor 66. Und denken Sie sich, als ich heute nachmittag mit meinem verehrten Gastgeber, Herrn Gutsbesitzer Riewitz, in Delmsloh über den Hof gehe, kommt der Hofjunge auf uns zugesprungen und hat in seiner Mütze elf Eier und verlangt für jedes einen Pfennig; denn den hatte sein Herr ihm versprochen für jedes von ihm gefundene Ei, das die Hühner in die Nesseln, in den Busch oder auf den – Düngerhaufen gelegt hätten. Denken Sie doch bloß zurück, meine Herren, von solcher Pflichtvergessenheit hat man vor 66 nicht gehört. Und ich muß besonders betonen, nicht nur die Hühner, die Herr Niewitz sich aus dem Altpreußischen mitgebracht hat, auch die guten alten hannoverschen Landhühner frönen jetzt dieser verdrießlichen Untugend.« Der Vorsitzende sah, daß sich um mehrere Gesichter ein Schmunzeln gelegt hatte, und die Versammlung war ganz Ohr. Sogar der alte Schimmelwillem, der seit Jahrzehnten keine Predigt mehr durchwacht hatte, machte gralle Augen und hörte niepe zu. Der Hinrich war doch noch ein rechter Kindskopf! Was hatte der bei so ernsten Verhandlungen nur immer zu lachen! »Als Junge, meine Herren,« fuhr der Redner fort, seine Brillengläser putzend und mit den fensterlosen Augen in die horchende Versammlung hineinplierend, »mochte ich leidenschaftlich gern reiten, wir hatten ein gutes, frommes Tier althannoverscher Rasse, das seines Weges ging Schritt vor Schritt. Ich könnte darauf schwören, daß der Braune in seinem ganzen Leben – er ist mit achtundzwanzig Jahren eines geruhigen und natürlichen Todes gestorben – auch keine Sekunde lang den schwarzen Gedanken gehabt hat, seinen Reiter einmal in den Sand zu setzen. Nun bin ich da neulich mit meinem Jüngsten auf dem Gut eines Freundes zu Besuch, der sich just ein Pferd ostpreußischer Abkunft zugelegt hat, und der Junge will denn doch auch einmal reiten. Nun denken Sie sich, kaum sitzt er oben, bäumt sich das Biest auf, pielgerade wie'n Laternenpfahl, mein Junge fliegt in großem Bogen durch die Luft, und pardauz liegt er in – na, wissen Sie, es hatte geregnet, und der Düngerhaufen war nicht ganz fern. Und der preuß'sche Racker – ja, dar geiht he hen, smitt de Been dör de Luft und makt hihihi. So 'ne vermuckte Art stickt'r eben in, in düsse sapperlottschen Preußen ...« Die ganze Versammlung lachte, nur der Vorsitzende nicht. Dem war die Zornesader auf der Stirn geschwollen und stürmisch bewegte er die Klingel. Als sie nicht durchdrang, schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Biergläser tanzten, und donnerte: »Ruhe!« in den Saal hinein. Das Lachen verstummte. Und nun sagte er mit bebender Stimme: »Ick mutt vör Gewalt bidden, dat wi hier irnsthaftig bliewt. Dat is hier keen Poppenspell, und wi sünd keene Kindsköppe! Markt jo dat! Und Ihnen,« so wandte er sich jetzt an den Redner, der ruhig eine Pause gemacht hatte und seine Brille putzte, »muß ich ersuchen, uns nicht mit ihre Dönekens aufzuhalten. Entweder Sie reden zur Sache, oder ich schneide Ihnen das Wort ab. Verstanden?« »Na, denn Scherz beiseite,« fing dieser wieder an. »Meine Herren! Ich wollte nur zeigen, wohin wir kommen, wenn wir nach dem Rezept des ersten Redners das Jahr 66 zum Sündenbock für alles machen, was uns nicht gefällt. Es ist ja bequem zu sagen: Das Böse, das sich nach 66 zeigt, kommt von 66. Aber das geht wirklich nicht. Die Schäden und Mißstände, die ich mit Ihnen beklage, haben wirklich noch andere und tiefer liegende Ursachen, und es hilft nichts, immer nur das alte Lied zu singen: ›Stellt das Königreich Hannover wieder her, und alles ist wieder gut!‹ Die sogenannte ›gute alte Zeit‹, deren Mängel und Schäden wir nur vergessen haben, kommt doch niemals wieder. Es gilt, sich in der bösen neuen Zeit so gut einzurichten, wie es eben geht, und dazu will auch der Kandidat der nationalliberalen Partei, dessen Wahl ich Ihnen empfehlen möchte, an seinem Teile beitragen.« Der Redner führte einige Punkte des Programms seiner Partei des weiteren aus und schloß: »Meine Herren, ich rechne nicht darauf, daß ich Gehör finde bei den Alten, die nur an Waterloo und Langensalza denken. Aber es sind auch solche hier, die bei Gravelotte und Sedan Blut und Leben für die deutsche Einheit eingesetzt haben. Es sind viele hier – ich sehe das schon an den Gesichtern –, die des Königs Rock getragen und zu seiner Fahne geschworen haben, und wenn das Vaterland ruft, sind sie jeden Augenblick bereit, mit Leben und Blut das zu verteidigen und zu erhalten, was auf den blutigen Feldern von Gravelotte und Sedan errungen ist. Und allen diesen rufe ich zu, der jungen Generation des alten treuen Niedersachsenstammes, bei der das Blümlein Treue nicht verblüht und verwelkt ist, euch deutschen Brüdern niedersächsischen Stammes rufe ich zu: Mit Gott für König und Vaterland, mit Gott für Kaiser und Reich! Allezeit – auch am Tage der Wahl! – treu bereit für des Reiches Herrlichkeit!« Die Versammlung verharrte in eisigem Schweigen. Nur der Delmsloher Gutsbesitzer rief laut Bravo, und halblaut kam es aus der Ecke, wo die Handwerker saßen. Einige Bauern sahen dorthin, um sich den Mann, der von ihnen leben wollte und sich derartiges herausnahm, zu merken. Aber der hatte sich, über seine Kühnheit selbst erschrocken, schnell hinter einem breiten Rücken versteckt. Der erste Redner nahm noch einmal das Wort, aber man hörte nicht mehr recht hin. Der dicke Tabaksqualm hatte sich schwer auf die Zungen gelegt, und es war die Stunde, die sonst den Lüneburger Bauern schon längst im Bett findet. Lohmann schloß die Versammlung mit der Bitte, es sollte sich nur keiner den Kopf verdrehen lassen. Die Jungen müßten den Alten folgen, aber nicht einem Dönekenserzähler und Glattschnacker, der nur den Frieden zwischen Alten und Jungen stören wolle. Lohmanns Parteifreund wollte von der nahen Station Elldingen den letzten Zug nach Hannover benutzen. Nachdem der Bauer sich mit Dank von ihm verabschiedet und noch einmal seine Hoffnung auf einen guten Ausfall der Wahl ausgedrückt hatte, stieg er zu Hinrich, der inzwischen angespannt hatte, auf den Bock, und die beiden fuhren davon. * Als sie Wiechel im Rücken hatten, sagte der Vater: »Segg mal, min Jung, wat harrst du vanabend jümmer to lachen?« »Och vader,« entschuldigte sich dieser, »dat wör'n verdullten Keerl, he makte sin Rede gar to spaßig.« »'n utwussen Minschen,« sagte Vater Lohmann kopfschüttelnd, »lacht öwer sökke fule Witze nich. Du könnst bi lüttjen ok woll drög achter de Ohren wän.« Hinrich schwieg, wie er immer tat, wenn sein Vater ihn zu vernünftigem, gesetztem Wesen ermahnte. Nach einer Weile sagte er: »Vader, dröw ick di mal wat fragen?« »Man to!« wurde er ermutigt. »Glöwst du würklich, dat all dat Slechte von dat ene Johr sößunsößtig herkummt?« Der Alte fuhr sich mit der Hand an die Stirn, sann eine Weile nach und sagte dann: »Min Söhn, wi wöt de Sack mal öllich tohopen dörnehmen. Segg, hest du all mal van dat Johr achtunveertig hört?« »Atchtunveertig ...?« wiederholte Hinrich. »Och ja, ick erinner' mi. In Hannover harr ick'n Kameraden, de hett mi vertellt, in dütt Johr harr sick de Minschheit ehre Minschenrechte nahmen. Und wecke harr'n ok för de Freiheit ehren Kopp laten mößt.« »Djunge!« rief der Alte bestürzt, »weeßt du, wat din Kamerad för een wän is?« »Wat denn?« fragte Hinrich ruhig. »Dat is'n ganz Roden wän,« sagte Lohmann ernst, »'n Demokraten van de slimmste Sorte. Hest du väl Umgang mit em hatt?« »Och ja,« meinte der Sohn gelassen, »he wör'n ganz umgänglichen Minschen und 'n toverlässigen Kamerad.« »Djunge, Djunge!« sagte der Alte erregt, »wat hest du för Versökungen dörmaken mößt!« »Och nee, Vader,« nahm Hinrich seinen Kameraden in Schutz, »he föhrte 'n ganz anstännig Lewen.« »Denn wör he ener van de Wölfe, die in Schafskleidern zu uns kommen,« erklärte der Vater. »Hör to, ick will di seggen, wat dat mit achtunveertig up sick harr. Dat wör dat ›dulle Johr‹. Da wullen unse Demokraten de Franzosen, de dat all faken makt harrn, dat nahmaken und unsen König, unsen angestammten Herrn, de von Gottes Gnaden up sinen Thron seet, darvon stöten. Versteihst du?« »Jawoll, Vader ... Is jüm dat denn glückt?« »Och nee, Jung. De harr sin true Soldaten, wo he sick up verlaten künn. Aber hör to! Düt war de erste Revolutschon. De güng van de slechten Lüe in unsen Lanne ut. Aber denn köm dat Johr sößunsößtig. Dat war de twete Revolutschon. De güng van unsen slechten Nahwer, den Preuß, ut. Versteihste mi?« »Jawoll ... Aber meenst du würklich, dat de ol Willem, de ol gode Kaiser Willem, Revolutschon makt hett?« fragte Hinrich etwas ungläubig. »Jea, dat wör so wied woll'n olen goden Mann, und de hett dat ok gar nicht wollt. Abers he harr enen bi sick, de wör den Dübel van de Schuwkar fullen, und de hett em tolest darto besnakt ... Bismarck.« Die Art, wie Lohmann diesen Namen zwischen den Zähnen hervorstieß, verriet, daß er gegen diesen Mann einen glühenden Haß hegte. »Düsse Bismarck, de hett unsen goden blinden König affsett und dat angestammte Fürstenhus ut'n Lanne rutsmäten. Wat de lüttjen Revolutschoners van achtunveertig nich ferdig krägen hewwt, dat hett düsse grote Revolutschoner von sößunsößtig tostanne brocht, to de grötste Freude van de Lüttjen, de sick achtunveertig verkrepen mössen. Und nu revolutschonert dat so wieder. So as Bismarck unsen König affsett hett, so wött de Demokraten dat nu ok mit de annern maken. Wat den enen recht is, dat is den annern billig, meent se. Und mit düssen Revolutschonsgeist, de Gott und Minschen nich mehr hören will, hangt all dat Slechte in de Welt tohopen. De makt de Arbeiters rebellsch, und de Deensten, Dienstboten ja in wekke Hüser ok all de Kinner gegen ehre Öllern. Gott schall uns davor bewahren! Ja, min Jung, du kannst driest glöwen, de Mann harr vanabend ganz recht, dat Johr sößunsößtig, und de Minsch, de de böse Geist van düt Jahr wän is, de hewwt väl, väl uv'n Gewäten.« »Aber Vader,« gab Hinrich zu bedenken, »nah de twee slimmen Jahren hewwt wi doch ok twee gode Johre hatt: söbentig und eenunsöbentig.« »Och ja, dat wör ja ganz god, dat de utverschamte Franzmann, de dat Revolutschonern toerst in de Welt brocht harr, mal öllich wat up't Leder krägen hett...« »Und dat wi nu dat grote, starke Dütsche Riek hewwt,« ergänzte Hinrich. »Du heft ja nich väl for Bismarcken öwer, aber dat glöw ick doch, dat de Mann sine Finger dor ok mang hatt hett. Unse Leutnant sä mal in den Instrukschon: Otto von Bismarck war des Deutschen Reiches Schmied« »Schönen Smed!« lachte der Alte höhnisch auf. »Erst hett he allens twei slan, ja, und dann hett he dat so'n bäten wedder tohopen flickt.« »Jawoll, so ungefähr sä de Leutnant ok,« sagte Hinrich. »He harr den olen dütschen Bund erst twei slan mößt, darum dat de wecken Stücke in dat Riek nich paßt harrn, Östriek nich und dat Welfenhus nich...« Der Alte rief erregt dazwischen: »De Welfen sünd jümmer gode Dütsche wän.« »Ick weet dat ja nich,« fuhr Hinrich unbeirrt fort, »aber de Leutnant sä, all van Heinrich den Löwen an harrn se jümmer gegen Kaiser und Reich strewt, und Bismarck harr deshalw bi gode Gelegenheit de Sack 'n Enne makt, und so harr he eenunsöbentig unse schöne, grote Dütsche Riek tohopen smäen könnt.« »Wenn du up so'n Leutnant hören wullt, de dat nabäen mutt, wat em vorbäet is, denn man to!« sagte der Alte, sich abwendend. »Ick segg jo nich, dat ick up em hören do. Ick segg man ja blot, wat de Leutnant seggt hett,« sagte Hinrich ruhig. Hinter ihnen wurde das Rollen eines Wagens hörbar. Sie wandten sich zugleich um, und der Vater brummte: »De Delmsloher is us up de Hacken.« Der Kutscher des Landauers gab durch einen Pfiff zu erkennen, daß er vorbeifahren wollte. Aber das litt Hinrichs Fuhrmannsehre nicht. Er schwang die Peitsche und ließ seine Braunen scharf traben. Schnell blieben die Schimmel des Delmslohers, die jetzt im Schritt gingen, hinter ihnen zurück. Aber bald waren sie den Lohmannschen Braunen wieder auf den Fersen, und nun gab es ein regelrechtes Wettfahren. Pudel und Liese hielten sich wacker und galoppierten mächtig dahin. Aber auf die Dauer konnten sie es mit den Delmsloher Vollblütern nicht aufnehmen. Als diese auf dem Sommerwege sich mit ihnen auf gleicher Höhe befanden und Hinrich mit einem scharfen Peitschenschlag noch einen letzten Versuch machen wollte, wieder einen Vorsprung zu gewinnen, fiel der Alte ihm in den Arm, und das nachbarliche Gespann flog vorüber, »Peerschinner!« rief Lohmann ihm nach. »Och Vader,« sagte Hinrich ärgerlich, »för sökke Peer is dat nix. Wenn wi uns erst mal junge Peer anschafft...« »Dat hett noch gode Tied, und denn nehmt wi wedder kolen Slag, de öllich den Messwagen Düngerwagen rieten könnt,« ergänzte der Vater. »Luxuspeer kann de Herr Godsbesitter sick leisten, wi bliewt bi unse Buernpeer.« Hinrich biss sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Weile sagte er missmutig: »Vader, wenn de Nahwer uns man ok in annere Sacken nicht vörbi kummt.« »Wo meenst du dat?« fragte der Vater. "Och, he is iwrig bi dat Upforsten, und dat Dränieren ...« »Nu swieg aber rein still, wenn du mi nicht vertören wullt!« unterbrach scharf der Vater, »wer van uns beiden am wiedsten kummt, dat mutt de Tied utwiesen. De Hauptsack is erst mal, dat wi em in düsse Wahlgeschichte vörbi kamt. Und dor twiewel' ick gor nich an. He schall Ogen maken, wenn wi de Stimmen tellt, he kennt unse Ort Lue man noch nich. De latet sick von so enen und sinen Witzemaker nich klok maken.« Hinrich schwieg. Als sie auf den Hof fuhren, nahm der Alte noch einmal das Wort: »Hinrich, ick bidd di, vergitt, wat de Demokratenbengel und de gröne Leutnant di vörsnackt hewwt, und hol di an dat, wat den ole Vader, de dat allens mit belewt hett, di ut truen Harten seggt hett. Glöw mi, min gode Jung, dat Beste up de Welt, dat is de Treue, wenn de uphört, denn geiht de Welt ünner.« Hinrich sagte Brr; denn sie waren vor dem Missentor angelangt. Die Hauptwahl machte eine Stichwahl zwischen dem Welfen und dem Nationalliberalen notwendig, wie ja zu erwarten war. Das überraschte Lohmann, der als Vertrauensmann seiner Partei dem Wahlkomitee angehörte, nicht. Aber wie war es nur möglich, daß in Wiechel die Zahl der liberalen Stimmen von vieren bei der letzten Wahl auf zwölf steigen konnte! Und woher in aller Welt mochten die drei sozialdemokratischen Stimmen kommen, die sich heute zum erstenmal in Lord Stallboms Suppenterrine fanden? Lohmann kannte die Wähler ja alle persönlich. Es waren ohne Ausnahme Männer, die zur Kirche und zum heiligen Abendmahl gingen. Das letzte Mal hatten die drei gewiss noch liberal gewählt. Ja, es ging ganz so, wie er immer gesagt hatte. Wer einmal auf die schiefe Ebene gerät, der rutscht auch bis ans Ende: erst liberal, dann freisinnig, dann Sozialdemokrat und endlich Anarchist. Und nun kam der entscheidende Tag der Stichwahl. Es war ein wunderholder Junitag und jammerschade, lange Stunden in Stallboms Entreezimmer zu sitzen. Aber was half's, die Pflicht gebot. Zur Rechten des wahlleitenden Vorstehers von Wiechel saß Vater Lohmann in enggeschlossenem Bauernwams mit Hornknöpfen, zur Linken der Delmsloher Nachbar mit weißem Kummherut Vorhemd und buntem Schlips, seinen wohlgepflegten Bart streichend. Die Beteiligung war fast um ein Viertel stärker als bei der Hauptwahl. Der Landsturm war aufgeboten. Gichtische und gebrechliche Urgroßväter, die in irgendeinem Altenteilerstübchen auf Freund Hein warteten, waren auf Wagen herangefahren und quälten sich stöhnend an die Wahlurne, wenn sie ihrer Pflicht genügt hatten, huschte die Freude über ihre verfallenen Züge. Ein hoher Neunziger, die Waterloomedaille auf der Brust, wankte zwischen zwei baumstarken Enkelsöhnen heran. Lohmanns Gesicht leuchtete vor Freude beim Anblick dieser alten Getreuen. Solche Gestalten hatte die Partei des Delmslohers nicht aufzuweisen. Dem gehörten die jungen Windhunde mit den gewichsten Schnurrbärten, die hinter den Ohren noch nicht trocken waren, und die nach der Abgabe ihrer Stimmzettel, statt ordentlich wieder an die Arbeit zu gehen, in der Gaststube sitzen blieben und klugschnakten. Endlich, endlich konnte die Wahl geschlossen und die Zählung der Stimmen vorgenommen werden. Als das Resultat festgestellt war, warf Lohmann dem Delmsloher Nachbarn einen triumphierenden Blick zu. Sein Mann hatte einhundertachtunddreißig Stimmen erhalten, die Zahl der liberalen Stimmen war von zwölf auf zehn zurückgegangen. Ja, in der Heide gab's nicht viele, die sich von so einem preußischen Ökonomen klug machen ließen. Wenn man auch an anderen Orten halbwegs seine Schuldigkeit getan hatte, blieb der Wahlkreis der guten Sache erhalten. Lohmann blieb den Abend über in Wiechel, um über den Ausfall der Wahl noch etwas zu erfahren. Er verwandte die Zeit auf einige Besorgungen und Besuche. Als er gegen zehn Uhr wieder bei Stallbom eintrat, machte der Postverwalter eben die telephonisch übermittelten Wahlergebnisse aus den Hauptorten des Bezirks bekannt. Der Nationalliberale hatte danach einen weiten Vorsprung, und dieser war nur einzuholen, wenn die noch fehlenden kleineren ländlichen Bezirke wie ein Mann zu dem Welfen standen, was natürlich nicht zu erwarten war. Lohmann griff sich an den Kopf. Er hatte das Gefühl, als ob darin etwas zerspränge. So war doch alle Mühe verschwendet. Der Wahlkreis war verloren. – Er sehnte sich aus dem Kreise der rechnenden und politisierenden Wirtshausgäste nach Hause, nach seinem stillen Hof in der Heide. So gab er Stallboms Knecht den Auftrag, anzuspannen, und ging in das Entreezimmer, um einen dort eingestellten Korb zu holen. Auf der Schwelle bleibt er wie angewurzelt stehen. Am Tisch sitzen sein Delmsloher Nachbar und der Wiecheler Doktor hinter ein paar dickbauchigen Sektflaschen, offenbar in rosigster Laune, mit fröhlich funkelnden Augen. »Aha,« ruft der Delmsloher, die Hand ausstreckend, »schön willkommen, lieber Herr Nachbar! Wollen Sie mal in Friede und Freundschaft einen guten Tropfen mittrinken?« Lohmann sieht ihn stumm und starr an. Da kommt Herr Riewitz, das Glas in der Hand, auf ihn zu und will seinen Arm nehmen, um ihn an den Tisch zu führen. Aber der Bauer reißt sich zur Seite, daß jener von dem kostbaren Naß einige Tropfen verschüttet, und sagt, sich zu seiner ganzen Höhe aufrichtend, stolz: »Wenn ick Schlampanjer drinken will, kann ick mi sülwst 'n Buddel köpen. Min Hoff kann dat beter leisten as dat God Delmsloh.« Damit rafft er seinen Korb auf und verläßt ohne Gruß mit schweren Schritten das Zimmer. Gelächter und ein »dummer, hochnäsiger Bauernklotz« fliegen ihm nach. Wie die Braunen traben über die mondbeleuchtete Landstraße, vor ihnen der heimatliche Stall, im Rücken die Peitsche, die heute abend gar nicht zur Ruhe kommen will! Noch immer geht es dem Bauern nicht schnell genug. Der Schimpf, den man ihm angetan hat, ihn nach der Niederlage noch zu verhöhnen, brennt ihm in der Seele. Hinweg von dem Ort, wo man ihm so etwas zu bieten wagt! Seitwärts von der Landstraße taucht in dem hellen Mondlicht Delmsloh auf. Plump hebt sich der viereckige Kasten mit dem Turm gen Himmel; die herrlichen Eichen, die ihn einst verbargen, sind ja längst zu Gelde gemacht. Der Bauer streckt die geballte Faust gegen das Gehöft aus und murmelt: »Den Dag, wo du dat hier verlopen mußt mit 'n witten Stock, will ick 'n BuddeII Schlampanjer drinken.« Lohmann erreicht seinen Hof. Er reißt die Pferde vom Wagen und stößt sie in den Stall. Dann stolpert er mit schweren Schritten in die Schlafkammer. Seine Frau wird munter und fragt: »Na, Vader, allens ferdig?« »Ja, allens ferdig, und de Liberalen hewwt wunnen,« stöhnt er und wirft einen Stiefel nach dem anderen mit Krachen in die Ecke. »Abers, vader, ick bidd di: reg' di öwer sökke Sacken doch man nich so uv!« bat die Frau mit sanfter Stimme. »Ja, jo Froenslüe is dat jo liekeväl, sünd wi Hannoveraners oder sünd wi Preußen,« sagte der Mann grimmig, »Aber beste Vader, du kannst dor dach nix an ännern. Wenn unse Herrgott ...« »Fro, ick segg di, lat unsen Herrgott ut düt Spill,« donnerte er. »So'n frömd Volk as unse Nahwer dar achtern Busch, wat sick Godsbesitter schimpt und gäle Hanschen Handschuh antreckt und Schlampanjer suppt, dat is dar schuld an. Dat makt de Lüe rebellsch ... To'n Dodargern is't ... So'n dicknäsigen Hanswost, de enen denn noch ton besten hett!...« Schwer ließ er sich ins Bett fallen. Das Abendgebet unterließ er diese Nacht. Seine Seele war zu voll von Grimm und Wut, als daß sie vor ihren Herrgott hätte treten können. Noch eine Weile hörte Mutter Lohmann, die es für das beste hielt, zu schweigen, ihn brummen: »Düsse Hanswost... düsse Naschonalmiserable ... düsse Windhund und Suput ... Bankrott maken, de Lüe verdarwen und mit'n ehrlichen Minschen ehren Spijökel Spott driewen, dat könnt se, aber dat is't ok all ...« Hinrich, der diesmal noch nicht für das Deutsche Reich zu sorgen brauchte, hatte diesen für seinen Vater so verdrießlich endenden Tag viel angenehmer verlebt. Als der Vater am Morgen vom Hofe fuhr, hatte er ihm noch vom Wagen zugerufen: »Kiek ok mal nah de Immen!« Der Loher Imker war mit der Hauptmacht seiner Völker in die Wesermarsch gezogen, aber einige Schwärme von Kerntruppen hatte er in der Garnison, dem langgestreckten Immenzaun hinter den Loher Büschen, zurückgelassen. Denn ganz ohne Honigblüten ließ der Juni auch das enge Heidetal nicht. Diese standen unter Hinrichs Obhut. Die Imkerpfeife mit dem Blechpüster im Munde, den treuen Karo zur Seite, schlenderte er nach dem Kaffeetrinken gemächlich unter den hohen Waldbäumen dahin. Die Abwesenheit des strengen Vaters, die stille Zeit vor der Heuernte, der leuchtende, singende Frühlingstag, die dampfende Pfeife, alles wirkte zusammen, ihn in die angenehmste Stimmung zu versetzen. »Tack ... tack ... tack« kam es aus einer hohen Tanne, und Holzspäne flogen hinterdrein. Hinrich blickte den Stamm hinauf und entdeckte hoch oben einen Schwarzspecht, der mit kräftigen Schnabelhieben das Holz bearbeitete. Der stolze Baum war also auch einer von den vielen überständigen, die dem Specht die fettesten Holzwürmer lieferten. Und wie viele solcher gab's hier! Wieviel Kapital ging nutzlos zugrunde! An anderen Stellen stand das Jungholz dann wieder so dicht, daß es erstickte. Schade, schade! Was war aus diesem Walde zu machen, wenn er regelrecht durchforstet wurde! Der Ärger über den alten Schlendrian, dem gegenüber er machtlos war, wollte dem Jungen Burschen fast die behagliche Stimmung ein wenig trüben. Während er an den Stämmen hinaufsah, hatte Karo die Nase an der Erde und verschwand, einer Spur folgend, in einer Dickung, wo allerhand Buschwerk von Erlen, Weiden, Vogelbeeren und Tannen einander beengend sich an einen Waldbach drängte. Plötzlich gab er Laut. Es klang energischer, als es zu sein pflegte, wenn ein Eichhörnchen an seiner Nase vorbei einen Stamm hinaufhuschte oder ein aufgestörter Zaunigel ihm seine grannigen Stacheln entgegensperrte. Und nun mischten sich in das Gebell Hilferufe einer menschlichen Stimme: »O, der Hund, Hilfe!« »Karo!« rief Hinrich gebieterisch; aber Karo hörte nicht. Da hielt der junge Mann den Arm schützend vor das Gesicht und arbeitete sich in das Gebüsch hinein, indem er noch lauter rief: »Karo, kusch' dich!« Nach wenigen Schritten fand er sich plötzlich auf einer Lichtung, und der Hund kam angekrochen, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt und mißtrauische Blicke nach einem jungen Mädchen werfend, das eben von dem unteren Zweigestockwerk eines Erlenbusches zur Erde sprang. Verwundert sahen die beiden Menschenkinder sich an. Hinrich nahm die Hacken zusammen und lüftete verlegen seine Ulanenmütze. »Das ist ja ein gräßliches Tier,« sagte das Mädchen mit einer Stimme, in der noch die ausgestandene Angst zitterte, und mit einem bösen Blick auf den Hund, der hächelnd sein inneres Gleichgewicht wiederzugewinnen suchte. »Pardon, Fräulein,« sagte Hinrich, nun die Hand militärisch an die Mütze legend, »Karo tut keinem Menschen was. Bloß was ihm auffällig ist, meldet er seinem Herrn, wie jeder ordentliche Hund.« »Hat er denn noch keinen Menschen gesehen?« fragte sie keck. Hinrichs Verlegenheit war im Schwinden. »Hier im dicken Busch so'n Fräulein wohl noch nicht,« sagte er lächelnd. »Das ist mir selbst auffällig.« »Ach, ich lese hier bloß ein bißchen,« sagte sie, auf ein Buch weisend, das im blühenden Thymian des buschfreien Landhügels lag. »Hm, hm,« machte er. »Auf unserem Gute ist gar kein rechter Wald mehr. Papas Vorgänger hat alles abgekappt.« »Mein Vater läßt alles wachsen, wie es wächst. Darum ist hier auch alles so unrüst und wild,« sagte Hinrich. »Aber das finde ich ja gerade so entzückend. Das ist so romantisch. Hab' ich hier in Ihrem Walde nicht ein reizendes Eckchen entdeckt?« »Oh, mein Geschmack wäre es nicht just,« meinte Hinrich, sich umsehend. »Dann haben Sie eben keinen guten Geschmack,« sagte sie munter. »Dieser Hügel mit dem duftenden Thymian und den feinen Gräsern, zu seinen Füßen der samtene Moosteppich, und dort, ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, der Silberbach, von Waldblumen umsäumt, die grüne Mauer ringsum und der blaue Himmel mit den weißen Wolkenflocken darüber – ich kann mir kein lieblicheres Plätzchen denken.« »Na ja, schön, wenn's Ihnen Freude macht.« »Och nee, die kleine Freude ist einem nun natürlich auch wieder verdorben. Der dumme Hund! Menschen hatten mich hier nie gefunden und gestört.« »Aber Fräulein, es stört Sie doch hier niemand, und ich bin ja auch man eben gekommen, weil Sie um Hilfe riefen,« sagte Hinrich verdutzt. Er suchte nach einer Stelle im Gebüsch, durch die er am bequemsten den Rückzug antreten könnte. Das junge Mädchen fuhr plötzlich in die Höhe und hob horchend den Finger: »Ah, da fängt sie wieder an.« »Wer?« fragte Hinrich verwundert. »Die Nachtigall,« sagte sie wie abwesend, mit angehaltenem Atem nach rechts lauschend. Der junge Mann blickte erstaunt auf ihre gespannten Züge, und nun lauschte er auch. Ein vollbesetztes Frühlingsorchester jubelte durch den Wald. Die Amsel flötete, die Finken schlugen, die Grünlinge jiepten; es pinkten die Meisen, jauchzten die Zaunkönige, gurrten die Wildtauben, und Meister Specht schlug mit Bravour den Takt. Aber alles überstimmte der Nachtigall tiefes Rollen, sehnsuchtsvolles Schluchzen, seliges Jauchzen. Nun schwieg die königliche Sängerin. Die Spannung in den Zügen der jungen Lauscherin wich, sie ließ die Hand sinken und sah den anderen glücklich an. »War das nicht entzückend?« fragte sie, tief aufatmend. »Ja, sie kann's,« gab er zu. »Just, als der Hund durch den Busch kam, las ich was Wunderschönes von der Nachtigall.« »So?« »Soll ich Ihnen das mal eben vorlesen?« »Ist's eine lange Geschichte?« »Nein, es ist ein ganz kurzes Gedicht.« »Och, für Gedichte bin ich nicht stark.« »Aber es ist wirklich fein!« versicherte sie. »Denn man zu,« sagte er nachgebend und lehnte sich an einen Ellernstamm, sie halb verwundert, halb neugierig ansehend. Sie setzte sich an den Abhang des Thymianhügels, hatte das Buch auf dem Schoß und las: »Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen, Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen... »Ist das nicht wunderschön?« »Das glaube ich nicht, daß vom Singen der Nachtigall die Rosen aufgesprungen sind,« meinte Hinrich trocken. Sie sah ihn groß an. »Soll ich Ihnen mal was sagen?« fragte sie. »Na?« »Sie sind ein ganz furchtbar prosaischer, unpoetischer Mensch.« »Dat mag woll wän,« lachte er laut auf. »Geht das Dings noch weiter?« »Ja, aber Sie haben ja doch keine Freude daran.« »Och bitte, lesen Sie noch'n paar Verse! Es klingt ganz nett, wie Sie das lesen können.« Sie fuhr fort: »Sie war doch sonst ein wildes Blut; Nun geht sie tief in Sinnen, Trägt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut, Und weiß nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.« »Wen meint er mit der ›sie‹?« fragte Hinrich. »Das Mädchen natürlich.« »Welches Mädchen? Es gibt 'ne ganze Masse Mädchens.« Die Vorleserin wurde verlegen, eine zarte Röte stieg in ihre Wangen. »Danach muß man nicht so genau fragen. Es ist doch man bloß ein Gedicht ...« »Soo, na ja ... Aber das muß ich sagen, schön lesen können Sie das wirklich. Das klingt wie Musik ... so, als wenn einer ganz leise und fein die Harmonika zieht.« Sie blickte fragend zu ihm auf. Der Vergleich mit solchem Instrument erschien ihr nicht gerade schmeichelhaft. Aber da sah sie an seinem Gesicht, daß es ein völlig ernst gemeintes Kompliment sein sollte. »So? Das meinen Sie wirklich?« sagte sie angenehm berührt. »Jawoll, das meine ich. Ich gehe ja sonst nicht viel mit Gedichten um. Aber unser Schullehrer hielt stark darauf, und da habe ich 'ne ganze Masse gelernt.« »Die Sie natürlich schon lange wieder vergessen haben,« ergänzte sie. »Das will ich nicht sagen,« erwiderte er nachdenklich, »behalten kann ich gut.« »Dann sagen Sie doch bitte auch mal eins her! Was können Sie denn noch?« Hinrich legte die Hand an die Stirn und sann. »Wohltätig ist des Feuers Macht,« fing er an, aber er unterbrach sich gleich: »Ach nee, das wird nachher zu bunt mit all den Eimern und Ketten.« Und wieder dachte er nach. Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf, und er fing an, den Blick auf das braune Fell Karos gerichtet und die einzelnen Zeilen abhackend; »Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn. Im Schatten sah ich Ein Blümlein stehn wie Sterne leuchtend ...« Er stockte und sah sein Gegenüber fragend an. »Wie Äuglein schön,« half sie ein. »Wie – Äuglein – schön,« wiederholte er in verändertem Tone, betroffen von der leuchtenden Schönheit der zu ihm aufschauenden Augen. – Und nun war er ganz aus dem Text. »Och, ich kann das alte Gedicht doch nicht ordentlich mehr,« sagte er schnell. »Der Mann hat die Blume dann ausgegraben und dicht bei seinem Hause eingepflanzt, und da ist sie schön angewachsen ... Was für eine Blume das gewesen ist, weiß ich aber nicht.« Nun blickte er wieder nach dem Mädchen, heimlich bange vor dem Leuchten ihrer Augen. Aber sie hatte den Blick gesenkt, ihre Wangen schienen leicht gerötet. Plötzlich hob sie das Köpfchen, und es flog das Zöpfchen, und sie examinierte: »Wissen sie denn wenigstens, von wem Ihr Gedicht ist?« Hinrich sah sie erschrocken an. Aber er faßte sich ein Herz und sagte ganz dreist: »Von Schiller.« »Von Schiller?« lachte sie hell auf. »Aber mein bester Herr, das muß einer doch schon im Gefühl haben, daß solch ein Gedicht nicht von Schiller sein kann. Gewiß, Friedrich von Schiller war ein großer Dramatiker, denken Sie doch nur an die Räuber und an Wallenstein! Aber unser großer Lyriker ist Johann Wolfgang von Goethe, und von dem ist auch Ihr kleines entzückendes Gedicht. Und meins ist von Theodor Storm.« »So, mir soll's recht sein, Sie müssen das ja wissen,« meinte er trocken und wunderte sich, daß sie nun so ganz anders aus den Augen schaute als vorhin. Es wollte ihm beinahe scheinen, als ob sie ein altes Gesicht hätte. »Denn auch adjüs; ich muß machen, daß ich zu meinen Immen komme.« Er hatte die Hand an die Mütze gelegt und bog einen Busch zur Seite, um den Ausgang zu gewinnen. »Ach bitte, Herr Lohmann, noch eine Frage!« bat das Mädchen. Er wandte sich um und fragte kurz: »Und?« »Was meinen Sie, wird unser Mann heute durchkommen in der Reichstagswahl?« »Unser Mann?« fragte Hinrich. »Wer ist das denn?« »Natürlich der Nationalliberale,« sagte sie verwundert. »Wer denn sonst?« »Das mag Ihrer wohl sein. Mein Vater und unsere Leute wählen den Welfen.« »Den Welfen!« rief sie erschreckt. »Einen von denen wählt ihr, die wieder 'n eigenen König haben und uns alle katholisch machen wollen?« »Das mit dem eigenen König mag wohl stimmen. Vom Katholischmachen habe ich noch nichts gehört.« »Aber Sie haben doch von Windthorst gehört. Das war doch so'n berühmter katholischer Bischof, der immer so schreckliche Reden gegen den Reichskanzler Fürsten Bismarck gehalten hat.« »Nee, Windthorsten kenne ich nicht. Ich habe mich überhaupt noch nicht viel um diesen Kram gequält.« »Kram nennen sie das? Ich denke darüber ganz anders. Sie müssen nämlich wissen, ich schwärme mächtig für Politik.« »So.« »Und das tun heute schon viele Frauen. Und sie wollen auch mit für den Reichstag wählen.« »So? Die sind wohl verrückt?« »Ganz im Gegenteil, die meisten haben auf Universitäten studiert, und viele haben sogar den Doktortitel. Strümpfe stricken und heiraten? Daran denken diese Vorkämpferinnen unseres Geschlechts gar nicht. Das nennt man Frauenbewegung.« »Soo ...« »Jawoll, meinen Sie denn etwa, wir wollten ewig Sklavinnen der Männer bleiben?« »Nee, das wollen Sie denn ja wohl nicht.« »Sagen Sie mal,« inquirierte sie plötzlich, ihn scharf ansehend, »sind Sie für Ihre Person auch Partikularist?« »Wie meinen Sie?« »Ach so, Pardon, das Wort verstehen Sie nicht. Ich meine, sind Sie für Ihre Person auch welfisch gesinnt?« »Och, das ist so 'ne Frage. Mit der Politik ist das 'n eigen Ding. Der eine sagt hott, der andere hü. Ich weiß selbst nicht recht, was ich bin.« »Was gefällt Ihnen denn bei den jetzigen Zuständen nicht?« fragte sie. »Och, das muß ich sagen, bei unserem jetzigen Kaiser und König halten wir's ja auch ganz gut aus.« »Bravo, Herr Lohmann! Das ist die Hauptsache, daß wir immer treu zu Kaiser und Reich halten,« sagte die kleine Patriotin mit Überzeugung. »Unser Kaiser und König ist ja auch so ein guter und tüchtiger Herrscher.« »Und ein schneidiger Reiter,« fügte Hinrich mit blitzenden Augen hinzu. »Haben Sie ihn denn schon mal zu Pferde gesehen?« fragte sie interessiert. »Wie oft!« sagte er wegwerfend. »Uns Königsulanen in Hannover besucht er doch alle naselang. Ich habe auch mal mit ihm gesprochen.« »Wa–a–s? Wo?!« »Im Leineschloß, als ich mal stellvertretende Ordonnanz war. Er fragte mich, wo ich zu Hause wäre.« Hinrich sagte dies, als ob das alles für ihn etwas Alltägliches wäre, worüber man nicht viel Worte macht. Aber er sah mit Freuden, daß er dem kleinen weisen Ding, das in allem ihm über war, nun doch auch einmal imponiert hatte. »Der deutsche Kaiser – hat mit Ihnen – gesprochen?« wiederholte sie noch einmal, seine Gestalt musternd. »Ja, wissen Sie,« sagte er und strich rechts und links das Schnurrbärtchen in die Höhe, »wenn man Flügelmann bei den Königsulanen ist ...« »Ja, das ist freilich eins unserer feinsten Regimenter ...,« meinte sie nachdenklich. »Gilt ebensoviel als die Gardekavallerie. Mein Rittmeister war ein Graf und mein Leutnant sogar ein Prinz. Nun aber adjüs,« sagte er lächelnd, froh darüber, daß er so vorteilhaft abtreten konnte. »Adieu, Herr Lohmann! Adieu Karo!« Karo wollte seinem Herrn, der sich schon gewandt hatte, folgen, aber er konnte nicht. Sie hielt ihn an der Pfote und sagte: »So ist's recht, gib schön Fuß! Wenn wir uns noch mal wiedersehen sollten, bist du aber gleich freundlich.« Karo wedelte mit dem Schwanze und leckte sich verlegen ums Maul. Sein Herr aber wandte sich noch einmal um und sagte: »Wenn er Ihnen wieder einmal die Zähne zeigt, sagen Sie man einfach Mongami zu ihm. Sein erster Herr hat ihm das beigebracht, daß er dann gleich freundlich wird.« »Mongami? Das soll wohl französisch sein?« »Is möglich. Meinetwegen kann's auch chinesisch sein.« »Nein, es ist ganz gewiß französisch. Das sind zwei Worte: mon heißt mein und ami Freund; mon ami mein Freund.« »Mag gern sein. Die Hauptsache ist, daß der Hund es versteht. Nun komm aber, Karo, es ist die höchste Zeit. Adjüs, Fräulein.« Zum dritten Male sagte er's, die Mütze lüftend, und diesmal entkam er durch das Gebüsch, ohne wieder festgehalten zu werden. Als er die grüne Mauer hinter sich hatte, überzeugte er sich durch einen mißtrauischen Rückblick, daß er wirklich entronnen war, und murmelte einen befreienden Kraftausdruck aus der Reitbahn. Hol's der Deuker, was hat so eine alles gelernt! Französisch und Windthorst und Frauenbewegung und Gedichte und die Leute, die sie gemacht haben, mit allen Taufnamen, und der Kuckuck mag wissen, was sonst noch! Und wie sie sich damit dicketut! Sie ist wohl noch eine rechte Gans ... Ja, ganz gewiß, eine rechte Gans, die alles herausgeschnattert, was sie weiß. Und ob das alles so stimmte? Vielleicht sah's in ihrem Kopf ähnlich aus, wie hier in dem wild gewachsenen Walde: alles wirr und bunt durcheinander. Hinrich schüttelte ernst den Kopf. Ja, ein wunderliches Volk waren sie doch, diese Fremden. So ganz anders, als andere vernünftige Leute. Er hatte bislang immer gedacht, es wäre bloß Vaters eigener Kopf, wenn er nichts von ihnen wissen wollte. Aber nein, Vater hatte am Ende doch recht. Kein Wunder, daß solche feinen Leute sich auf Delmsloh nicht lange hielten, wenn so'n Mädchen, das gewiß schon drei Jahre konfirmiert war, den ganzen Nachmittag im Busch saß und Gedichte las und sich von den Vögeln was vorflöten ließ. * Tüet ... tüet ... tüet ... Da ist sie wieder, die Nachtigall. Er bleibt stehen. Nun kennt er ihren süßen Schall aus den hundert Stimmen des Waldes heraus. Und es ist ihm, als sähe er ihre Freundin in dem stillen Waldwinkel wieder stehen und atemlos lauschen, und dann sieht sie ihn wieder mit den wunderbaren Augen an ... Ja, sie mochte sonst sein, wie sie wollte; das mußte man ihr lassen, sie hatte ein paar ganz vermuckte Augen im Kopf. Ganz anders als Dierkbuers Gretschen und Brinkbuers Ahlheid und alle die anderen ... Nachdenklich geht er weiter. Da plötzlich trifft ein Schein seine Augen. Er erwacht aus seinem Sinnen. Und da lacht und leuchtet es ihm entgegen. Es sind die ersten Blüten an einem wilden Rosenbusch, so jung und morgenschön, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön. Und zugleich sind auch die Worte wieder da, die vorhin so weich und melodisch über ein paar rote Lippen perlten: »Da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen ...« Er bricht sich ein Röslein in einem Kranz grüner Blätter. Dann hält er den Kopf ein wenig schief, betrachtet es und wundert sich. So eine Rose ist doch schön. Er hatte das Lied von dem Knaben und dem jungen, morgenschönen Röslein auf der Heiden in der Schule gelernt und wohl fünfzigmal gesungen. Aber mit eigenen Augen hatte er die Schönheit der Rose noch nie geschaut. Ja, solche Rose ist schön. Der zarte Schmelz der Farbe ... ach, es ist ja derselbe Rosahauch, den er vor fünf Minuten auf dem Gesichtchen in dem Waldwinkel gesehen hat. Und Richtig, in dem Gedicht stand ja nicht nur von Rosen, auch von einem Mädchen. Sie hatte ja nicht sagen wollen, welches Mädchen das wäre ... Vielleicht war sie's selbst ... Ja, ganz gewiß war's keine andere. Als er sie gefragt hatte, war sie rot geworden ... noch röter als diese Rose ... Er blieb stehen. Wenn er umkehrte und ihr die Rose brächte! Die Nachtigall mit ihrem süßen Schall, die Rose in seiner Hand, die von dem Widerhall aufgewacht ist, und das Mädchen mit den leuchtenden Augen, die drei gehörten ja zusammen ... Aber er schüttelte energisch den Kopf. Hä, er wollte sich schön hüten, dem naseweisen Ding noch einmal in den Weg zu laufen. Schul- und Instruktionsstunden hatte er in seinem Leben genug durchgemacht. Und nun steckte er sich die Rose ins Knopfloch und schritt stramm dahin. Am Immenzaun angelangt, stülpte er sich die Imkerkappe über den Kopf, wandte einige Körbe um und sah hinein, indem er die aufgeregten Völker mit einigen Mundvoll Tabaksqualm beruhigte. Er überzeugte sich, daß auch die kleinsten Diener des Lohhofes ihre Pflicht taten. Als er sich umwandte, sah er durch das Gitter vor seinen Augen mit Verwunderung, wie weit und still und leuchtend die Heide sich vor ihm dehnte. Da zog er die Kappe vom Gesicht, ließ nun den ungehinderten Blick in die Ferne wandern und wunderte sich noch mehr. Als er eine Weile gestanden und geschaut hatte, streckte er sich vor dem Immenzaun in das braune Heidekraut und stützte das Kinn in beide Hände. Und immer größer und weiter wurden seine Augen. Er dachte jetzt nicht an Aufforstung und bessere Nutzung seiner anderthalbtausend Morgen. Nein, er freute sich, daß die Welt so groß und weit und schön war, daß ihr Sonnenauge so wunderbar leuchtete, daß die dunklen Wacholder so feierlich dreinschauten, und daß so lange, schmale Schatten über die Heide wanderten. Dann wälzte er sich herum und lag nun auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf gefaltet. Da freute er sich über den hohen, tiefen Himmel, an dem die Schwalben hoch droben als hin und her schießende Pünktchen erschienen; und noch viel, viel höher schwebten die weißen Wolken. Plötzlich flog über diese ein rötlicher Schein. Und nach einer Weile hatten sie genau die Farbe der Rose in seinem Knopfloch ... woher auf einmal all die Rosenfarbe in der Welt? – Und dann lauschte er. In den hohen Tannen, die wie eine Mauer hinter dem Immenzaun standen, sang der Abendwind ein leises Lied. Die Vöglein waren wohl schlafen gegangen; nur selten mischte sich ein verträumtes Stimmchen in das sanfte Rauschen des Waldes. Aber die Nachtigall war noch wach. Zuweilen fiel aus der Tiefe des Waldes ein verlorener Ton ihres Liedes in sein gespannt horchendes Ohr ... Lange Zeit lag er regungslos, lauschend und schauend. Dann kam eine Unruhe über ihn. Er legte wechselnd das eine Bein über das andere. Er hob und streckte die Arme. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder ... Plötzlich sprang er auf, sah mit glänzenden Augen um sich und ging mit schnellen, fliegenden Schritten durch den Wald. An dem wilden Rosenbusch machte er halt und brach mit zitternden Händen die drei schönsten seiner Rosen. Die allerschönste gab ihm einen scharfen Stich, und ein dicker Tropfen dunklen Blutes floß danach. Aber er achtete das nicht, sondern ging mit schnellen, federnden schritten geradewegs auf den Winkel am Lach zu ... Aber auf einmal verlangsamte sich sein Schritt, er blieb stehen, ging unschlüssig weiter, blieb wieder stehen, und plötzlich machte er militärisch exakt eine Wendung halbrechts und schritt, den Thymianhügel in weitem Bogen meidend, stramm dem väterlichen Hofe zu. Abends im Bett schüttelte er den Kopf in den Kissen und lachte über sich selbst. Aber ein schöner Tag war's gewesen ... Und der Mensch soll doch nicht bloß arbeiten und sich quälen ... Es gibt allerhand Dinge im Leben, über die einer sich freuen kann, schöne Frühlingstage, Waldeskühle und Wipfelrauschen, Vogelgesang, Nachtigallen, Rosen und so weiter. Das Geräusch, das die in den nahen Pferdestall zurückkehrenden Braunen verursachten, weckte ihn aus dem ersten Schlaf. Als er hörte, wie Vater den Riegel zustieß und dann über die Diele stampfte, wußte er, daß er die Wahlschlacht verloren hatte. Ihn bekümmerte das nicht sehr. Er fand heute mehr denn je, daß es sich auch unter den Preußen ganz gut leben ließ. Wie das superkluge, naseweise Ding aus dem Walde nun wohl triumphierte! Bald lag er wieder in festem, traumlosem Schlafe. Es ging stark auf Johannistag. Das Frühlingskonzert in Lohmanns Busch war fast verstummt. Zwar Konzertmeister Specht taktierte eifriger denn je, aber der Chor der gefiederten Sänger wollte nicht mehr recht auf ihn hören. Die hatten jetzt wichtigere Dinge zu tun, als schmelzende Liebeslieder zu singen. All die kleinen blauen, grünen und weißen, die schlichten, getupften und gesprenkelten Schalen waren durch das erwachende junge Leben gesprengt, und unersättliche gelbe Schnäbelchen und Schreihälse waren den langen lieben Tag geöffnet, all das Mücken- und Würmerzeug aufzunehmen, das die unermüdlichen Eltern vom tauenden Morgen bis zum nebelumhüllten Abend heranschleppten. Auch die Heideleute hatten jetzt Wichtigeres zu tun, als politische Reden anzuhören und hinter Cord Stallboms Suppenterrine zu lauern, ob ein schwarz-weißes oder gelb-weißes Männlein herausspränge. Die beiden Höfe an der Werle standen unter dem Zeichen der Heuernte. Es war eine Lust, das Gras an der Werle zu sehen. Die Wiesen der Nachbarhöfe waren die ersten, die das goldklare Heideflüßchen auf seinem Erdenlauf begrüßte und mit dem besten Segen seiner Nährsalze bedachte. Da sproßten in Überfülle die fetten Gräser, die gesundes Heu und goldgelbe Butter versprachen. Morgen früh soll's an die Arbeit gehen. Die Feierabendpfeifen im Mundwinkel, sitzen Hinrich und der Großknecht in der Dämmerung vor der Missentür auf der Erde, mit dem Horen und Dengeln der Sensen beschäftigt. Das einförmige Tack ... tack ... tack der vorsichtigen Horhammerschläge wird von dem munteren Risch ... rasch ... risch ... rasch der Streicher unterbrochen. Dazu gesellt sich aus der Luft das Gemecker der Himmelsziege und aus den Wiesen das Klagen der Kiebitze und das Borax Brekkekkek der Frösche. Jeder der beiden jungen Männer schärft sich für den kommenden Tag zwei Sensen. Man weiß nicht, was passieren kann, und gut Gerät ist mehr als die halbe Arbeit. Endlich schneiden die vier Sensen wie Rasiermesser, und die beiden gehen ins Haus, um sich für die saure Arbeit durch einen tüchtigen Schlaf zu stärken. Noch einmal haben all die grünen und bunten Kinder Floras sich von der köstlichen Himmelsgabe, dem Tau, satt getrunken, noch einmal läßt die Morgensonne sie glitzern im Diamantengefunkel, da müssen sie unter den mächtigen Sensenstreichen der jungen Männer in den frühen Tod sinken. Die beiden sind immer hart aneinander, der in der verblichenen Ulanenmütze und der unter dem breitrandigen Strohhut. Sie werden es heute auf drei Tagewerke bringen, wenn sie so dabeibleiben. Nun kommen die Mädchen mit den Harken und den luftigen, weißblinkenden Schleierhüten. Wo ein Hälmlein oder ein Blümlein, unter den Todesgefährten sich verbergend, noch für ein paar Stunden die grüne Farbe des Lebens bewahren will, da wird es unbarmherzig in den heißen Strahl der Sonne gerissen. Und in süßem, betäubendem Duft steigen all die Seelen der lieblichen Kinder der Aue zur Sonne empor, die so lange sie gesegnet hat und nun sie versengen muß, weil der Mensch, der harte Herr der Erde, es so will. Heiß glüht die Sonne, und heiß glühen auch die Gesichter, und mancher Schweißtropfen fällt in das Gras. Drüben, jenseits des Grenzgrabens, sind die Delmsloher an der Arbeit. Hier kostet es lange nicht so viel Schweiß. Die Wiese auf und ab rattert die amerikanische Mähmaschine und legt Schwaden zu Schwaden. Herr Riewitz selbst führt sie und ist erfreut, wie gut das Ding, das er erst vorige Woche von der Bahn geholt hat, funktioniert. Die beiden fixen Kerle drüben, so sauer sie sich's werden lassen, können längst nicht dagegen an. Im nächsten Jahre soll eine Wendemaschine dazu angeschafft werden. Der moderne Landwirt muß intensiv wirtschaften und die Errungenschaften der Zeit sich zunutze machen. Der Nachbar drüben soll ja ein vermögender und in seiner Weise intelligenter Mann sein, aber im bäuerlichen Schlendrian steckt er noch tief drin. Es ist nachmittags gegen fünf, die Hitze hat noch kaum nachgelassen. Da zieht Hinrich Lohmann die Uhr und ruft: »Vespertid!« Im Nu sind seine Leute in dem schattigen Weidengebüsch hart an der Delmsloher Grenze versammelt. Die glühenden Augen der Menschenkinder schauen neidisch nach den Fischen, die so sorglos glücklich in der klaren Flut der Werle spielen. Aber der dichte Schatten und der frische Hauch des Wassers kühlen die brennenden Schläfen, die Rast tut wohl, und der kalte Kaffee, die kernige Sülze und das schwarze Roggenbrot erquicken die matten Glieder. Und der Schnack der drallen Großmagd Fieke, die gar nicht totzukriegen ist und immer den Schalk im Nacken hat, heitert die Gemüter auf. Wieder sieht Hinrich nach der Uhr und sagt: »Dat helpt nich, wi möt wedder ran.« Den anderen voran tritt er aus dem Schatten der Weiden wieder in den Sonnenbrand der Wiese. Plötzlich stutzt er und macht große Augen. Jenseits des Grenzgrabens, keine zwanzig Schritt von ihm entfernt, schlendert die kleine Nachbarin zwischen den Schwaden hin, den mächtigen weißen Sommerhut am Gummibande tanzen lassend. Jetzt hat sie ihn auch gesehen, und er lüftet die Mütze. »Na, Fräulein, auch 'n büschen beim Heu helfen?« fragt er. »Nein, ich suche mir ein Bukett Blumen,« lautete die Antwort. »Soo,« sagte Hinrich gedehnt. »Ist der Strauß nicht reizend?« fragte sie, diesen kokett hochhebend. »O ja, es geht,« meinte er, »wenn einer da Zeit zu hat ... Wir haben es heute furchtbar hille ... Adjüs.« Ein paarmal risch – rasch die Sense entlang, die Hemdärmel an den sehnigen Armen hinaufgestreift, und sofort war die Mähearbeit wieder in vollem Gange. Das junge Mädchen sah dem vordersten der beiden Männer mit Bewunderung zu. Da war jede Bewegung zielbewußt, und jeder Streich saß, und die Schwaden legten sich in eine schnurgerade Linie. Als ihr Auge wieder auf ihren Strauß fiel, fand sie ihn längst nicht mehr so schön wie vorhin und gab es auf, ihm weitere Blumen einzufügen. Fast hätte sie eine feiernde Harke, die mit dem Stiel im Boden stak, genommen und angefangen zu wenden. Aber sie besann sich rechtzeitig, daß der da drüben dies so auffassen könnte, als ob sie sich von ihm zur Arbeit kommandieren ließe. Ein wenig verstimmt schlenderte sie nach Hause. Kein Regenguß, kein Gewitterschauer störte die Arbeit im Heu. Am dritten Tage konnte hüben und drüben eingefahren werden. Die Delmsloher Teute hatten eben angefangen, das erste Fuder zu laden, als ihr junges Fräulein den Wiesenweg daherkam. Sie machte bestimmte Schritte und hatte den Sommerhut, den sie sonst am liebsten tändelnd in der Hand trug, fest im Nacken, »Wo will denn de up to?« fragte der zweite Knecht. »Och, de söcht sick woll all wedder Blomen, so ene hett't god,« meinte eins der Mädchen. Aber der Unecht meinte: »De hett süssen wat.« Und richtig! Beim Wagen angelangt, sagte sie bestimmt: »Ich will beim Einfahren helfen.« Die Leute sahen sie lächelnd an. Sie hatten die Herrentochter gern und behandelten sie als eine, die noch halb ein Kind war, mit kameradschaftlicher Vertraulichkeit. Die Aufsicht führte ein älterer Knecht, der schon lange in Herrn Riewitz' Diensten stand und ihm aus dem Osten in die nordwestdeutsche Heide gefolgt war. Er behauptete, mit Spreewasser getauft zu sein, und war weit in der Welt herumgekommen. »Det freit mir, Freilein,« sagte August, »dat Se sick ooch nich vor de Arbeet schenieren duhn. Hier jebe ick Sie 'ne Harke und Se unterstitzen Trina bei det Nachharken.« Sie nahm die Harke, sah Trina ab, wie sie angefaßt wurde, und machte sich mit großem Eifer an ihre Aufgabe. Fast doppelt so oft harkte sie zu als das Mädchen, das sich aus seinem Tempo nicht herausbringen ließ. Freilich hatte sie in fünf Minuten auch zwei Harkenzinken abgebrochen. Als sie eine Weile feiern mußte, weil gerade nichts mehr nachzuharken war, sagte sie, den Harkenstiel in die Erde spießend: »Nein, August, dies kann Trina genug allein. Ich will mit auf den Wagen.« Der alte Knecht machte ein bedenkliches Gesicht: »Wenn't man jeht?« Aber sie ließ nicht locker, bis er nachgab, eins der Mädchen vom Wagen steigen hieß und der Herrentochter hinauf half. Hee–i djup! und sie war oben, »Aber immer ejal packen, Freilein,« mahnte er, »dat det eirobäische Jleichjewicht nich aus'n Leim jeht.« Sie setzte den Hut unternehmend in den Nacken, nahm mit weit geöffneten Armen den Knechten die mächtigen Heuballen von den Forken und stopfte sie weg. Wenn der Wagen ein wenig weiterfuhr, stellte sie sich aufrecht, stemmte die Hände in die Seiten und blickte stolz und kühn in die Welt – meistens nach rechts, wo die Loher kaum zweihundert Schritte entfernt ebenfalls aufluden. Warum die wohl gar nicht einmal hersahen? So etwas gibt's doch nicht jeden Tag zu sehen, daß eine Gutsbesitzerstochter Heu aufladet. Wie sauer man sich's werden läßt! Sie wischt sich mit dem weißen Taschentuch den blanken Schweiß aus dem Gesicht und fächelt sich Kühlung zu. Aber der drüben mit der Ulanenmütze macht sich daraus gar nichts. »Freilein, wat ick Sie saje, Se missen ejaler packen,« ruft August zum Wagen hinauf, »et schmeißt sick links riber.« »Ja, ja,« sagt sie unwillig, »schreien Sie doch nicht so!« Und verstohlen geht ihr Blick nach rechts. Zum Glück haben die drüben den Tadel nicht gehört. Der Wagen soll eine Wendung nach links machen. Die Pferde legen sich stark in die Riemen, aber tief schneiden die Räder in den weichen Wiesenboden ein. Da nimmt August das Handpferd am Zügel und läßt, die Peitsche in der anderen Hand, noch einmal anziehen. »Üh!« sagt das Fräulein oben ermutigend. Ein Ruck – was ist das? Die Mädchen kreischen, der Boden weicht unter ihren Füßen, sie fühlt sich sinken und sinken, wie in ein unendlich tiefes und weiches Bett, vor den Augen wird's tiefe Nacht. Sie arbeitet mit Händen und Füßen, aber ringsum gibt die Masse nach. Schon will's ihr den Atem benehmen, da endlich fällt ein Lichtstrahl in das Dunkel, und ihr Kopf arbeitet sich aus einem riesigen Heuberg heraus. Sie wischt sich den Heustaub aus den Augen, sieht sich um und sieht in lauter lachende Gesichter. Unwillkürlich geht ihr Blick nach rechts. Natürlich, jetzt haben die da drüben auch Zeit, stehen und gaffen, biegen sich vor Lachen, und der mit der Soldatenmütze treibt es am allerschlimmsten. – Nun hat sie sich aus dem Heubett herausgearbeitet, und mit glühendem Gesicht tritt sie vor den alten Knecht hin. »Warum fahren sie nicht vorsichtiger? Ich werde das meinem Papa melden,« herrschte sie ihn an. Aber August lachte ihr dreist ins Gesicht: »Freileinchen, det is Ihre schuld janz alleene. Ick hab's sie ja jenijend jesagt, Se sollten fester und ejaler packen!« »Schweigen sie!« schrie sie ihn an, mit dem Fuß aufstampfend. »Wo ist mein Hut?« wandte sie sich an die Mädchen. Diese suchten kichernd im Heu. »Wenn das dumme Lachen nicht aufhört, passiert was,« fauchte sie und holte mit der Hand aus. Als der Hut sich nicht gleich finden ließ, wandte sie sich kurz auf den Hacken um und ging mit zornigen Schritten davon. Gegen ihren Willen schweifte ihr Blick noch einmal nach rechts. Die feierten und lachten noch immer. Fast hatte sie Lust, es auch ihnen mal zu sagen, wie sie über solches Benehmen dachte. Aber nein, für solche ungebildeten, rohen Menschen ziemte sich nur stumme Verachtung. »Bande!« stieß sie halblaut heraus. Als sie die Wiesen hinter sich hatte und den rohen Menschen aus den Augen gekommen war, wurde sie etwas weicher gestimmt. Am liebsten hätte sie sich in einem stillen Winkel ausgeweint wegen ihres Unglücks, und dann wegen der Schlechtigkeit der bösen Welt. Drüben der Loher Wald schien dazu einzuladen, mit seinem stillen Thymianhügel am Bach. Aber nein, den Boden von so ungebildeten Menschen, die einem jungen Mädchen im Unglück so dreist und frech ins Gesicht lachen können, will sie nie, nie wieder betreten. Neulich hatte sie geglaubt, der junge Bauer, der ja freilich nicht mal den Einjährigen hatte, hätte sich in Hannover etwas Schliff und Anstand geholt, aber wie kann der Mensch sich doch täuschen! Und daß sie sich seinetwegen heute so abgequält hatte, um ihm zu zeigen, daß sie nicht bloß Gedichte vorlesen und Sträuße pflücken könnte, das war noch das allerärgerlichste. Für solchen Menschen paßte sich nur stumme, stolze Verachtung. Aber obgleich sie sich diese zweimal gelobt hatte, mußte sie doch in dem kleinen Herzen wohl keinen rechten Platz dafür finden. Denn sie kroch in ein Gebüsch am Wege und weinte sich gründlich aus. Zuerst weinte sie über ihr Unglück, und zwar nicht nur über das von heute. Indem sie in ihrem Gedächtnis Jagd machte, fand sich von allerhand Mißgeschick ein solcher Haufe zusammen, daß sie sich mit Fug und Recht als das unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erdboden fühlen und beweinen konnte, was übrigens im Grunde gar nicht so unangenehm war. Darauf vergoß sie edlere Tränen, indem sie anfing, über die Schlechtigkeit der Menschen, ihre Roheit und Gefühllosigkeit und den Mangel an wahrer Herzensbildung zu weinen. Oh, wie taten diese Tränen wohl, und mit was für einem erhebenden Gefühl flossen sie dahin! Als sie sich des inneren Wertes dieser Tränen bewußt wurde, fing sie an, die kostbaren Tropfen, die wie blanke Perlen in ihr Taschentuch fielen, zu zählen. Die ganz dicken zählte sie doppelt. Als sie bis siebzehn gekommen war, wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt. Auf dem nahen Pflaster klapperte ein Wagen. Vorsichtig bog sie das Gebüsch auseinander und lugte hinaus. Da führte August mit seinem Spitzbubengesicht und der Ruhe des guten Gewissens das hoch geladene Fuder vorüber. Wenn so eins umschlägt und jemand sitzt oben drauf, dachte sie, kann's schlimm werden. Und sie war so sanft und weich gefallen. Bei dem großen Unglück hatte doch auch ein kleines Glück nicht gefehlt ... In einiger Entfernung folgten dem Wagen die Mädchen. Eine trug den verlorenen Sommerhut am Arm. »Wo se woll blewen is ... Alleen harr se de Schuld ok nich. August harr den Bagen rieklich scharp nahmen,« sagte diese, und die andere meinte: »Se is'n gode Deern. Mi deiht't leed, dat se dar so bikamen is. Se is denn to upgeregt und ehrgiezig ...« Die Mädchen entfernten sich, und die Lauscherin im Busch lächelte unter Tränen. Halb hatte sie den Glauben an die Menschheit schon wieder gewonnen. Es gab doch noch Zartgefühl und Herzensbildung, wenigstens beim zarteren Geschlecht. Bei den Männern natürlich nicht, jedenfalls nicht bei August, der alle Schuld von sich auf ein schwaches Mädchen schob, und bei dem anderen, der so gewöhnlich lachen konnte. – Die letzten Fuder Heu schwankten auf die Nachbarhöfe, und bald folgten ihnen die ersten Erntewagen. In Delmsloh arbeitete wieder die Maschine, in Lohe die altmodische Sense. Die beiden Höfe hielten in allen Arbeiten gut miteinander Schritt. Wo dort Maschinenkräfte zuerst einen Vorsprung gewannen, holten hier die reichlicheren und besseren Arbeitskräfte ihn bald wieder ein. Als die letzten Garben eingebracht waren, begann für die Menschen eine ruhigere Zeit. Aber die kleinsten Arbeiter des Lohhofes hatten um so mehr zu tun. Sie waren unlängst von der Frühlingsfahrt in die grüne Marsch zurückgekehrt und hatten in dem Immenzaun hinter den Loher Büschen darauf gewartet, daß die braune Heide Hochzeit machte. Nun hatte sie ihr aus Milliarden roter Blüten gewobenes Brautkleid angezogen, und alles, was da kreucht und fleugt, war zur Hochzeit eingeladen. Da kamen die Blauschmetterlinge, tanzten und gaukelten, und die Laufkäfer prunkten in ihren goldschimmernden Röcken, und die Grillen geigten und machten Freudensprünge, und die bunten Eidechsen lagen als still beschauliche Festteilnehmer in der Sonne, aber die Bürger der geordneten Bienenstaaten waren emsig dabei, vom goldigen süßen Hochzeitswein heimzutragen für sich und für die Herren des Lohhofes. Dabei summten sie der Braut dankbar die Hochzeitslieder. – Das arme Aschenbrödel, die Heide, muß schon mit solcher Hochzeitsmusik, dem Summen der Immen und Geigen der Grillen, zufrieden sein. Die Vögel mit ihrem süßen Schall bemühen sich ihretwegen nicht mehr. Die haben den reichen und vornehmen Töchtern der Mutter Erde, die im wunderholden Monat Mai Hochzeit machen, das Brautlied gesungen. Was war das an dem schönen, sonnigen Nachmittag des letzten Augustsonntages für ein Summen, Schwirren und Flügelblitzen vor Lohmanns Bienenzaun! Und wo hätte Hinrich sein Sonntagnachmittagspfeifchen behaglicher schmöken können, als dort im Schatten des breiten Wacholderbusches, wo man all das rege Treiben beobachten und in die blühende Heide hinausplieren konnte, an der Seite des alten Imkers, der behaglich priemend Tabak kauend von früheren Honigernten klöhnte und mit pfiffigem Gesicht einige Imkerkniffe verriet, die er vor allen Imkern der Heide voraushaben wollte. Als Hinrich am späten Nachmittag durch den Wald heimschlenderte, kam er von ungefähr in die Gegend, wo er Anfang Juni mit der kleinen Nachbarin zusammengetroffen war. Ob sie später auch das geliebte Plätzchen wohl einmal wieder besucht hatte – ob sie vielleicht heute dort wieder schwärmte? Zwischen ihren vier Pfählen blieben an solchem Sonntagnachmittag ja nur die allerhoffnungslosesten Stubenhocker. Karo konnte das ja leicht mal untersuchen. Hinrich warf in hohem Bogen einen Föhrenzapfen in das Gebüsch und sagte leise: »Apporte!« Der Hund war im Dickicht verschwunden. Sein Herr stand und lauschte. »Wau, wauwauwau ... mon ami, mon ami !« Nun war alles still. »Wenn ick't nich dacht harr!« murmelte Hinrich angenehm überrascht vor sich hin. Was sollte er nun machen? Still seines Weges weiter gehen und sich um Karo nicht kümmern? Oder durch Pfeifen ihn zurückrufen? Oder sollte er in den Busch kriechen und ihn persönlich holen? Dann kam er natürlich so bald nicht los, dann würden ihm wieder einige tüchtige Scheffel Weisheit zugemessen, Aber dann kriegte er auch wieder ein paar Augen zu sehen, wegen derer man schon einige Unbequemlichkeiten mit in den Kauf nehmen konnte. Die Augen, deren Leuchten er auch in der heißen Arbeit der letzten Monate nicht ganz vergessen hatte. Und nach dem Klöhnen mit dem alten Knaben am Immenzaun erschien ihm ein kleiner Schnack mit dem mundfertigen jungen Ding gar nicht so unangenehm. Er arbeitete sich also ins Gebüsch hinein. Als er die Lichtung gewonnen hatte, fand er Karo, wie er sich an das junge Mädchen geschmiegt hatte. Aber sie saß tief über ein Buch gebeugt, ohne dem Hunde und seinem herankommenden Herrn Beachtung zu schenken. Hinrich machte verwunderte Augen. Dann wandte er sich an den Hund: »So'n Alllerweltsfreund bist du, Karo? Ach ja, das haben wir ja neulich hier gelernt, Mongami ist französisch und heißt auf deutsch: Mein Freund.« Karo leckte sich verlegen ums Maul. Seine spröde Freundin beugte sich noch tiefer über ihr Buch. »Komm, Karo, wollen nicht länger stören, hier ist man für uns beide nicht zu Hause,« sagte er befremdet. Der Hund schien aber keine Lust zu haben, das lauschige Plätzchen zu verlassen. Er legte dem Mädchen treuherzig die Pfote auf den Schoß. Da gab sie ihm, ohne aufzublicken, die Hand und sagte schmeichelnd: »Gutes Tier, ja, ihr Hunde seit viel bessere Freunde als die Menschen.« »Wieso?« fragte Hinrich keck. Er bekam keine Antwort. »Wie meinen Sie das?« fragte er noch einmal. Nun warf sie ihm von unten herauf einen kurzen, drohenden Blick zu und sagte grollend: »Die Hunde sind nicht schadenfroh. Die lachen einen im Unglück nicht aus.« »Tun das die Menschen denn?« fragte er verwundert. »Ja, gewisse Menschen tun das. Und das will ich Ihnen man sagen, Sie sind einer von den Schlimmsten.« Wieder bekam er einen Blick. Potztausend, wie konnten ihre Augen blitzen! »Aber Fräulein, was habe ich Ihnen denn bloß getan?« fragte er beinahe ängstlich. »Soo? Nun tun Sie auch noch, als ob Sie das nicht mehr wüßten?« fragte sie, ihn scharf ansehend. »Ich weiß es wirklich nicht,« versicherte er ehrlich. »Wie ich da neulich Heu auflud, und, weil August so ungeschickt fuhr, das Unglück hatte, und wie Sie mich da vor allen Leuten ausgelacht haben – das wissen Sie nicht mehr?« »Ach so, die Geschichte meinen Sie ...« sagte Hinrich erleichtert, und ein Lächeln huschte über seine Züge. »Und ich will Ihnen auch ganz genau sagen,« fuhr sie erregt fort, »wie ich darüber denke. Einen Menschen im Unglück auslachen, das finde ich herzlos, und ein junges Mädchen im Unglück verhöhnen, das ist in meinen Augen roh, das ist gemein!« Hinrich wußte nicht, sollte er zu diesem Überfall ein vergnügtes oder zerknirschtes Gesicht machen. Er versuchte das letztere. Aber es mußte ihm wohl nicht recht gelingen, denn sein Gegenüber sagte in hellem Zorn: »Was? Und dabei lachen Sie noch?« Hinrich biß sich auf die Zunge, um sich zu einem ernsthafteren Gesicht zu zwingen, und die kleine Strafpredigerin fuhr mit ihrer Strafpredigt fort: »Ich habe mir damals vorgenommen, nie wieder hierherzukommen, und ich ärgere mich, daß ich's heute nachmittag doch mal wieder getan habe. Aber es ist ganz gut so. Nun wissen Sie wenigstens, wie ich über Sie denke. So, nun würden Sie mir einen Gefallen tun, wenn Sie sich entfernen wollten.« »Ich meinte, mir wären hier in meinem Revier,« sagte Hinrich, dem die Sache allmählich etwas zu bunt wurde. »Gut, dann gehe ich,« sagte sie schnell und raffte ihr Kleid zusammen, um sich zu erheben. Aber er bat dringend: »Bitte einen Augenblick noch, dass ich auch mal zu Worte komme!« »Na, was haben Sie denn noch dagegen zu sagen?« fragte sie, sitzenbleibend und ihn kampfbereit ansehend. »Ich darf mich dabei wohl setzen,« sagte er ruhig und ließ sich auf einen Busch blühender Heide nieder. »Müssen Sie sich gerade auf die schönen Blüten setzen?« fragte sie. »Oh, das schadet der Heide nichts,« meinte er. »Und meiner Sonntagshose auch nicht,« fügte er lachend hinzu. Der empörte, entsetzte Blick, den er bekam, veranlaßte ihn aber doch, zur Seite zu rücken, so daß die Sträucher sich wieder aufrichten konnten. »Was ich man sagen wollte, Fräulein, es ist mal in der Welt so, daß jeder, der was lernen will, Lehrgeld bezahlen muß. Und als Sie neulich mit Ihrem Fuder Heu koppheistergingen, das war Ihr Lehrgeld. Und wenn die Lehrjungens Dummheiten machen und Lehrgeld bezahlen, das macht den Gesellen, die schon mehr können, immer Spaß. wenn die Rekruten bei uns in der Reitbahn in den Sand flogen, lachten wir alten Kerls uns 'n Ast. Als neulich unser Hofjunge das Radfahren lernen wollte und direktemang in die Werle segelte, hatten wir n' Spaß, der 'n Daler wert war. Es ist ja am Ende nicht schön, aber so'n büschen Schadenfreude steckt in den Menschen nun einmal drin.« »Aber die Schadenfreude ist etwas Gemeines,« unterbrach sie heftig. »Ein Mensch, der nur eine Spur von Taktgefühl und Herzensbildung hat, wird sich nie über den Schaden seines Mitmenschen freuen.« »Soo, na ja... Fräulein, ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein feines junges Mädchen, das hatte viele schöne Gedichte gelesen und konnte Französisch und wußte von Windthorst und war überhaupt so klug, daß es Gras wachsen hören konnte. Dieses feine Fräulein traf nun einmal so per Zufall im Busch einen dummen Bauernjungen, der von all dem gar nichts wußte. Nee, da hat sie gar nicht so'n büschen in sich hineingegnickert, da hat sie sich gar nicht gefreut, daß sie so klug war und der andere so'n Dummerjahn. Nee, das hat sie nicht getan... Das wäre ja auch so 'ne Schadenfreude gewesen und die wäre gemein, ungebildet gewesen ...« * Das Mädchen hörte ihm bestürzt zu und zerzupfte nervös einige Moospflänzchen. Plötzlich sprang sie auf, zerdrückte eine Träne in den Augen und rief: »Sie sind ein ganz unausstehlicher Mensch.« Dann bog sie das Gebüsch auseinander, um das Weite zu suchen. Aber Hinrich rief: »Karo, paß auf!« Und Karo stellte sich ihr in den Weg und zeigte seine weißen Zähne. »Es ist abscheulich,« sagte sie mit einer Stimme, in der Zorn und Weinen kämpften, »seinen Hund auf ein schutzloses Mädchen zu Hetzen. Pfui!« Der junge Mann sah sie bewundernd an. Je zorniger, desto schöner wurde sie. »Dor stickt Rasse in,« dachte er. »Der Hund soll Ihnen gar nichts tun,« sagte er. »Sie sollen mir nur nicht weglaufen, bis wir die Sache vernünftig zu Ende gesprochen haben.« »Was Sie mir noch sagen wollen, ist mir so egal, als wenn Ihr Hund kläfft,« sagte sie und schnippte mit dem Finger. »Aber hören sollen Sie's nun!« »Na, dann reden Sie los, aber kurz,« sagte sie, indem sie trotzig den Hacken in den Sand bohrte. »Ich habe mich neulich, als wir im Heu waren, gewundert und gefreut, daß Sie so fest zupackten bei der Arbeit, die Sie noch niemals getan hatten. Ja, ich hab's wohl gesehen, das war keine Spielerei aus Langerweile, das war Arbeiten , da saß Zug in. Da dachte ich in meinem Sinn: Kuck einer an, sie kann doch noch was anderes als so'n büschen Französisch und Gedichte und Geschichte; wenn sie's erst kennt, nimmt sie es mit mancher Deern auf. Das habe ich gedacht.« Er warf einen prüfenden Blick nach seinem Gegenüber. Dort brach durch die Regen- und Gewitterwolken schon ein klein wenig Sonnenschein hindurch. »Hier im Busch sitzen und schwärmen,« fuhr Hinrich fort, »an den Blumen riechen und sich von den Vögeln was vorflöten lassen, habe ich nichts gegen, ist ja ab und an mal ganz schön. Aber jeden Tag und den ganzen Sommer durch, wo alle ordentlichen Menschen sich quälen – nehmen Sie das nicht für ungut –, ich für mein Part kann vor einem Frauenzimmer, das nichts anderes sinnt und denkt, keine Achtung haben. Neulich hatten wir ja das Dingschen vor, von Goethe war's ja woll: Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Fräulein, wenn wir das alle immer so machen wollten, dann müßten wir alle verhungern. Nee, arbeiten soll der Mensch... Ich bin eben in unserem Immenstand gewesen. Die kleinen Immen sind heute mächtig fleißig, wie'n Blitz geht's immer durch die Luft. Aber nicht alle wollen sie arbeiten. Was die Drohnen sind, die wollen wohl schwärmen, mal hierhin fliegen und da an einer Blume riechen, aber arbeiten, sammeln für den Winter, das wollen sie nicht. Darum sagen denn ja auch nachher, was die rechten Immen sind: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen, reiten eine scharfe Attacke und stechen sie mit ihren Lanzen alle tot. Sehen sie, Fräulein, darum habe ich mich gefreut, daß Sie keine Drohne, sondern eine Imme sein wollen. Aber die jungen Immen müssen das Arbeiten auch erst lernen. Wenn sie just erst aus den Waben gekrochen sind, schafft's noch nicht viel. Aber die lüttjen Dinger werden nicht müde, und bald haben sie's weg, wenn'r nur die rechte Art in steckt. Und so ist's mit uns Menschenkindern auch. Es fällt kein Meister vom Himmel. Aber wenn'r nur die rechte Art in steckt, denn wird zuletzt der dümmste Lehrjunge ein Meister und der dämlichste Rekrut ein Gefreiter. Nun kommt ja bald das Etgro, das Nachgras heißt das ja woll auf hochdeutsch. Und dann fassen sie man immer feste mit an! Allein können's die schönen Maschinen, die Ihr Papa sich angeschafft hat, doch nicht machen. Und denn packen Sie immer rechts und links umschichtig und stopfen's mit Händen und Füßen gut weg. Und denn können Sie sich dreist obenaufsetzen und wie 'ne Königin auf Ihren Hof fahren. Und wenn ich's just zu sehen kriege, will ich meine Mütze abnehmen und sagen: »Bravo!« Das junge Mädchen hatte sich während seiner langen Rede völlig beruhigt. Als er geschlossen hatte, sagte sie schelmisch: »Ich glaube, Herr Lohmann, Sie könnten junges Volk, das noch nichts versteht, gut anlernen.« »Nee,« meinte er, »dazu bin ich nach zu jung und mache selbst noch manchen Pudel. Vater muß noch oft mit seinem Verstand aushelfen. Aber Sie haben ja den allerbesten Lehrmeister, Ihren Papa. Der hat viel mehr gelernt als unsereiner. Bei uns Bauern geht das immer so weiter, wie's von Urgroßvaters Zeiten gewesen ist.« »Ganz gewiß,« erwiderte das Mädchen mit Überzeugung, »mein Papa ist ein tüchtiger Landwirt. Er hat dicke Bücher und liest viel darin, und er versucht manches, was noch kein Mensch probiert hat. Aber ob er ein guter Lehrmeister ist? Nein, offen gestanden, das glaube ich nicht. Er bedenkt nicht, wie schrecklich wenig ein junges Mädchen, das immer in der Stadt auf Schulen und in Pension gewesen ist, von allen diesen landwirtschaftlichen Dingen versteht. Darum ist er immer kurz angebunden und wird leicht ungeduldig, wenn man ihn so viel fragt.« »Aber denn haben Sie ja die Haushälterin.« »Ach ja, Frau Wacker ist ja eine tüchtige Person, sauber und pünktlich, und quälen tut sie sich vom Morgen bis zum Abend. Papa meint, sie ist ein Juwel von einer Haushälterin, und das mag sie in manchen Stücken ja auch wohl sein. Aber die Leute nennen sie unter sich immer nur den Drachen, und ein Drache ist sie auch. Sie fährt dazwischen wie ein Ungewitter, und auf ein paar Ohrfeigen für die Mädchen kommt's ihr gar nicht an. Papa sagt immer, ich sollte nur immer folgsam sein und gut aufpassen, ich konnte viel bei ihr lernen. Das mag ja auch wohl sein. Aber es ist ein saures Lernen, wenn ich mal was verkehrt mache, kriegt sie gleich einen roten Kopf und braucht Worte, die ich gar nicht in den Mund nehmen mag. Abends, wenn ich zu Bett gehe, setze ich mich manchmal noch eine halbe Stunde vors Fenster und weine mich satt.« Auch jetzt in der Erinnerung schimmerten ihre Augen feucht. »Na, Fräulein,« sagte Hinrich treuherzig, »nun weinen sie man nicht, das mag ich gar nicht gern sehen.« Nach einer Weile sagte er munter: »Ich will Ihnen mal was sagen, was Sie da jetzt durchmachen, das ist für Sie dasselbe, was für uns junge Kerls die Kommißszeit ist. Und das erste Jahr, die Rekrutenzeit, ist immer das schlimmste. Aber dat is man'n Öwergang, sä de Voß, da treckten se em dat Fell öwer de Ohren. Nachher, wenn einer seinen Dienst kann, ist das Ganze ein Kinderspiel. Als ich zuerst nach Hannover kam, kriegte mich der schlimmste Leuteschinder im ganzen Regiment zwischen die Finger. Ich sage Ihnen, gegen diesen Hund ist Ihr Drache ganz gewiß der reine Engel. Na, da sitze ich einmal eines Abends auf meinem Schemel in der Kaserne, den ganzen Tag hatte mich der Kerl geschunden, und wie ich da an Muttern denke und den Lohhof, und wie sie da nun wohl so gemütlich in der Dönze zusammensitzen und die Frauensleute spinnen und Vater schmökt die Pfeife, da läuft mir in den Augen das Nasse zusammen. Aber auf einmal fliegt mir ein Stiebel an den Kopp, und ein alter Kerl, der schon zwei Jahre herum hatte, sagt: ›Biste 'n old Wief oder biste 'n Königsulan?‹ Und nachher, als die anderen auf der Stube alle schliefen und ich gar nicht einschlafen konnte und mich immer wieder auf die andere Seite drehte, da kam er an mein Bett heran – es war einer aus unserer Gegend und hat neulich schon gefreit – und sagte: ›Hinnerk,‹ sagt er, ›hol de Ohren stief! Wat düsse verdammten Keerls di ok utschimpt und rankriegt, du mußt jümmer denken: den Puckel rup, den Puckel hendal! Du mußt di jümmer seggen: Dree Jahre sünd bald herum, und denn bin ick'n groten Bur, und ji möt jo wieder schinnen, bet ji mal'n Platz as Schriewer oder Schandarm oder so wat kriegt.‹ Und so habe ich das denn auch gemacht, und geflennt Hab' ich gar nicht wieder. Nun sind die drei Jahre ja längst herum, und es ist doch eine schöne Zeit gewesen, die Ulanenzeit? die gibt Stahl ins Blut, und dummer bin ich auch nicht wieder nach Muttern gekommen. Aber was ich man sagen wollte: Fräulein, halten Sie die Ohren steif! Weinen müssen Sie nicht zuviel, wenn Ihnen dafür auch keiner 'n Stiebel an den Kopf schmeißt. Da werden Sie bloß häßlich von, und das wäre schade. Denn, wie ein Einjähriger in meiner Schwadron mal sagte: ›Häßlichkeit entstellet immer, selbst das schönste Frauenzimmer.‹ Sie müssen immer denken wie ich als Rekrut: den Puckel rauf, den Puckel runter. Wenn diese Lernzeit rum ist, dann bin ich auch was, und du olle Schraube bleibst, was de bist. Es ist man'n Übergang, und das Fell kostet's noch nicht mal wie bei dem Fuchs ...« Das junge Mädchen hatte mit sehr gemischten Gefühlen zugehört. Eigentlich fand sie es unpassend, daß er so kommißmäßig zu ihr sprach, und einige Male war sie im Begriff, sich diesen Kasernenton zu verbitten. Aber unter dem Blicke seiner treuherzigen Augen hatte sie es nicht fertiggebracht. Er meinte es jedenfalls gut, und so ganz unrecht hatte er am Ende auch nicht. »Ja,« sagte sie, als er geschlossen hatte, nachdenklich, »bei euch Männern mag das wohl sein. Aber wir sind das schwächere Geschlecht, wir können verlangen, etwas zarter angefaßt zu werden.« »Ach wat, Schnickschnack,« lachte der junge Bauer, »so schwach seid ihr gar nicht. Ihr brecht auch nicht gleich kaput, wenn euch mal einer ohne Handschuhe anfaßt, wenn eine als Frau nachher fest zufassen soll, – und die das nicht können, die sollen sich man in Watte packen und in den Glasschrank setzen lassen – denn muß sie in ihren jugendlichen Jahren auch mal fest angefaßt sein. Bloß mit Eia popeia, min söte Kind, und mit schönen Gedichten und'n büschen Französisch wird keiner ein rejaliges Menschenkind, wir Kerls nicht, und ihr Deerns und Fräuleins auch nicht.« »Sie reden ja heute wie 'n Buch,« sagte das junge Mädchen verwundert. »Na, über so öwerkröppsche überspannte Lachen wie neulich sprechen wir heute ja auch nicht. Das sind ja ganz einfache Geschichten, die einer von seiner Mutter mitkriegt.« »Ja, ja. 3ie haben noch eine Mutter,« sagte sie, plötzlich in einen ganz ernsten Ton verfallend. »Ja, Gott sei Dank, und die will ich auch noch lange, lange behalten,« sagte Hinrich froh. »Ich habe keine Mutter mehr,« erwiderte das Mädchen leise. Und dann fortfahrend, wie für sich: »Ja, wenn man noch eine Mutter hätte und könnte abends den Kopf an ihre Brust legen und ihr sagen, was einen drückt, und sie legte dann die warme, weiche Hand einem aufs Haar und streichelte so leise darüber hin und sagte: Nun weine man nicht, liebes Kind. – – Ich habe das auch einmal gehabt, aber zwei Jahre ist das nun vorbei. – – Wer keine Mutter mehr hat, der ist ganz verlassen auf der Welt. – Mit den Vätern ist das ganz anders. Die sagen einfach: stell' dich nicht so an, hab' dich man nicht! Die verstehen einen nicht, wenigstens nicht uns Mädchen.« Hinrich sah sie mit warmer Teilnahme an. Ja, diese Tränen verstand er. Wenn er daran dachte, wie er es ohne seine gute Mutter aushalten sollte, die ihn so gut verstand, die immer mit ihrem warmen Herzen so treu zwischen dem harten Kopf seines Vaters und seinem, der auch nicht weich war, vermittelte, – er mochte gar nicht daran denken ... was konnte er nur sagen, um das arme, mutterlose Kind zu trösten? Soldatengeschichten gehörten hier nicht her. Sollte er sie hinweisen auf den Herrgott, der keinen guten Deutschen verläßt? Vielleicht hätte er es getan, wenn ihm nicht plötzlich etwas eingefallen wäre, was ihm noch besser gefiel. »Fräulein,« sagte er treuherzig, »ich möchte woll, daß Sie meine Mutter mal besuchten.« Sie sah ihn verwundert an. »Meinen Sie das im Ernst? Dürfte ich das wohl mal?« »Warum denn nicht? Wir sind doch Nachbarn.« »Ja, aber keine guten Nachbarn, glaube ich. Mein Papa hält nicht viel auf Ihren Papa.« »Und mein Vater noch weniger auf Ihren Vater,« fuhr Hinrich lächelnd fort. »Der eine ist ein altmodischer, der andere ein Neumodischer, der eine ist ein platter Bauer, der andere ein gelernter Ökonom, der eine ist ein Welf, der andere ein Liberaler.« »Ja, wie kann aber Ihr Vater auch bloß noch ein Welf sein!« sagte das junge Mädchen, das die Partei ihres Vaters ergreifen zu müssen glaubte. »Na,« meinte Hinrich ablenkend, »diese alten Geschichten wollen wir heute man lassen, von diesen Dingen haben wir beide noch zu wenig Ahnung. was Sie da neulich sagten von Windthorst und von Katholischmachen, hatte auch wohl nicht ganz seine Richtigkeit, wie ich mir nachher man überlegt habe. Das wollen wir ruhig für die Alten lassen, und wenn die sich dabei nicht vertragen können, müssen sie's bleiben lassen. Aber ich meine, wir Jungen haben bis jetzt doch immer ziemlich gute Nachbarschaft gehalten, und das könnt ihr Frauen gewiß noch besser.« »Aber Ihr Vater? wird der mich auch nicht hinauswerfen?« fragte das junge Mädchen, dem die Sache sonst wohl einzuleuchten schien, noch immer etwas bedenklich. »Nee, Fräulein, so'n Grobian ist Vater nicht, wer in unser Haus tritt, wird als Gast ordentlich behandelt, wenn's nicht gerade ein zerlumpter Reisender von der Straße ist. Und was das beste ist, Vater ist morgen überhaupt nicht zu Hause. Er muß für einige Tage nach Celle zum Schwurgericht. Wollen Sie meine Mutter morgen nachmittag besuchen?« »Ja, wollen mal sehen,« sagte das Mädchen zögernd. »Aber zu sagen brauchen Sie ihr vorher nichts davon,« fügte sie, noch immer unsicher, hinzu. »Nein, das sieht Mutter ja früh genug, wenn Sie da sind. Denn kommen Sie man. Es ist ja nicht Ihre Mutter, aber doch 'ne Mutter, und ich glaube, was gute Mütter sind, die sind beinahe alle überein. Sie brauchen ihr aber nicht just zu sagen, daß wir dies miteinander ausgeheckt haben. Aber sonst können Sie ihr alles ruhig sagen, was Sie wollen. Sie sagt's keinem Menschen wieder, nicht mal mir.« »Ja, denn will ich kommen, Herr Lohmann,« sagte das Mädchen entschlossen, »jetzt muß ich aber machen, daß ich nach Hause komme. Sonst macht Frau Wacker wieder Skandal. Aber bang bin ich heute nicht.« Sie stand auf und reichte Hinrich die Hand zum Abschied. Es war das erstemal, daß er das kleine, zarte, schmale Ding in seiner breiten, braunen Bauernhand hatte. Dann schlüpfte sie durch das Gebüsch. Hinrich sah, wie die Zweige sich schlossen, wie ihre Gestalt in der grünen Dämmerung verschwand, und hörte, wie ihr leichter Schritt sich schnell entfernte. Er setzte sich wieder und schüttelte den Kopf. Nein, diese Kinderhand, die er eben in seiner Hand gehabt hatte, würde es wohl nie lernen, fest zuzufassen. Die war, wie es schien, nur fürs Blumenpflücken und häkeln gemacht, was hatte dagegen das Gretschen vom Dierkshof, das seine Eltern so sehr lobten und das überhaupt eine ansehnliche Person war, für Hände! Wenn die mit ihren beiden Händen einmal in den Schrotsack griff, um den Schweinen von dem Gerstenschrot zuzumessen, mußte diese von der Nachbarschaft sicher dreimal hineinlangen. Und nun fiel's ihm ein, geradeso klein wie die Hände waren auch ihre Füße gewesen. In dem Lande hatte sich eine ihrer Fußspuren deutlich abgedrückt. Nicht mal eine Spanne lang. Das Gretschen lebte auf einem doppelt so großen Fuße zum mindesten. Aber einerlei, Rasse hatte sie doch. Und heute hatte sie ihm ganz gut gefallen, viel besser als das erstemal. Ihre Weisheit hatte sie diesmal mehr für sich behalten. Neulich war er mit dem unbehaglichen Gefühl davongegangen, daß er doch man ein dummer Junge wäre und sie sich über ihn lustig gemacht hätte, heute sagte ihm eine Stimme: »Hinnerk Lohmann, du bist doch 'n ganzer Kerl! Wie fein hast du die sperrige, fauchende kleine Wildkatze zahm gemacht! Die hat's heute mal gemerkt, daß der Mensch nicht erst beim Gutsbesitzer anfängt, und daß einer auch ohne Französisch und hohe Schulen ein ganzer Kerl sein kann.« Und morgen wollte sie ja nun auch nach Lohe kommen, Hinrich kratzte sich hinterm Ohr. Wenn sie mit dieser Verabredung nur keine Dummheit gemacht hatten! Aber womit hätte er sonst das um die tote Mutter weinende Mädchen trösten sollen? Na, Vater war ja dann verreist, und Mutter würde schon den rechten Dreh mit der Sache kriegen. Dann konnte das arme Ding sich mal ordentlich aussprechen. Heute hatte sie das ja auch schon getan, aber mit Mutter konnte sie das ja noch viel besser. Mit sich selbst und dem Verlauf dieses Sonntagnachmittags sehr zufrieden, zog Hinrich seinen Tabaksbeutel aus der Tasche, stopfte sich ein Pfeifchen und schritt selbstbewußt, mächtige Rauchwolken vor sich herstoßend, dem väterlichen Gehöfte zu. Die untergehende Sonne warf ihre schrägen Strahlen durch den Wald, und sein gewaltiger Schatten spazierte zwischen den rotleuchtenden Fuhren vor ihm her. Als er durch das Tor trat, sagte er sich: »Morgen geht sie hier durch.« Einen ausgedienten Holzschuh, der sich dort herumtrieb, nahm er auf und warf ihn mit mächtigem Schwung in den Wald. Er ließ seine Blicke über den großen, schönen Hof und die stattlichen Gebäude schweifen, was würde sie für Augen machen, wenn sie das alles zu sehen kriegte! Hof Lohe brauchte sich solchen Besuches nicht zu schämen. Er mußte diesen Abend immer wieder das gute Mütterlein ansehen. Wie glücklich war er, daß er die noch hatte! Wie würde sie sich wundern, daß er solche Mutter hatte! – Als Hinrich am andern Morgen seinen Vater zur Bahn fuhr, sagte dieser: »So, min Jung, düsse Wäk bist du nu Bur. Paß god up und hol allens god in Ordnung!« »Ja, Vader, dar kannst du di up vertaten.« »Und wenn de Swineupköper kummt und will unse Faselswien köpen, unner twintig Daler geiht keen Stück weg. De Swien sünd upstunns god in pries.« »Ick weet, ick weet, Vader, bat wöt wi woll kriegen.« »Und wenn du mal nich Bescheed weeßt, denn frag Muddern man,« fuhr der Alte fort. »Ja, ja,« sagte der Junge etwas ungeduldig, »Mudder is'r ja, und ick bin doch ok keen dumme Jung mehr.« »Jao, dat seggst du woll, abers junge Lüe sünd man jümmer wat kort van Gedanken ...« Als Hinrich sein Gefährt wieder auf den Hof lenkte, strich er mit Behagen seinen Schnurrbart in die Höhe. Es war doch ein stolzes Gefühl, als Bauer, der das Kommando in Händen hat, auf den Hof zu traben. Es war ihm beinahe auffällig, daß der ihm begegnende Häuslingsjunge nicht die Mütze vor ihm zog. Mit den Augen des Mannes, der die volle Verantwortlichkeit fühlt, sah er sich um. Ja, ein schöner Hof war's doch nur einmal, der Hof seiner Väter und sein Erbe. Delmsloh, das er vorhin von der Straße aus scharf ins Auge gefaßt hatte, konnte sich längst nicht mit Lohe messen – mit diesem breiten Bauernhause, diesen Speichern und Ställen, die alle aus Eichenkernholz gebaut waren. Aber sein prüfendes Auge entdeckte auch einiges, was ihm nicht gefiel. Der Düngerhaufen vor den Türen des Kuhstalls war gar zu unordentlich und polterig, an den Rändern scharrten die Hühner den wertvollen Mist auseinander. Das mußte anders werden. Der Haufen mußte rechteckig werden mit senkrechten Wänden. Dann hielt die Gare besser zusammen, und die Hühner konnten nicht schaden. Gedacht, getan. Er rief einige der Leute herbei und gab die nötigen Anweisungen. Als er den Rücken gewandt hatte, hörte er, wie sie lachten und sich zuflüsterten: »He will sich upspälen.« Aber er ließ sich nichts merken. Auch das Holzlager an der Scheune gefiel ihm nicht. Kernholz und Spricker lagen durcheinander, und das schon zerkleinerte Holz bildete einen wüsten Haufen. Als die Leute den Düngerhaufen aufgesetzt hatten, erwartete sie hier neue Arbeit, die der junge Bauer schon in Angriff genommen hatte. Das gröbere Holz und die Spricker sollten gesondert und die Scheite zu einer kunstvollen Pyramide aufgeschichtet werden. Die Leute machten lange Gesichter, als Hinrich diesen Befehl gab. Fieke, die Großmagd, aber stemmte die kräftigen Arme in die Seiten, sah ihn keck an und sagte: »Segg mal, Hinnerk, wat schall düt Spellwark? Kummt de Kaiser vandag heute to Besök?« »Hol din Mul, Fieke, und do, wat di seggt ward! Ick will Ordnung up den Hoff hewwen!« sagte Hinrich in einem Tone und mit einem Blick, der keinen weiteren Widerspruch zuließ. Am meisten amüsierten sich die Leute aber darüber, daß der Hofjunge alle Andenken, die die Kühe beim Austreiben in die Weide auf dem Hofe zurückgelassen hatten, sorgsam auf die Karre laden und oben auf den Düngerhaufen werfen mußte. Fieke rieb sich mit dem Holzstück, mit dem sie auf den Jungen gewiesen hatte, sehr nachdenklich die Stirn, was bei den anderen große Heiterkeit erweckte. Der junge Bauer legte die Arme ineinander und blickte noch einmal prüfend über den gesäuberten Hof. Ja, jetzt konnte der sich sehen lassen. Nun brauchte er sich nicht zu schämen, wenn am Nachmittag der feine Besuch kam. Als er zum Mittagessen über die große Diele ging, entdeckte sein scharfes Auge auch hier mancherlei, was ihm nicht nach der Mütze war. Aber dies war ja das Gebiet seiner Mutter, und ihr konnte er nicht gut dreinreden. Als er zufällig aus dem Fenster der Stube blickte, sah er drüben auf der Landstraße die unverkennbare Gestalt des Pastors von Wiechel dahinschreiten. »Mudder,« sagte er, »dar loppt unse Herr Pastor. He hett kortens to Vader seggt, he woll us nahsten mal besöken. Et kann wän, dat he vandag noch vörspräken deiht. Heww di dar man 'n bäten up!« »Jo, Hinrich, is man god, dat du em wies worrn bist,« sagte Mutter Lohmann ganz aufgeregt. »De Deerns schöt mi glieks helpen, dat wi dat Hus man rein kriegt.« Gleich nach dem Essen mußten die Mädchen das ganze Haus fegen, das Flett mit weißem Sand bestreuen, die Messingteile am Herd blank putzen, Jagd auf Spinngewebe machen usw. »Ick glöw würklich, de Kaiser kummt,« brummte Fieke. Da sagte eine andere, die es von der Frau gehört hatte, der Pastor käme heute nachmittag. »Dat is wat anners,« meinte Fieke und war nun, wo sie einen vernünftigen Grund und Zweck einsah, die fleißigste von allen. Mutter Lohmann sah nach den Vorräten an Kaffeebrötchen und Zwiebäcken, die sie, wie Fritz Reuter seine Pomuchelkoppsche, in dem sauberen Wäscheschrank aufbewahrte, und die deshalb ebenfalls einen leichten Geschmack von grüner Seife anzunehmen pflegten. Dann stieg sie auf den Speicher und wählte eine Prachtscheibe goldgelben Honigs aus. Endlich ging sie in ihre Kammer, um sich empfangsbereit zu machen. Sie zog nicht gerade eines der besten Kleider an, – das hätte zu gemacht ausgesehen. Ein sauberes blaues Hauskleid mit weißen Tupfen war in diesem Falle das richtige. Die allerletzte dieser einstweiligen Vorbereitungen war, daß sie in der guten Stube die Prachtbibel, die ihr einmal ein hausierender Taugenichts für einen unglaublichen Preis angeschnackt hatte, aus der Schutzhülle nahm und so hinlegte, daß die großen goldenen Buchstaben des Deckels dem Herrn Pastor recht in die Augen leuchten mußten. Hinrich rieb sich vor Vergnügen die Hände, als er sah, wie eifrig das Haus sich rüstete, seinen Besuch würdig zu empfangen. Die Hauptsache war nun ja, daß der Herr Pastor für dieses Mal glücklich vorbeiging. Denn wenn der auch kam, gab's natürlich eine Unterhaltung zwischen ihm und der Mutter, und die Hauptperson, um deretwillen er Hof und Haus auf den Kopf gestellt hatte, saß stumm dabei. – Er ging nun in seine Kammer, um auch sich selbst fein zu machen. Als er wieder erschien, war das Schnurrbärtchen kühn nach oben gewirbelt, und über der sauberen Weste hing eine breite Nickelkette mit einem kleinen silbernen Sporn und dem blank polierten Backenzahn eines Pferdes. So begab er sich auf den Hof und nahm eine saubere Beschäftigung vor, indem er die Harken für die nahe zweite Heuernte nachbesserte. Von der Arbeitsstätte, die er sich gewählt hatte, war der Blick auf die Straße und auf den verwachsenen Fußweg nach Delmsloh frei. Sooft er nach der Straße sah, freute er sich, den Herrn Pastor nicht zu sehen, und sooft er den Fußweg entlang blickte, fühlte er eine leichte Enttäuschung, daß die Erwartete noch immer nicht kam. – Mutter Lohmann stand unterdessen am Herd und hielt das Wasser kochend. Die Bohnen lagen in der Kaffeemühle bereit. Die brauchte dann nur schnell einige Male umgedreht zu werden. Die Uhr in der Stube schlug vier. Wenn er heute doch bloß käme, es war alles so schön in Ordnung. Als er im letzten Herbst vorgesprochen hatte, war er gerade in die Wursterei hineingefallen. – Da, horch, Fußtritte auf den Steinfließen vor der Belangendör Seitentür – Das muß er sein. Ein langes, umständliches Fußreinigen – er ist es sicher, unserer Art Leute machen nicht so viele Umstände. »Gon Dag ok, Herr Pestohr, dat is mal schön, dat Se uns ok mal besökt,« nimmt Mutter Lohmann auf ihre Zunge. Die Tür wird geöffnet, aber, was ist das? keine schwarze Gestalt, sondern eine rote füllt ihren Rahmen, und ein feines junges Mädchen tritt in das Flett. Die gute Frau am Herde denkt in ihrem Schreck zuerst an des Pastors Tochter, aber die kennt sie ja, die ist größer und breiter. Sie steht ratlos, und in ihrer Ratlosigkeit hebt sie den Deckel von dem Wasserkessel und setzt ihn wieder auf. Aber das junge Mädchen ist herangekommen, hat ihre von dem aufströmenden Dampf feuchte Hand ergriffen, ehe sie in der Schürze getrocknet werden konnte, und sagt etwas befangen: »Liebe Frau Lohmann, ich heiße Else Riewitz und bin die Tochter von Ihrem Nachbarn in Delmsloh.« »Und ... womit ... kann ick Se deenen?« brachte die Frau stockend heraus. »Oh, ich wollte eigentlich nichts,« sagte das Mädchen, durch die Frage peinlich berührt. »Ich wollte bloß eben mal auf der Nachbarschaft guten Tag sagen.« »Gon Dag ok,« sagte Frau Lohmann, der es einfiel, daß sie in ihrer Überraschung den Gruß noch schuldig geblieben war. Nun standen sie stumm und verlegen nebeneinander am Herde. Endlich brachte der überkochende Wasserkessel Mutter Lohmann auf einen guten Gedanken: »Kamen Se rin in de Stuw', Se schöt 'n Tass' Kaffee utdrinken.« Sie führte das Mädchen in das beste Zimmer und nötigte es in das Sofa, dessen Sprungfedern trotz des leichten Gewichts bedenklich knackten. Dann ging sie ohne weitere Förmlichkeiten wieder hinaus. Die Besucherin sah ihr enttäuscht nach. Das also war Hinrichs Mutter! – Sie mochte ja eine herzensgute Frau sein, aber Lebensart hatte sie nicht viel. Eine peinliche Geschichte, dieser Besuch! Wenn sie nur erst ihre Tasse Kaffee ausgetrunken hätte und wieder draußen wäre! Sie fing an, sich im Zimmer umzusehen. Unter den Bildern an den Wänden fesselte ihre Aufmerksamkeit vor allem das eingerahmte Bildnis eines mit eingelegter Lanze erstaunlich kühn dahersprengenden blauen Ulanen. Die gestreckten Vorder- und Hinterbeine des Pferdes bildeten mit dem Bauch eine gerade Linie. Ach, das war gewiß ihr Bekannter aus dem Walde, und sie schlich auf den Zehen hinzu, um das Bild genauer zu sehen. Da entdeckte sie, daß das Ganze ein Buntdruck war, dem der photographierte und mit kirschroten Backen bemalte Kopf nur aufgeklebt war, und der gutmütige Ausdruck des voll dem Beschauer zugekehrten Gesichts schien dem verzweifelt heldenhaften Gebaren des Rumpfes wenig angemessen zu sein. Sie lächelte und rümpfte schnippisch das Näschen, was für eine Geschmacklosigkeit, solch ein Dings sich in die beste Stube zu hängen! Überhaupt, wie wenig Geschmack zeigte der Schmuck des Zimmers! Sie suchte mit den Augen, fand aber kein Stück, das irgendwie ihren Blick an sich gezogen hätte. Von alter Bauernkunst, über die sie in einem Jahrgang der Zeitschrift »Niedersachsen« einmal gelesen hatte, keine Spur! Frau Lohmann stieg durch diese Betrachtung ihrer Besuchsstube nicht in der Achtung des Gastes. Aber es schien, als ab sie draußen mit dem Bereiten des Kaffees allmählich fertig würde, und das junge Mädchen schlich an ihren Platz zurück. Eben, als die Sprungfedern wieder knackten, knarrte auch die Tür, und die Frau trat ein, auf dem Präsentierbrett eine Schüssel mit Backwerk, Teller mit Butter und Honig, die Kaffeekanne und eine einzelne Tasse tragend. Nachdem sie diese vollgeschenkt und zum Zulangen genötigt hatte, blieb sie, die Hand auf dem Topfdeckel, aufwartend neben dem Tische stehen. »Aber, beste Frau Lohmann, wenn ich durchaus eine Tasse Kaffee trinken soll, dann müssen Sie doch eine mittrinken.« »Nee, nee,« sagte die andere, »ich kann genug nachher trinken.« »Dann trinke ich auch nicht,« erklärte der Gast, sich unwillig im Sofa zurücklehnend. Da endlich holte Frau Lohmann sich eine Tasse, und endlich, nachdem sie zuerst darauf bestanden hatte, daß sie auf einem Stuhl Platz nehmen wollte, saßen die beiden nebeneinander im Sofa, das Rosakleid aus Musseline neben dem blauen Nesselkleid, das zarte weiße Gesicht neben dem braunen runzeligen, und zwischen ihnen quälte sich schleppend, von Pausen und Verlegenheitsräuspern unterbrochen, ein Gespräch über das Wetter, über die Ernte und über eine vielerörterte Einbruchsgeschichte, die in Wiechel passiert war. Frau Lohmann sehnte sich nach ihrem Pastor, Else nach ihrem Drachen, innerlich ergrimmt über Hinrich, der sie in diese peinliche Lage gebracht hatte. * Aber der Kaffee! – er war gut, Mutter Lohmann hatte von den für ihren Pastor berechneten Loten nichts abgeknappt – der tat auch hier wieder einmal Wunder, schon die zweite Tasse brachte das Eis zum Schmelzen, und dann stieg die Atmosphäre mit jedem Schluck um einige Grad Wärme. Eine altmodische, buntgeblümte Kaffeemütze hinderte in der zwiebelgemusterten Kanne die wohltätigen Geister Mokkas am vorzeitigen Entweichen. »Wo gefallt Se dat denn hier in de Lünborger Heide?« fragte Mutter Lohmann. Es war ja auch noch eine der üblichen Fragen, aber sie war doch schon anders gestellt, als vorher die Frage nach dem mutmaßlichen Ertrage der Maggerboners. Magnum bonum, Kartoffelart Und so war denn auch die Temperatur der Antwort viel wärmer. »Oh, ich finde die Heide einfach entzückend, und jetzt blüht sie ja! Die meisten Menschen ahnen gar nicht, was für eine zauberhafte Stimmung auf der bienenumsummten, honigduftenden Heide liegt.« »Jeao, dat seggt unse Scholmester ok jümmer. Aber is dat Se nich mannigmal bannig eensam up Ehren Hoff? Wi alle ründumto sünd ja man platte Buern.« »Gewiß, man lebt hier ja im allgemeinen sehr einsam. Aber ich muß doch sagen, die Leute in dieser Gegend finde ich ganz nett. Man muß sich ja erst an sie gewöhnen, aber ich glaube, die meisten meinen es ganz gut.« »Slechte Lüe giwt't allerwegen und ok in de Heide. Abers, mat ick man seggen woll, de slechste Ort Lüe is dat süssen hier nich. Und ok mit de Deensten heit Ehr vader dat god drapen. Dat is ja hüdiges Dages jümmer de Hauptsack. Den Knecht und dat grote Mäken kenn ick woll. De sünd gor nicht wietloftig und gode Öllern Kind.« »Ja,« pflichtete das junge Mädchen etwas kleinlaut und zögernd bei, »es sind wohl rechtschaffene und fleißige Leute, aber leider haben beide gekündigt.« »Wat? Beide hewwt se den Deenst upseggt?« rief die Frau erschrocken. »Du lewe Gott, dat is 'ne slimme Sack, wenn eener de Deensten nich holen kann ...« Der Tochter schien in den letzten Worten ein Vorwurf gegen ihren Vater zu liegen, deshalb sagte sie schnell, indem sie ihrer Nachbarin die Hand auf den Arm legte: »Frau Lohmann, glauben sie mir, mein Vater ist daran nicht schuld. Es kommt wohl mal vor, daß ihm der Geduldsfaden reißt. Aber sonst ist er gut und gerecht gegen die Leute. Die Schuld liegt nach meiner Ansicht« – hier nahm sie eine sehr altkluge Art zu sprechen an –»erstens an den Leuten selbst, die sehr weitgehende Ansprüche stellen. Das ist aber nicht nur in der Heide so, das ist der Zug der Zeit. Mein Papa findet übrigens, daß die Niedersachsen keine besonders guten Dienstboten sind. Das Gefühl des Standesunterschiedes säße ihnen längst nicht so in den Knochen, wie den Leuten drüben im Osten, wo all die großen Güter sind. Die meisten hätten einen Stolz und Dünkel, als ob sie beinahe ebensoviel wären wie der Herr. Und dann muß ich allerdings auch sagen, unsere Haushälterin könnte manchmal etwas freundlicher und weniger sparsam sein. Die Leute scheinen es hier in der Beköstigung eben viel besser gewohnt zu sein als bei uns im Osten.« »Jajajija,« machte Frau Lohmann und seufzte. »Na, ich hoffe, wir bekommen bescheidene und willige Dienstboten wieder, wenn Sie mal von welchen hören, die Sie uns empfehlen können, schicken Sie sie bitte zu uns! Ich arbeite mich ja nun auch immer mehr in die Wirtschaft ein und werde schon mit dafür sorgen, daß sie es bei uns aushalten können.« »Wi wöt dat Beste höpen,« sagte Mutter Lohmann, aber ihre Worte klangen so wenig hoffnungsfreudig, daß die andere ihr erschreckt ins Gesicht schaute. Als sie die sorgenvollen Züge sah, erschrak sie noch mehr. Aber zugleich entdeckte sie, daß die grauen Augen, die so sorgenvoll auf ihr ruhten, die Augen des Sohnes waren, und diese Entdeckung wurde wieder verdrängt durch eine Erinnerung, die mit einem Male erwachte, die Erinnerung an zwei Augen, die einst auch so voll Sorge sie angeschaut hatten und so voll Wärme und Güte... Die hatte der Tod ja längst geschlossen, aber was einst aus diesen Augen in ihre junge Seele hineingeleuchtet hatte, ja, hier war es wieder... Da nahm das Mädchen die Hand der Frau, ließ eine Träne darauf fallen und sagte in einem Tone, der von der Altklugheit nichts mehr hatte, mit der Stimme des vertrauenden Kindes: »Mutter Lohmann, wenn meine selige Mutter noch lebte, stände es anders bei uns...« Die Frau nahm des Mädchens Hand zwischen ihre Hände – harte, zerarbeitete, rissige Hände waren es, aber dennoch war's dem Kinde, als ob seine Hand weich zwischen Mutterhänden läge – und fragte leise: »Wo lange is dat nu, min lewe Kind, dat din gode Mudder bi unsen Herrgott is?« »Zwei Jahre,« schluchzte das Mädchen. »Denn hest du den Mudder just in dat sülwige Öller verlaren as ick... Achjajija, dat is'n hard Stück. In de Jahren hewwt wi Deerns de Mudder am meisten nödig. Dor giwt dat allerhand, wat wi keenen Minschen up de ganze Welt seggen künnt as unse Mudder, de uns ünnern Harten dragen hett, und keen Minsch versteiht uns, man alleen dat Mudderhart. Und wenn dat Hart braken is, denn föhlt wi uns faken ok van unsen Herrgott verlaten. Ick heww dat därmakt, glöw mi dat, min beste Kind! Jajija, dat is'n hard und swar Stück. Harder und swarer is'r nix up düsse Eer.« Nun wurden auch ihr die Augen feucht in Erinnerung an die eigene mutterlose Jugend, und in warmem Mitgefühl mit dem jungen Menschenkinds das sich eng an sie geschmiegt und zuletzt das Gesicht in ihrer Schürze geborgen hatte. Ach, seit das Mutterherz aufgehört hatte zu schlagen, war es ihr nicht mehr vergönnt gewesen, an einem mütterlich empfindenden Herzen zu ruhen. Und nun kostete sie diese Wonne, die lang entbehrte, mit reichlichen Tränen aus. Und Mutter Lohmann ließ sie ruhig weinen. Sie wußte, wie Tränen so wohl tun und das Herz erleichtern und die Augen wieder hell machen können. Endlich machte sie leise ihre Hände frei, hob sanft des Mädchens Haupt, blickte ihr so recht zuversichtlich in die Augen und sagte: »So, min Kind, nu lat dat Wenen man! Unse Herrgott lett woll sinken, abers nich verdrinken. Ick heww dat faken funnen und heww't ok sülwst belewt: Kinner, de he fröh dat Lewste nahmen hett, de nimmt he sick nahher mit de grötste Lew an. De bringt he an 'ne gode Stäe und to gode Lüe. Mi hett he hier up den Lohhoff brocht. Min lewe Kind, du kannst di driest up em verlaten und em ganz und gar vertrun, he hett ok mit di noch wat Godes in'n Sinn. Du mußt man töwen und glöwen... Wullt du di nu noch 'n Honnigbodder upsmären? 'n Tass' Kaffee is 'r ok noch in,« schloß sie, den Deckel der Kanne hebend und hineinsehend. »Nein, ich danke wirklich, Mutter Lohmann,« sagte das junge Mädchen, sich die Augen trocknend und lächelnd ihre Tasse in Sicherheit bringend. »Wenn Se 't recht is, wies' ick Se nu noch unse Wirtschaft. Dat heet, wenn Se Interesse daför hewwt.« »Mächtig, Frau Lohmann, ich bin ja Landwirtstochter,« sagte sie. Der erste Besuch galt den Kühen und Kälbern. Es war kein schwerer ostfriesischer Schlag, wie ihr Vater ihn sich vom Viehmarkt in Leer geholt hatte. Die Tiere lagen und standen nicht so sauber wie in den Delmsloher Ställen. Das junge Mädchen wunderte sich auch, daß sie mit den Menschen unter einem Dache hausten. Aber es berührte sie eigenartig und erregte ihr Interesse, zu sehen, welch ein gemütvolles, persönliches Verhältnis zwischen Mutter Lohmann und ihren gehörnten Hausgenossen bestand. Die Frau kannte jede ihrer treuen Milchgeberinnen bei Namen, und diese Namen schienen zu passen. Liese hatte ein sehr gutmütiges Gesicht, Sophie sah viel klüger aus, und Rosas Physiognomie war ausgesprochen vornehm. Die Bäurin wußte ferner genau, wieviel Liter Auguste gab, wann Bleßkopp gekalbt hatte, und wann die Griese fett genug sein würde, um dem Schlachter überantwortet zu werden. Unter ihren lebhaften, gut charakterisierenden Schilderungen wurde dem jungen Mädchen jede der Kühe fast etwas wie eine Persönlichkeit, und nach einer Viertelstunde kannte sie diese Töchter der Heide besser als die stolzen Ostfriesinnen in ihres Vaters Stall. Vom Kuhstall ging's zu den Schweineställen, die sich in einem besonderen Gebäude befanden. Das Borstenvieh war nicht zu Hause, es tat sich draußen im Auslauf und in der Augustsonne gütlich. Aber als Frau Lohmann an dem Trogschieber rüttelte, kam die ganze Gesellschaft öchend, nöffend und quieksend, je nach Alter und Gemütsart, angesetzt. Der Anblick war so komisch, daß das junge Mädchen laut auflachte. Eine Sau, die im Frühjahr neunzehn Ferkel geworfen hatte, von denen vierzehn groß geworden waren, bekam ein besonderes Lob und die Ermunterung, so fortzufahren. Von den Schweinen ging's in den Garten, der Kohl, Rüben, Georginen, Kartoffeln, Kamillen, Zwiebeln, Petersilien und Rosen bunt durcheinander aufzuweisen hatte, wenig gepflegte Obstbäume trugen einige Früchte und streckten kahle und mit Flechten bewachsene Äste in die Luft. »An dem Garten,« erlaubte das Mädchen sich zu bemerken, »müßte etwas mehr getan werden, besonders an den Obstbäumen.« »Jawolljija, dat seggen Se man,« pflichtete die Frau bei, »aber weten Se, 'n Garen is mehr wat för vornehme Lüe; wat'n Bur is, de hett dor keene rechte Tied to.« »Ich habe in unserem Garten so wunderschöne Geranien und Fuchsien und sonst allerlei; darf ich Ihnen davon mal einige Ableger ziehen? Sie sollen sehen, sie haben Freude daran.« »Is dankenswert, aber laten Se man. Mit de Blomen, dat kennt unsereen nich so, und 't kiekt ok keen Minsch dar nah hen. De Hauptsak is, dat 'n jümmer Kamillen und Flieder in 'n Garen hett. De Tee davon paßt to god, wenn in'n Winderdag mal wat vörfallt.« Die beiden kamen an den Hof, der an der Gartenpforte in ganzer Ausdehnung vor ihnen lag, durch eine Mauer aus Findlingsblöcken gegen die Straße, die Wiesen und den Wald abgegrenzt. »Wissen Sie, Frau Lohmann, was mir hier bei Ihnen am besten gefällt?« fragte das Mädchen. »Wat denn?« Sie schlug die Augen schwärmerisch auf und sagte wie verzückt: »Dieser herrliche Hof; die weite grüne Fläche, diese malerische Anordnung der Gebäude, und was das allerschönste ist, diese kolossalen Eichen. Unter solchen Eichen zu wohnen, in ihrem Schatten süß zu träumen und dann wieder ihr Brausen zu hören, wenn der Sturmwind sie packt, das muß himmlisch sein, darum beneide ich sie.« »Ja, de Eken sünd god. Wat de Sagmüller in Wiechel is, de hett för de wecken dat Stück dartig Daler ba'en. Aber Vader will jüm nich utdon.« »Das täte ich auch nicht, für kein Geld,« sagte die Siebzehnjährige, die feine Hand an das rauhe Kleid einer Zweihundertjährigen legend und an ihr hinaufschauend, ganz nach oben, wo zwischen den leicht bewegten Blättern die Sonnenfunken Kriegen spielten. Mutter Lohmann hatte unterdessen die Hühner ins Auge gefaßt, die in der Nähe grasten. Es waren einige darunter, die für den Topf ausgemustert werden mußten. Als das Mädchen den Blick aus der grüngoldigen Höhe wieder gesenkt hatte, bemerkte sie durch das Flimmern, das noch vor ihren Augen war, eine sich nahende Gestalt in blitzsauberen Hemdsärmeln. Es war Hinrich, der jetzt höflich die Mütze zog. »Düt is min öllste Jung,« stellte Mutter Lohmann vor, »he is erst lesten Michelje van dat Peervolk in Hannower frie kamen, und düsse Dag, wo de Bur in Cell is, mutt he den ganzen Hoff vorstahn.« Die beiden grüßten sich sehr förmlich, »Hinrich, gah man eben in't Hus und segg de Deerns, se schöllen mit dat Swienfuddern anfangen, ich köm ok glieks,« wandte sie sich an ihren Jungen. Hinrich ging seiner Wege, und die beiden Frauen schlenderten dem Hoftor zu. hier blieben sie stehen. »Fräulein,« sagte Frau Lehmann, »ick heww mi freut, dat Se mi mal besocht hewwt. Aber... ick mutt Se nu noch wat seggen, wat mi gar nich licht fallt. Unse Mannslüe, wat Ehr Vader is und min Mann, de hammeniert nich gad mit'nander. Sökke Keerls hewwt jümmer ehren egenen Kopp, und wi Fronslüe möt uns da nah trecken. Deshalw kann ick Se ok nich god wedder besöken, nich wohr, dat verstaht Se woll?« »Ja, ich verstehe,« sagte die andere mit ernstem Gesicht. »Und wi könnt öwerhaupt nich so faken tosamen kamen, als ick dat süssen woll möch.« »Leider ist das so,« bestätigte jene wieder. »Aber min lewe Kind, wenn Se mal Rat und Hülpe brukt und Se meent, Ehr Nahwersche künn Se dorin bistahn, denn kamen Se man wedder röwer. Denn stah ick jümmer für Se parat.« »Dank, herzlichen Dank,« sagte das Nachbarskind, gab der Frau die Hand zum Abschied und sah ihr noch einmal in die gütigen Augen. Dann eilte sie mit schnellen Schritten von dannen. Als Mutter Lohmann über den Hof nach dem Hause zurückging, begegnete Hinrich ihr, der seinen Auftrag ausgerichtet hatte. »Sünd de Deerns all in'n Swienstall?« fragte sie. »Nee, aber se willt wall glieks kamen.« »Süh, nu is de Herr Pestohr doch utbläwen.« »Jao, aber Besök hest du doch hatt.« »Ja, dat stimmt, abers ick harr up'n annern rekent.« »Wat woll de Deern denn bi di?« »Oh, dat arme Kind hett't nicht licht. Abers ick heww ehr örndtlich 'n bäten tröst't. Se güng ganz vergnögt nah Hus... Da kamt der Deerns mit dat Swienfudder.« Hinrich freute sich mächtig. Ja, das hatte er wohl gewußt, seine Mutter war die rechte, um solch einem armen Ding den Kopf wieder hoch zu bringen. Das heißt, ein gut Stück hatte er auch selbst dazu beigetragen gestern nachmittag, aber so wie Mutter konnte er das ja nicht. Er überlegte, womit er ihr zum Dank mal eine besondere Freude machen könne. Bei nächster Gelegenheit brachte er ihr von Wiechel einen Hut neuester Form mit, den die Putzmacherin eben in der Gegend einzuführen suchte. »Jung, wat schall dat?« fragte die Beschenkte verwundert. »Mudder, du bist to god,« gab Hinrich zur Antwort. Sie freute sich über die Liebe ihres Jungen, aber aufgesetzt hat sie das Monstrum erst nach fünf Jahren, als der Hut allgemein Mode geworden und bei den ersten Bahnbrecherinnen, den Frauen der liberalen Wähler, schon wieder aus der Mode kommen wollte. Wenn das, was die Mutter gesagt hatte, das Mädchen ihm doch hätte bestätigen wollen! Oft schickte er in der nächsten Zeit seinen Karo in das Gebüsch, in dem sie ihr Lieblingsplätzchen hatte, aber niemals gab er Laut, und niemals begrüßte ihn das erwartete Mongami. – Einmal hatte er die beste Hoffnung. Karo war in dem Buschwerk verschwunden und ließ sich hören, und sofort eilte sein Herr klopfenden Herzens ihm nach. Aber diesmal war's wirklich nur ein Zaunigel, den der Hund zu melden hatte, Hinrich stieß die stachelige Kugel ärgerlich mit dem Fuße von sich und gab dem dummen Köter zu der blutigen Nase, die er sich an dem Stachelpanzer geholt hatte, noch einen derben Klaps auf den Rücken. Die Jagd auf Rebhühner wurde eröffnet, und Hinrich schweifte viel mit der Flinte unterm Arm durch die Felder. Mit Vorliebe beging er die Grenzfurche zwischen seinem und dem Delmsloher Gebiet. Dabei traf er einmal den Nachbarn, der ebenfalls die Grenze abstreifte. Die beiden gingen links und rechts der Furche eine Weile nebeneinander, unterhielten sich über Rehe, Hasen und Hühner, knallten in eine Kette der letzteren, die plötzlich hochging, gleichzeitig hinein, teilten die beiden, die fielen, redlich, reichten sich beim Abschied die Hände und nahmen den besten Eindruck voneinander mit. Hinrich dachte, sein Vater wäre doch ein wunderlicher Mann, daß er mit solch einem netten, umgänglichen Nachbarn nicht auskommen könnte, was konnte der dafür, daß seine Wiege nicht in der Heide gestanden hatte? Daß der Loher Imker mit der diesjährigen Heideblüte im ganzen nicht recht zufrieden war, wunderte Hinrich sehr. Er selbst konnte sich nicht erinnern, daß die Heide jemals so reich und rot geblüht und so sein und süß geduftet hätte. Überhaupt, was war's für eine Pracht, das weite Rosakleid seiner Heimat, mit dem Besatz von Wiesen, Feldern und Wäldern, den Tupfen einsamer Wacholder, Föhren und Birken, den Falten sanft gewellter Hügel und Täler, den bald blauen, bald goldenen Säumen in der Ferne! An einem Tage um Mitte September – der Vater war längst wieder zu Hause, hatte die Verwaltung seines Jungen gelobt und zu dessen Freude einige seiner Anordnungen dauernd übernommen – mußte Hinrich Lohmann ein ausgemästetes Kalb an die Bahn bringen, während er in langsamem Schritt die Straße dahinfuhr, wurde er kurz vor der Station von einem leichten Gefährt überholt, vorn saß Delmslohs August, der ein pfiffig-vergnügtes Gesicht machte, und hinten ein ältliches Frauenzimmer, das aussah wie ein gerupfter Vogel. Die spitze Nase, das scharfe Kinn, die welke Gesichtsfarbe, der altmodische Hut – kein Zweifel, das war der »Drache«. Der auf dem Bock befestigte Koffer ließ darauf schließen, daß er verreisen wollte. Gott sei Dank, dachte Hinrich, nun kriegt die kleine Nachbarin es für einige Tage oder Wochen besser. Als der Zug mit dem ausgemästeten Kalb und dem ausgedörrten Drachen abgedampft war, trafen die beiden Wagenlenker sich in der Gaststube der nahen Wirtschaft. Der junge Bauer lud den Delmsloher Knecht, den er bei ähnlichen Gelegenheiten einigemal getroffen hatte, zu einem Glase Bier ein. Als sie Platz genommen hatten, fragte Hinrich: »Na, was wollten Sie denn heute an der Bahn?« Augusts Gesicht, dem man's gleich ansah, daß es nicht in der Heide gewachsen war, verzog sich zu einem breiten Grinsen, und er sagte stolz: »Hab' den Drachen uff de Bahn jeliewert.« »So? War er das wohl, der da hinten bei Ihnen auf dem Wagen saß?« »Ja, det war er in seine janze Scheenheit,« grinste der Knecht. »Und nun ist er verreist?« »Ja, aber Retourbillet is nich! Den sind wir jlicklich los, und dadruff will ick mein Jlas mal leeren. Proscht!« Sie stießen an, und Hinrich trank aus lauter Freude auch mit aus. »Noch 'n Paar!« rief er dem Wirt zu. »Nun sagen Sie bloß, wie ist denn das gekommen, so außer der Zeit?« wandte er sich wieder an den Knecht. »Dat will ick sie janz jenau verzählen, et is 'ne famose Jeschichte. Wissen Se, wat unser Freilein is, de is ja man noch jrin, und zuerst hat se viel in Bicher jelesen und jestickt und im Busch sick Blumen jejrapst, na, Se wissen ja wohl von selber, wie de Jöhren von vornehme Herrschaften ihre Zeit dodschlagen. Ooch uf de Drahtkommode klimperte se viel, wat se aus'n ff kann. Aber, soner drei Wochen is et her, da is det Kind wie ausjewechselt. Morjens immer die friehste bei de Arbeet und beim Zubettjehn de letzte. Dem Drachen war's jar nich recht, dat Freileinche sick for de Sache so bejeisterte, und wenn ihr wat schief jing – det kam nadierlich zuerst oft jenug vor – schimpfte er wie'n Koppral. Aber der kleine Racker – früher hatte er denn wohl geflennt, nu uff eenmal schittelte er det ab, wie de Ente det kihle Naß. Ick weeß nich, wie det jekommen is, aber det is jewiß, een janz anderer Jeist ist da hineinjefahren. Und nu heren Se zu, nu kommt de Jeschichte. Jestern mittag war's, da hatte der Drache uns wieder mal sone dinne jrine Erbsenbrihe jekocht, Fleisch war da for jeden nich mehr drin als die Spitze von meinem kleenen Finger. 'n Mensch, der dichtig arbeeten muß, kann da nadierlich nich mit hinlangen. Wie wer det so in'n Ojenblick runnerjemurkst haben, kimmt det kleene Freilein, kuckt uns so helle an – o, Se sollten se man kennen, janz verdeibelt kann se kucken – und fragt: ›Na, seid'r alle satt?‹ Da jrinst der zweete Knecht, wat'n janzen Hauptkerl is, ihr an: ›Jo satt as'n Löwe, de'n Mus upfräten hett.‹ Wir annern jrinsen ooch. Da fragt Freileinchen janz ernsthaft: ›Macht der Mann dumme Witze, oder seid ihr wirklich nicht satt?‹ Da sagt unsere Trina, die immer jut mit ihr jekonnt hat: ›Oh, Fräulein, 'n beten kunn dat woll noch lieden‹ ›,Na, denn wartet mal einen Augenblick,‹ und weck is se. Und jleich is se auch wieder da, und wat hatse in de Hand? Eine feine Mettwurst, ick lije nich, so lang und so dick als mein Arm. Und ratsch, ratsch, ratsch hat se die in so viel Sticke jeschnitten, als wir Leite am Tisch sitzen, und jeder kriegte een Stick so lang wie mein Daumen is. Jloben Se mir, de schmeckte aber ... Aber nun kimmt det Malör. Der olle Drache steckt seinen spitzen Jiebel in de Dir und will sehen, ob wir noch nich abjejessen haben. Wir Kerls machten uns ja nicht so ville aus ihr, aber de Frauenzimmer jagte se denn immer jleich wieder an de Arbeet. Da kriegt se zu sehen, wat passiert is ... Erst denke ick, se schlägt hin und haucht ihren Jeist aus, aber det jeht noch eben jut. Aber de Hände schlägt se iber den Kopp zusammen und schreit immer wieder: ›Oh, meine Mettwurst, meine scheene Mettwurst, die Leute essen meine allerscheenste Mettwurst!‹ Aber de wurde durch det Jebrill nich wieder heil, eins-zwei-drei war se runtergewirgt. Von det Jeschrei wird denn der Herr munter, der sich jerade uffs Ohr jelegt hatte, kimmt rein und sagt: ›Donnerwetter, Frau Wacker, wat is denn bloß mit Ihrer scheenen Mettwurst passiert?‹ ›Oh, Herr Riewitz,‹ heilt det Weib, ›denken Se bloß, Else hat unsere allerscheenste Mettwurst kaput jeschnitten und den Leuten jejeben. Und es war die allerbeste und sollte für janz feinen Besuch bleiben.‹ ›Aber Kind, wie kannst du denn so was machen?‹ fragte der Herr. ›Ich habe ihr heute morgen schon gesagt‹ sagte der junge Racker dreist, ›sie sollte mehr Fleisch in die Suppe tun, die Leute kennten damit nicht aus. Aber das wollte sie nicht. Und nun habe ick die Leute jefragt, ob sie satt wären, und da sagten sie nein. Aber hungern sollen die Leute in unserem Hause nicht, satt werden sollen sie, und wenn's nicht anders ist, von Frau Wacker ihrer allerscheensten Mettwurst!‹ ›Wart ihr nicht satt?‹ fragte der Herr nu uns. ›Nä, nä,‹ riefen wir alle aus einem Halse, weil's die pure Wahrheit war und w'r auch unserem Freileinchen unter de Arme jreifen mußten. ›Seid ihr öfter nicht satt jeworden?‹ fragte der Herr mir. ›Det war man oft hellschen knapp,‹ sagte ick. ›Na, Frau Wacker,‹ sagte er zu det Minsch, ›da heren Se's; unter diesen Umständen kann ich meiner Dochter nich so janz unrecht jeben. Aber, Else, die allerbeste Mettwurst brauchtest du ooch nich jrade zu nehmen!‹ ›Die anderen,‹ jibt die nu wieder, ›waren zu klein. Davon konnten die Leite nich satt werden. Überhaupt, Papa, wir missen diese Tage schlachten, damit wir wieder ordentliches Fleisch ins Haus kriejen. Und dichtig missen wir diesen Winter einschlachten, so jeht das nich weiter!‹ ›Wenn ick so behandelt werde,‹ sagte de olle Jans, jelb und jrin vor Ärjer, ›und wenn dat dumme Jöhr im Haushalt kummandieren soll, bin ick ja iberflissig. Denn kann ick heute nachmittag ja man packen und morgen abreisen. Undank ist der Welt Lohn!‹ Da wollte unser Herr schon jute Worte jeben, aber da springt det Freilein zwischen de beiden und sagt: ›Papa, ich bitte dich um Gottes willen, laß sie ruhig reisen! So lange det Mensch hier im Hause herumwitet, kennen wir niemals gute Dienstboten halten, und eine Niedertracht und Jemeinheit is et, Leite, die sich for einen quälen, hungern zu lassen. Wenn sie bleibt, jehe ick. Ick will diese Wirtschaft nicht länger mit ansehen. Vater, versuch's mal, ob ich dir nicht schon den Haushalt führen kann! Vor einem Vierteljahre war ich noch ein dummer Backfisch, heute bin ich's nicht mehr. Frau Wacker,‹ und dabei trapste se mit ihr Fießchen uf de Fliesen, ›ick bin keen dummet Jöhr mehr; ick verbitte mir det von Sie!‹ Oh, Lohmann, Se hätten se sehen müssen, wie se so dastand, nix als Füer und Fett, wie de Leite hier sagen, wie 'ne Kenigin stand se da, wie 'ne junge Lewin. Det jlaube ick jewiß, wenn det so'n seiner Herr, 'n Leitnant oder so wat, mit anjesehen hätte, der hätte sich stantepeh in ihr verliebt. Na, und det Jespenst, det drehte sick um und jing in seine Hehle. Und da jing det Jepacke und Jepolter los. Und nun hab' ick 't jlicklich abjeliefert. Nich eenen Jroschen Trinkgeld hat mer det Lork jejeben. Na – ick pfeif' druff, de Hauptsache is, dat wir ihr los sind. Nun werden woll wieder bessere Zeiten for Delmsloh kommen. Unser Herr ist im Grunde so unrecht nich. Trina, de sonst weck wollte, hat nun ooch ihren Dienst verlänjert und will unserm Freilein dichdig helfen. Und denn wird die Jeschichte schon jut jehen, wenn se auch man noch jung is. Det haben wir ja jesehen, se ist eene, de in de Welt paßt.« Nach dieser langen Erzählung stärkte sich August mit einem guten Schluck und sah hastig nach der Uhr. Es wurde höchste Zeit für ihn. Mit einem halben Dutzend Zigarren beschenkt, verließ er sehr vergnügt das Gastzimmer. Auch Hinrich begab sich bald zu seinem Wagen, um nach Hause zu fahren. Bald saß er, bald stand er. Dann pfiff er ein Liedchen oder klatschte lustig mit der Peitsche. Dann wieder schaute er sinnend in die Heideweiten. Auf einmal fiel ihm der Titel eines Gedichts aus der Schulzeit ein: »Der Kampf mit dem Drachen.« Er lachte hell auf. Ja, den hatte die kleine Nachbarin glücklich bestanden. Er konnte sich ganz gut vorstellen, wie sie da vor dem bösen Feind gestanden und was für Augen sie dabei gemacht hatte. Er hatte ja selbst eine ähnliche Szene mit ihr verlebt. Seit drei Wochen hatte August die große Veränderung an ihr bemerkt. Das stimmte ja ganz genau. Gestern vor drei Wochen hatte er im Busch ihr die Lektion gegeben, und heute vor der gleichen Zeit war sie bei seiner Mutter zu Besuch gewesen. Er nickte befriedigt vor sich hin. Daß sie durch ihre Kinderalbernheit nun hindurchgedrungen und ein so vernünftiges und resolutes Mädchen geworden war, das konnten er und seine Mutter sich als Verdienst zurechnen. Die Gedichtbücher und die Nachtigallen, und auch der Drache und der Papa hätten das nicht fertiggebracht. Er hatte das Gefühl eines Mannes, dem ein sehr schweres Erziehungsstück sehr gut gelungen ist. Als er an Delmsloh vorüberfuhr, kam es ihm vor, als hätte er durch sein kluges rechtzeitiges Eingreifen den Hof und seine Bewohner vom Untergang gerettet. Nun begriff Hinrich auch, warum er sie nachher niemals mehr im Busch getroffen hatte. Sie hatte jetzt wichtigeres zu tun. Sie packte nun doch mit ihren kleinen Händen das Leben fest an. Und das war ja auch gut. Aber daß sie nun wahrscheinlich ihr Lieblingsplätzchen im Walde gar nicht mehr aufsuchte, war eigentlich doch schade, sehr schade. – – * Anderthalb Jahre waren mit ihrem Wechsel von Samen und Ernte, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht über den Lohhof dahingezogen, und wieder sang die Nachtigall in Lohmanns Büschen. wenn Hinrich sie jubeln und schluchzen hörte, blieb er wohl mal stehen und dachte an eine alte Geschichte, die im Nachtigallenmonat vor zwei Jahren geschehen war, – wie da ein junges Menschenkind mit angehaltenem Atem vor ihm gestanden, ihn mit Augen wie Sterne leuchtend, wie Blümlein schön angeschaut und mit der feinen Stimme, die wie Musik klang, gelesen hatte: »Da sind von ihrem süßen Schall, da sind im Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen.« Ach ja, damals war auch in seinem Herzen etwas aufgesprungen, dachte er wehmütig lächelnd, wie oft war er klopfenden Herzens nach ihrem Waldwinkel geschlichen und hatte keinen anderen Wunsch gehabt, als noch einmal ihre Augen leuchten zu sehen! Und als er sie niemals fand, hatte er sich eines Abends auf den weg nach Delmsloh gemacht. Da stand er dann lange an der Hofmauer aus Findlingsblöcken und blickte nach dem Lichtschein, der aus einem kleinen Fenster schräg auf den Hof fiel. Der zog ihn seltsam an, und plötzlich hatte er die Klinke der Pforte in der Hand. Aber da rasselte auch schon eine Kette, und ein Ungetüm von Hofhund machte einen Höllenspektakel, und das geheimnisvolle Fenster öffnete sich, und Flüche und Schimpfworte brachten das erregte Tier zur Ruhe. Ach, er hatte hinter dem traulichen Lichtschein ganz etwas anderes vermutet als den schnodderigen Berliner. Da war er mit hängendem Kopf seiner Wege gegangen. Und niemals hatte er sie aus der Nähe wiedergesehen. Jetzt wußte er, daß es so das beste war. Jetzt lächelte er über seine damalige Jugendtorheit. Seine Frau konnte sie ja doch nicht werden. Sie war für ihn und seine Eltern viel zu fein, und zwischen den beiden feindlichen Höfen konnte ja kein Brautkistenwagen fahren. Daß er damals an diese Unmöglichkeit gar nicht gedacht hatte! Aber da war er noch so ein junger Springinsfeld gewesen, eben vom Kommiß zurück. Mit den Jahren wird der Mensch vernünftiger und kriegt mehr Überlegung. Aber wenn die Nachtigall sang im Frühlingsorchester und die Heckenrosen ihm entgegenleuchteten, dachte er doch ganz gern mal an jene selige Jugendtorheit zurück. – Die Pläne seiner Eltern mit Hinkens Gretschen kannte er. Gegen das Mädchen hatte er auch gar nichts. Aber er konnte sich nicht helfen, er mußte sie, sooft er sie sah, mit dem kleinen, feinen Ding von drüben vergleichen. Dabei zog dann die Deern mit den starken Knochen und den blühenden Backen immer den kürzeren. Die war wie eine vollerblühte Zentifolie in Mutters Garten, die andere aber wie ein eben aufgesprungenes Heckenröschen. wenn er mal freien sollte, mußte es eine sein, die mit der kleinen Nachbarin etwas mehr Ähnlichkeit hatte, vor allem die Augen durften nicht so rund und stumpf in die Welt gucken, wie bei dem guten Gretschen. Sie mußten etwas von dem wunderbaren Leuchten haben, womit die andere ihm damals beinahe den Kopf verdreht hätte. Daraufhin sah er jetzt jedes Mädchen an, aber bislang hatte er das, was er suchte, noch nicht wiedergefunden. Von Delmsloh hörte man in Lohe nur selten und auf Umwegen. Einheimische Dienstboten hatte Herr Riewitz nicht wieder mieten können. Seine Grobheit und der Ruf, den sein Haus nun einmal weg hatte: »Se spiest nich god,« schreckte die Leute zurück. Seit er einmal aushilfsweise Arbeitskräfte aus dem Osten beschäftigt hatte, brauchte er sich um Kinder der Heide überhaupt nicht mehr zu bemühen. Die fühlten sich gegenüber dem Volk aus dem Osten als überlegene, edlere Rasse und wollten in die von den »Polacken« benutzten Betten nicht hinein. August hatte bei seinem Herrn und Trina treulich bei ihrer jungen Herrin ausgehalten. Für das Milchvieh war von der Landstraße ein heruntergekommener Oberschweizer in Dienst genommen. Es hieß, der Mann sei für gewöhnlich fleißig und zuverlässig, aber wenn von Zeit zu Zeit der Alkoholteufel ihn packte, gebärde er sich wie ein wildes Tier. – Die Viehhändler erzählten gelegentlich, daß der schwere ostfriesische Schlag, des fetten Marschengrases gewöhnt, in der Heide nicht recht fortkomme und zuletzt mit Schaden verkauft werde. – Viele Tausende der Kiefernsämlinge, die auf dem Heideumbruch gepflanzt waren, waren an Kinderkrankheiten eingegangen. Vater Lohmann hörte solche Gerüchte ohne eine Spur von Schadenfreude, aber auch ohne Mitleid. Er sah darin nur ein ehernes Gesetz sich vollziehen. Der Herrgott wollte es eben nicht, daß diese neumodischen Landwirte, die ohne ihn auskommen wollten und den seit Jahrhunderten erprobten und vom Vater auf den Sohn vererbten Arbeitsbetrieb verachteten und den sogenannten intensiven Betrieb an die Stelle setzten, in der Heide Wurzel fassen sollten. Daß auch Riewitz, der hohe Hypothekenschulden übernommen hatte, eines Tages werde davon müssen, war ihm sicher, wie lange er sich hinhielt, hing von den Hilfsmitteln ab, die er in Reserve hatte. Vater Lohmann hatte sein Gelübde, unter dem gegenwärtigen Besitzer den Delmsloher Hof nicht zu betreten, treu gehalten. Einen Annäherungsversuch seines Nachbarn hatte er schroff zurückgewiesen. Als eines Tages August ihm die Einladung zu einer Treibjagd überbrachte, ließ er antworten, Hasen sprängen bei ihm selbst genug herum, und er wäre froh, wenn er diese so weit abschießen könnte, daß seine Frau etwas Kohl für die Pinkelwurst übrigbehielte. Und doch ist ein Tag gekommen, an dem er sein Gelübde hat brechen müssen. Da ist er mit sehr schnellen Schritten nach Delmsloh geeilt, schneller noch als in den flinken Jugendtagen, wenn's ihn zum Spiel mit Freund Schorse zog. Und als er bei dem Hause mit dem Kirchturm angekommen ist, da hat er sich die blanken Schweißtropfen von der Stirn gewischt und hat kaum wieder hinter den Atem kommen können. – Am Tage nach Pfingsten war's. Frau Lohmann saß auf dem Flett und schälte Kartoffeln. Drüben die Missentür stand offen, und in dem breiten Strahl der Frühlingssonne glitzerten die Flügel der zwitschernd ein und ausfahrenden Schwalben, die an den Dielenbalken ihre Nester hatten. Da plötzlich erscheint in dem offenen Tor eine menschliche Gestalt, und ein Mädchen kommt über die Diele gerannt. Die Haare fliegen, das Gesicht glüht, der Busen jagt keuchend auf und nieder. Die Trina von Delmsloh ist's, die nun erschöpft neben Frau Lohmann auf einen Stuhl sinkt. »Deern, wat is denn?« fragt die entsetzte Frau. Aber das Mädchen hat noch keine Worte. Das Blut hämmert in ihren glühenden Schläfen, sie wankt auf den Wassereimer zu. Aber die Frau ist aufgesprungen, hält sie fest und schreit: »Drink nich, Deern, dat is din Dod! Wat is denn, so segg doch!« Nun endlich öffnen sich ihre Lippen für ein dreimaliges grauenvolles Oh. Frau Lehmann faßt das Mädchen an beiden Armen und schüttelt sie: »Nu fat di doch und segg, wat passeert is!« »Unser Herr ... de besapene Kerl ... hett em dal slan ... Melkstohl... grot Lock ... dat Fräulein ... oh, kamt glieks mit ... se bittet van Harten ...« Die Frau sah das Mädchen starr an, nach dem Zusammenhang der abgerissen herausgestoßenen Worte suchend. Dann ließ sie es los und lief hinaus. Das Mädchen stürzte sich an den Wassereimer, tat lange, hastige Züge und sank wieder auf dem Stuhle zusammen, dumpf vor sich hinbrütend ... Nach einigen Minuten gingen Lohmanns eilig an ihr vorüber in das Zimmer, er in Hemdsmauen, von der Arbeit gerufen, wieder einige Minuten, und sie waren bereit, ihr zu folgen. Nun machten die drei sich schleunigst auf den Weg. Unterwegs brachte Lohmann durch Fragen heraus, wie alles gekommen war. Der Schweizer hatte die Festtage mit einer Zweiliterkanne voll Schnaps im Kuhstall gefeiert, die nötigen Arbeiten aber dabei noch einigermaßen getan. Nun kommt aber vorhin der Herr in den Stall und sieht, daß die Kühe noch nicht gemolken und gefüttert sind. Da muß er dem Betrunkenen wohl Vorhaltungen gemacht haben, vielleicht hat er auch den Stock gebraucht, den man bei ihm gefunden hat – es war ja niemand dabei gewesen –, genug, den Betrunkenen hat eine sinnlose Wut gepackt, und er hat mit dem scharfkantigen Melkstuhl den Herrn zu Boden geschlagen. Ob er noch lebte, wußte das Mädchen nicht. Das Fräulein hatte sie gleich, nachdem das schreckliche geschehen, nach Lohe geschickt. »Dat arme Kind!« jammerte Mutter Lohmann, und die drei beschleunigten ihre Schritte noch mehr. Außer Atem und stark erhitzt kamen sie in Delmsloh an. Riemitz lag noch an der Stätte der Untat. Man hatte ihm Kissen unter den Körper geschoben, und die Tochter kauerte neben ihm an der Erde und legte kühlende Tücher auf sein Haupt. Als sie Schritte hörte, blickte sie auf und sah den voranschreitenden Bauern leer und wie abwesend an. Dann suchten ihre Augen die von Frau Lohmann, und da war es, als ob das Starre, Tote langsam aus ihnen wiche. Sie erhob sich mühsam, gab der Frau die Hand – und plötzlich warf sie sich an ihre Brust und brach in krampfartiges Weinen aus. Endlich faßte sie sich gewaltsam und drückte dem Bauern stumm die Hand. »Ist nach dem Doktor geschickt?« fragte Lohmann. Ja, August hatte sich sofort auf ein Pferd geworfen, um ihn zu holen. Er mußte jeden Augenblick zurück sein. Ob der Übeltäter festgemacht wäre, fragte der Bauer wieder. Ja, man hätte ihn gleich in eine feste Kammer mit kleinen, hohen Fenstern eingeschlossen, antwortete jemand. Es folgten bange Minuten. Einmal über das andere sah Lohmann nach der Uhr. Wenn der Knecht den Arzt nur zu Hause traf! Da klapperten Pferdehufe über das Hofpflaster, von dem schweißbedeckten Tiere sprang August. Ja, der Doktor wollte sofort kommen. Wieder lange, bange Minuten. – Die Kühe brüllten und stießen gegen die Stallbäume. Lohmann dachte daran, daß sie noch nicht gefüttert und gemolken waren. Da ging er hin und warf ihnen vor. Dem Mädchen, das ihn geholt hatte und jetzt händeringend ihrer Herrin ins Gesicht starrte, gab er den Befehl, die Kühe sofort zu melken. Endlich, endlich – Wagenräder rasselten über das Hofpflaster, und gleich darauf trat der Arzt schnellen Schrittes und die Anwesenden mit einem schnellen Blick streifend, an den Bewußtlosen heran. Alle Augen hingen gespannt an seinen Zügen, als er nun die Wunde untersuchte. Es herrschte Totenstille. Die Tochter bewegte die Lippen, als ob sie fragen wollte. Aber sie wagte es nicht, aus Furcht vor der Antwort. Der Arzt erhob sich und ordnete die Überführung des bewußtlosen in seine Kammer an. Die Männer ließen sich anweisen, wie sie anfassen sollten. Er selbst hob das Haupt in den Kissen hoch, und so trugen sie ihn behutsam über den Hof in das Haus. Mutter Lohmann führte das fassungslose Kind. Als sie ihn in das Bett gelegt hatten, wandte der Arzt sich an Else, drückte ihre Hand und sagte: »Liebes Kind, Ihr Papa hat eine schwere Gehirnerschütterung erlitten, aber wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Wissen Sie nicht jemand, der Ihnen in der Pflege beistehen kann?« »Ach nein, Herr Doktor, wir sind hier ganz fremd,« sagte sie und sah ihn ratlos an. »Können Sie denn nicht irgendeine Verwandte telegraphisch bestellen?« fragte der Arzt wieder. Sie sah noch ratloser drein, »wir haben wenig Verwandte, und von denen kann niemand abkommen. Ich weiß keinen auf der ganzen Welt.« Da fiel ihr Blick auf Mutter Lohmann, die unruhig mit ihrem Manne Blicke wechselte. Und nun trat diese einen Schritt vor, schien etwas sagen zu wollen, seufzte und sagte dann: »Ick will Se bistahn.« Da nahm das Mädchen ihre Hand und warf ihr einen dankbaren Blick zu. Und der Doktor ergriff ihre Linke und sagte: »Das ist brav nachbarlich von Ihnen.« Dann gab er Anweisung, alle zehn Minuten frische Kompressen aufzulegen, richtete die erste selbst ein und bedauerte, vorderhand nicht mehr tun zu können. Am Nachmittag werde er wieder vorsprechen. Er verließ das Zimmer, und auf einen Wink folgte Lohmann ihm auf den Vorplatz. »Der Halunke hat leider nur zu gut getroffen,« sagte der Arzt. »Unser Freund hat einen bösen Schädelbruch erlitten. Ich fürchte, das arme Kind geht schweren Tagen entgegen. Ich hoffe, Sie beweisen sich als gute Nachbarn.« Lohmann dachte daran, wie damals bei der Reichstagswahl dieser Doktor mit dem da drinnen ihn verhöhnt und ihm den »dummen Bauernklotz« nachgeworfen hatte, und finster blickte er auf den kleinen Mann herab. Er dachte einen Augenblick daran, ihn an jene Stunde zu erinnern. Er sagte dann aber nur: »Was wir als Nachbarn schuldig sind, das werden wir wohl von alleine wissen.« Als der Arzt seinen Wagen bestieg, führte eben auch der Wiecheler Gendarm den Übeltäter ab. Bald nach Mittag sprach der Arzt wieder vor. Er fand den Zustand des Verwundeten unverändert. Endlich sank die Nacht auf diesen schrecklichen Tag herab. Frau Lohmann hatte zu Hause nur eben nach dem Rechten gesehen und sich dann wieder in Delmsloh eingefunden, um Krankenwache zu halten. Mit der Tochter saß sie an dem Bett des Bewußtlosen. »Min Kind,« sagte sie nach einer Weile, »leggen Se sick för'n paar Stunden dal, nieder dat Se för morrn frische Kraft kriegt!« »Nein, Frau Lohmann, das kann ich nicht,« antwortete das Mädchen und fuhr fort, die Züge des Vaters ängstlich zu beobachten und auf die Minute pünktlich die Umschläge zu erneuern. Endlich machte aber die Natur ihre Rechte geltend. Der furchtbaren Spannung folgte die Abspannung und Erschöpfung. Eine Zeitlang kämpfe sie, die Augen gewaltsam aufreißend, dann sank sie machtlos in den Lehnstuhl, in dem sie saß, zurück und fiel in festen Schlaf. Und zwischen Vater und Kind saß die fremde Frau, wartend und sorgend, Nachbarpflichten erfüllend, die so lange zwischen den beiden Höfen geruht hatten. In der Einsamkeit und Stille der Nacht kamen ihr allerhand Gedanken. Wie lange war's her, daß sie zum letztenmal an einem Krankenbett gewacht hatte? Sehr, sehr lange. In den sechsundzwanzig Jahren ihrer Ehe war es kaum je nötig gewesen; wohl einmal bei den Häuslingen, aber in der eigenen Familie niemals. Ihre drei Jungen und die Tochter waren herangeblüht wie die Lilien. Die Kinderkrankheiten hatten sie spielend überstanden. Ja, ja, sie hatte alle Ursache, Gott dankbar zu sein. – Aber halt, es ist wieder Zeit, das kühlende Tuch zu erneuern. Sie zieht die Pantoffeln aus und schleicht auf Strümpfen, um das schlummernde Kind nicht zu wecken. »Ach jajija,« seufzte sie, sich wieder an den Tisch setzend, wie schwer mußten andere dagegen hindurch! Das arme Kind da – die Mutter hat's früh verloren, und nun muß vielleicht der Vater von ihr gehen, auf so schreckliche weise, im Zorn hinweggerafft ... wie ruhig sie schlief. Sanft hob und senkte sich der Busen in regelmäßigen Atemzügen. Beinahe wie ein stilles Lächeln lag es auf dem lieben Gesicht. Es schien, als hätte der freundliche Engel des Schlafes all das schreckliche von ihrer Seele genommen ... Aber das schreckliche Erwachen, das dann folgen mußte ... wenn solch ein Menschenkind erquickt vom Schlafe auffährt und dann die schreckliche Gegenwart sich auf einmal mit doppelter Wucht auf das arme, ahnungslose Herz stürzt ... sie dachte mit Schaudern an ihre Jugend, als die Mutter gestorben war, wie sie da in den ersten Wochen sich abends fast gefürchtet hatte, zu Bett zu gehen, im Gedanken an das Erwachen am anderen Morgen ... Eins wurde Mutter Lohmann in diesen Stunden des Nachdenkens und des Erinnerns ganz klar, sie mußte dem Herrgott, der mit ihrer Familie so gut gewesen war, dadurch danken, daß sie sich dieser Verlassenen in der schweren Zeit treu annahmen, wenn dabei auch manches im eigenen Hause nicht zu seinem Rechte kommen konnte. Es graute der Morgen, in den Linden vor dem Fenster lärmten die Sperlinge. Da regte sich die Schlafende. Frau Lohmann sprang auf und stellte sich schnell zwischen sie und das Bett des Kranken, um dieses dadurch zu verdecken, so kam es, daß der erste Blick der sich öffnenden Augen nicht auf die bleichen Züge des Vaters fiel, sondern auf das gute Gesicht der Nachbarin mit den treuen, mütterlichen Augen. – Riewitz' Zustand blieb eine Reihe von Tagen unverändert. Frau Lohmann kam täglich nur auf Stunden nach Hause. Die Nächte brachte sie regelmäßig in Delmsloh zu, so, daß sie sich mit der Tochter, die jetzt viel mehr Stärke und Umsicht zeigte, als sie ihr zugetraut hatte, in die Nachtwachen teilte. Lohmann kam auch täglich herüber und sah nach der Wirtschaft. Als die wichtigsten Arbeiten der Jahreszeit in Lohe beendet waren, brachte er einige seiner Leute mit, um dieselben in Delmsloh anzugreifen. Bei einer solchen Gelegenheit sah Hinrich die Nachbarstochter einmal wieder. Wie hatte sie sich verändert! Die Augen, die einst von Lebenslust sprühten, waren tiefumrändert. Das wilde, lose Haar war gebändigt, und statt der Rosafarbe trug sie schwarz. Als sie sich zufällig auf der Diele trafen, waren sie allein, aber kein Wort, keine Miene knüpfte an die frühere Bekanntschaft an. Zögernd und verlegen gingen sie aneinander vorüber. Nachher dachte er, er hätte ihr wohl einige Worte der Teilnahme sagen müssen, und sie bedauerte, ihm nicht ein Wort des Dankes für seine und seiner Eltern treue Hilfe gesagt zu haben, Aber als ihnen das einfiel, war es schon zu spät. Vater Lohmann wunderte sich, den Hof nicht so verlottert zu finden, als er erwartet hatte. In manchen Dingen schien der Nachbar doch ganz tüchtig zu sein, und in einigen, das gestand sich der Lauer ehrlich, war er ihm sogar überlegen. Sieben Tage nach dem Unglück schrak Frau Lohmann, die, einen Strumpf flickend, am Fenster des Krankenzimmers saß, plötzlich zusammen. Aus dem Bette hatte auf einmal eine schwache Stimme gefragt: »Wer sind Sie?« und als sie erschreckt aufsprang, waren zwei matte Augen auf sie gerichtet. Vor Aufregung zitternd und die Antwort vergessend, lief sie in die Küche und rief die Tochter. Mit zitternden Knien eilte diese in die Krankenstube, fiel vor dem Bett auf die Knie und bedeckte die Hand des Vaters mit Küssen. »Was war das für eine Frau?« fragte er mühsam. »Frau Lohmann ist das, unsere liebe Nachbarin.« »Was will denn die hier?« »Ach, Papa, bester Papa, du bist ja schwer krank gewesen und hast sieben Tage wie tot gelegen. Da hat die gute Frau mir so treu geholfen und jede halbe Nacht bei dir gewacht.« »Ach so. Ist das wahr?...« Die müden Augen schlossen sich wieder, der Kranke schien in seinen vorigen Zustand zurückzusinken. Angstvoll hing die Tochter an seinen Zügen. Nach einer halben Stunde schlug er die Augen wieder auf und sagte: »Draußen ist natürlich alles liegengeblieben ... wie soll ich das noch wieder einholen? ... Ach, mein Kopf! ...« »Bestes Väterchen, rege dich nicht auf,« flehte die Tochter. »Alles ist in Ordnung. Unser Nachbar und sein Sohn und seine Leute haben uns tüchtig geholfen, wenn du erst wieder auf bist, wirst du deine Freude daran haben.« »Was? – Unsere starrköpfigen Nachbarn in Lohe haben das getan?« »Pst! Die Frau ist in der Wohnstube. Daß sie es nicht hört!« »Rufe sie mal herein!« Frau Lohmann kam, befangen und zaghaft. Der Kranke schlug mühsam die Augen auf, streckte mit sichtbarer Anstrengung die magere Hand mit den geschwollenen blauen Adern ihr entgegen und sagte leise: »Ich danke Ihnen ... Sagen Sie das auch Ihrem Manne ... bin so müde ...« Dabei fielen ihm die Augen wieder zu. Das Kind ergriff Mutter Lohmanns beide Hände, sah sie glückselig an, atmete tief auf, und plötzlich warf sie sich der Frau an die Brust und küßte die leicht sich Sträubende ein Mal über das andere. »Oh, liebste, beste Mutter Lohmann, nun muß sich alles wenden,« schluchzte sie unter Freudentränen an ihrer Wange. Mit den tränenumflorten Augen blickte sie durch das offene Fenster in den Garten. Da blinkte die Junisonne, und die Luft war voller Blütenduft, und ein Zitronenfalterpärchen machte ein Hochzeitstänzchen, und die Schwalben mit den schimmernden Flügeln schossen durch die Luft, und in den Büschen sangen die Vögel. Und alle diese Frühlingsherrlichkeit leuchtete nach sieben langen, bangen, dunklen Tagen zum erstenmal in den jungen Augen wieder. – Wer ist denn das, der da jenseits des Gartenzaunes über den Hof geht? Ach, das ist ja Lohmanns Hinrich. Was ist der für ein starker, stattlicher Mensch geworden! Was für eine gelenkige, sehnige Kraft zeigt sich in seinen Bewegungen! Der muß die freudige Nachricht doch auch haben. Ihm verdankt sie ja dieses treue Pflegemütterlein, das ihr die schreckliche Zeit hat ertragen helfen. »Mutter Lohmann, ich muß eben mal mit meiner Freude in die Sonne,« sagte sie, die Frau warm anblickend, und hinaus ist sie. Hinrich hatte den Hof hinter sich und schritt am Waldessaum auf Lohe zu. Da hörte er hinter sich rufen: »Herr Lohmann, Herr – Loh – mann!« Er blieb stehen und sah sich um. Leichtfüßig wie ein Reh kam die kleine Nachbarin hinter ihm drein. Über ihre zierliche Gestalt huschten abwechselnd die Baumschatten und die Sonnenstrahlen. Er machte einige Schritte ihr entgegen, und nun stand sie vor ihm, hochatmend, die Wangen vom schnellen Lauf gerötet und von einem goldenen Lichtstrahl warm überhaucht: »Lieber Herr Lohmann, eben hat mein Papa die Augen aufgeschlagen und mit mir gesprochen ... Und mit Ihrer Mutter auch!« Er blickte sie groß an und fragte verwirrt: »So?« Sie ergriff seine breite Hand. »Das freut Sie doch auch? Nicht?« »Oh, ganz mächtig freut mich das,« sagte er und drückte und schüttelte ihre kleine Hand. Als er sie dann losließ, standen sie sich schweigend gegenüber, und die Verlegenheit war wieder zwischen ihnen. Da plötzlich erhob sich im nahen Busch ein jubelndes Singen, und die beiden wandten den Kopf zur Seite und lauschten: »Da ist die Nachtigall ... wieder,« sagte Hinrich wie im Traum, und dann hörte er, wie eine feine, leise Stimme neben ihm sagte: »Die Nachtigall, sie war entfernt, Der Frühling lockt sie wieder, Was Neues hat sie nicht gelernt, Singt alte, liebe Lieder.« Da sah er verstohlen nach ihr hinüber und erschrak. In ihren Augen war wieder das wunderbare Leuchten, das er vor Jahren einmal gesehen und dann überall in der Welt gesucht hatte. Dann hatten die Lider sich über den schönen Sternen gesenkt, und auf den zarten Wangen lag eine dunkle Glut. »Ich muß wieder zu Vater,« sagte sie verwirrt und wandte sich zum Gehen. Auch Hinrich setzte seinen Weg fort. Als er nach einer Weile zurückblickte, sah er, wie sie langsam dahinschritt, den Kopf nach der Waldseite geneigt, wo das Vöglein noch immer sang, jetzt eben die tiefen, schmerzensvollen Schluchzetöne. Auch über diesen Tag voll Sonnenschein und Nachtigallensang, voll froher Hoffnung und süßer Erinnerung zog die Nacht ihre dunklen Schleier. Und das Kind saß wieder im matten Schein der Nachtlampe an dem Bett des Vaters. Aber in ihren wachen Augen war noch ein wenig Sonnenschein und in ihrer Seele noch ein leises, liebliches Klingen und Singen vom Tage. Da schreckte sie plötzlich in ihrem Sinnen und Träumen ein ungewöhnlicher Ton vom Lager des Kranken. Und als sie ihm ins Gesicht leuchtete, gewahrte sie mit Entsetzen die Veränderung, die darin vorgegangen war. Die Lampe entfiel fast ihrer zitternden Hand, und sie sank auf einen Stuhl. Aber die röchelnden Atemzüge, die immer lauter wurden, peitschten sie in die Höhe, sie wankte durch das Zimmer, über die Diele, und nun stand sie mit dem Licht in der bebenden Hand vor Mutter Lohmanns Bett. Die war schon durch das Geräusch der Tür wach geworden, hatte sich halb aufgerichtet, und als sie die in Todesangst herausgestoßenen Worte: »Es ist so schlimm mit Vater, o kommen Sie schnell« hörte, sprang sie aus dem Bett, warf ihr Kleid über und folgte dem Kinde, das schon wieder hinausgestürzt war. Als sie auf den Flur kam, hörte sie von drüben das schwere Röcheln. Da griff sie sich nach dem Herzen. Im Krankenzimmer bestätigte ihr der erste Blick, daß hier ein Mensch seinen letzten Kampf kämpfte. Auf der Stirn lag schon das matte Glänzen des letzten kalten Schweißes. »So war's bei Mutter auch,« sagte das Kind mit starrem Blick in Mutter Lohmanns Augen. Die nickte stumm und faltete die Hände. – Mutter Lohmann, wie kam es doch, daß du in den schrecklichen Stunden, die nun folgten, so wunderbar mitfühlen, sorgen, trösten, raten und schaffen konntest? – Nun, du bist eine deutsche Frau und Mutter, mit der ganzen Herzenseinfalt und Gemütstiefe, die der Herrgott den rechten deutschen Frauen und Müttern nun einmal mitgegeben hat. Aber das tat's nicht allein, wie kam es denn? Du hast ja nicht viel gelernt. Dein alter braver Schulmeister wußte selbst nicht viel, und sogar der hat über dein Rechnen und deine Aufsätze manchmal seinen weißen Kopf geschüttelt. Ja, aber du hast alle deine Lebtage treu aus einem alten, alten Buche gelernt, das trotz aller Tagesweisheit die größte, erhabenste, tiefste Weisheit enthält, die uns kleinen Menschen erreichbar ist. Und du bist alle deine Lebtage die treue Schülerin dessen gewesen, der die Menschen gelehrt hat, ihre Seelen und andere Seelen zu finden. Das machte es. Darum konntest du ein armes, unerfahrenes, verzweifelndes Menschenkind so durch diese Stunden geleiten, du liebe, treue, gute Seele du.– Vier Tage später hielt vor dem Kirchhofstor in Wiechel ein Leichenwagen. Und dann setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Die Singjungen, Pastor und Küster voran, darauf der Sarg, dann die Tochter des Verstorbenen an der Seite der mütterlichen Freundin, endlich ein stattliches Gefolge, so bewegte er sich die Lindenallee entlang. Die Bauern alle hatten den Fremden und Fremdartigen nicht leiden mögen, aber die hehre Majestät des Todes ließ das vergessen, und mit ernsten, teilnehmenden Gesichtern erwiesen sie dem Preußen die letzte Ehre. Lohmanns nahmen das verwaiste Kind mit auf ihren Wagen und fuhren heim. Als sie an Delmsloh vorüberkamen, fiel dem Bauern plötzlich seine wilde Nachtfahrt von der Reichstagswahl ein, und er dachte daran, wie er damals den Abzug des Nachbarn zu feiern sich vorgenommen hatte. Es war anders gekommen, ganz anders. – In Lohe angelangt, bat Lohmann das Mädchen, mit ihm in die beste Stube zu kommen. Als sie in dem altersschwachen Sofa Platz genommen hatte, sagte er: »Fräulein, meine Frau hat mir gesagt, was Sie in der Nacht, als Ihr Vater gestorben ist, miteinander besprochen haben. Es tut mir leid, daß Sie gar keine Verwandte haben, die Ihnen näher stehen, und die wohnen ja auch alle zu weit weg. Deshalb will ich Ihre Sachen wohl in Ordnung bringen. Nach dem Gesetz müssen Sie für ein Jahr, bis Sie majorenn sind, einen Vormund haben, und das muß ich ja denn wohl werden. Wenn's Ihnen recht ist, machen wir die Sache gleich in den nächsten Tagen auf dem Amtsgericht in Ordnung. Bleiben Sie ruhig hier bei uns, bis wir weiter sehen. Das ist für Sie besser, als wenn Sie allein in Delmsloh hausen und immer wieder an die schreckliche Geschichte erinnert werden. Ihren Hof verwalte ich mit von hier aus.« Sie ergriff stumm seine Hand und sah ihn dankbar an. Mutter Lohmann war es nicht leicht geworden, ihren Mann zu diesem Entschluß zu bewegen. Er meinte, er hätte nun seine Christenpflicht an dem fremden Volk getan, und daß er die schwere Pflicht eines Vormundes unter wahrscheinlich sehr schwierigen Verhältnissen auf sich nehmen sollte, könnte kein Mensch von ihm verlangen, Aber seine Frau verlangte es doch und ließ nicht locker. Der Herrgott hätte ihnen in den langen Jahren ihrer Ehe so viel Gutes getan; ob er denn meine, den Dank dafür könnte er mit ein paar Talern jährlich für die armen Heiden gutmachen? wer denn ihr Nächster sei? Jetzt doch wohl ganz gewiß das arme verlassene Waisenkind, das in der Welt keinen habe, der sich seiner annehmen könnte? Endlich hatte Lohmann gebrummt: »Na, denn man to,« und damit war die Sache erledigt. Frau Lohmann räumte ihrer neuen Hausgenossin das leerstehende Altenteilerstübchen ein. Aus Delmsloh wurde eine Zimmereinrichtung herübergeschafft, und die kleine Stube, in der seit Generationen die Großväter und Großmütter des Lohhofes ihre Enkelkinder auf den Knien gewiegt hatten, wurde ein trauliches Heim für Vater Lohmanns Mündel. Durch die kleinen Fensterscheiben fiel der Blick in den verwilderten Garten. Frau Lohmann hatte nichts dagegen, daß Else bald mit ordnender Hand hier eingriff und ein Blumenbeet anlegte, das sie mit Delmsloher Pflanzen besetzte. Sie ging der Hausfrau fleißig zur Hand. In unverdrossener Arbeit suchte sie über den Schmerz, der mit jedem Morgen neu erwachte, hinwegzukommen. Manchmal geschah es, daß die Hausfrau Arbeiten, die sie eben angreifen wollte, getan fand, zuweilen auch solche, die sie nicht erwartete oder kaum kannte. Als der Pastor einmal vorsprach, fand er das ganze Haus in peinlicher Ordnung und Sauberkeit, obgleich sein Kommen nicht avisiert worden war. Das herzliche Verhältnis, das in schweren Stunden geschlossen war, blieb zwischen ihnen ungetrübt bestehen. Ganz anders gestaltete sich das Verhältnis zwischen Vormund und Mündel. Es war und blieb überaus kühl. Lohmann war meist sehr zugeknöpft und einsilbig. An manchen Tagen waren die Tageszeiten das einzige, was zwischen ihm und Else gewechselt wurde. Sie hatte Respekt vor seinem sicheren, männlichen Wesen, aber sie fühlte, daß es unmöglich war, ihm menschlich näherzukommen. Manchmal bei Tisch, wenn sie in bester Absicht etwas gesagt hatte, bemerkte sie in seinem Gesicht auch nicht die geringste Spur von Zustimmung oder Interesse. Ja, nicht selten bildeten sich dann auf seiner Stirn Falten des Unwillens, ohne daß sie auch nur den geringsten Grund dafür hätte finden können. Und dann gingen Mutter Lohmanns Augen immer so ängstlich zwischen ihr und ihrem Manne hin und her. Hinrich war bis auf die Augen, die er von der Mutter hatte, ganz des Vaters Ebenbild. Das sah man recht, wenn sie nebeneinander am Tisch saßen. Der scharfgeschnittene Mund, der widerwillige Haarwirbel am Scheitel, die Art, zu essen, zu sprechen und zu lachen – das letztere war jedoch sehr selten – in allem war Hinrich der Sohn seines Vaters, nur daß er neben ihm einen sehr unselbständigen, fast verlegenen Eindruck machte. Auch im Schweigen eiferte er ihm sehr erfolgreich nach. Das junge Mädchen konnte sich kaum vorstellen, daß dieser Hinrich derselbe sein sollte, den sie vor zwei Jahren gekannt hatte. In Gegenwart der anderen sprach er kein Sterbenswörtchen mit ihr, und wenn er sie einmal allein traf, sagte er entweder auch gar nichts, oder er brachte ein paar fade Allgemeinheiten über das Wetter oder über die Arbeit, die draußen gerade an der Reihe war, zustande. Mehr und mehr wurde ihr der Aufenthalt auf dem Lohhof drückend, und sie hatte den Eindruck, daß die Familie nicht anders empfand. Als sie einmal zufällig hörte, daß der Bauer zu seiner Frau sagte, er wollte aber nun bei der Hitze zum Essen keine Jacke mehr anziehen, und als er dann in Hemdsärmeln am Tisch erschien, kam es ihr zum Bewußtsein, daß Lohmanns sich ihretwegen manchen Zwang auferlegten, unter dem sie seufzten, schon das Hochdeutschsprechen war ja ein solcher. Das Sprachengewirr, das nun im Hause herrschte – sie sprach immer hochdeutsch, Mutter Lohmann immer plattdeutsch, die Männer mit ihr hoch, untereinander und mit der Mutter platt – hatte etwas Ungemütliches. Nein, sie paßte in diesen Kreis gar nicht hinein und fing an, sich fortzusehnen. Freilich, sie mußte ja warten, bis ihre Vermögensverhältnisse einigermaßen geordnet waren. Sie begriff nicht, wie das so lange Zeit in Anspruch nehmen konnte, wiederholt war der Vormund auf dem Amtsgericht gewesen, und halbe Tage arbeitete er in Delmsloh an dem Schreibtisch ihres Vaters. Einmal erkundigte sie sich vorsichtig bei Frau Lohmann über den Stand ihrer Angelegenheiten. Aber die wußte nicht mehr als sie selbst. Solche Dinge machte ihr Mann für sich ab und sprach nicht darüber, bevor alles klipp und klar war. Endlich; etwa sechs Wochen nach des Vaters Tode, forderte Lohmann nach dem Abendsegen das Mädchen auf, mit ihm in die gute Stube zu gehen. Das Herz klopfte ihr, als sie ihm folgte und er einen blauen Umschlag mit Akten öffnete. Ihr Vater hatte nie mit ihr über seine Vermögensverhältnisse gesprochen. Sie hatte aber daraus, daß er ein Gut wie Delmsloh hatte kaufen können, den Schluß gezogen, daß sie recht gut sein müßten. Vater Lohmann blätterte hin und her, räusperte, und endlich begann er: »Ich bin nun so weit, daß ich einigermaßen sehen kann, wie Ihre Vermögenssachen liegen. Was Ihr Vater war, der hat Delmsloh mit schweren Hypothekenlasten übernommen, und es ist ihm in diesen ersten Jahren – aller Anfang ist schwer, und vor allem für den Landwirt, wenn erst so viel angeschafft werden muß – nicht ganz leicht geworden, die Zinsen rechtzeitig zu bezahlen. Nun fragt sich, was wir mit Delmsloh anfangen, selbst bewirtschaften können Sie's nicht. Daran ist natürlich gar nicht zu denken, wenn Sie den Hof verpachten, wird die Pacht kaum langen, daß Sie die Hypothekenzinsen damit bezahlen, wenn Sie aber verkaufen, behalten Sie – na, wollen mal sagen so'ner zweitausend Taler übrig; wenn's gut geht, wohl noch ein paar hundert Taler mehr. Ich habe mir das alles genau überlegt, und öfter als einmal, und da muß ich sagen, ich rate zum Verkauf...« Else war sehr erschrocken. Mit einer Null mehr hatte sie bestimmt gerechnet. Aber sie ließ sich nichts merken. Nun verstand sie auf einmal, warum der Vater oft so sorgenvoll ausgesehen und so tief in die Nacht hinein gerechnet hatte. Als der Bauer geendet hatte und sie fragend ansah, antwortete sie scheinbar ganz leicht und ruhig: »Ja, ich muß Delmsloh verkaufen, das sehe ich ein. Und wenn's auch kein Zwang wäre, ich wollte es doch nicht behalten. Ich hänge gar nicht daran, ich habe da nur wenig frohe Stunden verlebt. Bitte, verkaufen Sie es für mich! Und dann wollte ich noch eins sagen,« – sie zog ein ›Hannoversches Sonntagsblatt‹ aus der Tasche – »ich muß mir ja nun mein Brot bei anderen Leuten verdienen, und hier wird ein junges Mädchen als Stütze der Hausfrau gesucht. Ich glaube, dieses wäre etwas für mich. Ich mag Ihnen, die Sie so viel für mich getan haben, nun auch nicht länger im Wege sein.« »Was wollen die Leute denn ausgeben?« fragte der Bauer, der immer gleich auf die Hauptsache ging. »Für den Anfang zweihundert Mark,« antwortete sie. »Hm, hm,« machte Lohmann, »das ist genug für so'n junges Ding. Und wo sind sie zu Hause?« »Nicht weit von Göttingen,« lautete die Antwort, »auf einem kleinen Gute.« Der Bauer nahm das Blatt zur Hand und las die Annonce bedächtig durch. Dann nickte er und sagte: »Familienanschluß und freundliche Behandlung wird zugesichert – ja, das möchte wohl was sein.« Mutter Lohmann wurde hereingerufen und der neue Plan ihr mitgeteilt. Als sie davon hörte, erschrak sie und rief: »Wat, du wullt uns verlaten? Gefallt di dat denn hier nich mehr?« Aber ihr Mann plinkerte ihr heimlich mit den Augen zu. Da lenkte sie ein und sagte nachdenklich: »Jajija, wat schall ener darto seggen, de Sake is doch woll nich van de Hand to stöten. Wi möt se erst mal beslapen... Ick will nich seggen... abers morgen is ok noch 'n Dag.« Das junge Mädchen hielt es nicht mehr für nötig, noch eine Nacht über der Sache zu schlafen, sie zog sich auf ihr Zimmer zurück und schrieb an die Frau, welche die Stütze suchte, einen langen Brief, in welchem sie ihre Verhältnisse darlegte und zum Schluß dringend um Berücksichtigung bat. Sie hatte bei dem Schreiben das Gefühl, als ob sie von ihrem in den Wellen kämpfenden Lebensschifflein den Rettungsanker auswürfe. Dann ging sie zu Bett und schlief beruhigt ein. Mutter Lohmann beschlief die Sache, das heißt: sie durchgrübelte sie die halbe Nacht. Auch sie kam zu der Überzeugung, daß es das beste wäre, wenn Else die Stelle annähme. In der Fremde, unter neuen Verhältnissen und bei neuen Pflichten würde sie am ersten den schweren Schlag überwinden. Da war für so eine auch mehr Abwechselung als auf dem einsamen Bauernhof in der Heide. Sie war nun einmal nicht bei den Bauern groß geworden, und es war besser, wenn sie wieder zu ihresgleichen kam. Auf die Dauer war es auch für den Lohhof ungemütlich, wenn so eine Fremde, die nicht recht hineinpaßte, zur Familie gehörte. Endlich schlief auch sie beruhigt ein. Mit wendender Post erhielt Else die Antwort, daß sie die Stelle in vierzehn Tagen antreten könne. Als sie ihrem Vormund diese Nachricht überbrachte, sagte er gelassen: »Joo... das ist ja denn man gut.« Es entging ihr nicht, daß dabei in der Tiefe seiner grauen Augen die Freude vergeblich sich zu verbergen suchte. Und von Stund' an war er stets sehr liebenswürdig gegen sie, soweit seine Natur das zuließ. Mutter Lohmann erschrak bei der Kunde. Aber sie beruhigte sich schnell und meinte: »Wenn't Gott's Will is, well't woll dat Beste wän. Achjajija, so is dat in't minschliche Lewen: dat kummt und dat geiht...« Und in den nächsten Tagen erschienen immer Elses Lieblingsspeisen auf dem Tisch. Mit Hinrich sprach Else nicht über ihre nahe Abreise. Er hatte ja, seit sie in Lohe war, für ihre persönlichen Angelegenheiten nie auch nur das geringste Interesse gezeigt. Einmal, als sie allein in der Stube waren, fragte er: »Nun wollen Sie weg von uns?« Sie ärgerte sich über den steifen, langweiligen Ton dieser Frage und sagte kurz »Ja,« ohne von ihrer Handarbeit aufzusehen. Er sagte denn auch nichts weiter und ging bald hinaus. Da blickte sie auf und murmelte hinter ihm her: »Bauer!« * Der Tag vor der Abreise war dem Abschiednehmen gewidmet. Am vormittag benutzte Else Riewitz eine Fahrgelegenheit nach Wiechel, um am Grabe ihres Vaters einen Kranz niederzulegen. Lange Zeit stand sie an dem frischen Hügel, in schmerzliche Erinnerungen versunken, und ihr Geist wanderte von dem frischen Grabe zu ihren älteren Gräbern. Das der Mutter lag in einem pommerschen Dorfe, das des einzigen Bruders, den sie gar nicht gekannt hatte, irgendwo in Westpreußen. Wie die beiden Höfe an der Werle, so waren hier auf dem Friedhof auch ihre Ruhestätten benachbart. Auf dem Loher Erbbegräbnis stand ein verwitterter Grabstein. Sie entzifferte den Namen Lohmann und eine alte Jahreszahl. Ja, diese Menschen waren zu beneiden. Sie saßen Geschlecht auf Geschlecht sicher auf dem Erbe ihrer Väter, bis sie hier im Schatten der Wacholder- und Fliederbüsche in Frieden zu ihren Vätern versammelt wurden. Die Unbeständigkeit und Ruhelosigkeit ihres eigenen Daseins kam ihr schmerzlich zum Bewußtsein. Sie hatte nirgends eine bleibende Stätte, nirgends eine Heimat. – In den späteren Nachmittagsstunden ging sie nach Delmsloh hinüber. Noch einmal schritt sie durch alle Räume des Hauses, suchte einige Lieblingsplätze des schnell verwildernden Gartens auf, nahm von den Leuten Abschied und ließ den Hof, mit dem nur wenig freundliche Erinnerungen, aber viele schmerzliche sie verbanden, fast leichten Herzens hinter sich. Den Rückweg nach Lohe nahm sie nicht auf dem Fußweg am Waldsaum, sondern in weiterem Logen durch den Wald. Wie sanft die Wipfel rauschten, und wie das Sonnenlicht auf dem braunen Waldboden zitternde Netze ausspannte! Sie dachte daran, wie sie zum erstenmal in diesen Wald zu Entdeckungen ausgezogen war und wie sie damals den lieblichen Thymianhügel am Bach entdeckt hatte. Dieses Plätzchen mußte sie doch noch einmal besuchen. Und mit schnellen Schritten schlug sie die wohlbekannte Richtung ein. Als sie mit vorgehaltenem Arm sich durch das Gebüsch hindurchgearbeitet und ihren alten Sitz wieder eingenommen hatte, blickte sie um sich. Da blieb ihr Auge an einem Fuhrenbäumchen auf der Mitte des Hügels haften. Sie erinnerte sich seiner, vor zwei Jahren ein zartes Pflänzchen, hatte es sich tüchtig herausgemacht, obgleich es in der Mitte eine Bruchstelle zeigte, um die das Harz eine glänzende Kruste bildete. Trotzdem strebte das Bäumchen tüchtig aufwärts und machte den Eindruck größerer Gesundheit und Lebenskraft als ein anderes, das, gerade gewachsen, in dem Schatten eines größeren Baumes nur kümmerlich fortkam. »Du tapferes Bäumchen!« dachte sie, »ja, wir beide wollen trotz allem den Kopf hoch behalten.« Und wieder wanderten ihre Gedanken zurück. »Sie war doch sonst ein wildes Blut; Nun geht sie tief in Sinnen, Trägt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut, Und weiß nicht was beginnen.« Ja, so eine war sie damals gewesen. Das hatte Hinrichs plumpes Fragen, das sie erröten machte, ihr zum Bewußtsein gebracht. Aber heute war sie so eine nicht mehr. Nun wußte sie, daß der Mensch nicht in der Welt ist, um mit dem Hutband zu spielen und allerhand Süßes zu sinnen und zu träumen. Das Leben hatte sie mit starker Hand angepackt und aufgeweckt. Nun hieß es, die Zähne aufeinanderbeißen und es bezwingen! Da kam eine kleine Biene angesummt, setzte sich auf die Blütendolde eines Heidestrauches, brummte enttäuscht, kroch mit den hurtigen Beinchen auf ein benachbartes Zweiglein, und hier setzte sie sich fest und steckte das Rüsselchen in einen der winzigen Rosakelche nach dem anderen. Dann erhob sie sich und flog in der Richtung, wo der Loher Bienenzaun lag, davon. Da dachte die Beobachterin an jenen Nachmittag vor zwei Jahren, als Hinrich Lohmann ihr hier die lange Rede über die Immen und Drohnen hielt. Man sollte es gar nicht für möglich halten, daß der junge Mann, der damals hier wie ein Buch reden konnte, dieselbe Person war mit dem, der jetzt immer so duckmäusig und dröpsig mit ihr am Tische saß und sich in sieben Sprachen ausschwieg. Eine problematische Natur, ein rätselhafter Mensch, dieser Hinrich. Mutter Lohmann hatte sie bis auf den Grund ihres guten Herzens geschaut, auch ihren Vormund in seiner steifen, tüchtigen Bauernart glaubte sie zu kennen, Aber Hinrich? Den kannte sie durchaus nicht. Sie kannte eben einfach zwei Menschen dieses Namens, einen flotten, aufgeweckten, warmherzigen hier im Walde vor zwei Jahren, und jetzt einen schwerfälligen, langweiligen drüben in Lohe. Einige Male hatte sie gedacht, der alte Hinrich Lohmann wollte ihm wieder aus den Augen blicken und aus seinen Worten sprechen. Aber dann hatte er gleich wieder so hilflos verlegen ausgesehen und war ins Stottern geraten, was mochte den frischen Ulanen von damals nur so verändert haben? Das einförmige Leben in Lohe mit seinem Mangel an geistiger Anregung? Oder die herrische Art des Alten, die alle Regungen zur Selbständigkeit unterdrückte? – Oder erklärte sich sein Benehmen aus einer Art Rücksichtnahme auf ihre Trauer? – Oder hatte sie ihn ohne Wissen beleidigt? Empfindlich sind dieser Art Leute ja, das hatte sie an Vater Lohmanns Stirnrunzeln gemerkt. Wenn er jetzt zufällig mit seinem Karo des Weges käme! Vielleicht taute er hier an der Stätte ihrer ersten Bekanntschaft auf, und sie würde hinter das Rätselhafte seines Wesens kommen. Unwillkürlich lauschte sie. Aber sie hörte nichts als das tiefe Atmen des Waldes, das leise Gluckern des Baches und hin und wieder eine müde Vogelstimme. Und noch ein anderer Ton, aus nächster Nähe, war dabei. Es war das Klopfen ihres eigenen Herzens.– Und nun riß sie sich los von diesem Erdenwinkel, dessen grüngoldene Dämmerung mit ihren süßesten Jugendträumen verwoben war. Hier hatten ihre wachen Sinne sich dem wunderbaren Weben und Leben der Natur erschlossen, hier war ihre kleine durstige Seele zum Quell der Dichtung hinabgestiegen, hier hatte sich zuerst ein Großes, Fremdes ihr genaht und hatte der Natur neuen Glanz und Klang und Duft, den Gedichten neuen Sinn und ihrem trotzig-spröden Herzen schnelleren Schlag verliehen ... Sie weihte dem Ort eine stille Abschiedsträne, brach sich ein winziges Heidezweiglein, zog ein zierliches Thymianpflänzchen aus und legte die beiden zum Andenken in ein goldenes Medaillon, das sie auf der Brust trug. Dann ging sie mit festen Schritten von dannen, dem feindlichen Leben entgegen, es mit festen Händen anzufassen und zu bezwingen. Als sie sich dem Hofe näherte, hörte sie die Klänge einer Handharmonika. Es waren getragene, schwermütige Volksliederweisen. Diedrich, Lohmanns Zweiter, befand sich in dem Stadium der Jünglingssentimentalität. Zu gefühlvollen Elegien oder zu einem erhabenen Weltschmerz langte es bei ihm natürlich nicht; auch hätte die stramme Arbeit, die Vater Lohmann von seinen Jungens ebenso wie von den Knechten verlangte, dazu keine Zeit gelassen. Deshalb stellte er sich nach Feierabend, wenn der Tag zur Ruhe ging und die Dämmerung ihre Schleier um den Hof zu weben anfing, an den Ziehbrunnen, blickte halbschräg zu den Wolken auf und vertraute seine schmerzlich-süßen Jünglingsgefühle einer alten Handharmonika an, die sie gefühlvoll, wenn auch etwas verstimmt, in die Abendstille entließ. Da rührten sie denn bald ein Jungmädchen, das im Stall unter einer Kuh saß und melkte oder in der Kammer ihre Strümpfe stopfte, oder einen Wanderburschen, der auf der Bandstraße seines Weges zog, und heute abend vor allem das junge Fräulein, das eben durch die Dämmerung des schweigenden Waldes auf den Hof zugeschritten kam. »was für ein gefühlvoller, tief empfindender Mensch!« dachte sie, »so ganz anders als sein stumpfer Bruder.« Sie näherte sich dem jungen Künstler, und als der das arme, junge Soldatenherz zu Straßburg auf der Schanz hatte ausklagen lassen, bat sie ihn, ein Abschiedslied zu spielen. »Was denn?« fragte Diedrich. »Na, meinetwegen: Morgen muß ich fort von hier,« sagte sie. Diedrich lehnte sich an die Brunnenumfassung, schlug das linke Bein über das rechte, schloß die Augen, machte ein wehmütiges Vorspiel und spielte dann die Weise in langgezogenen, leise verhauchenden Akkorden. Einmal warf er einen scheu verstohlenen Blick nach seiner Zuhörerin. Für ihn war die Fremde immer etwas wie ein rätselhaftes Wesen, das er ganz scheu, ganz aus der Ferne verehrte. Deshalb spielte er denn auch so innig wie noch nie. Sie stand an den Brunnenbaum gelehnt, den Blick in das Abendgold gesenkt, das zwischen den mächtigen Eichenstämmen leise verglühte, und begleitete die Weise im stillen mit dem Text. Bei den Worten: »... wenn ein treu verliebtes Herz in die Fremde ziehet,« war es ihr für einen Augenblick, als ob da draußen die Fremde wäre und hier auf dem Lohhofe trotz allem doch etwas wie eine Heimat. Aber das war nur eine flüchtige Anwandlung, und sie schüttelte sie schnell von sich ab. Es war ja alles so fremdartig, was sie hier umgab. Als Diedrichs Harmonika den letzten Ton hatte verhauchen lassen, wandte sie sich um, ihm zu danken. Da erschrak sie. Im Fenster seiner Schlafkammer lag Hinrich. Er hatte offenbar zugehört und wollte sich jetzt schnell zurückziehen. Aber sie rief ihm munter zu: »Ja, Herr Lohmann, morgen muß ich fort von hier, morgen geht's in die weite, weite Welt.« »Sie freuen sich wohl auch mächtig, daß Sie den unbequemen Gast loswerden?« »Och... das... das will ich just nicht sagen...« Er murmelte noch etwas, aber das ging in dem »Lust'gen Hannoveraner« unter, den Diedrich, des sentimentalen Tones nun satt, durch munteres Quetschen und Ziehen seinem Instrument entlockte. – Es war abgemacht worden, daß Else die Dame, von der sie als Stütze angenommen war, in Hannover treffen sollte. Am Nachmittag des folgenden Tages schickten Vater und Mutter Lohmann sich an, sie an die Bahn zu bringen. Aber gerade als der Bauer die Braunen aus dem Stall zog, kam ein vollbesetzter Wagen auf den Hof gejagt. Schon an dem Fuchsgespann, und dann an dem stattlichen Mädchen, das vorne neben ihrem Vater saß, sah Lohmann, daß Hinkens vom Dierkshof ihren lange erwarteten Besuch ausführen wollten. »Wi kamt woll nich god to Paß?« sagte Vater Hinken von seinem Wagen herab, mit der Peitsche auf Lohmanns Pferde und mit den Augen auf seinen Sonntagsanzug deutend. »Ji kamt jümmer recht,« sagte der Lohbauer. »Wi wollen man eben de Frömde öwern Barg bringen. Abers dat kann de Knecht just so god.« »Jan!« rief er mit tönender Stimme ins Haus. Statt des Gerufenen kam Hinrich. Er nickte dem Besuch grüßend zu und sagte zu seinem Vater: »Jan hest du nah 'n Smed schickt.« »Ach ja, denn mutt Diedrich föhren,« bestimmte der Alte. »Diedrich is up de hoge Heide,« wandte der Sohn ein. Lohmann kratzte sich hinter dem rechten Ohr und sagte: »Verdullten Kram! Jung', denn helpt dat nich, denn mußt du dat Fräulein gau henjagen. Hol di abers nich up! Du weeßt,« fügte er leiser hinzu, »de Besök gelt di ok mit.« Er sah, daß eine Bewegung über Hinrichs Züge ging, und schmunzelte. Und Vater Hinken schmunzelte ebenfalls. Else kam, von Mutter Lohmann geleitet, in Reisekleidung über die Diele, grüßte die Hinkensche Sippe leicht und stieg auf den Wagen. Eine lange, peinliche Minute, während welcher keiner recht etwas sagte, die Augen der Fremden aber beobachtend auf ihr ruhten, verging, dann kam Hinrich, der sich in Eile für die Fahrt angekleidet hatte, nahm auf dem Kutschersitz Platz, und der Wagen rollte von dannen. Als er das Hoftor passierte, grüßte die Scheidende mit der Hand noch einmal flüchtig zurück, atmete erleichtert auf und lehnte sich befriedigt im Wagen zurück. Wie stocksteif der Hinrich da vor ihr auf dem Bock saß! Er sah nicht rechts und nicht links, sondern zwischen dem rechten Ohr des linken und dem linken Ohr des rechten Pferdes die Straße entlang, immer geradeaus. Na, ihr konnte es ja recht sein, wenn er sich so ungehobelt benehmen wollte. Sie hatte sich nun ja die längste Zeit über ihn geärgert. Noch ein gestrecktes, flaches Heidetal trennte sie von dem Bahnhof, dessen rote Ziegelgebäude über ein junges Fuhrengehölz emporragten. Da lenkte Hinrich das Gefährt von dem Pflaster auf den weichen Sommerweg. Die Pferde trotteten sehr gemächlich. »Schönes Wetter heute,« sagte Hinrich und wandte den Kopf ein wenig nach rechts. »Schönes Wetter heute?« fragte es verwundert hinter ihm. »Der ganze Himmel voll Wolken und jeden Augenblick kann's anfangen Bindfaden zu regnen, und das nennen Sie schönes Wetter?« Dabei lachte sie spitz auf. Hinrich schwieg. Nach einer Weile sagte er: »Bitte, lachen sie nicht so! Nach Lachen ist mir gar nicht zu Sinne.« Er sah jetzt nicht mehr die Birkenreihe entlang, sondern auf den Schwanzriemen seines Handpferdes. »Ich meine, heute ist ein Freudentag für Lohe, weil es den Fremdling los wird,« sagte das Mädchen nach einer Pause. Hinrich antwortete darauf nichts. Sie blickte von ungefähr in die Richtung, aus welcher der Zug zu erwarten war, und sah in der Ferne ein weißes Rauchwölkchen über den Fuhrenwäldern schweben. »Fahren sie zu,« sagte sie erregt, »da kommt der Zug schon!« Hinrich warf einen schnellen Blick nach der Seite und sagte: »Üh.« Aber der Zuruf klang so wenig energisch, daß die Braunen sich dadurch nicht aus ihrem Schlenderschritt bringen ließen. Da sprang sie vom Wagensitz auf und rief: »Mensch, brauchen Sie die Peitsche!« Aber in demselben Augenblick hatte Hinrich die Zügel angezogen, der Wagen stand, und sie schoß bei dem plötzlichen halten gegen seinen breiten Rücken. Blitzschnell warf sie sich in den Sitz zurück und starrte nun mit offenem Munde auf die Gestalt vor sich... Plötzlich hat sich der große Mensch herumgeworfen. Seine Wangen glühen, die Augen brennen, und über die sich mühsam öffnenden Lippen kommen zwischen schweren Atemzügen die Worte: »Es muß heraus! Ich hab' Sie so lieb, – so furchtbar lieb.« »Hinrich! – – – « »Pink – pink – pink – tüüüt,« warnte drüben der Zug, der wohl einen Waldweg zu schneiden hatte. Es klang beängstigend nahe. »Da ist er schon, was fange ich an?« jammerte händeringend und fassungslos das Mädchen. »Sofort soll's losgehen,« sagte er mit fliegendem Atem und warf einen schnellen Blick nach der Dampfwolke, »bloß eine Frage! Wollen Sie meine Frau werden?« »Hinrich, es geht nicht.« »Warum nicht?« »Vater will's nicht.« »Dazu ist jetzt keine Zeit, wollen Sie?« »Um Gottes willen, liebster, bester Herr Lohmann, bringen sie mich an den Zug!« rief sie und war wieder aufgesprungen. »Erst Ja oder Nein,« sagte er bestimmt und sah sie fest an. »O Hinrich, es kommt mir zu plötzlich,« jammerte sie. Dann schnell und entschlossen: »Am Bahnhof will ich's Ihnen sagen.« »Gut,« sagte er, warf sich herum, riß das Gespann mit scharfem Ruck auf die Steine, ließ die Peitsche einmal rechts und einmal links auf die Pferderücken sausen, in rasendem Galopp flog das Gefährt dahin, rechts und links blitzten die weißen Birkenstämme vorüber. Er saß da, vornübergeneigt, jeder Muskel gespannt, das Leitseil um die rechte Hand gewunden. Sie hielt sich an die Seitenlehnen geklammert, den Blick starr auf den Mann vor ihr gerichtet... In demselben Augenblick, als der Zug hielt, riß er die Zügel an und brachte den Wagen zum stehen. Beide im Sprung herunter, er mit dem Koffer im Laufschritt zur Fahrkartenausgabe, sie mit dem Reisetäschchen über den Bahnsteig hastend und die Tritte zu einem Frauenabteil hinaufstolpernd, er, in der einen Hand den Koffer, in der anderen die Fahrkarte, stürzt aus dem Gebäude und sucht mit den Augen die Wagenreihe entlang, sie winkt mit der Hand, er in mächtigen Sprüngen heran, Koffer und Karte hinaufreichend. Ein Fluch des Schaffners über solche Bummelei. »Abfahren!« des Rotmützigen, Pfiff des Zugführers, pusch... pusch pusch der Lokomotive, ein Ruck die Wagenreihe entlanglaufend, er ihr Abteil begleitend. »Na?,« ein Neigen des Köpfchens und ein leise gehauchtes »Ja,« neugierige, lächelnde Blicke aus den Fenstern, Wagen vierter Klasse vorüberratternd, Viehwagen mit blökenden Rindern und nöffenden Schweinen, Holz- und Ölwagen, eine weiße Dampfwolke alles verhüllend, Pink–pink–pink des Läutewerks der Lokomotive beim Passieren der Landstraße ... »Na, Freundchen, das hat wohl noch eben gut gegangen?« Der Vorsteher war herangetreten und redete Lohmanns Hinrich, der noch immer dem Zuge nachstarrte, also an. Der wandte sich um, sah den Mann fremd an, wie wenn er aus einem tiefen Traum erwachte, und sagte: »Ja, das hat wirklich gut gegangen.« »Sie hielten da drüben vorhin eine ganze Zeit auf dem Sommerwege. War an Ihrem Wagen was kaputt?« »Och nee, Herr Vorsteher... mein Wagen war ganz heil ... ich ... ich hatte sonst Aufenthalt.« »Ein hübsches Mädchen, dieses Fräulein Riewitz, schade, daß sie nun so ganz allein und verlassen im Leben steht.« »Och, ich hoffe, sie hat eine gute Stelle gefunden ...« »Wo denn?« »Och, da unten herum irgendwo.« »Ob sie wohl noch etwas von Delmsloh übrigbehält? Die Leute sagen ...« In dem Dienstzimmer meldete sich das Signalwerk. »Einen Augenblick,« entschuldigte sich der Beamte, »ich bin sofort wieder da.« Hinrich murmelte etwas wie »old Wief« und machte, daß er vom Bahnsteig herunterkam. Er trat zu seinen schweißbedeckten Braunen und klopfte ihnen begütigend die Mähnenwand. Dem Handpferd stierte er eine Weile in das Ohr. Dann ging er einmal rund um den Wagen herum. Nachdem er den Schlag zugeschlagen und das Wagenleder festgeknöpft hatte, stand er etwa eine halbe Minute, den linken Fuß auf dem Tritt, und starrte nach des Vorstehers weißen Tauben. Plötzlich raffte er sich auf, hängte einen der Stränge ein, stieg auf, brummte, stieg ab, um auch den andern einzuhängen, stieg wieder auf, brütete einige Sekunden vor sich hin und fuhr endlich im Schritt davon. Der Wirt hatte aus dem offenen Fenster verwundert seinem Tun Zugesehen. »Is de aber besapen!« sagte er zu seiner dicken Frau, die eben den Schenktisch abwischte, und in seinen kleinen, grünen Froschaugen glimmte der Ärger, daß dieser kapitale Rausch nicht aus seinen Schnapsflaschen stammte, sondern wahrscheinlich wieder mal von Cord Stallbom in Wiechel, der es doch längst nicht so nötig hatte als ein armer Anfänger an der neuen Bahn. Vor den Augen ein Flimmern, im Kopf ein Sausen, so fuhr Hinrich langsam dahin. Er dachte an gar nichts und konnte auch nicht denken. Einen Fußgänger, der ihm die Tageszeit bot, wurde er gar nicht gewahr, obgleich er ihn mit großen Augen anstarrte, so erreichte er die Stelle, wo er vorhin gehalten hatte. Der beim scharfen Wenden auf die Straße zur Seite gewühlte Sand machte sie kenntlich. Da schlug er sich plötzlich mit der flachen Hand vor die Stirn und sagte: »Djunge, Djunge, Djunge!« Und nun konnte sein Kopf wieder denken. »Hinrich,« raunte eine Stimme ihm zu, »hier hast du eben eine große Dummheit gemacht.« »Nein,« sagte eine andere, ganz zuversichtlich, »hier hast du dein Glück gepackt.« »Hinrich,« raunte die erste wieder, »hast du's denn gar nicht gemerkt, daß sie, die Feine, die hochdeutsche, gar nicht in euer Haus paßt?« »Ach was, das zieht sich alles zurecht,« tröstete die andere. »Hinrich, du weißt doch, daß Vater will, du sollst Hinkens Gretschen frein.« »Ja, aber ein Kerl wie du, Hinrich Lohmann, braucht sich keine anschnacken zu lassen. Du hast selbst Augen, zu sehen, und ein Herz, zu fühlen.« Und nun schwieg der Verstand, und ein großes Gefühl des Glücks und der Freude strömte wie ein mächtiger Strom durch des schwerfälligen Bauernjungen Seele. Er hatte die Hände über den Zügeln gefaltet und blickte stillselig vor sich hin, und die Braunen gingen still ihres Weges Schritt für Schritt durch das braune Heideland, durch keinen Zuruf noch Peitschenschlag geschreckt, und zur Rechten und Linken blieben langsam die hellen Birken und die dunklen Wacholder zurück. Im Tale erschien der Hof Lohe. Der Wagen hatte jene Höhe erreicht, von der einst der junge Reservist mit weitgeöffneten Augen auf sein Erbe geschaut und gerufen hatte: »Up de ganze wiede Welt giwt't man enen Lohhoff!« heute lag auf der Heideheimat nicht wie damals das »große, stille Leuchten«, sondern ein stumpfes, schweres Nebelgrau. Und doch erschien ihm sein Erbe heute doppelt so schön als damals. Denn er malte sich den Tag aus, wenn er im spiegelblanken Zylinder seinen Einzug auf dem alten Hof dort unten halten würde, und an seine Seite schmiegte sich im Myrtenkranz und Brautschleier die, welche heute davongegangen, drüben in der Kirche zu Wiechel ihm angetraut... vielleicht im nächsten Mai... dann sangen die Nachtigallen wieder mit süßem Schall... oh, so schön wie sie dann singen mußten, hatten sie gewiß noch nie gesungen!... und dann sprangen im Hall und Widerhall die Rosen auf und die Herzen, und das ganze Leben war ein sonnenseliger, nachtigalldurchjubelter, rosenduftender Maientag... Hinrich Lohmann war ja nicht sehr für Gedichte. Was die Poeten sagen und singen, kam ihm meist überspannt, übergeschnappt vor. Aber wenn ihm heute einer die schönsten Liebeslieder der Weltliteratur vorgelesen hätte, würde er vielleicht den Kopf geschüttelt und gedacht haben, die Herren Dichter seien im Grunde doch recht hausbackene Gesellen und Stümper. Das müßte ganz anders kommen, viel tiefer heraus, viel höher hinauf! Das innere Jubeln war so mächtig geworden, daß er es nicht mehr aushalten konnte, still mit gefalteten Händen im Wagen zu sitzen. Er stand auf und fühlte den Drang in sich, irgend etwas zu tun. Da fiel sein Blick auf die neue hanfene Schmicke an der Peitschenschnur. Und er nahm die Peitsche und ließ sie dreimal scharf knallen. Als er innehielt, sah er allerhand Gevögel ringsum rennen, retten, flüchten. Und wieder knallte er, sechsmal hintereinander. Da wurde ein fetter Meister Lampe wach und setzte wie auf Leben und Tod über die Heide. Und zum drittenmal faßte er die Peitsche und ließ sie ein gutes Dutzend mal mit aller Kraft seines Armes und in rasendem Tempo klatschen, vom Walde und Gehöfte im Tal kam ein lang hallendes Echo zurück. Dieses Knallen war nun nicht mehr zu überbieten. Befriedigt gab er jedem der beiden Braunen einen freundschaftlichen Schlag auf den Rücken und ließ sie flott den Hügel hinablaufen. Als er nach wenigen Minuten in scharfem Trab auf den Hof fuhr, machte er große Augen. Vor der Einfahrtstür standen die Väter Lohmann und Hinken und lächelten väterlich, und die Mütter Lohmann und Hinken, die lächelten mütterlich, und in der Mitte Hinkens Gretschen, die lächelte hold verschämt. »Djunge, Djunge, du kannst ja ganz barbarisch klappen,« sagte Vater Hinken bewundernd, und sein Gretschen errötete noch tiefer. Hinrich aber machte ein sehr dummes Gesicht. An diese Wirkung seines Peitschenknallens hatte er nicht gedacht. Er mußte das Gespann dem Knecht übergeben und sich der Gesellschaft anschließen, die aus dem Hause getreten war, um den üblichen Rundgang durch die Wirtschaft zu machen, und sich nun prüfend, fragend, lobend, rechnend durch die Stallungen schob. Hinrich ließ sich mitschieben, aber seine Gedanken fuhren mit der Eisenbahn und flogen zwischendurch immer wieder durch alle sieben Himmel. Da fühlte er plötzlich einen derben Stoß zwischen den kurzen Rippen, der ihn in den Schweinestall des Lohhofes zurückbrachte. »Hörst du nich, dat Gretschen di wat fragt?« sagte sein Vater, von dem der Stoß ausging, ihn verwundert ansehend. Nein, keine Silbe hatte er gehört. Er starrte Gretschen fragend an, und sie mußte die Frage wiederholen. »Fuddert ji de Swien warm oder kold?« »Kold.« »Wi fuddert warm.« »Soo.« Und nun entspann sich eine Unterhaltung über die Vorzüge der warmen und kalten Fütterung. Sie einigten sich schließlich dahin, daß auch die Schweine Gewohnheitstiere wären, und die Hauptsache bliebe immer, daß sie ordentlich Schrot und Kartoffeln kriegten. Und eine kleine Zugabe von Futterkalk schade auch nichts, die befördere die Knochenbildung und die Freßlust. Nachdem die Hinkensche Familie sich im Hause an den Erzeugnissen der vorjährigen Loher Schmeinemast gütlich getan hatte, kletterte sie auf ihren Wagen mit Wünschen für gutes Erntewetter. Und wenn das Korn herein wäre, sollten Lohmanns nur recht bald nach Dierkshof kommen, was Vater Lohmann, einen bedeutungsvollen Blick mit Vater Hinken wechselnd, gern versprach. Nach einigen Tagen brachte der Briefbote Mutter Lohmann einen Brief, was seit Hinrichs Soldatenzeit nicht mehr vorgekommen war. Als sie mit Hilfe ihrer Brille die feine, zierliche Schrift entziffert hatte, wußte sie, daß Else es mit ihrer Stelle gut getroffen hatte. Die gute Seele war durch diese Nachricht glücklich von einer schweren Sorge befreit. Im übrigen enthielt der Brief warme Dankesworte für ihren Mann und die ganze Familie wegen aller Liebe und Freundlichkeit, die sie dem Fremdling erwiesen hätten. Es war Mutter Lohmann sehr rührend, dies alles schwarz auf weiß zu lesen, und wiederholt fuhr der Schürzenzipfel in die Augenwinkel. Als ihre Mannsleute zum Frühstück kamen, zog sie den Brief aus der Tasche und sagte: »Se hett schrewen.« »Soo ...« sagte Vater Lohmann gleichgültig. »Se hett gode Lüe drapen.« »Dat freut mi.« »Und se bedankt sick för allens.« »Is all god.« »Wullt du den Breef lesen?« fragte sie, ihn auf den Tisch legend. »Ach nee, se schriwt mi to mickerig.« »Und ok di, Hinrich,« wandte Frau Lohmann sich jetzt an ihren Sohn, »hett se wat to bestellen.« Sie suchte die betreffende Stelle des Briefes. Hinrich starrte sie mit großen Augen an und würgte an dem Bissen, den er gerade im Munde hatte. »Auf der F... Fahrt nach dem Bahnhof ...« begann sie mühsam zu lesen. »Ach, Mudder, lat mi sülwst lesen,« bat Hinrich, »min Ogen sünd noch wat scharper.« Sie reichte ihm den Brief, und er las für sich. »Wat hett se denn mit di?« forschte Vater Lohmann neugierig. »Ach, se hett up de Fahrt nah 'n Bahnhoff ehr lütte Hart verlaren,« sagte Hinrich, wie abwesend. »Ehr Hart?« wiederholte der Alte verwundert. Hinrich sah ihn verdutzt an. »Se hett Malör hatt,« erklärte Frau Lohmann. »Se harr'n lütt Hart van Gold, 'n Arwstück von ehr Mudder selig, dat hett se ünnerwegs verlaren. Hinrich schöll't up den Wagen söken.« »Soo,« sagte Vater Lohmann beruhigt, »dat is ehr ganz recht. Wat makt ji Fronslüe jo sökke Dinger nich faster an!« * Hinrich ging gleich nach dem Frühstück in die Scheune und durchsuchte den Wagen bis in die verborgensten Ritzen und Falten. Das verlorene Herz fand sich nicht. Es war wohl bei dem überstürzten Rennen an den Zug verlorengegangen. Hinrich nahm sich vor, ihr zu Weihnachten ein neues zu schenken. Und er dachte mit Herzklopfen daran, daß sie ihr richtiges Herz auch verloren hätte, und daß dies nun ihm gehörte, wenn nur erst die Sache mit Vater und Mutter in Richtigkeit wäre! Aber vorher mußte die Roggenernte herein sein. Das war vorderhand das Wichtigste. – Trotz der guten Wünsche der Dierkshöfer machte die Ernte in diesem Jahre viel zu schaffen. Mehrmals, wenn man sich anschickte, einzufahren, kamen Regenschauer dazwischen. Vater Lohmann regte sich darüber nicht auf. »'t is allens Gottes will und Wäer,« dachte er gleichmütig. Hinrich dagegen zeigte sich sehr ungeduldig. Wenn das Wetterglas wieder fiel, stampfte er mit dem Fuße auf. War einmal gutes Wetter zum Einfahren, so arbeitete er für zwei und trieb die andern. Der Vater sah ihn öfters verwundert an. Irgend etwas war mit dem Jungen anders als sonst. Endlich war der Segen der Felder doch wieder glücklich geborgen. Vater und Mutter Lohmann saßen am Abend des Tages, der das letzte Fuder in der Missentür ihres Hauses hatte verschwinden sehen, beieinander in der Wohnstube, froh, daß die wichtigste Arbeit des Sommers nun einmal wieder getan war. Diedrich zog auf dem Hofe seine Harmonika. Das paßte zu der behaglichen Stimmung seiner Eltern ganz wunderschön. »Mudder, wi können öwermorgen man mal nah Dierkshof röwer maken,« hub Vater Lohmann an. »Schall mi recht wän,« meinte seine Frau. Er tat einige Züge aus der Feierabendpfeife und sagte dann: »Dat ward nu Tid, dat de Sak vorwars kummt.« »Jao, dat magst du woll seggen,« echote seine schwächere Hälfte. »Schall Snierkorl mal ...« »Ach wat, Hinkens dot uns ehr Gretschen geern her, dat is gewiß. De Hauptsak is, dat wi uns rögt. Hinrich is 'n olen Bangbüx. Wi möt den Bengel mal 'n bäten Kurasche inspräken. Ick in mine Johren ...« Die Tür ging auf, und Hinrichs Gestalt erschien in der dämmernden Stube. Er setzte sich stumm zu seinen Eltern an den Tisch. »Na, Hinrich?« fragte der Vater. »Vadder und Mudder, ick woll mal 'n wichtige Sake mit jo bespräken. Paßt jo dat nu?« »Wunnerschön,« sagte der Vater und setzte sich mit Mutter in Positur, die Sache zu vernehmen. Endlich also kam der Junge selbst damit über. Es war ganz still in der Stube. Diedrichs Harmonika spielte draußen: »Ach du lieber Augustin.« »Na?« fragte Vater Lehmann, da Hinrich noch schwieg. »Ick woll mi woll verännern,« sagte Hinrich stockend. »Dat is recht, min gode Jung,« begann der Vater in freundlich väterlichem Tone. »Du bist nu to dine Johren, und wi beiden weerd jümmer öller. Uns is ja ok all bekannt, wecke 't wän schall. Du mußt nich glöwen, dat wi keene Ogen in'n Kopp hemmt. Und wi sünd mit di ok ganz up een Stück. Din Gretschen schall uns 'n leewe ...« »Vader, de is't nich ...« unterbrach Hinrich ihn schnell. »Wat? De... is't ... nich?« »... Nee.« »Wer denn süssen?« fragte der Alte erschrocken. Hinrich schwieg. »Djunge, Djunge, Djunge ,« sagte der Vater, und seine Stimme klang wie anschwellender Donner, »wat schall ick van di denken? Dat du di wegsmäten ...« Da hatte Hinrich sich zusammengerissen und sagte schnell: »Din Mündelkind Else Riewitz schall min Fro weern.« Der Mutter Hände griffen wie irr in die Dämmerung und sie kreischte: »Barmherzige Gott!« Der Vater aber war in die Höhe geflogen, der Sohn hörte sein keuchendes Atmen und fühlte seinen Hauch auf der Stirn, und er schrie: »Junge, bist du besapen?« »Nee, Vader,« sagte Hinrich, jetzt ganz ruhig, »ick heww mi dat ganz koppfast öwerleggt.« Eine Weile herrschte Schweigen. Diedrichs Harmonika wimmerte draußen: »Das ist im Leben häßlich eingerichtet.« Auf einmal lachte der Alte höhnisch auf: »Hää, du dumme Bengel! Smittst din Ogen nah so'n fein Fräulein! Meenst, dat se so'n dummen Bauernjungen nimmt, as du bist?« »Se deit't,« sagte Hinrich kurz. »Wat, du hest all mit ehr darvon spraken?« »Ja.« Des Vaters Hände fielen schwer auf den Tisch. »Mudder, hörst du? He hett all mit dat Mäken darvon spraken.« »Jaa,« jammerte sie händeringend. »Mudder,« wiederholte er, und seine Stimme nahm einen drohenden Ton an, »bist du mit in dat Komplott?« »Nee, nee,« jammerte sie, »ick heww dor nix mit to don, so gewiß, as de Herrgott mi gnädig wän schall in mine leste Stunne.« »Dat is man god,« wandte sich Vater Lohmann jetzt zu seinem Sohne, »denn heww ick dat also man allen mit di to don, min Jüngschen. Dann segg mi mal, wann hest du mit de Deern darvon snackt?« »Up de Fahrt nah 'n Bahnhoff.« »Soso ... Vörher ok all?« »Nee, keen Word.« »Nich... aber as du dar up 'n Bock seetst, da hest du di tofällig mal ümkaken und heft sehn, dat se 'n schönen Hot up 'n Kopp harr und 'n por brune Ogen in 'n Kopp, und da düchte di dat to wän, dat se din Fro weern schöll, und da hewwt ji beiden dar up de Schansee de Sak glieks in Ordnung makt. Hähähä.« »Vader...« begann Hinrich. Er streckte bittend die Hände aus. »Hol dinen Mund, und hör to, wat ick di segg! Ick will di de ganze Geschichte as jungenshaftige Dummheit anreken, de hiermit ut is. So, nun weeßt du Bescheed, und nu lat uns darvan swiegen.« Einen Augenblick schwiegen sie beide. Draußen spielte Diedrichs Harmonika just den Refrain des Liedes von der häßlichen Einrichtung: »Behüt dich Gott, es wär so schön gewesen, behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein.« »Vader, ick bidd di, hör mi...« begann Hinrich wieder. Aber der Vater unterbrach ihn: »Wat schöt wi us den Kopp warm maken? Dat ut de Sak nix weern kann, seggt di jo all din Verstand. Wenn du't aber mit Gewalt wullt, kann ick di't ja ok noch mal seggen, weshalw dor nix ut weern kann. Erstens, dat Mäken is 'ne Gebillte, Hochdütsche, und paßt ton Buerfro as de Swinegel ton Wischdok. Twetens, se stammt ut 'n liberalige Familje, und wi sünd ole gode Hannoveraners. Und drüttens, se hett nix und se kriegt nix. Dat weeßt du nich, aber dat weet ick, as ehr Vormünner. Von Delmsloh hört ehr knapp de Schün.« »Min leewe Hartensjung« – hier wurde seine Stimme auf einmal weicher – »du weeßt ja, wo dat mit Delmsloh trüg gahn is, as min ole Kamerad Schorse dat frömde Kretur friet hett. Wenn ick 'r blot an denken do, könn ick noch bläudige Tranen daröwer weenen. Min gode Hinrich, schall dat mit unsen Lohhoff den sülwigen Weg gahn? Mit unsen olen schönen Hoff, wo unse Öllern und Voröllern up säten hewwt, und de Herrgott hett jüm segent an Veeh und Korn und Hoffrüchte, und an gesunne Kinner, de upwussen sünd as junge Eekböm, und hewwt mit starke Arms und fröhlich Gottvertruen de Arbeit da upnahmen, wo ehre Öllern hewwt uphören mößt? Ja, min Jung', väle hunnert Johr hewwt wi Lohmanns up Lohe säten, und nu schall dat alle wän, nu schall of so'n Schapinski oder Birowski, so'n Riewitz oder Kiebitz den olen schönen Hof verrungeneren ruinieren ut den eenzigen Grund, weil so'n jungen Bengel sick in 'n por brune Ogen verkäken hett? Nee, dat wullt du sülwst nich, min Söhn, de mi jümmer Freude makt hett, und väl Freude, und den de Herrgott süssen 'n kloren Kopp und gode Nahgedanken gewen hett...« »Vader, ick bidd di...« bat Hinrich und faßte die Hände des Vaters. »Nee, swieg nu rein still,« unterbrach ihn der Alte, seine Hände zurückziehend, »du weeßt, din Vader und din Mudder, de dat von Harten god mit di meent, hewwt di Hinkens Gretschen todacht. Und – dat seggt di ja ok din Verstand – dat is de Rechte for uns und ok för di. Se hett wat in de Melk to krömen, is gesund, van de ole gode Lüneborger Art. Hinrich, ick segg di, frie Hinkens Gretschen, van min'twegen all düssen Harwst! Denn öwergew' ick di den Hoff up te Stäe, und wi Olen lewt bi so jungen Lue in Eintracht und in Frieden bet an unse selig Enne.« »Vader, ick kann Gretschen nich freen,« sagte Hinrich fest. »Worüm denn nich?« fragte der Alte. »Ick heww keen Leew to ehr.« »Ach wat, Leew hin, Leem her! De kummt van sülwst, wenn se man erst din Fro is. Dat is allens Gewohnheit. Dat stimmt ja, so ene weet nich so väl söte Wör to maken as ene, de bi Boltjens und Schakelade grot worrn is. Aber de rechte Art stickt'r in, Rasse stickt'r in, dat is in den heiligen Ehestand de Hauptsack.« »Vader, ick bidd di, lat mi ok mal to Word,« bat Hinrich wieder, und diesmal dringender als vorhin. »Nee, nee,« unterbrach wieder der Alte, »wi hewwt all väl ta väl Wör öwer de Sack makt. Du weeßt nu Bescheed und brukst di um nix to kümmern. Ick spräk düsse Dag mit Hinkens Vader und an dat Fräulein schriew ick glieks vanabend, dat de Sake een für allemal ut de Luft kummt. Se schall ok marken, wat ick daröwer denk, dat se in de sware Heimsuchung, de öwer ehr kamen is, up söke lichtfardigen Tög sinnen deit und de Lüe, de so väl Godes an ehr dan hewwt, den ollsten Söhn verföhrt.« »Vader,« rief Hinrich entsetzt, und seine Hände griffen krampfhaft nach der Tischkante, und seine Stimme zitterte, »ick segg di, wenn du dat deist...« »Hol't Mul!« donnerte der Alte. »Kennst du dat veerte Gebot?« Hinrich stampfte mit dem Fuß auf den Boden und schwieg. »Segg mi dat veerte Gebot mal her!« sagte der Vater kalt. Hinrich biß sich auf die Lippen und schwieg. Da erhob sich der Vater schwerfällig und trat dicht vor den Sohn hin. Der stand auch auf und hatte den Tisch im Rücken. Es war in der Stube inzwischen ganz dunkel geworden. Die beiden, die sich gegenüberstanden, sahen voneinander nur die Umrisse der Gestalt. »Segg mi dat veerte Gebot mal her!« sagte der Vater hart und fest. »Ick bin keen Scholjung mehr,« stieß Hinrich trotzig heraus. »Scholjung oder nich, ick, din Vader, segg und befehl di, segg mi dat veerte Gebot her!« wiederholte der Lauer laut. Mutter Lohmann klammerte sich an ihren Mann und flehte mit gebrochener Stimme: »Vader, um Gottes Willen, gah nich to wied!« »Fro, lat mi!« sagte er barsch, sie von sich stoßend. »Ick tell bet dree,« wandte er sich wieder an den Sohn. Seine Stimme bebte. »Een! –« Hinrich schwieg. Die Mutter rang fassungslos die Hände. »Twee! –« Die Hand des Alten fiel schwer auf die Tischplatte. Da umschlang die Mutter den Leib ihres Sohnes, flehte mit herzbrechender Stimme: »Hinrich, do't! He is din Vader. Do't mi to Leew!« »Twee und...« wiederholte der Vater. Da stieß Hinrich hastig und abgerissen die Worte heraus: »Du sollst deinen Vater... und deine Mutter... ehren, daß dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden.« »God,« sagte der Alte, etwas ruhiger, »was ist das?« Hinrich schwieg. »De Erklärung! Was – ist – das?« wiederholte er lauter. »Wir sollen Gott fürchten und lieben,« half die Mutter mit flehender Stimme ein ... »Daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen ...« fuhr Hinrich fort. »Nicht verachten noch erzürnen,« wiederholte der Vater nachdrücklich, »sondern?« »Sie in Ehren halten, ihnen dienen, sie lieb und wert halten,« schloß Hinrich schnell. »Sie in Ehren halten – ihnen dienen – gehorchen – sie lieb – und wert halten,« ergänzte und wiederholte scharf betonend der Vater. »Süh, min Jung',« setzte er etwas freundlicher hinzu, und die Spannung in seiner Gestalt ließ nach, »du weeßt dat ja ganz god. Nun gehe hin und tue desgleichen!« Hinrich wandte sich und ging mit schweren Schritten zur Stube hinaus. Dabei stieß er in dem Dunkel einen Stuhl um. Mit einem Krach stellte er ihn wieder auf die Füße. Als er hinaus war, sagte Vater Lohmann, tief aufatmend und mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn wischend: »Ach, Mudder, wat mutt 'n an sine Kinner belewen!« Achjajija.« seufzte sie, »lüttje Kinner lüttje Sorgen, grote Kinner grote Sorgen.« Er entzündete ein Streichholz und steckte die Hängelampe an. Als ihre Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, sahen sie einander an und erschraken. Wie hatte diese Stunde ihre Gesichtszüge verändert! Aber sie sprachen nicht darüber. Vater Lohmann suchte sich Schreibzeug und Papier und setzte sich zum Schreiben nieder. »Lat bet worrn fröh,« bat die Frau. »Du bist vanabend to upgeregt.« »Was du tun willst, tue bald,« antwortete Lohmann mit seiner Bibel. »Dat Isen mutt smäet weern, solange as't hitt is.« »Schall ick nich leewer schriewen?« bat sie wieder. »Ach wat,« sagte er barsch, »hier mutt dütsch verhannelt weern. Ji Fronslüe makt so wat nich dütlich genog.« Und er schrieb mit seinen stakigen, steilen Buchstaben: »Geehrtes Fräulein!« Die unermüdliche Harmonikamusik Diedrichs auf dem Hofe störte ihn im Nachdenken. »De vermuckte Bengel!« sagte er, warf die Feder hin, riß das Fenster auf und rief hinaus: »Dierk, wenn de ole Dudelee nich glieks uphört, kam ick di up 't Ledder.« Mit einem greulichen Mißton erstarb das Lied von dem guten Mond, der so stille durch die Abendwolken geht und dem Menschen zu Gefühle bringt, daß er ohne Ruhe ist. Und nun konnte Vater Lohmann ungestört folgendes zu Papier bringen: »Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich daran denke, was der Junge uns da eben gesagt hat. Daß Sie, wo doch eben erst Ihr Vater tot ist, auf solche Gedanken kommen konnten, wer hätte das gedacht! Daß wir, indem wir Sie aus christlichem Mitleid und Barmherzigkeit in unser Haus aufnahmen, eine solche Schlange an unserem Busen wärmten, das konnten wir nicht ahnen. Das Blut kocht mir, indem ich dieses schreibe. Und nun wollte ich Ihnen man eben schreiben, daß da natürlich nichts aus wird. Sie müssen sich solche dummen Gedanken ein für allemal aus dem Kopf schlagen. Ich bin der Vater von meinem Sohn und Ihr Vormund, und dies ist mein fester, unveränderlicher Wille. Wenn Sie aber sonst mal eine paßliche Partie machen können, will ich als Vormund gern meine Einwilligung dazu geben. In der Hoffnung, daß diese Zeilen Sie bei guter Gesundheit antreffen, Ihr Vormund Jürgen Christoffer Lohmann, Vollhöfner.« Das Worte »Schlange« hatte er doppelt unterstrichen. Der dicke Strich unter dem festen und unabänderlichen Willen lief in einen Klecks aus, so daß er der Keule eines Wilden glich. Als er dieses Schriftstück verfaßt hatte, fegte er sich am Fußboden mit der Hand ein Häufchen Sand zusammen, schob das Papier darunter und ließ die weißen Körnchen über dem wilden Schreiben einen kleinen Tanz ausführen. Dann schnippte er die Geschwärzten mit dem Zeigefinger davon. Frau Lohmann hatte ratlos seinem Tun zugesehen. Daß der Brief deutlich und deutsch ausgefallen war, hatte die grimmige Entschlossenheit seines Gesichts und die schroffe, kurze Bewegung seiner Hand beim Schreiben, Unterstreichen und Eintauchen in die Tinte ihr gesagt. Nun streckte sie die Hand aus und fragte sanft: »Vader, schall ick den Breef nich mal lesen?« »Nee, Fro,« sagte er kurz, »dar kummt nix bi herut,« tat das Schreiben in einen Umschlag, schrieb die Adresse darauf und steckte den Brief in seine Tasche, um ihn am anderen Morgen eigenhändig dem Briefboten zu übergeben. »Soo,« sagte er, indem er erleichtert aufatmete, »nu will ick noch 'n Piep smöken. De Sak harrn wi erst mal wedder in Richtigkeit.« Er steckte seine Pfeife an und qualmte mächtig. Aber nach ein paar Dutzend Zügen stellte er sie in die Ecke. Sie wollte ihm nicht schmecken. Er nahm die Zeitung zur Hand. Sein Auge fiel auf die »Hofnachrichten aus Gmunden«, die ihn immer besonders interessierten. Er begann zu lesen: »Seine Königliche Hoheit der Herzog haben ...« Als er bis zum Strich gekommen war, wußte er nicht, ob Hochdieselbe einen Gemsbock geschossen oder eine Reise unternommen hatten oder was sonst, und er verspürte auch keine Lust, von vorne anzufangen, um sich zu vergewissern. Er schob das Blatt zurück, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und sagte: »Ick bin möe, ick gah to Bed.« Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob er sich schwerfällig und ging mit verdrossenen Schritten in die anstoßende Kammer. Als er die Stube verlassen hatte, tat Mutter Lohmann einige Seufzer: »Achja, Achjajija!« Sie lauschte nach der Kammer hin. Schwer ließ ihr Mann sich in das Bett fallen. Da zog sie die Pantoffel aus, schlich auf Socken durch die Stube, öffnete die Tür, huschte über die Diele und stand vor Hinrichs Kammertür. Mit angehaltenem Atem horchte sie. Kein Laut ließ sich vernehmen. Sie versuchte, durch das Schlüsselloch zu blicken. Das Licht war gelöscht. Da öffnete sie leise und trat in die Kammer. »Hinrich,« sagte sie im Flüstertone. »Mutter, bist du dat?« fragte eine müde, tonlose Stimme. »Ja, min beste Jung, ick mutt di doch gode Nacht seggen.« Sie hatte sich an das Bett getastet, setzte sich auf den Rand und suchte die Hände ihres Jungen. Als sie diese gefunden hatte, wobei er ihr nicht im geringsten entgegenkam, legte sie die großen, breiten Dinger nebeneinander auf die Bettdecke und fing an, sie mit ihren kleinen, harten Händen zu streicheln, erst immer von oben nach unten, dann eine Weile von den Fingerspitzen bis an die Handwurzel, erst schweigend, dann mit Koseworten ihn anredend: »Min gode Hinrich... min arme Jung... min lütt Heini...« Dem großen Jungen kam eine Erinnerung an die früheste Jugendzeit, als er noch klein, und die kleine Mutter für ihn so groß gewesen war ... Die Mutter machte ihn heute auch wieder zum Kinde. Aber anders als der Vater mit dem vierten Gebot und der geballten Faust. Er fühlte, wie ein warmer Strom ihm zum Herzen drang, und sagte bewegt: »Ja, Mudder, du bist god. Du bist jümmer god mit mi wän.« Dabei hielt er nun ihre Hände mit warmem Druck umschlossen. »Und glöw mi, min Hartensjung, Vader is ok god... Sin Kopp... Wat 's dat!?« unterbrach sie sich plötzlich angstvoll, und Hinrich fühlte ihre Hände in den seinen zittern. Draußen ging eine Tür. »Oh, he socht mi,« sagte sie bebend und sprang vom Bettrand auf. »Mud–der!« schallte es durchs Haus. »Wat fang ick armes Minsch an?« jammerte sie. »Mudder,« sagte Hinrich, sie an den Händen, die er noch immer festhielt, wieder auf den Bettrand ziehend, »was ruhig, hier kummt he vanabend nich her.« Sie horchten. Über die Diele schlürften Holzschuhe. Eine Tür schlug zu. Dann war es wieder still. Mit einem tief heraufkommenden Achjajija beruhigte sich die Mutter, streichelte wieder ihres Hinrich Hände, und ihn wieder mit dem Kosenamen der ersten Kinderjähre anredend, sagte sie: »Heini, min lütt Heini, nich wahr, du deist't din ol Mudder to Leew, dat du nahgiwst?« »Mudder, ick kann di vanabend nix seggen. Mi is so swiemelig in de Kopp und so eng üm't Hart. Wi mö't dar erst mal öwer slapen.« »Ja, dat is woll dat Beste...« »Mudder, denn gah ob man hen.« »Und schall ick Vadern wat von di bestellen?« »Nix, gor nix!« sagte Hinrich dumpf. Sie erschrak über seinen Ton und rief verzweifelt: »Djunge, Djunge!« plötzlich warf sie sich über ihn und küßte ihn heftig. Auf der Stirn, den Augen, den Wangen, dem Munde brannten dem Jungen ihre heißen Küsse. Seit jenem Augenblick auf der dämmernden Diele, als der Heimkehrende sie in seine Arme schloß, hatten Mutter und Kind sich nicht wieder geküßt. Endlich raffte sie sich auf, legte ihm leicht die Hand auf die Stirn, sagte: »Nu slap man god, min Kind!« und tastete sich zur Tür hinaus. In der Wohnstube löschte sie die Lampe und trat ohne Licht in die Schlafkammer. »Bist du bi Hinrich wän?« fragte eine harte Stimme. »Jea,« sagte sie kleinlaut, wie mit bösem Gewissen. »Dat wör ok nich just nödig, den obstinatschen Bengel nahtolopen,« brummte es zurück. Sie erwiderte nichts darauf, froh, daß die Sache so gnädig abgelaufen war. Nachdem sie sich geräuschlos ausgekleidet hatte, legte sie sich nieder und zog das mit Loher Gänsefedern gestopfte Deckbett über sich. Aber bald richtete sie sich wieder auf und schüttelte die Federn zurück, die heute abend eine stickende Hitze entwickelten. Und nun fing sie an zu grübeln, auf dem Rücken liegend und mit offenen Augen in die Finsternis starrend. Es schlug halb zehn in der Stube, und nach langen halben Stunden, die je weiter in der Nacht desto endloser wurden, hörte sie die Wanduhr schlagen – zehn... halb elf... elf... halb zwölf. – Kurz vor Mitternacht fragte sie leise nach ihrem Mann hinüber: »Vader, slöppst du?« Ein kurzes Brummen war die Antwort. Gegen halb eins merkte sie an seinen Atemzügen, daß er eingeschlafen war. Dumpfe, unverständliche Laute unterbrachen plötzlich die nächtliche Stille der Kammer. Die grübelnde Frau erschrak. Wenn ihren Mann etwas stark bewegt hatte, redete er im Schlaf davon. Bei ihrem ruhigen Leben war das aber nur selten vorgekommen; damals nach der Reichstagswahl, und sonst noch zwei- oder dreimal in den Jahren der Ehe. Und nun horchte sie ängstlich. »Hinrich...« gurgelte der Schläfer. Sie griff sich nach dem Herzen und lauschte, sich näher heranlegend, mit offenem Munde. »Schorse, min arme Schorse,« kam es nun ganz deutlich über die Lippen des Schlafredenden. Und ihre Gedanken flogen über das weite Weltmeer zu dem verkommenen Neunorker Droschkenkutscher, der einst als Großbauer auf einem der schönsten Heidehöfe gesessen hatte. Längere Zeit schwieg der Schläfer, und das Lauschen der Frau verlor an Spannung. Plötzlich fragte er in angstvollem, dringendem Tone: »Hinrich, Hinrich, wo wullt du hen?« Da lief ein Grauen durch Mutter Lohmanns Seele. Noch einmal machten ihre sich verwirrenden Gedanken die Reise über das große Wasser, mit ihrem Hinrich. Und da umzog sich der Himmel mit schwarzen Wolken, und der Sturm heulte, und das Schiff schwankte wie eine Nußschale in den Wellentälern, und die Wellenberge türmten sich riesenhoch – die Schilderung eines Schiffbruchs, die sie vor vielen, vielen Jahren, als Kind, einmal gelesen hatte, tauchte wieder aus den Tiefen der Vergessenheit empor – plötzlich sah sie Schiffstrümmer, mit den Wellen ringende Menschen, und einem schaute sie ins Gesicht, da war's ihr Hinrich, da schrie sie auf, griff sich an den Kopf und merkte, daß sie aus einem wüsten Halbtraum erwacht war. Nein, Gott sei Dank, ihr Junge war ja noch auf dem festen Lande und mit ihr unter einem Dach. Aber noch immer war die Frage des Schläfers mit dem dringenden, angstvollen Tone: »Hinrich, wo wullt du hen?« in ihrer Seele, und wieder horchte sie. Nicht mehr auf den an ihrer Seite, der jetzt anfing, einen Eichenast durchzusägen. Nein, halb aufgerichtet stellte sie ihr Ohr auf die Diele ein. Ob dort nicht Schritte hörbar wurden, die festen, wohlbekannten Schritte ihres Jungen, die zur Tür hinaus verschwinden wollten? Nein, dafür hatte er seine Mutter zu lieb. Horch! was ist das? Ein Geräusch von der Diele her. Nun ist es still. Da ist es wieder. Ja, der Junge geht. Und sie fliegt aus dem Bett und tappt sich an die Kammertür und tappt sich an die Stubentür und horcht mit angehaltenem Atem und stürmisch klopfendem Herzen auf die Diele hinaus. Dort ist es ganz still. – Halt, da ist der Ton wieder! Ach so, das ist's gewesen. Eine Kuh reibt sich an dem Stallbaum, wobei ihre Ketten klirren. Die kühle Luft, die sich durch die leichte Nachtkleidung an ihrem ganzen Körper fühlbar macht, hat sie zu sich selbst gebracht, und etwas ruhiger legt sie sich nieder. Und nun, nachdem die verworrenen Angstgefühle geschwunden sind, kommen die Gedanken wieder, die fragenden, quälenden Gedanken. Warum hatten sie sich des Mädchens auch angenommen? Ach, das war ja einfach Christenpflicht gewesen. Warum hatte sie als Mutter die Augen nicht besser aufgemacht? Ach, es war ihr ja auch nicht das geringste aufgefallen. Warum hatten sie die beiden allein zum Bahnhof fahren lassen? Warum? Warum? Warum? Und diese quälenden Warums waren lauter wilde Wellen, die nun sie selbst als eine arme Schiffbrüchige einander zuwarfen, und sie fühlte ihre Kraft ermatten und ihren Kopf sich verwirren. Da plötzlich gewahrte sie einen Felsen in dem wilden Wellengewoge, und mit der Kraft der Verzweiflung klammerte sie sich an ihn an. Leise bewegten sich ihre Lippen: »Leewe himmlische Vader, wäs uns arme Sünner gnädig. Mak Hinrich sinen harden Sinn week und help dat verlatene Waisenkind, dat se em vergitt ... und dat se bald 'n goden Mann kriggt ... se verdeent dat und hett'n bäten Leewe und Sünnenschien nödig ... dat se nich so alleen dör't leben gahn mutt, van fremde Lüe hen und her stött ... Du bist jo unse Vader und wi sünd dine Kinner, und schöt di allens seggen, wat uns so swar up'n Harten ligt, und du wullt uns hören, um Jesu Christi, deines lieben Sohnes willen. Amen.« Die Sorgenwellen gingen ihr jetzt nur noch bis an die Knie. Und wieder bewegten sich leise ihre Lippen: »Vater unser, der du bist im Himmel.« Und als sie sich schlossen mit den Worten: »Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen,« da netzten die Wellen nur noch ihre Füße. Und es war, als ob eine stille, unsichtbare Macht leise die wilden Wogen glättete, daß eine große Stille ward. Und es war, als ob eine große, linde, weiche Hand aus dem Dunkel der Nacht herniederlangte und die brennenden Augenlider sanft faßte und mit sanfter Gewalt niederzog. Ein paarmal riß eine widerstrebende Kraft sie noch wieder in die Höhe, aber dann siegte die sanfte Gewalt, und die große, weiche Hand lag lind und leicht auf den geschlossenen Augen. Da hatte Mutter Lohmann Ruhe. – – Und Hinrich? – Als die Mutter sich an sein Bett tastete, hatte er stumpf und dumpf dagelegen, die Hände unter dem Kopf gefaltet. Daß er dem Vater gegenüber einen schweren Stand haben würde, hatte er ja erwartet. Aber nicht, daß der ihn keinen Augenblick würde zu Worte kommen lassen, damit er denen, die ihm am nächsten standen, sagen könnte, was nun sein ganzes Herz erfüllte. Nicht das hatte er erwartet, daß sein Vater ihn, den Fünfundzwanzigjährigen, mit dem höchsten, heiligsten Anliegen seines Herzens behandeln könnte wie einen Schuljungen, der durch körperliche Gewalt zum Gehorsam gezwungen werden muß. Jetzt, nachdem das alles wie ein schreckliches Gewitter über ihn dahingebraust war, fühlte er sich wie an Leib und Seele zerschlagen. Er hatte keine Eltern und keine Heimat mehr. Und dann war das Mütterlein an sein Bett gekommen, hatte warme, liebe Worte gesprochen, hatte seine Hände gestreichelt und seinen Mund geküßt, und da war's ihm warm und weich ums herz geworden. Ja, eine Mutter hatte er noch. Und dann war wohl nicht alles verloren. Dann konnte sich noch alles zum Guten wenden. Und nun stritten sich wieder in ihm die beiden Stimmen, die damals auf der Rückfahrt von Elldingen Zwiesprache miteinander gehalten hatten. Aber in diesen dunklen Nachtstunden, die unendlich träge dahinschlichen – Hinrich hätte nie gedacht, daß eine Nacht so lang sein könnte–, hatte die Stimme, die von außen her kam und immer nein sagte, das große Wort, und die andere aus seinem Tiefinnersten wurde immer kleinlauter. Aber gegen Morgen wandte sich das Blatt. Als die enge Kammer sich mit jungem Licht füllte, als die junge Schwalbenbrut über den Fenstern – es war schon die zweite des Sommers – zwitschernd und schwatzend ihre Flugübungen begann, da wurde die vorlaute Stimme bescheidener, und die andere sagte zuversichtlich: »Kopf hoch, Hinrich Lohmann! Nicht wanken und nicht weichen! Es muß sich alles zum besten wenden.« Da stieß er die Decke mit den Füßen von sich, sprang auf, kleidete sich schnell an und stieg zum Fenster hinaus. Den Hof hinter sich lassend, ging er in die nebelumhüllten Wiesen, zu dem Kolk unter der Schleuse, wo er nach heißen Sommertagen zu baden pflegte. Er begann sich auszukleiden. Um ihn kämpften die Nebel mit der Morgensonne um den Tag. In dem Wiesentale hatten sie noch ihren stärksten Rückhalt. Als er nun das letzte Kleidungsstück von sich geworfen hatte, sah er plötzlich seinen Körper weiß aufleuchten. Die Sonne hatte gesiegt. Glühend in Urschöne stand sie über einer fernen Heidehöhe, und die geschlagenen Heere der Nacht waren in vollem Rückzug. Da tauchte er die Augen, die so lange in das schwarze Dunkel der Nacht gestarrt hatten, tief in des Morgenlichtes Feuergluten, und dann ließ er die geblendeten Blicke an seinem im jungen Lichte leuchtenden, jugendstarken Körper, des Schöpfers Meisterwerk, hinabgleiten, und die trüben Nachtgedanken flohen mit den Nebeln davon, und sein ganzes Wesen durchströmte wie ein feuriger Strom ein hohes Lebensgefühl, ein Gefühl grenzenloser Verwunderung, Freude, Kraft, Anbetung. * Aus dem Kolk sprühte ein Diamantenregen empor. Er hatte sich mit einem Kopfsprung ins Wasser geworfen, das nun mit eisiger Kühle wie ein eisernes Band sich um seine Glieder legte. Aber durch kräftige Schwimmbewegungen besiegte die Lebenswärme des jugendlichen Körpers die starre Kälte des Elements. Als er nach einigen Minuten wieder ans Land stieg, schüttelte er die blinkenden Tropfen von sich und kleidete sich schnell an. Dann ging er mit festen Schritten nach Hause und machte sich an seine Arbeit, wie jeden Morgen. Die Dienstboten, die ihn scheu von der Seite musterten, merkten ihm nichts Besonderes an. Um die gewohnte Zeit versammelte der Vater die Hausgemeinde zum Morgensegen. Scheu drückte sich einer nach dem andern in die Stube, und verlegen klang der Morgengruß. Sonst, wenn der Bauer seines hehren Amtes als Hauspriester waltete, den neuen Tag durch Gottes Wort und Gebet zu weihen, klang seine Stimme feierlich, wie volle, tiefe Morgenglocken, heute morgen, wie er die Worte so hastig herunterlas, klapperte sie wie ein Blechkessel. Beim Vaterunser vergaß er eine der Bitten. Es war die fünfte. Die drei Menschen, welche diese lange, bange Nacht durchträumt, durchgrübelt, durchbetet hatten, kamen mit keinem Wort auf das Geschehene zurück. Aber es stand zwischen ihnen. Die Augen hatten einen anderen Blick, die Stimmen einen anderen Klang, die Füße einen anderen Gang als gestern und vorgestern. Zwischen den Herzen war eine Kluft gerissen. Zwar Mutter- und Frauenliebe sann und sann, sie zu überbrücken. Aber sie fand nicht, wo und wie sie die Brücken schlagen könnte. Als der Bauer an seine Arbeit gegangen war, suchte Frau Lohmann sich Tinte, Feder und Papier und fing auch an zu schreiben. Ach, die Feder wollte gar nicht. Immer wieder hakte sie sich in dem Papier fest. Seit Hinrich von den Soldaten zurück war, hatte sie keinen Brief mehr verfaßt, und auch damals mußten die Anlagen in Gestalt von Würsten und Schinken mehr sagen, wie treu sie es meine, als die paar armseligen Zeilen das vermochten. Endlich brachte sie aber in liegender, zitteriger Schrift und nichts weniger als parallelen Reihen doch eine Art Brief zustande, der, von einer Anzahl Sünden gegen Herrn von Puttkamer gereinigt, folgenden Wortlaut hatte: »Mein liebes, gutes Kind! Mit Schmerzen ergreife ich die Feder. Oh, was haben wir gestern für einen Abend gehabt! Und diese Nacht habe ich beinahe kein Auge zugekriegt. Nimm es Vater nicht für ungut, wenn er Dir was geschrieben hat in seiner schrecklichen Zornigkeit, was nicht gut ist! Aber Ihr beiden müßt Euch vergessen. Sonst passiert ein Unglück.« Hier hielt sie inne und sah nachdenklich vor sich hin. Dann stand sie auf und nahm die Bibel vom Wandbrett, in der sie eine Zeitlang blätterte. Darauf nahm sie wieder die Feder und schrieb: »Lies in Deiner Bibel, die ich Dir geschenkt habe, Epheser 6, Vers 1 bis 3! In der Hoffnung, daß Dich diese Zeilen bei guter Gesundheit antreffen Deine betrübte Pflegemutter.« Sie las die Zeilen mit feuchten Augen noch einmal durch und setzte die Feder zum drittenmal an, zu einer »Nachschrift. Für Deinen lieben Brief sollst Du auch vielmals bedankt sein. Dein goldenes Herz hat Hinrich« – diesen Namen durchstrich sie und machte ihn unleserlich, das »hat« verbesserte sie in: »haben« – »haben wir lange gesucht, aber nicht gefunden. Wenn erst alles wieder in Richtigkeit ist, schenke ich Dir mal ein neues. Das soll ebenso schön sein wie Pastors Gertrud ihrs, was sie neulich zum Besuch hier um hatte. Die Obige.« Sie war froh, für ihre Epistel einen so schönen, tröstlichen Schluß gefunden zu haben, und liebäugelte ordentlich mit der Nachschrift. Bei der Erfüllung ihres Versprechens, nahm sie sich vor, sollte es ihr auf einen Taler mehr oder weniger gar nicht ankommen. Wenn's nur erst so weit wäre! Auch dieser Brief wies einen Klecks auf. Der sah aber nicht aus wie die Keule eines Indianers, sondern wer wollte, konnte in ihm vielleicht ein blutendes Herz erkennen. Die Tinte war mit einer auf das Papier gefallenen Träne in eins geflossen. Zu derselben Zeit riß Hinrich hinten im Pferdestall ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb mit dem Bleistift den Anfang eines Stammbuchverses darauf und den Kehrreim eines Soldatenliedes: »Donner kann die Felsen spalten, Aber unsere Liebe nicht! Wir halten fest und treu zusammen, Hepp hepp hurra! Dein Hinrich.« Auch er las das Geschriebene noch einmal durch. Ein Fehler war nicht darin, dessen war er sicher. Und schlank und schneidig waren die kleinen und die großen Buchstaben auf dem Papierchen in Reih und Glied aufmarschiert, wie Soldaten mit ihren Offizieren auf dem Kasernenhof. Das sollte keiner sagen, daß dies ein Bauernjunge geschrieben hatte, der besser mit der Forke als mit der Feder umzugehen versteht! Er barg das Blatt in dem umgekehrten Kuvert einer landwirtschaftlichen Drucksache, dem er vorher die Anpreisung einer berühmten Futterkalkmarke entnahm. Dabei dachte er wehmütig lächelnd an Hinkens Gretschen, die ihm diesen als Mittel zur Steigerung der Freßlust und der Knochenbildung für die Borstenträger so warm empfohlen hatte. Als der alte Briefträger ins Haus kam, lud Mutter Lohmann ihn zu einer Tasse Fleischbrühe in die Küche. Dabei steckte sie ihm heimlich einen Brief zu. Als er das Haus verließ, wartete draußen der Bauer auf ihn und zog einen etwas zerknitterten Brief aus der Tasche, den er ihm gravitätisch überreichte. Hinter der Scheune trat Hinrich ihm entgegen und drückte ihm zwei Zigarren in die Hand. Verwundert blickte er den jungen Menschen an. Da griff der hastig in die Tasche und gab ihm den dritten Brief. Der Dausend, wie waren die Loher auf einmal schreiblustig geworden! Als er einige hundert Schritt vom Hofe entfernt war, las er im Gehen die Aufschrift der drei ihm anvertrauten Schreiben. Dreimal dieselbe Adresse, einmal in gravitätisch-stolzen, dann in demütig-liegenden und endlich in kühn-stürmenden Buchstaben: An Fräulein Else Riewitz. Hm hm! Da war etwas passiert. Und Vater Hillermann, der Vermittler von so viel Freud und Leid, Streit und Frieden, riet auch so ziemlich das Richtige. Aber, indem er sich eine von Hinrichs Sonntagnachmittagszigarren anzündete, schüttelte er den Kopf und brummte vor sich hin: »Wat geiht dat mi und annere Lüe an!« Und der Senior der Briefträger des Kreises, der bald dreißig Jahre die goldenen Litzen trug, sprach auch mit seiner Frau nicht von den drei Briefen an die gleiche Adresse. Nach fünf Tagen rief der Bauer dem Alten, der wieder um die gewohnte Stunde auf den Hof kam, gutgelaunt entgegen: »Na, heste wat?« »De Zeitung,« sagte der und reichte ihm das Blatt. »Ick bin so döstig,« fügte er hinzu und ging in das Haus. Als er in die Küche an den Wassereimer treten wollte, hielt Frau Lohmann ihn zurück, Fieke sollte ihm lieber ein Glas Milch holen. Als diese den Rücken gewandt hatte, gab er der Frau schnell einen Brief, die ihn mit zitternder Hand packte und in ihrer Tasche verschwinden ließ. Wo war denn bloß die alte dumme Brille geblieben? In der Stube war sie nicht, und in der Kammer auch nicht, und in der besten Stube auch nicht. Endlich, die Bibel auf dem Wandbrett schloß nicht ganz, zwischen ihren Blättern lag das unentbehrliche Sehinstrument. Aber wohin nun mit der Brille und dem Brief? Im Hause war sie um diese Zeit nirgends vor Störungen sicher. Da nahm sie ein Körbchen an den Arm, trat auf den Hof und stieg die eichenholzgefügte Außentreppe zum Speicher hinan. Der Raum, in den diese führte, war mit einem feinen Duft von Wachs, Honig, getrocknetem Obst und ungebleichtem Linnen erfüllt. Auf einen Ballen des letzteren setzte sich Mutter Lohmann, klemmte sich die Brille hinter die Ohren, erbrach den Umschlag, und den Brief von sich haltend, fing sie an, folgendes zu lesen: »Liebste, beste Pflegemutter! Eine rechte Mutter kann gegen ihr Kind nicht lieber und freundlicher sein, als Du gegen mich gewesen bist. Und nun muß ich Ärmste, auf die so viel zusammenkommt, es gerade sein, die den Frieden und das Glück Eures Hauses stört. Ach, könnte ich mich doch noch einmal an Deinem mütterlichen Herzen ausweinen, wie ich es in den schrecklichsten Stunden meines Lebens getan habe! Aber wir sind einander ja so fern, dem Raum nach, und ach! jetzt auch wohl dem Herzen nach. Und hier stehe ich nun so allein. Es ist kein Mensch da, dem ich sagen kann, was mich drückt, und soll immer ein vergnügtes Gesicht machen bei der Arbeit, und im Herzen ist mir so weh und so wund –« Mutter Lohmann hielt im Lesen inne, nahm die von Tränen blind gewordene Brille ab, rieb sie in der blauleinenen Schürze wieder blank, trocknete ihre Augen, setzte die Brille wieder auf und las weiter: »Ach, daß es auch so weit hat kommen müssen! Hättet Ihr beiden, mein Vormund und Du, mich zum Bahnhof gebracht, wie Ihr erst wolltet, so wäre alles gut gegangen. Hinrich und ich, jeder hätte sein Geheimnis für sich behalten. Aber nun mußte der Besuch kommen, und der Knecht war nicht zu Hause, und wir beide mußten allein nach Elldingen fahren, und da auf einmal, ohne daß wir's eigentlich wollten, war's heraus. – Du mußt aber nicht denken, daß das so auf einmal gekommen ist, in den paar Wochen, die ich bei Euch war, oder gar auf der kurzen Fahrt nach dem Bahnhof. Nein, Hinrich und ich, wir kennen uns schon über zwei Jahre. Als ich Dich damals besuchte – es sind just zwei Jahre her, die Heide blühte gerade, wie sie jetzt wieder blüht – da tat ich das nicht aus eigenem Entschluß; Hinrich hatte mir gesagt, weil ich keine Mutter mehr hätte, sollte ich seine Mutter einmal besuchen. Wir hatten uns nämlich ganz zufällig zweimal im Walde getroffen. Ich war damals ein dummes, eigensinniges, faules Ding, und da hat Hinrich mir erst gesagt, was alles zu einem ordentlichen Menschenleben gehört, und von da an bin ich eine andere geworden. Und schon damals habe ich viel an ihn denken müssen, aber weil Du mir gesagt hattest, zwischen Delmsloh und Lohe könnte keine gute Nachbarschaft sein, habe ich mich in acht genommen, daß wir beide uns nicht wieder trafen, und ich habe auch kein Wort wieder mit ihm gesprochen, bis das schreckliche Unglück meines lieben Vaters uns aufs neue zusammenführte. Aber solange wir unter einem Dache bei Euch lebten, haben wir außer über das Wetter und andere gleichgültige Dinge nie miteinander gesprochen. Aber das Feuer, das unsere Herzen erfaßt hatte, glimmte still und heimlich fort, und auf der Fahrt nach dem Bahnhof, da auf einmal flammte es lichterloh auf.« Wieder hatte sich Mutter Lohmanns Brille getrübt, und sie machte eine Pause. Das war schlimm, ganz schlimm, daß die Geschichte schon so alt war. Das hätte sie nicht gedacht. Achjajija. Sie las den Schluß des Briefes: »Jetzt, nachdem das Wort gefallen ist, ist es furchtbar schwer, sich sagen zu müssen, daß das, was des Herzens tiefster, verschwiegenster Wunsch war, niemals sein soll, niemals sein darf. Aber Gott hat einem ja schon Kraft gegeben, viel Schweres zu tragen. So wird er sie einem wohl auch noch geben, dieses zu überwinden. – Ich will nicht mehr an Hinrich denken. Ich will mir jeden Gedanken an ihn mit Gewalt aus dem Herzen reißen. Ich will nur noch denken an alle Liebe und Gütigkeit, die ich von meinem lieben Vormund und von Dir, liebes Mutterherz, erfahren habe, und für die Euch in Ewigkeit dankbar ist Eure gehorsame Else Riewitz.« Mutter Lohmann schob die Brille auf die Stirn hinauf, faltete die Hände in ihrem Schoß über dem Brief und sah gedankenvoll vor sich hin. Jajajija, das arme Kind mußte wirklich schwer hindurch. Alles nahm der Herrgott ihr, eins nach dem andern. Erst die Mutter, dann den Vater, darauf den Hof, und nun zuletzt auch den, den sie so lange heimlich liebgehabt hatte. – Hier kam ein ganz fremder Gedanke und machte sie einen Augenblick bedenklich. War's wirklich der Herrgott, der ihr den Liebsten nahm? War's vielleicht nicht so, daß der Herrgott ihr diesen gegeben hatte für die Lieben, die er ihr genommen, und nun kamen die Menschen, um dem armen Kinde das Herrgottsgeschenk zu rauben? – – Nein, nein, so durfte man die Sache nicht ansehen. Die Eltern sind nun einmal die Stellvertreter Gottes für die Kinder. Das hatte noch am letzten Sonntag der Pastor in der Kinderlehre so schön klargemacht. Else war gewiß ein gutes Kind. Fleißig, umgänglich und gar nicht stolz. Schade, daß sie keinen Jungen hatten, der Lehrer war oder Postschreiber oder so was. Für so einen wäre sie eine. Da würde sie als Mutter sofort ihren Segen geben, und Vater am Ende auch. Aber für den Ältesten, den Hoferben, paßte sie nicht. Wirklich nicht. Dafür war sie viel zu fein. Eine Bauernfrau? Mutter Lohmann schüttelte traurig den Kopf. Nee, nee, die saß da nicht in. Der Erbe von Lohe mußte auch eine haben, die etwas mehr um und an hatte. Die mußte durch ihr Heiratsgut dem Hof das wieder zubringen, was durch die Auszahlung an die jüngeren Kinder mal verlorenging. Denn die wollte man doch auch nicht nur mit Rock und Hemd in die Welt hinausschicken. Na, Gott sei Dank, das Mädchen war ja so weit vernünftig. Sie wollte gar nicht mehr an die dumme Geschichte denken. Sie schrieb ja auch: Eure gehorsame Else. – Wenn nur der Junge auch so verständig sein wollte! Es waren ja schon fünf Tage vergangen seit dem stürmischen Abend und der schrecklichen Nacht, aber der alte war Hinrich noch immer nicht wieder. Wohl tat er seine Arbeit wie immer, und noch gestern abend beim Zubettgehen hatte der Vater gemeint, er wäre doch nur einmal ein fixer Bengel. Aber er pfiff kein Lied und rauchte keine Pfeife und sagte kein Wort, das man nicht mit Fragen herauszog. Mutter Lohmann hatte es zuerst für das beste gehalten, in keiner Weise auf das Geschehene zurückzukommen. Aber einen Tag nach dem andern ihren frischen Jungen so unfroh, so bedrückt zu sehen, das schnitt ihr doch ins Herz. Vielleicht war es besser, wenn sie als Mutter ihn mal ins Gebet nahm, wenn sie einmal ganz mütterlich, ganz ruhig, ganz vernünftig die Sache mit ihm besprach. Das, was Else geschrieben hatte, konnte ihr dabei ja nur helfen. Mit dem Entschluß, die nächste gute Gelegenheit wahrzunehmen, stieg sie die Speichertreppe hinab, nachdem sie noch das Handkörbchen mit getrockneten Pflaumen gefüllt hatte. Es fand sich noch an demselben Tage ein stilles Stündchen, in dem Mutter Lohmann ihren Jungen vornehmen konnte. »Hinrich, ick heww 'n Breef kregen.« »Dat mag.« »De Breef is van unse Fräulein.« »So...« »Se schriwt, dat se uns jümmer dankbar und gehorsam blieben will.« »So ...« »Se schriwt, dat allens so hastig und öwer Kopp kamen wör.« »So? Dat schriwt se?« »De Wör weet ick nich akkrat, aber dor kummt dat so up herut.« »So ...« »Und nun gereu se dat all...« Ihre Stimme klang seit Hinrichs Zwischenfrage etwas unsicher. Sie fühlte, daß sie doch wohl nicht ganz strikt bei der Wahrheit blieb. »So ...« »Und wil Vader dat nich hewwen wull, so well se gar nich mehr an di denken.« Dies lautete wieder sehr bestimmt. So hatte Else ja wirklich geschrieben. »So ...« sagte Hinrich mit unerschüttertem Gleichmut. »Süh, min lewe Jung, dat freut mi van Harten, dat du vandag so geruhig und vernünftig büst. Dat beste is, dat du't just so makst as de Deern, dat du gor nich mehr an se denkst. Süh, dat is so up eenmal ut Öwerielung in der Jungheit kamen, und dat geiht ok wedder öwer. Mit den Kopp dör de Wand, dat könnt wi alltohopen nich. Süh, wenn eener sick för sin ganze Lewen fastmaken well, denn mutt he nich blot sin wille Hart fragen, nee, ok sinen Verstand. De is aber bi so jungen Lüe noch wat kort, und deshalw hett unse Herrgott in sine Weisheit dat so inricht, dat wi Öllern dorbi ok 'n Word mittosnacken hewwt. Dat is jümmer so wän. Süh, wat de ole Erzvader Isaak wän is, de hett sick ok nich eenfach ene nahmen, de em paßlich wör, nee bewohr, sin Vader Abraham hett sin ölen Knecht Elieser henschickt, und de hett em 'ne gode utsocht, de Rebekka, weeßte woll. Aber de Slüngel, de Esau, Isaak und Rebekka ehr Söhn, de hett sin Vader und Mudder nich fragt, de hitt sick wecke nahmen nah sine Lust, und dat hett väl Tranen und Hartkummer gewen in den olen Erzvader sin Fomilje ... Süh, min lewe Jung, Vader will jo man din Bestes. Du mußt ok nich bös up em wän, dat he 'n bäten rieklich upgebracht wör. Dat stickt'r eenmal so in, in sin Natur ... Du schast sehn, Hinrich, et kummt noch mal de Stünn', wo du Vadern van Harten danken deist, dat he uppaßt hett, dat he di van 'ne grote Verkehrtheit trügholen hett ... In dat Stück hest du ja recht, 'n Fro mußt du hewwen. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Und dat mutt ick jo seggen, din Öllern is keene leewer als Hinkens Gretschen. Se stammt van gode, christliche Öllern, is gesund und stark, so wat von din Statur, und söbendusend Daler krigt se ganz gewiß mit... Aber du mußt nich denken, dat't för Gewalt just düsse wän mutt. Dat Hart well ja ok mitsnacken ... Süh, da sünd ja ok noch annere, de so wied ganz paßlich sünd ... Swiersbuers Geske und Brinkenburs Ahlheid... und...« »Förwahr, Mudder, Deerns genog,« unterbrach Hinrich diese Suche nach passenden Mädchen. »De ganze Welt is vull van Deerns.« »Sühste, du hest ganz recht, und wenn ok nich jedeene för di und uns passen deit – wi sünd grote Buern und möt in unsen Stand bliewen – 't schall sick woll ene finnen, de di und uns Öllern paßlich is, und denn schall't 'ne grote, vergnögte Hochtied gewen ... Djunge. Djunge, wenn ick dat noch belewen schall!... Und nu wäs man ruhig, min Hartensjung! Vader hett'n isern Kopp...« »Ja, Mudder, dar hest du recht, he hett 'n isern Kopp,« wiederholte Hinrich. »Aber ok 'n god, weck Hart... Du kannst mi glöwen, mi is dat ak nich jümmer licht worrn, mi in sine Wies' to schicken. Aber dat steiht nu eenmal in Gotts Word: Die Weiber seien Untertan ihren Männern, aber ok: Ihr Kinder, gehorchet euren Eltern und folget ihnen!« »So genau as du kenn ick mi in de Bibel nich ut, Mudder,« sagte Hinrich nachdenklich, »aber ick glöw, darin leet sick ok woll wat finnen, wat för mi spreken deit... Ick weet dat ja nich, aber dat seggt mi so min Hart...« »Ach nee, min beste Jung, Gotts Word hollt dat mit uns Öllern. Und up sin Hart mutt de Minsch sick nich drägen. Dat bedrigt em. Du weetzt ja: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Dat hett de Herrgott sülwst seggt, und de kennt unse Hart. Und de König Salomo, de weise König Salomo, de seggt: Wer sich auf sein Herz verläßt, der ist ein Narr.« »Is all god, Mudder, wi wöt dat Strieden man laten. Dor kummt nix bi herut.« »Ach Jung, dat is ja keen Strieden. Ick woll di als din Mudder man helpen, dat du to de rechten Insichten kummst...« Frau Lohmann war mit dem Verlauf dieser Unterredung recht zufrieden. Sie zweifelte nicht daran, daß Hinrich innerlich schon nachgegeben hatte. Wenn er das noch nicht deutlich aussprach, so mußte man ihm dazu eben Zeit lassen. Er hatte von dem harten Kopf des Vaters ja auch sein Teil geerbt. Die Hauptsache war, daß er sich erst einmal schweigend unter den Herrenwillen, der in Lohe herrschte, beugte, daß er den Kampf gegen ihn aufgab. Die alte Freudigkeit und das kindliche Verhältnis stellte sich dann wohl mit der Zeit wieder von selbst ein. Zwei Tage nach diesem Gespräch zwischen Mutter und Sohn war Vater Lohmann nach der Kaffeezeit im Walde beschäftigt, einige Bäume für den Bau eines neuen Stalles auszusuchen und mit dem Beil zu zeichnen. Da sah er Hinrich zwischen den Stämmen auf sich zukommen. Der Junge blickte sich vorsichtig um, er mußte wohl etwas auf dem Herzen haben. Der Alte wußte von seiner Frau, daß er sich besonnen und auch gegen den Plan mit Hinkens Gretschen keinen Widerspruch erhoben hatte. Das wollte er ihm nun wohl selbst sagen. »Na, Hinrich?« fragte er freundlich, indem er mit seiner Arbeit innehielt und das Beil über die Schulter legte. »Vader, vör acht Dagen ...« begann Hinrich. »Ach wat, Jung', lat man! Wi wöt beide vergäten, wat mang zwischen uns vorfallen is. Hier hest du mine Hand!« Hinrich tat, als ob er die dargebotene Rechte nicht sähe. Leise, aber bestimmt sagte er, indem er dem Vater bittend ins Auge sah: »Vader, ick heww dat Mäken min Word gewen.« Der Alte schlug das Beil mit scharfem Hieb in eine Tanne, daß die Schneide tief eindrang und der Stiel bebte, und sagte ärgerlich: »Fangst du mi da noch wedder mit an? Dat Word van so 'n Jungen as du bist gelt gar nix!« »Vader,« sagte Hinrich sehr ernst, »ick bin fiefundtwintig wän und weet ganz genau, wat ick to don und to laten heww. Und du seggst, min Word gelt gor nix?« »Nee, in sökke Saken nix ahne dat Word van dinen Vader. Und ick hemm de Deern dat ja all henschremen, dat din Word null und nichtig is.« »Und ick woll di hüt man eben seggen, Vader, dat in alle annere Saken din Word mi Befehl is, den ick van Harten nahkamen well. Aber in düsse eene Sake is min Word mi heiliger as din Word ...« »Wat wullt du dormit seggen?« fragte der Vater, ihn starr ansehend. »Dat ick min Word, dat ick dat Mäken gewen heww, nich bräk und von min Brut nich lat, und wenn ok de Himmel infallt,« sagte Hinrich mit fester Entschlossenheit. Seine Gestalt war zu ihrer ganzen Höhe emporgewachsen, und er sah seinem Vater fest in die Augen. »Dor kannst du nix an ännern!« fügte er selbstbewußt hinzu. Auf des Vaters Stirn war die Zornader angeschwollen. Die buschigen Augenbrauen sträubten sich wie Stacheln, in den Augen, aus denen das Starre plötzlich wich, zuckte es unheimlich, und keuchend, mit heiserer Stimme wiederholte er: »Dor – kann ick – nix an ännern, – ick – din – Vader? Dat will 'ck di wisen. Da! –« Hinrich taumelte gegen einen Baum. So wuchtig hatte der Schlag von des Vaters Hand seine Wange getroffen. Mit Blitzesschnelle hatte er sich wieder aufgerichtet, seine Muskeln strafften sich, die ganze Gestalt bebte, die rechte Hand ballte sich zur Faust, der Arm holte aus – so stand er zwei Sekunden dem Vater gegenüber, die flammenden grauen Augen in die des Alten bohrend ... Plötzlich fuhr er sich mit beiden Händen an die Schläfen, die gestraffte Gestalt sank in sich zusammen, und das Wort »Vader!« entrang sich seinen Lippen ... in einem Tone so voll Schmerz und Entsetzen, so ganz, als ob damit dieser Name auf diesen Lippen für immer ersterbe, daß der Zornglühende zusammenzuckte. Und dieses Wort begleitete ein Blick, der Blick einer in wildem Schmerz ersterbenden Liebe, daß der von ihm Getroffene unwillkürlich die Augenlider senkte. Dann wandte der Sohn sich zum Gehen, mit schweren, tappenden Schritten. Da drang dem Vater eine heiße Welle zum Herzen, seine Lippen öffneten sich und wollten rufen: »Min Hinrich, bliew enen Ogenblick!« Aber in derselben Sekunde schoß ihm ein glühender Blutstrom ins Gehirn, und er keuchte mit bebenden Lippen: »Gah hen, du verlarne Söhn!« Da machte Hinrich lange, feste Schritte und ging davon. Unter seinen Füßen federte der Waldboden und knackte das dürre Gezweige. Ein Windesrauschen ging durch die Baumwipfel, ein Häher strich mit aufgeregtem Gekreische davon. Der Vater riß mit kräftigem Ruck das Beil aus der Tanne und schlug eine lange weiße Marke den Baum entlang, und so beim nächsten, und beim nächsten, und beim nächsten, ohne Besinnen, ob er die Bäume für seine Zwecke brauchen konnte. Als er atemlos innehalten mußte, sah er dem Davonschreitenden nach. Ein paar Male wurde dessen Gestalt in den Lücken der schlanken Stämme noch sichtbar. Nun war sie verschwunden. Da tauchte sie noch einmal für eine Sekunde auf. Dann nicht wieder. Er machte ein paar Schritte ihr nach, zwei oder drei. Aber dann stieß er ein entschlossenes »Nee« zwischen den zusammengepreßten Lippen heraus und setzte ruhig seine Arbeit fort, die für den neuen Stall passenden Bäume zu wählen und zu zeichnen. – Hinrich kam an die Hofmauer und blickte scheu hinüber. Am Backofen fütterte seine Schwester Marie die Küken, die Großmagd holte eben eine Tracht Holz von dem Lager an der Scheune. Schnell verbarg er sich hinter einer dicken Tanne. Als das Mädchen im Hause verschwunden war, stahl er sich, den Backofen in weitem Bogen meidend, über den Hof ins Haus – auf der Wange brannte der Schlag und im Herzen die Scham. Ungesehen erreichte er seine Kammer. Hier entkleidete er sich schnell und warf sich in seinen Sonntagsanzug. Dann packte er Arbeitszeug und Leibwäsche in ein Bündel, band ein paar Stiefel zusammen und nahm ein Sparkassenbuch und seinen Militärpaß aus der Truhe. Dann rief er, die Tür ein wenig öffnend, auf das Flett hinaus: »Mudder!« Als die Nichtsahnende kam und den Sohn im Sonntagsanzug mit glühendem Gesicht vor sich sah, blieb sie mit offenem Munde in der Tür stehen. Aber Hinrich zog sie schnell zu sich in die Kammer hinein und riegelte die Tür hinter ihr zu. »Hinrich, wat – is – dat?« fragte sie, mit zitternder Hand auf das gepackte Bündel zeigend. »Ick kann hier nicht bliewen ... ick bin de verlarne Söhn ... ick mutt wied öwer Land,« stieß Hinrich abgerissen, mit hohler Stimme, heraus. »Gott! Min Kind! Wat is denn?« schrie außer sich die Mutter. Hinrich kehrte ihr voll die brennende linke Wange zu, verdeckte sie mit der breiten Hand und sagte mit gesenktem Blick: »Hier hett Vader mi slan, und denn hett he seggt: ›Gah hen, du verlarene Söhn!‹ ... Und nu gah ick... Sinen Vader mutt de Minsch gehorsam wän.« »Verlarne – Söhn?« wiederholte die Mutter wie abwesend. »Nee, nee, min Hinrich, dat bist du nich,« antwortete sie dann schnell. »Da hett Vader sick vergäten. Vergäw em dat! Ick bidd di um Gotts willen. Do't dine Mudder to Leew!« Sie hielt seine Arme umschlungen und blickte flehend zu ihm auf. »Ick kann Vader nich wedder ünner de Ogen kamen,« sagte Hinrich dumpf, »wenn he mi to sehn kriegt, smitt he mi mit egene Hand ut 'n Huse herut...« »O nee, dat deit he nich, ganz gewiß nich... Du kennst em nich. He hett 'n week hart, abers 'n hitten Kopp. Ick will henlopen und em bidden, dat he dat slimme Word trüg nimmt. He deit't ganz gewiß.« Und sie ergriff den Türriegel, um ihn zurückzuschieben. Aber seine Rechte umklammerte mit festem Griff ihre Hand über dem Riegel, daß sie nicht hinauskonnte. »Lat mi los!« bat sie. Aber er hielt fest. »Du schast mi loslaten,« befahl sie. Da gab er ihre Hand frei, aber nur, um mit den gaöffneten Armen ihre ganze Gestalt zu umschlingen. Dabei geschah es, daß ihr Mund ihm die brennende Wange küßte und ihre Tränen sie kühlten. »Mudder, glöw mi, 't is dat beste, dat ick gah. Ick heww ok hitt Blot, 't könn 'n Unglück gewen. Adjes min leewe, beste Mudder!« »Wo wullt du denn hen?« jammerte sie, machtlos in seinen Armen. »Öwer't grote water?« Und das gräßliche Traumbild des Schiffbruchs stand wieder vor ihrer Seele. »O nee,« sagte er schmerzlich lächelnd, »so wied nich! 'n Keerl as ick find't ok woll noch in 't dütsche Vaderland sin Brod. Wat 'n goden Regimentskameraden von mi is, de hett in Hannower 'n Fuhrgeschäft. Ick will sehn, dat ick bi em ünnerkreep. Nu mutt ick gahn, süssen kummt he to fröh herin ...« Die Mutter schien es ein wenig zu beruhigen, daß er nicht nach Amerika wollte, sondern nur nach Hannover, von wo er schon einmal wieder glücklich heimgekommen war. Dennoch, als er sie losließ, umklammerte sie seine Arme. »Nee, nee, Mudder, nu mußt du mi loslaten.« sagte er, mit sanfter Gewalt seine Arme aus der Umklammerung lösend. »Holen lat ick mi ok von di nich.« »Hinrich, wat bist du vör 'n Minsch! Wenn du't vör Gott und dine Mudder, de di ünnern Harten dragen hett, verantworden kannst ...« sagte sie verzweifelt, ihn endlich freigebend. »Hest du Geld?« »Geld genog,« antwortete Hinrich, an seine Hosentasche klopfend und auf das Sparkassenbuch zeigend. »Aber wenn du mi noch wat Godes andon wullt, so gah rut und schick de Deensten Dienstboten und de Kinner an de Sied! De brukt dat nich just to sehn, wenn de öllste Söhn van den Hoff runner mutt...« Als sie gehen wollte, hielt er sie noch einmal fest: »Abers geihst du mi ok nich to em?« fragte er mißtrauisch. Sie sah ihn entsetzt an. »Hinrich, he is din Vader .« »Dat is he wän,« murmelte der Sohn dumpf. »Hinrich, wat bist du vör 'n Minsch!« sagte sie mit starren Augen, in denen das Entsetzen stand. Er befestigte das Bündel und die Stiefel an seinem Eichenstock und legte diesen über die Schulter. »Wullt du mi den Gefallen don?« fragte er noch einmal, die Mutter ansehend. Da wankte sie hinaus. Hinrich hörte, wie sie das Mädchen auf den Boden schickte. Nun sah er hinaus, die Diele war leer. Auch der Hof, soweit er zu übersehen war. Da verließ er die Kammer und ging mit langen Schritten über die Diele, mit einem flüchtigen Blick die stattliche Reihe des Hornviehs und mit einem langen, schmerzlichen die Braunen streifend, deren Köpfe durch die Raufe sichtbar waren. * An der Missentür hatte die Mutter ihn eingeholt. Sie machte mit Tränen und Händeringen noch einen letzten Ansturm, ihn zu halten. Aber er sagte nur noch: »Mudder, ick bidd di, gah nich wieder mit, dat ick still van den Hoff kam! Nahsten schriew ick di, den Breef schick ick an Imkerhannes. Glöw mi, 't is am besten, dat ick gah, för uns alle.« Damit schob er sie sanft in das Haus zurück und trat auf den Hof. Karo begrüßte seinen Herrn mit lautem Freudengeheul und sprang an ihm auf, seine Begleitung anbietend. Aber Hinrich streichelte ihn und sagte traurig: »Kannst nich mit, ole Fründ, mußt hier bliewen.« Da legte das kluge Tier sich nieder, drückte den Kopf auf den Boden und sah dem Scheidenden leise winselnd nach. Am Hoftor wandte Hinrich sich noch einmal um. Da saß seine Mutter zusammengebrochen auf dem Torsüll und schluchzte laut in die Schürze hinein. Und Karo ging, langsam mit dem Schwanz wedelnd, zu ihr hin und drängte sich liebkosend an sie. Und als das nichts half, machte er schön und legte ihr treuherzig seine Pfote in den Schoß. Der am Hoftor Zurückschauende fühlte, daß seine Augen feucht wurden. Das rührte ihn tief, daß sogar das unvernünftige Tier sich des Schmerzes seiner Mutter erbarmte. Und er, der Sohn, der das, was er war, geworden war durch die Liebe dieser Mutter, wollte ihr diesen Schmerz antun? Es zog ihn mit Gewalt, umzukehren und alles, was ihn bewegte und quälte, in die treuen Mutterhände zu legen, die schon manchen Knoten gelöst hatten. Aber ach, in dem einen Punkte verstand ja auch sie ihn nicht im geringsten. Da kam sie mit den alten Patriarchen angeschleppt, die schon so viele tausend Jahre tot waren, und mit Bibelsprüchen, die hier doch wirklich nicht paßten. Aber konnte er sie mit ihrem warmen Herzen nicht dahin bringen, daß sie ihn auch hierin verstand und sich auf seine Seite stellte und dann mit stiller Arbeit den Vater umstimmte, daß alles gut würde? Diese Gedanken schossen pfeilschnell durch seine Seele, und vielleicht wäre er noch umgekehrt, – wenn nicht plötzlich zur Rechten im Walde ein dürrer Zweig unter den Füßen eines Mannes gebrochen und eine Gestalt in den Lücken der Stämme sichtbar geworden wäre. Da aber wandte sich Hinrich schnell um, schlug das Tor krachend zu, und ging mit weitausgreifenden Schritten von dannen. »Gah hen – du verlarne Söhn; gah hen – du verlarne Söhn,« klang es in ihm im Rhythmus des Gehens, während das Bündel schunkelnd seinen Rücken berührte. Zog er denn davon als der verlorene Sohn im Evangelium, um sein Gut mit Prassen umzubringen? Nein, er ging, um Platz zu schaffen für die große, starke Liebe, die ihm im Herzen saß, die stärker war als des Vaters Zorn, stärker auch als der Mutter Tränen. Auf dem großen, schönen Hofe seiner Väter hatte diese Liebe keinen Platz, aber sie fand wohl ein Plätzchen, ein bescheidenes, in der weiten Welt, die vor ihm lag. Mit diesen beiden starken Armen wollte er's ihr schon schaffen. Ganz leise war sie gekommen, und ganz gegen seinen Willen. Einmal war er sie ja auch glücklich wieder los geworden. Und als sie dann den zweiten Angriff machte, hatte er mit aller Kraft und mit all den Gründen, die sein Vater neulich ins Feld geführt hatte, versucht, ihr die Tür zu verschließen. Umsonst, wie vom süßen Schall der Nachtigall die Rosen aufspringen, so war sein Herz aufgesprungen, und sie war eingezogen mit siegender Allgewalt. Und nun war's zu spät. Nun kannte kein Machtwort des Vaters, kein Schlag seiner Hand, kein Flehen und Jammern seiner Mutter, und auch der eigene Wille sie nicht mehr herausbringen. Nein, nein, hier paßte nicht die Geschichte vom verlorenen Sohn, sondern das Wort des Herrgotts: »Es wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen.« Nein, der Herrgott ging doch nicht mit den Eltern durch dick und dünn, wie Mutter neulich gemeint hatte. Der verlorene Sohn! ... Er stellte sich diesen Bruder Liederlich aus dem Evangelium noch einmal vor Augen. Der war schließlich bei den Schweinen angekommen und hatte seinen Bauch mit Träbern gefüllt. Er lachte bitter auf. Diesen Weg würde es mit ihm nicht gehen. Er kam in den schönen Pferdestall seines Kameraden Karl Jäger. Mit der Zeit gründete er dann wohl selbst ein Fuhrgeschäft, oder er legte sich auf den Pferdehandel, der einen entfernten Verwandten seiner Mutter zu einem vermögenden Manne gemacht hatte. In allem, was mit Pferden zusammenhing, suchte er ja seinen Meister. Sein Regiment hatte ihn schon immer mit zu den Remonteaushebungen kommandiert. Der verlorene Sohn! Ha, der hatte mitgenommen das Teil der Güter, das ihm gehörte. In dem Stück wollte er von ihm lernen. Nach dem hannoverschen Höferecht gehörte ihm ja der Lohhof, und Vater sollte nur nicht glauben, daß er so mir nichts dir nichts auf sein Recht verzichtete. Der sollte eine tüchtige Summe herausrücken, um ihn abzufinden. Unter siebentausend Talern ganz gewiß nicht! Und ein paar tausend Taler blieben seiner Braut von Delmsloh wohl auch, wenn sie ein paar Jahre beide tüchtig schafften, konnte er's sicher wagen, sie heimzuführen. Nicht auf den Lohhof, wie er sich das so schön ausgemalt hatte, aber wo sie bei ihm war, da war ja die bescheidenste Mietswohnung in der Stadt schöner als ohne sie der herrliche Hof in der Heimat. Ob er bis dahin einen Briefwechsel mit ihr führen sollte? – Ach nein, das wollte er lieber lassen. Er konnte ihr ja kurz schreiben, daß es auch jetzt bei dem bliebe, was er ihr auf dem Notizbuchblatt geschrieben hatte, aber für regelmäßige lange Briefe die rechten schriftlichen Ausdrücke zu finden, war gar nicht leicht. Es gab ja freilich auch Bücher, die einem dabei helfen wollten, wenn in der Ulanenzeit ein Stubenkamerad an sein Mädchen daheim schrieb, zog er einen Briefsteller »für liebende beiderlei Geschlechts« zu Rate. Aber schon damals hatte er über die verrückten Phrasen gelacht, und solch blühenden Blödsinn an seine Braut schreiben, die in den feinen Gedichten so zu Hause war, – nein, das ging nicht. Lieber gar nicht schreiben, sondern schaffen und arbeiten, bis er ihr schreiben konnte: »Nun wollen wir Hochzeit machen!« Er war auf dem Bahnhof angelangt. Der Abendzug nach Hannover war in einigen Minuten fällig. »Na, auch mal 'n büschen verreisen?« fragte der Vorsteher mit seiner stereotypen Frage, die er an seßhafte Leute zu richten pflegte. »Jawoll, dritter Hannover,« antwortete Hinrich kurz. »Übung machen?« »Nee.« »Ein paar junge Pferde kaufen?« »Nee. Dritter Hannover!« Der Vorsteher ging in sein Dienstzimmer und brachte eine Rückfahrkarte. »Von Retourbillett habe ich nichts gesagt,« brummte Hinrich. »Aber retour gilt jetzt 45 Tage, und länger bleiben sie ja doch nicht weg.« »Das ist meine Sache, geben Sie mir einfach!« Der andere machte ein verwundertes Gesicht und sah den jungen Mann scharf an. Aha! Die Geschichte von neulich ... hm, hm. Der kluge und für Familienangelegenheiten sehr interessierte Herr Stationsvorsteher wußte Bescheid. Es wäre aber ganz gut, dachte er, daß auch die reichen Bauern, die er mit seinem kargen Beamtengehalt und dem schmalen Lappen Dienstland am Bahnkörper oft beneidet hatte, ihr Päckchen zu tragen hätten. Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht hörten nicht auf und gaben dem Leben des Lohhofes seine Ordnung und seine Arbeit wie immer. Und doch, wie hatte es sich von Grund aus geändert! Die Eltern sprachen von ihrem Ältesten, der im Zorn von ihnen gegangen, nicht mehr. Auch hierin hatte die Frau sich endlich unter den Herrenwillen ihres Mannes gebeugt, nach heißen Kämpfen gegen ihn und gegen das eigene Herz, daß sie seinen Namen nicht mehr erwähnte. Um so mehr gedachte sie seiner, wenn der Vater die Worte des Abendsegens sprach: »Ich befehle mich dir, meinen Leib und Seele und alles was ich habe, in deine Hände«, dann flog ihr Gebet niemals von der Hausgemeinde, die mit ihr um den Tisch saß, auf direktem Wege zum Herrgott, sondern immer mit dem Umwege über Hannover. Denn der Junge da in der großen Stadt, zwischen all den schlechten Menschen, dachte sie, hatte es am nötigsten, nötiger als die Kinder, die mit ihr um den Tisch saßen, daß sie ihn dem großen Menschenhüter über den goldenen Steinen so recht warm in die Hände befahl. Und zuweilen, und mit der Zeit immer öfter, geschah es, daß ihre betenden Gedanken von Hannover noch weiter südwärts flogen, in das Göttingensche, und von dort noch ein einsames junges Menschenkind mit hinaufnahmen, um es dem Herrgott in seine weitgeöffneten Arme, an sein großes Vaterherz zu legen. Da waren die beiden denn vereinigt, die der harte Wille seines »Stellvertreters auf Erden« auseinandergerissen hatte. Es war ein Glück, daß Mutter Lohmann in dieser schrecklichen Zeit den einen hatte, mit dem sie über ihren Lieblingsjungen, des Vaters verlorenen und aufgegebenen Sohn, reden konnte, sonst hätte sie es wohl nicht ausgehalten. Der Winter kam, und mit ihm auch wieder, von Sniederkorl und Schosterchristoffer, die diesmal merkwürdig einsilbig waren, vorbereitet, das liebe Weihnachtsfest. Oh, dieses Fest! Ein solches hatte Mutter Lohmann noch nicht erlebt. Zwar der Tannenbaum glänzte wie alljährlich im Schmuck der Papierrosen, Äpfel, Zuckerkringel und Lichter, und die Kinder sangen wieder: »Freue, freue dich, o Christenheit!« Aber was da in Mutter Lohmanns Augen so feucht glänzte, das hatte mit Freude nichts zu tun. Sie war mit ihrem Manne in Wiechel zur Christvesper gewesen. Aus dem Evangelium, aus singendem Kindermund und aus der Predigt des alten Pastors hatte es geklungen, vom Transparent der Krippe, von der Girlande des Christbaumes und aus glückseligen Menschenaugen hatte es geleuchtet: »Friede und Freude auf Erden.« Aber sie gehörte nicht zu denen, die sich freuen konnten. Sie gehörte zu der großen, ungezählten Schar derer, für die der alte ehrwürdige Mann, dessen Silberhaar im Weihnachtslicht glänzte wie das Engelhaar am Christbaum, vor dem Altar betete: »Laß heute in den Herzen aller Angefochtenen, Kranken, Verfolgten, Witwen und Waisen und aller anderen, so in Not und Trübsal stecken, eine tröstliche Christfreude aufgehen.« Und sie wußte, auch zwei Menschen in der Ferne, die ihrem Herzen so nahe standen, gehörten zu dieser großen Schar. Und die »tröstliche Christfreude« hatte gar nicht zu ihr kommen wollen, so innig sie für sich und ihre Lieben in der Ferne mitgebetet hatte. Und jetzt saß sie mit ihrem wehen Herzen daheim unter dem Christbaum. Als die Kinder und die Leute nun sangen: »Freue, freue dich, o Christenheit,« und als ihr Blick auf ihren Mann fiel, der seine kurze Pfeife im Munde hatte und finster vor sich hin paffte, da hielt sie es nicht mehr aus. Sie verließ die Stube und ging über die Diele in Hinrichs Kammer, die sie dann hinter sich abriegelte. Dort stellte sie sich ans Fenster, drückte die Stirn gegen die kalten Scheiben, sah hinaus in das Schneeflockengewirbel draußen und weinte sich satt. Endlich, endlich fiel doch ein tröstlicher Gedanke in ihr Herz. Heute morgen war bei dem Jungen sicher ihr Paket angekommen. Was hatte der wohl für Augen gemacht, als er alle die Schätze auspackte, den halben Klöben und das Viertel eines Butterkuchens und die würzigen Prinzäpfel und die fette Gänsebrust und den tüchtigen Schinken! Und die Strümpfe, die sie noch eben mit genauer Not hatte fertigstricken können, zog er gewiß morgen früh gleich an. In dem eintretenden Schneewetter kamen sie ja gerade recht. – Eine kleine »tröstliche Christfreude« ging da also doch noch in Mutter Lohmanns Herzen auf. Und Vater Lohmann, der währenddessen drüben unter dem Tannenbaum sich in dicke Tabakswolken eingehüllt hatte, vermißte er heute abend seinen Hinrich gar nicht? Ist's ihm recht, wie alles gekommen ist, seit jener Szene im Walde? Wie er eigentlich über die Sache denkt, weiß keiner. Einen Freund, mit dem er über Familienangelegenheiten sprechen würde, hat er nicht. Und seine Frau ist in dieser Angelegenheit seine Vertraute durchaus nicht. Sie ist eben in ihren Jungen geradezu vernarrt. Einige Wochen vor Weihnachten hat sie auf einmal angefangen, ein Loblied auf die Fremde zu singen, die sie ihm als Mündel aufgeschnackt hatte, und von der ja dieses ganze Unglück herkam. Da hat er nur schnell abgebrochen, sonst hätte er wohl noch hören müssen, daß dieses Wunderkind am Ende doch eine ganz gute Frau für den abstinatschen Bengel, den Hinrich, wäre. Vater Lohmann hat da wieder einmal bestätigt gefunden, daß auf das Weibervolk mit den langen Haaren und dem kurzen Verstand doch gar kein Verlaß ist. Erst war Mutter in dieser Sache ganz mit ihm auf einem Stück gewesen. Nun konnte ihretwegen schon die Fremde als junge Frau auf Lohe einziehen. – Um die Zeit, wenn der Winter auf dem Abmarsch ist, haben die Wiechler ihren Frühjahrsmarkt. Bei dieser Gelegenheit traf Lohmann mit einem alten Bekannten aus dem benachbarten Kirchspiel zusammen. Der Mann machte große Augen und sah ihm befremdet ins Gesicht. »Minsch,« sagte er und schlug die Hände zusammen, »wat warst du old! Din Haar is ja ganz gries worrn.« »Ach wat, dumm Tüg!« antwortete dieser wegwerfend, »ick bin noch 'n jungen Keerl!« Aber er fühlte dabei, daß er rot wurde. Denn er hatte gelogen. Er wußte recht gut, daß er in diesem Winter sehr gealtert hatte. Das erklärte er sich freilich mit seinen Jahren und mit der Natur, aber es war eine leise Stimme in ihm, die sagte, daß es davon allein jedenfalls nicht käme. Ja, der Bauer war ein anderer geworden. Das fühlten die Kinder, die ihrem Vater fremder wurden. Und noch mehr hatten die Dienstboten darunter zu leiden. Mit dem Herrn war nicht mehr so gut auszukommen wie früher, vor allem der Knecht, der in Hinrichs Stelle bei den Pferden eingetreten war, hatte einen schweren Stand. Ein verdrossener, unfroher Geist griff in Lohe um sich. »Ja, er hat einen gar zu harten, eigenen Kopf,« das fanden jetzt alle, auch die Gemeindegenossen im Bauermal. Nur Mutter Lohmann glaubte noch an sein gutes, weiches Herz – mit der Liebe, die alles glaubt. Und mit der Liebe, die alles hofft, hoffte sie noch immer, daß endlich das Herz über den harten, steifen Kopf den Sieg davontragen würde. Wenn's doch einen Menschen gäbe, der diesen harten, steifen Kopf einmal zwischen seine Hände nähme und so lange bearbeitete, bis er weich würde! Wenn's doch einen gäbe, der einmal dem guten Herzen, an das Mutter Lohmann so felsenfest glaubt, zu Hilfe käme, daß es nicht sofort immer wieder von dem harten Kopf zum Schweigen gebracht wird, daß es sich endlich einmal von der Tyrannei eines starken Willens freimachen konnte! Aber wer wollte einem großen Bauern, der zweitausend Morgen besitzt und sein ganzes Leben immer gewußt hat, was er zu tun und zu lassen hatte, an den Wagen fahren? Wer will sich an anderer Leute Feuer die Finger verbrennen? Überdies standen ja Lohmanns sämtliche Bekannte ganz auf seiner Seite. Dem revolutionären Geist, den Hinrich in der wichtigsten Sache des Lebens, der Freierei, gezeigt hatte, wollte keiner das Wort reden. Vater Lohmann fühlte sich nach dieser Seite hin ganz sicher. Nur einen einzigen Menschen kannte er, dem er es allenfalls zutrauen konnte, daß er eine Einmischung in seine Familienangelegenheiten versuchen möchte. Das war sein alter Pastor in Wiechel. Lohmann schätzte den Einundsiebzigjährigen sehr. Wenn er von der Kanzel die Sünden strafte, konnte es ihm gar nicht scharf und deutlich genug kommen. Und er wandte das Gehörte auch nicht nur auf die lieben Mitmenschen an, sondern bezog es auch ganz willig auf die eigene Person, soweit es paßte. Das war auch seit dem letzten Herbst nicht anders geworden. Wenn sein Sonntag war, saß Lohmann würdevoll und demütig zugleich in seinem Kirchenstand, würdevoll vor den Menschen, weil er ein großer Dollhöfner war, und demütig vor seinem Gott, weil er wußte, daß er vor dem nicht mehr war als die andern alle, und daß der ihm durch die Worte seines greisen Seelsorgers ebensoviel zu sagen hatte als den kleinen Leuten. Dagegen legte er jetzt weniger Wert auf den persönlichen Verkehr, der sonst zwischen seiner Familie und dem Pfarrhause bestanden hatte. Er war sich doch nicht sicher, ob der alte Herr unter vier Augen der Versuchung widerstehen würde, sich in seine Familienangelegenheiten zu mischen. Und das wünschte er trotz allem Vertrauen, das er zu ihm hatte, nicht. Gottes Wort hatte so ein Pastor studiert, dafür war er angestellt, darin mußte man ihm folgen. Aber die bäuerlichen Verhältnisse kannte er nicht, weil er eben kein Bauer war. Da legte er denn leicht Maßstäbe an, die überall sonst passen mochten, bloß nicht für den Bauernstand. Und es war doch unangenehm, dem alten Manne, der es ja herzlich gut meinte, in irgendeiner Form zurufen zu müssen: »Schuster, bleib bei deinem Leisten; Sie sind 'n studierter Mann, aber hiervon verstehen Sie nichts.« Das widersprach denn ja auch der Achtung, die man dem Amte schuldig war. So etwa philosophierte Jürgen Lohmann und rechtfertigte sich damit, daß er seinem Pastor aus dem Wege ging. Er wollte dem Alten fruchtlose Worte und Unannehmlichkeiten ersparen. Als er im Spätsommer eines Tages vom Felde aus sah, daß der alte Herr auf seinen Hof zustrebte, zog er sich in den Wald zurück, und Diedrich, der ausgeschickt wurde, ihn zu holen, konnte sich heiser schreien. Vater Lohmann in seinem Versteck kam sich dabei freilich ein wenig vor wie ein Schuljunge, der sich vor der Rute des gestrengen Herrn Lehrers versteckt, aber nachher war er kaum weniger froh wie so 'n Schlingel, daß ihm das so gut gelungen war. Aber der Herr Lehrer faßt den ungezogenen Schlingel schließlich doch einmal, und Vater Lohmann lief einige Tage später, als er in Wiechel eine Besorgung zu machen hatte, seinem alten Pastor auf der Dorfstraße just in die Arme. »Guten Tag, lieber Lohmann, wie mir das lieb ist, daß ich sie treffe! Wir haben uns so lange nicht gesehen,« sagte der würdige Herr hocherfreut, indem er den Bauern bei der Hand ergriff. »Oh, Herr Pestohr, ich kriege Sie jeden andern Sonntag zu sehen,« meinte dieser. »Natürlich, in der Kirche! Aber ich meine so unter uns, so gemütlich. Leider habe ich Sie neulich nicht zu Hause getroffen.« Lohmann war in der konventionellen Lüge nicht bewandert genug und auch zu ehrlich, um mit der Versicherung seines Bedauerns zu antworten. Er sagte nichts. »Ich gehe gerade zum Kaffeetrinken,« fuhr der andere fort, »Sie kommen natürlich und trinken ein Köppken mit.« »Is dankenswert, Herr Pestohr, aber ich wollte woll nach Hause,« erklärte Lohmann, zur Turmuhr aufsehend. »Es ist schon drei Uhr.« »Also noch früh am Tage und just Kaffeezeit,« berichtigte der Pfarrherr und schob seinen widerwilligen Kaffeegast sanft vor sich her in das nahe Pfarrhaus. Hier wollte er ihn eben in das Familienzimmer führen, als er sich plötzlich besann und die Tür der Studierstube öffnete: »Bitte, treten Sie hier ein! Meine Frau ist erkältet und kann das Rauchen nicht vertragen.« Lohmann hätte gern die Tasse Kaffee im Kreise der Familie eingenommen und auf die Zigarre verzichtet. Aber da war ja nichts zu machen. »Na, die Ernte gut 'reingekriegt?« fragte der Pastor, als sie Platz genommen hatten. Lohmann gab einen sehr ausführlichen Bericht. »Nun geht's wohl bald wieder ins Heu?« Und Lohmann berichtete wieder sehr eingehend über das Nachgras. Und dann über die Kartoffelaussichten. Die Wanduhr zeigte ihm an, daß fast zehn Minuten mit diesen Gesprächen ausgefüllt waren, er trank schon die zweite Tasse und konnte sich also bald mit Schick empfehlen. Und just hatte er sich einen guten Abgang ausgedacht, – er wollte der Frau Pastorin bestellen lassen, sie möchte für nächsten Sonntag kein Fleisch kaufen, die Hühnerjagd werde übermorgen eröffnet, und da wollte er ihr gleich am ersten Tage eine kleine Mahlzeit schicken – da sagte der alte Herr auf einmal: »Lieber Lohmann, ich wollte schon immer mal gern mit Ihnen sprechen von wegen Ihrem Jungen.« Also doch! Wenn er's nicht schon immer geahnt hätte! Aber noch versuchte Lohmann dem Gespräch eine Wendung zu geben: »Ja, Herr Pestohr, der muß nun auch nächstens zur Musterung. Mich soll verlangen, ob der Preuße den nicht mal laufen läßt. Er meint, er hat Krampfadern. Sollte er darauf wohl freikommen?« »Ach soo, von Ihrem Zweiten sprechen Sie ... Ich meine den Ältesten, Ihren Hinrich.« »Bitte, lieber Herr Pestohr, von dem wollen wir lieber nicht sprechen ...« »Warum nicht? Ich habe den Jungen immer gern gehabt, als Konfirmanden schon. Auch in den Flegeljahren war er erträglich. Und die Soldatenjahre hatten ihm gar nicht geschadet, sondern ihn erst recht zu einem prächtigen Jungen entwickelt.« Lohmann rückte auf seinem Stuhl hin und her. »Jeao, Herr Pestohr,« sagte er, als dieser schwieg und ihn fragend ansah, »Sie haben ganz recht, ein guter Junge ist er gewesen, ... bis wir durch unsere christliche Gutmütigkeit an das Delmsloher Fräulein zu sitzen gekommen sind. Wie er die zu sehen gekriegt hat, hat er alles vergessen, was seine leiblichen Eltern ihm Gutes getan haben, und hat ihnen einfach den Gehorsam aufgesagt. Und nicht wahr, Gehorsam muß doch sein im Hause, Herr Pestohr? Das predigen Sie ja auch immer.« »So ... Wenn Sie nicht mehr zubeißen mögen, nehmen Sie sich eine Zigarre, und ich stecke mir eine Pfeife an,« sagte der Pastor. »Is dankenswert, und denn will ich damit man nach Hause dampfen,« sagte Lohmann, indem er sich erhob und gezwungen lächelte. »Ach nein,« rief der andere, der eben die Zigarrenkiste vom Bücherbort nahm, »dies sind keine Feld-, Wald- und Wiesenflüchter. Diese Sorte muß mit Verstand im Armstuhl geraucht werden.« Dabei drückte er seinen Gast wieder in den Stuhl. »Und nun sagen Sie mal,« – er reichte ihm dabei ein brennendes Streichholz – »was hatten sie eigentlich gegen das Mädchen, die Else Riewitz?« – So, Jürgen Christoffer Lohmann, jetzt gib deine Ausflüchte nur auf und steh deinen Mann! – Bislang hatte Lohmann in seinem Stuhl gesessen wie ein Vogel, der jeden Augenblick auffliegen will. Jetzt setzte er sich recht fest und breit hinein, blies eine dicke Wolke Zigarrenrauch von sich und sagte: »Was ich gegen das Fräulein habe? Das will ich Ihnen ganz genau sagen, Herr Pestohr. An und für sich gar nichts. Sie mag für ihre Art ein ganz vernünftiges Frauensmensch sein. Bloß ist sie keine Frau für meinen Hinrich.« »Warum nicht?« Der Bauer faßte sich mit der rechten Hand den Daumen der linken und sagte: »Erstens sie hat zu viel Bildung, sie ist von zu hohen Herkünften, und so was paßt nicht auf 'n Bauernhof. Sie wissen ja, Herr Pestohr, wie mein alter Freund und Nachbar Schorse mit so einer zu Schick gekommen ist. Herr Pestohr, warum muß der heute Droschkenkutscher in Neuyork spielen?« »Ach ja, da hatte die Frau wohl Schuld. Aber so braucht's doch nicht immer zu gehen. Ich finde eigentlich nicht, daß solche früheren Inspektoren und Verwalter so turmhoch über unseren alten Großbauerngeschlechtern stehen, wenn sie auch hochdeutsch sprechen und sich anders kleiden.« »Aber Herr Pestohr, Sie müssen bedenken: die ganz andere Auferziehung ... das Französische und denn das hebräische ...« »Ach wat, min Fründ, mit de Sprak van de olen Juden brukt blot wi pastorens us to quälen,« lachte der alte Herr. »Na, wenn das auch nicht! Aber doch ist die Auferziehung so ganz anders als bei unsereins.« »Na ja, das gebe ich zu. Aber bei einem Menschenkinde, das überhaupt Erziehung annimmt, erzieht die Liebe in der Ehe noch immer tüchtig nach. Und wenn die beiden sich wirklich liebhaben, würde die Liebe dem Mädchen am Ende auch helfen, daß es sich in die fremden Verhältnisse einlebt.« »Ach, Herr Pestohr, was die sogenannte Liebe ist, da zähle ich nicht ganz viel auf.« »Aber, bester Lohmann, haben Sie denn Ihre Frau nicht lieb?« »Herr Pestahr, so müssen Sie das nicht verstehen. Meine Frau und ich, wir wissen wohl, was wir aneinander haben. Ich meine man, bei den jungen Leuten. Erst brennt's lichterloh, zuletzt ist da nichts als eine handvoll graue Asche. Erst tun sie, als ob sie direktemang miteinander in den Himmel fliegen wollten, und nachher machen sie sich das Leben zur Hölle. Glauben Sie mir, mein lieber Herr Pestohr, ich habe das alles miterlebt bei meinem Freund Schorse und seiner Carnelia, wie sich das Mensch nannte.« »Ja, das kommt leider so vor,« sagte der Pastor nachdenklich. »Sehen Sie! Das wollte ich ja man sagen!« triumphierte der Bauer. »Aber Sie zählten vorhin: Erstens. Was ist denn der zweite Grund?« fragte der andere. Lohmann faßte seinen Zeigefinger. »Zweitens,« sagte er zuversichtlich, denn er hatte bei Numero Eins ja so gut abgeschnitten, und sein zweiter Grund mußte bei einem Pastoren noch besser durchschlagen: »Die Leute waren aus Ostpreußen. Da herrscht ja die Union, und Religion hatten sie überhaupt wohl nicht viel. Meinen Nachbar kriegte man ja höchstens so um Kaisersgeburtstag herum mal in der Kirche zu sehen, und dann hat er auch wohl mehr den Kaiser angebetet als den lieben Gott ... Und mit der Politik stimmte das natürlich erst recht nicht.« »Na, die Politik wollen wir bei den Frauensleuten man ganz aus dem Spiel lassen. Und dann, was das andere betrifft ... nun ja, Else Riewitz war nicht jeden zweiten Sonntag in der Kirche. Aber ich habe sie doch ziemlich oft gesehen, und, was die Hauptsache ist, wenn ich sie sah, hatte ich immer den Eindruck, daß sie etwas suchte und mitnahm. Aber ich will Ihnen gern zugeben, daß das junge Ding noch keine Musterchristin ist.« »Und, Herr Pestohr, das wollte ich doch so gern, daß mein Erbe eine recht christliche Frau kriegte. Darauf kommt ja so viel an, besonders auch für die Auferziehung des jungen Geschlechts.« »Gewiß, lieber Freund, ich verstehe Sie vollkommen und stimme Ihnen von Herzen zu. Nicht wahr, Sie hatten Ihrem Jungen die älteste Tochter von unserem Freunde Hinken zugedacht?« »Jawoll, das ist ein tüchtiges, forsches Mädchen ...« »Und Sie meinen, daß die eine so besonders geförderte Christin ist?« »Sie stammt von guten, christlichen Eltern.« »Ja, wenn's das machte!« »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.« »Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und der Geist Gottes wehet, wo er will.« »Ja, das hat ja freilich der Herr Christus zu Nikodemus gesagt, der in der Nacht zu ihm kam,« sagte der Bauer nachdenklich. Er mochte es seinem alten Pastor ganz gerne mal zeigen, daß er in der Bibel Bescheid wußte. »Jedenfalls,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »hat Gretschen mehr vom Christentum weg als die Riewitzsche. Die steckte woll ganz voll von all den alten Gedichtern, aber mit dem kleinen Katechismus war das man hellschen knapp, hat mir meine Tochter Marie man gesagt.« Der Pastor machte eine abwehrende Bewegung. »Gut, ich habe Ihnen ja schon zugegeben, daß die junge Else Riewitz wohl noch keine Musterchristin ist. Nun erlauben Sie mir mal eine Frage! Wir beide sind ein paar alte Knaben und haben jedenfalls viel mehr von Gottes Freundlichkeit und Güte erfahren, als solch ein Kuck-in-die-Welt. Sagen Sie mal, sind wir denn eigentlich wohl Musterchristen?« »Das wohl just nicht.« »Ich bin keiner, und ich glaube, Sie wollen auch nicht behaupten, daß Sie einer sind.« »Gott bewahre, Herr Pestohr, wir haben alle unsere Fehler, wir sind allzumal Sünder.« »Wenn Sie sich zum Beispiel diese Sache mit Ihrem Hinrich überlegen,« fragte der Pastor, »haben Sie sich da gar nichts vorzuwerfen?« »Was ich just nicht wüßte ...,« sagte der Bauer zögernd. »Auf den Leuteschnack gebe ich nicht ganz viel, aber man munkelt da wunderbare Dinge. Sie hätten sich so weit vergessen, Ihren erwachsenen Sohn im Zorn an den Kopf zu schlagen. Sie hätten ihn einen ›verlorenen Sohn‹ genannt. Sie hätten ihn auf gräßliche Weise verflucht.« » Das ist schändlich gelogen,« brauste der Bauer auf und wollte auf den Tisch schlagen, besann sich aber noch rechtzeitig, wo er war. »Ich fluche überhaupt nicht, Herr Pestohr, und wer das Gegenteil sagt, der ist ein elender Lügner.« »Bitte, bleiben Sie ruhig, lieber Freund,« sagte der Pastor sanft, »ich will ja auch nicht glauben, daß an dem ganzen Gerede was Wahres dran ist.« Dabei sah er den Bauern mit seinen großen, klaren Augen ruhig an. Der hielt diesen Blick nicht aus und sah zu Boden. »Ich wollte Ihnen ja nur als einem Ehrenmann und Christenmenschen,« fuhr der Pastor fort, »die Frage vorlegen: Möchten Sie vor Ihrem Gott alles verantworten, was Sie in dieser Sache gesagt und getan haben? Können Sie das?« Steif, den Blick noch immer gesenkt, saß der Bauer vor seinem alten Seelsorger. »Ja?« fragte dieser noch einmal. »Nein,« antwortete er kurz und dumpf. »Es freut mich von Herzen, daß Sie das eingestehen,« sagte der Pastor, sich in seinem Sessel zurücklehnend. Lohmann fühlte, daß des Alten Augen jetzt nicht mehr so scharf und durchdringend auf seinen Zügen lagen, und atmete auf. Nach einer halben Minute, während welcher beide schwiegen, hob er sich etwas vornüber und sagte: »Herr Pestohr, entschuldigen Sie, daß ich noch einmal das Wort nehme. Aber wir müssen die Sache doch auch nach mal von einer anderen Seite ansehen. In der Bibel will Gott der Herr es ganz und gar nicht leiden, daß die jungen israelitischen Mannsleute sich fremde, ausländische Weiber nehmen. Und wenn sie das doch tun, werden sie von bösen Plagen und Strafen getroffen. Ist das nicht so?« »Ja, gewiß ... Aber was soll das hier?« »Na, ich meine doch, was geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben,« sagte der Bauer mit siegesgewissem Blick auf seinen Gegner. Wenn man einen Pastor mit seiner Bibel schlagen konnte, hatte man ja gewonnen' Spiel. * Der alte Herr machte sehr große runde Augen, als ob er seinen Ohren nicht traute. Dann lachte er laut auf und schlug mit der Hand auf sein Knie, daß es schallte: »Endlich verstehe ich ... Also unsere Lüneburger Bauern, die treuen Welfen und guten Lutheraner, die sind das auserwählte Volk. Und die andern alle, vor allem aber die Altpreußen, sind die Unreinen, die Heiden! ... Vater Lohmann, wissen Sie, was das ist?« Vater Lohmann schien es nicht zu wissen. Er schwieg. »Ich will's Ihnen sagen,« fuhr der Pastor fort, »das ist der allerschlimmste Hochmut, den man sich nur denken kann. Meinen Sie, unser Herr Christus hätte zu dem Zweck allerhand trennende Mauern, Zäune und Schlagbäume niedergerissen, damit wir beigehen, sie wieder aufzurichten? Und nun gar zwischen uns und unsern deutschen Brüdern? Alle Achtung vor einem echten, gesunden Stammesstolz, der sich ererbter Eigenart freut! Aber glauben Sie's Ihrem alten Pastor: solch ein Hochmut ist lächerlich vor Menschen, und vor Gott ein Greuel. Ich weiß ja wohl, ihr Bauern denkt in vielen Stücken noch ganz ähnlich, wie man einst im alten Testament dachte, aber – nehmen Sie mir's nicht übel, lieber Freund – so kraß ist mir das doch noch nie entgegengetreten, wir sehen da mal wieder, wie viel auch die Ehrenwertesten von uns in der Schule unseres einzigen Meisters Christus noch zu lernen und auch zu verlernen haben.« Der Bauer machte ein verdutztes Gesicht und schwieg. Mit einem studierten Herrn war doch schlecht streiten. Und dieser hatte dazu noch eine so schlimme Art, alles gleich so unangenehm persönlich anzuwenden. Und schon wieder fing er an. Wie furchtbar gründlich so einer die Sachen nimmt! »Sind das nun alle Gründe, die zwei oder drei, die Sie genannt haben?« lautete des Pastors Frage. »Die Hauptgründe sind es jedenfalls,« antwortete der andere zögernd. »So, hm hm,« machte der Pastor. »Sollte denn ein Ding, um das sich sonst im Leben beinahe alles dreht, hier gar keine Rolle spielen? Sie wissen wohl, was ich meine.« Er machte auf dem Tisch die Handbewegung des Geldzählens. »Wenn Sie so bautz auf den Kopf mich danach fragen,« sagte Lohmann, »ja, der Geldbeutel spricht hier auch mit. Der Bauersmann hat nicht wie Sie, lieber Herr Pestohr, sein schönes, festes Gehalt, das sich immer gleich bleibt, ob fette oder magere Jahre sind. Wenn unsereiner in diesen schlechten Zeiten auskommen will, dann muß er rechnen können. Ich habe vier Kinder, den Hof kann ich nur einem vermachen, aber als Bettler will ich die andern drei auch nicht auf die Straße schicken, und dem Anerben darf ich's auch nicht zu schwer machen. Deshalb muß ich zusehen, daß diesem seine Frau so viel zubringt, als mit den jüngeren Geschwistern vom Hof abgeht. Bloß nach Liebe zu freien, geht bei den Bauern nicht. Davon kann 'n nicht leben. Geld regiert nun einmal die Welt.« »Und stiftet also auch die Ehen,« ergänzte der Pastor. »Das wird so gemacht: Da kommen die lieben Eltern zusammen und halten die beiderseitigen Geldbeutel gegeneinander. Wenn die wert erscheinen, ineinandergeschüttet zu werden, dann heißt es: Kinder, die Sache stimmt, nun heiratet euch! ... Und dann nehmen sie sich, nicht aus Gottes, sondern aus des Götzen Mammon Hand, und Geld bleibt bei Geld, und Geld kommt zu Geld, und die paar Geldfamilien heiraten in der nächsten Verwandtschaft immer bunt durcheinander, nur damit das Geld schön zusammenbleibt. – Ich bin ein alter Mann, der ziemlich weit herumgekommen ist. Da habe ich alte reiche Bauerngeschlechter aussterben sehen, und ich kenne Bauerndörfer, wo man in den ersten Familien solche Jungkerls, wie Ihren Hinrich, überhaupt nicht mehr findet. Und woher kommt das? von den ver..., hier möchte ich, obgleich ich christlicher Pastor bin, beinahe fluchen – Geld- und Verwandtenheiraten! Wenn wir mal im Kirchenbuch nachsehen wollten, so würden wir sicher finden, daß Ihre Familie mit den anderen großen Bauernfamilien unserer Gemeinde einstweilen genügend verschwägert ist. Da schadet es gar nichts, ist im Gegenteil sehr gut, wenn mal ein Tropfen frisches Blut hineinkommt. Das verdirbt die Rasse sicher nicht. Und wenn da einmal nicht ganz so viel Geld in Ihren Hof kommt, was schadet das? Dann müssen die jungen Leute sich etwas einschränken. Ist ihnen am Ende ganz gesund. Zum Brotbacken wird's ja immer noch langen. – Und nun endlich noch eins! Wir beide stammen aus einer anderen Zeit. Ich bin einundsiebzig, und Sie? Neu sind Sie auch nicht mehr.« »Fünfundfufzig,« war die Antwort. »Sehen Sie, so weit sind Sie auch schon. Na, wir Alten können uns an manches in der neuen Zeit nicht mehr recht gewöhnen. Als mein Junge studierte, und wenn er dann in den Ferien zu Hause war, ach, da war mir manche Ansicht, die er mitbrachte, so fremd und ungewohnt, daß ich oft ganz unglücklich darüber war. Da hab' ich ihm oft zugesetzt, um ihn zu meiner Meinung zu bekehren, und manche böse Stunde hab' ich ihm und mir selbst damit gemacht. Aber später hat der Herrgott mir die Augen darüber geöffnet, daß wir Alten nicht immer mit Gewalt versuchen sollen, die Herzen der Kinder zu uns zu bekehren. Nein, in der heiligen Schrift heißt's einmal, daß die Herzen der Väter sollen bekehrt werden zu den Kindern! Und nun geht's wunderschön, ich habe meine herzliche Freude an meinem Jungen, der in der Hauptsache mit mir übereinstimmt, wenn er auch in manchen Punkten, als Kind seiner Zeit, mit mir altem Knaben nicht übereinstimmt. Lieber Freund, so ähnlich liegt die Sache bei Ihnen und Ihrem Jungen auch. Als Sie jung waren, in der sogenannten ›alten guten Zeit‹, war das wohl so Mode, daß die lieben Eltern durch den Freiwerber die Sache fix und fertig machen ließen, und die Kinder, die Nächstbeteiligten, hatten einfach ja zu sagen. Das wollen heutzutage die jungen Leute nicht mehr, oder höchstens noch die Dröpse, die nicht bis fünf zählen können. Aber was ganze Kerls sind, wie Ihr Hinrich, die lassen sich das nicht mehr gefallen. Die wollen selbst die Augen aufmachen, warum sollen sie auch nicht? Die wollen ihr eigenes Herz fragen. Und ist's nicht besser, wenn die Herzen, als wenn nur die Geldbeutel sich finden? – Also, lieber Lohmann, schicken Sie sich – ich hab's auch tun müssen – in die neue Zeit! Das Rad der Zeit können Sie nicht aufhalten, wenn sie auch ein großer Hofbesitzer sind, und nicht mal der Selbstherrscher aller Reußen kann es. Jeden, der es versucht, zermalmt dieses Rad, das schließlich ja nicht von Menschen, sondern – das ist mein fester Glaube – von unserem Herrgott herumgedreht wird. Ich habe es nicht bereut, diese unnützen Versuche aufgegeben zu haben, und Sie werden es auch nicht bereuen.« »Jeao,« sagte der Bauer nachdenklich, »Herr Pestohr, Sie sind 'n studierter Mann und kennen die Welt besser als 'n platter Bauer, der auf seinem einstelligen Hofe in der Heide sitzt. Was Sie da gesagt haben, mag ja sonst wohl seine Richtigkeit haben. Aber wenn's man für uns Bauern paßt! Wir können nicht jede neue Mode mitmachen. Wir müssen am guten Alten in Treue halten. Wir sind nun einmal konservativ bis in das binnenste Mark von unseren Knochen. Aber überlegen will ich mir das, was Sie gesagt haben.« Er hatte sich erhoben und der Pastor ebenfalls. Da nahm der letztere noch einmal das Wort: »Lieber Freund, ich bin ein alter Mann. Viele hundert Paare habe ich in meinem Leben zusammengegeben. Manche mit Ärger und Verdruß, andere, über deren Freierei die Familien jubelten, mit Zittern und Zagen, andere aber auch mit herzlicher Freude und Dankbarkeit gegen Gott, der die rechten Menschen sich hatte finden lassen. Und wenn ich mir denn so nachher die Ehen und die Kinder ansah, dann hatte ich mich nur selten getäuscht, wenn man über vierzig Jahre Seelsorger ist, dann kriegt man so etwas Menschen- und Seelenkenntnis. – Nun lassen meine Kräfte nach, und wenn der Herrgott mich nicht wie ein gutes Pferd will in den Sielen sterben lassen, was mir das Allerliebste wäre, so muß ich demnächst daran denken, in den Ruhestand zu treten. Da würde ich mich nun freuen wie kaum je und würde Gott danken, wenn ich vorher noch Ihren braven Hinrich und Ihr gutes Mündel vor mir sähe drüben vorm Altar und könnte ihnen sagen: ›Da, nehmt euch hin aus Gottes Hand und habt euch lieb aus treuem Herzen und macht euren Eltern Freude!‹ So, nun kommen Sie gut nach Hause, mein Lieber, und grüßen Sie mir Ihre liebe Frau, und wenn sie mal nach Hannover schreiben, – oder vielleicht reisen, auch Ihren Jungen! Adieu, adieu!« »Ich bedanke mich auch noch für den schönen Kaffee,« sagte Lohmann an der Tür. »Nichts zu danken!« wehrte lächelnd der Pastor ab. indem er dem Bauern freundschaftlich auf die Schulter klopfte. »Sie müssen sich das bei mir mal wieder abholen.« »Jaja, wollen wir schon kriegen. Wenn Sie nächstens Hochzeit geben!« »Holt stopp, Herr Pestohr, so weit sind wir noch nicht!« »Na, was nicht ist, das kann werden. Es freut mich, daß wir uns mal gründlich ausgesprochen haben.« – Ja, gründlich wäre sie geworden, die Aussprache, dachte Lohmann, der vom Pfarrhause sich gleich auf den Heimweg machte. Als er das Dorf und seine Äcker hinter sich hatte und eine mäßige Heidehöhe hinanstieg, blieb er stehen, pustete und wischte sich mit dem buntgeblümten Taschentuch die dicken Schweißtropfen von der Stirn. Dann schüttelte er den Kopf und ging weiter. Nach einigen hundert Schritten blieb er wieder stehen, bohrte seinen Eichenstock in den Sand des Fußpfades, kratzte sich mit der Linken unter der Mütze und murmelte: »Verdullten Kram! wat hett de ole Keerl sine Näs in anner' Lüe ehren Pott rintostäken!« Er ging weiter und versuchte zu lachen. Es war ein gezwungenes, gequältes Lachen, und gleich war sein Gesicht wieder ganz ernst. Ein schöner, stiller Spätsommerabend lag auf der Heide. Im Wacholderbusch sang eine Goldammer ihr eintönig schläfriges Lied. Hier und da zirpte eine Grille. In der Ferne stiebte eine Schafherde heimwärts. Eine Krähenschar flog mit faulen Flügelschlägen und müdem Gekrächze dem fernen Horste zu. Die Täler deckten sich mit weißen Nebelbetten. Der Abendfriede kam mit leisen Schritten über die Heide gegangen. Aber der einsame Wanderer fühlte ihn nicht. In seinem Innern tobte der Kampf, und auch in seinem Gesicht arbeitete es mächtig. Es waren Vater Lohmanns Kopf und Herz, die hier miteinander kämpften. Ein ganzes Jahr hatte sein harter Kopf und dessen eiserner Wille unbestritten die Herrschaft gehabt. Sein gutes Herz, an das Mutter Lohmann so felsenfest glaubte, hatte gegen ihre Tyrannei nicht aufkommen können. Heute war diesem nun ein starker Bundesgenosse erstanden in dem alten Geistlichen, und immer wieder führte es ihn gegen die Feinde ins Feld. Er ist ein alter, weiser Mann, der die Menschen und das Leben kennt. Er meint es herzlich gut. Aber immer schlug der harte Kopf ihn wieder zurück. Was versteht denn so ein Pastor von bäuerlichen Verhältnissen! Er gehört zu den Gebildeten, und die leben in einer ganz anderen Welt. Je gelehrter, desto verkehrter. So einer sieht die Welt nur aus dem Fenster der Studierstube, und vor seinen Augen ist immer eine dicke Wolke von Bücherstaub. Du hättest dir das gar nicht alles von ihm bieten lassen müssen. In alles brauchen die Pastoren ihre Nase auch nicht hineinzustecken. – Der Wanderer hatte die Höhe des Hillberges erreicht, von der Hof Lohe im Wiesental sichtbar wird. Da kam ihm plötzlich die Erinnerung an einen Septemberabend vor vier Jahren. Die weite Heide leuchtete im Abendlicht, und der Junge saß an seiner Seite und rief mit großen, leuchtenden Augen: »Vader, up de wiede Welt giwt't man enen Lohhoff.« Und er selbst war so glücklich gewesen und so stolz, weil er einen solchen Erben dem Hof seiner Väter zuführen konnte. Er blieb stehen. In der Erinnerung wurde ihm ganz weh ums Herz. Wie war doch alles so ganz anders gekommen, als er sich's damals ausgemalt hatte! Und warum? Weil Hinrich die heilige Pflicht der kindlichen Liebe und des Gehorsams vergessen hat, sagte der Kopf. Weil du im Jähzorn mit roher Gewalt diese Gefühle vernichtet hast, meldete sich leise das Gewissen. Und er hörte wieder die dringende Frage seines alten Seelsorgers: »Können sie alles vor Gott verantworten?« Und er sah wieder die großen, klaren Augen auf sich gerichtet, vor denen er den Blick hatte senken müssen. – Vor ihm im Tale lag der schöne, große Hof, ein Bild der Behaglichkeit und des Friedens. Der Rauch aus dem Schornstein stand als eine weiße Säule senkrecht und regungslos gegen den blaßblauen Abendhimmel. Zur Rechten kehrte eben das Gespann klappernd vom Felde heim, links wanderte die Schnuckenherde, von einer grauen Staubwolke umhüllt, dem Hofe zu. Diedrichs Harmonika spielte mit langgezogenen Akkorden: »Goldne Abendsonne, wie bist du so schön.« Wenn der Junge wiederkäme – es wäre doch schön. Aber allein kam er nicht, der Trotzkopf. Wenn nun die andere mitkäme, wäre das denn wirklich ein so schreckliches Unglück? – Der alte Pastor hatte es im Gegenteil für ein Glück gehalten. Ja, der! Was wußte denn der von bäuerlichen Verhältnissen! Aber ausrechnen konnte man die Sache ja immerhin einmal. Zweitausenddreihundert Taler hatte er für sein ehemaliges Mündel, das vor einigen Wochen mündig geworden war, zinslich belegt. Wieviel konnten bei solcher Mitgift die jüngeren Kinder mitbekommen? Der Hof hatte gute Jahre gehabt, trotz der »schlechten Zeiten«. Es entfielen auf jedes Kind etwa viertausend Taler. Bei Gretschen Hinkens Mitgift würden es je anderthalbtausend mehr gewesen sein. Aber immerhin stellten viertausend Taler ein Sümmchen dar, mit dem die Jungens wie auch die Töchter sich anständig verheiraten konnten. – Als er von seinem Rechenexempel aufsah, fiel ihm der frech herausfordernde Turmbau von Delmsloh in die Augen. Dieser Anblick jagte ihm das Blut in den Kopf und machte den weich werdenden Willen wieder fest. Er durfte, konnte und wollte nicht leiden, daß es mit Lohe diesen Weg ginge. Mit diesem Entschluß langte er auf seinem Hofe an. Er wollte durch die Missentür in das Haus treten. Sie war verriegelt. So mußte er am Hause entlanggehen, um die Seitentür zu erreichen. Da sieht er, daß in der wenig gebrauchten besten Stube Licht ist. Was hat denn das zu bedeuten? Er geht sacht einige Schritte weiter, um den Blick in das geöffnete Fenster zu gewinnen. Da sitzt seine Frau am Tische, allein. Sie schreibt, vor ihr liegt, sauber eingewickelt, ein Pfund Butter. Eine dicke Mettwurst und ein Stück Schinken daneben. Dazu ein paar Strümpfe und eine leere Schachtel. Und sie fährt von Zeit zu Zeit mit der Schürze in die Augenwinkel. Die Lampe beleuchtet scharf ihr Gesicht. Wie tief ist es gefurcht! Es ist ein altes Gesicht. Es sind Linien darin, die hatte es vor einem Jahr noch nicht. Nun seufzt sie, tief aus dem Herzen herauf. Nun versucht sie wieder zu schreiben. Aber ihre Hand zittert. Sie legt die Feder hin und faltet die Hände. Leise bewegen sich ihre Lippen. Unwillkürlich hat auch der Mann vor dem Fenster die Hände gefaltet. Ergriffen schaut er in das verborgene Leben seines Weibes. Er fühlt, hier liegt die Seele enthüllt vor ihm. Eine ganz seltsame Empfindung kommt über ihn. Er, der große, starke Mann, schämt sich vor dem schwachen Weibe. – Über ein Vierteljahrhundert sind Jürgen und Marie Lohmann Mann und Frau gewesen. Und sie hat nicht gemurrt und nicht gemuckst gegen das Wort: Dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, und er soll dein Herr sein. Aber jetzt sind die Rollen getauscht. In diesem Augenblick zwingt sie ihm ihren Willen auf, überwindet sie mit ihrem weichen, warmen Frauenherzen den harten, kalten Kopf des Mannes. Die Liebe glaubet alles, hoffet alles, duldet alles. Und die Liebe besiegt auch alles. – Der Mann vor dem Fenster stieß mit dem Fuß leise an einen Stein, um die Nichtsahnende aufmerksam zu machen, sie sah auf. Da rief er ganz weich: »Mudder!« Sie flog erschreckt zusammen, und den Brief packen und verbergen, über die Lebensmittel die aufgeraffte Tischdecke werfen, war das Werk einer Sekunde. Dann versuchte sie ein unbefangenes Gesicht nach dem Fenster hin zu machen und fragte gleichgültig: »Na, Vader, biste'r wedder?« »Jea, lewe Mudder. Was makst du denn dar? Schriwst an dinen Heini?« »O min Gott! Nee ... ick woll ... och nee, legen will ick dar nich um ... Jawoll, ick schick em wat to lewen. Ick bin und bliew sin Mudder ...« Dabei hatte sie die Tischdecke von den Sachen genommen und zog den zerknitterten Brief aus der Rocktasche. »Denn grüß em man van mi und schriew hen, ick lat em bidden, he schöll man wedder nah Hus kamen.« Bei diesen Worten war er nahe an das Fenster und in das Licht der Lampe getreten. Da starrte die Frau in seine Züge und fragte mit bebenden Lippen: »Vader ... is dat din Irnst?« Er nickte. »Vader ... segg't noch mal, ... ick kann't nich glöwen ... is dat würklich din Irnst?« fragte sie noch einmal mit angehaltenem Atem. »Ja,« sagte er kurz. »Aber lat uns nu nich füdder weiter davan snacken!« Da fuhr sie in die Höhe und streckte die Hände empor. Es ging nicht anders, dem mußte sie's doch sagen, mit dem sie so oft darüber geredet hatte. »Herr Gott in dinen höchsten Himmel, unse Jung' kummt wedder! Heww dusend, dusend Dank!« Dann lief sie einige Male wie von Sinnen durch die Stube. Dann sank sie plötzlich auf einem Stuhl zusammen, verhüllte das Gesicht mit der Schürze und weinte sich gründlich satt. Vater Lohmann stand noch immer vorm Fenster und sagte kein Wort. Einmal fuhr er sich verstohlen mit der Hand über die Augen. Endlich raffte sie sich auf, trocknete mit der Schürze ihre Tränen und machte sich wieder an ihren Brief. Den angefangenen Satz, bei dem sie gestört war, brachte sie nicht erst zu Ende, als sie des Zitterns ihrer Hände so weit Herr geworden war, daß sie schreiben konnte, schrieb sie mit krausen, großen Buchstaben nur die Worte: »Vater läßt grüßen. Er sagt, Du solltest wiederkommen. Deine Mutter.« Das unterstrich sie zweimal und alles, was sie vorhin geschrieben hatte, von ihrem Herzweh und von ihren Tränen, das strich sie dreimal dick durch, daß nichts stehenblieb als der mit zitterigen Buchstaben geschriebene glückliche Schluß. Und das Paket packte sie gar nicht ein. Der Junge konnte ja nun all die schönen Sachen zu Hause essen. Da schmeckten sie ihm gewiß zehnmal so gut. Eine Stunde, nachdem Vater und Mutter Lohmann zur Ruhe gegangen waren, kam aus dem Kissen an der Wand die leise Frage: »Vader, slöppst du?« »Nee,« brummte es aus dem anderen Kissen. »Vader, Vader« – und Vater fühlte, wie eine zitternde Hand sich auf sein Herz legte – »wenn wi unsern Jungen erst wedder hewwt, du schast man sehn, denn fangt wi beiden Olen up't Frische wedder an to lewen, denn weerd wi wedder jung.« »Kann wän, kann ok nich wän,« brummte er zurück. »Nu slap man in!« »Ick kann nich, beste Vader, ick heww so'n bannig Hartpuckern.« – Zwei Tage später wurde die Hühnerjagd eröffnet. Lohmann nahm die Flinte und knallte einige Male in ein zahlreiches Volk hinein, das unweit seines Hofes stand. Mit sieben Hühnern kam er zurück. Die gab er seinem Sohne Diedrich und knotete ihm ein: »Düt hier is 'n old Hohn; dat bringst du nah 'n Upköper, und düsse söß, de bringst du unsen Herrn Pestohr hen und seggst: Vater ließe vielmals grüßen und schickte Herrn Pestohr dieses halbe Dutzend Rebhühner, und sie wären alle jung und zart, und Herr Pestohr und seine Frau sollten sich man gut schmecken lassen.« Als Diedrich im Pfarrhaus zu Wiechel seinen Auftrag ausgerichtet hatte und mit einer guten Zigarre abgedampft war, sprang der alte Herr vergnügt zu seiner Frau in die Küche, schwang das halbe Dutzend Rebhühner durch die Luft und fragte lustig: »Kind, weißt du das Allerneueste?« »Das muß ja ganz was Schönes sein. Du bist ja rein aus dem Häuschen,« sagte die alte Dame verwundert. »Lohmanns Hinrich kriegt seine Else nun doch.« »Woher weißt du das?« »Das sagen mir diese Rebhühner!« »Die Rebhühner? Wieso?« »Nun, die sind mein Freiwerberlohn. Dem Sniederkorl ist er diesmal entgangen. Brate sie recht schön in Weinblättern! Auch ein paar Wacholderbeeren tue dran! Sie sollen mir schmecken, wie mir noch kein Rebhuhn geschmeckt hat.« Und sie haben ihm gemundet, dem würdigen Pfarrherrn von Wiechel. Und er hat ein Gläschen Wein dazu getrunken und mit seiner Pastorin auf das junge Brautpaar angestoßen. – Vater Lohmann hatte in diesen Tagen ein starkes Verlangen nach dem Briefträger. Aber wenn der Alte dann die Zeitung und ab und an eine landwirtschaftliche Drucksache aus seiner Federtasche zog, machte er jedesmal ein sehr enttäuschtes Gesicht. Ungelesen packte er die Zeitungen aufeinander. Wenn er auf dem Hofe zu tun hatte, blickte er unwillkürlich öfter auf die Landstraße hinaus. Da sah er eines Tages eine hohe, straffe Gestalt daherkommen. Er verbarg sich hinter einem Eichbaum und spähte klopfenden Herzens nach dem sich Nähernden aus. Richtig, der Wanderer bog auf den Hof zu. Aber in seinen Bewegungen ist etwas Fremdes. Ist er's oder ist er's nicht? ... Ach nein, es ist der Kommis von Kaufmann Bokelmann in Wiechel, der mit Proben von Winterstoffen von Hof zu Hof geht.– – Der hat diesmal in Lohe kein Geschäftchen gemacht. Er ist schon auf dem Hofe sehr kühl abgefertigt worden. Als Lohmann acht Tage vergeblich auf einen Brief gewartet und auf die Straße ausgeschaut hatte, sagte er abends nach dem Essen zu seiner Frau: »Mudder, krieg mi min beste Tüg torecht! Ick reis' morrn fröh nah Hannower.« »Vader, schall ick mit?« fragte sie. »Nee, bliew man leewer to hus! Ick will di abers daför sorgen, dat du dinen Jungen bald wedderkrigst.« Oh, wie klopfte und bürstete Mutter Lohmann diesen Abend Vaters guten Rock und beste Hose! Und wie stopfte sie ihm den Ranzen mit gekochten Eiern, belegten Butterbrötchen und Schinkenstücken! Wirklich, als wenn er ihren Jungen von jenseits des großen Wassers holen müßte. Um die Mittagsstunde des nächsten Tages warf die Menschenwelle, die aus dem Hauptportal des Bahnhofs in Hannover flutete, den Heidebauern in das Gewimmel der großen Stadt. Die Hotelknechte lachten über den Provinzler, der ängstlich um sich sah, einer Dame auf die Schirmspitze trat und sich endlich aus dem lebhaften Verkehr der Mittagsstunde in den Schutz des Ernst-August-Denkmals rettete. Hier stand der Lüneburger Bauersmann, legte den Kopf in den Nacken und betrachtete ehrfurchtsvoll die straffe Reitergestalt auf dem prächtigen Schlachtroß. »Dem Landesvater sein treues Volk,« las er mit Bewegung. Dann aber schüttelte er den Kopf und lachte bitter auf. »Sein treues Volk.« Ha, wo war denn diese Treue? Ja, der feste Stein redete von ihr, aber aus den wankelmütigen Herzen seines Volkes war sie längst gewichen und schwand immer mehr, sogar in der Heide, in den Stammlanden des alten Herrscherhauses. – Ach, als der da oben noch auf seinem Thron saß, da war's eine andere Zeit. Da wußten die Leute noch, was es heißt: Ordre parieren. Der wußte mit den gelehrten Göttinger Professoren, die nicht so wollten, wie er wollte, umzuspringen. Da reisten die Väter noch nicht hinter ihren ungehorsamen Söhnen her, um vor ihnen einen Fußfall zu tun. – Es ging doch wirklich nicht. Sollte er nicht lieber umkehren und den Jungen lassen, wo er war, diesen Schlingel, der auf die Bitte seiner Eltern, wieder nach Hause zu kommen, mit keiner Silbe geantwortet hatte? Aber nein, vom Umquackeln war Lohmann noch nie ein Freund gewesen. Ein Mann, ein Wort! Er hatte seiner Frau das Versprechen gegeben, ihr den Jungen wiederzuschaffen, und das mußte er halten, so peinlich die Sache war. Er blickte noch einmal zu dem alten Eisenfresser auf, schöpfte aus diesem Blick Kurasche, klemmte seinen Schirm unter den rechten Arm und wagte sich mutig in das Gewirr der Straßenbahnen, Droschken, Radfahrer und Fußgänger hinein. Ein freundlicher Reisegefährte im Bahnzuge hatte ihm den Weg beschrieben: erst die blaue Elektrische und dann in die grüne umsteigen. Aber diese hätten ihn zu schnell an Ort und Stelle gebracht, und es war gut, daß er sich noch einmal überlegte, was er zu Heinrich sagen wollte, obgleich er während der langen Fahrt auch an nichts anderes gedacht hatte. Er als Vater durfte sich doch auch nicht zuviel vergeben. Da mußte sehr vorsichtig zu Werke gegangen werden. So folgte er denn zu Fuß den Geleisen der Blauen und dann der Grünen, bog darauf in eine Nebenstraße ab und stand endlich vor einem Hause, das sich durch das Schild über der Tür als das Fuhrgeschäft von Karl Jäger auswies. Nachdem er das Schild und die Schilder der Nachbarhäuser aufmerksam studiert hatte, faßte er sich ein Herz und trat ein. Auf das Klingeln der Türglocke erschien ein Mädchen, das den Bauersmann geringschätzig musterte und nach seinem Begehr fragte. Ob Hinrich Lohmann hier wohnte? Ja, der wäre im Pferdestall. Mit einer lässigen Handbewegung wurde der Besucher zurechtgewiesen. Er durchschritt einen schmalen Gang, einen engen Hofraum – wie hier doch alles so beschränkt war! – und trat in einen Stall, in dem einige Dutzend Pferde standen. Er ging die Reihe entlang, schielte zwischen den Tieren durch, – plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand Hinrich vor ihm. Vater und Sohn prallten voreinander zurück und sahen sich mit großen Augen an. »Gon Dag, Hinrich.« »Gon Dag, ... Vader.« ... »Wat hewwt ji hier for feine Peer!« »O ja, de könnt sick sehn laten.« »Düsse hier, de könn famost to unsen Torhand passen.« »Dat mag woll wän.« ... »Ick heww bannigen Hunger. Kannst du mi hier up de Negte Nähe woll' n Spieshus wiesen, wo ick wat Warms in't Liew krieg'?« »Ja, dat kann ick woll. Kumm man her!« »Wullt du nich 'n Teller Zuppen mitäten?« »Oh, dat kann ick woll. Denn will 'ck mi gau schnell 'n annern Rock öwertrecken.« Als Hinrich fortgegangen war, atmete Vater Lohmann auf. Es war ja so weit alles ganz gut gegangen. Aber das Schlimmste stand noch bevor ... Nach einigen Minuten kam Hinrich zurück, und die beiden gingen quer über die Straße in ein Gasthaus. Als sie Platz genommen und das Essen bestellt hatten, sagte der AIte nach einigem Verlegenheitsräuspern: »Ick schöll di ok grüßen, van Muddern.« »Danke, is se god toweg?« »O ja, dat geiht all god.« »Und de annern?« »Sünd alle munter ... Lieschen hett nudags neulich wedder 'n Duppellenner hat. Dat Kalw nimmt sick bannig up.« »Soo. Vor twe Jahren harr se ja ok all'n Duppelten.« »Jea. Mi schall verlangen, wenn wi't düt Johr ok wedder nah veerhunnert Pund henkriegt.« »Dat wör schön, dat Kalwerfleesch gelt upstunns fiefundsöbentig Mark.« »Und in Hamburg hewwt die Slachters all achzig betalt, heww ick man in de Zeitung lesen.« Der Kellner brachte die Suppe. Lohmann faltete unter dem Tisch die Hände zum Gebet. Hinrich folgte seinem Beispiel, nachdem er sich scheu umgesehen hatte. Dann griffen sie nach den Löffeln. Dem Alten machte das Schlucken Beschwerden. Als er einige Löffelvoll hinuntergewürgt hatte, hielt er plötzlich inne, beugte sich über den Tisch und sagte leise, starr in Hinrichs Teller sehend: »Dat deit mi leed, dat ick damals in den Busch ... mi 'n bäten vergäten heww.« Hinrich rührte, ohne aufzublicken, mit dem Löffel in der Suppe, und eine jähe Röte flog über sein Gesicht. Als der Vater seinen Löffel wieder in Bewegung setzte, aß er auch weiter. Aber der Alte leerte seinen Teller viel schneller. Das Schlucken ging jetzt prächtig. »Dat wör 'n feine Zuppen,« sagte er, den Teller fortschiebend und sich zurücklehnend. Der Kellner trug die Suppe ab und brachte den Braten. Indem Lohmann sich ein Stück abschnitt, sagte er so beiläufig: »Wullt du nu wedder nah Hus kamen?« Hinrich schwieg einige Sekunden, vor sich niedersehend. Dann fragte er, ohne den Blick zu erheben: »Un min Brut?« »Dat helpt denn woll nich, de mutt din Fro weern,« sagte der Vater, wobei er einen beobachtenden Blick nach dem Jungen sandte. In dessen Zügen veränderte sich nichts, und er sagte bedenklich »Wenn se't man deit ...« »So? Well se't nich mehr?« fragte der Alte schnell und sah seinen Sohn gespannt an. Eine frohe Hoffnung ließ sein Herz höher schlagen. Aber diese wurde sofort von Hinrich zerstört. »So meen ick dat nich,« sagte er kopfschüttelnd. »Ick weet nich, ob se wedder nah Lohhoff henmag ...« »Worüm nich?« fragte der Vater nach einer Weile. »Weil du ehr so grow schrewen hest ...« »Denn ... denn, hm, mutt ick ehr woll 'n annern Breef achteran schriewen,« meinte Lohmann nach einer langen Pause. »Jawoll, dat well woll nich anners gahn.« »... God, denn will ick ehr morrn glieks schriewen.« Jetzt zum ersten Male sahen Vater und Sohn sich wieder voll und frei in die Augen. Der Alte wollte noch etwas sagen, aber er schluckte es nieder und rief nur dem Kellner zu: »Jung', fix 'n Buddel roden Wien!« * Nun aßen sie eine Weile, tranken zwischendurch und schwiegen. Als der Kellner, nachdem sie auf den Pudding verzichtet hatten, den Tisch abgeräumt hatte, räusperte sich der Vater, rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und sagte endlich: »Min Jung, ich heww noch wat up'n Harten.« »Segg free herut,« bat Hinrich. »Dat ick di in düsse Friegeree towedder wän bin, dat heww ick dan ut Leew to di und to unsen olen Hoff, de all so lange Tieden bi unse Fomilje wän is. Glöwst du mi dat to?« »Ja, dat weet ick.« »Du weest ja, wo dat gahn is mit minen olen Scholkameraden Schorse, und wer doran schuld is, dat he sinen groten Hoff hett verlopen möten ...« »Ach, Vader, kumm mi doch nich jümmer mit den olen Dämelklas und sin verdreihte Wief an!« »Wat in Delmsloh passiert is, dat kann ok in Lohe passieren ...« »Ach wat, dumm Tüg, ick bin keen so'n Slapmotz as Schorse, und min Brut, darup kannst du di verlaten, hett Kopp und Hart an de rechte Stäe.« »Du bist 'n jungen hitzigen Keerl und verleewt bet öwer beide Ohren. Wat du noch allens belewen kannst in düsse slimme Tieden ...« »Ach wat, Vader, wat hest du jümmer mit den slimme Tieden! Wo örndtliche Minschenkinner sick von Harten lew hewwt und ehre Arms rögt und up den Herrgott vertrut, da is ok hüdigen Dags gar keen slimme Tied. Dor is de Tied noch just so god as in dine jungen Johren. Dat duntomalen allens bäter wän is as hüdigen Dags, dat glöw ick gar nich. Du wörst damals man 'n jungen Keerl und bist nu wat öller und kiekst dat Lewen mit annere Ogen an.« »Doröwer will 'ck mit di nich strieden,« wehrte der Vater ab. »Ji jungen Lüe sind anners as wi Olen. Ji hewwt van all den olen neemodschen Kram to väl in 'n Kopp. Aber wat ick man seggen woll, ick mutt unsen Hoff und Muddern und mi för alle Fälle sichern. Is di dat recht, wenn wi de Sak so makt: Ick gew düsse ersten Johren den Hoff noch nich aff, abers ji beiden kriegt för jo und jon Kinner free Eten und Drinken und jedes Johr dreehunnert Daler bores Geld? Wenn sick dat nu rutstellen schöll, dat 't mit din Fro gar nich gahn will, dann lest du di mit dreedusend Daler affinnen und sochst di süssen wat. Und din Broder Diedrich kriegt den Hoff ... Is di dat recht?« »Dat is 'n tweedüdlichen Kram,« sagte Hinrich, sich mit der Hand die Nase reibend, »Dor mutt ick mi erst up besinnen ...« »Du kannst't driest riskieren,« redete Vater Lohmann zu, »ick heww verleden vergangenes Jahr ok wat toleert. Wat all passeert is, dat passeert nich wedder.« Nach längerem Besinnen fragte Hinrich: »Wenn't nu doch mal nich gahn schöll, kannst du uns denn nich veerdusend Daler mitgewen?« »Nee, dat is to väl. Denn weerd de annern Kinner benahdeeligt ... Abers god, weil du de Ollste bist, den de Hoff tokummt, wöt wi dreedusend und fiefhunnert setten.« »God, Vader ... must mi abers noch toseggen, dat de Sak ganz ünner uns bliwt. Min Brut und ok Mudder dröwt nix darvan wies weern. Nu nich, und ok nahher nich.« »God.« »Wöt wi de Sak schriftlich maken?« »Nee, Wort und Handslag is nog. Also dreehunnert Daler för't Johr und dreedusendfiefhunnert Daler bi'n Afftog!« Darauf reichten sie sich die Hände. »Kummst du nu glieks mit to Muddern?« fragte der Alte, glücklich darüber, daß er die Angelegenheit so glatt geordnet hatte. »Düssen Mand Monat mutt ick hier noch utholen. Wenn du morrn schriewen wullt, reis' ick öwermorrn nah min Brut.« »Und wenn schall ick Hochtied gewen?« »Och, Vader, meenst du, düssen Harwst all?« fragte Hinrich, freudig überrascht. »Ja, dat meen ick. De Wäk nah Michelje, paßt di dat? Et sünd noch söben Wäken.« »Min lewe, beste Vader,« flüsterte Hinrich mit geröteten Wangen. »Ick will't ehr seggen ... wenn't ehr nich gor to gau kummt? ...« Die zwei Stunden, die Vater Lohmann noch bis zum Abgang seines Zuges blieben, verwandten die beiden auf Hinrichs Rat zu einer Rundfahrt durch die Stadt. Der Sohn spannte die besten Pferde an, und der Alte nahm an seiner Seite auf dem Kutschersitz Platz. Wie hatte Hannover sich vergrößert und verschönert – trotz 66! Nur der Waterlooplatz mit der Waterloosäule war noch so ziemlich wie in der alten guten Zeit. Aber als nun die preußischen Pickelhauben aufmarschierten und preußische Unteroffiziere über den Platz hinschnarrten, gefiel's Vater Lohmann auch hier nicht mehr. Er war froh, als Hinrich ihn auf dem Bahnhof abgeliefert hatte und die Eisenbahn ihn der Steinwüste entführte, und noch wohler wurde ihm, als sie ihn erst wieder durch die unabsehbaren Weiten blühender Heide trug. Ein Reisegefährte wollte ein Gespräch mit ihm anfangen. Aber er wich aus. Er schrieb in Gedanken den Brief an seine Schwiegertochter. Ach, dieser machte viel mehr Arbeit als der damals mit kochendem Blut hingeworfene. Als Schwiegervater durfte man sich doch nicht zu viel vergeben, wenn man Herr im Hause bleiben wollte. »Lohmanns Hinrich is wedder to Hus,« hieß es in Wiechel. Der Stationsvorsteher von Elldingen hatte es Cord Stallbom erzählt. Und Katenlene, die mit dem Stutenkorb ging, war ihm begegnet und trug die Neuigkeit von Haus zu Haus. »He hett nu doch nahgewen und van de Deern laten,« meinten einige. »Nee, de Ol' hett nahgewen und giwt nahstens Hochtid,« wollten andere wisen. »Ach wat,« hieß es dann wieder, »de Bur is'n ganzen Hartköppten. Wat de eenmal nich well, dor kriegt em sülwst de Dübel nich to.« »Wi wöt't aftöwen; abwarten de Sak mutt sick jo bald utwiesen,« beruhigten die besonnenen Leute. Dieser Ungewißheit machte eines Sonntags der Pastor ein Ende, als er nach der Predigt aus seinem Abkündigungsbuche vorlas: »Es sind auch Personen vorhanden, welche gewillt sind, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, und werden aufgeboten heute zum erstenmal: Als Bräutigam der ehr- und achtbare Junggesell Hinrich Ernst August Lohmann, Haussohn in Lohe, des Vollhöfners Jürgen Christoffer Lohmann daselbst ehelicher Sohn, und als Braut die ehr- und tugendsame Jungfrau Else Wilhelmine Louise Riewitz, des weiland Anton Riewitz, Ökonomen in Delmsloh, eheliche Tochter.« Hier und da stießen Nachbarinnen sich an und tauschten bedeutungsvolle Blicke. Die Köpfe wandten sich nach Lohmanns Kirchenständen, aber da saßen im Mannsstuhl nur der Knecht und in dem Frauenstuhl zwei Mägde. Einige von denen, die doch recht gehabt hatten, lächelten triumphierend. Endlich spielte der Küster den Ausfeger, und das wichtige Ereignis konnte draußen genügend besprochen werden. Fast überall, wo das geschah, bildeten sich zwei Parteien. Die Schwarzseher, die in der Mehrzahl waren, orakelten: »Gliek und gliek gesellt sick geern, abers ungliek giwt Unglück. Dat hewwt wi an Delmsloh sehn.« Die andern meinten: »Ach wat, Hinrich is 'n fixen Keerl, de well woll uppaßt hewwen, dat he ene krigt, de to bruken is.« »'n klok Hohn leggt ok mal in de Netteln,« meinten die ersteren, die natürlich das letzte Wort behalten mußten. Eine Frage, die viele beschäftigte, war die: »Wenn wi ok woll wat affkriegt van de Hochtid?« In dieser Erwartung täuschten sich sehr viele. Hinrichs Bruder Diedrich, der als Hochzeitsbitter einen mächtigen, von der neuen Schwägerin übersandten Strauß aus künstlichen Blumen an der Mütze trug, hatte nur den allernächsten Verwandten und Freunden der Familie Einladungen zu überbringen. Das gab wieder viel Murren und Hecheln. Wenn der Anerbe eines so großen Hofes freite, mußte nach Brauch und Herkommen fast die ganze Gemeinde mitfeiern. Am Freitag nach Michaelis fuhren drei Wagen in Wiechel ein, ohne Pistolenknallen, ohne Juchzer. Und nur ein Dutzend Hochzeitsgäste stellten sich um das Brautpaar vor den Altar. Die vielen neugierigen Weiblein samt einigen wesensverwandten Männlein, die sich auf den Emporen eingefunden hatten, um Toilettenstudien zu machen, waren sehr enttäuscht. Die Braut trug unter dem weißen Schleier ein schlichtes, schwarzes Kleid. Die Schneidermamsell von Wiechel, die sonst alle Brautkleider der Gemeinde nähte, stellte mit Genugtuung fest, daß es nicht einmal besonders saß. Sniederkorl, der auch in der Kirche war, hatte wenigstens für den entgangenen Freiwerberlohn den Trost, daß er an dem Bräutigamsanzug, der wie angegossen saß, gut verdient hatte. Und nun tritt der alte Pastor vor den Altar. Die Neugierigen spitzen die Ohren. Was er wohl sagen wird? Es ist doch ein besonderer Fall. Aber der Alte wird doch schon recht alt und schwach, er spricht so leise, daß die auf den Emporen fast kein Wort verstehen. Nur Katenlene, die sich ganz vornean gesetzt hat, behauptete nachher, der Pastor habe dem Pärchen einige nette Stiche gegeben. Das hätte er dem Lohbauern zuliebe getan, von dem ja jeder wisse, wie er zu der Sache stehe. Und so leise hatte er das gemacht, um es nicht für alle Zeit mit den jungen Leuten zu verderben. Mit den Großen wolle so ein Pastor es ja nicht gern verschütten. Nur als der greise Pastor an die beiden die Frage stellte, ob sie einander als eheliches Gemahl haben wollten, »sich zu lieben in Heiligung und Ehren und in Treuen zu meinen,« klang seine Stimme voll und stark, und die Antwort war ein lautes, festes, fröhliches Ja. »Örndtlich frech« hätte es sich angehört, meinte nachher Stutenlene, der niemand jemals ein solches Ja abverlangt hatte, die aber als ständige Zeugin aller Jas in der Gemeinde genau wußte, mit welcher Stärke und mit was für einem Tonfall ein anständiges Trauungs-Ja herauskommen mußte. Die Hochzeitsgäste bestiegen ihre Wagen, auch der Pastor und seine Frau kletterten mit auf. Dann ging's in scharfem Trabe zum Dorf hinaus. Eine Gruppe Frauen gab ihnen mit Augen und Zungen das Geleit. Stutenlene war in ihrem Element. Nachdem sie ihre Beobachtungen bei der Trauung mitgeteilt hatte, fuhr sie fort: »Igitte, so'n groten Buern und so'n Hüsselhochtid. Häuslingshochzeit Dat geiht gewiß nich god. Tüschen em und ehr nich, und mang de Olen und de Jungen nu all gar nich. Hewwt ji woll sehn, wat de Bur für 'n Gesicht makte? Gor nich, as bi 'ne Hochtied, just as up'n Dodenbeer.« Totenbier »Katenlen',« sagte eine ältere Frau, »wat du jümmer ta heckeln heft! Min Trina hett lange deent in Delmsloh und is ok to Hochtid nödigt. De seggt, de junge Fro harr man 'ne lüttje Hochtied wollt, van wegen ehren Vader. Und Trina meent ok, se wör 'n ganz rejalig Minschenkind; de schöll sick da woll rin finnen up Lohhoff.« »Soo? Dat seggt Trina?« zischte die alte unbegebene Deern. »Na, wi wöt sehn, wer recht beholt, din Trina, dat junge unbedarwte Ding, oder Katenlen', de dat Leben und de Lüe kennt.« – Karo lief schwanzwedelnd und allerhand geheimnisvolle Düfte einschnubbernd durch den Loher Wald. Plötzlich, als ob er sich besonnen hätte, bog er rechts ab und verschwand in dem dichteren Unterholz. »Er kennt den Weg noch,« sagte fröhlich lachend Hinrich Lohmann, der mit seiner jungen Frau – es war am Tage nach der Hochzeit – hinter dem braven Vierfüßler her durch den Wald kam. Und nun bog er das Dickicht auseinander, so daß ein grünes Tor entstand, ließ seine Frau eintreten und folgte dann selbst. Und nun waren sie wieder an ihrer alten, lieben Stätte. »Hier hast du damals gesessen, im Mai, als die Nachtigall sang,« sagte Hinrich, sie zu ihrem alten Plätzchen leitend. »Und ich setze mich wieder hierher.« »Aber ein bißchen näher heran als damals,« bat sie schelmisch. »Ja, ganz nahe heran!« sagte er mit hellem Aufleuchten seiner Augen und schmiegte sich eng an ihre Seite. Es war einer jener herrlichen sommerlichen Nachmittage, wie der Herbst sie zuweilen noch einmal beschert. Von oben flutete goldigstes Licht in den Waldwinkel, und goldig glitzerte das Bächlein, das hier und da zwischen dem Buschwerk sichtbar wurde. Goldige Farbentöne sterbender Blätter mischten sich in das müde Grün, das noch die Vorherrschaft hatte. Zuweilen löste sich ein goldiges Blättlein und schwebte leise zur Erde. Und in all diesem flimmernden, fließenden, fliegenden Gold saßen stummselig die beiden glücklichen Menschenkinder, und vor ihnen lag, im Bunde der dritte, auf weichem Moosteppich der Hund, dessen lange, braune Haare die Herbstsonne ebenfalls vergoldete, behaglich hachelnd. »Du,« sagte Hinrich, endlich ein langes, glückliches Schweigen brechend, »weißt du, wer uns beide eigentlich zusammengeführt hat?« »Na?« »Karo,« sagte Hinrich. Karo dankte für diese Anerkennung durch Schwanzwedeln. »Ich hatte in diesem dichten Busch nichts zu suchen und hätte dich nie hier gefunden, da hat Karo dich aufgestöbert,« fuhr Hinrich fort, »Karo, du alter guter Ehestifter, komm mal her!« Karo näherte sich, verlegen ums Maul leckend und langsam mit dem Schwanz wedelnd, und legte die Vorderpfoten seinem Herrn auf die Knie. Der aber nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und tollte ihn liebkosend: »Hab Dank, alter Kerl! Wenn du mir auch manchen Junghasen totgebissen hast, das hast du auf einmal alles wieder gutgemacht.« »Auch von mir hab' schönen Dank, mon ami, mon ami ,« sagte die junge Frau, dem Hunde das Fell streichelnd. Und Karo machte sich schnell daran, die Stiefel seiner neuen Herrin zu belecken. Seine gute Nase hatte ihm längst verraten, daß diese mit einer sehr aromatischen Wichse behandelt waren. »Glaubtest du damals, als Karo mich hier aufstöberte, daß du was Rechtes gefunden hättest?« fragte die junge Frau und sah dabei ihren Mann schalkhaft von der Seite an. »Das ist so 'ne Frage ...« meinte er, verschmitzt lächelnd. »Und du?« »Ich habe mich furchtbar geärgert, daß ihr beiden mein heimeliges Versteck entdeckt hattet. Na, und als du dich mit meinem Gedicht befaßtest! – – Weißt du noch, wie's anfing?« »Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen. Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen,« sagte Hinrich mit schlichtem, warmem Empfinden. »Kuck mal an! Wie schön du das behalten hast! Und wie fein du das nun sagen kannst! Aber damals war's, als wenn einer mit Holzschuhen durch ein feines Blumenbeet trampt.« »Du bist ja sehr aufrichtig. Dann will ich dir auch ehrlich sagen, was ich gedacht habe. Als du mit deinem Zungenschlag über alles und noch was dazu deine Meinung abgabst, mußte ich immer an die großen, weißen Vögel auf unserm Hof denken, die so 'n schönen langen Hals haben und sich immer in einem fort was erzählen: Schnatt, schnattschnatt.« Ein schallender Klaps traf seine Hand. Mit einem »Au!« zog er sie zurück. »Aber etwas anderes war auch schon mit dabei,« fügte er in verändertem Tone hinzu. »Bei mir auch ...« sagte sie nachdenklich. Da blickten sie sich an und suchten dieses Etwas in ihren Augen und sahen es still leuchten und freuten sich. Da fielen Hinrich, wie er so in ihre Augen schaute, plötzlich die Worte des Gedichts ein, das er damals hier zum besten gegeben hatte. »Wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.« Und auf einmal verstand er das ganze Gedicht. »Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn,« sagte er fein und zart, so ganz anders als vor vier Jahren, »und da habe ich das allerschönste Blümlein der ganzen Welt gefunden, und gestern habe ich's bei mir eingepflanzt, und da zweigt's und blüht's so fort.« Und sie hielt nicht wie einst ein Examen über Literaturgeschichte, sondern sagte nur: »Du lieber, guter Gärtner du!« Da nahm der Gärtner das Blümlein und küßte es, dreimal, ganz fein und zart ... Er hatte ihre Hand in der seinen behalten und betrachtete mit Verwunderung das schmale, wohlgestaltete Ding, das sich von der rauhen, braunen Umfassung so weiß und fein abhob. Und das gehörte ihm nun? War's möglich? war's nicht nur ein schöner Traum? Er drückte die kleine Hand, da sagte die Besitzerin »Au!«, da öffnete er die mächtigen Arme und drückte den ganzen herrlichen Besitz fest an sich. Nein, es war kein Traum. Es war volle, ganze Wirklichkeit ... Nun saßen sie wieder still nebeneinander, und die junge Frau schaute sinnend auf ein nahes Fuhrenbäumchen. Es war dasselbe, das ihr mit seinem Knick und trotzdem fröhlichen Wachstum vor einem Jahr, als sie von dieser Stätte Abschied nahm, allerlei Tröstliches gesagt hatte. Auch in diesem Frühling hatte es wieder einen tüchtigen Schuß gemacht. Sie fuhr mit der Hand wie liebkosend an seinen Nadeln entlang und fragte: »Kannst du dich auf dieses Bäumchen besinnen?« »Nee,« lachte Hinrich, »das kannst du nicht verlangen, hier gab's damals was Schöneres zu sehen als so'n ollen Fuhrenkröppel.« »Ja, gebrochen ist das Bäumchen,« fuhr sie ernsthaft fort, »und Harz fließt aus der Bruchstelle. Aber dennoch ist es fröhlich weitergewachsen. Es hat doch wieder den Kopf nach oben gekriegt ...« »Warum sagst du das?« fragte er, jetzt auch ernsthaft. »Ich denke an mich und an mein Leben ... Durch das, was damals mit drin war, bin ich aus dem Träumen und Schwärmen herausgewachsen ... Weißt du noch, was für eine Predigt du mir das zweitemal gehalten hast, von den Immen und Drohnen? ... Da fing das Bäumchen an, mit dem Leben zu kämpfen. Dann aber kam der Sturm und brach es ab ... Aber in solchen Zeiten sieht man dem Leben auf den Grund und guten Menschen ins Herz. Und nicht bloß guten Menschen, auch dem Herrgott. Du, soll ich dir mal was sagen? Ich habe früher nicht viel von ihm gewußt. Ich wußte eigentlich nicht mal ganz gewiß, ob's überhaupt einen gäbe. Aber seit der Nacht, in der ich mit deiner Mutter am Sterbebette meines Vaters stand, glaube ich an ihn. Hinrich, wenn's keinen Herrgott gäbe, dann gäbe es auch ganz gewiß keine solchen Menschenkinder wie unsere Mutter.« Hinrich sah ihr verwundert in die Augen. Daß sie leuchtende Augen hatte, wußte er ja längst. Aber ein so tief heraufkommendes und so warm zu Herzen gehendes Leuchten hatte er in ihnen noch nicht gesehen. Es war ein großes, stilles Leuchten. Er dachte an seine Mutter und an den Herrgott und an seine Frau, und seine Gedanken und die heißen Gefühle seines Herzens gingen zwischen diesen dreien immer hin und her, und er sagte kein Wort und saß feierlich an ihrer Seite ... So tief als in dieser halben Minute, da sie schweigend nebeneinander auf der Thymianbank saßen, hatten die beiden ihr junges Glück noch nicht empfunden. Es war etwas Großes, Unnennbares mit darin, es war Seligkeit und Ewigkeit zugleich. Endlich fuhr sie leise fort: »Und der liebe Gott und gute Menschen haben mir geholfen, daß ich den Kopf wieder in die Höhe gekriegt habe ... Und das, was alle die Zeit im Herzen gesessen hat ...« »Die Liebe,« sagte Hinrich bewegt. »Und die soll uns auch weiter helfen ...« »Dann laß die Stürme nur kommen!« »Was meinst du?« fragte sie und sah ihn verwundert an. »Dann können die Stürme kommen,« wiederholte er. »Stürme, jetzt? Ich meinte, nun wären wir im Hafen.« »Wir werden es nicht leicht haben,« sagte Hinrich düster. »Wie du auf einmal bist!« sagte sie ängstlich. »Es ist am besten, wir machen uns gleich heute die Sache klar ... hast du gestern Vater wohl mal angesehen?« »Ja, öfter als einmal. Es schien, er fühlte sich nicht ganz wohl.« »Es ist ihm furchtbar schwer geworden, uns seinen Segen zu geben.« »Soo? Er schrieb mir doch für seine Art ganz lieb und herzlich ... Ich meinte, nun wäre alles gut.« »Wir beide werden es nicht leicht haben,« sagte Hinrich wieder und sah ernst vor sich hin. »Nun, wenn ich seine Liebe noch nicht habe, muß ich sie mir durch Liebe gewinnen,« sagte die junge Frau mutig und warm. »Ja, aber nun darfst du nicht denken, daß du den ganzen Tag mit Papa, Papachen, Väterchen, Vatting um ihn herum sein mußt. Das hält er für Albernheit, und es ist ihm in der Seele zuwider. Und denn wollen wir uns, wenn er dabei ist, doch nicht küssen ... Ein Kuß von dir ist ja das süßeste, was es auf der Welt gibt« – und gleich holte er sich deren drei – »aber Vater hält solche Küsserei für Kinderei.« »Was?« rief sie mit komischem Entsetzen, »nicht mal küssen dürfen sich bei euch Mann und Frau? Und nicht mal in den Flitterwochen?« Hinrich antwortete ernst: »Du bist in ein Lüneburger Bauernhaus gekommen, und da hilft alles nichts, du mußt dich an Lüneburger Bauernart gewöhnen. Nicht gerade meinetwegen. Ich mag dich just so am liebsten, wie du bist und dich gibst. Aber wegen Vater und Mutter, vor allem wegen Vater. Die beiden sind alt und können sich an fremde Art nicht mehr gewöhnen. Aber wir beide sind jung. Wir können uns eher schicken. Und als Kinder müssen wir's auch. – Es ist nichts schrecklicher, als wenn in einem Hause die Alten und die Jungen nicht miteinander auskommen können. Wenn das auch bei uns so werden sollte, bin ich dafür, daß wir einpacken und uns anderswo unser Brot suchen ...« »Hier von diesem schönen Hof weg?« rief die Frau erschrocken. »Das kann doch keiner verlangen. Du bist ja der Erbe.« »Ja ... das bin ich woll,« sagte Hinrich gedehnt. Dann fügte er lebhafter hinzu: »Wir wollen ja auch hoffen, daß alles gut geht. Die Hauptsache ist, daß wir beiden erst einmal treu zusammenhalten ... Nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel, wenn ich dich die nächste Zeit mal so'n bißchen in die Schule nehme?« »Also ewig an mir herummäkeln und herumerziehen willst du?« schmollte die junge Frau. »Das sind ja schöne Aussichten.« Hinrich sagte sehr ernst: »Du mußt dich an des Landes und Hauses Brauch gewöhnen, in das du hineingefreit hast. Da hilft alles nichts. Du kannst nicht verlangen, daß wir uns alle nach dir umwandeln. Vater will ein Bauer bleiben, und glaub' mir, ich will's auch. Auch ich habe keine Lust, den feinen Herrn und Gutsbesitzer zu spielen. Solche haben wir hier in der Heide schon genug gehabt. Aber von Bestand ist solche Art nicht.« Sie rückte von ihm ab, sah ihn entsetzt an und rief: »Heinrich!« Er sah ihr erschrocken ins Gesicht. Dann sagte er: »Vergib! An deinen Vater habe ich dabei wirklich mit keinem Gedanken gedacht. Ich wollte bloß sagen, wir Lohmanns wollen Bauern bleiben bis an den jüngsten Tag, und dagegen kann auch meine lüttje Frau nichts machen. De mutt nu mal mit de Buern buersch leben.« »Aber Heinrich, man muß doch auch für den gesunden Fortschritt sein.« »Bitte, Kind, nenn' mich nicht immer Heinrich! Ich heiße, wie mein Großvater geheißen hat, Hinrich.« »Hinrich – aber das ist ja plattdeutsch, und wir sprechen doch hochdeutsch miteinander,« stieß sie heraus. »Du hast nun mal einen Plattdeutschen und einen Hinrich geheiratet, wenn dir der bäuerische Hinrich nicht paßte, mußtest du dir das früher überlegen.« »Na, man nicht gleich so grob! Also Hinrich – Hinrich, Hinrich, daß ich's behalte – ich meine, wir Bauersleute brauchten doch nicht gegen den gesunden Fortschritt zu sein.« »Wollen wir auch gar nicht. Ein Ackerstück, das etwas feucht liegt, haben wir vor zwei Jahren dräniert. Bei deinem Vater hatte ich gesehen, wie gut das ist für das Land. Und künstlichen Dünger brauchen wir nun auch viel, wir haben bei euch gesehen, wie Hafer und Klever danach geilt. Und auch sonst ist Fortschritt. Als ich ein ganz kleiner Junge war und die Großeltern noch das Regiment hatten, wurde eine große Suppenschüssel mitten auf den Tisch gestellt, und da langte alles mit den Holzlöffeln hinein, alt und jung, Herrschaften und Dienstboten.« »Igittegitt, das könnte ich nicht, und wenn mir einer hundert Mark gäbe,« meinte sie, zusammenschaudernd. »Na, so schlimm ist das doch nicht. Menschen sind wir ja alle. Aber das ist ja nun auch bei uns großen Bauern nicht mehr Mode. Jeder hat seinen eigenen Teller und Messer und Gabel. Du siehst also, auch bei uns Bauern ist Fortschritt.« »Aber immer langsam voran, immer langsam voran, daß der Lüneburger Bauer mitkommen kann,« trällerte sie. Es verdroß ihn, daß sie seine Bitte so wenig ernst nahm. Deshalb legte er seine Hände fest auf die ihren, die sie im Takt der Melodie auf und ab bewegt hatte, und wiederholte mit Nachdruck: »Ja, das stimmt: immer langsam voran! Alle Neuerungen allmählich und ganz vorsichtig! Denke immer daran, noch ist mein Vater der Bauer und meine Mutter die Frau. Ich bin eigentlich nur der erste Knecht ...« »Und ich? Ich bin dann wohl die erste Magd?« »Ja, so ist es ganz genau.« »Na, nun sage ich gar nichts mehr,« sagte die junge Frau, sich abwendend. Hinrich wußte nicht, war das Scherz oder Ernst. »Es ist nun mal,« sagte er, »ein Haushalt, und da können nicht zwei Herren und zwei Frauen das Kommando haben. Das wird ja später anders, nach ein paar Jahren, wenn Vater abgibt und aufs Altenteil zieht. Aber fürs erste ist es einmal so, und ich bitte dich von Herzen« – dabei drückte er ihre Hände, die er festhielt, mit einem warmen, starken Druck – »schicke dich da hinein! Sonst wird's böse. Tu's mir zuliebe! ... willst du?« Sie sah ihm in die ernsten, bittenden Augen und sagte dann: »Ja, dir zuliebe tue ich alles.« Da schloß er sie in die Arme und jubelte: »Das wußte ich ja. Diese ganzen Wochen hat mir dies wie ein Stein auf dem Herzen gelegen. Und nun freue ich mich, daß er herunter ist ...« Sie sah ihn verwundert an. Endlich schien es ihr aufzudämmern, wie wichtig ihm die Sache war ... Sie erhoben sich und traten den Rückweg an. Die junge Frau hängte sich in den Arm ihres Mannes, und dieser drückte den ihren fest an sich. »Hier im Busch, wo's keiner sieht,« sagte er lächelnd, »dürfen wir uns auch mal einhaken.« »Dürfen wir das denn sonst nicht?« fragte sie verwundert. »Nee, das würde schönen Spektakel geben!« rief Hinrich. »wenn der Bauer mit seiner Frau über Land geht, dann marschiert er vorauf und sie drei Schritt hinterher.« »Was habt ihr hier für entsetzliche Moden!« rief sie, mit dem Fuße einen Tannenzapfen fortschleudernd. »Und diese Verrücktheit wollen wir auch mitmachen?« »Nee,« sagte Hinrich, über ihre Aufregung belustigt, »wir wollen's ruhig wagen, nebeneinander zu gehen, aber einhaken wollen wir uns nicht.« »Aber Hinrich, wozu ist man denn bloß Mann und Frau, wenn man sich nicht mal einhaken und küssen darf?« »Och lüttje Kind,« begütigte er sie, indem er ihre Hand streichelte, »reg di man nich up! Et giwt jo ok Tieden und Gelegenheiten genog, dar schert wi uns den Dübel wat um de Minschen und ehre Moden.« – Tags darauf, am ersten Sonntag der Ehe, hielt das junge Paar nach der Sitte der Gemeinde seinen »Kirchgang«. So ist's seit alters in Wiechel: der erste Besuch der Jungverheirateten, und später der erste Besuch der jungen Mutter, gilt dem Herrgott in seinem Hause. Bruder Diedrich fuhr, Hinrich saß im blitzblanken Hochzeitszylinder neben seiner Frau. Potztausend, wie hatte sich in den wenigen Tagen die Welt geändert! Von den Fußgängern, die das flotte Gefährt überholte, griffen einge wirklich und wahrhaftig an die Mütze. Das machte die neue Würde, die von dem glattgebürsteten Zylinderhut strahlte, das machte die junge Frau, die freundlich lächelnd zur Rechten und zur Linken grüßte, das Leben und das Glück in den Augen. Die sauber gestriegelten Braunen mit dem frisch lackierten Lederzeug trappelten in munterer Gangart über das Straßenpflaster von Wiechel und hielten mit scharfem Ruck vor Cord Stallboms Gasthaus. Als das Pärchen ausstieg, nahm die Frau unwillkürlich des Mannes Arm. Der aber machte sich leise frei, und sie lächelten sich zu. Bei Cord Stallbom waren vor der Kirchzeit zwei lange Kaffeetische gedeckt, einer für die großen Bauern im »Entreezimmer«, und ein zweiter in der Gaststube für die kleinen Leute. Je nach dem Stande stärkte man sich hier oder dort für den langen Gottesdienst durch eine Tasse Kaffee und ein stück Butterkuchen. * Die beiden traten in das Entreezimmer. Er voran, so gehörte sich das hier. »Gon Dag alltohopen!« rief er frisch in den Kreis hinein. »Guten Dag!« echote seine Ehehälfte hinter ihm. Vom Tisch antwortete ein reserviertes Grummeln, und einige scheue Blicke, die man auch für mißtrauische halten konnte, flogen den Eintretenden entgegen. Hinrich führte seine Frau an einen unbesetzten Platz der Frauenseite und sagte: »Na, Rungenmudder, min Fro kann ja woll bi Jo sitten.« Diese führte gerade die Kaffeetasse zum Munde, gab aber durch ein schwaches Kopfnicken zu erkennen, daß sie keinen Widerspruch erhob. Er begab sich an das obere Ende des Tisches, wo die Männer saßen. Die junge Frau hatte auf dem Vorplatz bei einem Blick durch die sich zufällig öffnende Tür den Eindruck gehabt, daß drinnen eine muntere Unterhaltung im Gange war. Jetzt war diese gänzlich verstummt; nur bei den Männern fiel, von Hinrich hervorgerufen, hin und wieder eine Bemerkung. Die Frauen, alte und junge, saßen stocksteif auf ihren Stühlen und führten abwechselnd die Tasse und den Butterkuchen zum Munde. Die neugebackene Bauersfrau hatte das Gefühl, daß sie etwas sagen müßte. Aber sie scheute sich, ihr Hochdeutsch in diese plattdeutsche Gesellschaft hineinplumpsen zu lassen. Und wie leicht konnte denn auch etwas über ihre Lippen kommen, was zu sagen bei dieser Gelegenheit keine Mode war! Es überfiel sie ein Frieren bei dem Gedanken, daß sie nun alle ihre Lebtage diesem ihr so fremden Kreise angehören sollte. Ja, Hinrich, der paßte zu diesen Leuten, aber sie würde unter ihnen ewig eine Fremde bleiben. Einige der Frauen standen auf und nahmen aus einem Wandschrank Hutschachteln. Aus diesen hoben sie sehr behutsam ihre Hüte, die sie sich dann unter gegenseitiger Hilfeleistung aufsetzten. Die Fremde sah verwundert diesem Beginnen zu. Also diese guten Frauen brauchten ihre Hüte nur für den lieben Gott am Sonntagmorgen, alle übrige Zeit ruhten diese friedlich in Cord Stallboms Wandschrank. Das ist praktisch und sparsam, dachte sehr belustigt die junge Frau und suchte durch Augenzwinkern Hinrichs Aufmerksamkeit auf die ergötzliche Kopfbedeckungsszene zu lenken. Aber der machte ein fragendes, verständnisloses Gesicht. – Er war doch eigentlich auch ein rechter Bauer. Hinrich sah nach seiner Uhr, stand auf und sagte leise zu seiner Frau: »Wir müssen jetzt.« Schnell erhob sie sich, murmelte etwas wie Adieu und atmete erleichtert auf, als sie die Tür hinter sich hatte. Sie gingen quer über die Straße zum Pfarrhaus, hier ließ Hinrich seine Frau vorantreten; denn das wußte er auch, daß es sich hier so gehörte. »Ach, da sind Sie ja, liebe Frau Lohmann,« jubelte die kleine kregele Frau Pastorin und nahm ihre beiden Hände, »guten Morgen, junger Ehemann! Bitte, treten Sie hier herein! – liebes Kind, wie gefällt es Ihnen denn in Lohe und in dem jungen Ehestand? Ach, es war so eine reizende Feier, Ihre Hochzeit. So urgemütlich, ... ich mag die alten großen Riesenhochzeiten gar nicht. Das sind ja doch bloß Abfütterungen. Aber bei Ihnen war's zu nett. Mein Mann und ich haben gestern noch den ganzen Tag davon gesprochen ... Und nun will ich Ihnen schnell eine Tasse Bouillon holen. Mein Mann macht's etwas lang in der Kirche. Damit stärke ich ihn immer, daß er's aushält. Lohmann, wollen Sie nicht erst zu meinem Mann gehen? Nachher, wenn's läutet, geht er gleich in die andere Stube und segnet die Wöchnerinnen ein.« Hinrich begab sich in die Studierstube, um den Pastor zu bitten, daß er ihn und seine Frau »mit ins Gebet nähme«, die alte Dame zuckelte mit ihren kurzen Schritten in die Küche, und die junge Frau saß gemütlich lächelnd in ihrer Sofaecke und sah sich in dem behaglich eingerichteten Raume um. Ja, hier war's gemütlicher als drüben im Entreezimmer. Hier wurde es einem warm ums Herz, wenn auch an diesem frischen Oktobermorgen nicht geheizt war. – Es ist doch eine schöne Sache um etwas Geschmack und Bildung. Lohmanns und auch der gute Hinrich ... Weiter kam sie mit ihren Gedanken nicht, denn Hinrich trat durch die eine Tür ein, und durch eine andere die Frau Pastorin mit zwei dampfenden Bouillontassen. Und nun saß das junge Paar im Sofa, und Frau Pastorin vor ihnen im Sessel, und ihre herzensguten, lebhaften Augen sprangen von einem zum andern, und sie schwärmte von dem Glück und der Seligkeit der Flitterwochen, und die beiden, die diese glückselige Zeit eben durchkosteten, hörten lächelnd zu – daß sie so schön sei, hatte Hinrich kaum gewußt –, und die Sonne lachte ins Fenster, und die Glocken läuteten jubelnd darein, und der Kanarienvogel im Bauer schmetterte sein schönstes Lied. Es hatte schon einige Minuten ausgeläutet, als Hinrich sagte: »Frau Pastorin, nun müssen wir aber zur Kirche. Sonst schilt Herr Pastor.« Durch den Pfarrgarten gingen sie Arm in Arm. Keiner dachte in diesem Augenblick daran, daß sich das nicht gehörte. Und es hat's zum Glück auch niemand gesehen, außer der Frau Pastorin, die ihnen bis vor die Tür das Geleite gegeben hat. Und die hat's auch nicht gesehen. Nun schreitet das junge Paar durch den Hauptgang der Kirche, und Hinrich gibt seiner Frau einen leisen Wink nach dem Frauenstand des Lohhofes hin. Aber ob sie das nicht verstanden hatte, oder verwirrten sie die vielen auf sie gerichteten Augen, oder tönten Frau Pastorins Schalmeien noch in ihrer Seele nach, genug, als Hinrich seinen Zylinder vor sein Gesicht hält, um zu beten, da fühlt er sie zu seinem Entsetzen neben sich, und als er sich setzt, da läßt sie sich neben ihm nieder. Hinrich wünschte in diesem Augenblick seine Frau auf den Blocksberg. Was machte das nun wieder für ein Aufsehen! Ein alter Bauer, der aus seinem Gesangbuch mächtig dröhnend sang, blickte ihn unter der Brille weg ernst und mißbilligend an und sah, den Kopf reckend, zu dem Frauenstand hinüber, als wollte er sagen: »Dar gehört se hen.« Katenlene, die halbschräg vor ihnen saß, wandte alle Augenblicke ihr hämisches Gesicht um und tuschelte mit ihrer Nachbarin. Einige dumme Deerns drehten sich um und lachten. Hinrich biß sich vor Ärger die Lippen fast blutig. Daß die Menschen auch so kleinlich waren! Aber die sind nun einmal so! Daß seine Frau sich so gar nicht an die rechten Sitten gewöhnen konnte! Das konnte doch ein Kind sehen, daß die Männer und Frauen getrennt saßen! Am liebsten hätte er ihr einen kleinen Stoß in die Seite gegeben. Es zuckte ihm schon dazu im Arm. Drüben saß Hinkens Gretschen mit ihrer Mutter ... Wenn er die ... pfui! Solche Gedanken zwei Tage nach der Hochzeit, und dazu in der Kirche? – Und nun zwang Hinrich Lohmann sich, auf die Predigt zu hören. Die war schon eine gute Viertelstunde im Gange, aber bislang hatte er nichts von ihr mit Bewußtsein aufgenommen. Nicht einmal auf den Text konnte er sich besinnen. Aber als er nun aufpaßte, merkte er bald, welcher es war. Der ehrwürdige Weißkopf dort oben predigte über das Evangelium des Sonntags: Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst. Das erste hatte Hinrich ja verpaßt, aber nun sagte der Ate: »Gott lieben und dann auch: Zweitens, lieben das Gottesgeschenk – den Nächsten ...« Und da auf einmal fiel ein Wort nicht bloß in Hinrichs Ohren, nein, in seine Seele: »Du Mann, dein herrlichstes Gottesgeschenk ist dein Weib, und du sollst es lieben als dich selbst, ach, was sage ich! viel, vielmal mehr als dich selbst ...« Der Prediger ging dann schnell weiter und suchte den Nächsten in immer weiteren Kreisen, zuletzt bei den Betschuanen in Südafrika. Aber so weit konnte Hinrich heute nicht mitspazieren. Er blieb bei seinem größten Gottesgeschenk, bei seiner Allernächsten, deren Arm warm an seinem lag. Nun freute sich Hinrich, daß sie sich an seine Seite verirrt hatte, daß sie ihm nun auch im Raum die Allernächste war, – trotz Katenlene und der ganzen Gemeinde Wiechel. Hinrich hatte hier in seinem Kirchenstuhl vom lieben Herrgott ja schon viel gehört, aber noch niemals hatte er ihn sich so nahe gefühlt als in dieser Stunde. In seinem Geschenk war er ihm so nahe gekommen. Nun schien es ihm auch gar nicht so schwer, ihn selbst zu lieben von ganzem Herzen, obgleich er nichts davon gehört hatte, wie der Pastor das in dem ersten Teile ausgelegt hatte. In der Kirche waren viele Menschen. Einige schliefen, einige rechneten, andere machten Pläne, andere hörten und dachten, andere nahmen das Wort auf in einem feinen, guten Herzen, – aber durch zwei junge Seelen läutete es mit jedem Herzschlag: mein Gottesgeschenk, mein Gottesgeschenk, mein Gottesgeschenk! Und das läutete von Seele zu Seele, obgleich kein Blick und auch nicht die leiseste Bewegung es verriet. – – Nun saßen die beiden wieder im Wagen, und keiner sagte ein Wort. Denn noch immer läuteten die leisen, heimlichen Glocken, und sie hatten keine Lust, dieses feine Läuten, das durch die Seele ging, mit platten Alltagsworten zu stören. Aber auch solche Stunden, da es tief drinnen klingt wie Himmelsglocken, gehen zu Ende, und das äußere Leben mit seinen Kleinigkeiten und Nichtigkeiten drängt sich wieder vor und fängt wieder an, zu schwatzen und zu lärmen. »Du, wenn wir nun wieder zur Kirche fahren, können wir dann nicht direkt vom Wagen in die Kirche gehen?« fragte die junge Frau. »Warum?« fragte Hinrich. »Ach, ich mag dann doch noch nichts wieder essen und trinken ...« »Was du nicht magst, Kind, das läßt du ruhig liegen. Es ist Mode, daß wir uns bei Lord Stallbom eben guten Tag sagen.« »Zum Kuckuck mit euren alten verrückten Moden! Man kann keine fünf Schritte gehen, so purzelt man auch schon über sechs unsinnige Moden. Ich finde es einfach entsetzlich, wie ein Ölgötze zwischen all den steifen Beginen zu sitzen, Stallboms Blümchenkaffee zu trinken und seinen fürchterlich dicken Butterkuchen hinunterzuwürgen.« »Steife Beginen?« fragte Hinrich, durch ihre Worte unangenehm berührt. »Was ist denn das? Wie ihr Vornehmen, so sind unserer Art Leute nicht, daß wir uns gleich jedem Fremden mit süßem Lächeln und süßen Worten an den Hals werfen, und nachher ist nichts dahinter als Falschheit. Wir sehen uns erst unsere Leute an. Wenn wir aber Vertrauen zu ihnen gefaßt haben, schließen wir uns auf, und wer dann nicht mit uns auskommen kann, na, bei dem ist's eigene Schuld. Neben dir saß Rungenmutter. Sie ist noch so was 'ne Tante von mir – und von dir nun auch. Ich sage dir, ein solch gutes, treues Menschenkind kannst du lange suchen.« »Die – ist – meine Tante? ...« sagte die junge Frau gedehnt. »Natürlich,« lachte er, »meine Tante deine Tante. Das ist nun mal so bei Mann und Frau. Und auf eine solche Tante kannst du stolz sein.« Sie sah sehr wenig stolz aus und sagte nichts darauf. Nach einer Weile fragte sie: »Du, war das recht, daß ich in der Kirche bei dir saß?« »Nein,« sagte er, »es war ganz gegen die Mode. Es wird jetzt wieder schön darüber hergehen. Mir war's erst auch sehr unangenehm.« Die junge Frau schluckte einen erneuten Jammerruf herzhaft hinunter, fragte aber spitz: »Du sag' mal, gibt's denn keinen Knigge über den Verkehr mit Bauern?« »Weiß nicht, was du meinst,« brummte er. »Hier muß einer, der nicht bei uns groß geworden ist, die Augen aufmachen und sich schicken.« Beide schwiegen. »Du, Hinrich, ich will dir mal was sagen,« begann sie endlich wieder. »Du bist ja Soldat gewesen und bist sonst ein fixer Mensch, aber in einem Stück bist du doch ein rechter Feigling.« »Nanu!?« »Daß du so furchtbar bange bist vor den Leuten. Daß du immer Angst hast, daß wir mal etwas tun, was nicht alle Leute just so machen.« »Wenn ich das wäre, was du meinst, dann wärest du niemals meine Frau geworden. Das war ganz gegen die Mode, so eine zu nehmen, wie du bist ...« »Ach, ich meine das nicht von den großen Dingen ... Aber in den kleinen Dingen, im täglichen Leben, da bist du ein Bangeböx und hast immer Angst vor den Moden.« »Och Menschenkind,« rief er unwillig und ärgerlich, »nun schweig doch endlich still von deinen Moden! Die gelten nun einmal. Und ein Bauer will ich bleiben, das habe ich dir gestern schon gesagt. Und eine Bauersfrau mußt du werden und mußt dich schicken. Gestern hast du mir versprochen, mir zuliebe wolltest du es tun. Denk' doch an dein Versprechen!« Sie erschrak über seinen Ton, und wieder merkte sie, wie wichtig ihm diese Kleinigkeiten waren. Schmeichelnd legte sie die Hand auf seinen Arm und bat: »Bester Hinrich, sei nicht böse! Ich will das ja auch alles lernen. Habe nur Geduld mit deinem dummen Frauchen!« »Ist gut,« brummte er, nur halb versöhnt, »aber dann mußt du auch nicht immer mit dem Kopf gegen Mauern anrennen und mußt dir sagen lassen.« Nach einer Weile sagte er, jetzt wieder ganz freundlich: »Schade, daß du kein Plattdeutsch kannst!« »Ja, das habe ich heute auch schon gedacht,« meinte sie nachdenklich, »Verstehen kann ich fast alles,« fügte sie hinzu. »Willst du nicht auch lernen, Platt zu sprechen?« fragte er. »Och! Das Hochdeutsche ist doch nun mal meine Muttersprache.« »Aber das Plattdeutsche ist deines Mannes und deines Hauses Sprache.« »Ob ich's wohl lernen könnte?« »Natürlich. Du hast ja Englisch und Französisch gelernt. Das ist nun alles für die Katz! Plattdeutsch ist sicher viel leichter zu lernen, und damit ist uns wirklich geholfen, dir und uns allen. Dieses Mischmasch von Hoch und Platt in unserem Hause ist schrecklich.« »Jaa ...« »Willst du's Vater nächsten Sommer nicht zum Geburtstag schenken, daß du von da an Platt sprichst?« »Man to,« sagte sie, sich nach kurzem Besinnen mit einem Ruck zu ihm wendend und ihn anlächelnd. »För'n Anfang all ganz god,« sagte er vergnügt. »Und denn wöt wi man glieks 'n bäten School holen, dat wi 't bet dorhen binnen kriegt.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Wat is dat för 'n Bom dar achter?« fragte er, mit dem Finger nach rechts weisend. »Dat is 'n Eckernbom.« »Nee, dat is nich ganz recht. Eekbom nennt he sick, und Eckern hett he up sick ... Und wat sünd dat för Büsch up de Heide?« »... Wacholder.« »Ganz verkehrt. Machandel sünd dat... Wat för 'n Deert hett de lüttjen Irdklumpen dor up de Wischen upsmäten?« »Dat hett de Mulworf gedan.« »Nee, nee, min beste Deern, dat hett de Windworm dan ... Wo heeten de lüttjen roden Deerter, de in unsen Busch so fardig hurtig, schnell. den Bom rupneiet und van Telgen Zweig. to Telgen springt?« »Dat sünd de Eekhörnken.« »Nee, nee, Kind, dat sünd de Katheker, nich to verwesseln mit'n Afteker. Dat is ja ok 'n bannig flinken Keerl, wenn he in sin Afteken de Ledder rupneiet, abers de Katheker sünd em noch öwer ... Wat is dat för 'n lütt Kropptüg, wat in den Busch so grote Barge ut Dannennadeln tohopen sleppt und den ganzen Sommer so flietig is, just so flietig as de Immen?« »Meenst du de Amisen?« »Nee,« lachte Hinrich, »dat sünd keen Amisen, dat sünd de lütten Miegimken. De wecken nennt jüm ok Hatzkaders, weil se't so ielig hewwt.« »Das ist ja eine schrecklich schwere Sprache, euer Plattdeutsch. Das lerne ich nie,« rief die junge Frau, in komischer Verzweiflung die Hände ringend. »Ach wat, dumm Tüg,« sagte Hinrich, »min lüttje Fro, de ingelsch kann und französch und weet, wat Mongami up dütsch heet, de will dat bald weg hewwen. Wat meenst du, Dierk?« wandte er sich an seinen Bruder, der sich auf dem Bock über dieses plattdeutsche Examen gehögt hatte und absichtlich Schritt fuhr, um es nicht abzukürzen. »Dat's gewiß,« meinte Diedrich, »de mit ehren apen Kopp! Ick heww't ja ok leert.« »Dor hörst du't,« sagte Hinrich zu seiner Frau, und sich wieder nach vorn wendend: »Nu, Jung, rög din Peer abers 'n bäten an mit de Swipp. De weerd uns jo bi lütten slap.« Diedrich schwang die Peitsche, und in flottem Trab fuhr das junge Ehepaar nach seinem ersten Kirchgang auf den Lohhof zurück. Fünf Wochen war die junge Ehe nun alt. Die kleine Frau schalt nicht mehr so viel über die dummen Bauernmoden, saß in der Kirche züchtiglich bei den Frauen, hatte auch mit Rungenmutter schon einige Worte gewechselt, und machte ihrem heimlichen Lehrer im plattdeutschen durch ihre Fortschritte viel Freude. Am meisten freute sich dieser aber darüber, daß seine Schülerin, die nicht nur der Bauern Sprache, sondern auch der Bauern Art erst lernen mußte, mit Vater so gut auskam. Dieser hatte ihr nie ein unangenehmes Wort gesagt, auch seinem Sohne gegenüber nie über sie geklagt. Da saß Vater Lohmann eines Nachmittags in der Dönze, hatte die Stiefel ausgezogen und hielt die Füße an den warmen Ofen, der längst wieder ein guter Freund geworden war. Dazu rauchte er in aller Behaglichkeit sein Pfeifchen. Es war Schummerstunde. Er war allein in der Stube, die Spinnräder standen und warteten auf die fleißigen Hände, die noch draußen mit Hausarbeiten beschäftigt waren. Nun kam auch Hinrich herein und stellte sich an die andere Seite des Ofens, um die von der Arbeit in der naßkalten Novemberluft verklamten Hände zu wärmen. Zu reden war nichts, und darum redeten die beiden auch nichts. Plötzlich erhob sich draußen ein halblautes Singen. Hinrich kannte Text und Weise des Liedes und hatte es gern. Es fing an: »Noch ist die blühende goldene Zeit, noch sind die Tage der Rosen.« Das schien ihm zu stimmen, obgleich draußen die Novemberstürme längst die letzten welken Blätter von den Bäumen gerissen und die ersten Frostnächte die letzten kümmerlichen Herbstblumen getötet hatten. Anders dachte Vater Lohmann über das Lied. Als die fröhliche Stimme draußen sich hören ließ, machte er eine ärgerliche Bewegung mit dem ausgestreckten rechten Bein und brummte: »Dor singt se dat ol slechte Leed wedder!« »Och vader, is dat Leed so slecht?« fragte Hinrich, dem ein Schrecken in die Glieder gefahren war. »Ick heww't nudags ganz genau hört: ›Und ein fröhlicher Kuß ist nicht minder frei, so unverschämt auch die Lippe sei.‹ So was paßt sick nich för 'n christlich Hus.« »Vader, dor dest du nich recht henhört. Dat heet nich: ›So unverschämt auch die Lippe sei.‹ Dat heet: ›So spröd und verschämt auch die Lippe sei.‹« »Mag wän, aber dat kummt up't sülwige Enne herut. Wat schät de Knechte und de Deerns darvan denken, wenn de junge Fro jüm so 'n unchristlich Tüg vorsingt?« »Och Vader, dat is ja man 'n Leed. Dor brukt 'n nich jedes Word so scharp to nehmen,« entschuldigte Hinrich. »Ach wat,« sagte Vater Lohmann, mit den Füßen in die Holzpantoffeln fahrend, »kumm mi nich mit sökke Utflüchte, Jung'! Wat nich gellen schall, dat mutt'n anstännigen christlichen Minschen ok nich seggen und singen.« »Ja, Vader, wenn di dat dünkt, will ick min Fro seggen, dat se dat Leed nich wedder singt,« gab Hinrich nach. »Ji beiden,« fuhr der Alte nach einer Weile, während der er sich seiner Pfeife gewidmet hatte, fort, »lewt nu all fief Wäken as Mann und Fro, und ick heww bet up düssen Dag nix seggt. Mann und Fro mutt 'n gewähren laten und nich glieks dartüschen sitten. Abers nu ward't bi lütten för mi as Vader Tied, dat ick ok mal 'n Word darto segg ... Hinrich, din Fro is mi wat rieklich flutterig.« »Vader, dat makt dat junge Hart,« entschuldigte Hinrich. »Dat junge Hart? Dor heww ick nix gegen. Nee, se hett'n wild Hart.« »Lewe Vader,« bat der Sohn, um den Ofen herum näher an ihn heranrückend, »du mußt 'n lütt bäten Geduld mit ehr hewwen. Se hett sware Jahren achter sick. Wäs ehr dat doch to gunnen, dat se nu, in unsen jungen Ehestand, erst mal örndtlich 'n bäten upläwt. De Irnsthaftigkeit kummt mit de Tied van sülwst, wenn de Sorgen erst kamt.« »Mannige Tög',« fuhr der Alte fort, »paßt mi gor nich bi ehr. Nudags bi'n Abendsegen, as ick dat ene ol swore Word nich glieks richtig rutbringen kann, dar könn se sick dat Lachen nich verbieten. Schickt sick dat för so'ne Deern, 'n olen Mann uttolachen, und darto noch bi Gotts Word?« Hinrich sagte darauf nichts. Auch er mußte sich oft wundern, daß sie da lachte, wo er gar nichts Komisches zum Lachen fand. Der Vater fuhr fort: »Und dat find' ick ok nich schön, dat se för di und sick sülwst sülwerne Läpels henleggt hett, und wi beiden Olen möt't mit tinnerne don. Wöt ji beiden vornehmer wän as jone Öllern?« »Vader,« sagte Hinrich, sich mit dem einen Fuß auf den andern tretend, so daß es schmerzte, »so is dat nich meent. Die beiden Läpels stammt ut dat Hochtiedsgod van ehre Öllern und wi brukt se ton Angedenken an jüm.« »Soo ...,« gab sich der Vater zufrieden, »dat is wat anners.« »Abers ick will ehr seggen,« fügte Hinrich hinzu, »dat se de Läpels anne Sied leggt.« »Din Fro,« fuhr der Alte fort, »mutt öwerhaupt noch väl leern. Vör allen dat Melken mutt se künnig weern. Wenn se hier mal Fro weern schöll, können de Deensten van ehrenwegen jo de Beester verrungeneern, wenn se nix darvan versteiht.« »Vader, dat hett se ok all seggt, dat se dat leern wull. Abers Mudder sä, se schöll düsse Wäken man erst dormit töwen. Denn wull se sülwst ehr vörnehmen.« »So, dat freut mi, dat se goden Willen hett ... Und denn mutt se dat Spinnen leern. Wenn de Fro nich mehr spinnt, ward ok ut dat Spinnen van de Deerns nix. Und de Spinneree möt wi in Ehren holen. Wenn de Deerns nix mehr to dohn hewwt to Winterstied, kamt se up fule Knäp.« »Heww man Geduld, beste Vader, mit min lüttje Fro,« bat Hinrich und legte ihm die Hand auf die Schultern. »Glöw mi, se hett goden Willen! Paß man up, se sleit noch mal so god in, dat du din Hartensfreude an ehr hewwen schast.« »Wöt dat Beste höpen,« sagte Vater Lohmann in wenig hoffnungsvollem Tone. »Aber de Wildheit, de dor instickt, de Wildheit!« fügte er seufzend hinzu. – Hinrich mußte seine Frau also wieder einmal vornehmen, um die Steine des Anstoßes aus dem Wege zu räumen. Er gab es ihr in einzelnen Dosen, und so fein und schonend als möglich. Also die unverschämten Lippen und die silbernen Löffel verschwanden. Auf Mutter Lohmanns Spinnrad wurde in heimlicher Unterrichtsstunde mit Abreißen und Wiederanknüpfen ein jammervoller Faden gesponnen, bald dick und klumpig, bald dünn wie Spinngewebe. Die bravste aller Kühe, die ihre Milch doch so willig hergab, mußte unter ungeschickten Händen entsetzliche Qualen ausstehen, bis endlich Mutter Lohmanns sichere Hand sie von ihrer Peinigerin befreite. Hinrich und seine Mutter merkten beide, daß es gar nicht leicht war, eine junge Frau anzulernen. Hinrich hatte mit Widerworten und Schmollen zu kämpfen, seine Mutter mit einer Ungeschicklichkeit, die sogar eine Geduld wie die ihrige auf eine harte Probe stellte. – Etwa acht Tage, nachdem Vater Lohmann die Anregung zu der bäuerlichen Erziehung seiner Schwiegertochter gegeben hatte, fand in Wiechel eine Versammlung der Landwirte der Umgegend statt, die Hinrich besuchen wollte. Seine Frau bat ihn, sie mitzunehmen. Sie wollte einmal die gute Pastorin besuchen, von der sie beim ersten Kirchgang so herzlich eingeladen war. Hinrich fuhr selbst. Die junge Frau meinte, das sähe nicht gut aus, wenn sie neben ihm mit auf dem Bock säße, und nahm hinten im Wagen Platz. Ihrem Manne war das zwar nicht ganz recht, aber er sagte nichts. Wo er irgend konnte, schwieg er lieber. Es gab schon genug der Anlässe, wo er nicht schweigen durfte. Während der Fahrt wurden nicht viel Worte gewechselt. Er hatte keine Lust, sich immer umzuwenden, und sie ebensowenig, sich nach ihm überzulehnen und das Geratter des Wagens zu übertönen. Was sollte man sich auch schließlich immer erzählen? Außer den allerhand Lappalien, über die man sich nur ärgern mußte, erlebte man auf dem einsamen Hofe ja nichts, was Gesprächsstoff liefern konnte. Als der Wagen in Wiechel hielt, trennten die beiden sich mit flüchtigem Händedruck. Er ging zu Lord Stallbom, sie in die gegenüberliegende Pfarre. Die Aufnahme bei der guten alten Pastorin war ganz so, wie das junge Frauchen es erwartet hatte. Große Augen, von Herzlichkeit überfließende Begrüßung, etwas wie eine mütterliche Umarmung, sich überstürzende Fragen, auf die keine Antwort erwartet wurde, ein Sofaeckchen in einem geschmackvoll eingerichteten und behaglich durchwärmten Stübchen, eine dickbauchige, blaugeblümte Kaffeekanne, und ein Teller mit Backwerk, Teekuchen, Spekulatius und russischem Brot. Und nun fragte die alte Dame wieder: »Wie sieht's denn aus, liebes Kind, in der jungen Ehe?« Und diesmal erwartete sie eine Antwort. »Oh, ganz gut,« lautete sie. »Ganz gut?« wiederholte die andere und machte verwunderte Augen. »Och ja, es sind ja auch noch unsere Flitterwochen,« sagte Else Lohmann, zum Fenster hinaussehend. Sie fühlte, daß die Frau Pastorin ihr prüfend in das Gesicht blickte. »Ja, liebe Frau Lohmann, die Flitterwochen – sie sind ja eine schöne Zeit,« sagte die alte Dame nach einer Weile. »Aber ich muß doch sagen, so schön, wie sie immer gemacht werden, sind sie nicht. Wenigstens mein Mann und ich, wir haben nachher in unserer Ehe viel schönere Zeiten gehabt als die viel gepriesenen Flitterwochen.« Die junge Frau sah die alte voll Interesse an. »Ja, ja, ganz gewiß,« beteuerte diese. »Mein Vater war Geheimrat bei der Landdrostei in Hannover und mein Bräutigam Adjunkt an der Kreuzkirche. Darauf konnten wir natürlich nicht heiraten. Als das Konsistorium ihm dann seine erste Pfarre in der Lüneburger Heide gab, ei, da war die Freude groß. Ei, wie dachte ich mir das reizend und poetisch, unter dem gemütlichen, alten Strohdach mit meinem Gottlieb zu hausen, ganz allein! Aber liebes Kind, wie kam das doch so ganz anders! In Brunbüttel gab's außer dem Lehrer nichts als Bauern und Handwerker.« Sie stärkte sich durch einen Schluck Kaffee. »Ja;« sagte Frau Lohmann voll Verständnis, »den Verkehr mit gebildeten Menschen entbehrt man auf dem Lande doch sehr.« »Ja, ich habe ihn schrecklich entbehrt. Ich kam mir vor, als ob ich in die wüste Sahara verbannt wäre. Und dann brachten die Verhältnisse es mit sich, daß wir Landwirtschaft treiben mußten. Davon hatte ich so viel Ahnung wie ein neugeborenes Kind. Ach, was habe ich da für Lehrgeld bezahlen müssen! von meinen dummen Streichen, glaube ich, erzählen die Brunbüttler sich noch, wenn ich hundert Jahre tot bin. Sie sind ja Landwirtstochter, sie können sich davon gar keinen Begriff machen.« »Ach, Frau Pastorin, ich bin als Kind auch nicht viel dabeigekommen,« sagte die andere. »Aber so dumm, wie ich war, sind Sie gewiß nicht in diesen Dingen. Und was das Schlimmste war, mein Mann – er stammt vom Lande – verstand ziemlich viel davon und wurde oft recht ungeduldig. Und er verlangte von mir in den Flitterwochen, daß ich mit ihm von Haus zu Haus gehen mußte, vom Bauer zum Häusling, von Gevatter Schneider zu Gevatter Schuster, und überall dieselbe Frage: ›Na, Fro Pestohrin, mögt Se bi us woll wän?« – Oh, was habe ich damals lügen müssen, Gott vergeb' mir meine Sünden! – Und dann immer dieselben Betrachtungen über das Wetter und die Kartoffeln und die Schweine! In manchen Häusern war's so, daß man sich kaum setzen mochte, und da sollte man dann sogar Kaffee trinken. Ich konnte es nicht herunterkriegen, mit dem besten Willen nicht. Ich flehte meinen Mann an, er sollte mich bei diesen Besuchen zu Hause lassen. Aber er sagte immer stramm nein! Liebe Frau Lohmann, Ihnen darf ich's wohl im Vertrauen sagen, er hat mir da einmal, fünf Wochen nach unserer Hochzeit, eine Szene gemacht, ich sage Ihnen, ich wäre ihm am liebsten weggelaufen, und manche junge Frau hätte es sicher getan.« * Sie hielt einen Augenblick inne. »Ja, leicht muß es nicht gewesen sein für die Geheimratstochter aus der Residenz.« sagte ihre Sofanachbarin. »Haben Sie sich denn schließlich doch einigermaßen gewöhnt?« »Und wie, bestes Kind!« sagte die alte Dame mit Nachdruck, »allmählich, durch die freundliche Hilfe unserer Lehrerfrau, kam ich hinter die Geheimnisse der Landwirtschaft. Und ich kann auch dreist behaupten, eine tüchtige Landwirtin bin ich geworden. Meine Kühe und meine Schweine nehmen es mit denen unserer größten Bauern auf.« »Das habe ich schon von meinem Schwiegervater gehört,« bestätigte die junge Frau. »Sehen Sie!« triumphierte die Pastorin. »Und allmählich gewöhnte ich mich auch, die Leute im Dorf mit den Augen meines Mannes anzusehen. Und wissen Sie, was ich da gefunden habe, als ich nur erst ordentlich die Augen aufmachte? Ich habe gefunden, unsere Lüneburger Bauern, wenn man sie nur erst recht kennt, sind die prächtigsten Menschen der Welt, wer sie wirklich kennt und sich dann noch nach den knicksenden, polierten, hohlköpfigen Frackträgern, wie sie in der Stadt in jeder größeren Gesellschaft herumscharwenzeln, zurücksehnt, der kann mir herzlich leid tun. Vor allem unsere Großbauern auf ihren alten Höfen, – wir können sie getrost Edelhöfe nennen – was sind das manchmal für Kernmenschen, für Charaktergestalten! Zum Beispiel so einer wie Ihr Schwiegervater, liebe Frau Lohmann, was ist das für ein Prachtmensch!« Die Pastorin machte eine Pause und sah die junge Frau an. »So? Meinen Sie das wirklich?« fragte diese gedehnt. »Ja, das meine ich, und mein Mann, der die Leute noch besser kennenlernt als ich, denkt gerade so über ihn.« »So ... das – freut mich.« »Der Grundzug seines Wesens,« fuhr die Pastorin fort, »ist Treue. Treue gegen der Väter Art und Sitte, Treue gegen den Geist der Familie und des Stammes, und nicht zuletzt Treue gegen den Gott seiner Väter, da haben Sie Ihren Schwiegervater, wie er leibt und lebt. Er ist konservativ bis in die Knochen.« »Erlauben Sie, Frau Pastorin, mein Schwiegervater ist durch und durch welfisch gesinnt.« »Ach ja, die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus hatte ich eben noch vergessen. Die gehört natürlich auch mit dazu.« »Ach soo ... So fassen Sie das auf ...« »Natürlich hat so ein alter, tiefgewurzelter Eichbaum auch seine Knorren und eine rauhe Borke. Sonst wäre er ja eben kein Eichbaum.« Die alte Dame warf einen forschenden Blick nach der jüngeren, die vor sich niedersah. Plötzlich wandte diese sich ihr voll zu, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie sagte: »Liebe Frau Pastorin, Sie haben hier ein todunglückliches Menschenkind vor sich. Ich bin in Lohe eine Fremde, man läßt es mich immer wieder fühlen, daß man mich als Eindringling und Friedensstörerin ansieht, man schimpft und stößt mit mir herum. Ich weiß nicht, was daraus werden soll.« Die Pastorin nahm ihre Hände und sagte herzlich: »Liebes Kind, wenn ich damals den Mut verloren hätte! Sie müssen auch den Kopf hoch halten. Sie und Ihr lieber Mann müssen nur in Liebe treu zusammenhalten. Dann kommt das andere alles von selbst.« Die junge Frau schien einen Augenblick in sich zu kämpfen. Dann sagte sie in bitterem Tone: »Ja, mein Mann! Der steht immer gegen mich auf der Seite seines Vaters.« »Soo?« fragte die Pastorin ungläubig, »wenn sie ihm da nur nicht unrecht tun?« »Sie glauben gar nicht, was er in diesen Tagen alles an mir herumgemäkelt hat. Küssen darf ich ihn nicht und singen darf ich bloß, was im Gesangbuch steht, und alles, was ich mache, ist verkehrt.« Die alte Dame lächelte. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen mal sage, wie ich über Ihren Mann denke. Sehen sie, ein ganzes Jahr hat er auf Ihrer Seite gegen Vater und Mutter gestanden, hat sogar mit ihnen gebrochen, um Ihretwillen. Die Treue gegen die Eltern und die Liebe zu seiner Braut haben miteinander in heißem Kampf gelegen. Nun geht's ja äußerlich, aber innerlich ist die Harmonie noch immer nicht völlig. Und da ist der gute Hinrich nun dabei, sie herzustellen. Er muß das Alte, an das sein Leben durch Pietät und Treue gebunden ist, mit dem Neuen, das durch Sie in sein Leben hineingetreten ist, vermitteln. Das ist's.« Sie sah ihre Sofanachbarin an. Die blickte vor sich nieder und sagte nichts. »Sagen Sie mal, warum haben Sie Ihren Mann eigentlich geheiratet?« Da hob die kleine Frau den Kopf und sagte verwundert: »Das ist mal eine Frage! Weil ich ihn lieb hatte!!« »Na, das wollte ich man meinen! Aber dann muß Ihre Liebe sich nun auch darin beweisen, daß Sie Vertrauen zu ihm haben. Das Vertrauen, daß er in den häuslichen Schwierigkeiten so handelt, wie die Dankbarkeit und Treue gegen seine Eltern und die Liebe zu seiner kleinen Frau es verlangen.« Frau Lohmann schwieg. »Noch eins,« fuhr die Frau Pastorin fort, »wir beide stammen ja wohl aus Kreisen, in denen man auf den Bauern etwas von oben herabsieht. Es muß schon eine starke Liebe gewesen sein, daß Sie trotzdem einem Bauern die Hand gegeben haben. Na, die Liebe macht bekanntlich blind. Vielleicht haben Sie im Anfang gar nicht einmal deutlich gesehen, daß Hinrich ein Bauer ist. Jetzt, in dem täglichen Zusammenleben, tritt Ihnen das immer wieder entgegen. Ich könnte mir denken, daß das für Sie manche Enttäuschung mit sich bringt. Ist's nicht so?« »Ja,« stieß die junge Frau kurz heraus. »Aber deshalb brauchen Sie nicht zu verzweifeln. Sehen Sie, Sie werden durch ihn immer mehr eine prächtige Lüneburger Bauerfrau werden, und er wird in Ihren kleinen Händen manche bäuerische Ecke und Kante verlieren. Sie sollen mal sehen, Sie machen aus dem guten Jungen, der vom Vater den freien, stolzen, treuen Sinn und von dem einzigen Mütterchen ein weiches, warmes Herz geerbt hat, auch noch so was wie einen Gebildeten. Wohl keinen Gesellschaftsmenschen, mit dem Sie auf Bällen und Promenaden renommieren könnten. Aber ganz gewiß einen Menschen, mit dem Sie sich verstehen und mit dem Sie ein reiches, glückliches Menschenleben leben können. Und das, meine ich wenigstens, ist die Hauptsache.« Die kleine Frau lächelte. Aber plötzlich wurde ihr Gesicht sehr ernst. »Bitte, liebe Frau Pastorin,« bat sie, »sagen Sie mir mal ganz aufrichtig, war's eigentlich recht von mir, daß ich mit Ihnen so über meinen Mann gesprochen habe?« Sie sah die alte Dame unsicher, wie mit bösem Gewissen, an. »Warum nicht?« sagte diese lächelnd, »den Mannsleuten gegenüber sind wir Frauen immer Bundesgenossinnen, und wenn's unsere eigenen Männer sind. Es ist gut, daß Sie sich mal ausgesprochen haben, viel besser, als wenn Sie sich in Ihre Mißstimmung hineingegrübelt hätten. So was kommt in jeder Ehe vor und schadet gar nichts. Die Hauptsache ist bloß, daß es sich nicht festsetzt, nicht einfrißt. Deshalb kann Ihre Ehe doch noch, nächst meiner mit meinem Pastor, die glücklichste Ehe in der ganzen Gemeinde Wiechel werden.« »Meinen Sie wirklich?« fragte die kleine Frau ungläubig. »Ja, das weiß ich gewiß,« sagte die mütterliche Freundin mit Überzeugung. »Wenn der liebe Gott nicht sie und Ihren Mann füreinander geschaffen hat, dann will ich überhaupt nicht mehr glauben, daß er im heiligen Ehestand seine Hand mit im Spiele hat.« Die junge Frau sah nachdenklich zum Fenster hinaus, plötzlich blickte sie die andere voll an und rief aus: »Frau Pastorin, wie können Sie einen trösten!« »Wissen sie,« fuhr die alte Dame fort, »was mein Mann mir neulich sagte, als wir von Ihrer Hochzeit nach Hause fuhren?« »Nein,« sagte die andere gespannt. »Ach nein,« besann sich die Pastorin, »ich will's Ihnen doch lieber nicht sagen.« »Nun haben sie mich einmal neugierig gemacht, nun müssen sie auch damit herauskommen,« bat Frau Lohmann schmeichelnd. »Wenn sie mir versprechen, daß sie nicht eitel werden wollen ...« »Ach, das hat bei mir wirklich keine Gefahr.« »Wissen sie, was er sagte?« »Nein, aber nun sagen sie mir's doch!« »In seinen siebenzig Jahren hätte er noch nie ein Pärchen mit solcher Freude getraut als den jungen Lohmann und seine Else.« »Das hat er wirklich gesagt?« fragte die kleine Frau und sah die Alte mit großen, verwunderten Augen an. »Wörtlich,« versicherte diese und blickte der anderen mit ihren gütigen Augen triumphierend in das liebe Gesicht. Darin las sie, daß sie das Band, das ihr Gottlieb vor sechs Wochen in der Kirche um zwei Herzen gelegt hatte, in dieser Kaffeestunde noch fester gezogen hatte. Und wieder einmal freute sich die Geheimratstochter aus der Residenz, daß sie eine Heidepastörsche geworden war, eine »Pastors-Mudder«, wie die Leute so traulich sagten. »Ich muß nun wohl hinüber, daß mein Mann nicht zu warten braucht,« meinte die junge Frau mit einem Blick auf die Uhr. »Ach was,« sagte die Pastorin, »Sie müssen ihn auch nicht verwöhnen. Wenn er Sie wiederhaben will, wird er Sie schon abholen. Kommen Sie, ich muß Ihnen doch eben noch mein Haus und die Wirtschaft zeigen.« Und sie führte ihren Besuch über die Diele, wo ihre stolzen Kühe standen, in die Küche und Speisekammer, auf den Boden hinauf und in den Keller hinab, und manche gute Lehre fiel dabei für die junge Hausfrau ab. Als sie wieder auf dem Vorplatz ankamen, öffnete sich die Haustür, und Hinrich trat steif und verlegen ein. »Na, Sie junger Ehemann Sie,« rief die Frau Pastorin ihm munter entgegen, »Sie können's wohl schon wieder nicht mehr ohne Ihre lüttje Frau aushalten?« Der junge Ehemann machte ein verwundertes Gesicht. Die Sehnsucht war, wie es schien, gar nicht so arg gewesen. »Es wird Zeit für uns nach Hause,« sagte er trocken. »Natürlich,« lachte die Pastorin herzlich, »so jungen verliebten Eheleuten gefällt's nirgends anderswo als daheim, im eigenen Nest.« Dennoch lud sie ihn ein, für ein Weilchen einzutreten. Aber er sagte, die Pferde ständen vor der Tür. Als er seiner Frau den Schlag zum Hintersitz öffnete, sagte sie: »Nein, ich steige vorne mit auf.« Der Wagen hatte das Dorf bereits verlassen, als Hinrich das Schweigen, das zwischen ihnen war, brach und fragte: »Na, wie war's bei Frau Pastorin?« Sie druckste und sagte dann: »Du, ich bin heute nachmittag schlecht gewesen.« »So?« »Ich habe mich über dich beklagt.« »Soo?« »Es tut mir leid. Es war nicht recht von mir.« »Schadet nichts. Bei der nicht.« »Ja, sie hat mir auch schön den Kopf gewaschen.« »Das freut mich, da brauche ich's am Ende nicht mehr so oft zu tun.« »Du böser Mensch du!« sagte sie und klatschte ihm auf die Hände. Die Braunen langten tüchtig aus. Bald erschien Hof Lohe im Dunkel. Trotz allem doch ein schönes, herrliches Heim und warmes Nest ... mit einem, den man liebhat, dachte sie und rückte ganz dicht an den Geliebten heran. Und als der Wagen stand, warf sie die Arme um ihn und küßte ihn stürmisch. Dann half sie ihm die Pferde ausspannen und in den Stall führen. Dann gingen sie eng umschlungen langsam über die dunkle Diele. – Und wieder sang die Nachtigall in Lohmanns Busch. Was Neues hat sie nicht gelernt, singt alte, liebe Lieder, alte – liebe – Lieder. Und doch, wenn in holder Maiennacht die alten, lieben Lieder mit süßem Schall in ein efeuumranktes Fenster hineinklingen, so wecken sie im Hall und Widerhall doch etwas Neues – süße, stillverschwiegene Hoffnungen. Und wieder ging's nach den Worten, die einst im traulichen Waldwinkel ein junges Mädchen einem jungen Bauernburschen aus dem Nachtigallen- und Rosenlied vorlas: »Sie war doch sonst ein wildes Blut, Jetzt geht sie tief in Sinnen– –« Über die Wildheit der jungen Frau hatte Vater Lohmann nun nicht mehr zu klagen. Von unverschämten oder verschämten Lippen sang sie nicht mehr, wenn sie noch einmal sang, waren es schwermütige Weisen vom Scheiden und Meiden. Auch eins von den Sterbe- und Begräbnisliedern des Gesangbuches war darunter. Einmal hatte sie einen kleinen Auftrag ihres Schwiegervaters vergessen, und sie hörte, wie dieser vor sich hinbrummte, es sollte ihn gar nicht wundern, wenn sie ihren Kopf mal aus Vergeßlichkeit irgendwo liegenließe. Da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. »Mit dat Wiewervolk kenn ener sick ut!« knurrte er hinter ihr her. Am andern Morgen, als er auf die Wiese gehen wollte, um nach dem Stauwerk zu sehen, kam Hinrich sehr aufgeregt hinter ihm her. »Wat wullt du?« fragte er, stehenbleibend. »Vader, du bist gistern abend hard gegen min Fro wän,« sagte Hinrich energisch. »So? Ick heww ehr man seggt, se schöll ehren Kopp man nich ut Vergeternheit mal liggen laten,« sagte Lohmann, spöttisch lachend. »Und se hett düsse Nacht bet Klok twölf in'n Bed weent, und sä jümmer, ick schöll mit ehr annerwegen hen trecken.« »Nanu,« brummte der Alte. »Nun geiht se woll van dat Wille up eenmal in dat Weenhaftige und Blarige öwer. Ick will di man seggen, dat is mi noch weniger to paß as dat Utgelatene.« »Vader, ick bidd' di, wäs in düsse Tied jümmer god mit ehr!« bat Hinrich. »Junge, dat bin ick ja ok,« sagte der Alte. »... Vader, freust du di ok 'n bäten?« fragte Hinrich, ihn froh ansehend. »O ja,« sagte der Vater leichthin. Hinrich wandte sich um, wobei er von einem Ellernbusch ärgerlich eine Handvoll jungen Laubes abriß. Dieses »O ja« hatte ihn verletzt. – Aber wenn Vater sich auch nicht freute, er wollte sich dadurch die Freude nicht verderben lassen. Und das wußte er ja, die liebe Mutter freute sich mit ihm. Sie sah ihn manchmal so glücklich an. Im August hatte Vater Lohmann seinen Geburtstag. Es war in Lohe keine Mode, daß man sich dazu beschenkte. Aber die Fremde, die sich um die Moden so wenig kümmerte, schenkte dem Geburtstagskinde an diesem Tage einen strammen Enkelsohn. Der Beschenkte ging hin, um sich zu bedanken. Als er in den halbdunklen Raum mit den niedergelassenen Vorhängen trat, fragte ihn eine schwache Stimme: »Freust du di ok, Vader?« »Jawoll freu ick mi,« lautete die Antwort. Hinrich, der auch in der Kammer war, freute sich über den Ton, in dem sie gegeben wurde. Es klang doch anders als das »O ja« vor einigen Monaten. »He schall nu auch ganz din Junge sein,« sagte die leise Stimme wieder. »Kind, kannst du up eenmal platt snacken?« rief Vater Lohmann überrascht. Aus dem Halbdunkel lächelten ihm ein paar große, braune Augen glücklich entgegen. »Vader,« nahm jetzt Hinrich das Wort, »se hett dat so ünner us van mi leert. Ick heww faken oft School mit ehr holen.« »Kinners, Kinners!« rief der Alte verwundert. »Wi beide wollen di dat to dinen Johresdag schenken, dat denn wedder een Sprak bi uns wän schöll,« sagte Hinrich. »Ganz ut'n ff kann ick de Sak noch nich, Vader,« ließ sich jetzt wieder die junge Frau vernehmen, »wenn ick noch mal vorbigreife, mußt du Geduld hewwen!« »Och ja, dat schall sick woll helpen. Abers nu rauh di man erst örndtlich ut!« Vater Lohmann besah sich noch einmal sein kleines Geburtstagsgeschenk, das in einem hübschen Wagen lag – man hatte ihn gar nicht gefragt, er wäre für eine Wiege gewesen –, dann ging er nachdenklich hinaus. Hinrich, die junge Mutter und Großmutter wechselten glückliche Blicke. Dann folgte letztere ihrem Manne. Auf dem Flett traf sie ihn, wie er vor dem Fenster stand und nachdenklich auf den Hof hinaussah. Leise trat sie an seine Seite und sagte: »Vader, se is würklich 'n gode Deern.« »Och ja,« sagte er, ohne seine Frau anzusehen, »will ick ok nich seggen; se meent bat ja am Enne gor nich slecht.« Am nächsten Sonntag, vor der Predigt, wurden in Wiechel zwei Kinder vor den Altar getragen, eins in kurzem, verblichenem Kattunröckchen – eines Hauslings achtes Kind – und das andere in einem langen, weißen, mit Spitzen besetzten Musselinkleide. Dieses gab die Hebamme dem verlegen dreinschauenden Bauersmann auf den Arm, der mit steifen Schritten aus dem Kirchenstand des Lohhofes vor den Altar getreten war. Und steif wie ein Stock, den Blick gesenkt, stand Vater Lohmann vor der ganzen Gemeinde da. Wie hatten die Frauensleute ihm das kurze End' von Mensch herausgeputzt! Rein wie eine Jahrmarktspuppe! Wenn der Junge bei seiner Konfirmation so lang war wie jetzt sein Kleid, konnte man froh sein. Der alte Pastor taufte ihn Jürgen Anton. Dabei gingen dem großen Jürgen allerhand wunderliche Gedanken durch den Kopf. Es geht doch nirgends närrischer zu als in der Welt. Da wohnen zwei Menschen als Nachbarn, die in jedem Stück just das Widerspiel voneinander sind, die sich nicht über die Schwelle gehen und sich am liebsten fressen möchten. Und nun ist da auf einmal ein kleines strampelndes, krähendes Menschenkind, das von dem einen der feindlichen Nachbarn just so viel in sich hat als von dem andern. Und die Namen der beiden dazu! Es ist wirklich zu närrisch, wie's in der Welt zugeht ... Jürgen Anton! Was mag bloß aus dir werden? Ein Anton Riewitz oder ein Jürgen Lohmann? Welches Blut wird sich als das stärkere erweisen? Das alte, gute, treue Niedersachsenblut oder das leichtfertige, windige Preußenblut? Diese bangen Fragen waren es ja eben, die in dem Herzen des Großvaters keine rechte Freude an dem Enkelkinde aufkommen ließen. Jürgen sollte der Bengel ja gerufen weiden. Aber wie oft lügen die Namen! Ob's nicht doch mehr ein Anton wurde? – Anton! Was für'n putziger Name! Er kam gewiß in all den dicken Kirchenbüchern, die der Pastor in seiner Stube hatte, noch nicht vor. Achjajija ... Sechs Wochen später setzte Hinrich Lohmann wieder seinen Hochzeitszylinder auf und fuhr mit seiner Frau zur Kirche. Seit der letzten Kirchfahrt mit ihr, wie hatte sich die Welt und das Leben da wieder geändert! – In Lord Stallboms Entreezimmer hatte die junge Mutter sehr diskrete Fragen zu beantworten und mannigfaltige Ratschläge entgegenzunehmen. Aber sie nahm das den Bauernfrauen ebensowenig übel wie nachher der liebenswürdigen alten Pastorin. Sie fühlte, daß aus dem allem mütterliche Sorge für sie und ihren Liebling daheim sprach. – Als die beiden wieder in den Wagen stiegen, bat sie Diedrich, schnell zu fahren. Sie sehnte sich nach dem kleinen Jürgen, von dem sie so lange noch gar nicht getrennt gewesen war. »Er ist doch auch ein rechtes Gottesgeschenk,« sagte sie zu ihrem Manne. Der sah sie groß an. Über die Predigt des ersten Kirchganges hatten sie nie ein Wort miteinander gesprochen. Nun verrieten ihre Blicke, daß sie noch in ihnen beiden lebendig war. Zwei Gottesgeschenke, dachte Hinrich, und er wußte nicht, welches von beiden ihm lieber war. – Mudder Griep, die Hebamme, hatte gleich nach der Geburt des Jungen mit der ihr eigentümlichen Bestimmtheit erklärt, er sei ganz der Großvater. Die Frauen aus der Freundschaft, die nach und nach zum Wochenbesuch kamen, bestätigten das. Aber Vater Lohmann lehnte das als »ölen Wiewersnack« verächtlich ab. Das dumme Vierteljahr war längst vorüber, das Gewicht des kleinen Lohmännchens hatte sich verdoppelt, seine Patschhändchen griffen nach der Klöterbüchse, und mit Schmerzen brach der erste Zahn sich ein Loch. Da sprach eines guten Tages der alte Pastor auf Lohhof vor. Er traf den jüngsten Bewohner just auf den Armen des Großvaters, und sofort fing auch er mit vergleichenden Gesichtsstudien an. Er begann mit den alten und jungen Augen, ging darauf zu den Nasen über, die in ihrer Eigentümlichkeit des näheren charakterisiert wurden, und schloß endlich mit Mund und Kinn. Das Ergebnis war die Feststellung, daß der kleine Jürgen einmal akkurat so aussehen würde wie der große Jürgen. Seinem Pastor widersprach Vater Lohmann nicht wieder. Nachdem er damit einmal so angelaufen war, hielt er es für das beste, ihm nicht nur in geistlichen, sondern auch in weltlichen Dingen zu glauben. So glaubte er ihm denn auch die eigene Ähnlichkeit mit dem Großkinde. Als das kleine Kerlchen anfing, vernünftig zu babeln, brachte es als erstes die Laute O-pa heraus. Das hatten nicht etwa die andern dem Großvater vorgeschnackt – ihnen allen hätte er in dieser Sache nicht getraut, nicht einmal Muttern –, nein, er hatte es mit seinen leiblichen Ohren gehört. Bald darauf antwortete Klein-Jürgen auf die Frage: »Wen sin Jung bist du?« mit »Opa Jung«. Dazu ampelte er nach ihm mit Händen und Füßen und lallte: »Opa Arm.« Bisweilen mußte aber auch die Mutter ihre Rechte an dem Kinde geltend machen, obgleich dieses nichts als Opa-Jung sein wollte. Sonst hätte der Großvater am Ende selbst verdorben, was, wie es schien, das fremde Blut nicht verdorben hatte. Um diese Zeit fing der »Tweets-Mann«, Diedrich, an, mit einer großen Bauerntochter zu freien. Diese war so recht eine nach dem Herzen des Vaters, wenn die einmal Frau in Lohe werden könnte, ja, das wäre noch was. Eine Fremde blieb Hinrichs Frau ihm doch immer, trotzdem sie sich in manches geschickt hatte, ein leidliches Plattdeutsch sprach, und es im Grunde auch wohl ganz gut meinte. Und nach der Abmachung in Hannover konnte er den Hof ja ebensogut Diedrich geben als Hinrich. Aber leider, dann zog auch der kleine Jürgen mit seinen Eltern fort, und ohne ihn konnte der Alte sich den Lohhof denn doch nicht mehr recht vorstellen. Als der Junge zwei Jahre alt war, hatte Vater Lohmann noch immer keinen endgültigen Entschluß gefaßt. – Um diese Zeit geschah es, daß der Würgengel der Kinder, die Diphtheritis, durch die Heide zog. Fast jeden Tag läutete in Wiechel die Kinderglocke, und ohne Gesang – der Landrat hatte wegen der Ansteckungsgefahr die Begleitung durch die Singjungens verboten – wurde eine kleine Leiche nach der anderen in den Gottesacker gebettet. Ein Bauer in der Nachbarschaft von Lohe verlor in fünf Tagen seine drei blühenden Kinder. Auch über dem Häuslingsjungen in dem abgetragenen Kattunröckchen, der zusammen mit Jürgen aus der Taufe gehoben war, wölbte sich schon ein kleiner Hügel. Vater Lohmann hatte all seiner Lebtage nicht an Ansteckung geglaubt. Dennoch freute er sich in diesen Tagen, daß sein Hof einsam in der Heide lag. Und wenn ein Fremder in dem Hause zu tun hatte, hielt er ihn von dem Kleinen ängstlich fern. Endlich schien die Seuche ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Der bleierne Druck, der seit Wochen auf allen Eltern- und Großelternherzen gelastet hatte, begann zu weichen. Da nahm Großvater Lohmann eines Abends seinen Jungen auf die Knie und spielte mit ihm. Er nahm seine rechte Hand, faßte die kleinen Finger, vom Daumen beginnend, der Reihe nach an und sagte dazu: »Lusknicker, Puttenlicker, Langmeier, Goldfinger, Lüttfinger.« Er wollte diesen Scherz wiederholen, aber der Junge zog die Hand zurück und sagte: »Nee.« Da nahm der Großvater sein rechtes Beinchen, klopfte mit der flachen Hand unter die Sohle und sang dazu: »Putt putt putt putt Perd beslahn, Morgen schall't na Hamborg gahn.« Aber Jürgen strampelte mit den Beinen und wehrte mit den Händen ab. Da legte der Alte ihn der Länge nach über seine Knie, fuhr ihm mit der Hand kitzelnd an den Hals und sang: »Farken sieken, Wüstken maken, Dat schall seggen quiek, quiek, quiek.« Sonst quietschte der Junge dabei vor Vergnügen und bettelte, mit den Händen nach Opas Backe langend: »Opa mal, Opa mal!« heute machte er ein weinerliches Gesicht, fühlte sich an den Hals und sagte: »Wehweh.« Dem Großvater fuhr der Schreck so in die Glieder, daß seine Knie zitterten und er nachgreifen mußte, um das Kind auf dem Schoß zu halten. Dann griff er ihm nach dem Puls. Aber er fand diesen nicht. Sein eigener Pulsschlag war zu ungestüm, und den abgearbeiteten, harten Bauernhänden fehlte der feinere Tastsinn. Den Jungen an sich drückend, wankte er nach dem Anrichteschrank und kramte ein Löffelchen heraus. Mit vielen Schmeichelreden und Bitten brachte er das todmüde Kind dahin, das Mündchen zu öffnen, und die Zunge mit dem Löffel niederhaltend, blickte er hinein. Du barmherziger Gott! Gelblichweißer Belag im Schlunde von der Größe eines Halbgroschenstücks. »Hinrich!« schrie er, sich von dem Kinde weg zur Tür streckend. Statt seiner kamen die beiden Frauen angestürzt, wenn Vater, der gemessene, ruhige Mann, so rief, hatte man Ursache, zu laufen. Er gab das Kind der Mutter und sagte: »Bring em forns to Bed, he is krank.« Zu seiner Frau sagte er: »Mudder, hal mi gau 'n Köppken voll rein Water!« Er selbst lief an den Wandschrank und riß die homöopathische Hausapotheke heraus. Schon vor Wochen hatte er sich aus einem Doktorbuch über diese Krankheit unterrichtet und gelesen, daß Mercurius cyanatus bei ihr Wunderdinge täte. Für alle Fälle hatte er sich damals gleich dieses Wundermittel unter all den gleichartigen Fläschchen durch ein Zeichen angemerkt. Nun riß er es heraus und ließ die vorgeschriebene Zahl von Tropfen in die Tasse fallen. Halt! Es ist beim Zittern seiner Hände einer zuviel geworden. Mutter Lohmann muß die Tasse ausgießen und sie von neuem mit Wasser füllen. Endlich kann er die nach Vorschrift bereitete und mit der Untertasse verdeckte Arznei in das Schlafzimmer der jungen Leute tragen. »Feine War', makt Opa-Jung wedder bäter,« sagte er schmeichelnd, indem er an den Kinderwagen trat. »Vater, wir müssen sofort den Doktor holen,« sagte die junge Frau. In der Aufregung gebrauchte sie wieder ihre hochdeutsche Muttersprache. »Den Allopathen starwt de Kinner so ünner de Hannen weg,« versicherte der Alte. »Düt helpt jümmer. Alle halwe Stunn 'n Läpel vull, god ümröhren und god todecken!« Damit reichte er dem kleinen Patienten die Medizin, einen stillen Seufzer zum Herrgott schickend, daß sie gut anschlagen möchte. Hinrich, den man vom Felde geholt hatte, trat nun auch in das Zimmer. Und wieder sagte die junge Mutter: »Wir müssen den Doktor holen.« Aber Hinrich sowohl wie seine Mutter glaubten felsenfest an Vaters Arzneikunst. Seit mehr als zehn Jahren hätte er mit der kleinen Apotheke durch Gottes Hilfe alle Krankheiten auf dem Gehöft geheilt. Der Doktor wüßte gar nicht, wie's in Lohe aussähe, wenn überall zur rechten Zeit dieses rechte Mittel angewandt wäre, hätte die Seuche sicher nicht so viele Opfer gefordert. Da faßte endlich auch die junge Frau Glauben und fügte sich. Die ganze Nacht saß sie an dem Bett des Kindes, und alle halbe Stunde flößte sie ihm einen Teelöffel der Arznei ein. Im Zimmer nebenan saß der Alte. Kein Wink kam in seine Augen. Vor ihm auf dem Tisch lag die aufgeschlagene Bibel und die Taschenuhr, sooft der große Zeiger einen halben Umlauf vollendet hatte, schlich er leise auf Socken in die Kammer, flüsterte: »Du mußt wedder ingeben!«, fragte: »Wat makt de Lüttje?«, um jedesmal die Antwort zu empfangen: »He slöppt.« Dann schlich er wieder an seine Bibel. Vom Lesen wurde zwar nicht viel. Aber es war ihm eine Beruhigung, dieses Buch, in dem seines Herrgotts herrliche Verheißungen alle drin standen, in seiner Nähe zu haben. Am andern Morgen mußte auch ein Blinder sehen, daß die Krankheit sich verschlimmert hatte. Das Kind war kaum mehr zu bewegen, ein Wort zu sprechen. Für die Spielsachen, die Großvater heranschleppte, hatte es kein Auge. Die Wangen glühten im Fieber. Der Atem ging schwer und zeitweise röchelnd. »De Krankheit,« tröstete Vater Lohmann, »will sick erst utarbei'en. Mercurius helpt gewiß.« Aber so zuversichtlich klangen seine Worte nicht mehr als gestern abend. Das Kind hatte wieder mit Atemnot zu kämpfen. Da fuhr seine Mutter herum, sah die Eltern und ihren Mann mit wirren Augen an und sagte in wilder Angst: »Seht ihr's denn nicht, Jürgen erstickt ja ... Ihr mordet mir mein Kind mit eurer Quacksalberei!« Die anderen standen ratlos und sahen angstvoll auf den schwer kämpfenden kleinen Liebling. Der Alte blickte nach der Uhr, ob noch nicht wieder Zeit wäre, einzugeben, plötzlich trat die Mutter unmittelbar vor ihn hin, hochaufgerichtet und blitzenden Auges, und schleuderte ihm ins Gesicht: »Du hast die Verantwortung, wenn der Junge stirbt!« Einen Augenblick hielt er ihren Blick aus, dann wandte er sich, verließ mit langen, leisen Schritten das Zimmer, rannte über die Diele, riß die Pferde aus dem Stall und jagte in wahnsinniger Fahrt in zwanzig Minuten nach Wiechel. Dem Arzt ließ er keine Zeit, den Wagen anzuspannen. Nach einer Viertelstunde donnerte er mit ihm über das Steinpflaster auf den Hof. Im Sprung ist er vom Wagen herunter, der Doktor ist ihm gar nicht eilig genug: »Bitte, bitte, Herr Doktor, schnell!« Die beiden gehen über die Diele, vier, fünf Schritte ist Lohmann immer vorauf, dann bleibt er wieder stehen und treibt den Arzt zur Eile. Nun treten sie in das Zimmer des kleinen Patienten. »Wo geiht 't?« fragte der Bauer angstvoll. »Slecht,« flüsterte Mutter Lohmann. »Ja, sehr schlecht.« bestätigte der Arzt nach einem Blick auf das Kind. »Es droht Erstickungsgefahr. Wir müssen einen Versuch mit der Tracheotomie machen.« »Wat is dat?« fragte Lohmann und wischte sich dicke Tropfen Angstschweiß von der Stirn. »Luftröhrenschnitt,« erklärte der Arzt kurz. »Nee, nee,« schrie der Bauer, sich windend, »dat kann ick nich lieden, dat Se mi dat Kind vor mine Ogen dodstäkt.« Er hatte gehört, daß in Wiechel ein Kind bald nach dieser Operation gestorben war. Der Arzt zuckte die Achseln und sah nach dem Gesicht des jungen Bauern. Der stand fassungs- und ratlos da. Seine Mutter hing zusammengebrochen auf einem Stuhle. Da hob die junge Frau, die tief über ihr Kind gebeugt an seinem Bettchen saß, den Blick, sah den Arzt ruhig an und sagte: »Herr Doktor, tun sie, was Ihre Pflicht ist.« Der Arzt fing an, seine Vorbereitungen zu treffen. Als er sein Operierbesteck öffnete und die blanken Messer zum Vorschein kamen, wankte der alte Lohmann auf ihn zu, hielt seine Hände fest und rief verzweifelt: »Nee, nee, nee, Herr Doktor!« Der Arzt fragte, ungeduldig werdend: »Meine Herrschaften, wer hat hier denn nun eigentlich das Regiment?!« Da trat die junge Frau vor ihren Schwiegervater hin, richtete sich auf, daß sie fast so groß war als er, und sagte, ihn fest anblickend: »Vater, das Kind ist mein Kind. Ich habe es mit Schmerzen geboren.« »Aber ick kann't nich mit ansehn,« jammerte der große, starke Mann. »Dann gehe hinaus, Vater,« gebot sie und wies mit der Hand nach der Tür. Er sah ihr wie abwesend in die gebieterischen Augen und machte ein paar Schritte nach der Tür zu. Dann blieb er stehen und sah auf das schwer röchelnde Kind und konnte sich nicht trennen. Da nahm die Schwiegertochter sanft seinen Arm und führte ihn hinaus. Mit namenloser Angst lief er unten auf der Diele auf und ab, die Augen auf die Stubentür geheftet, aus der sie ihn herausgebracht hatte. Er sah im Geiste, wie der Arzt das Messer scharf machte, es ansetzte, er hörte, wie sein Liebling aufschrie und verröchelte. Und immer wilder wurde sein Hinundherlaufen. Drüben die Tür wurde geöffnet, es lief jemand schnell über das Flett in die Küche, der Arzt kam eiligst hinterdrein und rief ihm etwas nach. Da hielt Vater Lohmann es im Hause nicht mehr aus. Er stürzte hinaus. * Draußen in der frischen, regenerfüllten Herbstluft wurde er ein klein wenig ruhiger. Unter den Hofeichen, in denen der Sturm brauste, wanderte er mit schweren Schritten auf und ab. Zuweilen blieb er stehen, ließ sich den Regen ins Gesicht treiben und legte den zum Zerspringen vollen Kopf an einen der rauhen, naßkalten Eichenstämme. Und unaufhörlich betete er. Bald murmelte er vor sich hin, bald bewegte er stumm die Lippen, und dann wieder schrie er in das Brausen des Eichwaldes hinein: »Herr Gott, leewe himmlische Vader, lat mi düssen Jungen, allmächtige barmherzige Heiland, du hörst de Gebette van dinne Kinner, giww mi düt leewe Kind wedder!« – sonst redete er ja hochdeutsch mit dem Herrgott, aber in dieser halben Stunde unter den Eichen, die ihm eine Ewigkeit dünkte, in den Lauten seiner Muttersprache. Was er betete, das kam unmittelbar aus seinem gequälten Herzen, und es war keine Zeit, es im Kopfe erst ins Hochdeutsche zu übersetzen. Der Wagen des Arztes war inzwischen eingetroffen, dieser aber noch immer im Hause. Endlich, endlich tritt er aus der Missentür, von Hinrich begleitet. Im Nu ist der Alte bei ihnen. »Lewt he noch?« fragte er mit bebenden Lippen. »Natürlich lebt er,« sagte der Arzt, den großen Mann etwas geringschätzig von der Seite ansehend. »Bliwt he an't Leben?« forschte dieser weiter. »Müssen wir abwarten,« war die ruhige Antwort. »Viel wird darauf ankommen, daß meine Anordnungen genau befolgt werden. Aber die Sache liegt bei Ihrer Schwiegertochter in den besten Händen. Zu der gratuliere ich Ihnen. Da hat Ihr Junge einen guten Griff getan. Wo euch beiden baumstarken Kerls das Herz in die Hosentasche fällt, da hat sie sich als eine Heldin gezeigt. Adieu, ich hoffe, daß Sie Ihren Jungen behalten. Jehann, nu man to!« Vater Lohmann trat leise und verlegen in das Krankenzimmer. Das erste, worauf sein Blick fiel, war ein blutbeflecktes Handtuch, das auf der Fensterbank lag. Er wandte jäh den Kopf zur Seite, kalt überlief es ihn. Die Schwiegertochter bemerkte das und nahm das Tuch still hinweg. Der Alte scheute ihren Blick, aber sie schien ihn gar nicht zu sehen. Um so mehr mußte er auf ihr Tun achten. Sie zündete ein Spiritusflämmchen an und ließ das Kind aus einer Kochsalzlösung durch die Kanüle inhalieren. Wenn sich in dieser pfeifende, röchelnde Töne vernehmen ließen, rang er die Hände. Aber sie nahm die Glasröhre heraus, reinigte sie und schob sie mit sicherer Hand wieder in die Wunde. Vater Lohmann konnte das nicht mit ansehen und mußte wegblicken. Wie sie das nur so fertigbrachte! Seine eigene Frau hätte das nicht so gekonnt. Und aus seiner ganzen Freundschaft keine einzige. Er kam gar nicht aus dem Verwundern heraus. Rasse hatte die Fremde doch. Zuweilen bat sie ihn, irgendeinen kleinen Dienst zu verrichten. Dann war Vater Lohmann die Sorgfalt und Geschäftigkeit selbst. Und wenn sie dann freundlich »Danke« sagte, dann freute er sich sehr und sagte einige Male sogar »Bitte«. Zufällig entdeckte er die Arzneifläschchen aus seiner Hausapotheke in einem Versteck, in dem man sie vor den Augen des Arztes verborgen hatte. Er pirschte sich vorsichtig heran und schob die Gläser verstohlen in die Tasche, um sie an die Seite zu schaffen. Das Unglück wollte, daß in diesem Augenblick just seine Schwiegertochter hersah, und der Ertappte wurde rot. Aber sie hatte blitzschnell den Kopf gewandt und tat, als ob sie nichts gesehen hätte. Darüber freute Vater Lohmann sich. Sie hatte doch auch Lebensart. Am Abend kam der Doktor wieder. »Ich habe jetzt gute Hoffnung,« sagte er, »Sie haben Ihre Sache ausgezeichnet gemacht, Frau Lohmann.« »Ja, das hat sie ganz gewiß,« bestätigte Lohmann. Das klang zwar etwas verlegen, aber in dem Blick, mit dem er seine Schwiegertochter ansah, lag Respekt und sogar ein klein wenig Stolz. Am Mittag des folgenden Tages sah der Arzt wieder nach dem kleinen Patienten. Und nun reichte er der Mutter die Hand und sagte: »Ich gratuliere Ihnen, Ihr Junge ist gerettet. Einige Tage lassen wir ihn noch durch die Kanüle atmen, dann nehmen wir sie heraus, und die Wunde ist in gut acht Tagen verheilt. Ich muß Ihnen noch mal mein Kompliment machen. Die beste gelernte Krankenpflegerin hätte ihre Sache nicht besser machen können.« Hinrich geleitete den Arzt hinaus. Die junge Frau schaute mit stummer Freude auf den geretteten Liebling, dessen große Augen schon wieder lächeln konnten. Plötzlich fühlte sie sich von starken Armen umschlungen und von ein paar groben Lippen, die dazu gar nicht eingerichtet schienen, geküßt, und eine gebrochene Stimme schluchzte: »Min leewe beste Kind!« Da öffnete sie die Arme, drückte den schluchzenden Mann an sich und rief: »Vader!« So hatte sie ihn schon immer genannt, und doch noch nie so. Das war eine glückliche Stunde. Das Leben des Kindes hatte sie wieder und das Herz des Vaters dazu. So fand der zurückkehrende Hinrich sie. Der Vater weinend und küssend? ... Sollte die Welt untergehen? Eine Sekunde stand er starr vor Verwunderung. Dann breitete er seine mächtigen Arme aus und umschlang die Gruppe. Und Mutter Lohmann stand dabei, und ihre kleinen grauen Augen wurden immer größer und fingen an zu leuchten. Auf einmal füllten sie sich mit Tränen. Und in den Tränen leuchtete ihre Freude noch schöner. Die Gefühle, die auf dem Lohhof durch Sitte und Mode sehr gehegt und gehalten wurden, hier brachen sie einmal mit stürmischer Gewalt durch die Hecken und Zäune hindurch. Mutter Lohmann hatte doch recht gehabt, wenn sie immer sagte, Vater hätte einen eisernen Kopf, aber ein weiches Herz. Endlich, endlich hatte das Herz über den Kopf gesiegt. Und nun sahen vier glückliche Augenpaare auf das kleine Kerlchen, das dieses alles fertiggebracht hatte. So verständig und glücklich sah es aus, als wäre es sich seines Sieges, der seelenverbindenden Macht seiner kleinen Persönlichkeit, völlig bewußt. Zuerst löste sich der Alte aus dieser Gruppe. Es wurde ihm nachgerade etwas viel. »Hinrich,« sagte er, indem er sich die Augen mit dem Rockärmel trocknete, »kumm mal mit rut!« »Hinrich, wat ick man seggen wull,« sagte er, draußen angekommen, »annern Middewäken föhrst du mit mi up't Amt. Dor lat ick di den Hoff toschriewen ... Hinrich, du hest'n Fro kregen, dor kannst du unsen Herrgott gor nich genog för danken.« – Mit der Hofübergabe hat sich in Lohe nicht viel geändert, nur daß die Last der Verantwortlichkeit auf den jüngeren Schultern liegt. Die Alten und Jungen leben nach wie vor in gemeinsamem Haushalt, und das Verhältnis ist niemals ernstlich getrübt worden. Wenn Hinrich Lohmann etwas wichtiges vorhat, berät er sich erst mit seiner Frau und darauf mit seinem Vater, oder auch in umgekehrter Reihenfolge. Erstere ist die vorwärtstreibende, letztere die zurückhaltende Kraft. Und beim Zusammenwirken beider Kräfte trifft Hinrich meist das Richtige. Hinrich Lohmann ist ein niedersächsischer Bauer geblieben, und Else Lohmann, geborene Riewitz, ist eine niedersächsische Bauernfrau geworden. Freilich, das läßt sich nicht leugnen, in diesem und jenem sind sie anders als die auf Rungen-, Dierks-, Swiebertshof, und wie die Vollhöfe der Umgegend sonst heißen. Aber »lateinische Bauern« schimpft sie deshalb doch kein Mensch, denn jedermann weiß, schlichte, kernhaft tüchtige und fromme Heidjerleute sind auch sie. In jedem Jahr lockt so ein schöner, warmer Sonntagnachmittag im Blütenmond sie mit ihren Kindern in den Wald, zum Thymianhügel am Bach. Da lauschen sie auf die lieben alten Lieder der Nachtigall, die nach wie vor die Loher Büsche mit ihrem süßen Schall, im Hall und Widerhall, erfüllt. Aber noch lieberer Schall ist ihnen das Gejauchze ihrer Kinder, die mit ihrem treuen Gefährten Jung-Karo – der alte treue Ehestifter ist nicht mehr – im Walde spielen. Wenn die beiden da an ihrer alten, lieben Stätte weilen, brauchen sie sich keine Gedichte mehr vorzulesen, um das Glück dieser Stunden zu genießen. Ihr ganzes Leben kommt ihnen ja vor wie ein einziges wunderschönes Gedicht. Auch reden sie meist nicht viel. Die Zeiten, da sie alles, was sie wußten und nicht wußten, auspacken mußten, um Eindruck aufeinander zu machen, sind vorüber, und die gegenseitige Erziehungsarbeit ist zur Hauptsache getan. Jedes weiß, was es an dem Gottesgeschenk da neben sich auf der Thymianbank hat, und an den Gottesgeschenken, die drüben im Walde jubeln. Wenn sie sich einmal in die Augen sehen, ist darin ein stilles, glückliches Leuchten. Und Gottes Sonne, die in den heimlichen Waldwinkel schaut, sieht das Schönste, was sie auf ihrer weiten Reise um die Welt zu sehen bekommt, zufriedene, glückliche Menschen, die durch gleiches Lieben, Glauben und Hoffen verbunden sind und mit keinem Glücklichen tauschen würden, weil sie sich selbst für die Glücklichsten halten. Großmutter Lohmann hat viel Unruhe. Das kleine Volk hat sie nun einmal so schrecklich lieb und setzt ihr mit Zärtlichkeiten, Fragen und allen möglichen Anliegen arg zu. Trotzdem sieht Großmutter Lohmann frischer und jünger aus als einst Mutter Lohmann in den kritischen Jahren vor dieser Würde. Das böse Hartpuckern ist fast ganz verschwunden, und das »Achjajija« ist zwar häufiger denn je, hat aber meistens einen humoristischen Beigeschmack. Denn fast immer sind's die Kleinen, die's ihr abzwingen. Großvater Lohmann redet nicht mehr so viel von der guten alten Zeit. Er findet, daß sich auch in der neuen Zeit, wenigstens auf Hof Lohe, ganz gut leben läßt. Das kommt wohl vor allem von den Enkelkindern, die seine ganze Freude sind. Daß ihre Mutter sie etwas feiner herausputzt, als bisher in Lohe Mode gewesen ist, ärgert ihn nicht. Er freut sich, daß sie die netten Höschen tüchtig kaputtreißen, und seine Schwiegertochter viel mit Nadel und Zwirn umgehen muß. Das hat sie dafür! Wenn er dem Ältesten, der schon in die Schule geht, abends vorm Zubettgehen seine Lektion abhört, muß er sich immer wieder über seinen offenen Kopf wundern. So begabt sind seine eigenen Jungens nicht gewesen. Der selige Pastor, dem sein Herzenswunsch, in den Sielen zu sterben, in Erfüllung gegangen ist, hat also mit seiner Prophezeiung recht behalten: das fremde Blut hat den alten Lohestamm aufgefrischt. Was von dem Großvater Anton Riewitz in dem jungen Jürgen Lohmann drin ist, das wird ihn durchaus nicht hindern, einmal ein tüchtiger Lohbauer zu werden. Davon ist Großvater Lohmann jetzt fest überzeugt. Von der Politik hat Vater Lohmann sich mehr zurückgezogen. Er will auf seine alten Tage Ruhe haben. Die Stelle des Vertrauensmannes der althannoverschen Partei hat der Sohn nicht übernehmen wollen. Er interessiert sich auch jetzt noch nicht recht für Politik, und seine Frau, die einst dafür schwärmte, hat dieser Schwärmerei längst entsagt. Der einst verwachsene Fußpfad zwischen den Nachbarhöfen ist wieder gangbar. Mit dem neuen Besitzer von Delmsloh halten Lohmanns gute Nachbarschaft, obgleich er nicht plattdeutsch spricht und kein geborener Heidjer ist. Delmsloh ist unter ihm recht in die Höhe gekommen. Auch der alte Lohmann geht gern mal hinüber und hat seine Ansichten über »düsse Art« sehr korrigieren müssen. Er hat eingesehen, daß auch das Land des bösen Bismarck ausnahmsweise Menschen hervorbringen kann, mit denen leidlich zu leben ist. Sonst führt der Heidehof Lohe unter seinen alten Eichen wie von jeher sein Eigenleben für sich, das von Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht geregelt wird. Ein »großes«, ein »bedeutendes« Leben ist es ja nicht, aber dennoch ein reiches Leben. Reich an Mühe und Arbeit, aber auch reich an Frieden und Fröhlichkeit, was die da draußen, wo die Welt anfängt, schreien und schreiben, lieben und hassen, hoffen und fürchten, es dringt nicht in seine weltferne Heideeinsamkeit. Wer weiß aber? Vielleicht sendet der uralte Heidehof einmal ein paar stramme, braune Jungens hinaus in die Welt, die Mark in den Knochen und Kraft und Treue in der Seele haben. Die werden dann schon ihren Mann stehen und auch im Getümmel der Welt dem Hof ihrer Väter in der Heide Ehre machen. Und wohl manchen Hof gibt's noch in der braunen Heide, im schwarzen Moor und in der grünen Marsch, auf dem deutsche Bauersleute hausen, die am guten Alten in Treue halten, aber doch sich kein Brett vor den Kopf binden, um das gute Neue nicht zu sehen. Und solange das so bleibt, wird's auch bei dem bleiben, was an jenem leuchtenden Septembernachmittag, als auf der Haltestelle Elldingen der junge Ulanenreservist Hinrich Tohmann aus dem Zuge in den gelben Kies des Bahnsteiges sprang, der alte, so fein und stolz lächelnde Herr in der zweiten Klasse der alten Dame ihm gegenüber zuträllerte: Lieb Vaterland, magst ruhig sein. –