Der mysteriöse Cavalier und andere Novellen Rudolph Stratz Der mysteriöse Cavalier Aus der Chronik des letzten Reichsstandesherrn von Palmingen ... So kamen, wie mit dem Westwind die grauen Wolken, die grauen Sorgen über den Rhein, seitdem Buonaparte und die Franzosen an seinem linken Ufer ihre Zelte aufgeschlagen, und flogen hinüber in das Reich und bis in die einsamen Wälder und Berge rechts vom Rhein, in denen, mit vielen anderen edlen Häusern, auch mein altes und distinguiertes, glaubhaft von Äneas stammendes, alle Zeit mit Rothwachs- Freiheit und dem Prädikat: »hoch- und wohlgeboren« begabtes Geschlecht, seit tausend Jahren frei, nur Seiner römischen Majestät in Wien und sonst Niemandem unterthan, gesessen und väterlich über nun, zu meinen, des Grafen Florentin VII., Zeiten nahe an achthundert Stück Unterthanen regieret. Und wie aller irdische Glanz und Gloria einmal endet, so sollte nunmehr, nachdem wir seit etlichen sorgenvollen und betrübten Jahren mit anno 1800 ein neues Säculum begonnen, der erlauchte Stamm mit mir ausgehen und absterben, dessen über die gemeine Menschheit erhabenes Haupt schon im Spiegel den Schnee des Alters aufweist, wenn mir beim Lever mein Kammerknecht Pompeo Orlandi die Perrücke aufstülpt. Es weht Herbst in der Luft, wie draußen der Sturm durch meine Wälder geht und der Regen prasselt. Wir sind am Ende des heiligen deutschen Reiches. Es giebt keinen deutschen Kaiser mehr über uns, die aus Urzeit semperfreien Reichsstände und Souveräns, dergleichen meine Vorfahren aus eigenem Recht auf dem Reichstag zu Regensburg durch die Jahrhunderte auf der fränkischen Grafenbank ihre Kuriatstimme geführt. Es giebt nur noch einen dem Meer entstiegenen wälschen Kaiser und seine bewaffneten Völker am Rhein. Oh Ihr Herzöge von Weilheim und Usingen – oh Ihr Salme – oh Ihr alle, die Ihr in Napoleons Antichambre den Mamelucken um den Bart geht und den Frauen seiner Marschälle in Paris im Boudoir beim Schälchen Chocolate schmeichelt – oh Ihr sechzehn Unersättlichen, die Ihr mit dem Korsen den Rheinbund wider das Reich statuiert – Ihr Kleinen und – wehe! – Ihr Großen – Ihr neuen teutschen Könige und Großherzöge! Ihr rafft Eure Reich' und Lande zusammen, indem Ihr gierig uns ehrwürdige und altersgraue Herrlichkeiten verschlingt – Äbte und Reichsgrafen, Bischöfe und Fürsten, freie Städte und Ritterschaft! Schon hat sich, durch eine gesiegelte Ordre, ein Conseil von Hofgerichts- Registratoren zu einem Verifications-Protocoll bei mir angesagt. Bald läutet das Todtenglöckchen auch über der Souverainité meiner edlen Grafschaft Palmingen ... Wie aber soll man noch mit weisem Scepter schier tausend Unterthanen regieren, wenn alle nachbarlichen Gewalten sich lösen und schwinden? Wer findet sich noch in den leeren Klöstern, den aufgelösten Bisthümern aus und ein? Wo ist das Weichbild der um Zoll und Wehr beraubten Reichsstädte? Die neuen Königlichen und Großherzoglichen Assessores und Secretarii, die geschäftig die Beute rubricieren, wissen selbst oft kaum die Grenzen ihrer frischgebackenen Staaten von Buonapartes Gnaden. Dessen Garden und Truppen über marschieren unbekümmert mitten durch teutsches Land. Besetzen im Frieden Plätze am Rhein. Mon Dieu ... mon Dieu ... Ein Kellner Großherzog von Berg! Ein Soldat von Fortüne, Namens Murat! ... Die Welt steht nicht mehr lange! Sie muß brechen! In einer wirren Melée flüchten drüben aus der Pfalz übern Rhein die Vertriebenen zu uns herüber – Adel und Unadel – ohne Pässe und Permets, füllen Städte und Dörfer, mengen sich unter die Aventuriers, die auf Weg und Steg den von der österreichischen Campagne heimkehrenden endlosen Heereszügen des Kaisers der Franzosen folgen. Welcher gräfliche Landesvater wie ich kann da noch auf Sicherheit Leibes und Lebens in seinen Gebieten halten, wenn ein heiliges römisches Reich teutscher Nation sich selbst seiner Wehr' und Waffen gänzlich entblößt hat, als sollte es auf Erden ewig Frieden werden, indeß doch der Franzose mit kriegerischem Lärm Europa erfüllt? Wem dient – offen sei's geklagt – dieser Wirrwarr und diese Waffenlosigkeit Teutschlands besser, als den Räuberbanden, die von den Niederlanden den Rhein herauf Spessart und Odenwald mit ihrem Getümmel erfüllen, als seien sie die eigentlichen Herren der Zeit? Der Name des Schinderhannes ist gewaltig! Die Kinder singen vom Hölzerlips! In allen dreizehn Dörfern meines Reichs aber klingt das Stoßgebet: »Behüt' uns Gott vor Johannes durch den Wald!« Mit diesem famosen Räuberhauptmann sind meine Erblande gestraft! Es ist unmöglich, diesem Bösewicht, der höhnend seine Droh- und Brandbriefe mit ›Johannes †††‹ unterzeichnet, mit einem Strang das Leben zu verkürzen! Ich habe vergeblich und unter großen Dépensen meine Armee bis auf achtzehn Dragoner verstärkt. Selbst diese Truppenmacht bleibt ohne Süczeß. Mein Commandant en chef , der Capitän von Schindewolff, schon dem Äußeren nach kein rechter alter Marssohn, ist so großen kriegerischen Operationen nicht gewachsen. Und ich selbst, der regierende Graf, bin zu alt. Wohl hat mich das Schicksal mit sechs Schuh Länge und einem gebieterischen Exterieur begabt, und habe ich in meiner Jugend mich in Ungarn in habsburgischen Diensten getummelt, drei starke Paschas vom Sattel herab erlegt und die Roßschweife als aide-mémoire hier in der Halle meiner Väter aufgehängt. Nun aber bin ich ein Greis, auf dem schwerer noch als die Jahre die Regentenpflichten lasten. So geschah es, daß auch an dem Abend, von dem ich hier berichten muß, der Johannes durch den Wald meiner Allmacht in gräflich Palmingen'schen Landen spottete ...   Wie der Überfall vor sich gegangen, hat mir die arme Frau Reichsgräfin nicht verhohlen, und so vermelde ich es hier: Sie, die junge Gräfin-Wittwe Amöne von Hohen-Sulz, war nebst ihrem kleinen Söhnlein Jasomirgott und ihrem bei sich habenden Kammermensch, der Demoiselle Häberlin, in ihrer sechsspännigen, verschlossenen Reisekarosse im Walde bis zu der Siebenherren-Ecke gelangt, so genannt, weil an dieser Wegbiegung die Blutbann-Gerechtigkeit von sieben teutschen Erbländern, darunter auch dem meinigen, aneinanderstößt. Es ist da eine Art hohle Gasse. Me Pferde gingen im Schritt. Drei Leibpostillone saßen darauf. Zwei Kammerhusaren auf dem Bock. Hinten stand, um die aufgeschnallten Koffer zu bewachen, auf dem Trittbrett ein bewaffneter Laquai. Da erhebt sich in der Dämmerung ein Mordsgeschrei: »Schieß, dicker Bub, schieß!...Zück den Säbel, scheeler Peter! ...Mühlarzt...Katzenschinder – haltet die Gäule!... Abrahämche – schneid' die Felleisen ab!...Schneiderlein – hilf ihm!...Halt Ausguck, Danziger Liese!...Mach' den Wagenschlag auf, Studenten-Friedrich...Scholem-Leagem! En avant! ... Courage! ...Los, Chawrusse!...« Hebräisch und Französisch durcheinander...... Es lag ein dicker Baumstamm quer über den Weg. Aus den Büschen rechts und links lugte ein greuliches Volk, brach bewaffnet hervor, zielte mit Pistolen und schwang Degen und frisch abgeschnittene Eichenknüttel. Die Postillons und Kammerhusaren – nicht faul – warteten nicht erst, bis sie mit Pulver und Blei aus Sattel und Kutscherbock geräumt würden – sprangen hinab und flohen, und nicht minder hasenherzig auch der Domestique, so daß die Frau Gräfin Amöne, die ausgestiegen war, ganz verlassen da stand, neben sich die Demoiselle Häberlin mit dem weinenden Erbgräflein auf dem Arm. Die hochgeborene Hohen-Sulz'sche Wittwe aber läßt sich nicht erschrecken! Sie stemmt die Hände in die Seiten, sieht über die Räuber im Kreise und ruft entrüstet: »Ihr schlechte Leut' – pfui – schämt Euch! Wer is denn Euer Hauptmann?« Siehe: Es reitet ein Cavalier auf schwarzem Roß zwischen den Stämmen hervor. Er ist nach Brauch eines gemeinen Mannes gekleidet – trägt eine weiße, braunwollene Kappe, ein schwarzseidenes Halstuch, ein grau tuchenes Wamms, eine weiß und grün gefleckte Weste von Kattun, hirschlederne kurze Hosen mit viereckigen gelben Schnallen, weißwollene gerippte Strümpfe und Bundschuhe. Aber er sitzt mit einem höfischen Anstand zu Pferde. Vor dem Antlitz trägt er eine schwarze Maske, die nur die Augen freiläßt. Die junge Frau Reichsgräfin blickt zu ihm auf und schmält ihn zornmüthig und voll Courage aus: »Er hat wohl Recht, daß er sein Erröthen unter der Larve birgt! Stehle Er den Bauern Hühner und werfe Er die Meßjuden! Aber belästige Er nicht Personen von Stand und hoher Distinction! Denn dies ist wahrlich neu und geht übel aus! ... Weiß Er, wer ich bin?« Lacht der Brigant oben unter seiner Maske. »Zu was wären wir Killesgänger und Kitteschieber und ich der Ballmasemattener von den Ehrefhalchenern«, sagte er in einer widerwärtigen Mischung teutscher und hebräischer Zunge. » Parbleu , Madame: Sie sind noch landfremd hier rechts vom Rhein, nachdem Sie, durch den Traité von Lunéville, Ihre linksrheinische Herrschaft Hohen-Sulz an Frankreich verloren haben!« »Deswegen komme ich ja flüchtig aus der Rheinpfalz!« ruft erzürnt die Gräfin Hohen-Sulz. »Mit Müh' und Noth haben mich die Franzosen noch über die Mainzer Rheinbrück' gelassen. Flugs darauf haben die Schoote sie wieder zugemacht!« » ... und Madame ist nun im Begriff, ihre, als Entschädigung zugewiesene Herrschaft, die ehemalige Abtei Heilig-Kreuz, zwei Stunden von hier, zu beziehen!« spricht der vermummte Bauer auf dem Rappen höflich. » Vous voyez bien: Ich weiß Bescheid!« »So menagiere Er sich und lasse Er eine arme, christliche Wittwe in Frieden fahren!« »Es ist nicht meine Schuld, daß dero Gatte als K. u. K. Obrister in der Bataille von Hohenlinden fiel! ... Sie sind erstaunt, daß ich das weiß? Ma foi , Madame – mir ist manches bekannt!« »Dann ist Ihm auch nicht fremd, Er Töffel, daß ich keine landfahrende Madame bin, sondern die edelgeborene und hochgebietende Gräfin Sulz! Wer sich an Hab und Gut meiner erlauchten Personnage vergreift, dem winkt unfehlbar der Galgen!« »Hei ja, Viva! Ihr grandige Malochner!« schreit da der Schelme Oberster vom Roß und schwingt den Arm in die Luft. »Bangt Euch vor dem Dullme?« Und die Lümplein umher lachen des Galgens, sind auch schon dabei, die Koffer und Mantelsäcke aufzuschneiden und die Pferde wegzuführen, und ihr Gewaltiger redet zu der mit Fug empörten Frau Gräfin weiter: »Eigenthum ist unrecht Gut! Das hat die große Revolution in Paris offenbart. Wer stiehlt, gewinnt das Seine wieder!« »An ihm ist ein trefflicher Magister verloren gegangen«, sagt Ihre arme Erlaucht erbittert. Er aber, unter seiner schwarzen Maske: »Was in Ihrer Bagage an Geld und Gut steckt, das haben Ihre Vorfahren vor Jahrhunderten auf der Landstraße geraubt! Ich hole es uns armen Brüdern auf der Landstraße zurück! Voilà tout! ... Das Rad dreht sich, Madame!« »Er wird selber aufs Rad geflochten werden, weil er mich, des heiligen Reiches Gräfin und Edelfreie ...« »Das heilige Reich ist Todes verfahren! Die edle Freiheit lebt und blühet Jedermann, auch uns armen Strahle-Kehrern von der Landstraß'! Es ist kein Unterschied mehr zwischen dem geringsten Nachtdieb und einer gloriosen Frau Gräfin, sondern ein Mensch wie der andere!« »Er hat gut philosophieren, Er diebischer Rousseau! Ich aber stehe hier ...« »Sie sollten vor einfallender Nacht Schloß Palmingen erreichen, Madame!« sagt der Mann in der Maske vom Roß herab. »Es ist nur zehn Minuten Wegs von hier! Gehen Sie flugs! Sonst kann ich, bei Nacht, für Ihre Sicherheit nicht bürgen! Ich habe zu üble Gesellen in meiner großen Compagnie!« Und wie dann die Reichsgräfin von Hohen-Sulz gottergeben ihre Röcke rafft und mit Dienerin und Söhnlein zu Fuß in Regen und Abend-Dämmern durch den Koth der Landstraße dahinstapft – wahrlich ein erbarmungswürdiges Bild! – da ruft ihr der unbekannte Bösewicht nach: »Vermelden Sie des Grafen Palmingen hochnärrischer Herrlichkeit mein unterthäniges Compliment und einen Gruß vom Johannes durch den Wald!«   Ich, der Graf Florentin, absolvierte um diese Zeit vor dem flackernden Kamin meine allabendliche Akademie mit Monsieur du Marainville, meinem Florettmeister. Dieser ehemalige Musketier Ludwig XVI., den ich als Flüchtling vor der Revolution in meine Dienste genommen – wie denn mein Hof ein kleines Versailles des französischen ancien régime mit Stolz genannt werden mag – dieser Edelmann schlägt eine leckere Klinge. Doch auch ich tänzelte, wenn schon ein Greis, lang, hager und graziös, im Flammenschein des Kamins über das Parkett, ließ, trotz des Zipperleins, in hurtigen Pirouetten die blauseidenen, goldgestickten Rockschöße wehen und verneigte mich wohlgelaunt und gravitätisch, als ich mit einer süperben Finte wider den du Marainville reüssiert hatte. Mein Porzellanmaler Christoforo di Santo Basso trat herein, ein welscher Meister von der nun schon seit Jahren abgegangenen kurmainzischen Fabrique in Höchst. Wies mir artige Streublümchen in einem weichen, karminrothen Camaiou auf Cocots en miniature , – kleinen, gedeckelten Bechern für süße Sahne – und ich bedauerte mit dem galanten Künstler, daß wir von Höchst kein Geschirr mehr zum Bemalen gewinnen können, seitdem die Franzosen die weitgerühmte Fayence-Manufaktur muthwillig verbrannt haben. Inzwischen ließ ich mir von Pompeo, meinem Kammerknecht aus Neapolis – da ja die Teutschen zu solch delikaten Hantierungen zu grob und ungeschlacht sind – die Perrücke kräuseln und pudern und die Spitzenkrause glätten und Frack, Gilet und Escarpins zum Diné zurechtzupfen. An meinem Hofe darf Niemand die Schamlosigkeit so weit treiben, in langen Pantalons einherzugehen, oder durch runden Hut und freifallendes Haar freventlich sein Jakobinerherz offenbaren. Wo wurde sonst feine Sitte und heitere Anmuth gefunden, als in dem ehemaligen Frankreich, und so beorderte ich, während ich mir behaglich am Kamin Kniestrümpfe und Schnallenschuhe wärmte, meinen Hofcultus-Administrator und Oberceremonier, den alten Herrn Marquis Elimar de Fizeaux de Rouvron, der, mit dem Dreispitz unterm Arm, den Degen an der Seite, vor mir stand. »Sorgen Sie, mein Theuerster, daß die Musikanten während der Tafel nur pianissimo fiedeln und keiner von der Livrée sich zu husten unterfängt und alles nach Gebühr verläuft.« Der Herr Marquis verbeugte sich mit jenem leichten Anstand, wie er – ach! – nur in Versailles, niemals in unsern bäurischen teutschen Landen daheim war – und ich fügte gnädig, in Art des Sonnenkönigs lächelnd, hinzu: »Und möge auch der Stern unseres Schlosses doppelt lieblich leuchten!« Ein tiefes Compliment des Herrn Marquis: »Meine Tochter Xénais wird ihr Bestes thun, um vor dero erlauchtigen Augen mit Ehren zu bestehen!« Er zog sich, mit dem Antlitz gegen mich, zur Thüre zurück und verschwand. Ich winkte ihm heiter mit zwei Fingern nach. Ich saß am Kamin und träumte, indeß mein Hofstaat schwieg... Oh – schweigt mir ... schweigt von Xénais! ... Oh, Cupido, du Loser! ... Oh, du altes Herz ... oh ... Xénais ... du Spröde ... Es wäre besser für mich, ins Kloster zu gehen! Ein alter Spötter und Gottesleugner und Weltmann wie ich – ein wahrer Sohn des großen, todten, achtzehnten Jahrhunderts. Im Kloster hat dies arme, feurige Herz Ruh'! A Dieu mon âme – mon cœur aux dames ... Wie habt Ihr das selber gehalten – Ihr Montmorency mit Eurem Wahlspruch: »Gott meine Seele – mein Herz den Frauen – mein Leib dem König – die Ehre für mich ...«? Oh Xénais ... hartherzige Coquette ... Soll ich dich wirklich an den zierlich erhobenen Fingerspitzen der linken Hand zum Altar geleiten – eine mésalliance – eine schimpfliche mésalliance – wenn du auch eine landflüchtige Marquise bist ... aber ich ... ein Standesherr des römischen Reiches – dem Kaiser ebenbürtig – ich – der letzte Palmingen . .. Soll ich, zum schmählichen Ende, die Ahnentafel mit einer unebenbürtigen Heirath beflecken? Und anders thust du's nicht ... Oh Xénais ... Eine innige Liaison in allen Ehren ...? Du lachst nur und machst mir armen weißhaarigen Schäfer, der zu deinen Füßchen kniet, eine lange Nase ... Du könntest meine Enkelin sein ... Das Kloster... Oh Xénais ... oh Schlange Eva ... oh Xénais ... Mein Jagdmeister O'Kelly kam in hohen, übel beschmutzten Stiefeln herein. Er ist ein Ire, und auf welchen Wegen er abenteuernd bis an meinen Hof gelangt, hat sich nie recht offenbaren wollen. Ich weiß nur, daß Niemand so grausam und entsetzlich lügen kann wie er, wenn er uns seine Bärenhatzen in der Walachei und seine Händel mit Wölfen und Luchsen bei den Lappländern meldet. Er war kein Sieur von Politesse, sondern trat frischweg ein und rapportierte mit einer vom Branntwein rauhen Kehle. »Es ist um das Schloß herum nicht geheuer, Erlauchte Gnaden! Alle Saurüden im Park schlagen an! Man hat diverse Kerle, von einem Habitus wie Trabanten oder Läufer eines großen Herrn, Hals über Kopf rennen sehen, als säße ihnen der Böse auf den Hacken!« »Werden Wildfrevler sein, die Euch für Narren halten!« ließ ich mich nicht eben huldvoll verlauten. » ... Im Walde – berichten etliche Holzweiblein – schleichen sich üble Gestalten durch die Bäume ...« »Unter meinen, des regierenden Grafen, Augen ...« »Was untersteht sich ein Räuber nicht in seiner Schalkheit? Ich erlebte es einmal im Kastell des Hospodars der Moldau ...« »Lasset den Großtürken unterwegs! Sehet lieber, was das für Nachtvögel in frecher Nähe unserer Residenz sind!« »Sie tragen Waffen und schwere Packen! Ich besorge: Es ist draußen eine Attacke auf einen étranger de distinction geschehen!« »So weit treibt selbst ein Johannes durch den Wald nicht seinen Übermut und Büberei!« rief ich und erhob mich in voller Majestät von Palmingen vom Tabourett. Doch zugleich heulten die Hunde draußen noch toller, und es geleitete der Marquis von der Halle her eine Dame vor mein Antlitz, der eine Kammerdienerin mit einem Knäblein auf dem Arm folgte. Diese Fremde mußte von hohem Stand und Abkunft sein, daß ein so gewissenhaft ceremoniöser Hofmarschall wie der de Fizeaux sie ohne Anmeldung, so wie sie regentriefend und windzerzaust aus der Nacht kam, in meine Appartements introducierte. So trat ich, den Lorgnettenstiel zu den Augen hebend, neugierig und cavalièrement leicht, mit zwei Pas vor sie hin. Sie war eine große und wohlgebildete Person, von schönem und vollem, wenn auch jetzt bleichem Antlitz. Noch mochte sie wenig über die Mitte der Zwanzig sein – mit sattsam viel kastanienbraunem Haar unter dem verschobenen, schiefsitzenden Reisehäubchen, und Thränen des Zorns in den grauen Augen – doch aber in einer Tournüre und Haltung, wie sie einem hochadeligen Frauenzimmer, auch im Echauffement, verbleibt. Sie trug einen weiten kapuzinerbraunen Tuchmantel mit langen bauschigen Ärmeln, vorn aufgeschlitzt, und darunter einen Rock aus feiner, silbergrauer Wolle, alles von der Witterung draußen naß und die Schuhe feucht von Straßenschlamm. Diese grande Dame nun marschieret, wie sie meiner gewahr wird, alsofort auf mich zu, faßt Posto und beginnt, sich, ohne einige Complimente, bitterlich zu beschweren: Sei dies Zucht und Ordnung in gräflich Palmingen'schen Ländern, daß man eine Reisende von ächt altadeligem Blut und sechzehn malteserfähigen Ahnen allda am lichten Tage molestiere? Sie habe sich, als eine hülflose und vertriebene Wittib, einer besseren Nachbarschaft zu ihrem neuen Herrensitz Heilig-Kreuz versehen ... Nun merkte ich, daß dies die Sulz'sche Gräfin war, die ich noch nicht von Person kannte, und ich excusierte mich geziemender Maßen. Sagte, ich ließe stets die Ordinari-Post von meinen reitenden Dragonern cotoyieren. Und hätte noch weniger ermangelt, der Frau Gräfin eine gebührende Sauvegarde zu stellen, sowie sie mich avertiert hätte, daß sie meinem Staat die Ehre ihrer Durchreise vergönne. Sie aber mag nichts hören und klagt: Wahrlich – eine angenehme Surprise! Nun sei sie schimpflich um ihr Hab und Gut draußen auf der Landstraße geprellt und stehe wie eine Landstörzerin da vor Gott und den Menschen! Rückt mir auf den Leib und begehrt mit dräuenden grauen Augen zu wissen, wer auf hiesigem Territorio regiere: Florentin VII. oder Johannes durch den Wald? Zum Glück waren wir – die Gräfin Amöne und ich – nahe verwandt! Denn mein Vorfahre, der Kreuzritter Sifridus, der im Jahr des Herrn 1099 bei der Erstürmung Jerusalems fiel, und die Ehezier Aleit des liber miles de Sulce am Rhein waren Geschwister gewesen. Dies fiel mir bei und mit dein Recht des cousin rügte ich: »Wie mochten Euer Liebden auch muthwillig ohne ritterlichen Schutz die Wälder passieren?« Sie aber, rasch und mundfertig: »Daran ist Eure gräfliche Weisheit allein schuld!« »... Daß Sie solch eines Husarencoups sich vermaßen, Liebwertheste?« replicierte ich erstaunt, in der Zunge Voltaire's, und die schöne Gräfin, in ihrer Exaltation in simpelm Deutsch, dessen Mundart es nicht verhehlte, daß die Wiege ihrer erlauchten Ahnen viele Jahrhunderte drüben in der Pfalz gestanden: »Ei gerad'! Hätt' ich nur den Herrn Stabsrittmeister noch bei mir gehabt!« Und mit jener pleine carrière der Gedanken, wie sie dem Frauenzimmer eigen, continuierte sie: »Guck emal: das war ein rechter Husar! Gleich hinter dem Großherzogthum Frankfurt haben mir uns in der Poststuben kennen gelernt! Ei – hat der Preuß' den Postmeister gedrillt, wie der mir keine Pferd' hat geben wollen, und den Grobian geheißen, Bauernpferde zu schaffen! Wir haben denselben Weg gehabt und er ist die ganze Zeit neben meiner Chaise geritten und hat mich chaperonniert und mir haben miteinander conversiert!« »Hätte doch gemeldeter Chevalier die Frau Cousine bis hierher gebracht!« »Ja, liebs Göttle – darf er denn? An Ihrem Grenzbaum, Herr Cousin, hinter dem Städtche Waldbronn, waren Ihre Employe's wüst! Gleich die Musketen vom Buckel und die Schnurrbart' gestrichen: ›Kein preußischer Werbe-Offizier darf auf gräflich Palmingen'sches Gebiet!‹ ...« »Meine präciseste Ordre und Entschluß!« bekräftigte ich und gerieth noch nachträglich in den Zorn eines Landesvaters, dem man sein Eigentum raubt, »nachdem ein Rittmeister von Arcularius mir hinterlistig zwei starke Purschen für die preußische Armee geworben und entführt, und so die Zahl meiner Unterthanen merklich gemindert hat!« Die Sulz'sche Frau Cousine lacht und klatscht in die Hände. »Etsch! Der Monsieur de Arcularius ist es ja gerade,« spricht sie, »der mich begleitet hat!« »Soll anderswo sein Métier prästieren als in meinem Reich und Landen!« brause ich auf und die Gräfin, rosig erhitzt, mit feucht glänzenden Augen – wahrlich: ein reizendes Bild von Meister Watteau's Pinsel – von adeligem Anstand und doch ein liebenswürdiges Weib – wenn mein altes Herz nicht schon für Xénais glühte – .. oh Xénais ... nun denn – sie – die vertriebene Hohen-Sulz'sche, eifert, als sei sie selbst ein Sujet des roi de Prusse : »Der König von Preußen braucht doch Soldaten! Seine ganze Armee marschiert doch nach Westfalen. Es heißt doch: Jetzt giebt's endlich den Krieg zwischen ihm und dem wüschten Buonaparte! Deswegen muß ja der Herr Capitän von Arcularius allgemach heim! Er hat lang genug hier die Deserteurs und Conscribierten der grande armée über'n Rhein herüber angeworben und in Handgeld und Handschlag genommen, spricht er!« »Wo ist sothaner Offizier zur Zeit?« »Ei – unten in Waldbronn, im ›Lamm‹ – da hockt er!« ruft die schöne Frau Amöne. »Ohne eine hochgräfliche riegeldumme Grenzsperre wäre er bei mir geblieben, und ich hätte meine Bagage noch! Er wollte mit solch einem Johannes durch den Wald flugs fertig werden, hat er gelacht und gesagt, – wenn man ihn machen ließe! Dafür sei er ein preußischer Husar und Werber und habe mehr Finten, Listen und Anschläg' im Kopf als ein Baum Blätter!« »Möchte dies nicht nach einem Poltron schmecken, schöne Frau Cousine?« frug ich in Zweifeln. Der Ruf des Herrn Werbe-Capitäns, daß ein Fuchs viel von ihm lernen könne – und in der Roth ein reißender Wolf von ihm das Beißen – geht weithin am Rhein bis in das Kur-Trier'sche und Kur-Kölnische!« vertheidigte ihn die Gräfin mit erhitzten Wangen. »Er steht auch in großer Gunst und Affektion bei dem Vater aller Husaren in Preußen, dem Herrn von Blücher. Er hat mir Briefe gewiesen, aus Stolpe und Bütow in Pommern, wo der Herr Generallieutenant sein ansehnliches Husarenregiment vor dem Ausmarsch nach Westfalen visitierte. ›Wir werden nun negstens in die Gefegte mit diese Kerlls kommen!‹ schreibt er. Mit der Feder will es Seiner Exzellenz nicht recht glücken! Aber der Herr von Arcularius versteht wohl, wie es der Säbel meint!« »Und er hat sich zu Euer Liebden vermessen, den Johannes durch den Wald zu fangen?« »So sprach er nicht nur zu mir, sondern vor aller Welt zu den Postknechten, die die Vorleg-Pferde anschirrten und kleinmüthig waren: Er wolle solch einem Räuberlein auf einen Schelm anderthalb setzen! Dazu brauche es freilich nicht ein bäuerisches Drauflosreiten, sondern einigen Husarenwitz und preußisch kalt Blut!« Unter diesem begeisterten Lob des Herrn Prussien von rothen, Hohen-Sulz'schen Lippen war meine Décision geschehen! Ich wollte nicht weiter meiner hohen Souveränität aus Waldesklüften heraus Hohn und Schabernack bieten lassen! »Ich werde immédiatement ein Billet an den Herrn Stabsrittmeister expedieren«, meldete ich der Gräfin, »und ihn invitieren, einige Tage mein Gast zu sein! Möge er dann seine Husarenkunst an dem Johannes durch den Wald erweisen!« Das Haus Palmingen lebte zwar mit dem Reichsstädtlein Waldbronn schon seit mehreren Jahrhunderten wegen einer strittigen Gänseweide in Fehde und Unfrieden und der weitberühmte Prozeß hing einhundertelf Jahre vor dem Reichskammergericht und ist, nachdem Wetzlar nun fürstlich Dalberg'sch geworden, niemals zu Ende gediehen. Trotzdem fertigte ich jetzt einen reitenden Boten mit meiner Epistel an den Herrn von Arcularius in Burgfrieden und Weichbild Waldbronn'scher Reichsstandschaft ab, wählte dazu den getreuesten und unerschrockensten aller meiner Dragoner, den Trompeter Bellonier, einen Brabanter, und hieß ihn, ohne Angst vor den Räubern, brav durch die Nacht galoppieren, wie er dann auch ohne Abenteuer in dem Städtchen anlangte, dem Herrn Rittmeister den petschierten Brief übergab und anderen Morgens mit dessen gehorsamstem Rapport wieder bei mir antrat, der Capitän von Arcularius werde nicht ermangeln, hochdero gnädigster Provokation zu folgen. Während ich ihm am Abend diese Zeilen schrieb und also wider Hermes an Mars, gegen den Gott der Diebe an den Gott des Krieges appellierte, hatte ich die Frau Gräfin ehrerbietig ersucht, für vorkommende Nacht über mein Schloß und seine Appartements befehlen und verfügen zu wollen. Diese liebe Cousine jedoch hatte, bei aller Holdseligkeit äußeren Ansehens, malheureusement , wie mir bald klar wurde, einen rechten Pfälzer Dickschädel von Alters-Ahnen her auf ihren zarten Schultern sitzen und, besorg' ich, ihrem Gemahl wohl manchmal den Kopf heiß gemacht, bis er, allezeit getreu für Habsburg und ein heiliges Reich, bei Hohenlinden wider die Sansculotten sein adelig Gemüt aushauchte. Diese Gräfinwittwe stampfte jetzt mit dem Fuß tönender als meinem Hofceremonier lieb war, auf das Getäfel, weigerte sich, Speis und Trank bei mir zu goutieren, und beharrte, mit finster geschürztem Mund und, als eine schöne junge Weibsperson, doch voll männlicher Courage, stracks ihre Reise nach Heilig- Kreuz fortzusetzen. »Es halten sich als noch etliche Mönch' dort verschlupft!« sagte sie erbost, und ich wußte wohl: Abt Martin II – seines Stammes ein Reichsfreiherr von Jachenau – und die alten Patres mochten aus dem, achthundert Jahre besessenen, nun säcularisierten Kloster nicht weichen, obwohl ihnen Dorfpfarren genug geboten waren, sondern getrösteten sich immer noch einer besseren Zeit. Und die Amöne von Sulz wickelt ihr Kindlein gegen die Nachtkühle in warme Decken und ruft: »Wo soll ich denn mein Haupt hinlegen? He? Ich bin auch aus uralten Erblanden von den Franzosen verjagt! Es hat halt jetzt in Teutschland zu viel Menschen und drängt Einer den Andern! Mit meinem Amtmann, den ich vorausgesandt, leben die Ordensleute wie Katz' und Hund! Ich will da aber keine Gewalt brauchen, sondern die Affaire in Güte schlichten!« »Was wird die Frau Cousine da thun?« frage ich, und die junge Gräfin lacht muthwillig. »Ei nix, als daß ich da bin! Kann ich dafür, daß ich lange Haar' hab' und ein Frauenzimmer bin? Da kriegen's die frommen Männer mit den Ängsten um ihr Seelenheil und räumen vor mir Beelzebübche das Feld – der gestrenge Herr Abt, wenn er mich anguckt, an der Spitz'! Deß bin ich getrost! Ich muß nur vor nachtschlafender Zeit am Pförtchen Sturm schellen. Sonst lassen sie mich nicht mehr ein! ... Bitt' also Euer Liebden herzlich: Schafft mir Reisegelegenheit!« Meine Subjekte hatten inzwischen mit Fackeln die Karrosse, die noch verlassen auf der Landstraße stand, aus dem Walde heraufgeholt und trugen die von Frevlerhand aufgesprengten und in den Graben geworfenen Koffer herbei. Deren Inhalt war von den räuberischen Kanaillen, soweit sie ihn nicht hatten mitgehen heißen, mutwillig verstreut, und es sollen weithin im Walde noch Jupons und Chemisetten, Spitzen-Bonnets und Culottchen in den Sträuchern gehangen und am Boden gelegen haben. Die Gräfin von Sulz aber kümmerte sich nicht darum, sondern half eifrig im Hof bei Laternenschein den Haiducken, die aus meinem Marstall gezogenen Pferde anzuspannen und wußte mit Schnallen und Riemen Bescheid wie ein Stalljunker. Ich aber ließ mir inzwischen meinen Generalissimus, den Commandant en chef von Schindewolff, kommen und befahl, bei meiner Ungnade, diesem allzu dicken und, trotz weißen Schnurrbarts, Würfeln und Weib ergebenen Marsdiener, sich ungesäumt und mit meiner gesummten Kriegsmacht von, nach des Bellonier Abgang, siebenzehn Dragonern in den Sattel zu schwingen, sich des ferneren unter kriegerischem Blasen durch die Nacht, gezückten Säbels um die gräfliche Reisekarrosse versammelt, nach Heilig-Kreuz zu instradieren und dort die hohe Dame ohne nochmalige Trouble und Attaque sain et sauf abzuliefern. So durfte dann die gute Frau Reichsgräfin mit erlauchtem Sprossen und Bedienerin getrost in Nacht und Nebel hinausfahren. Sie reichte mir über den Kaleschenschlag noch herablassend die Hand zum Kuß, und während ich einen solchen graziös applicierte, beugte sie sich vor, wurde ein klein weniges roth und sagte: »Vielleicht läßt sich der Herr von Arcularius bei seinem dasigen Aufenthalt auch einmal in Heilig-Kreuz erblicken ...« Mein schelmisches Zwinkern wollte Ihre Liebden nicht bemerken, sondern lehnte sich schnell in die Lederpfühle zurück, die Suite trabte los und die Räder rasselten.   Oh ... Xénais... Umschloß nicht zärtlich die musselindünne, weiße Robe, eng wie ein Hemd, mit langer Schleppe und buntgestickten Borten dein Nippes-Figürchen einer porzellanenen Schäferin? Öffnete sich nicht neckisch der tiefe Ausschnitt deiner hohen Wespentaille dem sanften Spiel deines weißen Busens? Lächelte nicht die kindliche Unschuld Elysiums aus der Nacht deiner großen, mandelförmigen Augen? Oh – dieses Haar ... kraus, wirr, pikant in dem tiefen Blauschwarz seiner Perrücke ... dieses Gesichtchen – schmal und fein – geheimnisvoll weiß gepudert – mit den beweglichen Nasenflügeln deiner heiteren Rasse, dem kleinen, rundlichen, elegischen Spitzbuben-Mäulchen ... Oh ... Xénais ... Kind des Südens ... Tochter eines fremden Landes, in unsere barbarischen Wälder verschlagen – Xénais ... süße kleine Marquise ... Traumbild von einst – aus den Tagen meiner fernen Jugend ... vom Sonnenhof von Versailles ... Und um den dünnen, weißen Hals trägst du ein schmales, vielsagendes rothes Band. Viele deiner Verwandten fielen unter der Guillotine. Du rettetest dich als Kind auf dem Arm des Vaters hierher auf mein Schloß! Hier blühtest du zur Jungfrau heran ... Giebt es etwas Anmuthigeres – Ihr Amoretten, die Ihr mich unsichtbar umgaukelt, seid Zeugen! – als dein Spiel mit dem Longschal, den ich dir zum Wiegenfest verehrte? Er ist zweimal so lang wie du selber, türkisch gemustert, mit langen Franzen. Du aber weißt das lange schmiegsame Gewebe, einer Hamilton gleich, um dein Persönchen zu schlingen, dich in unbewußter Grazie darin zu drapieren, in klassischer Plastik einer deliciösen, immer wechselnden Haltung und Bewegung stets neu das Herz des alten Schäfers zu erfreuen... Oh Xénais ... dein Schäfer wird wieder jung ...   Drei ist die Zahl der Grazien. Zu dritt nur waren mir auch bei unserem Symposion: Ich, Xénais und ihr Vater, der Marquis. Scherzhaft-geistreich, in der Sprache des Herrn von Voltaire, die den Ohren des Haushofmeisters, der aufwartenden Laquaien und des Leibjägers fremd, fing unsere Konversation, hin und her über den Tisch, die Bonmots und Aperçus auf, die wie leichtbeschwingte Falter den goldenen Glanz der Wachskerzen in den hohen Silberkandelabern umgaukelten. Wir handelten erst das Malheur der armen Gräfin ab, mit dem sie, vor dem großen Räuber Buonaparte flüchtend, unter die kleinen Räuber, den Johannes durch den Wald und sein Volk, gefallen, und ich konnte mich nicht entbrechen, anzumerken, es habe vielleicht gar noch auf dieser Reise Gott Amor, als preußischer Husar verkleidet, unserer Cousine Amöne den Pfeil ins Herz geschnellt ... Amor ... das liebliche Kind ... Da waren wir denn wieder bei dem zärtlichen, kleinen Liebesgott! Ich faßte, indessen uns die Domestiquen Orange-Wasser über die Hände träufelten, Xénais, diese schalkhafte kleine Unschuld aus Welschland, bei den Fingerchen, und flötete leise: »Oh spröde Diana teutscher Wälder! ... Wann wirst du deinen Endymion erhören?« Sie aber, die Marquisin, wiegt das brünette Köpfchen und spricht träumerisch: »Eben läutet es draußen das Ave!« und ich verstand den feinen Stich wohl, daß keine andere Bresche zu dieser kleinen Festung offen, als die Kirchenthür zu Pfaff' und Altar ... Dies war die erste Verstimmung, und es folgte sur le champ die zweite: die grausame Xénais fächelte sich Kühlung, trieb, voll erlesenen Geschmacks, das flüchtige Spiel des Schals zu einem Wellenwurf, der sie abwehrend beinahe völlig verhüllte, und ließ dabei wie beiläufig einfließen, sie sei, nebst dem Marquis, für morgen Nachmittag von dem Baron Maxence Marie von Wimmersheim auf sein nahes Schloß zur Chocolate genöthigt! Im Nu waren in mir alle Dämonen der Eifersucht von ihren Fesseln der convenance gelöst! Ich versetzte, mit einer merklicheren Vibration der Kehle, als es Einem der Großen dieser Erde ansteht. »Ah – und wer ist das weiter – mein Nachbar ... le baron de Wimmersheim ! ... Ein Mensch von niederem Adel ...« »Mir ebenbürtig, Monseigneur!« lächelte es von den kleinen, weißen Zähnen neben mir durch das Krachen einer Mandel. »Es kann nicht einem Jeden die Reichsstandschaft in die Wiege gebunden sein!« »Ein Herr von mäßigen Vermögensumständen – fast arm zu nennen ...« mäkelte ich erhitzt weiter. Xénais strich sich die weißen Musselinfalten ihres Gewandes glatt und erwiderte gelassen: »Nicht mehr, gnädiger Herr, seitdem ihn vor zwei Jahren die verewigte Gräfin-Tante in Wien mit großer baarer Erbschaft begabt hat!« Und – zu allem Unglück! – dies war wahr! Also höhnte ich erbittert zum dritten – und darauf gab es keine Parade – denn ich sagte nur, was der ganzen schönen Welt weithin bewußt: » Ma foi ! Wen treffen Sie in dem Baron? Einen Harlekin! ... Einen ausgepichten Bajazzo, den nur alter Nam' und Schild vor dem Narrenthurm bewahren! ... Einen unmännlichen, verweichlichten Zärtling!« Xénais hielt sich mit den kleinen Händen die kleinen rosigen Ohren zu. Ich jedoch beharrte in cholerischem Humor: »Wenn Sie eines Mundkochs benöthigen, Marquise – le baron de Wimmersheim , diese ausgemachte Weibernatur, steht selbst am Heerd und siedet und backt! Macht Ihre Garderoberin es Ihnen mit Nadel und Schere nicht zu Dank – le baron de Wimmersheim , fädelt und fertigt Perlenstickereien trotz einem Frauenzimmer! Gekleidet ist dieser Nachbar und Baron, daß seine Bauern lachen und es einen Schellen-Narren zu Fastnacht erbarmen möchte – so machet er aus sich in seiner Einfalt einen regenbogenfarbenen Affen! Ein Cavalier ohne Courage! Ein Glied der Noblesse ohne alle Mériten! Äh ... Fi donc !« Das lose Kind an meiner Seite spielte mit ihrem Réticule und schnitt ein maliciöses Mündchen. »Ein extraordinairer Vorzug ist dem Baron Wimmersheim doch vor Eurer gräflichen Erlaucht eigentümlich!« ließ sie sich vernehmen und wieder zuckte es mir ins Herz. Denn dies wollte bedeuten: Er heirathet mich ohne Besinnen – die Tochter eines Marquis, dessen Schlösser und Güter – leider – nur noch im Monde liegen ... Und wenn ich noch die Zimperliche spiele – ei nur, weil ich lieber zur linken Hand des hochgebietenden Reichsgrafen von Palmingen getraut bin als zur rechten des kleinen Baron Wimmersheim ... Aber beeilen Sie sich, Monseigneur ...   Just eben hörte ich in der Nacht draußen das Hufgetrappel und Säbelgeklirr meiner Armee, die victorieusement , ohne vom Johannes durch den Wald attackiert worden zu sein, von Heilig-Kreuz zurückkehrte. Ich ließ noch einen feurigen Blick eines treuen Ritters der Damen über Xénais hinleuchten. Sie aber schüttelte das eigensinnige, in eine chevelure à la sauvage der Perrücke gewirrte schwarze Köpfchen und sprach, vor sich hinlächelnd: »Ich werde doch morgen bei dem Baron Wimmersheim ein Schälgen Chocolate nehmen!« Da hob ich erzürnt die Tafel auf und verfügte mich allein in mein Cabinet, nicht anders erwartend, als in der Antichambre den Capitän von Schindewolff vorzufinden, der mir melden sollte, daß die Gräfin Amöne glücklich in Heilig- Kreuz einpassiert. Doch wer tritt mir im Cabinet, wo er bekümmert vor dem Kamin gesessen, im Flackerschein der Flamme entgegen: der hochwürdige Abt Martin II. selber ... Dieser vom Klosterthron gestoßene Mönchpriester ähnelte keineswegs den weltlichen Domherren am Rhein, die die Büste des Heiden Diderot auf ihrem Schreibtisch postieren und in Galanterien erfahren sind. Seine Gesichtsbildung war grob, ihr Aussehen streng, das graue Haar wirr, die Kutte rauh, Sandalen an den Füßen – mehr ein Waldbruder, denn ein Edelmann. »Ich bin mit wendender Kutsche und deinen Dragonern hierher gereist, Florentinus!« sprach er mit tiefer Stimme. Denn als nahe Vervetterte bedienen mir uns des ›Du‹. »Es ist an dem, daß ich eilends fliehen mußte. Der böse Feind hat seinen Vortheil erkannt und ist in Heilig-Kreuz eingedrungen!« »Mit Hörnern und Klauen, Schwefel und Gestank?« »Mit langem Haar und langen Röcken, heller Stimme und höchst holdselig zu schauen!« rief der heilige Mann. »Wehe! Wehe! Wahre dein Seelenheil! Wo der Satan in Weibsgestalt umgeht, da weiche! Morgen ziehe ich mit den Patres weiter in österreichische Erblande, wo – dem Ewigen sei Dank – noch kein Klostersturm und Säkularisation erfunden wird und uns im Wallfahrtskloster St. Peregrin ein neuer irdischer Unterstand bereitet ist!« »Also habt Ihr in Heilig-Kreuz nicht den Teufel ausgetrieben, sondern der Teufel Euch!« scherzte ich und geleitete den Abt in meinen Schlaftempel, wo ich die bevorzugte Welt empfange. Wir setzten uns an den hohen und heißen, eisernen Ofen, der in zierlicher vergitterter Schmiedearbeit und mit gehämmerten Schildern den Thurmbau von Babel darstellt, und Martin II. sprach bedachtsam: »Schelte nicht, Florentinus, sondern sei auf dein eigenes Seelenheil bedacht! Du bist alt und müde! Freilich voll seichten Unglaubens und höhnischen Zweifels, als ein rechter Sproß eines nun abgethanen, achtzehnten Säculums. Aber wer an Allem zweifelt, muß auch an dem Unglauben zweifeln, und wer Nichts glaubt, darf auch nicht an den Zweifel glauben, und man hat solcher Exempel heilsamer Bekehrung schon mehr als eines erlebt, und die Gott läugnen, sind ihm heimlich oft schon wieder am nächsten! Darum komme zu uns nach St. Peregrin und verbringe da in Frieden deine letzten Tage!« Ich vergoß still ein paar Zähren in mein Spitzentüchlein und dachte an Xénais. Der finstere Abt fuhr grollend fort: »Was thust du noch in dieser Weltlichkeit? In wenigen Wochen oder Monden bringt dir der Wille des Schicksals eine Kutsche voll Schreiberseelen und Rechtsverdrehern vom Code Civil vor das Schloß. Du wirst als Souverän abgesetzt, mußt Herrschaft und Macht den gekrönten Dienern Napoleons übergeben und sinkst in das Dunkel der Unterthanen hinab!« »Ha! Niemals!« rief ich. Doch Herr Martin II. ließ sich das Wort nicht nehmen. »Ein Anderer möchte sich getrösten, daß sein Stamm noch blüht! Du aber bist der letzte Graf von Palmingen! Das gute, ehrliche Haus geht mit dir hin, nach Gottes Rath! Es wird einsam und Herbst um dich! Deine Gattin, die Frau Gräfin, starb früh vor dir dahin! Und wer kann sich erkühnen und sagen, daß dein einziger Sohn noch lebt?« »Oh ... rede mir nicht von meinem Sohn!« rief ich schluchzend und barg das thränennasse Antlitz in den Händen. Der vertriebene Klosterherr redete weiter: »Ich weiß es wohl, daß du seit fünfzehn Jahren – seit er, vom Jakobinerteufel der Freiheit besessen, nach Paris ging, sich für einen Citoyen und Menschenrechtler, Feind der Fürsten und Pfaffen, und Anbeter der Göttin Vernunft erklärte und in den feurigen Abgrund der Revolution sprang – ich weiß, Florentinus, daß du deinen Sohn aus väterlichem Recht und Kraft des Statuts deines hochedlen Hauses als dessen Senior verstoßen und verflucht – auch männiglich untersagt hast, seiner noch je vor deinen Ohren zu gedenken und von ihm zu sprechen – wenn nicht dermaßen, als sei er todt! Wahrscheinlich ist er todt – wie denn diese greuelvolle Zeit der Sansculotten gleich Chronos alle ihre eigenen Kinder fraß – er muß todt sein! Denn man hat zu lange schon nichts von ihm vernommen?« »Für mich ist der Unselige todt.« »Was also hält dich noch hienieden auf Erden? Die Erde, auf der wir stehen, Florentinus, gehört uns nicht! Nur die Erde, in der wir ruhen! Alles Zeitliche schwindet jetzt dahin. Der Kaiser ist weg. Das Reich zerfällt. Wir werden Alle vertrieben, Jeder aus dem Seinigen! Du von den Justitiaren und Protokollanten der neuen hohen Herren Rheinbund-Potentaten und Franzosenknechte, – ich von einem jungen Frauenzimmer vom Adel wie der Hohen- Sulz'schen Gräfin!« »Und der Gräfin wieder hat der Johannes durch den Wald das Ihre geraubt!« seufzte ich. »Hoch zu Roß – vermummt – auf meinem Boden – recht wie ein Ritter von der Landstraße! Wann wurde das, seit dem gesegneten Mittelalter, je vernommen?« »Der Johannes durch den Wald soll sein Pferd ohne Tadel meistern und tummeln – heißt es«, sprach Herr Martin II., »– nicht schlechter, als es manche unserer Vorfahren, leider Gottes, als Raubritter thaten!« Ich mußte dazu nicken. » ... so als sei ihm ein altes und edles Geblüt eingeboren!« sagte der Abt. »Wie würde auch aus einem gemeinen Schnappsack ein Kentaur?« »Mag dem so sein, daß es ein ausgearteter Cadet aus großem Hause ist! ...« »Nachdenklich, Florentinus, ist weiter das Factum, daß er gerade deine Grafschaft nebst Nachbarthümern heimsucht und plagt, und nicht nach anderer Räuber und Wölfe Art weithin im Lande auf- und abstreicht!« »Lassen mir es, Abbas ...« »Hier aber, in Palmingen'scher Herrschaft, ist ihm Weg und Steg bekannt, kein Schlupf und Gelegenheit verborgen, wie einem, der von Mutterbrust und Kindesbeinen an hier daheim gewesen ...« »Genug denn ...« »Nun aber ein wunderlicher Fingerzeig, Florentinus: was sich sonst an gemeinen Räubern in lichten Schaaren bei uns umtreibt, Juden wirft und sich beim Bauern die Nachtranzen mit Kamisolen und Dörrfleisch füllt – diese Brüderlein wissen, was ihre Thaten werth sind und daß sie nichts Besseres verdienen als Stockhaus und Hochgericht! Unser Ritter auf dem Rappen aber – ei – weiß er nicht dem Beraubten zum Hohn zu melden, jedwedes Eigenthum sei überkommener unrechter Besitz und wolle an seinen rechten Ort, zu denen, die da Nichts haben, zurück? ... Florentinus: hörst du da nicht die Höllenstimme des großen blutigen Babel Paris und der Schreckensherrschaft? Hat nicht Maître Robespierre, herausgeputzt à quatre épingles , zierlich einen Blumenstrauß in der Hand, beim Fest des höchsten Wesens in Paris solche Principien ausgerufen – und war unter den viel tausend schwarzen Schafen, die ihm lauschten, nicht auch ein junger Graf aus Teutschland?« »Höre auf, Abbas!« schrie ich aufspringend. Herr Martin aber predigte unverdrossen weiter: »Verkündet nicht dieser unbekannte Junker Johannes durch den Wald, wenn er bei deinen Amtleuten Nächtens die Thüren einstößt, bei Fackelschein die Schafe wegtreibt, deine Zinsen und Gefälle aus den Kästen raubt – läßt er sich nicht da, hoch zu Roß in der Nacht, inmitten seines höllischen Haufens, mit einer fürchterlichen Stimme vernehmen, er hole sich nur wieder, was ihm mit Fug und Recht gebühre? So als sei er enterbt und verstoßen und um das Seinige gebracht ...« »Ich mag nichts mehr hören!« »Wer kann es sein, der mit einiger Raison – auch eines Bösewichts – sich solcher Worte vermessen darf? Keine Christenseele weiß es! Denn Niemand erblickte den Herrn Johannes durch den Wald noch anders als mit vermummtem Antlitz! Daraus ist unschwer abzusehen, daß ein Entsetzen durch das Land laufen und alle Gemüther verwirren würde, wenn man diesen mysterieusen Cavalier einmal mit bloßem Angesicht erkennen möchte! Denn was liegt an eines ordinairen Räubers gemeiner Gesichtsbildung? Selbst ein Bückler und Mathes, Veit und Manne, und was an weitverschrieenen, großen und berühmten Räubern sonst zur Zeit durch diese Gebirge schweift, hat selten das Antlitz geschwärzt und eine schwarze Larve vorgebunden, und trotzt meist offen Gott und der Obrigkeit!« »Genug! Lieber Hochwürdiger und Vetter: Mach' ein Amen hinter deinem Sermon!« »Ich bin am Amen! Denn weißt du, Florentinus, wohin ich hinaus will?« »Sprich es nicht aus!« »... Ahnst du, was mir seit Langem schwant?« »Berufe es nicht!« »Hörst du, was die gemeine Rede und des Volkes Murmeln längst rings im Lande ist?« Ich faßte den Herrn Abt vorn an seiner stacheligen Wollkutten. Er ließ sich nicht in seinem Sprüchlein beirren. » ... was im Schloß hier schon die geringsten Heerdmägde und Stallbuben raunen – und es untersteht sich nur keiner, es vor dir zu verlauten ...?« Mochte ich auch Herrn Martin in meiner Angst und Noth schütteln und beuteln – sein exemptes Gewand vergessend! – er rief athemlos und unverdrossen weiter: » Vox populi – vox Dei ! ... Gott straft dich, Florentinus, für dein hartes Vaterherz! Denn siehe – wenn nicht alles trügt –« Ein kalter Angstschweiß näßte mir die Stirne. Ich fiel in den nächsten seidenen Armstuhl und saß da schweigend und mit offenem Munde, und Herr Martinus der Andere schloß: »– dann ist besagter vielberühmter Johannes durch den Wald der Erbgraf Otto Septimus, dein Sohn, den dein Fluch und wälsche Irrlehren dir aus der Fremde als deinen abgesagten Feind zurückgestellt haben!«   Wo blieb mir, in dieser regnichten und stürmischen Nacht, der Mohn des Morpheus? Ich wandelte ruhelos in meinem geräumigen Schlaftempel auf und nieder. Ich lehnte bekümmert am Fenster und tausend Pensee's jagten durch meine Seele! Ich nahm meine Zuflucht zu jener Funktion menschlichen Verstandes, die mir immer als die höchste erschienen und mein Leben durch dies, nun vollendete, merveilleuse achtzehnte Jahrhundert begleitet hat – zu dem Zweifel, und fand im Zweifel den gewohnten Trost eines hochgeborenen alten Philosophen! Was weiß ein Zelot in seiner Zelle – so raunte mir die freundliche Kupplerin Skepsis zu – was weiß er von der Menschen Meinung, Landstraß' und Lauf der Welt? Der rauhe und grobe Herr – zornig, daß ihn die schöne Hohen-Sulz'sche mit flammendem Schwert aus seinem Pfaffenparadies vertrieben – hat das empfangene Ungemach christlich an mich weitergeben wollen! Soll ihm aber nicht glücken! So beschwichtigte ich mich – soi disant im Kampfe wider mich selbst – und erwartete mit Ungeduld den Morgen .... Ein Reichsstand wie ich, Graf Florentin, sorgt sich sonst wenig um die paupere und eisenfresserische Nation der Preußen dort hoch oben im Norden, in Berlin und Warschau. Ich – und ein Jeder, der einer galanten und graziösen Conduite des Lebens beifällt – erfand die Preußen alle Zeit als steif und feind den Orten, wo wahrer bon ton und höfisches Ceremoniell, Feinheit jeglichen Pläsiers und exklusive Reserve wider Bourgeoisie und Canaille, der Welt ein leuchtendes Exempel geben – als wie im königlichen Paris und in der Kaiserstadt Wien. Nun aber ersehnte ich nichts heftiger als die Ankunft des Herrn Stabsrittmeisters von Arcularius! Wie die gesammte Börse auf die Faro-Bank, so setzte ich auf diesen vielberufenen Prussien meine Lebenshoffnung. Diesem ausländischen Husaren-, Werber- und Abenteurer-Charakter, der ja bald wieder von dannen ritt, wollte ich mich gänzlich découvrieren und ihn bitten, mit allen seinen Listen den Johannes durch den Wald nicht gleich in Thurm und Eisen zu liefern, sondern vorerst ihm heimlich zu entlocken, wer er eigentlich sei – ob ein Kesselflicker oder eines heiligen Reiches Graf ...   Zu guter Stunde war an diesem Morgen ein großer, starker berittener Jude eilends beim Schlosse durchpassiert, welcher, als ein Geldwechsler auf dem Weg nach Frankfurt, mit seinen Dienern, die Halfterpistolen zur Hand, unverzagt, in gestrecktem Galopp, das Revier des Johannes durch den Wald durchmessen hatte und nun zum Gott seiner Väter aufathmete. Dieser juif en question berichtete, er habe unterwegs eine, bei heftigem Regen verschlossene Chaise hinter sich gelassen, in welcher, nach der Geschwätzigkeit des Kutschers auf dem Bock, ein zu mir reisender Herr Offizier in preußischen Diensten gesessen. Nun sah ich abwechselnd auf jede der beiden großen Sackuhren, die ich an langen, um den Hals geschlungenen, goldenen Ketten in meinen Gilet-Taschen trug, und wünschte den Herrn Stabsrittmeister herbei und setzte, auf einen jähen und erschrockenen, wälschen Schrei meines valet de chambre Pompeo Orlandi, den Fuß auf den Balkon ... Da unten, um die Waldecke, kam der Wagen! Aber wie denn: der Bock war leer! Die Zügel schleiften am Boden! Die beiden Gäule gingen im Schritt! Nun konnte man bemerken, daß hinter ihnen, hinkend und von Erde beschmutzt, der Kutscher lief! Der Mensch erreichte seine beiden Mähren gerade, als sie von selbst vor der Auffahrt meines Schlosses still hielten. Mit Beschämung muß ich eingestehen, daß ich einige eilige Schritte hin die Gravität des Auftretens vergaß! Erst beim Herniederwandeln über die Treppe gewann ich – den Hofceremonier Marquis de Fizeaux mit dem Marschallstab voran – meine landesherrliche Würde wieder mit der ich mein Vaterauge auf den schlotternden Postknecht blitzen ließ. »Was ist arriviert? Melde Er!« Der Kerl berichtete, noch außer Athem: – Ja ... zu Diensten ... Freilich habe er den Capitän von Arcularius durch den Wald gefahren, mit der Peitsche geknallt, recht um in seiner Bêtise die Räuber zu rufen – und sich Eines gepfiffen – da seien aus einer Tannenwildniß der Johannes mit der schwarzen Maske und zwei Gesellen vorgesprungen und hätten blindlings über den Kutschenschlag weg ihre Donnerbüchsen auf den armen Herrn innen gelöst, daß der Rauch aufwirbelte und die Gäule sich entsetzten und durchgingen, und er, der Kutscher, vom Bock purzelte. Er sei in Todesängsten hinterhergehumpelt. Lebe noch, mit der Heiligen Hilfe ... aber der Herr in der Chaise da drinnen, den Seine gräflichen Gnaden auf das Schloß zu sich gefordert... »Wie kann der Johannes durch den Wald das schon erfahren haben?« frug ich wahrhaft entsetzt ... » ... Der Herr da drinnen ist todt! Er regt sich nicht mehr!« verkündete heiser mein Jagdmeister O'Kelly! In der Ecke des Wagens lehnte, in sich gesunken, im Dämmern die Gestalt des unselig Verblichenen. Meine Livrée griff zu, um die Leiche herauszuheben. Ich wendete mich ab. Ich mochte den betrübten Anblick nicht schauen. Da höre ich, in meiner Gegenwart, angesichts des Todes, ein allseitiges, lautes und unehrerbietiges Gelächter, mit dem die Burschen ungehobelt herausplatzen! Sie lüften den tabakbraunen, rauhwollenen Radmantel und Reisehut von dem Leichnam – und mon Dieu : – gemeldeter Leichnam ist nichts als ein dickes, wohlgestopftes Felleisen, an dessen Elenn-Leder und Messingbügeln die bübischen Pistolenkugeln, wie man deutlich sah, abgeschrammt und breitgeschlagen waren. Doch der Herr Stabsrittmeister in persona , – wo war dieser listige Preuße geblieben? Nun kratzte sich der Tölpel auf dem Bock hinter dem Ohr und entsann sich, er habe, gleich nachdem er in den Wald gekommen, hinter sich etwas wie die Wagenthür schlagen hören. Da war der Husar heimlich, lange vor dem Überfall, herausgesprungen und hatte so, wie ein Fuchs den andern, den Johannes durch den Wald geprellt ...   Die Marquise Xénais schickte ihre Stubenheizerin und begehrte, zu wissen, was der Auflauf vorstelle? Ich verfügte mich höchstselbst zu ihr und brachte ihr, als ihr getreuer Serviteur, diese neue Post. Die Holdselige ruhte, in einem Negligée, dergleichen die Himmlischen erfunden haben mögen, und in der denkbar anmuthigsten Stellung, die Bänderschuhchen der Füßchen neckisch gekreuzt, schmachtend die gepuderte Wange in der aufgestützten kleinen Hand geborgen – ruhte, sage ich, auf einem geblümten Canapé, scherzte mit ihrem Wachtelhündchen und schüttelte eigensinnig die blauschwarze Nacht ihres Löckchengewirrs bei der inständigen Bitte ihres Schäfers, von der intendierten Chocolate bei dem Baron von Wimmersheim abzustehn! Eh bien, marquise ! So führte mir denn die Furie Eifersucht die Feder, und in Angst, Xénais und le baron de Wimmersheim ohne mich bei einer Schäferstunde zu wissen, sandte ich ihm, kurz resolviert, ein Handschreiben und meldete mich selber für diesen Nachmittag auch bei der berühmten Chocolate zu Gast. Dies gethan, promenierte ich in den Audienzsaal zurück. Es ist das Menschenrecht auch der Geringsten meiner Unterthanen, an jedem Freitag in der Woche, nachdem ich meinen mittäglichen Repas eingenommen, sich mir zu nahen und an mir einen huldvollen Herrn für ihr Gestammel und ihre Kniefälle zu finden. Der Zulauf der Supplikanten ist stets immens und auch heute mochte ihrer mindestens ein halbes Dutzend versammelt sein, die ich der Reihe nach, wie sie demüthig ihren Kratzfuß machten, mit meiner Ansprache beglückte. Mein Schutzjude Moises Legusch beschwerte sich hart: Er war, als ein Viehschmuser und Ochsentreiber, sammt der Blümchen, seiner Tochter, kürzlich vom Johannes durch den Wald überfallen und ihm vier Häupter Rinder weggetrieben und nur mit einigen Maulschellen und Püffen bezahlt worden. Dem Butternickel, einem Unterkäufer, der Speck und Schmalz bei den Bauern zusammenfeilschte und über den Rhein trug, wo ihm die Franzosen besser zahlten – ihm hatten die Bösewichter von des Johannes ††† Bande nur den leeren Sack gelassen. Meinem Amtsschreiber Papius hatten sie vorige Woch' mit einem Stachelstock übers Haupt geschlagen und an die hundert Carolin aus der Truhe entwendet. Der hochwürdige Pfarrer Held mußte mir, als neuesten Schurkenstreich dieser Elenden, zu melden, daß sie die Ägydii Kapelle Nächtens aufgebrochen hatten, um die Wachskerzen auf dem Altar zu stehlen. Mit diesen angezündeten Pfundlichtern aber erleuchteten die Malefizkerle noch in gleicher Nacht den Keller des Schultheißen und Grenzwirths Geiger und rollten die Branntweinfässer auf Nimmerwiedersehen davon. Es stieg ein übles Aroma aus dem Peuple auf. Ich verhehlte ein Gähnen und ennuyierte mich. Ich frug daher etwas mißgelaunt den Nächsten: »Und was – que, diable! – hat Ihm der Johannes durch den Wald zu Leid gethan?« »Nichts, gnädiger Herr!« Diese freimüthige Erwiderung frappierte mich und ich faßte den guten Gesellen wohlwollend ins Auge. Es war ein noch jüngerer gemeiner Mann in einem blauleinenen Fuhrmannskittel, kurzen, weißleinenen Hosen und Bändelschuhen. Er stand treuherzig und breitbeinig da und drehte seinen dreieckigen Bauernhut zwischen den Händen. Seine Mundart schien mir fremd. Der Marquis de Fizeaux, welcher mir die Individuen präsentierte, räusperte sich mit einer wichtigen und geheimnisvollen Miene. »Es ist ein vazierender Bandkrämer, der sich der Käsvogel nennt«, wisperte er. »Er ist am Überrhein in Fürstprimas'schen Landen toleriert und handelt von da mit Pfeifenköpfen, bleiernen Knöpfen, Messern, Spiegeln ...« »Eh – geh' Er damit zu den Bauern!« sprach ich unwillig. »... und mit steinernem Geschirr ...« »Hol' der Böse seinen Plunder ...« »... und mit Porzellan, hoher Herr!« flüsterte der Krämer. »Ich weiß wohl, wo noch eine rare, kurfürstlich Mainzische Waare aus der in Asche gefallenen Fabrik in Höchst da und dort im Lande zu finden ist. Ich schaffe die schönsten und seltensten Grüppchen bei: Ochsenhetz und Löwenkampf, Liebesbrunnen und Hundehochzeit! Ich bin als ein Handelsmann in solchen gebrannten Dingen gut erfahren und Euer Gnaden gänzlich zu Diensten!« »Sieh! Sieh!« sprach ich erfreut. »Endlich einmal ein Bittsteller, der mir Etwas ins Haus trägt! Ich muß Ihn loben, Käsvogel – so ist ja wohl vulgo sein Name! Trete Er ans Fenster, wo uns der Populace nicht hört! Dort wollen wir des weiteren über diese Affaire sprechen!« Die Fenster des Saals öffneten sich gegen Mittag auf den Schloßhof hinaus. Im Hof war ein Trubel. Ich bemerkte den Frater Dothias, meinen Stallmeister. Weltlich ein Baron Galletta, ehemals in toscanischen Militärdiensten, dann als Laienbruder einem Kloster entlaufen, und – als ein eingeschworener Illuminat wie ich und mir darin mit Passion zur Hand – in Rosenkreuzerei, Athenischen Logen und Freimaurerei vom Flammenden Stern – dieser wahren Religion eines achtzehnten Jahrhunderts, – wohl noch besser erfahren als im Messehören und Hufbeschlag. Dieser mein Ordens-Freund hatte etliche blanke Pferde an den Wassertrensen aus dem Stall ziehen lassen und wies sie einem braunen, schwarzhaarigen Zigeuner, der in den Hof geritten und von seinem Klepper abgetreten war. Mühlsteine und glühend Eisen sind zwar die einzigen Dinge, die ein Zigeuner liegen läßt und nicht mit sich gehen heißt. Doch genießt dies Volk von Ägypten aus, woher es gekommen, noch mancherlei Geheimnisse und weiß, mit Spinnweb, Speichel und Abrakadabra den Pferden Maule und Hahnentritt, Weben und Windsetzen zu vertreiben. Ich konnte es also nicht tadeln, wenn mein Dothias von der schwarzen Kunst des Zigeuners profitierte. Letzlicher stand in einem abgeschossenen langen Rock und hohen Stiefeln, als ein rechter Roßkamm und Roßtäuscher, vor den herausgeführten Gäulen. Aber er suchte nicht in ihrem Maul nach den Kunden in den Zähnen, sondern mit ernstem Aussehen, die langen Haare schüttelnd, nach Etwas in der flachen Hand des Dothias, welcher als ein Oberer vom zweiten Grad unserers heimlichen Ordens, unter seinem Oberrock statt der Nachteule schon den halben Mond am ponceaurothen Band trägt – Bruder Dothias, dieser in alle Eleusinischen Mysterien Insinuierte, blickt erhitzt zu mir herauf und ruft verzückt: »Monseigneur! Der Zigeunerkerl hier kann mehr als Brot essen! Hier leuchten Pythagoräische Maximen aus fernen Zeiten auf! Er liest Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrüglich aus der Hand!« Da durchbohrte mich der Pfeil einer sublimen Idee, daß ich vielleicht aus dem ungewaschenen Maul eines Zigeuners erfahren möchte, wer der Johannes durch den Wald sei, und ich begab mich hinunter auf den Hof und winkte den braunen Heiden vor mein Angesicht und ließ ihn kurz an: »Zigeuner – kannst du auch mir die Wahrheit sagen?« Zur Antwort zeigt Jener lachend das Weiße in seinen Augen und die weißen Zähne in der kupferfarbigen Visage, beugt sich über meine Hand, ohne sie zu berühren, und die frohe Laune weicht von ihm und er flüstert ganz erschrocken, ganz leise, so daß nur ich es hören kann: »Kohdle. Kyre – Großer Herr! .. Es steht grausames Unglück über Ihrem Schlosse! Das spür' ich als ein Sende, als ein Zigeuner!« »Woher kommt das Unglück?« raune ich und erwarte mit Grauen die Antwort. ›Von deinem Sohn – dem Johannes durch den Wald!‹ Statt dessen wispert es neben mir: »Es ist schon bei Ihnen eingetreten, Großmächtiger Herr! Hüten Sie sich, – oih weh! – vor dem preußischen Werber!« »Zigeuner, was weißt du von dem Preußen?« »Hetzen Sie ihn nicht gegen den Johannes durch den Wald, gewaltiger Herr! Wer Johannes durch den Wald nimmt furchtbare Rache an Euch allen! Schicken Sie den Preußen auf dem Schub dahin zurück, woher er kommen ist!« »Dummer Zigeuner! Der Preuße ist ja noch gar nicht da!« »Er ist in Ihrem Schloß, –- der Pfiffes! Der mächtige Herr merkt es nur nicht!« »Was plapperst du, Zigeuner?« »Er hat sich heimlich eingeschlichen, damit es dem Johannes durch den Wald verborgen bleiben soll, daß er vorhanden ist! Dem Johannes durch den Wald wurd' aber flugs ein Zinken gesteckt ...« Unter solchen Worten tritt dieses maivais sujet ganz gemächlich in den Steigbügel, schwingt sich auf seinen struppigen, aber nicht üblen Gaul und deutet breit grinsend mit dem Finger nach dem Schloßthor, wo der Porzellankrämer vom Überrhein mir aus dem Saal gefolgt ist und bescheiden in der Ecke steht. Nun aber sich aufreckt und über eine weite Regenlache hinweg einen Sprung wider den Zigeuner führt, wie man sich dessen eher von einem Tiger in Indien als von einem schlichten Großherzoglich Dalberg'schen Subjekt versehen möchte. » Halte-là !« schreit er dabei mit gellender Stimme. »Steh, Zigeuner, und zeig', wer du bist!« Der braune Kerl auf dem Roß aber wirft es herum, daß es in die Luft steigt, und meist mit der Rechten, unter dem aufflatternden Mantel hervor, ein schuhlanges Pistolet. Im selben Moment hat auch der Bandelkrämer ein doppelläufiges Terzerol aus seinem blauen Leinwandkittel gewonnen und seine Kehle gellt wie eine Trompete: »Du Schuft! Du bist Johannes durch den Wald!« Die Augen des Zigeuners aber glühen und er lacht und er fährt, Antlitz und Pistolenmündung rückwärts gewendet, mit seinem windschnellen Roß über den Hof, daß Knechte und Mägde, Hunde und Cavaliere voll Entsetzen vor dem Johannes durch den Wald übereinanderpurzeln, rennen, sich in Winkeln ducken. »Ihr seid letztlich gewarnt!« ruft er zurück. »Ich bin mit anderen Schelmen fertig geworden als mit Euch, – Herr von Arcularius!« Wie dem Verruchten folgen? Es standen nur Gäule mit blankem Rücken und losen Trensen umher! Schon saß, nach Türkenmode mit einem Bocksprung von rückwärts, der Herr im blauen Kittel auf dem nächsten besten Tier, und nun merkte dieser sonst untraitable Krippensetzer, daß ihm ein Husar aus weiland Friederici des Großen Armee die Rippen zusammendrückte. Auf blankem Roß und wie mit ihm verwachsen, jagte, zu meinem ungläubigen Etonnement, der Herr Stabsrittmeister von Arcularius hinter dem Johannes durch den Wald drein. Aus der Faust des Zigeuners vorn blitzt die Pistole. Der Jahrmarktskrämer hinten feuert im vollen Galopp wider. So verlieren sich die beiden unheimlichen Gäste meines Schlosses in einer Hetzjagd, an den ackernden und sich hinterm Pflug bekreuzigenden Bauern vorbei, in der Ferne. Ich, der regierende Graf, war total stupéfait. Der abgedankte Klosterbruder Dothias und der Herr Marquis, mein Marschall, mußten mich unter den Armen in das blaue Cabinet führen – so heftig war der Embarras meiner Nerven. Der Jägermeister O'Kelly ließ mich auf einen Stuhl gleiten, mein Kammerknecht Pompeo lüftete mir das Spitzenjabot, der Maestro Christoforo, mein Porzellanmaler, wedelte mir mit einem Straußenfächer Kühlung. Doch fühlte ich mich erst erquickt, als sich ein zarter und köstlicher Zephyr von Parfüm durch das Zimmer ausströmte, in das die Marquisin Xénais mit leichten Sohlen und hohen Stöckeln hereingetrippelt, und die Göttliche neben mir niederkniete und ihre Rosenfinger die Krähenfüße meiner Schlafen mit Lavendelgeist rieben! Beglückt, mit geschlossenen Augen, murmelte ich: »Nun wird doch hoffentlich, Theure meiner Seele, der Herr von Wimmersheim seine Chocolate ohne uns löffeln?« Sie aber, die schwarze Eva, blies mir mit süßer Stimme, unschuldig wie eine arkadische Hirtin, ins Ohr: »Nicht doch! Lassen mir ce pauvre Baron nicht nach dem Anblick Eurer Erlaucht schmachten! Die Visite wird Euer Gnaden, nach dieser Emotion, ein erfrischendes Divertissement bedeuten!«   Man kann sich nichts Ridicüleres ausmalen, als schon unsere Begrüßung durch Monsieur le Baron Maxence Marie César de Wimmersheim! Sein Château – füglich eher ein Jagdschloß zu nennen – liegt mitten im dichten Gehölz und kein Einsichtiger wird es ihm unter den obwaltenden Zeitläuften verdenken können, daß er alle Fenster vorsorglich gegen den Johannes durch den Wald hat vergittern lassen. Aber daß jedes Fenster inmitten zierlichen eisernen Geschnörkels eine eiserne Strahlensonne aufweist und als Gesicht in ihr des Barons eigenes Konterfei, wie er dem Johannes ††† draußen höhnisch die Zunge bleckt – diese Imagination läßt schon errathen, was für ein Narr hinter diesen Eisenstäben haust. Er tänzelte und scherwenzelte uns dienstbeflissen über die Freitreppe entgegen, machte mir unterwegs die possierlichsten tiefen Reverenzen, warf der Sylphe an meiner Seite neckische Kußfingerchen durch die Luft zu und begrüßte herablassend mit einem Wink eben dieser Finger ihren Vater, den Marquis. Oh ... Xénais ... falsche Schlange unter Blumen ... Ich sah den vielsagenden Augenaufschlag von unten wohl, mit dem du des Barons Wimmersheim graziös gerundeten Arm nahmst, um hinter mir an seiner Seite deine Entrée in das Schloß zu halten. Ein Papagei krähte uns von seiner Stange entgegen. Die Natur hatte die Farben des Regenbogens über das wunderliche Geflügel ausgeschüttet und doch glich gemeldeter Vogel eher einer Krähe, wenn man ihn mit seinem Herrn daneben verglich. Der Baron de Wimmersheim hatte, um der Marquise und mir seine Verehrung zu bezeugen, einen rosarothen goldgestickten Frack angelegt. Daß er einen Schnürleib nach Weiberart darunter trug, sah man nur von hinten. Denn vorn kleidete er seinen hageren, an sich wohlgebildeten Leib mit drei langen Gilets in Klappen übereinandergeschuppt, von Aprikosen-, Flieder- und Perlmutter- Farbe. Die Escarpins waren aus violetter Seide. Silberschnallen an den weiß-seidenen Kniestrümpfen. Unter den Arm hatte dieser Herr einen schwarzsammtenen, goldgeränderten Dreispitz geklemmt, an der Seite einen kleinwinzigen, zerbrechlichen Galanteriedegen gleich einem Kinderspielzeug. Ein ungeheures, buntseidenes Tuch würgte siebenfach geschlungen, seinen Hals bis zu den Ohren. Das Haar des Barons war in viel hundert kleinen Cherubim-Löckchen gebrannt und gekräuselt, sein faunisches Gesicht mit Reismehl weiß gepudert, Lippen und Augenbrauen mit blutrothem und schwarzem Stift nachgezogen, als sei er ein Pojatz bei den englischen Reitern. Wo er ging und stand, umwehte ihn eine Wolke von Moschus, und dieser schwüle Odeur benebelte alle seine mit selbstgemachten Stickereien, Deckchen und Polstern complètement gefüllten Boudoirs, durch die uns dieser Imbécile geleitete. Auf dem Tisch stand eine Collation bereit, und der Baron war nicht wenig stolz, uns auf Edelmanns Ehre zu versichern, daß er diese Pâtisserieen mit eigenen Händen gebacken. Ein kleiner Mohr in Türkentracht wartete auf. Es war freilich nur ein Bauernknäblein aus dem Dorf des Herrn von Wimmersheim, den er mit Kienruß geschwärzt hatte. Er durfte der göttlichen Xénais nicht zu nahe kommen, wenn anders garstige Flecken auf ihrem Putz und Staat vermieden werden wollten. Und in der That – die hartherzige Schöne hatte dem Baron zu Liebe alle verführerischen Reize ihres nachthaarigen, großäugigen wälschen Südens in ein schmachtendes Licht gerückt. Unter ihrer Robe von blutrothem, mit Stahlperlen gestickten, indischen Perkal, warf, in Kniehöhe vorkommend, eine Tunika die gefälligsten Wellen aus schwerem nilgrünem Sammet. Ein Brabanter Spitzenrand umkoste den weiß athmenden Busenausschnitt. In anmuthigster Art hob sie die zarten Arme in kurzen Puffärmeln und strich über das Löckchengewirr, unter dem ihr schmales und pikantes, weißgepudertes Gesichtchen auf das graziöseste dem Baron zulächelte. Für mich hatte sie niemals diesen Ausdruck von Amüsement auf dem kindlichen Linienschnitt ihrer Züge übrig gehabt, und die Höllenpein der Eifersucht machte mein Innerstes erschauern. Denn – ach – ich war bei Jahren – und ce satané Monsieur de Wimmersheim – wenn schon ein ausbündiger Harlequin – war jung ... Der Baron klapperte geschäftig mit Täßchen und Schälchen, bot uns wie eine Dame des Hauses die Honneurs, fächelte sich Kühlung, pirouettierte zum Fenster, um einen Fußschemel für Xénais zu apportieren, meckerte und kicherte, erzählte ihr Histörchen in das kleine Ohr, daß sie lachend abwehrte, ihm auf die Finger schlug und doch nicht von ihm abrückte. Dies encouragierte ihn, immer kühnere Schäferspiele aus Wien zu berichten, wo er zehn Jahre hindurch auf der wahren hohen Schule der Galanterie gewesen und sein Vermögen zugesetzt, nun aber, durch die Erbschaft der Gräfin-Tante, um ein Zehnfaches wiedergewonnen hatte. Erst als im vorigen Jahr der neu anhebende blutige Krieg zwischen Habsburg und Buonaparte mit unsanften Pausbacken die Redouten und Assembléen, Praterfahrten und Bals paré's auseinandergeblasen, hatte er, der Baron, sich gezwungenermaßen hierher auf sein Stammhaus im Walde retiriert, ersehnte aber nichts mehr als den nahen lieben Frieden und neues Pläsier. »Pfui über den Krieg! Ich habe einen wahren Dégout gegen jedes Tröpflein Blut!« gestand er vertraulich. »Mir wird schon blümerant, wenn ich mich nur an meinem Stickrahmen hier in den Finger steche!« Ihm erwiderte Xénais, ihr Lachen hinter der Chocolate-Schaale verbeißend: »Sie reden recht wie ein Frauenzimmer, mein Herr!« Er aber nahm dies für eine Schmeichelei, löffelte Zuckerwerk, sog sich Nervenstärkung aus seinem Riechfläschchen in die Nüstern, erzählte, er habe wohl an die hundert Tabatièren in seinen Gemächern stehen, auf jedem Tisch eine andere, – und wie er neulich seinen Mops habe hinrichten lassen müssen, und daß man sich die Hände nur einmal in der Woche mit frischgemolkener, noch warmer Ziegenmilch waschen müsse – sonst ja nicht und mit nichts anderem, und diesem geheimen Hausmittel, verdanke er, der Baron, seinen vielbewunderten, reinen und weichen Teint, – kurzum – es klapperte ein solcher Mühlbach von Thorheit aus seinem roth geschminkten Mund, daß ich zu meiner Satisfaktion merkte, wie es auch der göttlichen Xénais allgemach zu viel wurde und sie nur noch leer und unwillig zuhörte und leise seufzend nach der Thüre sah. Dies rührende Bild ließ mich aufathmen! So hatte es denn dieser allzu offenherzige und schellenlaute Narr bei meiner Phyllis verspielt! Ich beorderte durch einen gnädigen Augenwink meinen Hofmarschall, das Anschirren der Pferde persönlich zu überwachen, setzte mich indeß wohlgefällig im Fauteuil zurecht, faltete die Hände und schloß etwas die Augen, denn ich mochte das wirre und krause Geschwätz dieser menschlichen Elster – dieses Herrn von Wimmersheim – nicht mehr hören. Sei's darum, daß ich ein bißchen eingenickt bin! Jedenfalls zupfte mich nach geringer Zeit ein Meerkater – welch zahmen Affen sich der Baron, quasi in effigie seiner selbst, im Zimmer hielt – zerrte mich dieses Geschöpf, spitzbübisch grinsend, an dem Zöpfchen, das ich, der Zeit zum Trotz, im Nacken trage, und ich erwachte und sah, daß das Cabinet leer war. Doch eben trat in diesem Augenblick Xénais wieder über die Schwelle, und der Baron hinter ihr, und ihre Wangen glühten unter dem Puder wie Feuer unter dem Schnee, und die dunklen, seelenvollen Mandeln ihrer Augen glänzten in schwärmerischem Aufschlag zum Himmel und ihr Busen wogte. Le Baron de Wimmersheim hatte ihr die Erbschaft der Gräfin- Tante gezeigt, die er vor den k. k. Kriegsläuften aus Wien hierher salviert: – Geschmeide wie aus dem Paradies: Verloques, Kameen – Intaglio's – Perlengeschnür – Diamantengehänge – rubinene Ringe – Türquisen und Amethysten. Nun aber erst das gemünzte Gold: Caroluspiaster und holländische Dukaten – spanische Dublonen und venezianische Zechinen – preußische Pistolen und harte Gulden Wiener Währung – alles schier in Scheffeln, und, sammt dem Geschmeide, in Schatullen in einer großen, eisernen Kiste aufbewahrt, diese aber wieder mit Ring und Ketten im Gebälk des Bodens angeschlossen, so daß der Johannes durch den Wald, wenn er selbst in das Schlafgemach des Barons eingedrungen, sich darin fruchtlos abplacken und ohne Gewinn abziehen müßte! Die süße Stimme der Marquise Xénais zitterte und schwang, wahrend sie mir diese Schätze des Großmoguls abschilderte. Das Gleißen des Goldes war ihr heißer zum Köpfchen gestiegen, als vorher der feurige Malvasier, an dem sie nur genippt. Sie gestand freimüthig, der Baron sei viel reicher als sie sich je im Traum habe beigehen lassen, und reichte ihn, beim Abschied, neckisch und verführerisch wie eine Circe, die Hand zum Kuß. Ich aber, der Graf, legte mir eine steife Reserve auf und schickte mich in einem bitteren Verdruß des Herzens zur Heimkehr.   Fahr' hin – du schnöde Welt! Ich mußte mich der Worte des rauhen Abbas Martin entsinnen, daß diese Erde ein Jammertal sei und mit Nichten ein Liebeshof! Mir mißfiel, in Sturm, Regen und Abendgrauen um meine schwerfällig knarrende Hofkalesche, diese »beste aller Welten«, wie sie der geistreiche Franzose nennt. Ich spürte wiederum Lust, sie nicht mehr als ein verliebter Jupiter hinter Nymphen und Dryaden her zu durchschweifen, wie solch eine flüchtige Schöne, quasi in einen Baum verwandelt – so unbeseelt und kaltherzig, in einem grausamen Schweigen neben mir saß – sondern die Menschen nur noch von weitem, aus der Solitüde des Alters her, zu betrachten. Ein Mensch aber läßt sich nicht bannen! Er gewinnt aus Nacht und Nebel um mich her Leben! Er wächst aus der weißen Luft, die über der Wiese braut! Er lugt aus jedem Dickicht wie ein Haufen Laub am Boden! Er steht wie ein Schatten hinter jeder Eiche am Weg! Er schaut mit fernen Geisteraugen aus dem Phosphorleuchten faulen Holzes dort tief im Forst! Er ist da und ist nicht da! Jeder nennt seinen Namen und keiner kennt ihn! Er schwebet aus dem Abendgespinnst um die Tannen durch die Luft auf mich zu ..... Johannes durch den Wald ..... mein Sohn ..... Oder bist du's nicht, Abbadonna? ... Unseliger, den der Vaterfluch traf? ... Bist du es doch? ... Wehe, mir schauert! Auf der Landstraße vor uns scholl ein lauter und grober Gesang von vielen Mannskerlen und Burschen: ›Auf – drunter und drüber – Was Bauer will sein! Mein Mus ist mir lieber Als Braten und Wein!‹ Mein sechsspänniger Reisewagen überholte viele Dutzend dahinziehende redliche Landleute in schwarzen Bauernhüten, langen blauen Röcken und weißen Zwillich-Hosen. Beim Schein ihrer Pechfackeln sah man, daß ein Jeder Dreschflegel, Sense, Holzaxt oder sonst eine taugliche Waffe auf der Schulter trug. Ihre Wachhunde bellten. Vorn schlug der Grobschmied wie ein Tambour auf einen Kupferkessel, um durch all dies hussah! und horridoh! eines wilden Heeres etwaige Räuber verzagt zu machen. Zwischen diesen Bauern karrten ein paar schwere Planwagen, die sie auf solche lärmende Manier bewachten, und an der Spitze des Zugs ritt im Dunkel, die gespannte Pistole am rechten Schenkel aufgesetzt, ein junger Herr im Dreispitz und engem, an den Schößen aufgeklapptem Reitfrack und winkte mir, im Vorbeifahren, in die Kalesche hinein einen Gruß und rief mit heller Stimme: » Bon Soir , Euer Liebden und Vetter!« Ich steckte, indigniert über diese Vertraulichkeit des fremden jungen Cavaliers, den Kopf aus der Kutsche. Siehe – da war es die schöne Gräfin Amöne von Hohen-Sulz, die da in Junkerkleidung, wie zur Jagd, rittlings zu Pferde saß und frischweg lachte: »Ich hab' an dem einen Rencontre gestern mit dem Johannes durch den Wald alleweil genug! Und dieweil ja der erlauchte Herr Cousin seine Straßen nicht schützen kann, so hab' ich meine neue Bauernschaft aufgeboten und mich an ihre Spitze als Hauptmännin und Feldobristin gesetzt und hole meine schwere Bagage mit Silber und Leinen und Pelzwerk und all meinem, übern Rhein mitgebrachten, Hab' und Gut selber vom Reichsstädtchen unten zu mir nach Heilig-Kreuz! Diesen redlichen Landsturm hier geht auch der Johannes durch den Wald nicht an! Die Leutche stecke voller Kurasch, weil ich sie führe – die ich dem Herrn Grafen eine geruhsame Nacht wünsche!« Unter diesen übermüthigen Worten zog die unverzagte, junge Hohen-Sulz'sche Wittwe ihrem festen Haus zu, und was sie dort alsbald Absonderliches erlebte, muß ich später melden ... Fidonc! ... Wie rümpfte ich indigniert die Nase, als mir beim Eintritt in die Treppenhalle meines Schlosses ein spürbarer übler alter Nachschmack von holländischem Rauch-Kanaster entgegenwehte. Von allen widerwärtigen Barbarenbräuchen der neuen Zeit ist mir dieses, den Indianern abgelauschte Brandopfer der Wachtstube gänzlich insupportabel und, ohne Ansehen der Person, in meinem Hofhalt strictissime verboten. Es war denn auch keiner meiner Subjecte der Schuldige gewesen, sondern der Herr Stabsrittmeister von Arcularius hatte die Ahnenhalle in eine Tabagie verwandelt. Dieser Preuße – so berichtete mir mein Kammerknecht Pompeo Orlandi – war, bald nach meiner Abfahrt zu dem von Wimmersheim, aus den Wäldern zurückgekehrt, hatte sich, aus seinem Mantelsack und Doppelgänger heraus, bürgerlich, etwa in der Tracht eines Negocianten oder Musterreiters, gekleidet, die beste Bouteille aus dem Keller und, was der Bratspieß dazu hergab, auftischen lassen und hinterher ungescheut eine Pipe Tobak geschmaucht – wie das des Feldlagers Brauch, hatte er dem Pompeo erklärt – und er sei hier wider den Johannes durch den Wald im Felde! »... der ihm aber doch zu schnell entritten zu sein scheint!« merkte ich in einigem Ärger an. Er habe sich, als ein erfahrener Husar und Parteigänger, wohl gehütet, sich von dem Johannes in den Wald hinein und in einen Hinterhalt locken zu lassen, – waren seine Worte – und habe sein an der Lisière des Gehölzes, zum Verdruß der innen lauernden Schelme, Kehrt geschwenkt und ihnen den Rücken präsentiert! Päh – dieser Pesthauch verkohlten indianischen Krauts in den Lüften! Ich fächelte mit der gespreizten Rechten diesen plebejischen Odem einer neuen Zeit von mir ab, die den Tabak, statt, wie es sich gebührt, als Schnupfpulver zur Nase, gleich einer Brandfackel sich ins Maul führt! Ich recherchierte: »Und, nach ausgerauchtem Pfeifchen – was hat der Herr von Arcularius dann weiter angegeben?« »Begehrte einen Pfeifenräumer, stocherte sich den Meerschaumkopf leer und wollte ihn sich von Neuem stopfen und anzünden! Da faßte ich mir ein Herz und bedeutete dem Herrn Stabsrittmeister, daß zuviel von dem blauen Dunst den erlauchten Ahnenbildern an den Wänden schädlich werden und sie schwärzen möge! Da schlug Seine Gestrengen mir auf die Achsel und lachte: ›Da sei Gott vor, du Spitzbub! Also führe mich lieber in die Wachtstube! Die ist allerlande das rechte Tabakkollegium für alles, was Patronen beißt und in Steigbügel tritt‹ ...« »So geleitete ich denn«, fuhr der Pompeo fort, »diesen Herrn Husaren aus Preußen in das Gewölbe zur ebenen Erde, wo dero hochgräfliche Dragoner sich auf den Pritschen lümmelten und ihr Commandant, der Herr von Schindewolff, zwischen ihnen am Tisch hinter einer Kanne saß. Zu ihm setzte sich der Herr von Arcularius rittlings auf einen Stuhl, würfelte und trank mit ihm, spendete auch Euer Erlaucht gemeiner Reiterei ein freigebiges Biergeld, so daß er bald die ganze Soldateska in Gunst und um sich versammelt hielt, wie Kriegsleute aller Orten sich leicht als Freund oder Feind finden.«   Daß aber die gesammte monströse und für einen Edelmann unschickliche Begebenheit mit der qualmenden Pipe im Ahnensaal nur eine Kriegslist gewesen, um ohne Aufsehen und Mißtrauen durch meinen, allen Dragonern wohlbekannten Kammerknecht auf der Wachtstube eingeführt zu werden, – das ist erst später ans Licht gekommen. Nun denn: der Rittmeister Gustav Adolf von Arcularius saß da, und hielt die Pfeife zwischen den Zähnen und seine Augen gingen durch den Qualm hin und her über die Kerle, als suchte er Etwas, und er erzählte tausend Schnurrpfeifereien von seiner Werberei in der großen Pfaffengass' längs des Rheins von Mainz bis Cöln, und vorher in hamburgischen Tavernen, unter wildem Seevolk, entsprungenen Galeeren-Züchtlingen, Schmugglern, Dieben und Deserteuren, aus welcher Crapüle es auch bei aller Umsicht nicht leicht gewesen sei, taugliche Individuen für Seine Majestät in Preußen herauszufischen! Es läßt sich leicht abnehmen, welch ein wohlgefälliges und sachkundiges Auditorium der Herr Werbe-Offizier mit solchen Historien in der Wachtstube fand! Da war wohl Keiner, dem nicht noch das Fell irgendwo in der Erinnerung juckte. Mein guter Schindewolff konnte sich seine Leute auch nicht beim Pastor auswählen! In diesen Napoleonischen Läuften, in denen unser betrübter alter Erdtheil nur noch ein Haufen Kraut und Rüben, durfte man Niemanden lange fragen, woher er des Wegs kam! Man hätte doch nie die Wahrheit vernommen, und ich konnte froh sein, wenn meine Armee jetzt mit siebzehn Dragonern und einem Trompeter – dem schon gemeldeten Brabanter Bellonier – komplett angemustert und furchtgebietend dastand! Die Dragoner waren hocherfreut, einmal einen adeligen Herrn zu finden, der ihre Gemütsart begriff, und wie es einem gemeinen Burschen zu Muth, der bald diesem, bald jenem König Seel' und Knochen verdingt, da, von den streifenden Husaren unbemerkt und so ohne Strick und Spießruthen aus diesem Lager desertiert, in jenem drüben wieder Handgeld nimmt, hinter den Armeen als Mérode-Bruder umschweift, und, von Winter und Schnee aus den Waldlöchern vertrieben, wieder horcht, wo die Trommel klingt und die harten Thaler über den aufgestellten Werbetisch springen. Diese Noth eines armen, jungen Kriegskerls versteht keiner besser als ein Husar, der ja, nach seinem Métier, meist weit draußen vor dem Lager im Lande liegt, mit Bauer und Edelmann, Mönch und Bürger, Jud und Fuhrknecht gut Freund, in Feld und Flur daheim, und daher der Natur und den Menschen näher ist, als die hochmüthigen, bezopften Herren mit Sponton und Ringkragen in Reih' und Glied der Wachtparade. So drängten die Dragoner eifrig den Herrn von Arcularius, noch mehr von seinen hamburgischen Werber-Aventüren zum Besten zu geben, und er klopfte seine Pfeifenasche in die Bierlache auf dem Wacht-Tisch und erzählte: »Es hat mir dort nicht mehr gefallen wollen, nachdem ich einmal schon beinahe durch fremde Bosheit in den Husarenhimmel, – will sagen: die Hölle – eingegangen. Es war da ein langer, rüstiger Kerl. Der wollte sich samt seinem Kameraden anmustern lassen und erbot sich, mich in die Herberge zu führen, wo sein Kumpan zu finden sei. Ich folgte ihm in eine verrufene Gasse und unter übles Volk. Das ließ ich mir unbedachtsam in den Rücken gerathen und unversehens warf sich, was an Galgenvögeln in diesem Wanzengemach hauste, auf mich, um mich kalt zu machen und – was ja allerwege die große Gefahr aller Werber ist – das viele Handgeld zu gewinnen, das ich im Hosensack bei mir führen mußte! Denn das wißt Ihr selber am besten: dem Vogel muß man flugs sein Futter hinhalten, wenn er kirr ist! Sonst fliegt er wieder fort!« »Ei – und wie erging es denn dem Herrn Capitän?« »Ich sprang durchs offene Fenster drei Stockwerke hinunter auf die Straße!« sagte der Preuße kaltblütig und rauchte. »Da müßte der Herr doch heute noch an Krücken gehen!« »Nein! Denn unten war kein Pflaster aus Erde, sondern ein stinkendes, stilles Gewässer. Solche Wassergassen heißt man in Hamburg die Fleete. Da schwamm ich denn davon. Meldete, naß wie ein Pudel, einem hohen Senat mein übles Geschick. Flugs schickte das Niedergericht die Stadtknechte an den von mir bezeichneten Ort. Aber sie fanden schon das Nest leer und es gab so etliche ungehängte Schelme mehr auf der Welt!« Auf das hin trank der Rittmeister von Arcularius seine Kanne leer, ließ seine Augen wieder über ein versammeltes, reichsgräflich Palmingen'sches Reichscontingent schweifen und klappte den Zinndeckel mit den Worten zu: »Seitdem hab' ich Hamburg gemieden und mich am Rhein besser gefallen! Da, ist ein leichtes und fröhliches Volk und gut sein! Es finden sich auch geschickte Leute zu Pferd' und Fuß genug! Ich wollte mich getrauen, zwischen Neumond und Vollmond ein ganzes Bataillon Husaren aufzurichten! Nur Eines freilich müßte ich mir aus dem preußischen Norden verschreiben und kommen lassen!« »Was meint der Herr Kamerad für ein Manquement?« murmelte der Commandant von Schindewolff schon halb schlaftrunken. Denn er hatte, nach seiner Art, trotz des frühen Abends, schon brav Bier geschluckt. »Das sind die Trompeter!« sprach der Herr Rittmeister. »Ihr blast hier am Rhein nicht herzhaft genug! Solch ein Alarmsignal bei uns Husaren in Preußen – hei! – das schmettert wie das Jüngste Gericht, daß Einem das Herz im Leibe lacht!« »Ei – denkt der Herr Kamerad, wir tuten hier wie die Kuhhirten?« replicierte der dicke, alte Schindewolff und strich sich beleidigt die Biertropfen aus dem weißen Schnauzbart. »Ich werde Ihnen gleich weisen, was mir können! ... He ... Bellonier! ... Trompeter! Trete einmal vor! – Das ist ein Brabanter, Herr Rittmeister, und mit sieben Wassern gewaschen!« »Mir wohl bekannt, Herr Commandant!« »So ... so! ... Woher denn wohl?« »Nun – weil mir dieser Trompeter gestern die gnädige Invitation Seiner Erlaucht überbracht hat!« sagte der Preuße langsam und leichthin und sah ihn an. »Ah ... richtig! ... Ich vergaß! ... Hallaho ... Bellonier ... mon ami ! ... En avant ! ... Blase dem Herrn Stabscapitän unser Retraite-Signal! Das flutscht dir am besten!« Der Brabanter – ein hagerer, schwarzer Geselle – placierte das Mundstück seiner Trompete unter dem dunklen Schnurrbart. Die schwarzen Augen liefen ihm, während er anhub, unruhig wie zwei gescheuchte Mäuse in dem gelben Gesicht hin und her, blieben dann an dem Herrn Husaren- Werber haften. Die Trompete aber gab nicht weiter die wild schmetternde, gräflich Palmingen'sche Rückzugs-Fanfare in Kriegszeiten von sich, sondern plötzlich einen gräßlichen, heulenden Ton wie den Aufschrei eines Sterbenden und verstummte dann gänzlich, und der Herr Stabsrittmeister lüpfte sich von seinem Reitsitz, knöpfte sich den Oberrock zu und sprach kalten Bluts zu dem Schindewolff: »Sie werden heute nicht viel Ehre mit dem Kerl einlegen, mon commandant , – denn er ist, nach meiner opinion , besoffen!« »Besoffen wie ein Schwein!« schrie der feiste Schindewolff, aufspringend und schnaubend ob seiner Blamage. »Hinaus mit dir und in dein Dorfquartier! Schnarch' deinen Rausch aus, du nichtsnutziger Teufels-Trompeter – warte!« Der Bellonier war schon aus der Thür. Gleich hernach trat auch der Herr von Arcularius hinaus in den schwarzen, regnerischen Abend, nachdem er kurz von dem verdutzten alten Schindewolff Urlaub genommen. In ein paar Sprüngen hatte er den einsamen Kerl auf der Landstraße eingeholt. »Steh', Canaille!« »Ja – Herr Stabsrittmeister!« »Warum schlotterst du am ganzen Leibe ...? Pfui! Ein Soldat!« ... »Huh! Gnade, Herr Rittmeister . . !« Dabei wirft sich selbiger Kerl mit den Knieen in den Schlamm am Boden und hebt die Hände. Der preußische Herr aber betrachtet ihn von oben und zuckt die Achseln. »Um Gnade magst du ein hochnotpeinliches gräfliches Hals- und Blutgericht bitten, dem ich dich unweigerlich nach Rückkehr Seiner Erlaucht wegen mörderischen Überfalls auf mich in Hamburg denuncieren werde! Ich besorge aber, daß du doch den Sprung von der Leiter thun wirst! Geht der Welt auch nicht viel verloren!« »Herr Rittmeister ... gnädiger Herr ... Es ist ja damals in Hamburg durch Gottes Gnade und Fügung alles noch gut verlaufen und Euer Wohlgeboren nicht zu Schaden gekommen! Ich habe nachher auch unser intendiertes Verbrechen bitterlich bereut und wieder hier ein ehrliches Soldatenhandwerk ergriffen. Der Herr Rittmeister sehen es ja!« Der Herr von Arcularius lachte und beugte sich in Wind und Nacht über den Höllenbraten, der wie ein dunkler Klumpen unter ihm am Boden wimmerte, und hatte doch, zu einiger Vorsicht, die Hand an der Pistole im Sack. »Ein ehrlicher Dragoner willst du sein, du Hund?« sprach er. »... und ein gottesfürchtiger Trompeter dazu.« »Soll ich dir sagen, weswegen du dich in diese gräfliche Troupe hier hast einrollieren lassen?« »Gnädigster Herr ...« »Soll ich dir sagen, wer du bist, wenn man dir ins Gesicht leuchtet?« »Leise... leise ...« »Ein Mitglied von der Bande des Johannes durch den Wald bist du! Und Keines von den Gemeinsten!« versetzte der Husar, auch auf einmal gedämpft. »Ich habe dich auf der Stell', von Hamburg her, erkannt und mich nichts Gutes von dir versehen, wie du mir das hochgräfliche Schreiben auf meine Wirthskammer brachtest, und habe auch auf den ersten coup d'œil bemerkt, daß auf dem gefalteten Brief das Palmingen'sche Siegel mit heißem Federmesser abgesetzt und wieder aufpetschiert und also diese Post unterwegs erbrochen war! Ließ also lieber statt meiner den Mantelsack in der Kutsche reisen und behielt Recht ... Kerl – wann glaubst du, daß du gehenkt wirst? Es soll hier ein weißköpfiger, fünfundsechzigjähriger Scharfrichter beamtet sein, des Namens Nord, der seine Kunst meisterlich versteht!« Der teuflische Wurm am Boden winselte nur und wand sich. Der Herr oben setzte ihm bedachtsam die Stiefelspitze' auf die Brust. »Um dich zu fassen und zu halten, bin ich heute in Eure Wachtstuben niedergestiegen!« sagte er, »und habe mich mit Euch losem Volk gemein gemacht! Nun Hab ich dich Brigant!« »Erbarmen... Erbarmen ...« »Wirst schon sehen, wieviel Erbarmen eine hohe Palmingen'sche Justiz-Kanzlei mit Euch Räubern aufbringt, die just zum letzten die Menschen placken und zwacken!« »Was fruchtet's, gnädiger Herr Stabsrittmeister, die kleinen Räuber wie mich richten, und die großen läßt man laufen und hat die Noth also doch kein Ende! Ja – wenn ich noch der Johannes durch den Wald selber wäre ...« »Bist wenigstens sein Freund und Vertrauter ...« »Mir vertraut er! Laßt nur mir das Leben und gerade Glieder«, bettelt das ekle Bündel am Boden. »Ich will Euch auch von Herzen gern dafür den Johannes durch den Wald anzeigen und verrathen!« Da pfeift der Husar oben durch die Zähne und lacht: »Guckt der Fuchs schon aus meinem Loch? Du Maledetto! Weißt du, was ich mit dir vorhab?« »Mich gnädigst springen lassen,« flennt es auf der Erde, »wenn ich den Johannes auf den Markt und ans Messer bringe!« »Hoffst du so, du Höllensohn?« »Wohlgeborener Herr, was ist an einem geringen Landstreuner und falschen Trompeter wie mir gelegen? An mir ist nicht viel Ehr' zu holen! Hingegen wer den Johannes durch den Wald meistert, erwirbt sich Mériten durch das ganze Land, und in jedem Bänkelsängerlied wird sein Name gepriesen und ihm dankt die ganze Population, und der Herr Stabsrittmeister hat einen rechten Husarenruhm und Ehre aus dieser Affaire!« »Gut denn!« sagt der Preuße ohne Wimperzucken zu dem Kerl zu seinen Füßen. »Du hast deine Bosheiten gegen mich verübt! Also kann ich dich auch pardonnieren, ohne ein gräfliches Urtheil! Entläufst dem Teufel doch nicht! Steh auf!« Nun gedieh der Kerl wenigstens aus dem Dreck, in dem er sich wälzte, auf die Knie, umklammerte so die Kniee des Herrn Stabsrittmeisters und barmte wie ein kleines Kind: »Lieber, guter Herr Stabscapitän! Lassen Sie mich leben!« »Antworte mir: wer ist der Johannes durch den Wald?« »Gnädiger Herr! Ich weiß es nicht!« »Lasse die Wahrheit aus deinem Maul gehen, Kerl, oder ich mache dich doch noch zu einer Rabenspeis' am Galgen!« »Euer Gnaden! Es heißt allerorts, selber Johannes habe bei den türkischen Heiden im Lande Ägypten den Schlüssel Salomonis und ein Bündniß mit dem Teufel gewonnen, sei aber im übrigen der rechte, heimgekehrte Sohn Seiner gräflichen Erlaucht von Palmingen! Ob er es nun in Wahrheit ist, das ist mir nicht bekannt!« »Hast ihn doch oft genug von Angesicht gesehen, du lügnerischer Satanello!« »Immer nur mit einer Larve vor seinem Antlitz, Herr Stabsrittmeister! Immer nur mit einer schwarzen Larve! Der Johannes durch den Wald läßt sich nicht anders erblicken!« Dieser Drommeter Uriels und Belials-Dragoner stand nun auf seinen zwei lebenden Beinen und verstummte. Der preußische Herr frug weiter: »Wenn du mir schon nicht melden kannst, wie der Johannes durch den Wald aussieht, du Erzdieb, so wirst du doch wissen, wo sein Verweilen und sein gewöhnlicher Aufenthalt ist ...« »Ich thät es von Herzen gern sagen, gnädigster Herr Rittmeister! Aber der Johannes durch den Wald verräth es Keinem, woher er kommt! Auf einmal steht er unter uns!« »Wo – du incorrigibler Schuft! Nun aber sprich!« Der Trompeter schaute sich voll bösen Gewissens in der Nacht um, schluckste merklich und raunte: »Eine halbe Stund' von hier liegen in einer wüsten, leeren Gegend die Kandelmühlen. Die sind von altersher ein wahres, rechtschaffenes Räuberquartier! In selben Kocheme Bayes, wie wir Jauner solche vertraute Häuser nennen, versammelt sich heute Nacht unsere ganze Diebessozietät!« »Und du mit?« »Allergnädigster Herr – ich wäre ein feiger Hans ohne Herz, wenn ich diesmal ausbleiben wollt'! Es wird heute eine gewaltige Chasne Maloche geben – ein Einbruch mit Sturm und Feuersnoth und Blut, wie noch keiner im Lande dagewesen! Es sind große verrufene Räuber von weither verschrieben und gekommen! Viel Scherfenspieler mit ihnen – will sagen Hehler, um das unmäßige geraubte Gut wegzuschaffen! ... Wird die Mühe lohnen, Herr Stabsrittmeister! Die großen Planwagen sind voll von Leinwand, Garn und Tuch, Rauchwerk, Sammet und Seide, Silber, Kupfer und Zinn, Zierleder, Daunensäcken, Bettung, Mehl, Schmalz, Schinken und Wurst. Baargeld in dicken Beuteln, Fässer voll starkem Pfälzer Wein. Goldene Borten und Tressen. Federbüsch' und Stickereien und ... Pardonnieren mir Euer Gestrengen! Aber das Wasser ist einem Kerl wie mir im Maul zusammengelaufen, wie ich die Wagen vorhin habe vorbeipassieren sehen!« »Welche Wagen, du Hundsfott?« »... Die die Frau Gräfin von Hohen-Sulz mit ihrer Bauernschaft nach Heilig-Kreuz geschafft hat! Dort stehen die Wagen jetzt im Klosterhof und Ihro Hohen-Sulz'schen Gnaden glauben sich selber und die gräfliche Fahrniß in dem verschlossenen Haus hinter Eichenthoren und eisernen Gittern sicher und wohl verwahrt. Aber Ihre Hochgeboren macht ihre Rechnung ohne den Johannes durch den Wald! Der ist noch in jedes Haus eingedrungen, wohin es ihn gelüstete – sei's mit Witz, sei's mit der Faust! Da frommt nicht Riegel und nicht Wachhund, nicht brennende Pechpfannen und nicht Sturmläuten! Der Johannes durch den Wald findet seinen Einschlupf und wir hinterher! Das sind wir nicht anders gewohnt!« »Und so wollt Ihr heute Nacht das Haus der Frau Gräfin attaquieren?« »Nach Mitternacht marschieret alles von der Kandelmühle durch den Wald dorthin ab! ... Nun hab' ich frei meine ganze Wissenschaft gestanden! Gnädiger Herr Offizier: Ihre parole d'honneur , daß ich dafür und für diesmal noch unter dem Galgen durchlauf', an dem die Andern hängen!« Der Herr von Arcularius sog Luft aus seinem Pfeifenkopf und sah beim Aufglühen des Glimmkrauts auf seine Sackuhr und that einen erlösten Athemzug: Es war noch früh am Abend und manche Stunde bis Mitternacht. Ein rechter Husar aber nutzt ein Vaterunserlang besser als ein Pfefferkrämer ein ganzes Jahr. »Du bist jetzt als ein Filou entdeckt und gänzlich in meiner Macht!« sprach er zu dem bitterlich barmenden Brabanter. »Also auf Cavalierswort: Wenn du mir den Johannes durch den Wald und seinen Anschlag richtig verrathen hast, so magst du morgen bei aufgehender Sonne entlaufen, wohin dich der Teufel pfeift, und eine Rolle Dukaten als Judaslohn mit auf den Weg!« »Ich küsse Euer Gestrengen gehorsamst die Hände!« »... Und nun verzieh' dich in dein Quartier und rühr' dich nicht, bis ich dich rufe! ... In welcher Direction, von hier, ist das Kloster Heilig-Kreuz situiert?« »Just da, wo der Mond überm Wald aufgeht!« »Es ist gut!«   Während diese echt preußische Reiterseele in der Wachtstube saß und auf der Landstraße ihren Discurs hielt, war ich, der Reichsgraf Florentin von Palmingen, längst wieder, wie schon berichtet, in der Dunkelheit von diesem schnöden und abgeschmackten Geck und Galan, dem Baron von Wimmersheim, in mein Gebiet und Schloß zurückgekehrt, hatte mich mit einer kalten Reverenz von der Marquise Xénais verabschiedet, und, unter Vortritt ihres Vaters, meines Ceremoniers, und eines halben Dutzend, Kandelaber in Händen habender Laquaien, in meinen Regierungssaal verfügt. Dort hätte der Herr von Arcularius, wenn er von meiner Heimkunft erfahren, sich mir wohl nähern und präsentieren können. Doch aber hieß es, als ich nach dem Prussien frug, er habe sich, unbekannt wohin, in die Nacht hinaus verzogen und sei verschwunden! Die Nacht hatte sich aufgehellet. Der Regen war dem Mond gewichen, der mit einem trüben und schwefeligen Schein am Himmel stand. Es ging ein lauter und heulender Wind aus den Bergen und wehte kalt. Ein unlustiges Wetter also und im Wald eine dunkle Luft, durch den sich unser Herr Husar zu Fuß behende und vorsichtig dahinpürschte und ganz zufrieden war, daß, außer Kauz und Fledermaus, Niemand seiner gewahr werden konnte, bis er vor der aufgelassenen Abtei Heilig-Kreuz stand. Der Anblick dieses nun ausgekramten, durch viele Säcula bestandenen Pfaffen-Nestes stillte sein Gemüth. Denn dies ehrwürdige Kloster, dessen beide Kirchtürme und Wahrzeichen der Gegend ein rheinbündischer Fiscus bereits hatte abtragen lassen und die Steine den Bauern zum Aufrichten ihrer Ställe gegeben – dieses Kloster aus der Zeit des Kaisers Barbarossa lag im Mondschein in einem Viereck rings von breiten Wasserläufen umgeben, die die festen Mauern bespülten und durchaus keinen Zutritt zu dem Inneren ließen – es sei denn über den schmalen Damm, der geradewegs auf das Hauptthor zuführte. Dieses Thor war von den nun ausgetriebenen Mönchpriestern schon weislich für ungebetene Gäste in der Nacht hergerichtet. Es war, in Form von einem Andreaskreuz, mit mannsdicken Balken verlegt, und über und über mit Eisen beschlagen und verbuckelt und ein eiserner dicker Ring zum Klopfen hing daran und der Herr von Arcularius freute sich und dachte: ›an dem Ring und Thor und Klösterlein beißt sich der Johannes durch den Wald und sein ganzes Comitat von Meisterdieben und Todtschlägern die Zähne aus! Wenn sich da nicht Einer von ihnen den Fuchspelz umthut und sich listig einschleicht und insgeheim seinen Galgenkumpanen von innen aufmacht – anders gewinnt der Buonaparte selber ohne grobes Geschütz dem starken, frommen Haus Nichts ab! Darin ist die Gräfin von Sulz geborgen wie die Perle in der Muschel.‹ Es wird keiner die Behauptung maintenieren wollen, daß die Husaren fleißige Kirchgänger seien. Doch haben, an diesem Abend, die Büsche und Bäume ein aufrichtiges: ›grace à Dieu!‹ des Herrn Rittmeisters vernommen. Er ließ, in dem bläulichen Mondschein, seine Augen über die Environs des Klosters dahingleiten. Das Weiß des Karrenwegs, in dem Thal, setzte sich scharf ab gegen das Schwarz eines Bächleins, das neben ihm herlief und die Nacht mit seinem Murmeln erfüllte. Auf der anderen Seite war der dichte Wald. In dieser Stille nun vernahm unser Herr Husar das Trapsen von Mannesstiefeln – schnell – schlürfend – unregelmäßig – hält an – schleppt sich weiter – und er steckt seinen Kopf vorsichtig wie ein Meister Reinecke aus dem Busch und sieht: da unten auf dem Thalpfad trägt sich ein Mensch, mit Mühe und aufs äußerste fatiguiert, auf unsicheren Beinen, dahin, dem guten Haus Heilig-Kreuz zu, um dort eine Ressource und Protektion zu finden, ehe ihn Nacht und Wald und die eigene Faiblesse als ihr Opfer anfordern. Dieser einsame und bedrängte Peregrinus schien ein Jungmann von dreißig und etlichen Jahren, und nicht, wie man nach seiner Art, zu Fuß zu reisen, muthmaßen möchte, ein versprengter und in diesen Waldwinkel verirrter, fechtender Handwerksgesell, sondern der Wanderer trug sich in der Art eines Mannes von mittelmäßigem Stand und Ansehen oder in einem Habit, dessen sich auch Höhergestellte auf Reisen bedienen, um nicht ohne Noth jedem kuriosen Wirth und Postknecht ins Auge zu fallen. Er hielt einen runden, dunklen Hut in der Hand, so daß das halblange, blonde Haar ihm im Nachtwind um den bloßen Kopf flog. Seine Kleidung war ein blauer Redingote mit lang wehenden Schößen, rothem Kragen und Aufschlägen. Hierzu gelbe Pantalons, die in halbhohen, schwarzen Stulpenstiefeln steckten. Waffen sah man an diesem seltsamen Monsieur nicht. Noch observierte er des öfteren in scheuer Manier rückwärts über die Schulter die Gegend, ob er nicht verfolgt oder überfallen würde, und der Herr von Arcularius oben im Gebüsch dachte sich: an dem guten Mann liegt's nicht, wenn ihm nicht die Taschen aufgeschnitten werden und die rothe Brühe über die Ohren läuft! Der Fürwitz dieses Menschen, in einem manneskundigen Paradies des Brigantaggio und gelobten Land aller Nachtdiebe und Posträuber, wie es damals unsere Wälder waren, ohne Fuhrwesen und Escorte sich bei Fuchs und Wolf zu Gast zu laden, wollte ihm nicht gefallen und schmeckte ihm nach einer Kriegslist ... und so zog der Husar die Stirne kraus und roch Lunte und schlich leise im Wald, wie der Kater neben der Maus, neben dem verdächtigen Bruder auf der Landstraße her. Dieser nun that en face des Klosters, wo man ihn von dort schon deutlich gewahrnehmen konnte, einen tiefen Seufzer und sank entkräftet zur Erde. Raffte sich mit aller Mühe wieder auf, lugte hinter sich und flüchtete und schwankte im Zickzack auf das Heilig-Kreuz'sche Thor zu, lehnte sich, am End' seiner Force, gegen das dicke Holz und ließ den Klopfer fallen. Der Husar saß hart neben ihm im Erlenbusch am Rand des Wassergrabens. Der Eisenring gab einen lauten Schlag. Es dauerte ein gutes Paternoster und länger, bis es drinnen im Hause rumorte und lebendig wurde. Dann schob sich oben behutsam, zollweis, der Laden von der Luke. Es schaute erst ein grober, langer Arquebusenlauf heraus. Dann ein Kopf. Selber wies einen glatten Diana-Scheitel von braunem, natürlichem Haar, das flach an den Ohren gestrichen und im Nacken in Zöpfe gelegt war. Diese in Paris neu in Mode gekommene klassische Haartracht wurde in Teutschland schon vielfach von dem vornehmen Frauenzimmer goutieret. Dahinter stand das Kammermensch mit einem Talglicht und erleuchtete so, wie die Opferkerzen Unsere liebe Frau über dem Altar, das Brustbild der schönen Gräfin Amöne, die als ein rechter commandant supérieur einer Festung unverzagt hochselbst Nachtwache, Rond' und Sentinelle hielt. Mit einer hellen und kriegerischen Stimme wie ein Feldcornett auf Vedette ruft sie hinaus in die Nacht: » Qui vive? « – so daß es der Herr von Arcularius in seinem Röhricht beseufzte: Schade um das anmuthige Weibsbild! Das gäbe einen feinen Junker für meine Husaren! Der Fremde unten aber findet keine Erwiderung, sondern starrt hinauf und streicht sich ungläubig über die Augen. Und die Hohen-Sulz'sche oben unwirsch: »Antwort' er – s'il vous plaît! Warum guckt er mich an wie der Ochs das neue Thor?« »Wie ist mir denn? Madame spricht doch dort oben aus der clausura! « »Jetzt is nix mehr mit der Klausur.« »Madame: Träum' ich oder wach' ich? Das Ende der Welt ist ja nahe! Die frommen Bettelväter dulden eine Frau im Kloster?« »Es hat sich ausgebettelt! Jetzt bin ich hier Herr und Meister, die Reichsgräfin von Sulz, und lass' mir und meinem kleinen Kunz, meinem Herrn Sohn, nit die Butter vom Brot nehmen!« »Und die Mönche sind fort?« »Alleweil sind die Letzten abmarschiert! Haben in der Eile noch ein paar alte Kutten unten hängen lassen!« »Und ich hatte das Kloster als letzten point de vue im Auge, um für die Nacht ein Asyl zu finden und nicht wie Benjamin unter die Räuber zu fallen, von denen die Wälder hier wimmeln«, sagte der Fremde unten mit einer tiefen und dunklen Stimme, deren Klang doch den Mann von Education und Politesse verrieth. Er lehnte gänzlich erschlafft am verschlossenen Thor. Sein nach oben gewandtes Antlitz war im Mondschein bläulich-bleich wie das eines Todten. Er hob die Hände. »Ich kann nicht mehr weiter!« fuhr er mühsam fort. »Meine Füße tragen mich nicht mehr! Ich habe geringe Chance, diese Nacht zu überstehen, wenn ich nicht in Madame eine Patronin finde und sie mich christlicher Weise in ihr Haus läßt!« Die schöne Gräfin-Wittwe steckte, neugierig wie ein ächtes Eva-Geblüt und doch mißtrauisch wie ein Mann, den Kopf weiter hinaus. »Ei – wer heißt denn auch Monsieur, die Passage durch die abgelegenen Wälder hier zu nehmen, statt daß er sich auf der großen Landstraße hält?« »Ich muß mich abseits schlagen ...« »... und ohne Roß und ohne Diener! Er mag schon der Rechte sein!« »Ich darf mich keinem Diener anvertrauen und nicht zu Pferde Aufsehen erregen ...« »Glaub's schon! Was hat er denn alles gegen den Code pénal verbrochen? Wieviel Procureurs und Richter sind denn hinter Ihm her?« »Nicht die Gerichte suchen einen Mann wie mich, Madame!« kam es von unten höflich und ruhig zurück. »Dieser Verdacht ist so absurd, daß nur eine komplette und wohl begreifliche ignorance in Hinsicht meiner Person ihn erklärt. Ach nein, Madame: Hinter mir ist das apokalyptische Thier selber und will mich verschlingen ...« »Ich seh' nix als wie eine Fledermaus!« sagte die junge Gräfin. Der inconnu unten lachte wild auf, und ein heiseres Hah! Hah! hallte von der Bergwand zurück. »Soll ich ihn noch nennen: die Zuchtruthe am Himmel? Die Geißel Gottes? Den neuen Attila und Dschingiskhan? Den meerentstiegenen Dämon Buonaparte? ... Napoleons Schergen sind hinter mir, Madame! Mit jedem Athemzug steht mein Leben auf dem Spiel! Er selber gab die Ordre an Monsieur Fouché, coûte que coûte mich aus der Welt zu räumen! Voilà tout! « »Ich mein', der Empereur hat mehr zu thun ...« Es schien, als wolle der Herr im blauen Redingote unbedacht Etwas erwidern. Aber er hielt an sich. Dies war dem Rittmeister von Arcularius, der nebenan wie ein Wassergott im Schilfe thronte, ein untrügliches Argument, daß Jener ein Fremder von Distinction sei und sich an der großen Welt glattgerieben habe. Denn Schweigen irritiert jede Eva, und nun möchten sie's partout wissen – und so inquirierte denn auch die Sulz'sche Gräfin flugs von oben: »Wer ist denn der Monsieur? Decouvriere Er sich!« »Nehmen Sie an, ich sei der Negociant Krüger, dessen Reisepaß von Hamburg lautet!« sagte der Fremde am Thor plötzlich in einem klaren und wundervollen Französisch, wie man es nur in der hohen Noblesse Europas hört. »Mein eigentlicher Name – was liegt daran – heutzutage –- wo Kurfürsten stürzen, Großherzöge auferstehen, uralte Häuser von den Franzosen vertrieben und Soldaten von Glück Könige werden! ... Genug! Ich muß es Ihnen in der Stille der Nacht eröffnen! Denn es geht um mehr als mein Leben! Es geht um meine Sendung: Ich komme, als geheimer Agent, mit wichtigsten, vertrauten Aufträgen von London nach dem Wiener Hof! Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, Madame! Doch die Wohlgestalt Ihrer Gesichtsbildung zeigt mir eine Frau von Kopf, die Hirschbüchse in Ihrer kleinen Faust eine Frau von Herz! Ich wage es, in Ihnen eine teutsche Patriotin zu erblicken, die nicht, wie leider so viele blinde Geister am Rhein, zu Buonaparte betet und vor den Franzosen kniet!« »Vor den Spitzbuben! Vor den Diebesfingern!« schrie die schöne Hohen-Sulz'sche im Fenster empört, denn sie stammte aus der heißen Pfalz, und die Zunge lief ihr so rasch, wie das Blut durch die Adern. »Vor den schlechten Kerlen, die mir drüben überm Rhein unser tausendjähriges Land genommen und meinen Gemahl in der Bataille erschossen und mich als Wittfrau in die Fremde gestoßen haben! ... Wenn ich dem Napoleon einen rechten Tort anthun könnte –« Sie hob die geballten Hände zum Nacht- Himmel » Ainsi Dieu me soit en aide : Ich thät mich nit lang ziere!« »Lassen Sie mich ein, madame la comtesse! « sagte unten die tiefe Stimme aus der Nacht, »und Ihr Gebet ist erfüllt!« »Doch wenn nicht«, fuhr er fort, und seine Gestalt wankte am Thor. »... Es übersteigt zwar meine Imagination, wiefern ein einzelner matter und müder Reisender Ihnen inmitten Ihrer starken Dienerschaft mit Gefahr drohen könne – Lassen Sie denn immerhin einen Courier der hohen Politik, an dessen flüchtigem Fuß die Historie hängt, und – soviel sei mein Schleier gelüftet – einen vollbürtigen Standesgenossen zugleich – als Aas für Räuber und Franzosen vor Ihrer Schwelle vergehen ... ich falle hier nieder – ich habe meine letzten Kräfte ausgegeben! Ich bleibe hier liegen – komme, was mag! Bonne nuit, madame! « Gleich darauf rasselten die Riegel, kreischten die Angeln, lohten Pechfackeln aus dem geöffneten Thor und in seiner Wölbung stand die Frau Gräfin Amöne inmitten ihrer wenigen, zur Noth bewaffneten Läufer, Lampenwärter, Stallschreiber, Jagdpfeifer und Sommeliers, denn ein guter Theil ihres Hofhalts war ihr schon gestern beim Überfall des Johannes durch den Wald vom Reisewagen weg entlaufen und nicht wiedergekommen. Was von der Livree noch übrig war, griff nun zu und faßte den verirrten Reisenden draußen, den nun wirklich eine Ohnmacht überkommen hatte, an Armen und Beinen und trug ihn wie einen Sack ins Schloß hinein und legte ihn gleich im Erdgeschoß zur Rechten, wo sonst das Sprechzimmer des Herrn Abtes Martin II. gewesen war, auf ein Canapé. Es wurde nach kaltem Brunnenwasser gerufen und nach Essig und Tüchern, und Einer schwenkte gar ein angezündetes Weihrauchfaß, um den Herrn zu beleben, und in diesem treppauf, treppab – hin und her – fiel es dem Herrn Rittmeister von Arcularius nicht schwer, durch das offene Thor in das Kloster zu schlüpfen, ehe die Frau Gräfin von Hohen-Sulz ihre Leute schalt und antrieb: » Allons! Wollt Ihr den Johannes durch den Wald ins Haus bringen? Macht toute de suite das Thor wieder zu!« Dieses Holzwerk war, von innen gesehen, erst recht stark wie für die Ewigkeit. Es hätte auch einem Rammbaum, den zwölf kräftige Kerle schwangen, Trotz geboten, und unser Herr Husar sagte sich wieder: Nein! Von außen ist die Nuß nicht zu knacken, wenn nicht durch des Teufels Spiel ein Nußknacker innen hineingeräth ... Es hing nur ein geringes Lämpchen von der Deckenwölbung und streute, je nachdem es im Luftzug schaukelte, wechselnd Licht und Schatten da und dorthin über die steinerne Halle. In deren Thorwinkel stand der Preuße durchaus im Dunkeln und sah drüben, im Cabinet des regierenden Herrn Abts, hell beschienen, den armen, maroden und hinfälligen, heimlichen Botengänger zwischen der englischen Nation und Seiner Wiener Apostolischen Majestät, der sich mit einem Trunk Wasser erfrischte und wunderlich schnell – unter des Herrn Rittmeisters finsteren und argwöhnischen Blicken – seine entnervten Lebensgeister restituierte. Das Antlitz dieses Chevalier Ichweißnichtwer, der nun glücklich, dank dem weiblichen Mitleiden der Gräfin, seine Entrée in das Kloster forçiert hatte, war von einer edlen, aber schmermüthigen und verdüsterten Bildung. Diese unruhig schweifenden, flackernden Augen straften den bitter und gramvoll geschlossenen, feingearteten Mund Lügen. Die Falten einer stürmischen Lebensfahrt hatten sich abenteuerlich in die distinguierten Züge eingegraben. Zwei kleine blaue Narben nebeneinander zeichneten sich auf der rechten Schläfe. Wie der Herr nun aufstand, war der Anstand seiner Bewegungen vollkommen und eines Grandseigneurs würdig, und in dem leichten Spiel seiner, wenn auch fatiguierten, Glieder ahnte man eine nicht gewöhnliche Kraft. Er lächelte und sprach einige Worte der Courtoisie zu der von Hohen- Sulz, wie obligiert er Ihro Hochgeboren für bewiesene Barmherzigkeit sei. Dies Lächeln aber war voll Wermuth – von verborgener Wildheit und verhehltem Hohn. So lachte kein Guter. Zu diesem Lächeln zwang sich eher die stille Verzweiflung eines verlorenen Sohns und einer abgründigen Seele ... Immer furchtbarer stieg dem Stabsrittmeister von Arcularius aus dem nobeln und finsteren Umriß des Cavaliers in der Abtstube die Gestalt eines Cavaliers aus der Hölle, – des Johannes durch den Wald. Und in diesem horriblen Verdacht sagte er sich, daß dieser Erzbösewicht und Feind der Menschheit vor allem nichts ahnen dürfe, daß der Mann in der Ecke hier der Rittmeister von Arcularius – den er nur als einen bäuerischen Landkrämer gesehen – und ihm und seinen schädlichen Wölfen hart auf der Fährte sei. » Tiens! « Ich muß doch 'mal visitiere, ob meine Leut' auch das Thor wieder wohl verwahrt habe! Das ist eine arg leichtfertige Bagasch'!« tönte, aus der Höhle des Abbas, die helle Stimme der Frau Gräfin Amöne. Sie sprang, mit einem hurtigen Schwung, die drei Treppenstufen hinunter in die Einfahrtswölbung und ließ dort den ellenlangen Zipfel ihres Kleids, den sie sich zweimal um die Taille gewickelt hatte, aus den Fingerspitzen zur Erde fallen, so daß die Schleppe brav, à la mode , den Staub vom Boden fegte und der Magd die Mühe sparte. Denn die anmuthige Wittwe von Hohen-Sulz stolzierte jetzt nicht mehr als ein junger Jagdcavalier im Reitfrack und – in Ehren zu melden – Höslein, sondern trug ein hochgegürtetes, langfließendes flohfarbenes Kleid, ob dem ein steif aufstehendes, weißes Spitzenkräglein auf das gefälligste ihren weißen Hals und den braunen Nackenschopf umschloß. So passierte sie, leise mit den Schleifenschuhen klappend, den steinernen Estrich und machte nahe am Thor halt und legte die Hände ineinander und sprach zu sich selbst, erstaunt und halblaut: »Guck' emol: Ist doch noch ein Pfäffle dagebliebe!« » ... um den Teufel aus dem Haus zu treiben, liebe Tochter!« sprach der Mönch, der ihr, die Kapuze tief in die Augen und das Antlitz bis zur Nase in der Kutte geborgen, aus dem halben Licht entgegentrat. »Mich?« frug die Hohen-Sulz'sche kampflustig, die gespreizten zehn Finger schon wieder in die Taille gestemmt. »Mit nichten! Der Teufel geht hier in anderer Gestalt um!« versetzte der Mönch mit einer dunklen und verstellten Kehle. »Wache und bete, meine Tochter!« »Ei! Schlaf' ich denn?« rief die schöne Gräfin erzürnt aus und rüttelte, ihm den Rücken kehrend, prüfend an Riegeln und Schlössern. »Alleweil müßt Ihr Herrn Einem die Hölle heiß machen! Und mit dem Beten allein wehr' ich dem wüsten Johannes durch den Wald da draußen nit! Pas du tout! ... Dafür hat uns der liebe Herrgott Vorleg-Eisen und Schießgewehr und kochend Wasser verliehen! Ich will schon mit dem Johannes beten, wenn er sich einstellt! Mein Avemaria nimmt er sich nicht als Souvenir mit! Dafür bin ich gut! ... Und mir nicht bewußt, eine Bêtise gesagt zu haben, hochwürdiger Vater, weil Sie unter Ihrer Kutte lachen!« Da blinzelten sie, im Schatten der Kapuze, zwei Husarenaugen so pfiffig und lauernd an wie ein Kater auf seiner Nachtfahrt auf der Dachrinne, und die liebliche Kätzin drüben, die Hohen-Sulzsche, fuhr zurück und that einen kleinen Schrei. Oder unterdrückte ihn noch halb. Denn der Pater drüben zückte warnend den Zeigefinger. »Still, Frau Gräfin!.....Es darf hier Keiner meinen Charakter und Patent wissen!« Da begriff die gute Frau Gräfin, daß ein falscher Pfaff sie schnickte! Es ging ein warmer Sonnenschein über ihr liebenswürdiges Antlitz, und in ihre grauen Augen kam ein feuchter Glanz, und ihre Wangen blühten ein wenig roth, als sei sie noch eine unvermählte Jungfer von Stande und sähe ihren Liebsten. Aber sie faßte sich, reichte dem rauhwolligen Mönch die Hand und flüsterte freudig: »Ja – was führt denn den Herrn Rittmeister so à l'improviste zu mir her?« Und wer weiß, ob sie nicht insgeheim hoffte, er würde nach Husarenart Sturm reiten, trotz der Pfäfflein-Tracht ihre Hand küssen und feurig erwidern: »Gott Amor selbst, Madame!« Ihr wär' es recht gewesen. Aber der fromme Vater vor ihr zog ein hartes und lauerndes Gesicht, auf dem nicht Frau Venus, sondern Meister Mars wohnte, und erkältete so ihr zärtliches Herz und murmelte zu der still Gekränkten: »Auf der Verfolgung von Räubern muß ich Ihro Hochgeboren molestieren! Hätte mich sonst nicht unterstanden! Bitte mille fois um Pardon!« » II n'y a de quoi, mon capitaine! « replicierte die schöne Amöne kühl. Dann, mit einem fast spöttischen Achselzucken: »Wie kommt der Herr denn in die Kutte?« »Es hängen da noch mehr am Riegel, die die Mönche vergessen haben!« sagte der Husar. »Puh! ... das riecht nach Moder und kaltem Weihrauch. Ich fühle mich wenig geistlich darin!« »Die fromme Uniform steht dem Herrn Rittmeister auch nicht sonderlich!« versetzte die junge Gräfin-Wittwe feindselig und amüsiert. Er faßte ihre Hand. Noch einmal hoffte sie: Jetzt kommt ein zartes Wort und knüpft mit Rosenketten Herz zu Herzen! Statt dessen stieß Jener rauh und hastig hervor: »Ihren Schwur, Gräfin, daß dieser Mann dort drüben, dem Sie, übel berathen, permittiert haben, hier zu übernachten ...« »Ich such' mir meine Gäst' selber und nach meinem Gusto aus – nicht nach des Herrn Rittmeisters Erlaubniß!« » ... daß dieser Mann mit keinem Laut erfährt, daß ich der Stabsrittmeister von Arcularius bin! ... Es geht um Ihr Leben, Frau Gräfin!« »Jesus Christ! ... Ist das auch recht, Einen so in den Tod zu erschrecken?« »Wissen Sie, wer dies nach meinem Soupçon ist? Aber bewahren Sie Ihre Contenance! Verziehen Sie keine Miene, wenn ich Ihnen den Namen nenne...« Doch in diesem Augenblick trat, aus dem Abt-Gemach, der Fremde heran, in einer ungezwungenen und leichten, edelmännischen Art, und über sein schönes und bleiches Antlitz unheimlich lächelnd, und es blieb der Reichsgräfin von Hohen-Sulz als einer großen Dame keine Wahl. Sie faßte sich und sagte: »Darf ich Euer Hochwürden hier den Herrn Negocianten – ei – nun hab' ich den Namen vergessen!« »Krüger – hochdero zu dienen!« » Merci! ... den Monsieur Krüger präsentieren! Dieses, mein Herr Krüger, ist der hochwürdige Herr Pater Ignacius, der, in Gottes Namen, seinen Abscheu gegen Weib und Weltlichkeit hintangestellt hat, um noch etliche Tage hier als geistlicher Registrator zu verziehen und mir die Abtei mit Land, Gefällen und Bauern gebührend zu überliefern!« Der reisende Kaufmann Krüger verbeugte sich steif und streifte den geistlichen Herrn mit einem mißtrauischen und unverhohlen forschenden Blick. Der Fuchs im Mönchspelz wieder dankte väterlich-gemessen. Und auch sein Auge war argwöhnisch und drohend, und es war so still zwischen den beiden Gästen der Frau Gräfin, daß man kleine Füßchen die Treppe hinabspringen hörte, und ihr Knäblein lief heran, die Mundtuch-Zipfel hinterm Ohr, seinen Holz-Löffel schwingend, und rief: »Mamele! Komm' duzwitt! Das Mus stockt in der Schüssel, und kalt schmeckt's garstig!« Die Gräfin Amöne strich ihm mit der Hand über den Blondkopf und sagte lachend: »Das Erbgräflein hat Recht! Darf ich die Herren bitten, mit der Tafel vorlieb zu nehmen, in der Sie mich unterbrochen haben! Ich kann freilich mit Besserem als einem warmen Hirsebrei und etlichem Kumskraut und Rabinzchen im Echauffement des heutigen Tags nicht dienen!« Als sie nun oben, in der Wohnung des Klosteramtmanns, bei der Tafel saßen, die Frau Gräfin mit dem Büble in der Mitte, und rechts und links die zwei feindlichen Gastherren, da wußte der Husar, der vom Rhein kam, Bescheid und bekreuzigte sich geschwind, ehe er zu löffeln anhub. Doch der Monsieur vis-à-vis ließ das nicht gelten, sondern neigte sich vor und frug ehrerbietig: » Reverendissime domine ... Wollen uns der Herr Pater nicht ein kräftiges, lateinisches Tischgebet sprechen?« Fehlte auch noch, daß des Königs von Preußen Husaren Latein lernten! Die Gräfin Sulz half, da die himmlische Vorsehung dieser hübschen Frauensperson einen schlagfertigen Geist gegeben, schnell aus der Noth. »Ich bin eine Calvinerin!« sagte sie und speiste dabei den kleinen Jungherrn Kunz mit dem Breilöffel, »und red' mit dem lieben Gott gut deutsch, wie mir der Schnabel gewachsen ist ... Also lasset's unterwegs, wenn's beliebt!« Damit war dieser Zwist zwischen den Messieurs geschlichtet, und es kam gleich der zweite; denn der Negociant sah den Klosterherrn merkwürdig zweifelhaft an und forschte: » Loquerisne latine? « – »Sprichst du überhaupt Latein?« – Und der Herr von Arcularius verstand davon so viel, wie die Kuh vom Menuett und erwiderte heftig: »Hat nicht eben erst Ihre gräfliche Gnaden uns defendiert, sich dieser schädlichen Mundart zu bedienen, die nur für Fastenprediger und Rechtsverdreher gemacht ist – am wenigsten aber certainement für die Herren Kaufleute – wie der Herr Einer ist!« Dabei streckte er erzürnt den Arm in der Mönchskutte nach der flackernden Kerze auf dem Tisch, um das Licht zu schnubben, und warf den glimmenden Docht in den Kamin, und der Meßreisende ihm gegenüber lächelte und sprach: »Ich war in Kinderjahren Ministrant. Da bleiben lateinische Brocken bei einem schlichten Bürger hängen! Wie der Zufall ja oft wunderlich will und Euer Hochwürden zum Exempel eine lange und furchtbare Säbelnarbe über den ganzen Unterarm tragen!« Diese Erinnerung an die hitzigen Bataillen um Kaiserslautern vor zehn Jahren war dem Husaren nicht lieb. Er wählte als Reiterdeckung den Hieb und erkundigte sich, indem er der Frau Gräfin Wein einschenkte, in einer höflichen Theilnahme: »Der Herr ist gewiß en route zur Frankfurter Messe?« »Meine Ladendiener und Waren sind schon dorthin voraus!« ». .. und sans doute zum ersten Mal in hiesiger Gegend?« »Sonst wäre ich nicht so tief vom Wege abgekommen!« »Ist nicht eben so entfernt! Monsieur hätten sich nur da, wo das Waldthal sich gabelt, nach rechts schlagen sollen – nach den unweiten Kandelmühlen zu!« Der Negociant Krüger hob heftig die Hand: »Wo denken der hochwürdige Herr hin? Da wäre ich wohl in des Teufels Küche gerathen!« »Ei doch! ... Woher wissen Sie, Monsieur Krüger, was für ein Volk dort haust?« »Diese Mühlen, Domine, stehen landauf, landab im übelsten Ruf und Geschrei!« »Und dieser unfeine Leumund, es sei dort eine Räuberherberge, ist Ihnen bekannt, Monsieur, der Sie doch niemals im Lande waren, wie Sie sprachen?« »Ein alter Geißhirt, auf den ich am Eingang des Thales stieß, hat mich berathen und gewarnt!« sagte der Fremde ruhig. »Es ist wahrhaft lamentabel, daß dieser fromme Greis Sie nicht bis hierher accompagniert hat. Ich hätte ihn gerne gesehen und belobt!« »Es freut mich, daß Hochwürden trotz Säcularisation und Ende Ihrer irdischen Klostermacht und Auszug in das babylonische Exil so laut und herzlich lachen!« sprach der Meßfremde. »Das deutet auf ein wahrhaft christlich einfaches und unverhohlenes Gemüth, wie man es Ihnen, Domine, auf den ersten Blick anschaut!« »... so wie Ihnen, Monsieur Krüger, dessen Métier sich den Gott Merkur zum Schutzpatron erwählt hat!« »Nur zum Theil!« sagte der Negociant kalt. »Denn Mercurius ist bekannter Maßen auch der Gott der Nachtdiebe und Briganten – und hat so, in heutiger Zeit, eine zweite und ansehnliche Gemeinde.« Der guten Gräfin Amöne, die verstummt, ihr Kind auf dem Schoß, zwischen den beiden Kampfhähnen in Kutte und Kaufmannsrock saß, wurde bei dem hin und her der Stachelreden angst und bang, und sie hob die Tafel auf. Indessen sie ihren kleinen Kunz Jasomirgott in das Nebengelaß führte, um ihn dort der Kammerdienerin Häberlin und einem jungen Pürschknecht oder Hofschützen in Obhut zu geben, ist der Herr von Arcularius ihr nachgetreten, steht allein mit ihr, faßt ihre Hände, haucht ihr in das unwillig abgewandte Ohr: »Niemals hat der dubiöse Monsieur nebenan sich mit dem Kommerz befaßt!« »Ich glaub' es auch nicht!« sagt die Gräfin und lacht. » ... sondern mit einer Profession, vor der selbst die Türken schaudern! Stützen Sie sich auf diesen Betstuhl hier, gnädige Gräfin – sonst tragen Ihre Kniee Sie nicht bei dem signal d'alarme , das ich Ihnen, in aller Heimlichkeit, zublasen muß! ... Wissen Sie, wer dieser hereingeschneite Sohn Adams ist, der da mit gesenktem Haupt vor dem Kamin steht und in tiefem, düsterem Nachdenken in die Flammen blickt?« »Ei freilich ...« »Woher ... ? Bei allen Teu ... Excüsieren Sie! Aber sprechen Sie ... Ich beschwöre Sie: woher?« » ... weil er es mir selber confidentiellement eröffnet hat – und ich ebenso Ihnen ...« » ... haha! ... daß er ...« »Daß er freilich kein Tuchscheerer und homme d'affaires ist, nach Frankfurter Art, sondern ein Herr aus großem Haus, in ganz delikater Mission von den edeln Britten wider den Buonaparte nach Wien als ein discreter Mittelsmann geschickt! Man braucht den Herrn ja nur mit einem Blick abzumustern: Solch ein Exterieur und Conduite ist das Erbe guter, alter Ahnen, die schon mit auf der Leiter standen und nachdruckten, als vor vielen hundert Jahren Jerusalem gewonnen wurde.« »Ich bin der Letzte, der in Abrede stellen möchte, daß dieser Herr aus hochadeligem Geschlecht und Wappen stammt ...« sprach der Husar. » ... und also hat der Herr Stabsrittmeister diesmal einen falschen Alarm geschlagen! Die Preußen gelten doch sonst allerorts als Soldaten von besonderen Mériten ...« » ... nur daß selbst ein Stammbaum von der Sündfluth her nicht vor Sünde, Büberei und Malefizthum schützt ...« beharrte der Herr von Arcularius. » ... nun aber weist es sich, daß auch preußische Husaren auf dem Holzweg reiten können!« fuhr die Gräfin Amöne für ihr Theil spöttisch fort. Denn sie war schwer gereizt durch die Kälte des falschen Paters vom doppelten Tuch. Der aber sagte: »Ich müßte mich vor dem Herrn General von Blücher und jedem redlichen Husaren genieren, wenn ich ein schon genug bedrängtes hochadeliges Frauenzimmer wie die Frau Gräfin ohne vorhandene Raison noch mehr verwirren und ängstigen wollte! Nun habe ich mich aber nicht vergaloppiert und werde das auf der Stelle beweisen und den Schnurrpfeifer da drinnen vor Ihren sehenden Augen attrapieren!« Dort saß der mysteriöse Courier vom Themsefluß zur Donau gedankenvoll am Feuer, den in die Hohlhand gestützten Kopf den Beiden nebenan abgewendet. Der Husar in der Pfaffentracht hob seine Stimme plötzlich lauter und in der langsamen und würdevollen Sprechart eines geistlichen Herrn. » ... Malen sich die Frau Gräfin meine heftige Entrüstung aus: Eilt heute vor Abendläuten im Walde dieser betagte Wildläufer auf mich zu, den ich seit Jahren als einen hochgräflich Palmingen'schen bestallten Vogelfänger und Trüffeljäger kenne, und schreit ganz weinerlich: ›Wissen Euer Hochwürden schon? Unser gnädiger Herr und Graf von Palmingen ist plötzlich dahingefahren!‹ ...« Und leise, blitzgeschwind, ließ der Husar dabei einfließen: »Observieren Euer Gnaden, wie der Monsieur am Kamin das Haupt dreht, sich erhebt und erbleicht ... Sapperlot ... was geht den Diplomaticus aus London ein Graf von Palmingen an?« Und laut, feierlich knüpfte er wieder an seine Rede an: »Ich faltete die Hände und sprach ein Gebet für diesen hohen Herrn Florentinus, der noch so recht vom alten guten Schlag gewesen und nun so pitoyabler Weise ohne einen Schildhalter und Erbsohn verblichen...« Und leise: »Der Monsieur da drinnen greift sich an die Stirne... steht schwerathmend ... und war doch nie in hiesigem Lande – kann Nichts von einer Reichsstandschaft Palmingen wissen ...« Und zum letzten wieder laut: »Ich frug betrübt den Hiobsboten: ›Ist der gnädige Herr am Schlagfluß dahingefahren?‹ Da grinst der alte Eulenspiegel und spricht: ›Wohl und munter ist Seine Erlaucht dahingefahren in seiner Kutsche, auf Visite zum Herrn von Wimmersheim!‹ So hat mich das durchtriebene Männlein tückisch auf seine Leimruthen gelockt, und ist lachend weiter.....regardiere Madame die wandelvoll bewegte Miene des Menschen da innen, der hier gänzlich fremd ist und niemanden kennt – am wenigsten eine Personalität von den hohen Qualitäten und Distinctionen des Herrn regierenden Reichsgrafen von Palmingen!« Der armen Hohen-Sulzschen Dame war jeder Blutstropfen aus ihrem wohlgebildeten Antlitz gewichen. Sie ließ sich willenlos von einer Hand unter dem Mönchsärmel durch die Seitenthüre in das Treppenhaus hinausziehen. Da war ein gewölbter Kreuzgang. Aus seinen niedern Wänden sahen der Heilige Sebastian am Pfahl und der Heilige Laurentius auf dem Rost und viele andere, buntgemalte liebe Märtyrer auf das mißfällige Bild, daß ein Klostervater und eine schöne und jugendliche, vorne freundlich ausgeschnittene Dame flüsternd miteinander in einer Ecke standen. Die Gräfin Amöne zitterte heftig. Sie frug: »Wer ist denn aber dieser dunkle Voyageur?« »Ich kann Ihro Gnaden flugs mit der Antwort dienen: der Erbgraf von Palmingen!« Da stöhnte die Hohen-Sulz'sche Gräfin vor Angst leise auf – denn sie war doch, bei aller eingeborenen Herzhaftigkeit ein Frauenzimmer – und hielt sich mit den beiden weißen Händen an der braunen Kutte fest, wie ein Ertrinkender an einem starken Stein, und schaute mit irren Augen dem Herrn Husaren ins Gesicht. »Ja – aber um Jesuwillen –« bebte sie. »Vorhin noch, wie ich in die Kuchel schaute, ging am Heerd davon die Rede und es scheint ein Gemurmel durchs ganze Land...« »... daß der Johannes durch den Wald ...« »... ach du grundgütiger Herrgott im Himmel ...« »... der verstoßene Erbgraf von Palmingen ist ...« »... oh du liebe Zeit! Alleweil wird's mir zu arg!« »... der sich als ein fertiger und verwegener Räubercapitän bei Ihro Gnaden hier eingeschlichen hat, um, wie mir dies schon vor meiner Arrivée hier bekannt war, heute Nacht mit seiner Bande das Kloster zu überfallen!« »Gott verzeih' mir meine Sünden! Wenn ich schon sterben muß: Rettet wenigstens das Gräflein! Mon pauvre petit fils ! Laßt das arme Kind nix entgelten!« »Es ist immer noch ein Ausweg, solange ein Husar in der Nähe ist!« sagte der Pater. »Nur darf man in difficiler Situation den Kopf nicht verlieren!« »Der Herr Rittmeister hat Recht: sang froid ! Darauf kommt's jetzt an!« »... und wie ich die Frau Gräfin kenne und taxiere, besitzt hochselbe im kleinen Finger mehr Courage als die halbe selige Reichsarmee!« »Ja! Ich will mich tapfer halten ... Was soll ich jetzt thun?« »Nichts, Madame! Vor Mitternacht ist keine Gefahr! Inzwischen fliege ich jetzt und treffe alle meine Préparations, um die Herren Nachtritter, wenn sie hier anrücken und sich auf ihren Herrn Hauptmann da drinnen verlassen, nach meiner Façon zu empfangen!« »Und ich bleib' mit dem Ungeheuer allein?« »Der Verzweifelte kann Ihnen jetzt, inmitten des zahlreichen Gesindes, nichts anhaben und wird es auch sich nicht unterfangen! Denn wer klatscht in die Hände, ehe der Vogel im Garn ist, und verscheucht ihn vor der Zeit? Dies Völklein betet erst zur Mitternacht und Geisterstunde, und früher nicht, und ehe es zwölf schlägt – auf mein Husarenwort – bin ich wieder hier zur Stelle! ...« »Gottseidank!« »... und fange den Johannes durch den Wald mit eigenen Händen und liefere ihn der Obrigkeit!« »Warum nit gleich?« »Wäre schon recht, Frau Gräfin, und eines Husaren erste Intention! Aber ich fürchte: In dem alten Gemäuer hier haben die Wände und die Thüren Ohren, und in einer halben Stunde wissen sie's durch heimliche Botengänger und Lichter in der Nacht draußen im Wald und verziehen sich und sinnen auf neue Bosheiten ...« »... und gar noch ärgere, um ihren Schelmenkönig zu rächen!« »Drum will ich in heutiger großen Nacht, von der man noch lange reden wird, nicht den Kopf von der Katz', sondern die ganze Katz' in den Sack kriegen – den Hauptmann und die volle Compagnie! Vor Mitternacht stehe ich unten! Lassen die Frau Gräfin nur einen treuen Burschen – etwa den jungen Pürschknecht von vorhin, am Thor warten, daß er mir heimlich aufschließt!« »Ich werde selber mit dem besagten Kerl zu Handen sein! ... Nur lassen Sie mich nicht stecken in der Noth ... in dieser horriblen Nacht!« »Die Nacht wird lebhaft, aber glorios! Ich fühle alle meine Narben jucken! War mir immer ein gutes Omen! Kehre Madame nur jetzt zu dero Protégé zurück, mustere mit ihm als Dame von großer Welt und gebe ihm keine Gelegenheit zu Skrupel und Argwohn! Dann müssen wir reüssieren – so wahr ich der Rittmeister von Arcularius bin!« Mit diesem bravourösen Gelübde und listig lachend schlich sich der Herr Kapuzinerpater, auf leisen Sohlen wie ein Fuchs auf der Mausjagd, hinaus in die Nacht. Die Gräfin Amöne von Sulz stieg bleiern und matt, mit verfärbten Wangen, die Treppe hinauf und blieb stehen und seufzte schwer und preßte die Hände auf's Herz, so heftig pochte es ihr vor dem bevorstehenden Tête-à-Tête mit dem Satan, und sie brauchte ihre ganze und nicht gemeine Macht über das eigene Gemüth, um, contre cœur , die Thürklinke zu drücken und dem Unhold, den das Cabinet bewahrte, mit einem naiven und graziösen Lächeln unter die Augen zu treten. Dieser aber stand, vom Flammenspiel des Kamins beschienen, mitten im Gemach. Seine edlen, von Leidenschaft verwüsteten Züge, waren verdüstert und gespannt. Seine Augen spiegelten den Schrecken, den er sonst wohl anderen brachte. In seinen Bewegungen wohnte schon das Ungestüm der nahenden Blutnacht. Als er der Gräfin ansichtig wurde, eilte er so stürmisch und gegen alle Convenienz auf sie zu, daß sie dachte, er wolle sie bereits erwürgen, und schaudernd gegen den Thürpfosten zurückwich und dabei, inmitten der Gefahr Leib und Lebens, wider Willen denken mußte: wie kann ein Mensch, für den man Rad und Galgen eigens erfinden müßte, wären sie nicht, durch Gottes Rathschluß, schon reichlich vorhanden – wie kann ein solcher Verzweifelter von derart schöner Bildung des Gesichts und der Gestalt sein? Der unselige Abbadonna vor ihr aber achtete nicht auf ihre Angst. Er stand still und frug mit einer fliegenden Stimme, die vor Emotion zitterte: »Wer ist dieser Mönch?« »Ich habe Monsieur ja seinen Namen genannt!« sagte die Gräfin und erschrak für sich. Denn sie hatte den Kalenderheiligen des guten Klostervaters, den sie in der Eile angerufen, selber wieder vergessen. Doch ihr furchtbares vis-à-vis beharrte zum guten Glück nicht darauf, sondern wollte weiter wissen: »Wo ist der Mönch hin?« »Ei – fort!« »In welchem Flügel der Abtei hat er seine Zelle?« »Gar nit!« sagte die Gräfin Amöne und dachte sich: Gelt – daß du ihn umbringen kannst? ... Der Nachtentstiegene vor ihr zuckte bitter die Schultern. »Wollen Sie meiner spotten, Frau Gräfin?« »Ist mir weiß Gott nicht zum Lachen zu Muth!« sagte die schöne Frau von Hohen-Sulz und ließ sich geisterblaß auf einen Stuhl sinken. » ... indem Sie wahrhaben wollen, daß ein Mönch Nachts die Klausur verläßt?« »Der schon ...« »... und sich womöglich draußen im Freien umtreibt?« »Gucke Sie nur: da geht er!« Die Gräfin Amöne wies durch das Fenster. Draußen bogen sich die Erlenbüsche im Sturm und kräuselte sich das schwarze Wasser in dem Graben. Jenseits des Dammes, der zum Kloster führte, auf dem Thalweg, eilte der Mönch dahin. Seine windflatternde Kutte warf, im bläulichen Mondschein, hinter ihm einen unheimlich flackernden, schwarzen Schatten, als tanzte auf seinen Spuren der Böse. Nun war dieser Pater am Wald, schaute sich um und war im Hui – recht nach Räuberart – mit einem Hirschsprung in dessen Dunkel verschwunden. »Gottseidank!« sprach der Eingeschlichene, Blutumwitterte, und fügte mit einem Blick zum Himmel die zehn Finger ineinander, und die junge Hohen-Sulz'sche Wittwe schaute ihn starr an und begriff es nicht, daß man ein schnöder Frevler wider Gott und die Menschen sein und doch die Hände falten und den Namen des Herrn anrufen könne ... »Gottseidank!« wiederholte Jener nochmals laut und feierlich, ohne daß ein Blitz von oben ihn strafte. Dann leuchtete ein warmer und liebenswürdiger Schein über sein Antlitz. Dessen vom Gram junger Jahre gezogene herben Linien wurden weicher. Es blühte in einer Milde und Menschenfreundlichkeit auf, daß sich die Gräfin Sulz vor soviel teuflischer Verstellung entsetzte und schon halb nicht mehr wußte, sollte sie gar dem Lächeln der Güte vertrauen, das diese adelig geschnittenen Lippen besonnte. Der Fremde ergriff die schreckenskalte Rechte der Frau Amöne und drückte sie von Herzen und doch mit der sanften Zurückhaltung und Ehrerbietung des Cavaliers. »Empfangen die Frau Gräfin meinen Glückwunsch,« sprach er. »Sie sind einer schrecklicheren Gefahr entgangen, als Sie je wohl ahnten!« »Ei – wodurch?« ... »... daß jener Finstere und Verwegene Haus und Kloster geräumt hat, das er mit seiner Kutte schändete! Denn nie und nimmermehr, verehrungswürdige Gönnerin, war dieser Mensch ein Mönch – oder auch nur ein Sohn der römischen Kirche! Ich weiß es. Denn ich bin selber papistisch getauft, wenn auch ein freier Geist! Der hinkende Gast an Ihrem Tisch schlug das Zeichen des Kreuzes falsch! Er verstand kein Latein! ...« »Vielleicht ist's kein Pfäffle! Ich bin fremd hier und ins Land verschlagen, Monsieur! Ich kann den Leuten nicht ins Herz gucken! Muß sie als eine arme Wittfrau nehmen, wie sie gerathen!« »Narben trägt dieser gottselige Vater am Leibe!« sagte der Fremde wild lachend. »In seinen Pupillen ist Gott Mars ein Altar errichtet! Ich selber bin ein gläubiger Weltbürger und dem Haß und dem Streit der Menschenbrüder von Herzen abhold, – doch aus einem Hause, in dem der Waffendienst seit Alters Usance, und kenne den Blick der Kriegsleute!« »Mag's denn ein irrender Soldat gewesen sein, Monsieur! Lassen wir ihn traben!« »Warum aber pürscht er sich hier vermummt und verstellt ein? Warum entfleucht er eilends, wie er sich von mir durchschaut fühlt?« »Der Herr echauffiert sich pour rien . ... Es lohnt nicht der Müh...« »Schon drei Posttage von hier,« versetzte der Fremde Wort für Wort mit starkem Nachdruck, »warnt Postillon und Wirth, Reisender und Gensdarm vor den Räubern zur rechten Seite des Rheins, die nach dem Zusammenfall heiligen deutschen Reiches und Unordnung überall, in Massen aus dem Boden entstanden und sich vermehrt haben, wie die Frösche nach dem Gewitterregen. Sonderlich aber waren die hier umliegenden Wälder gefürchtet, als das wahre ungekrönte Fürstenthum eines über das gemeine Maß gewaltigen Verbrechers – Sie, Frau Gräfin, deren Domicil das Schicksal hier statuiert hat – Sie kennen seinen weit verschrieenen Namen besser als ich, wenn Sie auch so wenig wie sonst ein Mensch wissen, wer ihn in Wirklichkeit führt . .« »... weil der Johannes durch den Wald alleweil eine Larve trägt...«, sagte die schöne Frau Amöne und entsetzte sich hinterher, denn der Johannes durch den Wald saß ihr ja gegenüber....... Die gute Dame schielte scheu zu dem schmermüthigen Herrn hin, nicht anders, als ob dieser gräßliche Gast ihr gleich an die Gurgel springen müsse. Doch der saß still und, trotz der müden Gelöstheit seiner Gliedmaßen, in einer so noblen Courtoisie des Gehabens in jeder Handbewegung, jedem Seufzer, jeder Neigung des bleichen und schönen Hauptes, daß ihn ein Pagenmeister oder Introducteur bei Hofe darum hätte beneiden müssen, und ihr diese edle Haltung eines traurigen Gemüths ein weibliches Mitgefühl entfachte und ihr in ihrem heimlichsten Innern der Seele noch weit besser gefiel, als die lachende und milde Lebensart des preußischen Husaren, als welcher sich, wie sie sich immer wieder mit Enttäuschung und getränktem Herzen sagte, ja doch nicht ein Nagel breit aus ihr machte! Sie war das nicht gewohnt – die Hohen-Sulz'sche Gräfin! Denn sie war ein schönes und stattliches, in frischer Jugend blühendes Frauenzimmer, und kannte nur zu wohl die rasch von ihrem Liebreiz entzündeten, sehnenden, schmachtenden, lockenden Blicke der Cavaliere, so wie jetzt – das Herz stand ihr stille – der Herr über den Tisch hin sie träumerisch, in einer ehrfurchtsvollen Glückseligkeit ansah, gleich als habe der gefiederte Pfeil Cupido's im Nu mitten in dies schwarze Herz getroffen. ... Das fehlt noch, daß sich ein Räuberhauptmann in mich verguckt! – dachte sich die Frau Reichsgräfin empört, und dachte weiter: Aber wenn er am End' gar keiner ist? ... Dann hätte sie sich's schon gefallen lassen, daß sie gefiel! Dann war der verhohlene Grandseigneur dort drüben just zur rechten Stund' bei ihr ins Haus und ins Herz getreten, als das auf das heftigste durch den im übrigen so hülfsbereiten Herrn von Arcularius beleidigt war und sein sonst wohlverschlossenes Pförtlein auf kurze Frist weit offen stand. Da konnte jetzt eben Einer die Gelegenheit wahrnehmen und sich einschleichen, wie ein Dieb in der Nacht – so wie dort überm Tisch der General aller Langfinger und Heermeister aller Nachträuber – Gott steh' uns armen Sündern bei! – der Johannes durch den Wald ... Dieser Geächtete und Ausgestoßene aber, den seine Thaten verfluchten, – dieser Auswürfling der Hölle nahm ohne Wimperzucken, sondern mit einem sanften Spiel lächelnder menschlicher Wehmuth, seinen eigenen furchtbaren Namen in den Mund und ließ sich vernehmen: »Vielleicht haben Sie, Frau Gräfin, den Johannes durch den Wald schon einmal gesehen und wissen es blos nicht!« »Ei – freilich weiß ich's, Monsieur!« »Wie denn? Höre ich recht . . ?« »Ja – ist er mir denn nicht übern Weg geritten, gestern im Wald?« rief die schöne Gräfin hitzig und noch nachträglich erbittert über den Verlust ihrer Bagage. »Gelt – vom Rousseau schwatze und mir dabei meine Jupons mause! Menschenrechte – und mein neues sammtenes Camisölche ist heidi ... Eigenthum ist Diebstahl! – Das konnt' ihm passe, dem Herrn Johannes, einer armen Wittwe ihre besten Battisthemdche und Seidenstrümpf' und Morgenschuh' und Anstandsröckche aus den Koffern zu krame! Oh pfui – das war nit schön!« Dabei flammte sie im Eifer den Herrn drüben aus ihren großen, grauen Augen an, als gelte die Gardinenpredigt ihm. Der aber hob, ehrlich erschrocken, sein unruhiges, adelig geformtes Haupt. »Ja – reiste die Frau Gräfin denn ohne Schutz?« Muß ich das dir erzählen? Du warst doch selber dabei! – dachte sich die schöne Frau von Hohen-Sulz, und glaubte es doch selber nicht! In diesem Widerspruch des Verstandes – ach, und mehr schon des Herzens, zuckte die liebe Dame die Schultern und erwiderte: »Die bei mir habenden Postknechte und Kammerdiener sind entflohen wie die Reichsarmee bei Roßbach! Der Herr von Arcularius aber, der die ganze Zeit neben meinem Kutschenschlag geritten ist, ist eine Viertelstunde vorher umgekehrt!« »War wenig ritterlich von einem Edelmann!« sprach der Herr mit einem wunderlichen Lächeln. »... Wenn ihn doch, am Schlagbaum, die gräflich Palmingen'schen Officianten und Landreiter auf keine Weise haben passieren lassen!« »... Werden wohl gewußt haben, warum ...« »Was blieb da dem Herrn von Arcularius übrig, als von mir – malgré soi und herzlich betrübt – Abschied zu nehmen?« »Und wohin, mit Permission, Gräfin – schlug sich der gemeldete Herr?« »Er ist stracks im Galopp durch den Wald davongeritten!« »Und eine Viertelstunde danach kommt ein Sujet unter einer Maske durch den Wald wieder herangeritten, kennt genau Euer Gnaden, die Zeit und die Gelegenheit, und erspäht seinen schimpflichen Vortheil zum Raub! Wer mag dieser verrätherische Cavalier wohl gewesen sein?« Die Gräfin sprang auf die Füße, that einen hellen Schrei und griff sich an die Schläfen. Ihr Gast maß sie mit einem ernsten Blick aus seinen traurigen und tiefen Augen und sprach es laut aus: »Entsetzen Sie sich nicht, Frau Gräfin, noch hinterher, damit es Ihnen nicht ergehe, wie dem Reiter übern Bodensee: Sie sind in der Gesellschaft des Johannes durch den Wald gereist!« Jesus – da sitzest du ja ... der Johannes durch den Wald – dachte sich die ganz verzweifelte junge Gräfin-Wittwe, und es war ihr wirr im Kopf. Jener aber beharrte: »Und wer kann ermessen, Gräfin, ob nicht dieser Schädlichste aller Ritter von der Landstraß' Ihnen noch weiter nachstellt, so wie der Tiger, wenn er Blut geleckt hat, um so grimmiger wird? Wer weiß, ob es diesem Elenden in seiner Gier, nachdem er gestern Ihre Reisekästen geleert, heute nach dem reichen Inhalt Ihrer Planwagen unten im Hof gelüstet?« »... Lieber Gott: Steh dem Erbgräflein und mir, seiner armen Mutter, bei!« »Wer mißt die Dreistigkeit eines räuberischen Obristen, auch mit der längsten Elle aus!« Der Fremde von Distinction am Tisch erhob sich in einer zürnenden Gefälligkeit der Bewegung, die seinen simpeln blauen Redingote und gelbe, im Geschmack eines Musterreiters gewählte enge Nanking-Beinkleider, wie einen Domino zu Fastnacht, als die Verhüllung eines heimlichen großen Herrn, erscheinen ließ. »Wer kann es wagen,« fuhr er bewegt und athemlos fort, »... und wenn der Frau Gräfin die Glieder zittern und Ihre schönen Augen sich mit Thränen füllen – es muß gesagt werden: Wer wagt es, zu behaupten, daß die Teufelei eines Verlorenen vor dem geistlichen Gewand zurückschaudert... daß nicht viel eher dieser falsche Mönch, der eben, von mir enthüllt und beschworen, mit Stank wie der Teufel aus dem Haus gefahren – daß das nicht Ihr Herr Reise-Compagnon und der Ritter im Walde ist, der sich hier eingeschlichen und in seiner sträflichen Vermessenheit darauf gebaut hat, daß Sie ihn unter der Kutte und Kapuze nicht wiedererkennen?« »Ei freilich war das der Herr von Arcularius!« schreit die geängstigte Frau Gräfin gerade hell heraus. Der Monsieur vor ihr nickte in einem feierlichen Aufblick zu der von den Mönchen zierlich kassettierten Decke. »Sie waren am Rand des Abgrunds, Gräfin!« sprach er. »Sie haben sich auf Ihrer Reise den Johannes durch den Wald selber als einen Chevalier d'honneur erwählt! In letzter Stunde hat der allmächtige Sternenwillen, unter dessen Fatum wir alle stehen, Sie durch mich gerettet!« War nun auch Umriß und Gestalt des spröden Herrn aus Preußen im Herzen der Gräfin Amöne so rasch verblaßt wie aufgeleuchtet, und hatte – sie mochte es vor sich gelten lassen oder nicht – einem anderen, hier im Gemach viel Näheren, als einem neuen Hausherrn, Platz gemacht, so dachte die hohe Dame doch zu ritterlich, um den Schimpf auf einem Abwesenden sitzen zu lassen, und sie warf ein: »Dies ist ein Erreur, Monsieur! Der Herr von Arcularius ist aus gutem Stande: Ein Stabsrittmeister des Königs von Preußen und Werber für Seiner Majestät Husaren!« »So meldet er der gutgläubigen Frau Gräfin,« sagte der Fremde ungerührt, »und hat wohl viele Gestalten, wie das für solch einen abgefeimten Filou die Regel seines Métiers sein muß! Die Maske eines preußischen Werbe-Offiziers – ich muß das loben – ist für diesen Erzräuber wie geschaffen. Denn diese Herren Werber dürfen nicht zimperlich sein, müssen sich in üblen Herbergen aufhalten, mit verrufenen Kerlen am Tisch sitzen und ihre Heimlichkeit haben, viel blankes Geld und Waffen in jeder Rocktasche mit sich führen, und es fällt nicht auf!« Die Gräfin Amöne wurde schreckensbleich. »Das soll ich glauben,« rang sie, die Hände, »daß der Herr von Arcularius...« » ... der Johannes durch den Wald ist, und kein Anderer!« ... und der wieder steckt mir zu, du seiest der Johannes durch den Wald! Ja – wer von Euch Beiden ist's denn jetzt? Seid Ihr denn alle Beide vermummt und verkappt, als Husar und Kapuziner, Negociant und Courier? Und wem kann man noch vertrauen? – dachte sich die mitleidswürdige Frau Reichsgräfin, und mit halber und erschöpfter Stimme versetzte sie: »Ich bin eine Wittfrau in gesetzten und fortgeschrittenen Jahren – schon bald fünfundzwanzig, Monsieur, und nicht ein solches ungeschultes Gänslein und Giggak über' Rhein, daß ich einen Räuberhauptmann nicht von einen Edelmann distinguieren könnte!« »Läugne ich denn,« sprach der Herr am Tisch, der sich wieder gesetzt hatte und auf besten Antlitz der Weltschmerz thronte, »läugne ich denn, daß dieser Malefikant aus den Zirkeln der Sozietät entsprungen ist – wenn auch nicht so erlauchten Standes wie Sie, Frau Gräfin, und ich? ... Wäre er denn der einzige verlorene Sohn auf der Welt? Ach – es gibt deren mehre – und Dero Liebden vielleicht näher als Sie denken!« Er erhob sich und durchmaß mit Schritten, die eine Unruhe der Seele beflügelte, die Kammer. Er sagte: »Es geht, seit den Tagen der Herren Rousseau, und Voltaire und des Abbé Diderot...« Jesus – von diesen französischen starken Geistern sprach ja gerade der Räuber im Wald, wie er mir die Schnupftüchle und Bettbezüge stahl! Am End' ist er's doch! dachte sich die Gräfin Hohen-Sulz und das Herz stand ihr wieder still. »Es geht ein Sturm durch die Welt und rüttelt die Gemüther und räumt die von Mittelalter und Mönchslatein umdüsterten Gehirne und treibt gerade die besseren und vorzüglicher gearteten Naturen aus überkommener, hochadeliger Enge über Rhein und Meer hinaus in die Gefilde der Freiheit...« ... Wie hat gestern der Mann mit der Maske vom Pferd herab gerufen: ›Die edle Freiheit lebt und blühet Jedermann, auch uns armen Räubern von der Landstraße!‹ frug sich die arme junge Gräfin entsetzt, ... das sind seine Worte! Er ist's ... der dort mir gegenüber ... Er ist der Johannes durch den Wald..... »Wer wirft den ersten Stein auf die, die aus Vaterhaus und Erbtheil dahingingen, um wieder den Menschen im Menschen zu suchen?« fuhr Jener schwärmerisch fort und seine schönen Augen leuchteten, »... die Söhne eines neuen, von den Philosophen Frankreichs entzündeten Weltgewissens, die ihre überkommenen Vorrechte als ein Unrecht an ihren Brüdern empfinden ...« Es ist doch wahrhaftig traurig... sann die Gräfin Amöne. Die Thränen des Beileids waren ihr, gegenüber dem Abbadonna, nahe... daß solch eine schöne Seele Hühner stiehlt... »Brüder aber sind wir Erdbewohner alle!« rief der Fremde, »ob von weißer, schwarzer oder rother Couleur unseres Leibs. Denn in jedem Leib lebt eine vernünftig denkende Seele und fordert ihr Antheil, mag nun der Federbusch eines Wilden oder eines Generals das Haupt zieren, mag eine Irokesin in ihrer Unschuld im Schurzfell gehen oder ein hochgebildetes Frauenzimmer sich décolletieren und glitzerndes Spielzeug an die Ohren hängen wie ihre braune Schwester an die Nase – Menschen sind wir alle, tragen gemeinsam Adams Fluch und Sehnsucht nach dem Paradies, sterben zusammt wie Moses am Wege und sehen nur ferne das gelobte Land, und sind einander Zähren des Mitleids und der Verehrung schuldig...« ... Wie kann man mit solch zärtlichem Gemüth Meßjuden mit dem Knüttel über den Kopf schlagen ... frug sich Frau Amöne... und armen Fuhrleuten mit Gewalt die Mehlsäcke vom Wagen werfen . . ? »... Daß bei diesem begeisterten Flug in die Weite manch einer sich verirrt – so wie ein Zugvogel nicht wieder übers Meer ins alte Nest heimkommt – oder wenn schon, dann gerupft und zerschlagen ...« sprach der unbekannte Herr mit einem traurigen Lächeln, »wer will dieser indispensablen Nothwendigkeit opponieren? Und daß viele – wehe allzuviele – zu weit – ach allzuweit – geflogen sind – vom Himmel, den sie suchten, zur Hölle – von der Liebe zu den Menschen, die sie beflügelte, zu Blut und Frevel wider alles, was das heilige Menschenangesicht trägt – das hat der Ausgang der großen Revolution in Frankreich schaudervoll jedem Reinen und Mildgesinnten mit feurigen Lettern an die Wand gemalt ...« ... Wie mag sich nur solch ein sentimentalischer Charakter von Postraub nähren? ... dachte sich die arme Gräfin ... Müssen ihm nicht die hellen Thränen über die Wangen stürzen, wenn er mit einer kundigen Hand die Felleisen und Mantelsäcke aufschneidet, so wie gestern mein bißchen Hab und Gut? »Ich habe die Schreckenszeit in Paris selber miterlebt, Gräfin!« fuhr der Herr im blauen Redingote fort. »Ich habe, selig wie ein Bräutigam, Hand in Hand mit Hallenweibern und Musketieren, die geschmückte Braut, den Freiheitsbaum, umtanzt. Ich nannte mich den Citoyen Homo – den Bürger Mensch – um gänzlich meine Herkunft, Rang und Vaterland, zu verwischen. Ich habe – bekreuzigen Sie sich nicht vor dem gläubig Verirrten! – die Jakobinermütze getragen!« Die Gräfin Amöne wußte nicht mehr: Sprach so der Räuber – der Johannes durch den Wald – sprach so der Erbgraf von Palmingen ... sprachen beide aus einem Menschen – oder waren die beiden verschieden – und welcher von ihnen stand nun vor ihr – sie fand keinen Rath mehr und saß mucksstill. Der Herr schloß: »Als aber nun die furchtbare Maschine des Menschenfreundes Guillotin ihr Werk begann – als man auf dem Grèveplatz die Köpfe hackte, wie die Magd auf dem Hof die Rüben, da durchrieselte eisiger Schauer mein Gebein und schluchzende Wehmuth meine Seele. Noch hoffte ich, als die Schreckenszeit unersättlich ihre eigenen Söhne verschlungen – noch hoffte ich da auf eine neue Morgenröthe der Menschlichkeit. Statt dessen klirrten, lauter noch als in der deutschen Welt, aus der ich geflohen, in Frankreich die Ketten und die Säbel – übertäubten Trommelwirbel und Trompetenfanfaren den verröchelnden Weheruf der Freiheit. Leerte der Erste Consul, der General Buonaparte, mit Tyrannenfaust die Gassen und füllte die Kerker. Auch mir, einem aufrechten Nachtreter der Gracchen, drohte dies grausame Loos! Rechtzeitig gewarnt, erreichte ich eben noch vor den Häschern der neuen Gewalt einen Segler nach Amerika!« Die Gräfin hörte gespannt und andächtig zu. Sie dachte dazwischen: Wann wird er mir wohl die Gurgel abschneiden? – Aber sie that es nur zerstreut, denn sie war schon verliebt in ihren Mörder, der weiter ihr berichtete: »Amerika, dessen unendliche Wälder und Triften ich nun fünf Jahre, die Freiheit suchend, Europens Zwang entronnen, durchstreifte – Amerika – ach – lassen Sie mich schweigen, Gräfin! – Amerika, wo ich in meinen Träumen die schlichten Kinder der Natur im Urzustand friedlicher Einfalt dahinwandeln, sich mit Blumenketten schmücken und in unschuldigem Reigen hüpfen sah – Amerika wies mir grinsend das Zerrbild der Alten Welt! Der Portugiese schiffte geschäftig die schwarzen Sklaven aus Afrika an Land, zählte und verkaufte sie wie das liebe Vieh, die rothen Männer skalpierten einander und banden sich gegenseitig an den Marterpfahl, der Weiße rottete mit Pulver und Blei die Rothhäute aus, die englische, die französische, die spanische Zunge schieden in Haß die Weißen ... Ich war bei den Quäkern – in der Pennsylvanischen Gesellschaft ... und erkannte mit Trauer: Wir waren eine Handvoll Prediger in einer grenzenlosen Wüste! Und es bleibt ewig der Mensch dem Menschen Wolf, und über uns lastet Kains Fluch ...« »Da reiste Monsieur retour . . ?« »Ich wollte noch einmal die Vöglein meiner Heimath singen hören und die Quellen meiner Jugend rauschen. Die grünen Berge dieses Landes riefen mich, und tausend Stimmen lockten mich in die Thäler, in denen ein Kind einst glücklich war!« Der Fremde hatte sich gesetzt. Er legte die Hände über die Augen und die Stirne wider den Tisch. »Mißgönnen Sie dem armen Ahasver den erlösenden Schwall der Thränen nicht! Freundeslüfte umfächeln mich! Der Herbststurm draußen wird mir zum säuselnden Zephyr! Ein lieblicher Engel Gottes empfangen Sie mich am Eingang des neu erreichten Paradieses! Ich hoffe! Ich werde wieder jung! Ich bin daheim ... Ich bin daheim ...«   Oh Xénais ... Meine, des Reichsgrafen Florentin, Chronik dieser absonderlichen Begebenheiten schweift nun wieder zurück zu mir, dem betrübten Opfer der Gestirne, und meinem Schlosse Palmingen an diesem Abend ... Wie ich es bereits in diesen Blättern angemerkt, hatte ich, nach der Heimkehr von dem Wimmersheimschen Narrenthurm, der Marquise, indigniert über ihre Vertraulichkeit mit dem dortigen Baron, nur ein steifes Compliment gezollt und die Flucht aller Gemächer des Erdgeschosses zwischen mich und den treulosen Schmetterling gelegt. Aber als ich nun des Abends, dem Herbststurm lauschend, in Gedanken bei meinem verlorenen Sohn, allein, nur im Cercle meiner gemalten Ahnen an den Wänden, vor der tröstlichen Gluth des Kamins saß, da gaukelte dieser Papillon des Südens muthwillig vor meinem, immer noch zu leicht von Amors Schalkheit mit einem rosenfarbenem Tuch verbundenen Augen, mit denen der Verliebte, glücklich und verlacht, wie im Blindekuh-Spiel, über die Schäferwiese dieser Welt irrt – und ich konnte die Sehnsucht meines Herzens nicht mehr zähmen und beorderte, nicht die lose Marquisin, sondern ihren Vater, meinen Herrn Ceremonien-Marschall, zu mir. Der Herr de Fizeaux präsentierte sich. Er hatte die steinerne Miene aufgesteckt, wie sonst, bei solennen Gelegenheiten, als Führer meines großen, aus vier Palmingen'schen Hofwürdenträgern bestehenden Vortritts. Seine Verbeugung war abgezirkelt. Die Frage nach meinen Befehlen frostig. Ich ergriff die Hand des alten Franzosen. Ich sprach – alle Standesunterschiede leutselig vergessend – cordial mit ihm wie ein Edelmann zum andern. Ich lächelte neckisch, wie ein verliebter Greis – ich offerierte ihm, mit graziöser Herablassung, eigenhändig meine Tabatière, – ich brillierte, in geistreichem Französisch, mit etlichen, der Stunde und Gelegenheit entsprungenen Bonmots, deren sich der Herr Bischof von Talleyrand nicht hätte zu schämen brauchen – ich suchte in aller leichten Lebensart des achtzehnten Siècle das gallische Herz zu rühren, und eröffnete endlich thränenerstickt mein eigenes Herz: Möge es doch dem verehrungswürdigen Herrn Marquis gefallen, seine Tochter besser zu protégieren, sie vor Escapaden mit einem einfältigen Waldjunker der Nachbarschaft zu bewahren und statt dessen das göttliche Kind in meine Arme zu führen! Der Marquis hatte mich in einer spröden und verschlossenen Haltung angehört, die merklich von seiner sonstigen geschmeidigen Art zu leben, abwich. Als ich geendet, räusperte er sich trocken und versetzte kurz: »Es scheint hier eine Verwechselung mit Euer Erlaucht Silberwäscherinnen, Conditor-Mägden, Tafeldeckerinnen oder Beiköchinnen obzuwalten.. .« »Ei – was soll das, mein Freund?« » ... bei welcher hochgräflichen Kammermenschheit Sie, Monseigneur, sicherlich ein geneigtes Ohr treffen werden. Die Marquise Xénais Amélie Solange de Fizeaux de Rouvroy indessen hat für Ihre Beleidigungen nur die Hoheit der Verachtung übrig ...« »Ha ...« »... eine Empfindung, Monsieur, die ich, der Marquis Elimar, unglückseliger Weise theile ...!« Dies warf mir dieser welsche Wurm ins Angesicht, der seit fünfzehn Jahren mein Gnadenbrot aß – der, von mir verstoßen, sich noch nicht durch Orgeldrehen oder Hühnerrupfen seine Nahrung hätte gewinnen können. »Mein Herr« – so wie man par courtoisie einen Würzkrämer anspricht – nannte mich freventlich mein eigener Hof-Ceremoniarius! Oh ... mon Dieu! ... mon Dieu! ... Es fehlte nur noch, daß er mich mit »Bürger Palmingen« anredete, so wie mein unseliger Sohn wohl als Citoyen der Republik Blutbrüderschaft mit den Jakobinern vom Berge trank! Ich raffte meine ganze Majestät zusammen. »Sie sprechen zu einem Standesherrn des heiligen römischen Reiches, mein Herr Marquis!« gebot ich in hoher Würde, ein Sonnenkönig im Kleinen. Der Marquis aber bitter, mit hämisch geschürzten Lippen: »Ein Maultiertreiber in Frankreich ist immer noch mehr als ein deutscher Fürst!« Noch klangen mir ungläubig die Ohren von diesem schnöden Schimpf, als der alte Gallier schon weiterfrevelte: »Suchen Sie sich einen Bären mit Dreispitz und Schweizerstab als Hofmarschall! Mag der arme Petz sich statt meiner vergeblich mühen, Euch Barbaren glatt zu lecken und in Menschengestalt zu bringen!« Das mir! ... Ein Teutscher Wilder – ich – der ich Maria Antoinetten noch in den Tuilerien die Hand geküßt – der ich beim Lever im Oeil de Boeuf in Versailles, ehrfürchtig schauernd, dabeigestanden, als König Ludwig der Letzte sein Hemde wechselte – ich – ein großer Herr von Welt – ein Weltbürger – ich: ein Teutscher! Ha – dieser Schimpf aus dem Munde des Franzosen war zu viel! » Gardez-vous, monsieur le marquis! « schrie ich, und wie von selbst hüpfte mir mein Galanterie-Degen aus der Scheide in die welke Hand. » A votre service, Monseigneur! « klang es drüben, und auch der Marquis fächelte schon mit dem blanken Florett. Er defendierte sich nur – ich aber drang hitzig auf ihn ein und ließ athemlos die Fechtkünste meiner Jugend spielen: »Eh, Parieren Sie diese feinte double! « – und auch seine Gegenfinte war nicht übel, und unsere Klingen wirbelten umeinander wie Schäfer und Schäferin im Tanz. So trieb ich den schelmischen Franzosen vor mir her, und wir jagten uns durch das Cabinet, daß die Meubles umstürzten, und ließen nicht ab, so sehr mich auch mein Zipperlein im Zeh behinderte – denn ich war über die siebzig Jahre und der Marquis nahe daran – und wenn wir, Luft schnappend, stehen blieben, zupfte er sich eilends das Bruchband unter dem Gilet zurecht und ich schob mein falsches, elfenbeinernes Gebiß, welches ins Rutschen gekommen war, an den rechten Ort, und wir attackierten uns aufs neue ... Da warf eine kleine Hand einen langen, farbig geblümten Seidenschal über unsere Degen und riß sie so auseinander, und das Wehen einer stürmisch fliegenden, spinnwebdünnen Robe schied uns wie eine duftige Wolke, und Xénais, die heimlich ins Zimmer getreten, hing, gleich einer großen weißen Taube, schirmend am Halse des Marquis und schrie: »Zu Hülfe! Das Ungeheuer mordet meinen Vater!« Ich, Florentin VII. – ein Ungeheuer! Ich senkte erschüttert die Waffe. Ich steckte sie, zur Besinnung kommend, ein. Ich war auch, ebenso wie der Herr von Fizeaux, am Ende meiner Kräfte. Xénais hielt ihn immer noch umschlungen. Sie forschte bebend: »Hat der blutdürstige Alte Sie blessiert, mein Vater?« »Äh – Ich habe mich seiner erwehrt! Es lebe Frankreich!« »Haben Sie ihm die Wahrheit gesagt?« »Vollkommen, meine Tochter!« »... daß er ein lächerlicher, greiser Hampelmann ist?« »Xénais ...« stöhnte ich. »... ein knickebeiniger Paris, der seinen Apfel selber fressen mag! ... Ein abgedankter Äneas ...« »Nicht weiter, – Xénais! Mir bricht das Herz!« »Ein ridicüler, ennuyanter, insolenter, arroganter, degoutanter alter Sünder, der sich vermißt, das Schnupftuch nach mir zu werfen, als sei er der Großtürke! Und ist dabei ein winziges, armes Wildgräflein, das die Zeit vergessen hat, mit anderem Plunder mitzunehmen! Ich habe die Ehre, mein Herr, und bin Ihre gehorsame Dienerin!« Dabei macht mir die Marquisin einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix und eine lange Nase dazu. Ich deutete, erbleicht und wider den, solcher Weise das Ceremoniell wahrenden Hofmarschall gekehrt, zur Thüre. »Aus meinem Angesicht!« donnerte ich, »und aussitôt que possible , aus meinem Schlosse!« »... der ich nicht ermangeln werde, sofort mit meiner Tochter abzureisen, wenn mir noch Pferde vergönnt sind,« sprach der Franzmann plötzlich höhnisch-höflich, und Xénais triumphierend nach ihm: »Zu dem Baron von Wimmersheim, mit dem ich mich heute nachmittag, indessen Sie, von Altersschwäche übermannt, schnarchten, geziemend und in allen Ehren verlobt habe!« Aus jauchzender Kehle, glücklich, sich diesen werthlosen Bouffon aus dem Glückstopf gegriffen zu haben, setzte sie hinzu: »Mein Fiancé reist in den nächsten Tagen nach Wien, wo ja nun wieder der Friede mit Frankreich eingekehrt ist. Dort werden wir uns ehestens von den hochwürdigen Schottenpriestern zusammengeben lassen und künftig in Glanz und Freude residieren.« »... und wir sind endlich aus diesem Bärenzwinger echappiert und Eurer hochnärrischen Gnaden ledig!« ergänzte der Herr Marquis und retirierte sich sammt seiner Tochter. Und nicht lange danach rollten draußen Räder und dieser wälsche Betteladel – die junge Marquisin und ihr Vater – fuhren mit ihren wenigen Habseligkeiten davon, und der letzte Traum dieses alten galanten Herzens verwehte grausam in der finstern Nacht.   Das, was mich nach dem Abscheiden dieser beiden, von mir mit Gnaden und Güte überhäuften Undankbaren, auf das tiefste emotioniert zum nächsten Fauteuil wanken ließ – das war ein Blick wie durch einen zerrissenen Vorhang in das Leere eines langen Lebens. Eine Erkenntnis voll Schmerz, wie illusoire menschliches Trachten und Wollen doch ist! Dies war nun die schreckliche Wahrheit: So sah mein gräflich Palmingen'scher Hofhalt, auf dessen soignierte Etikette nach Bourbonischem Ceremoniell zu achten, mir die tägliche Sorge vieler Jahrzehnte gewesen – so sah mon petit Versailles in den höhnenden Augen meines eigenen Marschalls aus! Ein Franzos, der mich seit fünfzehn Jahren aus täglicher Nähe kannte, zählte mich kalten Herzens, wie selbstverständlich, unter die Teutschen und Barbaren! Ha – dieser Stoß traf besser, als vorher seine Klinge, mein Herz! Ich saß und beweinte ein verlorenes Leben! Wäre jetzt noch, wie gestern um diese Stunde, der Abt von Heilig-Kreuz hier zur Stelle gewesen, er hätte bei mir – dem von Frankreich Verleugneten – dem von der Geliebten Verlassenen – dem von dem Sohne Geschiedenen – er hätte bei mir, dem Unglücklichen, Einsamen, vielleicht mehr Glück mit seiner Geste nach der stillen Klosterzelle gefunden! Durch den Schleier salzigen Wassers vor meinen Augensternen glaubte ich aufblickend in der That die rauhe Gestalt des Herrn Abbas vor mir zu sehen. Dies war seine braune Kutte. Dies war der grobe gürtende Strick – dies war die spitze Kapuze. Doch sie umschloß ein bartloses und jüngeres Antlitz, dessen abenteuerliche Augen weltlicher blickten als sonst die dicken Patres unter ihrer Brille. Ich kannte diesen Mönch aus dem bisherigen Kloster Heilig-Kreuz nicht. Sein Anliegen durfte keinen Aufschub dulden. Sonst hätte ihn Pompeo nicht ohne Anfrage eingeführt. Der hochwürdige Klostervater ließ es seinem Aussehen anmerken, daß er einen auf das Äußerste outrierten und forcierten Marsch durch die Nacht und quer durch den Wald hinter sich hatte. Die hohen Stiefel, die er, erstaunlicher weise, statt der Sandalen seiner Ordens-Sozietät, trug, klebten von einem feuchten Morast und Schlamm. Moos, Fichtennadeln und Laub hingen in dem haarigen Lodengespinnst seines Habits. Er näherte sich mir so ungestüm, daß dies, der frommen Beschaulichkeit geweihte Gewand, in einem starken Luftzug rauschte und flog und die Kälte von draußen mit sich führte, und frug, mit einer eilenden Verbeugung und ohne mir das Wort zu verstatten: »Gnädiger Herr! Haben Sie ein Bildniß Ihres Sohns?« »Ich habe keinen Sohn«, erwiderte ich. »Wie also sein Bild?« »Aber Sie hatten einen ...« »Es ist schon lange her! Sein Platz in meinem Herzen, hochwürdiger Herr, ist leer, und nicht minder jene Stelle an der Wand, wo einst sein Porträt aus unschuldigen Jugendtagen gehangen, als ein letztes grünes Reis am Stammbaum, um die Suite unserer, hier in Öl und Rahmen präsenten Ahnen zu continuieren! Hélas ! – Es sollte nicht sein ...« »Wissen Euer Erlaucht mir mindestens ein Wahrzeichen an ihm zu melden? Ein Muttermal ... einen Leberflecken, wie ihn Jeder trägt?« »Ein bissiger Rüde versuchte an ihm, als einem jungen Knaben, seine scharfen Zähne! Davon besitzt er zwei kleine blaue Narben nebeneinander am rechten Schlaf.« »Er ist es! ... Er ist es!« rief der wilde junge Pater mit einer Stimme, die man füglich eher auf dem Exerziersand sich vermuthet hätte, und leiser, mit einem Auge des Mitgefühls auf mein Alter, setzte er hinzu: »Auch ohne den Succurs Euer Gnaden hätte es mir hochdero unabweisliche Ähnlichkeit mit ihm verrathen ...« »Mit wem?« ...»mit jenem Mann – verzeihen Sie der Sprache der Pflicht die Kühnheit, dergestalt von Ihrem Sohn zu reden – mit jenem Mann, sage ich, der sich zur Geißel hiesiger Wälder aufgeworfen hat, – dem Vielberufenen, Ungesehenen ...« »Sie haben ihn gesehen, Pater?« »Ich habe den Johannes durch den Wald gesehen! Gesprochen! Ihm Aug' in Aug' gesessen!« So ist der Mensch: Ich, der regierende Graf – der Vater – ich wollte, als ein Verächter der Dogmen und starker Geist, diesem regulierten geistlichen Herrn keine weltliche Schwäche zeigen! So frug ich, nach einem kurzen Schweigen der Erschütterung, in einer dumpfen, doch gefaßten Art: »Wo hat dies Miracle stattgehabt?« »Jetzt eben! Im Kloster Heilig-Kreuz!« »Die Abtei ist doch von Ihren Ordensbrüdern geräumt! Die Hohen-Sulz'sche Gräfin Wittwe ist dort als neue Propriétaire einpassiert ...« »... und bei dieser hohen und unglücklichen Dame hat sich der Johannes durch den Wald mit einer magnifiquen Finesse eingeschlichen! Er wird sie heute Nacht berauben – vielleicht ermorden! Ein ganzer Heerbann, – eine wahre Ritterschaft der Hölle ist von ihm für den Coup aufgeboten!« »Wehe uns!« »Nein! Wehe Jenem!« rief der Mönch mit ein paar grünen Augenlichtern im Kopf, wie der Fuchs Nachts im Sprung. »Heut tritt der Teufel in sein eigenes Eisen! So leicht hält uns Frau Fortuna nicht wieder die Hand zum Kuß! Heia! Wir wollen diese ganze räuberische Streifpartie im Rücken fassen und aus dem Busch heraus sie überrennen und fangen und allen Raben auf zwölf Meilen im Land Futter geben! Hol' mich der Böse, wenn morgen noch eine einzige diebische Canaille sich ungekränkt ihre Läuse absucht!« War das die Sprache eines gottseligen geistlichen Vaters? Ich staunte. Und doch, als ein Herr, der sich in Türkenkriegen auch auf dem Camp d'Honneur getummelt und einem Janitscharen-Bey einst mit einem Streich zu Habsburgs Ehren das Haupt in zwei Hälften zerlegt hatte – als ein einstiger k. u. k. Leutnant bei den weit renommierten Kürassieren des Herrn Josef Grafen d'Ayasasa, betrachtete ich mit einigem Pläsier den hitzigen Mönch und konnte mich nicht enthalten, bitter lächelnd zu bemerken: »Dazu verschreibt man sich einen – stets absenten – Husaren aus Preußen, damit ein Klostervater die Ehren des Tages rette!« »Himmeldonnerwetter ja! Das war mir ganz entfallen!« rief der Kapuzinerherr lachend und ich aigrierte mich jetzt über seine freigeistige façon de parler , und mehr noch, als der Religiosus sich ungeniert anschickte, aus dem Ärmel seines geistlichen Gewandes zu fahren! Ich legte einen Protest ein. »Der Herr wird sich doch nicht hier deshabillieren!« sagte ich. Wußte auch nicht, wie es um die Unterwäsche dieses Paters bestellt sein mochte, und fügte beschwörend zu: »Es ist ein vielköpfiges Frauenzimmer im Schloß, das an einem solchen extraordinären Aspekt ein Ärgerniß oder einen Anlaß zu unzeitigem Frohsinn nimmt!« Doch mein gutes Pfäfflein hat taube Ohren! Die Kutte fliegt mit einem Schwung bei Seite und es steht da ein ritterlicher Herr in dem Habit, das er darunter getragen: Einem flaschengrünen Spenzer, taubengrauen Pantalons, aus deren Taschen rechts und links je ein silbern eingelegter Pistolenkolben guckte, und, über die Schultern gehängt, ein weiter grisfarbener Radmantel. Auf dem Haupt einer jener verworfenen, kleinen runden Hüte der neuen Zeit, unter denen der Aufruhr lauert. Er aber steht breitbeinig da – die seitlich ausgestreckte Rechte auf seinen Knotenstock gestemmt – mit der weit nach links ausgeschwungenen Linken seine Kopfbedeckung lüftend – in jener gloriosen Haltung wie die preußischen Offiziers mit Sponton und Hut vor ihrem König, und spricht, mir fest ins Antlitz: »Euer gräflichen Gnaden zu melden: Ich bin der Stabsrittmeister von Arcularius! Und nur deswegen in hochdero Schloß selten vorhanden, weil ich da bin, wo die Brigands sind, und diese Vöglein aus ihrem Nest ausheben möchte, und ihren Nährvater und Obersten, den Johannes durch den Wald, vor allem und mit eigener Hand!« »Steht aber Alles bei Euer Gnaden!« fuhr er dann, sehr ernst und in einer würdigen Tonart fort: »Denn dieser Coup zielt – brauche ich es noch zu erwähnen? – wider den eigenen Sohn! ... Sollte sich also in dem hochgebietenden Herrn Grafen das Vaterherz regen ...« Oh Vaterherz: Wann bist du je gestillt? Schlägst du nicht heimlich, nur in der Stille hörbar wie die Uhr in der Nacht – schlägst du nicht auch dem Entarteten – dem Verworfenen – und doch dein Fleisch und Blut, das du auf deinen Armen getragen, das auf deinen Knieen geritten, dessen erwachenden Augen du die Bilder der Vorfahren an den Wänden zur Nacheiferung in einem hochadeligen Lebenswandel gewiesen? Doch die Mienen dieser Seigneurs – Generals mit der Hand am Degen und Hochwürdige Bischöfe mit dem Hirtenstab, Diplomatici und Politici in hoher Halskrause und Nimrode mit Hifthorn und Sauspieß – diese kalten Mienen dräuten und wehrten: Dieser Mensch im Walde hat sich der Gemeinschaft der Menschen – wie also nicht vor allem der unseren? – entschlagen! Er ist nicht mehr unseres Stammes und nicht mehr dein Sohn! ... Ich stöhnte in einem grausamen Embarras der Seele. Der Husar ehrte mein Schweigen und verharrte still. Aber durch diese Ruhe schwoll ein Gemurmel aus Bildern und Rahmen an den Wänden an und die Schreie längst vergangener Männer und Frauen trafen mein Ohr: Nutze die Zeit, Graf Florentin! Noch bist du Herr im Land! Noch ist die hohe Gerichtsbarkeit auf Palmingen'schem Reichsgebiet dir unterthan! Willst du zaudern, bis sie dich allerehestens aus deiner Herrlichkeit depossedieren und jenen Johannes, wenn sie ihn fangen, vor ein neumodisches Großherzogliches Tribunal oder gar übern Rhein vor ein militärisches Commissariat der Franzosen schleifen! Heute hältst du noch, kraft der Hausgesetze und überkommenen Reichsjustiz, Schwert und Apfel Palmingen'scher Gerechtigkeit! Bist du Cäsar, so gieb ihm, was Cäsar's ist! ... Richte, den alten Römern gleich, selber deinen Sohn, ehe ihn denn die Andern richten! ... In mir thronte, gebieterisch über Zeit und Welt, Menschengeschlechtern und Wehegeschrei des Herzens, jene furchtbare Göttin, die die Binde vor den Augen und die unerbittliche Wage in der Hand trägt. Ich seufzte gepreßt. Thränen überrollten reichlich meine Wangen. Als ich dereinst, zu Maria Theresiens Ruhm, mit wenigen abgesessenen Karabiniers in die Bresche jener Türkenschanze stieg und in erbitterter mêlée die Redoute dem Großvezier abgewann, war mein Entschluß zu einer solchen That mir leichter gefallen. Aber ich raffte mich in meiner ganzen – wahrlich nicht unansehnlichen Länge – empor und versetzte mit der Härte einer unabänderlichen Décision: »Noch herrsche ich in Palmingen – von Gottes Gnaden und also ohne Ansehen der Person! Der Herr Stabsrittmeister geht gegen den Johannes im Walde aus, nicht gegen meinen Sohn, und wolle auf letzteren Umstand keinerlei Rücksicht und Gewicht legen, sondern précisement nur seinen vorhabenden Intentionen und Operationen zur Überwältigung der Briganten folgen!« »Dann bitte ich, einen Kriegsrath mit hochdero Dragonercapitän von Schindewolff halten zu dürfen!« Der Commandant en chef meiner Armee kam. Er hatte eine Macht von nicht weniger als achtzehn Mann unter seinen Ordres und schien doch kleinmüthig, als er dem Herrn von Arcularius, den er schon kannte, die vom Bacchus zitterige Hand gab. Er hatte wohl Zeit seines Lebens eine Batterie Bouteillen herzhafter gestürmt als eine Batterie Kanonen und sich mit der Marketenderin hinterm Zelt besser verstanden als mit dem Feind hinterm Busch. Ich besorge, daß er schon als Cadet nicht wegen des Ruhms, sondern wegen der Beute zu Mars geschworen und diesem Princip stets treu geblieben. Denn anders wird ein Herr im Felde nicht so dick und feist wie die Sau vor Weihnachten. Als er vernommen, um was für einen Nachtritt und Attacke es sich handelte, kraute er sich voll Unbehagen seine Glatze: ... Ob gegen eine solche verzweifelte Überzahl von Bösewichtern die Palmingen'sche Hausmacht nicht zu gering sei, um zu reüssieren, und nicht besser eine vorsichtige Observierung des Feindes? ... zumal die Stimmung seiner Dragoner – in Folge der ausgebliebenen Löhnung – nicht die beste...« Ich, der Graf, genierte mich selber wegen meines muthlosen Schmerbauches von Commandanten. Der Herr aus Preußen aber schnob ihn mit einer zürnenden Courage an: »Da ist es kein Wunder, wenn hinter jeder Hecke ein Kerl mit Schießgewehr liegt! Ich würde hier selber Räuber und hinge die Werberei an den Nagel, wenn Ihr die Hallunken mit Fleiß hegt, wie der Herr Reichsgraf seine Hirsche! Heute geht's nicht um die paar Stüber und halben Sold, sondern um ein heldisches Renommee – sage der Herr Commandant dies seinen Braven! Und wenn deren Zahl zu wenig: Ei – was lungert hier an Schlingeln umher! Stelle der Herr die Metzgersknechte und Zehrgärtner ein! Den Hofschrötern und Rauchknechten wird ein Aderlaß nichts schaden! Die Reitschmiede! Die Besenweiber! ... Die Bauern heraus, Herr! Mit Spießen und Stangen! Sollen uns das Wildprett einlappen wie bei der Treibjagd!« »Und wo denn?« »Nicht auf dem Mond!« zürnte der Herr Husar, »sondern vor der Abtei Heilig-Kreuz! Umstellt heimlich das Thal von beiden Seiten, laßt die Schelme durchpassieren – und sie sind angesichts des Klosters gefangen ...« »Aber der Johannes ist dort im Kloster schon drinnen und wird da hausen wie der Türke, wenn er die Seinen draußen verrathen sieht!« »Das ist die Hauptsache und bleibt meine Sorge bei der Affaire, daß ich den Johannes zur rechten Zeit selber mit diesen Händen überwältige! Ich habe der dortigen Gräfin ein Husarenwort verpfändet, vor Mitternacht zur Stelle zu sein!« »Es bleibt immer noch die Sorge, zu wissen,« sprach der von Schindewolff, »wann diese schädlichen Leute sich en marche setzen, damit wir uns, in unseren Verstecken, wo wir auf die Mausköpf' lauern, zu guter Zeit still verhalten! Denn lange – das ist dem Herrn Rittmeister bekannt – geht es bei so vielen Leuten ohne Schneuzen und Nießen, Gehüste und Gejucke und Mordsflüch' nicht ab ...« »Das Rendezvous der Räubercompagnie ist bei den Kandelmühlen ...« »Dacht' mir's!« »Dort werde ich die versammelte Bande selbst observieren und deren Abmarsch, beim Durchpassieren zur Gräfin in der Abtei, Ihnen selber melden! Ein dreimaliger Käuzchenschrei ist mein Zeichen! Ich brauche, um mich zu den Kandelmühlen zu führen, nur le nommé Bellonier aus Ihrer Truppe: An diesem Kerl habe ich einen Narren gefressen! Er ist gänzlich nach meinem Sinn!« »Just mein Trompeter!« »Ei – lassen Sie auf einer alten Gießkanne zur Attacke blasen! Das haben wir Husaren schon alles probiert und den Feind verblüfft!« sagte der Herr von Arcularius. »Nun jedoch wird es Zeit, zu schauen, daß der Säbel locker sitzt und der Feuerstein im Pistolenhahn vorhanden!«   Es war etwa eine halbe Stunde seit dem Abzug des Herrn Rittmeisters verlaufen. Ich, der Graf Florentin, hatte ihn in dem hellen Mondschein mit dem Trompeter Bellonier vom Saalfenster aus in die Nacht hinausgehen sehen. Dieser Brabanter hatte sein langes Seitengewehr, als zu solcher Entreprise nur hinderlich, zu Hause gelassen. Doch es stieß mir auf, daß der Herr von Arcularius den Dragoner, den er doch selber ausgewählt und auf den er so sehr baute, sorgfältig nach allfallsigen, in der Montur verborgenen Waffen abtastete und ein kurzes Pistolet an sich nahm. »... Damit der Bursch es nicht voreilig löst und den Feind scheucht!« erklärte mein Obercommandierender von Schindewolff, der noch bei mir die Zeit verstreichen ließ, und dieses Argument begriff sich aus sich selbst. Draußen bedeutete der preußische Herr mit einer Handbewegung den wälschen Trompeter, vor ihm des Wegs zu schreiten. Beide verloschen wie ausgehende Dochte in der Nacht. Ich war vom Fenster zurückgetreten. Doch stand dieses noch geöffnet. Das Brausen des Nachtwindes tönte herein. Dieses widerwärtige Heulen und Pfeifen am Himmel und in der Luft war so heftig, daß es mit Leichtigkeit den Schall von leisen Fußtritten verschlingen mochte, falls sich ein Ungebetener von der Orangerie her an die Fassade gestohlen hatte. Aber einen lauten Schlag hinter mir, auf dem Bodengetäfel, hörte ich doch. Als ich mich umkehrte, lag auf dem Parquet ein faustgroßer Stein, den eine unbekannte Hand aus dem Dunkel draußen durch das Fenster geschleudert hatte. Um diesen Stein aber war ein weißes, beschriebenes Blatt gewickelt. Der Herr von Schindewolff bückte sich schnaufend und präsentierte es mir. Ich faßte den Stiel meines Lorgnons und führte dies Papier von der Art eines Mönchpergaments vor meine Augen. Es war mit den eilenden, großen Handzügen eines Mannes beschrieben. Ich entzifferte peu-à-peu die zerknitterte Schrift: »Erlauchter Herr! Prenez-garde, s'il vous plaît! Hütet Euch vor der Schlange am Busen! Der preußische Stabsrittmeister von Arcularius ist kein Anderer als der Johannes durch den Wald selber! Vorsicht! Darum beschwört Sie Euer Gnaden stets Getreuer und spiritus familiaris .« Das war Alles. Das Pergament und das Latein am Ende deuteten darauf, daß das Billet aus einem Kloster stammte. Er war kein anderes als die Abtei Heilig-Kreuz in der Nähe. Aber seit wann bediente sich ein gewöhnlicher Ordenspater des Französisch, das doch ein Vorrecht der Domherren und Abbés und der hochgeborenen Geistlichkeit darstellt? Und was bedeutete diese Warnung aus der Nacht, die sich dann später, am andern Tag, als von dem Monsieur im blauen Redingote aus Heilig-Kreuz durch einen Boten mir geworden erwies? En effet : Ich hatte diesen Herrn von Arcularius ja nur in Verkleidung – erst als einen Bandkrämer – dann als einen Bettelmönch zu Gesicht bekommen! Auf Masken kam es diesem Proteus, wie es schien, nicht an – auch nicht auf die eines Werbe-Husaren Seiner Majestät von Preußen. Entsetzlich.....um mich schwangen die Zimmerwände und kreisten die Ahnen! ... Ich wagte nicht, in den Abgrund zu blicken, der jäh vor mir klaffte! Ich glaubte nicht an ihn... Und doch ... Ich saß schwindelig in meinem Fauteuil ... Oh mon Dieu ... mon Dieu ...... Der Capitän von Schindewolff bebte mir vis-à-vis . Seine vom Trunk gekupferte Visage war um Nichts klüger wie meine. Wir waren Beide zu bestürzt, um zu reden – geschweige denn zu handeln! Diese Sürprise war zu groß und verwirrend......   So wie ein pater familias auch seine ausgearteten Sprossen kennt, so war auch mir als einem gräflich Palmingen'schen Landesvater die Fama nicht verschlossen, in der die Kandelmühlen allerwegs als eine Zunftherberge und Meisterschule für jede unehrliche Profession standen – Beweis dafür die allgemeine Redensart hier zu Lande: ›Der Teufel hat Schelme gesäet und in der Kandelmühl' sind sie aufgegangen‹. Die beiden Gehöfte lagen nebeneinander in einem leeren und einsamen Thal. Mäßig geneigte, aber dicht mit einem undurchdringlichen Eichenbusch und aufgelassenen Sandsteinbrüchen besetzte Hänge fielen zu beiden Seiten auf sie ab, voll von Steigen, Schlichen und Schlupfen, die rechte Gelegenheit für eine Assemblée von Füchsen, Hehlern, Stehlern, Elstern und Zigeunern. Wer in dieser wüsten Einöde des Ortes kundig war, der konnte von überall aus der Nacht heraus zu den Kandelmühlen und wieder in die Nacht zurück, und brauchte auch nicht zu sorgen, daß ihm Wachthunde an die Waden fuhren. Denn die dunklen Leute, die da Haus hielten, liebten die Stille, ästimierten weder das Gebell, das willkommene Nachtgäste verscheuchte, noch das Klappern des Mühlrads, bei dem man die Annäherung ungebetener Besucher, als wie Landjäger oder Gensdarmes, nicht hörte. Es lief derart der Mühlbach leer und die beiden Häuser lagen so verschlafen und fromm dieser bösen Welt abgekehrt unten im Thalgrund, als seien sie, statt mit reißenden Wölfen, mit Osterlämmlein besetzt, die das durch die Nacht rauschende Wässerchen nicht trübten. Auf halbem Hang aber kauerte der Trompeter Bellonier neben dem Herrn von Arcularius auf einer verhohlenen Steinplatte voll Brombeer-Ranken und Wurzelgestrüpp und deutete abwärts und murmelte heiser: »Da sind die Kochemer Bayes!« Dieses mauvais sujet brauchte nicht hinzuzufügen, daß er unter diesem Kauderwelsch eine ausbündige Diebsherberge begriff. Denn der Herr neben ihm war, als ein viel umgetriebener preußischer Werber, in jeder verrufenen Wirthsstube von den Niederlanden rheinaufwärts bis zur Schweiz auf die jenische oder Gaunersprache gestoßen, und wußte, daß das Hebräisch die allgemeine Mundart der Verbrecher, wie das Latein die der Pfaffen und Französisch die der Noblesse und schönen Geister war. Der Herr von Arcularius hatte sich also auch nicht verwundert, als sie Beide oben am Rand des Thals aus der Düsterniß von einem Schnarrposten der Räuber leise angerufen worden waren: »Was scheft dermehr?« – »Was giebt's?« Und die ebenso heimliche Erwiderung des Bellonier, des brabantischen Judas: »E Kochemer auf der Strade zur Tschor-Kitt!« »Ein vertrauter Mann unterwegs zum Spitzbuben- Quartier!« »Und der Baal neben dir?« »E Kamerusch!« Und als die räuberische Schildwache noch mißtrauisch war, ob das wirklich ein Kamerad sei und nicht ein Wittischer, ein Verräther, hatte der Trompeter ihn angezischt: »Hischomehr! Bei Leib nicht! ... Thu' mir den Dofe und heim dich! ... Sei so gut und halt's Maul!« So waren die Beiden denn auf ihren jetzigen Ansitz gerathen. Der Bellonier starrte finster ins Thal und murmelte: »Es hat Nejr in der Machaim!« Ja, es war Licht in der Mühle! In dem großen Speicherboden, wo früher die gefüllten Mehlsäcke gelegen, brannten dicke gestohlene Altarkerzen. Man konnte vom Berg durch die offenen Luken hineinschauen. Drinnen bemerkte das Auge des Herrn von Arcularius eine Menge süspecter Gestalten – junge und alte Kerle und etliche Weiber dazwischen – und der Dragoner Bellonier knirschte zwischen den Zähnen: »Da ist schon die Chawwerusche beisammen!« »Die ganze Bande? Auch die Obersten?« »Auch die Schiankel von der Scholemachey! Da, der Große, in dem grünen Bauernkittel – das ist der Mühlarzt – dem die Kandelmühlen zu Eigen gehören – der beste Kallmusschlecker, will sagen: Opferstockdieb, weit und breit. Mit der Rothen neben ihm hält er Haus. Ist die Sälzerin, eine fertige Marktdiebin! ... Der schiefe, verwachsene Pursch, der sich die schwarzen Husaren und Springflöh aus dem Wamms klaubt, ist der Gaißbub, den sie schon einmal gerädert und aufs Rad geflochten haben, und Nachts haben ihn seine Gesellen heimlich heruntergestohlen, und er ist, was nie gehört war, lebendig wieder aufgekommen! ... Der sich da von der kleinen Sabine die Läuse suchen läßt – der in den grauen bibernen Oberhosen – der heißt sich der lange Samel! Hat erst unlängst einen Fuhrmann erschlagen. Der mit der langen Pfeife und den hohen Stiefeln und dem weißen Pudelhund ist der Studenten-Friedrich! Der versteht sich beinahe besser aufs Latein wie aufs Stehlen ...« Das Wasser lief diesem Kerl, dem Brabanter, im Maul zusammen, wie er solche Blüthe einer mitternächtigen Ritterschaft versammelt sah. Er hatte Sehnsucht nach ihnen. Wäre gern unter seines Gleichen gewesen und saß hier als Verräther draußen in der Nacht. Der Herr von Arcularius spürte wohl, was in der schwarzen Brust des Menschen vorging, und observierte ihn unverwandt. Jener raunte weinerlich: » Voyez, mon capitain : da unten – der Blatternarbige – mit dem Arm in der weißen Schlinge! ... Das ist der Katzenschinder selbst! Ah – quel brigand! ... Welch eine Ehre, solch einen Compagnon zu haben! ... Geschickter kann keiner sein als das pfiffige Männlein neben ihm, der Mendel Poluck! ... Ei seht, die schöne Danziger Liese!« Der Trompeter begann heftig zu zittern. Er beugte sich, im Kauern, nach vorn zur Erde, als habe er da seinen Kautabak verloren. Der Herr Husar neben ihm aber hatte schon selber hinter allen Thüren gestanden, und als jener vom dunklen Boden her sich mit einem Sprung in das Dickicht in der Tiefe werfen wollte, fühlte er sich am Bein von hinten festgehalten und hingelegt und sah über sich eine schwarze Pistolenmündung auf seine Stirne voll schwarzer Pläne gerichtet. »Lolohne! Laßt es bleiben! Weg mit der Buschge!« stöhnte er, und der Herr von Arcularius verwahrte das gespannte Kleingewehr im Sack und sagte, als sei nichts geschehen: »Da kusch' dich! Wer ist der spitzbärtige Vagant in der rothen Scharlachweste mit dem Haarzopf im Nacken, da, wo ihm mit Fug die Henkersschlinge sitzen sollte?« »Das Musikanten-Hannesche!« sprach der Bellonier verdrossen. »Möchte keinem recommandieren, ihm im Wald zu begegnen!« Der ganze verbrecherische Geselle wand sich, wie er da unten die Parade aller landkundigen Gauner so herrlich zur Bataille aufmarschiert sah, und krümmte sich vor Sehnsucht, an ihren vorhabenden Schandthaten zu participieren. Der Herr von Arcularius that, als merkte er nichts, und frug: »Und dieser einäugige Mensch, der Terzerole und Brecheisen aus seinem Büchsensack kramt und vertheilt?« »... Dem des Weingärtners Th'resel auf dem Knie sitzt? Der kommt von weit her aus dem Schwäbischen und nur zu ganz großen Masematten! Er gibt sich für einen abgedankten Schinderknecht aus und wird der Lumpenstoffel genannt! ... Aber mir fuchteln die Äste vorm Gesicht! Ich kann weiter oben besser sehen und erklären! Mit Permission, mein Hauptmann!« Dabei schwang sich der Bellonier rasch auf eine Steinkante hinterwärts und ober dem Herrn von Arcularius. Der fuhr herum wie ein Wind. Sah über sich im Mondschein schon ein gezücktes Messer blitzen, faßte dem Kerl das Handgelenk im Sprung von oben und verdrehte es, so daß die spitze Klinge ungeröthet von Blut ins Moos fiel. Auf diesem weichen Lager wälzten er und des Teufels Kostgänger, dieser brabantische Höllenwurm, sich übereinander und der Herr aus Preußen gewann toute de suite die Vorhand und hielt dem anderen die Gurgel zu, bis er blau im Gesicht wurde und nur noch das Weiße in den Augäpfeln rollte. Da ließ er ihn los und der Bellonier verschnaufte wehmüthig, wischte sich das Blut von der Nase und hockte still und trotzig nieder. Vor sich sah er die beiden Hände des Rittmeisters von Arcularius – in der Rechten die Pistole, in der Linken eine Rolle Dukaten. »Bei deinem nächsten Muthwillen, du Schuft, blase ich dir unweigerlich das Gehirn in die Lüfte!« sagte dieser Herr aus Preußen. »Wenn ein Werbe-Offizier mit ungeschickten Hanstöffeln deiner Façon nicht fertig würde, dann lebte ich schon längst nicht mehr! Du kannst wählen: Entweder ich leer' dir den Schädel oder ich füll' dir die Hand! Blei oder Gold! ... Hoffentlich sind deine räuberischen Associé's da unten behender in ihrem Metier als du langsamer Kartoffelsack! Da setze dich just vor mich in Positur, wie ein Türk', mit gekreuzten Beinen – die Händ im Genick ... Bien! Wer ist der Alte in der Mühle in der österreichischen Montur mit den rothen Aufschlägen, weißer Weste und Kniehosen ...?« »Der Ungar! Ein kaiserlicher Deserteur! Ein Vater des Nachtdieb Kronimus, des kleinen Säbelbeinigen neben ihm ...« »Warum wehrt ihn das Weibsstück ab?« »Die Wölfelschneiderin ...? Er – er hat die Krätz' und der Sohn ist mit dem Erbgrind begabt ... Eh – tiens ... voilà ...« »Gleich sitzest du still! ... Qui vive ?« »Da ... da ...« »Leiser, du Hund ...« »Da sehen Sie ... hélas ...!« »Warum stehen denn alle deine Galgenbrüder auf?« »Er ... er ...« »Warum lüften sie ihre Hüte und stellen sich im Kreis?« »Er kommt! Aus der Mühle nebenan?« »Wer – bei des Teufels Großmutter?« »Der Oberkönig!« »Wen nennt Ihr so?« »Da tritt er ein! ... So kommt er immer ... auf einmal aus der Nacht ... im grauen Mantel, die schwarze Maske vor dem Gesicht ...« »Das ist ...« »... der Johannes durch den Wald . . .« »Er kann es nicht sein ...« »Sehen Sie doch, mit welchem unterthänigen Respect die Rattegänger unten mit ihm schmusen! Stehen demütig vor ihm da, die Hüt' in der Hand. – Wagen nicht zu kaspern, wenn er befiehlt! Jetzt ordnet er sie und theilt sie ein – für heute Nacht ... Gleich setzen sie sich en route , gegen das Kloster Heilig-Kreuz!« »Aber in dem Kloster ist doch der Johannes durch den Wald! Ich habe ihn selber dort verlassen!« »Wird ihm vielleicht die Zeit zu lange geworden sein, auf den Herrn Rittmeister zu warten«, sagte der Brabanter höhnisch ... »... und er ist freiwillig wieder aus der Festung heraus, in die er sich so subtil hineingeschmuggelt hat?« »Wird schon ein Schlüpflein vorgerichtet haben, durch das er seine Compagnie einführt! Bei diesem unerhörten und verwegenen Stücklein gegen eine gräfliche Gnaden und Standesperson haben die bescheidenen armen Leut' da unten nur dann eine Courage und das Herz am rechten Fleck statt in den Hosen, wenn der Johannes selber vor ihnen geht und sie führt!« So mag es sein – dachte sich der Rittmeister von Arcularius, und von seinem leichten Husarenherzen löste sich doch ein schwerer Mühlstein der Sorge um die Frau Gräfin von Hohen-Sulz, und er athmete auf, daß er diese edle Dame wenigstens nicht mehr in der Tête-à-Tête mit dem Johannes durch den Wald, sondern nur von dem Johannes aus dem Wald bedroht wußte. Neben ihm knirschte der teuflische Trompeter: »Eben treten sie aus der Mühle! Es geht los! ... Kekel mich der Stäpches!« »Ja – hol' dich nur der Teufel! Stehst obenan auf seiner Musterrolle ...« »... Alle diese herrlichen Kochemer auf dem Weg zum Galgen und wissen's nicht!« »Du kannst sie mit einem Schrei retten!« sprach der Husar und ließ den Brabanter vor sich den Ziegenpfad bergauf *klimmen. » Bien entendu : Es ist dein letzter! Gleich hinterher kommt mein Schuß!« Der Trompeter schwieg finster. Aus dem Mühlengrund stieg, undeutlich im Monddämmern, ein langer Gänsemarsch schwarzer Gestalten empor und verschwand im Wald. Der Herr von Arcularius und sein höllischer Geist standen und warteten. Und dieser raunte zwischen den Zähnen: »Ich habe mein Devoir erfüllt, mein Capitän?« »Hier hast du die Dukaten!« » Merci! Kann ich jetzt gehen?« »Wohin?« » En fuite , mein Herr!« »Du Esel!« sagte der Husar. »Glaubst du, ich wüßte nicht, daß du jetzt sofort hinter deinen Spießgesellen herläufst und sie noch beim letzten Schlag Mitternacht warnst? Ich besorge, du hast dir deine Räuber-Ehren bei den Nachtwächtern und alten Weibern geholt, aber nicht bei erfahrenen Soldaten! Gieb 'mal deine Hosenträger her!« » Mon capitain! « »Alter Kriegsbrauch bei den Prisonnier's! Wer fürchten muß, daß ihm die Hosen rutschen, und sie mit beiden Händen festhalten muß, dem vergeht das Springen! Nun noch mit einem Messerlein die Hosenknöpfe säuberlich abgetrennt! So! ... Du holst deine Streifpartie nicht mehr ein! Marsch: In der anderen Richtung übers freie Feld im Mondlicht davon oder meine Kugel holt dich noch! Immer weiter! Flugs!« Welchen point de vue aber wählte sich dieser Höllenbraten für seinen Abzug? Keinen andern, als das ferne, ganz ferne Licht des Feuerwächters auf dem hohen Schloßthurm von Palmingen! Darauf hoppelte er wie ein Haas im Klee zu, bei jedem dritten Schritt seine schlotternden Pantalons raffend, und sputete sich doch und that sein Bestes, recht dem Löwen in die Höhle und dem Henker in den Rachen zu laufen. Denn der Herr von Arcularius hatte ihn nur bis morgen früh für seine ci-devant Hamburger Frevel pardonniert und erst, als der üble Geselle weit weg in der Nacht verflogen war, fiel es selbst einem so mit Ausschuß und Halbzeug unter Gottes Menschenkreaturen erfahrenen Herrn wie dem Husarenrittmeister bei, daß jener Monsieur Thunichtgut noch in aller Eile die unbewachten Kästen seiner, wider die Räuber im Felde liegenden Palmingen'schen Kameraden ausleeren wollte, ehe er einige gute Meilen zwischen sich und den Galgen legte ... Der Herr von Arcularius konnte das nicht wehren, sondern nur auf die Kriegskosten schlagen, und durfte jetzt auf ungewohnten Schusters Rappen Galopp reiten, um vor einem löblichen Brigantaggio an die Abtei Heilig-Kreuz zu gelangen und den dort lauernden Herrn von Schindewolff mit seinen Kriegs- und Hülfsvölkern zu avertieren. Er hatte die Avantage, daß die räuberischen Mondscheinhelden auf engem Weg in dickem Haufen zogen, gemäß ihrem mitternächtigen Handwerk nur leise und behutsam schleichen konnten und oftmals schnuppernd und um sich äugend stehen blieben. So rannte er, längs eines Bächleins im Walde, auf ein paar Büchsenschüsse an ihnen vorbei, wie sie gerade sich rund um eine riesige alte Tanne verschnauften. Er gab sich auch, als ein erfahrener Freireiter, gar keine Mühe, sein Dasein zu verhehlen, sondern sprang und krachte in wilden, langen Sätzen im Dunkeln durch die Büsche, so wie es die aufgescheuchten, starken Hirsche thun, von denen die Palmingen'schen Wälder und Gebirge wimmelten. So gewann dieser ächte Husaren-Charakter seinen Vorsprung vor einem nicht so adretten Widerpart und mußte, als er, doch recht heftig athmend und sich den Schweiß von der Stirn trocknend, die Nähe der Abtei erreichte, den bösen Johannes und die Seinen weit im Rücken. Sah Nichts von ihnen und konnte noch weniger Etwas hören. Denn der Nachtwind stürmte heulend durch den hohen Wald und bog die Wipfel und warf einmal, tief im Inneren der Holzung, einen Patriarchen unter diesen hundertjährigen Eichen oder Tannen, zu Boden, daß der Krach des Sturzes in den fernen Thälern widerhallte. Das Kloster Heilig-Kreuz lag dunkel und wartete still hinter seinen Wassergräben der Dinge, die da kommen sollten. Der lichte Hochwald trat nahe heran und unter diesen dicken Stämmen, zwischen denen kein Unterholz wuchs, stand der Herr aus Preußen und schaute prüfend umher und nickte und zollte der Kriegskunst des feisten Commandanten von Schindewolff Lob und dachte sich: Geschickter hätten auch der Belling oder der Trenck oder andere Husaren- und Panduren- Obersten, deren gloria noch in der Welt umgeht, nicht ihre Falle stellen und ihr Volk verstecken und, wie mit einem Zauberhütlein, unsichtbar machen können, als es der Held hinter der Bierkanne gethan. Denn weder hinter den freistehenden Bäumen noch auf dem offenen Boden noch weiterhin in den Büschen war in dem grellen, kalten, blauen Mondschein Etwas von der Palmingen'schen levée en masse zu gewahren. So wollte denn der Herr Husar verabredetermaßen diese Marsgeister beschwören und ließ den kreischenden und weinerlichen Käuzchenruf: »Ki–u–itt!« laut durch das Windsbrausen ergehen. Doch Nichts rührte sich. Ei ... sitzt Ihr denn auf Euren langen Ohren? Die Löffel auf, Messieurs und Kameraden! Die Bataille steht bevor! ... Ki–u–itt! Keine Antwort auf diesen penetranten und wimmernden Schrei ... Dem Herrn von Arcularius wurde unheimlich zu Muth. Zum anderen Mal repetierte er sein Avertissement, und nun reüssierte er wenigstens, einer Erwiderung aus dem Walde: »Ki–u–itt!« – gewürdigt zu werden. Aber es waren nur die Käuzchen selber, die er mit seinem Ruf angelockt hatte, und er hörte, sich zu Häupten, in den Ästen das Gelächter der Leichenhühner: »Komm mit! ... Komm mit!« – womit diese Nachtvögel ihn auf den Kirchhof luden. Da mußte der Stabsrittmeister erkennen, daß diese Gegend gänzlich leer und die Palmingen'sche Armee aus einer Meditation heraus, die er nicht kapabel war, zu begreifen, ausgeblieben war! Der Johannes aber war im Anmarsch gegen das so übel defendierte Kloster und der Rittmeister von Arcularius hatte nicht mehr viel Zeit, zu überlegen, sondern erkannte es als sein vornehmstes devoir , der dortigen, bedrängten Gräfin bei der bevorstehenden Visite des Johannes durch den Wald seine Ritterdienste zu offerieren, und so flog er aus der Lisière des Gehölzes, über das offene Terrain dem Thor der Abtei zu, wo die hohe Dame seiner warten wollte. Allein da war wieder keine Hohen-Sulz'sche Wlttwe und kein Pürschknecht, sondern nur dickes, fest verriegeltes, verrammeltes und von innen verschlossenes Eichenholz. An dessen Eisenbuckel trampelte der Husar mit den Stiefelspitzen und trommelte dazu mit den Fäusten einen Sturmmarsch. Denn es war wahrlich keine Zeit zu verlieren. Nun schaute oben aus der Luke der bleiche und verängstigte Kopf der schönen jungen Gräfin Amöne. Von unten rief der gute Herr athemlos und ungeduldig: »Suppliere gehorsamst, sich jetzt keiner frauenzimmerlichen Faiblesse hinzugeben, sondern mir quam citissime zu öffnen! Die Stund' ist ernst!« »Bleibe Monsieur nur draußen – s'il vous plaît! « hauchte es oben schreckensvoll hinter dem Laden. Er sah nur zwei große graue Augen, die ihn, über dessen Rand hin, unter einem Kopftuch, starr und feindselig maßen. »Wie? Ist Madame denn bei Sinnen ...?« »Ich bin nit letz im Kopf! Möcht' das nicht noch' mal hören, Monsieur!« »Es ist Gefahr vorhanden ...« »Mir wohl bewußt ...« »Eine eindringliche Gefahr, Ihro Gnaden – dank einem unglückseligen mal entendu ...« » Grace à Dieu , daß sich das Mißverständnis alleweil geklärt hat!« »Frau Gräfin brauchen eilends Hülfe und Protektion ...« » Mais oui! ... Gott sei's geklagt, was ich für eine geprüfte Wittfrau bin!« »Also lassen Sie mich ein!« »Den Monsieur? ... Daß ich nicht lach' ...« »Die Situation ist nicht ridicüle, Madame! Der Johannes durch den Wald ist mit einer starken Macht auf dem Weg hierher ...« »Ich mein', er ist schon da!« »Wo?« »Ei – da unten steht er!« »Ist ja alles leer! Frau Gräfin sehen im Embarras hochdero Nerven Gespenster!« »Jüstement, wo Sie stehen, Monsieur?« »Ich? ... der Rittmeister von Arcularius?« »Ich möchte 'mal Patent und Bestallung des Herrn Rittmeisters sehen! Glaube nicht, daß le roi de Prusse Etwas von Ihm weiß!« »Ich? ... Ja sind denn die Frau Gräfin wahnsinnig?« »... wenn ich aufmachen thät' – gewiß!« »Ich soll der Johannes durch den Wald sein?« »Ja – wer denn sonst?« »Bei allen tausend Teufeln – halten zu Gnaden, Frau Gräfin ... Ein Mann bin ich, der Sie retten will und hier steht, seiner gegebenen parole d'honneur gemäß, sich vor Mitternacht einzustellen! Lassen Sie mich nicht länger antichambrieren! Sonst wird's zu spät, das Haus nothdürftig zur Defensive herzurichten!« »...daß es so arg schlechte Menschen giebt!« sagte oben die schöne Gräfin Hohen-SuIz und schaute mit einem traurigen Mitleid, in dem noch ein letztes Interesse von einst verglomm, auf den Stabsrittmeister nieder. » Ayez la pitié und gehe Sie mit Ihren wüste Bube retour ! Mei' Haus ist fest! Die Entrée forciert Ihr doch nit, Ihr Schoote, und ich thät' mich an Ihrer Stell' schäme! ... Quel bonheur de Dieu , daß mich der andere Herr rechtzeitig gewarnt hat ...« »Welcher?« »Ei – der die Lunte gerochen und den Monsieur durch und durch geguckt hat – vorhin ...« »Der soi-dissant negociant – der falsche englische Courier?« »Der kam Ihnen ungelegen – gelt?« »Aber das ist ja selber der Johannes durch den Wald ...« »Was.. . ?« »Vor diesem capitano aller Bravo's und Desperado's will ich Sie ja gerade bewahren! Er hat die Frau Gräfin bethört und umgarnt – nicht ich!« »Nein, der Monsieur da unten ist der Johannes durch den den Wald!« Die Stimme der Gräfin klang etwas unsicher. »Nein, der dort oben!« Während der Herr von Arcularius das zornig rief und sich unwillkürlich nach dem Wald drehte, ob die Räuber nicht schon kämen, sprach er bei sich ein Stoßgebet: Gottlob, daß dieser verlarvte Assassine wieder aus dem Kloster heraus und nach der Kandelmühle gewichen ist, und die unvernünftige, arme Dame in der Abtei allein ist und nicht mehr immediatement in seiner gräßlichen Nähe und Gefahr steht ... Wie er aber wieder nach oben schaute, hatte die gänzlich verwirrte und vor Schrecken konfus gewordene Hohen- Sulz'sche die Luke verlassen und wieder den Laden vorgelegt – doch mit einer, solcher Verrichtungen ungeübten, hochgräflichen und blaublütigen, weißen Hand, so daß Falz und Fuge sich nicht trafen und, wenn einer erst oben war, er durch einen fingerbreiten vorhandenen Spalt die Holzflügel aufstemmen und sich hineinschwingen konnte. So probierte denn, in seiner désespoir , der Husar das Wagniß und, wie er seit Kindesbeinen einer Katze im Klettern nichts nachgegeben, rankte er sich in der Mauerkante zwischen Klosterwand und Thorvorbau mit den Schulterblättern und in die Fugen eingestemmten Fersen zu den Sternen empor und hatte, da das erste Stockwerk nach Art der Mönchzellen nur niedrig war, eine Chance, und es gab einen lauten Schlag, wie er durch das Fenster in das Gemach sprang, in das eben die Frau Gräfin zurückkehrte. Dieses vornehme und geplagte junge Frauenzimmer schrie bei seinem Anblick gellend auf, warf sich die Schleppe übern Arm und floh. Er aber eilte hinterher, bekam eben diesen flatternden Zipfel zu fassen, so daß sie sich anhalten mußte, ein flackerndes Licht in der anderen Hand, und meldete inständig: »An einem redlichen, preußischen Husaren ist kein Räuberhauptmann verloren! Begreifen Frau Gräfin Ihren Erreur: Ich bin nicht der Johannes durch den Wald, sondern dero anderer Gast ist es, der Gottlob vor Beginn der Affaire das Weite gesucht hat.« »Du liebe Zeit ... der ist doch da!« »Hier im Kloster?« »Nebenan im Salönche hockt er!« Ja – wie denn? Jäh kapierte der Herr von Arcularius: der Johannes durch den Wald war ja immer beritten! Dieser Napoleon der Wälder war durch die Nacht seinen Leuten voraus und an dem Husaren zu Fuß vorbeigaloppiert und hatte bei der bethörten guten Frau von Hohen-Sulz wieder Gnad' und Einlaß gefunden, den sie dem anderen verweigert. Die Gräfin Amöne stand da und schauderte. Die Kerze zitterte in ihrer Hand und warf, da sie nicht zur Zeit geschnubbt war, mit einem hochzüngelnden Docht unruhige Lichter und Schatten durch das Cabinet. Der Husar beugte sich vor, um besser den Fremden nebenan mit dem Auge zu suchen. Zugleich aber wurde er von hinten angesprungen wie von einem Tiger, und am Halse gefaßt. »Hab' ich dich Höllen- Hauptmann!« ruft der Herr im blauen Redingote, der ihn, ehe Jener noch etwas von seiner présence gewußt, beschlichen. Der Preuße aber, nicht faul, stellt ihm ein Bein. Beide stürzen hin und wälzen sich kämpfend parterre und der Negociant keucht: »Helfen Sie, Gräfin! Geben Sie mir Ihr dort liegendes Pistolet in die Hand!« und sein Gegner, ihn würgend, knirscht und commandiert : »Nein – mir den Hirschfänger von der Wand, Ihro Gnaden, daß ich den ruchlosen Landschaden hier abthun kann!« – und Jener wieder ohne Athem, indessen die Tische wanken und die Stühle stürzen: »Mit Nichten! Ich will die Menschheit von dem blutigen Monstre befreien!« – und die arme, unselige Frau Amöne hat den Leuchter auf den Bord gestellt und steht mit offenem Mund und entsetzt aufgesperrten Augen und greift sich mit beiden Händen an die Schläfen und jammert: »Ja – wer von Euch ist denn der Johannes durch den Wald? Alle Zwei könnt Ihr's doch nit sein!« Und in diesem schweift ihr verstörtes Auge durch das Fenster in die helle Mondnacht hinaus und sie stößt einen gellen Schrei aus, daß die Wände widerhallen, und wirft sich auf den Boden und liegt auf den Knieen und beugt sich über die beiden Kampfhähne und sucht sie mit den Händen auseinander zu reißen und ruft ihnen ins Gesicht, mit einer Stimme wie das jüngste Gericht: » Assez! Assez! Laßt ab, um Jesu willen! Ich beschwör' die Herren! Ihr seid Beide nicht der Johannes durch den Wald!« »Was soll das heißen, Madame?« schnaubt, immer noch kämpfend, der Ex-Pater, und der Negociant röchelt: »Woher wissen Sie das, Gräfin?« »... Weil der Johannes durch den Wald dort draußen kommt!« Auf diesen milden Schrei der erlauchten Hohen-Sulz'schen Dame sahen sich die beiden verstrickten Hirsche am Boden verdutzt an, lösten langsam und mißtrauisch ihre ineinandergeschlungenen Glieder, sprangen fast gleichzeitig mit einem Satz auf die Beine, und ... Die Hand der Frau Gräfin Amöne deutete zitternd hinaus in die helle, vom Sturm durchheulte Mondnacht. Schwarz stand der Hochwald und schwarz kam es aus ihm hervor – eine Rotte Korah, die schier kein Ende nehmen wollte. Ein Gewalthaufen von einer Summe für den Henker reifen Missethätern, wie man solch eine Kopfzahl einer Räuberbande selbst in gegenwärtigen goldenen Zeiten der Wegelagerei noch nicht gesehen und erlebt. Voraus aber ritt, auf einem Rappen, in langhängendem grauem Mantel, straff im Sattel aufgesetzt, der Mann mit der schwarzen Maske vor dem Angesicht – der schon in den Bänkel-Liedern auf dem Jahrmarkt besungene König der Büsche und Herr der Nacht: der Johannes durch den Wald. Das war kein freundlicher Anblick und die drei in dem Obergelaß verharrten mehre Vaterunser lang in silentio und durch die wüsten und kahlen Kreuzgewölbe, Hallen und Gänge der ausgenommenen Abtei hörte man die diversen Mannskerle vom Convoi Ihrer gräflichen Gnaden laufen und fluchen und die Kammermenscher und Hausdienerinnen schreien und beten, und sah im Hof Fackeln irren und die Hunde heulten und kläfften und das kleine Gräflein weinte erschrocken und begehrte nach seiner Mutter. Diese unverzagte, edle Wittwe aber stand mannhaft da, wenn sie auch ein Weib, und ein schönes junges Weib, war, und legte à la vue der Gefahr eine Bravour an den Tag, daß sie, neben dem Stabsrittmeister, Kolpak, Attila und enge Hosen eines preußischen Husaren mit Ehren hätte tragen können, und diese verschnürte Kriegstracht sie als einen schmucken Feldcornett oder Fähnrich auch recht wohl gekleidet hätte. Sie konnte freilich ihr Grauen vor der furchtbaren und mysteriösen berittenen Maske da unten nicht verhehlen, aber sie zwang ihr wohlgeformtes, blasses Angesicht zu einem tapferen Lächeln, während sie sagte: »Jetzt bin ich doch recht froh, Messieurs, daß ich Euch bei mir hab' ...« und des weiteren sachkundig als eine braune Göttin Diana Kugel und Propf in das Rohr einer Jagd-Arquebuse senkend und, mit leise zitternder Hand, dann mit dem Ladstock nachstoßend: »Ich mein', das Thor ist stark! Das rammt mir der Gutedel da unte auch nit ein! ... Voyez-donc : da avanciert er ganz allein!« Der Nachtritter lenkte sein Pferd langsam auf den Klostereingang zu. Er hielt, im hellen Mondschein, mitten auf der Brücke, straff und hoch im Sattel aufgereckt. Durch die Schlitze der schwarzen Larve musterten die weißen Augäpfel prüfend das Thor von oben bis unten. Im ersten Stockwerk war das Gesicht des Herrn von Arcularius in einer tödtlichen Spannung gefroren. Am Fenster hingekauert, ein Auge zugekniffen, mit angehaltenem Athem zielte er und ließ den Hahn auf die Zündpfanne schnappen. Die Arquebuse donnerte, der Rauch wirbelte auf. Unten machte der Rappe einen Satz mit allen Vieren in die Lüfte. Von der spitzen, weißen Bauernmütze seines Reiters flog der abgeschossene Zipfel ins Gras. Der Mann in der Maske selbst saß unbewegt. Kein Zucken seines Körpers verrieth, daß er um Haaresbreit dem Tod entgangen. Er bändigte mit einem Schenkeldruck den Gaul und ritt im Schritt zurück. Er drehte sich dabei nach rückwärts und winkte mit der Hand seine Anerkennung zu dem Schuß. »Verdammt!« brummte der Husar. Die Gräfin aber rief erhitzt, mit blitzenden Augen: »Jetzt weiß er doch, daß hier drinnen Einer sitzt, der beißt ...« Der Herr Rittmeister war freilich ein ausgeprobter Eisenfresser, der in der Champagne und in den Mainzer Redouten, in der Rheinpfalz wie in der Wasserpolackei Blut geschmeckt und Pulver gerochen. Nur war er hier, zum Unglück, ein Hannibal ohne Heer. Er konnte sich nur aus dem Cortège der Frau Gräfin eine Löffelgarde komponieren und auf die Fenster vertheilen. Postierte hier einen Mundbäcker mit einer alten Muskete, dort einen Bagageknecht mit einer Entenflinte, gab dem wälschen Kammer-Musicus eine Reiterpistole statt der Clarinette in die Finger und dem Silberdiener ein fusil su miniature , womit sonst das kleine Gräflein exerzierte, hieß die Leibkröserin heiß Wasser sieden, um den Herren draußen von oben die Köpfe zu waschen, wenn sie kämen, und die Extraweiber, kalt Wasser in Bottichen aufstellen, gegen einen etwaigen Brand – kurzum: der Prussien mankierte keine Regel der Kriegskunst und schaute doch immer wieder besorgt hinaus vor das Kloster, ob denn die Palmingen'sche Armada noch nicht im Antrab sei. Aber da draußen setzten sich nur viele schwarze Schattenrisse von dem blauen Mondschein ab: der Johannes durch den Wald, hoch zu Roß, dem wilden Jäger nicht unähnlich, der nach der alten Sage, in stürmischen Nächten und Kriegsläuften wie jetzt, über diese Wälder hier fährt, und sein wüthendes Heer. Das hatte er säuberlich nach der Ordnung hintereinander aufgestellt, zwei und zwei, wie die sieben Schwaben am Spieß, und zwischen sich hielten sie an Seilen und Ketten etwas Langes, Dunkles. Und am Fenster oben sprach die Frau Gräfin Amöne zuversichtlich: »Mit dem Rammbaum drücke mir die kriminellen Diables das Thor nit ein! Dafür bin ich den Coquins gut!« Der Herr von Arcularius aber wußte jetzt, warum es vorhin im Walde so betäubend gekracht hatte: Die unchristliche Prozession draußen trug nicht eine gemeine Wagenrunge oder einen Brückenbalken, sondern, ihrer dreißig oder vierzig zugleich, den Stamm einer mächtigen Tanne als Sturmbock heran. Außer Schußweite blieben sie stehen. »Oh Ihr méchante Bube ...! Ich möcht' nicht dabei sein, wie Euch der Herrgott noch mal an den Ohren zupft!« sagte die Hohen-Sulz'sche Gräfin mit einem Zittern in der hellen Stimme. »Allons! Als bei! Wir haben einen aide-de- camp – der ist vierzehn Noth-Heilige werth: Uns hilft der Mann im Mond! Der scheint Euch heller auf Eure dreckigen Köpf', als Euch lieb ist!« Neben ihr der erfahrene Stabsrittmeister sprach kein Wort, sondern blinzelte finster nach den drei einsamen, höchsten Buchenwipfeln oben auf der Bergspitze. Um die pilgerten die Sterne. Und es schien, als zögen die drei Riesen mit einer magischen Macht den Mond vom Himmel zu sich herunter. Er senkte sich zu ihnen. Er näherte sich ihnen deutlich. In kurzer Zeit mußte er hinter dem Bergkamm untergetaucht sein und die Nacht wurde dann stockfinster ... »Warum wird denn nicht Sturm geläutet, zum Geyer?« sagte der Husar zwischen den Zähnen. »Ich geb' meine Ordres nicht zweimal!« »Und wer dem Herrn Stabsrittmeister nicht précisement gehorcht, wird duzwitt füsiliert!« schrie die Gräfin in ihrer Erregung, und vor ihr barmte ihr Kammermensch, die Demoiselle Häberlin: »Das Frauenzimmer getraut sich zur Geisterstund' nicht durch die Kirche, weil da die alten, verlebten Äbte begraben liegen!« »Oh Ihr Gäns',« rief die Hohen-Sulz'sche, »wer nicht sein Laternche nimmt und mit mir kommt, dem setzt's Backpfeife! Wenn doch die Herren Äbt' aus ihren Kämmerchen krabbeln thäten! Mir wär' jetzt jeder secours recht!« Die Stall-Laternen in der Hand der Kammerweiber warfen ihren gelben Schein auf die Sarkophage. Aber die steinernen Herren darauf lagen ausgestreckt mit gefalteten Händen und Keiner der Hochwürdigen rührte den kleinen Finger. Die schöne Gräfin-Wittwe scheuchte ihre Weibsen die Wendeltreppe empor zum Glockenstuhl und ließ sie die Seile greifen. Die Mägde läuteten, was sie konnten, und sangen dabei in ihrer Angst, um sich Muth zu machen, durch den Sturm, der die Abtei umheulte, das alte kernige Kirchenlied: »Oh schröckliches Gericht! Oh Menschen, daß Euch nicht Des Satans List berücke! Herr – wehre seiner Tücke! Geuß Kraft aus Deiner Höhe, Daß ich ihr widerstehe!« Die Gräfin Amöne lief, Schleppe und Pistole in der einen, die vom Luftzug gelöschte Laterne in der anderen Hand, unten über den Hof und sagte sich: Und wenn ich hundert Jahr' alt werd, wie meine Urahn' in den Kreuzzügen – an die Nacht heut' werd' ich denken! ... Den Gesang der Mägde oben hörte die hohe Frau nicht, so laut ging der Wind. Selbst das eilige, zeternde Bim-Bam aller Glocken wurde von ihm vertragen und verweht. Der Sturm regierte mit seinem groben Gebrüll. Es stand nicht zu hoffen, daß man auch nur im nächsten armen und unwissenden Bauerndorf das Nothläuten vernahm – geschweige denn drüben in Palmingen, wo allein Macht und Hülfe war. »Oh mei' ... oh mei' ... Lieber Gott ... mach' es gnädig!« betete die fromme Dame. Aber jetzt eben schickte ihr der Herr erst eine Post, wie einst dem Hiob: Plötzlich war es um sie dunkel. Der Mond war still, nach seiner Art, hinter den Berg gegangen, und ringsum tiefe Nacht. »Dadrauf haben die Schießhund' draußen nur gepaßt!« stöhnte die Gräfin Hohen-Sulz, dieses arme und adelige Frauenzimmer, das sich vor dem Muthwillen der Franzosen nur zur Büberei der Räuber gerettet hatte, und tastete sich in der Stockfinsterniß nach dem Vordergebäude. Ehe sie da die Treppe hinauf gestiegen war, schrieen oben die gellenden Rufe ihrer männlichen und weiblichen Servants: »Sie kommen! Sie kommen!« Ganz nahe vor dem Thor erscholl aus der pechschwarzen Düsterniß ein Gebrüll, ein Gejauchze und Geheul, wie es selbst den Janitscharen fremd und bei den Menschenfressern nicht Usage: »Drohnet das Thor ein! Zerschmettert die Winde! Schai Adonai!« Und zwischen dem donnernden Anpochen des Sturmbocks, davor selbst die Mauern bebten, über Alles hin die Stimme des Johannes durch den Wald: » Attaquez, mes braves! Au nom de Diable! « Während so draußen ein Teufel den anderen anrief, blitzten und krachten oben aus den Fenstern die Schüsse, und die Mönchzellen waren voll Rauch und einzelnen Kugeln, die von unten als Gegenpräsent hereinflogen. Mörtelbrocken lösten sich von der Decke. Und der Herr Stabsrittmeister schrie durch das Dröhnen des gerammten Thors: »Halten sich die Frau Gräfin stricte an der Wand hin, fern vom Schuß! Am Fenster ist Krieg!« und mußte lachen. Denn dieser ächte Protégé des Mars war in seinem Preußenherzen so beschaffen, daß ihm jede hitzige Affaire das Geblüt wärmte und es lustiger laufen ließ. Wenn er, in wohlverstandenen Intermezzi, aus seinem Rohr Feuer ins Dunkle hinaus gab, war das Responsorium der höllischen Messe draußen jedesmal ein abscheuliches Wehegeschrei, Gefluche und Gewimmer. Denn er zielte mit Bedacht und hielt sich selber dabei in einer Deckung eingerollt wie ein Stacheligel. Am andern Fenster aber lehnte der schwermüthige Herr im blauen Redingote, gab sich à decouvert , ohne jeden Schutz, den Kugeln preis, als ästimiere er sich für den Adler auf der Vogelwiese, und schaute, die abgefeuerte, noch dampfende Arquebuse in der Hand, nachdenklich auf die Blasen, die der Acheron da unten warf. Die Gräfin Amöne hatte sich, intrépide wie ein Tambour-Junge bei den Grenadieren, längs der Mauer nahe an das, zu allem Glück enge, Zellenfenster hingeschlichen. Sie frug: » Pour l'amour de Dieu! Warum schießt Monsieur denn nicht?« »Ich habe ja schon geschossen!« sprach dieser Herr halb geistesabwesend. »Warum denn nicht wieder?« »... Weil ich das Gewehr nicht laden kann!« erwiderte der träumerische Fremde und ein gehacktes Bleistück plärrte ihm weinerlich am rechten Ohrläppchen vorbei. An dem faßte ihn schnell und strafend die Hohen-Sulz'sche Gräfin, und zerrte ihn in den Mauerschutz, entnahm ihm das Gewehr und fing an, es zu laden. »Dann mach' ich den Büchsenspanner!« sprach sie resolut, »und Monsieur schießt!« Der Weltbürger neben ihr versetzte tiefsinnig: »Ist es nicht triste, Madame, und wider die wahre, auf Brüderlichkeit zielende Natur des Menschengeschlechts, daß ein vernunftbegabtes Wesen die Hand wider das andere erhebt?« »Ich will die Früchtle unten alle beisammen in mein Herz schließen.« Die frische Frau Gräfin fixierte mit einem festen Ladstockstoß die Kugel im Lauf: »Ich stell' nur die einzige Condition, daß sie sich vorher, Einer wie der Andere, den Galgen von oben besehen haben! Da sind sie mir lieb und werth!« »Es soll kein Mensch den andern tödten!« » Absolument mein Princip!« Die Frau von Hohen-Sulz setzte vorsichtig, mit spitzen Fingern, das Zündhütchen auf. »Nur mein' ich: die Herren Mörder sollten mit der goldenen Regel den Anfang machen, und nit wir! Tirez, monsieur! So war's gut!« Der schmerzliche Herr im Redingote war wieder unerschrocken in das Fensterlicht getreten und hatte einen der vorlautesten Briganten unten erlegt, daß er am Boden zappelte und ins Gras biß und ihm sein unbescheidenes, nächtiges Rumoren verging. Man konnte selben, mit Extrapost zur Hölle abreisenden Kerl von oben deutlich erkennen. Denn dicht daneben hielt, ohne sich um die ihm zugedachten bleiernen Complimente zu kümmern, als Einziger, blutroth von Fackelschein umlodert, hoch zu Roß, furchtbar anzuschauen, der Johannes durch den Wald. Wie er die Hand hob, so donnerte der gefällte Fichtenstamm gegen das splitternde Eichenholz und seine gräßliche Stimme übertäubte noch dies Gekrach und Gepolter: » En avant! Encore uns fois ! ... Dohlet! ... Heh! ... Woof! ... Sojn! ... Vier! – Fünf! – Sechs! – Sieben! Das Thor wankt ...« Während oben die Frau Amöne und ihr Menschenfreund Schulter an Schulter wie zwei Zeltkameraden fochten und Noth und Gefahr theilten, war der Herr Stabsrittmeister, die Pistole zur Hand, in die Einfahrtshalle hinabgeeilt. Da stand dieser unerschrockene Husar und sein Antlitz war sehr seriös und bewölkt. Die Kreuzwölbung donnerte unter den Schlägen des Rammbocks gegen das Thor, widerwärtige Fugen spalteten sich klaffend in dessen schuhdickem Holz, so daß man das zornmüthige Siegesgeschrei draußen schon aus nächster Nähe hörte. Langsam lösten sich die Zapfen und Angeln des festen Hausverschlusses aus der Wand und die Thorflügel begannen zu stürzen .....   Der Vater dieser ganzen Trübsal und Bedrängniß, in die diese tapferen und sittsamen, wohledel- und wohlgeborenen Herrschaften beiderlei Geschlechts in Heilig-Kreuz gerathen – le vrai coupable nach meiner, des Grafen Florentin VII. und Schreibers dieser Chronik Ueberzeugung, wo der Schuldige zu suchen sei – dieser räudige Bock war kein Anderer als mein Commandant en chef von Schindewolff, den mir, in meinem hier vor tout le monde offenliegenden Bericht, im Gespräch mit mir, in meinen Appartements in Palmingen, verlassen haben, nachdem der mysteriöse Steinwurf durch das Fenster uns den Rittmeister von Arcularius als den Kern der Nuß denunciert hatte, an deren, Johannes durch den Wald genannter, Schale wir uns die Zähne ausbissen. Der von Schindewolff in einem einzigen Begriff und Umriß: Dieser Herr, dem ein deutscher Großer des Reichs wie ich sein ganzes stehendes Heer von fast zwanzig Mann anvertraut – dieser mit so sublimer Verantwortung beladene Militär, war ein Poltron! Gegen Jungfern bezeigte er sich muthig. Kein voller Humpen schreckte ihn. Den drei Würseln ging er nie aus dem Weg. Seinen Gläubigern bleckte er die Zunge. Aber den Feind im Feld schätzte er gering und kehrte ihm, wenn er nur konnte, zum Zeichen seiner Verachtung die Rückseite dar. »Mir ist ein Mühlstein vom Herzen, Euer Gnaden,« sprach er, »daß durch diesen Handzettel aus der Nacht der Aventürier, der sich Namen und Art von einem preußischen Husaren abgeborgt hat, als der famose Brigand Johannes selber entlarvt ist. Der Lauskerl wollte uns durch den falschen Allarm eines Überfalls auf Heilig-Kreuz unterwegs Nachts in einen Hinterhalt locken und dero Palmingen'scher Armee ein zweites Cannä oder Austerlitz bereiten! Gottlob, daß wir ihm nicht zu solchem Blutbad zu Diensten standen, sondern uns in einer vorsichtigen Reserve hielten! Mir war bei dem nächtlichen Handel gleich nicht wohl zu Muth! Und das will bei einem alten Heißsporn und Draufgänger wie mir schon Etwas bedeuten!« Dabei retirierte sich der dicke Kriegsgott vor nachträglicher Angst in das geheime Cabinet und kam wieder und hielt Chansons, als sei er ein Cicero und nicht ein Dragoner, dessen Destination nicht das Reden, sondern das Reiten sein sollte. Ich rückte dem Heros das vor und meinte: »Wir können doch nicht hier unthätig verziehen!« und er pflichtete bei: »Keineswegs, Euer Erlaucht! In so verwirrten Umständen ist der kraftvolle Entschluß der einzig richtige!« »Ei – und welcher?« » ... daß wir uns jetzt alle schlafen legen. Euer Gnaden! Morgen ist auch noch ein Tag!« Wer wirft den ersten Stein auf mich, dafür, daß ich den Einflüsterungen dieses miles gloriosus zu lange ein zu williges Ohr lieh? Man könnte opponieren, was denn – sei es durch die Conseils eines Hasenherzens, sei es durch einen douteusen Steinwurf aus der Nacht und seine mysteriöse Emballage, wohl viel bewiesen sei, um – in Hinsicht auf den Johannes durch den Wald – unser Zaudern und Hinziehen der Zeit zu rechtfertigen? Doch wer will ein Vaterherz ermessen? Die Imagination, daß dieser Johannes durch den Wald sich nun doch nicht mit meinem Sohn decke – daß mein unglücklicher, ach einst so heiß geliebter Otto Septimus, wenn er annoch am Leben, vielleicht reuig in der Fremde Trebern schlinge und ein verspieltes Glück beseufze – doch aber nicht zum Verächter der Gesetze, Landfriedensbrecher und Feind seines Vaters herabgewürdigt sei – diese freundliche Einbildung goß Trost in meine Seele und ich klammerte mich an sie. Ich hatte – denn so ist der Mensch! – eine heimliche Scheu, durch weitere Recherchen und Démarchen mir dies trübe Glück wieder zu verscheuchen, und Stein und Brief als eine Kriegslist meines Sohnes und ihn selbst doch wieder als diesen famosen Tschingiskhan oder Tamerlan der deutschen Wälder aufzudecken. So nur begreift es sich, daß eine decidierte Memme wie mein Herr reitender Dragonercommandant sich auf kurze Frist in das Herz eines wider die Türken bewährten, alten habsburgischen Kriegsdieners gleich mir, einschmeicheln und mir diejenige Eingebung einblasen konnte, die immer die unräsonnabelste ist – nämlich, die Dinge nur à moitié zu thun! Ich resolvierte mich zu einer halben Maßregel und befahl dem von Schindewolff: »Lasse Er einen Dreisten unter meinen Dragonern aufsitzen und durch die Nacht nach der Abtei Heilig-Kreuz galoppieren und mir von dort rapportieren, wie es um den Johannes durch den Wald steht und ob Etwas von seinen finsteren Anschlägen bewußt sei!«   Mein Generalissimus von Schindewolff murrte zwar Einiges in sich. Denn dieser Schnarchsack hätte sich am liebsten gleich aufs Ohr gelegt und unterm Federbett seine Feldwache gehalten und hinterm warmen Ofen biwakiert. Immerhin war er getröstet, daß er nicht sein eigenes Fell zu Markt trug, und beurlaubte sich also und führte seinen schnaufenden und unschicklich feisten Leichnam über die Landstraße zu dem Dorf, wo seine Dragoner bei den Bauern im Cantonnement lagen. Sein Augenmerk war auf einen Burschen, der rothe Christian genannt, vorzüglich gerichtet, der sich unter allen meinen Völkern durch seine agilité auszeichnete und exzellierte. Der Herr Commandant trat in das Haus, dessen Erdstube gleich zur Rechten dieser Mann mit mehreren andern Kerlen bewohnte. Schon auf dem Flur vernahm er aus der Kammer ein gewaltiges Wehegeschrei und fand, als er eintrat, dort den Corporal und die Dragoner, Klopfpeitschen in den Händen, statt mit ihrer Montur um die Person des Trompeters Bellonier beschäftigt. Dieser diebische Rabe war, von den Kandelmühlen heimgekehrt und seine Kameraden draußen en marche gegen Heilig-Kreuz wähnend, mit hängenden Hosen zwar, sonst aber nach seines Nächsten Gut lüstern, durch das Fenster eingestiegen. Seine Kameraden waren aus der Wachtstube gekommen und hatten diesen wälschen Sündensohn mitten in seiner Arbeit ertappt und ihm die ohnedies schon gerutschten Pantalons noch ein paar Zoll weiter heruntergezogen, und applicierten ihm, eindringlicher als der Pfarrer auf der Kanzel, das siebente Gebot: Du sollst nicht stehlen! – auf die Posteriora. »Ha – Hab' ich dich!« donnerte der Herr von Schindewolff. »Lasset ab, ihr Leute! Ihr klopft den Höllenbraten doch nicht mürbe! Pfuscht dem Henker nicht ins Handwerk!... Dieser Erzverbrecher ist dem Meister Nord verfallen! Der wird ihn anders zwacken als Ihr und peinlich richten, nicht mit einer Mottenpritsche, sondern mit seinem weitverschrieenen, fünf Fuß langen, zweihändigen Schwert!« »Ein Ohr nur ...« winselt der Brabanter Schelm und reibt sich seinen fürnehmsten Theil. »Auf einen läßlichen Diebstahl steht nach Bamberger Recht nur ein Ohr!« »Glaub's, daß Du die peinliche Halsordnung kennst ...« »... und statt der Carolina, links am Rhein, nach dem code pénal , nur ein paar Wochen Prison!« »Es handelt sich nicht um Deine armseligen heutigen langen Finger, mon ami! « Der Herr von Schindewolff beutelt zornmüthig den Dragoner am ohr, das Jener so freigebig der Dame Justitia zu opfern willig war, »sondern um das meilenlange und erschreckliche Register Deiner Schandthaten! Denn nun bist Du erkannt bis in Deine schwarze Seele!« »Ich bin kein teuflischer Geist!« schrie der Bellonier, »sondern ein frommer und gottesfürchtiger Soldat! Möchte mir das von dem Herrn Commandanten très-obéissant verbeten haben!« »Warte nur, Du freudiger Christ!« grollte der Herr von Schindewolff und sein Stabstrompeter rief weiter und schaute sich dabei rachselig in der Runde der Dragoner um: »Möchte wissen, wer von Euch Hosenhelden gleich bereit gewesen wäre, so wie ich mit dem Herrn aus Preußen in die Nacht hinauszugehen!« » ... weil Du gewußt hast – und wir nicht – wer dieser preußische Monsieur mit dem Pferdefuß ist!« donnerte der Commandant. Der Bellonier glotzte ihn mit offenem Maul begriffsstutzig an und schüttelte dann den Kopf. »Von diesem Herrn, Euer Gnaden, ist mir Nichts weiter bekannt, als daß er für den Herrn König von Preußen Husaren wirbt, wo er sie findet, und daraus auch kein Hehl macht. Denn es ist ja ein redliches Gewerbe!« »Warte! Ich beutele Dich wie eine Ratte!« Der von Schindewolff zauste den Brabanter. »Ich schüttele Dich, bis die Wahrheit aus Dir fällt! Wer also ist der Arcularius – he?« »Weiß nicht!« »Will solch ein überführter reißender und räuberischer Wolf sich noch über mich moquieren? Ich schlag' Dir Deine Lügen in die Zähne! Gestehe: Wer ist der Arcularius?« »Mir nicht bekannt!« »Oh Du versteckter Höllenhund! Du wagst noch schnöde abzuleugnen, was Seiner gräflichen Gnaden und mir unser natürlicher und stets parater Verstand auf der Stelle untrüglich und klar aufgewiesen hat?« »Wie soll ein armer Trompeter wissen, was den hohen Herren durch den Kopf geht?« »... daß der Arcularius der Johannes durch den Wald ist ...« Der Trompeter schaute seinen Colonel an, als sei der dicke Herr nicht bei Trost. Jener aber brüllte weiter und seine weißen Augäpfel quollen aus dem krebsrothen Antlitz. »... und Du des Johannes durch den Wald Affe und Lehrling! Er hat gleich fleißig nach Dir gefragt, der Johannes Arcularius! ... Du bist ihm der rechte nächtige Sergeant- Major! ... Wo hast Du ihn gelassen – he? ... Und dabei verzieht dies Geschöpf sein Spitzbubengesicht noch zu einem abscheulichen Grinsen ...« »Wenn ich mit dem Johannes durch den Wald halbpart machte,« sagte der Trompeter Bellonier zu dem rothen Puterhahn ihm gegenüber, »dann hätte ich es, meiner Seele, nicht nöthig, hier, wie ein rechter kleiner Dieb, wie man deren tausend findet, heimlich in Läden und Kästen zu kramen.« Dieser Einwurf war nicht übel. Selbst die Dragoner umher nickten. Der Miserable fuhr fort: »Wer mit dem Johannes durch den Wald geht, schlägt allerdings Hals und Glieder in die Schanze, gewinnt aber dafür die Goldstücke und die großen Silberthaler und die dicken Gulden und Uhren und seidene Tücher und schwere Löffel und schwimmt in allen Pläsiers und genießt sein Leben! Ich aber – ma foi – diene hier unverdrossen für zwanzig Kreuzer Traktament! Und kriege nicht einmal das pünktlich. Thut so ein Räuber? Urtheilt selbst, mes camarades! « »Sell is schon wahr!« brummte der rothe Christian zu den Anderen. Der Trompeter endete mit einer wegwerfenden Schulterbewegung seine Suada und versetzte verächtlich: »Da möchte es Einen als ehrlichen Mann bald reuen, daß man nicht lieber dem Johannes durch den Wald und seiner gloire zugelaufen ist, wenn man hier für seine redlichen Dienste nichts Anderes zum Dank gewinnt, als einen Freipaß für den Henker!« Es war ein Gemurmel unter den Dragonern, das der Herr von Schindewolff bei sich als einen Beifall deuten mußte. Es war ihm, zu allem Leidwesen, nicht fremd, daß ein schädlicher und malcontenter Geist in dieser stolzen Palmingen'schen Leibgarde eingekehrt war, seitdem die hochgräflichen Kassen nach der Auflösung des heiligen Reiches leer standen, und die Dragoner also für die Ehre dienen mußten. Der Wirth aber gab ihnen auf die Ehre nicht Schnaps und Bier, der Krämer keinen Tabak und kein Zopfband, der Bauer nicht Speck noch Schinken. So fraß diese ächte Unzufriedenheit der Neuzeit still um sich wie ein heimliches Feuer. Oft schon hatte ich, der Graf Florentinus, mit dem Obersten meiner Leibwache zu Pferd dies alte leidige Proverbe aller großen, kriegerischen Herren: Point d'argent – point de Suisses! vergeblich abgewandelt. Ach ja: Ohne Geld gab es keine Schweizer – und bald ohne Geld für mich auch keine Dragoner, und der Herr von Schindewolff mußte diese vierschrötigen, verdrießlichen, widerwilligen und aufsässigen Kerle schon sanft wie die Kindlein traktieren und gleich wie mit rohen Eiern mit ihnen umgehen, um alle achtzehn Mann noch bei den Palmingen'schen Adlern und Fahnen zu erhalten. So bequemte sich der dicke Herr jetzt eines milderen Tones und ging den diebischen Dragoner in zweifelnder und intimer Weise an: »So bist du vielleicht erst heute der fünesten Charlatannerie des Johannes durch den Wald zum Opfer gefallen?« »Wüßte nicht, wie ...« »Eh – mein Freund: Indem Du dem Herrn von Arcularius – auf meine Ordre, wie ich einzuräumen nicht ermangele, – auf seinem nächtlichen Streifzug als Partisan Gesellschaft geleistet hast, ohne zu ahnen, daß es der Johannes durch den Wald warl« »Der Rittmeister von Arcularius? ...« »... Und kein anderer!« sprach der Herr von Schindewolff feierlich. Der gelbe Wallone aber lachte wiederum, schürzte sich seine Hosen in die Höhe und sagte: »Ich habe kein Verlangen, als Gesell des Johannes geköpft zu werden, und war es gar nicht! Der Herr Commandant sind auf dem Holzweg! Jamais de ma vie – nun und nimmer ist der preußische Rittmeister der Johannes durch den Wald!« »Woher weißt Du das?« »Weil ich neben ihm gesessen hab', in der Nacht, und vor uns ist uns Beiden, mit Larve vor dem Gesicht und aller Gefolgschaft, der Johannes durch den Wald erschienen und davongezogen!« »Wohin?« »Nach Heilig-Kreuz! Ist längst dort! Ich möchte für tausend Brabanter Thaler jetzt nicht in diesem Kloster stecken ...«   Ich, Graf Florentin VII. hatte, nachdem ich Schindewolffen, den Bramarbas und Maulheros, aus meinem Angesicht entlassen, unter Vortritt meines Stallmeisters, des Frater Dothias, meinen Weg nach dem gelben Thurm, in die mir dort reservierten und verschlossenen Lokalitäten genommen. Was das sagen wollte, wußte Jedermann im Schlosse und seinen Environs. Mochten auch Zweifel und Kümmernisse ob meines unseligen, fern verschollenen, geheimnißvoll nahen Sohnes mir das Herz zerfleischen – mochte dies zärtliche und getreue alte Herz – dieser sanfte Hochsitz Cupidos – in weinendem Kummer beben, weil dieser mit Rosenketten umwundene Thron seine Königin verloren und ich Xénais als eine tückische Viper unter den Blumen erkannt – mir armen erlauchten Adam die Eva und die Schlange zugleich in meinem Verlorenen Paradies! – alles dieses irdische Leid konnte mich nicht hindern, meinen edleren Menschenpflichten dieses Abends zu genügen, für die ich unbekannten und höheren Oberen als der Senior in loco responsabel war. Wenn heute waltete eine magische Sternenstunde für alle Recepti, Minervalen und Areopagiten unserer Illuminaten-Loge vom Flammenden Stern, deren Provincial-Tempel ich unter dem Brudernamen Demonax präsidierte. Wir schrieben den 39. Pharawardin des Jahres 1152 nach unserer persischen Zeitrechnung in unserer Provinz Nicomedia, und so war der Augenblick gekommen, wo Großkreuz und seine Ritter eines besseren Zeitalters die Nacht über arbeiten – das ist, die schiefe Ansicht in uns bannen mußten, als seien die wenigen Menschen, die uns umgeben, die Menschheit, und die Spanne Land, die wir Vaterland nennen, die Welt. Nicht doch, mes frères ! Für den Edlen, für den Weltbürger der drei Johannisgrade, begreift sich die Menschheit in dem Bild der Weltkugel, deren näherer wie fernerer Theil der Bewohner seinem Inneren gleich nahe steht – dem Bild der Sonne, die ihn zur Liebe der gesammten Menschheit erwärmt – dem Bild der Wage, in der er sich mit seinen Neigungen, Trieben, Kräften und Leidenschaften im Gleichgewicht in sich selbst hält, um auf alle anderen vernunftbegabten Wesen zu wirken. Der Ort unserer Réunion – der schon angemerkte kurze und dicke, runde Thurm – der Legende nach aus Römerzeiten – stand passend einsam auf einer Wiese am Rand des Hirschparks. Der fensterlose Raum zur ebenen Erde, der von einer Decken-Ampel ein bläuliches Licht empfing, war zur Minervalkirche eingerichtet. Seine Mauern waren, nach den Statuten der Ritter des besseren Zeitalters, himmelblau ausgeschlagen, so auch die Stühle und der Tisch in der Mitte, auf dessen fünf Ecken je eine Wachskerze brannte. Dahinter stand, vor einem blau gewässerten Vorhang, mein fünfstufiger Tempelthron unter einem lichtblauen, mit silbernen Franzen behangenen Baldachin. Sonst fand sich nur noch ein Museum gedruckter Piècen der Mysterienklasse in dieser Loge, nebst einer sinnreich mit Spiritus präparierten Brennkiste, um, beim unverhofften Eindringen störender Gewalt, diese Hieroglyphen alsbald dem Vulcan zu opfern und durch das reine Element des Feuers unreinen Händen zu entziehen. Außer diesem Tempelraum, in dem wir an der Verbesserung des Menschengeschlechts arbeiteten, auch noch den in den Satzungen gebotenen Vorhof zu etablieren, dafür waren wir Ritter des besseren Zeitalters zu schwach mit der Ortsgelegenheit bestellt. Die Brüder unseres geheimen Ordens mußten draußen, im Gebüsch vorhalten, harren, bis ich innen feierlich fünfmal an mein Schwert schlug und sie paarweise einzogen. Hier ruhte nun allerdings eine difficulté : denn unsere Provinz Nicomedia zählte, nachdem Asmodeus, d. i. mein Ceremonier, der Marquis de Fizeaux, mich in Felonie verlassen, nur noch außer mir den Ritter vom weißen Pelikan – für die gemeine Welt in der Hofcharge meines Stallmeisters als der einstige sardinische Cavallerie-Capitain Baron Galletta und klosterentwichene Frater Dothias bekannt. Ich und er, der sich, – ich weiß nicht, ob mit Fug – schottischer Obermeistergrade der Maçonnerie rühmt – wir trugen die symbolische Ordenskleidung: einen fleischfarbenen Rittermantel mit blauem Kreuz, um so, durch die Farbe des Menschenleibs, stets an die Gebrechlichkeit und Blöße des Irdischen gemahnt zu werden. Wir hatten Helme auf dem Haupt, Stiefel und Sporen, weiße Handschuhe an den Händen, in denen ich das entblößte Schwert hielt, indessen der Ritter vom weißen Pelikan, um die distance zu wahren, das seinige ablegen mußte. Eben hatten wir mit der Arbeit begonnen und bemühten uns, auf einem blauen Teppich stehend, aus jedem Buchstaben des hochheiligen Wortes Mac-Benac wieder ein passendes Wort zur Vervollkommnung der Weltbürger zu gewinnen – da störte mich alten und eifrigen Illuminaten ein lautes und bäurisches Hämmern und Pochen an der Thüre und ich unterschied in der Stimme von außen: »Öffnen Euer Gnaden!« deutlich die heisere – ich möchte sagen: bierfeuchte Kehle meines Commandant en-chef von Schindewolff. »Derangieren uns der Herr jetzt nicht!« rief ich erzürnt durch die Thüre. Jener aber beharrte: »Ich bringe einen Rapport von höchster Wichtigkeit ...« »Er ist ein grausamer Maulschwätzer ...« »... der keinen Aufschub duldet ...« »... wenn's aber an's Handeln geht, gewinnt Ihm ein altes Besenweib den Boden ab!« »Der Herr von Arcularius manifestiert sich jetzt doch nicht als der Johannes durch den Wald ...« »Plaudert der Gott Bacchus oder der König Gambrinus aus dem Herrn«? frug ich erschrocken, das Ohr am Holz, denn ich kannte ihn als den Ritter von den drei Räuschen am Tag. »... sondern dieser Johannes hüllt sich wieder ins Dunkle ...« ... oh ... mein Sohn ... mein Sohn ... Blutig tropfte wieder mein Vaterherz ... »... und ist, nach der Aussage des Trompeters Bellonier, jetzt eben mit seinem horriblen Attentat auf das Kloster Heilig-Kreuz befaßt, und, was sich dort befindet, von diesem furiösen Briganten an Leib und Leben bedroht!« »Es soll immédiatement zu Pferd gestiegen werden!« »Die Gäule sind wohl kriegswillig, Euer Erlaucht, aber die Dragoner nicht!« »Meine brave Armee will nicht aufsitzen?« »Die Soldateska ist in hellem Aufruhr! ... Die Rosse stehn blank im Stall und die Sättel hängen wie angeleimt an der Wand! ... Selbst mein kriegerisches Renommee aus Ungarn und Polen, Portugal und der Moldau, der Berberei und der Walachei ...« »Er hat seine Bataillen und Victoires immer im Mond gefochten, wo Ihn Niemand kontrolliert!« »... selbst ein Eisenbeißer wie ich ist ohnmächtig vor dieser Revolte!« »Wer hat sie angezettelt und aus einem allezeit getreuen Palmingen'schen Dragoner einen fluchwürdigen Apostata gemacht?« »Just eben der Bellonier – dieser bübische, brabantische Trompeter!« Und so war es denn auch, als ich mich eilends aus dem Minervalbruder Demonax des Tempels vom Flammenden Stern wieder in den Reichsgrafen Florentin VII. von Palmingen verwandelt hatte und so – finster und gebieterisch, die Arme über der Brust gekreuzt, in einer Attitüde, die ich Buonaparte abgelauscht, in den Kreis meiner wankenden Truppen trat. Dieser Bellonier hatte vor Allem den Hals aus dem Galgenstrick gezogen, in den er sonst, durch ein Miracle dieses eine Mal unschuldig, gerathen wäre, und betheuert und geschworen, daß der Herr von Arcularius, mit dem er ausgezogen, nicht der Johannes durch den Wald und er, der Trompeter, also nicht dessen Partisan sei! Nun aber, da er wohl wußte, daß inzwischen der wirkliche Johannes mit aller Force die Abtei attackierte, erwachte in dem mitternächtigen und verderbten Gemüth dieses Brabanters eine unwiderstehliche Passion, hinzulaufen und seine zehn Diebsfinger mit in diese nie erhörte Beute zu stecken, nachdem meine Kriegsmacht hier unthätig Maulaffen feil hielt! So that dieser abgefeimte Garçon sein Bestes, die malcontente Palmingen'sche Cavallerie nicht nur heimtückisch und zur übelsten Zeit an die rückständige Löhnung zu erinnern, sondern auch – und die Finesse handhabte er meisterlich – diese Heldenherzen mit der Furcht zu verpesten! Wie man es denn riskieren und einem christlichen teutschen Reiter ansinnen könne, mit dem Johannes durch den Wald anzubinden? – schrie der hagere, einem Zigeuner gleiche Kerl, und zeigte beim Fackelschein den um ihn massierten Dragonern die weißen Wolfszähne unter dem schwarzen Schnauzbart und rollte die weißen Augäpfel in dem gelblichen Gesicht. Ob man denn, für zwanzig Kreuzer täglich, obligiert sei, mit dem Teufel selber in Händel und Verdrießlichkeit zu gerathen, da doch ein Jeder wisse, daß der Johannes durch den Wald gar kein Geschöpf von menschlichem Fleisch und Geblüt sei, sondern ein grausamer und unüberwindlicher Dämon, wie davon, aus mittelalterlichen Zeiten, da und dort noch welche übriggeblieben? Einem Kind sei es bekannt, daß gemeldeter Johannes auf seinem riesigen schwarzen Zauberbock mit Leichtigkeit in einer Nacht von dem weitberühmten Dorfe Winshoot in Friesland, wo, wie aus einem Babylon heraus, der Großmeister jedes Verbrechens dieser Zeit, der Altvater Jakob mit seiner Familie, alle Räuberei durch Europa dirigiere – daß also der Johannes im Hui durch die Luft auf seinem Bock von den Niederlanden zu den Alpen reite – bald hier – bald dort – aber allewegs mit dem Bösen im Bund, und, wer ihm in den Weg tritt, leicht mit Blindheit, fallender Sucht und zeitlebens blödem Hirn geschlagen – von Kugel und Säbel ganz zu schweigen! »Gegen den Türken – à cause de moi – für drei Sechser Sold – meinetwegen – aber gegen den Teufel nicht!« schrie der Brabanter. »Ich warne Euch, mes camarades ! ... Bleibt im Logis! Laßt Euch nicht ins Feld locken! Es kommt Keiner von Euch lebendig zurück!« Wie so diese timide Lügentrompete Verrath in ehrliche Reiterohren blies, kochte in mir das einstige, längst durch Altersschnee auf dem Haupt gekühlte Soldatenblut. Ich sah vor meinen greisen Augen wieder das Gewimmel der flüchtenden Janitscharen-Turbane, das Roßschweifgeflatter der fliehenden Paschas auf den ungarischen Pußten, in meinen Ohren jauchzten die Trompeten der Ayasasa-Kürassiere: Prinz Eugen, der edle Ritter ... der Herr von Schindewolff aber puffte mich in seiner Kleinherzigkeit und Angst respektlos am Ärmel und raunte heiser und verzog sein Gesicht wie ein altes Weib bei Zahnweh: »Wir müssen das Feld räumen, gnädiger Herr ...« »Gebe er mir einmal seine Pistole!« sprach ich, und er that es und beleidigte mein Ohr und meine Langmuth weiter und fuhr fort: » ... und das Kloster Heilig-Kreuz in Gottes Namen seinem Schicksal überlassen! Denn mit diesem Volk hier ist nicht gut Kirschen essen und mit jenem Volk dort noch viel weniger!« »Gehe er heim und setze er sich auf den Nachtstuhl!« sagte ich. »Dort ist, nach der Himmlischen Destination, im Kriegsgetümmel Seine eigentliche und inattackable Position! Ich enthebe den Herrn hiermit für immer seiner Ehren und Würden als Generalissimus meiner Armee und danke ihn ungnädig ab!« »Und wer soll, in Zukunft, dieses Viertelschock berittener Bauernschädel commandieren?« »Ich selber, wie dies in Gefahr die Devoir eines Souveräns ist!« versetzte ich majestätisch und fühlte in mir, dem Abgelebten, dem Alten, die Hitze eines Turenne sich freudig mit der Bedachtsamkeit eines Daun, die Schnelle eines Seydlitz mit der Beständigkeit eines Marlborough vermählen. Vor diesem Bild eines greisen Günstlings und Galans der Kriegsgöttin Bellona verzog sich der, Schindewolff genannte, falsche Mars, und ich forderte mit einem strengen Handwink den Trompeter Bellonier vor mein Gericht. Der Aufsässige kam gemächlich angeschlendert. Er hielt seine ungewaschenen Diebspfoten insolent in seinen beiden Taschen, statt sonst in denen anderer Leute, und in seinem schamlosen Lächeln nistete die Rebellion. »Du hetzest mir hier einen unverzagten Dragoner in Feigheit und Infamie?« dräute ich. Er zuckt frech die Achseln: »Geht keinen großen Herrn 'was an!« » ... und denkst, diese braven und ehrlichen reitenden Leute mir auch weiter aus dem Sattel und Pflicht und Gehorsam zu bringen?« »Hoffe, daß mir's glückt!« höhnt er. » ... und ist dir nicht bekannt, daß auf den Bruch des Fahneneids vor versammelter Front und Truppe die Todesstrafe statuiert ist?« Schaut sich der Trompeter breit grinsend im Kreis um, indessen ich des Schindewolffs Pistolet aus meiner gestickten Fracktasche ziehe, und glotzt mir dann, als ein wahrer Provocateur und Feuerbläser, ins Gesicht. »Möcht' wissen,« lacht er laut, »wer die Courage hat, Euern arrêt de mort zu vollstrecken!« Die Weiber, die am andern Morgen diese Erdstelle auftrockneten, wußten zu berichten, daß Theile und Spritzer des Gehirns zu beiden Seiten der Dorfstraße bis an die Hausmauern geflogen seien und dort noch klebten. So gründlich hatte ich mit meinem Pistolenschuß dies ränkevolle Hirn in die vier Winde geblasen, beugte mich nun, riß dem von kurzer Hand hingerichteten Bellonier den Säbel aus der Scheide und schwenkte ihn vor versammelter Mannschaft. »Wollt Ihr Euren alten guten Grafen im Stich lassen?« rief ich. »Oh pfui! Das thun mir meine lieben blauen Kinder nicht an! Deß schämen sie sich, daß ein matter Greis allein ins Feld galoppiert und das Jungvolk bleibt daheim bei Becher und Magd! Solche Reiter dürfen nicht staunen, wenn ihnen die Jungfern zum Spott Nachthauben und Schürzen darbieten, und die Gäule, wenn sie in den Stall treten, ihnen mit Roßäpfeln dienen! So ein liederliches und geringes Volk aber seid Ihr nicht, Ihr meine Söhne! Ihr seid rechte Burschen und es hat Euch nur ein wälscher Hund durch sein Gebell auf falsche Fährte gelockt! An seinem abscheulichen Leichnam wollen wir wenden! Hallo! Montez à cheval! Tournez-vous! Demi-tour à gauche! En avant! Mir nach!« Und meinen Vortheil in den Gesichtern der Dragoner erkennend, haranguierte ich weiter: »Ich selber führe Euch! Ich, ein alter kaiserlicher und königlicher Kürassier, der seine Lehrzeit gegen den Großtürken absolviert! Wenn solch ein großer und gewaltiger Herr wie ich sein Leben für einen faulen Kreuzerkäs ästimiert und Euch vorreitet – was liegt an Eurem? Den Säbel aus der Scheide, wer für mich ist!« » Evviva Palmingen!« schrie da Einer athemlos und führte im Trab seinen Rappen aus dem Stall. »Hoch Seine Erlaucht!« salutierten andere und keuchten mit Sätteln und Zaumzeug. »Nieder mit dem Johannes!« brüllte ein dritter und zog seiner Stute den Bauchgurt fester. »Vorwärts!« drängten Ungeduldige, die schon zu Pferde saßen. Ich hatte mir einen Stuhl neben den Schimmel des Trompeters stellen lassen und rief: »Helft, Kinder – helft –« und Alles schob und stützte, und ich gewann glücklich dieses Rosses Rücken und verwuchs oben fest mit ihm, so wie jener Géant der Fama – jener Riese sich durch die Berührung mit der Erde aufs neue mit unwiderstehlichen Kräften rétablierte. So saß ich straff wie ein Cadet im Sattel und inspicierte meine Troupe. Keiner aus der gewaltigen Zahl war unter die Deserteure geflohen! Es mußten – nach Abzug des soeben ausgerotteten Brabanters – siebzehn Mann sein und waren doch nur sechzehn! Gerade le brave des braves – das Subject, zu dem ich die meiste confiance hegte – der rothe Christian war absent, und Keiner konnte sagen, wo er hingerathen. Da ließen sich durch die Nacht eilige Hufschläge vernehmen und dieser Galopin war kein anderer als dieser geborene Soldat und Parteigänger de destination , der sich aus eigenem Antrieb zu Pferd geschwungen und gegen Heilig- Kreuz auf Kundschaft geritten war, wie es dortigen Orts mit der paix publique bestellt sei. »Schnell! Schnell!« schrie er schon von weitem mit einer entsetzlichen Stimme und schwenkte seinen Hut und sein Gesicht war verzerrt. »Laßt die Gäul' laufen, was sie mögen! ... Sonst wird's zu spät ...« »Heilig-Kreuz ...?« stöhnte ich auf. »Heilig-Kreuz, Euer gräfliche Gnaden, wird von dem Johannes durch den Wald und vielen anderen Bösewichtern auf das heftigste mit einer mannsdicken Flößertanne berannt! Sie haben das Thor schon beinahe eingedrückt! Sie schießen hin und her! Hitziger kann's um Mainz nicht hergegangen sein. Aber die Bataille steht für die drinnen verzweifelt ...« » Rangez-vous !« commandierte ich, beinahe so athemlos wie der rothe Christian selber, welcher schloß: »Die Bauern in der Nachbarschaft haben die Schüsse und das Sturmläuten vernommen! Stehen in hellen Haufen mit Sensen und Flegeln bereit! Getrauen sich doch nicht, es allein wider den Johannes zu probieren, bis wir ...« »Wir kommen!« rief ich und setzte mich, den Schimmel spornend, an die Tête meiner Cavalcade und wandte mich im Sattel und deutete mit der Spitze des Säbels in der Nacht nach vorn den point de vue : »In das Herz des Johannes durch den Wald!« Ich las in den entsehten Mienen: »Es ist dein Sohn!« – Und aus meinem Mund rief mein altadeliger Stamm und Geschlecht: »Wenn mein Sohn ein Räuber ist, so reite ich, ihn zu richten! Galopp ... Dragoner!«   Ich schnob mit meinem Heer durch die Nacht dahin. Es ist ein Glück, daß die Pferde in der Finsterniß besser sehen, als die Menschen. So konnten wir sie rennen lassen, daß die Funken stoben. Wir passierten stürmend, die Säbel schwingend, unter wilden Rufen: »Tod aller Räuberschaft« wie ein Corps der Rache oder wie jene sagenberühmte heidnische Parforcejagd durch unsere Lüfte, wir passierten mit fliegenden Hufen das erste Dorf auf Heilig-Kreuz'schem Gebiet. Die ganze Bauernschaft war da schon mit Fackeln und ländlicher Wehr versammelt und auf den Beinen, jauchzte und setzte sich hinter uns in Trab, um mit den Hühnerdieben ein Hühnchen zu pflücken und die Nachtgäste einmal selber nachts auf die Kirmeß zu laden. In den zwei anderen Dörfern der Abtei hatten sie's vernommen, daß nun eine bataille décisive wider das Brigantaggio im Gang, und liefen und strömten mit Spießen und Stangen, mit Pechpfannen und Hunden, von allen Seiten gegen das angesagte Schlachtfeld und es schwirrte wie ein irritierter Wespenstock durch die Dunkelheit. In der Ferne schlugen breite, rothe Feuerzungen aus dem abseits auf der Wiese placierten Heuschuppen, den die Räuber in Brand gesteckt, um ein rechtes, großes Nachtlicht für ihr schändliches Handwerk zu haben, und in dem rothen Schein lag grell wie bei Tag das Kloster mit eingestoßenen, welk hängenden Thürflügeln, und ein wildes Geschrei kam aus seinem Inneren, Beilhiebe und Schüsse krachten und der Rauch wirbelte durch die Fenster. Meine blauen Söhne hoben mich alten Mars vom Pferde. Einmal unten, wollte ich Keinem von ihnen mehr den Vortritt auf der Promenade gegen den Feind lassen, sondern avancierte, wenn auch etwas steifbeinig, an ihrer Tête über den Damm zwischen den Wassergräben. Den besetzten flugs die im schnellen Trott nachgerückten Bauern, und so war, was sich verbrecherisch drinnen in der Abtei aufhielt, gefangen, wie die Maus in der Falle. In der Thorwölbung ballte sich, als wir mit Heissa! und in voller Surprise eindrangen, eine wüste kämpfende Mêlée, die das einstige Cabinet des Abbas Martin zur Linken coûte que coûte zu forcieren trachtete. Wich aber immer wieder heulend en arrière , griff sich an den blutfließenden Schädel oder an ein Loch im Leib. Denn der Herr von Arcularius und ein junger Pürschknecht und ein paar ältere, treue Servants hinter ihm defendierten diese Position mit äußerstem Entêtement, und während der Herr Rittmeister à corps – Mann gegen Mann – sich mit dieser ganzen Rotte feiger Wölfe balgte, schrie er mir mit pulvergeschwärztem Gesicht durch den wilden Tumult und Rumeur Etwas zu, wovon ich nur die Worte: »Die Treppe hinauf ... der Johannes durch den Wald ... oben ... die Gräfin ...« begriff. Da wußte ich, daß nunmehr der Vater wider den Sohn vom Leder ziehen mußte, wie einst die beiden edlen Herren und Ritter zur Zeit der Völkerwanderung, in der das Haus Palmingen schon uralt war und in vollem Flor und Ansehen stand. Ich faßte den Degen fester gegen mein eigenes Fleisch und Blut. Ich flog mit meinen gichtigen Beinen die Treppe hinauf. Der erste Raum oben war von den Räubern schon occupiert. Eben schlugen sie die verschanzte Thüre zum Nebengelaß ein. In einem tobenden brouhaha , Tumult und hurlement sehe ich in der Ecke die Gräfin, das Söhnlein auf dem Arm, und vor ihr, sie mit seinem Leibe schützend und mit ungeübter Hand, aber bravourösen Muths, die Pistole in der Linken, den Säbel in der Rechten, die attackierenden Briganten von sich weisend – einen Mann in blauem Redingote und Stulpstiefeln – einen Mann, aus dessen bleichen und edeln Zügen wie in einem Spiegelglas mein eigenes Jugendbild zu mir spricht – ein Mann, in dem ich selbst, in einer neuen Generation, lebe und wandele – Otto Septimus – mein Sohn . .. Und dieser Mann ... Engelsfanfaren jauchzen es mir zu – mein thränendes Vaterauge trübt sich – dieser Mann ist nicht der Johannes durch den Wald, sondern er ficht, comme un désespéré , gegen den Johannes durch den Wald! Da, vor ihm, ist das vielberufene, mysteriöse Ungeheuer in der schwarzen Maske, in gemeiner Bauerntracht, und dabei in jeder Bewegung des Leibes ein großer Herr! Er dringt auf meinen Sohn ein! In seiner wirbelnden Klinge droht der Tod! Schnell! Schnell! Drauf, meine Dragoner! Drauf, Drauf! So war ich ausgezogen, meinen Sohn zu richten, und war eben noch zurecht gekommen, meinen Sohn zu retten! Mein Otto Septimus lag an meiner Brust! Der Verstoßene umarmte mich weinend und ich ihn! Mein Geschlecht blühte wieder. So standen mir erschüttert und schirmten hinter uns die Gräfin. Doch dies that nicht mehr noth. Die Dragoner hatten dies Zimmer im Augenblick gründlich aufgeräumt und, ohne Quartier und Pardon, mit scharfgeschliffenem Besen ausgefegt. Sie zerrten die Körper der erlegen Malefikanten bei Seite. Unter diesen lag, die Hände verkrampft, in seinem Blut schwimmend und schon verröchelt, mit seiner schwarzen Maske dieser wahre Lieutenant des Satans auf Erden und Generalcapitän aller bösen Buben und Gesetzesverächter – nun, durch Gottes Gnade, für immer ausgetilgt und innocent – der Johannes durch den Wald ... Noch hatte Keiner gewagt, die nächtige Larve zu lüften, die das Mysterium dieses abgesagten Feinds des Menschengeschlechts barg. Ich beugte mich nieder und löste die Verkappung... Und richtete mich auf und meine Lippen formten das Staunen meiner Gedanken zum Wort: » Monsieur le baron de Wimmersheim ...« Nun begriff ich, warum dieser gute Nachbar, um keinen Soupçon zu erregen, sich bei Tag in die buntscheckige Vermummung eines ausgemachten Narren gehüllt, und sah, auf welche Art er Wiener Gräfinnen-Tanten des Nachts auf der Landstraße beerbte und so zu seinen Schätzen kam, nachdem er, als ein selbst in Wien ungewohnter Libertin, dort das Seine verlottert, nun aber Willens gewesen, von dem zu heißen Boden hier allernächstens wieder nach der Kaiserstadt zu emigrieren, um dort seinen Raub zu genießen .... Ich verharrte eine gute Zeit in einem geziemenden Schweigen. Ich war so occupiert, daß ich – ein alter Cavalier – meiner Ritterpflichten gegen die arme, so übel in unseren Landen empfangene Hohen-Sulz'sche Gräfin vergaß. Doch blieb dies Manko ohne Nachtheil. Denn als ich mich nach ihr kehrte, sah ich dieses adelige und anmuthige, wenn auch zu Tod bleiche und erschöpfte, aber wohlbeherzte Frauenzimmer Arm in Arm mit meinem Sohne stehen, und sie sprach zu mir: »Wir haben Noth, Tod und Gefahr miteinander bestanden, Euer Liebden! Das fügt zusammen!« »Für diese Stunde?« frug ich. Diese liebe und schöne Frau Amöne aber sagte und goß Sonnenschein in mein Herz: »Nein, Herr Vetter – für alle Ewigkeit! Drum permittieren Sie mir, Sie künftig statt Vetter Vater zu heißen!« Noch liefen uns selbdritt unsere Zähren und wir hielten uns schluchzend umfangen, da stieg der Herr von Arcularius, der wackere Held, die Treppe hinauf, stellte sich vor mich in die herrliche Positur der Offiziers des Königs von Preußen, die Beine gespreitet, die ausgereckte Linke auf den Säbel gestemmt, den Hut in der zur Seite gestreckten Rechten, und meldete: »Die Affaire hat mit einem runden Succès geendet. Euer Gnaden! Eine gute Partie der Brigands ist auf der Stelle füsiliert, etliche in den Gräben, in die sie flüchtend gesprungen, ersoffen, der Rest wird von einer singenden und jubilierenden Bauernschaft zu neuer rheinbündischer Gerichtsstelle und weiterem peinlichen Traktament mit Guillotine und Galgen geführt. Glaube danach das schädliche Wesen in hiesigen Wäldern auf gute Zeit hinaus abgethan und die Luft rein!« Ehe ich diesen Herrn umarmen und, zu weiterem Dank und einem ehrenvollen Präsent auf mein Schloß komplimentieren konnte, fuhr der Herr Stabsrittmeister fort. »Hiernach ästimiere ich die Leçon , die ich übernommen, für gelöst und bitte Eure gräfliche Erlaucht um allsofortigen Urlaub und Abschied. Wollte nur, en passant und aus Freude an Aventüren, im teutschen Süden zeigen, was ein Preuße kann!« Ich bat und murmelte wieder Einiges von Dankbarkeit. Doch er erwiderte kurz und bestimmt: »Très obligiert! Aber ich bedarf keiner récompense ! Es treibt mich heim! Die Zeiten werden schwarz! Der Buonaparte rüstet alle seine Völker! Es hängen schwere Wolken über Preußen. Ich bin ein Preuße. Wenn in bevorstehender Campagne die Kriegsfortüne wider mein Land schlagen sollte, will ich erst recht dabei sein und das Malheur unverzagt tragen und unserem Staat zu neuen und gloriosen Jahren verhelfen!« Unter solchem neigte er sich über die Hand der Frau Gräfin Amöne, die doch, in diesen vergangenen Tagen, eine leise faiblesse gegen ihren Reisegefährten empfunden, und aus diesem überwundenen Sentiment heraus ihm weichen Herzens sagte: »Mögen freundliche Seelen Sie in Ihrer Heimath begrüßen!« »Ei! – Ich freue mich schon auf meine Frau und meine vier Buben!« lachte der Herr Rittmeister und erklärte auf unser Staunen: »Husaren lassen es nicht gern verlauten, daß sie verheiratet sind! Man meint, es schadet der heilige Ehestand ihrer agilité ! Kann es von mir nicht behaupten! Habe freilich; wenn schon ein Edelmann, kein Fräulein vom Stande, sondern, aus inniger Amour, eine ehrsame Jungfer aus Bürgerhaus zur Frau genommen und bin darum von den vornehmen Cuirassiers unter die Husaren und Werber verschlagen! Bereue es aber nicht! Denn ich bin, nach meinen abenteuerlichen Ritten und Reisen durch Teutschland, wahrhaft glücklich au sein de ma famille !« Da lachte auch die Frau Gräfin Amöne und drückte ihm mit feuchten Augen die Hand und versetzt« herzlich: » Mille saluts von mir an Ihre liebe Frau und geben Sie jedem Ihrer Büble von mir einen tüchtigen Schmatz!« Ein Reisewagen hielt mittags, als ich heimkehrte, vor meinem Schlosse Palmingen. In ihm saßen der treulose Marquis de Fizeaux, mein abtrünniger Hof-Marschall, und seine Tochter – die Schlange Xénais. Sie hatten, als sie am Abend vorher unangemeldet in Wimmersheim vorgefahren, den Baron in Geschäften verreist gefunden und nun erst, nachdem sie dort übernachtet, nachträglich und mit Horreur das Nest erkannt, in das sie unbedacht gerathen. Da saßen die beiden wälschen Seelen nun reuevoll und kleinlaut in ihrer Kutsche. Ich sprach zu dem Franzmann: »Ich benöthige in Zukunft keines Ceremoniers. Nenn mein Reich Palmingen wird in den nächsten Wochen von dem gekrönten Vasallen Napoleons mediatisiert und mein regierender Hofhalt löst sich auf. Möge mein Erbe und Nachfolger, als ein vornehmer Particulier wie andere, hier wohnen, Gutes thun und den Menschen dienen, wie er vermag. Dem Herrn Marquis werde ich, an aufzugebende Adresse, Einiges aus meiner Schatulle als dépense de bouche überweisen! Bitte aber nun ungesäumt die Reise fortzusetzen!« Noch einmal wollte mich Xénais mit der dunklen Gluth ihrer Augen versengen. Diese Mandeln des Südens waren schön wie immer. Aber die Marquisin hatte, in dem Embarras dieses Morgens, keine Zeit gefunden, sich zu schminken und zu pudern. Ihre Haut war gelb und welk, ihre Züge matt und alt, unter der verschobenen blauschwarzen Perrücke schimmerte, als eine mir absolument neue Manifestation grellroth und stumpf ihr eigenes Haar...... Oh Xénais ... Ich hatte Welt und Eitelkeit überwunden! ... oh Xénais ... Ich winkte heiter dem davonrollenden Wagen ein Adieu pour toujours! ... Oh Xénais ... Ich brauche keine Königin mehr für dieses einsame, alte Herz! Ich bin nicht mehr einsam! Ich habe einen Sohn! ..... Und eine Tochter..... Ich wandte mich zu meinem Otto Septimus. Ich wandte mich zu meiner Amöne. Ich ergriff Beider Hände. Ich sagte: »Nicht bei dem rauhen Abbas Martin in der Klosterzelle – bei Euch, mes enfants , will ich en retraite , als der Philosoph von Palmingen, meine letzten Lebensjahre genießen!« Und Beide dankten mir und küßten mir die Hände. Und so verzeichnete ich diese beiden merveilleusen Tage und schließe diese Chronika und blicke aus meinem stillen Sanssouci im Schloß von Palmingen über die grünen Wälder und die Wolken am Himmel, im Kommen und Gehen der Tage und der Geschlechter der Lebenden, im Wandel der Geschicke über uns Menschen allen, denen Gott genade..... Henkerskind Aus einer alten Chronik ... und so beginnt die wahrhaftige Geschichte von Meister Magirus, dem Goldmacher, und der schwarzen Hille, des Henkers Tochter, wie sie von mir, Josua Siebengang, Geheim- Secretario Seiner Fürstlichen Gnaden, selber erlebt und hier zu Nutz und Frommen aller Christenheit getreulich aufgeschrieben. That damals Reu' und Buße unserm Lande Roth. »Sie treiben der Waisen Esel weg«, heißt es, zum vierundzwanzigsten im Buche Hiob, »und nehmen der Wittwen Ochsen zu Pfande, und den Hungerigen nehmen sie die Garben. Sie machen die Leute in der Stadt seufzend, und Gott stürzt sie nicht!« Ließ sich aber unser Hofprediger, der hochwürdige Barnabas Bätzle, ein freudiger Gottesmann, Sonntags also von der Kanzel vernehmen, so lachte Serenissimus nach dem Amen: »Lieber! Gelehrter! Ihr seid ein grober Klotz!« und ging mit hochdero Herzensfreundin, der Gräfin Bibiane, in der Orangerie lustwandeln, ließ zwei Stunden lang bei der Wachtparade das Kalbsfell schlagen, ergötzte sich des Nachmittags beim Mummenschanz, Schäferspiel und Galanterie, oder hetzte gar am Sabbath des Herrn den Hirsch, lauschte mit glänzender Suite des Abends den wälschen Sängern und Tirillierern in der Opera und ließ dann, während der Cour der Cavaliere und Damen bei der Redoute, ein monströses Feuerwerk zum solennen Abschluß solchen Tages abbrennen. Inzwischen aber waren die Kassen bei solcher Wirtschaft leer. Bald kein Deut, kein Stüber, kein rother Pfennig mehr in Schloß und Hütte zu finden. In einem Land aber, in dem das Geld fehlt, sind flugs Baal und Beelzebub Meister. Die Bauern, die Schelme, murrten. Mochten unter dem Hornickel, einem viereckigen Gesellen, die Mauthäuser angezündet haben und keck die fürstlichen Hirsche von ihren Saaten vertreiben. In der Stadt stachelte der Tückmantel, der lose Bader, den gemeinen Pöbel auf, daß selbiger die Bäckerläden stürmte. Ein ehrsames Handwerk hatte keinen goldenen Boden mehr. Denn wo war noch, selbst bei den Zünften und Geschlechtern oder gar auf den Rathsstuben, noch Gold zu sehen? Danach hatte man Hirsch Assur, den fürstlichen Münzjuden, fragen sollen und die schöne Mirel, sein Weib, und seine Genossen, den Chaim Katzeneljon und Reb Naphtali und alle die Kipper und Wipper, Jud und Christ ... Aber auch selbige Schalksknechte, denen Gott genade, wußten sich jetzt keines Raths mehr. Der letzte Dukaten war über die Grenze gerollt, ehe ihn die Straßenräuber erwischten. Die thaten sich schon auf Weg und Steg in hellen Haufen auf. Es sangen schon die Bänkelsänger vom Höllenhahn und der Fuchsin und spielten die Buben die Historien vom Dukatenteufel und vom Drachenstüber, und wer noch so wohl bewaffnet reiste, durfte sich vorsehen, daß ihm nicht der Perle Einohr den Mantelsack hinten vom Wagen schnitt oder das Pfeiferlein die Pferde in der Herberge stahl. Die fürstliche Soldateska aber, statt das Gesindlein zu verfolgen, rottete sich just im Park vor der Nymphengrotte, wo sich Fürst Philander erlustierte, zu Haufen, und ihr Sprecher, der Korporal Peter Siebenschuh, riß sein ungewaschenes Maul auf und forderte den rückständigen Lohn. Und stand es schon so besorgt um den armen, äußeren Adam – wie viel mehr noch um unsere unsterblichen Seelen! Wohl ragten draußen vor der Stadt die Brandpfähle, an denen man seit Jahren fleißig die Hexen und Hexenmeister verbrannt, dicht wie ein schwarzes Lustwäldchen; aber der Unholde wurden täglich mehr. Zauberer und Widergänger zeigten sich ungescheut am hellen Tag schon überall im Land. Kaum durfte ein Christ es wagen, noch mit Satans Ritterschaft anzubinden. Wie oft habe ich Nächtens, gerade über die Gasse, bei Mondschein Mutter Säuberlich, die Hexe, aus dem Schornstein fahren sehen. War bei Tag eine fromme Beguine und wollte nichts von Besen und Bilsenkraut wissen. Lief doch sogar die gemeine Rede, daß unser gestrenger Bürgermeister, Herr Rupert, und der Stadtschreiber Nicholt und der dicke Ratsherr Gerspach bei Nacht als Wehrwölf' umgingen. Man that besser, nicht erst lang hinzuschauen, wenn man unverhofft solchem Spuk begegnete! Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen ... In Summa: Es waren bedrohliche Läufte, und ich habe dies betrübte Bild nicht mit Meister Pechs Theerpinsel gemalt, sondern Gott hatte in Wahrheit seine Zuchtruthe aufgesteckt. Umsonst stand seit Wochen nicht der feurige Komet am Himmel ... So ging ich mit besorgtem Gemüth gegen Abend zu meinem Dienst als Geheim-Secretarius ins Schloß. Markt und Gassen strömten von Pflastertretern, Musketieren, Lehrbengeln, Handwerksgesellen, Zinsbauern aus den Dörfern. Fahrende Fräulein stolzierten umher, als gehörte ihnen schon die Welt – die Düveke – die güldene Else – Schleppsäcke, die, Gott sei's geklagt, jedes Kind in der Stadt kannte – Würfelbrüder thaten sich groß – Renommister – Langfinger. Aber auch viel ehrliche Bürger und redliches, vermeintes Weibsvolk war dazwischen, und alles schrie nach gutem Geld. Alles schrie nach Geld ... Im Jupitersaal saß Serenissimus Fürst Philander gravitätisch in Spitzenjabot und Degen, hochdero Lieblings- Windspiele um sich, auf dem goldenen Thron, unter dem Purpurbaldachin, und schnupfte aus seiner Brillanten- Tabatière und gähnte weitoffenen erlauchten Mundes zu dem, was seine Getreuen und Diener sagten. »Jederzeit sind wir für Euer Gnaden unser Blut zu verspritzen bereit und willig«, ließ sich der Generalkapitän der Leibgarden, der Colonel Roland, vernehmen. »Allein auch der Heidengott Mavors hat einen Magen und bedarf der Menage!« – »Die Beamten, Ihre unterthänigsten Subjekte,« sprach der fürstliche Cabinetspräsident Freiherr Waldherr von Wackersburg, »werden vom Federkiel-Kauen nimmer satt!« – »Schützt einen ehrbaren Kaufherrn vor den Mondscheinbrüdern und Seckelschneidern auf der Landstraße!« bat Herr Rupert, der Bürgermeister. »Schafft Gold und Brot! Sonst kann ich mein Volk nicht mehr meistern!« Der Finanzdirektor trat vor: »Euer Gnaden! Ich bin der Ritter von der leeren Taschen. Alle hacken sie wie die Raben auf mich unseligen Mann und bin doch nicht schuld! Herr – lernt sparen!« Und der Hofprediger, Herr Barnabas Bätzle, ließ seinen Baß erschallen gleich der Trompete von Jericho: »Gnädiger Herr! Es ist nicht alleweil Lustbarkeit und Fastnacht! Aschermittwoch ist nah! Streut Euch Asche auf Eure Perücke! Thut Reu' und Leid!« Fürst Philander aber hätschelte seine Hündlein und lächelte: »Ihr Herren! ... Ich treib es à la mode ... nach wälscher Art ... Nur der Franzos versteht zu leben! ... Es geht mir schon hart an, mit Euch deutsch zu sprechen! ... Drum ennuyieret mich nicht ohne Noth!« ... Dabei klappte Seine Altesse resolut hochdero Tabakdose zu, nahm meine Wenigkeit ins Auge und frug neugierig: »Wie ist's: hat unser Alchymist Magirus endlich Gold gemacht?« »Fürstliche Gnaden!« erkühnte ich mich frei von der Leber weg. »Der üble Mann hat bis gestern abend kein Gold vorgewiesen, und er wird auch nie welches schaffen. Ihr habt sothanen fahrenden Magister, von dem Gott allein bekannt, woher er kommen, hiesigen Orts in Ehren aufgenommen wie einen großen Herrn, ihm sechs Ellen flandrisch Tuch zu einem neuen Gewand und eine ächte Brabantenkrause geschenkt, ihm eine silberne Kette umgehangen und ihn zu Eurer Rechten sitzen lassen. Aber Gold habt Ihr von dem losen Gesellen nicht gesehen. Ihr habt den Nekromanten dann in das leere Cavalierhaus verwiesen, daß er dort in Ruh' und Einsamkeit seinen Stein der Weisen fördere. Ihr habt, gemäß der Euch beiwohnenden hohen Geduld, Woche um Woche gnädiglich zugewartet. Aber es ward nicht der große Stein und nicht der kleine Stein, sondern es ward – sit venia verbo – ein Katzendreck. Ihr habt dann vor einer Woche in gerechtem Zorn selben Aventürier, der Eurer spottet, fest im Diebsthurm verstrickt und scharf bewachen lassen und ihm ernstlich befohlen, nun auf der Stelle Gold zu machen, deß das Land so dringend Nothdurft hat. Doch der Magirus mag sein rothes Pulver in die Retorten rühren und sein weißes Pulver in die Tiegel – giebt Hitze und Stank, Rauch und Ruß, doch kein Gold!« Serenissimus hatte, wider seine Art und Brauch, meinen langen Sermon wohlaffektioniert bis zum Ende angehört. Seine landesväterlichen Mienen erhellten sich hoffenderweise: »Mir träumte heute, dies sei eine große Nacht!« ließ er sich vernehmen. »Und unserer Gräfin Bibiane träumte – par hasard oder nach Gottes Wille – just dasselbe! Vielleicht ist es denn endlich mit der Schwarzen Kunst geglückt! Spute Er sich, Siebengang, und bringe Er mir quam citissime Rapport, ob der Doktor Magirus heute etwa Gold gemacht hat!« Der Diebsthurm, in dem der Alchymist Magirus verwahrt saß, war ein alt, fest Gemäuer vor der Stadt, einsam auf einem geringen Eiland in Mitten des Metzgerteichs, recht für solche Vögel geschaffen. Es stank da übel im Sommer und Winter von Kutteln und Geschlinge, die die Schlächter in das Schilf am Ufer zu karren pflegten. Der Wind trug mir schon von fern eine Nase voll entgegen. Er pfiff und heulte unsanft über unserer hochfürstlichen Residenz. Alle Kirchthurmhähne drehten sich aufgeregt mit gespreizten Flügeln vor dem abendgrauen Himmel, an dem das Sturmgewölk in mannigfachen Fetzen und Gestalten gleich dem heidnischen wüthenden Heer über unsern Mauern und Zinnen dahin flog, als wolle es allerhand Oracula und Omina verkünden. Zu anderen Zeiten hätte ich wohl darauf geachtet. Hatte erst unlängst, mit andern guten Christen, drei blutige Monde am Himmel geschaut und mich bekreuzigt. Aber nun trieb der Eifer, meinem gnädigsten Herrn submissest zu dienen, meine unterthänigen Beine. Ich wickelte mich wider den Sturm in meinen Fuchspelz und hielt die Nase gerade aus und sah jetzt vor mir in der Ferne, in dem weiten flachen Land, wie ein dünnes Spinnweb in der Dämmerung den Galgen auf dem Armesünderhügel. Manch freie Reichsstadt konnte sich nicht solch eines hochgezimmerten, zweistöckigen, ansehnlichen Galgens mit solch herrlichem Rundblick übers Land rühmen wie wir. Auf unsern Galgen waren wir stolz. Denn er war das sichtbarliche Zeichen unserer Freiheit – nämlich der fürstlichen hochnothpeinlichen Blutgerechtigkeit – und lehrte Heid' und Christ, daß Serenissimus Philander, unser erlauchter Landesvater, zwar Gott und Seiner Römischen Majestät, aber sonst keiner Macht auf Erden unterthan sei. Sorgten darum auch fleißig, daß es dem Galgen an Gästen nicht fehle! Schaukelten da immer ein paar Schacher im Wind. Der Geselle, der jetzt da drüben am Seil im Bogen auf und nieder flog, das war der Heidepeter, ein starker Räuber, den wir zu Pfingsten aufgeknüpft, und das Bündlein, das neben ihm in der Luft tanzte, war der Zigeuner, den wir mit ihm gefangen und auch flugs gehangen. Die Lumpen der beiden Galgenbrüder flatterten im Sturm. Darunter flatterte, am Fuß des Rabensteins, etwas Rothes – ein Kopftuch – und wehte ein Rock. Stand ein Mädel und lugte, die Hand vor den Augen, nach rechts und links, als erwartete sie bei fallender Nacht verdächtiges Gelichter. Und ich wußte, ohne daß ich ihr schönes Gesicht sehen konnte: das war die schwarze Hille, des Meister Uz, des Henkers Tochter. Sein Haus lag da gleich, nur einen Steinwurf weit, neben dem Hochgericht, fern von aller Christenheit, und wem es im Lande nach Hehlerei und Stehlerei, Roßtäuscherei und Brandbriefen, Kugelsegen und Glückswürfeln, Liebestränken und Zauberspiegeln und Hagelmacherei und allen bösen Künsten gelüstete, der mochte dort dreist in die hohe Schule gehen. Durfte sicher sein, daß er in das verrufenste Haus weit und breit trat. Die schwarze Hille sah aus der Ferne klein aus wie ein Dockenpüppchen. Sie schlenderte unter dem Dreibein voll Todten hin und her, wie ein ander Mädel in der Putzstube, bückte sich, las Etwas vom Boden – mochte was Rares sein – ein herabgefallener Diebsdaumen – oder eine bei Sonnenaufgang erstorbene Alraunwurzel. Dann guckte sie in die Höhe und stand, den Kopf mit dem rothen Tuch im Nacken, als hielte sie mit dem Heidepeter und dem Zigeuner da oben Zwiesprache und klatschte in die Hände. Da war gleich ein Gewimmel von schwarzen Raben, die vom Galgen aufflogen, um sie her. Nicht anders, als wenn am Sonntag, nach dem Lob des Herrn, auf dem Platz vor dem Dom unsere Fräulein vom Stande und aus den schönen Rathsgeschlechtern die Tauben füttern und, unschuldig wie jene, sich von den frommen Sinnvögeln Gottes schnäbeln und liebkosen lassen – also, gleich einem Widerspiel des Bösen – umflatterte dort fern das schwarze Gezücht höllischer Tauben die schwarze Hille. Aber viel später erst ward mir offenbar, daß aus selbem Bild der Finger Gottes selber warnte: Hütet Euch vor der Henkersdirne, der Geringsten im Lande, ehe denn sie Gewalt über Euch bekommt! – Damals begriff ich es nicht, sondern ging fürbaß. Merk's, günstiger Leser, und fleuch bei Zeiten vor dem Bösen ... Am Diebsthurm empfing mich Hans Schlöffel, der Fronvogt, und geleitete mich, an der Wache vorbei, die Wendeltreppe hinauf und durch ein kahles Vorgemach. »Hat der Schalk denn jetzt Gold gemacht?« frug ich, während der Fronmann die Zelle des Magirus aufschloß. Meister Schlöffel schüttelte das Haupt und sprach: »Hört selber, Herr Secretarius, was er treibt!« Innen sang eine starke, jugendliche Männerstimme zur Laute ein loses Lied: »Die Brünnlein, die da fließen, die soll man trinken. Und wer ein steten Bulen hat, der soll ihm winken.« Wir traten ein. Da saß der Nekromant Magirus auf dem breiten Sims des Kerkerfensters, das hinter ihm, in dem bleichen Abendzwielicht draußen, sein eisernes Gitterkreuz spannte, hatte ein Bein über das andere geschlagen, griff in die Saiten und sang mit lauter, wohltönender Kehle. Er war ein großer, stattlicher Mann. Aber bei Leibe nicht so jung, wie männiglich nach seiner Stimme hätte muthmaßen sollen. Hatte tausend feine Runzeln im Gesicht, und sein langer, dunkler, dem Magier bis auf die Brust reichender Bart war von des Alters Asche bestäubt und seitlings angegraut. Aber seine Augen wieder waren jung und hell, glänzend braun, leuchteten heiß, daß sich wohl ein Frauenzimmer darein noch vergucken konnte. Und wenn der Magirus, der abgefeimte Mann, sich des öfteren rühmte, er sei schier mehr denn tausend Jahre alt und habe wohl schon mit Kaiser Carolo Magno zu Nacht gespeist und sich dennoch geziemend jung erhalten, so gab es Narren genug, die ihm Solches glaubten. »Habt Ihr Gold gemacht, Herr Magister?« frug ich kurz. Denn das war mein Auftrag. Er antwortete nicht. Er sang noch lauter: »Ja winken mit den Augen und treten auf ein Fuß ...« Ich blickte nach dem Schmelzofen in der Ecke. Der Heerd war kalt. Die Phiolen und Glaskolben und Kupferschalen waren unordentlich auf einen Haufen geschoben und verstaubt. Da war nichts geschehen, was gemeiner Noth frommen konnte. Da mochte ebenso wohl mein Roß Dukaten prägen, wenn es Äpfel fallen ließ. Aber ich forschte deß ungeachtet noch einmal und erkundigte mich fleißig: »Hand aufs Herz: Habt Ihr Gold gemacht?« Der Alchymist Magirus schüttelte nur seinen abenteuerlichen Kopf, auf dem das Haupthaar noch ganz dicht und kraus und dunkel war, und klimperte gleich einem fahrenden Spielmann. »Es ist ein harter Orden, der sein Bulen meiden muß!« Ich ließ den verspielten Mann plärren und kehrte eilends in das Schloß zurück. Der durchlauchtige Fürst Philander saß mit dero hoher Freundin, der Gräfin Bibiane, in einem geblümten, seidenen Schlafrock am Kamin, trank ein Schälchen Chokolate, und lehrte, vor der lachenden Frau Gräfin, seine Windspiele aufrecht miteinander tanzen, dieweil ihm der Perrüquier mit seinem Gesellen die Locken für die Festivität am Abend kräuselte und puderte. Ich trat vor, räusperte und verbeugte mich: »Gnädiger Herr! Verzeiht Eurem im Staube ersterbenden Subjekt die Kühnheit: aber es giebt nur eine Zeit, zu der der Magirus uns Gold schaffen wird: heißt der Nimmermehrstag. Eher nicht.« »Was treibt der böse Bube denn im Thurm?« »Singt von Lieb' und Mai und spottet Euer Gnaden!« »Ich lasse meiner nicht spotten!« schrie Seine Hochfürstliche Durchlaucht und sprang so zornmüthig auf die Beine, daß die tanzenden Windspiele umfielen und die Coiffeurs und Lakaien sich eilig retirierten. Die Frau Gräfin Bibiane wollte ihm das Meißener Täßchen aus der Hand nehmen. Aber es zerbrach schon zuvor, so heftig stellten es Seine Altesse auf den Lapis Lazuli des Spieltischchens, und die Chokolate träufelte ihm auf den Wahlspruch » Vive I'amour! « auf hochdero silbernen Schuhschnallen. »Der Nimmermehrstag, von dem Er sprach, Josua, ist gekommen!« befahl er in zürnender Majestät. »Gehe Er zum andern Mal in den Thurm und melde Er dem Magirus von mir, als letzte Resolution, daß er mir bis morgen zum Frühmesseläuten unweigerlich ein Pfund feines und lauteres Gold zu liefern habe! Sonst ...« »Sonst, Euer Gnaden ...?« »Sonst soll selber Magirus morgen zu guter Zeit, mit einer Krone aus Goldpapier auf dem Haupt und in einem Rock aus Goldflitter in einem Karren vor die Stadt zum Galgen geführt und dort, zum abscheulichen Exempel für alle Quacksalber und Gaukler, vom Meister Uz so lange am Halse aufgehangen werden, bis er todt ist! Er aber, Siebengang, bleibe die Nacht durch im Vorgemach des Kerkers im Diebsthurm und wache über den Magirus und sorge, daß er uns nicht mit seinen Höllenkünsten äfft!« Oh wehe – als ich wieder in des Magisters Zelle eingetreten, mochte bald der Großtürke selbst oder eine übel gefederte Wildsau in seinen Gläsern, Kolben und Phiolen gehaust haben – also lag alles kurz und klein geschlagen in Scherben in der Asche. Eine Ampel hing vom Gewölbe und beleuchtete das Verließ. Inmitten, unter ihrem Schein, stand der Alchymist und zerschlug just sein letztes Werkzeug – ein feinkupfernes Gebläse – als wollte er den Ratt' und Mäusen im Thurm und mir, dem Secretario, und aller menschlichen Creatur draußen zum Letzten verkünden, daß es bei ihm mit aller Goldmacherei für immer ab und zu Ende sei ... »Das habt Ihr nicht wohl gethan, Magire!« sprach ich mit Bedacht. »Denn nun ist es an dem, daß Ihr Tods verfahren müßt!« Und ich offenbarte ihm Serenissimi gnädigen Willen, ihn flugs am nächsten Morgen aufzuhängen. Habe schon manchen armen Sünder sein letztes Sprüchlein vernehmen und zähneklappern und erbleichen sehen. Aber wie's der Magirus aufnahm – darob mochte sich nicht bloß die große Fledermaus entsetzen, die unverhofft um die Lampe kreiste – besorge heute noch, es sei der Böse selber gewesen – sondern auch mir und dem Fronvogt standen die Haare zu Berge bei dem Lachen des Magirus. Denn der unholde Mann lachte aus vollem Hals, als hätte ich ihm eher einen Schwank vom Eulenspiegel denn sein Todesurtheil verkündet. Er stand fest und stattlich da, in seinem langen violetten Tatar. Es hatten freilich die Motten im Pelzbesatz gehaust und die Maus Löcher in den Sammet gebissen. Floß ihm doch wie ein Zaubermantel um die Glieder und der lange Bart wallte ihm auf die Brust, und sein Antlitz darüber schien im Glast der Ampel jung, ohne Fehl' und Falten, mit weißen Wolfszähnen und feurigen braunen Augen. »Vermeldet Serenissimo, er könne mich ...«, sprach er und ich, Josua Siebengang, darf es nicht wagen, meinem Gänsekiel anzuvertrauen, was der Schalksknecht Seiner Fürstlichen Gnaden ungescheut bestellen ließ und also fortfuhr: »Euer Galgen schiert mich keinen Pfifferling! Führt mich nur hinaus, daß ich mit Jungfer Hänfling tanz' ...« Mir gedachte die schwarze Hille, wie sie vorhin fern unter dem Galgen gestanden. Das war wahrlich die Jungfer Hänfling selber gewesen. Mir grauste. Ich frug: »Bangt Ihr Euch denn nicht vor dem Tod?« »Sterben ist keine Kunst!« sprach der Magirus und zupfte sich dabei einen Floh aus dem Pelz. »Ich bin schon oft gestorben und war über Nacht wieder da. Nur ungeschickte Leut' sind todt. Mich mögt Ihr noch öfter von Angesicht schauen, als Euch lieb ist!... Frisch, Fronmann – bringt mir Wein! Laßt sieden und braten, was Eure Küche vermag – zur Henkersmahlzeit! Ich will die Nacht durch zechen und lustig sein! Selb ist mein Recht als armer Sünder!« Und als der Schlöffel dienstwillig den Wein ins Verließ gebracht, kam der Magirus nach kurzer Weil' mit zwei Bechern zu uns heraus und nöthigte uns, ihm Bescheid zu thun, und trank selbst redlich und seine Reden wurden immer loser. »Habt Ihr schon 'mal zwischen Euren Beinen durchgeschaut, Herr Secretarius«, sprach er, und, ehe ich ihm denn die ungebührliche Frage verweisen konnte, weiter: »Alles stehet dann auf dem Kopf und verkehrt. So schau' ich die Welt! Und so ist's eben recht!« »Denkt lieber an Euer Seelenheil!« mahnte ich. Doch kaum war der Fronmann zum Gemach hinaus, um nach dem Nachtmahl für den Malefikanten zu schauen, da griff der in seine Zupfgeigen und sang laut und unbesorgt: »Die Weiber mit den Flöhen – die haben ein stäten Krieg. Sie gäben uns groß Lehen, wenn man sie all erschlüg ..« »Und des Satanas Schwefelpfuhl und Flammen?« drängte ich christlich und entwand dem Nekromanten sein unziemlich Klimperholz und that es fein bei Seiten. »Ihr habt mehr auf dem Kerbholz, Magire, und seid bei Beelzebub tiefer in der Kreide, als dem Herrn Petrus am Himmelsthor lieb sein mag! Drum lasset jetzt die Weltlichkeit!« »Ich kann die Welt nicht lassen!« sprach da der Magirus. »Denn die Welt ist überall vorhanden. Ist kein Diesseits und kein Jenseits, und kein Oben und Unten, und kein Himmel und Hölle, – und Ihr und ich – und Baum und Wolke und Thier und Mensch – alles ist einander gleich und eins, und ist alles nur da, weil ich bin. Drum bin ich das All!« Mich verdrossen solche wirre Reden. »Also treibt's, wie Ihr mögt!« versetzte ich kurz, ließ den Magister in seine Zelle zurückkehren, und setzte mich im Vorgemach in den Lehnstuhl. Wäre lieber die lange kommende Nacht in den Federn und in meinem warmen Bett gewesen, als hier zu wachen, daß Satans Braten nicht vorzeitig anbrenne! Aber wer sich Fürstendienst erwählt, der darf nicht murren, und vom Grillenfangen ward noch Keiner fett. Also saß ich in guter Ruh, gähnte Etzliches und hatte die Türe zu dem Verwahrsam nebenan weit offen und den Magirus in guter Hut. Der aber sorgte sich um mich nicht weiter als um die Laus im Bart, holte wieder seine Laute vor, trank und sang. Oder der Gottseibeiuns sang aus ihm. Plärrte süß, wie das dem Gerechten zu allen Zeiten kund und eine Warnung ist. Wälsche Lieder, aus dem Land Italia. Ich lehnte behaglich in meinem Gestühl. Mußte über den dummen Teufel lachen, der mich in Versuchung führte, und ich verstand doch, durch Gottes Gnade, Nichts von den sündhaften, fremden Worten. Apage, Satanas! ... Ich mochte ein wenig eingenickt sein und schrak auf und rieb mir die Augen ob des Lärms, der sich ungebührlich im Gemach breit machte. Der Fronvogt war die Stiegen heraufgekommen. Mit ihm die Muhme Britte, seine Schwester, die ihm den Haushalt im Diebsthurm führte. Die hatte, was recht und billig war, für den armen Sünder aufgekocht und trug es auf einer großen zinnernen Platten: Eine Gesundheitssuppen, gewürztes Fleisch, gebraten Flügelwerk, mit Näglein bespickt, gestopfte Äpfel und Gallerte und sonst manch Schleckeres. Konnte Keiner darob Bauchgrimmen kriegen! Der Magister aber schaute nicht das Gekochte an, sondern die Köchin, und zur Stund' wurde seine Miene sauer. Denn, der Wahrheit allezeit die Ehre: So, wie die Maler die heidnische Göttin Venus abschildern – solcher Gestalt war die Muhme Britte freilich nicht, sondern schon recht bei Jahren, hutzelig und grau, hatte Triefaugen und eine lange, spitze, frostrothe Nase. Deß war unser Magirus wenig zufrieden. »Speis ohne muntere Red' gedeiht nicht zum Schmeer, und Wein ohne einen guten Gesellen schlägt ins Geblüt!« sprach er zu dem Schlöffel. »Flugs, Lieber: Schafft mir Gesellschaft, daß ich fröhlich bin!« »Ich halt' mit!« sagte der Fronmann, dem das Maul schon wässerte. Aber der höllische Magister ward böse, daß man sich vor dem Feuer in seinen Augen entsetzen konnte, und wehrte ab und lachte wild und heiß: »Seid Ihr ein Weib? Mit Nichten! ... Schafft mir ein schönes, junges Weib zur Henkersmahlzeit! Einmal will ich noch schmausen und zechen und küssen und selig sein, ehe ich abscheide!« »Ei – Ihr könnt ja hexen, Meister«, sprach der Fronvogt höhnisch dagegen. Denn ihn verdroß, daß ihm die Hühner und Krebsen und Pastetlein davongeschwonmmen. »Zaubert Euch doch selber die schöne Helena herbei!« »Wenn ich's vermöchte, sollt' es an mir nicht fehlen!« sagte da der Magirus. »So aber steht mir, nach altem Fug und Recht, meine letzte Bitte frei, bevor der Meister Hämmerlein mich holt, und die lautet: Lasset ein schönes, junges Weib zu meiner Rechten sitzen und mir den Wein eingießen und den Braten schneiden und mir alles Liebe anthun, dafür, daß Ihr mir Böses anthut!« Juckte der Fronvogt die Schultern: »Eines armen Sünders letzte Bitt' in Ehren, wenn eine hochweise Obrigkeit sie zu erfüllen vermag! Doch urtheilt selber: »Welch ehrbare Frau oder Jungfrau, hoch oder niedrig, in Stadt oder Land, wird sich herbeilassen und bequemen, mit Euch Schelm in der Nacht vor dem Hochgericht im Diebsthurm zu tafeln? Eher hält ein Lamm den Schwanz still oder fleucht der Uhu am lichten Tag, als daß das geschieht!« Da lachte der Magirus, und es war eine Stille im Gemach, und dann ließ er sich guten Muths vernehmen: »Sei's drum, wie Ihr sagt! Doch wenn es keine ehrbare Frau sein kann, so mag es ein unehrlich Kind sein! Hängt mich morgen Meister Uz, der Henker, – ist's nur recht und billig, daß des Henkers Tochter mir vorher mein letztes Stündlein verkürzt! Die schwarze Hille soll mir Speis und Trank kredenzen. Holt sie herbei! Das ist meine letzte Bitte!« Der Fronvogt schüttelte seinen Borstenkopf, und ich kraute mich hinterm Ohr. Die Sache lag kitzlig. War das nun eine gerechte Armesünderbitte oder nicht? Die Doktorfrage dünkte mich zu kraus für meinen geringen Unterthanenverstand. »Verzieht Euch ins Schloß hinüber, Schlöffel,« resolvierte ich mich, »und schaut, daß Ihr Euch devotest an Einen von den seidenen Herren und Großen heranmacht und von ihm Rath schöpft. Werdet schon einen christlichen Cavalier finden, der uns ein Licht aufsteckt!« Also that sich der Fronmann flugs auf den Weg, und siehe: die Fortuna ward ihm hold: Just ging das solenne Feuermerk im Park zum Schluß. Am Himmel stand eine kreisende Sonne aus Schwarmlichtern, die miteinander die artig verschlungenen Anfangsbuchstaben unseres allergnädigsten Fürsten Philander anzeigten, und der Mond war bleich wie ein Rundkäs und die Sterne blinzelig wie Nachtdochte von den vielen bunten Raketen. In der Orangerie unten aber, zwischen den dichten Taxushecken und im Schatten der Muschelgrotten und Freundschaftstempel, war es sein dunkel, und man hörte nur leises Degenklirren und Rauschen von Reifröcken und französisch Flüstern, und Cupido, der Lose, hätte wohl hundert Händchen vor die Augen halten müssen, um all die Pärchen nicht zu sehen, die da nach dem Menuett Kühlung suchten und sich dabei immer heißer entzündeten. Unter solch hochgeborenen Adams und Evas wallte auch, Arm in Arm, der Hofjunker Percival von Yselteich mit seiner vielgeliebten Braut Delphine, der Tochter des fürstlichen Cabinetspräsidenten. Wahrlich: eine bessere Wahl hätte das gute gnädige Fräulein nicht treffen können! Ach – möchten doch Mehre vom Adel so tugendreich und unsträflich sein, wie der gemeldete, tapfere und galante Cavalier von Yselteich – zu Krieg und Frieden gleichermaßen geschickt – ein Ritter der Damen – ein Vater seiner Geringsten – jung und schön und eines wohlgebildeten und starken Leibes. Ihn trat der Fronvogt an und eröffnete ihm seine Noth. Der Yselteich erwiderte: »Liebster! Fürchtet Euch nicht! Sagt dem Fürsten selber Euer Sprüchlein! Er mag nach seiner Weisheit entscheiden!« So führte er den Schlöffel frischweg vor den Thronhimmel. Unter dem saßen Seine Gnaden mit der tugendsamen Gräfin Bibiane, den Kammerzwerg zur Linken, den Leibtürken zur Rechten, und vor ihm tanzte ein Ballett von Mohren und Schäferinnen, und er war gemächlicher Laune und schaute erst auf seine Schuhschnalle und dann auf die Frau Gräfin und lachte und sprach: »Ei: Vive I'amour ! Jedwede Creatur sucht ihre fehlende Rippe! Potz – seid Ihr ein langsam Volk, daß Ihr dem Magirus die seine vorenthaltet! Will's nachholen! ... Yselteich – Ihr seid der Cavalier vom Dienst! Hebt Euch auf das nächste Roß und sprengt hinaus zum Galgenberg und bringt selber die Henkersdirne in den Diebsthurm!« War nicht eben ein Auftrag, an dem ein Edelmann sich viel Ehren holen und an eines Malefikanten Liebsten zum Ritter werden konnte. Doch unser trefflicher Herr Percival war Soldat und gehorchte ohne einige Widerrede – wenn auch, als er im Schloßhof stand, mit einer Stirne voll Gewittern. Ließ sich da das erste beste Roß vorführen und galoppierte, im gestickten Hofkleid und seidenen Kniehosen, ohne Knecht und Knappen, spornstreichs in die Nacht hinaus. Was er nun in dieser Nacht an Blendungen Satans erlebt, das hat der Herr von Yselteich nachher genugsam berichtet, und solch einem wahrhaften und unerschrockenen Kriegsmann darf ein Jeder seine greulichen Gesichte glauben. Er hatte das Stadtthor aufschließen heißen, war schon weit draußen auf freiem Feld. Der Wind weinte wie ein kleines Kind. Der Mann im Vollmond machte ein garstig warnend Gesicht. Die Hufschläge polterten, als fielen Schollen auf einen Sarg. Sonst war kein Laut und kein Mensch. Denn jeder gute Christ mied Nachts solche verrufene Gelegenheit als wie den Galgenhügel. Es war da nicht geheuer von dieser und jener Welt, und schwer zu ermessen, was mehr zu besorgen: die Räuber oder die Gespenster. Nach des Fürsten Willen hätte der Junker von Yselteich auch sicherlich eine Leib-Guardia mit sich nehmen sollen. So aber ritt der gute Herr allein, im Schritt, den steilen Henkersberg hinan, und es wollt' ihm gar nicht gefallen, daß der Galgen oben leer war! Solche Lässigkeit und säumige Wirthschaft kam in unserer guten Residenz nicht vor. Da sorgte ein hoher Rath, daß selbiger Baum jahraus, jahrein seine Früchte trug. Der Heidepeter, der Zigeuner und noch so mancher verlebte Gauch mußten da baumeln. Aber unserem Herrn Percival dünkte es, als seien die gerichteten Leut' guten Muths vom Galgen herabgeklettert und ständen da in flatternden Lümplein wie die Vogelscheuchen in einem Klümpchen auf fester Erden, und ungescheut vor den üblen Brüdern, lachend, mit verschränkten Armen ein junges Mädel in rothem Kopftuch. Auch die großen schwarzen Wehrwölfe thaten unsern Ritter verdrießen, die mit feurigen Augen, heulend, um den Galgen schlichen. Die frische Dirne oben bückte sich, schleuderte einen Menschenknochen nach dem Vordersten, traf ihn so gut am Hinterbein, daß er winselnd floh. Sei, nur des kuriösen Zufalls halber, hier beiläufig angemerkt, daß unser dicker Rathsherr Gerspach vom nächsten Morgen ab acht Tage hinkte. Hatte über Nacht das Zipperlein im linken Fuß bekommen. Woraus leichtlich zu ermessen, daß er in dieser Nacht sein Haus nicht verlassen. Glaub's, günstiger Leser, und zweifele nicht! Inmitten solcher widerwärtigen Aspekte war der Cavalier Percival schon auf halbem Hügel. Achtete nicht auf Weg und Pferd. Da machte das Roß erschrocken einen Satz und schleuderte ihn ab und zugleich warfen sich, aus einem Gestrüpp und Hinterhalt, Räuber über ihn her. Er konnte eben noch auf die Beine gerathen, den Degen zücken und einen starken Baum als Deckung gewinnen. Von da focht er mit furchtbarer Klinge und erwehrte sich des Widerparts. Aber es waren ihrer drei grimme Kerle und hinter ihnen noch eine rothhaarige Kebse, die alleweil schrie: »Gebt ihm drei Zoll Eisen zu schlucken, ihr guten Gesellen! Macht ihn kalt!« Da kriegte selbe Fuchsin unversehens von hinten einen Patsch in die Fratze, daß sie verstummte, und ihr flugs die rothe Brühe aus Mund und Nasen lief, und es sprang ein schönes braunes Mädel mit schwarzem Haar und schwarzen Augen flink wie eine Eichkatz zwischen Herrn Percival und die Landstörzer und schrie: »Laß ab, Höllenhahn! ... Fort, Dukatenteufel! Ich will's! ... Fort, Drachenstüber!« Das bös Volk verharrte finster mit erhobenen Klingen, und der Höllenhahn, der Größte und Grimmigste von ihnen, rollte das blutunterlaufene Weiße in den Augen. »Was schiert's dich, Hille, was wir armen Brüder treiben!« »Ist mein Reich und Land hier, soweit der Galgen Schatten wirft!« sprach die Hille. Und in der That: Im grellen Vollmond hub sich der Schatten des Rabensteins als ein riesenlanges Dreieck den Berg hinab, so daß der Cavalier gerade noch innerhalb der Spitze, wie von einem Drudenfuß oder Pentagramme umfangen, stand. »Laß' deine Finger aus unsern Händeln!« tobte der Drachenstüber. »Bist doch sonst nicht so brav! Weshalb brauchst du den Fremden da retten?« »Ei – guckt ihn doch an, wie schön er ist!« sagte die Hille andächtig, mit glänzenden Augen und gefalteten Händen. »Ich habe mein Lebenlang keinen so holdseligen Mann geschaut. Es wäre Sünd' und Jammer um solchen Herrn!« »Ei was!« brüllte der Dukatenteufel und drang wieder mit den Andern auf den Ritter ein. »Hol der Teufel meine See!'! Macht ein End'!« Gleich langte die Hille in den Sack. Holte ein winzig Würzelchen hervor. Hielt es den drei bösen Buben vors Gesicht. War das fürchterliche Alraunmännchen, das sie unter dem Galgen ausgegraben, mit Wachs in den Ohren, um seinen Schrei nicht zu hören, von dem zur Stund' ein Jeder wahnsinnig wird. Wirkte merklich – die Teufelsfrucht: Der Höllenhahn, der Drachenstüber, der Dukatenteufel blieben erstarrt und regungslos, wie sie gerade standen, mit erhobenen Armen und verbogenen Leibs, wie die Weiden am Weg, und die Hille faßte den Herrn Percival an der Hand und führte ihn zwischen den festgebannten Schnapphähnen hindurch säuberlich auf freien Rain. Da merkte er, daß die Jungfer mehr konnte als Brot essen, und ihm grauste und er frug: »Wer bist du?« »Die Henkerstochter, gnädiger Herr!« »Dich eben suche ich! Nach Seiner Durchlaucht hochfürstlichem Geheiß!« sprach er düster. »Willst du mit mir kommen?« Lachte sie und nickte. »Ich bin alleweg bereit!« Da fiel ihm ein: das fremde Roß war ihm entlaufen. Es graste draußen im Mondschein auf dem Felde. Wie es einfangen? Schau: die Hille klatschte nur ganz leise in die Hände. Schon kam es angetrabt. Der von Yselteich schwang sich finster in den Sattel. »Setze dich hinten auf!« gebot er. Gleich saß sie rittlings hinter ihm und schlang die dünnen Arme um seine Brust und trieb statt seiner mit einem Zungenschlag das Roß zum Lauf und löste, sich rückwärts wendend, im Davonsprengen mit umgekehrter Wurzel den Bann der drei Schelme, daß sie sich geduckt wie die geprellten Füchse ins Dickicht verzogen. Der Gaul, der dem Herrn Percival auf dem Schloßhof zugefallen, war ein großer, knochiger, schwarzer Wallach, alt und faul, so daß es ohne Sporenstich und Blut im Flankenhaar auf dem Hinweg nicht abgegangen. Aber als jetzt das schwarze Roß von hinten der schwarzen Hille hellen, wilden Schrei vernahm – halb, dünkte es dem Junker, wie Worte in landfremder Sprache nach Böheimer und Zigeuner Art, halb wie der Raubvogelruf in der Luft – hei – wie spitzte der Rappe die Ohren! Wie griff er aus! Wie brauste er dahin, daß der Wind um die Ohren pfiff und der von Yselteich sich unwirsch umwandte. Da war der Armesünderhügel schon in weiter Ferne und baumelten die Schächer wieder fein in Reih' und Richtung am Galgen und warfen der schwarzen Hille Kußhände nach und die rief weiter zu der Mähre ihr Abcadabra, und der Hofjunker gebot streng: »Lasse mich den Klepper meistern und hetze ihn mir nicht zu Schanden! Der Weg ist noch weit!« Aber das Fräulein vom Galgenholz lacht nur und schreit unbeirrt ihr Kauderwelsch dem Wallach zu. Der läßt sich das nicht zweimal sagen! Rennt immer schneller! Die Felder und Wiesen tanzen vorbei! Die Büsche huschen wie Schatten! Die Eichen am Weg werden zu Riesen! Die Weiden winken! Hopp! Hopp! Der Junker Percival bekreuzigt sich: das geht nicht mehr mit rechten Dingen zu. Da stieben Funken – aber nicht vom Huf am Stein – nein, er sieht es deutlich: Aus den Nüstern des Rappen schlägt das helle Feuer. Er will sich umkehren, der Dirne hinter ihm ihren Spuk verwehren. Aber zwei federleichte Arme drücken ihm die Brust, schwer wie Blei, daß ihm Muth und Athem fast vergeht und er, obschon ein unverzagter, wider Türk' und Franzos wohl bestandener Kriegsmann, zu unserm Herrgott im Himmel aufsieht. Am Himmel fliegen die Sterne in der wilden Jagd. Der Mann im Mond lacht von einem Ohr zum andern. Der Komet wedelt mit dem feurigen Schweif. So schaut unser Ritter in seiner Noth wieder auf Erden. Fliegt just ein Kirchhof vorbei. Viele Gerippe in weißen Laken sitzen im Mondschein auf den Grabsteinen und winken mit Knochenhänden der Hille gute Reis'. Der wackere Herr von Yselteich, der bis dato das Gruseln nicht kannte, bekreuzigt sich und sieht vor sich nieder. Wie wird ihm da? Er hört keine Hufschläge mehr. Nur das helle Sausen der Luft. Er blickt um sich. Der Angstschweiß bricht ihm aus der Stirn: der feurige Rappe hebt sich von der Erde. Schwingt sich empor. Die Satansliebste hinter ihm lacht wie toll. Sie reiten durch die leere Luft. Sind schon schier nah' den Sternen. Ganz tief da unten liegen im Dämmern, im Mondschein, die Mauern und Thürme, die Giebel und Zinnen des Städtchens, inmitten Serenissimi festlich helles Schloß, der Park mit weißen Wegen und schwarzen Teichen, die Kirchthürme gerad' unter dem Steigbügel – dem Ritter schwindelt's ... Er macht die Augen zu. Hurrr! Es geht abwärts. Auf einmal Stille. Keine Windsbraut mehr um die Ohren ... Wie Herr Percival sich ermannt und zu sich kommt, steht der Gaul ruhig vor dem Diebsthurm und frißt Gras, und das unehrlich Kind hinter dem Junker ist schon aus dem Sattel und hält ihm sittig, mit niedergeschlagenen Augen, beim Absteigen den Bügel, und ihn überkommt hinterher eine Gänsehaut, und er spricht kurz zu dem Fronvogt, der mit einer Laterne in Händen vortritt: »Da bring' ich Euch des Henkers Tochter! Wachet und betet! Mehr sag' ich nicht!« Unter solchen Worten ging er zu Fuß von dannen nach dem Schloß, um Serenissimo Rapport zu erstatten, und zog das Roß am Zügel hinter sich her durch die Gassen. Wollte sich nicht mehr getrauen, das alte, lahme Thier zu besteigen. Und die mehrste Verwunderung war, als er es abgeliefert, im Marstall bei den Ecuyers und Reitknechten und Striegelbuben, daß an dem Rappen, nach solchem unerhört schnellen und scharfen Ritt, auch nicht ein feuchtes Härlein zu finden ... Ich – der Geheimsecretarius Josua Siebengang, dessen Gänsekiel dies greuliche Abenteuer zu Pergament bringt, ich nahm den Nachtvogel, die Hille, von dem Fronmann in Empfang. Ich kannte sie vom Sehen wohl. Es ward wohl Keiner in der Stadt erfunden, der das Henkerskind nicht kannte. Hieß männiglich die schwarze Hille, war jung und schlank und schmiegsam, mit krausem, schwarzem Haar und Augen wie schwarzen Rädern in dem schmalen, braunen Gesicht. War schon ein schönes Stück Creatur von Mutter Evas Geschlecht. Woher sie den fremden und absonderlichen Liebreiz hatte, als stammte sie aus fernen Landen? Sie soll sich zuweilen gerühmt haben, nicht der Meister Uz, der Scharfrichter, sondern ein viel größerer und vornehmer Herr sei ihr Vater gewesen. Selber Cavalier habe gehinkt und eine rothe Stoßfeder am Hut getragen und so sei sie des Teufels Tochter. Solche und ähnliche Reden gingen der gottlosen Dirne leicht vom Mund. Kein Wunder, daß sich der Magirus nach solch einem Kamerädlein sehnte. Ich brachte sie zu ihm hinauf. Der Nekromant hatte sich festlich zum Willkomm seiner feinen Liebsten gerüstet. Hatte dicke Wachskerzen angezündet, daß die Zelle taghell war, den Tisch mit weißem Linnen und guten Speisen bestellt und purpurnen Wein in die Becher gefüllt und sich selber einen Kranz aus weißen Rosen auf den bleichen Kopf gesetzt. Sah älter aus als sonst und doch wieder geisterhaft jung, zwischen Menschen und Zeiten, wie ein Märchenkönig. Er nahm die Henkerstochter an den Händen und küßte sie auf den rothen Mund und sprach: »Gegrüßet, Jungfrau! Hab Dank, daß du gekommen bist, ehe ich zu den Todten fahr'!« Versetzte die Hille ernsthaft: »Meister! Ich komme von den Todten!« Er aber nahm den Becher und bot ihr des Weins und fuhr fort: »Tu sollst mich trösten, bevor ich mit der Jungfer Hänfling tanz'!« Die Hille that ihm Bescheid und sah ihn zum andern Mal aus ihren großen, schwarzen Augen an und sprach: »Jungfer Hänfling – das bin ich!« Da ließ er sich auf dem Sessel nieder und hieß sie, sich auf seine Knie setzen, und schlang den Arm um sie. »Ja« Er schauderte zurück. »Du bist der Tod, der mich holt!« – »Nein« Er küßte sie heiß. »Du bist das Leben, das mir annoch leuchte!« Er schwang den Becher und lachte: »Heut' ist die Welt noch mein! Denn ich lebe! Und morgen ist die Welt nicht mehr vorhanden! Denn ich bin todt!« Und in letzter Lebensseligkeit, den Kranz auf dem braunen Haar, mit grauem Bart und hundert Krähenfüßen um die heißen, jungen Augen, die Magd auf dem Schoß, trank der alte Magier dem Leben Valet! Rief: »Das letzte Glas der Welt – der schönen Welt! Dem Schönsten in der Welt! Gegrüßet, Ihr Frauen! Bedankt, Ihr Frauen! Dank dir, du letzte von Tausend! Gieb mir den Abschiedskuß von Frauenmund!« Mich entsetzte das unchristliche und unbußfertige Wesen. Ich ging ins Vorgemach. Es flüsterte, wie ich mich davon hub, zu dem Magirus von den heißen, rothen Lippen des Henkerskindes: »Meister – wie macht man Gold?« Und als er ihr den Mund mit einem Kuß verschloß, bat und bettelte sie doch außer Athem: »Meister, lehrt mich die schwarze Kunst!« Ich zog die Thüre zum Kerker zu, daß ich die beiden schlimmen Leut' nicht mehr zu sehen brauchte, so lieblich auch die schwarze Hille von Angesicht und Gestalt war. Vernahm aber doch, wie der Goldmacher drinnen wild auflachte – die Henkerstochter wohl noch auf den Knieen, den Becher in der Hand: »Die schwarze Kunst? Mich hat die schwarze Kunst genarrt! Die schwarze Kunst – das ist die Kunst zu leben! Leben heißt jung sein! Ich werd' alt!« Und wieder sprach das schwarze Mädchen auf seinem Schoß, mit buhlerischer Stimme, leis' und verführerisch: »Lieber Meister – lehrt mich die schwarze Kunst! Bin ein arm Kind! Möcht' sie gern wissen! Geb' Euch auch alles, was ich hab' und bin!« Und wieder lachte der Nekromant: »Die schwarze Kunst – das ist die Kunst, zu sterben! Die Zeit ist gekommen, daß ich sie üben muß! Die Kunst sollst du mich weisen – nicht ich dich! Komm', Jungfer Tod – tanz' du mit mir!« Ich trat, betrübt ob solcher sträflichen Reden nebenan, ans Fenster. Drüben sah ich in der Ferne das helle Schloß. Im großen Saal drehten sich die Cavaliere und Damen mit zierlich erhobenen Fingerspitzen, abgemessen, als seien es Marionetten im Puppenspiel, im Reigen, knixten wider einander, versanken in ihren Reifröcken und neigten artig die weißgepuderten Perücken. Die Geigen jubilierten herüber, und im Diebsthurm hier tanzte, als ich behutsam einen Thürspalt zum Kerker öffnete, die Henkersdirne toll lachend mit dem Alchimisten in wildem Wirbel, daß sein Bart flatterte und ihre Röcke flogen und girrte dabei immer: »Lehrt mich die schwarze Kunst!« Der Teufelskram, mit dem das Verließ des Goldmachers gefüllt war, wie eines Trödlers Keller, die Fratzen an den Mauern, das Krokodil an der Decke, tanzten mit. Das Skelett in der Ecke schlug den Takt. Die schweren Stühl' und Tische hüpften. In Summa: Es war kein Anblick für einen Christen, der um seine Seligkeit besorgt war, und ich schloß lieber die Thür, ehe ich gar blind wurde oder sonst Leibesschaden nahm, und setzte mich wieder und sprach ein kerniges Gebet. Eben meldete draußen mit zwölf Hornstößen der Wächter die Geisterstunde. Ein schwarzer Kater mit Lichtern im Kopf, grün wie Feuer, miaute vom Dach darein. Wer es war, weiß Gott allein. Es war eine wenig geheuere Nacht, in der manch guter Mann üble Vorzeichen dessen, was nach Gottes Rathschluß kommen sollte, merkte und erlebte. Der Wetterhahn auf dem Thurmknopf von Unser lieben Frauen – das sah ich selber von meinem Fenster aus – schlug deutlich mit den Flügeln, als wollte er böse Geister scheuchen. Auf dem Schloßteich huschten die Irrwische, von denen jedes Kind weiß, daß es nicht mehr und nicht weniger denn abgeschiedene Seelen aus dem Fegfeuer sind. Den Ehrbaren und Gestrengen, die nach gutem Umtrunk Nächtens aus dem Rathskeller klommen, hat der steinerne Roland auf dem Marktplatz dräuend mit dem Finger gewunken, daß sie um einander taumelten und sich entsetzten. Im Schloß gar ist, als schon die Lichter gelöscht und alles in guter Ruh, die Weiße Frau wimmernd durch die Gänge gewandelt, daß die Wachen und der Leibtürke vor den hochfürstlichen Appartements das Hasenpanier ergriffen, und innen Seine Durchlaucht sich in den Kamin retirierten und unsere Gräfin Bibiane unter dero Bette kroch. Doch schließlich nahm aller böse Zauber ein Ende. Der letzte Wehrwolf trabte eilends heim. Als es schon fast heller Tag war, sah Herr Wirich, der Schöppenrichter, noch die Mutter Säuberlich auf einem Besen durch die Luft nach dem Beguinenhaus reiten und allda in den Schornstein fahren. So ward die Welt bei Morgengrauen still. Dreimal krähte, allen Spuk verscheuchend, der Hahn ... Zu dieser guten Stunde, als noch Christ und Heide schlief, hatte Hirsch Assur, der fürstliche Münzjud, einen grausamen Traum und schnaufte und schwitzte vor Todesängsten in dem Pfühl. Der Alb kniete ihm auf der Brust und mochte ihn bald erdrücken. Denn der Unhold wuchtete so schwer wie all das eitel Gold, das die Kipper und Wipper böslich beschnitten und an sich gerafft und heimlich außer Landes gebracht und in verborgene Orte verräumet hatten, und das Volk fluchen und jammern ließen, weil alle Truhen und Säckel leer waren. Schreit neben dem Hirsch Assur die schöne Mirel, sein Weib: »Schai Adonai! Es pocht ans Haus! Wach' auf, du Parch! Du Mamser! Sie kommen!« und birgt sich zitternd unter die Decke. Und ehe noch der Münzjud sich den Schlaf aus den Augen gerieben, tritt der Colonel Roland mit Gewaffneten vor ihn und lacht aus vollem Hals und spricht: »Verzagt nicht, sondern steht auf und verfüget Euch ohne einiges Säumen in den Diebsthurm und prüfet dort redlich und meldet Seiner Altesse, ob etwa der Alchymist in letzter Noth, weil ihm der Hals kitzelte, in heutiger Nacht Gold gemacht hat!« Der Assur nahm zu mehrer Sicherheit noch ein paar ebenso durchtrieben Leut', als den Chaim Katzeneljon und den Reb Naphtali mit, und als sie sich kaum im Thurm umgeschaut, lachten sie hinterlistig und schadenfroh: »Vom Goldmachen hat sich der Magister gänzlich ferngehalten! Was er sonsten diese Nacht getrieben, das ist uns unbekannt!« Der Magirus aber sitzt in einem Sessel daneben. Der alte Till Eulenspiegel sah jetzt uralt aus wie Methusalem, war aber guten Muthes, hatte die Jungfer Hille auf dem Schoß und schäkerte und scharmuzierte mit ihr und die Henkersbuhle schlang die Arme um ihn und blies ihm wie eine Natter ihr stätes Sprüchlein ins Ohr: »Meister! Lehrt mich die schwarze Kunst!« Und da er sich immer noch taub anstellte, hockte sie sich auf den Estrich nieder und flennte vor Zorn und Unmuth wie ein kleines Kind. Zugleich aber hub, im Frühroth, das Armesünderglöcklein an, zu bimmeln und alle Kirchenglocken unserer guten Stadt fielen ein, und auf den Gassen war ein Gesumme und Gewimmel, als wenn im Mai die Immen schwärmen, so schwarz und dick von Christenheit war alles – die vom Adel hoch zu Roß – Karrossen voll mit einem neugierigen Frauenzimmer – der gemeine Mann mit Kind und Kegel zu Fuß – so ging es durch alle Thore – und selbstsammt hinaus zum Galgenberg, um es ja nicht zu versäumen, wie man den Magirus richtete. Zu dem aber trat der Pater Daniel Eremita, ein rauher, zottiger Waldbruder, der in seiner Klause ob der Stadt eher die Mäus und Vögel mahnte und meisterte, als die Menschen. Denn seine Rede war nicht lieblich und sein Maul war grob. Der gottselige Mann hatte es über sich genommen, den Magirus mit frommem Zuspruch bis unter des Meister Uz Schlinge zu geleiten, dieweil sonst die Herren in den Kirchen und Klöstern sich vor dem Teufelsknecht entsetzten. Hat es ihm selber Doktor aller sieben bösen Künste gedankt? Mit nichten! Er stand unheimlich da, in langem, grauem Bart, angethan mit dem gleißenden Gewand aus Flittergold, die hohe, spitze Zaubermütze aus Goldpapier auf dem Haupt, und ließ ein höhnisches Lachen vernehmen und versetzte: »Hab' Euch nicht des Wegs gebeten, mir zuzusetzen! Waschet Euch lieber! Thut Noth! Das Plätzlein auf dem Armesünderkarren neben mir ist schon besetzt und vergeben! Da wird das Fräulein hier sitzen und mir unterwegs Trost und Ansprache gönnen – wann sie sich's vor dem Volk getraut!« Fährt die schwarze Hille vom Boden auf wie eine Schlange, die man getreten, und schreit: »Meister! Ich bring' Euch treulich bis zu meinem Vater und sorg' mich so viel des Volks, als wäre es eine Faust voll Flöh'! Aber lehrt mich zum Lohn und Abschied, wie man Gold macht!« Sprach der Magnus: »Ja denn! Ich will's tun!« »Gelobt es, Meister!« Konnte solch höllischer Adept schwören? Nein. Aber er strich sich, zum Zeichen seines Versprechens, den Bart: »Unter dem Galgen will ich dir das große Geheimniß kund thun und offenbaren! Dir kann die Kunst noch frommen. Denn du bist jung!« So fuhr der Magister Magirus den Weg, den schon manch loser Mann gefahren, – hinaus, da wo Heulen und Zähneklappern ist, und rings am Weg stand schwarz das Volk und murmelte und dräute und wies zornmüthig mit Fingern auf den güldenen, alten Gaudieb, der so lange Serenissimi Langmuth betrogen, und auf das junge Kind an seiner Seite, und schrie: »Schämst dich nicht, Henkersdirn'? Steig' ab und zeuch' davon! Bist unehrlich genug! Brauchst dir nicht noch mehr Schimpf und Schande bei dem Hexenmeister zu holen!« Die schwarze Hille aber wies denen, die so eiferten und zeterten, die rothe Zunge aus dem Mund und stemmte keck die Arme in die Seite und schaute den Menschen dreist ins Gesicht und rief mit heller Stimme wider die erhobenen Fäuste und zürnenden Mienen um sie: »Habet nur Geduld, Ihr guten Leute und gestrengen Herren! Bald bin ich klüger als ihr alle!« und hinter ihr hob sich ein Gelächter ob der Vermessenheit solch einer thörichten und unwissenden Magd. Um den Rabenhügel war von Volks ein dichter, schwarzer Kranz wie von Fliegen um die Breischüssel. Unter dem Dreibein harrte der Meister Uz und half mit seinen Gesellen dem Magirus die Leiter hinauf und standen oben wunderlich die Beiden – der Eine von Kopf zu Füßen blutroth, der Andere gülden – vor dem blauen Himmel. Der Magister aber that, als sei nichts Besonderes und er habe nur bei dem prächtigen Wetter eine Spazierfahrt unternommen, um die weite Rundsicht vom Galgen zu genießen. Mit ihm war die Hille vom Karren geklettert. Ich, Josua Siebengang, stand mit den Raths- und Amtspersonen hart daneben, und bemerkte wohl, wie sie ihrem Vater hastig Etwas zuraunte. Stracks ließ unser Meister Hämmerlein, wider jede Ordnung, die schwarze Dirne die Galgensprossen emporhuschen wie eine Katze. War im Nu oben. Ringsum erhob sich, bei solcher Willkür und Ungebühr, ein Brausen, wie wenn ein starker Wind geht, und ward doch gleich wieder athemlos still ... Denn der Magirus legt, vor allem Volk, der schwarzen Hille die Hand aufs Haupt. Er nähert seinen grauen Bart ihrem Ohr. Er spricht zu ihr, was kein Mensch weit und breit vernehmen und verstehen kann, sondern nur die Raben, die ob den Beiden auf dem Querbalken hocken und die Schnäbel wetzen. Er redet lange und fleißig zu der Dirne und sie nickt immer eifriger, wie er sie lehrt, und ihre Augen glänzen, und sie nickt wieder und wieder, und über ihr braunes Gesicht unter dem rothen Kopftuch geht ein Leuchten und sie jauchzet auf, als er geendet, umschlinget dankbar und freudig den Malefikanten und giebt ihm unterm Seil, in freier Luft, hoch oben vor aller Augen, einen heißen Kuß. War den Zuschauern doch zu grobe Speis. Es entstand ein Tumult und Lärmen: »Helfet! Rettet! Er weist dem Henkerskind seine Zauberkünste! Braucht sich der Teufel nicht das Maul zu wischen, wenn der Magirus abfährt! Der hat seine erschrecklichen Geheimnisse wohl vererbt und an die rechte Hexe weitergegeben!« Ich, Josua Siebengang, mahnte vergeblich: »Der Magirus hat ja selber kein Gold nicht machen können! Wie soll er es dem unverständigen Mädel lehren?« Aber oben lachte die Hille: »Er ist alt und ich bin jung! Wer jung ist, der kann Gold machen! Mir ist das Geheimniß offenbar!« Da, war das Ärgerniß zu groß, so daß Etliche an den Galgen drangen und schrieen: »Meister Uz! Knüpfe er seine Tochter nur gleich daneben, damit die Zauberei hier zu Landen abgeht!« Andere wollten die Hille gleich von der Leiter herabgeholt und ins Spinnhaus gesteckt haben, weil sie das Volk muthwillig foppte. Die Dritten schrieen: »Wo bleibet denn die Obrigkeit? Stadtknecht und Profoß? Ist hier Kirmeß oder wird ein armer Sünder gehenkt?« Durch all die Haufen aber und weiter nach hinten zu denen, die zu weit abseits gestanden und nicht recht begriffen, was geschehen, lief die Red' von Mund zu Mund: »Der Magirus hat die Henkerstochter Gold machen gelehrt!« – und es rannten gleich viele in die Stadt zurück, und sprengten manche gar zu Roß, um es nur gleich in allen Gassen und Herbergen wie ein Lauffeuer zu vermelden: »Die schwarze Kunst ist noch vorhanden! Stirbt mit dem Magirus nicht ab! Er hat sie der Hille Uz vertraut und mitgegeben!« Selbes Henkerskind aber hatte, in dem Zetern und Mordio um sie her, ihres Vortheils wahrgenommen, war die Galgenleiter hinabgeglitten, hatte sich unter die Wachen geduckt, und war jach verschwunden. Es achtete, in diesem winzigen Körnlein Zeit, kein Mensch auf sie. Denn just richtete da oben der Meister Uz den armen Sünder und hängte den Magier Magirus fein säuberlich nach allen Regeln seiner Kunst, so daß der nur ein weniges zappelte und dann still und gülden am Galgen hing. Es hub sich noch einmal ein starkes Rauschen in der Menge. Und nickte mancher gute Mann freudig zum Himmel, und faltete manche fromme Frau die Hände, zum Dank, daß wir von dem Übel erlöst! Dann strömte und lief und ritt und karrte alles eilends auseinander. Denn es war schon am Mittagsläuten und alle Küchenessen rauchten und ist es mir und anderen immer so ergangen, daß ich von der frischen Luft und dem Anblick solcher peinlichen Exekution einen besonderen Appetit verspürt. Eine merkliche Rauchwolke stieg auch, indeß wir heimgingen, vom Galgenhügel und war des Meister Uz Werk. Der hatte Herrn Wirich, dem Schöppenmeister, der das hochnothpeinliche Gericht hegte, vorgestellt, daß der Magirus sich eines tausendjährigen Lebens rühme und allezeit wiederzukehren sich vermessen. Da sei es denn gerathen und das Beste, den durchtriebenen Gesellen, ehe er vom Galgen herab neue Zauberpossen übe, ohne Zeitversäumnis in einem großen Feuer zu Zunder und Asche zu verbrennen, wodurch wohl dem Magistro jede Gelegenheit, wiederum Körper und Leben für seine verlorene Seel' zu gewinnen, gänzlich vereitelt. Das hatte der Schöppenmeister gelobt und war also geschehen. Der Scheiterhaufen brannte nieder und es war Nichts mehr von dem schädlichen Mann vorhanden und wir waren seiner ledig. Freilich ist's wahr: Man gewinnt nicht dadurch Gold, daß man den Goldmacher abthut. Der Magirus war dem Vulcano geopfert und in Flammen verfahren. Aber die alte Noth im Lande blieb. Es konnte keiner das Geringste kaufen und verkaufen. Denn es war nicht mehr Geld vorhanden als in eines Bettelmanns Taschen. Die Bauern getrauten sich auf keine Weis mit ihren Schinken und Rüben zur Stadt. Was ihnen unterwegs nicht der Höllenhahn mit seinen Gesellen raubte, das nahm sich drinnen der gemeine Mann auf dem Markt mit Gewalt ohne Geld und Dank. Blieben die Landleut' also auf den Dörfern, rotteten sich um den Hornickel zusammen, stürmten einem hohen Adel die Häuser und verjagten die Amtmänner und Zöllner. Wo ein Bäck in der Stadt noch vom Müller ein weniges Mehl gewann, ohne daß noch vor dem Thor das Pfeiferlein und der Einohr den Sack vom Esel geschnitten, da wurde er deß nicht froh. Es sah sein Laden bald aus wie ein Wirthshaus nach der Kirchweih: Thür und Fenster und Schragen in Stücken und, was darinnen gewesen, weggetragen und auf der Gasse zerstreuet. Ob des immer enger gegürteten Schmachtriemens wurde auch eine hochfürstliche Beamtenschaft unfroh und unlustig zu Dienst und Pflicht. Saß zwar noch in Mengen auf den Schreibstuben, aber that nichts Gedeihliches, sondern schnitt sich Federn, rauchte Tabak, schwatzte und ließ die Bürger und Handwerksleut' draußen die Zeit lang werden. Sonderlich schlimm aber stand es mit der Soldateska, die ihren Namen vom Sold trägt, und doch keinen zu Gesicht bekam. Das gab heftigen Unmuth in den Wachtstuben und den Bürgerquartieren. Und wenn der Tückmantel, der Bartscheerer und Leichenwäscher, lärmend und pfeifend des Abends mit seinen Haufen niederen Pöbels durch die Gassen zog, die Jüdenschaft hetzte und einem ehrbaren Rath die Scheiben einschmiß, so ließen sich unter den Schreihälsen und Aufrührern immer mehr hochfürstliche Kerls in voller Armatur und Wehr und Waffen sehen und waren bald die Ungezogensten in der Rotte Korah. Als die Woche zu Ende ging, in deren Beginn man den Magirus gehenkt, da summte die Residenz Serenissimi wie ein Hornissenkorb. Kopf an Kopf stand der gemeine Mann um dero Schloß und stellte ein stürmisch Begehren nach gutem Geld und Brot und Ruh. Hatte sonst nichts wider Seine Durchlaucht, welcher an sich selbst ein leutseliger Herr und freundlichen Gemüths war. Aber er trieb seine Kurzweil wie zuvor, dachte nur auf sein Pläsier und achtete des Gemurmels draußen nicht mehr, als wenn im Schloßteich die Frösche quakten. Unser trefflicher Herr Barnabas Bätzle nahm sein Herz in beide Fäust'. Ein Hofprediger darf sich was erlauben. Es war unter der Woche und nicht Kirchenzeit, aber er stellte sich am hellen Mittag, in großer Assemblée, ungescheut vor Seine Gnaden und begann, in Groll und mit Donnerbaß, eine Predigt und Gleichniß: Ein Fürst soll sein wie ein Kirchthurm und mit seiner Spitz' und Krone den Himmel suchen! Und wie des Thurmes Schatten über die Gassen fällt, so soll des Fürsten Gnade sich über das arme Volk ergießen! Wer mühsam und beladen, den nimmt die heilige Halle der Kirche auf. So soll auch ein Fürst die Arme ausbreiten und sein Volk an seine Brust ziehen. Und wie der Kirchenglocke eherne Zunge das Lob des Ewigen läutet, so soll des Fürsten Zunge der Klöppel Gottes sein, und Ihn preisen für und für, und des Fürsten Wandel vor den Menschen soll lauter und lieblich sein und ein Wohlgefallen wie sein Wort. Wahrlich: was im Buch der Bücher steht: »Er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten!« – das galt in dieser Stund auch von unserm Barnabas Bätzle, dem theuren Gottesmann ... Fliegt die Thüre auf, und es stürmt unverhofft der Hofjägermeister Graf Frey von Arnau, in Stiefeln und Wamms, herein, stößt die Wachen zur Seite, bläst, in die geistliche Mahnung hinein, frohlockend auf seinem Jagdhorn den Hirschruf: »Waidmannsheil, gnädiger Herr! Der weiße Siebzehnender ist wieder vorhanden! Wir haben ihn am Eckartsberg geschaut! Diesmal soll er uns nicht entrinnen! Hab' schon die Dorfglocken läuten heißen und alle Bauern in der Runde vom Feld weg zum Treiben aufgeboten!« Und draußen bellte schon die Meute und zogen die Haiducken die Rosse aus den Ställen und sprangen die Hegemeister und Waldläufer und Pikeniere. Denn den weißen Hirsch zu erlangen, der seit Jahren zwischen vieler Herren Länder auf und nieder wechselte, war Serenissimi inständige Passion und Sehnsucht. Er ließ Herrn Barnabas einen guten Mann sein und offenen Mundes da stehn, wo er stund, und that sich zu Pferd und ritt mit glänzender Suite unter Hörnerschall durch die Stadt hinaus auf die Jagd. Dermaßen blieb am nächsten Morgen, dem heiligen Sonntag, als eine betrübte Christenheit sich zu Gottes Ehr' im Dom versammelte, des Fürsten Philander geschnitzte und purpurn ausgeschlagene Hofloge kahl und leer. Und ebenso, zu Anfang, ihr Widerpart unten im Schiff: die Stühle seitlings am Kirchengang, drei Schritt geschieden von den ehrlichen Leuten, die ein- für allemal für den Scharfrichter und sein Haus bestimmt waren. Erst als schon die Orgel brauste und Herr Barnabas auf die Kanzel stieg, trat der Meister Uz mit Frau Bebe, seinem Weib, herein, schritt so hart an mir vorüber, daß ich hastig das Bein an mich ziehen mußte, damit sein blutrother Mantel nicht mein Knie berührte, und ließ sich auf seinem verfehmten Plätzlein nieder. Hinter dem Henkerspaar aber ging die schwarze Hille, ihr Töchterlein, sittig gescheitelt, in weißer Halskrause und schwarzer Schaube und gepufften Sammetärmeln wie ein Fräulein, das Gebetbuch in Händen, mit zu Boden geschlagenen Augen, und nahm andächtig im Gestühl neben den Eltern Platz, und verharrte so während des ganzen Gottesdienstes eifrig in Gesang und Gebet. Schien ein gut, fromm Kind ohne Arg und Fehle und reinen Herzens. Es hätte Manchen dauern können, daß solch schöne, junge Magd durch des Vaters grausam Handmerk von allen Gespielinnen und harmlosen Freuden ihrer Jahre abgetrennt sein mußte. Amen. Die Kirch' war aus. Die Hille ging vor ihren Eltern durch das Gedränge zur Thür. Brauchte nicht zu besorgen, daß sie den Weg versperrt fand. Es wich alles scheu vor der schwarzen Jungfer und ihrer Henkerssippe zur Seite. Erst draußen, am Thor, die Bettler – die sorgten nicht, ob Gerechte oder Ungerechte kamen – griffen vom Boden her auch nach der Hille und die krumm' Bürkin, ein triefäugiges altes Weiblein, hielt sie wimmernd am Rocksaum fest. Und siehe da: das Henkerskind faßt in sein Kamisol und wirft der Vettel ein glänzendes Goldstück hin! Klingt vollwichtig auf dem Pflaster und funkelt in der Sonne. Dem siechen Kunz, der seine Krücken hebt, reicht sie ein zweites, der blinden Afra ein Goldstück, die gar nicht weiß, welchen Schatz sie in Händen hält! Dem blöden Lutz, der nur lallen und grinsen kann! Dem zittrigen alten Vater Pfiffel! Allen Nothdürftigen und Bresthaften ringsum! Jedem, der die Hand ausstreckt, füllt sie die Hand mit Gold ... Durch die Menge geht ein Geschrei: »Da seht! Da seht! . .. Gottes Wunder! Nein: Teufels Wunder! Das Henkerskind hat Gold! Hat Gold, so viel es mag! Gucket, Herr Nachbar! Sie greift wieder in die Tasche! Holt Hände voll heraus! Die Tasche ist Goldes voll bis oben hin ...« Und immer wirrer, immer wilder die erschrockenen, die frohlockenden Rufe: »Die Hille streut das Gold mit vollen Händen um sich! Giebt's den Buben, die um sie betteln! Den Mousquetieren! Reicht's Jedermann am Weg ... Alle guten Geister ... Jetzt schleudert sie gar schon das Gold achtlos in die Gosse! Wirft die lieben güldenen Vöglein spielend in die Luft! Läßt die güldenen kleinen Räder lustig über das Pflaster springen! Bückt Euch! Haschet! Greift! Ich war zuerst da, Herr Nachbar! Nein – ich! Gemach! Gemach! Ist genug da für alle! Schaut doch: die Hille verschwendet das gute Gold! Geht wie in einem goldenen Regen! Frisch – dem gnädigen Fräulein nach! ... Mir! ... Gestrenge Jungfer – mir! Nein – mir – Liebe – Ehrbare! Mir! Mir! ...« Vom Thurm dröhnten Gottes Glocken. Aber lauter schrieen die Stimmen der Menschen durch alle Gassen: »Die schwarze Hille kann Gold machen ... Gold ... Gold! ... Sie hat's vom Magirus gelernt ...« Und also ward von dieser Stund ab die Henkersdirn im Lande groß und gewaltig und schier Herrin über Land und Leute ... Sie lief jetzt hurtig davon. Sonst hätten Männer, Weiber und Kinder sie todtgedrückt. Sie wandte sich im Springen um und warf Groß und Klein und Alt und Jung und Hoch und Niedrig hinter ihr Hände voll Goldstücke hin, nicht anders als wie man den Hühnern Futter streut, und während die Menschen sich darum balgten und zausten und hinfielen, gewann die schwarze Hille ihren Vorsprung und rannte lachend durch das Stadtthor auf die Brücke. Über die kam gerade eine ansehnliche Cavalcade – nämlich des Fürsten Philander Jagdzug. Seine Gnaden hatten zu währender Kirchenzeit in St. Huberti Horn gestoßen, und ist kein Wunder, daß Gott unsern Fürsten dafür gestraft und der weiße Hirsch ihm entloffen. War Seine Durchlaucht darum üblen Humors. Ließ, als er des lärmenden Wesens in seiner Residenz inne ward, die Jungfer greifen und vor sich führen. Frug streng vom Roß herab: »Woher hast du das Gold?« Antwortet die schwarze Hille und spricht: »Fürstliche Gnaden: Es heckt mir im Haus!« »Soviel du magst?« »Soviel ich mag!« »Wer aber hat es dich gelehrt?« »Das hat Herr Jedermann gesehen, durchlauchtiger Herr, daß mir der Magirus unterm Galgen sein Geheimniß offenbart hat!« »Nenn' mir das Geheimniß flugs und auf der Stelle!« Lacht die Hille und knixt: »Halten zu Gnaden! Das kann ich nie und nimmer mehr!« »Warum nicht, du kecke Dirn'?« »Ich darf das Geheimniß keinem Menschen verrathen – nach dem Geheiß des Magirus – sonst ist der Zauber flugs dahin!« Serenissimus war ohnedies schon ungnädig gestimmt. Die Widerred' verdroß ihn. Der Cabinetspräsident Baron Waldherr neben ihm lächelte geringschätzig: »Die alte Ausflucht unehrlicher Leute! Gott weiß, wo die diebische Elster das Gold gestohlen!« Der hochgeborene Graf Frey von Arnau trat Seiner Exzellenz bei: »Das Stücklein Galgenholz da prahlt mit unrecht Gut und äfft uns! Beweisen läßt sich dem Gesindlein da draußen am Henkersberg ja nichts!« Solcher Meinung ward nun mählich auch Fürst Philander und merklich ungehalten. »Haben wir deswegen den Magirus ausrotten und beseitigen lassen,« sprach er, »damit uns statt seiner künftig gar des Henkers Tochter narrt? Räum' es frei ein, du schwarze Katz': hast vielleicht ein vergraben Gold im Acker gefunden?« »Wahrlich nein, durchlauchtige Gnaden! Hab' es nicht nöthig! Kann es mir selber machen!« Da hob Serenissimus hitzköpfig im Sattel den Reitstock: »Fort! Lauf, Henkersdirne, daß du nicht an deinen Lügen erstickst! Und laß dich bei meinem Zorn nicht wieder in der Stadt blicken!« Die Hille hörte sich das nicht zweimal an, sondern war froh, so wohlfeilen Kaufs davon zu gerathen – that der Fürst auch nur so absonderlich gnädig, weil er ihren Vater als einen geschickten Freimann allewege brauchte und nicht leicht einen Besseren dafür fand – und sie schürzte sich die Röcke und rannte wie der Wind über die Brücken und war, hui – in den wüsten Weiden drüben und dickem Röhricht geschwunden. Unser erlauchter Herr Philander zog durch die Stadt heim. Die Hörner bliesen lustig. Aber heftiger schrieen die Menschen. Die Hunde bellten aus vollem Hals. Aber der Leute Lärmen war geller. Drängten sich zu viel Hunderten und Tausenden um Seine Gnaden, wollten sein Pferd nicht mehr durchlassen, faßten unehrerbietig an Steigbügel und Schweif, wenn sie sich auch noch nicht erdreisteten, Serenissimum selber freventlich anzurühren. Aber sie dräueten hart, hoben die Fäuste, vermaßen sich, sie wollten sich aus Eigenem ihr Recht schöpfen, ohne den Fürsten oder gar wider ihn, wenn nicht bald Geld ins Land käme. Und als Serenissimus zürnend die Augen rollte und Silentium imponierte, war um ihn ein Gerassel und Geprassel von Stimmen, als wenn man im Sieb die Erbsen schüttelt: warum er, der Fürst, das wunderthätige Galgenkind habe unsanft des Orts verwiesen, als welche doch recht eigentlich zu gemeinem Nutz und Frommen mitten ins Weichbild, ja sogar in hochdero Schloß selber, gehöre – füglicher als die Gräfin Bibiane, die Nichts als eine sündige Eva und Buhlerin sei und dem Lande nur Kosten auferlege? Die Henkerstochter aber bringe das Gold in Scheffeln ins Land, könne es schaffen und meistern, wie Jeder offenen Mauls und andächtig itzt erlebt – die solle man thun in ein seidenes Gemach, mit Wein und Kuchen und einem Korallenkettlein um den Hals und Kammerfrauen und Läufern, und es solle gleich ein expresser Bote abgesandt werden, sie zu holen. Seine Altesse wollte derlei nicht recht hören! Bahnte sich mit krauser Miene, sammt allen bei sich habenden Cavalieren, Pagen, Waidknechten, Rossen und Braken, durch das Gassengeschrei und die billige Marktweisheit eines unwissenden Unterthanen seinen Weg ins Schloß. Hinter ihm aber blieb unsere gute Stadt in großer Unruh, summten die Plätz' und Staden, saßen Rathskeller, Zunftstuben und Gildehäuser bis zur späten Nacht gesteckt voll von hitzigen Leut', und alle hatten rothe Köpf' und heiße Backen und redeten von dem Wunder mit der Henkerdirn' ... Der Herr Fürst Philander saßen an diesem Abend unlustig in sich gekehret und zerstreuet an der Hoftafel. Wollte es nicht achten, daß ihn die Gräfin Bibiane holdselig zur Linken anlächelte, mit einem ganz neuen Schönheitspflästerchen auf der linken Wange, und ihm schelmisch mit ihren spitzen weißen Zähnen eine Knackmandel zum »J'y pense!« abbiß. Der Herr Hofmarschall hatten es sich Gehirnschmalz genug und der Oberküchenmeister redlich Schweiß kosten lassen, um für ganz neue Divertissements zu sorgen. Aus einer großen Pastete, die die Jägerei unter Hörnerschall aufgetragen, stieg Serenissimi Leibzwerg, possierlich als St. Hubertus verkleidet, schwang sein grün Hütlein und tröstete in artig gesetzter Rede unsern durchlauchtigen Nimrod, er habe den weißen Hirsch wohl meisterlich aufs Blatt getroffen, doch jene Creatur sei kugelfest und gefeit und Niemand anders als der böse Feind selber, und also nur habe er sich höllischer Weis vor einem gerechten Waidmann salviert! Weiter: der vergüldete Pfau mit großem Federrad, der auf der Tafel erschien, trug im Schnabel eine schalkhafte Epistel von Frau Venus selber an unseren Landesvater, sie wolle an ihm gutmachen, was die spröde Diana heute versäumet, und seinem zärtlichen Herzen und Gemüth künftig desto süßere Nahrung geben. Gähnte Seine Durchlaucht. In der wälschen Opera war die neue und prächtige Komödie: »Der allezeit auf Erden grausam verfolgte, jetzt aber dennoch sieghafte und unüberwindliche Cupido«. Serenissimus mochte die Cantilenen nicht hören und die Pirouetten nicht sehen. Er gab mir, der ich im Hintergrund harrte, einen Wink mit der Augenbraue, ihm zu folgen, und schritt in sein türkisches Cabinett, das wie eines Janitscharen-Pascha's Zelt mit Yataganen und Roßschweifen, Halbmonden, Schabracken und Arquebusen geschmückt und ausgestattet war. Da war ich, der Geheimsecretarius, mit dem Herrn allein. »Höre Er, Josua!« sprach er nach einer Weile, in der er unruhig auf und nieder gewandelt. »Uns schwant, daß Wir eine Sottise begangen!« Da deprecierte ich eilig. Ein submisses Subjekt wie ich, könne irren, Seine Durchlaucht nie und nimmer. Das hörte er wohlgefällig, fuhr aber doch fort: »Wir hatten den Vogel in der Hand und haben ihn fliegen lassen! Die Henkersdirne und ihr Gold wollen Uns nicht aus dem Sinn!« »Mir auch nicht, gnädiger Herr!« »Ist das also auch Seine Meinung, Lieber?« »Wäre vielleicht die letzte Rettung gewesen, Euer fürstliche Gnaden! Sonst, besorg' ich ernstlich, geht es uns allen an Kopf und Kragen! Das Volk läßt sich nimmer lang besänftigen ...!« »Also stehen wir da wie die Lohgerber – und kommt die Reu' zu spät!« »Ei – wie denn?« sprach ich da. »Der Galgenvogel ist doch nicht übers Meer entflogen, sondern nistet ganz nah! Wir wissen doch, wo er zu finden: Kaum eine halbe Stunde Wegs von hier, beim Hochgericht!« Serenissimus nickten heftig. Wurden heiter. Klappten die Tabatière auf und schnupften guten Muths. »Man müßte einen vertrauten Mann zu der Dirne senden!« »Ja, fürstliche Gnaden!« »Nachts. Ungesehen. Heimlich – ohne daß es einem Menschen ruchbar wird, daß er von Uns Selbst kommt!« »So ist es, wie hochdero Weisheit angibt!« »Selbiger geschickte und wohlerfahrene Diplomaticus müßte die zauberische Jungfer mit guter Zured', Schmeichelei und Verheißung an sich locken, zur Reis' hierher willig machen und vor Unser Angesicht führen!« »Wird ihm schon glücken, durchlauchtiger Herr!« »Des ästimier' ich auch.« Und dabei offerierte mir Serenissimus gnädig eine Prise. »Denn Er, Josua, soll dieser getreue Mann und Sendbot' sein! Suchet jetzt gleich, um die Mitternacht, die Hexe auf dem Galgenberg heim! Das ist die rechte Stunde und dessen verlaß' ich mich unweigerlich, daß Keiner außer der Dirne selber Euch zu Gesicht bekommt und ein Geschrei durch die Stadt erhebt, als hielten wir es mit Henkersvolk, Kesselflickern, Roßkämmern, Quacksalbern und Bocksreitern da draußen!« Mir fiel vor Schrecken die Prise Tabak aus den Fingern, bei der hochfürstlichen Proposition, zu nachtschlafender Geisterzeit, in der alle Unholde wach, statt mein warmes Bette, das Hochgericht aufzusuchen! Hätte ja gleich bis zum Blocksberg weiter fahren können! War doch kein Eisenfresser und Kriegsmann, wie jüngst, mit gleichem Auftrag, der Junker von Yselteich! Gern lustwandelt sonst ein ehrsamer Bürger mit seiner Eheliebsten am Sonntag-Nachmittag bei schönem Wetter unter dem Galgen. Es ist ein trefflicher Ausguck von da auf das Land. Man freut sich des Segens der Felder und des lieben Viehs auf der Weide. Man beschaut sich dann die Malefikanten, die eine löbliche Justitia hier mit Rad und hänfener Schlinge gerichtet, und getröstet sich, daß von den muthwilligen Buben da oben nichts Böses mehr zu gewärtigen ist. Das ist ein freundlich Bild. Anders aber ist solch Pfad zur Nacht, wenn die Eulen schreien, Wehrwölf' und Widergänger am Kreuzweg hausen, Räuber und Mörder des Teufels Heerlager unterm Galgen halten! Ich war voll Ängsten und Verdruß und merkte doch wohl, daß Seiner Gnaden Befehl unweigerlich und mit ihm heute nicht gut Kirschen zu essen sei. Fügte mich also seufzend in Gottes und der Menschen Wille, sprach ein kräftiges Gebet und zog aus, wie mir geheißen. Es war eine rabenschwarze Nacht voll bösem Wind – unheimlich Klagen und Stöhnen auf den dunklen Feldern, Schilfrauschen auf den Teichen, Gelächter im Wald, Winseln und Wispern am Weg. Ich hatte mir zu mehrer Sicherheit eine halbe Wachtstuben voll Grenadiers mitgenommen und die Kerls vorher mit Branntwein fleißig traktiert. Dadurch waren sie, vom Corporal bis zum Tambour, fröhlichen Herzens, erkühnten sich, sie wollten den Teufel selber in die Hörner zwicken und am Schwanz zupfen, wann er ihnen beitrete, und wir erreichten so wirklich ohne Fährniß des Henkers Haus. Das leuchtete ganz friedsam und traulich mit hellen Fenstern durch die pechschwarze Nacht. Ich ließ meine Sauvegarde fernab im Dunkeln und pürschte mich auf Zehenspitzen an selbes Gutleuthaus und lugte verstohlen durch die Scheiben. Hinter Blei und Glas saß dadrinnen am Tisch der Meister Uz und spielte in guter Ruh mit zwei alten Scharfrichtern aus der Nachbarschaft Karten. Frau Bebe, sein grauhaarig Weib, die große Hornbrille auf der Nasen, strickte am warmen Heerd Strümpfe. Um sie hocketen Mutter Säuberlich und manch andere Hex', die Nächtens auf Visite gekommen, dick wie die Kröten, klapperten mit den Stricknadeln und ließen die zahnlos' Mäuler laufen wie die Mühlräder. Schätze, daß sie nicht vom Heil ihrer Seelen geschwatzt, sondern von sterbenden Läuften und Pestilenz, trockenen Kuheutern, Blutregen und Hagelschlag. Ich vigilierte um das ganze Gebäud'. Hinter dem Beinhaus striegelten das Pfeiferlein und der Perle Einohr gestohlene Pferde. Ich erkannte die Landstörzer, weil der Meister Uz ihnen schon einmal bei uns zum frohen Pfingstfest am Pranger ein Ohr abgeschnitten. Trugen ihm den kleinen Verdruß nicht nach, sondern blieben mit ihm gut Freund. Durch die Luken im Beinhaus fiel Licht. Da hockten finstere Gesellen mit Säcken und Brechstangen und teilten unter sich Altarleuchter, Kelche und Monstranzen. Ich besorge: Es ist der Höllenhahn selber mit seinen Erzbösewichtern gewesen, und ich wich eilends in die Nacht zurück. Die Hille aber war mir noch nicht vorgekommen. Da ward ein Seitenpförtlein unsanft aufgestoßen und flogen ein paar Gesellen gröblich ins Freie, unter die Stern' und Wölfe, und die dem Hirsch Assur und dem Chaim Katzeneljon und dem Reb Naphtali so ungehobelt heimleuchtete, war des Henkers Töchterlein und stand mit hochgehobenem Stall-Licht auf der Schwelle, und noch ein Tritt mit dem kleinen Schuh hinterher. Rieb sich der Münzjud den Buckel, greinte zwischen Lachen und Flennen: »Lasset die Späß' jetzt unterwegs, Jungfrau!« Und der Chaim: »Halbpart! Mit Eurem Gold!« Und der Reb: »Wir machen Euch groß und mächtig im Lande!« »Groß und mächtig bin ich schon!« spricht die Hille. »Weiset uns wenigstens Euer Gold vor!« bettelte der Assur. »Keiner in der Stadt will es uns reichen und zeigen: meinen alle, wir hätten uns ehe schon am Gold bald blind gesehen!« »Ich zeig's Euch nicht!« sagte die Hille und es klimperte hell in ihrer Taschen, wenn sie mit der Hand darin spielte. »Aber denen, die Euch morgen den rothen Hahn auf's Dach setzen sollen, denen will ich's zeigen!« Da trollten sich die drei und der Hirsch Assur sprach zu den Andern: »Es wird Zeit, daß wir uns aus der Stadt verziehn! Geht sonst um Leib und Leben!« Und wirklich wurden am nächsten Abend weder er, der fürstliche Münzjud, noch sonst die Andern mehr in unseren Mauern befunden, sondern waren in aller Heimlichkeit davon. Die schwarze Hille war in ihr Kämmerlein neben der Pforte getreten. Stellte da ihren Wachsstock auf den Kasten. Ich war eben willens, ihr zu folgen: Schau – wer hat da in der Ecke gestanden und gewartet, und rückt sich jetzt aus dem Dunkel der Stube ins Licht? Herr Wirich, unser Schöppenmeister, konnte sonst brav Hexen brennen. Ward deß nicht leicht müd und zog auch jetzt ein gräuliches und bedrohliches Gesicht. »Denk' an den Magirus!« heischte er und die Gier nach dem Gold zuckte ihm aus den Augen. »Wenn du dich nicht redlich und freigiebig gegen mich erweisest, wird's dir ergehen wie ihm!« Lachte das Henkerskind und schob den gefürchteten Mann an den Schultern zur Thür hinaus. »Mag's mir schon ergehen wie dem Meister Magirus! Euch fürcht' ich keinen Deut!« Und ehe ich nun – unbemerkt, wie mein Fürst mir geheißen – an dem Schöppenmeister vorbei zu der Hille gelangen konnte – halt – wackelten da zwei feiste Bäuch' durch die Nacht. Schnauften weithin, wie nur die Ehrbaren und Gestrengen schnaufen – sind keine anderen als der dicke Gerspach, der Rathsherr, und unser wohlweiser Bürgermeister, Herr Rupert, selber ... Waren jetzt nicht gewichtig und hoffärtig, mit güldenen Amtsketten und Knaufstöcken und Perücken wie sonst, sondern standen demüthig, die Hüt' in Händen, mit krummem Rücken, vor der Henkerstochter, und unser Stadtvater flennte schier und faltete die zehn Finger über seinem Schmeerbauch und weinte: »Liebe, süße Jungfer! Gebt mir ein weniges von Eurem Gold! Will's auch getreulich zu allgemeinem Nutzen behalten und verwahren!« Macht die Hille dem Hochgebietenden eine lange Nas' und spreizt keck das klein Fingerlein. Läßt sich vernehmen: »Stehlen wollt Ihr's! Gewinnt aber von mir keinen Stüber in den Kasten!« Ich, Josua Siebengang, fand, als die Beiden erzürnt abgeschieden, annoch nicht den Eintritt zu der Hille Kammer. Durfte mich ja nicht sehen lassen, und es stieg doch da Einer nach dem Andern Nächtens und heimlich den Weg aus der Stadt zu ihr. Wickelte sich erstlich der fürstliche Leibarzt Dr. Zwerg heimlich aus der Kapuzen, rückte die Brille zurecht und wisperte: »Höret, holdselige Jungfer! Ich misch' Euch Liebestränk', für Euer Gold, daß sich ein steinern Herz erweicht!« Wiegt sich die Hille wohlgefällig vor dem Spiegel: »Brauch' keinen Liebestrank, daß sich die Männer in mich vergaffen!« Riecht es plötzlich vor dem Hause übel und tappt rauh und zottig Etwas wie ein Bär aus dem Wald. Auch dem Pater Daniel Eremita, dem Einsiedler, läßt das Hexengold keine Ruh'! Möcht' den Teufel aus der Hille treiben und ihrer Seele Frieden schaffen, wenn sie ihm dafür etliche Dukaten verehrt! Füllt die Hille ihm die gierig hingestreckte Hand mit Asche und lacht: »Da habt Ihr eines frommen Manns Dukaten!« Und immer ansehnlicher wurden vor meinen, des Geheimsecretarii, erschrockenen Augen die Leut' aus der Nacht. Es fehlte bald Nichts, was in unserer guten Stadt da hinten Rang und Ansehen hatte. Schlich sich Einer hinter dem Andern heimlich, in seinen Mantel gemummt, daher, und meinte, ihm müsse es glücken und er der Henkerstochter Gunst und Gnade gewinnen. Raunte und winkte ihr aus der Nacht der Colonel Roland, ein wohlberühmter Held auf Amors camp de bataille und Meister in allen galanten Aventüren, und dachte, als sie herauskam, er würde sie, wie schon so manch Gänslein, mit feurigem Blick und martialisch aufgezwirbeltem Schnurrbart bezwingen. Giebt ihm die Hille, wie er sie flugs an sich reißen und gewinnen und küssen will, einen Backenstreich, daß die Schacher am Galgen drüben den Klatsch hören und merklich durch die Nacht meckern. Da stellte es der Jägermeister, Herr Graf Frey von Arnau, freilich sittiger an: Seine Hochgeboren beugten zierlich vor der Henkersdirn' ein Knie und lispelten: »Gnädiges Fräulein! Dero von heißer Liebe entzündeter Knecht bietet Euch Herz und Hand, Nam' und Wappen!« Stemmt die Hille die Hand' in die Seiten und zuckt verächtlich die Achseln: »Was frommt mir ein Gräflein? Mein Sinn steht nach mehr!« War eine unselige Prozession menschlicher Schwäche und Eitelkeit vor meinen, im Dunkel betrübten Blicken. Auri sacra fames ! klaget schon der heidnische Poet Ovidius – unheiliger Hunger nach Gold! ... Es war nur der Herr Hofcavalier Percival von Yselteich – seinen Ehren sei's gemeldet – der besser als die andern hohen, weisen und gestrengen Herren, die schwarze Hille und den Weg zum Henkershaus kannte, und doch den Weg und die Hille nicht fand, sondern daheim, bei seiner lieben Braut, dem Fräulein Delphine, blieb, mochte ihm die Hille in jener Nacht, als er sie nach dem Diebsthurm holte, noch so heiß verbuhlte Blicke zugeworfen haben, und er also, vor allen anderen, hätte voll von Hoffnung und Anrecht auf ihr Gold sein können. Das Fräulein Delphine, seine künftige siebente Rippe, war, wie schon vordem von mir berichtet, des Herrn fürstlichen Cabinetspräsidenten, des Freiherrn Waldherr von Wackersburg, Tochter. Wo blieb um diese Stund' ihr mächtiger Herr Vater? Auf welchen Pfaden wandelte in dunkler Finsterniß seine hochgebietende Exzellenz? Oh Zeiten! Oh Sitten! Oh Menschengeschlecht! Durch die Nacht nahete, von Kammerknechten geleitet, ein großer Herr. Hielt wohl den Zipfel seines Mantels vor das Antlitz, mußte ihn aber dann doch, als er vor der Hille stand, fallen lassen, damit sie ihn erkenne und ihm die schuldige Ehrfurcht erweise, und nun war es, vor Thau und Tag, auf dem Galgenhügel, der Herr Präsident in eigener Gestalt und Person, sah sich scheu nach jeder Richtung der Windrose um, faßte die Henkerstochter an der Hand und flüsterte sanft und väterlich: »Lieb Kind – komm mit mir! Sollst es gut haben in der Stadt! Jeden Tag in einer vierspännigen Kutsche fahren und Schleckereien, Geschmeide und prächtige wälsche Kleider haben, daß die Fräulein vom Adel vor scheelem Neide zerplatzen! Sollst gehalten werden wie meine eigene Tochter! Komm nur und sei getrost!« Streckt die Hille, das jung Kind, böslich seiner Exzellenz die Zunge heraus und lacht dazu und ihre weißen Zähne blitzen und ihre schwarzen Augen funkeln, und der Herr Cabinetspräsident retiriert, des Todes entsetzt vor solcher Vermessenheit, einen Schritt nach hinten. Ich beobachtete, aus meinem Rückhalt im dunkeln und freien Feld, betrübten Herzens das schnöde Bild und vermerkte plötzlich, daß ich nicht allein war. Es stand, in der Finsterniß, unversehens eine Gestalt neben mir, als sei sie aus dem Erdreich zu meinen Füßen gewachsen. Schien ein Mann in einem langen, weiten Mantel und kannte mich. Denn er redete mich bei Namen an und ich erschrak. »Eine groß' und wunderlich Nacht! Dünkt es dem Herrn Secretario Siebengang nicht auch so?« Blieb ich stumm wie ein Karpfen. Jener aber weiter: »Heut' wird der Menschen Geheimniß ruchbar! Wer sich sonst verstellte, deß Herz liegt jetzt bloß, und was in Sammet und Seide stolzierte und sich blähte, da fallen die Hüllen, und die Vornehmsten gehen nackt einher wie Adam.« Die Stimme des Fremden schien mir wundersam bekannt, und ich wußte nicht woher. Spürte aber eine Gänsehaut übern Rücken rieseln. Vernahm weiter: »Kehrt so die Menschheit zur Schlichtheit und Einfalt zurück, wird unschuldig wie die Kindlein und offenbart ihr innerlichstes Trachten und Wesen. Das nennt sich unser liebes Gold!« Selbe Stimme hatte ich schon oft vernommen! Eine Erinnerung kam mir. Ein Grausen packte mich an. Langsam sträubten sich mir die Haare zu Berg. Sprach der Mann neben mir feierlich und langsam: »Ihr preiset das Gold in allen Zungen! Ihr hänget und gieret nach Gold! Gold ist Euer täglich Begehr und Gebet, Euer stündlich Sehnsucht, Euer höchste Lieb' und Lust bei jedem Athemzug auf Erden! Item : Ehret die, die Gold machen, und hänget sie mit Nichten! Preiset die, die den Stein der Weisen haben, und brennet sie nicht! War übel gethan, Herr Secretarius, und hat Euch soviel gefruchtet, als wenn man auf einen alten Sack schlägt!« Der Herr Cabinetspräsident war drüben nicht mehr vorhanden. Die schwarze Hille stand allein und hielt das Laternlein in der Hand. In dessen Schein gesellte sich zu ihr der fremde Mann im Mantel und stand leibhaft da und war der Meister Magirus ... Da spürte ich kalten Schweiß und knickten mir die Kniee, und ward mir des Satans Bosheit und List zu viel und ich schlug ein Kreuz übers andere, und lobte Gott den Herrn und flüchtete, was ich vermochte und meine Beine hergaben, zu meiner salvaguardia , und der Soldateska wurde, als sie mich denn derart verstört vor dem Bösen fliehen sahen, jämmerlich bang ums Herz, und mir rannten selbzehnt über Stock und Stein, und ich war erst wieder froh, als sich das Stadtthor hinter mir schloß. Vor Serenissimi Angesicht aber hinzutreten, wagte ich den ganzen nächsten Tag nicht, weil ich seinen Auftrag nicht ausgerichtet, und hielt mich auf dem heimlichen Gemach verriegelt und verborgen, als er nach mir sandte. An diesem Tag aber langte unser Herrgott seinen Kometen, die Zuchtruthe, vom Himmel ... Es war ein gemeiner Werkeltag. Aber beim Kupferschmied, Böttcher und Spengler lag der Hammer still. Unter der Schusterkugel und auf dem Schneidertisch saß keine Seel', der Tuchmacher walkte nicht und der Weber ließ nicht das Schifflein gleiten, es ging kein Seiler rückwärts und kein Färber machte sich die Arme blau. Aber die ganze Stadt machte blau. Man hätte meinen mögen, der Magirus würde noch einmal gehenkt, so ging eine Wallfahrt gemeinen Volks durch das Thor hinaus zum Galgenhügel. War ein Gedränge und Gejauchze, ausgestreckte Händ' und goldener Segen aus der Hille Händen, um des Scharfrichters Haus, als sei da Kaiserkrönung Römischer Majestät. Man vernahm das »Hoch!« und »Heil!« und »Dank!« bis in die Stadt, so gewaltig jubelte die Menge. Es trug Jeder, Groß und Klein, von der Hille sein Scherflein heim und liefen Narren voraus durch die Gassen und verkündeten: »Der jüngste Tag ist da! Die goldene Zeit ist kommen! Speis' und Trank für Jedermann, Kleider und Schuh und was man begehret, nach Herzenslust!« Und der Bader Tückmantel gröhlte aus rauher Kehle: »Es braucht Keiner mehr zu arbeiten!« – Was solchem Hansdampf in allen Gassen freilich lieblich einging – und hinter ihm jauchzeten, die ihm folgten: »Die Hille Uz sorgt für uns alle, so lang wir leben! Die Jungfer Uz ist mild und gnädig und erbarmt sich des armen Manns!« Prahlten mit ihren Dukaten, die sie von der Henkerstochter überkommen! Der Hornickel, der ungeschlachte Gesell, war mit viel anderen muthwilligen Bauern in die Stadt gerückt, schlug die Faust voll Gold auf den Wirthstisch und verschwur sich: »Damit kauf ich mir künftig beim Gericht wider Vogt und Amtmann mein Recht!« Er und seine Gesellen waren schon mit Sensen und Dreschflegeln bewehrt, und die hochfürstliche Waffenmacht klopfte ihnen nicht auf die Pratzen, sondern zog Arm in Arm ungescheut mit selben Kerlen über den offenen Markt, rief: »Victoria!« warf die Hüte in die Höh' und ließ die Donnerbüchsen in die Luft gehen, allwo schon die Glocken ängstlich bammelten und bimmelten, und der Peter Siebenschuh, der baumlang Grenadier, spuckte dem Herrn Colonel Roland, der sie an Eid und Pflicht ermahnte, bäurisch vor die Füß': »Wir Soldaten von Fortune brauchen nimmer auf Eure blutwenige Löhnung zu warten! Haben Gold in Hauf! ... Unsere Patronin ist Ihre Gnaden, die schwarze Hille!« Und tausend Stimmen schrieen es und jubilierten und füllten die Stadt mit ihrem Getöse, daß bald, wie vor den Posaunen von Jericho, die Mauern wankten: »Morgen, zwischen der Frühsuppen und dem Mittagskraut, zieht die Jungfer Uz festlich bei uns ein! Sie hat's versprochen und gelobt, daß sie uns ohne alle Zoll' und Zehnten, Mauth und Frohn, weislich halten und regieren will! Und es bringt uns von jetzo ab der Steuerbot' das liebe Geld ins Haus – Jedem, so viel er eben braucht! – und der Pfandmeister geht mit dem Säckel von Haus zu Haus und zahlt Jedem seine Schuld auf Heller und Pfennig aus, und wer weiter alleweil gern ein Fäßlein mit Goldstücken bei sich auf der Diele stehen haben mag, der soll nur zur Hille aufs Schloß vor ihren Thron und seinen Kratzfuß machen, und sich's dort holen!« Und männiglich auf den Gassen faßte sich an den Händen, tanzte Ringelreigen, sang und sprang, und die kleinen Kindlein schon jauchzten mit roten Bäcklein: »Morgen ist die alte Obrigkeit abgethan und hat alle Noth ein Ende!« Wie ich solches vernahm, da fiel mir das Herz in die Hosen. Aber ich faßte es mir wieder und wagte mich um das Zwielicht durch des Volkes Toben vor dem Schloß hinein in Serenissimi Muschelsaal, allwo er als Schäfer Paris just die Flöte blies und anmuthig dazu die Allonge-Perücke bewegte. Es lag ihm schon der Apfel zur Hand, den er der Schönsten reichen sollte, und machten sich, hinten in der Grotte, Venus, Juno und Minerva bereit, vor hochdero Richterauge zu treten. That mir weh – aber ich mußte solch unschuldiges Arkadien stören. Warf mich Seiner Gnaden zu Füßen. Beichtete, daß ich in verflossener Nacht mit Nichten dem Teufel das Spiel abgewonnen. Der durchlauchtige Herr hörte mich mit krauser Stirne an, scheuchte unmuthig das Frauenzimmer in der Grotte, welches denn auch selbdritt seine Linnen raffte und sich von dannen hub, und neigte fragend sein fürstlich Haupt gegen den Herrn Grafen Frey von Arnau, welcher ihn gewohntermaßen bei alltäglichem Schäferspiel und Nymphen- Einfalt accompagnierte, und Seine Hochgeboren ließ sich als glatter Fuchs vernehmen: »Wenn mir auch selber solche Gelegenheiten, wie Galgenhügel und Henkershaus völlig unbekannt und ich niemals nicht mit keinem Schritt dort gewesen, so blieb's mir doch nicht verhohlen, daß viele Leut' seit mehren Tagen da draußen in der Asche des Scheiterstoßes fleißig nach etlichen Knöchlein und Rippen des verbrannten Magistri gesucht, um solche als Amulett und Talisman zu gebrauchen, aber kein kleinwinziges Stücklein von ihm gefunden, woraus denn das abscheuliche Gerücht entstanden, der Goldmacher Magirus sei, gleich einem Phönix oder Salamander, in den Flammen wieder zum Leben gekommen und annoch unter uns anwesend und lasse nun all seine bösen Künste tausendfach spielen, und aus diesem verkehrten Glauben schöpfet nun das Volk seinen bösen Muth!« »Das ist es ja, Euer durchlauchtige Gnaden!« seufzte und schrie ich und lag dabei noch mit den Knieen auf dem Bodengetäfel. »Ich selbst habe ja in verwichener Nacht den Nekromanten Magirus leiblich vor mir stehen sehen und seine Stimme aus dieser Welt vernommen!« Serenissimus äugte unwillig durch sein Stielglas auf mich hernieder, das nach Pariser Mod' künstlich aus Bernstein geschnitten und mit einem rundgeschliffenen Berg-Krystall besetzt war. »Fasele Er nicht, Josua, und stehe Er auf!« gebot er, und ich klopfte mir den Staub von den schwarzsammtenen Escarpins und beharrte, unterthänig und doch mit einigem Trotz: »Der Magirus lebt!« »Deß wollen Wir Uns selber überzeugen!« sprach unser Fürst Philander, mit einem spöttischen Lächeln der Großen dieser Welt, die da meinen, daß Alles auf Gottes Erden nur zu ihrer Kurzweil da und sich nach ihrem Gusto fügen müsse. »... und wenn mir's nur noch diese Nacht anstehn lassen, Allergnädigster, so verschlingt uns der Magirus und die Hölle mit Schuh' und Strümpfen, Haut und Haar!« »Just darum wollen Wir selber hinausreiten und mit dem Henkerskind ein Tänzlein wagen!« resolvierte sich Serenissimus vergnügten Gesichts. Und ich, mit zu unserem Herrgott verschlungenen Händen: »Möge solch unerhörte ritterliche Fahrt wider Vampyre, Teufelswunder und Hexenspuk Euer Gnaden zum Heil ausschlagen und die Unruhe im Volk abstellen!« »Um des Pöbels Murmeln sorgen wir uns so viel als wie wenn die Mäus' pfeifen!« sprach Serenissimus leichtweg, obwohl ein übles Geschrei von draußen das Plätschern der wasserspeienden Tritonen, Delphine, Nereiden und Püsteriche im Muschelsaal übertäubte, – wickelte seine Damaszenerklinge um den kleinen Finger und ließ sie, in abenteuerlicher Laune, schnellen. »Er, Josua, bleibe hinterm Ofen und lasse sich von seiner Hausehre einen Fliedertrank kochen! Er ist selber ein altes Weib und nicht zu gebrauchen, wo's cavalièrement hergeht! Frisch aufgesessen, Graf Frey! Wir wollen heut' Nacht dem Schöppenrichter ins Handwerk pfuschen und, statt auf Hirsche, auf ein Hexlein jagen!« In einer stattlichen Cavalcade, mit Chevaliergarden, Kammerhusaren, fackeltragenden Mohren und Dienern, den Leibtürken neben sich, als welcher ein unwissender Heide war und sich vor Gespenstern nicht fürchtete – unter Hifthornblasen und Plempengerassel zog Serenissimus hohen Muths dem Hochgericht zu. Die Gäule wieherten, die großen Saurüden kläfften. Vor diesem Getöse, wie es selbst den Irokesen fremd, flohen alle bösen Geister. Unterm Galgen mochte sich Nichts regen. Im Henkershaus drüben waren plötzlich alle Lichter erstorben, und es duckte sich, still wie ein verkrochener Haas im Lager, platt ins Dunkel. Also ließ Fürst Philander einen Hornstoß ergehen und klatschte voll Ungeduld in die höchsteigenen Hände. Wollte sich doch Nichts rühren. »Wir besorgen: Die Vögel sind ausgeflogen!« geruhte er zu äußern und wendete sich im Sattel zu seinem Gefolge, sah aber da ängstliche Mienen und bang ausgereckte Zeigefinger. Die deuteten hinter des Henkers Dach nach dem Beinhaus, wo Meister Uz die Schädel und Knochen der Schächer verwahrte, die im Lauf der allmächtigen Zeit vom Galgen hernieder gefallen, und wohl seinen Hokus-Pokus mit solchen Hirnschalen und Diebsdaumen trieb. Es stäubten dort rothe Funken in Schwärmen aus der Esse, stiegen wie Glühwürmer in der Nacht und flogen mit dem Wind ins Weite. »Dort macht die schwarze Hexe Gold!« rief der Herr Hofjagdmeister und Seine Gnaden klopften ihm auf die Schulter: »Steigt mit mir vom Pferd, Graf Frey, lasset die Suite warten und geht mit mir. Wir wollen allein die Jungfer kirr machen und das Abenteuer bestehn!« So nähern sich der hohe Herr und sein Freund und Waidgenoß getrost dem verschlossenen Beinhaus, das platt und schwarz daliegt wie ein Drache und aus dem Schlot mit den Flammen züngelt. Fällt aus dem Haus plötzlich ein feurig helles Viereck von flackerigem Licht ins Dunkel: die Thür ist aufgegangen, und in dem grellen Widerschein des Heerds da drinnen steht, wie in einem Flammenmantel, die schwarze Hille, also daß sie den Zugang zum Schmelzofen verdeckt und verwehrt, zuckt geringschätzig die Schultern wider die beiden Gäst' aus der Nacht und ruft, als wären es ein paar fahrende Handwerksgesellen: »Hier ist keine Herberg'! Sucht Euch ein ander Quartier!« »Gemach, Jungfer ...« beschwichtigt der Graf. Sie indessen: »Hab' keinen Raum für Grafen und anderes Bettelvolk!« Tritt Fürst Philander zürnend in voller Majestät und Herrlichkeit vor sie, recht in den Lichtschein. Steht da wie Gott Jupiter selbst. Fragt aus seiner Höh' und Glorie herab: »He – Dirn: Kennst du Uns?« Und wie sie gelassenen Sinnes nickt, weiter: »Also wer bin ich?« Schränkt die Hille die Arme über der Brust und spricht: »Heute noch das, was ich morgen sein werd'!« Da goß sich eine merkliche Zornröthe über unseres Herrn und Fürsten wohlproportioniertes Antlitz. »Ei – du Speikatz!« sprach er. »Dir wollen wir das Fauchen und Kratzen ernstlich legen!« Und zu dem Grafen Frey gewendet, verordnete er gnädig: »Rufet und winket nach hinten den bei uns habenden Troß herbei! Wir werden diese maulfertige, aufrührerische Creatur, die unserer Milde und Nachsicht spottet, frischweg fangen, in die Stadt führen und heute noch als eine Hexe justifizieren!« Schnippt die Hille, indeß der Herr Hofjagdmeister zu der Reiterschaft im Dunkeln eilt, mit dem klein Fingerlein, lacht und rühmt sich: »Probiert's! Mit selbem Nagelglied bin ich gewaltiger als Ihr!« »Geduld' dich nur, du Nachtkauz! Werden dir schon die Flüglein schneiden! ... En avant , Graf Frey! ... Fackelt nicht lange! Führt meine Suite heran!« »... Denn ich hab' das Gold!« schreit die Hille mit einer Stimme, die allen wie mit Messern durch Ohren und Seelen schnitt, und reckt und streckt sich in die Höh' und ihre schwarzen Augen glühen. »Und wer das Gold hat, hat die Welt!« Und vor all den Cavalieren, Büchsenspannern, Mohren und Waidvolk, die da zähneklappernd und aneinandergedrängt heranrücken, – Hirschfänger, Degen, Saufedern und Fackeln in der Rechten und mit der Linken sich ohne Unterlaß bekreuzigend – vor all den guten Herren und Knechten hebt die Hille mild die Arme, tritt einen Schritt zur Seite, giebt den Zugang und Einblick ins Beinhaus frei ... Da gefror vor solchem Bild auch dem dreistesten Hans Fürchtmichnit das Blut in den Adern ... Ein feuriger Glast erfüllte das Gewölb, daß Einem die Augen weh thaten. Durch die blutig heiße Luft grinsten die Todtenschädel von den Wänden und lehnten die Knochenmänner, die der Galgen drüben abgeschüttelt, in den Ecken, und vor ihren schwarzen Augenhöhlen hüpften glühende Funken und schlugen wie ein zauberischer Wirbelsturm hinauf in den Schlot. Unter der Esse aber, um den Schmelzofen inmitten des Beinhauses, loderten schuhlange, feurige Zungen und leckten brausend um den rußgeschwärzten großen Kessel, und hinter dem brodelnden Bottich stand Einer, inmitten der flackernden Flammen, als sei er selber des höllischen Elements und mit ihnen verwachsen und eins, und schöpfte von der rauchenden, geschmolzenen Speis, damit der Heerd beschickt, und gewann mit jedem Löffel ein rothglühendes, reines Gold, und hämmerte und prägte es als des Teufels Schmied mitten im Feuermeer, und warf es von sich zu Boden. Da rollte es, da lag es zu Haufen, da thürmte es sich zu Hügeln von Dukaten. Standen schon die Skelette in den Winkeln mit ihren Fußknochen im Gold und von dem Amboß sprühte es ohne Rast und Unterlaß wie ein güldener Regen in das Gaukelspiel von schwälender Luft und wehender rother Brunst. Und der da den Hammer schwang und tanzen ließ – kling – klang – durch das Sausen und Singen der Flammen – das war der Meister Magirus selber, in seinem güldenen Sterbekleid zwischen der blutigen Lohe – nun aber jung und schön, stattlich und männlich, freudigen Angesichts und mit braunem, langem Bart. Und es schien, als wüchsen ihm krumme Teufelshörner überm Haupt und sei ihm hinten ein langer, buschiger Schweif entsprossen. »Courage, Graf Frey! Sans peur et sans reproche !« schreit Fürst Philander und schwenkt seinen Degen. »Der Gesell im feurigen Ofen und, was wir da schauen, ist eitel Blendwerk Beelzebubs und schwindet ins Leere, wenn wir's herzhaft angehn!« Der Magirus aber fletscht die Zähne und wirft dem Herrn Jagdmeister, der die Augen zukneift und sich auf ihn stürzen will, einen glühenden Dukaten ins Gesicht, daß er zurücktaumelt, und die Hille klatscht in die Hände und lacht wie toll: »Ihr kennt die Henkersgriffe nicht, Ihr hochedelgeborenen Tröpf'! Ich hab's unterm Galgen meinem Vater wohl ins Ohr gemeldet, daß der Magirus mich das Goldmachen lehren will! Da hat er dem Meister fein säuberlich den Strick zwischen Kinn und Ohren geschlungen und ihn so gehängt, daß er wohl eine Zeit durch die Kehle Luft ziehen und sich erhalten konnt', und hat sein großer Bart den falschen Knoten darunter und das ganze Henkersstück vor dem Volk verborgen. Um ihn aber geschwind vom Galgen herabzugewinnen, haben wir das Märlein von dem Feuerstoß ersonnen! Der Herr Magister hat den Scheiterhaufen nie erkannt, ist nicht von Asche, sondern von Fleisch und Blut!« »Ich lebe!« rief der Magirus aus dem Flammengezüngel. »Ich bin tausend Jahre alt!« Draußen in der Nacht war ein Gelaufe und Hufgepolter und Waffengeklirr, und da der Herr Graf Frey sich umkehrte – sieh: da stob des Fürsten ganze Cavalcade, in Todesängsten vor dem Teufelsspuk davon – die Gäul' mit angelegten Ohren, die Hund' mit eingezogenen Schwänzen, die Menschen mit übern Kopf geschlagenen Mänteln. Ritt und lief ein Jeder in die Nacht hinaus, wie er nur konnte, und allen voraus, brüllend wie ein Ochs, der Hassan, der unverzagte Leibtürk. Da ward es auch einem gottlosen Herrn wie dem Grafen Frey von Arnau weh zu Muth und er riß seinen Fürsten, der immer noch halben Herzens und zitternd mit der Klinge nach dem Magirus zielte, mit sich von dannen. »Die Unholde verzaubern uns, wenn wir nicht weichen!« keuchte er. »Wir müssen flugs heim und uns auf die Sonne vertrösten. Am lichten Tag haben die Gespenster keine Gewalt. Da raffen wir eine Rotte Mannskerle zusammen und räuchern die Hexenküche aus, als wie wenn man Dachse gräbt!« Ward das eine Nacht und Heimkehr für unseren armen Herrn, der sich, des tapferen Bluts seiner Ahnen gemäß, und seinem bessern Theil getreu, aus Seidenpfühl, Nymphenspiel und Lotterei unverzagt in Abenteuer und Gefahr gestürzt! Wo waren die ledigen Rosse? Hinter der retirierenden Suite her entloffen und davon! Wo blieben die Fackeln? Weggeworfen und zertreten! Die beiden Cavaliere irrten zu Fuß in stockfinsterer Nacht, konnten die Hand nicht vor den Augen sehen, merkten, daß sie vom Wege abgekommen, nur am Rauschen des Waldes und dem Plätschern der Quellen um sie her. Also hielten sie sich an der Hand, um nicht auch noch einander zu verlieren, und suchten ihren Pfad und kämpften mit den wüsten Nachtgestalten. Die Wurzeln am Boden wurden lebendig und wickelten sich ihnen um die Knöchel, als seien es Schlangen. Sie hörten die Wölfe heulen und der Käuze Gelächter. Athmeten auf: denn da leuchteten zwei helle Lichter von einer Waldhütte. Die wurden, als sie drauf zu stapften, rund wie die Räder und gräulich flammengelb und hockte da ein grimmer Schuhu und schlug mit den Flügeln. Wandten sich die zwei vielgeplagten Herren seitwärts, erreichten einen Kreuzweg. Auf selber Lichtung stand der Mann mit dem Kopf unterm Arm und mehrte ihnen mit erhobener Hand, daß sie wohl oder übel umkehren mußten. Endlich, als die Nacht sich noch kaum hellte, stießen sie auf einen freundlichen jungen Burschen im Wald. Der erbot sich, sie gegen Geld und Gotteslohn wohl zu geleiten, führte sie kreuz und quer, hin und her, und als der Morgen graute – da standen Serenissimus und der Graf wiederum da, von wo sie ausgegangen, – auf dem Armesünderhügel, und der junge Gesell, der ihr Wegweiser gewesen, hing da oben hoch am Galgen und streckte ihnen die Zunge heraus. Es ward hell. Die liebe Sonne schien roth und warm über das Hochgericht, der Himmel wurde blau, die Lerchen sangen, es war weithin Ruh' und Frieden, als gäbe es gar keine Wechselbälge und Kielkröpfe, Kobolde und Alraunen, Satans Söhn' und Töchter und höllischen Hofstaat auf der Welt. Im Henkershaus drüben waren die Läden vor die Fenster geschlagen, aber die Thür stand trotz der frühen Morgenstunde weit offen und ließ sich doch Niemand nicht sehen. Das unehrlich Volk schnarchte wohl noch in den Betten, und Fürst Philander, üblen Muths von der Nacht, erbittert und erhitzt, fuchtelte mit seinem blanken Degen in der Luft und schritt stürmend und sporenklirrend auf die böse Herberge zu. »Am lichten Tag fürcht' ich nicht Tod und Teufel!« rief er. »Will allen Zauberern und ihren Vetteln da drinnen zeigen, wer noch Herr im Lande!« Seine Gnaden und der Herr Graf drangen ein. Scheuten sich keineswegs, Lärm zu machen, um die Schläfer zu erwecken. Konnten aber doch nicht Mann noch Weib mit ihren spitzen Klingen aus den Federn kitzeln. Denn das ganze Haus war leer und verlassen. Nur in der Asche im Heerd lag ein großer schwarzer Kater, stellte sich, als der Herr Graf Frey ihm dräute, auf die vier Beine, machte einen krummen Buckel und sprühende grüne Augen und ging langsam zur Thür hinaus. Die beiden Cavaliere folgten ihm auf den Flur. War der Kater weg und stand statt seiner da die Mutter Säuberlich. Die hütete das Haus. Wo die schwarze Hille sei – begehrte Seine fürstliche Gnaden von ihr zu wissen, und die Mutter Säuberlich machte ein feierliches Antlitz, wies mit dem Krückstock nach Hochdero Residenzschloß in der Ferne und bedeutete uns: »Prinzessin Hille ist mit ihrem Krönungszug unterwegs nach der Stadt!« Aus der Stadt trug der Morgenwind den Klang von allen Glocken. Unser Herr Fürst Philander wollte darob noch herzlich lachen, aber dem Grafen neben ihm war nicht mehr lustig ums Herz, sondern er schrie unsanft Seiner Gnaden ins Gesicht: »Springt, was die Beine mögen! Sonst seid Ihr ein Herrlein ohne Land!« Das Laufen zu Fuß war den beiden Erlauchten und Hochgeborenen sauer, die sonst gewöhnt, Gottes Welt von Rosses Rücken zu begucken. Manchen Tropfen Schweiß vergossen sie und spürten Stechen in den Rippen und schnappten Luft, bis sie nur die Landstraße vor dem Thor erreichten. Aus dem Thor aber rollten sechsspännige Karrossen, mit bangen, großen Herren statt der Lakaien auf den Trittbrettern, und hieben die Postillone auf eilig und liederlich angeschirrte Gäule und galoppierten Edle und Gestrenge, die Eheliebste hinter sich im Sattel. Trugen im Trab die Hof-Mohren in einer verschlossenen Sänfte unsere Gräfin Bibiane davon, die schreckensbleich dasaß und hastig die rosig geschminkte Wange mit dem schwarzen Schönheitspflästerchen zur Seite wandte, um Seine Gnaden nicht zu sehen. Der Leibarzt Dr. Zwerg fuhr in einer Staubwolke an ihm vorüber und wollte des hohen Herrn, dem er so oft unterthänigst den erlauchten Puls gefühlt, nicht wahr haben. Der Colonel Roland sprengte, mit verbundener Stirn, ein Pistol in der Hand, aus der Stadt daher, und ritt Serenissimus schier in den Graben, und blind weiter, um sein Leben zu retten. Der Leibtürk rannte vorbei, der Kammerzwerg, all der Hofstaat und das Schloßgesinde, und es wollte Keiner auf den Ruf unseres armen Fürsten hören, und sie achteten ihn, vor dem sie gestern noch geschlottert und gekniet, nicht mehr als eine Handvoll Staub am Weg. Und wie Hochdero erster und unser Aller Ahnherr Adam aus Staub geworden, so, in irdischer Vergänglichkeit nach aller Pracht und Eitelkeit, stand Fürst Philander da und sprach zu seinem Jägermeister: »Heute lerne ich die Menschen wahrlich und eigentlich kennen und schlucke die bittere Pille, die Wahrheit heißt!« und merkte nun erst, daß auch der Herr Graf heimlich von seiner Seite fort war und ihm Nichts hinterlassen als den höllischen Dukaten, den ihm der Meister Magnus ins Gesicht geworfen. Den hatte er, als ein mit Fug abergläubischer Herr, lieber zu Boden fallen lassen, als sich mit Satanskram auf der Flucht zu beschweren, und Serenissimus hob das Goldstück auf und steckte es zu sich und hatte alles Land und Erbe verloren und Nichts dafür gewonnen als diesen Teufelsgulden, und der durchlauchtige Herr stand einsam und verlassen auf freiem Feld und wußte nicht, wo er sein Haupt noch niederlegen sollte. Da kam Einer des Wegs, – der war ihm treu geblieben. Spornstreichs ritt der Herr Hofcavalier Percival von Yselteich heran, die blutige Klinge zur Linken, und führte ein wohlgesattelt Handpferd bei sich und freute sich und sprach: »Endlich find' ich Euch, gnädiger Herr! Such' Euch überall!« »Wollt Ihr bei mir bleiben?« »Ich hab' Mademoiselle Delphine, meine liebe Braut, und ihren Vater, den Cabinetspräsidenten, heil aus der Stadt geschafft und bin der Sorge ledig!« versetzte der wackere und treffliche Junker. »Und bin nun Euer Durchlaucht meine Dienste und Leib und Leben schuldig und, so Gott will, zu opfern parat, wie ich es als Edelmann beschworen!« »Und selben Eid wollt Ihr halten?« »War oft wenig zufrieden, durchlauchtiger Herr, mit Euer Gnaden leichtfertigem Wandel – Mummenschanz, Weiberkram, Soldatenspiel und kein Herz für dero armes, geplagtes Volk – und halte meines Mißmuths kein Hehl. Kann mich aber doch von Pflicht und Ehr' nicht lossagen, bin und bleibe dero getreues Sujet!« Da reichte Serenissimus diesem Fürbild treuen Adels die Rechte und sprach: »Heut' erst erkenn' ich meine verstohlenen Feinde und versteh', wo mein einziger heimlicher Freund zu finden! Euch sendet mir unser Vater im Himmel, auf dessen Langmuth ich oft und sträflich herumgetrampelt!« »So schwinget Euch aufs Pferd, erlauchter Herr, und kommt!« »Laßt mich nur noch ein Quentlein Zeit verweilen!« bat unser Fürst Philander und kniete sich in den Schmutz der Erde und faltete die Hände, die Augen gen Himmel, »und seid mein Zeuge und höret. Lieber und wahrhaft Getreuer, meinen heiligen Schwur für heute und immerdar!« Und er sprach und betete: »Unser Herrgott dort oben! Ich danke dir! Ich weiß jetzt, wieviel auf Menschen Verlaß und wo einem Fürsten die Speichellecker und Ohrenbläser und bösen Buben sitzen, und wo, allein für sich, der Gerechte steht! An diesen Erzengel Michael, den du mir geschickt, will ich mich halten, Laster und Thorheit gänzlich abthun, dem Rath des getreuen Percival von Yselteich in allem folgen und vertrauen und ihn, wenn Gott mir gnädig Kron' und Land zurückerstattet, zu meiner Rechten setzen und schalten und walten lassen, daß meine Unterthanen künftig an mir einen guten Fürsten haben! So wahr mir Gott helfe zu meiner Seelen Seligkeit! Amen!« »Sputet Euch, Durchlaucht, wenn's beliebt!« drängte der Yselteich und sein Herr und Fürst saß auf das Roß und Beide ritten ab wie der Wind und passierten ungezaust die Landesgrenze. Ich aber, der Geheimsecretarius Josua Siebengang, dessen betrübte Feder dir, günstiger Leser, alle diese kuriosen Begebenheiten meldet – ich war in der Stadt zurückgeblieben. Denn ich war mir keiner Schuld bewußt und baute, wie der Jonas im Walfisch, auf Gottes gnädigen Beistand, auch wenn der Fürst der Hölle trügerisch das Zepter an sich gerissen. Dermaßen betete ich in meinem Kämmerlein und indessen erfüllete sich schon draußen das Wort aus der Offenbarung Johannis: »Ich rathe dir, daß du Gold von mir kaufest, das mit Feuer durchläutert ist!« und zum anderen: »Sie ist gefallen, Babylon, die große, und eine Behausung der Teufel geworden und ein Behältniß aller unreinen Geister.« Denn unserem Stadtthor nahte sich im Triumph Satans Schul' und Zucht und zog festlich ein und alle Klöppel schwangen an das Erz der Glocken und auf den Gassen brauste das Volk und tausend Mäuler sperrten sich auf: »Willkommen, Prinzeß Hille! Gegrüßt, gnädigste Herrin!« Und aber tausend Hände reckten sich, hoben die Hut' und winkten mit Tüchlein: »Es lebe, der todt ist und dennoch vorhanden! Vivat der Meister Magirus!« Die Hille, das Henkerskind, ritt prächtig auf einer goldgezäumten weißen Stute, goldgeschmückt, ein goldenes Krönlein auf den schwarzen Flechten, und vor ihr, über den Sattel, hing ein Säcklein mit Gold, daraus sie lachend, mit vollen Händen, spendete, und folgte hinter ihr ein Troß von goldbeladenen Gäulen, und die Räuber und Pferdedieb', die darauf saßen, schütteten das Gold in Scheffeln unter das glückselig weinende Volk. Neben der Hille aber zeuchte der gewaltige Goldmacher, der Magister Magirus, hoch auf schwarzem Roß, noch in dem güldenen Kleid und spitzer Zauberermütze, darin er gehenkt worden. Doch nun war sein Gewand nicht mehr aus Zundel und Flitter, und sein Hut nicht mehr aus elend Papier, sondern es gleißte und blinkte eitel von lauterem Gold. Er aber, der Magier, streuete kein Gold unter die Menge. Seine Miene war feierlich voll Majestät und sein langer Bart wallte und in erhobener Hand hielt er das Wunder der Wissenden, den Schlüssel der Welt: den Stein der Weisen. Es gab noch Etliche, die da schmähten: »Greift die Hexe! Steinigt den Priester des Baal!« Denen wurde rasch das Maul verboten, wurden niedergeworfen, übel geschlagen und verjagt und durften, indeß sie ihre Wunden wuschen, Gott danken, daß sie noch mit dem lieben Leben davongerathen. Durch die Stadt aber zeterten die Glocken Sturm, fuhr ein Geschrei aus viel tausend Köpfen, als wenn ein Meer in hohen Wellen geht, und Windsbraut darüber hinfährt, und es war wie ein Gezücke von Blitz und Donner um die beiden güldenen, gekrönten Gestalten auf weißem und schwarzem Roß über den Menschen und der niederen Menge, so jubelten und priesen Adams Söhne und Evas Töchter unter dem goldenen Regen, mit trunkenen Augen, ihre neue Macht und Obrigkeit – das goldene Paar ob ihren Häupten: »Siehe die Könige der Zeit! Knieet in den Staub! Schlaget die Stirn' auf die Steine vor unserem weisen Fürsten Magirus und unserer tugendreichen Fürstin Hille!« ... Kaum kann ich, Josua Siebengang, füglich melden und beschreiben, wie all die unsinnigen Leut', davon die Stadt bis zum Rand gefüllet, sich in ihrer Gier und Fieber und Durst nach Gold anstellten und gehabten. Der Hornickel hieß den Landmann, den Pflug im Acker stecken lassen, wo er war, da künftig doch kein Brot Bauen von Nöthen, sondern es sei frei. Alles um Gold kommen zu lassen und zu erwerben, und es standen die Dörfer leer und krähte nur der Gockel auf dem Mist. Die Bauern aber waren in der Stadt, zechten und sangen. In den Handwerksstuben lag Staub auf Hobel und Pfriem, Säge und Scheere, Pinsel und Kelle, Wage und Winkelmaß. Wozu noch sauren Schweiß vergießen, lehrte der Bader Tückmantel seine andächtig Gemeind' im Schurzfell und in Käppchen und Schlappschuhen, die guten Krämer und Handwerksleut', – wozu noch sich mühen und verkaufen, wo man fürs Gold doch künftig alles kaufen kann! Auf dem Schloßhof wieder splitterten die Kolben von den Arquebusen und zerschlug die Soldateska ihr Gewehr und Waffen auf den Steinen, und der Peter Siebenschuh, ihr Fürsprech und Vordermann, lachte: »Wir brauchen nicht mehr für Gold im Herrendienst Arm' und Bein und Leib und Leben in die Schanze schlagen! Haben Gold in Hauf – auch wenn wir Pflaster treten, und das Gewerb' gedenken wir zeitlebens zu treiben!« Gold ... wer dachte, in unserem Sodom und Gomorrha, noch an anderes denn Gold? Die Kindlein an der Mutterbrust streckten die Händchen zu dem Magirus und der Hille, und greinten nach Gold. Die alten Mütterlein winkten mit den Krücken und wimmerten. Die Jungferlein warfen Seiner güldenen Herrlichkeit auf dem schwarzen Roß Kußfinger zu und die Jungherren küßten Ihrer güldenen Liebden auf dem weißen Zelter Rocksaum und Steigbügel. Es krochen die Kranken aus den Betten und wankten heran und barmten, ehe sie denn verscheiden müßten, nach Gold. Die Einsiedler und heiligen Klausner verließen ihre Zellen im Wald, und Daniel Eremita, ihr Führer, sprach und begehrte für sich und sein weltflüchtig Volk das Gold, damit es bei frommen Männern wohl aufgehoben sei und Keinen in Versuchung führe! Und wie er also gewaltig laut redet – siehe – da hat es ein Scheintodter in der Kapelle nebenan vernommen, kommt eilends zu sich, steiget aus dem Sarg, wandelt im Leichenlaken durch das weichende Volk, streckt die Hand aus und will seinen Theil am Gold. Vor dem Schloß stand ich, der Secretarius, wohl geborgen im großen Haufen und sah: da harrte barhäuptig Herr Rupert, unser Bürgermeister, und ließ sich die Zeit nicht lange werden, wenn ihm schon die Sonne heiß auf seine Glatze brannte, und als unter Paukenschlag und Drommetenschall, unter den bunten Fahnen in den Gassen, die hohen Herrschaften heranritten, da trat er vor und entbot ihnen, wie er es denn von früher her geübt war, aus schallender Kehle Willkommen, Gruß und Dank der Stadt, als welche sich nicht unterstehe, wider den Stachel der neuen Gewalt zu löcken, und bückte sich und durfte der Hille die Hand küssen. Und nach ihm schnaufte unser dicker Herr Gerspach und verkündete im Namen eines ehrbaren Raths, daß selbener unbedingt den neuen Dingen Rechnung zu tragen gehorsamst gewillt sei. Und gleichermaßen meldete der Stadtschreiber Richolt für die Bürgerschaft, es stehe eine solche auf dem Boden der Thatsachen und möge Nichts mehr von dem Gestern wissen. Und nach ihm rückte sich Herr Wirich, der Schöppenrichter, die Brille zurecht und wußte im Auftrag einer größeren Mehrheit der Wohlweisen und Hochgelehrten hiesigen Orts zu sagen, daß selbe das heute neu aufgekommene öffentliche Wesen schon lange mit den Principiis der Logik und Casuistik erforscht und vorausgesehen und also dessen Noth und Nutzen bis spätestens morgen haarscharf nachzuweisen und zu vertheidigen pflichtschuldigst erbötig seien. Waren auch Sänger und Poeten genug und in Haus', die vor dem Schloßthor standen und freudig in die Harfen schlugen, als der Herr und die Herrin der Zeit, ohne ihrer viel zu achten, hineinwallten, und liefen noch hinter ihnen her und priesen sie. Gewannen aber bei dem ganzen Handel am wenigsten von allen. War kein Körnlein Gold mehr für sie vorhanden, sondern Alles schon unterwegs an Volk und Zünfte und Gewerkschaften ausgetheilet, und sie standen mit ihren Leyern und Lorbeerkränzen als arme Schlucker bei Seite, hinter den stolzen Männern, so in der Stadt die Gruben räumeten und jetzt mit vollen Säckeln einherprunkten. Wurden unter den Poetis aber doch Etliche erfunden, die das neue Wesen nicht mitmachten, sondern still daheim in ihren Kämmerlein blieben, sich nicht auf den Markt mengten, und also den Federkiel weiter führten, wie sie es allezeit gewohnt waren und es vor dem Gott Apollo und ihrem Gewissen für gut und recht hielten. Sei dem nun, wie ihm wolle: Mich, Josua Siebengang, trieb nicht üble Neugier in das Schloß hinein, sondern ein Bangen und Staunen, was Gott der Herr noch Alles an Gesichten seines Zorns uns armen Sündern zu offenbaren in seinem unerforschlichen Rath beschlossen. Just als ich über die Ehrentreppe stieg, die ich so oft in einem submissen Gefolge unseres armen Fürsten Philander geschritten, den ich trotz seiner vielen Untugenden aus getreuem Dienerherzen geliebt – auf den obersten Stufen wäre ich schier vor Schrecken zu Boden geplumpst, so gröblich entluden sich unten die blindgeladenen Stückmörser aus feurigen Mäulern zum Himmel und schossen die Constabler Victoria! und war im großen Spiegelsaal ein Geschrei, das mich eher das Toben böser Geister denn ein christliches Frohlocken dünkte. Unter dem purpurnen Baldachin aber standen, in Hermelin, mit Zepter, Apfel und Kron', der landstreichende Magister und die Henkerstochter, und ließen sich mit Kniefall, Reverenz und Handkuß huldigen, und die Drommeten schmetterten und die Posaunen erschollen und durch die Gassen ritten Wappenherolde und Bannerträger, ließen Jubelfanfaren ergehen und verkündeten mit geschwungenem Federhut, daß Fürst Magirus der Erste mit seiner hohen Frau Gemahlin Hille den Thron bestiegen! Fügten auch hinzu, daß der neue Herr schon an dem sei, ohne Säumen allen überkommenen verrotteten Brauch zu stürzen und sein eigenes, nie geschautes und herrliches Regiment aufzurichten! Wie es um diese neue Ordnung und Obrigkeit bestellt, das will Euch der fleißige Chronist nicht vorenthalten – wenn schon mir, Josua Siebengang, noch beim nachträglichen Gedenken an das, was ich am selben Tag sehen und erleben mußte, der Kiel aus den Fingern fällt. Schien mir manchmal wie ein Traum und Albdruck eines bösen Geistes, unter dem ich seufzend wandelte, und war dennoch wahr. Ich trat in dem Schloß in den Conseil-Saal, wo sonst der Herr Cabinetspräsident mit einem fürstlichen Ministerio conferierte. Es waren an ihrer Statt schon treffliche neue Minister vorhanden. Saß da als ihr oberster, der Höllenhahn, der gewaltige Straßenräuber, mit der rothen Fuchsin, seiner Kebse auf dem Schoß, und erließ strenge Befehle gegen die überhandnehmende öffentliche Sicherheit. Warnte, daß etwa ein Bürger sich erkühne, eine Waffe bei sich zu führen, womit er gar muthwillig einen Wegelagerer, der ihm im Wald das Seine beschlagnahme, beschädigen könne. Untersagte auch ernstlich, bei einfallender Dunkelheit die Gassenlaternen zu entzünden, als welche Helligkeit einem ehrsamen Diebshandwerk in hohem Maße schädlich und zuwider. Verordneten auch des Herrn Höllenhahns Exzellenz, daß von einer kurzen Zeit zur andern, was noch an Häftlingen in den Fronfesten säße, jeweils gänzlich zu begnadigen und freizulassen sei, damit es dem Land nicht an Spitzbuben gebreche und es durch sothanes Manko in Schimpf und Schande bei den Nachbarn käme. Der Dukatenteufel aber, als Geheimder Rath, hatte sich eine Brille auf seinen Galgenschädel gestülpt, saß im Lehnstuhl und ließ vor sich die wohlgelehrten Herren vom medizinischen Collegio stehen, schüttelte seine Perücke und belehrte sie, daß, wenn Einer stehl' und morde, er eines solchen frischen Willens von der Natur beschaffen und damit vom Vater her belastet sei, er also Nichts dafür vermöge und im Gegentheil die Menschheit ihm Hege und Pflege schuldig. Da verbeugten sich die Herren Professores und versprachen, sie wollten es sich gesagt sein lassen und allezeit die armen Malefikanten und Mörder, als welche in einem Dämmerungszustand auf Erden wandelten, mit gelahrtem Rüstzeug der Wissenschaft vor einem gemeinen Bürger schirmen und schützen. »Ei – und die ehrlichen Leut'!« ruf ich in meinem Vorwitz. Springt der Herr Cabinetsrath Drachenstüber auf, giebt mir einen Backenstreich und zeigt mir des Zimmermanns Loch. »Zahl' Er seine Steuern, bis er Blut schwitzt!« schrie er erbost. »Schaff' Er unverdrossen für die andern und halt' Er übrigens das Maul! So wollen wir vorerst noch Gnad' für Recht ergehen und Ihn leben lassen, und hat Er, wenn Er heutzutage noch arbeitet, seine Schuldigkeit als ein ehrlicher Mann und Esel gethan!« Unter dem gab mir des Herrn Drachenstübers Gnaden einen Fußtritt in die Posteriora, daß ich die Treppen hinabflog. Raffte mich unten auf, rieb mir des Rückens Ende, wußte nicht, ob ich wacht' oder träumte. Aber da saß, im Gartensaal, Exzellenz Perle Einohr, der Pferdedieb, als Justizminister mit dem Pfeiferlein, dem öffentlichen Ankläger, und manch anderen Langfingern als Strafrichtern, ließ sich die Schuldigen im Gänsemarsch vorführen und verhängte scharfe Sprüch', als: »Du Schelm warst fleißig? Marsch ins Loch für schlechte Sitten!« Oder: »Du loser Vogel hast unsern strengen Erlaß vom Nichtsthun wohl gemußt und doch Lust verspürt, Hand anzulegen? ... Wollen dir schon im Thurm das Faulenzen beibringen! - Du blöder Hans hast dich erdreistet und warst sparsam? - Dein bischen Erspartes für dein Alter werden wir dir, zur gerechten Straf', flugs erfassen und wegnehmen! - Pfui über dich, du Schandmaul! Hast dich auf offenem Markt des Sprüchworts unterstanden: ›Ehrlich währt am längsten!‹ ... wirst ob solcher Lästerung zeitlebens aus unserem Weichbild verbannt! ... Und Ihr einfältig Frauen ... Ihr seid tugendhaft und schämt Euch nicht? Lasset Euch nicht noch einmal darauf ermischen! Mag Euch heute in Teufels Namen hingehen, weil das Heil noch neu und eben erst über Nacht kommen.« ... Ob solcher Sprüche entsetzte ich, der Secretarius Siebengang, mich über die Maßen und floh hinaus in die Stadt. Gerieth aber vom Beelzebub zu des Satans Großmutter. Blieb alle zehn Schritte stehen und griff mir an die Stirne - und wußte nicht mehr, wo ich war. Es hatte sich bei uns in wenigen Stunden das Unterste zu oberst gekehrt und was schwarz gewesen, das war nun weiß, und was rechts war, das hieß links. Es führten die Landstörzer den Polizeimeister auf die Wache und ohrfeigte der Saufaus den Amtmann. Weitberühmte Weltweise und Lehrer der Jugend standen hungernd mit dem Hut in der Hand an der Straßenecke und baten um eine milde Gabe, und die Bettler klimperten mit Gold. Greise fielen entkräftet zur Erden und an ihnen vorbei trabten hochgemuth halbgare Bürschlein hoch zu Roß und stocherten sich die Zähne. Je jünger Einer war, desto angesehener war er und desto gewichtiger galt in allem sein Wort und Meinung. Der Vater stand entblößten Hauptes vor dem Sohn, der Schulmeister kniete vor seiner Klasse und es drohte ihm das letzte Büblein auf der Bank mit der Ruthe, und ordneten, wie die erwachsenen Leut', so auch die Kindlein sich zu Zügen durch die Stadt und es konnte der Dreikäsehoch an der Spitze noch kaum die Füße recht vor einander setzen und trug doch eine Stange und Inschrift: »Wir mögen nit mehr lernen! Die Freiheit ist vorhanden!« Und es ist die Freiheit Etwas Herrliches und eines Mannes und Volkes höchste Ehr' und Zier. Freiheit ist ein himmlisches Gewächs und ein Baum Gottes, unter dem gut wohnen. Freiheit ist wie die liebe Sonne, in welcher Schein alles hienieden freudig zum Licht aufsproßt und gedeiht. Freiheit ist ein edler, starker Wein, welcher den, der ihn mit Maß und Art genießt, täglich neu erquickt. Wer aber des goldenen Nasses ohne Maßen gebraucht, fällt von seinem Sitz unter die Trunkenen und die Thiere, lieget da und das Haupt thut ihm weh. Woraus abzumerken, daß, wenn Einer die Freiheit haben will und ihrer begehret, er sich zuvor im Selbstinnern in Züchten nehmen und mäßigen muß. Hat so Jedermann in Stadt und Land den alten muthwilligen Adam in sich gezähmet, – siehe – dann schießet aus solcher freiwilligen Überwältigung der Einzelcreatur wie eine große fremde Wunderblume aus dem Lande India, köstlich anzuschauen, die allgemeine Freiheit empor, und solche Freiheit wollen wir heut' und immerdar ehren, loben und preisen! Was aber der Fürst Magirus und die Fürstin Hille an diesem Nachmittag kundgaben und schauen ließen, das war von einer edlen und wahrhaftigen Freiheit höllenweit ab und fern. Und ging doch denen, die Kopf an Kopf die Gassen füllten, lecker ein wie Manna in der Wüste. Durch der glückseligen, jubelnden und winkenden Menschen Gewimmel zogen, mit einem endlosen Schweif von Beutelschneidern und Brandstiftern, falschen Spielern, Marktdieben und Mördern, Zuhältern und Zigeunern, Bauernfängern und Bankerottierern, wilden Männern, Schwärzern, Giftmischern, Hehlern, Stehlern – zogen der Magier und die schwarze Hille, um sich ihrem Volk zu zeigen, zum Rathhaus. Erwiesen unterwegs mannigfaltige Gnaden. Es reichte der Herr Magirus feierlich vom Roß Ehrenzeichen an die ungetreuen Beamten, belobte die Trunkenbolde und verlieh Rang und Würden an die Messerhelden, und die Frau Hille beugte sich huldvoll nieder, klopfte den Schlemmern auf die Schulter und freute sich der Schürzenjäger und liederlichen Mägdlein. So kamen sie auf unsere reichste und ansehnlichste Straße – hieß nach Seiner entwichenen Gnaden, dem Herrn Philander, der Fürstendamm – und eilten flugs die Händler und die Wechsler, die da wohnten, vor ihre Häuser – waren viel Fremdlinge darunter, mit schwarzen Löckchen und langen Gewändern – und rotteten sich zu Hauf' und priesen die neue Zeit und tanzten vor dem Zaubermeister und der Hexenkönigin einher, wie David vor der Bundeslade, bis zu dem Rathhaus. Dort bot Meister Uz, der Henker, in blutigrothem Festgewand, den Willkommtrunk und ihn kredenzten als züchtige Ehrenjungfrauen die güldene Else und die Düveke im Namen aller um sie geschaarten fahrenden Fräulein, und Mutter Säuberlich und Frau Bebe, des Scharfrichters Eheliebste, und viel alte Kupplerinnen und Hexen knixten ins Knie und neigten sich tief als ehrbare Rathsfrauen unserer guten Stadt. Und ich, der Secretarius, stand dabei und hatte das staunend im Auge und schaute es doch wie durch einen Schleier, also daß es mir bald nahe, bald ferne schien. Nun erst aber, als die Nacht sank – da wurden alle bösen Geister ihrer Höllenketten ledig, stiegen auf und brausten wie das wüthende Heer durch die Stadt. Die lag in feurigem Schein – nicht wie Tageslicht, sondern als wie eine schwefelige Gluth – und alle Fenster waren hell und festlich beleuchtet und nur die Kirchen standen schwarz und finster und ihre Thürme ragten dunkel zu dem unheimlich röthlichten Himmelsgewölb, an dem nicht der gute Mond und kein tröstender Stern zu schauen, sondern nur wie eine flammende Zuchtruthe Gottes der Komet. Über Gassen, Märkt' und Plätz' aber wälzten sich mehr Leut', als jemals in der Stadt gesehen worden und Raum gefunden – konnte kein Apfel in die Gosse fallen, so wirrete und schwirrete und irrete das unsinnig Völklein Kopf an Kopf und war ein Jauchzen und Springen allerorts, und Urahne und Schulbub, Hausvater und Muhme, Meisterin und Lehrbengel, Knecht und Magd – Mann, Weib und Kind kreischten und hüpften und überall rollte das Gold und Jedermann hatte von Gold die Taschen voll und reichte es hin und der Eine gab dem Anderen dafür, was er begehrte – Schuh und Gewand, Tobak und Wein, Edelstein' und Geschmeid, Schinken und Schmalz, also daß das goldene Zeitalter in Wahrheit angebrochen und kein Mangel mehr auf Erden. Es hatten bis dato nur die Krugwirthe ein alt Anrecht, mit eines hohen Magistrats Erlaubniß Wein auszuschenken. Kümmerten sich die Andern nicht viel mehr um solch Privilegium, sondern sperreten ihr Hausthor auf, bestellten ihre Diele mit Tisch' und Gestühl und verzapften feurig Wasser, und war bald kein Haus ohne eine solche Diele zu finden und in keiner ein Plätzlein leer. Die aber einen Saal ihr eigen nannten, stellten sich vor ihr Haus und schrieen: Kommt, Ihr lieben Leut', und tanzt! Und es juckten schon allen die Beine und drängten sich hinein, wie die Schafe bei Gewitter, und tanzten sich Löcher in die Schuh und tanzten immer neue Tänz', wie sie bei den Menschenfressern im Pfefferland in Schwung und Brauch, und mit Namen, die kein Christenmensch je erhört, lärmten sich den Takt mit Ofenblech und Heerdpfannen und Kinderklappern, tanzten, bis sie nicht mehr schnaufen konnten und zu Boden fielen, und zappelten noch auf dem Estrich mit den Füßen weiter. Am tollsten aber tanzte und tobte es um den Thron im Schloß. Der stand nicht mehr unter dem Baldachin, sondern frei inmitten des Saals und auf ihm saßen, von einem bläulichen und geisterhaften Licht umflossen, der Magirus und die Hille mit bleichen, hohläugigen Gesichtern wie zwei Könige der Todten, und zu ihren Füßen um sie fegte und kreiste und wieherte ein Wirbel und Reigen der Mitternacht. Und Blitz und Donner grollten vom Himmel in den Rausch von Gold und Sünde und es bebte der Boden, wie der Blocksberg durch die Stadt raste, und die Erdfeste begann unter den Besessenen zu schwanken, und beim Zucken der Blitze sah man fern die Gehenkten in ihren fliegenden Lümplein unter dem Galgen tanzen, und es walzten die Gerippe mit rasselndem Gebein und flatternden Hemden auf dem Kirchhof und gaukelten die Hexen auf Besen in den Lüften, und ich, Josua Siebengang, getraute mir nicht mehr zu entscheiden, ob ich wachte oder träumte, und wußte nur, daß es zu unseres Fürsten Philander Zeiten immerhin noch freundlicher zugegangen, und viel Noth und Fehl' unter der Herrschaft Seiner Gnaden, vielleicht auch durch unsere eigene Schuld, daher kommen, daß wir keine aufrechten Männer nicht gewesen, sondern uns allzu leicht und willig jeder Zeit unter Serenissimi Launen geduckt und jeden krausen Einfall von ihm bewundert und gutgeheißen, so daß es nicht zum Staunen, wenn Seine Durchlaucht sich füglich für den Weisesten aller Menschen und, in all seinem gebrechlichen und sündigen Fleisch, beinahe für den lieben Gott gehalten. Fürst Philander hatte, wie anschon gemeldet, sich, mit dem von Yselteich, seinem getreuen Hofcavalier, flüchtiger Weis' und spornstreichs durch des Himmels Gunst und Gnade salviert. Brauchte in unserem Ländlein nur wenige Stunden scharfen Ritt, um den Grenzbaum zu erreichen. In der Nachbarstadt, überm Fluß, fand Serenissimus eine merkliche Summa Adels, Räth' und Amtleut', Ecuyers, Chevaliersgarden, Falkeniere, Fouriere, – mehrentheils ein unnütz, kleinmüthig Volk, das sich hierher gerettet und nun Nächtens, um ein Feuer sitzend, mit den Klagen Jeremiä den Markt füllte. Unser Herr Percival von Yselteich aber trat vor sie und ließ sie hart an. Sprach: »Ihr guten Herren und lieben Gesellen. Lasset die Zähren dem Frauenzimmer, nach der eingeborenen Schwachheit seiner Natur, und das Plärren dem unerfahrenen Kindlein in der Wiegen. Uns aber, als Männern, ziemt ein freudig Herz unter Küraß und Koller. Ich heb' meine Stimme und sag' Euch: Ich wag' es! Ich pack' den Teufel bei Hörnern und Schwanz und jag' ihn mit seinen Landsknechten in den Schwefelpfuhl, daher er greulicher Weis' entstiegen! Wir wollen uns flugs in Ordnung stellen und richten, und, wenn der Tag graut, unverzagt auf hochfürstliche Residenz marschieren und gucken, ob der Magirus wirklich hörnen und der Satan selber oder, wie ich schätz' und denke, nur ein armselig Magisterlein ist, das ich mit meiner Plempe durch und durch rennen und wie einen Quackfrosch spießen werd'! Wer sich förcht, der mag hier bleiben! Thu' sich Weiberröck' an, setz' sich an den Spinnrocken und fang sich Flöh! Euch Anderen aber will ich ein Feldhauptmann sein und Euch mannhaft weisen und führen!« Unter dem waren Seine fürstliche Gnaden beim Thorwart ob der Brucken abgetreten und fanden dort hochdero landflüchtigen Münzjuden, den Hirsch Assur, der da seiner Gelegenheit und etwaigen Vortheils wartete, und wies ihm den feurigen Dukaten, den der Magirus dem Grafen Frey von Arnau ins Gesicht geschmissen. Sprach: »Sieh: die güldene Münz' ist meines Unglücks Schaustück! Mir wollte der Magirus kein gutes Gold machen. Nun aber prägt er es in Mengen über die Maßen, um mich zu verderben!« Der bemeldete Dukaten war freilich längst nicht mehr heiß, wie er aus des Teufels Schmiede gekommen, glänzte auch nicht hell, sondern hatte einen trüben und rauchigen Schein. Der Hirsch Assur hielt ihn sich mißtrauisch vors Auge, rückte ihn hin und wieder, lachte krächzend und heiser und gab ihn dem Reb Naphtali. Der ließ das Goldstück auf dem Steinsims klimpern und kicherte in sich und reichte es dem Chaim Katzeneljon. Selbiger biß mit seinen gelben Zähnen in den Dukaten, spie aus, meckerte aus einer rauhen Kehle, faßte die Andern an den Händen, und die drei Ebräer tanzten im Kreise, daß ihre Schläfenlocken flatterten und ihre schwarzen Kaftane flogen. Forschte der Fürst: »Ist Israel närrisch geworden? Warum hüpft und springt Ihr? Ihr seid nicht lieblich zu schauen! Es fehlt Euch die Anmuth der Glieder!« Auf das blieb der Hirsch Assur stehen und schwang den Dukaten und meldete außer Athem: »Herr! Selben Judasgroschen hat der Herr Uriel mit List geprägt und nach seiner Art die Menschen geäfft! Ist gar kein Gold!« »Ist Katzengold!« schrie der Reb. Und der Katzeneljon: »Ist Rauschgold!« »Ist Knittergold aus gemeinem Blei und Erz!« betheuerte der Hirsch Assur, der es wissen mußte, als ein hochfürstlicher Münzjud, warf die gelbe Münz' in die Luft, drehte sich vor Freuden um sich selber und fing sie wieder auf. »Solch blecherne Herrlichkeit und Teufelsregiment währt nicht lang! In wenig Tagen werden solch leichtfertige Dukaten gänzlich schwarz und unansehnlich, daß sich Jeder die Finger daran rußig macht und Keiner sie mehr nehmen mag, und also kommt der Schabernack des Magirus vor dem Volke auf!« Indeß der Assur noch so spricht, tönt auf der Brücke kriegerischer Klang. Haben Serenissimi geflüchtete Getreuen sich allesammt ein Herz gefaßt und ziehen mit entrolltem Panier gegen den Magirus zu Feld. An ihrer Spitze, hoch zu Roß, den Degen gezückt, der von Yselteich und neben ihm, fromm auf einem Eselein, mit erhobenem Cruzifix, unser Dominus Barnabas Bätzle, der unerschrockene Gottesmann. Schwert und Kreuz wider den bösen Feind, der drüben, in unserem guten, fürstlichen Schloß Hochzeit hielt und Thronbesteigung feierte. Es war in dem großen Saal dort um mich, den Secretarius, herum immer noch eine wüst' Walpurgisnacht, wurde aber merklich leiser, so als schwebte das sündhaft Gesindlein im leeren Raum und berührte mit annoch tanzenden Schuhen nicht mehr das Bodengetäfel, und schienen mir des Teufels Räth' und Kammerherren und seiner Großmutter Hoffräulein und Ehrendamen, die da im Reigen um ihren höllischen Herrn und Meister walzten – schienen mir alle wunderlich bleich und durchsichtig und könnt' ich mit Grausen durch der Gespenster Reifröck' und Rippen, goldgestickte Schwalbenschwänz' und Knochen hindurch die artig verschnörkelten und vergüldeten Pfeiler an der anderen Wand des Thronsaals sehen, als lösete sich der Hexensabbath in Luft. Durch die wohlgerundeten, hohen Fenster zwischen den Säulen drüben lugte ein erstes, grämliches Tageslicht und die niedergebrannten Wachsstöcke schwälten und flackerten und erstarben, und war ein unheimlich Grauen. Der Magirus saß noch auf seinem Thron. Schaute aber uralt aus. Wurde grau und unbestimmt wie Nebel, der sich dahinzog und verlor. Und wallte all sein Hofstaat mit, in weißlichen langen Schleppen und faltigen weißlichen Mänteln, wie wenn früh Morgens beim Hahnenschrei die feuchten, schweren Schwaden über die Wiesen ziehen, und verweheten im Kehraus und Kommnitwieder durch die offenen Fenster ins Morgenroth, und verwisperte und verlosch das unziemlich und heidnisch Getöse der Nacht weit von fern in einer christlichen Stille.... Durch diese köstliche Gottesgab' der Ruh und Einsamkeit aber stapfte es schwer und grob: Eins – zwei – und wieder plump und laut: Eins – zwei – die Thurmtreppe herauf und in das Vorgemach zu des Magiri Kerkergelaß – und in selber Durchlaßkammer saß ich, Josua Siebengang, im Frühlicht im Lehnstuhl, Tisch und leeren Becher vor mir, und glotzte den Fronvogt Schlöffel, der seufzend mir gegenüber stand, nicht klüger an als ein gestochen Kalb den Metzger, verspürte heftige Pein in den Schläfen und es dünkte mir mein wehes Haupt von Blei. »Dacht' es mir wohl,« sprach der Fronmann trüb und dumpf, »daß es Euch nicht besser gangen wie mir! Hab' eine wüste Nacht gehabt, voll grausamer Träume, Albdruck und Muthwill' des Bösen, und kalten Schweiß unter der Nachtmütz'. Schlotter' jetzt noch an Haupt und Gliedern ...« Ich brachte kein Wörtlein aus der Kehle. Schaute um mich und merkte wohl: das war das Thurmgemach, in dem ich, nach Serenissimi Geheiß, den Magirus hatte bewachen sollen. »Entsinnet Euch, Secretarius!« versetzte Meister Schlöffel. »Der Nekromant hat gestern abend, ehe die Henkersmahlzeit aufgekocht und gar, rothen Wein von mir gefordert. Hab' ihn dem Gaukler dienstwillig in seine Zelle gebracht. Ist er nicht, kaum ein Vaterunser nachher, zu uns in das Vorgemach getreten, hat uns zwei Becher Wein geboten und von uns verlangt und erwirkt, ihm auf die Nagelprobe Bescheid zu thun?« »Geschah so, just ehe die Mahlzeit kam und der Goldmacher die schwarze Hille als Tischgenoß begehrte« bejahte ich. »und Ihr Euch im Schloß bei Seiner Gnaden Bescheid holtet ...« Zog der Fronvogt die Stirn kraus: »Was schwatzt der Herr Secretarius da?« »... und der Herr Hofjunker von Yselteich auf hochfürstlichen Befehl die Henkerstochter in hiesigen Thurm brachte!« »Vermelde der Herr Secretarius die üblen Träum' später,« versetzte der Fronmann ungeduldig, »an denen Er, just wie ich, in verwichener Nacht gelitten ...« »Lieber: Lasset die Wahrheit für Wahrheit gelten!« »Und ist die lautere Wahrheit, daß ich, der Fronvogt, meinen Thurm seit dem Abend auch nicht so lange verlassen, als die Sanduhr rinnt, und können es die Wachen unten erhärten und bezeugen, daß Niemand hier im Thurm auch nicht den Zopf von der schwarzen Hille geschaut!« Hub ich mich entgeistert aus dem Gestühl: »Bei Christi Gnad' und Blut«, ließ ich mich entsetzt vernehmen: »Hab' doch der schwarzen Hille höllischen Aufstieg, Triumph und Majestät mit eigenen Augen erlebt!« Der Fronvogt aber reckte den Finger und wies durch das Fenstergitter. Fern schien die liebe Sonne auf den Armesünderhügel. Still hingen die Galgenbrüder in ihren hänfenen Schlingen. Unter dem Hochgericht aber schlenderte wie gestern die schwarze Hille und ihr rothes Kopftuch leuchtete, und sie stand und spielte mit dem Gezücht der Rabenvögel, das sie umflatterte, wie die edlen Fräulein mit dem Taubengeschnäbel nach dem Gottesdienst vor dem Dom, und ihr dürftig Röcklein schlug ihr im Wind um die bloßen Beine. »Ist ein arm Kind und froh, daß sie das Leben hat!« sprach der Schlöffel. »Heirathet ehestens Einen von ihres Vaters Henkergesellen.« »Ei – wie kommt denn ein Hausvater und Gottesknecht wie ich dazu, von solch loser Dirne zu träumen?« »... weil uns der Magirus diese Träum' geschickt hat!« schrie der Fronvogt Schlöffel und schüttelte die leeren Becher. »Die Pest über den unartigen Mann! Hat nebenan, in seinem Verließ, in den Wein, den ich ihm beigetragen, etwelchen höllischen Theriak aus seiner Hexen-Apotheken geschüttet und uns zwo Schellenhäns' also die ganze Nacht betäubt und verwirrt!« »Ei – warum denn soviel Schelmerei?« lallt' ich noch mit schwerer Zunge und schaute nach dem Galgenberg. Dort war jetzt um die schwarze Hille ein Getriebe von Gesellen in rothen Wämmsen, und in ihrer Mitten der Meister Uz. Richteten und rüsteten, was von Nöthen, um einen zeitig erwarteten Malefikanten geziemend und nach der Kunst zu henken. Der Fronmann Schlöffel neben mir aber kratzte sich das Haar und ächzete: »Mir schwanet Böses, Secretarius! Füg' es Gott, daß ich mich irr'!« Unter solchen bangen Worten stieß er die Thür zum Kerker auf. Siehe: das Verließ war leer und wehete eine Strickleiter außen am Thurm und steckte an den zerfeilten Fensterstäben ein Zettelein, auf dem geschrieben: »Schnarchet fest und wohl! Den Magirus hänget Keiner, er hätt' ihn denn zuvor!«   War ein saurer und harter Gang hinüber ins Schloß, um allda, in Reu' und Kniefall vor dem Thron, dem Fürsten Philander bußfertig zu melden, was sich arrivieret. Doch zu meinem Vortheil war Serenissimus diesen Morgen heiterer Laune. Wie er denn an sich ein wohlmeinender und gutmüthiger Herr war, so hatte es ihm schon leid gethan, daß der Magirus sterben müsse, wollte aber sein fürstlich Wort nicht widerrufen, und war nun froh, daß der Magister sich à la mode der Franzosen empfohlen, und damit der ganze Handel ab und weg. Also lachte er nur von Herzen und sprach: »Zur Straf, Josua, zeichne Er fleißig und getreulich auf, was Er diese Nacht an absonderlichen Gestalten und Gesichten erlebt!« Das hab' ich gethan und faßte mir ein Herz und erkühnte mich und meinte in dem, was mein Gänsekiel schrieb, mehr als ich wohl sagte, und mein Herz klopfte mir unterm Kittel, als mir Seine Gnaden mein Promemoria abforderten und an sich nahmen. Hoffte, der durchlauchtige Herr möge es bei Seite legen und vergessen. Allein in Bälde schlug mir Dominus Barnabas Bätzle auf die Schulter, wacker, wie es des unverzagten Herrn Hofpredigers Brauch, so daß ich in den Knieen zusammenknickte, und sprach: »Herr Secretarius! Euch ist ein guter Wurf gelungen! Habt den König in den Kegeln wohl getroffen und heilsam angerührt! Wir, des Thrones wahre Getreue, hatten unsern gnädigen Herrn schon beinahe im Sinn gebessert und umgewandelt. Fehlte nur noch ein Weniges und Letztes! Dies Zünglein an der Wage, lieber Secretarius, war Eure Schrift!« »Also hat sie Serenissimus gelesen?« frug ich noch mit Zagen. »Hat sie gelesen und wohl verstanden! Und was wir, die redlichen Leut', ihm schon seit Tagen an Resolutionen vorgelegt und unterbreitet, – so hat Serenissimus, nach den letzten Seiten Eurer Postille, sich hingesetzt und es flugs unterschrieben! Die Gräfin Bibiane ist schon mit reitenden Postillonen zum Thor hinaus, eine überflüssige Soldateska wird abgedankt und Hirsch und Säu' auf den Feldern leben nimmer lang!« »Ist doch kein Gold vorhanden!« wagte ich einzuwerfen. »Kommt aber nun das wahre Gold ins Land! Heißet Arbeit, mein Lieber, und der Arbeit redlicher Lohn!« »Wenn Serenissimus nicht in etwelcher Zeit wieder anderen Sinnes wird ...« »Deswegen hat er dem trefflichen Herrn Percival von Yselteich Vollmacht und Statthalterschaft gegeben, alles zum Besten zu richten und zu führen! Hört Ihr das Volk draußen jubeln? Hört Ihr die Glocken läuten? Kommt eine neue Zeit für den Herrn Philander und sein Land! Seine Gnaden wird es nicht vergessen, daß Ihr ihm, in Eurem Traumgesicht, einen Fürstenspiegel vorgehalten und Gottes Zuchtruthe dahinter fürgesteckt! Ihr seid ein Schalk, Herr Secretarius...« Louisabeth Aus ihrem Tagebuch der Vergangenheit Es standen seit dem 11. May 1812 Jupiter und Venus einander am Himmel in nächster Nähe, und die Venus war von nun ab mit bloßem Auge am hellen Tag zu sehen. Der deutsche Damen-Kalender auf 1812 vermerkte es, daß diese seltene Constellation zu allen Zeiten empfindsamen Gemüthern eine Stunde der Andacht als ein Gleichniß menschlichen Lebens gewesen sei. So fielen mir alle, auf meinem Schlosse Reuterswiese, bei mir habenden, Gäste – Chapeaux wie Damen – eifrig zu, als ich vorschlug, einem dieser sanften Maientage einem unschuldigen Fest der Liebe und der Freundschaft zu weihen. Der große Saal war unseres Vorhabens unwerth. Er öffnete sich mit seinen Fenstersöllern gegen die Landstraße im Thal. So tief da unten, zwischen steilen Waldhängen auch der Weg führte, so wäre doch immer wieder unser attisches Kränzchen roh von dem heraufschallenden Trommelschlag und Hörnerklang gestört worden, mit dem tagaus, tagein, nun schon seit Wochen, wie eine Völkerwanderung, die Grande Armée des Kaisers Napoleon durch unser Thüringen hindurch gegen Rußland zog. Ich wählte darum lieber für unsere Fête der Sentimentalität und Rührung den abseits nach dem Park hin und drei Stockwerk hoch gelegenen Raum, den ich der eigenen, in mir wohnenden schönen Seele geweiht hatte – in dem ich für die anderen edleren Naturen, die ihn zu betreten gewürdigt waren, nicht mehr Louisabeth, sondern Herme hieß – nicht mehr die Letzte aus dem Geschlecht der Freyherren von der Lehen, sondern die Erste eines schwärmerischen Freundschaftsbundes war. Als Tempel der Freundschaft zeigte sich in der Ecke ein künstlicher Hain mit Altar und Lyra und der Inschrift: »Dem unbekannten Gott«. Auf der anderen Seite stand das Spinett, das Stickerei-Rähmchen am Fenster. Den großen runden Tisch in der Mitte, um den sich unsere kleine Akademie gefällig gruppierte, hatte ich mit Rosenblättern bestreut. Sonst waltete in diesem Raum eine edle Simplicität. Die Morgensonne schien herein. Die Frauenzimmer hatten ihre Handarbeiten vorgenommen, die Herren sahen über ihre hochgeschlungenen schwarzen Binden in lächelnder Feierlichkeit mich verantwortungsvoll an, und ich (schwärmte) hingegeben: »Freundinnen! Freunde! Es ist die Absicht wahrer Vervollkommnung, mit Menschen in eine höhere Verbindung zu kommen als mit jenen allzuhäufigen Naturen, die unser Raupenstand uns darbietet. Dieses Verlangen, uns einander auf das Erhabendste zu steigern, beseelt unsern Kreis! Und welcher Tag wäre würdiger, uns vor uns selber zu verschönern, als der heutige, in dem die Göttin der Schönheit selber milde am Himmel regiert? Darum schlage ich vor, daß ein Jeder jetzt eines Anderen Charakter uns, mit schicklichem Tadel, wo es nöthig – doch aber mit dem Auge der Freundschaft gesehen, entwerfe, seine vorzüglichen Eigenschaften und Gaben aufzeige, das Werthvolle und Eigentliche seines Wesens umreiße und ihn uns so nur noch liebenswürdiger mache!« Die freudetrunkene Zustimmung – das Händeklatschen der Herren, das beifällige Erröthen der Frauenzimmer beschämte mich. Pamela rief: »Laßt mich bei der Würdigsten beginnen: Bei der göttlichen Louisabeth selber ...!« »Nicht ich! ... Nicht ich zuerst!« wehrte ich erschrocken ab. Doch wer will Pamela das Wort nehmen? »... bei der hehren Priesterin, die wir in ihrem Tempel Herme nennen dürfen! ... Betrachten wir sie mit den Augen der Liebe! ... Zielen wir zuerst auf ihr Äußeres ab ...« »Nein!« Ich hob beschwörend die Hände. »Was sucht Ihr Ungemeineres in der Form? ...« »... als in der schönen Form die schöne Seele!« fiel Pamela mit dem zärtlichen Eifer der Freundschaft ein. »Lasset mich Herme abschildern: Sie ist groß und schlank und hält ihre jungfräulichen Formen im erfreulichsten Ebenmaß – jungfräuliche, wiewohl sie vorgestern ihr einundzwanzigstes Wiegenfest feierte! Gott Hymen – höre dies Wort, das deiner Allmacht spottet!« »Kann ich dafür?« unterbrach ich und wies bebend nach dem Freundschaftstempel mit der Inschrift: ›Dem unbekannten Gott!‹ – »Kann ich dafür,« wiederholte ich thronenden Auges, »daß dieser Gott mir nicht erschien?« Auch Pamela weinte und Alle im Zimmer durchschauerte eine sanfte Rührung. »Und wer möchte doch würdiger gefunden werden, einen Mann zu veredeln, indem sie ihn beglückt?« frug Pamela im Kreise. »Ihr graziöses Lächeln, ihr geistreicher Mund, ihre klugen Augen, die edle Gesammtform dieses ovalischen Antlitzes deuten auf ein Wesen von nicht gemeiner Artung und Bildung, das sich, voll einer heiteren Anmuth, in einer reizenden Freude an sich selbst vollendet! Ist aber diese Freude nicht allzunahe verschwistert der Grausamkeit einer spröden Artemis ...? Ist diese Freude nicht einem Andern geschuldet?« »Euch!« Ich faltete bittend die Hände. »Freunde: Euch!« In diesem Augenblick tritt Külps herein ... mein Amtmann Külps – wie er vom Felde kommt – in seinem verschossenen blauen Inspektor-Frack und hohen Reitstiefeln, und meldet: »Gnädiges Fräulein! Die Merino-Schafe ...« Meine Seele seufzte. Die guten Geister reiner Freuden flohen. Elysium war verscheucht. Ich sprach wehmüthig, in meiner klassischen Attitüde mit aufgesetztem Ellenbogen und, gleich einer Trauerweide seitlings gestütztem Haupt: »Sie nahen sich mir, liebwerther Herr Külps, wie der Famulus dem Faust in dem nun vollendeten, außerordentlichen Poem des Herrn Geheimrath von Goethe!« Mein Amtmann aber versteht von der höchsten, hier niedergelegten Imagination Seiner Exzellenz so viel wie ich von meinen Kühen und Schafen. Was bleibt mir übrig, als mich diesem treuen Diener zu unterwerfen, der mir, der Doppelwaise, der Letzten des Geschlechts, – ein Menschenalter in unseren Diensten, meine weiteren Ländereien – ach, leider nur aus der Ferne ein Arkadien, – mehr aber voll Düngers, Schweinegrunzens – oh pfui – und Stallgeruchs – so untadelig verwaltet? »Es ist spanische Artillerie auf dem Weg nach Rußland im Durchmarsch!« versetzte er. »Wenn diese kleinen, gelben Kerle Merino-Schafe sehen, so erwacht in ihnen die Erinnerung an ihre Weiden in Estremadura und sie scheeren sie auf der Stelle mit geübter Hand ...« »Welch glücklicher Instinkt!« rief ich. Der Herr Külps war anderer Meinung: »... und verkaufen die Wolle im Lager! Eine Reuterswiese'sche Administration aber hat das Nachsehen! Möchte daher um gnädige Erlaubniß bitten, die Heerde in die Höhle drüben in dem Wald treiben lassen zu dürfen, bis die Spanier durch sind!« »Oh werde die Lämmlein, guter Hirte!« sprach ich träumerisch und entlockte der zur Hand genommenen Laute ein paar schluchzende Äols-Töne. »Weide sie, lieber Schäfer! ... Unsere Pulse schlagen sanft zum Läuten deiner Heerde! Auch wir wandeln hier in Bukolien.« Der Herr Külps ging. Verzückung und Thränen waren dem Redlichen fremd. Pamela, die liebliche Schwärmerin – Pamela, dies feurige Kind, das wie der Wind durch Europa fliegt – wenn anders es die Kriegszüge des großen Korsen gestalten – Pamela, die sich flüchtigen Fußes bei den Vorzüglichsten unserer Litteratoren und Gelehrten zu Gaste lädt und wie die Biene mit Honigseim beladen wieder heimfliegt – Pamela zeichnete mit dem Griffel des Herzens mein sonntägliches Bild: »Was ist doch unsere Herme anders«, sagte die liebe Schmeichlerin, »als ein vortreffliches Medium von Engel und Mensch, wie das denn der Ehrgeiz jedes Frauenzimmers von höherer Ordnung sein sollte.« Ich hielt mir, geziemend erröthend, die Ohren zu. Doch las ich Billigung in den Mienen unseres Symposions und Pamela, die süße Schwätzerin, plauderte weiter: »Ein spekulativer Kopf und ein nervenreiches Herz! Nicht Weibchen und nicht Männin! – sondern das wahre Weib im eigentlichsten Verstand! Ein Frauenzimmer von Sinn und Verdienst! Sie ist mir, von all den Frauenzimmern hier, die respektabelste in Hinsicht der Anordnung ihres Lebens unter geistige Elemente! ... Oh Herme: weißt du, wie ich dir verbunden bin?« »Ich weiß es, Schwesterseele!« Ich stand auf und umarmte sie schluchzend, indem ich, im Geschmack der Madame Händel-Schütz, die Schleppe zurückschlug und das Knie plastisch zu einer gerührten Gruppe beugte. Denn Pamela, die Gute, war einen Kopf kleiner als ich und kurz und dick – und auch schon den Vierzig nahe. . »Oh schönste Frauenseele auf dieser sublunarischen Welt!« jauchzte sie in einem seligen Überschwang zu mir empor. Ich wehrte mild lächelnd: »Hast du dich nun bald an mir armem Meteor müde gegafft?« Pamela aber, das genialische Kind, jubelte im ätherischen Rausch ihrer Gefühle: »Du bist keine irrende Sternschnubbe! Du ruhest wie der Nordstern unverrückt in dir, du schönste Priesterin! Du Kalte! Du giebst! Doch wer darf dir geben?« »Kein Gedanke,« erwiderte ich empfindsam, »ist mir schmeichelhafter als die Freundschaft reiner Wesen!« Pamela aber ließ von mir ab und sank in das Canapé. »Oh – du Welt- und Himmel-Volle!« klagte sie. »Hört es, Ihr Ewigen dort oben: In den Vorhöfen deiner Seele ist ein Gedränge! Doch dein Herz steht uns allen leer!« »Ich kann keine zwei Menschen auf einmal ins Herz fassen!« sprach ich mit einem Augenaufschlag. »Nur Einer hat Platz darin. Oder Keiner!« »Oder Keiner!« wiederholte Pamela, die Freundin, und deutete bebend auf den Tempel in der Ecke. »Verkünde es nur, das Donnerwort: Auf diesem Altar raucht kein Opfer eines versengten Herzens! Du hast dich selbst noch nicht erfunden! Wehe, du einsame Göttin!« Dieses kirchenbrecherische Wort: Göttin – verdroß die Stiftsdame, die mir gegenüber saß, wie Pamela zu meiner Linken. Sie häkelte heftig. Sie grollte: »Oh – Ihr Herzen, die Ihr lieber mit einem Hündlein tändelt als mit Christo redet ...« Ich ehrte die exzentrische Frömmigkeit dieses schönen und ruhelosen, unstät schweifenden Gemüths. »O Phila!« faltete ich innig die Hände. »Giebt es nicht hier einen Seelen- Nektar von einer himmlischen – dort von einer irdischen Artung?« Sie aber schalt weiter: »Räsonnieret nur Gott aus der Kirche hinaus. Ihr freien Geister! Er bleibt doch ewig in der Welt. Ihr sehet ihn nur nicht in der Trunkenheit Eures Gemeinnutzes. Auch über mich kam erst in Rom das Licht!« Ihre Nadeln rührend setzte Phila, nach ihrem Brauch, vor sich, mit verbissenen Lippen, hinzu: »Katholisch aber werde ich darum doch nicht!« Wer mochte die Hadernde durch eine Entgegnung kränken? War nicht das Stift, in dem sie, unten im Städtchen, uns allen, in einer unvergleichlichen Harmonie, als eine Kerze der Freundschaft funkelte – war dieses Stift nicht auf einen Wink Napoleons in jetziger Rheinbundzeit, in seinem Hauptbau zu einem Gefängniß und Krankenhaus umgewandelt, und die jungen und alten adeligen Fräulein in die nothdürftigen Hintergebäude verwiesen? Trug nicht seitdem Phila, dieser starke Geist, ihr Licht, – Gott suchend, wie Pamela Menschen suchte – irrend durch die Welt, und taumelte wie ein trunkener Falter zwischen Wittenberg und Rom – zwischen der Weihe des Gedankens und der Sinnfälligkeit des Glaubens? Für Pamela, die kleine, runde, lebensfrohe Heidin, saß ich indessen auf einem irdischen Thron. Sie kniete vor mir nieder. Sie breitete die Arme aus. »Oh Herme!« rief sie in einer schönen Extase. »Lasse dir einigen Begriff von deinem zukünftigen Zustand geben! Lasse dir dieses Räthsel deuten: du bist reich, Freundin, und bist doch erst reich, wenn du arm bist! Du bist dir gegeben und besitzest dich doch erst, wenn du dich dahingeschenkt hast! Du blühst im Maiensäuseln, Herrliche, und wirst dich doch erst erschließen, wenn die Gewitter des Junius dich mit Blitzen und Schlossen verheeren! Hast du die Lösung gefunden? Das sanfte Morgenroth deiner Wangen beschämt die Rosenblätter auf dem Tische! Oh schäme dich dieser lieblichen Wallung nicht! Neige dein schönes Haupt vor dem tändelnden Flügelkind der Lüfte..,« »Trete der Herr Amtmann nur ein!« rief ich erleichtert auf ein Pochen an der Thüre, an dem ich die unzarte Faust des Herrn Külps erkannte. Denn dies schalkhafte Klopfen Pamela's am verschlossenen Schrein meines Herzens that meiner friedlichen Keuschheit weher, als der mit dem Herrn Külps wandernde Geruch von Kuhstall, Knaster und Stiefelthran sonst meine, nach dem Lob von Kennern der Antike, wahrhaft griechisch gebildete Nase beleidigte und mein Auge an dem pfeffer- und salzfarbenen Mißton seiner Weste Anstoß nahm. Meine Ohren aber kränkte, wie er auf der offenen Schwelle stand, der mit ihm eindringende, die Musen scheuchende, tägliche Trompetenschall aus dem Thal. Ich versetzte mit sanfter Entschiedenheit: »Wolle der Herr Amtmann die Thüre schließen! Meine weibliche Zierde ist es, im Friedens- nicht im Kriegsgewand der Pallas Athene zu erscheinen!« Herr Külps machte ein böotisch verblüfftes Gesicht – denn er verstand mich nicht – und erwiderte: »Es ist nur eine kleine Streifpartie neapolitanischer Cavallerie!« Doch Lisette, meine fürwitzige Zofe, brachte uns gerade ein Schälchen Thé de France aus getrockneten Melissenblättern – nachdem der Kaiser uns, durch die Kontinentalsperre, grausam China's Pecco-Blüthe abgeschnitten! – und widersprach und man durfte ihr in Dingen des bunten Tuches und des Säbelgeklirrs wohl glauben: »Es sind polnische Ulanen! Sie kommen von einem Land am Ende der Welt – Portugal geheißen – wo sie Krieg geführt haben, und reiten jetzt an das andere Ende der Welt nach Rußland!« »Wie dem auch sei, Demoiselle Naseweis!« sprach der Herr Amtmann. »Wer findet sich noch unter allen den Nationen zurecht, die der Empereur gegen den Zaren aufbietet? Diese Reiter fahnden auf einen Menschen, der sich in hiesiger Gegend der Aufwiegelei wider die Franzosen unterstanden haben soll ...« »Vorzüglich der Spionage in der Großen Armee«, schaltete die kundige Lisette ein, »um den Moskowitern zu dienen!« »Wolle die Jungfer Vorlaut sich bezähmen! Die Lanzenreiter frugen, ob in hiesigem Schloß etwa ein solches Subjekt sich verhalte ...« »Er soll aus Preußen gekommen sein!« merkte das unstillbare Maulmerk meiner Zofe an. »Ich refüsierte mit einiger Empörung diese Zumuthung« fuhr der wackere Külps fort, »und gab den Unbescheidenen zu verstehen, daß Gehorsam die vornehmste Bürgerpflicht sei und mir hier friedlich und als treue Unterthanen unter Rheinbundobrigkeit lebten! Darauf ritten sie weiter! Doch nicht davon wollte ich sprechen, gnädiges Fräulein, sondern bitten, einen eiligen Boten zu Fuß – denn einem reitenden wird unterwegs unfehlbar das Pferd requiriert! – zu dem Ordonnateur-en-Chef des in Hellmerode liegenden Armeecorps zu schicken und den Herrn französischen General zu bitten, dem Treiben der holländischen Marketenderinnen unten auf unserer Wiese Einhalt zu gebieten! Diese Frauen sitzen in ihren Uniformröcken auf der Weide und melken am hellen Tage unsere Kühe aus, trotz meinem Schweizer!« Ich patschte in die Hände: »Welch ein bukolisches Bild!« rief ich vergnügt. »Wahrlich – eines Niederländers würdig!« Aber der Herr Külps theilte meine Begeisterung nicht. »Die Weiber verhökern unsere Milch an ihre Friesländer von dem Ponton-Park!« rügte er mich. »Des weiteren haben die französischen Voltigeurs heute Nacht wieder in drei Häusern die Treppen davongetragen und als Lagerfeuer gebraucht, weil unsere schönen Weidenköpfe, die sie zuerst umhieben, ihnen zu grün waren! Ihre Karrengäule stehen und sie selber liegen auf ungedroschenem Stroh als Streu. Das liebe Brot liegt in breiter Spur von der Tenne bis zum Biwak und die Hühner picken es. Von diesen ist freilich ein guter Theil schon heute Nacht gestohlen! Ein Bauer drüben auf dem Nachbargut, der wehren wollte, liegt auf den Tod ...« Wo war unsere Vergnügung des Geistes und Verstandes – wo war unsere, so harmonisch begonnene Akademie geblieben? Ich blätterte zerstreut und betrübt in den artigen Chodowiecki'schen Kupfern, deren mir der letzte Postwagen ein ganzes Cahier vom Buchhändler gebracht hatte. Bei der Betrachtung dieser, mit delikatester Nadel gestochenen Vignetten war eine mißvergnügte Minute unmöglich. Meine bewölkte Stirne erheiterte sich in einem vertieften Interesse und ich hörte nur noch halb auf die, ach so ermüdenden, weil jeden Tag wiederkehrenden Klagen des Amtmanns über die Plünderung unserer Mehlkasten, Haferböden und Räucherkammern durch die vorbeimarschierenden Franzosen. Wozu braucht der Mensch zu essen? Was soll diese Prosa des Seins? Nehme man sich an mir ein Beispiel: Ich lebe oft, mit schönen Dingen beschäftigt. Freunden und Freundinnen schreibend, in meiner süßen Wehmuth träumend – ich lebe oft von Zuckerwasser und etwas Bisquit bis zum Abend ... Da klirrte es, im Triumph des Mars über Minerva, die Treppe hinauf, und vor mir stand, vom Diener geführt, ein wirbelbärtiger polnischer Ulan. Er schien Einer ihrer Oberen zu sein, denn er verbeugte sich mit einigem Anstand und versetzte in gutem Französisch, zu mir und dem Herrn Külps allein gewendet – abseits von dem Andern: »Der deutschen Sprache gegenüber Ihren Bediensteten nicht genügend mächtig, müssen mir uns an Sie, Baronesse, als die Grundherrin dieser Gegend wenden. Es sind expresse Befehle an den Adjutant-General der Division ergangen – Immediatbefehle aus Paris, Madame – sich sofort eines Ausländers aus Preußen zu versichern ...« Mein Verwalter, mein Herr – leider verbietet mir meine Unerfahrenheit in den Waffen, Sie bei dem Ihnen gebührenden Rang zu nennen ...« »Ich bin Oberst in der Großen Armee, Madame!« »Dies muß kein gemeiner Handel sein!« raunte neben mir besorgt der Herr Külps, dem ich das dolmetschte. »Wenn ein so hoher Ofizier persönlich ...« Ich sagte: »Der Amtmann hier, mein Oberst, meldete bereits Ihren Tapferen ...« »... daß von einem solchen Fremdling hier nichts bewußt sei! Und doch zielen alle Meldungen darauf ab, daß er sich, – wenn nicht unter Ihrem Dach – dann im Umschwung des Schlosses, in den Wäldern und Bergen, umtreibt! Man hat ihn gesehen und verfolgt! Man war ihm auf den Fersen! Plötzlich verschwand er, als habe ihn die Erde aufgenommen.« »Und wer ist dieser schwer zu entziffernde Mann?« warf ich ein. »Ein Mensch – wie schon gesagt, preußischer Nation – in der Rauhheit seiner Mundart den Ostpreußen nicht verläugnend – der sich den Kandidaten Friedrich Wilhelm Prussatis nennt ...« Ein Name aus der ultima Thule – fremd – barbarisch meinem Ohr. Ich bewegte, sanft verneinend, meine hochgelöckelte blonde Frisur. Ich hatte wenige Bürgerliche, als wie Medicinä Doktoren, Sachwalter, Negocianten, in meinem Leben kennen gelernt. Noch weniger und seltener Preußen. Am allerwenigsten aber einen preußischen Bürgerlichen, unter dem ich mir etwas Deutliches und Eigentliches nicht recht vorstellen konnte. »Vielleicht sind Sie ihm begegnet, ohne es zu wissen, Baroneß!« versetzte der Herr polnische Colonel und entfaltete ein Blatt. »Lassen Sie mich in großen Strichen sein Äußeres entwerfen: Dieser Mann mag an die dreißig zählen. Er ist über das Mittel gewachsen, von einer länglichen und wohlgemessenen Statur. Haar und Augen sind dunkler als man sonst bei seiner Rasse gewohnt ist. Seine, übrigens bartfreie, Gesichtsbildung ist richtig und zeigt nichts Außerordentliches, – es sei denn ein rauher und schroffer Ausdruck, der ihm zuweilen aufleuchtet, und ein Blick von einer verächtlichen und verwegenen Natur, womit er die Menschen von oben bis unten abzumessen und dabei zu lächeln liebt!« »Dies Bild ist eines Lavater würdig!« rief ich lebhaft. »Wahrlich: Der Unbekannte steht leiblich vor mir – doch so, wie Sie, mein Oberst, meiner Einbildungskraft die Farben des Portraits mischten – nicht im Spiegel meiner Erinnerung!« »Der, den wir suchen,« fuhr der Oberst des Großherzogthums Warschau fort, »ist nach gewöhnlicher Art gekleidet. Er trägt einen gemsfarbenen Tuchfrack mit schwarzer Halsbinde, eine roth und weiß gestreifte, baumwollene Weste, sehr weite gelbe Lederhosen, hohe, schwarze Stiefel, unter einem runden Hut offenes, kurzes Haar. Er möchte etwa, in seiner Erscheinung, einem reisenden Kaufmannsdiener oder Musterreiter ähneln, für den er sich denn auch wohl ausgiebt...« »Doch, wer ist der verrätherische Postträger in Wirklichkeit?« frug ich, nachdem ich dem Herrn Külps den Steckbrief übersetzt. »Wenn wir ihn erst haben, werden wir es ihm auf die Stirne zusagen und die Welt wird schaudern!« sprach der Pole und auch mich überlief bei diesen schwarzen und unheimlichen Worten ein Schauer. Ich sagte: »Sollte dieser Mensch, der so weithin den behördlichen Gewalten Beschwerde und Ekel verursacht, meinen stillen und engen Bezirk der Musen hier heimsuchen, so soll mein Urtheil über ihn nicht zweideutig sein ...« »Und darf es nicht, Madame!« schaltete der Pole ein. »Denn Sie machen hier im Schloß die Hausgesetze!« »... sondern wie ich gegen diesen, sicherlich nicht mit Unrecht verfolgten Preußen nützen und helfen kann, so soll es geschehen!« Meine sanftmüthige Dienstwilligkeit rührte den Herrn Oberst. Er umschrieb, durch das Fenster blickend, mit der Hand in weitem Umkreis den Horizont anmuthig gewellten Landes, der sich aus der Thalenge des Vordergrundes in einer freundlichen Art öffnete. Man hätte befürchten mögen, daß alle Dörfer in der Runde brannten, wie wir dieses vor sechs Jahren, nach dem Treffen bei Jena, bebenden Herzens erlebt. Allein nun war ja Friede und die Rauchsäulen, die allerorts auf den Fluren an dem schönen Maientag zum blauen Himmel aufstiegen, entquollen aus den Lagern der Großen Armee, die ohne Ende bei uns durch gegen die aufgehende Sonne zog. »Seitdem die Erde steht, wurde noch keine solche Heeresmacht gesehen«, sprach der Pole. Seine Augen glühten. »Der Kaiser hat alle Völker Europa's von den Säulen des Herkules bis zum Njemen aufgeboten, um den moskowitischen Drachen von seinem goldenen Stuhl zu werfen. Er wird mit diesem ungeheuersten aller Kriegszüge die neue Ordnung der Welt vollenden und sich in Moskau zum Kaiser von Europa krönen lassen!« »Wie ließe sich auch der Genius in seinem Adlerflug die Flügel binden?« fiel ich dem Obersten bei. »Napoleon ist im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur. An seinem Willen mißt sich wie an einem Zollstock die Welt!« »Und die Welt ist ohne ihn undenkbar!« sprach der Großherzoglich Warschau'sche Militär in einem dunklen und warnenden Ton und fuhr ebenso geheimnißvoll, in einer gedämpften Art, fort: »Der Kaiser hat am 9. Mai Paris verlassen, um zur Großen Armee zu reisen. Er flog in drei Tagen von Paris nach Mainz! Er wird in Dresden alle Könige und Fürsten des Rheinbundes vor dem Aufbruch gegen Rußland um sich versammeln. Er kommt in diesen Tagen auf dem Weg nach Dresden – er kommt durch hiesige Gegend, Madame!« »Oh – wer den großen Mann sehen könnte!« »Es möchte leicht sein, Baroneß, daß er die hier unten im Thal führende Straße einschlägt! Wenn Sie den Mameluckenschwarm mit bunten Turbanen und Krummsäbeln dahinjagen sehen und zwischen ihnen, in gestrecktem Galopp der offene Reisewagen – derjenige von den einsitzenden Generalen, die Landkarten auf den Knieen, der keine goldgestickte Uniform, sondern den einfachen Rock der Voltigeure oder den grünen Frack der Jäger zu Pferde trägt – das ist Er! ... Wehe, wenn in diesem Lande ein Zwischenfall den Empfang verwirren möchte, der ihm gebührt! Die Folgen wären furchtbar!« Ich mußte den, von der Rede erhitzten, Sarmaten belächeln. »An uns soll es nicht fehlen!« sprach ich. »Der Kaiser der Franzosen ist ein Genius von der ersten Größe und unsere geziemende Ehrfurcht ihm sicher! Wie sagte doch der Herr von Goethe in Weimar, der Ihnen, mein Oberst, unfehlbar nach seinem Namen gewärtig ist ...« Nein! Der Colonel hatte nichts von dem Geheimbden Rath vernommen. Ich schmückte Seine Exzellenz also mit dem ihm gebührenden Titel und verbesserte: »Der Herr Staatsminister von Goethe, der seit vielen Jahrzehnten so musterhafte Werke der Poesie hervorbringt – als er vor etlicher Zeit einer Audienz beim Kaiser gewürdigt wurde – mit welchen Worten ging er da ab: Er sei nun froh und sicher, allezeit an Napoleon einen gnädigen Herrn zu wissen! ... Einer solchen Meinung, mein Oberst, sind wir simpeln Sterblichen hier, in unserem geringen Kreise, denn nun auch!« »Mit dieser Hoffnung nehme ich von Ihnen Urlaub!« Der Ulane beugte sich und wischte ritterlich mit seinem Schnauzbart meine Hand. Ich faßte meinen Tarlatanrock rechts und links mit den Fingerspitzen, neigte mich sittig in den Knieen und versetzte: »Mein Oberst – ich bin die Ihrige!« Als er die Treppen hinabgerasselt, litt es auch den Herrn Külps nicht länger bei mir. Ihm lagen seine Merinoschafe im Sinn, deren Vließ er durchaus vor dem Scheermesser der Wälschen bewahren wollte. Er ließ die blökende Heerde aus dem Stall treiben und wanderte, den Knotenstock in der Hand, selbst rüstig hinter Hirten und Hunden mit. Nicht ohne innige Wehmuth sah ich vom Fenster oben das ausziehende Gewimmel der Pelze. Oh – du entweihter, verschwiegener Tempel der Schwärmerei im Walde! Das rohe Volk nennt dies Geklüft, zu dem kein Unkundiger so leicht durch Dickicht den Eingang findet, von alters her das Mäuseloch. Ich hatte es die Nymphengrotte getauft und liebte es, mit anderen sentimentalen Herzen an heißen Sommertagen, in luftig weißen Gewändern, Blumenkränze im Haar, in diesem Schattenreich zu träumen und, dem Orte angepaßte, schmerzliche und thränenreiche Verse zu recitieren, deren klagende Bewegung Geisterstimmen im Echo an den feuchten Wänden auffingen. Nun aber würde Herr Külps seine Schafe dorthinein weisen und diese stumpfen Thiere sich in die poetische Gelegenheit nicht fügen, sondern durch ihre unvermeidlichen Überbleibsel am Boden der Weihe des Ortes Abbruch thun und, trotz alsbaldiger Säuberung, meine Nymphengrotte mir entheiligt und vergällt sein ...   Diese liebliche Höhle lag in halber Höhe des Berges, über dem Schloß Reuterswiese, inmitten von dickem Wald. Die gemächlich steigende Poststraße führte dicht daran vorbei. Von ihr hatte Herr Külps seine Schafe und Böcke und hüpfenden Lämmlein seitwärts nach dem Eingang zum Tartarus treiben zu lassen. Er befliß sich der Eile und schaute sorgend um die Wegbiegung zurück. Er glaubte, in dem rasch nahenden Hufschlag und Säbelgeklirr bereits den Spanier zu gewärtigen. Doch die Reiter – es mochten ihrer nicht mehr sein als die Finger einer Hand – trabten vorbei, ohne sich um den Herrn Amtmann und seine Schafschur zu kümmern, und schienen ihm, in ihren gelbverschnürten rothen Jacken und schiefsitzenden Pelzmützen, Husaren des Königs von Westfalen zu sein. Dies begriff sich für ihn um so leichter, als er wußte, daß eine Anzahl Könige in den Lagern der Umgegend auf Napoleon warteten. Mit gestilltem Gemüth half also der Herr Külps selber, mit geschwenktem Ziegenhainer, die profanen Schaaren der Schafe in mein dämmerndes Tusculum zu treiben. Die Thiere drängen sich denn auch, in ihrem bescheidenen Gehorsam und, gemäß ihrer geringen Vernunft zu einem dicken blökenden Klumpen geballt, heftig nach hinten! Doch was ist das: Wird dort der Gott der Grotte wach und zürnt den Eindringlingen? Ward der große Pan aus dem Schlaf geweckt oder gar rauh unterbrochen, als er, der Bocksfuß, just mit einer Dryade schäkerte? Eine rauhe Stimme hebt sich hinten in der Höhle und vervielfältigt sich dräuend an den Wänden, während sie sich gegen den pressenden Ansturm der Merino-Heerde mit zornigem Zuruf wehrt – genügend für die Schafe – dies leicht erschreckte und verwirrte Geschlecht – daß sie sich angstvoll umkehren und in einem wirren Geflüchte wieder aus der Grotte herausspritzen ... Wer aber tritt als Charon, der dunkle Fährmann, vom Ufer der Unterwelt hinaus in das Blau des Mai? Wer ist dieser erhitzte und ungestüm athmende Unbekannte, der blinzelnd die Lider gegen den grellen Kuß der Sonne schließt? Wahrlich keine unedle Erscheinung! Seine Gestalt ist hoch, artig und einnehmend. In der Gefälligkeit seiner Bewegungen wohnt die Jugend. In seinen Gesichtszügen folgt die Natur nicht genau der Richtigkeit, aber sie hat sie eben darum einnehmend, wenn auch mit einem düsteren und wilden Schein darüber gebildet, und so ging denn auch ein Wetterleuchten aus den heißen und dunkeln Augen des Troglodyten und er rief mit einer halb grimmigen, halb lachenden Stimme, in der Mundart des fernen Ostpreußen: »Trautstes Männchen! Beinahe hätten Ihre vielen Schöpse mich erstickt! Erbarmen Sie sich: die Heerde holt sich da drinnen nur den Husten! Es ist da viel zu kalt und feucht für spanisches Halbblut!« Der Amtmann stand stille vor Entsetzen. Er sah wohl: Das vor ihm war ein Wesensbild von der kecksten und abenteuerlichsten Art. Aber nicht das war es, was dem guten Külps den Mund verschlug, sondern sein, der Unschuld des sanften Landlebens gewohnter, Blick bebte schaudernd zurück vor der Gemsfarbe des Tuchrocks, in den sich der Fremde kleidete, dem Roth und Weiß der baumwollenen Weste, dem Gelb der Lederhosen über schwarzen Stulpstiefeln, dem lose hängenden Haar unter schwarzem Hut! – wahrlich: Zoll für Zoll dem verlesenen und von mir übersetzten Steckbrief des Herrn Warschauer Obersten entsprungen, stand der Sohn der Wälder leibhaftig da – der von den Dienern des neuen Cäsar so emsig Gesuchte – und entsetzte den redlichen Külps. Inzwischen aber hatte das blinde Herausprellen der Schafe die vorgerittenen, rheinbündischen Husaren stutzen heißen. Sie kamen zurückgesprengt und zugleich bog von unten um die Wegkehre eine offene, im Schritt aufwärts fahrende Kutsche, zu deren Convoi oder Sauvegarde sie offenbar dienten. Denn es folgten noch Etliche Rothröcke zu Pferd hinterher und innen in dem Wagen hatte sich ein Herr in der bürgerlichen Tracht eines Reisenden von Rang auf die Füße gestellt, deutete wild mit seinem Krückstock auf den, aus der Grotte gelockten Feind der Menschheit, und rief den Husaren Etwas zu. Schon lösen die hinter ihm, an seinem Kopf vorbei, aus dem Sattel ihre Karabiner wider den Fremden. Die vorn wälzen sich ungeschlacht und eilends von den Gäulen, stapfen steifbeinig vom Reiten und schwerfällig, mit gezückten schweren Säbeln, durch das Dickicht nach der Grotte, bleiben mit den Sporen im Brombeergerank, mit den Pelzmützen im Laubgeäst hängen. Der Höhlenbewohner drüben aber, den vorhin das, ihm rächend an den fliehenden Fersen haftende, Signalement als den Candidaten Friedrich Wilhelm Prussatis allen Rechtlichen gemeldet hat – er ist flinker! Des Turnens, nach der eingerissenen preußischen Unsitte, kundig! Der Wälder gewohnt! Er wirft sich wie der Schwimmer in die Brandung, mit erhobenen Armen in das schier undurchdringliche, steil abschießende Tannendickicht, unter dem sich, tief am Hang, die Wetterhähne auf den Thürmen meines Schlosses freundlich im Maiwind drehen. Wie sollen ihm die zu Fuße plumpen Husaren da folgen? Wo sollen die Ärmsten ihre Rosse lassen? Die grünen Wellen nehmen den Taucher auf! Es kracht in den Büschen und er ist verschwunden.   Oh Triumph der Empfindsamkeit ... Aber mir, die Genossen und Genossinnen unseres geistigen Cirkels und ich – wir fanden, nachdem der Kriegslärm sich mit dem Herrn Colonel und der Alltag sich mit dem Herrn Külps empfohlen – wir fanden nicht mehr die olympische Ruhe der Seele, um die Seligkeiten der Cultur wählerisch zu genießen. Wohl nöthigte mich Pamela, die Gute, wieder auf das Gerichtsstühlchen und wollte meine leibliche und geistige Erscheinungsform weiter verhimmeln. »Löse dein Räthsel, wunderbare Sphinx!« rief sie stürmisch. »Sprich: Bist du die Nebenbuhlerin der Venus, oder der Minerva? Oder Beides göttlich in Einem?« Ich aber strafte die schmeichlerische Freundin mit einem wehmüthigen Klaps und sagte: »Ihr sollt nicht fürder meine Tugenden mit heuchlerischer Gerechtigkeit aufstutzen! Genug davon! Wie traurig wäre ich, wenn ich wenigstens mit einem Fuß in der Gelehrsamkeit fest stände! Es ist so erquicklich, frei auf dem Meer des Wissens hinzusegeln!« »Ach – leider ist das Studium der Wissenschaften jetzt am Putztisch der Frauenzimmer Mode geworden!« seufzte Phila, die Stiftsdame, der denn freilich die Gottesdiener beider Confessionen es eingeflößt, daß Spinnrock und Nadel einer frommen Eva die geräumigste Schule der Arbeitsamkeit bieten! Gerade darum versetzte ich, als die Präsidentin unseres schönen Bundes: »Laßt uns die Frage abwandeln, ob es einem unverheiratheten Frauenzimmer, vorzüglich in jetziger Zeit, zukomme, das Studium der schönen Wissenschaften zu treiben?« »... und dabei nicht lange im Vorhof verweilen!« rief Pamela, »und nicht als Pflanzen, sondern als Menschen reden! Gründe suchen und nicht Regeln! Wahrheiten und nicht eingerissene Gewohnheiten!« »So ist es!« sagte ich. »Deswegen möchte ich das Beispiel der vortrefflichen, im Thurm zu London sammt ihrem Gatten und Vater schnöde enthaupteten englischen Prinzessin Johanna Grey anziehen, welche, wie Michel Angelo es bezeugt, es noch kurz vor ihrem Tode großmüthig bekannt hat, daß ihr in der ganzen Welt Nichts mehr wahres Vergnügen verschafft habe als die Kenntniß dreier gelehrter Sprachen ...« Wir schwiegen ergriffen und betuppten uns still die Augen. Wahrlich: Dies waren reinere Principien einer weiblichen Seele, als sich, nach unserer Erziehung, verschämt kichernd beim Pfänderspiel Mäulchen rauben lassen oder, nach jetzigem Europäischen Brauch, mit Wuth auf allen Redouten tanzen! Die Sonne war inzwischen in den höchsten Punkt des Mittags-Cirkels gestiegen. Vor den Fenstern unseres hochgelegenen Saals stand der grüne Bergwald in schwarz durchschatteten Massen, deren Conturen den weichen Willen der Natur zu harmonischer Rundung und besänftigendem Ausgleich zwischen Licht und Dunkel verdeutlichten. In die mitempfindende Stille, mit der mir noch die Thränen um Johanna Grey auf unseren Augenlidern zittern fühlten, trachten plötzlich gell und roh wie Peitschenknall Schüsse und wieder Schüsse hintereinander aus der baumbestandenen Bergwand ob dem Schloß und kränkten uns, indem sie die Musen und Grazien aus unserem Kreis vertrieben. »Oh pfui des Lärms!« Ich sprang auf und ein leichter Unmuth röthete meine Wangen. »Wem von meinen Förstern und Hegern ist es plötzlich entfallen, daß ich die Rohheit der Jagd unter meinen Fenstern und unter meinen Augen ein- für allemal untersagt habe? Eine Wachtel oder ein junges Häslein will ich auf unserm Tisch schon gelten lassen! Aber das Leiden der Creatur mag ich nicht sehen!« Ich war so erzürnt, daß ich nicht erst nach dem Schellenzug langte und irgend einen langsamen und ungeschickten Tölpel von Bedienten in den Wald hinaussandte, sondern fliehenden Fußes selber auf die Garten-Altane des Schlosses hinabeilte, um von da aus rasch und mit eigenem Munde die Bitte um Schonung den vorwitzigen Nimroden in ihr Dickicht hinüberzurufen. Diese Terrasse war ein ländlicher Sitz der Ruhe. Eine perspektivische Aussicht durchschnitt in ihrer Länge und weiter durch das Thal hin die lieblichen, fern ausgebreiteten, offenen Gefilde. Hohe, epheuschwärzliche und moosgrüne Mauern wehrten den Sonnenstrahlen, das Haupt der Spazierenden anders als von der Höhe des Zeniths anzufallen. Wer einen Ausblick gewinnen wollte, mußte, auf steinerner Schnecke, eines der Thürmchen erklimmen, die in gemessenen Zwischenräumen die Anmuth dieses Ortes krönten. Im Begriff stand ich, den Fuß zur untersten Stufe zu erheben. Nun jedoch fühlte ich es mehr als ich es sah, daß über mir ein Schatten das Blau der Luft verdunkelte. Ich blickte empor. Über meinem Scheitel saß rittlings auf der Mauer ein Mann ... Sein eines Bein hing, gelblich-bauschig bekleidet, in einem schwarzen Stulpstiefel, in mein Arkadiem hernieder. Gemsbraun schimmerte sein dieshälftiger Frackschoß. Der Rundhut hatte sich ihm in den Nacken verschoben und gab ein reichliches und loses dunkles Haar frei, unter welchem ein, in männlicher Art rauhes und störrisches Gesicht doch recht wohl den Augen eines Frauenzimmers gefallen konnte. Ich mäßigte meinen Schrecken. Denn auf den ersten Blick hatte ich begriffen, daß dieses nothwendig der aus den preußischen Wäldern in die Milde unserer Breiten verschlagene Wolf des Ostens war, auf dessen düsteren Spuren die polnischen Reiter von vorhin trabten, und wagte doch nicht, allein mit dem Entsetzlichen, und aus Furcht vor seinem Rachestahl, zu verrathen, daß ich ihn kannte. Noch wollte ich mühsam einige Worte erraffen, da kam er mir zuvor und rief von oben herab: »Guten Tag, mein angenehmes Kind!« War dies die Anrede eines Fräuleins meines Standes? Ähnelte ich einer Hufnerstochter oder Fröhnerin? Trug ich etwa einen bäurischen Rock von groben flachsenen oder wollenen Fäden? War mein Mieder etwa ohne Fischbein? Kniete ich vielleicht am Boden und säuberte rupfend den Kies vom hervorschießenden Gras? Wahrlich – diese schwer vergütbare Sottise, mich, die letzte Reichsfreiin von der Lehen, ein artiges Kind zu nennen, gab mir, im doppelten Spiel des Worts, mit dem Unmuth auch den Muth wieder. Ich frug strenge, wenn auch mit zitternder Kehle: »Was tut Er dort oben?« »Ich bin an den alten Epheuknoten von außen hinaufgeklettert, Mariellchen!« »Mag Er seine Turnerkünste aufgaukeln, wo er will!« gebot ich. »Hier in meinem Schloß leide ich es auf keinem Wege!« Daß ich mich als die Grundherrin dieses Orts darstellte, reizte den Sohn der Wälder nicht zur Ehrfurcht. Er hob im Gegentheil auch das zweite, gelblederne Bein über die Mauerkante auf die Schloßseite herüber. Ich sagte mir, in innerlichem Zittern: Wärme nur schmeidigt Wachs, den rohen Klumpen! – ich bat also bewegt und die Hände faltend: »Denken Sie ritterlich, mein Herr ...« Diese Weichheit fiel mir nicht schwer. Irgend Etwas an diesem jungen Mann führte mich, ohne daß ich es wollte, aus dem kalten Gebiet der Gleichgültigkeit in die milderen Gegenden der Empfindung hinüber. Ich fügte leise hinzu: »Bringen Sie eine Waise nicht ins Unglück!« »Was befiehlt das Fräulein, daß ich thue?« »Verlassen Sie diese Mauer wieder, mein Herr!« Wie habe ich, dieser wenigen und unbedachten Worte wegen, noch an diesem Tag die Schläge des Geschicks erdulden müssen! Denn der Mauer-Reiter oben legte die paar Sylben in seinem Sinne aus. Er stemmte sich, lang an einer Hand hängend, mit der anderen von der Mauer ab und landete in einem tiefen und schwindligen Fall neben mir auf seine Füße. Hier nun stand er und sah mich in einer düsteren und dennoch freimüthigen Weise an. Soll ich sagen, daß er mir mißfiel? Ach, meine Lippen würden Lügen lispeln. Doch aber lohete in dem Eindruck, den er auf mich machte, die Furcht. Mich däuchte, daß ich hier eine Brandfackel vor mir erblickte statt eines Menschen! Ach – diese dunklen Augen glühten in meiner zarten Seele und leuchteten schonungslos in mein weiches Herz, dessen bislang so sorgsam bewachten. Thore wie unter der Berührung einem Magierstabs mit einem Schlage aufsprangen! Wie dieser kleine geflügelte Zauberer hieß? Ach – die unschuldigen Liebesgötter, die unsichtbar über den zur Nymphengrotte ziehenden Lämmlein gegaukelt waren – sie hatten in muthwilligem Ernst mit Pausbacken in die Segel meines Lebensschiffleins geblasen und Herze zu Herzen gelenkt . .. Denn schon merkte ich wohl, daß auch mein Bild in hochgegürtetem, weißfließendem antikischem Gewand ihm nicht mißfiel ... Oh, nein! Es ging, als er mich betrachtete, ein freudiges Leuchten über ihn, das nicht die Sonne von oben, als eine trügerisch-gefällige Kupplerin verklärte, sondern welches warm und wahr aus seinem schönen Inneren brach ... Ich fühlte, wie mein Wille vor dem göttlichen Fremdling erlahmte und ich seinem Willen unterthan wurde. Noch raffte ich meine Kraft zusammen und hauchte: »Ich beschwöre Sie: Gehen Sie, mein Herr!« »Gewiß doch! Heute abend, wenn es dunkel ist!« sagte er in der rauhen, kernigen Sprache seiner fernen Heimath. »Bis dahin müssen Sie mir hier eine Unterkunft und Nahrung geben! Ich werde verfolgt!« Wehe – wie wurde mir! Ein Gesetzesverächter, vielleicht mit Blutschuld Beladener, stand in dieser königlichen Erscheinung vor mir! Oh, wäre ich doch blind gewesen, das gebieterische Flammen dieser Augen nicht zu sehen ... »Dem Unglücklichen öffnet sich die Freistatt dieses Schlosses!« stammelte ich. »Dem Schuldigen nicht! Die Nemesis eilt auf ihrer Fußspur! Sie haben ein Verbrechen begangen!« »Welches?« frug er drohend und blitzte mich aus sengenden Augensternen an. Ich senkte verwirrt das Haupt. Ich wußte es nicht ... Eben da, wo wir standen, umgürtete ein trauernder Epheu zwei steinerne, griechische Urnen auf mannshohen Sockeln. Tauben schnäbelten sich, ein Sinnbild ehelicher Liebe, auf ihrer Wölbung. Ernst senkte darunter der Todesgott die Fackel. Rasch ruhte auf diesem Wesen der Blick des Herzenstürmers. Ich beantwortete seine Frage, noch ehe er sie gethan. »Es ist ein Denkmal kindlicher Freundschaft und Liebe für meine entschlafenen Eltern!« sprach ich leise. Schon berührten die Fingerspitzen seiner Linken die Thränenkrüge, hoben sich die der rechten feierlich zum Blau des Himmels. Er versetzte, in einem priesterlichen Anstand und einer natürlichen Würde: »Bei den Gräbern Ihrer Eltern: Ich schwöre, daß ich kein Verbrechen begangen habe!« »Vielleicht nicht vor Ihrem Gewissen!« wagte ich, mich zu verteidigen, »aber vor den Gesetzen der Menschen ...« »So wahr ein Gott im Himmel lebt und auf uns herniedersieht: Ich habe kein göttliches und kein menschliches Gesetz auf Erden verletzt!« Mich durchschauerte es. Er sprach in gewöhnlichem Ton – nein doch – er befahl: »Führen Sie mich in das Schloß! Weisen Sie mir ein Zimmer an und lassen Sie mir Nahrung reichen! Ich habe Hunger!« Ich stieg betäubt vor ihm die Thurmtreppe empor. In ihren engen und dämmerigen Windungen fing sich einen Theils der unbestimmte Lärm, mit dem meine Dienerschaft da und dort im Hause ihre Hantierung abwartete, zum andern von oben der Stimmenfang meiner Gäste. Der neue, aus Wald, Geheimniß und Gefahr geborene Gast hinter mir blieb stehen und warnte streng und gebot: »Verbergen Sie mich nicht! Denn dieses könnte gerade bei Ihrer schönen, dort oben versammelten Welt wie bei Ihren Domestiken Verdacht erwecken! Führen Sie mich, unter einem schicklichen Vorwand, als einen über Tag abgetretenen Besucher ein!« Tief seufzte ich auf und that, wie er befahl, und es läutete mir, der armen Bajadere, aus dem unsterblichen Lied des Herrn von Goethe in den Ohren: »Ist Gehorsam im Gemüthe – wird nicht fern die Liebe sein!« Umsonst versuchte ich die aufkochende Leidenschaft mit der Kälte des Weisen zu dämpfen. Ich schlug die Wimpern zu Boden. Ich öffnete die Thüre. Ich ließ den unbekannten Gott, von dem ich nur den finsteren Barbaren-Namen: Prussatis im Sinne behalten, in die innen versammelte Societät eintreten und quälte mir indessen eilends eine Erfindung ab, unter der ich ihn vorstellen könne. Wie denn mein ganzes Wesen, die Nichtigkeiten unseres zügellosen Jahrhunderts verachtend, die Muße nicht in den besten Dingen, sondern die besten Dinge in der Muße sucht, und sich also der beschaulichen Ergötzung an den Gaben der vorzüglichen Geister aller Zeiten zuneigt, so war ich diesmal darin nun übel berathen, als ich auf das mir am Nächsten Liegende verfiel und hastend sagte: »Liebwertheste! Hier haben wir den Herrn Werner, welcher zu Zeiten aus Weimar sich einstellt, um selber mit mir meine Austräge an die dortige Buchhandlung und auf die Leipziger Messe zu bereden. Denn auf den Fuhrmann ist leider in geistigen Materien wenig Verlaß. Womit er also Ihrer Gunst empfohlen sei!« Die schönen Geister, die in meinem Tusculum zu Gaste weilten, vertrieben sich in diesem Raum die Zeit in einer, Jedem angemessenen Weise. Der Eine durchblätterte eine Mappe voll Kupferstiche, der Zweite verlor sich in der Betrachtung der Gyps-Abrisse klassischer Köpfe, die ich von einem, in unseren deutschen Nebel verworfenen Italiener gekauft hatte. Treffliche Geßner'sche Radierungen waren die Freude der Dritten, während Andere neu von mir ausgeschnittene Silhouetten – vielleicht nicht die schlechtesten, mir gestern Abend geglückten Spiele des Storchschnabels – beifällig von Hand zu Hand reichten. Alle hoben nun die Köpfe und musterten erfreut den Ankömmling aus dem deutschen Mekka an der Ilm, der sich, höherer Dinge uneingedenk, voll Eifer in eine rasch herbeigeschaffte Collation versenkte. Weimarer Klatsch war eine kleine Schwäche unseres trefflichen Hagemeister und er trug gerne, als Kaiserlicher und Königlicher Hofrath, diesen giftigen Blüthenstoff wie eine Biene, an seinen Frackschwänzen und Escarpins haftend, mit sich heim nach Wien. »Nun – mein Guter? Was bringen Sie Schönes aus Weimar?« stichelte er neugierig. »Was macht doch das Theater? Sind die Tänze der Familie Kobler auch in der Erinnerung noch des Lobs der Kenner theilhaftig? Wie steht es doch um den jungen vielgenannten Histrionen Durand ...?« Mein Held aber – oh könnte ich schweigen – kaute, blickte vom Teller nur flüchtig auf und sagte stumpf: »Ich weiß es nicht!« Ich lenkte flugs ab. »Weimar befindet sich zur Zeit unter dem Stern des Herrn Theodor Körner aus Wien,« schwärmte ich, »von welchem jungen Poeten der Herr Geheimrath hat drei Piecen hintereinander im Theater aufführen lassen!« »Und was halten Sie von diesem neugebackenen Dramaturgen der Kaiserlichen Hofburg?« erkundigte sich unser trefflicher Freund, der Herr von Burbeck, der sich jetzt, am Vorabend des Kreuzzugs Europens wider Moskau, des Titels eines russischen Staatsraths nicht mehr bediente. Der Hungerige jedoch am Tisch schüttelte die Haare, die ihm allein, nicht durch Beutel noch Band gezähmt, lose herabhingen, und erwiderte nur: »Ich kenne diesen Stückeschreiber nicht!« »Herr Werner hat zu viel mit der eigentlichen Materie seines Handwerks zu thun!« half ich ein und mies auf die verschwenderisch rings aufgeblätterte und verstreute Nahrung des Geistes: »Er hat die artigsten Modekupfer mitgebracht! Das neueste Stück der »Leitung für die Elegante Welt«. Bertuch's »Journal des Luxus und der Moden« ...« »Die Weiber brauchen jetzt weder Moden noch Luxus noch Eleganz, wo das Vaterland darniederliegt!« versetzte, grimmig, mein Geblüt vor Schrecken erkältend, der Fremde. Zu allem Glück hatte der Herr Baron Ruschepohl, dieser naturforschende Landedelmann und Mitglied vieler gelehrten Gesellschaften – zum Glück hatte er in die herben Worte des neuen Gastes, sie unhörbar machend, hineingerufen: »Möchte doch der Herr nicht ermangeln, für mich auf das neue Opus unseres tüchtigen Ramdohr: »Von den Verdauungswerkzeugen der Insekten« zu subskribieren!« »Es ist, bei dem derzeitigen Zustand Europas, ganz gleich, wie die Insekten verdauen!« sagte der furchtbare Fremdling. Man blickte sich an. Man wollte sich die Frage vorlegen, was dieses denn für ein wunderlicher junger Buchhandlungs- Diener sei? Vielleicht nicht von der höheren Art, sondern ein Martthelfer oder diesen Schlags? Um ihn nicht zu beschämen, senkte sich sie, die Ruschepohl, meine Seelenfreundin, auf die Gewöhnlichkeit der Dinge hinab. »Was denkt man in Weimar von dem niederen Stand des Papiergeldes?« wollte sie hören. »Halten sich die neu eingeführten Anticipations-Scheine wenigstens auf der Höhe einer beständigen Rente?« »Es wäre Zeit an dem!« bekräftigte unser weißhaariger Philosoph, der Professor Jurisch, dessen ungemeine Verstandesschärfe selbst unseren ungelehrten frauenzimmerlichen Köpfen alle Wurzeln der »Kritik der reinen Vernunft« völlig aufzuzeigen vermochte. »Wahrlich, Freunde – wie weit muß es mit deutscher Währung gekommen sein, wenn schon der Herr Staatsminister von Goethe selber sich zum Ende vorigen Jahres wörtlich und öffentlich hat vernehmen lassen: »Die Verkäufer und Empfänger können dem sinkenden Papierwerth nicht nachrücken! Der Zustand ist von der Art, daß er auch den Besonnensten zur Verrücktheit hinreißt!« ... »Und wie stand wohl gestern bei Euch in Weimar das Silber zu den Bankzetteln?« forschte der elegant durch ganz Europa geschweifte ehemalige kurkölnische Hofjunker Graf von Wasichen. Wehe, Freunde: Mauern vermochte der Gefragte zu überwinden. Sein eigenes Schweigen nicht. Lisette, die naseweise Zofe, die die Collation abräumte, mischte sich in das Gespräch. »Der Cours war gestern Abend um sechs Uhr. in Weimar zehn zu eins!« meldete sie. »Beim Postmeister unten wußte man es schon heute früh!« Um wieviel mehr hätte dies ein reisender Geschäftsbeflissener missen müssen, – wenn anders er überhaupt aus Weimar kam oder das deutsche Athen jemals betreten hatte! Diese Unwissenheit auf dem gewöhnlichen Markt war erstaunlicher als die Trägheit auf dem Felde der Bildung! Sie erzeugte Verdacht und Mißbehagen, wer sich denn wohl unter diesem stacheligen Pelz verkrieche und das reine Auge des Staatsbürgers scheue? Ach – wußte ich es denn selber? Aber vorwurfsvolle Augen suchten stumm die meinen, die ich pochenden Busens niederschlug. In dieser ahnungsschweren Sekunde trat ein Diener ein und meldete wichtig und laut: »Herr Gaston de Gast aus Luxemburg, Senateur des französischen Kaiserreichs, bittet, auf der Durchreise zum Handkuß vorgelassen zu werden!« »Welch eine allerliebste Visite!« stürmte Pamela, das enthusiastische Kind, empor. »Rasch denn – Liebste: Wirf uns, ehe er uns erscheint, mit zwei Worten sein Bild an die Wand, damit wir der fliehenden Stunde mit ihm den rechten Vortheil abgewinnen! Oh Ihr Götter – welche Lust, sich an fremden Seelen zu bereichern!« »Ich aber kenne dieses, hier anklopfende schöne Gemüth gar nicht!« sprach ich erstaunt und verwirrt. Phila, aus ihrem Fräuleinstift unten im Städtchen vertrieben, schüttelte die grauen Schläfenlocken: »Und deswegen beschwert dich seine Aufwartung?« versetzte sie bitter, »wo die schwindlige und wirblige Welt eine große Herberge geworden ist, in der die Stiftsdamen auf die Straße hinausgenöthigt werden und die Couriere des Kaisers – denn ein solcher ist dieser Herr Senateur offenbar – sich auf eigene Faust Quartier machen!« »Es ist ein Herr von besonderer Bedeutung!« flüsterte in hohem Respekt der Diener. »Sein Reisewagen wird von einer ansehnlichen Sauvegarde von westfälischen Husaren escortiert!« Zugleich fast verbeugte sich der Lakai tief. Denn der Gerühmte zeigte sich schon auf der Schwelle und näherte sich mir, mit einem zu kurzen Bein zwar hinkend und auf einen Krückstock gestützt, – doch aber mit der freien und leichten Geläufigkeit eines Mannes von großer Welt. Er mochte an die Vierzig zählen. Seine Bauart war von einer gedrungenen und breiten, schweren Natur. Sein, vom Scheermesser geglättetes, Antlitz groß, rund und blatternarbig, häßlich dadurch und wiederum von Geist und Sarkasmus erhellt. Starke Buckeln auf beiden Seiten der Stirne verriethen den Mann von Kopf und Wissen. Wälsche Bildung lächelte in den Winkeln des, übrigens strengen, Mundes. Man mochte ihm nicht in die Augen sehen. Denn ihr Stich war kalt und grausam. Der so umschriebene Kömmling trug einen langschößig bis zu den Knieen reichenden, vorn geschlossenen und mit hochgeschlagenem Kragen die Ohren deckenden Rock aus feinstem, fast schwarzem Tuch, das, ohne den grellen rothen Blutflecken des Bändchens der Ehrenlegion, leicht an einen weltlichen Abbé hätte erinnern können. Doch stund die Doppelreihe der Hornknöpfe oben offen und ließ ein weiß-atlassenes, hochgebauschtes Brusttuch und unterhalb das Stück einer kornblumblauen Weste sehen. Die, ganz eng an seinen – sei es denn gesagt: etwas gekrümmten, Beinen anliegenden Pantalons waren vom sanften Grau der Tauben und endeten in zierlichen, schräg nach hinten abgeschnittenen, schwarzen Halbstiefeln. »Mein Weg führte mich an einem Schloß vorbei,« sagte er, sich gefällig räuspernd und mit einem ermuthigenden Lächeln meine Furcht scheuchend, »das weithin als ein Tempel des Apollo bekannt ist! Durfte ich, als ein düsterer Barbar, hier passieren, ohne mich der Priesterin dieses Altars zu Füßen zu legen? ... Wahrlich nein! Auch unter den Waffen schweigen die Musen nicht, wie der Dichter fälschlich stammelt, darum verzeihen Sie, Freiin in der edelsten Art des Wortes, dem Anbeter des Schönen seine Dreistigkeit! Meine Husaren unten im Hof sänftigen ihren Durst am kalten Wasser Ihres Schloßbrunnens! Laben Sie mich hier oben mit einem Stegreiftrunk aus dem Kastalischen Quell!« Dies alles brachte der Conseiller de Gast, indem er zugleich flüchtig die im Zimmer Gruppierten überblickte, in der flüssigsten Weise – nun in reinstem Französisch – nun wieder in klarstem Deutsch – und in einer gewählten Sicherheit des Benehmens dar, mit der er sich nun, auf meinen einladenden Handwink hin, in einem Lehnstuhl niederließ. »Unsere Zeit klirrt im Kriegslärm!« sagte er, ohne mir, befremdlicher Weise, Zeit zu lassen, ihm die im Raum versammelte Welt zu präsentieren, die er doch im Sprechen nicht aus dem Auge ließ. »Auch ich folge der Schalmei des Mars, wenn schon durch die Grausamkeit der Natur, die mir in zarter Kindheit durch einen Unfall das Bein verkürzte, vom Feld der Ehre ferngehalten! Was das Geschick mit der, zur Faust geschlossenen Rechten vorenthält, spendet es freundlich mit der geöffneten Linken doppelt: Es reihte mich gnädig unter die glückliche Schaar der Schatten, die untrennbar sind von dem Sonnenball über Europa, der Napoleon heißt!« »Gnädiges Fräulein« ... der Diener neben mir wisperte es und wagte dabei, mit seinen bebenden, plebejischen Fingern am weißen Musselinhauch meines Ärmels zu zupfen. Mein Blick schlug den Verwegenen zu Boden. Doch nein: der Schrecken, der sich auf der Einfalt seiner groben Züge abzeichnete, flog wie ein Feuerfunke hinüber in mein Herz. Er raunte: »Die Husaren unten vertheilen sich um das Schloß herum ... Man sieht es durch das Fenster!« »Napoleon ...« sprach, in seinem Fauteuil, immer noch die Anwesenden musternd, statt sich, nach Schick und Sitte, mit ihnen bekannt zu machen, in einem feierlichen Ton der Herr de Gast. »Napoleon! ... In der geheiligten Erhabenheit dieses Namens klingen alle Glocken eines Jahrhunderts – in ihm dröhnt der Schritt der Weltgeschichte – jauchzen, nach umgestürzter Tyrannei, nach gebändigter Revolution, die Jubelrufe der Nationen ...« »Die Husaren besetzen alle Schloßausgänge!« flüsterte an meinem Ohr der Diener, der, leider, wohl auch noch eine Knoblauchwurst zum Frühstück verzehrt. »Gnädigste Baroneß: Was will das bedeuten?« Konnte ich es sagen? Ich winkte bebend, zu schweigen, und hängte mich an die dünnen, grausam harten und gefällig beredten Lippen des Senators des Kaiserreichs, welcher eifrig fortfuhr: »Napoleon – dieses Schicksalswort strebt jetzt, so wie die Sonne nun in Zenithhöhe steht, nach seiner vorbestimmten Vollendung. Im Kreml-Schloß in Moskau, bei der Salbung zum Herrn der Welt, wird diese Vollendung sich erfüllen! Alle Völker Europas ziehen frohlockend dem großen Ziel zu. Alle Heerstraßen wimmeln. Auf alle seine Verbündeten – den herrlichen Franz von Österreich, die treuen Könige des Rheinbunds, Westfalens, Spaniens, der Niederlande, Italiens – auf die edeln Polen, auf die kernigen Bewohner des Nordens, von Kopenhagen bis Stockholm, auf die biederen Söhne der Eidgenossenschaft – kann der Kaiser bauen! Er läßt sie, soweit sie nicht unter seinen Befehlen für die Freiheit und Gesittung kämpfen, als Freunde im Rücken!« »Es treten Husaren mit geladenen Karabinern in das Schloß hinein!« ächzte, halb hinter mir, der Diener. »Doch, was das einzige Land anlangt, dem auch die Großmuth eines Napoleon nicht mehr trauen darf als der Inderfürst dem gezähmten Tiger« fuhr Monsieur Gaston de Gast fort, die breiten Hände über dem Leib faltend und gelassen, fast behaglich sich im Kreis umschauend. »– Preußen – das stets hinterlistige – stets blutgierige – stets das edelmüthige Frankreich lauernd im Rücken umschleichende – nun – die werthvollen Sanktionen des Friedens von Tilsit haben dem Tiger die Krallen gestutzt – wie: Oder ist der junge Herr dort in der Ecke einer anderen Meinung – der Herr in dem gamsfarbenen Rock und den hirschledernen gelben Pantalons, da er mich so zweifelnd – abweisend – darf ich sagen: feindselig ins Auge faßt?« Mein unglücklicher Freund hielt an sich und ließ keine Antwort verlauten. Doch konnte er auch, er, der Hitzige, die stumme Sprache seiner Augen meistern? Diese nächtigen Sterne glühten und verriethen den in seinem Inneren schlummernden Vulkan. In mir erlosch der Puls des Herzens und durch den ganzen, schon vorher bedeutsam gewarnten Cirkel rauschte dumpf ein Bangen. Der Senateur hub wieder, in einem kaltblütigen Spiel, an, wie er es wohl seinem Meister Buonaparte abgesehen. »Preußen – dieser Staat, dessen Handwerk der Krieg, dessen Waffe der Verrath, dessen Witz der Überfall – vornehmlich auch auf das friedliche und arglose Österreich – zu allen Zeiten und Gelegenheiten gewesen – Preußen ist – beglückwünschen wir die Menschheit – nunmehr zu einer Ohnmacht verwiesen, die ihm eben nur noch die pünktliche Erfüllung der ihm auferlegten Reparationen und Contributionen gestattet – ... nochmals bitte ich den Herrn im braunen Frack und roth- und weißgestreiften Gilet, es mir zu melden, wenn ich das Unglück haben sollte, daß meine Worte ihm mißfallen!« Den Zeigefinger auf den Lippen, eine warnende Göttin des Schweigens, beschwor ich hinter des Versuchers Stuhl, den heißköpfigen Herzensfreund, sein adeliges Ungestüm an sich zu halten, und sah mit Grauen, wie die Dämonen seiner fernen, nordischen Nation in ihm wach wurden und seine Augen rollen ließen! Hatte ich doch von jeher gehört, daß den Preußen ein, dem Deutschen gänzlich fremder, Stolz und ein Bewußtsein eigenen Werthes innewohne, und sie auch in bedrängter Gelegenheit nicht verlasse – ja – durch die Einsicht in vorhandene Gefahr noch auf das heftigste sich steigere! Der auf den ersten Blick Geliebte, den mir Amor aus Waldesnacht gesandt – wehe – er begann dräuend am ganzen Leibe zu zittern, indessen der Diener Napoleons, in dessen Luxemburger Geblüt wälsche und deutsche Art Tropfen an Tropfen rollten – indessen der hämische Menschenfischer aufs Neue den vergifteten Köder auswarf. »Preußen!« versetzte er launig, »hat sich durch den Frieden von Tilsit wehrlos machen lassen! Es ist nur noch ein Kinderschreck, dieser Oger von einst, der unter Friedrich ganz Europa widerstand – mit seinem winzigen, ihm in Gnade belassenen Heer ...« »Ihr werdet dies Heer noch kennen lernen!« grollte es mie der erste Sturmstoß eines aufziehenden Gewitters aus der Ecke, wo mein göttlicher Fremdling, nun finster und schwer athmend, lehnte. Die Wohlmeinenden, die schönen Geister und freien Seelen, traten scheu von dem Wildling rechts und links zur Seite. Er stand in einem leeren Umkreis. »Gnädiges Fräulein! Die Husaren kommen leise, auf den Fußspitzen, mit angehaltenem Säbel, die Treppe heraufgeschlichen ...«, wimmerte hinter mir der klagende Lakai. »Ganz recht!« Der Senator des Kaiserreichs nickte dem Einwurf meines Freundes einen böswilligen Beifall. «Preußen wird zeigen, was es kann! Denn es hat nur noch die Ordres der Großen Nation zu erfüllen – ich weiß nicht, was an meinen Worten den Herrn zum Lachen reizt.« »Laßt die Preußen nur zuletzt lachen!« rief, trotz meiner flehend gerungenen Hände, der Ungezähmte, Unvorsichtige dagegen. »... und diese Ordres befehlen Preußen, mit seinen Regimentern zur Großen Armee zu stoßen und sich gegen die Moskowiter, Baschkiren und Kosacken zu gruppieren!« »Lieber die Tataren im Land als die Franzosen!« »Es wäre bedauernswerth,« der Herr de Gast erhob sich plötzlich forschenden Auges, »wenn die Preußen ihren vormaligen Kriegsberuf vergessen hätten, und die allgemeine Rede sich bewahrheiten sollte, Preußen sei bereits völlig und für immer, zur Erleichterung seiner armen Nachbarn, ab und todt!« »Es lebt! Bei Gott im Himmel: Es lebt!« »Still!« schrie ich entsetzt. Der Diener keuchte neben mir: »Die Husaren dringen in den Vorraum!« Der Senateur schritt schwer und hinkend auf den theuren Fremdling in der Ecke zu. Sein häßliches, blatternarbiges Antlitz lachte. In seinen Augen züngelte die Bosheit einer Viper. »Dies ist – unter uns sei es gesagt – auch die Meinung des Kaisers, daß Preußen nicht mehr beißen kann und nicht mehr bellen darf!« »Bonaparte wird sich noch an uns irren!« »Und in dieser erhabenen Verachtung« – alle Teufel spielten um die schadenfroh gekräuselten Lippen des hinkenden Senators – »hat, bei dem Monarchenkongreß zu Erfurt, vor vier Jahren, der Kaiser der Franzosen unweit von hier, auf dem Schlachtfeld von Jena, als einen Witz der Weltgeschichte, eine große Hasen-Treibjagd veranstaltet!« Unter dieser höhnischen Meldung rückte er seinen massigen Leib nicht ungeschickt hinter den Rundtisch und pflanzte dergestalt ein Bollwerk zwischen sich und den Gegner, der, zu blindem Jähzorn entflammt, wider ihn losschnob, wie, in den Tagebüchern der Weltreisenden, der Stier auf den, ihn neckenden Spanier. »Hütet euch vor Preußens Rache!« schrie er dabei mit einer furchtbaren Stimme und der hartherzige Bösewicht ihm gegenüber kreuzte die Arme und frug kalt: »Was geht den Herrn wohl Preußen an?« »Eine Hasenhetze! ... Ha – Fridericus! ... Ziethen! ... Blücher ... Wir Preußen ...« »Also der Herr ist ein Preuße?« »... wir werden Euch Sonntagsjäger jagen wie bei Roßbach ...« »Preußen ist mit Frankreich verbündet!« »Nennt Sklaverei ein Bündniß! Nennt Faustrecht einen Frieden! Nennt Tyrannei einen Völkerbund vom Rhein!« tobte mein göttlicher, in Weißgluth seines Grimms verklärter Berserker. »Wir werden unsere Ketten brechen!« »... Also Gewalt ...« Der Andere zückte triumphierend den Zeigefinger gegen die Heldenbrust vor ihm. »... jedes Mittel ist uns recht ...« »Das ist mir bewußt, daß es dem Herrn auf Verbrechen nicht ankommt! ... Husaren her ... Husaren!« »... Gift und Dolch der Hüllenbrut!« Im Elysium oben mochte der Herr von Kleist, wenn er seinen Vers der Rache vernahm, wohl in Todesgemeinschaft deine Hand, Henriette, drücken! Hier unten, unter uns Lebenden, nickte der Herr de Gast und donnerte: »Ich weiß es, daß Sie auch vor dem fürchterlichsten aller Verbrechen nicht zurückschrecken, um frevelhaft die Ordnung der Welt zu erschüttern! ... Ich verhafte Sie, Kandidat Prussatis aus Ostpreußen! Husaren: ergreift den Hochverräther!« Der Krieg rasselte in das Zimmer mit Sporengeklirr und Säbelgeblitze. Er füllte es mit Thürmen von Bärenfell über martialischen Schnauzbärten, barbarischer gelber Verstrickung auf verschossenem Scharlachroth, Dunst von Schweiß und Pferden, Tabak und Tuch. Es war wohl ein Dutzend Troupiers des Königs von Cassel, die da ungestüm eindrangen – und drüben an der Wand er – der Einzelne – der Waffenlose – gegen die Söldner Jerômes! Nun jedoch hatte ich diese Wand, nach der neuen Übung, zierlich mit Buntpapier und Borten verkleben lassen. Ein Viereck kaum sichtbarer Fugen war in die Anmuth gedruckter, farbiger Blumenkörbe eingeschnitten. Eine Tapetenthüre, die sich nur dem kundigen Handgriff nach einem verborgenen Knopf öffnete, führte – ach – soll ich sagen, wohin – Sei es denn niedergeschrieben – in mein Schlafgemach nebenan –, damit ich, in schlummerlosen Nächten oder des Morgens beim Erwachen, mit drei Schritten der Erquickungen an Gipsgüssen und Kupferstichen, Musen-Almanachen und Musiknoten, theilhaftig sei. Das Pförtchen sprang auf. Ich drängte den Freund hinein. Ich schloß es hinter ihm mit dem Gewicht meines Körpers, den ich, mit seitlings weit ausgebreiteten Armen, schützend an die Wand lehnte, mit den bittenden Augen eines wunden Rehs die rohen Reiter vor mir entwaffnend. Ihr klirrender Haufe stand und stutzte. Durch sie bahnte sich de Gast, der hinkende Napoleonsdiener, den Pfad vor mich hin. Die Blatternpfännchen seines Gesichts schienen aus Erz, seine Augen waren eisige Schlangen, während er herrschte: »Öffnen Sie die Thüre!« »Nein, mein Herr!« schrie ich empört. Das Blut schoß mir in die lilienbleichen Wangen. »Ich befehle es Ihnen im Namen des Kaisers!« »Hier endet selbst Napoleons Macht! Denn diese Thüre, Herr Senator, führt in mein Schlafgemach!« »... in dem Sie, Baronesse von der Lehen, einen fremden Mann verbergen!« sprach der Staatsrath des Empire, die grausamen Mundwinkel zu einem satanischen Lächeln verzogen. Wehe – es war wahr! Ich schloß schwindelnd die Augen: Wo, Ihr Götter, blieb mein Ruf? Ich stand, eine Vestalin, die sich selbst auf dem Altar der Liebe zum Opfer bringt! Doch dies heilige Feuer der Vesta verglimmte nicht in mir – nein – zu hellen Flammen blies es in mir der Orkan der Zeit. Oh süßer Sturm – nimm mich hin! Schüttele dies zu Leiden bereite Herz! Es beugt sich dir in Demuth wie der Myrthenstrauch dem Märzmind! Alles für dich, du Geliebter da drinnen – alles für dich! Der Freund meiner Seele konnte mein Schlafgemach nicht räumen. Denn vor dessen eigentlicher, innen verriegelter Thüre hatten sich außen auf dem Flur schon die Husaren postiert. Mich aber knirschte der Senateur de Gast mit dem heißen Athem eines Raubthiers an: »Wenn Sie nicht sich aufzumachen entschließen, so weichen Sie zur Seite! Mit drei Fußtritten stoßen wir die Tapetenwand ein!« »Ich bleibe!« »Sie wollen, den Gesetzen trotzend, einen Verbrecher der Gerechtigkeit entziehen?« »Er ist kein Verbrecher!« rief ich schwärmerisch. »Er nicht!« »Ha, ha! Woher ist diese Post dem Fräulein gekommen?« »Durch ihn selbst!« Ich faltete bewegt die Hände. »Bei den Urnen meiner Eltern that er einen Schwur, vor dessen Bruch es selbst einem Unmenschen schaudern würde – einen Schwur, mein Herr Senator, daß dies edle Herz kein Verbrechen begangen hat!« »... aber ein Verbrechen im Sinn hat, unter dem die Säulen der Welt wanken!« rief der Herr de Gast mit einer Donnerstimme, und wieder floh mir alles Blut aus den Wangen. »Unsere wachsamen Augen verfolgen den Kandidaten Prussatis, seitdem er das wilde, am äußersten Ende deutscher Länder gelegene Ostpreußen, diese gefährliche Hochburg aller Ideologen, Tugendbündler und Teutschthümler, verließ! Wissen Sie, die mit dem Entsetzen tändelt und der Weltgeschichte ins Handwerk pfuscht ...« »Ich? ...« hauchte ich ungläubig, mit aufgerissenen Augen. »... Wissen Sie, daß die frevelhafteste Blutschuld sich unter dem Dach Ihres Schlosses verkroch! Dieser Mann da drinnen, vor den sie Ihren eigenen Leib zum Schutze werfen ...« »Was ist um ihn?« stöhnte ich auf. »Er will heute noch den Kaiser Napoleon, auf der Durchfahrt hier unten im Thal – ermorden!« »Das will ich!« schrie von innen eine Stimme, bei der mir alle Fibern bebten. Ich schloß die Augen. Soldaten ergriffen mich an den Armen – ich fühlte es – zerrten mich bei Seite. Ich hörte das wehklagende Krachen des eingetrampelten Tapeten-Pförtchens. Ich öffnete die Lider. Ich rang die Hände ... Mein Schlafgemach war ein Eckzimmer. Eines seiner Fenster schaute, schon auf der Schmalseite des Schlosses, gen Osten. Wie liebte ich es, da in stiller Frühe zu stehen und mich am Glanz der Morgenröthe zu erlaben. Drei Stockwerke tief sah man von ihm in das Thal hinab, vorzüglich aber in ein hoch zu dem Fenster emporragendes, breitästiges, windgefächeltes Gewimmel grüner Wipfel des Parks, der seitlings Thürme und Giebel von Reuterswiese umzog. In diesem offenen Fensterrahmen stand, als die Husaren sich, Einer hinter dem Anderen, durch das Nadelöhr des Tapetenthürleins zwängten, ein aufrechter, großer, dunkler Schatten. Ehe noch der Vorderste ihn mit der Plempe anspringen – ehe noch sein Hintermann die kurze Büchse an die Backe bringen kann – ist es schon geschehen: Der Geliebte springt in weitem Bogen in die Tiefe. Noch flattern die braunen Schöße seines Fracks in der Luft – der Rundhut fliegt ihm bei der Fahrt vom Haupt – da krachen und biegen sich elastisch die Äste, in die er fällt ... Seid von einem blutenden Mädchenherzen bedankt, Ihr lieblichen Schwestern – Nymphen des Hains! Bedankt, Ihr Dryaden, die Ihr, in Bäume verwandelt, mit grünenden Armen weich den Sturz des Freundes auffingt! Es splittern Zweige. Dürre Hölzer plumpen zu Boden. Doch kein Fall und Aufschlag eines Körpers. Er ist hängen geblieben! Er ist gerettet! Er klettert nun wohl schon, im freundlichen Schatten der Blätter, mit umsichtiger Hast am moosigen Stamm zur Mutter Erde ...« »Ihm nach!« tobt der, nicht von Campagnen, sondern nur von den Pocken narbige Senateur. Die Husaren poltern, schon ehe er es befahl, die Treppe hinab. Sie werfen sich unten im Hof auf die Gäule. Die Hufschläge flitzen. Der Herr Gaston de Gast selber nimmt sich nicht mehr die Zeit, mich noch eines Blicks zu würdigen. Er humpelt athemlos, in seiner Aufregung fast lächerlich zu beobachten, hinterher, stürzt sich in seine Kutsche, fährt zu Thal ... Schloß Reuterswiese liegt still, als sei dies Ganze nur ein Spiel müßiger Einbildungskraft gewesen – das Gaukeln eines Papillons über blumig besonnten Wiesen. Stunden flohen. Dann trat, bedächtig und ehrenfest wie immer, Herr Külps, der treue Amtmann, bei mir ein. Ich flog ihm mit wehenden, weißen Kleidern, entgegen. Meine Augen frugen, noch ehe meine Lippen es stammelten: Wie steht es um den Unseligen – um den Geliebten – um den Gott – nein: um den Mörder – noch ist er es nicht ... Er haßt Buonaparte ... Er liebt mich ... Er irrt, von meinem Heizen gerissen – Rache im Herzen – Schuld – Amoretten und Erinyen zugleich folgen seiner flüchtigen Spur. Und ich – ich – das einzige Menschen-Angesicht, das ihm mit sanftem Zwang den blutigen Dolch noch vor der schaurigen That zu entwinden sich unterstände – ich von ihm fern – und er – der freie Sohn dieser grünen Wälder – vielleicht schon in den Händen der Häscher ... Ist dies Gottes Strahlensonne selber oder nur das braune, gefurchte Antlitz des redlichen Verwalters? Ist dies seine Stimme oder das Jauchzen der Seraphim? Er schüttelt das Haupt. Er spricht: »Dieser Ausländer aus Preußen, der das Unheil über unser Haus gebracht hat, ist ohne jedwede Spur verschwunden, als habe er sich im Sprung zauberisch in der Luft aufgelöst oder sei gauklerisch in der Erde versunken! Der Park ist hochstämmig, ohne Unterholz, und erfüllt von Hutzelweiblein, die da, dank der Milde des gnädigen Fräuleins, Laubstreu stehlen. Auf den Hängen hat es Tagfröhner und Hirtenkinder genug. Das Thal wimmelt von Truppenzügen und Frachtfuhren. Doch hat Niemand den mordbereiten Menschen mit einem Auge gesehen! Noch mißbraucht er die Freiheit! Oh wäre doch der Kaiser Napoleon schon ohne Schaden durch Reuterswiese'sche Herrschaft durchpassiert!« Das war freilich auch mein innigster Wunsch. Dennoch hüpfte mir heimlich das Herz. Ich wandte das Haupt zur Seite, um den verräterischen Glanz der Augen nicht dem wackeren Alten zu zeigen. Zugleich doch durchrieselte mich eisiges Grauen. Kann man denn lieben, wo man schauert? Wohnen Abscheu und Bewunderung denn wie ein schnäbelndes Taubenpaar im gleichen Herzen? Oh wehe mir! Heute morgen noch spiegelte meine Seele wie ein klarer Waldsee den milden Maientag wider, der draußen blaute. Jetzt drehte sich mein Wesen in einem schwindeligen Wirbel und verloren meine Sohlen den Halt auf dem Erdgrund, so, als risse mich ein Tanzwind wie ein welkes Blatt in die Lüfte ... Der Amtmann Külps sagte traurig: »Eine weitere Hiobspost, gnädiges Fräulein: Ehe nicht der verwegene Ausländer ergriffen und unsere Unschuld hier durch die Untersuchung deutlich aufgedeckt ist – solange – so ist der Befehl gekommen – haben wir – das gnädige Fräulein besonders, aber auch ihre Diener – sich im Schloß als Gefangene zu betrachten und es unter keinem Vorwand zu verlassen!« »Oh – meine armen Gäste!« rief ich aus. An sie dachte ich eher als an mich selbst! Herr Külps jedoch meldete: »Die zu Besuch sich aufhaltenden Herrschaften haben ohne Ausnahme und in aller Eile, ehe jetzt der Thorschluß kam, Reuterswiese geräumt!« Oh Ihr Freundesherzen – Ihr seid schnöde geflüchtet – ohne ein tröstendes Wort ... Ihr laßt mich selbstisch allein in der Noth ... Ist das Euere Stärke, Ihr starken Geister? Sind das die Früchte alles Guten und Edeln, die wir, gesellig schwärmend, mitsammt vom Baum der Jahrhunderte pflückten? Ach – es ist ein Baum der Erkenntniß, unter dem ich einsam sitze, und in seinem Laub lispelt die Schlange: Schöne Seelen handeln nicht immer schön! ... Merke es dir an, Louisabeth ... Lisette, meine Zofe, platzte in meine trüben Träume. Ihre geschwätzige Weltlichkeit kam mir ungelegen und fiel mir auf das beschwerte Gemüth. Dennnoch nahm ich ihre Nähe gütig an. Es war mir Verlassenen immerhin eine Menschenschwester. Lisette, der neugierige Vogel, hatte natürlich schon Allerlei läuten gehört. In hellem Eifer plapperte sie mir zu: »Kaiser Napoleon mit vielen Königen und Marschällen – die Generale gar sind nicht zu zählen – ist – nur eine Stunde von uns, in Hellmerode eingetroffen und besichtigt von da aus die in der Umgegend lagernden Regimenter ...« »Oh schweige mir vom Krieg!« wollte ich thränenreich die Elster bändigen. Doch ihr Mundwerk mahlte weiter: »Nach Mittag wird sich der Kaiser der Franzosen in seinen Reisewagen setzen – s–prechen unten die um das Schloß aufges–tellten Westfalen – und hier bei uns vorbeifahren – in der Richtung nach Norden.« »Ach – schone mein betrübtes Herz!« bat ich und preßte die Hände auf den, in tausend Ängsten wogenden, Busen. Ihn, den holden Wildling, da draußen zu wissen, die Häscher auf seiner Spur, er aber wieder, mit verborgenem Dolch auf der Fährte des Mächtigsten der Erde – welche mitternächtige Geheimnisse brüten unter diesem blauen Himmelszelt, über diesen grünen Wäldern und Höhen! ... Geliebter! Besinne dich auf dein reineres, dir eingeborenes Selbst! Oh könnte ich als ein guter Genius neben dir schweben und deine Schritte zur Unschuld lenken! Hier aber stand ich, zur Ohnmacht verwiesen! Die lose Lisette hatte wirklich eine Weile ihr Zünglein an die Kette gelegt. Nun wollte sie wissen, ob sie mir den Nachmittags-Kaffee – oder was mir, Opfer der Continentalsperre, an dessen Stelle schlürften – ob sie mir den wässerigen, mit Honig versüßten, schwarzen Gersten-Absud präsentieren dürfe. »Nicht hier! Nicht in diesen entweihten Wänden!« rief ich schmerzlich. In meinem Buen Retiro auserlesener Humanität brütete der Dunst der Wachtstube. Straßenstaub hatten die Husaren an ihren Stiefeln mit hereingetragen. Tisch und Stühle standen verschoben. Auf dem weißen Sand der Dielen trauerten die Trümmer des Tapetenthürchens. Fort von hier – so weit wie möglich! »Bringe mir Kanne und Schälchen in den Ahnensaal!« sprach ich matt. Er lag zu ebener Erde – eben auf dieser Schmalseite des Schlosses. Vor seinen niederen Fenstern grünte der Park. Maiwind fächelte durch ihre offenen Wölbungen. An den Wänden hingen gemalt die Freyherren und Freyfrauen von der Lehen, die mich als Letzte in dieser kalten Welt zurückließen. Wehmuth überströmte mich. Ich mochte den Kaffee, den Lisette gebracht, nicht schmecken. Ich verriegelte hinter ihr die Thüre, um allein mit meinem Schmerz zu sein. Ich barg, am Tische sitzend, das weinende Antlitz in den Händen. Thräne um Thräne entlief meinen Augen, als köstliche Perlen, die ich der Freundschaft opferte. Oh Freund – wo bist du? ... Oh Freund – Unseliger – was sinnst du? – Oh Freund – Wer möchte dein rettender Engel sein? Oh – wärest du bei deinem Mädchen! ... Wärest du bei mir! Die Hände vor den Augen, in einem tröstenden, der Gemeinheit der wirklichen Dinge entrückten, Dunkel, rief ich mir den Geliebten. Ich entbot ihn vor mein Gesicht. Ich formte seine adeligen Züge, seine zärtliche Gestalt – umgekehrt wie Gott Vater bei der Schöpfung – ich, das Weib, formte mir den Mann aus meiner siebenten Rippe über dem ungestüm und sehnsüchtig pochenden Herzen. Siehe das göttliche Wunder des Traums: Er ist plötzlich da ... Er lebt ... Er spricht ...! »Ich hab's vom Fuchs gelernt. Schon als Junge. Mein Großvater ist Förster an der russischen Grenze,« sagte über den Tisch mir gegenüber eine Stimme. »Man muß, wenn es kraus hergeht, das Nächstliegende thun! Denn es ist das Unerwartete. Darum bin ich, sowie ich, durch die Bäume herunter, heil auf den Beinen stand, ungesäumt durch das offene Fenster wieder eingestiegen. Überall suchen sie mich, nur hier nicht!« War das die Sprache dieser armen Erde? Bethörte die Musik der himmlischen Sphären mein Ohr? Nein doch, Ihr Götter liebender Herzen – nein – nein! Da sitzt er – in seiner irdischen und leiblichen Gestaltung – da sitzt er, der Himmlische und gießt sich Kaffee ein – mit einer Verbeugung um Erlaubniß – und brockt sich einen Kipfel! – Nicht aus Licht und Luft zusammengeflossen, sondern ein Mensch – ein Mensch – der Hunger hat! Ach – dieser Herrliche – dieser Verfolgte – hat immer Hunger ... »Es war angenehm kühl, an diesem schwülen Maitag, in diesem Todtensaal!« sagte er kauend, als sei er en passant abgestiegen. »Ich saß da, wo leider sonst die meisten Teutschen sitzen, – hinter dem Ofen. Bin nun aber vorgetreten, um mich bei dem Fräulein zu melden!« Ach – er las in meinen Augen, daß ich ihm mehr war als das Schloßfräulein ... Und ich las dasselbe in seinen. Zwei Flammen brachen aus unseren Seelen, wirbelten und züngelten, und schlugen zusammen, in einer ewigen Lohe, bis zum Himmel. Oh – verstumme, gestutzter Gänsekiel, vor dieser Viertelstunde, die ein Menschenleben war! Vor dieser Viertelstunde, in der sich mir die Welt in ihrem letzten Sinn und Räthsel enthüllte! Denn ich war ein Weib und liebte. Vor dieser Viertelstunde, die, unter den kalten Augen der Ahnen, pfeilgeschwind dahinflog wie die Schwalbe, der Frühlingsbote, vor dem Fenster ... »Du mußt fort von hier, mein Fritz!« drängte ich, mir die Thränen des Glücks abtupfend, nachdem wir uns gänzlich außer Athem geküßt, und gewann die Erde wieder. »Hier lauert Entdeckung und Verrath!« »Sprich, Louisabeth: Wohin?« Oh – du Schicksalsfrage: Wohin? Oh – du Schloß – so groß, daß die Menschen darin verschwanden – so klein, daß kein Raum da war, den nicht ein Mensch betrat! Nein – im Schloß war des Bleibens des theuren Mannes nicht! Draußen aber hatte die Natur heute große rothe Blutstropfen in des Schlosses grünenden Umkreis gestreut – die grellen, gelbverschnürten Jacken der westfälischen Husaren, die, an allen Ausgängen postiert, Reuterswiese mit bloßem, sonnenflimmerndem Säbel bwachten. Doch zwischen dieser Schergenkette und uns – mein Auge schweifte in die warm vor dem Parkgrün zitternde Luft – schmiegte sich da nicht mit niederem First das alte Gärtnerhaus an den Eckthurm, der die Wegkrümmung dicht darunter im Thal bewachte? Hausten, im Schatten des grauen Riesen, nicht Philemon und Baucis, das ehrwürdige greise Paar, das, längst schon von mir abgedankt und auf Altentheil versorgt, doch noch, in der Betreuung der bunten Kinder Flora's, die einfältige Freude seiner alten Tage fand? Hatte ich ihnen nicht ein winkliges Oberstübchen abgeschmeichelt und, wenn ich nicht Schloßfräulein, sondern Blume unter Blume, und ein naivisches Landmädchen sein wollte, als ein Nestchen inniger Schwärmerei ausgefüttert? – Nun denn: Ich fasse Muth! ... Ich winke dem Freund! ... Wir gleiten durch das ebenerdige Fenster ... Oh pfui – oh stille – du garstig knirschender, gelber Kies unter unseren beschwingten Sohlen! ... Die Welt ist still und heiß ... Der große Pan schläft ... Kein Giftpfeil eines Feindesblicks durchbohrt rücklings die Flüchtigen ... selbst die beiden Alten werken irgendwo im Garten, an der ganz nahen Heerstraße – wir stehen ungekränkt, Hand in Hand, in dem golden durchsonnten Gaubstübchen ... Vor uns die wuchernde süße Wildniß ... Blumen vor dem Fenster ... Blumen, wie sie wachsen und einander überblühen und überdrängen und, in vermeintlicher Unordnung, nach ewigen Gesetzen in eine tönende Harmonie zu Ehren der Schöpfung sich ineinander fügen mochten. Denn wie ein großes, wohlgeschultes Orchester war mir immer diese fessellose, jubelnde, von genäschigen Bienen umsummte, von kosenden Lüften gestreichelte Blüthenpracht erschienen: Die Tulpen waren die grellen, kalten Trompeten in diesem Concert der Blumen – die mächtige Sonnenblume schlug die Pauke – lieblich blies das bescheidene Veilchen die Hirtenschalmei – süß, in farbigen Tönen, flöteten die Nelken, – feierlich, wie weißgekleidete Engel, rührten die Lilien die Harfe – in lustiger Janitscharenmusik, mit Schellenbaum und Triangeln, lärmte der buntscheckige Chor der Bauernblumen, – in brausender Tonfluth aber trugen das alles – und blühten purpurn und weiß, gelb und rosa, und fiedelten selig, von der Baßgeige zur Violine, von der Bratsche zum Cello, unsere lieben Frauen, die Rosen. Und in den Pausen des Lobgesangs der Blumen vernahm das arkadisch abgestimmte Ohr das sanfte Gurren der Tauben, die sich auf dem Dachbalken ob dem Fenster schnäbelten. Rothkehlchen horsteten dort oben und trugen schwirrend ihre Halme zum Nest. Ein paar Böcklein hüpften in possierlichen Sprüngen. Oh heilige Unschuld des Landes ... Hier, am Busen der Natur, mußte ein Jeder wieder ein guter und reiner Mensch werden ... Damon saß und blies die Flöte ... Bang suchte mein Auge von der Seite meinen Damon: ... Wirst auch du das liebliche Mundholz an die Lippen führen und ihm die weichen Töne des zufriedenen Hirten entlocken, in dessen stilles Thal kein Streit der Mächtigen dringt? Ach – unser Thal hier gab die Aussicht auf weite, hügelige Felder draußen frei. Diese Felder waren noch braun vom kürzlich vollendeten Werk des Pflugtreibers oder schon grün von winterlicher Saat. Mitten auf ihnen schimmerten ferne, da und dort, schwärzliche, viereckige Klumpen oder lange Reihen, und vor ihnen, noch unbestimmter, ein Gewimmel weniger farbiger Pünktchen. Wo das Auge versagte, da half das Ohr nach: Der Wind trug uns deutlich den dumpfen, brausenden Ruf herein: »Vive l'empereur!« Kriegerische Musik und Paukenschlag. Der Kaiser der Franzosen besichtigte auf der Durchfahrt, von Dorf zu Dorf, seine Regimenter, ehe er, der Sturmwind Europens, seine fliegende Reise auf der Straße hierher fortsetzte. Die Straße lief, weithin zu überschauen, gerade auf das, kaum zwanzig Schritte überhöhte, Gärtnerhaus am Thurm zu, und legte sich dann, dicht unter ihm, in einer Schwenkung, die einen Wagen zu verhaltener Gangart nöthigte, um den Vorsprung des Thals. Der harte Freund an meiner Seite prüfte bedächtig die ganze Gelegenheit des Orts. Dann drehte er sich gegen mich und drückte mir schlicht die Hand. »Dank dir, Louisabeth – du deutsches Mädchen!« sprach er. »Du hast mich gut geführt! Dieses ist die auserwählte Stelle ...« »Wofür ...?« bebte ich zurück. »... wie sich eine schicklichere weit und breit nicht finden mag ...« »... Wofür ...?« stammelte ich nochmals mit bebenden Knieen. »Soll man das noch aussprechen, was man thut? Tu weißt es, Louisabeth! Du, Germanenkind – würdige Enkelin Thusneldens – du hast mich an diesen Platz gestellt!« »Bei Gott im Himmel: Nein!« schrie ich in hellem Entsetzen auf. »Wenn es geschah, geschah es blind von mir und in frauenzimmerlichem Unbedacht!« »Nein! Dann war es, in dir, der Wille der Sterne, der unsere Schritte hierher trieb!« sprach der furchtbar Entschlossene. »So, wie in dem einzigen dramatischen Gedicht, das ich ja, um der Freiheit willen las, der Professor von Schiller es seinen Helden murmeln läßt: Hier vollend' ich's – die Gelegenheit ist günstig ...!« »Was vollendest du? ... Nein ... nein ... ich will nicht fragen ... Leihe dem Entsetzlichen nicht Worte ...!« »Hier wird ein armer Gottesgelahrter zum Schützenkönig und holt sich den Adler von der Stange!« »Still! Bei Gottes Gnade!« stöhnte ich. »Diese Stelle wird zur Wallfahrt werden, Geliebte! Eherne Lettern an der Felswand werden es andächtigen Enkeln verkünden: ›Hier that ein frommer Deutscher seinen Meisterschuß‹ ...« »Oh schweige ... schweige ... du geliebter Mund ...« »... Hier richtete Friedrich Wilhelm Prussatis aus Ostpreußen den Kaiser der Franzosen!« » Vive l'empereur !« dröhnte es vielhundertstimmig herüber, nun schon viel näher, von einem der letzten schwarzen Vierecke auf grünem Plan. »Zu allem Glück ... du hast keine Waffen!« keuchte ich. Doch er entnimmt der Sacktasche seiner gelben Lederhose ein handliches, dickläufiges Pistol und wiegt es rachegierig in der um den Kolben geklammerten Faust. »Ich habe es geladen!« sagt er halsstarrig und verfinstert, »und jeder Stoß des Stockes war ein Fluch wider wälsche Tyrannei – und jeder Stoß des Stockes war ein Schwur für Deutschlands Freiheit! Die Kugel trifft ins Herz! Ich bin eines Försters Enkel!« Ich griff aufschreiend nach der Mordwaffe. Ich wollte sie ihm in Todesangst entwinden. Er hielt sie empor zur Decke. Ich konnte sie nicht erreichen – den hochgestreckten Arm nicht biegen. Zu ehern strotzten unter dem Rockärmel die Muskeln des gewaltigen Mannes. » Vive l'empereur !« jubelten draußen die Legionen des neuen Cäsar. Der Maiwind verwehte kriegerische Musik. Sie brach ab. Es war Stille. »Die Revue ist zu Ende!« Kalt starrte mein verirrter Held durchs Fenster. »Er kommt!« Ich flog wie ein gescheuchtes Wild zur Thüre. »Halt! Wohin?« Donnernd vertrat er mir den Pfad. »Dem Kaiser entgegen ...« »Wage es ...!« »Ihn warnen!« »Du bleibst!« War das die Hand des Geliebten, die mich rauh in das Gemach zurückschleuderte? Ach – sie that weh. – Nach Athem keuchend – mit thränenden Augen – wankte ich wider den Tisch – fühlte meine Gliedmaßen schlottern – mein Gebein beben ... »Ist dieses deine Liebe?« jammerte ich. »Vollende es denn! – Zertrete dies blutende Herz!« Doch! ... Doch! ... Jubelt mit mir. Ihr Engel dort oben! ... Er liebt mich ... Er ... mein Held! Wie Sonnenblitz zwischen Gewittergewölk erhellt ein begeistertes Lächeln das bronzene Braun seiner Züge. Er tritt mit offenen Armen auf mich zu. Sturmwind umweht ihn. Sein Haar scheint im Orkan zu fliegen. Um ihn blasen die Trompeten des Todes ... »Gieb mir den Weihekuß, Louisabeth!« Ach – wie gern! Ach – seine Lippen waren Feuer. Ach – dieser Schnurrbart versengte mich – ach – diese Augen waren zärtliche Donnerkeile mitten in mein, zwischen Lachen und Weinen, Furcht und Hoffnung gewirbeltes, zitterndes Herz! Oh – ich küßte – oh – ich küßte ihn ... Mögt Ihr es gezählt haben, Ihr Liebesgötter! Ich feilschte nicht rechnend um das rinnende Glück der flüchtigen Sekunde! Ich gab – ich gab – ich gab ihm brennend Lipp' auf Lippe meine Liebe – ach, eine Gluth, die auch ein steinern Herz erweichen mußte. Ich bettelte glückselig unter rollenden Zähren: »Komm! Verwahre das Pistol wieder in deinen Pantalons, mein Held!« Er aber – mir war, als kräuselte sich mein Stirnhaar vor Entsetzen gesträubt aufwärts! – er spannt den Hahn! Er spricht, den Arm um meine hohe Taille: »Dank! Deine Küsse segnen mich!« »... Nicht zum Mord!« kreischte ich und prallte vor ihm gegen die Wand, daß ich den harten Anschlag meines Körpers an dem Kalkanstrich spürte. »Deine Liebe, Louisabeth, lenkt mir die Kugel!« »Nein! Nein! Sie läßt sie im Rohr!« »Deine Nähe festigt meine zielende Hand bis in die letzte Fiber, Louisabeth!« »Sie reißt sie von dem Pistolenkolben!« Meine Kleider wehten. Flatterten durch das Stübchen. Schon stand ich vor ihm. Beugte, mit verbissenen Zähnen, mich in den Knieen. Rang, wie in Demuth geneigt, das Haupt gesenkt, und doch in Liebe und Verzweiflung knirschend – rang mit ihm, um ihm das Todesrohr zu entwinden. Er hielt es wider die Dielen – die Mündung zur Erde. Oh – mir kämpften – er, der Recke – ich, das Mädchen – oh, du mein schwaches – mein armes – mein leidendes Geschlecht ... Ich taumelte erschöpft zurück. Stand betäubt, die Hände auf dem tanzenden Herzen. Er spähete durch das Fenster. Jägerlist ... Waidmannsblut ... Die unerbittliche Spannung des Schützen auf dem Anstand ... Ein kaltblütiges Lauern ... Ein befriedigtes Lächeln ... Oh ... welch ein schaudernder Triumph ... »Er steigt zu Pferde!« rief er erfreut. »Das Gefolge mit ihm! Er reitet ab! Er salutiert den letzten Adler!« »Hülfe! Hülfe!« schrie ich auf. Seine schwere Hand schloß mir den Mund. Oh – ich hätte sie küssen mögen, die mich fast erstickte – meine klappernden Zähne flehentlich in ihr vergraben, um sie festzuhalten – zurückzuhalten vor der unseligen – der welterschütternden – der durch die Jahrhunderte rollenden Unthat! »Er lenkt seinen Schimmel auf die Heerstraße! Miserabel sitzt der Kerl zu Pferd! Hohe Kniee – krummer Rücken – schlappe Zügel – das will ein Feldherr sein!« »Oh gehe vorbei, wo du verachtest!« stöhnte ich, meine Lippen vom Druck seiner Rechten befreiend. »Lasse ihn leben!« »Hätte er Preußen am Leben gelassen – mein Preußen! Bübisch hat der Hund es unter die Füße getreten! Der Königin Luise brach das Herz ...« Noch ein rettender Gedanke! ... Ich lauerte ... Ich senkte mich verstohlen an seiner Seite gegen seinen Arm ... »In deinem Namen, Schill! ... Für Alles, was der Bonaparte verbrach! ... Komm, Teufel der Hölle ... Komm!« Er stand – ein Thurm – unverrückbar – an dem Wind und Wellen – Seufzer und Thränen ohnmächtig zerschellten! Die Inbrunst seines befehlenden Willens zog mit magischer Kraft den kleinen, grauen Dämon im Dreispitz auf der Schimmelstute zu sich heran, der langsam, vor seiner buntfunkelnden Suite, von farbigen Mamelucken umsprengt, über die weiß-staubige Landstraße näher ritt! Ich sprach ein Stoßgebet: Ich krallte, jäh vorprallend, die Hand nach der gesenkten Pistole und suchte mit gezücktem Zeigefinger den Bügel zu erreichen; um den Abzug des Hahns zum Schnappen zu bringen und die Ladung ohne Schaden in das Holz der Diele zu lösen. Doch schon fuhr die Waffe in die Höhe, ehe ich sie erfassen konnte! Sein starker linker Arm knäuelte mit einem rauhen Handgriff das Mullgewebe meines sturmbewegten Busenausschnitts und hielt mich ihm einen Schritt vom Leibe. »Muß ich noch mit dir kämpfen, Verrätherische!« wetterte er, ein grimmiger – in seiner Grausamkeit Ehrfurcht heischender Held. »Feinde vorn und Feinde hinten! Recht so! Der alte – der ewige deutsche Fluch! Aber auch du, mein Mädchen ...« »Das dich retten will!« »Rette das Vaterland, Louisabeth!« »Unser Vaterland ist geistiger Artung ...!« »Mein Vaterland heißt Preußen!« »Das unendliche Heilige Reich deutscher Geister ...« »Mein Preußen, Louisabeth! Sein König ... sein Volk ... sein Land ...« »... Der Olymp ewiger deutscher Gefühle und Gedanken, die uns kein schnöder Korse raubt!« »Preußen! Dir leb' ich ... dir sterb' ich! ... Ich bin ein Preuße ...« »Du bist mehr! Du bist ein Mensch!« »Ich will nicht mehr sein, Louisabeth! Was weißt du Vaterlandslose – du armes Rheinbundkind – was weißt du von der Liebe zum Vaterland?« Der Kaiser der Franzosen war nun schon ganz nahe ... »Mein Theurer!« rief ich. »Es ist eine sündige – so wie du sie bewähren willst – es ist eine frevlerische Liebe zu dem, was du Vaterland nennst!« Ich klammerte mich an ihn. Meine Arme verstrickten ihn. Ich hing an ihm. Meine Last zog ihn nieder. Meine Worte peitschten – nein – sie streichelten – sie beschmoren, innig flüsternd, seine Ohren: »Schau! Hier ist die Liebe! Hier kniet sie vor dir! Hier schaut sie zu dir auf als zu ihrem Gott! Oh – stürze mein Idol nicht vom Altar in den Staub! Heb' mich aus dem Staub zu dir! ... Liebe mich – statt Jenen zu hassen! ... Zur Liebe schuf uns die Natur!« »Du redest recht, wie ein Frauenzimmer es eben versteht, Louisabeth!« Er zog mich sanft zu sich hinauf. Thränenüberströmt ruhte ich an seiner Brust, barg das bleiche Antlitz in seiner Schulter – oh – welch ein erhabener, schauernd durchbebender, langer Kuß auf die Stirne – ein Todeskuß. – Ich spürte es ... Er machte sich schonend frei. Er trat, die Pistole zur Hand, langsam, lauernd, seitlings an das Fenster ... Hufschläge galoppierten unten. Mamelucken in farbigen Kopftüchern, bunten Schärpen, krummen Säbeln, fegten vorbei. Auf tänzelndem Vollblut gaukelte feurig wie sein Roß, ein schnurrbärtiger Kriegsgott in Gold, Purpur, Reiherstutz und Pantherfell – der König Mürat. der einst als Kellner, in der Weinstube seines Vaters, den Landleuten Rebensaft und Trüffeln der Garonne zugetragen. Doch was lag an dem Theaterhelden? Da! ... Da! ... Er kam ... Er ... Er ... die Weltgeschichte nahte. Napoleon hatte sich in Trab gesetzt. Er ritt eilig – den Blick starr auf die Schimmel-Ohren vor sich geheftet, in brütende, erderschütternde Gedanken verloren. Sein Antlitz war gelblich und gedunsen. Tiefe Gleichgültigkeit gegen alles Menschliche wohnte darauf. »Der Bursche sollte erst 'mal ordentlich reiten lernen!« sagte der Brutus am Fenster wild lachend. »Doch jetzt ist es für ihn zu spät!« Langsam, prüfend, wie auf dem Zielstand, ein Auge zugekniffen, hob er die Pistole. So fest, wie in einen Schraubstock gespannt, stand das Rohr in der Luft. Kein Nerv seiner ehernen Hand bebte. Jetzt ... jetzt ... Mir gab ein Gott Muth: Ich unterlief, mich hastig duckend, seinen magerecht ausgestreckten Arm. Ich schnellte, unter ihm durchgeschlüpft, vor dem Fenster in die Höhe. Ich stand zwischen ihm und dem Fenster – dem einzigen in dem Dachraume. Ich füllte seinen schmalen Rahmen mit meinem Körper. Ich verdunkelte die Fensteröffnung gegen das Himmelblau, und verwehrte die Aussicht. Ich legte meinen Leib und Leben zwischen die Straße draußen und – dicht vor meinen viereckigen, mit gekräuselten Spitzen besetzten, Brustausschnitt – den schwarzen Rachen des Handgewehrs. »Schieße!« rief ich, im Jubel des Opfers, mit halbgeschlossenen Augen. Ich fühlte seine nervige Linke mit einem gewaltigen Griff an meiner Schulter reißen. Doch meine Hände umklammerten rückwärts mit allen Kräften die Fensterbrüstung. »Schieße!« jauchzte ich. »Doch du triffst nicht den Kaiser der Franzosen! Du triffst mich – dein Mädchen!« »Fort, Louisabeth!« keuchte er. Oh – welche Wucht in seinem Arm! Doch mir borgte die Verzweiflung eine Stärke, die ich nicht besaß! Ich heftete mich, unter seinem Griff mich windend, an dem Gesims. Nun glühten seine Augen. Er stieß einen ungeduldigen, erstickten Wuthschrei aus. Er suchte mit der Pistole an meinem Kopf vorbei zu zielen. Doch ich warf mein vorgeneigtes Haupt, seiner Hand schnell folgend, hin und her. Wo die Rohrmündung hinfuhr, da war auch schon, im Zickzack mit ihr, meine Stirne. Sekunden nur ... Sekunden ... Eine Ewigkeit ...». »Es wird zu spät!« stöhnte er, in einer leidenden Verzweiflung. Er sammelte alle seine Gemalt. Nun hatte er mich vom Fenster gerissen. Ich taumelte gegen den Mauervorsprung – schaute auf die Straße, der ich bisher den Rücken gekehrt... So, als seien in der Kaiserlichen Menagerie zu Schönbrunn, die ich einst, zum Besuch beim Onkel in Wien, gesehen – die Sittiche und Kakadus und Papageienvögel aller Sorten ihrem Zwinger entflogen, so buntscheckig trabte da unten die schillernde Wolke der Napoleonischen Suite. Ein siebenfarbiger Regenbogen von Reitern – so schien es mir – spannte sich vor dem Thränenregen meiner Augen ... Freudenthränen ... denn diese Lasten von gold- und silberbesäten Uniformen auf Araberhengsten – diese Bärenmützen und roßschweifgesäumte Stahlhelme, waren ja nur noch das Gefolge des Sohnes der Bellona – der Schweif des Kometen der Welt! Napoleon selber war schon um die Wegbiegung geritten und unseren Blicken entrückt ... Hinter ihm her klapperten seine farbentrunkenen Schatten: die Marschälle – die Generale – die Adjutanten. Ihr Hufschlag umhastete die Ecke. Der letzte Schimmer des Kriegsverblich. Nichts setzte sich mehr von der weißen Leere der Straße ab, als die kleinen Staubwirbel, die der neckische Maiwind aufblies ... In der Gaube oben lächelte nach den Stürmen nun freundliche Stille. Sie war so vollkommen, daß man die Fliegen in der heißen Luft summen hörte. Der Held meines Herzens hatte sich auf einen Stuhl geworfen, die Ellenbogen auf die schlichte, fichtene Tischplatte, das wortlose Antlitz in die Hände gestemmt. Sonnenstrahlen vergoldeten von dem Schicksalsfenster her sein edles, dunkles, mir schweigend abgewandtes Haupt. Sein, in Schmerz gelöster, in sich gesunkener Körper zuckte. Weinte er – der Arme? Ach nein: dies war kein Charakterbild, das sich in Thränen ergoß! Dieser Cato Ostpreußens schluchzte mit Nichten. Doch aber sah ich nie zuvor einen Mann so bis in das Mark erschüttert. Meine Liebe suchte ihm Tropfen des Trostes in die wunde Seele zu träufeln. Ich kauerte neben ihm hin. Ich küßte und streichelte seine jetzt herabhängende kalte Hand, indessen er die andere vor Stirn und Augen preßte – so, als wollte er die Welt nicht mehr schauen, aus Gram darüber, daß er keinem Herostrat den Rang abbuhlte ... »Siehe – du warst ein Herkules am Scheideweg, Geliebter!« sprach ich treu-innig und weich. »Deine Louisabeth hat die eingeborene Zaghaftigkeit ihres Geschlechts übermunden und dich den rechten Weg geführt! Lasse nur erst dein Wesen sich in sich selber wiederfinden und stillen – dann wirst du es ihr danken, und eine süße Zufriedenheit kehrt bei dir ein!« Meine Rede war ein Ruthenhieb an einen Fels, der sich nicht regt. Ich beharrte liebevoll weiter: »Wie wird die köstliche Empfindung der Unschuld dich erquicken, in der dir keine blutige Chiffre im Kalender den heutigen Tag auszeichnet! Der wahre Menschheits-Kalender ist elysäischer Natur! Er merkt nicht die Mordtage an, sondern die Feste der Liebe: Den Tag, an dem sich heute unsere Herzen fanden ...« Oh rede ... rede ... geliebter Mann! Er aber blieb todtenstill! Ich eiferte in thränender Liebe weiter: »Durchmustere die ganze Ökonomie der moralischen Tugenden! Niemals, solange unser lehmiger Planet umkreist, kann Mord zu Wohlthat – nirgends kann Rache zu Recht werden!« Noch blieb das stumm abgekehrte Bild des Freundes ohne Leben. In mir drängte ein heiliger Eifer. »Du rühmst dich mit Recht, ein Preuße zu sein!« hastete, in einer letzten Eingebung, meine Zunge und mein Odem flog. »Doch wie: Hat Euer Kurfürst, den man den Großen, selbst bei seinen Feinden, nennt – hat er diese Feinde heimlich, aus dem Mansarden-Kämmerchen herab, erlegt? Hat der gewaltige Fridericus die drei, wider ihn verklüngelten, Kaiserinnen und Unterröcke zu ermorden versucht? Er wartete auf das Mirakel im Osten, daß der Tod die unversöhnliche Russin vom Thron stieß, und inzwischen kämpfte er heldisch weiter! Du siehst, mein Freund: Und ob du auch ein Preuße bist – dein finsteres Vorhaben war nicht preußisch ...« Es schüttelte ein leises Beben durch die Freundesgestalt. Ich rechnete es mir zum Vortheil. Ich setzte dem schwer Athmenden weiter zu. »Bleibe nun hier, im stillen Kämmerlein, verborgen!« schmeichelte ich. »Lasse das Kriegsgewölk aus unseren Thälern weiter ziehen! Der furchtbare Heerwurm unten, der jeden Tag sich erneut – einmal muß er doch ein Ende nehmen! ... Einmal blauet uns doch der Himmel lächelnd über der Stunde, wo die letzte Marketenderin, ihr Pfeifchen rauchend, auf ihrem Krümperwäglein, hinter den Bärenmützen der Grenadiere karrt – wo die letzte schwarze Fahne vor dem Troß der Pulverwagen schwankt – die letzten wälschen, spaniolischen, neapolitanischen, siamischen, sarmatischen Lagerflüche auf den Heerstraßen verhallen! Möge das Unwetter sich fern, im Land des Moskowiters, entladen – ein unschuldiger Friede breitet sich hier bei uns über diese Gefilde und senkt sich auch in unsere Brust ...« Oh ... sein Antlitz ... Er wandte mir schweigend die edlen Züge zu. Nicht furchte da der Zorn Wetterblitze – so wie ich bang erwartet – auf der gebräunten Stirne. Nein – um den herbe verbissenen Mund wohnte ein wildes Wehe, als müsse er eine, sein Mark verbrennende, körperliche Pein niederzwingen. In den Augen jedoch stand ein Staunen. Dies mochte der Blick eines Nachtwandelnden sein, den man von seinem Todesgang längs der Dachkandel aufgeschreckt, und der nun verwirrt um sich schaut und nicht fassen kann, was mit ihm geschah! »Du aber, theuerster Freund.« Ich streichelte sein dunkles, wirres Schopfhaar. »Du träume indessen in diesem gefälligen Stübchen, wo dich kein Häscher des Korsen sucht! Träume den Traum des Friedens! Blumen blühen und duften dir durchs Fenster. Bienen umsummen dich. Maivögel zirpen dir im Nest. Und Nächtens schluchzt sie melodisch dort, hinter der Geißblattlaube – sie – die Süße – die Nachtigall. Oh – wie wird dein vom Menschenhaß verhärtetes, herrliches, hohes Herz sich zu mildem Wachs erweichen, in Zwiesprache mit der Einfalt der Natur ...« Wer deine tiefen, mächtigen Augen entziffern könnte! Mit der Fackel der Liebe in die Dunkelheit leuchten, die dahinter in deiner Seele wohnt! Dort, in deinem Heiligsten, im Innersten des Tempels deines Gemüths – dort findet die Liebe sich wieder, stößt meine Liebe mit deiner zu einer Flamme zusammen! Das fühle ich, in einem göttlichen Schauer, daß du mich liebst! Dies prophezeit mir selbst der Gram um deine Lippen, die düsteren Linien der Schwermuth auf deinem Antlitz! Und doch ahne ich, in ihnen lauernd, einen nachtgeborenen Geist, der Louisabeths Widersacher ist – wehe – der hämisch sich zwischen dich und mich zu drängen trachtet ... »Fürchte nicht die Langeweile allzu gleichmäßiger Tage hier in Philemons Hütte« schmeichelte ich. »Jede würdig ausgefüllte Stunde birgt ihren Reichthum in sich. Dein Mädchen kommt, dich zu besuchen, Geliebter! Sie huscht auf leichten Sohlen herüber, wenn die Luft rein ist – vorzüglich, wenn Luna am Himmel leuchtet!... Wir werden uns lieben! Wir werden uns in Unschuld schnäbeln, wie es uns Täuberich und Taube unterm Dachfirst weisen. Wir werden, Hand in Hand, träumend auf dem Canapé sitzen – selbdritt – denn Amor schmiegt sich zwischen uns ... Aus diesen vier Klaftern Dielen und Gebälk wollen mir uns eine Insel der Seligen zimmern – und selig sein ...« Glänzte ein Spiegelbild meiner zärtlich verzückten Worte auf seinem, schweigend verhaltenem, in einem furchtbaren Ernst mir zugewandten, länglichen und hageren Umriß seines Antlitzes? Über dieses liefen unergründliche Schatten der Unterwelt – es lohte ein Widerschein aus der Tiefe, wo Dämonen im Geklüfte eines Charakter Hausen! Oh – wie mir bangte! Doch aber setzte ich mich ihm freimüthig gegenüber. Ich legte meine Hand auf sein Knie. Ich redete, um mir selber Muth zu machen, in einer heiteren und zuversichtlichen Weise, die den Gebeugten aufrichten sollte. »Wie viele Ergötzungen des Gemüths – wie viele Belehrungen des Verstandes und des Wissens sind dir noch verschlossen und vorbehalten, du mein Bester!« sprach ich seelenvoll! Lasse deine Louisabeth deine freudige Dienerin und Zuträgerin alles Guten und Schönen in der Welt sein! Das Köstlichste, was ich besitze, will ich dir bringen! Das Auserlesenste, womit die vorzüglichsten Geister aller Zeiten den besseren Theil der Menschheit beschenkten! Du sollst hier nicht nur die Sprache der Vögel vor den Fenstern lernen, sondern staunen und erkennen, was Almanache und Gazetten, Kupferstiche und gipserne Güsse, Stammbücher und andere Bücher, Noten und Silhouetten und Zeichnungen, in Bleistift, Kohle, Öl und Wasser – was die. schönen Künste zu einem höheren, geistigen Wohlgefallen beizutragen und den Menschen erst recht eigentlich in den Stand seiner selbst zu versetzen – nein, zu erhöhen – vermögen, so daß er die niederen Händel des Tages von sich weist und verachtet!« Immer noch schwiegen die hart und schmerzlich gepreßten Lippen des Freundes. Ich endete und zwang mich, mit zitternder Kehle, zur Fröhlichkeit: »Ich will dir eine geduldige und unermüdliche Lehrmeisterin sein! Deß sei gewiß! Wir Beide ...« mich riß in hohem Flug die Schwärmerei dahin, »du und ich – Hand in Hand auf dem Hymettos! ... Ihr Seligen – neidet Ihr uns unser Glück?« Mir gegenüber aber – wie jäh verwelkte der Frühling meiner Begeisterung – schürzte jetzt ein grausamer Hohn die Mundwinkel meines Helden! Unheil verkündend lächelte seine Frage – das erste Wort, das er sprach – oh, wie schmeckte es nach Alltag und Sturz aus himmlischen Höhen: »Muß ich dir dann nicht auch den Garnwickel halten und mit gespreiteten Armen dir aufwarten?« »Wie denn ...?« beugte ich mich angstvoll, ungläubig vor. »... den Stickrahmen beitragen?« Ich hob die Hände. »Oh – spotte nicht!« bat ich bewegt. »... die Nadeln einfädeln? ... Die Seidensträngchen nach den Farben ausmustern?« »Ach ... nicht so ... nicht so ...« »Bei meinen Schwestern in Ostpreußen hab' ich's gelernt! Die Mariellen war schon eingesegnet und ich noch ein halbgewachsener Junge! Nun aber bin ich ein Mann! Das schreibe dir hinter die Ohren!« Er lüftete sich in rauher Größe vom Stuhl. Nie werde ich – und wenn ich das Alter der Patriarchinnen auf dieser besten aller Welten erreiche – nie werde ich den furchtbaren Groll seiner Stimme vergessen. So durchwandelt wohl ein gefangener Löwe seinen Zwinger, wie er das Gaubgemach. »Dein empfindsamer Kram mag einem Frauenzimmer taugen!« In wegwerfender Härte schleuderte er die Worte. »Mir schneidest du nicht die Haare im Schlaf und machest aus einem Manne eine Memme, wie deren bei euch Rheinbund- Seelen hier vierundsechzig auf ein Groß-Schock gehen!« Er lachte wild. Er breitete die Arme, als wollte er mit Bären und Wölfen seiner Wälder ringen. Mich durchschlotterte bitteres Weh ... Dies mir ... deiner Louisabeth ... oh du mein starker Held ... Herkules am Scheidewege hatte ich dich genannt! Du aber wähnst, ein Herkules am Spinnrocken zu meiden, wenn unsere Seelen sich zum Flug in das Elysium vermählen ... »Liebst du mich denn nicht?« jammerte ich hell auf, und gerade im Grimm seiner Antwort lebte die Liebe. »Oh – hätte ich dich nie gesehen!« Dies war sein Schrei aus Herzensnoth. Seine zürnenden Augensterne durchfunkelten mich. Wie die Trompeten von Jericho – wie die Posaunen des Jüngsten Tags füllten seine aufbrausenden Worte die Ohren seiner armen, zärtlichen Louisabeth: »Ein Mann ist nicht zu Schnurrpfeifereien der Poesie und Gewinsel am Spinett geschaffen! Das ist Spielzeug für Weiber! Ein Mann lebt zum Handeln auf der Welt! Du hast dich, als ein Frauenzimmer, ungebeten in mein Handeln gemengt! Du hast mir ins Handwerk gepfuscht und es verdorben! Die große Stunde ist verloren. Niemals wieder gewinne ich Napoleon vor das Rohr. Bis Dresden kann ich ihn nicht mehr einholen, und von dort reist er in der Mitte aller seiner Völker in den Krieg! Einmal nur brauchte ich, am Pharao- Tisch des Schicksals, soixante-leva zu bieten, um die Welt zu befreien – und hätte gewonnen, ohne dich ... du Verrätherin ...!« »Brich mir nicht das Herz!« schrie ich auf und wankte. Der Boden öffnete sich zu meinen Füßen! Unterwelt – verschling' mich! Nimm die Unselige auf, an deren Liebe der Geliebte zweifelt! Aus seinem Mund aber zucken die verheerenden Blitze: »Du hast dich als eine rechte Rheinbündische und treulose Napoleonsmagd bewährt und Preußen – Preußen, das dir in mir vertraute – hinterrücks verrathen! Dafür fluche ich dir!« Ich wimmerte unter dem Schreckenswort auf. Ich fiel zu Boden und lag da auf den Knieen – ein geopfertes Lamm – und schuldlos wie ein Lamm. Oben aber, über mir, dräute er – der Schreckliche – der Vergötterte: »Ich lasse meinen Fluch auf diesem Schloß und allem, was es in sich begreift.« »Oh – sei barmherzig!« stöhnte ich, knieend, das Gesicht in den Händen. »Hattest du Mitleid mit meinem Vaterland, Louisabeth, das nun schon erlöst dastünde! Ha – was ist Euch Preußen! ... Oh – hätte ich dich nie gesehen ...« »Stoße mir lieber den Dolch ins Herz, als diese Worte!« »Fort von dir ... fort!« »Mein Fritz ... mein Held ... höre meinen Jammer.« »Was du mir auch sein magst – es darf nicht sein! Der Verrath eines deutschen Mädchens steht dazwischen! Fahr' wohl, Louisabeth!« »Oh – höre mich!« »Fort von hier für immer!« Damit schnob der Wildling flammenden Auges nach der Thüre. Ich lag davor, ein Wurm im Staube. Ich krümmte mich, aus meiner Zertretenheit, empor. Ich raffte mich taumelnd auf die Füße. Ich lehnte mich, in einer beschwörenden Abwehr, gegen das brüchige Holz. »Wohin?« flüsterte bang mein geknicktes Herz. »Es giebt nur noch eine Freistatt in Europa! Die ist bei dem Kaiser aller Reußen! Unsere Besten sind schon dorthin voraus! Ich folge! Ich fliege nach Rußland! Dort dreht sich jetzt, ehe das Korn reift, die Weltenwende! Dort heißt es: ›Fechte – falle – oder siege!‹ – Tritt aus dem Weg, Mädchen!« »Du darfst nicht gehn! ... Sie lauern draußen auf dich ...« »Ha – Philister über dir! ...« Berserkerhaft donnerte sein Lachen. »Der Eselskinnbacken da auf dem Tisch ist scharf geladen! Mit dem komplimentiert sich ein armer Gottesgelehrter schon seinen Durchlaß heraus! Lasse du mich jetzt vor allem durch, du wässche Vestalin! Lebe wohl – Franzosen- Mädchen ... Ich wende mein Gesicht von dir, um dich im Abschied nicht mehr zu sehen! ... Ich fluche dir ...« Meine flatternden Finger suchten den Riegel der Thüre. Doch er ... oh ... der Gewaltige ... erhaben in seinem vernichtenden Zorn – er faßt die Zapfen des morschen Bretterwerks – er wuchtet es mit einem Ruck aus den aufknirschenden Angeln – er lehnt es säuberlich – kaum athemlos – bei Seite. »Dies Hausthor trage ich noch lange auf den Berg!« höre ich den Kriegsruf des neuen Simson. Er stürmt, in den Sätzen eines ostpreußischen Füllens, drei Stufen auf einmal, die wackelige Hühnerleiter der Treppe hinab. Ich fliege hinterher. Erreiche ihn unten, da er – des Ortes unkundig – einen Augenblick sich spähend umschaut und den Fuß hemmt. »Nun hätte ich bald das Beste liegen lassen!« murmelt er zu sich, ohne mir mehr Beachtung zu gönnen, als wehte ich körperlos im säuselnden Abendwind oder umseufzte als Silberstrahl des eben aufgegangenen Mondes wehmüthig seine geliebte Nähe. Er faßte sich in den Hosensack, und ich begriff: dort fehlte ihm das auf dem Tisch oben vergessene Pistol. Er machte eine schnelle Kehrtschwenkung. Er eilte, an mir vorbei, hinauf in die Mansarde, um die verhängnißvollste der Waffen zu holen. Ich stand unten, vor der dämmernden, friedvollen Hütte der beiden Alten. Schon hatte die Nacht sich in ihr goldgesticktes Sternengewand gehüllt, und unsere Erde unten sich in ein träumevolles Schattenreich gewandelt. Eine erquickende Kühle fächelte aus den schwarzen, wie mit der Scheere ausgeschnittenen Baum-Umrissen des Parks – eifrig, wer wohl geübter musicieren könne, zirpten die Grillen und läuteten – sanft und tief – die Unken. Am Himmel regierte der Vollmond. Freigebig goß der gelbe Freund vom Liebespfeil getroffener Herzen seinen geisternden Schein über die Erde. Gewürzig füllte der Hauch der Gärtnerei – der berückenden kleinen Wildniß – die klare und reine Luft. Es war ein Abend für Liebende, um Arm in Arm zu wallen – nicht für den Hader Kains wider Abel. Hatten mir schon Mittsommer-Nacht? Loderten schon nahe und weit die Johannisfeuer? Ach nein: der Junius war noch nicht da, und die Reihen der Scheiterhaufen, die, wo man hinsah, im nächtigen Lande lohten, waren – Gott zum Lob und Dank – nicht, wie vor sechs Jahren, nach den Affairen von Jena und Auerstädt, die Feuersbrünste angezündeter Dörfer, sondern nur die Beiwacht-Feuer der Großen Armee, in denen freilich – mir, als der Grundherrin von Reuterswiese, nur zu betrübter Weise bekannt – denn auch die Weidenköpfe der Koppeln, die Zaungitter, die jungen Obststämmchen – ja selbst die Thüren und Haustreppen des geplackten Landvolks Nachts zu verschwinden pflegten. Hatte ich jetzt Zeit, Napoleanischem Wirrwarr und Europens Brudermord nachzuhängen? Näheres heischte der fliegende Zeiger an Chronos' Uhr! Ich lugte mit angehaltenem Athem in das milde Zwielicht des Abends. Etwas räusperte sich dort. Hier trug mir ein Lüftchen eine Handvoll verwehten Kanasterdampfes an die Nase. Da überragte, als ein unbewegter Schattenriß, eine geschulterte Säbelspitze einen pelzbedeckten Kopf. Überall standen die westfälischen Husaren. Das Schloß war im Umkreis bewacht. Sollte er, der Theure, sich in den Netzen der Schergen verstricken? Fast ehe das grünliche Meteor, das jetzt eben hoch oben am funkelnden Sternhimmel unheimlich seine pfeilschnelle Bahn riß – ehe noch dieser warnende Fremdling einer anderen Welt wieder in der Ewigkeit erlosch, mußte der geliebte Prussatis wieder aus dem Gärtnerhaus herabsteigen. Schon hörte ich die wurmstichige Treppe unter seinen tastenden Tritten seufzen. Hellgelblich schimmerte vor mir am Boden die Kiesschüttung, mit der der Raum vor der Schloßflucht in schicklicher Breite bestreut war. Auf ihm glitten, Flügel der Angst an den Fersen, meine Füße. Ich wollte zum mindesten um die Ecke des mächtig vorspringenden Thurmes lugen, ob jenseits nicht die Bosheit der Menschen lauere? Noch hatte ich nicht drei Schritte gethan – da stand, mit meinem Sohlenpaar, mein Herzschlag still! Ein eisiger Schauer des Schreckens überrann mir den Rücken. Hinter der rauhen, rissig abgesetzten Kante des Thurms, noch war es nicht Fleisch und Blut, was da dräute – ein Schatten lief wesenlos und gespenstisch der körperlichen Bildung der Gefahr voraus – ein Mondschatten legte sich schwarz – breitschulterig, vierschrötig – auf die bläulich beschienene Fläche des Kieses ... Gleich darauf bog der furchtbare Mann vom Monde selbst um die Ecke. Vor mir stand der Senateur Gaston de Gast. Er war es, der seinen Hinkefuß argwöhnisch gleich einem Wachhund rings um das Schloß schleppte! Mit der Linken stützte er sich auf den Krückstock. Mit der Rechten lüftete er den breitrandigen schwarzen Hut. In seinem langen dunklen Habit schien er mir wie der Teufel selbst, der Nächtens umgeht und sieht, wen er verschlinge. Ach – ich wußte, auf welch edles Wild der Parasit Buonaparte's zielte! Ein gräßliches, sarkastisches Lächeln verzerrte sein, von Blatternarben dicht gesprenkeltes, großes, rundes Antlitz. »Das gnädige Fräulein genießen der Abendkühle?« sprach er mit einer ironischen Höflichkeit. Er hatte das bartlose Pockengesicht, in dessen Augen die Nattern züngelten, gegen die Gärtnerei gerichtet. Er mußte den Freund sehen, wenn Jener dort in der Thüre erschien. Ich that, als wollte ich mich scheu an dem Conseiller des Kaisers der Franzosen vorbei drängen. Gottlob – er folgte meiner Bewegung und wendete sich so, daß er nun Philemon und Baucis im Rücken hatte! In dieser Position nöthigte er mich, stehen zu bleiben. Wie eine Viper stach seine verbindliche Frage: »Diese schöne Nacht – und Sie, Baronesse – ihr schönster Stern – birgt doch für mich armen Irdischen ein Räthsel! Eine Bitte liegt mir auf den Lippen: Zeigen Sie mir Ihre Tarnkappe, Holdseligste der Zauberinnen!« Oh hätte ich solch ein Wunderhütlein besessen, um es auf das geliebte, dunkle Haupt drüben zu stülpen und es vor allen Nöthen zu bewahren! Verwirrt starrte ich auf den Sohn der Nacht vor mir, der fortfuhr: »Denn anders, schönste Louisabeth, läßt sich Ihre beglückende Anwesenheit hier nicht begreifen noch erklären! Alle Ausgänge des Schlosses sind von Doppelposten bewacht. Keine Maus kommt über die Schwelle ...« »Ich bin durch das Fenster gesprungen!« sagte ich und deutete nach dem Ahnensaal neben uns zur ebenen Erde. Der Herr Gaston de Gast lachte in einer verhohlenen Weise. »Ich beglückwünsche Sie!« sprach er ironisch, und immer unverschämter, mit den Lippen wie mit den Augen. »Ich beglückwünsche Sie, holdseliges Kind, – zu der gelenkigen Anmuth Ihrer schlanken Glieder, die sicherlich diesen gewagten Sprung mit dem Schleier der Grazie umhüllte! Sind doch sonst die Kunststücke neumodischer Turnerei die Merkzeichen gährender, wildbuschiger Gehirne auf der Berliner Hasenheide – Jahns- Jünger ... aufrührerische, viel zu viel durch die Langmuth des Kaisers geduldete, preußische Schwarmgeister!« Oh du mein Preuße ... Dort lehnte er – ich stand ja nun so, daß ich die Gärtnerhütte vor dem Angesicht hatte – dort lehnte er an dem Hauspfosten. Der dunkle Hintergrund des Flurs umdämmerte ihn. Man mußte wissen, daß er da war – man mußte die Augen der Liebe haben, um die schwachen Umrisse des angebeteten Schattens im Zwielicht zu erkennen. Noch rührte er sich nicht. Er stand und beobachtete uns Beide hier. Oh – bleibe – theures Schattenbild – bleibe, wo du bist ... »Es war gewiß nicht recht von mir!« sagte ich sanft und versöhnlich zu dem pockigen Feind. »Ich will gerne wieder in das Schloß zurückgehn!« »Warum aber hat das hohe Fräulein es überhaupt verlassen?« Diese Frage schnellte mir der Senateur tückisch in das erbleichende Gesicht. Seine grausamen, ganz dünnen Lippen verzogen sich abermals zu seinem widrigen, lautlosen Lachen, das nur seine viereckige Gestalt durchschüttelte. Oh – ich arme Waise! ... Hülflos in meinem Schloß dem kichernden Teufel ausgeliefert! »Ich wollte frische Luft schöpfen!« sagte ich. »Vortrefflich, Liebenswürdigster der Engel! Dafür bricht man die Befehle des Kaisers? Dafür riskiert man die Kugel aus einem Husaren-Karabiner? Dafür giebt man sich den kitzeligsten Mißdeutungen Preis? Darf ich, mit zwei Worten, die Art dieser Mißdeutungen umreißen – unvorsichtiges Götterbild ...?« Zu allem Glück: Mein anderes Ich dort im wohlthätigen Dunkel des Hausthors – mein Fritz – vernahm die gedämpfte Sprache des Unverschämten hier nicht. Oh bleibe – wo dich die bösen Buben nicht ahnen! Werde taub! Denn hörst du die frechen Worte, mit denen die wälsche Creatur mich umbuhlt, wehe – ich kenne deinen zum Himmel lodernden Preußenzorn ... Ich kenne ihn an mir selber zu gut ... Also lächelte ich, hell und sichtbar im Mondschein stehend, mit blutendem Herzen, und stellte mich an, als plauderten wir, der Conseiller und ich, über die süßen Reize einer milden Maiennacht. »Wollen Sie mir nunmehr gnädigst verstatten ...«, begann ich unterwürfig und wollte fortfahren: »... in meine Appartements zurückzukehren?« und zugleich krumpfte sich mir die Seele in Verzweiflung zusammen. Inzwischen floh ja der Geliebte zürnend in die Nacht hinaus ... auf Nimmerwiedersehen ... auf Nimmerwiederkehr ... ein schöner Traum – ein vergänglicher Gast aus dem Lande Eden – und mein Leben ohne ihn leer und lang ... Nein – nein ... Alles – nur das nicht: – die Trennung von ihm! Ich mußte hier ausharren – in seiner Nähe – oh – was thun? Oh – ich Unselige! – Denn diese Nähe war ja zugleich auch die abscheuliche Gegenwart des lüsternen Bösewichts vor mir, der nicht wankte, noch wich ... Er that so, als hätte er mein Flüstern gar nicht vernommen. Er zielte mit seinem Stock nach einem freundlich vorbeisummenden Maikäfer, und freute sich, als das Geschöpf, das Gott doch auch in seiner ewigen Liebe erschaffen, zerschellt zur Seite flog. Ach – niemals war mir, die ich sonst meinen Verstand an den Alten schliff und nach antikischer Klarheit strebte, niemals war mir, in meiner Bedrängniß, Gott so nahe gewesen wie jetzt, wo drüben er, sein zorniger Verkünder, der Jünger der Gottesgelahrtheit, unbewegt am Pfosten lehnte und die feurigen Zungen Ostpreußens zu mir eine fremde und gewaltige Sprache redeten. »Hm ... ja dann ...« versetzte der Herr Kaiserlich französische Staatsrath. »Lassen wir denn, ma belle , die Umschweife bei Seite! Sie präsentierten mir heute Vormittag unter dem fälschlichen Charakter eines Buchhandlungsdieners – also offensichtlich im Einverständniß mit ihm – einen, unter geschickter Behandlung leicht aufbrausenden, Starrkopf, der sich als der Hochverräther Prussatis aus Ostpreußen erwies. Der Nichtswürdige ...« »Der Heldische ...« flüsterte ich und ballte die Hände. »Aha ... Dank für den Wink, reizende Louisabeth – gut denn: Er floh. Man hat ihn nirgends gefunden und hätte ihn doch finden müssen, wenn nicht ...« Der Günstling des Korsen schaltete eine Pause ein. Er lächelte. Oh – In diesem Lächeln auf der geistvollen Häßlichkeit seiner Züge grinste die Hölle. »... wenn nicht ...« fuhr er mit Bedacht fort, »der Gesuchte gerade an den Ort, wo er entsprungen, zurückgeschweift ist, und sich unmännlich hinter den Röcken des Schloßfräuleins verkrochen hält ...« Ach – wie Kochte es in mir! ... Ich zwang meine Wallung nieder ... Für dich, Theurer ... drüben im Schatten ... für dich! ... Zürne deiner armen Louisabeth nicht, wenn sie, mit zerrissener Seele, zu den schimpflichen Worten des Tyrannen schweigt ... »Von diesem Verdacht geplagt«, fuhr Jener in einer krächzenden und gierigen Bosheit fort, »umkreiste ich selbst in aller Stille das Schloß. Siehe: das Erste, worauf ich stieß, waren Sie, – liebliches, blondes Reh ...« »Oh – schweigen Sie!« » ... Sie, unschuldige, blauäugige, schönste Heilige, die ich jemals, jenseits der Alpen, im kalten Deutschland fand ...« »Genug ...« lächelte ich verzweifelt. Denn durfte ich, durch eine Gebärde des Abscheu's, den heißblütigen Freund drüben herbei und ins Verderben locken? Der Feind vor mir aber mißverstand die Weichheit meiner Lippen. Sie entflammte nur seinen unkeuschen Muth, und also wuchs das Unheil von hier wie von dort, aus sich heraus, immer höher ... »Ich traf Sie!« sprach der Conseiller mit funkelnden Augen und beugte sich, beide Hände auf seinen Stock gestützt, so nahe und verlangend nach mir vor, daß sein heißer Athem widerwärtig meine Wangen badete. »Wo aber – die Wahrheit jetzt, Baroneß, – es geht ums Leben! – wo ist er?« »Ich weiß es nicht!« sprach ich mühsam. Still – aber sprungbereit – argwöhnisch – das wußte ich – stand drüben, im Rücken des blutigen Satyrs vor mir – der Schatten in der Hausthüre. »In der That...« Er rieb sich geschäftig die Hände. »Sie können mir darüber nichts verrathen, spröde Stumme?« »Nein – wahrhaftig nicht!« stammelte ich. »Nun! Es macht auch Nichts!« Gräßlich war das belustigte Zwinkern seiner Augenlider und Mundwinkel. »Sie sind die Verstellung nicht gewohnt, Schönste der Schönen! Man merkt es Ihnen an! Das Schloß ist im vollen Umfang abgesperrt und ich, – ah – umsonst vertraut mir nicht der Kaiser! – ich habe eine feine Nase! Wir werden Ihren Galan auch ohne Ihre Hülfe finden ...« Ich wollte zornig aufschreien! Ihm den Schimpf in die Pockenpfännchen seines höhnenden Gesichts zurückschlagen... halte an dich, Louisabeth ... senke das Haupt und trage es ... um des Geliebten willen ... dort drüben ... »Wir werden ihn fangen und er wird seinem Urtheil nicht entgehen – so wenig wie der Bauer Andreas Hofer – der Buchhändler Palm – und andere, von dem sonst großmüthigen Frankreich füselierte deutsche Verbrecher« versetzte der Blatterige in der deutschen Sprache, die er durch den Inhalt seiner Worte schändete. »Nicht um ihn handelt es sich, sondern um Sie, seine Complicin ...« Ich, – seine Mitschuldige – ich – die ich meinen eigenen Leib vor seine Pistole geworfen, um ihn vor Tyrannenmord und Blutschuld zu bewahren! ... Aber durfte ich denn reden ... durfte ich auch nur andeuten – ohne alles zu verrathen? ... Oh ... schweige, Louisabeth – unglücklichste der Frauenzimmer ... schweige, und wenn es dir das Herz bricht – besser, als daß die Zunge zum Judas wird ... »Der Kaiser«, sprach vor mir sein höllischer Trabant, oh Geliebter drüben – ich beginne deinen heiligen Haß – deinen himmlischen Zorn wider wälsche Tücke im tiefsten Herzen mitzuempfinden, »– der Kaiser« sprach der Senateur streng und gemessen, mit einem unerbittlichen, mir vor seinen entflammten Lüsten willkommenen, Gesichtsausdruck, »ruht schweigsam wie das Schicksal, in seiner Allmacht. Nur selten langt er nach ihr und gebraucht sie – dann aber, wenn Frevlerhand, wie einst die des duc d'Enghien , seine Allmacht bedroht – dann schleudert er seine Donnerkeile und sie vernichten! So wird es auch Ihnen ergehen! Ihr Schicksal wird furchtbar sein!« Oh – mit dir sterben, Geliebter – für dich sterben – mehr begehr' ich nicht – als mit dir, theurer Schatten im Hauspfosten dort, Hand in Hand hinab ins Schattenreich! Ich faltete schwärmerisch die Hände. Ich hob die Wimpern zu den ewigen Sternen. In mir war heilige Ruhe. Doch was ist dies? Die häßlichen Mienen des Ungesitteten, des Auswürflings vor mir, beginnen zu glühen – seine Kehle röchelt in Leidenschaft – seine Zunge plappert ein wildes, sinnentrunkenes Gefasel. »Das aber soll nicht geschehen ...« keucht er. »Dir nicht, Louisabeth ... dir ... dem Urbild der Schönheit ... Auf den ersten Blick ... wie ich dich heute sah ... Im Traum hatte ich dein Bild in mir getragen ... da wurde es wahr .. Komm an meine Brust, Louisabeth ... komm ... komm ...« Ich mich entsetzt vor ihm zurück. Er folgte mir. Er stammelte. Er drängte: »Ich habe Macht ... Ich führe die Akten ... Ich kann es richten, daß dein Name nicht ... Ich kann dich retten ... Ich werde dich retten ... Nur erhöre mich ...« »Zurück!« rief ich. Ich selber konnte nicht weiter nach hinten schreiten. Denn ich lehnte schon mit dem Rücken an der Mauer des Schlosses. Er aber warf sich gegen mich. Er faßte meine Hände. Seine übernachten Züge dräuten. »Weißt du, wer ich bin?« leuchte er. »Der Herr über Leben und Tod! Ich bin dein Schicksal, Louisabeth ... Du bist mein ...« Er empfing von meiner rechten Faust, die ich seiner Umklammerung entwunden, einen festen Schlag mitten auf seinen lästerlichen Mund. Er taumelte zurück. »Daß sollst du gedenken!« knirschte er. Gleich darauf siegte in dem Rheinbund-Schergen wieder der blinde Rausch der Leidenschaft. Er stürzte wie ein Wahnwitziger auf mich zu und preßte mich in seine Arme. Diesmal konnte ich mich seiner nicht mehr erwehren. Er war zu stark. Wir rangen Brust an Brust. Furchtbar packte den Verwegenen von hinten eine Faust an seinem hochgeklappten Rockkragen und schleuderte ihn mit nervigem Schwung über den Kies. Flammenden Auges, wie Erzengel Michaels aus dem Gartenhaus herabgestiegen, der eigenen Gefahr – ach – nicht achtend, stand schirmend vor mir der Freund. Vor ihm am Boden rollte sich das Napoleonische Gewürm. Der narbige Wicht erkannte das edle, ihm ins Garn geeilte, Wild. Eine gebliche und giftige Schadenfreude ließ, indem er sich aufraffte, die Höllenartung seines Äußeren noch abstoßender erscheinen. »Hab' ich dich, du Mordbube!« heulte er im Tonfall der Unterirdischen. »Ha! Husaren herbei! ... Gieb dich! ... Du bist gefangen!« Zugleich nestelt seine Hand im Rockschoß, reißt ein Terzerol heraus und legt es an. Ihm gegenüber aber er – der Held – hielt die Pistole, die er sich aus der Gaube geholt, schon schußfertig in der Hand. Der böse Geist bemerkt es zu spät. Im Flug eines Augenblicks kommt mein Prussatis ihm zuvor. Ein Feuerstrahl zuckt rothflammend aus seinem kurzen Handgewehr. Trüben fällt der Herr de Gast vornüber vor ihm auf die Kniee, als wollte er ihn für alle schwarzen Thaten seines Lebens um Verzeihung bitten, dann mit dem Antlitz zur Erde, und liegt da in einer rasch ausströmenden dunklen Lache und nur noch das Zucken seiner Gliedmaßen zeugt von dem entfliehenden Leben. So hatte die Kugel, die dem Kaiser der Franzosen zugedacht war, seinen Diener gerichtet ... Husaren aber ... Husaren auf seinen Ruf – auf den Donner des Pistolenschusses – von rechts und links – Husaren von überall und auf den nun wehrlosen Geliebten. Denn ihm blieb keine Zeit – weder zu fliehen, noch, seine Waffen abermals zu laden. Die Meute warf sich auf den gestellten königlichen Hirsch ... Ich weiß nicht mehr, was weiter geschah ... Eine wohltätige Dunkelheit senkte sich, indem ich zusammenbrach, über meine Augen ... Als ich sie wieder aufschlug, saß ich noch, an derselben Stelle, gegen die Schloßmauer angelehnt. Lisette, meine Zofe, kniete neben mir und sprengte mir kaltes Brunnenwasser in das bleiche Gesicht. Ein paar andere Mägde standen angstschlotternd hinter ihr, bereit, mich in das Haus zu tragen. Vor meinem Boden war ein großer, schwärzlich-feuchter Flecken in dem zertrampelten Kies. Doch diese Fläche leer uon Menschen. Von Allen, deren Streit, Mord und Gemalt der Mond beschienen, ich allem noch hier. Achtlos zurückgelassen. Ach – ich begriff: die Reiter des Königs von Cassel hatten den Freund meiner Seele weggeschleppt und den todten Senateur mit sich getragen. Daß ich in diesen Handel mit verstrickt sein könne – ich – ein schwaches und scheues, adelig geborenes Mädchen – das hatten die kurzen Kriegergehirne wohl nicht bedacht, sondern vermeint, ich sei, gleich ihnen, durch den Lärm der beiden Kämpfenden aus dem Schloß gelockt morden und, vor Abscheu über den, so gerechten! – Todschlag einer Ohnmacht verblichen. Bald aber würden Höhere als diese Husaren – würden die Nachfolger der hier erstorbenen Creatur auf das eigentliche Verhältniß der Dinge kommen und nach mir fragen und fahnden! Doch was lag an mir ... oh – du König meines Herzens ... in dir ist auch mein armes Erdenloos beschlossen ... »Wo ist er?« stöhnte ich. Lisette, die Kammerzofe verstand mich. »Sie haben ihn in die Stadt hinuntergebracht!« flüsterte sie. »In das neue Gefängniß, das im Stiftsgebäude eingerichtet ist!« Dies waren die Räume, aus denen, bisher altjüngferlicher Beschaulichkeiten geweihten, die Faust des Rheinbundes meine Freundin Phila und die anderen Präbendinnen vertrieben hatte. Ich erhob mich erschöpft. Ich wies, fast unwillig, die hülfreichen Mägde zurück, die mich unter den Armen fassen und in das Schloß führen wollten! Zu ihm – nur zu ihm – für Nichts Anderes hatte dieses verwirrte und doch seines Weges klare Haupt einen Raum. Rauscht der Wald vor dir düster und warnend, Louisabeth, und munkelt von Gefahren? Laß die Holle dräuen! Zu ihm ... zu ihm! ... Nistet eine undurchdringliche Finsterniß in dem Parkgeäst, als stiegest du, statt zum Städtchen, mit tastenden Füßen in dein dunkles Grab? Die Liebe macht hellsehend! Zu ihm! Zu ihm! Bedankt, Ihr freundlichen Glühwürmchen – Ihr geschäftigen, lebenden Lämpchen der Nacht! In unzähligen Sternenfünkchen durchgaukelt Ihr geheimnißvoll und tröstend das Schwarz der Erde und weist Louisabeth den Dornenpfad der Liebe zu ihm ... zu ihm ... Ich gebot mit einer heftigen Handbewegung den Mädchen, an ihrem Ort zu bleiben. Ich huschte quer über die mondbeschienene Sandfläche. Husarenvedetten waren nun, da sie den Herrlichen erhascht, nirgends mehr zu besorgen. Ich stürzte mich in die nächtigen Schatten der Bäume. Ich schaute mich nicht um. Was ich bisher gewesen und besessen – meine unschuldigen Mädchenjahre – meine harmlosen Zerstreuungen des Geistes und Gemüths – mein Schloß – mein Hab und Gut – mein ganzes, friedevolles bisheriges Dasein – alles versank hinter mir. Zu dir – jauchzte meine Seele – zu dir ...   Oh – diese Bilder der Nacht, auf dem Weg zum Städtchen unten im Thal! Diese röthlich den Himmel färbende Brunst der Biwaks nahe und fern – das Geflacker der Feuerzungen vor den, aus jungen Maien geflochtenen, grünen Laubhütten, der Gesang und das fremdartige Geschrei der, die Flammenstöße umkauernden, dunklen Waffengestalten. Oh – diese zertretenen Gerstenbrote im Straßenstaub, und wimmernden und hungernden Kindlein! Diese seitwärts auf den Äckern unter den freien Sternen nächtigenden, flüchtigen Bauern und Weiber mit ihren Kühen, ihrem Hausrath auf Karren. Oh diese Staubwirbel, die höhnend im Mondschein auf der Heerstraße des Korsen mit den tamerlanisch Verstreuten Getreide-Ähren, dem fliegenden Flaum zerschnittener Federbetten spielten! Diese, mit den Händen in Stücke gerissenen Ziegen und, mit dem Pallasch enthauptete, unnütz im Graben faulenden Schweine ... dies fürchterliche aufschießende neue Gewimmel frischer fichtener Kreuze auf dem Friedhof vor der Stadt, Merkzeichen des Nervenfiebers, das in den geleerten, besudelten, ausgebrannten Häusern Mann, Weib und Kind würgt – diese langen Reihen deutscher Kindergräber – Louisabeth – wo waren bisher deine Augen? ... In welchen Regionen schwebte dein ätherischer Geist, daß du dich zwar an der göttlichen Heiterkeit der Alten erlabtest, den Nothschrei lebender Creatur um deine Ohren aber als eine Philosophie ertrugst? Nun brennt in dir plötzlich, was Schmach eines Volles heißt! Nun fühlst du den Übermuth eines fremden Tyrannen. Nun siehst du mit seinen Augen – mit denen eines Preußen! Zu ihm ... zu ihm ... Die Hauptgasse des Städtchens – sie war ein großer mächtiger Jahrmarkt, voll Fackeln, Peitschenknall, Gekarre, Gewühl und Gelärm. Indessen die Truppen bei Nacht ruheten, zog hier unabsehbar der Troß der Großen Armee durch, füllte das Pflaster, stopfte sich zu einem Knäuel an der Brücke, wo das Stiftsgebäude lag. Me französischen Commissarien ritten schreiend auf und nieder, die Fuhrleute in blauen Blusen fluchten, – Marketender, Marschkranke auf Wägen, Stimmen aller Nationen riefen und kreuzten sich in der Dunkelheit. Gottlob: Auf mich achtete in diesem Thurmbau zu Babel Keiner. Ungefährdet sah ich mich dem Stiftsgebäude am Ausgang der Stadt gegenüber. Mit seinen massigen Umrissen sich vom Sternenhimmel absetzend, ließ es, in Thurm und geräumiger, seitlings mitten in einem kleinen Gottesacker stehender Kapelle, das ehemalige Kloster nicht verkennen. Mochten in dem finsteren Hauptbau die Fenster schon von früher her vergittert gewesen sein – nun jedenfalls diente, indeß zur ebenen Erde Wachtstuben und, jetzt noch helle, Kammern für Vüralisten und andere Schreiberseelen der Profosse, Proviantmeister, Regiments-Medikusse, Heereslieferer leuchteten, – nun diente der Oberstock in seiner südlichen Hälfte als ein Lazareth der Großen Armee, in der anderen, nach dem rauhen Norden gehenden, als Kerker für die Opfer schnöder Gewalt. Schwaches Licht leuchtete in diesen unglücklichen Zellen, die ich vorsichtig, um nicht von dem schildernden Posten bemerkt zu werden, am einsamen und dunklen Ufer umkreiste – da, wo das Flüßchen die Rückwand der Klostermauern plätschernd umspülte und sich am jenseitigen Hang ein weites Feld leer in die Nacht verlor. Dort oben bist du – mein Theurer! Hier unten harrt deine Louisabeth – in deiner geliebten Nähe ... Doch wie zu dir gelangen – Ihr Ewigen ... Ihr Himmlischen: wie? War es eine Stimme von den Sternen, die zu mir sprach: Siehst du denn nicht, Louisabeth, hinter den hohen Dächern des Stiftshauses einen bescheidenen niederen Giebel dämmern? Unter diesen langgestreckten First des Seitenbaus vermiesen, hausen nun, in Nothdurft und so gut es gehen mag, die vertriebenen Stiftfräulein. Auch Phila, die aus deinem Schloß geflüchtete, mag jetzt da weilen! Denn wo sollte sie sonst im Kriegsgebrause hin? Ihre Fensterscheibe in dem Stübchen, in dem du ihr manche Visite abgestattet, ist die Dritte in der Reihe. Dort brennt Licht. Dorthin, verliebtes Mädchen, lenke deine Schritte! Dort sammele dich, überschlage deine Kräfte und Mittel und plane das Heil des nahen Freundes. Freilich denn: dieses Gemach – ohne Mühe von mir über die offene Treppe erstiegen – barg, als ich pochend die Schwelle übertrat, nicht allein Phila, die befreundete Seele, sondern – um sie versammelt, den ganzen, aus meinem Schlosse Reuterswiese an diesem Mittag entstobenen, Cirkel schöner Geister, die, in Eleusis lustwandelnd, es nicht vorbedacht hatten, daß in Thüringen, im Marsch der Völker auf Moskau, Postpferde oder Bauernvorspann platterdings nicht erhältlich waren, und als welche sich nun, nach ihrem voreiligen Abschied von mir, in diesen vier Pfählen hier festgepflöckt und zum Bleiben genöthigt sahen. Diese schwärmerischen, auf Matratzen und Canapés gelagerten Geister vom starken wie vom schönen Geschlecht – wiewohl Beides nicht recht zutreffen wollte – sie hatten aus der Roth eine Tugend und aus einem böheim'schen Zigeunerdorf eine platonische Akademie gemacht. Indessen die Frauenzimmer häkelten und die Chapeaux schmauchten, schritt der Hofrath Hagemeister begeistert die Dielen auf und nieder, die Hornbrille auf der Nase, das Talglicht in der linken, das Heft in der rechten Hand und las ergriffen in dem verzückten Lauschen der Anderen. »Oh Philosophie – du Menschenbeherrscherin – oh, Buch der Natur! welch unvergleichliche Harmonie herrscht nicht in diesen beiden Wissenschaften! Wie viel Hülfe – wie viel Licht giebt eine der anderen – und beide zusammen der Menschenseele, und stärken sie zu einer edelmüthigen Freiheit vor den gemeinen Begebenheiten der Welt und zu der. wahren Furchtlosigkeit des Weisen ...« Nun erblickt er mich! Das Buch entfällt dem Peripatetiker zur Erde – keine Sylbe will mehr aus dem geöffneten Mund – die Kerze in seinen spinnigen Fingern flackert. Phila aber steckt entsetzt den Graukopf hinter die Dürftigkeit seiner Körpergestaltung und wehrt, rechts und links hinter seinem verschossenen Schwalbenschwanz, mit weitgespreizten Händen gegen mich ab, als sei ich nicht die sanfte, blonde Louisabeth, sondern ein schauriges Gespenst. »Nicht herein!« wimmert sie. »Nicht herein!« Neben ihr kniet Pamela, das göttliche, vierzigjährige Kind, am Boden und hebt, in theatralischer Manier, die gefalteten Hände. »Unglückliche! Habe Mitleid mit uns! Bei unserer einstigen Freundschaft!« »Aber was geht Euch bei?« stammele ich. Ein Schrei, durcheinander, aus allen Mündern – und – der Wahrheit sei es geklagt – das dumpfe Greinen der Bässe noch merklicher als das helle Flennen der Soprane. »Der hohe Beamte des französischen Kaiserreichs ... greift Euch an die Schläfen ... Es ist nicht zu fassen ...« »Er ist in deinem Schloß ermordet!« »In deiner Gegenwart ...« »Auf dein Anstiften – geht das allgemeine Gemurmel ...« »Denn du – oh Ihr Götter – wir waren Zeuge – du hast den Mörder freventlich in unseren attischen Circle eingeführt ...« »Du reißest uns Freunde sittlicher Form und gefügter Gesetze gleich einem Tartarus mit in den Acheron!« »Die Militärgewalt sucht dich schon überall!« wimmerte die kleine und dicke Pamela. Die Stiftsdame, spitz und hager, keuchte: »Vorhin ist ein Pikett Husaren mit einer angespannten, leeren Kutsche, eilends nach deinem Schloß abgeritten, um dich zur Stelle zu schaffen ...« »Erlöse uns von der fürchterlichen Gefahr deiner Nähe!« kreischte Pamela, die Schwärmerin, wie sinnlos. »Gehe! ... Um Gottes willen! ... Gehe!« zitterte das fromme Herz der Stiftsdame. Oh Phila – ist dieses deine seraphische Nächstenliebe, – Phila – die du mir so oft meine gleichmüthig olympisch gestillte Seele verwiesest? »Fahre hin, Traum der Freundschaft!« sprach ich. »Euer Geschwätz ertönt mir zu laut!« Traurig schaute ich auf das Häuflein geknickter starker Geister und legte die Schwelle zwischen mich und Jene. Noch auf den Stufen, die ich hinabtrat, hörte ich sie oben barmen und zetern: »Oh – dieser bemitleidenswürdige Senateur ...« »Ein Mann – kein Endymion zwar – aber voll von der Politesse des Kaiserreichs ...« »Was werden die Franzosen sagen?« »Dem General-Ordonnateur en ckel ist durch eine Stafette Rapport erstattet! Die Leiche des Herrn Conseiller de Gast wird morgen mit allem Pomp in das Stabsquartier überführt ...« »Oh – ich habe es mit thronenden Wimpern gesehen, wie sie vorhin den Todtenkorb die Treppe im Stiftshaus hinauftrugen und im Oberstock abstellten ...« Nun Nichts mehr von dem Gemurmel der Kleinmüthigen. Ich stand vor dem Thor, wieder von den leisen Schleiern der gülden gestickten Sternennacht umweht, etwas fernab von dem Völkermarkt des Kriegs in der Hauptgasse. Hier, in dem dunklen Nebensträßlein, war es stiller. Da kreischte nur der Hobel, surrte die Säge, hüpfte der Hammer, querüber, in der noch erleuchteten Werkstatt des Meisters Rheinboth, des betagten Tischlers, der auch meinen Eltern ihr letztes Haus auf Erden – sechs Bretter und zwei Brettchen, an Stelle der vielen Thürme und Zinnen von Reuterswiese – gezimmert. Ach – er hatte auch jetzt noch allabendlich bis in die Mitternacht zu thun – der würdige, weißhaarige Schreiner und ein aufrechter Mann, der sich auch vor den Franzosen nicht bangte und einem Marschall ungescheut ein deutsches Wort ins Gesicht sprach. Jeden Tag ließen die durchpassierenden Regimenter ihre Maladen, ihre Maroden, ihre Sterbenden im Spital im Stiftshaus zurück. Ach – wo beteten jetzt vielleicht – da und dort – weithin in Europa – Mutterherzen für den geliebten, dem Trommelschlag des Korsen folgenden Sohn, und ahnten nicht, daß seine wächserne, entseelte Hülle zu gleicher Stunde auf Stroh in der Todtenkapelle des Stifts ruhte! Denn dieser schaurige Raum, dessen schmale, matt erhellte Spitzfenster durch die Nacht herüberblinzelten, – er füllte sich täglich bis zum Abend mit stillen Gästen, die es nicht mehr nach » Vive l'empereur !« und entrollten Adlern, sondern nur noch nach kühler Erde und drei Musketensalven über dem Grab verlangte, wie ich sie jeden Morgen dumpf bis nach Reuterswiese hinaufschallen hörte. Es standen seit dem 11. May 1812 Jupiter und Venus einander in nächster Nähe, wie ich heute morgen oben auf meinem Schloß den versammelten gleichgetönten Seelen verkündet und vorgeschlagen hatte, diesen holden Lenztag als ein Fest der Liebe und Freundschaft zu begehen. Du Frühlingssonne – du bist gesunken! Ihr Freunde – Ihr habt mich verläugnet! Mein Schloß meiner Väter – du bist mir verehrt. Aber vom Himmel leuchtest du ewig, oh Liebe! Da steht Ihr in strahlendem Glänze, nebeneinander, – Jupiter und Venus – und Eure Liebe funkelt tröstend hernieder und erhellt mit göttlichem Glanz die betrübten Herzen derer, die auf dunklen Erdenpfaden, über Stein und Dornen, wandern. Oh mein Jupiter in Banden – mein trauter Gesell – dein Licht grüßt mich aus deinem Kerker! Deine Freundin ist dir nahe und bleibt bei dir heute und alle Tage! Oh du Göttlicher, der du mir die Seele versengtest, heute früh war ich noch im Blüthenstand, von keinem Windhauch versehrt – die Rosenknospe ist aufgegangen und senkt ihre entfalteten Blätter todesmatt in Mittagsgluth und Mitternachtssturm, und dennoch – hätte ich die Wahl, ob du in mein Leben treten solltest oder nicht – Vater im Himmel: Ich wollte alles noch einmal erfahren ... Alles ... Alles ... was war ... was ist ... was kommt! Mein Gemüth lacht. Mein Leib breitet die Arme sehnend durch die Nacht: Ich lebe! Ich leide! Ich liebe! ... Siehe: Ich bin ein Mensch, und war eine Blume ... Rauch wogte drüben, auf der menschenvollen Gasse, die Wirklichkeit der Dinge. Dort suchten mich die wälschen Schergen. Jedes Kind im Städtchen kannte mich, das Schloßfräulein – die Baronesse von der Lehen. Ach – verrätherische und nach fränkischen Goldstücken gierige Hämlinge gab es überall. Ich mußte besorgen, nicht hundert Schritte zu thun, ohne daß die Faust der Tyrannei mich faßte ... Nun – so sei es denn! Soll ich es besser haben als du, mein Geliebter! Ihr flammet da oben enggesellt, Ihr Sterne der Liebe! So wollen mir Beide hier unten, die mir Euch Sterne im Herzen tragen, als ein Doppelgestirn unlöslich von einander, Noth und Tod der finsternen Welt durchsegeln! Ich komme, mein Jupiter –! Dein Mädchen theilt dein Schicksal. Wie ruhig tragt Ihr mich dem Verhängniß entgegen – ihr meine Füße! Wie leicht athmet meine Brust! Wie bleich und durchsichtig seid Ihr gespenstige Schatten, die Ihr, als Große Armee und ihr Troß vermummt, auf der Hauptgasse an mir vorüberströmt! Merkt Ihr noch nicht, wer opferbereit – todesmuthig, zwischen Euch wandelt? Noch bin ich nicht zehn Schritte gegangen – wann werdet Ihr mich entdecken? Da, stark und still, mein Herz! – es naht! Muth – meine Mädchenseele! – Das Fatum vollendet sich: Es gewinnt die Umrisse eines gutbejahrten, derben, breitschulterigen Mannes in langem Tuchrock und hohen, ländlichen Stiefeln. Er schreitet, nach rechts und links verstohlen forschend, durch die Menge. Sucht. Sieht mich. Stutzt ... Ach ... Es ist Herr Külps – mein redlicher Amtmann! ... Er faßt mich an der Hand! Reißt mich in einen dunklen, ungesehenen Winkel ... »Gott sei Dank, daß ich Sie finde, gnädiges Fräulein!« raunt der Wackere mit einem halben, besorgten Baß. »Sie bewegen sich in der äußersten Gefahr! Sie müssen auf der Stelle fliehen! Ich habe Alles vorgerichtet! Ich halte mit unserer Jagdkutsche und den beiden ungarischen Juckern gleich nach Mitternacht, wenn die Stadt stille wird und die Truppenzüge aufhören, jenseits des Flüßchens, gegenüber der Stiftskapelle! Ich habe alles, was an Gefällen und Zins in der Rentkasse war, zusammengekratzt und mein Eigenes dazugelegt. Es ist ein dicker Beutel voll Dukaten und Napoleons-d'or! Damit kommt man weit!« »Wie doch, Herr Külps?« frug ich leise, wie er, in die Finsterniß des Winkels geborgen. »Warum überlassen Sie mich denn nicht meinem grausamen Schicksal? Alle meine Freunde und Freundinnen haben sich doch in bleicher Franzosenfurcht von der Verlorenen abgewendet!« »Ihr Vater, der Herr Baron, und die Frau Baronin, waren mir jeder Zeit, seitdem ich vor vierzig Jahren als junger Jagdbursch in das Schloß kam und aufstieg, eine gnädige und gütige Herrschaft, der ich Alles im Leben verdanke«, sprach der treue Mann. »Ich habe dem Herrn Baron auf dem Todtenbett in seine Hand gelobt, Ihnen, als einer verlassenen Waise, nicht aus der Nähe zu weichen, sondern Ihnen treu zu dienen, wie ich Ihren Eltern gedient habe, und Ihnen zu rathen und zu helfen, wie ich vermag!« »Hier aber ist Gefahr, lieber Külps! Sie sagen es selbst!« »Die Gefahr zu tragen, bin ich meiner Pflicht schuldig, und allezeit bereit! ... mit meinem Leib und Leben, Baroneß! ... darauf mögen Sie sich verlassen!« Wie oft war der Herr Külps breit und schwer und sonnenbraun, mit lauten Stiefeln, in meinen Musentempel gestapft und hatte mit Holzgeld, Kriegs-Contribution, Hand- und Spann-Dienst, störrischen Pächtern und losen Mägden, mein schwärmerisches Ego aus dem siebenten Himmel, wohin es sich verflogen, unsanft an den Beinen herabgezogen und auf die platte Erde gestaucht! Wie oft hatte ich unter der Prosa des unmusischen Mannes geseufzt und mich mit betauten Wimpern an den Busen Pamela's und Phila's geflüchtet! Nun offenbarte sich mir, nicht aus dem vergänglichen Gelispel der Schöngeister, mit denen ich mich, wie in einer Muschel, selbstisch von der Welt abgekapselt – nein – in den schlichten Worten meines alten und bäurischen Amtmanns – da erstand vor mir die treue, einfältige Seele Deutschlands, die in ihrer ganzen Herrlichkeit zu mir sprach. »Guter Külps!« sagte ich und trocknete meine Thränen, »daß wir, dank Ihrer Fürsorge, Geld in Händen haben, das ist vortrefflich! Aber nicht auf meine Flucht wollen wir es verschwenden – ich gewinne für meine, auf mir tragenden, Fingerringe und Ohrgehänge Geld zur Genüge von der Judenschaft in jeder Stadt ...« »Sollen wir das Dukaten-Säcklein hier denn in den Mühlbach werfen, Baroneß?« »Ei doch – Vater Külps – wir müssen ihn doch damit frei machen!« versetzte ich und blickte voll Vertrauen dem treuen Diener ins Antlitz. »Ihn ...?« wiederholte er fragend und las die Antwort in meiner, als Wegweiser, gegen das Stiftshaus erhobenen Hand, und schüttelte rasch und entschieden den Kopf. »Dies ist unmöglich, gnädiges Fräulein!« verneinte er, »und geht in keiner Weise an!« »Doch, bester Amtmann – es muß sein!« »Ihnen, Baroneß, habe ich Treue geschworen! Nicht aber einem fremden, unbekannten, Mann ...« »Ja aber Liebster ... Bester ...« lachte ich erstaunt. »Welcher Menschenwitz kann denn das scheiden? Welches Wort Gottes selber kann denn das trennen – ihn und mich. Er ist ich – und ich bin er ... Ich stehe nur zur Hälfte hier, Herr Külps – und er liegt nur zur Hälfte oben im Kerker! Was geschieht, muß sich an uns Beiden gemeinsam erfüllen! Das fordern die Sterne!« »Ich spüre wohl, daß das gnädige Fräulein heftig und bis über die Maßen verliebt ist« – oh – dieses Achselzucken des trefflichen – des bewährten Verwalters. »Es vermag mich doch nicht von meiner Einsicht und Verantwortung abzubringen, so daß ich mich denn schmerzlich weigern muß ...« »Warum denn, treuer Külps?« »... weil dieses Unternehmen – wenn auch nicht unausführbar – denn wer widersteht heutzutage einem Beutel Gold, – und ich kenne den Schließmeister oben, nach seinem üblen Leumund und nach seiner Person – weil das Unterfangen trotzdem so unberechenbar und gefährlich ist, daß weit eher zu besorgen sein würde, die Baronesse gerathe mit ins Unheil, als der Herr dort oben aus seinen bösen Umständen heraus! Davor aber muß ich das gnädige Fräulein pflichtschuldig behüten! Ich denke nicht an mich!« »Ja doch – tapferer ehrlicher Külps!« rang ich die Hände und begriff nicht, daß sein gerader Sinn mich nicht verstand. »Dieses ist doch ein- und dasselbe, was Ihr Mund in zwei Theile zerlegt? Glauben Sie, daß ich befreit – und er nicht –, lebend – und er todt – daß ich da nicht vor Wehmuth und Sehnsucht noch vor Abend stürbe?« »Man spricht derlei, Baroneß! ... Zumal, wenn man, wie die Baroneß, in den schmachtenden Jahren steht ... Es ist hart, gnädiges Fräulein! Doch die Zeit wird es lindern!« Der Herr Külps war aus dem Bauernstand und Bauernblut hervorgestiegen. Er hatte die harte Stirne des Landmanns. Jupiters Blitze – ich wußte es von früher – hätten seinen Willen nicht erschüttert! Es trappelte vor uns auf der Straße. Ein verspäteter französischer General mit seinem Stab ritt im Schritt vorbei. Er war noch jung, wie alle diese Napoleonischen Soldaten vom Glück. Sein Antlitz barsch, befehlsgewohnt und finster. Ich reichte dem Amtmann die Hand. »Adieu, Herr Külps!« sagte ich sanft. »Wohin, Baroneß?« »Ich danke Ihnen, Sie Biederer, gewiß mein Bestes wollender Freund! Leben Sie wohl!« »Um Gottes willen – gnädiges Fräulein – was haben Sie vor?« »Was Anderes denn wohl« sprach ich seelenvoll, »als an diesen General herantreten, sein Pferd an den Zügeln aufhalten, und dem Marschall oder wer es sein mag, auf französisch sagen: Ich bin es, die Ihr sucht! Macht rasch ein Ende! Ich habe nur die eine Bitte: Legt uns Beide in dasselbe Grab!« Der Herr Külps faßte rasch mit seinen beiden großen braunen Händen mein Armgelenk und ließ mich nicht los. Denn er merkte wohl, daß dies mein heiligster Wille und Vorsatz war, und ich meine Absicht, selbst wenn dieser General sich inzwischen in die Nacht hinausgeschlagen, gleich bei dem nächsten Buonapartistischen Trabanten oder dem ersten, besten Rheinbund-Corporal, der mir aufstieß, ausführen würde. Des Külps, fest meinen Arm umspannenden Finger zitterten. Ich aber war ganz ruhig. Er schaute mich an. Er las Etwas in meinen Augen ... Der wind- und wetterbraune Mann konnte sich eines bleichen Scheines auf den bärtigen Zügen nicht erwehren ... »Kommen Sie, Baroneß!« murmelte er, nahm mich bei der Hand und führte mich im Dunkel zu einem nahen, einzeln in einem Garten stehenden Haus. Wenige waren rund im Lande so leutekundig wie mein Amtmann, der seit Jahrzehnten die Herrschaft Reuterswiese verwaltete. Jeder kannte ihn und er kannte Jeden – so auch den Mann, der ihm vorsichtig auf sein Pochen öffnete, ihm stumm die Hand drückte und uns die Stiege hinauf in ein Putzstübchen in bürgerlichem Geschmack wies. »Hier, bei meinem Freund, sind Sie außer Gefahr!« sagte der Herr Külps. »Bitte warten das gnädige Fräulein hier auf mich!« Er ging, zusammen mit dem anderen Hausvater. Ich saß und hörte mein Herz pochen. Der Wachsstock auf dem Tisch flackerte. Motten umflogen ihn. Unten, zur ebenen Erde, murmelten Stimmen. Mir dünkte, es wurde da um huflahme Pferde gefeilscht. Denn dies war das Gewöhnliche, daß die Franzosen, was ihnen auf dem Marsch an Gäulen hinkend wurde, gegen gutes Geld unterwegs abstießen. Nur fanden sie unter den Bauern keine, unter den Roßkämmen, Postwirthen, Zigeunern spärliche Käufer, weil die nächste durchkommende Truppe ihnen das Thier ja doch wieder ausspannte und mitlaufen hieß. »Oh möchte doch der Herr Külps ohne viel Schneckengang und Pfiffe zu Rathe kommen!« seufzte ich bei mir. »Oh – wäre er doch schon wieder hier!« Oh Külps – Guter ... Redlicher ... wo bleibt du ...? Die Stunde rann dahin in das ewige Meer der Zeit. Ich saß und harrte. Draußen hatte sich der Lärm des Tages gestillt. Es war nicht mehr das Karren und Peitschen, das Kanonenrasseln und Trappeln der Pferde und Massentritt der Marschstiefel – das Brausen über die Erde: Nach Moskau! Nach Moskau! – sondern selten nur noch ein › Halte-lá! ‹ und › Qui vive ‹ der nächtigen Posten, die um das Stiftshaus schilderten. Von dessen Thürmchen räusperte sich das Uhrwerk wie ein alter, gichtiger Mann, und hüstelte in blechernen Schlägen. Ich zählte mit gefalteten Händen mit. Eins – zwei – drei – vier... Külps ... lieber, bester Külps... komme doch... komme ... Lieber Gott! Schick' mir meinen Amtmann! Jetzt blinzelte ich nicht mehr nach dem Olymp, und alle Götter Griechenlands und Weimars helfen mir Nichts, sondern ich betete, wie dermals als kleines Mädchen, fromm zum lieben Gott ... Elf ... Zwölf ... Die Stiftsuhr meldete die Geisterstunde ... Um drei, halb vier – graute schon wieder ein junger Tag ... Külps. .. harter Mann ... Grausamer ... lasse dich rufen ... Da: Tritte die Treppe empor ... die Thüre auf ... der niedergebrannte Wachsstock auf dem Tisch überflattert den Schattenriß des biederen Amtmanns auf der Schwelle, übertupft den gefurchten Ernst unter dem sorgenvollen Graubart mit einem trügerischen Rosenschein der Tugend, wo aus den Augen doch das Alter mich Schauernde auf die Gebrechlichkeit alles Menschlichen und die Vergänglichkeit irdischer Pläne und Hoffnungen hinleitet ... »... Külps ... Sprechen Sie mir mein Schicksal ... Ich bin bereit ...« Er verschloß sich in Schweigen. »Külps ... was haben Sie vor sich gebracht, mein väterlicher Freund ...? Noch lese ich auf Ihren umwölkten Mienen einige vermischte Buchstaben des Himmelswortes: Hoffnung ...« »Es geht...« Der Herr Amtmann zauderte. Verneinend wiegte sich sein ehrwürdiger Kopf. »Und es geht doch nicht ...« »Oh jetzt keine Sprüche der Sphinx! ... Nur die klare Majestät der Wahrheit! ... Louisabeth von der Lehen ist willig, sie zu tragen ...« »Nun denn!« sprach der Bedächtige und Betrübte vor mir. »Vater Rheinboth, der Sargtischler, den ich antraf, war, als Einer der neu aufgekommenen teutschen Patrioten, gleich zu dem Handel bereit. Er hat, in seinen jungen Tagen, als wandernder Handwerksgesell in vieler Herren Länder geguckt und über den Alpen bei den Wälschen in die Karten gesehen, wie man sein Spiel abgefeimt und verschlagen dem Andern abgewinnt. ›Krumme Händel, Herr Amtmann‹ – waren, unter dem Klopfen am Sarg, seine Worte – ›darf man nicht mit Gewalt gerag hämmern wollen, wie ein deutscher Grobschmied, sondern muß sie sein am andern Ende anpacken – dann werden sie von selber gerad – und aus dem Übeln das Gute herausholen! Steckt immer drin, wie der Kern in der Nuß. Man muß es nur sehen ...‹ ...« »Weiter doch!« drängte ich. Denn was schierte mich nun die Lebensregel eines alten Schreiners? »Gemach nur, Baroneß! Gut also: der Meister Rheinboth fährt fort: ›Beispielsmäßig: Hier zimmere ich den Sarg für einen Herrn Franzosen – genannt de Gast! Wer hat ihn in den Sarg eingewiesen: Ein Preuße – des Namens Prussatis! In einem halben Stünd'chen etwa habe ich mit meinen Löhnen den Sarg ins Stiftshaus hinüber zu bringen, ihn mit dem Leichnam des Herrn Staatsrath zu füllen und hinunter in die Todtenkapelle zu tragen und hinzusetzen, von wo er morgen mit aufgehender Sonne zu einer gebührlichen Trauerfeier nach dem Hauptquartier des französischen Herrn Marschalls abgeführt werden soll!‹ ...« »Ei ja doch!« verzweifelte ich. »Lasset doch den todten Mann! Mir geht's um den Lebenden!« »Habe das Gleiche dem Meister Rheinboth vermeldet, Baroneß! Da lacht der Alte über sein ganzes Fuchsgesicht und spricht: ›Der lebende Mann ist Herr im Haus – auch im Sarg! ... Wenn ich statt des Todten aber, der ihn getödtet hat, in den Sarg legt – ich trag' lieber einen lebendigen Preußen unten an der Hauptwache im Stiftshaus vorbei in die Leichenkammer, als einen tobten Franzosen, und lass' ihm, als ein zünftiger Schreinermeister, schon Luft zur Genüge und sperre das Kapellenthürchen nach dem Kirchhof hinaus von innen auf, daß man außen aus der Nacht zu ihm kommen kann und ihm holen! Es geht nur darum, den Schließmeister oben zu bestechen ...‹ ...« Ach du liebes Dukatenbeutelchen in des Herrn Külps hornigen Händen – was bist du schmächtig und faltig und leer geworden! »Und er hat es genommen?« jubelte mein Herz. »Pscht – leise – Baroneß! ... Jawohl: Der Schließmeister war zäh und rauh. Er lief mich mit einer harten Unbescheidenheit an. Doch endlich dämpfte ich mit den Goldstücken seine Begierde. Es ist an dem, daß Alles jetzt im Einverständniß steht! ... Braucht also nur der Sarg hinübergeschafft zu werden! ... Der Meister Rheinboth wartet...« »Flugs ... Ihr Lieben ... flugs!« »Und da hat der Handel seinen Haken!« Külps, der Hilfsbereite – der Unverzagte – krauste die Stirne und fuhr sich mit den fünf Fingern hinterm Ohr durch das ehrwürdig graue Haar. »Noch einen Fremden darin einzuweihen – Es heißt ein alter Grundsatz – und dem tritt auch Meister Rheinboth bei: Ein Mitwisser mehr bei solch kitzlichen Anschlägen macht die Gefahr nicht doppelt, sondern zehnfach ...« »Wozu braucht man auch noch einen ..?« »Ja – Baroneß: der preußische Herr kann Nichts thun als mucksstill liegen. Weiß nicht, wann er dem Sarg entsteigen darf! ... Kennet sich durchaus nicht in der Umgebung aus. Findet nimmermehr allein in der Nacht den Weg über das Flüßchen zu dem Weidenbusch, hinter dem ich mit dem Wagen halte. Ich kann nicht von den Pferden fort. Die Rheinboth'schen aber müssen ohne Säumen ledig aus der Kapelle den Weg zurück, den sie mit dem Sarg gekommen. Sonst schöpfen die Wälschen auf der Wache im Stiftshaus gleich Verdacht! ...« »Das begreift sich!« nickte ich eifrig. »Es muß also ein Vertrauter von außen sich über den Kirchhof in die Leichenkammer schleichen ...« »Ohne einigen Zweifel!« flog ich dem Amtmann bei. »Nun halten Baroneß zu Gnaden: Wer soll das sein?« »Ei: Ich!« sprach ich verwundert. Die guten Augen des Herrn Külps musterten mich wehmüthig vom Kopf zur Sohle ab. Er lächelte traurig. »Die Baronesse sind an Freundschaftstempel und Nymphengrotten und Urnensäulen mit Epheu gewohnt« sprach er. »Nicht an Grabsteine und Wind und Töne, allein, auf dem Friedhof zur Mitternacht!« »Schnell – Külps! Wir wollen uns sputen!« Er hielt mich am Arm fest: »Die Kapelle ist voll Leichen. In dem Marseille'schen Regiment, das heute durchkam, tobt ein Nervenfieber aus Afrika. Es liegen wohl ein halbes Dutzend Todte auf Stroh. Man muß über sie wegtreten, um zu dem Sarg zu gelangen ...« »Setzen Sie Ihren Hut auf, Külps! Sie könnten sich auf der Treppe erkälten!« »Der Sarg ist geschlossen! Sonst sähe ja die Wache beim Vorbeitragen, wer darin liegt! Man muß herantreten und leise rufen! Dann öffnet sich langsam von innen der Deckel ...« »Ich helfe von außen nach ... Oh ... ich hab' Kräfte ... Rasch ... Külps ...« »Aber, Baroneß ... dieses sind doch nicht Sie!« Der alte Mann rang fassungslos die Hände. »Sie, die Sie, in einem weißen Gewand, mit Sandalen an den Füßen und einem Blumenkranz im Haar, im Gemach auf und nieder wandelten und Ihren Gästen die neuesten Poeme aus Weimar deklamierten ...« »Es hat Alles seine schickliche Zeit, Vater Külps!« »... wie Sie thränend, vor meinen Augen, am Spinett Trauer-Akkorde griffen und sangen, als zwei Lämmchen zu Osterbraten die Hälse durchgeschnitten wurden ...« »... und es wächst Alles aus der Zeit und nimmt uns mit empor...« »... Sie – die Sie mir unsere schönen Rübenfelder einen schnöden Anblick für höhere Gemüther – und unsern herrlichen neuen Schweinestall eine Verirrung der menschlichen Vernunft nannten – oh – ich habe die kränkenden Worte nicht vergessen – Sie, Baronesse – armes, unerfahrenes, verwöhntes Kind – Sie wollen sich jetzt mutterseelenallein an diese wirklichen Orte des Schreckens wagen?« Ich faßte den getreuen Warner stürmisch an seinen beiden Schultern. Ich lachte ihm ins Gesicht: »Alter – Alter – Alter ... hast du denn nie geliebt?« Ein Sonnenschein über den Runzeln dort: »Wie ich jung war – schon!« »Wie fragst du also noch, was selbstverständlich ist?« Komm! Komm! ... Nun zeige, Liebe, daß du allmächtig bist ...« Nun zeige, Liebe, daß du allmächtig bist ... Winkt nur, Ihr Leichensteine, im Geisterschein des Monds! Louisabeth schreitet aufrecht zwischen Euch hindurch! Verfange dich nur, mein Mantel, rücklings an einem Grabkreuz, als hielte eine Knochenhand meinen Saum und wollte mich zu sich in die Erde raffen! ... Die Liebende entsetzt sich nicht! Raschele nur, Nachtwind, mit Gespensterlauten in Laub und Epheu! ... Mein Ohr ahnt da drinnen das Athmen des Freundes ... Zu dir ... zu dir ... Lasse dein rauhes Holz küssen, du Pförtchen – du bist entriegelt – du öffnest dich, leise wimmernd, meinem Druck ... Huh ... Grabeskälte ... Ungewisser Schein der Laterne von der Decke ... Was verzerrt Ihr die wachsgelben Gesichter, Ihr Schläfer auf der Strohschütte, daß die weißen Zähne und Augäpfel Louisabeth feindselig zublinken? Was habt Ihr die Glieder unordentlich verrenkt, die geballten Fäuste erhoben –, als wollet Ihr mir drohen, nach mir schlagen, weil ich über Euch wegschreiten muß? Zürnet mir nicht, Ihr Menschenbilder von gestern. Ihr Opfer des Korsen, wenn mein Rock im Wehen Eure fahlen, starren Züge streift ... Ich muß doch zu ihm ... zu ihm ... Zwei Fingerknöchel hüpfen an dem Holz des Sargs. Finster, still steht er, inmitten der Todtenkammer, unter der Ampel. Noch strömt er würzig aus seinen weißen Fichten- Fasern den Geruch des Waldes. Poch ... poch ... unheimlich zu mir, der auf den Steinplatten Knieenden, der Widerhall von den beschatteten Wänden! Doch innen im Sarg – regt sich da Nichts? Das Herz steht still: Liegt am Ende doch er darin – der Senateur – öffnet er gar, durch Teufelsblendung lebendig geworden – den Deckel und richtet sich grauenhaft auf – nein – sei stark, liebendes Herz ... hilf meiner Hand ... So ... so ... der schwere Deckel lüftet sich ... Es schiebt Etwas von innen nach ... oh ... umjubelt mich, Ihr Engelschaaren ... zur strahlenden Mittagssonne wird das Todtenlämplein über mir – denn es erhellt die lebenden Züge des Theuren! Die Leichenkammer wandelt sich zum blühenden Paradies! Denn der Geliebte entsteigt seiner hölzernen Gruft! Balsamisch mild fächelt die Grabesluft, freundlich lachen die Todten! Denn ich führe den Freund hinaus – in das Glitzern der Sterne – den weiten Wind – die allerbarmende Nacht – in die Freiheit ... In einem flatternden weißen Leichenlaken schreitet er barhaupt, langsam, hochaufgerichtet über die Grabhügel. Ich hinter ihm. Umher schweigt die Mitternacht. Ferne einmal der trompetende Ruf eines spanischen Maulthiers. Der Hunde Gekläff und Gemurr. Der Raum zwischen dem Friedhof und dem Flüßchen ist öde und leer. Nein – um Gotteswillen: Menschenzungen! ... Italiänische Laute ... cosa è ? – Oh – ich kenne die Sprache des göttlichen Dante ... Es ist die abgelöste Wache ... Drei Mann ... sie kommen vorbei ... Sie müssen das weiße Mitternachsgespenst auf dem Kirchhof sehen, hinter dem ich mich verborgen duckte ... Es sind kleine, braune Kerle ... Neapolitaner ... Gottlob: Es sind Neapolitaner! ... Sie werden ganz still ... sie laufen schnell, auf den Fußspitzen –, mit abgewendeten Gesichtern, an dem weißen Schatten zwischen den Todtenkreuzen vorbei ... sie glauben noch an Gespenster ... Nun rasch – das Flüßchen rauscht – der schmale Holzsteg wankt ... die Weiden am Ufer winken .. ungeduldig schnauben und scharren da zwei Pferde, ich bringe ihn – Vater Külps – ich bringe ihn! .. Hinein in den Wagen – Fort – auf Waldwegen, die die Große Armee nicht zieht – Fort vor den Franzosen und ihrem Kaiser – nach Osten – in ferne Lande, wo uns keine Tyrannei mehr dräut ...   Du Dorfkirche – im entlegenen Ostpreußen – wo uns, Flüchtlinge auf der eiligen Durchreise, der würdige Pfarrer, der Vater meines Helden, traute ... du Morgen an der Bernsteinküste – vor dem finstern Krug Nimmersatt am Meer – am äußersten Ende preußischen Reiches. Auf struppigen Gäulchen, in Pelzmützen, mit langen Lanzen drüben im Tagesgrauen, vor dem kurischen Markt Polangen, die Kosacken des Zaren. Wir waren gerettet. Feierlich, ein ungeheures Flammenmeer, hob sich vor uns die Sonne und wies der Welt den nahen Brand von Moskau, das kommende Wunder des Ostens. Wir – er und ich – sahen in den russischen Eiswüsten, bei dem Heer des Zaren, in dem mein Mann stritt, den fernen Feuerschein Moskau's über dem ganzen Himmel. ›Er hat uns erlöst!‹ klangen die Glocken. Wir sahen die Beresina – das nasse Grab der Großen Armee – und ahnten das Ende des wälschen Despoten. Da nahm er, mein Tapferer, meine Hand und gestand: Du hast wohlgethan, als du mir damals das Ziel auf den Korsen verdecktest! Nicht Menschenhand – ein Höherer wird ihn stürzen – durch unsere Kraft, wenn wir innerlich würdig geworden sind, frei zu sein! Die Kriege der Freiheit hat mein Mann durchgekämpft. Von der letzten Gottesschlacht bei Waterloo oder zum Schönen Bunde kehrte er glorreich heim. Nun blühet uns Beiden und dem kleinen Fridericus auf meinem Schoß ein deutscher Frieden in dem grünen Thüringer Wald auf unserm Schlosse Reuterswiese. Oh – wer mißt den Rausch dieser Seligkeit, in der unsere liebenden Herzen sich ineinander erfüllen, eines in dem anderen verschwindet und Beide desto reicher schlagen? Oh mögen doch unserem deutschen Vaterland überall gleiche glückliche Umstände beschieden sein und Nord und Süd, wie Mann und Weib, sich vermählen! Und möge es mir der verblichene und doch unsterbliche Herr von Schiller aus dem Elysium herab nicht verargen, wenn ich ihn hier, zum Schlusse, mit veränderten Worten anziehe: Doch Schöneres find' ich nicht, solang ich wähle – als in dem Preußengeist die deutsche Seele ...