Rudolph Stratz Das Licht von Osten Vorwort Wenn wir in Zukunft Deutschland in Schmerzen und darum noch viel heißer lieben sollen – wenn wir es so lieben sollen, wie man seine kranke Mutter liebt und pflegt, dann gibt es für diese deutsche Liebe keine Schlagbäume und Grenzpfähle, am wenigsten die des bisherigen Deutschen Reiches. Weit über die schwarz-weiß-roten Schranken hinaus soll unser Herz alles umfassen, was deutsch ist, deutsch lebt, denkt, spricht, atmet. So führe ich, selbst einer durch vier Menschenalter in Rußland kerndeutsch gebliebenen Familie entsprossen, in diesem Werk den Leser nach dem äußersten Thule deutscher Artung am Baltenstrand, in die nordischste der früheren Ostseeprovinzen. Diese einsame Küste Esthlands soll die Warte sein, von der aus sich das Rundbild des russischen Ostens entrollt. Daß die gen Westen drängenden blinden zaristischen und panslawistischen Mächte der russischen Völkerwanderung den Untergang des festländischen Europas verschuldet haben, ist, nach meiner Kenntnis Rußlands, meine feste Überzeugung. Ich habe ihr schon vor Jahren in meinem Buch »Das deutsche Wunder« Ausdruck verliehen. Daß auf die Entfesselung der russischen Unterwelt der Ausbruch des feuerspeienden Kraters französischer Vergeltungs- und Rachelust für Elsaß-Lothringen folgen mußte wie der Donner dem Blitz, suchte ich in meinem Roman »Der Eiserne Mann« – daß England unter dieser ihm unheimlich günstigen Stellung der Gestirne zum entscheidenden Schlag gegen deutsche Weltgeltung ausholen würde, suchte ich in »Das freie Meer« in seinen seelischen Triebkräften darzustellen. Wenn ich in diesem vierten Werk nochmals auf das Rußland des Weltkriegs zurückgreife, so geschieht dies, weil die Lava des Ostens inzwischen verglüht und erstarrt ist. Zwischen Ural und Beresina können wir, während im Westen noch alles im Werden ist, das ungeheuere Zertrümmerungswerk Europas, das wir den Weltkrieg von 1914 bis 1919 nennen, bereits einigermaßen übersehen. Viele Nachrichten und Schilderungen des Rußlands der Kriegsjahre gingen mir von Augen- und Ohrenzeugen zu und befestigten mich in der Anschauung, daß die Hauptschuldigen der Völkerdämmerung über Europa der gekrönte Schwächling auf dem Thron der Romanows und seine allrussischen Berater waren. Der Zarenthron zerschellte. Die Flammenzeichen des Nordens rauchten. Zum drittenmal in anderthalb Jahrhunderten wiederholte sich, wie beim Tode der Kaiserin Elisabeth und nach dem Brande Moskaus, für Preußen-Deutschland das »Mirakel der Hohenzollern«, die Rettung aus höchster Not in letzter Stunde durch eine unerwartete Schicksalswendung im Osten. Haben wir das Licht von Osten, das Licht von 1917, richtig gedeutet und zum Heile unseres Vaterlandes gewertet? Haben wir das nachzaristische Rußland richtig behandelt? In den hier folgenden Blättern suche ich diese, nächst unserer Stellung zu Amerika schwerste deutsche Lebensfrage des Weltkriegs zu erhellen. Ich schreibe keine Kriegsromane! Ich vermeide in meinen Büchern beinahe völlig die Darstellung von Kampfhandlungen und Heeresereignissen der mir im Osten und Westen bekannt gewordenen Front. Ich verschmähe es durchaus, den Weltbrand des Völkerkriegs zum Hintergrund für beliebige Menschenhändel und äußere Begebnisse herabzuwürdigen, die sich ebenso gut auch unter friedlichen Umständen hätten vollenden können. Die Menschen, die ich schildere, sind unlösbar mit ihrem kleinen Schicksal in den großen Gang der Weltgeschichte verflochten. Sie sind Geschöpfe des Kriegs. Mein Wille ist, aus Menschen unserer Zeit heraus unsere Zeit selbst zu erklären, soweit man sie jetzt schon erklären kann und soweit der beschränkte Blick eines Einzelnen reicht, der immerhin Europa im Lauf seines Lebens genauer kennengelernt zu haben glaubt als viele andere unserer Landsleute. Daß es da gewißlich heißt: »Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit!« – das weiß niemand besser als ich. Aber ich glaube doch: Auch ein Fünkchen Wahrheit ist in der Nacht, die über Deutschland lastet, besser als nichts. So wage ich es, auch dieses Stück Spiegelbild des Weltkriegs zu veröffentlichen. Das Licht von Osten ist erloschen. Möge das Licht von Oben über unserem Vaterlande aufgehen! Deutschland, im Frühjahr 1919 Rudolph Stratz 1 Der Novembersturm des Jahres 1914 heulte über dem Finnischen Meerbusen zwischen dem Strande Esthlands und dem Inselgewirr der finnischen Küste. Innerhalb dieser Granitklippen war im weiten Hafenbecken von Helsingfors die graue See selbst ruhig. Nur in der Luft blieb das brausende Leben. Die Wolken flogen. Regenböen sprühten. Auf der Esplanade der finnischen Hauptstadt bogen die Ahornbäume ihre kahlen Zweige. Der Hauskerl des Societetshus blinzelte wider das Wetter, während er den Stoßkarren mit Reisegepäck vom Gasthof über den Salutorget nach dem Hafenkai, zum Liegeplatz des Revaler Dampfers, schob. Viele Zettel klebten auf diesen eleganten, aber abgenutzten Schiffskoffern. Die Namen amerikanischer Hotels, der Zoll- und Durchfahrtsvermerk Großbritanniens, daneben, ganz frisch, norwegische und schwedische Eisenbahnscheine. Der Reisende, der zu diesen Koffern gehörte, ging lässig hinterher, die Hände in den Taschen des Wettermantels, den Kopf gegen den Wind gebeugt, kaum merklich das steife, linke Bein nachziehend. Er war zu Anfang der Dreißig, groß und schlank gewachsen, mit blondem Haarschopf, blondem Schnurrbart und großen blauen Augen. Die paar Worte: »Laufe nicht so! Du siehst, daß ich lahm bin!«, die er kurz und befehlsgewohnt, die Zigarette im Mund, dem Hausdiener zurief, waren nicht finnisch, aber jener verstand sie doch. Sie gehörten der durch gemeinsamen mongolischen Ursprung verwandten esthnischen Sprache von drüben, jenseits des schmalen grauen Meeres, an, und nun wußte der Mann am Karren: der hinter ihm war ein »Baron«, einer der deutschen Grundbesitzer der drei baltischen Provinzen. Er hielt mit seinem Gepäckkarren vor dem Lageplatz des »Aulu«, des kleinen finnischen Küstendampfers, der die kurze Überfahrt nach Esthland besorgte. Am Ufer davor war das unveränderliche russische Bild: Baumlange, finstere Gendarmen in Schirmmützen mit umgeschnallten Revolvern, stumpfsinnige Wachtsoldaten, zigarettenrauchende bleiche Tschinowniks, die in allerhand Schriftstücken blätterten, unbestimmbare schweigsame Menschen in Zivil. Rußland im Krieg, im Krieg wider Deutschland: man sah auch die Uniformen des Militär-Tschins. Offiziere, die übernächtig und übellaunig aussahen wie die nachtlebigen Russen meist am frühen Morgen. Das Blau der Kronsschiffe des Zaren. »Paschport... den Paß... bitte... die anderen Papiere...« Es war ein Köpfezusammenstecken... das leise, tiefe, russische Gemurmel, der Papyrossenrauch, die unbestimmten, russischen Kopf- und Schulterbewegungen. Ein höherer Tschinownik runzelte über dem Paß die Stirne und winkte dem Fremden höflich mit der Hand, ein paar Schritte mit zur Seite zu treten. Ein Offizier folgte und einer der wesenlosen Russen in Zivil, der vorher noch einige leise zweifelnde Worte mit einem der herumstehenden englischen Geheimagenten gewechselt hatte. Sie stellten sich um den jungen Balten mit den von weiter Reise zeugenden Schiffskoffern und sahen ihn still, aber durchdringend an. Er erwiderte den Blick mit hochmütiger Ruhe. »Wie denn?« sagte er in fließendem Russisch, durch das die harte deutsche Betonung der Ostseeprovinzen durchdrang. »Schon gestern ordnete ich meine Erlaubnis zur Weiterreise auf dem Generalgouvernement. Man gab mir das Visum, nach Reval zu fahren ...« »... Und doch ist es unsere Pflicht, die Papiere noch einmal zu prüfen. Belieben Sie zu erwägen, daß wir im Krieg sind ...« Der bleiche Tschinownik hüstelte, blickte in den Paß und frug halblaut: »Sie sind russischer Edelmann?« »Nein. Baltischer Baron.« »Das ist ein und dasselbe.« »Ich halte es für einen großen Unterschied.« Der junge Mann sagte das ruhig, aber mit unergründlichem Hochmut. Es war dem kühlen Lächeln seines vom Seewind geröteten Gesichts anzusehen, daß ihm Rußland nur in seiner Gesamtheit, aber niemals in Gestalt seiner einzelnen fragwürdigen Vertreter imponierte. Auch jetzt im Kriege nicht. »Sie sind der Baron Waldemar von Kerkhuß?« »Wie denn nicht?« »Ihrem Namen nach von deutscher Abstammung?« »Ja doch.« »Von wem?« erkundigte sich ein herangetretener, glattrasierter Mann, der nichts Russisches an sich hatte. »Ich kann es leider nur bis in das neunte Jahrhundert zurückverfolgen,« sagte der junge Balte mit unverändertem Gesichtsausdruck. »Bis zu dem Sachsenhäuptling Wittekind, von dem ...« »Belieben Sie nicht zu scherzen! Der Gentleman möchte sich über die Persönlichkeit Ihres Vaters vergewissern ...« »Mein Vater ist Seine Hohe Exzellenz Baron Konstantin von Kerkhuß auf Kerreküll in Esthland.« »Ist das ein Schloß?« »Es bildet zusammen mit den Gütern Mergel, Arromar, Alloküll, Reit und andern das Majorat, dessen Erbe ich als ältester Sohn bin.« »Sie haben Brüder?« »Drei.« »Was sind sie?« »Was mögen sie zurzeit sein? Lassen Sie sehen: Der eine war, als ich vor einem Jahr ausreiste. Älterer Gouvernementsgehilfe irgendwo im fernen Osten. Der zweite ist Offizier in der Petrograder Gardekavallerie und, wie ich höre, verwundet. Der Jüngste ist Midshipman in der Kronstadter Gardeflotten-Equipage.« Die bleichen und gleichgültigen Gesichter der Russen hellten sich etwas auf. Sie verglichen einige geheime Schriftstücke. Der Offizier flüsterte dem Zivil-Tschinownik etwas zu. Es stimmte. Der Wortführer drehte sich eine neue Papyros. »Sie nannten Ihren Vater Hohe Exzellenz. Wie das?« »Er ist früheres Mitglied des Ministerkomitees, Gouverneur im Ruhestand und Kaiserlicher Hofmeister.« Die Russen hatten sich jetzt davon überzeugt, daß ihnen in dem hochmütig lächelnden, blonden, jungen Mann der Erbe einer der größten Familien in der Baltenprovinz drüben gegenüberstand. Einer der herrschenden, nach Sprache, Name und Ursprung deutschen Geschlechter, denen der halbe Boden der Ostseeprovinzen gehörte. Um so mißtrauischer setzten sie das Verhör fort. »Sie lebten früher auf Ihren Gütern?« »Ich bewirtschaftete sie. Mein Vater hat wenig Interesse daran.« »Sie haben Landwirtschaft studiert?« »Gewiß doch.« »Wo das?« »In Deutschland natürlich. Wo sollte man es sonst?« »Sie waren wiederholt und längere Zeit in Deutschland?« »Jeder vernünftige Mensch ging ins Ausland ...« »Vor einem Jahr erbaten Sie einen Paß nach Amerika. Was wollten Sie dort?« Der russische Tschinownik blähte erstaunt die Nasenflügel und hob fragend die Schultern hoch. Er verstand das geläufige Englisch nicht, mit dem ihm Baron Waldemar Kerkhuß plötzlich antwortete. »Belieben Sie, warum reden Sie auf einmal Englisch?« »Aus Rücksicht auf den Gentleman,« sagte der Balte gleichmütig, »der sich, soweit ich es, ohne mich umzudrehen, beurteilen kann, seit Beginn unseres Gesprächs fünf Zoll hinter mir aufgestellt hat und offenbar kein Wort zu verlieren wünscht. Ich habe diesen Wissensdrang unserer englischen Verbündeten schon auf meiner ganzen Reise von New York hierher beobachtet.« Der glattrasierte, untersetzte Mann hinter ihm ging, ohne eine Miene zu verziehen und sinnend die Windrichtung über dem Meere beobachtend, etwas zur Seite. Er war nicht der einzige britische Geheimagent in Helsingfors. Hafen und Stadt waren von ihnen voll, so wie Petersburg selbst, so wie drüben die ihm benachbarte Küste Esthlands von den Vorposten Englands, Landkäufern, Lieferanten, Geldmännern, Cityleuten, wimmelte. Große Unbekannte von angelsächsischer Herkunft waren überall. Sie saßen in den Hotels von Stockholm und Bergen, sie reisten auf den Bahnen, sie fuhren auf allen Schiffen in allen Meeren nach allen Häfen. Überall spannte sich das ungeheure Netz, in dessen Maschen sich, was deutsch war, fangen sollte. Der Brite stand seitwärts. Aber in den geschlitzten Augen der Russen drüben brütete unter den Schirmkappen und Pelzmützen auch ohne ihn das feindselige Mißtrauen gegen das Deutschtum der baltischen Lande. Eine unsichtbare Welle dumpfen, durch Jahrzehnte in der Slawenseele eingefressenen Deutschenhasses umflimmerte den jungen Baron, der nachlässig, als ob ihn die Sache eigentlich gar nichts anginge, seine Zigarette rauchte. »Zu welchem Zweck begaben Sie sich vor einem Jahr nach den Vereinigten Staaten?« »Zu volkswirtschaftlichen Studien.« »Welcher Art?« »Nun – nehmen wir vor allem die Landfrage! Ist sie für uns hier in den baltischen Provinzen und in ganz Rußland nicht das Schicksal von morgen? Sehen Sie doch einmal unsere Bauern an! Wie soll das enden? Es gibt da Probleme, die man nur im Ausland klar studieren kann.« »Und doch haben Sie sich schon hier im Inland tief, sehr tief in diese Fragen eingelassen!« sagte einer der Russen mit leiser und weicher Stimme, die hinter dem regennassen Pelzbesatz des heraufgeklappten Mantelkragens etwas dumpf Warnendes hatte. »Es ist bekannt, daß Sie mit der örtlichen esthnischen Bevölkerung wie einer ihresgleichen verkehrten ...« »Gott schuf die Esthen als Menschen so gut wie Sie und mich!« »... und daß Sie, ein vornehmer Mann, nächtelang mit diesen Gesindewirten und Knechten zusammensaßen ...« »Wie sollte ich nicht?« »... daß Sie zuweilen sogar esthnische Tracht anlegten und so durch das Land streiften ...« »Ich hörte da manches, was ich in meinem Viererzug nicht gehört hätte ...« »Immerhin ... es war ungewohnt ...« »Leider.« »Es konnte verwirrend wirken ...« »... heute zu wollen, was man morgen muß?« »Wie denn? Ich verstehe nicht ...« Baron Kerkhuß gab darauf keine Antwort. Er unterdrückte ein Gähnen und versetzte dann: »Ich hoffe, daß mir nun endlich nichts im Wege steht, diesen Teekessel von Dampfer da zu besteigen und nach Reval hinüberzufahren ...« »Ich will Sie nicht zurückhalten!« sagte der fröstelnd in seinen nassen, feldbraunen Mantel gewickelte russische Offizier, »denn ich sehe Ihnen die Ungeduld an, sich unverzüglich beim Chefkommandanten des Militärbezirkes Petrograd zum Waffendienst zur Verteidigung Rußlands zu melden.« »Leider muß ich diese Meldung unterlassen!« »Sie wollen nicht dienen?« »Ich kann es nicht. Mein linkes Bein ist lahm. Schon seit meiner Kindheit. Ich stürzte mit dem Pony vier Faden tief in den Schloßgraben von Kerreküll.« Die Köpfe von slawisch-fremdartigem, halb asiatischem Typ drängten sich über dem Paß zusammen. »Es ist richtig!« sagte eine heisere Stimme. »Es ist hier vermerkt!« Der Paß wanderte durch verschiedene Hände mit zweifelhaften Nägeln und zu seinem Besitzer zurück, und zugleich klang das erlösende, millionenfach in Rußland jeden Tag gehörte Endwort aller Dinge: »Karazchó! Es ist gut!« ... Und noch eine letzte Frage, während Waldemar Kerkhuß sich schon dem Dampfer näherte: »Was gedenken Sie nun in Ihrer Heimat zu tun?« Er blieb noch einmal stehen und sagte in einer hochfahrenden Gleichgültigkeit über die Köpfe der andern hinweg und doch in einem Tonfall von Unbestimmtheit des weiten Ostens: »Ich weiß es nicht. Man wird sehen ...« Der Dampfer »Aulu«, auf dem er sich befand, war uralt, klein und schmutzig. Schon als er, noch in stillem Wasser, an dem stahlgepanzerten, brückenüberspannten Inselgewirr der Seefeste Sweaborg vorbeikeuchte, fing er zu schaukeln an. Sein regennasses Deck war halb leer. Die meisten Reisenden unten in den Kabinen. Aus den Luken des Vorderschiffs quoll ein heißer, scharfer Brodem von Menschendunst, Leder, Zigarettenrauch, Stiefelschmiere, Staub, den alle diese zusammengedrängten Körper in feldbraunen Mänteln und bäuerlichen Schafpelzen hier und überall in Rußland gleichmäßig um sich verbreiteten. Oben im Freien gingen nur ein paar Offiziere, leise und mit aufgeregtem Händespiel sich unterhaltend, auf und ab. Ein Reisender in Pelzmütze und verschnürtem Mantel lehnte windabgewandt an dem warmen Schornstein. Auch er ein Russe, aber, durch die fein geschnittenen länglichen Züge und den schmalen Wuchs seiner mittelgroßen Gestalt, seine Herkunft aus dem Süden des Reichs, aus dem Lande der Kleinrussen, verratend. Er erkannte den Baron Kerkhuß, stutzte einen Augenblick und grüßte ihn dann lächelnd über die halbe Länge des Verdecks hinüber, und jener erwiderte den Gruß, aber ohne sich dem andern zu nähern, und es lag in seiner hochmütig-höflichen Zurückhaltung: Gewiß kennen wir uns, Gospodin Kjaschko! Wir haben zusammen in Bonn und Halle studiert. Sie sind einer der wenigen Russen, die deutsches Wesen und Wissen wahrhaft in sich aufgenommen haben. Sie besitzen sogar das Doktordiplom einer deutschen Hochschule, wenn ich nicht irre. Sie können deutsche Kenntnisse bei sich verwerten. Denn Ihre Güter unten in der Ukraine sind vielleicht noch größer als meine drüben in Eschland. Aber ... Aber ... es ist Krieg. Krieg gegen Deutschland – nein, Krieg gegen alles, was deutsch ist, deutsch redet, deutsch denkt, außerhalb und innerhalb der russischen Grenzen wie auf der ganzen Welt. Es ist jetzt gefährlich für einen wahrhaften Russen, sich einem Deutschen zu nähern. Man vermeidet ja auch die Berührung mit ansteckenden Kranken. Man kann nicht wissen. Vorsicht ist der bessere Teil ... Während er so dachte, kam jedoch der junge Kiewer Zuckerrübenmillionär schon auf ihn zu. Er ging leicht und elastisch, mit trotz des schwankenden Verdecks tänzerisch gleitenden Schritten, und entblößte durch ein unbefangenes Lächeln die weißen Schneidezähne unter dem kurzgeschnittenen Schnurrbärtchen. Den Kopf hielt er dabei nach schmiegsamer, halb polnischer Art etwas zur Seite geneigt. Es machte einen weichlichen, aber nicht unangenehmen Eindruck. Ebenso der zarte, beinah schonende Druck seiner rasch vom Handschuh befreiten Rechten. Dann war hinterher doch eine kurze Stille, eine Pause der Unsicherheit, in der die beiden, demselben Zarenreich angehörenden Männer jeder das erste Wort des andern abzuwarten schienen. Endlich, da Baron Kerkhuß freundlich, aber mit einem in sich versunkenen Ausdruck in seinen großen blauen Augen im Schweigen verharren zu wollen schien, begann Leonid Kjaschko lebhaft und doch zögernd: »Nun – wie geht es, Baron?« »Wie Ihnen! Also vortrefflich!« »Vortrefflich? ... Belieben Sie zu erklären ...« »Was ist da zu erklären? Wir befinden uns im Krieg und beide auf Seite des Stärkeren! Kann es zurzeit etwas Besseres geben?« Baron Kerkhuß sagte es in anscheinend unverbrüchlichem Ernst. Nur seine Nasenflügel bewegten sich dabei in sonderbarer Weise. Das Schiff unter ihnen begann schwer zu rollen. Sie hatten die finnischen Schären hinter sich. Vor ihnen kochte unabsehbar, wolkenverhangen, in trüben, weißen Schaumkämmen die graue finnische See. Der Balte blickte auf die verschwimmenden Umrisse der Sweaborgschen Festungsinseln zurück. »Schon als Junge sah ich hier im Frieden die Flottenmanöver!« sagte er. »Ich war glücklich, wenn die Scheinwerferstrahlen nachts über das Wasser fielen und die Torpedoboote sich vor ihnen wie ein Gewimmel schwarzer Ratten in ihre Klippennester zurückflüchteten ... Nun wurde aus dem Spiel Ernst. Sehen Sie dort drüben ...« Zerstörer schnitten wie dahinschießende Schatten fern durch den kurzen Wogenschlag des finnischen Golfs. Weiterhin schwamm undeutlich die Luftspiegelung eines grauen Leviathans am Himmelsrand. Ein Ahnen des Weltkriegs war in dieser weiten Leere von Wolken, Sturm und See. Der Ukrainer glaubte sich entschuldigen zu müssen, daß er, ein junger Mann, keine Uniform trug. »Ich komme in einem besonderen Auftrag aus dem Ausland!« sagte er. »Und Sie? Was trieben Sie in diesen Jahren, seit wir uns aus den Augen verloren? Traten Sie in den Staatsdienst?« »Nein. Es wurde so schon jenug jestohlen!« Der andere prallte entsetzt einen Schritt zurück. Waldemar Kerkhuß war plötzlich in das harte, baltische Deutsch seiner Heimat übergegangen. Deutsch – jetzt im Kriege! Es war zum Glück, außer ein paar Möwen, niemand in der Nähe, der in dem Wind- und Wellenbrausen die geächteten Laute hätte hören können. Baron Kerkhuß riß seine blauen Augen noch weiter auf und bekräftigte: »Es wurde jrimmig jestohlen! Jeder kleine Tschinownik stahl wie ein Großfürst ...« »Nehmen Sie sich in acht! Ich darf das nicht hören!« »... und dies war der erste Eindruck bei der Heimkehr, der mich erjriff: Es scheint, es wird nicht mehr jestohlen! Der Engländer steht daneben und jiebt jedem eins auf die Finger! Ich erkenne Rußland nicht wieder!« Der Großgrundbesitzer aus der Ukraine war etwas blaß geworden. Er blieb bei seinem Russisch, so gut er, der Hallenser Doktor, auch das Deutsch verstand, das Waldemar Kerkhuß halblaut, aber doch förmlich herausfordernd sprach. Er taumelte einen Augenblick, denn der »Aulu« stampfte immer stärker, und griff nach dem Schiffsbord, um sich zu halten. »Durch Gottes Hilfe haben wir England zur Seite!« sagte er, seine Pelzmütze fester in die Stirne drückend. »Bei diesem Gedanken schlägt das Herz jedes wahren Russen höher. Aber ich kenne Deutschland besser als andere Russen. Ich verdanke ihm viel. Ich vermag besser die Gefühle zu würdigen, die einen Russen deutscher Sprache wie Sie jetzt bewegen – wenn ich es auch nur mit eurer selbstherrlichen Einsamkeit dort drüben in euren Ostsee-Gouvernements entschuldigen kann, daß Sie sich jetzt noch dieser Sprache bedienen!« »Jestatten Sie mir doch den Jebrauch der paar armen Worte! Bald ist das ja wieder jewesen! Ich war ein Jahr weg. Weit weg. Ich muß mich erst wieder an Rußland jewöhnen!« »An das neue Rußland. Das Rußland des Kriegs gegen Deutschland! Was soll diese Zeit Ihnen und den Ihren in den Ostseeprovinzen bringen? Ich habe oft an Sie gedacht, Baron Kerkhuß!« »Ja – was soll das werden?« Waldemar Kerkhuß sprach das halb zu sich. Er hatte die Mütze abgenommen, daß der mächtige blonde Haarschopf über der Stirne sich im Winde bäumte und wie eine Mähne nach hinten flatterte. Er strich mit der Hand darüber und sagte, während seine nordisch blauen Augen durch das Nebelgrau vor dem Schiffsbug das Land seiner Väter zu suchen schienen, mit jener Mischung von Kühle und Lebhaftigkeit, in der baltisches Wesen sich die Wage hielt, und mit dem schnellen Tonfall der aus vielseitiger Bildung heraus zu ebenso umfassendem Denken erzogenen deutschen Herrenschicht am Ostseestrand: »Der Krieg Rußlands jejen Deutschland jeht schon seit dreißig Jahren. Nur wurde er bisher bloß jejen uns Deutsche innerhalb Rußlands jeführt und jetzt erst jejen die siebzig Millionen Deutsche jenseits der schwarz-jelb-weißen Pfähle! Wir bekommen Jesellschaft – das ist alles! Und haben dies Schicksal nicht verdient. Denn wir waren immer jute Bürjer Rußlands und treue Diener des Zaren ...« Leonid Kjaschko nickte. Er hatte viel mehr Vordereuropäisches an sich als seine Landsleute. Selbst seine Züge waren westlicher geschnitten. »Es ist etwas Wahres daran,« sagte er. »Man schlug euch und meinte den allzu starken Nachbarn. Nun aber stehen wir in Ostpreußen. Wir haben Galizien besetzt. Das Frühjahr 1915 wird noch größere Dinge sehen ...« Waldemar Kerkhuß schwieg. »Hand aufs Herz, Baron Kerkhuß: wie denken Sie sich für Ihr Teil, was da kommen soll?« »Es kann nichts kommen!« sagte Waldemar Kerkhuß und sah starr auf das Meer hinaus. »Nehmen wir selbst ein Wunder an: Es wäre den Deutschen möglich, bis in meine Heimat vorzudringen! Auf den Türmen von Reval flatterten die schwarz-weiß-roten Fahnen ...« Der junge Magnat aus der Ukraine lachte. »Sagen Sie doch lieber gleich, die Deutschen besetzen Kiew, da Sie schon beim Phantasieren sind!« »Nehmen wir selbst an, die Deutschen könnten es, so könnten sie es doch nicht!« »Wieso?« »Die Deutschen haben am vierten Aujust jeschworen, die Jrenzen ihres Vaterlands zu verteidigen, nicht fremde, ferne Länder zu besetzen! Was hätten sie also hier oben in Esthland vor den Toren Petersburgs zu suchen? Sie dürfen nicht hierher, selbst wenn ihnen Gott die Kraft jäbe! Denn es widerspräche ihrem Sinn des Kriegs.« »Was für Schlüsse ziehen Sie daraus, Baron Kerkhuß?« »Wir Balten haben zwei Jejner! Deutschland, jejen das wir kämpfen, und Rußland, das in uns Deutschland bekämpft. Und wir haben keinen Freund. Denn unser eijnes Vaterland, Rußland, unterdrückt uns, und Deutschland, unser Jejner, kann uns nicht helfen!« »Wie soll das also mit euch werden?« »Gott allein weiß es!« Waldemar Kerkhuß schleuderte mit einer grimmigen, halb verzweifelten Bewegung, deren innere Leidenschaftlichkeit der sonstigen hochfahrenden und selbstsichern Kühle seines Wesens widersprach, seine ausgerauchte Zigarette in die See. Eine Möwe haschte heranschießend im Flug nach dem Stummel und ließ ihn eilig fallen. Der oben lachte. Er erschien dem Vollblutrussen an seiner Seite jetzt wieder ganz der Mensch, als den er ihn seit Jahren kannte: der Sohn einer bevorrechteten, in ihrer Einsamkeit hoch oben im Norden von der Weltgeschichte anscheinend vergessenen und so aus dem halben Mittelalter in die Gegenwart hinübergeretteten Herrscherkaste, das Mitglied einer Sammlung von vielen hundert, instinktiv auf das »Ich« gestellten und miteinander, nicht mit der übrigen Welt zusammenhängenden Charakterköpfen, die man den baltischen Adel nannte, ein Erbe der Jahrhunderte, dem schließlich, solange Besitz und Name noch galten, alle Zeitläufte nichts anhaben konnten. »Sie sehen bleich aus, Gospodin Kjaschko?« frug Baron Kerkhuß, wieder in das Russische verfallend. Er hatte die Hände in den eisernen Strickleitern der Wanten neben sich verschlungen und hielt sich daran fest. »In der Tat ... Dieses planlose Schaukeln des Schiffes ...« »Nirgends wird man leichter seekrank als in den kurzen Wellen der Ostsee.« »Und Sie verspüren nichts?« »Ich habe eine große Seereise hinter mir.« Leonid von Kjaschko überlegte ... Es schoß ihm etwas durch den Kopf ... eine Erinnerung ... als habe er zufällig, zu Anfang dieses Jahres, in Petersburg gehört, was der Grund dieser weiten Auslandsreise des Barons Kerkhuß gewesen ... irgend etwas mit einer Frau war dahinter ... er konnte sich nicht mehr entsinnen ... er fühlte sich mit einemmal sehr leidend und lächelte schmerzlich. » C'est plus fort que moi! « sagte er, sich zur Heiterkeit zwingend, und reichte dem andern die Hand. »Ich werde lieber hinuntergehen und mich in der Kabine ausstrecken!« Waldemar Kerkhuß blieb allein auf Deck zurück. Er konnte jetzt die eisernen Wanten nicht mehr loslassen und seinen Platz nicht mehr verlassen. Man wäre bei den ersten Gehversuchen hingestürzt. Der »Aulu« schlingerte zu stark. In grausiedendem Klatsch schwappte vorn das Wasser über den Bug, der Wind schnitt wie mit kalten Messern rechts und links an den Wangen vorbei, die Luft war mit nassem, fliegendem Salzstaub erfüllt – es war eine Welt und ein Wetter, um das alles tief in sich einzuatmen, was da draußen stürmte und wogte, gleich einem Widerspiel des Sturms in einem selbst, des Sturms tief im Innern, den man mit der anerzogenen Kälte des großen Herrn nach außen hin verbarg. Im Steigen und Sinken des Schiffes tauchten nun, wenn der Bug sich neigte, ferne Klippenufer über der Wasserwildnis auf. Die esthnische Küste lugte bleich und schattenhaft zwischen fliegenden Wolken und Regenböen herüber. Und dann kam das für Rußland wundersame Bild, das Waldemar Kerkhuß' gespannte blaue Augen im Heimweh der Heimkehr suchten, das Bild der mittelalterlichen Hanse inmitten des Reichs des weißen Zaren. Grau, deutsch und ernst, ein Stück Nürnberg am Meer, stieg das alte Reval aus den Fluten des Finnischen Golfs empor. Vom Deck des Dampfers sah Waldemar Kerkhuß den Domberg aus den Wellen wachsen, die mittelalterlichen Bollwerke, Mauern und Zinnen. Die Stätten seiner Jugend grüßten ihn, während das Schiff durch die Klippen des Neckmann-Grundes seinen Weg zum Hafen suchte: der Lange Hermann, der ragende Wachtturm der alten Hansestadt, der Kiek in die Koek, die Dicke Margarete, die Strandpforte, das Hohe Kreuz auf St. Olai. Schwere Schlotschwaden zogen sich dazwischen: die Schornsteine der russischen Kriegsdampfer qualmten. Weit in die See hinaus lagen die düsteren Ungeheuer, schwammen träge längs der Baltenküste dahin, winkten sich im Spiel der bunten Flaggen. Zerstörer schossen wie schwarze Wasserschlangen zwischen ihnen und dem Kriegshafen hin und her. Der finnische Küstendampfer fuhr, ihn zur Rechten lassend, in den Kauffahrteihafen der grauen deutschen Stadt am Meer ein. Asien empfing den Landenden, jener überall gleiche scharfe russische Grenzgeruch von Holz und geschmiertem Leder, Papyrossen und Schafpelzen. Waldemar Kerkhuß atmete ihn als etwas Selbstverständliches ein, als die Lebensluft eines jeden, der nun einmal in Rußland geboren war, in Rußland seine Tage zu verbringen hatte, an russischer Scholle klebte. Er drängte sich durch die baumlangen Gendarmen, die Massen von feldbraunen Soldaten und blauen Matrosen, die Bürger mit ihren großrandigen Schirmmützen, die ihre Geschäfte in den Hafen führten. Russisch schlug an sein Ohr, das vokalreiche und doch rauhe Esthnisch, Schwedisch, das Englisch der an der Hafenbahn stehenden und den Diebstahl der angelsächsischen Heereslieferungen verhindernden britischen und amerikanischen Vertreter, unbekannte, im fernen Asien heimische Mundarten sibirischer und turkestanischer Soldaten. Nur diejenige Sprache fehlte, die diese Stadt selbst war, die ihre ehrwürdige Vergangenheit, ihr Geistesleben durch mehr als ein halbes Jahrtausend, ihren Besitz und ihre Bildung bezeichnete. Nirgends hörte man das markige Deutsch der Ostseeprovinzen mit seinem harten, rollenden R und seinem biegsamen Tonfall. Baron Waldemar von Kerkhuß sagte trotzdem ruhig auf deutsch zu dem Kaufherrn Scharpenberg, der am Kai stand: »Allgemeine Unordnung, wie immer!« Herr Scharpenberg, der Revaler Bürger aus altem Schwarzhäuptergeschlecht, hob warnend die Hand, schaute ängstlich umher und atmete auf. Um sie her waren nur breitknochige Mongolengesichter unter hohen Zipfelmützen aus Pelz, sibirische Scharfschützen, die nicht einmal den Klang irgendeiner europäischen Sprache kannten. Er flüsterte: »Nehmen Sie sich in acht, Herr Baron! Man ist im Handumdrehen verschickt!« »Paschport!« mahnte herantretend ein finsterer Riese von Gendarm. Waldemar Kerkhuß erledigte drinnen im Zollhof seine Paßangelegenheiten. »Nicht einmal schmieren kann man diese Tiere mehr!« sagte er, wieder herauskommend, zu Herrn Scharpenberg. »Sie nehmen nichts! Können Sie sich das vorstellen: Man ist in Rußland, und es wird nichts jenommen!« »Wenn Sie durchaus nach Sibirien wollen, dann reden Sie weiter Deutsch, Herr Baron!« »Wirklich?« »Um Gottes willen: jedes deutsche Wort ist verboten! Wir sind vogelfrei! Hier in den baltischen Provinzen und in ganz Rußland! Aus Petrograd und Moskau jehen jeden Tag die Eisenbahnzüge mit verhafteten Deutschen nach Sibirien, in Viehwagen, ohne warme Kleidung, fast so wie die Ochranja sie nachts aus den Betten holte, oft ohne Nahrung ... Frauen, Kinder, alte Herren ... viele sind schon unterwegs jestorben ... Die südrussischen deutschen Kolonisten werden zu Hunderttausenden von ihrer Scholle vertrieben. Es ist eine Schreckensherrschaft, wie sie nur bei uns möglich ist!« »Nur bei uns? Ich komme aus der weiten Welt! Es jeht auf der janzen Welt so zu!« Waldemar Kerkhuß gab dem Revaler deutschen Patrizier die Hand. »Nun. Ich nehme mir jetzt einen Fuhrmann und fahre auf den Dom!« Unterwegs sprang er, beim Garten der alten deutschen Canuti-Gilde, aus der wildrasselnden, kleinen einsitzigen Droschke. Er hatte auf dem Bürgersteig den Pastor Magnus seines eigenen Kirchspiels St. Jochens erkannt. Jetzt schaute auch schon er bei der Begrüßung sich vorsichtig um, ob niemand in der Nähe sei. »Was treiben Sie in der Stadt, Pastor? Hier ist ja Dschinghiskhan los!« Pastor Gotthard Magnus war ein großer, starker Mann aus einem alten, weitverzweigten, baltischen Literaten-Geschlecht. Er sah nicht aus, als ob er sich fürchtete. Er hatte noch im vorigen Winter einen Wolf, der sich ihm zwischen Pfarrhaus und Kirche in den Weg stellte, mit einem Knüppel verjagt. »Ich war beim Stadthaupt, um mich für verhaftete Amtsbrüder zu verwenden!« sagte er. »Pastor Jürgens ist schon in Krasnojarsk, nahe am Nördlichen Eismeer! Pastor Wohlmann ist unterwegs! Pastor Linde, Pastor Wareß, ein Esthe, sind festgenommen ... Ich will jetzt mein Heil im Gouvernementspalast versuchen ...« »Haben diese Vierfüßler in Moskau denn den Verstand einjebüßt?« »Es ist wieder einmal Zeit, für seinen Jlauben zu zeugen, Herr Baron! Für alles, was sich zu unserem Herrn Martin Luther bekennt und nicht zu den vierzig Wundertätern der Lawra in Kiew! Uns Pastoren trifft es am schwersten. Ihr von der Ritterschaft fandet immer noch euer Fortkommen drinnen in Rußland, wenn man dort auch orthodox war. Wir Diener am Wort von Wittenberg sind von unseren drei kleinen protestantischen Ostseeprovinzen umschlossen ...« »... und wir darin mit unseren Güttern! Ihr könnt schlimmstenfalls nach Deutschland auswandern! Ich erbe einmal, ich weiß nicht wieviel tausend Dessätinen Land ...« »Jeben Sie acht: Ein Gorodowoi!« Der Stadtsoldat bummelte langsam heran. Es war ein schmutziger, stumpfsinniger Kerl. Aber der Schrecken lag auch in seiner Erscheinung über dieser Stadt. Asien lag über dem verdüsterten, langbärtigen Gesicht des Pastors Magnus. Sie trennten sich stumm. Waldemar Kerkhuß fuhr weiter nach Reval hinein und steil durch den Torweg den Domberg empor. Zu beiden Seiten der Straße standen die Häuser des deutschen Adels. Uralte, landgesessene Rittergeschlechter wohnten da, hatten von hier aus im Mittelalter sogar jahrelange Fehden mit den deutschen Bürgern unten in der Stadt geführt. An der Wand des Landtagssaals im Ritterhaus oben hingen in bunten Reihen ihre Wappen, nach dem Alter geordnet. Die Kerkhuß gehörten zu den vordersten. Waldemar Kerkhuß' erster Ahnherr hatte schon als verehelichter Mitbruder vom Schwertbrüderorden der Ritterschaft Christi in Livland vor siebenhundert Jahren den weißen Mantel mit rotem Schwert und Kreuz unter dem Hauptbanner der Jungfrau Maria getragen. Dänen, Schweden, Polen, Russen hatten die Baltenlande erobert. Aber die Sprache der alten baltischen Herrengeschlechter war bis zum Tag des Weltkriegs so deutsch geblieben, wie sie am Ausgang der Kreuzzüge war. Schwerer Glockenklang dröhnte oben vom Domberg. Riesig und plump, mit ihren vergoldeten Byzantinerkuppeln wie ein Drache funkelnd, ragte auf der Fläche hoch über der Stadt, ein Wahrzeichen des Moskowitertums, die neuerbaute orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale und dahinter, eine zweite Hochburg Asiens, das Schloß des russischen Gouverneurs. Banner blähten sich auf seinen Dächern. Schwarz-gelb-weiße Fahnen hingen in den Straßen Revals. Es war heute morgen von der Polizei befohlen worden zu flaggen. Reuterdepeschen hatten aus London neue große Siege über die Deutschen gemeldet. Waldemar Kerkhuß sah sich das finster an und läutete an einem der niederen Adelshäuser. Niemand öffnete. Er trat in den Torweg daneben und rief befehlsgewohnt: »Koiames!« Endlich erschien der Hauskerl. Flachsmähnig, fiachsbärtig, mit stumpfer, breitflügeliger Nase, und beugte sich zum Kuß über seine Hand. Er frug ihn auf esthnisch: »Wo ist der Baron?« Der alte Baron Kerkhuß und die Baronin waren draußen auf dem Lande, auf Schloß Kerreküll. »Wie denn? Jetzt noch?« »Seine Exzellenz ließen viel Holz schlagen, zum Heizen. Sie wollen dies Jahr nicht nach Reval kommen, sondern auf den Gütern bleiben!« Waldemar Kerkhuß nickte, mit einem schwach spöttischen Zug im Gesicht. Das war ganz Papa, der alte, hochgestellte deutsch-russische Diener des Zaren, der Mann der leichten Hand, der in seiner Beamtenlaufbahn als Vertrauensmann der Petersburger Regierung so viele heikle Aufgaben in dem russischen Riesenreich erledigt hatte. Der Vielgewandte, mit Halbasien wie ein Tierbändiger Spielende, dem das Leben eine Kunst des Abwartens war. Er hatte sie, in seinen siebzig Jahren, nie ohne Erfolg geübt. Vielleicht ging das Unwetter auch diesmal vorüber ... Das Haus auf dem Dom, vor dem Waldemar Kerkhuß nun stand, hatte keine Läden vor den Fenstern. Das Tor öffnete sich gleich. Ein geschmeidiger, älterer, glattrasierter Mensch erschien in ihm und verbeugte sich beim Anblick des jungen Barons tief. »Ist mein Onkel daheim?« Der Petersburger Kammerdiener mit dem Schauspielerkopf zuckte bei den deutschen Worten schmerzhaft zusammen und sagte flüsternd auf französisch: »Bedauere! Herr Baron Butwengen befinden sich in Petrograd!« »In Petersburg? Mit der Baronin?« »Sehr wohl!« »Seit wann?« »Seit dem Kriegsausbruch!« »Und auf wie lange?« »Herr Baron schickten mich vorgestern aus Petrograd hier herüber, um noch einige Sachen zu holen. Seine Gnaden begeben sich in nächster Zeit im Auftrag der Kaiserlich Russischen Regierung nach Bukarest ...« Er hat Chance ... Waldemar Kerkhuß war bei den Worten des Franzosen in seinen Gedanken selbst in das Französische verfallen. Derlei färbte ab. Es zog an einem von rechts und links. Es stritt um die Seelen. Und über allem, schwer wuchtend, barbarisch feindlich, in jeder seiner Einzelheiten von ihm verachtet und als Ganzes in seiner unerhörten Größe über zwei Erdteile und an fünf Meeren doch wieder Ehrfurcht einflößend, das unermeßliche Zarenreich ... Bertil Butwengen in Petersburg ... Du hast wenigstens gewählt ... Du hast dich entschieden ... Im Gehen machte Baron Kerkhuß noch einmal halt und frug den Glattrasierten: »Und Baron Oxberg ... der Pirküllsche Baron?« Seine Exzellenz, der General von Oxberg, war bei der Petersburger Garde an der Front, in Ostpreußen ... Und sein Neffe, Waldemar Kerkhuß, dachte sich, halb ärgerlich: Was frage ich da? Wo sollte Onkel Panluscha sonst sein? Er ist Soldat. Es ist schon der dritte Zar, dem er dient ... Natürlich muß er ihm auch im Krieg dienen ... Er stieg wieder den Dom hinab. Unten, vor der Langstraße im Gedränge russischer Marineoffiziere und Matrosen, begegnete er bei dem Adelsklub dem alten Awesand. Baron Awesand besaß kein Haus in Reval. Er saß Sommer und Winter auf seinem Kartoffel- und Spritgut Laart. Ein Stiller im Lande, voll Herrnhuter Geistes, äußerlich mit seiner goldenen Brille und seinem weißen Bart einem Stubengelehrten ähnlich. Er trug einen schwarzen Flor um den Pelzärmel. Er drückte Waldemar Kerkhuß, dem Mitbruder, dankend die Hand, ehe jener noch dazu kam, ein Wort des Beileids auszusprechen. »In der ersten Schlacht, bei Gumbinnen, ist mein Junge jefallen!« sagte er. »Die Preußen schießen gut! Mitten ins Herz! Achtzehn Jahre. Vor einem halben Jahr jing er noch hier mit seiner Mappe in Jymnasiastenuniform! Der Herr hat es jejeben – der Herr hat es jenommen ... Unser Jeschlecht jeht aus. Fünfhundert Jahre! Mit mir werdet ihr das Wappen zerbrechen ...« Der alte Lutheraner schaute still und trübe vor sich hin. »Jesellschaft hat der Junge jenug! Der junge Walrabe ist neben ihm tot jeblieben ... der aus dem Kirchspiel St. Jürgens ... Der Newenhofer und noch ein anderer ... Wolthusen ... der Jermasche Bockenförde hat zwei Söhne verloren ... Und wofür?« »Ja – weißt du das?« Waldemar Kerkhuß sah dem älteren Mitbruder scharf in das gefurchte Gesicht. Der dämpfte noch mehr die Stimme. »Bluten dürfen wir für die ›Echt russischen Leute‹ und den Antichrist im Heiligen Synod! Und was jeschieht inzwischen hier? Mayen ist schon in Sibirien jestorben ... Ein Mann in meinem Alter ... und im Viehwagen von seinem Gut nach Tobolsk ... Ob Dreilewen in Schlüsselburg oder wo sonst sitzt, ist nicht zu erfahren. Der Tschin in Petrograd schweigt sich aus. Brüggenoye ist wegen Deutschsprechens von der Straße weg verhaftet und abjeführt ... der Tapsküller Ehingen sitzt seit Monaten ... Lennar, Einhorn sind in Untersuchung ... das ist der Dank Rußlands ...« »Sie werden uns vermissen, nach dem Krieg!« sagte der Jüngere hochmütig. Der alte Laartsche Baron seufzte. »Wie ist das mit uns nach dem Krieg? Was wird nach zwanzig Jahren vom Deutschtum in den Ostseeprovinzen noch übrig sein? So manche Jahrhunderte haben wir uns jehalten. Diesmal rottet uns der Moskowiter aus. Und die Deutschen können uns nicht helfen. Sie haben genug zu tun, sich selbst zu retten: Sie haben geschworen, ihr Vaterland zu verteidigen, und weiter nichts! Nun – ich jehe bald zu Gott ... Ich habe jenug gelebt ...« »Was soll man also tun?« »Nichts kann man dajejen tun als beten und hoffen!« Ein trüber Blick des alten Awesand suchte den Osten, wo in der Ferne im Petersburger Winterpalais der gekrönte Schatten, Nikolaus der Zweite, das von ihm angestiftete Menschheitsgemetzel bei der Beschwörung anderer, spiritistischer Schatten vergaß. Waldemar Kerkhuß unterdrückte eine Anwandlung von Ungeduld. »Mit der bloßen Erjebung kommen wir nicht weiter!« sagte er. »Dann jeht die Welle über uns weg. Wir müssen handeln!« Waldemar Kerkhuß wandte sich wieder den Domberg hinab. Er hatte eben gesagt, er müsse handeln. Aber er schritt langsamer und langsamer und blieb schließlich unschlüssig stehen. Die struppigen Iswoschtschiks, die ihn von ihrem Halteplatz aus beobachteten, rasselten eilfertig über das holprige Steinpflaster heran. Er scheuchte sie mit einer unwirschen Kopfbewegung. Er machte wieder ein Paar Schritte. Hemmte endlich vor einem Hause den beim Gehen leicht nachhinkenden Fuß. Es war ein Haus wie die andern umher. Herrschaftlich, trotz des niederen Oberstocks. Es fiel ihm auf, daß die Klingel verrostet war, an der er zog. Er hörte sie innen durch den Flur schrillen. Dann war alles still. Es pfiff kalt die steile Straße hinab. Er hatte sich die schwarze Lammfellmütze tief in die Stirne gedrückt und die Hände in die Taschen des Pelzes geschoben. Aus fest mit Läden verschlossenen Fenstern sah ihn das Haus, vor dem er stand, abweisend an. Er wartete und trat fröstelnd von einem Fuß auf den andern. Dann schellte er noch einmal. Nichts regte sich drinnen. Die Ungeduld erwachte in ihm. Er ging auf und ab. Kehrte zurück und stand vor der schweigenden Türe. Endlich entschloß er sich und klopfte mit der silbernen Krücke seines Spazierstocks dagegen. Laut. Zwei, dreimal hintereinander. Es kam kein Widerhall. Waldemar Kerkhuß drehte sich um. Mißmut und Enttäuschung verfinsterten sein Gesicht. Ein Herr kam den Domberg herauf. Er erkannte den Rechtsanwalt Dr. Iwan von Eilard. Der Balte drüben machte erstaunt halt, reichte Waldemar Kerkhuß die Rechte und sagte durch das dröhnende Triumphläuten der orthodoxen Glocken: »Eben erzählt man, Sie seien aus dem Ausland zurück! Nun – willkommen! Aber was wollen Sie hier an dem Metztakschen Hause?« »Mein Gott, ich will Alexander Metztak und seiner Frau juten Tag sagen!« »Wie ist das: Sie wissen nicht, daß Baron Metztak längst im Ausland ist?« »Wie sollte ich wissen? Eben kam ich an!« »Alle. Er, die Baronin. Die beiden Kinder. Schon acht Wochen vor der Kriegserklärung reiste er zur See nach Lübeck aus.« »Nach Deutschland?« »Nach Deutschland!« sagte der andere Balte leise und sah sich um. »Der Kuilsche Metztak?« »Wer anders? Der Elise Haseldorp zur Frau hat. Eben er.« Dann brach Dr. von Eilard ab und räusperte sich, als wollte er einen Zusatz unterdrücken: Ihnen, Kerkhuß, brauche ich doch nicht erst von Elise Metztak zu sagen! Man denkt es sich doch, weswegen Sie vor einem Jahr den Entschluß faßten, auf unbestimmte Zeit hinaus nach Amerika zu gehen ... Waldemar Kerkhuß verzog keine Miene. Er frug: »Und Kuil?« »Kuil und Ettel und sein drittes Gut hat er dieses Frühjahr schon, bei Bejinn der russischen Probemobilmachung, unter der Hand in aller Stille verkauft, dies Haus, vor dem wir stehen, auch, und das Jeld ins Ausland überschreiben lassen. Er muß sich das Ganze schon lange überlegt haben. Man behauptet, seine Frau sei es, die ihn dazu jedrängt und jetrieben habe!« »Ich jlaube es wohl,« sagte Waldemar Kerkhuß ruhig. »Es heißt, er sei schon deutscher Untertan jeworden!« »Sein Jeschlecht kam aus Westfalen. Sechs Jahrhunderte hat es hier in Esthland jeblüht. Er verpflanzt es wieder nach Deutschland zurück. Er hat den jroßen Entschluß jefaßt.« »Er ist nicht der einzige! Baron Erik Stier in Kurland ...« »Man schrieb es mir. Er ist in Berlin!« »... und Engelbert, sein Ältester, steht schon als Kriegsfreiwilliger jejen uns im Felde. Man hat ihn in Ostpreußen, bei der preußischen Armee jesehen.« Waldemar Kerkhuß' Gedanken blieben bei dem Baron Alexander Metztak und seiner Frau. Er ging lautlos in seinen Gummigaloschen neben dem Rechtsanwalt her und frug: »Jlauben Sie, daß die Metztaks schon wußten, daß der Krieg kam, oder schnitt ihnen der Krieg die Rückkehr ab?« »Wer konnte wissen, wann der Krieg kam? Aber er lag in der Luft ... Wir alle fühlten ihn ja schon lange in den Knochen ... man hätte blind sein müssen, um nicht zu sehen, wer alles in Petrojrad daran arbeitete und alles vorbereitete. Nein – Alexander Metztak war sich klar darüber, was er tat! Das war ein entscheidender Schritt fürs Leben ... von vornherein ...« »Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?« »Oft. Denn ich besorgte das Jeschäftliche bei seinen Gutsverkäufen.« »Und er wollte niemals wieder zurückkehren ... er und seine Frau?« »Nein doch. Niemals. Aber nun erzählen Sie ... Sie kommen aus dem Ausland ... Wir leben hier in der ägyptischen Finsternis. Wer weiß denn, was geschieht? Unsere Zeitungen sind unterdrückt. Die Rejierung belügt uns. Ich brenne darauf, von Ihnen zu hören ...« Waldemar Kerkhuß blieb stehen. Sie waren gerade vor dem Stadthaus seines eigenen Geschlechts angekommen. Die Haustüre stand jetzt offen. Drinnen kramte und räumte der Koiames und seine Frau. »Sie müssen mich für heute entschuldigen!« sagte er schroff. »Die weite Reise jriff mich an. Ich habe das Bedürfnis nach etwas Ruhe. Ich werde mich in unser Haus zurückziehen und etwas rasten, bis mein Zug jeht.« Innen in der weitläufigen Kerkhußschen Wohnung umfing ihn die alte, seit der Kindheit vertraute Luft des Elternhauses. Es war etwas Eigenes in ihr. Es war etwas von Staub darin, etwas von durch die Zeiten wurmstichigem und strohtrockenem Holz, etwas von einem Hauch altväterischer Tapeten, kostbarer, vermuffter Polstermöbel, etwas, durch das Hinterfenster der Treppe, von Pferdestall und groben Kitteln und Pelzen zahlreicher Hausdienerschaft. Weiße Überzüge bedeckten die Stühle und Kanapees der Empfangsräume. Der Kronleuchter in dem großen, ganz niederen, parkettierten Saal trug einen Schutz von Flor gegen die Fliegen. Die Vorhänge an den Fenstern waren abgenommen. Es war bitterkalt in den unbewohnten Räumen. Der Erbe des Hauses setzte sich im Rauchzimmer in einen Schaukelstuhl, in Pelz und Mütze, wie er war, und sah auf die Uhr. »Geht noch um zwei Uhr der Zug?« frug er den Hauswächter. »Er geht.« Noch eine Stunde und mehr. Waldemar Kerkhuß starrte geistesabwesend vor sich hin. Er saß, ohne sich zu rühren. Dann hustete er. Der Qualm des rasch angezündeten Ofenfeuers ließ die Augen tränen. »Lasse das!« sagte er zu dem Hauskerl. »Es wird doch nicht warm! Und höre auf, die Zimmer auszukramen! Dies alles ist unnütz!« »Es wurde Tee gekocht. Soll ich bringen?« »Ja. Gib Tee.« Der ungeschlachte, flachsmähnige Esthe brachte den Tee, den seine Frau im Rückgebäude bereitet. Sein Gesicht mit dem struppigen Vollbart war breitknochig und fremdartig. Es war, als böte mit dem dampfenden Glas, das er in seinen schweren Fäusten hielt, der weite, der undeutsche Osten, die schon halb asiatische Unermeßlichkeit Rußlands dem Heimgekehrten den Willkommentrank. Waldemar Kerkhuß vergaß, wieder allein, zu trinken. Er sah durch den heißen Rauch des Tees, der sich in der kalten Stubenluft kräuselte, starr und noch halb ungläubig in die Weite. Tiefer Ernst, die Starrheit einer Überraschung änderte den kühlen Gleichmut seiner Züge in dieser stillen Stunde zu einer schmerzlichen Trauer. Dann hörte er draußen Stimmen. Die des Hausbesorgers und die einer alten Frau, die von der Straße hereingetreten sein mußte. Beide sprachen leise auf esthnisch. »Man sagt, der Kerreküllsche Baron sei zurück?« »Er ist da.« »Der alte Baron oder der junge?« »Der Sohn.« »Der älteste Sohn?« »Der älteste.« »Der Baron Waldemar Kerkhuß?« »Waldemar.« »Ist er hier im Hause?« »Nebenan.« »Dann gib ihm diesen Brief. Aber ihm in die Hand!« »Warte auf Antwort!« »Da kann keine Antwort sein. Gib ihm den Brief. Ihm in die Hand. Sofort!« Waldemar Kerkhuß drehte gleichgültig den Kopf nach dem eintretenden Esthen. Er dachte sich: Kaum ist man da, so kommen schon all diese Dinge ... Er nahm das Schreiben. Überflog die Aufschrift. Er erkannte die Schriftzüge, die fest und doch von der Zartheit einer Frauenhand waren. Der Schaukelstuhl wippte ungestüm leer auf und ab, so hastig war er von ihm aufgesprungen, an das Fenster getreten, verglich noch einmal, blickte ungeduldig zurück: »Bist du noch da? ... Es ist gut ... Geh!« Er war allein. Er öffnete langsam den Brief und las. »Reval, den 14./28. Mai 1914. Lieber Freund! Das Schiff liegt im Hafen. Unser Gepäck ist schon dort. Morgen früh gehen Alexander und die Kinder und ich an Bord. Ich sitze noch tief in der Nacht und schreibe in der letzten Nacht in der alten Heimat die letzten Briefe an viele, die mir nahestanden, und den allerletzten jetzt an Sie. Abschicken kann ich ihn nicht. Ich weiß ja gar nicht, wo Sie sich zurzeit in Amerika aufhalten. Meine alte Amme zog diesen Winter aus Kuil in die Stadt zu ihrer Tochter, die hier an einen Fuhrmann verheiratet ist. Die Iswoschtschiks wissen es ja immer gleich, wenn jemand von der Ritterschaft auf dem Domberg ankommt oder abreist. Die Alte versprach mir in die Hand, Ihnen diesen Brief gleich nach Ihrer Rückkehr zu bringen. Er wird freilich so manchen Monat liegen und auf Sie warten. Warum ich nicht warte, bis Sie wieder daheim sind, und Ihnen dann von Deutschland aus schreibe? Alexander erwartet Möglichkeiten, die vielleicht noch in diesem Jahr den Verkehr zwischen den Ländern sperren. Sie wissen, daß mein Mann vieles hört und manches denkt und mehr voraussieht als andere. Seit der Schnee schmolz, sind dies Frühjahr aus dem fernsten Osten die Truppen im Anmarsch. Hermann Wolthusen kam eben als Kurier aus Japan durch Sibirien. Er bestätigt es. Er sieht sehr schwarz. Es gibt Zeiten, wo man um so klarere Augen haben muß, je schwärzer die Welt wird. So geht es mir. Ich kriege dann gerade neuen Mut. Ich glaube, es kommen solche Zeiten. Sie schütteln natürlich den Kopf. Sie und ich, wir haben in dem einen Jahr, seit wir uns kennen, über vieles gesprochen oder vielmehr gestritten – denn mit Ihnen kann man ja nur streiten –, Sie haben oft über meinen Idealismus gelächelt, der mich über vieles im Leben hinwegträgt und der mein bester Freund ist – trotz Ihnen! – und ich habe mich noch öfter über Ihren kühlen Gleichmut geärgert, mit dem Sie von Ihrer olympischen Höhe auf das Leben herabsahen. Geeinigt haben wir uns nie. Wir sind zu verschieden von Natur. Vielleicht ist das der Grund unserer Freundschaft. Die vielen Jahre, während mein Mann und ich noch in Mitau wohnten, waren wir Deutschland noch näher. In Kurland weht doch eine andere, westlichere Luft. Erst als Alexanders Vater starb und wir vor Jahr und Tag nach Esthland auf die Güter zogen, wurde es uns eigentlich ganz klar, daß wir in der babylonischen Gefangenschaft lebten. Wir Deutschen alle in Rußland. Seitdem es in Rußland ein Verbrechen ist, deutsch zu sein. Ich weiß, Sie empfinden das auch, daß wir in diesem Reich gleichzeitig bevorrechtet und ausgestoßen sind. Aber Sie hüllen sich dagegen wie unsere Vorfahren in den Panzer, in die Unnahbarkeit von Name und Besitz, der Sie und die meisten von uns es scheinbar verschmerzen läßt, daß wir kein Vaterland haben. Ich als Frau kann das nicht. Ich empfinde zu lebhaft und unmittelbar. Ich will das um mich haben, was ich bin. Ich will, daß meine Kinder ein Vaterland haben. Es war nicht leicht, Alexander zu dem Entschlusse zu bringen, nach Deutschland überzusiedeln. Sie kennen ihn. Sie wissen: Er sieht so unendlich viel. Zu viel. Darum liegt bei ihm so oft zu viel zwischen dem Sehen und dem Handeln. Zehnmal schon sagte er spät abends nach langen Gesprächen Ja und widerrief es am nächsten Tag. Aber ich gab nicht nach. Nun ist es entschieden. Morgen um diese Zeit sind wir schon unterwegs auf der Ostsee nach der neuen Heimat, in deutsche Luft und deutsche Freiheit. Glauben Sie nicht, daß ich leichten Herzens mich von der alten Heimat trenne! Ich lasse vieles hier zurück, woran mein Herz immer hängen wird. Ich sage lieben Menschen Lebewohl, von denen ich weiß, daß ich sie wohl nie im Leben wiedersehen werde. Aber ich bin guten Muts. Ich habe es gewollt. Ich trage die Verantwortung für mich und eigentlich auch für meinen Mann. Ich habe die freudige Zuversicht und die innere Stimme, die man haben muß, wann diese Welt einem etwas sein und sagen soll. Sie werden das auch noch einmal begreifen lernen. Ich sehe jetzt, wenn Sie das lesen, Ihr Gesicht vor mir, wie so oft, wann wir uns stritten, ich mit meinem heißen Herzen, und Sie mit Ihrem kühlen Kopf. Nennen Sie mich nur eine Idealistin! Ich nehme das Wort gern an. Darum sage ich heut in diesen Briefen vielen Lebewohl, Ihnen aber nicht, sondern auf Wiedersehn! In Deutschland! Ich habe die innige Zuversicht: Schließlich wird es auch Sie noch nach Deutschland hinüberziehen. Halb sind Sie ja schon mit Ihrer Seele dort. Ich werde Ihnen aus Deutschland rufen, oder Deutschland wird aus mir nach Ihnen rufen – das ist ein Überschwang, ich weiß es – in unserem kühlen Land. Hier oben sind wir ja vor allem Verstandesmenschen. Wir haben oft zu viel Verstand. Aber mit dem Verstand allein ist es auch nicht getan. Bei mir wenigstens nicht. Ich bin nun einmal aus der Art geschlagen. Ich muß stürmisch erfassen und lieben, was ich begreifen soll. Ich glaube, wir werden alle noch einmal lernen müssen, feuchte Augen zu bekommen und einen heiligen Schauer und Herzklopfen vor etwas Großem. Sie auch. So steht heute die Zukunft vor mir. Alexander kommt eben herein. Er ist sehr weich. Er hat noch lange für sich gebetet. Er fragt, ob ich nicht endlich schlafen gehen will. Ich habe ihm gesagt, daß ich eben an Sie schreibe. Er läßt Sie herzlich grüßen. Das tue auch ich. Will's Gott, so sehen wir beide Sie in Deutschland wieder.´ Ihre Freundin Elise Metztak.« Waldemar Kerkhuß wandte den Brief um und las ihn ein zweites und ein drittes Mal. Dann steckte er ihn langsam in die Brusttasche und stand eine Zeit, ohne sich zu rühren. Sein Gesicht war tief ernst. Endlich kam er aus seinen Gedanken zu sich und griff, noch halb geistesabwesend, nach der Uhr. Es war hohe Zeit, den Zug zu erreichen. Er trat vor das Haus, winkte den wie rasend von der Straßenecke heranrasselnden Kutschern und setzte sich in den ersten Wagen. Und während er noch, das eine Bein halb aus dem winzigen Fuhrwerk heraushängen lassend, dem Pelzbündel von Iswoschtschik auf dem Vordersitz durch leichte Berührung des rechten oder linken Oberarms mit seinem Stock die Richtung nach dem Bahnhof wies, war er mit seiner Seele in der Ferne. 2. Du meine Heimat ... der schwere Brandungsschlag der Ostsee klang in feierlichem, gleichmäßigem Rollen an Waldemar Kerkhuß' Ohren und an sein unruhiges Herz, dies Wiegenlied des grauen Meeres, das schon den Knaben in den Schlaf gesungen, dieser Sang der Schwermut, der zu der tiefen Einsamkeit dieses Landes gehörte. Du meine Heimat, seit Jahr und Tag nicht geschaut, in fremden Städten, unter fremden Menschen halb vergessen – du äußerstes Thule, du letzter deutscher Strand, in Deutschland selbst so unbekannt, so weltenfern in deiner Weltabgeschiedenheit ... Waldemar Kerkhuß vernahm durch das Brausen des Windes den klagenden Schrei der Möwen unter sich, das dumpfe Rollen der Wagenräder und hatte das plötzliche, beruhigte Herrengefühl der Heimkehr: diese Einsamkeit hier ist mein. Dieser Boden da unten bin ich. Diese karge, steinige Erde gehört schon seit einer Stunde Wegs zu der Herrschaft Kerreküll und zu meinem Geschlecht. Er hatte sich, nach seiner Art, den Dingen ihren Lauf zu lassen, nicht erst angemeldet und auf der kleinen hölzernen Station, inmitten des Waldes, in dem er den Zug verließ, den ersten besten Esthen anspannen heißen. Die drei zottigen Bauerngäule trotteten dahin, ein scharfer, bitterer Herdrauch stieg aus dem im Schafpelz gekrümmten Rücken des Undeutschen auf dem Bock. Der Baron Kerkhuß verscheuchte den Dunst durch das bläuliche Wehen der Papyrossen und ließ, unter der schwarzen Lammfellmütze, die seinen blonden Schopf deckte, die großen blauen Augen mit dem Gleichmut des Besitzenden über das esthnische Land schweifen, über dies stille Gewimmel weißer Birkenstämme, die unabsehbar unter dem niederen, grauen Himmel in den schwarzen Wasserlachen der Sümpfe standen. Es war ein Frieden für den, der von draußen wieder in das Reich seiner Väter kam. Die donnernde, blutende, stöhnende Wirklichkeit der Zeit schien wie ein Traum. Hier war alles so, wie es gestern und wie es vor Jahrhunderten gewesen. Selbst der große Bauernaufruhr vor zehn Jahren hatte äußerlich keine Spuren mehr hinterlassen. Wie immer dehnten sich die weiten Weidesteppen, säumten die niederen Steinmauern den Weg, zwischen denen man jetzt im Winter nicht wie sonst alle Augenblicke jemanden aus dem Wagen steigen lassen mußte, um ein Viehgatter zu öffnen, lagen die großen Findlingsblöcke aus schwedischem Granit inmitten der verschneiten Felder. Leichte Flocken stäubten hernieder. Waldemar Kerkhuß wickelte sich fester in seinen Pelz. Der Wagen fuhr jetzt dicht am Meer. Hart neben dem Weg stürzte sich der Glint, die esthnische Küstenmauer, senkrecht hinunter in die Tiefe. Eisschollen lagen da am Strande und trieben weißlich auf dem weißen Gischt der Wellen, der um die Klippen strudelte. Weiter hinaus war die See bleifarben, grau wie die kalte Luft, grau wie die fliegenden Wolken an dem niederen Himmel, grau wie das ganze Esthland, die nördlichste, die kleinste, die fernste der drei baltischen Provinzen. Dann richtete sich Waldemar Kerkhuß in dem klapperigen Fuhrwerk auf und schirmte die Augen gegen das Schneegestöber mit der Hand. Auf windumpfiffenem, möwenumflattertem Hügel hart am Meer hob sich das Gespenst einer Kirche. Die kahlen Mauern, die längst kein Dach mehr trugen, schienen in dem Sturm zu schwanken, der durch die offenen Spitzbogenfenster brauste, und standen doch so schon seit Hunderten von Jahren. Iwan der Schreckliche hatte bereits das Gotteshaus St. Annen mit seinen Moskowiterhorden eingeäschert. Die drei dampfenden Pferdchen schwenkten ein. Plötzlich verlor sich der eisige Salzhauch der See. Der Wagen rollte zwischen einer Doppelreihe alter Ulmen einem mächtigen Gebäudeklotz zu, der ganz hinten im Park, rings von stillen, dunklen Seespiegeln umschlossen, auftauchte. Er hatte die zahlreichen kleinen Fensterreihen eines alten Klosters, aber ein kriegerischer, mächtiger Wehrturm säumte rechts die vielstöckige Wasserburg ein. Die Kerkhuß hatten sich den einstigen Mönchssitz ritterlich ausgebaut. Ställe und Höfe, Brauerei und Brennerei der riesigen Herrschaft lagen weit entfernt, dem Blick entzogen, jenseits der Wasserflächen. Der Esthe trieb seine Gäule über die Brücke und hielt vor dem Schloßeingang. Ein junger russischer Offizier stand auf der Freitreppe. Er war blaß. In der einen Hand trug er ein Jagdgewehr. Der linke Arm lag in einer Schlinge. Waldemar Kerkhuß stieg aus. Die Brüder küßten sich. »Robin! Du hier?« »Wie denn nicht? Du siehst ja...« »Du bist verwundet.« Hier, in der esthnischen Einsamkeit, sprachen sie laut Deutsch. Der Petersburger Gardekavallerist warf seine Zigarette in den Schnee. »Viel blieb von unseren Kürassieren in Ostpreußen nicht übrig!« sagte er. »Die Deutschen sind fixe Kerle. Sie verstehen ihr Handwerk.« »Und was machst du hier?« »Was soll ich tun?... Ich wollte auf die Jagd jehn ... Ich versuche mit meiner Hand zu schießen...« »Sind Elche da?« »Es sind da. Man sah einen starken Schaufler, unten am Moor. Man kann nicht hin. Es sollte Kälte jeben, daß die Sümpfe frieren.« »Bären?« »Der alte Wiffenhausen will einen Bären haben. Er lud mich ein. Es ist noch zu früh. Man wird sehen!« »Auch Wölfe?« »Wölfe jenug! Sie bellen die janze Nacht in der Heide. Mama klagte jestern. Niemand wußte, daß du kommst! Die Eltern schlafen!« »Was ist mit den Brüdern?« »Was soll sein? Michael ist in Kronstadt. Da liegen sie mit der Flotte. Man hat es da näher nach Petrograd als gegen die Deutschen. Axel ist in Wladiwostok! Nun... zahle den Kerl und tritt ein!« Mächtige Elchschaufeln spreizten sich, gleich aufgereckten gelbbraunen Riesenhänden, an der Wand der Schloßhalle zu beiden Seiten des acht Fuß hohen, hundertfach im bunten Gewimmel der Wappen auf vergilbtem Pergament verästelten Stammbaums, der Ahnenreihe der Kerkhuß, von dem Tage ab, da der Meister der »Swert Brudern« dem Theodoricus miles de Kukenoys den Ordensmantel mit einer Schnur um den Hals befestigt: »dis Schwert entfange von miner Handt, zu schützen Gotts- und Marienlandt!« – Durch die Zeiten der ersten Schlacht von Tannenberg bis jetzt zur zweiten, an die Robin von Kerkhuß, der Kavallerist, unwillig dachte, während er den verwundeten Arm prüfend in der Schlinge wiegte. »Jräßlich ist die Langeweile hier!« sagte er. »In acht Tagen jehe ich zur Truppe! Ich kann die Zügel in der rechten Hand halten!« »Erbarme dich! Womit willst du den Säbel führen?« »Wozu ein Säbel? Ich kann auch so mitreiten. Man wird mich als Galopin verwenden!« »Warum eilst du so?« »... weil ich nicht zu spät kommen möchte! Haseldorp hatte noch, ehe er fiel, mit Manuchin jewettet, daß wir spätestens zu Weihnachten alten Stils in Königsberg sein werden! Es jab ja Mißjeschick... jewiß doch... aber jetzt zieht der Großfürst hinter Sievers' Truppen eine neue Einfallarmee zusammen. Drei Millionen haben wir in Polen jejen Schlesien... Was willst du?« Auf den hübschen Zügen des Barons Robin lag der Hochmut der auserlesenen Petersburger Gardetruppe zu Pferd, in der neben jungen Großfürsten des Kaiserhauses und den Sprossen altrussischer Fürstengeschlechter auch baltischer Adel diente. Seit Menschenaltern gedient hatte. Viele der Ahnenbilder an den Wänden trugen russische Uniform. Waldemar Kerkhuß faßte die gesunde Hand des Bruders mit einem rauhen Griff und zog ihn vor den Stammbaum. »Ist das nicht eine Narrheit, Robin?« sagte er. »Hier, von den ersten Vorfahren da oben, von uns und Ode Oberdieck und Anna von Bekkerwerde bis heute, sind da nur deutsche Namen! Und du jaloppierst mit den Asiaten jejen Deutschland?« »Wie denn? Ich bin Offizier. Man befahl es. Ich tue meine Pflicht!« »Das mußt du. Aber was denkst du dir dabei?« »... daß ich das tue, was wir immer taten! Wir haben immer jedient. Unser Ururjroßvater war Feldmarschall unter der alten Katharina.« Was die Ahnen getan hatten, war wohlgetan. Die Ahnen lebten in diesen Räumen. Sie gaben den Seienden Maß und Sinn des Seins. Der junge russische Offizier nutzte seinen Vorteil. »Dich wird man auch holen!« sagte er lässig. »Vorige Woche erst haben die örtlichen Behörden nach dir jefragt!« »Mein Knie ist lahm. Das weiß man!« »Man kann auch auf einem Bein stehen. Irgendwie wird man dich schon verwenden. Wer jetzt nicht mitmacht, ist auf Lebenszeit unmöglich jeworden ... Willst du hier sitzen und mit Maman und der dwatschen Muhme Whist spielen, während wir kämpfen?« Waldemar Kerkhuß fühlte sich von hinten umschlungen und rasch rechts und links auf die Wangen geküßt. Sein Vater, der Majoratsherr Konstantin von Kerkhuß, war, die hohe und schlanke Gestalt trotz seiner siebzig Jahre noch elastisch aufgerichtet, unhörbar mit dem leichten und wiegenden Gang des alten Weltmanns die teppichbelegten Treppenstufen hinabgeeilt. Seine langen grauen, parfümierten Favoris, die mit ausrasiertem Kinn das längliche, lebhafte Gesicht mit den großen grauen Augen umrahmten, umwehten den Sohn. Ein ganz feiner Duft der Vornehmheit, von Kölnischwasser, von edelsten Zigaretten, ging von ihm aus. Er nahm den Kopf des Jüngeren zwischen seine langen, weißen, gepflegten Hände und betrachtete ihn lächelnd. »So hat dich Gott zurückjebracht!« sagte er. »Komm zu Mama und dann hinauf zu mir!« Baron Konstantin Kerkhuß' Arbeitskabinett lag in dem großen Turm. Helle Fenster waren, wie um der Gegenwart Licht und Luft hereinzulassen, in die sechs Schuh dicken Wehrmauern gebrochen. Auf dem mächtigen Diplomatenschreibtisch dahinter standen die mit slawischen Namenszügen versehenen Photographien der drei Zaren, denen der alte baltische Aristokrat in wichtigen Sendungen und Ämtern, in Petersburg und Tiflis, in Irkutsk und Samarkand gedient hatte. Erinnerungen daran, tscherkessisches Silbergerät, sartische Teppiche, sibirische Mammutschnitzereien füllten das Zimmer. Unzählige Papyrossenstummel deckten das mächtige Bärenfell am Boden. »Beliebe, Platz zu nehmen!« sagte Baron Konstantin. Er hatte eine leichte und vornehme Höflichkeit gegen seinen Sohn wie gegen alle Menschen oder was er als Menschen ansah. Russische Muschiks und Hebräer fielen allerdings nicht mehr ganz darunter. Er schob einen Stoß aufgeschnittener deutscher, französischer, englischer, russischer Broschüren beiseite und strich sich leise seufzend die langen Favoris. Er sah einen Augenblick alt aus. »Was wird nun mit dir?« Die Frage kam Waldemar Kerkhuß unvermittelt. Er sprang finster wieder auf und ging mit langen Schritten von einem der Turmfenster zum anderen, durch die die bleiche esthnische Winterlandschaft mit ihrem Weiß von Schnee und Birkenstämmen und Himmel hereinschaute. Der alte Baron fuhr fort und spielte dabei mit einem bunten Tulaschen Papiermesser in der Rechten: »Ich habe dir weiß Gott nie ein Hindernis in den Weg jelegt. Du wolltest nicht nach Petersburg in die Jarde, Du wolltest nicht in den Tschin ... Sehr jut ... Ich ließ dich Landwirtschaft studieren. Ich überjab dir die Brennerei und die Aufsicht über die Gütter ...« »Es tat wahrhaftig not! Du weißt, wie der Arrondator von Wergel stahl. Wie der Wald von Arromarr aussah! Daß in Alloküll kein Wirt mehr zahlte! Daß in Rait ...« »Jenug!« Der alte Grandseigneur machte eine lässige Handbewegung. Er hatte darin kein ganz gutes Gewissen. Er sah alle Dinge von oben. Er war der geborene Mann des Salons, der großen Welt, der weiten Linien, und alles weniger als ein Krautjunker. »Lasse mich fortfahren: Ich ließ dir deinen Willen. Aber die Zeit ist nicht mehr danach. Man muß ihr Rechnung tragen, Waldemar!« Waldemar Kerkhuß blieb stehen. »Du konntest das noch!« sagte er. »Du bist aus der alten Schule. Zu deiner Zeit fand man sich noch durch! Du warst noch vor dreißig Jahren dabei, als unser Ritterschaftshauptmann der Petersburger Regierung ihre Verfügungen zurückschickte, weil sie nicht in deutscher Sprache waren ...« »Die Dinge haben sich jeändert ...« »... und als sie sich änderten und die asiatischen Jouverneure und die Verfolgungen kamen, zähltest du doch immer noch in Petersburg zu den Sphären. Du hast nach rechts und links jelebt. Du hast das Kunststück fertigjebracht, es den Deutschen und den Russen recht zu machen!« »Nimm dir ein Beispiel daran, Waldemar!« »Nein doch ...! Ich kann das nicht mehr, was du noch jekonnt hast!« »Wie denn nicht?« »Du sprichst Englisch und Französisch wie Deutsch. Aber du sprichst jetzt noch schlecht Russisch. Du wirst es auch nicht mehr lernen!« Der alte Aristokrat bejahte mit einer Bewegung des trockenen, vornehmen Kopfs. Es war bei ihm und seinesgleichen ein bewußter Hochmut seines Lebens gewesen, daß er sich niemals die Mühe gegeben hatte, ordentlich die Sprache des Barbarenreichs zu lernen, dem er diente. »Du hattest es nicht nötig, Papa! Du warst rein deutsch erzogen. Zu deiner Zeit unterrichtete man in der Revaler Domschule und in den Hörsälen in Dorpat deutsch.« »Jewiß doch!« »Ich mußte meine Bildung schon in russischer Sprache jenießen! Ich wurde nicht jefragt! Man drängte mir als Junge schon Halbasien auf. Wehre ich mich nicht dajejen – was wird dann aus denen nach uns?« »Man wird es sehen ...« »Sollen die Kerkhuß künftig mit der Jabel in die Schüsseln fahren und stehlen wie ein Tschinownik und schließlich orthodox werden und am Ostersonntag ihren Dwornik küssen? ... Man muß ja nicht dasein! Aber wenn, dann nicht so, daß sich unsere Vorfahren in den Särjen umdrehn!« Waldemar Kerkhuß sah den Vater grimmig, aus groß leuchtenden blauen Augen an und hinkte, die Hände in den Taschen, ungestüm auf und ab. Auch Baron Konstantin erhob sich. »Was hilft das alles!« sagte er. »Du kennst das esthnische Sprichwort: ›Kuhu sa lähed, igal poolel karu kahe pojaga ees!‹ Wohin du auch gehst, findest du den Bären mit zwei Jungen. Wohin wir jehen, finden wir den russischen Bären. Wir jehören seit zwei Jahrhunderten zu Rußland. Das Land unter unseren Füßen ist russische Erde. Die russische Jeschichte haben wir jemacht! Wir haben den Zaren jedient. Wir haben sie, wenn es not tat, auch umjebracht! Wir haben die Kriege für sie jewonnen. Wir haben ihrem Jesindel von Beamten auf die Finger jeklopft, wenn es zu unmenschlich stahl! Wir haben die russische Jesellschaft aufrecht jehen jelehrt ...« »Und was nun als Ende? Ein Wort Deutsch auf der Straße, und du bist auf der Verschicktenliste, wenn du den Asiaten nicht noch rechtzeitig schmierst!« Der alte Baron setzte sich wieder. Müde. Bleich. Er legte die langen, spitzen Finger über dem Knie zusammen und sah vor sich hin. »Was soll man also tun!« sagte er leise. »Aber ja ... Du weißt vielleicht jar nicht ... Metztak ist nach Deutschland ... Mit Kind und Kegel ...« »Eilard ... der die zweite Engefer'sche zur Frau hat, sagte es mir in Reval!« »Ja, was denn: Passen wir denn nach Deutschland? Deutschland ist eine andere Welt! Du stehst dort in Reih' und Jlied! Wir sind Herren und an Freiheit jewöhnt!« »Unsere Freiheit, hier in Rußland!« »Abber gut: Jehn wir nach Deutschland ..! Sollen wir unsere Schlösser auf dem Rücken mitnehmen? Wir sind doch keine losen Leute! Wir sind doch hier an die Scholle jeschrieben, so gut wie ein esthnischer Wirt unten an sein Jesinde! Man würde uns unsere Gütter nehmen! Was ist ein Mensch ohne Gütter? Er ist nichts!« »Alexander Metztak ...« »Metztak hat sich das seit Jahren überlegt. Er hat seine Gütter noch im Frieden verkauft. Jetzt kann es niemand mehr. Wer jetzt nach Deutschland jeht, wird ein Bettler! Da unten schießt Robin mit der rechten Hand auf Krähen. Wenn du auf den Jedanken kämst, nach Deutschland zu jehn, tätest du ihm einen jroßen Jefallen. Dann erbt er das Kerreküllsche Majorat ...« Waldemar Kerkhuß setzte sich auch, legte die Hand auf die Stirne und sah düster vor sich hin. »Wir haben ja Wappenvettern in Mecklenburg, Waldemar! Nach dem Kriege könnte man sich bei ihnen für dich verwenden! Vielleicht könntest du es bei ihnen zum Inspektor bringen!« sagte der alte Herr mit lächelnder Überlegenheit. »Aber nun bleibe und erwäge das dritte: Was ist das nach dem Kriege? ... Was kann dann von Deutschland noch übrig sein?« Er nahm einen kleinen Globus, der auf dem Tisch stand, und drehte ihn aufmerksam hin und her. »Da ist die Welt, Waldemar ...« »Ich kenne sie. Eben reiste ich doch aus der Welt in diesen Winkel zurück ...« »Und da ist ein Fleckchen in Europa – nicht größer als der Stern auf meinem Wappenring – das ist Deutschland.« »Wenn es nach der Zahl jinge,« sagte Waldemar Kerkhuß wegwerfend, »dann wären die Undeutschen hier im Lande die Herren und nicht wir!« »Wir haben das Eijentum, aber nicht die Macht. Wir waren seit dem Ausjang des Ordens nicht mehr imstande, einen Staat zu bilden. Das Deutsche Reich ist ein Staat. Ein neuer Staat. Ein Staat von jestern!« Baron Konstantin stellte den Globus hin. »Das Deutsche Reich war für uns hier kein Sejen, Waldemar! Es hat Rußland erst jejen uns Balten argwöhnisch jemacht!« Waldemar Kerkhuß trat dicht vor den Vater hin. Er hatte noch seine nachlässige Haltung und die Hände in den Taschen. Aber seine Stimme war, in ihrer flüsternden Eindringlichkeit, sonderbar bewegt. »Nun will ich dir das jroße Jeheimnis sagen, Papa! Dieser Krieg jeht nicht jejen das Deutsche Reich.« »Wie das?« »Er jeht auch nicht jejen Deutschland!« »Erkläre dich ...« »Er jeht jejen alles, was auf der Welt deutsch ist! Ich habe die Welt jetzt jesehen! Ich weiß es. Er jeht jejen alles, was deutsch ist, und darum auch jejen uns!« Er richtete sich zornig auf. »Denn was wir sind, das sind wir, weil wir deutsch sind! Unsere Sprache ist deutsch. Unser Wappen ist deutsch. Unser Name ist deutsch. Unser Glaube ist deutsch, unsere Vorfahren waren deutsch. Mit Preußen hat das nichts zu tun. Auch nicht mit dem neuen Deutschen Reich. Aber mit dem deutschen Wesen.« »Das deutsche Wesen, mein Sohn, wurde noch niemals vernichtet!« »... weil es noch niemals in der Weltjeschichte England zum Feind hatte! Ich komme von drüben. England will ein jroßes Nichts, wo früher irgendwo etwas Deutsches war, und ihr hier in Rußland leistet ihm Fuß- und Spanntag, so wie früher der Wachtkerl die Bauern zur Hofarbeit rief. Sollen wir selber mitmachen in dem jroßen Kreuzzug aller Völker jejen das Deutschtum? Wir könnten jeradesogut Selbstmord bejehen! Es ist Selbstmord! Auf der janzen langen Heimreise, vom Tag der Kriegserklärung ab, habe ich es mir jeden Tag jesagt ...« Der alte Baron Konstantin saß trübe in seinen Sessel zurückgesunken. Endlich versetzte er: »Wenn du es schon Selbstmord nennst, daß wir bei Rußland bleiben, so ist es ein noch jewisserer Selbstmord für uns, mit Deutschland zu jehn, das uns ferne ist, uns nicht erreichen, uns nicht helfen kann!« »Mag sein, daß das eine ein jeistiger, das andere ein leiblicher Selbstmord ist!« »Was willst du also tun?« »Ich weiß es nicht.« Waldemar Kerkhuß ging aus dem Zimmer. Als er am Abend allein mit seiner Mutter saß, hielt er verträumt, wie er als Junge getan, die Kinderhand der kleinen, feinen, zarten Dame in der seinen und unterbrach die dämmernde Stille, in der nur die Holzscheite im Ofen krachten und der Seewind draußen stöhnend um Kerreküll strich. »Du hast mich beten jelehrt, Mama! Was ist das für eine Welt, in der man nach Sibirien überschrieben wird, wenn man die Sprache spricht, in der man betet?« Die Baronin Lisa von Kerkhuß war keine Baltin, sondern eine Petersburgerin von deutsch-russischem Beamtenadel. So lange sie nun auch schon hier lebte, sah sie doch das Land und die Leute mit ihren eigenen Augen. Sie war noch frömmer als viele um sie, trotz des Anflugs der großen Welt vom Strand der Newa, so wie es ihr das streng luthergläubige Elternhaus mit ins Leben gegeben. Sie hatte das stille Lächeln eines Menschen, der gerade, weil ihm das Schicksal alles in den Schoß geworfen, viel über das Schicksal nachgedacht hatte. »Das Beten war es auch, Waldemar!« sagte sie. »Was half's?« »Wir waren's. Die Mütter, die Frauen überhaupt ...« »Was meinst du damit?« »Ihr Männer seid seit Jahrhunderten in die Weite hinaus. Gerade die Besten unter euch, weil euch das Ländchen zu klein war. Manche von euch sind überhaupt draußen in Rußland geblieben. Andere, als sie wiederkamen, waren halb verrußt. Die Frauen haben immer hier unterdessen auf euch gewartet. Mit ihnen konntet ihr nicht Russisch reden. Denn sie haben es nie gelernt. Sie waren nie in Rußland. Sie brachten euch immer wieder zur deutschen Art zurück und erzogen das nächste Geschlecht immer wieder deutsch. Die Welt gehört jetzt scheinbar den Männern. Aber von den Frauen kommt doch schließlich alle Stetigkeit in der Welt.« »... hätte ich die Kraft zu einem Entschluß ...« »... ich wollte, du träfst die Frau, die dir den Weg weist ...« Waldemar Kerkhuß beugte sich vor und küßte die Hand seiner Mutter. Der alte Baron trat ein. Sofort hatte der Sohn wieder sein kühles Gesicht und sagte: »Ich möchte morjen die Wurst anspannen lassen!« »Wohin?« »Nach Kuistefer. Zu Speerreuter!« Die Wurst war das Waldfahrzeug: ein langes, schmales Brett auf vier Rädern, auf dem man rittlings saß und die Füße auf zwei Seitenkufen stützte. Davor ein starker Gaul. So ging es über schwammigen und schwappenden Moosboden, zwischen hohen Kieferstämmen, durch Birkenbusch, langsam, aber man kam doch eher zum Ziel als auf dem weiten Umweg um die Heide, auf halb aufgetauten, halb schneeverwehten, für Schlitten und Wagen gleich schlecht fahrbaren Straßen. Beinahe noch mitten in der Wildnis tauchte das bescheidene Herrenhaus des Waldguts Kuistefer auf. Arwed Speerreuter trat heraus und begrüßte den Freund. Auf seinem vollbärtigen, gebräunten Gesicht flammten in der Winterkälte die mächtigen Göttinger Schmisse. An der Wand drinnen hingen die gekreuzten Schläger, hing das dreifarbige Band, hingen die bunten Korpsmützen. Einmal im Jahr fuhr er vor dem Krieg regelmäßig in das Ausland zur Alma mater , zu jungen Gesichtern und alten Freunden, zu Kommersgesang und Vergessenheit in freier deutscher Burschenherrlichkeit. Ein Glanz von ihr lag über dem verschneiten Dach im esthnischen Wald. »Bist du noch nicht verheiratet?« frug Waldemar Kerkhuß, nachdem sie sich geküßt, und vertrat sich die langen, vom Wurstreiten steifen Beine. »Hast du eine Frau?« »Nein. Aber man wird doch einmal schließlich ... Und was treibst du hier? Bist du wieder bei deinen Studien über die esthnische Frage?« Baron Speerreuter war ein wilder Korpsstudent gewesen. Aber er hatte sich doch den deutschen Doktorhut der Staatswissenschaften mit heimgebracht. Auf seinem Schreibtisch lag ein Schriftstück in esthnischer Sprache. Die eben noch benutzte Feder daneben. »Es sieht bei dir aus wie bei einem Pastor, der seine Predigt am Sonnabendnachmittag aufsetzt!« sagte Waldemar Kerkhuß, sich in dem versessenen Kanapee reckend. »Es riecht auch so nach deiner langen Pfeife ... Es ist lange her, daß wir zusammen die Nächte aufjesessen und im Jeist die Welt hier verbessert haben!« Der alte Korpsstudent setzte sich ihm verkehrt auf dem Stuhl gegenüber, die Ellbogen über der Lehne. »Du weißt: ich jehe immer von Ostpreußen aus!« sagte er. »In Ostpreußen spricht alle Welt Deutsch. Warum? Weil der Orden die Undeutschen jezwungen hat, Deutsch zu lernen! Wir hier im Baltenland haben die Undeutschen verhindert, es je zu lernen. Wir haben die Leibeijenschaft lange vor Rußland aufjehoben ... jewiß ... aber näherjebracht haben wir uns die Letten und Esthen nicht. Der ›rote Strich‹ jeht nicht nur zwischen Hof und Bauernland, sondern auch durch die Menschen!« Waldemar Kerkhuß machte eine leichte, bejahende Bewegung. Der andere fuhr fort: »Du bist einer der wenigen hier im Lande, der von Kind auf janz in die Jeheimnisse dieser esthnischen Welt einjedrungen ist. Du sprichst Esthnisch wie ein Esthe, du besitzt das Vertrauen der Esthen. Sie frugen mich oft, wann der junge Kerreküllsche Baron wiederkommen würde. Mit dir kann man über die Fehler der Vergangenheit reden. Was haben wir davon, daß der Sachse den Esthen nicht zu sich kommen ließ? Der Moskowiter zertritt sie beide! Vereint könnten Deutsche und Esthen und Letten ihm widerstehn! Jetrennt nicht!« »Aber wie kann man das jetzt noch erreichen?« »Nicht nur eigenes Land sollen wir dem jeben, der mit uns dies Land bewohnt, sondern mehr!« sagte Arwed Speerreuter ernst und legte dem Freund die Hand auf die Schulter. »Rechte. Freiheit. Dann jehört er zu uns. Dann hat nicht er allein eine Zukunft, sondern auch wir.« »Jlaubst du noch an eine Zukunft, Arwed?« »Jewiß doch!« »Woher denn ... sage ...« Arwed Speerreuter war so eingefleischt deutsch, daß er nur stumm hinab nach Südwesten deutete in die Richtung, in der das Deutsche Reich lag und wider die Welt rang. Baron Kerkhuß zuckte die Achseln. »Ich will dich nicht traurig machen. Wie könntest du auch von hier aus bejreifen, was auf der Erde vorjeht? Die janze Menschheit hat sich jejen Deutschland verschworen. Man klopft sein Ende auf der Welt aus, wie hier der Hammer des Kirchspielauktionators.« »Ich jlaube an Deutschland.« »Es sind zehn jejen einen!« »Pah! Ich habe in Jöttingen in einem Semester siebzehn Jejner hintereinander abjestochen! Auf die Zahl kommt's nicht an!« »Warum jehst du denn nicht nach Deutschland?« »... weil ich Esthland nicht im Stich lassen will! Uns nicht und die Esthen nicht! Wir jehören zusammen! Verachte mir den Kerl in Schafpelz und Pasteln nicht, Waldemar! Wir haben viel an ihm gutzumachen! Jahrhunderte haben an ihm jesündigt! ... Er wird frei werden. Aber über uns hinweg, wenn uns Deutschland nicht hilft, statt daß uns Rußland zerstört.« Waldemar Kerkhuß schwieg. Viel ging in seinem Kopf umher. Der Stolz des Besitzenden und der Verzicht des Erkennenden. Das Gestern und das Morgen. »Ich wollte, ich hätte deinen Jlauben!« sagte er, als er nach einer Stunde wieder vor das Haus trat. Draußen hielt jetzt statt des Wurstwagens, auf dem Umweg um den Wald nachgekommen, ein Gefährt, wie es des Erben von Kerreküll würdig war: vier Hengste in einer Reihe nebeneinander. Der Kutscher dick auswattiert, die rote Schärpe um den Leib, den Kranz von aufrechten Pfauenfedern um die Mütze. Er hielt die Beine gegen das Fußbrett gestemmt, bändigte voll Kraftanstrengung mit abgespreizten Armen das Gewirr von Zügeln. »Er wird dich umwerfen! Du bleibst im Weje stecken.« Baron Kerkhuß deutete nach dem Möwengeflatter an der nahen Küste. »Ich fahre durch das Meer!« »Nach Narraks?« »Ja.« »Zum alten Wiffenhausen?« Waldemar Kerkhuß lachte, während er einstieg. »Zu wem sonst?« Der andere faßte ihn an der Schulter, als könnte er so wagen, Kutscher und Hengste zurückzuhalten. »Du sollst nicht hin. Sie ist wieder da.« »Ich weiß doch!« »Du hast dich schon zweimal in sie verschossen ... Du bist schon einmal abjeblitzt!« »Nein!« sagte der Baron Kerkhuß hochmütig. Er war einer der reichsten Erben des Landes. »Ich kann sie jeden Augenblick haben!« »Und wenn ... der alte Wiffenhausen ist verrückt!« »Jewiß!« »Die Mutter ist eine Russin! Sie sitzt in Petersburg. Die Eltern leben jetrennt!« »Nun lasse sie doch jetrennt leben! Was jeht es mich an!« »Wenn du die Tochter heiraten willst ...« »Das habe ich nicht jesagt!« Waldemar Kerkhuß knöpfte sich gleichmütig den Pelz zu. »Ist sie nicht schön?« »Aber freilich ist sie schön ...« »Nun. Ich möchte sie mir wieder einmal ansehen.« Der junge Balte sagte es mit der Ruhe eines Mannes, der die Wahl unter vielen Dingen im Leben hat. Der Kutscher gab den Hengsten die schäumenden Köpfe frei. Der Wagen flog, wie aus der Pistole geschossen, davon, bis die ersten flachen Wellen der nahen See die Hufe umspülten. Von da ab ging es Schritt in dem weichen Sand des Meerbusens, der tief in die esthnische Küste einschnitt. Durchquerte man das flache, eine halbe Stunde breite Strandwasser, so sparte man fünf, sechs Werst Weges. Waldemar Kerkhuß saß in dem Wagen inmitten der grauen, im Winde wandernden Ostseewellen wie in einer Gondel. Die Gäule platschten und prusteten. Der Kutscher suchte aufmerksam die Furt. Das Wasser umrauschte die Räder, stieg, lief in grauen Bächen bis innen auf den Boden. Der Baron zog phlegmatisch die Beine hoch. Man war hier an viele Dinge gewöhnt, über die man im Ausland einen gewaltigen Lärm erhoben hätte. Die Möwen schrien. Es gab einen Stoß. Der feste Boden rumpelte unter den Rädern. Man war am jenseitigen Ufer angelangt. Ein Mittelding zwischen baumbestandener Viehweide und einem ganz verwahrlosten, einst prachtvollen Park reichte bis hinunter. An seiner oberen Grenze stand die Trümmerstätte eines weitläufigen, niederen Herrensitzes. Nur der eine Flügel war notdürftig unter Dach und mit Fenstern und Türen versehen. Sonst ragten nur die brandgeschwärzten Umfassungsmauern im weißen Tanz vereinzelter Schneeflocken. »Dein rechter Außenjaul ist unwürdig!« schrie es heiser und durchdringend von einem Baum. Der alte Wiffenhausen saß hoch da oben, das Fernrohr in der Hand, wie ein greiser Seeadler, der von seinem Horst aus den Strand mustert. Waldemar Kerkhuß schaute gelassen hinauf. Er kannte die Narrheiten des Alten. Er wartete, bis jener mit einer für sein weißes Haar erstaunlichen Behendigkeit eine Art von Leitersprossen herabgeklettert war und klein und hager vor ihm stand, nicht in jener sagenhaften, längst verschollenen bunten Verschnürung eines seit Jahrzehnten zu einförmigen, russischen Dragonern umgewandelten Husarenregiments seiner Jugend, die er sein Leben lang herausfordernd hier auf dem Lande trug, sondern in einem gelblichen Koller aus Elenhaut auf dem Leib, einer norwegischen Bärenjägermütze aus dem Fell eines Igels auf dem Haupt. Unter den hochgesträubten Stacheln und dem herabhängenden Igelkopf flammten weit aufgerissen und kriegerisch seine blauen Augen. Noch vor fünfzehn Jahren war er damit umgegangen, seinem Nachbarn, dem Alt-Sötthaster, wegen einer Kuhweidegerechtsamkeit Fehde anzusagen. »Nun – da bist du ja!« sprach er, als hätte er den anderen längst erwartet. »Nun komm!« Sie gingen zusammen durch den Schnee. Dem alten Wiffenhausen ragte der Griff einer Pistole aus der Hosentasche. Drei kälbergroße russische Windhunde umbellten ihn. »Den vierten habe ich dieser Tage wejen Unjehorsam hinrichten müssen!« schrie er durch den Lärm. »Er hängt dort an der Linde.« Verrückt ... dachte sich Waldemar Kerkhuß. Dann frug er, beim Anblick der langen Reihe ausgebrannter Fensterhöhlen vor ihnen: »Warum baust du Narraks nicht wieder auf?« Die Augen des Alten wurden noch weiter. »Ich? Wie denn? Meine Untertanen haben es vor zehn Jahren, bei dem Aufruhr, anjezündetl Sie sollen es auch wieder aufbauen. Ich nehme kein Jeld von der Rejierung! Ich verlange Jehorsam!« »Aber umsonst.« »... weil ihr schlaff jeworden seid wie die Kälberschwänze! Ich bin der letzte Edelmann! Es waren früher bessere Zeiten ... Sie endeten schon in meiner Jugend! Stockprüjel! ... Bis zu tausend Hieben jab man einem Dorf an einem Tag. Noch mein Vater ließ bei den Unruhen von 1858 die Kerle enorm prüjeln. Sie küßten den Stock und waren zufrieden!« Er feuerte einen Pistolenschuß gegen die Hausruine, um die Ankunft des Gastes zu melden. »Man fing damals einen Pferdedieb,« sagte er, in die gute alte Zeit verloren. »Man band ihn auf ein Brett, so daß die Kante über seinen Kopf hinaussah, stieß das Brett ein paarmal umgedreht auf den Boden, band ihn los. Dem Kerl war kein Haar jekrümmt! Er verbeugt sich und läuft davon! Am nächsten Morjen lag er tot im Jraben. Mache das jetzt einmal! Du bekommst nur Ärjer mit den örtlichen Behörden!« »Wie wirtschaftest du nun mit abgebrannten Jebäuden?« »Ich hatte jesejneten Strand!« Nikolai Wiffenhausen deutete mit der noch rauchenden Pistole nach dem fernen Ende der Bucht, wo sich ein gebauchter, halb versunkener Schiffsrumpf mit schrägliegenden Masten aus dem Küstenwasser hob. »Es strandete eine Barke mit Jetreide. Ich bekam die Hälfte der Ladung. Das Jetreide war aber naß jeworden!« Der alte Wiffenhausen erzählte das wie eine Naturmerkwürdigkeit. Man sah es seinem verächtlichen Lippenzucken unter dem aufgedrehten weißen Schnurrbärtchen an, daß er sich sein Strandrecht viel lieber, und nach seiner Meinung mit Recht, mit bewaffneter Hand geholt hätte. Er setzte in dem düsteren Flur seine Stachelmütze einem sechs Fuß hohen Bären auf den Kopf, der da aufrecht ausgestopft, einen betreßten roten Türschweizerfrack über dem Pelz, stand. Er mußte sich dazu auf die Fußspitzen heben. »Kannst du dir vorstellen?« sagte er dabei. »Meine Frau, die Fürstin, läßt ihre besten Muffen zu Pelzmützen verarbeiten ... Libbesjaben für die sibirischen Scharfschützen! Nun – mag siel« »Wie jeht es ihr?« Der Alte riß die Augen auf. »Wie soll ich das wissen? Ich habe sie seit zwanzig Jahren nicht jesehen! Sie ist in Petersburg. Sie hat mir Kaja herübergeschickt! Kaja ... Waldemar ist jekommen!« »Aber wir sahen ihn ja schon im Meer!« »Wir dachten, er wollte ein Bad nehmen ...« Graf Wittekind von Herzerode, Waldemars rechter Vetter, saß vertraulich neben Kaja. Petersburger und Petersburgerin beieinander. Er war ein großer, schlanker, junger Mann mit einem vornehmen, regelmäßigen Gesicht. In diesem Gesicht, manchmal auch in den Bewegungen, war etwas Fremdartiges, etwas Weiches, und Waldemar Kerkhuß dachte daran, daß jener ja eine russische Mutter habe. Ebenso wie Kaja Wiffenhausen. Sie besaß die nordischen blauen Augen, das reiche blonde Haar, die rosige Haut ihres Landes. Aber dies Antlitz mit der leicht gebogenen Nase, den roten, geschwellten Lippen hatte den eigentümlichen, etwas verächtlichen Ausdruck einer Moskauer Schönheit. Ebenso wie sie, nur dunkel, hatte ihre Mutter, die Vollblutrussin Fürstin Manuchin, in ihrer Jugend ausgesehen. Sie ist auch nicht mehr ganz jung ... dachte sich Waldemar Kerkhuß. Was wird sie sein? Zu Mitte der Zwanzig ... Er war plötzlich schweigsam geworden, saß da und trank seinen Tee. Man konnte nicht recht ersehen, warum er eigentlich gekommen, da er kein Wort sprach. Aber hierzulande machte jeder, was er wollte. Die beiden anderen schwatzten weiter. Von Petrograd. Sie schienen miteinander sehr vertraut. Waldemar Kerkhuß beobachtete sie. Er frug sich: Wird sie ihn heiraten? Er hat ja nichts außer seinen Petersburger Verbindungen ... Sie ist ein schönes Mädchen ... Eine ganz leichte Welle von Asien kam von den beiden. Petersburger Siegesdünkel. Russische Oberflächlichkeit. Moskauer große Welt. Sie plänkelten spielend miteinander, wie um ihn zu reizen. Er hörte ihr weiches, lachendes Französisch. Er sagte sich in einem Anflug von Schwermut: Wer sie heiratet, hat keine Ruhe mehr im Leben. Wie sollte er noch Zeit zu etwas Vernünftigem finden? Er muß immer hinter ihr her sein ... immer ... Jetzt redeten sie auch noch Russisch. Sie kamen, ohne sich dessen bewußt zu werden, von einer Sprache in die andere. Kaja Wiffenhausen hing eng mit ihrer vornehmen russischen Verwandtschaft zusammen. Das ganze Jahr war sie bei der Mutter, der Fürstin, in Petersburg oder auf Reisen, in der Krim, an der Riviera, in Paris. Sie zog, wen sie heiratete, unfehlbar in die Macht ihrer Schönheit, ihren Mann mit in ihre Kreise – in jene Welt des Newskij-Prospekts, wo ein Empfehlungswort eines Mitgliedes des Ministerkomitees oder des Ministeriums des Kaiserlichen Hofes, ein Kopfnicken des Zaren ein gemachtes Lebensschicksal bedeutete. Herzerode war solch ein Streber. Innerlich ganz verrußt. Waldemar Kerkhuß dachte sich: Er spricht in Petersburg seinen eigenen Namen schon russisch aus: ›Gerzerodde.‹ Wer Kaja Wiffenhausen heiratet, der geht nach Asien. Fällt in slawische Schlingen. Die Alte ist klug, ebenso klug, als sie jetzt fromm ist und in ihrer Jugend liederlich war. Sie hilft einem schon weiter. Schön ist die Tochter ... schön ... »Nun – was sitzen Sie wie eine Eule?« frug Kaja herüber. Sie hatte nach russischer Art eine Wolke feinen Parfüms um sich. Graf Herzerode drehte ihr eine Papyros und hielt ihr das fertige Röllchen zum Anfeuchten hin. Sie glitt mit der roten Zungenspitze über das Seidenpapier und fuhr fort, den edel geschnittenen Kopf noch dicht an Herzerodes Hand mit dem elektrischen Flämmchen aus der Silberhülse: »Sind Sie jetzt immer so schweigsam?« »Was soll man sagen?« »Nun, erzählen Sie vom Ausland!« »Es ist nichts zu erzählen! Die Welt jeht unter!« »Wir beide nicht!« sagte Wittekind Herzerode zu Kaja, und beide lachten. »Petrograd nicht!« »Im Jejenteil!« »Das Leben ist dort auf der Höhe. Alles drängt sich da.« »Wozu?« »Man sichert sich seinen Platz für die Zukunft. Viele Polen trafen bei Hofe ein!« »Gott mit ihnen!« »Sehr viele vornehme Engländer ...« »Ich sah ihrer jenug!« »Franzosen. Amerikaner. Wann kommst du?« »Sie müssen sich eilen!« sagte Kaja Wiffenhausen. »Anfang Januar gehe ich nach der Krim.« »Ja, wie denn ...? Es ist doch Krieg?« »In Jalta merkt man, gottlob, gar nichts vom Krieg. Alle schreiben es.« »Also eile dich!« sagte Wittekind Kerzerode etwas spöttisch, mit der Ruhe eines, der seinen sicheren Platz innehat, gegenüber dem Zögernden. »Man erwartet dich in Petrograd!« »Was soll ich dort?« »Was wir alle tun! Dienen kannst du mit deinem lahmen Knie nicht! Also mache dich dort nützlich. Man braucht für die vielen Ausländer Leute von Welt ...« »Erwarten kannst du mich, aber kommen werde ich nicht.« »Wo willst du denn bleiben? Du mußt doch etwas tun während des Kriegs!« Waldemar Kerkhuß erwiderte nichts. Er stand plötzlich auf und griff nach seiner schwarzen Persianermütze. Kaja machte keine Miene, ihn vom Aufbruch zurückzuhalten. Sie lachte nur und sagte zu ihrem Freund: »Ich glaube, Waldemar bleibt hier im Lande! Da kann ihm nichts passieren!« Kerkhuß nahm finster den Pelzmantel um, ohne den Diener abzuwarten. Sie fuhr, zwischen zwei Zügen aus der Zigarette, fort: »Er wird hier heiraten! Er hat doch drüben in Nois die drei Schwestern sitzen! Sie warten auf ihn seit zehn Jahren. Sie warten auch noch weitere zehn Jahre. Die Saxesons haben ja auch sonst im Leben nichts zu tun!« Der alte Wiffenhausen war verschwunden. Er war, einen Knüppel in der Hand, im Husarensitz auf der Stalldecke eines rasch losgemachten Pferdes, hinter Holzdieben in den Wald geritten. Waldemar Kerkhuß warf sich düster in den Wagen. »Nach Alt-Sötthast ...« »Barona ...« »Nach Alt-Sötthast!« »Es sind dreißig Werst!« »Fahr zu!« Er wickelte sich wild in seinen Mantel, wehrte mit einer Handbewegung die Einreden vom Bock her ab, als ob er im Sommer eine Pferdebremse verscheuche. Die Hengste jagten los. Schneebrei spritzte um die Räder. Eintönig zog draußen das Esthenland vorbei. Der endlos lange weiße Schaumstreifen der Brandung an den Klippen, fern in der grauen Unendlichkeit Qualmwolken von unbekannten Dampfern über dem Meer. Knisternder Herdrauch aus niederen Fischerhütten am Strand. Das Knarren entgegenkommender Bauernwägelchen. Zuweilen finstere Blicke aus ihnen. Ein Gewimmel kleiner Fuhrwerke, zottiger Heidegäule, umgedrehter Schafpelze: der Krug am Meer. Das einsame, düster unter seinem Schilfdach geduckte Wirtshaus blieb zurück. Die Straße bog in das Innere des Landes ab. Verschneiter Winterwald. Verschneite Gesinde, Bauernstellen, hinter Zäunen. Der Wirt, der Bauer mit der Axt im Busch. Die regelmäßigen Schläge klangen, verhallten. Aus tiefer Stille stieg wieder die deutsche Insel, der Sitz des nächsten Barons, hervor. Der Alt-Sötthaster bewohnte ein großes, neuzeitliches Herrenhaus, das nichts Schloßartiges an sich hatte. Es war vor ein paar Jahren erst auf die Nützlichkeit hin gebaut, wie die Villa eines Fabrikbesitzers neben seinem Betrieb. Im Seiteneingang zur Rechten drang aus einem Gemach zur ebenen Erde der scharfe Geruch des Landes. Da saß Baron Tumme und verhandelte mit den Esthen. Ein Wirt stand, die Kappe in der Hand, und beendete eine lange, eintönige Rede über fünfzig Pud Wiesenheu, ein anderer schnallte sich in der Ecke eine Geldkatze unter den Rock. Er ging im Auftrag des Gutsherrn nach Rußland hinein, um magere Ochsen für die Brennereimast anzukaufen. Der Alt-Sötthaster erledigte einen Dritten, der langsam sprach und einen feierlichen, in sich gekehrten Blick hatte, einer der »Erweckten«, der Sondergläubigen im Lande, mit ihren geheimnisvollen nächtlichen Zusammenkünften und Betübungen. Der letzte, der da stand, ein finsterer junger Mensch, verabschiedete sich in kriechender Demut. »Dem Kerl steckt der Aufruhr im Kopf!« sagte Feodor von Tumme und geleitete seinen Gast in das eigentliche Haus. »Es järt! Es järt schon wieder! ... Meine Frau fuhr über Land! Zu Pastors. Leje ab. Man wird dein Zimmer richten.« Es war ganz selbstverständlich, daß ein Mitbruder an einem Gut vorfuhr und Unterkunft für die Nacht begehrte. Aber Waldemar Kerkhuß lehnte halb geistesabwesend ab. »Ich muß bald weiter!« »Deine Jaule können nicht mehr!« »Du wirst mir welche jeben!« Die Barone setzten sich und rauchten. »Warum bist du in solcher Eile?« »Ich fahre im Lande umher,« sagte Waldemar Kerkhuß. »Vom einen zum anderen. Ich frage jeden: Wie machst du es? Wie findest du dich mit der Zeit ab? Jeder jibt mir eine andere Antwort ...« »Was soll man tun?« »Ja. Was soll man tun? Das ist schließlich überall das letzte ...« Baron Tumme vermied, wenn er es konnte, solche Gespräche. Er war ein großer, gesunder, starker Mann, schlaue, kleine Augen schmunzelten in dem roten, blühenden Gesicht, über dem sich das Haar schon graublond wellte. Um ihn war eine Luft von Wald und Wasser, Acker und Stall. Er war ein berühmter Pferde- und Schafzüchter, Brenner und Forstmann. Bei der allsommerlichen landwirtschaftlichen Ausstellung drunten am Bahnhof vor Reval holte er sich im Frieden jedes Jahr seine ersten Preise. Niemand wußte so raffiniert wie er, wenn sich zum Johannistermin der Landadel im Aktienklub in Reval versammelte, mit den von Hamburg und Schweden gekommenen Spritkäufern fertig zu werden, und soupierte dann dreimal hintereinander beim Whist. »Ich habe jetzt einen Bullen gezüchtet!« sagte er. »Schade, daß er nicht ausjestellt werden kann! Komm! Sehen wir ihn an!« Er griff sich beim Aufstehen an die rechten Rippen und hustete. »Ein Stierkalb stieß mich jestern im Jedränge auf dem Hof! Ich freute mich doch, was das Tierchen schon für eine Kraft hatte.« Waldemar Kerkhuß war sitzengeblieben. »Es jeht jetzt nicht um die Stiere, sondern um die Menschen! Die Menschheit stößt sich. Wir werden jestoßen. Hin und her. Wo ist dein Sohn?« Aber das Gesicht des baltischen Landjunkers flog ein Schatten. »Er studierte in Deutschland. Noch hörte ich nichts von ihm. Man hat ihn wohl interniert. Immerhin. So braucht er nicht zu fechten. Nach dem Krieg kann er hier wieder in Ruhe leben.« Waldemar Kerkhuß dachte sich: Leben ... ja doch ... wenn Leben nur heißt: ein Stück Scholle besitzen und, wie die Zeiten auch sein mögen, weiter vererben ... Gewiß ... den Besitz wird man uns nicht nehmen ... und doch ... die düsteren Blicke auf der Landstraße fielen ihm ein ... die hinterhältigen Verbeugungen des wilden Kerls im Esthenzimmer ... Auch der Besitz ist nicht mehr sicher ... war es schon vor zehn Jahren nicht ... der Boden wankt unter unseren Füßen ... die Weltenwende steigt auf ... der Alt-Sötthaster ahnt davon zwischen Schlempe und Trestern freilich nichts ... »Bleibe doch! Mathilde wird jleich kommen! Es ist jähnend langweilig bei Pastors.« »Ich muß weiter.« Baron Tumme war viel zu gerissen, um bei solchem Wetter seine besten Gäule aus dem Stall zu ziehen. Der Ersatz, den er geliehen, trottete nur so hin. Der Wagen schwankte. Der Wind pfiff. In Waldemar Keikhuß' Seele stürmte es. Dabei fiel ihm allerhand Nebensächliches ein: Man hätte den alten Wiffenhausen nach seinem Bären fragen sollen! Der Alte war doch so toll. Ging dem Bären, wenn die Kugel nicht ordentlich saß, mit dem aufrechten Doppelmesser zu Leibe. War schon mit ihm in das Schneeloch des Winterlagers gestürzt und hatte sich mit ihm darin herumgekugelt. Dabei stand wieder Kaja Wiffenhausen vor ihm. Sie lachte ihn an. Oder lachte ihn aus. Er wandte den Kopf ärgerlich zur Seite, um sie nicht mehr im Geist zu sehen. Drüben, am Waldrand, wohin sein Blick schweifte, standen in der schon beginnenden Dämmerung Urweltgeschöpfe wie große Pferde mit langen Eselsohren und krummen Elefantenrüsseln. Er sah das Elchwild und dachte sich: Es ist unsere alte, breitschaufelige Art. Nicht die neue, aus Sibirien eingewanderte. Dann fuhr er, eine Viertelstunde später, plötzlich aus seiner Versunkenheit auf und gab dem Kutscher von hinten einen leichten Stoß mit dem Stock in den Rücken, als Zeichen: Halt! stieg aus und schritt, ohne ein Wort der Erläuterung, einen Seitenweg hinab, der halb unter Wasser war und einem Wagen kein Durchkommen mehr bot. Ein kleines, uraltes Gutshaus stand mitten im Moor, am Ende der kurzen, verschneiten Sumpfstraße. Es hatte sein Äußeres noch aus langvergangenen Zeiten erhalten. Man kam vom Freien unmittelbar in einen großen, düsteren, mit Ziegeln gepflasterten Raum, in dem das Feuer offen auf dem Herd brannte und der große Kessel darüber hing. An der Wand daneben war ein Brett mit den Werken der deutschen Klassiker. Auf einem Tisch in der Mitte warf eine Petroleumlampe einen scharf gegen das unruhige rote Geflacker vom Herd her abgegrenzten Lichtkegel über eine Häkelei, eine Zeitung, einen Topf geschlissener Federn, ein Schreibzeug und vier blonde Köpfe. Die verwaisten vier Schwestern Saxeson saßen da beisammen, die Letzten des im Mannesstamm schon erloschenen Geschlechts. Sie trugen schwarze Trauerkleidung. Draußen heulte der Wind um das Waldhaus der armen Fräulein, das letzte spärliche Überbleibsel aller Familiengüter. Waldemar Kerkhuß trat ein und setzte sich, in seinen Mantel gewickelt, in die Ecke. Es war, als sei er nicht ein Jahr weggewesen. So war er im Frieden oft um die Dämmerung zu Karin von Saxeson herübergefahren. Nur daß der unbequeme, steife Lehnstuhl am Fenster jetzt leer war. »Wann starb der Vater?« frug er, und die Mädchen berichteten. An einem Sonntag, zu Anfang Juni alten Stils, war der alte Saxeson ausgegangen, so wie immer: die Mückenhaube, ein Drahtgestell mit grünem Florschleier, auf dem Kopf, der dadurch unheimlich und um das Doppelte zu groß für den kleinen, dürftigen Herrn erschien. Man hatte ihn noch gesehen, wie er über den noch nicht gemähten Heuschlag drüben am Walde stieg, bedächtig vor sich her in das Gras klopfend, um die Kreuzottern zu scheuchen. Dann fand man ihn tot auf der kleinen Ruhebank unter den drei Birken, ringsum die summende, duftende, blühend-blumige Frühlingspracht der esthnischen Erde. Ein Schlaganfall hatte ihn der lebenslangen Sorgen um das arme, verkommene Gut Nois enthoben, dessen Schuldenlast auf dem Dache jetzt wohltätig der Schnee deckte. Nun ruhte er schon seit einem halben Jahr neben seiner Frau aus dem Hause der Kerkhuß auf dem Friedhof von St. Jochens. »Und was macht ihr nun?« Was sollten die armen vier Fräulein machen? Sie waren eben hier. Sie waren in Nois geboren, sie waren in Nois aufgewachsen, sie hatten keinen anderen Platz auf der vom Kriegslärm dröhnenden Welt als Nois. »Habt ihr verpachtet?« Eine Bewegung des Schreckens: Arrondieren? Dann blieb überhaupt nichts mehr zum Leben übrig. Wer zahlte denn eine Kopeke für dies bißchen Torfmoor und Birkensumpf und magere Weide, das Nois hieß? »Wer bewirtschaftet denn für euch Nois?« »Ich!« sagte Karin. Rechnungsabschlüsse lagen vor ihr. Herbstlieferung von soundso viel Tonnen Kartoffeln an die nächste Brennerei. Soundso viel Pud Roggenmehl aus der Mühle zurück. Sie hatte eben noch daran geschrieben. »Sie jeht wie ein Verwalter in hohen Stiefeln in den Wald.« »Sie jeht auf die Weide und sieht, daß das Jungvieh heimkommt!« »Zu Johannis bekamen wir einen Brandbrief. Sie hat acht Nächte mit den Leuten bei den Heumieten jewacht! Niemand kam!« Baron Kerkhuß sah stumm die Schwestern an. Die Älteren alterten schon. Karin war die Jüngste. Aber nun schon auch in der zweiten Hälfte der Zwanzig. Sie hatte sich nicht verändert in dem Jahr seiner Abwesenheit. Sie erschien ihm wie ein Bild des Landes selbst, mit ihrem blonden, leicht rötlichen Haar, ihrer reinen, weißen, ein wenig sommersprossigen Haut, dem frischen, ruhigen, nordischen Gesicht mit den klaren, blauen Augen. Er hatte sich oft gefragt, ob sie eigentlich hübsch sei. Augenblicklich fand er es. Das Schwarz stand ihr gut. Dann blickte er auf ihre Hände. Sie waren schlank und von edlem Blut, aber sie zeugten von Arbeit eines viel angestrengten Landfräuleins. Das störte ihn wieder. »Wie wirst du mit den Wirten fertig, Karin?« »Sie zahlen nicht. Es ist eine schwere Not.« »Verklagst du sie?« »Was hilft es beim russischen Jericht? Da kann der Kroonenkull, der Kronshabicht, lang auf dem Tisch stehen. Es jibt doch kein Recht. Schließlich werden sie ja zahlen.« Waldemar Kerkhuß blickte sie so nachdenklich an, als hätte er das blonde, frische Fräulein von Nois noch nie in seinem Leben gesehen. Sie blieb ganz unbefangen. »Was jibt man dir nur zu essen?« frug sie besorgt. »Ich habe nichts im Hause als ein jepökeltes Schaf ... ja, und eine Satte Schmand ...« »Danke, Karin.« »Ich werde dir einen Vorschmack richten... jebackene Kartoffeln und jeräucherte Kilos! ... Eine Flasche Johannisberjer haben wir auch...« Das war ein Fruchtwein, aus Johannisbeeren hergestellt. Der Baron lächelte freundlich und tiefsinnig. »Du bist eine gute Hausfrau, Karin ...,« sagte er. »Sie macht hier alles!« ergänzte ihre Schwester Ara. Und Ode, die Älteste: »Wir wären ohne sie verloren.« Und Elise, die Blasse und Magere, die Herrnhuterin: »Unser weltlich Teil steht bei ihr!« »Vom Beten allein wird man nicht satt!« sagte Karin mit dem Gleichmut eines Menschen, der unbekümmert frisch im Leben zugriff. Der Schein der Lampe umrahmte ihr blondes Haupt mit einem seinen, goldenen Flimmer. Es war doch eine leichte Unruhe auf ihrem gesunden, lebenswarmen Gesicht, eine vorübergehende Blässe auf den vollen Wangen, als sie Waldemar Kerkhuß' Augen aufmerksam auf sich gerichtet fühlte. Da bot er ihr schon freundschaftlich die Hand zum Abschied. »Nun ... ich muß weiter!« sprach er und ging rasch hinaus. Draußen war jetzt schon volle Nacht. Als er durch ihr Dunkel dahinrumpelte, dachte er sich beim Glimmen des Zigarettenpünktchens vor ihm im Schwarz: Kaja Wiffenhausen ist eine unbequeme Frau. Man lebt neben ihr mit der Pistole in der Hand. Sie verschleppt einen zu den Asiaten. Karin Saxeson ist eine bequeme Frau. Sie kann keine Ansprüche stellen. Sie kann nur froh sein, daß man sie nimmt. Wenn ich sie heirate, bleibe ich im Lande und nähre mich redlich. Es wird ein Leben wie beim Alt-Sötthaster drüben. Das mochte früher gut sein. Es füllte im Frieden einen Menschen aus. Er ging in Ruhe seinen Weg. Aber jetzt steht der Wegweiser Krieg in der Welt. Ein Arm weist nach Westen, einer nach Osten. Unser Schicksal ist nicht bei den Frauenzimmern, sondern zwischen Petersburg und Berlin ... Die Lichter von Schloß Kerreküll tauchten aus der Nacht. Die oberste helle Fensterscheibe stand scheinbar schon im Himmel, im Turmzimmer des Barons Konstantin. Der alte Grandseigneur saß vor seinem Diplomatenschreibtisch mit den Bildern der Zaren und strich sich die langen, grauen Favoris. »Butwengen jeht in nächster Zeit nach Bukarest!« sagte er. »Man erzählte es mir in Reval.« »Er besorgt jedenfalls wichtige Anjelejenheiten unserer Rejierung. Bukarest ist jetzt einer der Schlüssel der Welt! Es ist dort sehr viel los!« »Ja. Ich hörte. Es wird dort jestohlen, daß ein Tschinownik sich bekreuzen würde.« »Jieb und lasse andere nehmen! Ich habe es mir überlegt: Etwas mußt du tun! Du bist ein fixer Junge. Du kennst die Welt. Hast jroße Reisen jemacht. Ich werde Butwengen bitten, daß man dich ihm als Jehilfen beijibt!« »... in diesem Jesindel von Bukarest?« »Wenn alle Menschen vornehm wären, wären wir es nicht! ... Sage mir morgen, was du davon hältst.« In einem der unteren Räume traf Waldemar Kerkhuß ein paar Minuten darauf seinen Bruder Robin. Der Petersburger Kavallerist machte, den linken Arm in der Schlinge, den aussichtslosen Versuch, mit der Rechten allein den Billardstock zu handhaben. Der Ältere sah eine Weile finster dem planlosen Lauf der bunten Bälle zu. »Du wirst noch ein Loch in das Tuch stoßen!« sagte er. Der russische Gardekürassier zuckte die Achseln, als wollte er antworten: Wir machen jetzt soviel Löcher in die Menschenleiber. Was liegt an dem grünen Fetzen? Dann meinte er, nach dem Kickser eines Kopfstoßes: »Hast du Papa schon jedankt?« »Wofür?« »... daß er dich da hinten unterbringt ... fern vom Schuß?« »Robin ...« »Du kannst ja nichts dafür! Dir jilt es nicht! Aber es sind die anderen. Bestelle es ihnen von mir: Es sei kein Spaß, jejen die Deutschen zu fechten!« »Auch andere machen sich nützlich.« »Wie denn? Es ist jetzt Krieg. Alle Dinge werden durch den Krieg entschieden. Man muß jetzt Blut verjießen und nicht Champagner!« Von den Wänden sahen die Bilder der Ahnen herab. Der Feldmarschall unter Katharina der Großen mit breitem Ordensband und viele andere in der Uniform der Zaren. Waldemar Kerkhuß lehnte grüblerisch, die Hände in den Taschen, die Papyros im Mund, neben dem Billard. Die Bälle klapperten. Die beiden jungen Barone sprachen eine Weile kein Wort. »Wie lange jlaubst du, daß der Krieg noch dauert, Robin?« Ein kräftiger Stoß in die Elfenbeinkugeln. »Wer sich nicht tummelt, der kommt zu spät!« Der junge Reitersmann hob das hübsche, leichtsinnige Gesicht. »Ich möchte nicht in eurer Haut hier im Inland stecken, Waldemar!« »Schließlich hat jeder selber die Verantwortung, was er tut oder nicht tut. Er muß es hinterher, im Frieden, vor sich rechtfertigen. Das denke ich mir schwer.« »Schwerer noch, als du meinst!« »Da vorn brauche ich über nichts nachzudenken. Man hat befohlen, und ich jreife an. Man hat wieder befohlen, und ich jehe zurück. Es kommt ein dritter Befehl: Bleibt stehen! und ich jehorche! Mir jleich! Ich bin Offizier. Es jeht mich nichts an. Das ist etwas Janzes!« Waldemar Kerkhuß dachte nach. Dann sagte er plötzlich: »Vielleicht hast du recht!« Er stieg, das lahme Knie leicht nachziehend, wieder die Turmtreppe empor und trat bei dem Vater ein. Baron Konstantin von Kerkhuß hob die großen, grauen Augen von einer englischen Broschüre, in der er geblättert. »Ein Wort, bitte, Papa: Wo ist Onkel Paul?« Baron Oxberg, der General? ... Der alte Baron zog die Stirne hoch. Dann sagte er, in seiner gedämpften Art: »Nun ... an der Front. In Ostpreußen.« »Weißt du, wo?« »Man würde es leicht erfahren!« »Ich muß es wissen.« »Wie das?« »Paul Oxberg ist à la suite des Militärstaats des Zaren. Er hat Verbindungen ... ihm ist es möglich, mich trotz meines Beins bei sich einzustellen.« »Du willst dienen ... gegen die Deutschen?« Waldemar Kerkhuß setzte sich. »Ich weiß keinen Ausweg!« sagte er. »Vielleicht ist es das beste, die Augen zuzumachen und an nichts in der Welt zu denken. Vielleicht werde ich meine Zweifel los, wenn man mir befiehlt, was ich tun muß!« 3. »Es ist nichts, Baron Kerkhuß! Der Knall kam nicht von den Deutschen!« sagte einer der beiden jungen russischen Fürsten in Gardeuniform. »Ein Gummireif platzte! Steigen wir aus!« Der Kraftwagen, in dem sie zur Front in Ostpreußen fuhren, stand schräg auf der einsamen, verschneiten Landstraße, die Fahrer knieten neben ihm, wuchteten ihn hoch und lösten die Mutterschraube der Felge. Die zwei langen, vornehm-dünnen Petersburger Offiziere schlenderten lässig voraus. Waldemar Kerkhuß folgte ihnen nicht. Er stand fröstelnd, den Kragen seines Bibermantels hochgeschlagen, die schwarze Lammfellmütze über den Ohren, in der weiten grauen Leere des nahen Kriegs, aus dem sich hundert Schritte vom Weg ein deutscher Herrensitz hob. Er war nicht zerstört. Die russische Garde, die hier lag, überließ das der Linie und den Kosaken. Der Baron Kerkhuß sah das verlassene deutsche Herrenhaus in Gedanken verloren an, dann ging er langsam darauf zu und trat ein. Ein Dornröschenschlaf empfing ihn da drinnen. Nichts rührte sich, außer dem fortgesetzten eintönigen Schlagen von losen Fensterläden und offenen Stubentüren im Wind. Die Betten in den Schlafgemächern waren noch nicht gemacht. Im Eßsaal lagen die aufgeklopften Eierschalen neben leeren Kaffeetassen und steinhartem Brot. Im Kinderzimmer saßen nebeneinander Hampelmann und Puppe. Stickereien füllten ein Körbchen. Am Fenster deutsche Zeitungen. Ein aufgeschlagenes deutsches Buch. Er ging auf den Fußspitzen durch das totenstille deutsche Haus, als könne er Schlafende wecken. Im Zimmer eines der Söhne hingen gekreuzte Schläger über bunter Mütze und Band. Es war genau so wie oben in Esthland bei Arwed Speerreuter auf Kuistefer. Er sah näher hin: Es waren sogar dieselben Göttinger Farben. Die beiden waren Korpsbrüder. Dunkle Ahnenbilder dämmerten unten in der Halle. Gestalten wie in Schloß Kerreküll, nur die verschollenen Uniformen preußisch statt russisch. Dazwischen der Stammbaum. Das Interesse des baltischen Barons war wach. Er trat heran und las. Seine Mienen verfinsterten sich. Wiffenhausen ... Tumme ... Herzerode ... Das sind ja auch unsere Namen. Und da, im achtzehnten Jahrhundert, vier-, fünfmal hintereinander je eine Kerkhuß aus Kurland ... Im Damenzimmer lag ein angefangener Brief: »Liebste Tante! In fliegender Eile ein Lebenszeichen! Wir sind im Begriff, zu flüchten. Die Kinder sind schon fertig, das Silber im Wagen. Das Gestüt ist im Galopp voraus. Bei Stallupönen brennt schon alles. Wir danken Gott, wenn wir hinter der Angerapp sind. Aber wir halten den Kopf hoch. Es ist ja für Deutschland, was wir leiden ...« Hier brach das Schreiben ab. Es trug die Aufschrift des 17. August 1914. Baron Waldemar von Kerkhuß legte es hin. Es ging ihm durch den Kopf: Und wer brachte euch diese Leiden? Er sah sich nicht mehr um. Er schritt rasch in das Freie hinaus. Draußen zogen verstörte Menschen auf Handschlitten armseligen Hausrat, überschneites Bettzeug, Töpfe, Stühle, Küchenkram aus geräumten Häusern. Ein Dutzend alte Männer und Weiber, die nicht mehr mühsam mitwaten konnten, lagen flach auf einem großen Lastschlitten unter einem Leinwandplan und klapperten vor Frost. Kleine Kinder saßen weinend im Schnee und wurden wie Pakete zu ihnen hineingeschoben. Ein Greis kniete vor Waldemar Kerkhuß nieder und hob wimmernd die Hände. »Trautstes Harrchen – erbarmen Sie sich!« »Pascholl!« Russische Gardeulanen trieben mit flatternden Lanzen das litauische Menschenhäuflein mit Vieh und Sack und Pack durch den Schnee nach den rückwärtigen Dörfern. »Was ist da?« »Befehl, die Häuser anzuzünden. Euer Hochwohlgeboren!« »Auch diesen Gutshof gegenüber?« frug Waldemar Kerkhuß. »Auch den Gutshof!« »C'est la guerre!« sagte, als die Fahrt weiterging, der russische Fürst. Baron Kerkhuß zuckte die Achseln. Er dachte sich: Daheim, in Rußland, sprachen die Bauern zu mir in fremder, esthnischer Zunge. Hier, in Feindesland, reden sie zu mir Deutsch ... »Chaque baron a sa fantaisie!« sprach der eine junge Petersburger halblaut zum anderen... die russische Redensart: Jeder baltische Baron hat seinen Sparren! dann laut: »Waren Sie je in Pompeji, Baron Kerkhuß?« »Wie denn nicht?« »Passen Sie auf: Sie werden gleich wieder hinkommen!« Der Kraftwagen wand sich durch eine deutsche Stadt von Mauertrümmern und Schutthaufen. Kahle Hauswände standen sonderbar gezackt und schwarz geräuchert, verkohlte Dachgerippe, schlangenförmige Blitzableiter, geringelte Eisenbalkone starrten wie ein Mummenschanz in diesem Reich von schwarzem Brand und weißem Schnee. »Die preußischen Farben!« sagte der eine Fürst und lachte. Dann russisch zum Fahrer: »Warte hier! Wenn Granaten kommen, fahre irgendwo in Deckung. Ich werde dich schon finden!« »Ich höre, Erlaucht!« Waldemar Kerkhuß dachte sich: Gleich wird er wieder sagen: »C'est la guerre!« und hat recht. Er als Russe. Ja, das ist der Krieg ... Das ist Pompeji. Diese von den Granaten getötete deutsche Stadt, durch deren Trümmerzeilen wir schreiten, ohne ein lebendes Wesen zu sehen, über den Markt mit dem zerschmetterten Kaiserstandbild und dem aufrechten Kriegerdenkmal, an dem geköpften Turm der von russischem Geschützfeuer eingeäscherten evangelischen Kirche vorbei, und es fuhr dem baltischen Baron durch den Kopf: Daheim, in Rußland, bin ich als Evangelischer ein Fremdling im weiten Reich der orthodoxen Kuppeln und Klöster. Hier, in Deutschland, bekennt man sich, wie ich, zu Luther. Eine ausgebrannte Buch- und Musikalienhandlung war da. Die versengten Reste deutschen Schrifttums lagen hinter den zerschmetterten Ladenscheiben. Ein Kopf Beethovens hing noch im Schaufenster. Ein Stahlstich mit Goethes Bild war halb verkohlt. Der Büste Kants fehlte der Hinterkopf ... »Wollen wir rascher gehn, Baron!« Da standen die Umfassungsmauern des deutschen Gymnasiums. Deutsche Schulbücher lagen im Schutt ... Die Überbleibsel deutscher Bildung. Man mußte mit Füßen darauf treten, um über einen Trümmerberg den Ausgang der Stadt zu gewinnen. Auf dem weiten verschneiten Hügel darüber grünte ein Markt von Weihnachtsbäumen, wie ihn Waldemar Kerkhuß früher in Berlin und München gesehen. Hunderte von abgehauenen jungen Tannen staken als künstliches Wäldchen im Schnee. Als die drei hinten an dem Scheingehölz vorbeigingen, sahen sie die verborgenen russischen Geschütze. »Seine Exzellenz ist dort drüben!« Es war da eine zerschossene Ziegelei ... Die Mauerreste ragten brennendrot aus der weißen Fläche. Einige russische Offiziere ritten in ihrem Schutz dahinter ihre Pferde im Kreise. Seitwärts stand ein Gardegeneral, den Pelzmantel über die breiten Schultern zurückgeschlagen. Er hielt das Fernglas vor das strenge, gefurchte Gesicht mit den dunklen Bartstreifen an den Wangen und dem kurzen, dunklen Schnurrbart, ließ es sinken, als er seinen Neffen Waldemar Kerkhuß herankommen sah, küßte ihn auf beide Wangen und sagte auf russisch mit tiefer, fast grollender Stimme, ohne daß sich der eiserne Ausdruck seiner Züge dabei milderte: »Nun, Gott sandte dich! Komm beiseite! Man versteht hier sein eigenes Wort nicht!« Im Tannenwäldchen ließ ein mächtiger, von Amerika gelieferter Mörser seine Donnerstimme erschallen und schickte, wie ein geübter Raucher, einen schönen weißen Ring als Zugabe hinter der Qualmwolke her durch die Luft. Der General Baron Paul von Oxberg auf Pirküll und sein Besucher traten auf das Feld hinaus. Als sie dort allein waren, verfiel Waldemar Kerkhuß hochmütig in das Deutsche. »Ich danke dir, Onkel Paul, daß du mir jestattest hast, mich zu dir zu bejeben ...« »Sprich Russisch!« sagte der General ruhig und hart. Keine Wimper zuckte dabei in seinem Gesicht. »Sonst muß ich dich verhaften und abführen lassen.« »Karaschó! Gut!« Es war ein verächtlicher Zug um die Lippen des Baron Kerkhuß, während er in fließendem Russisch fortfuhr: »Ich schrieb dir, daß ich trotz meines lahmen Beins nicht müßig gehen will.« »Am Abend werden wir darüber reden! Für jetzt mit Gott! Ich gehe nach vorn, in die Stellungen!« »Nimm mich mit!« Baron Oxberg überlegte. Dann sagte er mit der harten Ruhe, in der sein ganzes Wesen erstarrt schien: »Komm!« Als er eine halbe Stunde später mit seiner Begleitung von Adjutanten und Ordonnanzoffizieren in dem äußersten Graben stand, neben zwei kleinen, ihm noch nicht bis zum Knie reichenden Ungeheuerchen von Minenwerfern, denen die zu großen, verschluckten Bissen, die Luftminen, zum Schlund heraussahen, da runzelte er die an sich schon finstere Stirne. Er beobachtete durch das Scherenfernrohr den zweihundert Meter entfernten deutschen Drahtverhau. Waldemar Kerkhuß stand hinter ihm. Die breitknochigen Slawen- und Mongolengesichter umher, der süßliche, widerliche Aasgestank eines russischen Schützengrabens, der kleine japanische Hauptmann, der als Artillerieinstruktor in der Ecke lehnte, alles gab ihm wieder das Gefühl: Asien auf dem Marsch. Asien wider Europa und seine Hochburg Deutschland. »Könnt ihr nicht mehr schießen, Brüder – he?« Der General Baron Oxberg frug es rauh. »Wohin sollten wir zielen. Euer Exzellenz! Da ist ja nichts!« »Seht ihr die Deutschen nicht? Ihr erlaubt es ihnen ja, am hellen Tage auf dem Schnee herumzulaufen!« Hinter der deutschen Linie lebten an ein, zwei Stellen in der weißen, toten Fläche kleine graue Gestalten. Sie wanderten wie verirrte Ameisen nach rückwärts, wimmelten nach vom. Im Rücken der Russen war dasselbe Schneewaten verlorener, brauner Punkte. »Sie lachen euch aus!« Baron Paul Oxberg löste die schweren Hände von den Drehgriffen des Fernrohrs. »Sie gehen nicht einmal mehr im Gänsemarsch! Da, noch nicht eine halbe Werst von hier, machen sie den Rückweg gleich zu viert!« Ein kleines Häuflein deutscher Infanteristen stieg da, im Vertrauen auf den Winterschlaf des Kriegs, durch eine Schneemulde zu den kahlen Obstbäumen einer Landstraße empor. Waldemar Kerkhuß beobachtete sie durch das Scherenfernrohr. »Schießt!« sagte neben ihm der General. »Was willst du, Waldemar Konstantinowitsch? Warum faßt du mich am Arm?« »Beliebe, noch einmal hinüberzusehen, wer es ist, der dort geht!« Baron Oxbergs Antlitz blieb am Fernrohr undurchdringlich. »Nun, was denn? Es ist ein deutscher Feldwebel mit drei Gemeinen!« »Aber der eine von den dreien, der junge, blonde ... erkennst du ihn nicht ...?« »Der links?« »Es ist ein Balte! Der Sohn Erik Stiers aus Kurland!« »Ja, es ist mein Neffe Engelbert!« sagte der General von Oxberg ruhig, und dann zu den Russen: »Was steht ihr? Schießt!« Die Bohlen auf dem Auftritt knarrten unter den Transtiefeln der behende hinaufklimmenden Asiaten. Es knallte jäh auf. Pulverdampf wehte nach hinten in den Graben. Verzog sich. »Sie haben sich drüben in den Straßengraben geworfen und kriechen da weiter!« »Einer kniet noch hinter einem Baum und feuert!« Es war gleich darauf der dumpfe Schlag eines umfallenden Sacks. Der russische Infanterist rührte sich nicht mehr. Er lag, die Beine hoch, den Kopf unten im Graben. An seiner Statt stellte sich Waldemar Kerkhuß oben hin und schaute hochmütig mit einem Krimstecher über die Brustwehr. »Das war Engelbert Stier!« sagte er. »Ich erkannte eben deutlich sein Gesicht neben dem Baum. Der Junge schoß immer wie der Teufel!« »Komm herunter! Was tust du da oben? Man wird dich töten!« »Nun, gewiß töten wir uns in diesem Augenblick gegenseitig!« sagte der junge Balte oben zu dem alten Balten unten auf französisch und hob wieder mit einem verächtlichen Lächeln den Kopf über die Deckung. Drüben fielen rasch hintereinander mehrere Schüsse. Um ihn war ein huschendes, unsichtbares Zwitschern. Die Luft sang und schien ihm wärmer als bisher. Alle Dinge klarer. Der Körper leichter. Eine sonderbare Gleichgültigkeit dabei. »Waldemar Konstantinowitsch, ich befehle Ihnen, herabzusteigen!« versetzte der General in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Baron Kerkhuß stand wieder in der Grabensohle und zündete sich nachlässig eine Zigarette an. »Es wird dir nicht gelingen, deinen Neffen totzuschießen, Onkel Paul! Engelbert Stier kriecht den Straßengraben entlang nach hinten wie eine Katze.« »Er ist schon in Sicherheit!« murmelte oben einer der Schützen. »Weil ihr nicht zielen könnt!« Baron Oxberg sprach es kalt. Er wandte sich mit seinem Gefolge zum Rückweg. Eine Granate heulte unsichtbar heran und warf ein baumartiges, braunschwarzes Rauch- und Staubgebilde aus dem weißen Schnee. Unten im Gang klopfte sich Waldemar Kerkhuß kaltblütig die Schmutzspur eines von oben her an die Brust geflogenen Erdbrockens vom Pelz und sagte gedämpft zu dem Oheim vor ihm: »Und ist das nicht ein Wahnsinn?« »Was denn?« »Wir sind vom selben Stamm und Blut, und wir sind hier, und die sind drüben! Wir wüten gegen unser eigenes Fleisch!« Sie gingen hintereinander. Sie sprachen halblaut, ohne daß der Ältere den Kopf zu dem Jüngeren drehte. »Wenn du das denkst, warum kamst du dann zu mir?« »Ich suchte Sicherheit ...« »Sicherheit? Hier? Angesichts der Deutschen?« »Daß ich die deutschen Kugeln nicht fürchte, habe ich dir eben gezeigt. Ich suchte Sicherheit für mich, was ich tun solle ...« »Hast du das hier gefunden?« »Nein.« Hinter ihnen verlor sich das Geplacker und Geknatter, mit dem eine Front sich an der anderen rieb. Tiefe Donnerschläge dröhnten näher. Man war wieder auf der Oberwelt, neben dem künstlichen Wäldchen, in dem die Mörser rumorten. Hinter der abgebrannten Ziegelei lehnten, Schutz gegen den Wind suchend, Offiziere des zwanzigsten russischen Korps. Waldemar Kerkhuß hörte, wie der eine zum anderen sagte: »Du findest in Riga viele, die nur Deutsch können. Frauen. Du glaubst, sie sind taubstumm, weil sie im Laden nur auf die Ware deuten und sich mit Zeichen verständigen. Aber sie wissen wohl, warum sie keinen Laut sprechen!« Der stumpfsinnige, schmutzige Infanteriehauptmann lachte und fügte hinzu: »... und warum sie kein Kind mehr auf der Straße spielen lassen! Ein Kind vergißt sich. Es lacht wenigstens einmal auf deutsche Weise. Sofort bringt es der Stadtsoldat auf eine Wache. O – man ist jetzt endlich streng gegen sie ... die Deutschen ...« Waldemar Kerkhuß trat weiter zurück. Auf der Straße, die zu dem stillen Ruinenstädtchen hinabführte, hielten Kosaken auf struppigen, die Köpfe nach oben reckenden Gäulen, breite rote Streifen an den Hosen, Werg, Zündschnur und breite, unverlöschbare Zündscheiben vor sich am Sattelknopf. Der General von Oxberg stand mit seinem Stab daneben. Zwei Adjutanten hielten eine Karte des östlichen Ostpreußens. Sein Generalstabschef und er suchten darin ein paar Namen, deuteten auf rot angestrichene Punkte. Waldemar Kerkhuß sah von hinten hinein. Das waren die Dörfer, aus denen man vorhin die Bewohner vertrieben. Das war das deutsche Herrenhaus, in dessen Dornröschenstille er vorhin eine Viertelstunde verbracht. »Es wird alles gleichzeitig bei Einbruch der Dunkelheit angezündet!« sagte der General, »so daß die Deutschen es auf alle Fälle sehen. Sie sollen glauben, daß wir einen Rückzug vorbereiten!« Baron Paul Oxberg faltete ruhig die Karte zusammen und gab sie einem der Offiziere. Er trennte sich von seinem Stab und ging langsam, die Hände auf dem Rücken, den strengen Kopf, der im Schnitt des Backenbarts einem Potsdamer General ähnelte, nachdenklich gesenkt, seitwärts auf und ab, wie ein Truppenführer, der beim Erwägen der Kriegslage nicht gestört sein will. Sein Neffe gesellte sich doch zu ihm. »Wie bringst du das nur fertig, gegen Deutschland zu kämpfen?« sagte er, und durch die Verstandeskühle seines Wesens bebte eine ihm sonst ganz fremde Erregung. Baron Oxberg sah ihn kalt und unerschütterlich an und erwiderte nichts. Sie gingen schweigend weiter. Sie waren jetzt ganz allein im weiten Schnee. Auf hundert Schritte keine Späher und Lauscher. Waldemar Kerkhuß brach los. Er sprach jetzt durch das Brüllen der Geschütze aus dem Wäldchen drüben laut Deutsch. »Wir sind deutsch. Die Jejenwart kann nicht ändern, was die Jahrhunderte jemacht haben. Möjen die Moskowiter hier zerstören, was für sie zu hoch ist ... aber daß wir dem Dschinghiskhan und seinen Horden noch die Fackeln liefern und den Weg nach Deutschland zeigen ... Diese Erkenntnis ist mir jetzt eben bei dir, in dieser Stunde, aufjejangen: Wir könnten jeradeso gut unsere eigenen Häuser daheim anzünden ... Onkel Paul ... sage mir ... wie bringst du beides in dir unter? Ich bejreife dich nicht mehr ...« Er trat dicht an den anderen heran, und ein Schrecken erfaßte ihn. Baron Paul von Oxberg hatte sich mit dem Rücken gegen die ferne Ziegelei hingestellt, so daß keiner der Russen dort sein Gesicht sah. Nun stand auf einmal da nicht mehr der eisenharte, wortkarge russische General. Waldemar Kerkhuß sah in ein von Gram zerstörtes und zerrissenes Gesicht. »Ich diene nicht Dschinghiskhan, sondern Seiner Majestät dem Zaren aller Reußen!« sagte der General von Oxberg und plötzlich auch in baltischem Deutsch: »Ich habe seit mehr als vierzig Jahren jedient. Ich kann mein Leben und den Eid, den ich jeschworen habe, nicht widerrufen. Ich muß jejen mein Jewissen, jejen meine Überzeugung, jejen mein Jefühl das tun, was Rußlands Vorteil jebietet. Ich tue es!« »Das sehe ich!« »Jerade weil ich ein baltischer Edelmann bin, breche ich nicht mein Wort. Jerade der Stolz, den wir unserem uralten deutschen Jeblüt verdanken, zwingt mich, den Deutschen jetzt zu schaden, wo ich kann. Ich hatte immer jehofft, es würde mir erspart bleiben, und es käme nicht zum Krieg! Es ist doch so jeworden. Ich habe keine Wahl. Was es mich kostet, sage ich keinem. Du kannst es verstehen!« Er fuhr den Neffen plötzlich barsch an. »Was willst du hier? Was erstrebst du hier? Eine Kugel von drüben? Das Andreaskreuz? Dein lahmes Knie ist jetzt dein Jlück! Wir hier haben alle etwas von Rußland jewollt! Nun will Rußland von uns unsere Seele! Du hast nie etwas von Rußland jewollt! Sei froh, daß es dich nicht braucht und nicht brauchen kann. Jeh' von hier! Jeh' dahin, woher du jekommen bist!« »Woher kam ich und wohin jeh' ich?« sagte Waldemar Kerkhuß. »Ich weiß es nicht.« »Suche deinen Platz!« »Wo?« »Der letzte Platz für dich, um zu leben, ist dort, wo die vor dir jestorben und bejraben sind. Jehe nach Kerreküll!« »Und dort?« »Lasse doch diesen Schneesturm über Europa pfeifen! Er wird auch einmal verjehn. Dann kommst du aus deinem Winterschlaf hervor, wie der Bär aus der Jrube, und warst klüger als wir alle!« »Es ist jetzt nicht die Zeit klug zu sein. Es ist die Zeit, irjend etwas zu sein, jetzt, wo jeder Muschik etwas ist! Ich muß etwas tun ... ich trage diesen Druck mit mir ... ich muß mich von mir selbst befreien ...« Der General Oxberg schaute seinen Neffen an. Ein grimmiges Lächeln überzog sein finsteres Gesicht, das dadurch eher noch düsterer wurde. »Man muß immer dahin jehn, wo die Eigenschaft rar ist, die man besitzt. Dann ist man jesucht. Man zeichnet sich vor den anderen aus. Du bist ein anständiger Mensch. Also jehe zu unseren jrößten Spitzbuben, die wir haben!« »Wo mögen die jrößten sein, Onkel Paul?« »Werde ein weißer Rabe unter unseren Diplomaten! Man wird schon eine Ausnahme mit dir machen! Man wird dich schon zu beschäftigen wissen, wenn du auch deine Unwissenheit nicht durch ein Examen bekräftigt hast. Es jibt da Verbindungen jenug für dich ...« »Jewiß doch! Wir sind ja ein Rattenkönig von Verbindungen! Und nicht viel mehr!« »Da ist unser Vetter Butwengen. Er ist, jlaube ich, jetzt in Bukarest, inoffiziell natürlich. Er hält seinen langen Leichnam immer jern im Hinterjrund! Er ist der jeborne Mann des Halbdunkels. Er ist mit allen Wassern jewaschen. Er wird dich schon erziehen, mein Junge!« »Wozu?« »Wenigstens zur Verachtung seines Metiers!« sagte der General kurz und mit der Barschheit des Frontsoldaten. »Was sind das für Windhunde – diese Federfuchser? Sie schreiben, sie medisieren, sie soupieren, und wir hier ... Aber sie sind überall jleich. Grüße Onkel Bertil von mir, wenn du nach Bukarest kommst!« »Was soll ich bei ihm?« »Etwas tun und doch nichts! Nichts jejen Deutschland. Man wird dich dort schon mit Seifenblasen abspeisen, mein Sohn! Man wird dir schon keine Staatsjeschäfte anvertrauen! Du bist dort nur ein Stück Dekoration. Harmlos wie eine Flieje! Du jehst spazieren – der alte Butwengen ist ein viel zu jewandter Fuchs, als daß er einem Jrünhorn wie dir Jelejenheit jibt, sein Konzert zu verstimmen! –und jehst, wenn alles vorbei ist, mit reiner Weste aus diesen Jewissenskonflikten hervor, die wir anderen ... Warum schießen die Batterien nicht?« Er schaute kurz und zornig zu den Stellungen hinüber. Eben schnob und brüllte dort wieder der große Mörser. Die Züge des Generals beruhigten sich. Er schloß: »Dann warst du in dieser russischen Zeit da und warst doch nicht da. Ich wollte, ich könnte es. Also jehe nach Bukarest, zu Bertil Butwengen!« »Ich werde es mir überlegen!« Eine Ordonnanz stapfte durch den Schnee heran. Baron Paul Oxberg küßte seinen Besucher flüchtig auf beide Backen. Sein Antlitz und seine Haltung waren wieder so, wie ihn seine Russen im Schützengraben kannten. »Nun, mit Gott, Waldemar Konstantinowitsch!« sprach er laut auf russisch und schaute dem Baron Kerkhuß nach, wie der den Hang hinabstieg und in den Straßentrümmern unten verschwand. Bald darauf rollte aus dem anderen Ende des ostpreußischen Pompeji ein Auto gen Osten, der russischen Grenze zu. Der General Paul Oxberg nickte stumm und ging mit starrem Gesicht, in seinen Mantel gehüllt, hinüber zu dem feuerspeienden Weihnachtsmarkt seiner Batterien. 4. Baron Bertil Butwengen, der Vertrauensmann der Petersburger Regierung in Bukarest, blieb stehen und betupfte sich mit dem Seidentuch die spiegelnde Glatze des schneeweißen, hochfahrenden und feinen Rasseschädels, der, von Natur viel zu klein geraten und nur mit einer mächtigen Stirne ausgestattet, auf einem baumlangen, schmalbrüstigen und gertendünnen Körper saß. Obwohl die Last seiner siebzig Jahre seine überzüchtete Gestalt wie einen Bogen gekrümmt hatte, überragte er doch noch weit das Straßengewimmel der Calle Victoriei. Alles grüßte ihn hier, die Rumänen, die Russen, die Franzosen, die Briten, die Italiener, von denen Bukarest wimmelte. Jedes Kind kannte ihn und seine groteske Länge und das vertrocknete, kleine, von den riesigen Stirnbuckeln überdachte Gesicht, das Zeichen der begonnenen Entartung eines uralten baltischen Geschlechts, das kein Mittelmaß mehr, sondern nur noch halb schwachsinnige oder aber ungewöhnlich kluge Köpfe, wie ihn selbst, hervorzubringen vermochte. »Ah, ça commence, mon cher!« sagte er, sein Tuch zusammenfaltend, und meinte mit dem, was nun allgemach anfing, die drückende Sommerschwüle und den Fieberdunst der rumänischen Ebene, die jetzt, zu Mitte Mai des Jahres 19l5, schon bald die Bukarester große Welt hinauf in die nahen Wälder von Sinaia scheuchten. Vorläufig waren sie alle noch da. Die Luft war voll von Staub, vom Geschrei der fliegenden Händler und zitterte in der Hitze und flimmerte von Genußsucht und Geldgier und Faulenzerei und Fäulnis. Durch die Siegesstraße rollte jetzt am späten Nachmittag der alltägliche Wagenkorso von tout Bukarest hinaus zu den Anlagen der Chaussee. Es war ein prahlender Aufmarsch des Kriegsgewinns, ein prunkender Triumphzug der Bestechung, eine freche Heerschau der Liederlichkeit, ein satter Jahrmarkt aller Sünden. Es stank nach verdorbener Französelei, mißverstandenen Boulevards, einem halbasiatischen Klein-Paris. Der greise Baron Butwengen hatte, während er mit seinen langen, dünnen, in den Knien eingeknickten Beinen, und doch noch mit der Leichtigkeit des alten Weltmannes sich wiegend, dahinging, fortwährend zu grüßen und Grüße zu erwidern. Mit ihm griff auch sein Neffe Waldemar Kerkhuß jedesmal nach seinem Strohhut, aber mit einem nachlässigen Lächeln und einem ironischen Ausdruck in den kühlen blauen Augen. Endlich behielt er gelangweilt den Hut in der Hand, daß die rumänische Sonne seinen dicken blonden Haarschopf beschien. Der Alte neben ihm sprach von der Höhe seines viel zu kleinen weißen Kopfes leise, mit der Trockenheit des vielerfahrenen Skeptikers in seinem geschmeidigen Diplomatenfranzösisch auf ihn herunter und brach dann ab. »Wie ist das denn, mein Freund? Mir scheint, du hörst gar nicht zu? Nein, bitte ... man sieht dir an, daß du aus fernen Welten zu uns hier zurückkommst. Woher? Von einer Frau?« »Auf eine andere Vermutung zu kommen, wäre allerdings in Bukarest geschmacklos. Also nehmen wir es an, mein Onkel!« »Oder was sonst? Bitte sprich!« Waldemar Kerkhuß antwortete nicht gleich. Er sah schweigend auf den Tanz um das goldene Kalb vor sich, mit einem Gemisch von Widerwillen und Belustigung, als betrachtete er einen Affenkäfig, und sagte dann unvermittelt: »Ich dachte daran, daß die Deutschen in diesem Augenblick schon vor Mitau stehen. Bald ist unser ganzes Kurland in deutscher Hand.« Nun war die Reihe des Verstummens an dem alten russischen Diplomaten von baltischem Blut. Petersburg hatte auf ihn abgefärbt. Die weite Welt und die große Welt, durch die sein langes Leben ihn geführt, hatte ihn zu einem blasierten, internationalen Spötter gemacht. Aber jetzt regte sich bei dem Gedanken, daß siegreiche deutsche Heere in der südlichsten der Ostseeprovinzen standen, in dem greisen esthländischen Junker doch der Nachfahre der Gottesritter aus Westfalens roter Erde. Er richtete unwillkürlich seine hagere Hopfenstangengestalt hochfahrend noch etwas in die Höhe. Nach außen hin blieb er in der Gewohnheit des Weltmannes kühl. »Gewiß stehen deutsche Truppen zur Zeit in Kurland!« sagte er. »Aber was weiter?« »Soll ich dir das erst erklären, was das für uns beide und für uns Balten alle heißt: die Deutschen in unserem Lande?« »Was willst du? Der Krieg ist veränderlich. Diesen Winter besuchten wir die Deutschen in Ostpreußen. Nun erwidern sie den Besuch bei uns in Kurland. Es ist ein Austausch bewaffneter Höflichkeit zwischen feindlichen Nachbarn.« »Wenn es nicht mehr ist ...« »Schließlich wird man sich wieder vertragen und jeder nach Hause gehen! Voilá tout! « »Und wenn die Deutschen bleiben? Wenn Kurland deutsch bleibt? Oder vielleicht noch mehr als Kurland?« »Sie können nicht über die Düna!« sagte Baron Bertil Butwengen. »Und sie würden auch nicht weiter gehen. Kein Feldherr hat es noch je unternommen, Petrograd von Norden her bei den Hörnern zu packen und sein Heer in den esthnischen Sümpfen zwischen der Ostsee und dem Peipussee einzuzwängen. Selbst der alte Napoleon hat es nicht gewagt, sondern ging nach Moskau ...« »Und doch wäre es möglich!« »Und dann, mein Lieber, die Deutschen erklärten uns vorigen Sommer den Krieg. Aber zugleich erklärten sie: wir wollen uns nur verteidigen. Wir wollen schützen, was wir haben, aber nichts dazugewinnen. Wenn sie also zu uns kommen, dann werden sie auch wieder von uns gehen. Wozu sollte man aber unter Mühen und Gefahren in unser fernes, armes, einsames Land gehen, wenn man es nicht behalten will?« Waldemar Kerkhuß hatte finster zugehört. Nach einer Weile versetzte er kurz: »Du hast recht!« »Ich habe immer recht!« sagte der alte Butwengen. »Denn ich hüte mich vor dem Gefühl. Das Gefühl führt immer irre. Merke dir das nur!« »Ich werde es zu verjessen suchen!« »Was?« »Jewiß doch! Ich habe in mir das Jejenjift jejen alles, was dein Jeist mir einjibt!« »Bist du dwatsch jeworden, daß du auf einmal Deutsch sprichst?« Baron Bertil Butwengen war so überrascht und betroffen, daß er selbst, wenn auch flüsternd, mit in das heimische Baltisch verfiel. Man war hier in Rumänien in einem äußerlich noch neutralen Lande. Der Gebrauch des Deutschen fiel nicht weiter auf. Aber für einen Sendboten des Zaren war es ein Verbrechen. Zum Glück waren um sie herum das Wagengerassel und das Geschrei der vielen Straßenhändler so laut, daß selbst die nächsten Vorübergehenden kaum eine Silbe von dem hören konnten, was sie sprachen. Der Alte war zornig. Es fiel ihm schwer, wieder in seinem weichen Französisch Schroffheit aufzubringen. Er begann halblaut, ohne daß von seinem verwitterten kleinen Kopf die lächelnde Maske des Weltmannes sank: »Bitte, mein Freund, wie wird man eigentlich aus dir klug? Zwei Monate bist du nun hier unter meiner politischen Erziehung. Auf der hohen Schule. Dies Bukarest ist heute die Welt im kleinen. Der Markt der intimsten Geschäfte. Wer hier lernt, lernt für sein Leben!« »Aber was?« »Indes, mir scheint, du bist nicht gekommen, um zu lernen, sondern um zu lächeln! Verstehen wir uns: Eine medisante Miene hat ihre Vorteile, wenn es auch ein Kunstbehelf von gestern ist. Ich habe nichts dagegen, daß man sich über die Menschen mokiert! ... Ich tue es selbst!« »Aber jewiß!« »Nur sollte man es nicht jeden Tag zeigen. Du aber hast dir diese persönliche Note offenbar ein für allemal gewählt. Das ermüdet. Es ist eintönig. Es macht dich auf die Dauer langweilig, mein Lieber!« »Da drüben fährt einer unserer Jeschäftsfreunde!« sagte Waldemar Kerkhuß und grüßte mit einem ironischen Lächeln den rumänischen Finanzmann und Politiker, der geschmeidig den Panama von dem bräunlichen Haupte hob. »Das Jeschöpf amüsiert mich! Seine Erpressungen haben etwas Jroteskes!« »Lasse ihn doch! Gott schuf ihn!« Wieder dankten die beiden auf das vertrauliche Handwinken aus einer vorbeirollenden Luxuslimousine, in der ein dicker Levantiner mit sinnlich wulstigen Lippen und schmunzelnder Schlauheit in den kleinen Augen neben seiner Frau saß. Waldemar Kerkhuß lachte. »Dieser Jauner ist uns allen über! Man kann seine Seele verkaufen – jewiß! Dazu sind wir hier! Aber zweimal täglich abwechselnd an uns und an den französischen Ajenten!« »Oui, c'est un peu fort! Voilá madame Manolescou!« Eine Wolke von Pariser Luft, Parfüm, Puder wehte hinter der Balkanschönheit und den englischen Offizieren, die mit ihr in dem Wagen saßen. »Und das muß man jrüßen!« »Waldemar, höre endlich auf. Deutsch zu sprechen! Kompromittiere uns nicht!« »Ich? Wie das? Wer kompromittiert sich hier denn nicht jeden Tag, den Gott jibt?« »C'est le métier!« Waldemar Kerkhuß warf jäh den hellblonden, herrischen Kopf zurück. Er sagte halblaut und schneidend: »Und was ist das für ein Metier, das wir hier treiben? Wir schachern in einem Lande, das von Jemeinheit strotzt, mit den jemeinsten Instinkten dieses Landes. Die Politik wird im Alkoven gemacht! Die Minister stehlen, die Deputierten nehmen, die Zeitungsschreiber treiben Chantage, die Beamten werden jeschmiert. In jedem Nachtasyl ist mehr Anstand und Würde. Und wir, Edelleute von reinem Stamm, wir waten bis an die Knie in diesem Pfuhl. Er wird uns noch bis an den Hals jehen. Wir werden noch darin ersticken.« Baron Bertil Butwengen erwiderte nichts. Er zuckte nur hochmütig die Achseln, wie im Gefühl seiner übermenschlichen Länge und seines ebenso hohen Selbstgefühls, an das diese Schlammflut nicht heranreichte. »Und was erreichen wir, Onkel, indem wir die schmutzigen Finger dieses Artels von Sündern hier mit Jeld füllen? Wir hecken nur immer neue Feinde jejen das Land, aus dem einst unsere Väter kamen, dessen Sprache wir jetzt noch sprechen, dessen Jeist unser Jeist ist – jejen Deutschland?« »Meine Politik dreht sich nicht um Potsdam, sondern um Konstantinopel!« sagte Bertil Butwengen ruhig. »Sie richtet sich nicht gegen Deutschland, sondern gegen Österreich. Dazu bin ich auf dem Balkan.« »Wie willst du das trennen? Wo ist Deutschland nicht? Wer jagt uns jetzt aus Jalizien? Wer verschanzt Jallipoli? Deutschland ist überall in Europa. Es kämpft auf der janzen Welt jejen England.« »Wenn du es eine Verteidigung nennst, daß es uns den Krieg erklärt ...« »Willst du es in Abrede stellen, daß dieser Krieg seit vorigem Frühjahr von uns jemacht wurde? Daß er am Fernsprecher zwischen dem Dwortzowy-Platz in Petersburg und dem Winterpalais entstand?« »Ich leugne nicht, daß die russische Mobilmachung jener Nacht der Krieg war ... Alles andere kam hinterher!« »Nun also!« »Aber anderes war vorher. Denke, ich wolle eine Jachtfahrt mit einem Freunde machen. Ich fahre mit meinem Boot geradeaus. Er aber kreuzt unstet hin und her. Bald verliere ich ihn beinahe aus den Augen. Bald wieder fürchte ich von seinem Ungestüm übersegelt zu werden. Bald ist er hier, bald ist er dort. Wie ist da ein Nebeneinander möglich?« »Und dies Jleichnis soll bedeuten ...« Sie waren umgedreht und schlenderten wieder die ewig bewegte Calle Victoriei hinauf. Die fiebernde Stimmung von Habgier heute und Kriegsgier morgen, die Ungeduld der Hyänen des Schlachtfelds und der Genußtaumel fern vom Schuß umbrandete sie in dem blinden »Morgen wieder lustick!« von Bukarest. Baron Butwengen räusperte sich und sagte lebhafter, als es sonst die Art des alten Skeptikers war: »Denke nur so lange zurück, als du ein halbwegs erwachsener Mensch warst: Im Frieden von Schimonoseki ging Deutschland mit uns und Frankreich gegen England und Japan, im südafrikanischen Krieg erst mit den Buren gegen die Engländer, dann mit den Engländern gegen die Buren, in der serbisch-albanischen Frage mit Österreich und Italien gegen uns, im ersten Türkenkrieg zugleich mit den Türken und mit den Italienern, in Algesiras gegen uns alle, bei der Chinaexpedition mit uns allen – es gibt keinen Staat, außer dem Habsburger, gegen den sich nicht in fortwährendem Umherzucken abwechselnd die Nadel des Berliner Kompasses gerichtet hätte – hiergegen bildete sich eine Abwehr, – wer wollte es leugnen.« »Und wir sind Englands Treiber – wenn nicht sein Wild!« »Wenn du fortfährst, derart laut die Wahrheit zu sagen, daß sie niemand glaubt, werde ich dich hier noch zu ernsthaften Geschäften verwenden müssen! Du bist gewarnt. Nimm dich in acht. Rette beizeiten deine Seele!« Waldemar Kerkhuß' blaue Augen waren im Zorn weit aufgerissen. Er warf den blonden Kopf zurück. »Denke doch an deine Seele, Onkel, die bald vor Gott stehen wird! Ist es denn an uns, uns Leuten deutschen Blutes, Deutschland immer neues Jesindel an die Beine zu hetzen? Du schriebst mir auf Rat Pauluscha Oxbergs: ›Komm hierher!‹ Mein Vater wollte es. Gut. Ich kam. Aber diese Stadt hier stinkt. Alles stinkt, was hier jeschieht. Was tust du dabei?« »Ich bin über Siebzig!« sagte Baron Bertil Butwengen langsam auf deutsch. »Wir kämpfen jetzt jejen das Deutsche Reich. Aber als das Deutsche Reich jejründet wurde, stand ich schon im Dienst des Zaren. Alexander der Zweite hat mich liebjehabt, mein Junge! Er hat mich schon als Kammerjunker ausjezeichnet. Ihm verdanke ich meine Karriere. Ihm und zwei Zaren nach ihm habe ich treu jedient, ehe dieser Krieg kam. Dieser Krieg ist die schwerste Prüfung für Rußland und für mich.« Der zu kleine, hochmütige, weiße Kopf auf dem langen Greisenkörper schien durchsichtig zu werden. Durch die Runzeln des alten Weltmannsgesichts schimmerten die vergrämten Züge eines deutschen Edelmannes, der, eben weil er deutsch war, seinem russischen Lehnsherrn auch wider besseres Wissen und Gewissen den einmal beschworenen Eid hielt. »Alles dürfen alte Jeschlechter wie wir sein, Waldemar, nur nicht feige! Wer sich seiner übernommenen Pflicht in der Jefahr entzieht, ist feige! Ich habe nun einmal seit einem langen halben Jahrhundert den Dienst für Rußland jetan. Ich darf Rußland und den Zaren jetzt in der Not nicht verlassen.« »Bitte, jehe nicht so rasch! Ich komme mit meinem lahmen Knie nicht mit!« Der alte Butwengen mäßigte seinen Sturmschritt durch die Siegesstraße, in dem er seinen eigenen Gedanken und Gefühlen entfliehen zu wollen schien. »Sei froh, daß du ein lahmes Knie hast und nicht auch eine lahme Seele!« sagte er. »Daß du nicht den russischen Fahneneid jeleistet hast wie dein Onkel Paul Oxberg! Daß du immer einen Widerwillen hattest, ein hoher russischer Kronsbeamter zu werden wie dein Vater! Daß du noch nicht ein russischer Diplomat bist, wie ich es in deinen Jahren schon lange war. Wir Alten sind jebunden. Wir haben keine Wahl, eben weil Wortbruch nicht zu unseren Überlieferungen paßt. Aber du bist frei!« »Und was soll ich mit der Freiheit bejinnen?« »Das kann dir außer dir selber nur Gott sagen!« Sie waren an der Ecke des Elisabeth-Boulevards stehengeblieben. Ganz in der Nähe war die russische Gesandtschaft. Der alte Butwengen griff nach der Uhr, um sich zu vergewissern, daß es für ihn Zeit sei, sich einmal dort zu zeigen. Er neigte den Kopf zum Ohr des anderen und dämpfte seine Stimme: »Nur eines tu nicht, mein Junge! Ich weiß, du kämpfst damit! Jehe nicht nach Deutschland!« »Was hält mich?« »Deine Vorfahren oder ihr Blut in dir! Dies Blut ist vererbte Pflicht. Ich sagte es vorhin schon: Felonie daheim ist wie Fahnenflucht im Felde. Seit zwei Jahrhunderten dienten wir Rußland, oder ehrlich: Rußland diente uns! Die Zaren häuften Jnaden und Würden auf unser Haupt. Hätten wir jejen sie oder vorher schon jejen unsere früheren Herren in den Ostseeprovinzen, die dänischen, die schwedischen, die polnischen Könige, bei jeder Jelejenheit unser ritterliches Lehnswort jebrochen, so hätten wir nicht, von Teutschland abjetrennt, sieben Jahrhunderte überdauert!« »Mannestreue verpflichtet beide Teile!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Zwei Zaren hintereinander haben unsere verbrieften baltischen Rechte zertreten, wie sie die von ihnen beschworene finnische Verfassung zerrissen haben. Sie haben uns Popen, Kosaken und Tschinowniks ins Land jeschickt, sie haben uns unsere Sprache jenommen, unsern Jlauben jefährdet, unsere Freiheit jeraubt. Sie schicken uns jetzt jejen die Deutschen oder nach Schlüsselburg und Sibirien. Wir sind quitt! Wir haben das Recht, uns von Rußland zu trennen!« »Jut! Und dann? Noch jehört der baltische Jrund und Boden zur Hälfte uns. Wir sind seine Wächter. Solange wir ihn besitzen, bleiben die Ostseeprovinzen deutsch. Das hat die Jeschichte durch unzählige Menschenalter hindurch jelehrt! Wenn wir aber den Boden aufjeben und auswandern, so wird der Esthe und Lette ihn teilen. Der Russe legt auf ihn Beschlag. Der Engländer wird sich an der esthnischen Küste festsetzen. Der Pole wird nach Kurland kommen. Der Litauer nach Livland. Dann ist das Deutschtum zwischen Nimmersatt und Narwa jewesen!« Wieder stieg bei den Worten des alten Balten in riesenhaften, unbestimmten Umrissen das Schattengespenst des Ostens empor, das unermeßliche Sprachengewimmel diesseits und jenseits des Aral, das Schieben, Knirschen, Sichübereinandertürmen der Völker, gleich den Schollen im Eisgang, unter dem Druck aus Moskau, das Nachfluten in jede freigewordene Stelle auf dem endlosen Zug aus Asien gen Europa. Baron Butwengen schloß: »Wir hätten schon oft in jrimmigen Zeiten unser Bündel schnüren und wegziehen können! Als die Tataren kamen. Als Iwan der Schreckliche kam. Als im Nordischen Krieg kein Stein mehr auf dem anderen stand. Wir haben es nicht jetan auf dem Vorposten Europas. Wir haben ausjeharrt. Wir müssen es auch jetzt! Jlaube mir!« »Ich jlaube dir und jlaube dir nicht. Ich weiß nicht, was ich jlauben soll.« Der alte deutschrussische Diplomat hatte seinem Neffen die Hand gedrückt und war gegangen. Waldemar Kerkhuß stand allein. Langsam stieg er die Treppe zu seiner nahen Wohnung hinauf. Er war froh, den parfümierten Schmutz der Stadt der Sünden nur draußen, aus dem unbestimmten Lärm der äußerlich europäischen, innerlich halb orientalischen Straßen zu ahnen. Er setzte sich an den Tisch und schrieb. Erst die Aufschrift eines Briefes: »Frau Baronin Elise von Metztak, geborene Baronesse von Haseldorp« – darunter den Bestimmungsort Berlin. Dann den Wortlaut: »Liebe Freundin! Heute spannt sich noch zwischen uns beiden die Brücke von Mensch zu Mensch. Wir können uns noch schreiben. Dies Rumänien, in dem ich vegetiere, gibt vor, neutral zu sein. Es gibt bessere Witze. Aber immerhin gehen unsere Briefe von Bukarest nach Berlin und zurück. Daß dies Gefühl Ihrer Nähe für mich aufhören soll, das ist das Bittere und Traurige, wenn ich morgen den Instinkten der Reinlichkeit folge und diese Menagerie hier der Obhut des alten Butwengen überlasse und für einen vorläufig offenbar überflüssigen Menschen wie mich einen anderen Ort in der Welt suche. Wo soll ich hin? Am liebsten in neutrales Land, in Ihre Nähe. Aber man gibt mir, ohne amtlichen Auftrag, keinen Paß nach Bern oder dem Haag. Ich habe hier getan, was ich sollte, nämlich nichts, und mich doch verdächtig gemacht. Es liegt wohl an meinem Gesichtsausdruck. Nach Onkel Bertils Ausspruch hat man die Sprache, um die Gedanken zu verbergen, die man nicht hat. Hat man doch welche und läßt erraten, daß es nicht die in Petrograd abgestempelten und visierten Gedanken sind, so erregt man bei jedem vorschriftsmäßigen Geschöpf des Ostens hier Mißtrauen und ist die bête noire . Dies Rußland, das heute noch nicht einen einzigen Polen verdaut hat, dem die Hebräer im Magen liegen, das sich mit Tataren, Litauern, Esthen, Letten, Finnen vollgestopft hat, dem wir Balten noch zwischen den Zähnen stecken, und das sich hier schon wieder nach neuem Fraß umschaut – mein Metier ist es nicht, diesen Bären zu füttern! Sie klatschen in die Hände, wenn Sie das lesen. Ich wollte, ich könnte nachmittags beim Samowar Ihnen gegenüber sitzen, wie einst in Reval, und mit Ihnen über das alles sprechen. Es muß schön sein, mit sich im reinen zu sein, wie Sie und Ihr Mann. Alexander – grüßen Sie ihn von mir – hat rechtzeitig den Sprung vom Kirchturm gewagt. Er steht mit Ihnen auf festem Boden, drüben auf der anderen Seite. Aber ich? Sie taten es noch im tiefen Frieden. Jetzt ist das Land, in dem Sie leben, mir als Feind verschlossen. Wenn ich dorthin komme, komme ich als Überläufer. Ich gebe einem anderen Kaiser, was des Kaisers ist. Mein Mensch von morgen widerlegt den Menschen von gestern. Da sind zwei Seelen, und keine von beiden bin ich ganz. Soll ich diese Wahl zwischen mir selbst treffen? Muß ich es? Sie sagen natürlich ja! Sie schrieben mir immer wieder: Kommen Sie! Deutschland ruft! Folgen Sie dem Augenblick der Begeisterung! Er ist für einen Menschen immer der rechte! Solche Augenblicke habe ich, und immer dann, wenn ein Brief von Ihnen kommt und Ihr Idealismus wie eine Sonne über mir aufgeht. Aber dann kommt in einem der Mensch wieder, der man sonst ist. Dem es schwer wird, in etwas Ganzen aufzugehen. Denn nach dem Willen des Schicksals sind wir ja alle dort oben im Norden ausgeprägte Einzelmenschen. Jeder von uns eine kleine Welt für sich. Dann sage ich mir zum Trost: wozu bist du ein Einzelner? Ein Unabhängiger? Nach Name und Stellung und Besitz und persönlichem Schicksal ganz in dir Beruhender? Sei froh! Vielleicht ist es jetzt die Aufgabe der Vereinzelten, darum nicht Glücklichen, von einer höheren Warte aus zuzusehen, wie draußen die Menschen und Massen und Maschinen kämpfen. Vielleicht strafte mich Gott mit dem lahmen Knie, um es mir unmöglich zu machen, beim Untergang Europas mit in Reih' und Glied zu stehen. Für Rußland Eifer zeigen kann ich nicht! Es hat diesen Krieg vorbereitet, begonnen und verbrochen. Das wird, wenn irgendwo, hier auf dem Balkan klar. Aber offen Rußland verleugnen – es zupft mich dabei etwas am Ärmel. Meine Vorfahren stehen hinter mir und halten mich zurück. Und ich sage mir schließlich selbst: Wer, außer Ihnen, liebe Freundin, verlangt diesen ungeheuren Entschluß von mir? Wer in Deutschland kennt mich, erwartet dieses Opfer, kann es überhaupt in seinem ganzen Umfang würdigen? Wir wollen doch nicht leugnen: So sehr wir uns als Deutsche fühlen, so kühl standen wir doch dem Deutschen Reiche gegenüber, und so kühl sehen die Menschen dieses Reiches uns ferne Barone da oben an. Mit den anderen Balten ist es ja anders. Aber sie tragen auch leichteres Gepäck als ein Großgrundbesitzer, dessen Vorfahren seit sieben Menschenaltern Rußland Ehren und Würden verdankten. Es steht im Krieg jedem Land das Recht zu, neutral zu bleiben, wenn es kann. Warum nicht auch jedem Menschen, wenn er es durch eine Gunst des Zufalls kann? Es muß doch auch Zuschauer geben, wo es eine Arena gibt. Zeugen, damit es später Richter geben kann. Ich gehöre, ohne mein Zutun, zu diesen Sonntagskindern des Kriegs. Ich kann mich von einer Zeit lösen, die offenbar keine Aufgaben für mich hat. Die Vogelperspektive hat schließlich auf alle Fälle etwas Vornehmes, wenn einen Umstände und Gegenumstände des Lebens zur Resignation verurteilen. Rußland ist ein Kerker, aber zum Glück ein großer. Ich werde mir da irgendwo einen Platz suchen, wo man Mensch sein kann, bis es die anderen auch wieder werden. Es bleibt mir nichts Besseres übrig. Ich werde es schon erreichen, Ihnen irgendwie ein Lebenszeichen aus meiner freiwilligen Verbannung zukommen zu lassen. Inzwischen zürnen Sie nicht Ihrem Freund Waldemar Kerkhuß.« 5. Das Schwarze Meer war nicht schwarz, sondern tiefblau, mit seegrünem Leuchten an den Uferklippen und weißen Wogenkämmen draußen in der unendlichen Ferne. Die Luft Rußlands war nicht rauher Nordost, sondern ein schmeichelndes Spiel linder Lüfte über Weinberghängen und Blumenhalden. Die weiten Steppen, die stillen Birkenhaiden des Zarenreichs hatten sich in Wälder von Pinien und Nußbäumen, in Zypressenalleen und Lorbeerhaine verwandelt. Wo droben im Norden jetzt, im Spätherbst 1915, schon die ersten Schneeflocken über grün gestrichene Zwiebelkirchlein und schilfgedeckte Bauernhütten wirbelten, ragten hier die Minarette der kleinen tatarischen Moscheen in lachendem Sonnengold aus dem Laub der Feigenhecken und Granatstämme. Palmen und Orangenbäume umrahmten die weißen Schlösser und Paläste, die sich zwischen Meer und Gebirge viele Stunden weit aus dem südlichen Pflanzenwuchs riesiger Parke erhoben. Diese Gärten Eden mit ihren Farmen, ihren Weinkellereien, ihren Wasserkünsten und Löwentreppen und Grotten gehörten zumeist dem Zaren und den Großfürsten des Hauses Romanow. Zwischen ihnen, über ihnen schimmerten, auf halbem Hang der Berge, mit dem Ausblick auf das Meer, die Villen, die Frühjahrs- und Herbstsitze der russischen reichen Welt. Hunderte dieser Datschen badeten sich zwischen Baidor-Tor und Gursuff in Licht und Wärme und Farbenpracht des russischen Orients. Denn überall an diesem gesegneten Küstenstrich bildete noch das mohammedanische Morgenland mit seinen Tataren, seinen Moscheen den Hintergrund für das Petersburger und Moskauer Modetreiben der Luxusbäder, bis es sich jenseits der hohen, wolkenverhangenen Küstenberge in der Weite und Öde der Hochsteppe, da, wo noch Kamelherden weideten, wo die reichen deutschen Mennoniten in ihren Dörfern saßen und unter mächtigen, grasüberwachsenen, viereckigen Erdbergen still zu vielen Zehntausenden die Toten von Sebastopol schliefen, bis sich da der Traum des Südens in den russischen Norden der Krim verlor. Die Krim war ein bevorrechteter Besitz Rußlands. Schon im Frieden ein Geheimnis für den Westen. Von Mitteleuropäern kaum gekannt oder betreten. Noch weniger jetzt in dem Krieg, der die Dardanellen sperrte, die Landgrenzen des Zarenreichs schloß. Was jetzt hier das dolce far niente eines östlichen Italiens genoß, das gehörte zur russischen Erde oder zu denen, denen diese Erde gehörte und für die draußen die Söhne dieser Erde, die Muschiks, zu vielen Millionen in Pelzmütze und feldbraunem Kittel bluteten und verröchelten. »Was wollen Sie, Sergej Iwanowitsch?« sagte der Hausherr einer dieser Datschen, die hoch über der Stadt Jalta sich wohlig in einem steilen, vom Immergrün des Südens, duftenden Rosenspalieren, blauen und gelben Blütenwellen strotzenden Berggarten barg. »Man braucht Abstand von den Dingen, um klar zu sehen. Die Nähe verwirrt. Noch im August alten Stils war ich mit einem Lazarettzug an der Grenze der Bukowina. Ich fand, mit Dank gegen Gott, alles gut. Unsere Heere sind, nach diesem schwarzen Sommer, nun zum Stehen gekommen.« »Weil unser bester Rückzugsstratege, der General Winter, jetzt die Befehle ausgibt. Leider aber ist Seine Hohe Exzellenz nur von Oktober bis März zu brauchen!« sagte der Gouverneur Perekrestoff und lachte mißvergnügt. Der Staatsrat Pommeranzeff ergänzte: »Im Frühjahr wird der Preuße uns schon wieder mit dem Bajonett unter der Nase kitzeln, daß wir aus dem Winterschlaf erwachen! Wir brauchen England! Auch Sie sind einer unserer Engländer, Fürst! Helfen auch Sie, daß man dort unsere Verlegenheit begreift!« Der Fürst Manuchin war ein großer, schwerfälliger, streng nach englischer karierter Herbstmode gekleideter Russe. Sein Antlitz zeigte unter dem mächtigen, blonden Vollbart eigentlich nur die grobgeschnittene Nase. Es hätte einem Muschik des Nordens gehören können. Aber auf den breiten Nüstern dieser Nase saß ein goldener Zwicker, und durch ihn sahen die Augen mit dem unruhigen und leidenden Schimmer des russischen Intellektuellen, der seit Menschenaltern den Ausgleich zwischen den Rätseln Westeuropas und der russischen Urnatur sucht. »Nun, wie denken Sie über Englands Hilfe, Boris Wladimirowitsch?« Knjäs Manuchin hob den mächtigen Schädel, dessen Glatze über langsträhnigem Blondhaar an eine römische Mönchstonsur erinnerte. Er hatte auch den würdevollen, priesterlichen und doch weltkundigen Gesichtsausdruck eines hohen russischen Klostergeistlichen. Er zuckte die breiten Schultern. Er war die Verkörperung jener Geistesverfassung, die vor Ausbruch des Krieges Gemeingut der vorgeschrittenen russischen Gesellschaft gewesen: Verachtung der eigenen, schwachen, wirren Regierung des Zaren und des elenden Klüngels seiner Umgebung und seiner Beamten, Haß gegen Österreich, gönnerhafte Freundschaft zu Frankreich, hochfahrende, barbarisch lächelnde Geringschätzung Deutschlands, stumme, aber tiefinnerliche Bewunderung Großbritanniens. Er hatte früher seinen Stolz darin gefunden, mit seinen wuchtigen und wulstigen, vom Bart verdeckten Lippen den leichten, gepflegten Zungenschlag des Französisch eines Schauspielers der Comédie Française nachzubilden, aber schon seit zehn Jahren war bei ihm mit Vorliebe an Stelle des Pariserischen ein ebenso sorgfältig geschultes und reines Englisch getreten. Er, der Erbe des alten Bojarengeschlechts an der Wolga, das zur Zeit der Leibeigenschaft fünfzigtausend Seelen besessen hatte, war stolz darauf, ein russischer Liberaler im Sinne des europäischen Westens zu sein! »Ich bin ein aufgeklärter Mensch,« sagte er, »also sehe ich in Deutschland den Feind Rußlands. Ich kam zu diesem Schluß, indem ich mich eindringlich und lange mit den Methoden des deutschen Geistes beschäftigte. In ihn einzudringen ist, bei der nebelhaften Terminologie deutscher Denker, nicht leicht. Einen Übergang zu ihm fand ich in der geistigen Struktur der Balten. Diese Brücke stand mir zur Verfügung. Meine Schwester ist, wie Sie wissen, an einen Balten verheiratet.« »Der alte Wiffenhausen gilt als verrückt!« sagte der dicke Staatsrat. »Ich gebe es zu, daß sein Haus Narraks in Esthland eine anormale Atmosphäre darstellt. Es war auch nur der Ausgangspunkt. Ich habe die deutsche Frage in ihrem ganzen Umfang studiert. Der Deutsche ist unser heimlicher Feind im Lande, mag er nun als schwäbischer Kolonist, als Hebräer, als Balte oder wie sonst sich in dem russischen Volke festsetzen wie der Wurm im Apfel, und der Deutsche ist der offene Feind Rußlands an unseren Fronten.« Der Knjäs hob mit der mächtigen, breiten, weißgepflegten Muschikhand das Teeglas von dem rotgolden nach russisch-chinesischer Bauernkunst lackierten Hocker neben ihm. Während er schlürfte, glitten seine wasserblauen Augen, deren nervöser Schimmer dem bärenhaften Urwald seines Gesichts widersprach, über seinen Garten und seine vielen Gäste darin und durch die üppige Landschaft bis zur Tiefe des Meeres. Dort unten lag Jalta, die elegante Bäderstadt, mit ihren bunten Häusern in das Immergrün südlicher Gärten gebettet. Rechts davon schimmerten aus blauem Meer, aus Zedernwäldern und Traubenhängen die Paläste des Zaren. Dort, eine halbe Stunde von den nächsten Ansiedlungen entfernt, von Gendarmen, Truppen, Geheimpolizisten in jeder Verkleidung bewacht, geborgen wie auf einer Insel in diesem Schlupfwinkel zwischen Straße und See, füllte Nikolai der Zweite sein Tagebuch mit Nichtigkeiten, spielte mit seinem Sohn, fällte Bäume, las Pariser Romane, während draußen die Alte Welt an dem Namenszug verblutete, den er vor nun schon mehr als einem Jahr unter den russischen Mobilmachungsbefehl gesetzt hatte. Der Fürst oben sah düster auf das weiße, verwunschene Zarenschloß. Er dachte daran, daß die Romanows eigentlich auch aus Holstein kamen, durch ihre Frauen immer wieder deutsches Blut ihrem Stamm zuführten. Alles Unheil kam aus Deutschland, nach dem Maß von Grimm und Groll, der sich im Lauf der Jahre in der russischen Gesellschaft wider den westlichen Nachbar eingefressen hatte. »Wie ist das?« sagte er, und ein brutal asiatischer Haß dämmerte unter dem Bart auf seinen herrischen dicken Lippen. »Beliebt zu erwägen: was geht den Deutschen der Balkan an? Bismarck, auf den er schwört, hatte keinen Knochen eines seiner vielen Soldaten für den Balkan übrig. Uns aber ist der Balkan ein Stück unserer Seele. Er spricht unsere Sprache, er ist unseres Glaubens, er wurde durch uns vom Türkenjoch erlöst, unsere russische Seele sucht die heiligen Klöster auf dem Berge Athos, sie sieht im Geist wieder das orthodoxe Kreuz auf der Hagia Sophia, dem Ursitz unseres Glaubens in Byzanz. Wer aber bringt dort den Ungläubigen den Parademarsch bei? Karl Karlowitsch, der Deutsche mit dem Fes auf dem Kopf. Wer anders als Berlin hält den Schlüssel der Dardanellen? Unsere Weizenausfuhr, ohne die wir nicht leben und nicht sterben können, liegt in seinem Belieben. Unser Rubelkurs wurde in Berlin gemacht. Berlin legte uns, nach dem japanischen Unglück, jenen Handelsvertrag auf, unter dem wir seufzen. Längst wäre der rechtgläubige slawische Balkan bis zur Adria durch uns von Habsburg erlöst. Aber hinter Habsburg siehst du schon wieder den Nibelungenhelm mit Flügeln. Der Deutsche hemmt uns überall, Rußlands geschichtliche Sendung zu erfüllen!« »Wahr!« sprach der Gouverneur Perekrestoff, ein Riese mit tiefer Stimme, dessen russische weiße Schirmkappe ein finsteres, entschlossenes Gesicht überschattete. »Wahr, für jeden wahren Russen, Sergej Iwanowitsch!« Ein Lächeln übersonnte den urweltlichen, an bärtige Büßer der Vorzeit erinnernden Kahlschädel des Fürsten Manuchin. Es war kein europäisches Lächeln mehr. Asien sprach aus ihm. Der Größenwahn unermeßlicher Weiten. Der Höhenrausch unvorstellbarer Maße und Zahlen. Die Verachtung Europas und des Mittelpunkts Europas: Deutschlands! »Seit Jahrhunderten hypnotisierte man unsere russische Natur, daß sie nach Europa blickte und von Europa ihre Gesetze empfing! Wir ragen nach Europa hinein, nicht mit der Macht der slawischen Erde, sondern mit unseren Randvölkern, unseren Fremdstämmigen, den Polen, den Ostseeprovinzlern, den Finnen, den Litauern. Wir sind der größte Teil Europas: aber wir sind mehr. Wir sind ein Stück der Erdkugel.« »Ein krankes,« versetzte der Staatsrat Pommeranzeff und legte sich schnaufend die Zitronenscheibe in das Glas mit beinahe wasserhellem Karawanentee. »Krank, weil uns der Druck des Zarismus lähmt. Das Land verarmt. Die Selbstverwaltung ermattet. Diese Flöhe am Leibe Rußlands, diese Tschinowniks, fressen uns auf!« Die beiden anderen, der Staatsrat und der Gouverneur, waren beide selbst Kronsbeamte von einer hohen Stufe des Tschin. Aber sie nickten beistimmend, während der Fürst fortfuhr: »Wir brauchen Methoden zur freien Entwicklung unserer Kräfte. Wir finden sie im Westen. Dort ragt das zweite Weltreich nach Europa hinein, das ebenso wie Rußland mehr als Europa, das ein Stück Erdkugel ist. England for ever! Wer England zum Freund hat, den liebt Gott! An dem Tag, da auf der Reede von Reval der Geschützdonner die Vermählung Rußlands und Großbritanniens ankündigte, ward die Welt vollkommen!« »Vorläufig steht der Preuße vor Riga!« sagte der dicke Staatsrat kauend. »Man jagte uns aus Galizien hinaus. Polen ging vor die Hunde!« Der Fürst machte eine Bewegung mit Hand und Schulter, als lehnte er eine lästige Bürde ab. »Kein Kleinmut, Sergej Iwanowitsch! Erwägen wir doch mit Dank gegen Gott, was wir an England haben! Durch Menschenalter hindurch glückte uns nichts. Was wir auch taten, Gottes Wille wandte es ins Gegenteil. Wir bauten eine Flotte. England versenkte sie uns – zwölf Stunden Troikafahrt ist es nur von hier bis Sebastopol! Wir standen in Sehweite vor Konstantinopel. Im Marmarameer lag die englische Flotte und gebot uns bei San Stefano Halt. Wir gingen nach dem fernen Osten. Der Japaner zerstörte unsere Flotte und trieb uns zu Lande heim. Denn England war hinter ihm! Da endlich gingen uns die Augen auf. Wir erkannten: Wir kamen nie zum Ziel, weil wir gegen England, statt mit England waren!« »Wahrlich: es scheint so!« »Wir brauchen England nicht nur da draußen! Wir brauchen es mehr noch in der Seele unseres russischen Volkskörpers! Wir sind im Genesen. Wir sind mitten in der Durchführung des Prozesses, der unsere Intelligenz seit einem halben Jahrhundert beschäftigt: der Organisierung der russischen Gesellschaft. Sie kann nur durch die Aufnahme englischer Lebensgesetze in unsere Methoden des Daseins geschehen. England ist der beste Arzt!« »Er gibt uns tüchtige Pillen zu schlucken!« sagte der Staatsrat. »Es ist unser aller echtrussischen Leute Pflicht, nach dem Vorbild englischer Weisheit die Thesen der dortigen großen Staatsmänner zu Richtlinien unserer Zukunft zu machen. Dann ist, durch das Wasser der Themse, Rußland von allen Sünden der Vergangenheit gereinigt!« Gospodin Pommeranzeff hustete. Es war ihm etwas in die unrechte Kehle gekommen. Der Gouverneur Perekrestoff sprach in dumpfem Baß: »Ich verstehe kein Englisch. Ich war nie in England. Die Menschen dort sind mir fremd. Aber ich begreife klar: Dies ist der Weg!« »Und unsere große und heilige Aufgabe ist es, die angelsächsische Orientierung des neuen Rußland gegen Deutschland durchzuführen!« Der Fürst erhob sich schwerfällig und befriedigt. Er fühlte, wenn er die staatsmännische Ruhe seiner eigenen Stimme hörte, in sich schon etwas von der Weisheit von Westminster und von England als Erzieher. England hatte er auch die Einrichtung der Garden-Party abgesehen, des zwanglosen Empfangs im Freien, der an diesem Nachmittag viel müßige Welt von Jalta im Garten seiner Datsche vereinte. Es waren fast nur Russen und Russinnen. Unter einem kleinen Freundschaftstempel, dessen antikisierende Säulenform an das einstige Griechentum der Krim erinnern sollte, hielt die Fürstin des Hauses Cercle, verblüht und überpudert, mit einem Millionenwert an Diamanten beladen, von einer Mischung stärksten Pariser Parfüms und feinstem Rauch der Papyros im Munde umweht, und doch große Dame von Kopf bis zu Fuß. Es schien ihrem Mann an der Zeit, sich wieder unter seine Gäste zu mischen. Er ging durch die Gruppen und näherte sich lächelnd zwei langen, hageren, hellblonden Gestalten, deren phlegmatische Ruhe nichts von der Träumerei des Russen an sich hatte. Die beiden Gentlemen standen, als er herankam, zusammen etwas abseits unter einer Palme, schauten, die Hände in den Hosentaschen, auf das weite Rundbild des grünen Ufers und des blauen Meeres, und der eine sagte trocken und leise zwischen den Zähnen auf englisch zu dem anderen: »Es ist zweifache gute Arbeit, Brewster! Wir zerstören Rußland von außen durch die Deutschen und setzen uns innen an die Stelle der Deutschen in Rußland!« »Aber wir werden Rußland gründlicher ausquetschen, als es die Deutschen taten!« »So hoffe ich!... O welch ein herrlicher Tag und welch ein lieblicher Platz hier, Fürst Manuchin!« Mr. Mac Nalta, der britische Agent, wandte sich mit seinem Landsmann herzlich zu dem Gastgeber, auf dessen bärtigen Zügen bei der Begrüßung der britischen Verbündeten ein breites und offenes, freundschaftliches Vertrauen der altehrwürdigen russischen Seele strahlte. Er sagte in seinem schönen Englisch, das fremdartig aus seiner flachsfarbenen Bartwildnis hervorkam: »In der Tat, ich wählte mir den Platz für meine Datsche so, daß die Schlucht des Utschan-Ssu und dahinter das Meer den malerischen Hintergrund für meine kleine Hütte bildet.« »Aber auch der Vordergrund hat seine Reize. Mein Freund und ich fanden es eben und waren nie einiger als in dem Wunsch, zu wissen, wer diese große, blonde, schlanke, junge Dame in weißem Kleid da vor uns ist? Ihre Schönheit würde auch im Hydepark Aufsehen erregen!« »Es wird mir eine Ehre sein, Sie bei meiner Nichte einzuführen.« Der Knjäs geleitete die beiden verbindlich einige Schritte den Kiesweg hinab, nannte ihre Namen und ergänzte: »Fräulein Kaja Nikolajewna Wiffenhausen!« Kaja Wiffenhausen schüttelte den Briten kräftig nach deren Landesbrauch die Hand. Sie war ein Kind der internationalen russischen Welt, die nach Belieben die Formen des Auslandes wählen und wechseln konnte. Sie sprach sofort Englisch mit den beiden Gentlemen. Vom oberen Teil des Gartens sahen Gospodin Perekrestoff und Gospodin Pommeranzeff zu, und der Gouverneur sagte: »Der Fürst hält den Deutschen für den Antichrist, und doch ist da die Tochter seiner Schwester eine Deutsche.« »Nur zur Hälfte, Sergej Iwanowitsch!« »Das ist genug. Der Vater ist aus ältestem Stamm ... Ich kenne den alten Wiffenhausen von Esthland her. Ich entsinne mich: Im Bauernaufstand brannte man ihm vor zehn Jahren sein Gut Narraks nieder!« »Die Tochter sieht ihn ja kaum. Die Eltern leben seit zwanzig Jahren getrennt. Die Fürstin verläßt Petrograd nicht mehr. Betet und fastet. Bereut ihre Sünden.« »Sie hat allen Grund!« »Nun – es ist lange her ...« Der grauköpfige Staatsmann lächelte, in gewisse Erinnerungen verloren. »Im übrigen – was wollen Sie machen, Sergej Iwanowitsch? Wo ist bei uns der Deutsche nicht? Auch jetzt noch im Krieg? Ein Stück von ihm findet sich, wo Russen beisammen sind, immer, selbst hier in diesem Garten! Bemerken Sie diesen einzelnen jungen Mann dort unter der Palme, mit blondem, dichtem Haar und kurzem, blondem Schnurrbart?« Der Gouverneur Perekrestoff lenkte den Blick von Kaja Wiffenhausens strahlender, hochgewachsener, blonder Schönheit ab und blinzelte mißtrauisch. »Ja. Er fiel mir schon auf. Er rührt sich seit einer Stunde nicht von seinem Platz.« »Er spricht mit niemandem!« »Wer ist der steinerne Gast?« »Nun, wieder ein Balte. Ein Baron mit seinen Schrullen.« »Was treibt er hier?« »Das ist nur Gott bekannt. Er wohnt schon seit langem da unten irgendwo zwischen Tataren am Strande. Er bleibt für sich. Dann kommt er wieder in die Welt. Er ist ein Sonderling. Fräulein Wiffenhausen meint es auch. Sie kennt ihn. Ich glaube sogar, sie ist mit ihm verwandt.« »Deswegen empfängt man ihn hier?« »Wie sollte man nicht? Sein Vater und seine Oheime bekleiden bei uns hohe Stellungen. Seine Brüder dienen. Nur er ist ein Rätsel.« Waldemar Kerkhuß, auf den sie blickten, saß an den braungeschuppten Stamm des Dattelbaums zurückgelehnt, mit der blasierten Ruhe eines Mannes, vor dem die Welt Komödie spielt. Sein ironischer Blick schien gleichgültig über den Mückentanz im Weltkrieg um ihn hinwegzugleiten. Dazwischen suchte sein Auge doch, halb geschlossen, mit zerstreutem Interesse eine große, schlanke, blonde Gestalt in weißem Kleid. Es zuckte kaum merklich belustigt, als beobachte er ein spielendes Kind, um seine Mundwinkel, wenn er Kaja Wiffenhausen im Schwarm der genesenden Offiziere, der Petersburger Wichtigtuer, all dieser Tschinowniks und Edelleute irgendeines Gouvernements, und Knjäsen aus Gott weiß welchen tatarischen Geschlechtern auftauchen und verschwinden sah. Er dachte sich, halb schäfrig von Sonne und Schweigen: Geh du nur auf den Männerfang! Ich brauche nur die Hand zu heben, so fang' ich dich ... Neben ihm rückte ein Gartenstuhl. Ein zierlicher, alter Herr hatte da Platz genommen. Er sah, fein und gepflegt, mit seinem weißen Haar und weißem Henriquatre wie ein gepuderter kleiner Marquis des Ancien Régime aus. Waldemar Kerkhuß winkte stumm dem Grafen Jaroszynski zu, dem russisch-polnischen Magnaten, der seit Kriegsbeginn nicht mehr den gewohnten Paß auf seinen winterlichen Landsitz in Abbazia bekam und in der Not seine hustende Lunge statt an der Adria hier in der Krim mit Salzluft füllte. Eine Weile saßen die beiden, der junge Balte und der alte Sarmate, schweigend nebeneinander und betrachteten das Bild der Menschen vor sich, an denen sie keinen Anteil hatten. Sie dachten beide das gleiche. »Man muß Philosoph sein, Graf!« sagte Waldemar Kerkhuß endlich in seinem lässigen Französisch, in dem nichts von dem markigen Ton des Deutsch der Ostseeprovinzen mitklang. »Die Völker bringen sich um. Wir gehören zu keinem anerkannten Volk. Wir haben das Recht, zu leben, statt der Pflicht, zu sterben! Fügen wir uns! Schauen wir zu!« »In welcher Eigenschaft?« frug Thaddäus Jaroszynski. Waldemar Kerkhuß hob hochfahrend den blonden Kopf. »Als unabhängige Edelleute. Wir sind bevorzugt durch Geburt, Bildung, Besitz. Niemand verlangt Taten von uns beiden! Wir beide gehören zu den wenigen Menschen, die noch frei sind. Die noch tun können, was sie wollen.« »... und was sollten wir tun?« »Mein Gott ... das fortsetzen, worin der Krieg die Menschheit unterbrach!« sagte Waldemar Kerkhuß gleichgültig und schlug ein Bein über das andere. »Menschen im alten Sinn sein! Wir sind die Eremiten der Kultur. Ein paar Menschen müssen doch schließlich leben bleiben, um das, was lebenswert ist, in künftige Zeiten hinüberzuretten ...« »Ich habe Ihre Weltflucht bewundert,« sagte der alte Pole, »als ich Sie neulich in Ihrem Häuschen am Strand besuchte. Sich heutzutage in Bücher zu vergraben ... mein Gott ja ... was lag nicht alles um Sie herum ... auf dem Tisch ... auf den Stühlen ... auf dem Boden ... Mit was beschäftigen Sie sich eigentlich nicht?« »Nun – lassen Sie mir doch den Schützengraben, den ich um meine Welt zog! Ich halte meine Welt für die wirkliche ...« Der Greis neben ihm schüttelte den Kopf. »Nein. Die Wirklichkeit unserer Tage heißt Krieg! Der Irrtum, in den Sie jetzt verfielen, hieß mein Leben. Ich hielt die Kunst für das Leben und das Leben für eine Kunst! Aber jetzt ist das Sterben die Kunst geworden. Ich denke sie bald zu üben und gern. Das Leben hat mir nichts mehr zu sagen. Ich verstehe die Mundart der Kanonen nicht. Ich bin zu alt dazu.« Waldemar Kerkhuß blieb stumm. »Aber Sie, Baron Kerkhuß, sind jung. Sie werden es noch lernen. Sie werden müssen. Diesem Krieg kann man so wenig entgehen wie dem eigenen Schatten, trotz dieser Täuschung da vor uns ... der farbigen Kleider... der Palmen, der schönen Frauen ... Oder haben Sie in Ihrer Weltflucht Ruhe gefunden? Hand aufs Herz! Nun – Schweigen ist auch eine Antwort!« »Nein!« sagte Waldemar Kerkhuß nach einer Weile in einem gequälten und unruhigen Ton. »Nein. Nein ... das ist der Weg nicht. Er führt nicht weiter ...« »Es gibt Zeiten, wo man handeln muß, um zu denken, und die Augen zumachen muß, um zu sehen. Wir beide glauben, die Erde sei krank. Aber vielleicht sind nur wir krank, weil wir nicht handeln, sondern untätig zuschauen. Wir sind noch mit unzähligen kleinen Gewichten belastet. Für die anderen ist die Welt so furchtbar einfach geworden, daß jeder, bis zum Wilden hinab, seinen Platz in ihr sieht und begreift. Alle Fragen, mit denen wir uns plagen, sind für die anderen auf den Anfang aller Dinge zurückgeführt, das erste Naturgesetz: den Kampf ums Dasein! Töte, damit du nicht getötet wirst! Warum lachen Sie?« »Nun – wenn dem so ist ...,« sagte Waldemar Kerkhuß, »warum haben wir dann gelernt, auf zwei Beinen zu gehen und uns mit all dem Ballast zu behängen?... Dann haben diese Leute hier freilich recht: sie lassen die draußen sich umbringen, und sie selber tanzen und springen. Warum soll man auch nicht heiter sein?« »Ich sehe wenig davon in Ihrem Gesicht.« »Nie war man in Venedig ausgelassener als zur Zeit der Pest. Rußland beginnt zu wanken. Wer Rußland kennt, fühlt es. Warum soll man da nicht seinen Karneval feiern und das Leben genießen? Gerade wir? Von uns verlangt man ja nicht, zu sterben! Wir überleben ja das große Morden. Uns gab das Schicksal alles. Wir können uns alles nehmen.« Auf der grünen Rasenfläche vor dem griechischen Säulenrund des Tempelchens hob sich Kaja Wiffenhausens königliche Gestalt. Sie war so groß, daß sie die meisten Herren um sich überragte. Nur die beiden Briten schauten noch in ihrer Länge auf ihren lachenden blonden Kopf herab. Ihre Wangen waren gerötet. Sie sprach Französisch und Englisch in einem Satz durcheinander, dazwischen laut ein paar russische Worte hinüber zu ihren Verwandten, dem Fürsten und der Fürstin. Waldemar Kerkhuß versank stumm in ihren Anblick. Er dachte sich: Ja... du bist schön... Und dann, mit einer Wiederkehr lässigen und selbstsicheren Herrenbewußtseins: Und du weißt, wer der Erbe von Kerreküll ist, der vier Hengste lahm fährt, wenn er seine Güter umkreisen will... Ein anderer Mann als diese Wichtigtuer von Jalta da um dich... Er warf so ungestüm das Haupt herum, daß der blonde Schopf flog, und sagte zu dem alten Polen: »Sie haben ganz recht: man muß die Augen zumachen. Vielleicht ist es ein Vorurteil, daß alles ohne Ausnahme leiden und dulden muß. Ein paar Auserwählte bleiben immer übrig. Man darf nicht fragen, warum gerade wir? Aber es wäre undankbar gegen das Schicksal, das Geschenk auszuschlagen.« »Ich meinte es anders!« versetzte der kleine Graf. Waldemar Kerkhuß lachte. »Aber ich lege es mir jetzt so aus! Sie sind zu alt zum Sterben, ich zu lahm! Warum soll man nicht Mensch sein, wenn man nicht mehr sein kann, sondern zwischen den kämpfenden Völkern steht?« »Mein Schicksal ist das nicht mehr, und so lange möchte ich noch leben ...« Graf Thaddäus Jaroszynski stand auf. »Dieser Sommer 1915 hat sich vollendet. Warschau ist frei. Die Deutschen haben es uns erobert. Die polnischen Festungen sind von ihnen genommen! Nun gebe uns Gott das zweite Wunder, daß wir die polnischen Provinzen von Preußen reißen können. Dann folgt Galizien nach.« Er sagte es leise und vorsichtig, noch schuldbewußt. Man konnte hier wohl von Dank an Deutschland sprechen, aber noch nicht von Abfall von Rußland. Seine Gestalt war, während er langsam durch den Park dahinging, so klein und schmächtig, daß sie, ohne das weiße Haar im Nacken, an einen Knaben erinnert hätte. Waldemar Kerkhuß schaute ihm tiefsinnig nach. Polen... da stand wieder, fern hinter der goldenen Sonne und dem blauen Meer des schmeichelnden Südens hier, die schwarze Wetterwand des Ostens. Zeichen und Wunder flammten an ihr... Rätsel des Himmels, die kein Verstand zu deuten vermochte. Polen von den Deutschen befreit... ja ... das war im Bereich der Möglichkeit... Aber du meine weltferne Heimat hoch da oben im Norden... seit zwei Jahrhunderten in Rußlands Hand und seitdem nie vom Feind betreten... Wer drang je bis zu dir? Wie käme je ein Gegner Rußlands bis zu dieser äußersten esthnischen Thule am Finnischen Meer? Eher stiege der Mann vom Mond hernieder... Und doch hörte er in diesem Augenblick hinter sich ein Raunen auf englisch. Es waren die beiden britischen Agenten. »O... in der Tat! Neue Kämpfe in Kurland?« »Die Deutschen stehen stärker als je vorher an der Düna, an der Grenze Livlands.« »Ist es Ihre Meinung, Mac Nalta, daß die Goten weiter vorrücken?« »Nichts scheint mir und jedem, der etwas davon versteht, unmöglicher, Brewster! Riga und Dünaburg sind Plätze, die keine menschliche Hand zu nehmen vermag. Im nächsten Frühjahr wälzt sich die russische Lawine wie überall, so auch über Kurland, gegen Deutschland zurück.« »Das scheint Ihnen sicher?« »Unbesorgt, alter Bursche! Deutschland wird zu tun haben, seine eigenen offenen Grenzen im Osten zu verteidigen! Wie könnte es noch Eroberungen festhalten?« Waldemar Kerkhuß hatte sich unruhig erhoben. Er stand wieder allein zwischen den Menschen. Ein schwüler, berauschender Blumenhauch wehte durch die südliche Pracht. Die Wipfel der Zypressen neigten sich träumerisch im kosenden Wind. Es gab, in diesem Farbenspiel der Teppichbeete und Rosenschauer und Orangensterne, in diesem Gewirr sorglos heiterer Stimmen, in diesem Sprühen der Diamanten und matten Glanz der Perlenschnüre nichts, was an Schmutz, Armut, Krankheit das Auge beleidigte. Das Lachen der Männer klang tief und gutgelaunt, das der Frauen hell und silbern. Waldemar Kerkhuß sah und hörte alles und sagte sich: Das ist das Ziel, wofür die Menschheit im Blut erstickt, daß überall, an irgendeinem Platz der Erde, eine Handvoll Sonntagskinder sich in Selbstsucht und Frieden sonnt. Dafür jagt Rußland seine Muschiks zu Millionen in den Tod. Aber wenn man selbst zu den Sonntagskindern gehört?... Dort stand Kaja. Es ging ihm durch den Kopf: Ja. Du bist schön ... Und ein Achselzucken über die Dinge hinter einem... eine lockende Ergebung in das Schicksal: Die Welt ist wahnsinnig geworden! Seien wir es mit!... Er ging durch den Garten Eden in der Richtung, wo er Kaja Wiffenhausen zuletzt gesehen. Um ihn schwirrte es. Vom Krieg. Aber der Krieg war fern. Er wandelte sich hier in Wohltätigkeit. Die Damen würden Blumensträußchen für die Lazarette bei Oreanda und Alupka binden. Es gab in Jalta einen Bußgottesdienst in der Alexander-Newski-Kathedrale, bei dem Vater Cyrill, der Wunderpope, selber mit seinem mächtigen Kellerbaß das »Herr, erbarme dich« anstimmen würde. Es gab hinterher mit flinken Daimlerwagen einen Ausflug nach Ai-Todor oder mit dem Boot zur Puschkingrotte. Es gab den Plan einer Besteigung des Zeltbergs mit berittenen tatarischen Führern. Es gab ferner einen Vortrag eines französischen Conferenciers im Hotel Rossija. Es gab morgen eine Wohltätigkeitsvorstellung zugunsten des Roten Kreuzes im Kursaal des Stadtgartens am Seeboulevard. Waldemar Kerkhuß stand vor Kaja Wiffenhausen. Sie hatte noch ein paar Eintrittsscheine für dieses Fest übrig. Es wurden auch lebende Bilder gestellt. Sie selbst wirkte dabei als Mädchen von Arles mit. »Es wird Ihnen nicht stehen,« sagte er kalt und legte einen Hundertrubelschein auf den kaukasischen Teller, ohne eine Karte zu nehmen. »Sie haben kein griechisches, sondern ein germanisches Profil.« Das Wort erregte Befremden. Es klang schon an das an, was hier in Acht und Bann war, was keiner über die Lippen bringen durfte, was man am liebsten als überhaupt endgültig aus der Welt geschwunden betrachtete, das Wort »Deutsch«. Kaja Wiffenhausen verfärbte sich ein wenig unter seinem forschenden Blick. Sie lenkte ab. »Wenn ich Ihrer nicht würdig bin, so begleiten Sie uns heute in die Conférence! Professor Isoard aus Paris hält einen Vortrag über die Notwendigkeit des Kriegs!« »Professor Isoard ist ein Schwätzer!« Waldemar Kerkhuß sagte es in einem kalten Dünkel gegen seine Umgebung. Er setzte hinzu: »Er wird den Verwundeten erzählen, daß der Schmerz bloße Einbildung ist. Er paßt vollkommen hierher. Das Sterben ist der reine Unfug. Warum denn auch? Man kann ja leben! Wir leben ja hier alle! Sogar sehr vergnügt!« »Sind Sie immer so ironisch, Baron?« »Nun – es ist auch eine Art, über die Dinge hinwegzukommen: Wenn mir etwas mißfällt, leugne ich es. Darin sind wir doch hier einig. Zu diesem Zweck haben wir uns doch hier fern von der Welt versammelt.« Er hatte dabei ein schneidendes und nachlässiges Lächeln. Er sah Kaja an und sagte auf russisch zu den anderen: »Fragen Sie nur Kaja Nikolajewna. Sie ist trotz ihrer Jugend eine Lebenskünstlerin. Sie wird Ihnen erklären, daß auch der Krieg seine Freuden hat. Ohne ihn wäre unser Frieden hier zu banal. Jeder könnte ihn haben. Erst der Krieg draußen gibt ihm seinen prickelnden Reiz.« »Sie lieben die Widersprüche!« »Mein Gott ... ich bin ein Mensch, und jeder Mensch ist zu sich selbst ein Widerspruch. Nicht wahr?« Er sah dabei Kaja Wiffenhausen an, mit einer Frage in den großen, blauen Augen: Hast du nicht auch ein Halbteil deutsches Blut in den Adern? Die blonde Schönheit vor ihm hob mit einer slawisch leichtsinnigen Bewegung die Venusschultern. »Baron Kerkhuß ist immer so. Man muß ihn nehmen, wie er ist. Er spielt nun einmal den Menschenfeind!« »Den Frauenfeind!« »Das ist ein und dasselbe!« Die jungen Frauen lachten. Die Herren mit. Kaja Wiffenhausen verfiel plötzlich in das Esthnische, das in diesem Kreise nur Kerkhuß und sie verstanden. »Warum gießen Sie denn wieder Ihr Scheidewasser auf alles!« sagte sie und schlenderte mit ihm ein paar Schritte zur Seite, groß, schlank, den königlichen Kopf mit dem verächtlichen Ausdruck russischer Schönheiten im Nacken. »Finden Sie es so geistreich, alles zu verneinen? Ich nicht! Das bringt bei uns hier jeder Nihilist fertig. Sind Sie ein Popensohn und ich eine Kursistin, daß wir den anderen Russen hier so ein Schauspiel geben?« »Ich bin überhaupt kein Russe und Sie nur halb!« »Was sind Sie denn?« »Unzufrieden bin ich mit allem um mich her!« »Da würde ich mit mir selber anfangen, Waldemar Konstantinowitsch!« »Wer sagt Ihnen denn, daß ich das nicht tue?« »Warum sind Sie dann gekommen, um mich vor aller Welt hier zur Rechenschaft zu ziehen?« Ihr Atem war heiß. Eine schwüle Wolke von Wohlgeruch umwehte sie nach slawischer Art. Ihr Busen hob und senkte sich heftig. Er stand dicht neben ihr und sagte finster wieder auf russisch: »Sie sind mir ein Stein des Anstoßes. Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich Sie sehe! Warum gab Gott so viel Leere in solch schönes Gesicht?« Kaja Wiffenhausen lachte hell auf. »Weshalb sind Sie denn immer da, wo ich bin?« »Ja. Ich weiß es auch nicht!« sagte Waldemar Kerkhuß nachdenklich. »Sie werden heut mit in die Conférence kommen. Sie werden morgen in der ersten Reihe sitzen und mich als lebendes Bild mit Ihren großen blauen Augen anstarren!« »Wie sollte ich nicht? Sie sind schön!« Kaja wurde unter seinem Blick plötzlich ernst und etwas blaß. Ihr Gesicht gewann unter dem Myrtenschatten, in dem sie stand, einen geisterhaften und geheimnisvollen Reiz. Er wußte: das war auch nur ein Teil des Spiels zwischen ihm und ihr. Aber er wandte das Auge nicht von ihr. Er wurde unvermittelt heftig. »Was machen Sie aus sich? Wie lebt ihr hier? Ihr seid wie die Mücken über dem Wasser. Habt ihr denn keinen Ernst und keinen Schmerz in dieser Zeit?« Kaja Wiffenhausen schwieg und zündete sich eine Zigarette an. Der Feuerschein lief leuchtend über ihr trotziges und dabei doch lächelndes Gesicht. Sie sah ihn erwartungsvoll an, daß er weiterreden solle, mit einem Blick von unten herauf, zutraulich wie ein Kind. Er dachte sich: Du hast viele Künste. Man kennt sie. Man kennt dich durch und durch und muß sich doch täglich gegen dich wehren ... Dann brach er wieder los: »Was sind das für Menschen hier, mit denen Sie herumlaufen? Warum sind Sie nicht bei Ihrem Vater?« Sie zuckte nur die Achseln. Der alte Wiffenhausen ... wenn man ihn einmal im Jahr auf acht Tage in seinem niedergebrannten esthnischen Schloß am Meer besuchte, hatte man seine kindlichen Pflichten erfüllt. »Und Ihre Mutter?« Maman war in Petrograd und betete. Die anderen dort amüsierten sich. Alle Welt amüsierte sich in Petrograd. Man schrieb ihr von dort entzückt. Das Leben war noch leichter und schneller als im Frieden. Wohltätigkeitsfeste ... Empfänge bei den Großfürstinnen ... Feiern zu Ehren der Verbündeten ... Das Geld rollte. Der Krieg ließ alle Pulse höher schlagen ... »Ja. Ihr seid alle im Fieber. Aber einmal kommt der kalte Wasserstrahl.« Waldemar Kerkhuß maß das Weltkind vor ihm mit einem strengen und düsteren Blick. Sie schüttelte das mit einer Bewegung des blonden Kopfes, in dem ein Diamantendiadem glitzerte, wie eine Fliege von sich. »Warten wir's ab! Vorläufig sitze ich hier warm in der Sonne. Ich habe keinen Sinn für Weltschmerz. Die Leidensmiene steht mir nicht. Ich lasse sie Ihnen. Sie haben sich eine ganz gute Maske zurechtgelegt. Sie sind interessant. Täglich werde ich nach Ihnen gefragt!« Kaja Wiffenhausen warf die Papyros achtlos hinter sich und stand slawisch lässig vor ihm, die Hände auf dem Rücken, an den Stamm eines Drachenbaumes gelehnt, der phantastisch seine schlangenartigen Äste über ihrer weißen Schlankheit spreizte. »Aber ich warne Sie als Freundin, Waldemar Konstantinowitsch, spielen Sie Ihre Rolle nicht zu lange! ... Ein vornehmer, junger Mann, der zu ernst für den Krieg ist ... Es reizt einen ... man ärgert sich ... Eine Zeitlang war sogar ich neugierig ... Aber Sie fangen bald an langweilig zu werden ... ich merke es an mir ...« Die ersten Schatten des Abends senkten sich hernieder ... Kaja Wiffenhausens Antlitz wurde weich vor Sehnsucht, während sie gläubig zu dem allmählich dämmernden Himmel aufsah. »Wenn Sie schon vor dem Krieg fliehen – warum machen Sie es nicht wie wir und sind vergnügt? Manche sagen, daß man jetzt nicht tanzen soll ... Gestern abend tanzten wir doch ... am Strand ... Wir warfen Schatten im Mondschein, wie wir uns unter den Palmen drehten ... wie ein Geistertanz ... Arkad Stepanowitsch spielte auf der Balalaika ... Er konnte nicht mitmachen wegen seiner Wunde am Fuß. Er saß und sah zu ...« Waldemar Kerkhuß erwiderte nichts. In seinen kühlen Mienen stand: Eifersüchtig machst du mich nicht mit deinem Arkad, dem Grodnoer Taugenichts! Ich weiß, daß du mich doch nimmst, wenn ich will. Kalt berechnend, wie du bist ... »Ach, ich hätte zehn Jahre früher auf die Welt kommen sollen, Waldemar Konstantinowitsch, dann hätte ich mein Leben genossen. Jetzt bin ich um meine Jugend geprellt und wahrscheinlich auch um meine Zukunft, wenn dieser Krieg noch lange weitergeht. O, ich hasse ihn!« »Wer haßt ihn nicht? Nur aus anderen Gründen ...« »Aber er wird bald zu Ende gehen! Sie sagen es alle! Und dann wird alles wie früher! Ach, ich freue mich ja wie ein Kind auf Paris ... Machen Sie doch nicht solche Augen ... man könnte sich vor Ihnen ängstigen! Niemand wird aus Ihnen klug. Was treiben Sie eigentlich hier?« »Ich suche.« »Was denn?« In ihren glänzenden Augen lockte die Frage: mich? Aber Waldemar Kerkhuß machte nur eine Handbewegung: »Lassen wir's!« Und dann, nach einem Schweigen: »Ich gehe auch weg.« »Wohin?« »Ich weiß es nicht!« Kaja Wiffenhausen schaute ihn an und sagte: »Sie sind ein sonderbarer Mensch!« Es klang halblaut und weich in ihrem sanften Russisch. Plötzlich wurde er wieder lebhaft. Es war wie ein Selbstgespräch, das er rasch und eindringlich anfing: »Man könnte ja weit von hier fort ... aus Europa ... in ferne Länder ... wo das alles nicht hinkommt, was uns hier verwirrt! Es gibt doch noch Paradiese auf Erden. Man könnte träumen ... ruhen ... vergessen ...« »Wir sind ja hier in einem Paradies!« »Nein. Hier ist der Krieg. Wer im Krieg seinen Platz nicht findet, muß Meere und Länder zwischen sich und den Krieg legen. Sonst stirbt er am Krieg, so gut wie einer draußen.« »Wo sollte man hin?« »Die Welt ist groß. Man könnte in Argentinien Güter kaufen. Sich ein Königreich in den Steppen gründen. Frei leben. Es gibt spanische Inseln, auf denen ein ewiger Frühling ist. Man würde in Java, oben auf den Bergen, zwischen seinen Plantagen, Europa vergessen können ...« Er brach ab. Er sah einen kaum merkbaren Anflug von belustigtem Zucken um die schwellenden roten Lippen drüben. Ihr Antlitz blieb ganz ernst. Sie hörte ihm scheinbar andächtig zu. Aber in ihren Augen las er die kaltblütige Zuversicht, las durch diese blauen Sterne hindurch in ihrer Seele das ruhige: Wenn ich dich nur erst habe, folgst du mir in meine Welt. Kommst mit zu den Meinen. Nach Petrograd und Paris. Ein Schrecken überfiel ihn. Er vergletscherte auf einmal wieder, in seinem hochmütig die Mitmenschen auf drei Schritte vom Leibe haltenden Lächeln. »Nun – ich muß jetzt gehen!« sagte er, als ob er es unvermutet sehr eilig hätte, schüttelte Kaja Wiffenhausen freundschaftlich die Hand und verließ, ohne sich weiter von jemandem zu verabschieden, den Kragen gegen die Abendkühle hochschlagend, den Blick am Boden, den Garten. Zerstreut schritt er die Autskajastraße hinab. Es dämmerte nun schon stark. Jetzt, wo man im einfallenden Dunkel die buntfarbige Tünche der Datschen, der Landhäuser, die weißen Schirmkappen, die schwarzen Astrachanmützen und feldbraunen Mäntel der Russen, die vereinzelten morgenländischen Gestalten der Tataren nur noch undeutlich sah, konnte man sich, wenn man stehenblieb und die Augen schloß, einbilden, in Italien zu sein. Es war dasselbe weiche Spiel der Luft, das Meeresrauschen in der Ferne, Blütenduft, hier noch eindringlicher, in dieser unwahrscheinlichen Zuflucht zwischen nordischem Winter und Schwarzem Meer, die die Ostküste der Krim hieß. Waldemar Kerkhuß kam aus seinen Gedanken zu sich. Er zog einen Brief aus der Tasche und las ihn noch einmal mühsam im Zwielicht. Es waren französische Lettern. Feine, zitternde Züge. Die Mutter schrieb. Sie, die ihn einst in deutscher Sprache beten gelehrt, durfte nicht wagen, ihrem Sohn in deutschen Worten Nachricht aus Esthland, wo jetzt wohl schon bald die ersten Schneeflocken über Sumpf und Heide flogen, in die Sonne des Südens zu schicken. Sie durfte kein Wort von dem erwähnen, was er zwischen den Zeilen las: daß da oben in den Ostseeprovinzen alles beim alten war, die alte Bedrückung weiterging, das Deutschtum starb, die Hoffnung erlosch. Sie schrieb nur Familiennachrichten. Hauptsächlich über das Befinden des Vaters. Baron Konstantin von Kerkhuß kränkelte seit einiger Zeit. Dr. Frälsemann, der Arzt des Kirchspiels, hatte nichts Eigentliches gefunden und war doch besorgt über diesen plötzlichen Verfall. Und wieder mußte er, der Sohn, aus den Gedankenstrichen am Schlusse erraten, was das Leiden war, das an der hohen, vornehmen Gestalt des alten Grandseigneurs nagte: der Dank von Rußland für ein langes, in seinem Dienst verbrachtes Leben. Der Dank von Rußland für zwei Jahrhunderte deutscher Treue eines alten deutschen Geschlechts. Der Dank von Rußland an seine Zuverlässigsten, weil unbestechlichen. Der Dank von Rußland, der Vernichtung des Deutschtums in baltischen Landen hieß. Dort ferne in der Dämmerung hinter Europa brütete der asiatische Koloß. Ein Frösteln überlief Waldemar Kerkhuß trotz der wohligen und weichen Wärme der südlichen Luft. Es war dasselbe Zurückfahren vor dem Abgrund wie vorhin, als er in Kaja Wiffenhausens Augen jählings den Osten gesehen hatte. Er schritt weiter. Es ging ihm wieder durch den Kopf: Kurland in deutscher Hand ... Aber wie lange vielleicht nur? ... Und dann? Ihr Brüder da unten im alten Ordensland ... Ihr steht schon vor dem großen Schicksalswegweiser ... Namen fielen ihm ein ... Namen von solchen, die sich schon entschieden hatten ... Erik Stier mit seinen drei Söhnen war offen hinüber zu den Deutschen, Professor Krummaß, Baron Dalen, Baron Treutlingen, Pastor Feilitz und noch viele andere, die er kannte, und zehnmal mehr, die er nicht kannte. Alles harrte da ... hoffte ... Aber jenseits der Düna hielt der Moskowiter nach wie vor Wache ... Da war die Nabareschenja, die lange elegante Promenade mit ihren kaukasischen Luxusläden auf der einen Seite, von der anderen der Blick über das Meer, dessen schwarzen Spiegel nun schon der Mond mit dem Gefunkel silberner Schuppen übersäte. Gegen Abend hatte sich die See beruhigt. Sie plätscherte nur noch in kleinen Wellen um die Pfähle des in das Wasser hinausgebauten Strandpavillons. Waldemar Kerkhuß saß stumm und allein an einem Tisch und rauchte. Die Menschen um ihn waren ihm Luft. Er vernahm mit halbem Ohr das leise, lebhafte Russisch ihres Gesprächs. Der Krieg ... der Krieg auch hier ... Polen ... Galizien ... der Balkan ... Armenien ... von den Ostseeprovinzen war kaum die Rede. Sie waren ein Nebenschauplatz des Völkerringens, dessen Ausgang auch über sie entschied. Die Nacht ringsum war dunkel. Welches Menschenauge vermochte durch ihre Geheimnisse in die Zukunft zu schauen? Waldemar Kerkhuß dachte sich: Gläubige Augen gibt es, die auch im Dunkel sehen, weil das Licht in ihnen ist. Elise Metztak ging unbeirrt mit ihrem Mann nach Deutschland. Ist in dem so unwahrscheinlich fernen, von der Menschheit abgeschlossenen Berlin ... Ich kann ihr nicht mehr schreiben. Keinen Brief empfangen. Monate sind es her, daß ein letztes Lebenszeichen von ihr über Schweden kam ... die Tore sind zu ... die Riegel liegen überall vor ... Deutschland drüben ist das große Schweigen. Er saß versonnen, den Kopf in die Hand gestützt. Er fühlte sich einsam und sagte sich selbst: Du bist einsam, weil du nur an dich denkst! Und dachte sich wieder: Muß ich es nicht? Ist nicht mein erstes vererbtes Gebot das der Selbsterhaltung? Wo wären wir hingekommen, diese Handvoll deutscher Geschlechter im baltischen Norden, allein in der ungeheuren Überzahl undeutscher Welt, von Deutschland getrennt, von den Polen, Schweden, Dänen bedroht, vom Russen überschwemmt, – wo wären wir hinverweht und zerstoben in den langen Jahrhunderten, wenn nicht dies ecce Ego unser Leitstern im Leben gewesen wäre? Für uns war Selbstsucht längst nicht mehr eine Eigenschaft, sondern eine Notwendigkeit, kein Charakterzug, sondern eine Vorbedingung zum Dasein ... Die Asche stäubte von der Papyros in Waldemar Kerkhuß' Hand, so kräftig hatte ihn jemand von hinten auf die Schulter geschlagen. Er zog die Augenbrauen hoch und drehte sich langsam um. Der Knjäs Manuchin stand vor ihm, die massige Gestalt in einen weißen Staubmantel gehüllt, eine blaue Jachtmütze auf dem grobgeschnittenen Barbarenkopf mit den westlich nervösen, durchdringenden und leidenden Augen. »Ich machte noch einen Spaziergang,« sagte er, »diese langen Gespräche ... diese vielen Menschen am Nachmittag ... es gibt da schließlich eine Trübung des Kopfes ... Ich sah Sie im Vorbeigehen sitzen ... einsam, wie meist ...« »Belieben Sie Platz zu nehmen, Fürst!« »Gut!« Der Knjäs setzte sich schwer und klatschte befehlend in die riesigen Hände. »Höre, Mensch!« Der Tatar kam. »Bring' Tee, Butter, Brot! Warte!« Er hielt den Kellner zurück. »Du wirst mir einen Vorschmack geben, Boeuf à la Stroganoff ... eine Assetrina ... habt ihr?« Jawohl, es gab diese Butte des Schwarzen Meeres. Boris Wladimirowitsch Manuchin nickte bedächtig. Er hatte den Magen des wahren Russen, der immer Zufuhr vertragen konnte und Zufuhr verlangte. Er drehte sich behutsam eine Zigarette und frug: »Wie lange denken Sie noch hier zu bleiben, Waldemar Konstantinowitsch?« »Wie soll ich es wissen?« »Belieben Sie: wir haben Mitte Oktober. In wenigen Wochen ist hier Stille. Man geht wieder nach Moskau. Man geht nach Petrograd. Auch die Fürstin und ich. Kaja begleitet uns dorthin zu ihrer Mutter zurück. Es ist Zeit, sich eine Nummer für den Luxuszug von Sebastopol einschreiben zu lassen.« »Ich werde diese Nummer niemandem rauben!« »Und was tun Sie hier? Gestatten Sie, daß ich einmal als Freund zu Ihnen spreche!« Im Schweigen des anderen war ein sonderbares Lächeln. Kaja Wiffenhausens Oheim bemerkte es nicht. Er schlürfte den dampfenden Tee eines Hitzegrades, den kein Westeuropäer vertragen hätte, und stellte das Glas am Handgriff des silbernen Untersatzes wieder hin. »Man beschäftigt sich mit Ihnen, Waldemar Konstantinowitsch ...« »Wer das? Die Polizei?« »Erbarmen Sie sich! Nein: Menschen, die es gut mit Ihnen meinen. Ich hier etwa.« »Ich danke Ihnen, Boris Wladimirowitsch!« »Wie ist das doch mit Ihnen? In welch nihilistischer Stimmung sind Sie? Man sieht es Ihnen an. Was ist das für eine Leere um Sie, dem Gott alles gab, Jugend, Gesundheit, Kraft, ein Äußeres, wie es die Frauen lieben, vornehmen Namen, Güter, Reichtum ...« »Vergessen Sie ein lahmes Bein nicht, Fürst!« »Vielleicht ist auch dies eine Gnade Gottes. Ohne dies steife Knie wären Sie ins Feld gezogen, lägen jetzt vielleicht schon unter der Erde ...!« »Möglich!« »Nun denn, diese Gaben verpflichten. Wer darf jetzt in dieser furchtbaren Auseinandersetzung über die Methoden des Lebens in den nächsten Jahrhunderten abseits bleiben? Rußland will Sie ...« »Mich?« »Wie denn nicht?« »Mich, einen Russen deutschen Namens? Lieben Sie die Deutschen, Knjäs?« Der Fürst schnalzte abwehrend mit der Zunge, schüttelte das slawische Apostelhaupt, fuhr sich mit der Hand durch den Bart. »Nun – es gibt Ausnahmen! Auch bei mir! Sie selbst sind der Beweis. Heute mag Ihr deutscher Ursprung für Sie in Petrograd noch ein Hemmschuh sein. Morgen nicht mehr. Die Zukunft gehört Ihnen, wie jedem, der an der Erneuerung der russischen Gesellschaft selbstlos mitzuarbeiten bereit ist!« ... und Kaja Wiffenhausen zur Herrin von Kerreküll macht! dachte sich Waldemar Kerkhuß. Er lächelte und schwieg. Der Knjäs ihm gegenüber fuhr mit seiner Gabel in die Schüsseln, nahm zwischen den einzelnen Bissen einen Zug aus der Papyros, die auf dem Tischtuch neben ihm glimmte, und stieß den Rauch durch die breiten Nasenlöcher. Dabei lag doch in allem, was er sprach und tat, über ihm das Wesen des vornehmen Mannes, nur von einer Art, die den Übergang aus Westeuropa nach Asien bedeutete. Fürst Boris Wladimirowitsch Manuchin war ein Schüler dieses Westens und ein Sohn der großen russischen Welt, der er durch Geburt und Stellung angehörte, und die er doch leidenschaftslos von außen her zu sehen sich bemühte. Er redete von ihr wissenschaftlich wie der Arzt am Krankenlager. »Wie kam das alles?« sagte er mit seiner weichen, hellen, durch ihre Ruhe überzeugenden Stimme. »Wir haben seit tausend Jahren, seit Rurik, Sineus und Truwor die Zaren! Der Gossudar war für uns Gottes starke Hand. Wer nicht stark war, den schied die russische Seele gewaltsam aus. Peter der Große tötete seinen Sohn. Iwan der Vierte starb in Schlüsselburg im Kerker. Peter der Dritte wurde vom Thron entfernt und begraben. Paul den Ersten habt ihr Balten selbst an den Beinen aus dem Kamin gezogen, ihm den Ruß aus dem Gesicht gewischt – Er ist es! – und mit euren Schärpen erwürgt. Gut. Nun aber drang durch Polens Teilung der Westen bei uns ein. Es hieß: Auch das Schwache hat ein Recht zum Dasein! Auch ein schwacher Zar!« Waldemar Kerkhuß betrachtete stumm und gespannt das bärtige Urbild Rußlands vor ihm, dessen geistvolle und leidende Augen in das Dunkel der Nacht, in der Richtung nach dem nahen Zarenschloß, hinauswiesen. Die Stimme raunte nur noch im leisesten Flüstern: »Er dort – der in diesem Augenblick da drüben in Livadia sein Leben verträumt – er, der Zar, ist ein Schwächling. Sein Sohn ein Krüppel ohne Erziehung. Auch da nichts zu hoffen. So ruht Rußlands Dasein auf sich selbst. Es muß seine eigenen Kräfte sammeln. Es muß, nach den Formeln westlicher Freiheit, seine Kultur organisieren!« Knjäs Manuchin faltete seine mächtigen Fäuste, denen man eher zugetraut hätte, daß sie im Birkenwald die Zimmermannsaxt führten, als daß sie seine in der politischen Welt weit bekannten Essays in englischer und französischer Sprache schrieben, die er gleichmäßig wie das Russische und auch das Deutsche beherrschte. Er ließ seinen Geist in Petersburger Widersprüchen glitzern. »Was ist dies Rußland des Zarismus heute? Ein organisiertes Chaos. Eine allgemeine Anordnung, die nur dadurch besteht, daß die Verwirrung überall gleichmäßig sich die Wage hält. Ein Selbstherrscher, der sich nicht selbst beherrschen kann. Ein Adel, der zur Beamtenschaft wurde, weil die Aufhebung der Leibeigenschaft ihn ruinierte. Eine Beamtenschaft, die stiehlt, weil ihre Gehälter sie verhungern lassen. Ein Muschik, der hungert, weil das Korn unserer schwarzen Erde vor seinen Augen in das besser zahlende Ausland geht. Ein Hebräer, der hungert, weil man ihn in den Ghettos Polens und Beßarabiens einpfercht. Ein Kosak, der mit seiner Nagaika den hungernden Muschik niederschlägt, weil er den hungernden Hebräer tötete. Eine Intelligenz, die mißvergnügt ist, weil sie diese Wunden Rußlands sieht. Eine Ochrana, die diese Intelligenz um vier Uhr nachts aus dem Bett heraus verhaftet, weil sie mißvergnügt ist.« »Es scheint mir, Fürst, daß nur Ihre hohe Stellung Sie selbst vor einem solchen Besuch der Geheimpolizei schützt.« Knjäs Manuchin schüttelte das Haupt. Es fiel Waldemar Kerkhuß auf, wie ausdrucksvoll diese sich in den kahlen Schädel hinauf verlierende Stirne gebaut war. Rußland wohnte dahinter, Rußland mit seinem Fieber und seinen Nöten, seinem Grübeln tief nach innen und zugleich seinem blinden Drang nach außen, dies ganze, halb endlose und eben darum sich selbst nur halb verständliche und nach Begreifen ringende Chaos. »Wie denn? Ich spreche nur aus, was jedes Kind in Rußland denkt. Selbst dem Khan von Chiwa kann man es nicht verbergen, daß die Säulen der heutigen Anordnung wanken. Belieben Sie, unsere Mißerfolge an allen Fronten zu betrachten. Studieren Sie das Durcheinander von Gatschina und Livadia. Die Minister kommen und gehen. Sie erfahren auf dem Bahnhof ihre Entlassung. Die Generale hören mitten im Angriff am Fernsprecher, sie sind abgesetzt. Inmitten dieses Tollhauses sitzt er ... der Wundermönch! Kannst du heute abend ahnen, was er morgen früh seinen hohen Büßerinnen befehlen wird? Wahrlich, die Zeit ist reif. Nicht umsonst hat unsere Intelligenz sich vorbereitet. Sie ruht auf dem mächtigen Bau der Semstwos, von dem das Ausland kaum etwas weiß. Es handelt sich nur darum, diese Formeln der Selbstverwaltung auf die Spitzen des heutigen Systems zu übertragen, das auch euch Balten peinigt und verfolgt.« »Der Deutschenhaß in Rußland sitzt zu tief. Bei Ihnen selbst, Fürst! Ihr schafft ihn nicht von heute auf morgen aus der Welt!« sagte Waldemar Kerkhuß. Der Fürst überhörte es. Er fuhr gedämpft und eindringlich fort: »Die Magna Charta statt des Zarismus, die Habeaskorpusakte statt der Ochrana, Westminster statt des Winterpalais! England ist unser Vorbild. England ist unser Wohltäter. Welchen Zeiten führt es Rußland entgegen!« »Noch ist der Krieg nicht entschieden, Fürst!« »Wir werden ihn durch Englands Brudertreue gewinnen. Nach innen und außen. Beachten Sie, Waldemar Konstantinowitsch, daß wir Russen in letzter Zeit jeden Krieg, den wir führten, zugleich nach innen, gegen uns führten. Darum kam nach dem Türkenkrieg der Nihilismus, nach dem Krieg im fernen Osten Brand und Aufruhr auch bei euch in den Ostseeprovinzen, in Moskau, überall. Diesmal enden wir den Krieg für uns. Mag der Zar auf dem Thron bleiben oder nicht – auch England hat ja eine derartige Gestalt – die herrschenden Elemente sind dann wir, die führende Intelligenz Rußlands ...« »... die von England geführt wird ...« »Die im Geiste der westlichen Aufklärung jedem sein Recht gibt! Auch euch Balten! Ihr seid wie andere Bürger des auferstandenen allrussischen Vaterlands! Sie lächeln? Ich kenne an Ihnen diesen ironischen Zug ...« »... ich denke an die Freundschaft, die England für uns Deutschrussen an den Tag legen wird!« »Es wird es! Vertrauen Sie auf Englands Weisheit. Und im übrigen: kommt nach Petrograd, ihr Balten! Macht euch geltend! Tretet auf! Jedem soll freistehen, sein Recht zu wahren! Je früher er sich zur Mitarbeit einstellt, desto sicherer wird ihm sein Recht zuteil!« ... Und Kajas Hand ... Waldemar Kerkhuß befahl dem Tataren mit einem kaum merklichen Kopfnicken, ihm ein neues Glas Tee zu bringen. Er dachte sich ... Ja, sie ist schön ... ein glänzendes Leben ist an ihrer Seite – eine weite Zukunft ... »Bald bin ich wieder in Petrograd, Waldemar Konstantinowitsch! Sie kennen mein Haus in der Großen Morskaja?« »Ich sah es früher im Vorüberfahren.« »Besuchen Sie mich dort! Erweisen Sie mir die Ehre! Die Fürstin wird sich freuen. Auch Kaja finden Sie meistens bei uns. Belieben Sie: Was soll sie bei ihrer Mutter? Sie ist noch zu jung zum Büßen und Beten ... Wir werden da weiter plaudern, Sie und ich! Was wollen Sie den Winter hier vertrauern? Die Witterung wird bald rauh, schlägt jäh um ... Wir sind alle Menschen und dem Irrtum unterworfen. Aber am sichersten wird jetzt der irren, der überhaupt keine Wahrheit sucht!« Waldemar Kerkhuß erwiderte nichts. »Ich begreife es, daß Sie an der Front nicht blieben. Das Kreuz Ihrer Lahmheit war Ihnen im Wege. Man sagt, Sie waren in Bukarest. Was taten Sie dort unter diesen Gespenstern von gestern, die dem Schatten des Zarismus von heute dienen? Ich verstehe den Widerwillen, der Sie wegtrieb. Aber hier tut sich Petrograd vor Ihnen auf, das Rußland von morgen, mit allen Möglichkeiten, die dieses heilige Wort in sich schließt ... Ich erachte es für meine russische Bürgerpflicht, jeden zu gewinnen, der an diesem Glück unseres Volkes mit Hand anlegen kann. Ich lade hiermit auch Sie ein, Waldemar Konstantinowitsch, der russischen Zukunft zu dienen. Seien Sie uns willkommen!« ... und deiner Schwester als Schwiegersohn, dachte sich Waldemar Kerkhuß. Sie selbst, die alte Sünderin, ist reuig und weltfern geworden ... schlägt mit dem Graukopf auf den Boden und betet zu Johann dem Leidensreichen von Kiew und allen Heiligen. So müßt ihr, du und die Fürstin, für eure Nichte sorgen. »Ein Mann wie Sie, Waldemar Konstantinowitsch! Man fragt dereinst nach Ihnen. Man zuckt die Achseln: Er verstand die Zeit nicht zu fassen. Die Zeit ging über ihn weg. Nun ist er verlassen. Ein lebender Leichnam. Und vor ihm, nach Gottes Willen, noch ein langes Leben!« Waldemar Kerkhuß saß und rauchte. Vor ihm raunte durch blaue Zigarettenschleier und den Dampf des Teeglases die Stimme des Versuchers. »Man wird sagen: Alles bot sich ihm. Er aber hielt sich fern, wo er alles hätte erreichen können! ... Was kann man in Petrograd jetzt nicht erreichen? Die Zeit stürmt wie ein Dreigespann. Die Räder fliegen. Wo ist das Ziel? Jeder mag es sich so weit stecken, als er will. Das Wort ›unmöglich‹ schwindet aus dem Wörterbuch der slawischen Sprachen. Entschließen Sie sich! Jeder Anhänger westlicher Schulung unseres Gesellschaftssystems gehört jetzt nach Petrograd. Es ist der Kopf Rußlands, wie Moskau sein Herz. Man muß nur Freunde haben zwischen der Balschaja und der Fontanka. Sie wissen, wo dort dazwischen mein bescheidenes Haus liegt ... Warum wollen Sie nicht den nahen Triumph der liberalen Intelligenz Rußlands teilen? Wie wird in einem Jahr, nach dem Sturz des alten Systems und gewonnenem Krieg, Rußland dastehen und mit ihm jeder seiner Söhne, der ihm treu war? Nun schenkt ihm die Vorsehung einen Tummelplatz seiner Gaben vom Stillen Ozean bis zum Balkan, vom Nördlichen Eismeer bis zum Goldenen Korn. Halb Asien und halb Europa sind das Sprungbrett seiner Erfolge. Sie haben Gaben, Waldemar Konstantinowitsch! Wie sollten da Erfolge fehlen?« Der Knjäs Manuchin hatte zu reden aufgehört. Er saß plötzlich in sich versunken. In dem jähen Umschwung slawischen Wesens war auf einmal eine schwermütige Ruhe und Abspannung über ihn gekommen. In dem Schweigen zwischen ihnen beiden lag die tatenlose, weit aus Asien herstammende Schicksalsergebung in die Dinge. Aber vor Waldemar Kerkhuß' Gedanken dehnte sich dies unermeßliche Asien, das in seiner europäischen Hülle Rußland hieß, dies Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem alles denkbar war, nur nichts Kleines, in dem es alles gab, schwindelnden Aufstieg, Macht über Millionen Menschen ... unerschöpflichen Reichtum ... schöne Frauen ... Kaja Wiffenhausen stand im Geist vor ihm. Sie stand da, groß, schlank, in weißem Gewand, mit leuchtenden Augen wie ein Cherub vor dem Thron des Lebens. »Dein Teegeld, Mensch!« Der Fürst hatte geraucht und vor sich hingestarrt. In einer jähen und nervösen Bewegung war er dann aufgestanden und hatte dem Kellner ein Bündel Rubelscheine hingeworfen, den Rest dem Tataren ungezählt mit einer Handbewegung als Trinkgeld lassend. Er reichte seinem Gefährten die Rechte. »Nun, mit Gott! – Man wartet auf mich!« »Grüßen Sie die Fürstin, Boris Wladimirowitsch!« Waldemar Kerkhuß wollte hinzusetzen: Und Fräulein Wiffenhausen! Aber er schwieg. Sie trennten sich, und der Fürst ging schwerfällig, mit der Langsamkeit des Russen, in die Nacht hinaus. 6. Es war nicht sehr kalt für einen Petersburger Februartag. Kaum zwanzig Grad Celsius unter Null bei beginnender Dämmerung um drei Uhr nachmittags. An den Straßenecken lohten im Zwielicht auf offenem Fahrdamm die großen Feuer, um die bärenartige Gestalten, Kutscher, Hausbesorger, Arbeiter, in ihren Pelzen stapften, die Arme gegeneinander schlugen und sich wärmten. Aus offenen schwarzen Wasserspiegeln im Eis der vielen Newaarme stieg ein Rauch wie aus einem dampfenden Teekessel. Die Schneeflocken wallten schwer auf Petersburg mit seinen breiten Flußflächen und wüstenartig weiten Plätzen und Reihen von riesigen Palästen. Auf diesen steingewordenen, nordischen Zarenwillen, diese auf unergründlichem Sumpf und morschen Holzpfählen schwebende, von eintöniger Waldwildnis umkerkerte größte Beamtenstadt der Welt, in der ein jeder, vom Gymnasiasten bis zum Hofminister, Uniform trug, in der der Tschinownik in vielen tausend Amtsstuben, in vielen tausend Spielarten, vom Viertelsmeister bis zum Gehilfen der höchsten »Sphären«, herrschte, faulenzte, im Schlendrian, das heiße Teeglas vor sich, rauchte, schrieb, mit einem Federzug freie Menschen einsperrte, nach Sibirien schickte, mittags um Zwölf, nachdem er eben sein Bett verlassen, erst am Arbeitstisch erschien und bei sinkender Nacht, um vier Uhr nachmittags, schon wieder im sausenden Schlitten heimfuhr, – diese Stadt, in der man vom Stadtsoldaten bis zum Großfürsten hinauf stahl, diese gewaltige Stadt trotzdem, die einen deutschen Namen trug, alles damit umschließend, was Rußland deutschem Wesen verdankte, und von der aus der Krieg wider Deutschland entfesselt wurde. Der Krieg quoll düster und fahl wie ein Schattenbild durch die verschneiten Straßen des vornehmen, um das Winterpalais an der großen Newa gelagerten Admiralitätsteils. Kein Krieg mit Musikgeschmetter, Tücherwinken, jubelndem Zuruf. Stumm und stumpf stapften diese einförmigen, feldbraunen Scharen dahin, zwischen den hohen Schneehaufen zu beiden Seiten des Fahrdamms im Eisschlamm watend, die breitknochigen Gesichter blinzelnd gegen das Flockentreiben gebeugt, müde aufsehend, wenn alte Hexen aus dem Volk ihnen mit schmutzigen Händen geweihte Heiligenbilder zum Kuß hinhielten, verständnislos nach den Fenstern der prunkvollen Häuser hinaufstarrend, hinter deren fest verschlossenen und in den Fugen verklebten Scheiben da und dort ein Barin oder eine Barinja stand, Herren und Herrinnen, denen unten eine so fremde Welt wie diese hohen steinernen Häuser hier ihren fernen binsengedeckten Holzhütten, aus denen Starost und Gendarm sie gerissen, der Pope sie gesegnet, der Kronsoffizier sie weggetrieben hatte, um gegen Deutschland zu kämpfen. Längst hatten sich die Städte Westrußlands an den endlosen, jahrelangen Zug des Todes nach der Front gewöhnt, wo jeder Tag diese lebenden Wellen zu Tausenden zwischen dem Feuerspeien der Deutschen und den eigenen Kartätschlagen im Rücken niedermähte. »Wenn man hinabschaut, glaubt man, es kommen jeden Morgen dieselben Muschiks vorbei!« sagte Kaja von Wiffenhausen. Sie stand, die Papyros zwischen den schwellenden roten Lippen des schönen, jungen Gesichts, am Fenster des Palais Manuchin in der Großen Morskaja. Elegante Petersburger Welt lachend und plaudernd neben und hinter ihr. Alle Fenster waren von den Gästen ihres Oheims besetzt, die sich eben von der Frühstückstafel erhoben hatten und bei Kaffee und Likören auf die bewaffneten braunen Horden hinabschauten, die still gleich vorwärts getriebenen Schafen drüben an der Ecke des Newskij-Prospekts dahinstuteten. Die Tausende von breitknochigen, klobigen Gesichtern mit weiten Nasenflügeln und niederen Stirnen schienen sich alle gleich. Es lag kein Ausdruck auf ihnen. Man konnte nicht erraten, was sie dachten. Ob sie überhaupt dachten ... »Erbarmen Sie sich, Kaja Nikolajewna: Sie können unser heiliges Rußland in Waffen nicht unterscheiden?« sagte Graf Wittekind von Herzerode. Seine lange, schmalschultrige, vornehme Gestalt war mit aller Liebe eines Londoner Schneiders gekleidet und zeigte auch die dazu gehörende hängende Haltung und blasierte Ruhe des Gesichts, auf dessen regelmäßigen Zügen das deutsche Blut seiner baltischen Ahnen und der slawische Einschlag seiner russischen Mutter sich zum Bilde des geschmeidigen Petersburger Weltmanns einten. Er redete seit Kriegsbeginn grundsätzlich nur Russisch, auch wenn das Gespräch um ihn hurtig wie das Schwirren einer Vogelhecke aus dem Französischen in das Englische überging und zum Französischen zurückkehrte. »Sie müssen doch die Sibiriaken an ihren hohen, spitzen Pelzmützen erkennen!« fuhr er fort. »Ich gab selbst einen Muff als Liebesgabe für solche Mützen!« »Nun – und dies, was nun folgt, sind Tschuwaschen vom Ural!« »Gestern kamen viele Turkmenen vorbei,« sagte Kajas Freundin Ljubow Perekrestowa, die Tochter des Gouverneurs aus der Provinz. Sie hatte ein kleines, weißes, ganz russisches Gesicht mit dunklen, kurzen Haaren und trug einen Zwicker vor den kurzsichtigen Augen. »Ja. Mohammedaner aus Samarkand!« »Nein doch: Perser!« »Ich dachte, es seien kaukasische Truppen gewesen.« »Sie schließen Ihre schönen blauen Augen gegen den Krieg, Kaja Nikolajewna! Man weiß es!« sagte Wittekind Herzerode, gleichgültig mit den anderen die Wanderung der todgeweihten Asiaten unten betrachtend. »Sonst würden Sie die Bergvölker schon an den vorn auf die Brust genähten Patronentaschen erkennen ...« »Aber dies hier ...?« Es war ein Aufruhr unter den satten Zuschauern des Hauses Manuchin. Die Herren und Damen, die, Zigaretten rauchend, an den Fenstern standen, deuteten erregt zum Newskij-Prospekt hinüber. »Japaner!« »Japaner kommen zu Hilfe!« »Seht doch die kleinen Gestalten, die gelben Gesichter, die Schlitzaugen!« »Man muß sie begrüßen!« »Wie denn, Japaner! ... Es sind Burjaten ... Mongolen aus dem fernsten Osten Sibiriens!« »Russen?« »Russen wie wir alle!« Der General, der das sprach, saß gelassen im Hintergrund des Salons und trank seinen Tee. Die bewaffneten Muschiks unten, die er schon zu Tausenden draußen in den Tod geschickt, konnten ihn nicht zum Aufstehen veranlassen. Auch den anderen wurde allmählich der ewige Anblick des sich immer gleichbleibenden, schwerbepackt in den Tod stapfenden, feldbraunen russischen Bauern langweilig. Sie traten vom Fenster zurück. Dies Wort: »Russen wie wir alle!« hallte trotzdem nach. Ein Gefühl der Unermeßlichkeit eines Reiches, das diese Völkerwanderung gegen Deutschland aufzubieten vermochte. »Beachten Sie wohl!« sprach der General weiter. Langsam, befehlsgewohnt, mit derselben wissenschaftlichen Ruhe auf dem hageren, bebrillten, von einem dünnen, grauen Ziegenbart umwucherten Gesicht, mit der er im Felde, das Fernglas vor den Augen, das braune Gewimmel der von ihm vorgejagten Menschenmassen verfolgte, kaltblütig die deutschen Schützengräben mit seinen toten Muschiks füllte, die Flüsse mit ihren Leichen staute, die Sümpfe mit ihren versinkenden Knäueln überbrückte. »Beachten Sie: zum erstenmal in seiner Geschichte zeigt Rußland seine volle Kraft! Wie war das früher? Man holte im Krieg noch nicht den zwanzigsten Kerl aus dem Dorfe. Ließ die anderen daheim bei ihren Weibern und Müttern. Es fehlte an Geld, es fehlte an Beförderungsmitteln, es fehlte an Mut! Wie anders heute! Heute ist in Wahrheit und durch die Gnade Gottes jeder männliche Untertan des Zaren bewaffnet!« Unten zogen die stummen braunen Reihen vorüber. Es klang aus ihrem dumpfen Massentritt: Wofür? ... Wofür? ... »Und ist diese Kraftanstrengung notwendig, Iwan Stepanowitsch?« Hinter der Brille des Generals zeigten die kleinen, starren Augen den stillen Fanatismus des Fachmannes. »Dies ist die Frage einer Frau, Lisa Petrowna – vergeben Sie mir ... Eine Notwendigkeit? Wie denn nicht? Nun endlich kann man im Krieg aus dem vollen schöpfen! Es kommt nicht darauf an! Sind heute meine Bataillone vernichtet – macht nichts! Für jedes habe ich zu Hause achtmaligen, zehnmaligen Ersatz bereit! Ich kann in jeder Schlacht, was ich habe, opfern. Der Menschenstrom fließt nach und füllt meine Lücken. Er rauscht breit wie die Wolga ...« Wofür? ... Wofür? ... Die Regimenter zogen vorbei. Kümmerliche, unterernährte Weißrussen aus ihren Sümpfen, hagere, gebückte Hebräer aus galizischen Ghettos, semmelblonde kleine Halbwilde aus irgendeinem unbekannten Gouvernement Asiens. »Man schöpft aus dem vollen!« Der General hüstelte und griff sich an den Hals, wo das Georgskreuz schimmerte. »Wir haben wie die Wundertäter die gesamte russische Erde aufstehen und gehen heißen ...« Wofür? ... Wofür? frug unten dumpf der Widerhall. Tschin, Adel, Damen hörten es kaum mehr da drinnen in den lichthell gewordenen Sälen mit ihren kostbaren Teppichen, ihrem schwülen Wohlgeruch, ihren Palmen und Orchideensträußen, die man nur im Warmhaus des eigenen Palastes ziehen konnte. Denn im Petersburger Winter war immer die Gefahr, daß Blumen auf dem Weg über die Straße in einer Minute erfroren. »Diese Erde wandert nun! Sie wandert ...« Wohin? ... Wohin? ... Draußen pfiff der Schneesturm über die braunen Massen. »Wer will sie aufhalten?« schloß der General. Seine kränklichen Denkerzüge waren feierlich geworden. Von der Straße verhallten für heute die Schritte des letzten Menschenschubs an die Front. Es vergrollte um die Ecke ... Ja wer? ... Wer wird uns aufhalten? Wir wurden wach ... Wir alle in dem ungeheuren Zarenreich ... Ihr habt uns geweckt ... Wir wandern ... Graf Herzerode lächelte liebenswürdig-herausfordernd. Er hatte dem General nicht mehr zugehört. Seine Bewegungen waren von der angenehmen Leichtigkeit der Petersburger Salons. Er ging scheinbar unabsichtlich an einem mit einer Auswahl von Bonbons aus den Newskijläden bedeckten Tisch vorbei, um den Kaja mit ihren Freundinnen saß. Sie hatten nach russischer Sitte schon Mengen der Zuckerfrüchte aufgeknabbert. Die Schachteln mit Süßigkeiten waren halb leer. »Nun – welch eine kampflustige Miene? Wer tat Ihnen etwas? Nehmen Sie eingezuckerte Veilchen, Feodor Feodorowitsch!« Graf Wittekind hatte sich diesen Vor- und Vatersnamen für den Verkehr mit den Russen reinen Geblüts gewählt. Wittekind Ludwigowitsch wäre zu schwer über russische Lippen gekommen. Er dankte mit einer geschmeidigen Verbeugung dem kleinen, wie ein Porzellanpüppchen sich im Schaukelstuhl wiegenden Fräulein Pommeranzeff und dachte sich dabei: Seltsam, daß Kajas Freundinnen immer mager und unscheinbar sind wie die Spinnen! Er warf ihr einen Blick zu. Sie saß in ihrer majestätischen Schönheit wie durch Zufall so in einem thronartig geschnitzten, dunkeln Bojarenstuhl, daß das Licht von der Decke durch die sich über ihr wölbenden Zweige einer Zimmerpalme zu einer geheimnisvollen Verklärung ihres goldblonden Hauptes abgedämpft wurde. Sie lächelte ihn leichtsinnig an, die unvermeidliche Papyros schräg im Munde. Aber in den großen blauen Augen las er eine ernste Warnung. Einen nachdrücklichen Befehl: »Benimm dich vernünftig! Du weißt, ich will es!« ... Er zuckte kaum merklich die Achseln und versetzte laut, fast über ihren Kopf hinweg, auf russisch zu den anderen: »Es ist eine erhabene Vorstellung, die uns Iwan Stepanowitsch aus dem Bilde dieser Muschiks unten hervorzauberte: Unser ganzes, großes, heiliges Rußland auf dem Marsch zur endlichen Befreiung! Wer von uns zweifelt an dem, was wir auf jedem Kopekenstück sehen: daß der heilige Georg den Drachen erlegt! Den deutschen Drachen!« »Sehr gut!« »Der deutsche Feind ist draußen leicht zu erkennen. Er trägt die Pickelhaube. Hier innen bei uns in Rußland bemerkt man ihn so leicht nicht ...« »Wittekind, Sie werden jetzt schweigen!« sagte Kaja von Wiffenhausen halblaut, fast ohne daß ihre Lippen sich bewegten und ihr schönes Antlitz sich veränderte. Er machte, ohne auf sie zu achten, eine ironische Bewegung mit den Schultern. »Hier daheim stehen wir alle im Felde, wir, die allrussische Gesellschaft, um den Deutschen in unserer Mitte zu entlarven!« »Wittekind, ich habe Ihnen ausdrücklich verboten ...« »Und ich bin untröstlich, Kaja Nikolajewna, Ihnen ungehorsam zu sein ... Ich fahre fort: Rußland muß zu seinem Schutze alles aufbieten, was eine russische Seele sein eigen nennt ...« »Wer hier in diesen Räumen könnte das nicht?« sagte der kränkliche, bebrillte General. »Aber wer sind die wahren Freunde Rußlands? Viele drängen sich jetzt heran, von denen es früher selbst der wundertätige Vater Iwan von Kronstadt nicht prophezeit hätte ...« »Sie sollen hier keine Szenen machen,« sagte Kaja von Wiffenhausen gedämpft und mit einer Unheil verkündenden Wolke auf der Stirne »Wen meinen Sie, Graf Gerzerodde? Belieben Sie sich zu erklären!« »Haben Sie jemanden aus diesem Kreise hier im Sinn?« Graf Wittekind von Herzerode lächelte auf einmal wieder so oberflächlich und geringschätzig, als sei das Ganze nur ein Scherz gewesen. »Wie sollte ich?« sagte er verbindlich. »Ich bin ein einfacher Mensch. Ich äußerte nur meine Besorgnisse. Sie hatten die Gnade mich anzuhören. Gut denn! Ich verbeuge mich und verstumme!« »Aber ich nicht!« »Nicht doch!« »Sie waren nicht gemeint!« Kaja Wiffenhausen stand rasch auf und stellte sich, das Teeglas in der Hand, zwischen die beiden Männer. Sie lachte und sagte obenhin: »Bleiben Sie doch sitzen, Baron Kerkhuß! Sie machten sich sehr gut dahinten auf dem Sofa, mit Ihrer Grüblermiene, den Kopf in der Hand! Warum verderben Sie uns dies lebende Bild eines Philosophen...?« »Ich bin es längst nicht mehr!« Waldemar Kerkhuß war aus dem Hintergrund des großen Gemachs herangetreten. Die blonde, linksgescheitelte Haarwelle fiel in sein verfinstertes Gesicht. Seine großen, blauen Augen leuchteten zornig. »Graf Wittekind hat Ihren Namen nicht genannt: Sie nicht angesehen, während er sprach. Ich behielt ihn wohl im Auge!« »Und doch meinte er mich, Kaja Nikolajewna! Jeder hier weiß es!« »Wie sollte ich es leugnen?« Graf Herzerode zündete sich mit herausforderndem Lächeln eine neue Papyros an. Es war eine Stille. Waldemar Kerkhuß wurde plötzlich ruhig. Er zuckte die Achseln und sagte zu den anderen: »Mein Vetter Wittekind hat den Übereifer des Bekehrten! Er glaubt ihn an jedem Ort und gegen jedermann ins Feld führen zu müssen. Lassen wir ihn!« »Zeige du diesen Eifer! Was tust du für die große Sache? Diesen ganzen Winter bist du hier in Petrograd ein Zeuge unserer Zusammenkünfte, ein Zuhörer unserer Gespräche. Tu sitzt da und schweigst...« »Baron Kerkhuß' Schweigen heißt Billigung!« sagte die Dame des Hauses. Ihre Diamanten funkelten. Sie hatte, unter dem Weiß der Puderschicht über der Haut und dem natürlichen Weiß des Haares, ein heiteres Marquisengesicht des achtzehnten Jahrhunderts. Die schwarzen Augen lebten und liefen darin noch in jugendlicher Beweglichkeit. Sie sah körperlich älter aus als ihr Mann, der Knjäs Manuchin, der auch schon ein guter Fünfziger war, und geistig eher jünger als er. »Es handelt sich jetzt nicht darum, die Sache Rußlands zu billigen, Fürstin, sondern sie zu vertreten. Ich widme meine armen Kräfte diesem Ziel...« »Man kennt Ihren Eifer, Graf Gerzerodde!« »Aber hier... belieben Sie den Gesichtsausdruck meines Vetters Waldemar zu würdigen: Ist das die Miene eines Mannes, dessen Herz von dem Gedanken an die allrussische Zukunft erfüllt ist? Ich sehe nur ein Zögern... einen Vorbehalt gegen die Pflichten, die Gottes Wille uns auferlegte... einen Mangel an Entschluß, sich mit breiter Brust der Sache Petrograds und Moskaus hinzugeben...« Waldemar Kerkhuß wandte sich geringschätzig ab. Es war seine einzige Antwort. Kaja stand neben den feindlichen Vettern. Sie hatte ihre russischen Freundinnen, Tatjana und Ljubow, rechts und links am Arm eingehängt. Die beiden, Fräulein Pommeranzeff und Fräulein Perekrestoff, sahen mehr neugierig als erschrocken auf die Streitenden. Um Kaja Wiffenhausens rote Lippen war jetzt plötzlich ein rätselhafter, unbestimmter Zug. Es schien, als ob selbst der slawisch-weiche und erwartungsvolle Glanz in ihren blauen Augen die Nebenbuhler zu einer Entscheidung ermutigte. Wittekind von Herzerode war, durch seine russische Mutter, orthodoxen Glaubens. Er trug unter seiner Londoner Kleidung Tag und Nacht ein Heiligenbild auf der bloßen Brust. Er schaute auch jetzt nach einem Kruzifix, wie es sonst in russischen Häusern über der Türe hing. Es fehlte in diesem modernen und liberalen Petersburger Palast. Und doch besagte sein Blick zu Waldemar Kerkhuß hinüber deutlich: Dort ist Gott und die Türe! Gehe hinaus! Lasse uns Russen unter uns allein!... Und mich mit Kaja Wiffenhausen... »Genug davon! Setzen Sie sich! Beruhigen Sie sich beide!... Welch ein Auftritt! Nicht Hader liegt jetzt in Gottes Willen, sondern Eintracht!« Graf Herzerode dankte für die Aufforderung der Fürstin mit einer geschmeidigen, halben Wendung des Oberkörpers und einem unterwürfigen Lächeln. Er hatte in diesem Augenblick alles von einem Russen. Aber er blieb stehen. Das Lächeln verstärkte sich. Wurde frech. Er wandte sich, kameradschaftlich ungezwungen, vertraulich gedämpft an Kaja. »Man sieht: Kerkhuß erwidert nichts! Was sollte er auch? Er liebt es nicht zu sprechen. Er liebt es auch nicht zu handeln. Er liebt es zu warten!« »Worauf?« »Nun – sehr einfach: wer siegen wird!« »Seien Sie still!« »... das ist vorsichtig von ihm! Aber nicht klug ...« »Schweige!« »... denn hinterher ist es zu spät, sich dem Triumph Rußlands anzuschließen ...« »Waldemar ...« »Dann belohnt Rußland seine Söhne, nicht seine ungebetenen Gäste ...« »Waldemar Konstantinowitsch – ich werfe mich zwischen Sie und ihn ...« »Lassen Sie mich, Knjäs!« »Hier ist mein Haus! Hier sollen nicht Russen Russen schmähen!« »Dafür werde ich ihn ...« »... und noch weniger Russen gegen Russen die Hand erheben! Man wird das ordnen! Es war da eine Übereilung, Graf Gerzerodde! Ein Mißverständnis, Baron Kerkhuß!« Knjäs Boris Manuchin war zwischen die Streitenden geeilt und trennte sie mit seiner schwerfälligen und breitschulterigen Gestalt. Auf seinem langbärtigen, slawischen Apostelgesicht lag würdevolle Ruhe. Die groben, klugen Züge waren gebieterisch. Die anderen Gäste waren herangetreten und standen hinter ihm. Kaja Wiffenhausen in ihrer schlanken, germanischen Länge mitten zwischen ihnen. Ihr Gesicht war harmlos, als hätte sie mit diesem Streit um Rußland gar nichts zu tun. Sie rauchte seelenruhig ihre Zigarette und beobachtete fast mitleidig die beiden erregten jungen Männer. Es war ein Schweigen in dem Gemach, das Fürst Manuchins weiche Stimme unterbrach. Er sprach leicht und ungezwungen, so wie man in englischen Klubs geschult war, das rechte Wort mühelos zu finden. »Erbarmen Sie sich, Feodor Feodorowitsch!« sagte er zu Wittekind von Herzerode. »Wohin führt Sie Ihr Eifer für die gute Sache? Wahrlich nicht dazu, andere Diener Rußlands herabzusetzen! Ein jeder nach seinem Teil!« »Rußland den Russen!« »Rußland allen seinen Söhnen und allen seinen Freunden!« Durch die Brillengläser, die unter der von langen, unordentlichen Flachssträhnen umrahmten Glatze funkelten, glitten die nervösen und vergeistigten Augen des Fürsten das Zimmer entlang. Er paßte nach seinem Äußeren weit mehr in seinen alten Bojarenpalast in Moskau, einen riesigen, blau gestrichenen, niederen, von zwei gebogenen Seitenflügeln umfaßten Holzkasten, der noch so stand, wie er nach dem großen Brand vor hundert Jahren von den Leibeigenen seiner Wolgagüter wieder aufgebaut worden war. Aber seelisch war er ganz der Bewohner dieses modernen, steinernen Petersburger Palais, in dem der Geist Westeuropas lebte. »Jeder ist willkommen!« fuhr er eindringlich fort. »Jeder, der sich zu Rußland bekennt! Dort sitzt mein Freund, Baron Bertil Butwengen – Ihr Verwandter, Graf Gerzerodde –, ich weiß, der Zar hat keinen ergebeneren Vollstrecker seines Willens! Ich sehe mit Freuden da den Grafen Jaroszynski, der trotz seines Alters, als die Deutschen Warschau nahmen, es sich nicht nehmen ließ, mit vielen ebenso vaterländisch gesinnten Polen zu uns nach Petrograd zu flüchten! Ginge es nach Ihrem kurzsichtigen Willen, Feodor Feodorowitsch, so müßte selbst Gospodin Kjaschko hier uns halb ein Fremder sein! Denn er ist Ukrainer und wir sind hier in Großrußland. Ich gehe noch weiter. Ich beziehe auch Herrn Dr. Kissimoff in meine Worte ein! Er floh mit seinen Freunden aus Bulgarien zu uns, als unter den dortigen Staatsmännern die Feinde Rußlands die Oberhand gewannen! Ich heiße auch Herrn Oberst Wrazek willkommen. Sie gingen offen mit Ihrem ganzen Regiment mitten im Feuer von Habsburg zu uns über! Auch Sie und Ihre tapfern Tschechen sind slawische Brüder! Rußland kennt nicht die Engherzigkeit des Westens. Es ist nicht kleinlich. Es zählt nicht die Tropfen rechtgläubigen Bluts in den Adern. Es prüft das Herz, ob es für Moskau schlägt! Im Namen Rußlands drücke ich so auch dem Baron Waldemar Kerkhuß die Hand! Er kam zu uns. Noch zögert vielleicht sein Intellekt vor ungewohnten Eindrücken. Aber er wird bei uns bleiben und der unsere werden! Auch Sie, Graf Gerzerodde, haben diese Wandlung erst vollzogen, wenn Sie Ihnen auch, dank Ihrer Mutter, leichter fiel. Darum werfen Sie keinen Stein auf die, die Ihnen folgen ... Ihre Worte waren Ihnen nur in der begreiflichen Sorge um Rußland entglitten ... Sie geben es zu? ...« Wittekind von Herzerode stand einen Augenblick unschlüssig, mit der raschen Überlegung des Weltmannes, dem Willen, Herr der Lage zu bleiben. Sein Blick suchte Kaja. Sie war gar nicht mehr unter den anderen um ihn herum, sondern hatte sich, ausnahmsweise sogar mit einer sehr hübschen, jungen Petersburgerin, in das Nebenzimmer zurückgezogen, ohne sich um den Streit drüben noch zu kümmern. Die beiden kicherten und lachten zusammen. Man sah durch die offene Türe, an Kajas eifrigen Handbewegungen um Hals und Schultern, wie sie der anderen Weltdame den Ausputz eines neuen, im Entstehen begriffenen Kleides schilderte. Graf Herzerode beschloß, den Fall ebensowenig ernst zu nehmen wie sie. Er sprach lächelnd das landesübliche: »Winowat!« ›Ich bin schuldig!‹ und machte dazu durch eine ironische Kopfneigung eine Andeutung der altrussischen tiefen Verbeugung mit bis zur Erde herabhängenden Armen, die nach Väter Sitte das Zeichen der Unterordnung war. Dann trat er zur Seite blätterte noch eine kurze Zeit gelangweilt in einer Mappe mit Photographien vom kaukasischen Kriegsschauplatz und verließ dann, mit seinen langen Lackstiefeln unhörbar auf dem weichen Teppich gleitend und ohne Abschied die Gesellschaft, ließ sich vom Schweizer unten den Pelz umwerfen und warf sich mit zusammengebissenen Zähnen in den Schlitten. Oben in den hellen Räumen saß Gospodin Leonid Kjaschko, der Großgrundbesitzer aus Kiew, neben einer der eleganten Petersburgerinnen. Man sah ihrer schlanken, mädchenhaften Gestalt nicht an, daß sie erwachsene Söhne draußen im Felde hatte, und noch weniger ihrem zarten sanften Gretchengesicht ihren Ruf. Der Zuckermillionär zeigte lächelnd die weißen Zähne unter dem blonden Schnurrbart und forschte, in einer etwas gezierten, aber anmutigen Kopfhaltung: »Wie ist das? Ich bin hier fremd. Erklären Sie mir bitte: Was ging hier vor? Ich kenne Baron Kerkhuß seit vielen Jahren. Wir studierten an derselben Hochschule in Deutschland. Wie kam es zu diesem Zusammenstoß eben Anna Petrowna?« Die Schöne wandte ihm mit einem weichen Augenaufschlag das schmale, slawische Antlitz zu. Sie schien die verkörperte Unschuld, während sie harmlos sagte: »Es ist Krieg. Die Männer regen sich über die Staatsangelegenheiten auf. Ein Wort gibt das andere.« »Erbarmen Sie sich. Wie können Meinungsverschiedenheiten in der Politik zu solchen Auftritten vor Damen führen? Ich erkenne Baron Kerkhuß nicht wieder!« Plötzlich bemerkte er den Gesichtsausdruck seiner Nachbarin und begriff. Er brauchte nur dem frommen Spiel ihrer Augen nach der anderen Seite des Gemachs zu folgen, wo Kaja Wiffenhausen ihre blonde Schönheit auf dem schneeweißen Eisbärfell einer Ottomane gelagert hatte und, das Haupt nachlässig auf den Arm gestützt, mit glänzenden Augen zu den sie umstehenden Herren hinauflachte. »O, Eifersucht .. meinen Sie?« »Was wohl sonst? Ich hätte Sie für weltkundiger gehalten, Leonid Sergeïtsch!« Herr von Kjaschko war etwas beschämt. Er entschuldigte sich: »Die Zeiten sind schuld, Anna Petrowna! Diese Unruhe verwirrt Urteil und Scharfblick! Sieh doch: Also hier läuft Baron Kerkhuß Sturm!« »Ich glaube, er hat es nicht erst nötig!« »Und dieser andere... sein Vetter? Wie ist es mit dem?« »Je nun: viel mehr als das Leben besitzt Herzerode nicht. Während Ihr Freund Kerkhuß...« »Ich weiß es: sein Erbe ist beinahe zu groß. Es wird einmal von ihm Besitz nehmen statt er vom Erbe, so schwer wie er die Dinge des Lebens nimmt!« Waldemar Kerkhuß saß anscheinend ganz gleichgültig und rauchte. Seine Miene war hochfahrend und dabei versonnen. Als Herr von Kjaschko neben ihm Platz nahm, drückte er ihm die Hand. »Gewiß entsinne ich mich noch unseres letzten Beisammenseins! Das ist nun fast zweieinhalb Jahre her, daß wir bei einem nichtswürdigen Seegang von Helsingfors nach Neval hinüberschlingerten. Ich kehrte gerade aus Amerika in dieses wunderliche Europa zurück.« »Ja, es war zu Beginn des Krieges. Und was trieben Sie seitdem?« »Ich wurde getrieben. Uns alle treibt die Zeit.« »Aber wohin?« »Den einen geradeaus, den anderen im Zickzack. Letzteres ist mein Fall.« »Ich verstehe es. Ihnen legte das Schicksal in dieser bewegten Zeit einen Zwiespalt in die Brust. Sie wissen, ich bin Deutschland gegenüber aufgeklärter als unsere Landsleute. Ich vermag mich leichter in die Seele eines Deutschrussen zu finden...« »Tun Sie es lieber nicht, Gospodin Kjaschko! Es ist ein Labyrinth für eine rechtgläubige russische Seele.« »Und doch scheint es mir, daß Sie den Ausgang daraus gefunden haben. Sie sitzen hier, im Salon des Fürsten Manuchin.« »Oft können Sie mich hier sitzen sehen, Gospodin Kjaschko ... oft ...« »Dies ist ein Salon der Auferstehung des Slawentums. Der Fürst ist einer der kommenden Männer des neuen Rußlands. Wie lange kann der Todeskampf des Zarismus noch dauern? Ich würde Sie beglückwünschen, wenn Sie hier den Anschluß an die neue Zeit gewännen!« »Ich danke Ihnen, Gospodin Kjaschko!« »Überall sprach man heute hier in diesen Räumen in meiner Gegenwart über Sie. Dieser Kreis erwartet Großes von Ihnen!« »Was denn wohl zunächst?« Waldemar Kerkhuß sah dem kleinrussischen Edelmann belustigt fragend ins Gesicht. »Nun... in das einzelne verlor man sich nicht.« »Sprechen Sie es doch offen aus, was meine erste Tat sein soll! Dies Zimmer ist ja voll davon. Es ist nachgerade das Geheimnis des Policinells!« Herr von Kjaschko räusperte sich und wechselte plötzlich das Gespräch. »Meldete ich Ihnen schon, Baron Kerkhuß, daß ich vor Jahresfrist meine fehlende Rippe suchen ging? Im Herbst habe ich mich vermählt...« »Lassen Sie mich Ihnen die Hand drücken, Gospodin Kjaschko!« »Hier im Medaillon ist ihr Bild! Noch halb ein Kind. Sie ist aus dem Adel desselben Gouvernements. Wir verbringen den Winter, spätestens von der Kontraktenmesse ab, in Kiew. Jeder Iswoschtschik fährt Sie zu unserem Hause auf dem Kreschtschatik, wenn Sie kommen! Wir werden uns herzlich freuen. Sie in unserem russischen Jerusalem zu begrüßen!« Leonid Kjaschko stand auf und lächelte wieder in seiner gewinnenden, fast weiblich-schmeichlerischen Art, während er sich verabschiedete. »Und mehr noch würde ich mich freuen, Baron Kerkhuß, wenn ich Ihnen bald ebenso die Hand schütteln dürfte wie Sie eben mir.« Sein Lächeln hieß: Du gehst auf Freiersfüßen... Alle ringsum, die scheinbar plaudern, Tee trinken, Liebessocken stricken, beobachten dabei gespannt deine Schritte. Drüben sitzt sie. Sie ist schön. Selbst der grobe Soldatenstrumpf, um den sie jetzt kokett die Nadeln klappern läßt, ist, im Widerspiel zu ihren weißen Händen, ein Werkzeug ihrer müßigen, wie im Treibhaus blühenden Schönheit. Nimm sie. In ihren Armen nimmt dich Rußland auf. Waldemar Kerkhuß saß wieder allein. Er dachte sich: Ja, wen nimmt Rußland nicht auf? Da drüben redet der alte Weißkopf, Thaddäus Jaroszynski, eindringlich in irgendeinen Würdenträger oder seinen Gehilfen hinein. Er ist nicht der einzige. Viele polnische Fürsten und Grafen und Edelleute sind in Petrograd. Sie klammern sich an das Rußland, das ihr Vaterland teilte, das ihre Väter nach Sibirien schickte, ihre Güter einzog. Denn in diesem Sturm über der Erde entscheidet die Stärke. Und der asiatische Koloß erscheint ihnen als die Macht, die Macht schlechtweg, das Ding, das niemand bewegen und erschüttern kann, mag auch der Deutsche draußen in den Grenzländern auf noch so vielen Festungen seine Fahne hissen und ihre Heere gefangen abführen. Und dieser brutale und finstere Bulgare dort, der zu Rußland geflüchtete Politiker – fliehen nicht viele in seinem Lande in Gedanken zu Rußland, hoffen auf Rußland, warten auf Rußland, daß es seine riesige Hand über den ganzen orthodoxen Balkan lege? Und der hussitische Überläufer dahinten, der tschechische Oberst – vertraute er nicht, als er mit seinem ganzen Regiment die Fahnen Habsburgs verließ, sein Leben, seine Zukunft blindgläubig Rußland an? Man sieht geflohene Paschas vom Goldenen Horn in Petrograd, entkommene serbische Generale, rumänische Bojaren. Viele Seelen im Osten bewiesen durch die Tat ihren felsenfesten Glauben: Mag alles wanken – die russische Erde steht! Sie trägt den, der sich ihr anvertraut! Trägt ihn empor, sie, die unermeßliche, zwei Erdteile bedeckende, von fünf Meeren umspülte, trägt ihn empor, wenn das kleine vorgelagerte Europa zerschellt. Ein schneeweißer, viel zu kleiner, aristokratischer Geierkopf reckte sich, dort drüben am Fenster, auf einem endlos langen Leib. Jetzt erhob sich Baron Bertil Butwengen. Es schien, als wolle seine hagere, schmalbrüstige Gestalt kein Ende nehmen. Seine Schultern hingen, als er stand, von der Last seiner beinah fünfundsiebzig Jahre vornüber. Aber trotz seiner gebeugten Körperhaltung und der gebückten Knie überragte er noch weit die anderen Anwesenden. Er winkte sich seinen Neffen Waldemar heran, faßte ihn vertraulich, wie er es früher niemals getan, unter den Arm, gleich einem Sohn, an dem er Wohlgefallen hatte, und wandelte mit ihm in dem großen leeren Nebensaal auf und ab. Er war in gönnerhafter Laune. Es zwinkerte anerkennend auf den tausend hochmütigen Runzeln seines Gesichts, über dem sich, als Merkmal der Überzüchtung seines alten Geschlechts, die viel zu große Stirne wölbte. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten des alten, baltischen Diplomaten, daß er es in seinem ganzen Leben nicht fertiggebracht hatte, ordentlich Russisch zu lernen. Er verstand es wohl. Aber er machte beim Sprechen Schnitzer. So wie ihm war es in seiner Jugend vielen vornehmen Russen von moskowitischem Vollblut gegangen. Es schadete damals auch nichts. Man dachte, redete und schrieb Französisch. Der greise Hofmann des Zaren gebrauchte auch jetzt, in dem Petersburg des Kriegs, sein immer trocken-frivoles Pariserisch, in das er nur zuweilen ein russisches Wort einflocht. »Du bist ein Maladjetz, ein ganz verfluchter Junge!« sagte er aufgeräumt. »Ich komme von diesen Tieren da auf dem Balkan nach Petrograd, denke da wieder einen Träumer in dir zu finden, einen jungen Mann von der unausstehlichen Selbstgerechtigkeit, die Leuten von Welt auf die Nerven fällt – und was sehe ich: einen mit allen Wassern gewaschenen Menschen der großen Geschäfte, der seine Zeit versteht und sich über seinen alten Mentor in Bukarest jedenfalls schon damals heimlich lustigmachte...« »Wie das, mein Onkel?« »Du hattest recht – ganz recht! Du sagtest dir in Bukarest: Der alte Butwengen, seine Taschenspielerkunststücke, seine ganze Maschinerie der Menschenbehandlung – das ist alles altes Spiel! Dieser Oheim Bertil ist ein Greis. Der Zar, dem er dient, ist eine Vogelscheuche. Das Rußland, das er Rußland nennt, ist ein galvanisierter Leichnam ... Mein Lieber, diese Erkenntnis drängt sich auch mir am Ende meines langen Lebens auf, seit ich jetzt wieder diese Luft der Newa atme ... Alles bei uns jagt wie ein durchgehendes Dreigespann dem Abgrund zu. Und wir verbrauchten Diener der Krone auf dem Bock sind wie der Lahme, der den Blinden nicht halten kann. Blind sind sie – blind ...« Der baltische Edelmann sah plötzlich so uralt aus wie noch nie. Verwittert und in sich versunken. Eine Zeit ging mit ihm zu Grabe, und er trug sich mit ihr selbst zu Grab. Der weit über den Durchschnitt gehende Verstand, der in der scheinbar entarteten Riesenwölbung der Stirne wohnte, ließ ihn die Dinge sachlich und kühl so sehen, wie sie waren. Er sprach zu Waldemar Kerkhuß im Hinundherwandeln durch den Saal mit der Kennerschaft des Älteren zu einem Jüngeren, dem er nicht nur an Wappen und Stammbaum, sondern auch an Einsicht in den krausen Lauf der Welt sich ebenbürtig betrachtete. »Sehr gut: du schontest dich in Bukarest – du vermiedest, dich in diesem Räderwerk Halbasiens vor der Zeit zu verbrauchen, du spieltest mit viel Geschick den Hamlet, fern von Menschen und Geschäften, bis du deine Ophelia fandest, die dir die Welt aufschließt! Meinen Glückwunsch! Überdies ist sie schön! Bringe dich noch in den Ruf eines sicheren Pistolenschützen, so wird deine Ehe ungetrübt verlaufen...« »Mein Onkel – diese Scherze...« »Aber ich nehme dich ernst, mein Lieber! Bitter ernst. Es ist das größte Kompliment, das ich machen kann. Ich bin selten meinen Mitmenschen gegenüber dazu in der Lage. Du gestandest dir: Diese alte Galeere des Zarismus versinkt! Tu frugst dich: Wo ist Neuland? Dein Scharfblick sagte dir: Hier! – und hatte recht. Diese geistigen Bewegungen der russischen Gesellschaft lassen sich von der Regierung mit allen Kosaken und sibirischen Bergwerken nicht mehr hemmen. Dieser Knjäs da drinnen, der wie ein Muschik aussieht, wird unzweifelhaft ein leitender Kopf dieser fortschrittlichen Entwicklung werden. Verneigen wir uns vor ihm und vor dem gewandten Beurteiler der Zukunft, der in dir vor mir sieht! Du bist wirklich ein vorzüglicher Schauspieler, Waldemar! Du verstehst sogar die Kunst, noch rot zu werden!« »Wenn nur mehr es bei uns könnten, Onkel!« »Aber lasse es dir von einem alten Kartenmischer sagen, der ja leider auch manchmal mit falschen Karten spielen mußte: Behalte deinen Trumpf nicht zu lange in der Hand! Zaudere nicht, um dich noch interessanter zu machen! Du bist es in diesem Augenblick! Stich die Herzdame! Hinter dir sieht Herzerode und schaut dir in die Karten. Er ist nicht klug. Aber auch die Dummheit ist gefährlich. Sich und anderen. Ich sah es heute wieder auf der Fahrt durch die Ministerien. Bringe deinen Gewinn in Sicherheit, mein Neffe!« Der Greis kicherte vergnüglich. Hübsche Frauen und was um sie war machten ihm immer Spaß. »Ich bin kein alter Kuppler, Waldemar! Ich erscheine mir selber zuweilen wie ein alter Junggeselle und bin doch seit fünfundvierzig Jahren vermählt! Aber ich rate dir: Fange diesen Vogel! Fange ihn heute noch, wenn du kannst. Er will gefangen sein. Er fliegt dir auf den Finger. Oder lasse dich fangen. Man wird das schon einrichten. Aber heute... heute!... Das Morgen steht in Gottes Hand...« »Onkel Bertil... lasse mich dir sagen ...« »Nein... Da du mir ja doch nicht die Wahrheit sagen wirst...« »Warum nicht?« »Mein Gott – ich sagte dir ja schon, daß ich dich ernst nehme!« »... und deswegen lüge ich?« »Aber gewiß! Ich glaube dir kein Wort, mein Bester! Niemand, der dich kennt! Du genießest allgemeines Vertrauen! Du gehst einer großen Zukunft entgegen.« »Ist es denn nicht möglich, mich dir zu erklären?« »Nein. Denn man kennt jetzt deine Masken. Sie sind gut. Sehr gut! Ich brachte in deinen Jahren diese aufrichtige Unruhe und Verwirrung längst nicht mehr fertig. Ich setzte mich ein für allemal auf die Bank der Spötter und bin da zeitlebens geblieben!« »Deswegen brauchst du nicht andere nach dir zu beurteilen!« Der baumlange, hagere alte Diplomat lachte und klopfte dem Neffen wohlwollend auf die Schulter. »Genug! Man wird dich morgen zu deiner Verlobung beglückwünschen. Nun – die Gäste sind beinah alle fort. Auch ich werde jetzt in den Neuen Klub fahren!« »Ich komme bis zur Ecke der Millionaja mit!« »Bleibe lieber noch hier! Es scheint, der Fürst möchte dich noch sprechen!« Knjäs Manuchin besaß nach englischer Art ein Rauchzimmer, obwohl nach russischem Brauch den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend überall im Hause Papyrossen geraucht wurden. Aber eben weil ihr feiner, alles erfüllender Hauch eine Art selbstverständlicher Parfümierung der im Winter niemals gelüfteten Räume vorstellte, war der Zigarrenqualm verpönt und eben nur auf dies eine, mit Ledersofas und Klubsesseln vor einem glimmenden Kamin ausgestattete Gemach beschränkt. Das Rot der Fräcke auf englischen Sportbildern leuchtete von den Wänden wie die Glut auf dem Rost. Englische Zeitungen und Monatsschriften lagen umher. Fürst Boris Wladimirowitsch Manuchin selber hätte, nach der Behutsamkeit, mit der er sich vorbeugte und mit der Feuerzange das Kaminfeuer ordnete, für einen britischen Hausherrn gelten können, wäre nicht sein bärtiges Haupt und seine massige Gestalt so urrussisch, wie von grober Hand aus der Erde zwischen Beresina und Ural geknetet erschienen. Aber ihm gegenüber hob sich aus den Abgründen des Ledersessels hinter Kognak und Soda ein echtes, bartloses, kaltes und forschendes britisches Gesicht. Dieser Gentleman unbestimmten Alters war der einzige, der mit dem Knjäs und Waldemar Kerkhuß den totenstillen Raum teilte. Das Gespräch verfiel von selbst in das Englische. »Ihr glaubt, Rußland kämpft!« sagte der Fürst in seiner weichen und nervösen Art, die in seltsamem Gegensatz zu seiner bärenhaften Erscheinung stand. »Aber wie ist das in Wahrheit? Rußland schläft! Noch schläft es! Es sendet sein Urbild, den Muschik, zu Millionen an die Front. Und doch sind seine ungeheuern Kräfte, die Gott ihm gab, noch nicht geweckt! Ich meine seine geistigen Kräfte und das freie Spiel dieser Kräfte, wie bei euch im Westen!« Das steinerne Antlitz von der Themse verzog keine Miene. Es hörte nur zu und schwieg. »Erwägen Sie selbst: noch sind wir die Sklaven des Tschin! Was ist in Petrograd ein Mann ohne Amtsstufe? Beinah wie ein Mensch ohne Paß! Man gibt dir eine Uniform, man gibt dir einen Rang und ein paar tausend Rubelchen Gehalt – nun, Bruder, regiere! Stiehl! Stürze deinen Vorgesetzten! Dränge dich an seine Stelle! Immer höher hinauf! So machten sie es alle, die Väter der Lüge!« Je erregter der Knjäs wurde, desto leiser, fast geheimnisvoll und desto eindringlicher pflegte er zu sprechen, beinah bittend, den anderen zu überzeugen. »Nun – und oben? Ganz oben? Die gekrönte Spitze dieses chinesischen Turms schwankt am meisten. Er ist morsch. Dieses System des Zarismus – und wenn ich das sage, wende ich mein Angesicht gegen Moskau und verbeuge mich tief vor der wahren russischen Seele – dies falsche System ist dank seiner Unfähigkeit zu allem fähig. Und vor allem zu einem!« Fürst Manuchin machte eine Kunstpause und versetzte dann langsam und nachdrücklich: »Eines Tages werden wir auf dem Newskij schlendern. Wir hören plötzlich ungewohnte Worte – wir fahren zusammen ... Wie ist das denn? Rings um uns spricht man ja wieder deutsch! Heda! Köre, Gorodowoi! Verhafte diese Missetäter! Wie darf ich. Eure Erlaucht? Der Zar schloß ja Frieden! Frieden mit Deutschland!« Der Gast aus dem Westen blieb stumm und aufmerksam. Der Hausherr fuhr sich leidenschaftlich mit der mächtigen Hand durch die langen, blonden Haarsträhne, die wirr von dem Kahlschädel seitlings herabhingen. »Der Zar? Was ist er? Was will er? Was denkt er? Niemand weiß es. Man hält ihm Vortrag. Er erwidert nichts. Ob er zugehört hat, ist nur Gott bekannt. Es kommt ein Ukas. Man reißt die Augen auf. Niemand ahnte etwas davon. Belieben Eure Hohe Exzellenz!... Da steht schon der Kurier mit dem zweiten Ukas, der den ersten aufhebt! Kräfte sind da um den Zaren am Werke... sie drehen ihn im Kreise wie eine Wetterfahne im Schneesturm ... Rußland dreht sich mit ihm ... Uns schwindelt... Wir sehen den Augenblick, wo die Schwäche des Zarismus uns den Frieden mit Potsdam auferlegt!« Der Brite blickte sinnend seitwärts in den Kamin hinab. Es war kaum zu sagen, ob er wirklich kaum merklich den Kopf beistimmend bewegte. Jedenfalls griff Fürst Manuchin hastig dies Zeichen auf. »Dieser Verdacht ist schon vorhanden! Es ist da die Gefahr, daß sich Mißtrauen gegen die Instinkte des wahren Rußlands in das Herz unseres treuen englischen Freundes einschleicht! Ihr irrt euch! Wir sind entschlossen, den Kampf gegen Deutschland mit euch bis zu Ende zu kämpfen. Diesem Ziel sind wir bereit alles zu opfern – selbst, wenn er Frieden schließen will, den Zaren!« Das Wort verklang flüsternd. Und hätte selbst irgendwo ein Diener gehorcht, so hätte er das Englisch nicht verstanden. Der liberale Knjäs schloß: »Das müßt ihr wissen! Ihr Freunde in England! Dies erhabene Bild muß sich euch ewig einprägen. Es muß euch immer wieder gesagt werden!« »Man kann diese Dinge denken! Aber man kann sie nicht sagen!« Es waren die ersten Worte, die der Mann von der Themse sprach. »Laut kann man sie wahrlich nicht aussprechen! Die Zeit ist noch nicht reif! Aber unter der Hand läßt sich jetzt schon in euern freien Ländern die Morgenröte Rußlands verkünden.« Der Engländer wurde lebhafter. Er hob den Kopf, dessen nüchterner Leere man es nicht ansah, daß er längst schon von den Fäden wußte, die sich von der englischen Botschaft unter Umgehung der Paläste am Dworzowyplatz Über das unterirdische Petersburg spannen. »Unter euren bewunderungswürdigen Einrichtungen schätze ich das Klubwesen am höchsten!« sagte der Knjäs. »Eure unbeirrbare öffentliche Meinung bildet sich in der Stille, im Geplauder vor dem Kamin, im Gedankenaustausch, wenn die Portweinflasche kreist. Völlig gerüstet tritt sie zu ihrer Zeit dann in die Öffentlichkeit. An uns ist es, euch jetzt schon über den neuen Geist Rußlands aufzuklären!« »Sendet uns solche Männer, wenn ihr sie habt!« »Wie sollten wir sie nicht haben? Versteht denn diese jetzige Regierung, unsere Kräfte zu sammeln? Sie läßt sie ungenutzt. Sie wendet ihnen nur so viel Interesse zu, als die Geheimpolizei aufzubringen vermag! Überall warten unbekannte Intelligenzen auf ihre Stunde. Schauen Sie als ein Beispiel hier Baron Kerkhuß! Er ist reich. Er ist vornehm. Er hat die Bildung des Auslands. Er kennt Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Er spricht fließend Englisch. Er ist ein Weltmann mit der Seele eines aufrichtigen Russen. Nun – was macht man hier mit ihm? Nichts! Er ist nicht einmal Kollegienrat! Nicht Kammerjunker! Die fünfte Stufe des Annenordens ist ihm fern! Er ist nichts ... nichts ... nichts ...« Der Fürst sprach es zornig. Mit einem Aufleuchten der nervösen Augen. »Und was könnte man mit ihm machen! Aber wir werden schon etwas aus Ihnen machen, Waldemar Konstantinowitsch, wenn wir an der Macht sind! Wir werden Ihre Gaben schon zum Wohle Rußlands zu verwenden wissen! Wir werden bereits jetzt auf Sie, den noch Unbekannten, Beschlag legen, im Namen Rußlands ...« »Männer im Dunkeln können gute Arbeit tun!« »So ist es, werter Sir! Fassen Sie Baron Kerkhuß' Schweigen nicht als Widerspruch auf. Es ist seine Art, stumm zuzuhören und zu beobachten. »Je weniger ein Gentleman spricht, desto ernstlicher wirkt sein Wort!« »... und überall würde er bei euch, in freimütigem Geplauder nach Tisch, in London oder sei es in Paris, sei es an der Azurküste, wo nur sich die westliche öffentliche Meinung bildet, – überall würde er, durch Sie, teurer Sir, eingeführt, den Boden des Verständnisses für die Gesetze vorbereiten, nach denen sich unaufhaltsam die kommende Entwicklung Rußlands vollzieht! Deswegen machte ich Sie beide miteinander bekannt, für den Fall, daß Baron Kerkhuß unserem Wunsche willfahren und sich entschließen wollte, als einer der Sendboten unseres Vertrauens nach dem Ausland zu gehen! Noch trat er nirgends hervor! Er ist frei vom Heeresdienst. Er ist ein unabhängiger Edelmann. Wem fällt es auf, wenn unser Freund die Gesellschaft unserer Freunde draußen sucht?« »Ihr Name, wenn ich es recht verstand, hatte deutschen Klang?« »Ja,« sagte Waldemar Kerkhuß. Er und der Brite maßen sich mit undurchdringlicher Miene. Der Vollrusse zwischen ihnen hob leidenschaftlich die breiten Schultern. »Durch Gottes Gnade deutsch, Sir! Wer, der euch die Erneuerung des russischen Schwurs zum Kampf gegen Deutschland bringt, wer kann es euch eindringlicher verkünden als ein Russe deutschen Blutes? Er kennt die Gefahr besser als wir alle, die uns allen droht.« »Und doch scheint der Gentleman noch im Zweifel?« »Was wollen Sie? Das eben ist das Russische an ihm. Wir leben unter nordischem Himmel. Die Entschlüsse reifen schwer. Aber ich weiß, wie Ihr Entschluß morgen lauten wird, Waldemar Konstantinowitsch! Sie werden zu uns zum Imbiß kommen, und ehe Sie noch an den Sakuskatisch treten, wird Ihr erstes Wort ein ›Ja‹ sein. Heute will ich Sie wahrlich nicht drängen!« »Es wäre auch nicht gut,« sagte Waldemar Kerkhuß und stand auf. Die feuchte Hand des Knjäs lag schwer und groß, die des Briten kalt und trocken in der seinen. Die Räume, durch die er ging, waren schon leer. Kaja nicht zu sehen. Sie sei mit Liebesgaben nach dem Newa-Ufer gefahren, sagte die Fürstin, als er sich über ihre Hand beugte. Er verstand nicht recht, nach welchem der vielen Palais, in denen wohltätige Großfürstinnen Hof hielten. Er trat, in seinen Pelz gehüllt, ins Freie, beachtete die dienstbereiten Schlitten nicht und ging in die lichterhelle Nacht Petersburgs hinaus. Unheimlich ragte dort drüben, nicht weit von dem Hause in der Großen Seestraße, aus dem er kam, die Trümmerstätte eines Prunkbaues. Die deutsche Botschaft stand noch so tot, mit geschwärztem Dachwerk und Brettern vor den Fenstern, wie sie der russische Pöbel am Tag der Kriegserklärung erstürmt und innen den pflichttreuen deutschen Beamten erschlagen hatte. Da war der Krieg ... die Welt im Werden und Vergehen. Sturz und Aufstieg für jeden unmittelbar nebeneinander. Für jeden ... Es war schneidend kalt und windstill. Ein Gewimmel von Pelzen aller Art stapfte im grellen Schein der Läden. Auf dem Fahrdamm rasten die Dreigespanne hinaus nach den Inseln, der vermummte Kutscher mit abgespreizten Ellenbogen vorgebeugt, weißer Rauch um den schwarzen, langschweifigen Traber in der Mitte und die frei galoppierenden Gäule rechts und links. In Massen glitten die winzigen, einspännigen Schlitten. Es waren ihrer fast mehr als Fußgänger. Einige waren mit Bündeln bepackt. Damen saßen dazwischen, den Muff vor dem Mund. Sie brachten Liebesgaben für das Heer. Ohne es zu wollen, sah Waldemar Kerkhuß jeden einzelnen Iswoschtschik an, ob er Kaja Wiffenhausen fahre. Es ärgerte ihn. Er wandte den Kopf und schaute doch immer wieder hin. Planlos schritt er in seinen hohen Gummigaloschen durch den Admiralitätsteil Petersburgs. Riesenhafte, schneebedeckte Plätze schimmerten, scheinbar unendlich, weiß in der schwarzen Winternacht, ungeheure Paläste reihten sich stundenweit einer neben den anderen an dem finstern Eis der Newa. Die Straßenbahnen fuhren wie an anderen Orten Europas, die Kaufläden zeigten ihre Auslagen, die Gaststätten ihre gefrorenen Scheiben wie überall. Und doch war dies kein Ort wie andere. Dies Petersburg war die Stadt der möglich gewordenen Unmöglichkeiten. Der alles sprengenden Maße der Dinge. Die Hauptstadt des größten Festlandreiches der Erde, dessen unbeschränkte Weiten dem offenstanden, der sich in Petersburg den Zutritt in den Kreis der Herrschenden erzwungen hatte. Waldemar Kerkhuß stand am Englischen Kai. Drüben, gegen Wassilij Ostrow zu, war ein Feuerflackern auf dem Fluß. Dunkle Gestalten schlugen da ein Loch in das Eis. Sie mußten sich auf ihm niederlegen, um durch die dicke Schicht bis in das Wasser zu greifen. Er dachte sich: ein Trunk dieses kaffeebraunen Wassers, aus dessen Fluten sich Petersburg hebt, ist sichere Krankheit. Vielleicht Tod. Es fröstelte ihn in seinem Pelz. Dies einsame Irrlicht über dem giftigen Strom schien ihm wie ein Gleichnis und eine Mahnung. Auf der Schloßbrücke, die die große Newa überspannte, sausten an ihm die Schlitten vorbei. Petersburg, die Nachtstadt, wurde erst jetzt lebendig, wenn drüben hinter Kronstadt die karge Wintersonne als roter Nebelball im Eis des Finnischen Meeres versunken war. Dann erwachten die vom Grau des Tages stumpfen Nerven. Die slawische Seele zitterte in raschen Schwingungen. Fieberte die langen dunkeln Stunden hindurch. Fand erst in einer Zeit, wo Westeuropa sich beinahe schon wieder zur Arbeit erhob, die Ruhe und dämmerte übernächtig tief in den Tag hinein. Bis neun, zehn Uhr morgens war das Häusermeer an der Newa eine tote Stadt. In einem Schlitten saß eine junge Dame, schlank und steil aufgerichtet, den Blick geradeaus. Waldemar Kerkhuß wandte ungestüm, der ersten Eingebung folgend, den Kopf nach ihr. Nein. Sie war es nicht. Sie hätte es sein können. Ihre Mutter wohnte drüben auf der Insel, hinter der Universitätskaja. Aber vielleicht war es diese hier, in dem dahinstürmenden Lichatsch, hinter dem die Schneebrocken von den Kufen des Trabers flogen. Auch nicht! Er beobachtete unruhig den Verkehr über die Dworzowybrücke. Wieder eine große, blonde Schönheit, lässig in den Pelzen zurückgelehnt. Sie ähnelte Kaja Wiffenhausen, soweit man durch den Schleier sehen konnte, aber sie war es nicht. Sein Herz klopfte. Er glaubte sie immer wieder zu erblicken, war immer wieder enttäuscht, in einer wachsenden Ungeduld, als müsse es ihm möglich sein, sie sich durch den Zwang des Willens herbeizuzaubern. Er hatte das Gefühl, daß sie ihm eigentlich doch schon gehörte. Er brauchte nur das Wort auszusprechen, um sein Anrecht geltend zu machen. Niemals in dieser ganzen Zeit hatte er sich so nach Kaja Wiffenhausen gesehnt. Es kam plötzlich über ihn, mit einer blinden Gewalt. Er sagte sich: Was ist das mit dir? Du verlierst dich selbst! Du gibst dein Spiel auf! Du bist auf einmal ganz in sie verliebt! Du bist Mitte der Dreißig. Deine Natur drängt aus dem Zaudern und Zweifeln heraus, sucht ihre Erfüllung, sucht das Leben, sucht Kaja, Rußland, – Liebe, Glanz, Macht ... Ein winselndes Lumpenbündel hob neben ihm die Armstümpfe aus dem Schnee. Er schleuderte dem Bettler, ohne ihn anzusehen, eine Handvoll Kopeken hin, wie man einem Hund den Knochen vorwirft, machte rasch ein paar Schritte – hörte seine Pulse schlagen – da – nein – abermals nichts! Es war in der Nähe überhaupt eine ältere Dame, nur von jugendlich schlankem Wuchs. Er mußte zornig lachen. Er ärgerte sich über sich selbst. Er sagte sich: Ich stehe hier und warte, und sie ist wahrscheinlich längst zu Hause! »Heda, Lichatsch!« Er rief den nächsten Kutscher an, fuhr hinüber nach Wassilij Ostrow und stieg die Treppen zu Kajas Mutter empor. Er hatte, wie immer, wenn er eintrat, ein Frösteln beim Durchschreiten dieser weitläufigen, kalten und kahlen Räume, die schon lange von niemandem mehr bewohnt zu sein schienen. Sie lagen dunkel. Wo der alte Hausmeister im Vorbeigehen das elektrische Licht entzündete, deckten graue Überzüge die Möbel, hätte man mit dem Finger in die graue Staubschicht darüber ein » Vanitas vanitatum « malen können, hingen die Portieren von Motten zerfressen und unten von Mäusen zernagt. Es war lange her, seit dies hier einer der leichtsinnigsten und amüsantesten Salons von Petersburg gewesen. Jetzt hüllte Nacht und Stille den toten Jahrmarkt der Eitelkeit. Erst in den letzten Gemächern, die auf den Obelisken auf dem Rumjanzeffplatz hinausgingen, schimmerte Licht und schlug Wärme dem Eintretenden entgegen und zugleich das wilde Gekläff von einem halben Dutzend kleiner Köter. Kajas Mutter betete hier inmitten ihrer Hunde. Ihre Gesundheit erlaubte es ihr nicht mehr, wie früher, auf den Knien die engen unterirdischen Gänge der Lawra von Kiew zu durchrutschen und vor der schweißperlenden Stirne und den offenen Särgen der wundertätigen Mumien das Haupt auf das Gestein zu schlagen. Sie konnte nicht mehr dort hinter Moskau, in der von Kirchen erfüllten Mittelalterlichen Festung des Troizki-Klosters, inbrünstig die Lippen auf das goldene Kreuz vor dem Grabe des heiligen Sergius drücken. Es kam selten vor, daß sie hier in Petersburg, mühsam auf ihren alten Diener gestützt und in tiefem, schwarzem Schleier, die Stufen zu den riesigen Säulenhallen der nahen Isaaks-Kathedrale emporstieg. Sie betrieb ihre geistlichen Übungen zu Hause. Die langbärtigen Väter aus den Klöstern kamen zu ihr. Als sie Waldemar Kerkhuß vor sich sah, reichte sie ihm die Hand, wickelte sich eine Papyros und sagte zwischen den ersten Rauchzügen, während sie sich das wirre, graue Haar aus dem bleichen Gesicht strich: »Wo Kaja ist? Wie sollte ich das wissen, Waldemar Konstantinowitsch?« »Wie denn? Ist sie nicht hier?« »Noch kam sie nicht. Vielleicht kommt sie noch. Vielleicht bleibt sie drüben in der Morskajal Belieben Sie!« Sie schenkte ihm Tee ein. Die Hunde bellten. Sie scheuchte sie mit einer Handbewegung, hob einen hoch, küßte ihn, die Zigarette weglegend, auf die Schnauze und setzte ihn wieder auf den Teppich. »Wie kann ich Kaja hüten?« sagte sie. »Sie geht ihren Weg. Sie weiß, was sie will!« Ja. Mich – dachte sich Waldemar Kerkhuß und weiter: Und ich sie! Und noch niemals so heiß und stürmisch wie heute! Es kochte ein Zorn in ihm, daß sie nicht hier war. Sie sollte hier sein! Der ganze Eigenwille eines Bevorzugten, dem das Leben nirgends Hemmungen bot, bäumte sich gegen diesen Widerstand der Dinge auf. Er sagte sich: Sie kann es ja nicht wissen, daß ich hier bei der Alten sitze und auf sie warte! Und doch sollte eine Ahnung sie herführen! Jetzt eben ist ihre Zeit... Und er entschloß sich weiter: Aber ich werde hier bleiben, bis dies Petrograd dort draußen sie mir zurückgibt! Sie wird kommen. Sie muß kommen. Ich weiß es. Denn ich will es. Noch ging mir bisher alles nach meinem Willen... »Bedienen Sie sich mit Konfekt, Waldemar Konstantinowitsch!« Er dankte. Auf der Wanduhr gegenüber war es erst sechs Uhr abends und dabei schon tiefe Nacht. Es hätte ebensogut schon nach Mitternacht sein können. Dies Dunkel des Petersburger Lebens unterschied nicht nach der Zeit. Es ging ihm durch den Kopf: Vielleicht fährt sie in eins der Kaiserlichen Theater. Dann muß sie vorher heimkommen, um sich umzukleiden. »Lisaweta Wladimirowna: Ist Kaja in Wahrheit nicht zu Hause, oder ist das nur eine Laune von ihr, daß sie sich verleugnet?« »Warum würde sie sich verleugnen? Vor Ihnen, Waldemar Konstantinowitsch? Bei allen Heiligen – ich weiß nichts von ihr!« Waldemar Kerkhuß schwieg und rauchte. Kajas Mutter tat ebenso, zu müde und zu gleichgültig zum Sprechen. Er schaute sie an. Es war seltsam sich vorzustellen, daß dies bleiche und ausdruckslose, wie verwaschene Gesicht einst einer der übermütigsten und weitherzigsten Schönheiten von Petersburg gehört hatte. Alte Herren der Petersburger Welt wurden noch lebendig, wenn die Rede auf sie und ihre nach kurzem getrennte Ehe und ihre späteren Abenteuer kam. Jetzt merkte man diesen matten Zügen höchstens ein Leiden an. Sonst nichts. Ihre grauen Haare waren unordentlich, ihr dunkles Kleid voll Flecken und Risse. Ihn fröstelte. Er frug sich: Ob auch Kaja einmal so wird? So wie russischer Sommer in russischen Winter übergeht? Er fing zwischen den flachen Händen eine Motte, die vor ihm flatterte, und sagte: »Ich weiß nicht, wie ich hierherkam, Lisaweta Wladimirowna... Es fiel mir plötzlich so ein...« »Gott brachte Sie! Nehmen Sie noch Tee!« Das klang alles mechanisch. Nicht mehr von dieser Welt. Eine müde Stimme, deren eigentliche Heimat im uferlosen Reich der russischen Wunder und der russischen Heiligen war, da, wo der Weihrauch um mächtige Mönchsbärte qualmte, auf der Goldwand des Ikonostas die weiße Taube schwebte und jenseits der Pforten zum Allerheiligsten, die sie als Frau nicht durchschreiten durfte, um den Gold- und Silberglanz auf den Märchengewändern des Archierei das »Herr, erbarme dich!« der Priester dröhnte. Sie streckte ihre kleine, immer noch schöne Hand aus und sagte halb geistesabwesend: »Nun – da Sie da sind – geben Sie!« »Geld?« »Ich sammle zum Bau einer Kreuzerhöhungs-Kirche in Sibirien, an der Stelle, wo Rasputin zum ersten Male...« Waldemar Kerkhuß dachte sich: Rasputin... wer anders? Gehörst du auch zu denen, die dem weiberkundigen Bauern aus dem fernen Osten die schmutzigen Tatzen küssen? Eure Gemeinde ist groß. Sie reicht bis hoch hinauf ...Die Welt dreht sich um die Verzückungen und Eingebungen in dem Winterpalais drüben, dessen mit Schnee bedecktes niederes Dach mit den endlosen Fensterreihen darunter über die Newa schimmert? Er griff in die Tasche und gab einen großen, regenbogenfarbenen Hundertrubelschein und sagte sich: Dabei bin ich Lutheraner! Und gleich hinterher schoß es ihm fast schmerzhaft durch den Sinn: Aber wenn ich Kaja heirate – die Kinder werden schon von einem langhaarigen Popen in das Taufbecken getaucht. Byzanz ist über ihnen... Rußland nimmt von ihnen Besitz – von mir, dem Einsamen, Vereinzelten inmitten der orthodoxen Welt! Es war ihm, als griffe ihm eine Faust an die Kehle. Aber er preßte finster die Lippen zusammen und wartete auf Kaja Wiffenhausen. In dem heißen, halbdunkeln Zimmer war eine ewige, fast lautlose Unruhe. Die kleinen Hunde liefen im Schatten des Bodens auf den Teppichen hin und her, stöberten in den Winkeln. Es schien, als ob sie ängstlich etwas suchten. Vielleicht auch Kaja. Das Trippeln der vielen kleinen Beinchen machte ihn nervös. Er wechselte wieder ein paar gleichgültige Worte mit Kajas Mutter. Sie schaute ihn dabei eine Sekunde mit ihren tiefliegenden, leeren Augen seltsam an, mit einem Blick in die Seele, der ihm verriet: Wenn sie auch der Welt entsagt hat, – für gewisse Dinge bei Männern blieb sie noch von früher her hellsehend. Sie weiß genau, weswegen du ohne Zweck und Grund hier sitzest. Du bist gekommen, um dich zu unterwerfen! Du bist so weit! Sie spricht nur nicht davon, weil es ihr offenbar gleichgültig ist, wen ihre Tochter heiratet oder nicht, so gleichgültig wie das Schicksal aller Weltkinder... »Gestatten Sie mir, mir etwas Bewegung zu machen!« sagte er, erhob sich und ging ungeduldig in dem Zimmer hin und her und mußte sich Mühe geben, nicht auf einen der vielen Hunde zu treten. Sie folgte ihm schweigend mit den Augen. Er frug sich: Was soll ich mit ihr sprechen? Ich kann sie doch nicht nach ihrem Mann fragen! Fast ein Vierteljahrhundert leben sie getrennt. Der alte Wiffenhausen ist toll. Niemand weiß es besser als ich, sein Nachbar. Kaum dreißig Werst sind ja von Narraks nach Kerreküll... Draußen war ein Geräusch. Er fuhr zusammen. Nein. Es war der Diener, der den Kachelofen im Zimmer nach russischem Brauch von außen, vom Gang her, heizte. Er setzte sich wieder und sagte ärgerlich: »Wahrlich: Sie sollten mehr auf Kaja achten! Dies Petrograd... und welch ein Leben gerade jetzt im Krieg...« »Jeder Mensch muß seinen Weg selbst finden, Waldemar Konstantinowitsch!« Du auch – klang es in ihm nach. Wohin gehst du? Noch siehst du am Scheideweg. Kaja kommt nicht. Ob sie auch einmal so aussehen wird wie die Alte? Ein unheimlicher Gedanke. Es lag mehr darin als nur das Welken der Jugend. Nein. Es war nicht möglich. Sie war zu schön... sie war schön... Jäh schlug sein Herz, verdoppelte sein Hämmern. Leichte Schritte kamen in das Gemach. Es war die Zofe, die den Samowar holte, um den Zylinder in der Mitte mit neuen glimmenden Holzkohlen zu füllen. Kajas Mutter frug: »Tatjana – hast du die junge Herrin nicht gesehen?« Nein. Das Mädchen wußte nichts von der Barinja. Aber sie könne wohl jeden Augenblick kommen. Sie ging mit dem Teekessel hinaus. Waldemar Kerkhuß rückte sich unruhig auf dem Stuhl. Da flogen wieder Motten. Er beobachtete zerstreut das Geflatter. Er dachte sich: Da bist du nun in der Hand des Zufalls. Ob man draußen auf einmal ihre frische Stimme hört, in der immer etwas von nordischer Winterkälte und Winterfreude klingt – ob sie auf einmal auf der Schwelle steht, die hohe Gestalt noch vom Eishauch der Nacht umweht und doch voll warmen, blühenden Lebens – dieser Zufall, ob irgendeine Laune sie nach Hause führt oder nicht – er entscheidet über dein ganzes künftiges Dasein, über alles, was noch in langen Jahren kommt. Plötzlich erwachte in ihm wieder der alte Herrenmensch, der sich nicht dem Spiel blinder Mächte unterwarf, ob Kaja Wiffenhausen da draußen irgendeine Freundin getroffen, ob man ihr einen Logenplatz im Marientheater geschickt hatte. Er sagte sich: Wenn du jetzt gehst, dann hat der Zufall keine Macht über dich. Dann sollte es heute nicht sein. Dann bist du bis morgen Herr deines Willens. Er erhob sich ungestüm und stieß den Stuhl zurück. »Nichts tötender als warten, Lisaweta Wladimirowna! Für Sie und für mich! Auf Wiedersehen! Grüßen Sie Kaja!« »Sie wird sehr traurig sein. Sie verfehlt zu haben.« Wütend wird sie sein, daß sie den Fischzug versäumte! dachte er nicht ohne Schadenfreude, und dann mit einer jähen Ergebung: Warum denn? Wie sollte sie? Sie weiß ja genau: ich komme morgen wieder ... Er fuhr in den Admiralitätsteil zurück. In seiner Wohnung am Newskij saß er und schaute, mit sich unzufrieden und unruhig, in das Licht der Lampe. Es war noch nicht acht Uhr. Der Petersburger Abend hatte kaum begonnen, lag noch lang vor ihm. Nun war sie natürlich längst daheim bei ihrer Mutter! Er ärgerte sich. Er bereute immer mehr, daß er unnötigerweise weggegangen war. Es lockte ihn: Fahre in deinen Pelz. Nimm unten einen fixen Kerl von Kutscher oder ein Automobil. Im Handumdrehen bist du wieder am Rumjanzeffplatz. So wird noch alles gut. Es war ein Spiel mit der Versuchung. Er überlegte sich: Du kannst ja vorgeben, deine Brieftasche liegengelassen zu haben, als du der Alten das Geld für ihren wundertätigen Sibiriaken, den Spitzbuben, gabst. Wichtige Papiere, kannst du sagen, seien darin. Die Sorge um sie treibe dich noch heute hinterher ... Dann kam wieder die Besinnung: Wer weiß, ob sie da ist? Und wenn, auch von dort könnten sie mich wissen lassen, nachdem ich drüben so lange gewartet. Im Vorzimmer war das Raunen einer Männerstimme in auffallend schlechtem Russisch. Der Diener antwortete. Gleich darauf kam er herein. »Es ist ein Mensch draußen. Er bringt einen Brief. Er will ihn Euer Gnaden nur persönlich geben!« »Lasse ihn ein!« Waldemar Kerkhuß war hastig aufgesprungen und in seiner Ungeduld dem Boten bis in die Mitte des Zimmers entgegengegangen. Vor ihm stand ein einfacher Mann in westeuropäischer, nicht in russischer Kleidung, sah sich um, ob beide auch ganz allein seien, und versetzte gedämpft und unvermittelt im schwäbischen Deutsch der eingewanderten russischen Kolonisten: »Ich habe ein Schreiben für Sie zur Besorgung erhalten!« »Ich weiß!« sagte Waldemar Kerkhuß in seiner freudigen Überraschung ebenfalls deutsch und leise. »Man gab es Ihnen drüben in Wassilij Ostrow.« »Nicht in Wassilij Ostrow!« »Wie denn? Nicht in dem Hause Wiffenhausen?« »Nein.« Waldemar Kerkhuß war enttäuscht und gelangweilt. »Gut denn: wo kommen Sie her?« »Einerlei! Ich soll diesen Brief Ihnen selbst abliefern. Was braucht das schwarze Kabinett alles zu lesen?« »Jewiß doch!« Waldemar Kerkhuß sah den Fremden belustigt an. »Und wer sagt mir, daß Sie nicht selbst vom schwarzen Kabinett sind?« »Ich bin aus der deutschen Kolonie Karolinenfeld bei Tiflis. Ein großer baltischer Herr nahm mich vor dem Krieg dort mit ins Ausland. Jetzt eben kehrten wir zurück. Sein Reisegepäck wurde nicht geöffnet. Er nahm in Kopenhagen einige Briefe mit.« »Es kann nur Praunfalken sein. Er kam heute an!« sagte Waldemar Kerkhuß. Der Deutschrusse schwieg und hielt ihm das Schreiben hin. Noch schien es dem anderen verdächtig. »Von wo stammt es?« »Aus Deutschland.« Man war nicht umsonst in Petrograd. Der Boden heiß. Fallen und Finten überall. Ein Verdacht: vielleicht ein Streich des Vetters Herzerode, um mich auf das Glatteis zu locken. Waldemar Kerkhuß sagte kühl: »Wir sind jejenwärtig im Krieg! Wie kann ich also Briefe aus Feindesland annehmen?« »Man beauftragte mich. Sie zu bitten, das Siegel anzusehen!« Waldemar Kerkhuß nahm das Schreiben, trat damit an die Lampe. Er fuhr zusammen. Ein rotes Siegel verschloß den Umschlag. Ein kleines Petschaft, wie es Damen führen, war hineingepreßt. Er sah ein Wappen: Geierkopf und Geierflügel – das Metztaksche Wappen... Er wandte das Schreiben um. Jetzt im Licht erkannte er die Schrift: Elise Metztak. Ein Lebenszeichen von ihr. Das erste seit langer Zeit. Er wandte sich um. Er griff in die Tasche. Wollte den Überbringer entlohnen. Aber das Zimmer war leer. Der Schwabe aus dem Kaukasus schon gegangen. Und da in der Hand der Brief. Ein Bote aus fernen, fernen Weiten. Ein weißer Vogel von einer einsamen Insel, um die der Haß der Menschheit schäumte. Von der großen, von der Erde abgeschnittenen Insel Deutschland. Er machte andächtig den Umschlag auf, nahm den Brief heraus, schloß die Augen und legte ihn sich auf die Stirne, als sollten alle guten Geister, die er barg, auch bei ihm ihren Einzug halten. Tann öffnete er tief aufatmend wieder die Lider und las: »Lieber Freund! Ein Freund, der Sie und mich kennt, hat mir zugesagt, diese Zeilen in Ihre Hände legen zu lassen. Er ist Russe. Ich mußte ihm versprechen, Ihnen aus meinem neuen Vaterland Deutschland in Ihr altes Vaterland Rußland nichts zu schreiben, was Rußland schaden könnte. So schreibe ich also nichts von äußeren Dingen, sondern nur vom Menschlichen. Ich schreibe aus Berlin, meiner zweiten Vaterstadt. Mitau, meine erste, ist ja jetzt auch in deutscher Hand. Es geht Alexander und mir gut. Mein Mann läßt Sie grüßen. Wie soll ich Ihnen schildern, wie uns beiden zumute ist? Nicht mehr wie einzelnen Menschen, die ihre Selbstsucht und ihr Drang nach ein bißchen eigenem Vorteil durchs Leben treibt. Das haben wir Idealisten, wie Sie uns ja immer mit Ihrem mokantesten Lächeln nannten, daheim am nordischen Strand zurückgelassen. Wir sind hier nur noch ein paar kleine Blutstropfen mehr in den Adern unseres großen Deutschland, wir fühlen seinen gewaltigen Herzschlag, all der Millionen, die alle, alle nur das eine wollen und alles dafür hingeben. Es ist hier stiller geworden nach außen hin. Kein überschwenglicher Jubel, kein Rausch mehr. Aber das innere Licht leuchtet stolz und froh durch die Nacht. Wer Ohren hat, der hört um sich das Rauschen aller anderen Seelen, wie ich daheim im Elternhaus in stillen Nächten unten am Strande das ewige Meer rauschen hörte. Das ist ein Frieden mitten im Krieg, mit allen Menschen, groß und klein, jung und alt, hoch und niedrig, in dem eins zu sein, was man als gut und wahr erkennt. Verstehen Sie das in Ihrer hochmütigen Einsamkeit, lieber Freund? Ich bin bange. Sie verstehen es wieder halb! In Ihnen sind zwei Menschen, der von gestern und der von morgen. Der von gestern ist der stärkere. Er besteht aus allen Ihren Vorfahren und ist also in der erdrückenden Mehrzahl gegen den von morgen, der Sie eigentlich selbst sind. Das habe ich Ihnen schon früher oft gesagt. Wie leid tun Sie mir! Sie wissen nicht, was Begeisterung ist! Ich weiß es. Ich bin voll davon. So voll Liebe zu Deutschland. So voll Glauben und Hoffnung. So überreich das Herz, daß ich nur jedem etwas von meinem inneren Festtag abgeben möchte, und, wenn ich könnte, Ihnen vor allem, weil Sie viel ärmer sind, als Sie ahnen... Da bin ich wieder in das Schwärmen gekommen. Ich schäme mich nicht. Man braucht nicht immer klar zu denken. Gefühl ist alles. Alexander und ich, wir geben uns manchmal, wenn wir beisammensitzen, still die Hand. Wir sind nichts dazu. Wir danken uns, einer dem anderen, daß wir die Kraft gefunden haben, nach Deutschland zu gehen. Seitdem ist das Gemeine aus unserem Leben. Wir sind von uraltem Adel und doch jetzt erst geadelt. Was auch kommen mag, wir beide hatten recht und werden ewig recht behalten! Wir taten, was wir für recht hielten und drum tun mußten! Und Sie? Und Sie, lieber Freund! Was haben Sie in dieser Zeit aus sich gemacht, seit das große Schweigen zwischen uns war? Ich weiß nicht, in welcher der vielen Stimmungen Sie mein Brief treffen wird, die wechselnd durch Ihre Seele ziehen, wie die Wolkenschatten über unsere Tage da oben am nordischen Strand. Ich möchte, daß mein Brief in einer Ihrer Stunden zu Ihnen kommt, wo der Boden um Sie mit angerauchten Zigaretten bedeckt ist und die Zweifel ihre Wolken um Sie ziehen, daß Ihr kühles, selbstsicheres Lächeln sich darin verliert. Dann findet der Brief vielleicht einen Einschlupf in Ihre Seele. Ich rate Ihnen nicht, was Sie tun sollen! Ich dürfte es auch nicht, nach dem Versprechen, das ich dem Vermittler dieses Briefes gab. Der Weggang eines Mannes wie Sie wäre unzweifelhaft ein Schaden für Rußland, und es ist jetzt ja wohl auch überhaupt unmöglich, nach Deutschland zu gelangen. Nein! Ich bitte Sie nur um eines! Wenn Sie noch der sind, als den ich Sie kenne, dann sind Sie auch jetzt noch im Suchen und Zweifeln, weil Ihnen alle Wege offenstehen. Millionen andere haben die Pflicht zu sterben! Sie, der Ausnahmemensch, haben das Recht zu leben. Aber in diesem Recht liegt auch eine schwere Pflicht. Eine schwere Wahl für jemanden wie Sie. Darum bitte ich Sie als Freundin: Folgen Sie nur dem Besten in sich, in dieser Zeit, die uns alle auf Herz und Nieren prüft! Ich bin so unbescheiden zu sagen: Sie werden schon erkennen, ob es das Beste ist, wenn Sie an mich, Ihre Freundin, denken, und ob ich es dafür halten würde. Sie haben mich so oft schon Ihren guten Geist im Leben genannt, und diesen Geist können Sie sich trotz der Entfernung immer beschwören. Könnte ich Sie nur einmal im Geiste hierher zu uns versetzen! Ihnen nicht unsere Wunder draußen zeigen – von denen hören Sie! – sondern hier daheim die stillen Wunder des Alltags stündlich um einen her, die selbstverständlichen Heldentaten der Frauen und der Kinder und der Alten und der Kranken. Wenn die Menschen draußen wüßten – aber ich breche lieber ab und denke an mein Versprechen. Ich mache mich hier natürlich so nützlich, als ich irgend kann! Ich bin Feuer und Flamme! Ich arbeite für zehn. Ich bestehe eigentlich nur noch aus Nerven. Aber die halten! Alexander und ich sind jeden Abend todmüde und dabei lachenden Mutes. Man ist so froh. Es ist, als ob man flöge! Exzelsior! Sie wissen, es ist mein Wahlspruch im Leben. Komisch für eine kleine, schwache Frau! Aber damit leiste ich mehr als manche andere. Die Kinder sind munter. Sie erinnern sich noch an Sie und frugen erst neulich, wo denn der Onkel Waldemar jetzt sei. Eben sind sie mit dem Fräulein mit kleinen Fähnchen nach den Linden. Welch ein Mensch wird, wenn ich einen Brief von Ihnen bekomme; aus Ihnen zu mir sprechen? Was werde ich von Ihnen hören? Gewiß Gutes! Ich glaube immer zuversichtlicher an das Beste. Auch bei Ihnen! Ihre Freundin Elise Metztak.« ... Im Palais des Knjäs Manuchin in der Großen Morskaja waren am nächsten Mittag bereits die meisten Frühstücksschüsseln abgetragen. Es herrschte beim Lunch, im Gegensatz zu der Fracketikette des Abends, englische Zwanglosigkeit im Anzug, im Kommen und im Gehen. Aber ein Stuhl war überhaupt leer geblieben, und der Fürst frug, verstimmt das grobe, bärtige Apostelhaupt schüttelnd: »Was ist das mit Kerkhuß? Ich lud ihn ein. Er sagte nicht ab!« »Da kommt er!« »Nein. Es ist Gerzerodde!« Graf Wittekind von Herzerode trat ein. Unbefangen wie ein naher Freund des Hauses, der es sich erlauben kann, auch einmal ungebeten an der Familientafel Platz zu nehmen. Er verbeugte sich mit lächelnder Leichtigkeit und küßte der Fürstin die Hand. Ihr Mann sah ein spöttisches Siegesbewußtsein auf seinen glatten Mienen. Er sagte gedämpft: »Belieben Sie keine neuen Auftritte, Feodor Feodorowitsch! Wir erwarten Baron Kerkhuß!« »Man wird vergebens auf ihn warten!« »Wie das?« »Nun – er verließ heute früh Petrograd.« »Wohin?« Wittekind von Herzerode lächelte. »Es scheint, zunächst nach Finnland. Dorthin ließ er sich seinen Paß visieren. Jedenfalls kommt er nicht wieder!« 7. Ein grauköpfiger, finsterer russischer General stand auf der Landstraße tief im weltfernen Innern des nördlichen Finnlands neben dem rumpligen Postkarren, von dem er herabgeklettert war. Die Schirmmütze tief in die Stirne gedrückt, in weißem, sommerlichem Rock, weiten Hosen und Kniestiefeln schaute er ungeduldig um sich. Seine strengen Züge zeigten noch in dem dunklen Schnurrbart und den Bartstreifen an den Wangen die Tracht Alexanders des Zweiten. Er war vom Felde gebräunt. An barsche Befehle gewöhnt. Aber sie halfen ihm hier nichts. Die Finnen, die schweigsam und mißtrauisch den aus unbekannter Weite zu ihnen hereingeschneiten russischen Würdenträger umstanden, konnten kein Wort Russisch. Der General Baron Paul Oxberg prüfte mit düster gefurchten Brauen seine Landkarte, buchstabierte noch einmal den unaussprechlichen Namen des Orts ... Hauakkawuori? ... Das stimmte. Die Finnen nickten. Aber weiter? Er blickte ratlos umher. Es war um ihn, in der Kühle eines blauen, blassen, hochnordischen Frühsommertags, das Bild schwermütiger Einsamkeit wie überall im Herzen Finnlands. Die weiten, stillen Fichtenwälder, die weiten, schweigenden Seen, die niederen kahlen Granithügel, das versprengte Rotbraun der vereinzelten hölzernen Bauernhäuser ... Von der Badstube drüben Rauch, ein Zeichen, daß es Sonnabend war. Nackte Gestalten von Männern und Frauen standen harmlos, weißleuchtend, vor dem Dampfbadhaus in der Sonne. Aber den schwarzen Fichtenwipfeln hob sich unwahrscheinlich in der Ferne der Schornstein der Fabrik – jener Fabrik, die plötzlich hier überall im Lande weltverloren an einem der zahllosen Wasserfälle stand, deren Nutzkraft die Baumwollspindeln drehte. Industriearbeiter aus der Spinnerei gingen vorbei. Sie maßen den General schweigend und finster. Plötzlich begriff er, daß dies anscheinend von der Zeit vergessene, abgeschlossene, träumende Land vielhundertfach in seinen entlegensten Winkeln von Nestern gärenden Geistes der Gegenwart durchsetzt war. Ein städtisch gekleideter Beamter aus der Baumwollfabrik trat herzu. Baron Oxberg sprach ihn lebhaft auf russisch an. Der Herr zuckte die Achseln. Antwortete auf schwedisch. Auch das führte nicht weiter. Dann murmelte eine Stimme etwas von »saksalainen«. Der General erriet, was es hieß: sächsisch, deutsch. Deutsch und Englisch verstand man da, wo Finnland irgendwie mit der Welt draußen zusammenhing, eher wie Russisch. Er blickte zornig auf den Sprecher. Jedes Wort Deutsch war in der Öffentlichkeit für einen Diener des Zaren während des Krieges ein Verbrechen. Zwei Männer kamen auf leisen Bastschuhen die Straße entlang. Ihre breitknochigen Züge erinnerten Baron Paul Oxberg noch mehr als der mongolische Schnitt der Finnengesichter um ihn an seine esthnische Heimat. Die Gesichter glichen genau dem seines Dieners aus seinem väterlichen Gut, der, in dem feldbraunen Schilfrock eines russischen Infanteristen, hinter dem Postkarren stand. Die drei Esthen sahen sich an und kamen in ein rasches Gespräch. Baron Oxberg hatte schon seine Jugend fern von den Ostseeprovinzen, im Pagenkorps im Petersburger Malteserhaus, zugebracht und verstand nur wenig Esthnisch. Aber er begriff doch, was der eine der fremden Bauern, die Mütze abziehend, mit feierlicher und langsamer Stimme zu ihm sagte: »Herr ... der Baron ist hier!« Es war ein älterer, esthnischer Gesindewirt von der unverkennbaren Eigenart der Herrnhuter. Eine innere Würde des Gerechten lag auf seinem groben Gesicht. Er wiederholte: »Der Kerreküllsche Baron ist hier! Er wohnt in jener Pörte am Waldesrand!« »Woher weißt du es?« »Wir kommen eben von ihm. Wir waren zwei Tage seine Gäste, Herr!« Das Antlitz des Generals von Oxberg wurde noch strenger. Man las darauf: Esthenkerle zu Besuch bei meinem Neffen Waldemar! And sicherlich nicht die ersten und nicht die letzten ihrer Art! Aber er sagte nur ruhig: »Ich danke dir!« schob sich den schweren Mantel zurecht, den er nach Russenbrauch trotz des Sommers um die Schultern gehängt trug, und ging auf die Holzhütte zu. Seine Sporen klangen leise zu seinen wuchtigen Tritten. Er stieß die Türe des Plankenzaunes auf, der das Grundstück umgab. Das Haus, das innen stand, war klein, aus schweren, in den Fugen mit Moos verstopften Längsbalken gezimmert und fuchsrot gestrichen. Es bestand eigentlich nur aus einem einzigen Raum. Aus ihm kam eben wieder ein Besucher heraus, auch er von echt esthnischem, aber durchgeistigtem Äußern. Baron Oxberg glaubte in dem noch jugendlichen Brillenträger einen lutherischen esthnischen Pastor aus dem Blut der Ureinwohner zu erkennen. Er erwiderte seinen Gruß, klopfte mit geballter Faust grimmig gegen das Holztor und trat, ohne ein »Herein!« abzuwarten, in das niedere Gemach, das, außer Büchern am Boden und einem weißfichtenen Schreibtisch, ein paar rohe Stühle und ein Feldbett in der Ecke enthielt. Auf einem dieser Stühle saß Waldemar Kerkhuß, ein Bein über das andere geschlagen, eine Zigarette im Munde, über einen Brief, den er in der Hand hielt, gebeugt, daß der blonde Haarschopf über sein ernstes Gesicht fiel. Als er den General vor sich sah, steckte er das Schreiben weg und reichte jenem ohne ein Zeichen der Überraschung die Hand. Baron Oxberg schaute sich in dem rohen Blockhaus um, schüttelte mißbilligend den kriegerischen Kopf und sagte: »Endlich fand man dich! Seit einem Vierteljahr bist du verschollen!« »Wer sollte mich vermissen?« »Deine Eltern. Von deinem Vater erfuhr ich endlich deinen Aufenthaltsort, den in Petrograd niemand kannte.« »Gott sei Dank zähle ich dort zu den Jewesenen!« Waldemar Kerkhuß sprach Deutsch. Sein Oheim ließ jetzt auch, wo sie unter vier Augen waren, ein Balte mit dem anderen, das Russisch sein. Er setzte sich. »Eines Tages warst du aus Petrograd fort, Waldemar! Man bejriff es nicht. Man schob es auf eine jeistige Verwirrung... Man hat sich jetzt noch nicht über dich beruhigt...« »Nun – lassen wir diese Mucken! Wie jeht es dir, Onkel Pauluscha? Kommst du von der Front?« »Von der Front.« »Wie steht es da?« »Wie es seit einem Jahr steht! Wir auf dem livländischen Ufer der Düna, der Deutsche jejenüber auf dem kurischen. Ich hatte jroße Verluste... Nun, jenug!« Baron Oxberg stand wieder auf und stellte sich, mit seiner düsteren, mantelumhangenen Felderscheinung das Licht des kleinen Fensters verfinsternd, hart vor seinen Neffen, der gleichmütig zu ihm aufsah. »Waldemar, was suchst du hier?« »Dasselbe kann ich dich fragen, Onkel!« »Dich suche ich!« »Warum?« »Schon diese Frage zeigt die Entjleisung deiner Lebensführung, die der Krieg über dich jebracht hat. Es ist jetzt nicht die Zeit für einen fixen, jungen Kerl, sich hier in der Wildnis zu verjraben! Man braucht dich!« »Wer brauchte mich wohl?« sagte Waldemar Kerkhuß und schob dem Oheim den Kasten mit beßarabischem Tabak und Zigarettenpapier hin, damit er sich bediene. »Dein Vater!« »Er schrieb mir dieser Tage. Eben als du kamst, war ich im Bejriff, seinen Brief noch einmal zu lesen.« »Dein Vater ist krank und benötigt dich. Da hast du's!« »Ich kann nicht kommen. Ich brauche mich selbst.« »Er ist der Verwaltung der Gütter im Kriege nicht jewachsen. Es ärjert ihn. Es regt ihn auf. Es sind da ständige Schwierigkeiten mit den örtlichen Behörden. Er ist an jrößere Aufjaben jewöhnt!« »Die Mitbrüder sollen helfen. Ringsum sitzt ja alles von ihnen voll. Ich werde an meinen Freund Arwed Speerreuter schreiben. Er ist ein besserer Landwirt als ich. Fedor Tumme übrijens auch. Bittet doch den Alt-Sötthaster, daß er nach dem Rechten schaut!« »Jut! Lassen wir den Vater! Lassen wir Kerreküll! Sprechen wir von dir selber! Du scheinst nicht zu ahnen, was für Jerüchte über dich umlaufen – wie mißliebig du dich in Petrojrad jemacht hast! In dieser Hundehütte hier, die du in deiner unjesunden Jeistesverfassung dem Aufenthalt unter Menschen vorziehst...« »Ich bin hier mehr unjestört.« »... hier ist ein Kommen und Jehen von Esthen. Ich sah es eben selbst. Was sind das für verdächtige Jestalten?« »Die beiden, die dir eben im Herauskommen bejejneten?« »Nun ja... diese Esthenkerle... Es stinkt noch nach Tran und Schafpelzen...« »Es sind Bauern von unseren Güttern. Sie kommen zu mir, auch im Auftrag der anderen. Oft sojar heimlich. Mit Fischerbooten über das Finnische Meer und zu Fuß durch die Wälder hierher...« »Was wollen sie von dir?« »Sie haben Zutrauen zu mir!... Schon seit meiner Jugend ... Du weißt es ja. Wir sitzen die weißen Nächte hindurch im Hellen und sprechen... ich höre ihnen zu ...« »Du? Ein Kerkhuß einem Esthen? Was erzählt er dir? Vom Holzdiebstahl? Oder wie man nachts Pferde von der Weide treibt? Oder wie man nach Johannis die Heumieten anzündet?« »Der alte Herrnhuter, der eben wegging,« sagte Waldemar Kerkhuß, »weiß vom Lesen und Schreiben nicht viel. Und jelesen hat er in seinem Leben nur die Bibel. Ein einfältiger Mensch aus dem Walde. Er sagte vorhin: ›Herr, wir lernen fliegen, um uns zu töten! Wir lernen unter der Erde kriechen, um uns zu töten! Wir lernen tauchen, um uns zu töten! Wäre es nicht besser, wir blieben beim Gehen, um uns zu lieben?‹« Baron Oxberg erwiderte nichts. »Der alte Kerl meinte: ›Herr, wir Menschen wandern jetzt alle widereinander und suchen die Welt außer uns. Aber die Welt ist in uns. Wir zerstören den Leib des Nächsten, statt daß wir die eigene Seele retten. Wir jehorchen den Jesetzen der Menschen und brechen die Jebote Gottes!‹« »Verschone mich! Man kennt diese Sektierer! Wir haben von diesen Altjläubigen viel zu viel. In janz Rußland!« »Wie du befiehlst, Onkel Pauluscha! Bleiben wir bei den Dingen dieser Welt. Kurz nachher verließ mich einer unserer Pastoren. Er ist von esthnischer Abstammung...« »Wir bejrüßten uns!« »Er sagte: Herr Baron! Wo Unrecht ist, da wird Unrecht! Ihr habt uns Esthen und Letten unterdrückt. Nun unterdrückt man euch Deutsche!« »Das ist dieser neue Jeist der Unbotmäßigkeit. Seit dem Aufstand vor zwölf Jahren!« »Er sagte: Ihr, von der deutschen Ritterschaft, ließt uns Esthen durch die Jahrhunderte hindurch niemals Deutsch lernen. Nun dürft ihr selber nicht mehr Deutsch sprechen. Der Russe verbietet es!« »Wie heißt der Mensch? Man wird ihn sich merken!« »Er sagte: Ihr kamt als Fremde in unser Land. Sieben Jahrhunderte wohntet ihr mitten zwischen uns und habt doch niemals versucht, uns nahezukommen. Ihr nanntet euch die Schwertritter und stütztet euch auf das Schwert. Nun steht die Welt im Zeichen des Schwertes. Aber das Schwert wandte sich jejen euch. Ihr ließt uns immer nur eure Macht fühlen. Jetzt zeigt euch der Russe seine Macht. Ihr erntet, was ihr sätet!« »Ein Pastor als Aufrührer!« »Keineswegs! Er spricht natürlich nicht nur Deutsch wie wir, und seine Bildung ist deutsch, sondern er will auch ein festes Band um deutsche und esthnische Art.« »Jehorchen soll er!« »Er sagt: Wir bewohnen dasselbe Land. Wir jlauben an denselben lutherischen Gott. Wir haben denselben jemeinsamen Feind: den Zaren mit seinen Popen und Gendarmen.« »Still! Ich bin Jeneral!« »Er sagt: Wir haben das jleiche Ziel: Los von Rußland! Euch Deutschen jeschieht Unrecht. Aber ihr tatet es zuvor auch uns! Alles alte und neue Unrecht wird jetzt wach. Die Zeit ist da, um es auf der janzen Welt abzustellen! Wir wollen Schulter an Schulter unser Recht jejen die blinde Tyrannei des Zarentums erkämpfen und dann jleichberechtigt in Zukunft hier nebeneinander leben!« »Also Hochverrat!« sprach der General erschüttert. »Vorläufig höchstens in Jedanken, Onkel!« »Und mit diesen Jedanken stehst du zum Jlück unter uns vereinzelt da!« »Leider!« »Denn wie willst du auch nur davon träumen, diese staatsjefährlichen Hirnjespinste in die Wirklichkeit zu übertragen? Versuche es doch! Man wird dich und deine Esthen rasch mit ein paar Kosaken abführen!« »Jewiß doch! Aus eijner Kraft vermögen wir nichts jejen die Asiaten des Zaren!« Baron Oxberg unterdrückte ein russisches Wort, das wie »Durak« – ›du Narr! ‹ – klang, und fuhr fort, laut, streng, jetzt ganz ein Diener des Selbstherrschers aller Reußen: »Wer könnte euch denn helfen?« »Die Deutschen!« Jetzt mußte der General lachen. Es war ein unheimliches Zucken über sein finsteres Gesicht. Er nahm den Neffen nicht mehr ernst. »Die Deutschen? Sehr gut! Die Deutschen vor den Toren Petersburgs! Sage doch jleich: die Deutschen hier innen in Finnland! Die Deutschen unten in Kiew! Die Deutschen in Sebastopol! Die Deutschen bei den Kosaken in Rostow! Die Deutschen in Tiflis! Geniere dich nicht! Wenn man schon Fieber hat und phantasiert, geht es in einem!« »Und doch besitzen die Deutschen schon seit Jahr und Tag die eine unserer Ostseeprovinzen! Warum nicht auch die beiden anderen?« »Weil ich da unten Wache halte!« sagte Baron Oxberg grimmig und sich aufreckend. »Ich und viele andere! Ich sterbe eher, als daß ich sie durchlasse!« »Und wenn sie nicht durchkommen, stirbst du auch, das eine Mal als Jeneral, das andere Mal als Deutscher!« Waldemar Kerkhuß sprang auf und trat, das lahme Bein leicht nachziehend, auf den Oheim zu. »Onkel Pauluscha! Einmal, vor zwei Jahren, hast du mir, den deutschen Linien jejenüber, da unten in Ostpreußen in deinen Schützenjräben dein Herz jeöffnet. Da habe ich einen Deutschen jesehen wie mich!« »Ich bin es auch!« sprach der General dumpf. »Warum verleugnest du ihn?« »Ich sagte es dir damals schon: Ich bin Soldat! Ich habe vor meinen Rejimentern die Fahnen des Zaren jeküßt, als wir auszogen. Ich komme im Jespräch mit dir immer wieder in das Deutsche! Ich fange an deutsch zu denken. Aber ich darf es nicht. Da ist mein Schwur auf den Dejen! Jenug! Jedes weitere Wort ist überflüssig!« »Du tust mir leid, Onkel Pauluscha! Ihr alle, die ihr noch in den Netzen Petrojrads zappelt!« »Ich brauche dein Mitjefühl nicht! Ich stehe hier als Mahner und Warner. Dein Vater hat mich jeschickt, ehe andere nach dir schicken! Es ist bald so weit. Du spielst mit dem Feuer. »Nein doch! Das Feuer dieser jroßen Zeit spielt mit mir! Mit dir! Mit jedem!« »Nicht lange wird man das noch mit ansehen! Was ist das für dich für ein verdächtiger Aufenthalt, mitten in dieser unjlaublichen Wildnis, nahe der schwedischen Jrenze? Wer weiß, was sich da alles durch Lappland ins Ausland schleicht oder dir von dort Nachrichten herüberbringt?« »Es kann schon sein!« »Nun! Ein Befehl durch den Fernsprecher, und man hebt dich auf. Du bist der erste nicht!« »Aber jewiß nicht! Der Zar hat schon viele von uns Balten einjesperrt, die noch weniger schuldig waren als ich!« »Man jibt dir in zwölfter Stunde noch einmal Zeit, dich zu besinnen und von dieser Jeisterseherei zu lassen, die du seit Bejinn des Kriegs in wechselnder Jestalt treibst, und ein nützliches Jlied der menschlichen Jesellschaft zu werden! Du hast den Brief deines Vaters erhalten. Er ist zu krank, um selbst zu reisen! Er hat mich jebeten, es zu tun und dich zu fragen, was du auf sein Schreiben hin zu tun jedenkst?« »Nichts.« »Ich habe mich bereit erklärt, dir noch einmal ins Jewissen zu reden. Dies jeschah! Ich jebe dir jetzt bis zum Nachmittag Zeit zur Überlejung. Dann fahre ich wieder zur Eisenbahnstation und über Wiborg zurück.« »Jlückliche Reise, Onkel Pauluscha!« »Inzwischen werde ich sehen, daß ich auf der Post ein Unterkommen finde...« »Tee, Brot und Fisch wird man dir schon jeben!« »Bis dahin lies noch einmal, was dir dein Vater schreibt. Es jeht um dein Schicksal, Waldemar!« Als Waldemar Kerkhuß allein war, setzte er sich am Fenster hin und entfaltete den Brief. Er war in französischer Sprache. Die Handschrift des Vaters hatte nicht mehr den leichten Schwung des Petersburger Weltmanns. Sie war zittrig und müde geworden. Schwach von Alter und Krankheit. »Keiner meiner anderen Söhne gibt mir Rätsel auf. Nur gerade Du, der Älteste und mein Erbe. Wer wird aus Dir klug? Warum schweifst Du seit einem Jahr und länger ruhelos in Rußland herum, bald in Jalta, bald in Petrograd, nun gar drüben in Finnland? und dort nicht einmal als Fremder von Distinktion, sondern ohne Beziehungen zur schönen Welt? Ich hoffe, man erzählt Märchen, wenn man über Deinen augenblicklichen Verkehr berichtet. Ich bin nicht imstande, diese Tatarennachrichten richtig einzuschätzen. Ich habe aber mein Leben lang gefunden, daß der Umgang mit Arbeitsrittern, Oktobristen, Muschiks, Syndikalisten, landflüchtigen Popensöhnen und paßlosen Hebräern, oder wen Du Deines Vertrauens würdigen magst – die Mitteilungen über Dich lauten ja ganz widersprechend – unseren Kreisen keinen Gewinn bringen kann. Ich gestehe, daß ich zu alt bin, um sogar das Vergnügen eines solchen Umgangs zu begreifen. Es gibt Gesetze der Rücksicht auf sich und seine Nächsten – nun genug: Es kompromittiert Dich und mich dazu. Ich habe noch meine alten Gönner im Winterpalais und jetzt da unten in Livadia. Zwei Deiner Brüder kämpfen zu Land und zur See, der dritte arbeitet unter den Augen des Reichskontrolleurs in Petrograd. Ohne das ständest du schon lange auf der Schwarzen Liste! Aber man hatte bereits ernste Unterhaltungen über Dich, mein Freund. Man ist nicht mehr gesonnen. Deine Irrwege mitanzusehen. Man befiehlt Deine Rückkehr! Wohlverstanden: Man befiehlt sie! Man weist Dir Kerreküll als Aufenthaltsort an, wo Du unter Aufsicht der örtlichen Behörden zu leben hast! Die Gunst, daß man Dich nicht in den Ural oder sonst in das Innere des Reiches verschickt, verdankst Du mir! Man nimmt auf einen alten Staatsdiener wie mich Rücksicht. Man weiß, daß ich Dich hier brauche. Ich bin matt und anfällig. Ich schlafe oft plötzlich ein und weiß, wenn ich aufwache, nicht recht, wo ich bin. Frälsemann behandelt mich falsch. Mir könnten nur deutsche Bäder helfen. Aber man kann ja nicht in das Ausland. Schreibe mir, was Du auf diesen Brief tun wirst. Es ist keine Zeit zu verlieren! In keiner Hinsicht! Benutze den Wind der Gnade, der augenblicklich noch für dich weht ...« Waldemar Kerkhuß stand auf und ging im Zimmer hin und her. Er wiederholte sich, düster den blonden Kopf gesenkt, die Zigarette schräg zwischen den hochmütig lächelnden Lippen: Den Wind der Gnade ... die Gnade von Asien ... Sie nennen es in diesem Reich schon Gnade, wenn sie einen Menschen, der nichts verbrach, in halber Freiheit und am Leben lassen! Noch ist der Drache des Ostens guter Laune! Er spielt noch mit mir! Aber bald fühlt man sich unentrinnbar zwischen seinen Fängen ... Da waren noch ein paar Worte am Schluß des Briefes: »Dieser Wind kann über Nacht versiegen. Zumal wenn ich nicht mehr bin. Und auch dies kann jede Nacht sich ereignen.« Er ließ den Brief sinken. Er dachte sich: der Vater ist doch erst Siebzig. Die Kerkhuß' werden alle steinalt. Sie steigen zwar gerne zuweilen in ihre Ahnengruft hinab, leuchten mit Kerzen zwischen den gedrängt stehenden Steinsärgen, prüfen die Wappen und Wappenbesserungen, vergleichen die Inschriften und Jahreszahlen, aber hinuntertragen lassen sie sich so spät wie möglich. Der Zeitpunkt, wo auch der Vater da unten ruhen und ich Herr auf Kerreküll und elf anderen Gütern sein soll, schien mir immer in weiter, unbestimmter Ferne. Jetzt rückt er mir auf einmal greifbar vors Auge, so als hörte man in der Stille der finnischen Einsamkeit den schweren Tritt des Schicksals. Ein Ahnen über einem ... ein leises Grauen... Er setzte sich an den Tisch und begann hastig die Antwort an seinen Vater. Es schien ihm, er müsse sich eilen – er wagte sich selber nicht Rechenschaft zu geben, aus welchem Grunde. Er murmelte vor sich hin, was er schrieb. »Von Dir aus gesehen scheinen die letzten beiden Jahre meines Lebens wirr und kraus. Sie sind es nicht. Sie sind eine gerade Linie, die mich zu einem Ziel führt, das ich noch nicht kenne. Ich halte mich nicht vor diesem Krieg verborgen. Niemand kann das. Nein. Ich suche diesen Krieg. Ich folge ihm, so gut es einer mit einem lahmen Knie kann, der nicht zu kämpfen vermag. Das heißt: ich folge ihm im Geiste. Ich suche in diesem Krieg meinen Platz in der Welt. Ich werde nicht ermüden, bis ich ihn gefunden habe. Ich passe im Wandern und Suchen besser in diese alles umstürzende Zeit, als wenn ich abseits in Kerreküll säße und still das Leben meiner Vorfahren führte. Was ich hier draußen in mir erlebte, woran ich zweifelte, was ich verwarf und hinter mir ließ, alles hat mich doch reicher gemacht. Es hat mir die Überzeugung gegeben, daß wir nichts sind, und die Gedanken, die uns führen, alles. Denn in ihnen liegt die Zukunft der Menschheit, für die jeder von uns Lebenden in dieser Nacht über der Erde der Nachwelt verantwortlich ist. Es ist nur die Frage: Wo muß ich meine Zukunft suchen? Bei welchem Volk und in welchem Land? Diese Frage steht vor mir. Sie rückt mir immer näher. Sie ist der große Entschluß, der, auch aus Deinem Brief, vor mir aufsteigt, und den ich einmal fassen muß, wenn ich mich reif genug für ihn fühle. Ich glaube, ich werde ihn sehr bald fassen, und wenn das geschieht, so ist er eben stärker als ich, und ich kann's nicht ändern ...« Er legte die Feder hin. Er frug sich: Wer versteht denn das, was ich schreibe, in Kerreküll? Mein Vater gewiß nicht. Ihm wird es bis an sein Lebensende, trotz allem und allem, unbegreiflich bleiben, wie man sich von Rußland trennen kann. Er liebt Rußland nicht. Er sieht mit schonungsloser Kühle Rußlands Fehler und Gebrechen. Er verachtet Rußland sogar aus Herzengrund, wenn das, was dort in dem Reich des Zaren geschieht, baltischem Reinlichkeits- und Ehrlichkeitsgefühl und Ordnungsliebe und Sinn für Anstand und Maß zu sehr ins Gesicht schlägt. Er betrachtet Rußland hochmütig von oben, von seinem Herrenstandpunkt. Aber das ist es ja eben: diesen Herrenstandpunkt, dieses Bewußtsein deutscher Überlegenheit kann ihm, kann uns nur Rußland geben. Anderswo sind wir Menschen wie andere. Hier die geborenen Übermenschen. Wir fühlen uns der halbasiatischen Umwelt nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich überlegen. Das erklärt so manchen Widerspruch in uns: daß Männer wie mein Vater wohl deutsch sein wollen, aber keine Deutschen ... Draußen flimmerte der bleiche, kühle finnische Sommertag. Durch das Schweigen ringsum näherten sich schwere Schritte dem kleinen Blockhaus. Sie wurden immer langsamer, zögernder in ihrer Wucht. Man hörte ihren dumpfen, unentschlossenen Widerhall an der Balkenwand. Waldemar Kerkhuß hob unruhig den Kopf und horchte. Es war da ein leises Sporenklirren. Der Schlag einer Säbelscheide auf der Holzstufe, ein Pochen an das Tor. Ein halblauter, unsicherer Baß. »Waldemar ...« »Wie denn? Onkel Pauluscha?« General von Oxberg stand auf der Schwelle. Seine immer harten Züge waren noch ernster als sonst. »Jab man dir auf der Poststation nichts zu essen, Onkel?« »Man jab mir eine Depesche, die eben für mich ankam. Sie ist an mich jerichtet, aber der Inhalt für dich bestimmt, damit ich dich darauf vorbereite!« »Aus Kerreküll?« »Ja.« Waldemar Kerkhuß stand vor dem hastig zurückgestoßenen Stuhl. Er hielt sich mit der einen Hand an dessen Lehne, in der anderen zitterte das Blatt, das ihm Baron Oxberg reichte. Seine Züge wurden langsam bleich. Er las es wieder. Er schwieg. Endlich sagte er: »Mein Vater im Sterben ...« »Ich nehme dich als Jeneral auf meine Verantwortung mit, ehe dein Paß in Ordnung ist. Bist du bereit, gleich zu reisen?« »Ja.« »Dann komm!« 8. Es war nicht der gespenstige Reisewagen, der nach uralter Sage um Mitternacht lautlos vor Kerreküll vorfuhr, wenn drinnen im Schlosse jemand sterben sollte. Es war nur das Fuhrwerk des Kirchspielarztes Dr. Frälsemann. Der Vollmond stand am Himmel. Die Luft der esthnischen Maiennacht war kühl, vom Salzhauch der nahen See umweht. Die struppigen Körper der beiden Klepper rauchten. Sie hatten die zehn Werst vom Städtchen hierher größtenteils im Galopp zurückgelegt, nachdem ein reitender Kutscherjunge den Arzt aus dem Schlaf geweckt hatte: »Eile, Herr! Mit dem Baron geht es zu Ende l« Aus dem oberen Fenster des mächtigen Eckturms schimmerte Licht. Dort rang Baron Konstantin Kerkhuß seit einer Woche mit dem Tod. Unten, neben der Doktorkutsche, hielt der Vierspänner des Pastors Magnus, den man schleunigst aus St. Jochens geholt, weiterhin der Jagdwagen des Baron Arwed Speerreuter von dem nahen Kuistefer. Die Kalesche des Barons Feodor von Tumme auf Alt-Götthast. Das abenteuerliche Fahrzeug des alten Wiffenhausen auf Narraks, die Fuhrwerke anderer deutscher Nachbarn. Abseits bei den Stallgebäuden, vor dem Krug, die Wägelchen esthnischer Gesindewirte. Auch unter den Bauern hatte sich seit gestern abend das Gerücht verbreitet, daß der Kerreküllsche Baron die Sonne nicht mehr sehen würde. Sie waren meilenweit herbeigefahren und zu Fuß durch Wald und Sumpf gelaufen. Braune, flachsmähnige und flachsbärtige Gestalten standen da, die braunen Mützen und braunen Schilfleinwandröcke von Soldaten zwischen ihnen. Halbdeutsche Mamsellen und Diener und esthnische Mägde liefen aus dem Schloß hinüber nach dem Eiskeller, nach der eingezäunten Pferdekoppel, um einen neuen Boten zur Apotheke aufsitzen zu heißen, ins Försterhaus, daß er die wütend einen Igel anjankenden Teckel einsperre. Im großen Saal zur ebenen Erde, unter dem Bild des in der Familiengeschichte Waldemar Magnus, der Große, genannten Feldmarschalls Kerkhuß aus den Tagen der alten Katharina, saßen die Barone, rauchten, tranken Tee, schwiegen und sahen vor sich hin. Der düstere Ernst der Zeit lastete schwerer noch als sonst auf ihren Mienen. Oben, in den Familienzimmern, die der Doktor durchschritt, hielt Baronin Lisa, die Gemahlin des Sterbenden, die Lutherbibel vor den tränenden Augen, der Pastor Magnus, ein Hüne mit grauem Wodansbart, ihr zur Seite. Baron Constant hatte nebenan mit einem Handwink zu verstehen gegeben, daß er allein sein wollte. Auch seine vier Söhne waren aus dem Sterbezimmer getreten und standen beisammen an der Balkontür des großen Wohngemachs, durch die der herbe und würzige Hauch der nordischen Frühlingsnacht wehte. Dr. Frälsemann machte halt und reichte dem Ältesten die Hand. »Sie auch hier? Gott brachte Sie eben noch zurecht!« »Jestern, jejen Abend, kam ich an!« sagte Waldemar Kerkhuß leise. Der Doktor trat auf den Fußspitzen in das Krankenzimmer zu der aus Reval geholten lutherischen Diakonissin. Es wurde drinnen wieder still. Auch die vier Brüder schwiegen. Es war das erstemal seit Jahren, daß sie alle gleichzeitig in dem väterlichen Schloß weilten. Schließlich, wie die Zeit dahinrann, fingen sie wieder an, halblaut zu sprechen. Sie hatten viel erlebt, seit sie sich zuletzt gesehen. Auf jedem der jungen, bleichen und ernsten Gesichter mit den hellblonden, dichten Haaren darüber stand der Krieg geschrieben. Der Krieg gegen Deutschland. »Wie konnte man ohne Jeschütze in Jalizien bleiben?« sagte gedämpft Robin, der Petersburger Gardekavallerist. »Wir hatten Jeschütze jenug, aber ohne Munition. Sie halfen uns nicht mehr, als wenn wir unsere Jroßmutter mit ins Feld jenommen hätten! Man hatte nur zu sorjen, daß sie nach hinten jeschickt wurden und ihnen nichts passierte.« »Doch hättet ihr Widerstand leisten müssen!« »Die Jarde hat jenug am Bug jelassen!« Robin Kerkhuß' Arm war längst geheilt. Dafür trug er jetzt Hinterkopf und Nacken in weißen Mullbinden. »Was willst du jejen die Deutschen machen? ... Auf einmal sind sie da. Vor dir, neben dir, hinter dir! Du denkst: es ist nicht möglich. Aber du hörst das Hurra schon im Rücken. Beinahe hätten sie mich auch jefangen.« »Trotzdem ...« »Man hat sich diesen Krieg anders jedacht! Warum kommt ihr denn nicht mit euren Schiffen aus der Rigaschen Bucht heraus, Michael? Man lacht euch in Kiel und Lübeck aus. Wo bleibt denn das englische Jeschwader, das die Ostsee beherrschen sollte?« »Gott allein sah es!« sagte der Midshipman der Kronstädter Garde-Flottenequipage, »Und wir selbst? Der Jeist unserer Leute ist jefährlich. Jedes unserer Schiffe ist eine jroße Pulverkammer!« »Auch in Petersburg järt es!« Axel Kerkhuß, der Reichsbeamte, horchte einen Augenblick, ob man nichts aus dem Nebenzimmer höre, und fuhr dann flüsternd fort: »Nicht nur draußen in Wassilij Ostrow und auf der Petersburger Seite! Nicht nur in den Putilow-Werken und in der Semenowschen Kaserne. Es järt auch in der Jesellschaft. Es herrscht Unruhe...« »Überall...« Vor den Augen der jungen Balten klafften die Sprünge in den Riesenmauern des Zarenreichs. Ein leises, unheimliches Knistern in Wänden und Gebälk, in Sibirien, zwischen Ural und Wolga im Westen bis zu dem schon von den Kriegsflammen überzüngelten und bedrohten weiten Halbmond der Rand- und Fremdvölker, der Finnen, der Balten, der Litauer, der Polen, der Tataren. Aber schließlich ... Rossija, das heilige Rußland ... Der Koloß mochte leise zittern... Yankees, Franzosen und Briten mochten das große Wort in Petrograd führen... Asien war doch stärker als Europa und als sie hier am Baltenstrand... »In Petersburg sagen sie schon: Wozu die Deutschen verjagen, um dafür die anderen Ausländer in den Pelz zu bekommen! Wer ist der Herr: der Zar oder der englische Gesandte?« Michael Kerkhuß, der Midshipman, lächelte bei dem Wort: der Zar. Längst war die früher zum guten Ton gehörende Ehrfurcht vor dem Selbstherrscher aller Reußen verschwunden. Der marklose Schatten, unter dessen schwachen Händen das Steuer des Reichs im Sturm ohne Ziel und Willen hin und her flog, verblaßte bis zur Durchsichtigkeit und Leere im Grauen des Kriegs. Schien unnütz. Schien schädlich. Schien eine Last. Schwer stieg die Thronfinsternis über dem Hause Romanow empor. »Früher ließen sich die Zaren von uns beraten, jetzt von Rasputin oder dem Vater Iwan.« »... und uns verfolgen sie zum Dank...« »Daran stirbt Papa.« Sie lauschten wieder. Nebenan war es still. Arzt und Schwester mühten sich um den dahingehenden Diener des Zaren. »Du stehst jetzt in Livland, Robin?« »An der Düna. Nahe von Riga. Auf dreihundert Faden den Deutschen jejenüber. Drüben, in Kurland, sind sie nun schon wie zu Hause.« Die hübschen und oberflächlichen Züge des Petersburger Gardekürassiers zeigten eine tiefe Unruhe. Er saß, in seiner russischen Uniform, in hellem Mondlicht, das eine bespornte Bein über das andere geschlagen, und stützte düster den weißverbundenen Kopf in die flache Hand, an der der Wappenring der Kerkhuß schimmerte. »Und was machen die Deutschen drüben?« Man wußte es nicht. Die Baltenwelt war mitten durchgeschnitten. Es gab keine Verbindung zwischen Kurland, über dem die schwarz-weiß-rote, und Liv- und Esthland, über denen die schwarz-gelb-weiße Fahne flatterte. Dieselben deutschen Menschen wohnten hüben und drüben, es waren die gleichen Namen, die verwandten Familien, aber selten kam einmal, auf weitem Umweg über Schweden, eine Nachricht von dem einen Schwesterland zu den beiden anderen. »Wie ist das, Robin: Bleiben die Deutschen stehn? Jehn sie weiter vor? Was meinst du?« Robin Kerkhuß schüttelte den von einer deutschen Kugel verwundeten Kopf. »Sie können nicht weiter. Sie halten, was sie haben!« »Warum jlaubst du nicht, daß sie auch einmal bis hierher kommen könnten?« »Weil ich Soldat bin: wer jejen Esthland marschiert, marschiert jejen Petersburg. Selbst Napoleon tat das nicht. Er jing nach Moskau. Niemand tat es seit zweihundert Jahren. Niemand kann es wagen, ehe nicht die janze russische Armee völlig jeschlagen und aufjelöst ist.« Die russische Armee ... diese Millionen und aber Millionen, die sich in immerfließendem Schwall aus den ungezählten Menschenmassen bis zum Stillen Ozean hin erneute, die russische Armee, die für jedes vorn in das Verderben gejagte Bataillon morgen schon wieder dieselbe Truppe, mit demselben stumpfen Todesgehorsam auf den breitknochigen Zügen aus den achtfachen Beständen der Heimat hinausschickte, die russische Armee, der Frankreich sein Gold, England seine Techniker, Amerika seine Kriegsrüstung, Japan seine Berater schickte – die Wolga konnte versiegen, aber diese bewaffnete Völkerwanderung nicht. Die jungen Balten, die beiden in der Uniform Nikolaus' des Zweiten und die beiden im Bürgerkleid, schwiegen. Asien über dir. Heute und immer... Waldemar Kerkhuß ging, leicht das lahme Bein nachziehend, zur Schwelle des Turmzimmers, schaute hinein, machte ein Zeichen mit dem Kopf! Nichts Neues. Der Vater saß immer noch ohne Besinnung, wie schlafend, im Lehnstuhl, mit dem er der Atemnot wegen das Bett vertauscht hatte. Ein Flüstern. »Und du, Waldemar?...« Waldemar Kerkhuß fuhr aus seinem Brüten auf... »Was ist?« »Fürchtest du dich nicht vor der Rejierung? Man erzählt von dir jefährliche Dinge.« »Man ist auf dich aufmerksam. Nimm dich in acht!« »Man hat mir die Ermächtijung jejeben, hierher zu reisen. Man wird mir nichts tun.« In Waldemar Kerkhuß' Worten lag das alte hochfahrende Herrenbewußtsein, und die anderen stimmten durch Schweigen bei: der Kerreküllsche Baron war eine Macht im Lande. An ihm vergriff sich so leicht nicht ein örtlicher Tschinownik. Dazu mußte ein Ukas von oben kommen, und auch da nahm man vielleicht noch Rücksicht auf einen der ganz Großen des Gouvernements. Und Waldemar Kerkhuß fühlte: ich bin, für die anderen, schon der Kerreküllsche Baron. Ich merke es an den Brüdern. Sie sind anders zu mir als untereinander. Sie bringen mir bereits die Achtung vor dem Majoratsherrn, vor dem Haupt des Hauses, dem Reichen, dem Mächtigen entgegen. Und in kurzem bin ich, nach Gottes Willen, wirklich Herr auf Kerreküll... Dr. Frälsemann stand auf der Schwelle. Sein Gesicht war noch ernster. Sagte alles. Die vier Brüder traten in das Turmgemach. Die Mutter. Pastor Gotthard Magnus. In diesen nordischen Nächten ging die Sonne kaum mehr unter. Sie wechselte nur am Himmelsrund ihren Platz von Westen nach Osten. So fiel auch jetzt durch den sechs Schuh dicken Mauerausbruch des Bogenfensters das erste Frührot auf Baron Konstantins Gestalt. Der alte Grandseigneur hatte bis zum äußersten Augenblick Haltung. Er saß aufrecht in den Kissen des Lehnstuhls, auf die seine langen grauen Favoris hinabwallten. Das Kinn zwischen ihnen war immer noch von dem Kammerdiener sorgfältig rasiert. Es war keine Luft der Krankenstube um ihn, sondern der letzte Hauch der Petersburger großen Welt, ein feiner Duft von Kölnischwasser, ein zarter Geruch der Papyrossen, der Duft von Treibhausrosen auf dem Tisch. Auf dem standen die drei Bilder der Zaren mit ihren eigenhändigen slawischen Unterschriften: Alexanders des Zweiten vornehme und milde Züge, das finstere und brutale russische Bauerngesicht Alexanders des Dritten, der nichtssagende, nichtsseiende Kopf Nikolaus' des Zweiten. Der Sterbende sah sie lange aus seinen großen grauen Augen an. Sein längliches Gesicht mit der herrisch vorspringenden, gebogenen Nase war schon verfallen. Um ihn rings in dem Turm war Rußland. Mit kaukasischen Waffen und asiatischen Teppichen, sibirischem Elfenbein, Moskauer bunt eingelegten Kostbarkeiten, dem Eisbärfell aus dem Nördlichen Eismeer am Boden, den altgriechischen Vasen aus der Krim auf dem Wandbrett umfing ihn das zwei Weltteile umspannende Riesenreich, dem er fast ein halbes Jahrhundert gedient, wie seine Vorfahren weitere anderthalb Jahrhunderte zurück. Er hatte jedem der Seinen, schwer atmend, die langen, weißen, vornehmen Hände zum letzten Druck, Wangen und Lippen zum letzten Kuß überlassen. Jetzt richtete er die Augen noch einmal starr auf den ältesten Sohn. Zwang seinen schon getrübten Geist, noch einmal ein paar Worte zu formen: »Waldemar ... denke an mich ... jehe die Mitte ... jehe die Mitte ... Schließlich ... wird man ... in Petersburg wieder ... zur Einsicht jelangen ...« Waldemar Kerkhuß kniete neben ihm. Auf der anderen Seite hörte er das Schluchzen der Mutter. Die tiefe, markige Stimme des Pastors Magnus, der das Vaterunser sprach – das deutsche Vaterunser, trotz aller Gendarmen und Kosaken und Popen da draußen in Rußland. Es ging ihm durch den Kopf: Du hoffst noch im Sterben, Vater, auf das, woran wir Lebenden verzweifeln: daß die Lawine zum Stehen kommt, daß die Sturmflut rückwärts brandet, daß Rußland die Geister Asiens bannt, die es wider uns und Europa rief! Da vernahm er noch einmal an seinem Ohr ein mühsames Flüstern: »Ich habe mich noch vor zwei Wochen wejen dir nach Petersburg jewandt ... an den Jroßfürsten ... meinen alten Jönner ... man versprach mir ... mir zuliebe ... Man wird dich deine faux-pas nicht entjelten lassen ... man wird kommen und mit dir sprechen ... Herzerode wird kommen ... Man wird dir Verhaltungsmaßregeln jeben ... befolje sie... zu deinem eijenen Besten... jehe die Mitte...« Das Zimmer war ganz hell geworden. Vor dem Fensterausschnitt stand lichtes Himmelblau. Ein rötlichgoldener Sonnenstreifen flimmerte schräg durch das tiefe Schweigen. Seine Exzellenz, das frühere Mitglied des Ministerkomitees, Geheimer Rat, Hofmeister und Senator Baron Konstantin von Kerkhuß saß still zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen. Über ihm, aus dem Dachgebälk des Eckturms, läutete die Glocke. Eine Stunde lang klagte der Klöppel und trug den Schall doch nicht bis zur Hälfte des Umkreises der endlosen Herrschaft Kerreküll, zu all den Vorwerken und Gütern mit ihren leerstehenden Herrenhäusern, von denen erst mittags die Glocken zur Antwort läuteten, und zur fernen Kirche und dem Pfarrhof von St. Jochens. Drei Tage darauf aber klangen alle Glocken zur selben Stunde ineinander und weithin über Land und Meer, zur Stunde, da man den Kerreküllschen Baron beisetzte. Es war ein strahlend blauer Tag. Eine Flut von Licht und Wärme über dem kargen, nordischen Land. Waldemar Kerkhuß ging einsam über dies Land dahin, das ihm nun zu Erb und Eigen gehörte. Er hatte sich, so bald er konnte, dem Schwarm der Trauergäste, dem Beileid, dem Händedrücken und Handküssen entzogen. Er schritt, den blonden Kopf gesenkt, durch die Stille, in die nur, in regelmäßigen Atemzügen, feierlich die Brandung des nahen Meeres tönte. In tausend Farben und Blumen blühte zu seinen Füßen die esthnische Erde. Eine zitternde Wärme von Sommer und Sonne, ein Summen unzähliger Insekten stieg aus dem weichen, würzigen Teppich. Ein Hauch, süß wie Honigseim. Zartes, lichtgrünes Laub bebte, von goldenen Lichtern durchspielt, um die weißen Stämme der Birken. Seltsam kühl und frisch wehte durch das Sonnenweben der Frühlingswind als Zeichen, daß man trotz blauen Maienhimmels hier oben auf äußerster Wacht wider Winter und Norden und seine Menschen war. Du meine Heimat... Waldemar Kerkhuß hatte Esthland so geliebt, wie man Dinge liebt, die man nicht verlieren kann, die man ruhig verläßt, weil man sicher ist, sie wiederzufinden und immer zu besitzen. Jetzt war es ein anderes Gefühl, das ihm strömend zum Herzen drang. Eine heiße Liebe zu dieser armen Scholle wie zu einem geliebten Menschen, den das Schicksal gibt und nimmt. Das Land um ihn lebte, sprach mit tausend Zungen aus Baum und Strauch, aus Heuschlag und Roggensaat, aus steinbesätem Kartoffelacker und Streustelle, aus Flachsfeld und kahler, von aufgeschichteten Steinen umzogener Weide: Ich bin dein. Bleib du bei mir. Ich will dir dienen. Da war das Meer. Weit, weit, tiefblau, mit einem regelmäßig rollenden schneeigen Schaumgürtel um die Felsblöcke des Strands. Die gischtumspülten Klippen zogen sich weit hinaus. Gescheckte Rinderhäupter ragten zwischen ihnen. Das Weidevieh stand, der Hitze und der Bremsen wegen, bis an den Kopf draußen in der flachen See. Die halbwüchsigen Hirtenmädchen lachten am Ufer und liefen, den Rock schürzend, mit braunen Beinen vor den heranrollenden Wellen. Die Möwen flatterten und schrien. Es klang Waldemar Kerkhuß wie eine schrille, klagende Frage: Auf diesem Meer kamen vor siebenhundert Jahren deine Vorfahren und nahmen dieses Land. Willst du dein Land an der Ostsee verlassen...? »Karaschó!« ... Es ist gut... Russische Laute ertönten. Zwei Infanteristen mit groben, stumpfen Gesichtern, fern aus dem Ural, schlenderten vorbei. Sie gehörten zu den Truppen des Küstenschutzes, der hier überall lag. Sie gingen langsam in der Richtung nach dem kleinen Kasernenbau auf hoher, vorspringender Landzunge, in dem schon im Frieden solche russische Strandwächter gehaust hatten, die sich mit niemandem im Lande, nicht mit Deutschen und nicht mit Esthen, hatten verständigen können. Waldemar Kerkhuß schaute ihnen düster nach. Da war wieder die Mahnung des Ostens gewesen. In tiefe Gedanken versunken schritt er durch den Park zurück. Er schaute erst auf, als er die Brücke hinter sich hatte und vor dem schweren Klotz des Schlosses stand. Er hatte gehofft, daß alle Teilnehmer an der Trauerfeier nun weg sein würden. Aber er sah statt dessen zwei neue, vorhin noch nicht dagewesene Gestalten, die mit seinem Bruder Robin sprachen. Der Petersburger Kürassier wies mit der Hand nach ihm und sagte zu dem einen der Herren, einem großen, schlanken, blonden jungen Mann mit einem vornehmen, etwas fremdartigen Gesicht und einer gesuchten, streng englischen Eleganz der Kleidung: »Nun, da hast du ihn ja.« Waldemar Kerkhuß erkannte seinen Vetter, den Grafen Herzerode aus Petersburg. Er dachte bei der weichen und biegsamen Bewegung, dem glatten und schmiegsamen Mienenspiel, womit jener ihm beileidsvoll die Hand nicht kräftig deutsch drückte, sondern nachgiebig, fast weiblich in der seinen ruhen ließ: Er ist nur noch dem Äußeren nach deutsch. Es geht ihm wie seiner Freundin, Kaja Wiffenhausen: das Blut seiner russischen Mutter und Großmutter ist stärker. Graf Wittekind von Herzerode begann auch gleich auf russisch. Er sprach es seit Beginn des Krieges offensichtlich und stark betont auch da, wo er sonst als Petersburger der großen Welt das Französisch bevorzugt hätte. »Verzeihe! Ich glaubte, die Beisetzung hätte schon gestern stattgefunden.« »Wie das? Sie war vor wenigen Stunden.« »Hätten wir das gewußt, so wären wir erst morgen gekommen. Der Fürst und ich werden uns für heute wieder zurückziehen!« Fürst Manuchin, Kaja Wiffenhausens Oheim, verkörperte in dem Ausdrucke des Beileids auf seinen groben, von der Bartwildnis bedeckten Zügen den würdevollen Ernst des russischen Bauern. Er schaute Waldemar Kerkhuß forschend aus seinen klugen, nervösen Augen an und sagte dann mit der weichen und hellen Stimme, die gar nicht zu seiner massigen Gestalt paßte: »Wir werden unsere Unterhaltung morgen führen, Waldemar Konstantinowitsch! Sie sind heute nicht in der Stimmung, derlei zu hören.« »Was haben Sie mir zu sagen, Boris Wladimirowitsch!« Knjäs Oheim zögerte. Er wählte die Worte. »Ich habe nichts zu sagen, sondern man schickt mich, um Ihnen durch mich gewisse Dinge sagen zu lassen!« »Wer schickt Sie, Boris Wladimirowitsch?« Der weltkundige, vornehme Slawe wich wieder aus. »Es war der letzte Wunsch Ihres seligen Vaters – wenigstens der letzte Wunsch, der zu uns nach Petrograd gelangte –, nach seinem Abscheiden die würdigen Überlieferungen dieses Hauses, vor dem wir stehen, nicht durch Schutzmaßnahmen der Negierung gegen die Unbesonnenheit seines Erben getrübt zu sehen. Dieser Wunsch des Entschlafenen erreichte, dessen Stellung entsprechend, die Gnade eines hohen Orts. Man ist dort, in Würdigung der ausgezeichneten Verdienste Ihres Vaters, geneigt, seinem Wunsch ausnahmsweise zu entsprechen und Nachsicht gegen Sie, Waldemar Konstantinowitsch, walten zu lassen!« »Belieben Sie einzutreten!« Sie saßen sich drinnen gegenüber. Der anglisierte, bärenhafte Knjäs hatte seine Dose hervorgeholt und drehte sich zwischen den riesigen Fäusten eine Papyros. »Betrachten Sie diese Unterhaltung als ein reines Privatgespräch, Waldemar Konstantinowitsch!« sagte er, den feinen, blauen Rauch durch die breiten Nüstern der Nase blasend. »Als ein Mittel, amtliche Maßregeln überflüssig zu machen, die sonst unausbleiblich ... Wie ist das? Sie sind ein Sonderling. Gut! Man kennt euch Balten. Ich besonders. Ich bin, durch meine Schwester Wiffenhausen, mit euch verschwägert. Ihr seid nun einmal so. Sie besonders! Ich beobachtete Sie als Menschenkenner schon vorigen Herbst in der Krim. Sie waren mißvergnügt ... zerstreut ... hielten sich abseits ... Ich hatte dann im Winter Gelegenheit, Ihre Wandlungen in Petrograd zu verfolgen! Gehen wir darüber hinweg.« Graf Herzerode lächelte vor sich hin, aber er sagte nichts. »Dann hieß es, Sie hielten sich in Finnland verborgen, und nun wurde es klar: Sie waren schon seit langem irgendwelchen schädlichen Richtlinien des Denkens verfallen, die Sie von dem wahren Geist der russischen Gesellschaft trennen. Ihr Vater schrieb nach Petrograd. Hier ... Gerzerodde bekam den Auftrag des älteren Gehilfen des Ministers, den Fall zu untersuchen ...« Waldemar Kerkhuß warf seinem Vetter Wittekind einen Blick kühler Feindschaft zu. »Ich halte mich nicht verborgen!« sagte er. »Und habe nichts zu verbergen. Hier bin ich.« »Vortrefflich! Sie haben es gehört, Graf Gerzerodde! Ihre Aufklärung beruhigt mich. Man wird Ihre Reue würdigen, wenn man sich überzeugt hat, daß Sie ein wahrer Russe sind.« Waldemar Kerkhuß schwieg. »Sie haben uns das zu beweisen, Waldemar Konstantinowitsch! Gerade nach den Stimmen des Verdachts, die gegen Sie laut wurden! Sie haben diese Verdachtsgründe durch besonderen Eifer für die große russische Sache zu widerlegen.« »Wie könnte ich das, Boris Wladimirowitsch! Sie wissen: mein lahmes Knie verhindert mich, zu kämpfen.« »Auch ich bin zu alt, um noch die russische Erde zu verteidigen, und dennoch im Dienste Rußlands. Jeder bei uns. Unsere Damen pflegen. Unsere Geistlichkeit betet für den Sieg. Unsere Intelligenz streitet, jeder an seiner Stelle, für Gesittung und Menschlichkeit gegen die Hunnen.« »Lassen Sie doch diesen englischen Unsinn, Fürst!« sagte Waldemar Kerkhuß nachlässig. »Wie denn? Ich verstand nicht recht ...« »Sie wissen am besten, Boris Wladimirowitsch, daß die Deutschen keine Hunnen sind. Die Deutschen haben, wo sie bei uns eindrangen, ohne Not nicht einen Stein vom anderen gerührt. Wir Russen waren es, die Ostpreußen und auf dem Rückzug unser eigenes Land verwüsteten, als führe Iwan der Gräßliche noch den Oberbefehl!« »Hören Sie, Graf Gerzerodde!« »Die Heere des Zaren waren es, die am Bug Tausende von polnischen Frauen und Kindern gegen die bayrischen Geschütze trieben, die ohne Not Brest niederbrannten, überall hausten wie damals, als Peter der Große durch Menschikoff Esthland hier zur Wüste machen ließ.« »Sie hatten recht, Gerzerodde. Da ist ...« »Also überlassen wir doch diese Redensarten den emporgekommenen Rechtsanwälten des Westens, Knjäs, die Sie so verehren! Wir hier sind vornehmer Abstammung. Wir haben die Verkleinerung eines ritterbürtigen Gegners nicht nötig.« »Sie verteidigen den Feind!« »Nein. Ich nehme Rußland gegen seine Freunde in Schutz!« »Wir wußten es!« sagte Fürst Manuchin, wieder mit seiner Zigarettendose beschäftigt. »Man beobachtet Sie seit einem Jahr. Ein Mann Ihrer Stellung lebt nicht unbeobachtet wie ein Muschik. Fast ein halbes Jahr nach dem Beginn des Kreuzzugs der Menschheit ...« »Fürst ... diese britischen Kinderklappern sind für die Nigger bestimmt, nicht für uns ...« »... kehrten Sie erst aus dem Ausland heim. An der Front verweilten Sie nur wenige Stunden. In Bukarest, wohin man Sie schickte, nur wenige Monate. Hätten Sie sich auf Ihre Güter zurückgezogen und dort in Würdigung der Zeit ruhig und achtungsvoll verhalten ... man wäre in Petrograd zufrieden gewesen ...« »Wenn ich nur mit Petrograd zufrieden wäre, Knjäs!« Waldemar Kerkhuß sagte es mit all dem kaltblütigen Hochmut, der ihm, wenn er wollte, zu Gebote stand. Er war gleichgültig sitzengeblieben, während der Petersburger Fürst aus seinem Sessel aussprang. »Ah ... da haben wir's, Sie verraten sich, Baron! ... Sie bestätigen die schlimmsten Befürchtungen, die die Freunde Ihres Vaters hegten ...« »Belieben Sie: was verbrach ich?« »Wissen Sie, was man seit Jahr und Tag von Ihnen munkelt und was ich und die Freunde Ihres Vaters uns stets zu glauben weigerten? ›Warum treibt sich dieser Baron scheinbar ohne Ziel und Sinn in der Welt herum? Warum sieht man ihn gestern im Süden Rußlands, heute an der Newa, morgen in Finnland, nahe der Grenze? Warum verkehrt er überall absichtlich ungern mit der örtlichen Gesellschaft und den Wohlgesinnten? Warum bemerkt man ihn im Verkehr mit allerhand verdächtigen Gestalten? Warum scheut er sich nicht, bei solchen Zusammenkünften die deutsche Sprache in den Mund zu nehmen?‹ Lügen Sie nicht: Man hat es durch die Fenster Ihres Zimmers gehört!« »Kein Gesetz, nicht einmal ein russisches, verbietet, in meinen vier Wänden Deutsch zu sprechen!« »Man sagt sich: Wozu das? Zur Ochrana, zur Geheimpolizei, gehört der Baron nicht ...« »Woher wißt ihr denn, daß ich nicht Mitglied der Ochrana bin!« sagte Waldemar Kerkhuß boshaft und lächelte. »... weil die Ochrana weiß, daß wir, mit ihrer Erlaubnis, hier bei Ihnen sind! Die Ochrana weiß noch mehr! Ihre Vermutung bestätigt sich ...« »Was denn?« »... daß Sie ein Agent Deutschlands sind!« Waldemar Kerkhuß war emporgeschnellt. Mit ihm zugleich hatte sich Graf Herzerode erhoben. Eine Sekunde war Schweigen zwischen den drei Männern. Dann setzte sich der Erbherr auf Kerreküll wieder und sagte kurz und verächtlich: »Ich bin es nicht. Die Ochrana mag es mir beweisen. Sie wird sich blamieren. Dies Gesindel blamiert sich ja immer!« »Die Tatsachen sprechen gegen Sie ...« »Mein Ehrenwort als Edelmann, Knjäs Manuchin: Ich bin kein Agent Deutschlands und war es nie!« Der bärtige, schwergebaute Petersburger Staatsmann ließ eine diplomatische Pause im Gespräch eintreten. Er überlegte. Endlich begann er: »Sie sehen ein, daß Sie trotzdem schuldig sind...?« »Wie das?« »... schuldig, unserem heiligen Rußland nicht jenes Maß kindlicher Liebe und Hilfsbereitschaft dargebracht zu haben, das Gott in dieser Zeit von den Söhnen unserer Erde fordert. Sie standen abseits, als sei Ihnen das Schicksal des Reiches gleich. Sie gehörten zu den unzuverlässigen, den tatenlosen, den spöttischen Charakteren unseres sozialen Aufbaues. Es muß Ihre Aufgabe sein, durch verdoppelte Hingabe an die große Sache von jetzt ab diesen unheilvollen Eindruck zu verwischen, wenn Sie sich nicht Ernsterem aussetzen wollen...« »Was ist das Ernstere?... Schlüsselburg... Krasnojarsk... Sibirien...?« »Lassen wir Sibirien! Wir sind hier vor den Toren Petrograds. Man erwartet Sie in Petrograd! Wann werden Sie kommen, Waldemar Konstantinowitsch?« »Was soll ich dort?« »Was wir alle tun: gegen den deutschen Feind kämpfen! Gegen den Feind im Innern! Der Deutsche ist da noch überall! Er sitzt noch in unseren Seelen, wie er in unseren Aktiengesellschaften und Bankrechnungen saß. Ein Netz wie das, womit Karl Karlowitsch Rußland überspannte, zerreißt nicht mit einemmal. Immer wieder finden sich Reste deutscher Verbindungen, deutschen Einflusses. Wir Russen sind zu einfach dazu. Die tückische Vielseitigkeit des Deutschen verwirrt uns. Auch verstehen wir die Sprache nicht genügend! Wir sind auf die tatkräftige Hilfe derjenigen Vaterlandsfreunde angewiesen, die dies düstere Gebiet zu übersehen wissen!« »Und das, meinen Sie, wäre eine Aufgabe auch für mich ...?« »Eine Tätigkeit, in der Sie Reue und Eifer für die gute Sache an den Tag zu legen vermögen! Es tut gerade bei Ihnen doppelt not. Aber man wird Ihnen keine kleinlichen Vorschriften machen. Der Russe ist nicht engherzig wie der Deutsche. Wählen Sie sich irgendeine Anstrengung wider den gemeinsamen Feind! Treten Sie den Ausschüssen bei, die die Kräfte Rußlands sammeln! Halten Sie vor der Intelligenz unserer Provinzstädte Vorträge über die deutsche Gefahr! Helfen Sie, die kostbaren Bande der Freundschaft zu festigen, die uns mit den immer zahlreicher nach Petrograd strömenden Engländern, Franzosen, Italienern, Japanern, Rumänen, Amerikanern vereinen! Mit einem Wort: Zeigen Sie, daß Sie ein schuldbewußter, aber dafür doppelt hilfsbereiter Sohn unserer allrussischen Mutter sind, der auch das seine zum Untergang Deutschlands beizutragen sich beeifert!« »Und dies bißchen, Knjäs, würde genügen?« »Es würde genügen!« versetzte Fürst Manuchin zögernd. »Immerhin: je mehr, desto besser! ... Andere in Ihrer Lage zeigten von Kriegsbeginn an eine Hingabe, die sich freiwillig von jedem früheren Zusammenhang mit deutscher Art lossagte! Erinnern wir uns, daß Herr von Rennenkampf um die Gnade bat, seinen deutschen Namen in den russischen ›Der laufende Mann‹ übersetzen zu dürfen! Manche Aufgeklärte folgten seinem Beispiel!« »Ich muß es auch?« »Man verlangt es nicht. Das sind geheiligte Ausbrüche vaterländischen Empfindens. Immerhin: Baron Kirchhaus würde auch auf russisch vorteilhaft klingen!« »Da wir schon bei der Kirche sind: Sollte ich nicht etwa zum orthodoxen Glauben übertreten?« »Solche Entschlüsse sind Eingebungen des Heiligen Geistes. Menschen haben nicht darüber zu befinden, über wen die Taube vom Himmel ihre Flügel breitet. Geschieht es aber, mein lieber Waldemar Konstantinowitsch, dann wäre allerdings keine Gnade für einen solchen Triumph der wahren Kirche in diesem Lande zu hoch. Auszeichnungen ganz von oben winken da. Eine glänzende Laufbahn in dem siegreichen Rußland öffnet sich Ihnen ...« »Und nun gehen Sie wieder nach Petrograd, Fürst!« sagte Waldemar Kerkhuß und stand auf. »Und du auch, Vetter Wittekind, du Judas und verdorbener, fauler Ast an unserem alten, guten Stamm ...« »Was ...?« »... und bestellt den Russen: Hier steht ein baltischer Edelmann, der auf siebenhundert Jahre deutscher Ahnen zurückschaut, dessen erstes Wort, von Kindesbeinen an, deutsch ist, dessen Jlaube deutsch ist – ich spreche jetzt Deutsch, Fürst Manuchin – Sie verstehn es sehr jut – und der jetzt jerade deutsch ist, weil jetzt Courage dazugehört, es zu sein ...« »Du redest dich um Hals und Kragen, Waldemar!« »Um deinen Hals sehe ich schon die Schlinge, Wittekind! Die Russen werden sie dir schon einmal zuziehen. Allem hier im Lande, was sich nicht wehrt! Ich wehre mich, Knjäs! Melden Sie in Petersburg, ich hätte heute mein Erbe anjetreten ...« »Sie werden sich nicht mehr lange daran erfreuen!« »... und dazu jehörte auch alles, was immer, solange es Kerkhuß' jibt, deutsch war und deutsch in ihnen jeblieben ist und deutsch bleiben soll! Sonst würden wir ja wie ihr drüben in der Moskowiterei! Was wären wir dann noch?« »Genug!« »Bist du denn wahnsinnig?« »Wie denn wahnsinnig? Ich sage die Wahrheit!« »Kommen Sie, Graf Gerzerodde! Unser Auftrag ist zu Ende. Ich werde berichten. Morgen werden andere hier vorsprechen!« »Schickt nur die Kosaken! Ich jebe euch Asiaten nicht nach! So wenig wie meine Vorfahren! Wir stehen hier auf Wacht! Ich bin ein deutscher Edelmann!« »Hören Sie es, Gerzerodde! Er nennt sich einen Deutschen!« »... und ich habe von Deutschland jelernt, daß es das beste ist, sich nicht vor euch zu fürchten! Wir werden schon noch unser Leben jejen euch jewinnen!« Draußen, in dem wasserumzogenen Park, gingen die drei Brüder Robin, Axel und Michael, stumm, in jener schweren und leeren Stimmung, die einem Begräbnis folgt. Sie hoben die gesenkten Köpfe beim scharfen Rasseln eines davonjagenden Wagens. Sonderbar: Ihnen winkten die drinnen, der Fürst Manuchin und der Vetter Herzerode, im Vorbeifahren mit der Hand zu. Aber von dem Ältesten, der unter der Eingangswölbung seines Schlosses stand und ihnen gleichgültig nachsah, hatten sie sich ohne Gruß getrennt. Die drei traten, neugierig trotz der Trauer und etwas besorgt, an ihn heran: »Waldemar – was machst du für Jeschichten? Habt ihr euch jezankt?« Der Wagen verschwand um die Ecke der langen Ulmenallee. Waldemar Kerkhuß atmete auf. »Nun: es ist jeschehen!« sagte er sehr ruhig. »Nun jehen die Dinge ihren Jang!« Die anderen Brüder schauten sich an. Robin zuckte die Achseln. »Michael und ich tragen den Rock des Zaren, Axel ist im Zivil-Tschin. Uns kann also nichts passieren. Aber du nimm dich in acht, Waldemar. Du bist nicht gut anjeschrieben. Ich warnte dich schon neulich!« Sein Bruder Waldemar hörte nicht recht darauf. Er sah auf die Uhr und rechnete. »Zehn Werst bis zur Station. Dort haben sie den Telegraph. Es muß telegraphisch Antwort kommen, Befehl jejeben werden. Die Fahrt dauert wieder zehn Werst hierher. Da ist noch lange Zeit.« »Was heißt das?« frug der Midshipman. »Nichts, Micha! Ich habe mir nur den Tag ein wenig einjeteilt!« Waldemar Kerkhuß erschien, als sei nichts geschehen, zur Mittagstafel. Sein Schweigen fiel nicht auf. Alle waren still und in sich gekehrt. Die verweinte Mutter, der Pastor Magnus, die Brüder. Die halbdeutschen Diener trugen die Speisen fast unberührt wieder ab. Als man sich erhob, küßte Waldemar seine Mutter mit einer seinem kühlen Wesen sonst ungewohnten Zärtlichkeit. »Ich werde etwas in den Wald jehn!« sagte er. Die zartgrünen Wellen der Birken rauschten im Spiel des Maiwinds, in dem sich seltsam der süße Duft der blumigen Erde und der Salzhauch der Ostsee mengten. Die Sonne warf zwischen ihnen ihre flimmernden Lichter in die schwarzen Moorlachen, sank langsam, färbte im Westen den Himmel über Land und Strand mit der Glut einer riesigen, purpurnen Wolkenbank, die, violett durchschattet, nach oben in flammendes Scharlach und lichtes Rosa und märchenhaftes Grasgrün sich verlor. Durch die abendliche Stille klangen Rufe im Wald. Man suchte den Schloßherrn, der seit vielen Stunden verschwunden war. Die Stimmen der Brüder verloren sich. Wie sollte man in dieser unbegrenzten Ferne von Forst und Sumpf, Feld und Heide jemanden finden, der sich nicht finden lassen wollte? Zumal wenn, wie jetzt, die Dämmerung hereinbrach? Dunkel wurde es in dieser Zeit, wo schon die »weißen Nächte« des Juni sich nahten, am esthnischen Strand überhaupt nicht. Die ersten glühenden Morgenstreifen säumten da den Osten, ehe noch im Westen der letzte Schein vom Abendrot verschwunden war. Jetzt war noch, gegen Deutschland hin, eine blutige Helle, wie von einer mächtigen Feuersbrunst. Die Ruine der ehemaligen Kirche von St. Annen stand in schwarzen, gespenstigen Umrissen an der Küste, vor dem düsteren Rot, das durch ihre leeren Fensterwölbungen glühte und die abenteuerlich gezackten Mauern umwob. Aus dem einst von Iwan dem Schrecklichen eingeäscherten Gotteshaus trat, vorsichtig sich nach allen Seiten umschauend, Waldemar Kerkhuß heraus. Hier brauchte er nicht zu fürchten, gesehen zu werden. Niemand von den Esthen näherte sich gerne, und am wenigsten jetzt in der hellen Dämmerung, der Stelle, wo der Geist des Mönchs, der die Seinen damals dem Moskowiter verraten, ruhelos umging, noch in der Kutte, den Kopf unter dem Arm ... Große, weiße Möwen zogen langsam, scheinbar schon schlaftrunken, von dem schlafenden, totenstillen, weiten Meer zu den Klippen heim. Um die spielte das Wasser kaum mehr mit leisem Gurgeln. Auf eine von ihnen war der große Seehund, wie jeden Abend, aus der Flut hinaufgeklommen und lag breit auf dem noch von der Sonne durchwärmten Stein. Waldemars Vater und Großvater hatten ihn schon gesehen. Niemand wußte, wie alt er war. Von den fernen Fischerhütten stieg der Rauch des Wacholderfeuers. Die Netze hingen am Strand. Über dem weißhaarigen, vom Aussatz verstümmelten Esthen, der vor seinem aus Schiffstrümmern gebauten Holzhaus saß, hing lebensgroß am Giebel im Abendschein das Gallionbild der vor Jahrzehnten gescheiterten spanischen Brigg, die Jungfrau Maria. Vom Land her klang das Brüllen weidender Kühe. Waldemar Kerkhuß schaute unwillkürlich, mit dem Blick des Landwirts, nach den scheckigen Flecken hinüber, ob auch das Jungvieh vor der kühlen Nacht in den Stall heimgetrieben sei. Er nahm von allem Abschied, was da war und sein war und doch nicht mehr sein. Er ging, neben der Straße, im Wald, als Flüchtling über den Boden, der ihm gehörte. Dann stutzte er und barg sich hinter einem Busch. Ein kleines, ausgedientes Herrschaftsfuhrwerk klapperte den Weg heran. Zwei zottige Gäulchen trabten müde, mit dicken, hängenden Köpfen, vor ihm. Ein Fräulein hielt vom Bock aus die schlaffen Zügel. Sie saß träumerisch, den rotblonden Kopf nach vom geneigt, und bewegte nur zuweilen in der Art eines trotz seiner Jugend an Drängen und Treiben und Schaffen und Sorgen gewohnten Menschen die Spitze der Peitsche hin und her. Hinter ihr, in der vermotteten Kutsche, duckten sich zwei andere Mädchen zusammen, etwas älter als sie, schon über Dreißig. Sie hatte den Mund halb offen und sang halblaut im Fahren vor sich hin. Das Knarren der Räder verschlang die schwache Stimme, die so schwermütig war wie das Land um sie. Dann richtete sie sich jäh empor und griff geistesgegenwärtig und kaltblütig in die Zügel, während die Schwestern innen laut aufschrien. Die Pferde hatten gescheut. Ein Mann war unversehens aus dem Dickicht an den Wagen getreten. »Bange dich nicht, Karin! Ich bin es: Waldemar Kerkhuß!« »Ich bin nicht so ängstlich ...« Karin von Saxeson faßte die Zügel in die eine Hand und reichte die andere mit ernstem Gesicht dem unten: »Nimm mein inniges Beileid, Waldemar! Wir sind auf dem Wege zu deiner Mutter und zu euch, um euch unsere Teilnahme zu sagen!« »Ihr fahrt so spät allein über Land?« »Wir konnten nicht eher. Wir erfuhren es erst heute morgen. Die Jäule waren schon draußen. Es war da ein Roggenschlag ausjewintert, den man neu bestellen muß. Als sie heimkamen, mußten sie futtern. So wurde es Nacht.« Karin von Saxeson sprach frisch und unbefangen. Die vier armen Fräulein auf dem Moor- und Sumpfgut Nois machten kein Hehl daraus, daß sie einsame Waisen waren und froh sein mußten, wenigstens das Dach dieses uralten, baufälligen deutschen Edelsitzes über sich zu haben. Der Großgrundherr auf Kerreküll hatte auch die beiden innen, Ode und Ara, begrüßt. Er stand am Wagen und schaute zu Karin Saxesons reinem, nordischem Gesicht empor, das mit seinen kleinen Sommersprossen, seinen klaren, blauen Augen sich von dem geheimnisvollen Dämmern der esthnischen Nacht abhob, und sagte: »Vor anderthalb Jahren sahen wir uns zuletzt. Ich fuhr in einem jräßlichen Wetter über Land, von einem Gut zum anderen. Schließlich trat ich, naß wie ein Pferdedieb, bei Nacht und Nebel bei euch in Nois ein!« »O – ich weiß!« »Dein Vater war kurz vorher jestorben wie jetzt der meine!« »Jawohl.« Sie schwiegen. »Seit wann bist du hier, Waldemar?« »Seit ein paar Tagen. Es hat sich nichts jeändert. Dies Land ist, wie es war!« Er blickte noch immer zu dem gesunden, vollen Mädchenantlitz empor und sprach halblaut, in einem seltsamen Ton: »Du bist auch wie das Land, Karin! Du wirst nicht älter. Du bleibst, was du bist! Man wird ruhig, wenn man dich anschaut!« Das blonde Fräulein von Saxeson beugte sich vor, scheinbar, um die Zügel fester in die Hände zu bekommen. Er fuhr fort, an die Kutsche gelehnt: »Ich bin nicht ruhig. In mir ist die Unruhe. Auch jetzt muß ich fort!« »Schon wieder? Wo du eben jekommen bist?« »Was soll man machen? Es muß sein!« »Wohin jehst du?« »Nach Deutschland.« Die drei Schwestern fuhren entsetzt empor. Karin machte ungläubige große, blaue Augen und wurde ganz blaß. »Nach Deutschland?« »Aber jewiß!« »Man läßt dich ja jar nicht hier hinaus?« »Man wird mich in wenigen Stunden überhaupt nicht mehr frei herumjehen lassen. Da jehe ich lieber vorher dorthin, wo ich hinjehöre!« »... und läßt alles hier im Stich, wo du eben alles jeerbt hast ...?« »Wer alles hat, hat nichts!« sagte Waldemar Kerkhuß, »und wer nichts hat, ist reich. Du zum Beispiel bist reich, Karin, und weißt es nicht. Ich dajejen bin ein Bettler. Ich muß nach Deutschland!« »Was willst du dort?« »Deutschland ist auch reich ...« »Ja. An Feinden.« »Ich auch. Ich habe heute Rußland den Krieg erklärt.« »Um Gottes willen!« »Nun will ich sehn, ob mir Deutschland hilft!« »Du kommst ja nicht über die Jrenze!« »Ich werde schon. Ich weiß meinen Weg. Da am Strand entlang ...« Sie dachte daran, daß Waldemar Kerkhuß in seinen früheren Jahren, als er die väterlichen Güter verwaltete, so tief in die Seelen und Geheimnisse der Esthen eingedrungen war, wie selten einer der deutschen Herren des Landes. Er selbst sprach nie davon. Aber es ging damals die Sage, daß er eine Zeitlang fast jede Nacht das Schloß verließ, um den geheimnisvollen, vor dem Pastor, der Ritterschaft und den Behörden in Dunkel gehüllten Zusammenkünften und religiösen Übungen der unterirdischen esthnischen Sekten beizuwohnen. Wenn einer, dann fand er hier im Lande Hilfe... Er gab ihr die Hand. »Es ist mir lieb, daß ich jerade dich noch jetroffen habe, Karin!« sprach er weich. »Es ist mir ein jutes Vorzeichen auf den Weg.« »Waldemar... wann wird man dich wiedersehn?« »Ich weiß nicht, ob ich dies Land und dich je wiederseh'! Nicht um das, was man will, handelt es sich jetzt, sondern was man muß. Kehre jetzt um! Fahre nächster Tage einmal nach Kerreküll! Niemand braucht dort zu wissen, daß du mich jesprochen hast!... Hast du es bejriffen?« »Ja.« »Jehab' dich wohl!« Der Vollmond stand am Himmel. Es war beinahe so hell wie am Tag. Das Rasseln des Wagens mit den drei Fräulein von Saxeson war längst verhallt. Unzählige Sprosser sangen in den Zweigen des Laubwalds und füllten die herbe Frühlingsnacht mit ihrem Nachtigallschluchzen. Waldemar Kerkhuß' Gestalt warf, wie er weiterschritt, einen langen, schwarzen Mondschatten hinter sich, als folge ihm da ein dunkler Doppelgänger. Von ferne kam ihm ein leises Läuten entgegen... Das Glöckchen am russischen Krummholz... Postpferde... jetzt... um diese Zeit...? Das Klingeln nahte sich ... Das Rollen der Räder ... Das Schnauben ... der dumpfe Schall galoppierender Hufe ... Es flog wie ein Traumbild im Mondlicht heran und vorbei ... Drei rauchende, schweißbedeckte Klepper, ein Gendarm neben dem Kutscher auf dem Bock. Zwei andere im Wagen gegenüber einer Gestalt in russischem Offiziersmantel, die Mütze auf dem Kopf. Es sauste davon wie das Verhängnis, in der Richtung nach dem Schloß Kerreküll. Rußland kam ... Waldemar Kerkhuß stand im Dunkel des Waldes und dachte sich: Nun, meine Täubchen, ihr werdet mich nicht verhaften! In dieser Wildnis hier kannte er seit Kindesbeinen jeden Schlupf und Steg. Er drehte sich seitwärts und schritt geradenwegs in den bebuschten Sumpf hinein. Der Moorboden schwankte und gurgelte unter ihm. Weiße Blasen stiegen unheilverkündend aus der Tiefe des Abgrunds unter seinen Füßen. Er kehrte sich nicht daran und suchte sich mit der Sicherheit des Waldläufers seinen Pfad nach Westen. 9. Bärtige bewaffnete Weltwanderer standen in der Mittagsglut des August 1916 auf der Königgrätzer Straße in Berlin. Landwehrmänner. Bis obenhin bepackt. An ihren schweren Nagelstiefeln hatte schon der Lehm Flanderns, der Kreidestaub der Champagne, die schwarze Erde Wolhyniens, der Moorboden Kurlands geklebt. Ihre grauen Röcke waren vergilbt und zerschlissen. Ihre Gesichter mahagonibraun. Sie standen, ihrer vier oder fünf, und frugen nach dem Weg vom Anhalter zum Friedrichstraßen-Bahnhof. Es waren nur wenige Mann und doch Millionen. Zahllose zogen unsichtbar hinter ihnen. Sie waren der Krieg selbst auf seinem Gang durch Europa. Aus einem der vierstöckigen Miethäuser schlüpfte eine junge Frau über die Straße, mit bloßem dunkelm Kopf und in elegantem Hauskleid, so wie sie eilig ihre wohlhabende Wohnung oben im zweiten Stock verlassen. Sie war kaum mittelgroß. Ihr Antlitz war so zart und schmal wie ihre Gestalt. Zwei kleine Mädchen sprangen neben ihr. Sie trugen Packen mit Zigarren und Mundvorrat, stellten sich auf die Fußspitzen und hielten sie den Kriegern empor. Die schauten erstaunt herab. Die Zeiten, da man die Liebesgaben auf offener Straße aufdrängte, waren schon lange vorbei. »Bitte, nehmen Sie doch!« sagte die junge Frau lächelnd in baltisch betontem Deutsch. Eine leise Röte lief dabei über ihr mädchenhaftes Gesicht. Sie war immer wieder verlegen, obwohl die Nachbarschaft Tag für Tag diese Spenden beobachtete. Ihre tiefblauen, schwärmerischen Augen baten mit. Sie wiederholte: »Nehmen Sie doch! Sie haben jewiß eine weite Reise vor sich! Sie werden eine Stärkung jebrauchen!« »Danke, Frau! ... Danke!« Der bärtige Kriegsmann vor ihr nahm die Gabe. »Danke ooch!« »Danke!« In den drei Stimmen klangen drei Mundarten, klang halb Deutschland mit. Die Landwehrleute marschierten weiter, ihren einsamen Weg durch die bunten Wellen des kriegsfremden, kriegsverwöhnten, kriegsvergessenen, kriegsgewinnenden Berlin von 1916. Die junge Frau nickte ihnen noch einmal herzlich nach, nahm die Mädchen an der Hand und stieg die Treppen des vornehmen Miethauses bis zum zweiten Absatz empor, neben dessen Türe auf dem Messingschild »Baron Alexander Metztak« stand. Während sie sich vor dem Spiegel im Flur mit der Hand die dunkelbraunen Haare glattstrich, die der Sommerwind auf der Straße zerzaust hatte, hörte sie von nebenan, aus dem Zimmer ihres Mannes, dasselbe Stimmengewirr im Klang der Ostseeprovinzen, wie sie es vor fünf Minuten verlassen. Als sie wieder zu den Nachmittagsgästen ihres Hauses eintrat, standen einige der jetzt oder schon vor Jahren aus Rußland geflüchteten Balten am Fenster. Baron Erik Stier schaute ernst hinter den feldgrauen Namenlosen her, die so schwerbeladen sich durch das sorglose Berlin schleppten, als trügen sie die ganze Last Deutschlands auf ihren starken und geduldigen Schultern. Er war ein großer, mächtiger Kurländer in den Fünfzigern, mit graugesträubtem Haar, rotem Gesicht und schlauen Augen, deren Gutmütigkeit seiner grimmig dröhnenden Stimme widersprach: »Die Leute jehen nach der Friedrichstraße!« sagte er. »Jewiß! Aber setzt man sie dort in einen Zug nach Osten? Nein doch! Man befiehlt ihnen: Marsch hinunter nach dem Balkan!« »Was willst du? Alles jeht jetzt nach Rumänien!« »Und der Osten? Wir? Hat man Rußland verjessen?« »Schreien Sie doch nicht so, lieber Stier!« »Nein. Er soll nur reden!« Elise Metztak hob heißblütig den sanften Kopf und faltete beschwörend die Hände. »Die Steine sollen reden, wenn es die Menschen nicht tun ... Wenn es uns selber nicht hinreißt, von wem sollen wir denn dann Bejeisterung für unsere gute Sache verlangen?« »Elise, du schwärmst schon wieder!« »Ja, ich schwärme, Alexander! Gott sei Dank schwärme ich! Tut ihr es nur auch! Denkt nicht an uns, sondern an unsere Stammesjenossen in der Ferne!« »Elise hat janz recht!« sagte Baron Alexander Metztak. »Wir sind nicht nach Deutschland jejangen, um die Heimat zu verjessen, sondern um der Heimat Befreiung vom Zaren zu bringen!« Er hatte einen für einen Balten auffallend dunklen, durchgeistigten, von einem Christusbart umrahmten Kopf, in dem die Augen leidenschaftlich in tiefen Höhlen brannten. Als er sie jetzt auf seine Frau wandte, gewannen sie einen weicheren Glanz. Er und sie verständigten sich durch ein Lächeln, daß sie eins waren. Baron Stier erhob, durch sie ermutigt, wieder seine starke Stimme. »Hat man Rußland verjessen? Den Zaren? Unsern jrimmigsten Feind? Warum jeschieht im Osten nichts mehr? Vorijes Jahr jagten wir den Tamerlan und seine Horden, daß sich die Jroßfürsten noch im Laufen bekreuzten! Dieses Jahr jibt man dem Bären unbejreiflicherweise Zeit, seine Wunden jesundzulecken! Wir kennen ihn! Er hat eine asiatische Heilhaut! Er wird wieder auf die Beine kommen und uns nächstes Jahr auf den Hals!« »Wenn ich ein Mann wäre!« rief Elise Metztak von ihrem Schreibtisch im Nebenzimmer her, wo sie in Eile einige dringliche Schriftsachen des vaterländischen Dienstes ordnete. »Ich schrie' es jedem Menschen in Deutschland ins Ohr: Kommt und helft euern Brüdern im Baltikum!« Ihre zarte Gestalt war fast überschlank von der ständigen Anstrengung der Wohltätigkeitsarbeiten, ihr schmales Antlitz abgemagert, daß die Augen darin noch größer und gläubiger erschienen, als sie waren. Aber es lag eine frohe Zuversicht der Nerven in der Art. wie sie geschäftsmäßig und geübt die Aufschriften der Briefe schrieb, sie schloß, die Marken aufklebte und dabei auf das Gespräch nebenan hörte. Dort fuhr Baron Stier grollend fort: »Bei Jakobsstadt jreift der Moskowiter schon wieder an! Er kriegt schon wieder seinen Jrößenwahn!« »Erzähle das Treutlingen! Er ist Livländer! Den jeht es an! Und uns Esthländer! Du bist Kurländer, Stier! Dein Jottesländchen sieht schon unter deutschem Schutz!« »Dafür habe ich meinen Jungen an der deutschen Front im Osten!« »Wie jeht es Engelbert?« frug Elise Metztak. Sie kam wieder in das Zimmer, diesmal beschäftigt, ein Feldpostpäckchen zu versiegeln. »Hat er geschrieben?« »Er kämpft!« schrie sein Vater. »Er hat sich ausgezeichnet! Ich bin stolz auf diesen Sohn! Ich wollte, ich könnte auch noch mit hinaus! Die Karre sitzt im Dreck an der Düna fest! Herrgott – erbarme dich!« »Haben Sie Jeduld!« sagte Pastor Krummeß. »Gott wird sich erbarmen!« »Elise, setze dich doch! Jönne dir doch einen Augenblick Rast!« »Sie machen ja Ihre Jäste unruhig, Baronin!« »Ihr sollt auch alle unruhig sein! Die Zeit ist danach!« sagte die kleine, zarte Frau. Man merkte ihr die nervöse Energie an, wie sie einen eben für sie angekommenen Rohrpostbrief überflog, zerriß und dann an den Fernsprecher im Flur lief, um mit irgendeiner amtlichen Wohlfahrtsstelle zu verhandeln. Man hörte ihre helle, kindliche Stimme: »Exzellenz! Wir tun hier, was wir können! ... Aber es muß auch wirklich Liebe zur Sache dasein! ... Wer nicht janz in seiner Pflicht aufjeht, den kann ich nicht jebrauchen! Das kann sich die betreffende Dame jesagt sein lassen!« »Jeduld?« meinte zwischendurch im Gespräch innen im Zimmer Baron Treutlingen, der geflüchtete, lange, livländische Junker, zu dem kurischen Pfarrer. »Und das sagen Sie, Pastor Krummeß, den die Kosaken schon am Schlafittich hielten, um ihn nach Sibirien zu schleppen, wenn Sie sich nicht im letzten Augenblick, als die Schwefelbande nicht aufpaßte, seitwärts in die Büsche jeschlagen hätten?« »Nun – es ist mir ja jejlückt, nach Deutschland zu jelangen, wie uns allen hier!« versetzte der vollbärtige, starkgebaute, lutherische Pastor. Von der Straße scholl dumpfer, unregelmäßiger Massentritt. Es war der Ausmarsch des letzten Aufgebots, das da zum Bahnhof zog: Familienväter, das Gewehr in der einen Hand, das Jüngste auf dem anderen Arm, Frau und Kinder daneben. Gleich hinterher lachende Gesichter: die Achtzehnjährigen mit Blumensträußen an der Brust und am Gewehrlauf. »Da jehn sie hin!« sagte Herr von Treutlingen. »Aber nicht jejen Rußland! Es jilt doch im Osten wahrhaftig nicht nur uns! Ich bin heute wieder von Pontius zu Pilatus jelaufen und habe beschworen: Setzt über die Düna! Helft uns Livländern! Helft den Esthländern! Laßt nicht deswegen davon ab, weil ihr immer denkt, die Ostseeprovinzen seien nur voll von Baronen! Helft allen Deutschen im Baltenland, die zehnmal zahlreicher sind als die Ritterschaft! Jeht nach dem Osten! Sonst kommt der Osten wieder zu euch! Rußland lebt noch! Rußland ist noch da! Der Zar, der mit Wahnwitz jeschlagen für seinen Todfeind England jejen euch ficht, – der Zar – ist euer böser Feind!« »Der Zar und hinter ihm, wenn er nicht will, die russische Gesellschaft!« »Wir werden sie schlagen!« sagte zurückkommend Elise Metztak mit der Andacht ruhiger Gewißheit und setzte sich zu den Herren. »Wir müssen sie schlagen! Und dann überzeugen, daß unsere Bestimmung nebeneinander und nicht gegeneinander heißt.« Professor Feilitz, der Hochschullehrer, der das sprach, hatte Rußland schon vor einem Menschenalter verlassen, als dort zum erstenmal unwissende, asiatische Gestalten auf den Kathedern der Hörsäle, diebische Tschinowniks in den Amtsstuben, brutale allrussische Machthaber in den Gouvernementspalästen, auf dem Dom zu Reval, am Börsenplatz zu Riga, im herzoglichen Schloß zu Mitau erschienen waren. Er war längst innerlich und äußerlich ein Bürger des neuen Deutschen Reiches und doch ein Sohn des Baltenlandes geblieben, dessen deutsche Oberschicht mit Bildung und Wissen so gesättigt war, daß sie damit nicht nur die eigene Heimat durchgeistigen, nicht nur das russische Kaiserreich mit seinen besten Feldherren, Staatsmännern, Kronbeamten, Ärzten, Ingenieuren versorgen, sondern selbst an Deutschland noch von ihrem Überfluß abgeben konnte. »Der Osten ist unser aller Schicksal! Nicht nur das der paar Balten!« sagte er, und in der Stille, die folgte, nahm der Hausherr plötzlich das Wort. Er hatte bisher geschwiegen und zugehört. Man kannte seine Art, versonnen dazusitzen und vor sich hin zu starren. Jetzt lebte er, in einem jähen Umschlag seines Wesens, auf. Redete schneller, eindringlicher, leidenschaftlicher als alle anderen. »Es jibt ein Wunder von Osten!« versetzte er leise und bestimmt, und der Glaube an das Fatum leuchtete in seinen dunklen Augen. »Es jibt jeheime Runen der Weltjeschichte! Wenn man diese russischen Runen richtig liest, wiederholt sich ihr Sinn! Die Rettung Deutschlands aus höchster Not kam immer von Osten!« Draußen tönte die Flurklingel. Er achtete nicht darauf. Er fuhr fort: »Als Friedrich der Jroße im Siebenjährigen Krieg am Ende seiner Kräfte im Kampf jejen janz Europa war und alles verloren schien, jaloppierte da nicht plötzlich der Kurier aus Petersburg heran: ›Sire! Die Zarin, Ihre Feindin, ist tot. Ihr Nachfolger bietet Waffenstillstand und Waffenbündnis!‹ Das war das Mirakel der Hohenzollern!« »Ja, das war es!« sagte andächtig seine Frau. »Als Preußen nach Jena anscheinend für immer daniederlag, stieg ein Feuermeer im Osten auf. Moskau brannte. Die Jroße Armee erfror, verhungerte, ertrank. In unserem Baltenland steht die Mühle bei Tauroggen, wo wiederum Rußland und Preußen sich zum Sieg verbündeten!« »Und heute stehen dort wieder in Kurland die Deutschen und warten!« rief siegesfroh Elise Metztak. Ihr Mann schloß, mit dem nervösen Beben eines hingebenden Glaubens in der Stimme: »Die Verjangenheit hält die Schlüssel der Jejenwart. Mit ihnen kann man das Tor der Zukunft aufmachen und es wagen, hineinzuschauen: vielleicht bringt uns auch diesmal, das Ende eines Zaren oder ein Brand in Rußland irgendwie die jroße Wendung der Dinge!« »Gott jebe es!« »Möge uns das Licht von Osten scheinen!« Die Balten hier kannten besser als die Reichsdeutschen, in deren Mitte sie lebten, den russischen Koloß, seine unverwüstliche Wurzelkraft und seinen verfaulten Stamm, seine Mischung von Bärennatur und Nervenschwäche und daraus seine Unberechenbarkeit. Sie blieben in stummen Gedanken. Im Nebenzimmer war, leise auf dem Teppich, der neue Gast, der vorhin geklingelt hatte, eingetreten. Elise Metztak wollte aufstehen und ihn begrüßen. Aber er winkte ihr flüchtig und freundschaftlich ab, auf der Schwelle stehenbleibend, denn eben ergriff der greise Baron Dalen das Wort. Er war schon Mitte der Siebzig und für die anderen hier, die eine neue Heimat in Deutschland suchten, die Geschichte des neuen Deutschlands selbst. Er hatte sie, aus dem väterlichen Haus und Hof in Livland gekommen, von ihren ersten Anfängen erlebt. Er hatte den Düppeler Sturmmarsch wider die Dänen mit angehört und bei Königgrätz Verwundete gepflegt und in Versailles das erste Kaiserhoch mit vernommen. Sein Wachsen und Werden war das Deutschlands gewesen. Er sagte milde: »Mich werden sie ja nun bald hinausfahren vor das Hallesche Tor! Das Fuhrwerk gibt es ja immer noch in Berlin.« »In zehn Jahren sprechen wir uns wieder, Exzellenz!« »Danke, lieber Krummeß, danke! Ich habe mich jetzt lange genug hier aufgehalten. Ich bin zu alt zum Leben. Ihr Älteren hier seid zu alt zum Sterben in dieser wunderlichen Zeit, die vor die Jugend den Tod setzt. Aber mit bald Achtzig hat man dasselbe Recht wie mit eben Achtzehn. Man geht. Ich möchte Ihnen vorher nur eines sagen, Metztak: die Wunder des Ostens, von denen Sie sprachen, geschahen für Preußen, nicht für das Deutsche Reich. Preußen war, im Vergleich zu Rußland, immer klein. Das Deutsche Reich aber wurde eine Großmacht wie Rußland selbst!« »Gott sei Dank!« »Das sage ich auch, Metztak, und trotzdem: Bis zur Gründung des Reichs waren wir deutsche Menschen ein lebender Kulturbegriff. Der war den Russen drüben willkommen. Es brachte Licht in die asiatische Nacht. Nach Siebzig wurden wir ein lebender und wachsender Machtbegriff. Der wurde den Russen, sobald sie es erkannten, erst verdächtig und dann verhaßt.« Elise Metztak lud mit einer Kopfbewegung den von den anderen noch nicht bemerkten stummen Zuhörer auf der Schwelle des Nebenzimmers ein, doch näher zu kommen. Aber der lächelte eigensinnig und blieb auf seinem Platz. »Dieser russische Deutschenhaß«, sagte der alte Dalen, »richtete sich in Rußland zuerst gegen die Deutschen, die man erreichen konnte, also gegen uns Balten! Später gegen die Deutschen jenseits der russischen Grenzpfähle, also gegen das Deutsche Reich! Eines hängt mit dem andern zusammen. Unser baltisches Schicksal war uns eigentlich vom Tage der Gründung des Deutschen Reiches ab vorgeschrieben.« »Weil Deutschland nichts für uns tat...« »Weil Bismarck nicht wollte ...« »Ich habe Bismarck gut gekannt,« sagte Baron Dalen. »Und er kannte uns Balten. Er war als Gast bei uns in den Ostseeprovinzen und schoß da seine Elche. Er wußte wohl, wie es um uns stand. Aber er konnte nichts machen, ohne Rußland zu reizen. Und von dem Gedanken an die russische Freundschaft kam er zeitlebens nicht los, so wenig die Russen sie ihm erwiderten. Wir in den Ostseeprovinzen aber blieben unerlöst!« »Und in Deutschland verjessen!« »Man nahm niemals an uns so viel Anteil wie an anderen Deutschen in der Fremde.« »Weil man uns immer in Deutschland nur für eine Handvoll Barone hielt,« beharrte Herr von Treutlingen, »statt für unjezählte Tausende von deutschen Pastoren, Lehrern, Bürgern, Beamten ...« »Keine Hand streckte sich uns aus Deutschland entjejen!« »Hättet ihr sie denn früher auch schon jenommen?« Waldemar Kerkhuß frug es obenhin, mitten in das Gespräch hinein, während er aus dem Hintergrund, von der Schwelle des Nebenzimmers, hervortrat und der Hausfrau und dem Hausherrn die Hand schüttelte. Elise Metztak sagte zu den anderen: »Das ist doch nun wieder so echt Kerkhuß! Seit einer Viertelstunde steht er nämlich schon dahinten und hört zu!« Man war in diesem baltischen Kreise nach altem heimatlichem Brauch voll von Nachsicht gegen die Eigenart eines jeden. Man kannte auch Waldemar Kerkhuß' Widerspruchsgeist. Es machte weiter keinen Eindruck auf die anderen. Er setzte sich lässig, mit dem Recht des Hausfreundes, und fuhr fort: »Es jing uns ja sehr gut früher in Rußland! Und den Deutschen jing es bei ihnen drüben bedeutend weniger gut. Wir waren jahrhundertelang unter Dschinghiskhans Fuchtel janz zufrieden. Wir ließen hier nichts von uns nach Deutschland hören!« »Müssen Sie denn immer anderer Meinung sein, Waldemar?« »Wie denn nicht? Ich bin nun einmal eigensinnig. Ich suche die Wahrheit. Ich jehe ihr nach. Im Jeiste haben wir jewiß immer Deutschland jeliebt und jesucht ...« »Nun also!« rief Elise Metztak vorwurfsvoll. »... aber wenn es an das Handeln jing, waren unsere Vorfahren die jehorsamen Diener des Zaren. Sogar die Führer der beiden russischen Armeen, die in diesem Krieg Ostpreußen anzündeten, wie ich das selbst jesehen habe, waren unsere Mitbrüder Rennenkampf und Sievers ...« »Es war eben leider Krieg!« »... und dieser Krieg – das wissen wir hier alle – ist durch die russische Diplomatie hervorjerufen worden!« »Weiß Gott!« »Nun wohl: Unter den diensttuenden russischen Diplomaten in den jroßen Hauptstädten des Auslands befanden sich bei Ausbruch des Weltkriegs jejen Deutschland nicht weniger als rund dreißig unserer Stammesjenossen von altem baltischem Adel!« Es war ein Schweigen. »Und jerade aus unsern ersten Jeschlechtern!« ergänzte Waldemar Kerkhuß. »Sie können es im Jothaer Almanach von 1914 nachlesen!« »Es ist nur ein kleiner Bruchteil!« »Aber ein mächtiger! Verlangen Sie nicht, daß die Deutschen, die jetzt um ihr Dasein jejen die Menschheit kämpfen, das alles verjessen!« »Wenn Sie im Zimmer sind, lieber Kerkhuß,« sagte Elise Metztak, »dann jibt es immer Streit!« »... weil ich den Dingen auf den Jrund jehe!« »... und vor allen Dingen anderer Meinung sein müssen als andere! Wahrscheinlich haben Sie sich wieder auf der Polizeiwache jeärjert, als Sie sich als verdächtiger Ausländer melden mußten!« »Nein. Jerade heute nicht!« »Wie das?« »Sechs Wochen lang, seit mir meine Flucht nach Deutschland jejlückt ist, habe ich jeden Mittag diesen Gang jetan ...« »Seien Sie froh, daß Sie unentdeckt über die Ostsee nach Schweden und zu uns gelangten!« »... und habe jeden Abend, wenn ich nicht von acht Uhr abends an allein in meinem Zimmer sitzen wollte, um Urlaub bitten müssen ...« »Es jing doch nicht anders!« »Jewiß! Aber heute war der örtliche Beamte, als ich wie jewöhnlich eintrat, ausnehmend höflich. Er räusperte sich, jab mir im Namen Preußens die Hand und verkündete mir, daß ich, dank Ihrer Fürsprache, Exzellenz, mich von nun an völlig frei bewegen dürfe. Ich muß nur noch jede Ortsveränderung persönlich melden. Sonst jenieße ich dieselben Rechte wie ein deutscher Staatsbürger! Ich danke Ihnen, Exzellenz!« »Danken Sie, indem Sie unserer deutschen Sache dienen!« »Das kann ich erst von jetzt ab, und das werde ich! Dazu habe ich daheim in Esthland alles hinter mir jelassen!« »Ja wahrlich. Sie haben jrößere Opfer jebracht als alle andern!« »Eijentlich, lieber Kerkhuß, mit Ausnahme von Leben und Jesundheit alles!« Waldemar Kerkhuß schlug mit der flachen Hand an sein lahmes Knie. »Und was ist das Jroßes jejen die Unzähligen, die Leben und Jesundheit opfern?« »Jedenfalls unsern Jlückwunsch!« »Und nochmals herzlich willkommen in Deutschland!« Elise Metztak sagte es. Ihre Augen waren feucht vor Begeisterung und Rührung, während sie Waldemar Kerkhuß die Hand drückte. Er blieb wie gewöhnlich inmitten der Gemütsaufwallung um ihn her äußerlich kühl. Er setzte sich, drehte sich eine Zigarette und hörte, rauchend und in der träumerischen Versunkenheit, die ihn oft plötzlich ergriff, dem Gespräch der anderen zu. Er kannte besser als jene die englischen Umtriebe in Esthland, von denen die Rede war. Denn er kam ja eben von dort. Es war noch nicht ganz klar zu sehen, welchen ihrer Fäden die erdumspannende britische Kreuzspinne da um einsamen Strand und Moor und Heide im nordischsten Baltenland wob. Es handelte sich um die Nähe Petersburgs, des einzigen Zugangs des eigentlichen Rußlands zur Ostsee. Peter der Große mußte sich im Grabe umdrehen, wenn etwas von diesem Griff an Rußlands Kehle in seine Stille drang. Pastor Krummeß, der vor seiner Flucht noch im innern Rußland gewesen war, meinte: »Ehrlich jestanden, es war erstaunlich zu beobachten: Irgendein Engländer kommt als Orjanisator in einer russischen Provinzstadt an. Sie verstehen: eine russische Provinzstadt, mit Schmutz überall, allgemeiner Unordnung, tausend diebischen Beamten, einem trägen Stadthaupt, betrunkenen Arbeitern und Kleinbürgern ... Niemand kennt sich aus – die einzige Antwort überall: Ja niet snaju: ich weiß nicht! Gut! Der Engländer kommt mit einem Kofferchen in der Hand. Er bringt höchstens einen Dolmetscher mit, jedenfalls aber Jeld, viel Jeld. Er stellt sich hin, die Hände in den Hosentaschen, und die Jeschichte jeht auf einmal! Die Stadt wird lebendig! Die Semstwos zeijen Eifer! Die Tschinowniks arbeiten! Rußland orjanisiert sich!« »Durch England!« »... und Rußland verjleicht damit die Unfähigkeit der eijenen Rejierung! Die Jefahr für den Zaren wächst! Bald wird der englische Botschafter und hinter ihm die russische westliche Jesellschaft mächtiger sein als er! Sie kennen ja den Knjäs Manuchin, Kerkhuß, und seine Kreise!« Waldemar Kerkhuß bejahte zerstreut. Baron Erik Stier meinte grimmig: »Bei uns in den Ostseeprovinzen braucht kein Engländer erst Ordnung zu schaffen! Dafür haben wir seit Jahrhunderten jesorgt! Was wollen die Kerle in Esthland?« »Was die draußen immer wollten – ein Stück unseres Landes besetzen!« sagte Professor Feilitz. »Das Unjlück ist, daß unsere Ostseeprovinzen eng zueinander jehören und doch immer jetrennt waren! Da war der Pole, da der Däne, da der Schwede. Wenig mehr als hundert Jahre sind es her, daß wir endlich unter Rußland einig wurden, von dem wir jetzt doch wieder alle weg wollen! Auch jetzt sind wir wieder jeschieden: Kurland ist deutsch, Livland und Esthland russisch! ...« »... und es jibt nur einen Weg,« Waldemar Kerkhuß stand auf, »daß die Deutschen auch den Weg nach Livland und Esthland finden! Gott sei Dank, ich bin jetzt hier! Ich bin jetzt nicht mehr jeduldeter Flüchtling in Deutschland, sondern zujelassener Jast! Ich werde heute noch mein Recht, jehört zu werden, jeltend machen! Man lud mich für diesen Nachmittag zu einer Besprechung ein!« »In der Wilhelmstraße?« »Wenn ich fertig bin, Alexander, werde ich zurückkommen und dir und deiner Frau erzählen.« Waldemar Kerkhuß trat in das Nebenzimmer. Dort saß die Hausfrau wieder am Schreibtisch und kritzelte mit fliegender Feder Adressen für einen Werbeaufruf. Der tiefe Ernst der Hingabe an eine selbstgewählte Pflicht lag auf ihrem mädchenhaft feinen, andächtigen Profil. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich schweigend neben sie. Nach einer Weile sagte er: »Lassen Sie doch endlich den Kram da wachsen! Seien Sie mein juter Jeist wie immer und jeben Sie mir Ihren Sejen mit auf den Weg. Heute werde ich zum erstenmal den Jeist der Wilhelmstraße kennenlernen ...« Elise Metztak schob ihre Schreiberei beiseite und wandte ihm ihr sanftes und doch lebhaftes Antlitz zu. Alles an ihr schien zerbrechlich, so zart war es, und doch stark durch die innere Lebenswärme, die aus ihren immer etwas feucht schimmernden blauen Augen sprach. Die Wimpern darüber waren dicht und dunkel. Ebenso ihr lockiges Haar. Er sah diesen Gegensatz, der ihr einen eigenen und besonderen Reiz verlieh, mit demselben stummen, fast andächtigen Interesse wie alle Tage. Sie seufzte leicht und sagte: »Man kann ja heute wieder nicht mit Ihnen sprechen, Waldemar!« »Wie denn nicht?« »Sie haben wieder Ihren nordischen Tag. Sie haben sich wieder in Ihre dritte baltische Burg zurückgezogen!« »Auch unsere Vorfahren taten das im Krieg.« »... aber nicht unter Freunden! Hier sind Sie unter Freunden!« »Eigentlich habe ich nur einen Freund, und das sind Sie!« »So? Und Alexander?« »Ja doch, Ihr Mann auch! ... Verzeihen Sie ... Ich verjaß ... jewiß ... Sie beide ...« »Und all die anderen nebenan auch. Wir sind doch alle Schicksalsjenossenl Offene Herzen schlagen Ihnen entjejen! Warum verstecken Sie das Ihre? Oder haben Sie überhaupt keins?« »Doch.« Es war ein seltsames, kurzes Schweigen zwischen ihnen. Waldemar Kerkhuß sah stumm und ergeben auf den Teppich zu seinen Füßen. Dann sagte sie, nach dieser Stille, an deren tiefen Sinn kein Wort und kein Blick rühren durfte, nach einem flüchtigen und liebevollen Hinüberschauen zu ihrem Mann drüben, mit weicher und ruhiger Stimme, durch die ein schwesterlicher Vorwurf klang: »Was hilft uns denn diese baltische Kühle? Diese Ironie? Sie entfremdet nur.« »Ich bin mir dessen jar nicht bewußt!« »Ich sage es Ihnen jeden Tag. Alexander hat diese Kälte nicht. Ich habe sie nicht ...« »Nein. Ihr seid andere Menschen.« »... und wie leicht wurde Deutschland unsere zweite Heimat! Jlauben Sie mir, Waldemar: Wir Balten fühlen uns immer viel zu sehr als Herrenmenschen. Wir sind viel zu leicht mit dem Urteil oder jar mit dem Spott über andere bei der Hand ...« »Man ist es eben jewöhnt!« »Aber damit jewinnt man keine Herzen! Daran liegt es, wenn wir niemals jenug Anklang in Deutschland fanden! Wir blieben fremd. Alexander und ich, wir streckten, als wir ankamen, die Arme aus: ›Da sind wir! Nehmt uns auf! Helft uns Deutsche werden!‹ Und wieviel Hände streckten sich uns entjejen! Wie viele Freunde haben wir in kurzer Zeit jewonnen! Aber wir haben es uns auch vom ersten Tag unserer Ehe an jelobt, die Menschen liebzuhaben und ihre guten Eijenschaften zu sehen, nicht ihre Fehler!« Elise Metztak lachte und fügte hinzu, indem sie mit ihren mageren, kleinen Händen die Wohltätigkeitsbriefe auf dem Schreibtisch schichtete: »Woher hätte ich denn sonst die Jeduld mit Ihnen aufjebracht? Und jeholfen hat es doch nichts!« »Doch!« Er saß träumerisch zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen. »Sprechen Sie nur weiter! Erziehen Sie mich! Seit Jahr und Tag jehe ich bei Ihnen in die Schule! Es tut not. Ich weiß. Tiljen Sie nur meine Vorfahren in mir aus! Ich jebe mich Ihnen janz hin. Aber kann der Mensch sich ändern?« »Ja.« »Und wird er dadurch brauchbarer? Was ich verliere, das weiß ich. Was ich jewinne, das weiß ich nicht!« »Sie sollen nicht verlieren, nur jewinnen!« »Was denn?« »Die Liebe! Die Bejeisterung! Die Hinjabe.« Die Augen der kleinen Frau leuchteten. Ihr schmales, blasses Gesicht belebte sich schwärmerisch und schien ihm in diesem Augenblick schön wie aus dem Heiligenbild eines frommen alten Meisters herausgeschnitten. »Sie sollen an die Menschen jlauben, statt sie zu belächeln! Sie sollen sie nicht aus ihrer einsamen esthnischen Vogelschau ansehen, sondern unter ihnen Mensch sein! Deutschland hier jibt Ihnen jetzt das alles! Es jab nie eine Zeit, wo Menschen einander so alles jaben! Lernen Sie das Selbstverjessen! Lernen Sie Deutschland lieben!« »Weiß Gott: ich will es!« »Wenn Sie Deutschland lieben müssen, weil Sie nicht anders können, dann ist es das Rechte! Es muß über Sie kommen. Sie müssen lernen mit dem Herzen zu leben, statt mit dem Kopf ...« Waldemar Kerkhuß erwiderte nichts, sondern schaute wieder stumm, mit einem Zug, den sein Antlitz sonst nicht kannte, vor sich auf den Boden. In der Stille klang zwischen ihnen beiden seine unausgesprochene Antwort: Ich lebe wohl mit dem Herzen ... Du weißt auch für wen. – Und weißt auch, was ich dir, der glücklichen Frau und Mutter, nie sagen werde ... Elise Metztak schaute ihn ruhig an und meinte lächelnd: »Dabei machen Sie sich viel schlechter, als Sie sind, oder vielmehr: ich mache Sie schlechter, und Sie stimmen leider zu ...« »Ich stimme zu allem zu, was Sie sagen!« »... Denn Sie haben ein Herz für die Menschen, Waldemar, und jerade für die Menschen, wo es bei uns am seltensten ist und am meisten nottut, für die Esthen! Jedermann, als wir nach Reval kamen, erzählte mir, daß Sie schon von Ihrer Jugend an den Verkehr mit den Esthen jesucht und ihr Vertrauen jefunden haben. Sie waren ja bis zu Ihrer Flucht mit den Esthen im Einverständnis ...« »Ich bekomme jetzt noch über Schweden Nachrichten hierher!« »Ehe ich Sie damals kennenlernte, hat mich das für Sie eingenommen und auf Sie neujierig jemacht, daß Sie, der Erbherr von Kerreküll, auf janze Abende sich in die Jesinde zu dem jemeinen Volk setzten ...« »Sprechen Sie doch weiter!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Sie wissen, bei Ihnen werde ich ein besserer Mensch!« »Sie sind viel besser, als Sie jlauben. Sie sind viel wärmer und leidenschaftlicher, als Sie sich jeben ...« »Vielleicht,« sagte er leise, ohne Elise Metztak anzuschauen. »Ihr Herz ist in Esthland bei Ihrer Heimat. Und wird immer da bleiben, Waldemar ...« Er erwiderte nichts. »... und der Haß jejen Rußland, das unsere Heimat bedrückte, hat Sie hierherjeführt, nicht die Liebe zu Deutschland.« »Die müssen Sie mich lehren!« »Ach, lieber Freund, ich bin hier selber fremd!« Waldemar Kerkhuß stand heftig auf. »Doch!« sagte er. »Durch Sie bin ich hier! Ihr Vorbild war es. Durch Ihr Beispiel ließ ich Haus und Hof im Stich, daß jetzt womöglich schon der Russe auf meinem Schlosse haust und ich ein Mensch ohne Feld und Jütter, ohne Paß und Heimat jeworden bin! Wenn ich heute die Wahl hätte, täte ich es wieder, wenn ich weiß, daß ich Sie am Ziel hier treffe und Sie mir recht jeben! Sie sind mein Schicksal jewesen!« Plötzlich wurde er ganz ruhig, sah auf die Uhr und drückte ihr die Hand. »Nun jehe ich meinen ersten entscheidenden Jang hier in Berlin!« sagte er. »Ich bringe Ihnen nachher Bericht.« Die Wilhelmstraße war nicht weit und in ihr das langgestreckte, niedere Haus mit den kleinen Eingangspforten und darüber die Nummer 76. Drinnen im Vorraum war alles wie vor dem Krieg: die würdevolle Stille, der dicke Bodenteppich, der jeden Tritt dämpfte, die spiegelnden Zylinder und tadellos geschnittenen Mäntel, die in der Kleiderablage hingen, die langen Gänge mit den vielen Türen zu den einzelnen Zimmern. In einem dieser Räume, dessen Fenster nach dem Garten hinausgingen, saß der Geheimrat seinem Besucher Waldemar Kerkhuß gegenüber. Der Geheimrat war noch nicht alt, höchstens Mitte der Vierzig, und von stattlichem Wuchs. Er war sehr höflich. Aber es war eine Verbindlichkeit, in der ein feierliches Selbstbewußtsein den bebrillten Zügen den Ausdruck lächelnder Überlegenheit über alle Menschen und Dinge gab. Er redete rasch und gewandt, mit der Denkschärfe des Juristen und mit dem Behagen eines, der sich selbst gerne reden hört, und den die übrigen – ob gern oder ungern – hören müssen, weil sich in ihm ein Stück obrigkeitlicher Leitung Deutschlands verkörperte. »Sehen Sie, Herr Baron,« sagte er geläufig, »bei Ihnen in Esthland liegen ja die Dinge so ...« Er besann sich einen Augenblick. Er mußte ein gutes Gedächtnis haben. Denn die Namen und Zahlen, mit denen er nun den anderen belehrte, fluteten hintereinander her. Waldemar Kerkhuß selbst kam nicht zu Worte. Er erfuhr in der halben Stunde, in der der Geheimrat ununterbrochen redete, mehr von Esthland als bisher in den dreißig und einigen Jahren seines Lebens. Endlich war der Geheimrat am Ende seines Wissens angelangt. Er achtete nicht darauf, daß Waldemar Kerkhuß' Augen immer größer geworden waren. »Also so liegen die Dinge bei Ihnen in Esthland, Herr Baron!« schloß er verbindlich. »Sehr interessant! Sehr nett, daß wir uns einmal gründlich miteinander über den Gegenstand aussprechen konnten ...« Dabei machte er eine leichte Lüftung des Oberkörpers vom Sessel als Zeichen, daß die Audienz zu Ende sei. »Verzeihung, Herr Jeheimrat: noch sprach ich nicht. Ich bin in den meisten Dingen janz anderer Ansicht als Sie ...« Das gönnerhafte Lächeln drüben blieb. Aber zwischen den Schmissen, die sich auf der kahlen Stirn kreuzten, zogen sich ein paar ungeduldige Querfalten zusammen. Man liebte hier keinen Widerspruch. Die laufenden Sachen hatten so zu sein, wie man sie höheren Ortes ansah. »Jeben wir zu, Herr Jeheimrat, daß die deutschen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht allzu schwer zu überschauen sind! Wir Deutschen sind jering an Zahl, wir bilden überall die Oberschicht. Unsere Sprache ist Jemeinjut der jebildeten Welt. Janz anders ist das aber mit den Esthen und den noch viel schwieriger zu behandelnden Letten! Das ist eine Unterwelt der Unterdrückung, des Jrolls, der Sektiererei, des Strebens nach dem Licht, in das außer mir nur wenige drangen!« »Sehen Sie mal: mit den Esthen ist die Sache ganz einfach so ...« »Einen Augenblick, Herr Jeheimrat! Verjährtes Unrecht ist niemals einfach. Ein Esthe ist nicht wie der andere. Sie können den Jesindewirt nicht mit den losen Leuten in einen Topf werfen. Der Lette wandert leicht. Jeheime Verbindungen von Litauern und Letten gehen bis Amerika ...« »Was die Letten betrifft, so hören Sie doch bitte mal zu: Wir haben da folgende Richtlinien ...« »Man muß die sonderbare, aus Mongolenzeit zurückgebliebene Sprache der Esthen kennen, ihre eigentümliche Art zu denken, ihre Schwierigkeit, abstrakte Bejriffe zu bilden, man muß sich in die Weltabjeschiedenheit dieser Menschen hineinversetzen, deren einziger Zusammenhang mit uns früher die Bibel und das lutherische Pfarrhaus war ...« »Wissen wir alles, Verehrtester, alles, alles, was Sie da sagen!« »... und in denen jetzt ein neuer Jeist järt – ein Jeist, der wider alles ist, was deutsch ist! Sie, Herr Jeheimrat, kamen, wenn Sie die Ostseeprovinzen besuchten, sicherlich immer nur mit Deutschen in Berührung. Sie konnten sich beim besten Willen keinen Einjang in die Seelen der Einjeborenen schaffen, schon weil Sie sie nicht verstanden. Ich weiß ja nicht, wie lange Sie im janzen vor dem Krieg bei uns waren, aber ...« »Ich bei Ihnen?« Der Geheimrat des Auswärtigen Amts riß die Augen auf. »Ich war nie in meinem Leben in den Ostseeprovinzen ...« »Wie denn? Ich verstand Sie nicht ...« »Ja, warum sollte ich denn dorthin?« »Aber Sie erzählen mir doch die janze Zeit, wie es bei uns Balten aussieht?« Der Geheimrat schien verwundert über die Frage. Er begriff sie nicht. »Aber dazu habe ich doch meine Akten, verehrter Herr Baron!« sagte er endlich ruhig. »Mindestens siebzig Nummern allein über Ihre engere Heimat. Hier diese Schränke sind voll von allem Wissenswerten. Wir sind genau orientiert. Nun, ich danke Ihnen für Ihre schätzenswerten Aufklärungen, Herr Baron! Ich werde gerne davon Gebrauch machen, wenn Sie gestatten!« Er hatte sich mit einer unbeirrbaren Liebenswürdigkeit, an der, wie an einem unsichtbaren Panzer, alles abprallte, erhoben. Auch Waldemar Kerkhuß war aufgestanden. Aber er dachte nicht daran zu gehen. Er machte in der Mitte des Zimmers halt und sagte schroffer als bisher: »Wie sollte ich Ihren Dank annehmen, Herr Jeheimrat? Es bot sich mir ja keine Jelejenheit, mich zu äußern! Nun jestatten Sie mir wenigstens eine Frage!« »Bitte!« Es klang etwas gereizt. Waldemar Kerkhuß ging unruhig in dem Zimmer auf und ab. Er warf den Kopf mit der blonden Stirnmähne in den Nacken. Seine großen blauen Augen stammten. »Ich habe alles, was ich besaß, in Esthland jelassen! Ich nahm nur so viel Jeld mit auf die Flucht, daß ich hier nicht in Verlejenheit komme! Mein einziger Wunsch ist, mich hier in Deutschland jejen Rußland nützlich zu machen! Also bitte: wozu können Sie mich sofort gebrauchen?« »Sie stellen mich da vor eine schwierige Frage, Herr Baron!« »Wie das? Ich bin zu allem bereit!« »Das ist nicht so einfach! Man müßte sich da an verschiedene Stellen wenden ...« »Warum denn? Morjen kann ich anfangen!« »Es werden da sicher Bedenken erhoben, die erst beseitigt werden müssen ...« »Bedenken ... jetzt im Krieg ... wo die Ereignisse sich überstürzen ...« »Übers Knie brechen läßt sich derlei nicht! ... Ich werde die Sache bei Gelegenheit zur Erwägung bringen ...«. »Hier steht der Fernsprecher! Rufen Sie doch an!« »... und mir dann erlauben, Ihnen schriftliche Nachricht zukommen zu lassen!« Ein Bote trat in das Zimmer und brachte einen Akt zur Unterschrift. Ringsum türmten sich in dem Gemach des Geheimrats die Aktenstöße mit laufenden Nummern und Zahlen. Sie erfüllten ebenso die Nebenräume. Sie wuchsen mit tropischer Üppigkeit in all den zahllosen Amtsstellen von Berlin, so daß ein kurzer Bericht am Morgen schon am Abend zu einem dicken Bündel und am Ende der Woche zu einer unförmlichen Papiermasse angeschwollen war, die ein Mann kaum zu schleppen vermochte. Die Akten wanderten von einer Tür zur anderen, von einem Referat zum vorgesetzten Dezernat, zur Abteilung, zu den »oberen Stellen«, sie kamen zurück, sie vermehrten sich wie die Kaninchen, die Mappen blähten sich, die Schreibmaschinen klapperten, die Mitternachtslampe beschien noch müde Männer, die schrieben und schrieben, um durch Schreiben ihren Eifer zu zeigen und die Verantwortung für das Geschriebene möglichst bald an die nächste Stelle oder das nächste Amt loszuwerden. Die Heimat und ihr Geist ertrank in diesen papiernen Fluten. Waldemar Kerkhuß hatte sich in seinem alten Hochmut, ohne eine Aufforderung abzuwarten, wieder hingesetzt und sagte: »Ich habe den Eindruck, daß Ihnen am Buchstaben mehr liegt als am Menschen! Ich bin jetzt sechs Wochen in Deutschland und komme vom Feind und kann verjleichen! Es scheint mir immer mehr: So sehr in Deutschland Not am Manne ist, so jebraucht ihr doch lange nicht alle, die ihr jebrauchen könnt, oder ihr jebraucht sie unrichtig, weil ihr sie eijentlich überhaupt nicht jebrauchen wollt.« Der Geheimrat lächelte, diesmal etwas verlegen. Auf diesen brüsken Ton des Balten war er nicht vorbereitet. Plötzliche Entschlossenheit eines anderen setzte ihn immer in Verwirrung. Er meinte auf einmal ganz unsicher: »Herr Baron ... davon ist keine Rede ... Wie kämen wir dazu, irgendwo eine sachkundige Unterstützung abzulehnen ...« »Ich jlaube, es kommt daher, weil Sie hier eijentlich nur auf eine Bestätigung Ihrer schon jewonnenen Ansichten Wert legen!« sagte Waldemar Kerkhuß kühl. »Diese Ansichten sind natürlich für uns andere maßjebend. Denn Sie haben ja das Amt und die Macht, sie zu verwirklichen. Darum bitte ich Sie: stillen Sie mir meine Neugier?« Er sprang auf und trat jäh vor den Bürokraten hin. »Sagen Sie mir: Was jeschieht eigentlich im Osten?« frug er leidenschaftlich und gedämpft. »Oder besser: Was jeschieht nicht seit Jahr und Tag?« »Ich verstehe nicht ...« »Wir Balten im Osten kämpfen um unser Dasein! Nicht wir allein! Der janze Osten brennt. Früher, unter dem Moskowiter, war es die Ruhe des Kirchhofs. Jetzt ist es das Chaos. Die Polen, die Litauer, die Weißrussen, alle wollen sich finden! Heere zogen durch unsere Länder. Der Russe floh. Er hinterließ die allgemeine Unordnung. An seiner Stelle steht jetzt ihr. So jebt uns die allgemeine Ordnung ...« »Wir sind überall dabei, Herr Baron!« »Jewiß! Man gründet Universitäten. Man fegt die Jossen in den Ghettos! Man schafft örtliche Blättchen! Man jewinnt Sänger zu Jastspielen. Man veranstaltet Verbrüderungsjesellschaften ...« »Was soll man vorderhand mehr tun?« »Jebt uns die Zukunft!« versetzte Waldemar Kerkhuß mit so starker Stimme, daß der Geheimrat ängstlich nach der Tür blickte. »Ihr habt jesiegt! Nun seid doch Sieger! Ihr seid Herren im Osten! Nun herrscht doch wirklich! Befehlt! Ordnet an! Sorgt, daß wir wissen, woran wir sind! Auch wir in Livland und Esthland, ob wir überhaupt noch hoffen dürfen, befreit zu werden, wie die anderen.« »Ja – das ist eine schwierige Sache!« »Macht uns bejreiflich, was ihr wollt! Dann werden wir es auch wollen. Vor einem Jahr nahmt ihr Warschau, und noch habt ihr nichts Neues an Stelle des Alten gesetzt! Seit anderthalb Jahren steht ihr in Kurland, und niemand weiß: soll es deutsch bleiben oder nicht?« »Es schweben da Erwägungen ...« »Vierzig Festungen habt ihr wie die Kegelkugeln umjeworfen. Aber in Litauen glauben sie, der Russe kommt wieder, weil ihr keine Miene macht, eure Siege auszunutzen! Und nun jar wir oben in den beiden Ostseeprovinzen, in deren Namen ich hier bin ...« »Tja, man wird sehen, Verehrtester! Man wird sehen!« »Wann denn! Die Zeit ist kostbar und doppelt im Krieg! Wann werden wir im Osten endlich wissen, wie wir in Deutschland daran sind? Wollt ihr uns an Rußland zurückjeben? Wollt ihr uns behalten? Wollt ihr uns selbständig machen oder was?« Das bebrillte Amtsgesicht bewegte sich nachsichtig hin und her. Eine stille Überlegenheit lächelte darauf. »Jeden Tag sitzen hier ungeduldige Leute und bestürmen uns zu handeln! Aber wir lassen uns nicht drängen. Wir können es nicht. Der einzelne, der zu uns kommt, hat seine einzelnen Gesichtspunkte im Kopf. Wir aber überschauen auf Grund der Akten das Ganze. Hier bei uns laufen alle Fäden zusammen.« »Dann zerhaut doch diesen jordischen Knoten! Wozu rejiert denn jetzt das Schwert?« »Man muß alle sich rings auftürmenden Schwierigkeiten ins Auge fassen ... Wir können doch nicht dem Volk auf der Straße oder gar den Zeitungen sagen, was wir wollen! Im Vertrauen, wir haben doch auch Rücksicht auf den Zaren zu nehmen ...« »Auf den Zaren?« »Nun natürlich,« sagte der Geheimrat, erstaunt über die Frage. »Erbarmen Sie sich! Wie denn: der Zar! der Mann, der durch einen Federzug dies jräßliche Morden entfesselt hat – dessen Horden Ostpreußen in Asche legten – und dabei ein schwacher, kaum zurechnungsfähiger Mensch – niemand in Rußland nimmt ihn ernst ...« »Wir sehr! Zurzeit sind ja bei uns hier die Russenfreunde ...« »Die Russenfreunde? Ich denke, ihr führt Krieg mit Rußland?« »... etwas im Hintertreffen. Die Anglophilen, zu denen auch ich mich zähle, haben Oberwasser ...« »Jestatten Sie, daß ich mir an die Stirn jreife, Herr Jeheimrat!« »Bitte!« »... und dann frage: England führt einen Krieg, wie er in der Steinzeit üblich war – nicht jejen die Männer, sondern jejen das janze Volk. Haben Sie Frau und Kinder?« »Nee, nee, nee, Verehrtester!« Der Geheimrat lachte. »Ich bin unverheiratet!« »Ich auch noch! Aber trotzdem jraut mir vor dem Jedanken: Frau und Kinder, die vor meinen Augen hungern – womöglich verhungern! Männer, die man zwingen will, zwischen dem Unterjang ihres Vaterlandes und dem Unterjang ihrer Lieben zu wählen ... und dann sprechen Sie von Englandfreunden, Herr Jeheimrat?« Die Schmisse über der funkelnden Brille schoben sich weit zu der jugendlichen, elfenbeinfarbenen Glatze hinauf, so gewichtig furchte der Geheimrat die Stirn. »Englandfreunde gibt es bei uns massenhaft, Herr Baron! Bis oben hin! Bis ganz in die obersten Regionen! Wir sind doch hier vernünftige Menschen! Wir beurteilen die Dinge nicht nach den Aufwallungen der guten Leute draußen, sondern nach nüchterner Erwägung ...« »Und dabei kommen Sie zu dem Erjebnis, daß man ein Freund seines Todfeindes sein soll!« Alle Weisheit der Erde spiegelte sich in dem Augurenlächeln drüben. Es zeigte etwas Triumphierendes. Das Gefühl, in diesen blauen und roten Mappen ringsum den Schlüssel der Welt zu besitzen. Der Geheimrat beugte sich geheimnisvoll lächelnd vor, mit einer Miene der Vertraulichkeit. »Ich bitte Sie: es ist ja alles gar nicht so schlimm! Die Engländer sind ja gar nicht so! Die Franzosen schließlich auch nicht! Wir haben doch unsere Berichte! Bitte ... hier ... hier – überall in diesen Akten! Das ist ja alles Humbug drüben, womit man uns hier schreckt ... Stimmungsmache ... für den Mann auf der Straße ... für die bezahlte, feindliche Setzpresse ...« »Aber jestatten Sie: ich war doch selbst in Feindesland! Ich war doch Augen- und Ohrenzeuge ...« Der Geheimrat hörte gar nicht hin. Er strich liebkosend mit der Hand über sein Schreibwerk. »Die deutschfreundliche Stimmung ist drüben viel weiter verbreitet, als wir ahnen! Glauben Sie mir, die Leute drüben sind doch auch schließlich vernünftig! Sie wollen doch auch wieder schließlich Geschäfte mit uns machen! Sie haben ja eigentlich gar nichts gegen Deutschland! England möchte längst wieder mit Anstand aus der Sache raus ...« »Haben Sie das von irgendeinem Engländer jesehen oder jehört?« »Wozu denn, Herr Baron! Man kennt doch das gute, alte England!« »Wann waren Sie zuletzt im Frieden dort?« »Ich war nie in England. Ich komme von meinen Akten hier ja nicht weg! Es langt gerade im Sommer zu vier Wochen Karlsbad. Aber ich habe die ganze Literatur über England im Kopf!« »So. Nun, ich kenne England, Herr Jeheimrat ... Jejen den Engländer, wenn man ihn richtig jereizt hat, ist eine Bulldogge noch ein ...« »Ach was! Spaß! Der Engländer ist ein guter Kerl – nicht wahr? Er nimmt die ganze Geschichte ja lange nicht so ernst wie wir ...« »Er ist seit zwei Jahrhunderten planmäßig zu einer Zähigkeit erzogen, die ...« »Nee, nee – mit den Engländern, da bin ich unbesorgt! Die Geschichte wird den Kerlen nachgerade ja auch viel zu teuer. Schließlich sind es doch auch unsere Vettern! Blut ist dicker als Wasser!« Waldemar Kerkhuß holte tief Atem. Er sah die Tapete vor sich an und dachte sich: Man kann ebensogut gegen die Wand da reden! Dann sagte er: »Ich war bei Ausbruch des Kriegs in Amerika. Ich reiste mit einem französischen Dampfer nach Havre und fuhr über Paris und London heim. Ich bin seitdem in Rumänien und überall in Rußland jewesen. Ich habe alle Feinde Deutschlands in nächster Nähe beobachtet ...« »Unsere Feinde zerfallen in drei streng geschiedene Gruppen,« begann in lehrhaftem Ton der Geheimrat. Aber jetzt ließ ihn der andere nicht mehr zu Worte kommen. »Ich habe überall dasselbe jesehen. Niemand hatte Scheu vor mir. Ich war ja selbst ein Feind Deutschlands. Und was ich sah, das war überall derselbe jrimmige, rasende Haß. Am rohsten in Rußland, am blutdürstigsten in Paris, am unerbittlichsten und jefährlichsten in England ...« Der Geheimrat sah verstohlen auf die Uhr. Das Gespräch langweilte ihn. »Dort bei den Feinden kochen die Jeister!« sagte Waldemar Kerkhuß gedämpft, als dürfe man das Furchtbare gar nicht laut aussprechen. »Die Kriegswut wirft Blasen auf. Die janze Öffentlichkeit fiebert. Selbst das Temperament der Frauen ist bis zur Siedehitze erregt. Wer nicht mitmacht, wird jlatt jelyncht ...« »Na, na, mein Bester ... immer sachte!« »... und hier diese alljemeine Ruhe ... diese Abjeklärtheit, Jeduld, Milde ... dies Allesverstehen und -verzeihen ... inmitten dieser Jefahr ... Es ist ja jräßlich ...« Er war in seiner Erregung aufgesprungen. Der Geheimrat nahm den willkommenen Anlaß, um den Besucher, der nicht seiner Meinung war, zu verabschieden. Er legte ihm väterlich, obwohl er noch nicht anderthalb Jahrzehnte älter war, die Hand auf die Schulter. »Sie werden schon auch noch die Dinge ruhiger anschauen, wenn Sie sich erst bei uns eingewöhnt haben, Herr Baron! Vielen Dank für alle Ihre Aufschlüsse ...« »... und kein Anhaltspunkt, was ihr aus dem eroberten Osten macht? ... was ihr überhaupt aus dem Krieg machen wollt?« »Tja! – da sind allerhand Bedenken! Die Sache hat ihre Schwierigkeiten! Gerade in diesen Tagen. Es geht jetzt mit Rumänien los ...« »Warum schafft ihr euch denn immer neue Feinde? Ihr habt doch jerade jenug!« »Die Lage unten ist, ehrlich gestanden, bedenklich. Vor dem Volk halten wir das alles geheim! Ich bin immer dafür, möglichst gar nichts, was geschieht, in die Öffentlichkeit zu bringen! Aber man muß sich jetzt wirklich Mühe geben, um seine Nerven nicht zu verlieren!« »Ach, ihr siegt ja immer!« sagte Waldemar Kerkhuß. Sein hartes Baltischdeutsch rollte, und seine nordisch blauen Augen leuchteten zornig. »Ich kenne Rumänien! Ihr werdet auch diesmal siegen!« »Meine eigenen Nerven zum Beispiel ...« »Aber wenn ihr jesiegt habt, dann jlaubt doch auch, daß ihr die Siejer seid! Dann jlauben es auch alle anderen! Wartet nicht, sondern werft das Schwert in die Wagschale und ordnet den Osten, solange die Macht in euren Händen ist! Ordnet ihn, wie ihr wollt! Aber steht nicht jahrelang untätig vor diesem uferlosen Völkerbrei, der jetzt der Osten heißt! Jebt uns Jewißheit!« Der Geheimrat hatte den unwillkommenen Gast nun schon bis zur Schwelle gebracht. Er drückte ihm verbindlich die Hand. »Lassen Sie noch dies rumänische Wetter vorübergehen, Herr Baron! Machen Sie uns bitte ja keine Ungelegenheiten in der Öffentlichkeit. Wir müßten sonst sofort mit Verboten gegen Sie einschreiten. Wir lieben das nicht, daß man unsere Kreise stört! Warten Sie bis zum Herbst! ... Dann ist, wie ich sicher hoffe, wenigstens ein Teil der Schwierigkeiten schon behoben ...« »Jewiß doch, Herr Jeheimrat, ich werde warten! Was bleibt mir sonst übrig?« sagte Waldemar Kerkhuß und ging. Eine Reihe Wagen mit Akten stand, als er das lange, graue Haus verließ, draußen auf der Wilhelmstraße. Der schwüle Augustabend dämmerte schon, als er wieder bei seinen Freunden in der Königgrätzer Straße saß. Das Ehepaar Metztak war jetzt allein. Der Teekessel summte. Durch die offenen Fenster drang der Lärm der Straße. Er war oft so hier zu Gast. Kam und ging, wie er wollte. Es war ein Verhältnis von drei Kameraden, die die Kriegswelle an den gleichen Strand geworfen, und so unbefangen mitbrüderlich und mitschwesterlich war ihr Verkehr miteinander. Alexander Metztak hatte den leidenschaftlichen Christuskopf mit den dunkel brennenden Augen in die Hand gestützt. Er hörte stumm, was der andere erzählte. Aber in seinem Innern arbeitete es. Seine Seele war wie eine lichtempfindliche Platte. Jeder Strahl der Außenwelt rief da Veränderungen hervor, erzeugte neue Stimmungen und Meinungen. Sein Leben war ein einziges heißes Gehen und Suchen an der Hand seiner Frau. »Sei froh, daß du das nicht mit anjehört hast, Alexander!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Dich hätte das zu tief jetroffen: da draußen bei den Menschen die Bejeisterung, und da drinnen bei denen, die diese Menschen zu führen haben, der kalte Wasserstrahl!« »Aber warum denn, um Gottes willen, warum?« »Sie sollen mit dem deutschen Jeiste umjehn und können es offenbar nicht!« Waldemar Kerkhuß zuckte die Achseln und griff nach der tröstenden Zigarette. »Da machen sie ihn lieber tot! Und nicht nur in der Wilhelmstraße. Das habe ich nun schon gemerkt. Unser russischer Tschin ist furchtbar. Aber an diesen Tschin in Deutschland muß man sich auch erst jewöhnen!« »Er stiehlt wenigstens nicht!« sagte Elise Metztak. »Er stiehlt nicht. Aber er unterschlägt ... Feste Zuversicht! Warmen Willen! Starken Jlauben! Tritt dort ein. Sieh diese Jeheimräte lächeln, und du bist alles los!« Elise Metztak warf ihm einen schnellen Blick zu. Er wußte, was das hieß: Mache mir nur Alexander, den Nervenmenschen, nicht etwa kopfscheu! Er schwankt ohnedies immer zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Ich habe immer wieder Mühe, ihn durch Fröhlichkeit und Frische das Gleichmaß des Tages zu lehren ... Aber augenblicklich war ihr Mann in seiner gläubigen und freudigen Stunde. Er hob den Kopf aus der Hand und sagte: »Auch diese Leute werden den Jang der Weltjeschichte nicht hemmen. Ich jlaube an einen höheren Sinn und jeheimen Willen des Jeschehens. Darum sprach ich heute nachmittag von dem Wunder aus dem Osten, das Deutschland schon zweimal beschieden war und jewiß auch ein drittes Mal wiederkehrt! Daran machst du mich nicht irre, Waldemar!« »Ich will es auch jar nicht,« sagte Waldemar Kerkhuß ernst. »Aber es jenügt nicht, daß ein Wunder jeschieht, man muß es auch bejreifen! Dazu gehört ein Jlaube, nicht an sich, sondern an etwas außer einem. Diese Leute jlauben nur an sich und ihre Akten. Mögen sie das Licht von Osten nur auch richtig sehen, wenn es uns erscheint!« 10. Ueber Berlin webte die Stimmung der nahen Weihnacht, zum dritten Male im Krieg. Ein Hauch von einst. Eine Ahnung aus ferner Zeit. Ein Traum verlorener Stunden und ihres Zaubers, in dem nicht die Dörfer, sondern die Wachskerzen flackerten, in dem es nicht nach Blut und Leichen, sondern nach frischen Pfeffernüssen roch und die künstlichen Wäldchen junger Tannenbäume auf Straßen und Plätzen nicht das Brüllen verborgener Mordmaschinen, sondern die hellen Rufe der Kinderstimmen: »Ein Dreier det Schäfken!« »Ein Jroschen der Hampelmann!« bargen. Es war noch eine Woche bis zum Heiligen Abend. Aber in der von Gästen erfüllten Wohnung des Barons Erik Stier funkelte schon zu Ehren seines aus Rumänien heimgekehrten Sohnes und seiner Kameraden der Weihnachtsbaum. Baron Stier, der Balte, saß breit und mächtig mit gesträubtem Grauhaar und zufriedenem rotem Gesicht inmitten der feldgrauen Reiter an der Tafel. Er war, noch ehe die Deutschen in Kurland eingerückt waren und auch sein Schloß wieder für ihn besetzt hatten, auf verborgenen Pfaden nach Deutschland herübergeeilt und hatte seinen Ältesten in die preußische Armee eintreten lassen. Er konnte leichter als andere die Ostseeprovinzen missen. Die Hauptlinie seines alten Deutschordensgeschlechtes hatte in Ostpreußen geblüht und war vor einem halben Menschenalter erloschen. Er hatte auch diese deutschen Stammgüter seines Hauses geerbt. Sie waren an Umfang mit den Riesenflächen seiner kurischen Herrschaft nicht zu vergleichen, aber auch die letzte Scholle auf ihnen war intensiv bebaut, wo drüben jenseits des Kruges Nimmersatt noch der Elch durch den Sumpfwald brach, und die Feuerwelle des russischen Einfalls hatte sie nicht mehr erreicht. Um ihn und die Baronin am anderen Ende der Tafel dröhnten die frischen, jungen Männerstimmen, lachten braune, bartlose und schnurrbärtige Gesichter, auf denen noch der Sieg im Südosten, Galopp über die rumänische Ebene und Reiterherrlichkeit leuchteten. Der Krieg lebte und lachte über der meist feldgrauen Tafel. Er spielte von den Prismen des Kronleuchters herab in tausend Lichtern über den sonnverbrannten Köpfen. Er funkelte auf glitzernden, ganz neuen Ordensschnallen mit gekreuzten Schwertern. Er perlte in den aufsteigenden Bläschen der Sektschalen. Er schnellte von den Lippen. Blitzte in den Augen. In dem Durcheinander der Stimmen hallte noch der schwere Marschtritt des Einzugs in Bukarest. Das Brausen des großen Kehraus unten an der Donau. Und in dem Siegesrausch der wilden Jagd da unten die säbelklirrende, übermütige Frage der jungen Reitersleute: Wer ist der nächste an der Reihe? Die goldenen Kuppeln von Moskau und Kiew tauchten schattenhaft, verheißungsvoll, in unbestimmter Ferne auf. Die breiten Newaflächen von Petersburg. Rigas weite Dünabrücken. Der Schloßberg von Dorpat mit seiner efeuumrankten Domruine, der hochgetürmte Schattenriß Revals von dem grauen Himmel des Ostens. Im Osten war bisher immer noch der Sieg gewesen! Der Osten hatte bisher immer Glück gebracht! Die Gläser klangen. Durch die Stimmung von Wallensteins Lager schwang doch bei den Älteren und bei denen, die nicht als Lebensberuf die Waffe an der Seite trugen, ein ernster Unterton. »Uff! Zu Hause ist's doch am schönsten, Kinder!« »Jetzt geht die Geschichte ja auch bald zu Ende!« »Der Rumäne war der letzte Trumpf!« »Nee ... nu kann ja nichts Gescheites mehr kommen!« Ein kleines Volk nach dem anderen war gegen Deutschland aufgestanden und hatte alsbald wieder den Boden geküßt. Ein neues Heer nach dem anderen war durch Deutschlands Faust zerschmettert, kaum daß es aus der Erde gewachsen. Einmal mußte doch der Zustrom von Feinden ein Ende nehmen! Das Schwerste lag jetzt hinter einem! Auf vielen der kriegerischen Gesichter sonnte sich die Friedenshoffnung: die Sehnsucht nach Weib und Kind, die Liebe zum alten Daseinswerk, der Drang nach vergeistigter deutscher Menschlichkeit von einst. Man hatte jetzt doch genug geleistet! Mehr als für Menschenkraft möglich erschien! Man stand im dritten Jahr des Krieges! So lange, ununterbrochen hintereinander, hatte seit Friedrichs des Großen Tagen, seit fast zwei Jahrhunderten, kein deutscher Krieg mehr gedauert ... Und jetzt eben stand man auf der Höhe der kriegerischen Erfolge! Man stand so gut da wie noch nie! Ein Lärmen oben am Tisch! »Bis zum Frühjahr haben wir Frieden!« »Wetten, daß?« »Stier – schlagen Sie durch!« Frieden ... Seit ein paar Tagen war ganz Berlin voll davon. Man hatte den Frieden angeboten. Die Taube war aus der grauen Hochburg der Geheimräte in der Wilhelmstraße unsicher, im Zickzack, in den Sturm über den Wassern hinausgeflogen und suchte den Ölzweig. Die Antwort draußen in der nachtschwarzen Welt war bisher nur das Aufblitzen der Geschütze. Frieden... vielleicht doch bald Frieden... Das Gespräch war unwillkürlich leiser geworden. Die Gesichter ernster. Baron Erik Stier, der deutschkurische Magnat, schaute mit seinen schlauen und gutmütigen Augen, die seinem trotzigen Äußeren widersprachen, die Tafel entlang. Er sah da einen besonders ernsten, versonnenen Kopf, mit blondem Schnurrbart und blauen Augen, der seinen blonden Haarschopf nicht über grauer Attila oder Ulanka, sondern über einem dunklen Bürgerrock trug. Er hob sein Glas und verstärkte seine dröhnende Stimme: »Auf Livland und Esthland, Kerkhuß!« »Auf eine deutsche Zukunft auch bei euch!« rief Engelbert Stier, der Leutnant, ihm gegenüber. Waldemar Kerkhuß nickte stumm und tat Vater und Sohn Bescheid. »Haltet nur aus da oben! Die Ohren steif! Mut! Mut!« Die Kristallschalen der Umsitzenden berührten die seine mit klingenden Rändern. Er dankte und sagte, nachdem das Stimmengewirr sich gelegt, halblaut zu der Dame des Hauses, die, schräg am Schmalende der Tafel, zwei Stühle von ihm entfernt saß: »Warum ich so sorjenvoll dreinschau', Baronin? Diese Herren hier wissen jar nicht, wie sehr ich sie beneide! Sie ziehen wie die fahrenden Ritter von Land zu Land und kämpfen!« »Sie leben immer im Mittelalter, lieber Kerkhuß!« »Ich komme aus dem Mittelalter. Das Mittelalter hatte auch seine guten Seiten. Man hatte sein Leben, um es in die Schanze zu schlagen, so wie es diese Herren hier tun!« »Jeder weiß es und sieht es an Ihrem Gang, daß Sie nicht mit hinauskönnen!« »Aber auch in mir lebt ritterliches Blut! Meine Vorfahren waren jlücklich, wenn sie ausreiten durften!« »Wie wollen Sie es möglich machen zu dienen?« »Man kann auch dienen, ohne daß man Feldgrau trägt!« »So tun Sie es doch!« »Versuche ich es denn nicht seit mehr als einem Vierteljahr?« sagte Waldemar Kerkhuß leise, damit es nicht zu viele hörten, und halb verzweifelt. »Seit Ende Aujust, seit ich freie Bewejung in Deutschland bekam, laufe ich durch Berlin und biete meine Dienste an! Ich laufe von der Wilhelmstraße nach den Linden, von einem Amt in das andere! Aber was man da einem Mann wie mir an Beschäftigung anbietet, sind so lächerliche und winzige Dinge, daß es sich dafür wahrhaftig nicht lohnte, in Rußland jeächtet zu werden!« »Wie kommt das nur?« »Ich dachte früher, Petersburg sei die Stadt des Tschin. Nein doch: Berlin ist es! Wer hier nicht abjestempelt ist, durch mehrere Prüfungen jejangen, gewesenes Mitjlied jewisser Studentenverbindungen oder anderer freimaurerartijer Jemeinschaften, der fällt lästig! Jedermann bestrebt sich, ihn auf eine jewinnende Weise wieder loszuwerden...« »Aber wenn er wie Sie die jenaue Kenntnis des feindlichen Auslands mitbringt...« »Eben das stört ja, Baronin! Man weiß das alles hier ja längst viel besser! Es ist ein janz kleiner Kreis, dem durch die Jurisprudenz alles Wissen der Welt zuteil ward. Wo Sie hinkommen, ist ein Assessor oder ein Rejierungsrat oder ein Jeheimrat und läßt sich nicht in seine Karten schauen! Was nicht Jura studierte, läuft unjenutzt umher und hat zu jehorchen! Wenn ich als Landwirt im Frieden an meinen Feldfrüchten solchen Raubbau jetrieben hätte, wie Deutschland mit seinen jeistigen Kräften es im Krieg tut, dann wäre janz Kerreküll höchstens noch zu einer Fohlenkoppel jut!« »Aber es jeht ja, scheint es, auch auf diese Weise!« »Es jeht! Jewiß!« Waldemar Kerkhuß schwieg. Vor seinem Auge ragte wieder, fern im Osten, der russische Koloß. Immer noch ungeheuerlich, Europa mit seiner asiatischen Riesengestalt überfinsternd. Aber das furchtbare Gebilde stand still an den Grenzen seines ungeheuern Urreichs. Es hatte nicht mehr die Sintflutkraft, sie zu überschwemmen, ja nur die geborstenen Deiche des Schutzwalls seiner Fremdvölker zu behaupten. Das Gespenst des Ostens besaß noch seine mächtigen Umrisse. Aber es war blasser, blutleerer geworden. Es begann zu verschwimmen, durchsichtig zu werden. Es war ein erstes ahnendes Aufatmen, als ob die Menschheit von einem Alpdruck erwachte und nicht mehr den Schemen des Zaren auf sich knien fühlte. Waldemar Kerkhuß dachte sich, wieder in einem Aufzucken von Hoffnung, beim Anblick der Krieger um sich: Noch ragt der große Kerker zwischen Kurland und China. Aber er wankt. Der deutsche Sturmbock rammt und rammt. Götz von Berlichingens eherne Faust donnert an die Tore der Paläste von Gatschina und Zarskojeselo und Livadia ... der Morgen graut ... Er kam aus seinen Gedanken zu sich und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. »Du weißt wohl jar nicht, daß du zu Anfang des Krieges auch einmal auf mich jeknallt hast!« sagte er zu dem Sohne des Hauses ihm gegenüber. »In Ostpreußen. Ich stand neben Onkel Pauluscha im russischen Schützenjraben. Du warst noch Jemeiner. Du kauertest drüben wie ein Hase im Schnee und retiriertest dann in den Chausseejraben!« »Habe ich denn jetroffen?« erkundigte sich der Leutnant von Stier. »Man hat dir anjemerkt, daß du schon als Junge ein jediejener Kugelschütze warst! Der Mann, der an meiner Stelle auf die Brustwehr jetreten war, fiel uns wie ein Sack vor die Füße! Übrigens: Onkel Oxberg hat damals angefangen: er ließ zuerst auf dich schießen, obwohl er dich erkannte!« »Na natürlich mußte er das!« Die beiden jungen Männer schwiegen. Sie waren ernst geworden. Die Gesichter um sie auch. Die alte Gewissensfrage tauchte da vor ihnen auf: die zwei Seelen in der baltischen Brust ... »Wo ist denn Onkel Pauluscha jetzt, Waldemar?« »Im Frühsommer, kurz ehe ich Esthland verließ, traf ich ihn auf Urlaub in Finnland. Er stand damals noch unten an der Düna und wehrte euch den Überjang!« Der deutschrussische General, der, gehorsam dem Zaren, die Deutschen vom russischen Hoheitsgebiet fernhielt ... Auch die sorglosen preußischen jungen Reitersmänner fühlten den schmerzlichen Zwiespalt. Sie nickten stumm und wußten nichts dazu zu sagen. Zwischen ihnen, zur Rechten der Hausfrau, saß ein helläugiger Offizier mit bartlosem Römerkopf, der auch noch jung, feldgrau und gebräunt war wie sie, aber den meisten doch um ein bis anderthalb Jahrzehnte im Alter voraus. Sonst unterschied er sich von ihnen nur dadurch, daß er den spitzen, blauemaillierten Stern des Pour le mérite am Halse und breite, karmoisinrote Streifen an den Beinkleidern trug. Der Oberstleutnant vom Generalstab sagte in die Stille: »Na, Herrschaften, wir haben schon andere Flüsse als die Düna überschritten!« Alles stimmte bei. »Wir haben die Russen schon aus anderen Ländern herausgeschmissen!« »Polen war größer!« »Die Donau war breiter!« »Unbesorgt, Baron Kerkhuß! Wir werden uns den Rest der Ostseeprovinzen schon auch noch aus der Nähe besehen!« Waldemar Kerkhuß richtete sich aus seiner geistesabwesenden Haltung auf. »Kommt ihr wirklich und wahrhaftig?« »Sobald wir dürfen!« »Sowie uns Oberost von der Strippe läßt!« »... und in kein Land lieber als zu euch!« »Weiß Gott, was wir schon alles an Völkerhaschee von den Russen losgeeist haben! Diesmal geht es doch um euch Deutsche und um deutsches Land!« In seinen weit offenen, blauen Augen leuchtete ein grimmiger Glanz. Waldemar Kerkhuß hatte gegen seine Gewohnheit seine kühle Haltung verloren. Seine Stimme bebte. »Kommt bald!« sagte er. »Sonst findet ihr keinen Deutschen und kein deutsches Land mehr bei uns!« Der Generalstäbler zuckte die Achseln. »Wir sind Soldaten und haben zu gehorchen. Ohne Befehl kein Angriff! Mit Befehl mit Wonne!« »Aber wird dieser Befehl einmal kommen?« »Das weiß ich nicht, Herr von Kerkhuß, und wenn ich es wüßte, dürfte ich es nicht sagen.« »Das ist es ja eben!« »Und trotzdem bin ich felsenfest davon überzeugt, daß eines schönen Tages einmal auch da oben ›Kartoffelsupp!‹ geblasen wird!« »Jlauben Sie, Herr Oberstleutnant?« »Wir tun nichts halb, was wir ganz tun können! Das ist nicht unsere Art! Und wir werden es einmal ganz tun können!« Den ganzen Abend gingen Waldemar Kerkhuß die lachend-sorglosen Worte durch den Kopf, während er hier zwischen dem zweiten Deutschland saß, dem Deutschland, von dem er den Eindruck hatte, daß es draußen im Felde seinen Willen zur Macht mit Blut schrieb, statt daheim in der Wilhelmstraße seinen Willen zur Ohnmacht mit Tinte, dem Deutschland des zuversichtlichen »Ja, also!« der Heerführer, statt des unsichern »Ja, aber!« der Minister. Der frische Reitergeist steckte an. Die Erde wurde klein. Im fliegenden Galopp ging es über ihre Hindernisse hinweg! Ein unbändiges Kraftgefühl des Erfolges beflügelte Roß und Reiter. Man lebte, nach so vielen stillen Jahrzehnten, als Soldat aus dem vollen im Rausch des Kriegs, starb aus dem vollen, den Sieg vor Augen. An allen Ecken und Enden Europas hatte das Regiment, dessen Uniform der junge Leutnant von Stier trug, schon seine Grabkreuze in erobertem Feindesland zurückgelassen. Namen vieler, die nicht mehr waren, klangen zuweilen im Wirbel des Gesprächs auf. Dann wurden die Mienen einen Augenblick ernster, und dieser Ernst und diese Länge des Feldzugs und diese Zweifel zwischen dem Krieg, von dem man hier redete, und dem Frieden, von dem draußen die Straßen voll waren, zogen immer wieder schließlich auch durch Waldemar Kerkhuß' Seele ... Er richtete es so ein, daß er zugleich mit dem Generalstäbler die Gesellschaft verließ und noch eine Strecke mit ihm durch den weihnachtlichen Winterabend dahinging. Der Oberstleutnant war in bester Laune. Er summte eine Melodie vor sich hin. Sein Säbel klappte in kurzen Abständen auf das Pflaster. Seine Sporen klirrten unter seinem festen und elastischen Tritt. Waldemar Kerkhuß sagte unvermittelt: »Bedenken Sie hier in Berlin nur immer das eine, was mir vor Augen steht! Ich habe die janze Welt jesehen ...« »Da sind Sie zu beneiden! Ich kenne vom Ausland nur das Berner Oberland!« »... und ich weiß: Wo die Wellen rauschen, ist England niemals ferne! Unser Baltenland ist ein schmaler Küstenstrich. Es konnte seit dem frühesten Mittelalter niemals mehr selbständig bestehen. Es braucht Anschluß. Es sucht ihn bei euch! Jebt ihr ihn uns nicht, dann setzt sich England an eure Stelle ...!« »Aber ich bitte Sie! ... England in dem weltfernen Ostseewinkel da oben! Das ist ja eine Kater-Idee!« »Dann habt ihr für England jearbeitet, jejen das euer Haßjesang jeht!« »Hören Sie mal: das wäre ja toll! England kann doch nicht überall sein!« »England ist schon bei uns in Esthland! England ist überall, wo man es hereinläßt! Rußland wankt in allen Fugen. Ich bekomme regelmäßig Berichte aus Petersburg. Asiens Macht jeht dahin! Der Zar ist nur noch ein Schatten. Wir Balten werden herrenlos. Zwingt uns nicht, zwischen euch und England zu wählen!« »Das ist allerdings das Neuste!« »Ich sage es nicht für mich, der ich alles für Deutschland dahinjejeben habe! Ich sage es für uns alle! Es kommt die Zeit, wo wir Jewißheit haben müssen, weil die Zeit drängt! Ihr müßt uns Mut jeben, auszuharren. Sonst wird es uns zu schwer. Mir hier auch in dieser allgemeinen Unbestimmtheit, die das Zeichen dieser Stadt ist!« »Gott – lassen Sie doch Berlin sich amüsieren! Wir draußen sind andere Leute. Wir wissen genau, was wir wollen!« »Dann verraten Sie es mir! Helfen Sie mir, wie ich meiner Heimat helfen kann! Ich jehe hier spazieren! Man kann mich nicht verwenden! Wäre ich niemals in Esthland jewesen, sondern hätte ich ein dickes Buch über Esthland jeschrieben, dann würde man mich sofort hier als maßjebend betrachten! Ich halte diese leeren Tage nicht mehr aus! Ich muß endlich wissen, woran ich bin!« Der Generalstäbler überlegte. »Wir Wilden sind bessere Menschen!« sagte er. »Wir sind froh, wenn wir vernünftige Leute an die Hand kriegen, mit denen wir arbeiten können! ... Sie scheinen mir danach! So auf einem Bein stehend läßt sich das natürlich nicht abmachen! Dahinten kommt auch schon meine Neunundsiebzig! In den nächsten Tagen habe ich blödsinnig zu tun! Aber kurz vor dem Fest schinde ich mir schon eine Stunde für Sie heraus! Wenn Sie mir dann das Vergnügen machen wollen ...« »Ich danke Ihnen!« sagte Waldemar Kerkhuß, drückte dem anderen kräftig die Hand und ging allein die Straßen Berlins weiter. An den Litfaßsäulen klebten die Erlasse und Verbote der Behörden – ein Jahr Gefängnis und zehntausend Mark – zwischen den Theaterzetteln der Operetten und Possen. Die Riesenplakate der Tingeltangel und Nachtlokale nahmen den halben Raum der Säulen ein. In kleinem Umfang wimmelten weiter unten die Bekanntmachungen der Abgabe der kärglichen Lebensmittel, und dies Ganze schien ihm ein Bild der Hauptstadt, die mit stoischer Geduld hungerte, blind und freudig gehorchte und sich abends amüsierte, so gut es ging, und allen Willen und alle Kraft und allen Entschluß dem Heere überließ. Und er dachte sich, selbst noch belebt von diesem Abend zwischen Waffen und kaum vernarbten Wunden und Wagemut und Wehr wider die Welt: Deutschlands Herz schlägt draußen in Deutschlands Heer. Seine Seele ist in den Seelen seiner Geschütze und Gewehre. Seine Sprache sind die feurigen Zungen auf den Schlachtfeldern. Sein Kompaß ist die Spitze des Degens: er soll auch mein Wegweiser in die Zukunft sein, wenn er mir zeigt, wohin es geht ... »Es ist ein sonderbares Ding!« sagte er, als er einige Tage später in der Königgrätzer Straße in Elise Metztaks Zimmer saß. Ein grüner Tannenbaum stand in, dessen Mitte. Die kleine Baronin hatte heute ihre Wohltätigkeitsschreibereien gelassen und war damit beschäftigt, den Baum für das Christfest am Abend herauszuputzen. Es war noch heller Nachmittag. Er saß rauchend, ein Bein übergeschlagen, und beobachtete andächtig die junge Frau, die ihre zarte Gestalt auf die Fußspitzen gestellt hatte, um die vergoldeten Nüsse mit ihren schmalen, weißen Fingern an den Zweigen zu befestigen. Dann stieg sie auf einen Stuhl und knüpfte den schwebenden Engel oben an die Krone. Sie tat es mit ernster Sorgfalt. Sie glich einem jungen Mädchen, wie sie sich zierlich, kaum mittelgroß, mit ihrem sanften, dunkeln Haupt von dem Hell des Fensters abhob. Nun sprang sie mit einem Satz wieder herab und elastisch auf die Füße. Die nervöse Willenskraft ihres Wesens federte in der kurzen Bewegung. Unten unter der Tanne lagen die Geschenke für ihren Mann und ihre Kinder und die Leute. Baron Metztak selbst war nicht da. Er war noch in die Stadt gegangen, um eine Überraschung für sie zu besorgen. Es roch trotz der geschlossenen Türe vom Flur her nach Weihnachtsbackwerk. Von nebenan hörte man das Kinderfräulein und die hellen Stimmen der kleinen Mädchen, die jetzt vor der Bescherung nicht mehr nach vorn kommen durften. Waldemar Kerkhuß empfand das alles um sich her und Elise Metztaks Nähe mit einer Art von trägem und beinahe schmerzhaftem Glücksgefühl. Er schloß halb die Augen und träumte. Er fuhr zusammen, als sie, zurücktretend und den Aufputz des Baumes prüfend, ihm lachend seine Worte zurückgab: »Was ist ein sonderbares Ding, lieber Freund?« Da war wieder die Wirklichkeit und er ein Gast im fremden Haus, den man für den Abend unter die Weihnachtstanne eingeladen hatte und der dann, wenn die funkelnden Lichter niedergebrannt waren, einsam hinaus in das Dunkel ging. Er nahm sich zusammen und sagte: »Ich meine diese Stimmung in Deutschland! Es ist mir immer so, als marschierte eine unabsehbare Menschenmasse in Schritt und Tritt durch die stockfinstere Nacht. Man hört nur den dumpfen Schall von unzähligen Tritten. Sehen kann man nichts. Nach vorn ist alles schwarz. Zuweilen zeichnen sich unbestimmt Umrisse, wie von Führern, ab. Aber da sind sie schon wieder verschwunden. Niemand weiß, wohin der Marsch eigentlich jeht! Man weiß nur: es jeht vorwärts! Alles marschiert voll Jlaube und Hoffnung und Liebe zum Vaterland weiter. Aber wo ist das Ziel?« Er sprang ungestüm auf und ging, das lahme Bein leicht nachziehend und eine blaue Wolke von Zigarettendampf hinter sich lassend, im Zimmer auf und nieder. »Erwäjen Sie selbst, liebe Freundin,« sagte er, »man jing in den Krieg. Man schlug Belgien! Man drang in Frankreich ein! Man jagte die Russen zur Düna und Beresina! Man schlug die Engländer bei Jallipoli! Man schlug die Serben! Man schlug die Montenegriner! Man schlug die Rumänen! Man nahm Brüssel, Belgrad, Cettinje, Warschau, Bukarest! Man schlug alles, was sich regte. Aber frage ich: Welche Ziele verfolgt ihr mit diesen Siegen? – so antwortet man: Pst! Es ist verboten, von Kriegszielen zu sprechen! Die Polizei will es nicht! Wir führen eben Krieg ...« »Ist denn der Krieg Selbstzweck?« fuhr er fort, vor Elise Metztak hintretend. »Dann wäre er Selbstmord! Dann würde man hier nicht jetzt vom Frieden sprechen? Frage ich aber nun nach den Friedenszielen, so sagt man mir: Pst! Es ist verboten, Friedensbedingungen zu erörtern. Die Wilhelmstraße will es nicht!« Er hinkte wieder zornig im Zimmer auf und nieder. »And jlauben Sie mir, liebe Freundin, diese Unbestimmtheit lähmt allmählich die Jeister. Diese Ungewißheit höhlt die Seelen aus. Dieses Marschieren, ohne daß man die Hand vor Augen sieht, macht müde! Ich merke es an mir. Als ich jlücklich nach meiner Flucht deutschen Boden unter den Füßen hatte, atmete ich auf und ballte die Fäuste: Nun jeht es los! Nun trittst du in Deutschland in Reih' und Jlied und jehst auf deine Weise auch in den Krieg! Aber da war nicht Reih' und Jlied. Der Krieg war draußen. Daheim jing jeder seinen Jang. Niemand führt die Leute. Ein Jefühl der Unsicherheit liegt von oben her über den Menschen, die so jerne helfen wollen und nicht dürfen. Es hat auch mich erfaßt! Ich möchte nur fort aus dieser Stadt, in der es nur Verbote und Strafen jibt und Ruhe die erste Bürgerpflicht ist!« Es war ein Schweigen. Dann sagte die kleine Frau zuversichtlich: »Was hilft das alles, lieber Waldemar? Wir können es nicht ändern, und ich lasse mir meinen Jlauben nicht nehmen! Kommen Sie: helfen Sie mir lieber die Lichte an den Baum stecken!« Waldemar Kerkhuß stand neben ihr und reichte ihr die farbigen Kerzen. Er mußte zu ihr emporsehen. Denn sie war wieder auf den Stuhl gestiegen. Von oben schaute ihr zartes und sanftes Antlitz aus blauen schwärmerischen Augen auf ihn herab. Sie nahm die Wachskerzen und befestigte sie behutsam in den Zweigen. Liebe war in ihrem Tun. Ernst gegen die Menschen um sie. Pflicht des Herzens. »Ich möchte fort!« wiederholte er. »Warum denn nur?« Er antwortete nicht. Er bog mit düsterer Miene den Halter an einer Kerze zurecht und vermied ihren Blick. »Und wohin?« Wieder zuckte er nur die Achseln und schaute stumm vor sich nieder. Es war wieder die gefährliche Stille, die ihr all das verriet, was er, wie sie wußte, nie über die Lippen bringen würde: Du bist glücklich in deiner Liebe zu Mann und Kindern und hast ein bißchen von deinem Glück auch noch als Freundschaft für mich übrig. Aber ich ... ich habe nichts ... nichts als dich, die ich nie haben werde ... Sie begriff, daß sein Drang, von hier wegzugehen, auch ihr galt... Sie sagte nichts weiter. Er reichte ihr schweigend zum Baum hinauf, was sie brauchte. Sie verständigten sich durch Winke und Zunicken. »Es müssen noch mehr Lichte da vorn hin an die Tanne!« sagte er endlich. »Das sehen die Kinder zuerst, wenn sie hereinkommen!« Elise Metztak machte eine bejahende Bewegung mit ihrem dunkeln Kopf. Er kniete am Boden nieder und schmückte den Weihnachtsbaum für ihre Kinder. Sie sprachen, damit es die Kleinen nebenan nicht hörten, leise, fast geheimnisvoll, über den bunten Tand gebeugt, der durch ihre sich oft in der Hilfsbereitschaft berührenden Hände ging. Die silbernen Nüsse, die scheckigen Hampelmänner, die Prinzessinnen von Tragant glitten zwischen ihren Fingern. Goldflitter klebte an Elise Metztaks braunem Haar, weißer Watteschnee an seinem dunkeln Rock. Sie vertieften sich, den Blick auf dem farbigen Abglanz des Spielzeugs, in die Arbeit. Ein kleines Marzipantierchen fiel zur Erde und barst in zwei Hälften. Er hob es auf und sagte: »Sehen Sie! Das Glücksschweinchen ist zerbrochen. Das jilt mir. Nicht Ihnen. Mein Stern ist auch zu Boden gesunken. Ich jehe auch so durch das Dunkel und weiß nicht, wohin ...« Elise Metztak stieg vom Stuhl herunter. Sie vermied es, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Beide standen nebeneinander und schauten prüfend auf ihr Werk, dann meinte sie: »Vielleicht ist der Weihnachtsbaum doch eine Vorbedeutung, lieber Freund, und es wird bald Friede und alles gut.« »Wenn es Frieden jibt und Esthland beim Zaren bleibt, bin ich verloren. Ich habe meine Schiffe hinter mir verbrannt.« Sie wußte nichts Tröstendes darauf zu erwidern. Er fuhr fort: »Ich habe es schon oft jesagt. Ich bin ein Jeschöpf des Kriegs. Nur der Krieg kann mich retten. Ich hinke ihm nach mit meinem steifen Bein. Ich suche ihn. Ich werde ihn schon noch finden. Ich habe in diesen letzten Wochen, seit mir der Überdruß hier bis zur Kehle steigt, immer mehr einen seltsamen und jeheimnisvollen und gefährlichen Jedanken, wie auch ich Krieg führen kann ...« »Wollen Sie ihn mir nicht verraten?« »Noch ist es nicht an der Zeit. Ich muß vorher wissen, ob es Krieg oder Frieden jibt! Sonst täte ich es umsonst! Ich möchte nicht unnötig dem Zaren helfen, seine Bergwerke zu bevölkern ...« »Um Gottes willen – was haben Sie vor?« Waldemar Kerkhuß lachte. Er kam jetzt wieder in seine alte Stimmung der Kühle. »Das, was den Menschen nur von sich selber befreien kann!« sagte er. »Die Tat!« »Welche Tat?« »Ich jlaube. Ihr Telephon hat jeklingelt!« meinte er, und zugleich trat das Mädchen ein. Aber sie rief nicht ihre Herrin an den Fernsprecher. Ein Offizier aus dem Großen Generalstab hatte Baron Kerkhuß angerufen und wartete. »Ja doch! Sie jestatten es mir, liebe Freundin? Ich hinterließ zu Hause, als ich wegging, Ihre Nummer!« sagte Waldemar Kerkhuß und schlurfte eilig hinaus. Sie hörte ihn draußen sprechen: »Jewiß, Herr Oberstleutnant! Ich weiß, wie kostbar Ihre Zeit ist! Ich kann jleich zu Ihnen kommen, wenn Sie wünschen!« Er küßte Elise Metztak die Hand und verabschiedete sich. Sie rief ihm auf dem Flur noch nach: »Kommen Sie ja nachher pünktlich zur Bescherung! Sonst wird ohne Sie anjefangen!« Waldemar Kerkhuß winkte lächelnd zurück, hinkte die Treppen hinab und fuhr hinüber nach dem Königsplatz. Er hatte, so wenig wie die meisten andern Menschen, im Frieden je das mächtige Backsteinviereck des Großen Generalstabs betreten. So konnte er, als er, nach Warten und Anmeldung unten an der Torwache, mit einer Ordonnanz die breite Mitteltreppe hinaufstieg, die Veränderung nicht vergleichen, die die Stellvertretung im Kriege mit sich gebracht hatte. Die Frauen waren in das Hirn der Armee eingezogen. Auf den schwarzen Tafeln an den Türen las er immer wieder: Fräulein Müller. Fräulein Krause. Fräulein Schulze. Daneben zwischen Dunkelkammern die Namen von Photographen und Xylographen. Die wenigen, mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichneten Offiziere, die ihm begegneten, sahen meist bleich und angegriffen aus wie nach schwerer Verwundung. Es fiel ihm auf, daß sie, wenn sie ihr Zimmer auch nur auf einen Augenblick, um mit dem Nachbarn etwas zu besprechen, verließen, jedesmal sorgfältig den Schlüssel abzogen und in die Tasche steckten. Die Ordonnanz führte ihn die Gänge entlang, an deren Wänden mit lateinischen Buchstaben und Ziffern die einzelnen Abteilungen des stellvertretenden Generalstabs verzeichnet standen und seitlings endlose Stöße von Kartenmaterial aufgestapelt lagen, und in ein Zimmer, das nur große verschlossene Schränke und einen mächtigen Tisch ohne Stühle enthielt. Die Tischplatte war ganz leer. Auch sonst befand sich kein Papierblatt, kein beweglicher Gegenstand irgendwelcher Art im Raum. An der Wand warnte eine gedruckte Merktafel, nichts liegen zu lassen, nichts in den Taschen der Arbeitslitewkas in den Schränken stecken zu lassen, die Schränke sorgfältig zuzusperren und den Schlüssel mitzunehmen. Unsichtbar brauten die heimlichsten Geheimnisse des Kriegs in den nüchternen, kahlen vier Wänden. Da klirrten Sporen. Der Generalstäbler trat ein, frisch, lebhaft, liebenswürdig, obwohl er die Nacht hindurch bis vier Uhr und wieder den Tag über von neun Uhr morgens ab gearbeitet hatte, um wenigstens die Feiertage über etwas Ruhe für sich und seine Familie zu haben. Setzen konnte man sich nicht. Dazu fehlte in diesen Räumen überbürdeter Pflichterfüllung mit Absicht die Gelegenheit. Die beiden standen. Der Oberstleutnant lachte. Auf seinen braunen Zügen wetterleuchtete noch der Krieg an der Donau, dessen Andenken man bei ihm nur merkte, wenn ihm beim Weggehen die Ordonnanz behutsam den Mantel über die noch steif vernarbte linke Schulter zog. »Alles ein bißchen merkwürdig hier, nicht?« sagte er und drückte dem Gast die Hand. »Ja – das ist der Krieg. Einigermaßen gemütlicher geht es ja im Frieden in der großen Bude zu. Ich habe mich schon als Oberleutnant, frisch von der Kriegsakademie weg, hier zuerst abgeschuftet. Wer von uns Dächsen konnte damals ahnen, daß es noch einmal solch 'nen Krieg geben würde!« »Und jetzt wohl bald Frieden?« »Frieden?« Der Generalstäbler wiederholte es mit einem Lächeln, in dem der Stolz der Überlegenheit über alle Feinde lag. Aber auch die Überlegenheit über die Heimat. »Nun ja, Herr Oberstleutnant! Überall ist doch von Frieden die Rede. Bleibt dann in den Ostseeprovinzen alles beim Alten, so sind ich und meinesgleichen jeliefert. Es jibt dann ein feierliches Bejräbnis für uns, und es ist daher eine bejreifliche Neujier, die mich zu Ihnen trieb.« »Aber warum zu uns, verehrter Herr von Kerkhuß? Wir sind hier Soldaten! Wir haben Krieg zu führen! Das Friedenschließen ist nicht unseres Amts!« »Wenn aber die, die dieses Amt haben, niemandem sagen können, was nun eijentlich vorjeht und was sie schließlich wollen ... Wenn sie zujeknöpft herumjehn, als hätten sie alle Jeheimnisse der Welt in der Tasche, und dabei sieht der, der die Welt ein bißchen kennt, ihnen doch die innerliche Verlejenheit und Unentschlossenheit an? Ich bin jetzt ein halbes Jahr in Deutschland. Ich jlaube mich nicht zu täuschen, wenn ich zu der Erkenntnis jelangt bin, daß alles, was überhaupt jeschieht, durch das Heer jeschieht und für das Heer jeschieht, und daß man sich also an das Heer wenden muß, wenn man erfahren will, was jeschehen wird!« Auf dem noch von der Sonne Rumäniens braungebrannten bartlosen Römerkopf ihm gegenüber, der sich mit straffen, festen Zügen wie eine Verkörperung des Willens selber aus dem Grau des Kragens hob, erschien wieder die sorglose Kraft des Kriegs. In seinen hellen grauen Augen schlief die Ruhe der durchdachten Schlacht. Er lachte oder aus ihm lachte der Sieg über halb Europa. »Wissen Sie was? Kommen Sie mal mit ins Nebenzimmer!« sagte er. »Da sind wir ungestörter!« In dem kleinen Allerheiligsten nebenan gab es Sitzgelegenheit und Zigaretten. Der Generalstäbler bot seinem Gast Feuer. In dem roten Schein, der in der ersten beginnenden Dämmerung über sein Antlitz glitt, beobachtete Waldemar Kerkhuß schweigend, wie vergeistigt Stirne und Augen waren, im Übergang zu der kühnen Willenshärte um den Mund. Er sah einen Mann vor sich, der schon in langen, eintönigen Friedensjahren über vieles nachgedacht hatte, was weit über die Grenzen seines Berufs hinausging. Er sagte sich: Das da vor mir: das ist Preußen! Das ist das letzte, das reinste, das höchstgezüchtete Preußen! Die nadelscharfe Spitze, in die die ungeheure Heerespyramide ausläuft ... »So – da sind wir nun unter uns Pfarrerstöchtern!« lachte der jugendliche Oberstleutnant, »und nun will ich, soweit mein schwacher, gottlob von höherem Orte her erleuchteter Intellekt reicht. Ihnen einen Geheimschlüssel zum Verständnis der Lage in Deutschland in die Hand drücken. Sehen Sie: um mich wie so ein guter Professor auszudrücken – Sie haben doch gewiß in der Sekunda auch schon vom horror vacui gehört! Die Natur duldet keine Lücken! Man kann kein Loch ins Wasser oder in die Luft machen! Jedes Element hat den natürlichen Drang, die leeren Räume um sich auszufüllen!« »Jewiß!« »Na also! Da haben Sie unsern Fall! Wir erfüllen zunächst draußen als Soldaten unsern Beruf. Aber wenn wir damit fertig sind und uns daheim umschauen, dann sehen wir um uns mit Entsetzen eine ungeheure, gähnende, unfaßbare Leere. Einen grauenhaften Mangel an brauchbaren Menschen im Staat. Ich war nie in der Sahara. Aber sie ist sicher nichts in ihrer Öde und Unfruchtbarkeit gegen die Stellen, die uns daheim von Amts wegen helfen sollen, den Krieg zu gewinnen! Unser Volk daheim ist groß, ist prachtvoll. Unser Amtsschimmel daheim ... ja, reiten Sie mal auf dem gegen die halbe Welt! Da gibt es nichts als die Angst vor der eigenen Courage! Da heißt es: ›Entweder konsequent oder inkonsequent, nur nicht das ewige Schwanken!‹ Da machen die Männerchen am liebsten gar nichts oder noch lieber heut das Gegenteil von gestern und morgen das Gegenteil von übermorgen. Dann hebt sich die Geschichte wenigstens auf, und man ist aus der Verantwortung heraus. Das ist ihnen nämlich zunächst die Hauptsache. Ja, aber zum Donnerwetter: geschehen muß doch etwas! Gewinnen wollen wir doch den Krieg! Und wenn da weit und breit mit dem Fernrohr in den Amtsstuben kein Mensch zu finden ist, der ein bißchen Schneid aufbringt – na – dann hilft das nischt! Dann müssen wir Offiziere das alles eben auch noch im Nebenamt machen! Da haben Sie, im Vertrauen, die ganze Bescherung!« »Unjefähr so habe ich mir das auch jedacht!« »Na also! Hoffentlich sind Sie nun beruhigt!« »Noch nicht janz! Jestatten Sie mir eine offene Frage!« »Bitte! Nehmen Sie sich noch eine Zigarette! Das Laster gewöhnt sich im Krieg jeder anständige Mensch an! Nun ... Sie zögern mit der Sprache, Herr von Kerkhuß?« »Sie sagen. Sie müssen alles machen! Aber verarjen Sie es mir nicht: Werden Sie es denn auch machen können?« »Wir schaffen's!« Es klang in lachender, markiger Zuversicht, getragen von beflügelter Kraft. Auf den energischen Zügen mit den stählern gewordenen grauen Augen erschien geisterhaft das ganze ungeheure deutsche Heer. Das furchtbarste Kriegsaufgebot, das die Welt je gesehen. Die Trompeten schmetterten. Die Flieger surrten. Schwer dröhnte der Massenschritt der Millionen. Ruhmreiche Feldzeichen ragten aus ihrer Mitte. Grünes Siegeslaub umkränzte das Grau der Helme. Vorn donnerten dumpfe Schläge wie von hundert Gewittern. Die Festungen des feindlichen Ostens stürzten. In endlosen Windungen krochen aus ihnen die braunen Riesenschlangen der Gefangenen stumm über Tal und Hügel. Es wetterleuchtete bis zu den Trümmern Babylons. Es flammte am Sinai. Es spie Feuer am Goldenen Korn. Bis in die Tiefen Asiens hinein erzitterte der Erdball: das deutsche Heer im Krieg! das deutsche Heer im Sieg! »Wir schaffen's, Herr von Kerkhuß! Seien Sie unbesorgt! Sie haben's ja eben in Rumänien gesehen! Das war die kritischste Zeit! Das konnte leicht dreckig werden! Das liegt nun auch mit Gottes Hilfe hinter uns! Nun halten wir unser Spiel fest in der Hand!« »Sie sind überzeugt, daß Sie durchhalten?« »Wissen Sie: das Wort durchhalten gefällt mir eigentlich gar nicht! Das hat so was Passives! Nee – wir wollen siegen!« »Wenn aber doch der Frieden dazwischenkommt?« »Wo sollte er herkommen? Seien wir doch mal ehrlich: Unsere Friedensvorschläge sind genau so unbestimmt und halb, wie die schwankenden Gestalten, die sie machen! Aber wenn sie auch klar wie Kristall wären – die drüben wollen ja nicht! Die wollen uns totschlagen, nicht?! Die gehen aufs Ganze! Na, schön, Kinders – wir auch!« Die braunen Wangen hatten sich gerötet. Die Augen blickten starr und kühn wie die eines Adlers. Das Gesicht war schön in diesen Sekunden. Es war die Erfüllung eines Lebensberufs, zu dem man von seinem neunten Jahr ab durch Kadettenkorps, Kriegsschule, Akademie und Generalstab hindurch erzogen war. Eine Erfüllung, vor der alle hochfliegenden Zukunftsträume des Jünglings in der Erinnerung winzig wurden. Ganz Deutschland zur Verfügung, mit seinen vielen Millionen von Männern, seinen ungezählten Milliarden an Gold, all seinen Vorräten und Schätzen und Hilfsmitteln und geistigen und leiblichen Kräften! Und das alles wie eine geballte Wetterwolke wider den Feind, in unerschütterlicher Zuversicht, in heiligem Eifer, als Retter und Mehrer des Reichs seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit zu tun ... Waldemar Kerkhuß blieb still. Er dachte sich, mit leichter werdendem Herzen: das ist ein Glaube an sich, der Berge versetzt und Felsen sprengt! Solch ein Glaube kann nicht trügen! Er kann die dort nicht trügen und mich nicht! Es war nun schon halb dunkel geworden und ringsum kein Laut. Der Geist Moltkes ging in dem Schweigen durch die Räume, die der große Schweiger noch vor einem Vierteljahrhundert in lebender Gestalt durchschritten. Unten vor den Fenstern ragte auf dem Platz sein ehernes Standbild in dem Abendgrauen, das sich immer tiefer und düsterer über Deutschland herniedersenkte ... »Also Sie glauben, der Krieg jeht weiter?« Waldemar Kerkhuß' Stimme klang rauh und entschlossen. »Soweit man etwas sagen kann, bin ich davon überzeugt!« »Auch der Krieg nach Osten?« »Na – gerade der! Im Osten haben wir bisher immer die besten Geschäfte gemacht. Mit dem Osten müssen wir vor allem mal reinen Tisch machen, um die Hände frei zu bekommen! Wir haben unsere Nachrichten: Es scheint da bei Ihnen in Rußland endgültig der große Kladderadatsch heraufzusteigen ...« »Auch ich habe Verbindungen mit Petersburg! Es ist nur noch eine Frage von Monaten, bis er kommt!« »Na sehen Sie – und dann kommen wir!« »Auch zu uns? Nach Livland? Nach Esthland?« »Ja, wissen Sie: auf dem Dreifuß sitze ich ja nun nicht, und ob wir uns doch noch durch die Schlammwälle von Dünaburg hindurchbeißen, das ist die Frage. Aber es geht ja bei dem Großreinemachen dort alles in einem! Wo wir auch siegen, kommt es hinterher auch Ihnen zugute! Nur Dreistigkeit und Gottvertrauen! Es wird schon gehen!« »Ihr laßt uns nicht in der Hand der Russen?« »Ich habe Ihnen schon neulich gesagt, Herr von Kerkhuß: Was wir tun, tun wir nicht halb! Kurland haben wir und geben wir nicht wieder heraus! Und Livland und Esthland sollen nur Geduld haben! Wir kommen, Herr von Kerkhuß – wir kommen, wenn unsere Zeit gekommen ist!« Waldemar Kerkhuß atmete tief auf. Die beinahe angstvolle Spannung war von seinen Zügen gewichen. Von dort drüben kam die Ruhe, die gesammelte Kraft um sich her ausstrahlt. Er sagte: »Ich danke Ihnen!« »Bitte! Gern geschehen!« »Und ich jlaube Ihnen! Und ich weiß jetzt, was ich zu tun habe! Ich habe schon lange mit dem Jedanken jerungen.« »Wenn ich Ihnen dabei irgendwie helfen kann ...« »Jerade Sie können mir helfen! Sie alle hier! Ohne euch jeht es jar nicht! Und für euch soll es ja auch sein!« »Da bin ich gespannt!« »Hier bin ich zu nichts nütze! Fern vom Schuß. Ein unbeträchtlicher Mensch. Ich muß hinaus wie ihr! Bitte, hören Sie ...« In dem Generalstabsgebäude durfte sich niemand, der nicht zum Bau gehörte, allein auf den Fluren und Treppen bewegen. Die Ordonnanz, die Waldemar Kerkhuß zu dem Oberstleutnant gebracht hatte, stand draußen und wartete. Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis er herauskam. Der Generalstäbler begleitete seinen Besucher bis an die Schwelle. »Was Sie mir da erzählt haben, interessiert mich riesig!« sagte er. »Ich denke, man wird Ihnen da jede Hilfe angedeihen lassen! Aber offen gestanden: Ein Kinderspiel ist das, was Sie da vorhaben, nicht! Darüber sind Sie sich doch klar?« »Aber jewiß!« »Wir hier müssen da unsere Hände in Unschuld waschen, wenn was passiert! Na schön! Wir bleiben miteinander in Verbindung, Herr von Kerkhuß! Vorläufig können Sie doch nichts tun, als hier Weiteres abwarten.« »Aber ich kann inzwischen schon wenigstens näher an die Front! Ich könnte einen Passierschein nach Kurland bekommen! Ich habe dort Verwandte auf ihren Gütern. Es ist ja da auch einiges für mein Vorhaben vorzubereiten. Jestatten Sie mir die Bitte, Herr Oberstleutnant, Ihnen meine vorläufige Adresse in Königsberg dazulassen!« »Also Sie wollen schon bald aus Berlin fort?« »Jetzt jleich!« »Wann würden Sie denn reisen?« »Wenn ich sofort meine Sachen packe, komme ich noch zu dem Nachtschnellzug zurecht!« »Heute, am Heiligen Abend?« »Jewiß doch! Man fährt da unjestört!« Der Generalstäbler war verblüfft. Er meinte langsam: »Na, Sie scheinen ja ein Mann von raschen Entschlüssen ...« »... Wenn etwas einmal jeschehen muß, wozu dann lange warten?« »Aber ist denn diese Eile nötig? Ich sehe eigentlich den Grund nicht recht ein!« »Es sind da verschiedene Jründe!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Dringende Jründe! Manchmal besteht die Selbstüberwindung eben im freiwilligen Rückzug. Das wissen Sie aus dem Felde ja besser als ich!« »Ja, ja – schon! Aber hier ...« Der Generalstäbler war ein kluger Mann. Er hatte plötzlich eine unbestimmte Ahnung, daß in der Seele des anderen noch andere Dinge umgingen, Dinge, die nichts mit Russen und Esthen und Deutschen und Einmarsch oder Nichteinmarsch zu tun hatten, und die der vor ihm durch die Schranken kühler Ruhe vor fremden Blicken schützte. Waldemar Kerkhuß reichte ihm die Hand. »Jlauben Sie mir: Ich muß aus Berlin fort!« sagte er. »Es hätte vielleicht schon eher jeschehen sollen. Haben Sie Dank. Also bitte: nach Königsberg!« In der Wohnung des Ehepaars Metztak waren die brennenden Weihnachtskerzen am Christbaum schon halb geschmolzen. Sie tropften und flackerten und warfen unruhige Lichter über das Durcheinander von blonden Kinderköpfchen, roten Backen und buntem Spielzeug. Nur ein Gabenteller mit ein paar Kleinigkeiten stand daneben so, als hätte ihn noch keine Menschenhand berührt. Elise Metztak und ihr Mann saßen und schauten ihren Kindern zu. Dann sagte er, sich nervös den wirren Christusbart streichend: »Kannst du dir erklären, wo nun eijentlich Kerkhuß bleibt?« »Es ist doch nun einmal ein Mensch voller Widersprüche, Alexander! Die meisten von uns Balten sind es doch! Man muß ihm seine Schrullen lassen!« »Daß er nicht zur Bescherung kam, mag übertriebenes Feinjefühl jewesen sein! Janz unnötiges natürlich! Aber essen muß der Mensch doch schließlich. Wir haben seit einer Stunde jejessen! Wir haben den Baum zum zweiten Male anjezündet! Ich weiß nicht, was in Kerkhuß jefahren ist!« Alexander Metztak verstummte und frug dann plötzlich in einem seltsamen und weichen Ton: »Elise, weißt vielleicht du es?« Sie hielt ruhig seinen Blick aus. Ihr zartes, mädchenhaft schmales Gesicht mit den seelenvollen blauen Augen unter dem krausen dunklen Haar war klar wie immer. Nicht die flüchtigste Röte auf den Wangen trübte seine Reinheit. »Wer kann wissen, was alles in einem Menschen vorgeht, Alexander? Wozu Dinge wecken, die schlafen wollen?« »Ich meine nur ...« »Man weckt sie, indem man sie ausspricht! Sie sollen schlafen. Das will er selbst. Falls sie überhaupt vorhanden sind ...« »Das jlaubst du doch auch?« »Ich will nichts jlauben und nichts wissen, Alexander! Denn es jeht mich nichts an. Ich brauche es nicht zu wissen. Denn er jab mir nie Jelegenheit dazu. Was ein Mensch denkt und fühlt, das jehört ihm. Das hat er ein Recht in sich zu verschließen!« »Bis er am Ende doch einmal ...« Elise Metztak schüttelte mit sanfter Sicherheit den Kopf. »Nein!« sagte sie ruhig. »Das wird er, solange er lebt, nicht tun! Ich kenne ihn zu gut. Der letzte Jrund seines Wesens ist der Stolz! Schon der gebietet ihm, sich eisern zu beherrschen!« Baron Metztak beugte sich nieder und küßte sie. Sie zogen beide ihre Kinder heran, die auf dem Teppich spielten, und küßten sie auch. Dann versetzte er: »Um rein von äußerlichen Dingen zu sprechen ... hast du nicht auch bemerkt, daß Waldemar in letzter Zeit mit irgendeiner Veränderung seines Lebens umjeht?« »Ja. Seit er Anfang der Woche bei Erik Stier mit den vielen deutschen Offizieren zusammen war!« »Sprach er mit dir darüber?« »Er sagte nur janz unvermittelt am nächsten Tage: Es handelt sich jetzt darum, Jefahren zu bestehen! Es ist jetzt die Zeit für Jefahren! Ich werde auch Jefahren bestehen, so jut wie diese Herren! Ich bejreife meine Pflicht jetzt janz jenau!« »Was meinte er denn damit?« »Ich habe keine Ahnung.« »Hast du ihn denn nicht weiter jefragt?« »Er hatte nur sein zerstreutes Lächeln zur Antwort. Man möchte ihm so jerne helfen und kann nicht.« »Ich werde mal Mantel und Mütze nehmen und um die Ecke jehen und selber nach ihm schauen!« sagte Baron Alexander Metztak, entschlossen aufstehend. Da klingelte es. Ein Bote hatte einen Brief abgegeben. Er nahm ihn in Empfang und wog ihn auf der Hand. Das Wappen der Kerkhuß, drei Rosen über einem Stern, prangte auf dem Siegel des Umschlags. Er öffnete den Brief nicht, sondern reichte ihn seiner Frau. »Lies du nur! Es ist zwar keine Aufschrift da. Aber er schreibt schon an dich!« Elise Metztak trat näher an das Licht des Weihnachtsbaums und überflog die Zeilen. Ihre Lippen murmelten den Inhalt so laut, daß auch ihr Mann ihn hören konnte: »Liebe Freundin! Zum Abschied möchte ich Sie noch einmal so nennen. Ich gehe jetzt. Ich reise noch heute abend. Ich muß in unsere Heimat nach Esthland zurück. Ich bin jetzt überzeugt: die Deutschen werden kommen und Esthland befreien! Solange ich nur die deutsche Schwäche in der Wilhelmstraße kannte, glaubte ich es nicht. Seitdem ich die deutsche Stärke im Großen Generalstab kennenlernte, glaube ich es felsenfest. Es ist dort wie eine Erleuchtung über mich gekommen. Jetzt habe ich das blinde Zutrauen: die Deutschen werden uns von dem Zaren und seinem Reich erlösen! Aber ein Mann darf nicht tatenlos abwarten, bis er erlöst wird. Er muß selbst an seiner Befreiung arbeiten. Ich muß an diesem Werke selbst mithelfen, damit die Russen in unserem Baltenland einstweilen vielleicht die Menschen umbringen, aber nicht die Seelen. Man muß der deutschen Seele in Livland und Esthland Hoffnung geben. Man muß ihr einen Gruß aus Deutschland bringen. Man muß heimlich von Hof zu Hof gehen und Geduld und Standhaftigkeit predigen und das endgültige ›Los von Rußland!‹ verkünden! Ich schleiche mich mit Hilfe der deutschen Behörden in Kurland verstohlen über die Grenze. Ich werde durch Wälder wandern und mich in Heuwinkeln verstecken. Ich setze mein Dasein auf die eine Karte, daß die Deutschen kommen! Ich werde nicht müde werden, es jedem in Esthland zu sagen, bis er davon ebenso überzeugt ist wie ich. Ich bereite in meiner Heimat den Deutschen den Boden für die Zukunft vor. Mein Wort hat dort Gewicht. Mancher, der dort von der Welt abgeschnitten und bedrückt vom Moskowiter dasitzt, wird wieder aufatmen und Mut fassen, wenn er von mir hört: ›Ich komme aus Deutschland! Die Deutschen kommen! Fort mit den Ketten des Zaren! Unser Heil liegt bei Deutschland!‹ Das ist der Kriegsdienst, den ein Mann mit einem steifen Bein wie ich für Deutschland tun kann!« Elise Metztak ließ den Brief sinken und schaute erschüttert vor sich hin. Sie begriff den Inhalt erst allmählich und machte ihn sich, in einem Schweigen zwischen ihr und ihrem Mann, mit Mühe ganz klar. Dann frug sie leise: »Um Gottes willen: ist denn das nicht furchtbar jefährlich, was er vorhat?« »Ich jlaube, daß es bedeutend jefährlicher ist als vorn im Felde im vordersten Jraben!« sagte Baron Metztak. »Er jeht mitten in die Höhle des Löwen oder vielmehr des Bären!« »Also das war es ...« »Lies weiter!« »... den Asiaten wird meine Tätigkeit nicht recht sein. Sie werden Jagd auf mich machen. Es wird eine lebhafte Zeit für mich geben. Ich werde es den Häschern Dschinghiskhans schwer machen, mich zu fangen. Denn ich kenne in Esthland jeden Sumpf und Steg, und nicht nur die Mitbrüder, auch viele Bauernwirte kennen mich und vertrauen mir. Ich werde es auf deutsch und werde es auf esthnisch verkünden, daß die Deutschen kommen!« Elise Metztak stockte einen Augenblick. Dann las sie rasch und ruhig zu Ende. »Leben Sie wohl, liebe Freundin! Ich möchte Sie niemals wiedersehen. Ich werde Ihnen nie wieder im Leben begegnen. Sie werden durch mich selbst nichts mehr von mir hören. Ich werde Ihnen immer dankbar sein. Durch Sie habe ich begriffen, daß das Herz mehr ist als der Kopf. Ich habe an Ihnen erkannt, wieviel mir noch in all meinem Hochmut fehlt, und habe versucht, mir hier in Deutschland die Eigenschaften, die mir fehlten, zu erwerben, indem ich mir Sie zum Vorbild nahm. Sie waren für mich, in diesem kurzen Vierteljahr, Deutschland, mit allem, allem, was dies Wort umschließt. Leben Sie wohl! Grüßen Sie herzlich Alexander! Bleiben Sie glücklich! Waldemar Kerkhuß.« Elise Metztak ließ das Blatt sinken. Sie sagte nur: »Nun ist er fort!« »Nun ist er fort ...« Vor den Fenstern dunkelte die Dezembernacht, und trotzdem war die Königgrätzer Straße heute Heller als sonst. Die Weihnachtsbäume warfen ihren Schein hinaus in Kälte und leise im Winde wirbelnden Schnee. In allen Stockwerken der hohen Häuser brannten die geschmückten Tannen. Schatten fröhlicher Menschen drängten sich hinter den Wärme und Lichtglanz bergenden Scheiben. Die Straße unten war so tot und menschenleer wie sonst vor Morgengrauen. Unbesetzte Straßenbahnen fuhren in langen Abständen vorbei. Der Wind pfiff schneidend hinter ihnen her und fegte das kahle Pflaster. Ein einzelner Mann stand da unten und schaute empor zum zweiten Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses. Es waren dort keine Vorhänge vorgezogen. Man konnte deutlich das stille Bild im Innern sehen: den traulichen Wohnraum, den langsam, geheimnisvoll verglühenden Lichterbaum, und in dem Weihnachtsfrieden das dunkle Haupt einer jungen Frau im Glück des Beisammenseins mit ihrem Mann und ihren Kindern. Waldemar Kerkhuß richtete, vom Schatten eines Hausvorsprungs aus, lange Zeit den ernsten Blick in diese Insel der Liebe da oben. Dann wandte er sich ab, drückte sich die Pelzmütze fester gegen das schräge Flockenstieben in die Stirne, beugte den Oberkörper gegen die kalten Stöße des Nachtwinds vor und setzte, das lahme Bein nach sich ziehend, seinen einsamen Weg nach dem Bahnhof fort. 11. Tief innen im kurländischen Winterwald, unter mächtigen Fichten, durch deren verschneites Geäst nur der blaßblaue, nordische Himmel neugierig lugte, eine halbe Meile vom Eisgang der Düna, hatten sich die deutschen Pioniere eingenistet wie die Biber im Bau. Ihre moosgedeckten, mit Rasen gestopften Blockhütten zogen sich halb oberirdisch am Hang einer sonnigen Mulde entlang, die als Lichtung in der tiefen Waldeinsamkeit eingebettet lag. Die eingesetzten Glasfensterchen blinkten. Die Namen der einzelnen Villen prangten schwarz auf weiß. Die Feldkanzel aus rohem Fichtenholz stand abseits. Auf der anderen Seite stieg der Mittagsrauch aus der unterirdischen Küche. Ein gefrorener gelber See davor war gestern Erbssuppe gewesen, die aus dem von einer Schrapnellkugel durchlöcherten großen Kessel geflossen war. Es war ein Zufallstreffer der Russen. Sonst konnten sie lange suchen, ehe sie die verborgene Winterfrische entdeckten. »Die Pioniere haben's viel zu gut! Finden Sie nicht?« »Wenn Herr General wüßten ... Keine Ruh bei Tag und Nacht ...« »Na – für unsereins ist das hier das reine Idyll!« Der deutsche Brigadekommandeur stand mit seinem Stab auf der sonnenwarmen, fast schneefreien Waldblöße, sah auf die Uhr und sagte zu seinem Adjutanten: »Na – los nach vorne! Die Chaussee liegt unter feindlichem Feuer? Schön. Da schlängeln wir uns also weiter seitwärts durch die Büsche!« »Wollen Herr General uns nicht zuvor im Kasino die Ehre geben? Der ostpreußische Maitrank ist schon bereit!« »Na – auf einen kleinen Stehschoppen – da bin ich kein Unmensch!« »Wenn ich gehorsamst bitten darf – hier ist der Eingang zu unseren Gemächern!« Das Kasino war ein kleiner Keller unter der Erde. Eine Leiter führte hinab. Unten brannten schon zwei Kerzen auf dem Tisch zwischen den rauchenden Punschgläsern. Pünktlich in dem Augenblick, als man in die Unterwelt hinabkletterte, stimmte unten das Grammophon aus der Ecke, den ›Einzug der Gäste in die Wartburg‹ an. Aber der General hemmte, noch im Tageslicht, auf der obersten Sprosse den wegen der Sporen schräg gestellten Fuß und sagte: »Nanu – ein Zivilist! ... Wo kommt denn der her?« Aus dem Wald schritten zwei Herren über die Lichtung. Ein Hauptmann in Feldgrau und neben ihm ein junger Mann mit blondem Schnurrbart, die Zigarette im Mund. »Dabei hinkt er auch noch!« »Es ist einer von den Baronen hier. Es war uns schon telephoniert, daß er mit dem Hauptmann von Roland hier durchkommen würde!« »Nach vorn?« »Zu Befehl!« Bis zu dem Pionierdorf waren schon ein paarmal kurische Barone aus der Nachbarschaft zu Besuch gelangt. Aber weiter gegen die livländische Grenze hin war der volle Ernst und die Gefahr des Krieges. Der General blieb dienstlich erwartungsvoll stehen, bis der Hauptmann von Roland auf ihn zutrat und halblaut Meldung erstattete. Gleich darauf reichte er dessen herangekommenem Begleiter die Hand. »Ach so! Sie sind das, Baron Kerkhuß! ... Schön! Befehl von oben, Sie durch unsere Linien zu lassen! Die Geschichte ist aber mehr wie brenzlig! Das ist Ihnen doch klar?« »Jewiß doch, Herr Jeneral!« »Also: ich wasche meine Hände in Unschuld! ... Na, meine Herren: heute scheint Ihnen ja der Russe nicht in die Suppe gespuckt zu haben!« Der General nahm lachend mit den anderen am Tisch in dem unterirdischen Kasino Platz. Der kleine Raum war gedrängt feldgrau mit schwarzen Schlagschatten und flackernden Kerzenlichtern, und hell in ihnen Waldemar Kerkhuß' blonder Haarschopf über dem nachlässig-kühlen, in keiner Weise erregten Gesicht. »Wie Sie das nun eigentlich anstellen wollen, Baron Kerkhuß, ist mir ja, gelinde gesagt, schleierhaft ...« »Es ist da ein Mensch ... ein Lette ... Sein geräumtes Haus steht ganz nahe an der Düna ... an unserem Ufer. Ich besprach alles mit ihm: er weiß einen Weg durch die gefrorenen Birkensümpfe hier nebenan!« »Die Kerle drüben beehren uns ja auch von Zeit zu Zeit!« sagte einer der Herren. »Erst gestern schwammen zwei Sibiriaken auf einem Baumstamm bei der Mordskälte nackt zwischen den Eisschollen des Nachts zu uns herüber. Man friert, wenn man nur daran denkt!« »Sind sie abgeklappt?« »Beide tot.« »So kann es Ihnen auch gehen, Baron Kerkhuß!« »Wie denn? Wie sollte mich der Lette verraten? Er bekommt ja sein Geld erst nachher durch Baron Stier.« »Aber wenn Sie nun auch glücklich in Ihrem nordischen Zivil, mit diesem wohlhabenden Pelz und dieser schönen Mütze auf der anderen Seite stehen? ... Schon die Krähen wundern sich ja des Todes und melden es den Russen, daß ein fremder Herr aus Deutschland da ist ...« »Auch dafür ist jesorgt, Herr Jeneral!« Waldemar Kerkhuß sagte es einsilbig und in sich versonnen und setzte hinzu: »Es ist ein Jlück, daß der Lette etwas Deutsch kann!« »Verstehen Sie denn kein Lettisch?« »Nein. Nur Esthnisch. Erst hinter Dorpat bin ich wie zu Hause!« »Wenn Sie nur nicht statt dessen in Sibirien landen ... Na ... mir gefällt's!« Der General erhob sich. Er hielt sich ungern länger als drei Minuten beim Rasten auf. »Falls Sie sich mir anschließen wollen ... ich stecke jetzt die Nase mal ein bißchen nach Osten.« »Sehr jerne, Herr Jeneral!« Drunten, in dem kleinen, heißen, halbdunklen Raum war noch ein Hauch von Frieden und Heimat gewesen. Man hatte auf einem Sofa aus Kisten und Woilachen darüber gesessen. Es waren verschimmelte Photographien an den feuchten Wänden gewesen, ein in der Wärme angelaufener Spiegel, ein rötlich glühendes und krachendes Kanonenöfchen im Winkel. Hier draußen, in der schneidenden Kälte des Winterwinds, war nur noch der Krieg. Ein kurisches Rittergut lag, als man sich dem Waldrand näherte, als ein wüster schwarzer Trümmerhaufen im weißen Schnee, die hinteren Hälften von drei durch eine Granate in die Luft geschleuderten Pferden spaßhaft in einer Reihe ausgerichtet mit senkrecht emporgestreckten Hinterbeinen hoch oben auf dem verkohlten Stalldach. Eine lärmende Krähenversammlung herum. Davor, auf freiem Feld, mitten in der weißen Öde, drei leere Stühle, als hätten da nachts Geister Skat gespielt. Der eine Leutnant meinte es und machte halt. Man ließ jetzt seinem Vordermann zehn Schritte Abstand, bis man weiter durch die ausgetretene Schneespur stapfte. Es ging stumm im Gänsemarsch einen weißen Hügel hinauf. Man war jetzt schon nahe an der Düna. Ein hartes, kurzes Krachen ertönte zeitweise seitlings in der Nähe, ein eilfertiges Plackern brodelte dazwischen, wie von aufsteigenden Blasen im kochenden Wasser. Der General war jetzt ein anderer Mann. Immer noch guter Dinge, aber sein Gesicht grimmig heiter, seine Haltung belebt, als sei er zwanzig Jahre jünger. Er blieb hinter einem leeren Bauernhause im Gefechtsstand eines Regimentes stehen und empfing Meldungen und nahm dann selbst das Hörrohr zur Hand und telephonierte mit der Division. »Bei mir? ... Bei mir steht alles tadellos! Ich habe mir heute morgen schon meine Frühstücksrussen vorführen lassen! Zweihundert Kerle müssen mir jede Nacht gefangen werden! Sonst ist kein richtiges Leben in dem Betrieb. Wie befehlen Exzellenz ...?« Er horchte und verdrehte verzweifelt die Augen. »Wie? Im Nachbarabschnitt rechts? Der Russe hat sich festgesetzt und frißt immer weiter um sich? In Gottes Namen: Ich werde die Verstärkungen abgeben! Wie? Helsing läßt mir danken? Ich möge mich moralisch als umarmt betrachten? Bitte gehorsamst, ihm auszurichten, daß wir den Russen schon abquetschen werden. Helsing möge sich das Erdwerk nur dreist wieder auf der Karte blau anstreichen! Jawoll, Exzellenz: Nu erbitte ich mir aber von der Division ein Paar Badehosen! Ich bin ganz entblößt! Kein Mann mehr! Wie? Ich soll ein Paar pelzgefütterte kriegen? Danke gehorsamst! Angenehm bei der Kälte! Auf Wiederhören!« Oben auf dem Hügel tat sich vor Waldemar Kerkhuß, so wie zwei Jahre früher bei den Russen in Ostpreußen, die feierliche, lärmende Leere des Krieges auf. Das von unruhigen, unsichtbaren Luftgeistern erfüllte Nichts. Die geheimnisvolle, wesenlose Hand, die hier plötzlich einen weißen Schneeball in den blauen Himmel setzte, da unvermutet einen rötlichgrauen Rauchkegel aus dem beschneiten Boden schleuderte, dort einen jähen Springbrunnen aus der gefrorenen Sumpffläche spritzen ließ. Er stand hinter dem General. Den Fluß selbst konnte man hier von dem hohen Ufer nicht erblicken. Aber jenseits weithin in schneeigem Weiß und Sonnengold das leere Land. Es wuchs, je höher sie auf einer Leiter in die wackelige Windmühle emporstiegen, die den Hügel krönte. »Zu komisch, daß die drüben den ollen Kasten hier nicht umlegen!« sagte oben der General. »Aber sie tun's nicht. Sie haben irgendwas damit vor. Wahrscheinlich einen Anhaltspunkt für ihre höchst mäßigen Artillerieberechnungen.« Draußen pfiff es schnell und fein in der dünnen Luft. Mit einem »Tak« schlug unten etwas in das alte, trockene Holz. Der General setzte sich im Fenster der Windmühle vor das Fernrohr und beschaute so angeregt die Gegend, wie ein Vergnügungsreisender eine Schweizer Landschaft. Die Adjutanten standen neben seinem Stuhl. Man sah von dem hochgelegenen, im Winde leise schwankenden Raum wie aus einem Taubenschlag über Livland hin. Kein Mensch war zu erblicken. Nur drüben in dem vom Sonnenschein in tausend Kristallen glitzernden Schnee die stille, verräterische, endlose Reihe der niederen, braunen Pfähle. Die Offiziere sprachen leise miteinander. Sie nannten sich die Namen einzelner deutscher Höfe und lettischer Dörfer. Dann hörte Waldemar Kerkhuß, wie einer sagte: »Bei klarem Wetter sieht man ganz dahinten die Türme von Riga ...« Jetzt, am Nachmittag des kurzen Spätwintertages, war schon zu viel grauer Nebel am fernen Himmelsrand. Die unerlöste alte deutsche Stadt am Meer, das unbefreite, weite baltische Land drüben verschwammen in trübem Schein. Waldemar Kerkhuß' Augen hingen an dem großen Schweigen jenseits der Düna. Es wehte ihm wie eine bange, stumme Frage in dem kalten Nordost entgegen: Wann kommt ihr? Wir hoffen und harren! ... Dort drüben war die Heimat, zum Greifen nah und scheinbar unerreichbar fern. Die braunen Pfähle wanden sich dazwischen gleich einer von Meer zu Meer geringelten Riesenschlange. Man sah nicht den Stacheldraht, die elektrischen Kabel, die Flatterminen, die Wolfsgruben. Man sah den Moskowiter selber nicht. Aber man wußte: er hielt Wache. Er saß da unten, zu vielen Tausenden gedrängt, in warmen Erdlöchern unter dem Schnee und quoll wie ein Schwarm Schlupfwespen braun und massenhaft und stechlustig heraus, wenn man ihn aufrührte. Dort drüben war seit Jahr und Tag die Grenze Halbasiens, das Ende der Welt. Kommt! ... Kommt! ... Ferne Stimmen riefen es in Waldemar Kerkhuß' Ohr. Stimmen aus Schloß und Pastorenhaus, aus Bürgergiebeln und Handwerksstuben, aus Gelehrtenzimmern und Schulsälen ... Kommt! ... Der Reuße über uns! ... Wir erliegen dem Sturm des Ostens wider die Ostsee! Der Völkerwanderung aus Asien! ... Kommt, ehe es zu spät ist! Waldemar Kerkhuß zündete sich eine Zigarette an. Seine Hand zitterte. Der General bemerkte es. Er hatte sich erhoben. »Sie sehen es ja jetzt an Ort und Stelle,« sagte er. »Ein Kinderspiel ist der Krieg nicht. Am Pfefferkuchen wird bei uns nicht geknobelt. Niemand zwingt Sie, den Kopf in die beinahe sichere Schlinge da drüben zu stecken! Überlegen Sie sich's noch mal! Jetzt steht Ihnen noch der strategische Rückzug frei. Am Gottes willen, warum sehen Sie denn so zornig aus?« »... bei dem Jedanken, zurückzujehen, Herr Jeneral!« »Sie wollen die Geschichte also wirklich riskieren?« »Wenn ich jenau wüßte, daß ich bis morgen früh tot bliebe, jinge ich doch hinüber!« »Ich ahnte gar nicht, daß Sie solch ein Fanatiker sind. Sie machten mir eher einen kühlen Eindruck.« »Es jibt auch kühle Fanatiker, Herr Jeneral!« »Scheint! Also schön ...! Dann kommen Sie mit nach vorne! Jetzt wird's ernst!« Vorn, ganz vorn, in der äußersten vorgeschobenen Stellung, in der man den Atem anhielt und den Russen förmlich zu riechen glaubte, der drüben auf dem anderen Flußufer saß. Nichts rührte sich. Auch das Geböller und Gepolter im Nachbarabschnitt hatte aufgehört. Es klang sonderbar im leeren Raum, als der General unterdrückt hustete. Er holte einen dicken Stoß Zeitungen und einen ebensolchen Pack Zigarren heraus, die er in seinen Manteltaschen mitgebracht, und gab sie den Leuten und zündete sich selber eine Zigarre an. »Nett habt ihr's hier, Kinderchen,« sagte er. »Na – was machen Sie denn da für Kunststücke, lieber Roland?« Vor ihnen verlor sich ein Laufgraben nach vorn, flachte sich allmählich in einer gekrümmten Linie ab. Man mußte sich immer tiefer ducken, wenn man ihn entlang schlich. Der Hauptmann von Roland hatte sich nicht genügend gebückt. Sein grauer Mützenrand hatte einen halben Finger breit über die Brustwehr hinausgeragt. Fast im selben Augenblick spritzte hart daneben der Schnee in losen Brocken auseinander. Eine Beule in dem heruntergeklappten Schutzschild klirrte. Der Hauptmann ging schleunigst tiefer in Kniebeuge und kam so zurück. Von drüben wehte über den Fluß ein schwacher Knall. »Die Brüder schießen gar nicht so schlecht!« »Das sind die sibirischen Eichhornjäger!« »Und dann haben sie noch englische Aufsatzspiegel am Gewehr!« »Sie sehen, Baron Kerkhuß: Hier ist die Welt mit Brettern zugeschlagen!« Waldemar Kerkhuß dachte sich: Sibirien hier zwischen mir und der Heimat, Sibirien vielleicht auch dort statt der Heimat, wenn sie mich entdecken! »Aber wie denn?« sagte er. »Wozu dem Russen den Jefallen tun und ihm in den Rachen laufen? Man wird weiter bis zu den jroßen Sümpfen jehn müssen, die sich an diese Stellung hier anschließen. Kein Mensch kann sie betreten, weder Sie noch die Russen. Das Eis hält nicht mehr. Wir haben Anfang März neuen Stils. Man bricht um diese Zeit schon in den Mooren ein und erstickt ...« »Und Sie wollen trotzdem ...« »Wie sollte ich nicht? Ich bin im Sumpf zu Hause. Wir jingen schon als Jungen, wenn es fror, und jagten auf den Elentierfährten. Ich fühle es im Jeiste, ob das Moor unter mir trägt oder nicht. Ich brauche nur diesen Letten Lackat, der mich führt.« Sie gingen eine Strecke zurück. In einem winzigen Waldhaus mit ausgebranntem Dach war der Bataillonsstand. Neben dem noch bewohnbaren Raum zur ebenen Erde ein eingegrabener und überdeckter Unterstand für den Fall der Not. »Da ist ja ein Unteroffizier mit einem Eingeborenen!« Ein langer, finsterer, entschlossener Mann stand da im umgedrehten Schafpelz und hohen Schnürstiefeln. Er hielt die Pelzmütze in der Hand. Sein grobes Gesicht war hart, aber dabei verschlagen. Waldemar Kerkhuß sprach halblaut mit ihm und sagte dann ebenso zu dem General: »Ich jlaube, es ist ein Halbdeutscher. Ich habe einen Blick für diese Leute. Ich werde mich ihm anvertrauen. Wir schleichen, wenn es dunkel wird, dort seitwärts in das Dickicht und zum Fluß ...« »Nun denn, Gott befohlen!« Der folgende Tag war ebenso kalt und sonnig. Wer nicht wußte, daß Riga im Krieg war, der hätte es in der mächtigen Ostseestadt nur an dem dumpfen, Winterlichen Gewittergrollen in der Ferne, den Massen von felbbraunen Mänteln, spitzen schwarzen Pelzmützen, blauen Uniformen der Kronsschiffe und an dem Fehlen aller deutschen Laute auf der Straße gemerkt. Der Krieg durchfieberte das hastende Hafentreiben zu beiden Seiten der breiten Fläche der Düna. Wie sonst wimmelten die Menschen aus der Sünderstraße über die Pontonbrücke, rollten die Züge hoch über dem Fluß hinüber zur Mitauer Vorstadt, wirrte es zwischen dem Rathaus und den Mastspitzen am Markt. Eine Gruppe junger russischer Offiziere der Kronstadter Flottenequipage ging da auf dem Rückweg zum Bahnhof nach Dünamünde und Hafendamm. Sie schlenderten die breiten Anlagen hinauf. Hier war ein weltläufiger, russischer Verkehr, Damen nach neuester Mode und mit Pariser Hüten, Kronsbeamte im Zivilstaatskleid des Tschin, Uniformen des Zarenheeres und der Flotte in Menge. Plötzlich blieb der eine, noch ganz junge, hellblonde Marineoffizier stehen. Der neben ihm frug ihn auf russisch: »Was hast du, Michael Konstantinowitsch?« »Siehst du den Linienoffizier da mit umgehängtem Mantel, der drüben geht – da gerade an den Bettlern vorbei?« »Der Verwundete, der ein wenig das Bein nachzieht? ...« »Ja! Er!« »Nun, Gott mit ihm! Was soll's?« »Wenn ich nicht wüßte, daß mein Bruder Waldemar niemals gedient hat und daß er längst drüben bei den Deutschen ist, so würde ich schwören, daß er es war!« »Schaut doch: Kerkhuß sieht Gespenster!« »Komm, Michael: da ist der Tuckumer Bahnhof!« Aber der junge Baron Michael Kerkhuß machte sich von dem untergehakten Arm frei. »Ich muß doch sehen ...,« sagte er und eilte quer über die Straße, blieb stehen, schüttelte den Kopf, kehrte zurück. »Zu merkwürdig! Ich sah ihn noch einmal in der Entfernung und er mich, scheint mir, auch, als er sich zufällig umdrehte!« »Und dann?« »Er winkte an der Ecke des Thronfolger-Boulevards einem Fuhrmann, stieg ein und fuhr davon!« »Lasse ihn fahren! Dein Köpfchen brummt dir noch von unserem letzten Gespräch mit den Deutschen draußen in der Bucht!« »Taub mag man von dem Kanonendonner werden, aber doch nicht blind!« sagte, auf die Uhr sehend, der junge, russische Marineoffizier. »Doch natürlich habe ich mich getäuscht! Wie käme Waldemar hierher! Nun – es ist Zeit, daß wir wieder auf unsere Schiffe kommen!« Draußen, auf der Ostsee, war noch grauer, in Sturmstößen brüllender Winter. Aber die Eisschollen, die, wild übereinandergetürmt, einen unabsehbaren Gletscherwall längs des baltischen Strandes bildeten, waren schon von Seewasser und milderer Luft zernagt, die Stunden wurden länger, an denen das Tageslicht über die endlos wandernden Wellen schien. Über das Land hin, über Haide und Weide, Wald und Feld und Bruch wehte das erste nordische Frühlingsahnen, die Märzstimmung der Schneeschmelze, der strömenden Dächer und schwimmenden Straßen in den Städten, des ersten braunen Bodens auf dem Lande. Das russische Erwachen aus dem Winterschlaf in dem ungeheuren Reich der hundert Völker und der hundert Sprachen. Kirgisisch und Kalmückisch, Burjätisch und Tatarisch, Sartisch und Tscherkessisch konnte man in der Völkerwanderung hören, die immer noch längs der Ostseeprovinzen gen Westen strömte, aber, mit Ausnahme der vielen deutschen Fremdwörter in der russischen Sprache, keinen deutschen Laut. Der Dorpater Hochschullehrer Professor von Silverharnisch, der an einem dieser milden Abende des Frühlings 1916 im Begriff war, vom Schloßberg zur Stadt hinabzusteigen, hatte drüben, in den Anbauten der Hochschule an die malerischen Trümmer des seit Jahrhunderten niedergebrannten Doms und in der Universitätsbibliothek im Innern der Ruine, nur Russisch gesprochen. Aber seiner hohen, schon lange ergrauten Erscheinung sah man das alte deutsche Blut der Ostseeprovinzen an. Das war nicht jener träumerische Steppenzug auf slawischen Gesichtern, sondern geistesstarke, in den Willen zur Erkenntnis umgesetzte deutsche Tatkraft eines nordischen Pioniers deutscher Wissenschaft, eines der letzten, die noch ungebeugt trotz Verrussung und Verfolgung, trotz Heiligsten Synods und Petersburger Tschins den hundertjährigen Geist der deutschen Hochschule in baltischen Landen in sich bewahrten, aus sich atmeten, selbst in der fremden Sprache, in der sie lehren mußten, noch um sich verbreiteten. Der Dorpater Professor stand in den verschneiten Parkanlagen des Schloßbergs und sah auf das nordische Heidelberg hinab. Die kleine Musenstadt lag friedlich mit ihren niederen Dächern in das Hügelland gebettet. Der Embach führte zwischen ihr seine von der Schneeschmelze geschwellten Wellen zum nahen, weiten, stillen Sumpfmeer des Peipussees. In der Luft war ein ungestümes Rauschen und Brausen der Windstöße. Die Wolken flogen am Himmel. In diesem Sturm um die Ohren hörte Professor von Silverharnisch hinter sich die Stimmen zweier vorübergehender russischer, uniformierter Studenten, östliche Gestalten, aus einer der slawischen Hochschulen im Innern des Reiches oder der notdürftigen Viertelsbildung eines orthodoxen Klosterseminars entsprungen. War doch schon vor dem Krieg die Zahl der deutschen Studenten der Jurjew genannten Universität auf wenige Hundert gesunken, die der Russen, Polen und Hebräer auf beinahe zweitausend gestiegen. »Hast du Nachrichten?« »Ich habe. Da sind nicht nur Brotunruhen in Petrograd! Tausende kämpfen vor den Mehlmagazinen des Alexander-Newski-Klosters. Der Polizeimeister und die Kosaken sind zurückgeschlagen ...« »Wie mag es in Moskau sein?« »Wie soll es aussehn: Die Stadt ist beinahe dunkel. Kein Licht. Keine Kohlen. Kein Brot. Aber nicht das ist es! Es ist mehr, was jetzt geschieht!« Während der Professor zur Stadt hinabstieg, klangen in seinem Ohr diese halblauten Worte einiger beliebiger junger Russen nach, gleich dem letzten, schwachen Widerhall eines ungeheuren Erdbebens, das durch ganz Rußland, von den Urwäldern am Stillen Weltmeer und den Baumwollfeldern Zentralasiens bis zu den Palästen an der Newa, den goldenen Kuppeln auf dem Kreml zitterte. Es war wie ein ferner, unterirdischer Donner, der langsam näher rollte. Da wieder: zwei russische Offiziere. Die feldbraunen Pelzmäntel um die Schultern gehängt, die Papyrossen schief im Mund, stiegen sie atemlos auf halber Höhe des Schloßbergs an dem Gelehrten vorbei aufwärts. »Und der Zar? Wo ist er?« »Er soll abgereist sein ... nach Pskow ... irgendwohin ...« »Zu den Truppen?« »Ich weiß nicht ...« Dies allrussische, alltägliche, ergebungsvolle: Ich weiß nicht ... Und ein Unterton: Es ist ja auch gleich, wo der gekrönte, eigensinnige Schwächling weilt, um den herum eine asiatische Palastrevolution der anderen folgt, ein Ministerium das zweite stürzt, der am Morgen ernannte Feldherr am Abend schon wieder seine Entlassung durch den Fernsprecher vernimmt. Mag er inmitten seines letzten Stabes kaukasischer Garden nicht weit von hier, da unten am Südufer des Peipussees sitzen, der schattenhafte Purpurträger, auf den die Großfürsten einhadern, dem Mißvergnügte den Günstling, den Wundertäter und Weiberhelden beinahe unter seinen Augen ermorden, der, zitternd wie der Tisch, an dem er rückt, ein paar Seelen aus dem Jenseits beschwört, während er zugleich viele Millionen von Menschen in das Jenseits sendet. Er wird Rußland nicht retten. Es rollt eine Woge heran. Ihr Schaumkamm reicht bis zum Himmel. Ihr Brüllen übertönt selbst den Donner der Geschütze. Die Geister kommen, die du gerufen. Die unsichtbare Welt wird offenbar. In Asien und Europa wankt das Rußland des hellen Tages. Das unterirdische Rußland steigt empor ... Unten in der Stadt traf der Professor einen Freund. Einen Deutschen. Einen Petersburger Akademiker. Sie reichten sich hastig die Hand, traten in einen Hausflur, sahen sich um. Sie sprachen auch jetzt noch Russisch. »Kommst du aus Petrograd?« »Vorgestern verließ ich es.« »Was ist ...?« »Es ist wie der Eisgang auf der Newa. Alles setzt sich allmählich in Bewegung. Alles löst sich los, wird frei. Warum es gerade jetzt kommt ... Du kannst es so wenig vorher wissen wie beim Eisgang, ehe der Kanonenschuß das Zeichen zur Wasserweihe gibt.« »Schießt man schon?« »Man schießt. Die Preobraschenzen tragen rote Bänder an den Gewehren! Das Moskauer Stadthaupt erklärt sich öffentlich für den Aufruhr ...« »Also ganz Rußland ...?« »Rußland!« »Weißt du, was das heißt?« »Niemand kann es ermessen. Es wird da etwas wach ... Nein ... es stürzt da alles ... Alles gibt auf einmal nach ... alle Mauern wanken ... Man sieht es und wagt es nicht zu glauben! Othmar: sollte das das Ende sein?« »Wenn es das Ende ist, dann ist es der Anfang!« sagte der Gelehrte. Er betrat seine Wohnung in der Ritterstraße. Auch hier schwirrte es von Gerüchten, als habe man in der hereinbrechenden Dunkelheit Fledermäuse aufgestört. Das Haus, die Stadt waren davon voll. Frau und Töchter berichteten in flüsterndem Deutsch: Ein Ultimatum Petersburgs an den Zaren. Als einzige Antwort ein Ukas an den Minister: Jage die Volksvertreter auseinander! ... »Wer sagt es?« »Die russischen Offiziere erzählen es überall.« Der Diener, ein stiller Herrnhuter, trat heran: »Ein russischer Offizier sitzt seit zwei Stunden im Studierzimmer und wartet.« »Was will er?« »Er sagte es nicht.« »Kennst du ihn?« »Nein. Er sprach Deutsch!« »Deutsch? In Uniform?« »Ja. Wahres Deutsch!« Der Dorpater Professor schüttelte den Kopf und trat ein. In dem Zwielicht erhob sich aus dem Sessel am Fenster die Gestalt eines jungen blonden Mannes in feldbraunem Mantel und hohen Stiefeln. Die schwarze Lammfellmütze lag daneben am Boden. Er reichte dem Hausherrn die Hand und sagte, so als ob sich das von selbst verstände: »Nun – da sind Sie! Ich habe Ihre Stimme draußen jehört. Ich wollte Sie auf der Durchreise besuchen!« »Lassen Sie doch einmal schauen... Drehn Sie sich jefälligst zum Licht! ... Herrjott ja: Kerkhuß! ... Sind Sie das wirklich?« »Nun ja doch! Jewiß!« »In russischer Uniform?« »Man fährt bequemer! Es ist alljemeine Verwirrung. Niemand fragt mehr auf den Bahnhöfen, woher man kommt, wohin man jeht. Übrijens habe ich auch Papiere.« »Sie dienen in der russischen Armee?« »Ich? Erbarmen Sie sich! Unter den Mongolen? Ich jehöre nicht nach Asien! Ich käme nur auf dem Weg nach Sibirien hin!« »Nun eben... Jeder hier im Lande weiß doch: Sie sind jeächtet!... Man hat Sie verurteilt...« »Deswejen zog ich ja dies Jewand des Zaren an, als ich jlücklich durch die deutschen Linien war!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Es war da alles vorbereitet. Ein Lette half mir, ein fixer Kerl. Selbst mein lahmes Bein hilft mir. Die Damen machen mir auf der Straße Platz: Ehre dem Verwundeten! Nun ... so führte mich Gott bis hierher!« »Und nun?« »Nun – man wird sehen! ... Sobald ich das esthnische Sprachjebiet erreicht habe, jibt es einen Esthen mehr im Lande. Als ich klein war, mahnte meine Mutter oft: Junge ... spiele nicht immer mit den Kutscherkindern! Du wirst noch Läuse kriejen!! Und später: Lieje nicht ewig mit dem Jäger im Walde herum! ... Wie sehen deine Hosen aus! Ich werde dich die alten aus Elenhaut vom Urjroßvater anziehn lassen! ... Nun ist es jut, daß ich mit den Esthen zu denken und zu reden vermag.« »Aber was wollen Sie tun?« Waldemar Kerkhuß saß schon ganz in dem Dunkel, das er suchte. Nur der Lichtpunkt seiner Papyros blinkte durch das Zimmer. »Man muß nicht nur die Deutschen vorbereiten, daß Deutschland kommt ...,« sagte er. »Auch die Esthen. Dies Volk schläft. Sein Gott liegt unter dem Dom zu Reval bejraben. Das ist der Sinn der Sage, daß dieser Kalewapoeg einmal aufwacht. Er, war schon einmal nahe daran, jejen uns, im Aufstand vor zehn Jahren ...« »Sie wurden damals schon totgesagt, als Sie allein hundert Bauern entjejenritten!« »Die Leute jingen heim, als ich mit ihnen jütlich sprach! Sie sagten: Der Kerreküllsche Baron, der junge, will es! Ich war damals wenig über Zwanzig. Wir müssen den schlafenden Esthen unter unserem Ritterdom aufwecken, nicht jejen uns, sondern mit uns! Für uns! Daß wir das nicht taten, wie es die Ordensbrüder in Preußen taten, das ist der jroße Fehler der Verjangenheit! Wir hießen die Schwertbrüder. Wir trugen das rote Schwert und Stern auf weißem Mantel. Wir waren durch Jahrhunderte die Herren. Es jenügte uns, mit dem Schwert zu erobern und mit dem Jus Lubecense zu rejieren! In dieser Weltanschauung bin ich noch aufjewachsen. Man ist ja das Jeschöpf seiner Ahnen. Man lebte mit den Toten. Sie hatten jejen die Lebenden recht.« »Die Zeiten sind vorbei.« »Das ist es!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Und darum trieb es mich jetzt zu Ihnen. Ich habe zu Ihren Füßen im Hörsaal in Dorpat jesessen. Sie sind einer der wenigen lebenden Menschen, die meinen hochmütijen Jeist beeinflußt haben. Sie haben mir den ersten Blick in die deutsche Weite jejeben. Ich war durch Sie ein Deutscher, ehe ich es wußte ... Übrijens: Seien Sie unbesorjt. Noch ahnt kein Russe, daß ich im Lande bin.« Der Professor erwiderte nichts. Aber er zog doch der Vorsicht halber die Vorhänge vor. Dann wurde das Zimmer hell von Licht. Waldemar Kerkhuß fuhr fort: »Was ich Ihnen damit verdanke, habe ich erst später jemerkt! Ich war vor dem Krieg in Amerika! Ich jing im Krieg wie ein Jeisterseher durch Europa! Ich war überall. Ich sah die Menschen hüben und drüben. Ich habe bejriffen, daß dies Morden der Körper ein Kampf um die Seelen der Menschen ist!« »Alles Jroße ist schließlich immer nur ein Kampf um die Seele!« »... Niemals hat der Russe eine Seele jewonnen! Das kann er nicht! Er legte nur seine Tatze auf uns wie auf alle Randvölker von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Er bedrückte unsere wache Seele und ebenso die schlafende esthnische. Die beiden waren durch Jahrhunderte jetrennt. Wir hielten uns hochmütig fern, statt deutschen Jeist in die Nacht um uns zu senden. Wir müssen es nachholen. Vielleicht waren wir zu schwach an Zahl. Jetzt wird eine deutsche Welle kommen und uns helfen. Deutsch und Undeutsch müssen künftig Schulter an Schulter nebeneinanderstehen auf Vorposten jejen Osten.« Waldemar Kerkhuß lachte und zündete sich eine neue Zigarette an: »Ich möchte, wenn ich das ausspreche, nicht in der Ahnenjruft in Kerreküll sein! Verschiedene meiner Vorfahren drehen sich da augenblicklich jedenfalls im Jrabe herum. Ich kann ihnen nicht helfen. Diese Zeit wäscht zu viel mit ihrem blutigen Schwamm ab. Als ich ein junger Mensch war, saß ich tagelang, den Kopf in den Händen, und las in der Familienchronik. Aber vorläufig habe ich das Buch zujeklappt. Es ist in ihm nicht mehr alles zeitjemäß!« »Was an ihm gut ist, haben Sie in sich!« sagte der Professor von Silverharnisch, »... wenn es der rechte Weg ist, daß Sie, ein einzelner, falls ich Sie janz verstehe, wie ein David jejen den Joliath, in Ihrer Heimat den Kampf jejen Rußland aufnehmen wollen ...« »Wie sollte ich nicht – jetzt, wo es auf den Sommer zujeht? ... Im Winter kann man unsere Häuser, die Jesinde und die Krüge durchsuchen, die Ställe, selbst mit der Jabel in den Mist stechen. Aber wie will man im Sommer jemanden bei uns im Birkensumpf finden? ... Ich jlaube nicht, daß mich die Russen je in ihre Jewalt bekommen! Und wenn – nun, man kämpft. Man stirbt. Das wäre doch jetzt meine Aufjabe als Edelmann, wenn ich nicht das störende lahme Bein hätte!« Auf einmal wurde der blonde junge Mann im russischen Offiziersmantel erregt. Er sprang auf. Er trat auf den andern zu. »Nur das eine möchte ich von Ihnen wissen, ob mich diese janze Hoffnung, auf die ich alles, was ich bin und habe, jebaut habe, nicht trügt! Wenn ich jetzt in meinem Feldbraun unentdeckt zwischen den Moskowitern saß, wenn ich dies Asien auf dem Marsch um mich sah, wenn ich ihre Jesichter bis in den Hindukusch hinein sah, ihre Jespräche aus zwei Weltteilen hörte ...« »... nun ...« »... manchmal kam mir doch der Kleinmut: Kann man eine solche Sintflut überhaupt bannen? Wenn man die Russen da vorn zu Millionen jefangenimmt und totschießt, sind da nicht längst schon wieder neue Millionen unterwegs? Wimmelt es nicht immer wieder aus dem halben Asien heran, kribbelt es nicht in janz Europa vom Ural bis Polen? ... Kommt nicht am Ende doch wieder die jroße russische Nacht?« Waldemar Kerkhuß hatte sich in den Sessel am Fenster geworfen und sah durch den Seitenspalt im Vorhang in das Dunkel hinaus. Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter. Der Dorpater Professor stand neben ihm. »Wenn Sie an den Kampf um die Seelen jlauben,« sagte er, »dann müssen Sie auch an die Jesetze jlauben, die über dieser Jeisterschlacht schweben! Diese Jesetze erfüllen sich nach einem höheren Willen. Die Schöpfung jreift immer zur rechten Zeit ein. Sie hat immer im letzten Augenblick Europa vor Asien bewahrt! Alle Hunnenstürme sind schließlich am Westen zerschellt, von Attila bis zum Jroßfürsten Nikolai! Deutschland hat immer diese Stürme aufjefangen, von Heinrich dem Städtebauer bis zu Hindenburg. Deutschland wird auch dieses Mal das Werk vollenden, das es bejonnen hat ... Deutschland wird nach dem Osten kommen! Denn für Deutschland kommt das Licht aus dem Osten!« Waldemar Kerkhuß drückte dem Älteren die Hand. »Ich danke Ihnen!« sagte er. »Sie haben mich jestärkt. Ihr Jlaube hat auch mir jeholfen. Ich bin wieder der alte! Nun mit Gott! Ich habe Sie jesehen. Ich muß nun weiter!« Er wollte zur Tür. Rufe hallten draußen in der dunklen Nacht. Laute Stimmen auf den Straßen. In Lettisch. In Esthnisch. In aufgeregtem Russisch. Der Professor löschte das Licht, so daß man von außen seinen Besucher nicht sah. Dann riß er ein Fenster auf. Kalte Märzluft strömte herein. Mit ihr von unten ein Gespräch in raschem Vorbeigehen. »Auf dem Weg nach Pskow?« »Ja doch. In Bologoje!« »Alle Minister sind gefangengesetzt!« Der Professor beugte sich aus dem Fenster vor. Er hörte aus dem Dunkel der Straße gegenüber hastiges, gedämpftes Russisch: »Zehntausende stehen in Petrograd vor dem Taurischen Palast!« »Vor der englischen Botschaft singt man die englische Nationalhymne!« Dunkle Uniformen blinkten auf. Studenten kamen im Laufschritt vorbei. Slawische Gesichter. Ihre Augen flackerten. Ihr Atem rauchte zwischen den offenen Lippen. Sie erkannten den Professor oben. Sie hörten seine Frage: »Was geschah in Petrograd?« »Nicht in Petrograd! In Rußland!« »Rußland ist frei!« »Was heißt das?« »Der Bürger Nikolai Romanow hat abgedankt!« »Es gibt keinen Zaren mehr!« »Es wird nie wieder einen geben!« Die Studenten rannten weiter. Offiziere rasselten in kleinen Einspännern vorbei. Baltische Landarbeiter zogen im Trupp mitten auf der Straße. An der Schirmmütze des Vordersten flatterte etwas, was man seit dem blutigen Sonntag vor einem Jahrzehnt in Petersburg und dem Aufruhr hinterher nicht mehr gesehen – ein Fetzchen rotes Tuch. Der baltische Professor wandte sich zu seinem Besucher zurück. Auf seinem Antlitz lag der Ernst der Schicksalsstunde. »Die Zeit erfüllt sich!« sagte er. »Der Osten stürzt ein. Die Welt wird neu.« 12. Es donnerte in dieser esthländischen Sommermittagsstille, die nur das Rauschen des Birkenwalds um das bescheidene Herrenhaus von Kuistefer, ferne Axtschläge aus der Haide, das Summen wilder Bienen um den hundertfarbigen Blumenteppich des weichen, warmen Moosbodens erfüllte, es dröhnte von schwerem Faustschlag gegen das deutsche Haustor. Das Klopfen mit einer Säbelscheide hinterher. Ein lautes, russisches: »Belieben Sie, zu öffnen!« Baron Arwed Speerreuter lag drinnen auf seinem Junggesellenkanapee und machte seinen Nachmittagsschlaf. Er schlug unwillig die Augen zu dem Hauskerl auf, der barfuß, mit offener Hemdbrust und wirrer gelber Mähne hereinkam. »Wer ist da?« »Die Kronsbeamten, Baron-Herr!« Der Baron brummte etwas, ging an dem Koiames, dem Hausbesorger, vorbei und öffnete selbst. Vollbärtig und gebräunt, vernarbte deutsche Schmisse auf der Wange, stand er auf der Schwelle. Vor ihm russische Uniformen. Sie leuchteten auch zwischen den weißen Stämmen des Waldes ringsum. Ganz Kuistefer war umstellt. Sein Eigentümer begrüßte gemütlich den Polizeioffizier. »Wie denn: am Nachmittag, Pawel Antonowitsch? Sonst kamen Sie immer nachts um Vier, mich zu verhaften!« »Was hilft es. Sie in verstärkten Schutz zu nehmen? Man ließ Sie doch immer wieder frei!« »... weil mir selbst die selige Ochrana keinen Verstoß gegen einen Ukas oder Prikas oder eine örtliche Verfügung nachweisen kann! Ich sagte es vor drei Jahren schon, bei Beginn des Kriegs, dem Tapsküller Ehingen, als ihr ihn an meiner Seite festnahmt: Ohne Beweise keine Schuld! Rußland ist das Reich des Rechts! ...« »Das ist es jetzt, seit Nikolaus Romanows Sturz!« »Er kam nach Sibirien. Nun – er lebt doch! Brüggenoye auch! Mayen ist dort gestorben.« »Seien Sie froh, daß Sie nicht dort sind, Baron!« »Gott führte mich nie bis über Schlüsselburg hinaus. Ich wettete dort schon vor zwei Jahren mit Dreileven, daß man uns nicht verschicken würde. Schließlich gab man ihn wegen seiner Krankheit frei.« »Baron Dreileven ist unter Polizeiaufsicht und Sie auch!« »Das merke ich, wenn ich mich jetzt hier umschaue. Belieben Sie einzutreten!« Im Wohnzimmer des Göttinger Dr. jur. et cam. von Speerreuter waren die bunten deutschen Korpsbänder, die Mützen und gekreuzten Schläger an der Wand verschwunden. Er bot dem Russen eine selbstgedrehte Zigarette an. Beide rauchten. Die Biegsamkeit des Slawencharakters umfaßte zugleich äußerste Brutalität und wieder Höflichkeit bis zum Galgen. In diesem Geist sagte der Polizeioffizier lächelnd und scheinbar unverfänglich durch den Dampf der Papyros: »Sie sind der beste Freund des berüchtigten Baron Waldemar Kerkhuß!« »Wie kommen Sie auf ihn, Pawel Antonowitsch?« »Er ist bei Ihnen. Hier in diesem Hause.« »Nehmen Sie Feuer ... bitte! In meinem Hause? Wie das? Ist er denn überhaupt in Esthland?« »Bleiben wir ernst, Baron Speerreuter! Sie wissen besser als ich, daß diese verbrecherische Intelligenz heimlich herumschleichend seit langen Monaten das Gouvernement vergiftet. Er ermutigt aus seinen wechselnden Schlupfwinkeln heraus alle Übelgesinnten. Er spiegelt den Deutschen die nahe Hilfe der Heere Wilhelms vor, er wiegelt die Esthen gegen die englischen Verbündeten auf, die Landkäufe am Strand betätigen ...« »Was Sie sagen ...« »Er erzeugt, von Ort zu Ort ziehend, eine Verwirrung der öffentlichen Meinung, die einen gefährlichen Charakter angenommen hat. Und um so gefährlicher, als diese Meinung sich vor der Regierung des freien Rußlands verschließt und heimlich sich in der Hoffnung auf den baldigen Einmarsch der Deutschen bewegt. Dieser Kerkhuß steht mit den Deutschen in Kurland irgendwie in Verbindung! Er gibt ihnen Nachrichten von hier und empfängt Botschaften! Dies ist sicher!« »Ich würde ihn an eurer Stelle festnehmen!« sagte der Baron nachdenklich nach einem Schweigen und rauchte. Über das längliche, nach Kleinrussenart geschnittene Gesicht des Polizeioffiziers flog ein Schatten von Ungeduld. Aber er blieb sanft wie eine Katze. »Jedes Kind in Esthland weiß, daß unser Polizeiaufgebot seit Monaten hinter ihm her ist. Trotz seines lahmen Beins verstand es dieser Übeltäter bisher, sich allen Verfolgungen zu entziehen. Er tauchte zuerst in der Jerwenschen Gegend auf. Er wurde am hellen Tag in Weißenstein und überall in den Kirchspielen St. Marien Magdalenen, St. Peters, St. Johannis gesehen ...« »Mir ganz neu! Wahrlich, Pawel Antonowitsch!« »Sie wissen es, Baron! Auch daß Ihr Freund Kerkhuß sich dann in esthnischer Bauernkleidung nach Wirland wagte. Er trieb die Vermessenheit so weit, daß man seine Spuren bis Luggenhausen und selbst bis Waiwara fand ...« »Ein unruhiger Mensch!« »Allerdings! Er verschwand dort, nachdem er seine Giftsaat überall ausgesät und alle für den Deutschen Kaiser und die deutsch Gesinnten in ihrem Landesverrat ermutigt und viele zögernde Bürger Rußlands dafür gewonnen hatte. Wir haben die Beweise!« »Traurig, in der Tat!« »Es scheint, daß er dann irgendwo nach Harrien hinüberkam. Man merkte bald die Unruhe im Lande. In der Nähe von Jörden entging er eben noch der Verhaftung. Man jagte ihn bis Wink. Er kam bis zu dem Kirchspiel St. Michaelis herunter. In der Fickelschen Gegend schlug er einen Haken. Der Boden wurde ihm zu heiß. Er zog sich nach Norden, gegen die Küste, in seine Heimat zurück. Er treibt sein Unwesen seit Wochen in der Nähe seines ehemaligen Schlosses Kerreküll.« »Meinen Sie?« sagte der Baron Speerreuter. »Ich erzähle Ihnen dies, um Ihnen zu zeigen, daß wir über das Tun und Treiben dieses die Unaufgeklärten irreführenden Übeltäters auf das genaueste unterrichtet sind! Aus Petrograd kam jetzt der Befehl, ihn unter allen Umständen unschädlich zu machen. Die Engländer wünschen es! Mit Gottes Hilfe werde ich dies nun vollbringen!« »Wie das?« »Sie haben ihn hier im Hause!« Die feinen, mehr ruthenischen als russischen Züge des Polizeioffiziers waren schmeichelnd liebenswürdig. Er beugte sich, die Papyros im Mundwinkel, vertraulich vor, als säße er bei einem Freund. »Wir folgten doch seiner Spur. Sie ist, durch das Nachziehen des Fußes, nicht zu verkennen. Sie führte hierher zu Ihnen, nach Kuistefer! Geben Sie ihn uns heraus! Machen Sie keine Umstände! Nicht um Sie dreht es sich ja! Wie konnten Sie wissen, daß er sich irgendwo bei Ihnen verbarg? Es war ein Mißverständnis. Man wird es jetzt klären.« »Ich glaube gar nicht, daß Waldemar Kerkhuß überhaupt in Esthland ist!« sagte Baron Arwed Speerreuter mit großer Gemütsruhe. »Wie sollte er denn auch? Es heißt, man sah ihn erst kürzlich in Berlin. Irgendein hinkender Esthenkerl hat euch betrogen!« Der Russe stand auf. Er hatte immer noch sein unheimliches Lächeln. »Wie es Ihnen beliebt, Baron! Man wird Ihr Haus durchsuchen. Wehe Ihnen, wenn wir etwas finden!« Die schlitzäugigen und breitknochigen Gestalten, die sich auf seinen Befehl in einem übelriechenden Schwarm durch alle Räume des kleinen Gutshauses verteilten, hatten den Spürsinn von Wilden. Wie sie bei Plünderungen in Ostpreußen die Sofapolster aufgerissen, die Teiche abgelassen, die Dungstätten umgewühlt hatten, ehe sie alles anzündeten, so pochten sie hier an die Mauern, um hohle Stellen zu entdecken, stachen in die Heuhaufen über dem Stall, traten mit dem Stiefel gegen die Kornsäcke, ob da nicht ein Mensch darin sei, leuchteten in die Tiefe des Ziehbrunnens, ob sich jemand an der Kette da hinabgelassen, öffneten, mit um den Kopf gewickelten Kartoffelsäcken, die Tür des Bienenhauses, lösten das Kronsiegel von dem Spiritusschuppen der Brennerei, fuhren in der Räucherkammer mit Stangen in den Schornstein hinauf, daß der Ruß in Klumpen herabstürzte, und meldeten Stund' um Stunde: Da ist nichts! ... »Ich sagte ja: Waldemar Kerkhuß ist in Berlin! ... Nun ... ein Glas Atschischtschina zum Abschied, Pawel Antonowitsch, wenn's gefällig ist!« Pawel Antonowitsch war sehr übler Laune. Er lehnte das Gläschen mit dem wasserhellen Schnaps in plötzlicher wilder Barschheit ab. Seine Augen funkelten tückisch wie die eines Raubtiers, dem der Sprung auf die Beute mißglückt. »Ihr Haus bleibt weiter ständig von meinen Leuten bewacht!« befahl er kurz. »Für mich einen Wagen bis Laart! Dort ließ ich unser Fuhrwerk!« »Sie machten sich unnütz Mühe, die sieben Werst hierher durch den Wald zu schleichen, um mich zu überraschen, Pawel Antonowitsch! Wann werden Sie erkennen, daß ich ein ganz harmloser Mensch bin ...? Gut! Ich werde anspannen lassen!« Der Wagen mit dem Esthenkutscher auf dem Bock fuhr vor. Der Polizeioffizier lehnte die halbe Stunde bis Laart mißmutig rauchend in der Ecke. In Laart, bei dem alten Baron Awesand, war nichts zu holen. Das wußte er. Der greise Herrnhuter lebte fernab von der Welt wie ein biblischer Patriarch mit seiner ebenso frommen Frau inmitten seiner derselben Sekte angehörenden zahlreichen Freibauern. Der Russe hielt sich da nicht lange auf. Mürrisch stieg er aus der Kutsche. Der esthnische Fuhrmann auf dem Bock saß stumpfsinnig da und rührte sich nicht. Er war ein wahrer Sohn dieser nordischen, einsamen Welt. Wirre blonde Haarsträhnen fielen ihm über den Saum seines Rockes, hingen über die Ohren und die Stirn und mischten sich da mit dem kurzen, aber urwaldähnlich dichten Vollbart, der fast das ganze Gesicht überzog. Er schien zu schlafen, so still hockte er, das Haupt auf die Brust gesunken, die Zügel lose in den herabhängenden Händen, auf seinem Sitz, bis das letzte Räderrasseln in der Ferne verklungen und keine russische Uniform mehr weit und breit zu sehen war. Dann kam plötzlich Leben in ihn. Er schaute scharf nach rechts und links und stieg, das eine steife Bein vorsichtig schwenkend, vom Bock zur Erde. Der Baron Awesand stand unter den alten Linden vor seinem Haus. Die goldene Brille funkelte auf seinem stillen, weißbärtigen Gelehrtenkopf. Er blickte durch die Augengläser mit dem Befremden des Kurzsichtigen auf den Kuisteferschen Fuhrmann, der, den einen Fuß nach sich ziehend und vertraulich mit dem Kopf nickend, auf ihn zutrat. Dicht vor ihm blieb der verwilderte, flachsmähnige Waldmensch stehen und sagte auf deutsch: »Awesand – haben Sie die Jüte und schicken Sie den Wagen mit irgendeinem Kerl nach Kuistefer zurück! Ich muß weiter!« »Um Gottes willen – lassen Sie sich einmal betrachten!« »Aber ja doch ...« »Kerkhuß ... das ist Ihre Stimme ...« »Jewiß doch!« » Sie saßen auf dem Kutschbock ...« »Diesmal hätten sie mich beinahe jehabt! Nun, Awesand: Sie sind nicht von dieser Welt! Sie kümmern sich nicht um die Händel der Menschen! Leben Sie wohl!« Aber der Alte hielt ihn fest, hielt ihn mit beiden Händen, mit einer innigen Kraft, die niemand bei ihm vermutet hätte, mit einem zornigen Aufleuchten der sonst so milden blauen Augen hinter der Brille. »Erst nehmen Sie noch meinen Segen mit auf den Weg!« sagte er. »Jewiß: ich lebe mit unserm Herrn und Heiland! Das Fleisch jeht hin. Aber der Jeist bleibt. Der Jeist unseres Lutherschen Herrgotts. Nicht die Taube von Byzanz und die Kellerbässe der Moskauer Mönche ...« »Also selbst Sie, Awesand ...« »Jerade ich! Mein einziger Sohn ist bei Jumbinnen vor drei Jahren jefallen. Mein Jeschlecht jeht mit mir zu Jrab. Aber mein Jlaube soll bestehen, hier im Lande, und nicht von der Inquisition und dem Allerheiligsten Synod unter ihre russischen Transtiefel jetreten werden.« »Unser Jlaube ist jerettet, wenn ihr aushaltet, bis die Deutschen kommen! Sie werden kommen, Awesand! Sie werden kommen! Sie werden kommen!« »So wollen wir harren und beten, ich und die Meinen!« sagte der greise Herrnhuter. Er küßte Waldemar Kerkhuß. Dann frug er besorgt: »Wohin fliehen Sie jetzt?« »Fliehen? Wie denn? Ich schlendere durch das Jebüsch hinüber nach Alt-Sötthast. Der Tag ist ja schön!« Die Fahrstraße nach dem Tummeschen Gut zog sich schmal und schnurgerade, so weit man sehen konnte, zwischen zwei beinahe undurchdringlichen Mauern von Birkenwald dahin. Waldemar Kerkhuß hielt sich, so gut es ging, neben dem Weg. Auf dem bemerkte man in der Ferne einen Punkt, der auf dem menschenleeren Pfad langsam näher kam. Es war ein Esthenfuhrwerk. Nicht aus der Gegend. Kerkhuß erkannte es an der Art, wie das struppige Gäulchen fortwährend neugierig den Kopf nach rechts und links drehte und mit der Unbefangenheit des Naturtiers die neue Welt betrachtete. Er frug den jungen Kerl, der es lenkte, auf esthnisch: »Kommst du von Alt-Sötthast?« »Geh' nicht hin! Die Russen sind dort!« »Was machen sie?« »Sie werfen alles durcheinander. Auch in Pirküll. In Kuil. In Ettel. Überall sind sie.« »Warum?« »Sie suchen den Kerreküllschen Baron!« »Meinst du, daß sie ihn fangen?« »Sie sollen ihn nur fangen!« »Was hat er dir getan?« »So viel wie alle Herren! Alle Herren müssen aus dem Lande. Alles Land gehört den Bauern. Man muß es teilen!« »Und wenn die Herren nicht wollen?« »Man wird sie totschlagen und ihre Häuser anzünden!« Die Unterwelt des Landes tat sich vor Waldemar Kerkhuß auf. Eine jähe, unterirdische Stichflamme schoß hier in esthnischer Waldeinsamkeit aus dem sumpfigen Boden. Er kannte dies brennende Moor unter den Füßen. Er hatte schon vor dem Krieg in stiller Nacht das Grollen geahnt, er hatte jetzt in Wald und Haide, im Kommen und Gehen durch das Land das Zittern des nahen Erdbebens, das Gären der Geister, die schweren, ersten Sturmstöße durch die Seelen miterlebt. »Jetzt ist es Zeit, die Barone zu vertreiben!« sprach der Esthe. »Bisher schützte sie der Russe. Nun sind sie sein Feind.« »Und wer wird dich vor dem Russen schützen? Bisher tat es der Baron. Nun ist niemand mehr da!« »Der Russe tut uns nichts!« »Er wird dir dein Land nehmen, auch das, was du jetzt schon längst von den Baronen zu eigen hast. Hat denn der Russe eigenes Land? Nein – alles gehört allen. So wird es auch dir gehn. Du wirst ein Bettelmann!« »Sage das den Gesindewirten. Manche halten es ohnedies mit den Deutschen. Ich aber besitze nichts! ...« »Aber du wirst bald deine Hofstelle haben.« »Wann?« »Wenn die Deutschen kommen! Dann wird hier eine neue Ordnung sein! Was ist das jetzt mit deinem Flachs und Holz und Leder? Der Russe nimmt es dir nicht ab. Er hat es selber. Der Deutsche aber braucht es. Er wird es dir teuer bezahlen. Jeder wird zu Gelde kommen. Man wird ihm Land zum Kauf geben. Er wird frei sein! Seine Sprache wird zu Ehren gelangen. Man wird ihn achten. Alles wird besser, als es je war ...« »Wer bist du, daß du das alles weißt?« »Erzähle nur daheim, der Kerreküllsche Baron habe es dir gesagt.« Waldemar Kerkhuß stand wieder in dem tiefen Sumpfwald, dessen schirmenden Schatten nur Elentier und Birkhuhn, Wolf und Schnepfe, Stechmücke und Kreuzotter mit ihm teilten. Ein Unkundiger konnte tagelang in dieser Wildnis im Kreise waten, durch Dickicht brechen, in trügerischem, giftgrünem Morast versinken. Er selbst kannte hier keinen Weg und Steg. Denn es gab keinen. Ihn leitete der von Kindesbeinen an geschulte Instinkt des Waldläufers. Er ahnte, wo hinter dem grünen Blätterdach die Sonne sank, er roch die Nähe des nahen Meeres, er stieg über gestürzte Bäume, brach die trockenen Fichtenäste ab, die sich vor ihm sperrten. Große Blasen gurgelten hinter ihm aus dem quatschenden, vollgesogenen Schwamm des Bodens. Dann wurde es lichter. In dem feierlichen, unbestimmten Abenddämmern, das in diesen Monaten überhaupt nicht in Dunkel überging, sondern die ganze Nacht in einem weißen Zwielicht blieb, lag still und unbewegt die Ostsee vor ihm. Eigentlich nur eine Bucht der Ostsee, die sich tief in das Land hineinzog. Gegenüber sah ein scharfes Auge am anderen Ufer die Trümmer des deutschen Herrenhauses Narraks. Waldemar Kerkhuß ging durch das flache Brackwasser darauf zu. Kalt rauschten ihm die Wellen um die Knie. Diesen Weg quer durch die Bucht mußte man wissen. Sonst spielten Nacht und Wind und Wogen mit dem Wanderer, führten ihn seitab und trieben den Ertrinkenden, der schwimmend den Boden unter den Füßen verlor, mit der Strömung hinaus in das freie Meer und hinab auf den Meeresgrund. So aber entging, wer diese Bucht kreuzte, sicher seinen Verfolgern. Es war ein seltsames Gefühl: Um den einzelnen, einsamen Menschen, der kaum mehr ein kleines Pünktchen in der Wasserwüste war, die weite, in der Ferne verschwimmende, rauschende Fläche. Die nachthelle, nordische Luft über ihr in kaltem, salzigem Wehen. Ab und zu eine Möwe, die jetzt nicht mehr schrie und jagte, sondern still, mit ruderndem Flügelschlag, an dem Meereswanderer vorbei der Küste zustrich. Nach links konnte man den Kopf nicht wenden. Da blendete im Westen ein purpurnes Feuermeer das Auge. Goldene Lichtbahnen der schon gesunkenen Sonne lagen von dorther in millionenfachem Gefunkel wie von den Schuppen zahlloser Fische über der stahlgrauen See. Dann tauchten weiße Flecken aus ihr auf. Der Gischt der kleinen Klippen am Strand von Narraks. Das im Bauernaufstand vor zehn Jahren zerstörte und nicht wieder aufgebaute Haus lag weiter oben in düsterem Dunkel. Nur aus einem Fenster des stehengebliebenen Seitenflügels fiel Lichtschein. Waldemar Kerkhuß schaute von außen hinein. Der alte Wiffenhausen saß da im Lehnstuhl, die Decke über den Knien, erschöpft und krank, dem Tode nah. Das Haar hing lang und weiß um seinen greisen, vertrockneten Geierkopf, in dem sich immer noch das Schnurrbärtchen kriegerisch sträubte und die Augen streitsüchtig funkelten. Es war nicht geraten, ihm ohne weiteres zu nahen, obwohl Haustor und Zimmertür in Verachtung der Außenwelt weit offen standen. Denn auf dem Tisch vor ihm lagen die scharfgeladenen Pistolen, und auf dem Boden um ihn knurrten seine riesigen russischen Windhunde. »Ich werde dich abschießen wie eine Elster, mein Junge, ehe du mich umbringen kannst!« sagte er hüstelnd zu der verdächtigen esthnischen Gestalt draußen. »Tritt nur etwas näher, damit ich Büchsenlicht bekomme! ... Was denn? ... Waldemar Kerkhuß? ... Du bist das? ... Pfui! Wie kannst du dich als Bauernkerl verkleiden! Wie? Ob ich mich fürchte, wenn du bei mir eintrittst? ... Habe ich mich je in meinem Leben jefürchtet – he?« Und als der andere vor ihm stand, wiederholte er: »Habe ich mich je in meinem Leben jefürchtet? ... Du hast mich beleidigt. Du bist mir Jenugtuung schuldig!« »Lasse doch das jetzt!« »Ja was denn ...?« Nikolai Wiffenhausen seufzte. »Was ist denn noch mit mir? Da liege ich. Meine Frau, die Fürstin, ist in Petersburg. Kaja mit ihr. Mag sie dort mit den Engländern tanzen! Ein Edelmann kann auch allein sterben!« Waldemar Kerkhuß sah die Zeichen des Todes in dem abgezehrten, eigensinnigen, kleinen Kopf ihm gegenüber. Es schien ihm, daß der alte Wiffenhausen, dessen ganzes Leben eine Narrheit gewesen, jetzt vor dem Ende lichte Augenblicke hatte. Er hörte die gebrochene Stimme: »Ich bin der Letzte meiner Zeit! Ich jehörte ja schon jar nicht mehr zu euch, in diese Zeit der Schneiderjesellen! Ich hätte vor dreihundert Jahren leben sollen! ... Aber ihr sollt trotzdem nicht zujrundejehn!« »Das werden wir auch nicht!« »Ein bißchen was von mir müßt ihr behalten ... Haare auf den Zähnen! ... Dem Jottseibeiuns ins Jesicht spucken! ... Wer sich duckt, den fressen die Läuse!« »Wir halten aus!« »So schöne alte deutsche Jeschlechter jibt es kaum mehr auf der Welt wie bei uns! Diese Jeschlechter sollen bestehn! Ich war ein Narr: Ich habe eine Russin jeheiratet. Eine Fürstin! Gott sei Dank habe ich nur eine Tochter. Gott hat mich mit der Russin jestraft, daß ich jetzt hier einsam sterbe! Nehmt euch eine Lehre. Bleibt deutsch! Wehrt euch jejen die Russen, wie ich mich mein Leben lang jejen die Fürstin wehrte!« »Ich tu's!« »Und wenn es nicht anders jeht, dann fallt mit dem Jesicht nach Osten, das Schwert in der Hand, wie unsere Vorfahren ...« »Wir werden nicht fallen, sondern siegen! Die Deutschen werden kommen und uns retten. Sie werden kommen! Sie werden kommen!« Über die verfallenen Züge des alten Wiffenhausen auf Narraks glitt ein befriedigtes Lächeln. »Lasse sie kommen!« sagte er andächtig. »Sie kommen nicht zu Leuten wie mir. Meine Zeit ist vorbei. Aber sie kommen zu Leuten wie dir. Jrüße sie von mir! Ich habe die Preußen nie recht leiden können, aber wenn ich jetzt ihren Trommelwirbel höre, dann lacht mir das Herz noch im Jrabe, daß ich in deutscher Erde schlafen kann!« Er beugte sich vor und löste einen Pistolenschuß durch das Fenster. Es krachte. Das Zimmer hüllte sich in Rauch. Die Hunde knurrten leise im Traum. »Du mußt doch soupieren und dich ausruhn!« erklärte er. »Ich schellte eben dem Diener. Tritt in das Nebenzimmer, daß er dich nicht sieht. Vor Sonnenaufjang lasse ich keinen Jast aus meinem Hause!« Aber es war doch erst zwei Uhr nachts und die ersten roten Bänder flammten quer über dem Himmel im Osten, als Waldemar Kerkhuß vorsichtig über den als Türschweizer verkleideten, ausgestopften Riesenbären stieg, der, umgestürzt am Boden liegend, die Schwelle sperrte, und ins Freie trat. In der tiefen Stille des Überganges der weißen Nacht in den grauen Morgen schritt er beinahe lautlos auf seinen Pasteln, den weichen, ländlichen Schuhen, die Bucht entlang, ein Esthe mehr, in fahlem Gewand und langem Haar wie aus dem Boden dieser kargen Küste gestiegen. In den Zerklüftungen der allmählich aufsteigenden Felsenmauer des Strands huschten rote Flecken. Die jungen Füchse spielten vor dem Bau. Ein Zeichen, daß kein Mensch heute noch diesen Weg genommen hatte. Man konnte ungefährdet zur Spitze der Bucht und durch die tiefen Fichtenwälder, die sie umrahmten, auf die Weideflächen von Alt-Sötthast gelangen. So früh es auch war, Baron Feodor von Tumme stand da schon auf seinem Grund und Boden auf einer der Steinmauern längs des Wegs und spähte in die Ferne nach den bunten Farbenflecken seiner weidenden Herden. Dabei ließ er den großen braunen Zuchtstier nicht aus dem Auge, der langsam näher trottete. Es gab da drei Zeichen: Solange das Vieh nur brüllte, war keine Gefahr. Wenn es heftig den Schweif zu bewegen anfing, durfte man sich vorsehen. Senkte es den Kopf und warf mit den Hörnern Erdschollen in die Luft, dann war es höchste Zeit zum Rückzug. Zuweilen schaute der Baron auch mißtrauisch hinter sich. Es war dem Frieden niemals zu trauen. Zu leicht pfiff aus dem Hinterhalt eine Kugel auf einen deutschen Herrn oder Arrendator oder Inspektor. Ringsum war eigentlich kein Platz, wo ein Mann sich hätte bergen können. Nur dürre Steppe mit zahllosen kleinen Steinen. Trotzdem fuhr Feodor Tumme bei einem Geräusch zusammen. Es war nur das Knarren beim Öffnen des nächsten Viehgatters gewesen, wie sie hier alle paar Werst die Landstraße sperrten. Ein Esthe war da hergekommen. Stand kurze Zeit darauf ernst und stumm neben ihm. Große blaue Augen brannten ihm in dem bärtigen Gesicht, um das lose die Flachsmähne des Haupthaars im Morgenwind spielte. Sie richteten sich gleich einer düsteren Mahnung auf den großen, gesunden, baltischen Landjunker. Dessen rotes, blühendes Gesicht erblaßte unter dem schon graublonden Haar. Die Züge verloren den noch vom Frieden gebliebenen fröhlichen und schlauen Ausdruck, dem ohnedies schon tiefe Sorgenfurchen des Kriegs um den Mund und auf der Stirne widersprachen. »Kerkhuß ... Es steht einem ja das Blut still ... sind Sie's oder Ihr Jeist?« »Noch lebe ich!« sagte Waldemar Kerkhuß gleichgültig. »Es ist Gottes Wunder! Jestern hat man bei mir alles nach Ihnen durchsucht ...!« Baron Tumme ließ den Stier nicht aus dem Auge. »Nehmen Sie sich in acht vor diesem Burschen da! Im Frühjahr ließ ich ihn im Stall an der Kette von vier Kerlen so lange mit Prügeln dreschen, bis er sich ruhig einspannen ließ ...« »Sie haben von der russischen Staatskunst jelernt!« »Nun ist er wieder verwildert wie alles hier!« Feodor Tumme sah endlich den Hirten heranlaufen, den einzigen, dem der Bulle gehorchte. »Bemerken Sie den schwarzen Fleck drüben? Den Heustock haben sie mir vorige Nacht niederjebrannt. Sie schickten mir zum Johannistermin die Brandbriefe durch die Krone zu, mit der Post! ... Jede Nacht schlagen meine jroßen Hunde an. Sie schleichen mir mit Flinten ums Haus. Kein Licht wird bei mir mehr anjezündet, ehe nicht der dicke Vorhang vor dem Fenster ist ... Gott straft uns doppelt: mit dem Russen und mit den Aufrührern im Lande!« Waldemar Kerkhuß hielt seine Mütze in der Hand, damit der Hirte in der Ferne bei dem Gespräch des Barons mit einem seiner Wirte nicht Argwohn schöpfe. »Erkennen Sie es endlich, Tumme,« sagte er, »wo Gott uns hinführen will? Sie haben sich niemals Jedanken darüber jemacht! Sie haben jelebt, wie wir seit Urjroßväterzeiten lebten, fest auf unserer Scholle. Sie haben Ihre Feldfrüchte jepflanzt, sie haben für Ihre Familie jesorgt. Das übrige mußten Sie dem Willen Rußlands überlassen. Deutschland war jeistig Ihre jute Stube. Man setzte sich am Sonntagnachmittag hinein. Aber für das wirkliche Leben war es Ihnen zu fern. So wie Ihnen jing es vielen von uns.« »Wie konnten wir auch anders?« »Aber jewiß! Wie konnte man ahnen, was kommen würde? Aber nun kam es. Die Deutschen kommen! Die Deutschen kommen!« »Sie stehen seit Jahr und Tag vor Riga und kommen nicht weiter!« »Sie werden kommen, denn wenn sie nicht kommen, jehn wir unter!« Der Alt-Sötthaster seufzte. »Die neuen Machthaber in Petersburg sind schlimmer, als es je die Jeschöpfe der Zaren waren. Lieber noch solch ein Jouverneur von früher! Er war wenigstens ein Asiate. Er hatte die breite russische Natur. Aber diese Vögel von heute ... Der englische Jesandte hält sie mit einer Schnur am Bein. Sie pfeifen, wie er will. Ich bin meines Lebens nicht mehr sicher! Zweimal hat man mich schon verhaften wollen ...« »Jeduld! Jeduld!« »Ich habe es mir jetzt oft jesagt: Was habe ich jetzt von meinen preisgekrönten Kartoffeln und meiner Schweizer Zucht und meiner Torfverwertung? Jrößeres steht plötzlich auf dem Spiel. Die Not ist über uns jekommen, die jroße Not!« ... Und aus den Worten des Sötthaster Tumme sprach es zu Waldemar Kerkhuß wie die Stimme von vielen, wie der Ruf eines Landes, das durch fast zwei Jahrhunderte unter der Faust Moskaus Ruhe nach erschöpfenden Kriegen, Frieden, sattes Gedeihen in seinen engen Grenzen gefunden hatte, so daß sich durch die Geschlechter die Gewohnheit der Russenherrschaft über Deutsche vererbte, bis diesem Menschenalter der jetzt Lebenden die Umkehr in die Wirklichkeit der Dinge, die russische Deutschenverfolgung im Frieden, die russische Deutschenvernichtung im Kriege kam. ... Helft ... helft ... Es klang Waldemar Kerkhuß in den Ohren, als schon der riesige einsame Granitfindling inmitten der Haide ihn den Blicken des Baron Tumme entzogen hatte. Er schritt weiter. Er mußte hier vorsichtig gehen, der Stiere wegen. Denn er konnte ihnen mit seinem steifen Bein nicht laufend entfliehen. Aber der weiße, die blutunterlaufenen Augen rollende Bulle am Waldrand hatte nach altem Brauch ein Horn und ein Vorderbein mit einem Strick zusammengekoppelt. Er brüllte dem fernen Esthen nur nach, der sich über die letzte Feldsteinmauer schwang und aus dem hellen Morgenrot wieder im Dämmern des Waldes untertauchte. Ein Kirchturm ragte fern über den Wipfeln. Um das, strengem lutherischen Glauben gemäß innen ganz schmucklose kahl weiß getünchte Gotteshaus standen auf der einen Seite in dichtem Gewimmel die Holzkreuze der Esthen, auf der anderen einzeln die Grabsteine der Deutschen von benachbarten Gütern. Das Pfarrhaus selbst gab, breit und behäbig wie der Sitz eines Landedelmanns, den meisten anderen Rittergütern der Nachbarschaft nichts nach. Noch lag tiefe Morgenstille über diesem Mittelpunkt des weitausgedehnten Kirchspiels St. Jochens. Aber Pastor Gotthard Magnus selbst war längst aus den Federn. Groß, mit langwallendem, grauem Bart, den breitrandigen Hut auf dem Haupt, den totschlägerähnlichen Knotenstock in der Faust, schritt seine Wotansgestalt, an dem Geschmetter der Hähne hinter dem Hause vorbei, dem Walde zu. Der Forst war hier gepflegt. Es gab da eine Lichtung mit einer Bank. Es kam oft vor, daß sich der Pfarrherr zu innerer Sammlung vor Abfassung einer Predigt oder Grabansprache dorthin zurückzog. Aber heute stand er zwischen den Bäumen und wartete, bis sich ein Esthe, hinkend, aber gewandt und vorsichtig wie ein Tier des Waldes nach allen Seiten äugend, stehenbleibend, wieder geduckt im Dickicht vorwärts kriechend, ihm näherte. Die beiden, Pastor und Baron, drückten sich stumm und rasch die Hand. Es war nicht ihre erste Zusammenkunft an dieser verabredeten Stelle. »Wieder einmal gerettet?« »Ja. Gott half mir.« »Wo kommen Sie jetzt her?« »Da, wo jetzt auch die letzten erwachen!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Bei allen hat die Zeit anjeklopft! Alle sind jeweckt! Die Stillen im Lande und die Rückständigen im Lande und die Engbejrenzten im Lande, jeder weiß jetzt, daß es um Sein und Nichtsein jeht! Man kann sich, wie mein Vetter Herzerode, zu den Russen schlagen und Russe werden, oder man muß Deutscher sein. Aber Deutschrusse, wie wir es bisher waren, kann man nicht bleiben. Das ist die Erkenntnis unserer Jejenwart jetzt bei allen ...« »Wir waren immer Deutsche und hatten nichts vom Russen in uns, sondern höchstens an uns. In diesen schweren letzten Jahren und Jahrzehnten haben wir unser Deutschtum bewährt. Wir verdienen es, daß man uns nicht verjißt. Wir sind Zeugen für den deutschen Jeist.« »Und diesen Jeist konnte früher kein Kosake mit der Nagaika niederknuten und kann jetzt kein Demagoge in Petrograd den Engländern ausliefern!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Nur wenige Wochen müssen wir noch den deutschen Jeist bewahren, nachdem wir ihn siebenhundert Jahre bewahrt haben! Dann haben wir unsere Pflicht jejen die, die vor uns waren, und die, die nach uns kommen werden, in der härtesten Zeit unserer Jeschichte hier jetan! ... Nun ... ich jehe weiter ... der Tag rückt vor.« »Wohin?« »Ich krieche für einige Tage in meinen Fuchsbau!« Waldemar Kerkhuß lachte unter dem verwilderten Vollbart und schlich mehr als er schritt auf leisen Sohlen zwischen den Bäumen weiter. Der Pastor Magnus stand Und sah ihm nach. Er wußte so wenig wie sonst jemand, wo dies Versteck im Umkreis des Kirchspiels St. Jochens war, in dem Baron Kerkhuß immer wieder vor den Nachstellungen der Russen, wie von der Erde verschluckt, verschwand. Es blaute ein esthnischer Hochsommertag herauf, von einer Wärme, wie sie in Deutschland ein freundlicher Maimorgen zeigte. Hier an der rauhen Küste hoch im Norden empfand man dies laue Sonnenbad als wohlige Glut. Die Länge des Tages, an dem die Sonne kaum unterging, ersetzte die Kraft der Strahlen. Es war ein Zittern über dem blauen Meer, ein Schwingen der blütenschweren Luft über dem blumigen Boden, ein Flimmern über Birkenweiß und Birkengrün und Fichtenschwarz und Haidebraun. Aber um Mittag einer der nächsten Tage kam von der See, von den Inseln, auf denen in den kleinen, vom Ufer her graublinkend sichtbaren Strandhäuschen ein Fischervolk schwedischer Sprache und schwedischen Blutes wohnte, um Mittag kam von da wie ein Hauch aus dem Rachen des russischen Riesen ein alles durchkältender Nebel. Die Ausdünstung von Eismassen, die hoch im Bottnischen Meer mit dem Winde von Norden herabtrieben. Man sah sie nicht. Sie schwammen fern zwischen den schwedischen Granitinseln und dem Gewimmel der Finnischen Schären, aber ihr kalter Atem hüllte noch die esthnische Küste in zähes, feuchtes Grau. Durch die Fenster des Pfarrhofs von St. Jochens sah man kaum dreißig Schritt weit in die wesenlose Welt. Der Pastor Gotthard Magnus nahm da Abschied von seinen Amtsbrüdern, die ihn auf der Durchreise nach ihren Kirchspielen besucht hatten. Die Pastoren Lodemann und Kampe kamen aus der asiatischen Verbannung zurück. Sibirien stand noch in tiefen Furchen auf ihren bleichen und übergrauten Zügen geschrieben. Durch das stille, vom Hauch deutschen Wesens und Wissens gesättigte Studierzimmer bebte noch der Widerhall deutscher Menschenschicksale zwischen dem Ural und der Mandschurei im Nachklang ihrer Erzählungen. Sie waren Zeugen gewesen, wie man die Deutschen in Rußland zu ungezählten Tausenden, Männer, Frauen, Kinder, Greise, Kranke aus allen Ecken des Reiches, wie das Vieh in verschlossenen Güterwagen zusammengepfercht, in die Tungusensteppen, zu den Burjäten, in die tötende Kälte des kältesten Sibiriens verschleppte, wehrlose Menschen in Herden von Europa nach Asien trieb, wie England sie von Afrika nach Australien führte, Frankreich sie von Europa nach Afrika brachte, Amerika sie einzukerkern begann, Portugal sie von Afrika nach Europa, Italien sie vom Festland nach Sardinien verschiffte, Rumänien sie im eigenen Lande mißhandelt hatte, als sei es der Ehrgeiz der Menschheit, wer an blindem Wüten gegen alles, was deutsch war, den anderen übertreffen könne. »In dem, was wir erlebten, spiejelt sich das Schicksal der Welt!« sagte Pastor Lodemann, den Fuß schon auf dem Trittbrett des Wagens. »Seit einem Menschenalter, seit mein Vater damals auf Befehl Pobedonoszews und des Synods nachts aus dem Bett jeholt und verhaftet wurde, bis vor zwei Jahren, als die Gendarmen mich holten, hatte ich jedacht, das sind nur wir, die als Lutheraner in Rußland verfolgt werden...« »... oder wir Balten alle als Nachbarn Petrograds!« ergänzte Pastor Kampe. »... aber an dieser Völkerwanderung der Verschickten in Sibirien habe ich jesehn: das ist der Deutsche, der von der Erde verschwinden soll! Jleichviel wo! Jleichviel unter welchem Himmel und in welchem Lande! Unsere Feinde sehen überall nur den Deutschen!« »Sie hämmern und schweißen uns ineinander!« sagte Pastor Kampe. »Sie machen uns zu einem einzigen Volk, auch wo wir uns bisher nur durch die Sprache nahe schienen. Wir Deutschen alle kämpfen um unser Dasein – die draußen wie wir hier! Wir alle jehören zusammen, viel mehr, als wir es bisher selber wußten...,« sagte der Pastor Magnus und schüttelte den Freunden im Wagen die Hand. »Über diesem Jemetzel und Jreuel auf Erden schwebt Gottes Wille. Er wird den Deutschen auf Erden, denen er so viel auferlegt hat, die Krone des Lebens jeben! Das ist meine Zuversicht! ... Schicke die Pferde jleich zurück, Lodemann! Ich brauche sie! Ich fahre diesen Abend hinüber zu den Brüdern Kerkhuß nach Kerreküll!« Beim Sinken der unsichtbaren Sonne hatte sich der Eisnebel des Nordens noch verstärkt. Er umflutete den Pfarrherrn auf dem Weg zu dem Majoratsschloß mit seinen weißen, winterlichen, alles Blühende und Lebenswarme in Frostschauer hüllenden Schwaden. Es war eine wesenlose Weite, es war ein totes Nichts, es war wie Rußland selber, dessen schattenhafte Riesenarme die fremden Randvölker seines fern nach Asien verdämmernden Reiches erwürgend umspannten. In diesem lähmenden Grau kämpften in der weißlichfahlen, gespenstigen Dämmerung der nordischen Nacht hoch oben, scheinbar am Himmel, matte Lebenslichter mit dem Nebel, die hellen Turmfenster von Kerreküll, in dessen Saal im oberen Stockwerk die Bewohner beim Eintritt des Pastors zusammensaßen. »Nein doch!« sagte Baron Robin Kerkhuß nach der Begrüßung zu dem russischen Gardegeneral mit dem dunklen Schnurrbart und den dunklen Bartstreifen an den Wangen des strengen Gesichts, der düster, die Brust des dunkelgrünen Friedensrocks voll Kriegsorden, in weiten Hosen und hohen Sporenstiefeln vor ihn: stand. »Ich bin jejenteiliger Anschauung, Onkel Paul! Du siehst: ich trage das Jewand eines Edelmanns auf dem Lande statt dieses russischen Feldbrauns! Ich bin nicht mehr Offizier jejen Deutschland, sondern ein deutscher Balte!« »Immerhin: du hast jeschworen!« grollte der tiefe Baß des Generals Baron Paul Oxberg. »Wie denn? Wem habe ich jeschworen? Dem Zaren! Ich habe den, Zaren jedient! Zweimal wurde ich in seinem Dienst verwundet. Man hat den Zaren abjesetzt! Wie das jeschah, jeht mich nichts an! Wo kein Zar mehr ist, jibt es auch keinen Schwur mehr, der Jültigkeit hat!« Das hübsche, leichtsinnige Gesicht des früheren Petersburger Gardekürassiers war im Laufe der Kriegsjahre viel ernster und männlicher geworden. Er fuhr fort, zu all den anwesenden Verwandten sich richtend: »Jaben uns etwa dieser Rechtsanwalt aus Turkestan und diese Kiewer Zuckerbarone und diese Moskauer Kriegsgewinnler unsere Gütter zu Lehen? Der Zar hielt durch zwei Jahrhunderte seine Hand über uns. Er zog sie schon vor dem Krieg von uns ab. Er wurde jestürzt, weil er sich nicht auf uns stützte. Rußland ohne Deutsche ist ein Chaos. Was habe ich damit jemein?« »Die Pflicht, das Land zu verteidigen!« sprach Baron Oxberg düster. »Auch jejen die Deutschen?« Der General atmete schwer auf. »Muß ich denn nicht? Vierzig Jahre war ich Offizier! Zwingt mich nicht mein Jewissen?« »...als Deutscher die Deutschen zu bekämpfen, die kommen, um unser Deutschtum zu retten? Nein!« sagte Baron Robin Kerkhuß und warf seine Zigarette in den kalten Kamin. »Bejehe Selbstmord! Das ist deine Sache! Aber verlange ihn nicht von anderen! Das ist jejen die Natur. Schade! Wenn du einmal draußen in der Haide einen Esthenkerl träfst und er entpuppt sich als mein Bruder Waldemar – er würde es dir besser predigen können als ich! Gott soll ihm jetzt feurige Zungen in deutscher und esthnischer Sprache jejeben haben, das erzählen alle, denen er über den Weg kam!« »Aber Rußland ist Rußland!« »Nein. Das ist es nicht!« Der ältere Bruder, Baron Axel Kerkhuß, trat aus der Ecke, wo er bisher gesessen, näher. Aber seinem Wesen lag noch die Leichtigkeit des weltmännischen Petersburger Beamten der Zarenzeit, des Gehilfen in einflußreichen Ministerien, des Balten, der sich scheinbar dem Russentum geschmeidig anpaßte, um es dann im Aufstieg zur Macht um so sicherer zu beherrschen. Aber seine Stimme klang jetzt barsch, fast verächtlich. »Nein! Rußland ist nicht mehr Rußland! Es hat sich in den Dwornik Englands verwandelt. In den Hauskerl der Intellijenzen im Westen. Sie sind in seinem eijenen Hause die Herren jeworden!« »Wer sagt das?« »Du kommst von der Front, Onkel Paul! Ich komme aus Petersburg. Anjewidert von dem, was ich da sah. Früher schimpften sie: Petrograd ist eine deutsche Stadt! Der Njemetz beutet uns aus! Aber wie ist das jetzt? Alles ist voll von Engländern, Franzosen, Yankees, Japanesen! Was ist jejen sie der Russe? Man zieht ihm das Fell über die Ohren, wie wir dem erlegten Bären! Jedulde dich, Brüderchen, und halte still! Es ist zu deinem Besten, wenn wir dich hier daheim janz totschlagen, nachdem es der Deutsche draußen schon halb jetan hat ...!« »Ich höre, es soll so sein!« sprach General von Oxberg finster. »Du klagst, du Seelchen, der Deutsche hat dich ausgesogen! Wir werden dir zeigen, wie wir, deine Freunde, Jeschäfte mit dir machen! Du hast zu bluten wie ein Schwein! ... noch mehr zu bluten als bisher ... verstanden? Wir haben dir befohlen, von neuem in Jalizien anzujreifen ...« »Ich weiß es!« »... und während du kämpfest, leeren wir dir die Taschen! Das ist die neue Freiheit ... bejreife wohl ...« »Und dafür opfern wir Rußlands letzte Kräfte!« sagte Baron Oxberg. »Und ich muß helfen, sie jejen den Feind zu führen ...« »Nein doch! Der Feind führt dich, Onkel Paul! Du merkst es bloß nicht! Er steht in deinem Rücken. Er läßt deine Jeschütze Schrapnells auf deine Muschiks streuen, wenn sie vor den Deutschen umdrehen! Der Engländer ist unser jrimmigster Feind, den wir je hatten! Die Hand des Zaren war schwer. Aber sie jab uns doch die Jurgel zeitweilig wieder frei, weil auch andere jedrosselt werden mußten ... Die Polen ... Die Finnen. Man verjagte die Tataren in der Krim ... Man schlug Hebräer tot ... Die Kosaken waren überbürdet. Der Engländer in Petersburg ist es nicht. Er hat nur ein Ziel: die Deutschen auszurotten! ... Wir hier in Esthland und Livland sind die nächsten Deutschen, die ihm erreichbar sind ...« »Und hinter sich hat er das Haus in der Millionaja. Es ist ein ausgezeichneter Name für die amerikanische Botschaft. Es stinkt schon jeradezu nach Dollars!« Baron Bertil Butwengen, der das müde und hüstelnd sprach, lag so in einem Sessel versunken, daß man von der endlosen Länge seines hageren Körpers nur den viel zu kleinen, greisen Rassekopf und die dünnen, weit ausgestreckten Beine sah. »Ich bin froh, daß ich mich zurückjezogen habe und mich auf meinem Gut nur noch mit der Jeschichte meines Jeschlechts beschäftige.« sagte der alte Diplomat. »Ich habe der russischen Politik jedient, und ich habe schweren Herzens jedacht und jejlaubt, daß sie jejen Deutschland jerichtet sei. Aber nein doch: sie war ja jejen Rußland selbst jerichtet. Es war englische Politik, die wir Dummköpfe machten. Der Engländer kroch im Lauf der Jahre in die russische Seele wie die Made in den Apfel...« »Man hätte es sehen können!« Der kleine grauköpfige Baron Ottinka Wessall drehte sich eine Papyros und feuchtete das Seidenblatt behutsam mit der Zunge an. »Hieß nicht der vornehmste Klub Petersburgs der englische? Sprach man nicht am Zarenhof Englisch? Lernen nicht die Minister des Zaren in ihren Kerkern in Schlüsselburg noch Englisch?... Ist es nicht jespenstig, daß diese betörten Menschen jetzt noch die Sprache ihrer Henker lernen? Sie sind ein Sinnbild für janz Rußland...« »Wir dachten, der Zar habe Asien von der Kette jelassen!« sagte Baron Axel Kerkhuß. Er war blond wie seine Brüder, groß und schmalbrüstig gebaut. Der Anzug nach englischem Schnitt, den er noch von Petersburg her trug, paßte zu seinen abschüssigen Schultern. »Aber im Jejenteil: England hat Asien auf den Marsch jebracht. England ist Asien. Die alte Jefahr für uns in neuer Jestalt...« »Es jibt keinen Zaren mehr, aber auch kein Brot mehr an der Newa! Was früher für zehn Kopeken zu haben war, kostet jetzt einen Rubel. Diese neuesten russischen Kostjänger des Westens können nichts als Reden halten und Kreditbillette drucken. Es sind kleine Leute. Schließlich wird man sie jagen!« »Und dann?... Beliebe zu antworten... was dann?« Ein schweres Schweigen. Draußen um das Schloß Kerreküll war tiefe Ruhe. Aber es schien jedem der Balten da drinnen die Stille vor dem Sturm. Vor dem Ausbruch der Unterwelt, der sich entladen mußte, wenn die jetzigen Machthaber von Petersburg die Macht verloren. Es waren Feinde der Balten. Aber sie machten noch grimmigeren Feinden der Balten Platz. Die Barone saßen und rauchten und schwiegen. Durch alle diese Köpfe, auf denen das Herrenbewußtsein von Jahrhunderten eingegraben war, ging derselbe Gedanke: Die Welt, unsere Welt, wird anders. Bisher war Rußland das unermeßliche Reich von Herr und Knecht und wir, in unserer deutschen Einzelkraft und Ahnenstolz und Willen zur Macht, die Blüte und das Sinnbild dieses Herrentums zwischen Njemen und Ural. Jetzt bläst der Sturm von Westen. Angelsächsische Hände schichten die russische Gesellschaft um. Neue Menschen steigen aus dem Völker- und Ständegebrodel. Menschen von gestern, mit bürgerlichen Namen und gellender Kehle und schauspielerisch fuchtelnden Armen. Menschen, aus deren heiseren und doch den Riesensaal des Taurischen Palastes durchdringenden Stimmen das Brüllen des entfesselten Rußlands, aus deren fieberhaft glänzenden Augen die Raserei der Zeit spricht. Um diese Russen des Westens webt ein roter Glast: der Widerschein der kochenden Unterwelt, die sie trägt, die langsam steigt, die sie verschlingt ... uns ... alles in diesem Lande ... Robin Kerkhuß stand plötzlich auf. Die hübschen Züge des ehemaligen Petersburger Kürassiers waren gespannt. »Was ist das für eine Männerstimme unten in der Halle?« sagte er. »Wieder irgendein Tschinownik?« »Kein Kronsbeamter! Er sprach Deutsch!« »Wie kam er herein?« »Sonderbar: die jroßen Hunde hätten doch anschlagen müssen ...« »Sie winseln nur! ...« »Irgendein Hauskerl hätte ihn doch aufhalten sollen ...« »Die Diener sind ja da. Sie stehn janz still.« »Sie verbeugen sich. Der Alte küßt ihm die Hand.« »Er steigt die Treppe herauf ...« »Er kommt zu uns!« »Kannst du ihn sehn?« Baron Ottinka Wessall beugte sich über das Geländer. »Es ist ein Mensch mit unjepflegtem blondem Bart und deutschem Mantel und Kappe und dreckigen Transtiefeln. Irjendein Kalbdeutscher. Ein Hofaufseher oder derlei ...« »Wie sollte er so frech sein, vornherauf zu jehen ...« »Rufe ihm zu, er soll umdrehn und die schwarze Treppe benutzen!« »Da ist er schon!« Eine verwilderte Gestalt stand unter den Ahnenbildern des Stiegenhauses, schritt schweren Tritts, mit der Sicherheit eines Schloßkundigen, über die Steinfliesen des Vorraums nach dem Parkett des Saals, ging auf die alte Baronin Lisa Kerthuß zu, küßte der verwitweten Mutter die Wangen, dann dem Bruder, reichte den Vettern die Hand, setzte sich in einen Schaukelstuhl und nahm sich, als sei nichts Besonderes geschehen, eine Papyros aus der Schachtel auf dem Tisch. Ringsum war ein Schweigen des Entsetzens. Dann legte Robin, der Herr des Hauses, dem Fremden, an dessen grob gewalktem Wollmantel noch Nebeltropfen und Fichtennadeln des Waldes draußen hingen, die Hand auf die Schulter und schaute ihm forschend in das durch die langen, blonden Haarsträhne und den blonden Bart halb verhüllte Gesicht, aus dem nur die großen blauen Augen frei herausschauten. »Waldemar: bist du das oder dein Jeist?« »Beides. Noch habe ich meinen Jeist nicht aufjejeben. Wir jehören zusammen!« »Du wagst dich hierher ...?« »Wenn dich die Russen ...« »Ich weiß doch, daß kein Russe in Kerreküll ist! Ich erfahre alles, was im Lande vorjeht!« »Aber unterwegs sind Russen überall ...« Waldemar Kerkhuß warf einen Blick auf das seltsame Dämmern von nordischer weißer Nacht und fließendem grauen Nichts vor den Fenstern. »Man kann den Nebel ja mit dem Messer schneiden, so zäh ist er!« sagte er gleichgültig. »Das ist kein Wetter für Asien. Es ist so trübe wie ihre neue Petersburger Intelligenz ... Nun ... wie jeht es euch ...?« Dabei schweiften seine Augen die Wand voll Ahnenbilder entlang. »Ihr habt da Johannes den Seligen umjehängt! Warum das? Am Fenster hatte er mehr Licht! ... Bitte etwas Limone in den Tee, Mutter! Der Abend ist kalt. Sahst du schon den jewaltigen Elenhirsch, Robin? Er sprang mit einem Satz über die mannshohe Obstjartenmauer, als ich kam ...« »Warum kamst du? ...« Waldemar Kerkhuß lehnte sich lässig in den Stuhl zurück. »Wie sollte ich nicht? Ich sehe mich hier in meinem Eigentum um. Ich bin immer unterwegs auf meinen Güttern!« »... und dabei von den Russen steckbrieflich verfolgt ...« »... bald werde ich sie verfolgen ...« »... jar nicht als Majoratsherr von ihnen anerkannt ...« »... ich erkenne diese Petersburger Advokaten und Professoren auch nicht an ...« Waldemar Kerkhuß sprach das mit unergründlichem Hochmut und wandte sich zu seinem Bruder Robin: »Ich möchte mit dir über die Verwaltung der Gütter sprechen, die du für mich führst. Warum sieht man dich niemals in Arromar und Alleküll? Bülger, der Inspektor dort, ist schlapp wie ein Lämmerschwanz. Er zahlte jestern noch rückständige Spritsteuer an die Kronskasse! Ich bitte dich: jetzt noch Jeld an die Russen! ... Werft es lieber doch jleich vom Glint in das Meer! Ich verbiete euch, dem Feind noch Zahlungen zu leisten!« »... dem Feind ...« »Ebenso diese Kronslieferungen von Flachs und Wolle aus Wergel, die du wieder geleistet hast! Sage künftig diesen Dworniks Englands, ich hätte es verboten, ich, der Kerreküllsche Baron ...« »Ich werde mich hüten ...« »... alle diese Lieferungen seien für die Deutschen vorbehalten, damit sie bei ihrer Ankunft alles zur Jenüge vorfinden! Sorge auch, daß Riese, der Arrendator auf Rait, kein Heu mehr abjibt! Die Deutschen werden es brauchen. Ihre Reiterei wird das erste sein, was eintrifft! Nun: Riese ist ein fixer Junge! Auf ihn ist Verlaß.« Um Waldemar Kerkhuß waren stumme Blicke, die sich fragend suchten. Dann hob Baron Butwengen den kleinen, alten, weißen Kopf. »Bist du denn so sicher, daß die Deutschen kommen?« »Sie werden kommen! Sie werden kommen! Bald werden sie Riga anjreifen! Es wird jenau so kommen wie 1204, als wir zum erstenmal mit Heereskraft vor Riga kamen und den Dünahafen nahmen und weiter durch das janze Land den Mutwillen der Jejner brachen. Du mußt dir Zeug zurechtlegen, Mama: Lasse dir von Pastor Magnus ein Stück schwarzes Altartuch jeben ... ein rotes Hemd von dem Artel von Russen, das drüben im Wald Holz schlägt, ein weißes Laken aus einem Jästebett ...« »Wozu denn, Waldemar?« »Wozu?« sagte der Sohn verwundert. »Wie können sonst deine Mamsellen in der Eile eine schwarz-weiß-rote Fahne nähen, wenn die Deutschen kommen? Die erste deutsche Fahne soll sie hier vom Turm von Kerreküll bejrüßen!« »Wenn sie nur kommen ...« »Sie werden kommen! Ich halte für sie vor meinem Schlosse Wache. Ich will mein Schloß nicht als Jnadenjeschenk aus ihren Händen! Ich will nicht von ihnen jerettet, sondern mit ihnen verbündet sein. Ein Deutscher ist jetzt schon hier. Das bin ich. Ich führe hier allein und heimlich den Kampf mit Rußland, bis die vielen tausend anderen mich ablösen. Ich arbeite ihnen hier vor. Ich bereite den Boden. Es ist keine Stelle in Esthland, wo ich nicht war ...« »... aber immer als Esthe verkleidet ... unter den Esthen ...« »Darin, Axel, liegt das Jeheimnis des Lebens oder Sterbens für uns! Unsere deutschen Seelen brauche ich den Deutschen nicht erst zu bringen. Aber ich habe schon viele esthnische Seelen für sie und für uns jefangen. Ich habe von Jugend auf das jesehen, was unsere Vorfahren, wenn sie ihre Kerle prügeln ließen, nicht jesehen haben: ich habe den Menschen im Esthen jesucht und jefunden! ...« »Hätten wir den Esthen uns jleichjestellt, so wären wir längst nicht mehr vorhanden ...« »Ich will dir etwas sagen, Onkel Ottinka: Jehe nach Ostpreußen! Auch dort waren wir. Auch dort war der Deutsche Orden. Aber dort mußte der Einjeborene Deutsch lernen, wo er es bei uns nicht durfte. So kam aus dem einst undeutschen Lande die preußische Königskrone und die Erhebung Preußens wider die Franzosen, und es war der Grundpfeiler des neuen Deutschen Reichs. Wer jibt, wird nicht verarmen. Dem wird jejeben werden. Wir müssen den Esthen in Zukunft jeben, was wir können. Nur damit sichern wir uns in den Zeiten, die kommen werden, den Jrund unter unseren Füßen.« Waldemar Kerkhuß war aufgestanden. Er ging in seinen groben und beschmutzten Stiefeln über die Perserteppiche am Boden auf und ab, wurde ruhiger, sah seine beiden Brüder an und frug: »Wie ist es mit Michael? Ist er noch auf der Flotte?« »Auf der Flotte ...« »Das heißt: er ist am Lande!« sagte Baron Axel Kerkhuß, der schmächtige, lange Petersburger. »Irgendwo zwischen dem Newski-Prospekt und Kronstadt. Ich glaube, in Peterhof.« »Was tut er da?« »Mehrere Offiziere wurden an Bord seines Panzers ermordet. Er und die übrigen sind beurlaubt, um ihr Leben zu retten.« Waldemar Kerkhuß blieb stehen. »So wird es bald überall in Rußland sein!« sagte er. »Das war der Selbstmord Dschinghiskhans, daß er den schlafenden Bauern weckte! Sonst holte er sich nur den zehnten oder zwanzigsten Muschik aus jedem Dorf und ließ ihn von den Türken totschießen. Daheim vergaß man ihn. Gott mit ihm! Jetzt hat der Zar die janze russische Erde aufjewühlt und alles, was Waffen tragen konnte, vom Amur bis zu uns, auf die Völkerwanderung jejen Deutschland jeschickt. Jetzt sind zweihundert Millionen Asiaten im Fluß. Keine Menschenmacht kann sie mehr halten. Was der Knute der Zaren nicht jelang, das wird der Zunge der Advokaten auch nicht mehr jlücken. Es wälzt sich über sie hinweg.« »Dann sind auch wir verloren!« Der greise Baron Bertil Butwengen sprach das mit der vornehmen und ergebenen Ruhe des vielerfahrenen, am Ende eines langen und bunten Lebens stehenden Weltmanns. Aber sein Neffe lachte, und seine blauen Augen blitzten. »Ich war an der deutschen Front, wie ich mich hierher durchschlich. Sie haben da ein Trompetensignal ... Der jemeine Mann bei ihnen nennt es, jar nicht schönjeistig, einfach: ›Kartoffelsupp'! ... Kartoffelsupp'!‹ Wer die vier Takte je jehört hat, verjißt sie in seinem Leben nicht wieder, und lange Jahrhunderte werden sie nicht verjessen ...« »Was ist das für ein Zeichen, Waldemar?« »Das Angriffssignal der deutschen Infanterie, Mama! ... Und nun will ich jehen, ehe sich der Nebel verzieht. Ich habe noch einen weiten Weg bis nach Hause!« »Wo bist du zu Hause?« »Nun – irgendwo im Walde!« sagte Waldemar Kerkhuß obenhin, beinahe schon wieder in seiner zerstreuten Art. »Willst du uns nicht verraten, wo eigentlich dein Versteck ist?« »Niemand bejreift es, wo du dich allen Nachstellungen entziehst ...« »... und wer dich verborjen hält! Irjend jemand muß doch für dich sorjen!« »Nun: vielleicht lebe ich mit einer Bärenfamilie zusammen, oder ich habe einen Wolf jewonnen, daß er mir Nahrung bringt! Jehabt euch wohl!« Es war noch vorahnende weißliche Morgenfrühe des nächsten Tages, der letzte Seenebel von Norden löste sich in aufblauender Helle und Wärme und Sonnengold, als der Gutspächter von Riese im Walde der Kerkhußschen Herrschaft Rait zu Pferde hielt. Er ritt ein langmähniges und langschweifiges schwarzes Orloffsches Halbblut, fast noch ein Füllen. Das Tier war edel, aber schmächtig, so daß die langen Beine des Arrendators beinahe den Boden berührten, namentlich der rechte Fuß, der bügellos herabhing. »Wir können beide nicht mehr um die Wette laufen, Riese!« sagte eine Stimme neben ihm, halb hinter der mächtigen Fichte. »Nur daß ich mein steifes Knie durch Gottes Willen bekam und Sie Ihren lahmen Knöchel durch eine bayrische Kugel ...« Der junge Gutspächter fuhr herum. Sein erster Blick war nach der Genossenschaft russischer Arbeiter, die drüben jenseits der Waldlichtung, einige hundert Schritte entfernt, für ihn Bäume fällte. Sein zweiter erst nach Waldemar Kerkhuß. Aber der stand so verborgen hinter dem Baum, daß ihn die flachsmähnigen Kerle in ihren flammendroten Hemden, Ledergürteln und hohen Stiefeln nicht sehen konnten. »Was bauen sich die Arteltschiks da?« sagte er. »Eine Badstube? Schwitzen ist ja die einzige Tujend des Russen! Ich beobachte, wenn ich mein Jebiet durchstreife, daß Sie ständig Holz schlagen lassen, Riese! Wie denn? Kronsaufträge? Erbarmen Sie sich: Wo ist denn noch bei uns eine Krone? Man trat sie in Petrograd in den Pferdekehricht des Newski-Prospekts. Die Sonne wird uns erst wieder aufjehen. Sie wird uns von Deutschland kommen!« »Nehmen Sie sich in acht! ... Überall ist man hinter Ihnen her!« »Bald wird Gott die Sanduhr umdrehen! ... Wie sind Sie mit dem Heu zufrieden?« »Es wuchs gut! Aber Brandstiftungen! Jeden Morjen liejen Zettel vor den verkohlten Heustöcken. Die Leute kommen nicht mehr zur Arbeit. Es järt im Lande. Es järt ...« Waldemar Kerkhuß blickte verächtlich nach Nordosten, wo in einem Meer von Blut, mit düster über den Himmel lohenden Feuerzungen, die Sonne von Rußland her aufstieg. »Uns wäre das nicht passiert,« sagte er, »als wir Balten noch dies blinde asiatische Ungeheuer an der Hand führten! Wir waren das Herrschen jewohnt. Wir ließen nur so viel von seiner Kraft frei, als wir bemeistern konnten. Aber der Schwächling im Winterpalais und die Schwätzer im Taurischen Palais haben den jungen Koloß ins Rollen jebracht. Nun zermalmt er alles und stürzt kopfvor in den Abjrund. Nur eine Macht jibt es noch, die ihn aufhalten und Europa retten kann ...« »Es heißt, die Deutschen wollten endlich die Düna überschreiten!« »Sie werden Riga nehmen, sie werden Livland nehmen, sie werden in Esthland einmarschieren! Halten Sie sich bereit, Riese: der Weltunterjang steht bevor, und die Auferstehung folgt!« Waldemar Kerkhuß verschwand im Walde. Als er zwei Stunden später im Roggenschlag seines Gutes Arromar jählings wie ein Schattengespenst aus dem Korn vor dem Inspektor Bülger auftauchte, war seine Miene herrisch und drohend. »Verbot ich Ihnen nicht, den Russen Pferde zu verkaufen? Bin ich nicht Manns genug, meine Befehle durchzusetzen? Ich verwalte meine Gütter aus dem Walde heraus, aber ich verwalte sie gut! Warum ist die Holzweide trotz meines Befehls leer?« »Die Pferde wurden nachts jestohlen ...« »Ich selbst ließ sie durch meine Leute wegtreiben, damit die Russen sie nicht bekommen. Sie halten es halb mit den Russen, Bülger! Sie jehörten zu den südrussischen Kolonisten, die jleich bei Bejinn des Krieges eine Erjebenheitsadresse an den Zaren richteten ...« »Wir glaubten, Deutschland sei verloren ...« »Und was hat Ihnen das Schweifwedeln vor dem Moskowiter jenützt? Man hat Ihnen Ihr Land zu einem Spottpreis verschleudert, man hat Sie von Haus und Hof jetrieben. Sie konnten Ihrem Schöpfer danken, daß Sie mit Frau und Kindern hier Unterkunft fanden ...« »Ich weiß es, Herr Baron!« »... und doch dienen Sie heimlich weiter denen, die Sie beleidigen und verfolgen! Sind Sie ein so guter Christ? Dann denken Sie an das Wort Christi: ›Ich will die Lauen ausspeien aus meinem Munde!‹ Das wird sich, wenn die Deutschen kommen, an euch erfüllen, an euch Halbdeutschen allen, die ihr für Rußland euer Selbst aufjabt, weil ihr euch vor ihm fürchtetet, und ihm jetzt bald einen Fußtritt versetzen werdet, weil der Bär am Boden liegt ...« »Noch steht er aufrecht, Herr Baron!« »Zittern Sie nur weiter vor der jroßen Vogelscheuche!« Waldemar Kerkhuß' blaue Augen funkelten grimmig. »Sie und Ihresgleichen werden Rußland noch ein zweites Mal kennenlernen! An der Wolga und am Schwarzen Meer kam es mit den Akas und Prikas des Zaren über euch, hier wird es mit der Brandfackel der Zarenstürzer über euch kommen ... Man wird euch verfolgen ... Man wird euch töten ...« »Um Gottes willen, Herr Baron ... wie soll man sich halten? ... Ich bin kein Mann, der Freude an Kampf und Gefahren hat. Die Zeit ist für mich zu schwer!« »Die Zeit verlangt Mut!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Die Zeit verlangt Kraft! Die Zeit verlangt Einsicht! Mut, Kraft und Einsicht sind bei den Deutschen! Ich rede darüber nicht weiter mit Ihnen. Es ist für alle Halben zu hoch. Wie steht es mit der Streujewinnung in Ettel? Auch da wird jebummelt! Ich sah es jestern. Überall merkt man eine schlaffe Hand und ein schlaffes Herz! Darüber jeht der Sturm hinweg. Hüten Sie sich!« Esthen waren herangekommen. Sie hielten sich in scheuer Entfernung und starrten, die Haare aus der Stirn schüttelnd, abergläubisch auf die Erscheinung des Kerreküllschen Barons, der plötzlich im hellen Tageslicht vor ihnen stand. Waldemar Kerkhuß wußte: an ihm vergriffen sie sich nicht, selbst wenn der Zwitterdeutsche drüben hätte die Gelegenheit benutzen wollen, sich seiner zu bemächtigen. Aber der Mann voll eingeborener Angst vor der breiten Brutalität Moskaus war froh, daß der unheimliche Baron, der sein Herr und doch nicht sein Herr war, nun schon eine halbe Werst seines eigenen Grundes und Bodens zwischen sie beide gelegt hatte. Hinter fernen Fichtenstämmen tauchte noch einmal die straffe, leicht hinkende Gestalt auf. Dann verschlang sie die Wildnis. Es gab da landeinwärts in Esthland Sumpf- und Urwaldweiten, die seit Menschenaltern kein Menschenfuß betreten hatte und betreten konnte, weil der Boden tückisch gurgelnd unter ihm wich. Einst hatten vielleicht auch da Esthenhütten gestanden und die Sicheln die Roggenmahd gerafft. Aber das war zu lange her. Die Erinnerung Esthlands, soweit sie nicht in den Revaler Chroniken und den Urkunden des Deutschen Ordens verzeichnet stand, reichte nur bis zur Pestzeit des großen Nordischen Krieges vor zweihundert Jahren zurück. » Katken deg «, »die Zeit der Pest« war der Vorhang, hinter dem alles verschwand. Ehe damals, nach der Sage, das Knäblein mit breitem, rotem Hut des Nachts, auf einem durchlöcherten Wetzstein blasend und die Namen der nächsten Dörfer vor sich hinmurmelnd, dahinwanderte und sich bei Tage in einem Kornfeld verbarg, ehe das Pestmädchen in weißem, am Saum unten nassem Kleid abends den Kopf in die Hütten steckte und grüßte und hinter ihr das rote Pesthündchen mit silberner Glocke lief – ehe so in der Mordbrennerei der Russen damals weite Landflächen leer von Menschen und voll von Wölfen geworden waren, da mochte auch in dem beinahe undurchdringlichen Morast auf dem Gebiet des Saxesonschen Gutes Nois ein esthnisches Gesinde sich an das andere gereiht haben. Man sah jetzt noch hier und da die vermoosten Grundmauern und die Steinhügel zwischen den ehemaligen Feldern unter dem Wasserspiegel des Sumpfes, über den man sich mühselig auf schwanken Baumwurzeln und einzelnen Schilfinselchen durch das zähe Gestrüpp hinwegtastete. Mitten darin ruhte, halb schon in dem moorigen Abgrund versunken, ein von wirrem Dickicht überwucherter Berg von losen Feldsteinen. Die Reste einer Kirche. Auf dem ehemaligen Friedhof um sie herum hatten, in jener fernen Kriegszeit, die Tiere des Waldes die verlassenen Gräber aufgerissen. Die Sage erzählte, es sei vor Jahrhunderten ein Bär aus der Wildnis gekommen, der, aufrecht wie ein Mensch schreitend, eine Leiche in seinen Pranken trug, daß das weiße Laken lang nachschleifte. Seit jenen Tagen war ein Grauen um den unheimlichen Ort. Der Urwald gehörte dem, der ihn betrat, und der, wie Waldemar Kerkhuß, vorsichtig mit wider das Schilf geschlagenem Stock die massenhaften Kreuzottern scheuchend, auf dem Schutthügel festen Boden erreichte. In dichten Wolken, mit durchdringendem Singen summten die Stechmücken. Man konnte sich ihrer nur erwehren, wenn man Rockärmel und Hosenbeine mit Bindfaden umschnürte, Lederhandschuhe überzog und einen Schleier um Kopf und Hals wickelte. Dann boten die Klüfte des im Lauf der Jahrhunderte wieder ineinander verwachsenen Gesteins der eingestürzten Kirche einem Menschen Unterschlupf. Es war da eine durch Waldemar Kerkhuß' Hand erweiterte Höhle entstanden, die, mit trockenem Moos ausgelegt und mit Decken versehen, Platz genug zum Liegen und zum Aufrechtsitzen gewährte, wenn man erst einmal in das warme Halbdunkel hineingekrochen war. Es war wieder die Nacht da, als Waldemar Kerkhuß sein Versteck verließ – die weiße Nacht des Nordens mit ihren schwarzen Schatten, ihrem bläulichen Zwielicht des Mondes, ihrem silbernen Schimmer. Es glitzerte auf den dunklen Sumpflachen, die schwarzen Kegel der Binsenköpfe schwankten, das Schilf rauschte, leise, vorsichtig, als suche ein Tier des Waldes seinen Pfad, aus einem von außen unsichtbaren Ausschlupf aus der nahen Urwelt hinaus auf die freie Torfhaide. Der feuchte, salzige Seewind blies über die hin. Scheinbar ganz nahe klang wie die tiefen Atemzüge eines Schlafenden in regelmäßigen Abständen das schwere Rollen der Brandung. Dunkle Gestalten standen, unregelmäßig verteilt, wie lauernde Schatten auf dem von milchweißer, durchsichtiger Dämmerung überfluteten Moor und verbeugten sich zuweilen tief, den einsamen, aus dem Walde tretenden Menschen äffend. Aber der wußte, daß es nur die halbwüchsigen Birkenstauden waren, mit denen die Windstöße scherzten. Unter seinen Füßen stob es mit metallischem Knattern des Flügelschlags auf. Eine Auerhenne, die sich nach ihrer Art auf freiem Boden hingeduckt hatte, stob kopflos davon und durch die Nacht in die Ferne. Dort schimmerte ein einsames Licht. Das geübte Auge des Waldläufers konnte die Umrisse und das Dach des weltverloren inmitten seines Gebietes von Dickicht und Morast gelegenen uralten, kleinen Herrenhauses von Nois erkennen, in dessen morschen Mauern der Name derer von Saxeson mit den vier armen Fräulein, den letzten Sprossen des Geschlechts, ausstarb. Aus diesem Haus im Moor kam es vorsichtig, behende, auf leisen Füßen durch die weiße Nacht – stehenbleibend, das blonde Haupt nach rechts und links wendend, wie ein Reh sichernd auf die Lichtung hinaustritt. Dann wieder vorwärts, unbekümmert mit derben, hohen Stiefeln durch platschende Lachen. Als gleitender Schatten in grauem Mantel über eine schutzlose Fläche, den Korb mit heißem esthnischem Hirsebrei am Arm, den Krug mit Sauermilch in der anderen Hand, ein Sprung der schlanken Gestalt über einen Wassergraben, ein Aufatmen ... ein stummer Händedruck hinter den Büschen ... dann ein Flüstern ... »Vorjestern haben sie wieder bei uns nach dir jesucht!« »Sie haben überall nach mir jesuchtl« »Wo warst du jestern abend? Ich habe umsonst auf dich jewartet!« »Ich habe einmal in Kerreküll hineinjeschaut!« »Du warst im Schloß?« »Es jehört doch mir!« Karin von Saxeson schüttelte den blonden Kopf. Ihre frischen, klaren Züge hatten trotz der lauernden Gefahr gesunde, rote Wangen mit vereinzelten Sommersprossen, die selbst wieder an den Sommer dieses Landes, an seine herbe Luft und reine Sonne erinnerten, wie ihr helles Haar an die Ähren dieses Bodens. Ihr Atem kräuselte sich leicht, so kühl war die Nacht. Sie hob den Kopf und lauschte. In der Ferne bellten die Hofhunde von Nois. Sonst war in diesem Geglitzer unzähliger Sterne über der schwermütigen Einsamkeit der Haide kein Laut um den Mann und das Mädchen. Es war, als sei die Welt schon ausgestorben, die da draußen in Blut und Tränen sich zerfleischte, und sie die letzten beiden Menschen, die dem Selbstmord Europas entrannen. Trotzdem dämpfte er die Stimme bis zum Flüstern. »Merken sie denn bei euch nichts, wenn du immer hier herausjehst?« »Aber nein! Sie sind es doch schon von früher jewohnt! Ich schaute doch immer nach den Heustöcken. Mögen sie nun brennen ... Man sieht es dort schon die janze Zeit ...« Eine kleine, stille, purpurne Flamme stand da irgendwo wie ein Hirtenfeuer fern, ganz fern in dem hellen Dunkel. Karin von Saxeson musterte sie sachverständig, ein Kind dieser nordischen Erde ... »Es ist bei deinem Freund, dem Kuisteferschen! Jede dritte Nacht seit dem Johannistermin sieht man jetzt Feuer ...« »Feuer überall auf der Welt ...« Waldemar Kerkhuß hielt Karins Hand in der seinen. Es war, als hätte er doch Angst um sie. Er frug: »Wenn deine Schwestern dich hier in der Richtung nach den Torfjründen fortjehen sehen, wissen sie doch, daß da kein Heu zu bewachen ist?« »Aber die Pferde! Ich sagte, ich wollte nachts nach der Weide schauen! Sie stehlen jetzt jräßlich! Meist jehn sie in Uniform, die lose Trense in der Tasche, an die Jäule heran, werfen ihnen die Zügel über, sitzen auf und reiten auf dem blanken Tier davon, bis zur Bahn und dann im Jalopp auf den Jeleisen weiter, weil es da am schnellsten jeht ...« Sie nickte im Sitzen neben ihm voll Empörung und Tatkraft. »Sie reiten in einer Nacht bis Reval. Dort sollen sie in den Vorstädten Scheunen haben, wo sie die jestohlenen Pferde einstellen und verkaufen! ... Wie wird das alles noch enden!« »Aber daß du dieses Essen hier für mich in die Nacht hinausträgst, Karin ... Wenn die Muhme bei euch noch so dwatsch ist, das fällt ihr doch auf?« »Dazu habe ich meinen Mantel, um es darunter zu verbergen. Nun iß doch schon!« Er ließ ihre Hand los, warf mit dem Löffel einen Klumpen des esthnischen Breis in die saure Milch und begann seinen Hunger zu stillen. Zwischendurch frug er: »Fürchtest du dich nicht, Karin?« »Nein –« »Immer noch nicht?« »Nein!« »Wenn es herauskommt, schicken sie dich nach Sibirien!« »Jewiß doch!« »Woher kommt es, daß du so viel Mut hast?« »Ich bin verjnügt, daß ich dir helfen kann!« Sie saß ganz ruhig, die Hände im Schoß verschlungen, und schaute ihm ins Gesicht, mit den Augen eines Kameraden in der Not und eines Freundes. Aber es war mehr in ihren Augen als sonst die Frische ihrer Natur, die, von Licht und Luft dieses Bodens entflossen, ihm diesen Boden der Väter zu verkörpern, ein Bild der baltischen Heimat selbst zu sein schien. Er stand auf und küßte sie. Sie küßte ihn wieder. Sie sprachen dabei kein Wort. Fern bellten die Hunde von Nois. Der Ostseewind zupfte an ihren Mänteln und lief weiter. Nichts war da als sie zwei und die Gefahr. Und das Leben. Und beides, Gefahr und Leben, in dieser Zeit der Weltenwende in eins verschlungen. »Hab' Dank!« sagte er endlich. »Dank – wofür?« »Daß du bist, wie du bist! – – Du kannst nicht anders sein. Du warst immer so. Du warst immer da. Ich habe dich jesucht auf der Welt und dich in meiner Nähe nicht jesehn ...« Karin von Saxeson lachte. »Oft jenug hast du mich jesehen, Waldemar, seit achtundzwanzig Jahren. So alt bin ich nun schon.« »Man braucht Augen, um dich zu sehen, Karin! Die Augen hatte ich nicht. Der Krieg hat mir diese Augen jejeben. Er jibt uns neue Augen für alle Dinge. Er ist das Furchtbarste, was je über die Menschen kam. Aber er belohnt die, die keine Furcht haben. Du bist tapfer, Karin ... Das weißt du ...« »Ich habe nie darüber nachjedacht ...« »... und ich bin es auch, und dies ist die Zeit der Tapferen, und ich habe den Jlauben für dich und mich: Die Zeit wird uns noch krönen ...« Er zog sie hastig noch tiefer in den Baumschatten des Waldsaums. Stimmen hallten über die Haide. Gestalten bewegten sich da, die keine Büsche, sondern Menschen waren. Gestalten in Esthenkitteln. Russische Hemden dazwischen. Ein paar braune Militärmützen auf wilden Köpfen. Ein Dutzend oder mehr gingen sie rasch, ohne sich nach dem schwarzen Sumpfdickicht drüben umzuschauen, über die geisterhaft weiß beschienene Fläche. Man hörte ihre rauhen, streitenden Stimmen. Irgend etwas blinkte, man konnte nicht erkennen, ob eine Axt oder eine Büchse. »Es ist das erstemal, daß sie bis hierher kommen!« murmelte Karin von Saxeson, als der Trupp von Fahnenflüchtigen, feiernden Fabrikarbeitern und entlaufenen Knechten wieder wie eine Spiegelung der Nacht von der Nacht verschlungen war. Waldemar Kerkhuß löste an der aus Deutschland mitgebrachten Browningpistole die Sicherung und hielt sie schußbereit in der Rocktasche, während er Karin bis in die Nähe des Hauses Nois zurückgeleitete. »Ich sah die Kerle schon oft!« sagte er. »Die Wälder werden von ihnen lebendig. Die Straßen werden voll. Fühlst du, wie der Boden unter uns nachjibt, Karin? Wer hier in dem Sumpf den Kopf verliert, der ist verloren! Wir wollen den Kopf oben behalten, mag kommen, was da will ...« 13. Der Krieg hatte die gewohnten Pforten der alten Welt geschlossen. Der Verkehr der Menschen erzwang sich neue Seitenwege wie der vom Deich gestaute Wasserschwall. Er flutete in absonderlichen Schlangenwindungen. Die großen, alten Verkehrsstränge lagen tot. Dafür belebten sich weltverlorene und längst vergessene krumme Pfade und spannten sich in einem abenteuerlichen Netz über Europa. »Das ist der Krieg, mein lieber Wladimir Timofeïtsch!« sagte der greise Baron Bertil Butwengen zu dem Petersburger Bankier und Politiker Gulewitsch, den ihm der Zufall in Finnland als Reisegefährten in dasselbe Abteil gesandt hatte. Er sprach wie immer in der Öffentlichkeit Französisch und fuhr fort: »Diese Dinge fangen an lächerlich zu werden! Auf die Dauer wirkt das Bizarre ermüdend! Wie war das sonst? Man belegte seine Nummer im Nordexpreß. Man reiste in zwei Tagen, ohne umzusteigen, vom Ostbahnhof in Paris nach dem Warschauer Bahnhof in Petrograd. Man führte sein eigenes Bettzeug mit. Mein Kammerdiener war ein fixer Kerl. Er holte sich auf den Stationen vom Lokomotivführer heißes Wasser und rasierte mich auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Er lief wieder zur Lokomotive, steckte sein Bügeleisen in die glühenden Kohlen und brachte mir hinter Wilna meinen aufgebügelten Anzug. Im Speisewagen gab es immer schöne Welt. Man fand Bekannte. Man plauderte. Man hörte zu. Man intrigierte. Ah – mancher kleine Dolchstich, von dem man vor Herbesthal noch nichts wußte, war hinter Eydtkuhnen schon geschehen, nachdem man unterwegs in Berlin noch Vertrauliches hinter der hohlen Hand aus Kopenhagen gehört! Das waren schöne Zeiten! Aber jetzt ...« »In der Tat! Eine Auslandsreise ist heutzutage ein Opfer, das man dem russischen Vaterland bringt!« »Eine Reise? Ein Rösselsprung ist es, Wladimir Timofeïtsch! Von Paris nach Boulogne! Mit der Korkweste und Chamforts philosophischen Maximen als Lektüre über den Kanal. Von Dover nach London. Von London nach Edinburg. Wieder Chamfort. Wieder die Korkweste. Gut. Du bist in Bergen. Jetzt, im beginnenden Winter, durch Norwegen und Schweden. Zum drittenmal die Korkweste. Wieder hinaus in die Schären. Auch hier keine Sicherheit mehr auf See, seit die Deutschen unsere Ostseeinseln nahmen! Nun brachte uns die Vorsehung wenigstens schon wohlbehalten bis nach Finnland!« »Schon beinah durch Finnland durch! Wir nähern uns bald der russischen Grenze!« »Sie strotzen vor Gesundheit, Wladimir Timofeïtsch! Sie haben starke rote Wangen und feurige dunkle Augen. Sie sind noch ein Jüngling ...« »Schon Fünfzig nach Gottes Willen! Schon Fünfzig!« »Nun – was ist das gegen mich mit meinen Fünfundsiebzig? Sie könnten mein Sohn sein! Für mich ist das eine Strapaze, halb Europa zu umkreisen! Und für nichts, mein Bester, für nichts!« Der alte baltische Diplomat lehnte in sich zusammengesunken, mit gekrümmtem Rücken, so daß seine bäumlange, unheimlich hager gewordene Gestalt nicht so endlos wie sonst die übrigen Menschen überragte. Sein Kopf schien im Verhältnis zum Körper noch kleiner geworden, mumienartig in seinen spöttischen Furchen eines greisen Weltmanns vertrocknet, mit schneeweißem, spärlichem Haar und kleinem, hochmütig gesträubtem weißen Katerschnurrbart. So saß er, ein Ahasver der russischen Politik, an dem die Völker und die Zeiten vorübergeflutet waren, von der Bauernbefreiung Alexanders des Zweiten bis zum Sturz des letzten Romanows vor einem halben Jahr. Gospodin Gulewitsch, der Petersburger Millionär und Anhänger des Westens und Freund des Fortschritts und der Freiheit, und namentlich der Freiheit, sein Geld so gewinnbringend und ungehindert unter den Menschen kreisen und für sich arbeiten zu lassen, wie das in Londons Stock Exchange und der Pariser Börse geschah, Gospodin Gulewitsch hatte eine feiste Gestalt und ein schlaues Gesicht, auf dessen vollen roten Backen und starken Lippen doch der breite russische Lebensgenuß vor einer brutalen Tatkraft für höhere russische Ziele zurücktrat. Er hielt für sein Teil auch die Fäden zwischen Petersburg und London, und namentlich die goldenen Fäden, in der Hand. Er sagte: »Am so mehr ist es anzuerkennen, Exzellenz, daß Sie in Ihrem hohen Alter Ihre diplomatische Erfahrung dem bedrängten Rußland nicht vorenthalten!« Baron Bertil Butwengen zog die mächtig gewölbte, das kleine Gesicht überschattende und nach oben sich in die elfenbeinerne Glatze verlierende Stirne in unzählige kleine Altersrunzeln, unverhohlene bange Sorge warf sie auf, wie der Wind die kleinen Wellen auf einem sonst unergründlich glatten und verschwiegenen Teich. »Ich hatte mich schon nach Esthland auf mein Gut zurückgezogen!« sagte er. »Ich dachte da mich noch einige Zeit zu konservieren, ein Fossil, zur Belehrung für die Jugend und die neue Welt, so wie sich ja auch das Mammut im Gedanken an kommende Wissensbedürftige im Eise einlagerte. Meine Tage waren um, seitdem man den Selbstherrscher nach Sibirien schickte. Ich überließ gern euch Neuen, euch westlich Aufgeklärten, euch Fortschrittlichen das Feld. Ich fing an auf meinem Gut in Esthland meine Memoiren zu schreiben ...« »Auch Casanovas Memoiren, Exzellenz?« »Alles, alles, mein Freund! Die Frauen und die Politik kann ein Mann der alten Schule wie ich nicht trennen! Wie ihr neuen Männer das haltet, das weiß ich nicht. Ich sah als Philosoph zu, wie ihr zusammen mit dem englischen Botschafter daran gingt, ein Volk von einhundertachtzig Millionen Muschiks, Kosaken, Popen, Altgläubigen, Tataren, Barfüßern, altrussischen Kaufleuten, Sibiriaken, Nihilisten – wie ihr daran gingt, diese analphabetischen russischen Seelen so zu behandeln, als ob es englische Arbeitsritter wären! Ich dachte mir: England ist weise. Es weiß, was es tut ... Es hatte seine Gründe, den Kreml ohne Zaren und Rußland ohne Selbstherrscher zu lassen ...« Der alte Butwengen verzog sein eingeschrumpftes Fuchsgesicht zu einer Grimasse unverhohlener tiefster Angst. In diesem Augenblick war er, der Vielverschlagene, wirklich ehrlich. Sein alterskluges Antlitz verriet, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, was er dachte. »Ja aber, um Gottes willen – was habt ihr denn da angestellt?« sagte er mit gedämpfter, bebender Stimme. »Schon diesen Herbst schrieb ich besorgte Briefe an Manuchin, meinen alten Klubfreund und auch einen der euern! Der Knjäs antwortete: ›Nitschewo! Die Aufklärung geht bei uns unbeirrt ihren Gang! Rußland marschiert!‹« »Das tut es!« »Aber wohin marschiert es? »Es marschiert ja immer weiter, viel weiter, als ihr wollt! Es kümmert sich gar nicht mehr um den Takt, den ihm eure berühmten Kapellmeister an der Themse schlagen! Hand aufs Herz, Wladimir Timofeïtsch: Welcher Teufel ritt denn diese Engländer, zu glauben, sie wären bei sich daheim und eine Handvoll liberaler Petrograder Politiker und Klubredner sei Rußland – sei der Muschik, den man in einem Menschenleben nicht auslernt – und der Muschik, den wir bis zum Ural und Altai hin bewaffnet haben, sei ein Gurkha oder Sikh und jederzeit bereit, für den Londoner Sterlingkurs zu sterben? Nein, mein Freund: der Muschik ist modern geworden, er will nicht mehr sterben!« »Wahrlich! Alle Nachrichten lauten beklemmend!« »Er will nicht mehr kämpfen! Denn er weiß, dank euern Engländern, nicht mehr, wofür!« »Die Lage ist ernst!« »Sie ist so ernst,« sagte Baron Butwengen, »daß ich auf meine alten Tage mich von dem alten Metier nicht freimachen konnte und wie ein Skelett aus dem Sarge stieg und dies Gerippe nach London schleppte, wo man mich seit fünfzig Jahren kennt, um in letzter Stunde zu warnen! Aber mein Instinkt für elektrische Spannung sagt mir: Es ist zu spät! Ihr habt den Bär von der Kette gelassen! Aber nun tanzt er nicht mehr nach eurer Pfeife, sondern fletscht die Zähne und fällt euch an!« »Wenn die furchtbaren Gerüchte über Petrograd wahr sind, die den Zug erfüllen ...« »Wenn sie heute nicht wahr sind, so werden sie es morgen sein!« Der alte Diplomat hatte die ungewohnte Aufwallung schon wieder hinter sich. Aber es war doch ein tiefer, bitterer Ernst um seine dünnen, sonst ironischen und zu einem frivolen Witz bereiten Lippen, während er fortfuhr: »Und was dann – wenn unser Muschik nicht mehr die Massengräber füllen will, sondern euch Westliche in diese Gräber einladet – wer kann euch dann allein noch retten?« Gospodin Gulewitsch schwieg. Der alte Butwengen nahm ihm die Antwort von den sinnlich und brutal geschwungenen Lippen. »Der Deutsche! Wenn der Deutsche die Zeichen des Ostens recht versteht, wird er euch helfen, und ihr, die russische Gesellschaft, müßt seine Hilfe annehmen, um nicht unterzugehen! Dann hat England sein Spiel in Rußland verloren, aber ihr Engländerfreunde in Rußland auch!« »Wenn der Deutsche das begreift...« »Und wenn ihr nicht etwa blind seid!... Oder gar beide Teile... wir Russen und die Deutschen...« Baron Butwengen verfiel in alterstrübes Sinnen. Wie Schattenbilder der Erinnerung eines langen Lebens zogen draußen die Rauchwirbel der Lokomotive vorbei, ballten sich in luftigem Geisterkampf, lösten sich in nichts. Der einstige Diplomat dreier Zaren seufzte in leisem Schauer vor dem Nichts, dem er entgegenfuhr. Er sah vor sich mit seinen fünfundsiebzig Jahren das Grab. Aber dies Grab dünkte ihn im schweigenden Sinnen seines klugen, greisen Kopfes selbst für seine Kirchturmlänge zu groß. Es dünkte ihn so groß, wie das ganze heilige Rußland selbst... An den Fenstern glitt das ewig gleiche Wandelbild Finnlands vorüber, die weiten Wasserflächen, die dunklen Wälder, die kahlen Granithügel, die weißschäumenden Wasserfälle und Stromschnellen und an ihnen die Fabriken, die rotbraunen Bauernhäuser und hölzernen Städtchen. In dem Zug kümmerte sich niemand um die Landschaft. Es war da eine merkwürdige Unruhe. Gespannte, sorgenvolle Gesichter, ein Hin und Her auf dem Gang, gedämpfte, erregte Stimmen: Russisch, Schwedisch, Französisch, Englisch. Dies Menschenhäuflein aus dem Westen lebte vom russischen Krieg, brauchte ihn, verdiente an ihm – durch die britische, die amerikanische, die französische und die japanische Botschaft am Hofkai, in der Furschstadtskaja und am Quai Français von Petrograd flossen die Goldströme in die Taschen der Geldmänner von London und Tokio, Paris und New York. Die Angelsachsen in dem Eisenbahnzug schienen die eigentlichen Herren Rußlands. Die nüchterne Geschäftsmäßigkeit ihrer hageren Züge sprach abgeschwächt auch aus den Gesichtern der anderen: Nur weiter in diesem Kurs seit dem Sturz des Zaren! Alles ging gut, und die Aktionäre im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten, in der Republik an der Seine und auf den Inseln des Fusijama hatten fette Tage, solange der Wind von Westen die russischen Segel blähte. Stockholm war die Eingangspforte zu den Goldgruben Halbasiens, die Pforte zwischen zwei Weltteilen. Was dort in Tuscheln, Geheimnissen; rätselhaften Menschen aus allen Ecken der Erde die überfüllten nordischen Karawansereien mit einem seltsamen, rötlichen Widerschein des Kriegs überzog, das fand seinen Weg nach Petrograd. Ein Blutgeruch lag über diesen Gestalten ehrbarer Kaufleute. Ob sie aus dem Land der unbeschränkten Möglichkeiten oder aus dem Reich der Pfirsichblüte kamen, – keiner von ihnen hatte je draußen das Schwalbengezwitscher einer Kugel gehört, das feierlich-starre, weißgelbe Antlitz und die über der Brust gekreuzten Fäuste eines Gefallenen gesehen. Sie wußten nichts von blutigem Stroh und Schreien und Flackerschein eines nächtlichen Verbandplatzes in zerschossener Kirche, sondern von trockenen Witzen gutgelaunter Börsenbesucher. Aus Giftgas und Höllenmaschinen blühten ihnen ihre Gärten Eden. Aus den Tränen der Witwen und Waisen schufen sie die Perlen für ihre Frauen und Töchter. Der Höhenrausch der unermeßlichen Ausbeutung des russischen Riesenreichs fieberte in den kalten Augen Englands und seiner Vasallen. Und doch waren da die Sorgen. Sie huschten wie Fledermäuse durch die Wagen. Schattenhaft. Nur in Bruchstücken von Gesprächen, flüchtigen Augenblicksbildern draußen zu fassen. Wenn der Zug auf den Stationen hielt, hörte man auf den hölzernen Bahnsteigen das aufgeregte Schwedisch der Notabeln des Landes, das lärmende Finnisch des Volkes. Es wimmelte von Lammfellmützen, braunen Mänteln, Bajonetten, Kalmückengesichtern. Aber man konnte nicht erkennen, ob diese Truppen von der Front kamen oder ob sie nach Petersburg gingen, und was sie dort wollten. Man sah nur, daß der stumpfe, stumme und ergebungsvolle Gleichmut des Muschiks geschwunden war. Diese bewaffneten und uniformierten Bauern lärmten, rauchten, sprachen mit aufgeregten Arm- und Schulterbewegungen aufeinander ein. Ungewohnte, unheilverkündende Gestalten drängten sich auf dem Grenzbahnhof zwischen ihnen. Einer der Mitreisenden wies durch das Fenster auf sie: »Geflüchtete Petersburger! Sie reisen auf ihre finnischen Sommersitze am Meer und den Wasserfällen.« »Auf ihre Datschen? Jetzt im Winter?« »Sie scheinen ihre Gründe zu haben!« »Rufen Sie sie doch an!« »Es ist zu weit!« Finstere Gendarmen gingen durch die Wagen und prüften die Pässe. Das war wie sonst. Es beruhigte. Man atmete Heimatluft. Der alte Butwengen hatte die Tür seines Abteils offen gelassen. Er vernahm, als der Zug weiterrollte, auf dem Gang ein nervöses und gedämpftes russisches: »In Petrograd wird gekämpft!« Ein mitfahrender Russischdäne aus Moskau übersetzte es in das Englische und Französische. Ein Pariser Greis von der Hochfinanz zuckte schweigend zusammen. Ein Yankee gähnte stirnrunzelnd hinter der hohlen Hand. Die Briten saßen mit steinernen Gesichtern. Die Japaner lächelten höflich. Die Skandinavier schauten ernst darein. Die Russen konnten ihre Anruhe nicht mehr verbergen. Sie standen auf und stellten sich an die Fenster. Auf dem nächsten Bahnhof war ein neues Getümmel. Ganze Petersburger Familien mit Sack und Pack, Matratzen, Samowar und Kruzifix, Pelzbündeln, Kinderwagen, Eßkörben, Schmucktaschen pfropften sich in den großen, hellen Abteilen des von Süden einlaufenden Zugs. Kraftwagen schossen in der Richtung aus Petersburg her auf der zerfahrenen und verschneiten Landstraße dahin und rasten gen Norden. »Wir werden gar nicht in die Stadt hineinkommen! Alle Brücken nach den Inseln und der Wiborgschen Seite sind gesprengt!« »Belieben Sie: wer sagt das?« »Sie rufen es aus dem Petersburger Zug.« » Ah, blague !« brummte verächtlich der Pariser Börsengreis, dem man es verdolmetscht hatte. Aber sein fettes Hamstergesicht war unter dem weißen Henriquatre bleich vor Sorge um die dreißig Milliarden der dritten Republik. Die Räder rollten. Stockten. Standen still. Mitten auf der Strecke. Baron Bertil Butwengen raffte seine lange Gestalt ungeduldig in die Höhe, trat auf den Gang hinaus und quetschte sich resigniert zwischen erregte Menschen, Papyrossenwolken und vielsprachiges Stimmengewirr. Er hörte unter sich: »Was ist los?« »Wir können nicht weiter!« »Warum das?« »Es war da irgend etwas mit dem dritten Reserveregiment!« »Nein doch! Verwirren Sie doch hier nicht die Dinge! Das dritte Reserveschützenregiment ist es!« »Das dritte Maschinengewehrregiment. Ich hörte es deutlich!« »Meuternde Truppen!« erklärte der Däne. »Es heißt, sie halten die Stationen bis Petrograd besetzt.« »Nicht Landtruppen! Belieben Sie doch endlich zu begreifen! Es sind die Matrosen der Kronstadter Flottenequipage!« »Nein. Es sind die Junkerschulen aus Oranienbaum!« Baron Butwengen verzog keine Miene des hochmütigen kleinen Geierkopfes. Er hörte zu, mit der zweifelnden Gelassenheit des alten Weltmannes. Neben ihm sagte der greise Franzose mit zitternden Lippen: »Krieg ist Fieber! Im Fieber deliriert man! Gestehen wir uns, daß das alles Einbildung ist, meine Herren!« »Horch! Schüsse!« Einen Augenblick war alles still. Auch von draußen, aus dem Novemberschnee, kam kein Laut. Ein Irrtum! Man lachte wieder gezwungen, während der Zug noch langsamer, als sonst in Rußland üblich, weiterfuhr, man scherzte über die Angst des anderen mit der eigenen Angst im Herzen. In den Gruppen der Kriegspolitiker und Kriegslieferanten des Westens wurde man wieder ernst. »Man hat den Zaren gejagt, weil er zu schwanken anfing!« »Für das neue Rußland gibt es kein Schwanken! Der Krieg geht weiter!« »Wenn nicht das neuste Rußland das neue Rußland ablöst...« Einen Augenblick stieg, während man schon wieder hielt, die Unterwelt vor den Blicken empor. Gestalten aus dem Nachtasyl. Wirrmähnige Schwarzarbeiter. Berußte Scharen aus dem Feuerschein der Putilow-Werke. Und immer riesigere Massen, bis zum Horizont anschwellend, feldbraun, zahllos – die russischen Heere, die heimwollten, und zwischen ihnen unzählige Hebräer, vom schwarzen Kaftan aus dem beßarabischen und polnischen Ghetto bis zu dem sieben Sprachen beherrschenden, auf deutschen und französischen Hochschulen gebildeten weltmännischen Anarchisten. Ein Ruck in den Rädern. Ein Aufatmen. Das rote Gespenst verflog. Der Zug ging weiter. Eine lachende gegenseitige Schauspielerei der Sorglosigkeit. Gott sei Dank! Es waren ja alles nur unsinnige Gerüchte, von den Deutschen ausgesprengt! Da haben wir ja schon Pergalowo hinter uns! In der Ferne spannt sich weithin die rauchgraue Trübung einer riesigen Stadt vor dem Winterhimmel. Wir nähern uns Petrograd... Die Alexanderbrücke über die breite Newa war nicht zerstört. Es war überhaupt nichts zerstört. Der alte Butwengen lächelte spöttisch. Er hatte sich das gleich gedacht. In seinen Biberpelz gewickelt, die Bibermütze auf dem Kopf, wie ein mittelalterlicher Bojar anzusehen, fuhr er im Auto über die Gagarinskaja den Fluß entlang, in dessen trüben, graubraunen, vom ersten Eishauch überzogenen Fluten sich wie in den Glanzzeiten des versunkenen Zarentums majestätisch und stundenweit die Paläste spiegelten. Am Rand der weiten überschneiten Fläche des Marsfeldes wälzten sich undeutliche, schwärzlich wogende Menschenströme gegen die Panteleimonbrücke. Baron Butwengens französischer Kammerdiener, der wie ein ältlicher Schauspieler von der Comédie française aussah und mit dem Gepäck seinem Herrn, jeden Augenblick unentbehrlich, gegenübersaß, zeigte mit einem schmerzlichen Zucken des glattrasierten Gesichts nach den roten Fahnen, die sich über dem Meere von Köpfen bewegten, und erzählte etwas, was er in der Eile auf dem Bahnhof vernommen: vom Taurischen Palast und dem Smolny-Institut. Aber der alte Butwengen wollte nicht hören. Er schloß unwillig die Augen, um das Rot wie eine Sinnestäuschung zu verscheuchen, winkte mit der Hand ab und vergrub sich in der Ecke, den Kopf in seinem Pelz, wie der Vogel Strauß in dem Sand. An dem sanften Lauf des Kraftwagens merkte er bereits, daß die Fahrt von den holprigen Granitköpfen der Außenstraßen auf dem Asphalt- und Holzpflaster des Newskij-Prospekts und der großen, nach dem Mittelpunkt der Stadt, der Admiralität, zusammenlaufenden Perspektiven weiterging. Das war sein Reich. Das war das vornehme Petersburg mit seinen Salons, seinen Sphären, seinen glatten Parketten, seinem halb orientalischen ewigen Ränkespiel der Großen. Von den Fenstern des Hotels, in dem er abgestiegen, hatte er zu Beginn des Krieges, ehe er nach Bukarest ging, Tag für Tag die Völkerwanderung nach dem Westen miterlebt und den Taumel allrussischer Begeisterung, der sie begleitete. Das Läuten der Glocken, die Geschäftigkeit hoher Wohltäterinnen in Schwesterntracht, den Weihrauch, die Kirchenbanner, die barhäuptigen, singenden Massen des Volkes in der Glut des Juli russischen Stils. Auch jetzt zogen auf der breiten Straße, in der kalten, grauen Nebelluft, unordentliche Trupps von Bewaffneten, liefen Matrosen, wälzte sich die Menge. Aber der Kammerdiener, der seine Sprache wiedergefunden hatte, meldete, von unten kommend, seinem Herrn: die Genossen vom Pawlowschen Regiment widersetzten sich dem Befehl, der die ganze Petersburger Besatzung an die Front rief! Auch die Preobraschenzen selber! Auch die finnische Garde ... Rußland wankte ... Der alte baltische Aristokrat trat mit einer Grimasse des Abscheus von dem Fenster zurück. Er hatte unten einen Panzerkraftwagen mit im Sturme flatterndem roten Banner vorbeiziehen sehen, aus dessen Luken Maschinengewehre äugten. Hinter der Straßenecke, um die das Ungetüm gebogen, krachte es. Ein kurzes, bellendes Hämmern verhallte. Die Menschen unten waren wie eine sturmgepeitschte Welle nach der einen Ecke der Straße zusammengelaufen. Jetzt wimmelten sie wieder fieberhaft, als sei nichts geschehen, und der Kammerdiener sagte mit einem bedauernden Lispeln: »Es wird immer mehr seit gestern geschossen! In der Millionaja soll man die Toten auf Karren fortgeschafft haben!« In der Millionaja, hart am Sitz der Regierung, lagen die Kasernen der einst erlesensten Gardetruppen, eigentlich jede Kaserne für sich eine kleine Stadt oder eine kleine Festung. Wenn dort Blut floß, dann floß es im Kampf zwischen Winterpalais und Kasernen. Dann zog das Ende aller Dinge empor. Baron Butwengen ahnte das. Sein durch Jahrzehnte zu spöttisch-wissenschaftlichem Denken geschulter Verstand gestattete ihm keine Täuschung. Er stand und starrte, als wäre es doch eine Luftspiegelung, auf die unten vorbeirollenden Lastkraftwagen, auf denen die rote Fahne flog und neben dem Maschinengewehr vorn, wie Eingeweide aus einem aufgeschlitzten Leib, der patronengespickte Ladestreifen lang herausgequollen niederhing, diese Wagen, auf denen Männer in Pelzmützen und Arbeitermänteln mit Gewehren standen und rote Bänder von den zerzausten Köpfen junger Mädchen wehten, diese Wagen, von denen ständig im Fahren Taubenschwärme aufzuflattern schienen, so massenhaft wirbelten, von halbwüchsigen Burschen oben geschleudert, die weißen Flugblätter auf die Straße. Ein Gestrudel und Gebalge hinterdrein, ein Geschrei von tausend Stimmen. Baron Butwengen schüttelte mißbilligend und abweisend den Kopf und begab sich, zum Ausgehen fertig, hinunter in die Empfangsräume des Hotels. Eine Gestalt aus guten, alten Tagen stand da. Ein hoher, grauhaariger, russischer General, in Kniestiefeln und weiten Hosen, alle Kriegsorden seines Landes auf der breiten Brust. Zwei Leibdiener in langem, schwarzem, mit Patronengurten benähtem Tscherkessenrock wie die Schatten zum Schutz hinter ihm. Offiziere kamen fortwährend vorgefahren, sprachen aufgeregt und leise mit ihm, sprangen wieder auf die einsitzigen Droschken und rasselten davon. Schwere Kammerschläge dröhnten fortwährend. Es war, als schlösse man einen riesenhaften Sarg. »Die Junker der Garde, die hier wohnen, lassen ihre Feldlisten zunageln! Sie folgen heute abend dem Befehl an die Front!« »Und die Truppen?« frug der alte Butwengen finster. Der Hotelportier lächelte geschmeidig. »Schließlich werden sie auch gehen! Ja, das Volk wird sich beruhigen. Es wird keinen Frieden wollen! Vor Sir Buchanans Haus steht es und singt mit entblößtem Haupt die englische Nationalhymne!« »Ja, für fünf Rubelchen für den Kopf!« rief ein junger Mann und ging vorbei. »Einer unserer Aufgeregten aus dem Taurischen Palais, Exzellenz! Es hat nichts zu bedeuten! Unser ganzes Haus ist voll von vornehmen Engländern, Franzosen, Amerikanern, die in Ruhe die Wiederkehr der Ordnung abwarten! Sie belieben, sich zu Seiner Erlaucht, dem Fürsten Manuchin, zu begeben? Rasch doch, Schweizer! Ein Automobil für Seine Exzellenz!« Knjäs Boris Wladimirowitsch Manuchin saß schwer, bärtig, den Rauch der Papyros durch die breiten Nüstern stoßend, gleich einem mächtigen, in Londoner Kleidung gesteckten Muschik, im Palmengarten seines Palastes in der Mitte zahlreicher Freunde und Anhänger. Er trug einen schwarzen Flor um den Arm. Sein Schwager in Esthland war vor wenigen Wochen gestorben, so einsam gestorben, daß die Leiche des alten Wiffenhausen auf Narraks den ganzen Tag steil aufrecht, mit kriegerischem Gesichtsausdruck in dem Lehnstuhl inmitten der großen Windhunde gethront hatte, bis ein Diener sie fand. »Nun – mit Gott!« sagte Graf Wittekind von Herzerode in stark betontem Russisch, während sonst, schon der als Gäste anwesenden britischen Agenten wegen, fast nur Englisch und von den Damen Französisch gesprochen wurde, und dies ›z'bogom‹ klang obenhin und spöttisch, während er, äußerlich ein langer, vornehm aussehender, schmalschultriger Stutzer in angelsächsisch-gebeugter Haltung und doch eben durch diese lässige Weichheit der Bewegungen das slawische Blut seiner Mutter verratend, nach dem luftdicht verklebten Fenster ging und die kleine Luke in ihm aufstieß, durch die allein man im russischen Winter frische Luft in das Hausinnere ließ. Durch das offene Scheibenviereck kamen mit dem eindringenden kalten Nebel der Newa kurze, scharfe Laute, die wie ein Durcheinander von unregelmäßigem Peitschengeknall und fernen Hammerschlägen klangen. Fürst Manuchin wandte, unwillig über die Störung, den graublonden Urwald seines Bartes und Haares erst nach dem Fenster, dann wieder zu seinen englischen Gästen und sagte, mit der Ruhe eines Klubmannes: »Mißverstehen Sie diese beschämenden Äußerlichkeiten nicht, meine teuren Herren, die Petrograd heute dem westlichen Beschauer bietet! Diese Zügellosigkeiten der Straße, deren Zeugen Sie leider seit einigen Tagen sind, sind nichts als die letzten Nachzuckungen des gestorbenen Absolutismus, der eben für die Straße nur die Kosaken zur Beruhigung bereit hielt, statt des wohltätigen Einflusses einer geregelten öffentlichen Meinung, an deren Aufbau die russische Gesellschaft seit einem halben Jahr arbeitet. Diese wohltätige Wirkung englisch-freiheitlichen und weise gemäßigten Denkens wird langsam, aber sicher auch bei uns eintreten! Vergessen Sie nicht, Gentlemen, daß Britanniens Freiheit ungefähr so viele Jahrhunderte zählt als die unsere Monate! Es handelt sich für die Vaterlandsfreunde darum, daß man am Strande der Newa diese, uns durch Englands Hilfe und nach englischem Vorbild überkommene Freiheit so besonnen und aufgeklärt gebraucht wie an den Ufern der Themse! Dafür sind wir, ich und meine Gesinnungsgenossen, da! Wir werden dafür sorgen, daß besonnenes Denken nicht in ungezügeltes Handeln ausartet! Verlassen Sie sich darauf!« Der Fürst schloß. Er hatte mit der selbstsichern Geläufigkeit eines westlichen Weltmannes gesprochen, für den das Deutschland von heute ungefähr das Rußland von gestern war. Er war mit sich zufrieden und, wenn er die verbindlichen Gesichter der Briten und die andächtige Stille der anderen beobachtete, mit der Wirkung seiner Worte auch. Er stand schwerfällig, aber rasch auf und ging dem alten Butwengen entgegen, dessen hagere Kirchturmgestalt sich zwischen den feuchten Blättern der Palmen in den Raum schob. »Gott sandte Sie!« sagte er nach der Begrüßung. »Sie kommen aus dem Ausland. Erzählen Sie! Seit wann sind Sie wieder in Petrograd? Wie lange gedenken Sie zu bleiben?« Baron Butwengen hatte sich gesetzt. Er schien den Russen und Briten verändert. Auf den verschrumpften Zügen des alten Diplomaten, der sich seit einem halben Jahrhundert die Verwunderung über Menschen und Dinge abgewöhnt hatte, lag ein starres, schreckensvolles Staunen. »Wann ich kam, Fürst?« versetzte er und hüstelte. »Vorhin! Wann ich reise? Wenn es noch möglich ist, mit dem Abendzug nach Esthland!« »Warum so eilig?... Sie erschrecken uns!« »... weil ich den Weltuntergang wenigstens auf heimischem Boden erleben möchte!« »Den Untergang?« »Ja, sehen Sie denn nicht, daß wir alle hier schon gestorben sind und es noch gar nicht wissen?« Das Wort klang unheimlich aus dem welken Greisenmund. In der tiefen Stille fand Baron Butwengen wieder seine alte, oberflächliche Art. »Geben Sie wenigstens ein Glas Tee, Fürstin!« sagte er. »Man bedarf der Stärkung. Die Welt geht uns durch wie ein zweijähriger Hengst! Ich bin zu alt, um noch nach den Zügeln zu greifen. Ich bleibe als Philosoph im Wagen sitzen, bis er umstürzt!« Das Glas klirrte in der Hand der Hausfrau und wäre beinahe hingefallen, so ganz in der Nähe dröhnte ein Donnerschlag durch das offene Fensterchen. Graf Wittekind von Herzerode schloß es und versetzte auf russisch – er sprach keine andere Sprache: »Es müssen Geschütze aufgefahren sein! ... Bei der Reitbahn der Chevaliergarde ...« »Oder bei der Kaserne der Gardes à cheval !« »Sie haben nie gedient, Graf Gerzerodde!« sagte ein kleiner, dicker General, das Georgskreuz am Hals. »Sonst würden Sie erkennen, daß man den Kanonendonner vom Kanal her hört. Der Aufruhr kommt von drüben, vom Smolny-Kloster!« »Ein Aufruhr? ... Welcher Aufruhr ... belieben Sie?« »Aufruhr aus einem Mädcheninstitut!« sagte Graf Herzerode spöttisch lächelnd. »Sie wissen, daß man dort Tag und Nacht den Umsturz predigt ...« »... daß man Tag für Tag dort in endlosen Reden den sofortigen allgemeinen Weltfrieden verlangte! »Über der Newa ist die Peter-Pauls-Festung! Hinein mit ihnen allen!« »Gehen Sie doch hin, General, und holen Sie sie mitten aus den Kronstädter Matrosen und lettischen Scharfschützen heraus!« »Schickt Gendarmen!« »Wo sind denn noch Gendarmen?... Wo sind denn noch Kosaken?... Die Kosaken in Petrograd haben sich bereits neutral erklärt. An was kann man sich denn noch hallen? ... Es ist ja keine Ordnung mehr ...« Die Angelsachsen sahen sich an. Kalte Besorgnis war in ihren Augen. Draußen klang eine helle Stimme. Der alte Butwengen fuhr aus dem Schweigen der Erschöpfung auf, in dem er mechanisch unter einer Zwangsvorstellung, die immer schnelleren Kanonenschüsse vor den Fenstern zählte, und begrüßte mit den anderen die stürmisch eingetretene Nichte des Hauses. Kaja von Wiffenhausen stand, wie sie aus dem Schlitten gestiegen war, in dem gläsernen Palmenbau. Ein frischer Winterhauch umwehte noch ihre blonde hohe Gestalt. Aber die Wangen ihres schönen Antlitzes waren trotz der Kälte draußen blaß. Sie warf den kostbaren Seeotterpelz über einen Stuhl, so daß darunter das Schwarz der Trauer um ihren Vater, den alten Wiffenhausen auf Narraks, ihren königlichen und biegsamen Wuchs noch hob, und sagte: »Schon an der Isaak-Kathedrale mußte ich umkehren! Hunderte von Soldaten und Kerlen und Weibern reißen da das Holzpflaster aus der Straße und bauen Barrikaden!« »Schießt ihnen den Plunder entzwei!« »Sie haben ja selbst die Geschütze!« Kaja Wiffenhausen zog die Füße aus den hohen, pelzgefütterten Lackgaloschen, die sie achtlos in die Ecke stieß, und band sich den Schleier von dem schönen Haupt. »Dicht hier, an der Nikolausbrücke, liegt auf der Newa ein großes Kriegsschiff mit roten Fahnen an allen Masten. Niemand weiß, was auf den Inseln vorgeht! Aber die Peter-Pauls-Festung feuert auf das Winterpalais!« »Wo sind die Minister?« »Alle im Winterpalais versammelt!« sagte der General. »Ich weiß es. Sie geben nicht nach. Es wird kein Frieden mit Deutschland geschlossen! Keine Sorge, meine Herren Engländer und Amerikaner!« Auf der Straße war ein Brausen, das man plötzlich durch die fest verfugten, mit Moos gepolsterten Doppelfenster hörte. »Sie ziehen vorbei!« »Es nimmt kein Ende!« »Sieh nur die Fahnen! Kannst du die Inschriften lesen?« »Lieber nicht!« sagte Graf Wittekind von Herzerode und drehte sich um. Er hatte gute Augen, aber er, der blasierte und ironische Petersburger, war bleich geworden. »Höre die vielen Stimmen ...« »Sie singen ...« »Nein ... Sie rufen ...« »Was denn?« »Ich kann das Wort nicht verstehen ...« »He, Ossip ... was ist das mit dem Volk da unten?« Der Oberdwornik, der Hauptpförtner, verbeugte sich tief: »Es sind Towartschi, Erlaucht ...« »Kameraden ...« »Kameraden, Euer Erlaucht ... Sie tragen rote Binden um den Arm und rote Achselaufschläge auf den Kronsmänteln und rote Kokarden an den Mützen...« »Und was schreien sie ...« »Nieder mit den Burschui!« Die Engländer verstanden nicht. Graf Herzerode er klärte es ihnen mit einem gezwungnen Lächeln: »Burschui – das sind Sie und ich und der hier und die Londoner Gentlemen und meine Kusine Kaja ... In den Augen dieser Leute sind wir alle Bourgeois!« »Wenn sie zu Macht kommen, ist der Krieg zu Ende ...« »Zu Ende!« »Es gibt Frieden mit Deutschland?« »Ja.« Alle standen vorsichtig, um nicht von verirrten Kugeln getroffen zu werden, seitlings der Fenster und spähten hinaus auf das unheimliche, widerspruchsvolle Bild dieser riesigen, nordisch-grauen und doch südlich-heiß fiebernden Stadt, dieses bisher gelobte Land aller Kronsuniformen, in dem jetzt der schmutzbraune Soldatenrock, die zerrissene Arbeiterbluse, der umgedrehte abgewetzte Schafpelz des Bauern herrschten. Sie schauten stumm und bang nach diesen Inseln und Ufern voll riesiger Paläste, Kasernen und Kathedralen, wo vor kurzem noch der Kosak mit geschwungener Bleikugelpeitsche über das dröhnende Holzpflaster galoppiert war und alles bei den feierlichen Klängen des »Gott erhalte den Zaren« stehend ehrfurchtsvoll das Haupt entblößt hatte, und wo nun immer neue rotüberflatterte, wimmelnde, schreiende, singende Ameisenhaufen die breiten, mit dem Lineal gezogenen Perspektiven überschwemmten. »Was jubeln sie da unten?« »Torpedogeschwader sind in Eilfahrt von Finnland hierher unterwegs!« »Die Torpedoboote können bis vor das Winterpalais fahren!« »Und die Minister?« »Sie weigern sich, abzudanken und das Palais zu verlassen! Es heißt, der englische Botschafter sei bei ihnen!« »O – dann ist alles gut!« sprach der fürstliche Hausherr andächtig. Er hatte das Wort »England« gehört. Er hatte wieder Mut. Die Gesichter der Franzosen entspannten sich. Mr. Mac Nalta schlug plötzlich gleichgültig, wie im Klub, ein Bein über das andere. James Spalding sagte mit dem Lächeln eines Tierbändigers, als sei Petrograd ein mächtiger Raubtierzwinger und er der Zähmer mit der Peitsche darin: »Man muß das Weiße im Auge sehen lassen. Nichts hält der Mann auf der Straße weniger aus!« »Aber dieser Mann da auf der Straße ...« Graf Herzerode machte eine jähe Bewegung und zeigte hinab. »Wo ... wer?« »Vor Ihrem Hause, Knjäs ... Der Mann, der eben dem Iswoschtschik das Pack Rubelscheine in den Handschuh drückt...« »Dafür, daß er mit dem Fuhrmann hier noch durchkam!« »Er sieht verwahrlost genug dazu aus, um durchgelassen zu werden!« »Wie eben aus dem Urwald gekommen!...« »Er kommt auch aus dem esthnischen Wald!« sagte Wittekind von Herzerode zwischen den Zähnen leise auf russisch: »Kaja ... mein Täubchen ... erkennst du ihn nicht?« »Bei der heiligen Mutter Gottes von Kasan ...« »Er ist's ...!« »Er kann es nicht sein!« »Doch, meine Seele: es ist unser Vetter Waldemar Kerkhuß...« »Der Deutschgesinnte?« »Der Deutschgesinnte!« »Er wagt es, sich öffentlich zu zeigen?!« »Er ist schon in Ihrem Hause, Boris Wladimirowitsch.« »Die Diener werden ihn über die schwarze Treppe hinausführen...« »Die Diener ... belieben Sie ... wo sind Ihre Diener?« »Das Haus ist leer...« »Ihre Diener sind entlaufen!« »Und dafür ist der erste Deutsche hier...« Der Fürst Manuchin hatte sich erhoben. Durch die englische Tünche des Ruriksprößlings brach jetzt wieder der Pariser Kulturschliff seiner Kinderstube. Er sprach auch unwillkürlich Französisch, während er sich mit der Ironie der Boulevards an den Eintretenden wandte: »Immer originell, Baron!... Sie werden nicht müde, der Welt Gesprächsstoff zu liefern! ... Welch ungewöhnliche Tracht wählten Sie jetzt wieder, um der Fürstin die Hand zu küssen ...« Waldemar Kerkhuß stand auf der Schwelle, die Schirmmütze in der Faust, den gelben Haarschopf über den wildleuchtenden, blauen Augen, in abgetragener Kleidung und hohen, russischen Stiefeln, als habe die Brandung des Aufruhrs, der draußen grollte, eins ihrer Geschöpfe an diesen Strand geschleudert. Sein Vetter Wittekind näherte sich ihm kaltblütig, die Papyros zwischen den Zähnen. »Du kommst, dich verhaften zu lassen? Es war die höchste Zeit! Gedulde dich eine Zigarette lang. Man wird sofort dem Viertelsmeister telefonieren!« »Da ist kein Telephon mehr und kein Isprawnik und nichts mehr von jestern ...,« sagte Waldemar Kerkhuß, und alles umher zuckte bei den fremden, baltischen Klängen zusammen. Es waren die ersten deutschen Worte, die seit mehr als drei Jahren in diesem Hause fielen. »Da seid ihr nicht mehr und Petrograd nicht mehr und Rußland nicht mehr ... All das ist jewesen ...« »Und doch wird man dich heute nacht in der Peter-Pauls-Festung schlafen lassen! ...« »Oder dich! Aber nein! Es jibt keine Jefängnisse mehr! Alle Straßen sind frei, alle Eisenbahnen! Ich hörte es in Esthland. Ich verließ mein Versteck. Ich kam unanjefochten bis hierher ...« »Um das Glas Tee zu trinken, Waldemar Konstantinowitsch, das Ihnen die Fürstin einschenken wird?« Das Wasser sang und die Holzkohlen glühten in dem Schlot des halbmannshohen, aus alter Moskauer Bojarenzeit stammenden kupfernen Samowars unter dem Heiligenbild in der Ecke. Die Dame des Hauses rührte sich nicht, um die Zitronenscheibe in das dampfende Glas zu legen. Waldemar Kerkhuß sah auch gar nicht hin. Er sagte rasch und hart und jetzt auf russisch und glich, wie er da, die Kappe in der Hand, mit langen Haarsträhnen über dem langen Rock und mit beschmutzten Stiefeln stand, selbst einem Sendboten des ungeheuren, gärenden, werdenden, untergehenden Reiches da draußen: »Ich bin seit gestern in Petrograd! Ich fahre von Haus zu Haus! Ich beschwöre alle, die es angeht! So komme ich auch zu Ihnen, Fürst ...« »Sie sehen mich entzückt ... und überrascht ...« »Knjäs: was soll dieser Geist von früher? Nicht um eure Pariser Nadelstiche und englischen Schlagwörter dreht sich jetzt die Welt. Rußland brennt von Asien bis Europa...« »Werden Sie es löschen, Baron Kerkhuß?« »Wir alle können es ... jetzt noch ... in letzter Stunde ...« »Ich beglückwünsche Sie ...!« »Wir können es, wenn wir ihm und uns, am Rand des Abgrunds, die Binde von den Augen nehmen!« »Was für eine Binde? Erklären Sie sich!« Es blinzelte spöttisch aus den graugrünen Pupillen des Fürsten Manuchin: »Eine weiße Binde vor den Augen? Sind wir denn Parlamentäre?« »Wir sollten es sein!« »Und wem sollten wir mit dem weißen Tuche winken?« »Deutschland!« »Ah – ich wußte es ...,« sagte der anglisierte Bojare in dem tiefen, grimmigen Schweigen, das dem verhaßten, von allen Nationen im Zimmer verstandenen russischen Wort »Germania« folgte. »Wickeln Sie sich eine Papyros, Baron Kerkhuß! Es wird Ihre Nerven beruhigen!« »Sie sind nicht dumm, Fürst, Sie sind Mitglied der Duma. Sie sind einflußreich! Sie sind einer von denen, die ihr heiliges Mütterchen russische Erde um Englands willen töten! Darum komme ich zu Ihnen! Ich fahre seit gestern bei allen meinen Feinden in der Runde! Meine Freunde brauche ich nicht erst zu überzeugen!« »Bei uns Gegnern der deutschen Tyrannei – ich bin untröstlich, es Ihnen gestehen zu müssen – wird es Ihnen noch weniger gelingen!« »In Englands Sklaverei seid ihr, nicht in deutscher! Da drüben, Fürst, diese Gentlemen, die mich mit gähnendem Mund und den Händen in den Hosentaschen anstieren, dort in der Ecke sitzen eure Henker. Wozu habt ihr erst die Leibeigenschaft abjeschafft? Ihr seid nun hundertsechzig Millionen Leibeigene des Westens! Die Franzosen erpressen euer Korn, die Amerikaner euer Geld, die Engländer euer Blut ...« »Ich kenne diese ermüdenden Phrasen aus dem Taurischen Palais ...« »Die Deutschen eure Tyrannen! Das sagen Sie gerade mir, einem Balten, dessen Sprache eure Tschinowniks, dessen Glauben eure Popen, dessen Nichte eure Zaren seit Jahrzehnten mit Füßen getreten haben! Aber es gibt keinen Gossudar mehr und keinen Tschin. Rußland ist frei und reif zum Frieden mit Deutschland!« »Fahren Sie zum Smolny-Institut und erzählen Sie es dort!« »Es tut nicht not! Das Smolny-Institut ist schon unterwegs, um es euch in die Ohren zu rufen! Es schreit laut genug!« Der Kanonendonner im Admiralitätsviertel hatte sich verstärkt. Die Fensterscheiben klirrten bei jedem neuen Schlag. »Was bringt Pomeranzeff?« Der beleibte Staatsrat warf sich mit geblähten Nüstern und verquollenen Augen in einen Schaukelstuhl und wiegte sich, um seine Unruhe zu beschwichtigen, stürmisch auf und ab. »Perekrestoff folgt mir auf dem Fuß! Es steht schlimm! Noch haben wir Verbindung mit dem Winterpalais! Aber wer weiß, wie lange...« »Noch könnt ihr die Macht behalten!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Das Volk will nichts als Frieden! Gebt ihm den Frieden! Schließt Frieden mit Deutschland, und ihr habt Rußland wieder hinter euch!« »Gegen fixe Ideen sind Diskussionen keinen Farthing wert!« versetzte Fürst Manuchin gedämpft auf englisch zu seiner Umgebung, als wollte er sie vor einem Geisteskranken warnen. »Dieser Friede wird doch kommen! Wenn nicht durch euch, dann gegen euch! Er wird euch wegschwemmen und das ganze Rußland, das ihr seid, dazu ...« »Von den Deutschen bestochen?« »Ja.« Die Briten murmelten es in sachlicher Ruhe in der Ecke. Sie ließen ihren Feind nicht aus dem Auge. »Warum wollt ihr freiwillig ins Grab? Ihr seht alle gar nicht so aus, als ob ihr euch nach Armut und Elend und frühem Tode sehnt! Gospodin Pomeranzeff am wenigsten! Was heißt das: für London sterben, wenn man mit Berlin leben kann ...« »Wer spricht hier von Berlin?« »Ein Verräter Rußlands, Perekrestoff!« »Und niemand da, ihn zu verhaften!« Der Provinzgouverneur Perekrestoff, ein riesiger, breitschulteriger, einem finsteren russischen Bauern ähnelnder Mann, war ein unheilverkündender Bote der Zeit: er trug über dem Ordensband seiner Uniform, um auf der Straße nicht aufzufallen, einen gestickten, groben braunen Soldatenmantel und eine verblichene Soldatenmütze auf dem borstigen, dunklen Haar. »Wo ist denn noch Ordnung?« sagte er. »Kronstadt ist in den Händen der Matrosen. Helsingfors. Eben kam Nachricht: auch Reval ging heute zu ihnen über!« Waldemar Kerkhuß zuckte zusammen. Sein leidenschaftliches Gesicht verfärbte sich. »Weil ich das fürchtete, kam ich her!« sagte er. »Mögt ihr euch, weil Gott euch mit Blindheit schlug, den Westlichen zum Opfer bringen und, wie der Zar, mit einem englischen Eselstritt gelohnt werden! Aber dieser Sturm da draußen, der euch wegbläst, bringt wohl eurem Rußland den Frieden mit Deutschland, aber meiner Heimat, bis zu der Deutschlands Arm nicht reicht, den Untergang! Wenn ihr Russen leben wollt und wir Balten mit euch, dann sagt es jetzt, in letzter Stunde, den Deutschen! Sie sind jeden Augenblick zum Frieden bereit!« »Krieg!« »Krieg mit Deutschland!« »Angriff auf allen Fronten!« »Man jlaubt, Wahnsinnige zu hören!« sagte Waldemar Kerkhuß auf deutsch zu seinem Vetter Herzerode. Der lächelte höhnisch und erwiderte auch auf deutsch, in dessen ungewohntem Klang der Tonfall des Halbbalten durchdrang: »Es wird dir nicht gelingen, uns Russen noch einmal durch deutschen Geist zu vergiften ...« »Graf Gerzerodde: Sie sind in Petrograd!« »Belieben Sie, sich zu erinnern, daß wir mit Deutschland im Kriege sind ...« »... und bleiben!« Aber Graf Wittekind Herzerodes hochmütige Züge ging wieder die asiatische Welle, das Erbteil seiner mütterlichen Ahnen von reinem Slawenblut. »Ich gebrauchte die deutsche Sprache auch nur,« sagte er auf russisch, »um dem Baron hier desto nachdrücklicher zu versichern, daß keine Macht der Erde Rußland auf dem Weg zu seiner geschichtlichen Sendung aufhalten wird!« »Auf dem Weg nach Konstantinopel,« grollte der Gouverneur Perekrestoff mit seiner an den Baß eines Kirchensängers erinnernden tiefen Stimme. Aber dumpfer noch und wuchtiger antworteten draußen die schweren Schläge der Geschütze. »... und auf dem Umweg über Berlin, das vor Konstantinopel steht!« »Als ihr einst in Moskau wart, wolltet ihr nach der Ukraine!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Als ihr in Kiew wart, wolltet ihr in die Ostsee. Als ihr in Reval und Riga wart, wolltet ihr in das Schwarze Meer. Als ihr in Odessa und der Krim wart, wolltet ihr nach dem hohen Norden. Als ihr in Finnland wart, wolltet ihr nach der Weichsel. Als ihr in Warschau wart, wolltet ihr nach Kurland. Als ihr in Mitau wart, wolltet ihr nach dem Kaspischen Meer. Als ihr im Kaukasus wart, wolltet ihr nach dem innersten Asien. Als ihr in Samarkand wart, wolltet ihr nach Armenien. Als ihr in Kars wart, wolltet ihr nach Rumänien. Als ihr in Kischineff wart, wolltet ihr nach Persien. Als ihr in Europa wart, wolltet ihr nach Sibirien. Als ihr in Irkutsk wart, wolltet ihr nach dem Stillen Ozean! Während Rußland zusammenbricht, wollt ihr nach Berlin! Wo ist denn da ein Maß? Wo ist denn da ein Ende?« »Rußland ist endlos!« »Rußland ist unermeßlich!« »Rußland ist die Welt!« Noch einmal stieg der bärtige, breitnüsterige, schlitzäugige Nebelriese aus dem nordischen Grau. Noch einmal bäumte sich, in der Dämmerung des Winterabends, die sich schattenhaft über das einstige Zarenreich senkte, gleich einem feuerspeienden, die alte Welt erschütternden Krater der allrussische Größenwahn empor, der jahrzehntelang durch Petersburger Politiker und Moskauer Professoren, durch Heilige der Wunderklöster und Hofgenerale entfachte, durch Englands geduldigen Blasebalg genährte, durch Deutschlands ewige Nachgiebigkeit, Höflichkeit, Dienstbereitschaft, Friedensbeteuerung von Jahr zu Jahr gesteigerte asiatische Höhenrausch. Die Augen des Staatsrats Pomeranzeff glänzten im Fieber der Macht, während ihm der Angstschweiß auf der Stirn perlte. »Wir ließen Sie ausreden, um uns an Ihren Worten zu begeistern, Baron Kerkhuß!« rief er und verstärkte seine Stimme. Denn die Donner des Aufruhrs grollten störend hinein. »Es gibt nur zwei Reiche dieser Welt! Das Reich der Erde: Rußland! Das Reich des Wassers: England!« »Die Luft können Sie Deutschland lassen, Baron Kerkhuß!« sagte der Fürst Manuchin mit einer trockenen Ruhe, wie er sich die eines Londoner Staatsmanns vor den fünfhundert Zylinderhüten und Keule und Wollsack von Westminster dachte. »Als Rußland und England sich die Hand reichten, vermählten sich Wasser und Erde und wurde die Welt vollkommen, indem sie ihre eigenen Widersprüche beseitigte und die Gesetze der Natur zur Grundlage der menschlichen Entwicklung machte. Diese Entwicklung ist das Recht auf Freiheit. Diese Freiheit wohnt im Westen. Ihr Pol ist London, ihr Gegenpol New York. Von dort läuft der elektrische Funke, der die Menschheit beseelt, um die Erde.« Er schwieg, befriedigt von seinen eigenen Auslassungen, denen, nach seiner Hoffnung, jeder Brite Beifall klatschen konnte. Waldemar Kerkhuß trat auf den englischen Knjäs zu und legte ihm die Hände auf die Schulter: »Wollen wir denn nicht alle Recht, Boris Wladimirowitsch? Wollen wir denn nicht alle Freiheit? Aber ist das Freiheit, wenn ihr euch auf Englands Befehl lieber durch die deutsche Feindeshand töten laßt, statt die deutsche Freundeshand zu ergreifen ...?« » England for ever ! Darf ich Sie bitten, mein Haus zu verlassen, Baron Kerkhuß!« »Dann wünsche ich Ihnen wohl zu sterben!« sagte Waldemar Kerkhuß und ging. Während er noch, äußerlich einem blondmähnigen Mann aus dem Volke ähnlich, in seinen Transchaftstiefeln über die Bocharateppiche der Treppe hinabstieg, war der Raum hinter ihm voll von englischen Lauten. Die Briten wollten wissen, wer dieser aufgeregte Hausverwalter oder sonstige Angestellte gewesen. »Einen deutschen Agenten hatten Sie vor sich!« sagte Fürst Manuchin in leisem Englisch. »Einen Vorläufer der deutschen Heere ...« »... oder des deutschen Friedens!« bestätigte der Baß des Gouverneurs. »Einen steckbrieflich verfolgten Hochverräter!« ergänzte der Staatsrat. »... und Sie lassen solch einen Mann aus dem Zimmer?« »Sie überliefern ihn nicht den nächsten Behörden?« Fürst Manuchin machte eine Bewegung der Hoffnungslosigkeit, in der er, der Westliche, auf einmal wieder ganz Russe war. »Belieben Sie: wo sind denn noch Behörden?... Die allgemeine Unordnung brach an. Die Zeiten sind vorbei, da an jeder Straßenecke ein Stadtsoldat stand.« Er wies mit dem ergebungsvoll zugekniffenen rechten Auge hinaus in die Weite, in das Chaos, das da draußen gärte, in die Massenschreie, Einzelrufe auf der Straße, in denen man alle Stimmen Rußlands zu vernehmen glaubte, den Kampf und Sturm der Geister von den Renntiertundren bis zu den Kronsflotten, von der Mongolei bis in die Schützengräben, von den Tatarendörfern am Aral bis in die feurigen Öfen der Munitionsfabriken drüben über der Newa. Es war, trotzdem doch Engländer im Zimmer waren, eine Schwäche und ein Schwindel um den Fürsten Manuchin, als ob alles wankte, der Himmel einstürzte, die Erde sich öffnete, das Meer über die Ufer schäumte. In den jähen Sprüngen des slawischen Naturells schlug seine eben noch zum Siegesrausch gesteigerte Stimmung in stumpfe Schicksalsergebung um. »Sie meinen: wir hätten ihn hier an Ort und Stelle festnehmen sollen?« sagte er zu Pomeranzeff. »Aber: haben solche Menschen nicht Waffen wie Flöhe am Leibe?« »Wie sollte er nicht Waffen haben? Aber wir hier waren zahlreich genug ...« »Er ist jung! Wir sind alt und gebrechlich!« »Graf Gerzerodde ist auch jung!« »Hätten wir gewußt, daß dieser Mann ein deutscher Mann war,« sagte einer der langen Briten langsam, »so hätten wir keine Furcht gehabt, sondern ihn mit ein paar guten Schlägen niedergeboxt!« Er vermied es, dabei irgendwie den Grafen Wittekind von Herzerode anzusehen. Aber der hörte doch das phlegmatische Wort von »Furcht«, den Tadel Englands an einen feigen Diener, und den Zusatz: »Wir verlieren unser Spiel, wenn die Dinge nach dem Willen dieses Mannes laufen, der da eben ging.« »Nun ... er ist fort ...« »Da hinkt er ja eben über den Prospekt!« »Er kommt langsam vorwärts mit seinem steifen Bein!« Graf Herzerode sprang jäh auf. »Die Gentlemen haben recht!« sagte er kurz und barsch auf russisch zu seinen Freunden. »Was soll man im Westen von uns denken, wenn wir uns hier drinnen vor teutonischen Systemen, draußen auf der Straße vor vaterlandslosen Ideologen beugen? Noch ist die breite, allrussische Erde kein Tummelplatz für feindliche Intellektuelle!« »Gut. Doch wer sollte den Baron verhaften?« »Ich.« »Nehmen Sie sich in acht...« »Ich bin als erster dazu berufen. Denn er ist mein von der heiligen Sache Rußlands abgefallener Verwandter. Gott strafte mich mit ihm! Ich werde ihm folgen. Ich werde Wohlgesinnte finden, die mir helfen, ihn unschädlich zu machen!« »Nun denn: Mit Gott!« Nachdem Wittekind von Herzerode das Zimmer verlassen, hörte man eine Weile nichts als draußen die wirren Schreie, Schüsse, Rufe. Der General horchte. »Das Feuer ist regelmäßig geworden!« sagte er mit der Gelassenheit des Feldes. »Man merkt, daß geordnete Truppen gegeneinander kämpfen!« »Es heißt, sie sind schon am Englischen Klub!« »Wie mag es im übrigen Rußland aussehen?« Der General warf sich einen alten, verschossenen Soldatenwachpelz um die Schultern und fuhr in die Galoschen. »Perekrestoff und ich werden gehen!« sagte er, von dem riesigen Provinzgouverneur zu den anderen schauend. »Sollen wir uns von Gerzerodde beschämen lassen, in dessen Adern, trotzdem er zu uns wahrhaft russischen Leuten gehört, doch deutsches Blut strömt? Wir wollen uns selber überzeugen, ob diese Stunde alles verschlingt, was wir Russen erstrebten, vom Testament der alten Katharina bis zur Schlacht von Lemberg!« Die beiden hohen Kronsgehilfen, der vom Militär- und der vom Zivil-Tschin, bekreuzten sich und traten in das Freie. Ihre alten Mäntel und schmutzigen Soldatenmützen schützten sie in dem schattenhaften Laufen, Lärmen, Feuerzucken, Knallen auf den dunklen Straßen. Vor den riesigen, roten Granitsäulenreihen der Isaak-Kathedrale blieb der Gouverneur stehen. »Wir können nicht weiter!« sagte er. »Schmecken Sie das Pulver in der Luft? Man kämpft um das Winterpalais!« »Die Kameraden arbeiten sich vorwärts!« schrie es neben ihm. »Die Junker halten sich immer noch!« »Die Peter-Pauls-Festung feuert!« Über die breite Fläche der Newa hin brüllten sich die ehemalige Hochburg der Zaren auf der einen und die einstige Zwingburg der Opfer der Zaren, die da in den unter dem Wasserspiegel gelegenen Kerkern schmachteten, gegenseitig mit feurigen Zungen durch die Nacht hin an. Man konnte es vom Isaaksplatz nicht sehen. Die mächtige Kuppel der Kathedrale wölbte sich dazwischen. Auch auf ihren Granittreppen, hart neben den beiden unkenntlichen Würdenträgern der alten Zeit, brandete der Sturm der Stunde in einer wilden Menschenwelle um zwei Männer herum. Die beiden standen sich oben auf den Stufen im Halbdunkel gegenüber. Der eine deutete mit ausgestreckter Hand auf den anderen und redete in leidenschaftlichem Russisch zu der Menge. »Gerzerodde!« murmelte in finsterer Besorgnis der Gouverneur. Sein Gefährte nickte in stummer Beklemmung. Sie hörten Graf Herzerodes hochfahrende Stimme: »Er ist ein Deutscher! Ergreift ihn, Brüder! Russen, rettet Rußland! Der Feind steht mitten unter euch gläubigen Seelen!« »Wie denn ein Feind?« sagte Waldemar Kerkhuß ruhig zu dem Volk. »Ein Deutscher, ihr Söhne Rußlands!« »Da ist kein Russe und kein Deutscher!« Waldemar Kerkhuß breitete die Arme aus. Die feierliche Bewegung wirkte hier, an der Vorschwelle Asiens, auf die an die seherischen Gestalten des Ostens, an Wundertäter, heilige Mönche, büßende Pilger, gnadenspendende Kirchenbilder gewöhnten Augen. »Da ist ein Mensch, ihr Menschen, der den Frieden will...« »Hört ihn!« »Hört ihn nicht! Er will den Frieden mit Deutschland!« »Den Frieden mit Deutschland und den Frieden überall! Lange genug beleidigten sich die Kinder Gottes! Die Zeit des Bluts ist um!« »Herr, erbarme dich! Dieser Mensch spricht wahr!« »Hütet euch! Der Deutsche spricht aus ihm!« »Wahrlich, er spricht aus mir!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Denn der Deutsche bietet euch den Frieden. Wir alle wollen uns verbeugen und das Kreuz vor der Brust schlagen und in unser Dorf heimgehen!« »Wahr, Brüderchen – wahr!« »Es wurde Blut genug vergossen. Es wurden genug Tränen geweint. Es floß Schweiß genug. Macht ein Ende! Das ist meine Rede!« »Deine verräterische Rede! Hier steht der russische Judas, ihr Russen! Er will den Deutschen dienen!« »Und du – was willst du?« Ein riesiger Kerl hatte sich neben dem Grafen Herzerode hingepflanzt. Das blutrote Muschikhemd mit Ledergurt leuchtete unter dem offenen Pelz und zeigte trotz der Winterkälte die breitgewölbte, behaarte Brust. Die Flachssträhnen fielen ihm bis auf die Schultern. Der Trangeruch der hohen Stiefel und der scharfe Dunst der Schafwolle, der bittere Holzrauch der Badstube umwehte ihn. Er sah aus wie ein Stück menschgewordene, durch dreijährigen Kanonendonner aus Stumpfheit und Dumpfheit erwachte russische Bauernerde. Er spuckte einen Sonnenblumenkern aus und wiederholte, die Hände im Gürtel, sich breitbeinig in den Hüften wiegend: »Was willst du?« Graf Wittekind von Herzerode beachtete die bangen Zeichen der beiden Freunde unten nicht. Er sagte laut: »Ich gebe dir die Antwort eines Russen: den Krieg!« »Du willst, daß man uns weiter tötet?« »Muß es nicht sein, ihr Brüder?!« »Gut – dann mache du den Anfang!« Die beiden hohen Tschinowniks am Fuß der Stufen sahen nur, daß Wittekind von Herzerode die Arme jäh in die Luft warf und in einem kurzen Feuerknall zusammenbrach. Gleich darauf war der Körper in der Masse verschwunden, die sich über ihn stürzte. Der Gouverneur riß den General am Arm mit sich. »Fort! Fort! Sonst reißen sie auch uns in Stücke!« »Helfen kann ihm keiner mehr!« Sie zogen sich langsam, unbemerkt zurück. Im Gehen murmelte der riesige Gouverneur durch den Lärm des fernen Kampfes ein Gebet: »... und erbarme Dich des Knechtes Gottes, Wittekind Ludwigowitsch Gerzerodde!« »Sein Name war deutsch!« »Seine Seele russisch!« »Gott aber liebt die Halben nicht!...« Das Palais Manuchin lag nach der Straße zu verschlossen und verdunkelt. Nur in den verschneiten Hof fiel der Lichtschein des Gemachs, in dem der Knjäs mit seinen letzten Freunden, den Engländern, zusammensaß. Die anderen alle hatten sich scheu und auf verstohlenen Wegen in ihre Häuser entfernt. Auch der alte Butwengen war still in das Dunkel hinaus. »Nun: ihr kommt zurück! Was geht draußen vor?« »Rußland bricht zusammen!« Ein tiefes Schweigen. Aus dem fernen Getöse an der Newa ahnte man das Krachen des stürzenden Kolosses. »Als Nikolaus Romanow in dem Winterpalais, um das man jetzt kämpft, vor drei Jahren die Mobilmachung gegen Deutschland unterschrieb,« sagte langsam der Gouverneur Perekrestoff, »da unterzeichnete er das Todesurteil des alten Rußland!« »Und vielleicht sein eigenes!« Die beiden Briten hatten sich gähnend in das Nebenzimmer zurückgezogen. Sie murmelten miteinander. »Ein schimpfliches Ding – dies hier heute!« »Und doch gut ...« »Rußland wird in einem Menschenalter nicht wieder auferstehen!« »Und unser Zweck, Rußland in diesen Krieg mit Deutschland zu bringen, ist erreicht. Rußland ist nicht mehr! Von jetzt ab sind wir in Indien vor ihm sicher ...« »... und haben in Asien freie Hand!« 14. Noch zeigte, hoch über den silbernen Kuppeln, den grünen, weißbeschneiten Dächern, dem funkelnden Gold der Klöster Kiews, die heilige Lawra, die Höhenstadt über dem Tnjepr, die Kugelspuren des Bürgerkrieges. Der Klosterhof, in dem sonst im Hochsommer Zehntausende von Pilgern halbe Tage lang unbewegt, die Stirne im Staube und selbst Staubklumpen ähnlich, knieten, lag tot und leer. Aber drüben im hügeligen Häusermeer von Alt-Kiew flutete längst wieder die Naturkraft des russischen Lebens. Kiew war eine heilige und eine heitere Stadt, dampfend von der schweren Fülle der fruchtbaren, sie umlagernden schwarzen Erde. Die Menschen selber anders, schlanker, dunkler, der wärmenden Sonne näher als die flachsmähnigen, grobknochigen Russen des Nordens in ihren verschneiten Wäldern und windüberheulten, kargen Ebenen. Auch Dr. Leonid von Kjaschko, der ukrainische Großgrundbesitzer und Zuckermillionär, hatte diesen bräunlichen und länglichen Gesichtsschnitt des Kleinrussen. Er saß in seiner Stadtwohnung an dem breiten Kreschtschatik Waldemar Kerkhuß gegenüber und sagte mit einem Lächeln, das seine weißen Zähne entblößte, zu seinem unauffällig westeuropäisch gekleideten Besucher: »An Ihnen zeigt Gott den Umsturz aller Dinge! Noch im vorigen Sommer hätte ich den Chronisten Nestor und alle Heiligen um Hilfe rufen müssen, wenn Sie, ein von der Regierung steckbrieflich Verfolgter, an meine bescheidene Tür geklopft hätten! Nun aber hat die allgemeine Anordnung die allgemeine Freiheit gebracht. Seien Sie herzlich willkommen, Baron Kerkhuß!« »Alles ist frei! Warum nicht auch ich? Niemand fragt nach mir! Ich brauche mich nicht mehr in den esthnischen Urwäldern zu verbergen! Ich kann in Rußland jehen und reisen, wohin ich will!« Es war heller Januarnachmittag. Man war eben vom Frühstück aufgestanden. Die Dame des Hauses hatte die beiden Freunde allein gelassen und sich nach hinten in das Kinderzimmer begeben. Gospodin Kjaschko weilte, ein vom Glück verwöhnter Mann, in seinen reichen, von Wiener Raumkünstlern ausgestatteten Gemächern allein mit seinem Gast. Er besaß noch die beinah weibliche Weichheit und Biegsamkeit des Wesens. Aber er tändelte nicht mehr mit dem Leben wie früher. Auch auf der weißgoldenen Seidentapete seines Salons standen die Schicksalslettern dieser russischen Jahreswende ... Aus Liebenswürdigkeit gegen seinen baltischen Besucher sprach er das ausgezeichnete Deutsch, das er sich auf deutschen Hochschulen erworben. Er durfte jetzt ruhig Deutsch reden. Man durfte jetzt in Rußland alles tun, so gut wie unten auf der Straße die deutschen Kriegsgefangenen frei in der Menge gingen und alle Kerker von Schlüsselburg bis zum Altai offenstanden. »Nun, Baron Kerkhuß – und warum verließen Sie in diesen apokalyptischen Tagen Esthland und Ihre Güter?« Waldemar Kerkhuß fuhr sich mit der Hand über die Stirn und strich die blonde Haarwelle zurück. Ehe er antworten konnte, fuhr der ukrainische Edelmann fort: »Sie besitzen wieder Ihre Güter! Aber ich nehme an. Sie besitzen Sie so wenig wie wir alle! Sie wissen so wenig wie ich, wer in Ihren Wäldern das Holz wegfährt oder bei mir eigenmächtig mein Land bestellt. Warum schützen Sie nicht Ihr Eigentum daheim?« »In Esthland können wir nichts schützen! Wir sind eine Handvoll Deutsche jejen eine undeutsche Welt!« »Auch wir hier, der Adel und Großbesitz der Ukraine, sind gegen die anderen gering an Zahl ...« »Wir alle in Rußland sind Schicksalsjenossen! Wir alle jehen dem Unterjang entjejen, wenn wir nicht endlich nach der einzijen, der jroßen Rettung jreifen!« »Dem Frieden ...?« »Dem Frieden mit Deutschland! Eurem Frieden mit Deutschland! Dem Frieden der russischen Jesellschaft! Kommt der Unterwelt zuvor, mit der Deutschland jetzt schon notgedrungen feilscht. Reicht ihr dem Deutschen die Hand! Rettet euch selber, indem ihr Rußland rettet und meine Heimat dazu! Das ist es, was ich jedem von euch in Rußland in die Ohren schreien möchte!« »Was ist denn noch Rußland?« sagte Leonid Kjaschko in einer slawisch plötzlichen, jähen, tiefen Schwermut. »Ein großer Trümmerhaufen, aus dem jeder das Seine rettet. So auch wir hier in der Ukraine. Oft schon war in solchen Zeiten der Süden eines berstenden Reiches gegen den Norden! So versuchten in Amerika sich die Südstaaten vom Norden frei zu machen, so seinerzeit Süddeutschland! So wollen auch wir, der russische Süden, es wagen, unser Schicksal selbst in die Hand nehmen!« »Tut es! Tut es!« »Wir haben keine Lust, uns als Schiffbrüchige an einen Leichnam zu klammern und mit ihm zu versinken! Hinter Kursk ist Rußland ein Leichnam! Gut denn! Kiew ist nicht Moskau! Die Ukraine ist nicht Ingermanland. Die Ukraine hat den Polen zum Feind, nicht den Deutschen! Laßt die Deutschen kommen und uns schützen! Wir sind bereit zum Frieden!« »Gott sei Dank!« »Aber knüpft nicht Bedingungen daran, die wir nicht erfüllen können! Lenkt nicht nach Westen, was nach Süden will! Alles bei uns strebt hinunter nach dem Schwarzen Meer. Die Flüsse. Die Eisenbahnen. Das Geld. Die Seelen. Es ist der Lauf der Natur. Versucht nicht, der Natur euren Willen und der Ukraine eure Gesetze aufzudrängen. Legt uns nicht die Faust an die Kehle! Rußland wird sich einst wieder einigen! Ihr braucht es noch einmal!« Frau von Kjaschko trat ein, mit ihren geputzten Kinderchen an der Hand, zum Besuch bei ihrer Schwester drüben in Lipki, dem reichen Lindenviertel, rosig, jung, elegant, eine blühende ukrainische Schönheit und selbst eine Gutsbesitzerstochter aus dem nahen, üppig fruchtbaren Charkower Gouvernement. Waldemar Kerkhuß küßte ihr die Hand und ging. Noch als die goldenen und silbernen Kuppeln des russischen Roms hinter ihm am Himmelsrand verschwanden, als hinter Schmerinka die waldigen Hügel in die endlosen Flächen der beßarabischen Steppen übergingen, tönte es ihm im Ohr nach: Greift uns nicht an die Kehle ... Der Novembersturm brauste über die Pußten des Gouvernements Cherson, als könne er es nicht erwarten, das Schwarze Meer zu erreichen. Die schwarzen Ringellöckchen und Kaftane der zahllosen Hebräer flatterten in den einsam in der Steppe gelegenen Stationen, und in den Pogromstädtchen fern am Horizont flatterten blutrot die Fahnen. Rot war immer die Lieblingsfarbe des Russen gewesen, rot hieß in seiner Sprache so viel wie schön, ein rotes Hemd trug der Bauer, rot waren schon in den Tagen des Zaren die Blutlachen in den schmutzigen Gassen gewesen, wenn mit vorangetragenen Heiligenbildern, stiebenden Bettfedern, Brandqualm der Synagogenschulen, Branntweinpfützen und Leichen vor den gestürmten Kronsbuden und Trödelläden die Judenhetze tobte. Jetzt waren die Juden die Herren, waren die Führer des fiebernden Rußlands. Die Kinder des Ghettos berieten in der blaugoldenen Pracht des Andreas-Krönungssaals im Kreml unter dem Baldachinschatten des dreifachen Zarenthrons, ihre Ukase durchzuckten, wie einst die des Selbstherrschers aller Reußen vom roten Sammet des Prunksaals Peters des Großen im Petersburger Winterpalais mit der Schnelligkeit des elektrischen Funkens das Riesenreich von der sterbenden Front bis zur Grenze Asiens. Das neue Zion herrschte, aus den Tiefen der Bedrückung, der Armut, der Unwissenheit und des Schmutzes emporgestiegen, auch am Strand des Schwarzen Meeres in Odessa, Zion und mit ihm die ganze russische Unterwelt, Männer, die vor kurzem noch nachts hungernd und frierend auf einem Haufen Bretter im Freien geschlafen oder in einer Dachstube von New York hustend bei Schwarzbrot und Tee mit dem Skorbut gekämpft hatten und deren gleichgültiges »Da« oder »Njet« , Ja oder Nein, am Fernsprecher jetzt über Leben und Tod entschied. »Erbarmen Sie sich: was ist das für eine Welt?« rief Gospodin Gulewitsch, der Petersburger Finanzmann und Politiker, Waldemar Kerkhuß zu, den er auf dem Nikolajewski-Boulevard Odessas traf. Er sah nicht mehr so blühend und sinnlich aus wie früher. Seine einst glänzenden schwarzen Augen waren trübe. »Erbarmen Sie sich: ward Rußland wahnsinnig oder wir? Ich komme aus dem Stadthaus. Eine junge Jüdin regiert an Stelle des Polizeimeisters. Ein Barfüßer mit goldenem Zwicker auf der Nase stempelt meinen Paß. Belieben Sie die bewaffneten Gymnasiasten zu betrachten, die da vor uns aus den Fenstern des Gouverneurpalastes schauen! Vor vier Wochen hätte Seine Hohe Exzellenz die Kinder durch einige Kosaken gejagt! Die Schwarzarbeiter stiegen aus dem Hafen! Der Peressip und die Moldawanka entsenden Gestalten, die niemand sonst am hellen Tage sah! Alles bricht in Stücke ... alles in Rußland ...« Er mußte schreien, so blies der Sturm vom Hafen unten her über den hochgelegenen Boulevard und das Denkmal des Herzogs von Richelieu in seiner Mitte. Eine rote Fahne warf ihre flatternden Falten um die eherne römische Toga des Gründers Odessas. Die Handelsstadt, in der einst der Rubel und der Weizen alles galt, war Rot in Rot. Rote Flaggen flogen jetzt, wo es keinen Weizen mehr gab und der Rubel zum Spott ward, von allen Häusern, von der Puschkinstraße am Bahnhof bis zum Strand. Sie leuchteten grell unten im Hafen. Sie wehten draußen von den Masten der Kriegsschiffe auf den sturmgepeitschten, donnernden Schaumkämmen des Schwarzen Meeres. »Sie sagen, Baron Kerkhuß: Geht zu den Deutschen und bittet sie: Gebt Rußland den Frieden!« sprach er. schöpft der Petersburger Bankier. »Gut! Wir müssen! Aber fügt hinzu: Gebt Rußland einen Frieden, bei dem Rußland nicht erstickt! Wie kann ein Mensch leben und Verträge halten, dem man Mund und Nase zuhält? Weltvölker atmen durch das Weltmeer. Die Japaner aber sperren uns den Weg zum Stillen Ozean. Ihr haltet die Ostsee verschlossen. Vor das Schwarze Meer schoben die Türken den Riegel der Dardanellen! Wie können wir Großrussen noch Luft holen, wenn ihr uns mit der Ukraine die Brust eindrückt und uns die von euch besetzten esthnischen Inseln wie einen Knebel in die Kehle schiebt? Wodurch entstand dies Völkermorden? Weil man Serbien von der See fernhielt!« »Nun – das sind allrussische Formeln, Gospodin Gulewitsch!« »Die Ansichten der russischen Gesellschaft, gegen die ihr euch zum Kampf auf Tod und Leben mit allen Mächten unserer Unterwelt verbindet!« »... weil die russische Gesellschaft sich mit dem Westen zum Kampf auf Tod und Leben gegen Deutschland verbündet hat und dabei verblieb!« »Überall im Völkerleben ist die Schuld! Auch bei uns! Wahrlich! Aber nun ist es genug! Gott strafte uns alle!« »Und was sollen Deutsche und Russen tun?« »Sich tief voreinander verbeugen und sich stumm bekreuzen und mit Gott in Frieden auseinandergehen! Laßt Rußland den Russen! Deutschland den Deutschen! So werden wir uns dereinst wiederfinden!« Matrosen mit roten Abzeichen zogen vorbei, aus dem Kriegshafen Sebastopol, wo auf den Trümmern des Malakoff-Hügels, vom Grabe des Admirals Kornilow und des Matrosen Koschka, der Helden des Krimkriegs, und vom Midshipman- und historischen Boulevard die rote Fahne im Sturme flog. Gospodin Gulewitsch sah düster den Seeleuten nach. »Dreimal ging Rußlands Flotte zugrunde!« sagte er. »Gegen die Engländer in der Krim! Durch die Engländer bei Japan! Mit den Engländern jetzt! Herrgott – erleuchte deinen Knecht: wie soll man es auf dieser Erde mit England halten? Fordert nichts von uns, ihr Deutschen! Damit allein stärkt ihr uns gegen England!« In der Odessaer Duma prüften Seeleute, die Zigarette im Munde, das Teeglas vor sich, Waldemar Kerkhuß' Papiere. Ein beifälliges: Karaschó !... Es ist gut! Er war unter der früheren Negierung steckbrieflich gesucht und verfolgt worden! Er war ein Towartsch, ein Kamerad! Ein Nicken: er konnte gehen, wohin er wollte... Gen Osten – in die unermeßlichen, dämmernden Ebenen im Bogen des Don, da wo Rußland allmählich in Asien überging und jenseits des kaum über die Breite des Flusses erkennbaren Ufers der Wolga das Tatarenland und die Steppen der kleinen Kirgisenhorde begann. Hier an der Schwelle des anderen Erdteils lebte die alte Romantik Rußlands. Hier war die Provinz des Donschen Heeres. Hier war das Land der freien Kosaken. Hier hatte es schon in ehemaligen Zeiten nicht Herr noch Knecht gegeben, sondern eine Gemeinschaft im Kriege tierisch roher und feiger, im Frieden unabhängiger und unbändiger Reiter. Die neue Zeit konnte ihnen nichts Neues bringen, und so war hier alles beim alten geblieben. Und was noch vom Alten übrig war, am Alten hing, auf die Wiederkehr des Alten hoffte, für das Alte noch kämpfen wollte, das hatte sich aus dem glühenden Krater Rußlands in das Steppenmeer zwischen Donez und Don geflüchtet. Je tiefer Waldemar Kerkhuß in diese Vorwelt Asiens eindrang, desto seltener sahen seine Augen das neue Rot, bis es sich endlich ganz verlor. Es wäre auch schwer zu sagen gewesen, wo eine rote Fahne in dieser unendlichen Öde hätte flattern sollen, deren wandernde Sanddünen und weiße Krusienränder der Salzseen kein Baum und Strauch unterbrach. Es war schon zwischen Don und Wolga, im Grenzgebiet der Kosaken und Kalmücken, wo Waldemar Kerkhuß am Ufer des Steppenflusses Aksai in einer kleinen, jetzt zu einem Heerlager umgewandelten Ortschaft stand. Seltsam ragte der baufällige Buddhistentempel nahe der deutschen Herrnhuterkirche, kirgisische Salzgräber standen neben hierher verschlagenen amerikanischen Fliegern, ein langhaariger, verwilderter Kosakenpope neben dem aus Paris zum russischen Heere gesandten Generalstabskapitän, der schwäbischrussische Kolonist neben Petersburger Großfürsten und Gardeoffizieren in tatarischen Pelzen und hohen Lammfellmützen. Unter diesen Anhängern des weißen Zaren und der altrussischen Ordnung der Dinge ragte ein finsterer General mit einem Bartschnitt, dessen Streifen an den Wangen noch an Alexander den Zweiten erinnerten. Er drückte schweigend Waldemar Kerkhuß die Hand und ging mit ihm in eines der Häuser. Nachdem der kalte Teeaufguß mit heißem Wasser verdünnt war und die rasch gedrehten Papyrossen brannten, sagte General Paul von Oxberg mit einer Stimme, die so dunkel und düster war wie er selber, in baltischem Deutsch: »Du hast es nur mir zu danken, mein Junge, daß man dich nicht unterwegs totjeschossen hat. Ich jab Befehl!« »Danke, Onkel Pauluscha!« »Was willst du hier, Waldemar? Hier ist das Ende der Welt! Hinter uns sind nur noch die Tatarenrepubliken und im Süden die Republiken des Kaukasus und die Arbeiterrepubliken von Baku!« »Und was tust du hier, Onkel Pauluscha?« »Ich diene dem Zaren!« sagte ruhig der baltische General. »Der Zar ist jefangen!« »Darum kämpfen wir hier jejen die, die ihn jefangennahmen! Wir bilden ein Heer! Wir werden vorrücken!« »Und das ist deines Amtes?« »Ich habe dem Zaren jeschworen!« versetzte der deutsche Edelmann in russischer Uniform. »An diesen Schwur halte ich mich! Mag auch alles zujrundejehen!« »Auch unsere Heimat? Auch Esthland? Auch Livland? Der Schrecken ist bei uns im Land! Wir sind verloren, wenn nicht bald Rettung kommt!« »Wer kann euch helfen?« »Die Deutschen! Macht Frieden mit den Deutschen, damit sie ihn nicht mit unsern Todfeinden im Lande machen müssen! Der Frieden unter dem Schatten der russischen roten Fahne, den die Deutschen jetzt zu schließen im Bejriff sind, ist unser aller Unterjang. Darum durchirre ich janz Rußland! In letzter Stunde: Macht Frieden mit den Deutschen, damit sie uns helfen!« Baron Oxberg schwieg mit hart gefurchten Brauen. Durch die finstere Entschlossenheit seiner gebräunten Züge las man den Gram über die Niederlagen, den zu Tode verletzten Stolz eines Mannes, der selbst von Geblüt kein Russe war, aber mit den Vollblutrussen den Wahn der mit Europa spielenden Urkraft Rußlands, den Wahn der unermeßlichen russischen Weiten, Menschen und Mittel, den Wahn einer alles vor sich niederrollenden russischen Schicksalsgewalt geteilt hatte. Unfaßbar waren die Vorbereitungen zu dem Kreuzzug gen Westen gewesen. Jahrzehnte hatten sie gedauert. Ketten von Festungen waren aus dem polnischen Sumpf gestiegen, Eisenbahnlinien entstanden, die nur den einen Zweck hatten, ein einziges Mal auf den Befehl des Zaren dereinst die bewaffnete Völkerwanderung zu befördern. Die Franzosen hatten ihre Milliarden geschickt, die Engländer ihre Ordner, die allrussische Seele war emporgeloht im Rausch einer geschichtlichen Sendung ... und nun ... »Wir standen vor Krakau!« sagte der finstere General. »Der Deutsche trieb uns zurück! Wir stiegen schon von den Karpathen nach Ungarn hinab. Der Deutsche warf uns wieder in die jenseitige Tiefe! Uns fehlte auf dem Balkan nur Bulgarien im Ring der Völker. Der Deutsche rief es wider uns in Waffen! Konstantinopel, Rußlands Ziel seit Jahrhunderten, wäre unser jeworden! Der Deutsche verteidigte es! Wir hatten nur einen Streit mit Österreich. Der Deutsche kam und erklärte uns den Krieg! ... Soll Rußland schmählich jeschlagen aus diesem Krieg hervorjehen, Waldemar?« Der General von Oxberg unterdrückte, was besonders schmerzlich in seiner Eigenliebe als Krieger des Zaren brannte: und geschlagen, geschlagen das nie dagewesene russische Völkeraufgebot nicht von dem ganzen deutschen Heer, sondern von den Bruchteilen, die gerade im Kampf gegen die übrige Menschheit verfügbar waren! Er fuhr grimmig fort: »Noch ist der Krieg nicht zu Ende, Waldemar! Noch können wir russischen Soldaten den Krieg jewinnen, wenn wir am Krieg und unseren Verbündeten festhalten!« Draußen galoppierte ein Kosak auf magerem Klepper vorüber, den struppigen Kopf des Gaules ohne Zügelführung steil nach dem grauen Winterhimmel gerichtet. Ein paar Kamele setzten im Gänsemarsch die schwieligen Ballen in die leichte Schneedecke des Bodens. Ein Tatar schlürfte, in seinen Kaftan gewickelt, den breitkrempigen, weißgrauen Filzhut in die Stirne gedrückt, nebenher und schwatzte, leidenschaftlich irgendeinen Handel beredend, mit einem Württemberger Kolonisten von der Wolga. Dann schlenderten ein Franzose und ein Yankee des Wegs. Sie sahen gelangweilt darein, und der amerikanische Flieger sagte verdrießlich: »Gott segne den englischen Botschafter in Petrograd und alle, die Rußland unnütz diesen Boxerhieb in die Magengrube gaben! Ohne ihn säßen wir jetzt im Jachtklub oder bei Donon! Wer hieß die Engländer den Zaren, den verblendetsten Mann, der je England diente, gleich einem alten Seehundkoffer in die Rumpelkammer zu schieben?« Der General von Oxberg hatte es drinnen im Zimmer nicht gehört. Er saß mit harten Mienen und schwieg und rauchte, in der Haltung eines Mannes, für den die kriegerische Ehre Rußlands die eigene war. »Und unsere Ostseeprovinzen, Onkel Pauluscha?« »Grüße sie von mir! Meine Jedanken sind immer dort!« »Ich werde bald nur noch Trümmer von dir jrüßen können!« »Janz Rußland liegt in Trümmern!« »Und das ist dir lieber als ein Frieden mit den Deutschen!« »Alles ist mir lieber als die Unterschrift unter unsere Niederlage, während unsere Verbündeten noch kämpfen! Wir haben ihnen Treue jelobt jemäß dem Befehl des Kriegsherrn! Das halte ich! Ich bin ein Edelmann und ein Jeneral des Zaren!« »Dann sind wir zu Ende!« sagte Waldemar Kerkhuß, legte seine Zigarette weg, als wollte er sogar dieses Gastgeschenk nicht mehr annehmen, und stand auf. Der Lauf des Donezflusses schied hier, im äußersten Süden Rußlands, zwei Welten. War drüben das freie Kosakenreich, Sturm, Vogelschrei und Wolkenflug über der Steppe, so qualmten hier im Kohlenbecken die Fabrikschlote, häuften sich die Schlackenhügel, gab es Kommerzbanken und Hotel Bristols, stiegen verrußte Gestalten aus der Nacht der Schächte und mischten sich in das feldbraune, pelzmützige, rotgefleckte, wilde Gewühl der Bahnhöfe. Breit und mächtig strömte der Dnjepr, und fern dämmerte ein Häusermeer. Aber der junge bewaffnete Hebräer, der auf dem Bahnhof von Sinelnikowo die Pässe der Soldaten prüfte und sich von denen, die keine hatten, Bündel von halb wertlosen Kerenskinoten in die Hand drücken ließ, warnte Waldemar Kerkhuß, um nicht von den anderen verstanden zu werden, in New Yorker Jiddischdeutsch: »Fahren Se nix nach Jekaterinoslaw! Es seindt da grauße Kämpfe! Örtliche Maßnahmen gegen die Burschuis kimmen da ze gain! Ob Se über Orel weiter können? Nü – wie sollten Se nix? Öfters läßt man da Züge ab! Heit noch – kann sein!« Die Herzkammern der südrussischen Industrie lagen hinter Waldemar Kerkhuß, Kohlengruben und Hüttenwerkstädte darunter, die die Engländer einst gegründet und mit ganzen, ihnen von der russischen Regierung gestellten und von ihnen selbst unterhaltenen Kosakenregimentern gegen ihre eigenen russischen Arbeiter geschützt hatten. Waldemar Kerkhuß saß beinahe als der einzige Mann im Bürgerkleid im Zuge. Er saß nicht. Er kauerte. Er atmete eben nur noch in den bewaffneten Menschenknäueln, die feldbraun um ihn dunsteten, auf dem Boden übereinanderhockten, in den Gepäcknetzen lagen, auf den Puffern mitritten, als steif gefrorene Leichen von den Dächern heruntergeworfen wurden, als lästige Kranke mitten in der Fahrt aus dem Zuge flogen und sich zwei-, dreimal auf der Böschung überschlugen. Er rang in dem Menschenbrodem nach dem frischen Luftzug aus den zerschmetterten Fensterscheiben, durch die die Schneeflocken stiebten und auf den Haltestellen wilde Kerle mit Sack und Pack aus und ein kletterten. Er wagte nicht einzuschlafen, nicht aus Furcht, daß man ihm sein Geld, sondern daß man ihm seinen Mundvorrat stehlen könnte. Denn er sah das Gedränge um den Samowar, die Faustkämpfe um das Brot zerlumpter Händler. Er hörte das aufgeregte Stimmengewirr der in ihren tiefsten Tiefen aufgewühlten russischen Erde um ihn, dieser Halbwilden, die nicht mehr Krieger und auch nicht wieder Bauern waren, sondern etwas, was sie selbst nicht wußten, was sie blind, gleich der toten See nach dem Sturm, in schweren Schwingungen durch ganz Rußland hin und her schaukelte. Waldemar Kerkhuß sah den sterbenden Krieg. Das sterbende Reich. Asien kehrte heim. In den entgegenkommenden, nach Osten rollenden Zügen füllten Baschkirengesichter, samojedische Schlitzaugen, semmelblonde, runde Jakutenköpfe, tscherkessische Adlernasen die Fenster. Heim! Heim! In die Tundren und die Schwarze Wüste, die Berge des Altai und die Wälder des Amur! Wir haben genug geblutet ... wir kennen jetzt Deutschland ... Der Krieg stirbt ... der Osten hellt sich auf. Mit unruhigen Augen sah Waldemar Kerkhuß die in den vollgepfropften Zügen wandernden Heere, deren Offiziere geflohen waren, deren Geschütze irgendwo fern an der Beresina oder in den Rokitnosümpfen einsam im Schnee standen, deren Schützengräben draußen nur noch vereinzelte, in den Nachbardörfern zurückgebliebene Soldaten zuweilen besuchten, um sich Lebensmittel aus den verlassenen Unterständen zu holen ... Er sah, so weit die struppigen und langmähnigen Köpfe der feldbraunen Fabrikarbeiter und Muschiks um ihn her einen Ausblick ließen, auf totem Schienenstrang, neben dem Schuppen des großen, einst von Nikolai Nikolajewitsch angelegten Proviantlagers gleich einer Wagenburg der Völkerwanderung, den seit Monaten hier festgefahrenen und festgefrorenen Eisenbahnzug eines ganzen, wilden Steppenregiments. Ein Gelächter! Sie wohnen in den Wagen, die Seelchen! Sie kochen und nähren sich aus dem Schuppen! Sie fressen ihn auf! Sie fahren nicht weiter, solange in ihm noch etwas zu finden ist! Sie feuern auf jeden, der die Lokomotive anheizen will ... Waldemar Kerkhuß fuhr aus seinen Zukunftshoffnungen auf. Da krachte ein Schuß. Hart neben dem eigenen Zug. Er hörte den gleichgültigen Baß irgendeines russischen Riesen: »Die Towartschi haben den Bahnhofsvorsteher erschossen, weil er unserem Zug nicht die Bahn freigeben wollte! Nun denn: Mit Gott, Bruder! Fahrt los!« Dann nach zehn Minuten ein wildes Pfeifen, ein Ruck ... die beiden Maschinen, die eigene und die des auf demselben Gleise entgegenkommenden Zuges voll heimwärts rollender Söhne Asiens standen sich, im letzten Augenblick gebremst, schnaubend und feindselig gegenüber ... Auf seinem Kofferchen im Schnee sitzend, einem Schiffbrüchigen gleich, die Zigarette im Mund, sah Waldemar Kerkhuß das braune Gewimmel der gleich streitsüchtigen Bienen aus beiden Zügen gequollenen, pelzmützigen, mit gefüllten Rucksäcken und umgehängten Gewehren beladenen Gestalten, das Geschrei, das Handgemenge, Blutlachen und blutspeiende Menschen im zertrampelten Schnee, bis endlich alles in den beiden Zügen die Plätze gewechselt hatte, und jeder von ihnen rückwärts fahrend die Richtung des anderen aufnahm. Rückwärts ... Halbasien wälzte sich rückwärts ... wandte sich gegen sich selbst. Auf dem roten Platz in Moskau lagen Reihen von Toten vor der Kathedrale Iwans des Gräßlichen, feierlich und starr in Reih und Glied. Barhäuptige Männer, sich bekreuzende Frauen stiegen in Pelzen und hohen Stiefeln zwischendurch und suchten die Ihren. Siegreich hingen oben jenseits der tatarischen Mauern über den zerschossenen Türmen und Zinnen, den goldenen Kuppeln und gelben, rosafarbenen, blauen, grünen Palästen der heiligen Kremlstadt die blutroten Fahnen. Die Gebäude unten an der Iberischen Pforte, beim Wunderbild der Mutter Gottes, zeigten die zackigen Löcher der Granateneinschläge. Die Fenster waren von den Kugeln der Maschinengewehre durchsiebt und gegen die Kälte mit Papierballen verstopft. Der Schnee am Boden schimmerte rot vom Schutt der zersplitterten Ziegelsteine. Waldemar Kerkhuß stand in dem roten Schnee, der wie ein Sinnbild dieses russischen Winters den Woßkressenskaja-Platz überzog, und schaute auf das Bündel verrosteter Maschinengewehre vor seinen Stiefeln. Sie lagen im Schmutz und Schlamm der Gosse. Ein Soldat, die Mütze im Genick, verkaufte sie an Liebhaber. Stück um Stück zehn Rubel. Es war amerikanische Kriegsware wie dort der verbeulte und geplünderte Kraftwagen irgendeines früheren Generals oder Großfürsten, den eine andere Gruppe Towartschis unter heftigem Feilschen an eine Anzahl Baumwollarbeiter mit Gewehren in der Hand verschacherte. Im weiten Kreise zogen sich links um das heilige Mütterchen Moskau die Fabriken. So viel Kirchen innen in der Stadt, so viele Spinnereien und andere düstere Schlotkasernen draußen im flachen Land. Von der Höhe des Kreml konnte man die Bündel von Schornsteinen bis fern am Horizont zwischen den Klosterkuppeln erblicken. Alt- und Neuzeit wohnte da nebeneinander. Der Mönch und der Proletarier. Die hinauspilgernden Wallfahrtszüge der Gläubigen und die nach dem Innern strömenden Massen von Schafpelzen, feldbraunen Mänteln, Schirmkappen, Pelzmützen, zerrissenen Kaftanen, Studentenuniformen. Waldemar Kerkhuß ging an den Sonnenblumenkerne in weitem Bogen spuckenden, sich mit den Händen im Leibgürtel wiegenden, rothemdigen Gestalten vorbei und watete in seinen hohen Gummigaloschen durch den roten Ziegelbrei am Boden nach dem großen Europäischen Gasthof gegenüber, in dem schon die ersten, eben angekommenen Deutschen Tür an Tür mit den zurückgebliebenen Engländern und Franzosen wohnten und dessen zerschossene Speisesaalfenster noch mit Brettern vernagelt waren. Kutscher hielten neben der Einfahrt und ließen sich vom Fahrgast suchen. Das Geld hatte kaum noch einen Wert. Zwanzig Rubelchen durch das Innere der Stadt! Gut denn! Los! Draußen in der stillen, vornehmen Powarskaja, nahe der Kirche Tichons des Wundertäters, stand zwischen den anderen Häusern des altgeschichtlichen russischen Adels das niedere, schön blau gestrichene, mit zwei langen Seitenflügeln bogenförmig den Ehrenhof umfassende hölzerne Palais des Knjäs Boris Manuchin. Hier, in den Armen des Mütterchen Moskau war der Fürst noch russischer Bojar, so gut wie an der Newa aufgeklärter Weltmann. Die breiten, russischen Urinstinkte lebten da wieder in ihm auf. Sie hatten ihn verhindert, den Sitz seiner Väter anders zu gestalten, als er bei dem Brande von Moskau vor hundert Jahren in der schwarzverkohlten, von einem Wald stehengebliebener Schornsteine überragten Ebene neu erstanden war. Einzelne Teile des alten Bojarenhauses hatten sogar damals dem Feuer widerstanden und zeigten noch die engen Treppen, die kleinen Räume und schmalen Türen des Mittelalters, mit Gebetzimmern und haremsähnlichen Frauengemächern. Die bizarren Gegensätze des inneren Moskau, das, halb Bagdad, halb New York, zehnstöckige Wolkenkratzer neben ananasförmigen Goldkuppeln, moosverfugte Holzhäuser neben modernen Mietskasernen aufwies, waren noch nicht über die Arbatskij-Pforte hinausgedrungen. Der Palast des Knjäs Manuchin stand noch so wie seit vier Menschenaltern seine Vorfahren, die Wolgadynasten, darin ein und aus gegangen waren, dem Zaren in schimmernder Generalsuniform gedient, ganze Landgüter mit Tausenden von leibeigenen Seelen in einer Nacht verspielt und gewonnen hatten. Der Fürst selbst schritt langsam und schwerfällig, eine Papyros nach der anderen rauchend und zuweilen einen Schluck Tee aus dem dampfenden Glase schlürfend, in seinem Arbeitsgemach auf und nieder. Er trug zu der englischen verschnürten Morgenjacke das kragenlose, rot gestickte, russische Hemd als Haustracht. Sein mächtiger, wirrer Bauernbart und die langen Strähnen um den Kahlschädel zeigten noch mehr Silbergrau im Flachsblond als früher. Der leidende und nervöse Ausdruck der blauen Augen in dem grobgeformten Antlitz mit der breitgeblähten Nase hatte sich verstärkt. Die Schultern seiner massigen Gestalt waren gebeugt. Vor ihm saß, ebenfalls bleich geworden und abgemagert, der einst so fette und lebensfrohe Staatsrat Pommeranzeff und sagte, sich seufzend erhebend: »So also steht es um unsere Front, Boris Wladimirowitsch! In unseren Schützengräben findet man nur noch Krähen, Hunde und Schnee! Unter Schneehügeln stehen die Kanonen! Unter großen Vierecken von Schnee liegen zu vielen Tausenden unsere unbezahlten Granaten. Mein Sohn sagt, er glaube in seinem Leben nicht so viel lebende Pferde gesehen zu haben, als da erfroren und verhungert, mit abgenagten Schweifen und Mähnen, herumlagen! Man kann sich ganze Schachteln voll Georgskreuze am Wege mitnehmen, Fahnen, Heiligenbilder, Gewehre wie die Binsen! Gott hat uns gestraft! Alles ist zu Ende!« »Und die Deutschen können einrücken, wie sie wollen!« »Wie sie wollen! Nun – mit Gott!« Der Staatsrat ging. Als ihm der Diener draußen in der niederen Vorhalle Pelz und Filzüberstiefel brachte, fuhr er zurück. »Wie denn, Baron Kerkhuß? ... Sie hier?« »So ist es!« »In diesem Hause?« »Der Knjäs erwartet mich!« »Ich habe Ihren Brief bekommen, Baron Kerkhuß!« sagte der Fürst Manuchin, der herausgetreten war, und drückte ihm ruhig die Hand. »Lassen wir das Vergangene vergessen sein! Es ziemt uns Sündern nicht, miteinander zu rechten! Die Not des Vaterlandes bedrückt uns alle! Belieben Sie und treten Sie durch meine niedere Tür!« Es klang mit der barbarischen Würde gottesgläubigen und bußfertigen Altrussentums, von dem jetzt immer mehr die täuschende Tünche westlicher Klubs und englischer Meinungen fiel, und Waldemar Kerkhuß sagte, nachdem er drinnen Platz genommen: »Sie haben sich verändert, Fürst! Waren Sie krank?« »Ja, krank ... wenn man Kerker Krankheit nennt ...« »Sie waren im Gefängnis?« »Bald nachdem wir uns in Petersburg sahen, wurde ich verhaftet. Es war eine Zeit der Prüfung. Zum Glück fand ich Perekrestoff und andere Freunde als Schicksalsgefährten vor!« »So litten Sie wenigstens nicht unter dem Fluch der Einsamkeit, Boris Wladimirowitsch!« »Nein. Ich lehrte die anderen in diesen langen, leeren Tagen Englisch! Sie lernten schnell! Als ich das Gefängnis verließ, waren sie bereits fähig, die ›Times‹ zu lesen!« Waldemar Kerkhuß dachte sich mit einem Grauen vor dieser Macht über die Geister: Englands Faust stieß euch in den Abgrund, und noch im Sturz, ehe ihr unten zerschellt, lernt ihr hastig aus dem englischen Wörterbuch: »Thank you!« und »Don't mention it!« Er schwieg. Der Fürst fuhr schwermütig fort, mit einer hellen und weichen Stimme, die seiner Bärenerscheinung widersprach: »Vor kurzem erst ließ man mich frei und erlaubte mir, hierher nach Moskau zu gehen! Aber auf wie lange? Jede Stunde kann man von neuem verhaftet werden! Es ist kein Schutz und keine Rettung mehr zu sehen!« »Doch!« »Wo?« »Bei den Deutschen!« Ein Schweigen trat ein. Knjäs Manuchin strich sich seinen langen Bart und überlegte und nahm langsam einen Schluck Tee. »Sie schrieben mir!« sagte er. »So weiß ich den Grund Ihres Besuchs. Es ist immer wieder der Friede mit Deutschland!« »Den Frieden mit Deutschland durch euch, die russische Gesellschaft, nicht durch die russische Unterwelt! Dafür werbe ich in letzter Stunde überall in ganz Rußland ...« »Und warum Sie – gerade Sie?« »... um, mit der russischen Gesellschaft, auch uns Balten in den Ostseeprovinzen zu retten! Schließt Deutschland mit der russischen Unterwelt den Frieden – wie kann es dann uns gegen eben diese Unterwelt schützen?« Fürst Manuchin bewegte langsam sein bärtiges und leidendes Apostelhaupt. Er wollte schon sprechen. Aber er hörte dem anderen noch zu. »Macht Frieden! Rußland und Deutschland sind Nachbarn. Gott hat sie aufeinander angewiesen!« »Nicht Gott, sondern menschliche Verblendung!« Es war etwas aus dem fernen Völkerborn Asiens, dem Urquell aller Dinge, in Knjäs Manuchins sonderbar ergebungsvoll und feierlich gewordenen, von dem langen Bart beschatteten Zügen. Er schien Europa plötzlich fern. »Ihr Deutschen hattet einen Schutzwall gegen uns! Er ging von der Ostsee durch Sumpf und Wasser bis nahe zum Schwarzen Meer. Der Wall hieß Polen. Die Teilung Polens war die große Torheit aller Völker und des Großen Friedrich selber, von dem das heutige Deutschland stammt! Wenige Jahre, nachdem man Polen zum letzten Male geteilt, ritten schon die ersten Kosaken durch die freie Schweiz! Wir waren da! Wir wurden die Nachbarn Deutschlands und Österreichs! Wir mußten unsere Bahn verfolgen ...« »Was geschehen ist, ist geschehen! Jetzt handelt es sich darum, was geschehen soll!« Fürst Boris Wladimirowitsch blickte lebhaft auf. Nun spiegelte sich der durch Londons Schule gegangene Staatsmann, der mit Willenskraft das in uferloser Stimmung verdämmernde russische Hirn in schnurgerade Kanäle des Denkens zwingende moderne Petersburger in seinen Augen eines innerlich weichen Nervenmenschen. »Was werden soll, das steht bei Deutschland!« sagte er rasch und klar, wieder im Ton des Westens, wie ihn die haarspaltende Verstandesschärfe politisierender Londoner und Pariser Rechtsanwälte angab. »Das müssen Sie Deutschland fragen, Baron Kerkhuß! Und auch wie es über seine eigenen Widersprüche hinwegkommen will!« »Wie das? Welche Widersprüche? Belieben Sie zu erklären!« »Zu Beginn dieses Krieges schwur Deutschland feierlich an jenem vierten August neuen Stils, von dem wir in den Zeitungen lasen: es wolle nichts als seine Grenzen schützen! Gut! Das tat es! Es warf uns aus Ostpreußen hinaus!« »Fahren Sie fort, Knjäs!« »Aber wie denn? ... Man reibt sich die Augen ... Was war da? Es folgte uns über die Grenze! Es eroberte Kurland ...« »Um die Grenzen zu schützen!« »Wahr, Baron Kerkhuß! Aber dann mußte Deutschland euch dort sagen: Nur auf Kriegsdauer bin ich bei euch hier zwischen Polangen und Dünamünde zu Gast. Wenn Gott uns Frieden gibt, ziehe ich wieder heim! Niemals aber wurde dies Wort gesprochen!« »Gott sei Dank nicht!« »Man behandelte euch, als gehörtet ihr schon zu Deutschland...« »Hoffentlich!« »Belieben Sie, Polen zu betrachten! Deutschland nahm Warschau und rief dort ein neues, freies Polen aus. Es sucht einen Herrn für Litauen! Es begünstigt die Losreißung des ganzen reichen russischen Südens von unserem heiligen Reich. Es trifft Vorbereitungen – wir wissen es –, in Finnland zu landen und es von uns abzutrennen. Es plant den Einmarsch in Livland und Esthland!« »Möchten die Deutschen endlich kommen!« »Sie sprechen als Balte, Baron Kerkhuß! Ich spreche als Russe, dessen vaterländisches Herz blutet! Wollen Sie doch erwägen: Deutschland ist zur Stunde damit beschäftigt, unser Rußland in beliebige Teile zu zerlegen, wie man die Quecksilbersäule eines Thermometers in auseinanderrinnende Tröpfchen zerschlägt, viele von diesen Stücken loszureißen, teils um sie sich ganz zueigen zu machen, teils um sie auch im Frieden durch Besetzungen und Verträge zu beherrschen! Erbarmen Sie sich: Wie stimmt das damit zusammen, daß Deutschland nur zum Schutze seiner Grenzen uns den Krieg erklärte? Wollen Sie mir erläutern – mein Kopf ist von der Haft noch schwach! Ich begreife es nicht! – wie da zwei Seelen in der deutschen Natur sich offenbaren? Welcher von beiden sollen wir glauben – den Worten oder den Taten?« »Ich glaube beiden! Deutschland versprach uns Deutschen in den Ostseeprovinzen zu helfen! Es hielt sein Versprechen und kam nach Kurland! Die russische Front ist wehrlos! So wird es bald auch zu uns nach Livland und Esthland kommen!« »Ich verstehe Sie als Balten, Baron Kerkhuß! Aber ich kenne Sie als einen Mann von klarem und kühlem Verstande. Sagt Ihnen dieser Verstand nicht, daß, als die Deutschen über Tauroggen in Kurland einbrachen, in der Absicht, es zu behalten – daß in diesem Augenblick eine Wende der Welt im Osten eintrat – die deutsche Verteidigung sich in die deutsche Eroberung umwandelte? ... So werden eure Ostseeprovinzen dereinst, so klein sie, gegen das ganze Rußland gehalten, sind, als die Angelpunkte der Geschichte der Völker erscheinen! Durch sie trennt man uns vom Meer, erstickt Petersburg und mit ihm das Werk Peters des Großen, nimmt uns Licht und Luft, indem man uns auch im Süden vom Schwarzen Meer absperrt, zieht alle Pfeiler unter der russischen Macht hinweg – wie soll da in Zukunft Friede und Freundschaft möglich sein? ... Auch wir sind Menschen ... auch wir lieben unser Vaterland ...« »Die Deutschen haben recht!« sagte Waldemar Kerkhuß ruhig und schroff. »Würdigen Sie mich einer Erklärung dafür ...« »Die Deutschen führen den Krieg weiter, weil ihr den Frieden nicht haben wolltet! Ihr konntet ihn nach dem Sturz des Zaren schließen! Ihr ließt euch durch England in neue Blutmeere jagen! So wurde die Vergangenheit nichtig, Boris Wladimirowitsch! Deutschland gewann sein Wort zurück! Es hat das Recht, uns Balten zu befreien!« Fürst Boris Manuchins schwere, wie von einem russischen Zimmermann oberflächlich mit der Holzaxt zurechtgehauene Gestalt sank noch mehr in sich zusammen, gebrochen von dem Schicksal Rußlands. »Auch wir sind schuldig!« sagte er leise und unruhig, mit der riesigen Hand unstet auf der Tischplatte vor sich spielend. »Manche von uns Engländerfreunden haben es erkannt. Auch ich bin unter ihnen. Ich versuche meine Genossen zu überzeugen, daß wir einen Teil des Weges zurückgehen müssen, den wir an der Hand Englands gegangen ...« »Und Schimpf und Hohn Ihrer Freunde, Knjäs, ist Ihr Lohn!« »Es würde mich nicht beirren, für Rußland diesen Dornenweg zu gehen! Aber Deutschland muß uns auf ihm entgegenkommen! Es muß sich wieder zu den Grundsätzen bekennen, die es feierlich, als Gott uns diesen Krieg sandte, als seine Ziele bekanntgab! Es muß verzichten ...« »Auf was?« »Auf alles, was russisch ist!« »Auch auf die Ostseeprovinzen?« »Auch auf diese!« »Niemals!« »So wenig wir Ostpreußen verlangen ...« »Weil ihr besiegt und daraus vertrieben wurdet!« »... so wenig darf Deutschland Stücke aus unserem Leibe reißen!« »Doch! Denn es ist der Sieger!« »Sieger und Besiegte werden niemals gute Nachbarn, Baron Kerkhuß!« »... und die Fremdvölker sind kein Teil Rußlands! Das sagt schon ihr Name!« Waldemar Kerkhuß war aufgesprungen. »Man rühmt Ihre Menschenkenntnis, Fürst!« sagte er mit unterdrückter Leidenschaft. »Wie können Sie verlangen, daß der Sieger sich nicht als Sieger fühlt? Wozu vergoß er denn sein Blut? Verließ Weib und Kind, Haus und Hof?« »Um sie zu verteidigen, Baron Kerkhuß! ... Um sie zu verteidigen! Bei Gottes Barmherzigkeit: hören Sie diese Worte! Um sie zu verteidigen! In ihnen liegt der Schlüssel der Welt!« »Man muß sie auch gegen künftige Angriffe verteidigen und die Grenzen sichern, indem man sie hinausschiebt ...« »... Das lehrte man Sie in Berlin!« »... die deutschen Grenzen so weit hinausschiebt, als noch Deutsche wohnen und um Hilfe rufen – Balten um Hilfe gegen Rußland rufen!« »... Also bis vor die Tore Petersburgs!« »Ja! Bis in meine Heimat! Und das hörte ich nicht in Berlin! Das sagte ich im Gegenteil in Berlin den hohen Tschinowniks der Wilhelmstraße. Sie sind unentschlossen und scheuen jede Verantwortung! Auf sie ist kein Verlaß!« »Gott sei Dank!« »... aber sie sind auch nicht die Lenker der Dinge im Osten, sondern die, die die deutschen Heere führen! Sie haben das Blut ihrer Tapfern geopfert! Sie brennen darauf, die Früchte ihrer Siege zu ernten! Sie wollen vorwärts, sonst wären sie nicht Soldaten! Man wird sie nicht halten!« »Ich fürchte es auch, Baron Kerkhuß!« »Vorwärts! Bis zu uns nach Esthland! Die öffentliche Meinung des einflußreichsten Teiles der deutschen Gesellschaft steht hinter ihnen! Das sah ich in Deutschland. Sie verlangt einen Frieden, durch den noch die spätesten Urenkel erkennen, wer in diesem Krieg siegte und wer unterlag!« Nun hatte sich auch Knjäs Manuchin erhoben, matt, den übergrauten flächsernen Urwald des Hauptes gebeugt, mit den schweren Gliedern eines Mannes, der aus dem Krankenbett oder aus der Kerkerzelle kam. »Diesen Frieden, der Rußland seiner Länder, seiner Zukunft und seiner Lebensluft beraubt, können Sie mit uns wahren Kindern der russischen Mutter nicht schließen,« sagte er, tief aus der breiten Brust den gepreßten Atem ziehend, »sondern nur mit denen, die unsere Todfeinde in Rußland sind ...« »Das eben ist das Verhängnis, Boris Wladimirowitsch!« »Aber vergessen Sie es nicht, daß wir es Ihnen nie vergessen werden, daß Sie uns wehrlos unseren Todfeinden überlieferten ...« »Deutschland ließ euch die Wahl ...« »... und daß unsere Todfeinde auch die euren sind. Ihre Güter in Esthland werden ebenso versengt und geplündert werden wie die meinen an der Wolga!« »Nein doch! Mich und die Balten wird Deutschland schützen!« »Und vergessen Sie nicht, daß Ihre und meine Todfeinde auch die Deutschlands sind! Wer schließt Verträge mit Menschen, für die alles Bestehende nur wert ist, daß es zugrundegeht?« »Ihr zwingt Deutschland dazu!« »Und vergessen Sie nicht, daß unsere und Ihre und Deutschlands Todfeinde die Todfeinde der gesamten Menschheit sind! Wer darf wissentlich den Giftkeim über die ganze Erde streuen?« »Der, der nicht anders kann, weil die ganze Erde wider ihn ist!« »Und trotzdem ...« »Ihr, ihr alle bringt Deutschland durch die Überzahl der Feinde, durch den Hunger wider Frauen und Kinder, durch das Aufgebot aller Wilden der Welt und alle Drohungen eines Irrenhauses zur Verzweiflung, und wundert euch dann, daß dem Verzweifelten jede Waffe, auch das Bündnis mit eurem und seinem Todfeind, recht ist! Schlagt an eure eigene Brust, Fürst Manuchin! Ihr habt es so gewollt!« »Noch kann Deutschland umkehren!« »... indem es uns Balten opfert! Nein! Auch wir sind in Verzweiflung! Auch wir kennen keine Rücksicht mehr. Wir gehen lieber mit Deutschland durch dick und dünn, statt daß wir durch Rußland untergehn! Gebt uns frei!« »Wir können es nicht!« »Gebt die Randvölker frei! Im Namen der Menschheit!« »Euch Deutsche gäben wir gern dahin! Aber nicht eure Küste! Wir können ohne das Meer nicht leben! Zwanzig Jahre lang kämpften wir schon vor Jahrhunderten darum im Nordischen Krieg! Das Finnische Meer ist die enge Kehle, durch die Rußland und dahinter Asien atmet!« Es war eine Stille. »Und doch wird Deutschland kommen und es euch nehmen, Fürst Manuchin!« »So mag sich die Zukunft an uns allen erfüllen! Wir kennen sie nicht!« »Nun denn: mit Gott!« »Mit Gott!« ... Fern von Moskau, gegen Deutschland hin, da wo die russische Front zusammenschmolz wie der russische Schnee unter der Aprilsonne, da fuhr durch Nacht und Eiseskälte ein Zug. In ihm wärmten sich nicht gegenseitig die nach Tran und Rauch und Schweiß dünstenden Menschenknäuel, die die heimrollenden Wagen zu sprengen drohten. Je mehr der Zug sich der Westgrenze und dem Krieg näherte, desto leerer waren die besudelten, zertrümmerten, scheibenlosen Abteile geworden. Das Feldbraun hatte sich auf jeder Haltestelle durch Fenster und Türen hinausgeschwungen. Die einsame Stearinkerze warf ihr zitterndes Licht auf einen hageren, hohen, finsteren Mann, in dessen russischem Antlitz die Strenge eines Würdenträgers der alten Schule mit der dumpfen Ergebung eines von der neuen Zeit Entrechteten kämpfte. Der frühere Gouverneur Sergej Iwanowitsch Perekrestoff fröstelte in seinem dicken Pelz. Er blickte durch den halbdunkeln Wagen. Er sah nur noch, wie einst bei Napoleons Rückzug aus Rußland, die verlorenen Überbleibsel eines Heeres. Ein einzelner Weißkopf im Militärmantel, nach den barschen und hochfahrenden Zügen ein einstiger General, saß, ohne sich zu rühren, den starren Blick geradeaus, und rauchte. Im Nebenraum die spitze Pelzmütze eines sibirischen Unteroffiziers. Die breiten Backenknochen eines lettischen Schützen. Die letzten Krieger des toten russischen Heeres fuhren noch einmal in den Krieg. Der Krieg gegen Deutschland starb. Er war tot ... Der Gouverneur Perekrestoff seufzte. Er hatte es nicht glauben können. Nun hatte ihn der Augenschein davon überzeugt. Es hatte keinen Zweck mehr, weiter nach vorn zu dringen, von wo, aus der Nähe der Deutschen her, auch der Strom der Zurückflutenden immer spärlicher rieselte. Er kehrte um. Er reiste zurück. In Gatschina, hart vor Petersburg, kam er nicht weiter. Der Bahnhof war von hintereinander haltenden Zügen verstopft. Er nahm sich einen Schlitten und fuhr von der Petersburger Station durch die Villenstraßen hinüber nach dem baltischen Bahnhof, von dem der Schienenstrang nach Esthland abzweigte, in der Hoffnung, da wenigstens etwas zu essen zu bekommen. In pfeifendem Schneetreiben stand er weißgepudert auf dem Holzboden der offenen Halle. Vor ihm heulte der Seesturm in den Baumriesen und brüllte über die weiten Luftflächen des einstigen Zarenparks. Der Gouverneur war in früheren Jahren des Kriegs von russischen befreundeten Würdenträgern bis an die Grenze des verbotenen Reichs geführt worden, wo hinter allen Bäumen verborgene Gendarmen standen und verkleidete Wächter jedem einzelnen Spaziergänger folgten. Er hatte andächtig in der Ferne die dichte Truppenkette gesehen, die in weitem Umkreis das Väterchen, den Selbstherrscher aller Reußen, vor seinem Volk schirmte, und dahinter, zwischen Wasserspiegel und Hügel, den verwunschenen Palast selbst, vor dem der dritte und eigentliche Dienst der Geheimpolizei bis in die letzten Gemächer hinein begann. Auch jetzt schimmerte der Prunkbau mit seinen langen Säulengängen durch das kahle, von der Wut des Winters geschüttelte Geäst. Aber er lag öde und leer. Auf seinen Zinnen wirbelte vor dem Weißgrau des Schneehimmels lang flatternd wie eine Feuerzunge die rote Fahne. Bewaffnete Männer mit roten Binden füllten den Bahnsteig von Gatschina. Ihre schweren Stiefel dröhnten auf dem Holz. Immer mehr stiegen die Treppen hinauf. Sergej Iwanowitsch Perekrestoff hatte seit jener Stunde, da das Volk von Petersburg den Grafen Herzerode vor seinen Augen zerriß, schon viele Gestalten der Unterwelt gesehen, aber kaum noch welche, die diesen furchtbaren Kerlen glichen. Sie sprachen Esthnisch miteinander, Lettisch, Russisch. Sie wollten alle über Narwa nach Esthland und Livland hinein. Und neben dem Gouverneur sagte ein alter Petersburger, der noch vor wenigen Monaten ein hochmütiger und vornehmer Tschinownik irgendeines Ministeriums gewesen war und jetzt hier mit Pilzen gefüllte Piroggen, das Stück zu fünfzig Kopeken, feilhielt, leise und warnend zu seinem früheren Vorgesetzten, den er erkannte: »Gehen Sie nicht nach Esthland! Es bereiten sich da schlimme Dinge vor!« »Gegen wen?« »Gegen die Deutschen dort! Sie sehen ja diese Mordbrenner hier! Tag und Nacht gehen aus Petrograd die Züge. Hüten Sie sich! Man könnte auch Sie für einen Freund der Deutschen halten!« In dem hoffnungslosen Antlitz des Gouverneurs, der noch zu Anfang dieses Jahres für den Zaren ein Gebiet so groß wie ein europäisches Königreich verwaltet hatte, zuckte ein Widerschein des alten, tief eingewurzelten Deutschenhasses. »Warum geht es jetzt, wo alles zu Ende ist, noch einmal gegen die Balten?« »Wie denn nicht? Wo es in ganz Rußland gegen das geht, was diese Barfüßler da die Burschuis nennen! Im Baltenland drüben bestehen die höheren Stände nur aus Deutschen! Also sind es die Deutschen, die dort umkommen sollen! ... Wie? Ein halbes Rubelchen sei zu viel für diese Piroschki? Erbarmen Sie sich, Gospodin! Sie haben Geld genug, mein Ernährer! ... Würdigen Sie Ihren Diener eines Almosens!« Der adlige Petersburger Bettler verbeugte sich unterwürfig vor einem Vorübergehenden. Der Gouverneur Perekrestoff schluckte ein paarmal heftig vor Grauen und Gram über diese Welt und wandte sich ab. Als er schweren Trittes dem Ausgang zuschritt, den jetzt kein Schweizer mehr in silberbetreßtem rotem Rock und Dreispitz bewachte, sah er unter dem rohen, stumpfen, wilden Gesichtergewirr umher ein Antlitz, das ihm bekannt schien. Er blieb stehen. Irgendwo hatte er diesen blonden jungen Mann mit den großen blauen Augen, dem blonden Schnurrbart und dem blonden Saarschopf über der Stirn schon einmal gesehen, obwohl jener jetzt wie alle um ihn unter schneefeuchtem Mantel eine abgerissene Uniform trug. Eben trat er ein paar Schritte seitwärts, um sich in einem windgeschützten Winkel hinter der Schirmkappe in der Hand die eben gedrehte Papyros anzuzünden, und bei dem leichten Hinken seines Gangs kam dem Russen drüben jäh die Erinnerung. Er stellte sich neben ihn und sagte halblaut: »Baron Kerkhuß ... sind Sie es?« »Sie sehen: hier bin ich es nicht!« »Und doch trafen wir uns an jenem furchtbaren Novembertag in Petersburg im Hause des Fürsten Manuchin!« Waldemar Kerkhuß schaute um sich. Es war niemand in der nächsten Nähe. All die Gestalten, die ihm äußerlich glichen, waren damit beschäftigt, wie Seeräuber ein Schiff, in wildem Gedränge Türen, Fenster, Plattformen und Dächer des vorgefahrenen Zuges zu entern. »Ja. Die Zeiten haben sich seitdem geändert!« sagte er. »Nun – ich muß einsteigen!« »Wo kommen Sie her?« »Aus Kronstadt. Man hat dort meinen jüngsten Bruder ermordet. Er versuchte mit anderen Offizieren an Bord seines Schiffes die Ordnung wiederherzustellen. Ich konnte seine Leiche nicht finden. Sie liegt im Meer.« Der Gouverneur Perekrestoff schwieg eine Weile. Dann frug er dumpf: »Wo wollen Sie hin?« »Nach Esthland zurück. Meine Heimat geht zugrunde.« »So hörte ich. Es ist das Schicksal der Deutschen!« »Es ist das Schicksal derer, die den Krieg gegen Deutschland entfachten! Wir Balten wollten diesen Krieg nicht. Noch jetzt eben durchstreifte ich vergeblich ganz Rußland und warb um Frieden mit Deutschland!« Der Nordsturm umfing die beiden mit heulenden Stößen. Sie gingen in flatternden Pelzen auf den dumpfhallenden, von unzähligen Tritten vereisten Holzbohlen des Bahnhofs auf und ab, um sich zu erwärmen. Sergej Iwanowitsch Perekrestoff sagte in einem Ton verbissenen Hasses, der die eisige, flockendurchwirbelte Luft um sie mit seiner Glut zu erfüllen schien: »Nun: Deutschland schließt ja Frieden! Mit diesen Menschen da um uns schließt es ihn, denen nichts heilig ist als das Nichts selber und deren einziger Glaubenssatz die Zerstörung ist!« Waldemar Kerkhuß zuckte stumm die Schultern. Der Gouverneur fuhr fort: »Mit diesen Leuten will Deutschland in Frieden und Freundschaft leben! Aber zugleich will es doch euch Balten vor ihnen retten?« »Ja doch! Ja!« »Also muß Deutschland dieselben Menschen, mit denen es in Rußland gegen uns Frieden schließt, in den Ostseeprovinzen für euch bekämpfen! Können Sie mir diesen Widerspruch erklären, daß der gleiche Mensch in Brest mein Freund und in Dorpat mein Feind sein soll?« »Nein. Aber es ist mir gleich!« »... daß ich ihm am Bug die Hand schüttele und ihn am Peipussee aufhänge? Das geht nicht in meinen Kopf. Der Krieg hat ihn wohl verwirrt ...« »Ich denke nur an meine Heimat!« »... daß diese Leute zwar sofort hingerichtet werden, wenn sie beim Vormarsch der deutschen Truppen ihnen mit der roten Fahne entgegentreten, daß sie aber dieselbe rote Fahne in der deutschen Reichshauptstadt selbst, in unserem Botschaftspalais Unter den Linden, frei im Winde werden flattern lassen dürfen? Glauben Sie nicht, daß jeder Zwiespalt im Handeln sich rächt, und daß es dem Menschen nie gut bekommt, wenn er sich selbst verleugnet? Mit dem besten Windhund kann man nicht zwei Hasen zugleich jagen, mit der siegreichsten Armee nicht zwei entgegengesetzte Ziele zugleich verfolgen, Baron Kerkhuß!« »Ich bin Balte! Ich warte auf die Deutschen! Ich schaue nach ihnen aus! Die Deutschen müssen kommen!« Waldemar Kerkhuß wandte sich ab. Er erkannte, daß es höchste Zeit war, den Zug zu besteigen. Er rief: »He, Kameraden! Seht mein lahmes Bein! Nehmt mich noch mit!« Er eilte, den Fuß nachschleifend, die Wagen entlang und glich dabei ganz einem russischen Gemeinen, der seinen deutschen Denkzettel am Leibe trug. Sein etwas hartes Russisch fiel hier an der Schwelle des Baltenlandes nicht auf. Hilfreiche Fäuste streckten sich ihm entgegen und zogen ihn in das von Menschen, Gewehren, Beutesäcken vollgepfropfte Innere, und zugleich setzten sich die Räder des roten Zugs in Bewegung und rollten wie das Verhängnis selber in der Richtung nach Esthland. 15. Waldemar Kerkhuß stand, die Kugelflinte in der Faust, in kurzer Pelzjoppe und Wasserstiefeln, so wie er sonst das Elchwild in den Sümpfen Esthlands jagte, an der im weißen Schnee schwarzrot gefrorenen Blutlache vor der Kerreküllschen Oberförsterei. Eine Handvoll bewaffnete Männer um ihn, Beamte, Halbdeutsche, ein paar esthnische Besitzer. Vor ihm, auf der aus den Angeln geschmetterten Tür streckte sich die Leiche des Oberförsters, eines großen, kräftigen Mannes, das Schußloch gleich einem blaugeschwollenen Hornissenstich mitten in der Stirne, zwischen beiden Augen. Die Treppe war mit den Federflocken zerschnittener Betten überschneit, in dem wie von einem Erdbeben durcheinandergeschüttelten Wohnzimmer klaffte das Roßhaar in den zerschnittenen Kanapees. Ein totes Schwein lag in Frack und Zylinder unter der Steppdecke im Bett des Schlafgemachs, die zusammengerollten Teppiche, das Innere des Klaviers, die Kochtöpfe, alles starrte von Menschenkot. Aber kein Mensch war da außer dem alten Hauskerl, der sich zähneklappernd in der Ecke duckte. »Wann geschah es?« »Heute nacht um vier, Baron-Herr! Da klingelte es. Der Herr öffnet das Haustor. Es fällt ein Schuß. Er stürzt tot hintenüber. Die Räuber drangen ein. Sie plünderten alles!« »Wo sind die Hausbewohner?« »Sie haben alles mit sich weggeschleppt. Sie sind gegen Wergel gezogen. Man sieht den Rauch über dem Walde!« Durch die Weite klangen von fern, gleich dumpfen Axtschlägen im Forst, unregelmäßige Schüsse. »Das ist der Kuistefersche Baron! Er hat sich mit seinen Leuten verschanzt. Sie feuern aus dem Fenster!« »Speerreuter hat keine Familie. Er kann sein Leben teuer verkaufen!« sagte Waldemar Kerkhuß und verstummte. Im Pfeifen des Windes durch die kalte, klare Winterluft wehten über die Wälder her ununterbrochene, eilige Glockenschläge. »St. Jochens läutet seit heute früh um Hilfe! Pastor Magnus hat sich mit vielen Deutschen in der Kirche eingeschlossen!« »Es brennt, Baron Kerkhuß! Es brennt drüben in der Alt-Sötthaster Gegend! Dicke schwarze Wolken steigen.« »Wann kommen die Deutschen, Baron-Herr? Barmherziger Gott – wann kommen die Deutschen?!« »Sie werden noch kommen!« sagte Waldemar Kerkhuß zwischen den Zähnen. »Fürchtet euch nicht! Sie werden schon noch kommen!« »Wenn es zu spät ist ...« Ein Schlitten jagte heran. Drei Gäule galoppierten in Rauch gehüllt nebeneinander unter dem klingelnden Krummholz. Der Arrendator von Riese stand aufrecht im Innern, rechts und links spähend, die Flinte schußbereit in der Hand. Sein Gesicht war verstört. »Jräßliches jeschah drüben in Feltenhusen. Sie drangen in die Stadt. Sie haben den alten Pastor und seine Frau, den Apotheker, den Lehrer auf das fürchterlichste ermordet! Alles, was Deutsch spricht, davonjeschleppt – Gott weiß wohin!« Waldemar Kerkhuß trat, die entsicherte Büchse auf dem rechten Unterarm, entschlossen in den tiefen Schnee. »Kommen Sie mit hinüber nach Kerreküll, Riese! Wir müssen versuchen, die Meinigen und was sich sonst in das Schloß jeflüchtet hat, in Sicherheit zu bringen. Längs des Glints ist der Weg noch frei...« »Nach Reval? Dort haben sie alle Deutschen im Elevator am Hafen einjesperrt! Sie erwarten stündlich den Tod!« »In die Wälder kann man nicht fliehen wie bei dem jroßen Aufstand vor zwölf Jahren! Damals war es Sommer! Jetzt aber erfriert man in der ersten Nacht!« »Es jibt keine Rettung mehr für uns...« »Wann kommen die deutschen Truppen...?« »Sie werden kommen!« sagte Waldemar Kerkhuß wieder. »Ich weiß es: sie sind unterwegs. Sie werden plötzlich da sein, ehe wir...« Zwischen den hohen Fichtenstämmen vor ihnen lief in der Ferne ein Mann. Er lief, was er konnte, und sah sich dabei nach hinten um. Von dort krachten Schüsse. Der Mann überschlug sich, wälzte sich am Boden hin und her, lag still... »Da sind die Mörder!« Auf der langen, schnurgeraden Waldschneise tauchten ein Dutzend wilder Gestalten auf. Abgerissene Kerle, die kostbaren Biberpelze geplünderter Herrenhäuser über Bauernkittel und rotem Hemd, reiche Astrachanmützen auf den rohen Köpfen, die noch rauchenden Dreiliniengewehre in der Hand. Als sie die Überzahl der Deutschen vor sich sahen, verschwanden sie nach kurzem Besinnen seitwärts über die Haide. Zwei, drei junge Frauenzimmer mit kurzgeschnittenem Haar kletterten mit ihnen flüchtend über die Steinmauer des Viehzauns am Weg. »Das sind die russischen Volksschullehrerinnen!« sagte der Arrendator von Riese. »Überall sind diese Weiber dabei! Es sind die schlimmsten von allen!« Sie näherten sich dem stillen Mann auf dem unter den Fichtenzweigen nur schwach beschneiten Moosboden. Der Gutspächter kniete neben ihm nieder und schüttelte den Kopf: »Tot! So machten es die Schurken auch bei mir in Kuil. Sie führten meinen deutschen Gärtner und den deutschen Schweizer in den Wald, ließen sie dort laufen und schossen sie dann von hinten wie die Hasen nieder!« Waldemar Kerkhuß hatte dem Toten das Blut aus dem Antlitz gewischt. »Es ist mein Oberinspektor Bülger aus Arromar!« sagte er. »Er hielt es halb mit den Russen! Russenhand jab ihm den Tod wie meinem Vetter Herzerode! Wehe jedem, der zwischen die Mühlsteine dieser Weltenwende jerät! Wir müssen ihn aufnehmen und hinüber nach Kerreküll tragen!« Noch stand der ragende, mittelalterliche Schloßklotz der Kerreküllschen Barone unberührt hinter seinem von der Brücke überspannten Wassergürtel von tiefen Gräben. Aber dies Wasser war jetzt gefroren. Überall konnte man sich von draußen auf das Eis hinablassen und auf der anderen Seite zu den Fenstern des Erdgeschosses hinaufklettern. Vor der Brücke hielten Schlitten. Silberzeug wurde aufgeladen. Schinken – Zuckerhüte. Säcke mit Mehl. Die alte Baronin und die anderen Damen saßen, bis zur Unkenntlichkeit in Pelze vermummt und in Decken gewickelt, ohne sich zu rühren, kaum mehr zu atmen wagend. Robin und Axel Kerkhuß, die jüngeren Brüder des Schloßherrn, leiteten die Abfahrt der Schlittenreihe. »Könnt ihr denn durch?« »Durch Gottes Jnade – ja! Es ist ein stiller Tag und draußen nur lose Eisschollen auf der See!« »Dein Rat, Waldemar, ist der beste!« sagte Robin, der ehemalige Petersburger Gardekavallerist. »Wir schieben Boote über das Eis am Strand, so weit es geht, und rudern dann durch das offene Wasser hinüber ...« Und Dr. Frälsemann, der Arzt des Kirchspiels, der sich und seine Familie auch hierher gerettet hatte, ergänzte, nach Norden blickend, wo sich düster die Kirchenruine von St. Annen, möwenumschwärmt, an der baltischen Küste erhob: »Drüben auf Steenholm sind wir vorläufig in Sicherheit! So bald kommen sie noch nicht auf die Insel hinüber!« »Aber wenn sie kommen ...« »Dann sind wir dort erst recht verloren ...« »Die Deutschen ... Vater unser im Himmel ... schick' uns die Deutschen!« »Haben die Deutschen uns denn janz verjessen ...« »Die Deutschen kommen!« sagte Waldemar Kerkhuß abermals. »Ich habe es jehört! Das Jerücht fliegt ihnen voraus, obwohl sie selber fliegen! Sie jagen auf Schlitten die Poststraßen entlang, janze Regimenter! Sie machen hundert Werst im Tag und mehr! Der Kaiser schickt uns seine eigene Jarde du Corps! Seid nur getrost!« Aber seine Miene blieb düster und gespannt, während er den Abzug der Flüchtlinge leitete. Er schaute zuweilen an dem massigen Eckturm von Kerreküll empor, als wollte er sich das Bild des Hauses seiner Väter noch einmal einprägen, ehe es vielleicht in den nächsten Stunden schon zu kahlen Mauern, ausgebrannten Fensterhöhlen und verkohltem Gebälk wurde, und sah dann wieder auf die Uhr und horchte. Noch war nichts zu hören, als ferne ab und zu das Sturmläuten von St. Jochens. Ein bitterer Rauchgeruch war von irgendwoher in der Luft. Es mußten schon esthnische Gesinde in der Nähe brennen. Er beschleunigte die Abfahrt. Ein Schlitten nach dem anderen glitt davon zum nahen Strand, wo, zwischen den übereinandergetürmten Eisschollen, die Fischer von Steenholm, kleine, stämmige Männer von schwedischem Blut, mit ihrem deutschen Pastor warteten, um die Sachen und die alte Baronin über das krachende, oft schuhhoch vom Meerwasser überschwemmte Eis hinweg zu den Booten draußen zu tragen. Schließlich stand der letzte Schlitten bereit. Robin Kerkhuß kniete mit dem Gesicht nach hinten und mit der Pistole in der Hand den Rückzug deckend auf dem Bärenfell des Sitzes und sagte ungeduldig: »Nun was denn, Waldemar? ... Möchtest du hier warten, bis uns das Jesindel im Jenick sitzt? Beliebe einzusteijen!« »Ich bleibe hier!« »Wie das?« Waldemar Kerkhuß drehte sich beinahe erzürnt um. »Habe ich denn nur für euch zu sorjen? Ihr seid nun bald jeborgen. Jetzt muß ich noch andere Jeschöpfe Gottes in Sicherheit bringen!« Als das letzte Prusten und Schnauben der davonjagenden Schlittenpferde verklungen war und Schloß Kerreküll in starrer, feierlicher Öde und Stille, eine verlassene deutsche Insel, mit seinen Ahnenbildern und Kunstschätzen, Bücherschränken und dem mächtigen Stammbaum in der Halle, der Mordbrenner harrend dalag, rief Waldemar Kerkhuß unten im Hof vor den offenen und leeren Pferdeställen mit lauter Stimme: »Mitsa!« Sofort kam die kleine, langschweifige Rappstute, die da immer frei herumlief, gehorsam wie ein Hund herangetrappelt und sah ihn zutraulich mit ihren glänzenden Augen an. Er legte dem freien, nicht durch ewiges Stalldunkel verängstigten Tier den Sattel auf und ritt davon, nach seiner Weise: nur den linken Fuß im Bügel, das steife rechte Bein frei herabhängend. Er konnte so nur Galopp reiten, aber um so rascher ging es durch den hereinbrechenden Winterabend auf der verschneiten Waldstraße vorwärts, in langen Sprüngen, kein Mensch in Sicht, nur einmal ein umgestürzter, von Plünderern durchwühlter Schlitten mit deutschem Hausrat am Weg. Dann bog er seitwärts, im Schritt den morastigen Pfad entlang, sich unter den weißbelasteten, tief herniederhängenden Fichtenzweigen im Sattel duckend, bis zu dem weltverlorenen Haus Nois im esthnischen Moor. Der uralte, windschiefe, niedere deutsche Herrensitz der vier armen Fräulein von Saxeson lag noch unberührt wie im Frieden. Aber im Heranreiten unterschied Waldemar Kerkhuß' Auge doch im dämmernden Schnee Fußspuren, die ihm nicht gefielen. Es waren nur einzelne. Aber sie liefen im Bogen, durch Erlenbusch und Binsenbruch rings um das Haus, so als hätten die ersten spähenden hungerigen Wölfe in Menschengestalt es umschlichen. Er warf absteigend seiner Mitsa den eigenen Mantel über den Rücken, ließ sie frei stehen und klopfte an das Tor. »Karin!« »Oh – Waldemar! Bist du jekommen!« Karin von Saxeson sperrte auf. Ihr frischer, vollwangiger blonder Kopf erschien ihm, in Nacht und Wintergrimm und Brand und Mord umher, wie ein Gruß und Sinnbild unzerstörbaren deutschen Wesens in diesem Lande. Ihre trotz der Sommersprossen klaren, blauäugigen Züge waren kaum blasser als sonst. »Karin: wo sind die Schwestern?« »Drüben in Laart!« »Da ist doch keine Hilfe!« »Der alte Awesand hat seine Familie und seinen janzen Hausstand und alle Herrnhuter aus den Jesinden um sich jeschart. Sie sitzen beisammen und singen jeistliche Lieder und beten ...« »Warum bist du nicht mit?« »Es war doch nur für fünf im Schlitten Platz: die Schwestern und die Muhme und die Dadja, die alte Amme!« »Und was machst du noch in Nois? Ich hörte schon in Kerreküll, daß du allein noch hier wärest ...« »Ich krame nur eben noch ein bißchen auf, bis der Schlitten wiederkommt. Dann fahre ich auch hinterher. Ich finde mich in der Dunkelheit sicherer hin!« Waldemar Kerkhuß setzte sich und sah Karin von Saxeson eine Weile zu, wie sie, am Boden kniend, im letzten, düster durch die kleinen Fenster grauenden Abendlicht eine geöffnete Diele wieder zuhämmerte, die die letzten bescheidenen Schätze des aussterbenden Geschlechtes barg, und ihre Ritzen mit vorsorglich zusammengefegtem Staub ausfüllte. »Du hast viel mehr Mut, als dir gut ist, Karin!« Sie hob den von wirren, blonden Strähnen umspielten, nicht mehr ganz jungen, aber frischen und gesunden Kopf. Sie verstand ihn nicht recht. »Der silberne Schwedenbecher, Waldemar! Ein Jeschenk der Stockholmer Stände aus dem sechzehnten Jahrhundert! Es wäre doch schade!« »Um uns beide wäre es noch mehr schade! ... Zieh' deinen Pelz an und komm sofort mit!« »Zu den Awesandschen?« »Laß du die Awesandschen beten! Ich bin mehr dafür, sich zu wehren! Ich habe einen Fischer an die Ruine von St. Annen bestellt. Er hat den Aussatz, aber er ist sonst noch ein fixer Kerl! Er bringt uns zur Not auch noch nachts hinüber nach Steenholm. Mache dich fertig! Ich spanne inzwischen Mitsa vor einen Schlitten ... Was ist denn das?« Es dröhnte auf dem Backsteinpflaster des niederen, halbdunklen Raums, der in dem alten esthländischen Landhaus zugleich Küche, Halle und Wohnzimmer war. Ein großer, schwarzer Schatten hob sich im Zwielicht von der Tür ab. Mitsa war hereingekommen. Mit gespitzten Ohren, das Weiße in den Augen zeigend, stand sie leise zitternd da, als wollte sie ihren Herrn warnen. Waldemar Kerkhuß sprang auf, stürzte, das steife Bein nach sich ziehend, zum Tor und schloß es ab. »Es sind Kerle draußen!« sagte er halblaut. »Da ... da stehn sie im Schnee und wissen nicht recht Bescheid, ob noch jemand im Hause ist oder nicht. Ich werde es ihnen zeigen!« Er streifte die umgehängte Büchse von der Schulter, zielte und feuerte durch das Fenster einen Schuß. Der Raum füllte sich mit Pulverqualm, der träge durch den nach unten offenen, über dem Herdfeuer gewölbten Kamin abzog. »Es sind nur drei. Jetroffen habe ich sie nicht. Aber sie haben jenug. Sie ziehn sich nach dem Walde.« In der schwarzen Fichtennacht drüben zuckte ein roter Blitz. Man hörte das Singen der Kugel nicht, nur nach einer Sekunde den kurzen Knall. Dann war alles still. Auch Mitsa hatte sich beruhigt. Sie legte sich, gesattelt wie sie war, friedlich auf den Ziegelboden nieder und streckte alle viere von sich. »Wir sind jetzt hier einjesperrt!« sagte Waldemar Kerkhuß, eine neue Patrone in den Lauf schiebend. »Können wir nicht hinten, durch das Stalltor, fort?« »Es ist zu jefährlich jetzt in der Dunkelheit! Es sind ja nur ein paar Kerle draußen! Wahrscheinlich Leute von euch. Aber wir sehen sie nicht, und sie hören uns, wenn wir das Tor aufmachen, und schießen in die Richtung, von der das Jeräusch kommt!« »Da müssen wir hier sitzen ...« »... bis es hell wird! Zum Jlück liegt euer Haus im freien Moor. Man schaut weithin. Wenn wir die Waldecke drüben im Auge behalten, jaloppieren wir im Schlitten unjefährdet heraus!« Seine Sorge, was dann werden sollte, verschwieg er. Denn er merkte: sie war nun doch sehr bleich geworden. »Du weißt nicht, was in diesen Tagen schon alles jeschah! Sonst wärst du nicht hier zurückjeblieben!« sagte er, legte das linke Bein über das rechte Knie, die Büchse schußfertig darauf und drehte sich eine Zigarette. »Ich werde diese Nacht nun hier sitzen wie ein Posten vor Jewehr, damit dir nichts passiert!« »Soll ich Tee kochen?« »Ja. Jib Tee!« Das Herdfeuer flackerte. Es war das einzige Licht in dem einsamen Hause Nois. Es warf seinen zitternden Schein über die beiden wachenden Menschen und das unruhig am Boden schlafende Pferd, das mit der Wärme seines großen Körpers den Raum heizte. Man hörte, außer seinem träumenden Schnauben, keinen Laut. Bleiern schwer, undurchdringlich schwarz, unheimlich schweigend brütete draußen die Winternacht ... »So wie diese Nacht ist jetzt unser Leben, Karin!« sagte Waldemar Kerkhuß. »Wir hatten es uns anders jedacht. Wir waren Kinder des Jlücks. Ein bevorzugtes menschliches Jeschlecht. So wuchsen wir auf. Jetzt ist auf einmal alles unjewiß. Voll Jefahr und Not. Gottes Wege wurden dunkel. Für alle Menschen. Der Weltunterjang ist um uns ...« Karin von Saxeson erwiderte nichts. Sie saß dicht neben ihm und hörte ihm zu. »Es ist wie in unseren weißen Nächten, Karin, wenn man Sonnenunterjang und Sonnenaufjang zugleich am Himmel sieht. Wenn die Sonne blutigrot im Westen unterjeht, jeht sie klar im Osten wieder auf. Wenn die Welt unterjeht, wird sie zujleich auch wieder neu erstehn!« Sie ging zu dem Kessel über dem Feuer, holte neues Teewasser und goß auf. Waldemar Kerkhuß horchte, ob sich draußen etwas rege. Dann fuhr er fort: »In diese Welt müssen wir den Weg jewinnen, wenn, uns Gott das Leben läßt! Da, wo wir hier sitzen, Karin, da haben vor siebenhundert Jahren schon meine Vorfahren mit den Heiden jefochten und deutsche Art in neuen Boden jepflanzt. Sieben Jahrhunderte deutsches Wesen bringen wir den Deutschen, wenn uns die Deutschen noch in letzter Stunde retten. Wir haben nichts zu verjessen. Unsere Verjangenheit ist unser Ehrenschild und ebenso der Ehrenschild derer, die kein Wappen im Lande haben. Die andern Balten sind ja viel zahlreicher als wir von der Ritterschaft ... Hörtest du nichts?« »Nein doch, Waldemar! Das sind nur die Ratten im Stall ...« »Zu versessen haben wir nichts, aber hinzuzulernen, Karin! Wir müssen lernen, den Weg zu jehn, der aus dem Weltuntergang in die neue Welt führt! ... Dieser Krieg hat es mich neu jelehrt. Ich habe diesen Krieg von Anbejinn an in allen seinen Weiten und Tiefen, hüben und drüben, bei Freund und Feind, in mir im Jeiste und außer mir in der Wirklichkeit jeschaut. Wenige haben den Krieg in diesen vier Jahren so durchjelebt wie ich. Nun führt er mich zu dem zurück, wovon ich ausjing und was ich immer war: zu der Jesinnung, die ich schon von Kindesbeinen an in mir fühlte, an die Orte hier zurück, wo ich schon als Kind spielte, zu dir zurück, die wir uns schon als Kinder kannten ... Weißt du noch, wie ich dir hier hinter dem Hause in der Fliederlaube das Küssen beijebracht habe?« »Ach – damals war ich Fünfzehn und du ein dummer Junge in Gymnasiastenuniform!« sagte Karin. »Nun – ich küßte dich auch, wenn ich als Dorpater Student heimkam!« »Aber ja ... wir waren doch Vetter und Base! Sojar der Alte Awesandsche fand nichts daran!« Karin von Saxeson stand hastig auf und ging wieder zu dem Wasserkessel. Die Flackerglut übergoß von unten her ihr gebeugtes Gesicht, dessen blasse Wangen plötzlich rot geworden waren. Waldemar Kerkhuß sah ihr schweigend zu, trat dann zu ihr, schlang seinen Arm um sie und küßte sie lange und innig. Dann sagte er: »Warum haben wir uns nicht schon längst geheiratet, Karin?« Sie antwortete nicht und schaute nicht auf. Sie stand, an seine Brust gelehnt, mit geschlossenen Augen. Er fuhr fort: »Es liegt an mir! Du warst jeduldig und jut. Aber ich suchte draußen, was nur die Heimat jibt! Du bist mir die Heimat. Wenn ich an sie denke, seh' ich dich. In dir schütze ich sie in dieser Stunde ... halt ... Wer arbeitet da draußen an dem Tor?« Er rief es auf esthnisch. Ein dumpfes Scharren und Feilen klang durch das dicke Holz. Dann eine tiefe, drohende Männerstimme: »Macht auf ...« »Und ihr draußen ... habt ihr schon lange genug gelebt, Brüder, daß ihr hier hereinwollt?« Ein rohes Lachen aus der Nacht. »Wer ist wohl zur Hilfe bei euch im Hause, ihr Sachsen? Der Teufel?« »So was der Art!« »Wer ist's?« »Der Kerreküllsche Baron erwartet euch!« Waldemar Kerkhuß rief es mit Donnerstimme. Seine blauen Augen flammten. Er hielt die Büchse in der Hand bereit. Er wiederholte, da es außen plötzlich still wurde: »Habt ihr's gehört: der Kerreküllsche Baron ist hier drinnen!« Aber es kam keine Antwort. Der unheimliche Name hatte seine Wirkung getan. Man ahnte in dem tiefen Schweigen der Nacht draußen das abergläubische Davonschleichen der Esthen. Waldemar Kerkhuß lachte grimmig, warf den Kopf nach hinten, daß die blonde Mähne flog, und sagte zu Karin, die in stummer Angst vor dem Herd auf die Knie gesunken war: »Zum Jlück jlauben die Kerle hier im janzen Lande, ich sei mit dem Teufel im Bund, weil ich den Russen immer wieder entjing! Ich denke, sie kommen diese Nacht nicht wieder, bis es hell wird!« Zögernd, schwer, in einer drückenden Totenstille, als hielte die ganze Welt gleich einem lauernden Menschen den Atem an, dämmerte der Wintermorgen über der Haide von Nois. Das ferne Läuten von St. Jochens war schon seit dem Abend verstummt, seit vielen Stunden hatte der Wind nicht mehr den dumpfen Schall von Schüssen über den Wald getragen. Waldemar Kerkhuß spähte über dessen kahles Geäst nach der Richtung, in der Kerreküll lag. Da ballte sich keine schwarze Rauchwolke am Himmel. Das Schloß stand noch. Auch sonst war ringsum von Bränden nichts zu sehen. Er hatte Mitsa vor einen niederen Reiseschlitten gespannt, Karin in den hineingesetzt und geleitete das fromme Tier am Zügel, das Gewehr in der anderen Hand, vorsichtig durch das geöffnete Hoftor ins Freie und schaute dort scharf, mit geübtem Jägerauge, in die weite, wüste Leere. »Wir müssen immer im offenen Felde bleiben!« sagte er. »Der Jaul läuft jeschwind wie ein Hase. Die Kerle sind alle zu Fuß. Sehen wir welche, so können wir immer noch einen Haken um sie schlagen. Der Schnee trägt uns überall. Schließlich kommt man doch nach Steenholm!« Kein verräterisches Glöckchenklingen verkündete das lautlose Gleiten des leichten Gefährts über die weiße Fläche. Waldemar Kerkhuß hatte das Schellengeläut vom Geschirr der Rappstute abgenommen. Sie war gewohnt, an der Deichsel zu traben. Sie warf die Vorderbeine mit einem Schwung aus den Schultern, der edles Orloffblut in ihren Adern verriet. Schnee und Zaun, Hecken und winterlich offene Viehgatter zogen vorbei. Dann kam das letzte Waldstück, hart an der Landstraße. Mißtrauisch es musternd, fuhr Waldemar Kerkhuß daran vorbei. Es drohte hier keine Gefahr. Man hätte zwischen den einzelnen hohen Bäumen jeden Menschen sehen müssen. Trotzdem schnellte er plötzlich auf und gebot der Russenstute mit einem »Stoy!« Halt. Es war doch ein Mensch da, nur nicht auf der Erde, sondern zwischen Himmel und Erde. Er schaukelte, das gedunsene Antlitz unter den weißblonden Haarsträhnen bläulich gefärbt, in einem sonderbaren, pedantisch abgemessenen Bogen, so wie der Wind ihn trieb, in der freien Luft im Kreise. Der Ast, an dem der Strick hing, knarrte dazu im Takt, indem er sich an der Nachbarfichte scheuerte. Karin hatte den Kopf gegen die Knie gebeugt und hielt die Hände vor die Augen. Sie hörte die erfreute Stimme ihres Gefährten: »Hier hat jemand anjefangen, Ordnung zu schaffen! Ausjezeichnet! Das jibt mir jeradezu eine neue Hoffnung, Karin!« Er erteilte dem Gaul mit einem Zungenschlag die Erlaubnis zum Weiterlaufen. Kaum war der Schlitten auf der Landstraße, so flogen plötzlich die Kufen wie auf einem glatten Spiegel dahin. »Karin ... großer Gott ... siehst du das: kein Schnee auf dem Weg! Die janze Bahn zusammenjefahren und vereist! Es müssen Hunderte von Menschen heute nacht hier durchjekommen sein!« »In welcher Richtung?« »Da sieht man ja die Eindrücke von Eisstollen an den Hufen! Alles nach Reval zu! Im Jalopp! Man merkt es an den Zwischenräumen der Spuren im Schnee ...« »Waldemar! ... Sind das ...?« »Sage noch nicht, daß es die Deutschen sind! Berufe es nicht! Nur hinterher! Aber mit Vorsicht ... Vorsicht ... Aber was denn: wir brauchen ja keine Vorsicht mehr!« Er wies in sausender Fahrt, nut einem grimmig lachenden Aufblitzen der blauen Augen, nach den Bäumen rechts und links. Zwei Gestalten zeichneten sich da, langgestreckt und dunkel, von der klaren Winterluft ab. Sie hingen ganz still. In dieser Buschecke war kein Wind. »Wahrscheinlich die Kerle, die uns heute nacht bejrüßen wollten! Sie liefen den Deutschen jerade in die Fäuste! Die Deutschen müssen dasein, Karin ... die Deutschen ... Karin: jetzt falte die Hände und bete ein Vaterunser! Wir sind jerettet! Wir sind schon janz dicht hinter den Deutschen ...« »Woher weißt du ...?« Die Stimmen flogen im Dahinschießen des Schlittens atemlos ineinander. Waldemar Kerkhuß lachte fröhlich wie ein Junge. Es rauchte etwas schattenhaft vorbeigleitend am Boden. »Die kleinsten Zeichen zeigen die jrößten Wunder an! Der Pferdemist da ist noch janz heiß. Sie können kaum eine Werst vor uns sein! Da ...« »Da vor dem Krug sind jraue Jestalten ...« »Es lehnt da eine Reihe Zweiräder am Haus!« »Sie halten! Sie durchsuchen das Jebäude ...« »Dahinten laufen Kerle heraus ...« »Sie bleiben stehn und heben die Hände hoch!« »Abjefaßt! Fort mit ihnen! ... Vorwärts, ehe sie weiterfahren! Na lievo , Mitsa!« Der Schlitten schwenkte in ungestümer Wendung am Kreuzweg links, jagte an dem feldgrauen Radfahrertrupp vorbei, stand still. Waldemar Kerkhuß schwang sich heraus. Karin von Saxeson war sitzengeblieben. Sie sah, daß er auf einen vor dem Krug stehenden Offizier zutrat. Die beiden schüttelten sich herzlich die Hand und sprachen miteinander. Dann kam er zurück. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Er hob die Arme, seine Augen waren feucht, seine Züge leuchteten. »Sie sind da, Karin! Sie sind da! Überall! Sie kommen von Hapsal! Sie kommen von Pernau! Sie kommen von Weißenstein. Sie kommen vom Peipussee herauf. Sie kommen auf allen Wegen!« »Meine Schwestern ...« »Alle Awesandschen sind schon in Sicherheit! Die Meinen in Steenholm auch! St. Jochens ist besetzt! Kuistefer! Alt-Sötthast! ... Kerreküll steht! Der Schrecken hat ein Ende! Du weißt jar nicht, Karin, wie nahe wir zwischen Tod und Leben waren!« Die feldgraue Radfahrerreihe brach auf und drang nach Osten. Der Schlitten der beiden folgte. Die graue, mit weißem Treibeis bedeckte Ostsee dehnte sich als endloser Spiegel in der Ferne. Schon stand der auf einsamem Klippenvorsprung ragende Leuchtturm von Pakerort in ihrem Rücken und schimmerten fern die verfallenen Festungswälle und niederen Holzhäuser an den breiten Straßen des Städtchens Baltischport. Die tiefe Bucht von Laulasma lag hinter ihnen, drüben gegen das Meer hin die weite Parklandschaft des Russenschlosses Fall. Da war schon an der Eisenbahnstation von Kegel neues Feldgrau, ratternde Kraftwagen, Maschinengewehre, Flieger, ein genommener feindlicher Eisenbahnzug. Kaum mehr zwanzig Werst bis Reval! ... Mitsa ... Du mußt es machen ... Du mußt ... Die treue Stute dampfte und war kein Rappe mehr, sondern ein Schimmel von Schweiß. Aber da stieg, ehe noch die Sonne sank, feierlich mit Türmen und Zinnen das deutsche Mittelalter aus dem Weiß des Landes und dem Grau der See. Der Lange Hermann, der Kiek in de Kök, die Ticke Margarete, der ragende Turm von St. Olai grüßten. Im Kranze ihrer mächtigen Mauern, vom hohen Domberg die Ostsee überschirmend, stand die graue Hansestadt am Meer. Und in ihrem Grau leuchteten fremdartige Farbenflecke, wie man sie hier, auf deutschen Wesens äußerster Wacht und Wehr gen Osten, noch nicht gesehen, von Revals Bürgerhäusern und Adelssitzen. »Sieh das Schwarz-Weiß-Notl« »Die deutschen Fahnen!« »Reval ist jerettet!« sagte Waldemar Kerkhuß, den Schlitten hemmend« »Willkommen, Waldemar!« Sein Vetter Engelbert von Stier trat aus einer Gruppe von Totenkopf-Husaren zu ihm, den er zuletzt in Berlin, bei dessen Heimkehr aus Rumänien, gesehen hatte. »Hast du schon gehört: Es jeht zu Ende!« »Der Friede ...?« »Der Friede ist so jut wie unterzeichnet. Es fällt seit jestern kein Schuß mehr zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Auf tausend Kilometer Länge liegen alle Heere still!« »Wer schloß den Frieden?« »Nun, Deutschland und ...« »Und?« »... ja ... und die Unterwelt, mit der wir uns hier herumschlagen.« Waldemar Kerkhuß blieb stumm. Am ihn und die anderen herum war plötzlich alles leer. Die feldgrauen Radfahrerreihen waren schon weit voraus. Der Abendnebel, der aus dem Schnee stieg, hatte sie verschluckt, so daß man von den Befreiern nichts mehr sah. Ein eisiger Hauch wehte von der vereisten Ostsee herüber. Der Winterhimmel verfinsterte sich in zunehmender Dämmerung. Gegen Osten hin war es schon ganz dunkel. Die Nacht kam.