Ernst Wichert Die Schwestern Davids Lukatis besaß einen der vier Höfe von Lukatellen. Da die kleine Ortschaft von irgendeinem Ältervater den Namen erhalten hatte, so ist anzunehmen, daß die Familie dort seit unvordenklicher Zeit angesessen war und das Land teilte. Jetzt hatten die übrigen Besitzer andere Namen, und es ließ sich voraussehen, daß auch das Lukatissche Grundstück nicht mehr lange an die alte Zusammengehörigkeit erinnern werde, da Davids nur zwei Töchter besaß und nach dem Tode seiner Frau nicht wieder geheiratet hatte. Seine Mutter, die Altsitzerin, hatte ihm die Wirtschaft geführt, so lange sie noch rüstig war, nun war seine Tochter Mare an ihre Stelle getreten, und wenn sie oder Katre heiratete, verstand es sich ja von selbst, daß er dem Schwiegersohn den Hof abtreten und selbst ein Ausgedinge nehmen würde. Eigentlich war dabei immer nur an Mare gedacht worden. Sie war die um vier Jahre ältere und konnte bereits unter der Haube sein, wenn Katre noch mit ihren Puppen spielte. Sie selbst hatte sich's auch, solange sie überhaupt an so etwas dachte, nicht anders vorstellen können, als daß sie die Erbtochter werden müßte und ihre Schwester abgefunden würde. Einige Freier waren aber abgewiesen worden, wahrscheinlich in der zuversichtlichen Hoffnung, daß sich noch eine bessere Partie finden werde. Und als dann Katre heranwuchs, schien Mare die rechte Zeit versäumt zu haben. Die jungen Burschen kümmerten sich nicht mehr viel um sie, und sie hatte auch ein mürrisches Wesen angenommen, das abstoßend wirkte. Nun waren ihre dreiundzwanzig Jahre freilich noch kein Alter, das zu einem Verzicht hätte nötigen müssen, aber sie zählte immer nur die neunzehn ihrer Schwester und meinte, daß alle Leute es ebenso machten. Und Katre war auch hübscher als sie, das nahm sie selbst für gewiß an. Jedenfalls unterschieden sich beide in ihrem Äußeren sehr merklich. Mare war groß und hager, hatte dunkle Augen und Haare, eine vorgebaute Stirn, die sich früh in Falten zog, schmale Lippen und bräunliche Hautfarbe; Katre war kleiner und voller, sehr zierlich in ihrem Wuchs, blond, blauäugig, rotlippig und milchweiß; die langen Zöpfe konnte sie mehr als zweimal um den Kopf wickeln, und wenn sie lachte, was sie gern tat, blitzten die Perlzähne. Freilich bedeckten ihr in der Erntezeit Sommersprossen Gesicht und Hände, aber sie meinte scherzend, das sei nun einmal nicht anders, wenn man eine so feine, weiße Haut habe, und wolle auch als eine Schönheit angesehen sein. Mare nahm das ganz ernst. Sie hätte viel darum gegeben, wenn nach einem heißen Arbeitstage auch auf ihrer Stirn die kleinen gelblichen Sprenkel zu entdecken gewesen wären. Daß ihr Spiegelscherben, den sie übrigens auf dem Boden ihres Kastens versteckte, damit niemand ihr Eitelkeit vorwerfen könnte – nichts davon zeigte, war ihr ein Beweis, um wieviel feiner in Wirklichkeit Katres Haut sei. Eitel war sie auch nicht; es wäre ja ganz wunderlich gewesen, sich aus Eitelkeit Sommersprossen auf Nase und Stirn zu wünschen. Aber die Nachbarinnen sagten doch: »Seht einmal, die Katre kann zwei Tücher über den Kopf binden, und die Sonne findet sich doch zu ihr.« Das war ärgerlich zu hören. Mare sah alle natürlichen Vorzüge ihrer Schwester vielleicht noch viel schärfer, als alle andern Leute. Sie hätte sie ihr gern gegönnt, wenn ihr nur der Vergleich erspart worden wäre. Und es ließ sich auch gar nicht verkennen, daß dieser zu ihren Ungunsten ausfiel, selbst wenn es sich um Leistungen handelte, die mit ihrem Äußeren nichts zu tun hatten. Weil die Katre ein hübsches Mädchen und ein lustiges Ding war, sah man ihr vieles durch die Finger. Und so war's stets gewesen. Schon früh, fast so lange sie zurückdenken konnte, hatte Mare gegen die jüngere Schwester zurückstehen müssen. Nur vier Jahre lang war sie das einzige Kind gewesen, von Vater und Mutter, besonders aber von den Großeltern verwöhnt worden. Und dann plötzlich war neben ihr noch ein anderes Wesen auf der Welt, mit dem sie teilen sollte. Nicht nur teilen! Es entzog ihr zunächst fast die ganze Aufmerksamkeit der Hausgenossen; alles drehte sich um die kleine Katre, die schreien konnte, soviel sie wollte, und doch nicht gescholten wurde. Sie selbst aber, die ältere Schwester, mußte sich still verhalten und tun, was ihr gar nicht gefiel; stundenlang an der Wiege sitzen und den Korb in schaukelnder Bewegung halten, der von der Spitze der Stange am Deckenbalken herabhing, oder später dem unruhigen Kinde Mätzchen vormachen, zu denen sie gar nicht aufgelegt war. Und dann hieß es, sie sei faul, wenn sie lieber mit den Nachbarkindern draußen spielte, und tückisch, wenn sie nicht gleich gehorchte. Und dann gab's Püffe und Schläge, ihren Eigensinn zu brechen, und ehe sie sich's noch in ihrem Kinderverstande klarzulegen vermochte, hatte sie das Gefühl, nicht für eine Unart bestraft, sondern zu einer Arbeit angetrieben zu werden. Die kleine Katre erhielt tausend Schmeichelnamen und bekam auch Zucker in das Beutelchen getan, das ihr in den Mund gesteckt wurde, und Weißbrot vom Bäcker im nahen Marktflecken. Und darauf besann Mare sich noch recht gut, daß sie einmal mit einer Birkenrute unbarmherzig geprügelt worden war, als sie dem Kinde etwas fortgenommen hatte und sich herauslügen wollte. Dann hatte sie wirklich lernen sollen: Federnzupfen, Erbsen auslesen, Stricken. Und nun war es ihr gar nicht in den Sinn gekommen, zu unterscheiden, sondern sie hatte gemeint, auch das verdanke sie der kleinen Schwester. Wenn Katre herumkroch und ihr das Schälchen vom Schoß riß, daß die Erbsen über die ganze Stube hinrollten und mühsam wieder aus allen Ecken aufgesucht werden mußten, durfte sie ihr nicht einmal einen Klaps auf die Hand geben, und wenn sie sich die Nadeln aus dem Strickzeug ziehen ließ, bekam sie noch Schelte, weil sie »wieder geduselt« habe. »Die Margelle taugt auch zu nichts«, hieß es, »nicht einmal Kinderwarten kann sie.« Mit sieben Jahren wurde sie »zum Herrn Präzeptor« in die Schule geschickt, und das war auch wenig vergnüglich, besonders im Herbst und Winter, wenn der Weg vom Regen aufgeweicht oder vom Schnee verschüttet war. Die kleinen Füße brauchten fast eine Stunde bis zum Marktflecken. Oft weinte sie bittere Tränen, wenn sie frühmorgens aus dem warmen Bett heraus mußte, und Katre durfte noch schlafen, solange es ihr gefiel. Das Lesen- und Rechnenlernen war auch keine Kleinigkeit, und Katre konnte immer spielen, den ganzen Tag spielen. Kein Wunder, daß die lachte und sang und allerhand Bosheit im Kopfe hatte! Daß sie es selbst auch einmal so gehabt, war Mares Gedächtnis entschwunden. Als später Katre auch in die Schule gehen mußte, hatte Mare wieder ihre liebe Not, jene fortwährend in den Augen zu behalten, daß sie nicht fortlief und nicht in den Graben fiel, auch nicht die Pfützen ausmaß und nicht ihre Handschuhe verlor oder ihre Bücher vergaß. Sie war ja nun schon »ein großes Mädchen« und sollte für zwei verständig sein. Wenn Katre es ihr nur leichter gemacht hättet Die war aber wie ein Irrwisch und wollte sich gar nicht zügeln lassen. Sie wußte es nicht anders, als daß die ältere Schwester für sie sorgen müsse, und gab sich durchaus keine Mühe, ihre Gedanken zusammenzuhalten. Sie selbst hatte ja keine jüngere Schwester, die sie an Pflichten gewöhnte. Ihrer Mare war sie sehr gut, aber ihr einen Ärger zu ersparen, kam ihr nicht in den Sinn. Das hübsche Kind mit den großen blauen Augen und den langen blonden Haaren wurde überall verhätschelt. Auch vom zweiten Lehrer und selbst vom Herrn Präzeptor. Katre war immer vergnügt und gab so putzige Antworten und benahm sich auch auf der Schulbank so drollig! Alles machte ihr Spaß, und man mußte über sie lachen, selbst wenn sie sich eine Unart hatte zuschulden kommen lassen. Sie zeigte sich oft unaufmerksam, zerstreut, unordentlich, träge, aber es ging ihr vieles durch, was an andern scharf getadelt wurde, während sie immer ein überschwengliches Lob erntete, wenn sie einmal eine gute Antwort zu geben wußte oder auf ihre Aufgabe ungewöhnlichen Fleiß verwandt hatte. Ihrem Lesebuch fehlte es nicht an Eselsohren, ihrem Schreibheft nicht an Tintenklecksen, ihre Schiefertafel war immer zerbrochen, der Schwamm vom Bindfaden abgerissen, aber es mußte schon arg kommen, wenn sie in den Winkel gestellt wurde oder das Lineal auf ihren Fingern tanzte. Mare war's nie so gut geworden; für jedes Versehen hatte sie büßen müssen. Und da stellte sie nun unwillkürlich einen Vergleich an und fragte verwundert und gekränkt nach der Ursache einer so ungleichen Behandlung. Freilich war Katre auch der Liebling der anderen Kinder und von den älteren Mädchen in den Zwischenstunden stets als Spielzeug gesucht. Katre hier und Katre da. Mare war kaum bemerkt worden, und wenn man sie jetzt heranzog, geschah's der niedlichen, kleinen Schwester wegen. Sie hörte auch oft von Erwachsenen den Ausruf: »Das hübsche Kind – das Blauauge – das Blondköpfchen – der niedliche Schelm!« Katre wurde gestreichelt, geküßt, beschenkt. Und sie tat gar nichts dazu, um sich beliebt zu machen oder eine Auszeichnung zu verdienen. Sie war nun einmal so und gefiel. Da konnte sie wohl lustig sein und immer lachen und trällern. Dann starb die Mutter, als Mare knapp sechzehn Jahre alt geworden war, und es verstand sich nun von selbst, daß sie der schon schwächlichen Altsitzerin mehr als bisher in der Wirtschaft zur Hand gehen, bald fast allein das Haus in Ordnung halten mußte. In der Zeit, in der die jungen Mädchen sonst vergnügt mit ihren Freundinnen zu verkehren und allerhand Kurzweil zu suchen pflegen, hatte sie vom Morgen bis zum Abend in Haus und Hof ihre ungemessene Arbeit. Da mußte die Stube gereinigt, das Essen rechtzeitig besorgt, das Vieh gefüttert werden. Lukatis trank mehr als früher und lag manchmal halbe Tage untätig auf dem Stroh. So lange seine Frau kräftig gewesen war, hatte sie ihn stets begleitet, wenn in der Stadt ein Handel abgeschlossen werden sollte, und das Geld eingenommen; nun kam es vor, daß er vom Kaufmann ohne einen Pfennig zurückkehrte und nicht einmal vollständig die nötigen Einkäufe besorgt hatte. Mare, so jung sie war, mußte ihm entgegentreten und manchen harten Kampf um die Schlüsselgewalt durchfechten. Das Grundstück, das ihr einmal gehören sollte, durfte doch nicht heruntergebracht werden! Sie wäre lieber noch ein paar Jahre als Magd in den Dienst gegangen, aber das verboten nun die Umstände. So war Mare früh selbständig, aber auch ernst und in ihrem ganzen Wesen streng geworden. Die Frauen der Nachbarn rühmten sie als eine tüchtige Person, die einmal ihrem Mann sehr brav zur Seite stehen werde, und die jungen Mädchen wunderten sich nicht, daß sie zu ihnen wenig paßte und lieber die Bibelstunden besuchte, als mit ihnen lustig verkehrte. Während sie sich so aber in der Wirtschaft abmühte und täglich Verdrießlichkeiten schuf, wuchs Katre heran, ohne sich das Köpfchen mit Sorgen beschweren zu dürfen, freilich auch ohne jede Neigung dazu. Sie arbeitete nicht gern und zeigte keine Ausdauer, wenn sie sich einmal hatte anstellen lassen. Es geschah ja auch ohne sie, was geschehen mußte; warum sollte sie sich anstrengen und die Hände verderben! Sie war auch so ungeschickt zu den gewöhnlichen häuslichen Diensten und so wenig zuverlässig, daß ihre Hilfe kaum etwas förderte. Sie putzte sich aber gern und stickte ihre Hemden mit zierlichen Mustern in rotem und blauem Garn aus, strickte bunte Handschuhe und schmeichelte mit leichter Mühe dem Vater oder der Großmutter das Geld ab, wenn der Händler auf den Hof kam und seine hübschen Tüchelchen auskramte. Sie war immer guter Dinge, wußte alle Schelmenlieder auswendig und hatte die Gabe, neue zu erfinden. Sie ritt auf ungesatteltem Pferd mit den jungen Burschen um die Wette nach der Weide und war die flotteste Tänzerin bei Hochzeiten und Kindtaufen. Auf der Bleiche gab es immer allerhand Kurzweil, wenn sie die Nachtwache hatte, und bei den abendlichen Spaziergängen der jungen Mädchen hörte man weithin ihr helles Lachen. Ihr heiteres Gemüt ließ gar nichts Ärgerliches an sich herankommen; auch wenn ihr wirklich einmal eine Freude verdorben war, huschten ihre Gedanken rasch darüber fort zu vergnüglicheren Aussichten. Mare schalt sie leichtsinnig, und von ihr ließ Katre sich auch die derbsten Scheltreden gefallen. Nur daß sie gar nichts fruchteten. Sie war nun einmal, wie sie war, und hätte nicht gewußt, wie sie's anfangen sollte, sich zu ändern. Sie dachte überhaupt kaum über den Tag hinaus. Wozu auch? Der liebe Gott würde ja wohl wieder die Sonne scheinen lassen und Mare dafür sorgen, daß der Tisch gedeckt sei. Und wenn die Sonne nicht schien, so verdarb ihr auch das schlechte Wetter nicht die gute Laune; und wenn sie sich mit einem Stückchen Brot ohne Butter begnügen mußte, so stillte auch das den Hunger. Für Mare hatte sie etwas beängstigend Unbegreifliches. Es war ihrer ganzen Sinnesart unmöglich, sich vorzustellen, daß sie selbst an solchen nichtigen Dingen Freude haben könne. Gleichwohl stellte sie Vergleiche an, die für sie ungünstig ausfielen. Danach hatte sie nun nichts als Arbeit, Katre nichts als Vergnügen. Und so war es ja allezeit gewesen! Niemand erwartete es auch anders. Wenn sie selbst nur die kleinste Pflicht versäumt hätte, würde der Vater sie gescholten, die Nachbarschaft ihr üble Nachrede nicht erspart haben. Daß Katre aber lustig in den Tag hineinlebte und sich um nichts kümmerte, schien sich von selbst zu verstehen. Was hatte denn eigentlich Katre vor ihr voraus? Warum mußte sie die Magd sein und Katre die Prinzessin spielen? Sie hätte ja auch die Hände in den Schoß legen und spazierengehen können. Warum war sie so geschaffen, daß ihr immer alles gleich schwer aufs Gewissen fiel? Wenn sie auch so leichtsinnig sein könnte, wäre ihr vielleicht wohler. Gewiß! Sie suchte sich zu überreden, daß es nur an ihrem Willen läge. Wenn sie dann aber einmal einen schüchternen Versuch wagte, und sich selbst wunderlich dabei vorkam und nach wenigen Schritten wieder umkehrte, ärgerte sie sich erst recht über ihr Ungeschick. Sie hätte mit Katre nicht tauschen mögen, und doch erschien sie ihr als das glücklichste Geschöpf unter der Sonne. Sie kleidete sich immer dunkel, schwarz und grün; die Jacke trug sie bis unter das Kinn zugehakt, die Röcke lang. Katre liebte die helleren Farben, Blau und Feuerrot, weiße Hemdärmel, bunte Schürzenbänder. Sie verstand es, ein gelbseidenes Tüchelchen mit langen Fransen faltig um die runden Schultern zu nehmen und vorn einzustecken, aber auch eins von geblümtem Kattun saß ihr gut, wie sie es gefällig um den Hals knüpfte. Sie ging gar nicht auf Eroberungen aus, achtete kaum darauf, daß sich die Leute nach ihr umblickten, hatte aber ihre Freude daran, recht schmuck auszusehen. Kam sie vom Felde, so brachte sie zwischen die Haken ihrer Weste geschoben eine Blume mit, wie sie die Zeit bot; sie lief auch wohl eine Stunde weit, um sich von dem deutschen Gutsbesitzer, der einen schönen Garten am Hause hatte, ein paar Rosen zu erbetteln. Am Sonntag besteckte sie sich die Hände mit Ringen, die sie von einem Krämer für wenige Groschen erhandelt hatte. Mare spottete darüber, aber Katre meinte, es gehe niemand etwas an, und wenn die Reifen nicht von Gold und die Steine nur von Glas wären, so brauche sie auch keinen Schatz zu hüten. »Jeder vernünftige Mensch lacht dich aus«, sagte Mare. – »Das gönn' ich ihm von Herzen«, antwortete ihre Schwester achselzuckend, »ich putze mich ja auch nur für mich selbst aus.« Wirklich hatte sich auch zu ihr, so beliebt sie bei alt und jung war, noch niemand mit einem ernstlichen Antrage gefunden. Für einen Mann, der selbst nichts hatte, war sie keine gute Partie zu nennen, und wer für seine Wirtschaft eine zuverlässige und fleißige Wirtin brauchte, mochte sie für zu leicht in ihrem Wesen halten. Daß sie dem Mannsvolk nachlaufe, konnte ihr auch Mare nicht vorwerfen. Übrigens kam es selten zu Zank und häuslichem Unfrieden. Mare war stolz und Katre gutmütig. Mare wollte den Leuten keinen Anlaß zum Gerede geben, als sei sie mißgünstig oder hielt sich für zurückgesetzt. Katre kam in ihrer Unbefangenheit gar nicht einmal auf den Gedanken, daß die Schwester unliebsame Vergleiche anstellen könne. Sie wußte sich ihr gegenüber immer irgendeiner Pflichtversäumnis schuldig, und war nur bemüht, sie durch allerhand kleine Beweise von Zärtlichkeit zu begütigen. Es war schwer, ihr böse zu sein. So würde sich wahrscheinlich dieses sonderbare Verhältnis noch längere Zeit fortgesetzt haben, wenn sich nicht etwas ereignet hätte, das an sich sehr unerheblich, doch für die kleine Ortschaft Lukatellen nicht geringe Bedeutung beanspruchen durfte. Janis Skwirblies kam im Juli auf Urlaub nach Hause. Sein Bruder Endrik war Besitzer des Hofes gegenüber, seine jüngere Schwester Marikke – die ältere hatte einen Fischerwirt in Rankeln geheiratet – Katres gute Freundin. Janis diente in der kaiserlichen Marine und hatte als Matrose auf Seiner Majestät Schiff »Sperber« eine Reise in die Südsee mitgemacht. Nach mehr als zweijähriger Abwesenheit war er nun nach Wilhelmshaven zurückgekehrt und durfte den Seinigen einen längeren Besuch abstatten. Er kam ohne vorherige Anmeldung – man wußte nicht einmal aus den Zeitungen, daß das Schiff, mit dem er ausgefahren, glücklich eingelaufen sei – und die Überraschung erhöhte deshalb noch die Freude. Skwirblies verleugnete ganz und gar seinen Namen, welcher Sperling bedeutet. Er hatte die ansehnliche Größe von fünf Fuß zehn Zoll, und in seinem Auftreten nichts, was an das beständige Flattern und Hüpfen des kleinen Vogels erinnern konnte. Er ging mit langen bedächtigen Schritten über die Dorfstraße, den Oberkörper ein wenig wiegend, den Kopf selten zur Seite wendend. Die dunkelblaue Tuchjacke und das hellblaue, über der Brust weit offene Hemd mit dem großen Überschlagkragen kleideten ihn sehr gut. Die runde Mütze mit den langen Bändern trug er weit aus der Stirn zurück. Das bartlose, meist ernste Gesicht zeigte regelmäßige Züge und konnte wohl hübsch genannt werden, wenn es sich beim Sprechen belebte. Viel sprechen war allerdings nicht seine Sache. Er mochte sich's auf dem Schiff abgewöhnt haben, schon bevor er zur Marine eingezogen wurde. Vor sechs Jahren hatte er sich entschlossen, Seemann zu werden, da sein älterer Bruder das Grundstück übernehmen sollte, und war zuerst auf einem Memeler, dann auf einem Hamburger Schiff gefahren. Seit er vom Hause Abschied genommen, sah er jetzt die Heimat zum ersten Male wieder. Es verstand sich von selbst, daß er auch die Nachbarn begrüßte, nachdem er sich zwei Tage Zeit gelassen hatte, an seines Bruders mit Speisen und Getränken immer reich besetztem Tisch zu sitzen, die Schwägerin Lenke und die Kinder kennenzulernen und die neugierigen Fragen der Altsitzer, seiner Eltern, so knapp zu beantworten, daß der Stoff sich nicht rasch erschöpfen konnte. Die Höfe lagen nicht gerade weit voneinander entfernt, aber doch durch Acker- und Weidepläne getrennt, unter alten Birken versteckt, und hatten von der Landstraße her besondere Zugangswege. Man brauchte einander also nicht zu begegnen oder in die Fenster zu sehen. Hatte es sich auch rasch herumgesprochen, daß Janis Skwirblies auf Urlaub gekommen sei, so galt es doch für schicklich, abzuwarten, bis er sich melden würde, und Katre war deshalb auch nicht zu Marikke gegangen, mit der sie doch sonst täglich verkehrte. Auch als man bei Lukatis den langen Matrosen über die Fließbrücke schreiten und sich dem Hause nähern sah, rührte sich in demselben niemand. Er mußte erst an die Tür klopfen und den Einlaß erbitten. Nicht unbemerkt konnte aber bleiben, daß er bei Lukatis zuerst anklopfte. Mare freilich hatte gar nichts anderes vorausgesetzt. Janis war knapp ein Jahr älter als sie; als Kinder hatten die beiden miteinander gespielt, die Schule besucht und ein Freundschaftsverhältnis angeknüpft, das womöglich noch enger wurde, als sie in die Jahre kamen, in denen zärtlichere Empfindungen zu erwachen pflegten. Nicht, daß zwischen ihnen jemals ein Wort gewechselt worden wäre, an das sich bestimmte Hoffnungen knüpfen ließen! Nicht einmal von einem stillschweigenden Einverständnis konnte die Rede sein. Aber wie sie zufällig nach ihrem Lebensalter als Nachbarkinder zusammen gehörten, so hatten sie sich unzweifelhaft auch gern gehabt und vielleicht füreinander bestimmt gehalten, ohne weiter darüber nachzudenken. Nach der Trennung hatte das eine wahrscheinlich an das andere nicht allzu oft gedacht. Nun sie sich aber wiedersehen sollten, war es beiden doch ganz im stillen gewiß, daß sie als die ältesten Freunde den ersten Händedruck zu beanspruchen hätten. Bei Mare ging das freudige Gefühl der Wiederannäherung wohl noch etwas tiefer. Es bemächtigte sich ihrer eine Unruhe, die unmöglich allein auf Rechnung der Neugier gestellt werden konnte, wie er nach so langer Abwesenheit aussehen und was er von seinen weiten Fahrten zu erzählen haben möge. Sie überraschte sich selbst durch die Beobachtung, daß ihr die Wangen glühten oder das Herz heftiger als sonst schlug. Tausendmal blickte sie aus dem Fenster und mußte sich gestehen, daß sie dazu gar keinen andern Grund hätte, als die Straße nach dem erwarteten Gast abzusuchen. Sie erinnerte sich all der kleinen Begebenheiten aus der Kindheit, die ihr damals wichtig gewesen waren: wie er ihr aus jungen Weiden Pfeifen geklopft und aus Borke kleine Schiffe geschnitzt, sie auf seinem Schlitten herumgefahren und auf dem Schulwege gegen andere Jungen in Schutz genommen, dabei auch öfters furchtbare Prügel davongetragen hatte, auf die er doch stolz gewesen. Es war ihr recht lieb – sie dachte nicht weiter darüber nach, weshalb –, daß Katre, als er nun zum ersten Besuch kam, aufs Feld gegangen war, die beiden Kühe zu melken. Wie sie Janis begrüßte, ließ sich freilich kaum vermuten, daß irgend etwas Ungewöhnliches in ihr vorging, und auch er benahm sich nicht viel anders, als wenn die sechs Jahre der Trennung sechs Wochen gewesen wären. Er schüttelte ihr ebenso kräftig wie Lukatis die Hand und sagte lachend: »Da bin ich. Wie gefall' ich euch nun als Seemann?« Die Mütze hatte er nicht abgenommen. »Du gefällst mir recht gut«, antwortete Mare ohne Bedenken, »aber auf dem Lande bist du doch gewiß lieber als auf dem Wasser.« »Na ja«, meinte er, das Kinn aufwerfend, »so einmal zum Besuch . . .« »Trink erst eins«, sagte Lukatis, indem er eine Branntweinflasche und zwei Gläser mit dickem Fuß auf den blank gescheuerten Tisch stellte, »wir haben noch nicht zusammen getrunken, soviel ich weiß.« »Nein«, bestätigte Janis, »als ich wegging, war ich dir noch zu jung.« »Jetzt bist du ein Mann«, rühmte der Wirt. »Ich werde schwerlich noch gegen dich aufkommen. Auf See weht ein scharfer Wind, der bläst's rasch wieder heraus.« Der Matrose lächelte zustimmend, entgegnete aber nichts. Mare goß ein, voll bis an den Rand. »Bediene dich«, sagte sie. Er hob das Glas auf und reichte es ihr zu. »Trink ab«, bat er. Sie zierte sich gar nicht, sondern nahm einen nicht zu kleinen Schluck und sagte: »Es mag dir wohl gehen.« Darauf goß er den ansehnlichen Rest mit einem Zuge herunter, nachdem er mit Lukatis angestoßen hatte. Mare füllte wieder, brachte auch aus dem blauen, mit Blumen bemalten Eckspinde Brot, Butter und ein halbes gekochtes Huhn herbei. Sie setzten sich um den Tisch. Es wurde nun eine Weile schweigend gegessen und getrunken. Mare hatte den Kopf auf den Arm gestützt und sah zu, wie die Männer mit ihren Taschenmessern die Knöchelchen beputzten und Stücke Brot abkerbten, auf die vorher dick Butter gestrichen war. »Mich wundert, daß du noch nicht geheiratet hast, Mare«, bemerkte endlich der Matrose. »Es ist noch keiner gekommen«, antwortete sie ruhig, »den ich hätte nehmen mögen.« »Jawohl«, meinte er nickend, »an Freiern wird es dir nicht gefehlt haben.« »Sie hat auf dich gewartet«, scherzte Lukatis und blinzelte dabei mit den kleinen Augen, die nicht mehr ganz klar sahen. Mare nahm's nicht übel, aber sie wurde doch rot. »So einer, der auf See geht, braucht wohl auch eine Frau«, entgegnete sie achselzuckend. Janis schmunzelte. »Na – ein Matrose ist doch nicht immer auf See. Sieht ihn die Frau selten, so hat sie sich auch nicht oft über ihn zu ärgern.« »Wirst du auf dem Schiff bleiben?« fragte Lukatis. »Das wird wohl das beste sein«, meinte der Seemann. »Hier auf dem Lande . . . Was soll ich da? Ich hab' keine Lust, als Knecht zu dienen.« »Du könntest aber eine Frau finden, die dich zum Wirt macht«, warf Mare ganz unbefangen ein. »Willst du mir eine zufreien?« scherzte er. »Damit geb' ich mich nicht ab«, erwiderte sie ein wenig schnippisch. »Du hast selbst Augen.« »Er ist noch zu jung«, bemerkte Lukatis. Der Matrose wischte das Messer am Brot ab und klappte es zu. »Wo ist die Katre?« fragte er so beiläufig. »Auf dem Felde.« »Sie war damals noch so ein klein' Ding.« Er gab das Maß mit der Hand an. »Ist wohl seitdem tüchtig gewachsen?« »Versteht sich«, sagte Lukatis. »Aber so groß wie ihre Schwester ist sie nicht.« »Es sind auch nicht viele so groß«, meinte der Matrose. Er stand auf und faßte Mare am Arm und stellte sie neben sich. Mit der Hand zog er einen Strich über ihrem Kopf weg bis zu seinem Kinn. »Du bist noch gewachsen. Früher reichtest du mir nicht so weit.« »Ach –! Du hast's wohl ausgemessen?« »Na, einen Kuß werd' ich doch einmal bekommen haben.« Sie schlug ihm auf die Schulter und kehrte sich kichernd ab. »Adjes«, sagte er und hielt ihr die Hand hin, in die sie nun einschlug. »Komm wieder«, rief Lukatis ihm nach. Mare schien von dem Besuche sehr befriedigt. »Er ist ein recht netter Mensch geworden«, bemerkte sie. »Und hat einen guten Zug«, setzte der Vater hinzu, der nicht ganz fest stand. »Ja, auf dem Wasser – lernt man das. Unsereiner – verträgt nicht – so viel.« Katre kam durch den hinteren Eingang ins Haus, setzte den leeren Kübel hart auf den Boden und sagte weinerlich: »Da quält man sich nun recht umsonst. Die Gelbe hat mir den Eimer umgestoßen, die Milch ist ins Gras gelaufen.« »Du hast nicht aufgepaßt«, schalt Mare, »denkst immer an etwas anderes. Auf ein zehnjähriges Kind kann man sich besser verlassen.« »Die schöne, fette Milch!« klagte Lukatis. »Muß die Gelbe den Eimer auch gerade umstoßen, wenn er voll ist! Dir geht's immer so – du taugst zu nichts.« Katre widersetzte sich murrend. »Kann ich dafür, daß eine Fliege die Kuh stach? Wenn ich zu nichts tauge, warum schickt ihr mich aufs Feld?« »Ja, wenn eine Stechfliege . . .«, beruhigte Lukatis sich selbst. »Die Bestien machen das Vieh ganz wild.« »Du entschuldigst sie wieder«, sagte Mare ärgerlich. Sie ging hinaus und schlug hinter sich die Tür zu. Katre half ihrem Vater, sich auf die Ofenbank strecken. Er plauderte viel von Janis Skwirblies und schlief dann ein. Der war also dagewesen. Das bedeutete für Katre so viel, als daß sie nun wieder ungehindert mit Marikke verkehren könnte. Sie lief denn auch schon am nächsten Tage zu ihr. Die Mädchen setzten sich auf eine Bank unter den Birken und tauschten ihre Neuigkeiten aus. Dabei war denn natürlich Marikke im Vorteil, die von ihrem Bruder erzählen konnte. »Hast du ihn schon gesehen?« fragte sie. »Nein«, antwortete Katre, »und ich bin auch nicht neugierig. Er wird sich wenig verändert haben, und damals gab's hübschere Jungen als ihn. Er hatte so lange Beine wie ein Storch und segelte immer mit den Armen wie ein Wettermännchen auf dem Zaun. Ich hab' im stillen viel über ihn gelacht.« »Jetzt wirst du nicht über ihn lachen«, versicherte Marikke ein wenig empfindlich. »Er ist vor einer Stunde ausgegangen, sonst müßtest du in die Stube kommen. So ein Matrose von der kaiserlichen Marine sieht anders aus als ein Haifischer.« »Ach, sie tragen das Hemd vorn am Halse so weit offen, daß einen friert«, spottete Katre, »ich kann das nicht schön finden.« Als sie fortging, kam eben Janis nach Hause und ging an ihr vorbei. Er schien zu stutzen und sah sich um, da das Mädchen vernehmlich lachte. »Wer ist die?« fragte er. »Kennst du wirklich die Katre Lukatis nicht mehr?« »Die Katre?« rief er verwundert. »Die ist aber hübsch geworden! freilich – ein hübsches Kind war sie schon damals.« Er lief ihr nach und rief wiederholt ihren Namen, bis sie stehen blieb. »Warum gingst du denn an mir vorbei?« fragte er, ihre Hand fassend. »Ja, warum gingst du an mir vorbei?« gab sie ihm neckisch zurück. »Weil ich mir gar nicht denken konnte, daß du's seist. Wie du dich so stattlich herausgemacht hast –! Aber jetzt sehe ich wohl, daß die Augen noch immer so blau und die Haare noch immer so blond sind, und die Sommersprossen –« »Um die brauchst du dich gar nicht zu kümmern.« Sie zog die Hand fort. »Ich sage ja nur . . .« »Wie ist es dir denn gegangen?« »Komm in den Garten, Katre, da sollst du's hören.« »Nein, jetzt nicht. Ich muß nach Hause. Die Mare wird schon schelten, daß ich so lange fortgeblieben bin.« »Was geht's die Mare an?« »Gar nichts, aber sie schilt doch. Ein andermal, Janis. Du hast doch längeren Urlaub?« »Vier Wochen.« »Ach –!« Sie ließ sich nicht weiter darüber aus, was dieser Ausruf der Verwunderung bedeuten sollte, sondern huschte fort. Janis sah ihr noch ein Weilchen nach und schüttelte den Kopf. »Die Katre – sieh einer . . .« Zu Marikke sagte er: »Die hat wohl an jedem Finger einen?« »Wenn sie wollte –«, antwortete diese. »Aber die Katre ist nicht so. Da muß schon ein ganz Feiner kommen.« Ein ganz Feiner, das war ein Reicher, und so verstand Janis sie auch. Eine so hübsche Wirtstochter konnte natürlich wählerisch sein. Es verging nun kein Tag, an dem er nicht bei Lukatis vorsprach, um mit den Mädchen zu plaudern. Die Mare fand er immer zu Hause, die Katre sah er aber öfter noch bei seiner Schwester. Er lauerte da manchmal stundenlang auf sie, bis sie kam, und ging ihr dann nicht von der Seite. Ihre Munterkeit und Dreistigkeit gefiel ihm. Sie wußte ihn durch allerhand Fragen, auf die sonst kein anderer verfiel, gesprächig zu stimmen. Sie war eigentlich die einzige, die von seinen Reisen etwas erfahren wollte und die ihm zuhörte, wenn er von fremden Ländern und ihren Bewohnern merkwürdige Dinge erzählte. Allerdings fehlte viel, daß sie ihm alles glaubte, was er von den Südseeinsulanern berichtete, aber es unterhielt sie doch so gut wie ein Märchen. Er nahm's auch nicht übel, wenn sie ihn auslachte. Mare wiegte sich indessen mehr und mehr in dem Traum, Janis Skwirblies sei der richtige Mann für sie. Es war ihr nun gewiß, daß sie für ihn etwas empfand, wie bisher für keinen andern, und sie überredete sich sogar leicht, daß sie nur auf ihn gewartet habe. Wenn er ihr wenig entgegenkam, so sah sie darin einen Beweis vorsichtiger Zurückhaltung, wie sie durch seine Lebenslage geboten sei. Dabei nahm sie doch wieder jedes freundliche Wort für ein gutes Zeichen auch seines Wunsches, ihr eine wärmere Neigung zu erkennen zu geben. Wie es nun überhaupt ihre Art war, sich nicht lebhaft zu äußern, sondern ihre Gefühlsregungen zu meistern, so tat sie auch jetzt nichts dazu, Janis mit verliebten Blicken oder versteckten Andeutungen an sich heranzuziehen. Ein Liebesverhältnis, wie es unter leichtfertigen jungen Leuten üblich, kam ihr gar nicht in den Sinn. Für sie fragte sich's allein, ob Janis zu ihrem Mann und sie zu seiner Frau tauge, und da sie sich darauf eine befriedigende Antwort gab, die ihr Herz angeregt hatte, so zögerte sie nun auch nicht, diejenigen Schritte zu tun, die nach ihrer Erfahrung von andern Fällen her beide Teile zum Ziele führen konnten. Sie sprach mit ihrem Vater. Nicht um ihn in ein Herzensgeheimnis einzuweihen und seinen Segen zu erbitten, sondern ganz geschäftsmäßig trocken. Sie ging von dem Grundstück aus, das er doch wohl wünschen werde, endlich an einen Schwiegersohn abzugeben, um sich zur Ruhe setzen zu können. Sie sei ja auch schon seit Jahren die Wirtin gewesen. Auf dem Felde aber reiche ihre Arbeit doch nicht aus, und eine jüngere, männliche Kraft sei auf die Dauer nicht zu entbehren. Ein Knecht tue selten Gutes, wenn er nicht scharf beaufsichtigt würde, und so wolle sie sich denn entschließen, zu heiraten. Über den Annahmepreis des Grundstücks werde man sich hoffentlich einigen; fordere er kein zu hohes Ausgedinge, so werde Katre mit ihrer Abfindung wohl zufrieden sein können. Das alles leuchtete Lukatis durchaus ein. Er konnte sich's nur nicht gut zurechtlegen, auf wen sie zielte, und war überrascht, als sie Janis Skwierblies nannte. Nicht, daß er gegen dessen Person etwas einzuwenden gehabt hätte. Er kam aber sogleich mit dem Einwande vor: »Wie soll Janis das Grundstück übernehmen? Er hat ja doch nichts. Was für ihn auf seines Bruders Besitz eingetragen steht, wird erst nach der Eltern Tode frei, und es bedeutet auch nicht viel. Was willst du mit einem Mann, den du ernähren mußt?« »Er wird dafür arbeiten«, entgegnete Mare, »und die Wirtschaft in besseren Stand bringen. Janis ist ordentlich und zuverlässig, das ist mehr wert als eine Handvoll Geld. Wer damit klimpert, macht auch größere Ansprüche und meint am Ende, er erweise mir eine Gnade. Janis wird dankbar und bescheiden sein.« »Aber er ist ja doch ein Seemann«, gab Lukatis zu bedenken. »Er wird nicht mehr zur See gehen wollen, wenn er ein Grundstück hat«, versicherte Mare. »So töricht ist er nicht, sich für Fremde in Gefahr zu begeben, wenn er zu Hause Herrenbrot essen kann.« Lukatis wollte die Sache gar nicht so recht in den Kopf. Er hätte gern einen Schwiegersohn gehabt, der ein paar hundert Taler auf den Tisch legte. »Hast du so lange gewartet«, sagte er, »um schließlich mit so einem vorlieb zu nehmen? Das gefällt mir wenig.« »Mir ist er gerade recht«, antwortete Mare. »Ich weiß, was ich an ihm habe. Warte ich noch länger, so bessert sich nichts dadurch. Ich will keinen andern zum Mann, den Janis aber will ich, und es soll mir nicht schwer werden, für ihn zu arbeiten.« Da Lukatis nun merkte, daß seine guten Gründe nicht durchschlugen, fügte er sich und beriet mit Mare, was unter solchen Umständen weiter zu tun sei, um den Matrosen zu einer Werbung in aller Form zu veranlassen. Janis mußte zu ihm kommen. Damit war Mare ganz einverstanden. »Es ist auch nur nötig«, sagte sie, »daß er erfährt, er habe eine Abweisung nicht zu befürchten. Dann wird er sich schon von selbst ein Herz fassen.« Nun wohnte im Marktflecken nahe der Kirche eine alte Frau, die in dem Ruf stand, gegen eine kleine Erkenntlichkeit gern Heiraten zu vermitteln. Sie war die Witwe eines Glöckners und verrichtete selbst seit langen Jahren die Dienste einer Kirchenfrau. Die alte Kubillene kannte jeden Menschen im Kirchspiel und war von jedem gekannt, der Sonntags an ihrem Strohstühlchen vorüberging. Sie galt für ebenso klug als gefällig und hielt auch reinen Mund, wenn es sich um geheime Aufträge handelte. Wer ihr etwas zu sagen hatte, brauchte nur nach der Kirche an sie heranzutreten oder an ihr Fenster zu klopfen, an dem immer ein paar Blumentöpfe standen. Man sah sie öfters gut angezogen, mit einem schwarzen Tuch über der weißen Haube, einen großen Regenschirm statt des Stockes in der Hand, über Land gehen, und riet dann wohl, wem sie diesmal einen Besuch zugedacht habe. Man wußte aber auch, daß sie nicht immer bestimmte Absichten verfolgte, sondern öfters nur die Freundschaft begrüßte, um für alle Fälle vorzusorgen, und so brauchte also jemand, bei dem sie eintrat, nicht gerade zu fürchten, ins Gerede zu kommen. Lukatis gab ihr einen Wink, der nicht unbeachtet blieb. Am nächsten Sonntagnachmittag zur Kaffeestunde sah Mare die Alte mit ihrem großen Schirm auf der Landstraße heranhumpeln und in den Weg nach dem Skwirbliesschen Gehöft einbiegen. Die Kubillene wurde von der Wirtin freundlich aufgenommen; es war ja möglich, daß sie einmal der Marikke wegen kam. Sie brachte aber sehr bald das Gespräch auf den Seemann, der gerade nicht zu Hause war. Ob er nicht daran denke, sich seßhaft zu machen und zu heiraten. Einem so hübschen Menschen könne es nicht schwer werden, zu einer Frau auch ein Grundstück zu bekommen, wenn er nur wolle. Man merkte nun, daß sie schon etwas in Vorschlag hätte, tat aber gar nicht neugierig. Finde sich etwas Passendes, so würde er vielleicht nicht abgeneigt sein – warum sollte er? Darauf meinte die Alte, sie würde ihm aus alter Freundschaft gern eine gute Wahl treffen helfen; wolle er ihr Vertrauen schenken, so möge er einmal bei ihr nachfragen, ob sie ihm empfehlen könne, hier oder da anzuklopfen. Daß er dann den Gang nicht vergeblich mache oder seinen Freiersmann machen lasse, dafür werde sie sorgen. Endrik und seine Frau redeten Janis zu, doch wenigstens zu hören, wen die Kubillene ihm zugedacht habe. Janis wollte anfangs davon nichts wissen. Er habe gar keine Lust, seine Freiheit so rasch aufzugeben und wieder eine Landratte zu werden; seine Frau wolle er sich selbst aussuchen, und wenn sie nicht hübsch und niedlich sei, so werde ihn Haus und Hof nicht locken; er wäre wohl noch der Mann, eines alten Weibes Beistand nicht zu brauchen. Was er verschwieg, war, daß Katre ihm von Tag zu Tag besser gefiel und sich seiner Gedanken schon ganz bemächtigt hatte. Ob sie eine passende Frau für ihn sein könne, war dabei ganz außer Rechnung geblieben: ans Heiraten hatte er überhaupt nicht gedacht. Katre gefiel ihm, wie ihm noch kein anderes Mädchen gefallen hatte. Es war ihm jedesmal, wenn er sie sah, als ob in seinem Innersten eine Flamme sich entzündete. Plötzlich wurde es ganz hell; er hätte darüber lachen mögen, so viel überraschendes Vergnügen bereitete ihm das. Er meinte, jeder, der in seine Nähe käme, müßte merken, wie es mit ihm stehe. Darin irrte er sich nun freilich bei seinem Bruder und der Schwägerin; nur Marikke, die beide täglich beobachten konnte, erriet leicht, was in ihm vorging. Daß er aber in Katre verliebt war, schien auch ihr kein Hindernis, mit der alten Kubillene in Verhandlung zu treten. Endlich entschloß er sich dann wirklich, sie aufzusuchen. Er klopfte an ihr Fenster, und sie winkte ihn hinein. »Ich höre, du weißt eine Frau für mich«, sagte er etwas verlegen. »Das kann wohl sein«, antwortete sie blinzelnd. »Willst du denn heiraten, mein Söhnchen?« Er paffte aus der kurzen Pfeife. »Na . . . es kommt darauf an.« »Ich hab' für dich an eine Wirtstochter gedacht, mein Söhnchen, der das Grundstück verschrieben werden soll, wenn sie heiratet. Es sind nur zwei Kinder, und das Geld für die andere Tochter kann eine Weile stehenbleiben. Das Ausgedinge wird auch nicht allzu groß sein, weil die Mutter nicht mehr lebt. Du könntest gleich Wirt werden.« »Das war' mir schon recht.« »Und hättest eine hübsche, junge, sehr tüchtige Wirtin, um die dich jeder beneiden würde.« »Laß hören.« Die Alte schmunzelte. »Du hättest nicht weit auf Freierschaft zu gehen nötig – nur über die Straße.« Der Matrose sah sie verwundert an. »In Lukatellen?« Die Alte nickte. »Da ist ja aber keiner, auf den deine Reden passen, als allenfalls . . .« »Ja, sag's nur dreist heraus, mein Söhnchen.« Ihm glühte plötzlich das Gesicht. »Davids Lukatis.« »Der kann auch wohl gemeint sein. Du solltest einmal bei ihm wegen seiner Tochter Mare anfragen.« Er fuhr überrascht zurück. »Mare –?« »Gewiß, Mare. Seine ältere Tochter heißt doch Mare? Und ich hab' euch beide ja schon zusammen nach der Schule gehen sehen, als mein Mann noch lebte, und hab' manchmal zu ihm gesagt: ›Denen läutest du noch einmal die Glocken, Martinus.‹ Das hat der liebe Gott nun freilich so nicht gewollt, aber –« »Die Mare – die Mare –«, rief er in großer Aufregung. »Warum nicht . . .« Die Alte schob das Kinn hin und her. »Ja, was hast du denn? Von der Mare kann doch nur die Rede sein. Und es ist dein Glück, wenn sie dich nimmt.« »Meinst du –? Ja, ja! aber . . .« Die Pfeife war ihm ausgegangen; er hielt sie an der Spitze und ließ sie zwischen den Fingern baumeln. »Muß es denn gerad die Mare sein?« »Du kannst ja tun, was du willst«, meinte die Glöcknerfrau, die nicht gleich begriff, wo eigentlich sein Bedenken steckte. »Ja – ich kann tun . . .«, stotterte Janis. »Aber er hat ja zwei Töchter.« »Jawohl zwei. Nicht mehr als zwei.« »Und die Katre . . .« »Die ist noch sehr jung.« »Aber doch nicht zu jung . . .« Die Alte warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Wenn's die Katre wäre«, platzte er heraus. Sie rieb sich die Hände. »Ja, da weiß ich nicht, mein Söhnchen . . .« Der Matrose trat dicht an sie heran und legte die Hand auf ihre Schulter. »Dem Lukatis wird's gleichviel sein«, sagte er. »Gegen die Mare ist gewiß nichts einzuwenden, aber die Katre gefällt mir doch besser. Und wenn ich heiraten soll . . . Höre, wenn du mir die Katre mit dem Grundstück verschaffen kannst, will ich dir's danken.« Die Kubillene schien mit dieser Wendung sehr unzufrieden. »Aber das ist ja dummes Zeug«, murrte sie. »Wie kannst du nur an die Katre denken? Sie wird im Leben nicht vernünftig werden. Lukatis müßte ein Tor sein, wenn er so einem lustigen Vogel das Grundstück abtreten wollte. Mare ist eine Wirtin für dich, mein Söhnchen! Die wird dich gut anleiten, und ich glaube, sie hat dich gern. Über die Katre lohnt's wahrhaftig gar nicht zu reden. So eine muß sich ein reicher Mann holen, der ihr schöne Kleider und seidene Tücher und goldene Ringe kaufen kann, soviel ihr Herz begehrt.« »Und doch –«, sagte Janis nachdenklich, »sie oder keine. Auf die Katre kann ich noch warten, und es ist auch möglich, ich vergesse sie wieder, wenn ich auf dem Schiffe bin und tausend Meilen weit von ihr entfernt. Bleib' ich aber hier, so vergess' ich sie nicht, und das will ich ihrer Schwester nicht antun. Dazu ist mir die Mare zu lieb.« Sie verhandelten noch eine Weile hin und her, ohne zu einem andern Ergebnis zu kommen. Endlich meinte die Kubillene, gegen solche Unvernunft sei schwer anzukämpfen. Sie wollte Lukatis einmal von weitem ausholen, ob er sich zu solchem Tausch entschließen könne. »Lacht er mich aus, so ist's am besten, du nimmst gleich Abschied und kehrst in ein paar Jahren nicht nach der Heimat zurück. So handelst du ehrlich auch gegen Katre.« Sie sprach mit Lukatis und Lukatis sprach mit Mare. »Er will dich nicht – er will Katre«, darauf kam's hinaus. Mare war aus allen Himmeln gefallen. Wenn Janis sie verschmäht hätte, der Sturz wäre schon tief genug gewesen. Aber daß er Katre ihr vorzog . . . Das gab ihr einen Stoß, der sie zu Boden schmetterte, als sollte sie sich nie mehr erheben. Katre – Katre! Auch hier wieder Katre! Sie vergoß keine Träne, sie klagte auch dem Vater nicht ihr Leid, aber alles Blut wich aus ihrem Gesicht, und die Augen blickten feindlich ins Weite, während die Lippen sich von den festgeschlossenen Zähnen zurückzogen. War's Eifersucht, was sie peinigte? Hier sprach doch noch ein anderes Gefühl mit. Es hatte sich so oft schon geregt – wie ein wildes Tier in dunklem Versteck, aus dem es nicht vorzubrechen wagt –, und nun hatte die Eifersucht es aufgepeitscht und hinausgetrieben. Es schämte sich nicht mehr seiner Häßlichkeit, glaubte voll an sein Recht, wollte sich eine Befriedigung schaffen: Neid fraß an ihrem Herzen. Warum ich nicht – warum sie? Mare hatte keine ruhige Stunde mehr. Sie beobachtete Katre mißtrauisch, schlich ihr nach. wenn sie sich von Hause entfernte. Sie wollte etwas entdecken, was ihren Zorn reizen könnte. Ihre Feindseligkeit mußte einen greifbaren Grund haben, um zum Angriff überzugehen. Abends, wenn es dunkel geworden war, versteckte sie sich hinter dem Gartenzaun des Endrik Skwirblies und suchte zu erspähen, was Janis und Katre miteinander trieben. Marikke war dabei, aber das bedeutete ihr wenig. Die beiden saßen zusammen auf der Bank, plauderten lustig, trieben Scherz miteinander und sangen allerhand Schelmenlieder, oder sie jagten sich im Garten herum und lachten ausgelassen, wenn sie einander gefaßt hatten. Er wollte sie küssen, und Katre wehrte sich kaum ernst, wenn sie kichernd die Hände vors Gesicht hielt oder ihm neckisch die Zunge ausstreckte. Trieb er's zu arg, so lief sie mit Marikke fort auf die Straße, aber er holte die beiden Mädchen rasch ein, nahm jede an einen Arm und führte sie spazieren. Mare entrüstete sich innerlich immer mehr über dieses liederliche Treiben der Schwester. Gesellte sie sich einmal zu dem munteren Völkchen, so war's mit der Lustigkeit bald zu Ende. Eines Tages gerieten die Schwestern aus irgendeinem geringfügigen Anlaß in Streit. Katre ließ sich eine Weile ruhig ausschelten; dann riß ihr aber die Geduld, als sie zu bemerken glaubte, daß Mare ihr Vergnügen daran habe, sie durch boshafte Reden zu verletzen. Sie antwortete heftiger, als ihre Gewohnheit war. Das schien Mare nun just lieb zu sein. »Es fehlt ja auch nur gerade noch«, rief sie giftig, »daß du mir grob kommst! Je untauglicher einer ist, einen um so größeren Mund hat er. Aber das sage ich dir, es muß jetzt anders werden. Ich habe keine Lust, länger für dich zu scharwerken, damit du deine Hände schonen kannst. Auf dein hübsches Gesicht brauchst du dir nichts einzubilden, das ist ein unverdientes Geschenk. Und es können sich auch andere sehen lassen, die nicht Furcht haben dürfen, in die Sonne zu treten. Du aber zeigst dich lieber dem Mond und bist nachts auf der Landstraße zu finden. Das nimmt kein gutes Ende.« Katre warf das Kinn auf. »Du bist nicht meine Mutter«, erwiderte sie spitz, »und der Vater hat dich mir nicht zum Vormund gesetzt. Was du in der Wirtschaft tust, das tust du nicht mir zum Gefallen. Und wenn du lieber früh schlafen gehst, als mit den Mädchen zu lachen und zu singen, so hat dir das ja noch niemand übelgenommen.« »Mannsleute sind doch wohl auch dabei«, sagte Mare giftig. »Das will ich meinen«, antwortete Katre. »Wir lachen und singen ja nur, um sie anzulocken.« »Pfui, so etwas zu sagen!« »Pfui, so etwas zu glauben!« »Dir ist's zuzutrauen, du Falsche!« »Ich bin keine Falsche. Wie kann ich dafür, daß der Janis Skwirblies sich dafür bedankt, eine so böse Frau zu nehmen, wie dich.« Da war's nun im Eifer herausgesprochen. Schon im nächsten Augenblick tat's Katre leid. Es war, als ob Mare ein Stein gegen die Stirn geflogen wäre, so taumelte sie zurück. Ein flammendes Rot ergoß sich vom Halse her über ihr ganzes Gesicht, die Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen und die Zähne knirschten gegeneinander. Das war zuviel. »Das hat er selbst dir wohl verraten?« ächzte sie. Was sie am schmerzlichsten verwundet hatte, war damit bloßgelegt. Janis hatte nicht nur sie verschmäht, er hatte der bevorzugten Schwester auch ihr Geheimnis preisgegeben und damit das Messer in die Hand gedrückt, das sie ihr ins Herz stoßen konnte. »Du brauchst das nicht so zu nehmen«, sagte Katre einlenkend, »als ob ich's dem Janis nachrede. Ich denke mir's nur so!« Mare hatte sich noch nicht gefaßt. »Daß er dir verraten hat . . .«, rief sie. »Und es ist nicht wahr! Wer will behaupten, daß ich mich ihm zur Frau angeboten habe?« »Er behauptete es auch nicht.« »Lüge nicht, du Freche!« Sie faßte Katres Schulter und schüttelte sie. Katre stieß sie zurück. »Was willst du von mir? Wenn du glaubst, daß Janis dir unrecht getan hat, so stelle ihn doch zur Rede. Ich spreche so wenig ein Wort für als gegen ihn, und für mich selbst wiederhole ich nur, was ich schon gesagt habe: ich kann nichts dafür, daß er dich nicht mag.« Mare ließ sich so nicht beruhigen. Ihre Lippen zuckten verächtlich und die dunklen Augen schossen Blitze. »Du kannst dafür«, rief sie, alle Vorsicht vergessend. »Du allein! Wir haben als Kinder zusammen gespielt, bis er aufs Schiff ging. Dich aber hat er damals kaum so viel beachtet, wie den Ofen im Sommer. Und als er jetzt wiederkam, hat er sich mir so gezeigt, daß ich nicht glauben konnte, sein Sinn habe sich geändert. Nachdem du ihm aber die Augen verblendet hast, ist er wie umgewandelt. Bin ich etwa blind oder sehe ich das nur im Traum?« »Und wenn es so wäre«, antwortete Katre lachend, »hätte ich Schuld daran? Ich bin ihm nicht nachgelaufen, und meinetwegen hätt' er mir auch nicht nachlaufen dürfen. So dumm bin ich doch nicht, daß ich mir einbilde, so einer, der nichts hat, könnte mich heiraten. Mir wird der Vater das Grundstück nicht überlassen, wie dir. Wollt' ich durchaus einen Schatz haben, so könnt' ich leicht einen dauerhafteren finden, als einen Matrosen, der auf Urlaub kommt; gefall ich ihm, so ist mir's nicht unlieb, und treibt er allerhand närrisches Zeug, um mich in ihn verliebt zu machen, so hab' ich meinen Spaß daran und nehm's ihm nicht übel. Aber weinen werd' ich nicht gerade, wenn er wieder abreist, und bringst du ihn dazu, daß er hierbleibt und dich heiratet, so werde ich sehr lustig auf deiner Hochzeit tanzen. Ich nehme ihn dir nicht fort, dessen kannst du versichert sein.« Mare klangen diese Worte wie Hohn. »Du nimmst ihn mir fort«, zischte sie, »und willst ihn nicht einmal für dich haben. Mir kann's gleich sein – nicht den kleinen Finger möcht' ich jetzt heben, einen so wankelmütigen Menschen an mich zu ziehen. Nur gewarnt sollst du sein, da du doch meine Schwester bist. Der Vater muß tun, was ich will, und das Grundstück wird er dir nicht verschreiben, solange ich lebe! Wenn Janis darauf rechnet, so hält er mich für ein Schäfchen, das sich geduldig scheren läßt. Ich kann ihn nicht zum Mann haben, aber du sollst ihn auch nicht haben. Lasse dich also nicht zu weit mit ihm ein! Es könnte dich gereuen.« Sie hatte ihrem Ärger Luft gemacht, recht unklug vielleicht, aber doch augenblicklich mit der guten Wirkung, daß sie sich erleichtert fühlte. Den Kopf steif im Nacken, verließ sie die Stube und gab draußen mit lauter Stimme dem Knecht Jurgis Matuttis Befehle; Katre aber klatschte in die Hände und lachte hinter ihr her. »Was sie sich nur denkt –?« plauderte sie vor sich hin. »Als ob der Janis mir so gefährlich wäre, weil er ihr ganz den Kopf verdreht hat. Aber wenn sie weiß, daß sie ihn nicht haben kann, warum soll ich ihn nicht . . . Pfui! so abgünstig zu sein. Wie schickt sich das? Dafür mag sie dann auch ihren Verdruß haben.« Nachdem sie vor dem kleinen Spiegel ein weißes Tuch zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gelegt und unter dem Kinn lose zugeknöpft hatte, nahm sie eine Harke über die Schulter und ging trällernd an Mare vorüber nach der Wiese am Flüßchen, das Heu zu wenden. Sie wußte, daß Marikke auf ihres Bruders Wiese dicht daneben arbeitete, und nahm für gewiß an, daß Janis, wenn er nicht schon auf sie wartete, vor dem Hause aufpaßte und ihr bald nachfolgen werde. Sah ihn Mare denselben Fußpfad einschlagen, so hatte sie schon ihre Strafe. Sie glaubte wirklich an keine Gefahr für sich selbst. Aber indem sie nun das Neckspiel um so eifriger fortsetzte, je borstiger Mare sie behandelte, gab sie der Verliebtheit des Matrosen immer mehr Gelegenheit, ihren Leichtsinn auf die Probe zu stellen. Wenn er nach dem Marktflecken ging, so brachte er allemal vom Kaufmann etwas für sie mit, erst nur ein buntes Band, wie sie es liebte, oder eine Nadel mit farbigem Glasknopf, dann auch ein seidenes Tüchelchen, eine Bernsteinschnur und ein Ringelchen mit vier blauen Steinen, das vergoldet war. Sie nahm die Geschenke an, ohne sich viel zu zieren, und putzte sich vor Mare damit aus. »Es macht ihm Spaß«, sagte sie, »sein Geld für solchen Tand wegzuwerfen. Was soll er auch sonst damit anfangen? Wenn er aufs Schiff kommt, braucht er's nicht. Es ist besser so, als wenn er's vertrinkt. Meinst du nicht?« »Er wird ja wohl wissen, wofür er so freigebig ist«, erwiderte Mare bissig. »Wenn er für so etwas Geld ausgeben will, so hat er doch eine Schwester, die es ihm danken könnte. Du aber –« »Oh! Marikke wird auch nicht vergessen«, versicherte Katre. »Er hat ihr aber schon so viel aus England mitgebracht, daß solche Kleinigkeiten für sie gar keinen Wert mehr haben. Sie ist auch nicht neidisch.« »Denke doch nur nicht, daß ich's bin«, eiferte Mare, die sich gleich angegriffen fühlte. »Ich würde mich schämen, so etwas die Leute sehen zu lassen. Aber auf dich könnten sie ja mit Fingern zeigen, du würdest nicht einmal rot werden.« »Es kann ja jeder denken, was ihm beliebt«, meinte Katre schnippisch. Eines Abends, als sie sehr spät nach Hause kam, und Mare, die nicht schlafen gegangen war, sie vor der Tür mit dem sie begleitenden Matrosen hatte sprechen hören, kam es wieder zu heftigem Streit unter den Schwestern. Mare ließ sich zu einem Schlage hinreißen, Katre setzte sich zur Wehr und reizte sie dadurch so zur Wut, daß sie mit den Nägeln gegen sie losging. Am andern Morgen zeigten sich die Kratzwunden in Katres Gesicht. So konnte Janis nicht verborgen bleiben, was geschehen war. »Nächstens wird sie sich auch an mir vergreifen«, meinte er. Katre lachte dazu. »Nein, nein«, versicherte er, »das ist kein Scherz. Sieh nur, was sie mir manchmal für Augen macht, wenn sie uns zusammen trifft. Sie kann mir's nicht verzeihen, daß ich die Kubillene abgewiesen habe.« »Du kannst dich ja noch anders besinnen«, neckte Katre. »Tu's nur, solange ich so häßlich aussehe.« Er klopfte ihre runde Schulter. »Sie könnte sich freuen«, sagte er schmunzelnd, »wenn sie so hübsch wäre, wie du jetzt. Das heilt auch bald.« Sie fürchtete nur, die Risse könnten noch kenntlich sein bei der Hochzeit, die in acht Tagen beim Wirt Klimkus in Bubischken gefeiert werden sollte. Der verheiratete seine Tochter und hatte die ganze Nachbarschaft eingeladen. Dem Matrosen blieb von seinem Urlaub gerade noch so viel Zeit, daß er diese Lustbarkeit mitmachen konnte. »An einem Tänzer soll es dir unter allen Umständen nicht fehlen«, versicherte er und drückte ihr dabei zärtlich die Hand. Katre glaubte nun auf ihre Schwester gar keine Rücksicht mehr nehmen zu dürfen. Hatte sie bisher in ihrer Gegenwart wenigstens den Liebhaber noch immer kurz gehalten, so legte sie sich und ihm jetzt keinen Zwang weiter auf. Den größten Teil des Tages waren sie zusammen, und bis in die Nacht hinein hörte man sie auf der Dorfstraße lachen und tollen. Die laute Lustigkeit sollte beweisen, daß sie ihr Tun und Treiben zu verstecken gar keinen Grund hätten. Die Hochzeit in Bubischken wurde ganz der altlitauischen Sitte gemäß gefeiert. Gehörte doch die Familie Klimkus zu denen im Lande, die am zähesten an der nationalen Lebensweise festhielten, und der Bräutigam aus dem Nachbardorf zählte der nächsten gleichgesinnten Freundschaft zu. Man rechnete also darauf, vom Sonntag mindestens bis Donnerstag aus dem Trubel nicht herauszukommen. Wer eingeladen war, brachte schon eine Woche vorher sein Fuhrwerk in guten Stand: war der Kutscher betrunken, so ging's ja doch über Stock und Stein, und die Räder und Deichseln hatten etwas auszuhalten. Mare und Katre waren Brautjungfern, mußten daher auf einem Wagen anfahren, der sich sehen lassen konnte. Deshalb fütterte denn auch der Knecht Jurgis Matuttis, der ihn zu lenken hatte, seine Pferde mit Arsenik, damit sie ein glattes und glänzendes Fell bekämen. Mare gab für sie reichlich Hafer heraus, denn sie sollten sich bei der Kirchfahrt besonders mutig erweisen und dem Hause Ehre machen. Am festgesetzten Sonntag des Morgens war der Wagen mit Laubkränzen, Birkenreisern und Feldblumensträußen fast im Übermaße geschmückt. Auf dem hinteren Sitz nahmen Davids Lukatis und seine alte Mutter, die Ausgedingerin, Platz, in der Mitte die beiden Mädchen in ihren Feiertagskleidern, auch Mare, diesmal in schneeweißem gesticktem Ärmelhemde und bunt bebändert, jede einen großen Blumenstrauß in der Hand. Kaum hatte man die Straße erreicht, als auch vom Hofe Skwirblies her ein ebensolches Gefährt nachgejagt kam. Auf diesem nahmen Janis und Marikke den mittleren Platz ein, beide festlich bekränzt. Und nun begann sogleich eine lustige Wettfahrt. Endrik Skwirblies, der selbst kutschierte, wollte vorbeieilen; stehend hieb er auf die Pferde ein. Aber Matuttis gab acht und lenkte immer geschickt nach rechts und links bis dicht an den Graben heran, ihm den Weg abzuschneiden. Manchmal schien's, als müßten die Wagen im nächsten Augenblick ineinanderfahren. Dann gab's ein Gejohle und Gekreische hier und dort. Endlich mußten die Tiere doch zur Einfahrt in Bubischken geschont werden und durften aus dem Galopp in den Trab fallen. Man langte ohne Unfall vor dem Hause des Brautvaters an. Dort versammelten sich auf dem Hof die Gäste. Dann fuhr der mit Kränzen und Bändern geschmückte Brautwagen nach der Kirche ab. Der Bräutigam mit seinen Gesellen zu Pferde umschwärmten ihn mit jauchzenden Zurufen. Die Wagen der Eltern und der Gäste folgten. Im Marktflecken stiegen alle vor dem Krug ab und gingen zu Fuß nach der Kirche, aus der die Orgel tönte. Es wurde sehr andächtig ein langes Lied gesungen. Nach der Trauung stand im Kruge ein Imbiß bereit, zu dem man sich nicht nötigen ließ. Mancher trank schon hier einen Schluck über den Durst. Dann ging's nach Bubischken zurück, wo in der Brauteltern großer Stube der Tisch gedeckt stand. Und nun begann ein Schmausen und Trinken, Spielen und Tanzen, das fast ohne Unterbrechung Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht bis zum Dienstag fortgesetzt wurde. Wer müde war oder ein wenig ausnüchtern wollte, zog sich zurück und legte sich auf dem Heuboden, in einem Scheunenfach, einem Wagen oder auch nur in einem trockenen Graben schlafen. Alt und jung, Männlein und Weiblein lagerten da traulich nebeneinander, bis ein Spaßmacher sie wieder auftrieb und durch die Meldung ermunterte, es sei ein neues Faß angestochen. Mare Lukatis vergnügte sich wohl mit den jungen Leuten, wußte sich aber allezeit in Schranken zu halten. Das war der Grund, weshalb man sie bald beiseite stehen ließ. Der Matrose forderte auch sie zum Tanz auf, wurde jedoch stolz abgewiesen. Er wiederholte den Versuch noch mehrmals, nicht mit besserem Glück. »Gib dir keine Mühe«, sagte sie, »wenn ich tanzen will, wird es mir an Tänzern nicht fehlen, aber ich sehe lieber zu.« »Was hast du gegen mich einzuwenden?« fragte er, vorn Branntwein erhitzt. »Ich tat dir mit Willen nichts.« Sie zog verächtlich die Lippe. Das ärgerte ihn. »War ich dir gut genug zum Mann«, stichelte er, »so brauchst du dich auch des Tänzers nicht zu schämen.« »Mit einem, wie du bist, will ich nicht tanzen«, entgegnete Mare, ihm die Zähne zeigend. »Wie ich bin?« zischelte er ihr zu. »Du gibst den Leuten zu reden, daß du auf Katre neidisch bist.« »Wohl deinetwegen?« spottete sie und kehrte ihm den Rücken zu. »Ich danke dafür, wie sie betrogen zu werden.« Er biß die Lippe. Was meinte sie da? Betrog er Katre? Sein Gewissen war nicht ganz rein. Er hatte ihr absichtlich so oft zugetrunken, bis sie sich trällernd auf der Diele herumzudrehen und das tollste Zeug zu reden anfing. Und dann war er ihr in eine Schirrkammer neben der Klete nachgeschlichen und hatte die Tür von innen verriegelt, damit sie ganz ungestört sein könnten. Das hätte er nicht sollen, wenn er es ehrlich mit ihr meinte. Sie war ihm aber gar nicht böse gewesen, und so wendete er sich ihr denn auch nach diesem unerfreulichen Gespräch mit Mare gleich wieder zu. Mit Katre tanzte er am liebsten nach litauischer Art, indem er sie dicht an sich heranzog und, unbekümmert um das Tempo der Musik, in ganz kleinen Schritten nach rechts und links rückwärts über die Diele hinschob. Man sah sie auch weiter stets zusammen essen und trinken oder auf dem Hof oder im Garten herumgehen, und wer etwa darüber noch im ungewissen gewesen war, betrachtete sie nun als ein versprochenes Paar. Die in der Ecke der Stube aus Birkenzweigen aufgebaute, mit Bändern ausgeputzte Brautlaube war verwelkt. Endlich schien es an der Zeit, den mit der Ausstattung der Braut bepackten Wagen anspannen und vorfahren zu lassen. Diese selbst wurde in der Klete von ihrer Mutter zur Reise angekleidet und dann vom Bräutigam, der den Eintritt in die von den Verwandten scheinbar verteidigte Tür erzwingen mußte, mit sanfter Gewalt herausgeholt. Sie trug nun die Frauenhaube, und es gehörte zur guten Sitte, daß sie sich sträubte und an der Mutter Brust weinte. Zuletzt ließ sie sich doch auf den Wagen heben, der junge Ehemann setzte sich zu ihr, und fort ging's unter Begleitung der Gäste nach dem Hause seiner Eltern, wo die Schmauserei fortgesetzt wurde. Lukatis hatte so schwer geladen, daß er den Abschied verschlief. Mare hielt es für geraten, ihn lieber gleich nach Hause zu schaffen. Sie hatte schon längst übergenug von der lärmenden Festlichkeit und war froh, sich mit gutem Vorwande zurückziehen zu können. Matuttis, der freilich selbst nicht ganz nüchtern war, half ihr, den Betrunkenen auf den Wagen legen. Katre hatte erklärt, nicht mitkommen zu wollen, und sich zu Janis Skwirblies auf den Wagen seines Bruders gesetzt. Endrik wollte sie auch nach Lukatellen zurückbringen. Er meinte, das würde noch denselben Abend geschehen, aber erst nach einer weiteren vertollten Nacht, am andern Tage spät nach Sonnenuntergang setzte er sie an dem Seitenweg ab. Janis reichte ihr die Hand. »Übermorgen muß ich fort«, sagte er, »schlaf' nicht zu lange.« Die Ermüdung war zu groß; Katre kam nicht vor Mittag aus ihrer Kammer. Sie war ganz gegen ihre Gewohnheit still und verdrießlich. Mare glaubte zu bemerken, daß sie sich Tränen aus den Augen wischte. Ist dir's auch einmal zum Weinen? dachte sie. Nun haben freilich die lustigen Tage bald ein Ende. Sie wußte, daß der Matrose abreisen mußte, und schob ihren Kummer oder Ärger darauf. Gegen Abend saß Janis auf einer Zaunlatte am Dorfweg und wartete auf Katre. Nach einer Weile ging sie vorüber, als ob sie Marikke besuchen wollte. Er rief sie mit einem »Pst–pst!« an und folgte ihr, da sie das Zeichen nicht beachten zu wollen schien. Sie reichte ihm zwar die Hand, wendete aber das Gesicht ab. »Was hast du denn?« fragte er. Sie gab ihm keine Antwort. Er lenkte in einen Feldweg ein, immer ihre Hand haltend, und sie widersetzte sich nicht. Der Weg führte nach einer mit Kiefern bewachsenen Sandscholle, die das tieferliegende Haffmoor abgrenzte, vielleicht das Überbleibsel einer alten Sanddüne aus der Zeit, als die Kurische Nehrung sich noch nicht gebildet hatte. Auch sonst schon hatten sie dieses einsame Plätzchen gern aufgesucht, von dem man unter den graugrünen Baumkronen, in den weißen weichen Sand gelagert, weit über das Wasser sah. Sie gingen eine Weile schweigend dicht nebeneinander. Endlich lehnte Katre ihre Schulter an seinen Arm und sagte: »Was soll nun werden, Janis?« »Was soll werden?« fragte er zurück. »Du weißt, daß mein Urlaub zu Ende ist.« »Ja.« »Mitnehmen kann ich dich nicht.« »Nein.« »Also müssen wir zufrieden sein, wie's ist.« »Das können wir doch nicht.« »Ja . . .« Er zog die Schultern. Katre fing plötzlich an laut zu schluchzen. Er umfaßte sie. »Aber so weine doch nicht«, sagte er in verweisendem Tone. »Was ist's denn weiter? Es wird alles gut werden.« Sie trocknete mit dem Ärmel ihre Augen. »Du wirst mich auf dem Schiff bald vergessen haben, Janis.« »Nein, gewiß nicht.« »Das darf auch nicht sein – jetzt nicht mehr, Janis! – Wie lange mußt du noch fahren?« »Zwei Jahre – mindestens.« »Zwei Jahre!« Sie weinte wieder. »Und wenn inzwischen . . .« »Ach! – Was soll . . .? Sei nicht närrisch.« »Du hast mir versprochen, Janis –« »Als Matrose kann ich doch nicht heiraten.« »Kannst du nicht?« »Das heißt, wenn es sein muß . . .« Er hob ihren Kopf und küßte sie. »Nun sei vergnügt, Katre, und verdirb uns nicht den letzten Tag.« Sie lächelte schon wieder. »Es ist auch Torheit«, sagte sie und hing sich an ihn. »Ich kann dir vertrauen. Und es hilft mir auch nichts, wenn ich mir Sorgen mache. Komm, wir wollen lustig sein und an morgen nicht denken.« Sie tänzelte an seinem Arm über den spärlichen Rasen hin, der sich hier vor der Sandscholle bandartig zwischen großen Steinen und Kämpen von Blaubeerstrauch hindurchzog. Dann setzten sie sich hinter einer Wacholderhecke auf den Rand eines Erdlochs, das eine beim letzten Sturm umgestürzte Kiefer ausgerissen hatte. Sie saßen da noch, als die Sonne drüben hinter den Sandbergen der Nehrung unterging und im Scheiden das zackige Geäst in den Nadelkronen über ihnen vergoldete. Im Dorf nahmen sie auf dem Kreuzwege voneinander ohne viele Worte Abschied. Als Katre schon ein Stück Wegs ihres Vaters Hause zugegangen war, kam Janis ihr noch einmal nach und rief ihren Namen. Aber sie lief ihm nun fort und ließ sich nicht einholen. Lachend schlug sie die Haustür hinter sich zu. Ganz früh am nächsten Morgen fuhr der Matrose ab. Katre schlief noch, aber Mare stand am Fenster und blickte ihm mit bitteren Empfindungen nach. An sie dachte er freilich nicht. Es war gegen Weihnachten und Lukatellen tief eingeschneit, als eines Tages Lukatis in seinem Hause so laut lärmte, daß man es bis auf die Dorfstraße hin vernehmen konnte. Er war betrunken und schlug Katre unbarmherzig mit einem umgekehrten Peitschenstock über den Kopf und Rücken und wohin er sonst traf. Dabei belegte er sie mit den schlimmsten Schimpfworten und schrie immer wieder: »Ich schlage die nichtsnutzige Margelle tot, die schlechte Person, ich schlage sie tot!« Katre kreischte und heulte vor Furcht und Schmerz, Mare und die Altsitzerin versuchten ihn von ihr abzubringen, wodurch sie den Lärm noch vermehrten. Endlich stieß der Wütende Katre zur Tür hinaus, so daß sie in den Schnee taumelte und niederfiel. »Geh', wohin du willst«, schrie er ihr nach, »ich will dich nicht mehr sehen, – ich will nichts mehr von dir hören, – mein Haus betrittst du nicht wieder!« Seine Mutter riß ihn zurück, und Mare schloß die Tür. Katre lag eine Weile im Schnee und wimmerte kläglich. Nicht einmal der Knecht wagte sich ihrer anzunehmen. Sie war nur mit Rock und Weste bekleidet, hatte kein Kopftuch und zitterte bald vor Frost. Sie versuchte aufzustehen und sich wenige Schritte bis zu dem Torfhaufen unter dem Vordache fortzuschleppen. Es gelang mühsam. Dort saß sie noch eine Viertelstunde und weinte in die vor das Gesicht gehaltenen Hände. Was sollte sie nun tun? Dem Vater durfte sie nicht vor die Augen kommen, von Mare heimlich wieder eingelassen zu werden, hatte sie gar keine Hoffnung, hier unter freiem Himmel bleiben konnte sie auch nicht. So entschloß sie sich zuletzt, zu Marikke zu gehen, und sie um ein vorläufiges Obdach zu bitten. Unter großen Schmerzen hinkte sie mit gebeugtem Rücken bis zum Hause des Endrik Skwirblies und klopfte dort an. Marikke war nicht wenig verwundert, sie in so kläglichem Zustand, das Gesicht voll blutrünstiger Striemen, zu sehen. »Was ist denn geschehen?« fragte sie mitleidig. »Wer hat dich so übel zugerichtet?« »Der Vater hat mich geschlagen«, schluchzte Katre, »es ist ein Wunder, daß ich noch lebe.« »Aber weshalb?« »Ach – deines Bruders wegen.« »Des Janis?« »Ja, wegen des Janis. Ach Gott, ach Gott! wenn er wüßte . . . Ich kann's gar nicht sagen.« Marikke brauchte auch nicht mehr zu hören, sie reimte sich das Weitere selbst zusammen. »Hat dich die Mare ausgebracht?« fragte sie nur. »Ja«, antwortete Katre, »sie hat mir's so laut vorgeworfen, daß es der Vater endlich wohl hören mußte. Aber es hätt' ja auch ohne sie nicht mehr lange verborgen bleiben können. Ach Gott, ach Gott! was fange ich nun an?« Skwirblies und seine Frau waren hinzugekommen, da sie ihr Jammern vernahmen. »Lukatis wird sich wieder beruhigen«, meinte der Wirt. »Da ist doch nun nicht zu helfen.« »Nein, nein«, versicherte Katre, »ich kann nicht mehr zurück, das überwindet er nicht. Er schlägt mich wirklich tot, wie er gedroht hat.« »Ich kann dich bei mir nicht aufnehmen«, sagte Endrik, »das gibt Feindschaft mit ihm. Und ich weiß auch nicht, wie Janis darüber denkt – er muß freie Hand behalten. Wenn du aber arbeiten willst, wirst du ja noch einige Zeit bei guten Freunden in der Nachbarschaft eine Stelle finden. Wir wollen uns für dich bemühen, und so lange kannst du allenfalls bei Marikke bleiben.« Seine Frau ging nach einigen Stunden zu Lukatis hinüber und sprach mit Mare. Diese gab ihrer Schwester Sachen heraus, ohne daß es der Vater merkte, der seinen Rausch ausschlief. Sie fügte auch etwas Geld hinzu. »Ich hab's doch nicht stillhalten können«, sagte sie mürrisch. »Was man sich eingebrockt hat, muß man auch ausessen.« »Du bist hart«, meinte die Skwirblene. »Es geht endlich nach der Gerechtigkeit«, entgegnete Mare. »Ich habe gewarnt. Macht ihr nur kein Gerede, unter die Leute kommt's doch schnell genug.« Matuttis brachte auf ihr Geheiß die neue Lade mit den roten Rosen auf dem Deckel, worin sich die Sachen befanden, auf einem Handkarren hinüber. Katre weinte schon nicht mehr. Sie meinte, die Welt sei ja weit, und es werde ihr auch so gelingen, sich durchzubringen. Besorgt war sie eigentlich nur noch wegen ihres geschwollenen Gesichts. »Wie häßlich sehe ich aus«, sagte sie, nachdem sie sich im Spiegel betrachtet hatte. Marikke mußte ihr kalte Umschläge machen. »Es ist auch schon andern Mädchen so gegangen«, tröstete sie sich, »und hinterher fragt keiner danach. Wer die Nase rümpfen will, dem lass' ich das Vergnügen. Der Vater hat mich geschlagen, und nun ist's gut. Die Mare aber – die neidet mir doch nur mein Unglück. Sie ist auch gar nicht so schlimm, als sie sich anstellt. Mit ihr komme ich leicht wieder zusammen. Es muß nur die Zeit darüber hingehen! Jung bin ich ja noch und kann arbeiten. Nicht wahr?« Drei Tage lang hielt sie's in ihrem Versteck aus. Dann meinte sie, ein paar blaue Flecke im Gesicht schadeten auch nichts; sie könnte sich ja wohl gestoßen haben. »Und wenn mein Wirt erfährt, daß ich von Hause fortgelaufen bin, weil der Vater mich geprügelt hat, so mach' ich mir wenig daraus. Das kann auch einen anderen Grund gehabt haben.« Skwirblies brachte sie mit seinem Fuhrwerk in ein Dorf, eine Meile hinter dem Marktflecken. Dort trat sie bei einem Deutschen als Stubenmädchen in Dienst. Es fiel ihr nicht ein, die Wahrheit zu sagen. Das wäre gar zu dumm gewesen. * Der Winter ging vorüber, der Schnee war längst geschmolzen, und die warme Maisonne brachte die Knospen der Birken zum Schwellen; man konnte auf grüne Pfingsten rechnen. In Lukatellen bestellten die Wirte den Acker und streuten die Sommersaat ein. Auch Lukatis bequemte sich, wenn schon seufzend, zur Arbeit. Mare mußte oft genug hören, daß er schon ein alter Mann sei und andre Wirte in seinen Jahren sich längst zur Ruhe gesetzt hätten. Es bewarb sich ein Witwer um sie, der sein Grundstück vorteilhaft verkauft hatte, von Geldgeschäften lebte und sich wieder »nach etwas« umsah. Lukatis war sein Schuldner und redete ihr eifrig zu, aber Mare wollte nicht. Er sei ein Leuteschinder, sagte sie, und bringe auch drei Kinder mit; für die wolle sie sich nicht placken. Der Knecht Jurgis Mutattis ließ sie wissen, daß er noch ein Erbteil ausstehen habe. So herrisch sie ihn manchmal behandelte, war er doch ernstlich verliebt in sie und meinte, eine tüchtigere Frau gar nicht finden zu können. So nahe er ihr's jedoch legte, daß er am liebsten ganz auf dem Hof bliebe, sie tat so, als ob sie ihn nicht verstände. Der war ja am Ende noch immer zu haben. Eines Abends spät, als sie schon in ihre Kammer gegangen war, um sich schlafen zu legen, wurde an das kleine Fenster geklopft. Sie trat dicht heran, konnte aber niemand draußen sehen. »Wer ist denn da?« fragte sie. »Laß mich ein«, bat eine klägliche Stimme. »Wen soll ich einlassen?« »Kennst du mich nicht? Ich bin's ja.« »Katre –!« Sie stieß den Namen erschreckt aus und trat zwei Schritte zurück. Kurz atmend stand sie eine Weile da und starrte auf das Fenster hin. Es verdunkelte sich von der Seite her, und der Schattenriß eines Kopfes wurde auf der Scheibe sichtbar. Eine Hand klopfte wieder an. »Mach' mir doch auf, Mare«, ließ sich die Stimme in noch kläglicherem Ton vernehmen. »Was willst du –?« »Ich kann nicht weiter. Soll ich in der kalten Nacht – auf der Straße . . .« Die Worte zitterten. »Aber ich darf nicht. Der Vater –« »Du kannst, wenn du willst. Nur die eine Nacht . . . Wo soll ich denn hin? Ich bin ganz hilflos.« Mare wurde von Mitleid bewegt. Es war doch die Schwester, die sie um ein Obdach anflehte, und sie kam nach dem, was geschehen war, gewiß nur in der äußersten Not. Deshalb öffnete sie leise die Tür und trat hinaus. Katre saß auf einem Baumstubben, vornübergebeugt, und wimmerte. »Ich tue, was ich nicht soll«, sagte Mare, »aber ich kann's nicht anders verantworten. Komm denn ins Haus und sprich morgen mit dem Vater. Will er dich bei sich leiden, so soll's mir recht sein. Ich vergesse nicht, daß wir einer Mutter Kinder sind.« Sie küßte Katre, richtete sie auf und führte sie nach ihrer Kammer. Dort zündete sie ein Licht an. Ein Blick auf die an die Wand gelehnte Gestalt sagte ihr alles. »Ich glaubte, es wäre schon . . .«, stammelte sie, ganz bleich, von einem sehr schreckhaften Gedanken erfaßt. Katre sank auf die Bank nieder, streckte die Arme über den davorstehenden Tisch und legte den Kopf darauf. »Ach nein, nein, nein«, klagte sie, »ich wollte ja – aber wer nimmt mich so auf? Aus dem Dienst mußte ich schon vor vierzehn Tagen . . ., es war viel, daß man mich so lange behielt. Und dann bin ich im Lande herumgezogen, bis mein ersparter Lohn verbraucht war – und dann wollte ich mich unter einen Windmühlenflügel stellen, oder ins Wasser werfen. Aber ich hatte doch nicht den Mut, und ich bedacht' auch, daß es Sünde wäre wegen . . . Ach Gott, ach Gott! ich weiß ja selbst nicht, was mir alles durch den Kopf ging. Zuletzt wollt' ich die Kubillene um Rat fragen. Sie behielt mich aber nicht länger als drei Tage und sagte, ich müßte eilig nach der Stadt ins Krankenhaus. Auf dem Weg aber erfaßte mich eine solche Angst, daß ich umkehrte. Es war mir gewiß, daß ich sterben müßte, und dann, meint' ich, sei's schon gleich, ob der Vater mich totschlüge. Dich aber wollt' ich doch noch einmal sehen, Mare, und dir alles Unrecht abbitten, und das unschuldige Kind, wenn es der liebe Gott doch nicht sollte zu sich nehmen wollen . . .« Ihre Stimme wurde schluchzend, und sie begrub das Gesicht in den Händen. Mare brachte die Schwester in ihr Bett. »Du bist nun hier«, sagte sie, »und heute kannst du nicht fort. Wir wollen morgen beraten, was weiter zu tun ist.« Aber dazu kam's nicht. Katre war vor Ermüdung rasch eingeschlafen. Mare hatte sich zu ihr gelegt, mußte aber schon vor Tage wieder aufstehen. Nur notdürftig bekleidet eilte sie nach dem Stall und weckte den Knecht. Er sollte sofort anspannen und nach Kuraten zu Frau Adomeit fahren. »Für wen?« fragte er spöttisch. »Was du nicht weißt, brauchst du nicht zu sagen«, antwortete sie scharf abweisend. Es vergingen einige bange Stunden. Lukatis merkte, daß in Mares Kammer etwas vorging, erhielt aber keine Auskunft und begab sich aufs Feld. Als er gegen Mittag zurückkam, hatte Matuttis schon von weitem etwas angedeutet. So schimpfte und fluchte er nun vorläufig im Hofe auf allerhand Möglichkeiten hin. Mare ließ ihn erst essen und fing dann von Katre zu sprechen an. Sie war aber noch nicht weit gekommen, als sie das aus der Kammer dringende Geschrei eines Kindes aller weiteren Mitteilungen überhob. Lukatis horchte auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und brach in ein gellendes Lachen aus. »Steht's so!« rief er. »In meinem Haus ist die Dirne . . . Sie muß fort – fort mit dem Balg – fort, sag' ich!« Er sprang auf und stürmte nach der Tür. Mare hielt ihn zurück und ließ ihn nicht hinaus, obgleich er sie abzuschütteln versuchte. »Das kann jetzt nicht sein«, sagte sie ernst, »und in die Kammer darfst du nicht in deinem Zorn. Es gibt ein Unglück.« Sie hatte die Schnapsflasche auf dem Tisch stehen lassen und füllte ihm jetzt selbst das Glas. »Spüle dir den Ärger hinunter«, riet sie. »Was geschehen ist, ist geschehen – du versäumst nichts.« Das leuchtete ihm ein. Mit einem Fluch goß er das Glas hinunter. Und dann schien er zu meinen, daß er heut' gewissermaßen in seinem guten Recht sei, sich den Verstand fortzutrinken. »Der Teufel hat mich zum Großvater gemacht«, lallte er bald mit schwerer Zunge, »dem Teufel muß ich's danken. Komm, Teufel, trink! Aus, aus, aus! Was? Ist dir das Zeug zu scharf? Sieh, wie ich's eingieße. So – so! Leer, wieder leer. Ich weiß noch nicht einmal, ob das Balg ein Junge oder eine Margelle ist. Ich will mit dir trinken, Teufel, auf den Jungen. Hinunter das Feuer! Ah! – das brennt in den Eingeweiden. Was? ziehst du mir ein Gesicht, Hinkefuß – winkst du mit dem Schwanz ab? Kein Junge? Gut! ist mir jetzt alles gleich – alles – alles. Trink! Die Margelle soll leben.« Er lärmte noch eine Stunde in der Stube herum und lag dann langgestreckt auf der Ofenbank bis zum andern Morgen. Als er aufwachte, befand er sich in einem jämmerlichen Zustand – nicht mehr betrunken und doch noch nicht ganz nüchtern. Er fühlte sich so schwach, daß ihn ein Kind hätte umstoßen können, und es fehlte ihm auch die Willenskraft, etwas in der Wirtschaft anzuordnen oder selbst anzugreifen. Jedesmal nach solcher Ausschweifung verfiel er in eine weinerliche Stimmung. So war's auch diesmal. Er schämte sich vor Mare und gab ihr allerhand Kosenamen, als ob er sie zu begütigen hätte. Nachdem er eine Weile in der Stube und auf dem Hofe herumgeduselt war, nahm er sie beiseite und fragte: »Ist's denn nun wahr oder hab' ich's geträumt? Die Katre –« »Es ist wahr«, antwortete Mare, »man kann es nicht verbergen. Du hast es ja auch schon vorher gewußt.« »Ja, ich hab's . . .«, bestätigte er mit unsicherer Stimme. »Und mein Kind ist sie doch und bleibt sie doch. Und schwach sind wir Menschen einmal alle – so oder so. Der eine so und der andere so. Was? Hab' ich nicht recht? Es wär' besser anders. Aber der liebe Gott hat uns so geschaffen. Ich hab' das meinige getan – den Peitschenstock auf ihr zerschlagen und sie aus dem Hause geworfen. Es kann mir keiner nachsagen, daß ich einverstanden gewesen sei. Aber wenn sie nun doch zurückgekommen ist, und es hat sich so gefügt . . . Ja, was kann ich dafür? Ich will die Katre sehen und ihr kein böses Wort sagen, solange sie krank ist – und das Kind . . . Was ist's denn?« »Ein Mädchen, Vater.« »Ein Mädchen – gut. Es ist alles ganz gleich. Ich will auch das Kind sehen. Ich bin doch der Großvater – so oder so. Ich will das Kind sehen. Es ist hoffentlich ein gesundes Kind. Der Janis muß die Katre heiraten – das muß er. Dann ist alles wieder in Ordnung. Meinst du nicht? Du hast ihn haben wollen. Und ich hätt' dir ja gern das Grundstück –« »Sprich nicht davon«, unterbrach ihn Mare, »daran denk' ich nicht mehr.« Ihre Stirn zog sich in finstere Falten. »Wenn du die Katre sehen willst, werd' ich's ihr vorher sagen, damit sie nicht erschrickt.« »Ja, tu' das«, bat er. »Tu' das, und gleich. Wer weiß, was einem später wieder durch den Kopf geht. Ärgerlich ist's doch . . .« Mare nahm den günstigen Augenblick wahr und holte ihn bald in die Kammer ab, in der Katre in ihrem Bett lag. Sie sah sehr hübsch aus und hatte, obgleich sie die Augen niederschlug, einen schelmischen Zug im Gesicht. Lukatis schien sehr gerührt. Er küßte sie, ohne ein Wort zu sprechen, und küßte auch das Kind, das neben ihr in einem Korb auf dem Stuhle schlief. Dann ging er wieder möglichst leise hinaus, zog auf dem Hof den Brunneneimer auf und wusch sich mit dem kalten Wasser. Zu Matuttis sagte er: »Es ist ein hübsches Kind. Spann an! Wir müssen zur Anzeige.« Diese weiche Stimmung erhielt sich bei ihm nicht lange. Von den Nachbarn mußte er spöttische Bemerkungen hören; Endrik Skwirblies, der seinem Bruder nichts vergeben wollte, tat so, als wisse er von dessen Mitschuld nichts; im Hause verursachten die Kranke und das Kind mancherlei fühlbare Unordnung. Er murrte und knurrte. Sobald Katre wieder aufgestanden und außer Gefahr war, fuhr er sie mitunter recht rauh an. Das Kind konnte er nicht schreien hören, ohne in Wut zu geraten. Hatte er ein Glas über den Durst getrunken, was leider nicht selten vorkam, so wurde er nun gar zanksüchtig und unleidlich. Er schimpfte dann in den derbsten Ausdrücken seinen Unmut heraus und ließ sich auch von Mare nicht beschwichtigen. Dabei platzte auch immer wieder der Ärger darüber mit heraus, daß er die Wirtschaft noch nicht habe abgeben können. Wer ihn hörte, mußte glauben, daß er die ganze Last derselben allein auf den Schultern habe. »Die Töchter könnten längst versorgt sein. Dafür bringt die mit dem hübschen Gesicht noch das Kind mit, und zu der andern findet sich erst recht keiner.« Es wurde mit ihm alle Tage schlimmer. Noch waren keine drei Wochen vergangen, als er erklärte, die schlechte Person, die unnütze Brotesserin nicht mehr sehen zu können. Ging er an Katre vorbei, so stieß er sie mit dem Ellbogen an oder schnitt ihr wenigstens eine Grimasse und grunzte: »Äh – du!« Sie selbst fühlte sich dabei sehr gedrückt. Mare behandelte sie oft unfreundlich, und ein Besuch bei Marikke, die sich gar nicht blicken ließ, hatte ihr beweisen müssen, daß drüben Stellung gegen sie genommen war. Das verdroß sie am meisten. »Es ist hier nicht auszuhalten«, sagte sie, »ich gehe nach Königsberg in den Dienst.« »Und das Kind –?« fragte Mare. »Ah, das Kind!« rief sie. »Das wird irgendwo mit der Flasche aufgezogen.« »Kannst du dich so leicht von dem Kinde trennen?« »Ich muß doch. Daß hier meines Bleibens nicht ist, sehe ich alle Tage mehr. Was soll ich aber mit dem Würmchen anfangen, wenn ich mich irgendwo einmiete und in Arbeit gehe? Davon verdien' ich auch nicht soviel, daß ich ein Pflegegeld bezahlen kann. Ich habe bei meinem letzten Herrn etwas Deutsch gelernt, das kann ich in Königsberg gut gebrauchen. Es hat mir auch einer gesagt, daß da ein Professor ist, der für die litauischen Mädchen sorgt. Ich weiß, wo er wohnt, und frage bei ihm an. Hab' ich eine Stelle in einem reichen und vornehmen Hause, so kann ich alle Tage spazierengehen und Sonntagskleider tragen.« Das hatte ungefähr so seine Richtigkeit. Man macht in Königsberg mit einer Litauerin in Nationaltracht Staat, wie in Berlin mit einer Spreewälderin. Mare wußte auch gegen ihre Gründe sonst nichts einzuwenden, nur tat ihr das Kind leid. Sie hatte zu dem kleinen Ding eine ihr selbst unerklärliche Neigung gefaßt und beschäftigte sich zärtlicher mit ihm, als die eigene Mutter. Als Lukatis einmal wieder arg gelärmt hatte, erklärte Katre es für beschlossene Sache, daß sie am andern Morgen weggehe. »Du wirst doch das Kind erst taufen lassen«, sagte Mare vorwurfsvoll. »Das geschieht besser, wenn es in Pflege ist«, antwortete Katre leichthin. »Ich will mich in der Kirche nicht begaffen und gar vom Herrn Pfarrer ausschelten lassen. Du kannst mir aber große Liebe erweisen, wenn du dich bei der Kubillene erkundigst, wo das Kind am billigsten unterzubringen ist. Die weiß alles. Da kann es dann auch getauft werden, wenn ich erst etwas Geld geschickt habe.« Mare widersprach nicht weiter. Lukatis war ganz einverstanden und brachte Katre, die mit vielen Tränen von dem Kinde Abschied nahm, aber bald getröstet war, selbst zur Eisenbahnstation. Er war nicht wenig verwundert, als Mare ihm dann erklärte, sie selbst werde das Kind in Pflege behalten. »Du bist dumm«, meinte er, »dir um nichts solche Plage aufzubürden.« »Das Pflegegeld kann ja an uns gezahlt werden«, antwortete sie. Es war ihr schwerlich ernst damit, etwas für ihre Mühe anzunehmen, aber sie wußte, daß der Vater sie so besser verstehen und auch gegen die Kleine duldsamer sein würde, die nichts umsonst haben wollte. Am nächsten Sonntag schon fuhr sie mit dem Kind nach der Kirche. Es erhielt in der Taufe den Namen Ewe. Sie selbst und auf ihre Bitte Matuttis waren die Paten. So hatte nun wieder Mare alle Mühe und Sorge, während ihre Schwester sich das Leben möglichst leicht sein ließ. Es war nichts Kleines, das Kind an die Flasche zu gewöhnen und Tag und Nacht zu beaufsichtigen und zu beschwichtigen, damit der Großvater nicht über das Geschrei verdrießlich wurde. Aber darein fand sie sich. Es ärgerte sie nur, wenn Katre sehr vergnügt schrieb, wie gut es ihr bei der jungen Herrschaft gehe, die ihr schwächliches Würmchen gar nicht zärtlich genug behüten könnte, wie sie den ganzen Tag nichts zu arbeiten habe und sich nur mit ihrem Putz beschäftigen dürfe, wie ihr die Leute auf der Straße nachgafften, wenn sie den zierlichen Korbwagen mit den seidenen Vorhängen schöbe, und wie man nun bald nach dem Seebadeort Neuhäuser ziehen werde, wo der gnädige Herr für die gnädige Frau eine schöne Villa habe erbauen lassen. »Es muß ja so sein«, haderte die Mare; »dem einen bleibt der bescheidenste Wunsch unerfüllt und dem andern schlägt auch das unsinnigste Beginnen zum Glück aus.« Getauscht hätte sie mit Katre doch nicht. Dabei war es nun aber recht wundersam, daß auch die zornigste Stimmung sich nie gegen das Kind richtete. Keine rechte Mutter konnte es sorgsamer behandeln. Was sie für die kleine Ewe tat, ging weit über das Maß treuer Pflichterfüllung hinaus. So oft sie in der Nacht geweckt wurde, nie zeigte sie sich unwillig. Die derben Scheltreden des Vaters, daß sie die Wirtschaft vernachlässige, nahm sie geduldig hin. Wenn sie mit dem Kind spielte, verzogen sich die finsteren Falten von der Stirn und nahm das gestrenge Gesicht einen fast lieblichen Ausdruck an. Sie sang es in Schlaf und die rauhe Stimme wurde dabei weich. Als es einmal erkrankte, ließ sie nicht nach, bis zum Arzt geschickt wurde, und ging mit feuchten Augen herum, solange die Gefahr nicht ganz beseitigt schien. Kein Zweifel, Ewchen wuchs ihr von Tag zu Tag mehr ans Herz. Nicht als der Schwester Kind, nicht weil sie an Janis erinnerte, sondern weil sie an ihr nun doch etwas ganz für sich hatte. Nichts lag ihr ferner als die Vorstellung, daß sie um Gottes willen handle, indem sie an der von Vater und Mutter Verlassenen ein gutes Werk tat: für sich selbst sammelte sie den Schatz ihrer Wohltaten. Aber die Wirkung war dieselbe. Das Kind gedieh in ihrer Pflege, lächelte ihr zu, schmiegte sich an sie, lallte ihr die ersten Laute der Sprache nach, lernte unter ihren hilfreichen Händen gehen und stehen. Das brachte ihr Freuden, die sie mit niemand zu teilen hatte. »Wir beide gehören zueinander«, sagte sie oft tief überzeugt, »wir beide!« * So ging ein Jahr hin und noch ein viertel. Katre war in ihrem Dienst geblieben, der ihr so wohl gefiel, daß sie gar nicht an eine Veränderung ihrer Lage dachte. Die Herrschaft hatte sie gern wegen ihrer Heiterkeit und Drolligkeit, jeder Gast sagte ihr ein freundliches Wort, die Großeltern, Onkel und Tanten des kleinen Burschen, den sie wartete, überhäuften sie mit Geschenken. Besser meinte sie es nirgendwo haben zu können, am wenigsten zu Hause. Da kam eines Tages Janis Skwirblies nach Lukatellen zurück. Er hatte seiner Dienstpflicht genügt und war nun vorläufig sein freier Herr. Durch Briefe hatte er längst erfahren, was sich zugetragen; auf den ersten war auch seine Antwort an Katre ziemlich pünktlich eingetroffen, daß er wisse, was er versprochen habe und Wort halten werde. Daß er dann nichts weiter von sich hören ließ, wurde ihm kaum als ein Zeichen von Lieblosigkeit angerechnet. Was sollte er auch schreiben? Tun konnte er ja doch zur Zeit für Mutter und Kind nichts. Nun mochte er wohl den guten Willen mitgebracht haben, als ein ehrlicher Mann zu handeln, aber sein Bruder und seine Schwägerin wirkten eifrig auf ihn ein, daß er die Dinge an sich kommen lassen solle. »Wer weiß, was sie in der Stadt alle die Zeit getrieben hat«, sagte Marikke naserümpfend. »Sie hat immer die Augen überall gehabt und wird wohl auch dort mehr als einen gefunden haben, der ihr gefallen hat. Was bist du ihr denn schuldig? Ich kann bezeugen, daß sie dich in ihr Netz hat ziehen wollen. Wenn ich gewußt hätte, daß es darauf hinaus sollte, wär' ich vorsichtiger gewesen.« Janis stimmte ihnen nicht zu, wartete aber doch ab Zu Lukatis ging er gar nicht. Er hatte weniger vor ihm als vor Mare Angst, die er gekränkt wußte, und deren strenge Art nun eine gerade Erklärung fordern würde. Wie sollte er sich dem Kinde gegenüber verhalten? Die Neugier, es zu sehen, war wohl groß; aber größer noch die Verlegenheit, wie er sich bei der ersten Begegnung zu benehmen hätte, wenn er sich doch nicht als den gerührten Vater zu erkennen geben wollte. Und je länger er zögerte, um so schwerer wurde ihm der Gang. Mare konnte sich über das, was da mitspielte, nicht täuschen. Sie war zu sehr aufgewachsen in den Anschauungen ihrer bäuerlichen Umgebung, um sich darüber zu entrüsten. Sie teilte den Nützlichkeitsstandpunkt, von dem auch hier alle dergleichen Dinge angesehen wurden, und begriff den Wunsch der Nachbarn, durch schroffe Haltung jeden Anspruch schon an der Schwelle abzuweisen, sehr gut. Nun war es ihr aber für ihre eigene Familie eine Ehrensache, sich nicht so abtrumpfen zu lassen: und wenn Mare auch ihrer Schwester Wohl nicht bedacht hätte, da war das Kind, das sie liebte und für dessen Recht einzutreten sie die heilige Verpflichtung fühlte. Es beleidigte sie selbst, daß Janis sich nicht zu überzeugen anschickte, wie treu sie Mutterstelle vertreten hatte. Nachdem sie einige Tage vergeblich auf seinen Besuch abwartet, beschloß sie daher, Zwang zu üben. »Deinetwegen geschieht's«, sagte sie, als sie die kleine Ewe, der sie ein reines Röckchen angezogen und das Gesicht gewaschen hatte, auf den Arm nahm und nach der Dorfstraße trug. Sie hatte Janis vom Marktflecken her kommen sehen und überlegte, daß er an ihr vorüber müßte, wenn sie sich an die Zaunecke unten am Querweg stellte. Sie irrte darin auch nicht. Der Weidenstumpf hatte sie verdeckt, bis er ganz in die Nähe kam, und nun konnte er nicht mehr ausweichen. Sowie er ihrer mit dem Kinde ansichtig wurde, blieb er einen Augenblick stehen, hob den Kopf mit einer zuckenden Bewegung und errötete bis zur Stirn hinauf. Da war nun doch die Notwendigkeit gegeben, Stellung zu nehmen. Er setzte seinen Weg ein paar Schritte fort, lächelte und sagte: »Guten Tag, Mare! Wie geht es dir? Wartest du hier auf einen?« »Ja, auf dich«, antwortete sie scharf. »Auf mich? Das kann mir gefallen«, versuchte er zu scherzen. Er schielte nach dem Kind, das sich ängstlich von dem fremden Mann abgewandt und versteckt hatte. Er meinte, jetzt ein dreistes Wort nötig zu haben. »Es hat sich hier in Lukatellen manches verändert, wovon ich erst nach und nach erfahre«, sagte er deshalb, »du trägst dich da mit einem Kinde. Gehört es dir?« Der Blick, mit dem sie ihn von unten bis oben musterte, schien fragen zu wollen, ob seine Unverschämtheit wirklich eine Antwort erwarte. »Ja«, sagte sie dann, verächtlich lachend, »es gehört mir. – Es gehört mir«, wiederholte sie, sich hochaufrichtend, mit ernstem Nachdruck und setzte mit leicht bebender Stimme hinzu: »weil die Mutter für sein Leben dienen muß, und der Vater so schlecht ist, es nicht kennen zu wollen.« Der Matrose senkte die Augen. »Wenn du von mir sprichst . . .«, murmelte er. »Von dir spreche ich«, fiel sie ein, »von dir, Janis Skwirblies. Pfui, so etwas hätte ich dir nicht zugetraut, wie ich dich einmal vor Jahren kannte. Ich stehe hier nicht für mich, sondern des Kindes wegen, darum geht mich deine Schlechtigkeit an.« Sie löste die Ärmchen der kleinen Ewe von ihrem Halse und setzte sie aufrecht. »Sieh! es ist ein hübsches Kind und ein liebes Kind – dessen hat sich wahrlich niemand zu schämen. Und weil ich es liebhabe, darum will ich, daß ihm sein Recht werde.« Janis lächelte verlegen. »Was weißt du von meiner Schlechtigkeit?« fragte er kleinlaut. »Es hat mancher die besten Absichten, aber . . . Und hier auf der Straße, denk' ich . . .« »Warum kommst du nicht zu uns ins Haus?« »Ja . . .« Er machte mit der Hand eine Bewegung. »Ich kann doch nicht wissen, was dein Vater für eine Meinung hat. Wirklich ein hübsches Kind!« Er tätschelte der Kleinen die Wangen. »Ein sehr hübsches Kind. Und so artig . . .« Er kitzelte mit dem Finger das runde Kinn und pfiff. Ewe fing an zu lachen und streckte plötzlich die Ärmchen nach ihm aus. »Siehst du, sie will zu dir«, sagte Mare und reichte sie zu ihm hinüber. Janis nahm das Kind mit beiden Händen, schwenkte es ein paarmal ungeschickt auf und ab und küßte es dann, bis es das Gesichtchen zum Weinen verzog. Er war ganz weich geworden. »Ein so niedliches Dingelchen«, lobte er, »man muß ihm gut sein.« Er behielt das Kind auf dem Arm, während sie nun auf dem Seitenwege dem Hause zugingen. Nicht weit von demselben kam ihnen Lukatis entgegen. »Ich wollte eben zu dir«, bemerkte er stutzend. »Es will doch jeder wissen, woran er ist.« »Ich kann ja auch bei dir hören, was du mir zu sagen hast«, antwortete der Matrose. Es war ihm nun schon lieb, daß er durch Mare genötigt worden war, sich auszusprechen. Er ließ sich von Ewe die Mütze vom Kopf nehmen und wieder aufsetzen, drei, viermal, ohne des Spiels müde zu werden. Erst nachdem sie eingetreten waren, gab er das Kind ab, das sich nun nicht von ihm trennen wollte; Mare mußte es mit allerlei Mätzchen zu sich locken. Dann setzten sich die beiden Männer an den Tisch. Der Matrose schob eine Pille Kautabak in den breiten Mund. Lukatis strich sich verdrießlich das unrasierte Kinn. »Na –«, begann er, »bekennst du dich nun dazu?« »So weit schon«, antwortete Janis. »Wie weit?« »Du hast ja gesehen.« »Das ist ganz gut, aber . . .« Das Streichen der rauhen Hand über die Bartstoppeln gab einen kratzenden Ton. »Gerad' heraus, Janis – wirst du die Katre heiraten?« »Meinetwegen schon.« »Na, meinet wegen –« »Ja, es kommt auf dich an, Davids.« »Wie ist das gemeint?« »Wie es gesagt ist. Willst du der Katre das Grundstück abtreten?« »Ah, das Grundstück –!« »Sonst geht es doch nicht. Du weißt, ich bin Seemann und habe kein eigenes.« Lukatis kratzte sich den Kopf. »Aber da ist die Mare . . .« »Ja – sieh, wie du mit ihr fertig wirst. Mich geht es nichts an. Wenn ich die Katre heiraten soll –« »Das ist deine Schuldigkeit.« »Kann sein. Aber es muß auch von der andern Seite seine Richtigkeit haben. Mein Bruder und seine Frau lassen es sonst nicht zu.« Dieser Grund war für Lukatis ganz einleuchtend. Er widersprach daher auch nicht, sondern sagte nur nach einer Weile: »Warum hast du nicht die Mare geheiratet?« »Es wär' vielleicht besser gewesen«, antwortete der Matrose ganz ruhig. »Darüber lohnt es doch nicht zu reden. Die Katre ist auch deine Tochter.« »Das wohl.« »Und sie muß das Grundstück billiger bekommen. Wer nimmt sie sonst mit dem Kinde?« Auch dafür hatte Lukatis ein Verständnis. »Mein Ausgedinge muß ich doch haben«, sagte er verdrießlich. »Ich werde dir Endrik schicken«, sagte der Matrose aufstehend, »der versteht mehr davon als ich. Was er mit dir und Mare ausmacht, das soll gelten.« Lukatis nickte. Er wußte ja, daß er ohne diesen Vermittler nicht zum Schluß kommen könnte. Bei Mare hatte er keinen ganz leichten Stand. »So bin ich wieder zurückgesetzt«, lamentierte sie, »und ungerecht hinter Katre geschoben. Ich habe für das Grundstück gearbeitet und sie wird die Wirtin – die Faule, Leichtsinnige. Und weshalb? Weil sie alles leicht genommen hat. Unehre hat sie uns ins Haus gebracht, und dafür wird sie jetzt belohnt. Weil ich ihr die Sorge für das Kind abgenommen habe, dafür wird mir auch noch das Erbteil geschmälert. Weil ich verlange, daß das Kind seinen rechten Vater haben soll, kann ich als Magd zu fremden Leuten gehen. Das ist eine Gerechtigkeit! Der eine sät und der andere erntet – der eine gräbt und der andere hebt den Schatz aus. Mich hat der Mann verschmäht, aber Haus und Hof nimmt er mir fort. Wie darf das geschehen?« Sie mußte sich endlich doch fügen, da die beiden Skwirblies hartnäckig auf ihrem Stück bestanden. Ganz gelb vor Verdruß und mit Tränen in den Augen gab sie ihre Einwilligung. »Für dich tu' ich's«, rief sie, indem sie die kleine Ewe küßte und ans Herz drückte, »für dich allein! Weil ich dich liebhabe, tu' ich mir dies Leid an. Was kannst du dafür, daß du auf der Welt bist? Dir will ich's nicht nachtragen. Stoßt mich aus – mein Verderben wird es nicht sein!« Nun wurde an Katre geschrieben. Janis sei zurück und wolle Hochzeit machen, sobald ihr das Grundstück übertragen sei; sie solle so rasch als möglich nach Hause kommen. Katre beeilte sich aber gar nicht so sehr, nicht einmal mit der Antwort auf diesen Brief. Sie lebte so vergnüglich, im Winter in der großen Stadt und im Sommer auf dem Lande und an der See, daß es sie gar nicht drängte, sich zu verändern. An Verehrern fehlte es ihr am wenigsten, darunter ganz netten Leuten, die sich an ihre dienende Stellung gar nicht gestoßen hätten. Wer konnte wissen, was sie eintauschte? Wahrscheinlich schwere Arbeit und Sorge. Sie zögerte lange. Und dann mußte sie doch erst den Dienst kündigen. Von ihrem Recht, der Heirat wegen ihre Frist abzukürzen, wollte sie keinen Gebrauch machen. Als Mare ihr schrieb, Janis werde schon ungeduldig, antwortete sie schnippisch: wenn er nicht warten könne, möge er doch tun, was ihm beliebe; ihr sei nicht so viel an ihm gelegen. Auch das noch! Sie achtete das Opfer nicht einmal, das die Schwester ihr brachte. Als sie dann endlich doch nach Hause kam, schien sie sich nur schwer in die alten Verhältnisse zurückfinden zu können. Es hatte ihr alles einen so ärmlichen Anstrich! Wie niedrig die Stuben und wie klein die Fenster, wie hart die Betten und wie unschmackhaft die Kost! Die kleine Ewe kam ihr in dem sackartigen Röckchen und der dicken Mütze recht spaßig vor. Keine Spur von Rührung wurde bei der ersten Begrüßung merkbar; dafür lachte sie hellauf, kehrte sich ab und sagte kichernd: »Das ist ja gar nicht meins.« Mare war beleidigt. »Du verdienst nicht, ein so hübsches Kind zu haben«, meinte sie. »Ach – es gibt noch viel hübschere«, versicherte Katre. »Du sollst einmal mein Maxchen sehen! O jeh –! sie hat ja einen Leib wie eine Tonne. Du hast sie zu viel grobes Brot stopfen lassen.« Auch noch Vorwürfe! Mit Janis machte sie die geringsten Umstände. Er konnte gar nicht auf den Gedanken verfallen, daß er ihr eine Gunst erweise, wenn er sie heirate. Die Gunst war ganz auf ihrer Seite. Das mußte er schon beim ersten Zusammentreffen einsehen. Sie reichte ihm zwar die Hand, wollte sich aber nicht küssen lassen »Ach, das hat noch Zeit«, sagte sie lachend »Ich höre, daß du bald Hochzeit zu bestellen gedenkst. Aber so rasch geht's damit nicht. In diesen zwei Jahren kann sich viel verändert haben, und ich muß erst sehen, ob du mir noch gefällst. Einen Mann, der mir nicht gefällt, mag ich nicht nehmen – lieber gar keinen. Und ich weiß auch noch nicht, ob ich's hier aushalte. Meinetwegen brauchst du dich nicht zu übereilen.« Er ging ärgerlich fort, fand sich aber schon denselben Abend wieder ein, klopfte ans Fenster und lockte Katre hinaus. Er hatte wohl allerhand Bedenken gehabt, solange sie fern gewesen war. Nun er sie wiedergesehen, wirkte sofort der alte Zauber mit unwiderstehlicher Kraft. Er mußte sich gestehen, daß sie noch viel hübscher geworden sei. Sie war immer unter dem Sonnenschirm gegangen, und ihre runden Wangen schienen ganz Milch und Blut. Die Hände hatten nicht gearbeitet und fühlten sich weich an, wie die eines Stadtfräuleins. Die Augen blickten noch munterer und die Lippen lachten noch schelmischer. Sie trug Kleider vom feinsten Stoff und Schmucksachen von echtem Gold. Dabei hatte sie in ihrem Wesen etwas Zierliches, das gleich den Blick auf sich zog. Janis war schnell wieder verliebter in sie als je. Es schien, daß er sich jetzt erst um sie bewerben mußte. An das Kind wollte sie gar nicht erinnert sein. Sie behandelte es wie Mares Kind und nahm es nie auf den Arm, wenn er dabei war. Sie sah aber gern, daß er's liebkoste, er sollte beweisen, daß es ihm wirklich gehörte und keine Last sein würde. Seinem Bruder Endrik und dessen Frau gab sie zu verstehen, daß sie wohl wüßte, wie sie abgeraten hätten, und Marikke, die schlechte Freundin, sah sie stolz über die Achsel an. Darüber durfte Janis nicht den Mund verziehen. Jetzt sollte er ganz auf ihrer Seite stehen. Nach einigen Wochen war wieder das beste Verhältnis hergestellt. Katre tat, was ihr beliebte, und Janis ließ sich um den Finger wickeln. Wie ein zärtlicher Täuberich umkreiste er sie und machte ihr seine Verbeugungen. Endlich willigte sie denn auch in die Festsetzung des Hochzeitstages. Sie fuhren aufs Amt und zum Herrn Pfarrer, das Aufgebot zu bestellen. Auf dem Gericht wurde das Grundstück verschrieben. Mare hielt eine stille Feier für angemessen, aber davon wollte Katre durchaus nichts wissen. Sie hätte von ihrem Lohn reichlich soviel erspart, meinte sie, um sich einmal vergnügt machen und den Leuten zeigen zu können, daß sie hinter keiner jungen Frau zurückzustehen Ursache habe. »Ihr könnt das Geld besser anwenden«, sagte Mare, »es wird euch an allen Ecken und Enden in der Wirtschaft fehlen.« »Die Augen müßt' ich mir aus dem Kopfe schämen«, antwortete Katre, »wenn ich keine richtige Hochzeit hätte. Ich will in den Ehestand hineintanzen! Das hat eine gute Vorbedeutung.« Und sie tanzte in den Ehestand hinein. Eine so tolle Hochzeit hatte Lukatellen noch gar nicht gesehen. Als man am dritten Tage meinte, sie sei nun zu Ende, fing sie nochmals erst recht an, da die junge Frau heimlich den Knecht mit dem Wagen nach dem Marktflecken zum Krüger geschickt hatte, um frisches Getränk herbeizuführen. Ihre Sparkasse war freilich schon geleert, aber der Krüger borgte. Der letzte Gast entfernte sich nicht eher, bis das Faß auf den Zapfen gestellt war. Janis Skwirblies war nun der Wirt und Katre die Wirtin. Davids Lukatis kümmerte sich um nichts mehr, seitdem er das Grundstück abgegeben hatte. Er hatte sich so lange nach diesem Tage gesehnt und wollte nun auch keine Hand mehr rühren. Er wurde selten noch ganz nüchtern und randalierte gern, wenn er wieder zu viel getrunken hatte, im Stall und auf dem Hofe. Am leidlichsten war er, wenn er schlief. Mare war gleich nach der Hochzeit aus dem Elternhause abgezogen. Katre wollte sie zurückhalten, aber sie zeigte sich fest entschlossen. »Was soll ich hier«, sagte sie, »du bist die Wirtin, die Schlüssel hab' ich dir abgegeben. Es hat so sein müssen, und ich will's hinnehmen. Aber deine Einwohnerin mag ich nicht sein und deine Magd noch weniger. Sieh zu, wie du fertig wirst, es geht mich jetzt nichts mehr an.« Sie nannte den letzten Grund, der sie vertrieb, nicht. Es gab ihr aber jedesmal einen Stich ins Herz, wenn sie Janis und Katre miteinander verkehren sah wie Liebesleute, die jede arbeitsfreie Minute zu Zärtlichkeiten ausnutzten und oft genug auch ihre Pflicht vernachlässigten, um nur miteinander tollen zu können. Er war ganz vernarrt in seine hübsche muntere Frau, und Katre spielte jetzt auch nicht die Spröde. Und doch wurde Mare der Abschied bitter schwer. Des Kindes wegen! Die kleine Ewe hing an ihr, und sie selbst hatte keine menschliche Seele auf der Welt, zu der sie sich in einem so innigen Verhältnis wußte. »Wie wird dir's nun ergehen, du armes Kind«, klagte sie mit Tränen in den Augen, wenn sie mit ihr allein war, »Vater und Mutter kümmern sich nicht um dich – ihnen wär's lieber, sie hätten für dich nicht zu sorgen.« Sie mußte sich doch von dem Kinde trennen. »Es ist auch sein Gutes dabei«, meinte Katre, »Ewe gewöhnt sich nicht an mich, solange sie dich sieht.« Nicht an sie, aber an Janis richtete Mare beim Weggehen die Bitte, das kleine Ding, das sich noch nicht selbst helfen könne, zu behüten. »Laß es den Vater nicht vermissen«, mahnte sie. Sie ging nicht in Dienst, sondern mietete sich ein paar Meilen weit entfernt bei einer Witwe ein und stellte dort ihren Webstuhl auf. Alle Wochentage arbeitete sie fleißig, und an den Sonntagen war sie stets in der Kirche zu sehen. Selten nur stattete sie einen Besuch in Lukatellen ab, und bald gar nicht mehr, da es ihr im Vaterhause immer weniger gefiel. Wie konnte das auch anders sein? Die Wirtschaft ging mit raschen Schritten bergab, und wer nicht Zeuge des täglichen Verfalls war, fand die Veränderung nach Wochen und Monaten um so augenfälliger; Janis war mit seinen Gedanken viel mehr auf der See, als auf seinen Äckern und Wiesen, auf dem Schiff, als in Stall und Scheune. Mitunter schöpfte er den Brunnen aus und übergoß das ganze Haus mit vielen Eimern Wasser, so daß hinterher die schlechten Dielen tagelang nicht trocken zu bekommen waren. Diese Art von Reinmachen erinnerte ihn angenehm an die frühere Beschäftigung. Am liebsten ging er auch in seinem hellblauen Hemd mit der Matrosenmütze auf dem Hinterkopf. Er hätte eine Frau haben müssen, die tüchtig eingriff. Aber Katre mochte nichts ernstlich anfassen, um sich die weißen Hände nicht zu verderben. Sie besorgte das Vieh nicht ordentlich, ließ Nahrungsmittel verderben, versäumte die rechte Zeit für die Küche, räumte selten in der Stube auf und hatte gewöhnlich die Schlüssel verlegt, wenn aus den Kammern und vom Speicher etwas geholt werden sollte. War alles eine Weile drunter und drüber gegangen, so raffte sie sich wohl einmal zu dem ernstgemeinten Versuch auf, eine gründliche Änderung herbeizuführen. Aber jede Anstrengung ermattete sie immer schnell. Dafür konnte sie sich von dem Spiegel schwer trennen, wenn sie ihr schönes Haar flocht, und zierlichere Muster in die Achselstücke der Hemden einzuflechten verstand keine andere Frau. Sie war stets aufgeputzt, als ob die Woche aus lauter Festtagen bestanden hätte. Janis merkte wohl, daß die Wirtin nicht ihre Pflicht tat, aber er hatte nicht das Herz, Katre auszuschelten. Er wußte auch, daß es, wie nun einmal ihre Art war, nichts nützen könnte, mit ihr strenge zu verfahren, und schämte sich überdies, von ihr etwas zu verlangen, was er selbst nicht leistete. Man konnte der immer lustigen, hübschen Frau auch nicht böse werden. Wenn sie ihn anlachte oder den roten Mund zu einem Kuß spitzte, war jeder Ärger rasch vergessen. Gingen sie zusammen auf der Dorfstraße, so hatte er den Arm um ihre Schulter gelegt oder ihre Hand gefaßt, und gab's irgendwo ein Tanzvergnügen, so fehlten sie nie, hätte auch der letzte Scheffel Roggen verkauft werden müssen. Der einzige, der die Wirtschaft noch notdürftig in Gang hielt, war der Knecht Matuttis. Er betrachtete sich als zum Grundstück gehörig, verrichtete die gewohnte Arbeit und sorgte wenigstens dafür, daß das Vieh nicht gänzlich verkam und die Pferde in gutem Stande blieben. Freilich konnte er nicht alles tun und mußte zusehen, wie ein Teil des Heues auf der Wiese verdarb und der Acker nur unvollständig bestellt wurde, da es an Saatgetreide mangelte. Er sagte seinem Herrn manchmal derb die Wahrheit, und dieser ließ sich von ihm viel gefallen, weil er sich mit dem tüchtigen Menschen nicht überwerfen mochte. Gebessert wurde damit wenig. Eines Sonntags gegen Abend überraschte Matuttis Mare durch seinen Besuch. »Du läßt dich in Lukatellen gar nicht mehr sehen«, sagte er vorwurfsvoll. »Was soll ich dort?« antwortete sie finster. »Es verlangt niemand nach mir.« »Darauf solltest du nicht warten«, meinte er, »daß sie dir's mit Worten zu erkennen geben.« »Haben sie dich zu mir geschickt, Jurgis?« »Nein, ich bin von mir selbst gekommen.« »Ich hab's auch nicht anders gedacht.« »Aber kürzlich hat der Skwirblies doch vor sich hingesprochen, daß ich's deutlich hören konnte: ›Solange die Mare wirtschafte, hat's hier anders ausgesehen.‹ Und es war nicht das erstemal, daß er zu erkennen gab, was er denkt.« Sie zog die Lippen ein und blieb eine Weile stumm. »Er taugt nicht zum Wirt«, fuhr Matuttis fort, »und die Frau versteht nicht, ihn anzuleiten. Sie ist selbst nicht auf dem Platze.« »Davon sprich nicht«, verwies Mare streng. »Es geht mich nichts an und ich will's nicht hören.« »Es geht dich doch an«, meinte Matuttis. »Steht nicht dein Geld auf dem Grundstück?« »Ich kann's doch nicht ändern.« »Du kannst schon, wenn du willst.« »So will ich nicht.« Nun schwieg er, rührte sich aber nicht von der Stelle und hob von Zeit zu Zeit den Kopf, als ob er wohl noch etwas zu sagen hätte. »Dir ist doch das Kind auch lieb gewesen«, begann er endlich wieder. »Was ist's mit der kleinen Ewe?« fuhr sie auf. »Ja, was ist's mit ihr? Du wirst sie kaum erkennen. Die Mutter hat kein rechtes Herz für sie. Ihr Gesicht ist voll Ausschlag und die Fliegen setzen sich darauf, wenn sie in der Sonne auf dem Sande draußen vor der Tür liegt. Es ist ein Elend, anzusehen. Die Augen sind ihr ganz dick verquollen, und sie wischt sich den scharfen Ausfluß hinein. Wird sie blind, so wär's nicht zu verwundern.« Damit hatte er's getroffen. Mare versprach seufzend, sich um die Kleine bekümmern zu wollen, und hielt schon am andern Tage Wort, obgleich sie deshalb eine sehr nötige Arbeit unterbrechen mußte. Sie fand noch Schlimmeres, als sie nach der Schilderung des treuen Knechts schon erwartet hatte. Es kam zu einem heftigen Auftritt zwischen den Schwestern. Mare nannte Katre eine Rabenmutter und warf ihr vor, das Kind nur recht bald unter die Erde bringen zu wollen, damit sie an ihre Vergangenheit nicht mehr erinnert werde. Katre aber entgegnete rücksichtslos: »Wer gibt sich mit einem so unreinlichen Kinde gern ab? Ihm eine Wärterin zu halten, sind wir nicht reich genug, und das hat auch nicht viel zu bedeuten. Wenn die heißen Tage vorüber sein werden, heilt's von selbst wieder. Wie wir klein gewesen sind, mögen wir im Sommer nicht besser ausgesehen haben. Unkraut verdirbt nicht.« »Das sage deiner Mutter nicht ins Grab nach«, rief Mare. »Ich sehe wohl, daß du mit deinem Hund mehr Mitleid hast als mit deinem Kind. Es muß zum Arzt gebracht werden.« Katre zuckte die Achseln. »Was der verordnet, kann doch keiner befolgen.« Mare holte eine Schüssel mit lauwarmem Wasser herbei, wusch die Wunden sorgfältig aus, legte nasse Läppchen auf die Augen und suchte ein reines Hemdchen und Röckchen hervor. Das geschah unter fortwährendem Jammern über den kläglichen Zustand des armen Würmchens. »Ich nehme Ewchen mit mir«, sagte sie endlich. Davon wollte Katre anfangs nichts wissen. Es werde unnützes Gerede geben. Janis aber, der wohl einsah, daß die Schwägerin nicht unrecht hatte, meinte, der Vorschlag sei doch zu bedenken. Für ein paar Wochen wenigstens könne man Mare ja das Kind mitgeben. Sie werde es schon bald genug wieder zurückbringen und Katre dann mit Vorwürfen verschonen. Er suchte seine Frau zu entschuldigen, die mit dem immer betrunkenen Vater täglich ihre liebe Not hätte. Mare hörte wenig darauf, packte die Sachen des Kindes in ein kleines Bündel, nahm Ewchen auf den Arm und sagte: »Zu bezahlen braucht ihr nichts dafür. Ich tu's mir zuliebe. Ruhe hätt' ich doch nicht bei der Arbeit. Was sollen wir noch darüber reden? Komm, Ewe.« Sie wartete keine weitere Erlaubnis ab, sondern nahm schnellen Abschied und ging. Katre widersprach auch nicht mehr. In Mares sorgsamer Pflege gesundete das sonst kräftige Kind bald wieder. Nun verwunderten sich die Nachbarn darüber, wie hübsch es sei, und die Witwe, bei der sie wohnte, nahm ihr gern einen Teil der Wartung ab, damit sie bei der Arbeit weniger gestört werde. Sie war selbst ganz verliebt in das Dingelchen, dem sie wieder eine rechte Wohltäterin geworden war, und hatte ihre Freude an dessen dankbarer Zärtlichkeit. Janis und Katre kamen wohl einmal nach der Kirche herangefahren und erkundigten sich, wie's stehe. Dies geschah aber seltener und seltener – im Herbst wurden die Wege gar zu schlecht. Und endlich meinte Katre: »Wir tun dir doch einen Gefallen damit, wenn wir dir Ewe noch den Winter über lassen. So einsam wie du lebst . . . Und es ist doch ein Spielzeug für dich. Wir wollen nicht so hart sein, es dir ohne Not fortzunehmen.« Sie glaubte auch wirklich an ihr gutes Herz gegen die Schwester. Und die Leute, denen sie's so vorstellte, glaubten ihr auch: man hatte sie überall gern. Im Herbst und Winter waren Janis Skwirblies und seine Frau regelmäßig anzutreffen, wo es im Umkreise von einigen Meilen irgendeine Festlichkeit gab. Katre war kein Wetter zu schlecht und keine Nacht zu dunkel – Janis hätte manchmal lieber am warmen Ofen seine Pfeife geraucht oder sich früh zu Bett gelegt, als den Wagen und Schlitten angespannt; aber sein munteres Weibchen ließ ihm keine Ruhe. Katre wollte tanzen, immer tanzen. Wenn er mürrisch sich eine Weile vergeblich bitten ließ, legte sie sich aufs Schmollen und sagte: »Es tut mir leid, daß ich mich aus der Stadt habe fortlocken lassen. Da gibt's alle Sonntag Ball an drei, vier Orten zugleich, und man kommt stets in einen großen Saal mit hohen Fenstern und Kronleuchtern an der Decke. Da sind immer feine junge Herren zu finden, die bezahlen alles. Mir gefielen besondere die Unteroffiziere von den Kürassieren in ihren weißen Röcken. Du hättest einmal sehen sollen, wie sie alle um mich herum waren, wenn ich mich nur in meinem Putz blicken ließ; alle wollten sie mit mir tanzen. Hier muß man in den engen niedrigen Stuben mit den Bauern vorliebnehmen. Und das gönnst du mir nicht einmal. Ich soll mich zu Tode langweilen.« Dann setzte sie sich ihm wieder auf den Schoß und streichelte ihm das Kinn und meinte, daß er sich einen Kuß verdienen könnte. Selten widerstand er. Mitte Januar wurde in Bartels-Widinnen eine Kindtaufe gefeiert, wobei es ungewöhnlich lustig zugehen sollte. Es war eine schneidende Kälte bei scharfem Nordostwind. Man fuhr von Lukatellen das Flüßchen hinab und eine Strecke über das gefrorene Haff, dann wieder landeinwärts und war fast zwei Stunden unterwegs. Obgleich Katre zwei Schafpelze übereinander gezogen und den Kopf mit Tüchern vermummt hatte, zitterte sie doch bei der Ankunft vor Frost. In der nicht großen Stube aber war der Ofen eingefeuert, daß die Kacheln zu platzen drohten, und zum Willkomm gab es ein heißes Getränk, bei dem der Rum und das Gewürz nicht gespart waren. Als der Tanz begann, mußten bald Fenster und Türen aufgesperrt werden. Katre sah reizend aus und stellte alle jungen Mädchen in den Schatten. Sie tanzte eine Weile nur mit ihrem Mann, aber er wurde ihr bald zu müde. Als der Schreiber vom Rentmeister sie aufforderte, mit ihm einmal »deutsch« zu walzen, konnte sie sich's nicht versagen, ihre in der Stadt gelernten Künste zu zeigen; und als nun erst der Bann gebrochen war, flog sie rasch von einem Arm in den andern. Janis bat sie, sich auch einmal ein Viertelstündchen Ruhe zu gönnen. »Ich kann noch«, war immer ihre Antwort, bis sie sich endlich ganz erschöpft auf die Bank am Fenster fallen ließ. Ihr Gesicht glühte, die Brust keuchte. »Setz' dich anderswo hin«, bat Janis. »Wohl an den Ofen?« neckte sie. »Das ist nicht nötig. Hier aber strömt die eiskalte Luft ein; es ist ein fliegender Zugwind.« »Der ist gerade angenehm, er kühlt am besten ab.« »Dann tanze lieber.« »Warte nur, ich muß erst Atem schöpfen.« Ein paar Stunden später, als Janis aus der Altsitzerstube hereinkam, wo das Fäßchen aufgelegt worden war, vermißte er sie. Er fragte nach ihr und erfuhr, sie sei vor einer Weile hinausgegangen. Er fand sie auch im Flur nicht. Die Eifersucht fing an, ihn zu plagen. Der Schreiber war immer um sie herum gewesen. Wie er noch unruhig von einer Gruppe zur andern ging, hörte er ihr helles Lachen. Es kam von draußen. Er trat sogleich vor die Tür und sah sie nun auf der glitzernden Landstraße in der Begleitung einiger jungen Burschen herumtänzeln. Sie hatte nicht einmal die Jacke angezogen und ein Tuch über den Kopf genommen. »Bist du denn ganz toll, Katre?« rief er ihr ärgerlich zu. »Warum?« fragte sie. »Bei der eisigen Kälte – du wirst dir den Tod holen.« »Wenn der zu tanzen Lust hat –«, scherzte sie. »Ich leide es nicht, Katre, komm hinein!« »Ach – mir schadet's nicht. In der Stube ist's zu heiß.« »So zieh' wenigstens einen Pelz an.« »Das sollte mir fehlen! Dann hätt's ja gar keinen Zweck.« Er wollte sie am Arm fassen, aber sie entschlüpfte ihm und lief kichernd fort. Janis hinter ihr her, bis er sie drüben am Zaun eingeholt hatte. Sie hielt sich an den Staketen fest, und er mußte erst ihre Hände losmachen. »Es ist wirklich eine Tollheit«, sagte er. »Du weißt doch, daß du besonderen Grund hast, dich zu schonen.« Dafür erhielt er einen leichten Schlag auf die Backe. »Erinnere mich nur daran«, schmollte sie. Sie folgte ihm aber doch ins Haus, plötzlich fröstelnd. Er hatte den Arm um sie gelegt und fühlte ihren Körper ganz naß. Nun tanzte sie wieder, aber nicht lange mehr. Ihre Tänzer verwunderte es, daß sie immer schon nach wenigen Rundgängen ermattete. Als Janis sie aufforderte, sagte sie: »Nein, laß! Ich habe Stiche.« »In der Seite?« fragte er besorgt. »Nein, in der Brust.« Sie zog sich zusammen und hustete kurz. »Siehst du, das kommt davon –« »Ach, rede nicht –!« Er brachte ihr ein Glas Grog. »Trinke, das wird dir gut tun.« Sie trank hastig einen Schluck. Der Hustenreiz wurde heftiger. »Ach –!« stöhnte sie und griff mit der Hand nach dem Herzen. Nach einer halben Stunde verlangte sie selbst nach Hause zu fahren. Janis packte sie in Pelze und führte sie nach dem Schlitten. Bei jedem Schritt stieß sie einen schmerzlichen Laut aus. Bald zeigte sich's, daß ihr das Sitzen unmöglich wurde. Er hielt an und legte ihr ein Strohlager zurecht. Dann peitschte er auf die Pferde ein, bis sie in rasendem Lauf über die blanke Eisfläche hinsausten. In der Hälfte der Zeit, die sie bei der Hinfahrt gebraucht, erreichten sie Lukatellen. Katre wurde sogleich zu Bett gebracht. Die alte Frau, die zur Miete wohnte, mußte heraus und einen Tee kochen. Er linderte aber nicht die immer stechenderen Schmerzen. Das Gesicht war wachsbleich geworden, die geöffneten Lippen, durch die ein heißer Atem drang, färbten sich bläulich, die Brust wogte. Alle Hausmittel versagten. Janis entschloß sich endlich, das Fuhrwerk nach dem Arzt zu schicken. Drei Tage darauf fuhr Matuttis bei Mare vor. Er hatte den Blick traurig gesenkt, als er eintrat. »Komm mit nach Hause«, sagte er, »deine Schwester liegt im Sterben.« Mare schrie auf. »Das wolle Gott nicht! Was ist geschehen?« »Sie hat sich zu Tode getanzt«, antwortete der Knecht. »Der Doktor meint, es sei aus mit ihr.« »Soll ich Ewe mitbringen?« »Es ist nichts davon gesagt.« »Aber Katre wird das Kind doch noch einmal sehen wollen.« »Sie ist nicht mehr bei Besinnung. Aber tu', was du willst.« Mare hüllte die Kleine in warme Tücher ein und machte sich selbst zur Fahrt bereit. Unaufhörlich rannen ihr die Tränen über die Wangen. Als sie in Lukatellen anlangte, phantasierte die Kranke. Sie schien jetzt keine Schmerzen zu haben, lächelte und bewegte plaudernd die Lippen. Das wenigste, was sie sprach oder sang, war verständlich, aber offenbar waren ihre wirren Gedanken beim Tanz. Einmal war's, als ob sie Janis erkannte. »Siehst du«, lispelte sie, »der Tod ist ein flotter Tänzer – der wird nicht müde – immer herum, immer herum – ich kann nicht mehr.« Und nach einer Weile: »Lustig ist's – lustig. Es soll keiner weinen. Wir tanzen hinüber.« Mare hielt ihr die kleine Ewe vor, die sie ganz ängstlich nicht loslassen wollte. Die Kranke öffnete die Augen weit und starrte sie eine kurze Weile an. Dann lächelte sie wieder ganz blöde. »Willst du mit? Nein, nein – noch nicht – er läßt mich nicht los.« Sie sang eine Tanzmelodie. »Aber dort – wo es so hell ist – dort setzt er mich ab. Warte nur – ich schicke ihn zu dir – es dauert nicht lange.« Mare durchschauerte es. Sie drückte Ewes Köpfchen an ihre Brust. In der nächsten Stunde starb Katre. Sie sah wunderschön aus, als die Wintersonne ins Fenster schien und mit einem goldigen Strahl über das bleiche Gesicht hinzitterte. * Es schien sich nun ganz von selbst zu verstehen, daß Mare wieder nach Lukatellen übersiedelte. Was sollte sonst aus der Wirtschaft werden? Es wurde darüber gar nicht viel gesprochen. Nach dem Begräbnis fragte Lukatis nur: »Wirst du noch einmal zurück müssen?« Und sie entgegnete darauf: »Ich muß doch meine Sachen holen und die Miete berichtigen.« Matuttis fuhr sie. Sie saßen nebeneinander. »Es ist schade um das frische junge Leben«, äußerte er sich unterwegs, »aber wer weiß, ob's der liebe Gott nicht so gerade gut gemeint hat. Ich hätt' mir die Skwirblene gar nicht als eine alte Frau denken können und als eine arme Frau auch nicht. Sie wär' aber noch viel rascher eine arme Frau als eine alte geworden. Ich sah's kommen.« »Die Katre hat kurz gelebt«, bemerkte Mare dazu, »aber das Leben ist ihr immer vergnüglich gewesen. Es ist, als ob ein bunter Schmetterling einen schönen Sommertag getroffen hat. Er weiß nicht, daß es mit ihm bald zu Ende ist, und fragt auch nicht danach. Ist er nicht zu beneiden?« »Ja«, sagte er, »sie hat sich's leicht gemacht, und was zurückbleibt, kümmert sie nicht. Es ist uns verschieden zugemessen. So wenig sie zu tragen hatte, das Schwerste hast du ihr allemal noch abgenommen.« Mare nickte seufzend. »Es ist mir recht traurig zumute«, antwortete sie, »daß ich ihr manchmal ihr Glück nicht gegönnt habe. So wie sie hätt' ich's doch nicht genießen können.« »Was wird nun werden?« begann er nach einer Weile wieder. »Du hast mit dem Grundstück die Last und arbeitest doch nicht für dich. Es wär' das beste, Skwirblies trät' es dir ab, und du nähmst dir einen Mann, der dir eine Hilfe sein könnte.« Er dachte an sich selbst, aber Mare wollte ihn nicht verstehen und sagte nur: »Da ist doch die Ewe, meiner Schwester Kind – für die hab' ich zu sorgen. Und jetzt tu' ich's auch gern.« – Janis war wochenlang wie gestört. Er saß auf der Ofenbank, die gefalteten Hände zwischen den Knien, und starrte auf die Diele. Oder er stand am Fenster und schien die Schneeflocken zu zählen. Wenn von Katre gesprochen wurde, kam ihm das Wasser in die Augen. »Du mußt tätig eingreifen«, mahnte Mare, die wieder ganz in ihrem Element war. »Wie willst du sonst vergessen?« Es ärgerte sie, daß er seine Gedanken nur bei der Toten hatte, da doch seine Tochter noch lebte und wieder so niedlich war wie je. Er ging hinaus und schlug mit der Axt auf einen Stubben los. Nicht lange. Die Kraft schien ihm zu versagen. Nach einer Weile sah Matuttis ihn, den Ellbogen auf den Stiel gestützt, dastehen und tief Atem schöpfen. Kaum war die Schiffahrt eröffnet, so reiste Janis nach Memel ab, sich auf einem Schiff zu verheuern. Das Grundstück übergab er Mare, wenn das eine Übergabe genannt werden konnte, daß er zu ihr sagte: »Ich bin hier unnütz und geh' wieder zur See. Wirtschafte du, so gut du kannst – ich will nichts heraushaben.« Schon im Spätsommer, bald nach der Ernte, kam er jedoch wieder. Seine Schwester Marikke machte Hochzeit; dazu war er eingeladen. Vielleicht wär' er sonst gleich wieder mit demselben Schiff ausgegangen, obgleich ihm der schwere Matrosendienst jetzt wenig behagte. Sein Haus fand er blitzsauber, die Wirtschaft in bestem Stande, im Stall zwei frische Milchkühe, die Scheune bis unter das Dach gefüllt. Matuttis hatte bei der Ernte treu geholfen, immer in der Hoffnung, daß er doch bei Mare zum gewünschten Ziel kommen werde. Seine Pferde waren wieder rund wie die Kasten und spiegelglatt. Ein Teil der Schulden hatte schon bezahlt werden können und der Flachs war noch unverkauft. Janis hätte blind sein müssen, wenn ihm diese Veränderung unbemerkt geblieben wäre. Und sein Bruder war auch voll Lobes für die gute Wirtin. »So eine Frau muß man haben, wenn man sich in die Höhe bringen will.« Es gefiel ihm gar nicht, daß Janis wieder zur See wollte. »Wenn du nicht dumm wärst . . .« Er zuckte die Achseln. Ein paar Wochen vergingen. Janis sah Mare vom Morgen bis zum Abend immer fleißig und geschäftig in ihrer bedächtigen Weise. Und wie freundlich sie sich des Kindes annahm! Für ihn hatte sie freilich wenig Zeit, aber sie behandelte ihn doch wie einen nicht gerade unlieben Gast. An einem Sonntag, als sie zusammen von der Kirche kamen, kündigte er ihr an, daß er nun abreisen müsse. »Willst du schon fort?« fragte sie, anscheinend ganz ruhig. »Ich bin dir doch nur im Wege«, meinte er. »Du bist mir nicht im Wege«, antwortete sie. »Das Haus ist ja groß genug, und es gehört dir.« »Ja –«, sagte er und hob das Kinn. »Das steht so auf dem Papier. Aber ich bin doch ein Fremder drin.« »Hab' ich dich das fühlen lassen, Janis?« »Gewiß nicht – nein, wahrhaftig. Du bist sehr gut zu mir – und zu Ewe. Ich habe das gar nicht verdient. Aber es drückt mich doch, daß ich mich hier soll füttern lassen . . .« »Von dem Deinigen. Und für den Wirt, denke ich, gibt's immer zu tun. Aber wie du willst – ich halte dich nicht.« Er wartete noch acht Tage. Dann sagte er, als sie abends im Gärtchen unter den Birken saßen und das Kind im Grase spielte: »Der Ewe fehlt nichts. Sie hat eine Mutter und braucht keinen Vater.« »Sie hat einen Vater und braucht keine Mutter«, erwiderte Mare, »so ist's richtiger. Oder denkst du daran, wieder zu heiraten?« »Ja«, sagte er, sie offen anblickend, »in der letzten Zeit hab' ich daran gedacht.« Nun schien sie zu erschrecken. Die Stirn zog sich in Falten. »Ich kann ja jeden Tag das Haus verlassen«, bemerkte sie nach einer kleinen Weile mürrisch. »Aber die Ewe nehm' ich mit.« »Wer sagt denn, daß du aus dem Hause sollst?« fragte er verlegen lächelnd. »Ja, glaubst du denn, ich werde hier auch nur eine Stunde bleiben, wenn eine fremde Frau einzieht?« erwiderte sie bissig. »Es braucht ja aber keine fremde Frau zu sein – und überhaupt keine Frau, die einzieht.« Nun schwiegen sie beide einige Minuten lang. Dann nahm er ihre Hand und sagte: »Mein Bruder hat recht, ich bin ein Dummkopf, wenn ich nicht begreife, was das beste für mich ist. So jung wie ich bin, kann ich doch nicht unverheiratet bleiben wollen. Und das Grundstück ist nun einmal auf meinen Namen geschrieben, und zu dem Kinde bin ich der Vater. Daß ich mich auf dem Schiff strapaze und vom Kapitän ausschimpfen lasse, wenn ich's nicht nötig habe, hat keinen Sinn. Da ist's doch nur vernünftig, daß ich mich nach einer andern Frau umsehe, und die einzige, die nach alledem für mich paßt, brauch' ich nicht weit zu suchen. Ich weiß nicht, Mare, ob ich dir ganz zuwider geworden bin, weil ich damals die alte Kubillene nicht habe verstehen wollen. Aber du kennst ja den Grund. Dagegen kann man nichts; ob es zum Guten oder zum Schlimmen ausfällt, man muß es kommen lassen. Überlegung ist nicht dabei gewesen, sonst wär' vielleicht manches nicht geschehen. Ich sage nicht, daß mir's leid tut; aber jetzt ist's Zeit, verständig zu handeln. Und da wird doch wohl kein Zweifel sein, daß für das Grundstück und für das Kind und auch für mich nicht besser gesorgt sein kann, als wenn du dich entschließt, meine Frau zu werden, Mare. Wir sind ja auch von Jugend auf bekannt und haben immer freundlich miteinander verkehrt, bis . . . Na, rühren wir's nicht wieder auf.« Sie hatte diese lange Rede ohne sichtliche Bewegung angehört; nur daß die Augenwimpern mitunter schneller flimmerten und die Unterlippe sich ein wenig über die Zähne zog. Als er nun geendet hatte, glitt ein Lächeln stiller Befriedigung über die geröteten Wangen, das strenge Gesicht verschönend. »Übereile dich nicht, Janis«, sagte sie mit wärmerem Ton als vorhin. »Wenn dir eine andre besser gefällt – ich kann ja gehen.« »Nein«, rief er ermutigt, »dann geh' lieber ich, und es bleibt hier alles wie es ist. Du magst entscheiden.« »Laß mich's bis morgen bedenken«, sagte sie aufstehend. »Es scheint nichts entgegen zu sein, und zuwider bist du mir nicht. Aber ich will's doch ruhig bedenken können.« Am andern Tage ließ sie ihn dann durch ihren Vater wissen, daß sie einverstanden sei. Aus Freude über dieses glückliche Ereignis trank Lukatis sich sogleich einen kräftigen Rausch an. Die Brautleute stellten sich drüben bei Endrik Skwirblies vor, wo die Partie natürlich großen Beifall fand, und die Hochzeit wurde nun verabredet. Sie sollte schon über drei Wochen stattfinden und still gefeiert werden. Das wünschte Mare der Kosten wegen. »Es ist genug«, meinte sie, »wenn von einem Hof einmal ein großes Fest ausgerichtet ist. Wer da mitgegessen und mitgetrunken hat, darf sich nicht über unsern Geiz beschweren. Und sieht uns doch einer über die Achsel an, so acht' ich's nicht.« Sie fühlte sich ganz befriedigt, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Kränkung war vergessen, und die alte Neigung brach wieder hervor. Janis hatte in ihren Augen durch seine Werbung gutgemacht, was er gutmachen konnte. Katre stand nicht mehr im Wege. Und daß er mit ihr selbst nicht verliebtes Spiel trieb. wie damals mit der Schwester, sondern die Sache ganz ernst nahm und den Vorteil auf beiden Seiten verständig abwog, war durchaus nach ihrem Sinn. Es mochte ihr sogar lieb sein, daß der Gegensatz von damals und jetzt recht augenfällig wurde. Sie erwartete daher auch keine Beweise von Verliebtheit und war innerlich schon beglückt, wenn er ihr im Vorbeigehen freundlich zunickte oder ihre Hand nahm und sich abends nach vollbrachtem Tagewerk – auch er beteiligte sich jetzt eifrig bei der Arbeit – im Garten neben sie auf die Bank setzte und in ihrer Gesellschaft seine Pfeife rauchte. Mann und Frau brauchten nach ihrer Meinung nicht einmal soviel Rücksicht aufeinander zu nehmen und konnten doch im besten Verhältnis stehen. Auf ihr Äußeres verwendete Mare doch etwas mehr Aufmerksamkeit als bisher. Die dunkeln und matten Farben, die sie liebte, schienen jetzt nicht recht zu ihrer heiteren Stimmung passen zu wollen. Sie versuchte vor dem Spiegel, ob nicht auch ihr ein buntes Tüchelchen mit langen Fransen ein gefälligeres Aussehen geben möchte, und steckte die Zöpfe zierlicher auf. Dabei mußte sie unwillkürlich lachen, und nun war sie selbst überrascht, wie viel hübscher sie wurde, wenn ihr Gesicht den strengen Zug nicht festhielt. Es konnte ihr auch nicht entgehen, daß Janis dafür ein Auge hatte. Als er ihr freilich eine Schmeichelei sagte, schlug sie ihm mit der Hand auf den Mund. »So eine Frau bekommst du nicht, der das zu hören Spaß macht«, sagte sie. Es freute sie aber doch. Am festgesetzten Tage fand die Hochzeit statt. Nur die Nachbarn waren eingeladen. Der einzige Unzufriedene war der Knecht Matuttis; er mußte die Hoffnung aufgeben, sich in das Grundstück einzuheiraten. Über diese Verbindung hatte er so seine eigenen Gedanken. Wie er den Herrn und die Frau zu kennen meinte, konnte daraus nicht viel Kluges werden. Es ist eine Grube zugedeckt, räsonierte er innerlich, aber darauf zu treten, wollt' ich keinem raten. * Einige Monate verliefen ganz friedlich. Mare führte selbstverständlich das Regiment im Hause – nicht gerade mild, aber gerecht. Es erhielt jeder, was ihm zukam, nicht mehr und auch nicht weniger. Sie war jetzt die Wirtin aus eigenem Recht und hielt darauf, daß man sie dafür erkenne. So lustig wie bei der Vorgängerin ging's freilich nicht zu. Für Mare war jeder Wochentag ein Arbeitstag, und sie litt auch nicht, daß Janis müßig saß. Am Abend war man dann müde und ging früh zu Bett. Am Sonntag wurde regelmäßig die Kirche besucht, oft auch nachmittags noch eine Betstunde. Sie sah es ungern, wenn ihr Mann mit den andern Männern nach der Predigt in den Krug eintrat, und ließ sich selbst nicht bewegen, mitzukommen. Dafür wartete sie aber draußen auf dem Wagen, bis er zurückkehrte und mit ihr fuhr. Janis mußte sich deshalb oft hänseln lassen. »Wartet nur«, meinte er, »das ist nur so in der ersten Zeit. Es wird ihr bald langweilig werden.« Tanzlustbarkeiten mitzumachen war die junge Frau nun schon gar nicht zu bestimmen. Bei Hochzeiten und Kindtaufen blieb sie nicht gern bis tief in die Nacht hinein, und wenn Janis mehr trank, als sie für gut hielt, zupfte sie ihn an der Jacke. Es war nicht seine Art und Gewohnheit, jeden Augenblick Maß zu halten, und er fügte sich ärgerlich. Aber er fügte sich. Mare hatte etwas in ihrem Wesen, das Unterwerfung forderte: mit einem Wink, mit einem Wort zwang sie ihn. Katre hatte ihn auch gezwungen, aber auf andere Weise. Sie spielte mit ihm, und das war immer vergnüglich gewesen, so stand es wenigstens in seiner Erinnerung. Was Mare tat, war alles regelrecht und vernünftig; schalt sie, so hatte sie gewiß einen Grund, befahl sie, so konnte er nur zu seinem eigenen Schaden ungehorsam sein wollen. Sie tat ihm auch so viel Gutes, als sie ihm an den Augen absehen konnte. Nur fehlte die rechte Freundlichkeit, und die Stirn hatte sich längst wieder in Falten gelegt. Auch gegen die kleine Ewe wurde sie nun strenger. Es war richtig, das Kind zeigte, wie alle Kinder, in seinem vorschreitenden Alter Ungezogenheiten, gegen die mit Ernst eingeschritten werden mußte; jeder Verständige hätte es ihr verdacht, wenn sie zu nachlässig gewesen wäre. Aber ihre Zurechtweisungen hatten nicht mehr ganz den liebenswürdigen Ton von früher, und ihre Strafen waren vielleicht mitunter härter, als sie die Unart erforderte. Ewe war jetzt nicht mehr das unglückliche Geschöpfchen, das Vater und Mutter vernachlässigten. Sie hatte es nun gut. Und Mare selbst hatte es nun gut, war die Frau, die Wirtin. Es schien sich nach und nach ein stiefmütterlicher Geist zu regen und ihr Verhältnis zu dem Kinde zu beeinflussen. Solange sie allerdings der Neigung ihres Mannes sicher zu sein geglaubt hatte, war diese Sinnesänderung wenig merkbar geworden. In diesem Punkte blieb ihr aber gegen das Frühjahr hin eine bittere Erfahrung nicht erspart. Eines Tages fand sie, als sie unvermutet in die Kammer trat, in welcher Janis seine Lade mit den Matrosenkleidern stehen hatte, diesen in die Betrachtung irgendeines kleinen Gegenstandes vertieft, der die Form eines zusammengefalteten Briefes hatte. Sobald er sie bemerkte, warf er ihn, offenbar erschreckt, in das offene Behältnis zurück und schlug den Deckel zu. Auf ihre Frage, was er da treibe, gab er ausweichende Antwort. Die Kleider müßten einmal in die Sonne gehängt werden, sie verrotteten sonst ganz. Mare schwieg, war aber mißtrauisch gemacht. Sobald sie sich unbemerkt wußte, schlich sie wieder in die Kammer und öffnete die Lade. Da lag obenauf eine Photographie. Sie war in Königsberg aufgenommen und stellte Katre in ihrem litauischen Putz dar. Von dem Bild hatte Mare bisher nichts gewußt. Nun meinte sie den Grund zu kennen, weshalb Janis sich so gern in der Kammer aufhielt. Ihr hatte er das Bild verheimlicht, aber er selbst betrachtete es oft voll Sehnsucht nach dem entschwundenen Glück. Wie hübsch Katre aussah! Sie kam ihr auf dem Bilde noch verschönt vor. Eilig steckte sie es in die Tasche, um es später zu vernichten. Ein ächzender Laut entrang sich ihrer Brust. Selbst im Grabe ließ die Schwester ihr keine Ruhe. Janis vermißte bald das Bildchen, als er es besser verstecken wollte. Er zweifelte nicht, daß Mare es ihm entwendet hätte, vermied es aber, mit ihr darüber zu sprechen. Das brachte die Frau innerlich noch mehr gegen ihn auf. Auch sie schwieg jedoch. Sie brauchte nicht zu reden; er merkte an ihrer finsteren Miene, ihrem unmutigen Wesen, dem rauhen Ton ihrer Stimme, was in ihr vorging. Er wußte sich ihr gegenüber keiner Untreue schuldig. Aber mit seinem Denken und Träumen war er doch bei Katre. Er hatte sich's vom Schiff her so angewöhnt, in Zeiten, da er unbeschäftigt war, stundenlang vornübergebeugt dazusitzen und vor sich hin zu sehen oder mit seinem Taschenmesser von einem Stückchen Holz langsam einen Span um den andern abfliegen zu lassen, ohne irgendeine Figur schnitzen zu wollen, bis dann zuletzt auch der zu kurz gewordene Stumpf fortgeworfen wurde. Das geschah jetzt nur zu häufig so, und mancher stille Seufzer schien sagen zu wollen: Dahin – dahin! Dahin? Was nützt es, sich immer wieder in die Tage des leichtfertig genossenen Glücks zurückzuversetzen, die blauen Schelmenaugen lachen zu sehen, die helle Stimme zu hören, die weiße Hand am Kinn zu fühlen, die schmiegsame Gestalt auf dem Knie zu schaukeln? Einbildung, Einbildung. – Alles nur ein wacher Traum! Und doch . . . Für Mare gab es kaum etwas Verdrießlicheres, als ihn so untätig dasitzen zu sehen. Sie selbst mußte immer mit etwas Nützlichem beschäftigt sein. Ein Mensch, der stundenlang auf einer Stelle hocken und nichts tun konnte, war ihr verdächtig, irgendein Unheil zu brüten. Und nun meinte sie es zu kennen: er war mit Katre zusammen und beredete sich mit ihr, wie sie sich rächen könnten. Ihr abergläubischer Sinn gab ihr beängstigende Vorstellungen ein. Sie hatte das Bild verbrannt; nun war's, als ob Katre dafür Rechenschaft forderte, daß sie ihre Gestalt zerstört hatte. Sie erschien ihr in der Nacht, aber nicht ihrem Bilde ähnlich, sondern als ein dem Grabe entstiegenes häßliches Beingerippe, klapperte mit den dürren Knochen und rief ein »Wehe« über sie. Am nächsten Sonntag, früh vor der Kirche, ging sie auf den Friedhof, legte einen Kranz von Raute auf Katres Grab, kniete nieder und vergoß heiße Tränen. »Ich bitte dich, Schwester«, murmelte sie, »laß ab von mir. So lange du lebtest, bist du vom Geschick bevorzugt gewesen. Willst du auch jetzt im Grabe mit mir wetteifern? Ich habe dir Gutes getan, soviel ich konnte, und für dich gearbeitet, daß du fröhlich durchs Leben hüpfen konntest, und ich habe wenig Dank dafür gehabt. Warum verfolgst du mich nun, da du doch bei den Seligen bist und nichts mehr brauchst von dem wenigen, was mir gehört? Warum zürnst du mir, weil ich meinem Mann dein Bild nicht lassen wollte? Macht es ihn mir nicht abtrünnig? Was willst du noch von ihm? Weshalb nimmst du mir die Ruhe? Wahrlich, ich könnte dich beneiden um deine finstere Gruft und möchte lieber mit dir tauschen, als so fortleben in fortwährender Furcht, durch dich zu verlieren, was mir lieb ist. Ich bitte dich, Schwester, laß ab von mir!« Sie fühlte ein Stechen am Herzen, als ob eine spitze Nadel sich einbohrte. Und es wollte auch nicht vergehen während des Gesangs in der Kirche, und als Janis bei der Rückfahrt kein Wort sprach und nicht einmal fragte, wohin sie den Kranz getragen habe, war es ihr, als ob alles Blut langsam austropfe und ein brennender Durst sie verzehre. Der Sommer ging vorüber. Ihre Stimmung wurde immer düsterer. Hätte sie nur Janis um den Hals fallen und ihm sagen können, was sie quälte. Aber lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen. Nein! sie verschuldete nichts; er selbst mußte endlich ein Einsehen haben, daß er ihr bitteres Unrecht tat. Sie beobachtete ihn mit lauernden Blicken. Und ihre Eifersucht sah scharf. Wie kam's, daß er sich jetzt mit Ewe so viel beschäftigte? Wie kam's? Es war richtig, er bewies dem Kinde eine ganz ungewöhnliche Zärtlichkeit. Wo er es traf, zog er es an sich heran, nahm es auf den Arm, streichelte und küßte es, oder jagte sich mit ihm herum und trieb sonst allerhand Kurzweil mit ihm. Mare schüttelte mehr als einmal verwundert den Kopf. Was war denn vorgegangen? Er hatte die Kleine früher in fast kränkender Weise vernachlässigt. Was mochte sich an ihr verändert haben? Ah! das war das goldige Haar der Mutter – das waren ihre munteren blauen Augen! Janis kämmte ihr gern mit den Fingern die Löckchen von der Stirn, und wenn er ihren Kopf zwischen beide Hände nahm, ihn aufrichtete und sie so eigen ansah . . . Was hatte er dabei für Gedanken? Es waren nicht nur die Haare und die Augen. Wie hatte es Mare nur entgehen können, daß Ewe ihrer verstorbenen Mutter in allem so merkwürdig ähnelte? Sie dachte an deren Kinderzeit zurück und war erstaunt über die Entdeckung, daß Katre genau ebenso ausgesehen hatte. Das fingen nun auch die Nachbarn unaufgefordert zu bestätigen an, als sie das vierjährige Mädchen öfters zu Gesicht bekamen. Ganz die Katre, wie sie so klein war. Es ist zum Lachen! Mare war's nicht zum Lachen. Sie überzeugte sich, daß die Leute recht hatten. Nur zu sehr! Das war die Katre, wie sie als Kind gewesen war, und das mußte mit den Jahren die Katre werden, die Janis ihr vorgezogen hatte. Was nützte es ihr nun, daß sie das Bild vernichtet hatte? Lebendig stand Katre ihm täglich vor Augen – er streichelte ihr Haar, er küßte ihren Mund, er hielt ihre Hände. Wie konnte er je vergessen, was er verloren hatte? Seitdem empfand Mare einen Widerwillen gegen das Kind. Nicht nur ließ sie in ihrer Sorge und Pflege nach, sie schalt und schlug es auch wegen des geringsten Versehens. Mitunter riß sie es dem Vater fort und sagte: »Du verwöhnst das unartige Ding, und ich habe mit ihm hinterher meine liebe Not! Immer hast du eine Spielerei vor. Geh' an deine Arbeit! Der Knecht kann nicht alles allein tun.« Es schien sie zu befriedigen, wenn ihr Janis dann einen grimmigen Blick zuwarf und doch keinen Widerspruch wagte. Einmal, als Ewe einen irdenen Topf hatte fallen lassen und dafür nach seiner Meinung unbarmherzig gezüchtigt wurde, nahm er Mare den Stock aus der Hand und hob ihn gegen sie selbst auf. Die Augen brannten ihr in den Höhlen. »Schlage doch zu«, rief sie, »ich hab's ja auch um ihre Mutter verdient. Soll ich sie verwahrlosen lassen? Sie hat nicht nur das Gesicht von ihr geerbt.« Er schwieg und ging hinaus. Hätte Mare nur selbst ein Kind gehabt! Sie betete jeden Sonntag in der Kirche auf den Knien am Altar, Gott möchte ihr eines schenken, aber er erhörte sie nicht. Deshalb meinte sie ihrem Mann mit der Zeit ganz verhaßt werden zu müssen. Katre hatte Janis ein Kind hinterlassen, und dieses Vermächtnis mußte ihm mit jedem Tage teurer werden, der seine Hoffnung auf weiteren Kindersegen schmälerte. Nun erst wußte Mare, warum sie Katre im Grabe beneidete. Sie hätte ihrem Mann einen Sohn schenken können – das wäre ein Ausgleich gewesen! Nun war diese Aussicht im Schwinden. Sich zum Verderben hatte sie Ewe großgezogen! Über das, was Matuttis sah und hörte und mehr noch aus allerhand kleinen Merkzeichen herauswitterte, sprach er nicht. Aber er wendete auch Auge und Ohr nicht ab, wenn es etwas zu beobachten gab, sondern hob erst recht den Kopf und gab durch sein schlaues Grinsen zu verstehen, daß er seine Meinung habe. Mit dem Wirt stand er nicht auf bestem Fuße. So lange die Frau ihren Mann gut behandelte, hielt er sich freilich zurück und ließ es wenigstens nicht zu lautem Streit kommen. Seit dieser aber an ihr den Rückhalt verlor, zeigte er sich oft trotzig und übelgelaunt, führte seine Aufträge lässig aus oder gab ihm auch durch eine nichtachtende Äußerung zu erkennen, wie wenig er von ihm halte. Janis ärgerte sich darüber. »Wenn es dir in meinem Dienst nicht gefällt, kannst du dir jederzeit einen andern suchen«, sagte er einmal. »Da hat doch die Frau auch noch ein Wort mitzureden«, antwortete Matuttis höhnisch. Mare war dabei. Gegen sie änderte sich das Benehmen des Knechtes in anderer Weise. Er näherte sich ihr wieder zutraulicher und sprach mit ihr in freierem Ton, als ob er sich jetzt schon etwas erlauben dürfe. Manchmal sah er sie mit so verliebten Augen an, daß sie unwillkürlich rot wurde. Eines Tages, als sie beim Haferausmessen in der Klete allein waren, äußerte er dreist: »Du tust mir leid, Frau.« »Weshalb?« fragte sie, überrascht aufblickend. »Hm! – mit so einem Mann ist schlecht wirtschaften«, meinte er. Sie schwieg. »Du hast es freilich vorauswissen können«, fuhr er fort. »Aber was einer nicht sehen will, das sieht er nicht, und wenn man ihn mit der Nase darauf stößt. Du hättest ihn wieder aufs Schiff gehen lassen sollen. Damals wär' er mit einer Kleinigkeit abzufinden gewesen, und für die Ewe hättest du aus gutem Herzen gesorgt, auch wenn du mit einem andern vor den Altar getreten wärst.« »Das wohl«, murmelte sie. »Du weißt, auf wen du rechnen konntest«, grinste er. »Davon sprich nun gar nicht«, entgegnete sie scharf abweisend. »Was geschehen ist, ist geschehen und hat so geschehen sollen. Es wär' auch alles gut, wenn . . .« »Wenn?« Sie wischte sich eine Träne von der Wange fort und preßte die schmalen Lippen zusammen. »Es ist also nicht alles gut«, bemerkte er, »das wollt' ich nur hören.« Mare schüttelte schwermütig den Kopf. Sie dachte an Janis und was zwischen ihnen stand. »Meine Meinung ist aber noch dieselbe«, sagte Matuttis, lud den Sack auf und ging nach dem Stall. Die Frau schloß seufzend die Tür der Klete zu. In den nächsten Tagen ging sie im Hause herum wie ein böser Geist, obgleich niemand ihr etwas zuleide getan hatte. Ganz gegen ihre Gewohnheit war sie unstet bei der Arbeit, versäumte die Zeit, ließ das Essen anbrennen. Sie sah recht übel aus und hatte blaue Ränder um die Augen, die bald starr auf einen Punkt blickten, bald wieder unruhig in alle Winkel spähten. Abends las sie viel in ihrer litauischen Bibel und seufzte dabei oft recht aus tiefstem Herzen. Sie legte das heilige Buch auch unter ihr Kopfkissen, aber am Morgen schien sie nicht gestärkt zu erwachen. Es mußte in ihrem Gedankengetriebe etwas in Unordnung geraten sein, das kein Beten und Arbeiten wieder in Ordnung zu bringen vermochte. Eines Morgens, als Matuttis nach dem Kartoffelacker gegangen war, bemerkte er unterwegs, daß er seinen Tabak vergessen hatte. Er kehrte um. Als er in seine Kammer trat, die ein Verschlag innerhalb des Stalles bildete und durch ein hochangebrachtes kleines Fenster erhellt wurde, fand er zu seiner größten Überraschung die Skwirblene darin. »Mare«, rief er, »du –?« Sie erschrak sichtlich und verbarg etwas unter der breiten Schürze. »Ja, ich . . .«, sagte sie. »Du hier?« »Warum nicht?« »In meiner Kammer –« »Du warst ja aufs Feld gegangen.« »Was tust du hier?« »Ich suche etwas –« »Ich habe dir nichts fortgenommen.« »Nein, das ist wahr.« »Also?« »Es konnte doch durch Zufall . . .« »Hast du's gefunden?« »Nein – du kamst gleich nach mir herein. Ich habe von deinen Sachen nichts angefaßt.« Matuttis sah flüchtig umher. Sie schien recht zu haben, doch wiegte er bedenklich den Kopf und hüstelte leise. Er stand in der Tür, trat nun einen kleinen Schritt vor und zog sie hinter sich zu. Die Frau wollte an ihm vorbei. Er breitete aber die Arme aus und zischelte: »So lasse ich dich nicht hinaus – du mußt Zoll zahlen.« »Laß mich gehen«, befahl sie. »Was willst du von mir?« »Einen Kuß zum mindesten.« Sie suchte ihn fortzuschieben. »Ich rufe Janis.« Matuttis lachte. »Der wird sich wundern, dich in meiner Kammer zu finden. Aber er hört dich auch nicht. Ich sah ihn vor mir aufs Feld gehen.« »Du darfst keinem Menschen sagen, daß du mich hier getroffen hast.« »Das will ich auch nicht. Aber . . .« Er umfaßte sie und zog sie an sich. Sie sträubte sich und wendete das Gesicht ab. Es entstand ein Ringen, bei dem sie nicht alle Kraft zum Widerstande einsetzen konnte, da sie die rechte Hand unter der Schürze versteckt hielt. Endlich stieß sie ihn doch mit der Schulter zurück und trat aus der Tür. »Du bist ein Unverschämter«, sagte sie und eilte fort. Matuttis blieb noch eine Weile in der Kammer. Er war sehr aufgeregt, atmete pustend und suchte mit den Augen herum, ob Mare vielleicht etwas für ihn zurückgelassen hätte, was er finden sollte, ohne zu wissen, von wem es käme. Was wollte sie in seiner Kammer? Verschiedene Gegenstände hob er auf und stellte sie wieder hin. Zuletzt griff er auch mit der Hand auf das hohe Fensterbrett. Es stand da ein Pappschächtelchen. Er nahm es herab und blickte hinein. Es war leer. »Ah so –«, murmelte er. Sein ganzes Gesicht grinste und die Augen schielten über einen nahen Punkt hin. »Wohl bekomm's;« – Kurz nach diesem Vorfall fing die kleine Ewe zu kränkeln an. Ihre Haut wurde schlaff und farblos, aus den Lippen wich alles Blut, die Beinchen versagten ihr den Dienst und das Köpfchen hing matt herab. Sie greinte viel, schleppte sich von einem Stuhle zum andern, wies das Essen zurück und wollte endlich nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Auch hatte sie ein häufiges Aufstoßen und in der Nacht gar Erbrechen. Mare zeigte sich sehr besorgt um sie, nahm sie auf den Schoß, streichelte ihr Haar und drückte das Köpfchen an ihre Brust. Sie gab ihr Schmeichelnamen, die das Kind schon lange nicht gehört hatte. Keine zärtliche Mutter konnte ihren kranken Liebling treuer und mitleidiger pflegen. Die Augen standen ihr immer voll Wasser. »Ach, du armes, armes Würmchen«, jammerte sie, »wie schwer mußt du leiden? Hätte dich der liebe Gott nicht zu sich nehmen können, als du damals so elend und verlassen warst? Dann wär' all diese Not nicht gekommen.« Janis, der viel dabei stand und sie mit sichtlicher Bewegung beobachtete, sagte: »Du bist gut mit dem Kinde, Mare, das will ich dir nicht vergessen.« Sie heuchelte nicht. Aufrichtiges Mitleid erfaßte sie, wenn die Kleine sich vor Schmerzen in den Eingeweiden krümmte und flehend die blauen Augen zu ihr aufschlug. Sie sah nicht mehr ihrer Schwester Ebenbild, das sie mit so schweren Befürchtungen erfüllt hatte. Bald verzerrten sich auch die Füße, krampfhafte Zuckungen stellten sich ein. Es war, als ob das goldige Haar in der Kopfhaut keinen festen Boden mehr hätte; kämmte Mare es mit den Fingern, so blieb es an ihnen hängen. Die Nachbarn wurden herbeigerufen, schüttelten die Köpfe und gaben mancherlei gute Ratschläge, die auch befolgt wurden. Daß nach dem Arzt geschickt werden müsse, schien keinem einzufallen, diesmal auch Mare nicht. Auf dem Lande besinnt man sich lange, bis man zu diesem letzten Mittel greift. »Wenn der liebe Gott helfen will, kann er's auch so.« Der liebe Gott wollte nicht helfen. Mare wachte die ganze Nacht am Bett, wärmte eiserne Stürzen und legte sie dem kranken Kinde auf den Leib oder flößte ihm Tee ein, den es doch mit Widerwillen hinunterschluckte. Nach einem sehr heftigen Krampfanfall kam Ewe nicht mehr zu sich. Gegen Morgen hatte ihre Qual ein Ende. Nun fuhr Janis nach dem Marktflecken, den Todesfall zu melden, und vom Tischler einen Sarg zu holen. Mare fuhr mit, sie suchte den hübschesten und teuersten aus mit blanken Beschlägen ringsum. Sie ging auch in den Laden und kaufte weißen Musselin zu einem langen Kleidchen, und das breiteste Seidenband, das sie finden konnte, dazu künstliche Blumen, wie sie die deutschen Frauen auf den Hüten trugen. »Ich kann mir's denken, wie dir's zu Herzen geht«, sagte die Frau des Krügers, die zugleich den Kramladen hatte, »es weiß ja jedermann, daß du das Kind lieber gehabt hast, als die eigene Mutter. Gott wird dir's vergelten, was du an ihm getan.« Zu Hause putzte Mare dann die kleine Leiche aus, daß sie wie ein schlafender Engel aussah. Um den Leib schlang sie zweimal das Seidenband und knüpfte es zu einer großen Schleife zusammen. Die Blumen steckte sie hinein. Dabei weinte sie unaufhörlich und murmelte Gebete. Als der Sargdeckel aufgelegt wurde, jammerte sie laut: »Ach – ach – ach! wir werden sie nicht wiedersehen.« Janis fuhr den Sarg auf den Kirchhof, der auf einem sandigen Hügel angelegt war, und senkte ihn mit Hilfe des Totengräbers neben Katres Grab ein. Er kehrte dann sogleich nach Hause zurück, während Lukatis die Nachbarn, die am Begräbnis geholfen hatten, nach dem Krug führte und mit Branntwein bewirtete. Es war ein kalter, stürmischer Herbsttag, und die innerliche Erwärmung tat allen wohl, am wohlsten ihm selbst. Matuttis war nicht dabei, er saß auf der Ofenbank und rauchte seine Pfeife. Als Mare an ihm vorbei nach dem Flur ging, zupfte er sie an dem Rock und sagte. »Ich habe mich geirrt.« Sie blieb erschreckt stehen und starrte ihn verwundert an. »Worin?« »Hm – ich meinte, es wär' einem andern zugedacht gewesen.« »Was?« »Man braucht's ja nicht gleich auszuschreien. Aber vergiß nicht, daß ich darum weiß.« Sie warf stolz den Kopf zurück. »Ich verstehe dich nicht.« Matuttis blinzelte ihr mit lüsternen Augen nach. * Es hatte wirklich den Anschein, als würde das Verhältnis unter den Eheleuten freundlicher, nachdem das letzte sichtbare Andenken an Katre nicht mehr störend einwirkte. Es war, als ob Janis jetzt erst recht begriffe, was er an seiner Frau habe, oder jetzt erst für Dankbarkeit empfänglich würde. Mare war auch in ihrem Wesen merklich verändert, als ob sie nun zur Einsicht gekommen wäre, wie sie ihrem Manne gefallen könne. Sie schonte ihre Hände und strich die Falten aus der Stirn, zog gern ihre besten Kleider an und konnte ganz anmutig lächeln, wenn er ihr etwas Schmeichelhaftes sagte. In der Wirtschaft war sie tätiger als je, aber sie behielt doch allemal für ihn Zeit, wenn er sie für sich allein zu haben wünschte. Sie weigerte sich im Winter nicht einmal, mit ihm zu Lustbarkeiten nach den umliegenden großen Dörfern zu fahren, und putzte sich dazu vor dem Spiegel wie ein rechtes Weltkind. Sie tanzte die Nächte durch und begleitete sogar ihren Mann nach dem Sonntagsgottesdienst in den Krug. Selbst singen konnte man sie hören, so rauh auch ihre Stimme klang. Erst jetzt schien das Leben für sie zu beginnen. Jurgis Matuttis bemühte sich immer vergeblicher um ihre Gunst. Lange wollte er sich nicht überzeugen, daß das Einverständnis unter den Eheleuten ein aufrichtiges bei beiden Teilen sei. Er tröstete sich, Mare wolle ihren Mann nur in Sicherheit wiegen. Als er aber zudringlicher wurde, wies sie ihn so streng zurück, daß er bedenklich werden mußte, ob er auf geradem Wege zum Ziele kommen könne. Er versuchte, sie einzuschüchtern, aber sie wendete ihm verächtlich den Rücken zu. Nun wurde er unvorsichtig. Janis mußte endlich merken, daß er seiner Frau nachstelle. Es kam zu Zank und Streit, endlich zu einer Prügelei. Jurgis flog aus der Stalltür. »Da du nun einmal draußen bist«, sagte der Wirt, »so magst du auch draußen bleiben. Suche dir einen andern Dienst.« »Es soll dir noch leid tun«, drohte der Knecht, den die Matrosenfäuste übel zugerichtet hatten. – Nach einiger Zeit verbreitete sich das wunderliche Gerücht, die kleine Ewe Skwirblies habe Gift bekommen und sei daran gestorben. Niemand wollte ihm Glauben schenken, aber jeder trug es weiter. Wer sollte denn dem Kinde Gift gegeben haben? Die Stiefmutter? Das war von einer Stiefmutter wohl denkbar. Aber auch von dieser? Unmöglich. Mare hatte das Kind geliebt wie ihr eigenes. Es mußte sich da einer, der nichts Besseres zu tun hatte, eine Schauergeschichte zusammengereimt haben. Jawohl – das Kind war frisch und gesund gewesen, »blühend wie eine Rosenknospe«, und ganz plötzlich erkrankt und überraschend schnell gestorben. Wer von den Nachbarn hat es denn in seiner Krankheit gesehen? Ach – der und der. Nun? Ja, das Kind sah jämmerlich aus – und vom Magen her kam's, daran konnte kein Zweifel sein. Die Kleine mußte etwas gegessen haben – wie denn Kinder so unverständig sind. Aber die Mare . . . Kein Gedanke! Das Gerücht wollte sich aber nicht den Mund verbieten lassen. Es drang auch in das Gerichtshaus ein. »Ermanuk«, d. i. Hermannchen, wie die Litauer den alten Sekretär und Dolmetscher nannten, erfuhr davon. Nun wußte es auch bald der Herr Kreisrichter. »Sicher wieder ein dummes Gerede«, meinte er, »die Altsitzer und Stiefkinder sterben hier alle an Gift.« Dann wurde aber eines Tages ein Brief abgegeben, der eine Denunziation in litauischer Sprache enthielt. Es fehlte die Unterschrift, aber es war der Knecht Jurgis Matuttis als Zeuge benannt. Was er wissen sollte, schien so schwer belastend, daß seine Vernehmung beschlossen werden mußte. Er wurde vorgeladen. Matuttis erzählte von dem Besuch der Wirtsfrau in seiner Stallkammer. »Wie hat das nun aber Zusammenhang mit dem Todesfall?« fragte der Richter. »Ich sage nur, was ich weiß, Herr«, antwortete der Litauer. »Und was weißt du?« »Als die Frau fortgegangen war, sah ich nach, ob etwas fehlte.« »Und fehlte etwas?« »Ja, es war nicht mehr da.« »Was?« »Ein Papier, das in einer kleinen Pappschachtel auf dem Fensterbrett gelegen hatte.« »Was war das für ein Papier?« »Es war ein gelbliches Papier, auf dem etwas geschrieben stand.« »Was stand darauf geschrieben?« »Das kann ich nicht wissen, Herr.« »Kannst du nicht Geschriebenes lesen?« »Ja, aber dies hatten die Juden geschrieben.« »Welche Juden?« »Ich weiß nicht. Aber es war die Schrift, wie die russischen Juden zu schreiben pflegen.« »Und was befand sich in dem Papier?« »Arsenik.« »Arsenik?« »Ja – ich gab den Pferden davon. Es schadet ihnen nicht und sie bekommen ein glattes Fell.« »Wie warst du dazu gelangt?« »Ein russischer Jude hat mir's vor langer Zeit verkauft. Es war nicht mehr viel in dem Papier geblieben.« »Und die Skwirblene wußte davon?« Matuttis verzog den Mund. »Was wird sie nicht davon gewußt haben?« »Das ist doch noch nicht so sicher. Hast du es ihr gesagt?« »Nein, aber es ist davon gesprochen worden.« »Und das Papier mit seinem Inhalt befand sich vor dem Besuch der Frau in dem Pappschächtelchen?« »Wer soll es fortgenommen haben?« »Das kann ich dir nicht sagen. Hast du aber kurz vorher nachgesehen?« »Nein, das nicht.« »Wie willst du da behaupten, daß die Skwirblene das Papier mitgenommen habe?« »Es fehlte doch.« »Das ist kein Grund.« »Aber ich habe das Papier tags darauf wiedergefunden.« »Ah! Und wo?« »Hinter dem Bett in der großen Stube. Ich sah da etwas Helles liegen und hob es auf. Es war das Papier.« »Und das Arsenik –?« »War nicht mehr darin.« Er griff mit den Fingern in seine Westentasche. »Dies ist das Papier.« Damit war nun allerdings eine Kette hergestellt, deren Glieder ineinandergriffen. Eine Voruntersuchung schien unvermeidlich zu werden. »Tun wir denn sogleich das einzige«, äußerte der Richter zum alten Sekretär, »was wenigstens die Gewißheit geben kann, daß das Kind überhaupt an Gift gestorben ist; graben wir die Leiche aus!« »Die liegt seit fünf Monaten unter der Erde.« »Und wären's fünf Jahre! Arsenik ist ein Gift, dessen Spur die Zeit nicht tilgt. Findet sich nichts davon im Sarge, so wär's unrecht, die arme Frau weiter zu behelligen.« Die gerichtlichen Sachverständigen, der Kreisphysikus und der Apotheker wurden nach Lukatellen bestellt. Der Richter und sein Protokollführer begaben sich zu Wagen ebenfalls, ein paar Stunden früher, dahin, um zunächst auch die Nachbarn als Zeugen zu vernehmen. Es war ein Tag zu Anfang des April, der Himmel voll Wolken, das Wetter kühl; von Zeit zu Zeit ging ein Regenschauer nieder, dann schien wieder minutenlang die Sonne. Auf den Wegen lag nicht mehr der Schnee, aber große Pfützen mußten durchfahren werden, und die Räder sanken mitunter so tief ein, daß die Pferde sie nur mit größter Anstrengung herausziehen konnten. Das Geheimnis war gut bewahrt. Als die Kommission im Dorf anlangte, ahnte dort niemand, was im Werke sei. Der Richter legte Gewicht darauf, die Wirtsfrau zu überraschen. Sobald er in die Stube getreten war, ging er auf sie zu und sagte: »Im Herbst ist deine Stieftochter gestorben, die Ewe.« Mare sah ihn etwas überrascht mit großen Augen an. »Ja, Herr«, antwortete sie. »Kommt ihr deshalb?« »Woran ist das Kind gestorben?« »Das kann ich nicht wissen, Herr.« »Ist ein Arzt zugezogen worden?« »Nein, Herr – es ging zu schnell.« »Es ist sehr schnell gegangen, wie ich höre. Weißt du, was man behauptet? Das Kind soll Gift bekommen haben.« Er sah sie dabei scharf an. Ihre Stirn zuckte aber nur kaum merklich, und einen Augenblick schien's als ob ihre Wimpern flimmerten. Jedenfalls fand sie sogleich ihre Ruhe wieder. »Von wem?« fragte sie, echt litauisch alle Zwischenglieder überspringend. »Pah! von wem?« Das verwirrte den Richter. »Hältst du es denn für möglich, daß das Kind an Gift gestorben ist?« »Das kann ich doch nicht wissen, Herr«, sagte sie. »Möglich ist alles.« »Aber man beschuldigt dich selbst, es dem Kinde beigebracht zu haben.« »Wer?« »Das ist für jetzt gleichgültig. Hast du es getan?« Sie senkte den Kopf und lächelte. »Ach, ich –?« Der Richter drang nicht weiter in sie. Janis kam aus dem Stall und schlug Lärm. Was die Herren wollten? Sie brächten ohne allen Grund sein Haus in Unehre. Wie man seiner Frau so etwas nachsagen könne! Sie habe das Kind liebgehabt. Auch Lukatis trat ein, stark angetrunken. »Ich hab' schon im Krug solche Reden gehört«, rief er. »Das muß ein Spitzbube sich ausgesonnen haben. Es kann kein anderer gewesen sein als der Matuttis.« »Weshalb der Matuttis?« erkundigte sich der Richter. »Weil Janis ihn aus dem Dienst fortgejagt hat. Er nimmt dafür Rache.« »Ja«, bestätigte der Wirt, »er hat der Mare nachgestellt, meiner Frau. Dafür hab' ich ihn durchgeprügelt.« »Es wird sich ja finden«, meinte der Richter, der nicht verkannte, daß der Hauptzeuge schon verdächtig zu werden anfange. Er gab die Absicht kund, Zeugen zu vernehmen. Lukatis erbot sich sogleich, die Nachbarn zusammenzurufen, und lief auch fort. Nach einer Viertelstunde war schon vor dem Hause und im Flure das ganze Dorf versammelt. Alle Personen, die das Kind in der Krankheit gesehen hatten, wurden verhört. Als die Sachverständigen eingetroffen waren, begab man sich zur Ausgrabung der Leiche nach dem Kirchhof. Das Grab wurde festgestellt. Es war noch nicht einmal ein ordentlicher Hügel darüber aufgeworfen. Lukatis und Skwirblies hatten Spaten mitgenommen und hoben den Sand aus. Männer, Frauen und Kinder standen im Kreise herum, alle mit neugieriger Scheu in die Grube blickend. Sie hatten es noch nicht erlebt, daß eine Leiche ausgegraben wurde. Sie achteten nicht darauf, daß jetzt eben der Regen in Strömen niederging und ein eisiger Wind über den Hügel hinfegte. Endlich stießen die Spaten auf den Deckel. Die Männer nahmen die Hüte und Mützen ab und beteten. Der kleine Sarg wurde herausgehoben. Er war noch unversehrt. Der Richter ließ ihn auf einen Wagen setzen und nach dem Hause fahren. Dort wurde er geöffnet. Mare stand dabei. Die hellen Tränen liefen ihr über die Wangen, aber sonst gab sie kein Zeichen der Schwäche. Der Anblick war ein trauriger; auch die andern Frauen weinten und jammerten. Ein entsetzlicher Geruch drang aus der Holzkiste und erfüllte den Raum. Was darin lag, war kaum noch eine menschliche Gestalt zu nennen. Der Kopf mit den langen Haaren war von dem Kissen hinabgesunken, das Gesicht nicht mehr kenntlich. Das lange weiße Gewand, schon so zerrottet, daß es sich nur stückweise abheben ließ, bedeckte eine weiche, modrige Masse. Aber das Seidenband, jetzt ganz weiß abgeblichen, legte sich mit der großen Schleife über den tief eingesunkenen Leib, und die künstlichen Blumen, wenn auch jetzt ebenfalls fast farblos, steckten darunter. An eine Sektion der Leiche war nicht zu denken. Der Kreisphysikus ließ sich einen irdenen Topf geben und tat die noch vorhandenen Körperreste zugleich mit Fetzen Musselin, dem Bande und den künstlichen Blumen hinein. Der Topf wurde hierauf geschlossen und versiegelt. Der Kreisphysikus wollte ihn nach der Stadt mitnehmen und den Inhalt von einem Chemiker untersuchen lassen. Heute, meinte er, könne nichts weiter geschehen. Die Kommission entfernte sich sodann, es den Dorfleuten überlassend, den Sarg unter dem Absingen geistlicher Lieder wieder einzugraben. Vierzehn Tage vergingen. Dann erschien der Gendarm in Lukatellen, trat bei Skwirblies ein, zeigte einen schriftlichen Befehl vor und sagte: »Du mußt mich begleiten, Frau. Ich habe dich zu verhaften und im Gefängnis abzuliefern. Versorge dich aber gut mit Kleidern und Wäsche – es kann da eine Weile dauern.« Die Männer erhoben ein Geschrei darüber. Mare war aber ganz still und eine Weile wie versteinert. Ihr Gesicht war kreidebleich und die dunklen Augen rollten unruhig. Sie zitterte jedoch nicht und packte dann auch mit aller Sorgfalt eine Lade mit Sachen. Einen guten Rock und eine blaue Tuchjacke zog sie über und neue Schnürstiefel auf die Füße. Um den Kopf band sie ein Tuch von schwarzer Wolle, die langen Zipfel hinten verknotend. Sie sah aus wie eine sehr ordentliche und saubere Frau, die zur Kirche oder auf Besuch fährt. Janis hatte das Fuhrwerk angespannt und die Peitsche in die Hand genommen. Er wollte seine Frau selbst nach der Stadt bringen. Der Gendarm hatte nichts dagegen einzuwenden. Die Nachbarn waren zusammengelaufen. Mare stand, bis alles zur Abfahrt bereit war, auf dem Hof, mit der Schulter gegen die Wand des Hauses gelehnt. Einer nach dem andern trat an sie heran, drückte ihr schweigend die Hand und küßte sie. Vielleicht hätten sie das auch getan, wenn sie von ihrer Schuld überzeugt gewesen wären –, sie war ja noch nicht verurteilt. Aber von ihren Gesichtern ließ sich doch ablesen, daß sie ihr vertrauten und dieser Tat nicht fähig hielten. Sie war dem Kinde so gut gewesen! Der Herr Staatsanwalt hatte keine so günstige Meinung. Durch den Chemiker waren aus der untersuchten Masse vier Gramm Arsenik herausfiltriert und gekocht worden, und der Kreisphysikus erklärte dieses Maß für ausreichend, die tödliche Vergiftung eines so jungen Kindes herbeizuführen. Die Anklage wurde deshalb erhoben. Janis fuhr zum Rechtsanwalt Schulz, der als der beste Verteidiger vor den Schwurgerichten galt. Er steckte alles Geld ein, das Mare erspart hatte, und lud auch noch das entbehrliche Getreide zum Verkauf auf, um ihm eine stattliche Summe auf den Tisch zählen zu können. Es verstand sich für ihn von selbst, daß der Mann sich der Belohnung entsprechend Mühe geben werde. Er erreichte jedenfalls soviel, daß der Anwalt die Akten sehr genau studierte. Am bestimmten Tage war der Saal des Schwurgerichts dicht gefüllt. Aus Lukatellen und der Umgegend waren viele Personen als Zeugen eingetroffen, andere als Zuschauer. Als Mare auf der Anklagebank erschien, lief ein Gemurmel des Bedauerns um; der Präsident ließ die Glocke ertönen. Mare sah finster vor sich hin und beantwortete die an sie gerichteten Fragen immer nur mürrisch mit wenigen Worden. Die Tat bestritt sie, aber nur widerwillig, mit einer ausweichenden Redewendung; man konnte den Eindruck gewinnen, daß sie sich durch eine so ungeheuerliche Beschuldigung gekränkt fühle. In der Kammer des Knechtes gewesen zu sein, gab sie zu. Sie habe nachsehen wollen, ob sein Bett in Ordnung sei, sagte sie. »Ich konnte doch nicht wissen«, fügte sie hinzu, »daß er sobald vom Felde zurückkommen würde.« Matuttis war der Hauptzeuge der Anklage. Er nahm alles, was er aussagte, mit freier Stirn auf seinen Eid. Die Aufgabe des Verteidigers war's, ihn in die Enge zu treiben und als einen ganz unglaubwürdigen Menschen darzustellen. Dafür fehlte es nicht an Anhalt. Er mußte zugeben, daß er gehofft habe, Mare werde ihn zum Mann nehmen und ihm das Grundstück zubringen, daß er der Frau Anträge gemacht habe, mit Janis in Streit geraten und von ihm des Dienstes ganz plötzlich entlassen worden sei. »Aber ich sage die Wahrheit«, rief er. Es stand dahin, ob die Geschworenen ihm glaubten. Dann wurden Zeugen vernommen, die das Kind in der Krankheit und bis kurz vor dem Tode beobachtet hatten. Die von ihnen bekundeten Erscheinungen stimmten nach dem Gutachten der Sachverständigen mit dem Befunde überein. Nun aber führte der Verteidiger eine andere Reihe von Zeugen vor, die mit wärmsten Lobeserhebungen bestätigten, wie mütterlich Mare von der Geburt des Kindes an für dasselbe gesorgt, wie sie allein ihm gerade das Leben erhalten habe. Wie sollte sie dem unschuldigen Würmchen Gift eingegeben haben! Mare schluchzte laut in ihre Hände hinein. Die Stimmung schien ihr nicht ungünstig. Nun stand aber doch fest, daß im Leibe des toten Kindes Arsenik aufgefunden worden. Wie sollte das Gift dorthin gekommen sein? Sprach auch nur eine entfernte Vermutung für einen andern Täter? Es war ferner festgestellt, daß die kleine Ewe selbst zu der Pappschachtel auf dem Fensterbrett nicht hatte gelangen können. Arsenik sollte sonst nicht im Hause gewesen sein. Die Gesichter der Geschworenen wurden wieder lang. Da spielte nun Rechtsanwalt Schulz einen Trumpf aus, den er bis jetzt versteckt gehalten hatte. »Wir haben heute viel von dem seidenen Bande sprechen hören, mit dem die kleine Leiche gegürtet wurde. Es war dem Kinde um den Leib gelegt. Das Band ist denn auch, wie das Protokoll beweist, mit den Körperresten zugleich in den Topf eingesiegelt und von den Herren Sachverständigen später nach sehr sorgfältiger Reinigung dem Gericht übergeben worden. Es liegt dort auf dem Gerichtstisch.« Der Präsident bestätigte dies und überreichte es ihm. Der Anwalt faßte es an einem Ende und ließ es ausflattern. »Sie sehen«, fuhr er fort, »es hat die ganz ansehnliche Länge von gewiß zwei Metern und mehr als Handbreite. Es scheint von weißer Farbe gewesen zu sein.« »Nein, grün«, riefen wohl zehn Stimmen zugleich aus dem Zeugenraum. »Grün also. Ganz richtig. Und ich bin auch in der günstigen Lage, beweisen zu können, daß das Band wirklich von schöner, glänzend grüner Farbe war. Die Krügerfrau, von der es gekauft worden, ist zur Stelle. Ich gebe ihre Vernehmung anheim.« »Und was soll daraus hergeleitet werden?« fragte der Staatsanwalt. »Ich behaupte«, fuhr der Verteidiger fort, »daß das Grün, welches als Färbemittel dient, stark arsenikhaltig ist. Jedermann ist bekannt, daß von Zeit zu Zeit immer wieder Warnungen ergehen, die Zimmer grün tapezieren zu lassen, grüne Ballkleider zu tragen, Kindern grüngestrichene Spielsachen in die Hand zu geben. Es steht fest, daß in unserem Fall die grüne Farbe vollständig ausgelaugt ist, sich mit den modernden Körperteilen, die das Band umgab, vereinigt hat. Vier Gramm Arsenik sind in den Leichenresten vorgefunden worden. Ich berufe mich auf das Gutachten des Herrn Sachverständigen, daß in einem grünen Bande von dieser Länge und Breite nach bekannten Erfahrungen sehr wohl vier Gramm Arsenik enthalten sein können.« Die Sachverständigen gaben diese Möglichkeit zu. Im Zuschauerraum entstand eine Bewegung, als ob die Menge von einem schweren Druck aufatmete. Die Sache hatte eine für alle höchst überraschende Wendung genommen. Der Staatsanwalt gab sie schon verloren und faßte eigentlich nur kurz zusammen, was von belastendem Beweismaterial übriggeblieben war. Obgleich er die Möglichkeit nicht bestreiten könne, daß der aufgefundene Giftstoff von der Farbe des Bandes herrühre, bleibe er doch überzeugt, daß die Angeklagte die Täterin sei. Rechtsanwalt Schulz hielt eine seiner glänzendsten Reden, deren sich mancher noch heut' erinnern wird, ebenso überzeugt, daß die arme Frau zu unrecht beschuldigt sei. Er schilderte mit wärmsten Worten die Opferwilligkeit Mares für ihrer Schwester Kind. Was sollte plötzlich ihren Sinn gewandt haben? Es sei nicht Aufgabe der Geschworenen, psychologische Rätsel zu lösen. Die Möglichkeit, daß das Band die unschuldige Ursache des so verdächtig scheinenden Leichenbefundes sei, bedeute hier die Gewißheit, daß eine Verurteilung wegen Mordes nicht ausgesprochen werden dürfe. Schon nach kurzer Zeit kehrten die Geschworenen aus ihrem Beratungszimmer zurück. Der Obmann verkündigte unter lautloser Stille der Menge ein »Nichtschuldig«. Der Gerichtshof sprach die Angeklagte frei und entließ sie sofort aus der Haft. Mare hatte den ganzen Vorgang mit mehr und mehr gespannter Verwunderung verfolgt. Sie sprach kein Wort und legte mitunter den Finger auf die Lippen, sie gegen die Zähne drückend. Auch jetzt, als Janis zusprang, die Tür der hölzernen Einfassung um die Anklagebank aufriß, sie stürmisch umarmte und hinauszog, als dann die Nachbarn alle zu ihr herantraten und mit lauten Äußerungen der Freude über diesen Ausfall des Prozesses sie küßten und streichelten, war sie wie erstarrt und gänzlich geistesabwesend. Sie weinte nicht, sie lachte nicht, sie antwortete auf keine Fragen, sie drückte Janis nicht einmal die Hand. Während man sie durch die auf der Treppe angesammelten Zuschauer hinaus auf die Straße führte und auf den Wagen setzte, schien sie gar nicht zu wissen, was mit ihr vorging. Diese dumpfe Stimmung hielt auch zu Hause an. Sie übernahm sofort wieder die gewohnte Arbeit und verrichtete sie mit peinlicher Sorgfalt. Aber sie sprach nur das Notdürftigste, alle ihre Bewegungen waren die einer Schlafwandlerin, ihr Gesicht blieb starr, und die Augen schienen wie erloschen. Janis begegnete ihr aufs freundlichste und liebevollste, bei seiner Berührung zuckte sie jedoch schmerzlich zusammen und all seine guten Worte, wie sie einmal Katre gehört hatte, konnten ihr kein Lächeln abgewinnen. Eines Nachts, als sie wieder nicht schlafen konnte und lange, aus beklommener Brust seufzend, aufrecht gesessen hatte, weckte sie ihren Mann. »Es ist nun gewiß«, sagte sie, »daß Gott mich straft.« Er erschrak. »Was redest du da, Mare?« »Ich kann's nicht länger für mich behalten«, versicherte sie. »Gott strafte mich mit dem, was ich mir als das größte Glück ersehnt hatte und worauf ich kleinmütig alle Hoffnung verlor – – er will mir ein Kind schenken.« »Mare –!« rief er in freudigster Überraschung und schloß sie in seine Arme. Sie machte sich mit einer ängstlichen Gebärde los. »Nein, nein! Küsse mich nicht. Auch die Ewe war dein Kind . . .« »Denke nicht an sie, du gibst mir Ersatz.« Mare schüttelte sich fiebernd. »Sie sah ihrer verstorbenen Mutter so ähnlich . . . Wenn du sie sahst, sahst du immer die Katre – solange sie lebte, konntest du die Katre nicht vergessen, und ich war doch deine Frau.« »Sie ist tot, und du hast mich seitdem ganz allein –« »Ich – und ich war glücklich, bis . . .« Sie schüttelte sich wieder. »Meinst du nicht, Janis, daß Gott mir's an meinem Kinde vergelten wird, was ich an der Schwester Kind getan habe?« »Gewiß«, entgegnete er, »so viel Gutes du der Ewe erwiesen hast –« Sie schrie auf. »Das! Aber . . . das andere auch.« »Welches andere?« »Wenn sie mich vor Gott verklagt –« »Weshalb denn?« »Wegen des Giftes –« »Wie kann sie das? Du bist ja freigesprochen.« »Ja freigesprochen . . . Aber vor Gott –« »Was quälst du dich doch mit solchen Gedanken, Mare?« »Sie kommen von selbst. Das Kind erbarmt mich nur. Wenn es verkrüppelt zur Welt käme, oder blind und taub – dann lieber noch tot. Ich weiß, es fällt alles auf das Kind. Es steht in der Bibel: Bis ins dritte und vierte Glied. Mit mir, meint' ich, wird es sein Ende haben, und jetzt . . . O Gott, Gott, Gott – heiliger Gott!« Janis wurde es unheimlich. »Was jammerst du denn?« fragte er. »Es muß mir von der Seele«, zischelte sie, seine Hände fassend und krampfhaft drückend. »Ich ersticke daran. Und wenn es heraus ist – nicht wahr, Janis? dann kann es das Kind nicht mehr anrühren. Es ist so furchtbar, daß ich dir's sagen muß – dir! Denn deinetwegen ist's geschehen, und du hast mich lieb seitdem unwissentlich, und jetzt wirst du mich fortstoßen. Aber ich muß –« Plötzlich ging ihm eine schreckhafte Ahnung auf. »Schweige«, befahl er. Sie rang die Hände. »Nein, ich muß dir's sagen. Vielleicht hilft dann Gott dem Kinde. Ich bin freigesprochen, Janis, aber – ich hab's doch getan.« Er sprang auf. »Mare – du hast . . .« »Der Ewe das Gift gegeben – ja! Weil sie ein Gesicht hatte wie die Katre, und Haare und Augen . . . und weil ich meinte, daß Gott mein Gebet nicht erhören wolle . . .« Sie winselte kläglich. »Du hast's getan«, seufzte Janis. »Und wenn Gott verzeihen kann, du kannst es nicht.« Er schwieg. – Am nächsten Morgen brachte Mare ihre Betten nach der Kammer, in der sie als Mädchen geschlafen hatte. Kurze Zeit schien sie sich freier zu fühlen. Sie verrichtete ihre Geschäfte schweigsam, aber nicht mürrisch, ließ sich vor den Nachbarn sehen und nahm teil an ihren kleinen Erlebnissen. Gegen Janis zeigte sie ein fast demütiges Wesen; wenn sie mit ihm sprach, schlug sie immer die Augen nieder, und ihre Stimme klang ganz leise. So vergingen die Wochen und Monate. Dann fing sie an, das ganze Haus aufzuräumen und in Ordnung zu bringen wie zu einem Festtage. Alle Sachen bis unter das Dach wurden mit peinlicher Sorgfalt abgestäubt, aus allen Winkeln die Spinnweben entfernt, die Dielen blankgescheuert, die Fenster und Läden abgewaschen. Ihr Leinenzeug zählte sie immer wieder durch, die Kleider und Pelze besserte sie aus und legte sie glatt aufeinander. Ebenso reinigte sie die Klete und selbst den Stall. Nur die Kammer des Knechtes betrat sie nicht. War sie fertig damit, begann sie ihr Werk von neuem, solange sie sich auf den Füßen halten konnte. Janis bat sie, sich Ruhe zu gönnen, aber sie schüttelte immer den Kopf. »Wer tut's nach mir?« fragte sie einmal. In der letzten Zeit beherrschte sie wieder eine tiefe Traurigkeit. Sie wollte nach der Kirche gefahren sein. Nicht am Sonntag, sondern wenn sie ganz allein darin wäre. »Es beten dann nicht so viele zugleich«, meinte sie, als Janis abredete, »vielleicht hört der liebe Gott mich besser.« Er gab nach. Während sie noch am Altar kniete, wurde sie von den Zeichen überrascht, daß ihre Stunde gekommen sei. Sie mußte zur alten Kubillene gebracht werden. Dort gab sie einem Knäblein das Leben. Sie ließ sich das Kind reichen, betrachtete alle die kleinen Gliedmaßen genau mit angstvollen Blicken, brach in ein schluchzendes Weinen aus und rief: »Gott sei gedankt! er ist gesund; mir wird verziehen werden!« Das waren die letzten Worte, die sie bei Bewußtsein sprach. Sie legte sich zurück und schlief ein. Als sie wieder erwachte, schüttelte sie das Fieber. Ärztliche Hilfe wurde vergeblich in Anspruch genommen. Am vierten Tage war sie nicht mehr unter den Lebenden. Janis hob den Zipfel des Tuches auf, das über das schlafende Kind gedeckt war. »Du solltest deiner Mutter Freude nicht werden«, murmelte er, »aber Gott wollte, daß sie ihre Schuld mit sich genommen hat.«