David Christie Murray und Henry Murray Ein gefährliches Werkzeug Erstes Kapitel. Am letzten Tage der Schwurgerichtssession stand Reuben Gale, ein hochangesehener, in Holborn wohnhafter Werkzeugfabrikant, unter der Anklage schweren Diebstahles und Raubes, verbunden mit vorsätzlicher schwerer Körperverletzung vor den Schranken des Gerichtes. Der Fall hatte großes Aufsehen erregt und der Gerichtssaal war gedrängt voll. Die Luft war von Staub und Oelgeruch erfüllt und wurde gleich drückend empfunden von dem Richter, den Advokaten, den Geschwornen und den Gerichtsdienern, die sämtlich zwar müde und abgespannt waren, aber durch das undurchdringliche Geheimnis, das diesen Fall umgab, in Spannung erhalten und aufgeregt wurden. Jedenfalls sah der Angeklagte nicht aus wie ein Einbrecher. Man konnte sich ihn unschwer vorstellen, wie er hinter seinem Ladentisch stand und die Hände reibend fragte: »Womit kann ich dienen?« oder wie er einer Pfarrgemeinderatssitzung anwohnte oder im Schoße seiner Familie ausruhte; allein ganz unmöglich konnte man sich diesen Mann bei einem verbrecherischen, mitternächtlichen Unternehmen beteiligt denken. Er war ein Mann von mittlerer Größe, von magerem, sehnigem Körperbau und trug einen schwarzen, nur etwas allzu völlig zugeschnittenen Anzug und tadellose Wäsche. Sein kurzgeschorenes dunkles Haar begann sich grau zu färben und der sorgfältig gestutzte kleine Backenbart war schon ganz weiß. Er hatte etwas große braune Augen mit dem Ausdruck milder, beobachtender Lebhaftigkeit. Um den Hals hatte er einen Zwicker, den er indessen nicht zu benützen schien, und in der rechten Hand hielt er ein zu einer kleinen Kugel zusammengeballtes Taschentuch, mit dem er sich von Zeit zu Zeit das Gesicht abwischte; ein andres Zeichen von Unruhe und Verwirrung war nicht an ihm wahrzunehmen. Uebrigens wischten sich in dieser erstickenden Hitze auch andre Leute das Gesicht, als stünde ihr Leben auf dem Spiel. Herr Wyncott Esden, der Verteidiger, wandte sich in äußerst klarer und überzeugender Rede an die Geschwornen; er sprach ruhig, beweiskräftig, als ob er seiner Sache ganz sicher wäre, und faßte sozusagen jeden einzelnen Geschwornen am Rockknopf und legte ihm mit tiefer Ueberzeugung die Sache klar. Sein Ton und sein Wesen waren so verbindlich und so einschmeichelnd, daß die Geschwornen nicht umhin konnten zu glauben, sie seien dadurch viel klüger und besser geworden. Seine Beweisführung war so durchsichtig und klar, daß ein Kind ihre Richtigkeit hätte begreifen müssen. Außerdem wurde der Redner auch durch sein einnehmendes Aeußere unterstützt. Seine offenen, feingeschnittenen grauen Augen blickten ungemein klug und freundlich um sich. Man konnte sich nichts Verbindlicheres und Vertrauenerweckenderes denken, als seine Art sich zu geben. Er war so sicher, jedermann zu seiner Auffassung zu bekehren, er war so überzeugt, daß er recht hatte, und sein Benehmen drückte eine so hohe Meinung von dem Verstand seiner Zuhörer aus, daß diese geglaubt hätten, sich selbst ein Unrecht zuzufügen, wenn sie seine Ansicht bezweifelten. Er wußte wohl – kein Mensch konnte es besser wissen – so schien sein herzliches, überzeugendes Wesen zu sagen –, daß jeder Versuch, Männer von so hervorragendem Verstand wie die Herrn Geschwornen, hinter das Licht zu führen, vergeblich gewesen wäre. »Nein, wir wollen mit offenen Karten spielen und die Sache einmal näher betrachten. Hier haben wir die bekannten Thatsachen, aus denen Ihr logisch geschulter Verstand bereits diese und jene Schlußfolgerungen gezogen hat. Es ist nahezu abgeschmackt, auf diese Weise zu Ihnen zu reden, denn Sie können all die Thatsachen so gut oder gar besser wissen als ich, allein aus Rücksicht für fernerstehende und dümmere Leute müssen sie festgestellt werden. Wir dreizehn gescheite Leute wissen schon längst, daß der unschuldige Mann dort auf der Anklagebank das Opfer merkwürdiger feindlicher Umstände geworden ist, und werden ihm die Freundeshand reichen und durchhelfen.« Der Gerichtssaal war so überfüllt, daß sich eine Anzahl Personen selbst auf die Tribüne der Richter drängte; sie wurden wohl zurückgewiesen, kehrten aber so unverscheuchbar wie Fliegen immer wieder dahin zurück. Einem aufmerksamen Beobachter mußte unter dieser Gruppe besonders ein Gesicht auffallen. Es war das äußerst ruhige, kluge, entschlossene Gesicht eines Mannes in den besten Jahren. Obgleich dieser Mann heiter und alltäglich aussah, so zeigte er doch eine Miene, als ob ihn nichts überraschen könnte. Er trug eine höchst geschmacklose Halsbinde und ebensolche Busennadel und hielt einen spiegelglatten Seidenhut in der Hand. Es war dies Joseph Prickett, Mitglied der hauptstädtischen Geheimpolizei; und er war es, der den angesehenen Bürger hier auf die Anklagebank gebracht hatte, und der nun die jedem Sportsman natürliche Begierde fühlte, seine Beute in Sicherheit zu sehen. Als die gemütliche und überzeugende Rede Herrn Wyncott Esdens zu Ende war, ergriff der Richter das Wort. Er zeigte sich äußerst verbindlich gegen den Verteidiger und sagte mancherlei, was den Ohren und dem Verstand dieses Herrn recht wohl gefiel, allein seine zusammenfassende Darstellung, so unparteiisch sie auch klang, fiel völlig gegen den Angeklagten aus. Prickett, der schon etwas zweifelhaft geworden war, atmete wieder auf. Die Haltung des Angeklagten veränderte sich kaum, nur wischte er nicht mehr sein Gesicht mit dem zusammengeballten Taschentuch ab, sondern drückte es fest in beide Hände, stützte seine Arme auf die Lehne der Anklagebank und betrachtete forschend die Gesichter der Geschwornen. Durch den einförmigen Ton der Stimme des Richters wurde die einschläfernde Wirkung der Stickluft und der Hitze noch vermehrt, und als sich die Geschwornen zur Beratung zurückzogen, legte sich eine dumpfe Mattigkeit über alle Anwesenden. Auch der Richter begab sich in sein Privatzimmer und der Angeklagte ließ sich, halb verdeckt von dem Geländer der Anklagebank, auf seinen Platz nieder. Von der Straße und den anstoßenden Gängen her drang fernes Geräusch in den Gerichtssaal. Die Dämmerung begann den Saal zu erfüllen. Ein- oder zweimal traf einer dieser Töne das Ohr des Angeklagten und veranlaßte ihn zu lauschen. Dort von der Galerie her klang das unterdrückte Gemurmel vieler Stimmen und eine davon sagte mit überzeugender Kürze: »Fünfzehn Jahre.« Der Angeklagte wandte sich nach dem Sprecher um und wischte sich, trotz der Hitze, kalten Schweiß von der Stirne und den Händen. Ein alter Habitus des Gerichtssaales, ein Mann in abgeschabten schwarzen Kleidern, mit einem weißen Wisch um den Hals und einem gewissen Rumgeruch um sich her, stand neben Prickett. Er war in aller Bescheidenheit seiner eignen Meinung, aber er bedurfte einer Autorität zu deren Bestätigung. »Er wird mindestens zehn Jahre bekommen, glauben Sie nicht auch? Wissen Sie, es ist Einbruch mit Körperverletzung – es fehlte nicht viel zu einem Mord. Ist ja das reine Wunder, daß der Mann davongekommen ist.« »Das wird die nächste halbe Stunde lehren,« erwiderte Prickett. »Man kann nie wissen, was ein kluger Rechtsbeistand für einen Kerl thun kann. Dieser Bursche,« damit wies er auf Herr Wyncott Esden, »ist so schlau wie Garrick. Mit seiner Zungenfertigkeit könnte er einen Vogel von seinem Zweig herunter schmeicheln.« Er hatte noch kaum ausgesprochen, als eine allgemeine Bewegung die Rückkehr der Geschwornen verkündigte. Ein Gerichtsdiener öffnete die Thür zu dem Zimmer des Richters und eine Minute später hatten dieser und die Geschwornen ihre Plätze wieder eingenommen, während der Angeklagte aufgestanden war und durch die wachsende Dunkelheit hindurch in den Gesichtern zu lesen suchte. Ob die Geschwornen ihr Urteil gefällt hätten? fragte der Gerichtsschreiber. Ja. War der Angeklagte schuldig oder nicht schuldig? Nicht schuldig. Einen Augenblick lang war der Gerichtssaal von Gemurmel und Geräusch erfüllt, und der Angeklagte faltete das dicht zusammengeballte Taschentuch auseinander, rieb seine Hände energisch damit ab und steckte es dann entschlossen n seine Brusttasche. Der Richter redete den Angeklagten an und empfahl ihm ziemlich eindringlich, lieber nicht mehr hierher zurückzukehren; er habe einen besonders geschickten Verteidiger gehabt, die Geschwornen seien nachsichtig gewesen und es stehe ihm nun frei, zu gehen, wohin er wolle. Wyncott Esden bildete gleich danach den Mittelpunkt einer gratulierenden kleinen Menschenmenge und einige der älteren Anwälte sprachen sich geradezu begeistert gegen ihn aus. Er nahm ihre Glückwünsche mit dem denkbar grüßten Anstand in Empfang, indem er weder Schüchternheit noch Aufgeblasenheit, sondern nur verbindliche Freundlichkeit an den Tag legte. »Ja, ja, mein Junge,« sagte einer von ihnen, »Sie sind für Ihr Lebtag versorgt, denn alle Diebe, die Ihre Gebühren aufbringen können, werden sich künftig auf Ihre Beredsamkeit verlassen.« Mit dieser Verhandlung gingen die Gerichtssitzungen zu Ende und die großen Ferien begannen. Man unterhielt sich noch eine Weile lebhaft über Ferien und Ferienreisen und dann schlenderte einer der Herren nach dem andern weg. Als Wyncott Esden auf die Straße trat, traf er mit Herrn Prickelt zusammen. Der Detectiv berührte den Rand seines spiegelblanken Hutes mit seinem tadellos bekleideten Zeigefinger und spendete dem Anwalt ein bewunderndes, aber doch etwas vorwurfsvolles Lächeln. »Sie haben ihn herausgerissen, Herr Esden,« sagte Prickett mit leichtem Bedauern in seinem Ton. »Das gehört zum Handwerk und es ist etwas, womit man in unserm Beruf rechnen muß.« Esden lachte, legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter und schien vorübergehen zu wollen, allein Herr Prickett drehte sich um und begleitete ihn ehrerbietig, »Ich hatte auf seine Aussichten nicht zwei Pence gegen hundert Pfund gewettet, Herr Esden.« »Nun wissen Sie, Prickett,« erwiderte der Anwalt und richtete seinen klugen, freundlichen Blick auf ihn, »es war nicht meine Sache, diese hundert Pfund für Sie zu verdienen, sonst –« »Ja sonst –!!« sagte Prickelt. Er machte zwei oder drei Schritte weiter, immer achtungsvoll gegen seinen Gefährten geneigt, und fuhr dann fort: »Ein ›Nichtschuldig‹ befestigt das Ansehen eines Mannes. Indessen gehört es nicht zu meinem Geschäfte, Verleumdungen zu verbreiten und gar etwa dafür vor Gericht gezogen zu werden. Merken Sie wohl, Herr Esden, ich sage nicht, daß Reuben nicht so unschuldig sei als ein neugeborenes Kind, allein ich würde keinen einen Narren schelten, der an seine Schuld glaubt, und meiner Ansicht nach gibt es in diesem Augenblick keinen glücklicheren Mann als ihn. Wenn Sie mir die Bemerkung nicht verübeln wollen, Herr Esden, so möchte ich behaupten, daß er Ihnen viel, sehr viel Dank schuldig ist.« »Wir müssen alle suchen, unsere Pflicht zu thun, Prickett,« erwiderte Esden, voll innerer Zufriedenheit ihm zublinzelnd. »Wir müssen alle suchen, unsere Pflicht zu erfüllen in den verschiedenen Stellungen, die uns die Vorsehung beschieden hat.« Der Polizeibeamte lächelte traurig und bewundernd, blieb einen Schritt zurück, griff wieder an den Rand seines Hutes und sagte: »Guten Abend, Herr Esden.« Gemächlich schlenderte Esden an dem prachtvollen Augustabend, der einen erquickenden Gegensatz zu dem düstern, schwülen Gerichtssaal bildete, nach seiner Wohnung im Temple. Strahlend, lächelnd, triumphierend hatte er sich auf den Weg gemacht, allein seine Stimmung sank immer mehr, und völlig niedergeschlagen stieg er bis in den höchsten Stock eines der neuen hohen Häuser von Elmcourt, wo er, nachdem er sie geöffnet, die Thüre hastig hinter sich zuwarf. Hinter der schmalen Glasscheibe seines Briefkästchens bemerkte er ein halbes Dutzend Zuschriften, die seiner harrten, und die er nun – den Hut auf den Hinterkopf geschoben, den Stock unter dem Arm – in seinem Wohnzimmer öffnete und mit einem Blick überflog und dann auf den Tisch warf. Jeder Brief enthielt eine schon öfters eingesandte Rechnung und ohne Ausnahme drückten seine Korrespondenten ihre Verwunderung aus, daß er seinen alten Verpflichtungen noch nicht nachgekommen sei. Nachdem er sie alle durchgesehen, schichtete er sie im Kamin aufeinander und zündete sie an. Voll Widerwillen und Ueberdruß holte er dann aus seinem Schlafzimmer einen Geldkasten, in dem sich bei näherer Untersuchung ein Checkbuch mit nur noch zwei Blättern darin und eine einsame Fünfpfundnote fand. Er leerte seine Taschen und ließ ihren Inhalt auf seinen Ankleidetisch fallen. »Fünfunddreißig auf der Bank,« sagte er laut, »und elf in der Hand – eine höllisch angenehme Aussicht für die großen Ferien!« Er warf das Checkbuch in den Geldkasten zurück, zerknitterte die Note und steckte sie in die Tasche. Dann raffte er das Gold- und Silbergeld zusammen, verließ seine Wohnung und stieg mit einer Art wildem Galgenhumor die endlose Treppenflucht hinab. Unten angelangt, ging er nach kurzem Zögern quer über die Straße und trat in die Wirtschaft »Zum Hahnen«. Hier zog er sich hinter einen unbesetzten Verschlag zurück und bestellte sich ein Rippchen und einen Schoppen Bearner. Als sein bescheidenes Mahl gebracht wurde, sprach er ihm nur lässig zu und faltete eine Zeitung, in deren Spalten irgend etwas seine Aufmerksamkeit fesselte, bequem zusammen, lehnte sie gegen das Essig- und Oelgestell und begann gleichzeitig zu lesen und zu essen. Bald darauf trat ein andrer Gast in den Verschlag und ließ sich ihm gegenüber nieder; diese Persönlichkeit war aufs sorgfältigste in einen schwarzen, etwas zu weiten Anzug gekleidet und trug untadelhafte Wäsche. In der Hand hielt er ein zur Größe einer Apfelsine zusammengeballtes Taschentuch, mit dem er von Zeit zu Zeit seine Stirn betupfte. Als der Kellner erschien, um sich nach seinen Befehlen zu erkundigen, äußerte der neue Gast seinen Wunsch nach einem blutigen Steak und einem Schoppen bitteren Ales in einem halb zögernden, halb vertraulichen Ton, wie wenn er ihm ein Geheimnis anvertraut hätte. Nachdem sich der Kellner wieder entfernt hatte, betrachtete sich der Mann in Schwarz zum erstenmal sein Gegenüber, wobei er den Kopf hin und her drehte, als wolle er neue Gesichtspunkte gewinnen. Offenbar war er überrascht, unsicher über die Identität seines Nachbars und wünschte sehnlichst diese festzustellen. Seine Ungewißheit dauerte, bis ihm der Kellner sein Steak gebracht hatte und wieder verschwunden war. Dann streckte der Mann in Schwarz seine Hand nach dem Essig- und Oelgestell aus und sagte: »Sie gestatten, mein Herr.« Esden sah auf, erkannte ihn auf den ersten Blick und wurde nun seinerseits ebenfalls erkannt. Ueber das gegenseitige Erkennen konnte kein Zweifel obwalten, allein nach einem kalten, gleichgültigen Blick auf den Mann ihm gegenüber, nahm der Anwalt seine Zeitung, lehnte sie gegen seine Weinflasche und fuhr fort zu essen und zu lesen. Die Persönlichkeit, deren Charakter soeben erst von einem Dutzend seiner Mitbürger gereinigt worden war, rollte sein Taschentuch zwischen seinen Händen und schien sich etwas unbehaglich zu fühlen. Doch bald faßte er sich wieder und nahm mit ebensoviel Kraft als Freudigkeit sein Steak in Angriff, so daß er sein Mahl noch vor dem früheren Gast beendet und bezahlt hatte. Als dann der Anwalt bezahlte und sich zum Fortgehen anschickte, ohne ein Zeichen des Erkennens zu geben, erhob sich auch Reuben Gale. Esden nahm seinen Hut und schlenderte auf die Straße hinaus. Der Mann folgte ihm in einer Entfernung von etwa zehn Meter. Nach einigem Zögern beschleunigte Gale seine Schritte und trat, den Hut in der Hand, an Esden heran. »Ich glaube,« begann er mit demütiger Schüchternheit, »daß ich die Ehre habe, mit Herrn Wyncott Esden zu sprechen.« Kühl blickte der größere Esden auf ihn herab. »Nun?« fragte er in kurzem, verächtlichem Ton. »Ich war überzeugt, daß ich mich nicht täusche,« sagte Gate, noch immer den Hut in der Hand, mit ihm Schritt haltend. In seiner Stimme lag etwas Einschmeichelndes, aber durchaus nichts Zudringliches; jedenfalls sah der Mann keineswegs wie ein verzweifelter Verbrecher aus und sprach auch nicht wie ein solcher. »Ich weiß wirklich nicht, mein Herr, wie ich Ihnen für die bewunderungswürdige Art und Weise danken soll, mit der –« Er unterbrach sich, bis ein zufällig Vorübergehender außer Hörweite war, und fuhr dann fort: »Für die wirklich bewunderungswürdige Weise, in der Sie meine Verteidigung geführt haben.« »Schon gut,« erwiderte Esden, mit demselben gleichgültigen Blick auf ihn herabsehend und in demselben verächtlichen Tone sprechend. »Ich bin überzeugt,« fuhr der Mann fort, »daß kein andrer Anwalt für mich hätte leisten können, was Sie heute nachmittag fertig gebracht haben. Die Sache stand sehr schlimm für mich, mein Herr; ich glaube nicht, daß sich je zuvor ein unschuldiger Mann in einer solchen Klemme befunden hat.« »Sehr gut,« bemerkte Esden und beschleunigte seinen Schritt. Der Mann wich nicht von seiner Seite. »Wenn es in meiner Macht läge,« fuhr er in seinem entschuldigenden, einschmeichelnden Tone fort, »Ihnen dies irgendwie zu vergelten, so wäre mir damit eine große Last vom Herzen genommen.« »Sie werden begreifen,« sagte Esden, plötzlich stehen bleibend, »daß es etwas anderes ist, einen Herrn Ihrer Profession zu verteidigen, oder mit ihm in den Straßen spazieren gehend gesehen zu werden. Ich bin genötigt, Ihnen einen guten Abend zu wünschen, Herr Gale.« »Das ist ganz in der Ordnung, Herr Esden,« erwiderte Gale, nicht von der Stelle weichend, »und ich erkenne sehr wohl die Kluft zwischen uns, aber ein Mann muß auch dem Zug seines Herzens folgen. Sie haben mir heute nachmittag einen Dienst geleistet, wie noch nie jemand zuvor.« »Mein guter Freund,« erwiderte Esden etwas besänftigt durch die schmeichelhafte Dankbarkeit des Mannes, aber noch immer in verächtlichem Ton, »ich habe meine Pflicht erfüllt und bin dafür bezahlt worden.« »Ach, Herr Esden,« sagte der andre wieder, der mit Begierde dies erste Zeichen von Entgegenkommen erfaßte, »wie viele der Herren hätten denn mit dem besten Willen das thun können, was Sie fertig gebracht haben? Natürlich, ganz natürlicherweise wünscht ein Gentleman seine Pflicht zu erfüllen, denn davon, wie er dies thut, hängt sein Name, sein Ruf und sein Glück ab. Allein man muß auch wissen, wie man sie erfüllen kann – daran hängt's. Vielleicht möchten Sie wissen, warum ich meinen Sachwalter veranlaßt habe, Sie zu wählen? Ich habe Sie vor etwa einem Jahr, als ich zufällig einmal in Old Bailey war, einen Menschen verteidigen hören, der wegen eines Juwelendiebstahles angeklagt war, Sie haben ihn nicht freibekommen, aber wenn dies irgend einem Sterblichen möglich gewesen wäre, so hätten Sie es fertig gebracht. Herr Esden, sagte ich zu meinem Sachwalter, hat eine so ruhige, sichere Art; er hat die Geschwornen anderthalb Stunden lang im Zweifel gehalten, während sie auf die Beweise hin bei jedem andern sofort auf ›Schuldig‹ erkannt hätten.« Nun war Esden zwar ein sehr kluger Mann, aber wie andre kluge Männer vor ihm war er ausnehmend empfänglich für Lob. Wohl war er in seinem Innersten überzeugt, daß Herr Gale ein abgefeimter Schurke sei, allein selbst ein Advokat kann sich nicht für einen Nebenmenschen bemühen, ohne ein gewisses parteiisches Interesse an ihm zu nehmen, und Herrn Esden ging es wie Milch und Honig ein, daß Gale sich zur Wahl seines Verteidigers so sehr beglückwünschte. Es war Nacht geworden und es schien gänzlich unwahrscheinlich, daß er von irgend einem Freund oder Bekannten im Gespräch mit seinem Klienten gesehen würde, und selbst dann wäre es nicht unangenehm gewesen, zu erzählen, wie sich der Mann in seiner überfließenden Dankbarkeit durchaus nicht habe abschütteln lassen. »So, so,« antwortete Esden, der anfing, ein humoristisches Interesse an dem Mann zu nehmen, »dann dachten Sie also bei sich, wenn ich einmal in der Patsche sitze, ist dies der richtige Mann für mein Geld?« »Ja, aber damals hatte ich mir nie träumen lassen, daß mir so etwas geschehen könnte.« »Natürlich nicht,« bestätigte Esden; »aber immerhin ist es kurios, daß Herr Prickett seinen ungerechten Verdacht schon fünf Jahre lang genährt hat.« »Kurios, Herr Esden!« rief Gale traurig. »Entschuldigen Sie gütigst, aber blutdürstig ist das richtige Wort dafür!« Esden hatte seine Schritte immer mehr verlangsamt, seit er sich entschlossen hatte, den Mann anzuhören; nun waren sie in die Nähe von Holborn gelangt und er blieb stehen. »Ich bin Ihnen über die Maßen verbunden, Herr Gale,« sagte er mit gelinder Ironie, »für den Ausdruck Ihrer Zufriedenheit mit meinen Leistungen in einer, wie ich Ihnen gern zugebe, schwierigen und heiklen Sache. Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß Ihnen meine Dienste, obgleich sie Ihnen stets zur Verfügung stehen, bei der nächsten Gelegenheit von geringerem Nutzen sein werden. Wir stehen jetzt am Beginn der langen Ferien und in den nächsten drei Monaten darf ich Sie wohl kaum zu sehen hoffen. Nochmals guten Abend!« »Bitte vielmals um Entschuldigung,« antwortete Gale. »Ein Mann in meiner Stellung versteht es nicht recht, mit einem Gentleman zu reden – er kann nicht gut ausdrücken, was er sagen will; aber wenn Sie mir die Ehre erweisen wollten, in mein Geschäftslokal zu treten – es ist hier ganz in der Nähe –, so würde ich Ihnen gerne einen geschäftlichen Vorschlag machen.« Schon vor einer Weile hatte er seinen Hut wieder aufgesetzt und nun stand er da und rieb sich in größter Verlegenheit die Hände. »Sie möchten mir gerne einen geschäftlichen Vorschlag machen?« wiederholte Esden im Ton äußerster Ueberraschung. »Ich würde es als eine große Gunst betrachten, wenn Sie mich anhören wollten. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Geschäft zu treten –« » Dit l'araignée à la mouche ,« sagte Esden mit einem heitern Blick auf seine eigenen und seines Gefährten Körperverhältnisse. »Das wäre eine neue Art, seine Dankbarkeit auszudrücken,« setzte er innerlich hinzu. »Bitte um Entschuldigung,« sagte Gale, »ich habe Ihre Bemerkung nicht ganz verstanden. Wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen, einzutreten, so werde ich es als eine große Gunst betrachten.« »Mein guter Mann,« erwidert der Anwalt, »Sie können mir hier alles sagen, was Sie zu sagen haben.« »Nein, offen gestanden, das kann ich gerade nicht,« gab Gale zurück, »aber wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten, ein paar Schritte mit um die Ecke zu gehen, so würde ich Sie nicht eine Minute aufhalten, und es würde sich, glaube ich, auch lohnen.« Esden starrte ihn immer verwunderter an. »In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht so neugierig gewesen,« sprach er zu sich selbst. »Zeigen Sie mir den Weg!« sagte er dann laut. »Danke,« antwortete Gate, »ich bin Ihnen sehr verbunden.« Esden folgte ihm, faßte seinen Spazierstock in der Mitte und wog ihn vorsichtig in der Hand. Sein Gefährte schritt rasch voran, zog einen Bund Schlüssel aus der Tasche und klimperte im Gehen damit. Nach etwa hundert Schritten hielt er vor einem kleinen, niederen Laden an, den er wie gewohnheitsgemäß rasch aufschloß. Der Raum gähnte schwarz hinter der Thüröffnung, der Kaufmann trat zur Seite und forderte seinen Gefährten durch eine Handbewegung auf, näher zu treten. »Nach Ihnen,« sagte Esden, noch immer den Stock in der rechten Hand wiegend. »Sehr wohl, Herr Esden,« erwiderte Gale, trat ein und zündete einen Gasarm an, der pfiff und zischte, als er das Streichholz daran hielt. Esden folgte ihm und befand sich plötzlich in einer nach Packpapier, Oel und moderigem Holz riechenden Atmosphäre, An drei Seiten waren vom Boden bis zur Decke Fächer angebracht, die mit gleichmäßig in Packpapier gewickelten, sorgfältig zugebundenen, schwer aussehenden Paketen angefüllt waren. Auf einer großen Wage auf dem Ladentisch lagen fünf oder sechs Pfund schwere Nägel, die die eine Schale herabgedrückt hatten, während die leere Schale sich in ihre Kette verwickelt hatte. Auf dem Fußboden und dem Ladentisch lagen pünktlich geordnet Eisenstangen in den verschiedensten Größen, Meißel, Hämmer, Sägen, Bohrer – kurz all das Zubehör einer Eisenhandlung. In einer Ecke hinter dem Ladentisch stand ein grün angestrichener Kassenschrank in die Mauer eingelassen. Gale schloß die Thüre und der Anwalt beobachtete ihn, an den Ladentisch gelehnt, mit ruhigem, klugem Blick, da er nicht wußte, was kommen sollte, und einigermaßen erstaunt war, sich allein in solcher Gesellschaft zu befinden. Ohne auch nur einen Blick auf ihn zu werfen, schritt sein Gefährte um den Ladentisch herum, nahm seinen Schlüsselbund wieder zur Hand und schloß den Kassenschrank auf, aus dem er einen Geldkasten nahm, den er auf den Ladentisch setzte. Mit wachsender Aengstlichkeit und Verlegenheit öffnete er nun auch die Kassette und entnahm ihr fünf schmutzige Zehnpfundnoten. »Ich weiß nicht, wie ich es vorbringen soll, Herr Esden,« sagte er aufblickend, »aber die Dankbarkeit eines gewöhnlichen Mannes darf sich vielleicht in dieser Form ausdrücken –« und er hielt ihm die Scheine mit seiner harten, schwieligen Hand entgegen. »Nun, wahrhaftig, Sie sind in Ihrer Art gar kein so übler Bursche, Gale,« erwiderte Esden. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, denn wissen Sie, ich habe Angst gehabt, Sie könnten es für beleidigend halten, wenn ich so spreche,« sagte Gale, der ihm die Noten noch immer hinhielt. Der Anwalt wischte eine dicke Schicht Staub weg, um für seine Ellbogen Platz zu machen, stützte diese auf den Ladentisch und sagte dann: »Na, wissen Sie, es ist beleidigend und ist es auch wieder nicht. Legen Sie die Noten weg, bitte. Legen Sie sie sofort weg,« wiederholte er scharf, als er sah, daß ihn Gale mit einem Ausdruck plötzlicher Enttäuschung anstarrte und ihm die Scheine noch immer entgegenhielt. »Ich dachte, Sie würden sie nehmen, Herr Esden,« sagte Gate. »So, dachten Sie dies?« fragte Esden zornig. Er hätte, wie er selbst am besten wußte, nicht nötig gehabt, ärgerlich zu sein, wäre es nicht um der Versuchung willen gewesen, die auf ihn einstürmte. Es war natürlich ganz unmöglich, das Geld anzunehmen, aber niemand hätte es je erfahren und er befand sich in so druckender Bedrängnis. »Bitte um Vergebung,« entschuldigte sich Gale, die Noten sofort zurückziehend, »aber ich wußte nicht, wie ein Gentleman darüber denken würde.« Mit einem Gefühl des Widerstrebens verfolgten Esdens Blicke die Scheine auf ihrem Rückweg in den Kassenschrank. Es reute ihn halb und halb, so entschieden gesprochen zu haben. Warum war er nur so ein Esel gewesen und hatte fünfzig Pfund weggeworfen? Gale that, als ob er auf dem Ladentisch aufräumte, schraubte die lautsummende Gasflamme etwas niederer und blickte Esden an, der, noch immer die Arme auf den Ladentisch gestützt, zu zögern schien. »Ich muß Sie dringend bitten,« begann der Werkzeugfabrikant aufs neue, »nicht zu glauben, ich habe Sie hierher genötigt, um Sie zu beleidigen. Ich habe gehört, daß dies schon oft vorgekommen sei, und habe die Sache ganz anders angesehen.« »Das mag wohl sein,« erwiderte Esden, »unser Herrgott hat ja Kostgänger aller Art,« Gale fühlte sich durch die Anwesenheit dieses edlen Gentleman bedrückt und machte sich immer wieder mit einer Handvoll Werkzeuge auf dem Ladentisch zu schaffen. »Sie sind besser, als ich gedacht habe,« erklärte der Advokat in wohlwollendem Ton; »ich gebe zu, daß ich mich zuerst etwas unangenehm berührt fühlte, aber ich sehe ein, daß Sie es gut gemeint haben und mir wirklich dankbar sind.« »Das bin ich auch in der That,« sagte Gale in unterwürfigem Ton. »Gut also,« fuhr Esden mit plötzlicher Lebhaftigkeit fort, »so lassen Sie mich Ihre Dankbarkeit auf die Probe stellen.« »Von Herzen gern, Herr Esden.« »Schön,« sagte Esden und zeigte wieder sein kluges, überredendes Lächeln; »Sie verstehen ja wohl ein bißchen was von diesem Geschäft, nicht wahr? Wissen ist Macht! Nun bin ich Advokat und zwar Kriminalist und es könnte mir eines schönen Tages ganz geschickt sein, wenn ich wüßte, was Sie mir sagen können.« Der Werkzeugfabrikant nahm eine etwas zu bewußt biedere Miene an. »Selbst der allerrechtlichste Kaufmann meiner Branche läuft Gefahr, mit schlechten Leuten Geschäfte machen zu müssen.« »Natürlich,« stimmte ihm Esden noch immer lächelnd zu, »aber nun sagen Sie mir das, was der allerrechtlichste Geschäftsmann in Ihrer Branche wissen darf.« Gale zögerte. »Ueber Einbruchswerkzeuge zum Beispiel,« setzte der Advokat ermunternd hinzu. »Eigentlich,« erwiderte der ehrliche Geschäftsmann, »gibt es gar keine besonderen Einbruchsinstrumente, aber es befindet sich auch nicht ein Werkzeug im Laden, das ein Einbrecher nicht zu seiner Arbeit verwenden könnte. Hier sehen Sie den Drillbohrer und den Schrotmeißel und Brecheisen jeder Art, vom Lord Manor bis herab zum Jaköbchen. Lord Mayor ist ein langes Brecheisen zum Aufbrechen eiserner Geldschränke und das Jaköbchen ein kleines Taschenbrecheisen. Anm. d. Uebers. All diese Werkzeuge werden tagtäglich zu ehrlicher Arbeit verwendet: ist einer aber ein Einbrecher und kann es erschwingen, so hat er sie ein wenig feiner als der gewöhnliche Arbeiter.« »Aus Berufsstolz?« fragte der Anwalt. »Das mag bisweilen wohl auch mit unterlaufen, aber im allgemeinen aus praktischen Gründen, denn es kommt bei einem Einbruch natürlich mehr darauf an, als bei gewöhnlicher Arbeit. Es muß rasch und geräuschlos gemacht werden. So kommt zum Beispiel ein Mann und kauft sich einen Hammer – sagen wir einmal mit kurzem Griff und schwerem Kopf – wie man ihn bei Dutzenden von Handwerken braucht. Will er ihn zu nächtlicher Arbeit verwenden, so läßt er ihn mit dickem Leder beziehen, ebenso das obere Ende seines Schrotmeißels und legt, ehe er ans Werk geht, das Leder zwei oder drei Stunden in Wasser, so daß sich kaum ein Ton vernehmen läßt, wenn er die Instrumente anwendet. Manchmal haben sie auch alle ihre Werkzeuge mit Leder überzogen, damit sie nicht klirren, und wenn die Brecheisen zu lang sind, um in einer mäßig großen Reisetasche untergebracht werden zu können, so lassen sie dieselben in einzelnen Teilen anfertigen, die mit langen Schrauben zusammengefügt werden und fast luftdicht aneinanderschließen. Ach,« rief er nach einer kleinen Pause, »da fällt mir eben ein, daß ich besagten Gegenstand in einer Minute hier habe, wenn Sie so lange allein hier warten wollen.« Er verließ den Laden, kehrte aber alsbald wieder zurück und trug ein kleines, mit Leder überzogenes Brecheisen in der Hand. Die beiden unbedeckten Enden, von denen das eine wie der Nagelzieher an einem gewöhnlichen Hammer gespalten und gebogen und das andre flach und scharf wie ein Rasiermesser war, blitzten im Lichte der Gasflamme wie poliertes Silber. »Es ist geradezu wunderbar, wie ich dazu komme, einen derartigen Gegenstand zu besitzen. Ich will es Ihnen erzählen. Vor etwa sechs oder sieben Monaten trat ein gut gekleideter, anständig aussehender Herr in den Laden und bestellte einen Satz Instrumente – Brecheisen von jeder Größe und zwei oder drei andre Gegenstände, die aus dem allerbesten Stahl und genau nach seinen Angaben hergestellt werden mußten. Er war sehr offen und gesprächig und erzählte mir, wie große Freude er an Drechsler- und Schreinerarbeiten habe. ›Ich habe drei Jahre gebraucht, bis mein Haus fertig war, aber jetzt enthält es auch vom Keller bis zum Dach nichts, was ich nicht selbst gemacht hätte.‹ Dies ist natürlich nichts Ungewöhnliches, denn es gibt viele Leute, die Langeweile haben und sich die Zeit auf diese Weise vertreiben, trotzdem wunderte ich mich, wozu er wohl alle die Brecheisen brauche und warum er sie alle mit Leder bedeckt haben wollte gleich diesem hier. Doch mich ging dies ja nichts an; ich nahm die Bestellung entgegen und er gab mir zwei Pfund als Vorschuß und ging, und seither habe ich nichts mehr von ihm gehört.« »Er hat die Werkzeuge nie abgeholt?« fragte Esden. »Nie, Herr Esden. Dies ist eines davon, und wenn in ganz London überhaupt ein Einbruchswerkzeug zu finden ist, so ist es dies. Und es ist vorzüglich gearbeitet! wäre nicht der Lederbezug, so machte ich jede Wette, daß niemand, selbst Sie nicht, Herr Esden, den Ansatz finden könnte – da, sehen Sie her!« Mit der sicheren Gewandtheit des geübten Mechanikers schraubte er die Brechstange so rasch auseinander, daß es aussah, als ob sie ihm in der Hand auseinanderfalle. »Sehen Sie her,« fuhr er fort und wies dem Advokaten die Schraube; »das greift ineinander wie ein Uhrwerk, und dünn wie es ist, gibt es doch in ganz London keine Thüre, die nicht auffahren würde, sobald Sie einen Spalt entdeckten, der groß genug wäre, um die Spitze dieses Hakens einführen zu können.« Herr Gale hatte sich über der Bewunderung des Werkes seiner Hände etwas ins Feuer geredet und seine Finger, die für einen so mageren Mann außerordentlich schwielig und kräftig waren, schlossen sich unwillkürlich mit festem Griff um die Brechstange, während er deren Anwendung erläuterte. Fast im nämlichen Augenblick gewahrte er aber das verständnisinnige Lächeln, das um Esdens Lippen zuckte, und hielt inne. »S' ist für einen des Einbruches verdächtigen Menschen eine häßliche Sache, etwas Derartiges im Hause zu haben, nicht wahr?« fragte Esden. »Nun ja, Herr Esden,« sagte Gate mit etwas übermachter Aufrichtigkeit; »eine sehr häßliche Sache, aber das merkwürdigste dabei ist, daß die Polizei dies Werkzeug nicht gefunden hat, trotz der Haussuchungen, die sie bei meiner Verhaftung und später wiederholt angestellt hat. Guter Gott, wenn sie es gefunden hätten!« Sein plötzliches Erschrecken bei dieser Vorstellung war echt genug und wieder wischte er seine Stirne mit dem Taschentuch ab. »Die Vorsehung steht dem Unschuldigen bei, Herr Esden. Dies Werkzeug lag unter den andern Vorräten und hätte leicht genug gefunden werden können, und doch ist es ihnen entgangen. Das war der Finger Gottes, Herr Esden, ja, ja, der Finger Gottes, sage ich Ihnen!« Noch immer schmunzelnd, drehte Esden die beiden Hälften hin und her, untersuchte sie mit höchstem Interesse und schraubte sie dann zusammen. »Ja,« meinte er, »das ist sehr hübsch gearbeitet.« »Da kommt mir ein Gedanke, Herr Esden,« sagte Gale und beugte sich mit überzeugendem Lächeln über den Pult. »Sie haben das Geld nicht genommen – entschuldigen Sie, daß ich meine Ungeschicklichkeit überhaupt noch einmal erwähne – wollen Sie nicht dies Werkzeug zur Erinnerung an einen dankbaren Klienten annehmen?« »Dies?« fragte Esden und hielt die Brechstange mit komischem Erstaunen in die Höhe. »Warum nicht? Ich würde es nicht dem ersten Besten anbieten, aber in den Händen eines Gentleman wie Sie – und es hat gar keinen Wert, wenigstens keinen von Belang, so brauchen Sie sich also nicht zu schämen, es aus den Händen eines armen Mannes, der eine große Verpflichtung gegen Sie hat, anzunehmen.« »Aber was soll ich denn damit thun?« fragte Esden. »Natürlich nützt es Sie nichts, aber es ist doch interessant, interessant durch den Zusammenhang könnte man sagen. Und es ist gutes Material und ein wahres Meisterstück, wenn man dies von seiner eignen Arbeit sagen darf. Nehmen Sie es, Herr Esden, ich kann es zu nichts gebrauchen, ja, es ist sogar gefährlich für mich, und es können viele Jahre vergehen, bis ein Käufer kommt, der etwas Derartiges sucht. Sie können es ganz leicht in der Brusttasche tragen – so.« Er schraubte es auseinander und hielt dem Anwalt die beiden Stücke hin. »Bitte, bewahren Sie es zum Andenken.« »Nun, warum auch nicht?« sagte Esden lachend. Zweites Kapitel. Am Nachmittag des folgenden Tages saß Esden hemdärmelig in seiner Wohnung und unterzog seine persönlichen Verhältnisse einer unbefriedigenden Betrachtung. Wenn die Sachen schief gingen, so versuchte er sie nicht zu beachten. Er war ein junger Mann, der es liebte, alles in rosigem Lichte zu sehen und etwaige Schattenseiten als nicht vorhanden anzunehmen. Die Aussicht, die sich im Augenblick vor ihm eröffnete, war äußerst trüb und er wurde ihrer rasch überdrüssig. »Ich werde melancholisch werden, wenn ich mich nicht herausreiße,« sagte er laut, »ich muß ausgehen und mit jemand sprechen.« Er erhob sich, schlenderte mißmutig in sein Schlafzimmer, ergriff eine Kleiderbürste und begann den Rock, den er am Abend vorher getragen hatte, zerstreut und nachlässig auszubürsten. Plötzlich schreckte er aus seinem wachen Traum empor, denn die Kleiderbürste war auf etwas Hartes gestoßen. Nun fiel ihm Herrn Gales merkwürdiges Andenken ein; er zog es aus der Tasche und begann die einzelnen Stücke des Einbruchswerkzeuges zusammenzuschrauben. Einem müßigen und unglücklichen jungen Mann kommt jede Ablenkung seiner Gedanken gelegen und Esden ließ sich durch diese Kleinigkeit zerstreuen. »Ich möchte doch wissen, wo hier der Zauber sitzen soll,« sagte er. »Der Kerl behauptete, jede Thüre springe auf vor diesem Instrument, wenn man nur die Spitze ansetzen könne. Die Kraft des Hebels ist ja gewaltig, allein man sollte doch denken, ein Instrument von dieser Größe müsse von großer Muskelkraft unterstützt werden.« Er beschloß, die Kraft des Werkzeuges an einer der Thüren seines Schlafzimmers zu erproben. Zu diesem Zweck begab er sich in das Wohnzimmer zurück und schloß die Thüre ab; dann schob er den Haken der kleinen Brechstange dicht neben dem Schloß in den Spalt zwischen Thüre und Thürpfosten und gab der Stange einen, wie er glaubte, angemessenen Stoß. Einige Augenblicke lang war er nicht einmal im stande über das Ergebnis in Staunen zu geraten, denn die Thüre fuhr mit einem leicht knirschenden Ton auf und schlug ihn so heftig seitwärts gegen den Kopf, daß ihm alle weiteren Betrachtungen über die Kraft des Hebels vergingen. »Zum Kuckuck,« sagte er ärgerlich, die betreffende Seite seines Kopfes reibend, »ich hätte ebensogut einen Sovereign zum Fenster hinauswerfen können – so viel wird die Herstellung der beschädigten Thür mindestens kosten. Zum Henker mit Gale und seinem Andenken!« Aufs Geratewohl warf er das Instrument beiseite, so daß es in einer geraden Linie auf das Kopfkissen siel, über die Bettdecke hinabrollte und so verborgen liegen blieb. »In diesem Werkzeug ruht eine dämonische Geschicklichkeit,« sagte Esden, noch immer die beschädigte Stelle reibend. »Es versteckt sich, als ob es begriffe, daß die Arbeit gethan sei und es nicht gesehen zu werden brauche.« Mit einem gelegentlichen Blick auf das erbrochene Schloß und allerlei Verwünschungen über seine Ungeschicklichkeit und Dummheit kleidete er sich zum Ausgehen an. Unter der Haarbürste stöhnte er ein wenig und bei der Entdeckung, daß ihm sein Hut ein gut Teil zu eng geworden war, fing er an zu fluchen. »So kann ich doch nicht ausgehen,« sagte er verdrießlich, als er einen Blick in den Spiegel warf. »Der Hut sitzt mir auf einem Ohr wie einem jüdischen Ladenschwengel am Sonntag! Es ist ein Glück, daß die Beule unter dem Haar ist! Wahrhaftig, ich bin der reine Philosoph, daß ich unter solchen Umständen überhaupt noch van Glück spreche, aber ich glaube, ich muß froh sein, daß ich noch mit einem blauen Auge davongekommen bin.« Während er so vor sich hinbrummte und, jeder Dankbarkeitsempfindung bar, von der Betrachtung kleiner Widerwärtigkeiten zu der von ernsten Sorgen überging, klopfte es an der äußeren Thür. Mit tragischer Miene schritt er hin, um zu öffnen. Kaum hatte er dies gethan und einen Blick auf den Mann geworfen, der draußen stand, so strahlte er vor Vergnügen und schüttelte ihm herzlich die Hand. Der Ankömmling trug das Gewand eines Geistlichen, aber davon abgesehen, machte er einen völlig unkirchlichen Eindruck. Er war etwa sechs Fuß hoch, breitschulterig und breitbrüstig und hielt sich so gut, als ob er eben vom Exerzierplatz käme. Seine Gesichtsfarbe war blühend und rosig und er trug einen so großen, dragonermäßigen Schnurrbart, daß man ihn leicht für einen verkleideten Gardeoffizier gehalten haben würde, hätte er nicht zu gescheidt dafür ausgesehen. Er gehörte zu jenen Männern, die so gesund sind, daß sie es fertig bringen, selbst in der größten Londoner Sommerhitze kühl und frisch auszusehen. Selbst in ihrer Kleidung macht sich bei solchen Menschen das Gefühl der Gesundheit geltend: ihre Wäsche ist steifer als die der weniger bevorzugten Menschenkinder, ihre Stiefel werden weniger staubig und ihre Kleider zerknittern sich weniger leicht. »Herein mit dir, Arnold, alter Kerl!« rief Esden. »Ich freue mich, dich zu sehen! Eben dachte ich daran, am Strand ein gekühltes Fruchtwasser zu trinken, aber wahrhaftig, du bist ein so ausgezeichneter Ersatz dafür, daß ich keinen Durst mehr fühle.« Der dragonermäßige Geistliche trat lachend ein, während der Advokat lässig den Fuß ausstreckte und einen Stuhl vor die beschädigte Thüre schob. »Hallo!« rief der Geistliche, der das zersprengte Schloß sofort bemerkte, »was ist dies? Einbruch?« »Nur ein kleiner Versuch mit dem Geschenk eines Klienten,« erwiderte Esden. »Ich habe gestern einen Kerl verteidigt und mit fliegenden Fahnen durchgedacht. Er speiste gestern tatsächlich mit mir an einem Tisch im ›Hahnen‹ und war über die Maßen dankbar. Er wollte nur – warte einen Augenblick – da ist der Briefträger.« Einige Briefe glitten lautlos in das außerhalb der Thüre angebrachte Kästchen und Esden holte sie eiligst herein. »Entschuldige, Arnold,« sagte er, »ich erwarte etwas Wichtiges und muß nachsehen.« Rasch öffnete er die Briefe und überflog mit Ausrufen der Ungeduld den Inhalt, bis einer davon ihn ernstlich zu beunruhigen schien. Mit diesem trat er ans Fenster und schien ihn wiederholt von Anfang zu Ende zu lesen. Sein Gesicht war verstört, und mit verzweifelter Miene fuhr er sich durchs Haar. »J. P.'s Handschrift, nicht wahr?« fragte der Geistliche und schob den Briefumschlag über den Tisch. »Es ist ihm doch hoffentlich nichts passiert?« »Er liegt im gleichen Spital mit mir krank,« sagte Esden. »Es geht ihm schlecht und er will wissen, ob ich ihm nicht etwas Geld geben kann.« »Du hast doch hoffentlich von J. P. nichts gepumpt?« sagte der andre. »Von I. P. gepumpt?« rief Esden auffallend gereizt. »Wer in aller Welt könnte denn auf den Gedanken kommen, J. P. anzupumpen? Er ist so arm wie eine Kirchenmaus und hat ein halbes Dutzend Kinder.« Er faltete den Brief zusammen und schob ihn in seine Brusttasche; dann trat er wieder an den Tisch und griff nach dem einzigen noch übrigen Schreiben, das er mit Widerwillen öffnete. Wahrend des Lesens aber erhellte sich sein Gesicht und schließlich tanzte er ein paarmal im Zimmer herum. »Das sieht besser aus,« sagte sein Gefährte. »Mein lieber Junge,« wandte sich Esden plötzlich mit feierlichem Gesicht an ihn. »Du ahnst gar nicht, um wie viel besser es ist! Der Teufel soll mich holen, wenn ich gewußt habe, wie ich durch die Gerichtsferien komme. Und nun habe ich hier eine Einladung nach Wootton Hill, um dort einige Monate zu verleben, wenn ich Lust habe. Wenn ich Lust habe? Werde ich wohl keine haben? Die alte Dame schreibt, Fräulein Pharr sei dort, und weißt du, alter Junge, ich glaube, sie will mir bei ihr Gelegenheit machen. Ich glaube, du kennst Fräulein Pharr? Schottische Erbin. Ein bißchen sommersprossig. Rothaarig. Im ganzen nicht übel. Der alte Pharr, ihr Onkel, ist anfangs des Jahres gestorben und hat ihr alles hinterlassen.« Der junge Geistliche erhob sich, warf nur einen einzigen Blick auf Esden und sing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich habe eine zu gute Meinung von dir gehabt,« sagte er etwas barsch, »als daß ich dich für einen solchen Glücksritter gehalten hatte.« »Bah,« erwiderte Esden, »zeige mir die Möglichkeit, ein Mädchen mit fünfzehntausend Pfund jährlich zu heiraten, und ich nehme sie und du würdest es gerade so machen.« »Bitte um Entschuldigung,« entgegnete der Pfarrer etwas steif, »ich würde nie etwas Derartiges thun!« Sein Gesicht, seine Stimme und sein Wesen verrieten weit mehr Aerger, als der Veranlassung entsprechend erschien, aber er beruhigte sich rasch und nahm seinen Platz wieder ein. »Du wolltest mir etwas erzählen von einem Menschen, den du gestern verteidigt hast,« begann er noch immer etwas düster. »Ach richtig, ja,« sagte Esden, »der Einbrecher! Ueber seine Schuld konnte eigentlich niemand im Zweifel sein, aber ich beschwatzte die Geschwornen und kriegte ihn los. Er wollte mir –« Die Geschichte von dem merkwürdigen Andenken Herrn Gales sollte offenbar diesen Tag nicht zu Ende erzählt werden, denn wiederum wurde an die äußere Thür geklopft und Esden eilte zu öffnen. Als er seines Besuches ansichtig wurde, legte er warnend den Zeigefinger auf die Lippen und deutete durch eine Rückwärtsbewegung des Kopfes die Anwesenheit einer dritten Person im Zimmer an. Die äußere Thür ging auf einen kleinen viereckigen Raum, von dem aus eine Thüre in das Schlaf- und eine in das Wohnzimmer führte. Die Schlafzimmerthür stand offen und Esden bedeutete den neuen Besuch, sich dort hinein zu verfügen, was dieser auf den Fußspitzen still und rasch ausführte. Der Besuch war ein hübsches, feines Mädchen, das aber doch nicht ganz eine Dame war. Sie hatte schöne, kluge, dunkle Augen und üppiges schwarzes Haar und war sehr einfach, aber mit einer Pünktlichkeit gekleidet, die sie auf den ersten Blick beinahe vornehm erscheinen ließ. Als sie in das Schlafzimmer eingetreten war, schloß Esden vorsichtig die Thüre ab und sagte mit lauter, dem Geistlichen vernehmbarer Stimme: »Ganz recht. Ich werde ein paar Minuten brauchen, um die Akten zu suchen, werde aber hinüberkommen, sobald ich sie habe.« Dann warf er die äußere Thüre zu und kehrte geschäftig in das Wohnzimmer zurück. »Ich habe keinen Augenblick Zeit mehr, lieber Junge,« sagte er und langte einen lackierten Blechkasten hervor, der in einer Ecke des Zimmers stand. »Ein sehr verwickelter Fall,« fuhr er fort, neben dem Blechkasten niederknieend und mit seinen Schlüsseln hantierend, »muß ihn während der Gerichtsferien bearbeiten.« »Wann gehst du nach Wootton?« fragte der Geistliche. »Morgen,« sagte Esden, eifrig in dem Blechkasten kramend. »Da du so beschäftigt bist, will ich gehen,« sagte sein Besucher. »Ich sehe dich vielleicht in einigen Wochen wieder.« »Das wäre nett,« antwortete Esden aufspringend, »es thut mir leid, dich in dieser Weise vertreiben zu müssen, ich hatte gehofft, ein Plauderstündchen mit dir zu haben.« Unter diesen Worten begleitete er seinen Gast nach der äußeren Thür. Sobald er ihn los war, schwand seine geschäftsmäßige Miene, und über den Erfolg seines Kniffes lachend, trat er ins Schlafzimmer. »Nun, mein Schatz,« rief er, dem Mädchen näher tretend, um es zu umarmen, »das ist einmal ein unerwartetes Vergnügen. Du kannst dir gar nicht denken, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen.« Mit verächtlichem Blick streckte das Mädchen eine Hand aus, um ihn ferne zu halten. »Bitte, keine Thorheiten, Herr Esden! Ich bin in einer für mich wichtigen Angelegenheit hierhergekommen – hätte ich nur nach meinem Willen handeln können, so würde ich Sie niemals wiedergesehen haben.« »Sei nicht so grausam, Herzchen,« bat Esden. »Wenn du wüßtest, wie sehr ich mich nach deinem Anblick gesehnt habe und wie glücklich ich eben war, als ich dein Gesichtchen sah, würdest du gütiger sein.« In einer halb achtungsvollen, halb zärtlichen Haltung beugte er sich über sie und seine Stimme klang so schmeichelnd, daß sie, um sich vor ihrem Einfluß zu schützen, zornig mit dem Fuße stampfte. »Ich gestatte Ihnen nicht, in dieser Weise mit mir zu sprechen,« entgegnete sie mit geballten Händen und blitzenden Augen. »Ich war eine Närrin, daß ich je geglaubt habe, Sie hätten es ehrlich mit mir gemeint, allein so wahnsinnig bin ich nicht, daß ich einem Schurken Gehör schenken könnte.« »Solch harte Worte sollten nicht über so süße Lippen kommen,« erklärte der Don Juan mit derselben zärtlichen, ehrerbietigen Miene. »So möchte ich dich gemalt haben – du siehst bezaubernd hübsch aus, wenn du zornig bist – nicht als ob mir ein andrer Gesichtsausdruck nicht lieber wäre, aber ich bin nicht nur rasend in dich verliebt, sondern ich habe auch etwas von einem Künstler in mir.« Sie wandte sich von ihm ab, stieß die ins Wohnzimmer führende Thür auf und ließ sich am Kamin nieder. »Wenn Sie mich jetzt anhören wollen,« sagte sie, »so werde ich sagen, was ich zu sagen habe, und gehen.« »Sage, was du zu sagen hast, und bleibe!« »Ich habe eine Stelle als Kammerjungfer angenommen,« begann sie ohne weitere Einleitung. »Wie schrecklich!« rief er. »Heutzutage gibt es keine Gerechtigkeit mehr – nicht einmal für die Schönheit!« »Meine Herrin,« fuhr sie unbeirrt fort, »ist ein Fräulein Janet Pharr.« »Wahrhaftig!« sagte er überrascht. »Fräulein Pharr ist bei Ihrer Tante in Wootton Hill zu Besuch, und ich war gestern abend im Zimmer, als diese sagte, sie wolle Sie auch einladen. Ich ließ mich heute beurlauben, um hierher zu gehen und Sie zu bitten, mich nicht zu beachten, falls Sie kommen, und nicht zu verraten, daß Sie mich schon jemals gesehen haben.« »Es ist ein Glück,« erwiderte Esden, »daß mein Vetter Arnold dich nicht gesehen hat; er geht häufig bei meiner Tante aus und ein und war eben hier, als du kamst. Du hättest dich übrigens auf meine Verschwiegenheit verlassen können, auch wenn du mich nicht vorher benachrichtigst hättest, mein Schatz.« »Wenn Sie wirklich ein Gentleman wären, würden Sie auch mein Wort gelten lassen. Ich habe Ihnen gesagt, daß es mir unangenehm ist, in dieser Weise angeredet zu werden.« Damit ging sie mit einem verächtlichen, zornigen Blick auf die Thüre zu. Er suchte sie aufzuhalten. »Lassen Sie mich vorbei,« sagte sie. »Du warst früher ganz anders,« rief Esden, »und es ist noch nicht allzulange her. Du hast mir sogar gesagt, ich sei dir nicht gleichgültig.« Sie wurde sehr blaß und ihr Atem ging unregelmäßig und schwer. »Ja, ich habe Sie lieb gehabt und ich schäme mich vor mir selbst, daß Sie mir selbst jetzt noch nicht gleichgültig sind, nachdem ich doch entdeckt habe, was für ein Mensch Sie sind. Ich kann Ihnen dies ruhig sagen, Herr Esden, und werde nur um so stärker sein, weil ich es Ihnen gesagt habe. Erst lehrten Sie mich, Sie zu lieben, und dann zwangen Sie mich, Sie zu verachten.« Sie hatte diese Worte irgendwo gelesen und sprach sie etwas theatralisch, aber es war ihr offenbar sehr ernst damit. Esden zuckte mit Ergebung die Schultern und öffnete ihr die Thüre: »Laß uns wenigstens als Freunde scheiden,« bat er, ihr die Hand reichend. »Lassen Sie uns als Fremde scheiden und als Fremde wieder zusammentreffen! viel tausendmal habe ich mit bitterm Schmerz gewünscht, Ihnen immer fremd geblieben zu sein.« Sie glitt an ihm vorbei und eilte die Treppe hinab. Er folgte ihr einige Schritte und sah ihr nach, aber sie blickte sich nicht mehr um. Drittes Kapitel. An diesem Tag bekam Wyncott Esden noch einen andern Besuch – einen langhaarigen, aufgeregten Mann mit langen Händen und einem fast nur aus einer Nase bestehenden Gesicht. Er hatte eine schwere Zunge und eine bedeutende Neigung, in vertraulichen Gesprächen thränenreich zu werden: der Mann hieß J. P. und schien mit dieser mangelhaften Anredeform ganz zufrieden zu sein. »Ich hoffe, du glaubst nicht, ich wolle dich belästigen,« sagte J. P., »aber wenn du diesen Wechsel vergißt, so richtest du mich zu Grunde. Ich kann ihn so wenig decken, als ich fliegen kann.« »Mein lieber Junge,« erwiderte Esden, »es ist auf der Herrgottswelt kein Grund vorhanden, dir Sorge zu machen. Du kannst die ganze Sache als erledigt betrachten, denn du wirst nie mehr ein Wort darüber hören.« Der Gast versicherte, es sei ihm damit eine große Last vom Herzen genommen, und überließ Esden sich selbst. »Ich muß wahrhaftig etwas in der Sache thun,« gestand sich dieser, »und zwar muß dies sofort geschehen, obgleich der Kuckuck wissen mag, woher das Geld kommen soll. Ich kann J. P. nicht ruinieren, das ist außer allem Zweifel, und will sofort zu Sheldon gehen.« Entschlossen nahm er einen Wagen und fuhr nach dem Geschäftslokal eines ihm bekannten Geldverleihers, der trotz seines christlich klingenden Namens in Sprache und Aussehen außerordentlich jüdisch war. »Brauchen Geld?« sagte er, als Esden seine Geschichte erzählt hatte. »Brauch ich auch, braucht jedermann. Es wird Ihnen vermutlich immer daran fehlen. Es sind soviel Wechsel von Ihnen auf dem Markt, daß ich keinen Pfennig für das Pfund geben würde.« »Aber ich kann doch den andern mit dem Wechsel nicht stecken lassen!« »Gut, dann lassen Sie ihn eben nicht stecken.« Noch nie hatte Esden die Geschwornen so bearbeitet, wie diesen unerbittlichen Geldverleiher, allein bald wurde ihm klar, daß er eben so gut hoffen konnte, einen Diamant mit einer Federspule zu zerschneiden, als aus diesem hebräischen Quarz Gold herauszupressen, und er gab den Versuch scheinbar gutlaunig auf. »Wenn Sie nicht wollen, müssen Sie es eben bleiben lassen.« »Ich will nicht,« versicherte der Geldverleiher zum Ueberfluß noch einmal. Der Anwalt ging, um seine Ueberredungskünste an andern zu versuchen, fand aber, daß es zu spät geworden war. Am nächsten Tag lief er die ganze City ab und gab ein Pfund für Droschkenfahrten aus, allein vergeblich. In der ganzen Geld verleihenden Bruderschaft fand sich nicht einer, der ihm auf einen Wechsel von fünfzig Pfund auch nur eine halbe Krone geliehen hätte. Die Gerechtigkeit erfordert zu sagen, daß ihm dabei J. P.'s stehende Nase und seine thränenreiche Vertraulichkeit beständig vorschwebte und daß sich das Gefühl seiner Verpflichtung ihm bleischwer auf die Seele legte. Es stand fest, daß er den armen J. P. nicht hatte beschwindeln wollen, sondern nur durchaus hatte hundertfünfzig Pfund haben müssen, und es war schrecklich, daß eine so kleine Summe eine so große Last hatte werden können. Er für sich allein hätte sich selbst von der englischen Staatsschuld nicht bedrücken lassen, wenn ihm jemand so viel Kredit gewährt haben würde, allein nun litt er für J. P. Dieser hatte ein Weib nebst sechs Kindern und der schreckliche Gedanke, daß der arme Mann durch sein freundschaftliches Vertrauen zu Grunde gerichtet werden sollte, betrübte Esden aufrichtig. Allein wenn das Geld nicht zu erlangen war, so war es eben nicht zu erlangen, und man mußte seine Hoffnung auf einen Zufall setzen. Sein letzter vergeblicher Versuch hatte ihn in die Nähe eines Bahnhofes in der City gebracht, und da die Zeit, zu der er hatte in Wootton Hill eintreffen wollen, längst verstrichen war, so sandte er einen Dienstmann zu seiner Aufwärterin mit einem Zettel, in dem er sie anwies, soviel von seinen Sachen einzupacken, als für vier Wochen nötig sei. Während der Dienstmann fort war, aß Wyncott in der Restauration zu Mittag, nahm dann sein Gepäck in Empfang und fuhr mit dem nächsten Zug ab. Anfangs war er zu ärgerlich und aufgeregt, um auch nur die Abendblätter lesen zu können, die er sich mitgenommen hatte, allein da er eine sehr elastische Natur besaß, war er schon wieder ganz er selbst, als der Zug auf dem Bahnhof von Wootton Hill hielt. Er war dort bekannt und der Stationsvorstand begrüßte ihn mit größter Ehrerbietung. Esdens Tante war die Standesperson der Gegend und ihre Gaste wurden natürlich dadurch auch Leute von Bedeutung. Es war für einen Mann, der nicht einmal hundertundfünfzig Pfund auftreiben konnte, wenigstens eine kleine Genugthuung, als vornehmer Herr auftreten zu können, und dieser Umstand hob ihn in seinen eigenen Augen wieder einigermaßen. »Bedaure unendlich, Herr Wyncott,« sagte der Stationsvorstand, »aber wir können Ihnen Ihr Gepäck nicht vor einer Stunde hinaufschicken.« »Das thut nichts,« sagte Esden, »aber sorgen Sie, daß ich es heute nacht noch erhalte.« Damit schritt Esden davon, als wäre er der geborene Herr und Erbe dieses Grund und Bodens. Der arme J. P. und seine Angelegenheiten waren ihm völlig entschwunden. Hill House war ein Wohnhaus von beträchtlicher Größe mit wenig oder gar keinem Anspruch auf architektonische Schönheit. Es erhob sich über das umliegende Land und war auf etwa zwei Meilen hin nach jeder Richtung sichtbar. Trotzdem es Wind und Wetter völlig preisgegeben war, machte es doch einen heimeligen, heitern Eindruck. Die Landstraße führte über den Hügel und das Thor war nicht mehr als vierzig Meter vom Hause entfernt; der Zwischenraum wurde von einem mit schönen Bäumen und außergewöhnlich großen Rhododendronbüschen bepflanzten Rasen ausgefüllt. Im Erdgeschoß des Gebäudes befand sich eine offene Halle, durch die das Haus von vorne bis hinten in zwei Teile geteilt wurde. Die beiden obern Stockwerke wurden in derselben Weise durch einen Flur geteilt und eine breite Wendeltreppe führte an beiden Enden des Gebäudes in die oberen Regionen. Während Esden bequem den Hügel hinaufschlenderte, sah er vor sich einen Mann, der eine Handkarre schob. Er ging neben der Karre her und las die Aufschrift der Pakete. »Sie gehen nach Hill House?« fragte er freundlich und der Mann antwortete bejahend. »Dann bringen Sie mir nur mein Gepäck auch so bald als möglich vom Bahnhof herauf. – Sie haben da eine schwere Last, wie es scheint?« »Ja wohl,« erwiderte der Mann, »es ist ein photographischer Apparat. Die Dame war wenigstens sechsmal drunten, um danach zu fragen.« »Na, das ist ja genug, um ein photographisches Atelier einzurichten! Vergessen Sie nur mein Gepäck nicht!« Damit schritt er weiter und langte geraume Zeit vor dem Packträger im Hause an. Als er eintrat, bewegte sich eine Gruppe lieblich aneinandergeschmiegter, in weißen Flanell gekleideter junger Mädchen über die Wiese und plapperte wie eine Schar Sperlinge. Hinter ihnen drein schritt ein älterer Herr in Schwarz, der eine altere Dame in Grau am Arm führte. Wyncott beschleunigte seine Schritte und trat zu dem alten Paar. »Nun, Tante,« sagte er munter, »da wäre ich, und ich bin froh, daß ich hier bin.« »Mein lieber Wyncott,« erwiderte die alte Dame, »wir freuen uns, dich hier zu sehen.« Beim Klang der Stimme des neuen Ankömmlings wandten sich die Mädchen um und eines davon ging ihm mit offenem, knabenhaftem Lächeln und ausgestreckter Hand entgegen. »Sie erinnern sich meiner noch, Herr Esden?« Sie sprach mit leicht schottischer Betonung und ihr Antlitz zeigte die echt schottische blendend weiße Gesichtsfarbe. Man konnte sie kaum eine Schönheit nennen, aber in ihren Zügen fand man schon auf den ersten Blick etwas Reizendes und Verbindliches. Sie hatte offene, ehrliche, graue Augen und eine Fülle goldbraunen Haares, das in diesem Augenblick in malerischer Unordnung ihr Haupt umfloß, und das sie mit einer leichten Bewegung zurückwarf. Mit dieser Bewegung, dem offenen freundlichen Blick, der aufrechten Haltung und der beinahe männlichen Art, in der sie Esden die Hand reichte, hatte sie ebenso viel von einem Jungen in Mädchenkleidern, als von einer jungen Dame an sich, abgesehen natürlich von den wirklich zarten und anmutigen Linien ihrer höchst weiblichen Gestalt. Scherzend erklärte Esden ihre Frage für eine Beleidigung sowohl seines Verstandes als auch seines Herzens. Darüber lachte man und Esden bewegte sich mit der übrigen Gesellschaft dem Hause zu. »Ich bringe Ihnen gute Nachrichten, Fräulein Pharr,« sagte er, »ich bin der Vorläufer Ihres photographischen Apparates, der eben vor dem Thor anlangt.« »Nein!« rief die Dame mit dem Ausdruck unerwarteten Entzückens und eilte ohne ein Wort weiter nach dem Gartenthor. Esden wandte sich ebenfalls um und folgte ihr gemächlich. »Sie ist wirklich nicht übel,« sagte er zu sich selbst, »und hat ein reizendes Benehmen. Ich vermute, daß sie sich mit dem Checkbuch ebenso reizend benehmen wird. Sie können sich darauf verlassen, Fräulein Pharr, ich werde mein Aeußerstes thun, Sie zu gewinnen! Wahrhaftig, voriges Jahr war sie nicht halb so hübsch!« Er vergaß ganz, daß voriges Jahr das Einkommen der Dame wesentlich beschränkter war, und daß damals kein Grund vorlag, sie in diesem Maße zu bewundern. Fünf Minuten später zeigte das Eßzimmer ein unerhörtes Durcheinander von zerrissenem Bindfaden und Packpapier, und jeder einzelne Gegenstand, den Fräulein Pharr auspackte, wurde in seiner Art für prächtig erklärt. Als sich dann die Glocke vernehmen ließ, die zum Essen rief, mußte die Dienerschaft schleunigst Ordnung schaffen. Die alte Dame blieb noch einen Augenblick zurück, nachdem sich die ganze Gesellschaft mit Ausnahme Esdens zum Ankleiden hinaufbegeben hatte. »Ich werde dich neben Fräulein Pharr setzen, mein Lieber,« sagte sie in vertraulichem Ton. »Uebrigens weißt du ja, wie ich über die Sache denke. Ganz abgesehen von ihrem Geld ist sie ein reizendes Geschöpf und eigentlich viel zu gut für dich.« »Ich bin der gehorsamste aller Neffen,« erwiderte Esden. »Tu bist sehr gescheit und hübsch,« gab die alte Dame zurück, »aber ich fürchte, du bist so gottlos, als dein Vater war. Nun geh und zieh dich an.« »Liebe Tante, zu einem Verbrechen muß ich mich bekennen: ich habe schon zu Mittag gegessen und kann mich nicht umkleiden, weil niemand auf der Station war, der mein Gepäck hatte bringen können.« »Du mußt doch zu Tisch kommen und uns unterhalten. Ich habe vergessen, dir zu sagen, daß Fräulein Pharr dein altes Zimmer bewohnt. Du bekommst das blaue Zimmer am entgegengesetzten Ende des Ganges.« Esden geleitete seine Tante bis an ihre Thure und machte dann in befriedigter Stimmung so gut Toilette, als er konnte. J. P. und seine Angelegenheiten waren so gänzlich vergessen, als ob sie gar nie vorhanden gewesen wären. Der junge Mann fühlte, daß er einen ausgezeichneten Eindruck auf die Erbin gemacht hatte, und er entwarf nun seinen Schlachtplan. Mindestens eine Woche lang wollte er offen freundschaftlich mit ihr verkehren; dann sah er sich im Geist mit geheimem Beifall etwas schüchterner werden; dann wollte er bei ihrem Erscheinen in Verwirrung geraten und sich eiligst entfernen, wenn schlau herbeigeführte »Zufälle« ihm das Zusammensein mit ihr ermöglichten. Selbst die alte Dame wollte er dran kriegen und sie zu seiner Vertrauten machen, er wollte bei dem bloßen Gedanken erröten, für einen Glücksritter gehalten zu werden, da wo sein Herz ernstlich und tief empfand. Vergnüglich schmunzelnd rieb er sich die Hände. Er war von Natur ein Ränkeschmied und versprach sich einen riesigen Spaß von dieser Komödie, trotzdem meinte er es in gewissem Sinn ehrlich damit; er wollte ein vorzüglicher Gatte werden und seine Frau sollte stolz auf ihn sein, denn er traute sich die Fähigkeit zu, eine glänzende Laufbahn zu machen. Die Tischglocke störte ihn in seinen Traumen und fröhlich ging er hinab, um zum Angriff zu schreiten. Viertes Kapitel. Er war weniger unterhaltend, als er beabsichtigt hatte, weil sich die Unterhaltung in der Hauptsache um einen ihm ganz fremden Gegenstand drehte; allein er überlegte sich wohlweislich, daß ein guter Zuhörer andern Leuten gerade so unterhaltend ist, als ein guter Erzähler sich selbst, und hüllte sich demgemäß meistens in ein reizendes Schweigen. Durch das Eintreffen von Fräulein Pharrs neuester Erwerbung lenkte sich die Unterhaltung ganz von selbst auf die Photographie, die zwei Jüngerinnen in der Gesellschaft hatte, wovon die eine vorderhand noch eine uneingeweihte Enthusiastin war. Fräulein Edith Wyncott, die einzige Tochter der Hausfrau, eine ziemlich stattliche Jungfrau von fünfunddreißig, fand in der photographischen Kunst den nämlichen Trost, den andre unverheiratete Damen bei Möpsen und Papageien suchen. Doktor Elphinstone, ein älterer Herr, erinnerte sich noch der Zeit, als diese Kunst aufkam, und hatte ihre Fortschritte mit lebhaftem Interesse verfolgt. Die Wissenschaft verdankte ihm eine Reihe vergrößerter Aufnahmen von mikroskopischen Gegenständen und er galt für eine bedeutende Autorität. Die Unterhaltung dieser beiden Personen hatte Fräulein Pharr auf den Gedanken gebracht, ihre Mußezelt mit photographischen Versuchen auszufüllen. Elphinstone war ein Schotte mit dem Gesicht einer ungewöhnlich wohlwollenden alten Bulldogge. Er war entsetzlich feierlich, sogar für einen Mann seines Schlages, und der höchste Ausdruck seiner Zufriedenheit bestand in einem pfiffigen trockenen Blinzeln und Zwinkern. Die allergewöhnlichsten Dinge behandelte er mit unverhältnismäßigem Ernst, und wenn ihn irgend etwas selbst berührte, so war er geradezu unergründlich. »Sie sind eine sehr glückliche Person, Fräulein Janet,« sagte er mit seiner anmutigen und liebenswürdigen Feierlichkeit, »daß Sie Ihre Studien zu einer Zeit beginnen, in der die Wissenschaft der Chemie, soweit sie mit der Photographie in Verbindung steht, einen so hohen Grad der Vollkommenheit erreicht hat. Ich für meine Person habe angefangen, mich damit zu beschäftigen, als sie noch in den Windeln lag. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie Ihr seliger Onkel jene wunderbare Sammlung Juwelen und Steine, Ketten und Geschmeide von Indien mit herüberbrachte und mich bat, sie zu photographieren. Er war eben von Burmah zurückgekehrt und das Art-Journal brannte vor Verlangen, Zeichnungen davon zu erhalten. Wir breiteten die einzelnen Stücke auf einem Tisch aus, ich setzte sie in die schönste Beleuchtung, die ich je gesehen, und nahm sie auf. Damals entstand eine gewaltige Diskussion über die Echtheit einiger Münzen, und alle Numismatiker der Welt nahmen Interesse an der Frage. Nun also, ich machte die photographische Aufnahme und Ihr Onkel, der es eilig hatte, kehrte mit den Originalen geradewegs nach Burmah zurück. Die Bilder gingen per Post von Edinburg nach London, wo sie einen Monat lang bei dem Verleger liegen blieben, und als der arme Mann sie dem Kupferstecher übergeben wollte, waren sie ganz verblaßt und es ließen sich nur noch einige Flecken auf dem Papier erkennen. Heutzutage kommt so etwas nicht mehr vor.« Die Erbin legte einen Finger auf ihre Lippen und blickte den alten Arzt geheimnisvoll an. »Wir wollen darüber jetzt nicht weiter reden, Herr Doktor,« sagte sie, »aber erinnern Sie mich nachher im Wohnzimmer daran.« Nachdem später in diesem Zimmer der Thee herumgereicht worden war und der Diener sich entfernt hatte, mahnte Doktor Elphinstone Fräulein Pharr an dieses Gespräch. »Ich weiß,« sagte sie mit einer lustigen Grimasse gegen den alten Herrn, »daß ich doch nur ausgezankt werde, wenn ich sie hierher bringe,« und ohne ein Wort weiter eilte sie in ihrer lebhaften, knabenhaften Weise aus dem Zimmer, um alsbald mit einem Maroquinkasten in der Hand wieder zurückzukommen. Sie stellte das Kästchen auf den Tisch und öffnete es mit einem kleinen Schlüssel, den sie unter einer Menge Miniaturküchengerätschaften in Silber an ihrem Gürtel trug. Doktor Elphinstone, der sich mit beiden Händen auf den Tisch stützte, ließ einen langgezogenen Ausruf der Verwunderung vernehmen, als sich das Kästchen öffnete, und die andern stimmten in diesen Ausruf mit ein. »Aber, Janet,« rief die alte Dame, »das ist ja die reine Narrheit! Wie kannst du wagen, solche Dinge mit dir zu führen?« Dabei streckte sie die Hand aus und legte einen Zeigefinger, der thatsächlich vor Entzücken zitterte, auf einen riesigen halbgeschliffenen Saphir, der in der Mitte des Behälters lag. »Was sind sie wert?« fragte sie so begierig und bewundernd, daß es einen komischen Gegensatz zu ihrem Tadel bildete. »Das kann ich nicht sagen,« antwortete Fräulein Pharr. »Vermutlich hat mein Onkel sie ihrem vollen Wert nach verzeichnet. Sie waren beim Crédit Lyonnais in Paris zu einer halben Million Franken versichert und kosteten jährlich tausend Pfund – in England kann ich sie billiger unterbringen.« Alle standen um den Tisch herum und betrachteten die Juwelen und Geschmeide, als kämen sie aus dem Feenland. Der Doktor berührte sie der Reihe nach fast ehrerbietig mit dem Zeigefinger. »Ja, ja, ich erinnere mich,« sagte er mit einer selbst für ihn ungewohnten Feierlichkeit, »ich erinnere mich.« Das Kästchen, nicht größer als ein Quartblatt, öffnete sich in zwei Teile und in diesen lagen alte und neue Edelsteine neben Münzen und Ketten von orientalischer Arbeit auf violettem Sammet gebettet. Die Erbin zog aus der einen Abteilung vorsichtig eine Lade hervor. »Hier,« sagte sie, »ruht der wahre Schatz.« Die Zuschauer reckten die Hälse und beugten sich begierig vor; aber der wahre Schatz erschien dem Auge weniger verlockend als das, was sie zuerst gesehen hatten. Die hier gezeigten Edelsteine waren größtenteils noch von dem Gestein, in dem sie gefunden worden, umgeben, aber auf der oberen Seite war bei einem jeden eine mehr oder weniger große Fläche geschliffen und poliert, so daß sich die Glut der Saphire und Smaragden mit dem gelblichen Licht der Diamanten zu heimlichem, verschleiertem Gefunkel vereinten. Der Doktor hielt den Atem an und berührte mit ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger einen Smaragden. Dann nahm er mit einem um Erlaubnis und Entschuldigung bittenden Blick auf die Eigentümerin den Stein heraus und legte ihn in seine offene linke Hand. »Ich verstehe mich ein wenig darauf,« sagte er leise. Er hatte sich über das Kleinod gebeugt und betrachtete das köstlich glühende Grün eine Minute lang und legte dann den Stein sorgsam auf seinen Platz zurück. Wie segnend breitete er die Hand über die Sammlung aus und flüsterte halblaut: »Gar mancher Edelstein vom köstlichsten, reinsten Wasser.« »Janet,« sagte Frau Wyncott feierlich, »du darfst diese Kleinodien nicht im Haus behalten – ich kann kein Auge mehr zuthun, so lange sie da sind. Eines Tages werden wir um deinetwillen alle ermordet im Bett gefunden!« »Außer uns selbst weiß keine Menschenseele, daß sie im Hause sind,« entgegnete Fräulein Pharr. »Ich war sogar so vorsichtig, es bei Tisch vor der Dienerschaft nicht zu erwähnen. Außerdem wird sich ein Dieb nicht leicht daran vergreifen – die Sachen sind zu auffallend, um leicht verwertet werden zu können.« »Seien Sie dessen nicht zu sicher, Fräulein Pharr,« warnte Esden. »Ich bin in meinem Beruf schon einer ganzen Menge Herren begegnet, die ihren Hals gern an solchen Preis wagen würden. Außerdem gibt es in London thatsächlich eine Firma von Hehlern, die jeden Augenblick fünftausend Pfund bereitliegen hat.« »Wyncott Esden kennt diese Sachen durch seinen Beruf und du thätest klug daran, auf seine Warnung zu hören, Janet,« sagte Fräulein Wyncott. »Und Sie glauben, daß es unklug von mir ist, diese Sammlung bei mir zu führen?« fragte Fräulein Pharr nun Esden. »Ich halte es allerdings für ein wenig unüberlegt und gewagt,« antwortete er. »Aber,« wandte die Besitzerin der Kleinodien ein, »ihr wollt sie ja zu einer Art weißen Elefanten für mich machen. Was hat denn ein armes Mädchen vom Besitz solcher Schätze, wenn sie dieselben nur auf einer Bank niederlegen und dafür bezahlen muß?« »Das ist eine scharf zugespitzte Frage,« versetzte Doktor Elphinstone, »aber mir wäre es unbehaglich, wenn sie mir gehörten.« »Bewahren Sie alle mein gefährliches Geheimnis,« sagte das junge Mädchen lachend; »in meinem Zimmer befindet sich ein hübsches Schränkchen mit sehr starkem Schloß, dort werde ich den Schatz verwahren, bis ich dazu komme, ihn nach London zu bringen. Ich werde doch wohl auf der Treppe keinem Räuber begegnen?« »Janet, ich bitte dich, von solch schrecklichen Dingen nicht in diesem leichtfertigen Ton zu sprechen – das heißt Gott versuchen.« Fräulein Pharr verschloß ihre Juwelen in dem von ihr erwähnten Schränkchen und kehrte sofort wieder zu der Gesellschaft zurück. Es gelang Esden, sich anscheinend zufälligerweise den Platz an ihrer Seite zu verschaffen, und sie plauderten lebhaft und heiter miteinander. Mit jedem Augenblick erschien sie ihm einnehmender, und er hoffte, falls die Sache in diesem Tempo weiterging, schon nach Verlauf einer Woche am Ziel seiner Wünsche anzulangen. Soweit er es beurteilen konnte – und er war weder übermäßig eitel noch albern –, war der Eindruck, den er machte, ebenso günstig wie der, den er empfing. Leichten Herzens legte er sich zu Bett, allein der unglückselige J. P. spukte in seinem Kopf, bis es ihm gelang, einzuschlafen, und er von Fräulein Pharr und vom Golcondaklub Golcondaklub, ein Verein von Spitzbuben und Hochstaplern in London. Anm. d. Uebers. träumte. Fünftes Kapitel. In der Regel stand Esden für das Land sehr spät auf, allein am andern Morgen sprang er aus dem Bett, sobald man ihm sein Bad und sein Rasierwasser gebracht hatte, denn am Abend vorher war eine photographische Exkursion verabredet worden, da Fräulein Pharr ihr neues Spielzeug kennen lernen wollte. Esden beabsichtigte, sich dabei nützlich zu machen, und war entschlossen, das tiefste Interesse für Photographie an den Tag zu legen. Der zu seiner Aufwartung bestimmte Diener hatte seine Reisetasche ausgepackt und seine Sachen pünktlichst aufgeräumt, nur den Toilettekasten hatte er nicht geöffnet, weil er verschlossen war. Aergerlich über den Aufenthalt, suchte Esden den Schlüssel, fand ihn und öffnete den Kasten, und das erste, was ihm in die Augen fiel, waren die beiden auseinandergeschraubten Teile von Reuben Gales sonderbarem Geschenk. »Was zum Kuckuck dachte die alte Närrin denn, daß ich damit machen würde?« fragte er halblaut. »Was in aller Welt denkt sie denn, daß dies sei?« Nun entsann er sich, daß er es auf seinem Kissen gefunden, als er in der Nacht nach dem Versuch mit der Thür zu Bett gegangen; er hatte das Werkzeug auseinandergeschraubt und in eine Lade seiner Kommode geworfen, wo seine Aufwartefrau es offenbar gefunden hatte. »Vermutlich hat sie gedacht, ich könne es gut brauchen,« sagte er lachend, während er sich das Kinn einseifte, »und das könnte ich auch, da ja Fräulein Pharrs Juwelen im Hause sind. Das gibt einen guten Spaß. Ich nehme es mit hinunter und erzähle die Geschichte.« Allein ehe er seinen Anzug ganz vollendet hatte, ertönte die Frühstücksglocke, und da er noch nicht ganz fertig war, kam ihm diese Absicht für den Augenblick aus dem Sinn; eilig schloß er seinen Toilettekasten zu, und erst als er sich am Fuß der Treppe befand, erinnerte er sich wieder daran. »Einerlei,« sagte er zu sich selbst; »nach Tisch hat man besser Zeit zu einer Geschichte,« und so trat er in das Frühstückszimmer und begrüßte seine Wirtin und ihre übrigen Gäste so heiter, als er sie vor zehn Stunden verlassen hatte. »Ein Brief für dich, Wyncott,« sagte die alte Dame. Esden nahm ihn aus ihrer Hand in Empfang und erkannte J. P.'s Handschrift. Mit dem Stil seines Eierlöffelchens öffnete er den Umschlag und riß den Brief heraus. J. P. teilte ihm mit, er habe Nachrichten erhalten, die ihn sehr beunruhigten; um darüber mit ihm zu reden, habe er in seiner Wohnung vorgesprochen und von der Aufwärterin seine Adresse erhalten. War die Sache mit dem Wechsel wirklich in Ordnung? J. P. mußte es wissen, denn für ihn war es eine Lebensfrage und die Mitteilungen, die er erhalten hatte, ließen ihm die Sache zweifelhaft erscheinen. Wollte Esden so freundlich sein, ihm zu telegraphieren? Nur mit Mühe gelang es dem jungen Advokaten, seinen Verdruß zu verbergen. Nicht um alles Geld der Welt, versicherte er sich selbst, möchte er den unseligen J. P. in dieser Patsche lassen. Ganz abgesehen davon, daß es geradezu erbärmlich wäre, ein so hilfloses Menschenkind zu schädigen, war es auch gefährlich, einen Menschen von J. P.'s Temperament zu verletzen, denn er würde der ganzen Welt sein Leid klagen und die Sache an die große Glocke hängen. Wäre die andre Gesellschaft nicht so sehr in ihre Unterhaltung vertieft gewesen, so hätte Esdens plötzliche Niedergeschlagenheit und die gemachte Heiterkeit, mit der er sie zu bemänteln versuchte, nicht unbemerkt bleiben können. Zum Teufel mit J. P.! Was brauchte er denn jetzt zu heulen – jetzt schon! Er konnte ja heulen, wenn die Zeit gekommen war. Esden war wütend darüber, daß J. P. seiner wiederholten Versicherung keinen Glauben schenkte. Kaum war das Frühstück vorüber, so wurde Kriegsrat gehalten, und nachdem jedem etwas zu tragen aufgehalst worden war, machte sich die Gesellschaft mit Fräulein Pharrs funkelnagelneuem Apparat auf die Suche nach landschaftlichen Schönheiten in Wootton Wood. Das Gabelfrühstück sollte an einem zuvor bestimmten Punkte eingenommen werden, und die drei Photographen wollten sich bis dahin die Gelegenheit möglichst zu nutze machen. Sie waren eben an ihrem Bestimmungsort angelangt und emsig mit Aufnehmen oder Zuschauen beschäftigt, als der Gärtnerjunge vom Hause atemlos erschien und Esden ein Telegramm überbrachte. Auch dies kam von J. P., und Esden, der etwas beiseite getreten war, um es zu lesen, brach in Verwünschungen gegen den Absender aus, bis er des sonngebräunten Jungen neben sich ansichtig wurde, der ihn mit offenem Mund und Augen anglotzte. Am liebsten hätte er dem Jungen geschwind den Hals umgedreht, allein der Humor gewann bei ihm rasch die Oberhand und er fing an zu lachen. »Um Gotteswillen telegraphiere,« lautete J. P.'s Botschaft, und Esden riß ein Blatt Papier aus seinem Taschenbuch und kritzelte eine Antwort darauf. »Alles in Ordnung. Sei doch kein so alter Esel.« Dies übergab er dem Jungen mit einer halben Krone und hieß ihn sich schleunigst damit nach dem Postamt verfügen. »Muß ich zurückbringen, was ich herausbekomme?« fragte der Junge. »Nein,« erwiderte Esden, »du kannst es behalten.« Der Junge strahlte vor Glück und entfernte sich. Sobald er sich unbeachtet wähnte, wirbelte er seinen Hut in die Luft und begann in seinen reichlich großen Stiefeln einen Freudentanz aufzuführen. Fräulein Pharr sowohl als Esden beobachteten ihn und brachen in fröhliches Gelächter aus. »Sie haben heute doch schon ein Herz erfreut, Herr Esden,« sagte sie scherzend. Dies gab Esden sein Gleichgewicht wenigstens zur Hälfte zurück; allein J. P. wollte sich nicht abschütteln lassen. Es gab Augenblicke, in denen er leibhaftig gegenwärtig erschien mit seiner halbmondförmigen Nase und seinem halboffenen kläglichen Mund, so daß er Esden förmlich verhaßt wurde und er ihn gerne geprügelt hätte, falls dies von irgend welchem Einfluß auf die Sache selbst gewesen wäre. Bei all diesen Nebengedanken mußte er doch überaus lebendigen Anteil an Fräulein Pharrs Operationen nehmen, die von dem Arzt und Fräulein Wyncott mit allerlei Ratschlägen unterstützt wurden. Der Platz war aber auch ein kleines Paradies an landschaftlicher Schönheit, und fast bei jedem Schritt entfaltete sich ein neues Bild. Selbst als die Aufnahmen durch die Ankunft des Gabelfrühstückes unterbrochen wurden, war Fräulein Pharrs dilettantischer Kunstheißhunger noch lange nicht gestillt. Das Tischtuch wurde auf einem kleinen Rasen am Ende des Waldes ausgebreitet und von diesem Punkt aus hatte man die Aussicht auf das Haus und den Pfad, der sich durch die Felder nach ihm hinschlängelte. Sie hatten ihr Mahl noch nicht halb beendet, als Esden mit einem ungeduldigen Ausruf aufsprang, denn J. P.'s hinfällige Gestalt war in Begleitung des Gärtnerjungen auf dem Fußpfad aufgetaucht. »Was gibt's, Wyncott?« fragte der Arzt. »Der langweiligste, unausstehlichste Mensch in ganz Europa,« lautete die Antwort; »er ist ein Klient von mir, dazu auch noch ein näherer Bekannter. Darauf fußt er und kommt, um seine Sache mit mir zu besprechen. Ich werde ihn aber schön abfertigen!« Mit diesen Worten schritt er dem unwillkommenen Besucher entgegen, der ihm schon von weitem mit dem Stock winkte. »Nun, lieber Junge, was willst du denn hier?« fragte Esden ungeduldig. »Nun, siehst du,« stammelte der Gast hinter seiner Nase hervor, »du hättest telegraphieren sollen, Esden.« »Zum Henker, ich habe telegraphiert!« J. P. starrte ihn mit großen, runden Augen und etwas geöffnetem Mund an, als ob er im Begriff stünde, zu blöken. »Ich habe kein Telegramm erhalten,« sagte er ängstlich, »wohin hast du es geschickt?« »In meine Kanzlei und zwar sofort nach Empfang des deinigen!« »O,« erwiderte J. P., »das erklärt alles! Ich bin heute morgen nicht dort gewesen, sondern habe zu Hause auf Antwort gewartet. Und was hast du telegraphiert?« »Ich habe telegraphiert: ›Alles in Ordnung. Sei doch kein so alter Esel!'« Damit legte er beide Hände auf J. P.'s Schultern und schüttelte ihn freundschaftlich. »Mach, daß du heim kommst, alter Knabe,« sagte er mit seinem freundlichsten Lächeln, »und sei ohne Sorge.« »Nun,« entgegnete J. P. in zweifelndem Ton, »wenn du das sagen kannst, so nimmst du mir eine Last vom Herzen, denn ich habe gestern in der City gehört, du setzest Himmel und Erde in Bewegung, um hundertundfünfzig Pfund aufzutreiben, und dies machte mich ängstlich. Denn siehst du, Esden,« stammelte er in entschuldigendem Ton, »es wäre schrecklich, wenn ich den Wechsel decken müßte. Sechs Mädchen, wie du weißt, und alle gesund und mit einem unglaublichen Appetit gesegnet. Dazu kommt, daß Frau P. –« wie es schien, mußte sich auch die arme Dame mit einem verkürzten Nachnamen begnügen – »sehr leidend und schwach ist. Wir haben noch ein weiteres Dienstmädchen für die Kinder nehmen müssen und die Doktorsrechnungen sind entsetzlich.« »Ich weiß, alter Junge, ich weiß,« erwiderte Esden, eine Hand auf seine Schulter legend, während sein Herz voll Mitleid und Reue war. »Du sollst nicht darunter leiden müssen, J. P. Das müßte schon ein hartherziger Teufel sein, der dich schädigen wollte.« »Also, ich kann mich auf dich verlassen?« sagte J. P. »Du kannst dich ganz auf mich verlassen,« antwortete Esden. Er begleitete J. P. nach der Bahnstation zurück und mußte auf dem ganzen Weg leichtherzig und vergnügt erscheinen. J. P. fuhr getröstet ab und Esden ging bitter unglücklich zurück. Er hatte eigentlich nur ein wahres Wort gesprochen: es wäre wirklich gemein, ein so harmloses Geschöpf zu schädigen. Allein wie er dies verhindern und der Schande, die auf ihn zu fallen drohte, entgehen sollte – das vermochte er nicht zu ergründen. Sechstes Kapitel. Die milde Frau Wyncott betrachtete die Fortschritte, die ihr abgebrannter Neffe in der Gunst der reichen Erbin machte, mit wachsender Genugthuung. Sie war der Ansicht, daß ein bekehrter Lebemann den besten Ehemann abgebe, was beinahe ebenso wahr ist, als daß ein Taschendieb, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat, der zuverlässigste Vermögensverwalter wird. Esden war seiner Zeit unzweifelhaft etwas leichtsinnig gewesen und seine Tante hatte ihm sogar einmal seine Schulden bezahlt, allein nach dieser gütigen That ihn auch mit einer so ausgesprochenen Kälte behandelt, daß sich Esden, der bedeutende Erwartungen von ihr zu hegen berechtigt war, veranlaßt sah, ihr einen gewissen finanziellen Wohlstand vorzuspiegeln, von dem er weit entfernt war. Ja, er war sogar so weit gegangen, ihr Rückzahlung anzubieten, und bei dieser Gelegenheit hatte ihm die alte Dame viel Liebe gezeigt und eine Thräne der Rührung über den gebesserten Verschwender vergossen. Ihrer Ansicht nach schadete es gar nichts, wenn sich ein junger Mann die Hörner ablief. Ursprünglich war ihr Arnold von ihren beiden Neffen der liebere gewesen, allein dieser war Geistlicher geworden, und da sie von ihrem Vater, der in den schrecklichen neunziger Jahren ein ausgesprochener Whig gewesen war, einige dunkle Begriffe von der Gottheit der Vernunft überkommen hatte, erschien ihr die Kirche zwar als eine ehrwürdige, aber etwas altmodische, kindische Einrichtung. Trotz ihrer Ansichten und ihres Wunsches, er möchte in die Garde eintreten, hatte Arnold den kirchlichen Beruf gewählt, und schließlich war ihr der Bruder Liederlich lieber geworden als der Diener Gottes. Ueber diesen Punkt lag sie mit ihrer Tochter Edith in offener Fehde. Edith war eine treue Anhängerin der Kirche und mißbilligte Mamas freidenkerische Ansichten, so unbestimmt und harmlos diese auch waren. Das alte Mädchen war hinter ein Geheimnis gekommen, für das ihre Mutter blind zu sein schien. Arnold liebte nämlich Fräulein Pharr aufrichtig, wurde aber durch den Gedanken an ihren Reichtum abgehalten, sich ihr zu nähern, und dies Geld, das den bessern und würdigern Mann abschreckte, zog ihren oberflächlicheren Vetter gerade an. Wie fast alle Leute mochte auch sie Wyncott Esden gern leiden und beurteilte ihn nicht strenge, allein sie schätzte den andern Mann unendlich höher. Während also Mama wohlwollend für den Advokaten Pläne schmiedete, nahm Fräulein Wyncott die Sache des Geistlichen in die Hand und beschloß, ihr möglichstes für ihn zu thun. Eines Morgens waren Fräulein Pharr, Esden und der Arzt draußen mit photographischen Aufnahmen beschäftigt und die alte Dame freute sich in der Stille, daß die beiden jungen Leute soviel zusammen waren. Sie hatte nie gewagt, Edith geradezu fernzuhalten, aber sie triumphierte über die kleine List, mit der sie glaubte, ihre Tochter diesen Morgen im Haus gehalten zu haben. Bald sollte sie aber gewahr werden, daß ein andrer Stratege ihr das Feld streitig machte. »Es scheint heute morgen sehr heiß draußen zu sein,« begann die jüngere Dame, nachlässig mit ihrer Nadel spielend, »und ich bin doppelt froh, daß ich im Haus geblieben bin, weil ich dadurch Zeit fand, an Arnold zu schreiben. – Ich weiß nicht, wie es kommt, daß man zu gar nichts mehr Zeit findet.« Mit niedergeschlagenen Augen stichelte sie weiter und die alte Dame fragte in möglichst ruhigem Ton: »Was hast du Arnold geschrieben?« »Wir würden uns sehr freuen, ihn hier zu sehen.« »Edith!« rief die alte Dame scharf. »Ja, Mama!« gab Edith zurück und sah sie harmlos an. »Um Gotteswillen, stelle dich mir gegenüber nicht in dieser Weise an. Du weißt sehr wohl, daß ich weder Arnold noch sonst einen jungen Mann außer Wyncott hier haben will. Ich verbiete dir, den Brief abzuschicken!« Statt jeder Antwort erhob sich Fräulein Wyncott von ihrem Sitz und klingelte. Die Mama fächerte sich mit der Miene siegreicher Entrüstung und ihre Tochter setzte sich wieder an ihre Näharbeit. Als gleich darauf der gewünschte Diener erschien, sagte Edith: »Die Grainger, Fräulein Pharrs Kammermädchen, soll hierher kommen.« Nach einer Pause, in der Frau Wyncotts Fächer beunruhigte und zweifelnde Bewegungen ausführte, trat die bescheiden und hübsch aussehende Grainger ins Zimmer. Sie trug ein unscheinbares schwarzes Kleid, Hals und Arme von weißen Leinenstreifen umschlossen, und ihr üppiges schwarzes Haar war in einen großen Knoten geschlungen. Die junge Dame nahm sich nicht einmal die Mühe, einen Blick auf sie zu werfen. »Sie sind im Dorf gewesen?« fragte sie in eisig sanftem Ton. »Ja, Fräulein Wyncott.« »Haben Sie den Brief, den ich Ihnen gab, zur Post gebracht?« »Ja, Fräulein Wyncott.« »Danke; das genügt.« Die Grainger ging. »Es thut mir natürlich sehr leid, Mama,« sagte Edith, »aber du siehst, es ist zu spät.« »Du hast dies nur gethan, Edith, um mich zu ärgern und meine Pläne zu vereiteln,« rief die alte Dame zornig. »Aber, liebe Mama, du bist mir ganz unverständlich,« entgegnete Edith; »welche Pläne soll ich dir denn durchkreuzt haben?« »O,« entgegnete ihre Mutter, »du stellst meine Geduld auf eine allzu harte Probe! Du nennst dich eine Christin und vergißt, daß eine gesprochene von einer thatsächlich ausgeführten Lüge sich nur dadurch unterscheidet, daß diese noch einen Grad schlimmer ist. Wie kannst du dich unterstehen, mir zu sagen, du kennest meine Pläne nicht!« »Mama,« gab Edith zurück, »du wirst dir selbst diesen Ausbruch nicht so bereitwillig verzeihen, als ich es thue.« »Possen!« sagte die alte Dame. »Gelingt es dir aber, das zu hintertreiben, was ich anstrebe – und du weißt so gut als ich, was dies ist – so werde ich dir selbst auf meinem Totenbett nicht verzeihen und jeden Pfennig, den ich habe, Wyncott vermachen.« »Ich habe mein eigenes bescheidenes Einkommen, Mama,« sagte Edith in frommem Ton. »Du magst sehen, wie weit du damit kommst,« erwiderte ihre Mutter zornig und verließ eiligst und mit Würde den Schauplatz. »Geh nicht so rasch, Mama,« sagte Edith mit einer Bereitwilligkeit zu vergeben, die ihre Mutter vollends ganz außer sich brachte. »Du wirst dich sonst nur erhitzen und bist nachher angegriffen.« Hätte Fräulein Wyncott ihre Mutter über irgend etwas anderes auch nur zum hundertsten Teil so außer sich gesehen, sie würde das innigste Mitgefühl gehabt haben. Allein hier handelte es sich um eine Liebesgeschichte, und Edith hatte alles daran gesetzt, ihren Kandidaten nicht aus dem Feld schlagen zu lassen. Außerdem lag beinahe etwas Frommes in dem Gedanken, Fräulein Pharrs Tausende von der weltlichen Bahn abzulenken und in den Schoß der Kirche rollen zu lassen. Wahrend Fräulein Wyncott weiter nähte, wandten sich ihre Gedanken mit ernster Mißbilligung dem Wesen und Benehmen der neuen Jungfer Fräulein Pharrs zu. Vom ersten Augenblick an hatte sie das junge Mädchen nicht leiden können, aber noch nie war sie ihr so zuwider gewesen, als bei der eben stattgehabten Unterredung. Das Wesen der Grainger war entschieden hochmütig gewesen, und so lange es überhaupt Dienstboten geben wird, werden sich Damen nicht gerne von den Kammerjungfern ihrer Freunde de haut en bas behandeln lassen. Je weniger ihr die Art der Grainger gefiel, je mehr dachte Fräulein Wyncott darüber nach. Nun hatte das junge Mädchen wohl eigentlich ein sanftes, dienstwilliges Wesen, allein der Umstand, daß Esden im Hause erwartet wurde, legte ihr von Anfang an einen erkältenden Zwang auf und auf dem Rückweg von dem Ausgang, den sie für Fräulein Wyncott gemacht, hatte sie eine Begegnung gehabt, die sie vollends aus ihrem Gleichgewicht brachte. Der Weg von der Bahnstation nach dem Hause führte über eine kleine hölzerne Brücke, und als sich die Grainger dieser näherte, sah sie einen Mann trübselig über das Geländer gelehnt. Sie raffte ihr Kleid zusammen und wollte mit raschen Schritten an ihm vorbei, denn sie war das rege Leben der Stadt gewöhnt und fürchtete sich nicht wenig in der ländlichen Einsamkeit und Stille. Als sie nur noch etwa sechs Schritte von dem trübseligen Herrn entfernt war, wandte sich dieser um und richtete sich so plötzlich in die Höhe, daß sie ihm beinahe in die Arme gelaufen wäre. Mit einem unfreiwilligen Aufschrei erkannte sie ihn. »Lassen Sie mich vorüber, Herr Esden!« »Du hast es ja verteufelt eilig, vorbei zu kommen,« sagte Esden mit düsterm Antlitz. »Ich bin in Eile,« gab sie zurück, »ich habe eine Besorgung für Fräulein Wyncott zu machen. Geben Sie Raum!« »Du hast es nicht immer so eilig gehabt, von mir fort zu kommen.« »Ich wundere mich,« gab sie vor Zorn errötend zurück, »daß Sie noch die Stirne haben, mich an jene Zeit zu erinnern. Ich wundere mich, daß Sie das Herz haben –« Ihre Stimme wurde unsicher und plötzlich fing sie, teils zu Esdens Verwunderung, teils zu seinem Aerger, leidenschaftlich zu weinen an. Er wollte sie in seine Arme ziehen, um sie zu trösten, aber sie sprang zurück und trat ihm mit vom Weinen entstelltem Antlitz zornig gegenüber. »Wie?« rief sie leidenschaftlich. »Sind Sie überhaupt ein Mann? Welches Recht haben Sie, mich aufzuhalten?« »Ich habe nie gedacht, daß es dir so nahe ginge, Polly!« sagte Esden. »Welches Recht haben Sie, zu sagen, daß es mir nahe gehe?« fragte sie zurück. »Ich würde mehr als genug zu beweinen haben, wenn ich die Thörin gewesen wäre, für die Sie mich gehalten haben.« »Liebes Kind,« entgegnete Esden, »wenn du denkst, ich sei ein so gemeiner Kerl, daß ich ein Weib beiseite stoße, nachdem ich alles von ihr erhalten habe, bist du doch gewaltig im Irrtum. Ich meinesteils habe nie gedacht, daß eine Heirat in Betracht kommen könne, und habe ebensowenig geahnt, daß du solche Einfälle hattest.« »Wenn ein Mann einem Mädchen sagt, daß er es liebe,« gab sie ihm leidenschaftlich zurück, »so denkt er entweder an eine Heirat, oder er ist ein Schurke. Sprechen Sie mit Fräulein Pharr vielleicht, wie Sie mit mir gesprochen haben?« »Sprich nicht von Fräulein Pharr, bitte. Ich bedaure, deinen Stolz verletzt zu haben, und bedaure noch mehr, daß wir uns nicht verstanden.« »Meinen Stolz verletzt? Sie haben den Stolz, den ich auf Sie hatte, verletzt. Ich hielt Sie für einen Mann, für einen Gentleman.« »Na, Polly,« sagte Esden, »du solltest die alten Geschichten nicht aufrühren. Ich bitte dich um Vergebung – es thut mir herzlich leid.« Sie verschmähte die dargebotene Hand, und achselzuckend, noch niedergeschlagener als zuvor, wandte er sich um und ging davon. Während sie gewaltsam ihre Thränen unterdrückte und deren Spuren zu verwischen suchte, schritt Esden, mit irgend einem kleinen Auftrag von Fräulein Pharr betraut, dem Hause zu, und schon diese Bewegung allein reichte hin, die Sorgen zu zerstreuen, die sein Gemüt bedrückten. Den Tag darauf langte Arnold an und wurde von der alten Dame mit eisiger Kälte, von der jüngern dagegen mit überströmender Wärme empfangen; noch nie hatte sie sich ihm so gastfreundlich, so verwandtschaftlich liebevoll gezeigt. Fräulein Pharr schwelgte noch immer unermüdlich im Genuß ihres neuen Spielzeuges und der alte Arzt war ihr williger Sklave, wie er es thatsächlich schon von ihrer Geburt an gewesen war. Da sie geschickt und gelehrig war und ständig einen solchen erfahrenen Ratgeber zur Seite hatte, machte sie große Fortschritte. Sie hatten auf der Wiese ein Zelt errichten lassen und nahmen nun das Haus von den verschiedensten Gesichtspunkten aus auf. Frau Wyncott, die bei Arnolds Ankunft im Zelte saß, freute sich zu beobachten, daß Fräulein Pharr ihn ganz anders empfing als seinen Vetter und bei seinem Anblick keinen Schimmer von Freude zeigte. Auch Arnold selbst schien sich nicht recht behaglich zu fühlen und der junge Advokat bemühte sich so sichtbar um die Erbin, daß sich der Geistliche ganz überflüssig gefühlt hätte, wäre nicht Edith so aufmerksam gegen ihn gewesen. Beim Gabelfrühstück wurde er gewaltsam in die Unterhaltung gezogen und schleuderte, ohne zu ahnen, eine Art Bombe in die Gesellschaft. »Rate einmal, wen ich gestern abend in der Stadt getroffen habe, Wyncott,« sagte er zu seinem Vetter. »Ein schwer zu lösendes Rätsel,« gab Esden nachlässig zurück. »Ich traf den Boomer. Boomer Brown.« »Unmöglich!« rief Esden, vom Tisch aufspringend. Aufrecht, mit gerötetem Antlitz stand er da und warf einen flüchtigen Blick über den Tisch. Dann wurde er blaß und setzte sich nieder. »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er mit dem alten Klang in seiner Stimme. »Ich hatte gehört, der Boomer sei gestorben – Boyce hat es mir mitgeteilt. Arnolds Mitteilung,« damit wandte er sich an seine Tante, »überwältigte mich. Es war, als hätte ich einen Geist gesehen. Ich muß Boomer aufsuchen, Arnold.« »Da mußt du schnell dazu thun,« erwiderte Arnold, »denn heute abend reist er wieder ab, glaube ich.« »Wohin?« fragte Esden. »Nach Honduras zurück.« »Liebe Tante,« sagte Esden, sich langsam erhebend, »ich bin überzeugt, daß du mich entschuldigen wirst; Boomer ist ein alter Freund von mir, und ich glaubte, er sei tot und ich würde ihn niemals wiedersehen. Ich will schnell nach London fahren und ihn aufsuchen. Du gestattest es doch?« »Gewiß, geh jedenfalls, Wyncott,« erwiderte die alte Dame. »Weißt du, wo er abgestiegen ist, Arnold?« »Im Langhamhotel. Ich glaube, bis sechs Uhr ist er dort.« »Wann geht der nächste Zug?« »In fünfundzwanzig Minuten, Herr Esden,« sagte der Diener, der bei Tisch aufwartete. »Den werde ich benützen,« erklärte Esden; »ich nehme eine Handtasche mit für den Fall, daß ich ihn bestimmen kann, noch eine Nacht zu bleiben. Ich möchte ihn um keinen Preis verfehlen.« Damit verließ er das Zimmer; man hörte ihn die Treppe hinaufeilen und kurz darauf das Haus verlassen, nachdem er sein wahrhaft strahlendes Gesicht noch einmal zur Thür hereingestreckt hatte. »Wenn ich um neun Uhr nicht zurück bin, müßt ihr mich heute nicht mehr erwarten,« sagte er und verschwand lächelnd. »Es ist etwas Schönes um solche Freundschaften zwischen jungen Männern,« sagte die alte Dame zu Fräulein Pharr. »Aus einer derartigen Empfindung bei einem Mann kann man ersehen, was für ein Herz er hat. Der liebe, arme Wyncott! Er war ganz ergriffen.« Daß der liebe, arme Wyncott ergriffen und zwar tief ergriffen war, konnte selbst dem oberflächlichsten Beobachter nicht entgehen, allein nicht die Wärme seiner Empfindung für den so zufällig erwähnten Freund hatte ihn so erregt. Des Pudels Kern war: der Boomer war nicht nur der großmütigste und liebenswürdigste, sondern auch der reichste von allen Bekannten Esdens. Er brauchte ihm seine Verlegenheit nur anzudeuten, um davon befreit zu werden. Im Geiste hörte er schon die laute, fröhliche Stimme seines Freundes, mit der dieser ihm zuvorkam und rief: »Dreihundert, alter Junge? Gewiß! Sagen wir lieber fünfhundert.« Selbstverständlich pflegte der Millionär aus Honduras sich nicht allen alten Schulkameraden in derselben leichten Weise zugänglich zu machen, allein er hatte Esden zufällig einmal vom Ertrinken gerettet und seither liebte er ihn, als ob er ihn in die Welt gesetzt hätte. Den gottverlassenen J. P. zu retten – und sich daneben – es war eine glänzende Aussicht! Nie hatte Esden die Sommersonne Heller gestrahlt, als an diesem Nachmittag und die Erde lachte ihm fröhlich entgegen. Er schlug alle Sorgen in den Wind und fuhr froh wie ein junger Gott durch die ländlichen Fluren. Als er auf dem Bahnhof ausstieg und in eine Droschke sprang, war er so fröhlichen Mutes, daß ihn sogar der Kutscher, sein Lächeln erwidernd, angrinste und ihn mit allerlei Hoffnungen für sich selbst durch die Straßen Londons vor das Langhamhotel rüttelte. Allein dort vor dem Portal siel dunkler, mitternächtlicher Schatten über alles ringsum. Brown war fort. Er hatte den Frühzug benützt und keine Adresse hinterlassen. Siebentes Kapitel. Bald nach dem zweiten Frühstück gingen Fräulein Pharr und der Doktor auf die Wiese zurück und nahmen ihre photographische Thätigkeit wieder auf. Frau Wyncott, die Arnold noch immer kühl behandelte, folgte ihnen und nahm ihren alten Platz im Zelt wieder ein. Edith und Arnold blieben eine Weile zurück. »Du hast meinen Wink bemerkt, wie ich sehe,« sagte das Fräulein. »Nimm Platz, Arnold, ich habe ernsthaft mit dir zu reden.« Edith zog sich einen Stuhl nahe an seinen Sitz heran und legte eine Hand auf seinen Arm. »Ich bin reichlich alt genug, Arnold,« begann sie, »um wie eine ältere Schwester mit dir reden zu können, und da ich es nicht liebe, erst lange auf den Busch zu klopfen, komme ich gleich zur Sache.« Nach dieser Einleitung begann sie in einer Parabel zu sprechen. »Ich kenne einen jungen Geistlichen – einen Freund und nahen Verwandten von mir, der uns voriges Jahr hier besuchte. Gleichzeitig befand sich eine junge Dame hier, und ich habe Grund zu glauben, daß sie und der junge Geistliche anfingen, einander ernstlich lieb zu haben. Plötzlich erfuhr der junge Mann, daß die Dame eines Tages große Erbschaft machen werde, und da er ein außerordentlich donquixotischer, hochgesinnter Junge ist, empfahl er sich, sobald er konnte und ließ das arme Mädchen unter dem Eindruck zurück, es habe ihn irgendwie beleidigt. Solltest du, Arnold, je mit dem jungen Geistlichen zusammentreffen, so bitte ich dich, ihm zu sagen, er habe sehr thöricht und unrecht gehandelt.« »Zufällig kenne ich die näheren Umstände,« antwortete Arnold, der wie ein junges Mädchen errötete und die Augen fest auf den Teppich geheftet hielt. »Ich weiß, daß der junge Geistliche das einzig Vernünftige und Ehrenhafte that, was unter den gegebenen Verhältnissen zu thun war.« »Wollte ihm die junge Dame kein Gehör schenken?« »Nein,« sagte Arnold, »dieser Gefahr hat er sich niemals ausgesetzt.« »Lieber Arnold, ich glaube, er hat sie heiß geliebt.« »Bitte, sprich nicht mehr darüber,« bat Arnold. »Hast du mich eingeladen, um darüber mit mir zu sprechen, so muß ich dir dafür danken, denn ich weiß, du hast es gut gemeint! Wenn dieser junge Geistliche sich irgend derartigen Träumereien hingegeben hat, so ist er letzten Herbst daraus erwacht und wird sich hüten, sich neue Täuschungen vorzuspiegeln.« »Aber wenn es keine Täuschungen waren?« fragte das ältliche Mädchen, »Angenommen, die junge Dame sei auch nicht gleichgültig geblieben?« »Es liegt kein Grund zu dieser Annahme vor,« sagte er mit so barscher Entschiedenheit, daß sie beinahe vor ihm erschrak. »Wenn ich dieser Ansicht wäre, so thäte ich sehr unrecht daran, dir solche Gedanken in den Kopf zu setzen. Ich glaube, daß sie sogar jetzt noch nicht gleichgültig ist, aber ich weiß auch gewiß, daß sie es mehr ist, als vor einem Jahr.« Sie errötete und dies Erröten im Verein mit einem gewissen feuchten Glanz ihrer Augen ließ sie wieder jung und hübsch erscheinen. »Ich kannte ein Mädchen,« sagte sie halb lachend, halb weinend, »es ist jetzt mehr als zwanzig Jahre her, das alles darum gegeben haben würde, hätte jemand für sie gethan, was ich jetzt für dich thue. Aber niemand hat es gethan und das junge Mädchen ist jetzt eine alte Jungfer. Wohl ist sie weit davon entfernt, unglücklich zu sein, aber sie ist auch nicht halb so glücklich, als sie hätte werden können.« Arnold beugte sich über sie und küßte sie, und einen Augenblick lang ruhte ihr Haupt an seiner Schulter. »Auf diese Weise mache ich meine Sache nicht besser,« begann sie dann wieder, »du wird mich höchstens für eine sentimentale alte Jungfer halten.« »Ich will nicht leugnen,« sagte Arnold sehr langsam und überlegt, »daß ich mich gewissen Gedanken hingegeben habe, ja, daß mich diese manchmal sehr weit führten. Ich habe Grund zu glauben, daß Fräulein Pharr sich nichts aus mir machte, aber ich würde mein Glück versucht haben, wenn ich nicht von dem ihrigen gehört hätte.« »Richtig! Das habe ich mir immer gedacht!« rief Edith. »Allein,« fuhr Arnold fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, »allein von einer Dame mit ihrem Reichtum kann nicht verlangt werden, sie solle sich im Ostend von London begraben und das Leben teilen, das ich führe, und mit den Menschen zusammenleben, unter denen ich meine Tage verbringe. Ich aber habe mich der innern Mission gewidmet und liebe diese Thätigkeit so sehr, daß ich sie um nichts in der Welt aufgeben möchte. Mit einem Wort, liebste Edith, der einzige Fehler, den ich in dem Charakter der Dame gefunden habe, ist, daß sie ein wenig verwöhnt ist. Was manche andere Frau fröhlich über sich ergehen ließe, wäre für sie unerträglich, ja sogar entsetzlich. Nun aber laß uns gehen und vergessen, was wir gesprochen haben. Wir können nichts Besseres thun.« Sie sah davon ab, ihn, der so entschlossen und ruhig schien, weiter zu drängen, und war Diplomatin genug, eine vorübergehende Niederlage einzustecken, um einer dauernden Vorzubeugen. Als sie aus dem Haus traten und auf den Rasenplatz zuschritten, flüsterte Edith ihm zu: »Es ist unvernünftig, so kalt gegen sie zu sein, wie du es diesen Morgen warst. Sie wird denken, sie habe dich beleidigt.« Dies war nicht besonders schlau für eine Frau, aber es genügte, um Arnold in die Schlinge fallen zu lassen, wenigstens that er sein möglichstes, recht freundlich zu sein. Sofort taute Fräulein Pharr auf und Edith konnte sie mit Ruhe sich selbst überlassen. Sie gesellte sich zu Mama, deren Wesen die ganze Atmosphäre des Zeltes abzukühlen schien. Eine oder zwei Stunden vergingen, wahrend welcher die ältere Dame einnickte und die jüngere nähte. Als Edith einmal den Zeltvorhang beiseite schob, bemerkte sie, daß das Trio auf dem Rasen sich mehr mit Plaudern, als mit Photographieren beschäftigte, und gar oft klang Fräulein Pharrs silberhelles Lachen zwischen das lebhafte Sprechen des alten Schotten hinein. Es war sehr heiß und das tiefe regelmäßige Atmen der schlafenden Frau Wyncott hatte etwas so Ansteckendes, daß Edith selbst aus einem leichten Schlummer auffuhr, als ein Dienstmädchen fragte: »Bitte, gnädiges Fräulein, Fräulein Pharr läßt fragen, ob Sie den Thee auf dem Rasen einzunehmen wünschen.« »Gewiß,« erwiderte sie erwachend, »gewiß.« Unterdessen war der photographische Apparat wieder in Thätigkeit gesetzt worden und zwar von dem alten Arzt. Fräulein Pharr und Arnold plauderten anscheinend ungezwungen und behaglich miteinander, weshalb Edith zu Doktor Elphinstone herantrat und fragte, ob sie ihm behilflich sein könne. »Nein, nein,« sagte er. »Es handelt sich um eine Herausforderung von Janet und ich muß es allein machen. Ich werde ihr das Ideal eines Bildes herstellen.« Zwei Mädchen traten mit einem Tisch und einem Theebrett aus dem Haus und hinter ihnen drein kam ein kleiner Bedienter, der den Theekessel trug. »Tretet zur Seite,« sagte Elphinstone feierlich. »Ordnen Sie Ihren Theetisch dort außerhalb meiner Gesichtslinie und rühren Sie sich nicht vom Fleck, bis ich's erlaube.« Die Dienerschaft bewegte sich auf den Fußspitzen und Frau Wyncott, die eben von ihrem Schläfchen erwacht war, trat mit einem Sonnenschirm bewaffnet vor das Zelt. In dem Augenblick, wo sie auf dem freien Rasenplatz erschien, fiel der Schieber der Camera, und Elphinstone wandte sich mit einer triumphierenden Verbeugung nach Fräulein Pharr um. »Ich denke, das soll gut werden, Fräulein Janet,« sagte der alte Mann blinzelnd. »Gut,« erwiderte Fräulein Janet, »jetzt komme ich an die Reihe.« Sie machte sich lustig an die Arbeit und erklärte, sie müsse die nämliche Ruhe und Stille fordern, die der Doktor für sich beansprucht habe, worauf der Arzt erklärte, kein lebendes Wesen dürfe sich von der Stelle rühren. Alle Anwesenden hielten still und Fräulein Pharr allein bewegte sich mit ernster Miene geschäftig hin und her. Endlich schnappte der Schieber wieder und der Doktor erklärte: »Es ist wieder gestattet, sich zu rühren,« worauf der gehemmte Strom des Lebens wieder weiterflutete. »Thee, Janet!« rief Frau Wyncott. »Gleich,« erwiderte diese, indem sie die Hände in die Luft hielt und rückwärts hüpfte, »ich muß nur eben meine Hände waschen. Wartet nicht auf mich. Ich bin gleich wieder hier.« Damit wandte sie sich um und eilte ins Haus. Kaum eine Minute später aber ertönte der ungewöhnlich schrille Klang einer heftig gezogenen Glocke und unmittelbar darauf verriet das Geklirr fallenden Metalles, daß die Glocke selbst auf den eichenen Fußboden der Halle herabgestürzt sei. Noch ehe jemand seinem Erstaunen Ausdruck verleihen konnte, riß Janet eines der Fenster ihres Schlafzimmers auf, beugte sich weit heraus und rief mit aufgeregter Stimme: »Arnold! Edith! Meine Juwelen!« Arnold, Edith und der Doktor rannten dem Hause zu, während Frau Wyncott starr vor Schrecken wie angewurzelt auf dem Rasen stehen blieb. Arnold war natürlich allen voraus, und als er die Treppe hinaufstürzte, gewahrte er einen Augenblick ein schwarzhaariges, dunkeläugiges Mädchen mit marmorblassem Antlitz, die sich an den Thürpfosten von Fräulein Pharrs Zimmer klammerte und deren Züge den Ausdruck ungeheuren Entsetzens zeigten. Als sie und Arnold einander gleichzeitig gewahr wurden, glitt sie in das Zimmer, und bei seinem Eintritt stand sie vor Fräulein Pharr. »Meine Edelsteine,« rief die Erbin; »man hat mir meine Edelsteine gestohlen!« Die Blicke des Mädchens glitten langsam, wie von einem bestimmten, schreckenerregenden Gegenstand angezogen, die Wände entlang; doch ehe Arnold, der ihrem Blick gefolgt war, entdecken konnte, nach was sie gesehen hatte, stieß sie einen Schrei aus und stürzte leblos und steif zur Erde. Im Fallen schlug ihr Kopf gegen den Kaminvorsatz und sie lag da wie eine Leiche. Fräulein Pharr, die einen Augenblick sogar ihre Juwelen vergaß, stürzte mit einem Angstschrei vorwärts und knieete neben ihrer Jungfer nieder. Arnold schlang seine Arme um die regungslose Gestalt und versuchte sie aufzurichten; aber der Kopf des Mädchens sank leblos zurück, und in diesem Augenblick trat der Doktor atemlos ins Zimmer. »Was ist dies?« fragte er keuchend. »Eine Gewaltthat?« Er riß zwei oder drei Handtücher von dem Waschtisch weg, breitete eines davon auf dem Kopfkissen des Bettes aus und legte mit Arnolds Hilfe das bewußtlose Mädchen darauf nieder. Geschickt löste er den dicken Haarknoten auf und rief geschäftsmäßig nach einem Schwamm. Fräulein Wyncott, die dem Arzt auf dem Fuße gefolgt war, brach bei dem Anblick von Blut in krampfhaftes Weinen aus. Elphinstone wandte sich an die blasse und zitternd neben ihm stehende Janet und sagte ruhig: »Sehen Sie zu, daß Fräulein Wyncott sich nicht krank macht. Führen Sie sie fort und sorgen Sie, daß sie ruhig bleibt. Und dann schicken Sie mir ein paar große Tücher und eine Schere herauf.« Janet gehorchte. Die beiden Dienstmädchen und der kleine Bediente bildeten im Flur eine erschrockene Gruppe und im Vorbeigehen befahl Fräulein Pharr einem der Mädchen, dem Arzt zur Hand zu gehen. »Kann ich Ihnen irgend etwas helfen, Herr Doktor?« fragte Arnold. »Ja,« erwiderte dieser, »Sie können den Mund halten. Geben Sie mir das Becken mit Wasser dort – halten Sie es so.« Das Mädchen war auf eine äußerst scharf geschliffene Kante des stählernen Kaminvorsetzers gefallen und hatte eine ernstliche Wunde davongetragen, die so stark blutete, daß es geraume Zeit unmöglich war, ihre Art und Größe festzustellen. Als aber eines der Mädchen die verlangte Schere gebracht hatte, schnitt Elphinstone dicke Strähne des Haares heraus und untersuchte die Verletzung ganz genau. »Was war denn das für ein Geschrei wegen der Edelsteine?« fragte er, als es ihm gelungen war, die Blutung mit kalten Umschlägen zu stillen. »Ich weiß nichts,« antwortete Arnold, »als daß Fräulein Pharr erklärte, sie seien gestohlen. Sind sie sehr wertvoll?« »Wertvoll?« gab Elphinstone zurück. »Sie haben einen Wert von dreißig- bis vierzigtausend Pfund. Für die Patientin kann im Augenblick nichts geschehen,« fügte er hinzu. »Kommen Sie, Harriet, fetzen Sie sich hierher und lassen Sie Ihre Freundin ab und zu dieses Salz einatmen.« »Ich vermute, daß dies das Schränkchen ist, aus dem sie gestohlen worden sind,« sagte Arnold. Er und der Arzt untersuchten das Möbel, von dem er gesprochen. Die Thür des Schränkchens lag an der Erde und da die Scharniere herausgebrochen waren, starrte das weiße Holz aus der sonst ebenholzartig lackierten Thüre hervor. Genau in der Mitte dieser Seite zeigte sich eine flache viereckige Schramme im Holzwerk und Arnold legte einen Finger darauf. »Ah,« sagte der Doktor, »hier wurde die Brechstange angesetzt. Zu diesem Stück Arbeit war eine starke Hand erforderlich.« »Bei unsern Untersuchungen hier kommt nichts heraus,« bemerkte Arnold; »ich glaube, es wird am besten sein, man benachrichtigt die Polizeibehörde in London ohne weiteren Zeitverlust.« »Ich denke, das können Sie auf sich nehmen, Herr Esden,« antwortete der alte Herr, »und falls es nötig sein sollte, so teile ich Ihre Verantwortlichkeit.« Und so geschah's, Arnold lief, was er konnte, nach dem Postamt im Dorf und sandte folgende Botschaft ab: »Wahrend der letzten Stunden wurden in Hill House, Wootton Hill, Kent, Juwelen im Wert von dreißigtausend Pfund gestohlen. Senden Sie sofort einen erfahrenen Detectiv.« Bisher hatte er keinen Augenblick Zeit gehabt zu ruhigem Nachdenken, aber als er jetzt zurückging, kam ihm das entsetzensstarre Antlitz wieder ins Gedächtnis zurück, das er an der Treppe oben erblickt hatte. Der Ausdruck, den es gezeigt hatte, war so merkwürdig gewesen, daß es ihm noch lebendig vor der Seele stand. War dies der Ausdruck der Schuld? Diese Frage legte er sich immer wieder und wieder vor und stets antwortete es in seinem Herzen: »Nein,« Allein außer der Schuld konnte er keinen Grund zu einer solch ungeheuren Erregung finden, unter deren Einfluß das Mädchen jedenfalls gestanden hatte. Er überlegte, ob wohl die Hand eines Weibes die Thür ausgebrochen haben könne, oder ob sie vielleicht einen Mitschuldigen gehabt haben möchte. In dieser Gemütsverfassung erreichte er das Haus, wo er die alte Dame, ihre Tochter, Fräulein Pharr und den Arzt auf seine Rückkehr wartend, versammelt fand. Sie waren alle sehr ruhig, nur sahen die drei Damen etwas niedergeschlagen aus. »Sie bekommen Ihre Edelsteine zurück, Janet,« sagte Elphinstone, als Arnold berichtete, was er telegraphiert hatte. »Die Entdeckung folgte zu rasch auf den Diebstahl. Eines der Mädchen war nämlich« – damit wandte er sich Arnold zu – »etwa zehn Minuten vor Fräulein Pharr in ihrem Zimmer: da war noch alles in Ordnung, und folglich hat der Dieb nicht viel Zeit gehabt, sich davon zu machen. Sie werden ihn kriegen, seien Sie ohne Sorge.« »Und irgend ein armer Teufel wird ins Gefängnis gesteckt um meines Stolzes und meiner Thorheit willen. Tausendmal lieber hätte ich sie auf andre Weise verloren.« »Na, meine Liebe, das ist gefühlvoller Unsinn! Weil ich eine Börse und eine Uhr bei mir trage, braucht mich noch keiner vor den Kopf zu schlagen, um sie mir abzunehmen, und der Kerl, der dies thut, gehört im Interesse der Gesellschaft eingesperrt.« Allein Janet ließ sich nicht dadurch trösten und war höchst niedergeschlagen über die Folgen ihrer Unüberlegtheit. Weder Frau Wyncott noch Edith machten ihr einen Vorwurf, obgleich beiden die Worte auf der Zunge brannten: »Ich habe es ja gleich gesagt.« »Meine Damen,« sagte Elphinstone, »in der natürlichen Aufregung über diese Ereignisse haben wir den Thee auf dem Rasenplatz kalt werden lassen, und da ich nicht noch drei weitere Patienten kriegen will, werde ich mir die Freiheit nehmen, frischen zu bestellen.« Niemand widersprach; der Thee wurde befohlen und gebracht und sie saßen trübselig zusammen und tranken ihn, als ein heftiges Lauten ertönte; Herren und Damen schreckten gleichzeitig zusammen. Sie hatten sich noch kaum wieder beruhigt, als eines der Mädchen eintrat und meldete: »Ein Herr von Scotland Yard, gnädige Frau – Herr Prickett.« Achtes Kapitel. Der alte Arzt sprang auf und eilte in die Halle, wo ein Fremder stand, der einen außerordentlich glänzenden Seidenhut streichelte und dabei die Halle so forschend betrachtete, als wäre er ein Baumeister, der sich kontraktlich verpflichtet hätte, die nämliche herzustellen. »Herr Prickett?« sagte der Arzt, ihm näher tretend. »Zu dienen,« antwortete Prickett. »Sie sind früher eingetroffen, als wir für möglich gehalten hatten.« »Ich war zufällig im Yard, als das Telegramm anlangte, und erreichte noch einen Zug, der eine Viertelstunde später abging.« »Ich bin sehr froh, daß Sie da sind,« entgegnete Elphinstone. »Kommen Sie, bitte, mit mir, dann will ich Sie der Dame vorstellen, der die geraubten Steine gehören.« Herr Prickett folgte ihm ins Wohnzimmer und machte vier verschrobene, liebenswürdige Verbeugungen. »Guten Abend, mein Herr. Ihr Diener, meine Damen.« Herr Prickelt hatte eine ganz besondere Eigentümlichkeit: einen ruhigen, von einem Gegenstand zum andern wandernden Blick, der nirgends haften blieb, dem aber nichts entging und der sich in derselben gemessenen Weise jedes Gesicht und jede Einzelheit der Kleidung und der Persönlichkeit beobachtete. »Dies ist Fräulein Pharr,« sagte der Doktor, »die Eigentümerin der Edelsteine.« »Hatte wünschen mögen, Fräulein Pharrs Bekanntschaft bei einer angenehmeren Gelegenheit gemacht zu haben,« versetzte Herr Prickett. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?« sagte die alte Dame. »Es hat sich etwas Entsetzliches ereignet, und obgleich man in den Zeitungen öfters von solchen Vorfällen liest, kann man sich's doch erst vorstellen –« »Gewiß, gnädige Frau,« unterbrach sie Prickett. »Das ist eine allgemeine Erfahrung. – Vielleicht darf ich mir, um damit anzufangen, eine Frage gestatten. Haben Sie mir irgend etwas zu zeigen? Irgend welche Spuren eines Einbruchs?« »Ich muß diesen Herrn in Ihr Zimmer führen, Fräulein Pharr,« sagte der Doktor in halb entschuldigendem Ton. »Wir gehen mit,« erwiderte Janet. »Je weniger, desto besser wird es sein,« sagte Elphinstone. »Sie dürfen nicht vergessen, daß die Grainger dort verwundet liegt. Das zu erfahren dürfte wohl von Wert für Sie sein, Herr Prickett,« fuhr er fort, als er den Detectiv aus dem Zimmer geleitete. »Ich will es Ihnen später erklären; für jetzt bitte ich Sie nur, leise aufzutreten und in dem Zimmer nur zu sprechen, wenn es durchaus notwendig ist.« Oben angelangt, deutete Elphinstone stumm auf das erbrochene Schränkchen, dem sich der andre auf den Fußspitzen näherte. Zunächst untersuchte er die beschädigte Stelle genau; dann hob er die Thüre auf, die noch unverrückt auf der alten Stelle lag, und ließ sie, nachdem er sie besichtigt hatte, wieder geräuschlos zur Erde gleiten. Dann begaben sich die beiden ins Wohnzimmer zurück und nahmen wieder Platz. »Das eine steht fest, meine Damen und Herrn,« sagte der Detectiv, »daß dies nicht das Werk eines professionellen Diebes ist. Dilettantenarbeit möchte ich es nennen, und zwar recht ungeschickte. Ein aussichtsloser Dilettant! Nun handelt es sich zunächst darum, möglichst genau die Zeit festzustellen, in der es geschehen ist.« »Es ist zwischen zehn Minuten vor fünf und fünf Uhr geschehen,« antwortete Arnold und erklärte auf den erstaunten Blick des Polizeibeamten, daß er auf die Uhr gesehen habe, als Fräulein Pharr den Rasenplatz verließ, und daß ebenso das Zimmermädchen, weil der Thee auf fünf Uhr bestellt worden war, nach der Uhr gesehen habe, ehe sie sich in das Schlafzimmer des Fräuleins begab. Im Verlauf einer Viertelstunde hatte sich Herr Prickett vermittelst geschickter Fragen über Namen, Alter und Vorleben jeder in dem Haus bediensteten Person unterrichtet. Der Hausmeister und die Köchin waren Mann und Frau und hatten sich schon am Morgen des Tages zu einer Hochzeit in ein benachbartes Dorf begeben. Die beiden Zimmermädchen und der kleine Bediente waren auf dem Rasenplatz gewesen, und im Hause hatte sich, so viel bekannt war, niemand als die Grainger, Fräulein Pharrs Kammerjungfer, aufgehalten. »Ich dulde durchaus nicht, daß die Grainger verdächtigt wird,« erklärte Janet mit Wärme. »Ihre Eltern sind sehr achtbare Leute und sie ist mir von Lady Hilton sehr empfohlen worden.« »Sehen Sie, Fräulein Pharr,« erwiderte Prickett in überzeugendem Ton, »wir sind es dem jungen Mädchen schuldig, daß alle Umstände festgestellt werden – wir haben die Verpflichtung, die Ehre des armen Dinges wieder herzustellen. Noch in zehn Jahren könnte es ihr an den Kopf geworfen werden, daß sie die einzige Person war, die sich im Haus befand, als der Diebstahl ausgeführt wurde. Wo hat sie sich wohl aufgehalten, während sie im Hause war?« »Wahrscheinlich in ihrem eignen Schlafzimmer.« Als er erfuhr, daß das Schlafgemach des Mädchens sich auf dem nämlichen Flur wie das ihrer Herrin befand, sann Prickett eine Weile nach. »Dieser dunkel getäfelte Flur ist sehr akustisch,« sagte er dann; »ich habe das gleich bemerkt. Sie mußte jeden hören, der vorüberkam. Vermutlich hat sie das auch gethan und sich dann die Sache zusammengereimt, als sie von dem Einbruch hörte. Sehen Sie, Fräulein Pharr,« fügte er dann mit glatter Zunge hinzu, »vielleicht hat sie zu sich selbst gesagt: ›Das ist ein fremder Fußtritt und ich sollte sehen, wer es ist!‹ und dann wieder: ›Mein Gott, es ist ja heller Tag – ich werde wohl nervös!‹ Das kann den Schrecken hinlänglich erklären, der sie niederwarf, als sie hörte, die Edelsteine seien gestohlen.« Janet begann, eine hohe Meinung von Herrn Pricketts Scharfsinn zu bekommen, und dachte nicht daran, daß sich dieser Mann, als er sah, wie warm sie für ihre Jungfer Partei ergriff, nur den Weg für künftige Nachforschungen ebnen wollte. Immer unter dem Vorwand, die Ehre des Mädchens wieder herzustellen, bat er um die Erlaubnis, ihre Sachen zu durchsuchen. Nachdem er nicht das mindeste gefunden hatte, ging er in das Wohnzimmer zurück, wo er die Sachlage kurz zusammenfaßte. »Meine Damen und Herren,« begann er, »so weit uns bekannt ist, waren von dem Vorhandensein des Schatzes in diesem Hause nur die beiden Fräulein Wades, die hier zu Besuch waren und seither abgereist sind, Herr Wyncott Esden, Advokat, den ganzen Nachmittag in London abwesend, und die hier anwesende Gesellschaft – den hochwürdigen Herrn allein ausgenommen – unterrichtet. Es scheint, daß ihnen allen der Aufbewahrungsort der Juwelen bekannt war, daß aber sonst niemand ein Wort davon wußte. Ferner haben an dem Abend, wo die Steine gezeigt wurden, hier die Lampen gebrannt und diese Glasthüre, die, wie ich sehe, den ganzen Weg beherrscht, war offen. Der Wert der Edelsteine wurde besprochen und möglicherweise ist diese Unterhaltung belauscht worden. Möglicherweise hat auch jemand das Geheimnis verraten und darüber gesprochen. Alle diese Möglichkeiten müssen in Betracht gezogen werden. Es ist sehr bedauerlich, daß ich das Mädchen nicht sprechen kann, denn sie könnte vielleicht etwas Licht in die Sache bringen. Wenn ich recht verstanden habe, sind Sie Arzt, mein Herr, und sobald Sie es gestatten werden, muß ich ein paar Fragen an sie richten.« »Ich werde sofort zu ihr gehen,« sagte Elphinstone. »Ich bedaure lebhaft,« fuhr Prickett fort, als der Arzt das Zimmer verlassen hatte, »daß Herr Wyncott Esden gerade abwesend sein mußte, als dies geschah. Ich habe die Ehre gehabt, in zwei oder drei Fällen mit ihm zu thun zu haben, und kenne keinen gewandteren Herrn beim Gericht. Gott, was hätte nicht alles geschehen können, wenn ein geschulter Kopf eine Stunde vor mir auf dem Platz gewesen wäre! Wo konnte der Dieb in zehn Minuten hingelangen? Herr Esden wäre sicher nach den nächsten Eisenbahnstationen geeilt, hätte die Ortspolizei aufgeboten und nach verdächtigen Fremden geforscht – wer weiß, er hätte den Mann vielleicht gefaßt, noch ehe er fünf Meilen weit gekommen wäre. Unterdessen sind aus der nächsten Umgegend sechs Züge nach allen Richtungen hin abgegangen. Wäre Herr Wyncott Esden hier gewesen und hätte die frische Fährte verfolgen können, so hätten Sie mich vielleicht gar nicht gebraucht.« Selbst in ihrer Aufregung und Betrübnis empfand die alte Dame eine augenblickliche Befriedigung über das Lob, das Prickett ihrem Lieblingsneffen spendete; Janet konnte daraus ersehen, welch große Stücke Leute, die es beurteilen konnten, auf ihn und seine Fähigkeiten hielten. Während Prickett noch sprach, kehrte der Arzt zurück und sagte noch ernster als gewöhnlich: »Sie können das Mädchen sehen, Herr Prickett, aber ich fürchte, Sie werden nicht viel aus ihr herausbringen. Sie müssen sehr ruhig und freundlich gegen sie sein,« fügte er auf der Treppe hinzu. »Nur in Anbetracht der ungeheuren Wichtigkeit der Sache gestatte ich Ihnen, sie überhaupt zu sehen.« »Sie können sich auf mich verlassen, Herr Doktor,« erwiderte Prickett. »Ich werde sie nicht ängstigen – das ist nicht meines Amtes.« Eines der Dienstmädchen saß neben der Grainger und drehte mit wichtiger Miene ein Riechfläschchen in der Hand; der Arzt winkte ihr, sich zu entfernen. Die Grainger saß matt und gleichgültig in einem Lehnsessel neben dem Fenster. Das ungeordnete Haar und die weiße Binde um den Kopf verliehen ihr ein etwas geisterhaftes Aussehen und ihre großen dunklen Augen verfolgten jede Bewegung ihrer Besucher mit einer Unruhe, die in sonderbarem Widerspruch zu ihrer körperlichen Erschöpfung stand. »Dieser Herr,« sagte Elphinstone, sich über sie beugend und so deutlich und langsam sprechend, als müsse er sich einem Ausländer verständlich machen, der nur mangelhaft englisch verstand, – »dieser Herr ist von London gekommen, um über die Ereignisse von heute nachmittag Nachforschungen anzustellen.« Die Grainger blickte mit einem, wie es beiden schien, verzweifelten, herausfordernden Ausdruck von einem zum andern. »Sie haben, wie es scheint, einen bösen Unfall gehabt,« begann Prickett in beschwichtigendem Ton, »und Sie dürfen sich jetzt nicht überanstrengen. Ich wollte nur einige Fragen an Sie richten; aber wenn Sie heute noch zu schwach dazu sind, komme ich morgen wieder. Haben Sie, liebes Fräulein, zufällig irgend etwas Verdächtiges gehört oder gesehen?« Sie verschlang ihn mit ihren Blicken, aber ihre Sprache war unverständlich, ein wirres Durcheinander unartikulierter Laute. Sie schien in Pricketts Zügen zu lesen, daß man sie nicht verstand, und blickte von ihm auf den Arzt. »Sie leiden noch unter einer bedeutenden Erschütterung,« sagte Elphinstone. »Sie sollen sich nicht aufregen, aber Sie sprechen nicht deutlich. Bitte, versuchen Sie es noch einmal – recht langsam und so deutlich, als Sie können.« Sie sprach wieder und ließ dasselbe undeutliche Silbengewirr vernehmen. Mit ungläubigem Kopfschütteln blickte Prickett auf den Arzt, aber dieser winkte ihm warnend zu, nahm ein Notizbuch aus der Tasche und legte ein unbeschriebenes Blatt vor das Mädchen. »Bitte, schreiben Sie uns dies nieder,« bat er und drückte ihr einen Bleistift in die Hand. Erstaunt sah sie ihn an und schrieb dann äußerst langsam und mühselig, wie ein Kind, das eben erst schreiben lernt. Als sie fertig war, nahm der Arzt das Notizbuch auf und händigte es Prickett ein, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte. Die beiden Zeilen, die sie geschrieben lauteten folgendermaßen: »D gha wn ut tuldvrm rtt tle mire vbt hemtt buturng.« Der Beamte war der Ansicht, daß das Mädchen sich verstelle, und wunderte sich über die geduldige Freundlichkeit des Arztes. »Ich will Sie mit Sprechen nicht länger bemühen,« sagte Elphinstone. »Antworten Sie mir nur durch ein Zeichen. Ja und nein! Waren Sie im Hause, als Fräulein Pharr läutete?« Das Mädchen nickte Ja! »In Ihrem eignen Zimmer?« Wiederum nickte sie Ja! »Glauben Sie, daß Sie sich während der letzten zehn Minuten vorher dort befunden haben?« Das Nicken wiederholte sich kräftiger. »Länger?« »Ja!« »Haben Sie Schritte oder das Krachen von Holz vernommen?« Ein entschieden verneinendes, von einem angstvollen Blick begleitetes Kopfschütteln war die Antwort. »Es läßt sich für den Augenblick nichts weiter thun,« sagte Elphinstone, und gehorsam folgte ihm Prickett aus dem Zimmer, nicht ohne im Gehen dem Mädchen noch einige Blicke zugeworfen zu haben. »Ein ziemlich durchsichtiger Humbug, nicht wahr?« fragte er den Arzt im Flur. »Es ist eine nicht ungewöhnliche, aber höchst dunkle Art von Nervenstörung,« erwiderte Elphinstone, »und soweit ich ihn bis jetzt beurteilen kann, ein sehr schwieriger Fall. Es ist eine sehr starke Nervenerschütterung, eine Verbindung von Aphasie Sprachlosigkeit und Schreibunfähigkeit bei vollkommener Herrschaft über die Sprachorgane und ungestörter Intelligenz ist die Folge einer Verletzung oder Erkrankung des vorderen, linken Gehirnlappens, wodurch das Gedächtnis für die Worte schwindet. Anm. d. Uebers. und Agraphie.« »Sie glauben also nicht, daß das Frauenzimmer sich verstellt?« »Ich weiß gewiß, daß sie es nicht thut. Die beste Schauspielerin brächte dies nicht zustande.« »Würden Sie die Güte haben, mir die Namen zu wiederholen?« Der Doktor that's, und wahrend er die Treppe hinunterging, murmelte der Detectiv immer vor sich hin: Aphasie, Agraphie, Agraphie, Aphasie! »Glauben Sie, daß es lange dauern wird, Herr Doktor?« fragte er. »Das Mädchen weiß etwas, sie hat etwas auf dem Herzen.« »Die Störung ist meistens nicht dauernd,« sagte Elphinstone, »wenigstens nicht, wenn der Patient unter vierzig Jahren ist und lesen und schreiben kann, aber wie lange es anhält, kann kein Mensch voraussagen. Sie müssen warten, lieber Freund.« Arnold und die Damen harrten angsterfüllt im Wohnzimmer, aber der Arzt sprach sich über den Zustand des Mädchens noch nicht näher aus, er teilte nur mit, daß sie noch nicht vernommen werden könne. »Die Dorfpolizei ist wohl von dem Vorfall unterrichtet?« fragte Prickelt. »Nein,« erwiderte der Doktor, »wir haben davon abgesehen; der einzige Vertreter der Polizeimacht im Ort ist ein dummer Bauernlümmel. Er mag eine ganz gute Schildwache abgeben, wenn Sie ihn irgendwo aufpflanzen, ob er aber auch sonst noch zu was zu brauchen ist – das mag sein Schöpfer wissen, der es für uns in Dunkel gehüllt hat.« »Ich will doch mit dem Mann sprechen,« entgegnete der Detectiv. »Er wird mir vielleicht sagen können, ob man irgend welche Fremde sich hat hier herumtreiben sehen. Und Sie, gnädiges Fräulein, haben vielleicht die Güte, mir unterdessen ein so ausführliches und vollständiges Verzeichnis der Edelsteine anzufertigen, als Sie irgend können.« »O,« rief Janet, »das kann ich Ihnen sofort geben. Mein Onkel hat noch wenige Monate vor seinem Tod einen Katalog drucken lassen. Ich habe eine Menge Abdrücke und kann Ihnen geben, soviel Sie wollen.« »Das ist gut,« sagte Prickett; »dann geben Sie mir, bitte, vier – einen für mich, einen für den Yard und je einen für die beiden großen Zeitungsagenturen. Wenn Sie mir die Kataloge gleich geben wollten, würde ich drei davon durch den Schaffner des nächsten Zuges nach London schicken.« Janet eilte die Treppe hinauf und kehrte einige Minuten darauf mit einer Anzahl Kataloge in der Hand zurück. Prickett ergriff einen davon und überflog rasch seinen Inhalt; dann sagte er: »Hierbei ist aber Ihr eigner Schmuck wohl nicht aufgeführt, Fräulein Pharr, und wie ich höre, sollen Sie Ihre Diamanten auch in dem Kasten verwahrt haben. Bitte, setzen Sie sofort ein Verzeichnis davon auf, denn diese werden vermutlich zuerst zum Verkauf gebracht werden. Unter Umständen befinden sie sich schon jetzt, in kleinere Partieen geteilt, in den Händen der Pfandverleiher. Und nun will ich den Ortspolizeidiener aufsuchen,« wandte er sich an den Doktor, »wenn Sie die Güte haben wollen, mir den Weg anzugeben.« Arnold übernahm es, ihn zur Polizei zu führen, und die beiden gingen zusammen fort. Sie hatten schon ein gutes Stück ihres Weges über die von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne übergossene Flur zurückgelegt, als sie durch die tiefe Abendstille leichte, gleichmäßige Schritte vernahmen, die sich ihnen zu nähern schienen. An der nächsten Wegbiegung tauchte die Gestalt Wyncott Esdens auf, der während seines raschen Gehens eine schwarze Handtasche hin und her schwang. Als er die beiden sah, hemmte er seinen Schritt vielleicht eine halbe Sekunde, dann eilte er vorwärts. »Holla, Prickett,« rief er mit herzlichem Ton, »was hat Sie in diese Gegend verschlagen?« Neuntes Kapitel. Die eine Seite des Weges entlang lief eine niedere Steinmauer und auf diese stützte sich Wyncott, als er die Neuigkeit erfuhr. Einen Augenblick starrte er ganz verwirrt seinen Vetter und den Detectiv an; dann schob er seinen Hut in den Nacken, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und faßte sich nach und nach. »Das ist eine sehr vermessene That,« sagte er. »Nicht wahr, Prickett? Sie haben natürlich mehr Erfahrung als ich, aber ich habe noch nie etwas derartiges gehört. Jedenfalls haben Sie keine Zeit verloren.« »Nein,« erwiderte Prickett mild, »ich lasse das Gras nicht oft unter meinen Füßen wachsen.« »Verfügen Sie in jeder Beziehung über mich, Prickett,« sagte der Advokat. »Danke, Herr Esden, Ihr Beistand ist mir von großem Wert.« In kurzen Worten teilte er mit, was er bereits erfahren hatte, und Wyncott hörte ihm aufmerksam zu. Dann sagte er: »Jetzt müssen wir unsere Kräfte teilen. Sie gehen und befragen Dadge, und ich gehe nach der Station zurück und ziehe dort Erkundigungen ein – oder noch besser, gehst du, Arnold, nach der hiesigen Station und ich gehe nach Hemsleigh hinüber, um dort Nachforschungen anzustellen. Es ist ein Jammer, daß dies alles nicht längst geschehen ist, denn unterdessen kann der Dieb bis Birmingham oder Dover gelangt sein. Sie haben das Kästchen ja nie gesehen, in dem die Steine aufbewahrt wurden – es hat die Größe eines großen Quartblattes und etwa fünf Zoll Tiefe. Ein Mann kann es unter seinem Ueberzieher tragen, ohne aufzufallen; er kann es aber auch als gewöhnliches Paket in Zeitungspapier und auf fünfzigerlei andre Weise unbemerkt in Sicherheit bringen. Wir haben also nach einem Unbekannten mit einem Paket zu fragen, der mit dem ersten Zug, den er nach fünf Uhr erreichen konnte, fortfuhr. Du kannst den Stationsvorsteher heißen, bei den nächsten zwei oder drei Stationen in jeder Richtung anzufragen. Ich werde dasselbe in Hemsleigh thun. Wo wollen wir uns wieder treffen?« »Ich habe meine Reisetasche im Vorbeigehen in der ›Fischerruhe‹ abgegeben,« sagte Prickett. »Ein angenehm aussehendes kleines Haus – vielleicht wollen die Herren dort mit mir zusammentreffen, wenn sie ihre Erkundigungen eingezogen haben. Wenn Sie gestatten, Herr Esden, will ich Ihre Tasche auch dort abgeben.« »Gut,« erwiderte Esden, ihm dieselbe übergebend, »in einer Stunde werde ich dort sein.« Mit leichtem, festem Schritt entfernte er sich und Prickett sah ihm einen Augenblick nach. »Genau das, was, wie ich Ihnen sagte, hätte geschehen müssen,« bemerkte er dann. Ziemlich niedergeschlagen über diese Versäumnis begab sich der junge Geistliche zum Stationsvorstand. Weder er noch Prickett erfuhren irgend etwas von Belang, und als sich Wyncott bei ihnen einfand, hatte er ebensowenig eine Spur gefunden. Die drei Herren aßen gemeinschaftlich und unterhielten sich über andre Gegenstände, bis Wyncott plötzlich seinen Teller zurückschob und im Zimmer auf und ab zu gehen begann. »Prickett,« sagte er, »ich habe einen Gedanken. Ich denke, wir können die geraubte Sammlung wieder bekommen.« »Das ist sehr zu wünschen,« erwiderte Prickett. »Fräulein Pharrs eigener Schmuck,« fuhr Esden fort, »könnte vielleicht für ein paar hundert Pfund verpfändet werden. Ich verstehe zwar nicht viel von solchen Dingen, aber ich habe ihn gesehen und glaube nicht, daß er mehr als sechshundert Pfund gekostet hat, als er gekauft wurde. In dem Kasten befinden sich Münzen, die für Kenner beinahe unschätzbar sind, aber die ganze Sammlung enthält für keine fünfzig Pfund Metall. Jede einzelne Münze ist mehr oder weniger berühmt, aber für den Dieb haben sie alle nur den Wert von altem Gold. Die Edelsteine sind alle ungeschliffen, und es wäre ebenso gefährlich als kostspielig, sie einem Steinschneider zu übergeben, um sie nachher auf den Markt bringen zu können. Der Steinschneider würde einen Anteil verlangen, und Sie wissen ja, was Edelsteine wert sind, wenn sie beim Verkauf durch unehrliche Hände gehen.« »Von diesem Standpunkt aus betrachte ich den Diebstahl überhaupt,« ließ sich Prickett vernehmen, der sich zurücklehnte und mit seinem Federmesser in den Zähnen stocherte. »Seine notwendige Folge ist die Herabsetzung des Wertes des gestohlenen Gegenstandes. Wenn ich ein Dieb wäre, würde ich nur Goldstücke stehlen. Alles andre ist für den Bestohlenen ein großer Verlust und für den Dieb ein möglichst geringer Verdienst. Ich bin der Ansicht, daß ein Mann schon nicht mehr recht im Kopf ist, der sich darauf einläßt.« »Nun also,« fuhr Esden fort, der diese Unterbrechung hatte geduldig über sich ergehen lassen, »scheint es mir, daß wenn dieser Diebstahl auch nicht – wie es immerhin sein könnte – in Erwartung einer Belohnung begangen worden ist, doch eine solche Belohnung die beteiligten Leute zur Rückgabe des gestohlenen Gutes bestimmen könnte.« »Das hieße mit einem Schurken paktieren, Herr Esden,« sagte Prickett. »Nun ja – allerdings,« gab Esden zu, »es ist etwas daran. Wie hoch sagten Sie, daß Doktor Elphinstone die Sammlung geschätzt habe?« »Zwischen dreißig- und vierzigtausend Pfund.« »Sagen wir also dreißigtausend,« sagte Esden. »Glauben Sie, daß, falls Sie an Fräulein Pharrs Stelle stünden, Ihr Gefühl für öffentliche Moral stark genug wäre, um Sie davon abzuhalten, neunundzwanzigtausend Pfund zu retten? Wie?« Prickett lächelte. »Schwerlich. Ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, mein Gefühl für öffentliche Moral könnte leichtlich schon in die Brüche gehen, um den vierten Teil einer solchen Summe zu ersparen. Dies ist natürlich nicht der Standpunkt von Scotland Yard – ich spreche nur als armer Sterblicher.« »Genau so,« erwiderte Esden. »Allein die Behörde könnte nichts dagegen einwenden, wenn eine Belohnung von tausend Pfund angeboten würde.« »Natürlich nicht,« gab Prickett zur Antwort. »In einem Fall, wie der vorliegende, muß der Dieb eine Menge Menschen ins Vertrauen ziehen, und je größer die Belohnung ist, je wahrscheinlicher ist es auch, daß sich einer dadurch herumbringen läßt. Tausend ist indessen doch etwas zu hoch gegriffen. Fünfhundert thun's auch.« »Fünfhundert können einen Mitschuldigen zum Verrat veranlassen,« wandte Esden ein, »aber tausend könnten den Dieb selbst verlocken. Fräulein Pharr wird in erster Linie die Juwelen zurückzuerhalten wünschen. Natürlich bleibt dies ganz unter uns, Prickett, wir besprechen die Sache als Männer von Welt und nicht als Diebesfänger von Profession. Ich habe Fräulein Pharr noch nicht gesprochen, aber ich glaube, daß dies ihr Wunsch ist, und wenn ich Sie wäre,« fügte er mit seinem alten schlauen Lächeln hinzu, »so würde ich mich der Höhe der Belohnung nicht widersetzen – Sie können vielleicht den Mann fassen, ehe er sich schlüssig gemacht hat.« Prickett lächelte vor sich hin, als ob ihm diese Aussicht nicht übel gefiele. »Wir müssen jetzt heimgehen, Wyncott,« sagte Arnold. »Die Damen werden heute abend gewiß etwas ängstlich sein.« »Ich begleite Sie, meine Herren,« erklärte Prickett; »Fräulein Pharr hat einige Papiere für mich, mit denen ich den letzten Zug noch erreichen möchte.« »Wollen Sie heute nacht noch nach London zurück?« fragte ihn Wyncott. »Nein, Herr Esden,« erwiderte Prickett. »Es ist eine wunderbar schöne Nacht, In einer halben Stunde geht der Vollmond auf und dann wird es fast taghell werden. Ich werde einen Rundgang machen und mir die Lage des Gutes betrachten. Daß ja keiner der Herren aus einem Hinterhalt auf mich schießt.« Als sie das Haus erreichten, hatte Fräulein Pharr die Beschreibung ihres Schmuckes viermal abgeschrieben. Nachdem Prickett die Papiere in Empfang genommen hatte, verabschiedete er sich für die Nacht und ging. Wyncott mußte eine Wiederholung der schon gehörten Erzählung über sich ergehen lassen und entwickelte seinen Plan mit dem Ausschreiben einer Belohnung. Alle waren mit ihm einverstanden und Arnold wollte sofort mit einer Anzeige für alle Londoner Tagesblätter nach der Stadt fahren, aber Wyncott sagte: »Laß Prickett einen oder zwei Tage Zeit; wir wollen sehen, ob er etwas machen kann. Es würde einen Mangel von Vertrauen in die Polizei vermuten lassen, wenn wir schon so schnell eine Belohnung ausschrieben. Wir wollen ein wenig zuwarten – ich halte viel von Prickett; man hätte uns kaum einen bessern Beamten schicken können.« Unterdessen hatte Prickett seine Schriftstücke fortbefördert und war, im Genuß einer Cigarre schwelgend, über den Berg nach dem Haus zurückgeschlendert. Die Nacht hielt, was sie versprochen hatte, und als der Mond über den Wipfeln der Bäume stand, übergoß er die Landschaft mit beinahe tropischer Helle. Gemächlich umging der Detectiv das Gut, indem er die äußere Mauer entlang schritt und die verschiedenen Eingänge besichtigte. Zwei oder drei Minuten lang verweilte er vor einem nur durch eine Klinke befestigten Pförtchen, durch das man nach dem vordern Rasenplatz gelangen konnte, und bemerkte, daß der Weg dorthin durch eine Reihe hoher Rhododendronbüsche gedeckt wurde. »Sie waren alle auf dem Rasenplatz hinten,« sagte er zu sich selbst, »und wenn außer diesem Mädchen irgend jemand drin war, so ist er von dieser Seite, wahrscheinlich durch dies Pförtchen gekommen. Sobald sie das Zeichen gab, daß die Luft rein sei, konnte er unter dem Schutz dieser Sträucher ins Haus und auf dem nämlichen Weg zurückschleichen. Dann hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Weg diese Mauer entlang genommen. Wir wollen uns doch einmal die Gelegenheit betrachten.« Ruhig schlenderte er weiter und blickte bald rechts, bald links mit einer Wachsamkeit, die ihm ganz zur andern Natur geworden war. »Der alte Schotte,« überlegte er so vor sich hin, »sieht nicht aus, als ob er sich leicht über den Löffel barbieren ließe, besonders nicht in seinem eigenen Fach. Aphasie? Agraphie? Hätte ich ihn doch gefragt, wie man das schreibt – dann hätte ich ein paar Zeilen an den Polizeiarzt schreiben können.« Aus dem Schutz der Mauer, die das Gut umschloß, heraus trat er nun ins freie Feld. Von dem erhöhten Punkt, auf dem er stand, bemerkte er eine Viertelmeile entfernt, eine schwarze Oeffnung. »Das ist ein Bahndurchstich,« sagte er, »höchst wahrscheinlich wird ein Dieb dorthin zu gelangen suchen. Wo hat er die meiste Deckung? Hier an der Ecke!« Neben der Hecke zog sich ein Graben hin, und das Mondlicht, das voll hineinfiel, verriet, daß das üppige, feuchte Gras niedergetreten worden war. »Joseph,« sagte Prickett mit innerlichem Frohlocken, »du bist etwas auf der Spur! Ich weiß aber doch nicht,« setzte er schon etwas kleinlauter hinzu, »das könnte auch irgend ein Balg aus dem Dorf gewesen sein. Kinder laufen gerne in Gräben und halten sich immer mit Vorliebe da auf, wo sie nichts zu thun haben. Einerlei, Joseph, wir gehen 'mal hier weiter und sehen, ob es zu etwas führt.« Es führte schließlich zu einem Bohnenfeld. In der Hecke zeigte sich eine Oeffnung, und als Prickett über das Feld hinblickte, konnte er ganz deutlich eine etwas im Zickzack laufende Linie erkennen, die aussah, als ob sie durch das Durchgehen eines Menschen entstanden wäre. »Ich glaube, es ist fahrlässige Schädigung fremden Eigentums, aber das ist einerlei. Hier geht's durch.« Rasch eilte er, stets der Linie folgend, quer über das Feld und durch eine zweite Hecke, die schnurgerade auf den Durchstich zuführte. Auch hier fand sich ein Graben, aber die Hecke hüllte ihn in tiefen Schatten, Prickett zündete ein Reibwachskerzchen an, kniete auf dem Gras nieder und entdeckte wiederum Fußspuren. »Das ist genau der Weg, den einer nehmen würde,« flüsterte er, – »bis auf das kleine Bohnenfeld ganz gedeckt.« Der Abhang war steil und von oben bis unten lief eine mit Ziegelsteinen ausgemauerte Abzugsrohre, die von dem Graben oben nach einer Erdvertiefung unten führte. Neben der Röhre war die Erde glatt und eingedrückt, als ob ein schwerer Gegenstand da hinuntergeglitten wäre. Bezweifelnd, daß er eine Fortsetzung der Spur finden werde, setzte der Detectiv vorsichtig einen Fuß auf den Abhang, glitt aber aus und rutschte viel schneller hinunter, als er beabsichtigt hatte. Im ersten Augenblick war er etwas verblüfft, allein er faßte sich rasch und rauchte seine Cigarre mit so gelassener Miene weiter, als hätte er sich nur zu diesem Zweck in solch absonderlicher Weise auf diesen Fleck Erde begeben. Plötzlich fiel ihm ein Lichtschein ins Auge, der aber sofort wieder verschwand. Eben war er im Begriff gewesen, eine bequemere Stellung einzunehmen, und nun bewegte er den Kopf hin und her, um den Lichtschein wieder zu erhaschen, denn der unwahrscheinliche Gedanke, der Schimmer könne von einem der gestohlenen Edelsteine ausgehen, war in ihm aufgestiegen. Er bemerkte den Schimmer wieder und hob mit leisem Pfeifen den blitzenden Gegenstand auf. So voll und klar das Mondlicht auch war – es genügte ihm nicht, und er zündete ein halbes Dutzend Wachsstreichkerzchen auf einmal an und untersuchte den Gegenstand, bis er sich die Finger verbrannte. »Reuben, alter Gauner,« sagte er ganz ruhig, »ich glaube, da hast du die Hand im Spiel. Halt einmal – es ist halb elf Uhr. In einem schlanken Trab kann ich in anderthalb Stunden nach London kommen. Wir wollen's 'mal im ›Weißen Roß‹ versuchen.« Damit erklomm er die Böschung wieder und eilte durch das Dorf nach dem Wirtshaus, in dem er abgestiegen war. »Wie ich höre, Mann,« sagte er zu dem Wirt, »haben Sie ein kleines, aber tüchtiges Stück Pferdefleisch im Stall. Ich muß sofort nach London! kann sein, daß ich heute nacht hierher zurück muß, kann sein auch nicht. Glauben Sie, daß das kleine Pferdchen dies zu leisten vermag?« »Es kostet Sie einen Sovereign,« lautete die Antwort. »Gut,« erwiderte Prickelt, »das heiß' ich kurz und bündig. Lassen Sie so schnell als möglich anspannen, denn ich habe keine Minute zu verlieren.« Drei Minuten später stand ein leichtes Jagdwägelchen mit einer stößig aussehenden Stute vor der Thür. »Steigen Sie ein, Herr,« sagte der Rosselenker. »Wo wollen Sie hin?« »Nach Holborn,« erwiderte Prickett und stieg ein. Er hatte den gefundenen Gegenstand in seiner Brusttasche geborgen und diese sorgsam zugeknüpft. Während der Fahrt legte er wohl hundertmal die Hand darauf, um sich von seinem Vorhandensein zu überzeugen, und einmal zog er ihn sogar heraus, um ihn im Mondenschein von neuem zu untersuchen. Auf unerklärte Weise war das Gerücht von dem Einbruch ins Dorf gedrungen und Herrn Pricketts Beruf bekannt geworden. »Haben Sie etwas gefunden, Herr?« fragte der Kutscher ihn von der Seite betrachtend. »Ja, mein Sohn,« erwiderte Prickett trocken, den Gegenstand wieder einschiebend, »ich habe gefunden, daß es nichts Dümmeres gibt, als über Dinge zu reden, deren man selbst nicht sicher ist.« Schweigend fuhren sie auf der breiten, weißen Landstraße dahin, bis ein gelber Schein am Horizont die Lichter Londons verkündete, und als sie die Stadt thatsächlich erreicht hatten, schlug hie und da eine Uhr halb zwölf. Der Jagdwagen rasselte weiter bis Holborn, wo Prickett an einem gewissen Punkt seine Hand auf den Arm seines Führers legte. »Halten Sie am ersten Hof rechts. Hier ist eine halbe Krone für Sie, aber verwenden Sie das Geld vorsichtig, denn Sie müssen allein zurückfahren – ich brauche Sie nicht mehr.« Er stieg aus, ging über den Hof und trat in das Schenkstübchen eines altmodischen Wirtshauses, Er winkte dem Wirt mit den Augen und dieser kam sogleich herbei. »Ist Herr Gate hier? Werkzeugfabrikant. Sie wissen.« »Ja, er trinkt drinnen ein Glas Bier. Es wäre mir ebensolieb, wenn er es wo anders tränke, aber er ist seit zwanzig Jahren an dies Haus gewöhnt, und ich möchte ihm nicht gern die Thüre weisen.« »Sagen Sie ihm, es möchte ihn jemand sprechen,« sagte Prickett. Der Wirt schüttelte den Kopf, als ob ihm Böses ahne, und richtete seinen Auftrag aus, worauf Herr Gale sofort erschien. Als er Pricketts ansichtig wurde, verriet er weder Schrecken noch Ueberraschung, sondern kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu und fragte, ob er nicht etwas trinken wolle. Prickett bestellte sich etwas Limonade mit Cognac und nahm dies bescheidene Getränke stehend zu sich. »Reuben,« sagte er, sein Glas gegen das Licht haltend und seinen Inhalt so aufmerksam betrachtend, als wäre es irgend ein seltener, kostbarer Wein, »wenn Sie fünf Minuten Zeit für mich hätten, möchte ich gern eine kleine Geschäftsangelegenheit mit Ihnen besprechen.« »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Prickett,« antwortete Gale höflich, worauf der Detectiv sein Glas austrank, ihn scharf betrachtete und auf die Thüre zuging. »Wenn Sie allein mit mir sprechen wollen, so können wir ja in meinen Laden gehen,« schlug Gale vor. Als sie auf den Hof kamen, faßte der Detectiv den biedern Geschäftsmann in der freundlichsten, vertraulichsten Weise unter den Arm; Gale sah ihn fragend aber ruhig an und sagte nichts. Am Laden angelangt, schloß Gale auf und trat ein. Er zündete das Gas an und stellte sich dann hinter seinen Ladentisch. Prickelt schloß die Thüre hinter sich, zog seinen Fund aus der Tasche und hielt ihn leicht mit beiden Händen in die Höhe. »Haben Sie dies schon früher gesehen, Reuben?« fragte er in liebenswürdigem Plauderton. Mit leiser Ueberraschung streckte Gate seine schwielige Hand aus und untersuchte den Gegenstand, nachdem er ihn erhalten hatte, auf das genaueste. »Es kann sein, Herr Prickelt,« erwiderte er, »es kann aber auch nicht sein.« Seine Züge verrieten einen Anflug von Zweifel und Ueberraschung. »Kurz und gut,« sagte Prickett, »dies ist Ihre Arbeit, Reuben.« »Kann sein, sie ist's,« entgegnete Gale, »ich möchte es nicht auf meinen Eid nehmen, daß sie es nicht ist. Es sieht aus, als ob es auf besondere Bestellung angefertigt worden wäre. Was ist damit, Herr Prickett?« »Das ist die eine Hälfte des Werkzeugs,« sagte Prickett, sanft mit dem Fingernagel darauf klopfend, »mit dem heute nachmittag der Einbruch in Wootton Hill House ausgeführt wurde.« Er beobachtete seinen Mann wie die Katze die Maus, aber Gale sah ihn mit einem Gesicht voll unschuldiger Ueberraschung an. »Ich habe nichts davon gehört: es kommt nicht in den Abendblättern.« »O, selbstverständlich haben Sie nichts davon gehört,« gab Prickett mit freundlichem Spott zurück, »deshalb bin ich gekommen, um es Ihnen zu erzählen, denn ich wußte, daß Sie ein gewisses Interesse daran nehmen würden, Reuben.« »Nun, natürlich,« bestätigte Gale. »Also nachmittags, sagten Sie? Eine ungewöhnliche Zeit, nicht? Handelt es sich um eine bedeutende Sache?« »Es sind Juwelen, Reuben, und zwar im Wert von dreißig- bis vierzigtausend Pfund.« »Alle Wetter!« rief Gate mit sichtbarem Interesse. »Das ist der Mühe wert! Wo war's denn?« »In Hill House, Wootton Hill, dem Wohnsitz von Frau Wyncott.« Wieder fiel Gales Blick auf das auf dem Ladentisch liegende Werkzeug. Er nahm es in die Hand und betrachtete es noch einmal. »Wyncott?« sagte er nachdenklich. Prickett glaubte ein leichtes Beben in seiner einschmeichelnden Stimme wahrzunehmen. »Wyncott? Wo habe ich doch diesen Namen schon gehört?« »Es ist eine kleine Möglichkeit vorhanden, Reuben,« sagte Prickett scherzend, »daß ein junger Herr, der Sie vorige Woche vor etwa zehn Jährchen rettete, Sie vor dem nächsten Schwurgericht ins Zuchthaus bringt.« »O ja,« sagte Gate schleppend, »ich entsinne mich – Herr Wyncott Esden. Ist er vielleicht mit der Dame verwandt?« »Er ist ihr Neffe, und ich erfreue mich in diesem Fall seiner Unterstützung. Er ist mit der Verfolgung der Sache beauftragt.« »Nun, ich wünsche Ihnen beiden guten Erfolg,« entgegnete Gate, während er das Werkzeug in seltsam entschiedener Weise auf den Ladentisch niederlegte. »Was dies Stück Eisen da betrifft, so kann ich nichts darüber sagen, wenigstens nichts Besonderes. Ich möchte nicht beschwören, es sei nicht von mir, und kann ebensowenig behaupten, es sei von mir.« »Schon gut,« sagte Prickett. »Sie gehen gutwillig mit mir, nicht wahr?« »Natürlich gehe ich mit, wenn ich muß,« erwiderte Gale mit erfreulicher Fügsamkeit. »Es liegt aber keine Notwendigkeit dazu vor, wie Sie wissen, Herr Prickett.« »Das wollen wir dahingestellt sein lassen,« entgegnete Prickett. »Ich kann über die Verwendung meiner Zeit am heutigen Tag auf die Minute hin Rechenschaft geben;« erklärte Gate, »und ich weiß von dieser Sache so wenig als ein neugeborenes Kind. Lassen Sie sehen – um welche Zeit war es?« »Kurz vor fünf Uhr, Reuben.« »Dann bin ich sicher gerettet und gehe, wohin Sie wollen. Von dreiviertel auf fünf bis halb sechs stand ich mit Richards, dem Zollwächter, und Herrn George, dem Wirt von ›Becher und Krone‹ im Schenkstübchen dieses Wirtshauses, wo wir Ingwerbier tranken und das neue irische Gesetz besprachen, das den Patriotismus unterdrücken soll.« »Wenn dies der Fall ist, Reuben,« erwiderte Prickett, während er das Werkzeug nahm und seinen Rock darüber zuknöpfte, »so sind Sie morgen früh um neun Uhr wieder ein freier Mann. Unterdessen wollen wir es Ihnen so behaglich als möglich machen. Sie haben doch keine Familie? Das ist recht, dann macht sich niemand Sorge um Sie. Männer, die ein abenteuerliches Leben führen, sollten grundsätzlich ledig bleiben aus Rücksicht für die Damen. Ihre häufige Abwesenheit hätte jedenfalls die Eifersucht einer Frau erregt.« Herr Gale verbrachte eine leidlich angenehme Nacht auf der Polizeistation des Bezirkes und wurde am andern Morgen um neun Uhr von Prickett mit der Nachricht geweckt, daß sein Alibi befriedigend nachgewiesen und er somit frei sei. »Aber wissen Sie, Reuben, es ist eitel Humbug, wenn Sie behaupten, dies Werkzeug nicht zu kennen,« sagte Prickett. »Es war gestern abend von einer Belohnung die Rede – man nannte sogar eine Summe von tausend Pfund – und jede Mitteilung, die Sie mir machen, wird gut bezahlt werden. Ueberlegen Sie sich's, Reuben.« »Ich will mir's überlegen,« antwortete Gale mit seiner gewohnten Ruhe. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man sagen, daß er auch thatsächlich den ganzen Tag nichts andres that. Sein Ueberlegen hatte zur Folge, daß er nachmittags seinen Laden schloß und sich aufmachte, um auf eigne Faust Nachforschungen anzustellen. Zehntes Kapitel. Ziemlich hungrig kehrte Prickett von seinem frühen Ausgang zum Frühstück in seine nahe beim Scotland Yard gelegene Wohnung zurück. Noch ehe er mit seinem Frühstück und den Polizeiberichten in den Morgenblättern zu Ende gekommen war, meldete ihm das Dienstmädchen einen von Inspektor Johnstone geschickten Herrn. »Laß ihn eintreten,« sagte Prickett mit ungewohnter Schärfe. Eine Minute später trat der Besucher ein – ein aufgedunsener, ländlich aussehender Bursche von etwa dreißig Jahren mit einem apfelrunden Gesicht, blödem Auge, hängender Unterlippe und einem aufrechtstehenden Büschel strohfarbenen Haares. Er suchte auf dem Teppich nach einem passenden Platz für seinen Hut, der ihn zu belästigen schien, und setzte ihn mit freundlichem Lächeln in die Mitte eines Viereckes des Musters, bereute aber seine Wahl in Bälde und verpflanzte ihn in die Mitte eines andern Viereckes. Prickett hatte seinen Stuhl vom Tisch zurückgeschoben und sich erhoben. Er stand nun vor dem Kamin und stopfte seine Pfeife, wobei er seinen Gast mit wenig freundlicher Miene ansah. »Nun,« sagte er kühl, »was wünschen Sie?« »Ich habe Herrn Johnstone besucht,« sagte der Fremde mit leise nördlich klingender Betonung, »und er hat mich hierher gesandt.« »So?« fragte Prickett in einem Ton, der deutlich verriet, daß Johnstone dadurch in seiner Meinung nicht stieg; »und was wollen Sie nun, da Sie hier sind?« »Ich habe während der letzten fünf Jahre bei der Polizei gedient,« erwiderte der Gast mit besänftigendem Lächeln. »Ich habe bei einem in Manchester verrichteten Geschäft etwas Glück gehabt und dann eine Woche Urlaub erhalten. Glauben Sie, daß ich in London irgend etwas unternehmen könnte?« »Sie könnten eine Fahrkarte für den Rückweg lösen,« erwiderte Prickett trocken. »Damit wollen wir noch ein wenig warten,« erwiderte der Besucher; »ich habe bei dem ›Fieldingfall‹ eine Kleinigkeit verdient und werde jedenfalls meine Woche Urlaub hier verbringen.« »Was haben Sie denn mit dem Fieldingfall zu thun gehabt?« fragte Prickett. »Ich habe ihn nur geleitet,« lautete die Antwort. Prickett vergaß das brennende Streichholz in seiner Hand vollends zu seiner Pfeife zu führen und betrachtete den Fremden mit neuem Interesse. »Wie heißen Sie, junger Mann?« »White ist mein Name – James White.« Die Augen fest auf seinen Gast gerichtet, zündete Prickett nachdenklich sein Streichholz an. »Nun,« sagte er nach einer Weile, »es mag sein. Sie müssen es am besten wissen, aber ich hätte es nicht gedacht.« Bei diesem für seine persönliche Erscheinung ziemlich zweifelhaften Kompliment lächelte White mit Humor. Dies Lächeln war so klug, als sein sonstiger Gesichtsausdruck einfältig war. »Mir geht es wie dem Mädchen in einem alten Lied, Herr Prickett,« erwiderte er. »›Mein Gesicht ist mein einziger Besitz‹.« Bei diesen Worten war der nordische Accent beinahe ganz verschwunden, und seine grauen Augen zwinkerten. »Setzen Sie sich, White,« sagte Prickett plötzlich vertraulich werdend; »ich freue mich, Sie zu sehen. Wenn meine Meinung irgend welchen Wert für Sie hat, so lassen Sie sich sagen, daß nicht bald etwas besser durchgeführt worden ist als die Fieldingsche Sache.« »Danke schön, Herr Prickett; von niemand höre ich das so gerne als von Ihnen.« »Gut, wenn Sie so genügsam sind und Ihre Zeit hier nicht verlieren wollen, so kann ich Ihnen zu etwas verhelfen, das Ihnen immerhin eine Zehnpfundnote einbringen kann.« »Um was handelt es sich?« fragte White. »Haben Sie die Morgenblätter gelesen? Nun, ich habe diesen Einbruch in Wootton Hill zu verfolgen. Ich habe schon eine Spur gefunden; das Werkzeug, mit dem es ausgeführt worden, ist in meiner Hand, und ich kenne den Mann, der es verfertigt hat. Heute nacht hatte ich ihn festgenommen, allein er hat sein Alibi nachgewiesen, und ich mußte ihn wieder springen lassen. Allein das Werkzeug hat er verfertigt und er weiß, an wen er es verkauft hat. Wenn es sich nur um eine Kleinigkeit handelte, würde er eben seinem Kumpan seine Bedingungen vorschreiben, so aber handelt es sich um dreißigtaufend Pfund, und er wird halbpart verlangen. Nun handelt es sich darum, diesen Mann, der einer der ältesten und geriebensten Gauner Londons ist, ganz genau zu beobachten. Wer dies übernimmt und tatsächlich fertig bringt, der leistet ein Stück Arbeit, das dem gewandtesten Mann Ehre machen würde. Ich hätte mich selbst an die Aufgabe gemacht, aber er kennt mich so genau, als ob ich sein Bruder wäre.« »Was ich brauche, ist eine Gelegenheit, mich in London auszuzeichnen, Herr Prickett,« sagte der Gast. »Die haben Sie also gefunden,« antwortete Prickett, »aber Sie müssen Ihren Mann kennen lernen. Wenn Sie ihn ansehen und mit ihm sprechen, so kommt er Ihnen so mild und harmlos vor wie ein neugeborenes Kind; in Wahrheit ist er aber so verschlagen wie Garrick und so grausam wie der Teufel und scheut vor niemand und nichts zurück. Noch vor kurzem hat er beinahe einen Mord begangen, und wenn er es für zweckmäßig hält, jagt er Ihnen so unbefangen eine Kugel durch den Leib, als er Sie ansieht.« »Ich habe den Fall gelesen, in dem Sie mit ihm zu thun hatten. Die Sache unterlag wohl keinem Zweifel –« »Zweifel?!« rief Prickett zornig. »Doch einerlei,« fügte er gelassen hinzu; »die Karten sind frisch gemischt – ein neues Spiel beginnt, und wir wollen sehen, wer gewinnt. Wenn Sie Lust haben, White, so können Sie sich gleich an die Aufgabe machen. Sie sind doch in London bekannt? Gut. Wenn Sie an Chancery Lane vorbei Holborn hinuntergehen, so kommen Sie auf der linken Seite an Stamford Castle, ein konzessioniertes Haus. Gates Laden – ein Werkzeugladen – mit einem Schild, liegt gegenüber. Dort werden Sie einen Burschen finden mit rötlichem Schnurrbart und weißem Hut. ›Speck‹ sagen Sie, ›Bohnen‹ antwortete er: Sie fragen ›Französisch?‹ Er sagt: ›Vollkommen‹ und dann weiß er, daß er gehen soll, und Sie wissen, daß Sie ihn ablösen. Noch einen Augenblick. Ich habe drei Bilder in ganzer Figur von Herrn Reuben – von vorne, von hinten und von der Seite. Sie werden ihn wieder erkennen, nicht wahr?« »Ihn erkennen? Ueberall. Wo finde ich Sie, falls ich etwas entdecke?« »Telegraphieren Sie in den Yard. Und nun eilen Sie – man weiß nicht, wie bald er sich aufmacht. Je dichter Sie ihm auf den Fersen bleiben können, je besser ist es. Wenn es nach meinem Willen gehen könnte, dürfte er keinen Atemzug unbeachtet thun, aber Sie müssen aufpassen, daß Sie die Sache nicht übermachen, denn bei dem Schatten eines Verdachtes stellt er Ihnen sofort ein Bein.« »Ich werde mein Bestes thun, Herr Prickett,« antwortete der andre ruhig und damit ging er fort. »So eine Fratze wie sie der Bursche von der Vorsehung mitbekommen hat, ist eine wahre Gottesgabe, er ist beinahe ein so großer Gauner als Reuben selbst. Mein Gott, was sich die Leute doch durch Gesichter täuschen lassen!« Nachdem er noch eine Weile nachdenklich dagesessen hatte, ging er aus und gab folgendes Telegramm an Wyncott Esden auf: »Spur gefunden. Verfolge sie. Benachrichtigen Sie mich, sobald mit der Grainger zu sprechen ist. – Prickett. Scotland Yard.« Dies gethan, begab er sich zum Polizeiarzt und entwickelte vor diesem seine Zweifel über die Agraphie und Aphasie. »Wenn Doktor Elphinstone den Fall so ansieht, Prickett,« erwiderte der Arzt, »so können Sie sich drauf verlassen, daß er recht hat. Er war ein berühmter Spezialist für Nervenkrankheiten, ehe er sich von der Praxis zurückgezogen hat.« Für den Augenblick ließ sich nichts weiter thun, allein noch vor Mittag wurde Prickett durch ein Telegramm nach Wootton Hill gerufen. Bei seiner Ankunft fand er die ganze Familie versammelt. Mit Ausnahme von Wyncott erschienen alle gewaltig ernst, aber der Anwalt sah belustigt aus. »Dies ist heute morgen angekommen,« sagte er zu Prickett, indem er ihm einen erbrochenen Brief übergab. »Wir möchten Ihre Meinung darüber hören.« Prickett betrachtete erst den Umschlag ganz genau, dann zog er ein beschmutztes und zerknittertes Blatt Papier heraus und überflog dessen Inhalt schweigend.   »Geehrtes Freillein,« lautete der Brief, »betriebten Hertsens muß ich gesdähen, daß mein einziger Sonn an dem Ferbrächen heide war die staine sind jedst in sein Besits ond opglaich ihmer ein sorg fier eines Vaters herts hab ich doch nihmer gefierchtet er werde sich an främdem sach vergraife. er sagt, geehrtes Freillein obbgleich von guter Erziehung er wolle aines Vaters bihten nicht volken die Sachen ohne eine Bellonnung nichd herausgäbben. Er will dausend nemmen ont saken kitt wen geehrtes freillein sakt morken in der zaitung Standard das es rächt ist Ain bedriebder Vater.« Nachdem er es gelesen, untersuchte Prickett dies sonderbare Schriftstück noch eine geraume Weile. »Nun, Prickett, was denken Sie davon?« fragte Wyncott lächelnd. »Ich denke ziemlich viel davon, Herr Esden,« antwortete er, »Bis zu einem gewissen Grad ist die Sache bona fide gehalten. Der Absender dieses Briefes ist tatsächlich im Besitz der Steine, weil dies Schriftstück vorige Nacht in London aufgegeben wurde, ehe irgend jemand außer uns hier von dem Einbruch etwas gewußt hat. Davon abgesehen aber ist der Brief eitel Schwindel.« »Was wollen Sie damit sagen, Herr Prickett?« fragte Janet. »Wenn Sie den Brief genauer ansehen, gnädiges Fräulein,« erwiderte er, »so werden Sie finden, daß das Papier erst befleckt und zerknittert wurde, nachdem schon darauf geschrieben war. Diese Flecken sind keine Schmutz-, sondern Kaffeeflecken und sind nachträglich darauf gemacht worden. Sie können es deutlich sehen, wo die Tinte dadurch geflossen ist.« »Aber was schließen Sie daraus?« fragte sie weiter. »Ich schließe daraus, daß der Schreiber unwissend und arm erscheinen will. Es ist unzweifelhaft falsches Spiel. Einer, der wirklich arm wäre, würde sich nicht so viel Mühe geben, es zu zeigen. ›Erziehung‹, ›ohne‹, ›Vater‹ und ›geehrt‹ ist richtig geschrieben. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein Mann ›Belohnung‹ buchstabiert wie dieser Mensch und dann wieder weiß, wie man ›Erziehung‹ schreibt. Wie Sie sehen, hat er auch seine Tinte verwässert. Ich möchte behaupten, daß dieser Brief von einem Mann geschrieben ist, der eine höhere Stellung in der Welt einnimmt, als er sich den Anschein gibt, daß die Schreibfehler mit Absicht gemacht und diese Buchstaben mit der linken Hand geschrieben worden sind.« »Das ist eine sehr scharfsinnige Beurteilung, Prickett, und ich neige sehr zu Ihrer Ansicht, aber dies hat mit der Hauptsache nichts zu thun. Diese Leute befinden sich – vorausgesetzt, daß der betrübte Vater und der irrende Sohn keine Erfindung sind – im Besitz der Edelsteine, und Fräulein Pharr ist gewillt, die hier erwähnte Summe zu bezahlen, um sie zurückzuerhalten.« »Wohl,« erwiderte Prickett mit feierlicher und gewichtiger Miene, »aber wenn Fräulein Pharr meiner Meinung Gehör schenkt, so wird sie für den Augenblick nichts dergleichen thun.« »Mein lieber Prickett,« sagte Wyncott, bei dem sich das Bewußtsein der gesellschaftlichen Ueberlegenheit zum erstenmal bemerklich zu machen schien, »Sie dürfen diese Sache nicht allzusehr von Ihrem Standpunkt aus betrachten. Ich sprach schon gestern abend« – und damit wandte er sich an Fräulein Pharr – »in Herrn Pricketts Gegenwart die Ansicht aus, man solle eine Belohnung aussetzen und die Summe so hoch bemessen, daß sich der Dieb zur Herausgabe seines Raubes veranlaßt sehe. Nun liegt es unzweifelhaft in Herrn Pricketts Interesse, die Untersuchung fortzusetzen, aber ich muß ihn bitten, zu bedenken, daß es ebenso unzweifelhaft in unsrem Interesse liegt, sie beendet zu sehen.« »Entschuldigen Sie, Herr Esden,« sagte Prickett, »aber ich sehe dies nicht ein. Warum schreibt dieser Mensch an Fräulein Pharr? Weil Sie mit Ihrer Vermutung von gestern abend recht hatten – weil er die Belohnung will. Diese Leute befinden sich in schwerer Geldverlegenheit; schon die Art und Weise, wie der Diebstahl ausgeführt wurde, verriet, daß sie noch keine Erfahrung darin haben – ich habe nie schlechtere Arbeit gesehen. Dieser Brief hier beweist, daß sie nicht wissen, was sie mit den Steinen anfangen sollen. Einer, der Bescheid wüßte, könnte sicherlich fünftausend Pfund daraus lösen. Lassen Sie sie machen, so versuchen sie die Steine zu verkaufen und wir fassen die Diebe.« »Aber, Herr Prickett,« rief Janet kläglich, »ich will ja gar keine Verfolgung, wenn ich es irgend vermeiden kann. Werden Sie nicht böse, wenn ich Ihnen sage, wie ich empfinde. Einzig und allein durch meine sträfliche Eitelkeit und Sorglosigkeit sind diese Leute in Versuchung geführt worden. Wenn ich die Sammlung um den Preis von tausend Pfund zurückbekommen kann, bin ich nur allzu froh. Und vielleicht würde der Besitz einer solchen Summe die armen Menschen vor weiterer Versuchung bewahren.« Pricketts Lächeln war eine Mischung von achtungsvoller Bewunderung, Mitleid und Ueberlegenheit. »Sie wollen doch damit nicht sagen, daß Sie auf diesen betrübten Vater hereinfallen, gnädiges Fräulein? Das ist eitel Schwindel und die größte Unverschämtheit obendrein.« »Oh!« sagte Janet, »es würde mir sehr weh thun, wenn ich dies denken müßte.« »Entschuldigen Sie, Fräulein,« gab Prickett zurück, »aber mir würde es sehr leid thun, wenn ich etwas andres dächte – da müßte ich mir sofort einen andern Beruf suchen.« »In solchen Fallen,« sagte Elphinstone, »ist die Theorie, die sich Scotland Yard über die menschliche Natur gebildet hat, mindestens so richtig als die Ihre, Janet, wenn sie auch weniger edel ist.« »Meine Damen und Herrn,« sagte Prickelt nun in seiner geschäftsmäßigsten Weise, »ich habe diesen Morgen telegraphiert, daß ich eine Spur gefunden habe, selbstverständlich wäre es ein Verbrechen, sie nicht zu verfolgen. Ich hatte nicht beabsichtigt, es zu zeigen, weil ich meine Entdeckung gerne noch mehr vervollständigt hätte, aber immerhin ist es auch so genug, um die Sache weiter verfolgen zu können.« Während dieser Worte knöpfte er langsam den Rock auf. »Hier ist das Werkzeug, mit dem der Einbruch ausgeführt wurde.« Er ging auf den Tisch zu, als ob er das Werkzeug dort niederlegen wollte, aber Wyncott trat ihm entgegen und nahm es ihm aus der Hand. Die Blicke der beiden Männer trafen sich in sonderbarer Weise; Esdens Augen vergrößerten sich und die Pricketts schlossen sich halb wie in flüchtigem, aber genauem Forschen. Rasch ergriff der Anwalt das mit Leder überzogene Stück Stahl mit so gieriger Hand, daß es wie eine vibrierende Sprungfeder zitterte. »Was hat dies zu bedeuten?« fragten Pricketts Augen, während er ohne Unterbrechung weiter sprach. »Ich kenne den Mann, der dies Werkzeug verfertigt hat, und er kennt den Menschen, dem er es überlassen hat.« Wyncott schritt mit dem Werkzeug auf das Fenster zu und untersuchte es im Gehen. Am Fenster stehend, räusperte er sich. »Wenn ich Herrn Wyncott Esden sage, daß der Mann, der es verfertigt hat, Reuben Gale heißt, so weiß er, mit wem wir es zu thun haben. Er ist ein Mann, der seine eigene Mutter um einen Sovereign verkaufen würde, falls es ihm nicht gelänge, eine Guinee für sie zu bekommen – in erster Linie würde er aber die Guinee herauszuschlagen suchen. Er rückte bis jetzt mit der Sprache noch nicht heraus, aber er hat mir heute morgen versprochen, die Sache zu überlegen. Sobald sich Reuben Gale aber entschließt, mit den Dieben gemeinschaftliche Sache zu machen, so weiß er auch, was mit dem gestohlenen Gut zu thun ist. Er wird die Hälfte Anteil verlangen, die Steine schneiden lassen und beinahe ohne Schwierigkeiten auf den Markt bringen. Wenn Sie mich beauftragen, ihn zu erkaufen, ehe er sich an die andern machen kann, dann erhalten Sie vielleicht Ihr Eigentum zurück – lassen Sie ihm aber Zeit, so ist alles verloren.« »Woher wissen Sie,« fragte Wyncott seinen Platz am Fenster verlassend, »daß dies das Werkzeug ist?« »Es entspricht den Spuren an dem Schränkchen.« »Haben Sie es versucht?« »Nein, das hatte ich nicht nötig; aber wir wollen es sogleich versuchen, wenn es Ihnen recht ist.« Die beiden verließen das Zimmer und gingen hinauf. Während ihrer Abwesenheit sagte Elphinstone zu Janet: »An Ihrer Stelle, liebes Kind, würde ich alles in die Hände der Obrigkeit legen. Ich habe eine hohe Meinung von diesem Detectiv bekommen.« »Offenbar dürfen wir nicht mehr an den betrübten Vater glauben,« erwiderte Janet mit kläglichem Lachen. »Ich denke, wir können es Prickett überlassen, die Thränen dieses ›Vaters‹ zu trocknen; er wird ihm gewiß die Augen auswischen, wenn er Gelegenheit dazu hat.« Dieses Witzchen entsprach so gar nicht dem gewöhnlichen Wesen des Doktors. Er schien sich aber gerade um der Seltenheit willen selbst am meisten darüber zu freuen. »Prickett hat recht,« rief Wyncott noch vor der Thür; »es ist unzweifelhaft das Werkzeug, mit dem der Einbruch ausgeführt worden ist.« In lebhafter, beinahe aufgeregter Weise sprach er fort: »Der Mann, der dies Werkzeug angefertigt hat, ist ein Klient von mir, den ich erst vor wenigen Tagen aus einer sehr gefährlichen Lage errettet habe. Er war sehr dankbar, und ich genoß das seltene Vergnügen, nach seiner Freisprechung mit ihm zu Nacht zu essen.« »Wyncott!« klang es in äußerstem Erstaunen von den Lippen der alten Dame. »Wahrhaftig, Tantchen, er kam in den ›Hahnen‹, setzte sich an den gleichen Tisch mit mir und wollte mir fünfzig Pfund geben für meine erfolgreiche Verteidigung. Ich glaube, einigen Einfluß auf ihn ausüben zu können und mochte daher vorschlagen, daß Prickelt und ich zu ihm gehen und versuchen, was aus ihm herauszulocken ist.« »Das hat einiges für sich,« sagte Prickelt nachdenklich. »Es kann sein, daß hinter Reuben Gate noch andere stehen, mit denen zu verhandeln wäre, und wenn dies der Fall ist, so trauen sie sich nicht in meine Nähe.« »Wenn Fräulein Pharr Prickett und mich beauftragen wollte, mit diesem Gate zu verhandeln,« sagte Esden lebhaft und heiter, »so könnten wir vielleicht die Steine retten. Es wäre die größte Schwäche, das Geld den wirklichen Thätern zu bezahlen.« »Sie haben carte blanche , Herr Esden,« rief Janet, »aber bitte, thun Sie alles, was Sie können, um eine Verfolgung zu verhindern.« »Haben Sie gehört, Prickett?« sagte Wyncott. »Wir wollen mit dem nächsten Zug zusammen nach London fahren und sehen, was wir thun können.« Es stellte sich heraus, daß vor einer Stunde kein Zug ging, und in der Zwischenzeit schien sich Esden in Unruhe zu verzehren. Er bestand darauf, sich von Prickett die Stelle zeigen zu lassen, wo er das Werkzeug gefunden hatte, und packte nachher – noch fast eine Stunde vor der Zeit – hastig seine Reisetasche und kam dann die Treppe herabgestürmt, als gälte es, keinen Augenblick zu versäumen. »Sie gehen ja in dieser Angelegenheit los wie ein Bluthund, Wyncott,« sagte der Doktor. »Ich habe Sie heute nacht wohl gesehen, mein Junge.« »Mich gesehen?« fragte Esden, sich rasch nach ihm umwendend. »Wo haben Sie mich gesehen?« »Auf mein Wort, Janet,« lachte Elphinstone, »er schämt sich seines berufsmäßigen Instinkts. Ich habe ihn heute nacht im Mondenschein über eine Stunde hin und her laufen sehen wie ein Hund, der eine verlorene Fährte wieder aufzuspüren sucht.« »Ich bitte um Vergebung, Herr Doktor,« unterbrach ihn Prickett, »aber wie steht's mit dem Frauenzimmer?« »Es ist vorderhand nichts mit ihr anzufangen,« erwiderte der Arzt. »Ein recht merkwürdiger Fall! Sie thut nichts als weinen, und wir können sie nicht dazu bringen, Nahrung zu sich zu nehmen.« »Sie hält sich für verdächtigt,« sagte die Erbin, »und ist in Verzweiflung darüber, daß sie sich nicht erklären kann.« »So wird's wohl sein, gnädiges Fräulein,« erwiderte Prickett mit unergründlichem Gesicht. Elftes Kapitel. Als Wyncott Esden und Prickett von Chancery Lane nach Holborn einbogen, ließ der Detectiv den Wagen, in dem sie saßen, plötzlich halten. »Wir haben unsern Mann verfehlt,« sagte er, als er ausstieg und dem Kutscher einen Schilling gab. »Er war außerhalb der Stadt, hat Staub von der Landstraße an den Stiefeln.« Und wirklich kam Gale in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritt auf sie zu. An den Nägeln kauend und in tiefe Gedanken versunken kam er näher; Prickett wich zurück und er ging vorüber, ohne sie zu bemerken. »Reuben!« sagte der Detectiv ruhig. Als er dies hörte, blieb er stehen und blickte Prickett mit seinen sanften braunen Augen voll ins Gesicht. Im nächsten Augenblick wurde er Wyncotts gewahr und fuhr zusammen; indessen faßte er sich sofort wieder und griff an seinen Hut. »Ich möchte noch ein paar Worte mit Ihnen reden,« sagte Prickett, »wo kann dies am besten geschehen?« »Wie Sie wissen, bin ich gleich zu Hause,« antwortete Gale höflich, »und stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« Wiederum traten sie in den schmutzigen Laden. Ein Lehrjunge stand hinter dem Ladentisch, und mit einem Blick auf diesen ersuchte der ehrliche Handelsmann die beiden Herren in das Hinterzimmer zu treten, wo sie ungestört wären. »Nun, Gale,« begann Esden, sobald sich die Thür hinter ihnen geschlossen hatte, »ich denke, Sie erraten, was uns herführt.« »Mag sein, daß ich's errate,« entgegnete Gale mit erwartungsvollem Blick. »Prickett hat mir alles erzählt, was gestern abend und heute morgen geschehen ist,« fuhr Wyncott in überzeugendem, geschäftsmäßigem Tone fort. »Sie haben Zeit gehabt, sich zu besinnen. Nun sagen Sie, haben Sie dies Werkzeug angefertigt?« »Herr Esden,« sagte Gale, seine ruhigen Ochsenaugen zu Wyncott aufgeschlagen, »ich rechne darauf, daß man ehrlich mit mir verfährt, und soweit es mir möglich ist, können Sie sich darauf verlassen, daß ich zu Ihnen stehe.« »Das genügt!« antwortete Wyncott mit einem raschen Blick auf Prickett. »Also, Gale?« »Das Werkzeug stammt ohne Zweifel von meiner Hand. Die Sache ist die, Herr Prickett. Ich habe drei derartige, ganz gleiche Werkzeuge angefertigt und alle abgegeben. Bei den Leuten, welche die beiden ersten erhalten haben, bin ich gewesen, und beide sind noch in deren Besitz. Ich habe aber noch keine Gelegenheit gehabt, mit dem dritten zu sprechen, doch habe ich ihm einen Wink geben lassen und hoffe, noch heute nacht ein paar Worte mit ihm reden zu können.« »Es nützt wohl nichts, Gale, Sie zu größerer Eile anzutreiben,« meinte Esden. »Ich kann es nicht schneller machen, Herr Esden,« antwortete Gale, »aber ich denke das Ziel zu erreichen.« »Sehen Sie zu, Reuben, daß Sie nicht auf zwei Achseln Wasser zu tragen versuchen,« warnte Prickett. »Es soll meine Sache sein, Gale, dafür zu sorgen, daß man sich großmütig gegen Sie zeigt, wenn Sie sich zuverlässig erweisen,« sagte Wyncott. »Ich glaube, ich habe ein gewisses Recht an Sie – Sie sind mir schon einigen Dank schuldig.« »Herr Esden,« erwiderte Gale, »handeln Sie gegen mich, wie's recht ist, und ich bin standhaft, aber zuvor muß ich den Herren eine Bedingung stellen. Man darf mich nicht beobachten, Herr Prickett. Ich bin gewillt, in dieser Sache eine hilfreiche Hand zu bieten, weil Herr Wyncott Esden damit zu thun hat, aber ich will nicht den Scotland Yard einem Menschen auf die Fersen hetzen, gegen den vielleicht etwas anderes vorliegt, der aber an der fraglichen Sache ganz unschuldig ist.« »Nun, Prickett,« sagte Esden, »können Sie darauf eingehen?« »Ich gäbe was drum, Reuben, wenn ich eine halbe Minute lang Ihre Gedanken lesen könnte,« äußerte Prickett mit bedenklichem Kopfschütteln. »Meine Herren,« sagte Gale, »wenn ich dies Versprechen von Ihnen erhalte, so weiß ich, daß ich mich darauf verlassen kann; erhalte ich es aber nicht, so rühre ich keinen Fuß.« »Gut also, dann sollen Sie es haben, aber nur bis morgen mittag um zwölf Uhr, nachher –« Damit erhob sich Prickett, nickte und setzte seinen Hut auf. »Für den Augenblick wäre also nichts weiter zu sagen?« fragte Wyncott, ebenfalls aufstehend. »Es wird besser für Sie sein, Gale, Sie kommen mit Ihren Nachrichten zu mir als zu Herrn Prickett. Sie wollen vermutlich nicht in Verbindung mit der Polizei gesehen werden. Ich werde heute nacht von zehn bis zwölf Uhr in meiner Wohnung sein.« Prickett gab diesem Vorschlag seine Zustimmung und entfernte sich mit dem Advokaten. Gale blieb mit dem Ausdruck höchster Verwunderung auf seinem Gesicht zurück und nickte wiederholt vor sich hin. »Dies,« sagte er endlich tief aufatmend, »dies übersteigt wirklich alle Begriffe!« Seine Gedanken schienen ihn so zu überwältigen, daß er, ohne es zu wissen, in dem engen Zimmer auf und ab schritt. Plötzlich ertönte ein leichter Schritt im Laden, die Thür ging auf, und Wyncott Esden stand mit leichenblassem Antlitz vor ihm. Schweigend blickte Gale ihn an, sank auf einen Stuhl und winkte Esden, ebenfalls Platz zu nehmen; dann blieb er starr wie der Tod. Esden schloß die Thür und blieb dann, auf den ihm von Gale bezeichneten Stuhl gestützt, regungslos stehen. Eine Minute lang herrschte tiefes Schweigen. »Nun!« sagte Esden endlich mit heiserer Stimme. »Nun, Herr Esden?« gab Gale zurück. »Zum Henker, Mann, so sprechen Sie doch!« rief Esden leidenschaftlich. »Was wissen Sie?« »Nun, ich denke, ich weiß genug,« antwortete Gale, ohne auch nur einen Augenblick seine freundliche Demut zu verlieren. Seine milden braunen Augen blickten ehrerbietig und seine Stimme klang heiser, vertraulich und klagend. »Ich will Ihnen erzählen, was ich gethan habe. Zuerst ging ich in Ihre Wohnung, und als ich Sie dort nicht traf, weiter nach Wootton Hill, wo ich eine Unterhaltung von fünf Minuten mit dem Stationsvorstand pflog. Von diesem habe ich mir sagen lassen, Sie seien gestern mit dem Ein-Uhr-fünfunddreißig-Zug nach London hinaufgefahren und um acht Uhr drei Minuten zurückgekommen. Dann bin ich nach Hemsleigh gewandert, wo ich erfuhr, daß ein Herr in dem dort vier Uhr siebenundzwanzig anlangenden Zug von Wootton Hill ab Extrafahrgeld bezahlt habe. Dieser Herr soll eine schwarze Handtasche getragen und sich querfeldein nach Wootton Hill aufgemacht haben. Dann bin ich bis nach Sandy Park zurückspaziert, das in der Richtung nach London hin die nächste Station von Wootton aus ist, und dort habe ich ermittelt, daß der nämliche Herr den Londoner Zug fünf Uhr dreißig benützt habe – die Züge passen prächtig ineinander. Vielleicht erinnern Sie sich, daß der Kniff mit den drei Stationen ein Hauptbelastungspunkt gegen mich war. Damals haben Sie diesen Umstand sehr hübsch zu mildern verstanden.« »Wohl,« sagte Esden, auf dessen Gesicht sich Blässe und Erröten jagten, »aber wozu soll dies alles führen?« »Nun, ich denke, es soll zu halbpart führen,« erwiderte Gale. »Man sagt, die Juwelen seien dreißig- bis vierzigtausend Pfund wert, natürlich können wir dies nicht herausschlagen. Aber wir können immerhin etwas zwischen vier- und sechstausend Pfund erlösen.« »Vielleicht könnten wir dies, aber so wie die Sache liegt, werden wir es nicht thun,« lautete Esdens Antwort. »Nicht, Herr Esden?« fragte Gale in ehrerbietigem Staunen. »Warum nicht?« »Wahrhaftig,« gab Esden zurück, »das Leben treibt sonderliche Blasen! Hätte mir vor dreißig Stunden jemand vorausgesagt, ich könne in die Lage kommen, irgend einen Entschluß, den ich fasse, Ihnen gegenüber rechtfertigen zu wollen, so hätte ich dem Propheten ins Gesicht gelacht! Da wir aber nun Teilhaber an dem nämlichen Verbrechen werden sollen,« fuhr Esden mit bitterem Scherz fort, »so werde ich Ihnen meine Meinung sagen, und zwar mit einer Aufrichtigkeit, die Sie mir im umgekehrten Fall kaum zeigen würden. Ich habe dies ›Geschäft‹ – so heißt ja wohl der technische Ausdruck – aus ganz besonderen Gründen gemacht. Ich befand mich zufällig in der allerdrückendsten Geldverlegenheit und that es um der Belohnung willen. Wenn Sie sich einbilden, Ihr Mitwissen könne mich auch nur einen Zoll breit über meinen ursprünglichen Vorsatz hinaustreiben, so täuschen Sie sich ganz gewaltig. Im schlimmsten Fall kann ich die Edelsteine zurückschicken und mich auf und davon machen – meine Freunde werden mich nicht verfolgen lassen.« »Ganz recht, Herr Esden,« erwiderte Gate mit freundlichem, überzeugendem Sträuben, »aber das heißt ja einfach Geld zum Fenster hinauswerfen. Ich weiß Bescheid und kann die Steine schleifen lassen und leicht und gefahrlos auf den Markt bringen.« »Ihre Erfahrung und Ihr Scharfsinn werden diesmal nicht zur ihrer Entfaltung gelangen können, Herr Gale,« gab Esden zurück; die Entdeckung, die Scham und der Ekel über sich selbst bereitete ihm bei dieser Unterhaltung Seelenschmerzen, die er beinahe körperlich empfand. »Sehr wohl, Herr Esden,« antwortete Gale, »ich möchte gern wissen, ob schon irgend ein Schritt gethan worden ist. Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Esden? Herr Prickelt sprach heute morgen von einer ziemlich hohen Belohnung.« »Diese Epistel,« sagte Esden und warf des »betrübten Vaters« Brief auf den Tisch, »ging heute früh der Eigentümerin der Juwelen zu.« Gale streckte seine schwielige Hand aus, ergriff den Brief und las ihn gründlich: dann blickte er grinsend auf. Esden hatte ihn nie zuvor lächeln sehen, und die Heiterkeit des biederen Kaufmannes flößte ihm einen verstärkten Widerwillen ein. Gale hatte ein halbes Dutzend seiner Vorderzähne verloren und seine halb zugedrückten Augen, die gefurchten Backen und das zahnlückige Grinsen ließen ihn geradezu gespenstig erscheinen. Er sah aus wie irgend ein schrecklicher alter Wasserspeier, und Esden, der ihn anstarrte, machte nun zum erstenmal die Bekanntschaft der Persönlichkeit, die sich unter diesem demütigen und sanften Aeußern verbarg. »Das ist schlau, Herr Esden,« sagte Gale, »das ist sehr schlau, und ich wüßte kein besseres Verfahren vorzuschlagen. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Ich werde darauf bestehen, trotz dieses kleinen Gespräches heute nacht zu Ihnen kommen. Es ist am sichersten so, wenn ich für den Fall, daß nachträglich irgend etwas herauskommt, beweisen kann, daß ich nicht bei Ihnen war. Inzwischen werde ich in einem gewissen Haus, das ich kenne, vorsprechen, als ob ich dort Erkundigungen einziehen wolle.« »Glauben Sie, daß Sie beobachtet werden?« fragte Esden, ängstlich hinter sich blickend. »Glauben Sie, daß Prickett sein Versprechen bricht?« »Oh nein, Herr Esden,« lautete die Antwort. »Herr Prickett ist ehrlich und hält sein Wort. Jeder Beamte von seiner Erfahrung hat schon auf derartige Zugeständnisse eingehen müssen. Immerhin werde ich aber die beiden Gänge machen und Sorge tragen, dies später beweisen zu können. Kein unnötiges Risiko, ist stets mein Grundsatz gewesen.« »Wissen Sie, Herr Gale, daß Ihre zufällige Mitwirkung in dieser Sache es mir sehr erschweren wird, ehrlich zu sein?« »Wie so?« fragte Gale, ohne Ueberraschung oder Aerger zu verraten. »Es wird mir schwer fallen, Ihre fünfhundert Pfund zusammenzuscharren,« erwiderte Esden. »Bitte, begreifen Sie gefälligst, daß ich lein Dieb bin, sondern nur entlehne – allerdings in einer, wie ich zugebe, etwas ungewöhnlichen Weise. Dies Geld wird auf Heller und Pfennig zurückbezahlt.« »Ich begreife wohl, daß ein Gentleman vielleicht so empfinden kann,« sagte Gale nachdenklich und zustimmend. »Ich werde also zum Schein in dem Hause vorsprechen und um zehn Uhr bei Ihnen sein. Ich habe einen sehr ermüdenden Tag gehabt und möchte ihn möglichst bald beschließen. Dann können Sie gehen und meine Mitteilungen Herrn Prickett bringen. ›Gale,‹ sagen Sie, ›hat aus dem Mann, an den er das Werkzeug verkaufte, alles herausgebracht. Dieser Mann,‹ sagen Sie, ›verpflichtet sich, die Edelsteine innerhalb vierundzwanzig Stunden herzuschaffen, wenn die Bekanntmachung in den Morgenblättern steht. Was Gale betrifft.‹ sagen Sie, ›so wird er wohl seine eigenen Abmachungen mit dem »betrübten Vater« treffen.‹ Weiter,« schloß Gale aufstehend, »haben wir für den Augenblick nichts mehr zu besprechen, Herr Esden. Joseph Prickett scheint diesmal mit Blindheit geschlagen, und ich muß sagen, ich finde das Geld ziemlich leicht verdient.« Damit trennten sich die so ungleichen Verbündeten für den Augenblick. Unterdessen hatte Prickett, nachdem er seinen freiwilligen Gehilfen verlassen, sich auf die Polizeistation verfügt und dort angeordnet, daß White sogleich in seine Wohnung folgen und Gate bis auf weiteres nicht beobachtet werden solle. Dann lenkte er seine Schritte heimwärts und überdachte mit einer gewissen Enttäuschung die Wendung, welche die Sache genommen hatte. »Die tausend Pfund hätten mir so gut angestanden wie einem andern,« meinte er. Aber abgesehen davon, kränkte es ihn, daß er die Jagd aufgeben sollte, die er leidenschaftlich betrieb. »Ich hatte den ›betrübten Vater‹ bekommen und Reuben dazu,« sagte er zu sich selbst: »es ist mir ein guter Spaß verdorben worden.« Unter der Last seiner Unzufriedenheit war er so langsam gegangen, daß White ihm fast auf den Fersen folgte. Dieser schien es nicht mehr für nötig zu halten, seine tölpelhafte Maske vorzunehmen. »Nun?« war die einzige Frage, die Prickelt an ihn richtete. »Herr Gale,« gab White zurück, »hat mich einen netten Marsch über Feld machen lassen. Vielleicht ist es am besten, ich berichte Ihnen alles der Reihe nach.« Da Prickett zustimmend nickte, zog White ein Taschenbuch hervor und wendete die Blätter mit angefeuchtetem Daumen um, bis er auf die gesuchte Stelle stieß. Sein Vorgesetzter lehnte, die Hände in den Taschen, am Kamin und hörte ihm mit gleichgültiger Miene zu. »Sieben Minuten vor elf trat ich meinen Posten an,« berichtete White, von Zeit zu Zeit seine Notizen zu Rate ziehend. »Drei Minuten nach elf geht Gale in den Temple, Numero neun, Elm Court. Er steigt bis in das höchste Stockwerk hinauf und klopft zwei- oder dreimal. Dann kommt er wieder herunter und fragt ein altes Weib mit Eimer und Scheuerlappen, ob sich Herr Wyncott Esden in der Stadt befinde. An der Thür stand der Name ›Wyncott Esden‹ zu lesen.« »Weiter!« sagte Prickett, der ein Federmesser aus seiner Westentasche nahm und damit seine Nägel einer höchst sorgfältigen Reinigung unterzog. »Zunächst begibt er sich nach dem Bahnhof von Charing Croß und steigt in den Zug nach Wootton Hill.« »In Wootton Hill,« fuhr White fort, den Prickett mit seinem unerschütterlichsten Gesichtsausdruck ansah, hinter dem er sein Interesse zu verbergen pflegte, »spricht Gale fünf Minuten mit dem Stationsvorstand und schreitet dann quer durch die Felder. Ich denke, es könne wohl der Mühe wert sein, zu wissen, was er wisse, und wende mich deshalb an den Stationsvorstand. Er zeigt sich erst etwas grob, und ich muß ihm sagen, daß es sich um den Dienst der Königin handle; dies macht ihn geschmeidig und er sagt mir, Gale habe sich nach Herrn Wyncott Esden erkundigt.« »Oh!« sagte Prickett. »Was wünschte er denn über Herrn Wyncott Esden zu erfahren?« »Wollte wissen, mit welchem Zug er gestern nach London gefahren und mit welchem er zurückgekommen ist. Der Stationsvorstand sagte ihm, ein Uhr fünfundzwanzig und acht Uhr drei. Dann fragte Gale nach der nächsten weiter abwärts gelegenen Station. Man sagte ihm, sie heiße Hemsleigh, und wies ihm den Weg. Ich schlängle mich ihm nach – sehr hübscher Weg, größtenteils schattig – und Gale plaudert mit Stationsvorstand in Hemsleigh.« »Ueber was diesmal?« fragte Prickett, während er that, als ob er hinter seiner vorgehaltenen Hand gähne. »Gale fragt nach einem Herrn, glattrasiert, Zwicker, sehr elegant und hübsch. Trug wahrscheinlich weißen Hut, weiße Weste, gelbe Handschuhe, sagte er. Stationsvorstand sagt ihm, er habe gestern solchen Herrn gesehen, in dem Zug vier Uhr siebenundzwanzig. Trug schwarze Handtasche; zahlte Extrafahrgeld erster Klasse von Wootton Hill an; gab Fahrkarte bis Wootton Hill ab, scheint aus Versehen weiter gefahren zu sein und machte sich auf den Weg zurück.« »Wissen Sie was?« sagte Prickett, seine Pfeife stopfend. »Sie überraschen mich aufs sonderbarste. – Doch einerlei – ich sage es Ihnen nachher. Weiter!« »Gale erfuhr auch, daß derselbe Herr gestern abend nach Hemsleigh zurückkehrte und fragte, ob im Lauf des Nachmittags nicht irgend ein verdächtiges Subjekt mit einem Paket gesehen worden sei.« »James White,« sagte Prickett, »Sie und ich, wir haben beide schon etwas gesehen in der Welt! aber wenn all das, was wir gesehen und erlebt haben, auf einen Haufen zusammengeschaufelt würde, so gäbe es neben dem noch keinen Maulwurfshügel. Fahren Sie fort! Was kam zunächst?« »Gale fragte nach der auf Wootton Hill in der Richtung nach London folgenden Station. Sandy Park. Der nächste Weg dorthin führt durch die Felder. Drei Meilen. Nämliche Geschichte. Der nämliche Herr benützte den Zug fünf Uhr dreißig nach London. Damit schien Gale seine Nachforschungen zu beschließen: fuhr im nächsten Zug nach London und ich folgte ihm in einem anderen Wagen.« »Soweit ist alles recht,« sagte Prickett. »Dann folgten sie ihm natürlich nach Hause?« »Ja.« »Sie sahen mich nachher mit ihm? Besuchte ihn vorher jemand?« »Nein. Sie haben ihn, wie es schien, unterwegs getroffen. Er ist in Chancery Lane eingekehrt und hat sehr langsam und bedächtig ein Glas Bier getrunken. Brauchte beinahe eine Stunde dazu.« »Kam jemand zu ihm, nachdem ich weg war?« »Der Herr, der mit Ihnen dort war, kam noch einmal zurück!« »Nein?« rief Prickett mit dem ausgesprochensten humoristischen Wohlbehagen. »Sie wollen doch nicht ernstlich behaupten, er sei noch einmal umgekehrt?« »Kam zurück und sah recht sonderbar und übel aus,« erwiderte White. »Hielt sich etwa zehn Minuten auf und sah, als er herauskam, aus, als ob er Gespenster gesehen hätte.« »Glauben Sie, daß Gale Sie gar nicht erkannt hat?« fragte Prickett. »Soviel ich weiß, hat er mich überhaupt nur einmal gesehen – auf dem Bahnsteig von Sandy Park.« Mit einem für ihn ganz ungewöhnlichen Lächeln und mit liebenswürdiger Miene sagte Prickett: »Ich habe zwar Gale versprochen, ihn nicht beobachten zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung will ich es doch thun. Ich glaube, mein Gewissen wird sich darüber leicht beruhigen können.« »Sie wünschen, daß ich ihn weiter beobachte?« fragte White. »Ja,« erwiderte sein Vorgesetzter, »es wird am besten sein, Sie gehen wieder zurück.« Als White sich entfernt hatte, sing Prickett an, im Zimmer auf und ab zu wandeln, wobei er dann und wann stehen blieb und sich mit nachdenklicher Zufriedenheit die Hände rieb. »Ich konnte anfangs aus Reubens Gesicht gar nicht klug werden,« flüsterte er vor sich hin. »Jetzt verstehe ich es schon eher. Er war übervoll von Bewunderung für die Unverfrorenheit dieses jungen Anfängers, der sich mir bei der Untersuchung anschloß. Es ist ein wahres Vergnügen, mit ein paar solchen Menschen zu thun zu haben. Der Herr segne Sie. Herr Wyncott Esden, die Kastanien werden aus dem Feuer geholt werden, aber wir wollen sehen, mit wessen Pfoten. Uebrigens ist es doch schade zu sehen, wie ein so gewandter junger Mann sich thörichterweise seine Aussichten verdirbt. Natürlich macht er es äußerst klug, aber was nützt es, gut Whist spielen, wenn alle Karten gegen einen fallen?« Zwölftes Kapitel. Als Wyncott Esden den Laden Gates verlassen hatte, lief er eine geraume Zeit lang ziellos dahin. Alles um ihn her war zusammengestürzt und er stand den Ereignissen für den Augenblick ratlos und verwirrt gegenüber. Esden gehörte zu den Menschen, denen ihre eigene gute Meinung notwendig ist, um sich des Beifalles der andern behaglich erfreuen zu können. Obgleich er es nicht an Gelegenheit hatte fehlen lassen, sich selbst vom Gegenteil überzeugen zu können, so hielt er sich doch für einen Mann von unbefleckter Ehre, und wäre er reich gewesen, so hätte ihn dieser Glaube bis ins Grab geleitet. Allein, wenn auch sein Ehrgefühl nie so wenig Elasticität besessen hatte, als er glaubte, so hatte er diese doch bis gestern nie ernstlich auf die Probe gestellt. Wegen der J. P.'schen Angelegenheit hatte er sich recht unbehaglich gefühlt. Er hatte seine freundschaftlichste und verführerischste Überredungskunst aufgeboten, um dies schwache Geschöpf zu umgarnen, allein seine schlüpfrige Beweisführung war ihm weniger vertrauenerweckend erschienen als seinem vertrauensseligen Opfer. Keinen Augenblick war er auf diesen Sieg stolz gewesen, denn er war ihm als seiner unwürdig, als zu leicht erschienen. Nun aber war ihm der Gedanke sehr bitter, daß das, was gut und freundlich in ihm war, ihn an den Abgrund der unerträglichsten Selbstverachtung gelockt hatte. Wäre nicht sein Mitleid mit diesem rückgratslosen Sündenbock gewesen, so hätte er den Sprung nie gewagt, den er selbstverständlich in der Hoffnung unternahm, sich selbst so wenig als möglich dabei zu schaden. In dieser wunderlichen Welt gibt es nur wenig, was wunderlicher wäre, als die völlige Blindheit, von der die klügsten Menschen befallen werden, wenn sie die Offenbarungen ihres eigenen Charakters beurteilen. Wäre die Versuchung an Esden unter Umständen herangetreten, die ihn vor ihr bewahrt hätten, so hätte er mit Entrüstung die Unterstellung zurückgewiesen, diese Versuchung sei überhaupt eine solche für ihn gewesen. Als er J. P. zur Unterzeichnung des Wechsels überredete, wußte er, daß er sich einer Gemeinheit schuldig mache, allein dies hatte nicht vermocht, seinen Glauben an sich als an einen Mann von Ehre zu erschüttern. Sein leichter Sinn und sein großes Anpassungsvermögen hatten ihn in kürzester Frist wieder mit sich ausgesühnt, und selbst als er so tief gesunken war, sich an Fräulein Pharrs Eigentum zu vergreifen, war die That noch leine Stunde alt, als er schon anfing, sich zu rechtfertigen. Fünf Minuten, ehe er sie vollbracht, hatte er noch mit keinem Gedanken daran gedacht. Durch reinen Zufall war er über Wootton Hill hinausgefahren, in seine peinlichen Gedanken versunken. Der Boomer wäre eine sichere Rettung gewesen, wenn er ihn hätte finden können, allein das tückische Geschick hatte es anders beschlossen, und er sah sich zu Grunde gerichtet und bloßgestellt. J. P. würde reden, die Sache würde Frau Wyncott zu Ohren kommen, Fräulein Pharr mußte es erfahren und die goldenen Träume der letzten Tage sanken in sich zusammen. In einem Zustand gänzlicher Verzweiflung hatte er den Feldweg von Hemsleigh nach Wootton Hill eingeschlagen. Was Wyncott wollte, das wollte er ganz und immer sogleich; er hatte sich daran gewöhnt, diesen Charakterzug, der all seinen Wünschen eine leidenschaftliche Ungeduld beimischte, als einen Beweis seiner Willenskraft zu betrachten, heute aber hatte er ihm nur eine Steigerung seines Elends zu verdanken. Am Hause angelangt, hatte er dessen sämtliche Bewohner auf dem Rasenplatz versammelt gesehen und mit entsetzlicher, unwiderstehlicher Gewalt hatte sich ihm der Gedanke an das unselige Werkzeug Gales und die Thatsache aufgedrängt, daß die Juwelen ganz im Bereich seiner Hand lagen. Später dachte er oft, es habe etwas Diabolisches in den Umständen gelegen, unter welchen die Versuchung an ihn herangetreten war. Alle Hindernisse waren aus dem Weg geräumt. Er wollte Fräulein Pharr nicht berauben; in tiefster Seele bebte er vor dem bloßen Gedanken daran zurück. Wie hätte auch ein Mann von seiner Herkunft und Erziehung den Gedanken ertragen können, ein Dieb zu sein? Allein mit den Edelsteinen in seinem Besitz konnte er sich in Gestalt einer Belohnung ein Darlehen verschaffen, das er später bei Heller und Pfennig gewissenhaft zurückbezahlen wollte. Seine Lage war verzweifelt – die Zeit drängte; ehe er recht zum Bewußtsein gekommen war, schlich er sich, die gestohlenen Juwelen in der Reisetasche, hinter der Hecke hin. Doch nein! Nicht gestohlen – nur geborgt! Von Scham und Schuldbewußtsein, von Triumph und Angst völlig verwirrt, gelangte er nach seiner Wohnung in London zurück, wo er über eine Stunde dazu brauchte, seine aufgeregten Nerven zu beruhigen. Schließlich erwies sich der seiner Natur entsprechende Gedankenprozeß als die beste Arzenei. Es lag ja eigentlich gar kein Diebstahl vor, nur ein Vorenthalten. Die Juwelen wurden zurückgegeben, sobald die Belohnung bezahlt war, und die Anstrengungen, die er zu ihrer Wiedererlangung machen wollte, mußten ihn noch in der Gunst der Erbin fördern. Die Summe, die nach Bezahlung seiner drückendsten Schulden etwa noch übrig blieb, sollte auf das Gewissenhafteste zurückgelegt werden. Er selbst kam rasch vorwärts, und nach seinem neuesten Erfolg mußte er in kürzester Frist auch zu einem guten Einkommen gelangen. Er beschloß, zu leben wie ein Anachoret und zu arbeiten, wie er in seinem ganzen Leben noch nicht gearbeitet hatte. Jedenfalls war die Sache geschehen, und es gibt nichts Unfruchtbareres, als über geschehene Dinge zu jammern. Wie schon früher kämpfte er seine Selbstverachtung nieder und es gelang ihm beinahe, sich zu überzeugen, daß er ganz tadellos dastehe. Die Entdeckung, daß er die eine Hälfte des Werkzeugs verloren hatte, erschreckte ihn. Da er sich des Weges genau erinnerte, so beschloß er, es zu suchen. Aber selbst wenn er es nicht fand, konnte er dadurch nicht mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Mangel an Mut gehörte nicht zu seinen Fehlern, und er sagte sich, es sei noch immer Zeit genug, sich zu ängstigen, wenn Gefahr in Sicht sei. Als er den Brief des betrübten Vaters schrieb und nachher beschmutzte und zerknitterte, fand er einen gewissen bittern Humor in seiner Lage und begrüßte diese Empfindung als einen Beweis von Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit. Er beschloß, sich selbst mit den Unterhandlungen betrauen zu lassen, und der Gedanke, daß er die andre Partei nicht gerade schwierig finden würde, entlockte ihm tatsächlich ein Lächeln. Ohne ein Gefühl der Bitterkeit ging es natürlich nicht ab, allein nun mußte die einmal begonnene Sache auch durchgeführt werden, und in einigen Monaten konnte er sich durch Rückzahlung des Geldes seine Selbstachtung wieder erkaufen. Wohl war das Darlehen in nicht gerade hergebrachter Form aufgenommen worden, allein es deshalb einen Diebstahl zu nennen oder sich allzu hart zu beurteilen, wäre reine Schwäche gewesen. So weit hatte er sich mit sich selbst abgefunden, aber seine Gemeinschaft mit Gale, dem gemeinen Schurken, dem eingefleischten Verbrecher war entsetzlich, ganz abgesehen davon, daß die Ausführung seines eigenen Planes dadurch erschwert, vielleicht sogar unmöglich gemacht wurde. Allein schon auf dem Heimwege erholte sich sein Gemüt einigermaßen, und er begann sich zu fragen, ob die Mitwissenschaft Gales denn gar so sehr in die Wagschale falle. Selbstverständlich mußte die Belohnung mit ihm geteilt werden und dadurch wurde die Heimzahlung seiner Schuld an Fräulein Pharr verzögert. Insolange hielt ihn der Schurke in der Hand, allein sobald Gale seinen Anteil empfangen hatte, waren ihre Beziehungen zu Ende, und die Meinung eines solchen Menschen konnte für ihn nicht von Belang sein. Etwaige Drohungen Gales brauchte er nicht zu fürchten, denn er konnte ihm ja nur schaden, indem er sich selbst auch anklagte. Alles in allem genommen, stand die Sache so übel nicht. Als er seine Lage in dieser so charakteristischen Weise zusammengefaßt hatte, fuhr er in seinen Klub, wo er speiste. Da er dort wie überall eine sehr beliebte Persönlichkeit war, wurde er von allen Seiten zu seinem letzten Erfolg beglückwünscht und ihm eine glänzende Zukunft verheißen. Dies im Verein mit einer im Kreis der nächsten Freunde getrunkenen Flasche Rotwein und seiner eignen Fähigkeit, unangenehme Gedanken zu verdrängen, versetzten ihn in eine sehr muntre und angeregte Stimmung, in der er gegen zehn Uhr nach Hause fuhr, um seine Verabredung mit Gale einzuhalten. Allein schon während der Fahrt machte sich ein Rückschlag geltend und er fühlte sich unglücklich genug, als er seine Treppen hinaufstieg und das Gas in seinem Wohnzimmer anzündete. Nachdem er die innere Thür verschlossen hatte, schlich er mit übertriebener Vorsicht in sein Schlafzimmer und ließ die Fensterblenden herab. Dann steckte er eine Kerze an und stahl sich, das Licht mit der Hand beschattend und unwillkürlich um sich blickend, zu einem großen Reisekoffer, in dem er die Juwelen verborgen hatte. Er setzte das Licht aus der Hand und wühlte mit zitternden Händen eine Menge sauber aufgefalteter Kleidungsstücke beiseite, bis er den Boden des Koffers erreichte. Da stieß er plötzlich einen verzweifelten Schrei aus und begann in wilder Hast den Inhalt des Koffers auf den Fußboden zu zerstreuen. Der schlichte Saffianlasten war verschwunden. Wie lange er fast bewußtlos auf dem Boden gekniet, hätte er nicht zu sagen gewußt; als er endlich wieder zu sich kam, bebte er am ganzen Leib und war von Kopf zu Fuß mit Schweiß bedeckt und flammende Lichter tanzten und zuckten vor seinen Augen. Nach und nach erloschen diese feurigen Flecken und seine Blicke hafteten wie verzaubert auf einem bestimmten Gegenstand. Er griff darnach: es war ein Brief; langsam las er die Aufschrift: »W. Esden, Esquire.« Noch immer an der Erde knieend, öffnete er mechanisch den Brief und las: »Geehrter Herr! Die Steine befinden sich sicher in meinen Händen. Ich habe einen Plan, um alles in Ordnung zu bringen, und beabsichtige nicht, eine solche Aussicht unbenutzt zu lassen. Ihr gehorsamer Diener R. Gale.«   Zuerst begriff er das Geschehene gar nicht recht, und hatte nur das dumpfe Bewußtsein, daß er in eine entsetzliche Falle geraten war. Den Zettel in einer, die Kerze in der andern Hand, schritt er endlich über die an der Erde zerstreuten Kleider weg ins Nebenzimmer, wo er mit Hilfe des Gaslichtes Reuben Gales kurze Mitteilung nochmals las, als hoffe er; daß ihm das hellere Licht zu besserem Verständnis verhelfe. Das erste, dessen er sich klar bewußt wurde, war, daß er nun ein Schurke sei: tiefstes Mitleid mit sich selbst überkam ihn und er stöhnte laut auf vor Zorn und Scham. In diesem Augenblick wurde draußen geklopft. Er riß die Thür so hastig auf, daß sie wieder halb zufiel und Gale sich durch die enge Oeffnung förmlich hereinkrümmen mußte, worauf er sofort abschloß. Drohend stand Esden vor seinem Gast und selbst in der Dunkelheit des Vorzimmers war die Blässe seines Antlitzes und das wilde Feuer seiner Augen zu bemerken. »Ich sehe, Sie haben meinen Brief gefunden,« sagte Gale, während seine Hand mit einer geschäftsmäßigen Bewegung in die innere Tasche seines Rockes griff. Seinem Gesicht, seiner Stimme und seinem Wesen nach, konnte man glauben, er suche ein Notizbuch oder ein Taschentuch, aber statt dessen kam ein Revolver zum Vorschein. »Ich hoffe, Herr Esden,« sagte Gale, »daß keinerlei Schwierigkeiten zwischen uns entstehen werden.« Er hielt seine unschuldigen braunen Augen fest auf Esdens Gesicht gerichtet, wahrend er sich, wie um Entschuldigung bittend, um ihn herumbewegte. »Die Steine sind in völliger Sicherheit,« sagte er, »und ›Ehre unter Dieben‹ war immer mein Motto; Sie können sie mir so ruhig anvertrauen wie der Bank von England.« Der Gast sprach im Wohnzimmer, während Esden, die Hände in den Haaren vergraben, seine Stirne an die Wand gelehnt, noch neben der Thür stand. Endlich, wie von einem fremden, höhern Willen beeinflußt, raffte sich der Advokat auf und schritt ins Zimmer hinein. »Mein guter Herr,« sagte er ruhig, wenn auch mit dumpfer Stimme, »Sie haben Ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht.« »Möglich,« antwortete Gale sanft, »aber wenn Sie gütigst entschuldigen wollen, so sehe ich dies noch nicht ein.« »Dann,« sagte Esden mit erhobener Stimme, »sollen Sie es einsehen lernen. Was ich gethan, habe ich mit einer bestimmten Absicht gethan, und nichts, was Sie thun können, wird mich darüber hinaustreiben.« Plötzlich schien Gale seines Hutes gewahr zu werden, nahm ihn vom Kopf und setzte ihn auf den Tisch. »Bitte um Entschuldigung,« sagte er, mit dem Revolver auf den Hut deutend. »Ich habe diese Juwelen genommen,« fuhr Esden, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fort, »weil ich Geld brauchte und wußte, daß eine Belohnung ausgesetzt werden würde. Ich beabsichtigte, diese zurückzubezahlen, und beabsichtige dies noch immer. Sollte ich vor die Frage gestellt werden, alles zu bekennen, um vor dem nächsten Schwurgericht mein Urteil zu empfangen, oder in eine verbrecherische Gemeinschaft mit Ihnen zu treten, so bin ich schon entschlossen. Wenn ich die Edelsteine innerhalb einer Stunde nicht zurückerhalte, so fahre ich nach Wootton Hill und erzähle meine Geschichte, und zuvor telegraphiere ich dem Scotland Yard, daß die Steine in ihrem Besitze sind.« Während Esden sprach, saß Gale friedlich in einem Sessel, und in dem Augenblick, wo er seinen verzweifelten Entschluß kund that, warf sich der Advokat in einen andern. Der biedere Kaufmann nahm, ohne ein Wort zu erwidern, das Briefchen, das schon vorher im Bereich seiner Hand gelegen hatte, ballte es zusammen, schob es in den Mund und zerkaute es, wobei er lebhaft an einen wiederkäuenden Ochsen erinnerte. »Es ist immer besser, es sind keine Beweise vorhanden,« erklärte er gelassen, als er den Zettel in Brei verwandelt hatte. »Wissen Sie, Herr Esden,« fuhr er, nachlässig mit seinem Revolver spielend, in ehrerbietigem Tone fort, »das wäre kein vernünftiger Handel. Ich will mich niemand, am wenigsten einem Gentleman gegenüber –« hier verschluckte er den Papierbrei – »darauf steifen, daß ich mich im Vorteil befinde. Ich könnte sonst zum Beispiel darauf hinweisen, daß ein bewaffneter und ein unbewaffneter Mann sich nicht gleich gegenüberstehen. Ich möchte nicht gerne etwas Unhöfliches oder Unehrerbietiges sagen, aber wenn Sie thun wollten, was Sie eben sagten, so sehe ich auch nicht ein, was mich abhalten könnte, zu Joseph Prickett zu gehen und zu sagen: ›Joseph, ich habe es satt, immer verdächtigt und verhaftet zu werden. Herr Wyncott Esden ist der Herr, dem ich das Werkzeug gegeben habe. Herr Wyncott Esden ist heute nachmittag mit Ihnen gekommen und hat vor Ihrer Nase ein Abkommen mit mir getroffen und heute nacht hat er mir die Juwelen gebracht und verlangt, ich solle sie für ihn verkaufen; allein, da ich es satt habe, immer verfolgt und gehetzt zu werden, so habe ich sie Ihnen gebracht und erwarte von der Dame, daß sie sich nobel finden läßt.‹ Nun, Herr Esden, frage ich Sie, was in aller Welt mich abhalten sollte, dies zu thun?« »Sie können thun, was Sie wollen,« sagte Esden verzweifelt; »es bleibt bei dem, was ich vorhin gesagt habe, und ich lasse Ihnen eine Minute Zeit, Ihren Entschluß zu fassen.« Damit trat er an eines der Fenster und legte die Hand auf die Klinke; Gate folgte ihm und schob sich zwischen ihm und das Fenster und drückte seinen Gefährten ohne Umstände beiseite. »Bitte um Entschuldigung, Herr Esden,« sagte er in seltsam hastigem und herrischem Ton, »aber das würde ich nicht thun, wenn ich Sie wäre!« »Ich wollte nur etwas Luft, Sie Narr!« antwortete Esden zornig. »Sie werden sich noch einen kleinen Augenblick ohne Luft behelfen,« gab Gale zurück; »hier setzen Sie sich wieder her. Ich bin überzeugt, daß wir beide dies Geschäft zu Ende führen werden, ohne uns zu zanken. Mein Grundsatz war immer: erst beißen und dann bellen! Wie wär's, wenn ich nun Ihnen eine Minute Zeit zur Ueberlegung ließe? Wie wär's, wenn ich Ihnen fünf Minuten gäbe? Keiner von uns hat Eile – sagen wir also fünf! Hier setzen Sie sich hin und denken Sie nach!« »Sie haben diesen Zettel gegessen,« sagte Esden in ohnmächtiger Wut, »um den einzigen Beweis gegen Sie zu vernichten!« »Nun natürlich,« entgegnete Gate, » darum habe ich's gethan. Wir sagten fünf Minuten, nicht wahr?« Er zog eine großmächtige Zwiebel von einer Taschenuhr heraus und legte sie in seine linke Hand i in der Stille des Zimmers schien sie so laut zu ticken wie eine große Wanduhr. Mit dem Ausdruck dumpfer Entschlossenheit lehnte sich Esden in seinen Sessel zurück, und sein Geist fand nichts Besseres zu thun, als den Ticktack der Uhr zu zählen. Er kam bis zu fünfzig und dann versank er in einen Zustand der Bewußtlosigkeit. Doch schon eine Minute darauf kam er wieder zu sich und der umstrickte Mann starrte seiner entsetzlichen Zukunft ins Gesicht, bis er durch Gates Stimme aufgeschreckt wurde. »Gute Nacht, Herr Esden. Ich denke, falls Sie auch der Ansicht sind, gehe ich am besten gleich nach Scotland Yard, ohne mit dem Abholen der Steine Zeit zu verlieren, denn sonst könnten Sie inzwischen was unternehmen. Doch halt! Da fällt mir ein, daß ich ja diese beiden Thüren abschließen und den Schlüssel mitnehmen kann!« »Sagen Sie mir, was Sie wollen,« sagte Esden, in dem aller Widerstand gebrochen schien, und der sah, daß er hoffnungslos umgarnt war. »So, das ist endlich ein vernünftiges Wort,« erwiderte Gate und zog seinen Stuhl mit vertraulicher Miene näher an den Tisch. »Natürlich,« fuhr er über den Tisch gebeugt in heiserem flüsternden Tone fort, »war es von Ihrem Standpunkt aus ein ganz vernünftiger Gedanke, sie zurückzuschicken, denn Sie wußten ja nicht, was damit anfangen, nun aber habe ich die Sache in die Hand genommen und mit der Belohnung und den Juwelen werden wir sechstausend Pfund miteinander teilen können. »Die Belohnung!« rief Esden halb aufspringend. »Tausend Pfund, Herr Esden,« sprach Gate unentwegt weiter, »ist eine hübsche Handvoll Geld. Ich habe mir alles reichlich überlegt. Ohne eine kleine Summe flüssigen Geldes müßten wir die Waare zum halben Wert verschleudern.« »Ich weiß nicht, welch teuflischen Plan Sie ausgeheckt haben,« rief Esden, in neuer Empörung aufspringend, »und will ihn auch nicht wissen, aber das weiß ich, daß ich zur Ehre und zur Redlichkeit zurückkehren werde, koste es was es will! Es mag sein, daß ich noch einmal meine Seele verkaufen werde, aber jedenfalls nicht an einen Halunken wie Sie, und ich werde mich durch Sie nicht von Verbrechen zu Verbrechen, von Gemeinheit zu Gemeinheit weiter reißen lassen. Dies ist mein letztes Wort, und nun gehen Sie und thun Sie Ihr Schlimmstes!« Kraftlos und schwindelig, von Gewissensbissen und Scham überwältigt, sank er in seinen Sessel zurück, aber er fühlte sich, nachdem er diese leidenschaftliche Erklärung abgegeben hatte, doch wieder etwas mehr als Mann. »Gut,« sagte Gale gelassen; »es ist zwar jammerschade für mich und Sie, aber wenn es so sein muß, so muß es eben sein. Nur möchte ich Ihnen, Herr Wyncott Esden, ehe ich gehe, noch mit geziemender Ehrfurcht ein paar Worte sagen, weil Sie einen empfindlichen Punkt berührt haben und weil ich meine Gefühle ebenso habe, als wenn ich ein Gentleman wäre. Sie reden davon, daß Sie sich durch mich nicht weiter zu Verbrechen hinreißen lassen wollten, und dies ist weder gerecht noch vernünftig, denn es ist genau das, was ich Ihnen entgegnen könnte. Als ich kürzlich auf der Anklagebank saß, schwor ich mir, daß ich mich von allen Werken der Finsternis fernhalten wollte, denn ich sah ein, daß der Einsatz dies Spiel nicht lohnte. Außerdem werde ich alt und meine Nerven sind nicht mehr so stark als früher; es lag nämlich gar kein zwingender Grund vor, an den Schädel dieses Hausmeisters mein Blei zu verschwenden, und zwei Jahre früher hätte ich nie daran gedacht. – Ich hatte mir's verschworen, noch ehe die Geschwornen ihr ›Nichtschuldig‹ gesprochen hatten, und bis gestern habe ich trotz der glänzendsten Aussichten zu allem ›nein‹ gesagt. Allein in diesem Fall war die Sache schon geschehen, und wenn Sie, Herr Esden, sich auch die Vorteile nicht zu Nutze machen wollen, so müssen Sie doch die Folgen auf sich nehmen. Ich bin ein armer Mann und nicht in der Lage, die Gaben der Vorsehung zurückzuweisen.« Er war in einen traurig vorwurfsvollen Ton verfallen, der die Enttäuschung verriet, die ihm Esdens Benehmen bereitete. »Ich bin überzeugt, Herr Esden,« begann er wieder, »daß Ihre Freunde Sie nicht zur Verantwortung ziehen würden, wenn sie es wüßten – es wäre mir nicht angenehm zu denken, daß sie es thun könnten. – Ich glaube auch nicht, daß ein Gentleman wie Sie schlecht und dumm genug gewesen sein könnte, die eine Hälfte des Werkzeuges mit Absicht zu verlieren, aber dieser Umstand hatte mich in große Schwierigkeiten bringen können, wenn ich nicht vermocht hätte, gestern nachmittag über die Anwendung jeder Minute meiner Zeit Rechenschaft abzulegen. Daß Sie, mein Herr, dies Werkzeug überhaupt benützt haben, ist ein Vertrauensbruch, der von einem Gentleman keineswegs zu erwarten war, und ich möchte nicht beschwören, daß ich Ihnen dies nicht ein wenig nachtrage.« »Hören Sie auf mit diesem unflätigen Geschwätz, Mensch!« rief Esden, sich in Selbstverachtung krümmend und windend. Die Bemerkung, die Gate über die wahrscheinliche Nachsicht seiner Angehörigen scheinbar zufällig hingeworfen hatte, ließ ihm den Abgrund seiner Schande in einem neuen Licht erscheinen; von wahnsinniger Angst erfaßt, war er bereit, sich an jeden Strohhalm anzuklammern. »Setzen Sie sich,« sagte er, »und teilen Sie mir Ihren Plan mit.« Dreizehntes Kapitel. Als Herr Prickelt am andern Morgen in Hemdärmeln und Pantoffeln bei seinem Frühstück saß, las er einen an die Theekanne gelehnten Brief; er wollte sich in seiner Mahlzeit durch denselben nicht stören lassen, aber immerhin war es unverkennbar, daß diese Epistel ihn sehr beschäftigte. Der Brief war von Esdens Wohnung aus an ihn gerichtet und lautete: »Gale war seinem Versprechen gemäß heute abend hier, aber ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß ich durch meine Unterredung mit ihm aufs schmerzlichste enttäuscht wurde. Ich fürchte, Fräulein Pharr wird der Forderung des ›betrübten‹ Vaters entsprechen und sich durch eine Bekanntmachung im ›Standard‹ mit ihm in Verbindung setzen müssen. Es steht nicht in Gates Macht, uns zu helfen. Er ist bei dem Mann gewesen, den er im Verdacht hatte, und hat gefunden, daß dessen Instrument ganz heil war. Er schließt daraus, daß ein viertes Werkzeug nach seinem Muster angefertigt worden sei und daß er dieses irrtümlicherweise für seine eigne Arbeit gehalten habe. Anfangs glaubte ich, er sperre sich, um etwas für sich herauszuschlagen. Vielleicht ist es am besten, Sie sprechen selbst mit ihm, um zu sehen, was davon zu halten ist, obgleich ich ziemlich überzeugt davon bin, daß er so enttäuscht ist wie wir. Er sagte mir, er hoffe sich durch sein Verhalten in dieser Sache mit der Polizei besser zu stellen, denn er habe sich selbst geschworen, auf dem geraden Weg zu bleiben, noch ehe die Geschwornen ihr ›Nichtschuldig‹ gesprochen – damit mag's nun sein, wie's will, aber ich sehe keinen Grund zum Zweifel an seiner bona fides , denn er kann nur verlieren, wenn er sich unwissend stellt. Wenn ich keine andre Anweisungen von Ihnen erhalte, werde ich morgen eine Bekanntmachung im ›Standard‹ veröffentlichen: ›Ein betrübter Vater. – Auf Ehrenwort. – Adresse: W. E. Esq. Oxford- und Cambridge-Klub.‹ Das wird genügen. Ich bin bis Mittag zu Hause, falls Sie mich zu sprechen wünschen.« »Ob ich Sie sprechen will!« sagte Prickett. »Und zwar sofort will ich Sie sprechen! Sie spielen ein ziemlich gewagtes Spiel, mein Herr Wyncott Esden, und ein recht dunkles Spiel wäre es geblieben, wenn ich nicht die eine Hälfte von Reubens Brechstange gefunden hätte. Aber ich habe sie glücklicherweise gefunden, und das gibt der Sache ein andres Gesicht.« Damit begann er seinen Rock auszubürsten, während welcher Thätigkeit er vor sich hin brummte: »Ich denke, ich durchschaue die Sache. Es soll aussehen, als ob Gale ganz unbeteiligt sei, während er die eine Hälfte der Belohnung, Herr Wyncott Esden, alias der betrübte Vater die andre Hälfte einsackt. Na, Joseph, wir wollen sehen, daß wir bei der Teilung auch zugegen sind. Sie werden natürlich nicht so dumm sein und einen Check oder Noten nehmen, denn die kann man aufspüren, und wenn es Gold ist, so müssen sie entweder zusammen kommen oder eine Mittelsperson haben. Schon jetzt habe ich genug Beweise beisammen, um Herrn Esden festzunageln, aber ich will mir die Jagd nicht verderben. Er will sich einen Spaß mit dir erlauben, Joseph, dieser schlaue, verbrecherische junge Advokat, aber nun wollen wir unsern Spaß mit ihm treiben und sehen, wer's gewinnt.« Darauf beendigte er seinen Anzug aufs sorgfältigste und begab sich, seine eleganten gelben Handschuhe unterwegs anziehend, nach Esdens Wohnung. Eine Aufwärterin von mittlerem Alter öffnete ihm die Thür und Esden rief ihn, sobald er seine Stimme hörte, herein. Prickett trat ein und fand Esden mit dickverbundenem Kopf auf dem Sofa liegen. »Humbug!« dachte er bei sich. »Fürchtet Erregung zu zeigen und will dies auf etwas andres als seine Zusammenkunft mit mir schieben können, falls ich es bemerkte.« Nichtsdestoweniger fragte er mit freundlicher Teilnahme nach dem Befinden des Hausherrn. »Zahnweh und Neuralgie,« sagte Esden und schob den Verband zurück. »Da sehen Sie her!« Die eine Seite seines Gesichtes war dick geschwollen und ganz schwarz. Wenn ich nicht schlafen kann oder Sorgen habe, bekomme ich dies leicht.« In Wahrheit hatte er eine entsetzliche Nacht durchlebt und den körperlichen Schmerz mit Freuden begrüßt, denn er lenkte ihn von seinem inneren Jammer ab; in diesem Augenblick aber war er dessen doppelt froh, denn seine angegriffenen Nerven hätten Pricketts ruhig forschenden Blick nicht standhalten können. Prickett kam beim Anblick seines Gesichtes von seinem ursprünglichen Mißtrauen zurück, sagte sich aber, daß die Sorgen und Kümmernisse, die solche Wirkungen hervorbringen konnten, sehr beträchtlich sein müßten. »Wenn Sie im Augenblick die Angelegenheit nicht besprechen können, Herr Esden,« sagte Prickett teilnahmsvoll, »so macht es gar nichts. Es scheint ja ohnehin, daß die Sache zu einem Stillstand gekommen ist. Alle meine Nachforschungen in der Umgebung von Wootton Hill sind fruchtlos geblieben, niemand hat eine verdächtige Persönlichkeit bemerkt.« »O nein,« sagte Esden sich aufrichtend und seinen kranken Kopf in die Hand stützend, »ich bin wohl genug, um mit Ihnen reden zu können. Alles, was mich interessiert, vertreibt den Schmerz. Ich glaube, daß Gale ehrlich ist, denn er hat ebensoviel Vorteil vom Ehrlich« wie vom Unehrlichsein. Deshalb sehe ich keinen Grund, an ihm zu zweifeln, wenn er sagt, er möchte bei Ihnen besser angeschrieben sein.« »Das klingt alles ziemlich wahrscheinlich,« erwiderte Prickett mit einer Miene, als habe er alles reiflich erwogen. »Vielleicht hatte er auch die Angst des Diebes erregen können, allein der Mensch scheint sich vor nichts zu fürchten, denn der Raub wurde in der keckesten Weise am hellen Tag ausgeführt.« »Gewiß, der Schurke ist mutig.« Natürlich mußte Prickett sich dem schuldigen Esden gegenüber genau so benehmen, wie er es sonst gethan hätte, und deshalb versäumte der kluge Mann nicht, zu thun, als ob er Verdacht gegen Gale hätte. »Natürlich,« bemerkte er in überzeugendem Ton, »behaupte ich nicht, daß Gale diesmal nicht ehrlich zu Werke geht, aber so grün war ich nicht, ihn vergangene Nacht unbeobachtet thun zu lassen, was er wollte. Ich breche sonst mein Wort nicht gern, aber in diesem Fall war ich genötigt, es zu thun, wenn ich mir nicht eine grobe Versäumnis zu schulden kommen lassen wollte. Daher kenne ich den Mann, den Gale aufgesucht hat, und weiß, daß weder er noch seine Genossen vorgestern in Thätigkeit waren.« »Welches Glück,« dachte Esden bei sich, »daß Gale zum Schein dort hingegangen ist!« Er zitterte bei dem Gedanken, daß sich der Verdacht, falls Gale geradeswegs zu ihm gekommen wäre, an seine Fersen geheftet hätte. »Aus diesem Grund also,« fuhr Prickett fort, »bin ich geneigt, zu glauben, daß Gale es nicht anders wußte und für uns that, was er konnte. Immerhin ist der Meister Reuben aber aalgatt und schlüpfrig und ich möchte ihn nicht mehr in unsre Karten blicken lassen, als unumgänglich nötig ist.« »Sie werden ihn wohl im Auge behalten?« fragte Esden. »Du lieber Gott, wozu denn?« erwiderte Prickett. »Im übrigen gibt es keinen verdächtigen Mann in London, den wir nicht mehr oder weniger im Auge behielten. Ich werde ihn aufsuchen und noch einmal mit ihm reden, aber ich glaube nicht, daß er die Hand im Spiel hat. Der ›betrübte Vater‹ ist der einzige, mit dem wir in Unterhandlung treten können, wenn die Sache in der Stille abgemacht werden soll, und wir müssen die Aufforderung in die Zeitung setzen, dann ist alles schnell erledigt.« Prickett pflegte mit einer Genauigkeit ohnegleichen auch den geringsten Gegenstand in seiner Umgebung aufzufassen und rühmte sich, nie etwas zu übersehen und nichts zu vergessen, was er einmal betrachtet hatte. Auch jetzt hatte er seine Blicke unmerklich über das Zimmer, in dem er saß, hingleiten lassen. Selbstverständlich entging diesem geübten Auge die flache Schramme nicht, die sich an der zu Esdens Schlafzimmer führenden Thür befand. Sofort erkannte Prickett, daß die Schramme genau dieselbe Form und Größe hatte, wie jene andre Schramme, die er an dem Schränkchen in Fräulein Pharrs Schlafzimmer gesehen hatte. »Ein Versuch?« fragte sich Prickett. »Aber so dumm kann er doch nicht gewesen sein?« Sein Gesicht verriet nichts und sein Auge kehrte nicht zum zweitenmal nach der verdächtigen Stelle zurück. Ein zweiter Umstand fiel ihm ins Auge. Auf dem Tisch stand ein schweres versilbertes Schreibzeug und in diesem befand sich ein großes gläsernes Tintenfaß, das mit dunkelblauer Tinte gefüllt war. Auf dem Kaminsims aber, hinter einem hölzernen Fidibusbehälter halb versteckt, stand ein gewöhnliches Pennyfläschchen mit der Aufschrift »Blauschwarze Tinte,« und daneben lag eine Feder. »Wenn ich mir die Freiheit nehmen dürfte, einen von diesen Papierbogen hier zu benützen, Herr Esden,« sagte Prickett aufstehend, »so werde ich die Bekanntmachung hier schreiben und nachher auf die Zeitungsexpedition bringen.« »Gewiß,« erwiderte Esden, »ich wüßte nicht, was wir besseres thun könnten, und wenn Sie einverstanden sind, geschieht es wohl am besten gleich.« Mit einem halben Bogen Papier in der Hand schlenderte Prickett nach dem Kamin, nahm die dort liegende Feder auf, tauchte sie ein und schrieb nur ein großes »E« auf das Papier. Die Tinte war blaß und offenbar mit Wasser verdünnt worden. Mit unverändert ruhigem Gesicht sah er in den Spiegel, den er vor sich hatte, und begegnete darin Esdens Augen. »Soll ich ›betrübt‹ schreiben wie der Kerl?« fragte er. »Er schreibt es mit ›ie‹, aber er wird es wohl auch verstehen, wenn wir es für ihn verbessern.« Stöhnend sank Esden auf sein Sofa zurück. Einen Augenblick lang war die Spannung seiner Nerven fast unerträglich gewesen, aber offenbar hatte Prickett nichts gemerkt – wie sollte er auch? »Wir wollen unsre Selbstachtung retten,« erwiderte er mit einem Versuch zu lächeln, »und orthographisch schreiben.« »Gut,« bestätigte Prickelt und beugte sich wieder über sein Papier, Er schrieb und las dann die Worte: »Ein betrübter Vater, – Auf Ehrenwort, – Adresse: W. E., Esq. Oxford- und Cambridge-Klub.« Nachdem er das Papier zum Trocknen hin und her bewegt hatte, faltete er es zusammen und steckte es ein. »Ich werde dies im Vorbeigehen besorgen und damit wird die Sache bald erledigt sein. Ein bißchen schade ist es doch, nicht wahr?« »Was ist schade?« fragte Esden wie einer, den seine Schmerzen ungeduldig machen. Er litt wirklich und freute sich doch seiner Schmerzen, denn ohne diese hätte er Angst gehabt, sich jeden Augenblick zu verraten. »Nun von meinem Standpunkt aus wäre es bedeutend netter gewesen, die Diebe zu fassen: für mich wäre es nach allen Seiten hin vorteilhafter gewesen. Mit ein klein bißchen Geduld hätten wir die Kerls erwischt und nun ziehen sie frank und frei dahin mit tausend Pfund in der Tasche. Es ist ein bißchen hart, solche Aussichten gehabt und sich thatsächlich an der Sache beteiligt zu haben und alles für nichts und wieder nichts.« »Sie können überzeugt sein, Prickett,« antwortete Esden, »daß Sie nicht vergessen werden. Es soll meine Sache sein, Fräulein Pharr zu sagen, daß sie ohne Ihre Zustimmung diesen Weg nicht hätte einschlagen können.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Esden,« entgegnete Prickett mit sardonischem Gleichmut. »Sie werden mir doch Nachricht geben, sobald Sie Antwort auf die Anzeige bekommen. – Wenn es thatsächlich zu Unterhandlungen mit diesen Leuten kommt und Sie mit ihnen zusammentreffen müssen, dann kann ich Ihnen vielleicht hier und dort einen Fingerzeig geben.« »Höchst wahrscheinlich,« erwiderte Esden mit scheinbarer Gleichgültigkeit und innerlichem Aufatmen, »Ich werde heute nachmittag an Fräulein Pharr schreiben und ihr mitteilen, daß die Bekanntmachung erscheinen wird.« »Sie werden seinerzeit die Erfahrung machen,« fuhr Prickett fort, »daß die Leute nur Gold nehmen wollen, und dies macht die Unterhandlungen gefährlich, denn man kann einen Sovereign nicht wie eine Note verfolgen. Dieser Kniff mit dem betrübten Vater kann ebensogut nur ein kühner Versuch sein, sich zu den Juwelen hin auch noch die tausend Pfund zu verschaffen. Gehen Sie ja nicht unbewaffnet hin, Herr Esden. Ich habe einen vorzüglichen kleinen Revolver, den ich Ihnen bringen will, wenn Sie mir eine Zeit bestimmen, zu welcher ich Sie treffen kann. Vielleicht morgen früh?« »Zuverlässig, Prickett; ich bin Ihnen sehr verpflichtet für diesen Vorschlag – vielleicht hätte ich selbst nie daran gedacht. Ich werde bis Mittag zu Hause sein.« Prickett verabschiedete sich voll höflichen Mitgefühls für Zahnweh und Neuralgie und schritt dann ruhig die Fleet Street entlang. Dort trat er in den Laden eines Büchsenmachers, wo er von dem Eigentümer des Geschäfts in das innere Zimmer geführt wurde, weil er ihn allein zu sprechen verlangte. »Ich wünsche diesen Revolver mit einem halben Dutzend Patronen geladen, die nicht losgehen,« sagte er mit vorsichtig gedämpfter Stimme; »von außen müssen Sie aber ganz echt und unverdächtig aussehen.« Dieser Büchsenmacher schien schon an sonderbare Aufträge gewohnt zu sein, wenigstens äußerte er über Pricketts Wunsch keinerlei Verwunderung, sondern übernahm die Bestellung ruhig und schüttelte seinem Kunden vertraulich die Hand, als er sich entfernte. Von da begab sich Prickett in die Expedition des »Standard«, wo er die Bekanntmachung abschrieb und bezahlte, und dann verfügte er sich nach Gales Laden. Gale saß hinter seinem Pult und sah womöglich noch ehrbarer und sanfter aus als sonst. »'n Morgen, Reuben,« sagte Prickett in der Art und Weise eines Mannes, der eine Niederlage erlitten hat. »Guten Morgen, Herr Prickett,« erwiderte Gale mit einer Stimme, die nur das Echo der andern schien. »Sie sind wohl etwas enttäuscht, Reuben?« fragte er. »Das möchte ich noch nicht behaupten,« entgegnete Gale. »Ich sehe, daß Sie von Herrn Esden gehört haben. Ich war heute nacht bei ihm und erzählte ihm, was geschehen war. Wegen der Werkzeuge nämlich, Sie wissen ja, ich kenne sie nicht auseinander. Was hätte nun diesen dritten Burschen verhindern sollen, sich von einem Diebskameraden das nämliche Brecheisen zu borgen? Vielleicht hat er gehört, daß ich Nachforschungen angestellt habe –« »Das ist nicht ohne,« stimmte ihm Prickelt zu, der mit unbeschreiblicher innerer Freude die einzelnen schlauen Schachzüge auf der andern Seite beobachtete. »Ich freue mich, Sie so reden zu hören, denn ich muß gestehen, ich habe auch schon selbst an diese Möglichkeit gedacht. Ich bin hauptsächlich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß, falls Sie noch einen Versuch unternehmen wollen, dies heute geschehen muß. Den Grund sage ich Ihnen nicht, denn er geht Sie nichts an, aber morgen wäre es zu spät. Wären Sie nicht so habgierig gewesen, Reuben, so wäre etwas zu machen gewesen; Sie haben aber alles für sich allein haben wollen, und deshalb kriegen Sie nun gar nichts. Und dabei sagen Sie noch Herrn Esden, Sie möchten bei der Polizei besser angeschrieben sein?« »Wahrhaftig, Herr Prickett, ich weiß nicht, was ich mehr hätte thun können,« entgegnete Gale im Tone sanfter Rechtfertigung. »Nicht? Dann will ich's Ihnen sagen. Sie hätten mich ins Vertrauen ziehen und mir sagen sollen: für die und die habe ich die Werkzeuge angefertigt. Dann hätten wir alle drei auf einmal gefaßt und hätten ihnen nicht die Gelegenheit geboten, ihre Werkzeuge untereinander zu entlehnen. So aber haben Sie sich und mich um zwei- bis dreihundert Pfund gebracht – das ist alles, was Sie mit Ihrem Eigennutzen erreicht haben.« »Es war nie meine Art, Ihre Leute auf irgend jemand zu hetzen,« keifte Gale. »Es war nicht Habgier, Herr Prickett, aber ich bemühe mich, immer so zu handeln, wie ich möchte, daß man gegen mich handelt. Das war immer mein Motto.« »Hauptsächlich Hausmeistern gegenüber,« gab Prickelt scharf zurück. »Herr Prickett, ich bitte um Vergebung, aber ich kann mir eine derartige Bemerkung nicht bieten lassen. Durch das Verdikt meiner Landsleute wurde ich für ›nichtschuldig erklärt und das muß jedermann genügen.« »Vielleicht, vielleicht auch nicht,« lautete die Antwort. »Jedenfalls haben Sie mich um die Gelegenheit gebracht, ein hübsches Sümmchen zu verdienen, und haben auch selbst nur dabei verloren.« Gale widersprach aufs neue und vertrat seine Sache mit einer inneren Genugthuung, der nur die Pricketts gleichkommen konnte. Sie waren ebenbürtige Gegner, und wäre nicht Prickett seiner Sache so gewiß gewesen, so hätte keiner auch nur den leichtesten Vorteil errungen. Vierzehntes Kapitel. An den zwei unmittelbar auf den Diebstahl folgenden Tagen war natürlich das tägliche Leben in Wootton Hill House etwas außer dem gewohnten Geleise verlaufen, aber am Morgen des dritten Tages brachte die Post Fräulein Pharr eine Mitteilung so tröstlicher Natur, daß die Sache wenigstens für sie ihre Wichtigkeit verlor und nicht mehr das ganze Sein und Denken erfüllte, wie bisher. »Mein liebes Fräulein Pharr,« schrieb Esden. »Pricketts und meine gestrige Jagd blieb leider ohne Erfolg. Prickett glaubt immer noch, die Diebe erwischen zu können, sobald sie versuchen, ihre Beute zu Geld zu machen, aber er gibt zu, daß der einfachste und billigste Weg ist, mit Ihrem schurkischen Korrespondenten zu unterhandeln. Ich bin entschieden der nämlichen Ansicht und habe schon durch Prickett eine Anzeige einrücken lassen, die dem ›Betrübten Vater‹ in die Augen fallen muß. Sie können fest überzeugt sein, daß Sie zwei Tage nach Empfang dieser Zeilen wieder im Besitz Ihrer Kostbarkeiten sein werden. Es ist gewiß ein Unglück gewesen, aber es hätte noch so viel schlimmer ausfallen können, daß Ihre Freunde Ihnen wirklich Glück wünschen dürfen. Die Diebe werden sich natürlich nicht mit der Polizei in Verbindung setzen und Sie werden aus der Mitteilung im ›Standard‹ ersehen, daß der ›Betrübte Vater ersucht wird, sich an mich zu wenden.« Dieser am Frühstückstisch vorgelesene Brief veranlaßte alle, die Bekanntmachung in der Zeitung zu suchen, und die jungen Damen starrten, von romantischen Schauern ergriffen, auf die so unschuldig aussehenden Worte – wußten sie doch, wie viel sich dahinter verbarg. Wyncotts Brief war indessen nicht der einzige, den Janet diesen Morgen erhalten hatte. Geraume Zeit lag ein in der Handschrift des »Betrübten Vaters« überschriebener Brief uneröffnet neben ihrem Teller. Sie betrachtete ihn mit Widerwillen und hätte ihn vielleicht gar nicht aufgemacht, wenn Edith nicht eine entsetzliche Drohung hätte laut werden lassen. »Vielleicht hat der Elende seine Absicht geändert,« sagte sie, »und schreibt nun, er habe schon anderweitig über die Sammlung verfügt.« Bei diesen Worten riß Janet den Brief eiligst auf. Der Schreiber teilte ihr mit, daß er in der heutigen Zeitung vergebens nach einer Antwort gesucht habe. »Biete, machen sieh forran,« fügte er hinzu. »Mein son wiel nur bies freitag frieh warden.« »Jetzt hat er die Bekanntmachung schon lang gelesen,« sagte Arnold. »In einigen Stunden wird Wyncott seine Antwort erhalten und uns sofort telegraphieren.« »Nun, Janet, mein Mädel,« sagte der alte Doktor, »tausend Pfund sind immer tausend Pfund, aber sie bringen Sie nicht an den Bettelstab, und alles in allem genommen hat Wyncott recht, wenn er sagt, Ihre Freunde könnten Ihnen Glück wünschen.« »Ich verdiene gar nicht, daß man mir Glück wünscht,« erklärte Janet, an ihrer alten Auffassung der Sache festhaltend. »Ich bin für meine eigene Dummheit und meinen Leichtsinn mit Fug und Recht bestraft worden und bitte euch alle von ganzem Herzen um Verzeihung für all die Unruhe, die ich verursacht habe.« »Dann will ich wieder an meine Arbeit gehen. Ich werde alt und habe nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Ich war in meinem Zimmer beschäftigt und habe prächtiges Licht gehabt. Wenn Sie noch was lernen wollen, Edith, so stehe ich Ihnen in einer halben Stunde zur Verfügung.« Edith nahm die Aufforderung mit halb unterdrücktem Lächeln an und der Doktor zog sich blinzelnd und schmunzelnd zurück. Neben seinem Schlafzimmer hatte der alte Herr ein Zimmer, in dem er seinen Liebhabereien ungestört frönen konnte; bis auf zwei Küchentische und einige Stühle war es ganz ausgeräumt worden, und die Tische waren mit allerlei zum Photographieren nötigen Gerätschaften bedeckt. Eine volle halbe Stunde gab er sich seiner Lieblingsbeschäftigung hin und erzielte mitunter Resultate von wunderbarer Feinheit und Schönheit. Zur bestimmten Zeit klopfte Edith an die Thür des Arbeitszimmers. Der alte Herr empfing sie in Hemdärmeln, die er bis zum Ellbogen aufgestülpt hatte; als Edith näher trat, trocknete er seine tropfenden Hände ab. »Wie ich Ihnen gestern abend sagte, als Ihre Mutter uns unterbrach,« begann er sofort, »habe ich weder Kind noch Kegel, und beabsichtige, seit die beiden Jungen so hoch waren wie dieser Tisch, meine irdischen Güter ihnen zu hinterlassen. Ich sage Ihnen dies, weil ich wohl gemerkt habe, daß Sie mich als Heiratsstifter haben verwenden wollen. Nun hören Sie, wie weit ich Ihnen zulieb gehen will. Ich werde dem Jungen sagen, was ich vorhabe, aber verstehen Sie mich recht, wenn Arnold es erfährt, so muß auch Wyncott es wissen. Ich werde es beiden sagen und damit all diesen Heiratsplänen gegenüber mein Gewissen salvieren. Wenn ich nicht mehr bin, werden sie miteinander etwa dreitausend Pfund jährlich haben, und ein junger Mann, der seinen Beruf, etwas Grütze im Kopf und fünfzehnhundert Pfund jährlich hat, der kann eine Frau heiraten und sich unabhängig fühlen, und wäre sie reicher als die Königin von Saba. Und wenn Arnold das Mädel will, warum sagt er's ihr nicht? Und wenn sie ihn will und findet kein Mittel, es ihn merken zu lassen, so sind die Mädels heutzutage beträchtlich schüchterner als früher.« Edith hatte nur eine ganz zarte Andeutung gemacht, aber der kluge Doktor hatte sie rasch verstanden und Edith zog sich glückselig zurück, weil es ihr gelungen war, seine Hilfe für ihre beiden Protegés wenigstens soweit zu sichern. Nach dem Gabelfrühstück nahm der Arzt die Gelegenheit wahr, ihn zu einem kleinen Spaziergang aufzufordern, da er ihm etwas zu sagen habe. Sie machten sich auf den Weg, aber die vertrauliche Mitteilung sollte an diesem Nachmittag noch nicht gemacht werden, denn kaum hatten sie die Straße erreicht, so sahen sie schon Prickett auf sich zukommen. »Ich bin froh, Sie hier außen zu treffen, meine Herren,« begann er, nachdem er sie begrüßt hatte, »denn ich möchte die Damen im Augenblick womöglich nicht sehen. Ich habe Ihnen eine sehr ernste Mitteilung zu machen und möchte dies an einem Ort thun, wo wir gänzlich unbeachtet wären.« Ganz überrascht von dieser Rede sagte der Doktor: »Wir werden ganz ungestört sein, wenn wir dort über den Steg in die Felder gehen.« Schweigend schritten sie zu einer kleinen, inmitten eines großen Brachfeldes gelegenen Anhöhe, wo weit und breit keine Menschenseele zu bemerken war. »Meine Herren,« sagte Prickett, von einem auf den andern blickend, »ich bin heute heruntergefahren, vorgeblich um mir von Fräulein Pharr einen Check zur Bezahlung der von den Dieben geforderten Summe ausstellen zu lassen. Man könnte nun meinen, die Sache komme zu Ende, in Wahrheit fängt sie aber jetzt erst recht an. Ich muß Sie im voraus darauf aufmerksam machen, meine Herren, daß das, was ich zu sagen habe, ein harter Schlag für Sie beide ist, doch hoffe ich, Sie werden ihn ertragen können. Im übrigen hat es keinen Wert, lang auf den Busch zu klopfen,« fuhr Prickett zu Arnold gewendet fort, wobei der Doktor eine Art achtungsvolles Mitleid in seinem Wesen zu bemerken glaubte, über das er sich wunderte. »Die Wahrheit ist die, meine Herren, daß die Person, die sich als ›betrübter Vater‹ unterzeichnete, niemand anders ist, als Herr Wyncott Esden.« Arnold packte Prickett mit beiden Händen an seinen Rockaufschlägen und schüttelte ihn, ohne ein Wort zu sagen, leidenschaftlich hin und her. Elphinstones freundliches altes Gesicht hatte sich mit Leichenblässe überzogen, aber er legte seine Hand auf Arnolds Arme und zog ihn zurück. »Das kann nichts nützen, mein Junge,« mahnte er mit erstickter Stimme. »Nein, mein Herr,« erwiderte Prickett traurig, »das nützt nichts: aber ich wundere mich nicht, daß es Sie so schwer trifft – es ging mir ebenso, aber ich sage Ihnen die Wahrheit, die reinste Wahrheit. Herr Wyncott Esden und der ›Betrübte Vater‹ sind ein und dieselbe Person.« »Arnold,« sagte der alte Mann bebend, »laß mich das Wort führen! Ich habe mit so viel Anerkennung von Ihnen sprechen hören, Herr Prickett, und bin überzeugt, daß Sie nicht ohne schwerwiegende Indicien in einen solch fürchterlichen Irrtum verfallen konnten. Lassen Sie hören!« »Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mir zu folgen, so ist die Sache kurz die: in erster Linie steckt Herr Esden bis über die Ohren in Schulden und wird von seinen Gläubigern sehr gedrängt; er hat eine Unmasse Wechsel auf den Markt geworfen, die er nicht decken kann. Ferner, meine Herren, war er einer der Wenigen, die von dem Vorhandensein der Juwelen Kenntnis hatten. Ferner befand sich Herr Wyncott Esden an dem Nachmittag, wo der Einbruch ausgeführt wurde, hier in der Nähe und nicht, wie er vorgab, in London.« »In der Nähe!« rief Arnold. »Was meinen Sie damit?« »Hier ist ein Verzeichnis der Züge, die Herr Wyncott Esden an jenem Nachmittag benützt hat. Er bezahlte Extrafahrgeld von Wootton Hill nach Hemsleigh, als er von London zurückkam, und fuhr dann von Sandy Park aus mit einer einfachen Fahrkarte erster Klasse wieder nach der Stadt zurück.« Die beiden Herren stierten einander und Prickelt mit entsetzenstarrer Verwunderung an. »Sie können dies beweisen?« sagte Elphinstone. »Ja, ich kann nötigenfalls die Bahnvorstände als Zeugen berufen. Als ich Herrn Esden das gefundene Werkzeug zeigte, war er sichtlich erschüttert, obgleich er sich möglichst beherrschte, und als ich Reuben Gale aufsuchte, bot Herr Esden sich mir, wie Sie wissen, zur Begleitung an und in meiner Gegenwart traf er eine Art Abkommen mit ihm – alles so schlau und verwegen, wie ich es noch nie erlebt habe. Gale wurde beobachtet, und nachdem wir ihn zusammen verlassen hatten, kehrte Herr Esden allein zu ihm zurück. Als er nach zehn Minuten wieder ging, soll er ausgesehen haben, wie wenn er einen Geist erblickt hätte. Gestern früh war ich in seinem Zimmer und schrieb dies mit verwässerter Tinte, die in einem gewöhnlichen Pennyfläschchen auf seinem Kaminsims stand.« Damit reichte er Elphinstone den Entwurf zu der Bekanntmachung. »Wenn Sie dies mit dem Brief des ›betrübten Vaters‹ vergleichen, so werden Sie bemerken, daß beides mit derselben Tinte geschrieben ist. Und noch etwas: das Werkzeug mit dem der Einbruch ausgeführt wurde, ist an der Thür von Herrn Esdens Wohnzimmer versucht worden; ich habe die Schrammen gestern gesehen und sie entsprechen den andern Spuren ganz genau.« »Großer Gott!« stöhnte Arnold plötzlich. »Ich entsinne mich. Es muß hier ein entsetzliches Zusammentreffen unglücklicher Umstände vorliegen. Wyncott wird alles erklären.« »Wessen entsinnen Sie sich?« fragte Elphinstone. »Der erbrochenen Thür in Wyncotts Zimmer,« antwortete Arnold. »Das Schloß war gesprengt, und er begann nur lachend von einem ganz merkwürdigen Andenken zu erzählen, das ihm ein Klient verehrt habe, allein er wurde zweimal unterbrochen und brachte die Geschichte nicht zu Ende.« »Wann war dies?« forschte Prickett. »An dem Tag, wo er die Einladung meiner Tante erhielt.« »Das war der Tag nach der Schwurgerichtsverhandlung gegen Gale,« sagte Elphinstone, und sein bleiches Gesicht wurde noch blässer. »Das Werkzeug ist von Gale verfertigt worden,« sagte Prickett, »und kann auf ganz unschuldige Weise in Herrn Esdens Hände gekommen sein.« »Wyncott kann alles erklären,« rief Arnold mit einer entsetzlichen inneren Mutlosigkeit, die seine Worte Lügen strafte. »Wir müssen sofort in die Stadt und ihn aufsuchen, denn es ist unerträglich, daß ein Ehrenmann auch nur eine Stunde unter einem solchen Verdacht stehe.« »Bitte um Vergebung,« sagte Prickett, »aber das geht nicht an. Wir müssen auch sehen, Fräulein Pharrs Juwelen wieder zu erhalten. Verstehen Sie wohl, meine Herren, als Herr Esden diese Sache unternahm, that er es allein; jedenfalls ist die Versuchung plötzlich über ihn gekommen, denn er ist viel zu gerieben, als daß er das Werkzeug erst an seiner eignen Thür probiert hatte, falls er etwas Derartiges vorgehabt hätte. Es ist sonnenklar, daß er es nur um der Belohnung willen gethan hat, und ebenso wahrscheinlich ist, daß er diese später wieder zurückzuzahlen beabsichtigt. – Wenigstens sehe ich die Sache so an. Nun aber, meine Herren, ist Reuben Gale dazugekommen, der den jungen Herrn in der Hand hat, und wenn ein Gentleman sich zu einem Verbrechen hat hinreißen lassen und Reuben Gale zum Bundesgenossen bekommt, so geht es reißend bergab. Ich wette eine Million gegen ein Pfund, daß Reuben sowohl die Juwelen als auch die Belohnung für sich zu ergattern sucht. Herr Esden ist nicht so dumm, daß er die Juwelen bei sich herumträgt, und wenn Sie jetzt zu ihm gehen, schließen Sie ihm nur den Mund; überlassen Sie dagegen die Sache mir, so werden wir Geld und Juwelen zurückerhalten.« »Ich glaube diese abscheuliche Geschichte gar nicht,« brach Arnold los. »Ich habe oft von Fällen gelesen, die ebenso schwarz oder noch schwärzer aussahen und wo doch schließlich die Unschuld des Angeklagten sonnenhell zu Tage kam.« »Das ist zweifelsohne schon dagewesen und kann natürlich auch hier geschehen,« stimmte ihm Prickett zu, »und ich wäre herzlich froh, wenn es so käme, aber das kann jedenfalls nur geschehen, wenn wir einen oder zwei Tage zuwarten. Für den Fall aber, daß ich recht behielte, meine Herren, möchte ich schon im voraus klare und deutliche Verhaltungsbefehle haben. Vorausgesetzt, meine Pflicht gebiete mir, Herrn Wyncott Esden festzunehmen – was habe ich dann zu thun?« »Das hängt doch wohl nicht von uns ab?« stammelte Elphinstone, der einen Hoffnungsschimmer zu sehen schien. »Niemand ist verpflichtet, einen Verbrecher in Haft zu geben,« entgegnete Prickett. »Sie können jemand auf der That ertappen und dürfen ihn laufen lassen, wenn Sie mild sein und die Sache vertuschen wollen; mit Ausnahme von Mord kann alles geheimgehalten werden.« »Dann sorgen Sie um Gotteswillen, daß die Sache geheim bleibt, falls es überhaupt mehr ist als ein Alpdrücken.« »Wollen Sie dafür sorgen, daß mir diese Weisung von Fräulein Pharr zukommt?« »Sie wissen, daß Fräulein Pharr die Angelegenheit überhaupt zu unterdrücken wünschte – wie viel mehr unter diesen Umständen!« sagte Elphinstone mit zitternder Stimme. »Bis vor einem Jahr bin ich Fräulein Pharrs Vormund gewesen und achtzehn Jahre lang habe ich sie wie mein eigen Kind betrachtet. Den letzten Pfennig, den ich habe, würde ich dran wenden, ihr die Kenntnis dieser Niederträchtigkeit zu ersparen. Geben Sie dem Schurken seinen Check, sagen Sie ihm, alles sei entdeckt, und heißen Sie ihn fliehen!« »Das wäre alles schön und gut, wenn Gale nicht mit im Spiel wäre! Aber Gale ist nun einmal dabei; und wir können nicht wissen, wo die Steine hingekommen sind. Wir müssen abwarten und sie fassen, wenn wir ihnen ihre gemeinsame Schuld unfehlbar beweisen können. Alles in allem betrachtet, glaube ich, die Sache in der Stille abmachen zu können, wenn Sie beide mich dazu bevollmächtigen.« »Sie sprechen,« rief Arnold halb zornig, halb verzweifelt, »als ob diese Verdachtsgründe schon bewiesene Wahrheit wären!« »Mein lieber Junge,« sagte Elphinstone, »ich weiß nicht, was ich denken soll. Gott steh mir bei! Alles scheint nach der einen Richtung hinzuweisen. Es will mir nicht aus dem Sinn, wie ich ihn im Mondlicht habe suchend hin und her gehen sehen. Ob er wohl nach dem verlornen Werkzeug suchte?« »So sehe ich es an,« entgegnete Prickelt. »An Ihrer Stelle würde ich nicht gleich wieder zu den Damen gehen, und später müssen Sie so unbefangen wie möglich thun. Aus mir sollen sie nichts herauskriegen. Ich habe einen Brief von Herrn Esden, in dem er um den Check bittet; ich gehe ins Haus und übergebe ihn und dann kehre ich nach der Stadt zurück.« »Ist es nötig,« fragte Arnold, »diese entsetzliche Komödie weiter zu spielen?« »Leider unbedingt nötig,« erwiderte Prickelt teilnahmvoll. Damit verabschiedete er sich und ließ die beiden Herren in starrem Entsetzen zurück. Als sie sich endlich soweit gefaßt hatten, daß sie ins Haus zurückkehren konnten, waren sie noch so erschüttert, daß Elphinstone zu Arnold sagte: »Kommen Sie noch ein wenig mit auf mein Zimmer; ich brauche Gesellschaft und kann den andern noch nicht gegenübertreten.« Sie stiegen die Treppe hinauf und traten in das Arbeitszimmer des alten Herrn. »Das habe ich heute morgen aufgezogen,« sagte der Doktor und berührte mit einem seiner blassen, zitternden Finger eine neben ihm liegende Photographie. »Ist es zu glauben? Ich habe sie genau zu derselben Zeit aufgenommen, als diese sündhafte That vollbracht wurde. Als wir so glücklich und heiter beisammen waren, ahnten wir nicht, daß der arme Narr, Gott verzeihe ihm, in diesem Augenblick seine Seele dem Bösen verschrieb.« »Ich kann nicht daran glauben,« wandte Arnold düster ein, »bis ich Gewißheit habe. Ich möchte mir nicht den leisesten Zweifel an Wyncotts Ehrenhaftigkeit gestatten – ich kenne ihn besser.« Doch seine mutigen Worte überzeugten ihn selbst nicht und er kämpfte vergebens gegen die eigne innere Gewißheit. Mechanisch nahm er die Photographie in die Hand und betrachtete sie gedankenlos durch ein in der Nähe liegendes Vergrößerungsglas. Plötzlich fuhr er mit einem gellen Schrei von seinem Stuhl empor: Elphinstone sprang ebenfalls auf und drückte ihn wieder auf seinen Sitz, denn jener hatte so gezittert und geschwankt, daß der alte Mann fürchtete, er falle um. Ganz verstört blickte Arnold zu Elphinstone auf und erwiderte auf dessen besorgte Frage mit entsetzlicher Gelassenheit: »Es ist alles vorbei. Hier ist sein Gesicht. Hinter den Rhododendren. Elphinstones bebende Hände ergriffen hastig die Photographie und das Glas; er wankte an das Fenster. Eine Weile lang zitterte er so heftig, daß er nichts sah, dann aber faßte er sich und entdeckte, von keinem geringeren Zeugen als der Sonne selbst gemalt, das Gesicht Wyncott Esdens – ein Gesicht voll Schuld und Angst. Er sah auf und begegnete Arnolds Blicken und hoffnungslos starrten die beiden einander an. Fünfzehntes Kapitel. Die Erleichterung, die Wyncott Esdens Brief den Bewohnern von Wootton House gebracht hatte, dehnte ihre wohlthätige Wirkung auch auf die Kammerjungfer Grainger aus. Noch immer hatte der schlaue Prickett sie im Verdacht, auf irgend eine Weise die Mitschuldige des Verbrechers zu sein. Die andern dienstbaren Geister betrachteten sie mit finstern Blicken und hatten sich selbst in der Zeit ihrer größten Hilflosigkeit ihrer nur widerwillig angenommen. Es war nicht zu verwundern, daß die ungebildeten Dienstboten ihr Stummsein für eine List und ihre Aufregung für einen Beweis der Schuld gehalten hatten. Nun aber hatte ein am Schlüsselloch geübtes Mädchen die Kunde in die Dienstbotenstube gebracht, daß die Juwelen in Bälde zurückgegeben würden, und die öffentliche Meinung nahm eine für die Grainger mildere und weniger mißtrauische Färbung an. Das Mädchen empfand diese Veränderung in der sie umgebenden moralischen Atmosphäre und fühlte die Last, die sie bedrückte, leichter werden, als sie sich weniger beobachtet sah. Stark und kräftig und von entschlossenem Charakter, wie sie war, hatte sie sich von der Erschütterung so schnell erholt, daß sie schon nach achtundvierzig Stunden ihren Dienst wieder antreten wollte, allein ihre Herrin hatte dies Anerbieten ziemlich freundlich abgelehnt. Offenbar verstand die Grainger alles, was um sie her gesprochen wurde, allein ihre Unfähigkeit selbst zu reden, verursachte ihr beständige Pein und häufig endeten ihre vergeblichen Versuche mit einem Thränenstrom. Bei einem Mädchen von lebhafter Gemütsart hätte die Art der Krankheit diese Ausbrüche von Kummer erklären können, aber Elphinstone waren sie trotzdem ein Rätsel und er beobachtete den Fall mit Interesse. Wenige Minuten nachdem Prickett das Haus verlassen hatte, saß sie im Dienerschaftszimmer. Ohne die Quelle ihres Wissens zu verraten, berichtete das mit dem Schlüsselloch so vertraute Hausmädchen ihren Genossinnen, daß Herr Wyncott Esden mit dem Dieb in Briefwechsel stehe, und daß Herr Prickett soeben einen Check von tausend Pfund für diesen erhalten habe, und daß das gestohlene Gut zurückgegeben würde. Als sie dies hörte, schlang die Grainger ihre Hände krampfhaft ineinander, stand auf und verließ mit blassen Wangen und roten Augen das Zimmer. Sie ging in ihr Schlafzimmer, warf sich fassungslos über den Koffer, der ihre wenigen Habseligkeiten enthielt, und brach in ein schreckliches Schluchzen und Weinen aus. Als dieser leidenschaftliche Ausbruch vorüber war, erhob sie sich mit verzweifelter Ruhe, wusch sich die Augen und blickte dann auf die friedliche Landschaft hinaus, die sich vor ihren Blicken ausbreitete. Geraume Zeit stand sie so, bis ihr Jammer sie aufs neue überkam und sie wiederum stöhnend die Hände rang. »Gütiger Gott, was soll ich thun? Was kann ich thun?« Hatte sie gesprochen? Versuchte sie ihre Gedanken wieder auszudrücken? Erstaunt, fast erschrocken stand sie da und schien noch immer ganz deutlich ihre eigne Stimme zu vernehmen. Sie warf hastig einen Umhang aus schwarzem Spitzenstoff um ihre Schultern, band mit bebenden Händen ihr Hutband fest, zog ihre Handschuhe an und versicherte sich, daß sie ihre magere Börse in der Tasche trug. Nachdem sie dies alles in fieberhafter, ungeschickter Hast vollbracht hatte, verließ sie mit gemacht erschöpfter Miene ihr Zimmer und ging langsam die Treppe. hinab. Dann trat sie aus dem Haus und spazierte langsam an den Rhododendronbüschen entlang und schlüpfte durch die kleine Pforte, an der Prickett gelehnt hatte, ehe er seine Nachforschungen im Mondschein begann. Sie war Feuer und Flamme vor Ungeduld und wäre trotz ihrer Schwäche gelaufen, wenn sie nicht Angst gehabt hätte, gesehen und zurückgehalten zu werden. Friedlich lag die Landschaft vor ihr; die großen Baume schienen bei der glühenden Sonnenhitze in ihrem eignen Schatten zu schlafen, und blendend weiß dehnte sich die Straße vor ihren Blicken. Die Welt schien ihr so still und weit und einsam, daß sie sich zu fürchten begann, als wäre sie bei Nacht allein. Plötzlich drangen fröhliche Kinderstimmen an ihr Ohr und um eine Wegbiegung kam ihr lärmend und spielend ein halbes Dutzend Dorfkinder entgegen. Ein etwa vierjähriger Schlingel marschierte langsam und feierlich, eifrig mit einem Stück Süßholz beschäftigt, baarhäuptig hinterdrein. Die andern waren aus dem Gesichtskreis verschwunden und die Grainger kniete, des Staubes nicht achtend, nieder und rief mit ausgebreiteten Armen: »Komm zu mir, Herzchen, komm!« Hatte sie wirklich gesprochen? Sie konnte es nicht sagen; das Kind betrachtete sie mit orientalischem Ernst und gab keine Antwort. »Lieber, kleiner Junge komm zu mir! Willst du nicht, mein Liebling? Willst du nicht?« »Nein!« sagte das Kind. »Ich will nicht!« Das Mädchen sprang auf und faltete die Hände. »Gott sei Dank!« rief sie. »Gott sei Dank!« Nun wagte sie ihre Schritte zu beschleunigen. Als sie sich dem Bahnhof näherte, bemerkte sie in der Ferne den Rauch eines sich nähernden Zuges. Aengstlich blickte sie um sich, als sie aber niemand sah, der sie kannte, eilte sie nach der Kasse. Allein aus lauter Angst, ihre neu gewonnene Fähigkeit zu reden möchte ihr wieder entschwunden sein, fand sie die Worte nicht, die sie suchte. Ein Bauer drängte sie beiseite und verlangte ein Retourbillet dritter Klasse nach London. Dies waren die Worte, die ihr fehlten, und aus Angst, sie wieder zu verlieren, sprach sie dieselben vor sich hin, während der Mann sein Geld gewechselt bekam. Dann faßte sie Mut, verlangte ihre Fahrkarte, wurde verstanden und bedient. Nun wartete sie auf dem Bahnsteig, bis der Zug einfuhr, und stieg in eine Abteilung dritter Klasse. Außer ihr fuhr nur noch eine pausbackige alte Bäuerin in dem Coupé und mit dieser wechselte sie ab und zu einige Worte, um sich immer wieder aufs neue zu überzeugen, daß sie nicht träume, sondern wirklich die Sprache wiedergefunden habe. Auf dem Bahnhof von Ludgate Hill angelangt, stieg sie aus und eilte nach dem Temple. Sie stieg die hohen Treppen zu Esdens Wohnung hinan und stand, nachdem sie gepocht, die Hände aufs Herz gedrückt, atemlos vor seiner Thür. Esden öffnete und sah sie mit Staunen vor sich stehen. Seine linke Seite war durch seine Nerven- und Zahnschmerzen noch immer entstellt, und dies gab ihm, im Verein mit den Spuren der schlaflosen Nächte, ein so ungewöhnliches Aussehen, daß er ihr beinahe Angst einflößte. »Du hier!« sagte er mürrisch. »Was führt dich zu mir?« Noch einen Augenblick blieb sie schweigend und nach Atem ringend stehen: als er aber Miene machte, die Thür wieder zu schließen, stürzte sie in den Flur hinein und packte ihn mit beiden Händen am Arm. »Gott hat mir die Sprache wiedergeschenkt,« sagte sie, »und ich bin gekommen, Sie zu warnen.« »Sehr freundlich,« erwiderte er, »aber ich weiß wahrhaftig nicht, vor was du mich warnen könntest.« Ihre Augen durchbohrten ihn, aber er suchte ihren Blicken auszuweichen; die eine Hand lag noch immer bebend auf seinem Arm und mit der andern warf sie die Thür hinter sich ins Schloß. »Wyncott,« sagte sie flüsternd, »ich sah Sie aus dem Zimmer kommen.« Er schrak so heftig zurück, daß sein Kopf an die Wand stieß. »Aus dem Zimmer! Aus welchem Zimmer? Bist du verrückt geworden?« »Fräulein Pharrs Zimmer. Ich sah Sie mit dem Saffiankästchen in der Hand.« Er versuchte zu antworten, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen und er konnte weder Worte noch Gedanken finden. Sie hatte ihn wieder mit beiden Händen gepackt, und als sie ihr schmerzliches Geständnis abgelegt hatte, neigte sich ihr Antlitz auf ihre Hände und Thronen entströmten ihren Augen. Lange, lange standen sie so, dann machte er endlich eine kleine Bewegung, um den kleinen Vorplatz zu verlassen. Sie folgte ihm ins Wohnzimmer, wo er auf das Sofa sank und mit abgewendetem Gesicht gedankenlos aus dem Fenster starrte. Was ging ihn dies alles an! Es war ihm gleichgültig, völlig gleichgültig. Leise schlich sie sich an ihn heran und ergriff, neben ihm niederknieend, plötzlich die Hand, die regungslos an seiner Seite herniederhing. »Wyncott,« sagte sie mit gebrochener Stimme, »ein Gentleman – ein Mann von Ehre –« Thränen erstickten ihre Stimme, sie konnte nicht weiter reden, aber ihre Worte drangen ihm ins Herz und ihr Stachel erweckte ihn zu neuem Leben und zum Bewußtsein; wild sprang er auf und lief wie rasend im Zimmer hin und her. Eine Weile blieb sie unbeweglich knieen, dann stand sie auf, trat ihm entgegen und umklammerte ihn mit leidenschaftlichem Flehen. »Du schickst sie zurück, nicht wahr – und auch den Check! Du wirst ehrlich – du wirst ehrenhaft handeln. O, mein Liebling, mein Liebling! Ich habe dich so heiß geliebt – mein Leben hatte ich für dich gelassen! Niemand weiß es – niemand soll es erfahren, aber du mußt sie zurückschicken! Du wirst ehrlich sein! Du hast es ja nie gewollt, Geliebter: ich weiß es, du bist schwer versucht worden – der Böse hat dich versucht!« Sie hielt ihn umfaßt und schmiegte sich an ihn an und lächelte zu ihm auf mit mitleidigem Flehen. In Stimme und Antlitz und Bewegung legte sie herzbrechende, kleine, weibliche Schmeicheleien, während er von Scham überwältigt wortlos vor ihr stand. »Ich kann nicht,« stöhnte er endlich, »ich kann nicht.« »Du kannst nicht, mein Liebling! Du kannst nicht ehrlich sein!« Und wieder versuchte sie ihm mit ihrem herzbrechenden Lächeln das Heil seiner Seele abzuschmeicheln. »Ich kann nicht,« wiederholte er; »ich bin gebunden an Händen und Füßen. Ich bin ganz in der Gewalt des niederträchtigsten Schurken der Welt!« Und nun brach eine solche Flut von Verwünschungen und Flüchen gegen Gale von seinen Lippen, daß sie anfing, sich zu fürchten. Dieser wahnsinnige Ausbruch verschaffte ihm indes Erleichterung, und nachdem derselbe in zornigem Schweigen geendet hatte, ließ er sich in seinen Armstuhl sinken. Mit neu auflebendem Mut wollte sie sich eben wieder an seine Seite stehlen, als er sich mit erzwungener Ruhe zu ihr wandte und sprach: »Setze dich. Du weißt einen Teil der Sache, du sollst alles erfahren.« Und nun erzählte er ihr, ohne sein Thun im mindesten zu beschönigen, alles von Anfang bis zu Ende, bis zu dem zweiten Raub der Juwelen. Als er an diesem Punkt anlangte, sprang das Mädchen, das ihm bis dahin mit weit aufgerissenen Augen regungslos gelauscht hatte, von seinem Sitz auf, kniete neben ihm nieder, legte ihr Haupt auf seine Kniee und tastete nach seiner Hand. Er überließ sie ihr und fuhr anscheinend teilnahmlos in seiner Erzählung fort. »Gale kam vergangene Nacht in dies Zimmer,« sagte er, »und teilte mir mit, daß er die Juwelen sowohl als auch die Belohnung wolle und wir beides miteinander teilen müßten.« »Nein,« sagte sie und schob seine Hand zwischen ihr Gesicht und sein Knie. Ihre Stimme klang müde und liebevoll und ganz überzeugt, daß sie ihn gerettet und das geplante Verbrechen verhindert habe. »Ich soll morgen nacht in einem baufälligen, alten Hause, zu dem er den Schlüssel hat – einem verrufenen, verödeten Platz – mit ihm zusammentreffen unter dem Vorwand, dem Dieb seinen Preis zu bezahlen und die Juwelen zurückzuerhalten. Ich soll dem Detectiv die Adresse in einem geschlossenen Briefumschlag übergeben und ihm sagen, wenn ich in einer Stunde nicht zurück sei, möchte er nach mir sehen. Er wird mich gebunden und geknebelt und das Geld verschwunden finden. Ich werde zerrissene Kleider und dergleichen haben und sagen, ich sei im Dunkeln von drei oder vier Schurken überfallen und so zugerichtet worden. Und dann,« schloß er mit unverändertem Ton, »dann werde ich wohl Reuben Gale ermorden.« »Das alles wirst du nicht thun, Wyncott,« sagte sie in ihrem alten, müden, zärtlichen Ton. »Doch,« antwortete er, »ich werde es thun, aber der Schurke wird es mir mit seinem Leben bezahlen.« »Du kannst das nicht thun, Wyncott, wenn ich bei dir bin,« entgegnete das Mädchen, »und ich werde dich nicht verlassen, es sei denn, daß du mich auch umbringst. Ich bin gekommen, um dich zu retten, und ich werde es auch thun. Gott hat mir nur zu diesem Zweck die Sprache zurückgegeben. Ich habe das Recht, dich auf meine Weise zu lieben, aber wie könnte ich dies, wenn du eine solche That begingest? Ueberlege es dir, Geliebter. Machst du dich von ihm frei und sagst die Wahrheit, so kannst du bald wieder glücklich sein. Jeder kann einmal einer Versuchung unterliegen, mein Liebling. Erobere dir deine Selbstachtung zurück. Ein bißchen Scham, um eine so große Schande gut zu machen – eine Stunde Scham um ein Leben, Wyncott.« In der Leidenschaftlichkeit ihrer Bitten hatte sie sich erhoben, und beugte sich nun, die Arme um seinen Nacken geschlungen, über ihn herab und versuchte vergeblich, ihm ins Gesicht zu blicken. »Ueberlege dir's, Wyncott, mein Geliebter. Selbst wenn ich es nicht wüßte – wenn es niemand wüßte. Dein ganzes Leben lang an einen solchen Schurken gekettet zu sein und zu wissen, daß du ihm unterlegen bist, und er dir Furcht eingejagt hat! Komm, entschließe dich, gehe zu dem Detectiv und sage ihm alles!« Langsam und entschlossen erhob sich Wyncott, löste ihre Hände von seinem Nacken und sagte: »Dank dir, Polly, es ist genug. Ich werde zu Prickett gehen und ihm die Wahrheit sagen, und Reuben Gate soll erkennen, daß ich ein gefährliches Werkzeug bin.« Sechzehntes Kapitel. Prickett hatte, in Verfolgung seiner eignen Absichten, Esden sofort nach seiner Rückkehr von Wootton Hill den ihm von Fräulein Pharr ausgestellten Check eingehändigt und der Anwalt war gleich nach der Bank gefahren, um den Papierstreifen in Gold umzuwechseln. Hätte er auf seiner Flucht jenes verhängnisvolle Beweisstück nicht verloren, so wäre alles so glatt von statten gegangen, und sicher würde er schon bald das auf so eigentümliche Weise entlehnte Kapital haben zurückerstatten können. Als die Grainger gekommen war, um ihm ihre Mitwissenschaft zu bekennen, hatte er thatsächlich schon das Geld in Händen gehabt. Halb mechanisch nahm er das in zwei Leinensäcken fest verpackte Geld aus der Lade, in der er es verwahrt hatte, hervor. Er öffnete das eine der beiden Säckchen und zählte hundertundsechzig Pfund davon ab. Lediglich um dieser Summe willen hatte er sich um seine Selbstachtung gebracht und nun wollte er sie auch um jeden Preis haben, ob er sie einmal zurückbezahlen konnte oder nicht. Ja, er fühlte sich sogar von einer Art falschen Heroismus' begeistert bei dem Gedanken, daß er zu seinem eignen Schaden seinen schwachen Freund rette. Er band den Sack wieder zu und verpackte die hundertundsechzig Pfund sorgfältig in starkes braunes Papier, siegelte das Paket, legte einen mit Bleistift beschriebenen Zettel dazu und umschloß das Ganze noch mit einem Bogen Schreibpapier, den er mit Bindfaden umwand und mit der Adresse versah. Darauf verwahrte er das übrige Geld in einer schwarzen Handtasche, setzte seinen Hut auf und ging. Auf der Straße traf er bald einen Dienstmann, den er das Paket an seine Adresse besorgen und auf Antwort warten hieß. Er gab dem Mann eine halbe Krone und bat ihn, die Antwort in den Briefkasten vor seiner Wohnung zu stecken. Dann nahm er einen Wagen und fuhr nach Pricketts Privatwohnung. »Führen Sie den Herrn herauf,« sagte Prickett lächelnd zu seinem Hausmädchen, als Esden angemeldet wurde. »Was soll's nun wieder geben?« fragte er sich selbst. »Hast noch nicht genug Sand in den Augen, Joseph?« Er legte seine Pfeife weg und erwartete den Besucher in der Nähe der Thür, doch dieser schritt, ohne den Hut abzunehmen, an ihm vorüber und ließ eine schwarze Reisetasche auf den Tisch fallen. »Schließen Sie die Thür,« befahl er; »ich habe Ihnen etwas zu sagen. In dieser Tasche befinden sich achthundertundvierzig Pfund in Gold. Ich gebe das Geld Ihnen in Verwahrung und –« er biß die Zähne einen Augenblick fest übereinander und stand, auf einen Stuhl gestützt, Prickett gegenüber, ohne ihn anzusehen – »und stelle mich selbst zur Haft.« Bei diesen Worten stand der Unüberaschbare denn doch überrascht, und es vergingen einige Sekunden, ehe er ein Wort finden konnte. »So ist's recht,« erwiderte er, als er sich wieder gefaßt hatte, »das ist ohne Zweifel der beste Ausweg.« Er war wieder so kühl und gelassen, als hätte er diese Lösung stets vorausgesehen. »Nehmen Sie Platz, Herr Esden,« sagte er, ihm ruhig einen Stuhl zurechtrückend. Esden gehorchte mechanisch. »Ich habe heute nachmittag meine Verhaltungsmaßregeln erhalten,« fuhr er fort und setzte sich an die andre Seite des Tisches, »und sie gehen dahin, daß gar keine Verhaftung vorgenommen werden soll, wenn die Sache zum Klappen kommt.« Wyncott schlug die Augen auf und starrte ihn an. Seine Lippen waren graubraun, die Augenlider entzündet und die Augen beinahe farblos – die schlaflosen Nächte und die erlittenen Seelenqualen hatten diese sichtbaren Spuren hinterlassen. »Sie wissen?« fragte er in schleppender, teilnahmloser Weise, als ob ihn die Sache bei Haut und Haar nichts anginge. »Nun ja, Herr Esden,« erwiderte Prickett mit achtungsvollem Mitleid. »Ich hatte den Fall soweit klargelegt, daß ich heute nach Wootton Hill fuhr, um zu fragen, was ich zu thun habe, wenn es zur Untersuchung käme. Wenn Sie mir die Freiheit verzeihen wollen, so möchte ich gern sagen, wie sehr ich mich um Ihretwillen freue und erleichtert fühle, daß Sie diesen Weg eingeschlagen haben. Ich möchte mir nichts herausnehmen, Herr Esden, aber ich habe stets ein achtungsvolles, freundliches Interesse an Ihnen genommen, seitdem ich Sie zum erstenmal gesehen habe. Die Gefühle dürfen auf die Pflicht keinen Einfluß ausüben, aber es hat mir sehr weh gethan, Ihnen nachspüren zu müssen, und ich bin froh, daß die Sache mir nun aus der Hand genommen ist. Es steht Ihnen frei, zu gehen, und ich werde mit Freuden berichten, was geschehen ist. Natürlich erwarten wir von Ihnen, daß Sie uns, soweit es irgend in Ihrer Macht steht, unterstützen und uns unser Spiel mit Reuben nicht verderben.« »Ich bin frei?« fragte Esden wieder in demselben müden, gleichgültigen Ton. »Ja, Herr Esden,« entgegnete Prickett, »so lautet mein Auftrag.« »Wer hat ihn Ihnen gegeben?« fragte Wyncott, auf den Tisch stierend. »Doktor Elphinstone und Herr Arnold Esden.« Einen Augenblick lang blieb Wyncott schweigend sitzen, dann fuhr er sich mit dem Taschentuch über die Stirn und trommelte auf den Tisch. »Was hat Ihren Verdacht auf mich gelenkt?« fragte er schließlich, wie wenn dies doch noch ein wenig Interesse für ihn hätte. »Ich hatte eine ganze Reihe Anhaltspunkte dafür,« entgegnete Prickelt, als ob er die Neugierde des andern für ganz gerechtfertigt hielte. »Da haben wir erst Ihre Fahrt nach Hemsleigh, und die von Sandy Park nach London; dann Ihr Benehmen, als ich Ihnen das Werkzeug zeigte; Ihre Unterredung mit Gale in meiner Anwesenheit und Ihr zweiter Besuch bei ihm, als ich weg war; ferner das Tintenfläschchen auf Ihrem Kamin und die Schrammen an Ihrer Thür.« »Ah!« sagte Wyncott, nachdem er diese Aufzählung schweigend angehört und darüber nachgedacht hatte. »Ich war ein Narr!« Prickett nickte beistimmend und traurig mit dem Kopf, gab aber keine Antwort. »Sie scheinen einen Teil des Geldes zurückgebracht zu haben, Herr Esden; aber die Edelsteine sind die Hauptsache. Wo sind sie?« »Gale hat sie aus meiner Wohnung geraubt,« erwiderte Esden, ohne aufzusehen. Nun, da die Sache geschehen war, schien ihm alles einerlei zu sein. Der innere Widerstreit hatte sich beruhigt und die Scham und alle seine Sorgen schienen entschwunden zu sein. »Herr mein Gott,« sagte Prickett, »hat dieser Kerl Glück! Es scheint, er darf thun, was er will, und man kann ihn doch nie fassen! Nun hätten wir ihn so schön gehabt und er spaziert, die Hände in den Hosentaschen, frank und frei dahin!« »Sie wollen ihn auch laufen lassen?« fragte Esden. »Vermutlich um meinen Ruf zu retten?« »Vermutlich.« »Nun, dann haben Sie die Rechnung ohne mich gemacht. Ich lasse Gale selbst verhaften, sobald ich von hier fortgehe.« »Herr Esden,« entgegnete Prickett, »ich habe meine Verhaltungsmaßregeln erhalten und werde mich danach richten. Man will die Sache vertuschen und sie wird vertuscht werden. Ich glaube wohl, daß die Herrschaften dies zum Teil um Ihretwillen thun, aber sie thun es auch um ihrer selbst willen.« »Sie sagen also, daß Gale ungestraft davonkommen wird?« fragte Esden wieder und schlug dabei seine Augen auf, in denen ein neues, unheilverkündendes Licht glühte. »Was ist da zu wollen, Herr Esden?« erwiderte Prickelt. »Sie beide sind zu sehr miteinander verhängt. Wenn man Sie entwischen ließe und Gale beim Kragen nähme – was würde dies den zurückbleibenden Herrschaften nützen?« Wyncott dachte nicht an die zurückbleibenden Herrschaften; es kam ihm auch nicht im entferntesten der Gedanke, daß er all die Zeit her vielleicht zu wenig an deren Interesse gedacht hätte. »Mag geschehen, was will,« sagte er mit wilder Energie, »Gale wird nicht entkommen.« »Gewiß wird er dies, Herr Esden; Sie beide sind zu fest aneinander gekettet. Unter uns gesagt, Herr Esden, Sie können ihm kaum übler gesinnt sein, als ich. Erst vor wenigen Tagen haben Sie mir ihn entrissen und ich habe ihm fünf Jahre lang nachgespürt. Hätte er dies Geschäft glatt erledigen können, so hätte er seine Thätigkeit in den Vereinigten Staaten fortgesetzt, aber nun, da ihm diese Sache mißglückt ist, wird er sich hier wieder an die Arbeit machen und selbst sein schlimmster Feind kann das Ende abwarten.« »Was wollten Sie damit sagen, daß Sie von seiner Thätigkeit in den Vereinigten Staaten sprachen?« »Nun,« antwortete Prickett, »er geht ja doch hinüber, wenigstens hat er es vor. Er hat schon die Ueberfahrt bezahlt für sich und einen Diebskameraden, einen Steinschneider. Mit dem am Samstag abfahrenden Schiff will er reisen – nur daß jetzt nichts daraus werden wird.« »Der niederträchtige Schurke!« schrie Esden, der in seiner Wut über diese Entdeckung sogar seine eigne Schande vergaß. »Auf morgen nacht hat er mich zu einer Zusammenkunft bestellt, um die Hälfte der Belohnung in Empfang zu nehmen.« »Haha, das hat er im Schild geführt – Hab' mir's wohl gedacht! Vermutlich war auch ausgemacht, daß er die Hälfte des Gewinnes bringen sollte, sobald die Steine geschnitten wären? Nun, ich muß sagen, Herr Esden, auf mein Wort ...« Pricketts Mitleid mit der Einfalt Wyncotts ließ sich kaum in Worten ausdenken. »Oh Gott, oh Gott! Daß Sie auch nur eine Minute lang darauf hereinfallen konnten!« Er sank auf seinen Stuhl zurück und schien Betrachtungen über die Dummheit der Menschen im allgemeinen anzustellen! vorwurfsvoll schüttelte er erst den Kopf und nickte dann schließlich in gottergebener Hoffnungslosigkeit vor sich hin. »Vermutlich,« fuhr er fort, »sollte dann auch eine Art Scheinkampf stattfinden? Sie sollten wohlgebunden und womöglich mit Ihrem eignen Taschentuch geknebelt aufgefunden werden. Mein Gott, mein Gott!« »Meinen Sie, ich werde den Halunken, der mich in dieser Weise für Narren zu halten wagte, ohne einen Denkzettel entkommen lassen? Wenn Sie ihn nicht fassen, so mache ich's ihm wie er dem Hausmeister, und jage ihm eine Kugel durch den Kopf.« »Das werden Sie nicht thun, Herr Esden; das ist gerade so wenig Ihre Sache als die meine. Dagegen können Sie mir sagen, wo Sie mit ihm zusammenkommen sollten. Es wird natürlich ein stiller, entlegener Ort sein, und ich möchte Gate womöglich auch in der Stille erwischen.« »Von mir aus können Sie ihn fassen, wo und wann Sie wollen,« sagte Esden bitter; »mir ist es ganz einerlei.« Dann beschrieb er den Platz, an dem die schmachvolle Komödie hatte aufgeführt werden sollen. Am westlichsten Ende von Holborn stand eine Reihe zum Teil schon abgebrochener Häuser. Ein Freund Gales hatte alle Schlösser, Schlüssel und Thürklinken in Bausch und Bogen gekauft, und Gate hatte unbehindert Zutritt zu den verlassenen Häusern und konnte sie, ohne Verdacht zu erregen, benützen. Esden bezeichnete das Haus und das Zimmer genau, in dem die Zusammenkunft stattfinden sollte, und übergab Prickett den Schlüssel, der ihm selbst Zutritt hätte verschaffen sollen. »Danke schön, Herr Esden,« sagte Prickett, der bei der ganzen Unterredung den achtungsvollen Ton beibehalten hatte, in dem er mit Esden zu verkehren pflegte, ehe ein Flecken auf dessen Ehre gefallen war. »Falls Sie zufällig ein Privatsiegel bei sich haben, möchte ich Sie bitten, diese Tasche zu versiegeln, dann bringe ich sie sofort nach Wootton Hill.« Esden löste ein Petschaft von seiner Uhrkette und Prickett versiegelte die Tasche aufs Sorgfältigste. »Wenn Sie sich irgendwie einmischen,« begann Prickett wieder, »so können Sie nur sich selbst und Ihren Freunden schaden. Ich hoffe, Sie werden nichts Derartiges thun, denn ich habe Gale ganz sicher; er denkt nicht daran, das Land zu verlassen, ohne das gestohlene Gut mitzunehmen, und dadurch ist er mir jeden Augenblick sicher. Was ich Ihnen sage, Herr Esden, ist zu Ihrem eignen Besten. Sie sind glücklich davongekommen, aber nun stehen Sie sich nicht selbst im Licht und nehmen Sie sich's nicht allzu sehr zu Herzen. Lieber Gott, Herr Esden, Sie sind nicht der erste Gentleman in der Welt, der einen dummen Streich gemacht hat, und werden auch nicht der letzte sein. Du lieber Gott, was könnte ich Ihnen für Geschichten erzählen!« Damit stand Prickett auf, nahm seinen glänzenden Hut von einem Nagel hinter der Thüre, ergriff die Handtasche und seinen Stock und stand dann zum Fortgehen bereit vor Esden. »Ich denke, ich werde doch noch das Recht haben, mich zu verteidigen,« sagte Wyncott voll Selbstverachtung. »Es ist am besten, Sie sagen in Wootton Hill alles, wenn Sie es ihnen überhaupt sagen. Gale gab mir die Brechstange zum Andenken, und als meine Aufwärterin meine Sachen packte, schickte sie sie aus Versehen mit nach Wootton Hill. Durch Zufall bin ich letzten Montag über Wootton Hill hinausgefahren und dachte mit keinem Gedanken daran, bis ich das Haus ganz leer und die Gelegenheit so günstig als möglich fand. Ich habe hundert und sechzig Pfund genommen, um einen Wechsel zu decken, für den ein armer Teufel, ein Freund von mir, sich vor drei Monaten verbürgt hatte. Ich wollte diese Summe nehmen und nichts weiter, und hatte sobald als möglich die tausend Pfund anonym zurückgeschickt. Ich wollte Gale die Hälfte der Belohnung zahlen, um sein Schweigen zu erkaufen, obgleich ich ein Jahr lang wie ein Bettler hätte leben müssen, um seinen Anteil zurückzahlen zu können. Er begnügte sich nicht damit, aber ich will mich nicht von einem Schurken wie er einer ist, in ein Verbrechen hineindrängen lassen.« »Der Herr, der sich für Sie verbürgt hat, steht wohl selbst nicht gut?« fragte Prickett. »Er wäre zu Grund gerichtet gewesen, wenn er das Geld verloren hätte. Er hat eine kranke Frau und sechs Kinder und ich halte ihn für den hilflosesten, thörichtesten Menschen unter Gottes Sonne.« »Sie können sich darauf verlassen, Herr Esden, daß ich dies alles sagen werde,« sagte Prickett, »und es wird im Erzählen nicht verlieren.« Darauf wechselten sie nur noch wenige Worte und trennten sich auf dem Bahnhof von Charing Croß voneinander. Siebzehntes Kapitel. Als Prickett in der Dämmerung des Sommerabends in Wootton Hill House eintrat, fand er Elphinstone und Arnold allein in dem Zimmer des Arztes und hoffte, von den Damen unbemerkt dorthin gelangt zu sein. Allein kaum fünf oder sechs Minuten, nachdem er gekommen war, erfuhr es Janet, und neugierig zu hören, ob irgend eine neue Verwicklung eingetreten sei, eilte sie hinauf. Sie war der Ansicht, daß sie ein Recht darauf habe, alles zu wissen, denn die Juwelen gehörten ihr, und da sie, und sie allein den Musikanten bezahlte, durfte sie auch wohl dem Tanz zusehen. Als sie vor dem Zimmer stand, hatte sie ein Gefühl, als ob sie jemand zurückhielte, – eine jener Ahnungen, die oft selbst den aufgeklärtesten Geist abergläubisch machen können. Wie, dachte sie, wenn nun Arnold und Elphinstone, deren verstörtes Wesen ihr schon bei Tisch aufgefallen war, ihr etwas Entsetzliches verbargen, das sie viel besser gar nicht zu wissen begehrte. Beinahe wäre sie wieder umgekehrt, da vernahm sie aber aus dem Zimmer ein undeutliches Murmeln, in dem sie Pricketts Stimme erkannte. »Gestanden?« ertönte nun Arnolds Stimme. »Oh, Wyncott! Wyncott!« Ohne weitere Ueberlegung riß sie nun die Thür auf und stand vor den dreien, die sie überrascht anblickten. »Geliebtes Herz,« rief Arnold ihr entgegeneilend, »du darfst nicht hier bleiben!« Erst lange nachher erinnerten sie sich beide der zärtlichen Worte, die er gerade jetzt unbewußt an sie richtete; für den Augenblick hatten sie andres zu denken. Sie schloß die Thür hinter sich und lehnte sich daran an. »Ich wollte nicht –« stammelte sie. »Ich wußte nicht –« »Bitte, bitte, lassen Sie uns allein!« bat Arnold. »Offenbar hat diese sonderbare Erregung eine Ursache,« erwiderte sie, mühsam Atem holend und am ganzen Körper zitternd. »Wenn ich ein Recht habe, es zu erfahren, so sagen Sie es mir. Habe ich dies Recht nicht, so will ich gehen.« Sprachlos war Elphinstone in seinen Armsessel gesunken, Arnold war ganz außer sich und nur Prickett verlor seine Ruhe nicht. »Sie werden es mir sagen, Herr Prickett,« wandte sie sich an diesen. »Wenn es etwas ist, was sich auf den Raub bezieht, so habe ich ein Recht, es zu wissen, und Sie müssen es mir sagen.« Prickett führte sie zuerst zu einem Sitz; dann sagte er: »Diese Herren wollten Ihnen einen Schmerz ersparen.« »Ich zweifle nicht, daß sie es gut gemeint haben,« antwortete sie atemlos und blickte mit blassem, entschlossenem Gesicht um sich. »Setzen Sie sich, Herr Arnold. Und nun erzählen Sie uns, bitte, alles, Herr Prickett!« Arnold barg seine Stirn in den Händen und der Doktor saß da wie ein Mann, der eine schwere Erschütterung gehabt hat, aber nun entschlossen ist, allem ins Gesicht zu sehen. Prickett kehrte an seinen alten Platz zurück, legte die Hände auf die schwarze Handtasche und begann die ganze traurige Geschichte zu berichten. Selbst Wyncott, wenn er einen andern in dieser Lage hätte verteidigen müssen, hätte es nicht besser machen können, denn Prickett empfand in Wahrheit all das, was die Advokaten nur zu heucheln pflegen. Scotland Yard hatte sich in den ersten Verteidiger des Angeklagten verwandelt. »Er ist ganz niedergeschmettert,« schloß Prickett, »und es sollte mich nicht wunder nehmen, wenn er sich selbst ein Leid anthäte. Der Herr, der sich für ihn verbürgt hat, steht sehr schlecht. Sechs Kinder, eine kranke Frau und das denkbar schlechteste Geschäft in der City. Es ist eine sehr traurige, sehr peinliche Angelegenheit, aber sie spielt nur in der Familie und kann in der Stille erledigt werden. Doktor Elphinstone und Herr Arnold Esden waren der Ansicht, daß die Sache zu vertuschen sei. Sie, gnädiges Fräulein, werden wohl der nämlichen Meinung sein?« Janet weinte, gab sich aber Mühe, ihre Thränen zu unterdrücken, um aufzumerken; ab und zu warf sie einen verstohlenen Blick auf Arnold, dessen beschämte, gebrochene Haltung ihr weh that – ihn schien es am härtesten getroffen zu haben. An Wyncott konnte sie weder mit Zorn noch mit Verachtung denken; sein Fall schmerzte sie, aber mehr für Arnold als für sie selbst. Wie weh mußte es diesem Mann mit seinem feinen Ehrgefühl thun, einen Mann, der ihm wie ein Bruder gewesen war, als Dieb kennen zu lernen. »Hier, gnädiges Fräulein,« fuhr Prickett, auf die Reisetasche deutend, fort, »hier sind die achthundertundvierzig Pfund, die mir Herr Esden zurückgebracht hat – vielleicht haben die Herren die Güte nachzusehen, ob die Siegel in Ordnung sind.« Arnold und Elphinstone betrachteten die Tasche und fanden die Siegel in Ordnung. »Und nun kann ich wohl die Siegel abnehmen, gnädiges Fräulein, und Ihnen Ihr Eigentum ausfolgen!« Er ließ seinen Worten sofort die That folgen und legte die Säckchen auf den Tisch. »Herr Doktor!« rief Janet. »Arnold! Helft mir! Sagt mir, was ich thun soll!« Auf diese Aufforderung traten beide an den Tisch; Arnold streckte eine Hand nach dem Gold aus, zog sie aber schaudernd wieder zurück. »Es wäre am besten, er ginge fort,« sagte Janet. »Wir könnten seinen Anblick und er den unsern nicht mehr ertragen. Arnold, gehen Sie zu ihm! Sprechen Sie mit ihm! Nehmen Sie dies fürchterliche Geld mit; zwingen Sie ihn, es zu behalten und fortzugehen, und nehmen Sie ihm das Versprechen ab, niemals mehr von sich hören zu lassen!« »Das ist der beste Ausweg,« stimmte ihr Elphinstone zu. »Sie sind ein gutes Geschöpf, Janet. Wir werden das später untereinander abmachen. Meine Tage sind gezählt, und das, was ich hinterlasse, habe ich Ihnen, Arnold, und diesem übelberatenen Thoren bestimmt. Sie müssen nun die ganze Last allein auf sich nehmen, aber soviel wollen wir jedenfalls für ihn erübrigen.« Damit deutete er auf die Goldsäckchen auf dem Tisch und begann dann niedergeschlagen im Zimmer auf und ab zu gehen. »Sie werden gehen?« wandte sich Janet stehend an Arnold. »Ja, ich danke Ihnen von Herzen und will gehen. Sind Sie bereit, Herr Prickett?« Dieser antwortete nur mit einem Nicken, packte das Geld wieder ein, grüßte ehrerbietig und folgte Arnold hinunter. »Es ist gut gemeint, Herr Esden,« sagte Prickett zu dem Geistlichen, als sie sich etwas vom Haus entfernt hatten, »aber Herr Wyncott Esden wird seinen Stolz herauskehren und es nicht annehmen.« »Er wird es annehmen müssen,« entgegnete Arnold streng. Schweigend legten sie den Weg nach der Bahn und die Fahrt nach der Stadt zurück. Dort angelangt fuhren sie nach Wyncotts Wohnung, der ihnen selbst die Thür öffnete und beim Anblick seines Vetters den Kopf senkte. Er wurde bald blaß, bald dunkelrot und sank in einen Armsessel, sobald er wieder ins Zimmer getreten war, was er vor seinen Gästen that. »Es war unser Wunsch, die Wahrheit, die du gestanden hast, vor Fräulein Pharr geheim zu halten, aber sie hat unser Geheimnis entdeckt. Es wird von uns allen bewahrt werden. Sie sendet dir dies Geld zurück und hofft, du werdest gehen und uns nicht mehr belästigen.« »Ich werde euch niemals mehr belästigen,« erwiderte Esden, »aber ich nehme dies Geld nicht – ein solcher Schurke bin ich doch noch nicht.« »Du wirst jede Demütigung und Strafe annehmen, die dir auferlegt wird,« sprach Arnold mit kalter, fürchterlicher Verachtung, »Du wirst dies Geld nehmen und gehen. Höre gefälligst und verstehe recht. Wir, denen du über alles Maß, über jede Möglichkeit einer Vergebung hinaus Schande gemacht hast, sind nicht gesonnen, uns von dir noch weiter entehren zu lassen. Wir wollen die Schande, dich herumlungern zu sehen, die Schande deiner gesellschaftlichen Aechtung oder deiner Dürftigkeit in fernen Landen nicht ertragen. Dies Geld wird dir nicht in rachsüchtigem Sinn geboten – wir wollen uns nur gegen dich schützen, das ist alles!« »Ihr könnt mich verhaften lassen, wenn ihr wollt; ich habe das selbst thun wollen.« »Die Schande genügt dir also nicht, die du bereits über uns gebracht hast? Du bist noch nicht zufrieden?« gab Arnold zurück. »Oh,« erwiderte Wyncott mit grimmigem Haß gegen sich selbst, »ich bin zufrieden, wenn ihr es seid!« Er stand auf und schritt in sein Schlafzimmer. Prickett sah ihm aufmerksam nach. Einen Augenblick blieb alles still, dann rief Wyncott mit vernehmlich zitternder Stimme: »Lebt wohl!« Fast gleichzeitig vernahm man ein Geräusch, wie beim Explodieren eines Zündhütchens – dann noch einmal und noch einmal. Prickett stürzte in das Schlafzimmer und Arnold folgte ihm; ein heftiges Ringen entstand in dem Halbdunkel, und dann trugen die beiden Wyncott ans Licht zurück. Er blutete aus einer leichten Schramme im Gesicht. »Das ist Ihr Werk,« schrie er wütend, indem er sein verzweifeltes Gesicht Prickett zuwandte. »Freilich ist das mein Werk,« ich habe das Pulver aus den Patronen nehmen lassen. Nun seien Sie vernünftig und fassen Sie es auf, wie es gemeint ist – es will Ihnen niemand wehthun.« Wyncott machte einen verzweifelten Versuch, sich loszureißen, aber Prickett packte ihn mit Blitzesschnelle an den Füßen, und wenn ihn Arnold nicht gepackt hätte, wäre er der Länge nach hingestürzt, so aber verrenkte er sich nur den Arm und der heftige Schmerz beruhigte ihn. »Nun bleiben Sie gefälligst sitzen, Herr Esden,« sagte Prickett, ihn auf das Sofa niederdrückend. »Wahrhaftig, ich schäme mich! So wenig Mut haben Sie? Da habe ich doch eine andre Meinung von Ihnen gehabt! Nehmen Sie denn gar keine Rücksicht auf Ihren eignen guten Namen? Haben Sie kein Mitleid mit Ihren Freunden? Es ist geradezu widerlich. Wenn dieser Herr noch mit Ihnen sprechen will, mag er's – ich habe keine Lust mehr dazu nach diesem unmännlichen Vorgehen.« Er warf Arnold einen bedeutungsvollen Blick zu und flüsterte ihm im Vorbeigehen ins Ohr: »Ich will nach seinen Rasiermessern sehen – er ist reif für alles!« Damit ging er in Wyncotts Schlafzimmer, zündete dort das Gas an, suchte das Rasierzeug und steckte es ein; dann ging er ins Wohnzimmer zurück, und als er dort Arnold neben seinem Vetter sitzen und dessen schlaffe rechte Hand in der seinen halten sah, nickte er ihm beifällig und ermutigend zu und zog sich wieder ins Schlafzimmer zurück. »Nimm nun dies Geld, Wyncott,« sagte Arnold, nachdem sie geraume Zeit schweigend nebeneinander gesessen hatten. »Nimm diese Demütigung auf dich um derer willen, die du gekränkt und in Schande gebracht hast. Geh fort von hier und benütze nach Kräften die Talente, die dir Gott verliehen hat. Versuche die Vergangenheit zu sühnen, und wenn die Zeit kommt, in der du diese Last von deinen Schultern werfen kannst, so wird die Rückzahlung mit Stolz und Freude angenommen werden. Du aber nimm es jetzt als erstes Zeichen deiner wahren Reue. Durch Untersinken kannst du uns nicht für unsern Schmerz entschädigen – thue es dadurch, daß du dich über Wasser hältst.« Arnold fühlte die Hand, die er hielt, zuckend nach der seinen greifen und Arnold erwiderte diese Bewegung mit einem kräftigen Druck. Einem jüngeren, weniger gebildeten Mann gegenüber würde er noch manches gesprochen haben, wozu ihn sein geistlicher Beruf berechtigt hätte; jedenfalls büßte er aber als Priester nichts ein, weil ihn in diesem Fall sein Zartgefühl davon abhielt. Nach langem, schweigendem Sinnen fragte er wieder: »Du willst also auswandern und versuchen, neu anzufangen?« Ein Druck der Hand war die einzige Antwort. »Und thun, was wir wollen?« Darauf folgte eine Pause, und er mußte die Frage widerholen, aber endlich kam wieder der bejahende Händedruck. »Du gibst mir dein Ehrenwort auf all dies?« »Ja,« erwiderte Wyncott mit kaum vernehmlicher Stimme: »ich werde dich nicht wiedersehen. Lebe wohl!« »Lebe wohl, Wyncott. Gott sei mit dir! Gott helfe dir!« So schieden sie voneinander. Arnold trat in das Schlafzimmer und flüsterte Prickett zu: »Bleiben Sie noch ein wenig bei ihm.« Der Detectiv nickte. »Sie haben ein gutes Herz, Prickett. Ihre Hand! Gute Nacht.« Es mag dahingestellt bleiben, ob ein Geistlicher von einem Sünder besser denken sollte, weil dieser einen Selbstmordversuch gemacht hat, aber das steht fest, daß durch Wyncotts verzweifelten Entschluß die Gefühle seines Vetters gegen ihn andre geworden waren. Durch diese That hatte er wenigstens gezeigt, wie tief seine Verzweiflung war, und es ist etwas so Entsetzliches um die Verzweiflung, daß nur wenig Menschen ihr unbewegt ins Auge blicken können. Achtzehntes Kapitel. Unterdessen hatte sich Gale als den glücklichsten Menschen unter der Sonne betrachtet. Wenn er daran dachte, welche Früchte ihm seine Dankbarkeit gegen Esden getragen hatte, so fühlte er sich halb und halb geneigt, tugendhaft zu werden, denn Dankbarkeit war eine Tugend, und Dankbarkeit hatte ihm diesen reichen Fischzug eingebracht. Ja, er wollte auch andre Tugenden pflegen – wenn er sich dies leisten konnte. Die Zeit dazu war aber noch nicht gekommen. Er hatte natürlich nie beabsichtigt, eine so kostbare Ware wie seine Verschwiegenheit um weniger zu verkaufen, als aus ihr zu lösen war. Bei einem Mann einzubrechen, der sich nicht darüber beklagen konnte, und diesem die That auch noch unbefangen einzugestehen, – das waren Genüsse, die den Reiz der Neuheit für ihn hatten. Allein Gale war anständig erzogen worden und träumte sich in seiner nächsten Zukunft – wenn er und Fräulein Pharrs Juwelen glücklich in New York angelangt waren – als einen äußerst ehrbaren, wohlhabenden Bürger, der viel Interesse für Kirchenzucht haben und die Gnadenmittel häufig benützen würde. Diese Aussicht war lockend, und er gab sich alle Mühe, sie zu erreichen. Was konnte sich denn ein Mensch Besseres wünschen, als hier auf Erden in Wohlstand und Ueppigkeit leben und daneben für das Heil seiner unsterblichen Seele wirken zu können? Unter seiner sehr ausgebreiteten und sehr eigentümlich zusammengesetzten Bekanntschaft in London befand sich auch ein gewisser verkommener, am Hungertuch nagender Schurke, der einst als Steinschleifer einen bedeutenden Ruf gehabt hatte. Er war ein geschickter Arbeiter und auch als Kenner von Edelsteinen sehr angesehen, allein er ließ sich eine Veruntreuung zu Schulden kommen und fand, nachdem er sechs Jahre im Zuchthaus gesessen hatte, keine Beschäftigung mehr. Gale hatte diesen Mann ganz in der Hand und ihn so lange Jahre stets in Furcht und Zittern erhalten, daß er sich auf dessen Dienste verlassen konnte. Diesen Mann fand Gate in noch elenderen Umständen, als er gedacht hatte; er versah ihn mit einem anständigen Anzuge, versprach ihm freie Ueberfahrt nach New York und nahm es auf sich, ihm dort Beschäftigung zu verschaffen. All diese Umstände hatte der wachsame James White in Erfahrung gebracht und Prickett sofort mitgeteilt. Ein andrer von dem wachsamen White berichteter Umstand war die Bestellung einer ungewöhnlich großen, mit inneren Abteilungen versehenen Geldtasche zum Umschnallen. Dieser Gegenstand mußte besonders angefertigt werden und sollte zuverlässig am Nachmittag des zu der nächtlichen Zusammenkunft Reubens mit Wyncott Esden bestimmten Tages fertig sein. Die letzte Nachricht, die Prickett von White erhielt, ging dahin, daß die Geldtasche fertig und von Gale abgeholt und mit nach Hause genommen worden sei. So schlau und erfahren Gale auch war, hatte er sich doch völlig überlisten lassen, und als er sich – die gestohlenen Edelsteine fest um den Leib geschnallt und eine kleine Tasche mit dem Nötigsten für die Reise in der Hand – auf den Weg nach dem leeren Hause machte, ging er dem einen seiner Häscher entgegen, während der andre ihm auf den Fersen folgte. Es war beinahe neun Uhr: es war früher dunkel geworden als sonst, weil der Himmel voll schwerer Wolken hing. Hier und dort flimmerte eine Gasflamme und beleuchtete große Massen Bauholzes und die Ueberreste von Häusern, deren langjährige Gefährten kürzlich abgebrochen worden waren. Teilweise war der Weg gefährlich und beschwerlich, aber Gale kannte ihn und der Spion folgte ihm behutsam und still. Die beiden befanden sich inmitten dieser Wildnis von zerstörten Heimstätten, als das drohende Unwetter ausbrach. Erst waren nur ein paar große Tropfen gefallen, dann aber verwandelte sich der ganze Horizont in zuckendes Feuer und der Donner rollte und krachte in nächster Nähe; und nun erhob sich auch der Sturm und der Regen goß in Strömen herab. Mit gesenktem Kopf rannte Gale weiter und der Wächter folgte ihm, ohne mehr auf seine Schritte zu achten, denn der heulende Wind und der klatschende Regen verschlangen jedes andre Geräusch. Vor einem Hause, das ziemlich weit hinten inmitten einer Wüste von Schutt- und Trümmerhaufen stand, machte der Einbrecher Halt; er stieß die Thür auf und blieb einen Augenblick stehen, um sich den Regen aus dem Gesicht zu wischen. Offenbar hier bekannt, stieg er sichern Fußes die Treppe hinan: halbwegs oben blieb er stehen und lauschte. Er vernahm ein Geräusch hinter sich. »Hallo!« sagte er. »Sie hier? Sie sind spät daran!« »Nein, Reuben,« erklang eine unerwartete Stimme über ihm; »wir sind ganz pünktlich!« Plötzlich fiel ein Strahl aus einer Diebslaterne auf sein Gesicht und blendete ihn für einen Augenblick. Die ihm folgenden Schritte kamen die Treppe herauf. Der umgarnte Schurke fuhr mit der Hand in die Tasche seines leichten Staubrockes, faßte dort einen Revolver, und ohne sich zum Herausziehen der Waffe Zeit zu lassen, feuerte er ihn durch den Stoff hindurch in der Richtung nach dem Licht über ihm ab. Dann wandte er sich um und drückte noch einmal ab auf ein häßliches Gesicht, das gerade in der Schußlinie aus dem Dunkel rasch zu ihm emporstieg. »Aufgepaßt, Jim!« brüllte Prickett von oben und im nämlichen Augenblick ließ er sich vom oberen Treppenabsatz mit aller Macht auf Gale herunterfallen und ritz diesen im Sturze mit sich. Im selben Augenblick erdröhnte der Donner aufs neue, aber trotzdem vernahm man einen dritten Schuß. Das Rollen des Donners erstarb in der Ferne und Todesstille herrschte in dem Raum. »Jemand verwundet?« fragte Prickett, sich mühsam erhebend. »Ich muß in zwei oder drei Stücke gegangen sein,« erwiderte White, »aber die Hauptsache scheint hier zu liegen. Wahrhaftig, Meister, Sie haben ihn stumm gemacht!« »Halten Sie ihn fest,« sagte Prickett; »er ist schlau wie der Satan und stark wie ein Löwe. Ich will die Laterne droben holen, ich habe sie fallen lassen, ehe ich heruntersprang. Dann wollen wir ihn einmal näher betrachten. Jim, mich soll der Kuckuck holen, wenn ich nicht den Arm gebrochen habe. Wenn Sie dem Kerl eins versetzen müssen, solange ich droben bin, so schlagen Sie ihn kräftig nieder – auf meine Verantwortung!« »Den braucht man nicht mehr niederzuschlagen,« antwortete White, während sein Vorgesetzter mühsam die Treppe hinaufkroch. »Herr,« rief er dann plötzlich in verändertem Ton, »ich kann nicht einmal mehr seinen Atem fühlen!« »Passen Sie auf, daß er Sie nicht prellt!« rief Prickett zurück. »So, da brennt die Laterne noch, als ob sie wüßte, daß man sie braucht. Das heiß' ich Glück!« Stöhnend und hinkend und seine Beschwerden übertreibend, kam er die Treppe herab, in der Absicht, den Gefangenen in Versuchung zu führen, falls er sich verstellte. »Es ist besser, James, wir legen ihm die Fesseln an, solange er sich ruhig verhält! Wir werden ihn wohl ein wenig untersuchen müssen und dann geht's um so besser, wenn er wieder zu sich kommt.« Er ließ das Licht voll auf Gales Gesicht fallen und kniete dann neben ihm nieder. Der Einbrecher lag in ganzer Länge ausgestreckt, den einen Arm hinter sich gebogen auf der Erde. »Diesmal hat er seinen Lohn erhalten,« sagte Prickett feierlich. »Er ist maustot. Ich sprang in der nämlichen Sekunde, in der er den letzten Schuß abgab. Dadurch muß ich seine Hand umgedreht haben, und die Kugel hat ihn ins Herz getroffen. Da, sehen Sie!« Die Morgenblätter brachten den drei Gästen in Wootton Hill House eine neue, entsetzliche Sorge. Mit einem Schrei sprang Janet vom Frühstückstisch auf und stürzte aus dem Zimmer. Frau Wyncott und Edith, die ihr nachgeeilt waren, fanden sie leichenblaß und zitternd in der Halle stehen, die Zeitung, in der sie gelesen hatte, zerknittert in der Hand haltend. »Es liegt Blut auf ihnen,« schrie sie. »Der Mann – einer der Männer – ist getötet worden!« Sie führten sie ins Zimmer zurück und versuchten sie zu beruhigen, aber sie wußten nicht, was ihr so entsetzliche Angst einflößte. Elphinstone und Arnold verstanden sie sofort, nachdem sie den Artikel, der sie erschreckt hatte, ebenfalls gelesen hatte. Er war überschrieben: »Verzweifelter und verhängnisvoller Zusammenstoß mit einem Einbrecher« und berichtete die Art und Weise von Reuben Gales Tod und die Entdeckung der Fräulein Pharr geraubten Juwelen auf seinem Körper. Nach einer hastigen Beratung mit dem Doktor eilte Arnold in die Stadt, um Prickett sofort zu Rate zu ziehen. Dieser würdige Mann lag mit einem gebrochenen Arm im Bett, das er einige Tage hüten sollte, um das Hinzutreten von Fieber zu vermeiden. »Sie brauchen sich nicht zu ängstigen,« sagte er, als Arnold ihm den Grund seines Kommens erklärt hatte. »Herrn Wyncott Esdens Name wird in dieser Sache so wenig mehr genannt werden als der Ihre. Es wird eine Totenschau abgehalten werden und ich muß angeben, was sich zur Zeit seines Todes ereignet hat, doch brauche ich darüber nicht hinauszugehen. Ich ging ›auf erhaltene Mitteilung‹ dorthin, um Gale abzufassen. Das ist die gewöhnliche Form und der Leichenbeschauer wird damit zufrieden sein. Fragen mich meine Vorgesetzten, so antworte ich wie gestern abend: ›Es waren zwei dabei beteiligt‹, sagte ich, ›aber der andre war ein Anfänger, bekam Gewissensbisse und machte sich aus dem Staub. Sie können ganz ohne Sorge sein; Herrn Wyncott Esdens Name wird nicht genannt.« Der Verlauf der Angelegenheit bestätigte dies. Wyncott Esden wanderte nach Neu-Südwales aus und ließ sich dort als Advokat nieder. Ein Jahr später folgte ihm Polly Grainger und wurde sein Weib. Nicht viele Frauen wissen so Entsetzliches von ihren Männern, aber sie macht von dem, was sie weiß, den nämlichen Gebrauch wie Wyncott ihn von der Erinnerung an seine Vergangenheit gemacht hat. Es ist sehr die Frage, ob Wyncott Esden, der sich nach seinem Fall wieder aufgerafft hat, heute nicht mehr Vertrauen verdient, als mancher, der nie strauchelte und fiel – vielleicht nur, weil nie eine Versuchung an ihn herangetreten ist.   Ende.