Richard Voß Die Rächerin und andere römische Novellen Seiner lieben Freundin und Gefährtin im römischen Lande Helene Jachmann zugeeignet. Die Rächerin 1. Kürzlich besuchte ich in Rom einen Landsmann. Er heißt mit Vornamen Heinrich und ist ein junger Maler von Talent. Trotzdem wird ihm schwerlich eine Zukunft blühen; denn er ist durchaus kein »Moderner«, was natürlich seine eigene Schuld ist. Er malt mit hartnäckiger Vorliebe sogenannte »klassische« Landschaften mit idealer Staffage. Nun bewegt sich der Charakter der römischen Landschaft in dem feierlichsten Rhythmus von Linien und Farben; und die Bewohner jener Gegenden haben das Besondere, was man »Stil« nennt. Aber diese große Landschaft mit ihrem schönen Menschenschlage sollte – wenn man dergleichen heutzutage überhaupt noch abbildet – ausschließlich mit dem erbarmungslosen Blick des Naturalisten gesehen und dargestellt werden. Und das unmittelbar auf die Leinwand; denn das Skizzenbuch ist dem modernen Maler ein abgethanes Requisit seiner Kunst. Ich sah in dem Atelier meines Bekannten Studien und Entwürfe, die mir schön und bedeutend erschienen; und in demselben Maße deuchten sie mir auch wahr. So, grade so, sah wenigstens ich die mir seit einem Menschenleben vertraute römische Landschaft mit ihrer Galerie von Figuren. Lange stand ich betrachtend vor dem Hauptwerk des jungen Künstlers, einem umfangreichen Ölgemälde, welches die Bezeichnung »Fiammetta« hatte. In einer öden Steppe ein einsames junges Weib. Gleich einer biblischen Frauengestalt tragt sie ein ultramarinblaues Mantelgewand, das sie von Kopf bis zu Füßen einhüllt. Beide Arme erhängen schlaff an dem feinen schlanken Leib herab. Mit weit offenen Augen schaut sie unverwandt in die Ferne. Ihre jungen leidenschaftlichen Lippen pressen sich zusammen, als ob sie ein Stöhnen erstickten. Mit ersticktem Stöhnen steht sie und wartet. Sie ist ringsum der einzige Mensch; sie scheint der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Um sie her ein Gefild von blühenden Königskerzen, die, ebenso schlank wie die junge Frauengestalt, aus silbergrauem sammetweichem Blattwerk aufwachsen, von der Sommersonne durchglüht. Unabsehbar dehnt sich die leuchtende Landschaft. Der Dunst eines Sommertags brütet darüber wie flimmernder funkelnder Nebel. Alles ist Licht, grelles, blendendes, unbarmherziges Sonnenlicht; ist Glanz und Glut eines römischen Sciroccohimmels. Man fühlt es: die weit hinaus Schauende ist unfähig, eine Bewegung zu thun; der sommerliche Mittagszauber römischer Wildnis hat sie gebannt. Sie wird dastehen, bis der mörderische Sonnenball endlich sinkt und weicht. Dann wird sie zu Tode ermattet davonschleichen – zu irgend einer Hütte aus braunem verbranntem Ginstergesträuch in enger Thalschlucht. Dort wird sie sich hinwerfen, wird beim ersten Morgengrauen sich wieder aufraffen, wieder hinausgehen, wieder warten ... Ich fragte den Künstler: »Auf wen wartet sie?« »Auf einen, der nicht kommt.« »Auf einen treulosen Liebhaber also?« »Auf einen Gestorbenen.« »Den das wunderschöne Geschöpf nicht vergessen kann?« »Dessen gewaltsamen Tod sie sühnen muß.« »Eine Rächerin also?« »Ja.« »Fiammetta existiert demnach und das Bild hat eine Geschichte?« »Noch dazu eine wahre Geschichte.« »Die Sie kennen?« »Die ich mit erlebte.« »O! ... Und hat Ihre Heldin den Tod des Geliebten gesühnt?« »Nein! Noch nicht.« »Sie hat ihre Liebe wie ihre Rache vergessen, hat sich längst getröstet, steht jetzt und wartet auf einen, der kommt.« »Ich glaube nicht.« »Sie sind Idealist. Wer ist diese Fiammetta?« »Ein Modell – natürlich.« »In das Sie sich verliebten – natürlich. Das müssen Sie mir gelegentlich erzählen.« »Wer versteht diese Art von Frauen? ... Aber jetzt kommen Sie. Bei den Campanelle sind heute nachmittag die Rennen, Wir wollen die römische Aristokratie anfahren sehen. Es sind wundervolle Menschen darunter.« Da das Wetter köstlich war: ein nicht zu heißer Maitag, so kam mir der Vorschlag ganz recht. Wir frühstückten bei Pannelli, nahmen am spanischen Platz einen Wagen und verließen die Stadt durch Porta San Giovanni in einem dichten Gewühl von Fuhrwerken und Menschen, die sämtlich dem einige Miglien entfernten Rennplatze zuströmten. 2. Die römische Natur trug bereits ihr farbenglühendes prächtiges Sommergewand. Die Gärten vor dem Thore waren bunt von Blumen und in den Vignen erglänzten die langen Rosenhecken über und über von Blüten. Die Campagna loderte hier von flammend rotem Mohn, leuchtete dort von goldigen Margueriten; und die Sabina lag bei der milden Tramontana in einen Schein gehüllt, der wie die Farbe blaßblauer Hyazinthen leuchtete. Wir fuhren geradenwegs auf das Albanergebirge zu. Der tusculanische Höhenzug mit seinen schimmernden Ortschaften lag in solcher Klarheit vor uns, daß ich deutlich die Terrassen, den Park der Villa Falconieri erkannte, welche ich seit einer langen Reihe von Jahren bewohnte. Hinüberdeutend bemerkte mein Gefährte: »Dort liegt die Heimat meiner Heldin.« »Fiammetta ist aus dem Albanergebirg?« »Aus dem Molarathal.« »Im Molarathal hausen nur nomadisierende Hirten.« »Zu solchen gehört sie.« Ich kannte jene wilde Gegend genau; es war verrufenes Land. Ungezählte Male hatte ich es durchritten und jedesmal in beständiger Erwartung eines Überfalls, ohne daß mir jedoch etwas Ernstliches zugestoßen wäre. Ich wollte weiter nach Fiammetta fragen, als unser Wagen zur Seite wich. Gleich darauf fuhr an uns der König vorüber, der zu den Rennen wollte. Die grellrote königliche Livree machte sich prächtig. Keine drei Minuten hatten wir unsern Weg fortgesetzt, als vor uns auf der Landstraße eine leidenschaftliche Bewegung entstand, deren Ursache wir nicht zu erkennen vermochten. Wir hörten Rufe, Geschrei; wir sahen die Menschen zusammenlaufen und dann vorwärts eilen; wir sahen Wagen und Equipagen mitten im Wege halten, die Insassen hinausstürzen und der Menge folgen. Etwas Ernstliches mußte geschehen sein ... Was? Das Geschrei und Gedränge nahmen zu. Es war ein Toben, ein Tosen. Dann vernahmen wir's: ein Attentat auf den König war verübt worden; der König war unverletzt, der Attentäter festgenommen. Auch unser Wagen hielt, auch wir sprangen hinaus, liefen vorwärts. Der König war bereits weitergefahren. Wir hörten, wie er von der Menge jauchzend gegrüßt ward. Wo das Volk sich zu einem Knäuel zusammendrängte, mußte sich der Attentäter befinden. Da die Straße gesperrt war, warteten wir. Als er dann, von Carabiniers eskortiert, an uns vorüberkam, sahen wir den Unsinnigen genau; er bestieg ganz in unserer Nähe mit den Polizisten ein Gefährt. Seine Begleiter mußten ihn mit den Waffen vor der Volkswut schützen. Es war ein noch junger Mensch, scheinbar ein Arbeiter. Sein Gesicht war fahl, die nicht unschönen Züge waren verzerrt. Aber er schien ruhig zu sein. Er mochte geahnt haben, daß es ihm mißlingen würde und jetzt nur fähig sein, nichts als das eine zu denken und zu fühlen: es ist mißlungen! Ganz gleich, was jetzt mit dir geschieht. »Fiammetta!« Der Maler neben mir stieß den Ruf aus, so laut und mit solchem Entsetzen, daß ich zusammenfuhr. Ich erkannte sie sofort. Sie stand unter der Menge, welche den Wagen mit dem Attentäter umdrängte; sie sah diesen an, mit einem Blicke – in dem Blick des jungen schönen Weibes glühte Verachtung, etwas wie unauslöschlicher Haß. Sie schien mit ihrem Blick den seinen zu zwingen, daß er zu ihr hinsehen mußte. Und jetzt schauten sich die beiden in die Augen, fest und tief. Ihren brennenden Blick auf sich, begann der Verbrecher heftig zu zittern. Dann trieb der Kutscher das Pferd an; der Wagen fuhr in raschem Trabe davon, hart an Fiammetta vorüber, die keine Bewegung that. Die Menge stürzte nach, johlend und laute Verwünschungen ausstoßend. Für einen Augenblick wurde die Straße fast einsam; nur Fiammetta stand noch da. Regungslos starrte sie dem Wagen nach; jetzt aber mit dem Blick, den sie auf dem Bilde hatte. Dieser Blick sagte: er kommt nicht wieder! Plötzlich stand der Maler neben ihr. Er flüsterte leidenschaftlich in sie hinein, wurde jedoch keines Blickes gewürdigt. Sie stand und schaute dem andern nach, dessen Wagen im Staub der Landstraße dahinfuhr, immer noch von einer heulenden Meute verfolgt. Ich näherte mich den beiden und hörte, wie der Maler der Regungslosen zuraunte: »Er ist dein Liebhaber! Du hast ihn zu dem Scheußlichen verleitet. Das Attentat ist dein Werk, ist deine Rache für den Tod Cesares.« Sie erwiderte nichts. Mit weit offenem starrem Blick stand sie und starrte unverwandt hin, wo jetzt nur noch eine fahle Staubwolke aufwirbelte. 3. Ich lohnte den Kutscher ab, faßte meinen Bekannten unter dem Arm und führte ihn fort. Statt den Rennen beizuwohnen, suchten wir tiefe Einsamkeit auf. Lange Zeit schwiegen wir. Unter einem Bogen der antiken Wasserleitung, wo der Boden von wildem Mohn blutrot war, lagerten wir uns und der Maler erzählte. ... Vor zwei Jahren durchstreifte ich als Neuling die Campagna nach allen Richtungen. Ich war von ihr berauscht wie ein sehr junger Mensch von der Schönheit seiner ersten Geliebten. Sie erschien mir als das Hehrste und Herrlichste, was Maleraugen zu sehen vermochten, ein erfülltes Traumbild, ein Wirklichkeit gewordenes Ideal. Je tiefer ich eindrang in die Mysterien dieser Linien und Farben, um so mehr wuchs meine Begeisterung. Ich ward ein Fanatiker der Schönheit der römischen Landschaft, mich glücklich preisend, daß ich sie mit denselben Augen sehen konnte, wie die beiden Poussins, wie Rottmann, Preller und Koch sie gesehen hatten. Auf einer Frühlingswanderung durch das Albanergebirge kam ich – es geschah zwischen Grottaferrata und Frascati – vom Wege ab. Ich geriet auf ein überwachsenes Feld, das längs eines mir unbekannten Höhenzuges sich hinzog. Durch das dichte Unkraut gewahrte ich Überreste einer antiken Straße, deren gewaltige blaue Basaltsteine sehr bald zu Tage traten und so wohl erhalten waren, als führte der Weg zu einer bewohnten volkreichen Stätte: kein Grashalm hätte in die Fugen des Pflasters sich einzwängen können. Den harten Stein furchten die tiefen Spuren von Wagenrädern und noch ließ sich gewahren, wie an steilen Stellen die spitzige Hacke des Straßenarbeiters die glatten Blöcke für die Hufe der Pferde rauh gemacht hatte. Zu beiden Seiten befand sich ein schmaler Steg für die Fußgänger. Und zu beiden Seiten begleiteten den Weg antike Gräber. Gruft reihte sich an Gruft. Neben einem mächtigen marmorummauerten Rundgrab des prunkvollen Kaiserreiches die Kolumbarien aus republikanischer Zeit. Sie standen in halber Zertrümmerung dem Himmel offen. In den Nischen, die einstmals die Aschenkrüge bargen, nisteten Amseln und Palombellen, den Grund füllten Blumen. Da grade Veilchenzeit war, so bedeckte den Boden ein dunkles wie Purpur leuchtendes Violett und Wohlgerüche erfüllten die Luft. Immer noch zog sich die Straße bergan, über ein weites Hochthal hin, von einer Einsamkeit und Verlassenheit, wie ich noch nie gesehen hatte. Ringsum goldbrauner Tufffels, graue Ruinen, frühlingsbunte Steppe, in der Ferne begrenzt durch ein kahles bleiches Felsengebirge. Ich sah keine Wohnstätte, vernahm keinen andern Laut als den Schrei des Falken. Ich fühlte mich, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Es wurde Abend. Die Wildnis flammte auf im Purpurglanz, darüber ein gelber von Scharlach und Gold durchglühter Himmel ruhte. Ich war so verträumt, daß ich nicht bedachte, wie schnell die Nacht einbrechen würde und ich nicht wußte, auf welchem Wege ich nach Frascati oder sonst in belebte Gegenden gelangen sollte. Da keine Fieberzeit war, hätte ich zur Not die laue Frühlingsnacht im Freien verbringen können. Aber ich war seit dem frühen Morgen gewandert und verspürte plötzlich empfindlichen Hunger. Da vernahm ich wütendes Gebell und sah von einem Abhang herab drei mächtige Wolfshunde auf mich zu rasen. Es nahm sich schön aus, wie die großen schneeweißen Tiere durch die einbrechende Dämmerung den Berg herabsetzten. Im übrigen wäre ich nicht der erste gewesen, der in der Campagna von solchen Bestien lebendigen Leibes zerrissen worden. Die Hunde erreichten mich, machten einige Schritte vor mir Halt, fletschten die Zähne und blieben bei ihrem Geheul. Ich ging weiter, allerdings nicht mit allzugroßem Behagen. Die Hunde folgten mir, hielten sich jedoch beständig in einer kurzen Entfernung. So begleitet, setzte ich meine Wanderung fort. Endlich ein schriller Pfiff. Sogleich verstummten die Bestien, zogen die Schweife ein, blieben zurück. Dann folgten sie mir wieder; doch ohne Geheul, bisweilen nur heiser aufbellend. Ich gewahrte über mir auf weit vorspringendem Gestein eine schlanke Männergestalt. Es war grade noch hell genug, um sie erkennen zu können. Dunkel stand sie gegen den violett gefärbten Hintergrund des nächtlichen Himmels, an dem jetzt einzelne große Sterne aufblitzten. Ich blieb stehen und rief hinauf: »Komm' herab und zeige mir den Weg! Halte auch deine Hunde zurück.« »Sie thun nichts.« »Komm' herab!« »Ich muß nach der Herde sehen.« »Ich bin müde. Du wirst von mir belohnt werden. Also komm'.« Da kam er. Es hatte den Anschein, als werfe er sich von der Klippe in einen Abgrund hinab. Nach wenigen Augenblicken stand er vor mir. Ich konnte bei der Dunkelheit nur erkennen, daß er sehr jung war, eine Gestalt hatte, wie ein antiker Ephebe und das übliche Kostüm römischer Hirten trug: Sandalen, langhaariges Ziegenfell um die Beine gebunden, eine dunkle Jacke über der Schulter hängend und den spitzen Filzhut auf dem Kopf. Er sagte mir, daß ich mich weit vom Wege nach Frascati verirrt hatte und bot mir an, in der Hütte seines Vaters zu nächtigen: sie könnten mir ein fettes Lamm braten und erst gestern sei aus Rocca Priora frisches Brot gekommen. Ich antwortete: ich würde mit ihm gehen. 4. Was ich von meinem Begleiter erfahren wollte, mußte ich ihm mühsam abfragen. Denn so bereit er gewesen, mir die väterliche Gastfreundschaft anzubieten, so scheu und schweigsam verhielt er sich jetzt. Er sprach den sabinischen Dialekt; aber er drückte sich gut aus, knapp und klar. Bisweilen gebrauchte er Redewendungen, die einen klassisch gebildeten Lateiner in Entzücken versetzt hätten. Hier war also uralte Stammesart. »Du hast mir noch nicht deinen Namen gesagt.« »Ich heiße Cesare Latini.« »Dein Vater ist Hirte?« »Wir haben Ziegen und Schafe.« »Aber ihr seid doch nicht aus dieser Gegend?« Er stieß einen Ausruf der Verachtung aus. Dann erklärte er mir: »Aus dieser Gegend ist niemand. Das ist wildes Land. Wir sind aus Val di Pietra.« »Wo ist das?« »Dort drüben.« Er deutete mit dem Kopfe nach der Sabina hinüber. »Weshalb bleibt ihr nicht an euerm Ort?« »Was sollen wir dort?« »Eure Herde weiden.« »Dort ist alles Stein. Wir müssen weit von Hause fort, um Weide zu finden.« »Und ihr kommt mit euren Herden bis hierher?« »Bis ins Molarathal.« »So heißt es hier?« »Nun ja.« »Kommt ihr oft her?« »Jedes Jahr.« »Du und dein Vater?« »Mein Bruder ist in Rom. Ja, und in Rom ist Fiammetta.« Er sagte das letztere so eigentümlich, mit solchem tiefen leidenschaftlichen Tonfall, daß ich, nur um etwas zu sagen, ihn fragte: »Ist Fiammetta deine Schwester?« Er blieb plötzlich stehen. Die Nacht war so sternenhell geworden, daß ich sein Gesicht sehen konnte. Es war ein schönes, aber in diesem Augenblick durch seinen leidenschaftlichen Ausdruck fast verzerrtes Gesicht. Und mit vor Leidenschaft bebender Stimme stieß er hervor: »Meine Schwester? Nein! Nein!« Und nach einer Pause noch einmal: »Fiammetta meine Schwester? Fiammetta!« Dann, als schämte er sich, wendete er sich ab und beschleunigte seinen Schritt. Ich hörte seine schweren Atemzüge. Neugierig geworden, forschte ich nach einer Weile: »Was macht dein Bruder in Rom?« »Modell,« lautete die lakonische Antwort. »Und Fiammetta?« »Auch Modell.« Als müßte ich über diese Mitteilung höchst erstaunt sein, suchte er mir die merkwürdige Sache, daß auch Fiammetta in Rom Modell »mache«, in kurzen abgerissenen Sätzen zu erklären. »Was wollt Ihr? Sie ist arm. Sie braucht Geld, Denn wir wollen uns heiraten. Bald! Aber wir wollen selbst eine Herde haben. Dazu brauchen wir Geld. Woher sollen wir es nehmen. Und heiraten wollen wir bald. Ja, das wollen wir.« »Du scheinst sie sehr zu lieben?« Er murmelte statt aller Antwort: »Und wir wollen bald heiraten.« »Sie ist gewiß sehr schön, deine Fiammetta?« »O sie!« Es klang wie ein Aufschrei. Der ganze Mensch zitterte vor verhaltener Erregung. Dann fuhr er fort: »Auch sie will mich bald heiraten. Jawohl; auch sie! Sie sagt: sie wolle nicht länger warten. Im Sommer kommt sie zurück.« »Hierher?« »Aus Rom ins Molarathal. Im Sommer hat sie in Rom nichts zu thun. Dann verdient sie kein Geld. Dann kommt sie mit meinem Bruder her.« »Hat sie denn keine Eltern, daß sie im Sommer zu euch kommt?« »Ihre Eltern sind tot.. Mein Vater nahm sie zu sich, als sie noch ein Kind war, ein ganz kleines Kind. Ihr Vater war meines Vaters Brudersohn. O sie – Fiammetta!« Aber jetzt hatten wir die Hütte des sabinischen Hirten erreicht. Das war nun ein gar seltsames Haus: ein antiker Grabtumulus. Er lag mitten in einem öden Felde und mochte zu der tusculanischen Villa irgend eines römischen Reichen oder Großen gehört haben, der seine Gruft für sich und die Seinen in seinen eigenen weiten Gärten so größenwahnsinnig aufmauern ließ. Ich bemerkte, daß das Grab von seiner prächtigen Marmorbekleidung fast vollkommen entblößt stand und sah die gewaltigen Quadern in dem duftenden Kraut der Menthe und des Thymian ringsumher liegen. Beim Sternenschein las ich auf einem der Gebälkstücke in tief gegrabenen schönen Lettern die Namen Marcus Mucius Furius. Eine hohe, vom Blitz zersplitterte Cypresse stand totenhaft neben dem Grabmal. Der jetzige Eingang war nicht mehr derselbe, der ehemals in die Grabkammer geführt hatte; sondern er war an irgend einer andern Stelle in die meterdicken Wände gebrochen worden. Aus dem Innern leuchtete Feuerschein gastlich in die Nacht hinaus. Die Hunde stürzten voraus und gleich darauf erschien in der Maueröffnung die Gestalt eines älteren Mannes, wie der Jüngling Sandalen an den Füßen, zottiges Ziegenfell um die Beine und über dem groben grauen Hemde eine Art Weste aus Schaffell. Das war mein Wirt, Lorenzo Latini, der mich mit einigen rauhen, aber wohlgemeinten Worten zum Eintreten einlud. Das Feuer erhellte den Raum. Es brannte auf einem Boden, auf dem noch Überreste von Mosaik vorhanden waren: ein anmutiges Ornament in Schwarz und Weiß. Die Wände des kreisrunden Baus waren mit ägyptischem gelbem Marmor ausgelegt gewesen und die Decke zeigte eine vollkommen erhaltene Stuccatur, vom Rauch der Hirtenfeuer geschwärzt. An der Einrichtung dieser eigentümlichen Wohnstätte fielen mir zuerst zwei grell kolorierte große Lithographien in die Augen. Sie hingen in einer Nische, in welcher der Sarkophag des Familienoberhauptes gestanden haben mochte; das eine stellte die Madonna, das andre Giuseppe Garibaldi vor. Das Bild des letzten alten Romantikers und großen Volkshelden war mit frischen Blumen bekränzt: mit blutroten Anemonen! Die wenigen Geräte waren möglichst primitiv. Getrocknetes, stark duftendes Steppengras bildete für Vater und Sohn die Lagerstätte. Unter den Geschirren fiel mir ein altertümliches schönes Gefäß aus Kupfer auf und einige nach antiken Vorbildern verfertigte Thonkrüge. Die Hirten, bei welchen in den Tibersümpfen das Zwillingspaar aufwuchs, hatten kaum anders sich gekleidet, noch anders gelebt als diese Sabiner zur Zeit des Königs Umberto ... Inzwischen hatte Cesare – oder Cé, wie sein Vater ihn rief – das verheißene fette Lamm geschlachtet. Während er das Tier vor der Hütte abhäutete und ausweidete, versuchte ich mit meinem gastfreundlichen Wirt nähere Bekanntschaft zu machen, was bei seinem schweigsamen Wesen freilich nicht leicht war. Ich erfuhr, daß meines Gastfreundes Frau gestorben: am Fieber. Es starben so viele daran! daß er schon als Knabe mit dem Vater und dessen Herde ins Molarathal gekommen sei. Die meisten aus Val di Pietra waren Hirten, die nur im höchsten Sommer für kurze Zeit zu ihrem Heimatsort, zu ihren Frauen und Kindern zurückkehrten; und alle Leute von dort oben hielten ein solches Leben für durchaus naturgemäß, ohne darüber jemals Klage zu führen, oder Sehnsucht nach einem andern, besseren zu fühlen. Die Malaria konnte sie in Scharen dahinraffen, wenn nur ihre Herden gediehen, welche ihr ganzes Vermögen, also ihr ganzes irdisches Glück ausmachten. Je nach der Jahreszeit trieb mein Wirt seinen lebendigen Reichtum – derselbe schien nicht groß zu sein – zu den verschiedenen Grasplätzen des ausgedehnten Hochthals: im Sommer in die Berge von Tusculum; im Winter auf die tiefer gelegenen Weiden gegen Grottaferrata hinab. Entweder er bezog irgend eine antike Ruine oder er baute aus Ginstergestrüpp eine runde hohe Hütte mit steilem Dach, eine sogenannte Capanna. Während der heißesten Zeit pflegen die sabinischen Hirten im Freien zu nächtigen. Im Winter mußten sie die Herden gegen die hungernden Wölfe verteidigen, die aus dem nahen Apennin herüberkamen; im Sommer galt es des Nachts durch stetig brennende Feuer das eigene Leben gegen die mörderisch wütende Malaria zu schützen. Alle Monat begaben sie sich des Sonntags nach der nächsten Ortschaft, um eine Messe zu hören, ihre Einkäufe an Salz und Mehl zu machen und einmal alljährlich unternahmen sie eine Wallfahrt, um bei einem gnadenreichen Muttergottesbilde für das Gedeihen der Herde: für die Vermehrung der »Quattrini«, eine leidenschaftliche Fürbitte zu thun und nötigenfalls eine Wachskerze zu opfern, damit sie die Hilfe der Heiligen bezahlten, diese also als ihr Recht fordern konnten. So ist das Leben dieser Hirtenvölker seit Urväterzeit. 5. Jetzt kam Cé mit dem fetten Lamm, welches er an einem Spieß aus hartem Ölbaumholz befestigte und über einem gelinden Feuer zu braten begann, indessen Vater Lorenzo die zähen Blätter des geliebten bitteren Cichorienkrautes zu einem Salat verarbeitete. Noch immer versuchte ich meinen lakonischen Wirt redselig zu machen, ohne jedoch einen rechten Erfolg zu erzielen. Plötzlich fand ich durch einen Zufall die Zauberformel, welche dieses verschlossene Gemüt für mich aufthat. »Ihr habt dort über der Madonna den Giuseppe Garibaldi hängen?« »Giuseppe! Jawohl, den Giuseppe!« Lorenzo that diesen Ausruf mit einem solchen Aufleuchten seiner melancholischen Hirtenaugen; er sprach den Namen des berühmten Freiheitskämpfers mit solcher Inbrunst, daß ich sogleich begriff: der Schutzgeist des Latinischen Hauses hieß Giuseppe Garibaldi. »Ja, so, mein wackerer Cencio, Ihr seid mit Leib und Seele Garibaldianer?« »Herr, ich kämpfte unter Giuseppe bei Mentana!« Und er berichtete mir von seiner Teilnahme an der berühmten Schlacht, in welcher die Garibaldianer durch die Franzosen und Päpstlichen jene empfindliche Niederlage erlitten hatten, mit einer Miene, als wäre der Tag von Mentana der große Glückstag der italienischen Nation und seines ganzen Lebens gewesen. Ich fragte ihn, wie er aus seinen Sabinerbergen nach Mentana zu seinem vergötterten General gekommen sei? »Wie, Herr? Durch den Checco.« »Durch welchen Checco?« »Ihr kennt nicht den Checco?« »Checco? Ich kenne keinen Francesco.« »Herr, der Checco ist ja doch der Crispi. Und sie sagen ja wohl: nicht der Umberto wäre König von Italien, sondern der Checco, wie in eurem Lande der Bismarco.« Bei näherer Bekanntschaft mit meinem biedern Sabiner stellte sich heraus, wie er von Deutschland überhaupt nichts wußte, als daß es das Vaterland des »Bismarco« wäre. Diesen hielt er für eine Art von Giuseppe Garibaldi, der bei Sedan die Franzosen geschlagen und den Deutschen einen König gegeben hatte – sehr zum Überfluß, da er doch selber Deutschland regierte. Ich erkundigte mich: »Aber wie wurdet Ihr denn mit dem Checco bekannt?« »O, den kenn' ich gut. Wie meinen Bruder kenn' ich den!« Und während, von Cé eifrig gewendet, das fette Lamm am Feuer briet, und durch das tausendjährige Römergrab ein appetitreizender Duft sich verbreitete, erzählte mir der Hirte von seinem brüderlichen Freunde, dem großen Staatsmann Francesco Crispi. »Ja, Herr! Der Checco! Das war damals, als die Franzosen in Rom waren – Herr, nichts als Franzosen! Und was die Rothosen wohl wollten? Den heiligen Vater schützen. Vor wem wohl? Vor seinen eigenen Söhnen? Als wäre das notwendig gewesen! Aber davon verstanden wir nichts. Ich und der Oreste – der Oreste, Herr, war mein jüngerer Bruder – wir bezogen damals, als die Franzosen in Rom waren, mit der Herde einen Weideplatz, der an der appischen Straße lag, ganz nahe bei den Mauern und dem Thor von Sebastiano, Da konnten wir das ganze Franzosenwesen so recht mit ansehen. Denn früh morgens trieb ich die Ziegen in die Stadt hinein bis auf den spanischen Platz und verkaufte die Milch an jeden, der sie mir bezahlte. Und das muß ich sagen: Franzosen zahlten besser als die Römer. Es waren Galantuomini. Aber auf den Giuseppe Garibaldi schimpften sie, als ob er der Teufel selber wäre. Ich hörte das Fluchen und Verwünschen mit an; denn was scherte mich der Giuseppe Garibaldi? Herr, wir waren sabinische Hirten, die in Rom ihre Ziegenmilch verkaufen wollten. Damit basta! Ich muß Euch auch sagen, daß mein Bruder sechzehn, ich selber erst achtzehn Jahre war. Was wußten also wir von diesen Sachen? Wir wußten vom heiligen Vater und von der Madonna und – damit basta! Da war's im Oktober, daß die Franzosen auf der appischen Straße nach Albano und Velletri marschierten und der Weg ganz bunt von ihnen war. Sie zogen ins Albanergebirg, wo die Leute, so sagten uns die andern Hirten, den Giuseppe Garibaldi zum König haben wollten. Dafür sollten sie nun von den Franzosen totgeschlagen werden. Was das die Franzosen wohl anging? Einige Tage darauf kam plötzlich der Oreste über das Feld hergelaufen: auf der Straße liege ein erstochener Mann! Ich fragte nur, ob es ein Franzose sei? Denn dann hätte der Mann mich nichts geschert. Aber es war kein Franzose. Also ging ich mit meinem Bruder hin, obgleich damals auf den römischen Straßen viele Erstochene zu finden waren. Richtig war's ein Landsmann! Er war in die Seite getroffen, aber er lebte noch. Also hoben wir ihn auf, trugen ihn in unsre Capanna, verbanden ihn mit heilsamen Kräutern und halfen ihm mit dem Leben davon. Solange er noch sprechen konnte, hatte er uns erzählt, daß er von seinem Hauptmann aus Albano abgeschickt worden sei, um dem General Garibaldi Briefe nach Monterotondo zu bringen; daß die Franzosen ihm aufgelauert, die Briefe abgenommen und ihn dann niedergestoßen hätten. Und er sagte uns: er wäre Sizilianer aus der Gegend von Girgenti und hieße Francesco Crispi. Das also war der Checco, der in unsres Capanna lag und der ohne meinen Bruder und mich elend umgekommen wäre. Und er mußte bei uns bleiben, denn er hatte das Wundfieber. Als er wieder zu seinen Sinnen kam, sagte er uns: einer von uns müßte sogleich nach Monterotondo laufen zum General Garibaldi und diesem eine Botschaft ausrichten. Da ich die längeren Beine hatte, so lief ich; und ich sollte dem General sagen: er möge um alles in der Welt keinen Angriff auf Rom unternehmen, sondern mit allen seinen Leuten von Monterotondo abziehen ins Sabinergebirg, vorerst nach Tivoli. Nachdem ich dem Checco diese Worte vielmals vorgesagt hatte, lief ich mitten in der Nacht davon. Bereits vor Sonnenaufgang kam ich in Monterotondo an und war gleich mitten unter den Rothemden. Und als ich sagte, ich sei vom Checco geschickt, brachten sie mich zum General. Der wohnte im Dom, wo auch sein Pferd stand – gerade hinter dem Altar! Die ganze Kirche war rot von den Hemden der Garibaldianer. Der General schlief noch – im Beichtstuhl! Sie weckten ihn aber und er kam sogleich heraus. Alle die Rothemden drängten zu ihm und schrieen ihn an, als käme er vom Himmel herab. Herr, da begriff ich dummer Junge, was ein Mensch auf Erden sein kann – was der Giuseppe Garibaldi war in Italien. Ich sagte ihm alles vom Checco und was ich ihm ausrichten sollte. Aber da wurde er böse. Er schwur, daß er dennoch in Rom einziehen und die Fremden vertreiben oder sterben wollte. Und alle die Rothemden schrieen: sie wollten sterben mit ihrem General. Und ich – Herr, ich schrie auch. Bis dahin hatte ich mich um Giuseppe Garibaldi weniger gekümmert, als um ein krankes Lamm. Aber jetzt plötzlich wollte ich sterben mit ihm. Ob für Rom oder für irgend eine andre Sache, galt mir gleich. Herr, wie kommt so etwas nur über einen Menschen, der doch kein unvernünftiges Tier ist? Der General stieg auf die Kanzel, setzte sich und schrieb Briefe. Die Tinte stand vor ihm in einem silbernen Kelch. Aber die Madonna und die Heiligen werden darüber nicht böse gewesen sein – es war ja doch der Vater Giuseppe! Auch an den Checco schrieb der General einen Brief. Bevor ich wieder heimkehrte, machte ich mir aus blutrotem Kirchentuch ein Hemd. Auch für meinen Bruder nahm ich ein Stück mit. War der Oreste auch noch ein Knabe – unter Vater Giuseppes Leitung hatte ich wahre Kinder gesehen. Auch die Kinder wollten mit Vater Giuseppe sterben. 6. Nach einer Woche war der Checco wieder wohl auf; nach einer Woche ging er – nicht zurück zum Nicotera nach Albano, sondern zum Vater Giuseppe nach Monterotondo. Wir, ich und mein Bruder, hatten unsre roten Hemden an, hatten die Ziegen und Schafe den andern Hirten übergeben und gingen mit dem Checca zum Vater Giuseppe. Bei dem süßen Herzen der Madonna, das thaten wir, Herr! Das war am dritten November; und als wir an Rom vorbei und bereits über dem Aniofluß sind, da sehen wir's unter den Monticelli aufblitzen, da hören wir es von dorther krachen und knattern. Herr, ach, Herr, das waren die Päpstlichen und die Franzosen im Kampf gegen den Vater Giuseppe! Wir hin! Wir hin in einem Lauf bis Mentana! Und mit dem Vater Giuseppe gekämpft gegen die Franzosen und Päpstlichen, wo wir doch dem heiligen Vater die Füße geküßt hätten! Mit Piken und Bajonetten, die wir auf dem Felde aufhoben, gehauen und gestochen! Mein Bruder wird verwundet, ich werde gefangen und gefangen wird – Herr, Herr, Herr! gefangen wird an der Brücke von Correse unser Vater Giuseppe! Er war ausgezogen, nicht um Rom anzugreifen; sondern um ins Sabinergebirge abzuziehen. Da waren die Franzosen und die Päpstlichen gekommen und da hatten sie ihn gefangen. Wir Rothemden schrieen auf vor Schmerz und Wut. Selbst die Alten weinten wie kleine Kinder. Daß über tausend Garibaldianer gefallen und fast zweitausend gefangen waren, danach fragten wir kaum. Aber der General! Herr, Herr, unser Vater Giuseppe! Und gefangen war ich. Mit den zweitausend andern brachten sie mich nach Rom, wo die Römer in hellen Haufen auf den Straßen standen und die Rothemden verhöhnten. Aber wir dachten an den General und daß wir seine Kinder waren, die auf ihren Vater Giuseppe stolz sein mußten. Das zeigten wir denn auch den Römern, die uns verlachten. Herr, ein volles Jahr hielten sie mich gefangen im Kerker in der Via Giulia. Als ich herauskam, waren die Franzosen immer noch in Rom. Und vom Vater Giuseppe hörte ich nichts. Auch nichts vom Checco ... Ich kam nach Hause, wo mich meine Mutter mit Verwünschungen empfing und mein Vater mich am liebsten totgeschlagen hätte, weil ich damals die Herde verlassen, die nun unter fremden Hirten Schaden genommen hatte. Jetzt weidete sie mein Bruder im Molarathal. Ich wurde auch hingeschickt. Nun ja, Herr! In dem Sommer war's, daß ich im Molarathal mit der Marianna Bekanntschaft machte. Und – Herr! Schön war sie! Schön und wild. Aber dann mußte ich doch wieder fort von der Herde. Und ich mußte fort von der Marianna! Herr, päpstlicher Soldat mußte ich werden. Ich, der ich mit Vater Giuseppe bei Mentana gegen die Päpstlichen gekämpft hatte! Was wohl Vater Giuseppe dazu gesagt haben würde? Und der Checco? Aber das half nun einmal nichts. Ich war also in Rom Soldat ... Nach zwei Jahren kamen die Leute des Königs, welchen Vater Giuseppe als Papst nach Rom bringen wollte, und wir sollten gegen sie kämpfen. Ich stand bei der Porta Pia und sah immer nur, ob draußen nicht auch die Rothemden wären? Aber die kamen nicht. Da schoß ich denn in Gottes Namen mit den andern auf die Leute des Königs. Aber diese schossen bei der Porta Pia eine Bresche in die Mauer, zogen ein in Rom, verjagten die Fremden und machten den heiligen Vater zum Gefangenen. Herr, zwei Jahre blieb ich noch in Rom als Soldat des Königs. So geht es zu in der Welt. Als ich dann nach vollen vier Jahren zu meinen Eltern ins Val di Pietra zurückkam, war mein jüngerer Bruder wieder im Molarathal. Ich sagte meinem Vater, daß ich nach wie vor als sein Knecht die Herde weiden wollte, aber daß ich die Marianna heiraten würde. Herr, meine schöne wilde Marianna von Rocca Priora. Tag und Nacht hatte ich in Rom an sie gedacht, Tag und Nacht. Mein Vater sagte nicht nein, nicht ja. Aber die Mutter wollte reden. Da schrie er sie an, still zu sein. Ich hätte mich auch weder um Vater noch um Mutter gekümmert und die Marianna zum Weib genommen, wenn sie mich auch darum verwünscht hätten. Noch denselben Tag ging ich fort. Ich wollte hinauf nach Rocca Priora und die Marianna holen. Aber sie war nicht mehr oben, sondern unten im Molarathal, Und sie war seit drei Wochen das Weib meines Bruders Oreste. Herr! Erstechen wollt' ich meinen treulosen Bruder, der von meiner Liebe gewußt hatte. Und erstechen wollte ich das falsche Weib. Denn so ist es im Sabinerland: Totschlag für Totschlag; und einen Totschlag hatten die beiden an mir verübt. Aber ich dachte an Vater Giuseppe und was der wohl dazu gesagt haben würde. So ließ ich denn die beiden Weib und Mann sein, baute mir in der Nähe ihrer Capanna eine Hütte und weidete mit Oreste zusammen meines Vaters Herde. Dann sah ich mit an, wie mein Bruder sein Weib blutig schlug, weil er glaubte, sie hätte mich lieber als ihn. Herr, Herr! Da dachte ich nicht mehr an Vater Giuseppe; da faßte ich mein Dolchmesser und würde es meinem Bruder ins Herz gestoßen haben, wenn sein Weib mich nicht angesehen und mir zugelächelt hätte, während sie sich das Blut aus dem Gesicht wusch. Aber die Rache des Himmels schlug meinen Bruder. Denselben Sommer holte er sich das Fieber und nach drei Tagen war er ein toter Mann. Die Marianna und ich ließen ihm in Frascati ein christliches Begräbnis geben und danach blieben wir zwei mutterseelenallein im Molarathal – Herr, die Marianna und ich. Ich schlief nach wie vor in meiner Hütte und schaute die Marianna an, als wie die gebenedeite Mutter des Herrn; denn sie trug meines Bruders Kind unter dem Herzen. In einer Nacht, da ich nicht schlafen konnte, vernahm ich in der Capanna ein leises Stöhnen. Ich stand auf und lief hin. Da hatte die Marianna ein Mädchen geboren und sie selber lag im Sterben. Ich aber wollte nach Rocca Priora laufen, um den Priester zu holen; denn trotz der Todsünde, die sie an mir begangen hatte, sollte sie nicht sterben, 'ohne vorher die heilige Wegzehrung empfangen zu haben. Aber die Marianna sagte zu mir: ›Bleibe bei mir! Wenn du mir vergibst, so ist's das gleiche, als hätte mir in Gottes Namen der Priester vergeben. Vergib mir! Ich habe dich lieb gehabt. Aber ich mußte deines Bruders Weib werden, weil er dich sonst erstochen hätte. Und du solltest nicht sterben. Vergib mir!‹ Als ich dann aber doch zum Priester lief, weil ich die Marianna in der Ewigkeit wiedersehen wollte; und als ich im Morgengrauen mit ihm zurückkam – da war die Marianna schon tot und an ihrem toten Herzen lag ihr Kind und schrie nach der Mutter Brust. Das Kind war die Fiammetta. Noch im selben Jahre nahm ich ein Weib; denn ich mußte meines Vaters Herde weiden und mußte für die Fiammetta sorgen. Es war ein gutes Weib. Sie gebar mir meine Söhne Cesare und Raffaelo und war auch für die Fiammetta eine Mutter. Es that mir leid um sie, als sie nach etlichen Jahren das Fieber bekam und ich sie in Frascati begraben lassen mußte, weit fort von meinem Bruder Oreste, bei dem auch die Marianna nicht lag. Mein Weib starb mit der letzten Wegzehrung versehen, so daß ich in der Ewigkeit mit ihr zusammen sein werde. Aber mit der Marianna nicht – Herr, mit der Marianna nicht.« So erzählte mir Lorenzo Latini, währenddessen sein Sohn das fette Lamm briet ... Die Geschichte war zu Ende und der Gastbraten fertig. In dem Grabmal des edlen Geschlechts der Furier lagerten wir um das offene Herdfeuer und verzehrten ein Mahl, welches meinem hungernden Gaumen wahrhaft lukullisch deuchte. Durch hartnäckiges Fragen bekam ich dann nach und nach noch heraus, wie die drei Kinder: Fiammetta, Cesare und Raffaelo, in der Einsamkeit des Molarathales miteinander aufwuchsen, die kleine Fiammetta so recht als der Genius der wilden Stätte. Sie blieb fein und zart, so daß der große und starke Cesare, gleichwohl er ein Jahr jünger war, sehr gut als der Ältere gelten konnte. Sie schienen Geschwister zu sein, bis plötzlich zwischen ihnen eine Leidenschaft entbrannte, heiß wie römische Sommersonne und schwül wie Scirocco, daß es dabei selbst dem Mann, der die schöne Marianna geliebt hatte, angst und bang ward. Hauptsächlich um die beiden jungen Menschenkinder zu trennen, sandte Lorenzo – wie ich wohl merkte – die sechzehnjährige Fiammetta mit dem jungen Raffaelo nach Rom, um dort mit vielen andern braunen Söhnen und Töchtern der wilden Sabina das einträgliche Gewerbe des Modellstehens zu betreiben, welches dem Volke für durchaus ehrbar gilt. Cesare selbst schien ganz einverstanden zu sein und nur den einen Gedanken zu haben: die Fiammetta soll in Rom Geld verdienen! Nur schnell Quattrini! Nur recht schnell sehr viele Quattrini! Und dann die Herde, die Heimat, das Glück! Armer Cesare. 7. Ich schlief in dem Grabmal der Furier wie ein Toter, um in der ersten Morgenfrühe zu erwachen, den Göttern für mein Leben dankend. Denn, als ich aus der Gruft hervorging, lag eine Welt vor mir, so voll erhabener Einsamkeit und Größe, so jungfräulich und unberührt, als wäre es am ersten Schöpfungstag. Was soll ich Ihnen sagen? Eine volle Woche blieb ich im Molarathal als Gast Lorenzo Latinis und Mitbewohner des Grabes der Furier. Von früh bis spät durchstreifte ich die wilde köstliche Gegend, die nur dem sabinischen Hirten, dem Kohlenbrenner und dem nach Rom ziehenden Abruzzesen bekannt ist. Meine glückseligen Augen schauten eine Galerie von Landschaftsbildern höchsten Stils, oft von solcher mythologischer Stimmung, daß ich jeden Augenblick erwartete: auf diesem, von gelben Narzissen bewachsenen Hügel müßten sich die Jungfrauen Dianas versammeln; und unter jener knorrigen Steineiche würde ein Satyr die Flöte blasen! Hier, in dem mit weißen Cistusrosen gefüllten Grunde, versteckt sich ein Nymphlein; und dort, auf der weiten, von purpurroten Cyklamen glühenden Flur, schläft in der goldigen zitternden Mittagsschwüle der große Pan ... Oder ich sah mit träumendem Geist auf diesen klassischen Gefilden mörderische Römerkämpfe. Denn hier, grade hier im Molarathal, war das erste gewaltige Schlachtfeld des jungen Rom mit seinen neidischen und räuberischen Nachbarn, den Hernikern und Aecquern. Um hierher zum Kampfe zu ziehen, spannte Cincinnatus seine Ochsen vom Pfluge; und über diese lichten Höhen führte Hannibal sein Heer. Überall Historie und welche Historie! Schnell füllte sich mein Skizzenbuch mit Landschaften und den Gestalten, die meine Phantasie darin lebendig sah. Wie schwer mein Stift in der Hand gehorchte, wie unvollkommen und dürftig der Ausdruck für das Geschaute war: anstatt des begeisterten Wortes ein Stammeln und Stottern. Daß ich ein » pittore « war, machte auf Lorenzo und Cesare lebhaften Eindruck. Sie wurden zutraulicher und weniger quattrinilüstern. Weil aber zum Malen das Modell gehört, so gut wie Leinwand und Farbe, und weil sie in ihrer Familie zwei Modelle besaßen, so wurde ich, als mit zum Handwerk gehörig, derselben zugerechnet, was ich mir gern gefallen ließ. Denn ich wollte wiederkommen, oft und für lange. Der gute Cé war einigermaßen gekränkt, daß ich Maler war und in Rom lebte und seine Fiammetta noch nicht gemalt hatte; ja, diese nicht einmal kannte. Ich vermochte diese Beleidigung nur durch die Erklärung zu mildern: ich hätte in Rom überhaupt noch nicht gemalt, sondern war immerfort draußen in der Campagna gewesen. Natürlich würde ich Fiammetta sehen und malen, sowie ich nach Rom zurückgekehrt wäre – wenn er, der Bräutigam, mir es erlaubte. Warum er es mir nicht erlauben sollte? Fiammetta war Modell für die Künstler; diese zahlen und damit – basta! Ich wollte erwidern: wenn ich mich nun aber in die Fiammetta verliebe? Sie soll schön sein und ich bin jung! Doch dann dachte ich, es sei besser, zu schweigen. Als ich Abschied nahm, versprach ich, bald wieder zu kommen und in Rom sogleich Fiammetta zu sehen. Den Abend zuvor war der gute Lorenzo auf einmal beredt geworden und hatte mir über »unsern Vater Giuseppe« – dessen Bild von den rauhen Hirten mit der inbrünstigsten Andacht bekränzt wurde – und den »Checco« sein Herz ausgeschüttet. »Jetzt ist der Umberto König in Rom. Aber wenn es in der Welt gerecht zuginge, so müßte Giuseppe Garibaldi König geworden sein. In Euerm Vaterlande haben sie doch gewiß auch den Bismarco zum König gemacht, weil er den Kaiser Napoleone fing und die Franzosen schlug; in Euerm Vaterlande sind die Leute doch gewiß gerechter? Einmal hieß es: unser Vater Giuseppe ist gestorben! Aber das glaubten wir nicht. Denn er mußte doch in Rom einziehen und zum König Umberto sagen: ›Steh' auf von deinem Thron und lass' mich darauf niedersitzen.‹ Lange Zeit glaubten wir bei uns nicht, daß er gestorben sein könnte. Aber dann hieß es: auf Caprera liegt er begraben! Und in jeder kleinen Stadt, im kleinsten Dorfe feierten sie sein Begräbnis. Dabei mußte ich doch auch sein! Also zog ich mein rotes Hemd an und ging, um für unsern Vater Giuseppe, der tot sein sollte, in Rom Begräbnis zu halten. Herr! In Rom waren so viele rote Hemden, daß es war, als fließe ein roter Strom durch die Straßen. Und die Römer standen in hellen Haufen, spotteten und lachten nicht mehr über uns; sondern zogen vor den Rothemden die Hüte ab, als wäre in Rom, wo der heilige Vater gefangen sitzt, das Rot eine Ehrensache geworden. Ja, und was ich sagen wollte: der Checco! Der regiert jetzt also Italien? Nun, wenn es unser Vater Giuseppe nicht regieren kann, so sollen sie das Land nur vom Checco regieren lassen; denn der wird die Sache am besten verstehen. Wenn mein Junge die Fiammetta geheiratet will ich einmal nach Rom gehen und den Checco besuchen. Er wird seinen alten Freund von der Via Appia und Mentana gewiß noch kennen, der Checco!« Ich wollte in dem vertrauensseligen Herzen meines wackeren Wirts keinen Zweifel an der Güte des großen Staatsmannes und Lenkers der Geschicke Italiens, Francesco Crispi, erregen. Am nächsten Morgen schied ich von dem Grabmal der Furier und seinen Bewohnern. Bald, bald wollte ich wiederkommen! 8. Wieder in Rom, begriff ich, warum ich von der Fiammetta weder etwas gesehen, noch gehört hatte. An der spanischen Treppe stand sie niemals, und niemals lungerte sie mit dem übrigen müßigen Völklein der weniger begehrten Modelle in der Via Sistina. Sie war sozusagen Eigentum der Franzosen, die in den Hallen, Gärten und Steineichenhainen der Villa Medici das Leben von Halbgöttern führen. Auch der Knabe Raffaelo, Cesares Bruder, war eifersüchtig gehüteter französischer Besitz. Ich erfragte beider Adresse und an einem Sonntagnachmittage suchte ich sie auf, um ihnen Grüße aus dem Molarathal zu bringen, was mich bei der schönen vielbegehrten Fiammetta empfehlen sollte. Das Pärchen hauste unter dem tarpejischen Felsen in einer finstern und feuchten Kammer, die aus einen von Orangenbäumen gefüllten, von brennend roten Geranien und gelben Pansiarosen durchleuchteten Hof führte. Der braune Felsen der uralten Richtstätte der Römer stieg mit allerlei geheimnisvollem Trümmerwerk aus diesem Blühen und Glühen steil empor. Ich fand Cesares Braut mit dem Knaben unter den Blumen kauernd, von der Nachmittagssonne mit goldigen Lichtern umspielt. Fiammetta war – doch Sie kennen ihr Bild und sahen heute sie selbst ...« hat diese echt römische Frauenart etwas so geradezu Souveränes: eine junge Fürstin konnte von Fiammetta das Grüßen lernen! Kaum merklich neigte sie für mich das Köpfchen: so von unten nach oben. Sie empfing mich höchst ungnädig. Daß ich einer von der Gilde war, sah sie mir auf den ersten Blick an. Sie sagte mir gleich grade heraus: sie könnte mir nicht stehen und wenn ich ihr für die Sitzung einen Scudo geben wollte! Ich ließ es auf diese Feuerprobe nicht ankommen, wohl wissend, daß die stolze Sabinerin dieselbe schlecht bestehen würde. Denn für diese Kinder des Südens ist Gott zwar Gott; aber das goldene Kalb ist der höchste Gott und wäre Christus nicht von Judas verschachert worden, so hätte dies ein Italiener gethan. Aber er hätte wohl mit sich handeln lassen! Ich bestellte meinen Gruß, was eine etwas gnädigere Behandlung zur Folge hatte. Das war für meine Person nicht eben sehr schmeichelhaft; aber ich bin nicht eitel. Ich befand mich keine fünf Minuten in der Blütenwildnis unter dem tarpejischen Felsen, als ich meines jungen Freundes tolle Verliebtheit in das schöne Geschöpf bereits vollkommen begriffen hatte – ein Verständnis, welches mir, nebenbei gesagt, durchaus nicht zum Glück gereichte. Übrigens durfte der leidenschaftliche Jüngling ganz ruhig sein: diese Sabinerin würde sich so leicht von keinem Römer rauben lassen! Es müßte sich denn um eine hohe Zahl handeln – wie meine neidische Eifersucht sehr verleumderischer Weise hinzusetzte. Der Knabe Raffaelo war überdies ein scharfer Tugendwächter des Mädchens, das übrigens solchen Schutzes gar nicht bedurfte. Nach diesem eisten Besuche sah ich sie häufiger. Ich begegnete ihr, wenn sie zu den Franzosen ging: langsam, leicht in den Hüften sich wiegend, ohne irgend etwas zu beachten und meinen Gruß mit einem Nicken erwidernd, welches mir bei jeder andern Frau – die kein römisches Modell war – das Blut ins Gesicht getrieben hätte. Ich wollte mich über die königlichen Gebärden des halbwilden Geschöpfes belustigen, brachte es jedoch nicht dazu, mußte mir sogar eingestehen, daß ich sie auch deshalb im geheimen bewunderte. Natürlich war ich verliebt. Eines Samstagnachmittags begab ich mich denn auch wahrhaftig wieder in das kleine Zaubergärtchen unter dem tarpejischen Fels. Ich empfand in dem völkerreichen Rom heftiges Verlangen nach dem einsamen Molarathal und dem Grabmal des edlen Geschlechtes der Furier und ich glaubte, meine Sehnsucht durch einen Besuch bei Fiammetta lindern zu dürfen – so sagte ich mir wenigstens. Sie empfing mich mit höchster Gleichgültigkeit, als ob ich ihr niemals die Grüße ihres Bräutigams überbracht hätte, überhaupt mehr ein Gegenstand als ein Mensch wäre. Es war mühsam, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, da sie auf nichts einging, für nichts Teilnahme zeigte. Aber wozu bedurfte es des Redens? Sie fort und fort anzusehen – anzustaunen, war vollständig genug! Nachdem wir ungefähr eine halbe Stunde in solcher Konversation zugebracht hatten: sie schweigend und ohne sich um mich zu kümmern; ich schweigend und sie mit den Blicken verschlingend, fiel mir ein, den Knaben Raffaelo um Wein fortzuschicken. Aber auch jetzt setzten wir unser stummes Beisammensein eine ganze Weile fort, bis sie plötzlich begann: »Was wohl Cé dazu sagen wird?« »Wozu?« »Eh! Daß ich eine Signora werde.« »Eine Signora? Du?!« »Eine wahrhaftige Signora mit einem langen Kleide. Und einen Hut werde ich tragen. Denkt Euch doch: einen Hut!« Die Vorstellung, ihr herrliches Haupt mit einem unförmlichen, von Band, Federn und Blumen starrenden, modernen römischen Kopfputz zu schimpfieren, erregte sie heftig. Ihre Augen funkelten. Sie war hinreißend schön. Ich stierte sie an, bis ich die Situation zu begreifen begann und empört ausrief: »Du willst deinem Verlobten im Molarathal untreu werden? Deinem Verlobten, der dich tausendmal heißer liebt, als du die Madonna?!« Ich war wütend. Es war jedoch, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, weniger der Zorn sittlicher Entrüstung, weniger Teilnahme für den armen Verlobten, als vielmehr sinnlose Eifersucht auf einen völlig Unbekannten. Auf meine heftig hervorgestoßene Frage hatte sie nur die gelassene Erwiderung: »Wenn ich doch eine wahrhaftige Signora werden kann? Eine Signora, die einen Hut trägt!« Ich schrie sie an: »Aber ich denke, du liebst deinen Verlobten, der sein Leben für dich lassen würde?« Ich war so wild, daß ich sie hätte beim Arm packen und schütteln mögen, nur um sie aus ihrer abscheulichen Ruhe zu reißen; denn sie würde sich von mir nicht haben anrühren lassen. »Nun ja. Der arme Cé, Ich habe ihn recht gern. Aber was wollt Ihr?« »Er wird dich einfach umbringen, wenn er deine höllische Treulosigkeit erfährt; und er thut ganz recht,« »Wollt Ihr's ihm etwa sagen?« Das war nun so eine Frage ... Was für einen raffinierten Instinkt diese Weiber haben, diese »Halbwilden«! Ausweichend bemerkte ich: »Ich werde gar nicht erst nötig haben, den Angeber zu machen; da er deine Schändlichkeit ja doch bald erfahren muß.« »Wenn mich aber der andre mit sich fort nimmt und gleich als seine Frau?« »Welcher andre? Der verrückte Mensch, der dich heiraten will ? Ein Geschöpf, das ihrem Liebhaber davonläuft!« Aber sie war über Beleidigungen erhaben und nannte mir mit gelassenem Triumph den Namen des Mannes, der so geschmacklos war, das wilde Wesen mit dem Hute der Dame zieren zu wollen, dieser hochbegehrten Krone des Lebens für jedes Mädchen aus dem römischen Volke. Es war, wie mir gleich ahnte, einer der olympischen Herren Franzosen aus der Villa Medici; und zwar einer der begabtesten, ein sogenanntes Genie, dem allgemein die bewußte »große Zukunft« prophezeit ward. Ich war außer mir. Der arme Cé wurde um seine Braut gebracht und ein junger frischer Mensch voll Talent und Feuer warf sich an ein solches Geschöpf weg! Und nur darum, weil es von fremdartiger Rasse war. Dabei kalt, wie ein nordischer Wintertag und unbewußt raffiniert wie eine Pariser Kokotte. Denn ich zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit von Fiammettas Aussage. Es giebt Künstler genug, die in Rom auf solche Art zu Grunde gehen: an Rom und den römischen Frauen. Es war für mich eine sonnenklare Sache, daß der »Gatte« der schönen Fiammetta an ihr zu Grunde gehen würde: entweder so oder so. Aber ich begriff den Wahnsinn, von dem mein bedauernswerter Kollege befallen worden war, und hatte nicht den Mut besessen, für mich selbst einzustehen – so berauschend ist der Taumel, der gewisse Gemüter und Konstitutionen in diesem Lande aller Sirenen und Dämonen ergreift. Was sollte – was konnte ich im Interesse des armen Cé thun? Ich vermochte nur den Angeber zu machen, was schreckliche Folgen nach sich ziehen würde. Nochmals versuchte ich mit aller Eindringlichkeit – meine sittliche Entrüstung hieß ich als völlig unwirksam schweigen! – auf die Treulose einzureden, hätte jedoch ebensogut ein steinernes Bildnis anschreien können. Der Knabe brachte den Wein. Sie sah mich mit einem bedeutsamen Blick an und machte eine gebieterische Gebärde, der ich unwillkürlich gehorchte. 9. Ich kümmerte mich nicht mehr um die schöne Fiammetta, gedachte ihrer mit einer Abneigung, die an Widerwillen grenzte, und versuchte für den Mann, der seine ganze Zukunft preisgab, indem er sie heiratete, christliches Bedauern zu empfinden. Gern wäre ich den heißen Straßen der Stadt entflohen und ins Molarathal gezogen, darüber der Mai gewiß seinen ganzen Blütenzauber ausströmen ließ. Aber ich scheute mich, dem armen ahnungslosen Cé unter die Augen zu treten. Was sollte ich antworten, wenn er mich nach seiner Verlobten fragte? Ich trieb mich zu dieser Zeit vielfach in den Wildnissen von Ostia und Castel Fusano umher, wo ich mich auf einem andern Erdteile wähnen konnte. Aber ich mußte meine Begeisterung mit einem Fieberanfall bezahlen und lag mit schwindelndem Kopf und schmerzenden Gliedern ziemlich elend in meinem Atelier, als eines schönen Vormittags plötzlich Fiammetta bei mir eintrat. Sie trug ihre ganze gelassene Hoheit zur Schau und ich war daher nicht wenig überrascht, als sie mich fragte, ob ich sie brauchen könnte. »Du willst mir Modell stehen?« »Nun ja.« »Aber du bist ja Tag für Tag in der Villa Medici?« Sie verneinte mit der allergleichgültigsten Miene. »Wie, du gehst nicht mehr zu den Franzosen?« »Nein.« Sie sah sich in meinem Atelier um und schien nicht sonderlich erbaut zu sein. Nirgends kostbare Stoffe, orientalische Teppiche, Bronzen, Blumen, schwellende Polster. Trotz meines Fiebers mußte ich lachen. »Du siehst, ich bin ein armer Teufel von Künstler. Bei mir gibt's nichts zu holen. Wollte ich dich zu einer wahrhaftigen Signora machen, so würdest du dich schön bedanken. Ich könnte dir auf den Hut, den du dann tragen würdest, nicht für hundert Lire Federn kaufen.« Sie zuckte, ohne zu antworten, die Achseln und wiederholte ihr Anerbieten, mir Modell zu stehen. »Ja, aber, Fiammetta! Du heiratest jetzt bald deinen Franzosen. Erlaubt er dir denn das Modellstehen?« »Damit ist's nichts.« »Womit?« »Mit dem Heiraten.« »Will er dich nicht mehr?« Sie sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Dann antwortete sie so gelassen, als ob es sich um die gleichgültigste Sache handelte: »Er wird wohl sterben.« »Sterben! Der junge Mensch! Das große Talent! Wie geht das zu?« »Er liegt in San Spirito.« »Wie kommt er ins Hospital?« »Gestern morgen fanden sie ihn.« »Fiammetta!« Ich sprang auf. Ich fühlte mein Fieber nicht mehr. »Oben auf der spanischen Treppe fanden sie ihn.« »Erstochen?!« Ich schrie es laut. Doch sie, so ruhig, daß sie kaum die Stimme erhob, entgegnete nur: »Er wird wohl nicht durchkommen, der Arme!« Sie sah in diesem Augenblick so schön aus; und ich fand sie zugleich so unmenschlich, daß ihre Schönheit mir Grausen einflößte. Ganz fassungslos lief ich auf und ab und dachte mit einer Art von physischem Weh an den jungen Franzosen, der im Hospital mit einer Todeswunde daniederlag – um eines solchen Weibes willen! Plötzlich kam mir ein entsetzlicher Gedanke. Ich blieb vor ihr stehen, fand den Mut, sie anzusehen, sagte langsam und leise: »Du kennst den Mörder?« Nur ihr Blick erwiderte mir: ›Ja, ich kenne ihn.‹ Eine Weile schwiegen wir. Dann brachte ich mit Anstrengung hervor: »Wo ist Raffaelo?« »Weiß nicht,« »Also ist er nicht mehr in Rom?« »Nicht mehr.« »Seit wann ist er fort?« »Seit vorgestern Nacht.« Ich war so erregt, daß ich kaum zu atmen vermochte. »Und niemand weiß, wo der Knabe ist?« »Niemand.« »Vielleicht ging er ins Molarathal zu seinen Leuten?« »Vielleicht.« »Jedenfalls wird man ihn dort suchen.« »Wer?« »Die Polizei.« Wiederum eine Pause. Dann hörte ich sie sagen, immer noch langsam, leise, gleichgültig: »Sie werden ihn nicht finden.« Später bedeutete ich ihr, daß ich sie als Modell nicht brauchen könnte. Mit derselben gleichgültigen Miene, mit der sie gekommen war, entfernte sie sich. Welch ein Volk! Sogleich begab ich mich nach San Spirito jenseits des Tibers. Die Erkundigungen, die ich einzog, klangen hoffnungsvoll. Aber der Verwundete verweigerte der Polizei gegenüber jede Auskunft und nach allem, was ich darüber gehört, durfte ich über das Schicksal des jungen Raffaelo ruhig sein. Fiammetta wurde verhört. Sie wußte jedoch von nichts, also brauchte die römische Polizei sich um sie nicht zu kümmern. Eine Genugthuung brachte mir der tragische Unfall. Die leidenschaftliche Verliebtheit des jungen Franzosen war durch den Aderlaß, der leicht hatte tödlich sein können, stark abgekühlt. Mit keinem Worte verlangte er nach der schönen Urheberin seiner Leiden. Ich aber dachte: besser solchen, römischen Dolch zwischen den Rippen, als einen römischen Ring am Finger! Fiammetta ließ sich nicht ein einziges Mal im Spital sehen, vollständig gleichgültig dafür, ob das arme junge Blut mit dem Leben davonkam oder nicht. Für sie war die Sache seit der Geschichte mit dem Dolchstoß vorbei. Und vorbei die Hoffnung, sich mit dem Hut der Signora krönen zu können. Also ging der Verwundete in San Spirito sie weiter nichts an und alles, was sie zu thun hatte, war, sich in andern Ateliers Arbeit zu suchen, da man sie in der Villa Medici nicht mehr wollte. Ich hatte sie abgelehnt; doch war sie bereits am nächsten Tage bis tief in den Sommer hinein für jede Stunde vergeben. Es war sehr nett von ihr gewesen, zuerst zu mir armem Kerl zu kommen; und sie fand mich gewiß unendlich thöricht. Ja, diese Deutschen! 10. Über das Leben des Franzosen beruhigt, nahm ich eifrig Chinin, um, sobald meine Kräfte es gestatteten, nach dem Molarathal abzureisen: mit der Bahn bis Frascati, dann zu Fuß. Ich nahm ziemlich viel Gepäck mit, da ich den ganzen Sommer in jener schönen einsamen Gegend bleiben wollte, die mich nun einmal magisch anzog. Nicht wissend, ob die Latini noch im Grabmal der Furier hausten, ließ ich meine Sachen in der berühmten Wein- und Villenstadt und begab mich durch die köstlichen Wildnisse der Villa Falconieri und über den tusculanischen Ruinenberg in die Kirchhofstille der ältesten Schlachtfelder Roms hinab. Keine purpurfarbenen Veilchen- und goldgelben Krokusfelder grüßten mich mehr: die frühlingsfrohe Lieblichkeit war einer sommerlichen Blütenpracht gewichen, deren Üppigkeit etwas Sybaritisches hatte: die Natur feierte ein Symposion. Ich wollte querfeldein gehen und versank buchstäblich in einem Meer violetter Skabiosen, brennendroter Malven und indigoblauen Rittersporns. Mühsam durchwatete ich die bunte Flut von Blüten und Düften, mußte Caprifolium überwucherte Felsblöcke emporklimmen, mußte Bollwerke von wilden Rosen und Rosmarin überwinden, um mit erschöpften Kräften auf einer Insel zu landen, welche rosablühende Verbenen und Reseden umsäumten. Auf diesem märchenhaften Gestade ruhte ich aus und schaute nach dem Grabmal der Furier hinüber. Es lag verlassen unter Akanthus und Ginster. Ich hörte kein Hirtenlied. sah keine Herde. Nur auf der Landstraße, der uralten Via latina, die wie eine braune Furche das Blütenland durchschnitt, bemerkte ich einen von Maultieren gezogenen Karren. Langsam, unter dem schrillen Geläut seiner Schellen, bewegte sich das Fuhrwerk durch das große Schweigen der Öde, darüber das Volskergebirge wie ein strahlendes Wolkengebilde aufstieg. Nachdem ich meine Augen an dem Bilde gesättigt und genug gerastet hatte, machte ich mich auf, meine beiden Sabiner zu suchen. Ich arbeitete mich bis zur lateinischen Straße hinunter, die ich auf gut Glück hinzog, in der Hoffnung, einem Bauern oder Hirten zu begegnen, der mir über den jeweiligen Aufenthalt der Nomaden von Val di Pietra berichten konnte. Ich wandelte fort und fort durch die wuchernde Prairie, in welcher Herden silbergrauer Ochsen weideten. Die schönen Tiere ragten nur mit dem mächtig gehörnten Haupt aus der Buntheit der blühenden Steppe auf. Von einem Hirten war nichts zu sehen. Die Straße stieg an und ich gelangte auf eine Hochebene. Von einem weiten Rund von Waldhügeln umschlossen, bildete sie ein einziges unabsehbares Gefild von Königskerzen. Es war sogleich bei mir beschlossen: das mußt du malen, dieses leuchtende Feld in dem schillernden zitternden Dunst eines römischen Sommertages. Nur die Staffage fehlte. Es mußte eine junge schlanke Gestalt sein, regungslos wie einer der schimmernden Blütenschäfte ... Dann ein neues Blütenwunder, für mich das Erstaunlichste. Das Terrain wurde hügelig. Welle auf Welle floß über den Boden wie schneeweiße Schaumwogen, in deren Gischt ich mich stürzte: steile Kämme, besetzt mit Weißdornbüschen, die in voller Blüte standen. Ich sah kein grünes Blatt, keinen Stamm. Schneeweiße glanzvolle Blumenmassen, so weit ich blicken konnte. Als ich einen der Hügel erklomm, stand ich wie über den schäumenden Wassern eines wundersamen Ozeans. Wohl eine Stunde irrte ich in dieser holdseligen Brandung umher. Sie wich zurück. Inmitten der weißen Wellen ein kleiner, kreisrunder, kohlschwarzer Teich und an seinem Rande eine Hütte aus Röhricht. Kaum trat ich darauf zu, so sprangen auch die drei Wolfshunde vor und heulend auf mich zu. Sogleich rief der bekannte Pfiff sie zurück. Ich gewahrte die schlanke Gestalt meines guten armen Cé im Eingange der Hütte stehen. Sobald er mich erkannte, eilte er mir entgegen. An dem Ufer dieses dunkeln Bergsees, unter den Weißdornhügeln wollte auch ich mir eine Hütte bauen. 11. Wir Deutschen können diesem Volke niemals gerecht werden – wir können nicht! Unsre Rassen sind von einander zu sehr verschieden, Entweder werden wir, je nach unserm Naturell, den Italiener in einer Apotheose verhimmeln, oder wir werden uns mit Widerwillen, mit Verachtung, mit Haß von ihm abwenden. Das eine ist genau so falsch wie das andere. Mich zieht dieses Menschengeschlecht ebenso leidenschaftlich an, wie es mich abstößt. Es verwirrt mich, es quält mich. Ich werde es sicher niemals kennen lernen und niemals gerecht beurteilen können. Und immer wird es mich von neuem in Erstaunen versetzen ... Erst abends fragte mich Cé so nebenbei: ob ich Fiammetta gesehen, oder von ihr gehört hätte? Ich fühlte, wie ich bleich wurde und mein Herz laut zu klopfen begann. Ja! Ich hätte sie gesehen. Sie fände jetzt bei den Franzosen keine Arbeit mehr ... So?... Nein! Nun ja! Einer der Franzosen hätte sie heiraten wollen ... Ja, aber? ... Natürlich würde sie ihn geheiratet haben und eine Signora geworden sein. Ich war sprachlos. Das sagte mir dieser rasend verliebte Sabiner. Noch dazu sagte er es vollkommen gelassen, als wäre es die selbstverständlichste Sache von der Welt. Endlich brachte ich etwas mühsam die Frage heraus: weshalb sie den Franzosen denn nicht geheiratet hätte? O, weshalb nicht? Raffaelo hatte das Ding gemerkt und den heiratslustigen Herrn rechtzeitig mit einem Messerstich bedient. Auch das schien durchaus »natürlich« zu sein. Sehr begierig war ich zu erfahren, wie es denn jetzt mit den beiden stand? Gewiß hatte auch die Leidenschaft des Sabiners durch den Blutverlust des Franzosen eine bedeutende Abkühlung erfahren und mit Cesares Jugendliebe war es wohl zu Ende. Ich befand mich jedoch noch keine vierundzwanzig Stunden unter dem blühenden Weißdornhügel am Rande des schwarzen Bergsees, als ich bereits eines andern belehrt worden war. Cé war nach wie vor auf die Fiammetta versessen, dachte nur an den Erwerb von möglichst vielen bald Hochzeit machen zu können und fühlte sich im übrigen in seiner Manneswürde und Bräutigamsehre – dank des brüderlichen Dolchstoßes – vollkommen unverletzt. Ich sorgte jetzt für meine Villeggiatur an dem See von Doganello, wie die regungslose stygische Wasserflut hieß. Die Sache mit dem Hüttenbau überlegte ich mir vorerst noch. Material gab es zwar in Hülle und Fülle; denn unmittelbar hinter den Blütenkämmen der Weißdornhügel leuchtete die Steppe des Hochthals in dem Goldglanz des Ginsters. Doch ergab sich mir ein andres stabileres Sommerquartier. Der Doganellosee liegt unweit eines Passes, welcher bereits im grauen Altertum einen berühmten Namen hatte; denn er bildete die Grenze zwischen Tusculum und dem feindlichen Hernikergebiet. Das Algidum – wie diese Gegend seit uralten Zeiten heißt – war stark befestigt. Es wurde zahllosemale zerstört und ebenso oft wieder aufgebaut; zuletzt von irgend einem kriegerischen Papst des Mittelalters. Später verwandelte sich das Kastell in ein beliebtes Jagdhaus weidlustiger Großen, die es wiederum bald hergeben muß ten. Unter den vielen Herren verfiel der Besitz, wurde ein berüchtigter Aufenthalt der Banditen, von wo aus die Posten und Vetturins, die nach Neapel zogen, überfallen und ausgeraubt wurden und zwar bis in die neueste Zelt. Augenblicklich war das Kastell eine Ruine, nur von einem Waldhüter bewohnt, der je nachdem bald einem entwichenen Übelthäter, bald den diesen suchenden Carabiniers, oder einem römischen Wachteljäger Obdach gewährte. Dieser charaktervolle und menschenfreundliche Mann wurde also mein Padrone und der einzig bewohnbare Raum meine Malerherberge. Es war ein saalähnliches Gemach mit aufgerissenem Fußboden und berstenden Wänden. Aber Thüren und Kamin faßte Marmor ein, die Decke zeigte eine Stuccatur voll der göttlichen Grazie des Cinquecento und an den Mauern waren die Spuren von Fresken sichtbar, darin ich den Geist von Domenichino zu erkennen glaubte. Trat ich an eines der großen scheibenlosen Fenster, so blickte ich auf eine Landschaft herab, die wie ein Gesang Homers auf mich wirkte: jede Linie darin von gradezu heroischer Größe! Ich übersah das dunkle Waldgebirge und die weite leuchtende Steppe von den Volskerbergen bis zum Tyrrhenischen Meer, dessen Farbenspiel mit dem des Firmaments zusammenfloß. Sehr vergnüglich für mich war es, an der Ruine alle die Epochen zu erkennen, die an diesem Bau nach und nach sich bethätigt hatten. Über gewaltigen cyklopischen Felsblöcken fand ich den grauen Peperin der Republik, das feine bläuliche Netzwerk der ersten Kaiserzeit ausgemauert. Säulenstümpfe aus goldigem Travertin, korinthische Marmorkapitäle lagen in dem wuchernden Unkraut der Höfe, zusammen mit den Torsen von Götterstatuen und Ehrenbildsäulen von Kaisern und Senatoren. Aus jedem Stein sprach zu mir eine Vergangenheit, welche Weltgeschichte war. Aber sie lag da als Schutthaufen, in Scherben zerschlagen. 12. Es war ein lustiges Hausen in dem alten Römerkastell, dessen genius loci der Geist der Geschichte war. Pasquale, mein Wirt, versorgte mich mit Wein und Brot; Vater Lorenzo mit Butter, Milch und Käse. Den übrigen Proviant holte ich mir selbst per Maultier aus Palästrina, wie ich denn auch meinen eigenen Koch und Kammerdiener machte. Meine Maccaroni al burro und al pomi d'oro waren ein kulinarisches Meisterwerk – so behauptete ich wenigstens. Und auf meine eigene Meinung kam es in diesem Fall ja nur an. Ich vernahm, daß die Carabiniers Raffaelo gesucht hatten: gleich anfangs und nur ein einzigesmal! Damit war ihre Pflicht gethan. Ließen sie sich jetzt noch bisweilen blicken, so bildeten die jungen prächtigen Gestalten in ihren bunten Uniformen eine wunderhübsche Staffage. Im übrigen kümmerten sie sich nicht weiter um die kleine Affaire. Sie hätten auch viel zu thun gehabt, wenn sie im Römischen jeden Dolchstich und Pistolenschuß ernsthaft genommen. Es dauerte denn auch gar nicht lange und der jugendliche Rächer der Ehre seines Bruders befand sich ganz gemächlich am See von Doganello bei den Seinen und wurde seiner Heldenthat willen von Vater und Bruder hoch geehrt. Übrigens flößte der hübsche braune Bengel auch mir eine Art von Respekt ein. Er hatte die Sache mit einer gewissen Großartigkeit verübt. Auf der obersten Terrasse der spanischen Treppe den Künstler erwartend, der langsam heraufstieg, stieß er ihm mit aller Wucht sein Dolchmesser zwischen die Rippen ... Inzwischen machte ich eifrige Studien zu dem Gemälde, welches ich von der Skizze mit der Blüte der Königskerze im Geiste trug. Aber ich hatte dafür noch immer nicht das eigentliche Motiv gefunden. Fiammetta wurde täglich aus Rom erwartet. Sie mußte dort noch zu thun und zu verdienen haben, was um diese heiße Zeit selten der Fall war. Die meisten Modelle hatten die Stadt bereits verlassen und waren in die hohen Felsennester zurückgekehrt. Einige davon passierten auf ihrem Heimwege das Molarathal, Sie zogen in kleinen Trupps unter Gesang daher. Es war seltsam, das schrille Gerassel der Tamburinschellen, die eintönigen melancholischen Weisen über der Wildnis schweben zu hören und die bunten schlanken Gestalten über die goldgelbe Heide sich hinbewegen zu sehen. Langsam schritten die Mädchen, die ihre sämtliche Habe auf dem Kopf trugen, dahin. Es war wie eine Prozession. Mit den letzten sah ich von meinem Studienplatz aus Fiammetta herankommen: als Zugführerin, mit hoch erhobenen Armen das Tamburin schlagend. Die Glut des Tages hüllte sie ein wie ein feines funkelndes Gewebe. Ich arbeitete weiter, aber eilig und zerstreut, machte früh Feierabend und begab mich an den See, wo ich das schöne Mädchen bereits eingerichtet fand, als wäre sie niemals abwesend gewesen und hätte niemals Aussicht gehabt, eine Dame zu werden. Die Männer hatten für sie eine eigene Hütte gebaut, deren Ginsterwände noch grün waren. Mit keiner Miene verriet Cesare seine Erregung und ich wußte doch, daß der ganze Mensch sich in einem wahren Aufruhr befand. Aber der gewiegteste Diplomat hätte sich nicht mehr in der Gewalt haben können, als dieser junge Sabiner. Ich fragte Fiammetta, ob sie mir Modell stehen wollte: auf der Heide, inmitten der blühenden Königskerzen? Ja, sie wollte. Frage und Antwort fanden vor der Hütte statt, in Gegenwart von Vater und Sohn. Als ich mich später nach Hause begab, erfand Cé einen Vorwand, mich zu begleiten. Er sagte mir kurz und bündig: ich sollte mich in acht nehmen und an den Franzosen denken. Verführen ließe sich die Fiammetta von keinem Fürsten der Welt. Und wenn ich mich etwa auch so verrückt in sie vernarrte, daß ich sie zu einer Dame machen wollte; dann – es würde ihm leid um mich sein. Übrigens wollte Cé die Hochzeit nicht länger aufschieben. Er hatte sich bei seinem Mädchen nach dem Erwerb des Jahres erkundigt, hatte ein günstiges Resultat erfahren, hatte mit Vater und Braut eine bedächtige Rechnung gemacht, den Erwerb einer Herde als für möglich befunden und wollte nun gleich am nächsten Sonntag nach Rocca Priora, um mit dem Priester das Nötige zu besprechen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß der Priester allein heutzutage zu einer Hochzeit nicht ausreicht. Aber er verstand mich gar nicht. Cé war am Sonntag in Rocca Priora gewesen und hatte mit dem geistlichen Herrn wegen seiner Hochzeit gesprochen. Aber dieser weigerte sich, das Paar zu trauen, weil die zwei – Geschwisterkinder waren. Weder Vater Lorenzo, noch die beiden Verliebten hatten das bedacht. Erst jetzt fiel es ihnen ein: die Ehe zwischen Cesare und Fiammetta Latini war eine Sünde! Und zwar eine hundertfach größere, als ein Raubmord oder sonst ein Totschlag gewesen wäre. So hatte der geistliche Herr ihnen das Ding begreiflich zu machen gesucht und so begriffen sie es denn auch. Cesares dumpfe Verzweiflung hatte etwas Erschreckendes. Ruhig erzählte er mir den Sachverhalt und ruhig blieb er auch später. Aber wie er es erzählte: mit welcher Stimme, welcher Miene! Und wie er die Tage darauf seinen gewöhnlichen Geschäften nachging ... Auf keinem Menschengesicht hatte ich jemals solchen Ausdruck gesehen. Es war Hoffnungslosigkeit. Fiammettas Empfindungswelt blieb mir vollständig verschlossen. Sie äußerte sich mit keinem Wort, stand mir Modell, stand stundenlang im Sonnenbrande: mit weit offenen Augen in die glanzvolle Helle schauend, als erwarte sie von dorther irgend wen, irgend was; als müßte zu ihr aus weiter Ferne eine geheimnisvolle Macht kommen, die dieses regungslose Frauenbildnis beleben sollte. Jetzt sprach ich mit Cé. Ich setzte ihm auseinander, daß ein Brautpaar der Kirche nicht mehr bed ürfe, um ein Ehepaar zu werden, daß der Staat ihn und Fiammetta unbedenklich zusammen geben würde – allerdings nur der Staat. Aber Cé begriff mich gar nicht. Ich sprach mit Fiammetta, mit Lorenzo ... Aber das Brautpaar ein Ehepaar werden ohne die Kirche? Auch diese beiden begriffen es nicht. Unmöglich! Ich begann von Giuseppe Garibaldi zu reden, durch welchen in Italien die Macht der Kirche gebrochen sei – so drückte ich mich aus. Ich wies auf den großen Staatsmann Crispi, den »Checco«, hin; aber – nein und nein! Sie begriffen es nicht. Es fehlte ihnen jede Vorstellung von dem, was ich ihnen immer und immer wieder klar zu machen suchte. Unmöglich konnten sie Mann und Frau werden; denn kein Priester würde sie trauen. Das wußten sie jetzt. Und ohne das Amen des Priesters auch keine Ehe. 13. Auch an eine andre Sache hatten diese naiven Kinder der Wildnis mit keinem Gedanken gedacht: daß der Staat, der ohne die Kirche Ehen schloß und von seinen Bürgern die sündhaften Steuern nahm, seine jungen Söhne zu Soldaten verlangte. Lorenzo Latini besaß zwei Söhne, also mußte der älteste dem Vaterland dienen. Fürs erste mußte der gute Cé nach Palästrina, um dort »die Nummer zu ziehen.« Eine »glückliche Nummer« konnte ihn frei machen von dem Dienst fürs Vaterland, welches grade seiner Söhne dringend bedurfte, um sie in dem ungerechtesten und verabscheuungswürdigsten aller jemals geführten Kriege für seinen »Ruhm« in Afrika sterben, das heißt abschlachten zu lassen. Zuerst wollte der wackere Lorenzo seinen Ältesten durchaus nicht nach Palästrina zur Ziehung schicken. Sie hatten ihm gesagt: der Krieg in Afrika würde von Francesco Crispi gemacht, wäre also des Checcos Krieg; und der Checco würde doch nicht ihm, seinem alten Freunde von der Via Appia und Mentana, den Sohn nehmen? Grade den ältesten, stärksten und nützlichsten! Ich hatte es aufgegeben, der Familie Latini die neue Zeit begreiflich zu machen und mußte es in diesem Falle den Carabiniers überlassen. Sie kamen eines schönen Tages, holten Cé einfach von der Herde fort und hätten gegen Vater und Sohn fast Waffengewalt anwenden müssen. Wie ein Gefangener wurde der Jüngling aus dem Molarathal nach Palästrina geführt. Lorenzo war es nach der gewaltsamen Fortführung seines Ältesten zu Mute, als hätte er einen Schlag vor den Kopf bekommen. Er war einfach betäubt. Fiammetta dagegen gebärdete sich wie eine Rasende. Sie hatte den Franzosen, der sie heiraten wollte, ruhig erstechen lassen, hatte mit Gleichmut die Aussicht aufgegeben, eine Dame zu werden und den Hut zu tragen, mit scheinbar unbewegter Seele hingenommen, nicht ihres Vetters Frau zu werden. Nun plötzlich dieser Ausbruch sinnloser Leidenschaft, Sie wollte nicht hören, daß es nun einmal so war, daß Cesare sich überdies frei ziehen konnte. Sie ließ sich nicht beruhigen, schrie in einem fort: nun müßte er nach Afrika; nun würde er in Afrika totgeschossen. Es wäre mit ihm und mit ihr vorbei. Ihr ganzer Haß traf den »Checco«. Er hatte den Krieg gemacht, er nahm ihr Cesare, er ließ diesen in Afrika totschießen! Der »Checco« war an allem schuld, sowohl an dem unseligen Schicksal Italiens wie an dem der Familie Latini. Einen noch tieferen Eindruck als die gewaltsame Fortführung Cés machte auf Lorenzo die Vorstellung, daß der Checco – sein Checco – das Unglück der Nation verschuldet haben sollte. Ich hörte ihn fort und fort den Namen seines alten Freundes murmeln und sah ihn stundenlang vor sich hinbrüten. Cesare kam von Palästrina nicht wieder zurück und den nächsten Tag machte ich mich auf, um für seine verzweifelte Familie Nachricht einzuziehen; denn Raffaelo mußte bei der Herde bleiben. Lorenzo war über Nacht ein alter Mann geworden und Fiammetta that, als wäre ihr Liebster – den sie ja doch nicht heiraten konnte – bereits tot und begraben und sie hätte auf der Welt nichts anderes mehr zu thun, als an seinem Mörder Rache zu nehmen. Also begab ich mich schweren Herzens nach der leuchtenden Stadt des großen Tondichters. In Palästrina brachte ich in Erfahrung, daß Cesare Latini von Val di Pietra eine unglückliche Nummer gezogen hatte und mit den übrigen – ganz gegen den Usus – bereits in einigen Tagen nach Neapel abgehen würde. Dort sollten die neuen Rekruten in Eile notdürftig einexerziert werden und dann sogleich nach Afrika, wo die Regierung weniger gute Soldaten, als vielmehr Kriegsmaterial und Menschenleben bedurfte, zur Versendung gelangen. Keinem einzigen der jungen Leute ward gestattet, noch einmal zum Abschiede in die Heimat zurückzukehren. Die Regierung befürchtete Erregungen des Landvolkes, die zu Tumulten führen konnten. Wie Arrestanten wurden die Rekruten gehalten und sie sollten doch mit »Gott für König und Vaterland« gegen Kaiser Menelik in den Tod gehen. Es gelang mir, nicht ohne Hilfe eines inhaltreichen Händedrucks, in die Kaserne zu dringen. Einer der gewaltigen Baronalpaläste des Mittelalters mit Mauern und Höfen wie eine Festung, oder ein Gefängnis, war dazu eingerichtet worden. Mein armer Cé befand sich abseits von seinen übrigen Unglücksgenossen. Er sah bleich und verändert aus, schaute mich kaum an, hörte kaum, was ich sprach, womit ich ihn zu trösten versuchte. Unter den jungen Leuten herrschte eine schwüle Stille. Sie hatten Mienen und Blicke, daß ich dachte: ›Gott gnade dem Lande, dessen Söhne mit solchen Gesichtern in einen Krieg ziehen!‹ Ein Gefühl tiefen Wehs überkam mich bei dem Anblick dieser »Jugend Italiens«, für deren verzweiflungsvolle Stimmung ich diejenigen verantwortlich machte, welche einen Krieg für die Größe des neuen »Kulturstaates« erforderlich hielten, einen derartigen Krieg! Mit Mühe und Not preßte ich Cé einige Worte aus ... Ihm war's gleich. Nur die Fiammetta! Ihm war alles gleich. Aber daß die Fiammetta nicht seine Frau geworden war – niemals werden konnte! Es war ihm lieber, in Afrika erschossen, oder geschlachtet, oder verstümmelt zu werden – da er von der Fiammetta nun einmal nicht hätte lassen können. Ganz unmöglich! Er dachte und fühlte nur das eine: die Fiammetta! Ob er seinen Leuten etwas zu bestellen hätte? Nein – nichts. Auch nicht der Fiammetta? Nein, auch der nichts ... Ja, doch! Ich sollte der Fiammetta sagen: es sei besser so! Besser wär's, er würde in Afrika umgebracht. Ich antwortete: »Es ist besser, du siehst sie jetzt nicht wieder. Aber wenn du aus Afrika glücklich zurückkommst: als tapferer Soldat und braver Mensch, so bist du verständig, kümmerst dich nicht um die Pfaffen und nimmst deine Fiammetta zur Frau.« Er erwiderte nichts; er sah mich nur an. Es war ein trostloser Blick. Als ich an den Doganellosee zurückkam, befanden sich im Hirtenlager nur Fiammetta und Raffaelo: Lorenzo hatte mitten in der Nacht die Cavanna heimlich verlassen. Bevor ich meine Erlebnisse in Palästrina berichten konnte, erzählte mir Fiammetta: sie hatte die letzte Nacht von schwarzen Hühnern geträumt. Schwarze Hühner im Traum gesehen, bedeutete Tod, Cesare würde also sterben. Aber sie würde ihn rächen. Ich fragte, an wem sie ihren Geliebten rächen wollte, wenn dieser im Kriege wirklich fallen sollte? Ganz gleich an wem! Ihr Vorsatz nach Rache erfüllte sie bereits jetzt in einer Weise, daß sie den sofortigen Aufbruch Cesares nach Neapel ohne Abschied gar nicht zu empfinden schien. Was hätte auch ein Abschied geholfen? Sterben mußte er ja doch – da sie von schwarzen Hühnern geträumt hatte. Ich befand mich noch zu später Nachtstunde in der Hütte am See, beunruhigt durch das lange Ausbleiben Lorenzos, als dieser kam, vom Kopf bis zu den Füßen staubbedeckt. Seine Miene drückte eine Trauer aus, die mir zu Herzen ging. »Aber Cencio! Wo wart Ihr denn nur?« »In Rom.« »Cesare ist ja in Palästrina. Er läßt Euch grüßen. Was wolltet Ihr also in Rom?« »Mit dem Checco reden.« »Ihr wolltet zu Crispi?!« »Nun ja, zum Checco. Ich kenne ihn ja doch. Wir sind ja doch alte Freunde.« »Ach, guter Lorenzo!« »Ich wollte ihn fragen, ob es wahr sei, daß er diesen Krieg gemacht hat, daß also er mir den Sohn fortnimmt? Ich wollte ihn bitten, mir meinen Cé wiederzugeben. Er ist ja doch mein alter Freund, der Checco.« »Lorenzo, guter alter Lorenzo!« Aber ich sagte es rein mechanisch. Ich hatte zufällig Fiammetta angesehen und konnte meinen Blick nicht mehr von ihr abwenden. Bei der Nennung des großen Staatsmannes hatten ihre Augen aufgeleuchtet, hatte ihr Gesicht ein Ausdruck entstellt, daß ich sogleich wußte: plötzlich hat sie den Mann gefunden, an dem sie den Tod Cesares rächen würde. Denn sterben mußte dieser, ihrem Traum zufolge, ja unbedingt. »Und wie war's in Rom?« fragte ich nach einer Pause, unverwandt Fiammetta anschauend. Lorenzo hatte sich gesetzt wie ein Mensch, der todmüde ist, todmüde auch in der Seele. Er schien meine Frage überhört zu haben, schaute vor sich hin und murmelte mit schwerem Atem: »Der Checco! Jawohl, ja, der Checco!« »Saht Ihr Euern alten Freund, Francesco Crispi? Erzählt doch!« Und Lorenzo Latini erzählte ... Auch seine Stimme klang todmüde. »Ich kam in Rom an, fragte, wo der Checco wohnte? Aber der Mann wußte es nicht. Ich fragte also einen andern. Und noch einen andern. Aber keiner wußte es. Erst als ich den andern Namen nannte, verstanden sie mich. Weswegen erst noch den andern Namen? Checco war doch genug.« »Also sagte man Euch dann, wo Crispi wohnte?« »Sie fragten mich, was ich bei ihm wollte? Nun, reden wollte ich mit ihm! Von dem Krieg in Afrika und von meinem Sohn Cé. Wozu brauchten die Leute das zu wissen?« »Schließlich erfuhrt Ihr Crispis Wohnung?« »Nun ja, bei der hohen Treppe wohnt er. Als ich in sein Haus hinein wollte, ließen sie mich nicht hinein.« »Wer nicht?« »Die Carabiniers und die Polizei. Die Polizei stand vor Checcos Haus Wache, damit niemand zu ihm hineinkam. Und ich war doch sein alter Freund, von der Via Appia und von Mentana.« »Sagtet Ihr das den Leuten nicht?« »Freilich. Aber sie ...« »Nun sie?« »Sie lachten mich aus.« »Armer Cencio!« »Und sie ließen mich nicht hinein.« »Was thatet Ihr?« »Ich wartete.« »Vor Crispis Hause?« »Vor dem Hause durfte ich nicht stehen bleiben: die Carabiniers und die Polizei jagten mich fort. Denkt Euch: von dem Hause meines alten Freundes Checco jagten sie mich fort.« Ich versuchte ihn zu trösten. »Das mußten sie. Dafür stehen sie vor Crispis Hause. Sie müssen den großen Staatsmann bewachen.« »Weswegen bewachen?« »Jenun ... Euer Checco hat viele Feinde in Italien.« »So, so! Feinde hat er? Der Checco!« Er schwieg, starrte vor sich hin, seufzte. Es war wie ein Stöhnen. »Also Ihr wartetet?« »Auf der Straße. Er kam dann auch. Im Wagen kam er. Ich erkannte ihn gleich. Ganz weiß ist er geworden. Da wollte ich's ihm denn sagen. Aber gleich waren wieder die Carabiniers und die Polizei bei mir. Da rief ich's ihm zu, während sie mich von seinem Wagen zurückhielten.« Was rieft Ihr Crispi zu?« »›Ich bin ja der Lorenzo Latini!‹ Aber er –« »Gewiß verstand er Euch nicht.« »Herr, er verstand mich.« »Dann wußte er Euern Namen nicht mehr.« »Herr, das ist nicht möglich. Meinen Namen mußte er wissen. Denkt doch an die Via Appia!« »Aber er erkannte Euch also nicht mehr?« »Herr, er verachtet mich.« »Nein! Nein!« »Er sah mich an und – Herr, der Checco verachtet den armen Hirten, der an seinem Wege stand, als er im Wagen nach Hause fuhr.« Er ließ den Kopf in seine beiden Hände sinken und war an Leib und Seele ein todmüder Mensch. Ich ging still hinaus. 14. Dann kam ein Tag der Angst und des Schreckens. Fiammetta war verschwunden und Cesare wurde von den Carabiniers gesucht: er war desertiert! Die beiden, denen die Kirche den Segen verweigerte und welche die bindende Macht des Staates nicht begriffen hatten, waren plötzlich durch die zwingende Gewalt der Leidenschaft zusammengeführt worden. Armes junges Paar! Diesesmal machte die römische Polizei Ernst und auf Cesare wurde eine Jagd angestellt, als wäre der entflohene Rekrut ein zehnfacher Raubmörder. Das Seltene geschah des Beispiels wegen. Was sollte aus dem Kriege mit Afrika werden, wenn Italiens Söhne die Sache des Vaterlands schmählich im Stich ließen? Man sagte Lorenzo: bekämen sie seinen Sohn, so würde er – des Exempels wegen – auf dem Platze, wo sie ihn gefangen nahmen, niedergeschossen. Der Vater vernahm es mit stumpfer Verzweiflung. Für mich bestand kein Zweifel, daß die beiden sich ganz in der Nähe aufhielten und daß sowohl Lorenzo wie Raffaelo um ihren Versteck wußten. Sicher trug ihnen der Knabe Nahrung und Nachrichten zu, was für beide Teile mit größter Gefahr verbunden war; denn das Hirtenlager am Doganellosee wurde scharf bewacht. Ich ging umher, als wäre ich selbst ein Verfolgter. Zu malen war mir unmöglich. Meine Angst um das Schicksal der Familie Latini hielt mich fort und fort in der Nähe des Sees oder der Herde, die gehütet werden mußte, als wäre nichts geschehen. Mit Lorenzo wagte ich nicht zu reden. Er hatte etwas in seinem Gesicht und Wesen, was ihn unnahbar machte. Aber den Knaben warnte ich, ihn zur höchsten Vorsicht mahnend. Der schlaue Junge that, als verstünde er mich nicht. Nach einigen Tagen jedoch mußte er sich mir entdecken: die Carabiniers, diese Bluthunde, wären auch nachts auf der Lauer; fast, daß sie ihn erwischt hätten! Seit zwei Tagen befanden sich die beiden ohne Lebensmittel. Ich mußte sie aufsuchen und zwar noch in der nämlichen Nacht. Ich erklärte mich sofort bereit und wir – Raffaelo und ich – machten unsern Plan. Ich sollte mich sogleich nach Frascati begeben, dort am Morgen Lebensmittel, hauptsächlich Brot und Wein einkaufen, einen Esel mieten, als wollte ich einen Ausflug nach Tusculum unternehmen, den Treiber zurücklassen und dann auch richtig den Ruinenberg hinaufreiten. Dort in dem weitläufigen, zum Teil unterirdischen Gebiet der Tiberiusvilla würde ich in einer halbversunkenen Galerie einen alten vertrockneten Feigenbaum finden. Hier sollte ich einen schrillen Schrei ausstoßen, welcher den Ruf des Falken nachahmte, und dann dessen Wirkung abwarten. Mit großer Vorsicht führte ich diesen Plan aus, glaubte alles sehr gut vollbracht zu haben und vollständig unbeobachtet geblieben zu sein. Jetzt lag ich in dem gewaltigen Trümmerwerk der Kaiservilla, unter hohem Menthekraut, welches bei der Sonnenglut einen betäubenden Duft verbreitete. Ganz nahe vor mir durchschnitt das silbergraue Gerippe des verdorrten Feigenbaums den strahlenden Äther und mein Esel ließ sich die fetten Disteln von Tusculum schmecken. Nicht lange und die beiden kamen. Aus einem der verschütteten Prunksäle Tibers, in die es jetzt wie in natürliche Grotten hinabging, stiegen sie zum Tageslicht auf: Cé mit einer Büchse bewaffnet, die Raffaelo ihm zugetragen hatte. Sie schienen nicht im mindesten erstaunt, mich zu sehen; aber sie freuten sich und dankten mir, daß ich gekommen war. Fiammettas Mienen und Wesen ließen mich nichts von ihren Empfindungen ahnen; dagegen war Cesare voller Triumph und in einem Glück, das ihn berauschte. Er hatte keinen Gedanken an die Gefahr und daß es sich um Leben oder Tod handelte, war ohne Besinnung für seine Lage, die auf die Dauer unhaltbar war. Ich versuchte, ihm dieselbe zum Bewußtsein zu bringen, mußte jedoch bald einsehen, daß ich dazu nicht im stande war. Er wollte an die Lebensgefahr nicht glauben, meinte: die Carabiniers würden ihn noch eine Weile suchen und sich dann nicht mehr um ihn bekümmern – sie machten es ja immer so und er hätte weder einen Mord noch sonst ein Unrecht begangen. Es war vergeblich, daß ich ihm das klar zu machen suchte. Er blieb dabei, daß er nichts gethan hätte, als sein Leben zu retten; denn er wäre ja doch nur nach Afrika gebracht worden, um dort getötet zu werden. Was ginge ihn der Krieg in Afrika an? Fiammetta hörte unsern Verhandlungen wortlos zu. Sie saß auf einem antiken Gebälk und hatte wieder ihren in weite Fernen schauenden Blick: grade, als erwarte sie jemand. Sie kümmerte sich so wenig um die Gegenwart und um die dringende Frage: was werden sollte, daß ich sie laut anrief, als müßte ich sie aus schwerem Schlaf wecken. »Sitze doch nicht so da! Was sagst denn du dazu?« »Wozu?« »Wie es mit euch werden soll?« »Wie soll es mit uns werden? Ich weiß genau, wie es mit uns wird.« »Nun?« Sie schwieg. »Aber so sprich doch!« »Sie werden ihn töten und ich muß ihn rächen,« antwortete sie laut und gelassen. Cé lachte. Es war zum erstenmal, daß ich den jungen Sabiner lachen hörte und grade bei der Prophezeiung seines Todes. Sein Lachen war sorglos und fröhlich wie das eines Knaben. So gut es mir gelingen wollte, stimmte ich ein; aber es klang ziemlich gewaltsam. Fiammetta wiederholte: »Sie werden ihn töten.« »Wohl weil du neulich von schwarzen Hühnern geträumt hast und weil in euren Traumbüchern schwarze Hühner Sterben bedeuten?« versuchte ich zu scherzen, noch immer unter dem Bann einer schwermütigen Stimmung. »Herr, lacht nicht über Träume.« »Und wenn sie deinen Cé getötet haben, so mußt du nach sabinischem Brauch wiederum töten. Wen? Francesco Crispi?« »Ihn oder einen andern.« »Der Schuld an dem Krieg mit Afrika trägt?« »Ja, Herr.« Mit dem seltsamen Geschöpf war nichts anzufangen. 15. Dann mußte ich die beiden verlassen und aufbrechen. Sie wollten mir durchaus ein Stück Wegs das Geleit geben, so sehr ich mich auch gegen solche Unvorsichtigkeit auflehnte. Cé in seiner glückseligen Stimmung hörte auf nichts und Fiammettas Miene sagte: ›Es ist ja ganz gleich! Seinem Schicksal kann der Mensch doch nicht entgehen.‹ Ich vermochte nur durchzusetzen, daß ich mich vorher über die Sicherheit der nächsten Umgebung unterrichtete. Das ganze Gebiet der Kaiservilla suchte ich ab. Die Ruinen füllte die Glut der Abendsonne. Auf dem roten Gemäuer lag ein Glanz, als würde es von all' dem Blut überströmt, welches unter Kaiser Tiberius geflossen war. Das verdorrte Farnkraut, durch welches ich mir erst einen Weg bahnen muhte, leuchtete wie Goldbronze. Bis an die Schulter versank ich in den Schimmer und erschrak, wenn die braunen Blätter unter meinen Schritten knisterten, oder eine große grüne Eidechse mit lautem Rascheln vor mir entfloh. Aber meine Fußspur bildete in der wuchernden Wildnis das einzige Zeichen von menschlicher Anwesenheit. Als ich endlich aus den Trümmern hervortrat, übersah ich eine kahle Berglehne, welche nach der vollständig baum- und strauchlosen Steppe zu steil abfiel. Nirgends ein Mensch! In ziemlicher Entfernung unter mir erhob sich eine Hirtenhütte aus Cannenrohr und Ginstergestrüpp. Aber sie war verlassen. Beruhigt kehrte ich zu den beiden zurück: sie hatten wirklich nichts zu befürchten – heute noch nicht! Ohne jede Sorge ließ ich mir jetzt ihre Begleitung gefallen. Cesare trug seine Büchse schußbereit. Unterwegs besprachen wir, auf welche Weise ihnen das nächstemal die Lebensmittel zugeführt werden konnten: sie sollten an einem bestimmten Platz in den Ruinen verborgen werden. Die Katastrophe kam so schnell, daß ich davon betäubt ward. Fiammetta stieß einen gellenden Schrei aus und zugleich sah ich, wie aus dem Boden gestiegen, einen Carabinier von den Ruinen her auf uns zustürzen. Und dort noch einen und noch einen! Cé wollte fliehen. Aber Carabiniers hinter ihm und Carabiniers neben ihm! Nur vor uns schien der Weg frei. Also sprang er den steilen Abhang hinunter. Ein Polizist legte auf ihn an, schoß, traf jedoch nicht. Unversehrt erreichte der Verfolgte die Capanna, die sogleich von den Carabiniers umzingelt ward. Um Fiammetta und mich kümmerten sich die Leute nicht und so wurden wir denn die unthätigen Zuschauer des schrecklichen Dramas, welches vor unsern Augen sich abspielte. Cesare stand in dem Eingang der Hütte, von dem aus er – da die Hinterwand durch den Tufffels geschützt ward – seine Verfolger übersah. Er hatte seine Büchse erhoben. Wir waren ihm so nahe, daß wir sein Gesicht erkennen konnten. Er war totenbleich, aber vollkommen ruhig. Der Sergeant fragte ihn: ob er sich auf Gnade und Ungnade ergeben wollte? Er wollte nicht. Ich rief ihm zu: er möge es thun – da er das Hoffnungslose seiner Lage doch einsehen mußte. Aber er wollte nicht. Ich bat und beschwor ihn. Doch er wollte nicht! Da schrie ich Fiammetta an: sie sollte ihn auffordern, sich der Übermacht zu ergeben; flehentlich bitten sollte sie ihn. Aber das Weib stand neben mir, stumm, starr, die Augen weit offen und in die Weite schauend ... Ich wendete mich an den Sergeanten: er möchte dem Unglücklichen Bedenkzeit geben – nur fünf Minuten! Da that Cesare aus seinem Gewehre den ersten Schuß und damit war er verloren. Er hatte einen der Polizisten verwundet und diese wurden jetzt wütend. Sie wollten die Capanna stürmen. Der Sergeant jedoch befahl ihnen, zurückzubleiben und die Hütte einfach in Brand zu schießen. Er wollte den Sabiner ausräuchern wie einen im Bau gefangenen Dachs. Wenn die Hütte in Flammen stand, würde er schon herauskommen. Aber er kam nicht heraus! Gierig züngelten die Flammen an dem trockenen Röhricht empor, dicker Qualm stieg auf. Er mußte ersticken, kam er nicht heraus, nicht sofort heraus! Er blieb drinnen. Ich schrie auf vor Entsetzen; ich stürzte vor, hin zu der ganz in Flammen stehenden Hütte, Ich wollte hineindringen ... Es war zu spät! Verbrennen hatte er sich lassen, lebendigen Leibes verbrennen! Sie hatten den verkohlten Leichnam des jungen Sabiners aus den rauchenden Gluten hervorgezogen, hatten in dem nächsten Gehölz Äste und Zweige abgehauen, eine Bahre gemacht, den Toten darauf gelegt, mit Laub bedeckt und nach Frascati getragen. Ich war mitgegangen und mitgegangen war auch Fiammetta. Sie sagte nicht ein Wort, that keinen Laut. Stumm und starr schritt sie neben der Bahre her, dicht zu Häupten des Toten. Wenn ich zu ihr sprach, schien sie es gar nicht zu hören. Wenigstens gab sie kein Zeichen irgend welchen Verständnisses. Sie trugen den Verbrannten in das Municipium, vor dem trotz der späten Stunde das Volk zusammenlief. Fiammetta und ich standen in der Menge und warteten, was geschehen würde. Es dauerte nicht lange, so kamen die Carabiniers mit dem Leichnam wieder zurück und dann zeigte sich, was sie damit vorhatten. Zum warnenden Beispiel sollte der Tode ausgestellt werden: auf öffentlichem Marktplatz, daß jedermann mit Augen sehen konnte, wie es einem Deserteur erging. Noch mitten in der Nacht wurde das effektvolle Spiel in Scene gesetzt. Zwischen zwei Pechpfannen stand die Bahre mit dem enthüllten Leichnam, zwei Carabiniers hielten dabei Wache und das Volk drängte lautlos herbei, um zu schauen. Fiammetta hatte sich dicht neben dem Toten auf das Straßenpflaster niedergekauert. Den ganzen nächsten Tag über blieb der arme Cé ausgestellt, von den Carabiniers und seiner Geliebten behütet. Ich mußte zurück ins Molarathal an den Doganellosee, um Lorenzo Latini von seinem Sohne Kunde zu bringen ... 16. Bald war wieder alles, wie es gewesen war: Lorenzo Latinis Herde weidete, von Vater und Sohn gehütet, auf den Bergen des Algidum und ich malte an meinem Felde blühender Königskerzen, an einem hochsommerlichen Sciroccotage. Fiammetta stand mir Modell: regungslos und schweigend, mit weit offenem Blick in die Ferne schauend, als ob sie jemand erwartete. Aber der Erwartete kam nicht ... Die verkohlten Überreste des armen Cé lagen eingescharrt auf dem Kirchhof von Frascati. Über dem Grabe wuchs Gras, welches die Sonnengluten bereits versengt hatten. Vater Lorenzo hatte für die jäh hingefahrene Seele seines Ältesten bei den Kapuzinern eine Messe lesen lassen und – der junge Sabiner war eben tot und begraben. Ich atmete auf. Fiammetta schien nicht mehr an Rache zu denken und Lorenzo hatte wohl – ganz gegen sabinische Art – niemals daran gedacht. In der ersten Zeit nach der Katastrophe zitterte ich für das Leben des Sergeanten der Carabiniers. Der Mann that freilich nur seine Pflicht; aber weder Fiammetta noch Lorenzo waren fähig, darüber ein klares und gerechtes Urteil zu haben. Für ihre Empfindungsweise war der Polizist, der den Befehl zur Einäscherung der Hütte gegeben hatte, unmittelbar an Cesares schaurigem Flammentod schuldig, war also der Mörder. So erleichtert ich mich nach einiger Zeit, als nichts sich ereignete, zu fühlen begann, bekam ich doch, wie ich gestehen muß, von diesem Völklein im allgemeinen mehr und mehr eine herzlich geringe Meinung. Nur den biedern Alten mit seiner fanatischen Anbetung Vater Giuseppes und seinem Kinderglauben an Freund Checco nahm ich aus. Nachdem er die bittere Enttäuschung erlitten, daß der große Staatsmann ihm helfen würde, schien er mir eine rührende, fast tragische Gestalt zu sein. Er sprach nie mehr von seinem Gang nach Rom; aber ich merkte wohl, daß ihm die Sache am Herzen fraß, vielleicht mehr noch, als der gräßliche Untergang seines Cé. Meine Geringschätzung traf hauptsächlich die schöne Fiammetta und ich war nur zu sehr geneigt, von ihr einen etwas voreiligen Schluß auf alle Frauen des römischen Landes zu ziehen. ... Diese Fiammetta war die Braut eines braven Jünglings, der sie leidenschaftlich liebte. Da zeigte sich ihr die Aussicht, eine »Dame« zu werden und sie war sogleich bereit, den Geliebten aufzugeben. Durch keine Versuchung wurde sie zu solchem infamen Treubruch verleitet, durch keine plötzlich in ihr erwachte Leidenschaft; sondern lediglich »durch den Hut der Signora«. Die schimmernde Vision erfüllte sich nicht und so wurde sie denn wieder, was sie gewesen war: die Braut des sabinischen Hirten, der denn auch wieder bereit war, sie trotzdem zu seinem Weibe zu machen. Auch was jetzt folgte, war wunderlich genug. Weil die Kirche das verwandte Paar nicht zusammengeben wollte, so konnte es überhaupt nicht zusammenkommen – da es die Autorität des Staates auch auf diesem Gebiete nicht begriff. Wäre der Krieg mit Afrika nicht gewesen und der gute Cé ruhig bei der väterlichen Herde geblieben, so wäre Fiammetta zum Winter von neuem als Modell nach Rom gegangen, ohne daß ihr Vetter sie mit den Lippen berührt hätte. Erst Cesares Auflehnung gegen eine ihm feindselige Gewalt brachte wie ein Elementarereignis die beiden zusammen, die sonst niemals zusammengekommen wären. Aber jetzt betrachtete sich Fiammetta als ihres Vetters Weib. Cesare starb, war nach Fiammettas Anschauung gemordet, und das Weib des Gefallenen mußte, nach uraltem Brauch, an dem Mörder Rache nehmen. Aber diese klassische Sitte schien nur in der Phantasie schwärmender Poeten zu existieren: Fiammetta stand mir gegen gute Bezahlung Modell und hätte ich sie heute gefragt, ob sie den Hut der Dame tragen wollte, so wäre sie morgen mit mir zum Priester gegangen. Aber wohlverstanden: nur durch die Kirche wäre sie die Meine geworden; sonst nicht für Gold und Juwelen. Wahrlich, ein seltsames Volk! Meine Tage im Molarathal waren zu Ende. Auf den höchsten Weideplätzen war das Gras versengt, die Familie Latini rüstete sich zum Abzug nach dem wilden heimatlichen Val di Pietra, ich hatte mit Fiammetta eine letzte Sitzung: mein Bild war fertig. Ich fragte sie – denn wir hatten davon noch gar nicht gesprochen – ob sie zum Winter wieder nach Rom käme und ob sie mir dann wieder Modell stehen würde? Nein. Oder: ja. Sie wüßte es noch nicht. Ich würde ja sehen. Sie müßte allerdings Geld verdienen. Aber zuerst müßte sie – Sie schwieg. Was müßte sie zuerst? Keine Antwort. Dann fragte ich von neuem: sie müßte wohl Geld verdienen für ihre Aussteuer? Denn sie würde wohl bald einen Mann nehmen? Ich that die Frage, weil es mich reizte, in das Seelenleben des schönen Geschöpfes einen Blick zu thun. Fiammetta erwiderte: »Ihr wißt, daß ich keinen Mann nehmen werde – niemals. Und Ihr wißt auch, weshalb nicht.« »Weil du deinen armen Cé nicht vergessen kannst?« fragte ich und fühlte mich ergriffen. »Weil kein Mann mich zum Weibe nehmen würde, wenigstens kein sabinischer Mann,« setzte sie stolz hinzu. Diesmal kam die Reihe zu schweigen an mich. Plötzlich rief ich überlaut: »Sage mir nur, was du thun mußt, ehe du wieder nach Rom kommen kannst, Geld zu verdienen?« Sie sah mich an. Es war ein fürchterlicher Blick; denn wie in Flammenschrift las ich darin: »Zuerst muß ich ihn gerächt haben.« Ich nahm noch nicht Abschied von den Latini. Für eine Rückkehr nach Rom war's noch zu früh; also wollte ich eine Wanderreise antreten; quer durch das Sabinerland und zu den klassischen Stätten Olevano, Civitella und Subiaco. Irgendwo würde ich meinen Freunden aus dem Molarathal sicher begegnen; und wenn nicht, so wollte ich sie in ihrem Heimatsort aufsuchen. Ich sah die Kastanienwälder von Cavi, stieg den leuchtenden Berg von Olevano zur Casa Baldi hinauf, füllte mein Skizzenbuch mit den Eichen und Felsen der Serpentara und gelangte über Rojate und Affile nach der berühmten Aniostadt Subiaco. In dem »Pernice«, der besten aller ländlichen Herbergen des römischen Berglandes, gespeist und ausgeruht, machte ich mich auf den Weg nach dem Heiligtum Sankt Benedikts. Bereits als ich noch in dem kühlen Gastzimmer bei meinem Glase Wein saß, vernahm ich gellendes Geschrei, so daß ich entsetzt aufsprang und zum Fenster stürzte: ob jemand ermordet worden sei? Aber auf der engen Gasse sah ich nur einige alte Weiber und das treue Haustier des Sabiners: kleine, schwarze, grunzende Schweine. Auf mein Fragen erfuhr ich, daß ein großer Feiertag sei und von allen Richtungen her Wallfahrer den Klöstern zuzogen. Was ich für den Schrei eines Verwundeten gehalten, war das ekstatische Gebet eines frommen Pilgers gewesen. Als ich mich dann wieder auf der glühenden Landstraße befand, sah ich diese belebt von Zügen dunkler Gestalten, welche in den aufwirbelnden Staubwolken geisterhaften Karawanen glichen, einem sommerlichen Mittagsspuk. Völkerschaften schienen zusammenzuströmen und einem mystischen Ziele zuzuwallen. Die braune Felsenlandschaft widerhallte von jenen schrecklichen Tönen, mit denen die fanatisierten Scharen die Fürbitte des großen Heiligen und die Gnade des Himmels anriefen. Vor jeder Abteilung schritt, auf einen langen Stab sich stützend, die schemenhafte Gestalt eines uralten Mannes oder einer welken Greisin einher; sie stießen zuerst jenen Schrei um Erbarmen aus und der ganze Chorus fiel ein. Ich stand wie festgebannt und sah sie an mir vorübergleiten: Männer, Weiber, Kinder. Alle schienen von einem Taumel ergriffen. Ich sah entstellte Mienen, fieberglühende Augen. Viele warfen die Arme über den Kopf und schrieen auf, als litten sie körperliche Qualen. Es waren entsetzliche Gestalten darunter. Da die Pilgerzüge nicht aufhören wollten, so schloß ich mich einem der Haufen an. Mir war's unheimlich zu Mute, als schritte ich unter Wahnsinnigen einher, als müßte die Tollheit auch mich erfassen. Dazu die sengende Sonne und der grelle Staub, der wie Qualm uns umdampfte. So gelangten wir auf der Bergstraße zu der engen Felsschlucht, an deren gelbe Wände, hoch über dem tosenden Anio, die berühmten Heiligtümer lehnten. Je näher die Wallfahrer diesen kamen, um so mehr steigerte sich ihre fromme Verzückung. Vor mir, neben mir sanken sie zu Boden, als wären sie vom Sonnenstich getroffen. Sie küßten den nackten Fels, sie rutschten den steilen Weg auf ihren Knieen empor. Mit zerfetzten Kleidern, mit blutenden Gesichtern krochen sie bis zu den Pforten der Kirche, bis in diese hinein ... Widerstandslos ward ich fortgetrieben von dem Strom der Büßer und Beter. Gegen einen Pfeiler gepreßt, stand ich in einem dämmerigen Raum, gleichsam in einem Labyrinth von Kapellen: Heiligtümer über mir, Heiligtümer unter mir. Über und unter mir Grotten und Hallen, Treppen und Korridore. Die grauen Felsen mit bunten Gemälden bedeckt, Altäre aus mystischem Dunkel aufsteigend. Das Tageslicht durch gemalte Scheiben die Dämmerung durchleuchtend. Weihrauchdämpfe, Kerzenschein, Mönche, Betende, stöhnende, wild aufschreiende Pilgerscharen – eine christliche Orgie! Vor mir, mit ganzem Leibe hingestreckt, lag ein Weib. Sie hatte das Gesicht auf den Boden gedrückt und regte sich nicht. Mit beiden Händen hielt sie eine hohe blutrote Wachskerze umklammert, die wie zu Häupten einer Toten brannte. Ich wendete die Blicke nicht ab von dem jungen schlanken Leib, den schmalen braunen Händen, welche die Kerze hielten. Ich wartete darauf, auch ihr Gesicht zu sehen. Sie war es! Es war Fiammetta! Fiammetta, die in der Grotte des heiligen Benedikt ein Gelübde geleistet hatte, daß sie Cesare rächen werde. An wem? 17. Selbst mein neues Leben in Rom und eine Sturmflut von neuen Eindrücken konnten die Erinnerung an das Molarathal, an die Familie Latini und alles, was ich zusammen mit ihr erlebt hatte, nicht verblassen machen. Fiammetta war nicht nach Rom gekommen, auch Raffaelo sah ich nicht wieder. Aber im Atelier stand mein Bild, von dem ich mich nicht trennen konnte. Und aus dem Rahmen blickten die dunklen Augen der schönen Sabinerin unverwandt in die Ferne, als müßte von dorther – nicht mehr der Geliebte kommen, sondern der Rächer. Ich erkundigte mich bei den übrigen Modellen nach den beiden, erfuhr jedoch nichts; ich wollte selbst ins Molarathal, wo die Latini jetzt wieder ihre Herden weiden und im Grabmal der Furier hausen mußten, kam jedoch niemals dazu, mein Vorhaben auszuführen. Jeden Morgen kaufte ich mir den »Messagero« und suchte in diesem etwas bedenklichen Volksblatte nach den Unglücksfällen und Verbrechen, die wie Titel von Schauerromanen lauten. Jeden Morgen befürchtete ich lesen zu müssen: »Die Blutrache der schönen Fiammetta oder der verbrannte Sabiner im Molarathal«. Übrigens war ich überzeugt, daß ihre Rache schließlich doch jenen Sergeanten aus dem Molarathal treffen würde. Inzwischen hatte sich der Krieg der Italiener in Afrika in erschreckender Weise mehr und mehr als ein Abenteuer im größten und gräßlichsten Stil, als ein Verbrechen gegen das italienische Volk erwiesen. Wenn ich die Nachrichten las, so fragte ich mich, ob ich nicht träumte? Wir sollten im neunzehnten Jahrhundert leben und Italien sollte ein Kulturstaat sein? Die Römer saßen im Café Aragno, standen auf der Piazza Colonna, promenierten im Corso und auf der Via Nazionale, debattierten über die Affaire in Afrika, erhitzten sich und – ließen immer neue Massen von Schlachtopfern hinübersenden. Wie hätten sie es auch verhindern sollen? Das würde nur eine Revolution vermocht haben und die Italia Unica war trotz allem und allem gut monarchisch. Es kam der Tag von Adua: die Italiener erlitten die schimpflichste Niederlage. Die Römer saßen im Café Aragno, standen auf der Piazza Colonna, promenierten im Corso, auf der Via Nazionale, debattierten, erhitzten sich und – – ja, und einige schämten sich sogar. Andere rotteten sich zusammen, stießen Verwünschungen aus gegen den heldenhaften General Baratieri und den großen Staatsmann Crispi und zogen vor den Quirinal, darin das zitternde Königspaar saß und – bereits seine Koffer packen ließ. Aber das war ein kleines Häuflein Unzufriedener, welches Carabiniers und Soldaten auseinander trieben. Vor dem Quirinal ward es wieder ruhig, die königlichen Koffer wurden ausgepackt, im Café Aragno debattierte man weiter, unterdessen das geduldige italienische Volk noch immer nicht wußte, welche von seinen ärmsten Söhnen bei Adua geschlachtet, verstümmelt oder gefangen worden waren? Die schwergeprüfte Nation sollte – im neunzehnten Jahrhundert! – die Opfer des Krieges nach Monaten und Monaten noch nicht erfahren haben ... Aber der große Staatsmann fiel. Das bei Adua vergossene Blut forderte ein Sühnopfer und Francesco Crispis schöne Tage von Rom gingen zu Ende: der getreue »Checco« des guten Lorenzo Latini wurde abgethan – einfach abgethan! In diesen, selbst für den Fremdling aufregenden Zeiten war's, daß ich aus dem Molarathal einen Besuch erhielt; und zwar kam mein wackerer Lorenzo selbst. Wie alt er geworden war, wie müde er aussah! Als ob er sich noch immer nicht erholen könnte von der Mattigkeit, die ihn auf seiner sommerlichen Wanderung nach Rom befallen hatte, als der »Checco« den alten Freund von der Via Appia nicht wieder erkannte. Er ließ sich sogleich schwerfällig auf den ersten besten Sitz nieder, seufzte tief auf, daß es wie ein Stöhnen klang, und starrte abwesenden Geistes vor sich hin. Ich schenkte ihm Wein ein und gab ihm das Glas in die Hand. Doch trank er nicht und saß da, als wüßte er von meiner Gegenwart nichts. Dann versuchte ich, ihn seinem Brüten zu entreißen: »Wie steht's im Molarathal, alter Freund?« Wie sollte es stehen? Wie es immer stand. Ja, ja, genau so wie immer. »Und die Herde?« Gut, ganz gut. Er glaubte, daß es auch mit der Herde gut stände. »Raffaelo?« O der! Der weidete die Herde, würde groß und stark werden und – ja, und finge an, seinem Bruder ähnlich zu sein. Damit stockte unser lakonisches Gespräch. Nach Fiammetta fragte ich nicht. Ich fand dazu nicht den Mut. Auf wiederholtes Nötigen trank er endlich und er trank wie ein Verschmachtender. Jetzt belebte er sich. Er sah auf und sein erster Blick fiel auf mein Gemälde aus dem Molarathal. Als er die in regungsloser Erwartung dastehende Frauengestalt sah, durchlief ein Zittern seinen Körper. Ein Ausbruch leidenschaftlicher Erregung erfolgte, bei dem ich alle Fassung verlor. Und jetzt erfuhr ich ... Wie eine Furie, wie eine Teufelin hatte Fiammetta in Cesares Vater gedrungen, den Tod seines Ältesten zu rächen; und zwar an dem Manne zu rächen, den sie für den Urheber des Krieges und den eigentlichen Mörder Cesares hielt und der kein andrer war als – Crispi. Tag und Nacht hatte sie den Alten aufgestachelt und gequält. Als dieser nicht hören wollte, hatte sie sich an Raffaelo gemacht. Sie hatte den Knaben für ihren tollen Racheplan gewonnen, hatte ihm ihre Mithilfe zugesagt. Die beiden waren nach Rom gegangen, wo sie sich verborgen hielten. Sie hatten Crispi aufgelauert wie ein Jäger seinem Wild; aber es war ihnen nicht möglich gewesen, ihm beizukommen: unverrichteter Dinge mußten sie Rom verlassen. Für einige Zeit wurde Fiammetta ruhiger; doch dann begann das dämonische Treiben von neuem und mit verstärkter Gewalt. Sie erzählte, wie der Geist Cesares ihr Nacht für Nacht erschien und sie mahnte, seinen Tod zu rächen und seiner Seele Ruhe zu schaffen. Mit verkohlten Gliedmaßen kam das gräßliche Gespenst Nacht für Nacht, wimmerte und winselte, klagte Vater, Bruder, Geliebte an, daß sie zauderten, ihre Pflicht gegen ihn zu erfüllen. Fiammettas entsetzliche Schilderungen bewirkten schließlich, daß der alte Lorenzo sich bereit erklärte, selbst nach Rom zu gehen und dort zu bleiben, bis sich Gelegenheit fände, dem Checco das Messer ins Herz zu stoßen und sollte er selbst dabei umkommen. Als er nach Rom kam, hörte er, daß der große Staatsmann über Nacht ein toter Mann geworden. Mochte er jetzt ruhig weiter leben: für ihn, Lorenzo Latini, den Vater des getöteten Cesare, hatte der Himmel selbst die Rache in die Hand genommen. Und Lorenzo Latini begann bitterlich zu weinen. Einen Tag und eine Nacht behielt ich den Alten bei mir. Immer wieder kam er darauf zurück, daß die Leute ihm gesagt hätten: der Checco wäre ein toter Mann, – grade, da er im Sinn gehabt, den Checco zum toten Manne zu machen. In ganz Italien gab es sicher keinen Menschen, auf den der jähe Sturz des allmächtigen Ministerpräsidenten solchen Eindruck hervorgebracht hatte. Seine Thränen galten dem Freunde von der Via Appia, dem er doch trockenen Auges den Dolch ins Herz gestoßen hätte. Auch das merkte ich: er scheute – mehr als das: er fürchtete sich, ins Molarathal zurückzukehren und mit unblutigen Händen Fiammetta wieder unter die Augen zu treten. Denn dieser Rachegöttin war der gestürzte Crispi sicher nicht tot genug. Aber nie und nimmer hätte Lorenzo sein Messer jetzt noch wider ihn erhoben – so viel Zartsinn neben solcher barbarischen Anschauung und solchem wilden Wahn! Bevor er mich verließ, erfuhr ich – er teilte es mir nur so nebenbei mit – was mir viel zu denken gab: Fiammetta hatte in Erfahrung gebracht, daß ich an jenem Tage in Frascati von einem jungen Menschen beobachtet worden und daß dieser die Carabiniers auf meinen bepackten Esel aufmerksam gemacht und so Cesares Verfolger auf die richtige Spur gebracht hatte. Der Angeber hatte mich in Rom zusammen mit Fiammetta gesehen, die er als Cesares Verlobte kannte. So war er denn auf den Verdacht gekommen, ich könnte mit dem Deserteur in Verbindung stehen. Der junge Mensch hieß Acciarico, ein Name, der bald eine traurige Berühmtheit erlangen sollte. 18. Wieder war's Sommer. Der Krieg mit Afrika sollte zu Ende sein. Im tiefen Winter war die Schlacht von Adua geschlagen worden und erst jetzt, im Sommer, fingen die Italiener an, auf dem furchtbaren Schlachtfeld ihre Toten zu begraben. Die Römer saßen in ihrem heißgeliebten Café Aragno, standen auf ihrer schönen Piazza Colonna, promenierten in dem engen kühlen Corso, auf der breiten heißen Via Nazionale und ließen sich erzählen, daß in diesem gesegneten Kriegsjahr die Girandola auf dem Pincio besonders prachtvoll ausfallen würde. Der große politische Feiertag kam. Ich war ein Fremdling, den die Siege und Niederlagen der Italiener schließlich doch etwas weniger angingen, als einen Bürger des neuen Kulturstaates. Ich las die Ankündigung des grandiosen Feuerwerks, welches viele, viele Tausende kosten sollte. Ich dachte: dich kümmert's nicht, wenn die bei Adua geschlagenen Italiener auf die Piazza del Popolo strömen, um dem lustigen Schauspiel beizuwohnen – gehe also auch du hin. Als es dunkelte, ließ ich mich im Corso von der Volksflut ergreifen und dem für mich schönsten Platze Roms zutreiben. Ich landete denn auch glücklich an einer überaus günstigen Stelle: bei der Treppe der großen Fontane mit den steinernen Löwen und dem Obelisken. Es gelang mir sogar, die höchste Stufe zu erreichen, gerade gegenüber dem Pincio, der noch im tiefen Dunkel lag. Tausende und Abertausende auf dem Platze, auf den Tribünen, den angrenzenden Straßen. Man wartete: das Königspaar war noch nicht erschienen. Endlich ertönte die italienische Hymne. Dann erscholl heftiger Applaus wie bei dem Auftreten einer Primadonna; dann erdröhnten die Kanonenschläge, welche das Zeichen zum Beginn des Feuerspiels gaben. Dieses stieg auf – kein Feuerwerk, sondern ein Kunstwerk in bunten Lichtern, in Flammensäulen, in farbigen Gewinden, Fontänen und Feuermasten. Ich sah es jedoch nicht. Ich sah etwas andres, etwas Entsetzliches, Grausiges: das Schlachtfeld von Adua, wo gerade jetzt die verwesten, von Raubtieren zerfetzten Leichname der gefallenen Söhne des Landes eingescharrt wurden. Ich glaubte Stöhnen zu hören, Ächzen, wilde gellende Schreie – Nein! Es war Beifallsklatschen, es war Jubel und Jauchzen. Ich hatte ganz vergessen: die Römer sahen die Girandola und – die Römer freuten sich! Und plötzlich, mitten in dem unvergleichlichen Schauspiel, während zu dem Sternenhimmel ein zweiter, noch wunderbarerer aufstieg, überfiel mich ein Gefühl von Ekel und Scham, daß ich hier stand und zusah – hier stehen und zuschauen konnte! Hastig drängte ich durch die Menge und versuchte, die Treppe hinab und fort zu gelangen. Und da sah ich sie! In diesem Augenblick sah ich Fiammetta zum erstenmal wieder ... Sie stand gegenüber der Königsloge, dem Pincio und dem Feuerwerk den Rücken wendend, und starrte zu der Königsloge empor mit einem Ausdruck, einem Blick, daß ich ihren Namen rief – nein, schrie! Sie aber hörte nicht. Sie stand und starrte hinauf zu dem ernsten König, zu der bleichen Königin ... Aber ein andrer hatte meinen Ruf gehört. Es war ein Mann, der neben ihr stand und sich nun hastig umwendete. Es war ein junger hübscher Mensch, den ich nicht kannte, den ich seitdem nur ein einzigesmal wiedersah: heute nachmittag vor der Porta San Giovanni, als die Carabiniers ihn fortführten ... Das Leben des Königs Umberto hatte der Rachewahnsinn des sabinischen Weibes für das Leben des sabinischen Soldaten Cesare Latini gefordert! Der Unglückliche aber, der für sie die Rache vollziehen sollte und dem sie sich als Preis dafür gab, war kein andrer als jener junge Mensch, durch welchen Cesares Verfolger auf dessen Spur gekommen waren; denn auch an ihm hatte die Sabinerin Rache zu nehmen. Nein, werter Freund und Verfasser von »Römischen Dorfgeschichten« – weder Sie noch ich lernen dieses Volk jemals in Wirklichkeit kennen ... So erzählte mir an jenem Maitage, dem Tag des Attentats auf König Umberto, der deutsche Maler. Santa Maria di Galera Scirokko! Seit Wochen Scirokko! Dazu Sommergluten ... Scirokko und Sommer in Rom! Nachts keine Stunde Schlaf, tagsüber niemals Erquickung. Dabei eine Mattigkeit, eine Erschlaffung aller Lebensgeister, eine Hoffnungslosigkeit, jemals wieder herauszukommen aus diesem Zustand von Dumpfheit, Betäubung, von Aufgehen in Nichtsthun und Nichtsdenken, von Auflösung in Schweiß und Gluten. Und Tag für Tag dieser mörderische Südwind! Wie in einem Opiumrausch lag ich auf meiner Matratze, fühlte den Samum durch die doppelt verwahrten Fenster dringen und von seinem sengenden Odem mich angeweht. Draußen auf der Straße die brutalen Stimmen der Scharen von Ausschreiern, die kein Scirokko zum Schweigen brachte. Jeder Laut bohrte sich in mein schmerzendes Hirn. Und es war ein endloses Meer von gellenden Tönen, das mich umbrauste. Endlich raffte ich mich auf. Mit nackten Füßen schlich ich auf den Steinfliesen, die ich jede Stunde mit frischem Wasser besprengen ließ, hin und her, hin und her. Aber es kühlte nicht. Ich entschloß mich zu der Anstrengung, eine Jalousie aufzustoßen. Doch das gelbe grelle Tageslicht traf meine Augen wie ein glühender Pfeil. Ich ließ nur einen Spalt offen und versuchte zu lesen: »Gregorovius, die Geschichte des römischen Mittelalters« ... Am neunzehnten August starb Alexander Borgia, und die Parteien entwickelten eine ungeheure Thätigkeit, um den todkranken Cesare zu stürzen und einen neuen Papst zu erwählen. Mitten im August! Und sicher auch bei Scirokko! Ich verfiel in dumpfes Staunen. Wie konnte man im Sommer, bei Scirokko, in Rom etwas thun? Irgend etwas! Ganz gleich, ob Schuhe flicken, ob Weltgeschichte machen. Alle Weltgeschichte müßte bei Scirokko aufhören. Man sollte eine Geschichte Italiens schreiben, vom Standpunkte des Scirokko aus. Und dann verdrehen diese unausstehlichen Italien-Schwärmer vor Entzücken die Augen, wenn es heißt: Sommer in Rom! Nichts als Heuchelei. Abends, spät abends, mit Aufbietung aller Kräfte erhebe ich mich, kleide ich mich an. Ich schleppe mich aus dem glühenden Hause, durch die glühenden Straßen. Ich atme die glühende Luft. Wochenlang währender Scirokko als Selbstmordsmotiv – ich finde das durchaus begreiflich. Ich wundere mich nur, daß die Zeitungen von Selbstmordsberichten nicht erfüllt sind. Wahrscheinlich ist im Tiber das Wasser zu heiß. Die Römer erzählen sich: in der Fontana auf dem Barbariniplatz hätte man mittags Eier gesotten. Ein Regentag! Ein Königreich für einen einzigen grauen, kalten, niederträchtigen deutschen Regentag! Ich schleiche abends über die Piazza Colonna, wo der bronzene Heilige auf der Säule Marc Aurels noch immer nicht herabgeschmolzen ist, schleiche durch den Korso die dreißig Schritt bis zum Café Aragno. Weiter komme ich nicht. In diesem Asyle aller Mühseligen und Beladenen Roms sinke ich auf einen Sessel, verschmachtend nach Kühlendem, Gefrorenem, Eisigem. Halb zehn! Und das Pflaster speit eine Schar heulender Teufel aus, die alle Straßen durchrasen! »Tribuna! Eccola Tribuna!« Geschrei und Scirokko, Musik auf Piazza Colonna und Scirokko; Menschengewühl und Scirokko! Es ist, um den Verstand zu verlieren. Fort! Ums Himmels willen nur schnell fort! Aber nicht fort nach Deutschland, zu frischer Luft in Tannenwäldern und auf Bergeshöhen ... Um solchen Entschluß fassen zu können, dazu klebt auch meine arme Seele viel zu fest an der großen ewigen Leimrute, genannt Rom. Noch vor Mitternacht lasse ich mir ein Pferd satteln und reite zum nächsten Stadtthor hinaus. Es ist die Porta del Popolo. Die neue flaminische Straße hinunter zur alten milvischen Brücke, für die welthistorische Ereignisse alltägliche Dinge sind. Ich sitze mit schlaffen Zügeln, lasse meinen Gaul gehen, wie er will, wohin er will. Er geht geradeaus, die Via Cassia hinauf. Eine Mondnacht in der Campagna im Hochsommer, bei Scirokko. Es ist wie ein Geisterritt. Fahler Qualm am Himmel und über der Erde, die Luft ein wahrer Höllenbrodem, noch glühender, noch satanischer als in der Stadt. Durch den Dunst des Südwinds kaum noch erkennbar an der Straße ein verlassenes Landhaus, eine einsame Pinie, eine trauernde Cypresse. Feuer flammen auf. Dort schlafen Hirten. Den Brand haben sie angezündet, um den Würgegeist des Landes, das Fieber, von ihrer Ruhestätte zu scheuchen. Aber früher oder später wird der mordende Engel doch vorübergehen und den Schlafenden anhauchen. Dann muß er sterben. Ich bin toll, mitten in der glühenden Sommernacht durch die Campagna zu reiten. Der Scirokko hat mich toll gemacht. Mir ist, als müsse ich das Gespenst leibhaftig sehen. Es ist ein gewaltiges Weib mit glühenden Augen und weißen Lippen. Wie ein schrecklicher Schatten schwebt es über Rom und allem römischen Land. Es schwebt zum Grabe Hadrians, entreißt dem erzenen Engel das richtende Schwert, stößt den Seraph hinab, stellt sich selbst auf den Sockel und spricht: »Ich bin der ewige Dämon der ewigen Stadt! Kein heiliger Papst kann mich bannen, kein mächtiger König mich vertreiben. Ich bin der Genius des Ortes!« Das sind Fieberphantasien. Ein kalter Schauer überläuft mich ... Mit kalten Schauern fängt es an, mit kaltem Sterben endet es. Ich treibe mein Pferd an, wild und wütend. Es jagt mit mir dahin. Welche Einsamkeit! Je weiter ich in die Steppe vordringe, um so seltener werden die Hirtenfeuer. Selbst die fremden Arbeiter, die im Winter, Frühling und Herbst diese öden Gegenden spärlich genug bevölkern, verlassen sie im Sommer. Denn ihr Bleiben bedeutet für die meisten sichern Tod. Mir wird unheimlich zu Mut. Aber zur Umkehr ist es zu spät. Ich muß bis La Storta. Das ist der erste Ort, wo ich Menschen finden werde. Diese werden mir Wein und Chinin geben, welches Mittel gegen die Malaria um diese Jahreszeit hier auch der ärmste Hirte besitzt. Ich hetze mein Pferd. Es ist schweißbedeckt wie ich, ermattet wie ich. Nirgends ein Haus oder eine Capanna. Nur hier und da Ruinen. Ich jage an Schluchten vorüber, mit hohem Röhricht gefüllt. Bisweilen eine Gruppe von Steineichen. Dann wieder ein antikes Grabmal, eine zerfallende Marienkapelle ... Jetzt nichts als Wüste und Wildnis, unter fahlem Mondlicht, von Scirokkonebeln umbraut. Ich lausche auf die Stimme der Nacht: auf das Gekläff eines verwilderten Wolfshundes, den Schrei einer Eule. La Storta! Häuser, Menschen! Ich springe vom Pferd. Ich klopfe, schreie. Niemand hört, niemand antwortet. Ich gehe von Haus zu Haus, keines wird mir geöffnet: des Fiebers wegen ist auch La Storta verlassen! Was thun? Nicht zurück! Vorwärts! Nach Bracciano muß es näher sein als zurück nach Rom; und in dem hochgelegenen Bracciano ist es gewiß kühler. Also vorwärts nach Bracciano! Wiederum ein Ritt durch ein weites Totengefilde ... Er mochte eine Stunde gedauert haben, als mein erschöpftes Tier den Kopf hob, gierig die Luft einsog, lautes Wiehern ausstieß und mit belebten Kräften die Straße verließ und auf einen Seitenweg einbog. Ich dachte: Der Braune hat Kameraden gewittert, die in der Nähe weiden werden. Vielleicht lagern dort auch Hirten. Der Weg verlief in eine enge waldige Schlucht, in der Tiefe mit dichtem Buschwerk, höher hinauf mit mächtigen Steineichen bestanden. Es duftete stark nach Menthe, diesem Würzekraut der römischen Campagna, das mir lieber ist, als alle Wohlgerüche Arabiens. Ein Gewimmel tanzender Funken füllte die Schlucht: Johanniswürmer! Der im Glanze ihrer Liebesgluten strahlenden Käfer gab es eine solche Menge, daß es war, als müßte ich mir einen Weg hindurchbahnen. Sie gaukelten über mir, unter mir, mit ihrem Gefunkel Erde und Himmel verhüllend. Dann hörte ich lautes Rauschen: Wasser! Es mußte ein schäumender tosender Waldbach sein. Mein Pferd jagte dem fröhlichen Geräusch zu. Schon längst hatte jeder Weg aufgehört. Ich ritt durch mannshohes Gras. Um mich mußte eine Wildnis von Blumen und duftenden Kräutern sein. Über alles legten sich die Mengen der hin und her gaukelnden Johanniskäfer. Jetzt hielt ich am Bache, und mein Pferd setzte sogleich mitten hinein in die rauschende Flut. Das Wasser sprühte zu mir auf, spritzte über mein glühendes Gesicht. Es war wonnevoll. Ich ließ mein Tier trinken, trieb es wieder ans Ufer, sprang ab, entkleidete mich, stürzte mich in den Bach, begrub mich in den Wellen. Wenn ich auftauchte, schwebten wie ein Strahlenschleier die Myriaden der Glühwürmer über mir. Auf einmal begann das leuchtende Gewebe, wie von einem Lufthauche bewegt, hin und her zu wallen, sich zu heben, zu zerreißen. Ich sah es plötzlich nach allen Seiten frei. Mir gegenüber auf steiler Felsenhöhe, aus dunkeln Eichenwipfeln aufsteigend, vom Mondlicht umflossenes mächtiges Mauerwerk. Ich sah in dem schimmernden Dunst einen Bau, trotzig wie eine Festung. Ich sah eine Kirche und daneben, schlank und hoch gleich einer Riesenblume, den Glockenturm. Aus der tiefen Waldschlucht, die der Bach durchschäumte, mußte ein Weg emporführen. Noch starrte ich auf das überraschende Nachtbild, als der schimmernde Vorhang vor der schönen Scene sich wiederum schloß; die Lichtwellen der Johanniskäfer schlugen von neuem darüber zusammen. Ich stieg aus dem Wasser, warf mich in das Kraut der Menthe, ließ mich überströmen vom Duft und ruhte eine Weile unter der Blütendecke und dem Strahlengewimmel. Dann fühlte ich, daß der Schlaf sich mir näherte wie eine heißersehnte Geliebte. Es mußte köstlich sein, einzuschlafen; köstlich, aber auch tödlich. Gewaltsam riß ich mich in die Höhe, fühlte meine Glieder bereits schwer, mein Haupt bereits schmerzend. Mit Anstrengung kleidete ich mich an, schwang mich aufs Pferd und lenkte es der Stelle zu, wo ich den Weg vermutete, der emporführen mußte. Ich fand ihn aber nicht. Ich fand überall nur Gras und Menthe, überall nur Wildnis. Der Tag dämmerte. Die verliebten Käfer verblaßten zugleich mit dem Mondschein. Aber was ich vorhin wie eine Erscheinung erblickt hatte, war kein Traumbild gewesen: über mir ragten Schloß, Kirche und Glockenturm. Bei dem ungewissen Morgenlicht sah ich die Mauern dicht mit Epheu umsponnen, dessen Rankenflut über den Dächern zusammenschlug. Immer noch fand ich keinen Pfad. So ritt ich denn durch die Gebüsche den Felswänden zu. Hier endlich stieß ich auf die Spur eines Weges ... Seltsam! Er war verwachsen, als hätte ihn seit einem Jahrzehnt kein Fuß beschritten. Und doch leitete er aufwärts zu einem kriegerisch gezinnten Thor zwischen zwei gewaltigen mittelalterlichen Türmen. Ich ritt hinauf. Unter mir ruhte in dem heiligen Frieden der Frühe die Waldschlucht, über mir ragte die Herrenburg. Das Thor stand weit offen. Lose hingen die mächtigen Flügel, und kein Wächter hütete den Eingang mit dem Wappenschilde darüber. Wind und Wetter hatten den Stein zernagt und die Embleme verwischt. Doch erkannte ich noch Stern, Schlange und Löwen der Orsini. Auch hier nur Gras, Blumen, Kräuter, Buschwerk – Wildnis. Also eine Ruine! Ich ritt weiter. Ein Hof, eine Halle. Viele Höfe, Säle, Gemächer. Ein wahres Labyrinth! Dann ein Platz, daneben Kirche und Glockenturm. Auch hier offene Thore, Verfall und Öde; auch hier als einzige Gebieterin die Wildnis. Immer seltsamer! Ich ließ mein Pferd weiter trotten, ich ritt durch eine Straße. Zu beiden Seiten Häuser. Grasplätze das Pflaster, wilde Gärten die Höfe, Bollwerke von Epheu alle Mauern. Wiederum ein Platz, wiederum Kirche und Glockenturm. Und Gasse auf Gasse, eine ganze Stadt! Eine ganze Stadt liegt verlassen, ausgestorben, in Schutt und Trümmer gesunken! Nie vorher sah ich solche geisterhafte Stätte! Wo war ich? An welchem verzauberten, verschwundenen Ort? Wer hatte hier gelebt? Welches Schicksal hatte die Bewohner vertrieben: Herren, Diener, Bürger, Bauern? Ein fahler Morgenhimmel ruhte über der toten Stadt. Dichte Dünste quollen auf, krochen über den Boden hin, wälzten sich wie geisterhafte Ungetüme durch die Straßen, in die Häuser, die Höfe, die Wohnungen; hüllten alles in giftigen Nebel. Malaria! Der ganze Ort eine Beute des Dämons. Ich wendete mein Pferd. Ich jagte zurück durch die totenstillen Gassen, durch die verödeten Höfe des Fürstenhauses, durch das Thor und hinunter den Felsenweg. Ich jagte weiter und immer weiter, nicht wissend, wohin. Plötzlich Glockengeläut. Menschen! Menschen! Ich ließ mich von den frommen Klängen leiten und bald war ich da: mitten in der Wildnis ein Heiligtum, ein Kloster. »Santa Maria di Galera« stand über dem Thor. Ich sprang vom Pferd, schwankte zur Pforte, sank dagegen mit schwindenden Sinnen, zog den Glockenstrang ... Es ward mir aufgethan – einem Todkranken. Im Heiligtum von Santa Maria di Galera lag ich Tage und Wochen. Die guten Mönche pflegten mich. Sie leisteten mir Samariterdienste, so gut man sie in der Wildnis eben leisten kann. Dennoch retteten sie mir mit ihrem Chinin, mit ihren in Wein gekochten Zitronen und Eukalyptustränken das Leben. Der Himmel konnte auf Erden keine treueren Diener und kein ärmlicheres Haus besitzen. Es lag mitten im Fieberland, in einem Ozean vergifteter Luft. Die ganze Stätte war verseucht. Fast jedes Jahr mußten von Rom aus neue Brüder dorthin geschickt werden; denn fast jedes Jahr starben die Bewohner aus. Jetzt lebten nur noch drei Mönche im Hause des Friedens, und alle drei hatten das Fieber. Sicher starben sie früher oder später daran. Was that das? Sie litten hienieden eine Spanne Zeit und gewannen dafür in einem besseren Jenseits das ewige Leben. Die Glücklichen! So klagten sie denn nicht, sie harrten. Kaum daß sie selbst die Mittel nahmen, die sie ihren Kranken reichten. Wozu für sie Arzneien? Wollte sie der Herr vom Fieber befreien, so bedurfte es für die Seinen keiner Medikamente. Der Herr wollte jedoch, daß sie Fieber hatten. Ich lag in einer Zelle, die einer Gruft glich. Aber das Fenster hatte keine Gitter und führte auf den Garten, darin in einer Wildnis von Rosmarin und Rosen hochstämmige Orangen wuchsen. Als es etwas besser mit mir stand, führte man mich in der Frühe hinaus, setzte mich unter einen der schönen Bäume, an dessen Stamm ich mich lehnte, und ein Bruder blieb zur Pflege bei mir. Dem Tod entronnen, empfand ich eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Leben und nach den Stimmen Lebendiger. Also sprach ich mit meinem Wärter. Ich saß zwischen Rosmarin und Rosen, schaute auf das tragische Landschaftsbild der sonnenverbrannten leblosen Campagna und lauschte auf die Worte meines Gefährten, der einer andern Welt angehörte als ich. Mit der Stimme eines Abgestorbenen erzählte mir, dem Auflebenden, der junge Mönch Generoso da Frascati die Geschichte der Letzten von Galera, die ohne das Wunder, welches die Madonna für sie gethan, unrettbar dem Dämon der Stätte zum Opfer gefallen wären. ... Ich liebe allein Gott, die himmlische Jungfrau und die Heiligen. Also weiß ich nicht, wie es ist, wenn ein Mensch den andern liebt. Ich weiß auch nicht, wie man sein Herz an Dinge hängen kann, die von der Erde und dem vergänglichen Leben sind. Ich darf nicht Heimat, nicht Vaterhaus und Vaterland lieben. Meine Heimat, mein Vaterhaus und mein Vaterland sind nicht von dieser Welt. Es soll Menschen geben, die sich für ihr Vaterland würden kreuzigen lassen wie Christus für die unsterblichen Sünden der Menschheit gethan hat. Das verstehe ich nicht. Das darf ich nicht verstehen! Und es soll Menschen geben, die ihre Heimat mit solcher heißer Inbrunst lieben wie wir Söhne des Himmels nur Gott, den allmächtigen Herrn, lieben dürfen und nicht einmal unsere süße himmlische Frau. Solche Menschen leiden um ihrer Heimat willen, begehen um sie Heldenthaten, vergießen ihrethalben das Blut ihrer christlichen Brüder; und werden sie aus ihrer Heimat vertrieben, so sterben sie daran, so welken sie hin gleich einer Pflanze, die aus dem Erdreich gerissen und fortgeworfen wird. Solchen Menschen ist ihre Heimat teurer als Vater und Mutter, als Weib und Kind, als Gott der Vater und der Sohn. Wer aber seine irdische Heimat heißer liebt als seine himmlische, der begeht eine Todsünde. Die Leute von Galera liebten ihre Heimat mehr als Vater und Mutter, Weib und Kind, Gott und Christus. Und deshalb mußten sie für ihre sündige Liebe dem Himmel schwere Buße zahlen. Bereits in alten Zeiten, wo noch zu Rom in strahlenden Tempeln goldene Götzenbilder angebetet wurden, erlitten die Leute von Galera wegen ihrer Liebe zur Heimat ein Martyrium, wie solches der Christ nur für seinen allerheiligsten Glauben erleiden soll. Die Römer kamen immer von neuem zu dem Ort Careiae, wie er im Altertum hieß, überzogen ihn mit Krieg, stürmten die festen Mauern, töteten Greise und Kinder, entführten Weiber und Jungfrauen, machten die Männer zu Sklaven und verbrannten Häuser und Tempel. Aber wen die Schlacht verschonte, wer der Gefangenschaft entrann, der kehrte zurück, siedelte sich zwischen den Ruinen an; und es geschah immer wieder, daß aus den Trümmern des zerstörten Careiae eine neue Stadt sich erhob. So ging es fort durch Jahrhunderte und Jahrhunderte. Die Heidentempel sanken in Schutt, blieben als Schutt liegen. Es sanken die Heidengötter. Christus ward Gott und seine Kirche die triumphierende auch über die Leute von Careiae, die von allen am längsten sich sträubten, von ihren Göttern und Altären zu lassen. Trotzdem wurde aus dem heidnischen Careiae allmählich das christliche Galera. Doch dieses war Gott nicht wohlgefällig; denn mehr als Gott liebten die Leute ihren wilden Felsen, ihre schwarze Waldschlucht, den Sonnenschein, der ihre Stätte beschien, und das winzige Stücklein Himmel, das darüber strahlte. Da ergrimmte der Herr, und er sprach in seinem Zorn: »Ich will den Leuten von Galera einen Dämon schicken, der dieses Volk von seiner irdischen Heimat hinweg zu seiner himmlischen führt.« Und Gott suchte den Ort Galera heim mit dem Fluch der Malaria. Es war längst keine blühende Stadt mehr, als der furchtbare Engel des Herrn seine schwarzen Fittiche darüber ausbreitete und den Ort mit dem Odem seines Mundes vergiftete. Und Gott vermeinte: nun würden die Leute von Galera bald von ihrer verpesteten Heimat lassen und nur noch ihm anhangen. Er wollte ihnen dafür auf den Höhen der Berge von Albano, die zu ihrem Felsen hinüberleuchteten, eine Stätte bescheren, wo Wein und Oel floß wie im Land der Verheißung. In Galera starben die Leute. Sommers zur Fieberzeit gab es kein Haus, das nicht seinen Toten hatte. Oft waren viele Tote in einem Hause. Die Leute von Galera schrieen den Himmel an: »Herr, Herr, was thaten wir dir, daß du uns züchtigst mit deiner schrecklichen Geißel?!« Sie fürchteten Gott und dienten ihm auch; jedoch sie fuhren fort, seinen Zorn zu erregen, indem sie ihre Heimat mehr liebten als ihn. So elend diese Heimat auch war, ein Sterbe- und Siechenhaus, liebten sie sie doch. Es war, als wüchse zugleich mit ihrem Elend ihre Liebe. In ihrer Blindheit begriffen sie nicht den Willen des Himmels, Sie riefen: »Wie kann bei uns Malaria sein? Wir hausen auf hohem trocknem Fels; ringsum ist Weide und Wald; in der Schlucht tollt und tobt unser überlustiger Arrone; nirgends giebt es Sumpf und Fäulnis; wir dienen Gott, beten zu seinem Sohn, verehren die Jungfrau Maria, lieben die Heiligen; und doch sind wir mit Weib und Kind dem Tode verfallen, Herr, warum?!« Und sie wehrten sich gegen den Willen des Himmels, lehnten sich dawider auf, wurden Empörer und Sünder. Wie in alten Heidenzeiten die gewaltigen Römer den Ort bezwungen und niedergeworfen hatten, so geschah es jetzt durch den Dämon der Seuche. Es kam vor, daß Galera nur hundert, nur fünfzig, nur zwanzig Bewohner besaß. Vielleicht blieben deren nur fünfzehn am Leben. Aber diese fünfzehn Verschonten ließen nicht von der verfluchten Stätte. Sie machten alles Weideland ringsum zu Feld, das sie im Schweiß ihres Angesichts bebauten. Sie gruben und pflanzten; sie düngten die vergiftete Scholle mit der Arbeit ihrer Hände und mit der Liebe ihrer Herzen. Aber der Dämon wollte und wollte nicht weichen! Es kamen Zeiten, wo sie ihre Stadt bereits zu Anfang des Sommers verlassen mußten. Der ganze Ort wanderte aus. Unter wildem Wehklagen sammelten sich die Leute auf dem Platz vor ihrer Marienkirche und zogen davon wie zu der Bußfahrt nach einem Wallfahrtsort. Ihre Kirchen und Kapellen ließen sie unverschlossen, ebenso Häuser und Höfe. Sie wußten: kein Dieb und Räuber würde der Stätte sich nähern, davor der Dämon des zürnenden Gottes die Wache hielt. Sie zogen in das Gebirge, wo sie den Sommer über Knechtsdienste thaten. Um sie her reiften die Ähren des Feldes, reifte die Traube und die Ölfrucht; es war ein Segen des Himmels ohne Ende. Die Leute von Galera aber standen an den Feierabenden und spähten über das leuchtende römische Land hinweg, wo sie es inmitten des weiten goldigen Gefildes aufdunkeln sahen: der Fels von Galera – ihre Heimat! Die Bewohner der Berge wollten die guten Arbeiter gern bei sich behalten, boten ihnen Grund und Stätte. Aber die Leute von Galera mochten nicht bleiben: sie wollten zurück in ihre Heimat! Von der Welt und vom Himmel wollten sie nichts andres, als diese. Und konnten sie in ihrer Heimat nicht leben, so wollten sie doch darin sterben und begraben werden. Unter Wehklagen waren sie fortgezogen, unter lautem Jubel kehrten sie wieder, sobald die ersten Herbstregen gefallen waren. Ihre Heimkehr war ein Fest, Wohl feierten sie auch Feste Gottes, der Jungfrau und der Heiligen. Aber kein Fest war für sie so groß wie das ihrer Heimkehr auf den Fels des Fiebers, zu der Stätte des Todes. Ihre Sünde war immer noch riesengroß: immer noch mußte der Herr strafen. Bereits vor zwei Jahrhunderten war Galera eine tote Stadt, die Burg der Orsini eine Ruine. Die meisten Häuser waren ohne Thüren: kein Fuß überschritt mehr die Schwelle. Die Gassen erschienen mit ihren epheuumsponnenen Mauern wie düstere, feuchte Hohlwege, die ein Schlupfwinkel für Skorpionen und Nattern waren. Die Orsini, die ihr Eigentum gegen jeden Feind behauptet hatten, mußten es einer Macht überlassen, der selbst dieses gewaltige Fürstengeschlecht nicht gewachsen war: dem Fieber. Sie verkauften den verrufenen Ort um einen Spottpreis an den einzigen, der darum sich bewarb. Dieser war aus dem alten und edeln, aber völlig herabgekommenen Hause der Anunziaten, die einstmals in der römischen Campagna viele Kastelle und große Güter besessen hatten. Bereits verfiel in Galera das letzte Gotteshaus. Die Tiere der Wildnis hatten darin ihre Lagerstätte und auf dem Altar der Himmelskönigin nisteten Wildtauben. Nur ein junger Priester harrte noch aus, um das letzte Herrengeschlecht von Galera begraben zu helfen. Aber das Fieber raffte ihn vor den übrigen hin. Jetzt wollte kein Priester mehr kommen ... So geschah es, daß in Galera das Wort des Herrn verhallte wie ein Ton im Winde. Am Altar wurde keine heilige Messe mehr gelesen, kein gekreuzigter Leib des Gottessohnes mehr verehrt. Es konnten in Galera weder Sünden gebeichtet noch im Namen des Herrn vergeben werden; und wer starb, empfing nicht den letzten Trost in der Todesnot. So schrecklich erfüllte sich der Zorn Gottes an jenen, die einen trostlosen Fleck Erde mehr liebten, als das ganze glückselige Himmelreich. Dennoch wollten auch die Anunziaten von ihrer Heimat nicht lassen! Da geschah es am Anfang des vorigen Jahrhunderts, daß der Dämon von Galera nur einige am Leben ließ. Diese waren Avenzino d'Anunzio und seine Frau Ersilia, nebst einer Magd Agnese und einem Knecht Ettore. Also bestand die ganze Bevölkerung Galeras damals nur aus vier Personen. Avenzino und Ersilia hatten ihre sämtlichen Kinder: Söhne und Töchter, am Fieber verloren. Als nun Ersilia wiederum ein Leben unter dem Herzen trug, erfaßte die arme Mutter Verzweiflung. Sie flehte ihren Mann an, den Ort des Fluches zu verlassen und müßten sie auch fortan heimatlos sein. Aber Avenzino konnte von der Heimat nicht lassen. Nun gab es in Galera ein uraltes Bildnis der Gottesmutter, das über dem Altar gestanden. Die Leute hatten das Bild verehrt, ohne daß die Fürbitte der Madonna den Zorn Gottes gegen ihre Stadt zu mildern vermocht hätte. Seit dem Aussterben des Ortes ward auch des Bildnisses nicht mehr gedacht. Es blieb vergessen an seiner Stelle und Rosen, Epheu und Brombeeren webten einen dichten Teppich davor. Obgleich in dem verödeten Gotteshause kein Priester mehr waltete, konnte die gute Ersilia es doch nicht unterlassen, morgens, mittags und abends die süße Gottesmutter an der Stelle anzurufen, wo immer noch ihr Altar stand. In brünstigem Flehen lag sie auch jetzt auf den Stufen unter Gras und wilden Blumen und hörte nicht auf, der Madonna ihr Leiden zu klagen und sie für das Ungeborene um Schutz und Hilfe anzuflehen. Als sie ihre Stunde nahen fühlte, suchte sie mit letzten Kräften noch die einst geweihte Stätte auf, warf sich nieder, hob die Arme und rief: »Erlöse uns von dem Fluche! Das Kind, dem ich jetzt in Schmerzen das Leben geben werde, soll nicht seinen Eltern, sondern dem Himmel gehören. Nur laß es mich nicht auch zu Grabe tragen! Mutter Gottes, hilf einer Mutter!« Als die Frau noch lag und in heißem Gebet rang, sah sie über sich aus dem Gewebe von Ranken und Blüten zwei Turteltauben flattern. Dabei schob sich der grüne Vorhang um ein weniges auseinander, und die Betende vermeinte, einer Erscheinung gleich, ein himmlisches Antlitz zu sehen, welches gar holdselig auf sie herunterlächelte. Sie rief ihren Mann und dieser entdeckte hinter dem Teppich der Ranken, darein Hunderte von blühenden Rosen gewirkt waren, wohlverwahrt und vollkommen unversehrt, in frischen Farben leuchtend, das Bildnis der heiligen Jungfrau. Sie war dargestellt inmitten eines Haines schneeweißer Marienlilien, die ihr bis zur Brust reichten. In den Armen hielt sie das göttliche Kind. Es faßte mit beiden rosigen Händlein nach den schimmernden Kelchen. Darüber lächelte die schmerzlichste aller Mütter glückselig. Von dem Lächeln der Gottesgebärerin schien sich eine Welle von Glanz nicht nur über das ganze Bildnis zu ergießen, sondern auch über alle, die es sahen. Mit Hilfe der Magd und des Knechtes schaffte Avenzino das Gemälde sogleich aus der Ruine fort und in den armseligen Raum, den er mit seinem Weibe bewohnte, und den das Bildnis fortan mit seiner Glorie durchleuchtete. Unter dem Lächeln der Madonna gab Ersilia andern Tages einem Knaben das Leben und hauchte dabei das ihre aus, vollkommen schmerzlos und mit einem Strahl des himmlischen Lächelns auf ihrem Antlitz. Sie hatte ihrem Manne nicht einmal sagen können, daß sie das Leben ihres Kindes dem Himmel gelobt. Nur die Madonna wußte darum, und diese betrachtete fortan den Knaben als ihr Eigentum. Avenzino verfertigte seiner entschlafenen Gattin selber die letzte Behausung, bettete sie in Menthe und Thymian, bahrte die Leiche vor dem Madonnenbild auf und entzündete zu Häupten der Toten ein dreiarmiges Lämplein. Dann sattelte er sein Pferd, gebot dem Knechte, auf dem Kirchhof das Grab zu schaufeln, übertrug die Sorge für die Gestorbene und für das Lebende der getreuen Agnese und ritt nach Formello zu dem Priester, dessen er für Mutter und Sohn bedurfte. Er fand den Diener Gottes, ließ ihn auf sein Pferd sitzen und schritt in schweren Gedanken neben dem geistlichen Reiter einher ... Jetzt war seine Frau tot. Aber das Kind lebte! Wenn das Fieber auch diesen letzten Sohn – diesen letzten seines Hauses hinwegraffen würde?! Die bleiche Frau, die jetzt so still dalag, hatte ihn angefleht, den verseuchten Ort zu verlassen und das Leben seines Kindes zu retten. Zu keiner Bitte konnte sie mehr die Hände falten, aber dennoch baten ihn diese regungslosen Hände: »Geh fort! Mir zuliebe!« Und Avenzino fühlte, daß er dieser letzten stummen Bitte seines Weibes keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. Unter dem lächelnden Madonnenbilde tauften sie das Kind. Dann wurde die Tote davongetragen und hinabgesenkt. Hierauf gab es in Galera den Taufschmaus, der zugleich das Leichenmahl war. Agnese hatte Oelkuchen gebacken, der Knecht im Arrone ein Gericht Forellen gefangen und Avenzino ans Formello etwas Wein mitgebracht. Da kein Geld vorhanden war, erhielt der Geistliche seine Tauf- und Leichengebühren in Honig, Hühnern und Eiern reichlich ausgezahlt. Ettore geleitete den Priester zurück und trug die Gaben für die Kirche in Körben wohlverpackt, das gackernde Federvieh an den Beinen zusammengebunden. Nun sollte Avenzino der letzten stummen Bitte seines Weibes willfahren und Galera verlassen. Er war dazu bereit. Jede Woche nahm er sich vor: in der nächsten ziehst du fort! Dann gab es zuvor noch dieses und jenes zu thun und ein neuer Termin wurde bestimmt, wo es dann genau ebenso kam. Jetzt war das beste Stück der Herde erkrankt, oder die Wiesen standen voll des herrlichsten Grases; jetzt begann der Schnepfenstrich, und jetzt wollte Agnese wissen, daß die Bienen noch in keinem Jahr so viel Honig zusammengetragen, oder Ettore mußte im Arrone einer Biberfamilie auflauern. Überdies behaupteten beide, so gesund wie in diesem Jahr hätten sie sich in Galera noch niemals gefühlt! Gewiß würde in diesem Sommer keine Malaria sein; man konnte mit der Auswanderung wenigstens bis zum nächsten Jahre – bis zur nächsten Fieberzeit warten. Und dann, wenn sie fortzogen, wohin? Der Malaria wegen war Galera allmählich ein Ort geworden, für den sich kein Herr mehr fand. Das Ackerfeld hatte sich von neuem in Weide verwandelt. Ein einziger Weideplatz aber war um jene Zeit das ganze unabsehbare römische Land von Civita Vecchia bis zum Circekap, von der Meeresküste bis zum Sabinergebirge! Daher besaßen die Weiden auch für den fremden Pächter nur geringen Wert. Da Avenzino für das ganze aus Stein gebaute Galera nicht einen Skudo und für die Verpachtung der Wiesen nur ein geringes Sümmchen erhalten hätte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als mit der Herde in Gottes Namen abzuziehen, einen Teil seines Viehstandes in Rom zu veräußern und von dem Erlöse irgendwo im Gebirge ein Stücklein Landes zu erwerben, um dann dort eine neue ungeliebte Heimat und ein neues mühseliges Lebenswerk zu gründen. Und noch niemals war ihm die alte Heimat so schön und teuer erschienen! Dieser wundersame Felsen von Galera mit der in Blumen und Ranken versunkenen Stadt über der schattigen Schlucht; mit den grünen Weiden, der ganzen herrlichen Landschaft, die der Tuffkegel beherrschte wie der Thron eines märchenhaften Königs ... Und der Herr von Galera zugleich Herrscher in dieser Wildnis, die ihm ihre Gaben wie einen Tribut zu Füßen legte: Fische und Wildpret, Honig und Früchte ... Und Avenzino fühlte sich von der Liebe zur Heimat wie durch einen Zauber gefesselt. Inzwischen sorgte die treue Agnese nach besten Kräften für das Leben, welches die gute Erfilia der Fieberwelt von Galera zurückgelassen hatte. Das Kind gedieh, als ob die Madonna selber Mutterstelle an ihm verträte, von der Wand herabstiege, den süßen Jesusknaben unter die weißen Lilien legte und dafür den kleinen Astorre auf den Arm nähme. Wenigstens verging keine Stunde, daß das Mutterlose, dessen Bettlein dicht unter dem Bildnis stand, nach der himmlischen Frau nicht seine Arme ausgestreckt hätte, um gleich darauf glückselig zu lächeln, nicht anders, als hielte es die Madonna am Herzen. Seine ersten lallenden Worte galten der Himmelskönigin, mit seinen ersten schwankenden Schritten lief es zu dieser hin, seine ersten Spiele spielte es zu ihren Füßen. Dabei mochte der kleine Jesus von Nazareth der Spielgefährte von Astorre d'Anunzio di Galera sein. So wuchs der Knabe auf, in solcher glückseligen Jugend, als wäre der verseuchte Ort der Garten des Paradieses, darin er von einem Engel des Herrn gegen Gottes Dämon geschützt wurde. Es kamen Zeiten, wo sowohl Avenzino wie Agnese und Ettore am Fieber litten. Aber kein Hauch der giftigen Luft streifte die blühenden Wangen des Knaben, dessen weiche Schönheit etwas von der Holdseligkeit eines Seraphs hatte. Es war ein überaus träumerisches Kind, welches stundenlang im hohen wehenden Grase liegen und mit weit offenen Augen zum Himmel aufschauen konnte, mit einem Blick, als sähe es über sich die leuchtende Unendlichkeit von seligen Gestalten erfüllt, die ihm zuwinkten und ihn anlächelten ... Oder der Knabe durchstreifte die Wildnis rings um den heimatlichen Fels und jedesmal fand oder sah er, was sonst noch kein Mensch gefunden oder gesehen hatte: Blumen und Vögel von wunderbarer Farbenpracht, große leuchtende Schmetterlinge und seltsam schimmernde Steine. Hatte er sich müde gelaufen, so warf er sich an das Ufer des rauschenden Arrone unter die blühende Menthe achtlos an verseuchten Stellen nieder, wo sich jeder andre sichern Tod geholt hatte. Sein Hauptspielplatz war die verlassene Stadt, die ein einziger künstlicher Garten erfüllte. Denn die Natur schmückte diese Stätte des Sterbens, als wäre sie ihr liebstes Kind. Gleich einer der großen funkelnden Eidechsen schlüpfte Astorre durch die Blütendickichte, welche Blaudrosseln, Nachtigallen und Turteltauben bewohnten. Keine Schlange biß, kein Skorpion stach den Knaben und die Wildnis enthüllte ihm alle ihre Geheimnisse, so daß sie für Astorre zu einem Buche ward, welches die Herrlichkeit Gottes verkündete. Während die alte Agnese dem Liebling der Menschen und des Himmels die Leidens- und Sterbegeschichte unseres Herrn und Heilands und die Legenden der Heiligen erzählte, unterwiesen Avenzino und Ettore den Knaben in allerlei irdischen Dingen, als da sind das Verfertigen und Stellen von Vogelfallen und Fischnetzen, das Einsammeln von Beeren, Kräutern und Pilzen und die Kunst der Bienenzucht. Denn weil auf und um Galera ein üppiges Blühen war, so gab es jedes Jahr eine Menge Schwärme wilder Bienen, die von Avenzino eingefangen wurden. Überall standen Bienenstöcke, aus hohlen Bäumen verfertigt. Ein ganzer Wald solcher belebten summenden Bäume, voll des süßesten Inhalts war ringsum zu finden und die Honigernte gehörte zu den heitersten Festen des Jahres. Astorres liebste Beschäftigung war die der Königssöhne des alten Rom: das Weiden der Herden seines Vaters. Seiner Hut wurden denn auch die Schafe und Ziegen anvertraut. Er führte seine blöckenden und meckernden Schutzbefohlenen an Stellen, wo die saftigsten Gräser, die kräftigsten Kräuter wuchsen; und die Seinen waren voll Staunens, wie herrlich das Vieh auf diesen Weideplätzen gedieh. Aber das Hirtenleben nährte des Knaben Hang zu Einsamkeit und Träumerei. Während er im Schatten einer Steineiche oder auf sonniger Flur lag, lauschte er auf das Rauschen des Windes, auf die Stimmen der Wildnis, beobachtete er den Zug der Wolken und den Flug der Vögel. Er machte sich über alles Gedanken und schaute die ganze Natur voller Wesen und Leben. Der alte Ettore schüttelte häufig den Kopf und meinte mißbilligend: »In dem Jungen steckt ein Klosterbruder!« Als wüßte Astorre, daß seine Mutter kurz vor ihrer Todesstunde ihn dem Himmel gelobt, betrieb er von frühester Kindheit an einen inbrünstigen Madonnenkult. Jeden Tag schleppte er die schönsten Blumen zusammen und häufte sie vor dem Bildnis unsrer lieben Frau; und jeden Abend, wenn sie in La Storta das Ave Maria läuteten, steckte er der Mutter Gottes eine dreiarmige Lampe an. Als er größer ward, fing er Wachteln und Wildtauben, die Ettore mit anderm gefangenen und gejagten Gevögel, mit Wildpret, Forellen, Honig, Eiern und Fellen Sonntags in Formello verkaufte. Für den Erlös mußte der Knecht dem kleinen Herrensohn hohe prächtige Wachskerzen einhandeln, und fortan brannte stets eines dieser frommen feierlichen Lichter vor der heiligen Jungfrau unter den Lilien. Oder sie erhielt gar Räucherwerk angezündet, so daß die Himmlische aus einer Wolke Weihrauchs auf ihren jungen Diener herablächelte. Agnese erzählte dem gierig lauschenden Knaben von den Marienandachten, die im wonnigen Mai in vielen Kirchen und Kapellen der ganzen Christenheit gehalten werden. Die lebhaften Schilderungen der lieblichen Feier machten auf Astorres Gemüt mächtigen Eindruck. Als der erste Mariensonntag kam, fand man ihn unter Blüten vor dem Madonnenbildnis stehen, eine weiße Decke als Chorhemd umgethan und leuchtenden Auges, in stiller Verzückung die Holdseligkeit und himmlische Güte der Gottesgebärerin preisend; und das mit Worten, die durch den Mund des Kindes ein seliger Geist zu sprechen schien. Astorres Vater ward durch seines einzigen Sohnes leidenschaftliche Neigung zum geistlichen Wesen mit Trauer erfüllt und wenn die Zeit des Fiebers kam, pflegte der Mann in seiner Blindheit zu sagen: »Meines Sohnes willen wollte ich Heimat und Haus verlassen; aber er wird Heimat und Vater verlassen, um Mönch zu werden. Nicht das Fieber bringt ihn in ein frühes Grab, sondern seine eigne Seele. Wenn der Dämon Galeras auch mich gewürgt hat, so wird Gottes Zorn gegen diese Stätte gestillt sein; denn auch der letzte der Anunziaten ist alsdann ein Gestorbener, ein Mönch.« Astorre wurde ein schöner und frommer Jüngling. Wer ihn sah, vermeinte von seiner Stirn einen Glanz ausgehen zu sehen, nicht anders, als ob der Schein des Madonnenlächelns seine Züge erhellte. Er war neunzehn Jahre alt, als sein Vater starb: am Fieber, wie es einem der Leute von Galera nach uraltem Brauch geziemte. Sein Sohn zimmerte den Sarg, holte für ihn aus Formello den Geistlichen und half ihn mit heißem Schmerz an der Seite der Mutter begraben. Jetzt war er der letzte Sproß seines Hauses und der letzte Herr von Galera. Der Kirchhof dieses Ortes liegt noch heute mitten auf freiem ödem Felde, ohne Baum und Strauch, an der Landstraße nach Bracciano. Ein mächtiges schwarzes Kreuz erhebt sich darauf. In den heißen Sommernächten der Fieberzeit öffnen sich die Gräber: die Leute von Galera steigen heraus und wallen in langen langen Scharen durch das schöne Thal des Arrone und den braunen Felsen hinauf in ihre Stadt, die so tot ist wie sie selbst. Die Leute von Galera können auch im Tode von ihrer Heimat nicht lassen. Astorre verfiel in Schwermut. Nun sein Vater tot war, kannte er auf Erden nichts Schöneres als seine einsame, wilde, verpestete Heimat, besaß er unter dem Himmel nichts Teureres als sie. Als einstmals sein Vater in einem besonders bösartigen Fieberjahr ihn mit Agnese in das Gebirge senden wollte, hatte sich der Knabe auf den Boden geworfen, die Scholle seiner Heimat mit beiden Armen umfangend, sein kleines Herz dagegen pressend, als wäre die Erde von Galera ein heißgeliebter Mensch. Der Schmerz über die drohende Abreise hatte damals das Kind krank gemacht, so daß Avenzino es dabehalten. Und doch wollte Astorre jetzt sein Schönstes und Teuerstes auf der Welt hingeben, um durch dieses Opfer den Fluch von der Heimat zu nehmen, den Gottes Zorn darauf gelegt. Denn seines ganzen Menschen hatte sich der Glaube bemächtigt, daß, wenn er sein Leben Gott und der heiligen Mutter des Heilands weihte, Galera von der Heimsuchung befreit werden und den geliebten Ort einstmals ein neues gesundes und glückliches Geschlecht bevölkern würde. In solcher Weise hatten die letzten Gedanken seiner frommen Mutter sich in der Seele des Knaben umgebildet. Avenzino jedoch hatte auf dem Sterbebett seinen Sohn beschworen, nicht in ein Kloster zu gehen; und der arme Astorre hatte dem Vater gelobt, in Galera zu bleiben. Darum nun: weil er als guter Sohn den Wunsch des Vaters freudigen Herzens erfüllen wollte und sein Gelöbnis an diesen ihn hinderte, die Heimat zu verlassen und Mönch zu werden – wie er es doch hatte werden sollen – so verdüsterte sich in solchem Zwiespalt sein Gemüt mehr und mehr. So geschah es, daß eine tiefe Trauer über diesen jungen schönen und reinen Menschen kam, den Gott so recht nach seinem Bilde geschaffen. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts, verwandelte ein großes Stück Weide von neuem in Ackerland, baute Korn und erntete in schweren Weizenähren goldenen Himmelssegen. Er pflegte seine Herden und Bienen, dem alten Ettore die Jagd und Fischerei überlassend. Nach wie vor betrieb er einen überschwenglichen Marienkult, also daß die Madonna nicht aufhörte, dem Jüngling zuzulächeln, als ob er ihr getreuer Unterthan und Vasall wäre, über dessen Leben sie zu gebieten hatte – und nicht Gott, der allmächtige Herr! Ihr Lächeln schien zu sagen: »Jetzt hause ich mit dir auf dem Fels von Galera. Fürchte dich nicht. Ich werde zur rechten Zeit schon alles zum guten Ende führen.« Und der Dämon von Galera bekam nach wie vor über diesen letzten Anunziaten keine Gewalt. Astorre wurde ein leidenschaftlicher Reiter, der tagelang zu Pferde saß und ohne Ziel und Zweck die Steppe durchraste, als ob er verfolgt würde von seinen eignen Gedanken, Wünschen und Begierden, die ihn hin und her trieben, von der Erde auf zum Himmel und wieder zur Erde herab. Er konnte aber auch, grade wie in seinen Knabenjahren, am Rande des Felsens von Galera ruhen und stundenlang starren Auges in die endlos scheinende Ferne schauen, van einer Sehnsucht erfüllt, dafür er keinen Namen wußte. Während der langen Regenzeit und im Winter, wenn um das zerstörte Haus der Orsini und Anunzii die Stürme brausten, als wollten sie die geborstenen Mauern niederreißen, verträumte der Jüngling manchen Abend in der großen Halle, in deren gewaltigem Kamin ganze Lorbeerbäume verkohlten. Er faß und starrte in die knisternden Flammen, lauschte auf die alten Geschichten und Legenden der die Spindel werfenden Agnese und hörte doch von allem kein Wort. Zuzeiten war er todesmatt, als verzehrte ein Fieber seine Seele. Und die Sehnsucht in ihm wuchs und wuchs. Doch er wußte noch immer nicht, wonach er sich sehnte. Tag für Tag sprachen die alten und getreuen Dienstleute über ihren lieben traurigen Jüngling. Agnese behauptete: »Er muß eine Wallfahrt thun. Das wird ihm helfen!« Aber Ettore murmelte: »Was da, Wallfahrt! Er muß sich ein Weib nehmen. Das wird ihn heilen!« »Damit ihm Weib und Kind am Fieber sterben? Ich sage, es muß eine Wallfahrt sein.« Astorre, nach seiner Gewohnheit, vertraute sich der Madonna an: »Ich weiß nicht, was mir fehlt. Du weißt es. Hilf mir, heile mich!« Und die heilige Jungfrau lächelte ihm zu: »Das will ich!« Dieselbe Nacht erschien sie ihrem inbrünstigen Verehrer im Traum. Und sie sprach zu Astorre mit einer Stimme, lieblicher als das Säuseln des Sommerwindes im blühenden Menthekraut, als die Lieder der Amsel in den Rosenbüschen am Arrone: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ziehe aus und hole dir die Gefährtin.« Astorre fühlte sich von heißen Schauern überrieselt; und er fühlte sein junges Blut wie eine himmlische Glut. Dennoch erwiderte er der heiligen Jungfrau: »Wenn ich auch nicht Mönch werden darf, so möchte ich doch keinem Weibe angehören als dir, der ich mich von Jugend an zugelobt habe.« Nach Frauenart schaute die Himmlische voll Wohlgefallens auf ihren treuen Diener. Da sie jedoch mit ihm Besonderes im Sinne hatte; und da selbst die heiligste Frau das Ehestiften nicht lassen kann, so sagte sie abermals: »Hole dir die Gefährtin.« Astorre, mit wild pochendem Herzen, entgegnete: »Ich versprach meinem sterbenden Vater, in Galera zu bleiben. Wie kann ich mir hierher ein junges Weib holen, das doch nur hinsiechen und sterben würde? Denn da ich nach meines Vaters Wunsch nicht Mönch werden soll, so will ich wenigstens von meiner Heimat nicht lassen, auch nicht um eines hübschen und guten Mädchens willen.« Etwas ärgerlich über solche unritterliche Gesinnung gegen eine ihres Geschlechts, sprach die Madonna zum drittenmal: »Astorre, ziehe aus!« Darauf verschwand das Traumbild ... Astorre erwachte mit einer Empfindung, als ob von Stund' an für ihn ein neues Leben begänne. Sein elendes Zimmer erfüllte der wonnige Duft der Marienlilien und eine breite Bahn lichten Dunstes war durch die Luft gezeichnet wie ein Streifen Sonnengoldes. Sie führte aus seinem Gemach bis in jenen Raum, wo an der Wand das Gemälde der Jungfrau hing. Am Morgen kündigte der Herr von Galera seinen beiden Dienstleuten an: »Ich ziehe aus.« Beide fragten: »Wohin?« Aber das wußte Astorre selbst nicht und jetzt war guter Rat teuer. Um den beiden Alten nicht thöricht zu erscheinen und um einen Zweck für sein ungewöhnliches Vorhaben anzugeben, sagte er: »Die Madonna gab mir heute nacht im Traum einen guten Rat; darum will ich zur Madonna del buon' consiglio wallfahrten.« Jetzt triumphierte Agnese, daß Astorre das Rechte thäte. Aber Ettore grollte: »Das sind Weibergeschichten!« Nun giebt es in Italien keine Stadt oder Flecken, der nicht ein Heiligtum der Madonna vom guten Rat besäße. Und da der Mensch in seinen Irrtümern, Ängsten und Nöten zu jeder Stunde des Lebens eines guten Rats bedürftig ist, so wird kein andres Bildnis der heiligen Frau so hoch verehrt und von ratsuchenden bedrängten Sündern so umlagert wie dieses. Agnese zählte sogleich ein halbes Hundert solcher Heiligtümer auf, so daß Astorre die Wahl schwer wurde. Da er von seinem Felsen aus immerwährend das Albanergebirge vor sich hatte, wonnig und leuchtend wie ein schönes schimmerndes Gewölk, welches auf der wilden Steppe ruhte, so entschied er: »Ich will zu dem Madonnenbilde unsrer lieben Frau, welches die Kapuziner in ihrer Kirche oberhalb Frascati verehren.« Nun erteilt aber grade dieses Bildnis – wie jeder fromme Christ im römischen Lande weiß – besonders in Sachen sehnsüchtiger und bedrängter Herzen guten Rat, weshalb es denn auch besonders hoch in Ansehen und Ehren steht und einen gewaltigen Zulauf liebeskranker Jungfrauen und Jünglinge hat ... An dieser Stelle unterbrach der Bruder, der mir das Schicksal der letzten Leute von Galera bald im Ton einer alten Legende, bald wie eine moderne Dorfgeschichte berichtete, seine Erzählung mit einem schweren Seufzer. Es klang gleich einem erstickten Stöhnen, als erführe er die Versuchungen jenes allerärgsten Höllengeistes häufig an sich selber; und seine Seele trüge von dem grimmigen Ringen mit dem Bösen blutige Wunden, ohne daß es ihr gelungen wäre, den Feind zu besiegen und in das Friedensreich aller Entsagung einzugehen. Ich sah ihn an. Es war ein schöner Jüngling, das Gesicht bleich vom Leben in der Fieberwüste, die Züge starr durch Askese. Er preßte die jungen Lippen, die den verräterischen Schmerzenslaut sich hatten entschlüpfen lassen, fest zusammen, senkte die dunkeln leidvollen Augen, die selbst im Traum die Schönheit der Welt nicht schauen durften und in denen noch immer ein Strahl heißen irdischen Verlangens glühte, tief zu Boden; und ich bemerkte, wie er mit blassen zitternden Händen heimlich nach dem Agnus an seiner Seite tastete, daran der Gekreuzigte hing. Diesen hielt er umkrampft. Um den Mönch nicht erkennen zu lassen, daß ich seine heimliche Qual ahnte, bemerkte ich: »Ihr scheint Ärgernis daran zu nehmen, daß die Madonna den guten Astorre, anstatt ihm zu gebieten, vor allen Dingen das Gelöbnis seiner Mutter zu erfüllen, auf die Brautfahrt ausschickte?« Mit abgewendetem Gesicht murmelte der Bruder: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Alsdann etwas lauter: »Astorre d'Anunzio war ein glückseliger Mann; denn ihm zuliebe hat die Madonna von Santa Maria di Galera ein Mirakel gethan.« Ich rief: »Die Madonna von Santa Maria di Galera! Also heißt dieses Heiligtum nach jenem Bildnis, zu dem Astorre im Hause der Orsini gebetet?« »Es befindet sich in der Kirche unsers Klosters, welches Astorre d'Anunzio gegründet hat.« »Er lebte hier?« »Er war der erste Wächter des heiligen Bildnisses.« »Astorre d'Anunzio wurde Mönch?!« »Ihr könnt sein Grab sehen. Er starb als Bruder Felice da Galera.« »Demnach hat er die Braut, die er auf Geheiß der Madonna suchte, nicht gefunden? Oder er fand sie, nahm sie zum Weibe, brachte die Arme nach seinem verseuchten Galera und ließ auch sie vom Dämon des Ortes dahinraffen?« »Astorre d'Anunzio war ein glückseliger Mann,« wiederholte mein Gefährte. Dann erzählte er, der den guten Astorre um die Mittlerschaft der heiligen Jungfrau heimlich beneidete, gelassen weiter: ... »Also ging denn Astorre wallfahrten zum Gnadenbilde der Madonna vom guten Rat bei den Kapuzinern in Frascati. Gewiß hätte die Madonna unter den Lilien von Galera nicht erst nötig gehabt, ihren guten und frommen Jüngling zu der Himmelskönigin im Alvanergebirge zu schicken. Aber mochte sie nun der Frascatanerin Grüße bestellen wollen, oder mochte es selbst der Madonna schwer fallen, Astorre in dem verrufenen verseuchten Galera eine passende Braut finden zu lassen – genug, sie schickte ihn auf die Pilgerfahrt. Die alte Agnese begleitete ihn. Wenn sie vor ihrem sicherlich baldigen Fiebertode noch einmal eine weite und mühselige Wallfahrt unternahm, so würde sie in Frieden die Augen schließen können, ohne der letzten Ölung zu bedürfen, die in Galera nur schwer zu beschaffen war. Zu ihrer Betrübnis ging die Pilgerfahrt nicht nach dem heiligen Hause von Loretto oder wenigstens zu der schwarzen Madonna von Genazzano; und die Frascataner Himmelskönigin, die hauptsächlich in Liebesnöten guten Rat erteilt, war auch nicht grade geeignet, ihr sonderlich zu helfen. Aber sie tröstete sich mit der Vorstellung von all' den Kirchen und Kapellen, an denen ihr Weg sie sicher vorüberführte. Und erst in Rom! Es hätte der Wanderung eines Jahres bedurft, um in Rom von Heiligtum zu Heiligtum zu kommen. Wie schön die Welt doch war! Und Greisin und Jüngling zogen aus ... Agnese trug auf dem Kopf ein gewaltiges Bündel frischgebackenes Brot und Ziegenkäse, und Ettore mußte eine junge Steineiche schneiden, die ihr als Stab zu dienen hatte. Astorre war in sein bestes Gewand aus dunkelblauem Linnen gekleidet. Die gute Ersilia hatte dazu noch den Faden gesponnen, gefärbt und gewebt; und ihm war, als ob seiner Mutter Segen ihn auf diesem Wege begleitete. Es war im Juni und die Zeit des Schreckens und des Fiebers für das römische Land noch nicht gekommen. Die Wiesen leuchteten von Blüten. Bald war ein weites Feld purpurrot, bald goldgelb oder himmelblau. Wohlgeruch und Lerchengesang erfüllten die Luft; und die Welt erschien Astorre jung und schön wie am ersten Schöpfungstag. Die beiden wanderten über La Storta und Isola Farnese. Sie beteten eifrig zu unsrer lieben Frau und redeten vertraulich mit der Madonna, als schritten sie zu dreien. Gegen Abend sahen sie von einer Anhöhe aus unter sich ein leuchtendes Meer von rosenrotem Dunst und mitten in dem Glanz ein flammendes Gewölbe, das zwischen Himmel und Erde zu schweben schien. Es war die Peterskuppel, erleuchtet von den Gluten der untergehenden Sonne. In Rom wohnten sie bei einer Verwandten der Agnese. Am ersten Tage besuchten sie einige der sieben hochheiligen Kirchen; am zweiten beteten sie auf der heiligen Treppe beim Lateran; den dritten pilgerten sie weiter. Es war aber grade der Tag des Fronleichnamsfestes, an dem sie in der glückseligen Weinstadt Frascati anlangten. Auf den Plätzen standen blumengeschmückte Altäre errichtet, grüne Pforten waren aufgebaut und Gewinde spannten sich über die Gassen, die mit Rosmarin und Rosen bestreut waren. Rote Vorhänge und buntfarbige Teppiche hingen aus den Fenstern und überall wurde dem Himmel mit großer Freudigkeit gedient. Astorre und Agnese kamen auf den Platz vor dem Dom und stellten sich hier auf, um die Prozession zu erwarten. Die Glocken läuteten, Böller wurden gelöst. Es krachte und knatterte. Die Orgel spielte und eine rauschende Musik ertönte. Vor den geöffneten Pforten der Kirche wich ein dunkler mächtiger Teppich zurück. Kerzenglanz strömte aus der Dämmerung der Gewölbe in die grelle Helle des Sommertags und in Pracht und Herrlichkeit wurde des Heilands gekreuzigter Leib dahergeführt. Mit allem Volk warf sich Astorre auf die Kniee, beugte sein Haupt und stand auf, nachdem das Allerheiligste vorübergetragen worden. Da sah er im Zuge zwei alte schöne Frauen. Sie waren feierlich in scharlachrote Seide gekleidet, trugen hohe brennende Wachskerzen und führten zwischen sich ein Mädchen, jung und zart wie ein Kind. Dieses holdselige Wesen, auf das aller Augen sich richteten, trug ein orangefarbenes Gewand und war vom Kopf bis zu den Füßen schwarz verschleiert. Durch den Flor vor ihrem Antlitz erblickte Astorre lilienweiße Wangen, ein feines Näschen, einen kleinen roten Mund und lange, dunkle, tiefgesenkte Wimpern. Diese hoben sich, gerade als die Liebliche an ihm vorbeischritt. Es war nicht anders, als würde ihr Blick durch eine geheimnisvolle Gewalt emporgezogen und auf ihn gerichtet. Große strahlende Augen sahen ihn staunend an. Gleich darauf war die schöne Erscheinung vorübergeglitten. Der gute Astorre empfand einen heißen Schrecken bis in sein Herz hinein. Nie zuvor hatte er Derartiges gefühlt, etwas so Wundersames! Es wollte ihm erscheinen, als gliche das süße Kind dem Bildnis der Madonna von Galera; aber die Sünde dieses Gedankens entsetzte ihn. Trotzdem sah er von diesem Augenblick an von der ganzen Welt nichts mehr als dieses holdselige verschleierte Antlitz, gerade als hätte eine göttliche Hand für ihn alle übrigen Menschengesichter von der Erde weggelöscht. Wie träumend begab er sich mit Agnese in eine Herberge, wo sie Wein tranken, der eine süße köstliche Glut hatte, und wo sie aus den Gesprächen der Leute erfuhren: das Mädchen im gelben Kleide sei eine arme Waise, von so sittenreinem und frommem Lebenswandel, daß sie – einem uralten Gebrauche gemäß – von der Gemeinde ausgesteuert und dem Volke als die Tugendreichste am Corpus-Dominifest gezeigt worden. Nachmittags stiegen die Leute von Galera durch hochstämmigen Ölwald den Berg hinauf, an dessen von Fruchtbarkeit strotzenden Abhängen das Kapuzinerkloster hoch über dem wonnigen Frascati liegt. Agnese konnte sich nicht genug über die Herrlichkeit des Landes verwundern, wo jede Scholle zwei- und dreifachen Himmelssegen trug. Und was am erstaunlichsten war: hier hatte kein Mensch das Fieber! Wenn die Wandrer zurückschauten, so gewahrten sie unter sich das römische Land. Sie erkannten, wo ihre Heimat lag und vermochten sich des Gedankens nicht zu erwehren: warum ist bei uns Wildnis und Fieber, und warum ist hier die Welt voller Wonne, Gesundheit und Reichtum? Gleichsam, als hätte er seiner über alles geliebten Heimat ein schweres Unrecht abzubitten, wiederholte Astorre im Herzen sein dem Vater gegebenes Versprechen, der Stätte, gegen welche der Himmel so ungerecht war, dennoch getreulich anzuhangen; »und,« so fügte er dem Gelübde bei, »und sollte auch ich dem Fluch, der auf ihr ruht, zum Opfer fallen.« Da er im Kloster allein beten wollte, schickte er seine Gefährtin voraus. Er selbst warf sich neben der zum Heiligtum emporführenden hohen Treppe in dichtes Ginstergebüsch. Der schöne Strauch umstrahlte mit seiner blühenden Glorie ein Bildnis der Himmelskönigin, das in einem vergitterten Schrein an der Mauer des Klostergartens die Pilger am Eingang zum Asyle des Friedens begrüßte. Astorre achtete des Bildes nicht, auch ward es ihm durch die langen goldigen Blütenzweige zur Hälfte verborgen. Die Hitze des Sommertags, der Duft des Ginsters schläferten den Wallfahrer ein. Er verfiel in einen leichten Schlummer, darin er wie im Traum das Summen der Bienen und eine leise süße Frauenstimme vernahm. Er vermochte nicht, sich zu regen; aber er verstand jedes Wort. Es war eine inbrünstige Bitte an die Madonna, einem Mädchen zu einem braven Mann zu verhelfen. Astorre dachte in seinem Halbschlaf: »Einen Mann für dich wüßte ich schon! Aber ich muß die suchen, welche ich finden soll ...« Und er träumte von dem lieblichen Mädchenbilde, das die rotgekleideten Frauen in der Prozession einherführten. Da mußte er voll heftiger Sehnsucht tief aufseufzen. Darüber schlug er die Augen auf, glaubte jedoch weiter zu träumen. Denn die holdselige Gestalt aus dem Corpus-Dominizuge stand leibhaftig vor ihm. Nur deuchte sie ihn noch um vieles reizender; und er freute sich, so armselig sie auch gekleidet war; sie nicht mehr in dem gelben phantastischen Prunkgewande zu sehen, darin sie dem versammelten Volk wie ein Beutestück gezeigt worden war. Sie hatte vor dem Madonnenbild gebetet, die Sorge ihres unschuldigen Herzens ausgeschüttet, hatte dabei eines blassen schönen Jünglingsantlitzes gedacht, welches ihr heute von einer göttlichen Hand während der Prozession gewiesen worden, hatte plötzlich einen lauten Seufzer vernommen, war erschrocken aufgesprungen und – und jetzt standen die beiden jungen Menschen einander gegenüber in solcher Verwirrung und Scham, als wären ihre Seelen nackend; und zugleich voll solch jauchzender Glückseligkeit, als trügen sie den Himmel, der über ihnen strahlte, auch in ihren Herzen. Aber die Madonna trat unsichtbar zwischen sie, faßte sie bei den Händen und führte sie bis zu den Stufen vor ihrem Bildnis, auf welche sie das hübsche Pärlein sanft niederzog – und zwar gar nicht sehr weit voneinander entfernt. Darauf blieb sie ruhig hinter ihnen stehen; denn sie wußte, daß sie jedes Wort, welches die beiden miteinander redeten, hören durfte, und daß jetzt die ganze Angelegenheit so gut wie in Ordnung wäre. Denn in Liebessachen, meinte sie, komme es nur auf den richtigen ersten Anfang an; und der sei, gottlob, gemacht. Also fingen die beiden an zu schwatzen. Zunächst von diesem und jenem, was man eben so spricht. Dabei redeten sie so leise und ihre Herzen schlugen so laut, daß jedes vermeinte, das andre könnte darüber kein Wort hören. Plötzlich fiel Astorre ein, er müßte ihr sagen, wie er heiße und auch sie nach ihrem Namen fragen Der war: Maria. Von hundert Mädchen heißen neunzig Maria. Daß aber grade diese eine den heiligen Namen der Gottesmutter führte, deuchte den inbrünstigen Marienanbeter gleich einem wunderschönen Mirakel. Und wie sie sonst noch heiße? Frascatani. Maria Frascatani! Und sie erzählte, was sie von der Geschichte dieses Namens wußte ... Über dem wonnigen Frascati, auf hohem, weit sich hinziehendem Hügelrücken, liegen die Ruinen Tuskulums, dieser schönsten Villenstadt des Altertums. Schon im frühesten Mittelalter wurde Tuskulum von den Römern zerstört. Nur wenige Bewohner retteten ihr Leben. Einer darunter konnte von seiner Heimat nicht lassen und siedelte sich unterhalb seiner eingeäscherten heißgeliebten Vaterstadt in den Ruinen einer antiken Villa an. Er baute für sich und die Seinen zunächst Hütten aus Zweigen: frasche . Nach und nach sammelten sich um diese Laubzelte andre Vertriebene. So entstand ein Ort, der seinen Namen nach den ersten luftigen Bauten erhielt; desgleichen wurde der erste Ansiedler so genannt, um ihn als den Gründer Frascatis schon durch seinen Namen zu ehren. Der letzte der Anunzii konnte also um ein Mädchen aus altem Geschlecht werben. Sie hatte weder Vater noch Mutter gekannt, die auch nur ein armseliges Weib war, und außer einer Gevatterin keinen Menschen gehabt, der sich um sie gekümmert hatte, und ohne den Schutz ihrer heiligen Namenspatronin wäre sie sehr bald wie ein Stein auf der Straße gewesen. Aber die Madonna hatte es mit der Marietta gut im Sinn, führte sie von der Gevatterin fort in ein Kloster, wo sie zuerst von den guten Schwestern wohl etwas herumgestoßen ward, später jedoch bessere Zeiten erlebte. Denn die heilige Jungfrau verlieh ihr eine große Geschicklichkeit, in Gold und Seide zu sticken; und so saß sie seit ihrem zehnten Jahre und stickte mit feinen flinken Fingern, zum Ruhm und Verdienst des Klosters, Altardecken und Priestergewänder. Vor allem jedoch fertigte sie mit ihrer Kunst Mäntel und Kleider für die heiligen Bildnisse Unsrer himmlischen Frau. Letztere Arbeit war Mariettas freudigstes Tagewerk. Sie war unermüdlich, schimmernde Ranken und goldige Blüten auf den blauen Sammet und die weiße Seide der frommen Prachtgewänder zu sticken. Dafür erwies die holdselige Mutter des Herrn der letzten aus dem Geschlechte der Frascatani sich dankbar; und da die guten Schwestern die geschickte Stickerin gern im Kloster behalten und zur Braut des Himmels gemacht hätten, so nahm sich die heilige Jungfrau hingegen vor, die kleine Marietta lieber einem hübschen und braven Mann zum Weibe zu geben. So geschah es, daß das Mägdlein mit seinem achtzehnten Jahre aus dem Kloster entlassen und zum zweitenmal aus Barmherzigkeit von der Gevatterin aufgenommen wurde. Jetzt hätte Marietta einen Mann nehmen können; und es fand sich auch sogleich mehr als ein hübscher brauner Jüngling, dem das schlanke Figürchen und blasse Gesichtchen mit den roten Lippen und dem leuchtenden Augenpaar zum Sterben wohlgefiel. Aber zur Braut gehört nun einmal eine Aussteuer; und Maria hätte sich ihre kleinen hübschen Hände wund sticken müssen, um hundert oder gar zweihundert Skudi zusammenzubringen. Dazu kam, daß sie bei der geizigen Gevatterin waschen und scheuern und grobes Linnen nähen mußte und in einem Hause wohnte, das nicht viel besser war als ein Mauerloch. Und es kam dazu eine plötzliche glühende drangvolle Sehnsucht nach Licht und Leben und Lebensfreude. Kurzum, die Madonna mußte weiter helfen! Maria bat so lange, so inbrünstig und süß, daß die Madonna auch sehr gern weiter half und ihr von der Gemeinde einstimmig den »Tugendpreis« erteilen ließ. Und zum Tugendpreis kam die Aussteuer, zur Aussteuer der Bräutigam, und mit diesem alles erdenkliche Glück unter dem Himmel. Indessen erhob sich erst jetzt die Schwierigkeit! Denn kaum war in Frascati bekannt geworden, wer in diesem Jahre beim Corpus-Domini orangegelb gekleidet einhergehen würde, als die halbe männliche Frascataner Jugend um Marietta zu freien begann. Sogar aus dem händelsüchtigen Marino und dem wilden Rocca Priora stellten sich Bewerber ein, so daß Mord und Todschlag zu befürchten stand. Eben weil jetzt auf einmal die Auswahl so beängstigend groß war, hatte sich Marietta in der neuen Not wieder zur Himmelskönigin geflüchtet; und zwar diesesmal direkt zur Madonna vom guten Rat, oben bei den frommen Kapuzinern: die heilige Jungfrau sollte ihr zum rechten raten! Und die Madonna zeigte ihr den rechten unter blühendem Ginsterstrauch, wie der Himmel einstmals Abraham im Gebüsch als Opfer den Widder gewiesen. Übrigens durfte Astorre nicht etwa glauben, daß sie den Ausgang zu den Kapuzinern ohne Begleitung gethan. Etwas so Unschickliches lag ihr fern – noch dazu, wo sie jetzt durch die Hilfe der Madonna die Aussteuer erhalten: bare hundertundfünfzig Skudi, ein Vermögen wie das einer Prinzessin! Die Gevatterin war mit ihr gekommen, aber von ihr gleich weiter in die Kirche geschickt worden, damit sie der Madonna allein ein Stücklein vorseufzen konnte. Das hatte sie denn auch nach Kräften gethan und jetzt war sie völlig, aber völlig beruhigt und getröstet: die heilige Jungfrau würde gewiß immer noch weiter helfen. Astorre that ganz unschuldig, mit keinem Blick und Wort verratend, welchen wunderlichen Traum er unter dem blühenden Ginster gehabt. Er begann von sich selbst zu plaudern, von seinen Eltern, seiner Heimat und daß er wegen der Malaria wohl schwerlich ein Mädchen finden würde, die ihn zum Manne nähme. Das begriff Marietta nicht. Sie begriff es ganz und gar nicht – wahrhaftig nicht! Des Fiebers wegen keine Braut zu nehmen – Marietta verstand nicht, wie man Fieber bekommen konnte. Und erst gar daran sterben?! Konnte man überhaupt sterben, wenn man jung und glücklich war? Übrigens mußte man auch der Madonna vertrauen; sonst würde man sie kränken. Und sie war doch so gut. Das war sie! Und Astorre schilderte mit leuchtenden Augen das Bildnis Unsrer lieben Frau unter den Lilien. So saßen sie, schwatzten und schwatzten und vergaßen darüber die ganze Welt. Plötzlich meldete sich bei ihnen der Himmel. Die Wand mit dem Madonnenbild begann zu strahlen und zu glühen, als schlüge aus dem Ginsterstrauch eine Flammensäule auf. Es war jedoch nur die Abendröte, die einen purpurfarbenen Glanz auf das kleine Heiligtum warf. Die schöne Glut erinnerte Astorre, daß es spät geworden und daß er hinauf zu den Kapuzinern müsse, um vor dem Bildnis der Madonna vom guten Rat ein Gebetlein zu thun; deswegen war er ja aus Galera ausgezogen! Marietta machte dazu gewaltig große Augen: sie säßen ja unter dem Bilde der Madonna vom guten Rat! Ob er alle die silbernen und goldenen Herzen nicht sähe, die hinter dem Gitterwerk das Bildnis wie ein prunkender Heiligenschein umgaben? Aber Astorre hatte nichts gesehen, nichts als die irdische Erscheinung jener andern Maria. Und jetzt staunte er. Also brauchte er gar nicht weiter zu gehen, um sich guten Rat zu holen, da er solchen bereits erhalten hatte: diese Maria von Frascati mußte sein Weib werden oder keine! Dasselbe schien die Madonna anzunehmen; denn sie hielt getreulich Wächterdienst und duldete an diesem wunderschönen Sommerabend keine andern Beter, die das Pärlein von den Stufen würden fortgescheucht haben. Sie erlaubte den beiden sogar, sich noch um ein weniges näher zu rücken. Plötzlich bemerkte sie jedoch, wie die zwei, ganz gegen Brauch und Sitte, sich bei den Händen faßten. Und als sie sich erst einmal bei den Händen hielten, geschah es, daß sie sich in die Augen schauten: sehr tief und bedenklich lange! Es war ein Wunder, daß sie sich nicht um den Hals fielen und einander herzten und küßten. Aber ein Kuß vor der Hochzeit – und wäre er auch noch so sehr in Ehren gegeben – wäre dermaßen unschicklich und sündhaft gewesen, daß die Madonna solches unmöglich erlauben konnte, so gern sie gewiß in diesem besonderen Falle ein Auge zugedrückt hätte. Um durch die Jugend, Schönheit und Unschuld der Verliebten sich am Ende nicht doch fortreißen zu lassen, schickte sie Agnese und die Gevatterin die Treppe hinab. Die beiden alten Weiblein hatten in der Kirche zuerst ein weniges gebetet, darauf Bekanntschaft gemacht und sich in einen Winkel gedrückt, wo sie eifrig zu flüstern begannen. Da sie jedoch beide schon etwas taub waren, hatten sie, um sich besser verständigen zu können, die Konversation schließlich vor die Kirche verlegt, wo sie nach Herzenslust laut schwatzen konnten. Um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, suchten sie dabei Cichoriensalat, zu dem die Gevatterin ihre neue Freundin auf den Abend einlud. Bevor sie noch das geliebte Gericht beisammen hatten, war von den beiden bereits ausgemacht, daß Astorre und Maria ein Paar weiden müßten. Nun kamen sie in der Dämmerung die steilen Stufen bedächtig hinunter geschlurft, fanden das Paar bereits fix und fertig und wußten zuerst nicht, sollten sie sich freuen oder ärgern, daß alles ohne ihre Mithilfe zu Stande gekommen. Da das Ärgern indessen weit angenehmer ist, so ärgerten sie sich. Sie schalten und lärmten, so lange sie daran Vergnügen hatten, und gerieten dadurch in die beste Stimmung. Seelenvergnügt machten sich die vier auf den Heimweg durch den nächtlichen Ölwald, der voller Blüten stand und den herrlichsten Wohlgeruch aushauchte. Um die Stirnen der beiden jungen glückseligen Menschen wehte es gleich Weihrauchduft ... Die kleine Gesellschaft begab sich nach dem Hause der Gevatterin, wo sie eine Anzahl junger Leute versammelt fand, die auf die Heimkehr der Preisgekrönten und Ausgesteuerten gewartet hatten. Alle waren sie Freier. In großen roten Taschentüchern trug ein jeder eine Gabe, mit deren Hilfe er um die Gunst der reizenden Maria zu werben gedachte. Der eine brachte ein Gericht fetter Wachteln, der andre einen jungen lebenden Truthahn, der dritte gar ein pechschwarzes grunzendes Ferkel. Es fiel der Gevatterin schwer, an dem Altar ihres Herdfeuers diese Opferspenden verliebter Herzen nicht empfangen zu sollen. Aber Astorres Schönheit und Sittsamkeit hatten es der Alten bereits angethan; sonst wäre sie der Versuchung des Augenblicks sicher erlegen, hätte sämtliche Jünglinge eingelassen und des Vertrags, den sie mit Agnese vor der Kapuzinerkirche geschlossen, nicht weiter gedacht. So aber blieb sie standhaft. Sie schloß ihre Thür auf, ließ die Gäste und Marietta eintreten, stellte sich vor den Eingang und hob an, den Bewerbern die Sachlage klar zu machen. Ein Geschrei entstand auf der Gasse, als wäre einer ermordet worden. Alle Nachbarinnen liefen zusammen und zeterten mit ... Ein Fremder sollte die Marietta heiraten? Woher er käme? Und vor allem: wie viel er hätte?! Die Gevatterin vermochte den Sturm nur dadurch zu beschwichtigen, daß sie log. Sie log gewaltig. Astorre kam aus dem Toskanischen, wo er einen Weinberg besaß, der auch in den schlechtesten Jahren zum mindesten ein paar tausend Barile Chianti hergab. Die Menge des Chianti schlug die werbenden Frascataner. Beschämt räumten sie das Feld und überließen es der triumphierenden Gevatterin zusammen mit dem Heer der Frauen, die jetzt ihre Zungen rührten, das unerhörte Glück der Marietta zu preisen. Bei dem Cichoriensalat, zu welchem der fetteste Eierkuchen, das weißeste Brot und der süßeste Wein aufgetafelt wurden, machten sie es feierlich aus: in vier Wochen sollte Hochzeit sein! Das Pärlein war über diesen Entschluß so verwirrt, als hätte die Madonna ein Mirakel gethan. Das nächste geschah nach Brauch und Sitte, ohne daß die heilige Jungfrau nötig gehabt hätte, um die beiden sich weiter zu bemühen. Astorre und Agnese kehrten nach ihrem Galera zurück, wo Agnese mit Hilfe des schmunzelnden Ettore das Haus nach Möglichkeit für eine junge Frau herrichtete, während Astorre an einen römischen Viehhändler die besten Stücke seiner Herde verkaufte. Denn wer eine Braut hat, muß beim Goldschmied einen Schmuck einhandeln; und wer Hochzeit machen will, muß sie auch halten können! Das heißt auf gut römisch: der junge Ehemann muß seine junge Gattin nach Rom oder Neapel führen und daselbst mit ihr in Herrlichkeit und Freuden eine volle Woche leben. So will es der Brauch! Und wer gegen den Brauch fehlt, fehlt gegen Schicklichkeit und Moral. Ein junges Paar braucht im Römischen wenig oder gar keinen Hausrat zu besitzen; aber die junge Frau muß Sonntags beim Spaziergang ihren Schmuck leuchten lassen können. Es kümmert keine Seele, ob die Neuvermählten in ihren vier Wänden etwas zu beißen und zu brechen haben; aber die erste Woche ihrer Ehe müssen sie schwelgen und vergeuden können. Astorre kaufte also in Rom den Schmuck, wanderte nach Frascati und dort wurde das Pärlein getraut: in frühester Morgenstunde, oben in der Kapuzinerkirche. Auf dem Weg durch den Ölwald pflückte Marietta einen gewaltigen Strauß roten Mohns, der den Boden der Olivete wie ein flammender Teppich bedeckte. Die schönen Blumen legten die beiden vor den Stufen des Madonnenbildes nieder und thaten den heißen Dank ihrer jungen glückseligen Herzen dazu. Nach vollzogener Trauung gab es im Hause der Gevatterin Chokolade mit dem üblichen Hochzeitsgebäck: Ciambelli und Amaretti. Alsdann ging es nach Rom und solange der Wagen durch die Straßen Frascatis fuhr, warf die Braut Confetti, der Bräutigam aber Bajocchi aus. Für ihr Leben gern wären sie gleich weiter nach Galera gefahren. Doch das ging nun einmal nicht an. Sie wohnten in Rom in einer Herberge unter dem Kapitol, besuchten den Sankt Peter und möglichst viele Marienkirchen und verzehrten im übrigen den Rest von Astorres Barvermögen, ohne daß es ihnen sonderlich geschmeckt hätte. Bei jeder Mahlzeit mußten sie sich durch die Menge von Gerichten essen, wie sie nun einmal für Neuvermählte üblich sind: von der Minestra bis zu dem süßen Eiergebäck. Am letzten Tage besaß Astorre grade noch so viel Geld, als hinreichte, um für Agnese eine mächtige Schachtel Konfekt und für Ettore einige Pfunde Tabak einzukaufen. Dann waren sie nur noch reich an Liebe und Glückseligkeit! Endlich kam Ettore mit dem geliebten heimatlichen Carretto. Er bestaunte seine junge Herrin, als ob er in seinem Leben noch niemals ein Paar Frauenaugen gesehen hatte. Frau Maria lachte ihn an, wobei dem Alten vor Freude ganz wirbelig zu Sinn wurde. Astorre hob sein junges Weib in den Wagen, ergriff die Zügel und fort sausten sie, der verpesteten Heimat zu, als ginge es in den siebenten Himmel hinein. Und dann kamen sie an! Als hätte der Felsen für ihren Empfang sich geschmückt, so leuchtete er von den Blumen des Sommers; im Hause hatte Agnese den Fußboden mit Rosmarin und Rosen bestreut, so daß Maria allüberall nur Blüten sah, nichts andres als Blüten! Astorre führte sie sogleich vor das Bildnis unsrer lieben Frau; und die Himmlische hat wohl ihrem göttlichen Knaben nicht zärtlicher zugelächelt, als den beiden Neuvermählten in der feierlichen festlichen Stunde, wo in Galera ein neues Geschlecht seinen Einzug hielt. Jetzt erlebte Astorre, wie glücklich ein Mensch bereits auf Erden sein kann; aber der Herr wollte seinen im Glanz der Jugend, Schönheit und Lebenswonne strahlenden Sohn prüfen und gab dem Dämon von Galera von neuem Macht über die Stätte. Maria gebar ihrem Gatten einen Sohn und der Engel Gottes würgte ihn am Herzen der Mutter. Sie schenkte einem zweiten Kinde das Leben, und auch dieses starb. Die Eltern hatten die süße Gottesmutter um Erbarmen angefleht; aber der Herr erlaubte ihr nicht, die demütige Bitte zu hören. Da schien das selige Lächeln aus dem himmlischen Antlitz mehr und mehr zu schwinden, der Glanz des Bildnisses zu verlöschen. Und der schwere Schatten des Trübsals legte sich über Galera wie der Fittich des Todesengels. Und immer, immer noch liebten die Leute von Galera ihre mörderische Heimat! Und da Maria ihrem Gatten ein drittes Kind geboren hatte, schrie Astorre die heilige Jungfrau an, wie diese einst von seiner Mutter angerufen worden, als sie ihren Sohn unter dem Herzen trug: »Hilf uns! Steh uns bei in unsrer Not! Rette uns!« In der Nacht erschien ihnen die Madonna. Ihr süßes Gesicht war blaß und traurig und sie drückte den Jesusknaben so fest an ihr Herz, daß er sein rosiges Mündchen zum Weinen verzog. Und die Madonna sprach: »Maria und Astorre, steht auf! Nehmt euern Knaben und begebt euch mit ihm auf die Wanderschaft. Ihr müßt fort! Anders kann ich euch nicht helfen,« Astorre entgegnete: »Ich soll meine Heimat verlassen? Das darf ich nicht!« Und sein Weib stimmte ihm bei und sagte mit leiser bebender Stimme: »Meines Gatten Wille geschehe. Wir wollen bleiben und Gottes Heimsuchung ertragen.« Darauf die Madonna: »Galera ist auch meine Heimat. Werdet ihr sie verlassen und ausziehen, wenn ich euch geleite?« Sogleich erhoben sich Astorre und sein Weib ... Sie sahen das Gemach wundersam erhellt und atmeten den Duft weißer Lilien. Maria nahm den Säugling an ihr Herz und Astorre weckte die alten Dienstleute, zu denen er sprach: »Wir verlassen Galera noch diese Nacht. Wenn wir erfahren haben, wohin die Madonna uns führen wird, sollt ihr uns folgen.« Sie trafen keinerlei Vorbereitungen zu einer, vielleicht weiten und mühseligen Wanderung, sondern sagten nur: »Wir sind bereit; führe uns.« Und der lichte Nebel wallte vor ihnen her, der Lilienduft breitete sich um sie aus. Sie zogen in dem Schein und Wohlgeruch dahin, ohne müde zu werden, als würden sie von einer schimmernden Wolke getragen. Der Säugling schlief ruhig an der Mutterbrust; und Maria erkannte bei dem Glanz, daß ihr Kind lächelte wie der Jesusknabe am Herzen der himmlischen Frau. Mann und Weib sprachen unterwegs mit leiser Stimme von der Madonna, wie man von seinen liebsten Freunden redet; und Astorre blieb nicht ein einziges mal stehen, um nach dem zurückzuschauen, was sie verlassen hatten. Als bei anbrechendem Tag das blasse Antlitz des Himmels sich rötete, vernahmen die Gatten die Stimme der Madonna: »Astorre und Maria, hier sollt ihr Hütten bauen!« Sie blieben stehen und schauten um ... Da sahen sie sich inmitten eines Feldes weißer Lilien, das sich auf freier weiter Höhe befand, schimmernd, gleich frischgefallenem Schnee. Und in einem hohen Gebüsch blühender Rosen stand das Bildnis der Madonna von Galera und lächelte auf sie herab – wie es seit länger als einem Jahr nicht mehr gethan. Doch war das Lächeln weniger strahlend, als es einst in der Heimat gewesen, was freilich die beiden nicht gewahrten. Sie sanken auf die Kniee, beteten das liebliche Wunder an und dankten inbrünstig. Da ging vor ihnen die Sonne auf ... Der Säugling erwachte, lachte seine Mutter an und streckte jauchzend die Händchen nach den Sonnenstrahlen aus, die gerade auf sein Gesicht fielen. Auf freier, heiterer, gesunder Höhe, oberhalb eines schönen Waldthals im Sabinergebirge, gründete Astorre nach dem Geheiß der Madonna für sich und die Seinen die neue Heimat. Mit der Aussteuer Marias wurde Grund und Boden erworben, Ettore und Agnese kamen mit Herden und Hausrat nachgezogen, und nach dem Vorbild der Ahnen seines Weibes errichtete Astorre die erste Behausung aus grünen Zweigen. Auch das Bildnis der Madonna erhielt zunächst und unter einem festlichen Laubzelt Unterkunft. Aber den Bau seines Hauses begann Astorre mit einer Kapelle, auf deren Altar die Himmelskönigin gestellt wurde. Um die Reihe der Mirakel, welche die heilige Jungfrau für ihren schönen und guten Jüngling that, fortzusetzen, ließ sie ihr Bildnis nur für Astorre und Maria sichtbar sein; da sonst der Ruf des Wunders sich verbreitet und jede friedliche Ansiedlung und ein stilles thätiges Leben unmöglich gemacht hätte. Von neuem erblühte die irdische Glückseligkeit der beiden. Die alte Agnese wiegte noch ein halbes Dutzend kleiner Anunziaten auf den Knieen, ehe sie selber von Gevatter Tod zur letzten Ruhe eingewiegt wurde. Sie starb – nicht am Fieber, sondern an Altersschwäche und versehen mit dem letzten Sakrament, welches kurz vor ihrem Hinscheiden auch Ettore empfangen. Astorre und Marias Söhne und Töchter wuchsen zu stattlichen und frommen Menschen heran. Nach dem Beispiel der Eltern freiten die Söhne schöne und sittsame Mädchen, die Töchter prächtige Jünglinge und es entstand ein Geschlecht, an dem Gott und Menschen Wohlgefallen hatten. Als Maria ihrer jüngsten Tochter die Brautkrone gewunden, trat auch zu ihr der Tod. Aber bei ihrem Bett stand die Madonna und wenn sie auch den traurigen Engel des Herrn nicht fortscheuchen konnte, so nickte sie doch Astorres Weib dermaßen holdselig zu, daß dieses mit freudigem Lächeln, Gatten, Kinder und irdische Heimat verließ. Um diese Zeit war Astorre ein Greis von sechzig Jahren. Er lebte friedlich mit Söhnen und Enkeln, als er sich bald nach der Trennung von seiner treuen Gefährtin von der leidenschaftlichen Sehnsucht eines Jünglings ergriffen fühlte. Er fand Tag und Nacht keine Ruhe, klagte sein Leid jedoch allein der Madonna. In einer Frühlingsnacht erschien die heilige Jungfrau ihm wiederum und sprach mit ihrer leisen süßen Stimme: »Ich kenne deine Sehnsucht. Und siehe: ich teile sie! Astorre, stehe auf, nimm deinen Stab und folge mir. Denn ich will dich geleiten, wo deine Sehnsucht Frieden finden wird, und wo ich wieder lächeln kann, so glückselig wie je zuvor.« Astorre stand auf, sah den Schein, atmete den Lilienduft, nahm seinen Stab, sagte niemand Lebewohl und verließ das Haus, darin er, so viel Glück er dort auch gefunden hatte, doch immer nur ein Fremder gewesen war. Das himmlische Licht glitt ihm voraus durch die wundersame Maiennacht; und er wurde wie von Fittichen aufgehoben und dem Glanz nachgeführt. Der Tag dämmerte, als der Schein auf einem Hügel still stand und verblaßte. Aber Astorre breitete die Arme aus, warf sich mit ausgebreiteten Armen nieder, schluchzte auf wie ein Kind, das sich aus Schmerz und Not an das Mutterherz gerettet, und rief jubelnd unter Thränen: »Heimat! Meine Heimat!« Und die Madonna sprach ihm das Wort nach, daß es wie das Echo seiner seligen Freude tönte: »Heimat –« Alsdann vernahm Astorre ihre göttliche Stimme zum letztenmal: »Astorre, höre mich! Als deine Mutter dich unter dem Herzen trug, gelobte sie dich dem Himmel an und mir, der seligsten und schmerzlichsten Mutter des Herrn. Ich aber – weil ich dir herzlich zugethan war – schenkte meinen Teil an dir der Erde, deren Wonnen ich dich empfinden ließ. Aber jetzt, nachdem du sie genossen, gieb dem Himmel, was des Himmels ist, und gründe in der Fieberwildnis deiner Heimat dem Herrn des Himmels ein Haus an der Stätte, wo du mich finden wirst.« Und Astorre schaute um und erkannte im goldenen Licht der Frühe den Ort, gegenüber dem Fels von Galera. Und er sah das Bildnis der Madonna unter den Lilien hinter sich stehen, mit einem Lächeln, dessen Glanz die Strahlen der aufgehenden Sonne verdunkelte. Auch die Madonna von Galera war wieder zu Hause! ... So erzählte mir der junge Mönch die Legende der Gründung von Santa Maria di Galera. Er führte mich in die Klosterkirche und hier sah ich das Bildnis der Madonna unter den Lilien, das für Astorre d'Anunzio Wunder gethan. Es war ein gutes Gemälde der umbrischen Schule, von solchem Schmelz der Farbe und von solchem holdseligen Reiz der himmlischen Frauengestalt, daß ich sehr wohl verstand, wie um das Bild die Sage sich weben konnte, gleich einer blühenden Ranke. Und der Bruder führte mich an das Grab des Gründers. Auf dem Stein, der die Gruft gerade unter dem Marienbild bedeckte, stand in spätem schlechten Klosterlatein, daß der Bruder Felice da Galera das Heiligtum von Santa Maria gegründet und daselbst in seinem neunzigsten Jahre gestorben sei. Bei seinem Tode habe sich durch das ganze Kloster ein Duft wie von weißen Lilien verbreitet; und in der Nacht habe neben seinem Leichnam ein bläulicher Schein, gleich einer feinen schlanken Säule, gestanden und bei dem Toten Wache gehalten. Ich sagte dem Mönch: »Aber der Zorn Gottes gegen Galera scheint sich noch immer nicht gemildert zu haben; denn noch immer hat Galera den Dämon des Fiebers.« Der blasse Bruder antwortete mir mit herber Stimme: »Schuld daran trägt Astorre d'Anunzio! Weshalb hat er, der doch Mönch wurde, die Madonna heißer geliebt, als Gott den Herrn, neben dem wir keine andere Götter haben dürfen.« Und er wendete sich ab, mit seinen bebenden Händen krampfhaft den Agnus umfassend und langsam davonschreitend. Die Lichter Roms 1. In den sabinischen Bergen ein Gipfel! Fahlgraues, vielfach zerklüftetes, wild zerrissenes kahles Kalkgestein in steilen Schroffen, wie eine vom Sturm gepeitschte, durch Zauber erstarrte gewaltige Woge sich emporbäumend – eine einzelne Welle des Felsenoceans, der über die große römische Ebene zwischen zwei tiefblauen Meeren sich hinwälzt. Auf dieser totenfarbenen Bergspitze eine menschliche Wohnstätte! Wer emporklimmt, erkennt sie erst, wenn er dicht davor steht. Er glaubt, hoch über sich Klippen und Riffe zu sehen, die Trümmer eines Bergsturzes. Aber es sind Häuser, ist eine von Menschen erbaute, von Menschen bewohnte, von Menschenglück und Menschenleid erfüllte Niederlassung. Von der Farbe des Gesteins liegen die elenden Behausungen auf der engen Stelle zusammengedrängt, gleichsam angstvoll aneinandergeschmiegt; als suchten sie beieinander Halt, um nicht in den Abgrund gerissen zu werden; als fänden sie beieinander Schutz vor den Winterstürmen und den Lebensnöten. Zwischen dieser Anhäufung von Höhlen, diesen Schlupfwinkeln für menschliches Wild, ziehen sich häßliche Furchen, tiefe Rinnsale, schwarze, von Schmutz und Fäulnis starrende Kloaken. Das sind die Gassen der »Stadt«, deren Häuser häufig weder Thür noch Fenster haben; nur Löcher, die als solche dienen. Während der Regenzeit sind diese Straßen Schmutzbäche und die Gluten der Sommersonne füllen sie mit einer schweren dumpfen Atmosphäre, die sich atmet wie Wüstenwind. Die Bewohner gleichen der Natur an Vereinsamung und Verwilderung. Auch an Leidenschaft. Da es rings um ihre Ortschaft nur ödes Gestein giebt; da sie auch unten in den Thälern weder Weide noch Feld besitzen, so müssen sie, um nicht Hungers zu sterben, für einen Teil des Jahres auswandern. Mit Sommeranfang ziehen sie daher zu Scharen: Männer, Weiber, Kinder ihren hohen Berg hinab und in die römische Ebene, wo sie sich den großen Tenuten als Schnitter verdingen. Sie schlagen Zelte auf, oder sie lassen sich in einem antiken Gemäuer, einem Grabtumulus, einer Tempelcella nieder. Oder sie schlafen auf der nackten Erde an großen Feuern, die in den glühendsten Augustnächten brennen müssen, um den Würgegeist der Malaria zu scheuchen. Sie arbeiten wie im Frondienst, wie Galeerensklaven für spärlichen Lohn, der ihnen Reichtum dünkt. Ist die Ernte gethan, das Feld von neuem aufgepflügt und die Sonnenglut vorüber, so ziehen die »Fremden« heimwärts. Sie wandern wie in Prozession zu einem Heiligtum. Das ist ihr trostloser Felsengipfel. Erblicken sie ihn wieder, so werden die dumpfen Gemüter von einer leidenschaftlichen Freude erfaßt, von einer Empfindung, die wie Glück ist. Manche von den Ausgezogenen kehren nicht zurück. Sie wurden auf der glühenden Steppe vom Fieber gewürgt, vom Sonnenbrand getötet. Oder sie verfielen dem Dolchmesser irgend eines Feindes, der sie um eines Nichts willen niederstach. Um den Toten wird eine Stunde lang von den Seinen gellend geschrieen; dann wird er eingescharrt und vergessen. Andere, die wiederkehren, holten sich dort unten in der großen Ebene den Keim zu tödlichem Siechtum. Mit hohlen Gesichtern, brennenden Augen schleppen sie sich dem Zuge der Heimkehrenden nach, um den nächsten Sommer wieder hinunterzuziehen und wieder – so lange das Fieber sie noch nicht völlig zerstört hat. Mit dem erworbenen Verdienst hausen die Wiedergekehrten in ihren finstern Höhlen. Sie kleiden sich in Lumpen, essen graues hartes Brot, welches sie bisweilen in Essig und Öl tunken. Das ist dann ein Festgericht! Den lieben langen Tag über kauern sie vor den Thüren: die Weiber mit der Spindel, die Männer in ihre schwarzen faltenreichen Mäntel gehüllt. Den lieben langen Tag über lärmen und schreien sie – unterhalten sie sich; jahraus, jahrein über dasselbe: über Geld! Immerfort über Geld! Sie denken an nichts anderes, träumen von nichts anderem: Geld – Geld – Geld! Selbst das Leben dieser Elenden ist schön; denn es schimmert darin der göttliche Glanz des Goldes. Und Gold ist das Heil und der Heiland, welcher für diese Mühseligen und Beladenen auf die Welt kam. Sie haben dort hoch oben eine Kirche gebaut. Das Gotteshaus ist das einzige Gebäude im Ort, welches nicht ganz Höhle ist oder Ruine. Für die Schar der Andächtigen aber ist der armselige Tempel ein Gottespalast. Denn drinnen steht der Hochaltar und auf dem Hochaltar strahlt bisweilen etwas, das glänzt wie pures Gold – also ist es das Allerheiligste. Wenn die Schar der Andächtigen das rote Gold sieht, so starren aller Augen verzückt darauf hin. Des Morgens früh und des Abends spät drängen sie sich in ihr Heiligtum mit Fanatismus, mit gläubiger Wut. Sie besprengen sich mit dem geweihten Naß; sie werfen sich auf die Kniee; sie murmeln ihre Gebete; sie seufzen; stöhnen; sie rufen die Heiligen an; sie stieren unverwandt hin, nach dem Goldglanz auf dem Altar. Der Goldglanz ist ihr Gott! Der Priester ist eine jammervolle Gestalt. Er ist so armselig in seinem über und über befleckten, zerrissenen Gewande. Auch er wohnt in einem dunkeln übelriechenden Gemäuer, auch er ißt graues, hartes, in Essig und Öl geweichtes Brot. Aber Weiber und Kinder drängen sich zu ihm, um seine schmutzigen Hände zu küssen. Denn er ist der heilige Mann, welcher der Gemeinde der Mühseligen und Beladenen den alleinigen Gott verkündigt, der den Gott seinen inbrünstigen Gläubigen weist: in hocherhobenen Händen den göttlichen Goldglanz! Würde Christus, der Heiland und Erlöser noch einmal geboren, um sich noch einmal kreuzigen zu lassen – er könnte dort oben auf dem grauen sabinischen Alpengipfel eine ganze Schar Judasse finden. 2. Aber wer vor dem elenden Ort Umschau hält; oder wer aus einem der Mauerlöcher der Fenster hinausblickt, dem liegt eine Welt zu Füßen. Am westlichen Horizont, lang, lang hingestreckt, ein schimmernder Streifen, breit in den Äther hineinwachsend, mit diesem sich mischend – das Meer! Am hellen Gestade ein schwarzer Saum von Buschwald und dieser eine große stille Wildnis begrenzend – die Campagna Roms! Die Campagna Roms mit den feinen Wellenlinien des umbuschten grünen Anio, dem breiten Wasserlauf des Tibers; mit fahlen Sümpfen, die im Abendrot wie riesige Blutlachen erglühen. Die Campagna Roms mit Höhenzügen, bedeckt von den Ruinen untergegangener Städte und Landhäuser, welche Städten glichen; von den Trümmern der Tempel, der Grabmäler, der Wasserleitungen. Die Campagna Roms, unabsehbar bald sich senkend, bald aufsteigend; hier als fruchtbares Land und üppiges Weizenfeld, dort als stille Prairie und schweigende Steppe – als trauervolle erhabene Wüste mit der Tragik eines antiken Dramas jene Stadt umfangend, welche die »ewige« genannt wird. Von dem sabinischen Felsengipfel aus gesehen, verschwindet die alte Kaiserstadt unter dem majestätischen Faltenwurf der Landschaft, der im Frühling auf smaragdgrünem Grund eine köstliche Blumenstickerei zeigt, der Sommers in Goldglanz sich hüllt, Winters bald violett und schwarz, bald purpurn und ultramarin erstrahlt. Über diesem Farbenspiel wölbt es sich wie ein blauender Felsenkegel: die Peterskuppel! Das große Rom scheint versunken und davon nur der Dom der Christenheit übrig geblieben. Wenn aber die Sonne in das, wie in Sehnsucht aufleuchtende Meer, oder hinter dem schönen Rücken des Ciminiwaldes versunken ist; wenn eine veilchenfarbene Dämmerung Himmel und Erde umhüllt, tiefer und tiefer wird und die Nacht anbricht; dann scheinen aus dem trümmerbesäten Boden der Ebene zahllose Flammen und Flämmlein aufzuzucken, von denen ein bleiches Gewölk emporsteigt. Das sind die Lichter Roms! Sie flimmern inmitten der großen Wildnis; sie durchfunkeln die ungeheure Einsamkeit, schweben und schwanken wie ein Heer von Irrwischen. Über dem Grunde, dessen Schollen gleich Tafeln der Weltgeschichte sind, scheinen die Lichter des neuen Rom einen bacchantischen Tanz aufzuführen, einen Hexenreigen. Wie jene Beter in der Kirche des sabinischen Felsenreichs den Goldschein auf dem Hochaltar anstierten, so starrte Vico Ferri bereits als kleiner Junge auf die Lichter Roms herab: sie waren etwas so Goldiges! Und darum bekamen die Blicke des Knaben etwas so Verlangendes, Begehrliches, sah er es Abend für Abend in der Tiefe unter sich funkeln. Mit denselben gierigen Augen betrachtete er auch die Gestirne; aber nur so lange, bis er wußte, daß sie nichts Irdisches, nichts Erreichbares seien. Dann kümmerte er sich nicht mehr um sie; dann waren es einzig die Lichter Roms, die seine Phantasie mit gaukelnden goldigen Bildern erfüllten. »Die Lichter Roms« – das hatte solch sonderbaren Klang! Sie wurden dem Knaben dasselbe, was anderen Kindern Märchen und Sagen sind. Den Kindern Italiens erzählt jedoch kein Mund Märchen und Sagen und auf dem von Menschen bewohnten Gipfel kannte man überhaupt keine anderen Sagen, als die von vergrabenen herrlichen Schätzen, welche sündige Mönche und schreckliche Höllenhunde bewachten. Diese Geschichten raunten die großen Kinder dort oben einander zu, zitternd vor Gier nach dem Golde und mit denselben lüsternen Blicken, mit dem sie das Gold auf dem Hochaltar anstarrten, mit dem Vico Ferri die Lichter Roms betrachtete – Nacht für Nacht! Er kauerte vor dem Fensterloch in seiner Kammerhöhle und bohrte seine gierigen Wolfsaugen hinaus in das feierliche Dunkel, hielt sie unverwandt auf die Stelle gerichtet, wo der breite weiße Lichtquell emporquoll wie ein schimmerndes Eiland in einem grenzenlosen Meere von schwarzem Dunst. Instinkte regten sich bei diesem Anblick in der dumpfen Seele, Begierden erwachten: »Das sind die Lichter Roms! Wie sie blitzen! Wie lauter Gold! Wäre ich dort! Ach, wenn ich dort wäre ...« Manche Nacht erwachte Vico in jähem Schreck. Er fuhr auf von seinem elenden Lager aus hartem Berggras, tappte nach dem Fenster – sie waren nicht erloschen! Sie flimmerten und schimmerten noch, die Lichter Roms, die in des Knaben Traum in Gold sich verwandelt hatten: in funkelndes flammendes Gold, welches ihn verbrannte und nach welchem er dennoch griff mit gierigen Händen, als wäre es Brot und er ein Verhungernder. Verbrennen wollte er sich lassen, Seele und Leib verzehren lassen von der goldenen göttlichen Lohe. 3. Vico war das einzige Kind einer armen Witwe. Sein Vater hatte sich auf dem großen römischen Gräberfelde beim Weizenschneiden den Tod geholt, in einer Nacht, als der entkräftete Arbeiter versäumt hatte, das schützende Feuer zu schüren. Fortan mußten Mutter und Sohn allein des Sommers herabziehen, Geld zu verdienen: den Unterhalt eines Jahres. Sie arbeiteten Sommer für Sommer in einer großen Tenuta, die zwischen Palästrina und dem Albanergebirge lag. Von dem ebenen Felde aus vermochte Vico die Lichter Roms nicht zu erblicken; und kehrten sie dann im November auf ihren Berg zurück, so konnte er kaum die Nacht erwarten, bis er das weiße Glanzeiland wieder aufleuchten sah. Er wurde ein großer Mensch mit braunem schönem Gesicht und düsteren leidenschaftlichen Augen. Seinen aus schwarzen Lappen zusammengeflickten Mantel schlug er mit einer Bewegung um seine schlanke Gestalt, als hüllte er sich in eine Toga. Ausgenommen die sommerliche Arbeitszeit rührte er während des ganzen Jahres keine Hand. Wenn er nicht vor dem Hause lungerte, so lag er auf irgend einem kahlen Felsen und beobachtete den Flug der Bergfalken, daraus er glückliche Zahlen für das Lotto zusammenstellte. Jeden Sonntag stieg er den weiten mühseligen Weg nach Tivoli hinunter, wo das große heilige Glücksspiel gespielt ward. Gab ihm seine Mutter nicht gutwillig das wenige Kupfergeld, welches das Spiel erforderte, so nahm er es ihr mit Gewalt. Er setzte die Zahlen, über die er die ganze Woche gebrütet hatte; aber nur selten gewann er. Er mußte spielen; denn er mußte gewinnen! Einmal hatte er gewonnen – einmal! Als sein Vater gestorben war, hatte der Knabe dessen Todesstunde gesetzt. Mit dieser Zahl und der anderen, welche Malaria bedeutet; mit der dritten, welche die Dauer der Agonie angab, hatte er eine Terne gewonnen. Das war schön gewesen! Wenn seine Mutter starb, würde er wieder setzen, würde er wieder gewinnen. Jedesmal, wenn er mit seiner Mutter zur Ernte in die fieberschwangere glühende Ebene hinabzog, wartete er darauf – hoffte er, daß er im Lotto bald wieder gewinnen würde. Wenn er des Abends aus trockenem Reisig das Feuer anmachte, daran beide schliefen; wenn seine Mutter zu Tod ermattet sich hinwarf und sogleich in Schlaf sank – wenn dann Vico in die Flamme stierte und ihm einfiel, daß sein Vater das Fieber bekommen und gestorben war und daß seines Vaters Tod ihm eine Terne eingebracht; dann – ja, dann wartete er, das Feuer möchte wieder verlöschen; dann hoffte er ... Jede Nacht fiel es ihm ein. Jede Nacht dachte er sich die Zahlen aus. Dieses Mal würde er gewiß vier glückliche Zahlen setzen, würde er sicher eine Quaterne gewinnen. Eine Quaterne durch seiner Mutter Tod, eine ganze Quaterne! 4. Eines Sonntags schlenderte Vico durch das reiche Ernteland. Die ganze Erde war Glut und Glanz – Glut und Glanz der ganze Himmel. Wie aus Bronze gegossen, erhob sich das Gebirge über dem großen goldfarbenen Gefilde. Die Luft füllte der grelle gelbe Brodem, den der Südwind mit sich bringt. Vico atmete Staub der Wüste, sengenden Saharasand. Dabei herrschte ein Schweigen, eine totenhafte Stille, als wäre das Leben der Natur erstickt von der bleiernen, von der goldenen Schwüle des Mittags. Plötzlich schreckte Vico zusammen. Die schrille Frauenstimme, die anhub, einen eintönigen Gesang abzuschreien, fuhr selbst ihm, dem wilden Sohn dieser Einsamkeit, durch Mark und Bein. Die Sängerin sah er nicht. Wie der Gesang eines häßlichen Dämons schwebten die gellenden Töne über das strahlende Land. Immerfort hörte Vico darauf. Es war ein Liebesgesang von der schwülen Glut eines Scirokkotages. Vico empfand plötzlich wie die Glieder ihm schwer wurden. Mühsam holte er Atem, fast keuchend. Zornig wehrte er sich gegen die gellende Stimme, gegen die heißen Worte, gegen die erstickenden Gluten und die lahmende Schwere in sich. Dann sah er sie. Sie hatte sich mitten in den reifenden Weizen geworfen, ein blutjunges Geschöpf. Beide Arme unter dem Kopf, lag sie, starrte mit weitoffenen Augen in den Glanz der Atmosphäre und schrie ihren leidenschaftlichen Gesang ab. Und wie häßlich sie war, Madonna, so häßlich! Nur die Lippen: Volle weiche Kinderlippen! Und blutrot! Ja und dann – wie jung sie war, wirklich fast noch ein Kind, Solche kleine, zarte, schmächtige Gestalt. Aber so häßlich! Vico wollte verächtlich weiter gehen. Doch dann blieb er stehen, sah sie an, stand und regte sich nicht. Ihren jungen blutroten Kindermund sah er an. Sie kümmerte sich nicht um ihn – nicht im geringsten. Sie fuhr fort zu schreien, womöglich noch gellender. Da rief er sie an: »Sei still!« Das Reden kostete ihm Anstrengung. Und wie heftig er die Worte hervorstieß. Was ging es ihn an, wenn sie im reifen Weizen lag und sang? Statt seiner Wege zu gehen, starrte er unverwandt auf ihren Mund. Er stand und starrte, bis das endlose Liebeslied aus war, bis der Held der Heldin aus Eifersucht sein Dolchmesser in die Brust gestoßen hatte. Dann seufzte er tief auf. Es klang wie ein Stöhnen, als hatte er selbst eine Todeswunde empfangen. Da sie immer noch liegen blieb, sprach er sie an: »Woher bist du eigentlich?« »Aus Capranica.« »O, aus Capranica bist du? Von dort oben her? So, so, aus Capranica.« »Nun ja. Und du?« »O ich – – Wie heißest du?« »Was geht's dich an?« »Ich will wissen, wie du heißest,« »Geh' du doch!« »Du hast gewiß einen Schatz?« »Weiß nicht. Vielleicht.« »Sag' mir's nur.« »Wozu? Ich kenn' dich nicht. Geh' du doch! Ich könnte viele Schätze haben – so viele!« »Lüg' nicht!« »O so viele! Aber ich will keinen Schatz.« »Warum nicht?« »Ich will nur einen reichen Schatz. In Capranica sind alle arm. Die meisten haben nicht einmal Schafe und Ziegen. Ich will einen Schatz, der Schafe und Ziegen hat. Ja und Geld. Viel Geld!« Es kochte in ihm vor Wut. Sie war so häßlich und wollte einen Liebhaber, der Schafe und Ziegen hatte, einen Liebhaber mit viel Geld, dieses kleine, dünne, garstige Geschöpf! Es hätte ihn erstickt, wenn er ihr nicht gesagt hätte: »Du und einen Reichen – du! Sieh dich doch an! Sei du zufrieden, wenn du einen ganz Armen bekommst. Mit solchem Gesicht nach einem Reichen zu trachten! Dich nimmt ja niemand – häßlich wie du bist! Madonna, so häßlich!« Er glaubte, sie würde zornig werden, würde aufspringen, ihm womöglich wie eine junge Katze ins Gesicht fahren. Aber sie blieb liegen. Nur, daß sie anfing zu lachen. Madonna, wie das kleine, dumme, garstige Geschöpf lachen konnte! Wie eine Hexe. Der große lange Mensch fürchtete sich beinahe. Als sie so toll und teuflisch lachte, blinkten zwischen den roten Lippen die Zähne hervor. Junge Wölfe hatten solch blinkendes, solch scharfes Gebiß. Er hätte sich am liebsten von ihr beißen lassen. Als sie sich trennten, wußte Vico, daß die Sängerin Romana Demarchis hieß, daß sie mit ihrem Vater im unteren Molarathal Weizen schnitt, daß sie wirklich noch keinen Liebhaber besaß und daß sie ihn nehmen würde – wenn er erst Geld hätte, viel Geld. Aber nur dann! 5. Aber nur dann ... Das war's, woran Vico jetzt dachte, das – allein! Er dachte an die scharfen blinkenden Zähne, an die weichen blutroten Lippen und daß er diese nur dann würde küssen können, wenn er Geld hatte – viel Geld! Die Leidenschaft zu dem kleinen, garstigen, dünnen Geschöpf kam über den jungen Menschen wie ein Sturm, wie Wüstenwind. Sie füllte sein ganzes Wesen mit jener wilden Glut, vor der es kein Entrinnen gab, keine Rettung. Nach der Arbeit, nachdem er zusammen mit seiner Mutter die Ölsuppe verzehrt hatte; wenn dann das Feuer brannte, die Mutter fest schlief, sprang er auf und lief nach dem Molarathal – nur um das Feuer brennen zu sehen, an dem sie schlummerte! Einigemal fand er die Glut dem Erlöschen nahe. Er schlich hinzu, warf frisches Reisig auf und wachte lange über der Flamme. Kam er dann im ersten Tagesgrauen zu seinem Lagerfeuer zurück, so fand er es jedesmal noch brennend. Jeden Sonntag begegnete er ihr. Sie schrie irgend einen andern endlosen Liebesgesang ab, brach über seine Wut in helles Gelächter aus, sagte ihm, daß er ihr Liebhaber sein und ihr Mann werden dürfte, wenn er erst Geld hatte, viel Geld! Aber nur dann. Also mußte Vico zu Geld kommen, zu viel Geld! Wie? Durch seine Arbeit? Die wurde elend bezahlt und das dafür erworbene Geld nahm die Mutter. Das gehörte sich so. Es wäre auch zu wenig gewesen, viel zu wenig. Wenn seine Mutter sterben sollte: an Malaria, wie sein Vater gestorben war; wenn er dann im Lotto eine Quaterne gewinnen würde, eine ganze Quaterne ... Ja dann – dann durfte er auch hoffen, daß es vielleicht genug sein könnte. Aber das Feuer, neben dem Nicos Mutter schlief, verlöschte nicht und der Brand in seinem Herzen wuchs zu verzehrender Glut, die der Romana blutrote Lippen und blinkende Zähne fort und fort schürten. Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn zum erstenmal küssen würde, wenn er ihr den goldenen Brautschmuck brächte. Den goldenen Brautschmuck begehrt im römischen Land das ärmste Mädchen. Es gab keine Braut, die nicht ihren Goldschmuck getragen hätte, mochte sie im übrigen so arm sein, daß sie kein ganzes Hemd besaß, keinen Stuhl und kein Bett. Aber der Goldschmuck – der echte Goldschmuck, gehörte zur Hochzeit so notwendig wie der Segen des Priesters. Bevor im römischen Lande ein junger Mensch nicht so viel Geld zusammengespart hatte, um seinem Mädchen den Schmuck kaufen zu können, durfte an keine Werbung, an kein Verlöbnis gedacht werden. Für den Goldschmuck arbeitete der junge Mensch, für den Goldschmuck spielte er, darbte er, konnte er zum Totschläger werden. Und Vico hatte nichts erspart – gar nichts! Seine Mutter war zu arm. Er würde auch niemals etwas sparen können; denn seine Mutter würde immer viel zu arm bleiben. Aber der Goldschmuck für die Romana – Den Goldschmuck mußte er haben! Küssen wollte sie ihn dafür ... Nie küßte im römischen Lande eine Braut den Bräutigam: es war gegen alle geheiligte Sitte. Die Romana wollte die Sitte brechen. Sie wollte ihn zum Lohn für den Goldschmuck schon vor der Hochzeit ihren jungen Mund küssen lassen. Also mußte Vico einen Goldschmuck erlangen. 6. Er unternahm eine Wallfahrt zur schwarzen Maria von Genazzano. Die schwarze Maria von Genazzano war weit und breit die größte Wunderthäterin. Im Herbst strömten zu ihrem Feste aus allen Himmelsgegenden Scharen und Scharen nach der berühmten Gnadenstätte, die auf steiler Höhe in einer schönen, waldreichen Schlucht, zwischen den Bergen von Palästrina und Olevano liegt. In diesen Tagen erschallen die Lüfte von dem wilden Bußgeschrei der Wallfahrer. Der gellende Ruf: »Grazie, Grazie, Maria!« ertönt auf allen Straßen und Wegen, die zu dem palastähnlichen Heiligtum der Himmelskönigin führen. Wenn die Heranziehenden es zuerst gewahr werden, fallen sie auf die Kniee, strecken flehend beide Arme aus, küssen den Staub der Landstraße, schlagen sich wütend an Haupt und Brust, stoßen fort und fort ihren fanatischen Schrei aus: »Grazie, Maria! Grazie!« Auf den Knieen kriechen sie den Berg hinauf, auf den Knieen kriechen sie über den Felsstufen bis zur Kirche und hinein bis zum Gnadenbilde. Viele erreichen es blutüberströmt. Sie bringen der schwarzen Maria ihre Opfergaben dar, die Spenden ihrer bitteren Armut: Kerzen und geweihte Blumen, wächserne Gliedmaßen, wächserne Herzen ... Vico brachte der Gottesmutter nur sein eigenes, in den Flammen seiner Leidenschaft loderndes Herz. Er kniete mit den anderen, schrie mit den anderen. Aber seine Stimme übergellte den wütenden Chorus und mit zerschundenen Knieen, blutigem Gesicht, fieberglühenden Augen brach er in der Kirche vor dem Gnadenbilde zusammen. Stöhnend murmelte er die üblichen Bitten, stöhnend stammelte er: »Gieb mir Gold! Ich will die Romana heiraten! Gold gieb mir! Die Romana will mich küssen! Gold mußt du mir geben! Denn ich muß der Romana den Goldschmuck kaufen. Gold! Gold! Gold! Laß mich im Lotto gewinnen. Eine Quaterne! Dann kauf' ich ihr den Goldschmuck; dann werde ich von ihr geküßt; dann will ich dir danken, schwarze Maria!« Und als die Tausende von Pilgern anhuben, ihr rasendes: »Grazie! Grazie!« zu schreien, heulte Vico wie in ausbrechendem Wahnwitz: »Gold! Gold! Gold!« Spät in der Nacht näherte er sich dem Lagerplatz, wo am Feuer seine Mutter schlief. Er war so erschöpft, daß er schwankte wie ein Trunkener. Wo der Weg von der großen römischen Landstraße nach dem Albanergebirge und dem Molarathal abzweigte, kauerte unter einem hohen blutrot angestrichenen Holzkreuz eine kleine hagere Gestalt, die aufsprang, als Vico mit wankenden Schritten herankam. Sie eilte auf ihn zu und blieb vor ihm stehen, so dicht, daß ihr heißer Atem wie Scirokko über sein Gesicht strich. »Hast du ein Gelöbnis gethan? Wirst du von der Madonna Geld bekommen? Wirst du den Goldschmuck für mich kaufen? Es muß gelbes Gold sein! Und an der Halskette will ich blutrote Steine haben. Mit dem gelben Gold und den blutroten Steinen will ich mich schön machen.« Während seine Augen sie verschlangen, stieß er mit erstickter Stimme hervor: »Die Madonna wird mir das Geld geben. Du bekommst den Goldschmuck; aus gelbem Gold und mit blutroten Steinen,« Sie that einen Laut wie ein Raubtier, das sich auf seine Beute stürzt. Beide Arme warf sie über den Kopf und umschlang ihren zukünftigen Verlobten wie eine junge Mänade. Ein totenhaftes Morgengrauen dämmerte auf, eine blutrote Mondsichel ging über Rom unter. Aber sie hatte ihn nicht geküßt ... Das Feuer war erloschen! Vico kauerte neben seiner Mutter, die im Schlafe murmelte und stöhnte, schwer atmete, als drückte sie der Alp. Regungslos, mit verzerrtem Gesicht starrte er auf die erloschene Glut und dachte, daß er bald im Lotto setzen, daß er bald gewinnen würde. Vier Nummern würde er wählen: Malaria, Agonie, tote Mutter und die Zeit der Sterbestunde. Alle vier Nummern würden herauskommen, mit allen vier Nummern würde er gewinnen – eine ganze Quaterne! Die schwarze Maria von Genazzano war ihm gnädig gewesen. »Dank dir, Maria!« 7. Wie langsam es ging, wie lange es dauerte! Zwar hatte sie das Fieber. Sie hatte es in jener Nacht bekommen, in der das Feuer erloschen war. Aber sie war solche zähe Natur; sie stellte dem Würgegeist solche Kraft, solchen Widerstand entgegen; sie hatte ihren einzigen Sohn so lieb; sie wollte nicht krank werden, wollte nicht sterben – ihres lieben Sohnes willen, damit er nicht mutterseelenallein bleibe auf der Welt. Wie sie kämpfte mit dem Todesübel! Und wie langsam es ging, wie lange es dauerte! Aber sie wurde doch zusehends schlechter und schwächer, Vico sah es. Bevor die Fieberschauer noch da waren, wußte er bereits: jetzt werden sie kommen. Wie das Fieber sie schütteln wird, wie sie leiden muß! Und kamen sie dann mit solcher Gewalt, daß es die Frau fast zu Boden riß, so fühlte sich auch Nico von Schauern gefaßt, von Schauern des Grausens – der Hoffnung. Aber immer wieder erholte sie sich, immer wieder wurde er in seinen Hoffnungen getäuscht. Sie wollte Medizin nehmen – ihrem Sohn zuliebe, damit sie für ihn leben blieb. Er sollte am Sonntag nach Palästrina gehen, um in der Apotheke Chinin zu laufen. Das Chinin würde helfen. Am nächsten Sonntag ging er nach Palästrina und unterwegs begegnete er der Romana. Er sagte ihr, daß seine Mutter das Fieber hatte, daß er zur Apotheke ging, daß seine Mutter also wieder gesund werden, daß es nun sehr lange dauern würde, bis er ihr den Goldschmuck kaufen konnte. »Warum wird es jetzt so lange dauern?« Das Chinin würde ihr helfen. Das war nun nicht zu ändern. Nun ja, das Chinin! Durch Chinin wurde jeder gesund. Er sollte sich freuen, daß seine Mutter wieder gesund würde. Hoffentlich wäre das Chinin auch wirkliches Chinin; in vielen Apotheken verkauften sie statt dessen nur Mehl. Mehl war billig und Chinin sehr teuer. Wenn man dem Apotheker sagte, daß man nicht viel zahlen konnte, höchstens eine Lire, so bekam man statt des helfenden rettenden Chinins nur bitteres Mehl. Vico sollte um die Arznei mit dem Apotheker ja nicht handeln; sonst sei seine Mutter verloren – rettungslos verloren. Nein, ja nicht! Nein, nein! Sie mußten mit der Hochzeit eben noch warten, noch lange! Aber darüber lachte sie nur. Sie lachte wieder wie toll, daß ihre Zähne blitzten. Vico ward dabei zu Mut, als müßte er sie an sich reißen und ihr Lachen ersticken – mit seinen Küssen. Er fühlte etwas in sich wie Tollheit. Unter dem steilen Berge, darauf Palästina breit und schimmernd über einem Kranze von Weinfeldern und Olivengärten sich lagert, trennten sie sich. Ihr tolles Lachen im Blute, stieg Vico den Berg hinauf. Die Sonne brannte, daß sein Kopf glühte, daß er vor Schmerzen nicht mehr denken konnte. Dann kam er zur Apotheke. Einen Augenblick stand er davor. Er wollte überlegen, aber er konnte nicht. Sein Kopf war wie ausgebrannt. Er trat ein. Wie langsam es ging, wie lange es dauerte. Wie war das nur möglich? Das Chinin war so billig gewesen, er hatte darum so hartnäckig mit dem Apotheker gehandelt. Einen ganzen Haufen hatte er für eine Lire seiner Mutter gebracht. Sie war über das billige Chinin so glücklich gewesen. Aber trotzdem dauerte es so entsetzlich lange! Endlich aber fing es an entschieden viel schlechter zu werden – endlich! Es war in der heißesten, der gefährlichsten Zeit, gegen Ende August. Wenn es jetzt regnete, wenn die Schnitter auf der feuchten Erde schlafen mußten, wenn daraus die giftigen Dämpfe hervorquollen; dann starben viele, so viele! Vollkommen gesund schliefen sie abends ein und schon am nächsten Tag waren sie tote Leute. Wie schlecht seine Mutter wurde, wie schwach! Sie konnte sich kaum noch auf den Füßen halten. Aber sie glaubte fest daran, bald wieder gesund zu werden: nahm sie doch jeden Tag dreimal Chinin und das mußte ja helfen! Als sie aber trotz des allmächtigen Heilmittels täglich schlechter wurde, bat sie Vico, nochmals zur schwarzen Maria von Genazzano zu gehen, um bei ihr für sie zu bitten. Vico wußte, wenn er die schwarze Madonna so recht heiß und inbrünstig um das Leben seiner Mutter bat, so würde sie gewiß helfen: hatte sie doch schon einmal für ihn ein Wunder vollbracht und das Feuer verlöschen lassen! Und er hatte nicht einmal darum gebetet. Die Madonna las seine scheue heiße Bitte in seinem Herzen und half. Er brauchte ihr jetzt nur eine Wachskerze zu geloben, eine recht dicke; und die Mutter würde am Leben bleiben. Er kam zu dem Heiligtum und wollte sich auf die Kniee werfen, wollte den Weg hinaufrutschen. Plötzlich lief er fort. In einem nahen Kastanienwald warf er sich nieder und blieb stundenlang liegen. Zuletzt begann er laut zu weinen. Gegen Abend strömte heftiger Regen herab. Es regnete die ganze Nacht und die ganze Nacht blieb Nico unter den Kastanien liegen. Ohne eine Spur von Fieber zu haben, erhob er sich am nächsten Morgen und trieb sich den ganzen Tag im Walde umher. Als er gegen Abend dem Lager sich näherte, sah er ein Weib auf sich zulaufen. Es war aber nicht seine Mutter, die ihrem lieben Sohne genesen entgegenkam; sondern ein fremdes Weib, welches mit ihr zusammen gearbeitet hatte und welches ihm die Nachricht brachte, daß seine Mutter am Morgen gestorben war: an der Perniciosa! 8. Allein kehrte Vico im November mit den übrigen heim, nachdem er der Romana heilig versprochen hatte, ihr in spätestens zwei Wochen den Goldschmuck zu bringen. Gleich am nächsten Samstag begab er sich hinab nach Tivoli, um im Lotto zu setzen: Malaria, Agonie, tote Mutter und sechs Uhr – die Stunde, da seine Mutter gestorben war. Er war seines glücklichen Gewinstes so sicher, daß er kaum Ungeduld verspürte, das Ergebnis zu erfahren. Aber von den vier Nummern kamen nur zwei heraus ... Zuerst begriff er es gar nicht, zuerst blieb er vollkommen ruhig: dann würden die vier Nummern eben nächsten Sonnabend gezogen werden – herauskommen mußten sie ja! Also stieg er wieder das Gebirge hinauf und nach Hause, lag tagsüber auf dem Gestein, starrte des Nachts aus dem Fenster des einsamen Hauses, darin keine Mutterstimme mehr ertönte, starrte hinab auf das dunkle Land und die Lichter Roms. Die Lichter Roms, dieser Märchenglanz aus seiner Kinderzeit, trösteten ihn in den langen, langen Stunden des Wartens. Am Sonnabend wieder hinab nach Tivoli, wieder die vier Nummern gesetzt und – wieder nicht gewonnen. Und so jede Woche! So den ganzen Winter über, den ganzen Frühling! Die Romana ließ aus Capranica anfragen: »Warum er nicht käme; wo ihr Goldschmuck bliebe, wann er sie heiraten würde?« »Bald!« ließ er ihr antworten. Aber es wurde Sommer und er hatte noch immer nicht mit seinen großen vier Glücksnummern die Quaterne gewonnen. Als die Schnitter sich anschickten, zur Ebene hinunter zu ziehen, ließ die Romana ihm sagen: »Wenn er ihr bis nächsten Sonntag den Goldschmuck nicht brächte, so würde sie im Herbst den Bastiano Leste aus Subiaco heiraten. Nächsten Sonntag brächte er den Goldschmuck und zum Herbst würde er, Vico Ferri, sie heiraten – ließ er zurückberichten. Die ganze Nacht über saß Vico in seiner Kammer wach und starrte hinab auf die Lichter Roms. Am Morgen war er verschwunden. Also das war die Stadt, deren Namen solch wunderbaren Klang hatte, daß selbst die wilden Kinder der Felsenberge aufhorchen mußten: Roma! Das war die Lichtinsel, die Nacht für Nacht aus den Wogen der Finsternis auftauchte mit solchem unwiderstehlichen, solchem magischen Glanz! In dumpfem Staunen schritt Vico durch die Straßen Roms. Diese Häusermassen, diese Menschenmengen! Diese Wagen, Pferde! Wie war es möglich, daß es so viele Menschen, so viele Häuser auf der Welt gab? Und was er sonst noch alles sah! In großen schönen Zimmern lag es aufgespeichert und die Menschen gingen hinein und kauften es. Es lag in gewaltigen Fenstern zur Schau ausgestellt und die Menschen standen davor, betrachteten es und wenn es ihnen gefiel und sie Geld hatten, so gingen sie hinein und kauften es. Vico hatte Geld: den Rest der Barschaft, die seine Mutter und er im letzten Sommer verdienten, so viel davon für die vier glücklichen Nummern nicht aufgebraucht worden war. Sonst hatte er kaum etwas ausgegeben; sondern den ganzen, Winter über gedarbt und gehungert, um möglichst viel Geld für das Lotto behalten zu können. Jetzt wollte er für den Rest den Goldschmuck kaufen; denn die vier glücklichen Nummern, die ihm seiner Mutter Tod gegeben, hatten sich als falsch und erlogen erwiesen. Hatte die Romana den Goldschmuck, so würde sie sich dafür küssen lassen; dann – mochte dann daraus werden, was da wollte! Wenn er sie nur ein einzigesmal geküßt hatte: auf ihren jungen, weichen, blutroten Mund. In Rom gab es Goldschmuck zu kaufen, daß man damit den ganzen Weg von Rom bis zum Sabinergebirge hätte pflastern können. Und das Gold flimmerte und funkelte in den gewaltigen Fenstern, daß vor Vicos Augen goldige Nebel aufstiegen, daß er die Augen geblendet schließen mußte, daß er die Glut und den Glanz in seiner Seele spürte wie höllisches Feuer. Er stand vor einem Juwelierladen; und wenn er sich endlich los riß und weiter ging, so war es, um gleich wieder zurückzukehren und von neuem hineinzustarren. Seit länger als vierundzwanzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen. Aber er dachte nicht an Speise und Trank; er dachte nur an das Gold. Alles Gold, das er sah, häufte er um Romana auf, bis die kleine feine Gestalt darin versunken, darin ganz untergegangen war. Endlich faßte er sich ein Herz, trat in eines der schönen schimmernden Zimmer, riß sein Geld heraus, warf es hin, forderte für seine paar Skudi einen Goldschmuck, einen Brautschmuck! Er wurde ausgelacht und hinausgewiesen. Als hätte er einen betäubenden Schlag bekommen, ging Vico durch die Straßen. Keinen Goldschmuck! Zu wenig Geld! Viel, viel zu wenig Geld! Keinen Goldschmuck für die Romana – niemals einen Kuß von ihr ... Er ging und ging. Mit schleppenden Schritten schlich er durch die Menschenmenge. Schauer schüttelten ihn. Er hatte das Fieber. Vielleicht, daß er daran starb, wie sein Vater daran gestorben war, wie seine Mutter – Seine Mutter ... Nun ja! Wenn er am Fieber nur starb. Da er die Romana nicht küssen konnte, so war es am besten zu sterben. Er sah eine Apotheke. Wenn er jetzt hineinging, Chinin forderte und dabei nicht handelte, so würde er am Leben bleiben. Er wollte aber nicht leben bleiben und so schleppte er sich denn weiter. Es ward Abend. Die Lichter wurden angezündet, die Lichter Roms! Rings um ihn flammte es tausendfach auf. Es war eine Welt von Funken, Flammen, Feuerkugeln. So wurde denn die Sehnsucht seiner Kinderzeit gestillt: er war da, wo die Lichter brannten, die glühenden, glänzenden, goldigen Lichter! Seine fiebernde Phantasie schmolz all' den flimmernden Glanz zusammen zu einem gigantischen Goldklumpen und schmiedete daraus für die Romana einen Brautschmuck. Bis Mitternacht irrte er umher, fiebernd, hungernd, halb von Sinnen. Viele Lichter erloschen. Auf den Straßen ward es still. Er kam auf einen einsamen Platz. Er fühlte seine Kräfte schwinden, fühlte, daß er umsinken würde. Er taumelte. Da kam jemand auf dem öden Platze ihm entgegen. Es war ein alter Mann. Vico konnte nicht weiter. Schwankend stammelte er etwas. Da zog der alte Mann ein Säckchen hervor, öffnete es, griff hinein ... Vico sah in dem Säckchen Gold blinken – Im nächsten Augenblick schon war es geschehen. Er hatte sein Dolchmesser gezogen, hatte den scharfen Stahl dem alten Manne in das Herz gestoßen. Mit dem Golde des Gemordeten stürzte er davon wie ein gejagtes Wild. Das Blutgeld hielt er in der geballten Hand und würde es nicht fortgeworfen haben, hätte es sich in seiner Hand in Flammen verwandelt. Er bereute seine That nicht. Er würde sie wieder und wieder begangen haben. All seine wilde Sehnsucht war auf einmal stille geworden. Sie war in ihm zur Ruhe gegangen wie ein müdes Kind an der Mutterbrust. Vollständig gelassen dachte er an die Romana: daß sie jetzt ihren Goldschmuck bekommen, daß er sie jetzt küssen würde. Die ganze Nacht irrte er durch die Straßen. Als es Tag geworden und endlich eines der gewaltigen Fenster, dahinter Goldschmuck verkauft wurde, sich öffnete, ging er vollständig gelassen hinein, warf das Geld des Gemordeten hin, verlangte einen Schmuck, einen Goldschmuck. Jetzt würden sie ihn nicht mehr auslachen, nicht mehr hinausweisen. Nein! Jetzt lachten sie ihn nicht aus. Jetzt nahmen sie ihn gefangen, jetzt wurde Vico Ferri als Mörder in den Kerker geführt. Er blieb vollständig gelassen. An dem Sonnabend, der diesem alltäglichen Begebnis folgte, kamen im Lotto Vicos vier große glückliche Nummern heraus. Die Romana lachte wie toll, als sie es hörte. Der Hamlet von Tusculum Vor einigen Jahrzehnten hütete die tusculanischen Ziegenherden des Prinzen Aldobrandini, welchem Tusculum heute gehört, der Abruzzate Simeone Santis, ein halbwilder Mensch, in zottige Felle gekleidet und von ungewöhnlicher Körperkraft. Man sagte ihm nach, daß er in der Wut einmal eine lebendige Ziege zerrissen – tierisch genug dazu war er. Der prinzliche Beamte hatte ihn in Frascati auf dem Domplatz gedungen. Er war mit einem Trupp neapolitanischer Schnitter gekommen, die mit Weib und Kind zur Ernte ins Römische wanderten, ein Menschenschlag mit Mördergesichtern. Nachdem Simeone zwei Stunden lang wie ein Wolf den Aufseher umschlichen und zwei andere Stunden mit diesem um den Lohn gefeilscht, wobei er um ein Haar gegen den Beamten des Prinzen sein Messer gezogen, wurden die beiden handelseinig: für so und so viele Felle und einige Skudi verpflichtete sich Simeone, das Jahr hindurch die Ziegen des großen römischen Fürsten zu hüten. Für jedes Tier, das sich verstieg oder abstürzte, ward ihm von dem Gelde abgezogen. Überdies hatte er ein gewisses Quantum von Käse in der Tenuta abzuliefern; was er davon außerdem bereitete, gehörte ihm. In seiner Art ganz vergnügt, begab er sich auf den einsamen Ruinenberg, der damals nur wenig von Fremden besucht wurde, richtete sich mit seinem Kochtopf häuslich ein, zählte seine Herde, gab jedem Stück derselben einen Namen und begann, äußerst zufrieden mit den Weideplätzen und seinem Hüteramt. Wenn er tagsüber bald hier, bald dort in der Sonne lag; abends irgendwo ein Feuer anzündete, um daran seine Minestra zu bereiten und sich dann daneben zum Schlaf auszustrecken, dachte er zuweilen an seine junge, hübsche Frau und daß er sie ihrem jungen hübschen Liebhaber fortgenommen hatte. Auch kam ihm manchmal in den Sinn, sie sich bald herzuholen, damit er nicht selbst Feuer anzumachen und die Minestra zu kochen brauche. Manchmal heulte er bei solchen Gedanken vor Behagen laut auf; oder er schlug aus derselben Empfindung seinen Hund, den er nach jenem betrogenen Liebhaber seiner Frau Marco nannte. Dagegen hatte er die zierlichste Ziege Laurina getauft. Ein besonderes Vergnügen verursachte ihm, den Marco auf die Laurina zu hetzen und hernach den Hund halb tot zu prügeln. Ein ganzes Jahr brauchte er, bis er zu dem Entschlusse kam, seinen Strohwitwerstand aufzugeben. Er nahm auf einige Wochen Urlaub, dingte einen Stellvertreter und begab sich auf die Wanderschaft. Bevor jedoch die Zeit ganz abgelaufen, kam er mit einem blutjungen und bildhübschen, aber blassen und kranken Weibe zurück, das auf dem Rücken ein erst vor kurzem geborenes Kind trug. Es war ein Knabe. Bis dahin hatte Simeone in den Ruinen der ausgegrabenen Stadt gehaust: bald in den Gängen des Amphitheaters, bald in irgend einem unterirdischen Gemache der tiberianischen Villa; oder in den Versenkungsräumen der griechischen Bühne; oder in der Höhlung eines halb zerstörten antiken Grabmals. Diese Wohnstätten hätte er, unbekümmert um Skorpione und Nattern, ohne Zweifel mit Weib und Kind beibehalten, wäre ihm nicht von dem Verwalter, dem der bejammernswerte Zustand der jungen Mutter Mitleid einflößte – sie war unterwegs von ihrem Manne grausam geschlagen worden –, eine bessere Unterkunft angewiesen worden. Es war dies das längst nicht mehr benutzte Wächterhaus, welches auf der Höhe des Hügels, auf einem ebenen freien Platze – dem einstmaligen Forum – aus Trümmern der antiken Stadt: Gebälkstücken, Inschrifttafeln und Statuen, erbaut worden, als Lucian Bonaparte Tusculum ausgraben ließ. Zwischen der sogenannten »Villa des Kaisers Tiberius« und dem griechischen Theater lag das einsame Haus am Rande einer köstlichen Kastanienwaldung, auf drei Seiten von Fluren umgeben, die im Frühling und Herbst Blumenfeldern glichen. Rosen und Menthe begruben hier manches kostbare Marmorwerk, das gespenstisch aus dem Grün und den Blumen hervorleuchtete. Von dem Hause aus genoß man eines weiten Überblicks auf die benachbarten öden Hügel mit ihren unbewohnten Thälern, auf die fernen grauen Felsenriesen der Abruzzen und die schimmernde Meeresküste. Zwischen den Abruzzen und dem Meer, dem tusculanischen Hügel gerade gegenüber, erhob sich das Albanergebirge mit seinem feierlichen Gipfel, dem schwärzlichen Rocca di Papa, den ausgedehnten Weinfeldern von Marino und dem Kraterrand des Albanersees, an dem schimmernde Städte aufstiegen. Inmitten geheimnisvoller Ruinen, unter sich eine gewaltige unverständliche Welt, ringsum Stille und Öde, wuchs der kleine Salvatore auf, so frei und wild wie die Falken, die auf den Trümmern hausten. Es war ein hübsches zartes Kind mit schwarzem Lockenkopf und dunklen schwermütigen Augen. Bei dem großen Schweigen, das auf der Höhe herrschte, wurde auch der Knabe schweigsam und überaus ernsthaft. Er kannte niemand als seine Eltern. Wenn er einmal eine fremde Gestalt gewahrte, lief er fort und versteckte sich. Sehr bald wußte er, daß seine Mutter viel von seinem Vater geschlagen wurde und es ruhig ertrug. Diese Wahrnehmung machte einen mächtigen Eindruck auf das leidenschaftliche junge Gemüt. Wenn Simeone an Sonntagabenden trunken von Frascati heraufkam und in das Haus trat – dieses bestand nur aus einem einzigen Raum –, so stellte sich der Knabe schützend vor seine Mutter, die geballten Händchen zum Schlage gegen den Vater erhoben, ihn mit seinen düstern Augen feindselig anblitzend. Gewöhnlich nahm die Mutter den heftig Widerstrebenden rasch auf, trug ihn hinaus und schloß hinter ihm zu. Während der Knabe wild schreiend an die Thüre stieß und pochte, hörte er drinnen die Flüche seines berauschten Vaters und das unterdrückte Stöhnen seiner gemißhandelten Mutter. Die Nacht kam, er fürchtete sich, kauerte sich auf der Schwelle hin, schluchzte: »Mutter! Mutter!« und schlief ein. Gegen Mitternacht wurde dann stets die Thüre leise geöffnet. Laurina trat heraus, hob den Schlummernden sanft auf, trug ihn hinein, legte ihn auf sein Lager, deckte ihn sorglich zu; und weinte und betete die ganze Nacht hindurch über seinem jungen schuldlosen Haupte. Am nächsten Morgen erschien dann dem Kinde alles wie ein Traum – ein Traum, den es vergebens zu begreifen versuchte. So entwickelte sich Salvatore frühzeitig zu einem Grübler und Träumer. Tags über war der Knabe wenig zu Haus. So gern er sich bei seiner Mutter befand – allein zu sein war ihm lieber! Nach allen Richtungen hin durchkroch und durchkletterte er den Ruinenberg, bis in die Waldungen dringend, die Tusculum von Frascati scheiden. Aber anstatt das Lager des grauen Bergfuchses und den Horst des braunen Falken aufzuspüren, lag er stundenlang regungslos hingestreckt, starrte mit weit offenen Augen in die Luft, hörte dem Lerchenjubel, dem Summen der Käfer zu und ließ die Sonne auf sich niederbrennen, ohne es recht zu empfinden. Der Wind wehte über ihn hin, er schaute den jagenden Wolken nach, lauschte auf das Glockengeläute, das er, der nie in eine Kirche kam, für die Stimmen der Luft hielt, und versuchte, sich bei allem etwas zu denken. Er sah viele Städte unter sich liegen und wußte kaum, daß sie von Menschen bewohnt wurden; er sah das Meer aufglänzen und konnte sich nicht vorstellen, was das wohl sei; er sah die Sonne auf- und untergehen, noch niemand sagte ihm, daß es ein Himmelslicht sei, von einer Gottheit erschaffen. Des Sonntags stieg seine Mutter nach Frascati hinab zur Kirche und der Vater lief in die Schenke; er mußte also bei der Herde bleiben. Die Hirten, die auf den anderen Hügeln hüteten, waren nicht verheiratet. So kam es, daß Salvatore keinen Spielgefährten bekam und jedesmal in dumpfes Staunen geriet, wenn seine schweigsame Mutter ihm zuweilen von anderen Kindern erzählte. Andere Kinder »spielten«. Was mochte das sein? Bei solchem Leben auf der wilden Höhe, inmitten der ausgegrabenen Stadt, wurde der Hang zur Träumerei immer entschiedener zu einer Eigenschaft seines Charakters, die ihn bald ausschließlich beherrschte. Über alles brütend, konnte er über nichts zu einem klaren Gedanken kommen. Nur zweier mächtiger Regungen war er sich bewußt: das war die leidenschaftliche Liebe für seine gemißhandelte Mutter und der leidenschaftliche Haß gegen seinen grausamen Vater. Wenn er nur erst »groß« wäre! Salvatore hütete bereits einen Teil der Herde; und das auf einem Gebiete, welches sich von dem Gipfel, darauf einst die Arx der alten Stadt gestanden, bis zum Molarathal hinab erstreckte. Eine von den Trümmern Tusculums aufgeworfene niedrige Mauer, darin manches weiße Marmorstück leuchtete, trennte den tusculanischen Weideplatz von den Gründen, die zu Rocca di Papa gehörten. Vor Kurzem war drüben der Hirt am Fieber gestorben. Es war eines Sonntagnachmittags im Frühsommer, als Salvatore wie gewöhnlich die Herde hinuntertrieb. Nahe der Grenzmauer aus den Klippen tretend, blieb er plötzlich erschrocken stehen: auf einem Felsblock, um den, wie Kandelaber um einen Altar, hohe blühende Königskerzen standen, kauerte eine kleine zierliche Gestalt in einem hochroten Röckchen, das braune Gesichtchen von weißen Schleiertüchern beschattet. Sie hatte den Schoß voller Blumen und war eifrig beschäftigt, die goldgelben Kelche auf langen biegsamen Binsenstengeln zu Ketten an einander zu reihen. Erstaunt schaute der Hirtenknabe diesem seltsamen Thun zu, als echter Sohn der Wildnis sogleich an Zauberei denkend. Jetzt sah die kleine Berghexe auf. »Sie hat gewiß den bösen Blick« – dachte er und wollte schon seine Herde, denn allein um diese war es ihm zu thun, eiligst zurücktreiben. Da fing das Mädchen zu singen an, mit so weicher süßer Stimme, daß Salvatore, die Rettung seiner Herde vergessend, mit angehaltenem Atem lauschte. Wie von dem Gesange hingezogen, näherte er sich der Mauer. Das Mädchen blickte zu ihm hinüber, nickte ihm ernsthaft zu, ließ sich aber nicht im mindesten durch seine Gegenwart stören. Als sie ihre Kette fertig hatte, wickelte sie sich, immerfort singend, die schimmernden Blütenreihen vielfach um den Hals. Dann war auch das Lied aus. »So komm doch herüber!« rief sie und lachte. Mit einem Sprung war er drüben, stand auch gleich dicht vor dem Felsblock mitten unter den schlanken silbergrauen Blumenstengeln, deren goldige Dolden über seinen Kopf ragten, und schaute andächtig zu ihr empor. »Nun wollen wir spielen,« befahl sie ihm. Er wußte nicht, wie das sei, war indessen sofort dazu bereit. Sie spielten. Er mußte ihr glänzende Käfer fangen, die sie in ein aus den sammetartigen Blättern der Königskerze verfertigtes Körbchen sperrte. Nachher ließen sie die Gefangenen wieder frei. Es war wunderschön! Um seine Herde kümmerte sich Salvatore nicht mehr. Er war wie in einem Rausch, wie in einem glückseligen Traum. Seine Wangen glühten, seine Augen leuchteten. Er hätte aufjubeln und zu gleicher Zeit bitterlich weinen mögen. Während des Spielens plauderten sie. Sie heiße Marja: Marja Mariani. Welch wunderhübscher Name! – Wie seiner sei? – Salvatore Santis. – Der Name gefiel ihr. Salvatore erglühte. – Ob er auch von weit herkäme? – Er war immer dagewesen, wüßte gar nicht, von woher er hätte kommen können. – Ei, von zu Hause! Von woher denn sonst? Ihr Vater hatte sie oft getragen, obgleich sie gar nicht müde gewesen. Ihr Vater war so gut, so gut! Salvatore wurde plötzlich so traurig, daß er nur mit Mühe die Thränen zurückhielt. Sie merkte es gleich. »Was hast du?« »Mein Vater« – stammelte er und stockte. »Ist deiner auch Hirt?« forschte er ängstlich. »Was sollte er sonst sein?« »Wir bleiben hier,« vertraute sie ihm triumphierend an. »Der Vater baut uns eine Hütte: ganz aus grünen Zweigen. Zu Hause hatten wir eine aus Stein. Das war häßlich.« Salvatore mußte gestehen, daß sie auch in einer solchen häßlichen Steinhütte wohnten; dort oben lag sie. Marja dachte eine Weile nach; dann tröstete sie ihn damit, daß sie ihm ein Haus aus Blumen zu bauen versprach. Salvatore war es zufrieden. Aber ihr Vater beschäftigte ihn doch am meisten. »Er ist immer gut gegen dich?« »Er hat mich schrecklich lieb; ich habe ihn aber auch schrecklich lieb! Du hast deinen Vater doch auch gern?« In seinem Gesicht zuckte es, aber er schwieg. »Meine Mutter –« weiter zu reden vermochte er nicht. »Meine Mutter ist tot.« »Ach!« Er seufzte tief auf, sah sie scheu an und begriff nicht, daß sie das so ruhig sagen, daß sie so heiter sein könne. »Das war schön!« »Was war schön?« »Wie sie begraben wurde. Denke dir: in die Erde hinein. Viele bunte Männer gingen mit vielen Lichtern. Und wie die Glocken läuteten! – Ist deine Mutter auch tot?« »Nein! nein!« rief er heftig und schluchzte krampfhaft auf, worüber Marja so erschrak, daß sie zu weinen anfing. Bald beruhigten sich beide und setzten Spiel und Plauderei fort. Ob er oft in die Kirche gehe? – Niemals. Seine Eltern gingen hinein; dann müsse er bei der Herde bleiben. Er wisse gar nicht, was das sei, eine Kirche. – Ein wunderschönes Haus, mit Blumen und Lichtern und vielen vielen Menschen. Und dann die Priester. Wie die angezogen sind! Mit lauter Gold und Silber. Man muß ihnen die Hand küssen – ja, wahrhaftig! Und wenn sie dastehen und etwas in die Höhe halten; dann muß man sich hinwerfen, – sieh so! Und mit den Händen muß man so machen. Sie zeigte ihm alles. Ihm wurde von so vielen Herrlichkeiten ganz wirr zu Sinn. Auch schämte er sich, daß er von nichts wußte, daß seine Mutter ihm von nichts gesagt hatte. Aber von der guten Gottesmutter wußte er durch seine Mutter. Sie hatte ihn auch einen Spruch gelehrt, den er jeden Morgen und Abend hersagen mußte. Ganz stolz betete er seiner kleinen Freundin den frommen Vers vor, wobei er die Hände faltete und ein wehmütiges Gesicht machte. Sogleich kramte auch Marja ihre ganze christliche Gelehrsamkeit aus. Salvatore staunte. Noch etwas anderes hätte er gar zu gern von seiner klugen Gefährtin erfahren. Lange fand er nicht den Mut, sie zu fragen; dann brach er leidenschaftlich damit hervor: »Hat dein Vater deine Mutter auch geschlagen – so geschlagen, daß es blutet?!« Schluchzen erstickte seine Stimme. Er ballte die Hände und blickte voll angstvoller Erwartung seine Freundin an. »Nie hat der Vater meine Mutter geschlagen,« versicherte Marja eifrig. »Mein Vater thut keinem Tier etwas zu Leide.« »Ist dein Vater auch nie betrunken?« »Was ist das?« »Das ist – ich weiß es auch nicht; aber es ist schrecklich.« »Dann ist es der Vater niemals,« entschied Marja in unerschütterlichem Glauben. »Denke dir: wenn mein Vater betrunken ist, schlägt er die Mutter, daß es blutet,« raunte Salvatore ihr zu, »Aber laß mich nur erst groß sein!« »Ich weiß, was du dann thust!« rief das Mädchen mit blitzenden Augen. »Wenn bei uns zu Hause einer einen totschlägt, so wird er wieder totgeschlagen. Mein Vater hat es mir erzählt.« »Du mußt mir alles sagen, was dein Vater dir erzählt hat,« flehte Salvatore inbrünstig. »Dann thut man ein Gelöbnis und dann muß man den Mörder töten.« »Wer muß ihn töten?« »Ei, der Bruder oder der Sohn von dem, der gemordet worden ist; oder sonst ein anderer, irgend einer. Wenn er das Gelöbnis gethan hat; dann hilft's nichts.« Sie sah sich scheu um, rückte dicht zu Salvatore hin und flüsterte: »Wenn du es keinem Menschen verrätst, will ich es dir sagen.« »Ich will es keinem Menschen verraten.« »Du mußt es geloben.« »Wie soll ich das machen?« »Sage nur: Ich gelobe.« »Das gefällt mir nicht.« »Sag's nur.« »Ich gelobe.« Er erbleichte, er zitterte. Maria vertraute ihm: »Auch mein Vater hat solch ein Gelöbnis gethan.« »Auch dein Vater?« »Ich weiß es von der Mutter, ich weiß noch viel mehr.« Sie erwartete, daß Salvatore sie bitten würde, es ihm zu sagen; er war jedoch zu entsetzt. »Also muß dein Vater einen totschlagen?« »Das wird er wohl müssen. Singt er doch immer das Lied.« »Welches Lied?« »Wie du fragst! Ich habe es ja vorhin gesungen.« »Sing es noch einmal.« Marja ließ sich nicht lange bitten; andächtig hörte Salvatore ihr zu. Es war eigentlich kein hübsches Lied; aber weil Marja es sang, so gefiel es ihm. Mitten im Gesang unterbrach sie sich. »Da kommt der Vater. Er mag nicht hören, wenn ich das Lied singe. – Bleibe doch. Mein Vater thut dir nichts.« Aber Salvatore war bereits über die Brüstung geklettert. »Morgen komme ich wieder!« rief er zurück. Hinter einem Dornbusch versteckt, sah er scheu zu dem Manne hinüber, der Marja's Mutter niemals geschlagen hatte. Am Abend kam die Herde ohne ihren Hirten auf Tusculum an. Obgleich kein Stück fehlte, tobte und fluchte Simeone, daß es weithin über den Berg schallte. Laurina, ohne sich an den Wütenden zu kehren, lief fort und suchte ihren Sohn. Da hörte sie ihn singen. Sie kannte das Lied, wurde plötzlich ganz fahl im Gesicht und mußte sich an den Felsen lehnen. Schwankend setzte sie ihren Weg fort und fand den Knaben auf einer Klippe liegend, ins Molarathal hinabsehend, wo der neue Hirt vor seiner Hütte ein Feuer angezündet hatte. Bei der einbrechenden Nacht schlug die Flamme hoch auf, glühenden Schein auf den Lagerplatz werfend. Die Frau erkannte die dunklen, Gestalten des Hirten und seines Kindes. Ihre ersten Worte waren: »Woher kennst du das Lied?« Salvatore deutete hinab: »Von Marja. Marjas Vater hat ihre Mutter niemals geschlagen; und denke dir: ihre Mutter ist tot.« »Wer ist Marja?« »Wer Marja Mariani ist – ?« Regungslos stand das Weib und starrte in die nächtige Tiefe hinab. Salvatore glaubte, sie sei ihm böse, weil er mit Marja Mariani gespielt habe und fing zu weinen an. Da warf Laurina sich neben ihm hin, drückte ihn an sich und küßte ihn, daß der Knabe laut aufschrie. Hand in Hand traten sie endlich den Heimweg an. An demselben Abend erfuhr auch Simeone die Ankunft des neuen Hirten und ward darüber ganz wild. Salvatore mußte die ganze Nacht ausgeschlossen im Freien zubringen; drinnen hörte er seine Mutter leise stöhnen. Wenn er doch nur erst größer wäre! Marco Mariani, der neue Nachbar des Hirten von Tusculum, der sich den Bauern von Rocca di Papa als Hirt verdingt hatte, erwies sich als ein noch ziemlich junger Mann, schwarzlockig und braun, mit schönen schwermütigen Augen. Seine wilde Tracht, aus dunklen langhaarigen Ziegenfellen und dem Vließ eines schwarzen Schafbocks verfertigt, kleidete ihn vorzüglich. Er und Laurina stammten aus demselben Orte. Beider Eltern waren Nachbarn gewesen. Im Dorfe hatte man allgemein geglaubt, daß die Kinder einmal ein Paar werden würden. Sie waren beide fast gleichaltrig, beide ungewöhnlich hübsch und schienen sich einander sehr gern zu haben. Als bei Marcos angehendem achtzehnten Jahre das ganze Dorf ein Verlöbnis erwartete, bewarb sich der zugewanderte Hirt Simeone Santis um das Mädchen. Er war zwar um zwanzig Jahre älter als Laurina, aber um fünfzig Skudi reicher als Marco, bekam also der Sitte gemäß die Braut. Schon nach wenigen Wochen ward die Hochzeit gefeiert. Das ganze Dorf fand das vollkommen in der Ordnung; und vollkommen in der Ordnung fanden es Laurina und Marco. Daß aber der beiseite geschobene Liebhaber nicht versuchte, dem glücklichen Nebenbuhler einen Dolchstich beizubringen, fand im ganzen Dorf kein Mensch in der Ordnung, Simeone Santis am wenigsten. So geschah es, daß der hübsche, lustige, allgemein beliebte Marco allgemein mißliebig wurde: er war ein Feigling! Plötzlich erinnerte man sich, daß er als großer Knabe vor einem Wolfe geflohen war, die Herde im Stich lassend. Simeone verhöhnte ihn öffentlich und hatte die Genugthuung, daß man ihm, obgleich er im ganzen Dorfe verhaßt war, in dieser Sache allgemein recht gab. Seinem jungen Weibe gegenüber hörte er gar nicht auf, ihren schönen und »mutigen« Liebhaber zu verspotten. Laurina entgegnete darauf niemals ein Wort. Dem hübschen Marco wäre es nach diesem Vorfall schwer geworden, aus dem Ort ein anderes Mädchen zur Frau zu bekommen: keine hätte ihn gewollt! Auch hätte kein Vater ihm seine Tochter gegeben. Sogar seine Kameraden, deren Stolz er bis dahin gewesen, mieden ihn. Ein Makel lag auf ihm. Der junge Hirt verfiel in Schwermut. Er scheute die Menschen, blieb bei seiner Herde, die er in die entlegensten Felsenthäler trieb, und wurde, da er immer daran denken, immer darüber grübeln mußte, zu einem Träumer. Er wußte selbst, daß er feig war. Bald nach der Hochzeit verließ Simeone sein junges Weib, um sich im Römischen nach einem guten Dienst umzuthun. Halb im Scherz warnte ihn sein Schwiegervater. Der neue Ehemann lachte laut auf: ein Feigling sei keiner Frau gefährlich. Seine Frau stand dabei und – lachte mit. Da er sie jedoch zum Abschied küssen wollte, stieß sie ihn fort, als sei er ein häßliches Tier. Er sah sie mit seinem Mörderblick an und ging. Ein ganzes Jahr blieb er fort. Marco wurde zuweilen im Dorfe gesehen, allerdings nur des Nachts oder beim Morgengrauen. Das ganze Dorf wußte, daß er an seinem Todfeind Rache genommen – die Rache des Feiglings. Die Blicke, mit denen man ihn ansah, wurden immer düsterer, immer verächtlicher. Er ertrug diese Blicke nicht und wanderte ganz fort in das Neapolitanische. Bald darauf gebar Laurina einen Knaben. Dann kehrte Simeone zurück, um sein Weib und seinen Sohn nach Tusculum zu holen. Sie war nicht feig; sie sagte es ihm selbst. Als er sie darauf schwer mißhandelte, fand sowohl das ganze Dorf, wie sie selbst, das vollkommen in der Ordnung, würden es in der Ordnung gefunden haben, wenn er sie getötet hätte. Mit Marco Mariani war er übrigens fertig: für solche Rache mußte die Frau büßen. Auf Tusculum that sie das auch. Obgleich sich Marco im Neapolitanischen bereits nach einem Jahre ein Weib nahm, verfiel er dennoch immer tiefer in Schwermut. Von allen Romanzen und Sonetten, die er früher den lieben langen Tag über gesungen, schien er nur einen einzigen düsteren Gesang behalten zu haben: eine Ballade, in der ein unschlüssiger Jüngling von seiner Mutter zur Blutrache gemahnt wird. Der Sohn ist feige, die Mutter verwünscht ihn, vollbringt den Mord selbst und wird vor den Augen des Sohnes hingerichtet. Marcos Weib war ein scheues sanftes Wesen, ihrem hübschen trübsinnigen Manne leidenschaftlich ergeben. Dieser behandelte sie gut; aber sie wußte, daß er eine andere im Herzen trug. Nachts im Traum schrie er zuweilen auf: »Laurina!« und schluchzte dann kläglich. Auch noch anderes mußte auf ihm lasten; denn wenn in Sonnino ein Rachemord verübt wurde, schlich er eine Zeit lang ganz verstört umher. Grade, als die kleine Marja elf Jahre alt geworden, starb ihre Mutter; kaum war sie tot, als Marco mit seiner Tochter in sein Heimatsdorf zurückzog, um jedoch bald wieder, da sein guter Name noch immer nicht hergestellt war, zum zweitenmal ins Albanergebirge auszuwandern. Hier trieb er sich umher, bis die Bauern von Rocca di Papa ihn für schlechten Lohn als Hirten für ihre Herde im Molarathal unterhalb Tusculum dingten. Feige war er noch immer. Auch sang er noch immer die Mahnung zur Blutrache. Für die tusculanische Hirtenfamilie kam eine schwere Zeit. Simeone war jetzt auch an Wochentagen betrunken, sein Weib schlich wie ein Schatten umher. Salvatore mußte die große Herde hüten, die nicht vom Berge hinunter durfte. Er lief jedoch fort, ließ die Tiere im Stich und suchte im Molarathal Marja auf. Stundenlang konnte er still dasitzen, ihre Hand halten, auf ihr Geplauder, ihren Gesang lauschen. Auch ihren Vater, den Mann, der seine Frau nie geschlagen hatte, lernte er kennen; nachdem die erste Scheu überwunden, gewann er ihn sogar leidenschaftlich lieb. Neben dem Hirten, der selten mit ihm sprach, aber ihn oft lange unverwandt ansah, stumm dazuliegen, machte ihn fast noch glücklicher als die Gegenwart Marjas, die auf ihren heißgeliebten Vater eifersüchtig zu werden begann. Salvatore brachte es nicht über sich, den großen Schmerz seines jungen Lebens zum zweitenmal einem Menschen anzuvertrauen. Aber seine kleine Freundin hatte geplaudert; und als ihr Vater ihn einmal nach seiner Mutter fragte, kam alles heraus. Aschfahl, die Augen mit Blut unterlaufen, hörte Marco auf den leidenschaftlichen Ausbruch des Knaben, der seine Mutter an seinem Vater zu rächen gedachte, sobald er »erst groß geworden«. Als sich Laurina am Abend über ihren Sohn warf, um diesen vor einem Wutanfall Simeones zu schützen, raunte der Knabe ihr zu: »Laß nur, Mutter! Marco Mariani haßt den Vater auch.« Laurina schrie gellend auf. Die Faust ihres Mannes hatte sie so schwer getroffen, daß sie hinfiel. Am nächsten Tage ereignete sich auf Tusculum etwas Fürchterliches: Simeone wurde ermordet im Schlafe. Die feige That wurde in den Ruinen der tiberianischen Villa verübt. Sie bestehen ans einem wahren Labyrinth halb verschütteter unterirdischer Gänge, Kammern, Gemächer; und liegen wie vom Berge abgerissene Felsmassen unter Ginster, Brombeergestrüpp und Hollundersträuchern den Abhang hinuntergewälzt, ein Wirrwarr grauer Schollen und Klippen. Wenn die Herde zwischen diesen Trümmern weidete, wo die würzigsten Bergkräuter in größter Üppigkeit wuchern, liebte es Simeone, die heiße Tageszeit in einem besonders kühlen Räume der weitläuftigen Ruinen hinzubringen. Das Gemach mochte einst ein Prunksaal gewesen sein, denn es war groß und hoch und trug über dem schwarzen Netzwerk der Mauern noch vielfach seine ehemalige Marmorbekleidung von Giallo antico. Der Boden, wo er unter Schutt und Gestrüpp sichtbar wurde, zeigte noch Spuren einer kostbaren Mosaik. Der Eingang war bis zur Hälfte verschüttet und die Öffnung überdies dicht mit Epheu überzogen. Wer hinein wollte, mußte die langen Ranken wie einen Vorhang aufheben. Hier suchte Salvatore seinen Vater auf, als er ihm am Nachmittag die Minestra brachte. Aus dem blendenden Sonnenglanz plötzlich in tiefe Dämmerung versetzt, vermochte der Knabe zuerst nichts zu erkennen. Er rief: »Vater!« erhielt keine Antwort und vernahm ein schreckliches Röcheln. Im ersten Augenblick des Entsetzens wollte er fliehen, dann stand er zitternd da, lauschte, hörte die fürchterlichen Töne wieder und tastete sich bebend in der Dunkelheit vorwärts bis zu der Stelle, wo sich Simeones Lager befand, und von wo ihm das Röcheln entgegendrang. Von Grausen gefaßt, kniete er nieder, wollte sich zu dem Schlummernden herabbeugen, griff in eine warme klebrige Flüssigkeit und schrie entsetzt auf. Unterdessen hatten sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt. Er sah seinen Vater halb aufgerichtet gegen die Mauer lehnen und sein Vater war's, der so grauenvoll röchelte. Jetzt erkannte er auch das Blut, welches, eine dicke geronnene Masse, den ganzen Körper bedeckte; erkannte er das fahle Gesicht mit verzerrten Zügen, mit weit offenen stieren Augen. Die stieren Augen hefteten sich auf den Knaben, der unter dem Blicke des Sterbenden seine Sinne schwinden fühlte. Da hörte er sich anrufen von einer Stimme, deren Laute keinem Menschen anzugehören schienen: »Salvatore!« »Vater! Vater!« »Salvatore, du mußt mich rächen!« Wiederum das schaudernde: »Vater! Vater!« als Antwort. »Tauche deine Hand in mein Blut!« Kaum wissend, was er that, ließ Salvatore seine Hand auf den Körper seines Vaters niedersinken. Es war ihm, als stecke er sie tief in feuchte Erde, als überzöge diese seine Hand, als dringe sie bis unter die Nägel. Sein Arm wurde ihm so schwer, daß er ihn nicht aufzuheben vermochte. »Und jetzt gelobe!« Salvatore schauderte bei diesem Wort, vor seinen Augen schwamm alles in Blut; in Blut, in heißes, widriges Blut versank er selbst. Er wollte wieder aufschreien: »Vater! Vater!« brachte aber nur einen unverständlichen Laut über die Lippen. »Gelobe, daß du mich an meinem Mörder rächen willst; sonst sollst du und deine Mutter verflucht sein in Ewigkeit!« Die schreckliche Stimme erstickte im Todeskampf. Als der Mann mit übermenschlicher Anstrengung sich noch einmal ins Leben zurückriß, um seinem Rächer den Namen seines Mörders zuzuröcheln, war Salvatore, noch immer die Hand in das erstarrende Blut haltend, besinnungslos über ihn hingesunken. Der Sterbende stieß eine Verwünschung aus und verschied. Nach einiger Zeit erwachte Salvatore aus seiner Betäubung; sogleich erinnerte er sich deutlich an alles, was geschehen ... Er lag über seinen Vater hingestreckt – sein Vater war im Schlafe ermordet worden; und er hatte seinem Vater gelobt, ihn zu rächen. Sonst sollten er und die Mutter verflucht sein in Ewigkeit. Aber etwas hatte er über seinem Entsetzen völlig vergessen: den Namen des Mörders. Ohne sich zu regen, versuchte er, sich darauf zu besinnen. Da empfand er, wie es auch sein Gesicht überzog, als liege feuchte Erde darauf, als sei sie auf seiner Haut getrocknet und dann aufgesprungen. Das Gesicht schmerzte ihn davon und die Hände waren so starr, daß er die Finger nicht krümmen konnte. Er wälzte sich von dem Leichnam herunter, kroch fort, dem Eingang zu und hinaus. Dann erhob er sich und lief schwankend davon. Plötzlich warf er sich hin und wühlte Gesicht und Hände in das kühle Gras, wobei er fortwährend »Vater! Vater!« rief. Nach einer Weile richtete er sich empor, riß Blätter ab und rieb sich damit wie unsinnig Gesicht und Hände; aber jenes grausige Gefühl wollte gar nicht aufhören. Als es Abend ward, stand er auf und sah sich um. In einer dichten Dunstschicht ging die Sonne unter, fast so rot wie das Blut, das noch immer an seinen Fingern klebte. Die Herde weidete ruhig zwischen den Trümmern, die das Abendrot mit dunkler Glut übergoß. Purpurfarbige Schatten breiteten sich über Ebene und Gebirg. Schimmernd lag das Meer da. Am Strande schien es aufzuflammen: die Sümpfe. Im Molarathal sang eine helle Kinderstimme. Der Jüngling – denn es war plötzlich kein Knabe mehr – lauschte, bis das Lied verklang. Dann ging er nach Hause. Seine Mutter kreischte bei seinem blutigen Anblick auf und schrie ihn an: »Du hast deinen Vater erschlagen!« »Ich habe meinem ermordeten Vater gelobt, ihn zu rächen.« Er streckte ihr seine gerötete Schwurhand entgegen. Sobald der Mord auf Tusculum in Frascati bekannt wurde, zog das Gericht Salvatore gefänglich ein. Andere Hirten sagten aus, daß der Ermordete mit seiner Familie in wildem Unfrieden gelebt und daß der Knabe seinem Vater Rache geschworen hatte. Dazu kam der Ort der That: ein abgelegener verborgener Raum, den als gewöhnlichen Ruheplatz des Verstorbenen vor allem dessen Sohn kennen mußte. Ferner die Ausführung der That: am Tage, während der Ermordete schlief. Einen Schlafenden konnte auch ein vierzehnjähriger Knabe umbringen; überdies wäre ein solcher Todschlag für den fetten trägen Sindacus von Frascati kein neuer Fall gewesen. Als stummes Zeugnis von vernichtender Beredsamkeit sprach die blutbefleckte Kleidung des Angeklagten gegen denselben. Salvatore schien verloren zu sein. Aber das Wesen des vermeintlichen Mörders verfehlte nicht, selbst auf diese Richter einen gewissen Eindruck zu machen. Wäre ich groß gewesen, so hätte ich es längst gethan; denn er mißhandelte meine Mutter. Aber ich hätte ihn nicht im Schlafe ermordet. Das ist feige. Laßt mich frei! Ich habe dem Vater gelobt, ihn zu rächen; sonst ist meine Mutter in Ewigkeit verflucht. Beim Verhör gab er den Richtern unaufgefordert eine pathetische Schilderung jener grausigen Scene. Er wiederholte die Worte des Sterbenden, machte dessen Röcheln nach, seinen stieren Blick und erzählte alles, was er selber gesagt und gethan hatte. Die leidenschaftliche Darstellung des jungen Halbwilden hätte die Richter überzeugen müssen. Außerdem hatte sich bei der ärztlichen Untersuchung des Leichnams erwiesen, daß die Dolchstöße von einer zu starken und sicheren Hand gethan worden waren, um von einem vierzehnjährigen Knaben herrühren zu können. Trotzdem ließ man ihn nicht frei; denn als er den Namen nennen sollte, den er von seinem sterbenden Vater als den des Mörders erfahren, verfiel er in einen Zustand völliger Stumpfheit: er wisse den Namen nicht mehr. So viel man auch in ihn hineinredete, ihm zusprach, ihm drohte – er blieb dabei, den Namen vergessen zu haben. Während der Gefangenschaft, die bereits über ein halbes Jahr gedauert hatte, bekam er seine Mutter nur einigemale zu sehen. Ein Wärter führte die Frau in die dunkle vergitterte Zelle und ließ sie eine Stunde mit dem Gefangenen allein. Laurina kauerte sich ihrem Sohn gegenüber auf dem Boden nieder, sah ihn unverwandt an, seufzte jammervoll, schrie zuweilen auf: Madonna mia !« und bewegte die Lippen, als ob sie bete. Sie sah hager und gelb aus, mit tiefliegenden Augen und schien das Fieber zu haben, das sie oft wie ein Krampf schüttelte. Auch Salvatore sprach fast gar nichts. Er fragte wohl nach der Herde, aber so gleichgültig, daß er die Antwort der Mutter ganz überhörte. Bei ihrem letzten Besuch erkundigte er sich mit einiger Theilnahme, wer denn jetzt die Ziegen hüte? und fuhr freudig auf, als er vernahm, daß Marco Mariani »einstweilen« die Hirtenstelle seines Vaters übernommen. Nun wurde er lebhaft. Er erkundigte sich nach jedem Stück der Herde und ließ ihrem neuen Hirten durch seine Mutter die besten Plätze anweisen; denn Marco wisse ja nichts von Tusculum! In seinem Eifer beachtete er gar nicht das Aussehen seiner Mutter, die totenbleich geworden war und wie geistesabwesend vor sich hinstarrte. Stammelnd und stockend belichtete sie, daß Marco Mariani und Marja ihn hätten besuchen wollen, aber nicht zu ihm gelassen worden wären; und sie erschrak tötlich, als Salvatore plötzlich in Thränen ausbrach, sich hinwarf und mit zuckendem Körper dalag. Seine Mutter kniete neben ihn hin; und da sie gar nicht wußte, was anfangen, murmelte sie alle Gebete her, die sie kannte, in einem fort sich durch jammervolle Anrufungen der Gottesmutter unterbrechend. Als Salvatore sich etwas beruhigt hatte richtete er sich, durch Thränen lächelnd, auf und fing an, mit leuchtenden Augen von Marja Mariani zu reden. Er trug Laurina »viele viele Grüße« an sie auf und beschwor sie, das Mädchen an alle die Stellen zu führen, wo die schönsten Blumen wüchsen: die duftende Menthe und die stolze Königskerze liebe sie am meisten. Die Mutter sollte ihr sagen, daß er »immer, immer, immer« an sie denke und oft das Lied singe, sie wisse es schon, welches. Er habe jetzt auch etwas gelobt, Ihrem Vater schickte er gleichfalls freundliche Grüße. Das sei ein Mann! Scheu versprach seine Mutter, alles bestellen zu wollen. Sie teilte ihm mit: Marco Mariani und alle sagten, daß er freikommen müsse. Ob er den Namen denn wirklich nicht mehr wisse? Sie würde es keinem verraten, wollte ihm geloben – Aber er wußte den Namen wirklich nicht mehr. Die Frau überlief ein neuer Fieberschauer. »Sobald du frei bist, gehen wir fort, in die Abruzzen zurück oder sonst wohin.« Nun geriet Salvatore außer sich. – Fort von Tusculum? Er wollte nicht fort! Und nicht eher beruhigte er sich, als bis seine Mutter ihm »gelobte« – er wußte jetzt, was das bedeutete –, auf Tusculum zu bleiben: immer! immer! Die zitternde Frau versprach alles, was er wollte. Nachdem sie ihm wie gewöhnlich ein Brot, eine Flasche Ziegenmilch und einen großen Käse gegeben – es war alles, was sie ihrem gefangenen Liebling bringen konnte –, ging sie wieder. Marja hatte um das Bündel eine lange Kette an einander gereihter Blüten der Königskerze geschlungen. Sobald Salvatore allein war, wand er sich die Kette unter seinem Rock von Schaffell wie einen Talisman um den Hals. Er war glücklich: auf Tusculum befanden sich Marja und ihr Vater! Wenn er sich auf den Tisch stellte und an das Gitter des kleinen Fensters anklammerte, so konnte er die schwachen Umrisse eines Bergrückens erkennen: Tusculum! Seit dem letzten Besuch seiner Mutter hing er an den Eisenstäben, bis seine Arme erlahmten und er vor Ermattung halb bewußtlos herabglitt. Vorher hatte er, wenn er nicht an die Mutter, an Marja, ihren Vater oder an den vergessenen Namen des Mörders dachte, meistens in fieberhaftem Schlummer auf seinem Heusack gelegen. Wachte er, so fühlte er sich dermaßen matt, daß er sich kaum regen konnte. Plötzlich ging es ihm viel besser: das machte Marjas Blumenkette. Einmal glaubte er, vor dem Gefängnis eine Mädchenstimme singen zu hören. Er sprang auf, kletterte zum Fenster empor, drückte sein Gesicht gegen die Eisenstäbe, hell aufschreiend: »Marja, Marja!« Auch ein Priester besuchte ihn zuweilen, ein guter alter Kapuziner, dessen Kloster unterhalb von Tusculum lag. Zuerst scheute Salvatore die dunkle Gestalt und hatte sich am liebsten wie in den alten schönen Zeiten der Freiheit vor ihm verkrochen. Das würdige Wesen des milden Greises machte indessen einen starken Eindruck auf das verwahrloste Gemüt. Mit dumpfem Staunen hörte er die Ermahnungen und Lehren des Mönches, dem ein derartig verwilderter Zustand etwas durchaus Gewohntes war. Aber so verständlich er auch dem jungen Sohne der Wildnis, dessen Begriffsvermögen angemessen, das Christentum predigte – Salvatores Geist war zu leidenschaftlich von anderen Empfindungen in Anspruch genommen, um so viel Wundersames und Geheimnisvolles begreifen zu können. Seine größte That dem Pater gegenüber war, daß er sich einmal zu der Frage aufraffte: ob man ein Gelöbnis halten müsse? Das bestimmte strenge Ja des Priesters verursachte eine mächtige Wirkung. Zagend erkundigte er sich, was ewige Verfluchung sei? – Ewiges Fegefeuer! – Und das Fegefeuer? – Höllische Flammen, in denen die Seelen brennen müßten. Und nun folgte eine haarsträubende Schilderung aller Qualen der Verdammnis, in bester christlicher Absicht gethan, eine Absicht, die in einer Weise erreicht wurde, daß selbst der gottesfürchtige Mann darüber erschrak. Der junge Christ geriet in einen Zustand von Angst und Entsetzen, der das Mitleid des Mönches erregte. Salvatore dachte jedoch nicht an sich, sondern an seine Mutter. Es half also wirklich nichts – er mußte das Gelöbnis halten! Er verfiel in ein Brüten, das dem Stumpfsinn glich: wie sollte er den Mörder entdecken, wie ihn töten, wie seine Mutter vor den gräßlichen Flammen bewahren? Zuweilen tauchten, Erscheinungen gleich, die Ruinen von Tusculum vor ihm auf, von goldigen Ginsterwogen umblüht, von Sonnenstrahlen umflossen. – Wundersam, daß die Blumen immer noch blühten, daß die Sonne immer noch schien! Und mitten unter dem Schimmer thronte eine kleine, in Rot gehüllte Gestalt, das Köpfchen mit Glanz gekrönt, eine Königskerze als Scepter in der Hand, ihm zunickend und zulächelnd. Dann wiederum verschwand alles im Dunkel. Er tastete um sich, er tappte in eine warme Blutlache, in die er versank. Er sah vor sich das gräßliche Haupt, die brechenden Augen starr auf sich geheftet; er vernahm die furchtbare Stimme: »Gelobe!« Und immer wieder: »Gelobe!« Von Zeit zu Zeit führte man ihn zum Verhör; doch man bekam nichts aus ihm heraus. Da er mit jedem Tage mehr und mehr hinschwand, so wurde er endlich freigelassen. Das Gericht hatte seine Pflicht gethan und suchte nicht mehr nach dem Thäter. Der Todschlag auf Tusculum war irgend ein Racheakt gewesen. Das Gericht kannte das Volk und zählte solche Blutthaten nicht zu den Morden. Über ein Jahr war der Knabe gefangen gehalten worden. Es war Sonntag und irgend ein Kirchenfest. Salvatore stand in Frascati auf dem Domplatz und starrte halb betäubt um sich. So viele Häuser und Menschen! Nirgends ein Fels oder ein Baum! – Der helle Sonnenschein brannte ihm in die Augen wie Flammen, die Strahlen drangen wie glühende Pfeile auf ihn ein. Er konnte gehen, wohin er wollte: nach Tusculum hinauf zu seiner Mutter, zu Marco – zu Marja. Er war frei! Früher hatte er gar nicht gewußt, was das sei. Salvatore wunderte sich, daß er, der so lange Zeit ausgeruht – er wußte nicht wie lange –, trotzdem so müde sei, daß ihm die Glieder so schwer am Körper hingen, daß er sich kaum aufrecht halten konnte. Auch ängstigte ihn, daß niemand ihn kannte, niemand um ihn sich kümmerte, daß er so allein auf der Welt war. Auf der ganzen breiten Domtreppe kauerte, Kopf an Kopf gedrängt, fremdes hergewandertes Volk: Ciocciaren, Abruzzaten und Sabiner. Die Männer gingen in Felle gekleidet und die Frauen trugen die Trachten seiner Mutter. Das beruhigte ihn etwas. Einen von ihnen wollte er fragen, wo hinaus es nach Tusculum ginge? Da fuhr er erschrocken zusammen. Über ihm begann es zu hallen und zu schallen, als ob die Sonnenstrahlen Klänge geworden wären. Er erkannte zwar bald, daß es Glocken waren; aber solches Getöse hatte er noch niemals vernommen. Es sauste ihm davon in den Ohren. Nun nahm das Gewühl um ihn dermaßen zu, daß er hin- und hergestoßen wurde. Alles auf der Treppe stand auf und drängte vor. Mitten über den Platz hinweg machte man eine breite Bahn frei. Salvatore sah durch die weit geöffnete hohe Domthür tief in einen gähnenden dunklen Raum hinein. Durch die Finsternis drinnen zuckten viele kleine Flämmchen. Ach, die Johanniswürmchen! dachte Salvatore voller Freude und wäre gern hingelaufen. Er hatte solange keine gesehen. Dann kam die Prozession. Fast hätte Salvatore laut aufgeschrieen. An einem hohen Kreuz hing ein nackter Mann; er blutete gräßlich. Aber sie machten hinter ihm lustige Musik und auf dem Platze wurde aus großen Röhren geschossen. Dazwischen krachte und knatterte es unaufhörlich. Es war ein Höllenlärm. Salvatore wußte nicht, wie ihm geschah. Dicht an ihm vorbei zogen sie dahin: seltsam vermummte, bald rot, bald weiß oder blau gekleidete Männer, welche Fahnen und mächtige Bilder schleppten, die, an vielen Stricken befestigt, in der Luft schwankten. So ging es fort in langen langen Reihen über den Platz, die Treppe hinauf, in die Kirche hinein, wo der glänzende Zug, aus dem Sonnenlicht tretend, von dem Dunkel verschlungen zu werden schien. Aus den Fenstern schütteten die Leute unaufhörlich Blumen und Blätter hinab. Plötzlich fiel alles auf die Kniee. Eine Frau neben Salvatore zog ihn mit sich hinab. Als er wieder auf den Füßen stand, sah er eben noch eine Schar schimmernder Männer – sie trugen golddurchwirkte Gewänder und eine goldene Decke wurde über sie gehalten – in der Kirche verschwinden. »Marja!« Er rief es laut, sofort sie erkennend, obgleich sie sehr verändert war. Sie ging unter vielen anderen Mädchen, hatte ein blaues Kleid an, einen Rosenkranz auf dem Kopf und trug wie alle anderen eine brennende Kerze. Sie sah krank und blaß aus und hielt die Augen beständig auf den Boden gesenkt Salvatores Ruf mußte sie in dem Getös der Musik und der Schüsse nicht gehört haben. Die Mädchen wurden von Nonnen geführt; sie gehörten einer geistlichen Körperschaft an, in der nur solche Kinder Aufnahme fanden, die von ihren Eltern dem Himmel geweiht wurden – gewöhnlich zur Sühne für eine schwere Schuld. Als Salvatore auch Marja aus dem Sonnenglanz in die Nacht tauchen sah, rief er wieder ihren Namen schmerzlich, angstvoll. Jetzt drängte das Volk in die Kirche. Salvatore ließ sich mitfortreißen: er wollte Marja suchen. In die kühle Dämmerung tretend, fühlte er einen eisigen Schauer bis ins Herz hinein. Die er suchte, sah er nicht. In der Kirche war es genau so, wie Maria ihm erzählt hatte; auch mit dem Rauch hatte es seine Richtigkeit. Wie Wolken stieg es vor den Lichtern auf, die trübe die dichten Dünste durchdrangen. Plötzlich teilten sie sich. In den Nebeln erschien; gleichsam schwebend, eine leuchtende Gestalt, die dreimal einen Namen rief: »Salvatore! Salvatore! Salvatore!« Von Entsetzen gepackt, drängte Salvatore sich durch das Volt und entfloh. Erst gegen Abend langte er auf Tusculum an. Er hatte nicht den Mut gefunden, jemand nach dem Wege zu fragen und war aufs Geradewohl zugegangen. Nun stand er droben, wie von tagelanger Wanderung zu Tode erschöpft, Fieberschweiß auf der Stirn. Vor ihm lagen die Ruinen der tiberianischen Villa, ganz so wie vor einem Jahre von Ginster und Hollunder umblüht. Von der Herde war nichts zu sehen – auch nicht von Marja. Sein scheuer Blick, darin bereits das Fieber glühte, heftete sich auf die Stelle, wo der Epheuvorhang die Öffnung in dem braunen Gemäuer versteckte. Dort war es gewesen! Das gräßliche: »Gelobe!« seines sterbenden Vaters durchgellte den dreimaligen Ruf seines Namens; und mit dem goldenen Glanze, der um jene Gestalt geflossen war, mischte sich das dunkle rinnende Blut, in das er seine Hand hatte tauchen müssen. Aber drunten blieb alles still. Er schwankte weiter, durch einen jungen Pinienwald auf die antike Straße hinab. Auf diesem Weg umging er die unheimlichen Ruinen und gelangte auf die Höhe, wo am Rande des Waldes das Wächterhaus lag. Dort war seine Mutter! Laurina sah ihren Sohn herangewankt kommen. Sie stieß einen Schrei aus und wollte ihm entgegen, blieb aber zitternd stehen. Aus dem Hause trat ein Mann: Marco Mariani. Über das fahle Gesicht des Jünglings glitt ein glückseliges Lächeln. »Mutter!« rief er lallend. Für Marjas Vater fand er keinen Namen; aber sein glänzender Blick grüßte ihn. Er taumelte auf die beiden zu. Sie regten sich nicht, sie wagten nicht, aufzusehen. Wie zwei Schuldige standen sie da, wie zwei Verbrecher, zu denen ihr Richter kam. Marjas Vater atmete schwer, seine Augen stierten vor sich hin – was war aus dem Manne geworden! Da erkannte Laurina den Zustand ihres Sohnes. »Er stirbt!« kreischte sie auf und umfing den Sinkenden. Als Marco ihr helfen wollte, den Kranken ins Haus zu schaffen, stieß sie ihn leidenschaftlich zurück: »Du sollst ihn nicht anrühren!« Allein hob sie ihn auf und trug ihn, wie sie früher so oft gethan, von der Schwelle ins Haus hinein, auf das Lager, warf sich zu ihm nieder und brach in wilden Jammer aus. Der Mann fand nicht das Herz, hereinzukommen – mutig war er ja niemals gewesen. Viele Wochen lag Salvatore bewußtlos, in Fieberphantasieen rasend. Seine Mutter verlor fast den Verstand dabei. Ein Arzt wurde natürlich nicht geholt, Laurina und ihr Mann wußten nichts von Ärzten; dafür betete die Frau Tag und Nacht: immer dieselben zwei oder drei Sprüche, die einzigen, die sie kannte. Auch gelobte sie eine Wallfahrt nach Loretto. Marco, der sich seit seiner Heirat mit der Witwe des Ermordeten dem Trunk ergeben, that gleichfalls ein Gelübde. Wenn er das erfüllte und außerdem seine Marja – so oft er an sie dachte, hätte er aufschreien mögen – dem Himmel weihte, dann mußte er ja zur Genüge gesühnt haben, wenn er etwas zu sühnen hatte. Zuweilen sah der gute alte Mönch nach dem Todkranken. Er brachte allerlei Tränke mit. Mehr jedoch als auf diese Heilmittel verließ sich Laurina auf die Gebete des gottesfürchtigen Mannes, der denn auch versprach, das Seinige thun zu wollen. Auch Marja erfuhr, daß ihr ehemaliger Spielgefährte am Sterben liege; aber wie sie auch bat und flehte, ihn noch ein einzigesmal sehen zu dürfen – die frommen Schwestern ließen sie nicht fort. Als sie vernahm, daß ein Mensch durch Gebete gerettet werden könne, lag sie die ganze Nacht hindurch auf den Knieen. Tagsüber mußte sie für anderes beten. In seinen Phantasieen sang Salvatore fortwährend jene Mahnung zur Blutrache. Marco konnte es nicht mit anhören, ging fluchend hinaus, oft noch nachts hinunter nach Frascati in die Bottega und betrank sich. Laurina kauerte am Boden, warf die Schürze über den Kopf und wimmerte vor sich hin. Eines Nachts erwachte der Kranke. Er fühlte brennenden Durst, konnte sich jedoch weder aufrichten, noch vermochte er zu rufen. Alle Erinnerung in ihm war noch tot. Dabei befand er sich bei Bewußtsein und erkannte, von dem matten flackernden Schein der erlöschenden Öllampe beleuchtet, Wände und Decke der Hütte. Jetzt hörte er auch die Mutter: sie weinte. Wahrscheinlich war sein Vater wieder betrunken und schlug sie. Wie er ihn haßte! Gewaltsam hielt er sich zurück, seiner gemißhandelten Mutter beizustehen, aus Erfahrung wissend, daß das die Wut des Berauschten gegen sie verdoppelte. Mit weinschwerer stammelnder Zunge hörte er diesen reden: »Du weißt, warum ich's gethan – eh, oder weißt du's nicht? Wer hat mich damals auch verachtet, als ich's nicht that?! He, wer?! Ich mußte es thun, ich hätte eher keine Ruh' gehabt. Hab's lang genug mit mir herumgeschleppt. Das mit dem Buben hat es nur schlimmer gemacht! Damals hing das Weib gleich an meinem Hals, die Dirne; damals war ich ihr gut genug – damals! Als ob ich ihr nicht hätte geloben müssen, es zu thun – nun hab' ich's gethan! Totgeschlagen hab' ich ihn wie einen Hund – den Hund! Nun ist's wieder nicht recht, wegen des Buben! Stirbt er nicht, so schlag' ich ihn auch noch tot, wenn's auch mein eigener ist – Gott verdamm' ihn! Heule nicht so, oder ich will dich –« »Rühr mich nicht an!« Es war wie ein heiseres Auflachen, wie ein dumpfer Schlag, wie ein erstickter Schrei. Der Kranke hatte sich aufgerichtet. In demselben Augenblick erlosch das Licht. Salvatore blieb leben, aber er war blödsinnig geworden – wenigstens behaupteten es die Leute. Auch sein Stiefvater, selbst seine Mutter gaben es zu. Es war nichts mit ihm anzufangen. Mit leerem Blick schlich er umher; kaum, daß er Nahrung nahm. Seine Mutter scheute er plötzlich; und wenn er deren Mann kommen sah, so lief er fort und verkroch sich vor ihm. Die Nächte brachte er in den Ruinen zu und zwar mit einer unheimlichen Vorliebe in dem unterirdischen Raume, in welchem sein Vater ermordet worden war – im Schlafe! Auch am Tage hielt er sich vielfach hier auf, wo die gelbe Marmorwand noch immer dunkle Flecken trug. Sobald seine Augen sich an die Dämmerung gewöhnt hatten, konnte er sie deutlich sehen. Stundenlang kauerte er auf dem Boden und starrte darauf hin. Zuweilen kam ihm bei diesem Anblick plötzlich in den Sinn, daß er ein Lied wisse. Er sang es. Seine Mutter war unschlüssig, ob sie nach Loretto pilgern solle oder nicht? Schließlich unterließ sie's. Auch ihr Mann wußte nicht, was mit seinem Gelöbnis beginnen: Salvatore lebte ja! Während Salvatore wie im Traum dahinlebte, drängte sein Stiefvater unaufhörlich, von Tusculum fortzugehen, zurück in die Abruzzen, wo er sich »zeigen«, wo er ein »angesehener Mann« werden könne. Aber Laurina war dazu nicht zu bewegen: sie habe ihrem Sohn »gelobt« zu bleiben. Salvatore, so stumpfsinnig er zu sein schien, hätte sich auch niemals von Tusculum getrennt. Marco verfiel mehr und mehr dem Trunk, sein Unglück an seinem Weibe rächend, was Laurina auch ruhig geschehen ließ. So vergingen einige Jahre. Während dieser ganzen langen Zeit kam Marja nur ein einzigesmal, eines Sonntags, nach Tusculum hinauf. Ihr eigener Vater erkannte sie nicht. Sie war groß und schön geworden; aber ganz verwandelt, blaß und stumm. Marco, der zufällig zu Hause war, konnte ihren Anblick nicht ertragen. Er ging fort, in den Wald hinein, warf sich auf den Boden und weinte. Drinnen saßen Laurina und Marja einander stumm gegenüber. Salvatore war natürlich nicht da. Die Frau sah gedrückt aus und wußte nicht, was sie sagen sollte. Nachdem das Mädchen ihre neue Mutter eine lange Weile still angesehen – ein Blick, dem Salvatores Mutter ausweichen mußte –, begann sie mit leiser müder Stimme. »Also Euch hat mein Vater lieb; und Ihr seid – seine Mutter?« Laurina wäre gern auch hinausgegangen: sie empfand Furcht vor dem blassen ernsthaften Kinde. Marja sprach weiter. »Euer erster Mann ist erschlagen worden, niemand weiß, von wem. Wenn Euer Sohn es wüßte, so müßte Euer Sohn ihn töten.« »Warum sollte er das wohl müssen?« murmelte Laurina. »Er wird das Lied nicht vergessen können, ich kenne ihn. Ich habe das Lied von meinem Vater gelernt. Mein Vater sang es auch immer – jetzt singt er es gewiß nicht mehr.« »Warum sollte er es jetzt wohl noch singen?« »Ich wüßte es auch nicht. – Ist's wahr, daß Ihr Laurina heißt?« »'s ist ein christlicher Name.« »Über eine Laurina hat meine tote Mutter oft bitterlich geweint; ich wußte niemals, weshalb – jetzt weiß ich's. Ihr seid doch wohl diese Laurina?« »Warum sollt' ich's nicht sein?« rief das Weib trotzig. »Ich bin's!« »Das habe ich gleich gewußt, als ich hörte, daß mein Vater Euch geheiratet hätte,« erwiderte Marja ruhig, »Aber ob seine arme Seele jetzt Frieden hat?« »Warum sollte sie jetzt wohl nicht Frieden haben?« wollte Laurina hervorstammeln; doch die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Sie beeilte sich, etwas Speise für den Gast zusammenzutragen; aber Marja mochte nichts anrühren – »Nein, keinen Bissen!« Sie wollte ihren ehemaligen Spielgefährten suchen. »Er soll ja wohl ein Narr geworden sein?« Seine Mutter nickte heftig und begann zu schluchzen. »Er hat Euch sehr lieb gehabt, ebenso lieb, als ich meinen Vater,« sagte das blasse Mädchen und ging. Vom Walde her kam ihr Vater ihr entgegen. Sie blieb stehen und ließ ihn bis dicht zu sich herankommen. Wie lange das dauerte! »Ich habe drinnen mit meiner neuen Mutter, die Laurina heißt, gesprochen. Sie wird Euch wohl sagen, was.« »Wie du mich ansiehst! – Was haben sie im Kloster aus dir gemacht?!« »Nichts anderes, als was Ihr wolltet, daß sie aus mir machen sollten, Vater.« »Willst du wieder heraus? Sag's nur.« »Ich will nicht wieder heraus. Ich will eine fromme Nonne werden und für Euch beten, Vater.« »Ja, das thu!« »Freilich thu' ich das. Deshalb habt Ihr mich ja auch hineingethan.« »Auch für deine Mutter mußt du beten.« »Für welche? Für die tote oder für die lebende? Die lebende ist Euch die liebere, die bedarf es wohl auch am meisten.« Marco schien sie nicht verstanden zu haben. »Aber wenn du wieder heraus willst –« »Was sollte ich wohl hier draußen? Meine neue Mutter lieb haben und mit dem armen tollen Salvatore Blumen pflücken? Damit ist's vorbei. Da ist's denn besser, ich bleibe drinnen, habe nur die guten Heiligen lieb und winde Kränze für die Gottesmutter. Das will ich auch, bis mir die Hände davon schmerzen; meine Seele thut mir ohnedies weh genug. Wenn's Euch nur zu gute kommt.« Er wollte etwas sagen, irgend etwas; aber sie unterbrach ihn und sah ihn wieder unverwandt an. »Ach, Vater, armer Vater! Wie seht Ihr aus! Euch wär's auch besser, Ihr büßtet im Fegefeuer Eure Sünden, als daß Ihr meine neue Mutter küßtet. Jeder Kuß muß Euch ja ärger in der Seele brennen, als eine Flamme das kann. Gott sei Euch gnädig!« Sie schlug beide Hände vor das Gesicht und ging langsam davon. »Marja!« rief er ihr nach und noch einmal: »Marja!« Da blieb sie stehen und ließ die Hände sinken. »Ich bin heraufgekommen, um Abschied von Euch zu nehmen. Morgen werde ich Novize, und übers Jahr kleiden sie mich ein. Dann legen sie mich in einen Sarg; dann bin ich für die Welt und für Euch tot und begraben. Ihr seht mich heute zum letztenmal als eine Lebendige. Lebt wohl!« »Marja! Marja!« schrie er wieder. Aber diesmal ging sie fort ohne sich umzusehen. Salvatore lag im griechischen Theater auf der höchsten Stufe und sah zu, wie auf den Treppen und in dem Halbkreis des einstmaligen Chores die Lacerten ihr anmutiges Spiel trieben. Sie jagten einander, schnellten die Stufen hinab und hinauf, huschten durch das hohe Kraut und die Blumen, ein lustiges glänzendes Sonnenvölklein. Dasselbe thaten in der Luft Scharen gelber und braunroter Schmetterlinge. Sie hingen sich in dichten Schwärmen an die Kelche und das Gestein, stoben wieder auf und auseinander wie sprühende Funken. Es war im Frühling. Die großen, dunkelvioletten, stark duftenden tusculanischen Veilchen quollen aus allen Fugen und Spalten. Um den alten Opferstein mitten im Chore, der durch ein tief eingemeißeltes Kreuz dem Christentum überliefert worden war, blühte ein Teppich blauer Anemonen; und der ulmenbeschattete Weg mit den antiken Pflastersteinen, der vom Forum her auf die Scena führte, schimmerte von Tazetten und Sternblumen, als sei mitten in den römischen Frühling Schnee gefallen. Die hohe Brüstung, die den Zuschauerraum ringsum abschloß, trug auf ihrem grauen Gemäuer eine Bekränzung von Goldlack. Was man über den Bergrücken hinweg sehen konnte: Gebirge, Meereslüfte und Campagna, die ganze ungeheure Weite, war Schimmer und Glanz. Sogar Salvatores verworrenes und umdüstertes Gemüt empfand die bacchantische Stimmung der Natur an einem dumpfen schmerzlichen Sehnen: er sehnte sich, die Augen schließen zu dürfen und nichts mehr empfinden zu brauchen, nicht Haß und nicht Liebe, nicht Müdigkeit und nicht Schmerz. Selbst eine Bewegung zu machen, kostete ihn Mühe; selbst das Gefühl der Sonnenwärme, das bis dahin immer sein liebstes Lebensbewußtsein gewesen war, fing an, ihm zu viel zu werden. Er sehnte sich nach Schlaf; aber nach einem Schlaf ohne Traum. Seine Träume mit ihren Bildern und Gesichtern waren schrecklich. Er fürchtete sich vor dem Leben wie vor einem blutigen Gespenst, das ihn ohne Unterlaß reizte, eine fürchterliche That zu begehen. Wenn er dem Gesang der Lerchen und Drosseln zuhören wollte, so hörte er eine Stimme donnern: »Gelobe!« Und in jedem Glockenklang vernahm er den Ruf: »Salvatore!« Hätte er gewußt, was Selbstmord sei – keinen Tag würde er länger gelebt haben. That er es nicht: rächte er nicht, so war seine Mutter verflucht – in Ewigkeit! An sich selbst dachte er noch immer nicht ... Heute hatte er wieder eine seiner Visionen: Durch den knospenden Ulmengang, über den grüngoldige Schleier niederzusinken schienen, sah er es auf sich zukommen, langsam, langsam: eine hohe schlanke Gestalt, im blauen Kleide, in einen weißen Schleier gehüllt. Er sah nicht, daß sie dahin schritt. Sie schien durch die schneeigen lichten Blüten zu schweben, von Scharen lichter Schmetterlinge umflattert, die wie Sonnenstrahlen von ihr aufstoben. Der Glanz des Tages umfloß sie. Er fürchtete sich gar nicht. Wäre er nicht so matt gewesen, er hätte sich aufgerichtet, beide Arme nach ihr ausgestreckt und sie angerufen wie damals: »Marja! Marja!« So blieb er liegen und grüßte sie nur mit den Augen. Sie kam näher und näher! Sie betrat die Scena, wandelte langsam um den Altar durch den Chor, stieg die Stufen hinauf und blieb dicht vor ihm stehen. Er rührte sich nicht. »Kennst du mich nicht? Ach, Salvatore. Salvatore, was fehlt dir?« »Du bist es, Marja? Ich weiß es auch nicht, Marja! Aber ich soll meinen Vater rächen. Mein Vater ist nämlich ermordet worden – im Schlaf, Marja!« »Von wem?« »Weißt du das nicht? – Du hast deinen Vater ja schrecklich lieb; so sagtest du damals: schrecklich lieb. Ich habe es ganz gut behalten. Ich bin nicht so toll, als sie meinen.« »Und du hattest deine Mutter lieb.« »Hab' ich das damals gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Aber es wird gewiß so sein. Ach, Marja, Marja, warum bist du von uns gegangen?« »Ich habe gelobt, dem Himmel angehören zu wollen.« »Gelobt hast du's? Weißt du auch, daß du dein Gelöbnis halten mußt?« »Das weiß ich.« »Sonst wird dein Vater verflucht – verflucht in Ewigkeit, Marja!« »Ich kann ihn losbitten.« »Was kannst du?« »So lange beten und bitten, bis der Fluch von ihm genommen wird.« »Wie kannst du das?« »Eben dadurch, daß ich mich dem Himmel gelobe. Du solltest es auch thun.« »Ich auch? Kann ich denn zweimal geloben?« »Wenn du dich Gott gelobst, so hat kein anderes Gelöbnis mehr Macht über dich. Das habe ich mir für dich von dem Pater Kapuziner sagen lassen; der Pater Kapuziner will es dir selbst sagen.« »Aber das Fegefeuer, Marja? Die schrecklichen Flammen –« »Grad' von dem Fegefeuer kannst du deine Mutter losbitten. Gelobe dich dem Himmel an!« Sie bat ihn flehentlich mit aufgehobenen Händen. Er mußte sich erst lange besinnen, bis er es zu fassen vermochte. Doch seit sie vor ihm stand, war in ihm etwas wie aus langem bangem Schlummer erwacht. »Wenn ich mich dem Himmel gelobe, so kann ich meine Mutter von den ewigen Flammen losbitten.« Er begriff es. Plötzlich begriff er's! »Ach, mein Salvatore, das kannst du gewiß! Du kannst bitten, daß sie selig werde. Die Heiligen sind so gut.« Wiederum schwieg er eine lange Weile, sie unverwandt ansehend. Seine Lippen zuckten, über seine bleichen eingefallenen Wangen rollten langsam schwere Thränen. »Neige dich zu mir herab, ich will dir etwas sagen.« Sie that es sogleich, am ganzen Leibe zitternd, und mit einem Ausdruck von Schreck und Entsetzen, als erwarte sie etwas Furchtbares zu hören. Mit ersticktem Schluchzen flüsterte er ihr zu: »Denke dir, er schlägt meine Mutter!« Da warf sie sich zu ihm nieder, faßte mit beiden Händen seinen Kopf, drückte ihn gegen ihre Brust und weinte mit ihm. Marja hatte ihn wieder verlassen, nachdem er ihr versprochen hatte, sich Gott geloben zu wollen. Der alte Mönch sollte ihn holen: gleich am nächsten Tage, schon früh morgens. Er war wie verwandelt, fühlte sich neu belebt. Die Thränen, die er am Herzen seiner ehemaligen Spielgefährtin geweint, hatten ihn erlöst. Hoch aufgerichtet, festen Ganges schritt er über den blühenden Berg. Er hörte die Lerchen über sich singen, unter sich die Glocken läuten und vernahm keine gespenstischen Stimmen mehr. Wie ein Auferstandener atmete er den Hauch der auferstehenden Natur ein. Sein Gesicht belebte sich, ein Schimmel alten Glanzes kehrte in seine Augen zurück. Er hätte gern gesungen; aber ihm fiel kein Lied ein, außer jenem einen. Und das war von jetzt an für ihn verklungen. Plötzlich blieb er stehen, den Atem anhaltend, wie festgebannt. Seine Augen wurden starr, die eben noch so friedlichen Züge nahmen einen schrecklichen Ausdruck an, ein Schauer durchlief seinen Körper, es überkam ihn wieder jenes entsetzliche Gefühl, als ob sich Gesicht und Hände mit gerinnendem Blut bedeckten. Im Grase, das über ihm zusammenschlug, ruhte Marco Mariani, fest schlafend; daneben lagen sein langer Hirtenstab und sein Dolchmesser – es hatte dem Gemordeten gehört. Einen Augenblick war's, als wolle Salvatore sich herüberbeugen, das Messer ergreifen und zustoßen – aber nur einen Augenblick, Dann rief er laut: »Marco Mariani!« Der Schläfer fuhr in die Höhe, sah den Jüngling vor sich stehen, sah dessen wilden Blick, griff nach seinem Messer und sprang auf. Über Salvatores Züge glitt es wunderbar hin: Trauer, Gram, tödlicher Schmerz, Verachtung – Vergebung. »Ich morde nicht im Schlaf!« Noch einmal sah er in das erblaßte Gesicht des Mörders, sah ihm fest in die Augen, die vor Grausen aus ihren Höhlen zu treten schienen. Dann wandte er sich langsam ab, schritt er langsam davon. Er brachte die Nacht wachend in der Ruine zu; früh am andern Morgen ging er dem Pater Kapuziner entgegen. Von seiner Mutter nahm er nicht Abschied. In Frascati war wieder eine große Kirchenfeierlichkeit. Auf dem Platz drängte sich in ungewöhnlicher Menge das Volk. Die Straßen, durch welche die Prozession ziehen sollte, waren mit Buchsbaumzweigen bestreut; und die Kinder hatten auf dem Pflaster aus Blumen Namenszüge gebildet. Aus den Fenstern hingen rote Seidendecken herab, hier und dort hatte man Madonnen- und Heiligenbilder aufgestellt, vor denen Kerzen brannten. An verschiedenen Stellen waren aus blühendem Ginster Triumphbogen geflochten. Der Dom glich einer ungeheuren prunkenden Gruft. Bis zum Ansatz der Wölbungen bekleideten schwarze Draperieen die Säulen und Wände; schwarz behangen war auch der Altar, auf dem dreizehn hohe Wachskerzen brannten. Es mußte ein Totenamt gehalten werden. Die Thüren des tusculanischen Kapuzinerklosters und des Heiligtums Sant Augustins waren bekränzt. Rosen lagen auf der Schwelle. Aus Rom traf am Morgen der Bischof ein. Gegen Mittag näherten sich von zwei verschiedenen Seiten dem Dom zwei Züge: vom Kapuzinerkloster herab die Mönche, brennende Kerzen haltend, eine Sterbelitanei singend. In ihrer Mitte schritt in einer schwarzen Kutte, die Abbildung eines Totenschädels auf der Brust, ein Jüngling. Er trug das Haupt, das bald die Tonsur schmücken sollte, tief gesenkt. Hinter ihm wurde ein offener Sarg getragen. Der andere Zug begab sich in dem nämlichen feierlichen Pomp vom Kloster des heiligen Augustinus nach dem Dom. Schwarze Schleier verhüllten Gestalt und Antlitz der Himmelsbraut. Auch hinter ihr wurde ein Sarg mitgeführt und die Nonnen trugen Grabkerzen und sangen Sterbelieder. Sie zogen in den Dom, stellten sich zur Rechten und Linken des Hochaltars auf: die Weihen – die Mysterien begannen. Vor dem Altar standen, von Mönchen und Nonnen umringt, die beiden Särge. Braut und Bräutigam legten sich hinein. Sie konnten sich dabei ansehen: und thaten es ruhig und hoffnungsvoll, fast freudig. Während der schauerlichen Klänge des Miserere erlosch am Altar eine Kerze nach der andern. Bei der letzten großen Lamentation, welche die Herzen aller Hörer erbeben machte, ward es ganz dunkel. Sie waren für die Welt gestorben und begraben. Sie wurden für den Himmel, zum Leben erweckt. Triumphierende Trompeten schmetterten, jubelnd fiel der Chor ein, überall sanken die schwarzen Verhüllungen, in rotem Seidenglanz erstrahlten die Wände, erstrahlte der Altar. Glorie schien sich über die beiden Auferstehenden zu ergießen: blendendes Sonnenlicht! Die Kerzen flammten wieder auf, das ganze Heiligtum erleuchtete sich. Beim Geläute aller Glocken vermählte der Bischof die beiden dem Himmel. Mit fester Stimme thaten sie die Gelübde. Wieder begegneten sich ihre Blicke: glanzvoll, verklärt. Im Triumph führte man sie durch die Stadt. Die junge Nonne schritt in weißen Schleiern dahin, der junge Mönch trug seine Kutte. In einer engen Gasse stockte der Zug, geriet er in Verwirrung. Ein trunkener Campagnole hatte sein Weib, das sich vor dem frommen Zuge auf die Kniee geworfen, emporgerissen und dann mit einem Faustschlag niedergeschlagen. Man mußte die Frau besinnungslos forttragen. Sowohl die Nonne als der Mönch hatten die Mißhandlung mit angesehen. Gern hätten beide gerufen: »Seid getrost, Mutter, Vater! Für diese Welt ist euer Leben Schuld und Jammer – für jene wird es Vergebung und Gnade sein. Eure Kinder bitten für euch!« Dann gingen die beiden Züge auseinander: jeder seinem bekränzten Heiligtum zu ... dann trennten sich die Geschwister.