Rudolph Stratz Das Schiff ohne Steuer I. Unter dem Maienhimmel von 1882, der über Göttingens Giebeln blaute, im Sonnengold über dem holprigen Pflaster, sah man von dem heißen Tagesschein außen durch die offene Tür den Saal der »Alten Fink« nur im Dämmerschatten. Ein kühler Hauch von Bier, ein Strom von Zigarrendampf flutete heraus. In seinem Nebel leuchteten innen hundert und mehr bunte Korpsmützen. Der C. C. des Hohen Kösener an der Georgia Augusta saß beim Frühschoppen. Der junge Mann, der unentschlossen am Eingang stand, hielt einen vorbeieilenden Korpsfex fest. Zufällig war das gerade der dienstbare Geist der »Cimbria«, die jener suchte. Jawohl: – das Korps saß ganz dort hinten in der Ecke. Das mit den gelben Mützen ... Der junge Fremde schaute in den Qualm des Vierhocks. »Oh – ich sehe, es sind zu viel Leute da«, sagte er. »Geben Sie, bitte, dem Herrn Studenten von Pritzig unterdessen meine Karte. Ich will ihm lieber später in seinem Heim einen Besuch machen!« Er war kaum zwanzig. Groß, frisch, blond, mit freimütigen blauen Augen und kaum erst sprossendem Bärtchen auf der Oberlippe. Er hatte noch etwas Knabenhaftes, das an einen treuherzigen jungen Neufundländer erinnerte. Der großkarierte Anzug, die hellzitronenfarbenen Schnürschuhe, der weißgraue, breitrandige Filzhut hoben ihn, in der prallen Sonne von einem fremdartigen Licht umflossen, aus dem gemütlichen Alltag der kleinen Musenstadt. Der Fex lief zum Cimberntisch und brachte dem cand. jur. et cam. Malte von Pritzig die Karte. Der Dreibändermann mit den vielen Schmissen und, unter ihnen, dem gewaltigen Durchzieher vom linken Ohr zum Mundwinkel, war etwas älter als die um ihn und trug nur noch als Inaktiver die gelbe Mütze auf dem scharfen und bestimmten Kopf. Er las, die verharschten Schmisse auf der Stirn in schiefe Zwangsfalten runzelnd, den Namen »Leo Nimis« und darunter, mit Bleistift auf die Besuchskarte geschrieben: »hofft, gestern in Göttingen eingetroffen, bald mit Ihnen die Freundschaft unserer Väter zu erneuern.« »Famos! Fuchs in Sicht!« »Jetzt noch, im Mai, eine Renonce, Pritzig?« »... ran mit ihm!« »Leute ... Ehe er kommt, hört mal schnell: Also mein alter Herr, obwohl in höchsten Amt und Würden, hat doch von Jugend auf den Vogel, mit den tollsten Zeitgenossen zu verkehren! So hatte er Anno achtundvierzig – Ewigkeit her! – eine Art Freundschaft mit einem rabiaten, schwarzrotgoldenen Jüngling, dem er, obwohl damals selber preußischer Landwehroffizier, aus Heidelberg zur Flucht nach Amerika verholfen hat. Die Geschichte kam zum Glück niemals raus ...« »Was hat das mit dem Spe-Fuchs draußen zu tun?« »Dieser alte Achtundvierziger, den mein Vater vor dem Rastatter Standgericht gerettet hat, lebt noch drüben in Amerika. Anständiger Mensch. Kommt seit der Amnestie auch oft nach Deutschland herüber, und mein Alter und er sind nach wie vor dicke Freunde, und der hoffnungsvolle junge Mann, der draußen steht, ist der Lohn dieses Herrn Nimis aus Darmstadt. Also seid so gut und schimpft, wenn er jetzt anturnt, nicht auf die Demokraten! Wenn wir ihn erst im Korps haben, bringen wir ihm schon gereiftere Ansichten bei. So – und nun will ich ihn mal schleunigst herankitzeln. Was, Fex. der Herr ist wieder weggegangen? Donnerwetter!« Der Dreibändermann sprang empor und sagte aufgeregt zu dem ersten Chargierten: »Bitte um Tempus, Buschbeck. Den Fuchs dürfen wir uns nicht vergrämen. Sonst keilen ihn uns die anderen vor der Nase weg.« Die Weender Straße badete sich im Maienschein. Der große, blonde junge Mensch, der da mit der gewohnheitsmäßigen Gelassenheit eines Weltreisenden hinschlenderte, hörte von hinten seinen Namen: »Herr Nimis! Herr Nimis!« und drehte sich gleichmütig um. Sein Knabengesicht lächelte arglos freundlich. Er schlug freimütig in die gebotene Rechte ein. Er war größer als der Ältere vor ihm. Aber alles an ihm noch unentwickelt, vom Abfall der zu schmalen Schultern und den unbekümmert schlenkernden Bewegungen bis zu dem kindlichen Blau der Augen. Die beiden jungen Männer sahen sich an und schwiegen ein paar Sekunden. Sie waren beide etwas verlegen, weil das Schicksal sie einander genähert hatte, ohne daß sie sich noch kannten. Dann versetzte der inaktive Korpsbursche liebenswürdig: »Bitte, kommen Sie doch mit in die Alte Fink. Wir freuen uns natürlich kolossal.« Der Gast saß zwischen ihm und dem ersten Chargierten. Max Buschbeck, einem hübschen jungen Menschen – Vater Großindustrieller vom Niederrhein... klotziges Geld ... wie Herr von Pritzig erklärend raunte. Gegenüber der zweite Chargierte. Graf Mettenberg, auch aus der Gegend ... wallonisches Dynastengeschlecht ... streng ultramontan ... Dort der dritte Chargierte... will Offizier werden! Wir andern hier, Herr Nimis? Alles jur. et cam. Durch die Bank Juristen. Natürlich künftig Verwaltung, nicht Gericht! Das einzig Anständige ... Darf ich Sie darauf aufmerksam machen: Unser C.K. Prinz Yburg kommt Ihnen aufs ganz. Spezielle ... Unten sitzen die Füchse, Herr Nimis, mit dem Fuchsmajor. Alles tadelloser Nachwuchs. Der einzige da, der nicht Couleur trägt, der Mitkneipant, ist mein Vetter Lüdingworth. Unsere Mütter sind Schwestern. Wie so die Hamburger sind: Er behauptet, draußen in der Welt fiele es auf, wenn man mit zerhauenem Gesicht herumliefe ...« »Da hat er sehr recht«, sagte Leo Nimis unbefangen. Ein Schweigen um ihn. Dann hob sich wieder einer der mit hellgelbem, dünnem Bier gefüllten Deckelkrüge nach dem andern vor ihm verbindlich in die Luft: »Ich gestatte mir, Herr Nimis!« Er zeigte, jedesmal dankbar lächelnd, die gesunden, weißen Zähne, aber dabei meinte er, auf die leise Erinnerung des Nachbarn, doch auch nachzukommen: »Ich trinke keinen Alkohol.« »Ja – was denn?« »Wenn ich, ein Glas geeiste Milch haben könnte ...« In dem Schauer stummen Entsetzens, der einen unsichtbaren leeren Luftraum um die Knabengestalt des Gastes zog, schüttelte der Kandidat von Pritzig abwehrend den Kopf. »Nee – nee – das kann doch unmöglich gesund sein, Herr Nimis.« Dann lenkte er ab. »Sind Sie eigentlich jetzt das erstemal in Deutschland?« »O nein! Meine Eltern wünschten, daß ich und meine einzige Schwester eine deutsche Erziehung genössen. Sie war in Wien, der Heimat meiner Mutter, ich selbst von meinem zwölften bis fünfzehnten Jahr in einem Pensionat in Thüringen. Dann bin ich zu meinen Eltern nach Amerika zurück, und jetzt, nachdem ich wieder fünf Jahre drüben war. wollte mein Vater, daß ich in Deutschland studieren sollte. Er ist ein so guter Deutscher. Bismarck liebt er so sehr. Wir sind gleich nach 1871 auch Reichsdeutsche geworden ...« »hm ... ja ... da hatten Sie eine weite Fahrt von Amerika hierher?« »Ja. Ich reiste auf der andern Seite um die Erde herum, weil ich diese Hälfte schon kannte. Von San Franzisko über Japan und China.« Leo Nimis sagte das mit anspruchsloser Selbstverständlichkeit. Er schaute den andern so harmlos ins Gesicht wie einer, der gewohnt war, mit allen Sorten Menschen, Niggern in Pullman-Cars, Stewards an Bord, Rikscha-Kulis, Cookschen Agenten, indischen Geldwechslern, Kellnern, Kofferträgern, Kutschern, Angelsachsen aller Kaliber und jetzt ebenso mit den Cimbern hier gleichmütig und schon mit einer gewissen reifen Ruhe auszukommen. Er setzte hinzu: »Das japanische Problem beschäftigt alles drüben sehr. Der Chinamann ist sicher besser als der Jap. Man muß nur die Mynheers von Weltevreeden hören, wenn sie von Batavia in Singapore an Bord kommen ...« Von einem der buntbemützten Nebentische wurde eine Besuchskarte herübergeschickt. Graf Mettenberg schrieb seinen Namen und den Korpszirkel mit Ausrufungszeichen darauf und lüftete mit einer Versteifung des ausgestreckten Arms die Mütze. Drüben wurde das ebenso förmlich erwidert. Die Zeremonie wiederholte sich alle Augenblicke mit gleicher Feierlichkeit im Saal. »Die Bestimmungsmensuren werden anhängig gemacht, Herr Nimis. Morgen ist großer Pauktag in der Landwehr.« Bei den Füchsen unten schwirrte es: »Pips im Bierverruf? Kein Schimmer!« »Er paukt sich doch morgen zum C. B. heraus!« Der Brander Krause, genannt Pips, stand vor der Rezeptionsmensur. Graf Mettenberg fragte verbindlich: »Waren Sie auch in Indien, Herr Nimis?« »Ich fuhr über Land von Kalkutta nach Bombay und traf dort wieder meinen Steamer. Wie wahr ist das Wort: Nur der kennt England, der Indien sah. Es ist wohl glaublich, daß zwanzig Jahre Schulung für den Vizekönig von Indien Vorbedingung sind, um Moslim und Hindu in der Wage zu halten.« »In die Kanne die Füchse! Eins ist eins. Zwei ist zwei! Halt! Geschenkt!« Der Fuchsmajor, der immer aussah, als ob er bitter lachte, weil ihm ein verheilter Schmiß den zerhauenen rechten Mundwinkel in die Höhe zog, belehrte den Brandfuchs Krause über Mensurtaktik: »Immer tief herunter mit dem Speer! Sonst fegt er dir sofort mit seiner verfluchten Doppel-Tiefquart von unten ins Lokal.« »Krauses Gegner hat nämlich schon dreimal unberührt abgestochen, Herr Nimis!« »Da tät' ich ihn lieber in Ruhe lassen«, sagte Leo Nimis und lachte. »So ...?... Na ... und wenn Ihnen jemand zu nahe tritt, Herr Nimis?« »Oh – ich kann gut boxen.« Die Füchse starrten düster in ihre Bierkrüge. Malte von Pritzig ließ sich nichts merken. Der angehende Fuchs mußte bei guter Laune erhalten werden. »Sie werden schon noch Freude am langen Messer finden«, sagte er leutselig. »Ob ich morgen auch fechte? Nein. Ich bin schon inaktiv. Außerdem macht morgen mein alter Herr Göttingen unsicher. Meine alte Dame ist auch mit von der Partie.« »Ihre Eltern kommen, um Sie zu besuchen?« »Nee – eigentlich holen sie sich aus Cassel 'ne Nichte nach Berlin. Auch 'ne Pritzig. Vater als Hauptmann z. D. vor einem Jahr gestorben. Die Mutter schon früher. Seitdem lebte sie bei der Großmama. Nun wollen sie sie nach Berlin zu sich ins Haus nehmen. Feixe nicht, Pips. Noch nichts Ernsthaftes. Kaum fünfzehn.« Der Fuchsmajor trank Leo Nimis zu. »Haben Sie sich auf Ihrer Reise nicht oft hundeeinsam gefühlt?« »Ach nein! Ich hab unterwegs überall Landsleute getroffen. Großartig, wieviel Deutsche jetzt hinausgehen! In Yokohama. In Hongkong. Selbst in Siam. Die haben mir immer geholfen, wenn's nötig war.« »Na – dazu ist doch eigentlich der deutsche Konsul da?« Leo Nimis lachte herzlich. »Der deutsche Konsul? Da werden Sie nur vom Türsteher angeschnauzt und drinnen als Rekrut behandelt, wenn Sie überhaupt vorgelassen werden. Helfen tun einem die Konsuln doch nur, wenn man einen Titel hat oder Empfehlungen aus Berlin.« »So? Und wenn man nun doch mal Hilfe braucht?« »Ja, da geht man eben zum englischen Konsul«, sagte der junge Mann arglos und beinahe erstaunt über die Frage. »Der hilft jedem Europäer gleich.« Wieder wehte mit dem Zug der Zigarrenschwaden ein Wölkchen von Mißstimmung über die Farbenfreude der Mützen und Bänder, die weißen Borden des Bierschaums, die Hundeköpfe am Boden Die Luft war jetzt so rauchschwer, daß man die Nebentische wie im Nebel sah. Überall lachten da die jungen Gesichter, blitzten helle Augen unter bunten Kappen, strafften sich schlanke Jünglingsgestalten in spielender Kraft. Ein Frühling Germaniens blühte da voll quellender Fülle. Der junge Mann von Übersee schaute freimütig und zutraulich auf die vielen Altersgenossen und meinte: »Nun liegen ja die Palmen und Pagoden hinter einem. Nun bin ich ganz unter uns Deutschen und will mich recht in Deutschland umschauen und vor allem jetzt erst in Göttingen. Ich denke, es ist nützlich, wenn ich hier mit recht vielen und recht verschiedenen Leuten zusammenkomme.« »Zum Beispiel?« »Außer auf euch freue ich mich auch so auf die Burschenschafter. Mein Vater war doch selber einer. Er hat jetzt noch das schwarzrotgoldene Band von 48 drüben an der Wand hängen.« »Verkehr mit Büchsiers? Ausgeschlossen! Korps und Burschenschaften haben sich überall gegenseitig in Verruf erklärt und geben sich nur mit Säbel und Pistole Satisfaktion!« »Mit den Landsmannschaften ist es das gleiche!« Leo Nimis schwieg betreten. Dann sagte er: »Ja – und sonst eben! Mein Vater meinte, überall auf der Hochschule würde ich, wie er seinerzeit auch, hochgemute junge Männer finden, die ...« »Na ja – das heißt Wilde!« »Wieso sind sie wild?« »Oder Bummler, weil sie keine Farben tragen!« »Solch ein Verkehr lenkt zu sehr ab, Herr Nimis!« »Gestern zum Beispiel traf ich einen ganz reizenden schwäbischen Theologen ... vom ›Wingolf‹ ... wie er sagte...« Die Füchse unten platzten los. »'s isch e Wingölfle«. sprach der Pips trocken. »Die geben keine Satisfaktion, Herr Nimis!« »Und dann gibt es doch gewiß Sportvereine – ich spiele leidenschaftlich Fußball – und wissenschaftliche Vereine...« »Das zersplittert alles nur. Sie gehören in Zukunft zu uns, Herr Nimis!« »Zu den Fellows hier im Saal?« »Ja – eigentlich zu uns hier von der ›Cimbria‹. Mit den anderen Korps stehen wir auch sehr verschieden. Mit ›Hassia‹ zum Beispiel in traditioneller Feindschaft. Mit der ›Palatia‹ haben wir uns neulich auch schwer verkracht ... Die P. P. Suite steigt nächstens ...« »Da dürfte ich nur mit euch zusammen sein?« »Ja – vor allem mit den drei anderen Füchsen unten am Tisch!« Leo Nimis senkte betroffen den blonden Knabenkopf. »Da würde die Welt ja recht eng«, sagte er und verstummte ... Der Frühschoppen war zu Ende. Ein Strom bunter Mützen quoll in den goldenen Sonnenschein hinaus und rieselte, immer streng nach den Farben geschieden, auseinander. Über ihnen zuckten spielerisch im Schlendern die Spazierstöckchen mit silbernem Dedikationsring in Lufthieben des Paukbodens. Die Hunde bellten und tanzten. Die Geschäftsleute grüßten untertänigst aus den Ladentüren. Es war die Zeit des großen Renommierbummels auf der Weender Straße. »Was haben Sie denn heute nachmittag vor, Herr Nimis?« »Da hab ich mich mit einem jungen Geschäftsreisenden verabredet, der auch in der ›Krone‹ wohnt.« »Was – um Gottes willen?« »Ja. Er besucht seine Kundschaft in Münden. Das Städtchen soll so reizend sein. Da fahr ich mit.« »Da geben Sie nur acht, daß Sie dort nicht mit den Forstakademikern Händel kriegen! Aus Münden kommt man mit einem Dutzend Säbelskandalen auf'm Hals zurück – man weiß nicht wie ...« »Ich will mich doch nur an der schönen Natur freuen und nicht Blut vergießen!« sagte Leo Nimis ganz bang. »Warum seid ihr denn hier alle gegeneinander so gereizt?« Um ihn lachte es. »Das werden Sie später schon einsehen, Herr Nimis.« »Die Verhältnisse sind nicht so einfach.« »Sie sind ja noch krasser Fuchs.« »Haben Sie sich denn schon in Göttingen umgeschaut?« »Ja. Alles, was an Bismarck erinnert. Das habe ich meinem Vater versprechen müssen. Das war mein erster Gang: die Karzertüre mit seinem eingeschnittenen Namen und sein Häuschen draußen am Leinekanal. Den alten Sattlermeister in der Weender Straße habe ich auch schon gesprochen, der ihn vor fünfzig Jahren noch persönlich gekannt hat. Der weiß freilich nur zu erzählen, daß Bismarck so grimmige Gesichter wie ein Affe habe schneiden können.« »Aber seinen Speer haben Sie noch nicht gesehen? Den kriegen Sie morgen zu Gesicht.« Der Schläger des einstigen Studiosus Otto von Bismarck-Schönhausen hing, den Korb mit den Farben der »Hannovera« bespannt, den Griff mit Haifischhaut überzogen, draußen vor der Stadt an der Wand im Pauksaal der Landwehr. Darunter rasselten die Klingen. Flimmerten im Kreis die hundert bunten Mützen. Gähnten sachverständige Hunderachen. Früh um neun war der C. C. in langem Wagenzug, im Donner der Räder auf dem Straßenpflaster, dem kriegerischen Gebell der Doggen und Pinscher, den untertänigen Bücklingen der Philister, zur Mensur gefahren. Jetzt sank schon die Sonne am Himmel. Die dreizehnte Partie stieg. Eine Bewegung. Der gefürchtete, mädchenhafte Brandfuchs der »Palatia« hatte dem Pips blitzschnell eine ungedeckte Quart auf die Schläfe gepflanzt. Die Temporalis durch! Das Blut spritzte im Takt des Herzschlags all dünner roter Springbrunnen drei Fuß weit aus der offenen Ader. Die Ärzte ... Silentium: Abfuhr ... »Wer kommt denn jetzt?« »Unser Waffenbeleger. Der Archäologe.« Der Kandidat der frühchristlichen Kunst, ein langer, dünner, blonder Herr, unterdrückte den Ekel des Ästheten vor dem Schweißgeruch des vielgebrauchten Leders und den feuchtkalten, klebrigen Blutspuren des Vorgängers im Paukzeug, das ihm Graf Mettenberg eigenhändig anschnallte. »Ich würde mich niemals mit derlei befassen«, erklärte er. »Aber das lasse ich mir nicht bieten, daß man sich in meiner Gegenwart im Bierlokal abfällig über Thron und Altar, Besitz und Bildung äußert!« »Sehr richtig!« »Darauf habe ich ihn allerdings einen dummen Jungen genannt. Einen ... dummen ... Jungen.« Gegenüber auf dem Kanapee an der anderen Stirnwand des langen Saals der Landwehr sah ein kleiner, aber auffallend breitschultriger und strammer Mensch. Die Paukbrille, die er auch schon trug, verdeckte den oberen Teil des Gesichts. Um den Mund spielte ein verwegener und spöttischer Ausdruck. Der kleine Schnurrbart war ungepflegt. Hosen und Stiefel schienen abgetragen. Graf Mettenberg zuckte die Achseln. »Können können sie beide nichts«, sagte er halblaut zu dem Unparteiischen. »Also denn man 'rin in den bethlehemitischen Kindermord.« »Los!« Der Ehrengang klirrte. Die Mützen flogen vom Haupt. Die Terzen tanzten auf dem Stulp und die Quarten an dem Stahl. Eine Heiterkeit der kriegerischen Korona rauschte durch den Saal. »Sie vermöbeln sich beide hartnäckig mit flacher Klinge, als ob sie's bezahlt bekämen«, sagte Graf Mettenberg. »Hören Sie nur, wie's klatscht! Das gibt morgen vergnügte Backen! Uebrigens, Herr Nimis ... Dieser Catilinarier auf der Gegenseite ist komischerweise ein Namensvetter von Ihnen.« »Wahrscheinlich ein richtiger Vetter.« Der Fuchsmajor hörte es und runzelte die frisch mit weißen Mullstreifen turbanartig umwickelte Stirn. »Das wollen wir doch nicht hoffen.« »Ich hab mich schon nach ihm erkundigt. Er stammt aus Darmstadt. Dort lebte ein Bruder meines Großvaters, ein stadtbekanntes, heruntergekommenes, vormärzliches Original und Kneipgenie. Das hieß ›d'r Louis‹. Wahrscheinlich ist er dessen Enkel. Ich muß ihn gleich nachher einmal fragen ...« »Die beiden Stöpsler pauken richtig aus«, sagte Graf Mettenberg, vom bloßen Zusehen erschöpft, nach einer halben Stunde. Als es hieß » Mensur ex !«, zeigten die Kämpfer wohl dicke blaue Striemen, aber nur spärliche rote Kratzer im Gesicht. Der Paukarzt griff mit einer gewissen mitleidigen Geringschätzung nach den Schüsseln mit Karbolwasser, nach Schwamm und Wattebausch. Krumme Nadeln und Katgut waren kaum nötig. Leo Nimis trat in den Verbandraum, während Herr von Pritzig kopfschüttelnd hinter ihm murmelte: »Nette Verwandtschaft: – Schiefe Absätze ... Mißvergnügte Naslöcher ... Die Sorte kennt man« ... Drinnen saß der Vetter Nimis und wurde geflickt. Der stämmige kleine Mensch war dabei in Hemdsärmeln und trank durstig Brunnenwasser aus einem Bierglas, das sein eigenes, von oben hineintropfendes Blut schön rosa färbte. »Himbeersaft mit Wasser«, sagte er breit lachend in Darmstädter Mundart zu dem jungen Deutsch-Amerikaner. »Hock dich nur unscheniert nebe mich! Wir sind wirklich Cousins!« Und es zeigte sich, daß ›d'r Louis‹, das schwarze Schaf der Familie Nimis, dem schon im Jahr 1851 im »Schnakeloch« zu Darmstadt bei einer Winkelkonsultation mit Odenwälder Bauern der Schlagfluß das Schöppchen aus der Hand gehauen hatte, daß d'r Louis sein Großvater gewesen. Er selbst studierte Philologie, um möglichst bald sein Brot als Schulmeister zu verdienen. Wenn man einen pensionierten Feldwebel und Stationsvorsteher a. D. zum Vater hatte, durfte man ihm nicht lange auf der Tasche liegen. »Fertig, Doktor?« Er stand auf. »Sodele! Allehat ein End. Auch das Pläsiervergnüge. Nur als tapfer weiter Wurst gemacht – da drinne ...« Im großen Saal wurde eben der Studiosus Müller abgeführt. Der Studiosus Müller war, in die Sprache des Gothaer Almanachs übersetzt, der Konkneipant der »Cimbria«, Prinz Yburg, der wieder einmal seine Kampflust nicht hatte zügeln können. Er triefte von Blut, zufrieden, daß der Gegner auch auf der Suche nach einem Stückchen Ohrläppchen war, und rief im Vorbeikommen ein paar anderen danebenstehenden Reichsunmittelbaren triumphierend »Ich spucke auf die Hausgesetze!« zu. Im Garten hinter der Landwehr, in den Leo Nimis trat, schmetterte der Fink und schwirrte die Amsel mit dem Maikäfer zum Nest. Ein Kongreß von Korpshunden, dem es drinnen zu langstielig geworden war, rekelte sich blasiert, auf dem durchsonnten Boden. Auf der Landstraße stand blinzelnd ein barhäuptiger, betagter Kellner mit windbewegten Frackschößen Posten, um mit dem Warnungsruf: »Die Polypen!« einem etwaigen kindlichen Versuch der Polizei, die Mensur zu stören, zuvorzukommen. Frühlingsfriede flutete vom blauen Himmel über das grüne, leichtgewellte hannoversche Land, und Leo Nimis sagte zu Herrn von Pritzig. der ihm gefolgt war: »Ach ... ist das schön! Ganz Deutschland ist so schön. Ihr wißt gar nicht, wie schön es ist. Man weiß gar nicht, wo man in Deutschland zuerst anfangen soll. Ich bin meinem Vater ja so dankbar, daß er mich herübergeschickt hat!« »... und hoffentlich in erster Linie zu uns Cimbern!« »Er möchte, daß wir beide, Sie und ich, Freunde werden, weil unsere Väter es sind«, sagte der junge Mann einfach, »Und ich möchte es auch so gern! Und Sie?« »Aber natürlich! Sie müssen mein Leibfuchs werden, lieber Nimis!« Leo Nimis streckte zaghaft halb die Hand aus. Herzlichkeit und Unsicherheit zugleich warfen eine leichte Welle von Erröten über sein freimütiges, kaum mit dem ersten blonden Bartflaum auf der frischen Lippe den Mann kündendes Gesicht. »Aber ich möchte Ihnen mehr sein, Herr von Pritzig!« »Selbstverständlich! Im nächsten Semester sind Sie Korpsbursch! Da seien Sie unbesorgt! Meine Leibfüchse haben noch alle eingeschlagen!« Auf Leo Nimis' Zügen malte sich ein kindlicher Kummer, daß er in Deutschland immer Menschen suchte und statt dessen auf eine Organisation stieß. Der Ältere sah das Wild schon im Garn. »Sie kneipen heute abend mit uns im ›Deutschen Haus‹, Nimis! Wir rechnen sehr auf Sie! Wir brauchen im nächsten Semester tüchtige Fechter gegen ›Hassia‹ und ›Palatia‹! ... Donnerwetter, schon drei Uhr! Nun muß ich hier die interessanteste Partie schießen lassen und in das Biernest zurück, um meinen Alten von der Bahn abzuholen! Schauen Sie sich wenigstens den Linkser von ›Bremensia‹ an!« Er drückte dem Jüngeren herzlich die Hand und rasselte in der Staubwolke eines Landauers davon. Die mit biergetränkten Brotstücken aufgemunterten Gäule liefen, was sie konnten. Der »Herr Baron«, der greise Korpsmops, saß ihm weltschmerzlich gegenüber auf dem Vordersitz. Die Amseln sangen. Der Himmel blaute. Die Erde grünte. Drinnen spien die wirbelnden Klingen Funken und schwirrte eine abgesprungene Schlägelspitze auf die auseinanderstiebenden Zuschauer, bis sie zitternd in den nußbraunen, uralten Blutflecken des Holzbodens steckenblieb. Das war zwei Stunden später. Leo Nimis benutzte den Wirrwarr. Er drückte sich verstohlen aus der Landwehr und ging mit langen Beinen auf den Turm der Jakobikirche los, der fern über Göttingens Wallgrün den Maienhimmel suchte. Dicht vor dem Musenstädtchen kam er an dem Deutschen Haus vorbei, besann sich, trat ein und stieß innen in der Gastwirtschaft auch gleich auf den Korpsfex der »Cimbria« und sagte ihm: »Ach, bestellen Sie doch, bitte, den Herren, daß ich heute abend leider nicht kommen kann!« Aber im gleichen Augenblick widersprach aus dem nächsten offenen Kneipzimmer nebenan eine freundlich-entschiedene Stimme: »Akustische Täuschung, Fex! ... Der Herr kommt! ... 'Abend, lieber Nimis! Eben zeige ich meinen Eltern unser schlichtes Heim.« Neben Malte stand sein Vater, der hohe Würdenträger und Mitarbeiter Bismarcks, der Staatsminister und Oberpräsident a. D. Dr. Graf Louis Ferdinand von Pritzig, Majoratsherr auf Zackenzin in Hinterpommern, aus Allerhöchstem Vertrauen auf Lebenszeit in das Herrenhaus berufen. Vorsitzender des von Pritzgschen Familienverbandes, Major der Landwehr a. D., Ritterschaftsdirektor und Rechtsritter des Johanniterordens. Er war für seine Verdienste um Preußen mit der neunzackigen Grafenkrone belohnt. Alle sieben im Drang der Jahrhunderte verlorengegangenen Pritzigschen Familiengüter hatte er im Laufe seines erfolgreichen einundsechzigjährigen Lebens zurückerworben. Ehrfurchtgebietend schlang sich ihm bei feierlichen Anlässen das breite Orangeband des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler von der linken Schulter zur rechten Hüfte. Jetzt trug seine straffe, hohe und hagere Gestalt einen bequemen grauen Reiseanzug. Schnee bleichte seine Schläfen unter dem weichen, grauen Filzhut. Der lange, strenge Schnurrbart war ergraut. Über der scharf gebogenen, charakteristisch vorspringenden Raubritternase schauten zwei große, kluge, graue Augen ruhig in die Welt. Die Hautfarbe der sein verwitterten Züge war bräunlich, durchsonnt und durchlüftet, nicht wie bei einem Stubengewaltigen vom grünen Tisch, sondern wie bei einem alten Landedelmann auf eigener Scholle. Er faßte den Jüngling rasch an beiden Händen, küßte ihn ohne weiteres auf den Mund und sagte: »Das gilt deinem Vater! Willkommen in Deutschland, lieber Junge!«, und Leo Nimis hatte das Gefühl, daß der vor ihm mit jedem Menschen mitzudenken verstand und das rechte Wort fand. Die Gräfin war mehr große Dame, freundlich gemessen, als er ihr die Hand küßte. Sie war hoch und schlank wie ihr Mann, von einer Gestalt, die man von hinten für ein junges Mädchen halten konnte, auf der vornehmen Kühle der Züge noch die Linien einstiger Jugendschönheit. Selbst ihr weißes Haar machte sie nicht eigentlich alt. Es erinnerte mehr an den Puder aus der Perücke einer hohen Dame aus dem achtzehnten Jahrhundert, Ein ganz leiser Hauch von Vergangenheit umgab das Paar. »Na – sieht man dich also mal wieder?« »Wieder? Exzellenz erinnern sich doch gewiß nicht mehr an mich?« »Was?« Graf Pritzig lachte über das preußisch scharfe Gesicht und faßte ihn am Ohrläppchen. »Wer hat dir denn damals einen Taler geschenkt, weil dir das Leben ohne zwei weiße Meerschweinchen nicht mehr lebenswert erschien? Und mir erzählt, der Klassenerste sei ein Luder, und man dürfe ihn immer nur heimlich im Dunkel verhauen, sonst petzte er es gleich dem Pauker?« »Das wissen Exzellenz noch?« »Na, so leicht vergeß ich nichts im Leben! Nun bist du also so weit, Kind! Nun nicht bloß die Ohren steif, sondern auch die Augen auf! Es gibt viel in Deutschland zu sehn!« »Mein Vater hat mir ein so schönes Bild von Deutschland mit auf den Weg gegeben, so wie es in seiner Erinnerung, von seiner Jugend her, lebt. Als Bub im Pensionat hab ich das natürlich nicht so begriffen. Aber jetzt möchte ich Deutschland so recht mit seinen Augen kennenlernen. Er freut sich schon so auf meine Briefe!« »Liebe Deutschland, dann wirst du's verstehn! Anders nicht. Es ist nicht so leicht zu verstehn. Die andern werden's nie können!« »Ich geb mir alle Mühe, ich hab so viel guten Willen!« »... und schaue es nicht nur mit den Augen deines Vaters an, sondern sperre auch deine eigenen Augen auf. Ich habe deinem Vater oft gesagt: ›Es war ein weiter Weg von der Paulskirche bis Potsdam. Den haben wir Alten gehen müssen, und den können wir den Jungen nicht ersparen!‹« »Mein Vater liebt Bismarck so innig! Er beneidet Exzellenz so sehr, daß Sie in seiner Umgebung sein und mit ihm arbeiten dürfen!« »Na ja!« sagte Graf Pritzig und lachte wieder. Dann schaute er sich um und fragte seine Frau: »Wo steckt denn eigentlich die Klothilde?« »Nebenan ... mit Herrn von Spängler!« Innen in dem leeren, großen Kneipraum stand ein schmächtiger, lang aufgeschossener Backfisch von fünfzehn Jahren in knöchelfreiem Reiseröckchen, eine einfache Brosche auf der weißen Sommerbluse unter der offenen Jacke, Sie trug das reiche, warme, rötlichbraune Haar in dicken Zöpfen um den kleinen, feinen Kopf gelegt und hatte hellbraune, glänzende Augen und ein blasses, weißes, auffallend hübsches Kindergesicht, das halb vergnügt, halb verlegen zu den Erklärungen des Herrn neben ihr lachte. Der konnte mit seinen beinahe Vierzig annähernd ihr Vater sein und behandelte sie auch mit einer väterlich blinzelnden, gutgespielten Würde halb als Kind und zwischendurch plötzlich zum Spaß als junge Dame. Das Monokel funkelte dabei in seinem verwöhnten Junggesellenantlitz, in dem das Schnurrbärtchen, ganz kurz nach englischem Brauch gestutzt, auf den genüßlich-dicken Lippen sproßte. Alles, Nase, Mund, Kinn, war ein wenig zu klein für die weichgepolsterten Wangen mit den seinen weißen Narbenstrichen ehemaliger Göttinger Mensuren. Kaum sichtbare Schweißtröpfchen perlten in der Maihitze auf seiner gleich einer Elfenbeinkugel spiegelnden Glatze, die ihn eigentlich nicht älter machte, sondern eher die mittelgroße, wohlbeleibte Gestalt in klassischem Londoner Klubschnitt der Kleidung, vom Krawattenknoten bis zur Bügelfalte, richtig ergänzte. Er wies mit der weißgepflegten Diplomatenhand, an der ein Wappenring, aber kein Trauring funkelte, dem hübschen Backfisch die Erinnerungsbilder des alten Korps an den Wänden, fast durch das ganze neunzehnte Jahrhundert rückwärts, von den Schattenrissen der Bismarckzeit und den Daguerreotypen bis zu den Photographien der Gegenwart. Er zeigte ihr die Stahlstiche des gesamten S.C. auf dem Mensurboden, die Bilder der in Pistolenduellen gefallenen Korpsburschen, das Eichenlaub um die Lichtbilder des Consenior, der fünf Aktiven und acht Inaktiven, die vor zwölf Jahren, 1870/71, in Frankreich geblieben waren. Er selbst war auch schon als Freiwilliger dabei gewesen. Er trug unauffällig das schwarzweiße Bändchen des Eisernen Kreuzes im Knopfloch. »Dies hier ist der Kriegsjahrgang vom Sommersemester 66, ungefähr um die Zeit, als Sie uns die Ehre gaben, geboren zu werden, gnädiges Fräulein! ... Wie befehlen Exzellenz?« »Sie sollen mir das Kind nicht verdreht machen. Herr Legationsrat!« rief die Gräfin von draußen. Er verschlang die Hände und schaute die Kleine ernsthaft und vertraulich an. »Ja, sagen wir uns nun ›Du‹? Das wäre wohl das beste! Aber dann gegenseitig! Darauf bestehe ich!« »Klothilde!« »Ja, Tante?« »Laß die Kälbereien und komm hierher!« »Ach, nicht doch. Frau Gräfin! Wir freunden uns gerade so hübsch miteinander an, Fräulein von Pritzig und ich, nicht wahr? Es passiert mir so selten, daß junge Damen nett zu mir sind!« Der Backfisch lachte wieder und wurde rot, was sie noch hübscher erscheinen ließ, und reichte Leo Nimis die magere Kinderhand, mit dem Anflug eines Knickses, den sie sofort wieder unterdrückte, weil er ihr doch zu jung dazu erschien. Es kam nur eine verlegene Schulterbewegung heraus. Dann stellte ihn Vetter Malte weiter vor: »Unser angehender Fuchs Nimis! ... Unser alter Herr von Spängler-Colosimo. Legationsrat im Auswärtigen Amt!« Unverhohlene Hochachtung lag bei der zweiten Hälfte des Satzes in seiner Stimme, und er ergänzte halblaut, während der Diplomat das kleine Fräulein von Pritzig plötzlich stehen ließ und sich mit ihren künftigen Pflegeeltern in ein ernsthaftes Gespräch über Berlin und Politik vertiefte: »Sie haben Dusel. Nimis, daß Sie Herrn von Spängler gerade auf der Durchreise kennenlernen... oder sagen wir uns beide gleich ›Du‹? ... Das Schmollis holen wir heute abend auf der Kneipe nach...« Sie schüttelten sich die Hände. »Ja, Spängler schaut alle Jahre mal ins Korps hinein und schaut sich den Nachwuchs an! Wer Glück hat, den bringt er später mal ins Auswärtige Amt!« »Kann er denn das?« »Gott, es hängt doch dort alles miteinander zusammen! Schließlich gerade so wie bei uns in der Verwaltung! Die Regierung hat ja zum Glück gesunde Anschauungen. Wer nicht bei einem anständigen Korps war, bringt es in Preußen zu nichts! Das ist auch ein Grund, lieber Nimis, daß Sie ... daß du in deinem eigenen Interesse ... Leute wie Spängler muß man sich warm halten! Er hat eine Bombenkarriere vor sich!« »Ach – das hätt ich nicht gedacht!« »Um dich zu orientieren: natürlich allerneuester Adel! Eigentlich lachbar für unsereinen! Aber klobige Moneten, kann ich dir sagen, wie alle diese Leute aus Frankfurt am Main. Er stammt aus zwei alten dortigen Patriziergeschlechtern. Väterlicherseits von den Spängler und mütterlicherseits von den kürzlich im Mannesstamm ausgestorbenen Colosimo. Wer von den Frankfurter Reichmeiern sich mit Sechsundsechzig aussöhnt und zu uns Preußen kommt, dem baut man ja in Berlin goldene Brücken, genau wie meinen mütterlichen Verwandten, den Welfen!« Am Abend, auf der Korpskneipe, war der Kranz gelber Mützen um den Legationsrat von Spängler, das Rund tadellos durchgezogener Scheitel um seinen üppigen Nacken zu dicht, als daß Leo Nimis sich hätte zu ihm hindurchdrängen können, selbst wenn er gewollt hätte. Dr. von Spängler trug jetzt selbst das Band über der Brust und ein ganz kleines, kokett mit dem Korpszirkel goldgesticktes Zerevis über dem leuchtenden Eirund der Lebemannsglatze. Die naive Farbenfreude des bunten Tellerchens auf dem Haupt widersprach der Blasiertheit der gönnerhaft darunter lächelnden Züge. Aber die Mienen der Zuhörer atmeten andächtige Spannung. Die lässig von diesen satten Lippen träufelnde Weisheit eines Wissenden der Wilhelmstraße war für sie alle, die sich durch Väter, Vettern, Onkel, Korpsverbände und Familienversippung später zum Staatsdienst auserwählt wußten, ein Orakelspruch der Zukunft. Etwas Burschikoses klang bei Herrn von Spängler durch das vornehme Knarren der Stimme mit. Der genius loci am Wilhelmplatz. Ein Hauch vom Geist des größten Korpsstudenten, den Deutschland je gesehen. Der Hüne von Friedrichsruh trank auch jetzt noch, beinahe ein Siebziger, wenn es darauf ankam, seine drei Pullen Rotspon zum Frühstück, zu seinen Füßen lagerten wie hier die riesigen grauen Doggen, er stand, wie einst Jung-Bismarck, mit buschigen Brauen und flammenden Augen gegen jedes Volk auf Mensur, das sich erdreisten sollte, Deutschland anzurempeln. Aber die Feinde hüteten sich wohl, Deutschland war gegen Inkommentmäßigkeiten des Auslands geschützt. Ein weiser, alter Kaiser, den die Liebe seines Volkes trug, ein greiser Schlachtendenker, der Niederlagen nur beim Gegner kannte, ein Staatsmann, der dem Jahrhundert seine Gestalt gegeben – alle schon in die Ewigkeit erhoben und doch noch unter den Lebenden weilend – gewaltig leuchtete das Dreigestirn über die Alte Welt. Kaiser Wilhelm, Bismarck, Moltke – es war eigentlich schon alles durch sie geschehen. Es gab nach ihnen so wenig mehr zu tun. Die Erben konnten lachen und trauern zugleich, und der Legationsrat von Spängler sprach mit einem bei ihm ungewohnten Ernst: »Merkt ihr die Meisterhand da oben, ihr krassen Füchse aller Semester, mich kümmerliches Spiel der Natur nicht ausgenommen? Es ist wie ein Klappscherenmechanismus. Sobald einer von den Männerchen. die in Europa auf dem Gitter stehen, sich feindselig Deutschland nähert, rückt ihm von der anderen Seite ganz automatisch ein anderes Kerlchen entgegen. Was sich rührt, löst sofort die Gegenwirkung aus, und die ganze Chose hebt sich zwangsläufig gegenseitig auf. und in der Mitte sitzen wir und lachen wie die Schneekönige! Höllisch einfach! Aber mache das einmal einer S. D. nach!« »Ich habe auch überall auf der Welt einen kolossalen Respekt vor Bismarck gefunden!« sagte Leo Nimis bescheiden in das Schweigen. Der neue Mann der Wilhelmstraße fixierte das junge Semester ohne Band und Mütze nachlässig über den Tisch hinüber, als wollte er fragen: Wo waren Sie denn schon? In der Sächsischen Schweiz oder an der Ostlee? Henry Lüdingworth, der wortkarge Hamburger, gab für den Gast Bescheid: »Er ist um die Welt gesegelt! Tja ... und das ist wohl immer gut!« Der Legationsrat von Spängler nickte beifällig mit dem trotz seiner noch nicht vierzig Jahre sybaritisch gereiften Doppelkinn. Er selbst war noch niemals bemerkenswert weit über den Dunstkreis der Wilhelmstraße hinausgekommen. Man durfte die Fühlung mit dem diplomatischen Wetterwinkel in Berlin W nicht verlieren. Er erkundigte sich leise bei Malte von Pritzig nach dem Namen des jungen Mannes. »Nimis? Ist er ›von‹?« »Stirbt lieber! Vater alte achtundvierziger Rothaut! Toll – ja! Aber mein alter Herr begönnert ihn heftig. Ist ja euch ein ganz nettes Kerlchen! Wir brauchen Nachwuchs!« Der Legationsrat war beruhigt. Er belehrte wohlwollend Leo Nimis: »Ja, Deutschland ist jetzt in der Welt voran!« »Von Deutschland wissen die Leute draußen in der Welt eigentlich noch nicht viel!« sagte der junge Erdumsegler. »Sie sehen so wenig von uns, weil wir keine Kriegsflotte haben. Und solange Hamburg und Bremen Freihäfen bleiben, in denen der Engländer nach Belieben laden und löschen kann, werden sie draußen immer noch für eine Art englische Häfen gehalten!« »Na – na ...« Herr von Spängler hatte eine eigene Art, den grünen Besserwisser von oben her mit einem mißbilligenden Blick von Kopf bis zu Fuß zu durchkälten. Er sagte weiter nichts. Ein Hauch von Salz und See blies schneidend über die Kommersbücher, die mit hochgenagelten Einbänden, um nicht durch verschüttetes Bier naß zu werden, auf dem Kneiptisch lagen, und öffnete durch die Lücken der Pfeifenwolken den Blick in ferne, besonnte und stürmende Weiten und stille unendliche See. Der Legationsrat stand auf und empfahl sich. Die offizielle Kneipe war zu Ende. Die Exkneipe begann Silentium: Es steigt zum Beschluß das Lied: »Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat zur mitternächtigen Stunde...«, und aus hellen, starken, jungen Kehlen schmetterte es: »Drum leben, erhaben ob Raum und Zeit, Die Ritter von der Gemütlichkeit!« Cantus ex ! Ein Fiduzit den Sängern! Ein Stimmengewirr vom Senior bis zum krassen Fuchs: Der Mensurtag stieg wieder auf. Jede einzelne Partie. Jede Hakenquart, jeder Durchzieher, jede Terzfinte, die Zahl der Blutigen und dazwischen wieder: »Der brausende Sang – er durchtönt die Nacht! Die schäumenden Seidel – sie blinken!« Die Lust der Lieder und der Waffen. Germanien reckte sich in lachender Siegfriedskraft. Unbekümmerte Bärenstärke trieb ihr verschwenderisches Spiel. Herrenbewußtsein hob die jungen Seelen zu den Sternen. In flüchtigen Bildern schimmerte der tiefere Sinn des Lebens durch den Märchenglanz des Bierreichs und der Burschenherrlichkeit und verwehte in Gelächter und Lärm. Der C.B. von Postitz fuhr in Bierverruf, kam mit Kreide an die schwarze Tafel und paukte sich, obwohl er nicht mehr fest auf den Füßen stand, vor dem in der Ecke errichteten Biergericht mit zwei Ganzen wieder heraus. Die Kneipe dröhnte und stäubte. Die Köter flüchteten. Der Fuchsritt kam heran. Vorn der Fuchsmajor, dann die Renoncen, mit Ausnahme des Pips, der mit durchhauener Schläfenader in der Klappe lag, alle rittlings auf den Kneipstühlen, daß Bierglas in der Rechten, im Gänsemarsch und Chorus: »So wird der lederne Fuchs ein Bursch!« »Ça – ça – Fuchs ein Bursch ...« Der Brunnen vor dem Rathaus rauschte durch den mondübersilberten, sternbeglänzten Dämmertraum der Maiennacht.. Von den Wällen her trug ein leises Wehen den süßen Duft der blühenden Linden. Das Musenstädtchen schlief. Es war so still, daß Leo Nimis seine Schritte an den altertümlichen Giebeln und Erkern widerhallen hörte, als ginge hinter ihm ein anderer Mensch und wolle ihn in den Qualm der Kneipe zurückkomplimentieren, aus dem er sich unauffällig entfernt hatte. Noch draußen im Freien hatte er aus jubelnden, überzeugungsvollen Jünglingskehlen den Sang vernommen: »Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren?« und die erleuchteten Scheiben gesehen. Alle Fenster des Hauses waren hell. Ueberall kneipten die Korps. Der junge Mann schritt langsam weiter, die Weender Straße entlang. Er war nahe an seinem Gasthaus. Dort sah er, gegenüber der Barfüßerstraße. einen hochgewachsenen, straffen älteren Herrn, der da im Mondschein spazierenging. Er rauchte dabei eine Zigarre, deren vornehmer Havannaduft als Wohlgeruch weit über die Straße wehte, und schaute sich gemächlich prüfend nach rechts und links um, überall in Deutschland so herrschgewohnt zu Hause, als sei er daheim in Pommern auf seinen Rittergütern. Die scharf vorspringende Nase und die kluge Strenge des Profils drehten sich als Schattenriß vor dem bläulichen Dämmern und wandten sich Leo Nimis zu. »Na, Junge? Wo kommst du her? Aus der Kneipe? Und ganz als aufrechter Mann? Erzähl mal: wie war's?« »Ach, Exzellenz ...« »Warum machst du denn so ein trauriges Gesicht?« »Ich bin traurig.« Graf Pritzig faßte den Jüngling an den Schultern und stellte ihn vor sich hin, gerade in den Sehstrahl seiner großen grauen Augen hinein. »Nun mal raus mit deinen Nöten! ... Flugs!« »Ich möchte Ihre Güte nicht mißbrauchen, Exzellenz ...« »Mißbrauche sie ruhig, Kind! Dazu ist die Güte auf der Welt!« »... mir ist so wirr im Kopf und so weh im Herzen! Ich weiß gar nicht mehr, woran ich bin ...« »Komm!« Der Würdenträger schob seinen Arm unter den des Studenten, als hake er einen Sohn unter, und ging kameradschaftlich mit ihm weiter. Das gab Leo Nimis plötzlich Mut. »So wie mein Vater mich Deutschland hat sehen gelehrt – ach, da war es doch ein Land voll Sonnenschein. Alles, was man in Amerika nicht hat: alte Burgen und liebe, alte Städtchen und treuherzige Menschen, die es mehr in sich haben, als sie's nach außen zeigen, aber wer sie kennt, muß sie liebgewinnen. Mein Vater hat mir oft gesagt: Jeder Deutsche ist ein heimlicher König. Schau, daß er dir sein Königreich auftut. Dann wirst du erst erkennen, wieviel unermeßlicher Reichtum in Deutschland steckt, und gerade da, wo man ihn am wenigsten vermutet.« »Sei froh, Leo, daß du solch einen Vater hast!« »Er hat gesagt: Hier in Amerika ist's kalt. Aber in Deutschland ist die Wärme. Die strahlt dort von allem aus und gibt den Dingen ihren ewigen Sinn. Der Deutsche, der nicht bei irgend etwas, das ihn nichts angeht, sich begeistern kann, der ist mir kein rechter Deutscher mehr. In Deutschland sind die Ärmsten die Reichsten, sagt er, und können dir viel geben. Klopfe nur an alle Türen an.« »Ja ... ja ... du lieber Reinhold ... Da hör' ich dich selbst!« »Nach hierher hat er mir gestern geschrieben: Bringe Wissen aus Deutschland mit, soviel du kannst und willst. Aber vor allem bring mir ein rechtes deutsches, tiefes Herz mit! Damit verstehst du alles aus der Welt, was gut und schön ist, und hast den heimlichen Vorrang von allen anderen Leuten auf der Welt. Wenn die dich auslachen, brauchst du dir nichts draus zu machen. Das verstehn sie nicht. Du bist deswegen doch klüger als sie.« »Dein Vater war immer mit dem Herzen klug. Darum ist er jetzt mit grauen Haaren noch so jung.« »Er schloß seinen Brief: hüte Dich vor dem Hochmut des Herzens, wenn Du deutsch sein willst! Die deutschen Ritter vom Geist reiten nicht auf hohen Rossen. Du wirst Dich oft bücken müssen, wenn Du durch ihre Türen trittst. Die Stuben im Pfarrhaus und beim Lehrer, in der Werkstatt und beim Bauern sind niedrig, aber drinnen leuchtet das innere Licht. Jeder Mensch hat seine Seele – vergiß das nie – dann wirst Du Deutschlands Seele sehen!« »Folge nur deinem Vater, mein Junge! Der ist klüger als wir alle!« »Um ihm zu folgen, muß ich Deutschland liebhaben, Und ich hab es so lieb. Ich bringe solch ein frisches, frohes Herz mit und hab so viel guten Willen und guten Mut. Aber der gestrige und heutige Tag hier haben mich erschreckt.« »Erkläre mir das mal näher, Kind. Komm, wir bummeln noch eine Ecke weiter. Die Nacht ist ja so schön! Willst du eine Zigarre – mit Verstand zu rauchen? ...So...« Leo Nimis dankte und sagte nach den ersten Zügen in einer plötzlichen angstvollen Ratlosigkeit: »Es ist so anders, als ich mir Deutschland dachte. Ich dachte. Deutschland geht es jetzt so gut, und es ist doch so sichtbar von Gott gesegnet, wie mein Vater mir immer eingeprägt hat, und besonders die jungen Leute in meinem Alter, die die schwere Vergangenheit nicht mehr durchgemacht haben, die schauen doch in solch eine herrliche Zukunft, daß sie alle froh und untereinander einig sein sollten.« »Freilich, mein lieber Leo.« »Aber statt dessen leben sie ja hier alle wie Hund und Katz in bitterer Feindschaft. Sie verweigern sich gegenseitig Gruß und Handschlag. Sie erklären einander in Verruf. Sie verachten sich gegenseitig, und alle zusammen verachten wieder die Bürger und nennen sie Spießer und Philister. Jeder will über den andern kommen und ihm seine Macht zu fühlen geben und ihm zeigen, daß er mehr ist als er!« »Du siehst da Deutschland wie ein Wassertröpfchen im Mikroskop«, sagte Exzellenz Graf Pritzig, und seltsame Mondschatten wechselten über sein kluges, verwittertes Junkergesicht. »Aber das ist doch nicht das Deutschland, dessen Bild mein Vater im Herzen trägt und mir von Kindesbeinen an eingeprägt hat.« »Dein Vater ist ein alter Achtundvierziger. In seinem Herzen ist ewiger Frühling. Deutschland ist seine Jugendliebe, und er sieht es von drüben mit den Augen der Jugend. Wir haben inzwischen hier harte Arbeit leisten müssen. Wir brauchten Eisen ins Blut. Wir mußten kämpfen! Der Kriegerstand hat's gemacht! Mit geschwungenem Degen, in Uniform, Fahnen an den Wänden, haben wir in Versailles das Reich verkündet. Ich war selbst mit dabei!« »Aber was soll ich jetzt dabei? Ich bin nicht von Adel. Ich bin kein Soldat. Ich ...« »Mein lieber Sohn!« Graf Pritzig zog den Arm des jungen Mannes im Gehen an sich. »Deine Zeit wird kommen. Sie muß kommen. Kein Reich der Welt, auch das mächtige Deutsche Reich nicht, kann auf die Dauer ohne einen aufrechten, starken Bürgerstand bestehen. Auf die Aufgabe müßt ihr euch alle vorbereiten! Ablösung vor!« »Jetzt verstehe ich, Exzellenz, daß Sie und mein Vater Freunde sein können.« »Man wirft mir immer vor, daß ich anders sehe – ich sage: weiter sehe – als meine Standesgenossen. Ich bin ein unverbesserlicher alter Reaktionär. Ich hänge am aufgeklärten Despotismus, wenn ich auch allerdings die Hauptbetonung auf das Wort ›aufgeklärt‹ lege. Mein Ideal ist Sanssouci. Aber ich kann die Augen gegen die Wirklichkeit nicht zukneifen. Ich weiß zu genau, wieviel in Deutschland verlorengegangen ist und verlorengehen mußte, wenn wir durchkommen wollten. Und das sollt ihr uns wiederbringen, mein Junge!« »Was denn, Exzellenz?« Graf Pritzig blieb stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Tu, was dein Vater sagt: Suche die deutsche Seele. Lasse dir dein Deutschland nicht entseelen, weil gewisse Menschen bei uns nur noch Befehl und Gehorsam kennen. Ich weiß, wieviel bei uns verschüttet und verstummt ist. Du bist ein deutsches Sonntagskind. Du wirst die deutsche Vogelsprache schon verstehen. Du wirst das heimliche Deutschland schon finden! Ich bin ein alter Preuße. Ich kann dir nicht zu dem heimlichen Deutschland verhelfen. Wir Preußen haben den Schlüssel dazu verlegt. Leider – leider! Früher hatten wir ihn. Du mußt ihn dir selber suchen!« »Aber dazu muß ich doch frei sein, Exzellenz.« »Das sollst du auch! Du paßt gar nicht zu Malte und seinem Stamm auf dem Kriegspfad. Ich werde es ihm morgen noch vor der Abreise sagen, daß sie dich künftig mit der ›Cimbria‹ in Ruhe lassen!« »Gott sei Dank!« »Na – da lacht der Junge ja wieder.« »Ach – ich bin so froh. Mir war so unheimlich zumut. Ich konnte gar nicht mitreden. Es ist gewiß nicht recht von mir. Aber ich war erschrocken, wie wenig sie alle von der Welt draußen wußten.« »Ach ja.« »... und wenn man sie reden hört, denkt man, sie sind dazu bestimmt, in Zukunft Deutschland mitzuregieren.« »So ungefähr.« »Exzellenz, ist denn das gut, wenn man so gar keine Ahnung hat, wie es bei anderen Menschen ausschaut?« Sie waren umgedreht und schritten vom Weender Tor nach dem Gasthof zurück. »Ihr habt zum Glück noch viel Zeit vor euch, ihr jungen Leute, ehe das Schicksal euch Verantwortung auferlegt. Ihr seid die dritte Generation. Noch leben Kaiser Wilhelm und seine Greise. Dann kommt Kronprinz Friedrich mit den Männern und dann erst Prinz Wilhelm mit euch Jünglingen. Bis er den Thron besteigt, kann noch ein Menschenalter vergehen. Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinab.« Auf der Weender Straße stand, wie ein Gnom im Mondschein, ein glatzköpfiges, bebrilltes Männchen in Hemdsärmeln, hatte Hut und Stock an den Laternenpfahl gehängt und deutete in einer Gruppe lachender Studenten mit dem alkoholisch zitternden Zeigefinger nach dem weißlichen Schleier der Milchstraße am Himmel. »Silentium für Professor Siebenlift!« »Meine Herren! Ich ziehe eine Parallaxe von dem planlosen Gebilde am Himmel nach unserem kümmerlichen Planeten! Der Äquatorialwinkel, unter dessen Schutz ich hier hause, gibt mir die beruhigende Gewißheit, daß ich auf dem Kopf stehe! Meine Herren! Ich wünsche Ihnen das gleiche ...« »Weiter mit der Bierrede!« »Ist M der Mond, B das Bier und G gleich Göttingen, so ist die Verhängung der Polizeistunde ein von mir schon oft gerügter astronomischer Fehler! Zum Glück begünstigt eine milde Nacht unsere geozentrischen Bestrebungen! Meine Herren! Ich schlage vor, unsere wissenschaftlichen Instrumente auf der Wallpromenade aufzupflanzen!« Zwei Studenten trugen ein Bierfäßchen, die anderen die Gläser, einer Hut und Stock des kleinen Professors. Der schusselte ihnen voraus, unsicher in seiner Trunkseligkeit auf den Beinen, aber merkwürdig schnell, und erlosch wie ein Gebilde der Nacht um die Ecke. Aus einem offenen Fenster des Gasthofes lachte es hellauf. Graf Pritzig schaute empor: »Klothilde, was hast denn du da um die Geisterstunde herauszugucken?« »Ich wollte schauen, was los war, Onkel!« Die Kleine trug ein weißes Morgenjäckchen. Das bläuliche Mondlicht umfloß in einem sonderbaren, unwirklichen Dämmerschein den vom Dunkel des Zimmers dahinter eingerahmten warmen Kupferglanz ihres reichen braunen Haars und gab ihren schmalen Zügen etwas Bleiches, Geheimnisvolles, wie eine kleine weiße Dame im Ahnenschloß. Sie sah jetzt, im Spiel von Mond und Schatten, viel älter aus als ihre fünfzehn Jahre, wie ein erwachsenes Mädchen, fast wie eine blasse, schöne junge Frau. Es war, als schaffe sich vorahnend ihr kommendes Leben sein Zukunftsbild. »Marsch, in die Federn, Mariell! Genachtwandelt wird hier nicht! Morgen mußt du mit den Hühnern heraus!« »Gute Nacht, Onkel!« Das Fenster schloß sich. Der weiße Schein löste sich in den schwarzen Schatten der Stube auf. Exzellenz von Pritzig sagte zu seinem Begleiter: »Das arme Dingchen ist aufgeregt. Vor einem Jahr die Eltern verloren und nun aus der Stille bei der Großmama mit uns hinaus nach Berlin und ins Leben ... Du wohnst auch hier? Komm! Und schreib dir unser Gespräch hinter die Ohren! Ich rede nicht gern umsonst vernünftig zu einem Menschen: Lasse dich nicht irremachen an deinem Deutschland, mein Junge, wenn es auch nicht unseres ist!« II. Unter den Linden in Berlin zuckte der Tamdourstock der aufziehenden Schloßwache, wehten die roten Roßschweife über den Schwalbennestern der Hoboisten, klingelten die Glöckchen am Schellenbaum, schmetterte die Trompete, donnerte die Pauke. Steinerne Rüstungen und Helme standen auf den Zinnen des Zeughauses vor dem blaßblauen Herbsthimmel, eroberte französische Geschütze unten im Kastanienwäldchen. Der Alte Fritz ritt ragend auf seinem ehernen Roß, umschildert von seinen Generalen. Der Große Kurfürst lenkte drüben auf der Brücke seinen Bronzehengst über gefesselte Feinde. In weißem Marmor gleißten die Kämpfergruppen auf der Schloßbrücke. Vier Pferde bäumten sich aus dem Brandenburger Tor vor dem Streitwagen der Viktoria. Aus hoher, aus dem Erz feindlicher Kanonen gegossener Säule breitete weithin die Siegesgöttin die goldenen Flügel vor dem Herbstbunt des Tiergartens. Die Denkmäler von Feldherren überschatteten den Schloßplatz. Ein Wehen von Siegen war über der breiten Triumphstraße der Linden, der Ruhm ritt unsichtbar vor den weißbebuschten Helmen der heranmarschierenden Gardegrenadiere im Sparta an der Spree. Zwei Paukenschläge bollerten in das Rasseln der Kalbsfelle. Das schrille Zwitschern der Pikkolos lockte. Der Knauf des Stabshoboisten flog flimmernd in die Luft. Die Musik setzte vor dem Alten Palais brausend und feierlich ein: »Heil dir im Siegerkranz ...« Hunderte von Menschen standen da. Sie hatten schon seit einer Stunde gewartet. Die Herren schwenkten die Hüte, die Damen wehten mit Tüchern, die Kinder hoben die Hände. Begeisterte Augen schauten zu dem linken Eckfenster zur ebenen Erde empor. Ein greiser General, ein General in Purpur, war hinter der hohen Scheibe erschienen. Kaiser Wilhelm der Siegreiche stand jetzt, 1887, im einundneunzigsten Lebensjahr. Menschen und Völker waren hinter ihm verweht. Die einst an seiner Seite in den Freiheitskriegen gestritten, die ihm im tollen Jahr 48 zur Flucht nach England verholfen, die hinter ihm in Eichenlaub und Jubel als Sieger von Düppel, Königgrätz und Sedan durch das Fahnenmeer von Berlin eingezogen, sie blickten fast alle schon von oben, von der großen Armee her auf die neue Reichshauptstadt nieder. Vor seinem weißen Haupte war die Zeit stillgestanden, als sei er ihr Gleichnis und ihr Ausdruck. Es war nicht der einzelne, gebeugte Greis im offenen, blauen Überrock mit den scharlachroten Generalsklappen, dem weißen Stehkragen und der unvorschriftsmäßigen weißen Weste darunter, den man dort sah – es war das alte Preußen selber, das auf sein Volk hinabschaute. Seine Augen waren freundlich und blau und immer noch klar. Eine unbeirrbare, hellsehende Nüchternheit umfloß das farbige Bild des alten Herrn im dunklen Rahmen des Fensters. Ein ausgeglichenes, nicht von Sieg, sondern von Pflicht erfülltes Menschenleben leuchtete im letzten Gipfelrot. »... fühl in des Thrones Glanz Die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein ...« Die Menge sang zur Musik mit. »Zurück!« brüllten die berittenen Schutzleute und lenkten die Pferdebrust gegen die heranschwellende Begeisterungsflut. »Zurück!« »Heil, Kaiser, dir« Drüben verschwand der alte General gleich einer zeitlosen, mahnenden Vision. Kaiser Wilhelm hatte sich, wie alltäglich um die Mittagsstunde, seinem Volke gezeigt und sich wieder zurückgezogen. Das Eckfenster war leer. »Auseinandergehen!« heulten die Schutzleute in Tönen, die man nur in Berlin und sonst nirgend auf der gesitteten Erde vernahm. Die Menge, in der alle deutschen Mundarten sich freudig mischten, strömte gehorsam wie eine Herde Schafe in schwarzem Gerinnsel über die Linden und den Opernplatz davon und löste sich im herbstlich übersonnten Alltag auf. Der Geheime Legationsrat Doktor Alfons von Spängler-Colosimo hatte in Ehrfurcht vor dem Allerhöchsten Herrn die Elfenbeinglatze entblößt und das bandlose Einglas mit einem geübten Ruck der Stirnmuskeln in die hohle rechte Hand und von da in die Westentasche fallen lassen. Jetzt ging sein von einem kurzgeschnittenen Schnurrbärtchen überblühtes Lebemannsgesicht aus der feierlichen Erstarrung wieder in die Blasiertheit eines vergnüglichen älteren Junggesellen über, der für seine fünfundvierzig Jahre recht gut erhalten war. Die dicken Backen waren rot getönt, die kleinen Augen hell; um die Flügel der zu kleinen Nase schäkerte ein genüßlicher Zug. Er hatte unauffällig im Gedränge seinen englischen Überzieher zurückgeschlagen, damit man bei dieser Gelegenheit das schwarzweiße Bändchen des Eisernen Kreuzes im Knopfloch des Rockes sah. Jetzt knüpfte er ihn wieder zu und sagte behaglich: »Uff! Das Volk hat ja was Rührendes...« Klothilde von Pritzig antwortete ihm nicht. Sie stand in ihrer tannenschlank aufgeschossenen zwanzigjährigen Länge, beinahe so groß wie er selber, vor ihm, so daß er nur ihren weißen mädchenhaften Nacken und das aus ihm hoch emporfrisierte Haar sah. In Herbstwolken und Sonnenschein am Himmel wechselten Licht und Schatten auf diesem reichen, rötlichen Braun in kupfergoldigen warmen Tönen unter dem braunsamtnen, leicht umgekrempten Topfhut mit hellblauer Straußenfeder. Sie trug nach der Mode der Damenwelt im Herbst des Jahres 1887 eine enge, braunsamtne Jacke, deren glatt anliegender Schnitt straff die jugendlich herbe Büste heraushob, und einen weiten, links in Falten gerafften Rock von gleicher Farbe. »Herrlich – unser Volk! Besonders par distance ... Ohne Sie, gnädiges Fräulein, hätten mich keine zehn Pferde in dies frohe Gewühl gebracht.« Das Fräulein von Pritzig drehte sich um. Ihr lebhaftes Gesicht war jung und schön. Die haselnußbraunen Augen überglänzten seine weiße Hautfarbe, die ein paar kaum sichtbare Sommersprossen um Stirn und Nase wie launische Schönheitspflästerchen sprenkelten. »Wenn das das größte Opfer ist, das Sie dem Vaterland bringen, Herr von Spängler, dann möchte ich wissen, was Sie den ganzen Tag in der Wilhelmstraße treiben!« Die spärlichen Augenbrauen des jugendlichen Geheimrates runzelten sich tadelnd zur Stirn. Die Falten kräuselten sich bis in den Ansatz der Glatze unter der Zylinderkrempe. Mit der Wilhelmstraße spaßte man nicht. Dort waltete immer noch Bismarck. War die hohe Schule europäischer Staatskunst. »S. D., meine Gnädigste, scheint mit meiner bescheidenen Tätigkeit zufrieden! Vielleicht sind Sie es, trotz Ihrer hohen Ansprüche, dann auch!« »Mein Onkel sagt oft – natürlich ohne etwa Sie zu meinen! –, bei manchen Leuten in der Wilhelmstraße müßte man an den lieben Gott schreiben und um die verlorengegangene Gebrauchsanweisung bitten!« »Hähä! Graf Pritzig war leider immer eine bedenklich rötlich angelaufene Exzellenz!« »... und man sähe dort den Wald vor lauter Stammbäumen nicht! Und besonders nicht vor jungen Stammbäumen!« »Bei allem Respekt für die eigenartige Persönlichkeit Ihres Onkels – S. D, nannte ihn selbst einmal in einer grimmigen Mischung von Unwillen und Anerkennung einen hinterpommerschen Jakobiner –, aber Graf Pritzig hat sich seit zwei Jahren, seit seinem letzten Zusammenstoß mit dem Fürsten, von den Staatsgeschäften zurückgezogen. Er lebt im Ruhestand ...« »Er sagt, es hätte sich seitdem nichts geändert! Es änderte sich bei uns überhaupt nichts, und das sei eben das Unglück!« Sie waren aus dem Gedränge heraus und betraten den breiten Bürgersteig der Linden. Sie lächelten sich verbindlich an. Ein Weltmann und eine junge Dame von Welt. Aber ihre Worte stichelten wie spielende Florettspitzen. »Schönen Dank. Herr Geheimrat, daß Sie mir zuliebe Ihren Abscheu gegen das Volk überwunden und mich beschützt haben. Es war sehr nett, daß wir uns zufällig vor dem Palais trafen!« »Es macht mir diesen Tag zum Fest, gnädiges Fräulein.« »Aber nun schleunigst Adieu! Sie kennen doch Berlin.« »Nur zwei Worte!« »Meine Tante steht Kopf, wenn sie hört, daß wir am hellen Mittag unter den Linden hundert Schritte miteinander gegangen sind! Ich selber finde es ja nicht so furchtbar ...« Herr von Spängler verzog schmerzlich das dicke, von alten Göttinger Schmissen weißgeäderte, linke Wangenpolster. Er witterte da wieder eine boshafte Andeutung: ein Vierteljahrhundert Unterschied der Jahre. Er seit fünf Jahren über das Schwabenalter hinaus. Sie vor kurzem noch ein kurzröckiger Backfisch. Jetzt noch kaum zwanzig. Er galt schon halbwegs für ungefährlich? Gut! Er wappnete sich mit Geheimratswürde und sagte: »Exzellenz von Pritzig meint, es ändert sich nichts, meine Gnädigste? Es wird sich alles in Preußen ändern, und das in kürzester Frist! Es wird nicht nur unser alter Herr, der Kaiser Wilhelm, der Zeit seinen Zoll entrichten, sondern auch...« Er dämpfte plötzlich geheimnisvoll seine Stimme: »Man kann mit Ihnen vernünftiger reden, mein gnädiges Fräulein, als sonst mit einer jungen Dame. Das weiß ich. Denn ich weiß, daß Sie seit Jahr und Tag als Nichte gleichzeitig die Privatsekretärin, sozusagen der politische Famulus Seiner Exzellenz sind ...« »Ja.« » ... ein untrügliches Anzeichen dafür, daß bei Ihnen die Natur bei aller liebevollen Vorsorge für das Äußere auch die Gaben des Geistes nicht vernachlässigt hat!« »Diese Abschweifungen wollen wir lieber lassen, Herr Geheimrat.« Das Einglas hatte längst wieder seinen Stammplatz in dem satten und selbstbewußten Gesichtsrund des Geheimrats von Spängler eingenommen. Er funkelte damit das junge Mädchen durchdringend an. Das kleine Auge hinter der Scheibe war starr, wirkte hypnotisierend, wie das einer Schlange. »Mein gnädiges Fräulein. Sie sind als die Sekretärin des Grafen Pritzig schon eine kleine Macht in Preußen und, wenn Sie sich den richtigen Mann aussuchen, einmal eine große ...« »Ach, bitte – bleiben Sie doch bei der Sache, Herr Geheimrat!« »Sie haben natürlich von Ihrem Oheim den Befehl zu schweigen. Aber Sie wissen so gut wie ich und jeder Eingeweihte, daß auch die Tage des Kronprinzen Friedrich gezählt sind. Ich halte sonst viel, sehr viel von den Engländern. Ich bin, wie jeder vernünftige Mensch, ein tüchtiges Stück von einem Anglomanen. Aber mit Mackenzie geh' ich nicht mit. Der schottische Medizinmann lügt uns die Hucke voll« Der Geheimrat neigte sich vertrauensvoll zu der frischen, windgeröteten Wange des jungen Mädchens. Seine Stimme knarrte vielsagend, als ahme sie das geschäftige Raunen der Wilhelmstraße nach, die gedämpften Tritte auf weichen Teppichen, die leise sich schließenden Hintertüren. »Unter uns: Man hört seit ein paar Tagen das Schlimmste aus Toblach! Die Gerüchte schwirren wie die Fledermäuse durch Berlin. Und falls sich diese Hiobsposten bestätigen ... ich fürchte: über kurz oder lang ... nee ... über kurz ... sehr kurz ... solche fatalen Halsgeschichten verlaufen oft höllisch schnell ... wissen Sie, was dann geschieht, Fräulein von Pritzig?« Herr von Spängler schüttelte mit ungewohntem Ernst das weltkundige Haupt. Er konnte, wenn er wollte, bis zur Täuschung bedeutsam aussehen. »Dann fällt mit dem Kronprinzen ein ganzes Zeitalter im öffentlichen Leben Deutschlands unter den Tisch, meine Gnädigste! Unmittelbar hinter den Greisen des alten Kaisers folgen die Altersgenossen des Prinzen Wilhelm, die jungen Männer. Zu Prinz Wilhelm und seinen Leuten zähle auch ich mich! Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ich bin ja allerdings schon ein Vierziger. Lockenpracht mäßig. Geb ich zu. Aber sonst ... Also ich rechne mich eben noch zur Jugend ... glatt zur Jugend ... gelte auch allgemein als dazugehörig ... Vorzug des Junggesellen ... ist ja ... sonst kein Vorzug ... I bewahre ... möchte es je eher, je lieber ändern.« Herr von Spängler hüstelte, lächelte in einer verführerischen und vertraulichen Art, sammelte Sonne in den Augen und auf den Lippen. »Ich hab mich immer zur jungen Generation gehalten ... war immer ein Freund der Jugend ... war auch jedes Jahr in Göttingen bei den jungen Leuten vom Korps ... Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen dort bei unserer ersten Begegnung im Leben die Bilder auf der Korpskneipe zeigte? Damals, vor fünf Jahren, waren Sie noch ein Backfisch ... der viel versprach, aber bedeutend mehr gehalten hat.« »Gott, Herr Geheimrat, muß denn immer geschäkert sein?« »Ne – ne ... Pardon ... Also: Ich habe dadurch viele Verbindungen mit der kommenden Generation ... bis hoch hinauf ... sehr hoch ... ganz hoch ... Wirklich!« »Ich weiß! Ich hab bei meinem Onkel oft genug davon reden hören!« »Ich stehe sozusagen auf der Ausgangsschwelle des kommenden Geschlechts. Ich gehöre zu ihm und habe doch vor ihm die Reife und die Erfahrung voraus, die die jungen Männer, die sich von heute auf morgen plötzlich vor die höchsten Aufgaben gestellt sehen, unmöglich schon besitzen können! Es wird ohne Leute wie mich nicht gehen! Man wird nach mir schreien, gnädiges Fräulein, positiv schreien! Ich blühe jetzt noch wie ein Veilchen im verborgenen. Aber ich sehe manche, die in Bälde eine große Zukunft hinter sich haben werden. Ich habe sie, in aller Bescheidenheit, vor mir! Wie der Dichter singt: Nun muß sich alles, alles wenden!« »Und Bismarck, denken Sie, raucht seine lange Pfeife und sieht zu?« »Bismarck ... Bismarck ... immer Bismarck ... Es macht einen schon ganz nervös, dies ewige: Bismarck! Ich gebe zu, es war eine Hundearbeit, Deutschland zu einen. Aber es nun weiter zu regieren, ist keine Kunst bei der beispiellosen und dauernden Gunst der Verhältnisse! Bismarck ist doch nun einmal ein Hinterpommer – ein genialer Hinterpommer ... ein übermenschlicher Hinterpommer, aber eben ein Hinterpommer! Wir müssen aus Hinterpommern heraus! Aus dieser göttlichen Einseitigkeit heraus! Hinaus in die Welt! Übers Meer! Es wird ein Sturm durch alle Winkel pfeifen. Man wird Steuerleute für das Reichsschiff brauchen, wenn die neue Zeit kommt! Na ... und da ... unter anderen ... ein gesetzter Jüngling wie ich ... bestens empfohlen ... Geld ... na ... spielt bekanntlich bei mir Gott sei Dank keine Rolle ... Verbindungen mit Gott und der Welt ... Nur ein einziges Manko ...« »Ach ...« »Wundert Sie das?« »Ich dachte, Sie wären ganz vollkommen, Herr Geheimrat.« »Noch nicht. Es ist ein Fehlton in dieser Zukunftsmusik: Où est la femme ? ... Où est ma femme ? Da hab ich leider ein wenig in der Zerstreutheit den Anschluß verfehlt. Aber immerhin: einen leidlich jugendlichen Eindruck mache ich ja noch ...« »Ach ja ... es geht!« Der Geheime Legationsrat Dr. von Spängler schaute sinnend die Linden entlang und sagte dann beinahe geräuschlos, ganz beiläufig, zwischen den verwöhnten Lippen: »Jedenfalls ist in absehbarer Zeit meine künftige Frau Botschafterin und Exzellenz.« Das Fräulein von Pritzig antwortete darauf mit keiner Silbe. Sie machte ein für ihre Jahre sehr ernstes Gesicht. Dann schrak sie zusammen: »Da kommt nun glücklich mein Onkel die Linden lang! Ich wußt's ja: um die Zeit macht er immer nach dem Frühstück bei Habel seinen Mittagsbummel.« »Eine Frage ...« »Meine Tante kriegt Krämpfe, wenn er ihr erzählt, daß ich mit Ihnen hier ...« »Die Frau Gräfin ist doch heute abend zu Hause?« »Jeden Dienstag und Freitag.« »Glauben Sie, daß es als besonders störend empfunden würde, wenn auch ich mich heute einstellte?« »Im Gegenteil. Ein alter Hausfreund wie Sie!« »Würden Sie dann die Gnade haben, mich Ihrer Exzellenz zu Füßen zu legen und mich für heute abend ganz gehorsamst anzumelden?« Das junge Mädchen blieb anscheinend unbefangen gegenüber seiner etwas altfränkisch öligen, dem schon absterbenden Alt-Potsdamer Ton angepaßten Geschmeidigkeit. »Ich werd's der Tante bestellen«, sagte sie. »Adieu!« Der Geheimrat von Spängler lüftete den Kahlkopf, drückte ehrerbietig ihre Fingerspitzen, machte eine merkwürdig verwirrte Verbeugung und starrte ihr geistesabwesend nach, während sie lang und leicht und schlank, mit flüchtigen Schritten und wehender Feder am Hut, ihrem Oheim entgegenging. Der Staatsminister a. D. und Oberpräsident a. D. Dr. Graf von Pritzig-Zackenzin war nun schon über die Mitte der Sechzig hinaus. Nicht nur das Schläfenhaar, sondern auch der lange Schnurrbart unter der gebieterischen Hakennase ergänzten jetzt in reinem Weiß das Schwarz des Zylinders zu den preußischen Farben. Die hohe, straffe Gestalt gab kaum merklich im gebeugten Nacken der Last der Jahre nach. Er mußte aus seinem Weg über die Linden fortwährend grüßen und Grüße erwidern. Jedermann kannte hier, in diesem steingewordenen Preußen der Ministerien und Reichsämter, den hinterpommerschen Granden, den langjährigen Mitarbeiter Bismarcks, den selbst für seine Freunde unberechenbaren Außenseiter des Herrenhauses. Die Sonne des Erfolges eines an Ehre und Arbeit reichen Lebens lag über seiner hohen aristokratischen Erscheinung. Und doch kam dem jungen Mädchen, als er sie erkannte und ihr mit seinem eigentümlich in sich ruhenden Lächeln zuwinkte, ein neuliches Wort des Geheimrats von Spängler in den Sinn: Ihr Oheim, meine Gnädigste, ist trotz seines Glanzes und seiner Stellung ein kluger Melancholiker. Er ist ein Preuße. Aber er denkt zu viel über Preußen nach ... »Na, Thildchen! ... Du siehst ja heute ausnahmsweise mal ganz hübsch aus!« Fräulein von Plitzig hing sich kameradschaftlich in den Arm der Exzellenz und hielt mit ihm gleichen Schritt und sah dabei tiefsinnig auf ihre schmalen Stiefelspitzen. »Warum denn so stumm, Thilde?« »Du machst ja auch so ein stilles Gesicht. Onkel!« »Gott – ich, Kind! Um mich ist Herbststimmung. Es will Abend werden in Preußen. Die alten Herren gehen schlafen. Bald komm ich selber an die Reihe.« »Ach – rede doch nicht so, Onkel. Du bist ja noch gar nicht so alt. Und auf das Alter allein kommt es doch nicht an. Der Kronprinz Friedrich ist zum Beispiel viel jünger als du, und du bist gesund, und er ist krank.« »Sehr krank! Er wird nicht lange herrschen, wenn er überhaupt noch ...« »Wirklich?« »... und dann kommen mit einem Schlag die Jungen. Unvorbereitet und unerfahren treten sie vor die große Aufgabe. Was wissen sie von dem Schweren, das hinter uns liegt? Ihnen scheint alles ein Spiel. Darum bin ich so ernst, wenn ich an die lachenden Erben denke!« Exzellenz von Pritzig lachte auf einmal selbst. Das verjüngte sein strenges, kluges Gesicht. Etwas von dem spöttischen und übermütigen Junker seiner Jugend kam dabei zum Vorschein. Er zupfte seine schöne Nichte an dem rosigen Ohrläppchen. »Was weißt denn du von dem Schnickschnack, den man Weltgeschichte nennt? Tanze, Mariellchen, und sei vergnügt! Und nun geh nach Hause und bestelle der Tante, ich würde den Doktor Leo Nimis bitten, heute abend zu uns zu kommen. Ich erwiderte jetzt eben seinen gestrigen Besuch im Hotel.« Er ging, allein geblieben, quer über die Linden nach dem Centralhotel. Um die Portierloge der großen Fremden-Karawanserei summte es wie im Bienenstock. »Patentanwalt Nimis aus Amerika? Nicht mehr zu Hause, Herr...« »Schade ...« »Er hatte den ganzen Morgen Konferenzen! Jetzt ist er mit einem Bankdirektor nach der Burgstraße gefahren.« »Und wann kommt er wieder?« »Kann's nicht sagen! Da sind schon eine Anzahl Herren, die auf ihn warten. Es fragen fortwährend Leute nach ihm. So geht's bei Herrn Nimis den ganzen Tag!« Graf Pritzig schrieb ein paar Zeilen auf seine Karte, in denen er Leo Nimis für diesen Abend zu sich einlud. Das Schlüsselfach, in das der Portier die Botschaft schob, war gestopft voll von Briefen und Drucksachen. Die Postwertzeichen auf ihnen hatten den Grundstock zu einer Briefmarkensammlung abgeben können. Sie stammten aus allen Teilen der Welt. Eben kam wieder eine Kabeldepesche dazu. Exzellenz von Pritzig sah das, nickte beifällig, wie immer, wenn er irgendwo im Leben Arbeit und Antrieb und Erfolg sah, und kehrte nach den Linden zurück. Da verwehte dieser Hauch der segelnden, handelnden Kaufmannswelt draußen aus dem Meere. Da war wieder der Sand der Mark. Der Pflug des Bauern. Das Schwert der Hohenzollern. Zwischen herbeiströmenden Menschen, an der herausgetretenen Brandenburger Torwache vorbei wandelte da langsam, bedächtig das menschgewordene deutsche Heer der großen Kriege. Ein greiser, greiser General. So uralt, daß er schon beinahe zeitlos erschien. Auf dem verwitterten Kopf eines einsamen, alten Adlers hob sich in verwaschenem, fahlem Braun die deutlich erkennbare Perücke vom Rot des Generalkragens. Der Generalfeldmarschall Graf Moltke ging weiter. Eine Stille war hinter ihm. Die Weltgeschichte sprach in dem Schweigen um den großen Schweiger. Exzellenz von Pritzig hatte ehrerbietig gegrüßt. Er bog in die Wilhelmstraße ein. Da waren die wohlbekannten Ministerien, die altvertrauten Gesichter. Der dicke Wirkliche Geheimrat von Kanzleben rollte das Weiß der Augen im Ledergelb des leberleidenden, rechthaberischen Bureaukratengesichts und prustete und mischte sich, die schwarze Mappe unter dem Arm, mit dem Sacktuch die Brillengläser. »Wo ich so spät hin will. Pritzig? Vortrag bei Durchlaucht! ... Uff! Man müßte die Nerven von zehn Ackergäulen haben! Vor vier Uhr morgens komm ich überhaupt nicht mehr in die Baba.« Und zwanzig Schritte weiter der rheinische Landtagsabgeordnete Freiherr Josef Maria von Nievenich, der Besitzer des Weinguts Kloster Himmelspforte, mit seinem Freund, dem Domherrn von Nippers aus Köln, der in bürgerlichem Reisekleid war und nur beim Lüften des Hutes die Tonsur sehen ließ. »Ich bin eigens nach Berlin. Exzellenz, um mich beim Fürsten zu beschweren! Meine Tochter, das Lolottche, ist im Kloster erzogen. Mein Schwiegersohn, der Hugo Gratiadei, ist päpstlicher Kämmerer. Er hat das Recht, Pilgerzüge nach Rom zu führen. Er hat das Recht, sich von dort den Pater Aloysius als Gast mitzubringen, und wenn der hochwürdige Herr zehnmal zur Societas Jesu gehört ... Ich lasse mir da keine Eingriffe der Obrigkeit gefallen ...« An der Ecke der Voßstraße der dicke Möllenbeck, der weitbekannte ostelbische Magnat. »Ich erzwinge mir dieser Tage Audienz bei Bismarck! Ich muß ihn scharf gegen die Polen machen. Ich werd ihm sagen: der Polacke ist wie ein Kaninchen. Er vermehrt sich wie ein Kaninchen. Er wühlt wie ein Kaninchen. Er ist auch immer das Karnickel, das anfängt ...« Und im Menschengewimmel des Potsdamer Platzes der alte Hofgeneral von Triplitz, eisgrau, klein, dünne Stimme, scharf wie gehacktes Eisen. »Man muß unbedingt den Kanzler dazu bringen, daß schneidiger regiert wird! Zucht und Ordnung gehen vor die Säue! Festere Faust ...! Was? Der Gehorsam soll dem Untertanen im Herzen sitzen und nich im Hintern? Ja – das sind so Ihre modernen Junkerideen, mein lieber Pritzig, wie Sie das nennen. Die kennt man. Na – ich habe dieser Tage Gelegenheit, zum Ohr des Fürsten Bismarck durchzudringen ...« Bismarck ... immer wieder Bismarck ... ein Gefühl hier überall: Bismarck war in der Nähe ... Ein Riesenhaupt unter dem Helm der Halberstädter Kürassiere wuchs aus dem Wetterwinkel der Wilhelmstraße, überschattete Berlin, Deutschland, Europa. Dämmerte in undeutlichen, mächtigen Umrissen hinaus bis zu den letzten Enden der Welt. Graf Pritzig schritt allein nach dem Tiergarten weiter. Unter dem schon schütteren, herbstbunten Laubdach der alten Eichen war es menschenleer und still. Er liebte diesen täglichen Umweg zu seiner Stadtwohnung drüben jenseits der Spree. Er ging in Gedanken, den scharfgeschnittenen, resignierten weißen Kopf gesenkt. Das alte Preußen ging mit ihm. Das neue Reich. Die Sorge mancher langen, dunklen Nächte, die das Alter schlaflos ließ, die Sorge, die beim Frühlicht verschwand und beim nächsten Mal doch zwischen Mitternacht und Morgen wiederkehrte: Was wird einmal aus Deutschland ohne Bismarck? ... Wie wird Preußen ohne Bismarck Deutschland führen? Preußen – mein altes Preußen ... Du Land meiner Väter ... Du meine Liebe und mein Schmerz ... So stark und so blind. Deine Feinde siehst du – deine Freunde nicht ... die Schlachten gewinnst du, die Herzen gewinnst du nicht. Die Festungen nimmst du ein, die Menschen nimmst du nicht ein. Es gibt nicht nur Säbel, sondern auch Seelen. Beseele den Säbel, Preußen ... sonst wird er stumpf. Vermenschliche die Macht, Preußen ... Du bist ein Geist und nicht nur Gehorsam und Gebot. Preußen ... führe die deutschen Geister! ... Bismarcks Geist ... bleibe unter uns! Auf dem Reitweg vor ihm dröhnte dumpfer, vielfacher Hufschlag. Das Prusten trabender Pferde. Pallaschgeklirr. Das Schwefelgelb einer weißen Kürassiermütze leuchtete über den kahlen Sträuchern auf, wie es außer dem Todesreiter von Mars-la-Tour in Halberstadt nur einer in Deutschland trug. Der Reichskanzler Fürst Bismarck zog wie eine gewaltige Erscheinung an dem einsamen Fußgänger vorbei, hoch zu Roß, im bequemen Sitz des sattelgewohnten Landedelmanns und doch ein preußischer General, auf mächtigem, knochigem Tier, Begleiter und Stabsordonnanzen hinter sich her. Dräuend buschten sich die dichten weißen Brauen über der altmodischen Hornbrille vor großen feuchtverklärten Augen. Die sahen unten den Gruß des Grafen Pritzig. Ein Lächeln des Erkennens auf den Zügen, deren eherne, wie Lava erstarrte Willenskraft seltsam von dem zarten, rosigen Ton der Haut abstach. Die sachliche Frage eines hinterpommerschen Junkers zum andern im Vorbeireiten: »Was macht die Hühnerjagd, Pritzig?« »Danke. Durchlaucht! Es geht!« Der Kanzler war weg, und Louis Ferdinand von Pritzig schaute ihm nach. Lange Zeit. In tiefen Gedanken. Dann ging er weiter. Er betrat seine Wohnung am Königsplatz. Sie war gesucht altmodisch. Nichts von den Maurermeisterorgien von Gips und Stuck der Gründerzeit. Verblichene, blauseidene Schloßmöbel in dem niederen, weißgetäfelten Boudoir, in dem er nach Tisch mit seiner Frau zusammensaß. Die Gräfin hielt sich immer noch steif aufrecht, ohne die Rückenlehne zu benutzen, wie sie es in ihrer Jugend gelernt. Sie hatte immer noch die schlanke, hohe Gestalt und unter dem weißen Scheitel des ausdrucksvollen Kopfes die kühle Vornehmheit der großen Dame. Sie sagte mit einem Lieblingsausdruck ihrer vierzigjährigen, glücklichen Ehe: »Louis ... ich verstehe dich einfach nicht ...« »Wieder einmal?« »Merkst du denn nicht, was los ist? Alle Leute reden ja schon davon!« »Wenn ich mich noch darum kümmern wollte, was die Leute sagen ...«, versetzte Exzellenz von Pritzig mit großer Gemütsruhe. »Klothilde kam in einer Aufregung nach Hause ... Sie hat mit mir gesprochen. Sie besitzt doch schließlich so gut wie nichts ...« »Außer sich selber!« »Sie ist doch schließlich nur unsere Nichte, nicht unsere Tochter. Allzuviel kannst du ihr nicht mitgeben ...« »Da Zackenzin Majorat ist ...« »Andererseits ... so glänzend die Partie auch auf den ersten Blick erscheint: Herr von Spängler ist fünfundzwanzig Jahre älter!« »Das haben wir uns ja alles schon oft gesagt, Gesinchen!« »... aber nun ist es so weit! Klothilde ist überzeugt, daß er heute abend um sie anhält!« »Wir wollen es abwarten ...« »Dann ist es zu spät!« »Lasse sie doch selbst entscheiden!« »Das sagst du immer! Nach dir sollen alle Leute selbst entscheiden. Es ist wirklich wahr, was sie immer behaupten: In dir steckt ein heimlicher Sansculotte. Das Kind ist zwanzig Jahre alt. Es will unsern Rat!« »Wenn es ihn will, ist es ein Zeichen, daß es ihn nicht mehr braucht. Dann ist es schon entschieden.« »Und wir sollen einfach die Hände dazu in den Schoß legen? Wir vertreten doch Elternstelle. Wir haben die Verantwortung.« »Mach es zusammen mit Klothilde, wie du es verstehst, Gesche!« »So? Und du schaust zu, Louis? Warum sprichst du kein Machtwort?« Louis Ferdinand von Pritzig war aufgestanden und schaute durch das Fenster hinaus in die graue Weite der Wolken und des Wassers der Spree und der Wipfel des Waldes und des Wehens des Windes über den Wellen und des Wiegens der Weiden und des Wanderns der Welt. »Ich bin zu alt geworden, Gesche«, sagte er. »Ich geb keinen Rat mehr!« »Du bist immer noch im kleinen Finger klüger als die andern!« »Manchmal friert's mich in Deutschland, so wie jetzt im Herbst. Ich hoff', es sind meine Jahre ...« »Das ist deine sonderbare Melancholie ... Alle anderen Menschen sind zufrieden und dankbar ...« »Zu zufrieden sind sie, Gesche, und nicht dankbar! Es wächst ein neues Geschlecht heran, und dem neuen Geschlecht fehlt etwas an der Seele. Vielleicht haben wir's ihm zu leicht gemacht!« »Louis ... alter Unglücksrabe!« »Was die Leutchen im Jahr achtundvierzig zu viel hatten, das haben wir jetzt zu wenig. Es geht alles nach außen. Nichts mehr von der heiligen Dummheit. Durch Unschuld wissend ... der reine Tor ...« »Wir wollen froh sein ...« »Und Klothilde gehört zu dem neuen Geschlecht, das das lästige Gemüt ausgeschaltet hat. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht muß das bei uns so kommen, damit wir endlich vernünftig werden. Aber dann muß auch jeder selber wissen, was er tut ...« »Also du hast jedenfalls nichts dagegen?« »Ich habe nichts dafür und nichts dagegen. Ich passe!« »Louis! Du machst es einem nicht immer leicht!« »Deswegen hab ich es ja auch im Leben zu nichts Rechtem gebracht.« »Du?« Die Gräfin war entsetzt. »Du!« wiederholte sie ungläubig, schaute um sich, griff nach dem Gothaer Grafenkalender und hielt ihm die aufgeschlagene Seite »Pritzig« hin. Da war allerdings Louis Ferdinand von Pritzig als Graf, Exzellenz, Staatsminister, Majoratsherr, Mitglied des Herrenhauses, Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, Johanniter, Major der Reserve und vieles andere verzeichnet. »Louis ... Was willst du denn eigentlich noch?« »Jedenfalls freu ich mich, diesen Herbst in Zackenzin noch tüchtig Hühner zu schießen! Bismarck hat's mir vorhin auch geraten«. sagte Herr von Pritzig einfach und ging. Am Abend, kurz ehe die Gäste kamen, traf er seine Frau in neuer Aufregung. »Louis! Ich bin starr!« »Das wirst du nie verlernen, Gesche!« »Die Klothilde hat es natürlich in ihrer Aufregung vergessen. Eben bestellt sie mir erst, daß du diesen Herrn Nimis zu heute abend eingeladen hast!« »Nun ja! Der Sohn meines alten Freundes!« »Louis ... Du weißt, die Bekanntschaft mit diesen achtundvierziger Unholden war mir immer gräßlich ...« »Soweit die Unholde noch leben, sind es rührende Gespenster. Die Zeit hat ihnen und mir und uns allen schon lange die Giftzähne ausgezogen ...« »Ich habe dich immer gebeten, diesen Verkehr zu lassen. Aber du bist ja darin von einem Eigensinn ...« Graf Pritzig legte behutsam seiner Frau die Hand auf den weißen Scheitel und streichelte sie sanft. Es war eine zärtliche und nachsichtige und dabei ritterlich schützende Bewegung wie die eines Bräutigams. »Ich habe mich mein Leben lang nicht davor gefürchtet, daß Menschen anstecken können«, sagte er. »Ich habe die Menschen immer und überall gesucht. Hatten es andere nur auch getan in unserer preußischen Enge. Also lasse deinen alten Mann, wie er nun einmal ist, und lasse mir mein Leben, wie ich es verstanden und gelebt habe. Es ist ja schließlich kein ganz unnützes Leben gewesen. Und lasse mir vor allem meine Jugend. Glaube mir: sie war auch die Jugend Deutschlands. Sie kehrt nicht wieder!« »Aber dieser Herr Nimis ...« »Ich hab ihn ja seit fünf Jahren, damals in Göttingen, nicht wieder gesehen. Er war ja die letzten drei Jahre wieder drüben in Amerika und Australien. Oder Südafrika. Ich weiß selbst nicht. Hab keine Angst, er wird schon nicht mit einem Heckerhut und Demokratenvollbart bei uns antreten!« »Er ist ja schon da!« »Wieso?« »Er ist zu früh gekommen. Du hast ihm keine Stunde genannt. Ich war noch nicht fertig. Ich konnte ihn nicht empfangen. Ich habe ihn nur einen Augenblick im Vorzimmer durch den Türspalt gesehen, wie er ablegte. Sehr manierlich. In Frack und weißer Binde. Blumen in der Hand. Langer blonder Schnurrbart. Groß und schlank. Äußerlich ganz Gentleman.« »Na also! Wo ist er denn jetzt?« »Er sitzt im blauen Salon. Ich habe Klothilde hineingeschickt, um ihm Gesellschaft zu leisten!« »Die ist doch jetzt nicht in der Verfassung ...« »Ach, das Kind hat eine Selbstbeherrschung ... Merkwürdig für ihre jungen Jahre! Der merkst du nichts an!« »Na, jedenfalls werde ich sie jetzt befreien!« »Ja. tu's! Du weißt, was heute auf dem Spiel steht!' »Hat sich Klothilde denn jetzt entschlossen?« »Sie kann es sich doch nicht im letzten Augenblick an den Taillenhaken abzählen. Ich könnt ihr nur sagen: Ich bin unbedingt dafür und dein Onkel wenigstens nicht dagegen ...« »Sie ist ein Kind der Welt. Mög ihr die Welt geben, was sie sucht!« Exzellenz von Pritzig ging hinüber in das Boudoir. Die Teppiche dämpften seinen elastischen Schritt. Er trat unbemerkt über die Schwelle. Im Spiegel sah er drüben seine Nichte. Er kannte sie seit fünf Jahren Tag um Tag, und es fiel ihm doch auf, wie schön sie heute war. Sie hatte ihr möglichstes getan. Sie trug nach der Mode des kommenden Winters von 1887 eine enganliegende, ausgeschnittene Panzertaille, die in lachsfarbener Seide leuchtete ebenso wie der Rock, und darüber gebauschtes Tüllgeriesel. Rosen hielten die gerafften Falten bis zu den Schultern zusammen, die schlank und weiß aus dem Duft der Stoffe emporblühten. Ebenso weiß, nur mit ein paar launisch verteilten Sommersprossen, war ihr schmales, lebendiges Antlitz. Kleine, rötlichbraune Stirnlöckchen kräuselten sich eigenwillig über den dicht beisammenstehenden dunklen Brauen, die die jungen, haselnußhellglänzenden Augen mit einem vorzeitigen Ernst überschatteten. In den warmen Wellen des Haares prangte eine große, lebende Rose. »Sie als Amerikaner, Herr Nimis ...« »Ich bin Reichsdeutscher seit 1871 gnädiges Fräulein.« Das Fräulein von Pritzig saß lässig auf dem Sofa, die Hände im Schoß, und machte mit etwas leerer Miene Konversation, liebenswürdig und weltgewandt, so wie sie von der gestrengen Tante erzogen war, und der alte Herr dachte sich beim Anblick dieser herben und doch schon lebensreifen Jugend: Sind wir nicht kalt geworden in Deutschland, seit unser Sehnen sich erfüllt hat? Und seltsam: Um so kälter, je jünger wir sind? Ich Weißkopf weniger als dort das blonde junge Haar? ... »Aber Ihre Familie. Herr Nimis, stammt doch aus Amerika?« »Meine gute Mutter ist voriges Jahr dort gestorben. Mein Vater ist eben jetzt für immer nach Deutschland zurückgekehrt und richtet sich in unserem alten Familienhaus in Darmstadt ein.« Leo Nimis hatte eine ungezwungene Sicherheit im Verkehr. Ein großer, schlanker, fünfundzwanzigjähriger Weltmann, saß er da, in dem frischen Blau der Augen noch etwas vom großen, guten Jungen, aber doch keiner, der mit sich spaßen ließ. Und Exzellenz von Pritzig sagte sich: Endlich mal ein junger Mensch, dem der Abendfrack sozusagen selbstverständlich auf dem Leibe sitzt! Aber was hat er denn zum Kuckuck so verzückt hinter der Klothilde herzustarren? Das junge Mädchen hatte sich in ihrer schmächtigen, biegsamen Länge erhoben, um die herausbrennende Petroleumlampe aus dem Sockel am Fenster zurückzuschrauben. Leo Nimis verfolgte sie, während sie durch das Zimmer schritt, mit einem innigen Lächeln, aus dem die helle Freude an ihrem Anblick strahlte. Es schien fast wie eine Andacht vor so viel Liebreiz. Er versank förmlich in das geheimnisvolle Flüstern der schweren, mattschimmernden Seidenfalten um ihren elastischen, wiegenden Gang, trank die Bewegung ihres schlanken, weißen Arms mit den Augen, kam dann aus seiner Weltverlorenheit zu sich und zwang sich zu einer schuldbewußt trockenen und gleichgültigen Miene, während sie die Schleppe mit einer flüchtigen Handbewegung zurückstrich und sich wieder setzte, und lachte offenherzig: »Ich bin, scheint's, viel zu früh gekommen, gnädiges Fräulein? Aber vorgestern kam ich pünktlich zu einem Souper. Es war nicht recht. Gestern kam ich unpünktlich zu einem Diner. Es war wieder nicht recht. Es ist nicht leicht in Berlin ...« »Oh – das macht ja nichts«, sagte das Fräulein von Pritzig zerstreut, schaute auf die Wanduhr, wurde rot und blaß, atmete schwer und stand dann erleichtert auf, als ihr Oheim eintrat und dem Gast beide Hände entgegenstreckte. »Na, da bist du ja, Junge! Vor der Zeit? Um so besser! Da haben wir noch ein Viertelstündchen unter uns Pfarrerstöchtern? Komm nur da zu mir herein! ... Setz dich! Zigarre? ... Mir scheint, du bist ein schlemmerhaftes Kraut gewohnt! Du machst schon den Eindruck eines angehenden jungen Millionärs ...« »So weit sind wir noch lange nicht!« »Aber auf dem besten Wege, was? Laß dich mal anschauen! ... Na ja, in deinem Alter sind fünf Jahre eine schöne Zeit. Damals in Göttingen warst du noch mehr ein Boy ...« »So wie ein junger Hund, den man ins Wasser wirft!« sagte Leo Nimis unbefangen und lachte. »Das Schwimmen hab ich unterdessen gelernt!« »Gründlich, scheint mir. Und auf eigene Faust!« »Ja. Göttingen und die anderen kleinen deutschen Universitäten waren nichts für mich. Ich war da immer fremd. Vielleicht, weil die Leute da alle so weltfremd waren oder mir wenigstens so vorkamen. Ich war vielleicht zu jung. Ich hab die Weisheit nicht begriffen. Ich war zu sehr praktisch veranlagt und hatte vielleicht auch schon zu viel von der Welt gesehen. Das war der Grund, weswegen ich nach zwei Jahren nach Amerika zurückging.« »Und dort nahmen die Dollarjäger den verlorenen Sohn mit offenen Armen auf?« »Es ist nicht nur der Dollar. Der kommt, wenn einer was kann, von selber. Es ist die Arbeit aus dem Vollen! Ich hab immer Spaß am Basteln und Zusammensetzen und Herumprobieren gehabt und mir schon als Junge drüben zu meinem eigenen elften Geburtstag eine kleine elektrische Weichenanlage mit automatischer Einschaltung der Stellhebel gebaut. Jetzt hab ich drüben, kurz entschlossen, umgesattelt und eigenhändig in der Maschinenfabrik gearbeitet und mich technisch vervollkommnet und die Augen offengehalten ...« »... und bist unter die Erfinder gegangen, schreibt dein Vater?« »Nein. Selber erfinden kann ich nichts. Dazu fehlt es mir an Phantasie. Aber es scheint, ich habe den Verstand, das, was andere erfunden haben, richtig zu sehen und praktisch verwertbar zu machen. Wenigstens wurden solche Leute, die sich mit der Finanzierung und Verwertung von Patenten befassen, auf mich aufmerksam. Das Londoner Bureau schickte mich und ein paar andere junge Leute hinaus, um europäische Petroleumlampen im Innern Chinas für die Standard Oil Company zu verbreiten. Es war eine harte Zeit. Unsere Kämpfe mit der United States Pipe Line waren bekanntlich auf der ganzen Erde rauh ...« »Ich habe keine Ahnung, mein Sohn!« »Auf dem Rückweg griff ich dann in Indien einen gesunden Gedanken auf. Die eingeführten Eierbecher sind zu groß. Die indischen Hühner sind kleiner als unsere. Ihre Eier verschwinden im Becher, und man kann sie nicht köpfen. Wir führten kleinere Eierbecher in Mengen ein. und das Geschäft war gut.« »So, so!« »Es war mein erster Erfolg!« »Und dann?« »Wir kamen dann in Neuorleans durch Versuche zu einer unendlich wichtigen Verbindung zwischen Whipper und Opener und Batteur der Baumwollmaschine. Dies Geschäft führte mich durch alle Baumwolländer der Erde, und ich fand bei meiner Heimkehr, daß man mit mir zufrieden war... Ich hatte von da ab meine Reisetasche immer gepackt neben meinem Bett zu halten, um, wenn ich um zwei Uhr nachts herausgeklopft wurde, in zehn Minuten fertig zu sein, um der Konkurrenz zuvorzukommen.« »Meinen Glückwunsch!« »Meine hohe Schule war jetzt ein halbes Jahr in der City in London, wo ich mich gründlich mit allen Fragen des Geldstandards vertraut machte. Die Frage der indischen Silberwährung ist doch wahrlich eine der schwierigsten und bedeutungsvollsten der Welt. Ich sah das jetzt erst so recht. Von da hatte ich noch einen kurzen Abstecher nach dem Ural zu machen. Wir richten da eine Bergwerksanlage, fix und fertig zum Betrieb bereit, ein. Sie heißt natürlich »Neu-Rußland« und hat russische Strohmänner an der Spitze, aber in Wahrheit arbeitet da nur amerikanisches und britisches Kapital.« »Und jetzt?« »Jetzt bin ich auf dem Sprunge, mit der niederrheinischen Industrie wegen eines bedeutsamen deutschen Patents zu verhandeln, daß wir für die ganze Welt erwerben möchten. Ich fahre morgen früh in das Kohlenrevier nach Lütthahn zu dem berühmten August Buschbeck ...« »Ich habe nie von ihm gehört ...« »Man kennt ihn eigentlich sonst überall auf der Erde. Er ist einer der ernsthaftesten deutschen Männer, so gering entwickelt das deutsche Fabrikwesen im ganzen ja noch ist. Sein Sohn hat mit mir in Göttingen studiert. Aber ich darf über meine dortigen Verhandlungen nichts verraten. Es ist Geschäftsgeheimnis!« »Ach – ich bin nicht neugierig«, sagte Exzellenz Graf Pritzig mit einem sonderbar versonnenen Ton. »Und da stehst du dich wahrscheinlich finanziell glänzend für deine Jahre?« »Ich erzielte voriges Jahr fünfzig- bis sechzigtausend Mark an Einkommen.« Der alte Herr seufzte: »Ungefähr doppelt soviel wie ein preußischer Minister.« »Die Ausgaben sind auch groß. Es gab Zeiten, wo ich sozusagen im Pullmann-Car und in der Schiffskabine wohnte, und der Europäer muß draußen überall mit einem hohen Standard of Life rechnen.« Die blauen Havannawolken zogen sich in fließenden Schleiern um Louis Ferdinand von Pritzigs großäugigen, scharfgebieterisch verwitterten, weißen Junkerkopf. Er machte eine wunderliche Bewegung mit der wappengeschmückten Rechten, sei es, um das gewohnte Rauchgespinst, sei es, um ungewohnte Gedanken zu verscheuchen. »Und nun kommst du nach Deutschland, wie das Entenküken, das schwimmen gelernt hat, heim auf den Hühnerhof«, sagte er. »Die Leute werden Angst vor dir kriegen, mein Junge ...« »Warum denn?« »Deutschland ist nicht mehr ganz so närrisch, wie es in meiner Jugend war. Aber es ist immer noch närrisch genug. Gott sei Dank. Es mag das Neue nicht ...« »Ach – es muß sich daran gewöhnen«, sagte der junge Mann unbekümmert. »Es ist auch schon auf dem Wege. Überall draußen sind Deutsche am Werk. Das merkt man hier vielleicht noch nicht so wie in Hamburg und am Rhein.« »Mag sein! Ich bin ein alter Ostelbier und Agrarier. Wenn ich den Kopf zu weit nach links drehe, zupft mich immer gleich irgendein Vorfahre warnend am rechten Ohr. Das ist mein ganzes Leben so gewesen, und die Leute, die du da drinnen treffen wirst, sind alle so.« »Aber sie sind doch nicht ganz Deutschland!« »Sie sind Deutschland. Deutschland will geführt sein. Deutschland ist ein altes, uraltes Land. Ich weiß nicht, ob es noch auf seine alten Tage über die Meere tanzen gehen kann ...« Nebenan klang eine helle Mädchenstimme. Das Murmeln und Lachen von Herren um sie her. In Leo Nimis' Augen kam bei dem silbernen Laut ein geistesabwesend glücklicher Schein. Graf von Pritzig schwieg eine Weile, dann sagte er: »Grüße deinen Vater in Darmstadt, wenn du ihn siehst. Wie geht's ihm?« »Er wird auch älter ...« »Dein Vater wird nie alt. Der bleibt ein Kind, solange er lebt. Ein Kind, von dem wir Großen noch sehr viel lernen können. Er hat das ewige Leben. Wo er war, da war Deutschland. Es waren andere Zeiten. Die begreifst du nicht mehr. Aber du hörst ja gar nicht zu ...« Leo Nimis hatte auf das Plaudern des Fräuleins von Pritzig nebenan gehorcht. Mit einem Stich von Eifersucht im Herzen fuhr er jäh zusammen. Ihr Oheim schaute ihn ruhig prüfend an. Die Menschenkenntnis seiner großen, grauen Augen hatte etwas Durchdringendes. Der junge Mann fühlte eine Welle von rascher Röte über das Gesicht. Er rauchte heftig, um sich in den Dämpfen zu bergen. »Ist deine Schwester noch in Wien?« »Die Hansi? Ja, bei den Verwandten. Ich glaube, es spinnt sich da etwas an. Eine Partie ...« .Wie alt ist sie jetzt?« »Dreiundzwanzig. Ich finde auch: sie hat jetzt genug getanzt und ihr Leben genossen. Es ist da ein Doktor Fronhofer, aus sehr guter Familie, Sektionsrat in einem Ministerium ... ein sehr ernster Mensch, sagt man ... Tante Lini betreibt die Geschichte nach Kräften, ...« In seinen Worten war immer noch beherrschte Unruhe, unterdrückte Zerstreutheit in seinem Wesen. Von nebenan hörte man, wie Klothilde von Pritzig sagte: »Der Onkel kommt jede Minute. Es ist noch ein Herr aus Amerika bei ihm.« Die alte Exzellenz erhob sich und schüttelte kaum merklich den beschneiten Kopf. »Wir müssen unsere Zigarren den Menschen opfern, mein Sohn. Es ist, scheint's, schon alles voll. Komm mit hinein.« Klothilde von Pritzig stand in dem großen Saal unter dem Kronleuchter. Sein Kerzenschimmer lockte goldene Lichter aus dem tiefen Kupferglanz ihres Haares, ihre weißen Schultern blinkten, die hellen Augen strahlten in dem blassen Gesicht. Im Kreise die Motten um die Kerze, Motten im roten Kragen und in der weißen Binde. Wo sie war, waren die Premierleutnants. die Regierungsassessoren, die ehereifen jungen Rittergutsbesitzer. Sie lachte mit ihnen und schwamm im Strom des oberflächlichen Geschwätzes und schien Leo Nimis doch ernster als ihr Hofstaat, eine Königin mit heimlichen Regierungssorgen. Er konnte nicht zu ihr hin. Exzellenz von Pritzig stellte ihn der Hausfrau vor. Er küßte der Gräfin die Hand und beantwortete ihre herablassenden Fragen, bei denen sie die Antwort überhörte, und vernahm um sich das lebhafte Lippenwerk der älteren Damen. Fast alle Exzellenzen wie sie. Man wurde in Preußen schließlich Exzellenz. Die verwitwete Frau Amélie von Luch, die Schwester des Hausherrn, der keiner mehr ansah, daß sie in ihrer Jugend unter Friedrich Wilhelm IV. eine kapriziöse kleine Rokokoschönheit der Potsdamer Gesellschaft gewesen war, berichtete mit ihrer feinen spitzen Kinderstimme von ihrem Neffen, dem ältesten Sohne des Grafen. »Hans Joachim? Der sitzt in Zackenzin und hat den Kopf voll Kartoffeln und betet!« »... und die Christliebe, seine Frau, erst recht. Die Krackows sind durch die Bank so schauderhaft fromm!« »Wenn man sieben lebendige Kinder hat, braucht man schon den lieben Gott, um sie heutzutage alle anständig durchzubringen!« »Übrigens – bei den vielen Töchtern fällt's mir ein: die jüngste Ringsburg wird wirklich Hofdame ...« »Du weißt schon, bei wem! Frau von Pönitz hat es von der Oberhofmeisterin gehört ...« »Geht Martha mit nach Metz?« »Es lohnt sich nicht für das kurze Kommando. Er kommt doch wieder in die Garde. Sie bleibt mit den Kindern bei den Schwiegereltern.« »In Latzke?« »Nein. Das ist die Schwester, die den zwölften Kürassier zum Mann hat ...« »Also ... Ihr laßt doch bei Gerson ...« »Ja. Luischen soll dies Jahr ihren Hofknicks machen.« »Ich lasse für Beate die alten Spitzen umarbeiten. Die Schleppe in schwerer Silberstickerei und ...« Leo Nimis ging hinüber zu der Gruppe älterer Herren. Sie erzählten sich von der Jagd. Der hagere, lange, blaublütige Generalleutnant z. D. von Pritzig, der Bruder des Hausherrn, hatte auf der Hofjagd fünf Stück Rotwild geschossen. Eingelapptes Jagen. Prinz Kasimir war auch da. In der Ecke schimpften die Zackenziner Gutsnachbarn, Herr von Kühl auf Klein-Latzke und der Beerwinkeler Postitz, Mitglied des Abgeordnetenhauses, auf Bismarck. »Seit dem Februar schielt er natürlich erst recht nach links!« »Die Kornzölle drücken wir durch.« »Möllenbeck wird Oberpräsident!« »Ich bringe Kuno lieber bei einer Regierung im Osten unter. Dort nehmen sie ihn mit Handkuß!« »Was? Nur den Roten Adler zweiter?« »Ja, er ist wütend, hat sich alle Gratulationen verbeten.« »Das hat ihm Täuffing eingebrockt!« »Ne, wissen Sie, die Generalsynode kann da ...« Der siebzigjährige kleine Oberst a.D. Graf Giesebitz tänzelte durch den Saal. Alter Junggeselle. Immer noch Damenmann. Immer noch Schwerenöter. Immer noch leichtfüßig wie ein Fähnrich. »Meine Damen ... pst... nee... nee... das ist nichts für die Herren ...« »Was hat Gustav denn?« »Gott! Er ist ja so harmlos«, sagte Frau von Pommerich. die Tochter der Frau von Luch, eine große, blonde, schwere Majorsfrau, und lachte. Drüben dämpfte ihr Mann seine Stimme: »Wissen Sie schon, wie miserabel der gute Klütz gestern im Manöver abgeschnitten hat? Mit der ganzen Division im Wurstkessel!« »Na ... ganz Berlin spricht ja davon! Dem schickt Albedyll die seidene Schnur!« Leo Nimis kannte alle diese Leute nicht, von denen die Rede war. Das war eine von der übrigen Menschheit und auch von dem übrigen Deutschland luftdicht abgeschlossene Welt, das war Preußen, das offizielle Preußen, von der Rangklasse eins der Hoffähigkeit bis zur Klasse dreiundsechzig und vierundsechzig, den bei Hofe vorgestellten Herren und den Premier- und Sekondelieutnants. Es wurde ihm klar, daß er wahrscheinlich der einzige Bürgerliche in dieser großen Familie hier war. Es hätte ihn sonst kühl gelassen. Aber jetzt kämpfte er mit einer plötzlichen zornigen Bitterkeit des Weltbürgers gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals, daß diese Gardeoffiziere und Kammerjunker und Erbherren drüben jeden Tag um Klothilde von Pritzig sein und mit ihr sprechen durften und er nur einmal als Gast, eigentlich als Eindringling ... Sie merkte, daß er allein dastand, und trat liebenswürdig zu ihm. Sie war sehr gewandt. Ein Erziehungsergebnis der alten Gräfin, die sie von ihrer Ecke aus mit unmerklichen Blicken wie mit unsichtbaren Seidenfäden lenkte, so wie bei der Tafel mit einem Augenwink die dienstbaren Geister. Herr Nimis kann viel erzählen«, sagte das Fräulein von Pritzig. »Er ist schon in allen Weltteilen gewesen.« »Auf der Jagd?« erkundigte sich ein baumlanger Kürassier. »Oder im Konsulatsdienst?« »Nein. Er hat sich nützlich beschäftigt!« Der Hausherr klopfte ihm auf die Schulter und lachte. »Er zapft Petroleum aus der Erde und hat den Indern die richtigen Eierbecher beschert und weiß, wie man Baumwolle kratzt. Solche Leute brauchen wir draußen viel nötiger als Nimrode und Juristen!« Es machte ihm Spaß, die Gesellschaft zu erschrecken, über deren engen Rundblick er sich selbst oft genug ärgerte. Er hatte häufig versucht, hier am Königsplatz an der Spree eine Art Salon zu schaffen, in dem man den Stammbaum draußen mit dem Stock und die Geheimratswürde mit dem Überzieher abgab. Aber es waren schließlich doch immer wieder die bekannten Potsdamer und Berliner Gesichter geworden. Die paar weißen Raben dazwischen, die irgendwie berühmten Müllers oder Schulzes, verloren sich bald. Sie fühlten sich selbst hier nicht wohl. Auch jetzt war verbindliches Schweigen, das in Verlegenheit überging. Man war beim besten Willen ratlos. Man wußte Leute, die so anders waren, nicht zu nehmen. Manche hätten sich draußen kurzweg durch Dünkel geholfen. Hier in den vier Wänden verbot das die Kinderstube. »Haben Sie vielleicht meinen Vetter Ringsburg draußen getroffen? So ein kleiner, toller Kerl. Er war bei der Gesandtschaft in ...« Leo Nimis verneinte harmlos. »Nein, sicher nicht! Für Kaufleute sind unsere Gesandten nicht zu Hause.« Klothilde half noch einmal ein. »Herr Nimis war in Göttingen mit Malte zusammen«, sagte sie. Eine allgemeine Erleichterung. Ein freundliches Interesse. »Oh – waren Sie aktiv?« »Auch bei den Cimbern? Ich bin nämlich Alter Herr!« »Nein! Leider nicht«, sagte der junge Mann zu dem ›Alten Herrn‹, der höchstens ebensoviel Jahre zählte wie er. »Ich habe für mich studiert und mich dann zum Einjährigenjahr gemeldet...« Noch eine Hoffnung: »Wo sind Sie Reserveoffizier, Herr Nimis?« »Man hat mich nicht zum Dienst genommen. Ich war damals noch ein bißchen eng um die Brust!« Nichts zu machen Hm! ... Ja ... So, so... Auch Klothilde von Pritzig fiel nichts mehr ein. Sie dachte auch an etwas ganz anderes. Sah auf die Wanduhr und dann auf die Eingangstür. Da öffnete sie sich Gott sei Dank. Da kam Malte, der Sohn des Hausherrn, kleiner und untersetzter als sein Vater, das Gesicht voll vernarbter Schmisse mit aufgedrehtem Schnurrbart. Sehr liebenswürdig, aber auch sehr scharf und bestimmt. Er und Leo Nimis nannten sich von Göttingen her du, aber das war nur äußerlich. Der Dreibändermann aus dem Ministerium des Innern und der in drei Weltteilen heimische junge Kaufmann von Übersee hatten sich so viel zu sagen wie ein Hinterpommer und ein Chinese. Immerhin unterhielten sie sich freundschaftlich. »Wenn du morgen nach dem Niederrhein fährst, Nimis, grüße dort meinen Korpsbruder Max Buschbeck. Er macht gerade eine Übung bei den Königshusaren, aber er kommt jedenfalls oft nach Lütthahn hinüber!« »Sag... ich hab das nicht recht begriffen: Ist die junge Dame da eigentlich deine Schwester?« »Die Klothilde? Bäschen! Süßes Bäschen! Gilt aber als Kind im Haus!« Leo Nimis wollte etwas hinzusetzen. Aber er schwieg und schaute auf das Fräulein von Pritzig und bewunderte andächtig den schnellen, anmutigen Knicks und Handkuß, in dem sie in ihrer schlanken Länge vor einer eben gekommenen alten Generalin in sich zusammensank. »Wahrscheinlich triffst du in Lütthahn auch den Mettenburg, du erinnerst dich: den wallonischen Grafen mit den pflaumweichen Augen, der mit dem lieben Gott auf du und du stand. Sag ihm, er soll nur nicht zu heilig werden!« »Ja ...« Leo Nimis hatte nur halb zugehört. Er suchte immer wieder verstohlen Klothilde von Pritzig mit den Augen. Es schien ihm bewundernswert, mit welch lässiger Grazie sie dem dicken alten Herrn von Kanzleben Tee eingoß. »Ich weiß immer noch nicht recht: Ist deine Cousine eigentlich Frau oder Fräulein?« »Klothildchen? Noch zu haben! Siehst doch das Getümmel! Zum ersten, zum zweiten, zum ...« Der fröhliche Assessor von Pritzig wurde unvermittelt etwas ernster. Es fiel ihm etwas ein ... für heute abend ... Etwas, das in der Luft lag. Er setzte in unverändertem Ton hinzu: »Sie ist ja noch gar nicht ausgegangen! Knapp zwanzig. Den Winter soll sie zum erstenmal hüpfen! Kein Spaß! Das gute Kind tanzt bis Aschermittwoch mindestens so viel Kilometer ab, als du von China hierher gesegelt bist, wenn sie nicht schon vorher ...« »Was denn vorher?« forschte Leo Nimis ängstlich. »Kindliche Frage! Was ist denn der Zweck der Übung, wenn die jungen Damen oben zu wenig anhaben und dafür unten zwei Meter Stoff am Boden? .. Ich laß mir noch Zeit mit dem Heiraten! Die Töchter des Landes laufen mir nicht davon!« In einem unbemerkten Augenblick trat Malte von Pritzig zu seinem Vater und versetzte gedämpft, während es ihm belustigt um die Schmisse des linken Mundwinkels zuckte: »Du, Papa ... Ich möchte euch warnen: Es brennt! Die Thilde hat den Jüngling aus der Fremde in aller Unschuld auf Anhieb zur Strecke gebracht!« »Meinst du das auch?« »Er brennt wie 'ne alte Strohmiete. Sie kann ja natürlich nichts dafür.« Exzellenz von Pritzig sah seine Nichte an und sagte nachdenklich: »Das Mädel ist ja heute abend polizeiwidrig schön...« »Aber doch nicht für ihn! ... Ich muß ihm mal einen sanften Stoß geben!« Die scharfe, befehlerische Stimme des Assessors gewann etwas Väterliches, während er den fünf Jahre Jüngeren vertraulich unter den Arm nahm und mit ihm ins Nebenzimmer schlenderte. »Du, Nimis, wenn du in Lütthahn mit dem alten Rauhbein, dem Vater Buschbeck, zu tun hast, dann halte die Ohren steif und nimm die Gelegenheit wahr. Der Kunde hat blödsinniges Geld!« »Für deutsche Verhältnisse gewiß!« »Es sind da außer dem Sohn Max, meinem Korpsbruder, noch zwei erwachsene Töchter im Haus!« »So ...« »An die Jüngere, das Tinettche, darfst du nicht tippen! Im Vertrauen: Da ist der gute Mettenburg hinterher! Hat doch selber nichts! Vierter Bruder des Majoratsherrn... Möchte auch mit vieren lang fahren ... Und das Tinettche spielt mit Wonne Gräfin – wo doch die Mutter 'ne geborene Mirisch ist und der Großvater noch eigenhändig die Kartoffeln ausbuddelte... Du verstehst...« »Ja. Es geht mich ja auch gar nichts an.« »Das Tinettche also nicht! Aber die Ältere. Die Ottonie. Sie wird nicht viel jünger sein als du. Aber das macht ja nichts. Geerbt wird zu gleichen Teilen!« »Meinetwegen.« »Die Ottonie ist nämlich ein bißchen verdreht. Nicht etwa geschäftsunfähig ... im Gegenteil ... Sie ist sehr helle. Heller im Kopf als das Tinettche. Nur so komisch. Man wird nicht aus ihr klug. Na – du wirst sie ja selber kennenlernen...« »Ja.« »Das wäre vielleicht etwas für dich... Na, was lachst du denn?« »Zu dumm!« »Gar nicht dumm! Dort würdest du mit einem Schlag ein gemachter Mann!« »Das werd ich auch so. Pritzig!« »Na, schön! Komm, wir wollen wieder da hinein! Eben ist da der Geheimrat von Spängler erschienen! Großes Tier mit Eichenlaub und Schwertern!« »Ich erinnere mich an ihn aus Göttingen. Ihr wart schon damals in der ›Cimbria‹ unbändig stolz auf ihn!« »Seitdem ist er unentwegt die Leiter hinaufgeklettert! Er kommt direkt aus der Wilhelmstraße. Unser begabter Alfons weiß mehr als gewöhnliche Sterbliche.« Drinnen drängte sich ein Kranz von Köpfen um die majestätisch leuchtende Glatze des Geheimen Legationsrats Dr. von Spängler-Colosimo wie die Fliegen um die Zuckerschüssel. Die Würde der Wilhelmstraße grub feierliche, geheimnisvoll-sorgenreiche Furchen in die satt blasierten, wohlgepolsterten Lebemannszüge eines fünfundvierzigjährigen Weltkindes. Die Stimme knarrte gönnerhaft, weichlich gedämpft, in dem gespannten Schweigen. »Die Nachrichten aus Toblach lassen kaum mehr einen Zweifel...« »Es ist wirklich ...« »Ja! Alles stellt sich schon auf die neue Lage um ... In absehbarer Zeit ist Prinz Wilhelm Kaiser.« »Und dann?« Herr von Spängler schwieg diplomatisch. Ein Mann, der seiner Zukunft sicher war. »Und Bismarck?« Der Geheimrat von Spängler, der Mittelpunkt des Kreises unter dem Kronleuchter, lächelte. Granden, Exzellenzen, Generale hingen an seinem Munde. Er konnte seine Selbstgefälligkeit nicht ganz unterdrücken. Aber sie kam in geschmackvoller Form zutage. »Es wird auch ohne Bismarck gehn. Muß doch einmal! So oder so!« »Freilich ...« »Wir machen es schon! Auch ohne Bismarck! Ebenso gut ... Aus der Ferne sieht das alles gefährlicher aus. Eigentlich liegen die Dinge ja so einfach ...« »Im Krieg ist auch alles sehr einfach, aber darum noch lange nicht leicht, nach Moltkes Ausspruch ...«, sagte der Hausherr. »Richtig. Exzellenz. Die Zeit wird alles lehren. Wir haben ja Zeit!« Herr von Spängler unterstrich das, daß er mit fünfundvierzig Jahren Zeit habe, zu warten, und andere, ältere nicht mehr. Es klang ein ganz klein wenig forciert, aber es wirkte auf diese Runde der weißen und der grauen Köpfe. Nebenan war ein Rauchzimmer. Leo Nimis zog sich dorthin zurück und setzte sich in einen der Ledersessel und sann vor sich hin. Und sah sich gegenüber einen stattlichen jungen Gentleman mit blondem Schnurrbart, dem der Weltschmerz im Gesicht geschrieben stand, und dachte sich geistesabwesend: Was hat denn der Kerl?, und merkte, daß er es selber war und schüttelte den Kopf und fand doch nicht die Kraft, aufzustehen und unter Menschen zu gehen. Es waren außer ihm nur ein paar Herren in dem Raum. Der alte von Postiz auf Beerwinkel machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und schimpfte gewaltig auf Bismarck. »Seiltanzen lehrt er uns auf unsere alten Tage! Von einem Kirchturm-Knopp zum andern! Nu noch Kolonialpolitik? Was haben wir bei den Wilden verloren?« »Aber Kolonien ...« »Kolonien brauchen Schiffe, lieber Graf, und Schiffe brauchen Häfen und Häfen 'ne knollige Kriegsflotte! Wo bleibt denn da zum Donnerwetter die Armee? Die tut uns not! Ich bin Rittergutsbesitzer und nicht Seeräuber! Durch die See kommt Preußen aus seinem Richtungspoint! Das ist mir zu hoch, sprach die Kuh, als sie auf den Apfelbaum klettern sollte!« Drinnen wurde musiziert. Ein Spalt der Tür stand offen. Als Leo Nimis sich scheinbar unabsichtlich vorbeugte, konnte er den Saal und in ihm das Fräulein von Pritzig sehen. Sie saß zwischen anderen Damen und horchte mit dem Interesse der liebenswürdigen Haustochter dem Gesang. »Er hört, schon kann er nicht mehr sehn, die nahen Stimmen furchtbar krähn«. brummte der Beerwinkler. »Kinder ... haben die Weiber 'ne Kehle! Nu lassen sie gleich zwei auf einmal los ...« Leo Nimis wechselte, ohne daß ihn die alten Junker beachteten, seinen Platz. Von dem Klubsessel am Kamin überschaute man, ohne den Hals zu drehen, den Saal. Dort schwebten jetzt ein Alt und ein Sopran über dem Klangmeer der Klaviatur. Aber der Stuhl, auf dem Klothilde von Pritzig gesessen, war leer. Sie selbst nirgend zu erblicken. Er saß traurig da und hörte, wie Herr von Postitz grollte: »Wir haben, weiß der Deubel, bei uns daheim noch genug auszumisten. Was tun wir nun noch im Affenland?« und fragte sich bitter und erregt, sich selber ganz verändert gegen sonst erscheinend: »Und was tu ich hier?« Er fühlte, daß er einen lichten Augenblick hatte und dachte: Fort von ihr! Es ist besser, ich laufe weg, als daß ich ganz den Kopf verliere! Auf dem besten Wege bin ich. Ich könnte jetzt den ersten besten Menschen umarmen und ihm meine Liebe zu Fräulein von Pritzig beichten. Ich bin zu jeder Dummheit fähig. Die Tür links ist offen. Die Zimmer dahinter scheinen leer. Von da führt jedenfalls ein Ausgang auf den Flur und zu Hut und Mantel in der Garderobe. Aber an der Schwelle des großen, mäßig erhellten, düster in Eichen getäfelten Bücherraums hemmte er jählings den Fuß. Auf dem Sofa in der dunklen Ecke, da wo man es am wenigsten vermutete, saßen doch zwei. Eine Rose in goldig-kupferbraunem Haar und ein schimmerndes Straußenei von Glatze neigten sich dicht beisammen, als hätten sie sich Wichtiges zu erzählen, oder vielmehr der Kahlschädel des Herrn von Spängler bewegte sich in eifrigem, ganz leisem und eindringlichem Sprechen, und das schöne Haupt des Fräuleins von Pritzig rührte sich beim Zuhören nicht. Es war so weit nach vorn gesenkt, den Blick auf den Teppich des Bodens, daß man nur die weiße Stirn mit den dunklen, eng zusammengewachsenen Brauen sah und darüber ein paar tiefe, fast finstere Falten, als sammele sie alle Kräfte zum Nachdenken... oder zu einem Entschluß ... Sie schien ihm sehr bleich. Er war froh, daß sie ihn nicht bemerkt hatte, und kehrte auf den Fußspitzen in das Rauchzimmer zurück und atmete dort beim Flackern des Streichholzes an der Zigarre auf. Welche Dummheit, davonzurennen, wenn ihm das Schicksal diesen einzigen Abend schenkte – diesen Abend mit ihr oder wenigstens in ihrer Nähe? Warum den einzigen? Vom Rhein hierher war es ein Katzensprung. Man konnte sich jeden Augenblick Geschäfte in Berlin machen. Das Pritzigsche Haus stand ihm immer offen. »Bekanntschaften hat Louis«, sagte drüben die Gräfin zu den Damen. »Am liebsten machte er aus unserem Salon eine Menagerie. Ich habe mich zeitlebens dagegen wehren müssen, wen er mir so ganz harmlos anschleppte. Der junge Mann da heute geht ja noch! ... Man konnte ihn für einen amerikanischen Attaché oder derlei halten!« Sie beugte sich gewinnend vor: »Sie beabsichtigen. uns leider morgen schon wieder zu verlassen, Herr Nimis?« »Ich hoffe, sehr bald wieder in Berlin zu sein. Exzellenz!« »Wie nett! Dann vergessen Sie den Weg zu uns nicht!« »Oh, ich werde mit großer Freude wiederkommen, Exzellenz!« Leo Nimis sagte es warm und herzlich. Die Teetasse klirrte vor Unruhe in seiner Hand, während er sie niedersetzte. Fräulein von Pritzig war immer noch nicht im Saal. Der Dickwanst mit der Glatze auch nicht ... Niemand fragte nach ihnen ... Es war wie ein Freimaurerzeichen blauen Blutes um ihn, den Fremden, den Uneingeweihten ... »In der Lütthahner Gegend ist übrigens Mordskandal, Nimis«. sagte der Assessor von Pritzig. »Im Ministerium wußten wir's schon gestern. Heute abend steht's auch im Blättchen. Du kommst wahrscheinlich mitten in den Klimbim hinein. Der alte Buschbeck hat wieder einmal Krach mit seinen Arbeitern. Na, wir werden schon Ordnung schaffen!.. Na nu! Aha!.. Also doch! Da schau ...« »Was ist denn da im Saal für ein Gedränge?« »Sieh mal die Weiber! Von allen Seiten laufen sie heran! Die ältesten Semester kriegen Beine. Hei, Kinder! Das ist was für euch. Da sind sie alle selig ...« »Ich versteh nicht ...« »Hör nur das Gejubel. Jede tut, als ob sie sich selber verlobt hätte!« »Verlobt?« »Na komm! ... Der Mitteleuropäer kargt in solchen Fällen mit seinem Beileid nicht!« »Wer ist verlobt?« »Da stehn sie doch inmitten der frohbewegten Menge. Klothildchen ist doch lang genug! Sie schaut ja über die Köpfe der Gratulanten hinweg! Na, für den dicken Spängler ist's jetzt mit Spiel und Tanz vorbei.« »Dein Fräulein Cousine hat sich verlobt?« »Das lag schon den ganzen Abend in der Luft. Du als Außenseiter in diesem edlen Kreise konntest das natürlich nicht ahnen! Na, Thildchen! Du machst ja solch ein vergnügtes Gesicht! Gestatte, daß ich mich ehrfurchtsvoll über deine Hand beuge!« Klothilde von Pritzig strahlte und lachte und schüttelte nach allen Seiten Hände und ließ sich geduldig rechts und links von den gerührten Damen abküssen. Ihr Bräutigam hatte etwas Feierlich-Verlegenes eines älteren Junggesellen, während er die Glückwünsche in Empfang nahm. »Na, künftiger Halbschwager! Du siehst ja recht erleichtert aus«, sagte der unverbesserliche Malte. »Nun hast du aber auch die moralische Pflicht, ein Mandarin vom ersten Knopf zu werden! Unter der Exzellenz tut's Thilde nicht« »Mit so einer Frau kann es nicht fehlen«, versetzte der Geheimrat aus der Wilhelmstraße stolz. Er hatte Klothilde von Pritzigs schmächtigen, bloßen, linken Arm so behutsam in den seinen geschoben, als könne er zerbrechen. »Ich hoffe das Beste!« »Mögen sich alle guten Wünsche erfüllen, die wir für die Zukunft für euch und für Deutschland hegen!« Graf Pritzig-Zackenzin sprach es ernster als die lachenden Gesichter umher. Es war Leo Nimis zumute, als befände er sich plötzlich in einer großen, fremden Familienfeier des alten Preußen. Niemand achtete darauf, daß er still den Saal verließ. III. Am Niederrhein strömte der Regen vom bleifarbigen Herbsthimmel. Die beiden Schienenpaare der Bahnlinie bauchten sich zu zwanzig, dreißig Strängen. Kohlenzüge dampften auf ihnen und wieder Kohlenzüge. Ein Rattenkönig von Lokomotiven fauchte auf der Drehscheibe neben der Einfahrt. Der Bahnhof, in dem der Berliner Schnellzug hielt, schien der einer Großstadt und war doch nur ein Wasserkopf im Verhältnis zu dem schmutzigen, regennassen Fabrikstädtchen dahinter. Aber dieses Städtchen war selber nur die Kreuzspinne in einem weiten Netz von Industriefäden. Tief in das flache Land hinein, bis zum Himmelsrand, rauchten einzeln und in düsteren Büscheln die Schlote. Kaum stand der Zug, so füllte schon, von einem naßkalten Herbstwind herbeigetragen, ein unermüdliches, überall und nirgend aufsteigendes, nahes und fernes Summen und Brummen, Hämmern und unbestimmtes Heulen der Arbeit die trübe Luft. Das alles farblos, bleich, unfroh, unwirklich. Leo Nimis kannte aus anderen Ländern den dumpfen und stumpfen Alltag im Reich der Kohle und des Eisens. Er ging mit der Flut der aussteigenden Reisenden den Bahnsteig entlang. Es waren fast nur Herren, alte und junge, mit Mappen unter dem Arm und eiligen Geschäftsgesichtern. Am Ausgang schimmerten die Helme eines Schutzmannsaufgebots, ein Zeichen, daß irgend etwas im Lande nicht ganz in Ordnung war. Hütelüften um sie. Fragen der Ankommenden an die sie Erwartenden: »Wie steht's in Lütthahn?« »Vorläufig arbeiten sie noch!« »Der alte Buschbeck soll sich zum Donnerwetter mit seinen Leuten vertragen! Wir andern tun's doch auch!« »Halt! Wo will der Herr hin?« Leo Nimis blieb aus den Anruf des Schutzmanns stehen und erkundigte sich nach der Hütte ehemals A. Buschbeck A.G. »Knapp 'ne Viertelstunde mit dem Wagen. Jetzt, wo die Straße leer ist. Mittags vom Schichtwechsel ab, könnte sein, daß polizeilich gesperrt wird!« »Warum sind denn die Leute hier so aufgeregt?« »Der Haupthetzer, ein gewisser Robert Nimis, ist ausgewiesen! Er soll heute abend die Stadt verlassen. Bei seiner Abreise wird's schon unruhig zugehen!« Und trotz der unsicheren Lage ringsum im Schwirren der Gespräche das Geschäft. »Der Bergrat kommt heute mittag zurück!« »Das ist Sache vom Syndikus! Da hab ich ...« »Junge Aktien?« »Gehen Sie mir nur mit dem Kunden vom Leib! Oberfaul!« »Natürlich! Natürlich! Nur immer das Mädchen für alles!« »Warum nehmen Sie auch sieben Aufsichtsratsposten an, Herr Kommerzienrat!« »Wenn das Kartell die Halbfabrikate ...« »Stahlknüppel nach Amerika!« »Krause ... Mensch ... Sie sind wohl schwach auf der Brust? Der alte Buschbeck schmiert sich Kinder wie Sie zum Frühstück aufs Butterbrot!« Leo Nimis fuhr in der klapperigen Droschke die lange, lärmende Bahnhofstraße hinab, durch die schmutzige Einförmigkeit der Fabrikstadtgassen. Farbloses, verwaschenes Menschengewimmel, lieblose Lädchen, Gebirge von Musterkoffern vor schäbigen Hotels, geschmacklos prunkende öffentliche Gebäude im Rohziegelbau, dann unvermittelt, im Kern der Altstadt, ein Stück deutsche Vergangenheit, eine Reihe windschiefer Giebel, ein zopfiges Rathaus, ein Ahnen aus fernen Zeiten, daß hier, wo jetzt der seine Kohlenstaub alles füllte, dereinst der Schwanenritter auf den Fluten des Niederrheins zum Gotteskampf für Edo von Brabant gefahren – endlich die Stille der Villenvorstadt, in der die Fabrikleiter, die Vorsteher der Bankfilialen, die Ingenieure und Hüttenkundigen wohnten. Es war schwer, zu sagen, wo die Stadt aufhörte. Man war auf der freien Chaussee. Aber eine Fabrik folgte der anderen, die düsteren Schlackenhalden türmten sich immer wieder neu, im Grund von Kieskratern spiegelte sich ölige, schwarze Flut. Da häufte sich verrostetes Alteisen. Morsche Bretterwände trieften im Regen, reihenweise standen, wie von schadenfroher Riesenhand mitten in die lebende Wüste hineingesetzt, die kleinen Häuschen. Leo Nimis kannte dies Land ohne Freude und Farbe. Es mochte sich Borinage oder Donetzbassin nennen, die Dreikaiserreich-Ecke oder das Tal von Tydvil – das Bild war auf der ganzen Erde gleich, wo immer sich die unterirdischen Bänke schwarzer Diamanten gierig in das Grün der Erde und das Blau des Himmels hineinfraßen. Er sah nicht hin. Er dachte beharrlich an das Fräulein von Pritzig und an den vorgestrigen Abend und ihre altmärkische Welt, die von dem grauen Nebelheim des neunzehnten Jahrhunderts hier so entfernt schien, als läge sie im Mond. Wie eine trügerische Luftspiegelung stieg plötzlich bei der Wegbiegung aus dem hoffnungslosen Grau ein üppiger Part mit Wiesenflächen, Baumgruppen und geschlängelten Kieswegen einen Hügel hinan. Ein mächtiges weißes Landhaus krönte ihn. In seinem Bau war ängstlich alles vermieden, was durch Türme und Zinnen an ein Schloß erinnern konnte. Der Wagen fuhr respektvoll unter vorbei, längs einer endlosen Reihe von Fabrikgebäuden. Durch die offenen Fenster sangen hundertfach die Räder, summten die Riemen. Funken tanzten in dem Halbdunkel innen, aufgerissene Schlünde glühten purpurn, weiße Augäpfel lachten sonderbar grimmig in schwarzberußten Gesichtern, Irrlichter hüpften im Sand des Bodens, Regenbogendämpfe wallten über weißbrodelndem Brei, Schwungräder kreisten, daß der warme Sturmwind wie ein Gruß vom Süden bis in den offenen Wagen wehte. Güterwaggons rollten über die Anschlußgleise. Es war eine lange Fahrt im Rauch und Ruß der Lütthahnschen Werke, bis die Droschke endlich vor dem vierstöckigen Verwaltungsgebäude hielt und Leo Niemis im Vorzimmer des Generaldirektors August Buschbeck stand. Der große Warteraum war voll von Menschen, wie in der Sprechstunde eines berühmten Arztes, nur daß es lediglich Herren waren. Alle trugen Aktentaschen bei sich. Alle hatten bleiche Stubengesichter. Die jüngeren schauten mehr rechthaberisch aus, die älteren mehr grämlich, aber dumm keiner. Alle litten an verbissenem Willen. Ein Arbeitskrampf schien ihnen gemeinsam. Sie kannten sich alle untereinander, grüßten sich und verhandelten gedämpft in mißtrauisch voneinander abgetrennten Gruppen. Dr. Rödicke, August Buschbecks Privatsekretär und rechte Hand, ein junger Herr mit Kneifer und Spitzbart, ging unbeirrbar liebenswürdig zwischen ihnen hin und her, verschwand im Nebenzimmer, erschien wieder aus der dickgepolsterten Tür. Hinter der Matratze grollte es. Eine zornige Stimme überschlug sich in weinerlicher Wut. Die Kundigen im Vorraum schauten sich vielsagend an und lachten. »August spielt den wilden Mann!« sagte einer halblaut. »Rödicke ... können Sie ihn nicht bändigen?« »Der wird ja gemeingefährlich!« »August ... August ... Du bist'n Gemütsmensch!« »Sie kennen ihn doch, meine Herren!« beschwichtigte Dr. Rödicke und schlüpfte wieder in das Allerheiligste. »Was? Unruhen? Den Stänker auf den Trab! Heute abend per Schub an die frische Luft! Wozu zahl ich denn Steuern? Wozu hab ich denn Gendarmen? Ich bin mit anderen Leuten fertig geworden als mit diesem verbummelten darmhessischen Studenten!« Eine breite, graubehaarte Hand, von der man hätte glauben können, daß sie noch wie die Vorfahren, die Bergknappen, tief unten in der ewigen Nacht des Schachts das Gezähe wider den Kohlenflöz schwang, durchsägte mit einem riesigen Bismarck-Bleistift wie mit dem Zepter eines ungekrönten Kohlenkönigs die Luft. Durch die grimmige Bewegung zerrissen die bis zur Decke des mächtigen Raumes wallenden Zigarrenwolken. In dem Spalt erschien ein grauschopfiger, grämlicher Kopf zu Ende der Fünfzig. Die Nase trug kurz und breit mit geblähten Nüstern die goldene Brille. Darüber buckelten sich zwei Stirnhöcker. Die infolge einer Nervenreizung stets leicht tränenden Augen machten einen wehleidigen Eindruck. Ein schütterer, struppiger Graubart verdeckte die Wangen und die zähe Willenskraft der Kiefern. »Wenn ihr euch in die Hosen macht – bei mir wird gearbeitet!« sagte August Buschbeck und verabschiedete im Sitzen einen vor Aufregung etwas bleichen Hüttenkollegen. Es war kein gemütliches Grinsen, mit dem er dabei die schadhaften, vom ewigen Rauchen gelben Zähne zeigte. Es war das Spiel des alten Katers mit den Mäusen. Das Behagen, daß der Gast drüben auf dem anderen Stuhl – und wer als Gast dasaß, war Gegner – dem alten Buschbeck nicht das Wasser reichte. An der Wand über dem Schreibtisch hing ein Lenbach-Bild Bismarcks, wie des Schutzpatrons des Willens, des Kampfes und der Macht. Auf dem Tisch stand das Frühstück eines an chronischer Nikotinvergiftung Magenleidenden: ein Apfel und ein Glas Milch. August Buschbeck lächelte schadenfroh. Er hatte die glimmende Zigarre neben sich gelegt, schälte sich zwischen den langen, behaarten Spinnenfingern seinen Apfel, nahm abwechselnd einen Bissen davon, einen Schluck Milch, einen Zug aus der Havanna. Die weißen Tropfen perlten in seinen grauen Bart. Er legte ein Büchschen mit Magenpastillen vor sich hin, und während er eine Pille zwischen die zitronenfarbenen Zähne schob, schnaubte er den nächsten Besucher an. »Lächerlich! Wenn meine Anträge von einer sogenannten Mehrheit abgelehnt werden ...« »Unser Recht, Herr Generaldirektor!« Der fremde, dicke Herr, der sich ächzend in den Sessel jenseit des Schreibtisches geworfen hatte, machte selber keinen kindlich unerfahrenen Eindruck. Aber vor dem breit drohenden Wetterleuchten auf dem rauchumsponnenen Graukopf drüben wurde er doch kleinlaut. »... dann trete ich aus dem Kartell aus! Dann sprenge ich euch die ganze Pastete! Ohne mich heißt gegen mich! Meine Kanonen sind längst geladen!« »Der alte Herr sollte sich nicht so aufregen«, sprach im Vorraum einer der Wartenden zu Dr. Rödicke. »Es schlägt ihm auf den Magen, und mit seinem Magen steht er ebenso auf Kriegsfuß wie mit der ganzen übrigen Welt!« Der Privatsekretär hatte die lautlose und besänftigende Umsicht eines Krankenwärters, während er zu seinem Herrn und Meister hineinglitt. Den traf er plötzlich in umgänglicher Laune, wie oft nach vergrolltem Ungewitter, in behäbigem Aufschauen zu einem einfachen Mann, der vor ihm stand. »Gadegast! Sie sind doch einer von den Vernünftigsten. Reden Sie mit den anderen Werkmeistern, daß sie mir auf die Leute einwirken! Die Leute sind zufrieden ...« »Herr Generaldirektor ...« »Die Leute sind zufrieden! Das weiß ich. Und was die Drohung mit dem Teilstreik der Kesselnieter betrifft, so lege ich daraufhin meinerseits den ganzen Betrieb still. Ich bin schon lange darauf gerüstet. Es liegt mir ohnedies viel zu viel Halbzeug auf Lager ... Mahlzeit!« August Buschbeck wechselte die Kampffront. Er warf sich im Sessel herum gegen einen neuen Feind. Die Besucher wechselten. Aber die Wetterecke gegenüber teilte immer neu ihre elektrischen Schläge aus: »Auf gut deutsch, mein Bester: Wenn Sie mir mit dem Verfahren ins Gehege kommen, mach ich Sie tot!« Der Hausherr klopfte gemütlich die Asche von seiner Zigarre. »Einfach tot«, wiederholte er geschäftsmäßig, die Havanna wieder zwischen den großen, gelben Schneidezähnen. »Kommt mir auf Schleuderpreise gar nicht an, wenn mir jemand lästig wird! Dem schmeiß ich mit Vergnügen 'ne Million nach ins Grab!« Der eintretende Diener zitterte, während er einen Stoß Depeschen auf den Tisch legte und auf den Fußspitzen wieder hinausschlich. August Buschbeck hatte jetzt etwas von breiter Gemütlichkeit. Er vertraute dem nächsten paffend durch den Rauch der Zigarre hindurch an: »Die Stadtverordneten sind Esel!« »Herr Generaldirektor ...« »Die Stadt hat mir entgegenzukommen!« »Das tut sie ja fortgesetzt!« »Kein Dittchen zahl ich für das Gelände für die neue Anlage. Das gibt mir die Stadt unentgeltlich!« »Die Nebenbewohner beschweren sich über den künftigen Lärm!« »Sollen sich Watte in die Ohren stopfen. Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Die Arbeit geht vor. Was? Der Magistrat? Wenn der Magistrat muckt, verleg ich meinen neuen Betrieb in die Rheinpfalz! Dann schluckt Bayern meine Steuern! Ist schon alles vorbereitet! Na, sehn Sie wohl!« Der alte Herr summte bösartig schalkhaft, die Zigarre schräg im Bartgewirr. Es war ihm höchst gleichgültig, daß ihm jetzt ein großes Tier der Regierung gegenübersaß. Plötzlich flackerte wieder der Rotkoller. »Ein für allemal: Ich verbitte es mir, daß mir die Regierung in die Töpfe guckt!« »Aber gestatten Sie ...« »Ich bin hier die Regierung! Kümmern Sie sich lieber um die unzufriedenen Elemente im Land! Es wird viel zu schlapp regiert! Ich besorge meine Angelegenheiten schon selber!« Es roch nach Pech und Schwefel im Zimmer nach all den schlagenden Wettern dieses Tags. August Buschbeck war allein. Er schob Apfelschalen, Telegramme, Zigarrenstummel, Visitenkarten von sich und erhob sich, den zerknitterten dunklen Rock über und über mit Asche bestreut, dürr und hoch, mit viereckig breiten, knochig ausladenden Schultern, weitem, flachem Brusttasten, langen Armen – schweres, durch Geschlechter an zähe Arbeit gewohntes Bergmannsblut. Er wusch sich die Hände und trocknete sie ab. »Niemand mehr draußen, Rödicke?« »Der Amerikaner, Herr Nimis.« »Den hab ich ganz vergessen!« Der Alte wußte es ganz genau. Es war Berechnung. Sein Privatsekretär besaß die Gabe, sich rückwärts, behend und vorsichtig, wie ein Tierbändiger aus dem Löwenkäfig aus dem Zimmer in den Vorraum zurückzuziehen. Der war jetzt leer und doch die Luft noch voll von Prozessen, Patenten, Kalkulationen, Kontrakten und Konkurrenzklauseln. Der junge Mann, der allein noch da saß, sprang auf, trat bei dem Gewaltigen von Lütthahn ein, reichte ihm ohne weiteres die Hand und sagte freundlich: »Eben wollte ich gehen! Länger als eine Stunde warte ich grundsätzlich nicht. Die Zeit meiner Auftraggeber ist zu kostbar.« August Buschbeck riß die Augen auf, die klein und wässerig waren und mehr schlau als gewalttätig wirkten. Er schaute dem andern beinahe wehmütig in das ruhige, schnurrbärtige Antlitz, so sehr war er verblüfft. Dann kam der Koller: »Glauben Sie, daß ich zu meinem Vergnügen hier sitze? Ein alter Esel von fast sechzig? Ich leb von Milch und Äpfeln! Ich kratze für die Aktionäre fünfundzwanzig Prozent Dividende heraus, und dann schreien sie noch in der Generalversammlung ...« »Schon gut! Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Herr Generaldirektor.« Entschuldigen? ... Er? ... August Buschbeck traute seinen Ohren nicht. So ein Mensch war ihm noch nicht vorgekommen! Seine Stimme überschnappte sich in hellem, wimmerndem Zorn. »Überhaupt ... Sie bringen mir schon einen netten Namen mit herein! ... Hier läuft ein verlotterter Student herum und hetzt mir die Leute auf! ... Der Kerl heißt auch Nimis. Robert Nimis. Genau wie Sie!« »Es ist mein Vetter aus Darmstadt!« »Kennen Sie ihn?« »Wir haben vor fünf Jahren in Göttingen zusammen studiert. Da waren wir häufig zusammen!« »... Angenehme Verwandtschaft ... gratuliere ...« »Danke. Es war mir damals ganz interessant, seine Ansichten zu hören ...« »... wie man den Arbeitern faustdicke Flöhe von Lügen ins Ohr setzt?« »Lieber Gott! Ich bin in meiner Art auch ein Arbeiter, Herr Generaldirektor! Sie auch! Ich sehe da gar keinen großen Unterschied!« »So?« »Ich glaube nicht, daß es gut ist, daß ihr euch gegenseitig als Feinde betrachtet!« »Ich habe hier zu befehlen«, sagte August Buschbeck. »Ja. Es scheint!« »... und was ich will, geschieht!« Dr. Rödicke schaute besorgt durch den Türspalt und verschwand. Seinem Ohr war die Stille vor dem Sturm verdächtig, August Buschdeck wurde kampflustig: »... und für Ihre Weisheit dank ich! Wie kommen Sie mir überhaupt vor, Herr Nimis? Wissen Sie, wo Sie sind?« »In einem Office mit unmodernen Geschäftsformen, Herr Generaldirektor!« »Sie werden mich belehren, was Geschäfte sind! Wer sind Sie denn?« »Sie wissen ja ganz genau, wen ich vertrete!« Der feuerspeiende Berg drüben entlud sich. August Buschbeck schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die aufgehäuften Depeschen wie ein Taubenschwarm aufflatterten. Das Tintenfaß spritzte und bildete mit dem Rest aus dem Milchglas auf dem roten Maroquinleder der Schreibtischplatte die Reichsfarben. Der alte Herr sprang auf und schrie in Fisteltönen von Wut: »Ich verbitte mir, daß man mir einen beliebigen grünen, jungen Mann herüberschickt! Dazu bin ich nicht da! Dann wird nichts aus dem Geschäft!« »Gewiß nicht!« sagte Leo Nimis kaltblütig. Er hatte sich auch erhoben. »Ich werde umgehend hinüberkabeln, daß wir das Geschäft allein machen!« »Was?« »Ich hatte das von vornherein empfohlen! Wir werden doch das Geschäft nicht aus der Hand lassen! Wozu sollen wir andere beteiligen? Wir bauen Ihnen hier einfach die Konkurrenzfabrik vor die Nase. Geld haben wir wie Heu! Wir werden Ihnen schon warm machen, Herr Generaldirektor!« August Buschbeck tat, als hörte er gar nicht zu. Er stand und war mit einer zärtlichen Sorgfalt, die man dem verbitterten alten Mann nicht zugetraut hätte, damit beschäftigt, das tiefe Galeriebraun des Lenbachschen Reichskanzlerbildes mit seinem schon bedenklich benutzten Sacktuch von Milchspritzern zu reinigen. Dann setzte er sich, als sei nichts geschehen, und winkte dem andern, nachdem sein gewohnter Einschüchterungsversuch, zu dem dessen Jugend ihn verleitet hatte, mißglückt war, freundlich zu, er möge doch wieder Platz nehmen. Der Alte war auf einmal ganz jovial geworden. Er lehnte sich gemütlich dampfend zurück, drehte geschäftsmäßig die breiten, kurzknochigen Daumen, die in ihrer Form etwas Gewalttätiges hatten, und sagte: »Ich bin nämlich manchmal ein bißchen nervös!« »Oh – das macht nichts!« »Nun wollen wir uns mal mit dem Patent beschäftigen, Herr Nimis, und dann essen Sie oben bei mir 'nen Löffel Suppe!« Das Landhaus auf dem Hügel wirkte von außen unauffällig bürgerlich in seinen einfachen, viereckigen, weißen Linien. Innen strotzte es wie ein Fürstensitz von Silber und Livreen, Gobelins und alten Persern. Billiger Basarkitsch von Marienbad und Schwalbach stand neckisch dazwischen. Durch die mächtigen Fenster des Speisesaals sah man weithin über das tote Grau der Ebene und den verrußten, bleifarbenen Himmel. August Buschbeck zählte, während er gallig schweigsam seine abgewogenen zwei Löffel rohes Schabefleisch verzehrte, im Geist die Schornsteine unten. Es waren viele, die nicht mehr rauchten. Streik ... Streik ... »Ach, die gottlosen Menschen«, seufzte seine Frau. Das behaglich mütterliche, breite, rote Gesicht der kostbar gekleideten alten Dame war unter dem weißen Spitzenhäubchen freundlich bekümmert. »Dein Vater war doch auch noch so ein gottloser Mensch, Mama! Und der von Papa auch!« »Ottonie!« Aber die älteste Tochter ließ nicht locker. »Wir stammen doch von Bergleuten und Bauern ab. Dein Vater, Mama, hat doch erst auf seinen Kartoffelfeldern Mutung eingelegt, und davon haben die Mirisch die vielen Kuxe und die Masse Geld!« Ihrem Bruder Max, der die silberblaue Attila der Königshusaren trug und eben bei dem feudalen Regiment in Bonn eine Reserveleutnantsübung machte, glitt eine nervöse Abwehr über das sorglose Erbprinzentum der Züge. »Behalte das doch wenigstens für dich, Ottonie, bis der Diener hinaus ist.« »Glaubt ihr, der Johann wüßte das nicht? Das wissen sie alle. Macht nur Gesichter, als hattet ihr Zahnschmerzen. Deswegen ist's doch wahr.« Leo Nimis sah verstohlen auf seine Nachbarin zur Linken. Ottonie Buschbeck lächelte, während sie ihre Suppe löffelte, sonderbar in sich hinein. Ihr Profil war für eine Zweiundzwanzigjährige in feiner Regelmäßigkeit streng. Sie sah dadurch älter aus. Man kannte ihr Antlitz erst, wenn es sich, wie jetzt, dem Beschauer voll zuwandte. Dann lebten darin unter dem schwarzen Scheitel und den schwarzen Brauen zwei dunkelblaue Augen. Diese Augen lagen tief und hatten eben dadurch ein seltsames, innerliches Feuer. Durch sie schienen die an sich ansprechenden, aber nicht schönen Züge vergeistigt. Dabei hatte sie eine ganz trockene Art zu reden, als sei alles, was sie sagte, selbstverständlich. Sie war groß und schlank, für ein junges Mädchen zu farbenscheu gekleidet. Ihre Mutter maß sie mit einem gewohnheitsmäßigen, strafend hoffnungslosen Blick. Dieser Familienauftritt schien nichts Neues. »Dabei lachst du auch noch, Ottonie.« »Ja, es ist doch auch wie für die ›Fliegenden Blätter‹. Wenn das Tinettche jetzt heiratet, wird sie hochgeboren. Der Max ist als Sommerleutnant hochwohlgeboren – ich bin gar nicht geboren, und dabei haben wir alle drei dieselben Großpapas, und die haben feste gearbeitet.« »Es ist ein Kreuz mit dem Kind.« »Was soll denn Herr Nimis von dir denken.« »Ach, er kommt aus Amerika. Da sind die Leute vernünftiger.« »Dabei plappert sie auch noch Familiengeheimnisse aus ... Eigentlich ist's ja kein Geheimnis mehr, Herr Nimis. Unser Tinettche ist verlobt!« Das Tinettche, die Neunzehnjährige, war kleiner als ihre Schwester Ottonie und schon beinahe zu mollig auseinandergegangen. Rundlich und rosig und niedlich. Ein Stupsnäschen. Frische Backen. Neckische Guckäugelchen in dem vollen Kindergesicht. »Mein Glückwunsch, gnädiges Fräulein. Und Ihnen, Herr Graf.« Graf Mettenberg, der Deutsch-Wallone mit der südlich gelben, aber warmen Gesichtsfarbe, den dunklen, welschen Mandelaugen und dem schwarzen Stutzerbärtchen, verbeugte sich höflich dankend. Er war mit einem Stich ins Pariserische etwas auffallend lebemännisch gekleidet. Eine schwarze Atlasbinde schlang sich dreimal um seinen hohen Stehkragen. Die Orchidee im Knopfloch saß unter der Rockklappe in einem Wassergläschen, das sie frisch erhielt. Der Nagel am kleinen Finger erinnerte in seiner mattpolierten Länge an die Steinzeit. Fräulein Ottonie forschte mit unterdrückter Bosheit: »Waren Sie auch heute in der Messe, Mettenberg?« Der Graf bejahte ernsthaft die selbstverständliche Frage. Ein feiner Weihrauchdunst umwitterte ihn, ein Hauch jener alten Geschlechter in Westfalen und am Niederrhein, die im Heiligen Römischen Reich einst den Kursitzen von Köln, Trier und Mainz ihre kriegerischen Kirchenfürsten gegeben und die Domkapitel mit ihren jüngeren Söhnen bevölkert hatten. Jetzt noch rang hier überall die alte Welt, in der man aus dem Erz Kirchenglocken goß, mit der neuen, die es bei Krupp in Kanonen und Lokomotiven verwandelte. Der Hochofen glühte neben dem seit den Maigesetzen gesperrten Männerkloster, die Dampfpfeife des Hüttenwerks heulte in dem englischen Gruß, Fabrikmädchen und Nonne saßen nebeneinander in der Pferdebahn. Es war Kampfstimmung am Tisch. Sie ging von Fräulein Ottonie Buschbecks seltsamen, tiefbrennenden blauen Augen aus. Leo Nimis wollte als Weltmann ablenken. Er wandte sich an den Sohn des Hauses. »Wie geht es Ihnen? Wir haben uns seit Göttingen nicht gesehen.« »Danke. Es macht sich. Ich habe den Assessor glücklich hinter mir. Ich arbeite jetzt auf den Landrat los!« »Sie auch, Graf Mettenberg?« »Nein. Ich bin in der geistlichen Abteilung des Kultusministeriums in Berlin.« Es klang höflich, aber gemessen. Die beiden Korpsbrüder hatten es dem jungen Manne nicht vergessen, daß er es damals verschmäht, in ein Patentkorps wie die »Cimbria« einzuspringen. Der Wallone aus der rheinischen Römlingsfamilie fügte hinzu: »Man muß doch schließlich seiner preußischen Heimat dienen!« Ottonie Buschbeck schlug die mageren, weißen, nervösen Hände im Schoß zusammen. »Preußische Heimat! Das ist gottvoll! Das müssen Sie noch einmal sagen!« »Liegt unser Majorat nicht in Preußen?« »... weil Ihr ältester Bruder sein Schloß nicht auf den Buckel nehmen und wegtragen kann! Aber wo ist Ihr zweiter Bruder? Kämmerling oder so was beim Cumberländer in Gmunden. Holländerin zur Frau. Gelbweiße Fahne auf der Villa.« »Aber ...« »Der dritte? Bitt schön: K. und K. Rittmeister bei den Mantecuccoli-Ulanen in Galizien! Polin zur Frau! Sie haben selbst erzählt, die Kinder balgten sich auf dem Teppich und wüßten nicht, ob sie österreichisch, sarmatisch oder reichsdeutsch seien!« »Trotzdem ...« »Der vierte Bruder Generalstabshauptmann in Dresden ... Der fünfte im Priesterseminar in Belgien.« »Was hat denn das mit Preußen zu tun?« »Ottonie! Jetzt sei mal endlich still!« »Ich möchte wissen, was dich die Grafen Mettenberg angehen!« »Ach, nicht 'nen Deut! Aber die Lüge ist was Schreckliches! Wenn wir den Mund aufmachen, beschwindeln wir uns oder andere!« »Heute legst du's aber wirklich drauf an«, sagte die alte Dame hilflos und fast weinend. »Der Streit regt sie so auf. Da ist sie noch verdrehter als sonst!« »... und das will wahrhaftig was heißen«, half das Tinettchen dem Husaren. »Zum Beispiel ... da das Rebhuhn!« Ottonie Buschdeck schob mit einer plötzlichen Leidenschaft ihren Teller von sich. »Wodurch verdien ich eigentlich 'n halbes Rebhuhn? Ich tu ja nichts! Ich darf ja nicht!« »Gräßlich ist das Mädchen«, sagte ihr Bruder halblaut. Der alte Buschbeck verhielt sich zu Leo Nimis' Erstaunen still. Er schien es seiner Tochter gegenüber schon aufgegeben zu haben. Er stocherte sich grämlich in den gelben Zähnen, obwohl er so gut wie nichts gegessen hatte, und durchbohrte den eintretenden Diener mit dem tränenden Schimmer der Augäpfel. »Was stehen Sie denn da wie ein altes Weib, das Bauchgrimmen hat?« »Herr Dr. Rödicke ist draußen!« »Soll warten! Kann er sich selber sagen!« »Herr Dr. Rödicke läßt bestellen, es würden für den Abend ernsthafte Unruhen befürchtet ...« »Wo steckt denn jetzt der Kerl, der ausgewiesene Bummelstudent?« »Schade, daß man ihn nicht kennenlernen kann«, sagte Ottonie. »Er ist jetzt am Bahnhof im Gasthaus zum Hähnchen! Und da wollen sie von allen Seiten abends hinziehen und Krawall machen, wenn er abfährt!« Die Nüstern des Alten blähten sich beinahe behaglich, Kampf und Lärm waren seine Lebenslust. Er stand in seiner dürren, knochigen Länge auf, wiegte sich breitbeinig und kriegslustig von einem Fuß auf den andern und biß sich schon wieder die Spitze einer neuen Havanna ab. »Augustchen ... reg dich nur nicht auf, wenn die Menschen so böse sind!« August Buschbeck lachte zu der ängstlichen Bitte seiner Frau. »Verrückt sind sie! Wie immer! Ich werd sie schon kurieren! Zu was haben wir denn die Polizei?« »Es ist eine Schande«, sagte Ottonie. Man antwortete ihr gar nicht mehr. »Da muß durchgegriffen werden! Die Leute müssen mal ihren Herrgott kennenlernen!« »Die Leute haben ganz recht!« »Still!« »Ottonie! Reize Papa nicht noch!« »Ich würd so furchtbar gern hinuntergehn und ihnen sagen, daß sie recht haben!« »Meine Älteste ist nämlich leider nicht ganz zurechnungsfähig«, sprach August Buschbeck zu dem Gast. »Ich hab doch oft genug Hosen angezogen und bin in den Schacht eingefahren ...« »... bis ich dir den Unfug verboten hab!« »Wie ein Neger kam das Kind aus dem Bergwerk zurück. Man schämte sich vor den Leuten!« »Würdet ihr den ganzen Tag da unten auf dem Rücken liegen und draufloshacken? Warum gehören denn die Flöze eigentlich uns? Wir haben doch nichts dazu getan. Wir haben einfach obendrauf gewohnt und keine Ahnung gehabt! Und plötzlich waren wir reich, und die andern hatten nichts!« Jählings flog bei August Buschbeck die schlummernde Pulvermine auf. Das Zimmer zitterte von seiner hellen, weinerlichen, vom Rauchen belegten Stimme. »Klappe zu! Jetzt hat's geschnappt! Auf der Stelle! Ich verbitte mir, daß du hier deine ungewaschene Weisheit auskramst, du ... du ... du Kalb du ...« »Augustchen ... Augustchen ...« »Ach, kümmere dich um deine eigenen sieben Zwetschgen, Mama! Ich bin, weiß Gott, ein ruhiger Mensch! Aber das wird mir zu toll! Da ... sie lacht noch ...« August Buschbeck sagte es beinahe andächtig vor Wut. »Sie hat die Stirn und sitzt da und lacht ...« »Ungeratenes Kind!« Es war kein Lachen, aber ein Lächeln auf Ottonies Gesicht. Ein still in sich gekehrtes Lachen, das von innen kam und nach innen zurücklief. Sie hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und die fanatischen blauen Augen niedergeschlagen und saß so gelassen, als ginge sie der Lärm umher nichts an. »So was an Eigensinn lebt doch nicht wieder! So ein Familientanz belustigt sie noch. Es läuft wie Wasser von ihr ab! Na, warte!« Ottonie Buschbeck schwieg und lächelte verstockt. »Ottonie ... antworte doch wenigstens Papa!« Sie schwieg und lächelte weiter. »Herr Generaldirektor, der Herr Landrat möchte Sie sprechen!« »Ich komme! Es ist heute ein bißchen unruhiger Tag, Herr Nimis! Wir sehen uns noch vor Ihrer Abfahrt. Vielleicht gehen Sie unterdes ein wenig im Park spazieren.« »Sehr gern!« Leo Nimis wollte die aus den Fugen gegangene Familie von seiner Anwesenheit befreien. Aber als er den Mantel umwarf und in den Herbstnachmittag hinaustrat, gesellte sich zu seinem Erstaunen Ottonie Buschbeck zu ihm in bloßem, schwarzem Kopf, ein Spazierstöckchen in der Hand, sehr gemütsruhig. »Ist es Ihnen recht, daß ich Ihnen ein bißchen den Park zeige?« »... wenn Ihnen meine Gesellschaft genügt, gnädiges Fräulein!« »Sie kommen von weither! Da sind Sie doch wohl ein vernünftigerer Mensch als sonst hier ...« Sie gingen zusammen den ebenen Rundweg oben auf dem Hügelrücken entlang. Ottonie Buschbeck schüttelte sich dabei, nicht wegen des Windes, in dem der puritanisch einfach geschnittene graue Rock um ihre schlanke, große Erscheinung flatterte, sondern in einer Abwehr von innen. »Hier ... da könnte man ja ...« Die Bäume des Parks standen grauumflossen in buntscheckigem Harlekingewand des Herbstes. Welke Blätter gaukelten in der zähen, bitter nach Nebel riechenden Luft und dämpften, am Buden verwesend, den Schritt. An einzelnen Stellen des Pfads waren Aussichtsbänke angebracht. Ottonie blieb stehen. »Von hier aus kann man zuschauen, wie sie unten schuften ... Ach ... das ist alles so ...« »Sie nehmen die Dinge wohl auch sehr schwer, gnädiges Fräulein!« »Gott sei Dank bin ich kein Spatz. Bei den Bergleuten, von denen ich stamme, gab es immer so viel Spintisierer. Die Knappen waren doch früher so fromm. Zum Teil sind sie's noch. In meiner Familie hat's immer so viele Fälle von Mystik gegeben.« Im Weiterschreiten setzte sie hinzu: »Die Leute konnten sich wahrscheinlich selber nicht klarmachen, was in ihnen war. Sie waren zu dumpf. Das vererbt sich. Es ist so viel gebunden in einem. Unerlöst ...« Und dann, gequält: »Es ist doch auch eine Art Frömmigkeit. Praktische Frömmigkeit. Man möchte sich nützlich machen! Etwas tun! Rechtfertigen, daß man auf der Welt ist! Und du sitzt man nun ...« Sie hatten auf einer Bank Platz genommen. Ottonie fuhr fort: »Da sitzt man, und da unten ringt's und tobt's. Äußerlich scheint es ja tot. Aber die Leute leben. Sie leben innerlich. Viel mehr, als Papa ahnt. Ich hab viel mit ihnen gesprochen. In letzter Zeit heimlich. Es ist mir ja verboten.« Aus der weiten Ebene tönte ein dumpfes, beinahe feierliches Summen von Maschinen- und Menschenwerk. Die Schlote dünsteten in schweren, schwarz schwelenden Schwaden. Grellrote Funken tanzten als Feuergeister in dem düsteren Atem der Arbeit. »Kommen Sie wir wollen weitergehen. Der Anblick macht mich immer so trübe. Diese Stimmung kennen Sie natürlich nicht.« »Ach – ich bin selber so traurig!« »Sie?« Das junge Mädchen sah ihn erstaunt aus ihren leidenschaftlichen, tiefliegenden blauen Augen an. Eine plötzliche Welle von Zutrauen flutete von ihr zu ihm. »Warum denn?« »Ach – das hat nichts mit dem hier zu tun ...« »Sie sind doch ein Mann. Sie haben's gut. Sie können sich regen. Sie reisen weiter und vergessen das Zeug hier! Deswegen kann man ja mit Ihnen darüber vernünftig reden.« Aus der Offenherzigkeit gegen ihn, den Fremden, begriff er ihre Vereinsamung in ihrer Familie. Dabei kam er selber sich so unendlich einsam vor ... verlassen ... verraten ... Der Regen rieselte. Silberperlchen hefteten sich in Ottonie Buschbecks glänzenden Schwarzkopf. Sie beachtete es nicht. Es schien ihr eine Befriedigung, sich wenigstens im kleinen dem Wetter, den Winden, dem Ungemach darzubieten. »Ich bin heute so merkwürdig aufgeregt«, sagte sie. »Man hat so Zeiten. Es steckt an. Das ganze Land ist aufgeregt. Die große Lüge wackelt wieder mal. Aber sie kommt schon wieder ins Geleise. Da bin ich unbesorgt, solange Papa lebt. Eine liebe Tochter – werden Sie denken. Ich mein es gar nicht so. Man ist, wie man ist. Man hat ja so viel in sich. Aber wo wird man's los?« Er nickte. Wo wird man seine Liebe los? Im Nebel wölbte sich vor ihm ein bunter Schleierbogen von Heiligenschein. Das Fräulein von Pritzig stand in seinem Strahlenglanz, den braungoldenen Schimmer des Haares als Krone über dem schönen Haupt, mit weißem Gesicht und hellen Augen, lachend wie eine junge Königin ... die Märchenprinzessin verschwand ... Berlin lag fern ... Leo Nimis war's weh ums Herz. Er war froh, daß er nicht allein war, sondern ein anderer leidender Mensch neben ihm. »Sie sind wohl schon überall auf der Welt gewesen, Herr Nimis?« »Ich sah so ziemlich alle Länder der Erde«, sagte Leo Nimis. »Wie alt sind Sie? Fünfundzwanzig? Gott – nur drei Jahre älter als ich. Das ist ein Leben!« »Ach, gnädiges Fräulein – wenn Sie glauben, daß das das Leben ist, daß man von Yokohama nach San Franzisko fährt oder in Port Said während des Kohlens an Land geht. Das ist immer dieselbe Geschichte. Das wahre Glück – das steckt sicher wo anders ...« Die blauen Flackeraugen drüben leuchteten aufmerksam in ihn hinein. »Haben Sie die Erfahrung auch gemacht? Ich bin ja hier dumm und faul geblieben – sie wollen's ja ... dafür ist man ja die Tochter der großen Lutthahn-Werke – Aber an der Erkenntnis haben sie mich doch nicht hindern können: das Leben ist ein Suchen und Nichtfinden!« »Ich habe nicht gesucht und doch gefunden ...« »Dann seien Sie froh!« »... und zur gleichen Stunde wieder verloren.« »Wie kam denn das?« Er wehrte bitter mit der Hand ab. »Ach, fragen Sie mich nicht weiter! Es ist vorbei. Es muß auch so gehn.« »Ist's lange her?« »Vorgestern.« »Sie Ärmster! Da blutet Ihnen das Herz ja noch ganz frisch.« »Wer sagt Ihnen denn, wie so eine Wunde ...« »Das merkt man doch! ... Wir wollen jetzt da durch das Wäldchen. Oder möchten Sie lieber schon umkehren?« »Nein. Gewiß nicht.« »Eben! Papa ist jetzt doch nicht für Sie zu haben! Der macht jetzt den Landrat scharf. Mama schläft. Tinettchen und der Mettenberg zählen nicht. Die sind verlobt. Mit dem Max haben Sie sich, glaub ich, auch nicht viel zu sagen.« »Nein!« »Da müssen Sie schon mit mir vorliebnehmen!« »Gern.« Der Pfad schlängelte sich eng durch Buschwerk. Das junge Mädchen riß im Vorausgehen ein Blatt ab und zog es nachdenklich durch die Zähne. Ihr ernstes, strenges, junges Gesicht hatte einen trotzigen Zug. »Das ist's ja«, sagte sie unvermittelt, wie um sein Vertrauen zu erwidern. »Nirgend Hoffnung! Da steckt man nun im goldnen Käfig. Wenn sie wenigstens begriffen, was das heißt! Nein! Da heißt's immer: Dank dem lieben Gott, daß du's so gut hast! Den andern geht's viel schlimmer. Aber das quält mich ja eben bei Tag und Nacht!« »Sie können ja nichts dafür!« »Das Tinettche kann man mit ein Paar Ohrbommeln glücklich machen! Den Max mit dem Händedruck von einem Bonner Prinzen! Für mich ist in dem reichen Hause nichts. Nichts«, wiederholte sie fanatisch. »Nichts. Sagen Sie bloß nicht, daß ich heiraten soll! Das sagt jeder! Das ist das Platteste! Wen denn?« »Wie soll ich das wissen?« »Eben«, versetzte sie beruhigt. »Bei uns werden in solchem Fall doch nur zwei Geldschränke getraut. Wie ich das Geld hasse! Ich möchte so gern den Leuten da unten helfen! Die wissen noch gar nicht, wie wenig Glück sie mit ihrem Schweiß den andern schaffen! Es ist verrückt. Ich weiß ...« »Menschenliebe ist gewiß niemals verrückt.« Ottonie Buschbeck senkte im Gehen grüblerisch, selbstquälerisch den Kopf. »Das ist es auch nicht. Es steckt Selbstsucht darin. Es kommt aus einem selbst. Man denkt an sich, nicht an die andern. Es ist ein Wunsch, sich aufzuopfern. Man möchte sich weihen. Hingeben. Das klingt gleich so feierlich. Lächerlich. wenn man dabei hier im Park spazierengeht, in den keiner rein darf, um mal frische Luft zu schnappen und den Kohlenstaub aus der Lunge zu kriegen! Nachts werden große Hunde losgelassen. Nett, nicht? ... Aber irgendwo muß doch eine Ergänzung zu dem trostlosen Grau-in-Grau sein – es muß doch ein lichtes Gegenstück für die Menschen da sein. Das sucht man. Was denken Sie davon?« »Ich habe noch wenig darüber nachgedacht.« Sie nickte mit ihrem einsamen, in sich versunkenen Lächeln. »Sie sind auch ein Volksfeind wie Papa? Halten Sie es mit denen oben oder mit denen unten?« »Ich kann mir den Luxus einer Weltanschauung noch nicht erlauben. Ich bin jung. Aus gutem Bürgerhaus, aber ohne viel Mittel. Mein Vater hat als achtundvierziger Flüchtling in Amerika nicht gerade Seide gesponnen. Es langt eben für ihn, daß er seinen Lebensabend als Witwer friedlich in Darmstadt verbringen kann. Das Beste, was er mir mitgegeben hat. war eine ganz moderne Fachausbildung ...« »Gott ja ... ich vergeß ja immer wieder, daß ich Sonntagskind mit einem goldenen Löffel im Mund geboren bin! Ich bin entsetzlich unreif und unerfahren. Ich weiß es wohl. Es hilft mir ja auch keiner. Im Gegenteil.« »Nun schicken mich meine Auftraggeber da und dorthin in die Welt. Dummheiten darf ich nicht machen. Sonst kommt an meine Stelle ein anderer. Alles drüben geht auf jährliche Kündigung!« »Freilich! Sie sind auch ein Sklave des Gelds. Ich hält es mir denken können. Ich auch, in anderer Art. Papa auch. Er merkt's bloß nicht. Wir alle. Ach, ihr Armen da unten! Wenn ihr wüßtet, wie man bei Buschbecks oben friert!« Ottonie Buschbeck war stehengeblieben und hatte leidenschaftlich auf das dumpf brummende und rauchende, vielgeschäftige, von schwarzen Ameisen durchwimmelte Dächer- und Schornsteingewirr der Lütthahn-Hütte hinabgestarrt. Nun lachte sie auf einmal, ihr Kleid über den Regenpfützen des Weges raffend. »Da gehen wir und schütten unser Herz aus. Das heißt: Sie ja nicht. Sie schweigen!« »Was soll ich sagen? Ich war verliebt, und sie hat eben einen andern genommen, ohne überhaupt zu wissen, daß ich in sie verliebt war. Ich hatte es ihr auch gar nicht sogleich sagen können. Sie hat mich nicht einmal abgewiesen oder verraten. Sie kann gar nichts dafür. Es ist die simpelste Geschichte von der Welt!« Ottonie Buschbeck nickte nur ernst, wie eine jüngere Schwester. »Und nun bin ich so traurig«, sagte er bang und beklommen »So traurig. Ich weiß gar nicht, wozu ich auf der Welt bin. Es ist mir alles egal, so todunglücklich fühl ich mich. Wie mir heute vormittag Ihr Vater gleich in Hemdsärmeln kam, mußte ich alle Kräfte zusammennehmen, um mit ihm zu boxen, bis wir uns vertrugen. Ich war so zerstreut dabei. Die ganze Patentgeschichte war mir Wurst. Zum Glück hat er's nicht gemerkt ...« »Das will was heißen!« »Aber sagen Sie's ihm nicht wieder, höchstens morgen, wenn wir die Verträge heute unterzeichnet haben! Was liegt an den Verträgen? Jetzt weiß ich's: Das Leben ist ein trübes Ding.« »Das ist's!« »Aber es tut doch wohl, es jemand zu beichten. Sie sind so gut.« »Wenn ich es nur sein dürfte. Kommen Sie! Geben Sie mir Ihre Hand!« Er faßte sie. Es war ein warmes Aufblühen unter den schwarzen Wimpern. Ihr Gesicht erschien in dieser Sekunde innig, jugendlich schön. »Ich danke Ihnen, Fräulein Buschbeck!« »Nun haben wir uns unseren Kummer gestanden. Ganz gut. Und das Beste: Wir segeln in einer Stunde wieder auseinander wie zwei Schiffe auf dem Meer und sehen uns nach Gottes Ratschluß wahrscheinlich nicht wieder! Wenn man das weiß, redet es sich viel freier! Man weiß, daß man nicht am nächsten Tag dummes, gleichgültiges Zeug miteinander reden und sich die Erinnerung verderben muß. Ewig kann man sich ja doch nicht beichten. Lieber gleich Schluß. Nun kommen wir da nach dem Haus zurück!« Aber im Emporsteigen warf sie noch einmal das nasse Schwarzhaupt in den Nacken. »Ich bin so unbefriedigt von diesem Kram! Ich hab eine Wut gegen alle satten Menschen! Selig sind die Bettler im Geiste! – sagt Jesus. So heißt es richtig in der Bergpredigt. Nicht: die geistig Armen! Das hat mir Maxens Hauslehrer schon mal beigebracht. Wir sollten alle betteln gehn! Aber wo bleibt der Geist! Hier ist nur der Geist des Hasses. Der schlägt von unten zu uns herauf, und Papa gibt ihn von oben zurück oder erzeugt ihn erst unten – ich weiß es nicht. Ich bin ja so dumm! Papa rühmt sich, daß er ein guter Hasser sei – so wie er ein starker Raucher ist. Da fährt eben der Landrat weg. Er sieht sehr nach Gendarmerie aus. Alle Leute, wenn sie von Papa kommen! Nun können Sie Papa sprechen. Der Wagen kommt bald zurück und bringt Sie dann an die Bahn. Sie reisen doch auch mit dem Kölner Abendschnellzug?« »Ja. Ich habe meine Rückkehr nach Berlin vorläufig aufgegeben. Ich kann die Geschichten auch brieflich machen. Ich gehe lieber auf ein paar Tage zu meinem Vater nach Darmstadt!« »Seien Sie zeitig auf dem Bahnhof, Herr Nimis. Es wird da ein großes Hallo geben, trotz Papa! Ich kenne die Luft hier ...« In mancher Nacht an Bord auf seinen Seereisen hatte Leo Nimis das dunkle Meer im schweren Schwall der Wogen wider die unbestimmten Umrisse der Felsküste sich wälzend gesehen. Solch eine brausende Unruhe füllte jetzt um die Station herum die Finsternis. Nur daß der Wellenschlag aus Menschenköpfen bestand, farblosen Filzhüten, Umschlagtüchern von Frauen, weißdämmernden erhobenen Händen, Schutzmannshelmen. Es war unmöglich, die Menge zu übersehen, ob es viele Hunderte oder viele Tausende waren. Sie verschwamm nach allen Seiten uferlos in das Dunkel und wirkte eben dadurch wie eine dumpfe Naturgewalt. Ein Brausen ging von ihr aus wie Meeresbrandung an Klippen, schrille Pfiffe wie Möwenschrei, grelle Stimmen im Sturm: Heraus mit ihm! Dableiben! Hoch Nimis! Es klang Leo Nimis seltsam, als er da seinen eigenen Namen hörte, der doch nicht ihm, sondern dem roten Vetter Robert galt. Vor dem Eingang zur Station drängte sich ein Bach nasser, aufgeregt schwankender Regenschirme nach vorn Die Schutzmannschaft hielt da eine Gasse für die Reisenden frei. Drinnen, vor dem Schalter, war noch Leere und Ordnung. Aber kaum hatte Leo Nimis seine Fahrkarte nach Darmstadt gelöst, so brauste es plötzlich draußen in der Nacht, schäumte wie durch ein geöffnetes Wehr durch die Türen, quoll durch die Fenster, füllte im Handumdrehen Halle und Wartesaal mit dem Lärm einer aufgelösten Volksversammlung: Hierbleiben! Rede halten! Hoch Nimis! Hurra! Ein junger Mensch kletterte, von kräftigen Fäusten geschoben, katzenschnell auf einen Tisch, stand breitbeinig oben in einem Schleier von Gasflimmer und Staub, hob gebieterisch-beschwichtigend, mit der Sicherheit alter Gewöhnung, die Hand. Leo Nimis erkannte in ihm den einstigen Göttinger Studenten, den er zum erstenmal dort vor fünf Jahren auf der Landwehr bei der Mensur mit dem blonden Archäologen geschaut. Sein Vetter Robert war nicht mehr gewachsen. Er war klein und stämmig geblieben, mit einem verwegenen Kopf, mit ungepflegtem Schnurrbart, nachlässiger Kleidung – in seiner ganzen äußeren Erscheinung nur einer von den Hunderten um ihn. Aber als er zu sprechen anfing, wuchs er bei den ersten durchdringend gellenden Sätzen über die Menge so empor, wie er über ihr auf dem Tisch stand. Seine Stimme war ganz hoch. Beinahe in Fisteltönen schnitt sie wie ein glühendes Messer durch den heiseren, jäh absterbenden Lärm, zitterte von gepreßter, fiebernder Dampfspannung, jagte die Worte atemlos über die Lippen, der geborene Redner, der keinen Augenblick stockte, sich nie versprach, keine Silbe wiederholte. Er schleuderte die Flammenbrände mit der kaltblütigen Sicherheit des erfahrenen Massen-Volksmannes in den Saal. Mußte nach jedem Satze warten und den Jubel sich austoben lassen. Leo Nimis unten nahm sich nicht Zeit, mit in der Masse zu stehen. Er war ein zu gewiegter Reisender. Er eilte, sich seinen Platz in dem draußen haltenden Schnellzug zu sichern. Kaum hatte er den eingenommen, so überschwemmten die Menschenwellen auch schon den Bahnsteig. Eine Art Schildkröte aus Schutzmannshelmen bewegte sich vor ihr her. In ihrer Mitte schritt der Ausgewiesene, mit bloßem Kopf, lachend, den Hut in der Hand, sich umdrehend und rechts und links der Menge zuwinkend. Die staute sich vor seinem Wagen. Die Pfeife des Zugführers schrillte. Ein Ruck der Räder. »Uff! Nun sind wir den Bruder glücklich los!« sagte, sich den Schweiß von der Stirn wischend, ein dicker Schutzmann zum andern unter Leo Nimis' offenem Fenster. Ein letzter Massenschrei. Der Zug rollte hinaus. Die Nacht nahm ihn auf. Sie war tiefschwarz. Die blutroten Flecken der Hochöfen flackerten in ihr aus unterirdisch glühenden Schlünden. IV. Auf der nächsten Station verließ Leo Nimis sein Abteil erster Klasse, schritt suchend den Zug entlang und entdeckte hinter einem Fenster der dritten Klasse den Kopf seines ausgewiesenen Vetters. Er stieg ein und setzte sich neben ihn auf die Holzbank. »Guten Abend, Robert! Na – wer bin ich? Erinnere dich mal an Göttingen! Vor fünf Jahren!« Es war in ihrem Äußeren ein großer Unterschied zwischen seinem grellgewürfelten schottischen Mantel eines Weltreisenden und dem schäbigen ausgedienten Studentenüberzieher des anderen. Der erkannte ihn, reichte ihm ohne besondere Überraschung die Hand und gähnte: »Du bist's! Ich hab gedenkt, alleweil kommt noch e Spitzel!« In dem Abteil saß außer ihnen nur noch, in die Ecke gedrückt, ein schnurrbärtiger Mann vom Äußern eines ausgedienten Unteroffiziers. Der verwegene, breitschulterige kleine Mensch gegenüber musterte ihn mit vergnüglicher Bosheit. »Mir kann nämlich nix passiere. Leo«, sagte er laut in seinem Darmstädter Deutsch. »Ich hab wie e gekrönter Landesvater mei Ehrewach als bei mir! Kost mich kein Pennig! Gell – da guckschte?« »Wie geht's dir denn?« Der Vetter ließ seinen Polizeischatten drüben nicht aus den Augen. »Ha – gut! Großartig! Wie soll's einem denn anners in Preußen gehn? Nur böse Menschen sind unzufrieden! Ich bin kein böser Mensch! Der Herr da drüben weiß das auch!« »Robert – sei doch vernünftig!« »Beispielsmäßig: Ich bin doch als Redakteur an sitzende Lebensweise gewohnt. Gleich krieg ich die vom Staat umsonst! Dies Frühjahr hab ich erst in Leipzig drei Monate runtergemacht! Alleweil hat mir der Doktor Bewegung verordnet: Kommt ganz von selbst! Heut bin ich zum neuntenmal ausgewiesen! Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt. Gestatten Sie, mein Herr, daß ich rauche?« Der Unbekannte in der Ecke antwortete nicht. Robert Nimis paffte grinsend das Pfälzer Kraut. »Leoche, möchtest du auch so 'ne Stinkadores? Gelt – die ist dir nicht rar genug? Ja – rümpf du nur deine Nas über Deutschland! Ich bin unbändig mit unseren Zuständen zufrieden!« »Kann man denn mit dir kein gescheites Wort reden?« »... mein einziger Kummer ist, daß ich als noch nit den Kronenorden vierter Klasse hab! Aber vielleicht hat der Puttkamer noch ein Einsehen! Der Mann steht nur zu weit nach links! Ich kann so Freigeischter nit leide!« Leo Nimis wußte nichts von dem preußischen Polizeiminister. Der Vetter stand auf. »Ich werd doch noch mal auf meine alten Tag Kommissionsrat«, sprach er hoffnungsvoll. »Donnerwetter! Da is ja schon meine Station! Hat mich sehr gefreut, Leoche! Auf ein andermal!« Er raffte hastig seine Sachen zusammen, stieg aus und eilte mit langen Schritten dem Ausgang zu. Der Mann in der Ecke war plötzlich aus seiner scheinbaren Schläfrigkeit erwacht und machte ihm alles genau nach. Die Handtasche aus dem Netz ... die Tür auf ... ohne Gruß hinaus, ... fort im Laufschritt, um die Spur des Wildes nicht zu verlieren ... Leo Nimis blieb verblüfft sitzen. Es war alles Hals über Kopf gegangen. Das Abteil dritter Klasse plötzlich leer. Es blieb auch keine Zeit mehr, in den eigenen Wagen überzusiedeln. Der Zug setzte sich schon wieder in Bewegung. Im selben Augenblick wurde die Türe des Abteils aufgerissen. Der Vetter Nobert schwang sich, mit seinen Sachen bepackt, schon im Fahren hinein, warf sich neben Leo Nimis auf die Bank und lachte aus vollem Hals. »Drauße steht der Aff und macht Auge! Denkt der Simpel wirklich, ich steig in sellem Drecknescht aus! Nit mal den Namen kenn ich! ... Jetzt sind wir den Hornochs los! Hab ich schon öfters gemacht!« Der kleine, stämmige Mann wurde plötzlich ernster, müder. Sein Gesicht veränderte sich. Verbissene Linien von Sorge und Kampf traten hervor und ließen es älter erscheinen als seine siebenundzwanzig Jahre. Er spuckte auf den Boden und seufzte. Dann zog er ein Butterbrot aus einem Stück Zeitungspapier und biß hinein. »Des is in einen Artikel von mir eingewickelt«, sagte er kauend und warf den faltigen Fetzen aus dem Fenster. »Vielleicht liest ihn draußen noch so ein Mistbauer! Jeder Satz ein Flohstich für den Herrn Staatsanwalt. Aber das ist für dich zu hoch, Alterle. Du bischt so recht das einfältige, frühreife Leoche von damals in Göttinge gebliebe.« Leo Nimis lachte. »Ich hab's aber weiter gebracht unterdessen als du ...« »... das dumme Vetterche aus Amerika, das sich mit Leib und Seel und Haut und Haar sellen Vampiren drüben verschrieben hat und sich dabei noch mordschlau vorkommt – du Kamel mit Hörnern!« »Bist du immer so grob?« »Saugrob! Das ist ein Zeiche, daß ich einen leiden mag!« »Dann mußt du mich ja sehr liebhaben!« »Ich faß die Leut nicht mit Glacéhändschings an! Die mich auch nit! Ja, horch nur, du Kapitalsknecht. Oh mei! Hockt das Bürschle da, geschniegelt und gebügelt und pomadisiert und merkt in seiner himmlischen Einfalt gar nicht, daß ihm die Blutsauger in Amerika das Fell über seine langen Löffel ziehen! Die quetsche doch deine Arbeitskraft aus wie eine Zitrone, du Gimpel! Du bischt ein Kuli wie ich! Bloß e feiner!« »Das ist mir ganz neu«, sagte der junge Weltmann neben ihm trocken. »Du bist der erste, der mich einschätzt wie ein Nigger, der einem am Broadway die Stiefel putzt!« »Hut ab vor sellem Nigger!« schrie der Vetter. »Du lebst ja schlechter als ein Tramp! Wie stellst du dir denn nur deine Zukunft vor?« »Mei Zeit wird komme! Die Junker habe Deutschland eingerichtet, als wär es ein großes Rittergut. Aber seit zehn Jahren wird Deutschland eine große Fabrik. Liebschter, sell knallt dir noch mal außenanner! Sell setzt Scherbe, sag ich dir! Wenn du lang genug lebst, du Mammonsdiener, so wirst du noch gnug von mir höre!« Der Zug hielt. Ein paar Geschäftsreisende stiegen ein. Robert Nimis gähnte laut. »Sodele! Ich schlaf' jetzt. Ich hab morgen einen strengen Tag vor mir!« »Du fährst doch nach Darmstadt mit?« Der Vetter lachte schallend. »Ach – du heilige Unschuld du! Aus meiner Vaterstadt bin ich doch natürlich längst ausgewiese! So 'nem seine Herrche wie dir tun sie da freilich nix! Geh du nur rüber in deinen Salonwage! Gute Nacht!« »Sieht man dich denn gar nicht mehr?« »Bist du der Staatsanwalt, daß du so arg Sehnsucht nach mir hast?« »Ich halte die Augen offen und schau mir die Leute an, wie sie kommen«, sagte der junge Mann. »Man kann von jedem was lernen!« »Also horch mal!« Der andere beugte den tief in den stämmigen Schultern steckenden Kopf zum Ohr des Ausgestiegenen. »Morge abend komm' ich nach Darmstadt hinein! Egal wie die Ferschte: Inkognito! Keine weißgewaschene Jungfrauen ... Keine vertrottelten Stadträt und Kinneiche mit Blume ... nix!« »Und wo?« »Komm, wenn's dunkel ist ... so um sechse ... ins Schnakeloch in der Altstadt... Du fragst dich schon durch ... dort hock ich hinterm Schöppche – den Rockkragen hoch ... Spring, Alterle, spring ... sonst geht der Zug ohne dich weiter!« Robert Nimis warf sich in seine Holzecke zurück und schnarchte nach kurzem tief und friedlich. In Mainz stieg er aus und fuhr mit dem Bummelzug über Worms nach der Bergstraße weiter. Auf dem Bahnhof von Jugenheim waren breitknochige, fremdartige Gesichter. Klangen slawische Laute. Großfürst Sergius von Rußland weilte bei seinem Schwiegervater, dem regierenden Großherzog, zu Besuch. Asien lag in der Luft. Robert Nimis schnitt eine Grimasse. Auf der nächsten Station verließ er den Zug. Der herbstbunte Wall des Odenwalds senkte sich vor ihm zur Rheinebene. Er stieg in die weiten, stillen Buchenhaine hinein und weiter über die Kämme der Berge. Die Wolken wanderten, der Wind wehte. In den Wäldern wirbelte das welke Laub. Auf den Feldern wirkte der Bauer sein ewiges Werk. Ging langsam, andächtig hinter dem Pflug, pflegte die Allmutter Erde wie seit Jahrtausenden, streute mit segnendem Wurf die Wintersaat in die leise, erwartungsvoll dampfenden Schollen, In der Schmiede sprang und flackerte der Feuergott über der Esse wie einst in Heidenzeit, von der hier noch überall die Namen von Berg und Fluß wiedertlangen. In flatterndem Radmantel schritt wie vor Jahrhunderten der alte Schäfer hinter seiner gelbwolligen blökenden Welle über die Stoppeln und schleuderte mit dem Krummstab die Erdbrocken nach den Nachzüglern. Die alte Sachseneiche stand am Waldrand, der Sagenbrunnen rauschte, aus dem schon Siegfried getrunken, der Wanderfalke schrillte über Tannenwipfeln, und unten, wo die bemoosten Heidenwälle noch an Wotan, den Wanderer, mahnten, schritt der kleine stämmige Robert Nimis rüstig und rasch durch Wind und Wetter als Wanderer über den Odenwald. Es standen in dieser Einsamkeit dort oben noch uralte Fachwerkhäuschen, himmelblau getüncht, das Dach mit Binsen gedeckt. Kein Wellenschlag der neuen Welt schien diese niederen, vielleicht noch an Winterabenden im Dreißigjährigen Krieg von sorglicher Bauernhand geschnitzten Türen erreicht zu haben. Robert Nimis klopfte dreimal an die Pforte. Wartete. Es dauerte lange, bis drinnen der Riegel zurückging. Ein junger Mann steckte vorsichtig den Kopf heraus. Sie nickten sich zu. Sie gingen durch die Wohnstube nach dem Ziegenstall hinten. Wenn man das Heu auseinanderwarf, stand darunter eine Kiste, bis obenhin gefüllt mit Flugschriften. Sie verhandelten leise über die nächste Sendung aus Hottingen bei Zürich und ihre Verteilung übers Land. Dann schritt Robert Nimis weiter. Der schwindsüchtige, junge Schlosser, der aus Frankfurt ausgewiesen war, wie er aus Darmstadt, gab ihm noch bis zur Wegecke das Geleit. In einem tiefen Grunde – da geht ein Mühlenrad ... der junge Mann summte im Herniedersteigen: Das Rad, das mahlet Liebe – nur Liebe, früh und spat ... Aber unten, wo der Bach über die Schaufeln rauschte und man schreien mußte, um das silberne Brausen zu übertönen, holten vorsichtige Hände die geheime Liste der Vertrauensmänner aus dem Schrank – manche Namen durchstrichen – der war tot – eingeklammert: im Gefängnis ... Ein Fragezeichen dahinter: Spitzel? ... Der Doktor war aus Mannheim ausgewiesen. Er lebte hier unter falschem Namen ... als Sommergast, dem es auch noch im Herbst gefiel ... Vorsicht ... Vorsicht ... lieber hinten hinaus ... auf dem Steg, über das Wehr ... so ... da den Buckel hinauf ... das war der Weg zum Offenbächer. Der Offenbächer, der aus Offenbach am Main ausgewiesene Portefeuillearbeiter Kniel, wohnte mitten im Dorf Hartolzheim oben beim Bäcker. Er hatte seine Familie bei sich. Seine Lederarbeiten konnte er auch hier besorgen. Er sah, mit Brille und schwarzem Bart, wie ein Privatgelehrter aus. Abends war bei ihm Diskutierklub. Ehe ihn der Polizeibefehl hierher verschlagen, hatte man in diesem weltfernen Winkel nichts von Kapital und Arbeit geahnt. Jetzt hatte er schon das halbe Dorf herumgekriegt. Sogar der Bürgermeister kratzte sich manchmal hinter dem Ohr ... Sie hatten eine lange Besprechung bei Kaffee und Brot. Nächster Tage sollte eine Versammlung der Vertrauensleute sein, am stockdunklen Abend, oben im Wald bei dem Steinkreuz ... »Also drei Pfiffe ... auf Wiedersehen. Kniel!« ... Es war des Odenwaldes Brauch, daß die Bauern, wenn sie im Herbst und Winter draußen nicht mehr viel zu tun hatten, den Dorfhandwerkern in deren warmen Stuben bei der Arbeit zuschauten. Der Sebastian Unkel, genannt der Krops-Unkel, der Schneidermeister in Alt-Neuheim, dem das Schicksal außer dem dicken Hals einen besinnlichen Kopf ins Leben mitgegeben, hatte an diesem späten Nachmittag Zuhörer genug, während er mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch saß und, aufmerksam unter dem grauen Kakaduschopf durch die trübe Hornbrille blinzelnd, eine Nadel einfädelte, um einen neuen Hosenboden einzusetzen. Dabei belehrte er seine Umgebung, daß alles Unglück der Welt nur von den reichen Leuten herkam. »E reicher Mann tut nix und laß sei Taler danze! Der fährt im Chaisewägelche spaziere und lacht euch aus, daß ihr so dumm seid und für ihn arbeitet!« Das Schneiderlein beugte sich emsig über seine Arbeit. Es war ein Schweigen. Die beiden Landwirte, der Lenze-Adam und der Lappe-Lorenz, gingen, die Tür schmeißend, fort. Der engbrüstige Meister kicherte ihnen nach. »So mächt m'r's!« sprach er befriedigt. »Sell verschlägt dene dreckige Ökonome 's Maul!« Rupert Volz, der Schmied, der bibelfeste, alte Judenfeind, der immer mit den Worten der Schrift redete, schüttelte feierlich den Grautopf: »Wahrlich, ich sage euch. Es steht geschrieben: Seid Untertan der Obrigkeit!« »Aber es steht auch geschrieben: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn ein Reicher ins Himmelreich!« schrie Robert Nimis im Hinausgehen. Innen war ein Gelächter um den verdutzten Schmied. »Hurtig, Rupert – kriech durch dem Unkel sei Stopfnadel da!« Der draußen sah auf die Uhr und schritt mit Siebenmeilenstiefeln weiter. – In dem großen Kirchdorf wandelte der Pfarrer Melchior Thilo behaglich im Abendgrauen in seinem Garten auf und nieder und rauchte seine lange Pfeife. Er war ein schöner Mann mit blauen Augen, rosigen Wangen und wallendem, silberweißem Vollbart. Er sah aus wie Gott-Vater im Paradies oder wie der Knecht Ruprecht für die artigen Kinder. Er schaute nach seinen Bienen, die schon zur Nachtruhe gegangen waren, nach den blauen, roten und weißen Astern, nach den roten Backen der Goldparmänen und Renetten im Apfellaub, nach den stillen Kreuzen auf dem Gottesacker, der sich an Pfarrhof und Kirche anschloß. Hinter der Kirchhofsmauer huschte es im Dämmern hervor, als Robert Nimis sich näherte. Das war kein Gespenst. Das war warm und lebte und umschlang ihn mit heißen Küssen und roten Lippen und wilden Blauaugen und lachte atemlos und schmiegte sich selig an ihn. Die vielen Toten daneben störten die beiden Lebenden nicht. Die hatten auch einmal geliebt. Die lagen still und schützten die Kinder der Welt mit dem Grauen der Menschen vor den Gräbern. »Binche ... Binche ... mei Binche ...« »Mei Robertche is wieder da ...« »Du lieb's Binche ...« »Da hab ich dich, du Schote! ... Ach Gott ... hab ich dich lieb ...« »Nit halb wie ich ...« »Küß hurtig. Ich muß weg ...« »Am Sonntag ...« »Ich ... ja ... du Bester! Bei der Bas!« »Weiß sie's?« »Die Bas petzt nit! Die hält's mit uns!« »Sabinche!« klang es vom Pfarrhaus. »Sabinche!« »Ja – ja ... ich komme!« »Sabinche!« »Nit mal ausküsse lasse sie einen ...« »Noch einen ...« »Da ... da ... da ... Ich wollt, es wären tausend! Gut Nacht, du Liebstes ...« »Ach du ... Ich nehm dich mit und freß dich auf!« »Sa – bin – che!« »Gut Nacht!« Sabinchen Thilo, die Pfarrersenkelin, flog in langen Sätzen durch den Kirchhof, im Sprung des Lebens über die Gräber, mit flatternden Zöpfen zwischen den Kreuzen hin. Robert Nimis stand und schaute ihr nach, bis der lichte Schein ihres Kleides um die Kirchturmecke schwand. Dann wanderte er weiter in das Dunkel. – Mitten in dem Odenwälder Amtsstädtchen stand das Katzenschloß, ein ungefüger, verwahrloster Kasten aus der Landgrafenzeit, von dem niemand mehr wußte, warum der finstere Bau ein Schloß hieß. Seit des heiligen Reiches Ende war es von einer Hand in die andere gegangen, nacheinander Kornspeicher, Gerichtsgefängnis, Baumwollspinnerei gewesen. Jetzt hauste in dem Katzenschloß Hiob Greulich, der Viehhändlerpatriarch, mit seinem Weib Rebekka und seinen Töchtern Veilchen und Täubchen und seinem Schwiegersohn Hirsch Naphtali und seinen eigenen Söhnen und deren Frauen, alle in blauem Hemd mit daruntergeschnallter Geldkatze, in allen Kuhställen weit herum und auf allen Märkten zu Haus. Es war auf den schmutzigen Treppen ein ewiges Kommen und Gehen von Viehjuden, Metzgern, Bauern, Schmusern, Lederkäufern, Geldmännern. Karren mit Kälbern hielten auf der Gasse. In dem feuchten Stall unten wechselte das Rindvieh Tag für Tag. Im Hinterzimmer darüber wurden auch andere Geschäfte gemacht. Das Bargeld lachte auf dem Tisch. Die Wechselformulare lagen zur Unterschrift bereit, und auf den fälligen Akzepten daneben standen ganze Reihen von Namen untereinander, die sich auf der sechsmonatigen Irrfahrt des schmutzigen Papiers über den Odenwald hin aufgesammelt hatten. Ganz oben, im vierten Stock des Katzenschlosses, wo die Mäuse pfiffen und dle Schleiereulen laut wie Menschen schnarchten, leuchtete die halbe Nacht hindurch ein Lämpchen, als Zeichen, daß der Robert Nimis wieder im Lande war und in seinem Stübchen saß und schrieb. Am andern Mittag war die Tür des Schlupfwinkels schon wieder verschlossen. Er war über alle Berge. Wälder umgaben beinahe von allen Seiten die nahe Haupt- und Residenzstadt Darmstadt. Es war nicht schwer, bei einfallender Dunkelheit von Kranichstein durch den Wildpark und an der Fasanerie vorbei in die Altstadt zu gelangen. Als Leo Nimis, der Deutsch-Amerikaner, fremdartig in seinem großgewürfelten Mantel und in breitrandigem Schlapphut, sich am Abend mühsam durch das Gewirr der krummen Gäßchen zum »Schnakeloch« durchgefragt hatte, fand er drinnen in der dunkelsten Ecke schon einen Unbekannten sitzen, der seine leidenden Augen mit einer großen blauen Brille schirmte und ein Viertel Umstädter Roten vor sich stehen hatte. Er setzte sich neben seinen Vetter Robert und schüttelte ihm die Hand. »Hast du dich wirklich hereingewagt?« »Päh! Kätterche, noch e Schöppche!« Der Vetter kniff der Kellnerin wohlwollend in den Arm und erntete einen tüchtigen Puff. »Wart norr, du Krott! ... Weißt, Leoche, ich muß die Bolizei uze! Dees läßt mir kei Ruh! Die Bolizei mir auch nit!« Er nahm einen langen Schluck von dem blutfarbenen Bergsträßer. »Hier in der Kneipe hat schon mein Großvater Anno Tobak als gehockt! D'r Louis! Sell muß ein Original gewesen sein, Leoche! ... Hier an dem Tisch hat er als Linksanwalt seine Leut abgerichtet, wie man den Code Civil umgeht, und gesungen: ›Mihi est propositum in taberna mori!‹ Es hat ihn auch gerade in der Ecke hier der Schlag gerührt! Mei eigener Vater hat als ordnungsliebender Unteroffizier Anno achtundvierzig gegen ihn auf den Barrikaden in Frankfurt gekämpft. Da is d'r Louis weggelaufe! Ein Held war er nit!« »Vielleicht hast du auch von dem so 'nen Kopf voll Flöhe!« »Dein Großvater, sein Bruder, Leo – das war auch einer! Den kennen die alten Leut jetzt noch drüben auf dem Odenwald. Er hat den Kreis damals in der Paulskirche vertrete! Dees war dir e Mann! Glatt wie ein Karpfen! Ein Geheimrat! Ein Schlechtschwätzer! Als den Mantel nach dem Wind ...« »Ich hab ihn nie gekannt!« »Sie sind ja auch beide eine Ewigkeit tot!« Zwei Männer waren in die Stube getreten. Der eine Dicke mit dem martialischen Schnauzbart sprach erschüttert: »Richtig! Da hockt das Laschter! Jetzt hat's geschellt! Ihne kenn ich, trotz der blauen Brill! Sie hawwe trotz Ausweisungsbefehl Darmstadt betrete!« »Rege Sie sich bloß nit auf, Herr Schickedanz! Sie hawwe als schon so was Schlagflüssiges an sich! Jetzt gehen wir halt zusammen zur Polizei!« Robert Nimis trank aus und erhob sich, als wäre das die selbstverständlichste Sache von der Welt. »Tut mir arg leid, Leoche! Du siehst, wie beliebt ich überall bin! Wo ich hinkomm, reißen sich die Leut um mich ...« »Wer sind denn Sie?« forschte mißtrauisch der Wachtmeister. »Auch so ein Gutedel? Bawweln Sie nit, sondern weise Sie sich gefälligscht aus! So ... so ...« Der dicke Beamte musterte zweifelnd den Paß. »Ein Sohn von dem Herrn Nimis in der Rheinstraße! Der ist auch ein alter Freischärling ...« »Das rechnen Sie jetzt noch nach?« »Ha! Es tut ihm ja keiner was, wann er pünktlich Steuern zahlt und vor seinem Haus Schnee fegen läßt! 's ist schon gut! ... Sie können gehen!« Leo Nimis hatte sich von dem verhafteten Vetter verabschiedet. Er schritt am Schloß und dem langen Ludwig-Obelisken auf dem leeren Platz vorbei und in die leere Rheinstraße hinein. Darmstadt war immer leer und still und still und leer auch das alte Familienhaus, in dem der alte Herr Reinhold Nimis, der einstige achtundvierziger Student und Freiheitskämpfer, seit seiner Heimkehr aus Amerika als Witwer wohnte und seine Schwester Babettche, deren Mann auch schon lange als Pfarrherr droben in Oberhessen gestorben war, ihm die Wirtschaft führte. An der Wand des vormärzlichen Zimmers hingen die Bilder seiner lange verstorbenen Eltern. Daneben die Phoographie seines Schwagers Harro von der Venne, des wilden friesischen Edelings, für dessen Freiheitsdurst Europa zu eng gewesen war, und der nun schon seit vielen Jahren drüben über dem großen Wasser, wie ein Wikinger unter einem Hügel, auf den weiten Prärien seiner Farm im wilden Westen schlief und zu seiner Seite, in den Tod getreu wie einst in den Stürmen des Lebens, seine Frau, das schöne, goldblonde Vrenche, die ihn einst hier, noch ein Jüngferchen der Biedermeierzeit, als Flüchtling in diesem Hause, in der Eulenstube oben, zum erstenmal geschaut hatte. Über den Geschlechtern der Menschen an der Wand, die dahingingen wie die Blätter im Wind, prangte in großem eichenumrahmten Stahlstich einer: der blieb leben, auch wenn er starb. Unter dem Helm der Halberstädter Kürassiere schaute das gewaltige Haupt herab. Vor Bismarcks Bild stand Reinhold Nimis, der alte Achtundvierziger, jetzt über die Sechzig hinaus, zart und zierlich von Gestalt, wie er es sein Leben lang gewesen, mit kurzem, grauem Vollbart und üppigem, dichtgelocktem Grauhaar, das die dunklen Augen noch weicher und träumerischer erscheinen ließ, und sagte im Eifer des Gespräches zu seinem Sohn: »... und ich liebe auch Bismarcks Zorn! Ich liebe selbst Bismarcks Fehler! Es ist ein heiliger deutscher Zorn! Es sind aufrechte deutsche Fehler! Ich lieb den ganzen deutschen Mann, wie er gewachsen ist! Ich lasse mir an ihm nicht drehen und deuteln!« Er schaute andächtig zu dem eisernen Kanzler empor. »Wehe der Zeit, Leo, die zu nahe an ihn herantritt und von unten nur seine Kürassierstiefel sieht! Weh dem Volk, das sich nur als Kammerdiener seiner Helden fühlt, vor dem nichts groß ist! Wehe dem Deutschen, der nicht das bißchen Bismarck in sich trägt, das er versteht! Jedem von uns muß Bismarck etwas sein, wodurch er sich selbst ergänzt!« »Auch dir als Achtundvierziger?« »Ach, liebes Kind, wir dachten es gutzumachen, aber er hat es gutgemacht! Wir kämpften für Kaiser und Reich. Aber er hat uns Kaiser und Reich gegeben!« »Anders, als du wolltest!« »Aber Kaiser und Reich sind da! Ich hab als junger Mensch für Schwarzrotgold geblutet. Dafür freu ich mich als alter Kerl an Schwarzweißrot! Guck doch nur um dich, Kind! Schau unser liebes, altes Deutschland! Es blüht wie der tausendjährige Rosenstock in Hildesheim. Deutschland ist unsere alte ehrwürdige Mutter und dabei wieder jung und schön geworden wie eine Braut. Alles durch ihn, den einzigen Mann! Leo, Leo, denk daran! Dazu hab ich dich erzogen ...« »Ich tu's gewiß!« »Nun haben wir auch noch Kolonien! Unsere Flagge auf allen Meeren! Überall ein Segen und Gedeihen, was wir auch anfassen! Du hast noch kurze Höschen getragen, wie das Reich kam. Was weißt denn du, wie's früher mit uns war? Wenn du jetzt als Deutscher auf der ganzen Welt Geschäfte machst, dann vergiß nicht, daß Bismarck hinter dir steht! Der Schatten, den du wirfst, ist sein Schatten!« »Ich gebe mir ja alle Mühe, dem deutschen Namen draußen Ehre zu machen!« Der Sohn setzte sich, schlug ein Bein über das andere, zündete sich seine kurze Pfeife an und sagte nach den ersten Zügen nachdenklich: »Aber daheim bei uns? Warum ist es so grenzenlos ungemütlich, wenn man nach Deutschland kommt?« »Was meinst du damit?« »... man kommt wie in eine große verzankte Familie! Es ist doch jetzt alles in Ordnung und gut und schön hier! Da sollt man doch denken, sie sind alle zufrieden. Aber sie sind alle unzufrieden. Jeder, den man spricht, möchte Deutschland anders haben und möchte den andern anders haben! Man wird nicht warm. Es fehlt etwas. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll ...« »Ach ... lieber Leo ...« »Es ist wie bei den Kasten in Indien. Unsereiner paßt als Auslanddeutscher in keine von den unzähligen Schachteln und Schächtelchen hinein. Aber man schaut von oben in sie hinein, und da bin ich immer entsetzt, wie wenig sie in den einzelnen Kästchen von ihren Nachbarn rechts und links wissen wollen. Sie mißbilligen sich allenfalls. Und mit einem Mann, der überhaupt nicht genau in irgendeine Schachtel paßt, wissen sie gar nichts anzufangen. Er ist ihnen dann immer ein bißchen unheimlich. Er hat etwas an sich, was sie stört!« »Du auch?« »Ich bin doch Auslanddeutscher! Den Junkern bin ich als Bürgerlicher fremd. Den Juristen bin ich als Kaufmann unsympathisch. Mein Vetter Robert schimpft mich wieder einen Bourgeois. Dem Grafen Mettenberg am Rhein schien ich als Protestant zuwider. Den Geheimrat von Spängler verschnupft es, daß ich nicht in dem Korps ›Cimbria‹ war – den jungen Buschbeck, daß ich nicht Reserveoffizier bin. Dem dicken Wachtmeister eben war ich wieder als Sohn eines Achtundvierzigers verdächtig. Ich bin ein harmloser Mensch. Ich bin gewohnt, die Menschen zu nehmen, wie sie sind. Mir ist das langweilig, daß immer einer am andern herumschulmeistert. Warum bekämpfen sich denn alle, obwohl sie doch darin einig sind, daß sie einig sein wollen? Wie wird denn das, wenn sie einmal in der Not alle ihre Kräfte zusammenfassen müssen?« Der alte Herr hatte sich gesetzt und schüttelte still den silbergrauen, jugendlichen Krauskopf. »Schau mal nach Wien, Leo«, sagte er nach einer Weile. »In Österreich haben sie keinen Bismarck gehabt. Und wie sieht's da aus! Da triumphieren die Tschechen und Madjaren jeden Tag mehr, und die armen Deutschen ... ich geh recht ungern nächster Tage nach Wien, so sehr ich mich auch auf mein Töchterle freu!« »Schau nur, daß die Hansi jetzt mal Ernst macht mit ihrer Verlobung. Das ewige Tanzen und die Gaudi bei der Tante Lini, als ob die Welt ein ewiger Fasching wär, muß doch mal ein Ende haben! Das Mädel ist jetzt zweiundzwanzig ...« »Ich denke bestimmt, daß der Sektionsrat Fronhofer in nächster Zeit um sie anhält. Der scheint mir gerade der Rechte. Er ist auch schon siebenunddreißig. Ein stiller, ernster Mensch. Sein Vater ist Professor an der Prager Universität. Ebenso deutsch gesinnt wie der Sohn. Das paßt alles so gut!« »Die Hansi ist eine zu leichte Fliege. Die braucht einen Mann, der bedeutend älter und ruhiger und vernünftiger ist als sie!« Sie verstummten beide. Dann schaute der Alte lebhaft und herzlich auf. »Du! Da ist vorhin eine Familienanzeige gekommen! ... Aus Berlin. Du wirst dich wundern: Meinem guten Pritzig seine Nichte und Pflegetochter hat sich vorigen Dienstag verlobt.« »Ja. Mit dem Herrn von Spängler.« »Das weißt du schon?« »Ich war ja dabei!« »... und hast mir nichts davon erzählt?« »Gott ... Was soll man denn alles immer erzählen,« sagte Leo Nimis, stand auf und trat zum Fenster, »... ob sich so ein Mädel nun verlobt? Einmal nimmt sie natürlich jemand aus ihren Kreisen. Ich kenn sie ja kaum und sehe sie nicht wieder!« »Sie soll so schön geworden sein'« »Ja. Schön ist sie schon.« Es war wieder still. »Leo! ... Lasse dich nicht verbittern ...« Der junge Mann fuhr hastig herum. »Wodurch?« »Nun – daß in Deutschland nicht alles so ausschaut, wie du möchtest! Innen ist vielleicht das Haus noch nicht ganz fertig. Da arbeiten noch die Maurer und Zimmerleute, und es ist noch Lärm und Staub. Aber die Außenseite steht schon herrlich da. An die muß man sich halten...« »Ja ... ja!« »Du bist zerstreut. Du hörst nicht zu. Halte dich an Deutschland, Leo! Auch wenn es dir manches vorenthält, was du haben möchtest! Leben heißt Verzicht. Das weiß ich als Sechziger. Aber Leben heißt auch Gewinn!« »Und doch hab ich immer das Gefühl: Es fehlt etwas in Deutschland! ... Ich kann es nur nicht sagen ...« »In einem, Leo, hast du wohl recht: Eins dürfen wir über dem Reich und der Macht und der Herrlichkeit nicht verlieren: den deutschen Menschen! Der deutsche Mensch ist unser kostbarster Besitz. Menschen erhält man sich auf die Dauer nur durch Liebe. Besser statt der geballten Faust die offene Hand und noch besser das offene Herz. Vielleicht hast du da an eine Wunde der Zeit gerührt: Wir brauchen in Deutschland mehr Liebe!« V. Der alte Hietzinger Kirchhof am Küniglberg bei Wien nahm jetzt, im Herbst 1887, schon seit dreizehn Jahren keinen stillen Gast mehr auf. Katholiken und Protestanten machten jetzt ihre Fahrt hinaus nach Kaiser-Ebersdorf in den Zentralfriedhof. Aber wer schon hier in Hietzinger Erde ruhte, war geblieben. »Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt? Oder wer will ihn unterweisen?« Es war ein trüber Septembertag. Regentropfen sprühten auf Reinhold Nimis' silbergrauen Krauskopf. Der alte Achtundvierziger hatte lange Zeit, den Hut in der Hand, vor der verblichenen Inschrift auf dem Grab seiner Wiener Großeltern gestanden. Er beugte sich nieder, rückte den Immortellenkranz, den er mitgebracht, zurecht und ging langsam davon, den Botanischen Garten entlang, und stieg vor Schönbrunn in die Pferdebahn und fuhr in die Stadt zurück. Dort jagten über den Kärntner Ring die Fiaker und klirrten die Säbel der k. und k. Leutnants und gaukelte ein leichtsinniger Blumenduft in der Luft und trotteten die Gigerl und lachten lebensheiße Augen unter verräterischen Schleiern und stiegen alte Herren mit unternehmend zurückgeschobenem Zylinder und in kokett kurzen, hellen Paletots hinter den Madeln her. Reinhold Nimis bog ab und schritt zum Schwarzenbergplatz hinunter und stieg da, gegenüber der Heumarktkaserne, in einem der vornehmen, hohen Häuser die Stufen bis zum Mezzanin empor, wo auf dem Messingschild »Karoline Matula Edle von Flammenstern« stand, und sagte zu dem öffnenden Bedienten: »Bitte – melden Sie mich meiner Cousine! ... Ja – da bist du ja! Grüß dich Gott, Lintscherl! Wann ich in Wien angekommen bin? Gestern spät abends! Aber vor zehn morgens darf man bei euch Langschläferinnen ja nicht anklopfen! Ihr habt sicher gestern wieder irgendeine Hetz vorgehabt! Wie steht's denn? Wie geht's? Laß dich mal anschauen! Wie bringst du's nur fertig, daß du immer noch schöner wirst, Lini?« Das war nicht nur das artige Zuckerwerk eines Sechzigers an die alte Jugendgefährtin aus fernen vormärzlichen Wiener Tagen. Die einstige Lini Götsch, die gefeierte Schönheit der letzten Metternichzeit, gehörte nicht zu den Frauen, die ihren eigenen Mai losgelöst vom späteren Selbst sehen und seufzen: »Ja damals, wie ich jung und hübsch war ...« Die blauschwarzen Locken der Biedermeierjahre hatten sich in glattgewellten Schnee verwandelt, aber um so größer brannten unter dem Weiß die südlich-heißen, kohlfarbenen Augen. Aus der jungen Madonna war eine Mater dolorosa geworden, durch die Herbstlichkeit noch veredelt, die Gestalt majestätisch in ihrer Schlankheit, die immer noch küßlichen Lippen lachten ihr altes Circelachen, und aus ihnen lachte Wien, das ewig heitere. Dreißig Jahre Witwe! Kein Mensch zerbrach sich mehr den Kopf darüber, warum sich seinerzeit der Hofrat von Matula nach zehnjähriger unglücklicher Ehe im Prater die Pistole mit Wasser geladen und sich den blatternarbigen schwarzen Borstenkopf zerschmettert hatte. An der Wand hing sein Bild. Gallige Bitternis um die herabgezogenen, glattrasierten Mundwinkel. Alle bösen Geister seines Herrn und Meisters Metternich umschwebten dessen getreue, vormärzliche Kreatur. Nachgeweint hatte dem Niki keiner. Am wenigsten seine Frau, die Lini. Die hatte, seit er tot war, von ihm nur alles Angenehme: den Namen, den Titel, die Pension, das Erbe. Es ließ sich leben. Die schöne, leichtsinnige, weißhaarige Lini steckte sich eine von den roten Rosen, die ihr der alte Herr gebracht, an die Brust und sagte so erregt, wie sie nur sein konnte, wenn von Liebeshändeln und meinetwegen auch von Heirat die Rede war: »Den ganzen Tag steckt er in sei'm faden Ministerium. Aber auf den Abend kommt er! Ich hab ihn eingeladen, mit uns zu nachtmahlen!« »Der Sektionsrat Fronhofer?« »Ja. Du wirst ihn selber kennenlernen, Reini! Weißt, i fürcht mich ja vor ihm! Mir graust's vor so ernsten Leuten. Ich glaub, er hält's mit die Freimaurer ... und mit die Preißen.« »Hurra! Hurra! Der Paperl ist da...« Der alte Herr wollte sich wehren. Aber die Tochter faßte ihn, von hinten auf den Fußspitzen hereingewischt, an den Händen und drehte sich um ihn im Kreise. »Hansi ...« »Der Paperl! ... Der Paperl ... der Paperl ...« »Laß los, du Unband!« »Papitschka! ... komm ... I muß di busserln!« »Ich bin ja ganz außer Atem!« »Aber fesch schaust aus ... Wart ...« Die Hansi zupfte ihm sachverständig die Krawatte zurecht. »So ... Du mußt an Girardihut tragen, ... der steht jedem alten Kavalier!« Ein liebes Wiener Gesichtel. Die Wangen rund. Die Nase etwas stark. Das Kinn und der Mund beinahe slawisch weich. Lachende Augen. Lustige Ohrwascheln unter dunkelblondem Haar. Auf dem saß flott und unternehmend schief ein kleiner, steiler, moosgrüner Topfhut mit aufrechter weißer Feder. Ebenso grüne Schleiferln raschelten und flitterten übermütig auf dem gerafften weißen Tuchkleid. Sie umhalste stürmisch den Vater und tanzte wieder mit ihm herum. »Hanserl ... Du zerdrückst ja dein Kleid ...« »Macht nix!« »Warum hast dich denn so aufgezäumt – schon morgens früh?« »Jessas, Tante! 's ist doch die Matinee in der Josefstadt! I muß hin! ... Kinder – i muß! ... I Hab ja gar net gewußt, wann der Papi kommt!« »Ich bleib ja auch lang genug da, Hansi!« »Oder – daß i net lüg ... Eben hab ich's gelesen ... den Augenblick ...« »Gelesen?« »Ja! So an berühmten Papa hab ich! Da schaugt's: die ›Wiener Extrapost‹ von heute morgen ... Wart mal: Einbruch bei einem Greißler ... Neue k. k. Trafik ... Die Schrammeln ... Ach da: ›Ein alter Achtundvierziger in Wien!‹ Das bist du! ... I bin stolz!« »Wie komm ich denn zu der Ehre?« »Weiß net! I muß zur Matinee! Also gestern begegn ich doch gerade vor dem Sacher der Erzherzogin Genovevua! Der Ehrenpatroneß! Denkt's euch nur: sie hat mich gleich erkannt! »Sie kommen doch morgen?« hat sie gefragt. Ich hab ein Duckerl bis auf den Boden gemacht und gehaucht: »Ich bitte! Ja!« ... Alle Leut sind stehengeblieben und haben gesehen, daß ich mit einer Hoheit geredt hab. Ich bin weiter, als wär ich selber eine ...« Die Hansi ging, die Nase nach oben, leutselig-unnahbar durch das Zimmer. Ihre Gestalt mit der biegsamen, natürlichen Wiener Taille war zu üppig und nur mittelgroß für eine hohe Dame. Sie lachte aus vollem Hals. Es war nicht zu sehen, warum. Es war eine Leibesübung. Sie lachte, wie andere atmeten. »Für welchen Zweck die Matinee ist, Paperl? Ja, das, wenn i wüßt! I glaub, für die Babys. Der Sonnenthal spricht selber einen Prolog! Der Martinelli ... Magst den Martinelli? Im Volkstheater ...« »Hanserl ... jetzt sei g'scheit ... Nimm dich zusammen ...« »Du bist doch so gut wie Braut, Kind!« Das Hanserl setzte sich und glättete sich die grünen Mascherln am Kleid. Es nahm den Fall nicht tragisch. »Hast du ihn denn auch wirklich lieb?« »Den Camillo? Also denk dir, Paperl: Auf dem Juristenball ... Da kommt der Poldi Morandell, der Älteste vom Onkel Alfi von den Liechtensteinhusaren ... Also fesch schaugt der Bub aus im blauen Attila mit weißen Oliven ... und sagt: ›Da bring ich einen! Der geht sonst nie auf Bälle. Der is zu ernsthaft zum Tanzen! Den mischt's mal auf!‹ ... Der Poldi is nämlich zum Kavalerie-Telegraphen-Kurs kommandiert und ...« »Also das war der Sektionsrat Fronhofer?« Das Gesichtchen der Hansi wurde plötzlich feierlich ernst. Sie seufzte tief auf. »Das war er, Papitschka! Meine Tanzkarte war natürlich seit Wochen so ausverkauft wie am ersten Abend von einer Operette an der Wien. Der Poldi hat getuschelt: ›Machst halt Konfusion, du Tschaperl! Mir zulieb! Der Fronhofer hat ein zu schweres Geblüt! Der soll tanzen!‹ Gut. Aber nach dem ersten Walzer hab ich ihm gesagt: ›Wegen Ihnen ist der Strauß net auf die Welt gekommen. Beim Ballett könnten's Ihr Brot net verdienen!‹ Meinst, er hätte geführt? Man war rein verraten und verkauft ...« »Bleib bei der Sache, Kind!« »Laß doch das arme Hascherl erzählen, Reini!« »Am nächsten Sonntag hat er Besuch gemacht! Ich hab eigentlich weglaufen wollen! Aber die Tante hat's net gelitten! Also bin i hübsch dag'sessen, heilig wie 'ne Nonne! Und er halt gegenüber. Im schwarzen Rock hat er besser ausgeschaut als im Frack. Das leichtsinnige Gewand, das steht ihm net ...« »Sa laß das jetzt einmal, Hansi! Schau nicht auf die Kleider, sondern auf die Menschen, die drin stecken!« »I muß mi aber fertigmachen!« Die Hansi sprang auf. »Die Patronessen verzeihen das nie! ... Wann die Fürstin ...« »Jetzt schau schon, daß d' weiter kommst!« »Ja, Tanti!« »Kann man denn kein ernstes Wort mit ihr reden?« sagte Reinhold Nimis, als sie hinausgeschwirrt war. Die Edle von Matula saß auf ihrem Lieblingsplatz in der Ecke, vor der großen Fächerpalme, die einen stimmungsvollen Hintergrund für ihre statuenhafte, weißhaarige Schönheit bildete. »Der Fronhofer wird sie schon ernst machen! Der hat viel von der Ware abzugeben!« »Vielleicht zu viel?« »Und sie ihm von ihrer Fidelität! Ich hoff als zu Jesus und Maria, das gleicht sich aus. Er hat doch schon siebenunddreißig auf dem Buckel. Die Verwandten wollen ihn verheiraten, eh er ein alter Krauter wird. Die danken dem lieben Herrgott, daß er endlich Feuer gefangen hat!« »So. Da bin i wieder! Begleit'st mich, Paperl? Das is lieb von dir!« »Hansi! Du hast ihn doch wahrhaftig gern?« fragte der alte Herr ernst, während sie zusammen durch Wien gingen. Das Hanserl hatte sich in ihn eingehängt, in einer schmiegsamen, kätzchenhaft vertraulichen Weise, und musterte dabei in den Spiegelscheiben der Läden, welchen Eindruck sie so zusammen machten. »Freilich! Sonst tät ich ihn doch net nehmen! Der Camillo hat so was Beruhigendes! I denk als, mir kann nix passieren, wenn er bei mir ist! ... Schau nur den entzückenden Schmuck da. Ich hab mir zur Hochzeit ein Perlenkollier gewünscht! Weißt, es is halt doch für den Teint...« »Hast du den festen Willen, ihn glücklich zu machen?« »Aber ich bitt dich, Paperl ... Ich hab dem Camillo gesagt: Wenn was passiert, bringst mich auf der Stelle um! Das hat er mir in die Hand schwören müssen!« Das Hanserl sprach das sehr ernst und unbefangen, mit einem frommen Kindergesicht. Ihr Vater erwiderte nichts. Einen Augenblick fröstelte ihn vor Wien. »Du mußt immer denken: Du mußt dich anpassen! Er ist der Mann und der Ältere!« Die blühende Eva an seiner Seite streifte im Vorbeigehen mit neugieriger Kennerschaft die Pariser Modelle im Schneiderladen. Wozu Worth? Die Kaiserstadt wußte selber, was ihr zu Gesicht stand. Sie war etwas zerstreut. »Ah geh! ... Wir stutzen ihn schon zurecht, den Camillo! Da bin i unbesorgt!« »Nimm die Ehe nicht zu leicht!« »Gewiß net! Ich hab ihm gleich gesagt: Weit von Wien geh ich net! Graz meinetwegen oder Salzburg oder Linz! Aber zu die Rastelbinder und Katzelmacher und Bosniaken bringst mi net... Jessesmariandjosef! Bald zwölf. I muß 'n Wagen nehmen.« Ihr Vater wollte einem Einspänner winken. Sie war entsetzt. »Ein Komfortable? I müßt mich ja schämen, wann i net mit einem Fiaker vorfahr, vor all die Leut! Servus, Papitschka!« Sie lehnte sich lässig, wie in einer Privatequipage, in die Polster zurück. Der Schani aus dem Bock mit dem aufgewichsten Schnurrbärtchen bog sich zungenschnalzend vor. Die ungarischen Jucker warfen die Vorderschultern. Die Gummiräder federten lautlos auf dem Pflaster. Die wilde Jagd bog um die Straßenecke. Das Hanserl nickte selig zurück. Reinhold Nimis, der Graukopf, ging allein weiter durch die Kaiserstadt. Wien, du altes Wien ... Noch standen die Kirchen und die Paläste, die Patriziergiebel und die Barockbauten der Ministerien wie damals, als er vor vierzig Jahren als junger Student zuerst hier auf der Wiedener Straße aus der Postkutsche gestiegen. Nur war die Kärntner Straße, durch die er ging, doppelt so breit geworden, als sie im Vormärz war, und die breite Pracht der Ringstraße, in die er bog, war neu. Aber immer noch hieß es um die Mittagsstunde: »Es ist die Burgmusik mein allerhöchstes Glück!« und brauste es auf dem Innenplatz der Hofburg, in deren Hunderten von Sälen und Gemächern einsam der alte Franz Josef hauste, von der Kapelle des Edelknabenregiments: »Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz!« Immer noch malte sich in der Verschnürung auf den Schenkeln der Honveds, in dem grellen Kopftuch böhmischer Steinträgerinnen,den roten Fezen bosnischer Hausierer und roten Schärpen welscher Kastanienbrater, den schwarzen Ringellöckchen und Kaftanen galizischen Ghettos und den farbigen Landestrachten Siebenbürgens und Tirols – immer noch malte sich in ihnen das gewaltige Völkergemisch bis zur Adria und dem Eisernen Tor, über das der doppelköpfige Adler Habsburgs seine Fittiche spreizte. Und doch erschien das alles dem Achtundvierziger verblaßt und welker als damals. Der alte Stephan schaute immer noch, den Zeiten trotzend, über seine Stadt hin bis zur schönen blauen Donau und dem Wiener Wald in der Ferne. Aber es wehte wie ein herbstlicher Hauch über Hofburg und Herrengasse. Reinhold Nimis wußte nicht, war das das eigene Alter, das ihn das Herz der k. und k. Lande alt sehen ließ, oder war dies Herz selbst alt geworden. Alt nach Magenta und Solferino, nach Maximilian von Mexiko, nach Königgrätz und dem Krach. O du mein Österreich ... Die vielen böhmischen und madjarischen Namen auf den Firmenschildern fielen ihm auf. Die Stadt war kerndeutsch. Trotzdem zitterte etwas Unsichtbares, Fremdes, Feindliches in der Luft, so als nagte unablässiger, unterseeischer Wellenschlag an ins Meer hinausgebauten Quadern. »Spatz! Ich hab's doch gewußt! Da kommt er!« Auf dem Opernplatz blieb ein kleiner, dicker, alter Börsianer forschend vor Reinhold Nimis stehen und breitete halb scherzend, halb zweifelnd die Ärmchen aus. Unendliche, schmunzelnde Nachsicht mit allem Menschlichen, allzu Menschlichen glättete ölig die Runzeln der Wangen und die Tränensäcke unter den Augen, die unstet, neugierig flink wie schwarze Mäuse durch den auf der scharf gebogenen Nase sitzenden Zwicker guckten. Satt-versöhnlich spielte ein gutmütiges Lächeln um die dicken Faunslippen unter dem schwarzen Schnurrbart, der ebenso wie die krausen Ringellöckchen unter der Zylinderkrempe zu stiefelwichsartig glänzte, um nicht gefärbt zu sein. Das ganze Männchen war in eine Wolke behaglichen Daseins auf der Wiener Ringstraße gehüllt, wie das gewölbte Bäuchlein in einen prallsitzenden, viel zu kurzen, mausgrauen Gigerlpaletot und die Lackstiefel in taubenfarbene, auffallende Gamaschen. Ein Diamant von Haselnußgröße wechselte in der Rosaseide des Schlipses über der weiß gefältelten Hemdbrust sein glitzerndes Wasser. »Nu – Herr von Nimis? Wer bin ich?« Der alte Herr zögerte. »Denken Sie an Achtundvierzig. An unseren Cercle junger Leute in Heidelberg! ... Nu – was soll ich sagen?« Die rundlichen Schultern hoben sich heftig. An den spielenden fetten Händen funkelten die Ringe. »Denken Sie an den Jeanche Weixselbaum!« »Herrgott! Herr Weixselbaum! ... Nach vierzig Jahren, ... Ja ... Wie geht's Ihnen denn?« Der andere machte wieder eine nachsichtig ablehnende Bewegung mit der Achsel auf die kindische Frage, wie es ihm gehen könne? Ihm? ... Eine unermeßliche Selbstzufriedenheit lächelte duldsam und gutmütig um die weltkundigen Mundwinkel. Er zog die Nummer der »Wiener Extrapost« hervor und wies auf den Artikel: »Ein alter Achtundvierziger.« »Da hab ich Sie schon angekündigt, Herr Nimis!« »Haben Sie der Zeitung die Nachricht geschickt?« »Spaß! Die ›Extrapost‹ gehört mir doch!« »Da gratulier ich!« »Zu dem Schmarrn?« Weixselbaum nickte nachsichtig lächelnd zu so viel jugendlicher Unerfahrenheit und Unkenntnis des Graukopfs vor ihm, »Wenn mir nicht mehr als das in Wien gehören tät, mein Lieber ...« »Aber woher erfuhren Sie ...« »Ihre Ankunft hat mir der Herr von Fronhofer erzählt!« »Hatten Sie bei ihm auf dem Ministerium zu tun?« »Die Ministerien haben bei mir zu tun«, sprach Weixselbaum und ging mit dem Jugendgefährten den Kärntner Ring zurück. Er schnaufte dabei kurzatmig. Er hatte überall beim Emporklimmen aus der Lebensleiter Fett angesetzt. Ein gemütlicher Größenwahn hob ihn über Wien empor bis zur Höhe des Stephansdoms. Er grüßte lässig nach allen Seiten. »Ich bitt Sie: Was ist denn ein Minister? Ein Minister ist ein junger Mann, den man schaßt, wenn er im Geschäft Dummheiten macht! Im Polenklub haben sie gestern abend ...« Er unterbrach sich und schwenkte vertraulich den Bibi zu einer im vorbeijagenden Unnumerierten hingegossenen Dame. Ein Leibjäger auf dem Bock. Es konnte eine Fürstin sein. »Die Poldi!« sprach er. »Haben's sie gesehen? In der neuen Operette? Beine hat das Madel! ... Weil ich Ihr Freund bin: Fixen Sie Goldrente! Budapest kommt morgen flau!« »Wie?« »Sie liegen richtig! Wenn die Rothschildgruppe ... Ja, schauen's: Mir hat's der Türkenhirsch mal gesagt: Je weniger bei uns ein Minister gelernt hat, desto mehr taugt er halt! Deswegen halt ich's mehr mit die Ungarn, obwohl ich die Regierung unterstütze!« »Das haben Sie früher nicht getan!« »Wann, mein Lieber?« »Achtundvierzig!« Weixselbaum legte den Wollkopf auf die Schulter. Es war eine Bewegung milden Verständnisses für sich und andere im Wechsel der Zeiten. »Man war jung. Das gibt sich. Mir war's schon damals zu lärmend. Ich bin wieder von Köln nach Paris. Und in den sechziger Jahren, nach dem Ausgleich, nach Wien.« »Und hier fühlen Sie sich wohl?« Weixselbaum bekam den Hut kaum auf den Kopf. Alle Welt kannte ihn. Man sah beim Grüßen, daß die schwarzgefärbten Löckchen nur als schmaler Kranz eine mächtige, weltliche Tonsur umrahmten. Er winkte mit der Hand in die Cafés hinein, nickte Freunden zu, dankte als ein Pascha, auf die ehrerbietigen Verbeugungen der wartenden Fiaker. schwamm behaglich wie ein alter Karpfen in sonnenwarmem Schlammwasser. »Bitt Ihnen, Herr von Nimis: Was wär denn Wien alsdann ohne mich?« Dann wurde er wehmütig, »Die schöne Heidelberger Zeit! Ein junger Mensch soll Ideale haben – freilich!« »Ich hab mir meine Ideale von Achtundvierzig bewahrt!« »Ach – gehen's!« » ... und werde sie hochhalten, bis ich sterbe!« »Plauschen's net! Kommen's mit herauf, Herr Nimis, und sagen's meiner Frau guten Tag!« Der Herr von Wien stand vor einem palastartigen Gebäude des Kärntner Rings. Er begönnerte jetzt Leo Nimis mitleidig wie ein großes Kind. Nahm ihn einfach, ohne auf seinen Einspruch zu hören, unter den Arm, stieg wohlwollend mit ihm die steinerne Rokokoschnecke empor, in der sich die kurze, breite Treppe bis zum Mezzanin schnörkelte. »Johannes Ritter von Weixselbaum« stand da auf dem Schild neben der Tür. Ein Kammerdiener verneigte sich mit der glattrasierten Feierlichkeit eines Botschafters. Lakaien standen auf den Schwellen der langen Flucht von Sälen und Gemächern, Schloßteppiche lagen auf dem Parkett, Tizians und Murillos und Rubens prangten an der Seidenbespannung der Wände, flandrische Gobelins hingen vor dem Eingang in den Speisesaal. In ihm scholl am runden Familientisch seltsam nach dem feierlichen Schweigen der Prunkräume, lautes Stimmengewirr, Lachen, Wien, das Heute. »Da stell ich Ihnen meine Frau vor. Herr von Nimis! Sitscherl, der Herr von Nimis hat Hunger! Was habt's denn da? Tafelspitz mit Kren? A la bonheur ! ... Mein Schwiegervater, Herr von Nimis! Sie müssen ein bissel laut reden! Er ist halt kein Jüngling mehr. Einundachtzig!« Der alte Hirsch Donauer hatte mit dem schneeweißen Patriarchenbart und dem schwarzen Käppchen auf dem langen, weißen Haar etwas Ehrwürdigem, Alttestamentarisches. Man unterhielt sich mit ihm hauptsächlich, indem man Fragen mit Bleistift auf kleine Zettel schrieb und ihm zuschob, Er antwortete dann mit der bei einem Greis wunderlich starken Stimme des Tauben. Nur seiner Tochter Sidonie, einer unauffällig kostbar gekleideten kleinen älteren Dame, las er die Worte von den Lippen ab »Hier meine Buben ... der Leopold ... Nu – was soll ich weiter sagen ... Sie wissen ja! ... Im Herbst wird seine neue Oper in Monte Carlo aufgeführt!« Der Stolz der Familie, der Kunstmäzen und Komponist, war ein weicher, geräuschlos-eleganter Ringstraßenkavalier, zurückhaltend-vornehm nach dem Muster seiner hochadeligen europäischen Freunde, mit schwermütigen Augen und dem seidenschwarzen Backenbart im Schnitt des alten Kaisers Franz Josef. Neben dem internationalen Weltmann stand sein jüngerer Bruder, dem Vater ähnlicher und sein Sozius. »Mein Sohn Charles! Seine Frau, geborene Osmanos! Sie wissen: Unser Konvertierungs-Osmanos in Wien! Nicht der Bruder von der Dette publique in Pera.« Charles von Weixselbaum sprach Französisch mit den Schwestern seiner Frau, von denen jede für eine halbe Million Schmuck an sich trug. Der Alte stellte behaglich vor: »Madame Rappaport aus Mülhausen. Madame Ulmo aus Paris ... hier schauen's meine eigenen Schwäger: den Koloman Goldkind ...« »Hab die Ehre«, sagte der aus Budapest gekommene Weizengroßhändler. »... und den Siegfried Hungar!« »Servus« sprach der Großbaissier an der Wiener Börse. Da war noch der Hausfreund Sigi Stockfisch, ein trockener und verdrießlicher schweigsam kauender alter Junggeselle mit kränklichem Gesicht, und ein großer, schöner, vollbärtiger Mann in den Vierzigern, der wie ein Hohepriester aus dem Tempel Salomons aussah und auch etwas von dessen Würde an sich hatte. »Doktor Mandel! ... Der Zionist!« »Mir is zu weit nach Palästina«, sagte Charles und lachte. Simone, seine Frau, die geborene Osmanos, stimmte bei. »Ich werd unterwegs seekrank!« Doktor Juda Mandel, der Sohn des Wunderrabbi in Ostgalizien und Doktor dreier Fakultäten, aller Sprachen Europas kundig, redete in Gegenwart eines Fremden nicht über diese tiefsten Fragen seines Volkes. Er saß hier in der leichtlebigen Tafelrunde der Kaiserstadt, in der er selbst wohnte, wie ein Sendbote der Weite, des fernen Ostens und seiner Ghettos zwischen den Kosakensteppen und den Karpathen. Um ihn und Reinhold Nimis plätscherte das Gespräch leicht und vergnüglich wie die Wellen der Donau. Man fühlte sich ja so wohl in Wien. Warum von hier fort? Die Länderbank ... die ewigen Schwulitäten der Südbahn ... Ich bitte: das is halt keine Rolle für den Girardi ... Buschtierahder steigen ... Laßt's mich bloß beim Essen mit dem Lueger aus! ... Wann's als gegen die Ungarn hetzen .. Ma chere Simone .. Die Ungarn kann net einmal der Teufel schlucken... I bin selber einer! ...« Der Kornkönig lachte zufrieden, im Stuhl zurückgelehnt, die Daumen im Ausschnitt der Weste. In Budapest lebte sich's ebensogut wie hier in Wien. Überall in Österreich. Sie sprachen plötzlich alle wieder Französisch. Die zerbrechlich dünne, in einen Schneidertraum gehüllte Madame Ulmo berichtete in rasendem Pariser Zungenschlag von der Seine. Ihr Mann sei eben nach Brüssel gefahren. Sie treffe sich mit ihm auf der Rückreise in Frankfurt. Dort habe er auch ... Sie verstummte auf einen warnenden Blick des Ritters von Weixselbaum. Siegfried Hungar begann auch nur: »Ich bin, er soll nur die Alliance Israélite...« und brach sofort wieder ab. Juda Mandel, der Zionist, sagte halblaut zu Leopold, dem älteren Sohn, so daß der Gast am Tisch nur den Anfang hörte: »Wir arbeiten jetzt sehr stark von Neuyork aus, daß in Palästina ...« »Poldi ... Kennst den Principe von San Donato? Die Simone möcht's wissen!« »Er war mein Parrain im Circolo della Cuccia zusammen mit dem Grafen Bjelinski«, sagte der künstlerische Weltmann leise, nebensächlich, um nur ja kein Aufsehen damit zu machen. Er besaß überall aristokratische Freunde unter echten, wenn auch verarmten Herzögen Siziliens und russischen, in Meraner Schlössern hausenden Fürsten, unter päpstlichem, neunzackigem Adel und Pariser Prinzen der Lebecercles. Drüben am Tisch waren sie wieder bei der neuen rumänischen Staatsanleihe. Geld, Geld. Das Gespräch umspannte ganz Europa mit goldenen Fäden und lief wieder nach der Wiener Börse zurück. Auch während des Essens empfing der Ritter von Weixselbaum noch Kursdepeschen und die Karten draußen antichambrierender Besucher, schickte die meisten der letzteren weg und ließ einen oder zwei bitten, sich zu gedulden. Lange Titel prangten auf deren Visitenkarten. Aber ihn störte das nicht beim Schwatzen. Wien hatte auf ihn zu warten. Er war, die Zigarre schief zwischen den dicken Lippen, die Brillantenträger der Finger über der weißen Weste gefaltet, in versöhnlichster Stimmung. Menschenfreundlich. Großmütig. Hilfsbereit. »Wollen's schon gehen, lieber Nimis? Alsdann, hat mich sehr gefreut!« Und in dem anstoßenden leeren, ganz in weißgoldenem Empire getäfelten Musikzimmer vertraulich: »Wie lange bleiben's denn in Wien? Ich weiß ja, was Sie herführt. Ich weiß alles, was in Wien passiert! Ich will schauen, was ich für den Fronhofer tun Tann ...« »Aber ...« »Die zukünftige Gnädige will net weit von Wien weg, hab ich gehört...« »Auch schon!« »Ich werd's beim Minister bestellen! Verlassen's, sich drauf: die jungen Leute bleiben in Wien!« »Ich wußte nicht, daß Sie so mächtig sind«, sagte Reinhold Nimis. Sein Gastfreund legte, gerührt über so viel Unschuld, den kurzen, breiten Zeigefinger auf die Elfenbeinrose an der Wand. »Das Leben ist ein Klingelbrett, Freunderl! Wann ich auf den Knopf drück, kommt der Diener und hilft Ihnen in den Mantel. Und wann ich auf einen andern Knopf drück, kommt die öffentliche Meinung und hilft der Regierung in den Sattel ... Servus ... Wenn Sie noch ein paar Notizen über sich im Blättchen haben möchten ... geschieht gern!« »Danke. Ich sehe die Welt lieber aus der Stille an!« Der Ritter von Weixselbaum hob ergebungsvoll die ewig beweglichen, mit einer eigenen Gebärdensprache des Ostens begabten Schultern. Zu fade Leut – diese Idealisten, die nichts wollten ... Gott sei Dank: Die Rasse starb aus ... Hier und im ganzen Kaiserstaat und draußen im Reich und überall auf der Welt ... Und etwas Ähnliches fühlte unten der alte Achtundvierziger auf seinem Weg durch die alten Gassen und Winkel der Innenstadt zum Gasthaus. Ein Frösteln des Altgewordenseins. Oder des Junggebliebenseins. Jedenfalls des Alleinseins. Etwas wurde selten auf Erden, was früher Gemeingut vieler gewesen. Man hatte es sich gegenseitig an den Augen abgelesen und Hand in Hand geschlagen an der Donau und selbst an der Spree. Am Neckar und am Rhein. Jetzt waren die Augen deutscher Menschen allerorts kühl geworden. Nicht mehr das Land Nirgendwo und Ewig spiegelte sich in ihnen, sondern die Börse, die Staatsanstellung, das Volksmandat, der Orden, die Konjunktur, die gute Partie, der Titel, die Protektion. Das Wollen galt mehr als das Wissen. Über der Erkenntnis stand der Erfolg. Die Dinge waren nicht zum Sehen da, sondern zum Beherrschen. Und doch war einer, in dessen braunen, ruhigen, tief in sich gekehrten Augen noch der frühere Deutsche lebte. Zwickergläser schieden diesen stillen Blick noch mehr von dem lachenden Wien da draußen. Dies von einem kurzen, blonden Vollbart umschlossene Gelehrtengesicht hatte im Ausdruck den Ernst des Nordens, in den Linien die Weichheit deutschen Südens. Es war nichts Strenges darin. Keine Härte. Es war nur einer, der das Leben nicht leicht nahm ... Der Sektionsrat im Ministerium, Dr. Camillo Fronhofer, saß nach dem Nachtmahl seinem zukünftigen Schwiegervater gegenüber. Die Damen, Frau von Matula und die Hansi, hatten sich in das Nebenzimmer zurückgezogen. »Das hättest du dir auch nicht träumen lassen, Schwiegerpapa,« sagte Camillo Fronhofer – er hatte eine warme tiefe Stimme und sprach langsam – »daß es das aus der buckleten Welt gibt: Einen traurigen Wiener! Noch dazu einen, der traurig ist, eben weil er Wiener ist! ... hör nur, wie's Hansel nebenan Triller lacht! Sie kann ganze Tonleitern lachen, rauf und runter!« »Ach lieber Camillo, ich bin alt. Ich fange an, manches zu verstehen!« »Ich kann mir nicht helfen: Ich leide eben an einer Krankheit – brauchst nicht zu erschrecken –, und die Krankheit ist unheilbar. Denn sie heißt Österreich ...« »Also, Tante Lintscherl!« plauschte nebenan die helle Kinderstimme, »Ich denk halt, ich nehme weißen Crêpe de Chine und die Schleppe ...« Camillo Fronhofer lächelte verliebt und versonnen, während sich der Wortwechsel im Rauschen einer gespannt durchblätterten Modenzeitung verlor. »Österreich ist krank«, sprach er. »Schwer krank.« »Mir scheint es auch.« Wenn Reinhold Nimis seinen künftigen Schwiegersohn betrachtete, fiel es ihm immer wieder auf, daß man ihn nach seinem Äußeren eher für einen Arzt halten konnte als für einen höheren Verwaltungsbeamten. Es war der ernste, forschende, unbeirrte Blick des Arztes. Des Arztes am Krankenbett der Zeit. Nur daß aus diesem Blick noch eigenes, tiefes Leiden und Mitempfinden sprach, als säße er am Schmerzenslager seiner eigenen alten Mutter Österreich. »Weißt du, woran wir hier sterben, Schwiegerpapa?« sagte er ruhig. »Am Jahr sechsundsechzig. Ihr draußen freut euch und sagt: Wir haben Kaiser und Reich. Nein: Wir haben zwei Kaiser und zwei Reiche. Eins in Wien, eins in Berlin. Seitdem ist Deutschland ein Widerspruch zu sich selbst, und in dem Zwiespalt ist Österreich der schwächere Teil, und es gibt halt kein Heilmittel gegen Königgrätz ...« »Also die Mascherln, da am Rock, sind süß!«,hörte man aus dem Nebenzimmer Hansis helle Kehle. »Sehr lieb! ... Tante Lintscherl, wird der Ausschnitt so tief genug?« »I sollt's wirklich meinen, du Tschaperl!« »Oder rucken wir's noch ein bisserl runter?« »Seit Königgrätz, Schwiegerpapa, ist die deutsche Ehe geschieden durch einen Trennungsschnitt mit scharfem Messer zwischen Etsch und Belt. Mag ja sein, daß sich beide Teile wohler fühlen, seit sie einander los sind! Aber ein Knacks auf Lebenszeit bleibt. Berlin ist dabei der Mann. Ein geschiedener Mann kann leicht wieder hinaus ins Leben. Wien, die Frau, hat's schwerer. Ohne Halt und Hilfe wie so manche geschiedene Frau ...« »Seid's noch net fertig mit eurer grauslichen Politik?« Ein rosiges Evakopfchen schmollte neckisch durch den Türspalt. »Geduld, Hanserl!« »Gleich, mein Götterl, gleich!« Der Sektionsrat Camillo Fronhofer wandte sich wieder dem künftigen Schwiegervater zu und sagte, immer mit dem leidenden Hellsehen eines Arztes aus den versonnenen Zügen: »Deutschland und Österreich müssen wieder zueinander. Sonst gehen wir hier zugrund. Es kommt ja vor, daß geschiedene Eheleute sich wieder heiraten und es nicht bereuen. Deutschland ist, wo deutsche Menschen wohnen. Erst wenn es eine Wohnung für alle deutschen Menschen ist, hat's seinen Namen verdient. Das habt auch ihr Alten gewollt. Achtundvierzig!« »Ja – das war unser Kampf und unser Leid.« »Im alten Heiligen Römischen Reich hatten noch alle Deutschen Platz. Selbst im elenden Deutschen Bund hinterher. Erst vor zwanzig Jahren hat sich Deutschland selbst geteilt, so wie man einst Polen teilte. Euer Haus ist groß und prächtig. Aber ein Drittel aller Deutschen steht draußen vor verschlossenen Toren ...« »Leider ... leider ...« »Euch geht es gut im Reich, und ihr seht zu, wie wir in Österreich zugrunde gehen!« »Mein altes Österreich ... Ich bin doch selber halber Österreicher ... meine Mutter stammt aus Wien ... Österreich lebt und blüht ...« »Österreich heißt Ostmark. Die Mark, nicht das Reich. Das Glied, nicht der Leib. Jahrhunderte hindurch hat Österreich Blut vom großen deutschen Körper empfangen und mit dem kostbaren lebendigen deutschen Blut die fremde große Slawenwelt längs der Donau veredelt und das Blut im Kreislauf an Deutschland zurückgegeben. Seit zwei Jahrzehnten sind unsere Lebensadern nach Deutschland hin abgeschnürt, und wir fangen an, es zu spüren. Unser Herzblut läuft langsamer, der Pulsschlag stockt. Wir können den Osten nicht mehr meistern. Unsere Hand wird matt. Der Osten wälzt sich heran. Der Osten steht nie still. Das ist ein ewiges Schieben und Drängen der Völker ... Oh ... ich weiß schon, was du sagen willst: Das ist die Stimme eines Predigers in der Wüste! Da hast du recht! Außer mir hörst du das kaum von einem Menschen in Wien!« »Jetzt kommt's doch schon!« schrie die Hansi weinerlich und ungeduldig. »Nur ein Minuterl, mein Herzensschnucki! ... Gelt ... bist lieb? ... Freilich, Schwiegerpapa, hier in Wien hörst du sonst eher das neuste Fiakerlied und Tratsch vom Burgtheater als solche Worte. Aber einmal bricht die slawische Sintflut herein. Das braucht nicht heut zu sein. Das kann in zehn und in dreißig Jahren geschehen. Vielleicht erst, wenn ich einmal so alt bin wie du jetzt. Das wär so um 1912 herum. Das ist noch lange hin. Doch schließlich muß sich's vollenden!« »Jetzt hol ich dich, du Lump!« trällerte die Hansi. Vom Lichtschein aus dem hellen Nebenzimmer in eine goldige Wolke gehüllt, kam sie heringetänzelt, beugte sich in die Knie und streichelte ihm in zärtlichem Leichtsinn das dichtgewellte Haar, als wollte sie all das dumme Zeug, das ihm darunter im Schädel braute, verscheuchen. »Wenn er auf die Politik kommt, is er alleweil so grantig, Papischka! Guckerln zu, Buberl! Stillhalten! hübsch artig sein! So!« Sie vergrub mit einem herzhaften Schmatz ihre roten, weichen Kinderlippen in den Bart ihres Verlobten, der gehorsam, mit geschlossenen Augen und glücklich lächelnd, wie hypnotisiert dasaß, und lachte aus vollem Halse. »Wie er um meine Hand angehalten hat, hat er sich verschluckt und hat husten müssen und ist rot geworden wie an Indian ...« »Hansi – sei g'scheit!« »Ach – ich war ja so froh, Paperl!« Die Hansi legte beide Hände aufs Herz und atmete erleichtert auf. »Warum denn?« »Ich bitt dich: Weil er so gar keine Ahnung in Liebeserklärungen gehabt hat, der Camillo! ... Wie ein Schulbub hat er sich angestellt, der lange Mensch! I hab gemerkt: I war die Erste!« »Ja wirklich, Schwiegerpapa!« Das Hanserl tanzte im Zimmer herum. »Hurra! I war die Erste! ... I war die Erste! Das soll einer anderen in Wien passieren! Da hätt'st neulich den Poldi sehen sollen, wie der zum Spaß vor mir hingekniet is und sein Sprücherl hergebetet hat! ... I hab ihm gesagt: Poldi – das kannst auswendig! Das hast schon zu oft aufgesagt! Damit frett'st dich net mehr lang durch! ... Aber der Camillo! Deswegen hab ich ihn ja gerade gern, weil er gar so ernsthaft is! I brauch 'n ernsthaften Mann! I weiß schon! Sonst werd ich zu fidöl im Leben ...« »Geh her, mein Engerl!« Doktor Fronhofer zog die blühende, duftende Blume von der blauen Donau zärtlich an sich. Sie schmiegte sich weich und spielend wie ein Kätzchen mit halbgeschlossenen und doch schlauen Augen an seine Brust. »Wie ihm's Herz puppert!« sagte sie schläfrig. »Nur für mich. Gelt? Nur für mich?« »Immer nur für dich!« Er ließ sie behutsam wie ein zerbrechliches Spielzeug aus seinen Armen gleiten, trat vor den Schwiegervater hin und gab ihm die Hand. »Wir wollen uns nicht weiter streiten, Schwiegerpapa!« sagte er. »Das Hanserl lacht uns nur aus!« »Still, du Spitzbub!« Der alte Herr drohte ihr gerührt mit dem Finger. Er war beinahe ebenso verliebt in seine hübsche Tochter wie ihr Bräutigam. »Ich bin zu ernst. Die Hansi wird mich schon erziehen, daß ich die Welt anders anschau! Dann werd ich lachen lernen! ... Närrisch – nicht: Ein Wiener, der nicht lachen kann?« »Lieber Camillo, nirgend fand ich von jeher die Schwermut so nahe beim Leichtsinn wie bei euch unten!« »Wann d' nur die Politik laßt«, sagte die Hansi. »Du änderst doch nix an unserer Schlamperei!« »Die Weisheit aus Kindermund, Camillol« »Keiner kann's, Schatzi! Das weiß eh an jeder! Es wird halt fortgewurstelt, sagt Onkel Alfi!« »Bis zum Ende mit Schrecken!« »Da fängst wieder an! Geh, sei doch lieb!« Sie griff ihm schmeichelnd unters Kinn und kraulte ihm den Bart, bis er ihr den Gefallen tat und lachte. Sie machte mit ihm, was sie wollte. Reinhold Nimis schüttelte leise den Graukopf und hob hoffnungsvoll die grauen Wimpern, als suche er in den Höhen Habsburgs Stern. In seinem Ohr jubelte aus seiner Jugend der Radetzkymarsch. Rauschte es durch Deutschlands vormärzliche Stille: »Es gibt nur a Kaiserstadt – es gibt nur a Wien.« Fragte Arndts Geisterstimme: »Gewiß, es ist das Österreich, an Ehren und an Siegen reich!« O du mein Österreich ... Tu felix Austria! Viele Perlen fielen aus deiner Krone, seit ich dich mit Jünglingsaugen sah! Wo ist Mailand? Wo Venetien? Aber immer noch brandet die Adria an deine Küsten, rauscht die Etsch durch den ewigen Schnee Tirols, dunkelt der Böhmerwald, kreist der Adler über Siebenbürgens Grün und pfeift der Wind über die Pußta und hält der Grenzer im kroatischen Eichenwald Wacht und spiegeln sich der Städte und Völker viele in den Wassern der Donau. Immer noch bist du reich, Österreich! Kannst Deutschland viel geben und viel sein! ... »Mag sich auch zwischen den schwarzgelben Pfählen nichts ändern«, sagte der alte Achtundvierziger zu seinem Schwiegersohn. »Draußen ändert sich die Welt. Die, die ohne euch das Deutsche Reich geschaffen, rüsten sich zur großen Reise. Kaiser Wilhelm und sein Sohn, der Sieger von Königgrätz! Wer weiß, wie lange uns noch unser Bismarck bleibt. Eine neue Zeit steigt herauf. Mögen dann Deutschland und Österreich Hand in Hand gehen und den rechten Weg!« VI. Auf dem kleinasiatischen Hochland lag jetzt, zu Mitte März 1890, der Schnee noch tief wie in Sibirien. In der Schlucht des Sakaria, durch die die Hochfläche sich zum fernen Marmarameer senkte, zwischen Mekedsche und Adabasar arbeiteten Hunderte von frierenden Türken und Armeniern am Bau der Eisenbahn. Triefend nasse Kamele knieten im Schneebrei. Die kurdischen Treiber schützten ihre düsteren Zottelköpfe durch Säcke gegen das Flockenstieben. Riesige tscherkessische Köhler stiegen zähneklappernd über die aus Deutschland gekommenen Schienenstapel. Ein Berliner Geheimrat stand unter seinem Regenschirm, den dunkelroten Zivildienstfes der Hohen Pforte auf dem bebrillten Haupt, und beaufsichtigte das Werden der anatolischen Bahn. »Also grüßen Sie mir Berlin, Herr Nimis, und sagen Sie nur in der Behrenstraße, wir seien hier feste auf dem Posten! Ich auch, trotz meiner fünfzig!« »Alles mögliche, Herr Geheimrat!« »... fern von Weib und Kind, unter Wanzen und Flöhen! Wenn mir das Sauleben zu toll wird, sag ich mir: Ei was! Bismarck hinter mir! Sogar die Halbwilden hier um uns haben alle schon von Bismarck gehört!« »Sie nennen ja den Bulgurluberg gegenüber Konstantinopel den Bismarckberg, wegen der drei einzelnen Platanen auf seinem kahlen Gipfel.« »Na – gute Reise!« Die offene Dräsine, auf der Leo Nimis mit ein paar türkischen Streckenarbeitern in Wind und Wetter kauerte, rollte von selbst die noch unfertige Bahn hinab. Baumwollfelder, Maulbeerbäume, Rhododendronbüsche zeigten die Nähe der Küste. Aber immer noch wirbelte der Schnee. Salo Hirschhorn, der mitfahrende Zwickauer Geschäftsreisende, wickelte sich fröstelnd in seinen Mantel. Er machte in Wolltüchern für die Beamtenuniformen der neuen türkischen Eisenbahnen. »Zwanzig Jahre lang bin ich hier gegen die österreichische Konkurrenz nicht aufgekommen, Herr Nimis! Jetzt kommt man endlich ins Geschäft und verdient! Warum? Weil man jetzt was hinter sich hat als deutscher Kaufmann: den Schutzzoll und den Bismarck! ... Werden Sie auch seekrank?« »Als Säugling soll ich's mal gewesen sein!« sagte Leo Nimis, die Stummelpfeife unter dem langen, blonden Schnurrbart zwischen den energilchen Lippen. In Haidar Pascha tanzte vor dem noch im Bau befindlichen deutschen Stationsgebäude das Dampferchen nach Konstantinopel im Sturm vor Anker. Die Delphine schnellten während der Überfahrt aus den schäumenden Wellen. Zwei Engländer, Bekannte aus Honolulu, begrüßten Leo Nimis. »Ihre Landsleute sind hier stark am Werk, Mr. Nimis!« »Ich hoffe so!« »Es fängt an, ernstlich störend zu wirken!« »Kommt noch besser!« »Sie arbeiten seit ein paar Jahren gar nicht mehr für London und Neuyork, Mr. Nimis?« »Nein. Ausschließlich für Berlin!« »Warum?« »Weil Berlin arbeitet und ganz Deutschland arbeitet!« Zwischen den hohen Bordwänden der großen Seedampfer auf der Reede von Galata wurde das Wasser still. Türkische Gendarmen kamen am Goldenen Horn an Bord. Finster und mißtrauisch prüften sie die Ausweise der Reisenden. Leo Nimis hob die Hand und versetzte nur: »Bismarck«, als Zeichen, daß er Deutscher sei. Die Gendarmen verbeugten sich achtungsvoll und gingen weiter, ohne ihn noch mit einer Frage zu behelligen. Und drüben sprach mißvergnügt M. Palmer zu Mr. Stone: »In Kairo preisen die Eseljungen ihre besten Esel nicht nur mehr an ›Gladstone-Esel‹, sondern auch ›Bismarck-Esel‹ ...« Neben ihm sagte Avrom, der jüdische Spaniole aus Saloniki, zu Husseindian, dem Armenier: »Ich mach meine Geschäfte nicht mehr mit Triest, ich mache meine Geschäfte mit Hamburg!« Leo Nimis schwang sich am Ufer auf eins der gesattelten Mietpferde, die noch an allen Straßenecken die Stelle der Droschken vertraten, und galoppierte, der Treiber im Laufschritt hinterher, nach Pera hinauf. Dort zeigt ihm am runden deutschen Stammtisch bei Janni der verwitterte Krüger Bei, noch keiner von den amtlich entsandten deutschen Paschas in Rang und Würden, sondern ein viel herumgetriebener alter Landsknecht, die beiden thüringischen Horngriffabrikanten am Nebentisch. »Die Leutchen kaufen ihre Hirschgeweihe bei den tscherkessischen Jägern bis weit über Kaisarea hinaus. Daß sie in den anatolischen Gebirgen nicht umgebracht werden, verdanken sie nur dem heiligen Respekt vor Deutschland. Reisen Sie durch den Balkan heim, Herr Nimis?« »Nein! Ich hab noch auf einen Sprung in Rußland zu tun! Ich fahre durch das Schwarze Meer.« Die »Zariza« verbeugte sich, auf hoher See stampfend, immer wieder feierlich vor den zweimannshoch gegen ihren Kiel anlaufenden Wellen. Der junge Herr, der mit Leo Nimis am selben Tisch beim zweiten Frühstück saß, war seekränklich. Er hatte so naiv schlechte Umgangsformen gegenüber seinen Mitmenschen, daß Leo Nimis' reisegeübter Blick in ihm ein Mitglied des österreichischen Hochadels vermutete. »Sie sind doch der berühmte Herr von Nimis?« »Berühmt?« »Seit vier Wochen reden's über Sie in ganz Konstantinopel! Ihr macht's ja die Türken ganz narrisch, ihr Berliner! Das Schnellzugtempo ist doch keine Art mehr! Das sind wir in Österreich net gewöhnt!« »Macht's uns nur nach!« »Dann seid's so gut und borgt uns den Bismarck!« »Den brauchen wir selber!« Der Österreicher seufzte: »Ja, eben! Der Bismarck! Der steht halt hinter euch! Den habt's ihr draußen immer bei euch wie ich meinen Kreditbrief. Die Unterschrift kennt jeder. Sehen's dort das Häuferl Unglück im Schiffsstuhl: Das is der Dir. Nawratil, ein k.k. Bergwerksmensch, der mit mir in Amtsgeschäften reist. Im Jänner war der Nawratil auf der Suche nach Erzlagern ganz im Innersten der Karpathen bei den hazulischen Hirten, halben Wilden, und hat sie beim Herdfeuer gefragt, ob's denn schon 'mal vom Kaiser in Wien gehört hätten? Ja, haben die Huzulen geantwortet. Aber es gäbe einen noch Mächtigeren. Seinen Namen wüßten sie nicht. Aber er hätt' nur drei Haare auf dem Kopf ...« »... und auf den Zähnen ...« Eine Pause. »Ja, was macht's denn jetzt nur, Herr von Nimis, wann der Bismarck geht?« »Bismarck sollte gehen?« »Ach – lassen's doch die Leut' reden! Wird schon nix daran sein, an dem Getratsch!« Von drüben schaute Papachristu, der dicke Levantiner aus Smyrna, achtungsvoll herüber. Er kannte außer seiner Vaterstadt nur Pera und Paris. Er sprach außer Griechisch nur ein paar Brocken Französisch. Die Franzosen waren sein Vorbild der Menschheit. Sie waren von den früher hier ganz unbekannten Deutschen geschlagen worden – solchen, wie da drüben einer saß ... Es wollte ihm noch immer nicht in den Kopf. Aber jeder versicherte es ihm seit Jahren ... Fern hob sich, gleich einer Luftspiegelung, auf hoher Küste Odessa aus dem Meer. Ein grusinischer Fürst und Weinhändler spendete den Mitreisenden freigiebig aus seiner geöffneten Rotweinflaschen. Er sparte dadurch den Eingangszoll für seine Mustersorten. Der Kaukasier stieß mit Leo Nimis an. Er wollte höflich sein und zeigen, daß er auch schon etwas von Deutschland gehört hatte. Er sprach das Wort »Bismarck« aus und hielt dabei das Glas einen Augenblick ehrerbietig vor der Brust, ehe er trank. Im südrussischen Kohlenbecken, zwischen Maljowka und Uslowaja, strahlte noch frostklarer, eisklingender, himmelblauer russischer Winter. Leo Nimis schritt, von den Bobrinskischen Bergwerken nach Tula zurückgekehrt, die Hände im Pelz, an den Backsteinmauern des Tulaer Kremls entlang. Der Schnee sang unter seinen Galoschen, die Kathedrale zur Erscheinung Christi funkelte mit goldenen Kuppeln, die Sonne schien warm, Papyrosduft würzte die dünne, schneidende Luft, und Leo Nimis sagte zu dem russischen Großindustriellen neben ihm, der mit seinen kniehohen Filzstiefeln, dem langen, weißbereiften Bart und der verschneiten Pelzmütze wie ein Knecht Ruprecht aussah: »Warum dieser wilde Deutschenhaß bei euch Russen? Gegen Franzosen, Belgier, Engländer, Amerikaner habt ihr doch nichts!« »Deutschland ist uns zu nahe. Es drückt auf uns seit zwanzig Jahren. Früher war da zwischen uns und Europa ein freier Raum. Man konnte die Ellbogen rühren. Jetzt wurde alles eng!« »Ihr werdet euch daran gewöhnen müssen!« »Man wird müssen. Denn Gott gab euch Bismarck«, sagte der Altrusse in seinem tiefen Baß. »Er mischt die Menschen wie wir im Jerolasch die Karten. Er spielt für euch und sticht. Man kann nichts machen, solange er da ist!« Er blieb an der Ecke der Kiewstraße stehen und streifte den Pelzhandschuh zum Abschiedshändedruck von der Rechten. »Aber wie lange wird Bismarck noch im Amt sein? Man hört so mancherlei. Gospodin Nimis!« Leo Nimis fröstelte. Irgend etwas stieg da auf. Ein Schatten lag über Europa. Ein großes, schon halb öffentliches Geheimnis. Er hatte wahrend seiner wochenlangen Einsamkeit in den anatolischen Schneestürmen nichts davon vernommen. Je weiter man nach Westen gen Europa kam, desto lauter pfiffen es schon die Spatzen von den Dächern ... In Warschau lag kein Schnee mehr. Nur der polnische Wind fegte noch eisig durch die Krakauer Vorstadt. Herr Jules Taufstein, der weitläufige russisch-polnisch-französische Finanzmann, schälte sich im Brühlowskirestaurant nach dem Käse seine Birne und hob die Schulter. »Rentieren sollen sich unsere neuen polnischen Eisenbahnen auch noch, Herr Nimis? Niemals werden sie sich rentieren!« »Warum baut ihr denn dann das riesige Bahnnetz in Westpolen?« »Das wissen Sie so gut wie ich: Zu strategischen Zwecken. Zum Aufmarsch gegen Deutschland!« »Wollt ihr wirklich mit uns anbinden?« »Dazu müßten wir erst mit Frankreich verbündet sein! Und dies Bündnis kommt niemals zustande, solange Bismarck im Amt ist. Er verhindert ja alles, was Deutschland je gefährlich werden könnte! Er sorgt für euch wie ein Vater.« Draußen vor dem Abenddunkel des Sächsischen Gartens hielt in der Kotzebuestraße der Wagen. Leo Nimis fuhr nach dem Westbahnhof. Der Geschäftsfreund begleitete ihn. Über die lange Weichselbrücke brüllte der Sturm. Unten stöhnte der Fluß im Krachen des Eisgangs. In der düsteren Nacht umher schrie Jules Taufstein dem anderen ins Ohr, ohne daß der hebräische Kutscher auf dem Bock es in dem Lärm hören konnte: »Sie wissen, was in Warschau schon in jedem Kaffeehaus erzählt wird, Herr Nimis! Sind denn die Leute in Berlin meschugge, daß sie Bismarck weghaben wollen? Man greift sich an den Kopf! Gott dem Gerechten sollen sie auf den Knien danken, daß sie ihn haben!« Die beiden Herren, die im Schnellzug nach Berlin mit Leo Nimis die drei nebeneinander befindlichen Schlaflager des Abteils innehatten, sprachen ganz leise Französisch miteinander und hatten Mappen mit Geheimakten unter ihren Kopfkissen. In Thorn zeigten sie große diplomatische Pässe vor, und ein deutscher Beamter sagte zu Leo Nimis, den er kannte: »Es sind französische Generalstabsoffiziere, die in Petersburg mit dem russischen Kriegsminister verhandelt haben! Was – das kann man sich schon denken!« »Ich komme eben aus Paris!« versetzte ein Reisender. »Dort reden sie schon ganz offen von ihrem Bündnis mit Rußland gegen uns, sobald nur Bismarck weg ist!« »Er ist weg ...« In dem tiefen Schweigen umher zeigte der hinzugetretene preußische Oberst das eben aus Berlin eingetroffene Abendblatt, das er sich von dem Zeitungshändler gekauft. An der Spitze stand mit Riesenlettern: »Bismarck entlassen!« »Um Gottes willen ...« »Und nun?« »Wir Offiziere haben stillzuschweigen und zu gehorchen«, sagte der Oberst im Abteil zu Leo Nimis, mit dem er bis Posen zusammen reiste. Der fuhr sich über die Stirn. »Ich kann's immer noch nicht fassen! ... Wie mag es jetzt in Berlin ausschauen? ... Gut, daß ich nur das bißchen Handgepäck bei mir habe ...« »Warum?« »Man wird gar keine Droschke bekommen in dem allgemeinen Gewühl ... Die Straßen werden von den Menschenmassen gesperrt sein... Vielleicht sind schon Unruhen im Gang ... Es muß ja eine furchtbare Aufregung dort herrschen!« In Berlin war Frühling. Weiche, warme Luft. Knospen an den Bäumen. Die goldene Märzsonne brannte heiß wie sonst im Mai. Die Leute gingen mit behaglichen Alltagsgesichtern ihrer Wege und freuten sich über das schöne Wetter. Die Spatzen piepten. Die Schutzmänner standen an den Ecken. Die Geheimräte kamen mit ihren Aktenmappen aus den Ämtern. Die Damen lustwandelten in lichten Lenzkostümen und erzählten sich was und schüttelten sich vor Lachen. Die Wache zog auf, der Schwarm der Bummler voraus, wie immer. Es war alles wie sonst. Und blieb wie sonst in diesen Tagen. Leo Nimis begriff das nicht. Er fragte sich: Seid ihr nicht bei Trost oder ich? Vor dem Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße standen kleine Gruppen ergriffener Menschen. Diener und Schreiber gingen geschäftig zwischen den Seitenflügeln und dem zurückliegenden Hauptbau hin und her. Schutzleute scheuchten vor dem Eingangsgitter bärbeißig die Vorbeikommenden von dem Bürgersteig ... Aber kaum hundert Schritte weiter war schon wieder Berliner Alltag... Da: die Leute steckten aufgeregt die Köpfe über einem Zeitungsblatt zusammen! Ein Extrablatt? Noch eine Hoffnung? Leo Nimis trat hastig hinzu. Es war die Nummer der ›Sportwelt‹ mit dem Nizzaer Rennen. Da wieder ein Menschenhaufen. Er vergrößerte sich reißend. Alles lief heran. Leo Nimis mit. Endlich! Endlich! Ein Droschkengaul war gestürzt. Ein dicker Schutzmann notierte sich den Fall ins Taschenbuch. Da ein Gedränge um die Litfaßsäule. Gespannte, andächtig lesende Gesichter. Ein blutroter, amtlicher Anschlag. Leo Nimis näherte sich in letzter Hoffnung: Zehntausend Mark Belohnung für die Entdeckung eines Raubmords irgendwo. Die Leute zerstreuten sich. Der Zettelankleber ging weiter. Ein junges Mädchen stand und kaufte sich Blumen. Die Feuermehr klingelte vorbei. Berlin war ruhig. »Aber Bismarck ...«, sagte Leo Nimis erschüttert zu einem Bekannten, den er auf der Straße traf. »Die ganze Welt spricht von ihm ... und hier ... Mir ist diese Gleichgültigkeit wie ein Traum! Merkt denn hier keiner, was vorgeht?« »Na ja ... wissen Sie ... Sein wir froh, daß wir den Druck los sind! ... Aus Rußland kommen Sie? Russen liegen flau! Ich war eben in der Burgstraße...« »Begreift ihr denn nicht...« »Kennen Sie übrigens den neuesten Börsenwitz: Was ist der Unterschied zwischen ...« »Adieu!« Zehn Schritte weiter hörte Leo Nimis ein helles Damenlachen. »So in Gedanken, Herr Nimis? Und ein Gesicht machen Sie ... man könnte sich vor Ihnen fürchten ...« »Ich fürchte auch für Deutschland ... in diesen Tagen...« Die noch jugendliche Kommerzienrätin gab ihm die Hand. »Ich muß eben hinüber zur Kasse ans Lessingtheater, Herr Nimis ...« »... in diesen Tagen ... wo Bismarck geht ...« »Ja, schrecklich – nicht wahr? Der alte Mann! Er tut einem so leid ... Ich kann Ihnen noch ein Billett zur Premiere besorgen, Herr Nimis ...« »Danke ...« Leo Nimis ging brüsk davon. Ein kleiner, stämmiger Mensch vertrat ihm den Weg, ein angehender Dreißiger, den Schlapphut aus dem verwegenen Kopf, die Hände in den Taschen des abgetragenen Überziehers, eine verschossene, mit Schriftstücken vollgepfropfte Ledermappe zwischen Ellbogen und Hüfte geklemmt. »Robert ... bist du's?« Robert Nimis, der rote Darmstädter Vetter, reichte ihm die Rechte und sprach nur aus tiefster Seele: »Uff!« »Ich denke, du bist überall ausgewiesen!« »Mitglied des Reichstags, Alterle! Schon seit 'nem halben Jahr! Gell, do guckschte? Jetzt kann mir die Polizei den Buckel lang rutsche ...« Und dann wieder aus Herzensgrund: »Uff!« »Was heißt das?« »Alleweil fährt der Säkularmensch ab! Heut sind wir den Bismarck los! Jetzt gibt's Luft! Jetzt kann er eher 'n Ochsen ins Horn petzen als uns noch sekieren! ... Jetzt gibt's bald keinen Ausnahmezustand mehr, ihr Männer ...« »Denkst du denn gar nicht an die Wirkung auf das Ausland?« »Ich pfeif aufs Ausland! Jetzt gibt's neue Zeitunge, die nit mehr verbote werde, überall! Neue Redakteurposten! Brotstellen! Ich kann Frau und Kinderche ernähre! ... Kurasch, mei Binche ... Du heißt nit mehr lang Binche Thilo ... Jetzt wird geheiratet ... 's is e Pfarrerstochter vom Odenwald, Leo!« »Gratuliere! ... Aber Bismarck ...Bismarck ...« »Uff! sag ich ... Wenn der Schutzmann, das Kamel, nit da drübe stünd, tät ich gleich hier auf dem Königsplatz tanze! ... Der Bismarck is weg! Man kann's noch gar nit glaube!« Leo Nimis war allein. Ein linder Wind säuselte über die frühlingswarme Fläche des weiten, strahlend überblauten Platzes. Jenseit der Spree, vor der Glashalle des Lehrter Bahnhofs, stand eine dunkle, mehrhundertköpfige Menschenmauer rund um die Einfahrt. Vereinzelt auch noch hie und da Leute weiterhin an der Siegessäule und bis zum Brandenburger Tor. Dort funkelten Sonnenblitze auf rasch im Trab sich wiegenden Adlerhelmen. Weiße Kürassierkoller leuchteten wie Schneeflocken im Spätwinter, bloße Pallasche flimmerten. Ein Trupp Panzerreiter vorn, ein Trupp Panzerreiter hinten, dazwischen zwei, drei offene Wagen. Im vordersten eine weiße Kürassiermütze mit schwefelgelbem Rand. Eine weißbehandschuhte Rechte hob sich zuweilen grüßend zu ihr. Die Straßenzüge hier waren nur spärlich belebt. Ein paar vom Großen Generalstab kommende Offiziere machten Front, die Hand an der Mütze, mit angefaßtem Säbel. Eine Gruppe spielender Kinder winkte auf Geheiß der Gouvernante vom Sandhaufen herab mit ihren Taschentüchern. Einzelne Herren entblößten das Haupt. Ein paar Damen sanken in ehrfurchtsvollem Knicks zusammen. Umstehende lachten darüber: »Verlieren Se man nich die Puste, Madamken!« Manche behielten den Hut auf dem Kopf und starrten gleichgültig oder schadenfroh dem Zuge nach. Der war schon fern. Verschwamm schon an der Brücke über die Spree. Löste sich wie eine Luftspiegelung auf. Es war schon wieder, als sei nichts geschehen. Die Kinder spielten wieder auf dem Sandhaufen. Die Bonne sah daneben und las in ihrem Buch. Die Spaziergänger gingen weiter. Die karmoisinroten Beinkleidstreifen der Generalstäbler verschwanden im kahlen Gehölz des Tiergartens, ein Laufjunge pfiff durchdringend, ein Bollescher Milchwagen rasselte vorbei, die Pferdebahn bimmelte schläfrig von Alt-Moabit nach dem Kupfergraben, an der Ecke balgten sich zwei Köter ... Das Ganze schien Leo Nimis hinterher wie eine Sinnestäuschung ... Bismarck weg ... eine Leere in der Welt ... und Berlin gleichgültig auf dem alten Fleck... Bismarck weg ... mit einem Male ... so wie ein Stein in stilles, dunkles Wasser fällt und kaum mehr Ringe zieht ... Der Wind trug ein schwaches Hurra des Menschenhäufleins vom Lehrter Bahnhof herüber. Dann lösten sich auch dort die schwarzen Punkte der paar Berliner und die blauen Punkte der vielen Schutzleute in nichts auf. Bismarck war davongefahren ... für immer ... Leo Nimis schritt in den Tiergarten hinein, in einem seltsamen, drückenden Gefühl von Einsamkeit, von Verlorensein des welterfahrenen Auslanddeutschen inmitten binnendeutschen Pfahlbürgertums und Krähwinkelei. Auf dem Fußpfad kamen zwei Herren. Der Ältere war ein hochgewachsener, hagerer Grandseigneur, dem die Hakennase gebieterisch über den langen weißen Schnurrbart vorsprang. Sein Begleiter war kleiner, nahe an die Fünfzig, rundlich stutzerhaft, Täuberichgamaschen über dem Lack der Schuhe, das Einglas in dem wohlgenährten, gönnerhaften Lebemannsgesicht. »Natürlich ist er's«, sagte Graf Louis Ferdinand von Pritzig zu dem Mann seiner Nichte, dem Geheimrat von Spängler. »Willkommen, Leo! Wieder im Land! Du kommst zur trüben Stunde, Weißt du auch wirklich, was hier geschehen ist?« »Ich glaube, besser als die Leute hier!« Herr von Spängler-Colosimo zuckte die Achseln und musterte blasiert den Himmel. Exzellenz von Pritzig fragte weiter: »Hast du ihn gesehen ... Jetzt eben?... Ja? Auf dem Königsplatz? Du warst bei mir und hast mich nicht daheim getroffen? Hätt ich es gewußt! ... Wann hast du denn noch eine Stunde für mich frei?« »Nur noch diesen Abend. Morgen muß ich in Geschäften an den Niederrhein!« »Da bin ich nun gerade hier bei Spänglers versagt!... Ach ja – das wäre nett von euch, Alfons! Du hörst: Der Geheimrat würde sich freuen, dich heute abend bei sich zu sehen, damit ich mit dir zusammen sein kann! Nimm es nur ruhig an ...« »... und bitte keine Karte vorher, Herr Nimis ... ganz ungezwungen ... comme étranger de distinction ...« »Ich weiß wirklich nicht, Herr Geheimrat, ob ich als Fremder und Kaufmann ...« »Gerade! Gerade! ... Der moderne Diplomat, wie ich mir zu sein schmeichle, soll nicht ewig nach Preußenart nur mit Mars Arm in Arm marschieren, sondern auch mit Merkur! Hä – ha ... Ich bin ja selbst ein alter Frankfurter! ... Um acht Uhr, wenn ich bitten darf ...« »Mußt du schon wieder weiter, Leo? In einer Viertelstunde eine Besprechung auf der Bank? Na ja – also auf Wiedersehen heute abend!« Die Exzellenz und der Geheime Legationsrat gingen weiter. Herr von Spängler-Colosimo brannte sich eine Zigarre an. Das Zündholz färbte seine fleischigen Finger rosig, an denen zum stillen Vergnügen des alten Junkers an seiner Seite ein Siegelring mit dem Wappen seines zehnjährigen Adels prangte. Er sagte hinter der hohlen Hand: »Man braucht heutzutage diese Art Leute! Mit Maß! Dem Ausland gegenüber! Irgendwie muß die Welt überzeugt werden, daß wir sie nicht mehr vom preußischen Schilderhaus aus betrachten!« »Ja! Es ist seit heute Mode, modern zu sein!« sprach der weißhaarige Junker. »Bei mir schon lange, lieber Onkel! Diese Atmosphäre von ewigem Donner und Blitz aus dem Sachsenwald und kalten Wasserstrahlen nach dem Westen ging einem ja nachgerade auf die Nerven! Man schämte sich schon als Kulturmensch... Wenn du irgendwo eingeladen bist, erscheinst du doch auch nicht in der klirrenden Rüstung deiner Vorfahren, sondern in Frack und weißer Binde. So nimmt von jetzt ab auch der Deutsche mit einer leichten, zwanglosen Verbeugung seinen Platz an der europäischen Tafel ein.« »Nur daß du dir den Stuhl erst eigenhändig herbeischleppen und unaufgefordert zwischen die anderen hineinquetschen mußt. Beliebt macht man sich als Eindringling nie!« »Ei was! In guter Gesellschaft ist ein Gentleman immer willkommen! Es muß nur wirklich ein Gentleman sein und nicht einer von den wilden Männern aus dem preußischen Wappen. Wir leben nicht mehr in der Zeit Albrechts des Bären. Der Diplomat mit ewig geschwungenem Tomahawk ist vieux jeu . Die Potsdamer Wachtparade wirkt ermüdend, wenn sie immer wieder über die Weltbühne zieht. Man begreift die Notwendigkeit nicht! Es hat ja niemand auf der Welt etwas gegen uns Deutsche!« »Meinst du?« »Höchstens Mißtrauen gegen unser ewiges Hausmittelchen von Blut und Eisen! Hatte früher mal seine Berechtigung! Aber jetzt! ... Fair play, gentlemen! Wir sind doch vernünftige Menschen. Die andern auch!« »So?« »... mal unbefangen die Hand hingehalten: da sind wir! Ein bißchen mehr Höflichkeit und Biegsamkeit statt des gräßlichen preußischen Ladstocks! Du wirst sehen, wie rasch es auf der ganzen Welt vom Deutschen heißt: He is a jolly good fellow! , und wie rasch sie zusammenrücken, um uns Platz zu machen!« »Ich bin ein alter Stockpreuße! Ich lauf niemand nach!« »Ja, glaubst du denn, mir? Es sind ja nur kleine Kunstgriffe, um die Menschen zu kaptivieren! Gott – es ist ja eigentlich so lächerlich leicht! Kleine Aufmerksamkeiten über die Grenze hinüber! Eine kleine Schmeichelei zur rechten Zeit! Ein bißchen Dienstfertigkeit! Wir müssen den Nachbarn zeigen, daß wir ehrlich Zutrauen zu ihnen haben! Paß mal auf! In ein paar Jahren sieht die Welt schon ganz anders aus! Laß uns nur machen!« »Hoffen wir's!« »Seit dem Regierungsantritt des neuen Herrn merkt man ja erst, welchen kolossalen Respekt Deutschland schon in der Welt genießt!« »Ja. Ihr seid reiche Erben!« sagte der alte Junker. Sie näherten sich längs des Wilhelmplatzes der Voßstraße, in der Herr von Spängler wohnte. Vor dem Reichskanzlerpalais war jetzt alles leer und tot. Die Fenster standen offen wie in einem Sterbehaus. Innen wurde in Eile gepackt und gehämmert. Stroh trieb auf dem Ehrenhof im Märzwind. Handwerker und Arbeiter gingen über ihn hin und her. Der riesige Geheimrat von Kanzleben stieg nebenan die paar Steinstufen des Auswärtigen Amts hinab und versetzte grimmig: »Der neue Mann ist doch schließlich ein alter Junggeselle! Hätte gut und gern noch im Hotel wohnen können! Mir gefällt dies Drängen, sofort hier einzuziehen, gar nicht. Der Fürst mußte ja Hals über Kopf hinaus!« Bismarck war weg. Gleichgültig blaute der Alltag. Die Leute gingen mit ausdruckslosen Gesichtern ihren Geschäften nach. Ein Mensch weniger in Berlin. Es gab ja so viele ... In der vornehm stillen, feierlich gebogenen Voßstraße blieb Herr von Spängler vor der Sandsteinfront seines Hauses stehen. »Das war ja alles nicht mehr zu halten«, sprach er zu dem angeheirateten Oheim. »Unter uns: das hat ja alles schon viel zu lang gedauert! Staatshämorrhoidarier wie der gute Kanzleben, der dort drüben zu seinen sauren Moselweinbrüdern am Stammtisch in der Potsdamer Straße stiefelt, büffeln eben ergeben für Gott, König und Vaterland weiter! Aber unsereiner! Wir Deutschen haben geschlafen! Wir haben den Anschluß an gewisse Kulturformen versäumt, die im Westen längst gang und gäbe sind! Dadurch wirken wir jetzt so düster ... mittelalterlich ... na ja ... sagen wir's schon: eben wie der große Kürassierstiefel!« »Wenn er nur noch seine Tritte austeilte!« »Jetzt dürfen wir laufen, um den Vorsprung der andern einzuholen!« »Ihr seid ja auch immer atemlos von Festen und Reisen!« Der alte Graf Louis Ferdinand von Pritzig-Jackenzin wurde sehr ernst. »Lieber Alfons, man kann aus einer Eule keine Nachtigall machen und aus dem alten Preußen keine Lämmerwiese. Die Pickelhaube ist wie der Schaufelhut der Jesuiten: Sei, wie du bist, oder hör auf, zu sein!« Herr von Spängler seufzte, »Es ist merkwürdig! Du weißt, wie sehr ich deinen scharfen Verstand bewundere, Onkel! Aber plötzlich gibt es da Grenzen – nicht deines eigenen Intellekts, sondern schwarzweiße Grenzpfähle: Bis hierher darf der Preuße denken und nicht weiter!« »... weil jenseit dieser Grenzpfähle das Handeln anfängt! Durch die Tat ist das Reich geschaffen worden. Wir müssen Bismarcks Erbe antreten, wie es ist! Dies Erbe heißt die Macht!« Der Geheimrat antwortete nicht mehr. Es war ja umsonst. An Hinterpommern konnte man sich den Schädel einrennen. »Drum sucht die Macht, Alfons, und nicht ihren äußeren Schein in leeren Feiern und Festen. Liebt die Macht! Ehrt die Macht! Denn sie ist Preußens Mutter! Verleugnet eure Mutter Macht nicht, in der Mitte Europas, mit offenen Grenzen. Sonst verläßt sie euch, und wir sind verloren ...« »Solange das gute Recht auf unserer Seite ist ...« »Recht setzt rechtliche Nachbarn voraus. Die haben wir nicht!« Die Züge des alten Preußen waren streng und hart, beinahe feierlich geworden. Jetzt erhellten sie sich plötzlich in einem freundlichen Sonnenschein. Über ihn kam jetzt öfters die früher ungewohnte Milde des letzten Jahrzehnts eines Menschenlebens. Er winkte mit der Hand zu einem Fenster zur ebenen Erde empor: »Wie ein Bild hinter Glas und Rahmen«, sagte er. »Die Klothilde war schon als Mädel bei uns zu Haus eine Schönheit. Aber das ist nichts dagegen, wie sie sich als deine Frau in den zwei Jahren herausgemacht hat. Sieh nur, wie sie dasteht ... das weiße Kleid ... der lachende Kopf ... und auf dem Arm das strampelnde Jungchen! Na, grüße sie! Ne – ich kann nicht mit hinauf! Ich muß weiter! Ich muß heute mit meinen Gedanken allein sein!« Auch der Geheimrat von Spängler hatte seiner schönen, um fünfundzwanzig Jahre jüngeren Frau verzückt zugenickt. Er stieg kurzatmig die paar Marmorstufen im Hausinnern hinauf und trat würdevoll ein, als begäbe er sich schon in einer fremden Hauptstadt im Namen des Reichs zum leitenden Staatsmann einer auswärtigen Macht. Erst im Salon verlor er seine Gemessenheit. Er warf einen scheuen Blick nach der getäfelten Tür, ob der Diener auch hinter ihr verschwunden sei, dann faßte plötzlich seine schöne junge Frau um die schlanke Taille und walzte mit ihr auf dem Parkett um den Bechsteinsflügel. Er drehte sich gewandt, trotz seiner Dicklichkeit, und beweglich wie ein etwas kurzatmiger Kreisel. Er hörte ihr lachendes: »Aber Manni – bist du denn übergeschnappt?« Der Geheimrat tanzte immer noch, das Einglas im Auge. Dabei lag noch der dienstliche Ernst von draußen auf seinen Mienen. Auf den hatte er vergessen. Er sah aus, als erfülle er eine amtliche Pflicht. Das Zimmer ging mit ihm im Kreise. Er blieb schwindelig stehen, faßte in die Klaviertasten, daß ein mißtönender Akkord entstand, und ließ seine Frau fahren. »Ich glaube wirklich, du hast mit dem Onkel zu stark gefrühstückt!« »Ne – Kindchen – ne – das ist der Rausch der neuen Zeit! Es geht von dem neuen Kurs aus! Der steigt einem zu Kopf.« Er setzte sich erschöpft und zog sie zu sich auf die Knie. Sie nahm gewohnheitsgemäß darauf Platz. Wie sie ihm, dreiundzwanzigjährig, übermütig mit den Füßen baumelnd. auf dem Schoß saß, hätte sie ebensogut seine Tochter sein können. Tiefgoldene Lichter spielten im Sonnenschein vom Fenster her auf ihrem reichgewellten, kupferbraunen Haar. Die jungen, haselnußfarbenen Augen lachten in dem weißen, klassisch regelmäßigen Gesicht, dem immer noch ein paar winzige Schönheitspflästerchen von Sommersprossen die Langeweile der Antike raubten. Was da der Geheimrat von Spängler als sein Eigen auf den Knien hielt war kein Bild ohne Gnade, sondern lachendes, blühendes Leben. Er küßte sie mit zärtlichen, vorsichtig gespitzten Lippen. Er atmete aus tiefster Seele auf. »Es wäre ja unter Bismarck niemals etwas aus uns geworden. Thildchen! Er hätte mich ja nie zu etwas Ernstlichem gebraucht. Ich wäre unter ihm der ewige Jüngling geblieben ... Der Austerndiplomat ... Guter Kerl beim Frühstück und dann raus! ... Er hat mich nie leiden können, wenn er überhaupt von meinem Dasein viel wußte! ... Er hat ja außerdem auch immer alles selber gemacht ... zusammen mit dem Sohn ...« An dieser Wand, in dieser Wohnung hing kein Bismarckbild. Nur ein riesiger Schatten, der schwer über diesen Räumen gelastet hatte, schwand langsam und löste sich in nichts. Herr von Spängler tupfte sich mit dem Seidentuch ein paar kleine ertanzte Schweißperlen von dem strittigen Grenzgebiet zwischen Stirn und Glatze. »Bismarck war der richtige Binnenmensch aus alter Zeit! Sein Horizont war Europa und endete, wo das Meer und England anfing! Wir aber wollen auf das Meer! Hinaus in die Welt! Bisher war man mit solchem Gesichtskreis ein Dorn im Auge. Aber jetzt ist der Start frei! Na ... Exzellenzchen, wie fühlen Sie sich?« »Pscht! Wir sind noch nicht Exzellenz! Beruf es nicht!« »Aber mir werden's! Werden's!« Er schaukelte seine schöne junge Last auf den Knien wie ein Kind. »Wenn wir größer wachsen, reiten wir nach Sachsen ...« »Na, hoffentlich weiter!« »Aber du mußt die bestangezogene Frau sein, die je im Namen des Reichs hinausgeschickt worden ist! Das mußt du mir versprechen!« »Gern, du Schaf«, sagte Frau Klothilde von Spängler-Colosimo mit großer Bereitwilligkeit und tippte ihm mit dem schlanken, rosigen Zeigefinger von oben auf die Glatze. »Schau nur, daß du da drinnen genug Gepäck mitnimmst! Überfracht? Na – dann kann sich ja Deutschland zu uns gratulieren!« »Wird sich auch! Warte nur! Apropos, Daisy – eh ich es vergesse: Ich habe für heute abend noch Herrn Nimis eingeladen, Protegé deines Onkels ...Höherer Bankmensch oder derlei ... Onkel Louis Ferdinand hat ja immer diese unvermuteten Bekanntschaften. Aber heutzutage muß man sich mit jedem Spiel der Natur anbiedern!« Klothilde nickte und glitt leichtfüßig von seinen Knien, um sich den Fall zu notieren. »Du, Dickerchen?« »Ja, Thilde?« »Wo soll dieser Herr Nimis denn sitzen?« »Setz ihn ein bißchen nett! Nicht neben so ein langstieliges Wesen, das auf alles säuerlich reagiert, was nicht Garde und Auswärtiges Amt ist!« »Nein. Er kann überhaupt rechts von mir sitzen ...« Frau von Spängler saß und bemalte ein Kärtchen mit ihrer schwungvollen Handschrift. »Dicki! Ich werde ihm die kleine Mettenberg zur Tischdame geben!« »Gut. Die ist Gräfin! ... Hei! Da lacht ihr, ihr Demokraten!« »Außerdem ist das Tinettchen die Tochter des alten Buschbeck. Also aus seinen Kreisen. Da können sie sich was erzählen. Die kennen sich ja untereinander alle!« »Natürlich, das Tinettchen! Da hast du mit sicherem Griff wieder das richtige Pferd aus dem Stall gezogen. Gott – was hab ich für 'ne kluge Frau!« Er küßte sich die Fingerspitzen und warf ihr einen bewundernden Luftkuß zu. Abends, als sie zusammen, vor Ankunft der Gäste, prüfend vor Kristall- und Silberschimmer und Blumenfülle der gedeckten Tafel standen, wiederholte er entzückt: »Klug wie der Deubel! ... Wenn man bedenkt, daß das Frauenzimmerchen noch nicht vierundzwanzig zählt! Noch nicht trocken hinter den Ohren ...« Er drückte zur Abwechslung andächtig einen Kuß auf ihren ausgeschnittenen Nacken, über dem sich lose Haarsträhnchen wie feine rotbraune, goldig durchleuchtete Seide kräuselten. Eine schwere Perlenkette schlang sich um ihren schlanken Hals und gab der auffallend weißen Hautfarbe ihrer Züge einen weichen, lebend warmen Schimmer und selbst den hellen, jungen Augen einen feuchten und innigen Glanz. Sie drehte sich zu ihm um und lachte ihn an. Ein Kleid aus pompejanisch roter Seide mit lichtblauen Samtrosetten umfloß, nach der Mode des Jahres 1890, in königlichen, prunkvollen Falten ihre zarte Gestalt. Ein Sonnenglanz von Schönheit und Jugend umfunkelte sie im Blitzen der Diamanten und blendete die Augen ihres Mannes. »Majestät!« Der dicke Geheimrat von Spängler hatte sich gewandt vor ihr auf das Knie niedergelassen und küßte ihr begeistert die schmale Hand. Sie ließ ihn gewähren, glättete ihm wieder sanft die Elfenbeinkugel der Glatze und sagte seelenruhig: »Kerlchen ... Du wirst jeden Tag verrückter ...« »Und wenn sich sogar der olle Giesebitz noch in dich verknallt – und alle Männer ... Ich bin nicht eifersüchtig! Nee – ich bin stolz! Ich bin stolz! So 'ne Frau hat keiner wieder! ... Die könnt ihr mit der Laterne suchen gehen, Kinder ...« »Ich dachte gar nicht, daß du dich noch so in mich verlieben würdest«, sagte Klothilde. »Wieso?« »Na – wie du vor drei Jahren um mich anhieltest, da schien es mir gar nicht so toll ...« »Immer! Immer!« Die junge Schönheit lächelte und sagte nichts weiter. Er ächzte ein bißchen und stand auf. »Aber natürlich: daß du dich so herausmachen würdest ... diese steigende Sicherheit! ... 'ne olle Oberhofmeisterin kann sich vor dir verstecken ...« Frau Klothilde musterte, lang und schlank dastehend, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, wie ein Feldherr die Tafel und sagte nachdenklich: »Dabei hab ich erst heute nachmittag von Tante Gesine den Kopf gewaschen gekriegt! ... Takt, Kind ... Takt ... Man gibt kein Souper an dem Tag, an dem Bismarck geht ...« Ihr Mann zupfte sich überlegen lächelnd vor dem Spiegel die weiße Binde so zurecht, daß sie, nach dem Muster des Prinzen von Wales, ein wenig schief nach links über der einsamen grauen Riesenperle in der Hemdbrust saß. Diese Hemdbrust war das Schwierigste an seinem ganzen äußeren Menschen. Sie konnte nur in London richtig gestärkt und geplättet werden. Jeden Monat einmal ging eine Wäschesendung von der Voßstraße nach der Themse und eine zurück. »So?« sagte er. »Taktlos? Ist das heute etwa ein vereinzeltes, auffälliges Festessen, oder haben wir nicht beinahe jeden Tag Gäste? Haben wir heute erst eingeladen oder nicht schon vor acht Tagen, als noch kein Mensch wußte, was heute passieren würde? Und drittens, teure Tante und Gouvernante: Wenn es taktlos war, einzuladen, warum war es denn dann nicht taktvoll von den Gästen, abzusagen? Aber sie kommen alle! Sie kommen alle! Und im übrigen.« Er rieb sich behaglich die wohlgenährten Hände. Von der Diele dröhnte der tiefe Schlag des Gongs. »Von heut ab ist einem Bismarck nicht mehr gefährlich, sondern nur noch die Freundschaft mit ihm! Wozu brauch ich als Frankfurter Bismarcks Freund zu sein? Fällt mir nicht ein! Nee! Nee! ... Komm, Maus!« »Ich hab nur die Kiebitzeier heute aus dem Menü gestrichen«, sagte Klothilde, während sie eilig, mit geraffter Schleppe, neben ihrem Mann nach den Empfangsräumen ging. »Das wäre vielleicht doch ein Stich gewesen!« Und er dankte wieder – mit einem Blick der kleinen, schlauen Augen nach oben – dem Himmel für diese Frau ... »Oh ... Tante Amélie ... Immer pünktlich wie 'ne Uhr ...« Die junge Hausfrau konnte die verwitwete Exzellenz von Luch nicht ausstehn. Sie stürzte sich auf sie und küßte sie leidenschaftlich und dann deren Töchter, die schwere, blonde Frau von Pommerich, und die jüngere, die Luise, die als Hofdame in einer kleinen Residenz zu dieser nicht tanzenden Gelegenheit eingeladen war. Neue Gäste kamen. Die Zimmer füllten sich. Die Stimmen schwirrten. Der heutige weltgeschichtliche Märztag zitterte auf den Jungen. »Was sagt ihr zu Bismarck?« »Bei uns haben wir uns nicht gewundert!« versetzte die kleinstaatliche Hofdame. »Man durfte nicht darüber reden – aber wir wußten's über Kopenhagen schon seit dem Zarenbesuch im vorigen Herbst!« »Also ich bin stolz!« »Warum denn, Giesebitz?« »Der neue Reichskanzler ... Junggeselle ... wie ich!« Der dreiundsiebzigjährige Potsdamer Oberst a. D. Graf Giesebitz warf den Damen einen seiner verführerischsten Blicke eines alten Herzenknickers zu und tänzelte hinüber zu der Gruppe von Herren unter dem Kronleuchter. Dort sprach der hagere Generalleutnant z. D. Adalbert von Pritzig, der Bruder des Zackenziner Grafen: »Mir tut's im tiefsten Herzen weh! Ich hab die halbe Nacht nicht geschlafen und an Bismarck gedacht. Aber wir Soldaten haben das Maul zu halten! Was meinen Sie, Postitz?« Drüben ein Zupfen an der weißen Halsbilde. »Ah ... der Fürst war schließlich ein Staatsdiener wie wir! Beamte zu bestellen und zu entlassen, ist ein unbestrittenes Vorrecht der Krone!« »Es ist Gottes Wille!« sagte Hans Joachim von Pritzig, der älteste Sohn und Erbe des Grafen Louis Ferdinand, der jetzt schon als Landwirt das Majorat verwaltete. Er war schon über die Vierzig, vollbärtig, voll nüchterner, stiller Gotteskindschaft. Als gleich nach der Gründung des Reichs sich der christliche Adel preußischer Nation in Hunderten von Unterschriften in der »Kreuz-Zeitung« von seinem größten Sohn, dem Begründer des Reichs, lossagte, da hatte aus der hinterpommerschen Pietistensippe der Krackows kaum ein einziger gefehlt. Aus ihr hatte Hans Joachim sich seine Frau geholt. Sie war klein und scheu und tat sonst hier in dem sündigen Berlin unter den Kindern der Welt kaum den Mund auf. Aber jetzt sprach sie sanft, beinahe leidend: »Bismarck war kein Christ ...« »Diese Christliebe...«, sagte halblaut Frau von Luch, die sich nie über die sieben Kinder ihrer Verwandten beruhigen konnte. »So sind die Krackows! Sie: Küche, Kinder und Kirche! Er: Kornboden, Kartoffeln und Kreistag ... Und dann reden sie über Bismarck! Herr ... vergib ihnen!« »Mann ... sei doch nicht so grob!« »Laß mich, Mieke! Nee – ich danke!« Der alte Möllenbeck, der weitbekannte ostelbische Agrarier, verstärkte noch seine heisere Donnerstimme. »Gottes Gnade war, daß er uns den Mann gab – jawoll: gab, meine Gnädigste! – Genommen haben wir ihn uns selber vor der Zeit, ehe ihn unser Herrgott abrief! Ins Handwerk gepfuscht haben wir damit dem lieben Gott! Huckepack möchte ich den Kanzler wieder hierher zurücktragen, wenn ich nur könnte!« »Was meinen Sie, Mettenberg?« Der deutsch-wallonische Graf vom Niederrhein, der wie ein brünetter, schöner Pariser Lebemann aussah und dabei getreu seinem Stammbaum voll Trierer Domherren und zweier geistlicher Kurfürsten Kölns ein kindlich frommer Sohn des Heiligen Vaters war, zeigte in seinem Achselzucken die späte Rache Roms für den Kulturkampf. » Qui mange du Pape, en meurt !« »Na – da könnt ich als Frankfurter auch ein Lied davon singen!« sagte der Hausherr. »Und ich als Weise?« »... und ich als Hessen-Kasselerin!« Überall quollen die Blasen heimlicher Feindschaft gegen den gestürzten Riesen aus dem Sumpf. Herr von Spängler wurde ungeduldig. Er sagte halblaut zu seiner Frau: »Nur keine Politik auf leeren Magen! Können wir denn noch nicht zu Tisch? Herr Nimis fehlt noch? ... Diese Leute aus anderen Kreisen fügen sich doch furchtbar schwer ein ... Na ... da kommt er übrigens gerade quer über die Straße ...« Klothilde von Spängler schaute durch das Fenster. »Der große schlanke Herr mit dem blonden Schnurrhart? Du – der sieht aber gar nicht schlecht aus!« »Der Flügelmann vom Ersten Garderegiment sieht auch nicht schlecht aus!« versetzte der beleibte Geheimrat ärgerlich. Er wurde eifersüchtig wie ein Türke, sobald ein Mann unter siebzig Jahren die Aufmerksamkeit seiner Frau erregte. »Nicht unsere Klasse ... Etwas Außerdeutsches! Weißt du, wofür ich ihn taxiert hätte, Alfons? Attaché bei der amerikanischen Gesandtschaft oder so was ...« »Das heißt: nie gedient. Schultern vornüber. Zylinder zu weit nach hinten! Hände bis zu den Ellbogen in den Taschen. Siebenmeilenschritte ...« »Dicki – du hast ihn eingeladen – nicht ich! Also schimpfe nicht auf deine Gäste!« »Na ja – und das sind erst die Vorfreuden! Wir werden noch mit ganz anderen Kostgängern unseres Herrgotts zu tun haben, wenn wir erst mal Gesandte spielen!« »Jedenfalls hat er mir Blumen mitgebracht! Da wickelt er sie eben vor dem Haustor aus dem Seidenpapier! Der einzige von euch allen, der daran gedacht hat! Sehr manierlich von ihm!« Frau Klothilde war eine verwöhnte Schönheit. Aber sie lächelte doch freudig überrascht über die Pracht der Orchideen und nestelte sich mit der linken Hand das phantastische Gefieder an den viereckigen Ausschnitt des roten Samtes um ihre weiße Brust, während sich Leo Nimis über die kühle, weiße Glätte ihrer Rechten beugte. »Ich komme als Eindringling in Ihren Kreis, gnädige Frau ...« »Um so besser! Wir kennen uns hier alle schon auswendig. Wer nicht Jurist oder Offizier ist, ist bei uns ein weißer Rabe ... Angerichtet? Schön!« Sie wandte sich vom Diener zu den Gästen und klatschte lachend in die Hände: »Laufschritt – marsch! – Damit die Schildkrötensuppe nicht kalt wird! Mir ist's wurst ... Aber Dicki versteht darin keinen Spaß. Er hat gestern 'ne halbe Stunde im Auswärtigen Amt über dem Menü gebrütet ...« »... während Bismarck gestürzt wurde?« knurrte der General von Pritzig. »Ach, Onkel! Nur nicht zu viel Bismarck während des Essens! Bitte! Bitte! Als Hausfrau! Man hört es so schon vom Morgen bis zum Abend! ... Hier bin ich, Durchlaucht!« Sie legte die rosigen linken Fingerspitzen in den Arm des kurzsichtigen, sie suchenden Prinzen Yburg vom Auswärtigen Amt und ließ sich von ihm zu Tisch führen. Leo Nimis saß auf ihrer anderen Seite neben dem Tinettchen. Die kleine Gräfin vom Niederrhein mit dem kecken Stupsnäschen in dem runden, immer erstaunten Kindergesicht lebte mit dem blauen Blut um sie her, als hätten schon ihre Windeln die eingestickte neunzackige Krone getragen. Es klang ganz unwahrscheinlich, so als leuchte aus plötzlich aufgerissenem Tor das Maschinenstampfen der Gegenwart in das Lachen und Stimmengewirr der Erben vergangener Jahrhunderte rund um den Tisch, während sie fragte: »Kommen Sie nicht bald wieder einmal zu Papa nach Lütthahn, Herr Nimis?« »In allernächster Zeit wahrscheinlich, Frau Gräfin – falls Herr Geheimrat Buschbeck sich an dem großen Unternehmen beteiligt, das mich dann zur Organisierung auf mindestens ein Jahr nach Rußland führt!« »Ach – tun Sie's doch mir zuliebe und besuchen Sie Papa! Es tut ihm immer so gut, wenn Sie in Geschäften zu ihm kommen. Er hat Sie so gern!« Leo Nimis lachte. »Davon habe ich noch nichts gemerkt! Wir streiten uns immer fürchterlich!« »Mit wem streitet sich Papa nicht? In letzter Zeit tobt er in seinem Kontor herum, daß sich die abgebrühtesten Herren bei uns nur noch mit Zittern und Zagen hineingetrauen!« »Ich begebe mich immer mit großer Gemütsruhe in die Höhle des Löwen, Frau Gräfin!« »Ja eben! Sie sind der einzige, der sich nicht vor Papa fürchtet! Darum fürchtet sich Papa vor Ihnen!« »Gut, daß Sie mir das sagen! Da muß er mir das nächste Mal noch ganz andere Verträge unterschreiben!« »Meine Schwester Ottonie hat gehört, wie sein Sekretär Rödicke gesagt hat: ›Heut hat August Manschetten‹ – sie nennen ihn doch unter sich immer August –, ›heute kommt Herr Nimis!‹« »Sehr schmeichelhaft!« »... und Papa ist immer guter Laune, wenn Sie wieder weg sind.« »Dann hat er mich also wahrscheinlich hereingelegt.« »Er pfeift dann furchtbar falsch den Düppeler Sturmmarsch ... Sie wissen: Piefke lief – Piefke lief – Piefke lief die Stiefel schief! Das ist die einzige Melodie, die er behalten kann – und hat zu Ottonie gesagt: ›Gott sei Dank, daß man's mal mit 'nem vernünftigen Menschen zu tun hat! Das ist hier ja alles Bosel! Ottonie hat's nicht leicht mit ihm ...« »Ist Ihr Fräulein Schwester immer noch bei ihm im Haus?« »Ja. Wo sollt sie sonst sein?« »Nun – sie könnte ja auch heiraten!« »Ach, Ottonie! ... Da müßte ...« Die kleine Gräfin schüttelte den Puppenkopf. Es arbeitete auf ihrem neugierigen Kindergesicht, als ob sie noch etwas hinzusetzen wollte. Aber sie schwieg. Leo Nimis fragte nach einer Weile: »Leben Sie in Berlin, Frau Gräfin?« »O Gott! In der gräßlichen Stadt!« Sie hatte sich, als man sich zu Tisch setzte, rasch, aber offensichtlich mit niedergeschlagenen Augen bekreuzigt, ebenso wie ihr Mann drüben. Sie fuhr fort: »Wir passen nicht hierher, Lothar und ich. Wir sind längst aus dem Kultusministerium weg. Wir haben den alten Mettenbergschen Stammsitz Abdinghof wieder ganz ausgebaut. Da leben mir nun schon Jahr und Tag. Wir fahren übermorgen wieder zu uns heim. Wir haben nächste Woche in Abdinghof das ganze Schloß voll Gäste!« »Zur Jagd?« »O nein! Es ist ein viel feierlicherer Anlaß! Der jüngste Bruder Lothars feiert seine Primiz. Er bringt bei uns in der Schloßkapelle sein erstes heiliges Meßopfer dar. Der Bischof, der Onkel meines Mannes, kommt selbst. Alle Brüder meines Mannes mit ihren Frauen. Eine Unmasse Verwandte und Freunde. Ach, wir sind so stolz und froh!« »Das glaub ich!« sagte Leo Nimis, der nicht ganz genau wußte, was eigentlich eine Primiz war. »Aber es ist natürlich alle Hände voll zu tun! Ein Glück, daß die Ottonie da ist!« »Ist Ihr Fräulein Schwester denn auch so strenggläubig?« »Die Ottonie! Ach, gar nicht! Sie ist knapp noch Katholikin, weil sie eben so getauft und erzogen ist. Nein, sie kommt nur herüber, um mir zu helfen. Ich hab ja noch den Jungen daheim. Ich weiß ja sonst nicht, wo mir der Kopf steht!« »Ihr sollt nicht ewig von dem Fürsten reden!« sagte daneben mit krauser Stirn Frau Klothilde. »Ich spreche nicht von dem alten Fürsten Bismarck, Gnädigste, sondern von dem neuen Herzog von Lauenburg.« »Ob man ihn künftig ›Hoheit‹ anredet?« »Ausgeschlossen!« versetzte Prinz Yburg, der Reichsunmittelbare. Der große blonde Generalstäbler von Pommerich ließ Messer und Gabel ruhen und meinte mit der Ehrlichkeit des Soldaten: »Ach was! Bismarck bleibt Bismarck! Da könnt ihr ihn nennen, wie ihr wollt!« Auf Frau Klothildes Antlitz brauten unwirsche Wölkchen. Das unsichtbare Hünenhaupt über ihrer Tafel störte sie. Sie wandte sich rasch und liebenswürdig an ihren Nachbarn zur Rechten: »Sie kommen doch eben aus der weiten Welt, Herr Nimis! Erzählen Sie uns: Wie sieht es da draußen aus?« »Auf der weiten Welt, gnädige Frau, ist ein ungeheures Staunen!« »Ach! Worüber?« »... daß ein Volk so blind ist und sich ohne Not und vor der Zeit von dem Kostbarsten trennt, was es besitzt!« »Mein Gott ... Fangen Sie auch schon wieder an?« »Mir hat noch vor wenigen Tagen in Warschau ein Engländer gesagt: Wenn wir Briten Bismarck hätten, so hätten wir seit zwanzig Jahren die ganze Welt in der Tasche! Und ihr halftert ihn ab wie einen ausgedienten Postgaul! Warum trennt sich ein Herrscher von einem Diener, wie ihn seit Jahrhunderten kein Fürst auf der Welt hatte? Niemand auf dem ganzen Erdenrund begreift das.« »Ja, Gott – das ist nun Ihre Meinung, Verehrtester ...« »Ich spreche nicht meine eigenen, unmaßgeblichen Anschauungen aus«, fügte Leo Nimis in dem gespannten, ihn umgebenden Schweigen. »Ich wiederhole nur, was ich in der Welt hörte!« »Und wieviel kennen Sie, wenn ich fragen darf, von der Welt, Herr Nimis?« »Ich habe sie dreimal umsegelt, Exzellenz, und alle fünf Erdteile besucht!« »Ach so ... Verzeihung!« »Bitte ... fahren Sie fort! Ist ja ganz interessant!« »Finde ich gar nicht!« sagte unten düster der Geheimrat von Spängler zu seinem Oheim, dem Grafen Louis Ferdinand von Pritzig. »Wieso, Alfons?« »Der Kerl kolkt mir zuviel!« »Na ... den anderen aber scheint's nicht!« »Die Welt wird es nie glauben.« sagte Leo Nimis, »daß ein solcher Mann gehen kann, wenn sein Volk wirklich hinter ihm steht. Ich habe gedacht, wie ich neulich hier ankam, ich würde Berlin vor Aufregung wie einen wimmelnden Ameisenhaufen finden. Statt dessen gingen alle Leute seelenruhig ihres Wegs.« »Gott sei Dank herrscht noch Zucht und Ordnung in Preußen!« »... und wo sich ein Eindruck zeigte, da hab ich, wenn ich ehrlich sein darf, mehr Haß und Schadenfreude und Neugier und Erleichterung gefunden als Teilnahme. Die Leute sehen alles nur vom Gesichtskreis alles möglichen inneren Haders aus an, den ich, in Amerika geboren und bei meinem vielfachen Aufenthalt im Ausland, nicht so beurteilen kann ...« »Das Hemd ist uns auch näher als der Rock!« »Aber da fehlt eben das Verständnis für die Tragweite in der Welt draußen. Draußen fragen sie sich in allen Sprachen: Sind denn die Deutschen verrückt geworden?« »Also der Mensch ist gemeingefährlich«, verkündete drüben Herr von Spängler dumpf seinem Oheim Pritzig. »Dabei schau' nur, bitte, wie andächtig ihm die Klothilde zuhört.« »Was hätten wir denn nun schließlich als Untertanen tun können, Herr Nimis?« »Das weiß ich nicht so genau. Aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie etwa London an solchen Tagen ausgeschaut hätte. Trafalgarplatz bis zu den Löwen an der Nelsonsäule hinauf schwarz von Menschen. Ein tausendstimmiges Grunzen für jeden Würdenträger, der vorbeifährt. Volksredner auf Karren und Fässern! Die Straßenaraber alle Viertelstunden mit neuen Ausgaben der Zeitungen. Ladies, die auf die Männer aus dem Volk einreden und sie beschwören ...« »Kurz: Revolution!« sprach drüben halblaut Herr von Spängler, »... und so 'was ißt hier meinen Kaviar!« »Still, Alfons!« »... und nur allem Westminster! Der Sprecher in seiner weißen Perücke. Die Minister wie die armen Sünder vorne vor ihm auf den Bänken. Das Haus so voll, daß viele stehen müssen. Ja, und – ich kann mir nicht helfen – eine einzige Stimme: Wir geben unsern Derby-Crack nicht aus dem Stall! Er ist alt! Aber er ist unbesiegbar! Er schlägt immer noch alle Youngsters. Er gewinnt uns jedes Jahr wieder das blaue Band unter den Völkern ...« »Da hast du mir ja ein nettes Kuckucksei ins Nest gelegt, lieber Onkel!« »Alfons ... Warum bist du denn nur so wütend?« ».. wenn dieser höhere Koofmich, oder was er ist, die ganze Tafelrunde beherrscht! Tu mir den einzigen Gefallen und sieh dir mal die Klothilde an! .. Solche Leute haben, wenn man sie schon heranzieht, wenigstens bescheiden zu sein!« »Ich sehe den Grund nicht ein!« sprach der alte Graf Pritzig lächelnd. »Reizend! Wirklich reizend: Meine bessere Hälfte! Sitzt neben ihm. Muckst nicht. Rodet keinen Ton. Aber sie läßt das Auge nicht von seinen Lippen!« »Alfons ... Alfons ... Eifersucht ist eine Leidenschaft ...« »Ach was! Dazu steht mir der gute Mann lange nicht hoch genug.« »... die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!« »In England hätte es bei alt und jung und hoch und niedrig geheißen: › Bismarck for ever ‹«, sagte Leo Nimis. »Gar nicht aus Begeisterung – so sind die Leute nicht –, sondern einfach, weil jeder Mann auf der Straße sich drüben gesagt hatte: Der Mann ist uns draußen so unermeßlich nützlich, daß wir nichts annähernd für uns so Nützliches an seine Stelle setzen können! ... Ich muß als Bürgerlicher und Kaufmann in meiner Ausdrucksweise reden: Bismarck – das wäre drüben gewesen wie ein riesiger Außenposten, den ein Welthandelshaus stehen hat. Solch einen Außenposten streicht man nicht! Fehlt er im Hauptbuch, so muß man ihn bei der Bilanz aus dem eigenen Kapital decken. Und dies Anfangskapital ist bei einer so jungen Firma wie das Deutsche Reich noch nicht groß. Es besteht – so würde es auch mir gehen, wenn ich mich einmal selbständig mache – in dem Vertrauen, das die alten Häuser einem Anfänger entgegenbringen. Dies Vertrauen hieß aber eben Bismarck. Mit seiner Entfernung löschen wir ja unseren eigenen Kredit. Ich verstehe das nicht.« »Ich auch nicht«, sprach Herr von Spängler. »Ich finde, meine Frau könnte jetzt endlich ...« »Alfons, du machst dich lächerlich!« »Ich sehe draußen nur eine Leere«, sagte Leo Nimis. »Die müssen wir wieder füllen! Aber womit?« »Klothilde ist doch sonst so gewandt! Sie könnte spielend eine allgemeine Unterhaltung wieder in Gang bringen. I wo! Denkt nicht dran! Hockt da und verliert keine Silbe, wie in der Kirche ...« »Alfons ... du wirst noch dein Monokel zerdrücken, wenn du so wütend die Denkerstirn runzelst ...« »Ach ... sei du mal an die Fünfzig ...« »Das war ich schon lange«, sagte Exzellenz von Pritzig gleichmütig. »Nee – lasse mich ausreden – und sie, meine bessere Hälfte, dreiundzwanzig. Ich muß auf sie aufpassen. Ich muß! Ich muß! Schau nur: Er macht wirklich Eindruck auf sie.« »Gott! Sie ist froh, daß sie mal was anderes hört!« »Dabei hab ich ihr noch empfohlen, liebenswürdig gegen diesen Kunden zu sein! Ich schmeiß den Kerl einfach hinaus!« »Ja! Blamier dich nur!« »Bismarck ist schon bei Lebzeiten eine sagenhafte Persönlichkeit geworden!« sagte Leo Nimis. »Ich komme eben aus fernen Ländern. Sie kennen ihn alle. Alle ...« »Es ist, als ob wir eine heilige Eiche fällten!« schrie Herr von Möllenbeck, der Ostpreuße. »Prost, Herr Nimis!« »Ich habe bei meinen Geschäften auf der Welt immer gefunden, daß es eine Hauptsache ist, welchen Schatten ein Mann hinter sich wirft, wo er geht und steht. Bisher war der Schatten riesig – viel größer, als wir selber ...« »... und künftig laufen wir als Schlemihle ohne Schatten herum!« ergänzte der alte Möllenbeck. Der Geheimrat von Spängler hielt nicht mehr an sich. Er räusperte sich gereizt: »Ganz im Gegenteil, mein sehr verehrter Herr Nimis! Bis heute hatte unsere Politik etwas Ländliches, wenn ich so sagen darf. Es stak ein Stück Plattland darin. Sie war wasserscheu. Jetzt erst kommt ein großer Zug ins Ganze. Wir steuern auf das weite Meer hinaus! Das hat der alte Herr im Sachsenwald nie so recht gewagt!« »Er hatte wohl seine Gründe!« »Und welche, wenn ich gehorsamst fragen darf?« »... vielleicht ist es noch ein bißchen zu früh. Ich habe manchmal draußen das Gefühl, als ob wir noch nicht so fertig ausgebacken sind wie die anderen, älteren Staaten. Wir müßten vielleicht noch eine Weile warten ...« »... und als Veilchen im verborgenen blühen! Nee – da sind Sie ganz auf dem Holzweg, Verehrtester ...« »Kann sein, Herr Geheimrat!« »Umgekehrt: Wir müssen raus, unter die Leute. Es kennt uns ja keiner! ... Wir haben wenigstens einen Anfang gemacht in den letzten anderthalb Jahren! Unsere Salutgeschütze haben vor Kronstadt gedonnert. Athen war beflaggt ... Stockholm ... Kopenhagen ... Die italienische Nacht in Venedig war großartig. Die Illumination am Goldenen Horn einfach feenhaft. Ich war dabei. Den Papst haben wir besucht. In England rissen die Paraden und Feste uns zu Ehren gar nicht ab ... Die Reede von Spithead war ein paar Meilen weit ein einziger Geschützrouch ...« »Ich lob mir meine Wruken und das alte Preußen«, brummte der Ostelbier Möllenbeck und schüttelte besorgt den weißen Kopf. Leo Nimis hatte einen Augenblick geschwiegen. Dann sagte er ruhig: »Ja ... es muß aber doch ausgesprochen werden: Wenn ich als einfacher Durchschnittsmensch meine Geschäfte auf der Welt mit solchem Lärm betriebe, dann hätte ich bald meine Kundschaft verloren!« Graf Pritzig nickte nachdenklich und schwieg. Ein Engel flog durch den Saal. Herr von Spängler zischelte erbost: »Kann ihm denn meine Frau nicht mal übers Maul fahren? Eine Dame kann doch eher ... Nee! Denkt nicht daran! Sitzt mit großen Augen und offenem Mund, als wäre das ein Evangelium, was der junge Mann aus dem Kontor da auskramt!« »Ich glaube, du solltest ihn ernster nehmen!« sagte Graf Pritzig. »Ich beobachte ihn seit seinen Jugendjahren. Er scheint mir immer mehr einer der kommenden Männer!« »Anspruchsvoll genug dazu tritt der Knabe auf!« »Er lenkt ja selbst die Aufmerksamkeit von sich ab. Er redet ja gar nicht mehr zu den anderen!« »Dafür unterhält er sich um so angelegentlicher halblaut mit meiner Frau! Sieh doch nur!« »Ich sehe gar nichts Besonderes!« »Sie verstehen sich offenbar sogar glänzend! Da! Die Klothilde schüttelt sich vor Lachen ... Verfluchter Kerl!« »Ja – soll sie denn weinen?« »Mit der kleinen Mettenberg spricht er nur noch das Nötigste! Der gute Yburg an Klothildes grüner Seite macht auch schon ein ganz geistesabwesendes Gesicht ...« »Das fällt ihm nicht schwer!« »Ich möchte nur wissen, was ihr dieser Jüngling aus der Fremde eigentlich erzählt, daß sie so amüsiert zuhört.« »Klothilde ist gegen alle Leute liebenswürdig. Dazu haben wir sie erzogen!« Herr von Spängler stach durch das funkelnde Einglas mit einem Dolchblick zu den beiden hinüber. Eine Blutwelle von unterdrücktem Grimm färbte die schon stark von den Jahren gerunzelte Haut der Wangenpolster. »Mir fällt dieser Naturbursche auf die Nerven«, brummte er in finsterem Groll. »Schäme dich doch! Ein alter Kerl wie du und noch so eifersüchtig.« »Eben weil ich schon ein alter Esel bin ...« Wenn der Geheime Legationsrat von Spängler-Colosimo schlechter Laune war, pflegte er sich zu überlegen, daß seine um ein Vierteljahrhundert jüngere Frau ebensogut seine Tochter sein könne. Als er Anno siebzig bei St. Privat geblutet, hatte sie die Welt noch beinahe aus der Vogelschau des Steckkissens aus angesehen. Diese Zwangsvorstellung beschäftigte ihn bei dem Käse und den Selleriestauden. Er saß schweigsam und in sich gekehrt. Sein wohlgenährtes, für die üppige Gestalt zu kleines Gesicht war von Kummer verdüstert. Verwünschter Bursche da drüben ... Das steckte einem nun die Beine unter den Tisch ... Und die Thilde lachte ... Um ihn bewegten sich die Lippen. Die Luft zitterte von der elektrischen Entladung des achtzehnten März. Bismarcks Sturz ... Wie viele der Großen und Kleinen von den Seinen würden wohl mit ihm gehen? Wieviel Sessel würden frei? Die Vordermänner fielen wie die Kegel, wenn die Kugel den König traf. Es gab Luft für ehrgeizige, noch verdammt jugendliche Geheimräte, wie sich da einer wohlwollend von seiner Nachbarin, der Frau von Pommerich, seine Birne schälen ließ. Herrn von Spänglers Züge eines Feinschmeckers des Lebens glätteten sich im Spiel der Zukunftsbilder zu der gewohnten genüßlichen Würde. Ein Glück, wer sich jetzt nicht durch unnütze Anhänglichkeit an S. D. kompromittiert hatte ... Ferne Paläste mit dem deutschen Reichsadler am Portal gaukelten vor seinen Augen. Carlton-House und die Rue Ayas Pascha, der Isaakplatz und der Paseo della Castellana, das Kapitol und die Metternichgasse. Nicht gleich. Man konnte nicht auf Anhieb Kaiserlicher Botschafter werden. Erst einmal Gesandter. Irgendwo da draußen. Die Welt war weit. Aber die Zeit kam, wo er, Herr von Spängler, der Mitwelt und der Nachwelt zeigte, wie ein moderner Mensch Weltgeschichte machte! Nur immer nachrücken ... Nee ... springen ... springen. Mit einem Satz über die Minderbegabten hinweg. Herrgott ja, der Onkel Pritzig hatte recht wie immer: Es war ja lächerlich, sich über den Ellenreiter drüben aufzuregen ... Herr Doktor von Spängler schaute versöhnlicher hinüber zu seiner Frau und ihrem Nachbarn. Der Mensch hatte einen tadellosen Frack an. Auch sonst ... Merkwürdig, das alles lernten diese Leute viel zu schnell. Er suchte Klothilde mit den Augen, um sich mit ihr über den Aufbruch zu verständigen. Aber sie bemerkte ihn nicht! Sie plauderte wieder verbindlich mit Leo Nimis. Er lachte. »Ich fürchte wirklich, ich bin bei Ihnen als Hecht in den Karpfenteich gekommen, gnädige Frau!« »Ach – wir sind alle viel zu einseitig hier! Bringen Sie in die Gesellschaft nur ordentlich Leben hinein! Ich bin Ihnen als Hausfrau dankbar!« Er lachte wieder: »Insofern ist's ja gut, daß wir uns wieder einmal getroffen haben!« »Wieder?« »Nun ja, gnädige Frau! Wir kennen uns doch schon seit sieben Jahren!« »Ach!« »Ich war ja selbst dabei, wie Sie damals in Göttingen auf der Cimbern-Kneipe erschienen und Ihren jetzigen Gatten kennenlernten!« »Ja, an den Alfons entsinne ich mich da natürlich! Da war ich noch ein Kalb von fünfzehn! Er führte mich herum und machte dumme Witze und zeigte mir die Bilder an den Wänden. Aber daß Sie da auch waren ...« »Dann war ich fünf Jahre später einen ganzen Abend in Ihrer Gesellschaft im Hause Ihrer Verwandten drüben am Königsplatz.« »So?« »... es war der Abend, wo Sie sich verlobten!« »Na. Da war ich so aufgeregt, daß sich alles um mich drehte! Das können Sie sich denken. Ich hab wirklich keine Ahnung mehr, wer da alles da war ...« »Vor kaum einem Jahr habe ich Sie zuletzt bei Exzellenz von Pritzig gesehen. Sie kamen eben auf einen Sprung von einem Wohltätigkeitstee, als ich mich verabschiedet Sie gaben mir noch zwischen Tür und Angel die linke Hand, weil Sie die rechte voll Pakete hatten!« Klothilde von Spängler schaute ihn aus ihren glänzenden haselnußfarbenen Augen an, schüttelte lachend den rotbraunen Kopf und gestand unbefangen: »Ich hab wirklich keinen Schimmer!« Leo Nimis schwieg. Er hatte plötzlich etwas Entgeistertes in seinem Wesen. Dann versetzte er gelassen: »... 's ist ja natürlich! Und ebenso natürlich werden Sie in ein paar Tagen auch unser heutiges Gespräch vergessen haben und mich wieder nicht erkennen, falls wir uns noch einmal im Leben begegnen! Sie sind eine Weltdame. Sie haben ja viel zu viel im Kopf!« Sie legte ganz erstaunt die brillantenfunkelnden weißen Finger ineinander. »Das dacht ich gar nicht, daß ein Mann wie Sie, der so viel in der Welt herumkommt, Zeit hat, empfindlich zu sein, Herr Nimis!« »Es ist ja auch Unsinn! Sie haben ganz recht, gnädige Frau!« Herr von Spängler hatte drüben mit einem ungeduldigen Muskelzucken die Glasscherbe aus seiner Augenhöhle in die hohle Hand fallen lassen. Das Blinken machte seine Frau auf seinen mahnenden Blick aufmerksam. Sie erhob sich lächelnd und nahm den Arm des Prinzen Yburg. Leo Nimis folgte ihr mit seiner Tischdame und fragte die kleine Gräfin unvermittelt: »Hat Ihr Fräulein Schwester Ottonie eigentlich immer noch die Gedanken von allgemeiner Gleichheit und Weltverbesserung im Kopf?« »Toller wie je!« »Eigentlich hat sie sehr recht!« »Um Gottes willen, sagen Sie ihr das nicht, wenn Sie in Geschäften zu Papa kommen! Sonst wird sie noch verdrehter!« »Du mußt mich entschuldigen, mein teurer Alfons!« sprach eine Viertelstunde später im Nebensaal Graf Louis Ferdinand von Pritzig und stellte die leere Mokkatasse in einen Palmenkübel. »Gib mir die Hand, daß ich mich heimlich drücke? Nee – Onkel, gilt nich ... Thilde ... hilf! Halt die Tür zu!« »Kinder, ich bin siebzig und die Tante nicht viel jünger! So alte Leute gehören in die Klappe! Was, Mamachen?« »Und Sie wollen auch schon gehen, Herr Nimis?« »Ich muß morgen früh verreisen, gnädige Frau!« Sie gab ihm heiter die Hand und sagte, während er sich förmlich über diese beugte, harmlos: »Und seien Sie mir nicht böse! Wie viele Leute mögen Sie wohl schon auf Ihren Weltfahrten vergessen haben, ohne daß Sie es ahnen!« Draußen in der Voßstraße verabschiedete sich Exzellenz von Pritzig von Leo Nimis und half der alten Gräfin in den Wagen, zog sich, daheim angekommen, eine bequeme Hausjacke an und fand, als er wieder m den Salon trat, seine Frau, die langgestielte Lorgnette vor den Augen, beim Durchblättern der Abendzeitungen, Nicht unter dem Strich – da las sie nur die Familienanzeigen in der »Kreuz-Zeitung« –, sondern die Männerdinge, den großen und kleinen Krieg der Politik. Sie interessierte sich immer noch für die Staatsgeschäfte, auch nachdem ihr Louis Ferdinand, nach ihrer Überzeugung nächst Bismarck der klügste Mann in Preußen, die Hand davon gelassen, und versetze auch jetzt, mit einem mißbilligenden Schütteln des grauen, immer noch klassisch geformten Hauptes: »Nein ... dieser Bötticher! ...« und gleich hinterher, in einem fraulichen Gedankensprung: »Weißt du, der Herr Nimis ist ja ein recht netter Mensch! Aber er wirkt doch ein bißchen störend. Ich glaube, das war der allgemeine Eindruck heute abend!« »Den Eindruck haben wir immer, wenn etwas Neues nicht mindestens zweihundert Jahre alt ist!« sagte ihr Mann. »Er paßt nicht recht in unsere Kreise!« »Uff!« Graf Pritzig warf sich in seinen Lehnstuhl. »Gib mir doch mal den Aschenbecher rüber, Gesche! Danke! Wir fragen so lange, ob die Welt zu uns paßt, Liebste, bis wir uns einmal werden fragen müssen, ob wir noch in die Welt passen! Ja ... ja! Die Zeit wird kommen!« Die Gräfin saß nach ihrer Gewohnheit steil aufrecht da und sann eine Weile nach. Dann hub sie unvermittelt an: »Jedenfalls werd ich mal morgen der Klothilde meine Meinung sagen ...« »Weswegen denn?« »Louis ...« »Ja ...« »Schau mich mal an ...« »Bitte!« »Sag offen: hast du denn wirklich nichts gemerkt?« Der alte Herr war erschrocken. Er schwieg. Die Gräfin fuhr scharf fort: »Sie soll nicht so unvorsichtig sein ...« »Die Thilde?« »Wenn man sie so genau kennt wie ich ... übrigens war ich nicht der einzige Mensch, dem es auffiel ...« »Nee – der dicke Alfons war auch wütend ...« »... daß dein Schützling, Louis – dieser Herr Nimis, entschieden Eindruck auf sie machte! ... So etwas geht nicht ...« »Freilich geht es nicht, zum Donnerwetter ...« »... mehr Eindruck, als ich jemals sonst bei ihr bemerkt habe ...« »Das ist ja eine schöne Geschichte ...« »Das kommt von deinen abenteuerlichen Bekanntschaften, Louis!« »Nun bin ich wieder daran schuld ...« »... und ich darf die Sache wieder ins Lot bringen. Sei unbesorgt, ich greife da energisch ein! Ein Segen, daß dieser Herr Nimis nicht in Berlin und überhaupt meistens im Ausland wohnt. Er kommt ihr nicht wieder über den Weg! Dafür steh ich gut!« – Leo Nimis lief inzwischen ziellos durch den nächtigen Tiergarten. Die Finsternis, die Einsamkeit, die kalte, windbewegte Luft war ein Labsal seiner fiebernden, halb lachenden, halb weinenden Seele. Es war so dunkel, daß man kaum die eigene Stiefelspitze vor sich sah. Er stieß an eine Bank am Wege und tastete sich an ihr hin und setzte sich darauf. Es war still und schwarz umher wie in einem Keller. Nur der leise Fall der Nebeltropfen. Das Rascheln einer Ratte im faulen Laub. Der laute, wilde Hammerschlag des eigenen Herzens und in der Ferne ein unbestimmtes Brausen – Lust und Leid von Millionen. Er vergrub fröstelnd die Hände in den Manteltaschen, streckte die Beine lang aus und starrte vor sich hin. Sprang wieder auf. Ging weiter, wieder nach der Stadt zu, und stand plötzlich wieder im Schatten einer Säule vor dem Haus in der Voßstraße. Dort waren, zu ebener Erde, immer noch die Fenster hell. Gestalten bewegten sich in den lichtschimmernden Räumen. Eine Reihe von Euipagen und Droschken hielt vor dem Tor. Durch das traten jetzt Gäste. Er hörte die Kinderstimme der kleinen Gräfin Mettenberg aus dem Kohlenrevier zu ein paar Herren: »Wir müssen übermorgen in Abdinghof sein und das Schloß für die Primiz meines Schwagers schmücken. Solche religiösen Feste sind doch immer die schönsten!« Leo Nimis ging unbemerkt auf der anderen Seite der Straße weiter. Auf dem Wilhelmplatz waren Menschen. Bürger kamen vom Bier. Damen in Kopftüchern sprachen von der Oper. Junge Kaufleute und Studenten bummelten. Lachende Familien trennten sich vor dem Café Kaiserhof. Überall seelenruhige, zufriedene Gesichter. Behagen des Alltags. Eine Nacht wie jede. Dicht nebenan lag der Palast, in dem der eiserne Kanzler durch ein Menschenalter gewohnt, stumm und dunkel. Von den Menschen verlassen und vergessen. Leo Nimis schaute schweigend in die schwarzen Fensterwölbungen. Bismarck war weg. Der Nachtwind blies leere Strohhalme über den Hof seines bisherigen Hauses. VII. Das neuhergestellte Wasserschloß Abdinghof des Grafen Lothar Mettenberg lag inmitten der weiten, flachen niederrheinischen Ebene mit ihren vielen Windmühlen und den preußisch schwarzweißen Flecken des weidenden Rindviehs auf fettem Wiesengrün. Nasse Gräben umschirmten das plumpe Mauergeviert. An jeder der vier Ecken reckte sich als wuchtiger Wächter ein kurzer, dicker Turm. Auf der Spitze jedes Turmes blähte sich im Frühlingswind die gelbweiße päpstliche Flagge. Kleine Fähnchen in den Farben Roms grüßten aus dem tannengrün der Kranzgewinde der Ehrenpforten zwischen dem Schloß und der Dorfkirche. »Willkommen, Gesalbter des Herrn!«, stand auf den gelb umränderten, weißen Begrüßungstafeln. Für die Fülle der Andächtigen beim ersten Meßopfer des Priesters Clemens Mettenberg war die Burgkapelle zu klein gewesen. Die Primiz war in der Kirche gefeiert worden. Jetzt wandelte, am Nachmittag nach dem Festmahl, der Neomyst einsam, das Brevier in den Händen, durch die kahlen Baumalleen des Parks. Der Märzwind spielte mit seinem langen Rock, sein tonsuriertes Haupt war bloß, auf seinem blassen und angegriffenen Gesicht lag ein Staunen über sich und seine spirituelle Weihe und den Untergang des eigenen sündigen Ichs in dem Charakter indelebilis des Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Die Hirschgeweihe oben im großen Saal des Schlosses, das Donauweibchen an der getäfelten Decke schwammen im Zigarrendampf. Von den Spitzen seiner Damschaukeln flimmerten die Wachskerzen durch die bläuliche Lufttrübung hinunter auf ordensübersäte Fräcke des rheinischen und westfälischen Adels, schwarze Priestertalare der römischen Kirche, bunte Uniformen der großen katholischen Regimenter der preußischen Armee, der Kürassiere von Münster, der Paderborner Husaren. Ein feiner Weihrauchdunst schien aus der Schloßkapelle heraus alle Räume mit seinem süßen Nebel zu durchduften. Im Rahmen der Ahnenbilder an den Wänden sprach die Ecclesia militans von den dünnen, bartlosen Lippen vieler tonsurierter Mettenberge von einst, des Fürstbischofs von Paderborn und des gefürsteten Abts von Malmedy, des Reichsprälaten in der Benediktinertracht des Abts von Ochsenhausen und des Johannitermeisters von Heidenheim und des k. k. Erzhofkaplans und Abtes St. Blasii und des Stolzes des Geschlechts, des in Lebensgröße und ganzer Gestalt gebieterisch vor seinem Thron stehenden Kardinalpriesters und regierenden Kurfürsten von Köln, des Heiligen Reiches Erzkanzler durch Italien und Legatus Natus des Römischen Stuhls. Jetzt wurde das alte heilige Köln von dem kleinen Koblenz aus durch preußische Bureaukraten regiert. Das Haupt des Hauses, der Majoratsherr Graf Unico von Mettenberg, hatte sich damit abgefunden. Er war ein langer, hagerer, trockener Herr, der sich mehr für seinen Rennstall als für die Kirche interessierte, und den man eher im Unionklub in der Schadowstraße zu Berlin als auf der Königstreppe des Damalushofs im Vatikan traf. Immerhin hielt er auf Überlieferung und hergebrachtes Maß und sagte halblaut, aus seiner nachlässig knarrenden Kehle, zu seinem neben ihm sitzenden südlich dunklen Bruder Lothar, dem Schloßherrn: »Merkwürdige Ansichten, die dein Fräulein Schwägerin da zum besten gibt ...« Sein Bruder Daniel, der Cumberländer Welfe aus Gmunden, ergänzte: »Wenn Corisande und ich schon die weite Reise hierher machen – um dann bei Tisch, nach einem ersten, heiligen Meßopfer, von einer jungen Dame modernistische Anschauungen zu hören ...« »Ach geht's!« sprach gutmütig der vierte der Brüder, k. und k. Rittmeister bei den Montecuccolihusaren in einem weltfernen galizischen Nest mit einem Wunderrabbi und voll von Kaftanjuden und ruthenischen Bauern. »So a Madel plauscht viel!« »Was hat sie denn gesagt, Emmerich?« erkundigte sich der letzte der Brüder, der Königlich Sächsische Hauptmannsuniform trug. Wenn es irgend ging, vermieden es die Mettenberge, gerade unmittelbar in der preußischen Armee zu dienen. »Unreifes, modernes Zeug! Wer spricht denn gerade heute bei einer solchen Gelegenheit mitten bei Tisch von Arbeitern?« Der Majoratsherr zuckte mißbilligend die Schultern. Daniel, der Welfe, fügte hinzu: »Sie behauptet, Arbeiter könnten nicht religiös sein! Sie hätten zu wenig vom Diesseits, um an das Jenseits zu glauben!« »Und das vor den Ohren der Dienerschaft!« versetzte der bleiche junge hausgeistliche Doktor Graf Hülstrop, ein Vetter der Brüder. Ein Herzleiden hatte ihn gezwungen, seine zukunftsreiche Laufbahn bei der heiligen Congregatio de propaganda fide in Rom aufzugeben und auf dem Ruheposten hier im Schlosse ganz seiner Gesundheit zu leben. »Onkel Gerhard war auch ganz entsetzt. Man sah es ihm an!« Der Bischof Freiherr von Dünwege hatte dem Jüngsten der Brüder, dem Primizianten, der einsam unten im Park auf und ab ging und sein Brevier betete, am heiligen Sonnabend vor Judika die Hand aufs Haupt gelegt und ihn mit dem feierlichen: »Accipe spiritum sanctum!« ordiniert. Jetzt hatte er sich nach der Tafel zu einer kurzen Ruhe in seine Gemächer zurückgezogen, ehe er abreiste. »Als Gegenstück wußte Fräulein Ottonie Buschbeck dann noch zu melden, daß auch die protestantische Kirche verknöchert sei und dem Geistesleben der Arbeiter noch viel weniger nahekomme ...« »Total verbiestert!« »... zu behaupten, selbst das Gute, was wir heutzutage täten, wäre sündhaft, weil es zu viel mit dem Kopf und zu wenig mit dem Herzen geschähe ...« »Jetzt laßt's doch die fade Nocken!« »Es sind Zeichen der Zeit!« »I bitt dich, Ignaz! ... Was so 'ne Urschel ...« »Sie redet nur, was sie überall hört! Sie kommt doch mitten aus dem Kohlengebiet! Kaum eine Stunde Eisenbahn von hier!« »Ist deine Schwägerin immer so, Lothar?« Graf Daniel schnippte seine Zigarrenasche in die Schale. »Heut war sie noch verhältnismäßig zahm!« »Das is ja eine grausliche Verwandtschaft!« meinte der k. und k. Rittmeister. »Nimm mir's nicht übel, Lothar! Aber ob es richtig war, eine Dame von so vorgeschrittener Weltanschauung uns gerade heute ...« »Ich kann das Tinettche nicht hindern, sich ihre einzige Schwester einzuladen«, versetzte Graf Mettenberg kurz. Und in der Tat, das war dem ganzen schwarzen Adel im Kreise bekannt: Dies funkelnagelneue Ahnenschoß war vom Keller bis zum Hahn auf dem Turmknopf von den Schätzen gebaut, die in finsterer Nacht dunkle Massen von Namenlosen dem alten August Buschbeck in Lütthahn aus tiefen Schächten schürften. »Wie alt ist denn das Fräulein Buschbeck?« »Nächstens fünfundzwanzig!« »Da wäre es doch überhaupt schon höchste Eisenbahn ...« »Zum Heiraten? Die Ottonie kriegt nicht so leicht einen Mann!« »Trotz der klobigen Mitgift?« »Die Erbprinzen aus ihren Kreisen haben alle Manschetten vor ihr! Die kennen sie und ihre dicke Freundschaft mit allen möglichen Bassermannschen Gestalten des Kohlenbeckens zu genau. Andere stoßen sich an dem gewalttätigen Charakter meines Schwiegervaters. Der Alte wäre ja auch heilfroh, wenn er die Tochter glücklich unter der Haube hätte!« »Und sie mag nicht?« »Sie möchte schon ...« »Aber?« »Es soll jemand Bestimmtes sein ... das wissen wir ...« »Na also ...« »Aber der Esel selber merkt es nicht in den geschlagenen drei Jahren, seit er regelmäßig in Geschäften nach Lütthahn kommt!« »Anständiger Mensch?« »Ja. Durchaus. Natürlich nichts Berühmtes. Aus ganz guter Familie. Groß. Blond. Ein Auslanddeutscher. Von Haus aus kein Geld. Aber geschäftlich tipptopp! Mein Schwiegervater weimert immer: ›Der gute Mensch hat immer die Hände in den Taschen. Aber nicht in seinen, sondern in meinen!‹ ... Das ist bei ihm eine hohe Anerkennung!« »Also los'« »Ja, der Betreffende könnte im Handumdrehen sein Glück machen und sieht es nicht! So steht die Geschichte seit Jahr und Tag.« »Aber ewig kann doch der Karren nicht so im Dreck steckenbleiben!« »Deine Schwägerin kompromittiert euch ja! Gott weiß, was sie noch einmal anstellt!« »Mir scheint auch, wir werden dem Betreffenden einmal den Star stechen müssen«, sagte Lothar Mettenberg nachdenklich. »Einen Lärm machen sie da drüben ... Man versteht sein eigenes Wort nicht!« In dem als Trinkstübchen ausgebauten Erker kneipten der preußische Landtagsabgeordnete Freiherr Maria Josef von Nievenich, der Besitzer des Weinguts Kloster Himmelspforte, und sein dicker Freund, der Domherr von Nippers. Neben dem hochwürdigen Sozialpolitiker saß der Schwiegersohn des hitzköpfigen, graubuschigen Weingutbarons, der päpstliche Kämmerer Freiherr Hugo Gratiadei von Steenkerk, und gegenüber der Freiherr Jobst Adolf von Högscheidt, der eine Tochter des deutschen Sekthauses Schurich zur Frau hatte, die nach der Hauptmarke der Firma »Schurich süß« genannt wurde. Das vierblätterige Kleeblatt war ein Bild vom Rhein, in dem die Kirchenglocken ihr: vinum bonum – vinum bonum über die Winzerberge hinläuteten. Wein und Weihrauch, Kutte und Kelter, Rom und Reben klangen da ineinander wie die Gläser im Erker. »Mir fällt die gute Ottonie ja auch auf die Nerven!« sagte Graf Mettenberg, der Hausherr, mit einer Unruhe auf den warm gelblich getönten, wallonisch fremdartigen Zügen mit dunklem Schnurrbart, schwermütigen, schwarzen Augen und der Glatze eines Lebemanns, der er, der fromme Knecht der Kirche, nie gewesen. »Wie lange bleibt sie denn bei euch?« »Sie reist heute noch! Sie packt wahrscheinlich schon ihre Sachen, wenn sie nicht noch bei den Damen oben sitzt.« Im Antoniussaal im ersten Stock waren die Gräfinnen und Baroninnen unter sich. Sie bildeten auf den Louis-Quinze-Stühlen eine große Runde und bewunderten den aus seinem Bettchen herbeigebrachten Stammhalter des Hauses. Der kleine, zweijährige Eugen Eusebius wanderte verschlafen von Schoß zu Schoß. Er hatte die dunklen katholischen Augen des Vaters. Das Gesichtchen war ernst – fast feierlich, wie bei einem winzigen künftigen Heiligen. Auch das junge, hübsche, rotwangige Kindermädchen war nicht ganz von dieser Welt, sondern vom dritten Orden. Das Tinettche Mettenberg gab ihrem Sprößling einen kräftigen Schmatz. »So! Allons! Marsch ab mit deinem Nönnche!« Sie setzte sich mit ein paar anderen lustigen Rheinländerinnen zusammen, der Lolott Steenkerk und der Scholastika Högscherdt, der geborenen Schurich in Firma »Schurich süß«. Sie rauchten. Aber wenigstens nur Zigaretten. Darüber pflegte der Hauskaplan Graf Hülstrop, der jeden Augenblick in den Saal treten konnte, hinwegzusehen. Die Gräfin Jadwiga Mettenberg jedoch, die Gattin des galizischen Rittmeisters, paffte nach Art des österreichischen hohen Adels eine dicke schwarze Zigarre ihres Mannes, hatte ein Bein über das andere geschlagen und erzählte in ihrem sarmatischen Deutsch von ihren vielen Kindern. Der älteste, der Ignatius Loyola, war schon bei den Jesuiten in der Stella matutina in Feldkirch. »Soll er Priester werden?« Jawohl: der Ehrgeiz der Eltern sah ihn schon im feuerroten Gewand des Collegium-Germanico-Hungaricum in Rom. Die Schwägerin Corisande, die Gemahlin des Gmundener Welfen, aus dem nahen südniederländischen, streng katholischen Hause der von Hettema, berichtete von ihren beiden kleinen Töchtern, dem Georginchen und der Alix Wellingtonia. Die Mädchen genossen Privatunterricht beim Pater Augustin, dem Professor am Lyzeum. Später kamen sie ins Pensionat zu den englischen Fräulein. Die Gräfin Berta, die Frau des Majoratsherrn, entstammte dem altmärkischen Geschlecht der Triglitz. Sie war in ihrer Ehe protestantisch geblieben. Die Kinder freilich alle katholisch. »Die Gisela ist achtzehn!« sagte sie. »Nächsten Winter führ ich sie aus!« »In Berlin?« Große Augen. Leise Schauer. Berlin. Berlin war eine Stadt der Freimaurer, der Juden, der Umstürzler. Berlin war hier weltenfern. »Nein! Bei den Verwandten in Breslau!« Ein Erbgraf von den Leibkürassieren ... Diese Zukunftsmöglichkeit beruhigte die durch Berlin verängstigten Damen. Die Gräfin Luise, die Frau des Dresdener Hauptmanns, hatte ihre zwei Jungen im sächsischen Kadettenkorps, Die Schwägerinnen schwatzten eifrig. Die Lolott und das Tinettche kicherten miteinander. Die Gräfin Jadwiga tat plötzlich schuldbewußt die dicke Zigarre aus dem Mund und in den Aschenbecher. Der Pater Cölestin war eingetreten. Er saß abseits im Gespräch mit Ottonie Buschbeck, der Schwester der Hausfrau. Pater Cölestin war ein Luxemburger von den Rekollekten des noch nicht geeinigten strengeren Franziskanerordens. Er war hoch von Wuchs. Ein eisgrauer Bart wallte ihm über die strickgegürtete Kutte. Das gefurchte Antlitz zwinkerte in tausend braungebrannten Fältchen um die gutmütig schlauen. Augen. Er hatte etwas Menschliches, gleich einem alten Förster. Einem Waldbruder. Ottonie Buschbeck saß dem Mönch gegenüber, die schlanke, hohe Gestalt straff aufgerichtet, die Hände im Schoß verschlungen, das glänzend schwarze Haar klösterlich gescheitelt. Auch die dichten Augenbrauen und die langen Wimpern waren von stärkstem Schwarz, Unter ihrem Bogen leuchteten die dunkelblauen, tiefliegenden Augen in einem schweigenden, verhaltenen Glanz. Die gleiche Verschlossenheit beherrschte ihre herben, aber in ihrer jugendlichen Regelmäßigkeit ansprechenden Züge, obwohl sie eindringlich auf den väterlich lächelnden Religiösen einsprach. »Sie haben doch den größten Teil Ihres Lebens in Ihrer Missionstätigteit im Orient zugebracht, Hochwürden? Ist es nicht seltsam, daß wir dort mit Mühe und Not fremde Seelen fischen, und hier, in unserem eigenen deutschen Land, leben Millionen von Seelen, um die sich keiner kümmert!« Der Pater Cölestin sprach Deutsch ebenso fließend wie Französisch und Arabisch. Er sagte ruhig: »Sie tun unserer Kirche unrecht, Fräulein Buschbeck! Wir sind auch hier die Fischer Petri!« »Gut! Die Kirche! Das geb ich allenfalls zu! Aber sonst! Sehen Sie einmal meinen Vater an! Seine Geschäftsfreunde! Er sieht Fäuste, viele Tausende von Fäusten, und zahlt sie! Die Köpfe und die Herzen, die zu den Fäusten gehören, sieht er nicht. Wahrscheinlich wären ihm die Fäuste allein lieber. Die Maschine ist sein Ideal! Die streikt nicht und hat keine unsterbliche Seele!« »Ihr müßt bei der Ottonie wirklich mal was dagegen tun!« sprach drüben halblaut die Lolott zu dem Tinettche. »Aber Papa sieht die Leute wenigstens noch. Er spricht mit ihnen. Er lebt unter ihnen. Er sorgt sogar in seiner Art für sie, damit sie ihm Geld verdienen können. Aber die Aktionäre, denen er das Geld abliefert, haben meist niemals ein Bergwerk mit Augen gesehen. Sie kaufen sich einfach irgendwo an der Börse die Anweisung auf die Arbeitskraft von soundso viel Menschen, die ihnen niemals in ihrem Leben begegnen. Dies Unpersönliche; Seelenlose ist das Unheimlichste von allem!« »Es ist das neunzehnte Jahrhundert, Fräulein Buschbeck!« sagte der Mönch. »Das quält mich manchmal an einsamen Abenden so, daß ich aufspring und aus unserem Hause oben hinunterlauf auf die Straße unten, bloß um die Leute zu sehen, die für mich arbeiten – ich weiß nicht warum ...« »Habt ihr denn schon mal wegen der Ottonie den Doktor gefragt, Tinettchen?« »Warum bringt man denn da nicht Licht in die Nacht, Hochwürden, statt daß wir all unser Sinnen und Trachten dareinsetzen, nur immer noch mehr Nickelstahl zu erzeugen? Aber wir Frauen haben ja nichts zu sagen. Wollen auch gar nicht. Wir sind wie die Spatzen!« »Ottonie!« rief die kleine gräfliche Schwester weinerlich. »Wenn wir glücklich in ein Regiment hineingeheiratet oder die Krone auf der Visitenkarte erobert haben, dann sind wir ja zufrieden. Dann drehen wir unserer Welt den Rücken. Unsere Brüder auch. Die tragen ja auch meist buntes Tuch oder tun so, als ob sie Jura studierten.« »Tinett... Jetzt mach aber mal Schluß bei der Ottonie!« »Was soll ich denn tun. Lolottche? Ich kannn ihr doch die Gosch nicht zupappen!« »Aber diese Welt bleibt, Hochwürden! Die wächst, die steigt wie eine schwarze Flut!« »Wie eine rote ...« »Diese Millionen von Menschen sind uns schon so fremd! Sie haben so wenig teil mehr an uns. Sie bilden so völlig ein unterirdisches Reich für sich. Warum steigt man nicht in das hinab, statt daß wir uns mit tausend fernen Dingen beschäftigen?« »Fragen Sie die moderne Gesellschaft!« »Warum klärt man nicht auf? Hilft? Tröstet? Belehrt? Statt immer nur zu verbieten, was sich nicht verbieten läßt?« »Fragen Sie Berlin, Fräulein Buschbeck!« »Wenn ich zu Papa so spreche, dann explodiert er! Mein Bruder Max lacht mich aus! Das Tinettchen drüben heult schon beinahe, daß ich in ihrenm schönen Salon so unpassende Sachen sag! Die Damen machen verlegene Gesichter. Man ist immer ganz allein. Man kann sich niemand verständlich machen. Da sitzt man nur und weiß nicht recht, wozu man auf der Welt ist!« »Ich muß doch nächstens zu Papa hinüberfahre.!« versetzte drüben die kleine Gräfin zu ihrer Freundin, der Baronin Steenkerk. »Ich muß mit ihm reden! Die Ottonie wird ja auf die Art noch der reine Geck! Sie muß jetzt mal endlich heiraten ...« »Du! Dasselbe wollt ich eben sagen!« »Wenn sie erst ihr eigenes Haus hat, wird sie schon ruhiger!« »Sucht ihr nur einen!« »'s ist ja schon einer da! Der ist blind. Der gilt bei allen für so mordsgescheit und sieht das Nächste vor seiner eigenen Nase nicht!« »Die Männer haben auch nicht alle 's Pulver erfunden!« Die jungen Frauen lachten. Die Gräfin Tinettchen hatte sich schon völlig in diese weihrauchduftende, ahnendunkle Welt eingelebt. Sie meinte unbefangen: »Lieber wär es mir ja, die Ottonie machte eine bessere Partie. Aber sie paßt doch nun mal in unsere Kreise wie die Faust aufs Auge! Das wirst du mir zugeben, Lolott!« Die lustige junge Baronin Steenkerk, die väterlicher- und mütterlicherseits von malteserfähigem Adel stammte, bejahte mit unterdrücktem Lächeln. Die Treppen herauf kam das Rascheln von Priesterröcken, das Klirren von Husarensporen, das Knarren von Lackstiefeln. Die Herren hatten ausgeraucht und gesellten sich zu den Damen. Der Schloßgeistliche Graf Hülstrop setzte sich zu dem Franziskanerpater. Beide unterhielten sich in weichem, leisem Italienisch. Die Baronin Nievenich mit der Gräfin Corisande, der geborenen Holländerin, auf französisch. Die anderen deutsch. Die Fasanenjagd war nun leider zu Ende. Fabelhafte Jährlinge im Mettenbergschen Gestüt des Majoratsherrn. Hut ab vor den Fohlen! ... Fuder 59, bestes Fuder, bei der Versteigerung des bischöflichen Konvikts in Trier ... Nein ... nein ... Er ist noch in Rom ... Bitte ... Bitte ... Liebste ... werben Sie für unseren Paramentenverein! Unsere Altardeckchen sind süß! ... Alles nach uralten Klostermustern...« »Ich bitte: Nein!« sagte der Rittmeister von den k. k. Montecuccolihusaren. »Das war sein Bruder, der Fredi, der in Wien im Jänner die halbe Million Kronen im Jockeiklub verspielt hat!« Und auf der Schwelle, vor dem Eintritt zu den Damen, erzählte der lebensfrohe alte Herr von Nievenich noch rasch halblaut den letzten seiner Krätzerchen, seiner saftigen Kölner Witze, und mitten zwischen schwarzem Adel und blauem Blut saß Ottonie Buschbeck mit einem gesellschaftlich höflichen, ganz leeren Gesicht und verschleierten Augen, so als habe sie einen Vorhang über ihre Seele herabgelassen, und schwieg. Plötzlich erhob sich alles gleichzeitig. Verstummte in Ehrfurcht. Zwei Diener rissen die Gobelinvorhänge der Tür zur Seite. Feierlich leuchtete in deren Rahmen das Violett des bischöflichen Talars. Der Freiherr Gerhard von Dünwege verabschiedete sich von den Gastgebern und Gästen. Silberne, wie bei einem kleinen Kind zartgekrauste Haarflöckchen umkränzten Seiner bischöflichen Gnaden den strengen, auf breiten Schultern und starkem Leibe sitzenden Rundkopf, in dessen bebrilltem, menschenkundigem Gelehrtenantlitz der willenstarke Mund mit den selbst im Schweigen beredten Lippen ausdrucksvoll über dem kräftig gewölbten Kinn hervorsprang. Hier, im Kreise der rheinischen, ritterbürtigen Verwandten, lächelten diese Lippen freundlich, hier war Onkel Gerhard Mensch unter Menschen, ein milder, väterlicher Weltmann voll natürlicher Würde und doch um ihn herum ein heimlicher leerer Raum heiliger Scheu. Alle die hochfrisierten Köpfe und alle die Glatzen und die weltlichen Grauschädel, die Schnurrbarte und die rosigen Lippen beugten sich abschiednehmend ehrfurchtsvoll zum Handkuß über den Ring an seiner Rechten. Dann stieg der Bischof vor der sich bis zum Boden verneigenden Dienerschaft die Treppe hinab und mit seinem Hofkaplan in den Wagen. Die Dame des Hauses hatte ihn bis zum Schloßeingang, ihr Mann entblößten Hauptes bis zum Kutschenschlag geleitet, um dort ihm gegenüber Platz zu nehmen. Der Rentamtmann hielt davor mit einem Trupp Knechte und Bauernburschen hoch zu Pferd, gelbweiße Bänder an der Schulter und in den Mähnen der Gäule. Sie ritten als geübte, in der preußischen Armee gediente Kavalleristen dem Gefährt des hohen Herrn bis zum Bahnhof voraus. Von der Windmühle auf dem kleinen Hügel knallten die Böllerschüsse. Die Glocken läuteten. Am Weg standen die Männer, die Hüte in der Hand, und bekreuzigten sich die Frauen. Auf dem Kindergesicht der kleinen Gräfin Tinette war tiefe Befriedigung, während sie dem Zug nachschaute. Dann krausten Unmutwölkchen ihre Stirn. Sie raffte ihre Schleppe und lief leichtfüßig wie ein Backfisch die Steintreppen hinauf und atemlos und ärgerlich in das Gastzimmer ihrer Schwester. »'s ist doch eine rechte Crux mit dir eigensinnigem Bock, Ottonie! Meinst du, ich hätt nicht bemerkt, daß du heimlich aus dem Zimmer herausgewitscht bist, wie der gute Onkel Gerhard uns Adieu sagte?« »Ich halt es für unnötig, Menschen die Hand zu küssen!« »So? Na, wart nur, wenn du erst mal im Fegfeuer hockst!« Die Jüngere stemmte herausfordernd die Hände in die Seite »In fünfzig Jahren wird mein Kleiner, der Eugen Eusebius, noch für seine sündige alte Tant' Messen lesen lassen müssen und beten: ›Herr, laß es genug sein mit der armen Seele!‹« »Ich büß meine Sünden auf dieser Welt, Tinettche!« Ottonie Buschbeck hatte sich bereits umgekleidet und einen einfachen, langen, dunklen Reisemantel angelegt. Jetzt setzte sie sich einen ebenso schlichten Hut auf das schwarze Haar. Ihre Schwester sah das mit offenem Mund. »Wo willst du denn hin?« »Wenn ich spring, erreiche ich noch gerade den Zug!« »Zu Fuß?« »Die Apostel sind auch zu Fuß gelaufen – wenn ihr schon so fromm seid!« »Am Bahnhof triffst du den Onkel Gerhard und meinen Mann...« »Die sehen mich nicht im Gedräng! Ich fahr dritter Klasse!« Die kleine Dame schüttelte traurig das wohlfrisierte Köpfchen. »Da hörst du nichts Gutes, Ottonie!« Ottonie Buschbeck lachte. Mit einem tiefen, warmen, zärtlichen Lachen. »Weißt du, wie du bist. Tinettchen? Wie ein Osterhäschen! Genau so weiß und mollig und zuckrig und ein Dummchen.« »Du ... ich hätt mit dir zu reden, Ottonie ...« Die Ältere schüttelte abwehrend den Kopf und knüpfte sich unruhig die Schleierzipfel hinten über dem Hutrand. »Ich muß weg ...«, sagte sie zwischen den Zähnen. »Weg ... weg ... Wenn ich nur wüßte, wohin ...« Plötzlich umhalste sie das Tinettchen und küßte sie leidenschaftlich, durstig, brennend, und ihr Gesicht war blaß und ihre tiefen Augen feucht und heiß. »Ach, Tinettche! Es ist ja viel zu wenig Liebe auf der Welt!« »Du ... setz dich da mal her ...« »Viel zu wenig auch für mich! Ach, wir sind ja alle so arm ... so arm ...« »Darüber wollte ich ja eben mit dir ...« »Du fährst mir gerade in der Seele herum mit deinen ungeschickten kleinen Fingerchen!« sagte Ottonie Buschbeck und war auf einmal wieder sehr gelassen. »Putz du nur dein eigenes Seelchen hübsch im Beichtstuhl aus! Adieu, Schatz! Schick mir mein Gepäck nach!« Sie küßte die kleine Gräfin wiederum, diesmal ganz flüchtig, zum Abschied, und ehe jene sich noch von ihrem Erstaunen erholt hatte, sah sie schon die ältere Schwester unten groß und schlank und dunkel, den blassen, leidenschaftlichen Kopf gegen den Märzwind geneigt, mit flatterndem Mantel und gerafftem Rock über den Schlamm der Landstraße auf dem Weg zum Bahnhof dahineilen... Es war schwarze Nacht, als Ottonie Buschbeck den Zug verließ und auf der Chaussee den Lütthahner Werken zuschritt. Die Hochöfen glühten als Purpurflecken im Finstern. Funkenregen sprühte am Himmel über unsichtbaren Schloten. Fabriken mit vierstöckigen, bläulichhellen Fensterreihen standen wie Geisterschlösser im dunklen Nichts. Glühwürmchen von Handlaternen schaukelten auf den Feldwegen. Ferne Dampfpfeifen forderten mit ihrem weinerlichen Wolfsgeheul die Konkurrenz zum Kampf auf Tod und Leben auch jetzt, nach Feierabend, heraus. Die Schlackenhügel ragten als schwarze, tote Umrisse vor den Sternen. Die Luft war zäh und bitter von Rauch. Ottonie Buschbeck glaubte im Gehen trotz des Schleiers die feinen Kohlenstäubchen auf den Lippen zu spüren, die durch alles hindurch und bis in die Spitzen der Lungenflügel drangen. Sie schaute im Ausschreiten angestrengt vor sich hin, um nicht unversehens im Dunkel mit jemand zusammenzustoßen. Denn diese Nacht lebte. Rings um sich hörte sie in dem beinahe undurchdringlichen Dunkel der Landstraße das Scharren vieler Füße, halblaute, hundertfache Stimmen, das Klirren von Blechgeschirr, Husten. Die Bergleute kamen von der Zeche, gingen zu ihr. Da unten war es gleich, ob oben die Sonne oder der Mond am Himmel stand. Dann tauchte eine Reihe niederer Häuschen auf. Frauen mit Umschlagetüchern und Körben am Arm standen vor einem Krämerladen. Ottonie trat ein, kaufte ein paar Lebensmittel und hörte, als sie den Laden verließ, hinter sich ein leises: »Düwel noch ens ...« »Wer is es denn?« »Die von owe!« »Su!« »Hännes'che! Spring flöck hingerhär! Kriegst was!« Ein kleiner Bube lief und zerrte sie ungestüm am Rock. Sie beugte sich hinab und gab ihm etwas von ihren Sachen. Er dankte nicht, umkrallte es mit der schmutzigen Faust ... starrte sie an ... In einem grenzenlosen Staunen... In dem winzigen Haus, in das sie trat, lag ein noch jüngerer Mann im Bett. Rote Flecken brannten aus seinen Wangen. »Ming Frau is noch nit gekumme!« sagte er und hustete. »Wo ist sie denn?« »Danze!« Ottonie Buschbeck legte ihre Gaben hin. Im nächsten Haus saß ein steinaltes Weiblein aus dem Küchenschemel. Vier, fünf Kinder im Hemd kauerten wartend auf den Backsteinfliesen des Bodens. »Ist Ihre Tochter noch nicht daheim?« »Hä?« »Ob Ihre Tochter daheim ist?« »Ich verstonn Sie nit!« Endlich erkannte das stocktaube Mütterchen den Gast: »Sie seien's! Enä! Sie is noch nit da!« Es war für die junge Witwe ein weiter Weg im Dunkel von den Lütthahner Werken bis hierher zu ihren Kindern. Ottonie Buschbeck legte ihr Päcklein auf die Ofenplatte. Die war kalt. Aber ihr war, als schüttete sie Tropfen auf einen heißen Stein. Am letzten Haus mußte sie lange warten. Gewisper innen hinter dem Schlüsselloch: »Laß mich kucke!« »Do kütt die Bolizei!« »Red nit so domm! Mit lange Röck!« »Soll ich affmache?« »Eja!« »Ist der Vater da?« »Ich künnt nix sagen!« »Ihr Mann ist doch daheim, Frau Kümpchen! Ich höre doch seine Stimme!« »Ja ... hä is da drin'...« Durch den Türspalt klang die Stimme eines Vorlesers, der langsam, mühsam die schwierigen Fremdwörter buchstabierte. »... Dadurch, daß die kapitalistische Gesellschaft die Pro ... du... ktionsmittel besitzt, besitzt sie auch die Verfügung über die Pro ... duktion, da außer ihr niemand in der Lage ist, zu pro ... duzieren ...« »Hä hat sing Leseabend, Fräulein Buschbeckl« Ottonie Buschbeck schaute durch den Türspalt. Zehn, zwölf Männer saßen um die Petroleumlampe, die auf dem Tisch stand, und hörten andächtig, verbissen, resigniert zu. »Lassen Sie mich doch mal hinein, um zu sehen, Frau Kümpchen!« »Ne – ne! Nit öm die Welt!« »Ich bin ganz derselben Meinung wie die drin!« Die Frau drückte leise die Tür ins Schloß. Es war wie eine sinnbildliche Handlung, die zwei Welten schied. »Gehe Sie lieber ens no Hus, Fräulein Buschbeck!« Ottonie Buschbeck stieg durch das Seitenpförtchen des Parks hinauf zu der burgartigen, als wuchtige Warte weithin die Gegend überschauenden Villa des Vaters. In der Vorhalle flog der verscheuchte Diener an ihr vorbei. Drinnen predigte eine weinerlich helle, in der Wut sich zuweilen überschlagende Altmännerstimme. »Herr Geheimrat haben mir einen stietzköpfigen Esel genannt, gnädiges Fräulein!« »Gott – Sie kennen ihn ja, Johann!« »Aber der Herr Geheimrat sollen bei den alten Schimpfworten bleiben! An die neuen gewöhn ich mir nich mehr!« »Wer ist denn bei ihm?« »Der junge Herr!« Ottonie Buschbeck zuckte die Achseln und trat in den Wintergarten. Eine lebensgroße Marmorvenus fror da zwischen zwei mannshohen Palmen, und zu den Füßen der Mediceerin saß Frau Mathilde Buschbeck, ein weißes Spitzenhäubchen auf dem gemütlichen, roten, runden Matronenhaupt, in kostbarer schwarzer Seide und alten Brüsseler Spitzen, alles Dinge, die die Göttin oben nicht hatte, und unterhielt sich mit ihrer Gesellschafterin, dem kleinen, spitzen, kurzsichtig an einer Tapisserie stichelnden Fräulein Schneider. Die Damen mußten beinahe schreien, um das Geplätscher zu übertönen, mit dem das Wasser aus den Mäulern der Tritone und Delphine in das Muschelkalkbecken des Springbrunnens sprudelte. Bibi, der Havaneser, hatte sich hinter den Waden der Venus versteckt und kläffte aus Leibeskräften, bis er die Haustochter erkannte. Die fragte: »Warum sitzt ihr denn heute auf einmal hier, Mama, in dem zugigen Glashaus?« »Papa ist heute schrecklich, Ottonie! Man hört ihn durchs ganze Haus! Da haben wir uns lieber hierher geflüchtet!« Aber auch unter den Palmen vernahm man noch die fernen Wutausbrüche. Die alte Dame wiegte bekümmert den freundlichen Kopf. »Der arme Maxi! Ich weiß gar nicht, was Papa gegen ihn hat!« »Max bummelt und spielt und macht Schulden, Mama«, sagte Ottonie gelassen. »Ach ... der Goldjunge! Versuche doch, ob du sie auseinanderbringst! Mich hat Papa gleich angebrüllt: ›Was steckst du deinen roten Vollmond durch die Tür!‹« »Ja ... es ist gemütlich bei uns ...« »Ach, Ottonie, der Papa meint's ja nicht so schlimm! Er schreit halt den lieben langen Tag, wie die kleinen Kinder schreien. Sie wissen's halt nicht besser ... Liebe Schneider – geben Sie mir doch meine Baldriantropfen.... Mir ist schon ganz blümerant zumut ...« »Ich werd nach Papa sehen«, sagte Ottonie und ging durch die Halle. In der warnte sie der spitzbärtige Doktor Rödicke, der Privatsekretär: »Schlagende Wetter drinnen in der Grube, gnädiges Fräulein! Fahren Sie jetzt lieber nicht ein!« »Papa wird mir schon nicht den Kopf abbeißen!« Ottonie Buschbeck trat bei ihrem Vater ein. Der Kohlenkönig saß grimmig und grauschöpfig, goldbebrillt und mit geblähten Nüstern der kurzen, breiten Nase in einer blauen Wolke von Zigarrenrauch. Asche und Milchtropfen hingen in dem unordentlichen, schütteren Bart. Der riesige Bismarckbleistift wippte wie ein Donnerkeil in der nervösen, mächtigen, behaarten Hand. Max, sein einziger Sohn und Erbe, stand lässig, vornehm gelangweilt, vor ihm. Er erschien Ottonie wie die lebendig gewordene Vollkommenheit eines Modebilds aus einer Fachzeitung für das Herrenschneidergewerbe. Der verkörperte Gott des Nichtstuns. Eine Lichtgestalt, aus den Londoner Klubs zur europäischen Menschheit herabgestiegen. »Du spielst«, sprach der alle Herr dumpf zu seinem Sohn. »Kann vorkommen!« »... und verlierst ...« »Einer kann nur gewinnen! Das ist der Zweck der Übung, Papa!« »Wenn ich spielen will, geh ich an die Börse! Das ist ein gesundes Geschäft. Das ist wie in der Kinderstube: Da ziehen die Großen die Kleinen aus ...« »Ich hab kein Talent zum jungen Mann!« »Da zeigt sich, wer Grütze im Kopf hat! Bei eurer Quinze und Bac kann jeder Esel gewinnen!« »Dann bin ich gerade keiner! Denn ich hab feste verloren!« »Das ist noch dümmer!« »Papa ... Ich hab eine Engelsgeduld! Aber nun wollen wir doch mal Schluß machen! Ich bin nun mal gründlich angeschossen. Bezahlt muß die Geschichte werden!« »Und in einem Vierteljahr kommst du wieder! Wenn es nicht der Klub ist, dann ist es deine petite femme , die du in Frankfurt oder Gott weiß wo sitzen hast! Neulich waren es, glaub ich, sogar schon zwei ... oder drei ...« »Papa ... das sind meine Familienangelegenheiten.« »Du sollst ja schon, mit deinen Freunden als Paten, Kindtaufe gefeiert haben!« »Es war ein ganz stilles Fest! Übrigens: für die Ottonie ist das gar nichts!« »Glaubst du, ich wüßte das nicht«, sagte die Schwester. Der alte Kohlenmagnat grollte. »Du tust nichts!« »Nee!« »Der Mensch soll aber arbeiten!« »Aberglaube!« »Dazu ist er auf der Welt!« »Arbeitsame Rauhbeine haben wir genug! Der Edeltyp des unabhängigen britischen Gentleman fehlt uns. Ich erfülle eine gesellschaftliche Sendung in Deutschland!« Der alte Herr feixte bitterlich. »Hast du gehört, Ottonie? Der Flaps hat auch noch 'ne Sendung!« »Papa ...« »Raus! ... raus! ... Laß dir in des Teufels Namen die hunderttausend Mark morgen von Rödicke geben! Bloß damit ich Ruhe hab!« »Na also! Wozu vorher der Lärm?« Buschbeck der Jüngere fragte es noch auf der Schwelle, nachsichtig mit dem Schmerz des Mannes von Maß. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen, sah der alte Herr auf einmal verfallen und ruhebedürftig aus. Er saß in den Lehnstuhl zurückgesunken, die langen Spinnenfinger ineinander verschränkt, stumm, ununterbrochen Rauch aus den schadhaften gelben Zähnen ausstoßend. Die beiden Buckel auf der mächtigen Stirn traten geisterhaft hervor. Er spuckte hinter der hohlen Hand in den Papierkorb und seufzte. »Wozu hat man Kinder? Das Tinettche schleppt mir einen Grafen heran, dem ich ein Schloß aus der Spielzeugschachtel aufbauen darf. Mein Sohn verjuxt sein Geld am grünen Tisch und bei den kleinen Weibern. Und du, statt daß du wenigstens heiratest und mir einen vernünftigen Schwiegersohn als Stütze ins Haus bringst ...« »Papa – lassen wir das doch heute!« »Ich hab mehr als Sechzig auf dem Buckel, Kind! Ich häng auch an meinem Lebenswerk. Ich möcht es nicht gern ganz in fremden Händen zurücklassen! Am wenigsten bei dummen Kerlen! Wozu hat man eigentlich eine Tochter? Rödicke ... Rödicke ... heiraten Sie nicht! Lieber ein Nest voll Raben als 'ne Familie ...« Der Privatsekretär hielt eine Besuchskarte in der Hand. »Na – wer ist denn gekommen? Der Kaiser von China – scheint mit nach Ihrer Miene ...« »Herr Nimis. Aus Berlin. Jetzt noch am späten Abend! Er behauptet, er müsse morgen weiter nach Petersburg. Er habe keine Lust, daß das französisch-belgische Syndikat ihm da zuvorkäme! Und darum müsse er Herrn Geheimrat noch heute ...« August Buschbeck hob seine lange, knochige Gestalt mit einem Ruck aus dem Sessel. Er stand breitbeinig da. Er wiegte sich von einem dünnen Bein auf das andere. Er hielt die Havanna schief zwischen den zitronengelben Zähnen und wiederholte in breiter, brutaler Gemütlichkeit: »Herr Nimis! Der kommt mir wie gerufen! Den werde ich mir kaufen! Mit dem hab ich noch ein Hühnchen zu pflücken ... von neulich ... als er mich übers Ohr hauen wollte! Na warte, mein Sohn! ... nur rein mit ihm, Rödicke!« Der alte Herr war sofort neubelebt durch die Aussicht auf einen Skandal und Tumult. Bis Leo Nimis eintrat, lief er bösartig summend, allein, mit langen Beinen rund um den Tisch. Er hatte dabei die Hände hinten unter den flatternden Schößen des langen, stets mit Zigarrenasche und Maschinenöl befleckten Rocks verschlungen und kicherte schalkhaft und schadenfroh in sich hinein und fuhr jäh wie ein Tiger gegen die Tür los. »Aha! Hab ich Sie!« »Vorläufig nur meinen Rockknopf, Herr Geheimrat!« »Können Sie noch einem stillen, vertrauensseligen alten Mann wie mir ins Gesicht sehn?« »Warum denn nicht?« sagte Leo Nimis gelassen und befreite den Knopf an seiner Brust aus dem Krallengriff des Alten. »Haben Sie mir das letztemal ein Sterbenswörtchen von der Transaktion mit der ›Nowaja Rossija‹ in Petersbürg verraten?« »Nein! Das Geschäft war zu fett! Das machten wir lieber allein!« »Ist das schön? Ist das gut?« fragte August Buschbeck, weinerlich vor Wut. »Hab ich das um Sie verdient, Herr Nimis?« »Reichlich! Ich setze mich mit Ihrer Erlaubnis! Ja? ... Ich habe Ihnen schon ein paar der schönsten Sachen zugeschanzt, Herr Geheimrat, und zum Dank immer nur Grobheiten von Ihnen besehen!« »Die hört von mir jeder!« »Aber ich bin nicht der erste beste!« Leo Nimis sagte das in einer kühlen und kaltblütigen Art. Um ihn war Seeluft. Sicherheit, weite Welt. Der Alte blinzelte ihn feindselig an. »Sagen Sie mal. Sie werden wohl von Ihren Leuten überall hingeschickt?« »Überall!« »Auch unter die Wilden?« »Hierher oder sonstwo hin! Das ist mir gleich!« »Und Sie machen's?« Leo Nimis lachte. »Das müssen Sie selbst beurteilen, Herr Geheimrat, ob ich ein Waisenknabe bin!« »Natürlich sind Sie's!« schrie August Buschbeck, und der Bismarckbleistift tanzte, »Sozusagen noch ein Säugling!« »Von bald dreißig!« »Eben! Da könnt ich Ihr Vater sein!« »Ich möchte dafür danken«, sprach Leo Nimis gelassen. Der alte Herr schnitt unter dem wirren Graubart eine überraschte Grimasse und äugte ihn von der Seite zweifelnd durch die goldene Brille an. »Na – na ...«, sagte er gemütlich, die Havanna schräg im Mund, und setzte sich plötzlich auch ganz behaglich nieder. »Was heißt das, Herr Geheimrat?« »... wenn Sie das alles da unten mal erben würden ... Oder trauen Sie sich so eine Riesenaufgabe nicht zu?« »Ich traue mir jede Aufgabe zu«, sagte Leo Nimis, seine Mappe öffnend und die herausgenommenen Aktenstücke ordnend. Der Geheimrat belauerte ihn scharf durch die von ihm stoßweise herausgepafften Zigarrenwolken. »Na also! Warum springen Sie da nicht in die Höhe bei der Vorstellung, in einem Werk wie Lütthahn Herr zu sein, statt sich zeitlebens für andere abzurackern?« »Weil es die reine Hypothese ist!« Leo Nimis faltete gleichgültig, mit den Gedanken schon bei dem Geschäft, die Aktenstücke auseinander. »Ich bin hier mit realen Offerten gekommen ...« August Buschbeck schwieg. Nach einer Weile sagte er trocken: »Sie sind doch nicht so klug, wie ich dachte ... Also bitte, Herr Nimis, was führt Sie her?« Draußen in der Halle horchte Doktor Rödicke. Er unterschied die Anfälle des alten Herrn, wie der Arzt am Puls des Leidenden, je nachdem man sie durch zwei, drei Türen oder durch das ganze Haus hörte. Aber in der Höhle des Löwen verhielt sich alles geschäftsmäßig ruhig. Einmal ein Gedonner und dahinter Leo Nimis leidenschaftsloses: »Sie müssen ein bißchen lauter sprechen, Herr Geheimrat! Ich höre bei Ostwind immer etwas schwer!« Und nach einem neuen Wutausbruch drüben: »Lassen Sie doch diese lärmenden Methoden! Die sind ja veraltet. Vieles hier in Lütthahn. An den Menschen und an den Maschinen ...« Dann eine unheimliche Stille. Endlich durch die Türe ein matter Ruf: »Doktor Rödicke!« Der Privatsetretär schlüpfte hinein. August Buschbeck saß drinnen, erschöpft, die gewaltigen Fäuste auf den Knien. Seine kleinen, schlauen, infolge eines nervösen Leidens stets tränenden Augen glänzten feucht hinter den Brillengläsern. Es sah aus, als weinte der alte Mann über die Schlechtigkeit der Welt. »Rödicke ... sehen Sie mal nach, ob ich noch ein Hemd anhab! Ich bin zu schwächlich, um mich zu wehren! Dieser Herr macht ja keine Geschäfte. Er raubt seine Mitmenschen aus!« Leo Nimis stand auf und packte seine Papiere zusammen. »Mit Ihnen kann man keine Geschäfte machen, Herr Geheimrat!« »Rödicke ... haben Sie gehört?« »Ich war heute zum letztenmal in Lütthahn! Also adieu!« Der Alte riß die Augen auf. »Ja, und der Vertrag, mein Sohn?« fragte er ganz sanft, als sei nichts vorgefallen. »Sie wollen ja nicht!« »Lassen Sie mir noch ein bißchen Zeit zum Nachdenken, Kind! Ein halbes Stündchen werden Sie doch noch Zeit haben?« »Schön. Aber länger nicht!« Draußen entfiel Leo Nimis ein Schriftstück aus der Mappe. Der Privatsekretär, der ihn geleitete, bückte sich dienstbeflissen und hob es auf. Er hatte dabei ein eigentümliches, verständnisinniges und gewinnendes Lächeln auf dem spitzbärtigen, scharfen Juristengesicht. »Sie brauchten wir hier dauernd im Betrieb, Herr Ninis ... Ihnen pariert der alte Herr!« »Jetzt, wo ich als Parlamentär aus dem Berliner Lager komme! Aber wenn ich sein Angestellter wäre ...« »Davon sprach ich auch nicht ...« »Ich verstand Sie so ...« »Nein. Sie verstehen mich nicht.« ... Wieder etwas Geheimnisvolles, Aufmunterndes hinter den Zwickergläsern drüben. »Denken Sie einmal darüber nach ... So, bitte ... machen Sie es sich hier bequem, Herr Nimis.« Leo Nimis schaute betroffen dem Privatsekretär nach. Was wollte dieser Schatten August Buschbecks eigentlich? Und der Alte selber hatte ihn ein paarmal so komisch gemustert, als sei er ein großes Kind. Sonderbare Leute. Irgend etwas schien ihm heute abend verändert hier im Hause. Etwas, das irgendwie ihn betraf. Er setzte sich. Er war allein in dem Prunkgemach. Das zeigte Folianten hinter Butzenscheiben, alte Meister auf pompejanisch roter Seidentapete, gemasertes Edelholz in der Kassettierung der Decke. Aber vor allem zeigte es, wie die meisten Räume dieses Fabrikherrensitzes, die Unbewohntheit, die Leere. Leere Zimmer, leere Herzen, leere Seelen. Er hatte den Kopf auf die Hand gestützt und schaute düster vor sich hin, in Gedanken verloren, die nichts mit seinem Aufenthalt hier in Lütthahn zu tun hatten. In der Ecke stand eine friesische Uhr und tickte. Er hörte es geistesabwesend. Sah und sann ... Dann hob er jäh den blonden Kopf und sprang auf. »Oh ... Fräulein Buschbeck ... Verzeihung ... ich war so in Gedanken ...« »Ich hab's gesehen.« Sie gab ihm die Hand und nahm unbefangen Platz. »Ich wollte Ihnen nur guten Tag sagen und Sie unserseits um Verzeihung bitten ... auch im Auftrag von Mama ... Sie schickt mich eigentlich ... Sie ist doch so gutherzig ... Sie möchten doch nicht böse sein, daß Papa wieder so tobt. Es ist uns so peinlich ...« »Ach Gott – wenn es kein schlimmeres Unglück auf der Welt gäbe, gnädiges Fräulein!« »... wenn es noch unten in der Fabrik geschieht ... Aber hier im Hause ... Sie sind doch Gast ...« »Meinen gehorsamsten Dank an Ihre verehrte Frau Mama, und ich hätte ein dickes Fell.« »Nun lachen Sie, Herr Nimis ...« »Die Welt ist entweder zum Lachen oder zum Weinen, Fräulein Buschbeck! Da muß man sich entscheiden!« »Wenn man das so leicht könnte ...« »Oder man muß es teilen und das Gejobber tagsüber nicht zu tragisch nehmen und dafür außer Dienst ernst sein!« »Das tun Sie!« »Woher wissen Sie das?« »Wie ich hereinkam, habe ich Sie doch da sitzen sehen! Sie sahen sehr traurig und gedrückt aus!« »Ich bin's auch.« »Immer noch?« Seine lebhaften blauen Augen schauten verwundert auf. Sie saß aufrecht nach ihrer Art, die Hände ruhig im Schoß, schwesterliche Stille auf dem schwarzgescheitelten, blassen, regelmäßigen Gesicht. »Erinnern Sie sich an das kurze Gespräch, das wir vor drei Jahren auf einem Spaziergang im Park hier hatten? Seitdem haben wir uns öfters gesehen, aber kein ernsthaftes Wort mehr miteinander geredet.« »Ich weiß schon noch, gnädiges Fräulein! Ich schüttete Ihnen damals meinen Weltschmerz aus. Recht überflüssig für einen Menschen wie mich.« »Und ich Ihnen meinen! Ich war damals so betroffen, daß das Leben sogar einem Mann Ihrer Art Rätsel aufgeben könnte!« »Ich glaube, das Leben ist überhaupt ein einziges großes Rälsel ...« »... und wie Sie eben da saßen ... den Kopf in der Hand ... Sie haben die Lösung auch noch nicht gefunden!« »Nein.« »Und haben inzwischen doch soviel Erfolge gehabt ...« »Das ist alles dummes Zeug.« »Als ob Sie ohne Arbeit und Vorwärtskommen leben könnten! Da kenn ich Sie, glaub ich, besser als Sie selber!« »Da haben Sie ganz recht, gnädiges Fräulein! Mit so einem Wort wecken Sie einen wieder auf. Schließlich muß man seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit tun. Dazu ist man da!« Leo Nimis war in innerer Erregung aufgestanden und durch das Zimmer gegangen. Er sah nicht zwei tiefe, blaue, heiße Augen, die ihm in stummer Leidenschaft folgten, verzehrend an ihm hingen. Ottonie Buschbeck war in dieser Sekunde schön. Eine gläubige Hoffnung verklärte ihr Gesicht. Ein Sonnenschein unerfüllter, verlangender, fünfundzwanzigjährige und doch noch herber Jugend. Dann senkten sich plötzlich die langen, schwarzen Schatten der Wimpern in schirmenden Schleiern vor das Innere ihrer Augen. Er hatte sich umgedreht und versetzte ahnungslos: »Arbeiten! Arbeiten! Das ist das Wahre! Ich bin froh, daß ich jetzt auf ein ganzes Jahr nach Rußland geh!« Ihr Gesicht hatte sich verändert. Es zeigte die gewohnte, sanftmütige Verschlossenheit, hinter der sich der Eigenwille eines einsamen Menschen barg. Um die Mundwinkel, die eben noch ungläubig gelächelt hatten. flackerte flüchtig, fliehend, einen Augenblick nur, ein Anflug bitterer Enttäuschung. Er bemerkte es nicht. Er stand vor ihr und fuhr fort: »In Rußland hat man noch Ellbogenfreiheit! Da ist man, was man kann!« »... und da dreht man eben Deutschland den Rücken!« sagte Ottonie Buschdeck. Es klang dumpf. Teilnahmlos. Sie schaute ruhig vor sich hin auf das Knüpfmuster des Teppichs, die Hände zwischen den Knien gefaltet, das glänzend schwarze Haupt gesenkt. Auf der Schwelle erschien Dr. Rödicke und machte Leo Nimis ein Zeichen, ihm zu dem alten Herrn zu folgen. Er lächelte dabei freudig. Die Schlacht war gewonnen. Der Vertrag zur Unterschrift bereit. Als Leo Nimis seinen Namen unter das Aktenstück gesetzt hatte und vor dem Tor in den Wagen steigen wollte, um zur Bahn zu fahren, tauchte aus dem Dunkel plötzlich Max Buschbeck auf. Der Sohn des Hauses nahm ihn freundschaftlich unter den Arm und schlenderte mit ihm die Terrasse entlang. »Haben Sie noch Zeit? Ein paar Minuten gewiß! Ich bin ja nicht wie Papa, der gleich den Rock auszieht und in Hemdsärmeln boxt. Ich möchte mal im Vertrauen mit Ihnen reden: Es wird mir zuviel, was hier auf mir lastet...« »Auf Ihnen, Herr Buschbeck?« »Na ja.« Leo Nimis war sprachlos. Buschbeck der Junge seufzte: »Papa macht mir rechte Sorgen! Er arbeitet zuviel!« Der junge Mann schüttelte mißbilligend den vom Jeu etwas blassen, vornehmen, wie aus dem Schnittmuster eines Londoner Schneidertönigs entlehnten Kopf. »Ich predige ihm immer Ruhe! Aber er ist ja von einem Eigensinn ... Lachen Sie über mich, Herr Nimis?« Leo Nimis faßte sich. »I wo! Es ist nur der Gedanke: Ihr Herr Vater und Ruhe!« »Ja, und trotzdem: Ich brauche Entlastung!« »Sie?« »Na ja! Der Überbürdung sind meine Nerven auf die Dauer nicht gewachsen!« »Ich wußte gar nicht, daß Sie sich überhaupt mit Geschäften ...« »Jetzt wimmele ich sie mir noch krampfhaft ab. Aber wenn mein Erzeuger eines schönen Morgens zusammenklappt – nur noch Frage der Zeit, Unkenruf des Hausarztes – dann muß ich rin in diese Tretmühle! Gräßlicher Gedanke!« »Arbeit ist nicht schlimm!« »Das sagen Sie! Ich hab keine Zeit zur Arbeit! Ich hab zu viel zu tun! Mein Schwager Mettenberg ist mir dann auch keine Stütze. Der ist nicht von dieser Welt! Wenn ich im Klub bin, steckt er im Kloster! Rutsch ich nach England, so reist er sicher nach Rom. Das sind furchtbare Zukunftsaussichten, Herr Nimis!« »Ja ... furchtbar ...« »Sie müssen da helfen! Es muß da ein vernünftiger Mensch bei. Er braucht ja nicht höherer Kuli zu sein. Er kann ja sozusagen als zur Familie gehörig betrachtet werden! Lassen Sie sich das doch mal durch den Kopf gehen.« Leo Nimis blickte auf. Jetzt allmählich ging ihm selber allerhand durch den Kopf. Unbestimmte Wolkenzüge von Gedanken ... dämmernde Erkenntnis ... »Sie kennen ja Gott und die Welt, Herr Nimis! Sie kommen ja überall herum. Vielleicht finden Sie irgendwo den geeigneten Mann! Dann dringen Sie ihn doch bitte auf die richtige Fährte. Es brennt ja nicht. Vorläufig ist ja der alte Herr noch recht rüstig. Aber ich habe die Pflicht, für die Familie zu sorgen, und ich bin ein Mensch, der es mit seinen Pflichten nicht leicht nimmt.« »Das seh ich.« »Manchmal ist ja so was näher, als man denkt. Na – vielleicht kommt der große Unbekannte plötzlich um die Ecke. Also gute Reise, Herr Nimis!« – Die Fahrt nach Köln war kurz. Als Leo Nimis dort am andern Morgen auf den Platz vor dem Hauptbahnhof trat, quoll gerade gegenüber ein Strom Gläubiger durch den Ledervorhang des Domportals ins Freie. Ein südlich brünetter Herr schritt zwischen dem Volk die Treppenstufen hinab und lüftete mit verbindlichem Lächeln unter dem schwarzen Schnurrbart den Hut, den er eben erst auf die Glatze gesetzt hatte. Der Graf Lothar Mettenberg auf Schloß Abdinghof schien viel angenehmer von der zufälligen Begegnung berührt, als ihn Leo Nimls von früher her in der Erinnerung hatte. »So trifft man sich, Herr Nimis. Neulich in Berlin bei dem guten Spängler und heute wieder hier. Auf längere Zeit in Köln?« »Nur noch eine halbe Stunde, dann geht mein Schnellzug nach Frankfurt.« »Und was haben Sie jetzt vor?« »Ich will nach dem Hauptpostamt, ein paar Geschäftsdepeschen aufgeben« »Sehr gut. Da haben wir eine Ecke den gleichen Weg. Ich habe eben im Muttergotteschörchen die heilige Messe gehört und muß jetzt in die Gereonstraße.« Es war dem wallonischen Grafen unfaßbar, daß jemand nicht wußte, was einen frommen Sohn der Kirche wie ihn in die Gereonstraße führe. »Ich habe dort im erzbischöflichen Palais zu tun«, erklärte er dem Protestanten. »Kommen Sie, wir gehen da näher am Andreaskloster vorbei ... Apropos: wann besuchen Sie denn wieder einmal meinen Schmiegervater?« »Ich komme eben von Herrn Geheimrat Buschbeck.« »Süperb! Was treibt er?« »... sich und andere zur Verzweiflung«, sagte Leo Nimis und lachte. »Ein Donnerwetter mal ist ja ganz gut! Aber wenn das Wüten zur Geschäftsusance wird ...« »Ach, leider! Jeder klagt darüber.« »... so stumpft es sich ab. Er hat's ja auch gar nicht nötig, um sich in Respekt zu setzen. Einen Industriekapitän wie ihn kann man anderswo mit der Laterne suchen.« »Nur eben allmählich zu alt, Herr Nimis.« »Das ist's. Weniger alt – er ist ja kaum sechzig – als erschöpft.« Der Graf hatte einen vorübergehenden Domgeistlichen freundlich begrüßt und ihm zugerufen: »Ich komm nachher zu dir hinüber!« Nun versetzte er, während sie in die Dominikanergasse einbogen, mit einem plötzlichen Entschluß: »Da gäbe es doch ein Mittel, einen – einen Koadjutor! Eine Stütze! Seine Erfahrung und eine jüngere Kraft daneben! Sie, Herr Nimisl« »Herr Graf ...« »Ja. Sie!« »Abgesehen von allem anderen: Der Herr Geheimrat hat mir niemals die leiseste Andeutung gemacht, daß ich in seine Dienste ...« »Sie sprechen das Wort ›Dienste‹ schon etwas zögernd aus, Herr Nimis, weil Sie sich selbst sagen, daß das nicht der rechte Ausdruck für dies Verhältnis sein würde ... oder wenigstens derlei ahnen.« »Man stellt mich seit gestern vor allerhand unbestimmte Andeutungen, Herr Graf.« »Ja, herausschreien kann man ja solche subtile Dinge auch nicht ... Kommen Sie, wir müssen mal einen Moment vernünftig darüber reden.« Sie waren schon an der Hauptpost vorbei und wandelten nebeneinander im Gespräch um den Maria-Ablaß-Platz herum. Der Graf hatte, wie um eindringlicher sprechen zu können, seinen Arm vertraulich in den des jungen Kaufmanns gelegt. »Ich hab gestern spät nachts, als unsere Gäste weg waren, noch lange mit meiner Frau darüber geredet. Sie meint auch ... solche Verhältnisse müssen einmal geklärt werden ... Offenheit ist da schließlich das beste. Unter dem Siegel der Verichwiegenheit.« »Selbstverständlich. Herr Graf!« » Sotta voce , sozusagen! Als Ehrenmann zum Ehrenmann! ... Es ist ja eine heikle Sache. Aber ich muß meiner Frau darin beistimmen. Wenn schon, dann bin ich eigentlich der Nächste dazu. Ich bin der nächste Verwandte des Hauses und doch kein eigentliches Mitglied der Familie ... Sie haben doch noch Zeit?« »Noch zehn Minuten.« »Bleiben Sie jetzt in Deutschland?« »Ich gehe sehr bald auf längere Zeit nach Petersburg.« »Hm. Na – das liegt ja schließlich auch nicht aus der Welt. Sehen Sie, unter uns, ich rede ja auch im eigenen Interesse. Ich bin finanziell von meinem Schwiegervater abhängig. Stirbt er mal ... ja ... ich versteh von dem Kram nicht die Bohne ... Wenn sich da ein beliebiger Gewaltmensch mit Hilfe der Direktoren und des Verwaltungsrates, oder wie man das nennt, einnistet und mir unter irgendeinem Vorwand die Temporalien sperrt oder überhaupt das Unternehmen verschustert ... gräßlicher Gedanke ... Unsereiner ist ja da ganz wehrlos.« »Ihre Offenheit ehrt mich, Herr Graf, aber noch sehe ich nicht ...« »Sie sollen ja ein Kirchenlicht ersten Ranges sein, Herr Nimis. Das hört man von überall. Sie kennt man. Sie sind ein durch und durch anständiger Mensch. Mit Ihnen kommt man aus ...« »Sehr schmeichelhaft ...« »Also ...« »Nun, Herr Graf?« »Also heraus damit: Gehen Sie einfach zu dem alten Buschbeck und bitten Sie ihn um die Hand seiner Tochter.« Sie hatten zum drittenmal den Maria-Ablaß-Platz umschritten. Leo Nimis war etwas blaß geworden. Er schwieg. Der andere fuhr fort: »Denken Sie doch mal: Ein Mann wie Sie! Sie werden ja einer der Industriekönige am Rhein! Tausende von Arbeitern! Die Zechen! Die Hütten! Die Fabriken! Und was Sie womöglich noch daraus machen!« »Und wenn der Herr Geheimrat mir ...« »Er wundert sich nicht. Er ist auf alles gefaßt. Sie dürfen es mir glauben.« Wieder blieb Leo Nimis stumm. »Mein lieber Herr Nimis, unter uns: er wünscht es selbst! Sie sind ihm als Schwiegersohn willkommen.« In schweren Schlägen dröhnte es umher, dem Feiertag zu Ehren, vom Dom, von der Jesuiten- und der Minoritenkirche, von St. Andreas und St. Vinzenz und St. Gereon und drüben von St. Martin und St. Peter und St. Cäcilia und St. Maria lm Kapitol und St. Georg und ferne St. Severin und St. Panteleon und von allen den Glocken und Klöppeln des alten heiligen Kölns. Leo Nimis versetzte nach einer langen Pause: »Schließlich kommt es da doch in erster Linie nicht auf den Herrn Geheimrat an ...« »... sondern auf seine Tochter.« »Ja.« »Meine Schwägerin Ottonie sagt nicht nein! Ja ... schauen Sie mich nur so an!« Graf Mettenberg wiederholte: »Die Ottonie sagt nicht nein! Ich weiß es!« Und zum drittenmal: »Mein lieber Herr Nimis, sie sagt nicht nein!« Er reichte Leo Nimis die Hand. »So! Nun wissen Sie, woran Sie sind. Meine Schwägerin hat natürlich keine blasse Ahnung, daß ich Ihnen das sagte, aber ich hielt es, en un mot , für meine Pflicht. Nun schauen Sie, daß Sie noch zu Ihrem Zug zurechtkommen. Alles Weitere steht bei Ihnen!« VIII. Alsdann, Papitschka ... Nimmst Obers zum Kaffee? Da sind Kipferln, Marillentatscherln. Sachertorte ... Jaus' nur in aller Ruhe. Um die Zeit kannst du bei uns in Prag eh net auf dem Graben spazierengehen!« Reinhold Nimis, der alte Achtundvierziger, saß seiner Tochter, Frau Hansi Fronhofer, im Hause ihrer Schwiegereltern in der Jungmannstraße in Prag gegenüber. Sein feiner, freundlicher, weiß überschneiter Krauskopf lächelte erstaunt. »Warum nicht, Hanserl?« »Jetzt haben da die Tschechen ihren Bummel. Jeder hat seine Stunden. Sonst gibt's ja Mord und Totschlag zwischen den Sokols und den deutschen Studenten.« Die Hansi füllte ihrem Vater, der in diesem Herbst von 1890 zum Besuch der Seinen aus Darmstadt nach Prag gekommen war, die Kaffeetasse mit der kapuzinerbraunen Flut. Sie tat es mit der Andacht der Wienerin vor der nachmittäglichen Jause. Aber ihr rundes Kindergesicht war unwirsch und düster. Die Kanne klirrte beim Niedersetzen in der weichen, reich beringten Patschhand. »Überhaupt ... der Graben ... das fade Prag ... Wann i an Wien denk ... ach ... da wird mir ganz weh!« »Immer Wien!« sagte ihre Schwiegermutter, Frau Malwine Fronhofer; und ihr Mann, der Professor der Medizin Eugen Fronhofer an der deutschen Universität in Prag, ergänzte: »Wir haben alles getan, um der Hansi unser Haus hier gemütlich zu machen.« Das Haus in der Jungmannstraße nahe den vielen medizinischen Hörsälen und Krankenhäusern am Karlsplatz, in denen der schon siebzigjährige Professor Fronhofer tagsüber amtete, stand immer noch, wie so manches andere, inmitten der böhmischen Hauptstadt als geistige Hochburg deutschen Wesens. Aber es waren nur noch Inseln in der unaufhaltsam schwellenden slawischen Flut. Reinhold Nimis sah still, mit der Zärtlichkeit des Vaterherzens, auf sein Kind, das, wie ihn dünkte, noch vorgestern zu seinen Füßen gespielt hatte und nun schon drei Jahre verheiratet war. Das war noch das liebe Wiener Gesichtel aus der Mädchenzeit. Rosig und rund. Nun schon frauenhaft rund und weich und ohne Schatten von Sorgen und Ernst des Lebens. Da grüßten noch die blauen Wellen der Donau aus den lustigen Augen unter den dunkelblonden Brauen. Da wiegte sich noch ihr trillerndes und trällerndes Lachen hinaus und hinunter in Tonleitern, wie bei einer Koloratursängerin, ein Lachen bei allem ... beim Gewirtschafte mit Hut und Handschuhen, beim Anbieten von Zuckerstückerln, beim Abbusseln des Papitschkas, das Lachen war eben da ... wie ein Walzer von Strauß ... wie die Wiener Stadt ... wie sie selbst, die fesche Hansi Fronhofer. »Mollet is sie geworden ...«, sprach der Onkel Fredi, der alte Junggeselle vom böhmischen Oberlandesgericht in Prag, den Fernerstehende den Hofrat Leubner Edler von Sonnenbruck nannten, und ihr Vater mußte zugeben, die zierliche, mittelgroße Gestalt seiner Hansi neigte jetzt, trotz der natürlichen schlanken Wiener Taille, bereits zur Fülle. Auch Kinn und Mund waren üppig geworden, slawisch weich. »Und wo's gar net nötig war, hierherzugehen!« klagte die Hansi. »Wir hätten so schön in Wien im Ministerium bleiben können! Der Herr von Weixselbaum hat mir's extra in die Hand versprochen, daß wir net versetzt werden, und was der Herr von Weixselbaum in Wien will, das geschieht!« »Den Eindruck hatte ich vor drei Jahren schon«, sprach ihr Vater. »Aber natürlich ... Wenn der Camillo jedem, der es in der Rotenturmstraße und am Stephansplatz hören wollt, in die Ohren schreit: ›Wir gehen noch an der österreichischen Schlamperei zugrund ... Wir gehören ins Reich hinein ... Wir müssen zu die Preißen‹ ... Ach, plauscht doch net! I kenn doch meinen lieben Mann! – Ja – da muß ja jeder Gönner fuchtig werden. Da hat der Herr von Weixselbaum seine Hand abgezogen. Für so an Protegé danken's! Mich hat die Erzherzogin Genoveva gar net mehr ang'schaut, wenn ich auf der Straße meinen schönsten Knicks vor ihr gemacht hab! 's is ja a Sünd und Schand, wie der Camillo uns alles verbumfeit hat. Jetzt sitzt man da bei die Böhmen ...« »Du bist doch hier unter uns Deutschen, Hansi!« »Im Zimmer! Aber draußen hat's lauter Tschechen! Gestern haben's in der Altstadt, bei den Barmherzigen Brüdern, mit Steinen nach mir geschmissen. Der Wachmann hat den Rotzbuben ruhig zug'schaut.« »Zustände sind das bei euch!« sagte ihr Vater. »In dem ganzen großen Prag, in dem ihr Deutschen doch eine geistige Oberschicht seid, nirgend eine deutsche Inschrift. Kein deutsches Ladenschild. Kein deutscher Straßenname!« »Streng verboten! Da kennst du unsere modernen Hussiten schlecht!« »Wie ich hier noch ein Bub war,« sprach der grimme Onkel Fredi, »und man hat da irgendeinen Nawratil oder Jerschabek gefragt: ›Sin's a Bem?‹, so hat er einen Kratzfuß gemacht: ›I bitte, nein! I bin a Deutscher!‹ Aber jetzt: Jeder Vokal is nächstens bei uns strafbar, mit Ausnahme des ›r‹, mein Lieber ... Kruzitürken ja ... o du mein armes Österreich! Schauen's nur den Kerl da an, meinen Neffen!« Der Student an der Prager deutschen Hochschule, Karl Heinsius trug ein schwarzes Pflaster über dem gebrochenen Nasenbein, und sein Bruder Leopold erklärte: »Das war, wie die Wenzel neulich abends das deutsche Studentenheim stürmten! Ich hab gedacht, wir kommen nicht mehr lebendig heraus!« »Im deutschen Landestheater haben's tagelang nicht spielen können!« »So ist's bei uns überall«, sagte der Regierungsrat Pelzel von der Direktion der k. und k. Nordbahn in Wien. »In ganz Budapest gibt's kein deutsches Wort!« »Und hier soll ich mir auf meine alten Tage einprägen, daß der Bahnhof Nadratzi heißt und das Gepäck Zavazadlo!« schrie Onkel Fredi erbost. »Es is eine Ausverschamtheit!« Die Sisi, die eine der Pelzelschen Töchter, fügte hinzu: »Wie die Mizzi und ich heuer bei Klagenfurt am Land waren, da waren auf der Eisenbahnstation, wo wir nachtmahlen sollten, alle Scheiben von den Slowenen eingeschlagen!« »Es kracht in Österreich an allen Ecken und Enden wie in einem morschen alten Haus,« sagte Professor Fronhofer, der Prager Mediziner, »oder wie in einem morschen alten Körper, den keine Kunst der vielen Ärzte mehr, die an ihm herumdoktern, in einen Jungbrunnen tauchen kann! Ihr draußen im Reich – ihr ahnt gar nicht, wie groß die deutsche Not in Österreich schon ist! ... Ah ... da schau her ... die Peperl! ... Ja, Servus, Peperl! ... Ja, was machst denn? Kennst den Opapa? Ja, wer strubbelt einem denn gleich mit den Fäustchen im Bart ... O weh – ist das ein schlimmes Peperl...« Die Maruschka, die böhmische Kinderfrau, hatte die kleine Josefa, das Töchterchen des Ehepaars Camillo Fronhofer, gebracht. Die Hansi hielt ihr Peperl auf dem Arm und tanzte mit ihr herum, und niemand konnte sagen, wer das größere Kind war, das von fünfundzwanzig oder das von zwei Jahren. Es war eine selbstvergessene, wiegende Walzeranmut des Puppenkopfes, der runden Schultern, der zierlichen Füße in dem tändelnden Reigen um den Tisch. Sie blieb atemlos stehen, preßte die Kleine stürmisch an sich und schmatzte sie ab. Dann wurde ihr Gesicht sprunghaft verdrossen, schläfrig. Die Peperl langweilte sie auf einmal. Sie reichte sie achtlos der Kinderfrau, warf sich in den Schaukelstuhl und wippte, den Kopf faul nach hinten, die Augen leer nach der Decke gerichtet. »Wo der Camillo steckt, Onkel Franzl? Ja – da fragst mich zuviel! Ich seh net viel von dem Herrn Gemahl! Immer im Bureau... Oder er sitzt mit seinen deutschvölkischen Freunderln beieinander! ›Heil!‹ sagen's, statt ›Servus‹, oder ›Tschau!‹ ... Zu fad!« Die beiden Großväter wechselten einen stummen Blick, in dem die Sorge um diese brüchige Ehe ruhte. Die Hansi gähnte wie ein kleiner Stallknecht, kaum die Fingerspitzen vor dem Mund. Je ungezwungener, desto näher, glaubte sie, kam man dem Vorbild der Halbgötter des Hochadels. »Mir bringt er die Pülger net ins Haus!« sagte sie mit einer harten Falte zwischen den Brauen. Die mit Besuchskarten gefüllte Schale auf dem Vorplatz zeigte, daß ihr Herz mehr an dem k. k. Schematismus hing. Buntes Tuch von Prinz-Georg-von-Sachsen- und Wilhelm-von-Württemberg-Infanterie, Fähnriche und Kadetten vom Korpsartillerieregiment und der selbständigen Batteriedivision in Prag und aus nahen anderen Standorten, Savoyendragoner aus Klattau und Pardubitzer Alexanderulanen, gerade wie in ihrer Madelzeit in Wien, wenn sie im Haus der Tante Lini Götsch mit Hoch- und Deutschmeister und ungarischen Honveds und Husaren und Dragonern unter dem Tisch gefußelt und auf dem Ring geliebelt hatte. Besonders aber hatte die Hanserl noch den Tick von blauem Blut. Da kam die höhere Lebenslinie bei ihr heraus. Sehnsüchtige, leidenschaftliche Andacht vor Stammbaum und Wappen. Nicht der Schnakerladel natürlich, sondern der historische, wirkliche. Ganz oben in der Schale lag eine Karte: Graf Erwin Pürckenstein von Altenpürck de Monte Pauli, und sie sprach, mit einer weichen, sinnenden Willenlosigkeit hinter den träumerischen Wimpern: »Er ist ein zu lieber Bub! Und so g'spaßig! Neulich sind er und der Poldi Peindlberg und der Franzl Pirkhammer die Treppe bis ins Mezzanin hinaufgeritten und durch ein Zimmer, wo eine alte Frau im Bett lag, die Frau vom Hausmeister, und die Treppe wieder hinunter. Die Frau hat solch eine närrische Freud gehabt.« »Wirklich?« erkundigte sich ungläubig der Onkel Fredi. »Ja, aber geh! Es war doch eine Wette, verstehst, und die Frau hat die tausend Kronen gekriegt für den Schreck! Ein goldenes Herz hat der Pürckenstein. Dös muß ihm der Neid lassen. Schon in Wien, wenn ihm der Matuschek, sein Fiaker, das Lied vom Grinzinger Heurigen vorsingt, schießt ihm gleich's Wasser in die Augen. Am schönsten sieht er aus, wenn ihm der Primas ganz leise dicht ins Ohr geigt. Dann hat der Bub direkt was Verklärtes. Wie an Heiliger!« »Was tut er denn sonst?« Dieser Frage ihres Vaters wich die Hansi Fronhofer lieber aus. Daß ihr Freund die Aufhebung seiner Entmündigung bei dem Familienvorstand betrieb, hatte für dritte doch wenig Interesse. »Jesses – die Powidl!« rief sie und rannte in die Küche wegen der Zwetschgenknödel für den Abend. Sie hatte plötzliche Anwandlungen, in denen sie den Kochlöffel schwang. Lange dauerte es nicht. Ihr Vater schüttelte den Kopf. Der Onkel Fredi nickte ihm zu. »Ja – so schaut's bei uns in Österreich aus! Gottlob! I bin a alter Krauter! I laß die Dinge laufen, wie's mögen! I gift mi net! Was meinst, Malwintscherl? I säß den ganzen Nachmittag oben im ersten Stock vom Centralcafé am Graben und graunzte? Du – dös is mein heiliges Recht als Österreicher!« »Ja. So schaut Österreich aus wie du.« Der Sektionsrat Dr. Camillo Fronhofer sagte es im Eintreten zum Onkel Fredi. Sein stilles, unter dem kurzgeschnittenen blonden Vollbart in sich versonnenes Gesicht zeigte müde, scharfe Linien. Er nahm den Zwicker von den tiefen, braunen Augen und setzte sich. »Du bist der Österreicher, wie er im Buch steht, Onkel Fredi«, sprach er. »Du siehst genau, wo's bei uns in der Donaumonarchie fehlt, und rührst keinen Finger. Du möchtest aus der Haut fahren bei der Schlamperei und sagst: ›Mei Ruh will i haben!‹ Du schimpfst, seit ich mich als Bub erinnern kann, im Kaffeehaus auf unsere Zustände. Aber wenn's ans Handeln geht, dann heißt es: ›Schani! Zahlen!‹« »Fad bist, Camillo!« »Der Böhm und der Madjar... die kennen dich! Drum sind sie so keck!« »Lieber Herrgott... Warum hast du die Tschechen erfunden?« stöhnte Onkel Fredi. »Und all die Völker, die's gar nöt gibt?« »Aber was sollen wir Österreicher mit einer Hauptstadt, in der ein Walzer von Strauß wichtiger ist als das Wohl und Weh des Staats?« »Du bist zu hart, Camillo!« »Mag sein! Man wird's, wenn man das mitanschaut! Eine Stadt, die darauf brennt, wie der Girardi heuer seine Krawatte knüpft, und ihr eigen Fleisch und Blut vor den Toren vergißt ...« »Und dabei schwärmt dein Hanserl nur für Wien!« »Wann's so weitergeht, gehen wir freilich an den verflixten Bemen und Ungarn zugrunde!« »Nein!« sagte Dr. Fronhofer. »Wir gehen an uns selbst zugrund! Wir gehen am Alkoven zugrund ...« »Pscht! Die Madeln!« »Wir gehen am Kaffeehaus zugrund! An der Gemütlichkeit! An einem gutmütigen Lächeln, das mich immer schaudern macht: ›Ach gehen's ... 's is ja net so arg‹... Ach ... es ist arg genug!« Camillo Fronhofer verstummte. Sein Schwiegervater fragte ihn: »Kommst du aus der Statthalterei?« »Da schmeißen's ihn eh bald raus, den Preißen!« prophezeite Onkel Fredi. »Nein. Wir hatten eine Sitzung unseres völkischen Bundes! Es ist empörend, wie die Madjaren die Siebenbürger Sachsen mißhandeln. In Nösen – ich nenne es Nösen und nicht Bistritz – geht die Deutschenhetze wieder los. In Eisenmarkt, das jetzt Torotschkó heißt. In Marienburg ... bitte neuerdings Földvar auszusprechen! Briefe nach Kronstadt und Hermannstadt gehen zurück. Die k. k. Post kennt nur die Städte Brassó und Nagyszeben!« »Es ist ein Ölend!« »Sieben Jahrhunderte sind die Zipser im Land! Jetzt schließen sie in den sechzehn Kronstädten die deutschen Schulen und nennens das uralte Neudorf Igló. Temesvar ist zur Hälfte deutsch. Aber wehe, wer es Josefstadt nennen wollte! Das Deutschtum wird geächtet, und Wien geht tanzen! Oder liebeln! Die Stadt ist verbuhlt! Vom Kahlenberg bis zum Semmering!« »Sei net so streng! Du bist doch kein Fastenmönch!« »Wenn das die Hansi hört ...« »... die Wien so arg liebhat ...« Doktor Camillo Fronhofer hatte nicht nach seiner Frau gefragt, die längst nicht mehr in der Küche war, sondern mit einer Freundin im Nebenzimmer plauschte. »Überall stehn bei uns draußen die verlorenen deutschen Schildwachen! Man hat sie vergessen! Ihr im Reich! Unser Österreich – das liegt für euch weit dahinten! Und ist doch die Tür zu eurem Haus! An die pocht der Osten! Noch halten wir die Tür zu! Auch für euch! Ihr braucht uns draußen im Reich mehr, als ihr glaubt!« »Ein alter Achtundvierziger wie ich weiß das wohl!« »Und wir brauchen euch, damit wir Kraft behalten, uns gegen die Tür zu stemmen! Sie springt sonst auf, und das Ende ist da!« »Er is halt zu ernsthaft für das Hanserl«, flüsterte Frau Malwine Fronhofer. Da tanzte die Hansi herein, noch das Abschiedslächeln, mit dem sie die Freundin und Botin des Erwin Pürckenstein auf der Treppe abgeschmatzt, um die roten Lippen. Gleich darauf zogen sich die auseinander und entblößten zwei Reihen kleine, weiße, spitze Zähne. Ein grüner Schimmer drohte hinten in den lustigen Augen. Sie konnte gereizt werden wie eine Katze. »Ah – Grüß Gott!« sagte sie. »Habens dir Urlaub nach Haus zu deiner Frau gegeben, deine Spezis? Meine Hochachtung: die Herren! ... Warum schaust denn drein wie das Leiden Christi? 's tut dir ja keiner was!« Dabei steckte sie ihm die Busennadel in der Krawatte fester. Streng und mechanisch. Der Camillo mußte immer als Kavalier gehen. Darauf hielt sie. Der Mann war der Rahmen für das Bild der Frau. Plötzlich schlug das Aprilwetter bei ihr um. Spitzbübischer Sonnenschein lief hurtig wie ein Wiesel über Mund und Wangen. Sie schnippte ihrem Mann mit zwei Fingern gegen die Nasenspitze, und dabei blieben die Augen ernst. Sie sahen in einem rätselhaften, verführerischen Aufschlag ganz von unten, langsam und glänzend, zu ihm empor. »Ach, du ...«, sprach sie und rieb sich gleich einem Kätzchen an seiner Schulter. »I bin doch froh, daß du wieder einheimisch bist! I hab dich arg lieb. Viel mehr, als du verdienst!« »Er verdient's schon, Hansi!« »Ja – ich weiß, Mammerl! Du hältst ihm immer die Stange! Du hast selber a heimliche Liebe für den Camillo! Da schaugt's her: das Mammerl wird rot ...« »Hanserl ... sei net so keck!« »Ich bin net eifersüchtig«, sagte die Hansi großartig, »Recht hast! Der Camillo ist ein schöner Mann! Fesch net – aber schön! Gerad nach meinem Gusto!« »Ob dir mal der Mund stillsteht!« »Petschier ihn ihr doch zu, Camillo!« Die Hansi wartete den Versöhnungskuß ihres Mannes nicht erst ab. Sie sprang an ihm in die Höhe, sie umhalste ihn nicht, sondern hing an seinem Hals. Sie suchte mit dem spitzen Kindermäulchen seine Augen. Auf die drückte sie die Lippen. Erst auf das rechte, dann auf das linke. Er schloß die Lider. Er ließ es willenlos geschehen. Er stand blind da und hörte ihr tiefes, zärtliches Gurren einer Lachtaube: »Man muß ihm die Ernsthaftigkeit wegküssen! Er hat viel zu viel davon! ... So ... so ...« Es klang einschläfernd – dies streichelnde, sanfte: »Brav sein Bubi ... brav ...«, so als wiegte sie die Peperl in den Schlaf. Ein süßes Glück ... das Leben schmiegt sich an dich ... das leichte Wiener Leben ... Das Leben ein Spiel ... Das Wiener Herzl schlug an seinem mit schnellen, jungen Schlägen ... Ein silbernes, leichtsinniges, glückverheißendes Lachen flüsterte in seinem Ohr ... Du ... nur du ... Ihre Arme, die sich um seinen Nacken schlangen, waren zart gleich einem zerbrechlichen Spielzeug, und doch vermochte er nicht mehr aufrecht zu stehn. Er beugte die Schultern nieder, so bleiern schwer hing der Schmetterling an ihm. Sie tändelte immer noch, blies ihm ein Stäubchen vom Rock und murmelte schleppend, kaum hörbar, wie im Schlaf: »Fressen möcht ich dich vor Liebe, Camillo ...«, und er haschte ihre Hand, die ihm plötzlich in ihrer Kleinheit so rührend und hilflos erschien, und küßte sie ... Auf einmal war die Hanserl wie im Husch ihrem Mann entschlüpft. Sie räumte das Kaffeegeschirr zusammen, stieß die Tür, sich kokett in der Hüfte drehend, mit dem Ellbogen auf und war weg. Er schaute ihr träumerisch verklärt nach. Seine Eltern wechselten einen Blick. Beruhigung und Besorgnis zugleich. »Gottlob! Er hat sie doch recht von Herzen lieb!« »Er hat sie lieb, wie er Österreich liebhat, Mama! Mit allen Fehlern! Allen Schwächen! Die sieht keiner besser als er. Unter denen leidet keiner schmerzlicher als er. Aber gerade deswegen hat er sie beide so lieb, seine Hansi und sein Österreich!« – Der Vollmond stand hell am Himmel, als Reinhold Nimis in sein Gasthaus zurückkehrte, den Diener des Hauses Fronhofer zum Schutz gegen etwaige tschechische Belästigungen hinter sich. Die Straßen lagen leer und ruhig. Vereinzelt nur hallten Tritte. Schlugen Worte an sein Ohr: Böhmische – dann ein: »Hab die Ehre! ... Mein Kompliment!« ... Wieder unverständliches Tschechisch. Die beiden Sprachen liefen so einträchtig ineinander wie drüben die zwei Moldauarme um die Hetzinsel. Tiefer, trügerischer Friede lag über dem goldenen Prag mit seinem Gewimmel von Türmen im Grund, dem malerischen Mittelalter seiner winkeligen Gassen. Mächtig wölbte sich jenseit des Flusses der Hradschin über den Barockpalästen des Hochadels, Wyschegrad und Ziskaberg grüßten sich über das weite Häusermeer. und der alte Achtundvierziger blieb an der Kirche Maria im Schnee stehen und dachte sich: Du schönes Stück Österreich ... Du schönes Österreich selber, das mir meine Mutter gab – das mir meine Frau schenkte ... Du hast nur einen Feind aus der Welt. Du bist dein eigener, schlimmster Feind ... In seinem Gasthofzimmer setzte sich der alte Herr in der Nachtstille hin und schrieb. An seinen Jugendfreund, den Grafen von Pritzig auf Zackenzin in Hinterpommern. »Mein lieber alter Louis Ferdinand! Hörst Du auch manchmal die Stimmen, die, wenn man nahe oder über die Siebzig ist, wie Du und ich, uns manchmal aus weiter Ferne anklingen, daß wir nicht wissen: Ruft uns die Jugend? Ruft uns der Tod? Bin ich das, der ganz da hinten irgendwo am Beginn meines Lebens steht? Ist es ein anderer in meiner Gestalt, und ich habe ihn gelebt, als ich jung war, und ich sehe ihn jetzt außerhalb von mir, losgelöst von dem bißchen müden Ich? Das sind so die Gedanken eines alten Mannes, der im Abendrot die Stätten seiner Jugend wiedersieht. Ja, Louis Ferdinand, die Weisheit des alten Herrn in Weimar, der noch lebte, als wir Kinder waren, hat recht: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!« Der Lampenschein vergoldete den weißen Schnee auf Reinhold Nimis' immer noch jugendlich dichtgelocktem Kraustopf. Der greise Achtundvierziger lächelte und schrieb: »Ja. das sind so die Gedanken, wenn man sein Enkelchen wiegt. Das Peperl. Mein Prager Kindlein. Und mein einziges. Denn mein Sohn, der Leo, heiratet ja nicht. Ich weiß nicht, warum! Er ist nahe an Dreißig. Seit einem halben Jahr schon sitzt er in Geschäften drüben in Petersburg und kommt nicht wie sonst dazwischen einmal auf einen Sprung nach Deutschland herüber, obwohl er genau weiß, wie sehr ich mich nach ihm sehne. Irgend etwas hält ihn von Deutschland fern. Aber ich will nicht undankbar sein. Es gibt schon noch kleine Freuden im Leben. Es sind nicht die Dinge selbst, sondern das Warten darauf, so wie bei den Kindern vor Weihnachten. So schenkt mir das Christkind auch Äpfel und Pfeffernüsse zum Fest. Oder wenigstens kurz vor dem Fest, zum Knecht-Ruprechts-Tag. Da kommst Du, lieber Louis Ferdinand als Pelzmärtel. Die Rute brauchst Du nicht. Die hat das Leben schon selber lang genug geschwungen. Aber die liebe, bunte, ferne Jugend schüttest Du aus Deinem Sack vor mir aus. Es ist ein lieber Gedanke von Euch alten Freunden aus dem märchenfernen Jahr achtundvierzig, vor dem Fest mich einsamen alten Witwer in Darmstadt zu besuchen und einen Tag mit mir zusammen zu sein. Grüße die Freunde inzwischen herzlich von mir. Vor allem aber sei Du selber bedankt, du lieber Knecht Ruprecht! Du bist anders als die anderen Deinesgleichen. Bei Dir fängt nicht der Mensch beim Edelmann an, sondern der Edelmann beim Menschen. Wenn wir alle uns so emporadeln könnten, das wäre freilich das beste! Umgekehrt wie in dem lieben kindlichen Österreich hier, wo jeder und jede zum andern Herr von Purzbichler oder Frau von Schinzerl sagt. Das arme Österreich. Das Herz ist mir schwer, Louis Ferdinand, seit ich es wiederschaue. Da steckt eine Sünde. Eine Sünde von uns allen. Eine Sünde wider den Geist. Wider den deutschen Geist. Vielleicht sind die Österreicher selber daran schuld. Sie haben uns Deutsche alle immer nur als Vorspann ihrer Hausmacht gegen Preußen benutzt. Aber nun steht Österreich seit einem Vierteljahrhundert ausgestoßen von Deutschlands Tor.« Draußen dröhnten Schritte auf dem Pflaster des Grabens. Eine Streife k. und k. Infanterie zog von der Hyberner Gasse her über die menschenleere Zeile. Ringsum rührte sich nichts. Aber die Tschakos unten mahnten, daß am Ufer der Moldau dem Landfrieden zwischen Tschechen und Deutschen niemals ganz zu trauen war. Reinhold Nimus schrieb: »Österreich steht allein. Ohne uns. Nur der Slawe ist da. Der Madjare. Der Welsche. Ich war jetzt in Wien bei meiner alten, schwerkranken Freundin Lini Götsch, der Gott auch viel vergeben wird. Denn sie hat viel geliebt. Wien ist wie sie. Voll Liebe und Leichtsinn und gutem Herzen und einstiger, jetzt noch verklärter Schönheit und krank ... Immer lebendig und leicht bewegt noch auf der Oberfläche. Lotet man auf den Grund, dann ist die Tiefe so seicht, ach so seicht, daß man erschrickt ... Wie anders bei uns in Deutschland! Danken wir Gott! Wir haben das Reich und die Macht und die Herrlichkeit. Ich schreibe Dir nach Hamburg, lieber Louis Ferdinand, an die Adresse Deines Schwagers Lüdingworth, die Du mit gabst. Du bist jetzt wohl bei dem königlichen Kaufmann zu Besuch. Dort ist eine andere Luft als hier! Dort weht Euch salziger Seewind um die Nasen. Ihr deutschen Brüder! Die Segel spannen sich. Der Sachsenwald rauscht. Gute Fahrt, du glückhaft deutsches Schiff – wenn auch der Steuermann vor einem halben Jahr von Bord ging. Grüß Bismarck von mir! Grüß ihn, wie der Jüngling seine Geliebte! Bismarck ist meine Liebe! Die Liebe eines einsamen Alters. Er, der einzige Mann! Er, der Verbannte! Grüße Bismarck von mir, dem alten Achtundvierziger! Mein Leben lang habe ich für Deutschland gelebt, gebetet, geweint, geblutet, gewandert, gelitten und gestritten. Mit ist er Deutschland! Alles, was in Deutschland gut und groß und stark ist, das ist für mich er! Du Glücklicher hast es, wenn Du diese Zeilen empfängst, nicht weit zu ihm bis nach Friedrichsruh. Grüße Bismarck von mir in Deiner Seele, wenn Du den heiligen Hain betrittst! – Und lacht nicht über mich alten Schwärmer und kommt im Dezember nach Darmstadt. Ihr Alten und hoffentlich immer Jungen! Ein stilles Glas für die Toten ... Ein Glas für uns, die noch leben! Ein Glas, daß die Becher klingen für die, die nach uns leben und schaffen werden! Dein Reinhold!« Im Hafen von Hamburg pflügte der Herbststurm die Elbe. Der Regen sprühte. Das Wasserbecken zwischen St. Pauli und Steinwärder wogte. Das endlose Masten- und Rahengewirr der großen Seeschiffe stand unbewegt in der grauen Luft. An ihm flatterten die Flaggen aller seefahrenden Völker der Erde. Die Rauchsäulen aus den Schloten wirbelten schief. Die Wolken jagten am Himmel. Kutter, Jollen, Dampfpinassen tanzten auf den Wellen. Die Hafendampfer schossen, schwarz von Menschen, durch den Gischt. Es war ein wildbewegtes, undeutliches, brausendes Schattenbild. Luft, Licht, Wasser, Häuser, Schiffe, Schuppen, Rauch, Nebel, Möwen, Werften, Docks, Brücken, Krane, Waggons – die Hafenwelt, aus der Adolfus Lüdingworth, der große Hamburger Reeder, mit seinem Schwager und Gast, dem Grafen Pritzig-Zackenzin, vom Baumwall in das Fleetegewirr der Altstadt zurückschritt. Schon sein Vater, der alte John Lüdingworth, war ein stadtbekanntes Mitglied der Bürgerschaft gewesen. Ihn, Adolfus, kannte seit Jahrzehnten jedes Kind zwischen Außenalster und Norderelbe. Glattrasiert, mit fernsichtigen, seeblauen Augen in dem nüchternen Gesicht, trockene Ruhe um die zähen, dünnen Lippen, erschien er in seiner hageren, gebeugten Länge kleiner als Exzellenz von Pritzig neben ihm, der sich preußisch straff hielt. Die beiden alten Herren waren sich äußerlich unähnlich und innerlich doch nicht nur durch ihre Frauen, die beiden welfischen Fräulein von der Venne aus Haus Hövede in Hannover, miteinander verwandt, sondern auch im Geiste – zwei Könige zur See und auf der Scholle. Für seine Jahre war der greise Reeder noch sehr rüstig. Es machte ihm nichts aus, den Weg über den Rödingsmarkt und die Große Burstah bis zur Börse zu Fuß zurückzulegen. Er ging durch die Altstadt wie ein Kaufmann durch sein Kontor. Er schaute rechts und links in die Fleete und musterte, welche Waren aus aller Welt die Schauerleute da aus ihren Leichtern an den Kranketten zu den Luken der Giebelspeicher emporwanden. Nickte auf die Grüße. Winkte mit der Hand. Lüftete ein paarmal sogar zollhoch den Hut – nicht weiter, als es auch in der City von London üblich war, rief einen Liverpooler Makler an, der mit Kannossementen unter dem Arm nach dem Hafen rannte, und sagte dann bedächtig zu seinem Begleiter: »Die Engländer fangen an, nervös zu werden! Bald müssen wir den Hafen wieder erweitern! Der Verkehr verdoppelt sich alle paar Jahre!« Dem alten Preußen neben ihm war dieser Zug ins Weite, Uferlose unheimlich. Sein Herz hing an der Potsdamer Wachtparade. Für die hatte das Wasser keine Balken. Der Reeder blieb einen Augenblick an der Steintwiete stehen und betrachtete mit sachverständiger Anteilnahme die Verstauung einer Ladung von Kopranüssen aus der Südsee. »In Geschäften hört die Gemütlichkeit auf«, sprach er dann weitergehend. »Das solltet ihr drinnen im Reich besser bedenken. Wenn du jetzt nach dem alten England hinüberfährst, so fragen sie dich da beim Aussteigen, ob du Juwelen oder Bücher oder Tabak bei dir hast. Im übrigen magst du deine Koffer nehmen und an Land gehen, wohin es einem Mann beliebt. Hingegen hier: Die deutschen Zollwächter sind gründliche Leute! Die lassen nichts aus dem Freihafen zu uns herein, das nicht seinen hohen Zoll bezahlt hat! Wir haben hier die chinesische Mauer, und drüben, von der City über die Welt, ist der große, freie britische Markt.« »... auf den doch jeder darf! Nicht nur wir Deutschen!« »Freilich! Die Belgier treiben Welthandel! Die Mynheers gehen auf große Fahrt. Die norwegischen Tramps liegen in jedem Hafen. Aber das sind lütte Hechte im großen britischen Karpfenteich. Die werden geduldet. Aber nun kommen wir und kommen ja wohl auch gleich mit einem Lärm wie die Chinesen bei der Mondfinsternis mit Feuerwerk und Raketen und Reden und Trompeten. Der große Bruder an der Themse wird unruhig. Schließlich kann er uns jeden Augenblick einen Riegel vor seine Bude legen!« »Und doch sagt jeder, wir müßten Welthandel treiben!« »Welthandel auf Widerruf. Auf vorläufigen englischen Widerruf!« sprach Adolfus Lüdingworth seltsam behutsam und langsam und vorsichtig. »Wir sind draußen mit unserem Geld und Gut bei England zu Gast! ... Nur jetzt – das nächste Jahrzehnt – den Engländer nicht reizen!« Der hinterpommersche Grande schüttelte den scharfen, schlohweißen Junkerkopf. In seinem innersten schwarzweißen Herzen war ihm das alles gräßlich. Er war im Sattel zu Hause, aber nicht an Bord. Er hatte die Kugeln pfeifen hören, aber nicht den Sturm in den Rahen. »Schließlich stehen wir alten Preußen da wie die Henne, der das Entenküken wegschwimmt!« sprach er zornig. »Tja – warum habt ihr's ausgebrütet?« Jetzt war ein stilles, schalkhaftes, beinahe schadenfrohes Lächeln um die sonst so ernsten Mundwinkel des greisen Hanseaten. »Ei was! Mut, old boy! Euch fällt auf dem Schlachtfeld das Herz nicht in die Buxen und uns nicht auf der See! Es können nicht alle Leute in Potsdam wohnen! Bismarck wohnt ja auch jetzt hier bei uns im Sachsenwald!« Vor der Börse, neben dem riesigen Baugerüst des Rathauses, hatte es Adolfus Lüdingworth aus einmal sehr eilig und verabschiedete sich von seinem Schwager. »I gitt! I gitt! Ich komme fast zu spät!« Er hätte mit unerschütterlicher Ruhe den Untergang eines seiner Steamer in das Verlustkonto gebucht, aber die paar Sperrgroschen zu sparen, die nach halb zwei Uhr mittags nun den Nachzüglern am Eingang erhoben wurden, war ihm ein Ehrenpunkt. Er kam gerade noch zurecht und verschwand im Innern. Sein letztes Wort hallte im Ohr des Grafen Pritzig nach ... Bismarck ... Bismarck war dieser Stadt nahe ... Dort im Osten, nur zwei Meilen von hier, rauschte der Sachsenwald ... Seine Eichen umstanden in lichten Gruppen den einstigen Landgasthof neben der kleinen Eisenbahnstation. Der Wind flüsterte in der weiten, herbstlich bunten Waldwildnis, an deren Saum, gegenüber dem Schloß Friedrichsruh Louis Ferdinand von Pritzig an diesem Nachmittag stand. Da, wo neben der Schloßterrasse weite Wiesen den Rand des Sachsenhains lichteten, an der Fohlenkoppel, stand er und hörte ein Räderrollen von der dem Bahnkörper zugewandten Rampe von Friedrichsruh und sah, aus hundert Schritte und mehr Entfernung – denn er trat absichtlich nicht näher – den greisen Riesen im Wagen, seinen getreuen Arzt und Lebensverlängerer neben sich. Fürst Bismarck hielt ein Tuch an die schmerzende Wange. Ein schwarzer Schlapphut deckte an Stelle des Helms der Sendlitzkürassiere den feierlichen Rundkopf. Das Schwefelgelb des Kragens hatte sich zu der altmodisch zweimal um den Hals geschlungenen weißen Binde gewandelt, aus dem mächtigen Pallasch war der derbe Krückstock eines Landedelmanns geworden. Weithin Herr auf eigener Scholle, fuhr er mit seinem Arzt spazieren und zeigte, mit der Hand nach oben weisend, die Altersdürre im Wipfel einer seiner geliebten Eichen, und alle Geister deutscher Luft, deutscher Erde, deutschen Walds und deutscher Art, alle guten deutschen Geister waren – so dünkte es den stammverwandten alten Junker drüben – um ihn und in ihm. Er schaute dem Fürsten Bismarck lange und ernst nach, während das Gefährt in der Richtung nach Aue rollte und im Geheimnis des Waldes verschwand, und als er eine Viertelstunde später vor dem nahen Gasthaus im kühlen Herbstwetter im Freien an einem Holztisch saß, schrieb er auf einer Karte an seinen Freund Reinhold Nimis in Darmstadt: »Ich habe Deinen Gruß im Sachsenwald bestellt. Das Nähere erzähle ich Dir, wenn wir uns wiedersehen.« – »Du hast's besser getroffen auf deiner Reise als ich, Louis Ferdinand, wie immer im Leben!« sagte Reinhold Nimis, als er mit den zu Besuch gekommenen alten Freunden der 48er Heidelberger Studentenzeit um den Advent dieses Jahres 1890 in seinem Hause in der Rheinstraße in Darmstadt vor dem brennenden Weihnachtsbaum zusammensaß. In jenem Biedermeierzimmer, zwischen dessen Daguerreotypen und Schattenrissen an der Blümchentapete die Zeil stillstand. In jenem Lehnstuhl hatte schon Reinhold Nimis' Vater, der weitgeschätzte Darmstädter Medicus und Geheimrat Eugen Nimis, nach Tisch sein Nickerchen gemacht, an dem Sekretär in der Ecke dessen Vater, der Diener am Wort von Wittenberg, am Samstagnachmittag über seiner Predigt vor dem Herrn Landgrafen Ludwig dem Zehnten und seiner Frau Gemahlin Louise Karoline in der Schloßkirche gebrütet. Schrei aus der Wiege und Hammerschlag am Sarg, auf stolpernden Beinchen zum erstenmal über die Schwelle und, die Füße voraus, still zum letztenmal – der Brautkuß in der Ecke hinter dem Spinett und der Abschiedskuß der Kinder vor dem Flug in die weite Welt – vor dem Frieden dieses vormärzlichen Stübchens waren hundert Jahre nur ein Tag, und ebenso friedlich und freundlich saß Reinhold Nimis im Kreise seiner Gäste. Der Krauskopf des zarten, kleinen Herrn war weiß. Die feinen, von weißem Bart umrahmten Züge gefurcht, und doch schien es, als sei das alles bei ihm nur überschneite Jugend. »Du hast's gut gehabt bei deiner Fahrt«, wiederholte er, zu dem Grafen Pritzig-Zackenzin gewandt. »Ich war bei dem langsamen Sterben in Österreich! Du bei dem neuen Leben an der Wasserkante!« »Wenn ich meine alte Putenfrau in Zackenzin wäre, Reinhold, dann würde ich warnen: ›Dat Water hat keine Balken!‹ Aber es scheint, die Deutschen von heute müssen hinaus ins Weite!« »Die Jungen suchen jetzt das freie Meer«, sagte Reinhold Nimis. »Wir Alten haben zu unserer Zeit den freien Menschen gesucht. Das Bild der Freiheit steht im deutschen Allerheiligsten auf dem Altar! Glaub mir, du alter pommerscher Erzjunker, wer das Bild umwirft, zerstört auch den Tempel!« Graf Louis Ferdinand von Pritzig schwieg. Er war zu alt geworden, um nicht zu wissen, daß jeder Mensch auf Erden recht hatte, der reinen Herzens war. »Freiheit, die ich meine – Um der Freiheit willen haben wir beide, du, Louis Ferdinand, und ich, neunundvierzig in der Pfalz auseinander geschossen und ich hüben meine Kugel in den Leib gekriegt und du drüben deinen Streifschuß am Bein ...« »Prost, Reinhold!« »Prost, Louis Ferdinand!« »Ja, es war eine sonderbare Blutsbrüderschaft. Mann gegen Mann. Echt deutsch!« sprach Exzellenz von Pritzig und lachte und hob die würzige Forster Goldflut im grünen Römer. »Auf Bismarck. Reinhold!' »Ja. Auf Bismarck! Auf Bismarck, Louis Ferdinand!« Das Schwingen der Glasränder verklang volltönig, silberhell. Reinhold Nimis schaute im Rund der Freunde von einem zum andern. Es war, als ströme das Leuchten, das ihn im Weihnachtsschein umfloß, nicht von den Kerzen des Christbaums, sondern aus seiner Seele. »Aber trotz allem Glück und Glanz von heute wollen wir achtundvierzig nicht vergessen. Achtundvierzig, unsere Jugendliebe: wir wollen ihr treu bleiben bis zum Grab. Sie war das tiefe, schmerzensreiche Glück. Wir haben ihm alles geopfert. Und schließlich doch viel dafür zurückempfangen!« »Ja freilich, du alter, närrischer Nimis«, sagte der Kommerzienrat Gottfried Wägele aus Wolfingen in Württemberg. Er war auch schon ein guter Sechziger. Ein schweigsamer, kluger Schwabe. »Erinnerst du dich noch an das feierliche Bild, Wägele, wie unser wilder, tapferer Hunold dalag, die Hände über der Todeswunde auf der offenen Brust gefaltet, in die schwarzrotgoldene Fahne, die er uns vorangetragen hatte, gehüllt... ach Gott, nein... da warst du ja, glaub ich, gar nicht mehr dabei ...« »Ich war währenddem drüben in England!« sagte der weltkundige Württemberger Kommerzienrat. »Mein Vater hat mich beizeiten, ehe es hier losging, hinübergeschickt. Ich dank es ihm jetzt noch ...« »Was denn?« »Daß ich den englischen Maschinenbau an Ort und Stelle studiert hab! Du liebe Zeit! Damals hat man geglaubt, nur ein Engländer kann eine Lokomotive bauen! ... Und jetzt? Diesen Sommer ist meine tausendste Lokomotive bekränzt und mit Musik aus meiner Fabrik hinausgefahren.« »Und immer neue Verbesserungen daran, Herr Kommerzienrat?« »Ja... Ich bin jetzt sehr für das Receiver-Compound-System eingenommen, Exzellenz von Pritzig! Zu viel experimentieren dürfen wir aber nicht, sonst kommen uns die Amerikaner mit ihren Normaltypen zu sehr voraus!« »Und unser herrlicher Harro von der Venne«, sprach Reinhold Nimis wieder begeistert, »Er focht neunundvierzig wie ein Verzweifelter! Ohne seinen nordischen Berserkergrimm hätten uns die Preußen den Rückzug aus der Dorfgasse abgeschnitten! Ein Glas auf sein Gedenken, Breitmoser!« Johann Baptist Breitmoser, der bayrische Landtagsabgeordnete und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Angererbräu A.-G. in Münchzell, tat freundlich Bescheid und meinte dann, sich den grauen Schnurrbart wischend: »I war ja freilich damals net mehr dabei, Nimis!« »Ja, wo warst du denn, Breitmoser? Ich entsinne mich gar nicht mehr!« »Schon daheim beim Vater. Er war krank geworden. Bald darauf hat ihn der Schlag gerührt. Da hab ich über Nacht die Brauerei selber in die Hand nehmen müssen!« »Und mit welchem Erfolg! Jetzt gibt's schon Angererbräu in Paris und Rom!« »Mir ist's gleich, ob mein Bier bei Hof über die Grenze geht oder in Kufstein. Wir haben das Reservatrecht gegen die Preußen ...« »Aber die neue Biersteuer...« »Die kann uns immer nur als Matrikularbeitrag aufgehalst werden!« »Und wieviel Dividende habt ihr voriges Jahr verteilt?« Der blauweiße Braukönig lachte. »Na – daß i net lüg: Zwanzig Prozent! Und vier auf die jungen Aktien!« »Denkst du noch an die Heidelberger Sturmtage?« sagte Reinhold Nimis etwas müde und unsicher zu Kilian Fall, dem stillen, bebrillten Archivdirektor und Privatgelehrten. »Wenn du mich nicht nach meiner Verwundung gepflegt hättest – ich säße jetzt nicht zwischen euch alten Kampfgenossen ... Das heißt: gekämpft hat ja eigentlich von euch keiner. Nur der Pritzig. Und der gegen uns!« »Ich hab mich immer zurückgehalten!« Der gebückte, kleine Mann strich sich den dünnen, grauen Vollbart. Er hatte ein strenges, leidendes Stubensitzergesicht. »Ich war ja auch zu schwach auf der Brust.« »Aber mit dem Herzen warst du dabei, mein Kilian!« »Ja freilich! Ach ... 's ist ja so 'ne liebe lange Zeit her. Man gedenkt's kaum mehr, daß es einmal wahr war... Wie? Die Besoldungsverhältnisse ... Ja... Die sind eben bei uns immer noch elend, Wägele! Jeder Hilfsarbeiter an der Universitätsbibliothek weiß besser, woran er ist, als wir Festbesoldeten ...« »Ei – da tät ich doch Tarif verlangen!« »Ja, es ist jetzt auch eine große Gehaltsbewegung unter den Privatbeamten im Kommen.« Reinhold Nimis hatte sich enttäuscht von dem kränklichen badischen Männlein abgewandt. Auf seinen milden Zügen lag immer noch das Leuchten. Er hob, um Ruhe bittend, die Hände. »Entweiht mir diese Stunde nicht, ihr Freunde! Sie gehört dem, was war und niemals wiederkommt! Was gestorben ist und doch ewig lebt: dem heiligen deutschen Geist! Der deutsche Geist hat uns damals erfüllt. Wir haben ihn in unserem Innern getragen. Laut werden lassen durften wir ihn nicht. Wißt ihr noch, wie wir in unserem Berggarten in Heidelberg die Stimmen gedämpft und uns scheu angeguckt haben, ehe wir's wagten und heimlich unser Bundeslied sangen? Jetzt darf jeder Deutsche singen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Jetzt sind wir stolz und frei. Aber darüber wollen wir die Not von damals nicht vergessen! Wir wollen noch einmal singen, was wir als Burschen vor vierzig Jahren sangen – – der Pritzig, der Rückwärtser, braucht ja nicht mitzutun – – wir wollen noch einmal jung sein, ihr Brüder!« Er hob mit seiner immer noch hellen, wohlgeschulten Stimme das heilige Lied der Burschenschaft an: »Wir hatten gebauet Ein stattliches Haus Und drin auf Gott vertrauet, Trotz Wetter, Sturm und Graus!« »Warum singt ihr denn nicht mit?« »Ich hab's total vergessen!« gestand der Kommerzienrat Wägele. »Ich auch!« meinte Johann Baptist Breitmoser gemütlich. »Ach, gebt euch nur Mühe! Es wird euch schon einfallen! Los!« Aber der alte Herr sang allein. Es war Stille um ihn, bis er schloß: »Das Band ist zerschnitten. War schwarz und rot und gold, Und Gott hat es gelitten, Wer weiß, was er gewollt...« Die Kerzen am Christbaum tropften, flackerten unruhig, verlöschend, erstarben eine nach der anderen. Das Zimmer wurde zusehends dunkler. Reinhold Nimis war verstummt. Er saß still, den Kopf im Schatten. Niemand sah seine feuchten Augen. Aber als die anderen Jugendfreunde gegangen waren und er mit dem Grafen Pritzig allein in dem weihnachtdurchdufteten Biedermeierzimmer zusammensaß, da faßte der alte Achtundvierziger den Arm des alten Junkers und schaute ihn an, keinen Gram, sondern ungläubige Angst, wehes Staunen um den halboffenen Mund. »Ist das noch Deutschland, Louis Ferdinand? Mein altes Deutschland? ... Sind das die Jünglinge von damals, die mit mir jung waren? Diese grauen Männer, die von Bierpreisen, Dampfkesseln und Gehaltszulagen reden, wenn ich die Fackel der alten Begeisterung in ihren Herzen entzünden will?« »Sie sind alt und klug geworden, Reinhold! Sie haben es ja auch meist tüchtig vorwärts gebracht, wenn auch nicht so weit wie du! Du selber hast es am weitesten gebracht. Denn du bist stehengeblieben!« »Ja. spotte nur!« »Ich spotte wahrlich nicht!« sagte Exzellenz von Pritzig. »Du bist dir selber treu geblieben, und du bist dem Deutschland treu geblieben, das dein Traum war. Mein Traum war immer ein anderer und hat sich erfüllt. Aber trotzdem wünschte ich, wir hatten mehr Träumer in Deutschland wie dich!« »Wo sind sie, Louis Ferdinand? Ich fühle mich so einsam hier! Mein deutscher Wald ist mir entblättert. Bin ich denn so ganz von der Zeit vergessen worden, daß ich sie nicht mehr verstehe?« »Du bist der letzte deutsche Idealist«, sagte Exzellenz von Pritzig. Es war ein Lächeln in seinen Worten und eine Trauer. Der alte Herr schaute ihn hilflos an. Es zuckte bitter unter seinem weißen Bart. »Ja ... seid nur verständig! Lacht nur über mich! Habt Mitleid mit mir! Nein, ich hab Mitleid mit euch! Ihr tut mir leid, so wie einem jemand leid tut, der über Nacht arm geworden ist. Und es noch nicht einmal weiß, sondern noch stolz auf seine Armut ist! Ihr haltet eure Spreu für Gold! Ihr denkt, Gold tut Deutschland not! Nein – das Gold war immer Deutschlands Fluch! Es liegt ein tiefer Sinn in der Sage vom Nibelungenhort!« Reinhold Nimis wandte den Kopf zur Tür. Er fragte unwillig seine Schwester, die verwitwete Pfarrfrau, die ihm die Wirtschaft führte und ihren grauen Scheitel durch den Spalt hereinsteckte: »Welche Alltäglichteit schleppst du mir wieder ins Zimmer, Babettche! Dein Kram hat Zeit!« »Ah bah, Reinhold! Es geht dem Anton so arg viel schlechter! Du möchtest doch ganz gewiß noch heut abend nach ihm gucke! Sie haben schon nach dem Sohn telegraphiert!« »Der Anton«, sagte Reinhold Nimis, als die Pfarrerin lautlos auf ihren Filzpantoffeln verschwunden war, zu seinem Freund, »ist mein Vetter hier. Kein hoher Herr, sondern ein Feldwebel a. D. Sein Vater, ein verkommenes Darmstädter Original, d'r Louis, hat den Zweig der Familie heruntergebracht, und der Kummer um den Sohn gibt jetzt dem guten Anton den Rest! Du kennst diesen Sohn auch!... Du hast seinen Namen in dem letzten Jahr in den Reichstagsverhandlungen jedenfalls oft gelesen!« »Der Abgeordnete Nimis? Der rabiate Rote?« »Ja, ja!« sagte der alte Achtundvierziger. »Ich war auch einmal nicht viel anders!« Er stützte den weißen Krauskopf in die Hand. Seine dunklen Augen waren traurig. »Haltet mich nur für ein großes Kind«, sprach er leise. »Ich hab's euch angemerkt. Ihr werdet noch sehen, wohin Deutschland ohne Kindesseele kommt!« Mit beiden Händen umklammerte er bittend die blaugeäderte Rechte seines Freundes. »Entseelt mir Deutschland nicht, ihr Preußen! An dem Tag, an dem in Deutschland keiner mehr schwärmen und nach fernen Sternen schauen kann, ist Deutschland verloren. Wir sind nicht alle wie ihr im Norden. Eure Spree ist ein Stahlbad für Starke, aber nicht ein Jungbrunnen für jedermann überm Main. Wir haben nicht eure Art und verlieren unsere eigene, ohne eure zu gewinnen!« »Da sei Gott vor!« »Ihr ersetzt die Liebe durch die Pflicht, ihr Preußen! Ihr seid groß in der Pflicht, größer als alle anderen Menschen auf der Welt. Aber ihr erkauft es teuer mit eurer Härte. Härtet Deutschland nicht zu sehr! Zu harter Stahl zerspringt!« »Und doch kann keiner aus seiner Haut, Reinhold!« Graf Pritzig erhob sich zum Gehen. »Und je stärker er ist, desto weniger kann er's! Gute Nacht! ... Wenn ich recht verstand, wurdest du zu einem Sterbenden gerufen. Ich schau morgen früh wieder nach dir!« – Der Feldwebel im Ruhestand und Stationsvorsteher und Bahnhofsverwalter außer Diensten Anton Nimis saß in seiner Wohnung am Balkonplatz im Lehnstuhl, eine Decke auf den Knien, ein Kissen unter dem abgezehrten Kopf. Vom Fenster aus konnte der alte Darmstädter die Eingangswölbung seiner ehemaligen Kaserne sehen, in der er den größten Teil seines Lebens zugebracht, und mehr noch: Er konnte aus den unsichtbaren Höfen dahinter die vertrauten Laute seines Lebens hören: das bellende Durcheinander der Kommandorufe beim Rekrutendrillen, das Rasseln der neumodischen Magazinschlösser beim Gewehrchargieren mit Holzpatronen, den Takt der Lederklopfer auf der von der Kammer geholten zweiten Garnitur, den Trommelwirbel der Vergatterung bei der Wachtparade und morgens und abends die langgezogenen Trompetenfanfaren der Reveille und des Zapfenstreichs. An der Wand der guten Stube hingen Stahlstiche von 66 und 70. Das Darmstädter Regiment im wütenden Handgemenge um die Kegelbahn von Frohnhofen gegen die Preußen und, vier Jahre später, neben den Preußen im Bois de la Cusse wider die Franzosen bei St. Privat, Prinz Heinrich von Hessen hoch zu Roß voran. Auf anderen Bildern war die Kompagnie im Frieden zu schauen, die Herren Offiziere vorn sitzend, dahinter stattlich, die dicke Brieftasche im Waffenrock, der Feldwebel Nimis, rundum ansteigend, hundertköpfig, die Mannschaft. Eingerahmte Photographien von Unteroffizieren und Sergeanten prangten da. Das Diplom des Silbernen Kreuzes zweiter Klasse, des Verdienstordens Philipps des Großmutigen am Kriegsband und des Ehrenzeichens für fünfundgwanzigjährige Dienstzeit und des gemeinsam Fürstlich Schaumburg-Lippeschen Verdienstkreuzes, das der Stationsvorsteher Nimis für seine Tätigkeit an einem Sonderzug erhalten und das nun nicht mehr verliehen wurde, nachdem eben in diesem Jahre 1890 jeder der beiden Fürsten Lippe seinen eigenen Hausorden gestiftet hatte. Die Ehrenmitgliedsurkunde des Kaninchenzüchtervereins war da aufgehängt und, mitten in dem allen, der Stolz und die Zierde des Zimmers, in goldenen Rahmen die grellen Öldruckbilder des alten Kaisers Wilhelm, des Kaisers Friedrich III. und Wilhelms II, und gegenüber die Großherzöge Ludwig III. und Ludwig IV., die sich der alte Feldwebel aus seinen Ersparnissen gekauft hatte. Er zählte ebensoviel Jahre als Reinhold Nimis, der neben seinem Sessel stand. Aber vier Jahrzehnte Dienstzeit in Wind und Wetter des Exerzierplatzes und des Bahnhofs hatten ihn verbraucht. Ein paar alte Freunde umgaben ihn: der Gymnasiumsdiener Karl Hälflin, der Kanzleiassistent Franz Bau, der Gerichtsbote Emil Kienle, alte langgediente Soldaten wie er, mit grauen Köpfen und pflichtstrengen Mienen. Er schaute nicht auf sie, sondern auf einen jungen, stämmig und untersetzt gebauten Mann, der, ohne den abgetragenen Überzieher abzulegen, den Schlapphut in der Hand, an der Tür stand und finster unter dem kurzen, ungepflegten Schnurrbart mit schweigend zusammengepreßten Lippen das sonstige verwegene und spöttische Spiel der Mundwinkel unterdrückte. »Flenn net als, Kätche!« sagte der sterbende Feldwebel Nimis zu seiner Frau, der Bäckerstochter aus der nahen Dieburger Straße. »'s is e Kreuz mit der Frau! Laß mich mit dem Robert rede ...« Er hob die zitternde Hand gegen den Sohn am Eingang: »Du bringst mich vor der Zeit ins Grab! Das hörst du hier vor alle Leut! Ohne dich hält ich noch lange lebe könne ... Aber du brichst mir das Herz ...« Ein Schweigen drüben. »Das einzige Kind. Mein einziger Sohn. Das Robertche. Was haben wir für e Freud an dir gehabt – die Mamma und ich. Alleweil warst im Gymnasium der Erste. Alles haben mir zusammengekratzt. Mein zweites Schöppche hab ich mir am Mund abgespart, um dich studiere zu lasse. Wie ein Prinz bist du nach Göttinge auf die Universität gefahre. Und jetzt ... und jetzt ...« »Ja. Pappa – was is denn für ein Unglück jetzt?« »Hab ich dich nicht von klein auf gelehrt: Fürchte Gott und ehre den König!?« »Ich hab's halt nicht behalten!« »Hab ich dir nicht eingeprägt, wie du noch ein Hainer warst: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat!?« »Es hat sich mir halt nicht eingeprägt!« »Hab ich dir nicht erzählt, wie ich Anno siebzig mein Blut fürs Vaterland vergossen hab?« »Die Menschen sollten sich verbrüdern, statt sich totzuschießen.« »Weißt du nicht mehr, wie der Großherzog mich mal selber auf dem Griesheimer Land vor der ganzen Mannschaft gefragt hat: ›Feldwebel – was macht denn der Stammhalter? Wächst er tapfer?‹, und ich geantwortet hab: »›Euer Königliche Hoheit! Mit dem will ich hoch hinaus. Der soll einmal Akzessist werden!‹« »Ich hab's doch weit genug gebracht. Ich bin Reichstagsabgeordneter!« »... Und was für Leut habe dich gewählt? ... Robert ... Robert ... Warum hast du mir das angetan?« »Ich hab eine Lebensstellung! An unserm neuen Parteiblatt. Seit dem ersten Oktober ist das Schandgesetz erloschen.« »Ich weiß, wo die Sünd und Schand ist! Gell, Mamma?« »Es gibt keinen Ausnahmezustand mehr! Ich kann frei schreiben und drucken, was ich mag!« »All die Wohltaten, die ich in meinem langen Leben vom Großherzog erfahren hab! ... Der Herr Oberst hat sich, wie ich mich hab pensionieren lassen, selber beim Herrn Minister für mich verwendet. Die Exzellenz hat mich neben sich hinhocke lasse und mit mir geredt wie mit seinesgleichen ...« »Wir brauchen keine Wohltaten, sondern Recht!« »... Jedesmal zu Kaisers Geburtstag hat der Herr Hauptmann mit meiner Frau getanzt. Frag nur die Mamma! Wenn mich die Herren Offiziere sehe, gebe sie mir jetzt noch die Hand und frage mich, wie's geht, und wenn's Grafen und Barone sind! Und des der Dank! Und des der Dank! Ein gottloser, mißratener Bub ...« Robert Nimis ging zögernd ein paar Schritte auf den Vater zu. »Ich hab von der Lebensstellung bei der Zeitung gesprochen, weil ich jetzt daraufhin heiraten kann!« »Ja. Heirat du nur ...« »Und da – schau, Pappa ... laß doch jetzt die nixnutzige Bolidik ... denk doch nur, ich wär dein Sohn ... da möcht ich halt ... da tät ich halt doch um deinen Segen bitten...« »Was willst denn du mit mei'm Segen? E Mensch, der nix tut, als Unfriede in Deutschland stifte?« »Ich muß!« »Die Leut verhetze ...« »Ich muß!« »Den Gehorsam untergrabe? Gegen den Thron und den Altar rebellieren, der wo doch jedem armseligsten Handwerksborsch heilig sein muß ...« »Ich muß! Ich muß! Ich muß! Akkurat, so wie du dein Leben lang dene obe gehorcht hast, muß ich halt okonträr das Gegenteil tun... sell ist meine Überzeugung ...« »Hat's die früher gegebe? Willst du klüger sein wie die Leut früher?« »Pappa, – laß mich deine Hand küssen!« »Weg!« »Pappa ...« »Nix wie weg!« sagte der sterbende Feldwebel störrisch. »Sell is net mein Sohn, wo da steht! Sell is net unser Fleisch und Blut! Gell, Mamma?« Ein Schluchzen antwortete aus der Ecke. »So einer, der nix vom Großherzog wisse will und vom Kaiser! ... So Männer kenn ich net! Die können sich lang meinen Sohn nennen! Sind's aber net! In aller Ewigkeit net?« »Pappa ... wir sehen uns doch net wieder ...« »Als nur weg! Weg aus sellem Stübche!« »Hör mich doch an: Jeder Mensch hat doch seinen Dienst zu tun! Du hast vierzig Jahre lang gedient ...« »Gott sei gelobt: ich hab meine Pflicht getan! Mir kann kein Vorgesetzter was vorwerfen!« »Ebenso tu ich meine Pflicht, wie ich sie für recht halt!« Ein todeszitternder Zeigefinger wies aus dem Lehnstuhl heraus auf die Wand. »Da is unser Großherzog! Und da is unser Kaiser! Willst du vor die hintrete, Robertche, und spreche: ›Ich war ein schlechter Mensch. Ich war auf Abwegen‹?« »Fällt mir net ein!« »Ich will wieder besser werde ... Die böse Bube haben mich gelockt ...« »Da wär ich letz, Papa!« »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers is ... Einen leiblichen Eid.« Die Sinne des Alten fingen an zu wandern, »Bei Tag und bei Nacht ...zu Wasser und zu Lande ... in Kriegs- und Friedenszeiten ...« »Anton ...« »... sich so verhalten, wie es einem ehrliebenden, unverzagten Soldaten eignet und gebührt ...« »Anton ... horch doch: des is ja der Fahneneid ...« »So wahr mir Gott helfe ... ja, so ... Ich war schon wirr im Kopf ...« Der alte Unteroffizier kam noch einmal zu sich ... suchte den Sohn ... starr ...feierlich ... sein verglasendes Auge war das Gesetz ... seine erstarrende Hand der Befehl... Sie wies noch einmal auf die grell gewürfelte Tapete: Wilhelm I., Friedrich III., Wilhelm II., Ludwig III., Ludwig IV. schauten mit Generalsepauletten und Orden auf Vater und Sohn herab. »Willst du künftig ein gehorsamer, braver Darmstädter Untertan sein?« »Pappa ... das kann ich doch net! Die Leut täte mich ja auslache!« »Dort hat der Zimmermann 's Loch gelasse...« »Des is dein Ernst nicht...« »Dort hat er's gelasse ... Laß du mich ungeniert sterbe, Robert ... Und du halt's Maul, Kätterche, wann die Männer redde!« »Mei Sohn ... mei Sohn ...« »Ich hab kein Sohn!« sagte der alte Feldwebel ruhig, ließ den Kopf sinken, röchelte rasselnd, zupfte und fing Spinnen oder Fliegen auf der Decke über seinen Knien und sank, ohne sich eigentlich zu bewegen, in sich zusammen, während die Nase viel größer wurde und der Mund in einem dienstlich strengen, geheimnisvollen Ausdruck zusammenschrumpfte, und starb. Der Trauerflor, den Robert Nimis, sein Sohn, am Arm trug, war vier Wochen darauf, um Dreikönig, der einzige dunkle Fleck im weiten Weiß des Winters über dem Odenwald. Fern duckten sich die Firste des weitentlegenen Marktfleckens unter der Last vom Himmel, den aus ihrer Schar heraus der Kirchturm in dem grauen, schweren Gewölk oben suchte. Neben ihm hob bebäbig das Pfarrhaus seinen hohen Giebel. Hinter den Fenstergardinen, rechts von den drei Sandsteinstufen des Eingangs, sah man noch das Grün des Christbaumes. Ein Hauch von Weihnacht wehte, wenn das Tor aufging, in Tannenduft und Kinderlachen hinaus in die Welt und längs der Kirche hin um die freie Ecke. Da war es still. Da schliefen die Toten. Da war der Gottesacker. Die Flocken tanzten lustig um die Grabkreuze, und durch ihren Reigen lugte von drüben, ganz nahe, mit weißhängenden Ästen und überpuderten Gipfeln geheimnisvoll dunkelnd, der Bergwald. In dem weichen, strömenden, lautlosen Flockenfall vom Himmel hallte es beinahe unheimlich wider, als Robert Nimis einmal hustete. Er ging langsam auf dem Friedhof auf und ab, die Krempe des weißgewordenen Schlapphutes vom Schnee nach unten gebogen, den Kragen des fadenscheinigen Überziehers fröstelnd hochgeschlagen, die Hände in den Taschen. Nun zog er die Rechte heraus, um nach der Uhr zu sehen. Er musste sie dicht vor die Augen halten, denn der Abend brach an diesem Januarnachmittag des Jahres 1891 früh herein. Es dunkelte schon im weißen Reich der Toten. Der junge Mann schob seine untersetzte stramme Gestalt vorsichtig längs der Kirchenfenster bis zur Ecke, von wo man das Pfarrhaus überblicken konnte. Das erste freundliche Licht glomm dort eben hinter zwei Scheiben auf. Der Pfarrherr Melchior Thilo, der Bienenvater und Obstzüchter und Rosenfreund, saß da, die lange Pfeife im Mund, das Käppchen auf dem Kopf, die Hornbrille vor den Augen. Er sah ganz märchenhaft aus in dem goldigen Lampenschein, der einen Lichtkreis um das silberfarbene Haupt und den mächtigen Patriarchenbart wob. Er las und paffte gewaltig seinen Pastorentabak. Sonst rührte sich nichts im Haus. Robert Nimis stieg enttäuscht durch den Schnee auf den Kirchhof zurück, stand, stapfte mit einem Fuß und dem andern, um sich zu erwärmen, wartete, schaute ungeduldig, die Augen mit der Hand gegen das Flockenstieben schirmend, nach dem Pfarrhaus, fuhr hastig bei einem Geräusch zusammen. Tritte ... Nein. Es war nur ein alter Mann ... der Totengräber ... Die Schaufel überm Buckel... Er blieb verblüfft stehen ... »Ha – was mache denn Sie do ... um die Zeit... bei meine Leut?« »Ich will mich begrabe lasse!« sagte Robert Nimis gleichmütig. »Mir is zu kalt auf der Welt!« »Dees hat bei Ihne noch Zeit!« Der Totengräber lachte. »Wo käm ich denn hin bei mei'm G'schäft, wann so junge Leut bei mir aach schon Koscht und Loschi hamme wollte!« »Bei Ihne hat m'r sei Ruh!« »Sell is wahr!« Der alte Hasenfratz, der Totengräber, musterte befriedigt die langen Reihen der Kreuze. »Meine liewe Leut da, die pariere! Bei mir wird der ärgschte Krischer still! Gelt – Ihr muckt net, Kinner? Warum auch? Ihr habt's gut!« »Also vorwärts, Vatter! Ich will auch bei!« » Sie werrn erst von mei'm Sohn begrabe! Ich bin zu alt derzu!« Man konnte nicht erkennen, wie alt der Totengräber Hasenfratz war. Denn vom Schnee war sein Bart über und über weiß bestäubt, und viel blieb sonst von dem verrunzelten Gesicht mit der bis über die Ohren gezogenen verschneiten Fuchspelzkappe nicht frei. »In zwei Johr begräbt mei Sohn, der Adam, mich selber!« sagte er und ging weiter, die Schaufel über der Schulter, Robert Nimis neben ihm. »Sell wisse Sie so genau?« »Ich weiß von jedem, wann ihm sei Herrgott pfeift: Do gehscht bei, Alterle! Du hascht genug! Ich sag's bloß net. Die Leut sin ja so dumm! Die fürchte sich ja vor dem Tod, die Simpel!« Er betrachtete liebevoll seine Gräber und wischte, stehenbleibend, von einem Stein mit seiner braunen Hand den Schnee, daß die Goldschrift leuchtete: »Was war der Ochsenmetzger do für e hitziger Mann! Seit ich den Bühler in der Pfleg hab, kriegt er kei roten Kopp mehr und hockt net mehr de halbe Tag mit seine ewige Prozeß beim Rechtsanwalt Markus und beim Amtsgericht. Der Heitz do, der Holzhändler, gerad so! Du liebe Zeit, was hamme die früher als auf den Tisch gehaue, daß die Schöppche getanzt hamme, und sich angekrische ...« »Und do die alt Muserin? Ich hab's ihr oft gesächt: Was soll so e alt's Weible noch auf der Welt? Jetzt fliegt sie im Himmel wie e Spatz! Und do der Bürgermeischter selwer – e großer, dicker Mann ... badd nix ... kumm norr ... die Gemeindegeschäft hot ja doch der Krebs, der Ratsschreiber, gemacht. Den hat's erscht vorige Woch geholt! Do leit er! Der muß sich erst senke, wisse Se, bis e Stein uff'n kummt!« Der Alte ging befriedigt weiter. Ein Windstoß pfiff und warf Schneewehen über die stille Welt. Das Gitterpförtchen klirrte. »Kumme Se mit heraus, Herr! 's wird Nacht. Die Leut wolle jetzt unter sich sein!« »Ich bleib noch hier!« »Dees geht net! Ich sperr jetzt zu!« »No spring ich nachher über die Mauer!« Der Totengräber zwinkerte ihn prüfend an. Eigentlich gefiel es ihm ja, daß der Fremde so viel Freude an seinem Kirchhof halte. Aber es blieb doch ein Mißtrauen. »Fürchte Sie sich denn net?« »Vor was denn?« Die Antwort freute den alten Hasenfratz. Auf seinen Runzeln war plötzlich Sonnenschein über dem angestäubten Schnee. Er wurde ganz eifrig: »Do hawwe Sie recht! Ich steh für meine Leut do! Wegen dene bräucht's kei Bezirksamtmann und kei Bolizeidiener! Sell sind die Brävschte!« Und wieder ein Zweifel, der unter dem Reif des Bartes zuckte. »Aber was wolle Sie denn hier? Sie könne sich doch net zur Nacht uff'n Grabstein hocke!« »Vielleicht will ich geischtere!« Der drüben nickte beifällig. »Meinetwege! Geischtere Sie norr tapfer! Verschrecke Sie norr die Leut! Dees schad't dene gar nix, wenn die mol 'nen Finger von oowe sehe! ... Dank schön!« Der alte Hasenfratz schob sein Markstück in die Tasche und trottete mit geschulterem Spaten in die Nacht hinein, so als ginge der Meister Tod selber über Land. Robert Nimis schritt auf den Kirchhof zurück. Er musste schon vor sich niederblicken, um nicht an die halbverschneiten Grabsteine anzustoßen, so finster war es mittlerweile geworden. Er bückte sich, streifte wieder den Schnee von den Inschriften, um sich die Zeit zu vertreiben, und las: Wendelin Lutz, der Kreuzwirt ... Andreas Flauhaus, der Waisenrat – .. jetzt müssen sich die Waisen ohne dich behelfen... Mathäus Koch, der Stabhalter von Schallingen ... Peter Seib, der Bäckermeister, und seine Frau, eine geborene Dorn... »Tod – wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?« Ja – Tod – wo ist dein Stachel? Aber man möchte doch leben ... leben ... und lieben... Binchen... wo bleibst du nur? Binche! Binche! »Hier ruht in Gott die Jungfrau Apollonia Disch, gestorben im siebenundachtzigsten Jahr ihres Lebens« ... Binche... Wo steckst du? ... Es war doch alles so schön besprochen ... Peter Mufflert, Ökonom, und seine Frau und Söhne und Töchter und Enkel... Vermoderte Mufflert auf einmal rings um einen im Boden... »Wie die Blätter im Herbst, so sind die Geschlechter der Menschen« ... Das haben wir in der Prima griechisch gelesen... bei dem Stocker ... dem alten Pauker ... Oder heißt's »wie die Blätter im Wald?« ... Binche... mach mich nicht gar zu ungeduldig ... Vom Kirchturm schlug es blechern ... hüstelte fünfmal wie ein alter Mann ... fünf Uhr nachmittags... Binche, wenn es heute nicht glückt ... Robert Nimis stand im dämmernden Schneetreiben, las mit leeren Augen: Konrad Bauknecht, Sägebesitzer ... verunglückt am 6. Ianuar 1881 beim Fällen eines Baumes – gerade vor zehn Jahren ... »denn das Gesetz des Geistes hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde« ... Recht so! Recht, der Geist ist das neue Gesetz. Der Geist ist frei. Aber dann fackel nicht, Binche! Und laß den Pastor Großvater und das Pfarrhaus und alles darin hinter dir und komm! ... Komm! ... Auf der Landstraße neben der Kirchhofmauer gingen im Dunkel Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt. Plötzlich ließen sie sich los und fingen an zu laufen wie besessen. Der größte, zehnjährige Knirps voran. »Schorschl!« schrie er aufgeregt und doch beinahe glücklich in seiner Angst in die Dorfgasse hinein. »Schorschl... horch mal... da owwe uff'm Kirchhof geischtert's wüscht!« Die anderen Kinder trabten weinerlich, das Nesthäkchen wie eine große Puppe durch den Schnee mit sich schleifend, hinter ihm her. Und zugleich huschte es oben zwischen den Grabsteinen lautlos, verschleiert und vermummt, als käme die weiße Frau – ein Bündel in der Hand, atemlos: »Da bin ich, Robert!« »Schnell! Schnell! Die Lausbube mache das ganze Dorf rebellisch!« »Wohin?« »Ich spring voraus! Steig nur als auf die Mauer! Ich fang dich auf!« »Gelobt sei Jesus Christus!« schrie der Fuhrmann, der noch in der Nacht oben mit seinem Langholz aus dem Wald kam. Seine schweren Gäule scheuten, stiegen, seine Rechte umklammerte den Schlittenland, die Linke fegte kreuzschlagend über Stirn und Brust. Zwei Gestalten glitten unheimlich vom Kirchhof hernieder, im Laufschritt an ihm vorbei. Die Gespenster verschwanden im Wald. Dort gingen sie langsamer, keuchend. Er voraus. Sie hinter ihm durch das Dunkel. Sie faßte nach ihm, um ihn nicht zu verlieren »Robert! Mach doch Licht!« »Erst besser unten, wo uns keiner mehr sehen kann!« Nun leuchtete eine kleine Traglaterne. Eine weiße Märchenwelt umfing sie plötzlich. Der deutsche Winterwald mit phantastisch weißgefiederten Tannen, tausendfachem Kristallgeglitzer der Firnkörner am Boden, gnomenhaften Eiszacken am Felshang, leuchtendem Flor von Flocken vor der schwarzen Nacht. Er küßte sie durch den nassen Schleier auf die kalten Backen und den blassen Mund. »Kurasch, Binche!« »Ich hab Kurasch, Liebschter!« »Da drunte in Mühlried wartet der Schlitten! No geht's per Hui zur Station und mit dem Klingelbähnche nach Darmstadt!« »Ja ... Ja ...« »Laß du den Großvater nur kollern! Du bist volljährig! Du darfst heiraten, wen du magst!« »Dich mag ich, Robert! Sonst keinen!« »Und vom Standesamt geht's runter an den Rhein!« Robert Nimis lachte im Schneewaten. »Und dann in die Händ gespuckt und an die Arbeit! Ich werd dem August Buschbeck in Lütthahn schon einheizen! Dadrauf kann er Gift nehmen... der alte Schinder...« IX. Der blaßblaue Sommerhimmel über dem finnschen Meer verschleierte sich an diesem Julitag von 1891 in den weißen Wolken des Kanonendonners, unter dem sich Frankreich und Rußland auf der Reede von Kronstadt einten. Schwarze Schwaden wälzten sich aus den Schloten der Schlachtschiffe, rote Blitze zuckten aus ihren Türmen, aus den Kasematten der Inselfestungen, von den scheinbar auf dem Wasser schwimmenden Seebatterien und aus den Mäulern der Geschütze auf den Molen flammte es dagegen, über dem Pulvergewölk flatterte brüderlich von den Masten der sich in langen Reihen gegenüberliegenden welschen und moskowitischen Panzer die blauweißrote Trikolore und das blaue Andreaskreuz im weißen Feld. Häuser und Hafen der Kronstadtinsel Kotlin badeten sich im Schwarzgelbweiß des Zaren. Von der russischen Küste drüben flatterten bunte Fahnen längs der viele Stunden langen parkgrünen Kette von Palästen, Sommersitzen, Badeorten, Lustschlössern zwischen Petersburg und Oranienbaum. Die blaue Flut des Golfs wimmelte von bewimpelten Schaluppen, Jachten und Vergnügungsdampfern. Die dritte Republik und das heilige Rußland vermählten sich feierlich im Meer von Kronstadt. Der finstere gekrönte Muschik Alexander der Dritte und der weltmännische Enkel des Königsmörders Carnot umarmten sich im Bruderkuß. Der russische Dampfer »Onega« hatte triumphierend die Franzosen durch die Finnenbucht herangelotst. Nun lagen da die Kolosse, Masten und Rahen blau von Pünktchereihen mützenschwenkender und jubelnder Matrosen. Pinassen mit Admiralen und Würdenträgern der beiden Reiche schossen hin und her, die Trommeln wirbelten am Fallreep, an dem die Kommandanten mit Dreispitz und Degen standen. Feierlich klang von der »Marengo«, dem Flaggschiff des Admirals Gervais, vor entblößten Häuptern Glinkas: »Gott schütze den Zaren!«, und drüben, von dem Geschwaderschiff des Selbstherrschers aller Reußen, schmetterte, Thron stürzend, Kronen brechend, die Marseillaise: »Tyrannenwut ist wider uns und zückt Ihr blutbeflecktes Messer ...« und der Seewind trug höhnend die selbstmörderischen Klänge gen Osten, nach den unterirdischen Kerkern Schlüsselburgs und den sibirischen Bergwerken, und gen Westen, den Baltenstrand entlang. An dem träumte fern, weit fern an der estnischen Küste, das Städtchen Baltischport. Es träumte wie alle Tage. Hier war heute nichts Besonderes los. Wie immer wuchs das Gras in den paar ungepflasterten breiten Straßen zwischen den einstückigen Holzhäusern und lag in dem kleinen Hafenbecken ein lebensmüder Segler und schütteten die Fischer die glitzernden Haufen von frisch gefangenen Strömlingen zwischen den ausgespannten Netzen auf das Ufer und weidete das Vieh inmitten der grasbewachsenen ehemaligen Festungswälle der Großen Katharina. Vor der hölzernen Endstation der nach Reval führenden Kleinbahn stand der Teekessel, ein sonderbarer, in eins zusammengebauter, zweistöckiger Zwitter von Lokomotive, Tender und Personenwagen. Es wurde nach russischer Art wie besessen zur Abfahrt geläutet. Aber niemand nahm das vorderhand ernst. Das Stillleben war heute noch ländlicher als sonst. Denn auch die Kronschiffe, die häufig draußen vor Packerort kreuzten, weilten jetzt drüben zu der Bündnisfeier auf der Reede von Petersburg. »Sie haben leider eine jrimmige Zeit jewählt, um bei mir Ihren Elch zu schießen, Herr Jeheimrat!« sagte der Baron Bartenschildt in seinem harten baltischen Deutsch zu dem Dr. Alfons von Svängler-Colosimo vom Auswärtigen Amt in Berlin, dem Gast auf seinem Gute, dem und dessen Gattin er das Geleit zur Abfahrt nach Petersburg gab. »Reden Sie nicht, verehrtester Baron! Tiefgefühlter Dank ist meines Herzens Stimme. Nachdem ich den hervorragenden Vorzug hatte, Sie diesen Winter in Berlin in der russischen Botschaft kennenzulernen, und Sie die Gnade besaßen, mir zu gestatten, mal bei Ihnen einen Finger krumm zu machen!« »Is jerne jeschehen! Nur kamen Sie bei uns jerade zu dem Handkuß Dschinghis-Khans an Frankreich. Zu anderen Zeiten hätten Sie bei uns nur die Deutschenverfolgung jefunden, wie sie in den Ostseeprovinzen jetzt jang und jäbe ist!« »Ja ... ja ...« Der Geheimrat von Spängler gähnte durch die Nase, die zu kurz und zu klein in dem verwöhnten Feinschmeckergesicht saß. »Zum Beispiel, die Stationsbeamten hier können alle Deutsch wie wir...,« ergänzte die Baronin Bartenschildt, die mit Klothilde von Spängler auf dem hohen, hölzernen Bahnsteig stand, »aber es ist ihnen verboten, ein Wort Deutsch zu sprechen!« »Unsere deutschen Schulen sind jeschlossen«, fügte der Baron Stedingen, der bis Kegel mitfahren wollte. »Unsere deutsche Amtssprache ist uns genommen«, versetzte der alte Graf Hardinghausen. »Unsere Pastoren dürfen keine jemischte Ehe mehr einsegnen!« »Unsere alten, verbrieften, vom Zaren beschworenen Rechte werden von dem Tamerlan in Moskau mit Füßen getreten!« Erregte Gesichter um den Geheimrat von Spängler... angstvolle Augen... ein Rufen von vielen Tausenden von der Bernsteinküste bis zur Naromaschlucht: »Deutschtum in Not!« Ihm wurde unbehaglich. Er lächelte die Barone und ihre Damen beschwichtigend an. Aufgeregte Menschen liebte er nicht ... »Ja – was kann man da tun, meine verehrtesten Gönner?« »Für uns Balten in Petersburg eintreten! Wir verteidigen hier seit vielen Jahrhunderten den äußersten Vorposten deutscher Kultur!« »Alle andern Völker kajoliert ihr seit drei Jahren! Reist umher! Feiert sie! Überschüttet die Welt mit Komplimenten und Reverenzen! Nur jerade die deutschen Stammesverwandten verjeßt ihr ...» »Wenn der Russe mit uns anfängt, endet er mit euch!« sagte der greise, hochgewachsene Graf Hardinghausen, »Die Balten schlagt er und die Deutschen meint er! Uns unterdrückt er und verliert dadurch den Respekt vor dem Deutschen überhaupt!« »Ja, aber wir tun ja, was wir können«, sprach Herr von Spängler etwas unsicher. Die Leidenschaft der sonst so kühlen Balten machte ihn verwirrt. »Wir sind ja gegen Rußland so höflich wie nur menschenmöglich. Jedes Jahr kommen wir zu Besuch – im Vertrauen: sogar uneingeladen! – Wir lassen es wirklich an Entgegenkommen nicht fehlen!« »Das ist ja eben der Fehler! Untertänigkeit versteht der Moskowiter ganz falsch! Das lockt bei ihm nur Asien auf die Bildfläche! Bismarck – der verstand die Kunst, mit Russen umzugehen!« Klothilde von Spängler stand neben der Baronin Bartenschildt und der Baroneß Stedingen. Die Ostseebrise bauschte ihr die weiten grünen Ärmel, die sich mit hohen Schulterzwickeln von der weißseidenen, eng die Figur umspannenden Taille absetzten. Der Rock flatterte ihr im Winde um die mädchenschlanke hohe Gestalt. Sie hielt mit der einen Hand das mit Blumen ausgeputzte Toquehütchen auf dem hochfrisierten Haar, dessen tiefer Kupferglanz hier in Luft und Sonne noch wärmer als sonst die Schönheit des weißen Gesichts mit den paar launischen Sommersprossen belebte. Ihre hellen, haselnußbraunen Augen suchten ihren Mann, der, durch den plötzlichen Ansturm der Balten aus dem Gleichgewicht gebracht, unruhig dastand und schwieg. »Fühlte sich Ihr Herr Vater nicht in letzter Zeit etwas leidend?« erkundigte sich die blonde, frische Baroneß Stedingen. Klothilde von Spängler sah die Achtzehnjährige erstaunt an. »Mein Vater?« »Ja doch!« »Der ist schon seit vielen Jahren tot!« »Aber wie denn?« »Er ist als Hauptmann a. D. in Kassel gestorben!« »Julie versprach sich! Sie meint natürlich Ihren Herrn Jemahl,« versetzte die alte Baronin schnell mit einem vernichtenden Blick auf die Unschuld vom Lande. Die kleine Baroneß wurde puterrot. »Ach, seien Sie nicht böse! ... Ich wußte wirklich nicht!« »Bitte! Bitte!« sagte Klothilde lachend. »Das kommt öfters vor! Mein Mann ist mir ja ein ganzes Ende an Jahren voraus ...« »Nun... der Unterschied ist jewiß nicht so sehr jroß!« stammelte das Fräulein von Stedingen hilflos und fühlte, daß sie sich immer mehr verhedderte. »Genau ein Vierteljahrhundert!« Klothilde von Spängler schaute dabei unwillkürlich auf ihren Gatten. Er näherte sich nun schon den Fünfzig. Er hatte in letzter Zeit stark eingepackt. Das spärliche Schläfenhaar war eisgrau. Die Speckfalten im Nacken lagerten tiefer, das Doppelkinn hatte sich ausgebaucht. Er trug Tränensäcke unter den kleinen, genüßlichen Augen. Durch die Strapazen der Elchjagd schienen seine blasierten Züge bleich und schlaff. Er war ihr noch niemals so alt vorgekommen wie in diesem Augenblick. Der Geheimrat achtete nicht auf seine schöne, vierundzwanzigjährige Frau. Er stand ehrlich verblüfft, mit offenem Mund – klüger wirkt er dadurch auch nicht, dachte sich Klothilde – vor dem auf den Bahnsteig getretenen kaiserlichen Kammerjunker und Kollegienassessor Waldemar von Mohr, der als zweiter Legationssekretär einer russischen Gesandtschaft im fernen Ausland eben rund um die Erde auf Urlaub heimgekommen war. Ein Diplomat wie er. Der baumlange, hochmütige junge Balte beugte den weißblonden Kopf zu dem älteren Berliner Berufsgenossen herunter und redete halblaut, lebhaft, eindringlich-vertraulich: »Wie ist das denn? Belieben Sie: Seht ihr denn nicht die Jefahr? Ihr laßt euch zwischen Rußland und Frankreich einquetschen und rührt euch nicht!« »Wir sind ja immerwährend unterwegs ...« »Was treibt ihr denn für eine Politik, seit Bismarck fort ist? Ich bin von deutschem Jeblüt! Ich diene Rußland. Ich wünsche von Gott nur Gutes zwischen Deutschland und Rußland. Und jetzt? Die Petersburger Damen sticken rotgemusterte, russische Handtücher für jede Kabine auf den französischen Schiffen, die Moskauer Kaufleute schicken den Franzosen Dutzende von silbernen Humpen, diese kleinen Advokaten und Politiker in Paris werden ja mit Gewalt verrückt gemacht! Warum schickt ihr nicht, wie zu Bismarcks Zeiten, mal einen tüchtigen kalten Wasserstrahl dorthin?« »Wir wollen die Franzosen durch Ritterlichkeit versöhnen!« Der andere lachte. »Habt ihr jetzt in Preußen so viel Humor? Früher war das nicht! Der Scherz ist gut!« »Ritterlichkeit am rechten Ort ...« »Die Franzosen bleiben eure Feinde! Die Russen laßt ihr heute zu euren Feinden werden, und um das auszugleichen, fangt ihr an, euch mit England zu verfeinden! ... Seltsam!...« »Ich sehe nicht das geringste Wölkchen am Horizont!« Der Kammerjunker von Mohr schüttelte den Kopf und schaute auf den Geheimrat von Spängler hinunter, mitleidig, wie es Klothilde zu ihrem Mißfallen dünkte. »Aber ihr erzeugt ja selber die Wolken! Erklären Sie mir nur ... ich möchte die Jelegenheit benutzen – was wollt ihr denn nur eigentlich?« »Ich verstehe Sie nicht ganz ...« »Ich bin jetzt um die Welt jereist! Überall jriff sich die Welt an die Stirn! Überall fragte man sich: Was ist in die Deutschen jefahren? Wozu auf einmal dieser Lärm?« »Wir müssen mehr als bisher die Welt auf Deutschland aufmerksam machen!« »... indem ihr die Welt nervös macht?« »Das ist nicht unsere Absicht! Wir sind, mit unseren bisherigen Potsdamer Manieren, offen gestanden, wenig beliebt gewesen. Es ist Zeit, daß mir uns in liebenswürdigerer Weise in die europäische Gesellschaft einführen!« »Aber auf diese Weise erreichen Sie das Jejenteil! Sie wirken verwirrend. Sie klopfen dem einen auf die Schulter und treten dabei dem andern auf den Fuß. Sie kommen zu oft. Auch unjebeten ...« »Ich möchte doch bitten, Herr von Mohr ...« »Ich muß mein Herz ausschütten! Ich hänge an Deutschland. Ich habe in Deutschland studiert. Jerade deswegen ... Was für Pläne verfolgen Sie? Alle Diplomaten der Erde, die ich unterwegs sprach, zerbrachen sich darüber schon den Kopf. Wollen Sie die janze Welt durcheinanderbringen und sich dann überraschend auf den Schwächeren werfen?« »Um Gottes willen!« »Wollen Sie durch diese Fontaines lumineuses und Feuerwerke von Berlin die Augen blenden und von Ihren eigentlichen Zielen abwenden?« »Wir haben gar keine Ziele!« »Haben Sie vielleicht schon jeheime Bündnisse jeschlossen und wollen uns andere durch forcierte Freundschaftsbeweise einschläfern?« »Wir denken nicht daran!« »Erbarmen Sie sich: Was wollen Sie denn dann nur?« »Nichts!« Ein Staunen zuckte um den Mund des Kammerjunkers und Kollegienassessors. Klothilde von Spängler beobachtete das unmutig und auch, daß ihr Mann unter dem ironischen Blick des langen Balten unsicher, beinahe verlegen wurde. Der reichte ihm die Hand. »Nun – ihr Deutschen seid undurchdringlich!« sagte er achselzuckend und kühl. » Enfin ... c'est le métier ... Bon voyage ...« Der Geheimtat von Spängler saß mürrisch da. So wie vor Jahrzehnten nach einer Abfuhr in Göttingen. Er selbst war ganz mit sich zufrieden. Aber der sonderbare, verschlossene Gesichtsausdruck seiner Frau mißfiel ihm. Er fragte knapp, das Einglas fest im Auge: »Was hast du denn?« »Ach – ich ärgere mich ...« »Worüber?« »Über dich! Über uns beide hier! Über uns alle!« »Weswegen?« »... weil wir uns fortwährend blamieren!« »Wir?« Herr von Spängler nahm vor Erstaunen die Zigarre aus dem Munde. »Ja, merkst du denn das nicht, Alfons?« »Nee! Weiß Gott nicht! Danke gehorsamst!« »Aber ich!« »Was verstehst denn du davon?« »Ich hab das Gefühl: Da geschieht zu viel! Und das geschieht zu oft! Und das geschieht zu laut! Und hinterm Rücken lachen sie einen aus!« »Nun ist's aber genug, ja?« »Ja, jetzt kannst du kollern ... Aber wie die Hopfenstange von Balten uns abkanzelte, da standst du da wie ein armer Sünder ...« »Klothilde ... Was ist denn das für ein neuer Ton?« »Glaubst du, es ist angenehm, wenn sie auf der Welt anfangen, auf uns herunterzuschauen?« »Ich merke von dem allen rein gar nichts!« »Ich hab zu viel altes Preußenblut in mir. So bin ich auch bei meinem Onkel erzogen. Ich bin stolz auf Preußen. Ich will nicht, daß man über Preußen lacht. Ich bin eine Pritzig!« »Na wenn schon!« brummte Alfons von Spängler und sog übellaunig an seiner Havanna. »... und solange Bismarck da war, hat auch kein Mensch auf der Welt über uns zu lachen gewagt!« »Laß mich jetzt bloß mit dem ewigen Bismarck zufrieden ... zum Donnerwetter ja!« »Ja, mich kannst du anwettern! Daheim, da seid ihr die starken Männer. Aber hier im Ausland ...« »Was denn?« »... da verliert ihr ja gleich die Fassung, sobald euch einer nur kaltblütig fixiert!« sagte Klothilde trotzig. »Erst tun wir Gott weiß wie, und dann kriechen wir ins Mauseloch. Ich hab's ja eben im kleinen gesehen ...« »Nun wird's mir aber zu bunt! Was ist denn in dich gefahren? Herrgott ... jetzt fängt sie auch noch an zu weinen...« »Ja, vor Zorn und Kummer! Ich will stolz sein auf dich und auf alles! Und nun lachen sie!« »Laß sie doch lachen!« Der Geheimrat von Spängler sprach es selbstbewußt und geringschätzig und lehnte sich bequem in die Ecke. Er streifte nachlässig die Asche von seiner Zigarre. Er lächelte schon wieder wohlwollend in Gedanken. Die spiegelten ihm die Zukunft vor. Seine Zukunft. Die baldige Exzellenz, der kommende Mann schimmerten schon deutlich durch die Verspinnung seiner geheimrätlichen Puppenstands. Bald kroch, über und über goldbetreßt, der feierliche Würdenträger aus. »Warum schaust du mich denn so an, Klothilde, als hättest du mich noch nie gesehen?« »Ich merk jetzt nachgerade, daß wir mit Wasser kochen! Aber sehr!« »Andere werden auch noch Wasser in ihren Wein tun!« sagte Herr von Spängler gähnend. Er tat seiner Frau nicht mehr den Gefallen, sich über sie zu ärgern. Da fing sie wieder an: »Red doch auch nicht immer vor diesen Leuten von Ahnen und so! Die sind von Uradel! Ich meinetwegen auch. Aber du bist doch erst seit ein paar Jahren geadelt! Wir wollen immer mit andern Dingen imponieren, als die wir wirklich haben! Das ist dumm! Das merken sie ...« »Ich scheine ja merkwürdig in deiner Achtung zu schwinden«, sagte Dr. von Spängler, nun doch deutlich gereizt. Sie waren schon zwischen Reval und Petersburg und allein in dem breiten, graugepolsterten Abteil. Auf dem waldumgebenen Knotenpunkt Taps vertrat sich der Geheimrat die Beine. »Sieh mal,« sagte er aufgeregt und geschäftig, auf der hölzernen Plattform vor dem Wagen stehend, zu Klothilde, »da sind die beiden jungen russischen Fürsten, denen ich neulich in Reval vorgestellt worden bin ...« »Oder sie dir!« »Du – ob ich mal hingeh und ihnen schnell guten Tag sag?« »Laß sie doch in Ruhe!« »Aber es wäre doch ganz nett ... Ich glaube, sie würden es hoch aufnehmen ...« Er redete verbindlich die beiden Knjäfe aus französisch an. Es waren elegante, englisch gekleidete, brünette Bojaren von Rurikblut, mit der langen, engbrüstigen, verlebten Vornehmheit des Pariser Großfürstenschlags. Der eine meinte leise und nachlässig erstaunt durch den Rauch seiner Papyros: »Sie gehen jetzt nach Petersburg? Petersburg gehört in diesen Wochen den Franzosen!« Dann hörte Klothilde das leutselige, aber sehr selbstbewußte Lachen ihres Mannes. »Gerade darum, Durchlaucht! Die Welt muß sich daran gewöhnen, daß wir Deutschen auch auf der Welt sind! Wir dürfen nirgend mehr fehlen, wo etwas los ist!« Er trat an das Bahnhofsbüfett, um sich eine pilzgefüllte Pirogge zu kaufen. Die Fürsten schritten zu ihren Plätzen zurück. Der eine sagte vor Klothildes Ohren unten, im Vorbeigehen an ihrem Wagen, ohne sie zu bemerken, achselzuckend: »Deutlicher als wir gegen Deutschland sind, kann man doch nicht werden!« Und sein Bruder, nachlässig: »Dies Nachlaufen ist geschmacklos!« Das »Hotel de France« in Petersburg war ein französisches Heerlager. Dreispitze der Admirale und Diplomaten, rote Bändchen der Ehrenlegion, Zylinderhüte spitzbärtiger Pariser Journalisten, Lammfellmützen und Käppis, blauweißrote und schwarzgelbweiße Fahnen an den Fenstern auf dem Dworzowplatz. »Ich möchte nur wissen, was wir hier verloren haben, Alfons!« »Gott... Wenn man so zufällig in den Zauber hineinschaut...« »Wir hätten zur See heimfahren können!« »Danke gehorsamst für das Geschaukel! Ich finde diese Affenkomödie hier direkt neckisch!« »... in der unsere Feinde sich gegen uns verbrüdern!« »Wieso denn Feinde? Warum immer diese unnötig starken Ausdrücke? Das ist auch so 'ne schlechte deutsche Angewohnheit! Dies Kraftmeiertum ist vieux jeu! Letzter Theaterdonner aus dem Sachsenwald!« »Du bist von einem unverwüstlichen Optimismus...« »Bin ich auch! Sind wir alle! Wozu denn Schwarzseherei!? Ich freue mich diebisch, wenn der gute Zar stehend die Marseillaise anhört! Ein Schauspiel für Götter!« »Du tust, als säßest du im Theater, und die anderen spielten dir nur etwas vor!« »Tun sie auch!« Herr von Spängler schlüpfte sonnig und selbstzufrieden in seinen Mantel und setzte sich den Hut auf. Man mußte sich vor seinem verbindlichen, oft fast unterwürfigen Lächeln hüten. Plötzlich, unvermutet brach eine schneidende, unangenehme Bestimmtheit durch. »Tun sie, Mathilde! Man muß diese Festivitäten nicht zu tragisch nehmen!« »Aber wir feiern doch selbst ununterbrochen in Deutschland Feste!« »Na ja – wir! ... Das ist natürlich ganz was anderes!« »So ...« »Nun los! Ich muß mir den Zauber vom Ufer aus anschauen!« »Mußt du denn überall dabei sein?« »Nur inkognito! Etranger de distinction! Thilde... sei kein Frosch und komm nach Kronstadt mit!« »Ich hab da als Deutsche nichts zu suchen. Ich bin ein preußisches Soldatenkind!« »Jugendliche Unbesonnenheit!« sprach der Geheimrat von Spängler voll nachsichtiger Würde. Diese großmütige Überlegenheit hatte er gegen jedermann – gegen seine Frau – gegen das deutsche Volk – gegen die feindlichen Völker draußen, deren Treiben er so belustigt betrachtete, als seien es mit Pfeffernüssen spielende Kinder. Trotzdem lag ihm jetzt ein unbehagliches Schweigen auf den lebemännischen Lippen. Flüchtige, eheliche Aprilgewitter hatte es im letzten Halbjahr schon wiederholt in seinen vier Pfählen gegeben... Nahm man nicht ernst!... Aber heute war es das erstemal, daß sich Klothilde bewußt und trotzig seiner Führung entzog. Es ging ihm nicht recht in den Kopf. »Ich habe mich doch nun schon verabredet, Klothilde! Mit den Cramfords und de Silva und Herrn Aalstrup ..« »Die können hin! Das sind alles keine Deutschen!« »Nee – aber kolossal deutschfreundlich – durch die Bank.« »Das denkst du von jedem Menschen! Warum sollen uns denn eigentlich alle Leute so liebhaben? Wir treten doch gar nicht so furchtbar herzgewinnend auf.« Ihr Gatte stampfte mit dem Fuß. »Klothilde ... Du machst mich ernstlich böse!« »Du mich auch!« »Du hast dahin mitzugehen, wohin ich gehe!« »Ich gehe nicht ... Ich gehe nicht ... Ich gehe nicht ...« »Ein Eigensinn ...« »Und eine Geschmacklosigkeit, sich dahin zu stellen, wo wir die Dummen sind!« Herr von Spängler stülpte sich heiter den Hut auf den Kahlschädel. Der Vorwurf der geistigen Unzulänglichkeit machte ihm Spaß. »So dumm ist niemand auf der Welt, daß er uns für dumm hält! Man hat überall höllische Manschetten vor uns!« »Ja, jetzt noch! Weil Bismarck noch nicht lange weg ist!« Er überhörte es geflissentlich und streckte ihr die Hand hin. »Thildchen ... Schafi ... Flugs! Komm mit!« Ein hartnäckiges Kopfschütteln. »Ich kann dich doch hier nicht den Mittag über allein lassen!« »Mich stiehlt keiner!« »Na – dann mopse dich in Gottesnamen! Ich gehe jetzt! Da swidanje!« Klothilde zuckte bei den schäkernden russischen Abschiedsworten ungeduldig die Schultern. Ihr Mann war schon weg. Sie saß eine Weile, die Hände im Schoß, und nagte quälerisch an der Unterlippe. Dann gähnte sie nervös und trat gelangweilt an das Fenster. Unten schwenkten Kinder blauweißrote Fähnchen, elegante Petersburgerinnen trugen Trikolorenschleifchen an der Brust. Es wurde schon sehr heiß. Durchdringender Teergeruch stieg aus dem sonnenüberglühten Holzpflaster der Morskaja. Ein Dunst von Staub. Eintönig klang aus den Nebengassen das Geschrei der Kwaß- und Erdbeerenverkäufer. Ein ferner, sich nähernder Jubel: da waren die ersten französischen Matrosen. Arm in Arm mit ihren russischen Kameraden. Sie hatten mit ihnen die bebänderten Mützen getauscht und gingen in einer blauen Reihe mit schlendernden Seebeinen. Haufen von Neugierigen um sie. Begeisterte Damen blieben stehen und winkten mit weißen Tüchern. Klothilde von Spängler setzte sich an den Tisch, kramte ihr Reisetintenfaß aus dem Necessaire und schrieb Briefe nach Hause ... Das Schreiben an den Onkel Louis Ferdinand und die Tante Gesine in Berlin begann: »Hier ist alle Welt närrisch geworden und der gute Alfons mit!« und schloß: »Vorläufig sitze ich hier als Strohwitwe im Hotel und bin wahrscheinlich augenblicklich der einzige vernünftige Mensch in ganz Petersburg und wollte, ich wäre daheim und bei meinem Jungen! Es küßt Euch Eure dankbare Nichte Klothilde!« Das Hauptpostamt in der Poschtamtskaja an der Isaakkathedrale war nicht sehr weit. Sie trug die Briefe selber hin, um die Zeit totzuschlagen. Sie mußte sich auf ihren Ortssinn verlassen. Lesen konnte sie die russischen Straßennamen nicht. Die Stadtsoldaten an den Ecken verstanden keine deutsche Frage. Stieg man in einen Iswoschtschik, so konnte man nicht wissen, wohin einen der langmähnige Kerl entführte. Sie fühlte sich schutzlos in der großen fremden Stadt. Asiatische Unheimlichkeit um sich. Bis zum Postamt ging es. Da hatte sie sich die Richtung eingeprägt. Aber auf dem Rückweg geriet sie in eine Pereulok, eine Seitengasse, dann an einen Kanal, schritt unschlüssig weiter, immer von Iswoschtschiks verfolgt, die mit ihren leeren Wägelchen lärmend und einladend neben ihr herfuhren und nicht begriffen, daß die Barinja zu Fuß ging. Sie machte zögernd an einer Ecke halt. Sofort haschten da aus einem Bündel Unglück am Boden die Krüppelfinger eines Bettlers nach ihrem Rocksaum. Sie raffte ihr Kleid und drehte entsetzt um. Am Ende der Straße trat ihr ein Mensch in Polizeiuniform mit mongolischen Backenknochen in den Weg und fragte sie etwas, was sie nicht verstand. Sie wich scheu aus und eilte auf die andere Seite der Straße und floh um die Ecke und fand sich in einer breiten, endlosen Verkehrsader mit glänzenden Läden, saufenden Trabern, geputzten Menschen, die sich rechts und links ins Weite dehnte. Es wurde Klothilde von Spängler immer banger zumut. Sie ging langsam den Newskiprospekt entlang und wußte nicht, ob sie sich dabei nicht immer mehr von ihrem Hotel entfernte. Ihr Trost waren die deutschen Laute, die häufig genug an ihr Ohr schlugen. Sie nahm sich endlich vor, den nächsten Begegnenden anzureden und nach dem Weg zu fragen. Da kam wieder eine Gruppe von Herren. Sie blickte zögernd hin und sah ein bekanntes Gesicht. Einen hochgewachsenen, etwa dreißigjährigen Mann mit blondem Schnurrbart, der eine Sekunde stutzte, sie auch erkannte und dann, mit einem sehr förmlichen Lüften des Strohhuts, weitergehen wollte. Aber fast zugleich merkte er an ihrem ungewissen Gesichtsausdruck, daß ihr eine Frage oder Bitte auf den Lippen lag. »Also heute um fünf Uhr bei Ihnen in der Offizarskaja, Gospodin Roschko! Empfehlen Sie mich Anna Nikolajewna!« sagte er auf deutsch zu dem Russen neben ihm und verabschiedete sich von ihm mit einem Händedruck. Dann trat er zu Klothilde von Spängler. Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Gott sei Dank, Herr Nimis! Sie kommen wie ein Engel vom Himmel!« »Um Himmels willen! Was ist denn geschehen?« »Total verlaufen hab ich mich! Tun Sie ein gutes Werk und bringen Sie mich armes Waisenkind wieder in das Hotel de France, wenn Ihnen der Weg nicht zu weit ist!« »Ich wohne selbst dort, gnädige Frau!« »Ach, wie komisch!« »Ich habe dieser Tage mein möbliertes Quartier hier aufgegeben und kehre nach Deutschland zurück.« »Wie lange waren Sie denn in Petersburg?« »Mehr als ein Jahr. Nun bin ich hier nicht mehr nötig. Die Geschichte läuft allein weiter!« Er war mit ihr umgekehrt, so daß sie merkte, daß sie die ganze Zeit in falscher Richtung gegangen war, und schritt neben ihr her und sagte: »Am meisten wundert es mich, daß Sie mich überhaupt erkannt haben!« »Wieso?« »Nun, von unseren früheren Begegnungen blieb Ihnen niemals etwas in der Erinnerung!« Sie lachte. »Das habe ich aber auch bereut und bin in mich gegangen! Sie sehen, ich habe Sie mir inzwischen eingeprägt. Mein Onkel Louis Ferdinand hat im letzten Jahr auch mit mir öfters über Sie gesprochen. Er hält große Stücke von Ihnen!« Leo Nimis erwiderte nichts. Erst nach einer Weile fragte er: »Wo ist denn Ihr Herr Gemahl?« »Bei den Franzosen!« Die prompte Antwort verblüffte ihn. Sie ergänzte mit einem gereizten Obenhin: »Er möchte doch auch etwas von der Kronstädter Herrlichkeit genießen ...« »So, so ...« »Ja, das sag ich auch! Wie? Ob mein Mann denn nicht um mich in Sorge ist? Nee – gar nicht, Herr Nimis!« »Es wäre aber Grund! Der Deutschenhaß wächst unheimlich!« »Glaubt er Ihnen nicht!« »... oder vielmehr, der alte Haß wird jetzt von der Kette gelassen ...« »In seinen Akten steht das anders! ... Sehen Sie nur den Blaufuchs da im Schaufenster! Pelze gibt es hier! Zum Träumen!« »Ja Gott, die Akten!« »Er findet Petersburg ganz gemütlich!« »Petersburg ist nicht Rußland. Er sollte einmal nach Moskau kommen. Da ist die große slawische Hexenküche. Ich kenne Rußland. Ich möchte immer warnen! Aber unsereiner hat ja in Deutschland nichts zu sagen. Die Herren in Amt und Würden wissen ja alles viel besser!« »Nicht wahr? Ich habe manchmal den Eindruck: Wir tragen Scheuklappen rechts und links!« »Ach, gnädige Frau, den Eindruck habe ich gehabt, sobald ich als junger Mensch nach Deutschland kam, und er hat mich seitdem keinen Tag mehr verlassen!« »Aber was kann man denn da nur tun?« »Ich kann nichts tun! Denn der Auslanddeutsche ist in Deutschland ein lästiger Außenseiter. Er hat die Dinge doch nur selber gesehen, aber er besitzt keine Kenntnis der Akten. Da schiebt man ihn schonend beiseite. Jeder Referendar ist gegen ihn ein höheres Wesen. Jeder Privatdozent, der nie aus seinen vier Wänden herauskam, belehrt ihn über Gott und die Welt. Da muß man sich daran gewöhnen. Und doch möchte man immer wieder denen daheim die Augen öffnen. Heute ist im offiziellen Rußland der Stein ins Rollen gekommen. Gegen Deutschland. Zurückpfeifen kann man so eine Lawine nicht mehr. Wie und wann sie endet, das wissen die Götter! So, gnädige Frau! Hier sind Sie glücklich angelangt!« Er reichte Klothilde von Spängler die Hand und ging hinüber nach der Polizeibrücke, um da oben im ersten Stock bei Leiner zu frühstücken. Sie stieg in ihr Zimmer hinauf. Nach einiger Zeit kam da auch ihr Mann. Sehr aufgeräumt. Sein sattes Gesicht war vom finnischen Wind gerötet. Er schien jugendlicher als die Tage bisher. Was er draußen gesehen hatte? Gott, eigentlich nicht so viel. Das Bild war eben entzückend: die blaue See mit den grauen und schwarzen Panzern, wo auf der »Marengo« Zar und Zarin, Großfürsten und Großfürstinnen die Gäste Frankreichs gewesen, ihre weiße Prunkjacht »Derschawa«, das beflaggte Kronstadt, wo das Verbrüderungsfest im Marineklub stattgefunden, das stolze Palais Peterhof, in dessen Paradesaal der Zar gestern die französischen Offiziere bewirtet hatte, die für heute zum großen Rout der Stadt Petersburg und der abendlichen Ehrentafel der russischen Artillerie in die Hauptstadt geladen waren ... Feste über Feste ... Verflucht großzügig machten sie so was ... die Russen... Alle Achtung! Der Geheimrat war einen Augenblick, während er sich die Hände wusch, voll ehrlicher Bewunderung. Dann blinzelte wieder die alte Gönnerhaftigkeit aus seinen vergnüglichen Augen. »Das heißt ... na ja ... also... ganz nett, was sich die Leutchen da so in ihrer Unschuld zusammenzaubern! ... An sich natürlich ein lächerliches Schauspiel! Immer Pärchen: ein französischer Matrose und ein russischer. Sie reden mit Zeichen miteinander, und der Russe schmatzt den Franzosen auf beide Backen. Die ganze Blase ist verrückt, von A bis Z!« »Einander küssen sie und uns hassen sie!« »Ah bah! ... Das ist nur Schaumschlägerei! Unser nächster Besuch hier mit gehörigem Kanonendonner und ausgiebigem Ordensiegen und nettem dreimaligen Hurra auf den Zaren macht alles wieder weit!« »So? Ich hab anderes gehört!« »Nun aber genug!« Herr von Spängler wedelte gereizt mit dem nassen Handtuch. »Was verstehst denn du davon, möchte ich nur wissen! Du kannst das alles doch nur nach mir beurteilen ...« »Du giltst ja auch für solch eine Leuchte!« »Na also! Dann sei doch zufrieden, liebes Kind! Ich weiß nicht, was diese ewigen Szenen zwischen uns seit einiger Zeit bedeuten sollen! ... Ich springe nur eben hinunter und hole mir die neue Zeitung!« Als er mit dem deutschen »St. Petersburger Herold« in der Hand wieder hereinkam, rötete nicht mehr die Seebrise, sondern ein dumpfer Ärger seine peinlich überraschten Züge. Er setzte sich mißmutig hin und wartete, daß seine Frau ihn fragen sollte, was geschehen sei. Aber sie tat ihm nicht den Gefallen. Endlich konnte er nicht mehr an sich halten und platzte los: »Du ... das ist doch ein tolles Stück ...« »Weißt du, welchen Trinkspruch der französische Admiral, der Gemütsmensch, ganz unverfroren bei der Festtafel ausgebracht hat? Wörtlich ... hier steht's: ›Ich wünsche der russischen Armee von Herzen, daß sie sich bald mit neuen Lorbeeren bedecke!‹ ..., Gegen wen denn? ... Ich frage: gegen wen?« »Wahrscheinlich gegen die Marsbewohner, Alfons!« Herr von Spängler brummte etwas Unverständliches. Er war sehr gereizt. Seine Frau blieb kühl. Sie betrachtete ihn mit einem stillen Lächeln, das ihn noch mehr in Harnisch brachte. Bis zu diesem Lächeln beginnenden Zweifels durfte man es gar nicht erst kommen lassen! Nicht bei den Frauen und nicht bei dem Volk! Beide verlangten eine feste Hand! Hatten zu gehorchen! Er sagte streng und verweisend: »Du ironisierst meine Worte? Mein Kind, ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als du! Merke dir das!« Der kupferbraun gewellte, schöne, jugendliche Frauenkopf vor ihm neigte sich zustimmend. Es fiel ihm ein, daß die Betonung des Altersunterschieds seine Stellung nicht stärkte. Er sah ohnedies oft, wenn er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden war, den Kahlkopf auf die hohle Hand gestützt, und sann kummervoll darüber nach, daß sein Sohn sein Enkel sein konnte. Er lenkte ab: »Wenn ich nur wüßte, was diese Kronstädter Bundesbrüder gegen uns wollen! Wir tun doch niemand was! Wir haben doch die besten Absichten! Wir möchten doch nur mit aller Welt in Frieden und Freundschaft leben! Wir versichern es doch seit Jahr und Tag, so laut und so oft wir nur irgend können ... Du, Thilde ... kannst du dir übrigens vorstellen, wer unten im Hotel an mir vorbeilief? Der alte Protégé deines Onkels Louis Ferdinand, dieser Herr Nimis!« »Ja. Ich weiß ...« »Woher?« »Wir sind vorhin zusammen über den Newskiprospekt hierher gegangen!« Über das Antlitz des Geheimrats zuckten Gewitterwolken. Er riß die Augen auf. »Du?« »Na ja!« sagte sie leichthin. »Wie kommst du denn dazu?« »Gott – ich hatte mich beim Spazierengehen verlaufen und ihn zufällig getroffen!« »So? Na – dem Herrn werd ich ...« »Was denn?« Klothilde von Spängler sprang auf und trat streitlustig auf ihren Mann zu. Zwei krause Wetterfältchen standen ihr zwischen den dichten, dunklen Brauen. »Sei so gut und mache dich nicht lächerlich, Alfons!« »Ich!« »Dich und mich! Diese Art Eifersucht ist lächerlich!« Eine Sekunde war der Geheimrat betroffen. Er wußte: Er war eifersüchtig wie ein Türke! Viel zu eifersüchtig. Aber der Zorn ging mit ihm durch. »Ich werde diesen Herrn mit aller wünschenswerten Entschiedenheit belehren ...« »... daß man eine Dame, die einen auf der Straße um Hilfe bittet, stehen läßt und weitergeht!« »Du hättest ihn eben nicht bitten sollen!« »... und du hättest mich dann irgendwo von der Polizeiwache abholen können!« »Wie kämst du denn dahin?« »Wer kann denn wissen, weswegen er hierzuland eingesperrt wird!« Diese Art von Frauenlogik machte den Geheimrat von Spängler wütend. Er lief auf und ab. »Solche Leute sind kein Umgang! Solche Leute sind nicht gesellschaftsfähig!« »Wen mein Onkel Louis Ferdinand in seinem Hause aufnimmt, der ist es! Lieber Alfons, darauf kannst du dich verlassen!« »Jedenfalls, in unser Haus kommt dieser Herr Nimis nicht wieder!« »Da paßt er auch nicht hinein! Den Eindruck hatte ich schon voriges Jahr. Er hat einen viel zu weiten Blick für unsern Kreis.« »Klothilde!« »Er kennt die Welt zehnmal besser als ihr alle und hat ein klares Urteil über alles! Man hat das Gefühl: wenn er etwas sagt, dann ist es auch so!« »Haarsträubenden Kohl hat er damals produziert! Ich erinnere mich noch genau!« »Onkel Louis Ferdinand meint auch, er sei eine ganz hervorragende Kraft und eben mit jenen praktischen Fähigkeiten ausgestattet, die in Preußen nicht gelten, weil da ja alles nur auf den Namen und das juristische Examen ankäme!« »Dein Onkel ist ein alter Jakobiner!« schrie Herr von Spängler. »Der Onkel meinte, mit solchen Leuten wie diesem Herrn Nimis treiben wir in Deutschland Raubbau zugunsten unserer Mandarinenkaste!« »Das bin ich also!« »... und unsere Tschinowniks seien schwerfällige, lederne, unpraktische Leute! Anderswo als in Deutschland würde man aus so jemand wie Herrn Nimis etwas ganz anderes machen als einen beschränkten Untertan!« »Dann soll er doch dahin gehen!« »Das tut er ja auch! Er ist ja hier! Solche Leute gehen schließlich ins Ausland, sagt Onkel Louis Ferdinand, und uns verloren! Die Assessoren – die wanderten nicht aus! Die bleiben!« »Ich war auch mal Assessor!« »Und ich für meine Person muß sagen: Wenn wir beide, du und ich, einmal irgendwo in einer fremden Gegend tüchtig in die Klemme gerieten und Herr Nimis käme zufällig dazu, so würde ich sofort beruhigt sein, daß alles in Ordnung kommt!« »... indem er seinen Musterkoffer auspackt – he?« »Nein. Mit seinem gesunden Menschenverstand!« »... den ich nicht besitze?« »Warum vergleichst du dich denn nur fortwährend mit ihm, Alfons?« »Das habe ich mit keinem Wort getan! Ich wüßte auch nicht worin wir uns ähneln!« »Ich auch nicht!« »Gott sei Dank bin ich kein höherer Kommis!« »Na – weißt du: Mir scheint, er sieht genau so aus wie ihr! Und benimmt sich auch so. Oder besser!« »Klothilde, du verwilderst!« Sie lachte hell auf. »Du äußerst da ein Zeug, Klothilde! Die Haare stehen einem ja zu Berg!« »Du hast ja gar keine, Alfons!« »Solche Leute wie dieser Herr Nimis laufen bei uns zu vielen Tausenden herum!« »Um so unbegreiflicher, daß ihr sie nicht besser zu gebrauchen versteht!« »Aber es sind eben Menschen von bescheidener Geburt...« »Mehr wie geboren sein kann man doch eigentlich nicht!« »... sie müssen sich selber ihr Geld verdienen!« »... und haben schließlich mehr wie wir!« »... und zu diesem Zweck des Geldverdienens eine unruhige Betriebsamkeit entwickeln! Dieser Herr ist ja auch ewig auf der Walze! Mir wäre schon der Gedanke an die Reisestrapazen ein Greuel!« »Er ist ja auch so viel jünger als du! Er hält es leichter aus!« »Das gehört gar nicht zur Sache!« versetzte Herr von Spängler scharf und wurde wieder bis zur kahlen Stirn hinauf zürnend rot. »Solche Handelsbeflissenen müssen mit Christen und Juden ihre Geschäfte machen, um ihren Kram loszuwerden! Sie verlieren dadurch jeden Charakter ...« »Ich glaube, er hat einen sehr festen Charakter! Ich glaube, auf ihn könnte man sich unbedingt verlassen!« »Nimmst du ihn schon wieder in Schutz?« »Gegen deine ungerechtfertigten Angriffe!« »Was geht er dich an?« »Ja und dich?« »Ich zeige dir, wie so jemand in Wirklichkeit ausschaut...« »... und ich glaub es dir nicht!« »... statt des Idealbilds, das du dir von ihm machst!« »Das schaffst du ja erst in mir, Alfons! Merkst du das denn nicht?« »Du hast ihn nicht zu verteidigen!« »Du hetzst mich ja fortwährend hinein!« »Du hast dich überhaupt nicht mit einem fremden Mann zu beschäftigen ...« »... wenn du mir unausgesetzt die Ohren von ihm vollredest!« »... sondern die Begegnung mit ihm zu vermeiden!« »... wo du mich in einer wildfremden Stadt allein läßt!« Klothilde von Spängler starrte mit einem rätselhaften, trotzigen Lächeln vor sich hin und versetzte nach einer Weile ruhig: »Das ist doch ganz natürlich: Wenn du ein gehässiges Zerrbild von jemand entwirfst, der es nicht verdient, dann ärgert man sich über soviel Ungerechtigkeit. Das erbittert einen förmlich. Herr Nimis ist ein tadellos aussehender Mensch, der in jeder Gesellschaft seinen Platz ausfüllt, und dabei offenbar ein sehr kluger Mensch und ein unermüdlich tätiger Mensch und ein sehr energischer und unerschrockener Mensch. Und ein durch und durch anständiger Mensch dabei! Das ist meine Meinung!« Der Geheimrat von Spängler war im Sturmtrott eines Eisbären im Käfig durch das Hotelzimmer hin und her gependelt und stand nun jäh und düster still. Auf seinen Mienen dämmerte die Selbsterkenntnis eines Mannes, der eine große Dummheit begangen. Er lenkte ein. Er wurde zusehends der Alte. Er setzte sich, zündete sich eine Zigarre an. Schaute zerstreut durchs Fenster. Sprach im ersten Schmauchen jovial, etwas väterlich im Ton: »Schön! Einigen wir uns auf die mittlere Linie. Herr Nimis ist ein durchaus tüchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Man muß ihm die Achtung entgegenbringen, die man jedem fleißigen Zeitgenossen schuldet. Diesen guten Durchschnitt müssen wir in Deutschland pflegen ...« »Ich weiß, wo der Durchschnitt steckt!« sagte Klothilde. »Anständiges, solides Mittelmaß! Alles andere, nur kein Entrüstungsobjekt!« Sie zuckte die Achseln mit einem still lächelnden Trotz. Ihr Mann fuhr fort: »Mag er nur weiter für uns in Rußland tätig sein! Kaufleute sind Pioniere, die wir Generale gar nicht entbehren können!« »Er bleibt nicht in Rußland! Er kehrt in diesen Tagen auch nach Deutschland zurück. Er hat's mir gesagt!« Der Geheimrat hob aufmerksam den Kopf, überlegte. Nickte selbstzufrieden. »So? ... Du – da hab ich eine Idee! ... Das trifft sich ganz gut! Da könnte er sich gleich sehr nützlich machen!« »Für dich?« »Nee! Danke! Brauch ich nicht! Aber für die Balten! Der gute Bartenschildt hat mir ein Bündel Briefe anvertraut, die die russische Post lieber nicht befördern soll ... an andere, nach Deutschland geflohene Barone! Ich befasse mich ungern mit dem Ostseeprovinzenzeug... als offizieller Mensch ... wo ich so durchaus dafür bin, ja nicht die Russen unnötig vor den Kopf zu stoßen ...« »Ja – sei nur recht vorsichtig, Alfons!« »Dieser Herr Nimis ist ein in weitesten Kreisen unbekannter Privatmann ...« »Ich glaube, den kennen sie auf der ganzen Welt besser als dich!« »Er riskiert nichts, wenn er die Briefe nach Deutschland mitnimmt! Dann bin ich sie los! So ist doch die ganze Geschichte noch zu was gut!« Er klingelte und reichte dem eintretenden Kellner seine Karte. »Bitten Sie doch Herrn Nimis, er möchte sich auf einen Augenblick zu mir bemühen!« »Zu dir?« fragte Klothilde mit großen Augen, während der Kellner verschwand. »Wenn man etwas will, geht man doch selber zu dem Betreffenden!« »Nee – ich danke schön! Hab ich nicht nötig! ... Kind ... wenn ich bitte ... gewissermaßen halbamtlich ...« »Das imponiert ihm gar nicht!« »Er läuft doch hier jedenfalls tagsüber von einem Kontor ins andere. Da wird er wohl auch noch den Weg hierher finden! Da ist er schon! Ich empfange ihn im Eingangszimmer, Thilde!« Aber es war nur der Kellner, der zurückkam. Herr Nimis war ausgegangen »So? Na, und meine Karte?« Die hatte der Privatsekretär des Herrn Nimis an sich genommen und sich den Fall notiert. Herr von Spängler lachte entrüstet. »Einen Sekretär leistet sich der junge Mann bereits!« sagte er zu seiner Frau und dann wieder zu dem Deutsch sprechenden Kellner gewendet: »Was, mein Bester, einen Diener hat er im Vorzimmer, der anmeldet?« »Nun ja ... wundert dich das?« fragte Klothilde. »Wie, mein Lieber, er hat sein Petersburger Bureau noch nicht aufgelöst, sondern bis zu seiner Abreise mit ins Hotel genommen? Auch noch einen Plantechniker? Drei Schreibmaschinenfräulein für deutsche, russische und englische Korrespondenz ... danke gehorsamst ... genügt...« Der Kellner ging. Herr von Spängler wandte die wohlbeleibte Gestalt mißmutig gegen das Fenster. Es war mehr gekränkte Würde als Zorn in seinem gereizten Achselzucken. »Also das ist doch grober Unfug, Klothilde! Unsereiner packt hier seinen Koffer selber, und Herr Nimis reist mit Gefolge und Dienerschaft wie eine exotische Fürstlichkeit!« »Nein, Wie jemand, der für Deutschland viel zu tun hat. Das verstehst du eben nicht!« »Sei nicht naseweis!« »Ach – dazu ist das alles viel zu ernst!« Geheimrat von Spängler ließ den Deckel seiner goldenen Taschenuhr springen. »Donnerwetter! Schon drei! Zu dumm, daß ich mir den Menschen ... Aber ich kann doch meine Karte nicht wieder feierlich zurückfordern.« »Er wird schon nicht kommen!« »Meinetwegen! Ich muß jetzt rasch einmal nach dem Newski hinüber und nach unseren Fahrkarten schauen. Ohne Protektion bekommt man morgen keinen Platz im Berliner Schnellzug! Kind ... lasse doch die Zigaretten! Das ist das Neueste bei dir!« »Ja. Das ist das einzige, was ich in Rußland profitiert habe.« »Dies ewige Rauchen ist ungesund!« »Aber gut gegen die Nerven!« »Woher hast denn du Nerven?« »Von der Langeweile.« »Und warum hast du Langeweile?« Herr von Spängler sah sich neben seiner Frau im Spiegel. Er leidlich gut erhalten ... rosig-runzeliges Mittelalter ... und sie: blühender, sprossender Mai des Lebens. Er sagte nichts weiter. Er ging bekümmert aus dem Zimmer. Kaum war er fort, so warf Klothilde auch die Papyros wieder in die Ecke. Sie unterdrückte ein Gähnen. Schaute, am Fenster stehend, wie ihr Mann unten vom Portier und Kommissionär in eine Droschke gesetzt wurde und davonfuhr. Dann drehte sie sich um. Es hatte geklopft. Ein Unbekannter stand auf der Schwelle. Er sagte kurz: »Ich bin der Sekretär des Herrn Nimis. Er kam wieder. Er erwartet Herrn von Spängler bei sich auf seiner Nummer im zweiten Stock.« Klothilde von Spängler wußte nicht, daß dem Deutsch der Deutsch-Russen des Mittelstandes im eigentlichen Rußland – nicht in den Ostseeprovinzen – leicht ein ungewollt rauher, barscher Ton anhaftete. Sie glaubte, eine Gereiztheit des Auftraggebers aus den Worten herauszuhören. Sie gab dem Herrn die Hand. Das ständige Händeschütteln hatte sie den Russen schon abgesehen. »Bitte, bestellen Sie Herrn Nimis, es sei natürlich ein Irrtum! Nicht Herr von Spängler, sondern ich, Frau von Spängler, hätte den Wunsch ausdrücken lassen, ihn zu sehen!« »Sehr gut!« Kaum eine Minute später hörte sie Leo Nimis' Stimme draußen, Sie wurde etwas blaß und trat schnell und lächelnd in den eigentlich zum Aufenthalt des Dieners bestimmten Vorraum, der nach russischer Art das Zimmer vom Gang abschloß und nur einen Tisch für den Samowar und ein paar Stühle enthielt. »Sehr liebenswürdig, Herr Nimis! Bitte, nehmen Sie Platz und seien Sie nicht böse! Ich habe Sie auf einen Moment hergebeten, um mich bei Ihnen zu entschuldigen! Mein Mann ist nicht da. Er ist manchmal ein bißchen ein Konfusionsrat. Selbstverständlich wollte er zu Ihnen, nicht umgekehrt. Es wurde falsch ausgerichtet. Er wollte Sie irgendeine Kleinigkeit fragen. Die Geschichte ist aber inzwischen schon erledigt. Für Sie auch, nicht wahr? Hand darauf! Sie sind eben ein vernünftiger Mensch! Sie denken über so etwas nicht weiter nach ...« »Wenn ich keine anderen Sorgen im Leben hätte, gnädige Frau!« sagte Leo Nimis. Sie hob lebhaft den schönen Kopf. Ihre hellblauen Augen fragten mit: »Sie und Sorgen?« »Es geschehen zu viel Dummheiten!« »Sie machen gewiß keine!« »Wir vielleicht nicht. Aber Dummheiten von oben. Die müssen wir ausbaden!« »Komisch, das sagt einem jeder, der sich in der Welt auskennt!« In dem Schweigen, das ihrem Seufzer folgte, hätte Leo Nimis sich erheben und seinen Besuch beenden können. Aber er blieb sitzen. Er prüfte beinahe besorgt, mit einem treuen, wachsamen Blick der Augen, das halb beschattete längliche Rund ihres zarten Gesichts. »Sie sollten auch bald abreisen, gnädige Frau, ehe Sie sich hier was holen! Der Sommer in Petersburg ist sehr ungesund! Ziehen Sie sich abends nur immer recht warm an und trinken Sie um Gottes willen kein Newawasser!« Sie lachte belustigt. Dabei war es plötzlich ein beruhigendes, beinah angenehm einschläferndes Gefühl, daß ein vernünftiger, erfahrener Mann für sie sorgte. »Wer ein besonderer Sicherheitskommissarius ist, gnädige Frau, putzt sich hier im Hochsommer sogar die Zähne mit Mineralwasser ...« »Sie tun, als ob Sie ein Doktor wären ...« »... weil Sie sehr blaß aussehen, gnädige Frau!« »Das ist nur der Ärger ...« »Worüber?« »Ach ... so ... Manchmal regt sich in mir der Widerspruchsgeist. Obwohl ich nichts davon verstehe ... Oder es höchstens halb verstehe, was vielleicht noch schlimmer ist. Denn im Haus meines Onkels, in dem ich aufgewachsen bin, war natürlich vom Morgen bis zum Abend von Politik die Rede, und ich gewissermaßen sein Privatsekretär ... Sie können sich denken: Während er unter Bismarck im Amt war ...« »Da sind Sie wahrscheinlich sogar die Mitwisserin von Staatsgeheimnissen!« Frau von Spängler beugte sich eifrig vor. Ihr warmer Atem streifte sein Gesicht. Der Rosenbusch an ihrer weißen Spitzenbluse schmeichelte in einem ganz leisen, süßen Duft. »Das größte Staatsgeheimnis – sagt mein Onkel alle Tage – das ist, daß seit Bismarcks Sturz alles verkehrt gemacht wird! Et c'est déjà le secret de Polichinelle !« Leo Nimis lachte herzlich. Unbefangen und gesund wie ein großer, vergnügter Junge. »Es geschehen Mordsdummheiten. Das wissen schon die Eskimos, Na – wir machen sie eben wieder wett!« »Können Sie das?« »Ewig kann ja nicht illuminiert und geflaggt und geredet und telegraphiert werden! Wenn die Luft rein ist, gehen wir Deutschen im Ausland wieder still an die Arbeit. Es ist Kleinarbeit. Man braucht Geduld dazu, und Dank erntet man von den hohen Herren daheim nicht! Im Gegenteil: Sie machen einem das Leben sauer und schauen auf einen herab. Aber ich lasse mich die Mühe nicht verdrießen.« Er saß vor ihr in seiner blonden, sicheren, jungen Ruhe wie eine Verkörperung neuer deutscher Kraft. Es ging Zuverlässigkeit von ihm aus. Überlegenheit über die Menschen und Dinge Halbasiens, in dem er Fabriken und Kraftwerke aus dem Boden stampfte, und – so schien ihr – auch Überlegenheit über viele deutsche Menschen und Dinge daheim. Er machte eine kurze Bewegung mit dem sonnengebräunten Kopf in die Weite. »Solch eine kolossale, ganz neuzeitliche Industrieanlage, wie wir Deutschen sie jetzt, mit Gottes Hilfe und der Pariser Rothschildgruppe zum Trotz, im letzten Jahr hier in Petersburg eingerichtet und finanziert und in Betrieb gebracht haben, macht auf die Dauer in einem Lande viel mehr Eindruck als diese Theateraufzüge am hellen Tag. Die Russen erkennen es auch an! Ich habe eben in diesen Tagen aus der Kanzlei des Ordenskapitels auf Verwendung des älteren Gehilfen des Ministers des Innern eine, wie sie hier behaupten, ganz nett hohe Stufe des St.-Stanislaus-Ordens erhalten!« »Und aus Berlin?« »Berlin?« Er machte erstaunte Augen. »Dort wissen sie doch gar nicht, daß ich existiere.« »Zu dumm!« »Ach, lassen Sie's doch, gnädige Frau!« sagte Leo Nimis gutmütig. »Woher sollten sie's denn wissen? Ich stehe nicht in der Rangliste. Nicht im Gothaer Kalender. Auf den Schriftstücken von Behörden, die von dort an mich gerichtet sind, ist in dem vorgedruckten ›Hochwohlgeboren‹ das ›Hoch‹ immer sorgfältig mit Tinte durchgestrichen. Wenn's den Leuten Spaß macht ... Mir ist's gleich. Ich gehöre ja auch keiner von den vierundsechzig Rangklassen der preußischen Hoffähigkeit an!« »Aber das ist ja vorsintflutlich!« »... und ich paßte da ja auch nicht hinein! Ich hab zu viel Neue Welt und fernen Osten und Übersee in mir. Mein Kopf ist nicht mehr darauf eingestellt. Ich würde mir doch nie mehr merken können, ob dort jemand, der vom Ausland keine blasse Ahnung hat, Vortragender Rat ist oder Geheimer Regierungsrat oder ... So! ... Nun hab ich mich schön verschnappt!« Sie klatschte leise in die Hände. Sie war übermütig, glückselig. »Das hätt ich nicht geglaubt, daß jemand wie Sie noch so harmlos rot werden kann ...« »Ich hab doch eben eine Dummheit gemacht...« »Aber wirklich rot bis unter die Haarwurzeln!« »Ihr Gatte ist doch selber Geheimrat!« »Ach, wenn schon ...« Die junge Frau lachte immer noch. Aber zugleich fühlte sie plötzlich selber eine verräterische Wärme auf den Wangen. Sie kämpfte dagegen. Aber es half nichts. Er mußte es sehen. Nur einen Augenblick. Dann schaute er vor sich hin auf den Boden. Und sie seitwärts nach dem Fenster. Das stand offen. Die zitternde staubige Glut des Petersburger Sommers bebte herein und füllte das Zimmer mit fremdartiger Schwüle. Hufschlag klang da unten. Klagende Straßenrufe: Apelsiny – Limony. – Ein eintöniges Glockenläuten von irgendeiner goldenen oder grünen Kuppel. Innen waren sie beide still. Eine plötzliche Befangenheit wuchs zwischen ihnen immer mehr und mehr. Und je länger dies Schweigen dauerte, desto größer wurde die Verlegenheit, es mit irgendeinem alltäglichen Wort zu brechen. »Wir haben über viel zu ernste Dinge gesprochen, gnädige Frau!« »Ach – man sollte viel ernster sein! Als Mädchen war ich's – bei meinem Onkel. Mein Onkel Louis Ferdinand ist ein sehr ernster Mann ...« »Ich weiß es ... Ich danke ihm auch viel.« »Aber jetzt ... Wir leben ja wie die Spatzen im Hanfsamen ... Immer unverwüstlich vergnügt...« »Das Schicksal hat es eben gut mit Ihnen gemeint!« Sie schaute ihn plötzlich voll an. Aber sie sagte nichts. Und er blickte auf sie. Beide wurden langsam sehr blaß. Es war wie ein Schatten von Angst auf ihren Gesichtern. »Sie sind doch ein Sonntagskind, gnädige Frau!« »Es gibt auch verregnete Sonntage ... Ich beneide Sie um Ihre Arbeit ...« »Für wen?« »Als ob Ihnen nicht das ganze Leben offen stände«, sagte sie leise. »Man hat es und hat doch nichts ...« »Sie werden es schon noch finden!« Sie stand rasch und unruhig auf und reichte ihm die Rechte. Er fühlte das Zittern dieser schlanken, weißen Kühle. »Man muß auch den Mut zum Glück haben! Ich glaube, der fehlt Ihnen nur ... Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihr künftiges Leben ...« »Ich danke Ihnen, gnädige Frau!« »Wir sehen uns kaum mehr wieder. Ich gehe wahrscheinlich schon in nächster Zeit mit meinem Mann auf einen diplomatischen Posten irgendwo ganz da draußen ... voraussichtlich in Südamerika ... Da bleiben wir wohl eine Reihe Jahre ... Und nun gehen Sie, Herr Nimis! Ich werde meinem Mann bestellen, daß alles in Ordnung ist!« Er beugte sich schweigend über ihre Hand. Sie stand schlank aufgerichtet, ruhig und sehr bleich und schaute ebenso stumm auf ihn hinab ... »Na – da hab ich die verwünschten Billettersch! ›Na Tschai‹ hat's gehörig gekostet ... Trinkgelder an die Rasselbande, mein ich ...« Alfons von Spängler hatte die Tür geöffnet und wähnte, durch die Stille getäuscht, seine Frau allein im Zimmer. Jetzt erst sah er den Besucher. Er versetzte wohlwollend: »Sehr gütig, daß Sie sich zu mir bemühten, Herr Nimis ...« »Zu Ihnen nicht. Herr von Spängler ...« »Ich habe Herrn Nimis hierher gebeten, Alfons, um ihm zu erklären ...« »Ach so ... Na ja ... danke ...« Der Geheimrat war eigentlich ganz guter Laune, mit seinen Fahrkarten in der Tasche. »Danke ... danke ...« »Ich wüßte nicht, wofür ...« »Ist ja auch nur so 'ne Redensart ... unter uns Mitteleuropäern ... heiß heute ... was? Na ... was machen die Geschäfte?« Es klang leutselig. Klothilde winkte, hinter dem Rücken des Besuchers, zornig ihrem Mann mit den Augen, daß er diesen herablassenden Ton für Berlin und seine Amtsstube aufsparen möge. Herr von Spängler verstand sie nicht. Er strahlte vor Gönnerhaftigkeit. Herrgott – man war doch im Ausland. Da mußte man doch ein bißchen nett zu den Landsleuten sein, auch wenn sie einem persönlich wider den Strich gingen, wie dieser Herr da ... Schon wie der breitbeinig dastand und einen in einer merkwürdigen, fischblütigen Art, aus kalten, blauen Augen, Phlegma unter dem blonden Schnurrbart, die Hände auf dem Rücken, mit einem schweigsamen Vorbehalt musterte! Wie so ein Engländer! Der richtige Globetrotter! Leute, die viel zu lange draußen gewesen waren! Leute, bei denen das innere Läutewerk nicht mehr recht klingelte, wenn man diesseits auf den Befehlsknopf drückte! Herr von Spängler geriet unwillkürlich wieder in eine gereizte Stimmung. »Welche Geschäfte meinen Sie, Herr Geheimrat!« sagte Leo Nimis mit einem kühlen Lächeln. »Die Ihrigen oder die meinigen?« »Na hören Sie mal: Was wir amtlich für Geschäfte machen, das weiß ich selber!« »Und ich fürchte, Herr Geheimrat, Sie geben sich da einer großen Selbsttäuschung hin! Ich glaube, daß wir amtlich leider genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir wollen!« »Nanu!« »So wie ich den Russen kenne, lächelt er nur aus seiner breiten Seele über unsere krampfhaften Bemühungen, ihm um seinen langen Bart zu gehen. Dem muß man ganz anders kommen! Sie sehen ja draußen in Kronstadt den Erfolg unserer Staatskunst!« »Das lassen Sie doch unsere Sorge sein!« »Ich täte es gern wenn ich zum Beispiel es nicht ausbaden müßte. Sitzen Sie einmal, mit irgendeinem Millionenprojekt in der Tasche, im Vorzimmer einer russischen hohen Exzellenz, und der Sekretär sagt immer liebenswürdiger zum Deutschen: ›Belieben Sie, zu warten!‹, und inzwischen wird der Däne und der Franzose einem an der Nase vorbei direkt in das Privatkabinett des Ministers geführt und schon auf der Schwelle mit einem Händedruck empfangen!« »Das sind reine Einbildungen! In unseren Konsulatsberichten steht darüber nicht das geringste, daß ...« »Unsere Berufskonsuln sind auf der ganzen Welt zum großen Teil weltfremde, unpraktische, oft sogar noch faule Juristen, die jeden Deutschen, der zu ihnen kommt und sie in ihren unnützen Schreibereien stört, als ihren Feind betrachten! Die deutschen Wahlkonsuln sind vielfach Ausländer und vertreten die Interessen ihres eigenen Landes. Ich weiß davon ein Lied zu singen.« »Ich muß Ihnen anheimstellen, durch eine Eingabe höheren Orts ...« »Hinter jedem Franzosen steht seine Regierung! Hinter jedem achtzehnjährigen britischen Clerk steht sein Konsul wie eine zähnefletschende Bulldogge. Wenn man dem Bengel nur auf die Hühneraugen tritt, liegt am nächsten Morgen der nächste englische Panzer auf der Reede. Aber wir? ... Versuchen Sie's doch einmal, als Kaufmann, und wenn es sich um ein Riesengeschäft handelt, weiter als bis zu dem Herrn Hofrat und Kanzleichef vorzudringen ... Und wenn Sie sogar schließlich von einem jüngeren Aristotroten mehr oder minder gelangweilt empfangen werden, so hat der junge Herr von Handel und Wandel so viel Ahnung wie ich vom Chinesisch – nein – ich kann sogar einen ganzen Haufen Chinesisch –, und erklärt achselzuckend: Ja – die Sache wäre doch höchst schwierig ... und ob es denn sein müßte ...« »Wir können uns nicht um jeden Handwerksburschen im Ausland kümmern!« »Glauben Sie denn, Herr Geheimrat, daß diese fortgesetzten, furchtbaren Unterlassungssünden dadurch gutgemacht werden, daß wir lärmend mit Geschwadern umherfahren, Böllerschüsse lösen und über die Toppen flaggen? Wir selber sind die einzigen, die unser bengalisches Feuerwerk ernst nehmen! Sie sollten mal hören, was die andern in den europäischen Klubs draußen sagen, wenn sie glauben, daß kein Deutscher in der Nähe ist...« »Wenn Sie denken, mir hier eine Lektion erteilen zu können ...« »Sie haben mich herablassend gefragt, wie die Geschäfte gehen, und ich antworte Ihnen auf gut deutsch und als Auslanddeutscher auf Ihre Frage! Ich bin in diesen Tagen auch erregt!« »Das merke ich!« »Wir sind ja draußen wie die nackten Spatzen! Früher stand Bismarck hinter uns ...« »Aha ... hörst du ... Klothilde? Da haben wir's wieder!« »Das machte alles wett! Da wagte es keiner, uns an den Wagen zu fahren!« »Die alte fixe Idee!« »Denn jeder Muschik hier und jeder Kuli und jeder Nigger wußte: Der alte Herr hat Haare auf den Zähnen!« »Der alte Herr war überfällig ... das verstehen Sie nicht!« »... und diesen Mann, der uns vom Zaren bis Haiti die Welt im Zaum hielt, den laßt ihr seit anderthalb Jahren tatenlos dasitzen!« »Wir machen's schon selber! Beruhigen Sie sich nur!« »Aber wie? Ja, wenn noch in seinem Kurse weitergesteuert würde! Aber Deutschland wird mehr und mehr ein Schiff ohne Steuer – so wie ihr es lenkt ...« »Donnerwetter! Nun wird's mir aber zu toll!« »Seit einem Jahr spürt man in den Fingerspitzen, daß die Welt anders wird! Sie wird unruhig! Sie schaut uns in die Karten und merkt, daß wir ungeschickt bluffen ...« »Mathilde, brauche ich mir das eigentlich alles sagen zu lassen?« »Es gilt nicht Ihnen, Herr Geheimrat, sondern dem Geist, den Sie vertreten!« »Ich habe mich lediglich, ganz gleichgültig – denn es interessiert mich an sich blutwenig – als höflicher Mensch gesprächsweise danach erkundigt, welche Geschäfte Sie machen!« »Und ich benutze die Gelegenheit und erwidere Ihnen: ›Sehr gute, trotz unserer Regierung!‹ Das sagt alles!« »Herr! Ich verbitte mir!« »Alfons!« »Mische du dich da nicht hinein, Klothilde!« »Verzeihen Sie die etwas lebhafte Auseinandersetzung in Ihrer Gegenwart, gnädige Frau! Ich empfehle mich, Herr Geheimrat!« »Morjen!« Während Leo Nimis die Tür schloß, hörte er noch, wie drinnen Herr von Spängler entrüstet sagte: »Angenehme Landsleute im Ausland. Klothilde – was? Na, also dieser Herr ist für alle Zeiten für uns erledigt! Den sehn wir nicht wieder!« Geistesabwesend ging Leo Nimis in sein Zimmer, kleidete sich um. Sah auf die Uhr. Es war hohe Zeit, zu Gospodin Koschko in die Offizarskaja zu fahren. Jeden Tag gob es jetzt irgendwo ein Abschiedsessen in einem Finanzpalast an der Newa, einen Abschiedsbesuch in einer der reichen Datschen am Baltenstrand und auf der finnischen Seite. Die breite russische Gastfreundschaft ließ einen Geschäftsfreund wie Leo Nimis, der nach mehr als einjährigem Aufenthalt die slawische Erde verließ, nicht mit leerem Magen und, wenn möglich, auch nicht mit freiem Kopf davonziehen. Gospodin Koschko war nur ein kleinerer Makler bei den großen Geschäften und so ganz zuletzt als Gastgeber an die Reihe gekommen. Aber er ließ sich nicht lumpen. Er war selbst bei Jelissejeff auf dem Nemskiprospekt gewesen und hatte das Nötige für die Sakuska eingekauft. Er stand vor dem Vorschmacktisch und beschwor den Ehrengast: »Nur ein Gläschen Wässerchen! Nur ein Gäbelchen Sigi!« Dieser Imbiß war in der Ecke aufgebaut. In der Mitte des Raums stand keine lange gemeisame Tafel, sondern vier Tische für die vier Nationen. die Russen, die Deutschen, die Engländer, die Polen. So konnten sich alle in ihrer Sprache unterhalten. Der kleine, dicke Hausherr, der sich in jeder dieser Zungen verständlich machen konnte, überdröhnte mit einem Mönchsbaß das Ganze. Er war ein Petersburger, ein moderner Mensch. Seine junge Frau aber, die Tochter eines altrussischen Großkaufmanns an der steinernen Brücke in Moskau, sprach kein Wort außer Russisch. Sie war zart und klein, mit einem tiefschwarzen Pensionatsscheitel über dem weißen Milchgesichtchen. Sie saß schüchtern da und schaute nur ängstlich, ob einer ihrer Gäste etwa nicht aß. Dann sprang sie jäh auf, riß dem Diener die Platte aus den Händen, bot sie selber an, legte eigenhändig Konfekt auf den Teller, faltete die Kinderhände, flehte verzweifelt: »Belieben Sie, Gospodin Sokolowski! ... Verachten Sie mein Haus nicht, Mister Greenfield! Erbarmen Sie sich, Gospodin Nimis!« Ebenso eifrig schenkte ihr Mann ein: »Nur noch einen Schluck. Mister Murray! Sie dürsten, Gospodin Wassawski! Nehmen Sie sich an Brjulow und Prjanischnikoff drüben ein Beispiel! ... Herr Bauchert, Sie wollen ein Deutscher sein und sitzen vor leerem Glas?« Es wurde geeister Champagner getrunken. Er schlug bei der Sommerschwüle ins Blut. Herr Baucherts dickes, schlaues Cynikerantlitz glühte vergnüglich inmitten dieser russischen Umwelt, der er, der Reichsdeutsche, sich seit Jahrzehnten angepaßt hatte. Ihm, Karl Bauchert, machte kein Russe und Hebräer, kein Perser und Tatar mehr etwas vor. In dem griechischen Börsentempel drüben in Wassili-Ostrow kannte ihn jeder. Ebenso im »Handwerkerverein«, in der »Palme« und im Wohltätigkeitsverein. Dort hatte er in aller Stille eine offene Hand und tat viel Gutes. Aber es war ein Glück, daß die Hausfrau am Nebentisch die Witze nicht verstand, die er zum besten gab. Darin war er groß, besonders wenn ihm, wie heut, der Sekt bedenklich in dem Graukopf perlte. Jetzt hob er den Kelch mit raschem Entschluß. Er mußte eine Rede halten. Der alte Bauchert war Junggeselle. Äußerst Junggeselle. Eine gemütliche Haut. Er legte seine Worte nicht auf die Goldwage, wenn er schmunzelnd, die Hände in den Taschen, das Wort ergriff. Ein Abschiedswort an Herrn Leo Nimis! Ein vernünftiger Mensch. Auch nicht verheiratet! Das einzig Wahre! Nur leider ekelhaft solide! Nicht hinauszubringen auf »die Inseln«, nach »Arkadia« und »Olympia«, wo er, Karl Bauchert, Stammgast war. Na – stille Wasser sind tief ... Aber in Geschäften ein Gemütsmensch! ... Der haut uns alle zusammen hier übers Ohr, so treuherzig er dasitzt! Von dem kann 'n Greis noch was lernen ... Herr Bauchert hatte eine merkwürdige Übung darin, in drei bis vier Sprachen beinah zugleich zu reden, die wiederum alle mehr oder minder von den Zuhörern verstanden wurden, so daß jeder ihm folgen konnte. Er schloß, geheimnisvoll mit den dicken Augenlidern zwinkernd. Nun kam der Haupttreffer: »Wir werden oft an Sie denken, Herr Nimis! Wir werden Sie uns warm halten! Wir werden uns als Ihre alten, treuen Geschäftsfreunde in Erinnerung bringen, wenn Sie erst nächstens der ganz große Mann geworden sind ...« »Was heißt das?« erkundigte sich neugierig Herr Kogan, ein Hebräer, der aber in Petersburg wohnen durfte, weil er in die erste Gilde zahlte, bei seinem Kompagnon Gorwitz. »Denn es wird eine Zeit kommen, wo Kommerzbank und Crédit Lyonnais, Wolga-Kama und Wawelberg das Handzeichen des Herrn Nimis girieren, und wenn's 'ne Million ist. Noch hat er nichts, meine Herren, aber er wird noch einmal zum Frankfurter Rothschild ›Du‹ sagen ...« »Kein Mensch versteht diese Andeutungen, Herr Bauchert!« versetzte Leo Nimis kühl. »Ich selbst am wenigsten!« »Kleiner Schäker!« Der dicke Bauchert verdrehte sektselig die Augen. »Wer steckt in dem Konzern, den Sie vertreten? August Buschbeck! Hut ab! August Buschbeck selber! Die Lütthahner Werke!« »Nun brechen Sie bitte ab!« Leo Nimis' Züge wurden sehr bestimmt. Aber der Alte ließ sich nicht beirren. »Wer an der Spitze dieses Unternehmens steht, der ist ein König, meine Herren, der ungekrönte Kohlenkönig von Lütthahn! – Stolz gesagt! ... Was?« »Ja. Aber nun Schluß!« drängte auch der Hausherr, dem die Sache unangenehm zu werden anfing. Alle Gäste tauschten schon vielsagende Blicke. Gospodin Prjanischnikoff erläuterte der kleinen, brünetten Anna Nikolajewna, die kein Sterbenswörtchen verstanden hatte, in halblautem Russisch etwas und schielte dabei nach Leo Nimis hinüber. »Meine Herren ... Ich will nicht indiskret sein ...« »Sie sind es schon, Herr Bauchert!« »... aber ein paarmal, wenn ich zu Herrn Nimis aufs Kontor kam, lag da ein Brief an ihn mit dem Poststempel Lütthahn. Und die Handschrift ... Pscht ... sagen Sie's nicht weiter ... ganz unter uns: war die einer Dame ...« »Still, Bauchert!« »Einer jungen Dame! Meine Herren, August Buschbeck hat ...« Gospodin Koschko nahm dem Alten das Glas aus der Hand. Mr. Greenfield drückte ihn an den Schultern auf den Stuhl nieder. »Er hat zwei Töchter!« schrie der alte Bauchert weinerlich. Herr Kogan preßte ihm eine Serviette vor den Mund. »Er hat zwei Töchter!« wehklagte der Festredner weiter. »So laßt mich doch zu Ende sprechen!« »Ruhe!« Herrn Bauchert standen die Tränen im Auge. Er rang bekümmert mit den anderen um Luft und Wort. »Er hat zwei Töchter! Die eine ist Gräfin. Aber die andere ...« »Legen Sie ihn nebenan aufs Sofa! Ein Schläfchen, Gospodin Bauchert!« Der Alte wurde wie ein verwundeter Krieger, die Arme auf die Schultern zweier Herren gelegt, mit einknickenden Knien, abgeführt. Er schluchzte noch während der Beförderung über seine abgebrochene Rede. Die Champagnerbläschen hatten sich in bohnengroße Tränen verwandelt, die ihm in den struppigen Graubart kollerten. »Ich hab doch die Adresse gesehen! Eine steile, englische Damenhandschrift! Ich hab mich bei dem kleinen Mewes erkundigt, wie er hier war: der ganze Rhein spricht schon davon! Sie heißt Ottonie ...« »Pascholl!« »Der Champagner war zu kalt!« »Entschuldigen Sie nur, Herr Nimis!« bat der Hausherr mit gerungenen Händen. »O bitte!« sagte Leo Nimis. Er war sitzengeblieben. Er hatte keinen Augenblick seine Ruhe verloren. Jetzt, wo nicht mehr der Sekt aus dem allen Bauchert plauderte, war plötzlich Stille um ihn. Es war nicht nur das Schweigen der Verlegenheit. Es war vielmehr noch deutliche Ehrfurcht vor dem kommenden Mann ... Er blieb mit Absicht, bis die letzten Gäste in russisch später Nachtstunde in die windigen Wägelchen stiegen, die unten hielten. Er selber winkte den Iswoschtschiks ab. Er ging zu Fuß. Über die Moikabrücke und weiter zum Englischen Ufer an der Newa. Das waren Petersburgs weiße Nächte. Kein Mond am Himmel und doch die Nacht taghell in der toten Stadt, von einem unbestimmten, bleichen, schattenlosen Schein, von dem man nicht wußte, woher er kam. In fahlem Silberglanz lag schweigend der mächtige Spiegel des Stroms. Stundenweit standen an seinem Ufer als stumme, bläulichweiße Märchenschlösser die Paläste. Die Luft war erfüllt von einem kranken, wesenlosen, durchsichtigen Dämmern, dessen Grau nicht Tag und nicht Nacht war. Leo Nimis schritt durch die breiten, verzauberten Straßen. Zuweilen raste ein Gefährt mit ein paar bleichen, sich auf dem schmalen Sitz brüderlich umschlungen haltenden Nachtschwärmern vorbei. Dann hörte er wieder nur den gespenstigen Widerhall seiner eigenen Tritte. In ihren umgedrehten Schafpelzen zusammengekrümmt saßen und nickten die Dworniks vor ihren Häusern. Als auswattierte, unförmliche Bündel schnarchten die Kutscher auf ihren Böcken. An der Wand lehnte ein Stadtsoldat und schlief stehend, mit offenem Mund. Ein Rest Bettler lag wie ein Haufen Toter mit feierlich strengen, bärtigen Gesichtern an der Lermontoffbüste, in Gebüsch des Alexandergartens. Leo Nimis stieg über sie hinweg. Er kam sich seltsam vor, wie der einzige wachende Mensch in diesem Dornröschenschlummer. In seinem Zimmer setzte er sich an das offene Fenster und nahm einen Brief zur Hand, den er aus seiner Brusttasche geholt. Die Zeilen zeigten Ottonie Buschbecks starke, in ihren großen, steilen Zügen persönlich ausgeprägte Handschrift. Er konnte sie mühelos, ohne Licht anzuzünden, lesen. So grell war die nordische Nacht. »Ich kann nun einmal Lieben von Leiden nicht trennen, lieber Freund. In den Briefen, die wir uns aus meiner Lütthahner Einsamkeit und Ihrem Petersburger Weltgetümmel schrieben, bin ich immer bei meinem armen Ich geblieben: Ich muß lindern, wo ich lieben kann. Trösten. Helfen. Heilen. Ich habe das Gefühl, daß fortwährend Unrecht auf der Welt geschieht, Unrecht an jedem, wer es auch sei, und daß man das Unrecht am andern wieder gutmachen muß, wo man kann. Weil mir unser Volk hier leid tut, habe ich es lieb. Es sind so viele. Man ertrinkt im Meer. Man müßte die Menschheit in einem Menschen begreifen, den man liebt, und durch den man liebt. Ich habe eine dunkle Seele, Ich kann darum auch bei andern bis auf den Seelengrund tauchen, weil ich mich vor den Tiefen nicht fürchte. Nein, ich suche sie. Wäre ich ein Mann, wäre ich am liebsten Arzt geworden. Was leidet, zieht mich an. Mir scheint es mein Beruf, Wunden in Narben zu verwandeln. Auch Wunden des Herzens. Die Ärzte sollen ja jetzt auch Wunden am Herzen nähen können. Das Herz ist gar nicht so leicht zu Tode getroffen. Es hält viel aus und heilt unter der rechten Hand Ach ja, lieber Freund, das Lachen fällt mir schwer. Wer froh ist, braucht mich nicht. Meine Stunde kommt, wenn es dunkel wird. Die Stunde kommt einmal im Leben für jeden Menschen. Für Sie war sie schon lang da, ohne daß es ein Mensch wußte. Nur mir haben Sie alles, wie einer Schwester, gesagt. Ich weiß alles. Wenn wir uns wiedersehen, brauchen Sie mir nichts mehr darüber zu sagen. Nur das eine, daß es vorbei ist. Daß es aussichtslos ist. Daß Sie es in sich überwunden haben. Daß es nun ganz hinter Ihnen liegt. Ein so prachtvolles, tatenfrohes, begebnisreiches Leben wie das Ihre darf nicht zu lange an einer Fügung des Schicksals kranken. Sie sind den andern Menschen zu viel schuldig, die nicht so unbeirrt ihren Weg gehen wie Sie. Ich weiß, was es heißt, an der Seele kranken. Ich sehne mich aus meinen Zweifeln und meiner Zerrissenheit und meinem Suchen und meinen Selbstvorwürfen nach Klarheit, Ruhe, Kraft. Nach dem hellen Tag. In meinem goldenen Käfig hier ist ewiges Dämmern. Wir treiben's wie immer. Die Tage gehen herum. Mein Vater arbeitet, flammt und tobt wie ein überheizter Dampfkessel. Mama legt Patiencen, das Tinettchen stickt in Abdinghof Meßgewänder und malt Alliancewappen für die Kapellenfenster farbig auf Glas. Mein Bruder Max taucht zuweilen in Erbschaftsauseinandersetzungen hier auf. Sein neuer Rennstall kostet viel Geld. Und niemand hier, der die Lage von oben überschaut! Alle sind sie blind! Keiner, der vermitteln kann, weil er zu verstehen vermag – der sich in die Seele des einen wie des andern hineindenken kann, weil er selber sich aus eigener Kraft heraufgearbeitet hat, aus dem Gehorchen heraus das Befehlen gelernt hat, Herr und Werkmann zugleich ist. Einer, der noch jung ist, noch nicht durch Haß und Mißtrauen und ewige Kämpfe verbittert. Zu dem sie Zutrauen haben, wenn sie ihn sehen. Sie schreiben in Ihrem letzten Brief, daß Sie Rußland nun verlassen. Wenn Sie erst in Deutschland sind, führen Ihre Geschäfte mit meinem Vater Sie jedenfalls auch einmal hierher. Inzwischen drückt Ihnen die Hand Ihre Freundin Ottonie Buschbeck.« Leo Nimis stand langsam auf, steckte den Brief ein, ging zu dem Schreibtisch, setzte sich, suchte ein Telegrammformular. »Bin Anfang nächster Woche in Lütthahn.« Er unterzeichnete, schrieb die Adresse Ottonie Buschbecks, trocknete das Blatt, nahm es in die Hand, stieg die Treppen hinab. Unten im Flur lagen wie Scharlachflecken ein paar Hausknechte in feuerroten Hemden, die Hosen in hohen Schaftstiefeln, und schliefen ohne Bett als echte Russen irgendwo auf dem Boden, wo es eben Gott beliebte. Sie rochen scharf nach Herdrauch, Tran und Papyros. In seinem Verschlag daneben schnarchte der jüdische Nachtkommissionär. Leo Nimis weckte ihn und gab ihm die Depesche. »Besorgt das morgen früh, sobald das Postamt offen ist,« sagte er, »und bringt mir den Schein!« X. »Papa – ich glaube wirklich, du rauchst heimlich unter der Bettdecke!« sagte Ottonie Buschbeck entsetzt. Der alte Buschbeck grämelte nur etwas vor sich hin. Er lag störrisch in den weißen Kissen. Er tut, als hörte er die Tochter nicht. Aber die holte entschlossen seinen Arm unter der Steppdecke hervor. Richtig: da glimmte zwischen den Spinnenfingern der behaarten, riesigen Rechten ein Havannastummel. Sie schlug die Hände zusammen ... »Wo dir der Arzt doch so das Rauchen verboten hat!« ... August Buschbecks kleine, schlaue Augen zeigten infolge seines Nervenleidens einen tränenden Glanz, als sei er ein Opfer schlechter Menschen und läge deswegen, ein einsamer, hilfloser, alter Herr, nun schon seit zwei Wochen krank im Bett. Sein wahres Wesen barg sich unter seinem milchbetropften, von Zigarrenasche bestreuten, zerzausten, grauen Vollbart. Da preßten zwei mächtige Kiefer die vom Rauchen gelben Zähne zusammen, und die Mundwinkel verzogen sich in der breiten brutalen Gemütlichkeit eines Mannes, dem die ganze Welt den Buckel hinaufsteigen konnte und, wenn es ihr Spaß machte, auf der anderen Seite wieder herunter. Ihm was verbieten – lächerlich! Der Arzt war ein Esel ... »Papa – du wirst noch einmal das Bett anzünden.« Der Alte haschte zäh nach der erloschenen Zigarre: »Gib her! Ich rauche wenigstens kalt! Das hat der Sanitätsrat ...« »Und so wie ich aus der Tür heraus bin, läßt du dir vom Diener wieder Streichhölzer geben! Johann, ich hätte Sie auch wirklich für vernünftiger gehalten!« Der alte Johann, der mit seinem glattrasierten, ältlichen, geduldigen Gesicht etwas Kirchliches, etwas von einem Meßner an sich hatte, wirtschaftete schuldbewußt in der Ecke des Krankenzimmers, herum. Ottonie Buschbeck ging hinaus und sagte draußen zu ihrer Mutter: »Es ist gar nichts zu machen! Papa hat seine ganze Umgebung so an blinden Gehorsam gewöhnt. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, etwas nicht zu tun, wenn er's befiehlt!« Die Geheime Kommerzienrätin Mathilde Buschbeck saß im gelben Salon, rundlich, behäbig, mit ihrem breiten, roten, freundlichen Gesicht, voll aufgegangen wie eine hundertblätterige Warmhausblume aus dem Treibgarten drüben. Vor ihr stand das Schälchen mit dem Nachmittagskaffee. Ihre Gesellschafterin, das kleine, spitze Fräulein Schneider, stichelte neben ihr, den Zwicker vor den kurzsichtigen Augen, zwischen hundert Strähnchen verschiedenfarbiger Seide, an ihrer unvermeidlichen Stickerei. »Ich wollt es der gnädigen Frau eigentlich gar nicht sagen: Vorhin hat der Herr Geheimrat nicht einmal mehr den Doktor vorgelassen ...« Die alte Dame rang verzweifelt die fetten, kleinen, überreich beringten Hände. »Die Wände könnte man mit dem Mann einrennen, wenn er seinen Dickkopf aufsetzt ... Ach ... geben Sie mir doch einmal den Rahm herüber, liebe Schneider ... danke!« »Er hat ins Vorzimmer bestellen lassen, er brauche keine Ärzte! Er fühle sich sehr wohl im Bett!« »Ottonie! Was denkt sich nur Papa bei dem blinden Trotz?« »... daß er dabei Zeit gewinnt und sowohl das Syndikat wie die Arbeiter ärgert!« sagte Ottonie Buschbeck. »Das nennt Papa zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen! Er ist in rosigster Laune!« »Aber die anderen nicht!« »Die Herren vom Syndikat sind in Verzweiflung. Nun ist glücklich in letzter Stunde der große, allgemeine Streik durch gegenseitiges Entgegenkommen vermieden. Beide Teile einig. Nur natürlich Papa nicht! Der macht nicht mit! Der sagt einfach: Nein!« »Ach ... es ist schrecklich!« Die Geheime Kommerzienrätin fegte bekümmert die Kuchenbrösel zusammen. »Papa gibt keinen Zoll nach! Was ist die Folge? Überall wird gearbeitet, und nur bei uns hier in Lütthahn wird gestreikt!« »Die Morgenschicht soll doch noch verfahren worden sein?« erkundigte sich Fräulein Schneider. »Ja, noch zum Teil, vom alten christlichen Verband. Aber jetzt ist alles daheimgeblieben. Die Hütte und die Stahlwerke liegen schon seit gestern still ...« »Ach ... die bösen Menschen ...« »Mama, sei doch nicht kindisch! Der Siebener-Ausschuß hat heute morgen in der ›Freien Stimme‹ offiziell den Streik in Lütthahn proklamiert, und der Redakteur, der Robert Nimis, hat in einem Artikel geschrieben, nun hätte August der Starke glücklich alles gegen sich! Die Unternehmer und die Arbeiter! Diese Gasbeleuchtung würde dem alten Einsiedlerkrebs oben in Lütthahn allmählich aufgehen ...« »Und Papa?« »Papa kommt seine Krankheit sehr gelegen! Er liegt ganz selbstzufrieden in der Klappe und zieht die Ohren an und blinzelt eigensinnig über die Bettdecke und antwortet auf alle Vernunftgründe nur: Nee – ich mag nicht!« »Es ist eine harte Zeit ...« »... ich mag nicht, und wenn dieser rote Nimis sich schwarz ärgert ...« ,... ach – wäre lieber sein Vetter da, der Herr Leo Nimis!« sagte Fräulein Schneider mit ihrem piepsigen Stimmchen, das zu ihrem Kanarienvogelgesicht paßte, und hob prüfend ein Flöckchen himmelblauer Seide gegen das Licht. »Der wüßte gewiß Rat!« Ottonie Buschbeck erwiderte nichts! Sie trat auf die Gartenterrasse hinaus, die an den Salon anstieß. Die helle Sonne des Hochsommernachmittags umfloß ihre hohe, schlanke, noch schlichter als sonst in ein dem Fabrikrauch ähnliches Nonnengrau gekleidete Gestalt. Unter den dichten, schwarzen Wimpern suchten ihre tiefliegenden, blaubrennenden Augen unten in der grauen, mit Schornsteinen und Fabrikdächern besäten Ebene die Zeichen der lautlosen, seit diesem Morgen tobenden Schlacht zwischen August Buschbeck und seinem tausendköpfigen, berußten Heer. Diese Schlacht schwieg, so wie sie unsichtbar war. Ihr Merkmal war eben das Nichts. Das Fehlen der Gewohnheiten. Überall im Rund rauchten die Schornsteine. Nur in Lütthahn drang kein funkenstiebender, schwarzgeballter Atem aus den Schloten, überall lebte das Summen und Brummen, das Hämmern und Schrillen von Maschinenwucht und Menschenfaust. Totenstille herrschte nur, soweit August Buschbecks Riesenhand schaltete. Im Salon stand, als sie durch das Zimmer ging, der Privatsekretär Dr. Rödicke und sagte eifrig zu den beiden Damen: »Ganz recht, Fräulein Schneider! Ich wüßte auch niemand, der die Geschichte noch ins Gleis bringen könnte, als Herrn Leo Nimis! Denn der ist – wenigstens soweit meine Kenntnis der Dinge reicht – der einzige Mensch auf der Welt, der mit dem alten Herrn fertig wird!« »Ach – das sagt ja jeder!« versetzte kummervoll, Fäden sortierend, Fräulein Schneider. »Er soll in diesen Tagen aus Petersburg zurück und augenblicklich in Berlin sein! Wenn man irgendwie Einfluß auf ihn hätte, müßte man ihn beschwören, sich sofort auf die Bahn zu setzen und hierherzukommen! Jeder Tag hier kostet ja hunderttausende ...« »... Hunderttausende ... Hast du gehört, Ottonie?« »Ach – wenn es nur das wäre!« Ottonie Buschbeck warf verächtlich den blassen, schwarzen Kopf in den Nacken. »Aber Seelen kostet es wieder ... Zutrauen ... Menschentum ... Arbeitsfreude ... Es wird wieder Gift gesät ... Nur um der Stärkere zu sein ...« »Ja, so ist Papa!« Der alte Herr lag, als seine Tochter wieder bei ihm eintrat, höchst behaglich im Bett, den kalten Stummel schief im Mund, von einer bösartigen, stillen Kampflust erheitert und belebt. Sie setzte sich sanft zu ihm. »Papa ... draußen ist's schrecklich!« »Na – wieso denn, mein Kind?« »Überall ist Leben. Nur in Lütthahn regt sich nichts. Es ist wie am Sonntag. Nein, wie auf dem Kirchhof. Alles tot und still!« »Ich kann nicht selber die Kessel heizen! Der Doktor hat mir's verboten!« »Aber nachgeben kannst du!« Diese Vorstellung belustigte den Kranken. Er lachte, als hätte seine Tochter einen guten Witz gemacht. »Papa, die andern alle, außer dir, haben sich geeinigt...« »Die andern alle haben lange Ohren! Bestell ihnen das von einem einfachen, alten Mann hier oben ...« »Da kannst du doch auch vernünftig sein!« »Dumm, Kindchen ... dumm!« »Das ist nicht dumm, wenn man sich auch mal in die Seele der andern hineinversetzt!« »Nee – ich mag nich!« August Buschbeck sagte das seelenruhig. Es ging eine gewisse Menschenfreundlichkeit von ihm aus. Er hatte gar nichts gegen seine Mitmenschen. Er nahm sie nur nicht ernst. Seine Frau war hereingetreten. Hinter ihr Dr. Rödicke. Der Vulkan im Bett fing an zu grollen. »Na – was steht ihr denn da wie die nassen Hühner? Ist ein Unglück passiert?« »Herr Geheimrat, der Streik ist ein Unglück!« »Für die andern!« sang der Alte im Bett vor sich hin. »Für die andern! Für die andern!« »Herr Geheimrat, die Leute drüben haben Geld! Sind stramm organisiert! Feste geführt ...« »Wenn es Ihnen dort so gefällt, dann packen Sie doch gefälligst Ihre sieben Zwetschgen und gehen Sie dorthin!« donnerte es aus den Kissen. »Ich halte Sie nicht. Einen Sekretär finde ich alle Tage!« »... der es mit Ihnen aushält?« »Kleinigkeit! Ich bin 'ne Seele von 'nem Menschen, wenn man mich nur nicht fortwährend ärgert! Aber Sie reizen mich ja seit Jahren bis aufs Blut, Rödicke!« Zu August Buschbecks maßlosem Erstaunen nahm der Privatsekretär die schon hundertmal herausgebrüllte Kündigung diesmal plötzlich ernst. Er versetzte entschlossen: »Gut! Dann suchen Sie sich einen anderen Prügelknaben, Herr Geheimrat! Sowie Sie meinen Nachfolger gefunden haben, bitte ich um meinen Abschied!« Der Alte riß die wässerigen und weinerlichen Augen auf. »Sie wollen Ihre sichere Lebensstellung bei mir aufgeben?« »So berühmt ist es mit der Sicherheit gar nicht mehr...« August Buschbeck saß sprachlos im Bett aufrecht wie ein grimmiger, hagerer Zaunstecken. »Ich gehe lieber, solange es Zeit ist! Denn die Geschichte hier in Lütthahn geht bergab!« Der Kranke kicherte vor Zorn. »Sie kommen in die Jahre, Herr Geheimrat! Es ist längst zuviel für Sie! Sie haben die Sache hier groß gemacht. Sie machen sie jetzt wieder klein!« »Da hörst du's mal, Mann!« »Endlich sagt dir jemand die Wahrheit, Papa!« »Unsere Fabrikate sind noch gut. Unsere Fabrikationsmethoden fangen an, bedenklich rückständig zu werden! Aber Sie dulden ja keinen Widerspruch!« »Ich?« sprach August Buschbeck wie ein Säulenheiliger und schlug die tränenden Augen zum Himmel. »... während wir jetzt hier seit heute früh dank unserer Kraftmeierei stilliegen, grast uns die Konkurrenz die fettesten Plätze ab ...« »Wo nur der Rödicke den Mut hernimmt?« sprach der alte Gewaltmensch erstaunt zu seinen Damen. »Sie haben eine Kunst, Herr Geheimrat, mit Menschen umzugehen, als ob es keine wären! Dadurch kommen die Lütthahner Werke langsam, aber sicher auf den Hund! Erlauben Sie, daß ich Ihnen das in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes sage, der da eben eintritt ...« »Ja. Papa! Ich möchte die Gelegenheit auch einmal benutzen, um als dein Filius und Erbe Verwahrung einzulegen ... Schließlich geht die Bescherung auf meine Kappe ...« »Eine Narrenkappe!« schrie der alte Herr und maß den streng nach Londoner Schnitt gekleideten, etwas übernächtigen, jungen Klubmann mit einem vernichtenden Blick. Hinter Max Buschbeck stand, wallonisch gebräunt, mit schwarzem Schnurrbart, südlichen Augen und dunklem Haarkranz um die tonsurähnliche Glatze sein Schwager, Graf Mettenberg, und ergänzte: »Ich schließe mich Max' Worten im Namen deiner beiden Enkelchen an, Schwiegerpapa, deren Zukunft sichergestellt bleiben muß! Wir leben in Abdinghof nicht von der Luft!« »Nee – weiß Gott!« bekräftigte der alte Herr im Bett. Er wußte nur eins vor Wut zu tun. Er brannte sich rachsüchtig mit einem unter die Kissen geschmuggelten Schwefelhölzchen den kalten Havannastummel an und paffte herausfordernd den Seinen ins Gesicht. Nun sollte ihn mal einer hindern! Seine Frau schluchzte: »Vorhin kam ein Drohbrief mit der Post, August! Die gräßlichen Menschen wollen eine Lunte unter unserem Hause anzünden und wünschen dir glückliche Reise ins Jenseits!« »Danke!« Der Alte legte sich behaglich in den Kissen zurecht. Ottonie beugte sich über ihn. »Papa ... Die Drohbriefe sind ja dummes Zeug ... Die Leute sind ja ganz vernünftig und diszipliniert! Komm Ihnen doch ein bißchen entgegen! Gib ihnen wenigstens den kleinen Finger!« »Nee – ich mag nicht!« sagte August Buschbeck breit und trocken. »Herr Geheimrat, der Herr Oberbürgermeister!« »Tag, lieber Grübler! Na – immer wohl und munter? Was macht die Gattin, die teure? Kinderchen alle gut bei Wege?« Der Oberbürgermeister der benachbarten Industriestadt schüttelte energisch den bebrillten Verwaltungskopf. »Verehrter Geheimrat! So geht die Geschichte wirklich nicht weiter! Überall im Revier ist die Lohnbewegung ausgeglichen. Nur Lütthahn bleibt natürlich wieder der alte Brandherd und setzt uns womöglich die ganze Gegend noch nachträglich wieder in Flammen. Wir in der Stadt sind dann mit der leidtragende Teil. Es ist meine Pflicht, im Namen der Stadt gegen Ihre Halsstarrigkeit zu protestieren. Das ist auch die Meinung des Herrn Landrats hier!« »Schließlich gibt's noch Unruhen wie vor ein paar Jahren«, sagte der Landrat Dr. von dem Steineck. »Dann kann ich die Bescherung wieder ausbaden. Läßt man die Karre laufen, ist man ein Schlappier. Greift man durch, so war man wieder zu schneidig! Herr Geheimrat – Sie müssen jetzt ein wenig Nachgiebigkeit zeigen!« »Nee – ich mag nicht!« »Ein Segen, daß wir den Bergrat mitgenommen haben! Reden Sie ihm mal zu!« »Na, Killing, alter Schwede!« sprach August Buschbeck leutselig. »Jungchen – was ziehst denn du für einen Flunsch?« »August ... wir sind doch alte Schulkameraden ... Nun sei mal vernünftig! Willst du denn, daß dir die Gruben ersaufen?« »Pumpen! ... Immer nur feste pumpen!« »August ... Wir reden dir doch schon zu wie 'ner kranken Kuh ... Gib nach ...« »Nee – ich mag nicht!« Die Herren schauten sich ratlos an und schüttelten die überarbeiteten Köpfe. Das Zimmer füllte sich. Es kamen immer mehr Geschäftsfreunde. August Buschbeck spürte, nachdem er sich in den Besitz einer Zigarre gesetzt, neuen Kampfmut. Er spähte kriegerisch durch die Rauchschleier, die seine verwilderten Haar- und Bartsträhnen und seinen viereckig-knochigen, mit graubebuschter Brust unter dem offenen Hemd aufgerichteten Oberkörper umwallten, nach der Tür und nagelte dort mit einem Zornblick die beiden, auf den Fußspitzen eingetretenen Großindustriellen fest: »Nun schickt mir der Teufel auch noch das Syndikat!« »Wie geht es Ihnen, Herr Geheimrat?« »Wenn ihr mich armen, alten Mann endlich in Ruhe laßt, vorzüglich!« »Herr Geheimrat, wir können's nicht! Die Lage spitzt sich reißend zu! Eben hatten wir den neuen Tarif glücklich unter Dach, und nun kommen Sie uns so! Es geht nur noch um Stunden, so flackert von hier aus, dank Ihnen, auch bei uns der Streit überall auf!« »Recht so!« sagte August Buschbeck befriedigt. »Setzt der Gesellschaft nur gehörig den Daumen aufs Auge!« »Nein, das wollen wir nicht. Wir wollen in Ruhe arbeiten! Sie sind doch auch Mitglied des Syndikats. Es handelt sich in Lütthahn nur um rein lokale Differenzen. Sie müssen Rücksicht auf uns nehmen! Das ist doch auch Ihre Überzeugung, Herr Kühn!« Der energische, jugendliche Generaldirektor bejahte entschieden. August Buschbeck saß und sah sich den alten guten, silberhaarigen Kommerzienrat Schwendemann teilnehmend an wie einen unschädlichen Geisteskranken ... Rücksicht auf die Konkurrenz ... Der Gedanke war gut ... »Sie müssen mal was für Ihre Gesundheit tun, Schwendemann!« »Es ist die höchste Zeit, daß Sie jetzt mit Ihren Leuten verhandeln. Herr Geheimratl« »Nee – ich mag nicht!« August Buschbeck legte sich lang hin und schloß die weinerlichen, kleinen Augen, Es war ein Zeichen, daß die Audienzen für heute zu Ende seien und er jetzt Ruhe haben wollte. »Wenn der Herr Geheimrat für alle diese Herren daheim ist wird er wohl auch für den Landtagsabgeordneten zu sprechen sein!« Der Freiherr Maria Josef von Nievenich schob den Diener Johann zur Seite und trat vor das Bett. Ihm folgte auf dem Fuß sein dicker Freund, der Domherr von Nippers, gleich ihm Besorgnis auf dem klugen, menschenkundigen, bebrillten Gesicht. »Die Lage ist ernst, Herr Geheimrat!« sagte er. Der Alte in den Kissen zeigte dem Weltpriester mit einem hinterlistigen Lächeln die schadhaften gelben Schneidezähne. »Tja, – Was halten Sie wohl von der Küvelierung, Hochwürden? Sind Sie mehr für englische oder für deutsche Tubbings?« »Ich verstehe nichts vom Bergbau!« »... und ich dachte, Sie wollten mich hier über meine Geschäfte belehren, Hochwürden!« sagte der alte Herr in friedlichem Erstaunen und schob eine Magenpille zwischen die gewalttätig geformten Kiefer. »Nicht über die Maschinen, sondern über die Menschen! Wenn Sie auch Freigeist sind, Herr Geheimrat, ein guter Teil der Menschen, die unten im Bergwerk für Sie arbeiten, glaubt noch an Gott!« »Sie machen uns die besten Elemente kopfscheu!« drängte Baron Nievenich. »Sie sprengen sie uns noch ab, ins feindliche Lager!« »Zeigen Sie sich jetzt endlich zu Verhandlungen bereit!« bat der Domherr, der fremdartig wie ein Bote aus einer anderen Welt zwischen den Spitzen der preußischen Verwaltung und den Größen der rheinischen Industrie stand. »Nee – ich mag nicht! ... Nun kommt auch noch der Scholz! ... Lassen Sie mich in Ruhe! ... Ich will nichts mehr hören!« August Buschbeck hielt sich hartnäckig mit den langen Fingern die Ohren zu. In die schrie der kleine, vor Aufregung kurzatmige Direktor Scholz von den Lütthahnwerken, so laut er konnte, hinein: »Herr Geheimrat, ich spreche im Namen Ihrer ganzen Direktion ...« »Ich habe die Direktion nicht gefragt!« »Nach unserer Meinung ...« »Die veröffentlichen Sie gefälligst in Ihren nachgelassenen Papieren ...« »Die Sache ist auf dem Siedepunkt! Wir müssen uns jetzt in zwölfter Stunde mit den Leuten an einen Tisch setzen!« »Nee – ich mag nicht!« »Hoffnungslos!« sagte Dr. Rödicke ziemlich laut. Der alte Herr vernahm es nicht, weil er sich immer noch die Gehörgänge mit dem Zeigefinger verbarrikadierte. Dabei lächelte er friedlich wie ein Säugling in der Wiege. Die Versammlung um sein Krankenlager machte ihm nicht mehr Eindruck wie ein Schwarm Spatzen. »Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der gegen Papa aufkommt!« Buschbeck der Jüngere drehte, gelb vor Ärger, den schon leicht verlebten Aristokratenkopf zu seiner Schwester. »Warum zitierst du Herrn Leo Nimis nicht herbei, wo ihr doch so dicke Freunde seid?« Der Privatsekretär Dr. Rödicke stand daneben. »Wissen Sie das Neueste, was ich eben von Hochwürden höre?« sagte er aufgeregt mit einem Augenwink nach dem Domherrn von Nippers, dessen Verbindungen durch alle Stände und Volksschichten am Rhein reichten. »Nein!« »Herr Leo Nimis ist ja schon im Lande!« »Spaß?« »Er wurde heute auf dem Bahnhof drüben gesehen!« »Nanu!« »Zusammen mit seinem roten Vetter Robert von der ›Freien Stimme‹.« »Vielversprechender Anfang – was Ottonie?« »Ich weiß doch natürlich längst, daß Herr Nimis seit gestern abend da ist!« »... und erzählst davon kein Wort!« »Er wollte es nicht.« »... und läßt ihn da unten herumgeistern, statt daß er Hals über Kopf hier zu uns kommt?« »Ich habe ihn selbst noch gar nicht gesprochen. Er hat mir nur geschrieben, wenn er erst hier oben wäre, dann legte alles auf ihn Beschlag. Er müsse erst mit den Leuten unten reden und wissen, was sie wollten! Dann könne er erst mit der weißen Parlamentärflagge den Berg hinauf! Und dann wirke sie immer noch auf Papa wie das rote Tuch auf den Stier, und es gäbe noch ein gutes Stück Arbeit!« – Die krumme, schmutzige, bei Tag und Nacht lärmende Bahnhofstraße des Industriestädtchens drüben war voll von kleinen Ramschbasaren, Kneipen, Anzahlungsgeschäften, Zigarettenläden. Ihr holpriges Pflaster zitterte unter dem Rasseln und Bimmeln der Pferdebahn und hallte wider von dem Gellen der Gassenbuben, dem Bellen der Köter, dem Pfeifen der nahen Lokomotiven. In dieser verrauchten und verruhten Straße, in einem dieser niedrigen häßlichen Häuser saß Leo Nimis auf dem Plüschkanapee in der Wohnstube neben seinem Vetter Robert. Den Sofaschoner hinter seinem Haupt hatte Frau Binchen Nimis, die geborene Thilo, selbst gehäkelt. Das entsprungene Pfarrerskind aus dem Odenwald wirtschaftete in dem Zimmer umher, rückte die unordentlich herumstehenden, imitiert altdeutschen Stühle zurecht, die wie das Vertiko und der mit Wolltroddeln behangene Luthersessel und alles andere aus dem Zentralkredithaus von Cohn \& Kompagnie nebenan stammten und noch lange nicht ganz abgezahlt waren. Dann öffnete sie die Fenster, um den beißenden kalten Tabakrauch hinaus- und den Straßenlärm hereinzulassen. »Wenn der Siebener-Ausschuß e paar Stunde hier beisamme gehockt hat, schaut die Stub aus, als seie die Türke drin zu Gascht gewese«, sagte sie weinerlich und fegte die Zigarrenasche zusammen. »Ich weiß nit, warum ihr Männer als grad hier dischkutiere müßt!« »Weil die Wänd anderswo Ohre habe. Fraache!« Dies Haus hatte nichts Besonderes. Es war ebenso vernachlässigt und unansehnlich wie seine Nachbarn im Werkeltagskleid rechts und links. Aber wenn der Landrat Dr. von dem Steineck vorbeifuhr, maß er es jedesmal mit einem vernichtenden Blick. Dies Haus war die Quelle aller Übel. »Druckerei der ›Freien Stimme‹ stand auf dem Messingschild des Eingangs, dessen Flur in den Hof führte. In dem Schaufenster daneben lagen Schriften, die noch vor einem Jahr den Staatsanwalt neugierig gemacht und die Gendarmerie im Laufschritt herbeigelockt hätten. Im ersten Stock war die Redaktion. Sie bestand eigentlich nur aus Robert Nimis' Schreibtisch, der, über und über mit Papieren und Drucksachen überhäuft, am Fenster der guten Stube stand. Denn außer ihr besah das Ehepaar nur noch Kammer und Küche. Das Binche Nimis putzte und wischte immer noch an ihrem Nestchen herum. Dessen eine grellgeblümte Tapetenwand war ihr zu eigen. Da prangten säuberlich unter Glas und Rahmen die Photographien der Verwandten, bärtige und bartlose Predigerköpfe vom Lande mit ihren Frauen in dem guten Schwarzseidenen, und Kinder wie die Orgelpfeifen. Der Rest der Wände gehörte ihrem Mann und der Partei. Haar- und bartumflossen schaute da Karl Marx' mächtiges Haupt herab und der schwarzwollige Schädel Lassalles mit der hohen Stirn und den beredten Lippen, August Bebels gesträubte Kampfmähne und lodernde Augen. Wilhelm Liebknechts nüchtern forschender Denkerkopf und Friedlich Engels' derbes Antlitz im vollen Bart. Darunter hingen eingerahmt ein Vierteldutzend Verfügungen aus der Zeit des Ausnahmezustands wonach dem am 5. August 1860 in Darmstadt geborenen Redakteur Robert Nimis als einer Person, von welcher eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu besorgen sei, der Aufenthalt in dem vorerwähnten Bezirk von einer Königlichen Regierung, Abteilung des Innern, versagt worden war. Der Robert Nimis selber sah jetzt bürgerlicher und friedfertiger aus, seitdem das Binche aus dem Odenwald ihrem Mann die rote Krawatte sorgfältig knüpfte und das Strubbelhaar scheitelte. Der Rock sah fleckenlos auf den stämmigen Schultern, es gab keine Hosenfransen mehr über ungeputzten Schuhen. Aber sonst war der verwegene kleine Mann noch der Alte. Während seine Frau sich in die Küche zurückzog, musterte er seinen Vetter Leo und sagte trocken: »Wie der Borsch dahockt! Großkariert, frisch rasiert, gewasche und gebügelt! Dich könnt man für an zahmen Engländer halte, Leo, wie sie besser oben am Rhein herumlaufe. Du hast auch schon so wasserblaue Augen, als hätt dir eines Glaskugeln in den Kopf gesetzt! O yes – der Mann is doch nit aus seiner Ruh zu bringen!« »Warum denn auch? Es ist ja alles mit deinem Siebener-Ausschuß besprochen! Wenn sich das ganze Syndikat mit euch geeinigt hat, dann muß es der alte Buschbeck auch! Jetzt warte nur, bis ich oben mit ihm verhandelt hab!« »Vierundzwanzig Stunden bleiben wir bei unserm Wort! Das hab ich dir in die Hand zugesagt ...« »Es wird schon früher so weit sein, daß ihr euch vertragt! Halte dich nur bereit zu kommen, sobald ich dich holen lasse! Zu jeder Stunde!« »Unscheniert! Sorge du nur, daß das alte Laschter in Lütthahn nachgibt! Dees möcht ich wisse, wie du mit dem fertig wirst!« »Ich werde mit allen Leuten fertig, Robert! Das ist weiter kein Kunststück!« »Warum können's denn dann die andern nit?« »Ich hab mit vielen Chinesen zu tun gehabt, Robert – solchen in Asien, die einen Zopf tragen und's wissen, und solchen anderswo, die keine Ahnung haben, daß ihnen ein Zopf hinten hängt, und ich muß schon sagen, die Mandarinen in Peking sind mir immer noch lieber als die in Berlin! Aber ihr hier, du und deine Leute, ihr seid um kein Haar besser wie so ein Geheimrat mit drei Pfauenfedern!« »Ich bin froh, wenn ich so 'nen bösartigen Simpel gar nit erst seh!« »Und der bekreuzigt sich wieder vor deinem roten Schlips!« »... sell macht mir Bläsier ...« »... und ihr betrachtet euch gegenseitig wie Hund und Katz!« »Hund und Katz lebe noch friedlicher mitenanner wie ich und die Herre ...« »Das wäre ganz schön, wenn wir Deutschen allein auf der Welt wären, Robert! Da könnten wir uns ja das Vergnügen machen und immer einer den andern in Verruf stecken, wie zu meiner Zeit die grünen Studenten auf der Universität! Aber wir haben Nachbarn! Höchst unangenehme Nachbarn! Ich komme eben aus Petersburg. Dort haben sich Rußland und Frankreich gegen uns verbrüdert!« »Die Knute und der Geldsack haben sich verbrüdert! Das russische und das französische Volk weiß davon nix! Dem sind wir Deutschen auch Brüder! Das Volk kennt keine Grenzpfähle! Das gehört überall zusammen!« »Glaube nur das nicht!« »Das glaub ich nicht. Das weiß ich! Mir steht jeder, der arbeitet, gleich nah, ob er sich jetzt in Lütthahn oder im Pfefferland in die Händ spuckt!« »Ja, er dir! Aber du ihm? Du als Deutscher? Du weißt nicht, wie groß der Haß gegen die Deutschen auf der Erde ist!« »Die Redensarten kenn ich, Alterle! Da sollen bloß wieder bei uns mehr Regimenter aufgestellt werden und neue Kanonen gegossen, damit der alte Buschbeck wieder an Schmuh für seine Aktionäre macht! Erst muß abgerüstet werde und die Bruderhand nach Paris und Petersburg und London ...« »... und von dort die geballte Faust! Robert, was weißt denn du, wie's in Wirklichkeit im Ausland aussieht?« »Besser als du!« »Du bist doch nie im Ausland gewesen!« »Hab ich auch nit nötig! Das Volk versteht sich überall! Die schießen nicht auf ihre deutschen Mitmenschen! Die tun uns nix, wenn wir sie nicht immer reizen ...« »Robert – du lebst in einer Traumwelt...« »Und ihr in 'nem Metzgerladen! Als nur Blut und blanke Messer ...« »Bismarck ist nicht mehr im Amt. Leider. Aber er warnt und warnt aus dem Sachsenwald!« Der andere hob die Augen zur Stuckdecke und stieß einen Erlösungsseufzer aus. »Gott sei Dank, daß mir den los sind!« »Bismarck hat gewußt, was das heißt, daß wir mitten in Europa und mitten unter Feinden wohnen!« »Uff – sag ich, und nochmal Uff!« »Er hat uns gelehrt, daß wir vor allem stark sein müssen ...« »Laß den alten Mann bawwele! Er beißt nit mehr! Uff!« »Stark sein, heißt einig sein! Er hat Deutschland nach außen geeint. Jetzt müssen wir uns aber auch nach innen einigen! Wir haben zu viel Feinde!« »Geh! 's is nit so arg!« Der Vetter zuckte die stämmigen Schultern. »Robert ... Robert! Wir sind in Deutschland nicht unter uns Pfarrerstöchtern! Der Kosak und der Turko gucken über die Mauer, wie's bei uns zugeht! Brüderschaft haben sie eben schon miteinander getrunken...« .,... und wir mit jedem ehrlichen Mann aus der Welt!« »Ehrlich seid ihr – ehrlich meinst du's ... Dafür bist du ein Deutscher, Robert! ... Aber vergiß nicht: Bismarck hat einmal von dem blinden Hödur gesprochen, der den deutschen Frühling brach. Der blinde Hödur – das ist die alte deutsche Zwietracht...« »Jetzt laß mich endlich aus mit deinem Bismarck! Ich bin froh, wenn ich den Namen nicht mehr hör!« »Haß gibt's gegen jeden auf der Welt, der, wie wir, neu anfängt und es zu etwas bringt! Das gilt für jeden von uns! Auch für dich! In jedem steckt ein Stück Deutschland!« »Wann ein Haß da war, dann verdanken wir ihn bloß dem Bismarck! Erzähl du dem alten Buschbeck vom Bismarck und nit mir. Ich hab Deutschland auch gern – trotz allem – aber so einer verekelt's einem ja! Der alte Sünder hat den Bismarck lebensgroß über seinem Schreibtisch hängen! Sell is sein Schutzheiliger! Die beide passe zusamme!« Leo Nimis seufzte. Er zuckte die Achseln und stand auf. »Manchmal ist's kein Vergnügen, Auslanddeutscher zu sein und von außen in die große deutsche Kinderstube hineinzuschauen!« sagte er. »Was heißt das?« »Nichts. Ich geh also jetzt in Gottes Namen zu dem alten Buschbeck!« Leu Nimis schritt zu Fuß die Chaussee nach Lütthahn dahin. Der Sommerwind umspielte ihn schwül, als wehte er aus den Schmelzöfen umher. Rußflocken trieben in seinem Rauch. Die Sonne schien heiß, aber bleich durch den Dunst der Fabriken. Die Schlote qualmten, und es war ihm in seinen Gedanken, als ballten sich die Schwaden wieder zu den weißen Pulverwolken auf der blauen Ostsee, und über ihnen flatterten verbündet Andreaskreuz und Trikolore. Und als höbe sich drüben, nahe der Nordsee, aus dem Sachsenwald ein sorgender Riesenschatten und spähe wachsam und warnend nach den Grenzen des Reichs, nach der Wacht an Rhein und Weichsel. Und hier innen im Reich sangen unterdes Räder und Riemen das Lied vom Bruderkrieg, vom Krieg zwischen Arbeit und Besitz. Dann wurde es seltsam still. Keine Esse sprühte mehr. Kein Schwungrad kreiste. Kein glühender Stahl streckte sich unter dem tanzenden Hammer. Die Fabriksäle lagen ausgestorben. Gruppen von Feiernden standen müßig auf der Straße, als sei es Sonntag. Man war in August Buschbecks Reich. Seit heute früh ein Schlachtfeld ohne Kanonendonner. Aus dem Feldherrnhügel oben leuchtete aus Parkgrün das weiße Wohnhaus vor dem Feuergold der schon sinkenden Sonne. Das sonst verschlossene kleine Gittertor unten war heute offen, aus dem der nächste Fußweg in Windungen zur Höhe führte. Leo Nimis klinkte es auf und trat ein. Er ging langsam. Der Pfad schlängelte sich unter seinem festen, gleichmäßigen Schritt. Zuweilen weitete er sich zu einem Aussichtsplatz. Dann sah Leo Nimis, je weiter er aufwärts stieg, die Welt unten immer tiefer zu seinen Füßen. Die Niederungen. Die Nebel. Die namenlosen Massen der Menschen. Und er oben einsam im Licht. Bisher hatte der Berghang schon im Abendschatten gedämmert. Jetzt, bei einer Biegung, flammte plötzlich vor Leo Nimis der in einem Feuermeer drüben über dem Rhein sinkende Sonnenball, begrüßte ihn auf der Höhe, warf einen Herrschermantel von abendlichem Purpur um seine Schultern, krönte sein bloßes Haupt mit einem Reif von goldigem Abendlicht. Leo Nimis wandte es geblendet rückwärts. Da sah er, daß sein Schatten riesengroß geworden war. Mit dem Vielfachen seiner eigenen Körperlänge fiel dieser Schatten über den Grund und Boden des Herrenhauses von Lütthahn und reichte hinter ihm hinab in das Tal. Er schritt weiter. Er mußte die Lider auf den Sand des Weges senken, um nicht geblendet zu werden. Da waren ein paar Stufen. Als er sie emporstieg, sah er vor sich den schlanken, hohen Schattenriß einer Frauengestalt, die da vor der Sonne stand, und schaute auf. Ottonie Buschbeck reichte ihm die Hand. Sie war in einfachem Kleid, das schwarze Haar schlicht über dem blassen, regelmäßigen Gesicht gescheitelt, ohne Hut, so wie sie aus dem Hause gekommen. »Ich hab Sie von oben gesehen!« sagte sie. »Da bin ich Ihnen ein Eckchen entgegengegangen ...« Und dann: »Kommen Sie! Wir wollen uns einen Augenblick setzen! Papa kann noch ein paar Minuten warten ...« Von der Ruhebank aus sah das Land unten aus wie der Inhalt einer Spielzeugschachtel, den August Buschbecks behaarte Bergmannsfaust launisch ausgestellt hatte – da die Schlote und Dächer einer Hütte – da ein Haufen schwarzer Halden – da Reihen von Häuschen. Es war totenstill unten. Nur ein paar Hunde kläfften. »Wie geht es ihrem Vater?« »Er tobt vom Bett aus wie sonst im Bureau! Er wird nie anders werden!« Und nach einer Pause: »Aber es muß anders werden! Es geht so nicht weiter. Das sieht jeder außer ihm ein!« »Sind die Herren noch oben?« »Sie sind alle weg. Nur mein Schwager Mettenberg ist geblieben. Und mein Bruder Max. Dr. Rödicke hat auch gekündigt! Papa deckt wirklich eigenhändig am Ende seines Lebens sein eigenes Dach ab!« Ein Schweigen. Ottonie Buschbeck seufzte und fuhr sich mit der Hand über die tiefliegenden, dunkelblauen Augen. »Ach – lassen wir's! Erzählen Sie mir lieber, wie es Ihnen geht!« »Ich habe Ihnen alles geschrieben«, sagte Leo Nimis und malte mit seinem Stock einen Drudenfuß in den Kies vor ihr. »Und Sie mir auch. Seit einem Jahre. Wir haben uns alles gesagt.« »Wirklich alles?« »Ja.« Dann setzte er hinzu: »Sie ... an die Sie eben denken, und von der ich Ihnen schrieb – die hat schon vor mir Petersburg verlassen ...« Ottonie Buschbeck antwortete nichts. »Die ist schon seit Anfang dieser Woche mit ihrem Mann auf hoher See. Sie haben gleich nach ihrer Ankunft in Berlin einen Gesandtenposten ganz da draußen irgendwo am Ende der Welt erhalten. Ich habe es in der Zeitung gelesen. Da bleiben sie nun Jahr und Tag.« »Einmal kommen sie auch zurück.« »Die Welt ist klein. Aber so groß, daß man sich aus dem Weg gehen kann, ist sie doch.« »Wenn man will ...« »Das wollen wir. Die, von der wir reden, und ich.« »Haben Sie darüber miteinander gesprochen?« »Sie hat mich schon verstanden. Vollkommen. Wir haben voneinander Abschied genommen für dies Leben...« Leo Nimis zog mit der Spitze seines Bambusrohres, eines Mandarinengeschenks aus Hongkong, die letzte Ecke des Drudenfußes im Sand und schloß, lauter als bisher: »Das ist aus! Das liegt hinter mir. Für immer. Mehr kann ich nicht sagen!« Unten im Tal graute schon die Dämmerung. Die ersten Lichter leuchteten traulich auf. Tröstend. Grüßten von Herd und Heim. Da saßen Menschen beisammen. Spielten Kinder ... »Manchmal denke ich, ich habe meine Mutter viel zu früh verloren«, sagte Leo Nimis. »Ich habe jetzt oft solche Sehnsucht nach ihr. Ich wäre dann vielleicht ein bißchen anders geworden. Nicht bloß ein Mensch, den man da und dorthin schickt, um Maschinen aufzustellen und Grünhörner übers Ohr zu hauen. Ich hab ja auch niemals recht eine Schwester gehabt ... Sie meinen, ich hab eine? Die Hansi – die rechne ich nicht! Das ist eine leichte Fliege! Sie war es immer und ist es jetzt in Wien als Frau Fronhofer erst recht ...« »Mit Männern kann man über vieles nicht reden«, hub er wieder an. »Das ist, wie wenn man mit sich selbst redet! Darüber kann man nur mit Frauen reden. Dann begreift man sich selber. Ohne das bleibt einem immer mehr im Leben unverständlich, je älter man wird. Man weiß gar nicht, wozu man eigentlich da ist ... Was das alles für einen Sinn hat ...« »Den Sinn müssen wir selber ins Leben hineinlegen. Da geht es mir wie Ihnen. Daß ich das nicht kann, darunter leide ich, seitdem ich ein denkender Mensch geworden bin. Mir sind ja die Hände gebunden. Ich darf ja nicht, wie ich will!« »Und was wollen Sie?« »Anderen helfen. Das ist der ganze Sinn des Lebens, lieber Freund!« Immer dunkler wurde die Welt zu ihren Füßen. Ottonie Buschbeck sagte: »Es gibt so viel zu helfen da unten! Glauben Sie mir. Viel mehr, als ihr ahnt! Nicht nur die einfache Not. Da gibt es Mittel genug. Da bucht auch Papa, die Zigarre im Mund, bei der Bilanz irgendeine Riesensumme für Wohlfahrtzwecke als Beweis, daß er mit seinem lebenden Material ebenso sorgsam umgeht wie mit seinem toten. Aber was da unten ist, das will in die Höhe. Das will herauf zu uns. Das hat ein Recht darauf ...« »Das streckt die Hände aus!« fuhr sie leidenschaftlich fort. »Und wir sollten die Hände ausstrecken und helfen. Wir sollten sie emporziehen. Wir sollten Menschen untereinander sein. Wir sollten eine große Treppe schlagen von hier durch den Park herunter zu den Leuten unten. Die Treppe tut so not! So furchtbar not! Wir betrachten uns ja selbstverständlich von Kindesbeinen an als Feinde – die da und wir ...« »Und wir haben zusammen Feinde genug. Draußen in der Welt!« »Ist das nicht eine Aufgabe, bei der es einem heiß ums Herz wird? Bitte, lächeln Sie nur jetzt nicht...« »Wahrhaftig nicht!« »Ich kenne dies entsetzliche Lächeln Papas und all der klugen Leute, mit dem sie ein verdrehtes Frauenzimmer wie mich abtun. Da sitzt man dann, mit den Händen im Schoß, und könnte so viel tun ... Möchte so viel tun ... verzehrt sich ... wird verbittert und ungerecht gegen alle Welt ... möchte weinen ...« Sie preßte die Lippen zu einem wehen Zug zusammen. Ratlosigkeit lag darin. Schwäche. Sehnsucht. Sie schien ihm viel weicher als sonst in ihrer herben und in sich geschlossenen Ruhe. Nun sah sie ganz still. Mit einer sanft im Dämmern verschmimmenden Linie des leicht gebeugten Nackens. Er hörte ihr schweres, unruhiges Atmen. Er sagte: »Ihnen glaube ich es: Irgendwie muß der Mensch über sich hinaus!« »Das soll er! Das ist meine heilige Überzeugung!« »Ich verstehe diese Aufgabe noch nicht. Ich habe bisher immer an mich gedacht, weil ich fand, daß die andern nicht an mich dachten und der Mensch doch schließlich leben will ...« »Sie sind besser, als Sie denken!« »Ich weiß selber nicht, wer ich bin. Ich bin mir selber fremd. Ich bin ein anständiger Mensch. Ich unterschlage nichts. Ich verheimliche nichts. Ich habe Ihnen alles, wie es mit mir ist, seit Jahren immer gebeichtet und geschrieben. Schon in der ersten Stunde, wo wir uns überhaupt in unserem Leben sahen, habe ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet fast hier auf derselben Stelle, auf dem Spaziergang nach Tisch, vor vier Jahren ...« »Ich weiß.« »Seitdem habe ich Schweres durchgemacht. Das kennt keiner außer Ihnen. Mein eigner Vater nicht. Niemand.« »Bei mir ist's gut aufgehoben.« »Diese vier Jahre haben mich scheinbar, nach außen, in die Höhe gebracht. Es gibt dumme Leute genug in der Alten und der Neuen Welt, die mich beneiden – und in Wirklichkeit bin ich nur ziellos im Kreise herumgegangen und stehe da, wo ich war, nur um viel Bitteres reicher ...« »Schauen Sie vorwärts und nicht rückwärts!« »Ja. das will ich. Das muß ich! Herrgott: ich kann doch viel, wenn ich will!« »Das heißt, wenn Sie mir helfen!« setzte er nach einem Schweigen hinzu. »Ich will's ...« Über ihnen leuchtete oben der weiße Schimmer des Hauses Lütthahn. Nur ein paar Fenster des mächtigen niederen Baues waren hell. Er schien dadurch, daß seine Umrisse sich unbestimmt in die Sommernacht verloren, noch riesiger. Ein Ritterschloß der Zeit voll Rauch und Ruß auf hoher Warte und unter ihm sein Reich. »Ich brauche Lütthahn nicht!« sagte Leo Nimis. »Meinen Platz im äußeren Leben finde ich überall und fülle ihn aus. Die Leute freilich würden's glauben!« »Lassen Sie doch die Leute!« »Nein. Ich brauche Sie. Ich bin einsam. Ich hab eine Narbe. Ich hab eine Sehnsucht. Ich sehne mich und suche nach einem Menschen ...« Er brach ab. Dann fragte er: »Gibt's solch einen Menschen?« Sie neigte leise, zärtlich lächelnd, das Haupt. Sie wandte sich ihm zu und strich ihm milde mit der Hand über sein blondes, dichtgewelltes Haar und fühlte plötzlich dies Haar und dies Haupt an ihrer Schulter ruhen, stumm, mit geschlossenen Lidern, vor der Welt geborgen. Es war nur eine ganz kurze Zeit. Dann hob er den Kopf und faßte mit einem starken Griff ihre Hände: »Wollen Sie es mit mir versuchen?« »Ja.« Oben auf der Terrasse des Hauses Lütthahn zitterte, wie ein Glühwürmchen in der Nacht, das Windlicht in der Hand des Dieners. »Johann – haben Sie nichts von dem gnädigen Fräulein gesehen?« »Nein gnädige Frau.« »Ottonie!...« rief die Geheimrätin Buschbeck laut in die Nacht. »Ot–to–nie!« »Fräulein Busch–beck!« piepste hinter ihr getreulich das Fräulein Schneider. »Wo steckt sie denn nur?« fragte Max, der Sohn des Hauses, barhaupt, im Abendanzug, die Zigarette in der Hand. Graf Mettenberg sagte: »Ich weiß positiv, daß sie vor einer Stunde ohne Hut und Handschuh in den Park hinuntergestiefelt ist...« »Gott weiß, was das verrückte Huhn wieder vorhat!« »Max – du sollst nicht so von deiner Schwester sprechen!« »Da kommt doch so was den Berg hinauf ...« Der fromme Graf beugte den schönen, brünetten Kahlkopf und spähte. »Wo denn? Du Dunkelmann schaust wie ein Kater am besten im Finstern. Ich kann nichts erkennen!« »Wenn einer von uns beiden ein Nachtgeschöpf ist, dann bist du's, Max! Du findest doch nicht vor Sonnenaufgang vom Spieltisch nach Hause!« »Ach Kinder... häkelt euch nicht!« meinte die Geheimrätin weinerlich. »Sagt lieber, ob das da unten die Ottonie ist ...« »Nein, gnädige Frau. Ganz gewiß nicht! Das sind zwei Gestalten. Arm in Arm!« »Warum lacht ihr denn, Lothar und Max?« »Über Fräulein Schneiders Unschuld, Mama!« »Jetzt sieht man sie ganz deutlich ... Sie bleiben stehen ... ach Gott, sie küssen sich ...« Das spitze kleine Fräulein Schneider wimmerte verschämt auf und drehte sich um. Max Buschbeck lachte und meinte befriedigt: »Na, Gott sei Dank! Erkennst du jetzt deine Tochter, Mama, und Herrn Nimis an ihrer grünen Seite?« »Endlich, Kinder!« Die Geheimrätin faltete dankbar die fetten kleinen Hände. Fräulein Schneider fing an, vor Rührung zu weinen. »Zeit war's!« sagte Graf Mettenberg auf Abdinghof mit der Ruhe des großen Herrn, der nach langem Suchen einen passenden Verwalter gefunden hat, und die gleiche kühle Befriedigung spiegelte sich auf Max Buschbecks blasiertem Gesicht. »Ein Segen, daß ich diese ewigen geschäftlichen Sorgen los werde!« sagte er. »Papa gehört wirklich unter Kuratel!« Der alte Buschbeck lag stocksteif und still in seinem Bett. Hartnäckig wie ein Stück Holz. Er hatte sich nach der Wand gedreht und gab kein Lebenszeichen von sich. Wer den eigensinnigen Greis nicht kannte, hätte glauben können, er sei tot, wenn nicht zuweilen der Rauch einer heimlichen Havanna verräterisch unter der Steppdecke hervorgequollen wäre. Der Diener Johann und ebenso Dr. Rödicke standen vor der stummen Mumie in den Kissen. Der Privatsetretär prüfte seinen Brotherrn mit dem Leidensblick vieler Jahre. »Es ist gar nicht der Trotz bei dem Herrn Geheimrat, gnädige Frau!« sagte er. »Ja, was denn? August – du bist doch ein schrecklicher alter Mann! Was hast du denn?« »Es ist nur die Angst, gnädige Frau! Der Herr Geheimrat fürchtet sich!« »Mein Mann? Da könnte doch der Böse selber kommen und bekäme nur Grobheiten an die Hörner!« »Er fürchtet sich vor Herrn Nimis. Er hat seine Stimme gehört. Da hat er sich lieber ganz still in den Federn verkrochen! Herr Nimis: Es hilft nichts! Sie müssen trotzdem Ihr Glück versuchen!« »Gewiß!« sagte Leo Nimis mit großer Gemütsruhe. Als er mit der weltabgewandten Gestalt im Bett allein war, von der man nur die knochigen, verhüllten Umrisse und ein paar verwilderte graue Nackensträhne sah, rückte er sich einen Stuhl heran, setzte sich und begann laut und gemütlich: »Guten Abend, Herr Geheimrat! Ich bin da! Nicht der rote Nimis, sondern sein harmloser Vetter! Wissen Sie, ich bewundere Sie wieder einmal, Herr Geheimrat! Immer der Alte! Immer die Ohren steif ...« Es war, als spitzte der Gewaltmensch drüben mißtrauisch die Ohren unter der Decke, die er darüber gezogen. Aber er rührte sich nicht. »Von Ihnen kann der abgebrühteste Maschinenkonstrukteur noch was zu dem alten Satz hinzulernen ›die größte Wirkung mit dem kleinsten Mittel!‹ Sie liegen hier friedlich im Bett und pflegen sich und ärgern dabei alle anderen Leute grün und blau...« Ein befriedigtes Kichern in den Kissen. »Sie denken sich: ›Mögen die auf mich schimpfen, bis sie schwarz werden!‹ Sie haben ja so recht, nicht nachzugeben!« Unter der Bettdecke begann es zu paffen. Rauchwirbel stiegen an verschiedenen Stellen hervor, wie aus den Kraterspalten vor dem nahen Ausbruch eines feuerspeienden Berges. »Sie haben's, weiß Gott, nicht nötig, sich vor einem Kerlchen wie dem Robert Nimis zu ducken!« »Nee – wahrhaftig nicht!« schrie der Geheimrat. Auf einmal saß er aufrecht im Bett, das Hemd vorn an der graugelockten Brust offen, die Haare wirr um die großen Ohren, die Zigarre schief in dem schütteren, aschebestäubten Bart. »Und noch weniger brauchen Sie sich von der kümmerlichen Konkurrenz und dem Syndikat etwas vorschreiben zu lassen!« »Erzählen Sie das nur dem Schwendemann drüben!« Der Alte rieb sich befriedigt die riesenhaften, wie für eine Bergmannsschaufel geschaffenen Hände. »Und diesem Herrn Kühn! Hihi! ... Kühn heißt er, und ein Hase ist er!« »Sie sagen sich: Ich halt's aus! Die andern auf die Dauer nicht!« »Hören Sie mal, Nimis: Sie sind ein merkwürdig vernünftiger Mensch!« »Was kann Ihnen denn passieren – nicht wahr? Sie lassen die andern schuften und lachen sich ins Fäustchen! Wenn überall sonst die Hochöfen angeblasen sind und in Lütthahn das Gras auf den Fabrikhöfen wächst – Sie brauchen kein Geld zu verdienen wie die anderen Herren. Sie haben genug.« »Herr ... Ich will verdienen!« August Buschbecks nervös tränende Augen begannen langsam an dem Ernst des Besuchers zu zweifeln. Der überhörte die Antwort und fuhr fort: »Was macht sich ein Mann wie Sie aus geschäftlichem Schaden? Sie sind der Klügere. Sie haben dann einmal volle Geschäftsstille und Ruhe und Gelegenheit, einmal gründlich Ihrer Gesundheit zu leben! Zu tun ist ja in der langen Zeit, die der Streit bei Ihnen dauern wird, beim besten Willen nichts. Aufträge können Sie in der Zeit nicht hereinnehmen. Na – da schicken Sie eben Ihre alten Geschäftsfreunde zur Konkurrenz. Die will doch auch mal groß Geld machen! Kann man den Leutchen nicht verargen! Hab ich recht oder nicht?« »Der Teufel hol die Kerle!« »Außerdem ist's ja auch noch ein Segen, wenn den verwöhnten Aktionären einmal der Brotkorb höher gehängt wird! Die denken ja, es geht immer so weiter mit den Riesendividenden! Nun mal Schluß mit den sieben fetten Jahren! Nette Generalversammlungen wird's geben! Aber Sie sind nicht der Mann, der sich von ein paar Berliner Rechtsanwälten dumm kommen läßt ...« »Sagen Sie mal ...« »Sie sagen sich: Andere Leute wollen auch leben! Der Konkurrent ist auch ein Mensch! Die große rumänische Bestellung, die in der Luft liegt, schlucken während des Streiks hier in Lütthahn die Herren Schwendemann und Kühn mit Wonne. Die machen sich daran gesund! Na – gesegnete Mahlzeit! Es sind ja auch strebsame Herren! Es ist ihnen wirklich zu gönnen ...« August Buschbeck äugte wütend nach dem Stuhl. Der ganze alte Mann zitterte wie ein Dampfkessel, dem die Nadel des Manometers auf neunundneunzig zuckt. »Den andern mag es ja spanisch vorkommen, Herr Geheimrat, daß Sie die Riesenaufträge verschenken und nicht einmal Dank dafür kriegen! Aber ich durchschaue Ihre Taktik. Ich komme mit Ihnen aus den Belastungspunkt des Ganzen! Und da stimme ich Ihnen unbedingt bei: Älter werden wir alle! Und Sie in Ihren Jahren ganz besonders ...« Es sah aus, als ob der Geheimrat vor hilflosem Zorn weinte, wenn es auch nur sein altes Augenübel war. Er saß aufrecht und spielte tobsüchtig mit den langen Spinnenfingern auf der befleckten Bettdecke Klavier. »...aber man gesteht es ungern ein! Sehen Sie: da stehe ich wieder mit gefalteten Händen vor Ihrer geschäftlichen Überlegenheit. Herr Geheimrat! Ein Mann wie Sie will sich natürlich nicht aus heiler Haut vor aller Welt aufs Altenteil letzen! Er will einen guten Abgang haben! Er paßt seine Zeit ab. Er macht das ganz allmählich und unauffällig: da kommt der Streik wie gerufen. Der kann ja Monate dauern!« »Ja!« donnerte der Kranke. »... und daß Sie hinterher in Ihrem Alter und mit Ihrer geschwächten Gesundheit den Vorsprung der Konkurrenz nicht mehr einholen können und wollen, das rechnet sich ja ein Waisenknabe an den Fingern aus. Das begreift auch jeder. Sie machen Ihren Rückzug vor der Konkurrenz wieder so wundervoll, daß man rein baff ist!« »Ich soll mich zurückziehen? ... Ich?« »Sie geben sich ganz diskret geschlagen! Ihr Arbeitsfeld verringert sich von selbst. Ihre Arbeitslast wird immer leichter. Sie haben immer mehr ein verdientes, seelenruhiges Alter vor sich, je kleiner die Lütthahner Werke von Jahr zu Jahr durch die Entwickelung der Dinge werden. Da fällt einem mit einem ausgeblasenen Hochofen ein Stein von der Seele!« »Hilfe!« schrie August Buschbeck. »Hilfe!« »Aber Herr Geheimrat!« »Räuber! Mörder!« »Wo denn?« »Auf dem Stuhl, auf dem Sie sitzen und sich über mich armen, alten Mann lustig machen ... Sie gottloser Kerl ... Sie ... Sie ... Nee ... für Ihren Typ gibt's ja gar keine Nummer ...« »Darf man rauchen, Herr Geheimrat?« »Sie tun's ja doch...«, sagte der Alte, noch atemlos. Leo Nimis zündete sich seine kurze, englische Shagpfeife an. Er schaute plötzlich durch die blauen Wölkchen den Greis fest an. »Na ... Herr Geheimrat ... Wie wär's? Wenn wir beide zusammen, Sie und ich, Ihre Konkurrenz niederboxten? Nach allen Regeln der Kunst. Neuestes amerikanisches Verfahren. Patentierte Methoden, so daß den Herren Schwendemann und Genossen in acht Tagen die Funken vor den Augen tanzen!« August Buschbeck saß steif wie ein Wegweiser im Bett. Er war ganz Ohr. »Denken Sie, wenn wir zwei hier der langstieligen Gesellschaft die Zähne zeigen! Sie dürfen nur nicht so zimperlich sein wie bisher, Herr Geheimrat! Mit Ihrer ewigen Rücksichtnahme auf alle Welt ist's vorbei! Treten wir schon in Gottes Namen den Leuten feste auf die Hühneraugen! Schreien tun sie doch!« Der Patient wiegte andächtig den Graukopf in sinnender Begeisterung. »... Reinreden lassen wir uns von keinem! Die Mehrheit der Aktien haben Sie! Generaldirektor werde ich! Die Generalversammlung hat nicht zu mucken. Mit Ihrer bisherigen Leisetreterei muß es da ein Ende haben, Herr Geheimrat!« Ein befriedigtes Kichern drüben. » Go on ! Das steckt hier ja noch alles in den Kinderschuhen: Reklame. Propaganda, Organisation. In Amerika, und hier in Mannheim und Stuttgart auch, machen sie jetzt Versuche mit neumodischen Kraftwagen, die von selber laufen. Mit so einer Straßenlokomotive sausen wir an den Postkutschen vorbei und schmeißen, was nicht ausweicht, in den Graben!« Ein mildes Leuchten verklärte still August Buschbecks Gesicht. Er hatte feuchte Geisteraugen der Ergriffenheit. »Warum das Drängeln um das bißchen Geschäft im Inland allein? Wir krempeln die Ärmel auf und gehen hinaus in die Welt!« Leo Nimis sprang in seiner blonden Länge empor. Er stieß den Stuhl hinter sich, daß er torkelte. Seine Augen lachten, der Mund blieb angelsächsisch kühl. Es wetterleuchtete um ihn von Wagelust und Willen. »Ich bringe Ihnen den Weltmarkt, Herr Geheimrat! Ich bringe Ihnen China! Ich bringe Ihnen das nordamerikanische Geschäft! Ich bringe Ihnen Argentinien! Ich kenne jede Schiffslinie und jeden Hafen und jede Firma auf der Erde, mit der mir Geschäfte machen können! In fünf Jahren kennen sie uns überall! Dafür steh ich Ihnen! Da weiß jeder, wer August Buschbeck in Lütthahn ist! Nur keine falsche Scheu! Wozu hat uns der liebe Gott die Ellbogen gegeben?« »Ja, wozu?« rief der alte Herr in weinerlicher Begeisterung. »Wir sind durch Schutzzölle gedeckt. Die Engländer nicht. Da müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht auch an die große Futterkrippe rankämen! Wenn sie einen von früher kennen, wie mich, gönnen sie einem da auch 'nen Platz! Ich bin rund um den Äquator als ein smarter Kerl bekannt. Ich führe die Lütthahnwerke auf der Welt ein!« »Wollen Sie mir nicht die Hand geben?« sprach August Buschbeck schüchtern, und nachdem er sie ergriffen und leidvoll gestreichelt, legte er sich aufatmend zurück und versetzte im Selbstgespräch, mit einem Blick zu seinem Schöpfer oben: »Ich habe nicht gedacht, daß ich noch einmal im Leben einen so vernünftigen Menschen treffen würde!« Leo Nimis setzte sich wieder, rittlings, die Pfeife im Mund, die Hände in den Taschen. »Aber eine Bedingung ist unerläßlich, Herr Geheimrat!« »Reden Sie, Kind!« »Kein General kann in die Schlacht gehen, wenn er seine Regimenter nicht durch dick und dünn hinter sich hat! Sie müssen sich jetzt vor allem mit Ihren Arbeitern vertragen!« Der Alte schnitt eine verzweifelte Grimasse und stöhnte aus tiefster Brust. »Und zwar heute nacht noch! Sonst nehm ich meinen Hut und gehe!« »Dann gehen Sie!« »Schön!« Leo Nimis stand auf und schritt, auf seine Uhr sehend, eilig wie ein Mann, der sich schon verspätet hat, nach der Tür. Ein Wehklagen hinter ihm: »Nimis! Sie bluffen!« »I wo!« »Nimis! Rennen Sie doch nicht so!« Leo Nimis hielt die Klinke in der Hand. Er stand da, in eisiger Entschlossenheit. Der alte Herr im Bett fröstelte. »Nimis ... Seien Sie doch nicht gleich so ...« »Was wünschen Sie noch, Herr Geheimrat Buschdeck?« »Ich? Ich bin ja kaltgestellt. Ich bin ja abgesetzt. Ich liege ja hier beim Alteisen. Mein Sohn: Was wollen denn die Leute da unten von mir?« »Sie kennen ja die Forderungen. Die Forderungen sind so weit ganz vernünftig. Sie können sie ruhig unterschreiben. Sie werden sie unterschreiben. Sie müssen sie unterschreiben. Sonst lasse ich hier alles stehen und liegen. Ich brauche niemand nachzulaufen!« »Ich den Leuten auch nicht!« »Verlangt auch kein Mensch! Mein Vetter Robert kommt in einer halben Stunde zu Ihnen, um den Präliminarfrieden abzuschließen.« Der Alte schaute wieder rachsüchtig auf und duckte sich. »Er wartet nur auf meinen Wink. Ich habe mir erlaubt. Ihre angespannte Equipage im Hof warten zu lassen. Soll sie ihn holen?« »Wozu fragen Sie mich noch, mein Lieber? Ich bin ja nur noch eine Vogelscheuche. Es geschieht hier im Hause ja doch, was Sie wollen!« Leo Nimis ging hinaus, gab einen kurzen Befehl und setzte sich, zurückkehrend, wieder an das Bett. »Sie sind ein großer Mann, Herr Geheimrat! Sie sind Ihrer Zeit weit voraus! Nur nimmt jetzt die Zeit eben von Ihnen ihren Zoll. Warum soll man's nicht eingestehen. Es ist doch keine Schande, in den Sechzigern zu sein. Allein können Sie's nicht mehr machen ...« »Nee – nee ... weiß ich ...« »... und selbst, wenn Sie's noch ein paar Jahre trieben, ständen dann die Lütthahnwerke, das Werk Ihres Lebens, erst recht verwaist da. Und Ihre Lütthahnwerke lieben Sie doch mehr als sich selber. Sie wollen sie doch in guten Händen wissen ...« »Ach ja ...«, sprach August Buschbeck leise und zärtlich. »Also um mich kommen Sie da nicht herum. Darauf müssen Sie sich gefaßt machen.« Ein schiefer Blick von unten prüfte ihn aus dem Bett. Ein Hüsteln vor der Entscheidung. »Na ... und Ihre Bedingungen?« »Meine Bedingungen sind sehr hoch, Herr Geheimrat!« »Lassen Sie hören! Lassen Sie hören!« »... und ein bequemer Mitarbeiter bin ich auch nicht. Das sage ich Ihnen gleich. Ich denke nicht daran, bei Ihnen ein solcher Schlangenmensch zu werden wie etwa Ihr Dr. Rödicke ...« »Pah ... Der Rödicke und Sie ...« »Dr. Rödicke hat Ihnen gekündigt. Jeder wird Ihnen kündigen. Keiner hält es mit Ihnen auf die Dauer aus, der nicht muß. Sie brauchen einen lebenslänglichen Mitarbeiter, der nicht wieder weg kann, nachdem er einmal ja gesagt hat, und Sie natürlich vor allem auch ...« »Vorwärts!« drängte der Alte beinahe geschäftsmäßig. »... und darum schickte ich voraus, daß die Voraussetzung meiner Mitarbeit über jedes gewohnte Maß hinausgeht! Herr Geheimrat: Ich habe mich vorhin mit Ihrem Fräulein Tochter verlobt und bitte um Ihren Segen ...« Die Equipage, die die drei Männer in dunklen Sonntagsanzügen aus der Stadt geholt hatte, rollte wieder dorthin zurück. Robert Nimis, der Volksmann, saß darin und die beiden Vorsitzenden des Siebener Ausschusses, Mappen auf den Knien und in den Mappen den Frieden von Lütthahn. Alles war in Ordnung. Von morgen ab rauchten wieder die Schlote und glühte der Stahl. Robert Nimis reichte noch im Wegfahren seinem Vetter Leo die Hand aus dem Kutschenschlag. »Also diesmal hast du die Ruh ins Land gebracht, Leoche! Jetzt halt dich norr tapfer widder den starten August! Halt dich auf unserer Seit! Geschenkt wird dir von uns nix! Wir verlangen von dir unser Recht ...« Leo Nimis trat in den großen Saal zu seiner Braut, Dort stand Graf Mettenberg, sein künftiger Gegenschwager. »Für diese Leute, wie der, der eben wegfuhr, bist du sehr warm eingetreten!« versetzte er. »Aber für unsere christlichen Bergarbeiter verlange ich im Namen der Kirche künftig dieselbe Rücksicht von dir!« »... aber ohne, daß die Autorität des preußischen Staates darunter leidet!« ergänzte der in später Abendstunde noch einmal vorgefahrene Landrat Dr. von dem Steineck. »Nur nicht die Zügel schleifen lassen! Darum möchte ich im Staatsinteresse dringendst bitten, Herr Nimis!« »Na – und schließlich sind wir doch auch noch da!« meinte lässig aus dem Hintergrund Max Buschbeck, der Sohn und Erbe von Lütthahn. »Das Werk gehört doch vor allem uns! Der Familie. Zum Glück ist das Eigentum noch gesetzlich geschützt!« Aus seinen Worten klang der Geist des kranken Selbstherrschers von Lütthahn nebenan: »Ich liege und besitze!«, wie aus der Warnung des Vetters Robert bei der Abfahrt der Massenschritt der Arbeiterbataillone: »Alle Räder stehen still!« und aus der Mahnung des Grafen Mettenberg: »Alle Wege führen nach Rom!« und aus dem strengen Wink des Landrats von dem Steineck: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!« Die feindlichen Geister, die, überall wach geworden, sich um Deutschlands Seele stritten: Besitz und Arbeit und Staat und Kirche, standen in dieser Abendstunde in Lütthahn von allen Seiten um Leo Nimis und drängten und drohten und forderten jeder von ihm seinen Teil für die Zukunft. Und es war ihm, als zittere unter seinen Füßen ein unaufhörliches schweres Erdbeben durch Deutschlands Boden und vergrolle in seinen letzten Ausläufern hier oben in dem weißen Haus. Fremde Stimmen flüsterten ihm rechts und links ins Ohr: »Geh mit mir!« Unsichtbare Hände zupften ihn rechts und links am Ärmel: »Nein: Komm hierher!«, Arme suchten ihn von hinten zu schieben: »Vorwärts: Dahin mußt du!« Vorn winkte ein Zeigefinger: »Nicht doch! Hier ist Deutschlands Weg!« Um ihn tanzte der Hexenreigen ewigen blinden deutschen Widerspruchs zu sich selber, und fern, ganz fern vernahm er den Kanonendonner von Kronstadt und das Grollen der feindlichen Außenwelt, und es war ihm, als sei er inmitten einer hadernden Schiffsmannschaft bei windgeschwellten Segeln zwischen Klippen auf stürmendem Meer, und jeder stritt mit dem andern, wohin die Fahrt eigentlich gehen sollte. Er stand mit Ottonie, sie umfangen haltend, auf der Terrasse vor dem Hause. Die Sommernacht war dunkel und warm. Die Sterne leuchteten klarer als sonst, da der Fabrikrauch aus der Tiefe sie nicht trübte. »Man kann nicht mehr tun, als arbeiten, wie man's versteht!« sagte er. »Arbeiten will ich und den andern ein gutes Beispiel geben! Ich komme aus dem Ausland. Ich weiß daß Uneinigkeit auf die Dauer unser Tod ist! Wir beide wenigstens wollen einig sein und einig durch das Leben gehen ... Du und ich ...« XI. Blauer Sommerhimmel wölbte sich über dem grünen Waldmeer Siebenbürgens. Niederdeutsche Laute klangen auf dem Bahnhof. Ehrwürdige deutsche Bauerntrachten – Kniehosen, langschößige Röcke, breite Hüte – mischten sich zwischen die weißwollenen malerischen Kittel der Rumänen. Dr. Camillo Fronhofer stand auf dem Karpathenbahnhof, der weitab von der im Bergkessel gelagerten Stadt sich erhob, und wies auf den ungarischen Stationsnamen auf dem Gebäude. »Brassó!« sagte er zu seinen Freunden. »Das dürfen wir Deutschösterreicher uns dann in unser siebenhundertjähriges, urdeutsches Kronstadt zurückübersetzen!« Lutherische Kirchen ragten drüben über der Hauptstadt des Siebenbürger Sachsenlandes. Graue Bollwerke aus Deutschordenszeit trotzten zwischen den Häusern, über dem schwarzen und dem weißen Turm, über der Houteruskirche und der Weberbastei ragte von der Spitze des nächsten Bergs ein Baugerüst. »Dort wird nächstes Jahr das tausendjährige Hunnendenkmal aufgestellt!« versetzte Dr. Zechmann, der Direktor einer der Zuckerfabriken draußen in der Burzenebene, »Ein Mongolenkrieger aus Arpads Zeit!« »Die Weltkugel ist für die Herren Madjaren rotweißgrün«. fügte der evangelische Pfarrer Roth aus einem der deutschen Bauerndörfer der Schäßburger Gegend im nahen sächsischen Weinland hinzu. »Ob Sachse, Wallache. Slowat oder Kroat – die hundertsiebzig Grafen und die zweiundvierzig Barone und die zehn Bannerherren und Palatin und Banus an der Magnatentafel in Budapest und ebenso die Herren Komitatsboten unterdrücken alles, was nicht von Geisa stammt!« »Überall in den k. und k. Ländern wird das Deutschtum unterdrückt, überall kämpfen unsere verlassenen Vorposten ihren letzten Kampf. Im Deutschen Reich aber da draußen feiern sie Feste und fahren über See und raffen Geld und kümmern sich einen Schmarrn um die verlassenen Bruderstämme hinter den schwarzgelben Pfählen!« Camillo Fronhofer sagte es ohne Leidenschaft, mit dem hoffnungslosen Blick eines Arztes an Habsburgs Sterbelager. Er war noch ernster und versonnener als früher. Noch krauste sich ihm der schlichte Vollbart in glänzendem Blond eines Fünfundvierzigjährigen, aber auf der Stirn standen Leidenslinien, und die Augen sahen still und sorgendunkel durch den Zwicker. »Sie sind müde geworden, seit wir uns vor Jahren zuletzt gesehen haben, Herr von Fronhofer!« »Ich bin müde an Österreich, und Österreich selbst ist müde bis zum Sterben, und weil es müde ist. tanzt es. Von einem Tag in den anderen! Wir haben immer ein melancholisches Lächeln an uns gehabt, wenn wir so recht leichtsinnig waren! Zu was sich ernst nehmen? Es ist ja doch bald alles ein Aschen! Schauen Sie mich hier an: da steht der letzte Österreicher, der noch Österreich ernst nimmt! ... Eigentlich gehört ja so einer wie ich nach Döbling hinaus.« ... »Ins Reich hinaus gehören Sie ... um Hilfe rufen, ehe es zu spät ist!« »Seit dreißig Jahren ist's zu spät! ... Seit Königgrätz ... Wir haben's so gewollt.« Der Schaffner trat mit ein paar unverständlichen ungarischen Worten heran. »Hab die Ehre! Glückliche Reise!« »Servus!« Dr. Camillo Fronhofer fuhr nach Budapest. Auf dem Hauptbahnhof dort war es für den Nichtmadjaren schwer, den Ausweg zu finden. Jedes Wort einer der nicht madjarischen Landessprachen im Königreich Ungarn, namentliche jede deutsche Silbe, war wie giftiges Unkraut ausgerottet. Er stand und zweifelte: hieß dies Bémenet nun Eingang und Kimenet Ausgang oder umgekehrt? Ein Budapester, an den er sich mit einer deutschen Frage wandte, fragte zunächst höflich: »Belieben, Reichsdeutscher zu sein?«, merkte dann den Wiener Tonfall und ging mit einem halblauten »Verfluchter Schwab!« weiter. Unter der Bahnhofswölbung zitterte der Haß gegen Wien. Die ganze ungarische Hauptstadt atmete ihn, zu beiden Seiten der Donau. Dort, am Kai, war jetzt der große Nachmittagskorso. Schob sich die Menge, tausendköpfig lustwandelnd, in zwei breiten Strömen. Saß auf den langen Stuhlreihen am Ufer. Von den dort vertauten großen Donaudampfern schauten die Reisenden neugierig auf das Gewühl. Vereinzelte rote Tarbusche in ihm ließen die Nähe des unheimlich kochenden Völkergemisches des Balkans ahnen. Die Kaffeehäuser auf der Stadtseite des Franz-Josef-Kais waren schwarz von Menschen. Die Zigeunergeigen jauchzten und jubelten. Dunkle Frauenaugen blitzten. Phantastisch hob sich drüben, jenseit des mächtigen Stroms, mit ihren Zinnen und Türmen die noch im Ausbau befindliche Ofener Burg des Königs. Wehe, wer hier vom Kaiser von Österreich gesprochen hätte ... Auf diesem festlichen, ewig heiteren ungarischen Globus wandelte Koloman Goldkind, der große Budapester Getieidehändler. Er sonnte sich. Er blühte. Er gedieh unter dem Himmel über der Pußta, deren endlose Weidesteppen sich immer mehr in ebenso endlos wogende Kornfelder verwandelten. Er war schon stark madjarisiert. Sein Schnurrbart schwarz gefärbt und aufgedreht. Aus seinem Graukopf kam der Zylinder kaum zur Ruhe. Koloman Goldkind kannte und grüßte Gott und die Welt. Den Adel. Die Spitzen. Die Politiker. Die Zeitungsgrößen. Er war ein eingeborenes und vollbürtiges Kind dieses Junkerlandes, in dem die gräflichen Staatsmänner die Zahl ihrer parlamentarischen Siege mit den Dutzenden ihrer Pistolen- und Säbelduelle multiplizierten, in dem der blaublütige Minister nach des Amtes Last und Sorgen nachts im Klub hunderttausend Kronen auf eine Karte setzte und der Parteiführer, die Brille vor den kurzsichtigen Augen, den anderen Magnaten bei der Hetzjagd in gestrecktem Galopp voranritt. Koloman Goldkinds Begleiter stammte nicht aus diesem ungarischen Paradies. Um Dr. Juda Mandel, den Zionisten, war Palästina. Waren die Gettos Galiziens, aus denen er, der Sohn des Wunderrabbis, stammte, war die Trauer an den Wassern Babylons, die Gebete an der Klagemauer von Jerusalem, die Sehnsucht Ahasvers nach Heimat und Land und Volk. Er war ein schöner Mann. Großgewachsen glich er mit seiner Adlernase, den mandelförmigen, dunklen Augen, dem seidenen, schwarzen, langen Vollbart eher einem Araberscheich als einem Talmudgelehrten und Doktor dreier Fakultäten und internationalen Weltmann. »Ah – da schau her: der Herr von Fronhofer! Wie geht's?... Blaß sind's ... Was macht die Gnädige?« »Danke, Herr von Goldkind! Ich bin auf dem Weg zu ihr nach Wien!« Koloman Goldkind pfiff durch die Zähne: »So .., so. Wieder glücklich in Wien?« »Ja – schon seit zwei Jahren!« »Alsdann ist der Wunsch der Gnädigen doch erfüllt. Mein Schwager, der Weixselbaum, hat's nicht durchsetzen können! Ich bitte: der Weixselbaum und kann in Wien etwas nicht durchsetzen! Da steht die Welt net mehr lang! Das muß sehr eine hohe... aber schon sehr eine hohe Protektion gewesen sein.« ... »Ich hab die Ehre, Herr von Goldkind!« »Mein Kompliment! Handkuß an die Gnädige!« Und mit Dr. Juda Mandel allein weiterwandelnd, setzte Koloman Goldkind mit einem fetten und listigen, vielverstehenden Schmunzeln hinzu: »...haben's eine Ahnung, was die schöne Frau von Fronhofer für einen Ruf in Wien hat?« Der Zionist verneinte. Er hatte andere Sorgen im Kopf. »Na – da seien's froh!... Zu so einem Ruf gehört schon was ... in Wien« ... Camillo Fronhofer war in Gedanken versunken dahingegangen Säbel und Sporen klirrten ihm entgegen. Aus einer Gruppe verschnürter k. und k. Wespentaillen und kecker ungarischer Husarenkalpaks hob sich die Hand eines Leutnants mit zwei Fingern an die Mütze. Er erwiderte den Gruß, ohne sich dieses jungen böhmischen Dragoners zu entsinnen. Um den zwinkerten im Weiterschlendern vielsagend die Kameraden. »Jetzt geh her ... Peindlberg ... erzähl doch!« »I weiß doch nix von der Hansi!« »Ach geh, Poldi!« »Auf Ehr und Seligkeit! ... Da müßt's ihr schon den Pürckenstein selber fragen, ... Ah ... da schaut's mal: das fesche Madel ist da.« ... Und aller Blicke wandten sich nach rechts, und Augen winkten, und Lippen lächelten, und die Sonne selber schien ein Buhler und der Wind ein Kuppler und die Luft ein Liebesbote, und das war das einzige, worin die beiden zur Todfeindschaft entzweiten Donauschwestern, Budapest und Wien, miteinander einig und sich ähnlich waren, am Franz-Josefs-Kai wie am Kärntner Ring ... Im großen Saal des »Hungaria« geigte der Primas, verzückt sich wiegend, frei aus dem Kopf. Die Zigeuner fiedelten hinter ihrem Herrn und Meister her. Die Hundertkronennoten flogen ihnen von den Tischen der Aristokraten zu. Kein Stuhl war leer. In einer Ecke saß Camillo Fronhofer mit seinem Prager Vetter Karl Pelzel von der Direktion der k. k. Nordbahn, den seine Dienstgeschäfte nach Budapest geführt hatten. »Du, Camillo.« ... »Ja.« ... »Nachdem mir uns per Zufall mal wieder getroffen haben ... Ich möcht mal recht dumm fragen« ... »Red halt schon!« »Wie geht's denn jetzt in Wien?« »Ich bitt dich: wie soll's denn einem Menschen in Wien anders gehen als im Himmel? Er hat ja alles! Nirgends fahren die Fiaker schneller und sind die Kipferln röscher und spielen's eine Operette besser und sind die Kavaliere fescher angezogen als bei uns.« ... »Sei nicht so bitter! Ich mein: Wie ist's denn jetzt da mit der Hanserl?« »Werf einen Fisch ins Wasser und frag ihn, ob er wieder heraus möcht.... Die Hansi hat halt Wiener Blut. Die lacht sich durchs irdische Jammertal und tanzt dazu.« Einen Blick halben Mißtrauens durch die Zwickergläser hinterher: »Warum fragst du eigentlich, Karl?« »Ja – weißt: die Leut reden halt so! 's is schon nimmer schön, was sie von der Hansi reden!... Ich bitt dich um Jesu willen: sei nicht bös! Aber ich hab geglaubt, ich müßt einmal ... als dein Verwandter ... wenn die Gelegenheit sich grad bietet.« ... »Mein Lieber, du bist nicht der erste, der mir mit bei Hansi kommt! Aber ihr seid's dumm! Ihr alle miteinander! Ihr wißt's alle nicht, wie das mit der Hansi ist.« Ein warmes Leuchten lief dabei über Camillo Fronhofers stilles, in sich versunkenes Gesicht. »Die Hansi, mein lieber Karl, die ist wie Österreich selber. Die muß man nehmen, wie man Österreich nimmt. Sie ist so lustig. Sie ist so lieb. Bei der wird man selber zum Kind. Wenn ich mein Hanserl nicht hätt ... Sie hat freilich den goldenen Leichtsinn.« ... »Ja ... schau.« ... »... aber sie hat auch das goldene Wiener Herz! Sie ist hübsch! Sie ist jung. Sie freut sich, daß sie auf der Welt ist! Aber sie weiß ganz genau, mein Lieber, wie weit sie geht!« »Freilich ... freilich ... Ich mein ja nur.« ... »Ich kann nicht 'n Spagat nehmen und einen Schmetterling daran anbinden! Ich verlaß mich auf ihn! Ich weiß, daß ich's darf! Ich habe sie ja so lieb ... Nein ... auf mein Hanserl – da laß ich nix kommen.« ... »Wirst schon recht haben, Camillo!« Während der Prager sein Krügel Pils leerte, dachte er sich: Is besser so! ... Wenn man einem Nachtwandler zuschreit: Du ... paß auf!, so fällt der arme Narr erst recht vom Dach und bricht sich's Genick! Lassen mir ihn halt oben! Und laut begann er: »Die Zustände heuer bei der Südbahn, Camillo! ... Mir tun bald die armen Obligationsinhaber leid.« ... Camillo Fronhofer antwortete nicht. Er saß und sah vor sich hin, und in seinen weichen, bärtigen Zügen lag ein leidender und schmerzlicher Eigensinn, ein Rechthabenwollen um jeden Preis in den Lieben seines Lebens, zu seinem Land und seiner Frau, und man wußte nicht, hielt er die beiden jetzt in seinem Schweigen mit allen Fibern seiner Seele fest, oder hörte er nur, in seine Gedanken versunken, auf die Fiedelkunst der Zigeuner. Der feiste, gelbe Primas mit den schwermütigen Spitzbubenaugen und dem aufgewichsten kohlschwarzen Schnurrbärtchen schwang leidenschaftlich den Bogen. Die Geigen jauchzten und sangen das alte Lied vom Hause Habsburg und seinen weiten Landen, Tu felix Austria, nube ! Schon fehlen Kronen in deinem Kranze: Im Dom zu Monza ruht die eiserne Krone der Lombarden. Am Michaeler Platz in der Hofburg schlummert neben dem Schwert Karls des Großen die Kaiserkrone des heiligen Römischen Reichs. Aber da, gegenüber, in der Ofener Burg, beschirmt noch die Kronwache die Stephanskrone und des heiligen Stephan rechte Hand, und drüben in Wien sendet immer noch aus der Schatzkammer der Burg die österreichische Erblandekrone ihre Strahlen über die Gauen zwischen Leitha und Bodensee. Noch blühst du, Donauland, zwischen Trümmern, tanzest über Gräber bis zum jüngsten Tag ... Das Zittern der Zigeunergeigen auf der weiten Pußta, Juchzer und Schnadahüpfl auf der grünen Alm Tirols, das Sporenklirren der Mazurka im Sarmatenland, ein Hirtenlied auf der Kürbisflöte fern unter den Eichen des Banats ... tanze, Österreich ... tanze und lache ... lache und liebe ... du hast nicht mehr lange Zeit ... »Die Hansi soll lachen!« sagte Camillo Fronhofer, plötzlich beinahe zornig das Haupt hebend, und man merkte, daß er die ganze Zeit an seine Frau gedacht. »Laßt's ja auch nicht daran fehlen, Camillo!« »Sie soll lachen! Gerad, weil ich gar so ernsthaft bin! Sie soll mir mit ihrem dummen kleinen Patscherl den Griesgram von der Stirn fegen ... da könnt ihr mir lang plauschen.« ... »Ich bin ja schon still!« »Ich bin ein trauriger Mensch. Aber ich wär unglücklich, wenn meine Hansi nicht glücklich wär, wie das Zeiserl auf dem Ast! Ihr Lachen ist mir die liebste Musik, schöner als von den Zigeunerbuben da! Ihr Gesichtel soll alleweil fidel sein. Sorgen sind meine Sache. Sorgen hat man g'nug. wenn man heutzutag in Österreich ist! ... Du himmlische Güte ja – wohin treiben wir?« Ein Schiff ohne Ballast.., ein Wrack auf den Wellen... Kein Steuermann am zerbrochenen Ruder... Klippen rechts und links ... ringsum das slawische Meer ... Camillo Fronhofer stützte düster die Stirne in die Hohlhand. Drüben begann der feiste Primas, sich im Geigen tanzend zu bewegen. Die Kopfe und Schultern seiner Zigeuner tanzten im Takte mit. Der Rakoczy-Marsch jubelte, das jahrhundertalte Schlachtlied Michaels des Braunen, des Zigeuners, wider Wien, Es fieberte durch den Saal. Die Madjaren sangen halblaut mit und wippten mit den Stiefelspitzen. Finster saßen an den Tischen neben den beiden Deutschen kroatische Gutsbesitzer und rumänische Bojaren. Ein Jubel! Eljen! Ungarischer Größenwahn stieg auf und tünchte die Welt mit rotweißgrünem Pinsel. Der heißschaumende Übermut steckte an. »Die Ungarn sind so wild, weil sie sich jung vorkommen!« sagte Camillo Fronhofer mit aufgehellten Zügen. »Vielleicht werden wir hinter Preßburg auch noch einmal jung! Vielleicht blüht Österreich doch noch einmal! Vielleicht wird doch noch einmal alles gut! In hundert Jahren werden's die Schulbuben lernen!« fuhr er nach einer Weile fort. »Nicht wurde bei Sedan Deutschland geeint, sondern bei Königgrätz wurde die deutsche Einheit zerstört, und dabei ist's geblieben bis heute, und das ist unser Unglück an der Donau und an der Spree. Der alte deutsche Bund von sechsundsechzig war ein G'lump, aber wenigstens was Ganzes. Da waren wir alle darin. Aber der Zustand jetzt mit zwei Kaiserkronen und einem einköpfigen Adler in Berlin und einem zweiköpfigen in Wien ist etwas Halbes, weil's was Doppeltes ist ... Am End kommt die goldene Zeit doch noch einmal wieder. Der Prinz Eugen und die Maria Theres und der Vater Radetzky und der Tegethoff ... Ich möchte es so vom lieben Gott erbetteln.... Du mein Österreich ... mein liebes, liebes Österreich.« ... Seine Mienen hatten sich verklärt. Er kam, hartnackig in seiner Hoffnung, auf seine Frau zurück. »Die Hanserl wird auch mal g'scheiter werden! Sie wird ja doch allmählich älter und gesetzter.« ... »Wie alt ist sie denn?« »Gerad dreißig!« »Zeit is.« ... »Es wird schon besser werden!« versetzte Camillo Fronhofer. Er sprach von ihr wie von einem geliebten kranken Kind, wie er von Österreich, wie von einer teuren kranken Mutter sprach. »Es wird schon werden! Ich nehm halt die Dinge zu ernst!« Zu leicht, Freunderl! – dachte sich der andere. Aber er hielt an sich und schwieg. »Das ist mein alter Fehler! Dagegen hab ich ein Hausmittel – die Hansi! Ihr dürft mich nicht in meinem Trübsinn bestärken!« »I werd mich hüten!« »Ich vertrau auf die Hansi! Da mögt ihr reden, was ihr wollt! Ein Mann muß seiner Frau vertrauen. Sonst ist das keine Ehe mehr, sondern ein Auseinanderleben.« Der Vetter Karl hielt den Mund. Er wollte ihn sich nicht verbrennen. Camillo Fronhofer war ganz heiter geworden. »Heut hab ich auf einmal wieder Hoffnung!« sagte er. »Weil ich mich mal ausgesprochen hab! Ich dank dir, Karl!« »Ich bitte!« Camillo Fronhofer lächelte still vor sich hin, mit der Sehnsucht eines Verliebten. »Du, übermorgen um die Zeit bin ich schon in Wien! Bei der Hansi! Wie ich mich darauf freue! Weißt: ich hab ihr versprochen: Wenn ich wiederkomm, fahren wir zur Feier mit einem Unnumerierten hinaus in den Prater und nachtmahlen draußen beim Sacher. Das is was für die Hansi! Sie ist ja wie ein Kind!« Die Kaiserstadt und die Hansi gingen ihm in eines und schienen dasselbe: die alte Stadt und die junge Frau: Wien und Weib. »Alsdann, Karl – ich geh jetzt schlafen. Grüß alle in Prag!« »Servus, Camillo! Auf Wiederschauen!« Kein Gruß des Vetters an die Hansi. Das war deutlich. Das verstimmte ihn. Das kränkte ihn. Unrecht taten sie dem armen Hascherl. Er allein war gut zu ihr. Er verstand sie. Nur er allein in der ungerechten Welt. Er lehnte in seinem Hotelzimmer am offenen Fenster. Breit flutete vor den Lichtern von Ofen drüben im Mondschein der Silberschwall der Donau. Die Wellen glitzerten und plätscherten und brachten ihm Grüße aus Wien. Küsse von der Hansi. Der laue Sommerwind wehte flußabwärts und flüsterte ihm Liebesworte vom Hanserl ins Ohr. Er legte die Hand auf die Brust und atmete tief auf. In seinem Herzen war die Sehnsucht nach seiner irdischen Heiligen. Um ihr irgendwie im Geiste nahe zu sein, begann er die Geschenke, die er auf der Reise für sie gekauft hatte, auszupacken. Er betrachtete zärtlich die kleinen Mitbringsel, streichelte sie liebevoll: den ungarischen Silberschmuck. Die Leinwandbluse mit bosnischer Stickerei. Das türkische Zuckerwerk. Ein Schleckermäulchen war sie schon, die Hansi. Er lächelte, wickelte die kleinen Gaben gerührt wieder in ihr Seidenpapier, als wären sie ein Stück von der Hansi selber. Dachte dabei: heute über achtundvierzig Stunden bin ich bei ihr in Wien ... Während er den Koffer schloß, ging es ihm in seinem Heimweh nach der Hansi durch das Hirn: Wenn dieser Fadian hier, der Exzellenzherr, in seinem neuen Ministerium am Parlamentsgebäude nicht erst nachmittags zu sprechen wäre, dann könntest du schon morgen den Mittagszug nach Wien nehmen. Spartest einen vollen Tag! Ach was! Bist mal keck – nicht so zurückhaltend wie sonst – und gehst um zehn Uhr hin und gibst dem Pförtner einen Zehnkronen-Händedruck und erledigst, wenn du Glück hast, deine k. k. Siebensachen noch am Vormittag und schaust, daß du auf die Bahn kommst, und überraschst die Hansi in eurem Nest in der Mariahilfer Straße. Der Mittagsschnellzug über Marchegg nach Wien war, wie gewöhnlich, überfüllt. Viele Herren standen im Seitengang des Wagens. Camillo Fronhofer, noch atemlos von der Eile, mit der er den Bahnhof erreicht, unter ihnen, zwischen einer Gruppe Honvedoffiziere. In Preßburg stiegen sie säbelklirrend und geräuschvoll aus. Da war Theben mit seiner Burgruine, der Landeswarte und dem Grenzmal zwischen den beiden feindlichen zusammengewachsenen Zwillingen Österreich und Ungarn. Der Zug rollte über die Brücke. Schwarzgelbe Meilenzeiger tauchten auf. Man war wieder in Österreich, dem alten, lieben Österreich. Camillo Fronhofer zählte die Minuten der letzten Stunde der Fahrt, bis der Zug auf dem Nordbahnhof hielt. Er kaufte draußen noch Blumen für die Hansi, ehe er mit seinem Kofferchen in den Einspänner stieg. Der rollte mit ihm hinunter zu dem ganz nahen Praterstern. Dort kreuzten sich, am Tegethoff-Denkmal, die beiden getrennten Welten des ewig heitern Wiens. Im Wurstelprater drüben tanzten die Marionetten, schrien die Maroni- und Salamucci-Männer, fiedelten die Damenkapellen. sangen die Volkssänger, die Hand gefühlvoll auf dem rundlichen Leib, mit Schmelztenor und gerührtem Augenaufschlag vom alten Stephan und dem goldenen Wiener Herzen. Von der anderen Seite, von der Hauptallee her, rollte an dem Jahrmarkt vorbei der nachmittägliche Praterkorso der vornehmen Welt nach der Innenstadt zurück. Voll Luxus und Leichtsinn, mit stiebenden Hufen und federnden Gummirädern und wehenden Peitschen überholte das Gefährt in der Praterstraße den bescheidenen Einspänner mit dem einzelnen Reisenden. Vierbeiniges Edelblut, Geschirr. Livree. Haltung, wie man das in deutschen Landen eben nur in Wien und sonst nirgendswo sah. Toilettenträume, wie man sie rechts des Rheins eben nur in Wien sah. Frauen, wie man sie eben nur in Wien sah. Camillo Fronhofer war selbst zu sehr Wiener, als daß er sich nicht trotz seines schweren Geblüts neidlos an dem feschen Sommerbild ergötzt hätte. Ein Landauer mit mächtigen Karossiers, ein Kreuzzugswappen einfacher, schräger Balken auf dem Kutschenschlag, rollte feierlich langsam wie im Londoner Hydepark neben ihm und benahm ihm die Aussicht zur Rechten. Er sah nur, daß der Wachmann an der Aspernbrücke plötzlich jäh warnend die Hand hob, wie um ein zu tolles Fahren zu hemmen ... Aber halt mal einer den Matuschek! Den Wenzel Matuschek vom Graben! Den Fiaker, den jedes Kind dort im Schattenkreis des Stephansdoms kannte! Den Freund und Spaßmacher des gegen gewöhnliche Sterbliche unnahbar abgeschlossenen Hochadels! Der fegte im Sturmwind heran. Das war die wilde Jagd selber. Der Matuschek saß zungenschnalzend, mit abgespreizten Ellbogen auf dem Bock, den Hut im Genick, selbst selig über die Hetz. Zwei Jahre halten's die Rösser aus! Nur vorwärts, an dem miserabligen Volk zu Fuß vorbei! Zahlen tun's die Kavaliere! Wir sind die Götter von Wien! Drei Kavaliere saßen im Wagen und eine Dame. Camillo Fronhofer lächelte gutmütig, wie er die Leute rasch und lachend vor dem tollen Gefährt zur Seite springen sah. Er dachte sich: was täten's jetzt in Berlin schimpfen bei so einer Rücksichtslosigkeit!... Dann verfinsterte sich blitzschnell seine Stirn: Das Gigerl auf dem Rücksitz drüben – richtig: – das war der Erwin Pürckenstein: mit dem man schon in Prag soviel Ärger gehabt hatte! Nun war das Früchtel glücklich längst wieder in Wien. Sein modischer Strohhut mit dem breiten, bunten Band verdeckte den Kopf seiner Begleiterin. Jetzt bog er sich vor, um dem Matuschek etwas zuzurufen. Man sah über seiner Schulter ein neckisches Wiener Gesichtel mit lustigen Blauaugen und windgeröteten Wangen. Camillo Fronhofer saß starr. Er blickte auf den vorüberfliegenden Wagen wie auf eine Sinnesspiegelung. Fuhr sich mit dem Handrücken über die Lider. Nein: Die Erscheinung blieb: das war die Hansi. Unbekümmert. Aus voller Kehle lachend, ohne ihn zu bemerken. Der Spitzenkranz ihres weißen Sonnenschirmchens flatterte, die beiden aufrechten Kolibrifedern auf dem winzigen Toquehütchen bogen sich, die weiten Puffärmel bauschten sich bis zum Ellbogen in der sausenden Fahrt. Die war schon weit voraus. Der Fiaker schoß über die Brücke und verlor sich drüben im Wagengewühl des Rings ... Der Einspänner trabte eine Weile bedächtig dahin, ohne daß der Fahrgast sich rührte. Der saß dumpf, wie von einem Donnerschlag betäubt, mit ratlosen Augen. Allmählich glomm in ihnen hinter dem Zwicker ein düsterer Grimm auf und schwelte um den zuckenden, noch ungläubig verbissenen Mund. Der Kutscher fühlte sich plötzlich von hinten am Arm gepackt und hörte eine heisere, ganz veränderte Stimme. »Fahren's zum Stock im Eisen und halten's da voi dem Kaffeehaus!« Einen echten Wiener und zumal einen alten Junggesellen suchte man nicht in seiner Wohnung. Die kannte man oft kaum. Wer ihm schreiben oder ihn sprechen wollte, der fand ihn am sichersten in seinem Stammcafé. So saß auch der Feldmarschalleutnant im Ruhestand Freiherr Alfred von Morandell auf Tschitten um diese fünfte Nachmittagstunde vor seiner Schale Haut auf seinem Eckplatz am Fenster und schaute, die Virginia im Mund, auf die Roteturmstraße hinaus und schmunzelte, wenn ein hübsches Madel vorbeiging, obgleich er schon nahe an die siebzig war, aber geschniegelt und gebügelt wie nur irgendein alter Herr in Wien, den schlagrahmfarbenen Überzieher knapp bis zu den Hüften reichend, die Hosen über den Lackschuhen aufgekrempelt, daß man die kokett geringelten seidenen Socken sah, den bunten Schlips jugendlich flott geknotet, so wenig ein Lot Fleisch auf der hageren, eleganten österreichischen Armeegestalt wie einst in seinen jungen Jahren als Leutnant bei den seligen Sachsenkürassieren Nr. 3. Die Runzeln in dem trockenen, ärarischen Gesicht des alten k. k. Reitersmanns zuckten. Er sagte, während er seinem Neffen Camillo Fronhofer die Hand gab, unter dem grauen aufgedrehten Radetzkyschnurrbart in der langsamen, die Silben betonenden Sprechart der Habsburger Offiziere: »Setz dich, mein Lieber!... Was is mit dir los?« ... Ein heiseres Flüstern drüben: »Ich hab die Hansi eben in schlechter Gesellschaft gesehen!« »Das hättest du schon öfter sehen können, wenn du halt Augen im Kopf hättest!« sagte die Exzellenz gemütlich. »Ich bin deiner Frau erst gestern in der Wollzeile begegnet. Und mit wem? Ich bit–te: mit der Mizzi Osmanos und der Frau von Hungar ...« »Das mein ich nicht ...« »Neulich – mit der Fritzi Stockvics Arm in Arm, wie zwei Schwestern! Sind ja fesche junge Frauen – Küß die Hand! Aber doch so eine ganze andere Gesellschaft! Der Herr von Hungar soll nach seiner letzten Getreideschwänze auf der Börse zum Weixselbaum gesagt haben: I geb dir mein Ehrenwort: I hab an dem ganzen G'frett noch nett a lumpige Million verdient ...« Camillo Fronhofer hörte gar nicht mehr zu. Er hatte sich vom Kellner das Adreßbuch geben lassen und durchblätterte es mit fiebernden Fingern. Der Onkel Alfi leerte sein drittes Glas Wasser und fuhr fort: »Die einzige, die da helfen kann, das wär die Tante Lint! Ich hab ihr neulich schon ins Gewissen gepredigt, daß die Hanserl von der Frau von Osmanos und der Frau von Stockvics, mit denen sie als umeinander zieht, nix G'scheites lernt ... Denen beiden schickt der heilige Vater schon ganz sicher net eines schönen Tags die Tugendrose ...« »Pürckenstein ...«, murmelte der Neffe und suchte düster im Adreßbuch ... »Pürckenstein...« »Aber die Lintscherl hat nur gelacht! Die is mir die rechte, mit ihren weißen Haaren! Die bringt einmal ihr Pinkel Sünden in aller Unschuld bis vors Himmelstor und sagt dem Petrus sie hält sich nichts Böses dabei gedacht..« Dr. Graf Gerolf von Pürckenstein, Hof- und Ministerialrat ... Nein ... das ist er nicht!« »Wen suchst denn? Pürckensteins hat's viele!« »Da: Graf Erwin Pürckenstein zu Altenpürck de Monte Pauli! Da hab ich dich! In der Herrengasse wohnt er! Im Pürckensteinschen Palais! Wart nur, Buberl! Dich ziehen wir an den Ohrwascheln vor ...« Der ehemalige k. k. Kürassier hob den Graukopf. Er schnopperte einen Zweikampf. Er war oft genug selber in der Reitbahn, mit entblößtem Oberkörper, den trummen Säbel in der Faust, angetreten. »Is was mit der Hansi, Camillo?« »Ja.« »Alsdann: Ich bin ein alter Esel. Aber mit die Geschichten kenn ich mich aus. Jetzt erzähl mal in aller Ruh, was passiert is.« Als Camino Fronhofer geendet, nickte der Onkel Alfi als ein bedächtiger Wiener Lebenskenner. »Wenn man wie ich kein heuriger Haas mehr is, mein Lieber,« sprach er, »dann nimmt man net gleich alles so tragisch, was bei uns passiert! Aus unserm alten Wien wirst nie ein Kloster machen! Das hat schon die Maria Theresia umsonst probiert ...« »Wenn du nichts anderes weißt ...« »Ich geh ja hin, freilich – ich geh ja hin – ganz wie du's willst – jetzt gleich, und stell den Hanswurst! Werden ja schauen, was er zu sagen hat ...« »Ich will keine Erklärungen, sondern Genugtuung!« »Wirst sie schon kriegen! Laß mich nur machen! Und du fahr unter der Zeit nur ruhig heim und blas der Hanserl einen tüchtigen Marsch. Is ihr ganz gesund, der leichten Fliege! Der Tante Lini darfst auch deine Meinung sagen! Die alte Urschel hält alleweil ihre Hand über solche Eskapaden ...« Der Feldmarschalleutnant a. D. stand gelassen auf, prüfte sich im Wandspiegel und meinte, gemütlicher als es dem Neffen zu hören recht war: »Aber bring die beiden net gleich um – verstehst! So weit sind wir noch lang net! Ja – du zitterst am ganzen Leib, mein Lieber! Du bist außer dir! Deswegen sind ja grad die anderen da, daß sie kalt Blut in so Sachen behalten! Servus! Ich geh jetzt in die Herrengasse!« Düster ragten in der engen Straße nahe der Hofburg die Paläste des historischen Adels der Donaumonarchie. Steinerne Fürstenhüte prangten über den Portalen. Gräfliche Kronen. Der Pförtner des Fürstlich Pürckensteinschen Familienpalais hatte die Gemessenheit eines Ministers. Innen in dem steinernen Treppenhaus wehte trotz der Sommerhitze draußen ein kalter Hauch. Ahnenbilder hingen an den Wänden. Eine Türkenfahne. Roßschweife. Ein paar riesige Lakaien kamen die Treppe herab. Sie unterhielten sich auf böhmisch. An dem Glasabschluß im Mezzanin stand ein kleiner, verkniffener, bartloser Kammerdiener in schwarzem Zivilanzug mißtrauisch vor dem Eingang zu der Junggesellenwohnung. »Herr Graf belieben nicht daheim zu sein!« »So, mein Lieber? Wann kommt er denn?« Ein Achselzucken. Aber im selben Augenblick brachte draußen der Fiaker Matuschet seine wie aus dem Wasser gezogenen Jucker scheinbar ohne jede Zügelhilfe jäh aus vollsten Lauf zum Stehen. Drei Herren stiegen aus. Es war keine Dame mehr im Wagen. Die Hansi mußte schon unterwegs irgendwo abgesetzt worden sein. Der Freiherr von Morandell stellte das mit einem Blick durch das Flurfenster fest und zuckte erleichtert die Achseln: Kinderei – das Ganze! Spatzenköpfe sind's halt! Und der Camillo ein gar so ernsthafter Mensch... Der Graf Pürckenstein hatte die ihm von dem Diener überreichte Karte des Besuchers gelesen. »Geht's nur einstweilen in den Salon!« sprach er zu den andern und dann zu dem Feldmarschalleutnant mit der leichten Handbemegung eines jungen Herrn aus großem Hause: »Darf ich die Exzellenz bitten? Stehe zu Diensten!« Sie traten in ein kleines Kabinett, das Erwin Pürckenstein aus unerforschlichen Gründen sein Arbeitszimmer nannte. Denn bei einer nützlichen Tätigkeit hatte ihn in den drei Jahrzehnten, seitdem sein Name das Gothaer Taschenbuch zierte, noch kein Mensch gesehen. Ein zweiter verbindlicher Wink nach dem Klubsessel. »Wollen's Platz nehmen, bitt schön!« Der alle Feldmarschalleutnant setzte sich. »Sagen's mal: Ich glaub, ich hab Ihren Papa gut gekannt. War der nicht seinerzeit Rittmeister bei den Wurmser Dragonern in Mailand?« »Ich bitte – ich war damals noch nicht auf der Welt!« »Mit der Sisi Zwette verheiratet?« »Freilich. Das war meine Mutter selig.« »Also – dann waren wir gute Freunde: Ihr Vater und ich! Wir haben schon bei Custozza zusammen gefochten. Bei Solferino auch.« »Dös freut mich sehr!« Herr von Morandell beugte den verwitterten, trockenen k. k. Soldatenkopf vor und versetzte streng: »Also, Graf – was is denn das? Was machen's denn da für G'schichten?« »Bit–te?« Erwin Pürckenstein schaute den Besucher unschuldig und freundlich an. Ein Kind konnte nicht harmloser sein. »Sie sind gesehen worden ... vorhin ... mit der Gnädigen im Prater...« »Ja – wie soll ich's denn anstellen, daß i nit gesehen werd, bei die vielen Leut? I kann doch nüt zaubern!« Liebenswürdige Einfalt. Ein kugelrunder, kurz geigelter Kopf mit abstehenden Ohren, niedere fliehende Stirn, kleine, nichtssagende Augen, englisches Bürstenbärtchen – ein zollanger Mandarinennagel am linken kleinen Finger. Der Feldmarschalleutnant von Morandell dachte sich: weiß der Kuckuck, was die Hansi gerad an dem Früchtel findet! Er räusperte sich. »Der Herr von Fronhofer ist ein Tag früher von der Reise zurückgekommen! ... So! Da haben's die Pasteten!« »Aber bit–te!« Im Wasserblau der Augen drüben spiegelte sich ein mattes Erstaunen. Er wiederholte: »Aber bit–te ...« »Der Herr von Fronhofer fährt vom Bahnhof nach Haus ...« »I hab nix dagegen...« »... und sieht in der Praterstraße, wie Sie mit seiner Frau da umeinander fahren ...« »Aber bit–te ... Was is denn da dabei?« »Graf! – Wir sind hier net im Burgtheater! Sie sind net der Sonnenthal und ich net der Mitterwurzer! Wir spielen hier keine Komödie!« »Aber bit–te...« »Wissen's, Graf: Die Sach is ernst! Der Herr von Fronhofer ist in einer furchtbaren Aufregung. Er verlangt Genugtuung ...« »Aber bit–te...« Diesmal klang es lässiger von den Lippen des jungen Mannes Obenhin. Er hatte eine mittelgroße, anscheinend schmächtige Gestalt. Aber der alte Morandell wußte: Das saß mit dem fünften Jahr im Sattel. Das spannte seit dem zehnten Jahr auf den böhmischen Gütern das Jagdgewehr. Das lag seit dem fünfzehnten Jahr halbe Tage auf dem Fechtboden und dem Pistolenschießstand. Er sagte sich: Wenn da kein Wunder passiert – der Bub macht ja ein Kronfleisch aus dem Camillo ... Aber der Erwin Pürckenstein war ein gutmütiger Mensch. Er versetzte lebhafter als bisher: »Bitte doch den Herrn von Fronhofer zu beruhigen. Exzellenz...« »Dazu braucht's ausreichende Erklärungen, Graf!« »Bit–te: Was is da zu erklären? Warum soll Gnädige ohne jeden Grund durch Zweikampf kompromittiert werden? Alte Jugendfreundschaft. Lang, ehe der Herr von Fronhofer Gnädige überhaupt kennengelernt hat – viele Jahre vorher haben Gnädige und ich uns schon gekannt und miteinander getanzt, wie ich noch Kadettstellvertreter war und sie ein Tschaperl von sechzehn oder siebzehn. I hab sie sogar schon gesehen, ehe sie gefirmelt wurde ... im Haus von der Tante Lintscherl, der Frau von Matula ...« »I weiß schon ...« »Also ich bit–te: Was is hernach dabei, wenn ich harmlos wie Bruder und Schwester mit der Gnädigen durch den Prater fahre! Wenn wir noch allein gewesen wären! Aber weil i schon weiß, was es für schlechte Leut gibt, hab ich expreß noch meinen Vetter Zwettl und den Wenzel Hauzenberg mitgenommen! Den hat der Herr von Fronhofer vielleicht in der Eile gar net bemerkt...« »Er hat sie schon gesehen!« »Ja. aber bit–te ...« Graf Pürckenstein war ganz hilflos vor Erstaunen und sanft und zutraulich wie ein Kind. »Was is denn nachher geschehen? Wenn's dem Herrn von Fronhofer net recht is, daß sich die Gnädige a kleine Hetz gönnt, muß er ihr's halt verbieten. I kann's net wissen!« »Sie wissen's ganz genau, Graf! Sie wissen, daß man denken muß, 's steckt mehr dahinter! Das denkt jeder, und der Herr von Fronhofer besonders!« Der Erwin Pürckenstein lächelte freundlich und sprach ganz offen: »Belieben Exzellenz: Wann i a Verhältnis mit einer Frau hab, dann fahr i doch net mit ihr am hellen Tag durch den Prater! Dös war doch zu dumm! Net? Dös sagt sich ein Waisenkind! Dös geben doch Exzellenz zu?« Der Onkel Alfi war bei Jahren und hatte viel hinter sich ... Und gerade auch in diesem Punkt ... Seine Züge blieben dienstlich streng. Aber es war doch so etwas, worin die beiden, der alte und der junge Aristokrat, sich durch einen Blick verstanden. Dann versetzte der grauköpfige Junggeselle: »Sie müssen zugeben. Graf, daß Sie zum mindesten höchst unvorsichtig waren ...« »Dös tut mir von Herzen leid! ... Bitte meinen Respekt an den Herrn von Fronhofer, und es wird net wieder vorkommen!« »Aber es is vorgekommen ...« »Bitte meinetwegen meine Entschuldigung zu bestellen! I hab mir wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht!« »So ... hm ...« »I geb der Exzellenz mein Kavalierwort für den Herrn von Fronhofer. Es is nix, aber auch gar nix vorgekommen, in den ganzen sechzehn Jahren, seit ich Gnädige kenne! Dös muß doch dem Herrn von Fronhofer genügen! I bin an friedfertiger Mensch! Fragen's nur jeden, der mich kennt! I will keinen Streit. Schon wegen der Gnädigen net!« »Ich werd's halt meinem Neffen ausrichten!« Herr von Morandell erhob sich. »Servus einstweilen, Graf!« »Hab die Ehre, Exzellenz!« Erwin Pürckenstein hatte seinen Besucher bis zum Ausgang geleitet und trat nun in seinen Salon, der eigentlich eine Sammlung von Jagdprunkstucken aus seiner letzten Streiffahrt nach Nairobi in Britisch-Ostafrika war. Auf dem an eine abgebalgte gelbe Dogge erinnernden Fell einer halbwüchsigen Löwin, die er selbst dort geschossen, wiegten sich der Edi Zwettl und der Wenzel Hauzenberg in den Schaukelstühlen. Sie sahen ungefähr ebenso aus wie er, nur daß der Graf Zwettl viel kleiner, von einer Art Jockeigestalt war und der Dr. jur. Prinz Hauzenberg nur einen englischen Bartstreifen an den Wangen in dem sonst glattrasierten Gesicht trug. Er gähnte: »Du – das war doch der alte Morandell? Den kenn ich doch!« Eine beruhigende Handbewegung: »... Is schon alles in der Reih!« »Wie is mir denn: Is das nicht ein Onkel zu dem ...« »Laßt's mich jetzt endlich mit dem Herrn von Fronhofer aus!« sagte Graf Pürckenstein verdießlich. »Wegen meiner mag er zum Teufel gehn! Oder zu die Preußen! Die liebt er ja so! Da gehört er hin!« »Wann ich bloß nix von die Preußen hören muß...«, sprach der Edi Zwettl, das verkümmerte Rasseköpfchen über die Lehne des Schaukelstuhls geworfen. Aber der Prinz Hauzenberg meinte gedankenvoll: »Wir müssen alle zu die Preußen.« Er war ein schöner Mensch. Groß und riesenstark gewachsen. Aber die Züge womöglich noch leerer und nichtssagender als die der andern. Die Augen noch schläfriger. Die Worte noch langsamer und lässiger, mit Absicht recht im Wiener Fiakerdeutsch. »Zu die Preußen? Fangt's den Wenzel! Bei dem rappelt's!« Aber im Gesicht des Dr. jur. Prinzen Wenzeslaus von Hauzenberg-Trabucchi, k. u. k. Legationssekretär, zurzeit auf Urlaub in Wien und am Ballhausplatz Nr. 2 lieb Kind, ging plötzlich eine merkwürdige Veränderung vor. Wie durch eine durchsichtig gewordene Maske unergründlicher Blasiertheit, Unwissenheit und Gleichgültigkeit leuchtete aus dem Innern die durch Jahrhunderte vererbte Habsburger Kunst, mit Menschen umzugehen – eine Kunst, die in ihrer abwartenden Geduld nichts Deutsches an sich hatte. Slawische Verschlagenheit spielte in diesem lauernden Lächeln. Welsche List. »Wir ziehen in der Monarchie den Karren nicht mehr allein aus dem Dreck«, sagte er. Österreich braucht Vorspann!« »Wen denn?« »Das Reich! Die Deutschen!« »Die werden dir was malen!« »Die werden nix merken, mein Lieber! Der Bismarck lebt ja noch. Aber er is längst weg! Der hätt freilich was gemerkt! Aber die arme Leut jetzt da oben ...« »Was willst denn mit ihnen machen?« Man hätt schwören können, der Wenzel Hauzenberg wäre der dümmste Kerl der Welt. Treuherzig in seinem schmeichlerischen Wienerisch, weltfremd in seinem Dünkel. Halt ein Hocharistokrat und weiter nichts. Eine Beute jedes in den Alten erfahrenen Geheimrates in der Wilhelmstraße, ein Spielzeug jedes neu angestellten Assessors in Berlin. »Österreich steht und fällt mit dem Balkan!« sagt er, eine undurchdringliche Leere auf dem gelangweilten Gesicht. »Wir Österreicher können auf die Dauer allein den Balkan net halten. Der Bismarck hat g'sagt: ihm wär der Balkan noch nicht die Knochen von einem pommerschen Grenadier wert! Den Bismarck haben's heimgeschickt! Jetzt müssen wir den pommerschen Grenadier behutsam unter den Arm nehmen und auf den Balkan führen.« Die beiden andern, der Erwin Pürckenstein und der Edi Zwettl schauten sich hilflos an. Die beiden waren wirklich beschränkt. »Plausch net, Wenzel! So dumm sind die Deutschen net!« »Man muß sich halt dumm stellen. Für g'scheit halten's sich schon selber dort oben! Der Deutsche, mein Lieber, der will immer kommandieren. Wann du ihn denken läßt, er kommandiert, dann bringst du ihn, wohin du willst, und auch aus den Balkan! I seh ihn schon da für uns Schildwach stehen!« »Wenzel – Wenzel – du wirst noch Minister!« »Einfältig genug bin i dazu!« sagte der Hauzenberg. »Gelernt hab i eh nix! Malteserordensfähig bin i auch! Also – woran fehlt's? Wir werden schon mit die Preußen fertig. Laßt's uns nur machen! Dös geht net von heut auf morgen. Wir stellen unser Habsburg ganz piano auf Berlin ein – ganz still – bis sie nimmer zurück können. weil sie nimmer von uns los können! Wenn's so weit is, dann hat die arme österreichische Seele Ruh!« »Und bis dahin?« Der Prinz Hauzenberg zuckte gemütlich die Schultern. »Bis dahin tun wir, was wir immer in Österreich getan haben: wir wursteln halt weiter!« Der Feldmarschalleutnant schritt inzwischen quer über den menschenwimmelnden, sommergrünen Ring hinüber nach Mariahilf. Gleich hinter der Infanteriekaserne wohnten da die Fronhofers im zweiten Stock eines eleganten Neubaus, der nichts von der traulichen Dunkelheit und Enge Altwiens drüben in sich barg. »Natürlich – die Lintscherl! Ohne dich geht's ja net!« Die verwitwete Frau von Matula saß königlich in dem ersten Zimmer. Immer noch ein Bild für einen Maler. Immer noch die klassische Linie des Profils, die vor einem halben Jahrhundert, unter dem Metternich, Wien entzückt hatte. Unter dem Schnee ihres Scheitels brannten die heißen, schwarzen Augen. Die roten Lippen lächelten mild und schmerzlich wie die einer Madonna. Sie wies mit einer mitleidigen Schulterbewegung nach der offenen Nebentür, die sie bewachte. »Das arme Hanserl!« sprach sie gefühlvoll, mit gerungenen Händen. »Das arme Hanserl ...« Die beiden, der Onkel Alfi und die Tante Lini, tauschten einen Blick. Der alte Junggeselle und die ewig schöne Frau von Matula waren seit fünfzig Jahren nebeneinander ihren Lebensweg an der blauen Donau gegangen. Sie kannten sich wie der rechte und der linke Schächer. Sie machten einander nichts mehr vor. »Menschen ... Menschen san mer alle!«, sangen bald wieder draußen beim Heurigen die Volkssänger von Grinzing. »Eine Heilige is die Frau! ...« »Ah geh ...« »Sie hat alle Vorwürfe vom Camillo über sich ergehen lassen wie a Lamperl! Rührend hat sie dagesessen! Mir ist das helle Wasser in die Augen geschossen!« »I bin ja so stolz!« sprach nebenan die Hansi. Ihr Gesichtel war totenblaß, gläubig die großen Kinderaugen nach oben gerichtet, wie bei einer Märtyrerin. Sie stand, die Finger ineinandergeschlungen, ein Bild der Demut, mitten im Zimmer. »I bin ja so stolz, daß der Camillo gar so eifersüchtig is! Jetzt weiß ich, wie lieb er mich hat!« Die Tante Lini trocknete sich die Tränen. »Einen Stein könnt es rühren, Alfi!« »Er soll mich nur umbringen, mein lieber, süßer Camillo, wenn ich auch unschuldig bin wie das Kind in der Wiegen. I mucks mich net! Ich küß ihn noch im Sterben!« »Jessas... Jessas,.. red't dös Mädel g'schwollen!« »Schäm dich, Alfi! ... – Freilich – So ein alter Drahrer wie du ...« »I verzeih ihm alles! Wenn man einen so liebt, wie ich den Camillo, da darf er mit mir machen, was er will!« »Haben's denn schon miteinander gered't?« »Die längste Zeit«, sagte halblaut die Edle von Matula. »Eben is er erst hinüber in sein Zimmer.« »Was war denn da hernach?« »Das arme Hascherl hat ihm halt einmal über das andere geschworen, daß es keine treuere Frau in Wien gibt als sie! Sie sei rein wie ein Engel! Sie macht die Augen zu. Sie duldet gern. Er soll nur zustoßen – mitten in ihr Herz, das für ihn schlägt.« »Du Katzel ... du ...«, sprach der alte Morandell gutmütig. »Sie is ja hart gestraft für die kleine Unbesonnenheit mit der Spazierfahrt, sagt sie. Ja – ich bitte: Warum läßt der Camillo seine Frau allein ...« »I weiß nöt! I hab keine Frau. Gott sei Dank!« »Aber sie hat's sich schon so lange gewünscht, nur ein einziges Mal mit dem Matuschek seinem Zeugl durch den Prater zu fahren. Es is das fescheste Zeugl von Wien ...« »Und der Pürckenstein?« »Immer wieder hat sie so sanft gesagt ... aber so gar lieb: ›I hab nix zu beichten!‹ und still das Köpfel geschüttelt. ›Mei Gewissen is rein! Der Erwin Pürckenstein und ich – wir kennen uns ja schon fast, seit wir auf der Welt sind. Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir sind wie Vetter und Cousine ...‹« »Ja – was soll er dazu sagen? Schließlich is er ganz still geworden und hinüber in sein Zimmer gegangen!« »Da is er noch?« »Da wartet er auf dich! Ihr müßt ja gleich schießen und hauen, ihr Männer! Er hat dich ja schon zum Pürckenstein hingeschickt. Es ist ja schon zu allem zu spät: Ob dann die Leut auf die arme Hansi mit Fingern zeigen, wenn ihr sie erst glücklich mit eurem Blutdurst ohne Not ins Gered gebracht habt ...« »So weit sind wir noch nicht, Lintscherl!« »Ich glaube, sie geht in den Kanal, wenn dem Camillo was passiert. Der Pürckenstein soll erst neulich beim Preisfechten in der Akademie ...« »Ach – der Pürckenstein ist froh, wenn man ihm sei Ruh läßt!« versetzte der alte Herr ärgerlich und ging hinüber zu seinem Neffen. Sie sprachen eine Viertelstunde miteinander oder vielmehr: Er sprach, in seinem pedantisch langsamen, eindringlichen Armeedeutsch. Man hörte ein paarmal: »Nachdem der Pürckenstein dich um Entschuldigung gebeten und jede Erklärung abgegeben hat« ... Dann wurde es wieder undeutlich. Und dann kam er heraus und hatte Camillo Fronhofer an der Hand und führte ihn hinüber zu seiner Frau, und die Tür schloß sich hinter den beiden. Der Onkel Alfi und die Tante Lini saßen im ersten Gemach. Sie redeten nicht viel miteinander. Sie warteten. Auf einmal klang aus dem Nebenzimmer ein leises, silbernes, glückliches Lachen der Hansi. Der Freiherr von Morandell atmete auf und erhob sich. »Servus! I geh! I hab das meine getan! Grüß das junge Paar!« »Gelobt sei Jesus Maria! 's alles wieder in der Reih!« »... wieder mal ...« Ein wenig Unruhe lag doch über Frau von Matulas weißhaarigem Aphroditenhaupt. »Wie meinst denn, daß es in Zukunft mit den beiden wird. Alfi?« Drüben zuckte es schicksalergeben, in einer herbstlichen heiteren Wehmut über die tausend Falten des alten österreichischen Gesichts. »... wie's immer bei uns geht, mei Lintscherl! Es wird halt fortgewurstelt ...« XII. Am Royal Pier von Southampton lag ein aus Südamerika eingelaufener Dampfer des »Norddeutschen Lloyd« vertaut, bereit, in wenigen Stunden die Heimfahrt nach Bremen fortzusetzen. Am Lande, auf dem Kai neben dem Schiffsriesen, war an diesem trüben Winternachmittag des Januars 1896 das gewohnte Ameisengewimmel über die Laufplanken hin und her, das Rasseln des Dampfkrans, Koffergeschleppe. Unter der schwarzen Menschenmenge, die am Ufer stand, blinkten weiße Flecke auf. Wuchsen reißend zu Hunderten. Leuchteten nun auch schon überall auf den Verdecken des Steamers. Die Londoner Zeitungen waren gekommen. Man riß sie den von der Eisenbahnstation heranstürmenden Jungen aus den Händen. Man steckte die Köpfe zusammen. Auf den Gesichtern malte sich maßlose, stirnrunzelnde Verblüffung. Ungläubiges, entrüstetes Geraune über den auseinandergefalteten Blättern. Die Zeitungsverkäufer brachten im Laufschritt immer neue Ladungen und wurden sie los wie die warmen Semmeln. Sie rannten atemlos, schreiend den Hafen entlang, eine Nummer ihres Blattes vorn am Leib befestigt, so daß man schon von weitem die fettgedruckten Alarmüberschriften lesen konnte: »Glückwunschdepesche aus Berlin an den Präsidenten Krüger!« »Glückwünsche zur Gefangennahme Mr. Jamesons durch die Buren!« »Pro-Buren in Potsdam!« »Deutschland auf Seite der Buren gegen das britische Reich!« Oben an Bord des Dampfers stand eine besorgte Gruppe deutscher Auslandkaufleute. Daneben, von ihnen mit Ehrerbietung behandelt, ein wohlbeleibter Herr zu Mitte der Fünfzig, in dickem Schiffsmantel und Reisemütze, das funkelnde Einglas in dem gönnerhaft schneidigen Gesicht mit der zu kleinen Nase und den zu kleinen Augen und den feinschmeckerigen Lippen. Dr. Alfons von Spängler-Colosimo war gealtert während der fünf Jahre im Reichsdienst über See, aus dem er jetzt nach Deutschland zurückkehrte. Das Schnurrbärtchen und die letzten Haare an den Schlafen schimmerten grau. Eigentlich stand ihm das Alter nicht übel. Es gab seiner äußeren Rundung eine gewisse, durch seine vergnügliche Beweglichkeit gemilderte Würde. Auch er hielt eine Zeitungsnummer in der Hand. Er sagte nichts, sondern schwieg diplomatisch. Aber er schaute verzweifelt zum Himmel, während die schrillem Kinderstimmen unten ihre Zeitungen ausschrien. »Der Eindruck in Indien!« »Die Stimmung in Australien!« »Neu-Seeland unruhig! ...« »Kanada fragt: Was beabsichtigt Deutschland?« »Was Japan sagt ...« Der halbe Erdkreis schien in den gellen Rufen mitzuzittern. Herr von Spängler warf wieder einen Blick nach oben und murmelte für sich: »Gerechter Strohsack! Ist so was denn menschenmöglich?« Und dann laut zu seinem herangetretenen Kammerdiener: »Packen Sie sofort für drei Tage London! Evening dreß! Keine Ridingbreeches und Topboots!« »Exzellenz wollen an Land?« »Ja. Ich habe mich plötzlich entschlossen. Ich muß mich von Ihnen verabschieden, meine Herren«, sagte Dr. von Spängler leutselig. Vorhin kam die Mail an Bord! Ein Brief darunter, der mich zu einem Zusammentreffen mit einem alten Freund am Grosvenor Square ruft.« Die Gesichter der Auslanddeutschen um ihn schienen ungläubig. »Und das Telegramm an Ohm Krüger, Exzellenz?« »Mußten mir denn in dieses Wespennest stechen?« »Wir kriegen ja Krach mit der ganzen britischen Welt!« »Ruhe, Ruhe, meine Herren! Es wird schon seine Gründe haben! ... Die Geschichte klärt sich über kurz oder lang! Ich kann Ihnen natürlich auch nicht alles sagen, was ich weiß ...« In Wirklichkeit wußte Herr von Spängler nichts. Er wahrte nur das Gesicht des Metiers. Er beschwichtigte pflichtgemäß den beschränkten Untertanenverstand. Aber schon während er die Treppe zu den Kabinen hinabstieg, verfinsterte sich das Lächeln majestätischen Wohlwollens auf seinen Zügen zu einem sarkastischen Hohn, und als er in sein Kojenzimmer eintrat, war sein blasiertes, weltfrohes Antlitz rot vor Ärger. »Du ... Thilde ...« Seine Frau saß am Tisch und schrieb. Das trübe Winterlicht vergoldete durch das kleine Fenster von oben ihr reich gewelltes, kupferbraunes Haar und gab dem Schattenriß ihres ernst über das Papier gebeugten Hauptes die strengen Linien eines klassischen Profils. Er blieb stehen und bewunderte im stillen die weiße Wölbung ihres Nackens. Sie wandte sich nicht zu ihm um Er fragte gereizt: »Was machst denn du da?« »Du siehst es ja: Ich schreibe!« »Muß das jetzt gerade sein?« »Die ganze letzte Woche konnte man doch bei dem ewigen Geschunkel nicht schreiben. Nun liegt der Kasten gottlob einmal ein paar Stunden still.« Es war über ihnen ein solches Getrampel an Deck, daß er beinahe schreien mußte. »Klothilde ...« Sie schlug eine Seite ihres Briefes um und fing eine neue an. »Du mußt jetzt aufhören, Klothilde, und dich und den Jungen fertigmachen!« Die junge Frau schrieb ruhig weiter. »Wir müssen gleich an Land.« »Wir sind doch noch nicht in Bremen, Alfons!« »Nein. Aber es ist eben eine tolle Geschichte passiert... ein Telegramm aus Berlin ... England steht Kopf ... ich stände am liebsten mit!... Ich muß sehen, was man in London im Klub-Land dazu sagt!« Die Feder glitt eilig auf dem Papier. Herr von Spängler stampfte mit dem Fuß. »Jetzt aber bitte vorwärts! Der Dampfer wartet nicht!« Nun hörte sie zu schreiben auf und schaute ihn gelassen an, den Federhalter noch in der schmalen, nervösen Hand. »Ja – dann geh eben an Land. Alfons!« »Und ihr natürlich mit – du und der Junge! Sieh, wo die Anna steckt, daß sie ihn fix ankleidet!« »Fahre nur allein nach London, Alfons.« Herr von Spängler zog ungeduldig die Augenbrauen hoch. Die gereizten Falten verliefen sich bis in die Elfenbeinkugel der Glatze. »Klothilde: Der Trip nach London ist keine plötzliche Kateridee von mir! Ich bin zufällig in der Nähe! Ich muß das Unheil, das angerichtet ist, an Ort und Stelle sehen ...« »Ich halte dich ja nicht!« »Aber es ist selbstverständlich, daß eine Frau ihren Mann begleitet!« »Warum? Ich bin hier am Bord glänzend aufgehoben.« »Klothilde ...« »Mir und dem Jungen passiert nichts auf der kurzen Fahrt durch die Nordsee! Da kannst du unbesorgt sein!« »Aber ich wünsche, daß du mit mir kommst!« »Und ich wünsche endlich heim! Ich will nach Deutschland. Ich zähle die Stunden, bis ich in Bremen bin!« »... und da sollen wir auf diese Art getrennt in Deutschland ankommen?« Klothilde von Spängler blickte ihrem Mann mit einer sonderbaren Ruhe in das ältliche, von vernarbten Göttinger Schmissen durchzogene, von blühendem Selbstbewußtsein gesättigte Gesicht. »Das wäre ja ganz gut!« sagte sie. Auf den gerundeten Backen drüben verschwand die Röte zugleich mit dem bandlosen Einglas, das stracks wie eine reife Pflaume aus der Stirnwölbung in die Hohlhand und von da in die Westentasche fiel. Dr. von Spängler wurde blaß. Er stand verblüfft. Es war ihm unheimlich zumut unter dem Blick, mit dem ihn die strahlende Jugend drüben musterte. »Und was sollen die Leute denken, wenn du plötzlich ohne mich angesegelt kommst?« »Ach, mein Lieber: Die Leute denken und reden über uns schon mehr als genug. Und nicht erst seit heute!« »Gerade deswegen ...« »Die wundern sich höchstens, daß es bisher immer noch zwischen uns in den letzten Jahren so weit mit Ach und Krach gegangen ist ...« »Sie sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern!« »... weil sie nicht wissen, wie schwer es ist, etwas daran zu ändern, solange man fern da draußen in der Fremde sitzt.« »Es hat sich nichts zu ändern ... zum Kuckuck –.« »Aber jetzt, wenn man endlich heimkommt ... Anna ... lassen Sie das nur mit dem Koffer ... Es ist nicht nötig zu packen! Ich fahre nach Bremerhaven weiter!« Die eingetretene Jungfer entfernte sich wieder. Herr von Spängler rang nach Luft. »Ich mache meine Fahrt nach London nicht rückgängig, Klothilde! Das sag ich dir gleich!« »Das verlangt ja auch kein Mensch von dir, Alfons!« »Ich hab es auch schon den Herren oben erzählt...« »Ich finde es ja auch sehr richtig ...« »... daß wir uns trennen?« Die Wimpern auf der weißen Stirn drüben waren dicht und dunkel. Sie überschatteten die hellen, braunen Augen. In denen lag eine seltsame Kaltblütigkeit. Es war, als sprächen diese Augen und nicht die Lippen das ruhige: »Ja.« »Ich meine, daß wir uns zeitweise ... hier ... trennen ... und uns dann in Deutschland wieder ...« »Darüber können wir ja in Deutschland weiter reden, Alfons!« »Was verstehst du unter Trennung?« »Ich hab es schon lange vor, das mit dir zu besprechen. Jetzt, hier in der Unruhe, können wir das nicht. Du mußt ja auch gleich an Land!« Über ihnen brüllte das Nebelhorn das erste Zeichen zur Abfahrt. Er sah auf die Uhr. »Glaube ja nicht, daß ich im letzten Augenblick nachgebe«, sagte er unsicher. »Das sollst du ja auch gar nicht!« Er war schon halb entschlossen, zu bleiben. »Ich fahre nach London, hast du verstanden?« »Ich sage dir ja: Ich bin dir dankbar, wenn sich alles auf diese Weise von selber einleitet!« Ihre Sanftmut jagte ihm eine Gänsehaut über den Leib. Er wurde vor Schreck zornig. Ich verbitte mir die Faxen! Hörst du?« »Alfons: Alle diese Sachen haben wir uns schon bis zur Ermüdung hundertmal in soundso viel Szenen, seit wir verheiratet sind, gesagt!« »Eben! Beinahe ein Jahrzehnt sind wir mit Gottes Hilfe Mann und Frau. Das sind alles bei dir nur Launen! Ich nehme das nicht ernst! Ich lasse mich nicht unterducken!« »Schrei doch nicht so! Es klopft!« »Exzellenz! Es ist hohe Zeit!« Herr von Spängler warf dem Diener wild die vergessene Plaidrolle nach. Er lief in die Kabine nebenan an das Bett seines Söhnchens, das friedlich in all dem Schiffslärm schlief, kam wieder, rief seiner Frau etwas zu. Sie verstand es in dem erneuten Heulen der Sirene oben nicht. Sie sah nur auf seinen Lippen die gekränkte und zornige Gottähnlichkeit: Mich läßt man doch nicht unterwegs auf der Reise stehen wie einen Regenschirm! Warte nur, wenn mir erst in Deutschland sind! Sie wollte sich erheben und ihm die Hand reichen. Aber die Kabinentür fiel schon zu. Er war weg. Draußen gab die Dampfpfeife das dritte Zeichen, und vom Towerkai trompeteten die Knabenkehlen den Alarmruf der Erde: »Das Krügertelegramm! ... Was die Vereinigten Staaten dazu sagen!« Und ebenso gellte es in London, als Herr von Spängler mißmutig und erregt auf der Charing-Croß-Station ausstieg, durch den abendlichen Trubel. »Deutschland will die Kontrolle über die Welt!« Jenseit des Trafalgarplatzes, im Westen der Weltstadt, war vornehme Ruhe. Leuchteten die Klubpaläste in das Dunkel von Piccadilly und Pall-Mall und St. James Street. In jedem großen Saal im Innern standen Hunderte von Klubsesseln. In jedem Klubsessel knäulte sich eine Gestalt im Frack und weißer Binde. In jeder Hand knisterte noch druckfeucht »Westminster Gazette«, »Star« und »Globe« oder sonst ein Abendblatt. Um die Kaminfeuer herum sahen schwarze Halbkränze von Briten wie die Fliegen um die Zuckerschüssel und rösteten mit langgestreckten Beinen die Sohlen der Lackschuhe an der Glut. Der Warren-Hastings-Klub diente den Zielen des Greater-Britain, des Allbritannien. Männer aller Weltteile waren außer seinen eigenen zweitausend Mitgliedern in seinem Fremdenbuch als Gäste eingeschrieben, kamen und gingen als Zugvogel über See. »Was ist Deutschland für ein Platz?« fragte der zimtbraune, europäisch gekleidete Sir Rao Sing die weißen Gentlemen seiner Umgebung. Man belehrte seine Hoheit, daß es sich um ein Land handle. Aber nun hielt es der indische Fürst wieder für eine britische Kolonie, die mit einer anderen in Streit geraten. So teilte auch Mr. Roger von der gesetzgebenden Versammlung von Manitoba den Irrtum des Asiaten. »Das Mutterland sollte schlichten! Die britische Reichskonferenz sollte Deutschland die Selbstverwaltung entziehen!« Der Kanadier war erstaunt, als er hörte, daß Deutschland kein Dominion sei. »Wahrlich nicht, Mr. Roger!« belehrte der alte Colonel Crabb von der anglo-indischen Armee, der sein ganzes Leben zwischen Bombay und Kalkutta verbracht hatte. »Deutschland ist ein selbständiger Staat. Mindestens so bedeutsam wie Spanien!« »Liegt es in Rußland, Sir?« fragte Mr. Blandham, der Kapbrite. »Nein, Sir! In Europa. Ich fuhr selbst einmal vor dreißig Jahren, als ich von Indien kam, den Rhein entlang. Deutschland ist nicht groß. Man durchmißt es in der gleichen Zeit wie Holland!« »Danke, Colonel!« sprach der Südafrikaner. Neben ihm meinte der junge Mac Dun, noch vor kurzem ein Meisterruderer von Christ-Church in Oxford: »Man muß ein ernstes Wort mit Wien sprechen!« »Es würde nicht viel helfen, Charley! Wien ist die Hauptstadt Österreichs!« »Wohl! Österreich ist ein Teil Deutschlands! Es sind die südlichen Grafschaften, ...« »Ich fürchte sagen zu müssen, daß Sie sich irren!« Nun mischte sich der schweigsame Mr. Grower hinein. »Niemand kann mehr Recht haben als Mac Dun! Ich habe diese Gegenden bereist. Ich habe festgestellt, daß man den Kaiser bald in Berlin und bald in Wien sieht. Er bewohnt beide Plätze!« »Seht da! ... Eben tritt ein deutscher Gentleman ein!« »Geh zur Hölle!« brummte der alte Colonel. »Der viel zu dicke Ausländer dort, mit der Glatze und dem Augenglas?« »Kein anderer! Es ist ein hochpolitischer deutscher Charakter! Ich sah ihn ein paarmal in den letzten Jahren, wenn ich auf einen Sprung nach Südamerika kam. Er hat eine liebliche Frau!« »Blutiger Cote ...«, knurrte der Kapbrite, gereizt wie eine Bulldogge durch das Krügertelegramm. »Oh – ich entsinne mich seiner. Er war schon vielfach Gast des Klubs. Hartland führte ihn ein!« »Leider geht er mit Sir George und seiner Partie in das Nebenzimmer.« Der Kanadier aus Winnipeg wunderte sich. Er kannte aus den englischen Witzblättern nur zwei Sorten Deutsche: die eine lächerlich, plump, schulmeisterlich verwildert, mit verwahrlostem Vollbart und großer Brille, die andere fürchterlich, menschenfresserähnlich, ein blutdürstiger Kinderschreck mit Knollennase, tierischem Maul, wilden Augen und einem winzigen Helm mit scharfer Spitze auf dem Zottelhaupt. Beides paßte hier nicht. Dieser Baron von Spängler, wie ihn Mac Dun nannte, war zu fett für einen Engländer. Aber sonst konnte er, nach seinem Äußern, für einen beliebigen Gentleman auf der Welt gelten. Der Baronet Hartland und seine Freunde, mit denen sich Herr von Spängler im Nebengemach am Kamin niederließ, waren Mitglieder des Unterhauses. Er und die Politiker um ihn wußten über deutsche Dinge besser Bescheid als das ahnungslose Stockbritentum draußen. Er sagte: »Nun stillen Sie unsere ängstliche Neugier, Exzellenz: Was ist denn in euch gefahren?« »Wenn ich es wüßte, Sir George ...« »Sie erzählten mir einst, als ich die Ehre hatte, mit Ihnen in diesen Räumen ein Glas Wein zu trinken: Sie waren zufällig in Kronstadt anwesend, als dort vor fünf Jahren der Zar und der Präsident Frankreichs sich unter Kanonendonner umarmten und ein Bündnis gegen Deutschland schlossen ...« »In der Tat: Ich sah es!« »Ja –in aller Welt: Weil Frankreich und Rußland euch bedrohen, macht ihr euch England zum Feind? Ich suche nach dem Gedankengang, Exzellenz ...« Ich auch ... dachte sich Herr von Spängler kummervoll. »Verzeihen Sie meine ernstliche Neugier: Welcher Mann mit heilem Hirn sucht sich selber zu zwei starken Gegnern den dritten? Ich frage nur, um mich zu unterrichten...« Herr von Spängler schwieg diplomatisch. Aber sein Gesicht sagte genug. »Und – lassen Sie mich offen sein – wenn ich preisboxen will, so frage ich doch vorher: ›Welche Form bringt der andere Bursche drüben in den Ring?‹ Deutschland besitzt wenige, unbeträchtliche und veraltete Kriegsschiffe. Britannien ist unbeschränkter Herr zur See!« Einer der Engländer zog die eben über den Kanal gekommene Nummer einer weitverbreiteten Berliner Witzblattes aus der Fracktasche. Ein Bild darin zeigte den siegestrunkenen Indianertanz Berliner Börsenjobber und Freudenmädchen in der nächtlichen Friedrichstraße bei der Nachricht von der Einnahme Londons durch deutsche Truppen. Die Engländer lasen es schweigend und verzogen keine Miene. »Wäre Ihnen eine Frage unbequem?« erkundigte sich ein älterer Gentleman bei der deutschen Exzellenz. »Glauben Sie, daß Bismarck bei dem Ding die Hand im Spiel hat?« »Niemand weniger als er!« sagte Herr von Spängler abweisend. »Fürst Bismarck wird seit sechs Jahren in keiner Frage, mag sie groß oder klein sein, zu Rate gezogen! Wir steuern unseren eigenen Kurs!« »Oh – in der Tat ...« »Hm ...« Ein Schweigen. »Bitte, mischen Sie sich Ihr Soda, Exzellenz! Lieben Sie den Parlamentswhisky?« »Danke, Sir George!« Herr von Spängler war beklommen zumut unter den eisig erstaunten, mißtrauisch feindseligen Blicken, die von allen Seiten in seiner Brust die Geheimnisse Deutschlands zu ergründen suchten. Er dachte sich verzweifelt: Wir haben ja gar keine! Das ist ja bei uns nur so, wie man achtlos ein brennendes Streichholz wegwirft und, ohne sich umzudrehen, weitergeht! Aber das darf ich doch nicht laut sagen! Und etwas sagen muß ich! Schweigen heißt ja Eingeständnis. Er versetzte, sein Glas hinstellend, mit einem Lächeln der Versöhnung unter vernünftigen Menschen: »Wären wir doch in allem so einig, als daß dieser Whisky in der Tat vorzüglich ist, Sir George! Wohl: Und dieses kleine Mißverständnis zwischen unseren Ländern wird rasch seine Klärung finden. Darum keine Feindschaft!« Aber die glattrasierten, hageren angelsächsischen Köpfe um ihn herum blieben eiskalt in ihrer trockenen und schweigsamen Nüchternheit. Allerlei Gedanken schienen sich hinter diesen Stirnen zu spinnen. Sir Hartland versetzte: »Nichts ist sicherer, als daß solch ein verächtlicher Bur die Sorgen eines Streits nicht lohnt. Aber es fiel in Berlin ein Schuß. Die Welt wurde rings um den Äquator alarmiert.« In diesem Klub der Weltfahrer und Taubenschlag von Überseeseglern, der seinen Namen nach dem gewaltigen, langverstorbenen Abenteurer und Eroberer Ostindiens führte, konnte man die elektrische Spannung der Luft über allen fünf Erdteilen allabendlich im gelassenen, halblauten Meinungsaustausch vor dem Kamin wie an wissenschaftlichen Werkzeugen ablesen. Und zum erstenmal in seinem Leben, dessen fünfeinhalb Jahrzehnte er unter Briten zugebracht, hatte Herr von Spängler den Eindruck wie sonst auf einer seiner Seefahrten, wenn plötzlich die Magnetnadel des Schiffskompasses unruhig wurde, zitterte und sich seitlings schwang, sobald der Mann am Steuer das Ruder in eine neue Richtung umlegte. So, schien es ihm jetzt, rückte die geheimnisvolle kleine Spitze, die bisher zwischen Paris und Petersburg gebebt hatte, und richtete sich langsam und sicher wie ein Pfeil gegen Berlin. Es war Zurückhaltung an diesem Abend zwischen Dr. von Spängler und seinen guten englischen Freunden. Und dabei liebte er doch Old England so, bewunderte es, hatte es so oft als einen besonderen Naturfehler Bismarcks gerügt, daß dieser ausgesprochene Sohn des Plattlandes niemals ein rechtes Verhältnis zu dem Inselreich gewonnen hatte. Aber als er jetzt durch den brütenden Nachtnebel, der sich hustenreizend auf die Lunge legte, von dem Warren-Hastings-Klub heimging, sah er um sich Gespenster im Dunkeln. Es war ihm unheimlich zumut. Vielleicht wäre Bismarcks Rat doch ganz nützlich gewesen ... wenigstens zuweilen ... das heißt, höchstens bei ganz besonderen Gelegenheiten ... ach was ... überhaupt ... Jetzt war er auch schon zu alt... Es ging natürlich auch ohne ihn ... ging sogar glänzend ... In seinem Hotel traf er durch Zufall den alten Reeder Lüdingworth aus Hamburg, mit dem er durch einen Scheffel Erbsen versippt war. Denn dessen Frau und die alte Gräfin Pritzig, Klothildes Tante, waren Schwestern. Der greise, königliche Kaufmann stand nüchtern und bedächtig, den Zwicker vor den kühlen Augen, in der Halle und studierte die Abendblätter. Seine Schiffe schwammen auf allen Meeren. Er war an der Themse, wohin er wegen eines brasilianischen Frachtratenpools gekommen war, ebenso zu Hause wie an der Elbe. »Lüdingworth! Was denken sich denn um Gottes willen die Leute in Deutschland? Wegen eines schmutzig-stumpfsinnigen kleinen Hirtenvolks irgendwo da hinten im Pfefferland, das uns den Kuckuck was angeht, mit Großbritannien anzubinden! ... Mit Groß ... bri... tannien!« Adolphus Lüdingworth lächelte, als sei von Kindern die Rede. Er war schon über die siebzig hinaus. Von niedersächsischem Blut. Hier, unter den Angelsachsen, hätte der lange, magere alte Herr mit dem von tausend Krähenfüßen gefältelten bartlosen Kopf ebensogut auch für einen greisen Peer und Fuchsjäger des Vereinigten Königreichs gelten können. »Ich war jetzt in Berlin«, sprach er. »Ja – da darf man ja wohl kein Wörtchen gegen die Buren sagen. Sonst wird man von aller Welt gesteinigt! Die paar Leute, die draußen gewesen sind und die Welt kennen – die klappen den Rockkragen hoch und schweigen still!« »Man möchte die Wände hochgehen!« »Wir an der Waterkant wissen, was der Englishman ist! Drinnen im Reich halten die Leute den Engländer für einen komischen, großkarierten Kerl, der mit dem Baedeker in der Hand dasteht und das Maul offenhält und › oh yes, ‹ dazu sagt ...« »Es ist zum Stiefelausziehen, lieber Lüdingworth!« »Im Sachsenwald ist man auch sehr besorgt. Ich hörte es aus der Umgebung von S. D.« Schon wieder Bismarck ... Nun schon ein Achtziger ... seit vielen Jahren beim alten Eisen ... Und immer noch lebendig ... immer noch eine mahnende Macht... Herr von Spängler saß finster und einsam oben in seinem Hotelzimmer. Das schien ihm immer noch leise unter seinen Füßen zu schaukeln nach der langen Seefahrt. Und ebenso dünkte ihn, schwankte Deutschland wie ein Schiff ohne Steuer. Und er sah wohlgefällig drüben ein verwöhntes Weltmannsgesicht, dessen geistige Bedeutung die gewölbte Glatze noch hervorhob und dessen gerundeter Weichlichkeit das funkelnde Einglas einen wohltuenden Schuß schneidender Schärfe verlieh, und sagte sich hoffnungsvoll: Höchste Eisenbahn, daß ich heimkomme und helfe! Jetzt brauchen sie Leute wie mich, Anhänger Old Englands, nachdem die Juchtenfreunde die Karre wieder in den Graben geworfen haben! Dann verdüsterte sich seine überlegen lächelnde Miene. Der wohlbeleibte deutsche Gentleman im Spiegel drüben rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Zu dumm: Dies verdammte Sitting-Room schunkelte immer noch! Jetzt war es nicht das Deutsche Reich, das leise um Herrn von Spängler zu schwanken schien, sondern sein eigenes Haus und seine eigene Ehre... Pah ... Unsinn ... Aber immerhin ... Er entwarf eine Depesche an den Grafen Louis Ferdinand von Pritzig in Berlin. Es wurde, nach seiner diplomatischen Gewohnheit, ein kleiner Brief in Telegrammform. Er schrieb: »Bin übermorgen in Berlin. Bitte setzt dort inzwischen Klothilde den Kopf zurecht. Sie hat wieder einmal ihre whims . Ich nehme das nicht tragisch. Dazu kenne ich sie zu gut. Alter Philosoph wie ich. Aber ich habe in Berlin wichtigere Dinge vor. Also please arrange it ! Zeige Deine berühmte leichte Hand, lieber Onkel, und lege mich der Tante zu Füßen. Euer getreuer Alfons.« Nachschrift: »Barometer hier Windstärke 8! Haltet um Gottes willen unsere tollgewordenen Oberlehrer und Professoren im Zaum! Wir neuen Deutschen müssen bei den Engländern in die Schule gehen und nicht unserm Mentor einen Esel nach dem andern bohren.« Exzellenz von Pritzig empfing die Depesche während eines der Empfangsnachmittage seiner Frau in Berlin. Es waren viel Menschen in den altmodischen Räumen am Königsplatz. Ausschließlich stiftsfähiges, preußisches Blaublut. Die Gräfin, die immer noch schlank und in der Haltung der großen Dame ebenso aufrecht auf dem Kanapee saß wie vor einem halben Jahrhundert als junges Mädchen, fragte zu ihm herüber: »Was macht Alfons in London?« »Was alle Leute dort tun«, sagte ihr Mann und steckte das Telegramm ein. »Er läßt sich von den Engländern einseifen!« »Hol der Kuckuck die Engländer!« schrie der alte Postitz auf Beerwinkel. Der alte von Kühl auf Klein-Latzke nickte. »Schweine können die Kerle züchten. Aber sonst nischt« »Mir sind sie gräßlich«, sprach Frau Amette von Luch. »Das war mir die Gesellschaft von jeher«, sagte der Bruder des Hausherrn, der strenge, hochgewachsene Generalleutnant z. D. von Pritzig. »Und dabei ein Dünkel ...« »Ich möchte nur wissen, worauf ...«, meinte Graf Giesebitz, der alte Oberst a. D. aus Potsdam. Der stattliche, blonde Generalstäbler von Pommerich zuckte die breiten Schultern. »Militärisch sind sie jedenfalls minderwertig!« »Na eben,« sprach Malte von Pritzig, der an Göttinger Narben reiche zweite Sohn des Hauses, Landrat und Mitglied der preußischen Zweiten Kammer, »... mal ein fester Tritt auf die Hühneraugen! ... Etwas mehr Bescheidenheit drüben!« »Bei uns haben die hohen Herrschaften viel für England übrig«, flüsterte die schon ältelnde kleinstaatliche Hofdame Luise von Pritzig, die Tochter des Generals. Die andern Damen fielen über sie her. »Liebste – wie können Sie so etwas sagen?« Die blonde schwere Frau Oberst von Pommerich bekam förmlich einen roten Kopf. »Luischen ... Du bist doch wirklich manchmal zu komisch!« Frau Frieda von Pritzig, die Gattin des Landrats, die geborene Hänichen aus Mecklenburg, Tochter eines bürgerlichen dreifachen Rittergutsbesitzers, pflichtete ihr bei. »Deine Durchläuchting, Luise, kann ja nach England umziehen, wenn's dort so viel schöner ist!« Neben dem Hausherrn stand dessen einstiger Amtsgenosse aus der Wilhelmstraße, der Geheimrat von Kanzleben. Der riesenhaft gebaute, leberleidende Bureaukrat fragte gedämpft zwischen zwei Havannawolken: »Belehren Sie mich doch einmal aus dem Born Ihrer allbekannten Weisheit, Pritzig! Ich hab mir oft schon, wenn ich wegen meiner seit Bismarck kaputten Nerven nicht schlafen konnte, den Kopf zerbrochen: Wir haben doch niemals mit den Engländern im Bösen zu tun gehabt...« »Nein. Nur im Guten! Waterloo ... Subsidien an den Alten Fritz ...« »Woher kommt dann also dieser Haß, der, ich möchte mich ausdrücken, instinktiv in unserem inneren Adam gegen den Engländer sitzt und sich nun auf einmal in dem Burenrummel austobt?« Exzellenz von Pritzig überlegte eine Welle und versetzte dann ruhig: »Es ist unser Stolz!« »Stolz?« »Wir Preußen sind gewohnt, gehaßt zu werden! Vor allem von den Franzosen! Das verschlägt uns nichts. Das ist uns eine Ehre. Aber der Engländer haßt nicht! Der Kerl verachtet! Der verachtet uns wie alles, was nicht englisch ist! Verachtet uns ganz phlegmatisch, mit einem freundlichen Lächeln. Das fühlen wir! Das reizt uns bis aufs Blut. Das haben wir Preußen und wir Deutschen seit 1870 nicht verdient. Wir spüren, daß uns damit ein Unrecht geschieht!« »Aber dabei – das wissen wir beiden kundigen Thebaner doch! – taxieren wir selber den Engländer viel zu gering ein!« »Eben deswegen erbittert es uns ja doppelt, daß uns der Kerl verachtet!« »Hm ...« »... uns verachtet, ohne uns zu kennen! Daraufhin hassen mir ihn, ohne ihn zu kennen. Das müssen wir als Antwort. Wir können nicht aus unserer alten preußischen Haut, mag sie auch eng sein! Wir beide nicht und niemand hier im Saal!« Das Gespräch um sie herum war längst von dem Flug in die weite Welt hinaus zurückgekehrt. Man war wieder daheim, aus märkischem Sand, unter sich, im Ring der vielköpfigen Clans, von denen Wohl und Wehe des alten Preußen anhing. »Der Gustav? ... Ein tadelloser Landrat! ... Als Regierungspräsident mäßig! ... Oberpräsidium? ... Ausgeschlossen!« »Der gute Triglitz war auch ein ganz netter Brigadekommandeur, und wie er nachher eine Division kriegte... na ... Schwamm über den Wurschtkessel im ersten Manöver!« »Doch, Graf Ringsburg, die C.-C.-Meldung ist ganz richtig! ›Normannia‹ baut sich ein eigenes Korpshaus. Die alten Herren haben eine G.m.b.H. gegründet!« »Nee ... wissen Sie ... sich noch mal auf seine alten Tage in den Reichstag wählen lassen ... Zu sagen hat die Blase ja schließlich doch nischt!« »Lieber Postitz ... die positive Richtung in der pommerschen Provinzialsynode ...« »Also ... unter uns: S. M. hat gestern ...« »Aber längst ist er für einen Halsorden reif, Verehrtester! Ich an seiner Stelle würde dem Minister mal gründlich aufs Dach steigen ...« »Hans Joachim sagt auch: Mit diesen Roggenpreisen ...« »Aber, Liebste. Ulrike braucht doch nicht im Stift zu wohnen! Sie kriegt ihre Pfründe in bar ...« »Sag mal: Was ziehst du zum Familientag an? Das Essen ist um vier Uhr nachmittags. Da weiß man gar nicht ...« »Zwölftausend Mark Zulage braucht er bei der Botschaft!« »Ja... glaubst du, in Potsdam lebt er von der Luft?« »Sie müssen zugeben, Klütz: Ein Gaul wie die ›Wellgunde‹ kommt eben nur alle Jubeljahre ...« Der alte Graf Louis Ferdinand von Pritzig hörte stumm, seine Zigarre rauchend, zu. Seine großen, grauen Augen wurden mit dem zunehmenden Alter immer fernsichtiger. Er sah die menschlichen Dinge immer mehr aus der Weite. Er war heute froh, als sich die letzten Nachmittagsgäste verabschiedeten. Der greise Potsdamer Graf Giesebitz, dessen wie ein Winterapfel eingeschrumpftes Gesicht an den seligen Papa Wrangel erinnerte, tänzelte zur Tür und warf auf der Schwelle noch ein Kußfingerchen in der Richtung nach der rückwärtigen Flucht der Gemächer. »Bitte untertänigsten Handkuß der Schönsten der Schönen! Und es sei hartherzig von der hohen Frau, daß sie uns heute ihren Anblick vorenthielt!« »Mein Gott – Klothilde ist müde von der wochenlangen Seefahrt. Sie ist doch erst seit gestern in Berlin!« Der uralte Damenmann lächelte süßlich. »Entzückende Frau ... eure Nichte!« »Das wissen wir, Gustav ...« »Warum ist sie denn ohne ihren dicken Mann angekommen?« »Der kommt morgen aus London nach!« Das zierliche Herrchen summte: »Immer langsam voran, daß der Krähwinkler Landsturm nachkommen kann!« ... Dann fragte er harmlos: »Und weshalb ist sie bei euch abgestiegen statt im Hotel?« »Herrgott – weil sie bei uns Kind im Hause ist!« Die alte Gräfin wurde etwas ungeduldig. »Sie bewohnt bei uns mit ihrem Bub dieselben Zimmer wie einst als Mädchen!« »Ich möchte nur wissen, was dich das interessiert, du neugierige Elster!« »Mich? Nicht im geringsten«, sprach Gustchen, wie der greise Giesebitz seit Menschengedenken in der Potsdamer Gesellschaft genannt wurde. »Aber es gibt böse Jungen auf der Welt! Hähä!« Der alte Süßholzraspler kicherte vergnügt: » Soit dit entre nous! Beurlaube mich jehorsamst! Hähä ...« Die Gräfin Gesine Pritzig schüttelte hinter dem Abschwebenden den majestätischen weißen Kopf. »Was meint das kindische alte Geschöpf nur, Louis?« »Da! Lies mal die Depesche aus London und dann gehe hinüber zu Klothilde und sprich mit ihr ein vernünftiges Wort!« Als seine Frau aus dem Zimmer war, saß Exzellenz von Pritzig in dem nachdenklichen Ernst, der immer stärker von ihm Besitz ergriff, je mehr seine erfolgreichen Lebenstage sich der Ahnengruft von Jackenzin zuneigten, und schaute vor sich in den leeren, stillen Raum. In dem lebte noch ein Hauch des alten Preußentums von vorhin und webte hinter der Stirn des alten Herrn...Du meine Mark ... Sand und See ... Luch und Bruch ... Kiefern und Kasernen ... Du mein Preußen ... Preußen ... Geist von der Windmühle von Poscherun bis zur Windmühle von Sanssouci – Preußen – du bist nicht nur Kartoffeln auf kargem Boden und Kanonen und Kasematten – du bist ein Geist. Du bist der König und bist Königsberg und bist Kant und bist harte Pflicht und kühler Kopf und klare Kenntnis deiner Kraft und ihrer Grenzen. Preußen – bleibe deinem Geist getreu! Was kümmern dich die Buren? Was willst du auf dem Wasser? ... Die märkischen Roggenfelder tragen dich seit Jahrhunderten ... Die Meereswellen nicht! Preußen, bleibe daheim bei Pflug und Schwert! Dann strich sich der weißköpfige Junker über die Augen und sagte sich: Ich bin alt. Zu alt wahrscheinlich für die neue Zeit. Ich habe kein Recht mehr, zu raten. Ich schau lieber zu ... Er hob gespannt das Haupt. Die Gräfin war zurückgekommen und setzte sich. Die alte, selbstsichere Weltdame war blaß vor Erregung. »Das ist eine schöne Geschichte, Louis!« »Was ist denn mit der Thilde?« »Sie will sich also richtig scheiden lassen!« Graf Pritzig sprang auf. »Nanu ...« »Ja ... stell dir vor! ... und dabei gar nichts von Tränen und so ... Einfach: Ich lasse mich scheiden! ... Als ob sie von einem Kochrezept spräche!« »Ja ... und die Gründe?« »Kriegst du nicht aus ihr heraus! Ein Achselzucken: Ich lasse mich eben scheiden!« »Toll!« »Ein Gemütsmensch war die Klothilde ja nie! Aber diese krasse Art ... Ich versichere dich: Man erschrickt geradezu! ... Dabei hat sie den Jungen auf dem Schoß sitzen und liest mit ihm Märchen!« »Das ist 'ne schöne Geschichte, Gesche!« »Ja – nicht wahr, Louis? Mir zittern noch die Knie!« »Und wir sind schuld!« »Aber, Mann!« »Wir haben die Thilde aus unserem Hause an einen Mann gegeben, der ein Vierteljahrhundert mehr auf dem Buckel hatte! Das war nicht gut!« »Ja ... nun ist's aber doch geschehen!« »Wir waren beide zu alt, Gesche, um die Jugend zu verstehn!« »Was hilft das jetzt, Louis? Ich bin einfach außer mir!« »Ich kann's dir nicht verdenken!« »Und keine Möglichkeit, von ihr zu erfahren; warum eigentlich ... Irgend etwas muß doch ... Wir beide, Louis Ferdinand, sehen so was offenbar nicht! Wir leben gottlob in so glücklicher Ehe, wenn du auch manchmal unausstehlich bist... Na ... ich bin dann eben die Klügere und gebe in Gottesnamen nach ...« »Nee ... nee, Gesche! ... Ich!... Du bist immer das Karnickel, Altchen!« »Also, Mann, ich streite nicht! Ich sag nur: Irgend etwas muß da doch in Klothildes Ehe... Aber was?« »Geschehen muß jedenfalls etwas, ehe der Alfons ankommt!« »Ich bin am Ende, Louis! Versuche du dein Glück bei ihr!« Graf Louis Ferdinand von Pritzig legte seine Zigarre in den Aschenbecher und ging hinüber in das Zimmer seiner Nichte. Sie nickte ihm unbefangen zu: »... Tag, Onkel! Die Gäste weg?« »Erst mal den Jungen raus! ... Den hältst du nämlich so als Bollwerk auf dem Schoß, meine alte Thilde! Ich kenne meine Pappenheimer!« »Ich brauche keine Bollwerke!« sagte Klothilde von Spängler, küßte ihr Söhnchen und überantwortete es der Pflegerin. »So! Das Nebenzimmer leer? Die Schlüssellöcher rein?« »Rauchst du, Onkel?« »Nein, und du wirst auch nicht rauchen. Das sind alles Finten!« »Gott. Onkel – du denkst wohl, ich will dir hier große Geschichten vormachen! So ist mir gar nicht zumut...« »Die sollst du machen! Dazu sitze ich hier!« »Soll ich Komödie spielen, Onkel?« »Nein, du sollst damit aufhören!« Exzellenz von Pritzigs Auge ruhte väterlich ernst auf der blassen Schönheit vor ihm. Sie schien sehr gelassen. Aber unter dem Saum ihres Kleides wippte die linke Fußspitze nervös wie im Takt eines hämmernden Herzschlags auf dem Teppich auf und nieder. Als sie sah, daß er das mit einem scheinbar unabsichtlichen Streifblick bemerkte, wurde sie noch bleicher und zwang sich zur Ruhe. Ein aufgeregter Trotz entgeisterte plötzlich ihr bis dahin kühles, schmales Antlitz. Er fuhr fort: »Warum sollen wir jetzt nicht einmal große Worte brauchen, Thilde? Große Worte sind für die großen Gelegenheiten. Die größte Begebenheit des Lebens ist, wenn es gut geht, die Ehe!« Sie lachte heftig auf. »Es geht aber nicht gut. Onkel, gar nicht! Schon lange nicht!« »... und wenn es nicht gut geht. Thilde – ist die größte Begebenheit das, was diese Ehe löst ...« »Onkel – ich bin heute sehr angegriffen ...« »Kein Wunder!« »Wenn es dir recht ist, wollen wir morgen weiterreden.« »Es ist mir nicht recht, und wir reden weiter!« »Willst du mich quälen?« »Ja.« »Warum?« »Weil ich muß, mein Kind!« Klothilde von Spängler verstummte und sah hartnackig an ihm vorbei ins Leere. »Das, was eine Ehe löst, Klothilde, kann ebenso gewaltig und kann auch ebenso hoch und heilig sein wie das, was eine Ehe bindet. Das können andere Menschen nicht wissen. Das weiß nur der, der es erlebt ...« Die junge Frau schwieg. »Und das was er erlebt, das kann so viel stärker sein als er selbst, daß er es eben erleben muß! Darin liegt der Schlüssel zu vielen Dingen, die wir im Leben um uns herum geschehen sehen und nicht begreifen. So würde die Welt auch deinen Schritt nicht verstehen!« »Das kann sie ja!« »Aber möchtest du ihn nicht wenigstens den paar Menschen erklären, die dir nahestehen und dich herzlich liebhaben?« »Wenn ihr mich wirklich liebgehabt hättet, dann hättet ihr mich damals mit Gewalt von dieser Ehe zurückgehalten!« »Deine Tante hat es gut mit dir gemeint. Sie wußte, daß du sehr für das Äußerliche veranlagt warst, und dachte, da sei dein Glück. Und ich – es ist ein Fehler, Thilde! Je älter ich werde, desto mehr lasse ich die Dinge gehen und gebe allen Menschen recht, weil ich mein Leben lang zu sehr versucht habe, alle Menschen zu verstehen. Du hattest dir selbst diese glänzende Partie in den Kopf gesetzt. Nun ist es geschehen!« »Aber ich mach es ungeschehen!« Klothilde von Spängler sprang auf und schritt heftig lm Zimmer auf und ab. Die Falten des Rocks fegten um ihre schlanke Gestalt. Der Luftzug traf den alten Herrn drüben zugleich mit ihrem verächtlichen Auflachen: »Alfons ist ja so erschreckend ahnungslos. Ein anderer Mann hätte seit Jahr und Tag merken müssen, was in mir vorging... Aber er... Ach du lieber Gott!« »Was hast du eigentlich gegen ihn?« Ihr Gesicht wurde leichtsinnig leer. Es krauste sich geringschätzig. Sie sagte obenhin: »Er ist so egoistisch!« »Das ist doch keine Antwort!« »Dicke Leute sind immer egoistisch. Er wird auch noch immer dicker, so sehr ich auch gegen das viele Essen predige!« »Thilde – das sind alles Dummheiten!« Sie stand am Fenster und trommelte erbittert an den Scheiben. »Ich haß ihn!« jagte sie zwischen den Zähnen in das Dunkel hinaus. »Ich haß ihn. Ich haß ihn ...« Dann drehte sie sich plötzlich um und lachte, »I wo. Ich haß ihn nicht. Dazu ist er zu komisch anzusehen!« »Thilde – lasse diese Äußerlichkeiten! Weil ein Mann ein paar Pfund zu viel wiegt und zu wenig Haare hat, deswegen läßt sich keine Frau von ihm scheiden, wenn's nicht bei ihr rappelt!« »Aber davon kommt seine gräßliche Gemütsruhe, wenn bei mir alles bibbert! Ich hab ihm oft Szenen gemacht, aus reiner Laune, nur um ihn aus seinem Klubsessel aufzuscheuchen!« »Alles Fisematenten, mein Kind! So leicht speisest du mich nicht ab! Die Ehe ist keine Schönheitsversicherung auf Gegenseitigkeit. Du wirst auch nicht immer so schön sein wie heute. Die Ehe ist ein geistiges Band!« »Ja, glaubst du denn, du hörst je etwas Vernünftiges von ihm? Du hörst nichts!« »Vielleicht, weil du nicht willst...« »Seine Politik ist mir langweilig. Sie machen ja auch alle nur Dummheiten, seitdem Bismarck sie nicht mehr an der Strippe hat!« »Da kann ich dir leider nicht widersprechen!« »Na also!« »Ich spreche auch nicht von Staatsgeschäften, sondern von seelischen Dingen in der Ehe.« Klothilde von Spängler trat auf ihren Oheim zu. Jetzt leuchtete ein leidendes und leidenschaftliches Licht in ihren haselnußhellen Augen. »Hat er sich denn jemals um mein Inneres gekümmert? Ich war doch fünfundzwanzig Jahre jünger als er! Ich war ein Kind gegen ihn. Da hätte er mich doch emporziehen und zu einem vernünftigen Menschen machen sollen!« »Freilich!« »Nichts davon! Immer nur mit mir renommieren! Mich herausputzen und zur Schau stellen! Herrgott, mir macht es ja auch Spaß, daß ich hübsch bin! Aber das ist doch nicht alles! Man will doch mehr sein als eine Puppe! Zu der hast du mich doch auch nicht erzogen!« »Gewiß nicht!« »Er hat das alles verwahrlosen lassen! Er hat mit mir gespielt wie mit einem Kind. Da bleibt man ein großes Kind. Wenigstens eine Zeitlang! Bis man allmählich mit Schrecken merkt, daß man von ihm um seine Seele geprellt wird, weil er selber keine hat ...« Exzellenz von Pritzig erwiderte nichts. In seinem weißen Kopf klang das Sorgenlied seiner schlaflosen Nächte – das Lied von der satten, selbstgefälligen Entseelung der neuen deutschen Zeit ... »Glaub mir, Onkel Louis, er hat viel an mir gesündigt. Ich hab ihn eine Zeitlang so liebgehabt. Ich hab so viel von ihm erwartet. Er hätte alles aus mir machen können ...« »Rede nur weiter, Thilde!« »Gerade weil ich äußerlich war, wie du sagst, hätte er dem entgegenarbeiten müssen! Er hat es mit allen Kräften befördert, weil er es selbst noch mehr ist! Alles ist bei ihm auf die Wirkung nach außen gestellt!« »Es ist der Fehler unserer Zeit.« »Immer nur die andern unterkriegen! Sich über ihnen dünken! Immer nur Blasiertheit. Schlechte Witze. Man sitzt da und belächelt alles – auch die eigene Frau. Man ist ein Halbgott ...« »Ach, Kind, du sprichst vom neuen Deutschland – leider – wenigstens von einem gewissen neuen Deutschland...« »Da entdeckt man eines Tages mit Schrecken, daß man eine Seele hat, und sagt sich: Das kann nicht das Rechte sein – das glaub ich nie und nimmer! Diese Kälte und Leere ...« »Jedenfalls ist sie nicht deutsch!« »Diese Leere ist Lieblosigkeit – auch gegen mich! Daran bin ich gescheitert. Er hat mich nicht lieb, soviel Wesens er auch um mich macht! Seine Liebe zu mir ist nur Eitelkeit und Eifersucht! Er und seine Leute haben nichts lieb! Damit würden sie sich ja etwas vergeben! Der moderne Mensch, wie sie sich ihn vorstellen, der muß kalt sein wie eine Hundeschnauze! Herz: das ist etwas für die kleinen Leute! Und jahrelang habe ich mich so danach gesehnt!« »Viele sehnen sich nach mehr Wärme in Deutschland!« »Aber bei dem Alfons muß ja alles englisch sein! Diese Kühle und Ironie auch, über die ich eine Zeitlang, wenn mein Herz voll war und ich zutraulich damit zu ihm kam, oft bitter geweint hab! Ich fürchte nur, sie mißverstehen auch diese englische Kühle ...« »Ich glaub es auch, mein Kind! Dadurch wird man noch nicht ein Engländer, daß man seine deutsche Seele stillegt!« »Aber so sind sie alle, die er von Deutschen seines Umgangs würdigt! Wenn er irgend kann, verkehrt er ja nur mit Ausländern. Nur keine Unbefangenheit! Kein herzliches Sichhingeben! Keine harmlose Freude! Eine Weile hab ich mich ihm und seiner Art gutgläubig angepaßt. Dann hab ich zu fühlen angefangen: Das geht mir wider die Natur! Da verliere ich meine Natur! Da zerrinnt mir das Leben und die Jugend unter den Händen.« »Und er?« »Ich hab's ihm begreiflich zu machen gesucht. Antwort: Volle Verständnislosigkeit! Ein paar schlechte Witze! Ein Schmuck! Hab dich nicht. Kindchen! Wir sind wir! Da hab ich angefangen, das große Sehnen zu kriegen ... immer mehr ... immer mehr ...« »Seltsam, daß das alles jetzt erst bei dir herauskommt!« »Daran bist du schuld, Onkel.« »Ich?« »Du hast hier im Hause den Ernst in meine Seele gepflanzt. Ich war noch zu jung, um es klar zu begreifen. Ich hab es unbewußt in mich aufgenommen. Jetzt ist es aufgegangen und hat mich meinem Mann entfremdet. Wenn er sich so gar nichts aus mir macht, dann mache ich mir auch nichts mehr aus ihm. Vielleicht denke ich später, wenn mir erst auseinander sind, ruhiger über ihn ...« »Gerechter!« »Ach – ich bin eine Frau. – Ich brauche nicht gerecht zu sein.« »Also vorläufig siehst du nur Schatten an ihm?« »Nur Schatten! Ich kann mir nicht helfen!« »Und wo Schatten ist, da ist auch Licht ...« »Was heißt das, Onkel Louis?« »Denn irgendein Licht wirft eben seinen Schatten über deine Ehe! Thilde, was ist das Licht in deinem Herzen?« Klothilde von Spängler wurde geisterbleich. Sie erwiderte nicht. »Wer hat dies Licht bei dir angezündet?« »Niemand!« »Thilde, ob's nun recht oder unrecht ist – Segen oder Sünde – ich hab's dir schon vorhin gesagt: Solch ein Licht ist heilig. Das verleugnet man nicht!« »Dazu müßte ich es doch erst selber sehen!« »Du siehst es und willst ihm in Zukunft folgen ...« »Nein ... Nein ... Nein ...« »Thilde, in solcher Stunde spricht man die Wahrheit!« »Es ist die Wahrheit!« »Du hast keinen andern Mann im Herzen?« »Das hab ich nicht gesagt.« »Also ...« »Aber wir haben uns seit fünf Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen und einander kein Lebenszeichen mehr gegeben!« »Warum nicht?« »Damals wollte ich noch brav sein! Ich hab noch gedacht, ich halt es bei dem Alfons aus! Ich will ganz ehrlich sein: Ich hab damals auch noch sehr an meiner Stellung und dem Luxus und der großen Zukunft gehangen...« »Und dann?« »Ach Gott, Onkel! Inzwischen hat er natürlich auch geheiratet. Schon lange. Sie haben schon zwei Kinder. Es geht alles gut. Das heißt: Es geht alles nicht gut. Bei mir. Mein Leben ist aus!« »Warum willst du dich trotzdem scheiden lassen?« »... weil er eben in meine Ehe getreten ist und meinen Mann in mir ausgelöscht hat wie ein Licht und wieder weggegangen ist!« »Und wenn du ihn jetzt wieder triffst ...« »Es hat keine Not. Er wohnt fern von hier. Er ist nicht aus unseren Kreisen.« »Kenne ich ihn?« »Ich habe ihn ja hier bei dir zuerst gesehen ...« »Bei mir? Obwohl er nicht aus unseren Kreisen ist?« »Ach, du warst ja immer so väterlich zu ihm! Du hältst viel von ihm! Alle Leute! Das ist ein Mann! Anders wie der gute Alfons ... Ein Mann aus eigener Kraft ...« Im Kopf des Grafen Pritzig glitten Hunderte von Schattenbildern von Menschen vorbei, näherten sich, verdichteten sich zu einer einzigen Gestalt. »Kenne ich seinen Vater, Thilde?« »Das ist ja dein bester Jugendfreund!« »In Darmstadt?« »Ja.« Exzellenz von Pritzig war aufgestanden. Klothilde weinte hell an seiner Brust. Der Duft ihres braunroten Haares stieg zu ihm empor. Er fühlte ihre eiskalten Hände schutzsuchend um seinen Nacken geschlungen. »Nun weißt du's! Ich muß von meinem Manne weg und kann doch nicht zu ihm und hab nichts mehr auf der Welt als den Jungen und euch! Bitte, verstoßt mich nicht!« »Du bist mir eine Tochter, Thilde.« »Ich hab nichts Böses getan. Ich habe überhaupt nichts getan. Das ist alles so gekommen. Das ist wohl das Leben. Das weißt du besser als ich. Du kennst das Leben länger.« »Ich bin fünfundsiebzig Jahre, Kind! Mich wundert nichts mehr auf dieser Welt!« »Du hast vorhin gesagt, du hättest dich immer bemüht zu verstehen! Verstehst du mich?« »Ja.« »Verzeihst du mir?« »Ja.« Er beugte sich und küßte ihre weiße Stirn. Sie lächelte dankbar aus weichen, tränenvollen Augen zu ihm empor. »Wollt ihr mir helfen?« »Ja.« »Gott sei Dank!« Sie atmete tief auf. »Ach – nun bin ich's los! Wenn ich weiß, daß du bei mir bist, Onkel Louis, dann bin ich gleich ruhiger!« »Sei nur jetzt ruhig, Thilde, und warte, bis dein Mann aus London kommt! Dann werde ich zunächst einmal mit ihm sprechen.« – Im Salon drüben, in den er allein hinüberging, saß die Gräfin Pritzig, mit großen, fragenden Augen. Ihr Mann zündete sich vor allem, um seine Erregung zu dämpfen, seine geliebte Upman an. Dann sagte er: »Was mit Thilde ist? Die Ärmste ist arm geworden. Ihr Mann hat sie arm gemacht. Und ich fürchte, es werden noch viele, die nach uns kommen, an diesem neuen deutschen Reichtum verarmen!« Dieser Reichtum trug in der Umwelt des Dr. von Spängler-Colosimo einen streng englischen Stempel. Die mächtigen Transatlantiks, die sich ein paar Stunden nach seiner Ankunft aus London an diesem Januarmorgen in seinem Berliner Hotelzimmer türmten, diese Gladstones, die modischen Handkoffer, diese Wardrobe Trunks, die aufrechtstehenden Reisekleiderschränke, dies umfangreiche Dressing-Case, dessen zahlreiche Büchsen und Flaschen das Spänglersche Wappen auf den Silberköpfen trugen, diese zusammengeschnallten, schottisch gemusterten Rugs und neben den Reisedecken die Bündel von Umbrellas und Walking-Sticks hätten das Auge des strengsten Mitglieds des Traveller-Klubs in Pall-Mall befriedigt. Er selbst lief, frisch dem Bad entstiegen, zwischen dieser ledernen und wollenen Ausstattung in einem buntseidenen, verschnürten indischen Pyjama-Schlafanzug auf und ab, in dem er einigermaßen einem sehr dicken ältlichen Husaren glich. Er war außer sich. Tee und Toasts, Jam und Ham warteten unberührt auf dem Frühstückstisch. »Nee – nee – nee!« sagte er zu dem alten Grafen Pritzig, der sehr ernst dasaß und nach dem schon eine Stunde dauernden Hin und Her ihres Gespräches schwieg. »Nee – nee ... das geht mir doch übers Bohnenlied ... So mir nichts, dir nichts ... Kaum aus der Eisenbahn ... noch nicht mal rasiert ... hör mal: mich rührt ja der Schlag ...« »Ja, schön ist es freilich nicht!« »Einfach zum Willkomm: La bourse ou la vie! Ja ... seid ihr denn alle verrückt geworden? Die Thilde an der Spitze?« »Ich habe dir alles gesagt!« »Sich scheiden lassen. Einfach sich scheiden lassen! Großartig! ... Das wäre so ein Fressen für die guten Berliner! Danke!... Danke gehorsamst... Da hätten sie Klatsch genug für den ganzen Rest des Winters!« »Denke an Klothilde und dich!« versetzte Exzellenz von Pritzig ungeduldig. »Und nicht immer an die anderen Leute.« »Ich könnte mich ja hier nirgends mehr sehen lassen! – Gerade jetzt, wo ich vor allem hier meine alten Beziehungen aufnehmen muß ...« »Es handelt sich um deine Frau!« »... und dann hinter einem, wo man geht und steht, das schöne Wort ›divorcé‹! Mein teurer Onkel, ich habe in meiner Stellung vor allem nach außen hin zu repräsentieren! Hat sich denn das die gute Klothilde zum Donnerwetter nicht klargemacht?« »Sie faßt das tiefer auf als du!« »Hast du ihr denn nicht den Kopf gewaschen? – Ich denk immer noch, ich träume! – Eine Ehescheidung! Netter Knacks ... mitten in der schönsten Karriere ...« »Ist es dir denn nicht möglich, Alfons, das anders als vom Salon und Klub aus anzusehen?« »Herrgott! Darin leben wir ja doch!« »Ja – leider!« »Und da verbitte ich mir, daß mir die Klothilde derart in die Quere kommt und mich durch ihre dummen Launen halbwegs unmöglich macht!« »Du hast noch nicht ein einziges Mal in dieser ernsten Stunde versucht, Alfons, dich einen Augenblick in ihre Seele zu zersetzen!« »Ach was! Sie hat alles, was sie braucht!« »Weiter läßt du ihr nichts sagen?« »Doch: daß sie verrückt ist! Also, Onkel, ich will mal offen zu dir reden!« »Endlich kommen mir also auf euch beide, statt auf alles mögliche äußerliche Drum und Dran ...« »Es ist ja noch ein großes Geheimnis. Klothild weiß selber noch nichts davon. Ich habe einen großartigen neuen Posten hier in Europa schon so gut wie in der Tasche. Du, in Europa! ... Du weißt, wie man sich um diese Stellen schlägt! Solch einen Stein hab ich in der Wilhelmstraße im Brett ...« »Ist es dir denn unmöglich, euer Schicksal einmal einfach menschlich zu betrachten?« »Ich hab dort den kolossalen Vorteil, ständig in persönlicher Fühlung mit der Wilhelmstraße zu bleiben! Da kann man sich sofort ranschlängeln, wenn sich irgendwo eine neue Aussicht bietet, ehe es die andern überhaupt noch merken ...« »Es ist entsetzlich!« sagte Exzellenz von Pritzig vor sich hin. »... und da kommt das kindische Frauenzimmer und will mir die ganze Geschichte versalzen! Denn bei dem großen Coup, den ich im Auge habe, gerade dortigen Orts, denkt die betreffende hohe Frau, auf die es ankommt, sehr streng! Ehescheidung! Der bloße Gedanke macht mich dort unmöglich ...« »Und was diese hohe Dame denkt, ist dir wichtiger, als was deine eigene Frau fühlt und leidet?« »Von meiner Frau krieg ich kein Avancement! Von meiner Frau krieg ich nicht den Freiherrntitel, mit dem sie, unter uns, auch schon seit einiger Zeit bei mir liebäugeln! Von meiner Frau krieg ich nicht den rotweißen Kordon von der Schulter runter, für den ich mit der Zeit auch allmählich reif werde! Umgekehrt: Was gut und teuer ist, kriegt sie von mir ...« »Klothilde hat ganz recht: Ihr sprecht zwei verschiedene Sprachen!« Herr von Spängler blieb stehen und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Teetasse tanzte. »Zum Kuckuck! Ich rede die Sprache der Vernunft. Ich bin ein moderner Mensch!« »Das seh ich!« »Für unklare Gefühlsduseleien hab ich nichts übrig! Wenn Klothilde irgendeinen vernünftigen Grund zur Klage hätte! Aber so ... Einen vor ganz Berlin bloßstellen! Sogar in London werden sie darüber reden... überall! Ich bin ja bekannt wie ein bunter Hund ...« »Also auf dem Standpunkt bleibst du!« »Nee! Nee! Da wird nichts daraus! Unüberwindliche gegenseitige Abneigung gibt's auf meiner Seite einfach nicht. Also, bitte, Schluß!« »So einfach ist das nicht! Du kannst Klothtlde nicht zwingen, zu dir zurückzukehren!« »Nee! Das kann ich nicht!« Herr von Spängler setzte sich und stützte kummervoll das schwammige Haupt in die Hände. »Aber deswegen klage ich noch lange nicht auf Scheidung! Den Gefallen tu ich ihr nicht! Sie wird schon wieder zur Vernunft kommen!« »Das glaub ich nicht!« »Kinder, nur jetzt keinen Skandal! Es steht alles für mich auf dem Spiel ...« »Willigst du wenigstens in eine vorläufige Trennung ein?« »Wozu denn immer die kolossalen Worte? Der Arzt kann ihr ja in Gottesnamen eine Erholung verordnen nach dem langen Aufenthalt drüben! Irgendein Bad! Das fällt keinem auf. Als Strohwitwer kann ich schon allenfalls auf meinen neuen Posten! Laßt mich nur erst um Himmels willen dort warm werden!« »Und später?« »Später kommt alles von selber in die Reihe!« sprach Herr von Spängler mit einer geringschätzigen Handbewegung. »Ich lasse mich von meiner teuren Gattin nicht bluffen! Ich danke für die Katzbalgereien! Jetzt hat sie sich in diese Stimmung verbiestert! In einem halben Jahr ist sie heilfroh, wenn sie wieder die Exzellenz spielen darf! Ich kenne die Welt und die Weiber!« »Die Welt kenne ich länger als du, Alfons! Die Weiber Gott sei Dank weniger! Aber meine Nichte Klothilde kenne ich! Rechne nicht darauf, daß sie noch einmal zu dir zurückkehrt!« »Pah!« Graf Pritzig erhob sich und lächelte seltsam. »Übrigens: Überlege dir das immerhin einmal für deine späteren Entschlüsse, Alfons! Es gibt schließlich doch auch einem Mann wie dir ein besonderes Cachet, wenn er sich plötzlich scheiden läßt!« Herr von Spängler riß die Augen auf. »Wer sich noch mit Frauen herumschlägt, der wirkt in gewissem Sinne noch jugendlich! Das kann dir bei deinen dreiundfünfzig Jahren für deine Karriere nicht schaden, Alfons ...« »Na, hör mal ...« »Derlei macht einen Mann für manche erst interessant. Er rückt in den Vordergrund. Man spricht von ihm! Das ist doch heutzutage bei uns die Hauptsache! Sein Name steht in allen Zeitungen. Prägt sich jedermann ein. Nach einiger Zelt hat man total vergessen, warum. Aber der Name bleibt ...« »Glaube nur nicht, daß ich dich alten Mephisto nicht durchschaue!« sagte Herr von Spängler düster und bekümmert. »Ich rede mit jedem in seiner Sprache! Also vorläufig bist du einverstanden, daß Klothilde mit dem Kleinen nach Meran oder sonstwohin geht?« »In Gottesnamen! Was soll ich denn machen?« »Und über das Weitere sprechen wir später.« – Der Staatsminister a. D. Graf Louis Ferdinand von Pritzig ging langsam zu Fuß seine geliebten Linden entlang, die hohe, immer noch schlanke, aber vom Alter gebeugte Gestalt in einen Biberpelz gehüllt, den Zylinder auf dem strengen, weißen Junkerkopf. Es war ein kalter Wintertag. Er spürte den Frost durch das Rauchwerk des Mantels. Es war ihm, als sei das eisige Gefühl nicht in ihm und eine Begleiterscheinung seines Patriarchenalters, und als sei es auch nicht der Nordost, der schneidend vom Schloß her nach dem Brandenburger Tor fegte. Diese Kälte schien ihm aus den Häusern und Menschen einer neuen Zeit umherzuströmen. Die Vorüberkommenden schritten eiliger als in anderen Städten, die Gesichtszüge zeigten die Linien eines härteren Willens. Die Stimmen klangen schärfer als anderswo. Die Ordnungsrufe der Schutzleute gellten an Kranzlers Ecke wie auf dem Exerzierplatz. Börsenleute, die nach der Burgstraße gingen, erzählten sich leidenschaftslos allerhand schlechte Witze. Die neuen Bauten, die an Stelle des zopfigen Alt-Berlin emporwuchsen, ragten in abweisendem, unbeseeltem Prunk. Aber es schien dabei dem Grafen Pritzig, als stünden inmitten dieser halb amerikanischen Hochburgen der Nützlichkeit und des Geldes unsichtbar die ewigen deutschen Luftschlösser, als wölbte sich über den Wolkenkratzern das Wolkenkuckucksheim. Die riesengroßen Überschriften der Morgenblätter in den Zeitungskiosken loderten: »Jamesons Raubzug in Transvaal!« »Helft unsern Brüdern, den Buren!« An den Litfaßsäulen waren flammende Volksversammlungen wider das schnöde Albion angekündigt. Aus den Bildern in den Schaufenstern blinzelte bauernschlau Ohm Krügers grobgeformter Schädel. Da war wieder das alte Deutschland. Da war wieder der Ritt hinter dem Regenbogen her ins Nirgendwo. Und da stand vor Exzellenz von Pritzig Hans der Träumer leibhaftig mitten im Weg und leuchtete ihn aus zwei kindlichen, warmen, dunklen Augen an, und ein kleiner, zierlicher Herr mit weißem Vollbart und weißem Krauskopf und seinem, rosigem Gesicht, nur wenige Jahre jünger als der pommersche Grande, streckte ihm herzlich beide Hände entgegen. »Reinhold ... Nanu – du in Berlin!« »Ich hab's daheim nicht mehr ausgehalten!« sagte Reinhold Nimis, der alte Achtundvierziger aus Darmstadt. »Ich hab nicht mehr schlafen können vor Herzklopfen wegen der Buren ...« »Da bist du hier vor der rechten Schmiede! Ganz Berlin überschlägt sich im Burenkoller ...« Reinhold Nimis überhörte es glücklicherweise. »Ja – nicht wahr: das ist schön! Das ist groß!« sprach er still begeistert. »Ein ganzes Volk, das sich für seine Freiheit gegen diese elenden englischen Krämer erhebt! Ich bin froh, daß ich hierher gefahren bin! Ich bin froh, daß ich das auf meine alten Tage noch erlebe! So war in unseren frühesten Kinderjahren, Louis Ferdinand, die herrliche Zeit der Schwärmerei für die edlen Polen!« »Ich war damals, in den dreißiger Jahren, schon zehn Jahre oder so was! Ich erinnere mich an den Rummel noch ganz genau!« »Was damals die hochsinnigen Polen, das sind jetzt die heldenmütigen Buren! Herolde der Freiheit! Der Freiheit, Louis Ferdinand, meiner alten, ewigen Liebe ... der Freiheit! Hoch die Buren!« Dabei schwenkte Reinhold Nimis wirklich sein Hütchen und fuhr begeistert fort: »Eben hab ich eine reine Herzensfreude gehabt! Ich hab, wie ich ankam, rasch in irgendeiner Kneipe am Bahnhof was gegessen. Ich setze mich immer gern unter das, was ihr das Volk nennt! Denk dir, Louis Ferdinand, über dem Stammtisch hingen in dem Lokal die Bilder der Burenhelden. Ganz einfache Leute waren eben dabei, aus Deutschland eine Glückwunschkarte an den Ohm Krüger zu schreiben. Ich durfte sie mitunterzeichnen. Ein Herr Krause schickte sie ab. Ein Strumpfwarenhändler. Du – das ist ein prachtvoller Mensch! Den solltest du kennenlernen!« Exzellenz von Pritzig sagte nichts. »In dem Ecklädchen, wo ich meine Zigaretten kaufte, stand ein Opferkasten für die Buren. Die einfachsten Leute kamen in einem fort von der Straße, warfen ihr Scherflein hinein und gingen weiter, als sei nichts geschehen! Da soll einem nicht das Wasser in die Augen treten!« »Dabei haben sie vor acht Tagen nicht geahnt, daß es Buren auf der Welt gibt!« »Ich wollte mir hier in Berlin ein paar Kistchen extra guter Zigarren spendieren und mit nach Hause nehmen. Aber dann hab ich mir gedacht: Was braucht ein alter, unnützer Kerl wie du noch solch üppiges Kraut! Denke du lieber jeden Sonntagmorgen, statt zu rauchen, an die Buren! Da hab ich die hundert Mark eben an den Ohm Krüger geschickt! Er kann es brauchen!« »Du lieber, alter Esel!« sprach Herr von Pritzig gemütlich. »Bei uns in Darmstadt sammeln die Schulkinder für die Buren. Ich hab ein Hilfskomitee gegründet. Deswegen bin ich in Berlin!« »Und was haben wir Deutschen davon?« »Lieber Louis Ferdinand, wenn wir Deutschen einmal irgendwo in Not sind und Hilfe brauchen, dann werden die wackeren Buren die ersten sein, die ohne Menschenfurcht kommen und uns helfen. Da bin ich unbesorgt, wenn auch wir beide es vielleicht nicht mehr erleben! Aber es geht nicht um Dank! Es geht um Gotteslohn! Es geht um die Freiheit! Um die Freiheit, Louis Ferdinand, um die Freiheit!« »Und dafür sollen wir die tollsten Händel mit England kriegen?« »Ja, gewiß!« sagte Reinhold Nimis ganz erstaunt. »Mit allem auf der Welt, was britisch ist?« »Ja, hoffentlich!« »Du großes Kind, weißt du, was das für Deutschland heißt, sich blindlings, nach Rußland und Frankreich, auch noch mit der dritten Großmacht zu verfeinden?« »Weh dem Tag, Louis Ferdinand, wo wir nicht mehr Bekenner sind! Ich glaube an die Menschheit! Ich glaube an die Freiheit! Ich glaube an Zeichen und Wunder in der weiten, weiten Welt! Ich bin ein Deutscher!« Es war ein trüber, grauer Wintertag. Trotzdem war es dem alten Grafen, als schiene plötzlich die Sonne durch das bleiche Gewölk über Berlin und vergoldete den unscheinbaren kleinen Herrn an seiner Seite mit einem Weihnachtsglanz. Der wiederholte: »Ich bin ein Deutscher! Du bist ein Preuße, Louis Ferdinand! 's ist eben doch ein Unterschied!« »Ja. Du hast dein Herz auf der Zunge, und ich hab Haare auf den Zähnen! Das braucht's nämlich auch im Leben! Und zwar sehr, mein alter, guter Reinhold!« Der alte Achtundvierziger verstummte etwas gedrückt und verschüchtert bei den schroffen Worten des langen, greisen Junkers an seiner Seite. Er ging mit ihm nach dem Hause am Königsplatz und betrat dessen Wohnung. »Nu mach es dir mal bequem!« sagte Graf Pritzig zu dem Jugendfreund, ließ ihn in seinem Arbeitszimmer sitzen und begab sich hinüber zu seiner Nichte. Ein Herr erhob sich da bei seinem Eintritt, raffte Papiere in eine Mappe und verschwand mit höflicher Verbeugung. »Ich hab mir den Rechtsanwalt kommen lassen, Onkel! Er meint, an sich sei so eine Ehescheidung furchtbar einfach ...« »Zunächst sind wir erst bei der Trennung! Hör mal zu, Kind!« Sie folgte ruhig seinem Bericht über die Unterredung mit ihrem Mann. Er schloß: »Das Weitere werden wir ja nun sehen! Du ... Klothilde ...« »Ja.« »Wenn du heute lieber auf deinem Zimmer essen willst...« »Warum?« »Ja. Der alte Nimis ist mir unversehens ins Haus geschneit ... der Vater ... du weißt... Er ist, wenn er nach Berlin kommt, ein für allemal mein Gast ... Ich kann ihn nicht gut ausladen!« Aber zu seinem Erstaunen erschien Klothilde von Spängler trotzdem zur Mittagstafel. Blaß und schweigsam war sie schon bisher gewesen. Das fiel den anderen nicht auf. Und Reinhold Nimis selber war viel zu unbefangen und lebhaft, um irgend etwas zu merken. Sein freundliches, altes Gesicht lag im Sonnenschein, während er auf ihr Söhnchen zeigte, das neben ihm saß. »Der kleine Mann und ich sind schon seit einer Stunde dicke Freunde! Er hat mir schon von seinen Bilderbüchern erzählt und seinen Schönschreibheften! Die zeigst du mir nachher, Bubi – gelt? Ich bin für ihn auch schon ein Opapa! Es ist ja auch jetzt meine Hauptbeschäftigung, Großpapa zu sein!« »Warst du jetzt in Wien bei deiner Tochter, Reinhold?« »Ach ... Wien ...« Die Schatten, die über Reinhold Nimis' weißumkraustes, feingefälteltes Gesicht gestrichen waren, wichen einem warmen Licht in den jugendlich glänzenden, dunklen Augen. »Nein, Louis Ferdinand. Ich denke jetzt hauptsächlich an meinen Sohn in Lütthahn und die Seinen! Der Leo hat ja auch schon zwei Jungen ... ein paar Jahre jünger als das Kerlchen da... Ach ja, da geht mir das Herz auf, wenn ich meinen Leo schau, und wie weit er es mit seinen knapp fünfunddreißig Jahren im Leben gebracht hat!« »Man kann ja nicht sagen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!«, wandte er sich wieder an Exzellenz von Pritzig. »Der Apfel ist sehr weit vom Stamm gefallen! Der ist ein neuer Deutscher nach eurem Sinn! Natürlich: Er ist unter den Amerikanern geboren und bei ihnen und den Engländern in die Schule gegangen. Jetzt baut er das Lütthahnwerk da unten am Rhein aus! Ich bin ja ein altes, unpraktisches Geschöpf. Ich hab es nie verstanden, Schätze zu sammeln. Aber mir geht doch immer das Herz auf, wenn ich so sehe, wie da der Wille eines einzigen Mannes immer neue Fabriken aus dem Boden stampft und Stollen von einer Tiefe in die Erde treibt, wie man es nie für möglich gehalten, und mit einem einzigen Wort die immer noch wachsenden Tausende von Arbeitern regiert ...« »Wie ein Feldherr seine Truppen ...« »Nein, nein, Louis Ferdinand! So denkt ihr Preußen, daß immer nur befohlen und gehorcht werden muß! Der Leo hat so eine merkwürdige Art, die Leute unabsichtlich, wie spielend, zu überzeugen. Er kennt jede Maschine und macht im Vorbeigehen jeden Handgriff vor. Jeder Arbeiter, der glaubt, er habe eine kleine Verbesserung gefunden, kann ohne weiteres zu ihm, und da sitzen sie dann beisammen und basteln wie zwei Kameraden! Er sagt: Ich bin der erste Arbeiter von Lütthahn, weiter nichts! Ich mach es besser als die andern! Das wissen sie alle. Da wären sie ja dumm, wenn sie mir nicht parierten!« »Ja. Ein Mann wie er kann wohl so sprechen!« »In der letzten Generalversammlung stand er, mit den Händen in den Taschen, und sagte, wie sich das Toben gelegt hatte: »Meine Herren! Wir fürchten uns doch nicht vor der Arbeit! Also wollen wir uns auch nicht vor den Arbeitern fürchten! Dem Arbeiter seine Arbeit näher zu bringen und liebzumachen – das ist das große Problem der Zukunft. Darin stecken auch Ihre Prozente, meine Herren!« »Und die Prozente steigen von Jahr zu Jahr?« »Reißend. Er arbeitet jeden Tag sechzehn, achtzehn Stunden. Einen Sonntag kennt er überhaupt nicht. Natürlich hilft ihm auch die Frau. Die steht hinter ihm. Sie treibt ihn sogar. Sie steht so gut wie ganz auf seiten der Arbeiter ...« »Sag mal, Reinhold, um wieder auf die Buren zu kommen ...« »Sie ist ja ein merkwürdiger, schwieriger Mensch. Aber darin finden der Leo und sie sich und ergänzen sich wundervoll. Es sind beides Menschen, deren Leben buchstäblich in dem für andere aufgeht!« »Der gute Ohm Krüger, Reinhold ...« Der alte Herr ließ sich nicht ablenken. Seine Gedanken waren bei seinem Sohn. »Neulich hat der Leo mich, wie ich ihn besuchte, durch die ganzen Anlagen geführt. Man versteht sein eigenes Wort nicht. So ist der Lärm. In dem Durcheinander bewegt er sich Tag um Tag. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich überall dies Gezappel von Stangen und Rädern seh! Und das ist nur die Hälfte seiner Tätigkeit. Die Stille in den Kontoren ist beinahe noch unheimlicher. Da sitzen sie, ein Zimmer voll neben dem andern, und rechnen und telegraphieren und kabeln um die Erde. Die Lütthahner Werke, sagt Leo, fangen schon an, überall auf der Welt bekannt zu werden. Gerade, wie ich da war, kamen riesige Aufträge aus Südamerika zum Abschluß. Fünf Minuten darauf gab er schon Befehl zu Konstruktionsberechnungen für einen neuen Fabrikbau!« »Ein ganzer Kerl!« »Ja – nicht wahr? Wenn man denkt, ein einziger Mann macht das alles! Ohne ihn fehlte der lebendige Atem. Alles kreist um ihn. Alles um ihn ist Arbeitsfreude, Kampf ... Erfolg ... Donnerwetter ja, Kinder.« »Ja, ja, Reinhold, du kannst schon stolz sein!« »Und das ist nun das Unerklärliche bei meinem lieben Leo: diese Anfälle von Schwermut, die plötzlich mitten im vollen Schaffen, im Kreis der Seinen, auf der Höhe des Lebens über ihn kommen! Früher hat er das nie gehabt. Er zeigt es auch jetzt niemand. Aber vor seinem alten Vater kann er es nicht verbergen. Ich kenne ihn zu genau ...« Reinhold Nimis brach ab und setzte dann hinzu: »Er leugnet es mir gegenüber auch nicht ab, wenn er in dieser rätselhaften, traurigen Stimmung ist! ... Aber warum diese traurige Stimmung immer wiederkehrt – bei einem Mann aus einem Guß und ohne Nerven wie ihm – das sagt er mir nicht ...« Er schaute erstaunt auf den leeren Stuhl ihm gegenüber. »Wo ist denn deine Frau Nichte hin, Louis Ferdinand?« »Sie hat sich zurückgezogen!« sagte Graf Pritzig. »Du mußt sie entschuldigen. Sie ist noch angegriffen von der langen Reise.« XIII. Aber wer sind diese Stimmen, die des Nachts rufen? Diese Stimmen in schlaflosen Nächten, nach schwerem Tagewerk? Diese fernen Stimmen in tiefster Stille: Das Leben ist nicht nur Arbeit, wie du Armer wähnst, das Leben ist auch Erfüllung ... Und was ist das für ein fernes Leuchten nachts am Sternenhimmel über einem: Das Leben ist nicht nur Pflicht, wie du Sklave denkst, das Leben ist auch Licht. Und was ist das für ein Licht, ein geheimnisvolles, fernes Frühlicht im Osten, auf das du harrst und hier einsam im Dunkel stehst? ... Leo Nimis stand auf der langen, leeren Terrasse des Wohnhauses von Lütthahn. Ein Schatten vor schwarzem Hintergrund. Es war noch volle Nacht. Die Zeit des schwersten Erdenschlafs der Sterblichen. Aber nicht mehr weit von Tag und Tau. Es konnte nur noch eine kurze Spanne Zeit währen, bis die ersten fahlen Streifen drüben gegen Westfalen zu den grauenden letzten Märzmorgen anzündeten. Jetzt dunkelte noch die weite Ebene. Die Purpurflocken der Hochöfen atmeten in ihr da und dort ihre stille Glut. Zuweilen drangen, sonderbar deutlich, scheinbar ganz nah, halblaute Männerstimmen aus der Tiefe. Bergleute, die zum Schichtwechsel durch die Nacht hier oben nach der ewigen Nacht der Schächte gingen. Die Arbeit ruhte in Deutschland nicht ... Arbeit ... Arbeit war das Leben. Deutschland arbeitete vom Morgen bis zum Abend, arbeitete die Nacht hindurch, arbeitete mit allen Fibern und Fasern, arbeitete mit Nägeln und Zähnen, arbeitete um der Arbeit willen, war eine ungeheure Arbeitsmaschine aus Menschenwitz und Menschenleibern. Die Blumen verdorrten, die Quellen versiegten, die Vögel flogen weg, die Sonne verfinsterte sich im Rauch, die Gesichter wurden hart und verbissen. Die Walze Arbeit wälzte sich weiter über deutsches Land. Deutschland arbeitete ... arbeitete ... arbeitete ... Ein Morgenwehen strich aus irgendwelcher Ferne über die Terrasse und flüsterte gleich einer warnenden, lockenden Menschenstimme um Leo Nimis' bloßen, blonden Kopf. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Er dachte sich: Was ist das mit mir, daß ich – ich, der erste Arbeiter von Lütthahn, die gefürchtetste Arbeitskraft am Niederrhein weit und breit – in solche Stimmungen des Müßiggangs verfalle? Wie sollen dann die vielen tausend anderen Arbeiter ihr Letztes hergeben? Das verlange ich von den Arbeitern doch? Ich bin ja ewig mit der Hetzpeitsche hinter meinen Mitmenschen her – so gut wie hinter mir selbst ... Die Nerven halten mich zum Narren ... Die anderen Menschen sind gescheiter. Die schlafen jetzt und warten, bis ich sie wieder mit der Dampfpfeife und Fabrikglocke aufjage! ... Ich stehe allein und mache und warte. Ja, auf was denn? Man sieht ja sein Leben vor sich. Die Dampfwalze Arbeit rollt die schnurgrade Chaussee entlang. Jahr um Jahr. Meilensteine am Weg: vierzig ... fünfzig ... sechzig Jahre ... bis zum Endpunkt ... ein Grabkreuz ... undeutlich ... noch ganz in der Ferne ... Nein. Ein Mensch wachte doch noch außer ihm. Drüben im Haus waren zwei Fenster matt erhellt. Der alte August Buschbeck, der Schwiegervater, lag schlaflos und rauchte die Nacht hindurch. Er lag schon seit einem halben Jahr ständig im Bett. Ein entthronter alter Tyrann. Er kämpfte so zäh mit seinem Magenleiden und dem Meister Tod wie früher mit den Menschen. Die Ärzte begriffen es nicht, daß dies unwirsche Skelett aus Haut und Knochen kraft seines Willens immer noch ganz schadenfroh und gemütlich weiterlebte. Eine Turmuhr unten schlug langsam die fünfte Morgenstunde. Leo Nimis drehte sich kurz um und schritt in das totenstille Haus. Es war zu spät, sich noch einmal zum Schlafen hinzulegen. In seinem Arbeitszimmer war es warm und brannte die Lampe. Die Bediensteten wußten, daß der Generaldirektor von Lütthahn oft genug dasaß und sich durch Brief- und Aktenberge hindurchfraß, ehe noch draußen die ersten Hähne krähten. Leo Nimis setzte sich und griff mechanisch nach den nächsten aufgeschichteten Stößen von Schriftstücken. Wie durch ein hoch gezogenes Wehr schossen die Wellen von Wünschen, Bitten, Drohungen, Geschäften, Berichten, Befehlen der Außenwelt über ihn herein. Zu oberst ein Handzettel des alten Buschbeck, wie er ihn des Nachts alle paar Stunden, während er über das Geldverdienen nachsann, auf alle Fälle durch den Krankenwärter seinem Schwiegersohn für den nächsten Morgen auf den Schreibtisch legen ließ: »Vernachlässige das südrussische Geschäft nicht! Die Mannheimer Konkurrenz hat in Sinelnikowa und allen anderen Eisenbahnknotenpunkten Reklametafeln von landwirtschaftlichen Maschinen aufgehängt.« Eine neunzackige Krone: Der Schwager Graf Mettenberg. Der Bau der Nachahmung der Lourdesgrotte im Park von Abdinghof verschlang ungeahnte Mittel. Neue Zuwendung zu dem heiligen Zweck ebenso unbedingt wichtig wie zum Peterspfennig ... »Bezugnehmend auf die Beschlüsse des zehnten Berufsgenossenschaftstages im Vorjahr 1896 machen wir darauf aufmerksam, daß das von Ihnen eingelegte Rechtsmittel des Rekurses gegen das Schiedsgericht für Arbeiterversicherung an das Reichsversicherungsamt ...« Ein Brief vom Schwager Max Buschbeck, dem Klubmann: »Es war eine Folge unfaßbaren Pechs, daß das Gestüt Marienwörth auch dieses Jahr wieder mit einem so kolossalen Fehlbetrag abschloß. Aber gedeckt mußte er im Interesse der Vollblutzucht werden. Also bitte, mein lieber Leo, mache die Moneten locker!« »Euer Hochwohlgeboren! Unabweislich drängt sich der Bau protestantischer Kirchen in den Großstädten auf! Dem Volk muß die Religion erhalten bleiben. Das Berliner Komitee naht Ihnen daher mit der Bitte ...« »Hort für schwachsinnige Kinder der Rheinprovinz. Die Tertianerinnen von St. Vincenz.« Ja. Unterschrift unter den Scheck. Geheimes Rundschreiben: »Die japanische Kommission unter Führung eines vom Berliner Auswärtigen Amt empfohlenen Herrn Sugimura, die zurzeit angeblich zum Zweck der Anknüpfung deutsch-japanischer Freundschaftsbeziehungen das Industriegebiet bereist, verfolgt ausschließlich Fabrikationsspionage.« »... und können Sie, verehrter Herr Generaldirektor Nimis, die gehässigen Anwürfe einer gewissen Presse durch den einfachen Hinweis auf die Tatsache widerlegen, daß nach den amtlichen Tabellen im Vorjahr 1896 auf 1000 Versicherte 19,8 Verletzte kamen, während der Prozentsatz in Lütthahn nur 13,4 betrug ...« »Was gibt's?« Leo Nimis fuhr im Sessel herum. Der Schatten des Krankenwärters war auf Filzparisern hereingehuscht. Ein neuer Bleistiftgruß von dem schlaflosen Alten drüben. »Wie steht's in Venezuela? Schläft eigentlich unser Vertreter in Maracaibo?« Eine Nachtdepesche: »Unser Schriftsatz in Patentprozeß kontra Schwendemann betont, daß nach Reichsgerichtsentscheid subjektiver Irrtum über Tragweite des Patents kein Ausschlußgrund für Wissentlichkeit ist ...« Da war der Wärter schon wieder. Der alte Buschbeck hatte Blut geleckt, seit er seinen Schwiegersohn wach wußte. Erbost gekritzelte Schriftzüge: »Dampfpflüge über 10 P.S. für Südrußland natürlich zu schwer! Leichte Einmaschinen! Rundherumsystem! Grubber!« »Also i bitt schön, lieber Bruder Leo – Du hast's ja dazu. Hilf Deiner armen Hanserl! Ich darf meinem Mann mit den faden Rechnungen gar nicht mehr kommen! Der Camillo wird gleich wild wie ein Türk! Unsere Ehe ist die Höll auf Erden! Sei lieb und schick das Geld recht bald an das Modehaus Spatzier, Wien I. Kärntner Straße, und an den k. k. Hofjuwelier Galitzer am Burgring ... Deine treue Schwester Hansi.« »Auf zum Kampf gegen die Tuberkulose ...« »Vertraulich: Lieber Generaldirektor! Die vereinigten bürgerlichen Wahlausschüsse verlangen Ihre Landtagskandidatur! Der Name Nimis allein hält die disparaten Elemente zusammen! Gruß Bergrat Killing.« »Lieber Vetter Leoche! Lasse Dich nicht von dem Killing und seinen Ordnungs-Heulmeiern auf den Leim locken! Was soll denn ein vernünftiger Mensch wie Du unter den Ostelbiern am Dönhoffplatz? Meine Leute verlieren bloß das letzte Zutrauen zu Dir. Die ›Freie Stimme‹ bringt heute schon einen scharfen Artikel gegen Deine Rückwärtserei! Dein Vetter und Proletarier Robert Nimis.« Rein persönlich: Privatbrief: Direktor Scholz vom Syndikat: »Wir müssen Sie daher wiederum allen Ernstes darauf aufmerksam machen, sehr verehrter Herr Generaldirektor Nimis, daß Ihre ständig betonte, beinahe ausschließliche Vertretung der Arbeiterinteressen in Lütthahn diesseits peinlich empfunden wird und eine Störung des Geschäftes darstellt, die ...« Die Polizeidirektion. Inoffiziell: »Nach Mitteilungen aus Zürich haben wir mit der Möglichkeit des Auftauchens anarchistischer Elemente hierorts zu rechnen. Es würde sich empfehlen, in nächster Zeit namentlich die Förderschachte zu überwachen ...« »Lange lebst Du nicht mehr, Du Hund!« Drei Kreuze. »Der Kriegerverein bittet ...« Eine Damenhand. Zweiundzwanzig Seiten. »Sie werden sich wundern, daß eine Unbekannte an Sie schreibt, und sich vergeblich den Kopf zerbrechen, wer ich wohl sein mag und wie ich wohl dazu komme, mich an Sie zu wenden?« »Ich bin keiner der gewöhnlichen, für die Gummizelle reifen Erfinder! Meine Entdeckung, alle Leiden der Menschheit mit einem Schlag durch Krotonöl zu heilen, revolutioniert die Welt! Schon in der Heilanstalt, aus der ich kürzlich meinen Austritt erklärte ...« Leo Nimis las das alles mit dem gleichen phlegmatischen Interesse durch. Priatschublade. Vermerk für den Seketär. Papierkorb ... Papierkorb ... Papierkorb. Der Jahrmarkt des Lebens tanzte mit Hammerschlag und Pritschengeklingel, geballter Faust und bittender Hand, goldenem Kalb und lahmem Amtsschimmel, Schweiß und Tränen, Not und Narrheit an ihm vorbei, heute wie jeden Tag. Da murmelte wieder der Schatten aus der Krankenstube: »Herr Geheimrat lassen Herrn Generaldirektor bitten!« Der mächtige Raum, in dem der alte Buschbeck lag, war beinahe ein einziges Dunkel. Nur zwei Lichtpunkte glommen in ihm: Ein Nachtlämpchen auf dem Tisch und die brennende Havanna im Bett. Aus der Gruft der Kissen klang es hohl wie schon aus einer andern Welt: »Leo! Morgen ist der 1. April 1897! Bismarck wird zwelundachtzig Jahre alt! Wir wollen ihm eine besonders schöne Glückwunschdepesche schicken!« »Rödicke hat sie schon aufgesetzt!« »Kinder .... macht es diesmal doch recht schwungvoll! Ich hab so eine Ahnung: Lange feiert der Fürst nicht mehr seinen Geburtstag, und lange gratulier ich ihm nicht mehr dazu! Es geht alles zum Alteisen ...« Die Stimme im Dunkeln schwieg erschöpft. Der alte Gewaltmensch, der sonst alles unter die Füße trat, lag still zu den Füßen des noch Gewaltigeren und sah andächtig zu ihm auf. Leo Nimis ging leise hinaus. Drüben breitete die Hängelampe ihren traulichen Goldkreis über die Wiener Kaffeemaschine, die Tassen und Semmeln und Teller. Seine Frau saß, während noch draußen der Tag dämmerte, schon mit den Kindern am Frühstückstisch. Sie gehörte zu den Menschen, die morgens am muntersten waren, die es ungeduldig zu den Pflichten des Tages hinausdrängte wie das Pferd ins Freie. Ihr ruhiges, regelmäßiges Gesicht, das hell von der Lampe beschienen war, geigte eine zusammengefaßte Bestimmtheit des Aufgehens im Dienst, wie sonst bei gewissenhaften Beamten. In den tief unter den dunklen Brauen liegenden blauen Augen leuchtete, als er eintrat, die freundliche Liebe zu ihrem Mann... Eine Liebe, die nicht nur aus dem Herzen, sondern auch aus dem Kopf kam, dessen klösterlichen, schwarzen Scheitel sie zurückbog, um seinen Gutenmorgenkuß zu empfangen. Es war eine Begrüßung wie zwischen zwei guten Kameraden, die der gleiche Pflichtenkreis einte. Frau Ottonie Nimis war, obwohl es wenig über sechs Uhr morgens war, schon fertig für den Tag angezogen, aber so bewußt schlicht, daß man sie für die Erzieherin der Kinder hätte halten können. Sie erhob ihre hohe, schlanke Gestalt, um die Hängelampe auszudrehen – denn nun war es wirklich draußen Tag geworden – und sagte, während sie mit der gleichen sorgfältigen Sachlichkeit, mit der sie alles tat, ihm Kaffee eingoß und ein Brötchen strich: »Du – ich hab eben nach dem Doktor geschickt. Camillchen hatte die Nacht ein wenig Abweichen. Es ist nichts Besonderes. Aber bei einem Kind von achtzehn Monaten muß man vorsichtig sein!« »Und der Peterli krächzt mir auch, scheint es!« »Er hustet schon seit gestern. Er darf mir heute nicht ins Freie.« Otto und Peter, die beiden stämmigen fünf- und vierjährigen Flachsköpfe, saßen hinter ihren Milchbechern und futterten emsig und stumm. »Du, Leo, Papa hat heute nacht wieder dem Wärter die Wärmflasche an den Kopf geworfen!« »Gib dem Mann 'nen Taler!« »Mama liegt! Sie hat ihre Migräne.« »So...« »... und ihre geliebte Schneider ist tief gekränkt: Du hättest ihr gestern abend nicht Gute Nacht gesagt!« »Mag sich die alte Spinatwachtel unter den Dampfhammer legen!« Leo Nimis griff gleichmütig nach der Morgenpost. Die häufte sich, obwohl das Geschäftliche bereits abgetrennt war, noch in einem dicken Stapel vor seinem Platz. »Leo! Fräulein Schneider ist auch ein Mensch!« »Halbfabrikat!« »... und alle Menschen sind einander gleich ...« »Wenn das wahr ist, Kinder, dann macht ihr doch mal meine Arbeit ein paar Tage.« Er entfaltete zerstreut die Berliner Zeitungen. »Ich wäre froh!« »Ich muß gleich nachher hinunter ins Dorf. Es hat wieder Krach zwischen den Hauspflegerinnen gegeben! Die Schwester Thekla ist in einer Weise unverträglich! Lange geht es nicht mehr mit ihr ...« »Schmeiß sie rauß!« »Gerade jetzt, wo der Keuchhusten grassiert? ... Ottochen, wirst du gleich den Peterli nicht so knuffen! Du mußt ihn mal durchwichsen, Leo! Die Großmama verzieht sie zu arg! Ja – ich muß dann noch wegen des Konsumvereins mit dir sprechen! Da sind wieder Quertreibereien ...« »Nachher, Kind! ... Die Kurse sind mir jetzt wichtiger!« Luise Tiefbau. Harpener. Gelsenkirchen. Dazwischen ein Schluck Kaffee. Kuxe. Kohlenkartell. Kohlenrauch am bleigrauen Himmel, vor den Fenstern. Schwarze, schwere Schwaden weithin über dem Land. Das Eifern ferner und naher Dampfpfeifen: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen« ... Arbeit... Arbeit ... Arbeit... Arbeit ist das Leben! Gleichmäßig dreht sich das Tretrad der Pflicht. Schwingt das Rad des Seins, bis es einmal langsamer läuft und stillsteht. Und alles so grau ... Wo war nur auf der Welt die Sonne? Irgendwo mußte sie doch sein. Er dachte sich: Früher, in meinen jüngeren Jahren, hab ich die Sonne glühen gesehen über allen Weltteilen und hab ihr Lachen nicht verstanden. Dann dachte er sich weiter: In meinen jüngeren Jahren? Ich bin ja erst fünfunddreißig! Fange ich denn schon an zu altern in dem ewigen Glockenschlag einer Arbeitsstunde nach der andern? Donnerwetter – da unten läuten sie schon in Lütthahn ... Ich muß mich mit dem Frühstück eilen ... Sonst machen sie wieder irgendeine Dummheit, bis ich komme ... »Du, Leo – meine Schwester hat geschrieben! Aus Berlin!« Ottonie Nimis entfaltete den Brief der frommen, kleinen Gräfin Mettenberg. »Was macht denn das Tinettchen in Berlin?« »Ihr Mann hat inoffiziell auf dem Kultusministerium zu tun. Sie schreibt: Man kennt sich nicht aus vor lauter Festen .. Den ganzen März hindurch die große Hundertjahrfeier für den alten Kaiser Wilhelm. Denkmalsenthüllung am Schloß, Fackelzug der Studentenschaft. Festkommers. Es reiht gar nicht ab, sagt sie ...« »Sie soll doch nach Hause, wenn es ihr zuviel ist.« »Da geht es ja jetzt noch bunter zu! Da kommen jetzt im Frühjahr alle die rheinischen Feste. Denkmalsenthüllung in Köln. Großes Fest auf dem Gürzenich. Feierlichkeit in Bielefeld. Im Mai: Sängerfest in Frankfurt. Im Sommer das Festmahl der Rheinprovinz in Koblenz. Die große Parade in Homburg. Dann wieder ein Festmahl in Köln. Ihr Mann müsse wegen seiner Stellung fast überall dabei sein, schreibt sie, und wenn das schon bloß hier am Rhein mit den Festen so zuginge – welch ein Trubel von Feierlichkeiten und Hurra müsse dann jahraus, jahrein im ganzen Reich herrschen ...« Leo Nimis hatte nur noch halb zugehört. Er überflog einen Privatbrief des Vertreters des Lütthahnkonzerns in Petersburg. »... denn die gegen Deutschland gerichtete Spannung der europäischen Lage ist hier eher noch im Wachsen. Die Freundschaft zwischen Petersburg und Paris ist dicker als je. Am Hofe wächst durch die Ehe des neuen Zaren unaufhaltsam der deutschfeindliche, englische Einfluß. Unsere fortwährenden, auch dies Jahr wieder bevorstehenden Flottenbesuche in Petersburg helfen da gar nichts. Im Gegenteil: sie werden in ihrer ständigen Wiederholung hier mißverstanden...« »Leo! Du hörst wohl gar nicht zu ...« Leo Nimis hatte das Schreiben weggelegt und wieder die Zeitung ergriffen. Sie zitterte plötzlich in seiner Hand. »Mann – was hast du denn?« Er stand auf. Er antwortete nicht. »Du wirst ja ganz bleich, Leo!« Er wies seiner Frau stumm und erschüttert eine kurze Nachricht auf der zweiten Seite. Sie las: »Auf seinen Gütern in Pommern verstarb dieser Tage hochbejahrt der Staatsminister a. D. Graf Pritzig. Eine der markantesten Persönlichkeiten der Bismarckschen Aera scheidet mit ihm aus der Zeitgeschichte.« Leo Nimis beugte sich hastig nieder, griff mit bebenden Fingern in den Haufen der noch uneröffneten Briefe und Depeschen. Da war ein großes, elfenbeinfarbenes Schreiben mit dickem Trauerrand und Grafenkrone. Er riß es auf. »Es hat Gott dem Allmächtigen gefallen, in der Nacht vom 29. zum 30. März meinen geliebten Mann, unseren treuen Vater, Großvater, Schwiegervater und Bruder, Seine Exzellenz Herrn Dr. jur . Grafen von Pritzig, Majoratsherrn auf Zackenzin, Kgl. Staatsminister und Oberpräsident a. D., Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler und zahlreicher anderer hoher Orden, Rechtsritter des Johanniterordens, Mitglied des Herrenhauses, Rittmeister der Landwehr a. D., im siebenundsiebzigsten Jahr seines gesegneten Lebens durch einen sanften und unerwarteten Tod zu sich heimzuberufen. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Hans Joachim Graf von Pritzig-Zackenzin.« »Was hast du denn da noch für eine Depesche, Leo?« »Aus Darmstadt!« »Von deinem Vater?« »Ja.« »Er weiß es schon?« »Er telegraphiert mir deswegen!« »So lies doch vor!« Leo Nimis tat es: »Mein Louis Ferdinand ist nicht mehr. Ich kann es kaum fassen. Ich liege hier seit einer Woche an meiner alten Venenentzündung fest und kann dem lieben, teuren Freund nicht einmal die letzte Ehre erweisen. Bitte vertritt mich mit bei der Beisetzung in Zackenzin, zu der du jedenfalls fährst, und sprich allen Leidtragenden auch mein tiefstes Beileid aus. Dein alter Vater.« »Du fährst?« »Selbstverständlich!« Leo Nimis griff noch einmal nach der Todesanzeige. Da stand unten: »Beisetzung am 1. April, nachmittags 3 Uhr in Zackenzin. Wagen zu den Zügen 11 Uhr 17 Min. und 2 Uhr 5 Min. an der Bahn. Er sah auf die Uhr, »Noch nicht sieben! Wenn ich mich eile, kriege ich noch den Morgenschnellzug. Dann bin ich abends in Berlin und morgen hoffentlich noch rechtzeitig an Ort und Stelle!« Anspannen! Die Koffer! Kuß an die Kinder! Dazwischen immer noch Telegramme. Anfragen. In fliegender Eile Konferenz mit den von unten zusammengetrommelten Direktoren. Gequengel des alten Buschbeck aus den Kissen: Was hast du bei den Junkern in Hinterpommern zu suchen? Die Schmiegermama mit Migränekompresse um die Stirn ... Adieu ... Adieu ... Mit einem Arm in den Mantel... »Dr. Rödicke, verschonen Sie mich jetzt mit den Geschaftssachen, und wenn es das Kruppsche Direktorium selber ist...« Der zweite Arm ... »Vorwärts... Zum Donnerwetter ... Vergißt die Gesellschaft wieder die Zylinderschachtel ... Also leb wohl, Otte!« Sie küßten sich. Er las die Liebe in ihren Augen. Bei solchen seltenen Gelegenheiten des plötzlichen Abschieds leuchtete es heiß aus diesen blauen, verschwiegenen, schwarz überschatteten Tiefen. Sie sagten sich nicht viel. Es ging alles so schnell ... »Pappi – bring was mit!« »Schakalade!« »Ja ... ja ... Seid vor allem artig! Vorwärts!... Uff!« Im Zuge sah Leo Nimis, in die Ecke gelehnt, in einer sonderbaren, wohltuenden Müdigkeit des Genesenden. Ruhe um einen. Niemand, der etwas von einem wollte. Endlich einmal Mensch ... Und es ging ihm durch den willenklaren, zweckbewußten, in unzählige Arbeitskammern eingeteilten Kopf: ... Mensch ... Aber was ist der Mensch? ... Wozu ist er da? ... Wie sieht solch Menschenleben aus, wenn man es vom Ziel aus rückwärts überblickt? ... Da müßte meines köstlich sein! Denn es ist, weiß Gott, Müh und Arbeit!... Aber ich finde nicht, daß es so köstlich ist. Durch das Zugfenster lugte noch das Grau der Arbeit. Verrußte Industriestädte, schwarz wandernde Menschenhaufen, qualmende Schlote, schieferfarbene Schlackenhalden, rauchige Bahnhöfe. Dann erhellte sich die freudlose Welt. Der Himmel wurde lichter. Die Luft klarer. Vor einer Viertelstunde war das letzte Bündel von Schornsteinen in der Ferne vorbeigeglitten. Mit niederem Riesendach wuchtete da der erste niedersächsische Bauerhof auf der roten Erde. In dieser Erde schlief nicht mehr die Kohle, sondern keimte das Korn. Ein Mann mit geraffter Schürze ging über das Land und streute die Sommersaat. Es war eine feierliche Handbewegung. Sie wiederholte sich, gleichmäßig ... abgemessen ... immer wieder ... Am nächsten Mittag, in heißem Frühlingsblau und kühlem Ostseewind über dem weiten, pommerschen Plattland, schien das Reich von Stahl und Eisen nur noch ein Traum der Nacht. Wenn hier ein Schornstein ragte, dann war es eine Rübenzuckerfabrik. Wenn hier eine Maschine keuchte, dann war es der Dampfpflug. Mit umbrochenen Schollen, klein geeggt, flach gewalzt, dehnten sich die braunen, in sprossender Wintersaat die grünen Felder. Alle Äcker voll von Menschen und Tieren und Gespannen. Bedächtige, ruhige, sonnenverbrannte Gesichter. Eins mit der Erde, aus der der Mensch ward, zu der er wird. Nichts mehr von Haß und Hast und Hetze. Die Natur ließ sich nicht drängen wie die Menschen und Maschinen. Sie folgte nicht dem Befehl. Sie erhörte nur das Gebet: Unser täglich Brot gib uns heute! ... Das war die Welt des verstorbenen alten Grafen Pritzig. Ein tiefer, unbestimmter Klang wanderte im Winde, als Leo Nimis auf dem kleinen Bahnhof von Zackenzin ausstieg. Von nahen und seinen Kirchtürmen läuteten die Glocken. Die sieben alten Pritzigschen Familiengüter sandten dem, der sie wiederum in den Besitz seines Geschlechts zurückgeführt hatte, den letzten Dank. Eine Wagenburg harrte vor der Station. Der sonst beschaulich leere, gemächlich dahinpilgernde Zug der Kleinbahn war überfüllt. Bis in die dritte Klasse hinein saßen die Großen des Landes, die Majoratsherren und Rittergutsbesitzer, die Johanniter und die Spitzen der Behörden, die Abordnungen des Potsdamer Regiments des Verstorbenen und der drei Korps des Sohnes, die Mitglieder des Herrenhauses und der Zweiten Kammer, die alten Adelsgeschlechter zwischen Ostsee und Elbe. Auf Chausseen rollten die Wagen mit den Herren und Damen der Nachbarschaft über Land, dem Schloß von Zackenzin zu. Die Kriegervereine marschierten mit umflorten Bannern. Die Dorfschulen rückten in wimmelnden Kinderzügen aus. Ein Gefährt, voll von aufgetürmten Kränzen und Blumen, nach dem andern fuhr von dem Bahnhof, der Postbote, mit einem dicken Bündel Depeschen neben dem Kutscher auf dem Bock, nach dem Herrenhause von Zackenzin. Das war im Dreißigjährigen und dann wieder im Siebenjährigen Krieg von den Schweden und Russen eingeäschert worden. Nun stand es schon wieder seit anderthalb Jahrhunderten in der wuchtenden Würde seines Hauptbaus und der zopfigen Anmut seiner Seitenflügel. In dem mächtigen, niederen Saal ragte schwarz ein geschlossener Sarg. Seine Silberbeschläge funkelten im Glanz der Kerzen vor dem Palmengrün. In grünen Röcken, den blanken Hirschfänger in der Rechten, hielten zu beiden Seiten die Forstgehilfen die Totenwacht. Die Trauergemeinde stand hundertköpfig bis in die Halle und zum Haustür hinaus, in einer seltsamen Verkehrung der Farben, in der die Frauen in tiefem Schwarz unter düsteren Schleiern verschwanden, während die Männer in allen bunten Uniformen und Ordensmassen des kriegerischen Preußen und seiner bürgerlichen Staatsdiener leuchteten. Der Pfarrer Eichhorst hatte das Eingangsgebet gesprochen, so wie sein Urgroßvater, schon den Urgroßvater des jetzt Verstorbenen, den Rittmeister von Pritzig von Friedrichs des Großen Brüsewitzcuirassiers, ausgesegnet hatte. Aber die Leichenrede hielt ein alter Berliner kirchlicher Freund des Grafen Louis Ferdinand, einer der Großen in Israel, dem die Macht des Wortes auf der Zunge wohnte. Er begann mit seinem Besuch bei dem Fürsten Bismarck in Kissingen. Aus dem Rückweg von der Saline nach dem Bad hatte er dort im Kurpark an den Ufern dei Fränkischen Saale einen schon stark verwitterten Grabstein des Gefechts von 1866 gesehen, mit der Inschrift: »Hier ruht ein Preuße.« Die Stimme des Berliner Gottesmannes erhob sich. Er wies auf den Katafalk, der die Hülle des Grafen Pritzig barg. Hier ruht ein Preuße! Einer, der Preußen in sich trug und Preußen war und Preußen wollte und Preußen diente, um Deutschlands willen ... Im Zittern der Kerzen schienen sich die Gesichter der Feldherren und Staatsmänner in den Ahnenbildern an den Wänden zu beleben. Ein Hauch von Preußengeist wehte mit den Worten des Redners durch den totenstillen Saal. »Deutschland, halte dich an Preußen! Und wenn Preußen fehlt, und wenn Preußen irrt – nichts auf Erden ist ohne Blindheit und Schuld! – verleugne Preußen trotzdem nicht! Du verleugnest sonst dich selbst! Die Mark Brandenburg ist dein Mark und Bein. Preußen ist dein Stecken und dein Stab!« Leo Nimis stand im Hintergrund, nahe an der Tür. Lauter fremde Menschen waren um ihn. Da und dort nur ein Gesicht, das er einmal in dem Hause am Königsplatz in Berlin gesehen. Der Bruder des Verstorbenen, der hochgewachsene strenge General a. D. von Pritzig, der Vetter, der steinalte, schrumpfelige, kleine Graf Giesebitz, die Schwester, die weißhaarige Frau Amélie von Luch. Neben der Gräfinwitwe Pritzig saß ganz vorn eine andere alte Dame, die ihr ähnlich sah. Sie und ihre Begleitung sprachen im Tonfall der Wasserkante, und es fiel Leo Nimis ein, daß dies die Sippe der Lüdingworth, die diesem Hause verschwägerten königlichen Kaufleute von Hamburg, sei. Neben der alten Dame saß eine junge Frau im schwarzen Flor. Ihr schönes Antlitz war schmerzlich gebeugt und von Tränen feucht. Die weißen Hände verschlungen. Sie schaute nicht auf. Leo Nimis konnte nur zuweilen, wenn sich die Schultern des mächtigen pommerschen Granden vor ihm bewegten, diesen blassen Kopf mit dem strengen, klassischen Profil, dem sich unter der Nacht der Schleier das heiße Braunrot des Haares an den Schlafen träufelte, erblicken. Aber auf den ersten Blick hatte er gesehen, was er seitdem immer in einem atemraubenden Hämmern des Herzens sah: Dort saß Klothilde von Spängler. Am Sarge standen die beiden Söhne des alten Grafen: Hans Joachim, der neue Herr auf Zackenzin, in der händefaltenden Ergebung des Erweckten, stille Gotteskindschaft in den pommerisch blauen Augen, und Malte, der Landrat. Er hatte vor Beginn der Feier Leo Nimis' Händedruck in Empfang genommen und ihn mit dem gezwungenen »Du« aus ferner Göttinger Zeit begrüßt. Nun war die Andacht zu Ende. Ein Choral setzte ein. Der Sarg schwankte auf den Schultern der Gutsbediensteten hinaus auf die Straße, der Familiengruft in der Dorfkirche zu. Dort löste sich der Zug auf. In dem Gedränge trat Malte von Pritzig, der die Leitung der Trauerfeier übernommen hatte, zu seiner Cousine und sagte halblaut und bittend: »Klothilde, sei doch so gut und nimm dich ein wenig des Herrn Nimis an! Es ist ja sehr liebenswürdig von ihm, daß er gekommen ist! Aber er ist hier ganz fremd. Er steht dort drüben wieder ganz allein. Du kennst ihn ja doch von früher!« Dann fiel ihm ein, daß sich da wieder ein faux pas ereignen könne, und er meinte beiläufig im Vorübergehen zu Leo Nimis: »Du – hör mal: Wenn du mit Frau von Spängler sprichst, frage sie um Gottes willen nicht etwa, warum ihr Mann nicht mitgekommen ist! Die Geschichte ist nämlich seit mehr als einem Jahr auseinander.... Oder vielmehr: die Karre ist verfahren! Er weigert sich hartnäckig, in die Scheidung zu willigen, und sie will nicht zu ihm zurück! So – nun bist du im Bilde!« Der Trauersaal war künstlich verdunkelt gewesen. Nach dem unruhigen Goldgeflimmer und Schlagschatten des Kerzenlichts, dem süßen Modergeruch weitgereister Totenkränze, blendete draußen der lichte, klare Frühlingstag, wehte die Luft würzig herbe und rein. Es war da hinter den Wirtschaftsgebäuden von Zackenzin, die in ihrem riesigen Ausmaß den Stallungen und Reitbahnen einer Kaserne glichen, eine ebenso weite Obstwiese, Hunderte von Bäumchen standen schachbrettförmig auf dem grünen Boden, alle gleich groß, alle je drei Meter vom Nachbar entfernt, alle mit dem ersten rötlichweiß vor dem blaßblauen Aprilhimmel zitternden Apfelblust in der noch kahlen Krone. Sie sahen aus wie die gleichförmigen Muster einer Blümchentapete an der Wand. Etwas Schwarzes spielte im Winde durch die pedantische Lieblichkeit des Frühlingsbildes. Ein langer dunkler Florschleier mitten im Blütenschnee. Klothilde von Spängler hatte sich auf die Fußspitzen erhoben, um sich einen der kleinen, weißen Zweige zu brechen. Ihre in Trauerkleidung gehüllte Gestatt zeichnete sich wie ein mit der Schere ausgeschnittener, tiefschwarzer, schlanker Schattenriß von Luft und Licht ab, das sie umfloß. Sie glich einer Nonne im Klostergarten, Leo Nimis stand etwas seitwärts an einem Baum. Er stand stumm und schaute auf ihre Schönheit, die sich ihm in diesen Jahren der Trennung erst zur vollen königlichen Blüte vollendet zu haben schien. Er schaute sie nicht – er trank diese Schönheit in sich hinein. Er trank sie mit durstigen Augen, in endlosen Zügen, wie ein Verirrter und Verschmachteter die endlich wiedergefundene Quelle. Vom Schloß her rollte Rädergerassel über die Chaussee. Der Oberpräsident fuhr weg, der Konsistorialpräsident, viele Große des Landes. Die anderen Gäste saßen und standen noch in den Zimmern, wo Büfette für die Bewirtung aufgeschlagen waren. Die Unruhe des Aufbruchs, die Trennung nach kurzem, traurigem Beisammensein lag in der Luft. Klothilde von Spängler hielt den kleinen Frühlingszweig in der Hand. Sie spielte damit, unbewußt, unruhig. Sie wandte sich Leo Nimis zu. Er wußte, wie ihr Gesicht sich veränderte, wenn man es von vorn sah. Dann verschwand die klassische Härte des Profils. Weiche, schmerzlich zarte Linien lebten liebevoll in seinem weißen, reinen Grund. Der zurückgelegte Schleier verdeckte ihr reiches Haar. Es reichte noch bis über die dunklen, dicht zusammengewachsenen Brauen. Unter dem Trauerflor schauten die haselnußgroßen Augen hell und heiß in die sonnige Welt. Jugend, die den Frühling suchte. Ein Blick, der an seinem hängenblieb. Ein langes, schweres Schweigen. »Möchten Sie nicht noch etwas zu sich nehmen, Herr Nimis?« »Ach, lassen Sie doch das Essen und Trinken, gnädige Frau!« »Aber wenn Sie wirklich in einer Viertelstunde zur Station fahren wollen...« »Ich will nicht, gnädige Frau. Ich muß. Mein Leben ist ein einziges, großes Muß ...« Vor ihnen breitete sich weithin die Herrschaft Zackenzin. Das war kein einförmiges, pommersches Plattland. Der Boden hob und senkte sich, als holte er schwer, mit verhaltener Frühlingskraft, Atem, in braunen und grünen Hügeln, und dazwischen schimmerten nah und fern große und kleine, blaue, schilfumränderte Seespiegel, weithin gen Osten, zur Grenze des deutschen Westpreußens und Pommerellens, wo schon die ersten Schatten der Abenddämmerung lagen und in ihnen die ersten vorgeschobenen Sprachinseln des Polentums, und dahinter die uferlose, endlose, nach Asien verschwimmende slawische Welt. »Erinnern Sie sich noch, wie wir uns zuletzt gesehen haben, gnädige Frau? Dort im Osten?« »In Petersburg damals ... freilich...« »Es ist lange her ...« »Das ist ... warten Sie ... ja: sechs Jahre!« Er verstummte und preßte die Lippen zusammen. Sein Gesicht wurde finster. »Was haben Sie, Herr Nimis?« »Ich bin erschrocken, wie die Zeit dahingeht ...« »Ich bin es manchmal auch ... Von der Chaussee her laute, abschiednehmende, ostelbische Stimmen. »Also Weidmannsheil bis zum Kreistag, Exzellenz!« »Weidmannsdank! Bitte mich der Jattin zu Füßen zu legen!« Räderrasseln. Stille. Stimme des Windes: Ich wehe dahin, und mit mir weht die Zeit ... verweht... vergeht ... »Nun ist man mit Gottes Hilfe schon über die Mitte der Dreißig« sagte Leo Nimis. »Ich werde dies Jahr auch dreißig.« Ein Vogel piepste, hoch oben, wie ein Federbäuschchen, auf kahlem, wippendem Zweig. Unermüdlich denselben gleichförmigen Ton. Es klang wie Früh–ling ... Früh–ling. Leo Nimis schüttelte den blonden Kopf. Er sagte ruhig, aber mit einem fragenden, fast hilflosen Erstaunen in den blauen Augen, die er seiner Begleiterin zuwandte: »Soll denn das Leben nun eigentlich immer so fortgehen?« Ihre Lippen verzogen sich trotzig. »Bei mir nicht!« Dann nach einem Schweigen, in dem sich der Blütenzweig zwischen ihren nervösen Fingern entblätterte: »Ich lasse mich jetzt scheiden!« »Ich denke Ihr Mann will nicht?« »Bisher nicht! Es war hauptsächlich wegen des Jungen! Ich hatte ihn darin unterschätzt. Er hat das Kind doch auch, scheint's, sehr lieb.« »Und das ist jetzt geordnet?« »Ja, in den allerletzten Tagen. Ich hab hier noch gar nicht davon gesprochen. Ich bekam einen Brief von meinem Rechtsanwalt. Die Advokaten raten auch dringend, nicht zu lange zu fackeln. In ein paar Jahren kommt das Bürgerliche Gesetzbuch. Dann ist es überhaupt kaum mehr möglich, daß beide Teile als nicht schuldig geschieden werden! Und so ist es doch! Es war eben Pech für beide Teile. Weiter nichts!« .Und nun, meinen Sie, gibt Ihr Mann nach?« »Ich glaube sicher! Ich habe ihm heute selbst einen langen Brief geschrieben. Von seiner Antwort hängt es nun ab!« Sie setzte, während sie ein paar Schritte weitergingen, den Fuß mit einer ungeduldigen und zornigen Bewegung auf den Boden, als könnte sie es nicht erwarten: »Was hat er denn auch davon? Ich will ja nichts von ihm! Ich nehme meinen Mädchennamen wieder an. Ich verlange auch keine Unterstützung von ihm. Onkel Louis Ferdinand ist ja so gut. Das Testament ist ja noch nicht eröffnet. Aber ich weiß, daß er mir eine Rente ausgesetzt hat, von der ich leben kann!« »Bei Ihrer Tante in Berlin?« »Nein. Tante Pritzig löst den Hausstand in Berlin auf und zieht dauernd hierher nach Zackenzin. Und mich hier im Hinterpommern einmotten ... Das kann ich in zehn Jahren auch noch, wenn es sein muß! Nein. Tantes Schwester, Frau Lüdingworth ... die Witwe des großen Reeders – sie ist auch schon nahe an die achtzig, aber noch fabelhaft rüstig ...« »Ich sah sie vorhin bei der Feier ...« »Tante Hyma hat mich eingeladen, zu ihr und ihrem Sohn und dessen Frau in ihr Haus nach Hamburg zu kommen. Sie meint, das gehört sich so für eine Frau, wenigstens so lange, bis die Scheidungsgeschichte zu Ende sei ...« »Und dann?« Klothilde von Spängler machte mit den mädchenschlanken Schultern eine seltsame, frauenhaft ergebene Bewegung. »Dann steht man an der Ecke ...« »Wieso?« »...und wartet, was um die Ecke kommt, und was einem das Leben weiter bringt! Das ist unser Los. Unsereins kann das Leben nicht zwingen!« Und nach einer Weile beinahe hart: »Ich bin doch schließlich jung. Noch bin ich jung.« Leo Nimis schwieg. Er vernahm ihre helle, nun wieder sanfte und weiche Stimme: »Sie können sich das Warten nicht vorstellen. Sie packen zu. Sie handeln. Sie sind ein Mann!« »Wir werden alle getrieben... Alle ... Alle ...« »Sie wahrhaftig nicht! Sie haben sich Ihr Leben geschmiedet. Sie meistern es! Ich beneide Sie um Ihr Leben!« »Tun Sie es lieber nicht!« »Ihr Leben ist so weit. So reich. So bedeutungsvoll. Angefüllt mit Arbeit und Pflicht!« »Zu viel Arbeit! Zu viel Pflicht!« »Voll Sorge um die andern. Tausende hängen von Ihnen ab. Tausende setzen ihre Hoffnung auf Sie!« »Ach – lieber nur einmal selber Mensch sein!« »Jeder rühmt Sie! Mein guter Onkel hatte solche Freude an Ihnen! Er sagte es oft: Sie sind ein Vorbild für das neue Deutsche Reich!« »Und dies Reich heißt Arbeit... Arbeit ...« »Sie sind ein nützlicher Mensch ...« »... und das Nützliche ist das Unnützlichste von der Welt ...« »Unsereiner ... Man ist wie der Zitronenfalter, der da über die Wiese fliegt. Er kann ja nichts dafür, daß er da ist! Aber warum er da ist ...« »Ich glaube immer mehr: Die Welt ist gerade nur Ihretwillen da ... wir andern sind krank und grau ...« Klothilde von Spängler wurde noch blasser. Sie schaute an ihm vorbei ins Leere. »Ach – lassen wir mich! Ich habe eine Bitte ...« »Ja?« »Ich möchte wissen, wie es Ihnen geht? Erzählen Sie mir von Ihrer Frau und Ihren Kindern!« »Meine Buben sind noch zu klein. Von denen ist nicht mehr zu sagen, als daß sie schreien und schlafen und mit einem Hottopferdchen spielen!« »Und Ihre Frau?« »Wir gehen zusammen unsern Lebensweg.« »Ihre Ehe soll aber sehr glücklich sein?« »Ja. Denn Glück heißt ja in Deutschland Arbeit, und wir finden uns täglich neu in der Arbeit für andere!« »Nur für andere?« »Meine Frau lebt nur für andere Menschen!« »So bin ich nicht!« »So war meine Frau schon als Mädchen im Tiefsten ihres Wesens, das viel tiefer ist als bei andern, und ich wußte es wohl, und wir waren darin einig, als wir uns heirateten. Als Mädchen konnte sie das, was sie für ihre Lebenspflicht hält, nur in engem Umfang erfüllen. Als Frau, an meiner Seite, im weitesten Wirkungskreis. Ich bin für sie der Mittler zu den Menschen. Ihr ererbter und mein erheirateter Reichtum heißt für uns beide Pflicht. Pflicht heißt bei uns beiden Arbeit. Durch die Arbeit entsteht bei uns beiden neuer Reichtum, der uns beiden neue Pflichten auferlegt. So dreht sich das Rad.« »Aber Sie selber ...« »Was ist man denn selber? Der Mensch ist die Masse!« »Sie doch nicht!« »Wer die Masse lenkt, gehört erst recht zu Ihr. Er ist nur das Firmenschild für die anderen, das man dem Zug vorausträgt. Ich bin ein Sklave der Menschen und Dinge, die mir gehorchen!« »Das ließe ich mir an Ihrer Stelle nicht gefallen!« »Ich muß!« »Warum?« »... weil das von vornherein das Einverständnis zwischen meiner Frau und mir war, durch das ich mit einem Schlag, durch meine Ehe, von einem unbemittelten Angestellten zum Leiter und Mitinhaber eines der größten deutschen Betriebe aufgestiegen bin. Es ist stillschweigende Voraussetzung, daß mein Leben nicht mehr mir gehört ...« »Vielleicht das äußere Leben! ... Aber jeder Mensch hat doch ein Recht auf sich. Ich zum Beispiel ... ich brenne danach, mir mein Recht vom Leben zu holen ...« »Ich habe meine Seele verkauft! Und wissen Sie, warum?« Leo Nimis brach ab. Dann setzte er mit einer seltsamen Ruhe hinzu: »Ich habe meine Seele verkauft, weil ich gar nicht wußte, daß ich eine Seele hatte! Das geht nicht nur mir so! Das ist heutzutage das Schicksal vieler Menschen und Kreise in Deutschland! Nur merken es die wenigsten!« »Und wodurch haben Sie es gemerkt?« »Durch Sie.« Klothilde von Spängler zuckte zusammen. Sie erwiderte nichts, sondern wandte sich hastig von ihm ab und tat einige Schritte in der Richtung nach dem Herrenhaus von Zackenzin. Er blieb stehen. Dann machte auch sie halt. Beide schauten sich an. Erschrocken, mit großen Augen. Er trat vor sie hin. Sie standen Auge in Auge. Oben piepste immer noch das dünne Vogelstimmchen sein eintöniges, einfältiges Frühlingslied in das Schweigen ihrer schweren Atemzüge. »Also ... lassen Sie es sich gut gehen, Herr Nimis ...« »Es ist noch Zeit zum Abschiednehmen!« »Nein!« »Warum wollen Sie uns diese eine, arme Stunde auch noch verkürzen?« Klothilde von Spängler stand halb abgewendet, den einen Fuß wie fluchtbereit, nur mit der schmalen Lackkappe auf dem Boden, und rührte sich doch nicht. Auf der Chaussee fuhren wieder Wagen zum Abendzug nach der Station. Eine näselnde, scharfe Stimme sagte: »Nee – auf mich hat der Sprechanismus von dem Berliner Oberbonzen einen recht mäßigen Eindruck gemacht! Wissen Sie, lieber Graf: Was von der Spree kommt, hat 'nen Stich! Da schneidet so ein oller, tüchtiger Feld-, Wald- und Wiesenpfarrer hier bei uns für meinen Geschmack bedeutend besser ab!« Leo Nimis sah vor sich eine ausgestreckte weiße Hand. Sie zitterte leise. Das Gold des Traurings glänzte matt an ihr und ebenso an seinem Finger, als er die Hand ergriff. Er wollte sie festhalten. Sie entzog sich ihm. »Wollen Sie wirklich gehen?« »Ich muß.« »Warum?« »Wir kommen da in Dinge, über die wir gar nicht reden dürfen! ... Sie wenigstens nicht ...« Und ein bitter um ihre Lippen zuckendes Lächeln ergänzte, was sie nicht aussprach: Ihr Haus und Herd stehen ja festgefügt auf Lebenszeit! Ich ... ich bin ja bald frei wie der Vogel da oben auf dem Baum ...« Die Sonne war kühler geworden. Der Himmel blasser. Man ahnte den Abend. Der kleine Vogel zwitscherte unverdrossen seine zwei Töne. Aber es war, als hießen sie nicht mehr Frühling, sondern: zu spät ... zu spät! ... Dann flog er plötzlich ins Weite. Der Zweig, auf dem er gesessen, schaukelte hin und her. Blütenschnee stäubte herab. Ein zartes, weißes, rosig getontes Blättchen ließ sich zutraulich auf dem düsteren schwarzen Krepp nieder, der Klothilde von Spänglers Brust umschloß. Er sah es. Er sagte: »Man möchte weinen, wenn man den Frühling sieht!« Sie hatte das schwarz verhüllte Haupt gegen das dünne Bäumchen gewendet. Ihr langer, düsterer Nackenschleier wehte ihm abwehrend im Wind entgegen. Er sah an dem Zucken ihrer Schultern, daß sie lautlos schluchzte. Auch seine Augen wurden naß. Sie drehte sich wieder zu ihm um. Sie gab ihm wieder stumm die Hand. Die Tränen perlten auf ihrem blassen Gesicht. »Wir wollen uns nicht unnütz quälen! ... Fahren Sie jetzt weg!« »Ich hab noch eine Bitte!« »Sie versäumen sonst den Zug!« »Versprechen Sie nur, daß Sie sie erfüllen!« »Ich muß jetzt auch ins Haus!« »Schreiben Sie es mir, wenn Ihr Mann sich in diesen Tagen wegen der Scheidung entschlossen hat!« Sie schüttelte den Kopf. »Klothilde ...« »Wir sollten uns nicht schreiben ...« »Nur das eine Mal! Es ist das erstemal, daß ich um etwas bitte! Bekomme ich die paar Zeilen? Bitte!... Bitte!« Sie nickte hastig ein »Ja«. Trat von ihm weg. Sie gingen auseinander. Blieben gleichzeitig stehen. Wandten sich um. Kamen langsam wieder zueinander zurück. »Ich danke dir, Klothilde ...« »Ich dürft es nicht tun ... Das ist der Anfang...« »Ich muß es wissen! Ich lebe doch mit dir ...« »Da drüben kommt jemand ...« »Ich lebe dein Leben in mir. Schon seit vielen Jahren ...« »Es ist der Malte! Er sucht uns!« »Leb wohl, Klothilde ...« »Nicht ›du‹ ...« »Ich denk an dich ...« »Nicht ›du‹... nicht ›du‹...« »Ich zähle die Tage, bis dein Brief kommt!« »Wir dürfen uns nicht ›du‹ nennen ... Wo soll das hin ... Um Gottes willen ...« »Es hört's ja niemand außer uns!« »Der Malte ist schon ganz nah!« Der Vetter Pritzig war ein Mann von Haltung. Auch heute, am Beisetzungstag seines alten Herrn, den er wirklich geliebt und verehrt hatte. Die Enden seines aufgedrehten Schnurrbärtchens starrten wie zwei Pickelhaubenspitzen in dem narbenreichen Antlitz aufwärts. Er versetzte kameradschaftlich: »Na, Kinder ... verkühlt euch hier nicht im Grase! Du, Thilde, schau doch, daß der Onkel Gustav seine gewohnte Pulle Rotspon zum Abend kriegt. Sonst klappt uns der alte Knabe hoffnungslos zusammen! Mein lieber Nimis: Ich darf dir ein Fremdenzimmer richten lassen? Du bleibst doch wohl über Nacht?« »Nein... nein ... ich muß jetzt gleich zur Station!« »Ja – dann ist's allerdings allerhöchste Eisenbahn!« »Also Adieu, Pritzig! ... Guten Abend, gnädige Frau ...« XIV. Der Morgenstern stand noch funkelnd über dem Niederrhein, als Leo Nimis aus dem Nachtschnellzug stieg. Er hatte seine Ankunft in Lütthahn nicht gemeldet. Sein Wagen war nicht da. Er ging zu Fuß den wohlbekannten Weg. Es war alles wie sonst. Das Nebelheim der Arbeit, grau in grau, zuweilen fern ein zorniges, blutrotes Aufzucken aus der Tiefe. Die Straße war leer. Langsam stieg wieder ein neuer bleicher Tag herauf. Als sich der Generaldirektor Nimis seinem Reich näherte, ragten die Schornsteine schon bis oben sichtbar in der fahlen Luft. Noch war alles still. Die Arbeit hatte noch nicht begonnen. Er trat durch die kleine Seitenpforte, zu der nur er einen Schlüssel hatte, in die Fabrik. Schritt durch die leeren Säle. Stumm standen da in langen Reihen die Maschinen. Jetzt, wo sie nicht nach dem Willen des Menschen unter dem Peitschenhieb des Dampfes keuchten, schienen sie ihm fremd, plump, unheimlich, wie Ungeheuer der Vorzeit. Er blieb stehen und betrachtete die schlafenden Drehbänke, die Niet- und Fräs- und Lochmaschinen, den dumpf harrenden Dampfhammer, die Kuppeln der Tiegelöfen. Er kannte in diesem Rattenkönig von Rädern und Riemen jede Schraube, jedes Ventil, jede Steuerung. Er selbst hatte seinen Witz daran abgemüht, dem toten Stahl immer neue lebendige Kräfte zu erpressen. Er hatte selbst in blauer Bluse, den Hammer in der Faust, an der Werkbank gestanden. Er konnte seinen Formern und Gießern jeden Handgriff vormachen. Er legte seine Rechte auf das nächste geölte Stahlstück. Die Berührung war eisig kalt wie die einer Leiche. Und dies Frösteln, dieser Schauer des Widerstrebens, kroch ihm durch die Fingerspitzen und den Arm bis in das Herz und bis in die Seele. Er sah um sich eine Welt ohne Seele. Eine Welt ohne Liebe. Ihn dünkte es auf einmal: eine Welt ohne Sinn. Er betrachtete kopfschüttelnd seine anvertrauten, mächtigen, stumpf glotzenden Maschinen. In dieser Stille und Einsamkeit schienen sie ihm nicht Gebilde von Menschenhand, sondern Menschenfresser. Der Dampf, auf den sie warteten, dieser heiße, weiße Dampf, war nicht mehr der Diener. Er war der Herr des Hauses. Wehe dem Haus, in dem das Gesinde den Herrn haßt und ihm nur gezwungen dient! In dem die Arbeit nicht mehr der Sinn des Seins ist, sondern sein Widerspruch in unwilligen Seelen! Leo Nimis stand vor einem mächtigen Compoundkessel. Das Ungetüm thronte finster wie ein Götze auf seinem Altar. Er dachte sich: In der Welt, aus der ich eben komme, da spricht der Bauer vom lieben Vieh. Könnte man sich vorstellen, daß ein Fabrikarbeiter von den lieben Maschinen spricht? Hier klafft eine Kluft! hier ist keine Brücke zwischen gestern und heute. Hier fehlt etwas. Hier schiebt sich ein Nichts zwischen das Erz hier und das Herz dort. Die Welt glüht und ist doch kalt. Diese Welt donnert und ist doch tot. Seine Schritte hallten in den verräucherten Riesenwölbungen. Er trat wieder auf die Höfe hinaus. Ein Fabrikwächter stand, den Hund neben sich, an der Stoppuhr und legte stumm, als alter Soldat stramm stehend, die Hand an den dunkelroten Mützenrand. Leo Nimis dankte und ging weiter. Am Boden lag etwas Schwarzes. Ein Brocken Kohle. Er hob das kleine Stück versteinerter Urwelt auf und wog es in der Rechten. Seine Handfläche schien von der leichten Last zu brennen, als strahlten unterirdische, unheimliche Kräfte von der Kohle aus, und wieder ging es ihm durch den Kopf: Ich halte dich. Aber eigentlich hältst du mich. Jeden hältst du hier im Umkreis. Alles hältst du, was lebt. Wir haben deinen ewigen Schlaf im Erdinnern gestört. Wir haben die schwarze Unterwelt gerufen. Die Kohle ist emporgestiegen und zur Oberwelt gekommen. Das Bild des Erdballs ist verrußt. Schwarzer Staub färbt die Seelen. Die Welt ist grau. Der Blick nach oben durch Qualm getrübt. Er warf das Stückchen Kohle weg. Er sagte sich: Da liegst du im Schmutz. Ich trete dich unter meinen Fuß. Und doch bist du stärker als ich, stärker als alles. Du bist die Kohle. Du bist der König der Zeit ... Um die Ecke klangen die Stimmen einer Frau und eines Mannes. Sie tönten sonderbar laut in der Morgenstille. Sie schienen sich zu streiten. Leo Nimis runzelte die Stirn. In dieser Stunde hatte überhaupt niemand außer den Wächtern und dem Feuerpikett etwas in der Fabrik zu suchen. »Ich hatte Sie wirklich für vernünftiger gehalten. Schon als den Vetter meines Mannes ...« »Mei liebe Frau Nimis, auf das Leoche pfeif ich! ... Den Schote kenn ich! .. Für den gibt's nix als Geld verdiene ... Geld verdiene ... Geld verdiene!« »Das ist seine Pflicht!« »Aber das macht den Mann verhaßt! Seller Fuchs im Schafpelz kann mich lang uze! Der kann sich heimgeige lasse wege mir ...« Leo Nimis erkonnte an der Mundart von der Bergstraße, die hier am Niederrhein fremdartig klang, den Vetter Robert, den Herausgeber der »Freien Stimme«. Er ging um das Gebäude herum. Eine Trümmerwelt von verrostetem Alteisen, verbogenen Schienen, mißglückten und verschlackten Gußstücken, ausgebrannten Kesseln füllte in abenteuerlichen Hügeln den Hinterhof. Auf dem höchsten dieser Abfallhaufen der Arbeit standen, wie zwei Feldherren, seine Frau und der Vetter, sie ärgerlich, er seelenruhig, breitbeinig, die Hände in den Taschen des abgetragenen Überziehers, den Schlapphut in die Stirn gedrückt. Er hatte sich einen Vollbart wachsen lassen und sah viel älter aus. Das verwegene, draufgängerische Lächeln seiner Jugend hatte sich in zwei bittere Falten verwandelt, die von den Mundwinkeln abwärts liefen. Ottonie Nimis wunderte sich weiter nicht, ihren Mann plötzlich vor sich zu sehen. Er kam oft unerwartet von Geschäftsreisen zurück. Sie war auch immer viel zu beschäftigt und von der Sorge um das Nächste erfüllt, um sich andern Eindrücken hinzugeben. Ihre hohe, ebenmäßige Gestalt war immer überschlank gewesen. Aber in letzter Zeit wirkte sie beinahe hager. Das regelmäßige Antlitz schien abgemagert, verzehrt von der Leidenschaft ratloser Tätigkeit, die in den tiefliegenden, fanatisch blauen Augen brannte. »Vom Leo kommt nix Gutes! Da sind Sie letzt, Frau Nimis, wenn Sie mich mit dem Oberprieschter vom goldenen Kalb einfange wolle ...« »Und was kommt von dir, du Simpel – he?« Leo Nimis klomm den klirrenden Hügel hinauf und schlug dem Vetter von hinten kräftig auf die Schulter. »Die Leute verhetzen! Unruhe stiften! Die Arbeit stören, wenn sie einem gerade auf den Nägeln brennt – das sind deine Kunststücke!« Die junge Frau sah auf den Vetter Robert und zuckte erbittert die Schultern unter dem Mantel, der lose um sie hing. Dieser Mantel war grau, ihr Hut schwarz und schmucklos, ihr ganzer äußerer Mensch klösterlich schlicht, als dürfe sie sich durch nichts von der fahlen Welt der Arbeit um sie herum abheben. Es dünkte ihren Mann, in einem leisen, fremdartigen Schauer, wie er sie vor sich auf dem Trümmerhaufen stehen sah, als sei ihre Erscheinung aus diesen Scherben der Arbeit selber grau in grau emporgewachsen und Fleisch und Bein geworden. Das zwanzigste Jahrhundert am Niederrhein. Er fragte: »Was macht ihr denn eigentlich hier wie zwei Verschwörer in aller Gottesfrühe, Ottonie?« »Wenn erst die Arbeit losgeht und die Leute das Alteisen abladen, versteht man vor Lärm sein eigenes Wort nicht! Das Eisen kann auch draußen auf das Feld abgefahren werden. Das hast du selbst neulich gesagt!« »Wenn es sein muß – in Gottes Namen ...« »Es muß sein, Leo! Kein Platz eignet sich so gut für das große Volksbad wie der verlorene Hof hier. Das Volksbad muß jetzt endlich zustande kommen! Es läßt mir keine Ruhe! Und statt, daß dein Vetter vernünftig ist und mir hilft ... Das Bad ist doch eine Wohltat für die Leute alle!« »Wir brauche keine Wohltate! Wir verlange unser Recht! Da soll m'r womöglich noch hinterher 'nen Kratzfuß mache und danke! Fällt mir gar net ein!« »Robert ... Sei nicht so grob!« »Vor so wohltätige Dame graust mir's! Woher hat denn deine Frau das Geld für selles Bad? Von unserer Arbeit! Von der Dividende abgezwackt! Aber da hapert's halt bei dir, Alterle! Du bischt für die Bäuch' von den Aktionären auf der Welt! ... Sonst kreische die dir ja die Ohre voll!« »Gebaut wird das Bad doch«, sagte Ottonie Nimis hartnäckig, raffte ihren Rock, stieg über das Gerümpel hinunter und ging mit langen, flüchtigen Schritten davon. Sie hatte eine Fabrikpflegerin gesehen, die, ein Papier in der Hand, sie suchend, an der Ecke stand. Sie war immer in Tätigkeit. Ihr Tag drehte sich so rastlos und selbstverständlich im Kreise wie drinnen die schweren Schwungräder der Maschinen. Die beiden Männer waren langsam hinter ihr her ebenfalls auf den festen Boden geklettert. Sie standen beisammen. Das Fabriktor hatte sich inzwischen geöffnet. In einem nicht endenden, dunklen Strom quollen die Arbeiter und Arbeiterinnen von Lütthahn herein, zeigten am Eingang dem im Schalterfenster sitzenden Pförtner ihre Ausweiskarte und versickerten in die Säle. Die meisten grüßten im Vorbeigehen. Man wußte nicht, den Betriebsleiter oder den Volksführer. Jedenfalls dankten immer beide. Endlich sagte Leo Nimis: »Wie soll denn das nun schließlich werden?« »Hier in Lütthahn?« »Nein, in ganz Deutschland. Auf die Dauer geht das doch nicht so: Zwei Seelen in einer Brust. Zwei Staaten in einem. Nach außen das mächtige Land in Waffen mit der Kaiserkrone darüber und drinnen euer unsichtbares rotes Reich!« »Unser Reich ist größer als Deutschland! Unser Reich is die Welt!« »Ich kenn die Welt, Robert! Ich kenn sie wahrhaftig! Ich hab sie leidenschaftlos angesehen, wie sie ist. Ich bin in Amerika geboren. Ich habe meine Wanderjahre im Dienst der Angelsachsen verbracht. Es gibt keinen Erdteil, den ich nicht mehr als einmal betreten hab, bis ich zu meiner Lebensarbeit in Deutschland selbst gekommen bin ..« »Kunststück, wenn einer das Fräule Buschbeck heiratet ...« »Glaub mir, die Welt ist anders, als du denkst!« »Ah bah! Aber anders, als du meinst, der überall rund um die Erde als mit den nämliche Kapitalischte zusammegehockt is! Das Volk – das hat dir feinem Herrn draußen nit verrate, was es denkt!« »Jeder Mensch, Robert, denkt schließlich zuerst an sich und seine Familie. Dann an sein Land und an sein Volk und zuallerletzt – wenn überhaupt – an die anderen Menschen draußen. Nur wir Deutschen denken immer zuerst an die andern und ganz zuletzt an uns selber! Aber bilde dir nicht ein, daß die andern uns das jemals irgendwie danken werden! Im Gegenteil!« »Es geht auch nit um Dank, sondern um die Gerechtigkeit! Das sind dir freilich böhmische Dörfer!« »Nur der deutsche Michel geht in seinen Träumen als Weltbeglücker wie ein Nachtwandler mit allen Menschen Arm in Arm und stürzt im Vollmondschein von der Dachrinne, weil er die Gefahr ringsum nicht sieht: den Haß. Den allgemeinen Völkerhaß gegen Deutschland!« »Ach geh ...« »Haß in Rußland! Haß in England! Haß in Frankreich. Haß überall ...« »Gelt – das könnt euch so passe, mit den Redensarte die Mensche untereinander verhetze?« »Ich hab den Haß seit fünfzehn Jahren steigen sehen ...« »Du möchtest wohl auch gar zu gern Kanone und Panzerplatte fabriziere, du Schote – gelt? Dir läßt der Krupp kei Ruh!« »... so langsam und unerbittlich steigen wie das Meer um eine Insel zur Flutzeit ...« »... noch emol zwanzig Prozent Dividende mehr ...« »Robert, wir Deutschen ahnen ja von diesem Haß nichts! Wir sind alle blind, ohne Ausnahme! Wir feiern Feste und reden zuviel und rühmen uns zu laut und strecken gleichzeitig die Hände nach allen vier Windrichtungen aus, um uns mit allen Menschen zu verbrüdern, und überschütten die Welt mit unseren Freundschaftsbeteuerungen und halten die Welt hinterher ganz ehrlich für deutschfreundlich. Im Ausland begreift man's kaum. Bei uns der Bruderkuß und drüben die brennende Lunte. Wehe, wenn sich einmal diese Pulverkammer von Haß der Völker gegen uns entladet!« »Dabei giltst du noch für klüger als die andern, Leoche, und bischt doch einfältig wie e Heupferd!« »Dann ist's zu spät, sich die Augen zu reiben! In Frankreich lernen schon die kleinen Kinder in den Volksschulen den Haß gegen die Deutschen. In Rußland ist er eine Art Glaubensbekenntnis geworden, überall im britischen Weltreich fängt er zu gären an! Um Gottes willen, schaut die Menschen außerhalb Deutschlands so an, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen! Sonst gibt es einmal eine furchtbare Enttäuschung ...« »Die Redensart« kennt m'r! Damit bist bei mir letz! Und jetzt hat's ein End mit der Schlechtschwätzerei! Gute Morge, Leoche!« Der Vetter schritt davon, die Hände im Mantel, den Kopf gesenkt, in einem Gang, dessen langsames Wiegen, noch von rückwärts gesehen, etwas Unbeirrbares, einem fernen Wolkenziel Zustrebendes an sich hatte. Leo Nimis stieg den Parkhügel zu seinem Haus empor. Er fand seine Frau nicht vor. Sie war irgendwo draußen in irgendeiner Sorge um das Wohl irgendeines Mitmenschen. Auch auf ihn senkten sich aus Stößen von Briefen und Depeschen, aus dem rasch mit Menschen sich füllenden Vorzimmer, aus dem Krankenbett des Schwiegervaters die Sorgen und Ärger der laufenden Geschäfte. Es genügte, daß er ein paar Tage weg gewesen war, um ihm selber und allen andern zu zeigen, wie unentbehrlich er hier war. Der Tag verstrich in Hetze und eben doch wie ein Traum. Ottonie und er sahen sich kaum in Eile eine halbe Stunde bei Tisch. Abends Aufsichtsratssitzung in der Stadt. Bis zum Ende der Woche ging das so im alten Geschäftsgalopp von Lütthahn. Keinen ruhigen Augenblick. Und auch kein Bedürfnis danach bei seiner Frau. Aber dann kam am Sonntag morgen eine fremdartige Stunde, nicht der Ruhe, mehr des Stillstandes. Des Atemholens von der Arbeit. Sonnenlicht in dem Salon. Kinderlachen aus dem Nebenzimmer. Blauer Himmel und erstes Knospengrün vor den Fenstern. Ferne Feiertagsglocken aus der Tiefe. »Nun laß einmal deine Grundrisse zu dem Volksbad, Ottonie!« Sie hob den schwarzgescheitelten Kopf von den Plänen, in die sich ihre dunkelblauen Augen mit stiller Hartnäckigkeit verbohrt hatten. »Warum bist du so ernst, Leo?« Er zündete sich eine Zigarre an und setzte sich neben sie. »Ich weiß nicht, Ottonie, nehmen wir das Leben zu ernst oder zu leicht?« sagte er. »Aber das weiß ich immer mehr: Wir nehmen es nicht richtig!« ... Ausschachtungsarbeilen ... Portlandzement... Das Kubikmeter Erdbewegung ... Er schob die Voranschläge zum Volksbad über die Tischplatte aus dem Gesichtskreis seiner Frau und fuhr fort: »In mir ist in letzter Zeit eine Umkehr, Ottonie! Das alles um uns ist nicht richtig. Kann nicht richtig sein. Diese Welt ist ein Widerspruch in sich!« Er sah, daß seine Frau Mühe hatte, sich aus den Massen des Schwimmbeckens plötzlich in einen luftigen Gedankenbau zu versetzen, in dem ihre rein praktische, unmittelbar auf das Nützliche und Nötige jedes Tages gerichtete Sinnesart keine Handhaben fand. Er sagte: »Heute ist Sonntag. Ich zahle meine Kirchensteuern. Weiter weiß ich von der Kirche nichts. Ich gehe nie in die Kirche. Du auch nicht. Wir haben kein Bedürfnis, etwas über uns zu wissen! Warum?« Sie machte große Augen. »Morgen ist Werktag. Meine Leute arbeiten zehn Stunden täglich. Sie sind Arbeiter. Ich arbeite sechzehn Stunden täglich und bin kein Arbeiter. Warum?« Ein Kopfschütteln drüben. »Die Arbeiter arbeiten für mich. Ich arbeite für andere. Ich fülle Leuten, die nicht arbeiten, deinem Bruder, deinem Schwager, täglich das Bankkonto neu. Das, was ich für mich und die Meinen zum Leben brauche, könnte ich leicht in einer Stunde täglich verdienen. Warum arbeite ich denn den ganzen Tag? Warum denke ich nicht mehr an mich und an euch?« »Was hast du denn nur, Leo?« »Warum mache ich mein Leben so arm? Da hängen Bilder ... Da stehen Statuen... Sie haben viel Geld gekostet. Das weiß ich, denn sonst wären sie nicht da. Aber sie sagen mir nichts, wenn ich sie ansehe! Ich bin ein geldverdienender Barbar.« »Ja, aber Mann ...« »In den gotischen Schränken nebenan stehen Hunderte von Büchern. Sie wurden gekauft, weil sich das so schickt. Aufgeschlagen wurden sie nie. Die Blätter kleben noch zusammen. Ich weiß nicht, was allerhand Gutes und Schönes darin steht. Ich würde es auch wahrscheinlich nicht gleich begreifen. Ich habe seit vielen Jahren nichts gelesen, was nicht von Kohle und Eisen handelt. Ich war bisher noch stolz darauf, wie die meisten Männer meiner Kreise, daß wir uns nicht zersplitterten, sondern unseren Beruf ernst nahmen. Ich habe ja niemals Zeit zu etwas anderem gehabt. Ich werde nur einmal in meinem Leben Zeit haben: zum Sterben...« »Das ist doch ...«, sagte Ottonie Nimis befremdet, aber ruhig. »Draußen ist der Frühling. Das heißt für mich, daß die Kohlenfrachtraten wegen der Aufnahme der Wassertransporte sinken, und daß am ersten Mai die Kartellverhandlungen mit der Luxemburger Konkurrenz wieder aufgenommen werden müssen ...« »Komisch bist du heute ...« »Unten gehen Menschen. Ich frage mich: Wird der mit Müh und Not neugeleimte Arbeitsvertrag bis auf weiteres halten, oder gibt es bald wieder Lohnkämpfe? Die Sonne scheint. Siehst du das Prisma da in den Glasrosetten des Kronleuchters? Dabei fällt mir das Patent für das neue elektrolytische Verfahren ein.« »Aber Leo ...« »Da liegt mein Notizbuch. Das ist mein heimlicher Kerkermeister. In dem sind für die ganze kommende Woche schon Tag für Tag Besprechungen und Konferenzen vorgemerkt. Jede Stunde ist im Voraus besetzt. Jede Minute. Alle Menschen empfange ich. Nur mich selber nicht. Für alle habe ich Zeit. Nur für den Generaldirektor Nimis bin ich nicht zu sprechen.« »So hab ich dich noch nie gesehen!« »Da ist der Spiegel an der Wand! Ich schau in den hinein und frage mich: Wer ist denn eigentlich der Mensch da drinnen? Ich kenne ihn gar nicht! Ottonie, was habe ich bisher aus meinem Leben gemacht, daß ich mir selber so fremd bin ... daß ich mich suche und nicht finde ... bisher wenigstens nicht?« Ottonie Nimis hatte eine Wollstrickerei hervorgeholt. Es war ihr unmöglich, untätig dazusitzen. »Ich kenne mich selber nicht, Ottonie! Du kennst dich auch nicht! Wir leben außerhalb von uns. Wir wohnen in fremden Menschen.« »Man soll auch für die andern leben!« »Aber wir tun es nicht aus Menschenliebe – denn dann müßte es tief aus unserm Innern kommen, wie meinetwegen bei dir –, sondern um die anderen Menschen, soweit wir nur irgend können, zu beherrschen und zu benutzen! Dem Ehrgeiz, stärker zu sein als die anderen, opfern wir uns selbst! Das geht nicht nur mir so! Auch deinem Vater! Vielen, die ich kenne! Wir alle sind entseelt! Wir sind arm wie die Bettler, unwissend wie die Kinder und dabei stolz auf uns!« Ottonie Nimis lächelte still, während sie strickte. »Es bekommt euch aber ganz gut!« »...solange man nicht merkt, daß man dabei die Hauptsache verloren hat ... daß einem das, worauf es eigentlich im Leben ankommt, vorenthalten geblieben ist... Dann bekommt man plötzlich einen Schrecken ... eine Unruhe ... Man möchte sich befreien ...« Er sprang ungestüm auf und trat ans Fenster. »Da draußen liegt die weite Welt! Ich kenne sie und weiß doch nichts von ihr, weil ich nichts von mir weiß! Es ist noch nicht zu spät, Ottonie! Wir beide sind noch jung. Wir können noch unser Leben ändern!« Seine Frau ließ das Strickjäckchen für arme Kinder sinken. »Ja aber wie denn?« »Sieh mal, wir wollen offen sprechen: Die Tage deines Vaters sind gezählt. Er kämpft so zäh gegen den Tod, wie er gegen alles auf der Welt kämpfte. Aber er wird das Frühjahr nicht überleben.« Sie nickte schicksalergeben. »Ja, Leo ... die Arzte sagen es wenigstens übereinstimmend!« »Dann tritt an mich die Entscheidung heran: Soll ich diese ganze ungeheure Last hier allein und dauernd auf mich nehmen?« »Ja – das mußt du doch!« »Wer hat denn das Müssen erfunden? Überall in Deutschland dieser ewige Gott: ›Muß‹! ‹Zwang‹! ... ›Gehorsam‹! ... ›Dienst‹! ... ›Pflicht‹! ... Wenn nicht von außen, dann von innen aus einem selbst! Wenn ich erst in diese Tretmühle hineingehe, Ottonie, dann ist meine Seele endgültig verschachert. Dann bin ich für die nächsten dreißig Jahre kein Mensch mehr, sondern eine Arbeitsmaschine der Lütthahnwerke A.-G. Darum ringt und stürmt das in mir: Soll ich die Zeit bis zum Frühjahr und zur Entscheidung nutzen, um meine Tätigkeit hier für andere abzubauen und meinem Nachfolger zu überlassen? Mögen sie sich dann suchen, wen sie wollen! Für uns, Ottonie, bleibt Geld genug. Wir sind reich genug, um sorgenlos zu leben.« Sie erhob sich. »Du willst fort von hier?« Er nickte. »Mit dir, Otte, und den Kindern.« »Und wohin?« »Irgendwohin, wo man Mensch ist!' »Und dann dasitzen und nichts tun?« »Im Gegenteil. Mehr tun. Ich habe so viel nachzuholen. Du auch. Du weißt es nur nicht. Aber du wirst es merken. Nur einmal aus dieser Atmosphäre von Dampf und Haß und Feuer und finsteren Blicken heraus! Reine Luft. Ruhe. Selbsterkenntnis. Schönheit des Lebens ...« »Um Gottes willen ...« »Was wissen wir von Schönheit, wir armen Nützlichkeitsmenschen? Wir sind ja wie unsere Bergleute unten. Wir leben im Dunkeln und fahren unsere Schicht bis zum Tod. Und droben lacht die Sonne. Ich habe Sehnsucht nach der Sonne, Ottonie! Nach Glanz. Nach Farben. Nach Licht ... Nach Lachen ... Ich kann das nicht so sagen ... Es ist ein Drang. Er kommt einem aus dem tiefsten Selbst!« »Das ist ja ganz neu ...«, sagte sie mit großen Augen. Ein fassungsloses, erschrockenes Erstaunen zitterte in ihrer Stimme. Er machte eine heftige Schulterbewegung, als würfe er eine wuchtende Last von sich. Er sagte zwischen den Zähnen: »Ich muß hier hinaus ... hinaus ... hinaus ...« »Und dann? Das Leben ist lang, Leo ...« »Ich will es nützen. Ich will nicht faulenzen. Dazu ist ein Mensch wie ich ja gar nicht imstande. Ich will gerade das, was ich kann und bin, veredeln. Auch in meinem Beruf. Ich habe da allerhand Pläne, Verbesserungen, Erfindungen. Ich komme hier nicht dazu, mich damit zu beschäftigen, bei dem ewigen Geldscheffeln, eben weil das Fortschritte im großen sind, Versuche, mit denen man nicht gleich aufs Patentamt rennen und die Dividende erhöhen kann! Ich könnte da ein Bahnbrecher sein. Ein Mittler, ein ehrlicher Mittler zwischen den Gelehrten und Praktikern. Manches, was mir vorschwebt, wäre eine Wohltat für die Menschheit. Aber dazu muss der Kopf frei sein.« Es muß Ruhe um einen sein. Feiertag ...« »Und ich?« »Du hilfst mir!« »Ich verstehe ja nichts davon!« »Du hilfst mir durch deine Gegenwart. Wir kennen uns ja selber gegenseitig noch nicht genug, Ottonie! Wir sind ja niemals dazu gekommen in dem ewigen Drehrad hier!« »Ich muß jeden Tag wissen, wozu ich auf der Welt bin, Leo!« »Du hast die Kinder!« »Die kommen auch hier in Lütthahn nicht zu kurz!« »Nein. Aber ich ...« »Ich verstehe immer noch nicht, warum ...« »Ich hab es dir gesagt. Ich komme zu dir, Ottonie, und geb dir meine Hand. Nimm sie. Wir wollen zusammen den neuen Weg gehen!« Ottonie Nimis hatte sich, ehe er ihr seine Rechte hinhalten konnte, auf das Kanapee hinter dem Tisch zurückgezogen. Sie saß da. Ihr Gesicht war weicher als sonst. Ein tiefer, bittender Augenaufschlag unter den dunklen Brauen. Ein sanfter, unerschütterlicher Fanatismus hinten in seinem Grunde. »Ich lieb dich, Leo! Ich lieb dich wirklich!« »Ich weiß es.« »Aber von meiner Pflicht bringst du mich nicht ab!« »Pflicht gegen dich und mich!« »Wo wir auch wären, müßten wir mit unserer Rente von der fernen Arbeit anderer leben! Ich kann nicht sitzen und die Hände in den Schoß legen, während andere ihre Hände für mich regen. Das hat mich schon als Kind gequält.« »Du nimmst das viel zu schwer.« »Der Mensch ist, wie er ist! ... Und damit hab ich als Mädchen gerungen. Und davon hab ich mich befreit, indem ich einen Mann nahm, der mir helfen sollte, mit ihm zusammen und unter seiner Führung mein unverdientes Glückslos im Leben abzuarbeiten. Ich kann mein Leben nicht umstoßen ...« »Du brauchst nur zu wollen.« »Ich kann es nicht, und ich will es auch nicht. Denn es geht mir gegen die Natur. Ich würde tief unglücklich werden und dich mit unglücklich machen! Ich vertrage das Nichtstun nicht ...« »Begreifst du denn nicht, daß es etwas gibt, was zugleich über der Fronarbeit und über dem Müßiggang steht – etwas Höheres?« »Das weiß ich nicht. Ich sehe meine Pflicht hier in Lütthahn, in die ich hineingeboren bin, ganz klar vor mir. Die muß ich erfüllen. Sonst würde ich ein zerrissener Mensch und dir ganz fremd!« »Ja – du hast recht! Wir beide sind durch die Arbeit verbunden. Du und ich.« »Und gibt es etwas Höheres als diese Arbeit, wie wir sie hier tun, Leo?« »Nun, dann ist es mir zu hoch. Sei mir nicht böse. Es tut mir so weh, dich zu kränken. Aber es ist bei dir ja auch nur eine Stimmung, Du bist ganz verändert gegen sonst ...« »Das bin ich.« »... und das wird vorübergehen. Es hat ja keinen rechten Grund ...« »Meinst du – –?« »Ich sehe wenigstens keinen! Kopf hoch! Sei tapfer, Leo! Du bist ein Mann! Ich will dir helfen, auszuhalten...« »So kannst du mir nicht helfen ...« »Es wird schon gehen, wenn nur erst diese Anwandlung vorbei ist. Ich will mir alle Mühe geben, es dir zu erleichtern! Ich danke dir, daß du mir einen Einblick in dein Inneres gegeben hast!« »Es war meine Pflicht, dich zu fragen, ob du einen neuen Weg mit mir gehen würdest!« sagte Leo Nimis. Er verließ den Salon. Drüben in seinem Arbeitszimmer legte eben, als er eintrat, der Diener einen Stoß Briefe der zweiten Sonntagsvormittagspost auf den Schreibtisch. Fast auf allen Umschlägen, die er geistesabwesend durchblätterte, stand ein Firmendruck, und jede dieser Aktiengesellschaften und Bankhäuser war eine Macht im Reich des Geldes. Aber dazwischen duftete ein länglicher, zart blaßblauer Brief. Die Aufschrift groß und steil, aber sichtbar von Damenhand, der Stempel ›Hamburg‹ auf der Marke. Er wandte sich scheu, beinahe schuldbewußt um, ob der Diener das Gemach verlassen. Es ging ihm, während er hastig das Schreiben aufriß, durch den Kopf: Ich kenne ja nicht einmal ihre Handschrift ... doch ... das ist sie ... Er sah am Schluß der wenigen Zeilen das ›Klothide von Spängler‹. Er las: ... Ich habe hinterher mein Versprechen bereut, das ich Ihnen in Zackenzin gab, Ihnen zu schreiben. Aber nun muß ich es halten. Also es ist entschieden: Mein Mann willigt endgültig ein. Die nötigen Schritte sind bereits eingeleitet und werden, wenn auch bei den vielen Formalitäten erst über Jahr und Tag, zu der gerichtlichen Trennung führen...« Seine Hand, die den Brief hielt, sank schwer und zitternd auf das grüne Tuch des Schreibtisches. Er setzte sich und starrte vor sich hin. XV. »Ich hab's kommen sehen«, sagte mit gedämpfter Stimme ›Dr‹. Karl Pelzel von der Direktion der k. und k. Nordbahn in Wien. »Der Camillo Fronhofer hat schon lange keine Freude am Leben mehr g'habt ...« Er stand im Salon der totenstillen Wohnung. Im dämmernden Raum zur Rechten ruhte ein stummer Mann. Ein einziger Totenkranz zu Füßen des Sterbelagers. Ein Holzkreuz des Erlösers auf der Brust. »Das war nicht nur seine Frau ... die Hansi ... das war das ganze G'schlamp bei uns ... Da hat der arme Narr halt zum Revolver gegriffen ...« Durch die weit offenen Fenster wehte drückend heiße Wiener Sommerabendluft. Sonnenstäubchen tanzten in den letzten schrägen Strahlen der Sonne über dem verlassenen Nest der Hansi mit seinem tausenderlei bunten Kram von gestickten Kissen, seidenen Deckchen, Mascherln, Schleifen, Spielereien. Auf dem Perserteppich saßen drei große Puppen beim Kaffeeklatsch, steif und aufrecht, mit erstaunten Glasaugen, wie wirkliche Damen. Auf dem Tisch lag eine Modenzeitung mit den kleinen, launischen Hutformen und hohen Schulteransätzen der Mode von 1898 neben einem von scharfen Zähnchen angeknapperten Stück Nußtorte. Im Schreibzimmer waren die Ministerialakten aufgeschlagen und der Wandkalender bis vorgestern, bis zum 24. Juli, abgerissen. Es war, als seien die drei, die da wohnten, er, sie und das Kind, nur eben einmal aus die Ringstraße Luftschöpfen gegangen und würden gleich wiederkommen. Ein langes Schweigen der beiden Männer im Zimmer. Von der Mariahilfer Straße unten klingelte die Pferdebahn, rasselten die Räder, lärmte das Wiener Leben. In schweren Schlägen hallten in den Trubel des Alltags von irgendwo aus der Nähe die Glocken der Kirche Mariae vom Siege und von den Lazaristen. »Darfst mir glauben, Onkel Reini, das wär mit deinem Schwiegersohn auch ohne die Hanserl mal gekommen ... so oder so.« Reinhold Nimis, der alte Achtundvierziger, stand still mit gefalteten Händen. Ein letztes Sonnenlicht flimmerte über seinem weißen Krauskopf. Die kleine, zarte Gestalt des alten Herrn war schon im Schatten. Auf seinen feinen und rosigen, von einem weißen, kurzen Vollbart umrahmten Zügen dunkelte ein erstaunter, fragender Schmerz, als begriffe er die Welt immer noch nicht ... »Voriges Jahr bin ich siebzig geworden ...«, sprach er endlich, mehr zu sich als zu dem Neffen von der Nordbahn. »Ich hab viel erlebt. Aber man lebt sein Leben nicht aus ...« »Ein Glück, daß dem Camillo seine Eltern das nicht mehr erlebt haben! ... Er war die letzte Zeit schon ganz verwandelt. Ich hab viel mit ihm gesprochen. In früheren Jahren da haben wir andern auf unser Österreich geschimpft, und er hat geschwiegen und an Österreich geglaubt. Das hat er halt letztlich nicht mehr. Er hat's nicht mehr gekonnt.« Der alte Herr seufzte nur. Schaute um sich, als müsse er sich besinnen, wo er sei. Schüttelte den Kopf. »Vor acht Tagen haben wir noch drinnen auf dem Kanapee bei einer Virginia gesessen, Onkel Reini. Da hat er gesagt: ›Bald schreiben wir das zwanzigste Jahrhundert. Dann hab ich gerad ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und hab eh genug...‹ und hat sich über die Stirn gestrichen: ›Geh... laß mi aus mit der Welt...‹ Ich hab g'sagt: ›Die Welt – das sind wir selbst!‹ Und er: Wir sind, solang wir sein wollen! Aber wir mögen ja nicht mehr sein in Österreich. Wir können nicht mehr! Wir tanzen einen Wiener Walzer auf unserem eigenen Grab! Draußen in der Welt, draußen im Reich macht ja a jeder schon in Gedanken ein Kreuz hinter alles, was k. u. k. heißt!‹ Auf einmal ist er da aufgesprungen und hat mich am Arm gepackt und gezittert. ›Auf Österreich selber hoffen – das tät bis zum Nimmermehrstag warten heißen!‹ hat er gesagt. ›Aber aufs Reich hab ich gehofft! Auf unsere Brüder draußen. Ich kann die Deutschen diesseit und die Deutschen jenseit von Oderberg und Tetschen und Kufstein nicht auseinanderhalten! M'r gehören sie zusammen ... Alle ... alle ...‹« »Das war auch der Traum meiner Jugend, Karl, und bleibt der Inhalt meines Lebens!« »... ›Aber das Reich,‹ hat er fortgefahren und bitter gelacht, ›das Deutsche Reich hat vergessen, daß wir ein einziger Körper sind und Berlin der Kopf und Wien sein Herz. Wozu braucht man heutzutage noch ein Herz?‹« »Wem sagst du das. Karl?« »... ›Im Reich,‹ hat er gesagt, ›da schicken sie Denkmäler an fremde Völker, die die gar nicht mögen, und Depeschen an fremde Leute, die sie in den Papierkorb werfen. Aber daß die Madjaren in dem Deutschland verbündeten Bruderland jedes deutsche Wort wie die Pest ausrotten, das kümmert sie nicht! Für die Buren können sie sich in Berlin begeistern! Für die hungernden Inder sammeln sie. Und wenn der Deutsche unten an der Grenze von Südtirol kaum mehr seines Lebens vor den Welschen sicher ist, wenn die Tschechen den Deutschen in Böhmen ihr Menschenrecht auf Sprache und Sitte rauben, dann bleibt im deutschen Norden alles stumm ...‹« »Ich weiß es. Karl... ich weiß es.« »... ›Das Reich hat mehr zu tun,‹ hat der Camillo gesagt und den Kopf in die Hände gelegt ...›das Reich will's den Amerikanern nachmachen! Das Reich muß mit Gewalt über Nacht reich werden! Das Reich hat keine Zeit mehr für uns Österreicher und braucht uns doch und wird uns auf die Dauer nicht los! Mög es sich nicht einmal am Reiche rächen!‹ So waren seine Worte, Onkel Reini!« Der alte Achtundvierziger blickte stumm durch die offene Tür in das Schlafgemach nebenan. Das war durch die herabgelassenen Vorhänge verdunkelt. Auf dem Bette lag, mit über der Brust gefalteten Händen, starr, feierlich, in unbestimmten Umrissen, eine stille Gestalt. »Am selbigen Abend, Onkel Reini – es stand ein Gewitter über Wien, hinterm Kahlenberg – ist der Camillo an das Fenster hier getreten und hat hinausgeschaut und hat zu mir gesagt: ›In der Ferne donnert's, und in einer halben Stunde spielen's jetzt hier in allen Theatern Operetten! Aber die eigentliche Operette – die spielen wir nicht abends von sieben bis zehn – die spielen wir alle jeden Tag in ganz Österreich von früh bis spät. Der Balkan draußen ist eine Operette! Unser Völkergemisch herinnen ist eine Operette! Unsere Jockei-Klub- und Polen-Klub-Politik ist eine Operette ... unsere aufgeputzten Pester Magnaten, unser Praterkorso – alles ist nur Operette. Leichtsinniges Zeug und bunter Schein, und bald fällt der Schicksalsvorhang, und alles ist vorbei, und das wissen wir und sind heut lustig, weil wir morgen traurig sind. Aber ich hab keine Lust, lustig zu sein! Ich bin heut schon traurig. Ich hab's satt.‹« »Du wolltest doch noch schauen, ob du den Kutscher auftreibst ...«. sagte Reinhold Nimis nach einer Pause. »Ich bin in das Beißel am Kohlmarkt gegangen, wo der Matuschek gewöhnlich nachtmahlt. Da hat er bei seinem Paprika-Hähndel und seinem Viertel Gespritzten zwischen seinen Freunderln und Verehrern gesessen ... Solch ein unnumerierter Fiaker wie der Matuschek, mußt wissen, is bei uns eine Macht ...« »Ach, Liebster... ich kenn Wien!« »... und hat erzählt. Mich am Nebentisch hat er nicht gekannt. Aber 's war nix Neues, was er berichtet hat. Er ist halt leer an der Villa draußen in dem Collageviertel vorgefahren, wie gewöhnlich, und hat gehalten und sich nix Böses gedacht... da sei auf einmal zu seinem Schrecken der Herr von Fronhofer herausgestürzt ... die Hände am Kopf ... und durch die Nacht davon.« Der alte Herr setzte sich schwer nieder und starrte auf den Boden. »Am andern Morgen sei der Pürckenstein gleich vom Cottage aus mit ihm auf den Schießstand gefahren, um sich einzuüben. Nötig hätt er's nicht gehabt! Er trifft ja eh schon auf dreißig Schritt, fast ohne Zielen, ein Kartenblatt. Alsdann ... der Camillo hat ihm ja die Müh erspart, ihn erst niederzuschießen! Er hat's selbst besorgt! Und jedenfalls ebenso akkurat. Er saß da im Stuhl, wie wenn er schliefe ...« Der alte Herr stand hastig von dem Sessel auf. »Und wohin dieser Graf von Pürckenstein ist – das weiß niemand?« »Halt abgereist. Und die Hansi mit ihm!« Dr. Pelzel legte dem andern schonend die Hand auf die Schulter. »Man muß es tragen ... so schwer's auch is, Onkel Reini ...« »Ich hab schon viel in meinem Leben tragen müssen. »Um dein Enkelkind sorg dich nicht! Die Peperl is vorläufig bei uns gut aufgehoben ... Gottlob ... da kommen's endlich ...« Schwere Tritte polterten die Treppe hinauf. Einige Männer traten ein. An ihrer Spitze ein alter, hagerer hochgewachsener Herr in Zivil mit strengem k. k. Armeegesicht. »So. Jetzt überlaß dem Onkel Alfi die Überführung nach Hietzing! Kümmere dich heute weiter um nichts.« »Ich bitte – ich werde alles besorgen!« sprach der Feldmarschalleutnant a. D. Freiherr von Morandell und reichte dem Vetter und Jugendgenossen die Hand. Der alte Herr drückte sie stumm und trat noch einmal in das dämmerige Nebengemach. Sein Schwiegersohn lag da still, einen tiefen, schmerzlichen Ernst auf dem erstarrten, vollbärtigen Gesicht, so, als trüge er nicht nur sein eigenes Leid, sondern auch das Österreichs mit zu Grabe. Reinhold Nimis betrachtete ihn lange mit verschlungenen Händen. Dann ergriff ihn jemand leise am Arm. Führte ihn schonend hinaus. Sie waren auf der Straße. Laue Luft umwehte sie. Lachen und Leben und Lieben und Leichtsinn. Sie waren in Wien. Es war nun schon ganz Nacht geworden. Die Ringstraße glitzerte von tausend Lichtern unter den schwarzen Schattenrissen der Baumreihen und Parkanlagen. Feierlich ragten in dem Zwielicht nah und fern die öffentlichen Palastbauten des neuen Wien. Grau, uralt, ehrwürdig, eine Stadt für sich, dämmerte die Hofburg mit dunklen Fensterhöhlen, über denen finster der Zorn der Götter braute. Kaum eine Scheibe in den mächtigen Gebäudemassen war mehr hell. Der alte Mann, dessen Haupt nun seit einem halben Jahrhundert Habsburgs Kronen drückte, ging mir den Hühnern zu Bett und stand beim ersten Hahnenschrei auf. Er war einsam. Seine Gemahlin weilte in der Fremde, und hart hinter ihr, mit gezücktem Stahl, schlich bereits lauernd auf leisen, unhörbaren Sohlen der Mord. Sein Sohn ruhte ermordet drüben in der Kapuzinergruft. Seinen Bruder hatte in Mexiko das Mordblei erreicht. Wahnsinn umfing dessen Frau. Das Gestirn des Mordes stand dräuend am Himmel der Zukunft über dem Erzherzog-Thronfolger. Die Parzen saßen und spannen düster im Finstern der Hofburg ihren Schicksalsfaden. Dunkel und eng lagen dahinter die Gassen des alten Wien. Hier erst, im Schatten geschichtlicher Herrensitze, wuchtender, mittelalterlicher Patrizierhäuser, unter den Wölbungen von Kirchenportalen und Klosterpforten, zwischen dem mondscheinhellen Schnörkelwerk von krummen Ecken, steilen Treppenaufstiegen, winkeligen Plätzen, brach der alte Achtundvierziger das lange Schweigen und sagte zu seinem Neffen von der k. und k. Nordbahn: »Der Camillo hat ein zu weiches Herz gehabt. Er hat zu tief geliebt. Seine Frau und sein Österreich, und beide unglücklich. An beiden ist er zugrunde gegangen. Und beide gehen selbst zugrund.« Er blieb stehen. Auf seinem feinen, kindlich weißbärtigen Gesicht zuckte der Schmerz. »Ich bin doch ein halber Österreicher, Karl. Meine selige Mutter war eine Österreicherin und ist es zeitlebens auch draußen geblieben. Und meine liebe selige Frau erst recht. Durch sie beide hab ich es geerbt, Österreich zu verstehen, so wie man seine Frau versteht. Es ist so leicht und fällt denen im Norden doch so schwer. Sie haben sich lieber scheiden lassen, der Süden und der Norden. Im Jahre sechsundsechzig. Das war der Anfang vom Ende.« »Einundfünfzig Jahre sind's her, Karl, da bin ich als ein junger Krauskopf hier zum erstenmal drüben in der Wiedener Hauptstraße aus der k. k. Cours-Postkutsche gestiegen. Da hat hier noch der Metternich geherrscht. Da war noch der Polizeiminister Sedlnitzki Meister. Da wußten sie noch nichts von achtundvierzig, und es stand doch schon vor der Tür. Damals war Österreich in Ketten und Banden und doch noch stark und stolz. Denn es war noch deutsch. Gleich darauf hat der Banus zum erstenmal mit seinen Kroaten und Serben in Blut und Bürgerkrieg Wien erstürmt ... Ich war dabei ... Ich hab's mitansehen müssen.... Von da ab hatte die Kaiserstadt ihr Skelett im Haus. Das heißt der Slawe!« Reinhold Nimis war weitergegangen und machte wieder halt auf einem kleinen Platz, über dem die Sterne funkelten, und schaute in bitterem Gram umher. »Du mein liebes, entgöttertes Wien! ... Du armer entblätterter Wiener Wald! ... Du stumm gewordener alter Stephan! ... O du mein Österreich... Du mein sterbendes Österreich ... komm ... komm ... Karl! ... Es will Nacht werden! Wir wollen heim! Alle heim! Ich bin alt ...« An dem Tor seines Gasthofs nahm er von dem Verwandten Abschied. Dr. Pelzel hielt die Greisenhand in der seinen. Er versuchte zu trösten: »Du hast recht, Onkel Reini! Du bist halt mild und abgeklärt! Du suchst die Schuld in allem hier! Nicht nur bei deiner Tochter...« »Ich hab keine Tochter ...« Der alte Herr sprach das ruhig, mit zuckenden Lippen, als seien sie beide gestorben – Camillo Fronhofer und sein Hanserl. Dabei leuchtete eine leidenschaftliche, gläubige Liebe in seinen warmen, dunklen Augen: »Ich hab nur noch einen Sohn! Ich hab meinen Leo! Das ist mein Licht und mein Leben! An den halt ich mich, wenn ich das Leben, mit meinen siebzig Jahren, bald selbst nicht mehr versteh!« »Freilich ist das ein ganzer Kerl, der Leo!« »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, heißt's! Aber man kann auch sagen: An unseren Früchten sollen wir uns erkennen!... Weißt du, Karl: wir Alten waren halt doch vielleicht zu weich. Zu weit haben wir geschaut. Den Himmel auf Erden haben wir gesucht und dabei den Boden unter den Füßen verloren. So hat es mich und so manchen Achtundvierziger hinüberverweht nach Amerika, kreuz und quer durch die Welt, auf die alten Tage wieder zurück ... Was war schließlich mein Leben? Ein Suchen und Nichtfinden. Dem Leo gibt das Leben keine Rätsel auf. Der steht mit beiden Beinen fest auf der Welt. Der ist ein Deutscher vom neuen Schlag! Vielleicht sollten wir Väter, wir Träumer, uns in den trotzigen, jungen Kerlen von Stahl und Eisen erfüllen, im neuen Reich ...« »Ja ... Ihr draußen im Reich ... Ihr habt es gut ... Ich hol dich morgen früh ab, Onkel Reini!« In seinem Gasthofzimmer sah Reinhold Nimis auf dem Tisch einen ihm von Darmstadt nachgesandten Brief. Er erkannte die Handschrift seines Sohnes. Er öffnete. Las die ersten Zeilen. Ließ das Blatt sinken und holte seine Brille heraus. Denn die Buchstaben tanzten ihm plötzlich vor den Augen. Er hob das Schreiben wieder... stutzte entsetzt ... setzte sich schwer nieder ... saß mit offenem Mund ... ungläubigen Blicken ... las endlich doch von neuem von vorn an: »Lieber Vater! Ich schreibe Dir aus Berlin, wo ich, um manches Lebenswichtige für die mir anvertrauten Menschen und Betriebe endgültig abzuwickeln, bis morgen bleiben muß. Ich sollte dann nach Lütthahn zurück. Ich werde es nicht tun. Ich werde überhaupt nicht mehr nach Lütthahn zurückkehren. Ich sage das vorerst nur Dir als dem einzigen Menschen. weil in Lütthahn kein Mensch meinen Schritt verstehen wird. Am wenigstens meine eigene Frau. Sie weiß also noch von nichts, so wenig wie mein Schwiegervater oder sonst jemand dort. Der schonendste Weg auf dem ich es ihr beibringen kann, wird und muß in Bälde die vollzogene Tatsache sein ...« Die Schriftzüge Leo Nimis' waren klar, fest, von entschlossenem Federdruck wie immer. Der alte Herr starrte sie betäubt an. Atmete schwer. Las. »Ich hab Dich als Vater immer geliebt und verehrt. Aber ich habe mir Dich als Menschen nicht zum Vorbild im Leben genommmen. Du selbst rietst mir immer davon ab. Ich glaubte, über Dich hinausgekommen zu sein, als Sohn eines neuen Geschlechts. Du kamst, wie Du mir als Buben oft erzählt hast, aus der deutschen Postkutschenzeit über das große Wasser. Ich war in Amerika geboren und wuchs dort auf. Alles schien mir furchtbar einfach. Man sah, wo Hände nötig waren, und ging heran und streifte die Aermel auf und arbeitete und verdiente Geld und wurde, wenn man viel Geld aus der Welt herausholte, ein ernsthafter Mann, und wenn man die Menschen dazu brachte, daß sie noch mehr Geld für einen verdienten, ein prominenter Geschäftscharakter. So weit habe ich es, ohne rechts und links zu schauen, gebracht. In allen fünf Erdteilen, in die ich kam, war zweimal zwei vier. In Deutschland, wo ich mein Settlement fand, erst recht. In der Welt wenigstens, in der ich hier lebe, denken alle so. Und Deine einstige Welt dort – an die dachte man mit mitleidigem Achselzucken. Der Deutsche von früher – das war der Sterngucker, der überall Dinge über sich sah, die gar nicht da waren, und in die Dinge um sich herum eine Bedeutung hineinlegte, die kein vernünftiger Mensch erkennen konnte, der im Traum ging und Rätsel sah – und wir waren wach und arbeiteten vom Morgen bis zum Abend. Und nun allmählich, wo ich ein Mann geworden bin und das Leben sich mir in noch jungen Jahren in seinem ganzen Reichtum erfüllt zu haben schien, nun habe ich nach schweren langen Kämpfen und Zweifeln erkannt: Du bist der Sehende gewesen und ich der Blinde. Du hast das Leben durchmessen. Ich bin im Vorhof des Lebens stehengeblieben. Ich habe gerechnet. Du hast geglaubt. Ich habe das Geld gesucht und Du die Menschen. Ich habe gearbeitet, und Du hast geliebt. Du hast immer geliebt, alles, was um Dich war, weil Dir alles nicht als ein Ding zur Ausbeutung und Beherrschung, sondern als ein Stück von Dir selbst erschien. Du wirst lieben, solang Du lebst, und kannst darum niemals unglücklich werden. Ich bin unglücklich seit Jahr und Tag. In meinem Leben war keine Liebe. In der ganzen neuen Welt, die wir uns hier schaffen und die stürmisch täglich im Leben wächst und ihre Schornsteine in den Himmel reckt und ihre Schächte in die Erde treibt, ist sie nicht. Nur Kampf und Verstand und Geld. Und doch: In meinem Leben ist die Liebe. Schon lange. Und immer wachsend. Immer gewaltiger. Aber nicht die Liebe zu meiner Frau, sondern zu einer anderen. Du kennst sie auch. Sie ist die Nichte Deines alten, verstorbenen Freundes Louis Ferdinand. In diesen Tagen wurde die Ehescheidung des Geheimrats von Spängler von ihr ausgesprochen. Die Gerichtsverhandlung hatte sich über ein Jahr hingezogen. Gestern abend bekam ich hier die Nachricht. Sie ist seit einem Jahr, seit dem Tod des Grafen Pritzig, bei ihren Verwandten in Hamburg, den Inhabern der Lüdingworthschen Reederei. Sobald ich hier meine Geschäftspflichten als gewissenhafter Mann erfüllt habe, spätestens übermorgen früh, reise ich zu ihr nach Hamburg. Dann nehmen die Dinge rasch ihren Lauf. Ich kenne meine Frau nach der Reihe von Jahren, in denen die gemeinsame Verantwortung und Arbeit uns verbunden hat. Sie liebt mich. Wir lieben unsere Kinder. Das tut mir bitter weh. Es war für mich ein furchtbarer Entschluß, darüber hinwegzukommen. Aber sie ist so sehr ein Mensch der unbedingten Pflicht, daß sie gar niemand halten will und halten kann, der, nach ihrer Weltauffassung, seine Pflicht hintenansetzt. Das tue ich. Ich kann nicht anders, weil es mehr auf der Welt gibt als die Pflicht. Ottonie wird mich, wenn es sein muß, freigeben. Leute wie mich läßt sie fallen. Das weiß ich. Aber noch weiß sie von nichts, ehe nicht in Hamburg alles entschieden ist. Ich schreibe es Dir, weil ich es einem Menschen schreiben muß, und Du, außer ihr, an die ich mein künftiges Leben knüpfe, der einzige Mensch bist, der meinem Innersten nahesteht. Hat man denn ein Innerstes? Ich weiß es jetzt erst wirklich, nachdem ich es so lange verleugnet und verraten habe, aber dafür heißer und tiefer als andere. Schweige, bitte, vorerst zu jedermann, wer es auch sei, von diesem Brief. Verstehe ihn. Dein ganzes Leben hieß ja verstehen und verzeihen! Sei, was Du immer warst, lieber Vater, auch heute Deinem Sohn Leo!« Der Feldmarschalleutnant a. D. Freiherr von Morandell klopfte nach einer halben Stunde zweimal an die Tür, ohne daß eine Antwort kam, schüttelte das hagere Haupt mit den beiden Habsburger Bartstreifen an den Wangen und trat ein. »Was hast denn, Reini? Du sitzt ja da am Fenster, als wolltest du naussteigen und nachtwandeln ...« Der alte Herr stand langsam auf. »Ich hab eben einen Brief bekommen, Alfi ...« »Ja, dös seh ich ...« »Wann ist morgen die Beisetzung?« »Um elf Uhr vormittags, wie's ausgemacht war.« »Ich muß gleich nachher abreisen!« »Warum denn ... ich bitte?« »Ich habe gedacht, ich hätte heute nur meine Tochter verloren!« sagte Reinhold Nimis. »Aber jetzt laufe ich Gefahr, auch noch mein Liebstes auf der Welt, meinen Sohn, zu verlieren.« »Jesus, Maria und Josef... Was ist denn dem Leo passiert?« »Frage nicht! Sage zu niemand etwas! Hilf mir nur, Alfi, daß ich morgen so bald wie möglich auf die Bahn komme ...« »Wohin?« »Nach Hamburg. Mit dem ersten Zug, der geht!« XVI. An der Brandstwiete zu Hamburg spiegelte sich der neue Lüdinghof, der Sitz der Reederfirma Henry Lüdingworth, in der trüben Flut der Fleete. Vier Stockwerke hoch ragte der im Vorjahr 1897 erst vollendete wuchtige Elbsandsteinbau über die spitzen Giebel der Altstadt. Vier bärtige Bronzeriesen, die handelsbefahrenen Meere der Welt darstellend, stützten als Säulenträger die Eingangswölbung. Das Wappen des Hauses Lüdingworth, die vier Sterne des südlichen Kreuzes, prangte über dem Tor. Darunter flutete vom Morgen bis zum Nachmittag der Strom der Kaufleute und Makler, der Depeschenträger und Bankboten, der Seeleute und Agenten und Börsenfreunde und Ausländer aus und ein. Gleich drüben, am anderen Elbufer, bei Steinwärder, lagen die Dampfer der Gesellschaft. Viele Häfen der Erde kannten die grauen Rümpfe mit den zwei weißen und zwei blauen Ringen an den grellgelben Schornsteinen und dem blauen Viergestirn im weißen Feld der Hausflagge. Auf der großen Wandkarte, die im Privatkontor hing, schossen wie lange, gekrümmte Wasserschlangen die Lüdingworthschen Schifffahrtslinien von Cuxhaven aus in die Nordsee und verteilten sich nach Indien und dem fernen Osten und umringelten Südamerika. Die meisten dieser Linien waren dick und schwarz gezeichnet. Sie standen in Betrieb. Kleine, mit Nadeln befestigte Fähnchen zeigten auf ihnen den Punkt an, den die einzelnen Dampfer heute, am 29. Juli 1898, mittags 12 Uhr, nach menschlichem Ermessen erreicht hatten. Ein paar andere Linien waren nur rot gestrichelt. Sie lebten vorderhand noch erst im Hirn und Willen Henry Lüdingworths und in den Tafeln mit Schiffsbaurissen und Kostenanschlägen, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Er war jetzt ein Mann in den besten Jahren, zu Anfang der vierzig, groß, breitschulterig, stattlich, mit kleinem Schnurrbart. Er sprach kühl und bedächtig, mit einer unbeirrbaren Gelassenheit. Er lächelte gemütlich, manchmal sogar mit einem schalkhaften Schimmer in den Augen. Es gab aber keine Sekunde in seinem Leben, in der er nicht genau wußte, was er wollte, und alles konnte, was er wollte, und nichts wollte, was er nicht konnte. Er setzte in langsamen, starken Zügen seinen Namen unter einen Vertrag. Der hieß: Über Jahr und Tag gleiten zwei neue Achttausend-Tonnen-Steamer von der Helling der Schiffswerft Fock und Noster drüben von den rauchenden Stapelplätzen hinab unter Musiktusch in das hochaufspritzende Wasser der Elbe. Herr Fock, der Chef der Schiffbaufirma, saß ihm gegenüber. Sie schüttelten sich die Hand. Sie machten nach Hanseatenart nicht mehr viel Worte. Die Sache war erledigt. Deutschland griff über die Welt. Der Hamburger Hafen kam kaum mehr mit, mit Händen und Hämmern, um immer neue Wasserbecken und Werften, Trockendocks und Schwimmdocks, Baggerrinnen, Kais, Krane, Lagerhäuser für den stürmisch wachsenden Wogenschlag des Welthandels aus dem engen Uferraum der Elbe zu gewinnen. Mehr als hundert Dampferlinien umspannten von Hamburg aus die Weltkugel. Mächtige andere Adern strahlten von Bremen aus. Auf allen Meeren wehte die schwarzweißrote Flagge. »Wir können's beim besten Willen nicht billiger machen«, sagte Herr Fock, der leitende Mann der Fock \& Noster-A. G. »Alle Werften sind überlastet seit Ende November vorigen Jahres ...« »Tja ... Seitdem verdient ihr ja wohl nicht zu knapp an den men of war und die am Niederrhein an den Panzerplatten auch! ...« »Man muß sich nur klarmachen, was das heißt, daß das Reich auf einmal im letzten Herbst als derart riesiger Auftraggeber auftritt. Innerhalb von einer Handvoll Jahren eine Schlachtflotte ersten Ranges zu bauen, wie wir das ja nun wohl vorhaben ...« Die beiden königlichen Kaufleute schwiegen nachdenklich. Sie wußten, daß sie beide dasselbe dachten, und Henry Lüdingworth sprach es aus: »England ... England ...« »Seefahrt tut not! Wir sind schon fast allen Nationen voraus! Wir nähern uns schon der Spitze, wo der Engländer segelt.« »Und eben darum ist's ein Welthandel auf Widerruf. Wir fahren über See und nehmen unterwegs englische Kohlen. Sonst kommen wir nicht weiter. Ich gebe meinen Kapitänen draußen meine Weisungen durch englische Kabel. Die englischen Leuchttürme zeigen meinen Schiffen im fernen Osten den Kurs. Wenn es den Engländern heute einfiele, den Suezkanal oder die Straße von Gibraltar zu sperren, könnte keiner von meinen Steamern zurück.« »Ja. Lüdingworth ... Das soll wohl so sein ...« »Wir haben unsere gewaltigen, schützenden Zollmauern gegen England. England gibt uns überall auf der Welt in seinen Kolonien und Dominions den Handel frei.« »Tja ... Wir haben viele Pferdelängen im Rennen um den Weltmarkt vor ihm gut!« »Wie lange noch, Fock?« »Sie fangen schon sachte an, ungemütlich zu werden ... dort drüben ...« »England kann uns eines schönen Tags sein Haustor vor der Nase zuschlagen, und sein Haus ist die halbe Welt. Dann stehen wir da!« »... oder es kann uns hintenrum von den Meeren vertreiben, indem es uns seine Kohlen und Kabel und Docks und Lotsen draußen sperrt!« »Wohl möglich, Lüdingworth!« »Und dann?« »Auf einen Seeräuber anderthalb! Deswegen bauen wir ja die zweitgrößte Kriegsflotte der Welt!« »Ja. Wir müssen sie bauen ... Aber England führt seit Jahrhunderten grundsätzlich Krieg gegen den Festlandstaat, der die zweitgrößte Kriegsflotte hat!« »Das ist ja die Zwickmühle, in die wir so sachte kommen! Umkehren wollen wir nicht. Können wir gar nicht! Der deutsche Handel läßt sich so wenig stoppen, wie ich bei Flutzeit die Elbe abwärts laufen lassen kann. Und wo bliebe da wohl auch unser Geschäft?« »Was wollen wir also tun?« »Lavieren ... lavieren ...«, sagte der Werftherr von Fock \& Noster. »Vorsicht ... Vorsicht... Ein guter Kapitän muß es bei der Winterpassage nach den States in der Nase haben, ob ein Eisberg heranschwimmt, und ausweichen ... Nur nicht die drüben immer noch mit der Nase auf alles stoßen... Nur nicht ewig soviel Lärm mit allem machen, was in Deutschland geschieht ...« Er stand auf und nahm seinen Hut. »Letzten Monat war ich in Berlin. Neue Zehnjahrfeier. Öffentlicher Dankgottesdienst zum fünfzigjährigen Bestehen der Berliner Schutzmannschaft. In den nächsten Wochen feierliche Eröffnung des neuen Hafens in Stettin, Ständefest in Westfalen. Feldgottesdienst auf dem Waterlooplatz in Hannover. Festtafel im Kurhaus von Oeynhausen. Große Feste im Elsaß. Bei jedem solchen Hurra spitzten sie überm Rhein und dem Kanal die Ohren, und draußen auf dem Meer pfeift der Wind immer steifer, und ich schätze ihn ja wohl bald auf zwanzig Meter in der Sekunde ...« »Und trotzdem müssen wir hinaus!« sagte der große Reeder entschlossen. »Laßt die Berliner ihre Feste feiern. Wir Hanseaten wissen unsern Weg. Bismarck hat ihn uns gewiesen.« »Tja – der Mann hat uns zu unserem Glück gezwungen ...« »Ich war seinerzeit auch schwankend, ob sein Zollschutz für uns ein Segen sei! Nun blüht Hamburg wie noch niemals in all den Hunderten von Jahren ...« Unwillkürlich blickten die beiden Männer durch das offene Fenster in der Richtung nach Hammerbrook und Horn, wo in unsichtbarer Ferne der Sachsenwald rauschte. Der Schiffbauer fragte halblaut: »Sie wissen ...?« »Ja ... Ich hörte es schon gestern abend ...« »Es steht ernst draußen in Friedrichsruh ...« »Mehr als ernst.« Ein Schweigen. »Beinahe acht Jahre haben wir ihn noch hier gehabt«, sagte der Reeder Lüdingworth endlich. »Acht Jahre hätten wir seinen Rat und seine Weisheit für Deutschland noch nützen können. Acht Jahre lang ließ man den größten Mann, der uns nie wiederkommt, wie einen abgedankten Feldwebel in seiner Einsamkeit. Nun ist's zu spät!« »Der Fürst phantasiert bereits. Ich hörte es aus seiner nächsten Umgebung!« Der andere Hanseate dämpfte die Stimme, als handelte es sich um ein Geheimnis: »Denken Sie sich: er nennt in seinen Fieberträumen immer wieder Serbien!« »Serbien?« »Ja. Die Ohrenzeugen sagen es!« »Seltsam! Was soll das kleine Land?« »Serbien! ... Und dann ruft er wieder mit lauter Stimme: England! ... Rußland ...« »Das erzählt man Ihnen, Fock?« »Wörtlich! ... Und dann angstvoll, immer wieder: Aber ach ... Deutschland! Dabei reißt er in seiner Benommenheit an der dicken Schnurquaste über seinem Bett, die ihm sonst zum Aufrichten dient ... so, als wollte er noch einmal aufstehen und warnen.« Es war draußen ein rechter Sommertag, wie er an der Wasserkante sein sollte. Blaßblauer Küstenhimmel mit der milchigen Trübung weißer Wölkchen, das Salz von kühler Seebrise in der warmen Luft, tausendfache Goldschuppen von Sonnengeflimmer auf dem leise zitternden, tiefblauen Spiegel der Alsterbecken. Aber über die Fülle deutschen Lebens und deutscher Arbeit an ihren Ufern wehten unsichtbare schwarze Flügel. Der größte Deutsche ging wegmüde, gramgebeugt aus dem Lande lachender, um die Zukunft unbesorgter Erben. In ernsten Gedanken schritt Henry Lüdingworth am Jungfernstieg hin. Er, der Hanseate, kannte die Welt draußen besser als die im Binnenland. Er trug nicht die rosigen Brillen, mit denen Hans im Glück da innen sorglos den ewigen Kampf der Menschen auf den Meeren ansah. Er wußte, daß der Dreizehnte bei Tisch in keinem Hafen und keinem Handelsplatz und keinem Erdteil willkommen war, mochte er noch so herzlich und unbefangen ringsum kalte Hände schütteln und sich an der für andere gedeckten Tafel niederlassen. Der Reeder Lüdingworth war zu nüchtern dazu. Er schied den Schein daheim vom Sein draußen. Er wußte: Die große Seeschlange war kein Ammenmärchen, sondern hauste zu London an der Themse. Er schaute den schon beginnenden lautlosen Weltkrieg über See, der sich um Frachtraten und Handelsbilanzen, Wechseldevisen und Konzessionen, Lloydregister und öffentliche Meinungen drehte, und seine Stirn umwölkte sich. Dann blieb er stehen und winkte: »Herr Brookers ... Herr Brookers ...« Ein Hamburger Rechtsanwalt aus senatorenfähigem Geschlecht wie Dr. Brookers war ein Mann in hohem Amt und Würden. Bei den großen Handelsgeschäften, die langsam und bedächtig, stundenlang in seinem Bureau besprochen und bestritten wurden, ging es um Millionen. Es war nur eine Gefälligkeit, daß er die Ehescheidungssache übernommen hatte. Er trat zu dem Reeder heran. »Ich habe gerade vorhin die Ausfertigung des Gerichtsurteils bekommen«, sagte er. »Bitte, wollen Sie Frau von Spängler ausrichten, daß sie es morgen früh von mir durch die Post erhält!« »Ich werd' es bestellen! Ich sehe sie jetzt gleich. Danke Ihnen, Herr Brookers!« »Bitte, bitte! Die Sache ist nun also erledigt. Bleibt eigentlich Ihre Frau Nichte bei Ihnen wohnen?« »Ich weiß noch gar nichts!« Das kleine Dampfboot, auf das Herr Lüdingworth wartete, hatte angelegt. Er fragte halblaut den andern: »Neues aus Friedrichsruh?« Ein vielsagendes Achselzucken. »Der Fürst wird diese Nacht kaum überleben.« »Nun heißt es, ohne ihn weitersegeln!« »Das tun wir ja schon die ganze Zeit ... Morgen. Herr Lüdingworth ...« »... Morgen, Herr Brookers!« Henry Lüdingworth betrat den Dampfer. An der Rabenstraße stieg er aus und ließ die Außenalster hinter sich. Um ihn war der stille, schwere Reichtum von Harvestehude wie gegenüber von Uhlenhorst. Die Sitze der königlichen Kaufleute ragten freistehend, von Teppichbeeten und Wiesengrün umgeben, aus den Parkschatten. So lag auch sein Haus. Er legte ab, stieg die Treppe empor und näherte sich einer Tür im ersten Stock. Er wollte an ihr klopfen. Aber er ließ die Hand wieder sinken. Trat ein paar Schritte zurück. Stand erstaunt. Mißbilligend. Diese laute Sprache da drinnen, in seinem ruhigen Hause. Dies Ungestüm unter seinem Dach, in dem das Leben sich in gemessenen Bahnen bewegte. Die stürmische, atemlose Stimme eines Mannes, der fast ununterbrochen, leidenschaftlich redete. Was, das hörte Henry Lüdingworth draußen nicht. Auch nur ein-, zweimal spärlich, undeutlich, wie von einem Gießbach der Rede des andern weggeschwemmt, ein paar Worte aus dem Munde seiner Nichte Klothilde. Er wandte sich zu seiner Frau, der Lübeckerin, die die Treppe heraufkam, gleich ihm strengen Tadel in den hochgezogenen Augenbrauen. »Annemarie ... Was geht hier vor?« Ihr hübsches, kühles Gesicht war blaß und so erregt, als es ihre angeborene Ruhe zuließ. »Jetzt haben wir es, Henry! Er ist da!« »Wer?« »Wer soll es wohl sein! Du kennst ihn doch besser als ich. Du hast gestern erst davon gesprochen, daß ihr euch schon vor fünfzehn Jahren in Göttingen getroffen habt ...« »Herr Nimis ist oben?« »Dem Diener fiel schon seine Aufregung auf. Dem gab er seine Karte. Er möge ihn bei Klothilde melden! Ich hörte den Wortwechsel und kam hinaus. Er stellte sich mir nur flüchtig mit einer Verbeugung vor und gleich in seiner Ungeduld die Treppe hinauf. Eigentlich dem Diener auf dem Fuß ...« »Und nun ist er drinnen bei Klothilde?« »Du hörst es ja! Schon seit gut einer Viertelstunde!« »Was soll man da machen?« »Wir können gar nichts machen, als hinuntergehen und uns zum Lunch setzen, hier oben stehen, als ob man horchte, schickt sich nicht!« »Nein. Das schickt sich wohl gewiß nicht! Komm, Annemarie! Nun muß man sehen, was wird!« »Komm, Annemarie!« – Es war still auf dem Flur. Der Strahl der Mittagsonne vergoldete schläfrig das verschnörkelte Schnitzwerk der schweren friesischen Schränke. Drinnen in dem Zimmer dämpfte sich die Stimme. Da lag einer auf den Knien und hatte sein Haupt im Schoß der Frau geborgen, die bleich, mit fliegendem Atem, vor ihm saß und mit den Händen seine Schläfen umfing, und er schaute zwischen ihren Händen mit brennenden Augen zu ihr auf und sagte es noch einmal ... immer wieder ... immer dasselbe ... »Da bin ich ... da bin ich ...« Er küßte ihre Hände. Sie ließ es willenlos geschehen. Sie beugte sich zu ihm herab. Er küßte ihren Mund. Es war ein heißes, langes Schweigen. Dann wurden seine Züge wieder ergriffen, feierlich, als ob er zu ihr betete, während er zu ihr emporsah. Die Leidenschaft lohte wie blaue Fackeln aus seinen Augen. Seine Stimme war ein Stammeln. Erstickte Worte überstürzten sich. »Da bin ich! Ich hab mich losgerissen! Ich bin bei Nacht und Nebel spornstreichs davon! Ich bin ein Flüchtling aus meinem eigenen Haus ...« »Leo ... weißt du, was du tust ...?« »Ich hab's schon gewußt, wie ich aus Lütthahn wegging. Ich sollte ja gleich wieder dorthin zurück. Ich hab' alles dort stehen und liegen lassen. Meine Geschäftsbücher fahren frei herum. Aber ich komme nicht mehr zurück ...« »Leo... hast du an die andern gedacht?« »Ich denke an niemand mehr als an dich! Ich habe meine Frau nicht mehr gesehen! Ich habe meine Kinder nicht mehr geküßt! Ich hab' mich nicht umgedreht und bin hinaus und in den Wagen gestiegen ... Mir ahnte es: Ich bekomme in Berlin die Nachricht, daß du frei bist ...« »Ja. Ich bin frei.« »Da war meine Kraft zu Ende! Wie ich das hörte, da war sie auf einmal zu Ende! Da bin ich! Ich will nur zu dir ... zu dir ...« Klothildes Lippen sprachen nicht mehr. Sie ruhten auf den seinen. Aus ihren Augen rannen Tränen. Sie bog sich plötzlich angstvoll zurück. Er umklammerte ihre Hände. Er hielt sie fest. Er bat. Er bettelte. »Nimm mich! Stoß mich nicht von dir ...« »Ich sollt's ja ... Ich vermag's ja nicht ...« »Du bist frei! Ich mach mich frei! Draußen ist die Welt! Menschen, die uns nicht kennen. Länder für ein neues Leben! Die Welt ist groß. Wir finden leicht unsern Platz ...« Ein leises: »Leicht ist es nicht. Leo ...« »Da draußen wollen wir leben. Da wollen wir glücklich sein! Da gibt es keine Pflichten mehr! Da schlägt keine Uhr! Da bimmelt keine verfluchte Fabrikglocke mehr. Da stehen einem nicht ewig Leute vor der Tür. Da sind keine Maschinen ... Der Himmel ist blau ... Das Meer ist blau ... Du bist bei mir ... Wirst du bei mir sein? Sag ja ... sag ja ...« »Ich hab keinen Willen mehr! Nur du hast ihn! Du mußt entscheiden!« »Ich hab entschieden! Was liegt mir am Beruf... an der Heimat ... an der Familie? ... Nur du ... Nur du ...« Er ließ sie mit einem letzten Kuß aus den Armen, sprang auf die Füße, reckte sich zornig in den Schultern. Lachte. Wiederholte: »Du hast dich freigemacht. Ich mache mich auch frei. Was du kannst, das kann ich auch!« »Für dich ist es schwerer, viel schwerer, Leo!« Er schaute um sich, als wären da Feinde im Zimmer. »Kommt nur! Kommt nur alle! Ich nehme es mit euch allen auf! Ich war immer stärker als alle andern. Ich werde es diesmal erst recht sein!« »Leo ... den Kampf mußt du mit dir selbst ausfechten, nicht gegen andere!« Er riß sie wieder an sich. Er lachte. Es klang wild. Es war etwas jungenhaft Ungestümes in der Bewegung. Zorn in den blauen Augen: »Ich hab noch alles im Leben durchgesetzt, was ich wollte. Am Größten werd ich nicht scheitern: sei unbesorgt. Ich zerreiße das Netz von Lütthahn. Ich schone mich selbst nicht und kann die andern nicht schonen. Ich hab ihnen meine Seele verkauft und hole sie mir jetzt wieder zurück ...« Er ging stürmisch auf und ab, blieb vor ihr stehen, breitete die Arme aus: » ... und bringe meine Seele dir, die sie versteht! Die andern werden sie nie verstehen ... Sie vor allem nicht ... Sie, auf die es ankommt ... Schau nicht weg, Klothilde!« »Nein ... schau du mich nicht fragend an! Ich kann nichts sagen ... ich darf nichts sagen ... Alles steht bei dir ...« »... und ich komm zu dir ... Ich bin ja schon bei dir ... bei dir ... komm ... komm leg deinen Kopf an meine Brust ... so ... so ... ganz nahe ... ganz geborgen ... weine nicht ... o bitte ... weine nicht ...« »Ich fürchte mich ... vor dem, was kommt ...« »Es kommt nur Gutes ... Bleib in meinen Armen ... laß mich dich halten ... heute ist der erste Tag, an dem ich lebe ... Du bist das Leben ... Du bist das Glück ... Du bist das Licht ... Du sollst mich erlösen ... Laß sie doch reden ... Was liegt daran ...?« »Ich will ja nur dein Glück, Leo ... Unser Glück ... Aber es muß auch wirklich Glück sein ...« »Wenn das nicht Glück ist ...« »Der Tag, an dem du mir später jemals einen Vorwurf machen würdest, der wäre mein Tod ...« Er schob lachend, mit einer Handbewegung durch die Luft, Welt und Menschheit weit von sich. Er wurde unruhig, fieberig geschäftig. Er überlegte. Eine wilde Jagd von Gedanken flog schattenhaft über seine Stirn. »Es wird keine Schwierigkeiten geben ... ich weiß es ... Ich kann bald frei sein ... Wir könnten in England heiraten ... Da geht es schneller ... Ich fahre voraus, wenn es soweit ist ... ich ordne alles ...« Die Ungeduld trieb ihn mit langen Schritten durch das Zimmer hin und her. Zwischen dem Baumgrün des Parks blauten draußen glitzernde Flächenstücke der Außenalster. Man konnte sich einbilden, das sei schon das Meer. Das weite Meer. Man führe hinaus in die Ferne. Er stand neben Klothilde, er streichelte zärtlich ihre Schultern er fuhr ihr mit sanfter Hand über das reiche, kupferbraune Gewelle des Haars, er küßte ihre blassen Wangen, er liebkoste sie wie ein Kind. »Nur Mut! Nur Mut! Fürchte dich nicht vor dem Leben! Man muß es nur tüchtig anpacken! Dann gibt es sich ... übers Jahr sieht die Welt für uns beide schon anders aus! Da haben wir das Schwerste hinter uns ...« »Ich hab es schon ... Aber du ...« »Um mich sorge dich nicht!... Ich breche mir rücksichtslos meine Bahn ...« In diesem Augenblick klang ihm seine eigene Stimme sonderbar fremd im Ohr. Es war, als hätte ein anderer gesprochen. Es war eine unheimliche Sekunde. Sie wehte vorüber. Klothilde schaute aus ihren heißen, hellbraunen, feuchten Augen zu ihm auf. Sie sagte wieder: »Ich habe keine Pflicht mehr. Ich habe keine Familie. Ich habe auch kein Vaterland mehr, wenn du willst. Ich bin nur noch ein Mensch, der liebt! ... Aber du ...« Immer dies: Aber du ... Er zuckte zusammen. Wurde fast ungeduldig. »Laß das: ›Aber du‹! Ich kann es nicht mehr hören ...« »Ich muß es aber sagen ...« »Nimm mir nicht den Mut! Ich brauch ihn! Ich brauche ihn wahrhaftig. Ich habe ihn auch! Pah ... Was ist denn das Leben? Ich hab früher, in fremden Erdteilen, mein Leben als junger Kerl oft genug zum Spaß aufs Spiel gesetzt, bis sie mich in Lütthahn eingefangen haben! Mit dem bißchen Leben wird man doch weiß Gott noch fertig ...« Dabei ging es ihm durch den Kopf: Aber sie haben dich eingefangen. Du bist hinter Schloß und Riegel. Vorläufig. Du spottest der Ketten, die noch gar nicht zerbrochen sind ... »Ich bin bei dir ... ich bin bei dir ...« Er wollte sie leidenschaftlich in seine Arme, vom Stuhl empor und an seine Brust, reißen. Aber sie sprang jäh von selber auf. Entzog sich ihm mit einer angstvollen Bewegung. Trat schwer atmend zwei Schritte von ihm zurück. Er starrte sie erschrocken an. Es schien ihm wie eine düstere Vorbedeutung. Dann erst begriff er. Die Tür hatte sich geöffnet. Ein Hamburger Häubchen erschien in ihrem Spalt. Das Kleinmädchen wollte in dem Zimmer abstäuben, das sonst um diese Zeit immer leer war. Sie war selbst betroffen. »Oh ... Verzeihung! ... Ich hab geglaubt, gnädige Frau sei unten beim Frühstück ...« Die beiden waren allein. Aber der Hauch aus fremdem Munde hatte den heißen, farbigen Schmelz dieser Stunde abgestreift. Man hörte wieder draußen das Läuten der Pferdebahn, das Kläffen von Hunden, sogar von unten, durch die offenen Fenster, die nüchterne, langsame Stimme Henry Lüdingworths, der sich beim Essen mit seiner Frau und seiner Mutter unterhielt. Klothilde streckte mit einem schmerzlichen Lächeln ihre Hände aus. »Ich muß jetzt hinunter ...«, sagte sie. »Bleib ... bleib!« »Es fällt sonst sogar den Dienstboten auf! Es wird so schon genug über mich geredet seit Jahr und Tag.« Er küßte ihre zitternden Fingerspitzen. Ihren blassen Mund. Er ging nach der Türe. »Heute nachmittag komme ich wieder, Klothilde.« Sie erwiderte nichts. Jetzt hielt sie noch einmal auf der Schwelle seine Hände fest. Es war wie eine Angst beim Abschied, als wollte sie ihm jetzt sagen: Bleib ... bleib ... Aber es war nur in ihren Augen zu lesen. Ihre Lippen blieben stumm. Unten hörte man den Diener kramen und mit Geschirr klirren. Leo Nimis ging an ihm vorbei auf die Straße. Und es war ihm in dieser prallen, brennenden Hundstagshitze, in diesen Wellen der Menschen über die Lombardsbrücke und auf dem Jungfernstieg, in denen schwarze und bräunliche Gesichter des Welthafens auftauchten und englische Worte und unverständliche Sprachbrocken da und dort ans Ohr schlugen – es war ihm wie eine ferne Erinnerung an Indien, wo der Mensch, wenn er wollte. spurlos, wesenlos, namenlos in der Masse untertauchte, nur noch ein Sandkorn der Schöpfung mehr war und seinem eigenen früheren Ich fremd, und er sagte sich hoffnungstrunken: So werde ich auch aus meinem Leben verschwinden und hinausgehen als ein Mensch ohne Schatten und Vergangenheit und als ein neuer Mensch ein neues, glückliches Leben beginnen. Diese Vorstellung erfüllte ihn mit tiefer Ruhe. Er dachte sich, schon wieder im Rausch der Zukunft: Ich bin ja hier schon halb in der Zukunft darin. Ich gehe hier durch eine fremde Stadt und fremde Welt. Ich kenne kein Menschengesicht unter den Tausenden, die mir begegnen. Ich brauche niemand zu grüßen. Niemand weiß, wer ich bin. Selbst im Gasthof habe ich mich unter fremdem Namen als Mr. Walter aus den Vereinigten Staaten eingeschrieben... Er betrat das Hotel. Ging achtlos an der Portierloge vorbei. Aber der Mann griff an die goldbetreßte Mütze: »Ihre Briefe ... bitte ...« Leo Nimis blieb unwillig stehen. »Briefe? ... Ich erwarte keine Briefe...« »Eben aus Berlin nachgeschickt ... Ein ganzer Haufen...« »Ich habe im Berliner Hotel gar keine Adresse hinterlassen...« »Dort haben sie sie auch einfach nach Hamburg, zu erfragen in einem der ersten Hotels, adressiert...« »Die Post kann mich hier gar nicht finden...« »Aber Mr. Walker«, sagte der hinzugetretene Hotelier, mit einem verständnisvollen Lächeln. »Sie kennt man doch überall auf der Welt...« »Wieso?« »Ich hab Sie doch schon vor zehn Jahren als Obersteward auf der ›Cumbria‹ zwischen New York und hier bedient. Vor zwölf Jahren war ich zweiter Manager im Royal Hawaiian Hotel, wo Sie sich damals wegen der Zuckerraffineriebauten in Honolulu aufhielten! Na – und dann in Japan ... da haben Sie doch damals monatelang im Klubhotel in Yokohama bei uns gewohnt... Sie kennt doch jedes Kind, Mr. Walter ...« »Das ist eine Verwechslung, mein Bester ...« »Ich hab dem Postboten gesagt: Geben Sie nur ruhig her! Ich nehm es auf meine Kappe! Herr Nimis wohnt zwar diesmal, jedenfalls aus Geschäftsrücksichten, hier in Hamburg unter einem andern Namen. Aber er ist es natürlich. So ... bitte ... Hier ist Ihre Post, Mr. Walker. An die vierzig Stück.« Da war die verlassene Welt wieder. Da griff sie nach einem mit Dutzenden von Armen, wie ein Polyp mit seinen Saugnäpfen tastet. Leo Nimis dachte sich: Ich kann das, was mir andere Menschen schreiben und anvertrauen, doch nicht auf den Boden der Hotelhalle werfen. Ich muß es noch selbst hinauf in mein Zimmer tragen. Aber dort weg damit ... fort ... fort ... in die Ecke ... in Zorn und Grimm ... so ... Da stäubten die Briefe und blätterten sich und lagen stumm im Winkel auf dem Teppich. Er saß und sah die verschlossenen Umschläge an. Aus denen strömte eine lähmende Macht. Der Zwang der Gewohnheit zog immer wieder seine Blicke auf sie. Er hatte gute Augen. Er las auf zehn Schritte, von der anderen Wand des Zimmers her, die einzelnen Aufdrucke der wohlbekannten Welthäuser, mit denen die Lütthahner Werke in Geschäftsverbindung standen. Er wußte, welche millionenschweren Offerten, Abschlüsse, Entscheidungen für Handel und Wandel, für Wohl und Wehe von Direktionen, Arbeitern, Aktionären, Erfindern sich unter der dünnen Papierhülle bargen. Ach was! Einmal mußte Schluß gemacht werden! Zurück damit nach Lütthahn! Möge sich mein Nachfolger dort mit dem verzögerten Krempel abfinden! Es geht in einem hin! Aber da lagen noch andere Briefe achtlos auf dem Boden. Die trugen keinen Vordruck. Die Ausschrift: »Herrn Generaldirektor Leo Nimis« stand in Tintenzügen darauf. Er erkannte die Hand seiner Frau. Er biß die Lippen zusammen. Da war noch ganz seitwärts, einsam wie ein verirrtes Schäfchen, ein schmales Kärtchen, sorgfältig mit Bleistift liniiert, darauf mit großen, ungeübten und unsicheren Krakelfüßen sein Name. Also das war die große Überraschung, von der sie neulich geheimnisvoll bei Tisch gewispert hatten. Nun ja: der Älteste ging ja jetzt eben ins siebente Jahr. Er brachte zur Not schon die paar Worte fertig, und unten auf der Ansichtspostkarte vom Niederrhein: »Tausend Küsse von allen Dein Ottonie.« Er fühlt ein bitteres Naß in den Augen. Er konnte die Briefe von Frau und Kind doch nicht auf dem Teppich herumfahren lassen. Er erhob sich, bückte sich nach ihnen, legte sie vorsichtig auf den Tisch. Setzte sich wieder. Nach einer Weile erschien es ihm unrecht, sie nicht zu lesen. Man mußte doch wissen, was daheim geschehen war, solange man noch für diese kleine Welt dort verantwortlich war. Er stand von neuem auf. Öffnete den Brief Ottonies. Es war nichts Besonderes darin. Gott sei Dank. Der ahnungslose Tagesbericht eines mitten im Umtrieb befindlichen Pflichtmenschen, etwa so, als ob ein Beamter dem anderen Meldung erstattet. Der Alltag staubte grau wie immer aus den vier Blättern. Aber der Alltag war nun da. Er hatte noch viele Zeichen in den wohlbekannten Handschriften da am Boden. Man konnte schließlich den Brief des Schwiegervaters da auch nicht liegen sehen. Auch nicht den des angeheirateten Schwagers Mettenberg. Und auch nicht den des Vetters Robert. Ebensowenig den des Max, des Bruders der eigenen Frau ... Er nahm die Schreiben, riß sie wild auf, durchflog sie. Die ewige Leier ... das alte Lied ... Der alte Buschbeck vom Krankenbett: Puddelstahl ... neues Schweißverfahren ... saurer Bessemerprozeß ... Der fromme Graf Mettenberg aus Schloß Abdinghof: Mehr Rücksicht auf den christlichen Bergarbeiterverband ... Der rote Vetter Robert: Mehr Verständnis für die Forderungen des arbeitenden Volks. Der Landrat ... privatim ... ganz vertraulich: Bitte, im Interesse der Regierung, nur nicht die Karre zu sehr nach links! Der Schwager Max Buschbeck: Geld! ... das war noch das Einfachste: Geld ... Geld ... Jeder wollte etwas von ihm. Kein Brief ohne eine Bitte, ein Drängen, einen versteckten Befehl. Er stieß den ganzen Stapel von sich. Starrte ihn feindselig an, die Stirn in die Hohlhand gestützt. Hinter dieser Stirn braute es: Eigentlich haben diese Leute ja alle recht. Es sind alles Shylocks. Sie fordern jeder sein Pfund von deiner Seele, kraft ihres Scheins, laut des Vertrags: Du mußt für sie arbeiten. Dafür gaben sie dir die Tochter des Hauses zur Frau. Die drüben haben den Vertrag erfüllt. Also mußt auch du ... Pah ... weg damit ... weg ... in den Koffer ... So ... aber die Gedanken kann man nicht miteinpacken ... die drehen sich wieder langsam wie ein Mühlenrad, das das gewohnte Wasser empfängt, im Kreise. In der alten Angst um die andern. Herrgott, was mag alles in den Geschäftsbriefen da am Boden stehen? Was wird da versäumt? Was für Dummheiten geschehen da infolgedessen womöglich zu Hause? Wieviel Geld kann da verlorengehen? ... Er sagte sich mit Schrecken: Es ist nicht dein Geld! Es ist fremdes Hab und Gut. Man hat es dir anvertraut. Du bist doch ein anständiger Mensch. Du darfst die Firma nicht in den Dreck reiten. Auch nicht einen Zoll weit. Es ist ja nur noch heute ... nur noch ein paar Tage ... dann bist du abgelöst ... Nun las er auch noch die Geschäftsbriefe durch, machte Randbemerkungen, schrieb sich Notizen in sein Taschenbuch ... warf alles in die Mappe .. Die Mappe in den Schreibtisch ... den Schlüssel herum ... so ... Jetzt war man frei ... Nein ... das Zimmer dämmerte grau vom Rauch und Nebel von Lütthahn, so hell auch draußen die Sonne schien. Ein Summen und Brummen war im Ohr wie von den fernen Riemen und Rädern der Fabriksäle ... Menschenlaute ... unbestimmt ... massenhaft wie von Tausenden, die ihren Herrn suchten ... ein verwaister, ratloser Stock von Arbeitsbienen ... Dann, scheinbar ganz nahe, die ruhige, selbstverständliche Stimme einer Frau ... seiner Frau ... helles Kinderlachen ..., Kamillchen ... heul nicht ... sie dürfen dir nichts tun ... Ihr sollt euch nicht immer wie die Indianer mit Kopfkissen schmeißen. Otto und Peterli! Der Papa wird euch schon zwiebeln, wenn er wiederkommt! ... Er sprang auf, eilte aus dem Zimmer, in dem die Wände sprachen, lief durch die Straßen Hamburgs, stand am Hafen. Da war wieder Arbeit. Die Arbeit überall. Auf den Werften drüben, an den Kranen und im Bauch der Schiffe, in den Schuppen und Speichern. Durch die Fleete. In den Kontoren. Ein ungeheurer Ameisenhaufen wimmelt, verwirrend geschäftig, an den Ufern der Elbe. Unzählige Hämmer tönten im Takt: Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Alle die Leute umher, Arbeiter und Fuhrleute, Makler und Matrosen und Maschinisten, Bootführer und Bankboten, Kaufherren und Kapitäne, trugen auf ihren Gesichtern, hastig oder bedächtig, die Pflicht des Tages. Sie sprachen vom Geschäft und von der Arbeit und von sonst nichts. Und wenn heute, gerade heute, in tiefernst beisammenstehenden Gruppen ein paar andere halblaute Worte fielen, dann waren sie ein Widerhall aus dem Sachsenwald. Die Schatten von Friedrichsruh lagen auf besorgten Gesichtern: Bismarck im Sterben. Deutschland vielleicht schon morgen ohne Bismarck. Hamburg ohne den Mann der Vorsehung aus dem Binnenland, der es von neuem zur Königin der Meere gemacht ... Leo Nimis stand vereinsamt in dem eintönigen Brausen. Zum erstenmal schien ihm seine eigene Welt fremd. Er sagte sich: Ich will ein Mann ohne Schatten sein. Nun bin ich es schon im Geiste. Er atmete auf. Einer der Ozeanriesen, der im Strom lag, hatte sich fast geräuschlos von seiner Vertauung gelöst, trennte sich ohne Gruß, ohne Abschied von den Nachbarschiffen, schwamm langsam mit der Elbe abwärts, mächtig die niederen Bauten am Ufer überragend, dampfte dem Meer zu, irgendwohin, hinaus in die Weite. Der Ostindien- oder Amerikafahrer gab einem Mut. Der wies mit flatternden Wimpeln den Weg. Die Welt war groß. Leo Nimis wurde ruhiger. Die alte Entschlossenheit kam zurück. Er drehte sich trotzig auf dem Absatz um. Ging, ohne rechts und links zu sehen, seines Wegs und sagte sich: Diese Anwandlung von Schwäche ist vorbei. Die muß jedesmal niedergekämpft werden, sobald sie sich regt. Wenn ich jetzt wieder in mein Zimmer trete, haben die Wände keine Zungen mehr und ich kein Ohr mehr für sie. Alles ist da still. Aber mitten auf dem Tisch schimmerte weiß ein Brief. Wieder aus Berlin nachgeschickt. Ein Eilbrief aus Darmstadt. Die Handschrift des Vaters. Wenn der stille, alte Herr aus seinem Altenteil heraus mit Eilboten schrieb, dann hatte es etwas Besonderes zu bedeuten ... Da griff es von neuem nach einem ... Hände ... überall Hände, die aus dem Boden wuchsen ... die aus den Wänden herauslangten ... Die einen haschen und halten wollten ... Leo Nimis biß die Zähne zusammen. Er öffnete: »Lieber Leo! In höchster Eile: Wie ich Dir zugleich mit diesen Zeilen telegraphierte ...« Er stutzte. Hob die Augen. Überdachte: Nein – ich habe keine Depesche erhalten ... Las weiter: »... telegraphierte, hat sich unser armer Camillo gestern erschossen. Den Anlaß ahne ich. Ich werde ihn in Wien erfahren, wohin ich in einer Stunde abreise. Hadere nicht mit dem Ärmsten! Ein Mann von Deinem unerschütterlichen Verantwortlichkeitsgefühl und eisernen Pflichtbewußtsein wird es nicht begreifen, daß man sich, welches die Gründe auch sein mögen, aus freiem Entschluß mutlos den Prüfungen, den Lasten und den Leiden entziehen kann, die das Leben nun einmal keinem von uns erspart – daß man auf den weiten, herrlichen Wirkungskreis, für deutsche Art in Österreich einzutreten, verzichten kann, den er sich selbst geschaffen –, daß man sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut, verlassen kann. Du würdest so etwas natürlich niemals können. Du könntest nicht einmal an so etwas denken! Aber es sind nicht alle so stark wie Du. Drum richte nicht! Ich denke milder. Ich bin alt. Mir tut das Herz weh. Ich fürchte, ich habe nicht nur meinen Schwiegersohn, sondern für dies Leben auch meine Tochter verloren. Ich habe dann nur noch Dich. Du bist mein alles und mußt es mir in Zukunft erst recht sein. Wenn ich an Dich denke, dann habe ich eine tiefe Ruhe: Wer sich an Dich hält, der steht fest! Du bist so stark und treu und zuverlässig für alle, die sich Dir anvertrauen, wie keiner! Ich schreibe Dir gleich aus Wien. Grüße Ottonie und die Kinder. Danke Gott, daß es bei Dir anders aussieht als in Wien und Deine Ehe so ungetrübt ist! Dein Dich zärtlich liebender Vater.« Nun sah Leo Nimis noch einen zweiten, grauen Briefumschlag auf dem Tisch. Darin war eine Depesche, die ihm als Brief nachgesandt worden war. Er schob sie mit zitternder Hand, mechanisch, in die Rocktasche. Das Schreiben des Vaters hinterher. Er hatte Scheu, es zu berühren. Es war, als brannte es ihm zwischen den Fingern. Er dachte nicht an Camillo Fronhofer, sondern an sich selbst. Er dachte sich: So ist jetzt noch mein Bild vor den Menschen ... vor meinem Vater ... jetzt noch ... Und plötzlich drang ein langes Heer von Gedanken auf ihn ein. Umzingelte ihn. Umzischelte ihn. Blies ihm giftig, höhnisch ins Ohr: Der Camillo Fronhofer – das bist du ja selber! Heute noch nicht! Aber morgen. Er warf zornig den Kopf zurück: Er widerlegte sich selbst: Ich hab' mit dem Camillo Fronhofer nie etwas gemein habt: Wir haben uns nicht verstanden. Mir war er immer zu weich. Ich mag die Träumer und Gedankenspinner nicht ... Aber die Gedanken spannen sich, ohne das er es wollte, in seinem Kopf. Es war eine Stimme im Zimmer, die sagte ihm, und er hörte mit Schrecken seine eigene Stimme: Ihr beide seid doch einander gleich. Du und der Camillo. Einer wie der andere. Er ist in den Tod gegangen, aber man kann auch in das Leben gehen. Man kann nicht nur sterben, man kann auch leben, und es ist doch dasselbe: Es ist Angst vor dem Leben. Es ist für den, der Pflichten hat, Fahnenflucht vor der Pflicht ... Fahnenflucht vor der Pflicht ... Leo Nimis war plötzlich ganz ruhig geworden, oder es schien ihm wenigstens so. Er rüstete sich zum Ausgehen. Sah aus die Uhr. Es war schon über die vierte Nachmittagstunde. Zeit für den neuen Besuch drüben in Harvestehude. Er tröstete sich im Treppenhinabsteigen selbst: Das sind nur die letzten Zuckungen und Zweifel, mit denen ich mich gewaltsam von dem Gewesenen losreiße. Das schmerzt. Aber es liegt bald alles hinter mir. Wenn ich erst drüben in Harvestehude sie wieder mit Augen sehe, dann bin ich wieder der, der ich seit gestern bin und in Zukunft sein will ... Ein Kiesweg führte von dem Eisengitter des Einfahrttors durch den Gartenpark zum Hause des königlichen Kaufmanns. Leo Nimis schritt hastig, ohne rechts und links zu sehen, bleich vor fiebernder Ungeduld, dem Treppenaufgang zu. Da hörte er aus einer Baumgruppe neben sich seinen Namen in einem gastlichen, trocken gemütlichen Tonfall. Henry Lüdingworth saß da, eben nach Kontorschluß von seinem Geschäftshaus, dem Lüdinghof in der Brandstwiete, heimgekehrt, und nahm den Fünfuhrtee im Kreis der Seinen im Laubschatten, unter dem schon etwas Abendkühle wehte. Seine hochbetagte Mutter saß da, die verwitwete Frau Hyma Lüdingworth aus dem Welfenstamm der von der Venne, seine Frau aus Lübecker Patrizierhaus, und zwischen ihnen, in einem weißen Kleid, auf dem vereinzelte Sonnenlichter durch das Blätterdach herab spielten, Klothilde. Es war ein friedliches Alltagsbild, wie man es überall sehen konnte. Es gab Leo Nimis einen Stich ins Herz. Er kam sich plötzlich als ein Eindringling vor. Aus einer Ecke des Gartens hörte er das helle Kreischen und Tollen von Kindern. Er trat mit verdüstertem Antlitz an den Tisch. Henry Lüdingworth war ein Weltmann. Er tat, als sei gar nichts Besonderes los. Er erhob sich und stellte den Gast vor. Seiner Frau. Dann seiner Mutter. Er mußte laut reden, um sich der tauben alten Dame verständlich zu machen. »Herr Nimis und ich kennen uns schon von unserer Göttinger Studienzeit her. Ganz am Platz haben wir uns da ja wohl nie so recht gefühlt. Herr Nimis ... Sie als halber Deutschamerikaner und ich als Hamburger in dem Binnenstädtchen. Ich habe es Ihnen damals gleich angemerkt, wie Sie verdutzt zwischen den wilden Cimbern saßen. Ich hab aber stillgeschwiegen. Schweigen ist meist das Beste.« Daß man auch mit Worten schweigen könne, zeigte er, indem er, als Leo Nimis sich gesetzt und stumm Klothilde die Hand gedrückt hatte, unbefangen bei der Zigarre und über die Teetasse hinweg, in seiner bedächtigen, langsamen Weise das Gespräch sofort ins Weite ablenkte: »Sie wissen, wie es in Friedrichsruh steht, Herr Nimis?« »Ja ... Ich hörte es ...« »Wir werden bald die Flagge auf halbstock setzen müssen. Nächstes Frühjahr haben wir hier mit großem Prunk ein Festmahl an Bord des Dampfers ›Fürst Bismarck‹. Aber der Fürst selber wird nicht mehr unter uns sein ... Wir haben ihn ja auch schon lange abgetakelt in Deutschland ...« Der große Reeder streifte gedankenvoll die Havannaasche ab. »Vorher haben wir kommenden Juni feierliche Schiffstaufe in Kiel. Gleich darauf Festregatta in der Heimat meiner Frau, in Lübeck. Enthüllung einer Gedenktafel an den Großen Kurfürsten auf dem Sperenberg. Ein paar Wochen später feierliche Einweihung des Dortmund-Ems-Kanals. Im Herbst wieder hier in Hamburg festlicher Stapellauf des ›Kaiser Karl der Große‹. Feste über Feste! Den Engländern klingen die Ohren, statt daß wir mäuschenstill unsere Arbeit tun. Und das sind nur die großen nächsten Feiern hier an der Wasserkante. Aber so geht es das ganze Jahr hindurch rastlos rundum im ganzen Reich ...« »Unsere Verwandten schreiben aus Hannover ...«, sagte seine Frau. »Da ist schon im Januar abermaliger feierlicher Einzug auf dem Waterlooplatz. Im Februar Denkmaleinweihung in Berlin. Guido muß als Kammerherr dabei sein. Er schickt eine Liste: Sängerfest in Kassel. Hundertjahrfeier in Charlottenburg. Denkmalenthüllung in St. Privat. Festmahl in Karlsruhe und Stuttgart. Feierlichkeiten in Straßburg. Es wird einem ganz schwummerig ...« »Und Bismarck stirbt ...« Henry Lüdingworths kluges, nüchternes Kaufmannsgesicht schaute besorgt in die Weite und über See, »und inzwischen fressen die Engländer still weiter die Welt. Eben sind sie wieder dabei, ihr Hongkonggebiet zu verzehnfachen. Matabeleland, Uganda, das Aschantireich, Nigeria, ganze Brocken von Afrika haben sie allein in den letzten fünf Jahren geschluckt. Das Tschitralland in Asien so nebenbei auch. Jetzt gehen sie daran, den ganzen Sudan zu kapern! Aber ohne jede Festlichkeit, Kinnings! Ohne Denkmalsenthüllungen! Ohne dreimaliges Hurra! Mit nicht mehr Geräusch, als wenn ich meine fälligen Wechsel einziehe. Na ... Gott besser's!« »Nun – und wie gehen die Geschäfte am Rhein, mein lieber Generaldirektor?« wandte er sich dann lebhaft an Leo Nimis. »Was meint Ihre Schwerindustrie zu dem amerikanischen Hochschutzzoll? Wie finden Sie sich denn mit der Dingleybill ab?« Leo Nimis schaute ihn schweigend an. Er, der Großindustrielle, fand keine Antwort. Es ging ihm durch den Kopf: In welcher Welt lebe ich? In dieser hier? In meiner? In einer, die nicht ist? ... Nicht sein kann? Die ich mir erst aus dem Boden stampfen muß, um an sie zu glauben? ... Er sagte ein paar Worte. Sie klangen ihm selber leer. Er fragte sich, in einem Schauer, in einer Einsamkeit wie in einem luftleeren Raum: Bin ich verrückt? Oder sind es diese Menschen hier, die Tee trinken und sticken und rauchen und von Geschäften sprechen wie jeden Tag? Und dabei geht doch die Welt unter. Wenigstens meine Welt ... Er schaute angstvoll von der Seite auf Klothilde. Sie saß stumm da, mit starrem Gesicht, und rührte sich nicht. Gott sei Dank ... da lärmte und lachte etwas um die Ecke in das schwere Schweigen. Kinderstimmen ... flatternde Röcke ... eine wilde Jagd hinter den Reifen her über den Rasen. »Kommt mal her, ihr kleines Volk! Sagt dem Onkel schön guten Tag!« Henry Lüdingworth strahlte väterlich und stellte seine Töchterchen vor, zwei richtige Hamburger Backfische mit offenem Haar und lustigen Augen. Dann war da noch ein Knabe, etwas jünger als die Gespielinnen, ein Kind von etwa zehn Jahren, mit einem schönen, beinahe südlichen Gesicht und großen, dunklen Augen. Klothilde von Spängler strich ihrem Sohn über das Haar. »Gib dem Onkel die Hand!« sagte sie. Der Kleine machte wohlerzogen seinen Diener. Er stand zutraulich an Leo Nimis' Knie gelehnt. Er war erhitzt vom Laufen. Seine Wangen rot. Leo Nimis hielt seine kleine Hand und schaute ihn an. Und dachte sich: Er ist schön. Schön wie die Mutter. Viel schöner als mein Ottole mit seinem Stiftenkopf und den etwas abstehenden Ohren und auch als das kleine Mickerchen, der Peter ... Aber mir so fremd ... so fremd ... Und ein ungläubiges, fröstelndes Widerstreben bei der Vorstellung: das soll künftig mein Sohn sein ... und meine Söhne nicht mehr die meinen ... Henry Lüdingworth entließ den Jungen mit einem Klaps auf die Schulter. »Na – Sie haben ja auch solch Kroppzeug daheim, Herr Nimis?« »Ja.« »Wie alt ist denn der Stammhalter?« »Ein paar Jahre jünger ...« Leo Nimis sagte es mit trockener Kehle und sah dem davonspringenden kleinen Märchenprinzen nach. »Der einzige?« »Nein. Ich hab zwei Jungen.« »So verteilt sich's eben! Wir haben bloß zwei Mädel!« »Ich hab auch noch ein Töchterchen ...« »Ach ... wie heißt es denn?« erkundigte sich die junge Frau Lüdingworth freundlich. »Camilla ...«. sagte Leo Nimis. »Nach meinem Schwager ... Und wollte hinzusetzen: Der sich eben erschossen hat ...« Er schwieg. Wieder grauten Schatten umher im hellen Abendsonnenlicht. Standen greifbar vor ihm auf dem grünen Rasen: das Kind, das in das Leben ging ... Der Mann, der aus dem Leben gegangen war ... Alles mahnte ... warnte ... wieder wuchsen die Hände aus der Erde ... haschten nach ihm .. hielten ihn fest ... Er ergänzte, zu Frau Lüdingworth gewandt: »Camillchen ist unser Nesthäkchen! Noch nicht drei Jahre ...« »Und die ganze kleine Gesellschaft wohlauf?« »Ja. Danke. Gewiß!« »Ihre Gattin ist gewiß eine recht gute Mutter?« »Die ist überhaupt ein sehr pflichttreuer Mensch«, sagte Leo Nimis mühsam. »Ja, das hört man immer von ihr.« »Seien Sie froh!« versetzte der Herr des Hauses, und die paar gleichmütigen, über die Zigarre hinweggesprochenen Worte in freundlichem Hamburger Tonfall rollten in Leo Nimis wieder jäh eine Reihe von Gedanken auf: Ich habe eine pflichttreue Frau daheim, die mich liebt ... ich habe blühende Kinder ... ich darf ja gar nicht fort ... Der weltkluge, wortkarge Reeder ihm gegenüber erschien ihm auf einmal unheimlich. Das klang so selbstverständlich und alltäglich, was der in seiner Gelassenheit beiläufig jetzt eben beim Tee zur Rede gebracht hatte ... Erkundigung nach den Geschäften ... nach Frau und Kindern ... Und in den beiden, scheinbar nichtssagenden, höflichen Fragen lag doch die ganze Welt. Lag das Menschenleben, Arbeit und Heim, Pflicht und Liebe. Und das wußte der drüben auch wohl, so unerschütterlich gelassen er sich auch die neue Havanna anzündete. »Sie wollen schon gehen, Herr Nimis?« Leo Nimis hatte sich jäh erhoben. Er verabschiedete sich von dem Reeder und den Damen. Er hielt Klothildes Hand und fühlte, daß sie eiskalt war, und schaute sie an und konnte nicht lesen, was in ihren Augen stand, und wandte sich ab und ging dem Gittertor zu. Auf halbem Weg hörte er hinter sich leichte, schnelle Tritte und machte mit einem wilden Herzklopfen halt und blickte zurück. Sie war ihm gefolgt. Sie stand neben ihm. Noch im Garten, aber schon dicht an der Straße, lief längs des Eisenzaunes ein Weg zwischen Büschen und Beeten. In den bogen sie ein. Schritten ihn bis zum Ende und wieder zurück, hastig, die Augen vor sich auf dem feingeharkten Sand, schwer atmend, lange Sekunden stumm ... »Heute nachmittag war nicht die rechte Stunde, Klothilde ... Ich komme morgen wieder ...« »Du kannst nicht immer wieder hierherkommen ...« »Ich muß ...« »... oder du mußt dich Lüdingworth erklären, weshalb du kommst! Und dann wird er dich gerade bitten, nicht mehr zu kommen ... ehe nicht die Entscheidung gefallen ist ...« »Die Entscheidung werde ich erzwingen ... bald ...« Es war ihm entsetzlich: Er sah die Zweifel an der Möglichkeit, diese Zweifel, die er selbst immer wieder mit allen Kräften in sich niederkämpfte, gleich Schatten seiner eigenen Seele drüben, auf ihren blassen, starren Mienen. »Ich mache mich frei, Klothilde ...« Sie schwieg. »Und du, Klothilde, kannst dich doch auch äußerlich ganz freimachen. Du brauchst doch nicht in diesem Haus zu bleiben. Du kannst doch hinziehen, wohin du willst. Wir können uns sehen, so oft wir wollen ...« »Ich werde das Dach meiner Verwandten nicht verlassen. Ich darf es nicht. Gerade jetzt nicht. Unter ihm ist mein guter Ruf geborgen, den ich mir Gott sei Dank aus der Scheidung gerettet habe ...« »Trotzdem ... du mußt das so auffassen wie ich ...« »Dazu ist unsere Stellung zu verschieden! Ich bin eine geschiedene Frau. Du bist ein verheirateter Mann. Du bist noch verheiratet, Leo ...« »Ja ... noch ...« »... und mir können nicht eher irgendwie zusammenkommen, bis wir einander gleich sind ...« »Das kann ein Jahr und länger dauern ...« »Es muß getragen werden. Mein Sohn soll einmal jedem ins Auge sehen können, wenn von seiner Mutter die Rede ist ...« Er schwieg. In seinem Kopf drehte sich ein Mühlrad: ein Jahr ... oder mehr ... und unterdessen Kämpfe in Lütthahn ... Zwiespalt in sich ... kein Boden unter den Füßen ... Die Welt im Nebel ... und Einsamkeit um einen ... Einsamkeit ... »Denkst du denn gar nicht an mich, Klothilde?« »Ich muß an mich denken ... so heiß ich dich liebe ... Gerade um deinetwillen ...« »Haben dir das deine Verwandten hier eingeblasen?« »Ich habe mit ihnen über nichts gesprochen. Überhaupt mit keinem Menschen. Sie denken sich nur ihr Teil, wie wohl bald jeder. Wenn jemand mir sagt, was ich tun muß, dann ist es mein Onkel Louis Ferdinand ...« »Er ist ja seit einem Jahr schon tot.« »Man kann tot sein und doch in anderen Menschen leben, Leo. Ich habe das unendliche Glück gehabt, noch als halbes Kind aus meinem halbverwaisten und zusammengebrochenen Elternhaus in sein Haus zu kommen. Ich fühle mich fast wie seine Tochter. Man kann mit einem Mann wie ihm nicht seine halbe Jugend zusammengewesen sein, ohne daß etwas von ihm auf einen überging. Er hat allen gegeben, die um ihn waren, sein Leben lang. Er hat mir oft, als ich älter und vernünftiger wurde, halb im Scherz gesagt: ›Hüte dich vor mir! Nimm dir mich nicht zum Beispiel! Ich bin ein ganz einseitiger, verstockter, alter Preuße!‹ ... Aber in seiner Einseitigkeit war er ein ganzer Mensch!« »Das war er.« »Von meinem Mann ... meinem früheren Mann ... habe ich nichts fürs Leben empfangen. Aber was ich vorher und auch noch während meiner Ehe von Onkel Louis Ferdinand empfing, das wirkt fort. In dem Sinn will ich auch meinen Sohn erziehen, damit er ein tüchtiger Mann wird und, wenn er erwachsen ist, einmal der Freund seiner Mutter. Nicht ihr Ankläger oder Richter. Du hast auch Söhne. Du weißt, was ich meine ...« »Rede mir nicht von den Meinen! ...« »Wenn ich im Zweifel bin, brauche ich mich nur zu fragen: Was würde Onkel Louis Ferdinand dir sagen? Dann weiß ich, was ich zu tun hab – auch jetzt, in der schwersten Frage meines Lebens! ...« Er holte schwer Atem. »Und was mußt du tun?« »Nichts, Leo! Ich darf nichts tun ...« »Du willst mir gar nicht helfen, Klothilde ... auf meinem schweren Weg ...?« Klothilde war stehengeblieben. Sie nickte. Mit einer seltsamen, traurigen und ruhigen Kopfbewegung. Es konnte Verneinung und es konnte Hoffnung sein ... »Ich bin mit mir zu Rate gegangen, Leo, die ganze Zeit, seitdem du fort warst, bis beinahe jetzt eben, wo ich zu meinen Verwandten herunterging ...« »Sprich doch ... sprich ...« »Niemand kann verlangen, daß ich mein Glück von mir stoße, nachdem das Leben mich schon einmal um mein Glück betrogen hat. Aber ich darf keinen Finger danach ausstrecken. Ich muß mich ergeben und warten, was du tust ...« »Klothilde ...« »Du mußt wissen, ob ich dir die furchtbaren Opfer wert bin, die du um meinetwillen bringen willst. Und du allein kannst auch nur wissen, ob du imstande sein wirst, diese Opfer zu verwirklichen ...« »Ich werd es ...« »Ich habe kein Recht, dich von deiner Frau und deinen Kindern und deinem Haus und deiner Tätigkeit und den tausend schweren Pflichten, die dich halten, zu trennen, Und ich will nicht, daß du mir jemals daraus einen Vorwurf machen kannst. Dazu bin ich zu stolz.« Sie ging mit ihm langsam dem Ausgangstor zu. »Den Stolz bin ich dir schuldig, Leo, und mir. Ich will nicht eine zweite unglückliche Ehe, über der fortwährend die Schatten der Vergangenheit liegen, auch um deinetwillen nicht. Ich habe alles hinter mir. Erst wenn du auch alles ganz hinter dir hast – von außen und von innen – dann darfst du zu mir kommen, und wir dürfen an ein künftiges Glück denken.« Leo Nimis hatte die Rechte auf die Torklinke gelegt. Aus der Straße neben ihnen kamen Leute vorbei. Sie gingen behäbig und unterhielten sich von Geschäften. Es war von tausend Ballen Santos und cif die Rede. Unter den Bäumen im Garten saß immer noch Henry Lüdingworth in unerschütterlicher Ruhe mit seinen Damen. Überall Augen. Ohren. Neugieriges Licht. Sie beide – er und Klothilde, konnten nur die Hand zum Abschied einander pressen. Es war ein langer, verzweifelter, stummer Druck. »Kämpfe das mit dir durch, Leo, wie ich es mit mir durchgekämpft hab ...« »Ich hab es ...« »Du bist erst am Anfang. Ich weiß es besser als du. Ich bin den Dornenweg schon gegangen. Deiner liegt noch vor dir und ist so viel schwerer ...« Es war noch so früh, daß man in der Morgenstille am Jungfernstieg durch das offene Fenster deutlich die Glockenschläge der Petri- und Jakobikirche hörte. Drüben, am Hafen, lärmte längst das Leben. Hier, um die Alsterbecken herum, ließ man sich noch Zeit. Die Köpfe hier gingen später an die Arbeit als die Hände dort. Tiefblau glänzten die Wasserflächen. Weiße Punkte von Schwänen darauf. Ein neuer, heißer Hochsommertag stieg empor. Vorbei die schwarze, schwüle, schlaflose Nacht. Da war wieder das Leben. Die Helle. Das ewige Heute. Leo Nimis stand bleich und übernächtigt und schaute vom Fenster seines Zimmers auf die in ihrer Morgenklarheit beinahe geheimnisvolle Welt hinaus. Er war müde und matt vom Wachliegen und mit geballten Fäusten und offenen Augen in das Dunkel hineindenken. Er wollte nicht mehr denken. Er konnte nicht mehr. Und doch hämmerte ihm ein Gedanke eintönig im Takt des Pulsschlags im Kopf: Durch! Durch! Es war eigentlich kein Gedanke. Es war Wille. Vielleicht lief der Wille schon leer, wie daheim ein Treibriemen von Lütthahn. Er wußte es nicht. Er war froh, daß es Tag war und man draußen frische Luft einatmen konnte. Er stieg erschöpft die Treppe hinab und ging ins Freie und wunderte sich, daß die Kleinmädchen da in den offenstehenden Hausfluren fegten und die Kontorangestellten nach den Handelshäusern wanderten und Herren mit Mappen unter dem Arm aus den Alsterdampfern kamen, als sei heute ein Tag wie jeder andere. Er schritt planlos am Ufer entlang. Bog am Alsterdamm um irgendeine Ecke und stieg eine Gasse empor. Geistesabwesend. Es war ja ganz gleich. Man ging wie im Traum. Hatte keine Berührung mit der Wirklichkeit. Mit dem Leben. Niemand kannte einen hier. Kein vertrautes Gesicht. Kein verhaßtes. Kein gewöhntes. Eine große Leere. Hier innen in der Stadt liefen schon alle Räder des Werktags, mit Menschengewimmel und Pferdebahngebimmel, mit dem Rasseln von emporschnurrenden Rolläden und von dröhnendem Baufuhrwerk. Die Steinstraße, durch die Leo Nimis ging, war breit. Kein Salzhauch vom Meer durchwehte sie. Sie war eine lange, lärmende Verkehrsader wie in irgendeiner Stadt irgendwo auf der Welt. Menschen ... Menschen ... Mühe des Lebens ... Pflicht dieses Morgens. Keiner, den nicht, so oder so, vom Armen bis zum Gutgekleideten, das Gebot des täglichen Brotes trieb. Nur ein kleiner, feiner alter Herr mit weißem Vollbart und dunklen, jugendwarmen Augen ging da zögernd, unruhig, ratlos hin und her schauend, ein Fremdling in dieser Stadt und ihrer Welt. Leo Nimis schaute ihn erst achtlos an. Dann machte er jäh halt. Stand starr, daß die Vorbeikommenden beinahe an ihn stießen. Machte eine Schulterbewegung, als wollte er hastig umdrehen. Und blieb doch, wo er war, und sagte sich: »Ich kann doch nicht vor meinem eigenen Vater davonlaufen ...« Der alte Achtundvierziger hatte ihn noch nicht bemerkt. Es wölkte sich zu viel Kummer und Sorge auf seinem freundlichen, kindlichen Gesicht. Er trug den Strohhut in der Hand und ließ sich die Morgensonne auf seinen immer noch dichtgelockten, schneeweißen Krauskopf scheinen. Er blickte nieder, streichelte väterlich einen kleinen Jungen, der ihm aus Versehen gegen das Knie gelaufen war, schaute wieder auf. Ein Blitzstrahl von Glück überleuchtete seine rosigen, fein geäderten Züge: »Leo ...« Sein Sohn gab ihm die Hand. Er wollte sprechen. Er konnte nicht. »Leo ... Gott sei Dank ... ich bin gestern abend von Hotel zu Hotel gefahren und habe nach dir gefragt. Niemand wußte etwas von dir ...« »Ich bin unter anderem Namen hier ...« Während Leo Nimis das sagte, sah er am Arm des Vaters den schwarzen Trauerflor. Der Vater hielt immer noch seine Hand fest: »Ich habe erst in Wien deinen Brief bekommen. Ich bin vom Begräbnis weg hierhergereist ... Ich hab nicht mehr aus und ein gewußt, als ich dich hier nirgend gefunden hab ... Ich war in Todesangst, daß ich zu spät komme! .. Leo ... sag mir, was ist inzwischen geschehen ...« Das Donnern eines vorüberpolternden Lastwagens übertäubte die Antwort. Es schien Leo Nimis beinahe lächerlich, daß er die Stimme verstärken und dem Vater ins Ohr rufen mußte: »Nichts ...« Der alte Herr atmete auf. Er zog den Sohn mit sich fort: »Komm irgendwo mit hin, wo es ruhiger ist ... Ich bin alt ... ich bin matt ... ich hab die langen Reisen hinter mir ... Der Straßenlärm tut mir weh ...« Leo Nimis wollte mit ihm umkehren. »Nein, mein Leo! Im Hotel suchen sie dich wieder mit Depeschen heim und klopft ein Geschäftsfreund nach dem andern an die Tür. Ich kenne das bei dir. Du kannst den Menschen nicht entgehen.« »Nein, da hast du Recht ...« »Ich will mit dir aus der Stadt hinaus ... wo wir in der Stille miteinander reden können ...« Vor ihnen lag der Klostertorbahnhof. Dem nickte der alte Achtundvierziger vertraut und andächtig zu, wie einem guten Freund. »Den Bahnhof kenn ich, Leo. Von dem bin ich schon mehr als einmal hinausgefahren in den Sachsenwald, um Bismarck zu sehen. Nur aus der Ferne ... Mehr wollte ich ja nicht ... Leo ... weißt du, was heute für ein Tag ist? Ich meine nicht für dich, sondern für uns alle ...« »Ja.« »Heute ist der letzte Tag, an dem wir Deutschen noch Bismarck haben ... wenn wir ihn noch haben! ... Heute wollen wir beide zum letztenmal in seiner Nähe im Sachsenwald sein. Das ist der rechte Ort für das, was wir uns zu sagen haben.« – Die Villen von Reinbek lagen nach kurzer Fahrt hinter ihnen. Die sonnendurchglitzerte, lichte Dämmerung des Sachsenwalds wölbte ihr Blätterdach über den beiden. Der Wind sang in den rauschenden Wipfeln sein Morgenlied. Weithin, scheinbar endlos, atmete unter dem tiefblauen Himmel das grüne Meer. Es war da unten, auf seinem Moosgrund, still und kühl wie in einer Kirche. Selbst die Schritte verhallten lautlos auf dem weichen Waldpfad. Nirgends war, in dieser frühen Stunde, ein Mensch zu schauen. Nur die unsichtbare Nähe eines Geistes webte durch den Wald. Hier ist Bismarck ... Hier war Bismarck ... Der alte Achtundvierziger hatte wieder das Haupt entblößt wie im Gotteshaus. »Es scheint dir und manchem ein Widerspruch,« sagte er, »daß ich, der einstige Freischärler und Mann der Freiheit, für Bismarck schwärme! Weißt du, warum?« Leo Nimis ging stumm, den Blick am Boden, neben dem Vater her. »Wir haben für die Freiheit gekämpft. Aber er hat uns gelehrt, die Freiheit richtig zu gebrauchen, Leo! Zur freiwilligen Unterordnung unter unsere selbstgewählte Pflicht. ›Ich dien!‹ ist das stolzeste Wort – wenn man dem dient, was man einmal für recht erkannt hat! Dann heißt es: Ich dien einem Ding über mir! Solch ein Ding hat jeder im Leben! Auch du! ... Das sage ich dir ... Oder nein: Das sagt dir Bismarck hier im Sterben aus meinem Mund ...« Es kam keine Antwort. »Bismarcks Geist ist hier um uns! Bismarcks Geist ist nicht Blut und Eisen. Das meint Ihr, die Ihr ihn nicht ganz versteht, weil ja auch Manches an ihm allzumenschlich war. Ihr dient ihm nur mit dem Hammer, den er oft zu hart über seinen Feinden in Deutschland geschwungen hat! Ihr zähmt Stahl und bändigt die Menschen und baut Maschinen und Panzerschränke und Panzerschiffe und Kanonen. Ihr betet vor der Macht und dem Mut. Aber Macht und Mut sind nur sein Mittel. Der Geist steht hoch darüber, so hoch, daß Viele ihn noch nicht sehen. Der Geist tut es. Ob es der von 48 ist, dem ein kleiner unbedeutender Mensch wie ich sein Leben geweiht hat, oder der Geist von 71, in dem sich ein unsterblicher Mensch wie er vollendet hat – einerlei – es ist die Hingebung an die Pflicht über uns! Das lehrt uns Bismarck! Darum kann ich Bismarck in die Augen schauen, wenn ich ihm jetzt begegnen würde, und Du, Leo, wenn Du den Weg gehst, den Du gehen willst, kannst es nicht!« Leo Nimis wandte den Kopf zur Seite, um den Vater nicht anzusehen. »›Ich sterbe in den Sielen‹ – hat der Alte drüben in Friedrichsruh gesagt. ›Patriae inserviendo consumor!‹ ›Im Dienst des Vaterlandes verzehr ich mich!‹ ... Setze statt: ›Vaterland ‹ – deine Familie und deine Pflicht – dann bist das du ...« »Genug, Vater ...« »Nein. Nicht genug! Ich hab dir auf der Herfahrt von Camillo erzählt. Da liegt ein Mensch mit zerschmettertem Kopf, dem das Leben zu viel wurde. Soll es dir auch einmal so gehen? Es kann niemand so gehen, der seine Pflicht so klar über sich sieht wie du. Denn der weiß, warum er lebt!« »Vater ... Du bist siebzig Jahre ...« »Ja. Aber du wirst es auch einmal sein. Und dann möchte ich, daß du so auf dein Leben zurückschaust wie ich auf meines und dir sagen kannst: Ich habe einen guten Kampf gekämpft! Mein Leben war rein. Mein Leben war Müh und Arbeit für andere, so wie es Bismarcks Leben war ... als Staatsmann für sein Vaterland, als Mensch für seine Frau und seine Kinder und sein Haus ...« Reinhold Nimis wies mit der Hand in die Ferne, wo irgendwo in der Waldeinsamkeit das Schloß Friedrichsruh lag. »Glaubst du, sie haben es ihm leicht gemacht? Sie haben ihn erst verkannt und verhöhnt – dann gehaßt und bekämpft – dann gefürchtet – dann gestürzt und verbannt. Sein Leben war ein einziger, endloser Kampf. Er ist unerschütterlich durch diesen Kampf geschritten. Er hat den schwersten Undank geerntet. Er hat sich hierher in die Einsamkeit zurückgezogen. Er hat seiner geliebten Frau die Augen zugedrückt. Die Lasten des Alters haben ihn geplagt. Er hat nicht aufgehört, Deutschland zu lieben, in seinen schlaflosen Nächten sich um Deutschland zu sorgen, Deutschland zu warnen ...« »Ja ... er ...« »Bismarck bist du, Leo! Bismarck ist in jedem von uns, der seine Pflicht erfüllt. Bismarck heißt: dem Besten in sich dienen! Ja gewiß: Bismarck war der Mann von Blut und Eisen. Bismarck war hart. Aber am härtesten gegen sich selber! Sei nicht weich gegen dich, Leo! Du verlierst damit dich selbst und damit das, was du andern geben kannst! Sei, der du bist, Leo! Du bist stark. Du kannst es.« Leo Nimis blieb stehen. Eine riesige Eiche ragte da. Er preßte die Stirn gegen ihre Rinde. Schloß die Augen. Er weinte. Sein Vater legte ihm leise die Hand auf die Schulter. »Ich will dir ein Geheimnis sagen, Leo, das du vielleicht selbst noch nicht weißt: Du bist ja schon in deinem tiefsten Innern schwankend. Du warst es schon, als ich dich traf...« Leo Nimis ging schweigend und verstört mit dem Vater weiter. »Du warst nicht mehr der, der mir den Brief nach Wien geschrieben hat! Es ist anderes in dir wach geworden in der Zwischenzeit ...« »Ich weiß nicht, was mit mir ist ... Ich finde mich selbst nicht mehr ...« »Du hast angefangen, die Wirklichkeit zu erkennen ...« »Sie ist stärker, als ich dachte ...« »Du weißt nur noch nicht, ob du umkehren darfst ... Du brauchst nur noch den, der dir den Weg weist ...« »Wohin?« »Zurück zu deiner Familie und zu deinem Werk!« Leo Nimis trat finster einen Schritt abseits. »Dein Werk wartet auf dich, Leo ...« »Das Gefängnis wartet auf mich!« »Nein, Leo, eine viel höhere Aufgabe. Hier im Sachsenwald will ich dir's sagen: Ihr selber macht aus eurer Welt ein Gefängnis, weil ihr alle, alle vom Höchsten bis zum Letzten, den Geist aus Deutschland verbannt und nur noch am Erdenstoff hängt, an Glück und Glanz und Geld und Gut und Feiern und Festen und Sport und Spiel! Glaub es mir, dem alten Achtundvierziger, der für Deutschland geblutet hat und übers Meer geflohen ist und doch mit Deutschland gelebt und geatmet hat sein langes Leben hindurch. Glaube mir: Deutschland fängt an, seine Seele zu verlieren! ...« »Vater ...« »Deutschland fängt an, seine Seele zu verkaufen um Dinge, die nicht deutsch sind und es niemals sein werden. Es glaubt, täglich reicher zu werden, und wird immer ärmer. Deutschland fängt an, sein Bestes für nichts zu achten. Sein Bestes ist sein vielverhöhnter, ewiger Idealismus. Der hat es durch die Jahrtausende getragen, und es ist am Leben geblieben, und andere Völker ringsum sind untergegangen. Das sage ich dir, ein alter, unverbesserlicher deutscher Idealist, der sich dessen nie geschämt hat und es bis zum Tod nicht verleugnen wird!« »Ja ... du ... Aber ich ...« »Helfe mit, Deutschlands Seele hüten! Das kannst du auch in deiner Welt. Lege einen tieferen Sinn in dein Tun. Das hat auch Bismarck bei allem, was er tat, getan. Dann wird dir deine Arbeit daheim nicht mehr leer erscheinen. Deutschland ist ein starkes, reichbeladenes, glückhaftes Schiff. Aber es fährt irre, mit vollen Segeln, im Zickzack, ohne Steuer, hinaus aufs Meer. Und der Klippen sind viele! Deutschland braucht Steuerleute. Leo, bleib auch du an Bord und hilf!« Von der Station Aumühle, deren weiße Bretterlagen nahe an der Bahn durch das Waldgrün leuchteten, kamen zwei Herren. Ihre Gesichter waren feierlich ergriffen. Reinhold Nimis hörte im Vorbeigehen ihr halblautes Gespräch. Er blieb stehen, den Hut in der Rechten, die Linke darüber gefaltet. »Leo ... hast du gehört... Bismarck ist gestorben.« Leo Nimis entblößte stumm das Haupt. »Leo – wir sind klein vor dieser Stunde. Aber sie trifft jeden. Lasse sie auch dir ein Zeichen sein.« Er nahm die Hand des Sohnes. Er merkte: Die besaß keinen Willen mehr. Die widerstrebte nicht. »Leo – hast du die Kraft, umzukehren?« »Ich fühl es: Ich muß!« »Dann komm mit mir ... heim zu deiner Pflicht ... in Bismarcks Namen ...«