Heinrich Vollrat Schumacher Liebe und Leben der Lady Hamilton Erstes Kapitel »Ein Schiff! Emma, ein Schiff!« Jubelnd liefen die Kinder dem Strande zu, mit ihren jungen Stimmen die Luft erfüllend. Im stillen Wasser des Deegolfs lag eine Barke am Ufer. Über ihre mit bunten Teppichen und seidenen Kissen bedeckten Bänke spannte sich ein Baldachin, an dem schmale Wimpel flatterten. Von der warmen Sonne des Maientages bestrahlt wiegte sich die Barke auf der klaren Flut, in rosigen, goldgelben, purpurnen und azurblauen Farben schillernd. Wie ein großer, fremdländischer Vogel, von den Winden des irischen Meeres an die Küste von Wales getrieben. Emma suchte die Kinder zurückzurufen, aber sie waren schon bei den Fremden, die sich in langsamem Wandern näherten. Der Herr fing den Knaben in seinen Armen auf. »Halt, Bürschlein!« rief er lachend und bog ihm den Kopf zurück, um ihm ins Gesicht zu sehen. »Was für ein hübscher Junge du bist! Wie heißt der kleine Mann?« Der Knabe sträubte sich gegen die haltende Hand und sah neugierig nach dem Schiffe. »John!« sagte er hastig. »John Thomas!« Der Fremde ließ ihn zu Boden gleiten. »John?« Er wandte sich zu der Kleinen, die durch das Gewirr ihrer Locken zu ihm aufsah. »Und du, Blonding, wie nennt man dich?« Sie machte einen zierlichen Knicks. »Sarah! Ich heiße Sarah Thomas! Laß uns das Schiff sehen!« Seine verdüsterten Augen glitten über die jungen Gestalten. »John! Sarah! Haben Sie gehört, Miß Kelly? Die Namen meiner Kinder. So alt wie diese waren; sie, als ich sie zum letzten Male sah!« Die Dame hörte nicht zu. Sie betrachtete Emma, die nähergekommen war. »Sehen Sie doch, Romney!« sagte sie halblaut; »Das kleine Landmädchen da! Ist Ihnen jemals ein reizenderes Geschöpf vorgekommen?« Sie faßte seine Hand und zwang ihn aufzublicken. Seine prüfenden Augen umfaßten Emmas ganze Gestalt. Plötzlich öffneten sie sich weit und etwas blitzte in ihnen auf. »Hebe!« rief er entzückt. »Hebe, den Göttern des Olymp den Trank ewiger Jugend kredenzend! Wirklich, Miß Kelly, sie ist wundervoll! Sie stellt unsere berühmtesten Schönheiten in den Schatten! Selbst Sie, Arabella, selbst Sie!« Miß Kelly lächelte. »Sie wissen, Romney, ich verzichte gern auf den Preis der Schönheit, wenn man mir nur ein wenig Geist zuerkennt!« Sie winkte Emma lebhaft zu. »Kommen Sie doch näher, Kind, und lassen Sie sich anschauen! Wissen Sie, daß das ein Vergnügen ist? Oder ahnen Sie noch nicht, daß Sie imstande sind, die anspruchsvollsten Männerköpfe in Verwirrung zu setzen?« Sie suchte sie an sich heranzuziehen. Aber Emma widerstrebte. Dunkle Röte brannte auf ihren Wangen. Kein Laut dieser lebhaften Stimmen war ihr entgangen. Seltsam, wie die Sprache einer, fremden Welt waren ihr die Worte ins Ohr gedrungen. Weich, mit schmeichelnder Berührung. Aber der flammende Blick des Mannes bedrückte sie. Gierig schien er ihre Kleider zu durchwühlen, ihren Leib zu enthüllen, ihre Glieder zu betasten. Scheu machte sie sich von der Hand der Fremden los. »Ich bitte, lassen Sie mich! Ich kenne Sie nicht und will nicht mit Ihnen sprechen! Kommt, Kinder! Wir gehen!« Der Herr brach in ein gutmütiges Gelächter aus. »O weh, Arabella! Wir sind mit unserem Enthusiasmus an eine Herzogin geraten! Hoheit läßt uns ungnädigst abfallen!« Auch Miß Kelly lachte. »Keine Herzogin, mein Freund!« sagte sie etwas scharf. »Eine Herzogin hätte mehr Geist gezeigt!« Emma wandte sich kurz herum und sah ihr gerade ins Gesicht. »Eine Herzogin hätten Sie auch wohl nicht in dieser Weise anzureden gewagt!« stieß sie blitzenden Auges heraus. »Und auch dieser Herr hätte eine Herzogin wohl kaum so angesehen, wie er mich ansah!« Die Fremden tauschten einen schnellen Blick, dann eilte Miß Kelly Emma nach. »Sie haben Geist und Gefühl, mein Kind!« sagte sie sanft und schmeichelnd. »Wir wollten Sie nicht verletzen! Aber,« setzte sie wie scherzend hinzu, »wenn Sie glauben, daß dieser Herr es nicht wagt, Herzoginnen so anzusehen, wie er Sie ansah, so sind Sie im Irrtum. Mr. George Romney ist einer der berühmtesten Maler Englands, und jede Fürstin würde es sich zur Ehre schätzen, von seiner Hand verewigt zu werden! Wissen Sie nun, warum er Sie so ansah?« »Und würden Sie mir erlauben,« fügte Romney hinzu, der ihr gefolgt war, »Sie in dieses Buch einzuzeichnen, in das nicht jede Herzogin Aufnahme findet?« Er schlug ein Skizzenbuch auf, das er in der Hand hielt, und öffnete einen kleinen Malkasten, den Miß Kelly getragen hatte, während diese eine Dienerin herbeiwinkte, die in respektvoller Entfernung wartete. Sie befahl ihr, den Kindern die Barke zu zeigen und Sorge zu tragen, daß ihnen nichts zustieße. Emma vermochte nicht zu widerstehen. Sie ließ es zu, daß Miß Kelly sie auf einer grasbewachsenen Erhöhung zurechtstellte und ihr das Haar löste. Miß Kelly stieß einen Ruf des Entzückens aus. Rotleuchtend fiel die Flut über Schulter und Rücken, einen schimmernden Mantel ausbreitend, dessen Saum den Boden berührte. Aber als die Fremde ihr das Kleid auf der Brust öffnen wollte, wehrte sich Emma. Alles Bitten war umsonst; selbst die drei Pfund, die der Maler ihr bot, vermochten ihren Sinn nicht zu ändern. Kopf, Arme und Hände und ein Stück des Halses gab sie ihm preis, sonst nichts. Und während Romney in schnellen Strichen malte, stand sie regungslos in den ihr gegebenen Haltungen und wagte kaum zu atmen. Und hörte zu, wie die Fremden ihre Schönheit lobten. Worte brauchten sie, die Emma nie vernommen. Blaue Sterne waren ihre Augen, rote Rubine ihre Lippen, zarte Rosen ihre Wangen. Die Gestalt einer Hebe hatte sie, das Profil einer Diana, die Hände einer Venus. Der weiche Schmelz unaussprechlicher Anmut breitete sich über ihr ganzes Wesen. Ein Bild holdester Jugend war sie, vollkommener, als ein Künstler in seinen kühnsten Träumen es je gesehen. Eine süße Trunkenheit hatte sich Emmas bemächtigt. Die Worte trafen sie, wie ihren nackten Leib die kühlen Silbertropfen des Wasserfalles, in dem sie in schwülen Sommernächten gebadet, damals, als sie noch die Schafe weidete in den Bergen von Wales. Zitternde Schauer rannen ihr über den Rücken, unnennbares Wohlgefühl dehnte ihr die Brust. Hatte sie nicht schon als Kind geträumt, daß sie eines Tages schön sein würde? Märchenhaft schön? Was das war, hatte niemand ihr bisher gesagt. Nur einer, Tom Kidd. Aber der war ein unwissender Fischerknecht und niemals vom Strande des Deegolfs fortgekommen. Und er liebte sie. Emma hatte ihm nicht geglaubt. Nun aber – auch diese Fremden sagten es. Und sie wußten, was schön war. Der Maler mit dem blassen, durchwühlten Gesicht und dem wie müde verschleierten Blick, in dem es leidenschaftlich aufflammte, wenn er sie ansah; die Dame mit den flinken, geschmeidigen Bewegungen einer Eidechse. Sie war selbst schön. Lang und schmal waren ihre Hände und strömten einen feinen Duft aus, wie Blumen ... brennend rote Lippen hatte sie ... » Wie die Königinnen, die Emma zuweilen in ihren seltsamen Träumen sah ... Lippen, die wohl heiß zu küssen verstanden ... Gern hätte sie diese roten, heißen Lippen einmal geküßt ... Gerade, da sie es dachte, begegnete sie den Augen der Fremden. Verwirrt senkte sie die ihren. Brausend stieg ihr das Blut ins Gesicht. Als der Maler mit der Zeichnung fertig war, sank sie mit einem Seufzer in sich zusammen. Hastig schlang sie das Haar wieder in den einfachen Knoten. Aber sie wagte nicht sich zu rühren. Sie fürchtete, daß sie voll Neugier hinstürzen würde, das Bild zu sehen. Um endlich einmal zu sehen, wie ihre Schönheit war. Miß Kelly brachte ihr das Buch. Vier verschiedene Bilder hatte Romney gemacht. Lange starrte Emma hin. »Das bin ich?« stammelte sie endlich. »Es ist nicht wahr! Es ist nicht möglich! So schön bin ich nicht!« Jene lachte. »Hören Sie, was sie sagt, Romney? Sie will nicht glauben, daß sie es ist!« Er stand in sich versunken. Sein Gesicht war wieder schlaff und welk und seine Augen blickten müde. Er sah aus wie ein alter Mann. »Sie hat recht; sie ist es nicht!« sagte er dumpf. »Sie ist unendlich viel schöner. Ein Stümper bin ich, ein Nichtskönner. Gainsborough, Reynolds hätten das tausendmal besser gemacht! – Her mit dem Buch, Arabella!« schrie er plötzlich voll Wut auf. »Zerreißen, verbrennen, in die Erde stampfen! Verflucht sei diese ganze mörderische Kunst! Ich gebe mich auf! Niemals wieder rühre ich einen Pinsel an!« Wild griff er nach dem Buche. Aber Miß Kelly versteckte es vor ihm in ihrem Kleide. Da warf er sich zu Boden und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Seine Schultern zuckten. Um Miß Kellys volle Lippen flog ein halb mitleidiges, halb grausames Lächeln. »Wieder Ihre Künstlerschrullen, lieber Freund? Hören Sie doch endlich auf, nach Gainsborough und Reynolds zu fragen! Ob sie es besser gemacht hätten, ist gleichgültig. Romney hat es gemacht, wie Romney es machen mußte. Gainsborough ist einer, Reynolds ist einer und Romney ist auch einer. Und für England und die Kunst ist's ein Glück, daß die drei nicht dasselbe sind und dasselbe machen! Stehen Sie auf, Sie großes, altes Kind, und erschrecken Sie unsere Hebe nicht länger!« Mit seinen drei-, vierundvierzig Jahren schien er wirklich ein großes Kind. Gehorsam stand er auf, und durch die finsteren Wolken auf seiner Stirn brach es schon wieder wie heller Sonnenschein. »Es ist wahr, mit Sepia kann man diesen wunderbaren Fleischton nicht wiedergeben!« murmelte er. »Das gelingt nur mit Öl. Und in zwanzig, dreißig verschiedenen Gestalten müßte man sie malen. Haben Sie bemerkt, Arabella, wie ihr Gesichtsausdruck unaufhörlich wechselte?« Miß Kelly nickte. »Wenn ich Schauspielerin wäre, würde ich sie zu meiner Schülerin machen! Eigenartige Gedanken scheinen sich hinter dieser Stirn zu wälzen. Und doch kann sie kaum achtzehn Jahre sein!« Unwillkürlich lächelte Emma. »Noch nicht vierzehn!« »Vierzehn!« rief Miß Arabella erstaunt, während sie Emmas Gestalt mit einem seltsamen Blick umfaßte. »Erst vierzehn und schon Weib! In Ihren Adern, Kind, muß heißeres Blut fließen. Wer ist Ihre Mutter? Wohnt sie hier in der Gegend? Sind die beiden Kinder Ihre Geschwister?« Schnell waren die Fragen einander gefolgt, mit einem Interesse, das nicht erheuchelt schien. Miß Kellys Stimme klang eindringlich und ihre Augen richteten sich leidenschaftlich auf Emmas Gesicht. Emma erblaßte. Widerwille erfaßte sie. Warum fragte diese vornehme Dame? Aus flüchtiger Laune? Um die Langeweile einer leeren Stunde auszufüllen? Um sich an dem Unglück anderer zu weiden? Jene war reich und glücklich. Alles hatte sie, was ihr Herz begehrte. Emma aber ... Haß beschlich sie. Ja, sie wollte antworten. Wie eine Anklage wollte sie ihr Elend dieser Zudringlichen ins Gesicht schleudern. Sich einmal wenigstens die erstickende Last von der Seele schreien ... – – – – – – – – Emma Lyon hieß sie. Holzknecht war ihr Vater, gewesen. In den Bergen von Wales. Ein stürzender Baum hatte ihn erschlagen. Man hatte ihn eingescharrt und seine Witwe aus der Hütte gejagt. Das Kind an die versiegende Brust – fort! In die eisige Winternacht! Mit blutenden Füßen über scharfe Felsen, durch reißende Gebirgsbäche ... Fluchende Bauern hatten ihr ein armseliges Stück Brot zugeworfen, oder ihre Hunde auf sie gehetzt ... So war sie nach Hawarden gekommen, nach Flintshire, in die Heimat. Wohlhabende Verwandte lebten ihr hier. Und die Mutter. Nun würde das Elend ein Ende haben. So hatte sie gehofft. Aber hart war die Heimat, die Großmutter selbst arm, mitleidlos die Verwandten. Froh konnte die Mutter sein, daß ein Pächter sie in Dienst nahm. Das Leben einer niederen Magd ... Arbeit von früh bis spät ... karge Nahrung, widerwillig hingeworfen ... nachts ein Winkel im Stall ... Früh hatte Emma dieses Leben der Armut kennen gelernt. Kaum sechsjährig hatte sie bereits anfangen müssen zu arbeiten. Sie weidete die Schafe. Black, der Hund, war ihr Gefährte, Vetter Tom Kidd, der Hütejunge der Nachbarfarm, ihr Gespiele. Schon verstand sie den sorgenschweren Blick, mit dem die Mutter sie morgens wie auf Nimmerwiedersehen entließ; den Freudenschrei, mit dem sie abends das Kind in ihre Arme riß, als sei es ihr neu geschenkt. Dennoch war Emma nicht ganz unglücklich in jener Zeit. Um die Wiesen, auf denen sie ihre Tiere weidete, um die Büsche, unter denen der Deefluß glucksend dahinfloß, um die Gestalten dar Großmutter, der Mutter und Toms spannen ihre Träume bunte, phantastische Fäden. Und eines war allen diesen Träumen gemeinsam: immer sah Emma sich reich und vornehm,; Angetan mit goldenen Kleidern kam sie in einer gläsernen Kutsche gefahren, um die drei Menschen, die sie liebte, in ihr großes, herrliches, strahlendes Schloß zu holen. Bis eines Tages ... – – – – – – – – Ein entfernter Verwandter starb und hinterließ der Mutter eine größere Summe. Da umschmeichelten die Menschen dieselbe Frau, die sie gestern noch verachtet und gestoßen hatten. Bloss, der Pächter, machte die Magd zur Wirtschafterin und setzte sie über alle, denen sie bisher gedient hatte, Der angesehenste Kaufmann der Stadt, ein Witwer, umwarb sie und legte ihr Geld nutzbringend in seinem Geschäft an. Mrs. Barker, die Vorsteherin einer vornehmen Erziehungsanstalt, nahm Emma unter die Zahl ihrer Schülerinnen auf. Nach einem Jahr machte der Kaufmann Bankerott und die Tochter der Magd wurde unter dem Spottgelächter ihrer adeligen Mitschülerinnen aus der Anstalt entlassen. – – – – – – – – Seitdem war sie Kinderwärterin. Aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen. Gemieden von allen, die sie früher umschmeichelt hatten. Aber bei Mrs. Barker hatte sie einen neuen Traum geträumt. Nicht jenen Prinzessinnentraum der Kindheit. Einen Traum mit wachen, hellen Augen. Sie wußte, draußen in der großen, unbekannten Welt war ein Herrliches, Schönes, zu dem man durch Wissen gelangte. Danach hatte sie sich gesehnt, darum alle Kräfte angestrengt, gelernt und gelernt ... Nun war auch dieser Traum verweht. Dem Gelde beugten sich die Menschen. Dem Reichen öffnete, dem Armen verschloß sich alles. Arm sein, hieß elend sein. So war das Leben. – – – – – – – – Sie sprach es nicht mit klaren Worten aus. Aber die Bewegung ihrer Hände, der flammende Blick ihrer Augen, der heisere Ton ihrer Stimme – alles verriet den bitteren Eindruck, den die Erfahrungen ihres Jungen Lebens auf sie gemacht hatten. Sanft zog Miß Kelly Emma an sich und strich ihr zärtlich das Haar aus der heißen Stirn. »Armes Kind! Früh schon haben Sie Schweres erlebt. Aber bessere Zeiten werden kommen. Wenn man so schön ist ...« Ungestüm machte Emma sich los. »Was nützt mir alle Schönheit der Welt?« stieß sie finster heraus. »Hier weiß niemand etwas von Schönheit! Alle verachten mich! Und ich – ich weiß es, sterben werde ich in Elend und Niedrigkeit!« Miß Kelly lächelte. »Sie sind etwas voreilig, mein Kind! Man kann nie vorhersagen, was aus einem Menschen wird, was nicht. Sehen Sie mich an! Ich weiß nicht, wo ich geboren bin und wer meine Eltern waren. In einer Jahrmarktsbude bin ich aufgewachsen, konnte mit sechzehn Jahren noch nicht lesen und schreiben. Und heute? Besitzerin eines Hotels in London, eines Landgutes in Irland, eines Depots in der Englischen Bank. Ganz London kennt mich. Die Weiber beneiden mich und bestechen meine Schneiderin um die Modelle zu meinen Kleidern; die Männer laufen mir nach und ruinieren sich für ein Lächeln meines Mundes. Und einer ... einer ... Eines Tages wird er König von England sein, Kaiser von Indien, der mächtigste Herrscher der Welt! ›Gentleman George‹ Prinz George von Wales, später König George IV. nennen ihn die Leute. Mich aber liebt er und ist mein Sklave. Und ich – Dickerchen! Kleines Dickerchen! nenne ich ihn.« Sie lachte hell auf. In ausgelassener Lustigkeit hob sie ihr kostbares Kleid vorn empor, zeigte über seidenen Strümpfen ihre nackten Knie, und warf das linke Bein plötzlich hoch in die Luft. »Arabella!« rief Romney ärgerlich. »Wie können Sie ...?« Sie zuckte die Achseln. »Misanthrop! Die Kleine würde in London ein rasendes Glück machen!« Der Maler zeigte ein finsteres Gesicht und seine Stimme klang scharf. »Wollen Sie sie verderben?« Miß Kelly lachte. »Verderben – puh! Außerdem verstehen Sie sich nicht auf Ihren Vorteil, Freund! Wenn Miß Lyon nach London kommt, können Sie sie malen, in zwanzig, dreißig verschiedenen Gestalten. So oft Sie wollen. Eben wünschten Sie es doch selbst!« In seine Augen kam wieder das gierige Leuchten. »Es ist wahr! Gainsborough und alle andern würde ich mit ihr schlagen!« Dann besann er sich. »Hören Sie nicht auf die Versucherin, Kind! Bleiben Sie hier, bei Ihrer Mutter. Hier sind Sie –« Mit einer ungeduldigen Handbewegung schnitt ihm Miß Kelly das Weitere ab. »Verschonen Sie uns mit Tiraden, Romney! Sprechen wir lieber vernünftig! Was geben Sie Miß Lyon für jede Sitzung? Fünf Pfund?« Er nickte, schon wieder ganz in Emmas Schönheit vertieft. »Fünf Pfund! Hundert Sitzungen zugesichert!« »Und ich,« setzte Miß Kelly hinzu, sich zu Emma wendend, »ich engagiere Sie als Gesellschafterin mit einem Monatsgehalt von zehn Pfund, Nun, was meinen Sie? Nehmen Sie an?« Unsicher sah Emma sie an. Das Neue, das auf sie eindrang, verwirrte sie. »Ich weiß nicht ...« stammelte sie. »Es wäre ja ein großes Glück für mich, aber ...« »Aber? Ist Ihnen das Gebotene noch nicht genug? Was für eine fürstliche Apanage beziehen Sie denn jetzt als Kindermädchen?« »Vier Pfund jährlich.« »Und da besinnen Sie sich noch? In Ihrem Alter hätte ich für ein solches Anerbieten Leib und Seele dem Teufel verschrieben!« Emma wurde plötzlich blaß. »Meine Mutter ... sie hat mich lieb ... wenn ich sie verlasse ...« »Sie wird froh sein, wenn Sie sich aus dem Elend hier retten!« Sie wandte sich zu Romney. »Geben Sie mir Ihren Malstift. Ich werde Miß Lyon meine Adresse aufschreiben!« Sie riß ein Blatt aus dem Skizzenbuch, schrieb in großen, steilen Buchstaben: »Miß Kelly, London, Arlingtonstreet 14« und setzte an den unteren Rand des Papiers das Datum des Tages: »6. Mai 1779.« »Warum das?« fragte Romney erstaunt. Sie lachte. »Weil ich sehr vergeßlich bin und für mein eifersüchtiges Dickerchen genau Tagebuch führen muß. Natürlich schreibe ich nur auf, was ich nicht vergessen habe, was Dickerchen also wissen darf. Meine Bekanntschaft mit Miß Lyon aber darf Dickerchen wissen!« Auch Romney lachte. »Obgleich Miß Lyon schön ist? Fürchten Sie die Rivalin nicht?« Sie zuckte übermütig die Schultern, aber in ihre Augen kam ein kaltes Licht. »Ich weiß mich schon zu wehren!« Sie steckte Emma mit einer schnellen Bewegung das Papier in den Halsausschnitt ihres Kleides. »Wenn Sie nun nach London kommen und mir das Blatt zusenden, brauche ich nur in meinem Tagebuch nachzusehen, um mich sofort an alles zu erinnern. Ich hoffe, daß es recht bald geschieht! Auf Wiedersehen also in London!« Sie nickte Emma zu und nahm Romneys Arm, um zu der Barke zurückzukehren, von der die Kinder eben mit der alten Dienerin kamen. Romneys Gesicht zeigte wieder den müden, traurigen Ausdruck, während er abschiednehmend Emma zuwinkte. »Ich sage nicht auf Wiedersehen, Miß Lyon! Überall ist es für Sie besser als in London!« Wortlos sah Emma ihnen nach. Plötzlich kam Miß Kelly zurück. Mit wirrem Flackern fuhren ihre Augen über Emmas ganze Gestalt. Grellrot brannten in ihrem blassen Gesicht die halbgeöffneten Lippen. »Ich kann nicht so von dir gehen, Mädchen!« flüsterte sie mit schwerem Atem. »Du bist schön ... schön ... Und ich ... es sind viel Menschen um mich her ... sie schmeicheln mir und sind mir zu Willen ... ich hasse sie, ich verabscheue sie. Keinen liebe ich, keinen! ... Einsam bin ich, einsam! ... Aber wenn du zu mir kommst ... Schwestern werden wir sein ... auf Händen werde ich dich tragen ... lieben werde ich dich ... lieben ...« Ihre Stimme brach wie in einem, Schluchzen. Wie einen Halt suchend klammerte sie sich an Emma. Und plötzlich beugte sie sich vor und küßte, wie von Sinnen, zwei-, dreimal gierig Emmas Mund. Dann, in ein seltsames, girrendes Lachen ausbrechend, eilte sie fort, zum Strande. In ihren schillernden Gewändern glitt sie dahin, flink, geschmeidig, wie eine Eidechse ... Die Ruderer zogen an. Unter den flatternden Wimpeln von Wales flog die Barke über die klare Flut. Strahlend in rosigen und goldgelben, purpurnen und azurblauen Farben … Ein großer, fremdländischer Vogel, von den Winden des Meeres entführt in weite, geheimnisvolle Fernen ... – – – – – – – – Emma stand wie betäubt. Heiß kreiste das Blut in ihr, machte ihre Pulse hämmern, ergoß sich in ihre Augen und in die äußersten Spitzen ihrer Finger. Das Wunderbare, das sie in seine weichen, starken Arme nahm, sie ihrer trostlosen Niedrigkeit entriß, mit ihr davonschwebte in rätselhafte, winkende Weite – war es nun zu ihr gekommen? – – – – – – – – Das Wunderbare ... In stillen, einsamen Stunden der Nacht träumte sie von ihm mit offenen Augen, die das Dunkel zu durchdringen strebten. Weiße, wallende Gestalten nahten sich ihr, funkelnde Kronen auf den Häuptern, lange, schlanke Lilienstengel in den bleichen Händen. Aus den grünen Wogen ferner Meere stiegen sie empor, hohe, blasse Frauen mit blutroten, wie lechzend geöffneten Lippen. Wohlgerüche zogen hinter ihnen her, wie sie wohl den Gewändern von Königinnen entströmten ... Königinnen waren sie. Und nahten Emma, neigten sich vor ihr und dienten ihr ... Emma aber fühlte einen glühenden Lebensstrom durch ihre Adern rinnen; hoch reckte sie sich auf, blickte aus herrischen Augen um sich ... – – – – – – – – Bis das Blut in ihr sich kühlte und verrann. Eine hilflose Mattigkeit kam dann über sie und nahm ihr alle Kraft, allen Willen. Von dem Traum blieb keine Spur. Im kühlen Lichte der nordischen Sonne erblickte sie alles um sich her, wie es war. Sie sah das träge Wasser der Dee sich in den engen Golf ergießen, hinter dem ein ferner, grüner Streifen sich dehnte, das irische Meer. Sie sah das Land, auf dem sie stand, in dem sie geboren war – ein grauer Erdstreifen, eingeklemmt zwischen den Golf und die Berge von Wales. Sie sah Hawarden, die kleine Stadt, mit ihrer altersgrauen Burgruine, mit den niederen, trübseligen Bauernhäusern und den winkeligen, schmutzbedeckten Straßen, in denen ein ewiges Schweigen zu nisten schien. Trostlos, leer, ohne Wachstum, ohne Hoffnung war alles. Totes Gestein, an das sie angekettet stand, unfähig, sich zu bewegen. Während die Ferne lockte. Weites, freies Land lag hinter den Bergen. Und eine breite Heerstraße zog sich hindurch. Zu der großen, geheimnisvollen Stadt, in der das Leben wohnte, das Glück ... London ... – – – – – – – – Die Stimmen der Kinder störten sie auf. Noch einen Blick warf sie über das Meer. Die Barke war verschwunden. Schweigend führte sie die Kinder nach Hause zurück. Zweites Kapitel Schlaflos brachte sie die Nacht zu. Durfte sie der Fremden folgen und alles aufgeben, die Mutter und die Geborgenheit ihrer Stellung? Wie ein Alp lag ihr die Frage auf der Brust. Die leichten Atemzüge der Kinder drangen zu ihr herein, die nebenan in ihren Bettchen schliefen. Leise rauschten die Blätter der Bäume im Park. Sonst war alles still. Ach, wie sie diese Stille haßte! Eingeschlossen war sie hier wie in einem Gefängnis. Ohne Wechsel, ohne einen freien Atemzug rannen die Tage dahin. Herrschaft und Diener – alte Leute waren sie, die niemals einen Schritt schneller machten, niemals ein Wort lauter sprachen als das andere. Sie lachten nicht, sie erregten sich nicht. Sie waren gütig; aber von einer kühlen Güte, die kein wärmeres Gefühl aufkommen ließ. In ihrer Leidenschaftslosigkeit erschienen sie Emma wie Wesen aus einer Welt, in der nichts Menschliches war. Auf den Spaziergängen mit den Kindern immer dieselben Wege, dieselben Ziele. Man bestieg den Hügel, um nach dem fernen Meere zu spähen, zu dem man niemals kam. Oder man erging sich im Park. Auf den mit weißem Sande bestreuten, sorgfältig geharkten Wegen, die man kaum zu betreten wagte. Zwischen den hohen Taxushecken, deren Dunkel auf der Brust lastete wie ein schwerer, schwarzer Stein. Vorüber an Gartenbeeten mit matten, bleichen Blumenwesen, die man nicht berühren durfte. Blutlos war alles, schattenhaft, ohne Regung. Ein jähes Angstgefühl, als müsse sie im nächsten Augenblicke sterben, überfiel Emma. Brennend heiß wurde ihr unter der leichten Decke. Taumelnd sprang sie aus dem Bette, lief zum Fenster und riß es auf. Aber unter den dichten Bäumen des Parks brütete noch die Schwüle des vergangenen Abends. Ein glühender Dunst schlug Emma entgegen, daß sie glaubte, ersticken zu müssen. Dennoch kehrte sie nicht ins Bett zurück. Am offenen Fenster stehend wartete sie auf den Tag. Es war der Tag, an dem sie mit dem Gärtner auf den Wochenmarkt nach Hawarden durfte. Dort traf sie mit der Mutter zusammen, die Früchte und Geflügel von der Farm ihres Brotherrn verkaufte. Zwei kurze Stunden gehörten dann ihnen. Sie sprachen miteinander, sahen sich in die Augen, drückten sich die Hände. Sie liebten sich und waren glücklich, daß sie einander hatten. Sie waren doch nicht ganz verloren in der kalten Welt und sie her ... Sollte sie es der Mutter sagen? Der Mutter, der die Trennung das Herz zerreißen würde? Ungeduldig sah sie dem ersten Sonnenstrahl entgegen. Aber als er dann kam, bebte sie vor der nahenden Entscheidung zurück. Langsam kleidete sie sich an und übergab die Kinder einer alten Dienerin. Der Gärtner wartete bereits im Hof. Zögernd stieg Emma auf den Karren und setzte sich neben den wortkargen Alten – – – – – – – – Als sie sich dem Wirtshaus näherten, in dem der Gärtner ausspannte, trat Tom Kidd aus der Tür. Er erwartete Emma stets hier, wenn sie nach Hawarden kam. Immer, soweit sie zurückzudenken vermochte, war er um sie gewesen. Während sie bei Mr. Bloss die Schafe geweidet hatte, war er auf der Nachbarfarm Hütejunge gewesen. Als sie in Mrs. Barker's Erziehungsanstalt war, hatte er eine Stellung als Pferdeknecht in der Posthalterei gegenüber angenommen. Nun, seit sie draußen am Deegolf Mr. Thomas' Enkelkinder wartete, hatte er sich an einen der Fischer verdingt, die auf den nahen Klippen ihr Gewerbe trieben. Sie sah ihn öfters, wenn sie mit den Kindern den Hügel besuchte. Er stand dann in der Ferne und winkte ihr verstohlen zu. Sich ihr zu nähern, hatte sie ihm verboten, Sie fürchtete das Gerede der Leute. In der Stadt aber waren sie unbeobachtet. Hier durfte er mit ihr sprechen. Und immer hatte er etwas, das er ihr zusteckte. Ein hübsches, kleines Schmuckstück. Ein seidenes Band. Ein paar bunte Federn. Stets aber behandelte er sie trotz ihrer Verwandtschaft mit der respektvollen Förmlichkeit, deren er sich ihr gegenüber befleißigte, seit sie bei Mrs. Barker gewesen war. Er half Emma beim Absteigen und ging dann neben ihr her dem Marktplatz zu. Er hatte seine besten Kleider angelegt. Keck saß die bunte Fischermütze auf seinem dunkelgelockten Haar, und das schneeweiße, am Halse offene Hemd ließ die braune Wölbung der breiten Brust kraftvoll hervortreten. Mit seinen achtzehn Jahren war er ein hübscher, stämmiger Bursche, der es wohl mit jedem Gegner aufnahm. »Hab' mich frei gemacht heute, Fräulein Emma!« sagte er mit seinem treuherzig pfiffigen Lächeln. »Ein schöner Tag für mich!« Freundlich sah sie zu ihm auf. »Was gibt's denn, Tom? Dein Geburtstag?« »Mein Geburtstag wär' doch nichts Besonderes! Was Schöneres, Fräulein Emma, was viel Schöneres!« Er klimperte in der Tasche seiner weiten Jacke mit einigen Geldstücken. »Du willst zum Tanz gehen? Heut abend, unter dem Maienbaum?« Er schüttelte den Kopf. »Das würde ich nur tun, wenn Eine mitginge, mit der allein sich's für mich zu tanzen lohnt! Nein, Fräulein Emma, das Geld hab' ich mir gespart für etwas ganz Großartiges, ganz Prachtvolles!« Seine hellen, blauen Augen lachten. Langsam und feierlich holte er seine Hand hervor und hielt sie Emma geöffnet hin. Ein hübsches Sümmchen lag darauf, Gold und Silber gemischt Erstaunt sah Emma hin. »So viel? Wie kommst du dazu, Tom? Beim Fischen kannst du das doch nicht erspart haben!« Er lachte, glücklich über ihre Freundlichkeit. »Das ist wahr, Gold bleibt da nicht in den Maschen hängen! Aber auf ehrliche Weise verdient ist's doch! Ich soll zwar nicht darüber reden, aber Sie werden's ja nicht weiter erzählen!« Geheimnisvoll beugte er sich zu ihr vor. »Die reichen Kaufherren in Chester und Liverpool sehen's gern, wenn die Mynheers aus Holland und die Mosjös aus Frankreich mit ihren Briggs kommen, schwer von allerlei teurem Kram, der nicht mit König George's bleiernem Bilde Zollplombe. versiegelt ist ...« »Schmuggel?« stieß sie erschreckt heraus. »Um Gottes willen, Tom, du bist doch nicht Schmuggler geworden?« Er nickte, ein wenig selbstbewußt. »Keine Angst, Fräulein Emma! Es ist nicht so gefährlich. Ein bißchen scharfer Auslug nach König George's Zollkuttern, eine dunkle Nacht und eine Mütze voll Wind – für einen Burschen mit gesunden Augen und Armen ist das kaum der Rede wert. Und dafür dann das hübsche Stück Geld und das Vergnügen noch obendrein! Denn ein Vergnügen ist's, kein Schafehüten und Pferdeputzen. Es geschieht doch was!« Er schob die Mütze in den Nacken und dehnte die Brust. Mit seinen blitzenden Augen und seinen fest gegen den Boden gestemmten Beinen sah er aus wie ein Bild der Kraft. Ein Gefühl des Neides stieg in Emma auf. »Ja, du erlebst etwas!« sagte sie dumpf, mit verschattetem Gesicht. »Während ich –« Zornig brach sie ab und ging weiter. »Wissen Sie nun, Fräulein Emma, warum ich den heutigen Tag einen glücklichen nenne?« fuhr Tom neben ihr herschreitend fort. »Weil ich heute so viel beisammen habe, daß ich über Mrs. Barker mit Ihnen reden kann!« Jäh erblassend fuhr sie zu ihm herum. »Nenne den Namen nicht! Du weißt doch, daß ich ihn nicht mehr hören will!« Sie waren an eine Ecke gekommen, wo die Straße auf den Marktplatz einbog. Von einer Mauer umgeben lag inmitten eines kleinen Parks ein stattliches Haus. Neben dem Türklopfer hing ein eisernes Schild: Mrs. Adelaide Barker, Erziehungsanstalt für Töchter höherer Stände. Emma betrachtete das Haus mit düsteren Blicken. »Nie werde ich vergessen, was mir dort geschah. Schon als ich eintrat, merkte ich, daß die Nachbarstöchter und Lordfräuleins mich verachteten. Ein Schimpf schien's ihnen, daß sie mit dem Kinde einer Magd dieselbe Luft atmen sollten. Aber waren sie hochmütig, so war ich stolz. Gelernt hab' ich, Tag und Nacht. Erheben wollte ich mich über sie, durch mein Wissen. Und ich merkte, daß es mir gelang. Sie sprachen nicht mit mir, aber ihre Augen verrieten ihren Neid. Ich freute mich darüber; gerade das wollte ich. Aber dann, als sie mich durch diese Tür dort hinausstießen ... als sie hinter mir herlachten ...« Sie verstummte. Ihre Zähne knirschten aufeinander und ihre Hände ballten sich. Ihr maßloser Zorn machte Tom bestürzt. »Warum regen Sie sich noch immer darüber auf?« sagte er sanft, um sie zu beruhigen. »Ich verstehe das nicht! Wenn mich jemand nicht will, so gehe ich und suche mir einen anderen Platz!« Mit einem bitteren Auflachen zuckte sie die Achseln. »Ja, du!« Er nickte ergeben. »Ich weiß ja, Sie sind aus anderem Holz! Feiner und heißblütiger. Sie tragen es mit sich herum, bis Sie daran ersticken. Aber das sollen Sie nicht, Fräulein Emma! Darum hab' ich das Geld gespart. Damit Sie die Tür des verwünschten Hauses da aufmachen können und wieder hineingehen. Um sich mitten zwischen die aufgeblasenen Baronstöchter und Lordsdamen hinzusetzen: hier bin ich und hier bleibe ich! – So hab' ich mir's ausgedacht!« Er nickte ihr zu mit strahlenden Augen und lachendem Munde und weidete sich an ihrem Erstaunen. »Das wolltest du tun, Tom?« rief sie und faßte seine Hand, die sie heftig drückte. »Für mich hast du dich in Gefahren gestürzt, damit ich weiterlernen kann?« Gerührt sah er auf die schlanken Finger, die in seiner derben, schwieligen Faust fast verschwanden. »Von Gefahren ist da keine Rede, Fräulein Emma! Ein lustiger Zeitvertreib, ein Kinderspiel! Was meinen Sie, wollen wir gleich hingehen und die Sache in Ordnung bringen?« Unwillkürlich machte sie einen Schritt zu dem Hause hin. Ihr Gesicht leuchtete. Dann aber hielt sie zögernd inne. »Wieviel hast du gespart, Tom? Mrs. Barker ist teuer!« Er lächelte beruhigend. »Das Geld ist da! Die ersten zehn Pfund sind gestern abend voll geworden!« Ein Ruck ging durch ihren Körper und ihre Hand glitt aus der seinen. »Acht Pfund hat meine Mutter jeden Monat für mich bezahlt, die Kleider nicht gerechnet!« Er sah sie betroffen an. »Acht Pfund? Jeden Monat?« wiederholte er langsam. Dann suchte er ihr und wohl auch sich selbst Mut einzureden. »Die zehn Pfund heute sind nur der Anfang. Bis sie verbraucht sind, hab' ich neue verdient. Den Liverpoolern kann man gar nicht genug Geschwärztes liefern. Das Geld schwimmt mir nur so zu!« »Und wenn dich ein Zollkutter fängt?« Er lachte etwas gezwungen. »König George ist ein guter, alter Herr und tut einem armen Kerl schon die Liebe, seine Kutter in anderes Fahrwasser zu schicken. Na, und wenn nicht – fangen läßt Tom Kidd sich nicht! Lieber wirft er den Kram der Mynheers und Mosjös über Bord und sich selbst hinterdrein!« Er versuchte heiter und unbesorgt zu scheinen, aber es gelang ihm nur schlecht. Emma schüttelte den Kopf. »Du bist gut zu mir, Tom, und ich bin dir von Herzen dankbar. Aber wenn dir etwas zustieße, und ich müßte abermals den Schimpf auf mich nehmen ... Ich will auch keine Verantwortung haben für das, was du tust. Deshalb – ich bitte dich, Tom, laß mich meinen Weg selbst finden. Ich weiß, ich tue dir weh, und das ist mir leid. Aber ich kann nicht anders. Denk also nicht mehr an mich, Tom, und suche dir dein Glück anderswo!« Sie streckte ihm die Hand hin, wie um Abschied zu nehmen. Er aber hielt sie fest, als ob er sie nicht mehr lassen wollte. Und während seine Augen angstvoll in ihrem Gesicht forschten, fiel er unwillkürlich wieder in den schlichten Ton der Kinderjahre. »An was denkst du, Amy? Du hast etwas vor! Du willst etwas tun, was dir Pein macht. Sag' es mir, Amy! Laß mich dir helfen!« Sie wich seinem Blick aus. »Was ich tun werde, weiß ich selbst noch nicht. In mir ist alles wüst und wirr. Aber wie es bisher war, kann es nicht bleiben! Ich ginge daran zugrunde! Helfen kannst du mir nicht! Du nicht und niemand! – Und nun laß mich, Tom, geh nicht weiter mit! Ich muß mit der Mutter sprechen! Allein!« Sie machte sich sanft von ihm los und wandte sich zum Gehen. Aber er blieb noch ein paar Schritte neben ihr. »Wenn du weißt, was du tun willst, Amy, wirst du es mir dann sagen? Wirst du es mir sagen, ehe du es tust?« Sie sah ihn nicht an. »Vielleicht!« murmelte sie. »Vielleicht!« Sie bog auf den Platz ein. Ihre schlanke, schöne Gestalt mischte sich in das Gewühl des Marktes. Tom sah ihr nach, bis sie zwischen den Buden verschwunden war. Dann folgte er ihr langsam. – – – – – – – – Emma fand die Mutter auf Mr. Bloss' Marktstand, wie sie zwischen blitzenden Milchkannen, mit grünen Blättern ausgelegten Butterkörben und aufeinandergetürmten Geflügelkäfigen ihre Kunden bediente. Als sie Emma erblickte, leuchtete es in ihrem vergrämten Gesicht auf. Mit ausgestreckten Händen lief sie der Tochter entgegen, zog sie an ihre Brust, küßte ihr die Stirn. Aber dann brach sie in Klagen aus. Mr. Bloss, der Pächter, wurde mit jedem Tage unangenehmer. Seit sie die Erbschaft verloren hatte, mäkelte er an allem herum, was sie tat. Nichts machte sie ihm recht. Eine Faulenzerin nannte er sie, die das Brot nicht verdiente, das er ihr aus Gnade und Barmherzigkeit zukommen ließ. Schweigend hörte Emma zu. Sie sah, wie grau der Mutter Haar an den Schläfen wurde und wie tief die Falten waren, die Sorge und Mühsal ihr in Stirn und Wangen gegraben hatten. Ein Ende dieser Not! Ein Ende! In einer Pause, als Käufer sie nicht störten, sagte sie der Mutter alles. »Wenn ich zu Miß Kelly gehe,« schloß sie erregt, »brauchst du dich nicht mehr um mich zu sorgen. Ja, ich hoffe, daß ich dir Geld schicken kann, um dich von Mr. Bloss loszumachen!« Die Mutter war heftig erschrocken. »Miß Kelly! Du kennst sie ja nicht! Wie kannst du ihr trauen!? Große Damen sind unberechenbar. Heute kleiden sie dich in Samt und Seide, morgen werfen sie dich auf die Straße, wenn ihnen eine andere besser gefällt!« Emma lächelte. »Dann gehe ich zu Mr. Romney! Er will mich malen. Für jede einzelne Sitzung gibt er mir mehr, als ich jetzt im ganzen Jahre verdiene. Alles an mir hat ihm gefallen. Ganz vernarrt ist er in mich. Berühmt will er mich machen! Berühmt, Mutter, berühmt!« Sie strahlte. Aber die Sorge wich nicht vom Gesicht der Mutter. »Berühmt – das ist es! Daran denkst du nur, seit du bei Mrs. Barker warst! Aber weißt du denn, was das ist: ein berühmtes Modell? Gewiß, die Menschen kennen dich. Alles, was an dir ist, wissen sie. Nackt und schamlos stehst du vor ihnen. Und wenn sie dir begegnen, zeigen sie mit Fingern auf dich: das ist Emma Lyon, die schönste Dirne in London!« »Mutter!« »Jawohl, Dirne! Ein Modell kann man kaufen. Jeder kann dich kaufen mit ein paar Pfand, die er dir zuwirft. Und das dauert so lange, wie du jung und schön bist. Nachher aber kümmert sich niemand mehr um dich. Auf der Straße liegst du, zerlumpt, ehrlos, ausgemergelt. Und ich, deine Mutter – o, mein Gott, dazu hätte ich dich geboren? Dazu dich unter Demütigungen, Mühsal und Sorge großgezogen?« Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in Schluchzen aus. Wie gebrochen saß sie auf einer Kiste im Hintergrunde der Bude, in ihrem Schmerze noch ängstlich bemüht, sich den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen. Emma starrte finster vor sich nieder. »Hör' auf mit Weinen, Mutter!« sagte sie endlich, mühsam die Worte hervorwürgend. »Wenn es dir so schwer wird, mich gehen zu lassen – nun denn, ich will versuchen, ob ich dies Leben noch länger ertrage!« Sie wandte sich ab, um die Tränen zu verbergen, die ihr wider Willen in die Augen stiegen. Ihre Blicke schweiften achtlos über das Kommen und Gehen der Menschen, über das bunte Gewühl des Marktes. Plötzlich fuhr sie zusammen. Was dort den engen Gang zwischen den Buden heraufkam ... – – – – – – – – In ihrer Erinnerung stieg der Tag herauf, an dem sie bei Mrs. Barker eingetreten war. Greifbar deutlich stand alles wieder vor ihr, was damals geschehen war. Und noch immer glaubte sie die Worte zu hören, die wie Dolchstiche in ihr Herz eingedrungen waren ... Jane Middleton, die Schwester eines Lords, hatte Emma plötzlich angeredet. »Miß Lyon, sagen Sie uns doch, wer ist Ihr hochgeehrter Herr Vater gewesen?« Anna Gray, die Nichte eines Baronets, hatte die Melodie eines alten Volksliedes vor sich hingeträllert. »Herr Lyon war ein Holzknecht, Ein Holzknecht in Nordwales ...« Darauf wieder Jane Middleton – »Und, Miß Lyon, wer ist Ihre hochgeehrte Frau Mutter?« Darauf Anna Gray – »Frau Lyon ist 'ne Kuhmagd Und duftet nach dem Stall ...« Abermals Jane Middleton – »Miß Lyon, in welchem stolzen Schlosse sind Sie geboren?« Abermals Anna Gray – Frau Lyons Schloß 'ne Hecke war, Wo sie ihr schönes Kind gebar ...« Und mit einer tiefen Verbeugung hatten sie Emma den übrigen Mädchen vorgestellt: »Meine Herrschaften, unsere neue Freundin und Hausgenossin Emma Lyon, das schöne Schäfermädchen von Hawarden, Tochter eines Holzknechts und einer Kuhmagd, unter einer Hecke geboren!« Niemals, solange sie lebte, würde Emma diese Stunde vergessen! – – – – – – – – Und nun kamen sie den Gang herauf. Jane Middleton – klein, zierlich, mit scharfgeschnittenem Gesicht, in dem hochmütige Augen funkelten. Anna Gray – groß, weich, blond, mit dem runden Lockentopf einer Puppe. Janes Verlobter begleitete sie, Lord Halifax, ein langer, hagerer Mensch mit starren, nichtssagenden Zügen. Lachend und schwatzend kamen sie näher, des Volkes nicht achtend, das ihnen unterwürfig Platz machte. Plötzlich sah Emma, wie Jane Middletons Augen auf ihr haften blieben. Wie einem Einfall nachgebend, blieb Jane vor der Bude von Emmas Mutter stehen. »Da fällt mir ein, Anna, wir müssen Mrs. Barker etwas mitbringen! Wie wär's mit einem Truthahn? Haben Sie Geld bei sich, Augustus?« Lord Halifax zuckte vornehm die Achseln. »Niemals, meine teure Jane. Dazu ist der Haushofmeister da. Aber wir können trotzdem alles kaufen, was wir wollen.« Er sah Emmas Mutter mit schläfrigen Augen an. »Kennst du mich, gute Frau?« Sie kam aus der Bude hervor und verbeugte sich tief, mit eilfertiger Demut. »Wie sollte ich nicht, Euere Herrlichkeit? Mr. Bloss, mein Brotherr, ist Mylords Pächter!« »Bloss? Pächter?« Er blies den Namen in die Luft, als hätte er ihn nie gehört. »Also, gute Frau, diese Damen ... Truthahn kaufen ... besten aussuchen ... Geld von Haushofmeister holen ... Truthahn sofort nehmen... hinter Damen und mir hertragen ... zu Mrs. Barker. Verstanden?« »Vollkommen, Euere Lordschaft! Ich würde es mir ja auch zur Ehre schätzen, den Käfig mit dem Truthahn zu Mrs. Barker zu tragen, aber Euere Herrlichkeit wollen gnädigst verzeihen... es könnten Kunden kommen ... ich darf den Stand nicht verlassen. Wenn Mylord gestatten, rufe ich einen dieser Jungen da!« Sie wollte einen der Knaben holen, die müßig umherlungerten. Aber Jane hielt sie zurück. »Das ist wohl nicht nötig, liebe Frau. Das Mädchen da kann den Truthahn tragen!« Und ihre boshaften Augen auf Emma richtend, befahl sie: »Nimm den Käfig und folge uns!« Emma zuckte wie unter einem Schlage auf und wurde totenblaß. »Miß Middleton!« stieß sie heiser, atemlos heraus. »Wenn Sie mir das antun ... Miß Gray, ich bitte Sie, lassen Sie es nicht zu! Lassen Sie es nicht zu!« Anna Gray wandte sich achselzuckend ab. Jane Middleton aber betrachtete mit geheucheltem Erstaunen Emma durch ihr Lorgnon. »Was hat denn das Mädchen?« fragte sie. »Ist sie krank?« Als die alte Frau die Namen hörte, begriff sie alles. »Miß Middleton,« sagte sie sich aufrichtend mit zitternder Stimme, »Sie sollten Ihre ehemalige Schulkameradin nicht unnötig erniedrigen! Unverschuldetes Unglück muß auch bei den Reichen und Vornehmen Teilnahme finden!« Der sanfte, würdige Ton jagte eine fliegende Röte über Janes Gesicht. Sie wollte scharf erwidern, als Lord Halifax ihr zuvorkam. »Du bist unverschämt, Frau!« sagte er in seiner schleppenden Weise. »Mein Haushofmeister wird mit meinem Pächter sprechen, daß er seine Leute besser auswählt. Willst du nun den Käfig tragen oder nicht?« Sie sank in ihre frühere Unterwürfigkeit zurück. »Gewiß, Mylord! Es würde mich ja mein Brot kosten, wenn ich nicht zu Mylords Befehl wäre!« Und hastig den Käfig aufhebend wandte sie sich zu Emma. »Bleib hier, Kind, bis ich zurückkomme!« Emma lachte rauh auf und nahm ihr den Käfig aus den Händen »Aber Mutter, merkst du denn nicht, was Miß Middleton will? Emma Lyon, das schöne Schäfermädchen von Hawarden, Tochter eines Holzknechts und einer Kuhmagd, unter einer Hecke geboren, soll demütig hinter ihr hergehen und als niedere Magd vor ihren ehemaligen Mitschülerinnen erscheinen!« Und sich tief verneigend setzte sie mit schneidender Stimme hinzu: »Bitte, meine Damen, gehen Sie voran! Ich folge Ihnen!« – – – – – – – – Sie ging dann hinter ihnen her, den Käfig in den ausgestreckten Händen haltend. Steif aufgereckt, die Augen starr geradeaus gerichtet, die Lippen zusammengepreßt. Auf dem Hof der Anstalt hieß Jane sie warten und ging mit Anna und Lord Halifax ins Haus. Von allen Seiten strömten Schülerinnen herbei; sie umringten Emma, staunten sie an, lachten schadenfroh, warfen ihr spottende Fragen zu. Sie antwortete nicht. Keine Miene ihres bleichen Gesichts zuckte. Wie eine Diebin am Pranger stand sie an der Tür dieses Hauses, das einst das Ziel ihrer heißen Wünsche gewesen war. Jane Middleton kam mit einer Magd zurück. »Nimm deiner Kollegin den Truthahn ab«, Mary!« befahl sie und wandte sich zu Emma. »Und du, Mädchen, wie heißt du?« Emma sah sie schweigend an. Auge in Auge standen sie einander gegenüber und sahen sich an. »Aber Miß Jane, Sie kennen sie doch!« rief Mary verwundert. »Das ist ja Emma Lyon! Unsere schöne Emma Lyon!« Ein Chor von zwanzig lachenden, spottenden Stimmen wiederholte den Namen. »Emma Lyon! Die schöne Emma Lyon!« Jane Middleton griff in ihre Tasche. »Mach' deine Hand auf, Emma Lyon. Ich will dir etwas schenken, damit du dir ein anständiges Kleid kaufen kannst!« Mit derselben starren Ruhe streckte Emma ihre Hand aus. Jane Middleton legte einen Schilling hinein. Dann wies sie nach dem Hoftor. »Du kannst gehen, Emma Lyon!« Langsam ging Emma hinaus. In ihrer Hand brannte das Silberstück. Auf der Straße blieb' sie stehen und starrte auf das Haus zurück. Ein Bibelwort fuhr ihr durch den Sinn. ... Und ich will deine Feinde zum Schemel deiner Füße machen ... Wie eine Mauer, die den Himmel versperrte, erhob sich in ihr der Haß. – – – – – – – – Am Ende der Straße kam ihr Tom entgegen. Als sie ihn sah, ging ein hellerer Schein über ihr starres Gesicht. »Vor einer Stunde botest du mir Geld an, damit ich wieder zu Mrs. Barker kommen könnte. Das ist unmöglich. Trotzdem aber – willst du mir das Geld leihen? Auch wenn du es niemals zurückerhältst?« Er griff in die Tasche. Aber Emma hielt ihn zurück. »Warte noch! Ich will nicht, daß du unwissend etwas tust, was dich nachher vielleicht reut. Eben bin ich aufs neue beleidigt und an den Pranger gestellt worden. Wie eine Diebin. Weil ich arm und niedrig geboren bin. Und weil die Reichen und Vornehmen straflos alles tun dürfen, was ihnen ihre Laune eingibt. Darum will auch ich reich und vornehm werden. Damit ich ihnen vergelten kann, was sie mir getan haben!« Ein Blick wie eine Flamme flog aus ihren Augen. »Was wollen Sie tun, Fräulein Emma?« fragte Tom erschreckt. »Wäre es nicht gut, wenn Sie vorher mit Ihrer Mutter berieten?« Sie lachte bitter. »Meine Mutter ist machtlos wie ich. Auch hat sie nun keine Gewalt mehr über mich. Es ist entschieden, ich gehe nach London. Entweder kehre ich zurück, reich und vornehm, eine Lady, wie Jane – oder ich gehe zugrunde! Willst du mir dein Geld leihen, Tom?« Er sah es, ihr Entschluß stand unwiderruflich fest. Mit einem Seufzer gab er ihr das Geld. Sie verwahrte es sorgfältig. »Ich werde es dir nie vergessen, Tom, daß du außer meiner Mutter der einzige Mensch bist, der mir Gutes erwiesen hat. Und nun laß uns scheiden. Zürne mir nicht und behalte mich ein wenig lieb!« Sie sah in sein armes, zuckendes Gesicht und strich mit ihrer Hand einmal sanft, wie liebkosend darüber hin. Dann ging sie. Drittes Kapitel Arlingtonstreet 14 .... Der Schweizer Portier gab Emma Auskunft. Miß Kelly, war nicht in London. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Wales war sie mit Mr. Romney nach Paris gereist. Wann sie zurück sein würde, war unbestimmt. Sicherlich aber zu den Rennen von Epsom, die am fünfzehnten August begannen. »Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, wird man Sie von Miß Kellys Rückkunft benachrichtigen!« Emma dachte an die niedere Herberge, in der sie abgestiegen war. »Ich bleibe nicht in meinem Gasthof!« erwiderte sie verlegen. »Sobald ich eine feste Wohnung habe, teile ich Ihnen die Adresse mit!« Sie trat auf die Straße zurück und tauchte in dem Menschenstrom unter, den der schöne Maitag ins Freie gelockt hatte. Planlos ließ sie sich mit forttreiben. Daß Miß Kelly nicht in London war, erschreckte sie nicht. Während der langen Postfahrt von Chester hatte sie sich in ihren Phantasien von ungeheuren Schwierigkeiten bedroht gesehen, die sie alle siegreich überwunden hatte. Was konnte ihr nun diese erste kleine Unebenheit schaden? Schlimmstenfalls vermietete sie sich, bis Miß Kelly zurückkam, irgendwo als Dienstmädchen. Auch das Gewühl um sie her flößte ihr keine Furcht ein. In dem kleinen, stillen Hawarden hatte sie sich immer bedrückt gefühlt, hier in dem großen, brausenden London kam sie sich vor wie ein Fisch in seinem Element. Frei war sie, an keine Rücksicht mehr gebunden. Konnte tun und lassen was sie wollte. Ein lustiges Lied summend sah sie den Begegnenden ins Gesicht, lächelte über das plumpe Aussehen der Bürgerfrauen, weidete sich an den schmeichlerisch-herausfordernden Blicken der Männer. Fest und elastisch klangen ihre Schritte auf dem Steinpflaster. Als ginge sie über erobertes Land. Als brauchte sie nur die Hand auszustrecken, um all den Glanz ihr eigen zu nennen. Vor einem Schaufenster blieb sie stehen. Damenkleider aus leichten, weißen und bunten Stoffen waren ausgestellt, indische Schals, gold- und silbergestickte Mäntel, Hüte mit wallenden Straußenfedern. Emma kannte Namen und Wert der Kostbarkeiten nicht, aber ihre Schönheit fesselte sie. Auch war in der Mitte des Schaufensters ein Spiegel angebracht, der das Bild des vor ihm Stehenden in voller Größe zurückwarf. Zum ersten Male sah sie sich in ihrer ganzen Gestalt. Von allen Seiten musterte sie sich, scharf, ohne Eigenliebe. Sie fand sich hübsch, aber den Bauernkittel schrecklich. Das erste, was sie sich anschaffen mußte, war ein Kleid, wie sie im Schaufenster hingen. Es war für sie, was für den Ritter das Schwert, für den Schiffer das Segel. Sie zählte ihr Geld und sah, daß sie noch sieben Pfund hatte. Kurz entschlossen trat sie in den Laden. Ein junger Mann kam ihr entgegen. »Ist der Geschäftsinhaber zugegen?« fragte sie. »Ich möchte ihn sprechen.« Der junge Mann deutete auf eine ältere Frau, die sich im Hintergrunde mit einer Dame unterhielt. »Das Magazin gehört Madame Beaulieu. In welcher Angelegenheit?« Emma maß ihn mit kühlem, Blick und ging an ihm vorüber, ohne zu antworten. »Sie gestatten, Ma'am! Kann ich bei Ihnen für zwei bis drei Pfund ein elegantes Kostüm kaufen?« Madame Beaulieu lächelte. »Hier in Fleetstreet Hauptverkehrsstraße Londons, parallel der Themse, Verlängerung des Strand. gibt es nur Kostüme, die viel, viel mehr kosten!« sagte sie freundlich mit fremdem Akzent. »Billige Sachen kaufen Sie besser in der Drummond-Straße, auf dem Eustonplatz oder auch am Surreyufer!« »Ich höre diese Namen zum erstenmal!« erwiderte Emma. »Ich bin gestern abend erst nach London gekommen. Und wie teuer ist das Kleid, das neben dem Spiegel in Ihrem Schaufenster hängt?« »Acht Pfund, mein Kind!« »Das ist mir zu viel. Ich besitze nur noch sieben und weiß nicht, ob ich in nächster Zeit etwas verdienen werde. Wenn ich das Geld habe, werde ich wiederkommen.« Sie wandte sich, wie um zu gehen. Dann aber schien ihr etwas einzufallen. »Dürfte ich das Kleid nicht wenigstens einmal anziehen?« Madame Beaulieu lachte hell auf. »Haben Sie gehört, Mrs. Cane?« rief sie der Dame zu, mit der sie sich unterhalten hatte. »Die kleine Unschuld vom Lande möchte mein schönstes Kostüm nur einmal anziehen!« Mrs. Cane kam näher, um Emma, neugierig zu betrachten. »Sind Sie so eitel, mein Kind?« »Ich bin nicht eitler, als andere, Ma'am!« sagte Emma ruhig. »Aber ich bin fremd nach London gekommen, um bei einer vornehmen Dame in Dienst zu treten. Unglücklicherweise ist sie nach Paris verreist und kehrt erst im August zurück. Ich muß also sehen, daß ich mich bis dahin auf anständige Weise durchbringe!« »Und dazu brauchen Sie ein schönes Kleid? Sie sind noch sehr jung ... zu jung, als daß ich annehmen möchte ...« Emma warf den Kopf zurück, ihre Augen blitzten stolz. »Bitte, nicht weiter, Ma'am! Ich hoffte, hier werde vielleicht ein junges Mädchen gebraucht, das hübsch genug ist, um den Kundinnen die Kostüme des Magazins vorteilhaft zu zeigen. Deshalb wünschte ich vor Ihren Augen jenes Kleid anzuziehen!« Die beiden Damen sahen einander erstaunt an. »Ihr Gesicht ist hübsch genug!« sagte Madame Beaulieu dann mit scharf prüfendem Blick. »Aber zu der Beschäftigung, die Sie wünschen, gehört mehr. Man muß auch eine tadellose Figur haben!« Emma nickte. »Ich weiß es, Ma'am! Und ich habe sie. Mr. Romney wenigstens fand meine Figur vollkommen!« »Romney?« Die beiden Damen schrien fast auf. »Der Maler Romney?« »Er will mich malen und hat mir für jede Sitzung fünf Pfund geboten!« Auf Mrs. Canes Gesicht spiegelte sich etwas wie Mißtrauen. »Sie sagen das, als wenn es nichts wäre! Warum gehen Sie denn nicht zu ihm?« »Herr Romney ist ebenfalls verreist!« Die Augen der Dame blickten plötzlich streng abweisend. »Das ist nicht richtig! Ich habe noch vor drei Wochen mit ihm gesprochen!« Ruhig sah Emma zu ihr auf. »Wohl möglich, Ma'am! Vor zehn Tagen aber hat er mich am Deegolf in der Nähe von Hawarden gemalt. Als ich vorhin in Miß Kellys Hause war, sagte mir der Portier, sie sei mit Mr. Romney nach Paris gereist. Miß Kelly war dabei, als er mich zeichnete. Sie engagierte mich als Gesellschafterin und schrieb mir ihre Adresse auf.« Sie holte das Blatt aus Romneys Skizzenbuche hervor und reichte es den Damen hin. Mrs. Cane nahm es und prüfte es sorgfältig. »Es ist Miß Kellys Handschrift!« sagte sie endlich. »Ich kenne sie genau. Schon manche Anweisung von ihr auf einen gewissen Gentleman ist durch meine Hand gegangen!« Emma lächelte. »Eine Anweisung auf Gentleman George? Auf – Dickerchen?« Mrs. Cane sah überrascht auf. »Sie wissen?« Sie wandte sich zu Madame Beaulieu. »Ich glaube, die Kleine spricht die Wahrheit. Können Sie ihr nicht helfen, meine Liebe?« Madame Beaulieu zuckte die Achseln. Wir sind in der toten Saison. Zum Herbst vielleicht!« »Wenn Miß Kelly zurück ist, braucht sie keine Hilfe mehr!« Sie sah Emma nachdenklich und zweifelnd an. »Ich selbst würde vielleicht etwas für Sie tun können ... aber dies schreckliche London ... man kann den Menschen nicht ins Herz sehen! Auch weiß ich nicht, was Sie gelernt haben und ob Sie überhaupt etwas leisten können!« Emma preßte die Lippen zusammen. »Ich begreife Ihre Bedenken, Ma'am! Ich selbst würde mich an Ihrer Stelle tausendmal besinnen. Jedenfalls aber belüge ich niemand!« Und sie erzählte alles: ihre niedere Herkunft, ihre kurze Schulzeit bei Mrs. Barker, ihre Flucht aus Hawarden. Sie verhehlte und beschönigte nichts. Mrs. Cane hörte aufmerksam zu; ihr scharfer Blick schien Emma bis ins Innerste ihrer Seele dringen zu wollen. »Und Ihre Mutter?« fragte sie dann. »War sie mit Ihrer Handlungsweise einverstanden?« »Ich habe sie nicht gefragt!« erwiderte Emma offen. »Sie ist durch ihr Unglück so ängstlich geworden, daß sie es nicht zugegeben hätte. Ich habe ihr geschrieben, daß ich nach London gehe, um die Stellung bei Miß Kelly anzutreten. So wird sie vorläufig beruhigt sein!« »Und für die Zukunft?« Emma preßte die Lippen zusammen. »Sie wird immer nur gute Nachrichten von mir erhalten.« »Und wenn es Ihnen schlecht geht?« »Dann erst recht!« »Sie scheinen Ihre Mutter sehr lieb zu haben, mein Kind!« sagte Mrs. Cane warm und wandte sich zu Madame Beaulieu. »Wie wär's, meine Liebe, wenn wir prüften, ob Mr. Romney recht hatte, als er dies kleine, tapfere Mädchen für eine vollkommene Schönheit erklärte? Darf sie das Kostüm aus Ihrem Schaufenster einmal anlegen?« Madame Beaulieu winkte einer Verkäuferin, das Kleid zu holen. »Gern, Mrs. Cane, wenn Sie es wünschen! Leider aber kann ich Miß Lyon keine Stellung bei mir anbieten!« Mrs. Cane lächelte. »Wir werden sehen!« Das Kleid wurde gebracht, Emma zog es an, und die beiden Damen betrachteten sie lange. »Es wird sich vielleicht doch einrichten lassen, daß Sie bei mir bleiben!« sagte Madame Beaulieu dann. »Ich werde eine meiner Verkäuferinnen entlassen und Ihnen die Stelle geben!« Emma errötete. »Verzeihen Sie, Ma'am ... Sie sind sehr liebenswürdig ... aber ich möchte nicht gern eine andere verdrängen ...« Mrs. Cane nickte ihr freundlich zu. »Ihre Gesinnung macht Ihnen Ehre, mein Kind. Und sie bestärkt mich, Ihnen einen anderen Vorschlag zu machen. Mr. Cane, mein Mann, ist einer der ersten Juweliere in London. Unser Geschäft liegt ein paar Schritte von hier entfernt und zählt Damen und Herren der höchsten Aristokratie zu seiner Kundschaft. Haben Sie Lust, als Empfangsdame bei uns einzutreten? Es könnte gleich geschehen und mit der Zeit würde es Ihnen wohl leicht werden, sich die nötigen Kenntnisse auch für den Verkauf anzueignen. An Unterweisung soll es Ihnen nicht fehlen. Über die Bedingungen werden wir uns schon einigen.« Emma war von dem Glück, das sich ihr bot, einen Augenblick wie betäubt. »Wie gut Sie sind, Ma'am!« rief sie dann und beugte sich auf Mrs. Canes Hand herab, um sie zu küssen. »Ich werde mir Mühe geben, daß Sie Ihre Güte nie zu bereuen haben!« Mrs. Cane lächelte fein. »Machen Sie sich keine übertriebenen Vorstellungen, Kind! Wären Sie häßlich, so hätte ich Ihnen nicht helfen können. Unsere Kunden lieben es, schöne Gesichter zu sehen, und wir Geschäftsleute müssen darauf Rücksicht nehmen. So ganz uneigennützig ist mein Vorschlag also nicht. Wie ist es, können wir gleich zu uns hinübergehen, um mit Mr. Cane das Weitere abzumachen? Oder haben Sie etwas anderes vor?« »Nichts, Ma'am, nichts! Ich habe hier in London ja nach niemand zu fragen. Ach, wenn Mr. Cane nur Ihren Vorschlag billigt!« Wieder lächelte die alte Dame. »Mr. Cane billigt meine Vorschläge immer! ... Aber was tun Sie denn da? Ich sagte Ihnen doch, daß bei uns die beste Gesellschaft verkehrt. Sie müssen stets elegant sein. Behalten Sie also das Kleid nur an; wir verrechnen es gelegentlich. Und Madame Beaulieu wird uns noch ein paar Kleinigkeiten geben müssen, um Ihre Toilette zu vervollständigen. Wäsche, Schuhe, alles, was nötig ist. Mr. Cane soll sich gleich überzeugen, daß ich eine gute Erwerbung gemacht habe!« – – – – – – – – Als Emma sich am Abend dieses Tages entkleidet hatte, betrachtete sie sich lange in dem kleinen Spiegel der Mansarde, die in Mr. Canes Hause nun ihr Heim war. Ein Lächeln der Zuversicht kräuselte ihre Lippen. Der erste Tag in London! Der erste Schritt auf ihrem neuen Wege zum Glück! Ihre alten Kleider hob sie sorgfältig auf. Einst, wenn sie eine Lady war, sollte ihr der grobe Bauernkittel ein Sinnbild ihres Triumphes sein. Aber als sie aus dem Beutelchen, in dem sie ihre Barschaft verwahrte, ein Papier nahm und aus diesem ein einzelnes Geldstück wickelte, verfinsterte sich ihr Gesicht. Ihre Zähne knirschten aufeinander und ihre Augen blickten hart. Mühsam bohrte sie mit einem Nagel eine Öffnung in das Silber und schlang es sich an einer Schnur um den Hals. Der Schilling der Jane Middleton ... – – – – – – – – Wochenlang lebte Emma nun ein stilles Leben im Hause des Juweliers. In dem großen Laden des Erdgeschosses empfing sie die Kunden und legte ihnen die Kostbarkeiten des berühmten Magazins vor. Ihre Hände wühlten in den Schätzen der Welt und ihre Augen tranken den Glanz, der von ihnen ausgehend das Halbdunkel des Raumes mit tausendfarbigen Lichtern zu erfüllen schien. Wasserhelle Diamanten aus Indien und Brasilien blitzten neben himmelblauen persischen Türkisen und violetten Amethysten vom Ural. Gelbe Topase aus Sachsen, blutrote Rubine aus Birma, kornblumenblaue Saphire vom Himalaja wetteiferten mit dunkelgrünen Smaragden aus Kolumbien und indischen goldroten Karneolen. Lapislazuli aus Afghanistan und vom Baikalsee ließen auf ultramarinblauem Grundgestein ihre goldenen Flitter erglänzen. Sie hatte sie alle kennen gelernt, diese Wunder des Lichts und der Farbe. Aus allen Teilen der Erde hatte der Handel sie hier zusammengetragen, um die Frauen Englands zu schmücken. Die Frauen von ein paar Tausenden Bevorzugter, die sich zu Herren über die Masse der Millionen emporgeschwungen hatten. Jeden Stein wußte sie nach seinem Werte zu schätzen, so daß Mr. Cane, der erfahrene Juwelier, sich oft darüber verwunderte, woher dem einfachen Mädchen aus dem Volke das Gefühl für das Echte gekommen. Es war ihr natürlicher Sinn für Schönheit, der sie leitete, geschärft durch das Begehren. Denn eine brennende Gier nach diesen Kostbarkeiten hatte Emma erfaßt. Wenn sie einen Stein von besonderer Färbung oder außergewöhnlichem Glanze verkaufen mußte, hatte sie Wallungen eines zornigen Schmerzes. Wie beraubt kam sie sich dann vor. Als habe nur sie ein Anrecht auf königlichen Schmuck und als bestehle man sie schon durch das bloße Anschauen. Niemals aber kam ihr die Versuchung, sich eines dieser heißbegehrten Stücke anzueignen. Mit einem heimlichen Lächeln beobachtete sie die Vorsichtsmaßregeln, die Mr. Cane seinen Verkäuferinnen gegenüber traf. Ihretwegen konnte er alles unverschlossen umherliegen lassen! Um einen Stein setzte sie ihre Zukunft nicht aufs Spiel! Die Zukunft ... Eines Tages würde dieselbe Emma Lyon, die jetzt hinter dem Ladentische stand und fremden Wünschen diente, dort vor der Tür in eigener Equipage vorfahren und eintreten, geleitet von Lakaien in goldstrotzenden Livreen. Mr. Canes geschmeidige Verbeugungen würden sie empfangen und das staunende Geflüster der armen Verkäuferinnen. Was sie sich auch von diesen Schätzen wünschte, alles würde ihr gehören. So würde es geschehen. Sie wußte es genau. Aber noch zeigte sich zu dieser Zukunft kein Weg. Die Herren, die eintraten, bewunderten ihre Schönheit, warfen ihr verstohlene Blicke zu, raunten ihr kecke Worte ins Ohr. Keiner aber näherte sich ihr ernstlich. Sie kauften, um die Diademe in andere Haare zu flechten, die Kolliers auf anderen Nacken funkeln zu lassen, die Ringe an andere Finger zu stecken. Wie eine Durstende kam sie sich vor, bis an den Hals in einen rieselnden Quell gestellt. Sobald sie sich aber bückte zu trinken, wich das Wasser zurück. Zorn und Ungeduld ergriff sie über die Langsamkeit, mit der das Glück nahte. Was nutzte es, daß sie hier in dem Glanze lebte, wenn sie selbst keinen Teil an ihm hatte? Inmitten des lärmvollen, menschenerfüllten London war sie in diesem Laden wie abgeschieden von der Welt, die draußen, jenseits der Schaufenster vorüberflutete mit ihren unbekannten Genüssen und Erregungen. Die seiderauschenden Damen und die eleganten Herren, die hereinkamen – wie die leichten Springwellen waren sie, die das Meer ans Ufer warf, um sie nach kurzem Spiel wieder mit sich fortzunehmen. Wie am Deegolf durfte sie den fernen leuchtenden Streifen des Meeres nur sehen; nicht hinabtauchen in die tiefe, murmelnde Flut … – – – – – – – – Eines Morgens kam Mrs. Cane schon früh aus ihrer Wohnung herunter, als Emma das Magazin öffnete. »Wissen Sie, liebes Kind,« sagte sie freundlich, nachdem sie Emmas Gruß erwidert hatte, »daß Sie heute bereits einen Monat bei uns sind?« Emma versuchte zu lächeln. »Wirklich, Ma'am? Hoffentlich bereuen Sie es nicht, mich aufgenommen zu haben!« Mrs. Cane sah ihr mit forschendem Blick in die Augen. »Wir sind mit Ihnen zufrieden, Miß Emma. Es fragt sich nur, ob Sie es auch mit uns sind!« »O, Ma'am ... ich bin Ihnen so dankbar ...« »Still, still! Ich glaube zu ahnen, was in diesem hübschen, eigenwilligen Kopfe vorgeht. Er ist einer von denen, die alles sehen und alles hören wollen. In den ersten Tagen war's etwas Neues, elegante Herren und Damen hereinkommen zu sehen und sprechen zu hören. Nun aber merkt man, daß es eigentlich immer dasselbe ist. Und da fühlt sich das junge Herz in Mr. Canes Laden nicht ganz befriedigt. Ist es nicht so, mein Kind?« Emma richtete sich auf und sah die alte Dame frei und offen an. »Es ist so, Ma'am,« sagte sie. »Je länger ich hier bin, desto mehr fühle ich, wie wenig ich weiß und wieviel ich zu lernen habe. Verzeihen Sie, wenn ich so rückhaltlos spreche! Ich verstehe nun einmal nicht zu lügen!« Mrs. Cane nickte. »Ich zürne Ihnen nicht, mein Herz. Im Gegenteil, ich freue mich über Ihren Wissensdrang. Ich habe ja das Vertrauen zu Ihnen, daß es sich nur auf Gutes und Schönes richtet. Und ich möchte Ihnen gern helfen. Es wird nachgerade auch Zeit, daß Sie London ein wenig näher kennen lernen. Waren Sie schon einmal in einem Theater?« Emma errötete. »Niemals, Ma'am! Aber einige meiner Mitschülerinnen bei Mrs. Barker haben öfter das Theater in Chester besucht und nachher Wunderdinge erzählt. Einen rechten Begriff habe ich mir jedoch nicht machen können!« »Nun denn – wollen Sie heute abend mit mir ins Drurylane-Theater gehen? Mr. Sheridan, der Direktor, ein berühmter Schriftsteller, ist ein Freund meines Mannes und hat uns zwei Logenplätze geschickt. Mr. Cane ist aber verhindert. Es wird ›Romeo und Julia‹ gegeben, von Shakespeare. Wissen Sie, wer Shakespeare war? Der größte Dichter nicht nur Englands, sondern auch der ganzen Welt. ›Romeo und Julia‹ ist eines seiner Meisterwerke. Mr. Garrick, unser bester Schauspieler, gibt den Romeo; die Julia spielt Mrs. Siddons, eine junge Künstlerin, der man eine große Zukunft prophezeit. Die Vorstellung beginnt um sieben Uhr. Übrigens wird es gut sein, wenn Sie das Stück vorher lesen, damit Sie leichter folgen können. Ich werde Ihnen das Buch leihen. Setzen Sie sich damit auf Ihr Zimmer. Den Nachmittag gebe ich Ihnen frei!« Emma nahm das Buch mit klopfendem Herzen. Am Nachmittag saß sie in ihrer Mansarde und las. Die unsterbliche Tragödie der Liebe. Viertes Kapitel Wie der Palast einer Feenkönigin erschien Emma das weite Haus. Diademen gleich krönten goldene Zieraten die Logenbrüstungen, die über dem dunkeln Rot der Sitzreihen schimmerten, wie bleiche Stirnen über schwellenden Purpurlippen. Durch das blendende Lichtmeer streuten Edelsteine farbige Blitze. Von weißen Frauenschultern sandten Blumenblüten zarte Wohlgerüche empor, die sich mit dem Flirren der Lichter zu mischen schienen, um alles in einen durchsichtigen Mantel von duftenden Strahlen zu hüllen. Das Gehen der Türen, das Rascheln der Gewänder, das Murmeln der Stimmen vereinigte sich zu einer leise auf- und abwogenden Tonwelle von unbestimmter Klangfarbe, über der das feine Schwirren der Geigen, das ferne Hallen der Hörner, das traumhafte Klagen der Klarinetten einherschwebten wie eine einzige süße Melodie von Sehnsucht und Liebe. Bis sich der Vorhang von der Szene hob und vor Emmas Augen eine fremde, wunderbare Welt öffnete. Italien ... Verona ... »Lauf, Amme, lauf! Erkunde, wie er heißt! Und ob er frei! – Ist er vermählt, So ist das Grab zum Brautbett mir erwählt!« Eine Glutwelle rann durch Emmas Leib, als Julia die Worte sprach, durch die sie ihre Liebe zu Romeo offenbarte. Unwillkürlich dachte sie sich an die Stelle dies Mädchens. Wenn ihr einmal ein Romeo begegnete – auch sie würde ihn lieben! Wie Julia liebte. Glühend, rücksichtslos, bis zum Vergessen des eigenen Ich ... Romeo ... Die Erinnerung an Tom schoß ihr durch den Sinn. Mit einem Lächeln des Mitleids schob sie ihn zur Seite. Tom war kein Romeo, würde nie einer werden. Von allen Männern, die sie bisher gesehen, vermochte sie sich keinen als den Geliebten einer Julia vorzustellen. Auch Romney nicht. Romney war alt und müde. Jung aber mußte Romeo sein, stolz, siegreich. Weit vorgebeugt, den Atem anhaltend, folgte sie dem Gange der Handlung. In den Pausen saß sie in sich versunken, achtlos gegen alles, was um sie war. Den Stimmen der Dichtung lauschte sie, die tönend in ihr nachklang. Ihr war es nicht Dichtung, was sich da unten abspielte; ihr war es greifbare, fleischgewordene Wirklichkeit. Alle die starken Empfindungen, die in Julia lebten, lebten auch in ihr: Liebe, Frömmigkeit und Schrecken. Komm, milde, liebevolle Nacht! Komm, gib Mir meinen Romeo! Und stirbt er einst, Nimm ihn! Zerteil' in kleine Sterne ihn! Er wird des Himmels Antlitz so verschönen, Daß alle Welt sich in die Nacht verliebt, Und niemand mehr der eitlen Sonne huldigt!«– Durstigen Mundes trank sie die Sehnsucht aus Julias Worten, und wie Julia fühlte sie ihr Herz erzittern von dem süßen Rausche des erfüllten Glücks. Brennenden Auges, die Hände gegen die wogende Brust gedrückt, durchlebte sie die Wonne der beiden Balkonszenen. Wie Julia wollte sie den Geliebten in ihren Armen zurückhalten zu unaufhörlichem, stammelndem Liebesgeflüster. Und ihn doch gleichzeitig fortgehen heißen aus Furcht vor dem anbrechenden, verräterischen Tage. Aber dann, als Julia, während sie den Schlaftrunk nahm, sich ihr späteres Erwachen im Grabmal ihrer Ahnen vorstellte... »O wach' ich auf, werd' ich nicht rasend werden, Umringt von all den greuelvollen Schrecken? Und toll mit meiner Väter Knochen spielen? Und Tybalt aus dem Leichentuche zerren?« Das ganze, furchtbare Grausen in Julias weit aufgerissenen Augen sprach auch aus Emmas Augen. Es litt sie nicht mehr auf ihrem Sitze. Aufspringend trat sie hart an die Brüstung der Loge, bleich, mit zuckenden Lippen und fliegendem Atem. Sie fühlte nicht, wie Mrs. Cane ihre Hand ergriff und sie zurückzuziehen suchte. Sie hörte nicht die beruhigenden Worte, die sie ihr zuflüsterte, und sah das Gesicht des Mannes in der Nebenloge nicht, der sich zu ihr vorbeugte und sie nicht mehr aus den Augen ließ. Für sie waren alle die Menschen nicht mehr da. Nur eins noch gab es – das Unerhörte, das sich da unten abspielte. Sie selbst war da unten ... Julia war sie ... namenloses Entsetzen durchschauerte ihren Leib ... Es nahte der Tod ... – – – – – – – – In dem Bestreben, die Tragik des Werkes bis zum höchsten Gipfel zu steigern, hatte Garrick die Sterbeszene geändert. Bei Shakespeare starb Romeo, ohne zu wissen, daß Julia nur schlief, und Julia erwachte erst, nachdem Romeo seinen letzten Seufzer schon ausgehaucht hatte. Garrick dagegen ließ Julia bereits in dem Augenblick erwachen, da Romeo eben das Gift getrunken hatte. Zu spät erkennen nun beide den ungeheueren Irrtum, dem sie zum Opfer gefallen sind. Das Entsetzen peitscht sie auf. Um dem Grausen zu entfliehen, das über dem düsteren Grabe lastet, stürzen sie nach der Tür. Im Fliehen bricht Romeo in die Knie. In ihm wirkt das Gift. Julia in seine Arme reißend, wirre Liebesworte ihr ins Ohr stammelnd, stirbt er, während sie seinen Mund küßt... Und Julia greift zum Dolche ... – – – – – – – – Die Verzweiflungsschreie der Liebenden, das Furchtbare ihres Schicksals, die ungeheuere Wucht des Vorganges zerrissen Emmas Seele. Als Julia sich den Dolch ins Herz stieß, fiel Emma wie tot zu Mrs. Canes Füßen nieder. – – – – – – – – Wie aus weiter Ferne drang eine Stimme an ihr Ohr. Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf und blickte in Mrs. Canes besorgtes Gesicht. Was war geschehen? War nicht eben noch Romeo in ihren Armen gestorben? Und fühlte sie nicht noch den stechenden Schmerz, mit dem das kalte Eisen durch ihre Brust gedrungen war? »Mein Gott, Kind, wie Sie mich erschreckt haben!« sagte die alte Dame. »Nie hätte ich gedacht, daß ein Theaterstück einen derartigen Eindruck machen könnte!« Emma erinnerte sich nun an alles. Verwirrt und beschämt richtete sie sich auf und suchte sich zu fassen. Plötzlich aber brach sie in Tränen aus. Schluchzend ergriff sie Mrs. Canes Hand und bedeckte sie mit heißen Küssen. »Bitte, bitte, Ma'am, zürnen Sie mir nicht, daß ich so töricht war, alles für Wirklichkeit zu halten! Es war so grauenerregend und ich fürchtete mich so. Und doch war es wieder so schön, so wunderbar, so groß!« Sie strich sich das Haar; aus der heißen Stirn und sah mit traumhaftem Blick ins Leere, »Glauben Sie, Ma'am, daß es Menschen gibt, die einander so lieben, wie Romeo und Julia? Lieben bis zur Entrücktheit, bis zum Allesvergessen?« Mrs. Cane lächelte sanft. »Dichter übertreiben gern, Kind! Wenn Sie erst älter sind, werden Sie merken, daß das Leben sehr kalt und nüchtern ist. – Aber wir müssen gehen. Das Haus ist schon leer und die Lichter werden gelöscht. – Haben Sie vielen Dank, Sir!« Sie grüßte einen Herrn, der im Hintergrunde der Loge stand und ein Glas Wasser in der Hand hielt. Erst jetzt bemerkte ihn Emma und errötete. »Der Herr sah von der Nebenloge aus, wie Sie ohnmächtig wurden!« erklärte die alte Dame. »Er bot seine Hilfe an, und ich bat ihn um ein Glas frischen Wassers. Aber als er es brachte, kamen Sie schon wieder zu sich!« Emma sah zu ihm hinüber. Er hatte sich ein wenig vorgeneigt, und das Licht der Loge fiel auf sein junges, schmales Gesicht. Es hatte zarte, sanft ineinander fließende Farben, wie ein Frauenantlitz. »Ich weiß nicht,« sagte er mit weicher, voller Stimme, »ob ich bedauern soll, daß ich umsonst ging, oder ob ich mich freuen muß, daß ich zu spät kam!« Seine dunkelblauen Augen unter dichten, blonden Brauen strahlten einen feuchten Glanz aus. Emma wußte nicht warum, aber unter seinem Blick stieg in ihr plötzlich etwas auf, das ihr das Herz froh und leicht und das Blut schneller kreisen machte. Mit einer raschen Bewegung nahm sie das Glas aus seiner Hand. »Ist es wirklich Wasser?« fragte sie scherzend. »Oder haben Sie einen Zaubertrank gemischt vom der Art, wie Bruder Lorenzo ihn der Julia gab?« Er hielt ihren Blick fest. »Wenn es ein solcher Zaubertrank wäre, würden Sie an Julias Stelle nicht trinken?« Sie sah auf seine Lippen, die lächelten. Volle, tiefrote Bogen, an den Enden leicht eingedrückt. Zarte, rosenfarbene Winkel bildeten sich hier, weich beschattet, wie verschwiegene Buchten der Lust. »Vielleicht!« sagte sie träumerisch. »Vielleicht! Wenn Romeo es wollte ...« Langsam trank sie das Glas leer und gab es ihm zurück. Ihre Hand berührte dabei die seine. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Ein heißer Strom schien aus seinen schlanken, bleichen Fingern in ihre Adern hinüberzugleiten. Verwirrt ging sie dann neben ihm her, Mrs. Cane zum Ausgang des Theaters folgend. An der ins Erdgeschoß hinabführenden Treppe blieb die alte Dame stehen. »Wir werden einen Wagen nehmen!« sagte sie höflich kühl und machte dem Herrn eine verabschiedende Verbeugung. »Haben Sie nochmals Dank, mein Herr!« Er merkte wohl ihre Absicht, ihn von Emma zu trennen, und lächelte belustigt. »Sie glauben doch nicht, Ma'am, daß ich Sie allein diese engen Treppen hinabsteigen lassen werde? Nachdem Ihr Fräulein Tochter eben erst einen Schwächeanfall überstanden hat?« Mrs. Cane zog die Brauen zusammen. »Miß Emma ist nicht meine Tochter!« sagte sie abweisend. »Und es ziemt sich für Frauen aus gut bürgerlichem Hause nicht, die Begleitung eines Unbekannten anzunehmen!« Er verneigte sich ernst vor ihr. Aber Emma sah, daß seine Augen lachten. »Sie haben recht, Ma'am, wenn Sie Fremden kein Vertrauen schenken. London ist ein schlimmer Ort. Gleichwohl hoffe ich auf eine Ausnahme zu meinen Gunsten. Ich heiße Charles Overton und arbeite in Doctors Commons Londoner Gerichtshof. !« Mrs. Cane nickte kurz. »Trotzdem ...« »Berechtigt mich das noch nicht, dem schönsten Fräulein von ganz London meine Huldigungen zu Füßen zu legen? Es soll auch nicht geschehen, Ma'am! Miß Emma interessiert mich aus einem anderen Grunde. Ich habe sie während des Abends beobachtet und Vergleiche angestellt. Vergleiche – wissen Sie, mit wem, Miß Emma?« Er wandte sich ihr zu und bot ihr den Arm in seiner ruhigen, bestimmten Weise, die kein Widerstreben zuließ. Und mit ihr hinter Mrs. Cane die enge, halbdunkle Treppe hinabsteigend fuhr er ohne ihre Antwort abzuwarten fort. »Ich verglich Sie mit Julia. Das heißt, mit der Julia, wie sie von Mrs. Siddons gespielt wird. Ich bin dabei zu merkwürdigen Entdeckungen gekommen. Mrs. Siddons ist eine unvergleichliche Lady Macbeth, eine grandiose Königin im ›Hamlet‹, aber eine gute Julia ist sie nicht! Ihrer majestätischen Gestalt fehlt die leichte, gleitende Grazie, ihrer Stimme der weiche Schmelz, ihrem ganzen Wesen die träumerische Jungfräulichkeit. Nie ist mir das so klar geworden wie heute. Als ich plötzlich die wahre Julia vor mir sah!« Seine Augen tauchten in die ihren; verstohlen faßte er ihre Hand, die auf seinem Arme lag. Sie ließ es geschehen. Sein herrischer Wille, seine leichte, sichere Sprache, die vornehme Schönheit seiner hohen Gestalt – alles das umwob ihn mit einem Schleier des Unbekannten, Geheimnisvollen, der sie widerstandslos gefangen nahm. Und seine Lippen – diese brennendroten Lippen, die beim Sprechen leuchtend weiße Zähne zeigten ... was war es nur, daß sie ihr so bekannt vorkamen? Daß sie immer auf sie hinstarren mußte? Unmerklich blieb er ein wenig zurück, als solle Mrs. Cane seine Worte nicht hören. »Julia saß fast unmittelbar neben mir. Sie aber beachtete mich nicht. Sie sah nur, was auf der Szene vorging. Sie lebte so in dem Spiel, daß ihre Lippen unwillkürlich alle Worte nachformten, die an ihr Ohr schlugen. Jede Empfindung prägte sich in ihren Mienen aus, ihre Hände fanden Bewegungen von einem Ausdruck, wie ich ihn nie gesehen. Und als sie starb – der größte Bildhauer Griechenlands hätte den Tod nicht schöner und erhabener darstellen können! Wissen Sie nun, wer meine Julia ist?« Er beugte sich zu ihr nieder, daß der warme Atem seines Mundes ihre Stirn streifte. Wie ein Strom flüssigen Feuers rann es durch ihre Glieder. Unwillkürlich schloß sie die Augen. Plötzlich fühlte sie seine Lippen auf den ihren … – – – – – – – – Im Portal des Theaters trafen sie wieder mit Mrs. Cane zusammen, die eben einen Diener beauftragte, einen Wagen herbeizuholen. Unbefangen redete Mr. Overton sie an. »Ich sagte eben zu Miß Emma, daß sie unbedingt Schauspielerin werden muß. Eine große Zukunft ist ihr sicher!« Mrs. Cane zuckte die Achseln. »Was nennen Sie eine große Zukunft, Mr. Overton?« fragte sie mit ungewohnter Schärfe zurück. »Halten Sie eine Zukunft für wünschenswert, die nur durch Unmoral und Sittenlosigkeit erreicht werden kann? Und selbst wenn Miß Emma eine gefeierte Künstlerin wird, was bietet ihr das Leben? Man klatscht ihr Beifall, wirft ihr Kränze und kauft ihr Bild in den Läden! Aber eines Tages merkt sie, daß das alles hohl und nichtig, und daß die Kunst nicht das Glück ist. Wenn das Weib in ihr nach Besserem verlangt. Dann aber ist es zu spät!« Er hatte sie ruhig ausreden lassen. Mit einem Lächeln leichten Spottes, das seinem Munde einen neuen Reiz verlieh. »Zu spät!« wiederholte er nun. »Warum sollte nicht auch eine Künstlerin in der Liebe und Ehe das Glück finden können, von dem junge Mädchenherzen träumen? Ich könnte Ihnen Ladies nennen, die vor ihrer Verheiratung Künstlerinnen waren. Genie und Schönheit ersetzen eben den ältesten Stammbaum!« »Aber nicht die gutbürgerliche Achtung!« erwiderte sie feindselig. »Solange Miß Emma unter; meiner Obhut steht, soll die Versuchung nicht an sie herankommen! – Nichts für ungut, Herr!« schloß sie in einem Tone, der jeden weiteren Einwand abschnitt. »Aber dies ist die Meinung einer; alten Frau, die das Leben kennt und weiß, daß man nur durch feste Grundsätze glücklich werden kann. – Und nun ... der Wagen ist da! Steigen Sie ein, Kind! Und Sie, Mr. Overton, seien Sie nochmals freundlichst bedankt und leben Sie wohl!« Sie ließ Emma einsteigen, sich zwischen sie und Overton drängend. Dann folgte sie selbst und schloß hastig die Tür. Mit abgezogenem Hute stand Overton am Schlag. Noch einmal sah Emma das feine, mädchenhaft zarte Gesicht, die feucht schimmernden Augen, die vollen, roten Lippen ... Sie wölbten sich ihr entgegen, wie zu einem langen, zärtlichen, abschiednehmenden Kuß ... Dann rollte der Wagen davon. – – – – – – – – Warum hatte sie ihm nicht ihren Namen und ihre Adresse zugeflüstert? Nun wußte er nicht, wer sie war und wo er sie finden konnte. Auseinandergegangen waren sie, wie sie zusammengekommen waren – durch ein blindes Spiel des Zufalls. Niemals vielleicht würden sie einander wiedersehen. Blätter waren sie, die ein neidischer Wind vom Baume riß und weit in dunkle Fernen verstreute … – – – – – – – – In sich versunken fuhr sie neben Mrs. Cane dahin. Wohl in dem Bestreben, ihr schroffes Benehmen gegen Overton zu rechtfertigen, zählte jene eine Reihe von Fällen auf, in denen Gutgläubige von Abenteurern getäuscht worden waren. London war eine schlimme Stadt, voll von Gefahren und Anfechtungen. Die Zeitungen wimmelten von Berichten über Raubanfälle, Entführungen und Morde, die niemals aufgeklärt wurden. Täglich nahm die Unsicherheit zu. Anständige Damen konnten nach Dunkelwerden nicht durch die Straßen gehen, ohne Belästigungen und Verfolgungen ausgesetzt zu sein. Man durfte niemand glauben. Je vornehmer sich jemand gab, um so vorsichtiger mußte man sein. Nirgends war die Sittenverderbnis allgemeiner und die Gewissenlosigkeit größer, als in den Kreisen der Aristokratie. Vergebens gab König Georg III. das Beispiel eines schlichtbürgerlichen Lebens; Hof und Adel waren von der moralischen Pest ergriffen, die in Frankreich wütete und von neuerungssüchtigen Reisenden über den Kanal in England eingeschleppt wurde. Ein junges, unerfahrenes Mädchen durfte man niemand anvertrauen, den man nicht genau kannte. Overton war ein hübscher Mensch, aber er hatte lüsterne Augen, ein lüsternes Lächeln, einen lüsternen Mund. Und wie er aussah, so sprach er. Hinter scheinbar ernsten Worten verbarg er leichtfertige Gedanken. Und wußte man denn, wer er war? Ob es wirklich sein Name war, den er angegeben hatte? Er trug einen schweren Siegelring mit eingraviertem Adelswappen, wie Advokatenschreiber nicht zu besitzen pflegten, zu denen er nach seinen Worten gehörte. Weiß Gott, mit welchen schlimmen Absichten er sich an sie herangedrängt hatte! Emma widersprach nicht. Sie hörte kaum, was Mrs. Cane sagte. Die Worte rauschten an ihr vorüber wie das nächtliche Leben und Treiben in den Straßen der Stadt: sie empfand seine Nähe, verstand aber seinen Sinn nicht. Eine süße Erschlaffung hatte sich ihrer bemächtigt, in der sie nichts dachte. Nur eine dunkle Erinnerung hatte sie an etwas Großes, das ihr begegnet war und das sie doch nicht zu nennen wußte. Aus dem eine weiche Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem, Wonnevollem zarte Blüten emportrieb. Als sie in ihrer Kammer war, fühlte sie sich wie zerschlagen. Kaum daß sie die Kraft fand, die Kleider abzustreifen. Aber als sie das Bett zurückschlagen wollte, um auszuruhen, erbebte sie. Auf der Decke lag noch das Buch, das ihr Mrs. Cane gegeben. Romeo und Julia ... Hastig nahm sie es auf und vertiefte sich wiederum in das Werk. Alle Müdigkeit war verflogen, ein heißer Drang spannte aufs neue alle ihre Nerven. Und während die Szene des Drurylane-Theaters In greifbarer Deutlichkeit aus der Erinnerung vor ihr erstand, sah sie plötzlich das große Ziel ihres Lebens vor sich. Charles Overton hatte ihr den Weg gezeigt: Künstlerin, Schauspielerin mußte sie werden, um mit der Macht ihrer Schönheit, mit der Kraft ihres Geistes diese feindliche Welt zu ihren Füßen niederzuzwingen! Der Entschluß brannte in ihr. In unaufhörlicher Wiederholung flossen ihr Julias Worte von den Lippen, suchte sie Julias Empfindungen stets neuen, überzeugenderen Ausdruck zu geben. Ungeahnte Quellen sprangen in ihrer Seele auf. Den ganzen Rausch der Liebesraserei durchlief sie; vom ungeduldigen Bangen der Erwartung bis zur rückhaltlosen Glut der Hingabe; von der Ahnung des nahenden Unheils bis zum letzten Verzweiflungsschrei des Unterganges. Und nun wurde alles in ihr Gefühl, Inbrunst, Leidenschaft. Romeo kam. Der Strahl seines Auge's durchzuckte sie, der Druck seiner Hand jagte ihr einen Strom des Entzückens durch die Adern. Ihr ganzes Sein löste sein Kuß auf in eine einzige verzehrende Flamme der Sehnsucht. Rote Lippen schwangen sich in edelm Bogen ... endeten in leicht beschatteten Winkeln ... zarten, rosenfarbenen Buchten der Lust ... Romeo ... Overton ... Fünftes Kapitel Am folgenden Tage verlangte Mrs. Cane das geliehene Buch zurück. Emma verschaffte sich bei einem Buchhändler ein anderes. Alles kaufte sie ihm ab, was er von Shakespeare besaß. Und mit dem wütenden Eifer einer Fanatikerin stürzte sie sich auf ihre neuen Aufgaben. In fünf Nächten bewältigte sie die Julia, in sieben die Desdemona. Dann ging sie an die Ophelia. Das Lernen wurde ihr leicht. Auch das Mienenspiel machte ihr wenig Schwierigkeiten. Der kleine Spiegel genügte, um Mund, Augen und Kopfstellung zu prüfen. Aber über die Bewegungen der Schultern und Hüften war sie im unklaren. Und die Behandlung der Stimme bereitete ihr Sorge. Sie durfte nicht laut sprechen, um die übrigen Verkäuferinnen nicht zu stören, die in den Nebenmansarden schliefen, daher dämpfte sie ihre Stimme fast bis zum Flüstern herab. Würde sie später den rechten Ton treffen, wenn sie sich zur Aufnahme in das Drurylane-Theater meldete? Dorthin zielte ihr Ehrgeiz. Sie brannte darauf, neben Garrick zu spielen und Mrs. Siddons in den Schatten zu stellen. Daß es ihr gelingen würde, daran zweifelte sie nicht einen Augenblick. Nur erst einmal auf der Bühne stehen! Der Sieg würde ihr gehören! Und Charles Overton würde die wahre Julia sehen … – – – – – – – – Am Morgen nach jenem ersten Zusammentreffen mit ihm war sie in den Laden gekommen in der festen Erwartung, ihn im nächsten Augenblick eintreten zu sehen. Er hatte sie ausgekundschaftet und kam unter dem Vorwand eines Einkaufes, um sie wiederzusehen, und sie um eine Zusammenkunft zu bitter. So hatte sie es sich ausgemalt und so hätte sie an seiner Stelle gehandelt. Was daraus entstehen würde? Sie wußte es nicht, sie wollte auch nicht darüber nachdenken. Dazu war noch Zeit, wenn er gekommen war. Aber er kam nicht. Liebte er sie nicht? Was aber hatte dann aus seinen Augen zu ihr gesprochen? Warum hatte er sie geküßt? Irgend etwas Feindliches mußte ihn abhalten. Doch er würde es überwinden. Und eines Tages würde in dem Menschengewühl der Straße seine hohe Gestalt auftauchen ... Jedesmal seitdem, wenn sich der Eingang des Ladens verdunkelte, begann ihr Herz schneller zu schlagen und ihre Augen flogen nach der Tür. – – – – – – – – An einem der ersten Tage des August sah sie eine Equipage vor dem Magazin halten. Ein Groom öffnete den Schlag, eine Dame in kostbarer Promenadentoilette stieg aus und kam in den Laden. Miß Kelly! Mr. Cane eilte ihr entgegen und empfing sie mit tiefen Verbeugungen. »Entzückt, Euer Gnaden zu sehen! Herrlichkeit haben mich lange nicht mehr beehrt!« Hochmütig sah sie auf ihn herab. »Sie haben mich das letztemal schlecht bedient, da Sie der Herzogin von Devonshire schönere Brillanten vorlegten als mir. Ich wünsche vor niemand zurückzustehen, wer es auch sei! Bitte, sich in Zukunft danach zu richten!« Lässig setzte sie sich in den Sessel, den er ihr diensteifrig hinschob, und ließ ihre Augen wie zerstreut durch den Raum schweifen. Ihr Blick fiel dabei auf Emma, aber kein Zeichen verriet, daß sie sie erkannte. »Ich war kürzlich in Paris in Gesellschaft der Gräfin Polignac ...« »Der Oberhofmeisterin der Königin von Frankreich?« »Wie sie erzählte, hat Marie Antoinette für die erste große Cour des nächsten Winters einen kostbaren Smaragdschmuck bestellt. Smaragd wird also Mode werden!« Mr. Cane verneigte sich tief. »Ich bin Euerer Herrlichkeit für den Wink äußerst dankbar! Ich werde meine Lieferanten ...« Mit einer Handbewegung schnitt sie ihm das Weitere ab. »Wie Sie meine Nachricht ausbeuten, interessiert mich nicht! Jedenfalls wünsche ich acht Tage vor der Königin von Frankreich Smaragden zu tragen. Und keine Lady in ganz England darf mir zuvorkommen. Haben Sie verstanden?« Er nickte lächelnd. »Nicht Marie Antoinette, Königin von Frankreich, wird die neue Mode einführen, sondern ...« »Miß Arabella Kelly, Königin von London. Zeigen Sie also, was Sie an Smaragden haben!« Eilfertig ließ er von Emma Kästen und Etuis herbeiholen. »Gestatten Euer Gnaden, daß Miß Lyon mir behilflich ist?« Und mit einem verstohlen forschenden Blick setzte er hinzu. »Miß Lyon, eine neue Verkäuferin!« Langsam hob Miß Kelly ihre Augen zu Emmas Gesicht empor. »Miß Lyon?« sagte sie gleichgültig. »Sie scheint recht hübsch zu sein.« Sie wandte sich zu den Steinen, prüfte sie sorgfältig und wählte einen Schmuck zum Preise von dreitausend Pfund. »Senden Sie ihn heute nachmittag fünf Uhr in meine Wohnung. Mit der quittierten Rechnung. Die hübsche Miß hier wird ihn mir bringen! Wie hieß sie doch?« »Miß Lyon, Euer Gnaden!« »Also Miß Lyon!« – – – – – – – – Arlingtonstreet 14 ... Mrs. Krook, die Hausverwalterin, führte Emma eine breite, teppichbelegte Treppe empor und ließ sie eintreten, um selbst gleich wieder zu verschwinden. Miß Kelly, saß in der Nähe einer großen Glastür, durch die man in das grüne Laub eines Parkes sah. Vornübergebeugt wandte sie das Gesicht der Sonne zu, deren Strahlen durch Vorhänge gedämpft hereinfielen. Ihre Finger glitten lässig über die Saiten einer Harfe, die in ihren Armen ruhte, und entlockten ihnen leise, weiche Akkorde. Wie fernes Windessäuseln klang es. Emma war gleich neben der Tür stehen geblieben. Sie wagte kaum sich zu bewegen. Die lauschige Stille und die Pracht des Raumes nahmen ihre Sinne ganz gefangen. Das schneeig weiße, mit goldenen Schnitzereien verzierte Holzgetäfel der Wände ließ große Felder von blauer Seide offen. Farbensprühende Malereien zauberten ein seltsames, fremdartiges Leben darüber hin. In dunkeln Hainen flohen zartgliedrige Mädchen vor bocksfüßigen Männergestalten, die mit zottig behaarten Armen nach den rosigen Leibern haschten ... Aus einem grünen Weiher stieg ein silberweißer Schwan, mit gespreizten Flügeln sich um die schwellenden Hüften einer Frau schmiegend, die den Kopf des Tieres mit zärtlicher Gebärde an ihre Brust drückte ... Auf blumensprießenden Wiesen schwangen lachende Dienerinnen die junge Herrin auf den Rücken eines Stieres; große, schöne Menschenaugen glänzten feurig in seinem zurückgebogenen Haupte ... Auf seidenen Kissen ruhte träumend ein nacktes Weib; in ihren Schoß fiel goldener Regen aus einer sonnebeglänzten Wolke ... Bilder und Gestalten wie diese hatte Emma nie gesehen. Sie erregten in ihr fast ein Gefühl des Schreckens. Scheu wandte sie die Augen ab, in brennender Scham. Als sähe sie in diesen weißen, lustatmenden Frauenleibern sich selbst. Endlich schob Miß Kelly die Harfe fort und wandte sich um. Schweigend richtete sie ihre großen, schwarzen Augen auf Emma und sah sie unverwandt an. Befangen hob Emma das Kästchen ein wenig empor, das sie in den Händen hielt. »Ich bringe den Smaragdschmuck von Mr. Cane!« sagte sie mit zitternder Stimme. »Mr. Cane läßt Mylady bitten ...« Mit einer Handbewegung gebot ihr Miß Kelly Schweigen. Langsam stand sie auf und ging in den entferntesten Winkel des Zimmers, wo sie sich auf den Kissen eines Ruhebettes niederließ. Sie trug ein reiches türkisches Gewand. Goldene Zechinen glänzten in ihrem Haar, aus dem roten Samtmieder trat ihre weiße Brust frei hervor, zierliche orientalische Schuhe zeigten das rosige Fleisch ihrer feingeformten, nackten Füße. Plötzlich streckte sie die Hand gegen Emma aus. »Komm hierher!« sagte sie in einem seltsam dunkeln Tone. »Bring' das Kästchen mit!« Aufmerksam sah sie zu, wie Emma durch die ganze Länge des Zimmers herankam. Dann deutete sie auf das Kissen zu ihren Füßen. »Knie nieder! Sieh mich an!« Emma tat alles, wie im Traume. Sie sah Miß Kelly an. Und es war ihr, als flögen aus Miß Kellys schwarzen Augen feurige Strahlen in die ihren. »Wie kamst du nach London? Sage alles! Verschweige nichts!« Emma gehorchte. Schweigend hörte Miß Kelly zu, mit demselben seltsam starren Blick Emma in ihren Bann zwingend. Nur als Emma von Tom sprach, warf sie eine kurze, heftige Frage dazwischen. »Tom Kidd? Liebst du ihn?« Emma wagte kaum den Kopf zu schütteln. »Ich liebe ihn nicht!« Mit leiser Stimme fuhr sie fort. Sie wollte Overton nicht erwähnen; ein ihr selbst rätselhaftes Gefühl sträubte sich in ihr, die Träume ihrer Nächte dieser Frau zu offenbaren. Aber als sie von dem Abend im Drurylane-Theater berichtete, flog ihr der Name unversehens heraus. Sie erschrak und brennende Röte überflutete ihr Gesicht. Plötzlich fühlte sie Miß Kellys Hand schwer auf ihrer Schulter. »Warum wirst du rot? Weshalb siehst du mich nicht an? Wer ist dieser Overton? Liebst du ihn? ... So antworte doch! Bist du feige?... Den anderen, jenen Tom – den verachtest du, den magst du nicht! Aber diesen Overton – den liebst du, den möchtest du haben! Ist es so? Ja oder nein!« Zitternd ließ Emma den Kopf auf die Brust sinken. »Ich weiß es nicht!« murmelte sie. »Ich weiß nicht, was das ist – Liebe!« Erregt stand Miß Kelly auf. »Hast du ihn wiedergesehen?« fragte sie scharf. »Ist er zu Mr. Cane gekommen?« »Niemals! Niemals habe ich ihn wiedergesehen!« »Es ist gut! Ich werde erfahren, wer dieser Mensch ist! Steh auf!« Verwirrt erhob sich Emma, während Miß Kelly von einem Tischchen eine kleine silberne Glocke nahm und läutete. Gleich darauf kam Mrs. Krook. »Zwei Aufträge, meine Liebe! Sofort sorgfältig auszuführen! Hawkes soll sich nach einem gewissen Charles Overton erkundigen. Alles, was diesen Menschen betrifft, will ich genau wissen. Mein Name darf nicht genannt werden.« »Zu Befehl, Mylady!« Miß Kelly deutete auf ein Päckchen Banknoten neben der Tischglocke. »Diese dreitausend Pfund bringen Sie Mr. Cane. Sagen Sie ihm, ich habe die Smaragden behalten. Ich habe auch Miß Lyon behalten. Verstehen Sie? Auch Miß Lyon!« »Auch Miß Lyon, Mylady!« Erstaunt, verwirrt fuhr Emma auf. »Mylady ...!« »Still! – Worauf warten Sie, Krook? Gibt es noch etwas?« Die Hausverwalterin war an der Tür stehengeblieben. »Darf ich daran erinnern, daß Mylady einen Besuch erwarten? Wenn ich zu Mr. Cane gehe, wird niemand Myladys Gast hereinführen können!« Miß Kelly nickte. »Schicken Sie also Jennings zu Mr. Cane! Wenn der Besuch kommt, bitten Sie ihn, einen Augenblick zu warten, und benachrichtigen Sie mich!« Mrs Krook verließ das Zimmer. Verwirrt von all dem Neuen, das auf sie einstürmte, näherte sich Emma Miß Kelly. »Oh, Mylady, Sie wollen, daß ich hier bleibe? Wie kann ich das? Mrs. Cane hat mich aufgenommen und war immer gut zu mir. Ich bin ihr zu großem Danke verpflichtet!« Miß Kelly lachte spöttisch. »Du bist noch sehr jung, mein Kind! Und sehr gutgläubig! Denkst du, Mrs. Cane hätte sich deiner angenommen, wenn sie aus deiner Erzählung nicht gemerkt hätte, daß ich mich für dich interessiere? Während eines ganzen Jahres habe ich nichts mehr von Mr. Cane gekauft, und natürlich sind ihm auch mein Prinz und dessen ganzer Hofstaat seitdem untreu geworden. Ein bedeutender Ausfall für ihn. Die gute Frau hat darum Gott gedankt, daß er dich ihr in den Weg führte und Mr. Cane eine Gelegenheit gab, mit mir wieder anzuknüpfen. Kühle Berechnung war's, ein Geschäft! Wozu also Dank? Der steckt ja schon in den dreitausend Pfund. Oder drückt es dich, daß Mrs. Cane dir ein Kleid und sonst ein paar Kleinigkeiten geschenkt hat? Gut, ich werde ihr auch das bezahlen. Etwas anderes freilich wäre es, wenn du nicht gern bei mir bliebest!« Unwillkürlich hob Emma ihre Hände zu ihr empor. »Wie gern, Mylady, wie gern! Sie sind so schön, so gut!« Miß Kelly lächelte. »Gut? Was weißt du von gut, Kind? Ich bin verliebt in dich, das ist alles. Und wenn du mich ein wenig wieder lieben könntest ...« Sie zog Emma neben sich auf ein Ruhebett nieder und strich ihr zärtlich durch das Haar. »Wie schön würden wir miteinander leben! Zwei wahre Freundinnen, ohne Neid, ohne Eigennutz. Kein Mann sollte zwischen uns treten, niemand uns trennen. Ach, wie habe ich mich nach dir gesehnt, diese langen Monate hindurch! Aus Paris schrieb ich an die Krook, sie solle dich hier behalten, wenn du kämest. Sie antwortete mir ... oh, dieser Brief! Du warst schon hier gewesen und fortgegangen. Sie wußte nicht, wohin. Sofort kam ich zurück. Alles gab ich auf, um dich zu suchen. Schreckliche Wochen waren es, bis Hawkes dich endlich bei Mr. Cane aufspürte! Aber nun habe ich dich! Und ich halte dich und lasse dich, nicht wieder!« Sie schlang ihre Arme um Emmas Hals und zog sie an sich, wie um sie zu küssen. Unwillkürlich wich Emma zurück. Über Miß Kellys Gesicht glitt etwas wie ein Schatten. Langsam gab sie Emma frei. »Du liebst mich nicht!« sagte sie traurig. »Niemand liebt mich!« »Oh, Mylady ...« »Mylady! Warum sprichst du in diesem kalten, förmlichen Ton zu mir? Wenn du mich liebtest, würdest du mich Du und Arabella nennen, wie ich dich Amy nenne!« Sie schien in düsteres Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber fuhr sie auf und aus ihren Augen brach ein Blitz des Zornes. »Merkst du denn nicht, daß ich mich nach dir verzehre? Nenne mich Arabella, hörst du? Ich befehle es! Ich will es!« Halb erschreckt, halb von Miß Kellys seltsamer. Art hingerissen stieß Emma den Namen heraus. »Arabella ...« Sofort brach Miß Kelly in ein helles Lachen aus. »Wie schüchtern! Und du willst Schauspielerin werden?« Sie schürzte spöttisch die Lippen. »Auch ich wollte es einmal. Bis ich merkte, daß es völlig überflüssig ist, irgend etwas zu werden. Selbst die größte Schauspielerin ist nur eine vom Manne ausgehaltene Frau. Was starrst du mich so entsetzt an? Es ist so. Aber ich will dich nicht entmutigen. Auch bietet die Kunst immer noch die leichteste und schnellste Gelegenheit, sich auszustellen. Studiere also, memoriere, deklamiere! Und wenn du ins Theater gehen willst – ich habe überall eine Loge; benutze sie, so oft du magst!« Sie unterbrach sich mit einem Blick auf eine Uhr, die auf dem Kamin in der Nähe stand. »Schon so spät? Mein Gast wird bald kommen. Weißt du, wer?« »Mr. Romney?« Miß Kelly machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, der! Der wird überhaupt nicht mehr hierherkommen. Ich habe mit ihm gebrochen. Fortwährend hat er moralische Anwandlungen und will den Sittenrichter spielen. Nein, Dickerchen kommt. Er will die neuen Smaragden an mir bewundern. Er ist noch so jung, so kindisch! Aber da er mich bezahlt, muß ich schon etwas für ihn tun. – Was hast du, Amy? Warum fährst du auf?« Erschreckt sah Emma Miß Kelly an. »Bezahlt?« wiederholte sie. »Er bezahlt?« Lächelnd legte sich Miß Kelly auf das Ruhebett zurück. Mit einem seltsamen, wie tastenden Blicke gingen ihre Augen über Emmas ganze Gestalt. »Alles, was du hier siehst, ist von ihm bezahlt. Es kostet ihn etwas! Der arme Kerl ist noch minorenn und hat nur das bißchen Taschengeld, das ihm sein Papa, dieser König der Hauptphilister, aus gesetzt hat. So muß er borgen und zu den Wucherern gehen.« »Und Sie – du nimmst das von ihm an?« »Wer König werden will, muß früh anfangen zu lernen. Und nehm' ich's nicht, nimmt's eine andere. Bezahlt werden wir ja alle. Auch die ehrsamen Ehefrauen. Nur daß die es schlechter haben als wir anderen. Sie kommen nicht so leicht wieder los, wenn sie erst einmal an der goldenen Kette liegen. Das ist der einzige Unterschied zwischen ihnen und uns. Alles andere ist Lüge, Phrase, Heuchelei. Mach' nicht ein so bestürztes Gesicht, Närrchen! Komm lieber her zu mir und bring' die Smaragden mit. Schmücke mich für Dickerchen und leg' mir die goldene Kette an!« Lachend hielt sie den weißen Arm hin, von dem das Kleid zurückfiel, das fein gemeißelte Gelenk enthüllend. Mechanisch gehorchte Emma. Sie war von dem Gehörten wie betäubt. Der spöttische Ton, mit dem Miß Kelly über Romney, den Prinzen, sich selbst und die ganze Welt sprach, verwirrte sie und machte sie traurig. War es wirklich so? Herrschte überall nur kalter Nutzen und nüchterne Berechnung? Sie legte die Armbänder an, befestigte das Kollier um den Hals, der rund und schlank aus vollen Schultern herauswuchs, und steckte die Ohrringe in die rosigen Ohrläppchen. Ihre Hände bebten, während sie an Miß Kellys Seite auf dem Polster kniend das warme Fleisch berührte. Hinreißend schön erschien ihr die Frau, wie sie ausgestreckt lag, die Hände unter dem schwarzen Haar gefaltet, die blütenweiße Brust in leisem Heben und Senken aus dem roten Mieder hervorquellend. Dunkeln Ringen gleich lagen die Wimpern auf den bleichen Wangen, unter den ernsten schwarzen Brauen. Und der Mund ... Als sie ihn sah, schrie sie unwillkürlich auf. Ein zarter Flaum bedeckte die Oberlippe. In reinem, edlem Bogen schwang sie sich. Leicht eingedrückt bildete sie an ihren Enden kleine, beschattete Winkel. Rosenfarbenen Buchten glichen sie ... Buchten der Sehnsucht ... »Was hast du, Amy?« fragte Miß Kelly. »Warum erschrickst du?« Noch immer lag sie ausgestreckt, bewegungslos, mit geschlossenen Augen. Weiße, elfenbeinweiche Zähne schimmerten durch das brennende Rot ihrer Lippen. Emma starrte hin wie berückt. »Dein Mund!« stammelte sie. »Wie schön ist dein Mund! Wie Overtons Mund! Immer mußte ich hinsehen ...« »Und hättest ihn wohl gern geküßt?« »Geküßt ...« »Nun, warum küssest du ihn nicht, Närrchen?« Und sich plötzlich emporschnellend warf sie ihre Arme um Emma, zog sie zu sich nieder, bedeckte ihr Gesicht, Hals, Brust mit unersättlichen, flammenden Küssen. »Dein Overton bin ich! Ich liebe dich, ich liebe dich! Küsse mich, kleine, weiße Taube! Küsse mich, küsse mich!« – – – – – – – – Endlich riß Emma sich los. Mit beiden Händen fuhr sie sich heftig über den Kopf. Es war ihr, als brächen knisternde Funken aus ihrem aufgelösten Haar, als werde ihre Haut mit Nesseln gepeitscht. Als Miß Kelly sich aufrichtete, wich sie voll Grauen vor ihr zurück. »Kommen Sie mir nicht nahe! Bleiben Sie dort! Wenn Sie aufstehen, wenn Sie mich noch einmal so küssen, gehe ich und komme nicht wieder!« Miß Kelly saß auf dem Rand des Ruhebettes, sich schwer auf das Polster stützend. Sie atmete keuchend, graue Schatten gingen über ihr Gesicht, ihre Augen blickten glanzlos und trübe. Schlaff und welk, schien sie plötzlich um Jahre gealtert. »Die Glocke!« stammelte sie mit erlöschendem Atem. »Klingeln! ... Krook soll kommen! ... »Krook! ...« Mrs. Krook kam. Als sie ihre Herrin ansah, nickte sie vor sich hin und holte aus einem Schränkchen etwas hervor, das sie vor Emma verbarg. Dann ging sie zu Miß Kelly und beugte sich über sie, durch ihre breite Gestalt die Sitzende Emmas Blicken entziehend. Ein scharfer Geruch verbreitete sich sofort im Zimmer und Miß Kelly sank mit einem leisen Seufzer zurück. »Miß Kelly ist nicht wohl!« sagte Mrs. Krook mit ihrer ruhigen Stimme, während sie das Schränkchen wieder verschloß. »Es ist besser, sie allein zu lassen. Kommen Sie mit mir, Miß Lyon! Ich werde Ihnen das Haus und Ihre Zimmer zeigen!« Ihre Worte klangen wie ein Befehl. Wortlos strich Emma sich Haar und Kleider zurecht und folgte ihr. Im Hinausgehen warf sie einen schnellen Blick zurück. In sich zusammengekrümmt lag Miß Kelly in den Kissen, wie eine Sterbende. Sechstes Kapitel Als Emma in ihr kleines Zimmer trat, entfuhr ihr ein Ausruf des Entzückens. Durch die offenstehenden Fenster sah sie in einen Park, der die ganze Breite des Hauses einnahm und sich in unermeßbare Ferne zu dehnen schien. Alte Bäume trugen üppig belaubte Wipfel, dichtes Buschwerk schuf dämmernde Winkel, weite Rasenflächen erfrischten das Auge mit saftigem Grün. Aus nickendem Schilfrohr blinkte der Spiegel eines Weihers. Wundervoll war auch die Terrasse, die das Haus mit dem Park verband. Mit ihren verwitterten Bildwerken, breiten Steinquadern, wuchtigen Balustraden und mit dem dunkeln Grün ihrer Efeubekleidung erinnerte sie Emma an jene unvergeßliche Szenerie des Drurylane-Theaters. Romeo und Julia ... Wenn sie nachts auf die Terrasse trat, im langwallenden Nachtgewand, mit aufgelöstem Haar, konnte sie glauben, daß sie selbst Julia sei. Julia, die des nahenden Geliebten harrte ... Und er, Romeo ... Unwillkürlich dachte sie an Overton und jäher Schrecken befiel sie. Würde sie ihn jemals wiedersehen, wenn sie in diesem Hause blieb? Und wenn er sie hier fand – was würde er von ihr denken, daß sie mit Miß Kelly lebte? Hatte jene nicht gesagt, daß der Prinz sie bezahlte? Und ihr seltsames Benehmen, der unaufhörliche Wechsel ihrer Stimmungen, ihre Selbstverachtung, ihre Gier nach Liebe und Genuß – war sie krank? Was hatte Mrs. Krook mit ihr vorgenommen, daß sie wie leblos umfiel und wie eine Sterbende aussah? Unheimlich erschien Emma alles um sie her. Die rauschenden Bäume des Parks, die schamlosen Bilder an den Wänden, der ganze schmachvolle Reichtum jagten ihr eine zitternde Furcht ein. Wie einem dunkeln Schicksal preisgegeben kam sie sich vor, wehrlos, ohne Hilfe, ohne Rettung. Wenn sie zu Mrs. Cane zurückkehrte? Vielleicht, daß die alte Frau doch nicht nur aus Eigennutz handelte, wie Miß Kelly meinte ... Sie wandte sich zur Tür, um den Gedanken gleich auszuführen. In diesem Augenblicke aber kam Mrs. Krook herein. »Verzeihen Sie, Miß Lyon, wenn ich störe. Es ist jemand da, der Sie zu sprechen wünscht! Er war früher schon einmal hier, um sich nach Ihnen zu erkundigen. Damals aber wußten wir selbst noch nicht, wo Sie waren. Er nennt sich Tom Kidd und sieht aus, wie ein Matrose.« Erschreckt fuhr Emma zusammen. Tom? Was wollte er hier? War der Mutter etwas zugestoßen? »Kann ich zu ihm hinuntergehen?« fragte sie unruhig. »Oder darf er heraufkommen?« Mrs. Krook nickte. »Ich werde ihn zu Ihnen schicken, Miß Lyon. Ich bitte aber darauf zu achten, daß Miß Kelly Besuch hat und nicht gestört werden darf!« – – – – – – – – Erregt lief sie ihm entgegen. »Du, Tom? Was ist geschehen? Warum bist du nach London gekommen? Wie geht es der Mutter?« Er schien ihre Fragen nicht zu hören. Er sah sie an wie geblendet. Diese vornehme Dame – war das wirklich das kleine Mädchen, das am Deegolf mit ihm zusammen die Schafe gehütet hatte? »Amy!« stammelte er. »Fräulein Emma ...« Nach Art der Walliser Bauern war er eingetreten, den Fischerhut auf dem Kopfe. Unwillkürlich nahm er ihn nun ab. Dann gab er Bescheid. Es war nichts Schlimmes geschehen. Wohl war die Mutter um Emma in schwerer Sorge gewesen; nun aber, nach dem glücklichen Briefe aus Mrs. Canes Hause, hatte sie sich beruhigt. Auch die Leute von Hawarden hatten sich darein gefunden. Sie sprachen kaum noch von Emma. Sie hörte lächelnd zu. Sie sah ihm an, daß er etwas verschwieg. Die Leute von Hawarden hatten wohl über der »Landstreicherin« den Stab gebrochen und zählten sie nun zu den Verlorenen. Aber einst würden sie ihren Irrtum erkennen. »Und du, Tom,« fragte sie, ihn zum Sitzen nötigend, »was hat dich hergetrieben? Willst du dir London auch einmal ansehen?« Verwirrt drehte er seinen Hut zwischen den Händen. Dann richtete er seine guten Augen auf ihr Gesicht, und sie verließen es nun nicht mehr. »Ich bin ein armer Bursche, Fräulein Emma, der nichts gelernt hat und nicht zu sprechen versteht!« sagte er schwerfällig und oft nach Worten suchend. »Aber damals, als Sie auf Mr. Bloss' Farm die Schafe hüteten – wer war es, der jeden Morgen am Grenzhügel auf Sie wartete und den ganzen Tag mit Ihnen zusammen war? Wer machte Ihnen Sonnenhüte aus Wasserrosenblättern und Pfeifen aus Weidengerten? Und wer gab acht, daß Ihre Schafe nicht in den Deefluß fielen und ertranken?« Erwartungsvoll sah er sie an. Sie nickte ihm freundlich zu. »Ich hab's nicht vergessen, Tom. Ich denke oft, sehr oft daran!« »Ich danke Ihnen, Fräulein Emma! ... Und als Ihre Mutter dann das Geld erbte und Sie zu Mrs. Barker kamen – wer freute sich mit Ihnen? Wer sagte Ihnen, daß Sie nun ein Fräulein seien? Das schönste und feinste Fräulein auf zwanzig Meilen in der Runde und auf der ganzen, großen Welt?« Wieder nickte sie ihm lächelnd zu. »Ein gewisser Tom Kidd hat das gesagt. Und mich sehr stolz damit gemacht.« Ein Schatten zog über sein Gesicht. »Es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte es nicht gesagt! ... War es nicht die ganze Zeit so? Wo Fräulein Emma war, war da nicht auch Tom Kidd? Darum muß er nun auch da bleiben, wo sie bleibt!« Erstaunt unterbrach sie ihn. »In London? Du? Meinetwegen bist du hergekommen? Aber ich habe dir doch gesagt, daß du mir nicht helfen kannst! Daß ich meinen Weg allein gehen muß!« Er schüttelte traurig den Kopf. »Allein? Zwischen finsteren Häusern und fremden Menschen! Ohne eine Seele, die Sie kennt! Mit der Sie sprechen können von dem, was war! Von der Mutter und dem guten, alten Lande am Dee!« »Das gute, alte Land!« All der Groll über ihre ärmliche Kindheit und über die ihr widerfahrenen Demütigungen rührte sich wieder in ihr. »Das ist für mich abgetan auf immer. Sprich mir nie mehr davon! Wirklich, Tom, es ist besser für dich und für mich, wenn du nicht hier bleibst.« »Besser? Was kann es Ihnen schaden, wenn Tom Kidd hin und wieder einmal in der Ferne an Ihnen vorüberstreift? Wenn er sich freut, daß es Ihnen gut geht?« Spöttisch schürzte sie die Lippen. Seine breite Art machte sie ungeduldig. »Wünschest du wirklich, daß es mir gut geht? Hoffst du nicht, daß ich eines Tages elend bin und mürbe und müde?« »Fräulein Emma!« »So ist es! Dann willst du zur Stelle sein und mir zu Hilfe kommen und ich soll mich von dir retten lassen! Aber du täuschest dich, Tom. Niemals wirst du mich schwach sehen!« Er war blaß geworden. Langsam stand er auf. Seine Hand, in der er den Hut hielt, zitterte. »Fräulein Emma, ich bin ein Mensch mit armen, kurzen Gedanken. Aber Schlechtes habe ich nie gedacht. Als ich herkam, wünschte ich nur, daß einer hier wäre, zu dem Sie sich in der Not flüchten könnten, und der für Sie einträte!« Er schwieg einen Augenblick, wie vor etwas zurückschreckend, das ihm über die Lippen wollte, dann aber richtete er sich auf. »Und doch ist es richtig, was Sie denken. Ich habe Sie lieb. Immer habe ich Sie lieb gehabt, Fräulein Emma ... Und es gab eine Zeit, da ich mir in meinem Geiste ein hübsches, kleines Haus am Deegolf vorstellte, und in dem Hause ...« Von Mitleid erfüllt hob sie die Hand. »Sprich nicht weiter, Tom! Auch ich habe dich gern, aber nicht so, wie du es wünschest. Ich dachte, ich könnte dir das Harte ersparen, aber nun – ich muß wahr sein zu dir, wenn es dich auch schmerzt. Deine Träume werden nicht in Erfüllung gehen. Ich bin nicht für dich bestimmt. Niemals werde ich deine Frau werden.« Er beugte sich ein wenig zu ihr vor. Sein Gesicht wurde noch bleicher, als zuvor, und seine Augen blickten traurig und hoffnungslos. »Niemals, Fräulein Emma? Niemals?« Ruhig hielt sie seinen Blick aus. »Niemals, lieber Tom! Für mich gibt es nur eins: mein Ziel erreichen, oder untergehen!« Er nickte ein paarmal vor sich hin. Als habe er alles das vorausgeahnt. »Ich danke Ihnen, Fräulein Emma!« sagte er still. »Ich weiß nun, woran ich bin!« »Und du gehst nach Hawarden zurück?« »Ich bleibe in London. Es könnte doch ein Tag kommen, da Sie mich brauchen. Wollen Sie mich dann rufen? Ohne an das zu denken, was heute zwischen uns vorgegangen ist? Sie dürfen es, Fräulein Emma. Nie wieder soll ein Wort davon über meine Lippen kommen. Versprechen Sie es mir?« Bittend hielt er ihr seine Hand hin. Mit warmem Druck legte sie die ihre hinein. »Ich verspreche es dir, Tom!« »Ich weiß, Sie werden Ihr Wort halten! Und damit Sie mich finden können – ich fahre als Matrose unter Kapitän Helves zwischen der Londonbrücke und Gravesend Gravesend, der südlichste Punkt des Londoner Hafens. . Ich habe es Ihnen aufgeschrieben!« Er legte einen Zettel auf den Tisch und sah Emma noch einmal mit einem langen Blicke an. »Leben Sie wohl, Fräulein Emma, und nehmen Sie's nicht ungut, daß ich Ihnen lästig gefallen bin!« Seine Stimme brach in einem erstickten Laut. Sich den Hut vors Gesicht haltend ging er schnell hinaus. – – – – – – – – Toms treues Wesen hatte ihr wohlgetan. Nun fühlte sie sich wieder ruhig und sicher. Kindisch schalt sie ihre Furcht vor Miß Kelly. Aber so ging es ihr, wenn sie allein war. Ihre Einbildungskraft erhitzte sich dann und schuf Gespenster, die am hellen Tage ihr Herz in Schrecken setzten. Was konnte ihr denn geschehen? Ein leichtes Liedchen trällernd öffnete sie einen großen Schrank und musterte die Kleider, die Miß Kelly für sie bestimmt hatte. Schwere seidene Roben mit kostbaren Stickereien; helle Gewänder, leicht und zart, wie aus Spinnweben gefertigt. Alle schienen neu und unberührt. Sie wählte ein weißes Hauskleid und zog es an. Lange musterte sie sich in dem Spiegel, der ihre ganze Gestalt zurückgab. Sie dachte an Overton. Wenn er sie so sähe, in diesem Kleide, würdig einer Julia, die im Strahl des Mondes den Geliebten erwartete ... Träumend ging sie hin und her und setzte sich dann in einen Winkel. Draußen ging der Tag zur Rüste. Schatten stiegen auf und hüllten das Zimmer in ein weiches Dunkel. Mrs. Krook brachte den Tee und eine brennende Lampe, die sie auf den Tisch stellte. Dann verschwand sie wieder, lautlos, wie sie gekommen. Emma achtete kaum darauf. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wieder bei der großen Dichtung der Liebe... Liebe ... Was war Liebe? ... Alle liebten ... Und alle anders ... Seltsame Gestalten schwebten vorüber... blasse Gesichter lächelten ... dunkle Augen tauchten sehnsüchtig ineinander ... Julia und Romeo, Hamlet und Ophelia, Othello und Desdemona ... nach ihnen eine unabsehbare Schar von Männern und Frauen ... Sie alle liebten... liebten ... Nickend, winkend schwebten sie vorüber, zogen durch das Licht der Lampe, verschwanden durch die offene Tür unter den Bäumen des Parkes ... Als letzter ein Jüngling mit dem feinen Antlitz eines Mädchens ... Overton ... Seine Arme öffneten sich, seine Lippen wölbten sich Emma entgegen ... Lautlos stand sie auf, sich in diese Arme zu schmiegen. Er aber wich vor ihr zurück. Auf der Terrasse löste sich eine Gestalt in ein Flimmern, das im Lichte des Mondes zerrann ... Leises Raunen ging durch Bäume und Büsche. Lichtes Gewölk schwamm über die glänzende Scheibe des Mondes, Schleiern gleich, hinter denen sich sehnsüchtige Mädchengesichter bargen. Aus weiten, schweigenden Rasenflächen blinkte der silberne Spiegel des Weihers. Schluchzende Laute tönten, klagende Seufzer ... – – – – – – – – »Es ist die Lerche nicht, es ist die Nachtigall, Die süß ihr Lied ins bange Ohr dir singt! Verloren im Gezweig der blühenden Granate Strömt ihren Schmerz sie in die stille Nacht! Glaub', Lieber, mir: es ist die Nachtigall!« Sie stand auf der Terrasse. Julias Worte flossen ihr von den Lippen, mischten sich in die leisen Stimmen der Nacht ... Da – was war das? Aus dem Parke klang die. Antwort zurück ... Die Lerche ist's, die Tagverkünderin! Nicht Philomele! Sieh den neid'schen Streit, Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt! Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt, Der muntre Tag erklimmt die dunst'gen Höh'n. Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod!« Erschreckt wandte Emma sich zur Flucht. Aber schon kam es über die Stufen der Terrasse herauf, zwei Hände hielten die ihren und ein junges Gesicht beugte sich über sie. »Warum fliehen, holde Julia? Romeo ist hier und bittet dich zu bleiben!« Lachend zog er sie, um sie besser zu sehen, in einen Streifen des Mondlichts. »Teufel, sie ist hübsch, diese Julia! Wo hast du sie aufgetrieben, Arabella?« Am Fuße der Terrasse richtete sich Miß Kelly auf, wo hinter einem dichten Gebüsch aus Kissen und Decken ein Lager zusammengetragen war. Langsam kam sie heran. »Erzählte ich Ihnen nicht von ihr, George? Ich entdeckte sie im Mai, an der Küste von Wales!« »Ach ja, ich erinnere mich. Romney war ganz entzückt. Und er hat recht. Sie ist eine Schönheit. Darf ich sie küssen, Arabella?« Lüstern beugte er sich über Emmas Mund. Sie war wie betäubt. Ein Prinz war es, der sie in seinen Armen hielt. Der Sohn eines Königs, einst selbst ein König ... Aber da sein warmer Atem über ihr Gesicht ging, fuhr sie auf und stemmte ihre Hände gegen seine Brust. »Geben Sie mich frei!« stieß sie keuchend hervor. »Sie haben kein Recht auf mich! Ich bin nicht Ihre Geliebte!« Aber er ließ sie nicht los. Mit Gewalt faßte er ihren Kopf und suchte ihn zu sich heranzuziehen. In seinem hübschen Gesicht brannte eine knabenhafte Wut. »Sei doch nicht albern, Mädchen!« rief er mit ihr ringend. »Wenn Gentleman George Lust auf deinen Mund hat, so ist das eine Ehre für dich und ein Vergnügen für deinen Mund. Halt' ihr die Hände fest, Arabella! Sie hat Kräfte wie ein Bauer.« Miß Kelly war herangekommen. Ihre schwarzen Augen flackerten und ihre vollen Schultern zuckten aus dem offenen Nachtgewande. »Du bist kindisch, Amy! Warum sträubst du dich? Küssen Sie, George! Küssen Sie immerzu! Wer die Herrin besitzt, hat auch ein Recht auf die Kammerzofe!« Sie sagte es lachend mit durchklingendem Spott. Betroffen hielt der Prinz inne. »Kammerzofe? Sie ist deine Kammerzofe?« Er ließ Emma los und trat zurück, als beflecke ihn schon ihre Nähe. Miß Kelly drohte ihm mit dem Finger. »Ja, ja, George! Allzuschnelle Kühnheit kann selbst einem Prinzen verhängnisvoll werden! Aber beruhigen Sie sich, ich scherzte nur. Sie brauchen Ihre Hände nicht gleich zu waschen. Amy ist meine Freundin und will Schauspielerin werden. Sie ist also liaisonfähig. Wenn Sie wollen, können Sie mit ihr Romeo und Julia spielen!« Sie schien ihn gut zu kennen; denn sein knabenhafter Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen. »Romeo und Julia? Nicht übel! Meinen Romeo hab' ich Wort für Wort im Kopf. Die Nacht ist schön, Julia ist nicht minder schön, und mit etwas Phantasie kann man sich unseren Park wohl als Garten der Capulets vorstellen.« »Und die Amme?« fragte Miß Kelly. »Das wäre wohl ich, nicht wahr?« Er brach in ein kicherndes Gelächter aus. »Arabella Kelly als Amme – wundervoll! Überhaupt, die Idee gefällt mir. Romeo zwischen Julia und der Amme auf dem Balkon, im Zwiespalt, welche von beiden er wählen soll. Die beiden Weiber in tollem Liebeswetteifer. Natürlich läuft die Amme als erfahrene Liebeskünstlerin Julia den Rang ab. Eine prachtvolle Szene, würdig eines Boccaccio! Laß uns anfangen, Arabella. Die kleine, prüde Julia mag zusehen und Liebe lernen.« Und Miß Kelly mit beiden Armen umschlingend begann er zu improvisieren. »Komm, ofterprobte Lehrerin der Liebe, laß die Wogen, Die vielbefahr'nen, deines weißens Busens Mit gier'gem Kiele mich durchfurchen! Wenn ich sterbe, Sei dieses Meer mein Grab. Leandern gleich Will ich den süßen Schaum in vollen Zügen trinken...« Er hatte ihr das Kleid aufgerissen und sein Gesicht in das schwellende Fleisch ihrer Brust gebettet. Abgebrochen, in wirrem Stammeln, wie von wilder Leidenschaft zerrissen kamen die Worte von seinen Lippen. Miß Kelly ließ alles mit sich geschehen. »Bei Gott, George,« rief sie, als er eine kleine Pause machte, »Sie bereiten mir täglich neue Überraschungen! Sie sind ja ein Dichter! Sie machen Verse wie Shakespeare!« Er lächelte eitel. »Nicht wahr? Wenn die Majestät meines Vaters das wüßte! Er haßt alles, was nach Poesie riecht, und möchte sämtliche Philosophen und Dichter am liebsten in ein Schiff packen, um es mitten auf dem Ozean anbohren und versenken zu lassen. Weißt du, was er neulich zu Miß Burney, der Schriftstellerin, sagte?« Mit ein paar schnellen Handgriffen gab er seiner Gestalt eine verblüffende Ähnlichkeit mit der des Königs und ahmte dessen Stimme nach. »Voltaire ist ein Ungeheuer und Shakespeare – haben Sie jemals solch elendes Zeug gelesen? Was? Was? Was denken Sie? Was? Ist es nicht ein jämmerliches Zeug? Was? Was? Historische Äußerung Georges III. Er starb in vollständiger Geisteszerrüttung. « Wie ein Kind stammelnd wiederholte er unaufhörlich dieses blöde ›Was? Was?‹ Und voll ätzenden Spottes setzte er dann mit natürlicher Sprache und Gebärde hinzu: »Natürlich mag er diese Leute nicht, die den gekrönten Häuptern so rücksichtslos ins Herz leuchten und sie als Menschen mit Fehlern und Lastern hinstellen, wie die anderen auch. Er glaubt fest an sein Gottesgnadentum!« Erstaunt hatte Emma ihm zugehört. Nichtig und widerwärtig erschien er ihr in seiner witzelnden, prahlerisch-geistreichelnden Redesucht. Und wie er über seinen Vater, den König, zu sprechen wagte! Sie vergaß, wer er war und wer sie war. Unwillig warf sie den Kopf zurück und blitzte ihn mit ihren Augen an. »Sie verspotten den Glauben Ihres Vaters, Königliche Hoheit!« sagte sie scharf, nachdem er geendet. »Was aber werden Sie glauben, wenn Sie einst König sind?« Überrascht und nicht im geringsten durch ihren Ton gekränkt sah er sie an. »Hast du gehört, Arabella? Die Kleine hat auch eine Zunge! – Nun, holde Julia, ich werde glauben, was mir das Parlament vorschreibt. Persönlich werde ich König von der Gnade einer lustigen Gottheit sein. Amor, Bacchus, Apollo sind meine Dreieinigkeit. – Was starrst du mich so entsetzt an, frommer Engel? Hast du nie von der berühmten Zehn-Gebote-Bill gehört, die Seiner Majestät Premierminister Sir Robert Walpole im Parlament einbringen wollte? Überall in den zehn Geboten sollte das kleine Wörtchen ›Nicht‹ gestrichen werden Historisch. Schade, daß nichts daraus geworden ist! Wir stehlen, ehebrechen und töten zwar auch jetzt, aber ohne jenes Wörtchen ›Nicht‹ könnten doch auch die kleinen Sünder mal ruhig schlafen. Sie hätten ja keine Strafe zu fürchten! – Nein, Arabella, sieh doch die Kleine! Sie ist köstlich! Das blasse Gesicht! Die erschreckten Augen!« Er brach in ein lautes Gelächter aus und schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel, sich unverhohlen an Emmas Verwirrung weidend. »Amy ist erst seit ein paar Monaten in London!« sagte Miß Kelly entschuldigend. »Sie hat noch nichts gesehen als eine einzige Vorstellung von Romeo und Julia im Drurylane. Von unserer Freigeisterei hat sie wohl überhaupt noch nichts gehört!« Überrascht trat er nahe an Emma heran und musterte sie neugierig. »Eine Unschuld? Eine weiße Blume?« Wieder züngelte es lüstern in seinen Augen auf. Plötzlich, wie von einer Idee erfaßt, wandte er sich zu Miß Kelly. »Sind Hawkes und Jennings da? Wir wollen der Kleinen London zeigen! Gleich heute! Widersprich nicht, Arabella!« stieß er ungeduldig hervor, als sie abwehrend die Brauen zusammenzog. »Es bleibt dabei! Wenn du nicht mitwillst, gehen wir. ohne dich!« Er klatschte in die Hände. Gleich darauf erschien Mrs. Krook auf der Terrasse. Er befahl ihr, Hawkes und Jennings zu schicken. – – – – – – – – Hawkes und Jennings ... Seine Spürhunde nannte sie Prinz George. Und mit ihren schlauen, ruhelosen Augen, mit ihren dicken Köpfen und starken Raubtierzähnen glichen sie wirklich riesigen Doggen. Sie dienten ihrem Herrn als Schutzwachen bei seinen heimlichen nächtlichen Ausflügen und als Spione, die alles auskundschafteten, was in London geschah. Seit drei Tagen hatte der Prinz sie nicht gesehen. Nun erstatteten sie ihm Bericht. Die Highwaymen, Räuber der Hochstraßen, waren in den Palast des Erzbischofs von Canterbury eingebrochen und hatten das gesamte Silbergeschirr entführt. Dem Lordkanzler hatten sie das große Siegel von England gestohlen. In einer der belebtesten Straßen Londons hatten sie die Pariser Post angehalten und beraubt. Die Polizei war ratlos; das Volk verspottete ihre Ohnmacht, bewunderte die Kühnheit der Räuber und nannte sie ›Gentlemen‹. Im Oberhause hatte der Bischof von Llandaff seine oft angekündigte Ehebruchsbill eingebracht, in der er nachwies, daß in den siebzehn Jahren; der Regierung Georges III. mehr Ehescheidungen vorgekommen waren, als während der ganzen, früheren Geschichte Englands. Ein irischer Lord hatte einen von seiner Mätresse begünstigten Nebenbuhler überfallen und grausam verstümmelt. Der Nebenbuhler war während der Nacht gestorben, der Lord nach Frankreich geflohen. Die Entschädigungsklage Sir Richard Worseleys gegen Kapitän Davis, den Entführer seiner Frau, war vor Gericht verhandelt worden. Der Entführer war freigesprochen, der Ehemann in die Kosten der Klage verurteilt Historische Tatsachen. . Lady Worseley aber war zur Königin des Höllenfeuer-Klubs erwählt worden. »Des Höllenfeuer-Klubs?« fragte Prinz George erstaunt. »Sagtest du mir nicht, Hawkes, daß er verboten und aufgelöst wurde?« Hawkes nickte. »So geschah's auch, Gentleman,« sagte er grinsend, dem Prinzen den Titel gebend, den dieser am meisten liebte. »Heute nacht aber wird er neu eröffnet. Lord Baltimore ist Präsident und Lady Worseley Königin!« Prinz George fuhr lebhaft auf. »Heute nacht? Das müssen wir sehen! Schnell, meine Damen, zieht euch um! Jennings, laß anspannen! Hawkes, besorge Degen und Pistolen! Hoffentlich ist die Polizei diesmal besser auf dem Posten und hebt uns aus. Damit Majestät, mein Herr Vater, doch auch einmal ein Vergnügen haben.« Er lachte wie toll, sich die Schenkel schlagend, und trieb alle ins Haus. Siebentes Kapitel Ein Wort, von Hawkes den Dienern zugeflüstert, öffnete ihnen alle Türen. Durch ein Labyrinth von Gängen gelangten sie in eine kleine Loge; dort empfing sie der Präsident des Klubs. Hager und knochig, trug er ein enganliegendes, flammendrotes Gewand, auf dem Teufelsfratzen und kabbalistische Zeichen in schwerer Goldstickerei glänzten. Über den weitabstehenden Ohren ragten spitze, goldene Hörner; schlangengleich geringelte Haare umrahmten ein Gesicht, das blutleer und wie ausgetrocknet erschien. »Lord Luzifer in eigener Person!« begrüßte ihn Hawkes. »Wollen Herrlichkeit diesen Gästen huldvollst den Zutritt zum Höllenparadiese gewähren? Sie brennen darauf, seine teuflischen Süßigkeiten kennen zu lernen!« Lord Luzifer warf einen scharfen Blick auf den Prinzen. »Überall in England ist der Gentleman willkommen!« sagte er dann mit leichter Verneigung. »Sollte er unerkannt zu bleiben wünschen, so sei ihm die venezianische Maske gestattet. Niemand wird ihn durch Neugier belästigen. Nichts glauben, sich über nichts wundern – das sind die einzigen Gesetze dieses Reiches!« Hochmütig warf Prinz George den Kopf zurück. »Eine Maske? Wozu? Ich fürchte mich nicht! Während Lord Baltimore – warum verleugnet er hier seinen Namen? Er pflegte sich doch früher Lord Baltimore bereiste 1769 den Kontinent mit einem Harem von acht Frauen, mit denen er wunderliche diätetisch-medizinische Experimente vornahm. nicht hinter einem Pseudonym zu verstecken!« In dem Gesichte des Lords zuckte keine Miene. Nur um seine dünnen Lippen flog ein feines Lächeln. »Das Geheimnis erhöht den Reiz der Sünde!« erwiderte er. »Übrigens hat der Gentleman sich gewundert und dadurch das Gesetz verletzt. Ich fordere das Reugeld. Hundert Pfund.« Lachend fuhr der Prinz auf. »Teufel, die Hölle ist teuer! Aber ich besitze kein bares Geld. Der Urheber meiner Tage wünscht, daß ich Schulden mache.« Er holte einen Schreibstift und ein Päckchen Papierstreifen hervor. »Kann mit einem Wechsel gezahlt werden?« Lord Baltimore verneigte sich. »Der Wechsel ist Luzifers eigene Erfindung, und des Gentlemans Handschrift ist Gold!« Er warf das ausgefüllte Papier in einen Behälter von der Form eines kirchlichen Opferstockes. Ein Diener brachte rote Dominos, in die sich alle hüllten. Die Larve wies der Prinz zurück. Kindisch und lächerlich erschien Emma alles, was sie sah und hörte: die geschraubte Sprache des Lords, das Spielen mit eingebildeten Gefahren, der Mummenschanz, der einem über das ganze Leben verlängerten Fastnachtsscherz glich. Aber da Luzifer den Vorhang zurückschlug, der den Hintergrund der Loge abschloß, fuhr sie zurück und etwas wie Bangen beschlich sie. Die Pforten der Hölle taten sich auf. – – – – – – – – Ein einziges, großes Feuermeer schien der Saal. Von Künstlerhand in täuschender Natürlichkeit nachgeahmt flackerte an den Wänden eine düsterrote Glut, aus der grelle, schwefelgelbe Flammen emporzüngelten. Nackte Männer und Weiber tanzten in tollen Reigen durch die Brunst, wiegten sich auf sprühenden Feuerquellen, schwangen glostende Brände in den Händen. Riesige Fackeln ließen von steinernen Säulen glühende, zischende Tropfen in wassergefüllte Becken fallen, aus denen weißlicher Dampf aufstieg; rötlicher Qualm wallte von den Fackeln zur Decke empor, wo er durch versteckte Öffnungen entwich. Ein feiner, auf- und abwogender Schwaden wob große, bläuliche Strahlenringe um die Lichter zahlloser Kerzen und erfüllte die Luft mit dem Dufte gebratenen Fleisches. In der Mitte des Saales erhob sich Luzifers purpurner Thron. Kröten, Molche und Skorpione krochen an seinen Seiten empor, über ihn aber breitete der Baum der Erkenntnis seine fruchtbeladenen Zweige, durch die sich der Riesenleib der Weltenschlange in metallisch schillernden Windungen ringelte. Am Fuße des Thrones drehte sich auf einer langen roten Tafel ein mächtiges Glücksrad. Über kleinere Tische verstreut lagen Kartenspiele und Würfel; breite Kredenzen trugen Lasten aufgespeicherter Speisen und Getränke; üppige Ruhebetten, mit seidenen Kissen und Teppichen bedeckt, lockten in dämmerigen Winkeln zu Gelagen. Durch diese Hölle aber jagte unter dem Klängen einer unsichtbaren Musik lachend und schreiend eine Schar roter Teufel und Teufelinnen. Zu ausgelassenen Gruppen vereint wälzten sie sich auf den Ruhebetten, balgten sich in den Winkeln, drängten sich zu den Speise- und Trinktischen, über die in endlosen Strömen die rote Flut des Weines rann ... – – – – – – – – Zitternd klammerte sich Emma an Miß Kelly, während sie mit dem Prinzen den Saal durchstreiften. Das girrende Lachen der Frauen, das wiehernde Geschrei der Männer, die aufreizenden Klänge der Musik peitschten ihre Nerven. Am liebsten wäre sie umgekehrt und aus diesem Hexenkessel entflohen, in dem alles gemacht schien, die Vernunft zu betäuben und die Sinne zu wilden Phantasien zu stacheln. Miß Kelly lächelte ihr zu. Ruhig und sicher schritt sie inmitten des Trubels dahin. Nur ihr Arm preßte sich eng um Emmas Hüften, und in ihren Augen schien geheime Erwartung zu lauern. Sie kannte alle Welt. Jeden nannte sie beim Namen, wußte von allen wunderliche Geschichten zu erzählen. Lord Campton, klein und beweglich wie ein Aal, hatte in vierzehn Duellen elf Gegner getötet und drei zu Krüppeln gemacht. Lady Wentworth, zierlich und zart wie eine Elfe, nahm es mit jedem Matrosen im Trinken auf. Lord Rockingham und Lord Oxford hatten durch einen Wettlauf zwischen fünf Gänsen und fünf Truthähnen unsterblichen Ruhm gewonnen. Miß Payton, blaß und schlank wie eine Lilie, Tochter eines Lords, Ehrenfräulein des Hofes, hatte von verschiedenen Liebhabern drei Kinder geboren und sollte nun einem Herzog zum Altar folgen ... Großes und Kleines, Lächerliches und Schreckliches mischte sich bunt durcheinander; nichts schien auf festem Boden gegründet, das Regellose allein die Regel. Plötzlich ließ ein allgemeines Geschrei sie aufblicken. »Satanina! Es lebe Satanina, die Gefährtin Luzifers! Satanina, die Königin der Hölle!« Geführt von Luzifer, gefolgt von einer Schar junger Männer, bestieg ein junges Weib den Thron. Eng schmiegte sich ihr fleischfarbenes Gewand um ihre üppigen Glieder, wie die Haut einer rosigen Schlange. Über dem Antlitz einer Madonna schleuderte aus blondem Haar ein Diadem von Rubinen und Brillanten blutigrote Blitze. »Lady Worseley!« schrie Prinz George entzückt. »Es ist Lady Worseley, die Königin der Ehebrecherinnen!« – – – – – – – – Stille heischend winkte Satanina mit der Hand. Alles drängte sich in ihre Nähe. Die jungen Männer ihres Gefolges lagerten sich auf den Stufen des Thrones und Luzifer ließ sich wie huldigend zu ihren Füßen nieder. Und Satanina sprach. »Genossen und Genossinnen des roten Paradieses, Verehrer des Lichts, Anbeter des Feuers – Satanina dankt euch! Aber ihre Seele ist trübe und ihr Herz voll Trauer. Laßt euch ihr Leid klagen ... Wie spricht das Gesetz? Nichts glauben, sich über nichts wundern! ... Diesseits der Erde ist das Leben, jenseits das Nichts. Was also fordert die Moral? Sich ausleben und sich ausleben lassen! ... Das Weib aber lebt sich aus in Liebe! Durch Liebe wird es geboren, für Liebe ist es bestimmt, an Liebe stirbt es. Tat ich unrecht, daß ich liebte? ... Männer finsterer Zeiten, Tyrannen der Seele, Sklaven der Ichsucht, haben ein Gebot gemacht, daß das Weib nur einem einzigen Manne gehöre. Ihre Augen soll sie verschließen, ihre Ohren verstopfen, ihre Hände verstecken, daß kein Gesicht, keine Stimme, keine Berührung ihr schön erscheine, denn das Gesicht, die Stimme, die Berührung dieses einen Mannes. Satanina aber fragt: ist Sir Richard Worseley schön?« Sie beugte sich vor und schaute wie eine Antwort erwartend ringsum. Ein wieherndes Gelächter ertönte, wie nach einem Witz. Lady Worseley nickte. »Sir Worseley ist schön! Er hat das Gesicht eines Affen, die Stimme eines Papageis, die Haut einer Kröte. Satanina ist denen zu großem Dank verpflichtet, die ihn zu ihrem Manne machten, als sie noch ein unwissendes Kind war ... Dennoch hat er ein Herz. Er hinderte sie nicht, bei anderen die Schönheit zu suchen, die sie bei ihm nicht fand ... Aber eines Tages brauchte er Geld. Er erhob gegen einen von den anderen, dessen Schönheit Satanina in stiller Zurückgezogenheit erforschte, Klage und ließ ihn ins Gefängnis werfen. Seht ihn an, Genossen! Urteilt selbst, ob Satanina Grund hatte; Schönheit bei ihm zu suchen!« Sie winkte einem der jungen Männer ihres Gefolges, sich zu erheben. Er gehorchte und zeigte die kraftstrotzende Gestalt eines Herkules. »Davis!« jauchzte ihm alles zu. »Kapitän Davis, der beste Ringer Altenglands!« Zärtlich klopfte sie ihm den breiten Nacken und stieß ihn sanft auf seinen Platz zurück. »Mußte Satanina nicht diese Schönheit gegen jene Häßlichkeit verteidigen, diese Liebe gegen jene Habsucht? ... Sie tat es. Sie trat den Beweis der Wahrheit an, daß Sir Worseley es stets gewußt hatte, wenn sie bei anderen Schönheit suchte. Daß er diesen einen nur herausgegriffen hatte, um Geld von ihm zu erpressen. Fünfunddreißig lebende Beweise rief sie auf, fünfunddreißig erforschte Schönheiten. Und achtundzwanzig kamen und schworen. Sir Worseley, der Mann des Zwanges, wurde verurteilt, Kapitän Davis, der Mann der Wahl, freigesprochen. Es gibt noch Richter in England! ... Ihr aber, ihr Achtundzwanzig – Männer des Lichtes seid ihr, Ritter der Wahrheit! Satanina dankt euch. Euer Ruhm wird währen, solange noch die Seele eines Weibes nach Schönheit sucht. Umarmt euch und gebt der Menschheit ein leuchtendes Beispiel wahrer Sitte und wahrer Freiheit!« Segnend breitete sie die Hände aus. Die Achtundzwanzig standen auf und umarmten und küßten einander, während ein Beifallssturm den Saal durchbrauste Ehebruchsskandale wie dieser der Lady Worseley, öffentliche Verhöhnung von Religion und Sitte, rücksichtsloses Zurschautragen von Lastern allerart gehörten zum »guten« Ton der damaligen Londoner Aristokratie. »Dennoch ist Sataninas Seele trübe und ihr Herz voll Trauer!« fuhr Lady Worseley dann fort. »Fünfunddreißig waren geladen, achtundzwanzig gekommen. Sieben also haben gefehlt. Sieben haben das Palladium der Wahrheit entweiht. Über sieben ruft Satanina zu Gericht. Ihre Namen nennt dieses Blatt. Genossen und Genossinnen des roten Paradieses. Satanina fragt euch: was soll geschehen mit diesen sieben Abtrünnigen?« Langsam erhob sich Luzifer und streckte seine Hand nach dem Blatte aus. »Ausgestoßen seien sie aus dem Kreise der Erleuchteten! Zu Asche verbrannt werden ihre Namen! Verstreut in alle Winde sei ihr Gedächtnis!« Er zündete das Blatt an einer Fackel an, wartete, bis es verbrannt war, und streute die Asche in die Luft. Wildes Geschrei stimmte ihm zu. Dann reichte er Satanina die Hand, die Musik setzte zu einem rauschenden Marsche ein und ein allgemeiner Umzug begann. – – – – – – – – Waren alle diese Menschen wahnsinnig? Willenlos ließ Emma sich von Miß Kelly in den Strom hineinziehen. Der Zug ging an den Wänden des Saales entlang, durchflutete die üppigen Logen der Nebenräume und machte endlich vor der Tafel halt, auf der das Glücksrad sich drehte. Lord Baltimore nahm hinter der Mitte Platz, legte einen Haufen Banknoten und Goldstücke vor sich hin und ergriff ein Spiel Karten. »Wer sich der Liebe weihen will, möge Satanina folgen!« rief er mit scharfer, durchdringender Stimme. »Wen aber des Paradieses herrlichste Gabe, das Spiel, erfreut, der trete heran! Nur, ihr Seelen der roten Flammte, bleibt eingedenk des Gebotes! Ob Gewinn, ob Verlust – Nil admirari!« Ein spöttisches Lachen antwortete ihm. Aus der Menge drängte sich ein hagerer Mensch herzu und setzte sich ihm gegenüber. Kaum fünfunddreißig Jahre mochte er zählen, aber sein kleiner, eckiger Schädel war bereits ganz kahl. Mit seinen dürren Armen und Händen, dem zusammengefallenen Brustkasten und den tief in ihren Höhlen liegenden Augen sah er fast aus wie ein Toter. »Es ist Sir Watford!« flüsterte Miß Kelly Emma zu. »Der waghalsigste Spieler in ganz London und Lord Baltimores persönlicher Feind!« Als habe Sir Watford es gehört, nickte er ihr zu mit einer Grimasse, die seinen großen Mund verzerrte. Dann wandte er sich zu Lord Baltimore. »Sich über nichts wundern?« wiederholte er höhnisch. »Du prahlst, Luzifer, wie immer! Aber ich werde dich zwingen, deinem eigenen Gesetze untreu zu werden. Wundern sollst du dich, wundern!« Er schlug mit der harten, knöchernen Hand auf den Tisch. Lord Baltimore verzog keine Miene. »Du hast schon oft versucht, mich zu verführen, Asmodi!« sagte er spöttisch. »Niemals aber ist es dir gelungen!« »Heute aber werde ich's erreichen! Ein Mittel habe ich gefunden, ein Mittel!« Er kicherte hüstelnd in sich hinein. »Herunter sollst du von deinem Thron und mir Platz machen!« Und sich zu den Umstehenden wendend setzte er hinzu: »Wer wettet auf Asmodi gegen Luzifer?« Auch Luzifer lächelte, voll Hohn. »Und wer auf Luzifer gegen Asmodi?« Es war wie ein Signal. Laute Stimmen riefen einander Wetten zu, von kleinen Sätzen bis zu großen Summen. Ein wirres Durcheinander entstand. Zwei Parteien bildeten sich, die sich um Lord Baltimore und Sir Watford scharten. Von allen Gesichtern aber glänzte jene gespannte, der Wut gleichende Lust, die Emma auf den Wochenmärkten zu Hawarden bei den Bauern gesehen hatte, wenn sie auf Ringer und Boxer ihre Schillinge verwetteten. Die Tafel bedeckte sich mit Gold und Banknoten. Den Schätzen Indiens. Das Spiel begann. »Wie Ihre Hände zittern, George!« sagte Miß Kelly voll Spott. »Sie können es nicht erwarten, Ihre Zettel gegen Luzifers Gold anstürmen zu lassen. Aber Sie wissen nicht, was mit uns anfangen. Nun, ich werde Amy noch einige Lichtseiten dieser lustigen Hölle zeigen. Lassen Sie sich nicht stören!« Unschlüssig sah der Prinz sie an. »Du willst mit ihr zu Satanina?« »Um uns der Liebe zu weihen? Unbesorgt, mein Freund, wir werden Ihnen nicht untreu werden. Spielen Sie ruhig, bis wir Sie abholen!«. Lachend schob sie ihn der Tafel zu, auf der das Glücksrad sich drehte. Dann ergriff sie Emmas Arm und zog sie mit sich fort. »Liebe und Spiel!« sagte sie verächtlich. »Ein Rausch für Alltagsmenschen. Ich weiß Besseres. Träumen! In süßen Phantasien emporschweben über diese ganze jammervolle Gemeinheit!« Sie schlug einen Vorhang von einer Tür zurück, hinter der sich ein kleiner Raum auftat. Polster bekleideten die Wände, und als die Tür zufiel, erstarb wie auf einen Zauberschlag der Lärm des Festes. Tiefe Stille herrschte. – – – – – – – – Ein schwerer Teppich bedeckte den Boden. Weiche Tierfelle, seidene Kissen, farbige Decken lagen umher. Ein Dreifuß trug ein mächtiges Becken, auf dem Holzkohlen glühten. Aus einer Ampel strahlte ein mildes, grünes Licht, das sich nach dem grellroten Brande des Saales auf Emmas Augen legte wie eine kühle, weiche Hand. Miß Kelly deutete auf einen kleinen Blasebalg vor dem Kohlenbecken. »Fache das Feuer an, Liebling, es ist kühl hier!« sagte sie in einem gepreßten Tone, durch den eine dunkle, fiebrische Hast zitterte. »Ich werde uns das Lager bereiten!« Während Emma schweigend gehorchte, ordnete Miß Kelly unter der Ampel die Kissen, Felle und Decken zu einer üppig weichen Ruhestätte: Aus einem Winkel holte sie dann einen niederen Tisch herbei, auf dem zwischen kleinen silbernen Dosen und Schalen seltsam geformte Pfeifen lagen mit dicken, goldverzierten Rohren. Ein kristallener Leuchter hielt eine Wachskerze und in einem schmalen, mit rotem Samt gefütterten Kästchen schimmerten scharf zugespitzte Metallnadeln. Miß Kelly nahm aus einer der Schalen feingeschnittenen Tabak und stopfte zwei Pfeifen. »Hast du schon einmal geraucht, Amy?« fragte sie. »Und hat es dir Vergnügen gemacht?« Lächelnd hörte sie zu, als Emma von ihrem ersten und einzigen Versuch berichtete. Tom hatte sie eines Tages dazu verführt; aber der scharfe Dampf hatte ihr Widerwillen eingeflößt. »Nun ja, Seemannskanaster!« sagte Miß Kelly achselzuckend, während sie das Licht anzündete. »Wenn du diesen türkischen Tabak erst versucht hast, wirst du anderer Meinung werden. Weißt du, was Chandu Aus dem Rohstoff des indischen Opiums in China hergestelltes Genußmittel, das geraucht wird. Schon im 16. Jahrhundert wurde Opium durch die Englisch-Ostindische Compagnie gewerbsmäßig in China eingeführt, von wo es in Amerika, England und Australien Eingang fand. ist?« »Chandu?« »Öffne die silberne Dose dort; was du darin siehst, ist Chandu! Lege eines von diesen kleinen, unscheinbaren Stückchen zu dem Tabak, den du rauchst, atme den süßen Duft, und du wirst ein anderer Mensch sein. Was dich schmerzt, fällt von dir ab. Wonnevolle Träume umgaukeln dich. Alle Freuden und Seligkeiten, die du einmal erlebt hast, kommen zu dir zurück, jung und frisch. Arme, die dich umfingen, schlingen sich wieder um dich; Augen, die der Tod längst geschlossen, lächeln dir aufs neue zu; Herzen, die schon lange gestorben, klopfen wieder an dem deinen. Von Chandu trunken war Mohammed, als er die Wonnen des Paradieses träumte, an Chandu dachte er, als er den Gläubigen den Wein verbot. Was brauchen sie den tierischen Rausch, da sie auf den Düften des Chandu in das Reich der Seligkeiten emporschweben können? Rauche, Amy! Träume! Träume!« Sie hielt Emma eine der gefüllten Pfeifen hin. Voll Abscheu wich Emma zurück. »Ich will nicht!« sagte sie bestimmt. »Nichts Fremdes soll Macht über mich haben!« »So voll Mißtrauen bist du? Vielleicht hast du recht. Chandu macht schwach. Wie Blei senkt es sich herab, wenn der Rausch vergeht. Die Glieder sind gelähmt, das Herz hört auf zu schlagen. Das erstemal, als George mich so fand, glaubte er mich tot. Die Krook war nicht da. Sie weiß, was geschehen muß, wenn die Starre kommt. Sie schlägt mich, wälzt mich, rauft mir das Haar, bis der Puls zurückkehrt. Willst du es heute für sie tun? Sei gut, Liebling, ich bitte dich! Willige ein!« Ihre Stimme klang weich und aus ihren Augen flehte eine matte Traurigkeit. In Emma kämpften Abscheu und Neugier. »Warum tust du es, wenn es dich nachher elend macht? Ist es nicht unsinnig, sich unnötig in eine solche Gefahr zu stürzen?« Miß Kelly schüttelte müde den Kopf. »Der Traum ist so süß. Je elender du bist, je mehr du das Leben hassest, um so wonnevoller träumst du. Schaffen sich nicht viele aus einem Dasein fort, das sie nicht mehr zu ertragen vermögen? So flüchte ich mich zu Chandu. Es ist mein einziger Trost. Warum siehst du mich so an? Fürchtest du dich vor mir? Ich will dich nicht überreden... Nur bei mir bleiben sollst du, mich nicht verlassen!... Wenn du wüßtest, wie lieb ich dich habe... wie lieb...« Die Worte vor sich hinmurmelnd starrte sie ins Leere, als spräche sie mit einer Unsichtbaren. Etwas schien in ihr aufzusteigen, das ihr Schmerz bereitete, eine Erinnerung, die sie quälte. Forschend sah Emma zu ihr hinüber. Eine Frage brannte ihr auf den Lippen. »Lieb?« wiederholte sie tastend. »Damals, am Deegolf, schon sprachst du so zu mir! Obgleich du mich nicht kanntest und nichts von mir wußtest! Wie soll ich dir also glauben?« »Du hast ein starkes Herz und kalte, prüfende Augen! Würdest du sonst fragen, warum man liebt? Ich wußte nichts von dir; dennoch liebte ich dich, sobald ich dich sah. Du gleichst einer... Wenn sie meine Hand hielt, wich alle Traurigkeit. Alles wurde schön. Wenn sie mich küßte ... o, wie küßten ihre süßen Lippen!... Himmel der Seligkeit senkten sich herab ... glücklich war ich ... glücklich ...« Unaufhörlich flüsterte sie das Wort vor sich hin. Wie eine kindisch gewordene Greisin sah sie aus, die sich der Tage der Jugend erinnert. Ein Grauen erfaßte Emma. »Glücklich warst du?« fragte sie scharf. »Warum blieb sie nicht bei dir? Wo ist sie?« Miß Kellys Gesicht wurde plötzlich totenblaß. Mit einem Schrei fuhr sie auf, als wollte sie fliehen. »Du bist grausam,« stieß sie mit keuchendem Atem heraus. »Warum erinnerst du mich daran? Wahnsinnig werde ich, wenn ich nur daran denke! Und doch – einmal zu einem Menschen davon sprechen! Einmal die Last von der Seele wälzen!... Chandu! Chandu! ... Wir schlürften den duftenden Rauch, wiegten uns auf dem süßen Traum, hielten uns engumschlungen ... Brust an Brust lagen wir, Lippe an Lippe ... Schön war Lavinia, jung, voll Kraft ... Aber dann, als ich erwachte... noch immer lag sie an meiner Brust, an meinem Munde, aber wie kalt waren ihre Lippen, wie kalt ihre Hand, wie kalt ihr Herz! Und ihre Augen ... oh, ihre schönen, großen, toten Augen ...« Sie stieß ein wimmerndes Schluchzen aus und schlug die Hände vors Gesicht. Als richte sich da aus dem dunkeln Winkel etwas Schreckliches vor ihr auf. Ein langes, schwüles Schweigen herrschte. Emma wagte kaum zu atmen. Mitleid und Grauen zerrissen ihr das Herz. »Begreifst du nun, daß ich nicht von Chandu lassen kann? Wenn ich wache ... immer sehe ich Lavinia, wie sie tot in meinen Armen lag. Träume ich aber, so erwacht sie. Ihre Augen lachen mich an, ihr Herz klopft an meinem Herzen, ihr Mund küßt meinen Mund. Glücklich sind wir ... glücklich ... glücklich ...« Wieder flüsterte sie das Wort, in wilder, zitternder Sehnsucht. Und plötzlich stürzte sie sich auf eine der Pfeifen und setzte sie in Brand. Hastig riß sie eine Metallnadel aus dem Samtkästchen, steckte an ihre Spitze ein Stück Chandu und führte es durch die Flamme des Lichts. Ein leises Knistern ertönte und ein starker, süßlicher Duft durchzog den Raum. Dann ergriff Miß Kelly Emmas Hand und zog sie neben sich auf die Kissen nieder. »Komm, Liebling!« flüsterte sie atemlos. »Bleib' bei mir. Nimm deine Hand nicht fort. Fühlen muß ich dich ... ein junger, starker Strom geht von dir aus ... laß ihn durch meine Adern gehen... ach, du Süße ... du Süße ...« Emmas Hand umklammernd sank sie hintenüber. Und während sie unaufhörlich leichte Rauchwölkchen hervorstieß, rötete sich ihr eben noch bleiches Gesicht, ein heiteres Lächeln spielte um ihre Lippen, ihre Augen begannen zu leuchten. Und Emma fühlte, wie in der Hand, die sie hielt, der Puls sich belebte und zuletzt starke Wellen bis in die äußersten Spitzen der Finger trieb. Dann entglitt das Rohr Miß Kellys Lippen und ihre Stimme erstarb in einem langen, weichen Seufzer. Ihre Augen schlossen sich. Langsam schlief sie ein. Emma starrte hin wie gebannt. Wieder stieg Overtons Bild vor ihr herauf, wie sein Mund sich ihr entgegenwölbte, und wieder erfaßte sie jene heiße Lust, diese Lippen zu küssen. Aber sie raffte alle ihre Kraft zusammen, um zu widerstehen. Sie fühlte, daß sie verloren war, wenn sie der dämonischen Lockung dieser Frau nachgab. Sklavin einer verderblichen Lust, würde sie wie Miß Kelly sich dem Chandu ergeben und wie jene Lavinia daran zugrunde gehen ... In ihr reifte der Entschluß. Sie löste sich von Miß Kellys Hand und ging, ohne sich noch einmal umzuwenden. Achtes Kapitel In eine Höllenorgie sah Emma, als sie den Saal wieder betrat. Abgerissene Kleiderfetzen, zerbrochene Gläser, zertretene Früchte bedeckten den Boden. Vergossener Wein troff von den Tischen auf die Trunkenen, die sinnlos in Knäueln umherlagen, wie der Rausch sie niedergeworfen. Stammelndes Lallen, kreischendes Geschrei, gellendes Gelächter mischte sich in den betäubenden Lärm der rasenden Musik. Und inmitten dieses wüsten Chaos sprang, taumelte, rannte, stampfte eine Herde von Wilden, in brünstigen Umschlingungen sich zu wogenden Gruppen zusammenballend, einander durch den Saal hetzend, wie von wahnsinnstoller Wut gejagt. Allen voran Satanina, Lady Worseley. In ihrem wie rosiges Fleisch leuchtenden Gewande, mit ihrem blutige Blitze schleudernden Rubindiadem und mit ihrem zu einer Grimasse verzerrten Madonnenantlitz flog sie aus einem Arm in den anderen, tauschte wilde Umarmungen und brennende Küsse, peitschte mit schrill emporgeschraubter Stimme und girrendem Lachen das Bacchanal zu immer rasenderen Sprüngen. Aber um die große Tafel in der Mitte des Saales herrschte fast lautlose Stille. Noch immer ging das Spiel. Doch außer Lord Baltimore und Sir Watford schien sich niemand mehr daran zu beteiligen. In dichten Gruppen drängten sich die Zuschauer um Luzifer und Asmodi, wie gebannt auf die fallenden Karten starrend, mit geflüsterten Bemerkungen die Wechselfälle des Spiels begleitend, in ihren gemessenen Bewegungen einen seltsamen Gegensatz zu dem wilden Taumel umher bildend. – – – – – – – – Auch Prinz George spielte nicht mehr. Sein junges, hübsches Gesicht war blaß von mühsam zurückgedrängter Leidenschaft und in seinen hellen Augen brannte etwas wie Zorn. Als er Emma erblickte, stieß er ein gezwungenes Lachen aus. »Da bist du ja, Kleine! Warum ließest du mich so lange allein? Meine hübschen Papierchen sind sämtlich zu diesem Glückspilz von Luzifer hinübergeflogen. Aber Unglück im Spiel, Glück in der Liebe! Du sollst mich schadlos halten, Julia. Sei vernünftig und sträube dich nicht länger. Ausleben und ausleben lassen!« Mit einer schnellen Bewegung legte er seinen Arm um ihre Hüften und beugte sich zu ihren Lippen herab, um sie zu küssen. Sie aber machte sich mit einem kräftigen Ruck frei. »Schon einmal habe ich gesagt, daß ich kein Spielzeug für fürstliche Launen bin!« stieß sie scharf heraus. »Ich bin auch nicht gekommen, um falsche Worte zu hören. Ich will Ihnen nur sagen, wo Miß Kelly ist, damit Sie sich ihrer annehmen, ehe ich gehe!« Kurz beschrieb sie ihm den Weg. »Chandu?« lachte er. »Dann ist sie versorgt und stört uns nicht. Bei dem Throne meines Vaters, Kind, ich bin ihrer überdrüssig bis zum Ekel! Nur ein Wort kostet es dich und ich gehöre dir! Du willst nicht? Ja, zum Teufel, was willst du denn?« Den weiten Ärmel ihres Kleides festhaltend, wandte er sich halb lachend, halb ärgerlich zu einem neben ihm stehenden Manne. »Haben Sie schon einmal ein Wunder gesehen, Sir John? Hier ist eins! Ein kleines Bauernmädchen, unwissend, keinen Pfennig in der Tasche, weigert sich, die Liebe des Prinzen von Wales entgegenzunehmen!« Der Angeredete drehte sich nach Emma um und betrachtete sie aufmerksam. »Sie ist sehr schön!« sagte er langsam mit einer harten, metallisch klingenden Stimme. »Selbst in Indien habe ich nichts Schöneres gesehen. Wahrhaftig, sie macht Ihrem Geschmack Ehre, Prinz! Wenn ich nicht fürchten müßte, Ihnen ins Gehege zu kommen – ich würde mich's etwas kosten lassen, diese schmucke Prise zu kapern!« Prinz George lachte, wie über einen Witz. »Sie, Sir John? Mit Ihrem Adonisgesicht?« Jener zuckte die Achseln. »Sie sind noch jung, Prinz, und scheinen noch nicht erfahren zu haben, daß Gegensätze sich anziehen. Häßliche Männer gewinnen die schönsten Frauen; und umgekehrt. Wenn Sie beispielsweise Leidenschaft einflößen wollen, so müssen Sie eine Häßliche wählen!« Er begleitete die Schmeichelei mit einem Lächeln, das sein Gesicht noch abstoßender machte. »Um meinen Erfolg bei Ihrer kleinen Hebe dürfen Sie also außer Sorge sein! Wer gewohnt ist, die Knochen von Piraten zu brechen, bricht wohl auch einen trotzigen Mädchenkopf!« Seine unter schweren, buschigen Brauen hervorglühenden Augen trafen Emmas Augen. Ein Frösteln durchrann Emma. Nie zuvor hatte sie einen Blick von solcher Wildheit gesehen. Zwischen dicken Lidern schoß er hervor wie ein Raubtier aus den dichten Zweigen seines Verstecks. Sie wollte fortblicken und vermochte es doch nicht. In der Häßlichkeit des Mannes schien wirklich etwas von der zwingenden Gewalt zu liegen, von der er gesprochen hatte. Die hagere Gestalt war wie aus lauter Sehnen gebildet; dürre, dunkle Arme schauten aus den weiten Ärmeln des roten Dominos; die schwärzlichen Finger glänzten wie gehärtetes Eisen. Spärliches schwarzes Haar bedeckte leicht gewellt den massigen Kopf, und die Züge des gebräunten Gesichts zeigten einen kühnen Schnitt, dessen gewalttätiger Ausdruck durch eine rote, vom linken Ohr zum rechten Mundwinkel laufende Wundnarbe noch erhöht wurde. So stellte sich Emma jene Bukanier vor, von denen das Volk grausige Erzählungen überlieferte. Friedliche Städte hatten sie überfallen, Männer gemordet, Weiber geschändet, ganze Länder ausgeraubt. Er schien den Eindruck in ihren Augen zu lesen. Ein Lächeln spaltete seine Lippen. »Sie wünschen von hier fortzugehen, Miß?« fragte er. »Erlauben Sie, daß ich Sie zu Ihrem Schutz begleite!« Sein Blick ließ sie nicht los. Sie wollte ihn abweisen, brachte aber kein Wort heraus. Prinz George lachte gezwungen auf. »Hören Sie mal, Sir John, wenn Sie mir die Kleine abjagen ... Es ist Hochverrat, vor königlichem Blut den Vortritt zu nehmen!« Sir John verneigte sich leicht, mit durchschimmerndem Spott. »Die Liebe kennt kein Majestätsverbrechen, Prinz. Ich erwarte das Urteil des Königs!« Prinz George biß sich auf die Lippen. »Das glaube ich! Wenn's nach ihm ginge, wüßte ich heute noch nicht, daß es zweierlei Fleisch auf der Welt gibt! Glücklicherweise aber hat hier ein anderer zu entscheiden: Amy selbst!« Er blinzelte ihr mit seinem leichtfertigen Lächeln zu. »Eine pikante Situation für dich, was? Die Eva des Paradieses bist du und der Teufel hat dir den Apfel der Erkenntnis in die Hand gegeben. Aber es sind zwei hungrige Adams da. Ein Prinz, der einmal König sein wird, und ein wackerer Seeheld, dem schon im nächsten Treffen eine Kanonenkugel den verführerischen Adoniskopf fortblasen kann. Entscheide dich! Wem willst du das süße Gift reichen?« Sie war nun wieder ganz ruhig. Als ödes Geschwätz erschien ihr das witzelnde Werben der beiden Männer. Und das leere Lachen des Prinzen stieß sie ab, seine prahlerische Beweglichkeit. Nichts Königliches fand sie an ihm, keinen Zug von Größe. Schweigend maß sie ihn mit einem Blick der Verachtung und wandte sich ab, um zu gehen. In diesem Augenblicke ertönte von der großen Tafel her lautes Geschrei. »Neunzigtausend! Neunzigtausend Pfund! Es stehen neunzigtausend Pfund in der Bank! Wer wettet? Zweihundert Pfund auf Luzifer! Hundert auf Asmodi!« Der Ruf pflanzte sich durch den ganzen Saal fort und brachte die Orgie zum Stillstand. Die Musik hörte auf zu spielen; alles strömte herzu, um an den Wetten teilzunehmen. Eine dieser Menschenwellen riß Emma mit sich fort und drängte sie an die Tafel. Eng eingekeilt stand sie hier in der ersten Reihe der Zuschauer, neben Lord Baltimore. Ohne den Kopf wenden zu müssen, konnte sie alles sehen. – – – – – – – – Die Ellbogen auf das rote Tuch der Tafel gestützt saß Lord Baltimore in kalter Ruhe, fast ohne Bewegung. Ihm gegenüber war Sir Watford in seinen Stuhl zurückgesunken. Seine zusammengefallene Brust keuchte; in seinem kahlen Totenschädel flackerten die Augen wie rollende Flammen; seine Hände und Füße waren in fortwährender, krampfhaft zuckender Bewegung. Zwischen ihnen, in der Mitte der Tafel, lag ein Haufen von Gold und Banknoten. Die neunzigtausend Pfund, zu denen Lord Baltimores Bank angeschwollen war. »Das Spiel geht weiter!« sagte Lord Baltimore mit seiner scharfen, kühlen Stimme. »Es werden nur noch Sätze von mindestens zehntausend Pfund angenommen!« Sir Watford schnellte auf. »Ich allein setze!« schrie er wild, den Lord mit seinen Blicken durchbohrend. »Va banque! – Wunderst du dich, Luzifer?« Lord Baltimore zuckte wie mitleidig die Achseln. »Warum sollte ich mich wundern? – Andere Karten!« Man reichte ihm ein neues Spiel. Er schob es seinem Gegner zu, der die Papierhülle abriß, mischte und abhob. Dann reichte er es Lord Baltimore zurück. Auch dieser mischte nun, ließ Sir Watford abheben und legte die oberste Karte verdeckt auf die Tafel. Alles mit einer langsamen, feierlichen Förmlichkeit, aus der eine schwüle Spannung emporzuwachsen schien. »Rot oder Schwarz?« fragte der Lord. »Was wählt Asmodi?« »Rot ist die Farbe Luzifers. Verflucht sei sie und er! Asmodi wählt Schwarz.« Mit einem Zucken seiner Hand warf Sir Watford die Karte auf. Rot. Careau-Zehn. Er stieß einen Schrei der Wut aus und warf Lord Baltimore einen Wechsel zu. »Geht das Spiel weiter?« Ruhig legte Lord Baltimore das Papier in die Bank. »Es stehen einhundertachtzigtausend Pfund Der höchste Satz auch bei einem Spiel im »Kakaobaum«, einer berüchtigten Spielhölle der Londoner Gesellschaft. Junge Lebemänner verloren häufig an einem Abend 5-20 000 Pfund; schwindelhaftes Börsen- und Hasardspiel war an der Tagesordnung. ! Das Spiel geht weiter!« »Va banque!« Niemand wettete mehr. Von der Ungeheuerlichkeit des Vorganges schienen alle wie erstarrt. Wieder ein neues Kartenspiel. Wieder das Mischen und Abheben. Wieder die verdeckte Karte. »Schwarz!« sagte Asmodi. »Rot!« erwiderte Luzifer. Die Reihe des Umwendens war an Lord Baltimore. Mit seiner Kaltblütigkeit prahlend, nahm er ein Tischmesser und richtete die Spitze auf die Karte. Einen Augenblick blieb seine Hand in der Schwebe. Sie zitterte nicht. Langsam bohrte sich der Stahl in die Karte und kehrte sie um. Schwarz. Pique-Aß. Ein allgemeiner Aufschrei folgte. Mit einem schrillen Gelächter des Triumphes beugte sich Sir Watford weit vor, um mit boshaft funkelnden Augen das Gesicht seines Gegners zu durchwühlen. »Besiegt, besiegt! Die rote Bank ist gesprengt! Wunderst du dich noch nicht Luzifer?« Lord Baltimore zeigte nicht die leiseste Spur einer Erregung. »Das Glück ist launisch!« sagte er kalt. »Ich weiß es längst!« Er wollte aufstehen. Aber mit einem Zuruf hielt ihn Sir Watford zurück. »Bleib', wenn du Ehre hast! Das Spiel geht weiter! Die letzte Abrechnung ist es zwischen uns. Als ich ein Weib liebte, nahmst du es. Als ich der erste Lebemann Londons war, übertrumpftest du mich. Als ich den Höllenfeuerklub schuf, wurdest du zum Präsidenten gewählt. Was ich auch unternahm, du kamst und zerstörtest es. Kampf ist zwischen uns, solange wir atmen. Höre also! Diese Banknoten, diese Wechsel, dieses Gold – alles setze ich gegen deinen Luziferthron. Schlägt Rot, gehört alles dir; schlägt Schwarz, ist alles mein! Ein Feigling, wer zurückweicht!« Lord Baltimore setzte sich. »Das Spiel geht weiter!« Die allgemeine Spannung löste sich in einem' wiehernden Gelächter. Wie im Zirkus den halsbrecherischen Sprüngen der Clowns zollte man Sir Watfords genialem Einfall durch Händeklatschen und wilde Zurufe Beifall. Diesmal hatte Asmodi die verdeckte Karte umzuwenden. Er streckte die Hand nach ihr aus; plötzlich aber hielt er inne. »Immer hatte ich eine unglückliche Hand!« murmelte er und ließ seine Augen wie suchend über die Reihen der Zuschauer schweifen. Mit mattem Erstaunen blieben sie auf Emma haften. »Was will die Unschuld hier? Laß mich deine Hand sehen, kleiner Engel! Beim Apollo, die Hand einer Venus! Und die Lebenslinie ist tief und stark. Da ist Wille. Dir vertrau' ich mein Glück. Komm an! Dreh' um!« Er hatte Emmas Hand ergriffen, um sie zu betrachten. Nun deutete er auf die Karte. Und wie einem unwiderstehlichen Zwange gehorchend, ergriff Emma das Blatt und deckte es auf. Schwarz. Treff-König. Sinnlos vor Freude warf er die Hände empor. »Ich wußte es, eines Tages würde ich meine Rache haben! Nun ist sie da! Herunter von deinem Sessel, Luzifer! Her mit deiner Krone! Mein ist alles! Mein! Mein!« Er riß Lord Baltimore das gehörnte Teufelsdiadem vom Kopf und setzte es sich auf. Und plötzlich in ein schäumendes Lachen ausbrechend griff er in die aufgetürmten Banknoten und Goldstücke, streute sie um sich her, drückte sie in Emmas Hände, ließ sie auf die Köpfe der Menge herabregnen. »Luzifer ist nicht mehr! Ein falscher König war er, ein Lügner. Sagte er nicht, daß Gold Glück sei? Deshalb spielte, raffte, scharrte er zusammen, Aber es ist nicht wahr! Alles Unheil kommt von dem gelben Gotte. Fort mit ihm, daß ich ihn nicht mehr sehe! Stopf dich voll, Luzifer! Friß, schling' hinab, bis dir die Eingeweide platzen!« Mit vollen Händen schleuderte er ihm das Gold zu. Und dabei nickte er und wiederholte unaufhörlich die eine Frage, die sein armes, kreisendes Hirn auszufüllen schien. »Wunderst du dich? Wunderst du dich endlich, Verhaßter?« Lord Baltimore maß ihn mit einem Blicke, als wollte er die letzte, verborgenste Blöße des Gegners erspähen. »Ich wundere mich nicht!« sagte er langsam mit schneidender Stimme, jedes Wort betonend.; »Ich bemitleide dich, Asmodi! Du bist verrückt!« Ein kurzes, schrilles Auflachen war die Antwort. Dann aber wurde Sir Watford plötzlich eisig ruhig. »Ich wußte, daß du so sprechen würdest. Weil du ein winziges Hirn hast, weil du nicht imstande bist, meine Gedanken nachzudenken. Auch ihr anderen alle, blöde seid ihr und dumm; ihr begreift nur, was ihr seht! Nun denn – ihr sollt sehen! Meine Präsidentenrede werde ich euch halten. Komm, kleiner Unschuldsengel, führ' mich auf Luzifers Höllenstuhl!« Er ergriff Emma an der Hand und stieg mit ihr zum Throne empor. Von einer seltsamen, dunkeln Spannung gebannt, ließ Emma alles mit sich geschehen. Oben angelangt, setzte sich Sir Watford einen Augenblick auf den Thron Luzifers. Seine blutlosen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, als verspotte er sich selbst. Seine Hände wühlten in den Falten seines weiten Dominos; dann richtete er sich auf und trat an die Rampe. Und als er nun sprach, war seine Stimme ganz ruhig. Nichts Schrilles, Schneidendes mehr war in ihr. Leise, sanft floß sie dahin, wie getragen von stiller, lächelnder Beschaulichkeit. Auf Zwischenrufe antwortete er nicht. Er wartete jedesmal, bis wieder Stille war und fuhr dann fort. »Asmodis Thronrede – hier ist sie! ... In seinem König will das Volk den höchsten Ausdruck seines Wesens finden. Euer Wesen ist gemein. Ich bin von euch allen der Gemeinste. Darum bin ich euer König ... Ausleben und ausleben lassen! So spricht das Gesetz. Aber Luzifer erließ ein zweites Gesetz: Sich über nichts wundern. Dieses Gesetz ist falsch! Wer sich über nichts wundert, ist auf nichts neugierig. Wer nicht neugierig ist, lebt sich nicht aus. Ich verwerfe daher jenes falsche Gesetz und setze an seine Stelle ein anderes: auf alles neugierig sein! Über ein neugieriges Volk will ich herrschen, will ein König sein der Sensation ... Als Knabe war ich neugierig auf die Eltern. Ich lernte sie kennen. Sie haßten und betrogen einander. Meine erste Sensation. – Als Jüngling war ich neugierig auf Freundschaft und Liebe. Ich lernte sie kennen an dem Tage, da Lord Baltimore mir mein Weib entführte. Meine zweite Sensation. – Seitdem habe ich jede Neugier befriedigt, alle Sensationen durchkostet. Nur eine noch bleibt mir, die letzte und größte. Was kommt jenseits des Erdenlebens? Das rätselhafteste aller Rätsel ... Das Volk der Neugierigen sehnt sich nach der Lösung. Ein König aber habe eine Mission. Der König voran! Er zerreiße den Schleier, hinter denn das Rätsel sich versteckt! Und das sei meine Mission, meine letzte Sensation ... Was kommt nachher? Antwort will ich auf die Frage. Neugierig bin ich ... neugierig ... neugierig ...« Dreimal wiederholte er das Wort, während er die Falten seines Dominos auseinanderschlug und die rechte Hand gegen seine Schläfe emporführte ... Langsam ... langsam ... Nicht der Schatten einer Bewegung war auf allen den starr emporgerichteten Gesichtern. Totenstille herrschte. Nur das Knistern der brennenden Fackeln hörte man und das leise Zischen des Wassers, in das die glühenden Tropfen des Harzes fielen ... Dann dröhnte der Schuß Theatralisch aufgeputzte Selbstmorde gehörten zu den charakteristischen Erscheinungen der Zeit. . – – – – – – – – In einem hundertstimmigen Geschrei, in einer wilden Flucht, in einer von gespenstiger Furcht gehetzten Menge trieb Emma dahin – eine kleine Welle im Wirbel der Brandung. Jemand griff nach ihr, sie festzuhalten. Sir John's schreckliches Gesicht erschien über ihr, sein Mund stammelte unverständliche Worte. Den Domino in seinen Händen lassend, entfloh sie. Fluchend lief er hinter ihr her, sie zu fangen. Kühle Nachtluft wehte. Dunkel dehnte sich ein weites Feld. In der Ferne ein heller Streifen. Keuchend stürzte sie sich in das Feld, dem matten Schimmer entgegen ... Endlich war sie am Ufer. Ein Schiff trieb dahin. Ein Ruder knarrte. Breit hob sich die Gestalt des Steuermannes vom Flusse ab. Einen langen, zitternden Schrei der Todesangst stieß Emma aus ... eine Stimme antwortete ... ein Gesicht beugte sich über sie ... Tom? Bewußtlos fiel sie in seine Arme. Neuntes Kapitel Die nächsten Wochen flossen ihr wie in einem Traume dahin. Tom hatte sie in der Nähe des Hafens bei der Witwe eines Matrosen eingemietet, die sich durch Waschen und Nähen ihren Lebensunterhalt verdiente. Emma hatte ein bescheidenes, nach der Straße gelegenes Zimmerchen; ein paar Blumen blühten an den Scheiben, ein Kanarienvogel sang in seinem grünen Holzbauer, blütenweißes Leinen bedeckte das schmale Bett an der Rückwand. Eine stille Ruhe lag über dem kleinen Raume, die Emma nach den Erregungen der letzten Zeit wohltat. Dieselbe Ruhe war nun auch in ihrem äußeren Leben. Selten ging sie aus. Wenn sie sich von einem Buchhändler in der Nähe Sie wenigen Bücher beschaffte, die großen Dichtungen Shakespeares, die sie für ihre Pläne brauchte. Denn sie blieb dabei, daß sie Schauspielerin werden wollte. Aber den Gedanken, sich durch fremde Gönnerschaft schnell emporzubringen, hatte sie aufgegeben. Sie kannte jetzt den Preis und war entschlossen, ihn niemals zu zahlen. Nur ihrem Talente wollte sie vertrauen, klein anfangen und sich den Weg zur Höhe durch eigene Kraft bahnen. Anfangs hatte sie, um Tom nicht zur Last zu fallen, einen Broterwerb suchen wollen. Aber Tom hatte es nicht gelitten. Durch die Sorge um kleinliche Dinge sollte sie ihre Kraft nicht zersplittern: Er verdiente genug für beide und fühlte sich wie ein Bruder, dem es Pflicht war, der Schwester diese kleinen Steine aus dem Wege zu räumen. Wie ein Bruder war er auch sonst zu ihr. Durch keinen Blick, durch keinen Laut verriet er, was in ihm vorging. Sogar den warmen Ton, der zuweilen seine Stimme zittern machte, suchte er zu bannen oder durch die geräuschvolle Lustigkeit des derben Seemannes zu verdecken. Emmas durch die Erfahrung geschärftem Ohr aber entging er trotzdem nicht, und hatte ihr Prinz Georges knabenhafte Lüsternheit Verachtung und Sir John's gewalttätige Leidenschaft Furcht eingeflößt, so erregte Toms zarte Zurückhaltung in ihr eine warme Empfindung der Achtung und Teilnahme. Unwillkürlich verglich sie sein einfaches, feinsinniges Wesen mit der rücksichtslosen Roheit jener Vornehmen, und ein sicheres Gefühl sagte ihr, daß die höhere Gesittung bei dem Manne aus dem Volke war. Ach, warum konnte sie ihn nicht lieben! Bei ihm, das wußte sie, war sie geborgen vor allen Zufällen des Lebens. Alles Widrige und Feindliche würde seine starke Hand von ihr abwehren. In stillen Stunden des Nachdenkens ertappte sie sich zuweilen auf der Regung, mit allen ihren hochfliegenden Plänen zu brechen und bei Tom das stille Glück zu suchen, das sie in dem Lärm draußen vielleicht niemals finden würde. Wenn er dann zu ihr hereinkam und sie in sein gutes, treues Auge blickte, zuckte es wohl in ihr, als müsse sie seine Hand fassen und sich an ihr halten für immer. Aber dann ... Aus den farbenglühenden Worten des Dichters, die sie in sich aufnahm, richtete sich das große, berückende Fragerätsel des Lebens wieder vor ihr auf. Müde sann sie sich, es zu lösen. Und aus ihm stieg Overtons Gestalt empor, winkend, lockend ... – – – – – – – – Aber eines Tages hatte sie einen jähen Schreck. Als sie aus dem Laden des Buchhändlers trat, wurde sie in der engen Gasse von einem aus dem Hafen heraufkommenden Wagen beinahe überfahren. Zur Seite springend blickte sie auf und sah Sir John, wie er sich aus dem offenen Schlage beugte und sie anstarrte. Unwillkürlich blieb sie stehen. Als aber der Wagen hielt und Sir John sich anschickte, auszusteigen, wandte sie sich zur Flucht. Niedergeschlagen kehrte sie nach Hause zurück. Etwas wie eine Ahnung kommenden Unheils beschlich sie. Sie war daher nicht überrascht, als die Wirtin Sir John in der Abenddämmerung desselben Tages hereinführte. Aber heißer Zorn kam über sie, da sie in sein häßliches Gesicht sah, das nur mühsam einen Ausdruck des Triumphes verhehlte. Er glaubte wohl schon, daß er Macht über sie gewinnen würde? Aber er sollte erkennen, wer sie war! Ruhig ließ sie es geschehen, daß er die Wirtin mit ein paar herrischen Worten fortschickte. Aber als er Emmas Hand ergreifen wollte, richtete sie sich hoch auf. »Ich habe Sie erst ein einziges Mal gesehen, Mylord!« sagte sie kalt. »Unter Umständen, die mich eine nähere Bekanntschaft mit Ihnen nicht wünschen lassen. Ich ersuche Sie also, sich zu entfernen und mich in Zukunft mit allen Annäherungsversuchen zu verschonen!« Ihr Wesen schien keinen Eindruck auf ihn zu machen. Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht, als glaube er an eine Komödie, die sie ihm vorspielte, um den Preis zu erhöhen. »Die Umstände, von denen Sie sprechen, Miß Lyon, sind nicht beschämend für einen Mann, der wie ich die Tollheiten aller Erdteile kennen gelernt hat. Eine Frau dagegen, die das rote Paradies besucht ...« »Ich kannte es nicht!« unterbrach sie ihn scharf. »Gegen meinen Willen führte mich Miß Kelly hin, deren Untergebene ich damals war. Daß ich infolgedessen mich von ihr trennte, möge Ihnen zeigen, daß Sie mich falsch beurteilen!« Wieder lächelte er voll Spott. »Ich war bei Miß Kelly und habe mich bei ihr nach Ihnen erkundigt ...« »Wozu?« Ein Blitz schoß aus seinen Augen zu ihr herüber. »Ich bin in Sie verliebt, Miß Lyon!« erwiderte er mit einer kühlen Sachlichkeit, die in seltsamem Gegensatz zu dem Inhalt seiner Worte und zu dem leidenschaftlichen Ausdruck seines Gesichts stand. »Ich hörte von Miß Kelly, daß Sie Schauspielerin werden wollen, eine große Künstlerin, von der die Welt spricht. Glauben Sie, daß Sie dieses Ziel ohne Vorbildung, ohne Geldmittel, ohne Protektion erreichen werden? Nun wohl, alles dies will ich Ihnen beschaffen, wenn Sie auf meine Wünsche eingehen!« Und in knappen Worten setzte er ihr seine Verhältnisse auseinander. Als Kapitän der Kriegsflotte war er eben aus dem Feldzug gegen die Nordamerikaner zurückgekehrt, um längere Zeit in London zu bleiben. Von Haus aus wohlhabend, hatten ihn die Prisengelder für gekaperte amerikanische Handelsschiffe noch bereichert. Alle Wünsche Emmas wollte er erfüllen. Die besten Lehrer sollten sie unterrichten, und große Reisen nach Paris und Rom ihre Bildung erweitern. Ein kleines, kostbar eingerichtetes Hotel in Piccadilly sollte ihr gehören, Kammerzofen, Diener, Equipagen, Theaterlogen ihr zur Verfügung stehen. Ein reiches Nadelgeld wollte er ihr aussetzen, ihr Kleider bei Madame Beaulieu, Schmuck bei Mr. Cane kaufen. Alles sollte sie haben, was sie nur begehrte. Glücklich sein sollte sie, wie nur je ein Mädchen von ihrem Geliebten glücklich gemacht worden war. Sie hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und während er sprach, beobachtete sie sich selbst. Sie freute sich, daß sie seinen Lockungen gegenüber ruhig blieb. Aber seine offenbare Leidenschaft reizte sie doch. Seine kalte Sachlichkeit war nur die Maske, hinter der er seine Glut verbarg. Und etwas stachelte sie, diese Glut zu schüren. Zu erproben, wie weit diesen Mann das heiße Blut trieb. »Sie kommen zu spät, Mylord!« sagte sie kühl, nachdem er geendet. »All das Schöne und Verführerische, das Sie mir eben ausmalten, hat mir bereits ein anderer geboten. Und Sie begreifen wohl, daß ich dem Prinzen von Wales vor jedem anderen den Zuschlag erteilen würde, wenn ich die Absicht hätte, mich als Mätresse zu verkaufen. Ich bedaure also, von Ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können.« Sie machte ihm eine spöttische Verbeugung und deutete nach der Tür. Er aber ging nicht. Das Blut war ihm ins Gesicht gestiegen und färbte die breite Narbe dunkelrot. »Was wollen Sie denn noch?« rief er wild. »Was kann ich Ihnen noch mehr bieten? Fordern Sie! Wenn es in eines Menschen Macht steht, schaffe ich es Ihnen. Sie sehen doch, daß ich verrückt nach Ihnen bin. Unaufhörlich denke ich an Sie. Jede Nacht träume ich von Ihnen. Besitzen muß ich Sie, und wenn ich dabei zugrunde gehe!« Sie lächelte. »Warum so ungestüm, Mylord? Bleiben wir doch bei dem Geschäftston, den Sie zuerst anschlugen! Sie fragten mich nach meinem Preise. Nun wohl, auch ich träume zuweilen. Den Traum, eine große Dame zu sein. Sie sind Lord und wünschen mich zu besitzen. Heiraten Sie mich, machen Sie mich zur Lady, und ich bin die Ihre!« Er starrte sie an, als habe er sie nicht verstanden. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus. »Heiraten? Eine Lady aus Ihnen machen? Sie sind köstlich, Miß! Wer hat Sie auf den genialen Gedanken gebracht? Warum verlangen Sie nicht gleich, daß ich Sie zur Königin von England mache? Ein kleines Dienstmädchen, eine Dame der Straße! Liebes Kind, so was liebt man wohl, aber man heiratet es nicht!« Wieder lachte er. Immer aufs neue brach er los. Gar nicht genug schien er sich in diesem hohnvollen Gelächter tun zu können, in dem sich der ganze Hochmut seiner Kaste prägte. Bleich stand Emma ihm gegenüber. Sie hatte gewußt, daß sie Unmögliches verlangte. Dennoch trafen seine Worte sie wie Peitschenhiebe. All der Haß gegen die Vornehmen wallte in ihr auf, in dem sie schon Jane Middleton gehaßt hatte. Mit ausgestreckter Hand wies sie nach der Tür. »Genug, Mylord! Verlassen Sie mich! Sie sind ein Elender, den ich verachte. Geben Sie jeden Versuch auf, mich umzustimmen. Ich würde Sie zurückweisen, selbst wenn Sie mir Ihre Lordskrone auf den Knien anböten!« Er biß sich auf die Lippen. »Sie sind sehr stolz, Miß Lyon. Und sehr kühn. Fürchten Sie sich denn nicht vor mir?« Sie wandte, ihm den Rücken. »Ich werde Ihren Nachstellungen zu entgehen wissen!« »Unter dem Schutz eines schmutzigen Schifferknechts?« »Unter dem Schutz eines redlichen Mannes, dessen Treue stärker ist, als Ihre Macht! Wenn Sie nicht sofort gehen, wird er Sie hier finden. Und seine schmutzigen Schifferfäuste werden Euere Herrlichkeit auf die Straße werfen!« Er sah wohl, daß er sein Spiel verloren hatte. Mit einem kurzen, höhnischen Auflachen ging er. – – – – – – – – An einem Abend der folgenden Woche brachte Tom eine Zeitung mit. Das Lesen machte ihm Mühe, und so bat er Emma, ihm die Nachrichten über den Krieg gegen die nordamerikanischen Rebellen vorzulesen. Er selbst liebte seine Freiheit über alles, begriff aber nicht, daß es Menschen gab, die sich unter den drei Leoparden Altenglands nicht wohlfühlten. Er haßte die Aufrührer, die George III. den Gehorsam verweigerten und beunruhigte sich über die Gerüchte, die Großbritannien blutige Kämpfe um die Seeherrschaft auch mit Frankreich und Spanien prophezeiten. Die Zeitung meldete das zweideutige Verhalten Ludwigs XVI. von Frankreich, der seinen Offizieren erlaubte, in den Reihen der Amerikaner gegen England zu kämpfen, und forderte alle guten Briten auf, sich unter König George's Banner zu stellen. Die Kriegsflotte sollte vermehrt und durch junge, seetüchtige Mannschaft gestärkt werden, um die amerikanischen Kaperschiffe unschädlich zu machen, die den englischen Handel bedrohten. Hohes Werbegeld, reicher Lohn und gute Behandlung wurden den Seelustigen zugesichert und auch dem einfachen Matrosen eine glänzende Laufbahn eröffnet. Voll Spannung hatte Tom zugehört; nun aber lachte er bitter auf. »Gute Behandlung? Essen für Hunde und die neunschwänzige Katze! Eine glänzende Laufbahn? Fieber und Seuche, Pulver und Blei! Wer wirklich mit dem Leben davonkommt ist ein Wrack, das nie wieder flott wird. Und der reiche Lohn langt kaum für eine Pfeife Tabak. Wer Frau und Kinder hat, kann sie getrost auf den Bettel schicken. Dabei fließt ganz England über von Reichtum. Sie haben's ja gesehen, Fräulein Emma, wie sich die Lords im Golde wälzen. Große Reden halten sie von Königstreue, Opfermut und Vaterlandsliebe, selbst aber bleiben sie zu Hause, dehnen sich in seidenen Betten und streichen die fetten Ämter ein. Aber mich sollen sie nicht fangen mit ihren Lügen! Auch der Fuchs von Preßkapitän nicht, mit all seiner Schlauheit!« Zornig ballte er die Zeitung zusammen und warf sie unter den Tisch. »Preßkapitän?« fragte Emma, die das Wort zum ersten Male hörte! »Wer ist das, Tom?« In seiner umständlichen Art suchte er es ihr zu erklären. »Der Kommandant des Theseus. Eine schöne, schnelle Fregatte. Draußen auf der Themse liegt sie, kaum tausend Riemenschläge von hier entfernt. Die Lords der Admiralität haben sie zum Preßschiff gemacht und ihren Kommandanten Sir Willet-Payne zum Preßkapitän. Da liegt er auf der Lauer nach Leuten, die fürs Seehandwerk taugen. Wer ihm in den Wurf kommt, ist geliefert. Zu Fünfen, Sechsen fallen sie über ihn her, daß er sich nicht wehren kann und schleppen ihn an Bord. Und dann setzten sie ihm zu mit Rum und mit süßen Worten und mit der Neunschwänzigen, bis er mürbe ist und Ja und Amen zu dem Eide sagt, den sie ihm vorbeten. Ob er 'nen alten Vater oder 'ne alte Mutter oder Frau und Kinder zu ernähren hat, ob ein Mädchen sich die Augen nach ihm ausweint – keiner kümmert sich darum! Krieg ist Krieg, und der König braucht Matrosen!« Sein Gesicht war finster von Zorn und seine Zähne knirschten aufeinander. Erstaunt hatte Emma zugehört. »Übertreibst du nicht, Tom? Wenn das wirklich so wäre, das wäre ja Menschenraub!« »Menschenraub, ja! Unsere Lords ... die deutschen Fürsten schmähen sie, die ihre Landeskinder als Kanonenfutter verschachern, sie selbst aber handeln genau ebenso!« Und er erzählte von den Pfiffen und Kniffen des Preßkapitäns. Sir Willet-Payne streifte die Flüsse und Küsten mit dem Theseus ab, machte Jagd auf die Fischer und Schiffer, schickte seine Leute nachts in die Häuser der Hafenviertel und ließ die dienstfähigen Männer aus den Betten holen. Die Seemannsschenken und Schiffswerkstätten leerte er, brach in die Familien ein und schreckte selbst vor Straßenüberfällen am hellen Tage nicht zurück. Überall wußte er seine Opfer zu finden. Und niemand wehrte ihm. Ein Gesetz, von denselben Lords gemacht, für deren Geldbörse die Kolonialkriege geführt wurden, schützte den grausamen Vollstrecker der Gewalt und lieferte ihm jeden aus, nach dem er seine Hand ausstreckte. Ein geheimes Bangen beschlich Emma. »Wenn das alles so ist, wie du sagst, Tom, droht dann nicht auch dir Gefahr? Wenn du hierherkommst ... in den engen Gassen ist ein Überfall leicht. Bleibst du nicht besser auf deinem Schiff?« Etwas in seinem Gesicht zuckte. »Es ist lieb von Ihnen, Fräulein Emma, daß Sie an mich denken. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Haben die vom Theseus ihre Ränke, hab' ich meine Schwänke! Erinnern Sie sich unseres Spazierganges nach dem Marinehospital von Greenwich vor zwei Sonntagen? Wir sahen durch das große Fernrohr, das ein alter Janmaat auf dem Hügel bewachte. Sie gaben ihm einen ganzen Schilling als Trinkgeld.« »Er tat mir leid! Er hat einen Arm und ein Bein verloren!« Tom nickte. »Ja, das Bein fehlte. Aber der Arm ... Ein paar Tage später begegnete ich dem Alten im Hafen, da hatte er zwei richtige gesunde Arme. Mit einer Pinte Rum öffnete ich ihm das Herz, daß er plauderte. Kurz und gut, er hat sich den Schwank ausgedacht, um dem Mitleid und damit auch dem Trinkgeld nachzuhelfen. Das hab' ich ihm also nachgemacht. Wollen Sie's sehen?« Lachend stand er auf, zog mit einem Ruck seinen linken Arm aus der Jacke und ließ ihn unter dem Schifferhemd verschwinden. Leer und schlaff hing der Ärmel herab. Unwillkürlich mußte auch Emma lachen. »Du spielst also den Invaliden, Tom?« Er nickte pfiffig. »Ich glaube nicht, daß ich aussehe wie einer, den Sir Willet-Payne brauchen kann! Sind Sie nun beruhigt, Fräulein Emma?« Er brachte den Arm wieder hervor und fuchtelte mit ihm ein paarmal durch die Luft, wie um seine Gesundheit und Kraft zu beweisen. Gleich darauf aber wurde er wieder ernst. Langsam hob er das zusammengeballte Zeitungsblatt auf, glättete es und legte es vor Emma auf den Tisch unter die Lampe. »Auf der letzten. Seite steht etwas, Fräulein Emma, das Sie vielleicht angeht!« sagte er stockend. »Möchten Sie es nicht einmal lesen?« Er setzte sich abseits in den Schatten und fing an mit seinem Schiffermesser Tabak zu schneiden. Emmas erster Blick fiel auf eine großgedruckte Zeile. »Romeo und Julia!« Mr. Gibson, der Direktor des Theaters »Zum Schwan von Avon Avon, Geburtsort Shakespeares. « in Greenwich kündigte eine Aufführung des berühmten Trauerspiels an zum Besten der Hinterbliebenen gefallener Seeleute. Für die Besetzung der einzelnen Rollen suchte er tüchtige Schauspieler und Schauspielerinnen. »Ist das vielleicht etwas für Sie, Fräulein Emma?« fragte Tom nach einer Weile verlegen. »Ich dachte ... Sie sagten einmal, Sie wüßten nicht, wie Sie sich auf der Bühne benehmen sollen...« Überlegend nickte Emma vor sich hin. »Ein Anfang wäre es schon! Vielleicht könnte Ich mir dann selbst weiterhelfen, so daß ich dir nicht mehr zur Last fiele!« Sein Gesicht wurde plötzlich dunkelrot. »Sie glauben doch nicht, daß ich deswegen ... Sie sind mir nicht zur Last, Fräulein Emma. Es ist nur ... ich hab' es doch gemerkt, daß das kleine Zimmer hier ... und das stille Leben ... das wird Ihnen auf die Dauer nicht genügen ... und da Sie Schauspielerin werden wollen...« Er begegnete ihren Augen, die ihn aufmerksam ansahen, und verstummte. Wie über seine Unbeholfenheit erzürnt, wandte er den Kopf zur Seite. Emma stand auf und ging zu ihm. »Vor ein paar Wochen noch konntest du mir das stille Glück der Verborgenheit gar nicht genug anpreisen, Tom!« sagte sie ernst. »Und jetzt möchtest du mich in den Trubel draußen zurücktreiben?« »In den Trubel?« rief er schnell. »Nicht in den Trubel, Fräulein Emma! Es ist nur, weil ...« Wieder verstummte er. Mechanisch strich er den geschnittenen Tabak in seinen Lederbeutel und klappte das Messer zu. »Du verbirgst mir etwas, Tom!« Scheu wich er ihrem Blick aus. »Was sollte ich verbergen? ... Na ja, es könnte doch sein, daß mir mal was zustieße ... Wir Schiffer hängen doch oft vom Zufall ab ... Und dann... wenn Sie dann eine Art Versorgung hätten... falls Sie mal allein wären ...« Sie stand nun neben ihm und faßte seine Hand. »Allein? Ist es nur, daß du dich vor dem Wasser und dem Wind fürchtest? Du hast kein Vertrauen zu mir, Tom. Sonst würdest du mir die Wahrheit sagen ... Ich glaube aber, ich weiß sie schon. Du fühlst dich vor dem Preßkapitän nicht sicher, Tom. Du fürchtest, daß du die Täuschung mit dem Arm nicht durchführen, kannst und daß du ihm eines Tages doch in die Hände fällst. Ist es so, Tom? Sei offen!« Er lachte rauh auf. »Um mich herum streichen sie ja! Schon zweimal hab' ich den langen Bootsmann hier vor dem Hause getroffen. Vorhin, als ich in die Gasse einbog, rannte er gegen mich an. Er will mich ausspionieren.« Sie wurde blaß, und ihre Hand, die sich um die seine spannte, zitterte. »Du mußt fort, Tom! Ganz von London fort! Nach dem Deegolf mußt du zurück. Dort kennst du alle Schlupfwinkel, und die Fischer verstecken dich! Hörst du, Tom?« Langsam kehrte er ihr sein Gesicht wieder zu und seine treuen Augen sahen, sie an. »Und Sie, Fräulein Emma? Was soll mit Ihnen geschehen?« Verwirrt trat sie von ihm zurück. »Ich muß hier bleiben, Tom. Du weißt ja, daß ich nicht anders kann.« Er nickte trübe. »Ja, der Mensch kann nur, was das Herz will! Aber auch ich – ich kann nicht von hier gehen, solange ich Sie nicht geborgen weiß!« »Und wenn ich geborgen wäre, Tom?« »Versprechen Sie mir, mich zu rufen, wenn Sie in Not sind?« »Ich verspreche es dir, Total Und morgen gehe ich zu Mr. Gibson!« »Morgen ist Sonntag und ich könnte mit Ihnen gehen und Mr. Gibson ansehen. Erlauben Sie es mir, Fräulein Emma?« Gerührt über seine treue Sorge lächelte sie ihm zu. »Gut also, Tom! Morgen!« Er seufzte wie erleichtert auf. Dann machte er den Arm zurecht und Emma sah, wie er sein Messer am Hüftgurt befestigte. Eine tödliche Furcht überfiel sie plötzlich. Mit ein paar schnellen Schritten war sie bei ihm und klammerte sich an ihn. »Geh' nicht, Tom! Wenn sie dir auflauerten! Bleib' hier, bleib' hier!« Er sah sie aufmerksam an. Etwas wie der Widerschein eines Lächelns flog über sein ernstes Gesicht. »Haben Sie wirklich ein wenig Angst um mich, Fräulein Emma?« Wie erwachend strich sie sich über die Augen. Hatte da nicht eben Overton vor ihr gestanden? Overton, der sie verlassen wollte, um den bebende Angst ihr das Herz zerriß? ... Es war nur Tom. »Muß ich nicht, Tom?« stammelte sie verwirrt. »Bist du nicht der einzige Freund, den ich auf der Welt habe?« Der Schimmer auf seinem Gesicht erlosch. »Ängstigen Sie sich nicht, Fräulein Emma!« sagte er tonlos. »Ich bin auf meiner Hut! Gute Nacht!« »Gute Nacht, Tom!« Sie hielt ihn nun nicht mehr. Sie ließ ihn hinausgehen in die Nacht, in die Gefahr. Vielleicht in den Tod. Der Verlust seiner Freiheit war für ihn dasselbe wie Tod. Dennoch ließ sie ihn gehen. Sie wußte, wenn er blieb, würde sie seinen traurigen, fragenden Augen nicht widerstehen können. Schwach würde sie werden. Durch das heiße Mitleid, das ihr das Herz füllte. Würde sich ihm hingeben. Mit all den Gedanken, die sich nach einem anderen sehnten. Sie liebte ihn ja nicht. Aber wenn man ihn jetzt überfiele, würde sie sich blindlings zwischen ihn und die Gefahr stürzen. Willig würde sie für ihn sterben. Seltsames Rätsel, das ihr da in der Brust pochte und pochte ... Drückend schwül erschien ihr die Luft. Sie lief zum Fenster, riß es auf, horchte ... Nichts deutete auf eine Gefahr. Dennoch lehnte sie sich plötzlich weit hinaus und rief Toms Namen. Wenn er jetzt zurückkam... Liebte sie ihn dennoch? Er hörte sie nicht mehr. Seine Schritte verhallten in der Ferne. Stille war um sie her. Und in dieser lastenden Stille stand sie und dachte ... dachte … Zehntes Kapitel Ehe sie den Garten des »Schwan von Avon« betraten, wandte sich Emma noch einmal zurück, Um einen Blick auf die Straße zu werfen. Sie war in einer fortwährenden Furcht vor einem Überfall. Aber nichts Verdächtiges war zu sehen. Der stille Frieden des Sonntagmorgens lag über der weiten Landschaft. Bläulicher Rauch, stieg aus den Schornsteinen der fernen Stadt, träge schaukelten sich die Schiffe auf den breiten Wogen der Themse; der Uferweg war fast menschenleer. Nur ein Mann kam langsam von der Stadt herauf. Sein weißer Strohhut glänzte in der Sonne. Mit kräftigem Schwunge warf er hin und wieder einen Stein über das angrenzende Feld, den ein gelbgeflecktes, schlankes Windspiel zu haschen suchte, um dann in freudigen Sprüngen seinen Herrn zu umkreisen. Beruhigt lächelte Emma Tom zu, und sie traten ein, dem schattigen Baumgang folgend, der zwischen Tisch- und Stuhlreihen zum Hause führte. Unter einem Vordach saß hier eine große, würdevoll aussehende Frau. Sie strickte an einem Strumpf, trug an schwerer Kette eine große goldene Uhr, an den Fingern Ringe mit blitzenden Steinen und am dem sorgfältig frisierten Haar einen majestätischen Federputz. »Die Herrschaften wünschen?« fragte sie mit fetter Stimme, während ihre Augen Emma scharf musterten. »Ich bin Mrs. Gibson, die Wirtin. – Eine Rolle im Romeo und Julia? Bedaure, alles ist besetzt! Es ist schade. Sie sind sehr hübsch, mein Kind. Wie heißen Sie?« »Emma Lyon, Ma'am!« »Und der Herr? Wünscht er auch eine Rolle? Aber er hat ja nur einen Arm! Ihr Bruder, Miß Lyon?« Tom wurde ein wenig verlegen. »Ich bin ihr Vetter. Tom Kidd, Ma'am! Fräulein Emma steht unter meinem Schutze!« Lächelnd zog Mrs. Gibson die Mundwinkel herab. »Schön, Herr! Ein junges Mädchen hat das In London nötig. Ich erkenne es an. Auch Mr. Gibson erkennt es an. Mr. Gibson ist ein Mann von moralischen Grundsätzen, beim Theater eine Seltenheit. Sie dürfen über diesen Punkt ganz beruhigt sein, Mr. Kidd. Aber, wie gesagt, die Damenrollen sind bereits vergeben, und wenn auch Miß Lyon eine viel schönere Julia sein würde, als die junge Dame, die für die Partie vorgesehen ist, so ist doch nichts mehr daran zu ändern!« Sie unterbrach sich, nach dem Eingang des Gartens blickend, durch den ein gelbgeflecktes Windspiel hereinstürmte. Hastig stand sie auf. »Sie entschuldigen mich! Ein Gast, den ich empfangen muß!« »Fräulein Emma würde auch mit einer kleineren Rolle zufrieden sein!« sagte Tom in bittendem Tone. »Sie will Schauspielerin werden und sucht irgendeinen Anfang!« Ungeduldig zog sie die Augenbrauen zusammen und deutete auf eine Tür an der Seite des Hauses. »Wenn Sie mir nicht glauben, so fragen Sie Mr. Gibson selbst! Er ist in der Theaterkanzlei. Aber er wird Ihnen auch nichts anderes sagen!« Eilig ging sie den Baumgang hinab; vor ihr her sprang das Windspiel, dem Herrn entgegen, der auf der Straße stand, wie unschlüssig, ob er eintreten solle. Halb abgewandt stand er unter einem Baume, auf seinem weißen Strohhute zeichneten sich die Schatten der Blätter ab. – – – – – – – – Mr. Gibson stand an einem Pult, hinter dem seine kleine, zierliche Gestalt fast nicht zu sehen war. Auf Emmas Frage zog er die Augenbrauen seines Vogelgesichts so hoch empor, daß sie unter seinem langen, sorgfältig frisierten Haar verschwanden. »Hat Ihnen Mrs. Gibson nicht gesagt, daß alles besetzt ist?« Er sah Emma an, stutzte und kam eilig hinter dem Pult hervor. »Sie haben wundervolles Haar, Miß, von einem seltenen Rotbraun. Aber Sie sind schlecht frisiert. Bitte, Platz zu nehmen.« Er schwippste mit den Fingern der rechten Hand, als schleudere er etwas hinweg, und holte einen Stuhl herbei, auf den er Emma niederdrückte. Ehe sie Widerspruch erheben konnte, hatte er ihr das Haar gelöst und begann, es zu ordnen. »Sie haben das Haar der göttlichen Venus!« plauderte er dabei. »Wenn Sie die Julia spielen, werde ich in die Balkonszene ein paar Verse für Romeo über die leuchtende Flut Ihres Hauptes einschieben. Frisieren werde ich Sie so, daß Romeo nur eine Nadel herauszuziehen braucht, um die gleißende Woge herabströmen zu lassen. Eine Dakaponummer. Die Siddons stirbt vor Ärger, und mein Freund Garrick wird Sie für das Drury-Lane engagieren. Was wollen Sie für die Julia anlegen, Miß?« Erstaunt sah Emma auf. »Anlegen? Ich verstehe nicht ...« Er lächelte mitleidig. »Sie waren noch nicht beim Theater? Es ist ein Grundsatz meiner Direktion, für die Ehre, unter meiner Leitung spielen zu dürfen, einen kleinen Beitrag zu erheben. Die Preise richten sich nach der Länge und Wirksamkeit der Rollen!« »Ein sicheres Geschäft!« sagte Emma spöttisch. »Und was würde die Julia kosten?« »Die Julia ist die Hauptrolle des Stücks. Sie hat alles, was die ehrgeizigste Schauspielerin sich nur wünschen kann. Die beiden Balkonszenen allein sind fünfzehn Schillinge wert, der Schlaftrunk ebensoviel, das Erwachen in der Ahnengruft mindestens zehn. Und dann die wundervolle Sterbeszene, Effekte über Effekte – alles in allem drei Pfund In seinen Londoner Skizzen beschreibt Charles Dickens ähnliche Gebräuche. !« Erregt stand Emma auf. »Drei Pfund! Und dazu noch das Kostüm! Oder wird es von der Direktion geliefert?« Mr. Gibson zog die Augenbrauen hoch. »Sie liefert es nicht, aber sie verleiht es! Die Julia kostet ein Pfund. Auch würde ich die Rolle nicht unter vier Pfund abgeben. Ich müßte der jetzigen Besitzerin doch ihre bereits gezahlten drei Pfund, zurückerstatten!« »So daß der Tausch Ihnen auch noch ein Pfund einbrächte! Sie scheinen ein merkwürdiges Theater zu haben, Mr. Gibson. Wenn Sie sich von den Schauspielerinnen alles bezahlen lassen, was geben Sie ihnen denn dafür?« Mr. Gibson richtete sich hoch auf und steckte seine rechte Hand in den Ausschnitt seiner geblümten Weste. »Mich!« sagte er feierlich. »Ich studiere ihnen die Rollen ein!« Belustigt lachte Emma auf. »Und frisieren sie, nicht wahr? Wollen wir wetten, Tom, daß Mr. Gibson von Haus aus Friseur und Mrs. Gibson Maskengarderobiere war? Komm, laß uns gehen! Es hat keinen Zweck, Mr. Gibson noch länger zu belästigen!« Sie wandte sich mit Tom zum Gehen, als Mrs. Gibson hereinkam. An ihrem Strumpfe strickend nickte sie Emma mit einem liebenswürdigen Lächeln zu. »Haben Sie sich mit Mr. Gibson geeinigt, Miß Lyon? Gibt er Ihnen die Julia?« Emma zuckte die Achseln. »Er verlangt vier Pfund. Für das Einstudieren. Dabei kann ich die Rolle Wort für Wort auswendig. Ich habe Mrs. Siddons darin gesehen und würde sie wohl ebensogut spielen!« Ebensogut wie Mrs. Siddons? Mrs. Gibson schien entzückt. Das änderte die ganze Sachlage. Wenn Mr. Gibson das gewußt hätte, würde er niemals ein Lehrgeld von ihr verlangt haben wie von den Dämchen, die von der Straße hereinkamen und Theater spielen wollten, ohne eine Ahnung davon zu haben. Eine Schülerin von Mrs. Siddons! Mr. Gibson mußte Miß Lyon ohne Zögern engagieren. Auf den ersten Blick sah man ja, daß sie ein großes Talent war. Und für das Theater »Zum Schwan von Avon« war es eine große Reklame, wenn der neue Stern hier seinen ruhmvollen Aufstieg begann. Sie sah Mr. Gibson starr ins Gesicht, als begreife sie seine Verblendung nicht, und bat Emma und Tom, einen Augenblick zu warten. Sie ging dann mit Mr. Gibson in ein Nebenzimmer, um eine kurze Beratung abzuhalten. Als sie zurückkehrten, stellte Mr. Gibson eine Prüfung mit Emma an. Er ließ sie die zweite Balkonszene rezitieren und gab ihr mit seiner dünnen Vogelstimme die Stichworte. Mrs. Gibson begleitete die Kraftstellen mit Kopfnicken, Bravorufen und Händeklatschen. Schließlich stand sie auf und umarmte Emma gerührt. »Wundervoll, Miß Lyon! Sie werden eine große Schauspielerin werden! Sehen Sie Mr. Gibson an! Auch er ist nun überzeugt, daß Sie dem ›Schwan von Avon‹ Ehre machen werden!« Mr. Gibsons Vogelgesicht strahlte von Begeisterung. Nicht genug konnte er sich tun in Worten des Lobes und schätzte sich glücklich, Emma in die Welt des Ruhmes einführen zu dürfen. Rollengeld würde er nicht von ihr verlangen und ihr auch die Kostüme umsonst liefern. Ja, während des ganzen kommenden Winters war er bereit, ihr Wohnung und Kost unentgeltlich zu geben und eine Monatsgage von vier Pfund auszuwerfen, wenn sie sich verpflichtete, wöchentlich dreimal die Julia, die Ophelia oder die Desdemona zu spielen. Er schrieb, während er unaufhörlich sprach und Pläne für Emmas Zukunft machte, den Vertrag aus. Er rühmte sich der intimsten Verbindung mit Garrick und mit Sheridan, dem gefeierten Dichter und Theaterdirektor. Sobald Emma die nötige Routine erlangt hatte, würde es ihm ein leichtes sein, ihr den Platz zu verschaffen, auf den sie durch ihr Talent und ihre Schönheit Anspruch erheben durfte. Emmas anfängliche Zweifel verflogen. Sie hatte von seltsamen Künstlerlaufbahnen gehört und fand an Mr. Gibsons früherem Friseurberuf nichts Anstößiges. Als er ihr den fertigen Vertrag vorlegte, unterschrieb sie ohne Besinnen. »Ich bin also bereit, Ma'am!« wandte sie sich dann abschiednehmend zu Mrs. Gibson. »Wann darf ich kommen?« »Bleiben Sie doch gleich hier!« bat Mrs. Gibson fast zärtlich. »Sie nehmen doch Mr. Gibsons Anerbieten an und ziehen ganz zu uns?« Emma wollte zusagen, aber Tom kam ihr zuvor. »Sie verzeihen, Ma'am,« sagte er in seiner bedächtigen Weise. »Wir sind überzeugt, daß Sie es gut meinen. Aber trotzdem ... es wäre vielleicht doch gut, wenn Fräulein Emma die Verhältnisse hier erst näher kennen lernte. Sie ist fremd in London und noch nicht sehr erfahren. Ich bin ihr einziger Bekannter hier, ihr einziger Schutz. Wenn Sie mir daher erlauben wollten, sie abends von hier abzuholen ... es ist vielleicht zu ängstlich, aber ... nicht wahr, Sie nehmen's nicht für ungut?« Mrs. Gibson warf ihren Strickstrumpf auf einen Tisch und ergriff Toms Hand, sie kräftig schüttelnd. »Ungut? Ein prächtiger Mensch sind Sie, Mr. Kidd, ein ganz vortrefflicher junger Mann! Kommen Sie her, so oft Sie wollen! Ein Glas Rum oder eine Pinte Warmbier wird immer für Sie bereitstehen. Ich weiß ja, wenn Sie uns erst näher kennen gelernt haben, werden Sie sagen: Mrs. Gibson, ich traue Ihnen! Nehmen Sie das Kleinod hin, es ist bei Ihnen gut aufgehoben! – So werden Sie zu mir sprechen, Mr. Kidd, und werden mir das Juwel in die Arme legen. Und ich ... ach Gott, ich habe mir immer eine Tochter gewünscht, ein süßes Kind, wie Miß Lyon! Wenn Sie mir erlauben wollten, ein wenig Mutterstelle an Ihnen zu vertreten, Miß Lyon, ich wäre sehr glücklich! Ich würde Sie sehr lieb haben, sehr lieb!« Ihre Stimme zitterte vor Rührung. Emma in ihre Arme ziehend, küßte sie ihr zärtlich die Stirn. – – – – – – – – Während der folgenden Woche holte Tom Emma jeden Abend ab. Seine Sorge um sie verdoppelte sich – nun, wo die Trennung näher rückte. Aber nichts gab Anlaß zu Befürchtungen. Mrs. Gibson und der Direktor überhäuften Emma mit Liebenswürdigkeiten, und so stimmte Tom endlich zu, daß Emma nach der ersten Aufführung in den »Schwan von Avon« übersiedeln sollte. Aber er verlangte, daß sie den Entschluß vor Mrs. Gibson geheimhielt; er wollte nichts übereilen und den letzten Augenblick abwarten. Die Aufführung machte Emma keinerlei Sorge. Sie begriff die Unruhe nicht, von der ihre Mitspieler befallen wurden. Mit jeder Probe fühlte sie ihre Kraft und Sicherheit wachsen und eine heiße Freude erfüllte sie. Sie lachte und scherzte in den Pausen, und wenn sie an Toms Seite durch die warmen Nächte nach Hause ging, fühlte sie sich wie getragen von einer wunderbar reizvollen Erwartung. Es war ihr, als schwebe sie auf leichten, weißen Wölkchen in einer Luft von unendlicher Reinheit, die sie mit einem Gefühl hochgespannter Lust einatmete. Mr. Gibson gab ihrer Laune unversieglichen Stoff zu komischen Bemerkungen. Seine Bühne besaß nur eine einzige Dekoration, einen Garten, und so hatte er »Romeo und Julia« auf diesen Garten; zurechtgeschnitten. Emma fand das ungeheuer lustig und suchte immer neue Gründe hervor, um die Beibehaltung dieses Gartens für das ganze Stück zu rechtfertigen. Warum sollten die Kapulets ihren Ball nicht im Garten abhalten? Die italienischen Nächte waren warm genug dazu. Es war daher auch nicht auffallend, wenn Julia statt in ihrem schwülen Zimmer im Garten schlief. Was sollte ferner den Bruder Lorenzo hindern, seine Zusammenkünfte mit Julia, Romeo und der Amme in diesem Garten abzuhalten? Auch die Hauskapelle der Kapulets konnte sich hier ganz gut befinden, in der dann die heimliche Trauung vollzogen wurde. Und endlich die Sterbeszene im Erbbegräbnis der Familie – warum sollte dieses Erbbegräbnis nicht ebenfalls im Garten liegen? Gab es nicht närrische Menschen, die ihren eigenen Sarg während ihres ganzen Lebens mit sich umherführten? Und waren nicht die Kapulets närrische Menschen, da sie wegen alberner Familienstreitigkeiten eine so glänzende Partie für ihre Tochter, wie Romeo, verschmähten? Ja, das ganze Stück konnte ohne Zwang im Garten spielen. Mr. Gibson hatte recht; er war ein genialer Regisseur; im Vergleich zu ihm war Shakespeare ein armseliger Stümper gewesen ... Als sie dann am Tage der Aufführung fertig angekleidet an dem Loch im Vorhang stand, erschien ihr auf den ersten Blick auch das Publikum komisch, das den Saal füllte. Junge Ladendiener, Rechtsanwaltsschreiber und ehrsame Handwerker mit Frauen und Kindern. Aber zwischen ihnen erblickte sie vierschrötige Gestalten in der Uniform der königlichen Marine. Leute von den Kriegsschiffen auf der Themse, die aus den Kämpfen gegen die amerikanischen Kaper heimgekehrt, ihre Schäden ausbesserten und neue Mannschaft anzuwerben suchten. Waren auch Leute vom »Theseus« unter ihnen? Besorgt sah Emma zu Tom hinüber. Er saß neben einem herkulischen Bootsmann und trug den linken Arm in der Schlinge versteckt. Sein Gesicht war so ruhig, daß Emmas Sorge wieder schwand. Der Vorhang ging auf, zum erstenmal, betrat sie die Szene. Nun dachte sie an nichts mehr, als daß sie Julia war und in Liebe jubelte und um Liebe litt. Die Erinnerung an Overton, den Schmerz über die Trennung von ihm, die Hoffnung auf ein endliches Wiedersehen – alle ihre verschwiegenen Empfindungen strömte sie in die Worte der Dichtung aus. Erst als lauter Beifall am Schluß des Stückes sie umrauschte, erwachte sie wie aus einem Traume. Immer wieder an die Rampe gerufen verneigte sie sich, preßte die Hände auf das klopfende Herz, lächelte dankbar für die kleinen Blumensträuße, die man ihr zuwarf. Sie fühlte, daß sie eitel war. Aber die Eitelkeit war so süß. Sie war wie ein Rausch aus Blumenduft, goldener Sonne und feurigem Wein. Hinter der Bühne schüttelte Mr. Gibson ihr unaufhörlich die Hände. »Ein großes Talent!« rief er mit seiner dünnen Vogelstimme. »Und ich habe es entdeckt. Morgen gehe ich zu Garrick. Er wird kommen, sehen, engagieren. Ich kenne ihn. Er ist mein Duzfreund!« »Meine Tochter!« schluchzte Mrs. Gibson. »Sie sind meine Tochter! Meine Perle, mein Kleinod, mein Juwel!« Zuletzt kam Tom. Auf seinem guten ehrlichen Gesicht zitterte noch die ganze Ergriffenheit über ihr Spiel. Er blieb an der Tür stehen, als getraue er sich nicht in Emmas Nähe. Ohne ein Wort zu sprechen, stand Emma auf, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn dreimal auf den Mund. Er wurde ganz blaß. Als sie ihn freigab, taumelte er wie ein Trunkener. Elftes Kapitel Sie wollten dann nach Haus gehen, aber Mrs. Gibson ließ sie nicht fort. Es sollte noch getanzt werden, dabei durfte die Königin des Abends nicht fehlen. Emma folgte willig. Sie war in einem Rausch des Entzückens. Das aufgeregte Blut sprengte ihr fast die Adern, ihr Mund sprudelte von Lachen und Scherzen. Menschen mußte sie um sich sehen, Schmeicheleien hören, den jungen Triumph durchkosten. Mit einem Gefühl der Abneigung dachte sie an die Einsamkeit des kleinen Zimmers, in dem sie die Nacht schlaflos verbringen würde. Im Saale hatte man Tische und Stühle zur Seite gerückt, um Raum für den Tanz zu schaffen. Das Publikum füllte die beiden Seiten. In strenger Scheidung; rechts die Seeleute, links die Bürger mit ihren Frauen und Töchtern. Als Emma eintrat, brachte man drei Cheers auf sie aus und das Orchester spielte einen Tusch. Mr. Gibson eröffnete den Tanz mit einem Hornpipe Übermütiger Matrosen- und Bauerntanz. . Er wirbelte einen Spazierstock um sich herum, warf ihn in die Luft und fing ihn wieder auf; gleichzeitig trug er auf dem Kopfe einen Käseteller, der trotz aller Sprünge und Gliederverrenkungen niemals herabfiel. Kontretänze folgten, an denen alles teilnahm. Die Damen hüpften in der Mitte des Saales auf und nieder, die Herren stampften den Boden, hielten krampfhaft brennende Pfeifen zwischen den Zähnen, schwenkten seidene Taschentücher, wirbelten Tänzerinnen im Kreise, stießen sich, stolperten, stürzten, bis sie schnaufend auf ihre Stühle fielen. Aus den schwelenden Öllampen stieg ein betäubender Dunst auf und vermischte sich mit dem aufgerührten Staube, dem scharfen Geruch der Getränke, den feuchten Ausdünstungen der erhitzten Körper. Etwas wie Ekel beschlich Emma. Unwillkürlich dachte sie an den Höllenfeuerklub; hier wie dort, bei den Hohen wie bei den Niederen dieselbe wilde Genußsucht, dieselbe Gier nach Taumel und Ausschweifung. Besonnenheit und Mäßigung war allein bei den stillen Leuten des Mittelstandes, wie den Thomas' in Hawarden, den Canes in der Fleet-Street zu London. Dann aber kam der Rausch wieder über sie. Warum sollte sie immer nur abseits stehen und zusehen? War sie nicht jung und schön? Klopfte nicht auch in ihrer Brust ein Herz, das nach Freude schrie? Es war, als habe Tom ihre Gedanken erraten. »Wissen Sie noch, Fräulein Emma,« sagte er verlegen, leise Hoffnung in den Augen, »was ich Ihnen antwortete damals in Hawarden, als Sie mich fragten, ob ich zum Tanz gehen wolle?« Sie lachte ihn an. »Nur mit einer würdest du tanzen, sagtest du. Und nun willst du es mit mir wagen? Weißt du denn nicht, daß ich nicht tanzen kann? daß ich noch niemals getanzt habe?« »Darf ich es Ihnen zeigen? Sie würden es bald lernen.« »Aber dein Arm! Wenn du dich verrätst ...« »Ich brauche nur den rechten. Wollen Sie mir Ihre Hand geben?« Er lehrte sie die einfachen Schritte. Nach ein paar Versuchen schon hatte sie alles begriffen. Ihr Mut wuchs. Seine haltende Hand verlassend, bewegte sie sich frei um ihn auf leichten, schwebenden Füßen, eilte zu ihm hin, wie von Sehnsucht getrieben, wich in schamhafter Scheu vor ihm zurück, forderte mit schelmischer Neckerei sein Begehren heraus. Unaufhörlich erfand sie, wie einem inneren Triebe folgend, neue Wendungen, neue Stellungen, so daß Tom ihr trotz seiner Gewandtheit kaum zu folgen vermochte. Und während sie tanzte, hatte sie die sichere Empfindung, daß sie in diesem Augenblicke sehr schön war. Sie wußte, daß ihre Augen strahlten, daß auf ihren Wangen zarte Röte lag, daß zwischen ihren lächelnden Lippen das Weiß ihrer Zähne blendend hervorblitzte. Und sieghaft kam ein Gefühl unerschöpflicher Kraft über sie. Die übrigen Paare hörten auf zu tanzen und sahen zu. Ausrufe der Bewunderung drangen an Emmas Ohr, Mr. Gibson pries ihre von ihm entdeckte Grazie, Mrs. Gibson nannte sie ihre Perle, ihr Kleinod, ihr Juwel. Plötzlich sah sie, wie Tom von einem riesenhaften Seemanne beiseite gestoßen wurde. »Scher' dich fort, Einarm!« brüllte eine heisere Stimme. »Schöne Mädchen sind nicht für Krüppel, wie du. Komm, Schätzchen, tanz mit mir! Mit mir sollst du tanzen! Hörst du? Mit mir!« Zwei nervige Hände legten sich um ihre Hüften und hoben sie hoch empor. Mit einem Schrei des Schreckens und des Zornes stemmte sie sich gegen die Brust des Riesen. »Lassen Sie mich! Ich will nicht mit Ihnen tanzen! Ich will nicht!« Er lachte gurgelnd wie ein Trunkener. »Du willst nicht? Wozu bist du denn hier? So wahr Sam Tugg Bootsmann auf Seiner Majestät Fregatte ›Theseus‹ ist, ich will mit dir tanzen und deinem Krüppel zum Trotz deinen kleinen Mund küssen!« Seine branntweindunstenden Lippen beugten sich über sie. »Tom!« schrie sie auf. »Tom!« Gleich darauf war sie frei. Von einem Stoße getroffen taumelte der Bootsmann zu Boden, und Tom, totenblaß, Flammen in den Augen, reckte beide Fäuste aus, um sich abermals auf jenen zu stürzen. Tugg raffte sich auf und brach in ein lautes Hohngelächter aus. »Ein Wunder, Maats, ein Wunder! Aus einem Einarm ist ein Zweiarm geworden! Haha, wie er dasteht und Trübsal bläst! Ja, ja, die Weiber! Haben schon verstecktere Geheimnisse ans Licht gebracht und schlauere Füchse ausgeräuchert!« Er warf ein paar Matrosen in seiner Nähe aufmunternde Blicke zu und näherte sich Tom, seine Fäuste zum Schutze vorstreckend. Tom wich an die Wand des Saales zurück und zog sein Messer. »Wenn dir dein Leben lieb ist, Preßmaat,« sagte er finster, »so bleibst du, wo du bist. Billig verkauf' ich dir meine Freiheit nicht!« Preßmaat ... Mit einem Schrei warf Emma sich vor Tom, ihn mit ihrem Körper zu schützen. Ein Murren lief durch die Reihen der Handwerker und Bürger, drohend drängten sie gegen den Bootsmann vor. Mrs. Gibson eilte herbei und redete auf Toms Gegner ein. Mr. Gibson stand ihr bei, laute Verwünschungen gegen ein Verfahren ausstoßend, das selbst die friedlichen Vergnügungen ruhiger Bürger störte. Eine Weile überlegte Tugg. Dann warf er einen Blick auf die kleine Zahl seiner Helfer und den großen Haufen seiner Gegner und verließ, gefolgt von seinen Matrosen, den Saal. – – – – – – – – Um einem Hinterhalt zu entgehen, warteten sie längere Zeit, ehe sie sich auf den Heimweg machten. Fast laufend legten sie die Strecke zurück und kamen ungefährdet endlich in Emmas kleinem Zimmer an. Sie trieb ihn zu schneller Flucht. Aber als er vor ihr stand und sie traurig ansah, fiel ihr die Trennung doch schwer aufs Herz. Sie neigte sich zu ihm vor und legte ihre Arme um seinen Hals. Sein Gesicht war ihr nun ganz nahe. Sie betrachtete es lange und aufmerksam, als wollte sie sich jede Linie, jeden kleinsten Zug einprägen. Wenn sie ihn niemals wiedersah? Er war gut. Und er liebte sie. So selbstlos und treu würde wohl kein anderer sie jemals lieben. Ach, warum war er so demütig und verzagt! Hätte er sie jetzt in seine Arme genommen, mit jener herrischen Kraft, die er Tugg gegenüber gezeigt hatte, sie wäre die Seine geworden. Trotz allem, was sie von ihm trennte. Wäre mit ihm in die weite Welt hinausgegangen, ohne zu fragen, wohin. Zu lieben sehnte sie sich, sich unter eine starke Hand zu schmiegen, sich hinzugeben ... Er aber zitterte, wenn sie ihn berührte. Etwas Bitteres stieg in ihr auf. Mit einem müden Lächeln löste sie sich von ihm. »Ein Narr bist du, Tom, daß du mich liebst! Ein armer Narr!« Wie spielend stieß sie ihn von sich. »Geh'! Leb' wohl!« Er küßte die Hand, die ihn stieß, und ging. Sie sah ihn aus dem Fenster nach, wie er dahinschritt. Schnell und doch vorsichtig, mit kurzen, elastischen Bewegungen. Wie ein Soldat, seiner Kraft bewußt. Die Sonne war nun aufgegangen. Flüssiges Gold wob sie um die Masten und Segel, die aus dem Hafen hinter den niederen Häusern hervorragten. Rosige Wölkchen zogen durch die klare Luft, getrieben von dem leichten Winde des Morgens. Aber in der engen Gasse lagen noch die Schatten der Nacht. Leises Raunen und Rascheln war in den dunkeln Winkeln, eine heimliche Bewegung, ein seltsam schleifendes Geräusch. Wie von gleitenden Schritten. Jähe Furcht kam über Emma. Schon wollte sie schreien ... Gleich darauf lächelte sie über sich selbst. Eine Katze kam aus dem Dunkel der gegenüberliegenden Häuser. Mitten auf der Straße blieb sie stehen, mit gekrümmtem Rücken und emporgerecktem Schweif, und sah Tom nach. Nun wandte sie den gefleckten Kopf mit den grünlich schillernden Augen zu Emma empor, während ihr Rücken sich dehnte und ihr Schweif langsam herabsank. Plötzlich aber stieß sie ein erschrecktes Pfauchen aus, jagte in wilden Sätzen davon. Vom Ende der Gasse etwas wie ein unterdrückter Schrei ... ein dumpfer Fall ... Weit beugte sich Emma aus dem Fenster ... Sie sah es. Auf dem Pflaster lag Tom; dunkle Männergestalten beugten sich über ihn und hielten ihn. Ein wildes Ringen ... sie rissen ihn vom Boden auf ... schleppten ihn den Weg zurück, die Gasse hinab, dem Hafen zu ... Männer, Weiber und Kinder waren aus den Häusern herbeigeströmt. Ihre aufgeregten Stimmen drangen zu Emma herauf. Aber als die Matrosen des Preßschiffes herankamen, traten sie zur Seite. Niemand wagte, Tom zu Hilfe zu kommen. Ein finsteres Schweigen herrschte. Nur eine alte Frau weinte laut. Der hatte man vor ein paar Wochen auf dieselbe Weise den Sohn genommen. Noch immer stand Emma vom Schrecken gebannt, sich mit beiden zitternden Händen an das Fensterkreuz klammernd. Zwischen den Männern kam Tom die Gasse herauf. Sein Gesicht war totenblaß, wirr hing ihm das Haar in die Stirn, aus weitaufgerissenen Augen starrte er Emma an. Seine Lippen bewegten sich, als wollte er sprechen. Aber der Bootsmann stieß ihn vorwärts ... Ach, warum hatte er nicht den Mut gefunden, sie zu nehmen! Dann wäre er bei ihr geblieben, in ihren Armen, in Sicherheit. Und wäre der Gefahr entgangen. Aber er hatte ein zartes Herz. Er liebte die Tugend und achtete die Freiheit der anderen. Und daran ging er zugrunde. Närrisch war das Leben, roh und gemein. – – – – – – – – Prinz George kostete es nur ein Wort, und Tom war frei. Wenn sie sich an ihn wandte? Aber was dann folgen würde ... Vergebens grübelte sie, es fiel ihr nichts Besseres ein. Einsam und freundlos war sie in der fremden Stadt. Niemand kümmerte sich um sie, niemand fragte, was aus ihr wurde. Vielleicht wußte Mrs. Gibson Rat? Als habe der Gedanke sie herbeigerufen, kam sie in diesem Augenblicke herein. Sie hatte schon gehört, was geschehen war, und war gekommen, um Emma zu trösten. Sie war empört über die Gewalttat, bekümmert über Toms hartes Los, sehr liebevoll zu Emma. Aber für Tom konnte kaum etwas geschehen. Die Flotte brauchte Matrosen, und die Lords der Admiralität waren für Bitten und Vorstellungen unzugänglich. Mit welchem Rechte sollte sich Emma auch an sie wenden? Man würde sie kaum anhören. Der einzige, der Hilfe schaffen konnte, war der Preßkapitän selbst. Mrs. Gibson kannte ihn nicht, aber die Seeleute, die im »Schwan« verkehrten, hatten von ihm erzählt. Im Dienst unerbittlich streng, ja grausam, war Sir Willet Payne sonst sehr gutmütig. Ein vollkommener Kavalier. Für das Theater hatte er eine offenkundige Schwäche; kaum ein Abend verging, an dem er nicht in einem der besseren Schauspielhäuser gesehen wurde. »Wenn Sie bei ihm für Mr. Kidd bäten? Eine Frage kostet nichts, und der Erfolg ... Große Herren sind unberechenbar. Aber Sie müßten es tun, ehe Mr. Kidd in die Listen der Admiralität eingetragen wird. Nachher wäre alles vergebens.« Entschlossen richtete Emma sich auf. »Ich gehe!« – – – – – – – – Im Hafen nahm sie ein Boot, das sie zum »Theseus« hinüberbrachte. Als sie die Laufplanke des Schiffes betrat, sah sie Tom, wie er auf sie zustürzte. »Fräulein Emma!« schrie er wie verzweifelt. »Was wollen Sie hier? Warum kommen Sie hierher? Gehen Sie fort, gehen Sie fort! Sie sind verloren, wenn Sie hierbleiben!« Sechs, sieben Matrosen warfen sich auf ihn und brachten ihn fort, während Tugg Emma nach der Kapitänskajüte führte. Er schob Emma hinein und schloß hinter ihr die Tür. Ein gelbweißes Windspiel sprang Emma entgegen. Sie fuhr zusammen. Aufblickend sah sie Sir John auf einem Ruhebett sitzen. Plötzlich begriff sie alles. Zwölftes Kapitel Er erhob sich halb und blinzelte zu ihr herüber, als erkenne er sie nicht. »Sie wünschen?« Mit aller Kraft kämpfte sie ihre Erregung nieder. »Mylord kennen mich nicht?« Langsam stand er auf und kam zu ihr. »Miß Lyon?« »Miß Lyon, Mylord! Ich komme, um ...« Sie unterbrechend deutete er auf das Ruhebett. »Darf ich bitten, Platz zu nehmen? Oder ... fürchten Sie sich vor mir?« Voll Verachtung den Kopf zurückwerfend, setzte sie sich. Dann sah sie ihm gerade in die Augen. »Ich bin also bei Ihnen, Mylord! Und Sie ... Sie glauben nun wohl, daß Sie Ihr Spiel gewonnen haben, nicht wahr?« »Welches Spiel?« »Ein gemeines Spiel. Das Spiel Davids mit Bathseba.« »Ich erinnere mich nicht!« sagte er achselzuckend, während er sich ihr gegenüber in einem Sessel niederließ. »Es ist so lange her, daß ich zur Schule ging.« »David verliebte sich in Bathseba. Bathseba aber war das Weib des Uria, und Uria war wachsam. Um Bathseba zu besitzen, mußte David also den Uria aus dem Wege schaffen ...« »Tat er's?« »Er tat's! Er schickte ihn in den Krieg und ließ ihn töten. Dann machte er Bathseba zu seinem Weibe.« Wieder sah sie ihn scharf an. Seine Lider sanken ein wenig tiefer über die Augäpfel, sonst zeigte er keine Erregung. »Nun, und?« fragte er. »Ich verstehe nicht, warum Sie mir die alte Geschichte erzählen?« Auf einem Tischchen in der Nähe sah Emma einen Dolch, der zum Aufschneiden der danebenliegenden Bücher zu dienen schien. Tändelnd nahm sie ihn auf und drehte ihn zwischen den Fingern. »Die alte Geschichte soll sich seitdem öfters wiederholt haben und sogar heute noch Nachahmer finden. Ein Lord, zum Beispiel, Kapitän eines Kriegsschiffes, verliebt sich in ein armes Mädchen: ... kann das nicht vorkommen?« Er nickte ruhig. »Gewiß, das kann vorkommen!« »Sie aber hat einen Freund, der sie beschützt...« In seinen Augen blitzte es auf. »Einen Freund?« fragte er schnell, das Wort betonend. »Ist er ihr nicht mehr?« »Er ist ihr nicht mehr! – Wie schafft nun der Lord diesen unbequemen Freund fort?« Langsam stand er auf. »Sie glauben also, Miß Lyon, ich habe Tom Kidd pressen lassen, um ihn von Ihnen zu trennen und mich Ihrer zu bemächtigen?« Auch sie erhob sich. Auge in Auge standen sie einander gegenüber. Wie zwei Fechter, bereit, übereinander herzufallen. »So glaube ich!« stieß Emma scharf heraus. »Sie bestachen Mrs. Gibson, daß sie mich aufnahm. Unter ihrem Beistand hofften Sie, an mich herankommen zu können. Da aber merkten Sie, daß Tom Ihnen hinderlich war. Darum beseitigten Sie ihn.« Er lächelte leicht und zwischen seinen Lippen erschienen seine großen, festen Zähne. »Es war vielleicht nicht ganz so, Miß Lyon. Tugg hatte mir vielleicht schon vorher von einem Menschen erzählt, der den Krüppel spielte, um sich der Pflicht gegen den König zu entziehen. Aber gleichviel! Angenommen, alles wäre so gewesen, wie Sie glauben – was nun?« Sein Hohn reizte ihren Zorn. »Ich weiß, daß ein armes Mädchen nichts gegen einen Lord vermag!« stieß sie mit bebenden Lippen, heraus. »Dennoch bin ich nicht ganz machtlos! David konnte Uria töten, aber er konnte Bathseba nicht verführen, wenn Bathseba sich von ihm nicht verführen lassen wollte!« Herausfordernd starrte sie ihn an, das Heft der Waffe fest umklammernd. Dunkle Röte stieg in Sir Johns Gesicht und zwischen seinen Augenbrauen erschien eine tiefe Falte. Plötzlich warf er sich auf Emma, entriß ihr den Dolch und schleuderte ihn in einen Winkel. »Fort mit dem Spielzeug!« schrie er sie an. »Wir sind hier nicht im Theater!« Heftig ging er ein paarmal auf und ab. »Lassen Sie uns vernünftig reden! ... Sie wünschen, daß ich Ihren Freund freigebe. Meinetwegen. Was kümmert mich dieser Mensch! Aber ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich in Sie verliebt bin, daß ich Sie besitzen will. Willigen Sie ein, und Tom Kidd kann gehen, wohin er mag. Einen Paß werde ich ihm ausstellen, der ihn vor der Presse schützt. Alle Ihre Wünsche werde ich, erfüllen. Ich werde Urlaub nehmen, mit Ihnen reisen, wohin Sie Lust haben. Nachher sind Sie wieder frei. Als Entschädigung erhalten Sie hundert Pfund, die ich Ihnen sicherstelle!« Sie hatte zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. »Sie wollen mich für eine gewisse Zeit kaufen!« sagte sie nun mit kalter Verachtung. »Es ist also ein Geschäft, das Sie mir anbieten ...« »Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt! Ich bin Seemann und nicht gewohnt, nach feinen Worten zu suchen.« »Seemann?« wiederholte sie mit schneidendem Hohn. »Aber Sir John Willet Payne ist, soviel ich weiß, auch Edelmann. An diesen wollte ich mich wenden, als ich herkam. An den Mann von adeliger Gesinnung. Statt seiner aber fand ich einen feilschenden Krämer. Glauben Sie wirklich, Mylord, daß Sie Schätze genug besitzen, um meine Ehre dafür einzuhandeln? Eher will ich mich dem gemeinsten Ihrer Matrosen hingeben als Ihnen, der Sie den Rock des Königs beschmutzen!« Flammenden Auges hatte sie ihm die Beschimpfung ins Gesicht geschleudert. Nun wollte sie an ihm vorüber zur Tür gehen. Aber er ließ sie nicht vorbei. Mit einem gezwungenen Gelächter breitete er die Arme gegen sie aus, sie an sich zu reißen. Sie wich vor ihm zurück. Und da er ihr folgte, schlug sie ihm mit ihrer ganzen Kraft ins Gesicht. Einen wilden Schrei ausstoßend stürzte er sich auf sie. Aber in diesem Augenblicke erhob sich auf dem Deck über ihnen ein wirrer Tumult. Stimmen riefen durcheinander, polternde Schritte liefen hin und her. Gleich darauf knallte ein Schuß. Ein Offizier erschien in der Kajütentür und rief Sir John etwas zu, das Emma nicht verstand. Der Kapitän stürzte nach oben. Mit lauter Stimme erteilte er Befehle. – – – – – – – – Als Emma auf Deck kam, sah sie ein Boot, das eben vom Schiffe abstieß. In ihm Tugg und sechs Matrosen. Mit aller Kraft legten sie sich in die Riemen. Weit vor ihnen schwamm Tom. Seinen Kopf kaum, über den Wasserspiegel erhebend strebte er in langen, ruhigen Stößen dem Lande zu. Ein Volkshaufen lief dort zusammen, der den Flüchtling durch Zurufe anspornte und das verfolgende Boot mit Schmähungen überschüttete. Wenn Tom ans Ufer gelangte, ehe das Boot ihn erreichte, war er gerettet. Er verschwand dann in der Menge, die sich seinen Verfolgern entgegenstellen würde wie eine lebende Mauer. Emma erriet, was Tom in den Fluß getrieben. Wenn er sich befreite, verlor Sir John alle Macht. Mochte er selbst auch untergehen, wenn nur sie gerettet wurde. So hatte er gedacht. Ein heißes Gefühl für ihn quoll in ihr auf, während sie, an die Brüstung des Schiffes gedrückt, auf den dahingleitenden Kopf starrte, dem das Boot mit jedem Ruderschlage näher kam. Plötzlich schrie sie laut auf. Tom war am Ufer und richtete sich auf. Hundert hilfsbereite Hände streckten sich ihm entgegen. Aber das Boot schoß heran, das von Tugg geschwungene Ruder sauste herab und warf Tom ins Wasser zurück. Die Matrosen zerrten ihn ins Boot und kehrten unter den Verwünschungen der Menge zum »Theseus« zurück. Sir John lächelte finster, als Tom gebunden zu seinen Füßen lag. »Strafwimpel auf!« befahl er mit harter Stimme. »Den Deserteur ans Gitter! Bootsmann Tugg, die Neunschwänzige!« Von den Leuten am Ufer mit einem gellenden Wutschrei begrüßt, flatterte der Wimpel am Hauptmast empor. Matrosen rissen Tom die Kleider herab und banden ihn an das Gitter. In weitem Halbkreise stand die Mannschaft, auf dem Oberdeck Soldaten in Parade. – – – – – – – – Emma war wie betäubt. Sie sah nur Tom. Aus weitgeöffneten Augen starrte sie hin. Das helle Licht der Sonne fiel auf die schlanke, ebenmäßige Gestalt. Trotzig stand der Kopf auf dem straffen Bau des Halses; hoch wölbte sich die breite Brust; machtvoll quollen unter dem Druck der Fesseln die Muskeln der Arme hervor. Soweit der Ausschnitt des Schifferhemdes gereicht hatte, war alles tief gebräunt, Matt glänzte es wie Bronze. Rücken und Leib aber waren zart, wie die Brust eines jungen Mädchens; weiß, wie das Gefieder eines Schwans. Schön war dieses feste, blühende Fleisch. Seltsam mußte es sein, wenn rotes Blut über den weißen, leuchtenden Marmor rann ... – – – – – – – – Bootsmann Tugg trat mit der Neunschwänzigen vor. Breitbeinig stellte er sich vor Sir John in Positur und salutierte. Der Kapitän grüßte. »Der Bursche da hat Euch gestern seine Handschrift gezeigt, Bootsmann. Zeigt ihm nun die Eure und setzt sie in Respekt!« Tugg grinste. »Es war nicht den Federkiel wert, was das Jüngelchen mir aufschrieb! Denke, ihm einen roten Brief aufzusetzen und mit des Königs Petschaft zu siegeln!« Zärtlich ließ er die scharfkantigen Lederstreifen durch seine Finger gleiten. »Wieviel Zeilen befehlen Euere Herrlichkeit?« »Ein Dutzend längs, ein Dutzend quer!« »Zusammen also zwei Dutzend. Möge Gott Eurer Lordschaft die Gnade lohnen, die Ihr der verletzten Ehre Eueres Bootsmannes erweist! – Geschützmeister, zählt! Keinen Streich zu wenig, keinen zu viel!« Wieder salutierte er, und Sir John dankte. Dann warf Tugg den Rock ab und löste sich die Halsbinde. Den Oberkörper weit zurückgebogen, stand er nun hinter Tom, mit der Rechten den Griff der Neunschwänzigen umklammernd, mit der Linken die zusammengefaßten Enden straffend. Einen Augenblick blieb er so; unbeweglich, mit schillerndem Auge. Wie ein Raubtier im Ansprung. Plötzlich stürzte er sich nach vorn und schlug zu. Pfeifend, klatschend sauste die Geißel nieder. Hoch schnellte Tom empor. Seine Hände und Füße rissen an den haltenden Tauen. Dann sank er zurück. Ein Beben rann durch seinen Körper. Aber kein Laut kam über seine Lippen. Durch den Halbkreis lief ein Murmeln der Anerkennung. »Eins!« zählte die heisere Stimme des Geschützmeisters. »Der Bursche scheint nicht übel!« sagte Sir John, mit einem Lächeln seine starken Zähne zeigend. »Er heult und winselt nicht, wie die anderen, wenn das Kätzchen sie zum erstenmal streichelt. – Weiter, Tugg!« Nach dem ersten Dutzend machte Tugg eine Pause. Keuchend wischte er sich den Schweiß von der Stirn, während er an Tom herantrat, seine Arbeit mit prüfenden Blicken zu betrachten. Vom Nacken abwärts zogen sich über Toms Rücken zahllose, schmale Streifen, in denen das Blut stand. Auch Sir John kam näher. Schrecklich war sein Anblick. Den Kopf weit vorstreckend, die Nüstern blähend starrte er aus flammenden Augen auf das zuckende Fleisch. Seine massigen Kinnbacken gingen knirschend hin und her, als mahlten sie Steine. »Schlechte Arbeit, Bootsmann!« stieß er wütend hervor. »Soll ich Euch für eine Woche den Branntwein entziehen? Wedelt kräftiger! Und quer! Ich will seine Stimme hören,!« Die Drohung schien Tuggs ganze Kraft zu entflammen. Wie rasend schwang er die Geißel. Unter dem queren Hieb zerplatzte das mürbe Fleisch in unzählige kleine Vierecke. Aus ihnen spritzte das Blut empor wie aus jäh geöffneten Quellen. »Dreizehn!« sagte der Geschützmeister. Eine unheimliche Stille folgte. Regungslos hing Tom in den Tauen. Dann ... Inmitten dieses furchtbaren Schweigens kam aus dem zerrissenen Körper plötzlich ein leiser, weher Ton. Wie das Schluchzen eines kleinen Kindes ... Bleich, atemlos stürzte Emma vor. »Gnade, Mylord!« schrie sie, vor Sir John in die Knie sinkend. »Gnade!« Ein Feuerstrahl fuhr aus seinen Augen über sie hin. »Willst du nun?« flüsterte er ihr ins Ohr. »Willst du nun?« Wortlos verbarg sie ihr Gesicht in den Händen Dreizehntes Kapitel Der Wagen fuhr vor; der Diener öffnete den Schlag. Arm in Arm mit einem jungen, auffallend gekleideten Mädchen trat Miß Kelly aus dem Hause. Lachend und scherzend kamen sie über den schmalen Perron, zärtliche Blicke tauschend, in ihren raschelnden Seidenkleidern, die sie über das vom Nebel des Oktobermorgens feuchte Pflaster emporhoben, die feinen Fesseln ihrer Füße und den gestickten Saum ihrer Untergewänder zeigend. Sie fuhren wohl in die Magazine des Strand; Miß Kelly, um sich mit der Schönheit ihrer kaum dem Kindesalter entwachsenen Freundin zu brüsten; das Mädchen, um sich in ihrem neuen Glanze zu sonnen ... Kaum ein Jahr war's her, daß Emma durch dasselbe Portal geschritten war. An demselben zarten Frauenarm. Ein Königssohn hatte ihr leidenschaftliche Worte ins Ohr geflüstert. In jener Nacht des Höllenfeuerklubs ... Und nun ... Sollte sie vorstürzen, der unklaren Hoffnung folgend, die sie hergetrieben? Nun, da sie Miß Kelly wiedersah, sank ihr der Mut. Durch ihre Diener würde jene die Zudringliche fortjagen lassen. Oder ihr ein Goldstück zuwerfen. Ein Almosen ... Auch war es schon zu spät. Miß Kelly saß schon im Wagen neben ihrer Freundin. Eng aneinander geschmiegt fuhren sie davon. – – – – – – – – Alles durften sie sich erlauben, über alles spotten, alles in den Staub ziehen. Ungestraft. Während Emma ... Nur nicht denken! Nicht denken! Was nutzte das Denken auch? Es gab nicht Brot gegen den Hunger, nicht Kleider gegen den Frost, nicht Schutz gegen den Schmerz. Verrückt würde sie werden, wenn sie nicht aufhörte, zu denken! Sie löste sich aus dem Winkel, in dem sie auf Miß Kelly gewartet hatte, und tauchte in den Nebel unter. Denselben Weg ging sie wie vor achtzehn Monaten. Wie eine Trunkene schwankte sie, murmelte vor sich hin, stieß gegen die ihr Entgegenkommenden. Zornig blieben sie stehen, und riefen ihr Schmähungen zu. Sie lachte. Was fragte sie darnach! Alles war ihr gleichgültig. – – – – – – – – Madame Beaulieus Laden war noch da. Auch der Spiegel im Schaufenster ... Dieses graue Gesicht mit den leeren Augen, diese fröstelnde Gestalt in dem zerfetzten Kleid – war das Emma Lyon? Die schöne Emma Lyon? Weiter ... – – – – – – – – Auch in Mr. Canes Magazin war noch alles wie früher. Kostbare Auslagen, vornehme Kunden, schwarzgekleidete Mädchen, die bedienten. Auf dem erhöhten Platz, den Emma einst eingenommen, eine Blondine mit hübschem, zufriedenem Gesicht. Sollte sie es wagen einzutreten? Mr. Cane würde sie wohl hinausweisen. Aber Mrs. Cane ... sie hatte ein mitleidiges Herz ... Es war besser, zu warten, bis Mrs. Cane in den Laden kam ... Was wollte der Wachmann?... Ärgernis erregte sie? ... Sperrte den vornehmen Leuten den Weg? Pah! Sie spie auf die Vornehmen! Schurken waren sie alle! Weitergehen? Weiter ... weiter ... – – – – – – – – Es begann zu regnen. Lange, gleichmäßige Wassersträhnen fielen herab, den Fußgängersteig überschwemmend, graue Lachen auf dem zähen Schmutz der Straße bildend. Emma fühlte die Nässe kaum. Wie oft hatte der Regen in diesen Tagen ihre Kleider durchweicht! Aber die Kälte machte ihr die Haut schauern. Während ihr die Eingeweide brannten. Sie hatte Hunger ... Plötzlich fiel ihr das Stück Brot ein, das sie am Morgen heimlich genommen hatte. Von dem Frühstück des Mannes, bei dem sie die Nacht zugebracht. Es mußte in der Tasche ihres Kleides sein. Sie fand es und aß. Langsam, in kleinen Bissen. Die Bewegung ihrer Kinnbacken tat ihr wohl. Und der säuerlich-würzige Geschmack in ihrer Kehle. Rüstiger schritt sie dann weiter. Auf der Brücke hatte sie schon zweimal Glück gehabt. Die Matrosen der Lastschiffe auf dem Flusse mußten die Brücke überschreiten, um in die Stadt zu gelangen. In kleinen Trupps kamen sie dann daher, lachend, ihre kurzen Pfeifen rauchend, mit den Silberstücken ihres Lohnes in den Taschen klimpernd. Vielleicht, daß einer von ihnen Gefallen an ihr fand und sie mitnahm. Auch war da an dem Häuschen des Brückenwächters ein Winkel, den das vorspringende Dach gegen den Regen schützte. Dort würde sie sich trocknen. Aber da sie hinkam, fand sie den Winkel schon besetzt. Ein junges Weib kauerte am Boden, blaß, abgezehrt, wie eben erst von einer langen Krankheit erstanden. Ein Knabe von ungefähr fünf Jahren drückte seinen hübschen, blonden Kopf wie Wärme suchend an ihre Brust. Als Emma sich näherte, kam er hervor und hielt bittend das offene Händchen hin. »Eine arme, kranke Mutter!« murmelte das Weib. »Ein vaterloses Kind!« Aber dann, da sie Emma ansah, rief sie den Knaben zurück. Etwas würgte Emma in der Kehle. Sie dachte an ihr kleines Mädchen, das fern bei seiner Großmutter in Hawarden war. Vier Monate war es nun alt. Ob sie es jemals wiedersehen würde? Eine plötzliche Müdigkeit überfiel sie. Mit zitternden Knien ließ sie sich auf einen Prellstein neben dem Winkel sinken. Lange saß sie so. Der Regen löste ihr das Haar und rieselte in ihren Schoß. Der Kopf fiel ihr auf die Brust. »Eine arme, kranke Mutter ... Ein vaterloses Kind ...« Jedesmal wenn ein Mensch über die Brücke kam, ertönte das leise Murmeln, der Knabe trat vor und hob flehend das Händchen. Und fast immer hatte er Erfolg. Auf Emma achtete niemand ... – – – – – – – – Eine große, dicke Frau kam die Straße herauf. Dicht in Tücher gehüllt ging sie unter einem breiten Regenschirm. Hinter ihr schritt zögernd ein Mann, mit seinem Stocke den Weg betastend. Er war blind. Ein kleines Mädchen führte ihn. Das Weib im Winkel stand auf, schüttete das erbettelte Geld in die Tasche der Frau und führte den Knaben fort. Ihren Platz nahmen der Blinde und das kleine Mädchen ein. Plötzlich kam die Frau eilig zurück. Neben Emma blieb sie stehen, als gehöre sie zu ihr. Eine Equipage bog auf die Brücke ein. Übergroß erschienen die dampfenden Körper der Pferde im Grau des Nebelregens. Flehend hob das kleine Mädchen die Hand und stürzte vor, fast unter die Räder. Kaum vermochte der Kutscher die Pferde zurückzureißen. Im Innern der Equipage ertönte ein Schrei. Das Fenster fiel herab, der geschmückte Kopf einer Dame erschien im Rahmen. »Ein armer, blinder Vater!« schrie der Mann im Winkel. »Ein mutterloses Kind!« Ein Goldstück fiel vor dem Mädchen nieder, dann jagte die Equipage weiter. – – – – – – – – Emma stieß ein lautes, schneidendes Gelächter aus. Närrisch war das Leben, roh und gemein. Ein einziger großer Betrug aller gegen alle. Sie lachte noch, als jemand ihre Schulter berührte. Aufblickend sah sie unter dem Regenschirm das Gesicht der dicken Frau. Dieses Gesicht ... »Miß Lyon!« schrie die Frau. Emma fuhr vom Steine auf. Alles Blut strömte ihr in den Kopf. Hoch riß sie die Hand empor, sie in dieses aufgedunsene Gesicht zu schmettern. Aber plötzlich packte etwas sie, wie ein Krampf, und die Hand griff ins Leere. Vor ihren Augen; zuckten rote Lichter. Etwas Großes, Dunkles schien, auf sie herabzufallen. Unwillkürlich duckte sie sich und stieß einen Schrei der Angst aus. Gleich darauf spürte sie einen dumpfen Schlag. Alles ging in jenem schrecklichen Dunkel unter ... – – – – – – – – »Sie fielen um wie ein Stück Holz!« sagte Mrs. Gibson wichtigtuerisch. »Ihre Kleider waren so naß, daß ich sie Ihnen vom Leibe schneiden mußte. Und Ihre schönen, weißen Zähne hatten Sie krampfhaft aufeinander gepreßt. Kaum, daß ich Ihnen ein wenig Bouillon einflößen konnte. Erinnern Sie sich wirklich nicht?« Mit Behagen dehnte sich Emma in den weichen Kissen des Bettes. Ihre Blicke glitten durch das kleine, üppig ausgestattete Zimmer. In tiefen Zügen atmete sie die warme Luft ein. »Nichts. Ich weiß nichts,« sagte sie leise. »Wie lange bin ich schon hier?« »Am Freitag fand ich Sie an der Brücke, Und heute ist Montag. Sie haben also beinahe drei Tage und Nächte geschlafen.« »Und wo bin ich?« »In guten Händen, Miß Lyon! Bei mir. In meinem Hause, am Haymarket.« ... Haymarket? Was war doch mit diesem Haymarket gewesen? Hatte sie nicht immer Furcht gehabt, dorthin zu gehen? ... »Bei Ihnen!« Ihre Augen wanderten zu dem Fenster. Auf den zugezogenen Vorhängen schien sich etwas wie der Schatten eines Gitters abzuzeichnen. Mißtrauisch hob sie den Kopf. »Was wollen Sie von mir?« stieß sie finster heraus. »Wie kommen Sie dazu, sich meiner anzunehmen?« Mrs. Gibson streichelte zärtlich die schmale Hand, die auf der Bettdecke lag. »Ich hab' Sie doch immer gern gehabt, Miß Emma. Wenn ich mich auch an Ihnen vergangen habe, damals, als ich Sir John zu Ihnen verhalf. Das möchte ich doch möglichst wieder gut machen! Ich tat's nicht aus Bosheit, sondern aus Not. Sir John zahlte gut und es ging uns schlecht im ›Schwan von Avon‹. Das Geld von Sir John hielt den Zusammenbruch noch ein paar Monate auf. Nachher freilich ... mein armer, guter Mann hat darunter; leiden müssen. Er ist in Kingsbench, im Schuldgefängnis. Und ich – was soll eine arme Frau tun, wenn sie allein ist? ... Die Kinder auf der Brücke? Das bringt wenig ein. Man muß den Leuten abgeben. So blieb mir nur das Haus hier, das schreckliche Haus! Wer mir das früher gesagt hätte, daß ich in einem solchen Hause ... Was haben Sie denn, Miß Emma? Sie fürchten doch nicht, daß ich Ihnen etwas zumuten, werde, was Ihnen gegen den Willen ist? Ich werde Sie doch nicht in Verzweiflung stürzen. Das sieht doch ein Kind, daß Sie Schweres durchgemacht haben. Ich verstehe es nicht. Sir John war doch immer ein vornehm denkender Mann! Haben Sie sich mit ihm entzweit? Und dann... in Ihren Fieberphantasien... Sie sprachen von einem Kinde ...« Erschreckt verstummte sie. Emma hatte sich im Bett aufgerichtet und starrte sie wild an. »Schweigen Sie! Wollen Sie mich wahnsinnig machen?« Und die Bettdecke zur Seite werfend, setzte sie die Füße auf den Boden. »Ich will fort! Wo sind meine Kleider? Bringen Sie sie her!« »Aber liebste, beste Miß Emma ... ich sagte Ihnen doch, daß wir sie zerschneiden mußten! ... Beruhigen Sie sich doch nur! Wie Sie da sind, können Sie doch nicht auf die Straße gehen!« »Ich will nicht in diesem Bette liegen, wehrlos gegen jeden, den Sie hereinschicken! Verstehen Sie mich? Ich will mich nicht mehr hingeben!« Ihre Augen fuhren wie suchend durch das Zimmer. Plötzlich stürzte sie sich auf eine Schere, die auf dem Fensterbrett lag. »Eine Waffe! Ich habe eine Waffe! Nun schicken Sie ihn doch herein! Den Menschen, dem Sie mich verkaufen wollen!« Höhnisch lachte sie und nickte. Mrs. Gibson war zur Tür gelaufen, um sich gegen einen Angriff in Sicherheit zu bringen. Nun kam sie vorsichtig zurück. Ihrem Zureden gelang es endlich, Emma zu beruhigen, daß sie ins Bett zurückkehrte. Aber die Schere ließ sie nicht aus der Hand. – – – – – – – – Eine Magd brachte eine Badewanne und warmes Wasser herein, wohlriechende Seifen, weiche Handtücher, Schwämme, Bürsten, Kämme. Einen schweren Teppich breitete sie in der Mitte des Zimmers aus. Ein großer, bis zum Boden reichender Spiegel stand dem Bette gegenüber an der Wand. In das Badewasser goß Mrs. Gibson ein Parfüm, das mit zartem Dufte das ganze Zimmer füllte. Emma beobachtete die Vorbereitungen mit einem Gefühl des Behagens. Auf den Duftwellen des Parfüms schien es ihr ins Herz zu schleichen. Die Räume kamen ihr in den Sinn, in denen sie während zweier Monate eines unaufhörlich gesteigerten Schwelgens ihr tägliches Bad genommen hatte. Gehätschelt von weichen Zofenhänden, umschmeichelt von Wohlgerüchen, angebetet von Sir Johns trunkenen Augen ... Tränen traten in ihre Augen. Dann lächelte sie über sich selbst. Ein närrisches Geschöpf war der Mensch. Das Unglück verhärtete ihn zu Haß und Selbstzerfleischung, ein Hauch von wohlriechendem Wasser aber brachte ihn zum Weinen ... Endlich war sie allein. Sie sprang aus dem Bette und verriegelte die Tür. Eilig stieg sie ins Bad und dehnte die Glieder in der warmen Flut. Dann lag sie, ohne sich zu bewegen, ohne zu denken. Es war ihr, als sei ihre Haut von langer Dürre ausgetrocknet gewesen. Und als sauge sie sich nun wieder voll mit würziger Feuchtigkeit, mit junger Kraft, frischem Blute,. Leise begann sich etwas in ihrem Herzen zu regen. Neue Sehnsucht? Kam vielleicht doch noch einmal ein Tag des Glückes? Overton ... Immer hatte sie in dieser ganzen Zeit an ihn gedacht. Wenn, sie fröhlich war, wenn Traurigkeit sie überfiel. Im Arm des Verhaßten hatte sie nur ihn geliebt, in der Stunde der Verzweiflung nur ihm das Kind geboren ... Zufall? Ein Spiel ihrer erregten Sinne? Oder nicht doch vielleicht das geheime Walten eines bestimmenden Schicksals? Sie stieg aus dem Bade, um sich auf dem Teppich zu trocknen. Hüllenlos trat sie dann vor den Spiegel. Lange betrachtete sie sich. Jede Linie, jeden Muskel prüfte sie. Sie war noch schön. Schöner vielleicht als zuvor. Und keine Spur hatte die Vergangenheit zurückgelassen. Was da aus dem Glase strahlte, war der weiße Leib einer unberührten Jungfrau. In diesem Leibe ruhte ihre Kraft. Wenn ihr das Glück doch nur ein einziges Mal lächelte! Nutzen wollte sie diese Kraft. Besser als das erstemal. Auf dem Stuhl am Bett lag blütenweißes Leinen und ein zartfarbiges, seidenes Hausgewand. Langsam kleidete sie sich an, wand das üppige Haar um den Kopf zu weicher, rotleuchtender Welle. Sie war nun ganz ruhig und fürchtete sich nicht mehr. Die Schere barg sie unter dem Kleide, dann entriegelte sie die Tür und läutete. Sofort kamen Mrs. Gibson und die Magd, um das Zimmer wieder in Ordnung zu bringen. Dann trugen sie einen gedeckten Tisch herein, den sie auf den Teppich niedersetzten. Aus verdeckten Schüsseln stieg der Dampf, warmer Speisen, aus silbernem Kühler blinkte der Hals einer Flasche französischen Champagners. Auf dem Tisch lagen zwei Gedecke ... Emma lächelte spöttisch. Sich hinter das eine Gedeck setzend deutete sie auf das andere ihr gegenüber. »Und der Herr? Warum kommt er nicht?« Verwirrt, ängstlich sah Mrs. Gibson sie an. Dann, da sie ihre Ruhe bemerkte, lächelte auch sie. »Ich wußte ja, Sie würden Vernunft annehmen! Kommen Sie herein, Herr, Miß Lyon erwartet Sie!« Und sich an Emmas Ohr beugend, flüsterte sie geheimnisvoll: »Seien Sie klug, Kind! Ihr Glück kommt zu Ihnen, Ihr Glück!« Der Herr trat ein. Vierzehntes Kapitel Er mochte vierzig Jahre zählen und sah aus wie ein Weltmann, der sich in seinen Mußestunden mit gelehrten Studien beschäftigte. Sein elegantes Kostüm von schwarzer Seide zeigte goldene Knöpfe, und kostbare Edelsteine an Jabot und Schuhschnallen. Sein behaglich volles Gesicht war von gesunder Röte angehaucht; unter der hohen Stirn blickten scharfe Augen hervor; in ihrem Hintergrunde schien etwas wie leichter Spott zu lauern. Langsam, wie um Emma Zeit zur Beobachtung zu lassen, kam er näher. Am Tisch angelangt, verbeugte er sich tief vor ihr, wie vor einer Herzogin. »Ich bitte um Verzeihung, Miß Lyon, daß ich Unangemeldet eingetreten bin!« sagte er mit der ruhigen Stimme eines Mannes, der gewohnt ist, öffentlich zu sprechen. »Ich wollte mich beeilen, der Schönheit und Grazie meine Huldigungen zu Füßen zu legen!« Emma sah ihn spöttisch an. »Sie sind sehr höflich, Herr! Wozu aber die Phrasen? Sie wissen ja, in diesem Hause sind alle Rechte auf Seiten des Mannes, auf Seiten der Frau alle Pflichten. Sie haben mit mir zu speisen gewünscht. Nehmen Sie also Platz und speisen Sie!« Sie deutete auf das Gedeck ihr gegenüber. Wie betroffen von ihrem Ton sah er ihr aufmerksam in die Augen. Und während des Folgenden ließ er den Blick nicht von ihr, diesen eindringlichen Blick, der ihre geheimsten Gedanken zu erforschen schien. »Mit Ihrer Erlaubnis setze ich mich zu Ihnen!« sagte er. »Obwohl ich nicht nur des Essens wegen gekommen bin!« Verächtlich warf sie den Kopf zurück. »Ihre sonstigen Absichten kümmern mich nicht! Sollten sie über das Menü hinausgehen, so werden Sie sich getäuscht finden!« Ihre Hand fuhr unwillkürlich nach der Schere unter dem Kleide. »Sie scheinen erregt, Miß Lyon. Ich versichere Sie, ohne Grund. Ich bin Physiognomiker genug, um zu erkennen, daß ich es mit einer Dame zu tun habe, die durch widrige Umstände in eine falsche Lage gekommen ist. Fahren Sie nicht auf! Ich bin nicht neugierig und will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen. Was ich von Ihnen wünsche, hat Zeit, bis wir gegessen haben. Denken wir also vorläufig an nichts anderes, als an dies duftende Huhn und an diesen perlenden Wein!« Er legte Emma vor und schenkte ihr ein. Und während sie aßen, plauderte er. Er kannte Paris, Deutschland, die Schweiz; in Italien, Spanien und Konstantinopel war er gewesen und hatte Nordamerika vor dem Ausbruch des Krieges bereist. Berühmte Menschen und seltene Pflanzen, fremdländische Tiere und merkwürdige Gesteinsarten, Theater, Kunstsammlungen, Kirchen, die Paläste der Vornehmen, die Gebräuche der Völker – alles schien er gesehen und erforscht zu haben. Und er sprach darüber in einem leichten Ton, der fern von allem Lehrhaften doch immer das Wichtige hervorzuheben wußte; mit einer Stimme, die weich und voll klang wie Gesang. Es war Emma, als striche diese Stimme wie eine kühle Hand ihr schmeichelnd über Schläfen, Wangen und Nacken. Sie wollte dem wohligen Gefühl nicht nachgeben, aber es war stärker als sie. Und zum erstenmal seit Monaten saß sie wieder an einem sauber gedeckten Tisch. Aß von einem kostbaren Gedeck sorgfältig bereitete Speisen, trank belebenden Wein aus silbernem Becher. Ach, für ein niederes, von groben Trieben bewegtes Leben war sie nicht geschaffen. Mit allen Kräften ihrer Seele verlangte sie nach Schönheit und Fülle. Nie war ihr das so klar geworden, wie jetzt, da sie auf der tiefsten Stufe der Schmach und Armut stand ... Auch über diese peinvolle Empfindung half ihr die Zauberstimme des Mannes hinweg. Nun war nichts mehr in ihr, als unbefangene Lust am Augenblicke. – – – – – – – – Sie aßen nicht mehr, aber er plauderte fort, und sie horchte auf die süße Musik der Worte eines feingebildeten Mannes. Sie saß zu ihm vorgebeugt und hatte die Arme lässig über das Tischtuch gelegt, so daß ihre Hände die seinen fast berührten, Er warf einen Blick auf die Standuhr am Kamm und legte wie spielend seine Hände auf die ihren, mit seinen langen, kühlen Fingern ihre Gelenke umfassend. Sie achtete nicht darauf. Ohne Argwohn ließ sie ihn gewähren, horchte in wohliger Ermattung auf die weiche, einlullende Stimme. Er sprach von diesen Händen, die er hielt, und beschrieb ihre Schönheit. Weich und geschmeidig spannte sich die Haut über dem schmalen Handrücken, ohne Falte, ohne Runzel. Rosig schimmerten die feinen Spitzen der Finger, über die in zarter Rundung die mattblinkenden Nägel ein wenig hervorragten. Auf den Knöcheln zeichneten sich leichte Grübchen, in denen die Haut wie Seide glänzte. Und an den zierlichen Bau des Gelenks schloß sich schlank und bleich der Arm. Sanft anschwellend verlor er sich in der Dämmerung des weiten Ärmels. Meisterwerke nannte er diese Hände, wie die Natur sie nur ganz selten einmal schuf. Auch Emmas Gesicht war vollkommen. Ebenso ihre Gestalt. Alles war ohne Fehl; das Ganze wie in einem Guß aus einer Zauberform hervorgegangen. Er machte eine Pause und sah Emma forschend an. Als warte er auf etwas. Sie lächelte über seine Worte wie über eine Schmeichelei, an die sie nicht glaubte. »Sie sehen Wunder, Herr! Mein Gesicht und meine Hände mögen vielleicht Ihrer Schilderung entsprechen. Wie aber können Sie beurteilen, ob ich sonst ...?« »Ich weiß es! Ich habe Sie gesehen!« Und ihr Erstaunen bemerkend erklärte er: »Auf diesem Teppich stand das Bad; genau in der Mitte des Zimmers. In dem Spiegel dort betrachteten Sie sich; er hängt genau in der Mitte der Wand. Sollte es für einen Mann, der hinter diesem Spiegel steht und gute Augen hat, unmöglich sein, Ihre Schönheit zu prüfen?« Das Blut schoß ihr ins Gesicht. Verwirrt sprang sie auf. »Aber... der Spiegel ist doch in die Wand eingelassen...« Auch er stand auf. »Betrachten Sie ihn genau! Sehen Sie das dicke Schnitzwerk des Rahmens? In den erhöhten Rosetten...« »Öffnungen! Dort sind Öffnungen!« »Und in der Wand hinter dem Spiegel ist eine Tür!« Sie fuhr zurück und wurde plötzlich ganz blaß. Und in ihren Augen flammte etwas auf. »Infam! Das ist infam!« »Wozu die starken Ausdrücke, Miß Lyon? In diesem Hause! Und ist es nicht taktvoller, heimlich zu sehen und schweigend fortzugehen, wenn man das Gewünschte nicht gefunden hat, als dem Opfer einer peinlichen Untersuchung die beleidigende Zurückweisung ins Gesicht zu schleudern? Und so habe ich schon oft hinter diesem Spiegel gestanden, den ich selbst Mrs. Gibson geschenkt habe. Und bin jedesmal schweigend fortgegangen. Heute aber, zum erstenmal, bin ich geblieben. In dem Wunsche, Sie kennen zu lernen und mit Ihnen zu einer Einigung zu kommen.« Mit einem seltsamen Lächeln verbeugte er sich vor ihr. Aber er näherte sich ihr nicht; durch die Breite des Spiegels blieb er von ihr getrennt. Trotzdem wich sie zurück, bis sie den Tisch zwischen sich und ihn gebracht hatte. Entschlossen starrte sie ihn an, während ihre Hand suchend unter das Kleid glitt. »Eine Einigung? Niemals! Niemals werde ich wieder in die Schmach willigen!« Wieder lächelte er. »Erregen Sie sich nicht, Miß Lyon!« sagte er ruhig. »Ich gebe Ihnen das Wort eines Ehrenmannes, daß Sie keinen Grund zur Furcht haben! Im Gegenteil, durch Ihren Vorsatz kommen Sie meinen eigenen Wünschen entgegen. Legen Sie also die Schere fort, mit der Sie sich auch gegen Ihren Willen verletzen könnten!« Verwirrt zog sie die Hand aus dem Kleide. »Sie wissen?« »Ich stand schon hinter dem Spiegel, als Sie Mrs. Gibson bedrohten!« »Und da beschlossen Sie, durch List zu erreichen, was Ihnen mit Gewalt zu gefährlich schien!« »Noch immer mißtrauisch? Hätte mich ein wenig Opium, in Ihren Wein gemischt, nicht schnell und einfach ans Ziel gebracht, wenn ich dieses Ziel erreichen wollte? – Kommen Sie, Miß Lyon! Kehren wir zu unserem Wein zurück und plaudern wir weiter!« Er füllte die Gläser, und das seine erhebend, sagte er mit heiterem Blick: »Auf eine lange und nutzbringende Bekanntschaft!« »Ich verstehe nicht ...« »Plaudern wir!« wich er aus. »Und erlauben Sie, daß ich Ihre schöne Hand wieder ein wenig in die meine nehme. Ihnen schadet es nicht und mir macht es Vergnügen!« – – – – – – – – »Was, meinen Sie, würden unsere Ladys und Lords darum geben, wenn sie ihren Kindern ein wenig Schönheit erwerben könnten? Gerade bei uns in England hat man von jeher die Rasse zu verbessern gesucht. Bei Pferden und Hunden ist es auch schon ein wenig gelungen; nur bei den Menschen will sich kein Fortschritt einstellen!«- Sie war nun wieder ganz ruhig. »Tiere müssen stillhalten, wenn man sie veredelt!« sagte sie belustigt. »Der Mensch aber will nur tun, was ihm Vergnügen macht!« Er nickte. »Ein kurzsichtiges Geschlecht! Trotzdem wünscht jeder Vater seine Kinder schöner, besser und klüger, als er selbst ist. Glauben Sie also nicht, daß ein Arzt, der seinen Klienten eine vervollkommnete Nachkommenschaft gewährleisten könnte, ungeheuren Zulauf haben und in kurzer Zeit ein reicher Mann werden würde?« »Sie sprechen von Doktor Graham?« fragte Emma lachend zurück. »Er soll ein solches Mittel entdeckt haben. Er ist, glaube ich, ein Freund oder Schüler von Mesmer und hat eine Theorie aufgestellt, die mit dem Magnetismus zusammenhängt.« Wieder nickte er. »Richtig! Die Megalanthropogenesie! Ein schreckliches Wort, nicht wahr? Es ist nach dem Griechischen gebildet und bedeutet soviel wie Erzeugung großer Menschen. Groß in körperlichem, geistigem und seelischem Sinne. Kennen Sie den Doktor Graham?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nur von ihm gehört. Er hält Sitzungen: in Old-Bayley ab und zeigt an einer lebensgroßen Wachsfigur alle Einrichtungen des menschlichen Körpers; vom Umlauf des Blutes bis zu den geheimsten Verrichtungen. Diese Figur, die ›Göttin Hygiea‹, soll auf einem Bette liegen, das er das ›Bett des Apollo‹ nennt. Natürlich ist das alles nur Charlatanerie!« Etwas zuckte über sein Gesicht. »Charlatanerie? Trotzdem aber drängt sich die vornehme Gesellschaft Londons zu seinen Vorlesungen, und seine ärztliche Praxis nimmt täglich zu!« Sie zuckte lustig die Achseln. »Rang und Reichtum scheinen auch nicht vor Dummheit zu schützen!« Um seinen Mund flog ein Schmunzeln und im Hintergrunde seiner Augen tauchte lachender Spott auf. »Vielleicht haben Sie recht, Miß Lyon. Vielleicht ist Doktor Graham wirklich nur ein Charlatan, der aus jener Dummheit goldene Pfunde schlägt. Aber wie ich ihn kenne, wird er das nie eingestehen!« Emma sah ihn groß an. »Sie kennen ihn?« Er blies sich ein Stäubchen vorn Ärmel. »Ich kenne ihn. Dieser Doktor Graham bin ich selbst!« Emma stand schnell auf. »Sie?« stammelte sie verwirrt. »Verzeihen Sie ... wenn ich gewußt hätte ...« Er drückte sie auf ihren Stuhl zurück. »Wir sind unter uns, und schon im alten Rom lächelten die Auguren einander zu, wenn sie unbeobachtet waren. Lachen wir also! Ihr Puls macht, wie ich eben festgestellt habe, achtundsechzig Schläge in der Minute, geht also ganz ruhig, so daß Sie mich ohne Erregung anhören werden. Vielleicht erraten Sie nun, warum ich Mrs. Gibson diesen Spiegel geschenkt habe und warum ich mit Ihnen zu speisen wünschte, ohne über das Menü hinauszugehen. Meine jetzige Göttin Hygiea ist aus Wachs, dennoch bringt sie hübsche Summen ein. Wenn sie aber aus Fleisch und Blut wäre, wenn sie durch ihre Schönheit Diana, Venus und Hebe in den Schatten stellte – glauben Sie nicht, daß aus dem goldenen Regen der Danae dann ein Wolkenbruch werden würde? Lange habe ich vergebens nach diesem Ideal gesucht. Heute aber...« Komischfeierlich beugte er vor ihr das Knie. »Miß Lyon, wollen Sie meine Hygiea sein?« Sie starrte ihn einen Augenblick an, als verstehe sie ihn nicht. Dann schlug sie plötzlich die Hände vors Gesicht und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Von allem Schweren schien ihr dies das Schwerste. Wie eine jener Unglücklichen einer barbarischen Zeit kam sie sich vor, die nackt an den Pranger gestellt wurden. Beladen mit Schmach blieb ihnen nichts als sterben. – – – – – – – – Nach einer Weile zog Doktor Graham ihr sanft die Hände vom Gesicht. »Überlegen wir, ob wir nicht zu einer ruhigen Auffassung gelangen!« sagte er mit seiner warmen Stimme, die wie mit weichen Händen ihre schmerzenden Nerven streichelte. »Sie empfinden meinen Antrag als eine Schmach? Angenommen also, Sie verwerfen ihn. Was geschieht dann? Sie bleiben hier, in diesem Hause, aus dem es keine Rückkehr in ein ehrenhaftes Leben gibt. Nichts gehört Ihnen, nichts. Nicht einmal das Hemd, das Sie tragen. Alles gehört Mrs. Gibson, deren Sklavin Sie sind und die Sie ausbeutet. Und je größer Ihr Bedürfnis nach Schönheit und Glanz ist, um so mehr werden Sie in Abhängigkeit von ihr geraten. Zuletzt können Sie nicht mehr los. Und wem werden Sie gehören? Vor wem werden Sie sich entkleiden? Der erste beste, der von der Straße heraufkommt und seine zwanzig Schillinge zahlt, ist Ihr Herr. Matrosen, Trunkenbolde ...« »Hören Sie auf, hören Sie auf!« schrie sie und schloß die Augen vor dem Bilde, das aus seinen Worten heraufstieg. »Ich male also nicht weiter aus. Nur noch eins! Jetzt sind Sie jung, schön und gut. Was werden Sie nach einem Jahre sein? – Nehmen Sie dagegen mein Angebot an ... Sie werden die Göttin Hygiea des Doktor Graham sein. Das heißt, Sie werden täglich eine Stunde lang Ihre Schönheit in den Dienst der Wissenschaft stellen! ... Ich würde Ihre Scheu begreifen, wenn Sie häßlich wären. Scham, sagt die Philosophie, ist das Bewußtsein körperlicher Mängel. Sie aber sind vollkommen schön. Und Sie werden Ihre natürliche Gestalt den Augen vorurteilsloser, gebildeter Menschen zeigen. Von einem Schleier bedeckt, durch eine Schranke vor jeder Berührung geschützt. Tun die Tänzerinnen des Theaters etwas anderes, und macht ihnen jemand einen Vorwurf daraus? Mnesarete stieg bei einem Fest der Venus zu Athen nackt aus dem Meere, die Göttin der Schönheit verkörpernd, und zeigte sich so dem ganzen Volke. Als sie wegen Gottlosigkeit vor Gericht geschleppt wurde, zerriß ihr der Verteidiger Hyperion das Gewand, so daß sie hüllenlos vor ihren Richtern stand. Und die Greise des Areopags sanken begeistert vor ihr in die Knie und sprachen sie frei. Weil sie in der Schönheit eine Offenbarung des Göttlichen erblickten, vor der die gemeine Begierde verstummen mußte. Männer von lauterer Gesinnung waren sie, die wußten, daß die Reinheit des Ideals das Irdische zur höchsten Würde verklärt. Vor einem solchen Areopag der edelsten Bildung werden auch Sie erscheinen und. dieselbe Erfahrung machen wie Mnesarete. Wo also ist die Schmach, vor der Sie zurückbeben? In dem Freudenhause der Mrs. Gibson oder in dem Tempel des Doktor Graham, in dem man Ihnen einen Altar errichtet, wie einem Götterbild? Die Antwort überlasse ich Ihnen selbst!« Er stand auf und verneigte sich lächelnd vor ihr. Worte dieser Art hatte sie noch niemals gehört. Wie Herolde verkündeten sie die unverletzliche Majestät der Schönheit. Etwas Großes, Erhabenes schien aus ihnen zu sprechen; wie losgelöst von dem Staube des Irdischen erblickte sie sich selbst in dem verklärenden Lichte einer reinen Idee. Etwas wie Andacht ergriff sie vor der Vollkommenheit ihres Leibes, vor dem strahlenden Gefäß, in das die Natur ihre höchste Offenbarung gegossen. Ein Heiliges war es, schön zu sein. Trotzdem sträubte sich noch etwas in ihr gegen die Zurschaustellung. Wenn Overton sie so sah ... »Wenn ich das Gesicht verhüllen dürfte ...« Doktor Graham überlegte einen Augenblick. »Zugestanden!« sagte er dann. »Ich brauche es nicht für meine Erklärungen. Auch dürfen Sie schweigen, damit man Sie nicht an der Stimme erkennt. Falls Sie sich vor den Bemerkungen des Publikums scheuen, werde ich Sie in magnetischen Schlaf versenken. Auch wäre es vielleicht gut, wenn Sie Ihren Namen veränderten. Schon um Ihrer Mutter willen. Wie wäre es zum Beispiel mit Hart? Miß Emma Hart, die Göttin der Gesundheit ... es klingt! Nun? Was beschließen Sie?« Sie wurde sehr blaß und sah ängstlich an ihm vorüber. »Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung!« bat sie. »Bis morgen früh? Gut! Ich würde Sie vorläufig auf drei Monate verpflichten, für eine tägliche Sitzung von einer Stunde. Als Honorar erhalten Sie für jede Sitzung fünf Pfund bei völlig freier Station. Nach Ablauf dieser drei Monate verfügen Sie also über ein Kapital von vierhundertfünfzig Pfund und sind wieder unumschränkte Herrin Ihrer Entschlüsse. Der Vertrag wird durch einen Notar beglaubigt und jede Sicherheit für Sie bieten. Das Honorar für die ersten fünfzehn Sitzungen erlaube ich mir Ihnen schon jetzt einzuhändigen. Lehnen Sie meinen Vorschlag ab, so senden Sie es mir bis morgen mittag zurück; andernfalls setzte ich Ihre Einwilligung voraus und hole Sie von hier ab. Ich bin jedoch überzeugt, daß Sie Geist genug besitzen, anzunehmen. Auf morgen also, Miß Hart, auf morgen!« Er zählte fünfundsiebzig Pfund vor ihr auf den Tisch und ergriff ihre Hand, um sie lächelnd an seine Lippen zu ziehen. Dann ging er rückwärts schreitend zur Tür. Schweigend sah Emma ihm nach. Aber als er die Türklinke berührte, fuhr sie auf und streckte ihre Hände nach ihm aus. »Noch eine ganze, lange Nacht in diesem Hause? Nehmen Sie mich hin! Nehmen Sie mich hin!« Fünfzehntes Kapitel Templum Aesculapio sacrum ... In großen, goldenen Lettern stand die Inschrift über dem Portal des Hauses an der Royal-Terrasse, in das Doktor Graham Emma führte. Sie kannte das Haus von früher. Als es im Laden der Mrs. Cane noch ihr Traum gewesen war, Schauspielerin zu werden, hatte sie sich eines Sonntags aufgemacht, um dieses Haus zu sehen – das Heim des großen Garrick. Lange hatte sie damals vor der Eingangspforte gestanden und es sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn Emma Lyon einst dort eintrat. Von dem Meister empfangen und geehrt als ebenbürtige Mitkämpferin um die Palme des Ruhmes ... Nun war der große Menschendarsteller tot und sein Haus in einen Tempel der Charlatanerie umgewandelt. Und Emma Lyon trat ein, um den gierigen Augen der Menge ihre enthüllte Schönheit preiszugeben. Auch ein Schauspiel; aber ein anderes, als das einst geträumte. Doktor Graham führte sie durch weite Säle, angefüllt mit seltsamen Maschinen. Auf langen Strecktischen wurde das Fleisch welker Greise geknetet; Schlamm- und Pflanzenbäder reizten die Haut ermatteter Männer zu neuer Tätigkeit; blinkende Apparate auf Säulen aus wasserhellem Kristallglas leiteten geheimnisvolle; elektrische Kraftströme in die Nerven vorzeitig gealterter Jünglinge. Dem entarteten Geschlecht der Gegenwart zur Nacheiferung prangten an den Wänden Bildnisse von Helden und Königen, die durch ihre Leibesstärke Ruhm gewonnen hatten. Riesige Diener in goldgestickten Livreen öffneten die Türen und geleiteten die Besucher. Mit ihren strotzenden Muskeln, ihren breiten Schultern, ihren gewölbten Brustkästen bewiesen sie, daß jene Heldengestalten eines Herakles, Theseus, Theoderich, Alfred des Großen noch jetzt erzeugbar waren, und daß Doktor Grahams Theorie eine neue, kraftstolze Menschheit aus den Ruinen der Zeit hervorzuzaubern vermochte. Über einer Doppeltür am Ende eines Ganges prangte abermals eine Inschrift. Templum Hymenis aureum. »Der goldene Tempel der Ehe!« erklärte Doktor Graham. »Ihr Reich! Das Reich der Hebe Vestina, der Göttin ewiger Jugend und Gesundheit!« Er öffnete die Tür und trat mit Emma ein. In ein Meer von Gold glaubte sie zu blicken. Schwerer Goldbrokat bekleidete die Wände des sechseckigen Raumes, in dessen Höhe sich ein Himmel mit goldenen Sternen wölbte. Auf goldenem Sockel stand in der Mitte eine überlebensgroße Frauengestalt: die Göttin der Fruchtbarkeit, aus goldenem Füllhorn Blumen und Früchte auf eine Schar lebenstrotzender Kinder niederstreuend. In anmutigem Spiel drängten sie sich an die Knie der Göttin, lugten aus den Falten ihres Gewandes, strebten mit schwellenden Gliedern an ihr empor, und hoben den Saum eines türkischen Zeltes aus golddurchwirkter Seide, unter dem das »Göttliche Bett des Apollo« prangte. Breit und massig dehnte es sich auf seinen gläsernen Füßen, mit den Goldgittern seiner Einfassung, mit seinen üppigen Kissen und Decken von zarter Rosenfarbe. Spiegel, in seine hochragenden Wände eingelassen, warfen das Bild des Ruhenden dreifach zurück. Und über alles das breitete sich ein mattes, feierliches Licht. Durch die Fenster kam es herein, die den Goldbrokat der Wände unterbrachen und durch ihre buntfarbenen Gläser die Strahlen der hinter ihnen brennenden Strahlenkränze milderten. Große, ruhige Farbentupfen malte das Licht auf den zartgemusterten Teppich des Fußbodens, lockte Goldfunken aus dem Füllhorn der Göttin und überhauchte mit rosigem Schimmer die Gestalt des Weibes, das hüllenlos auf dem Bette lag. Die Arme unter dem zurückgebogenen Kopfe verschränkt schien es zu schlummern. Seine Glieder strahlten die Spiegel der Wände wider. »Sie ist schön, nicht wahr?« sagte Doktor Graham. »Aber immer doch nur eine Puppe, kein lebendes Wesen. Wie erst wird die Wirkung sein, wenn Hebe Vestina selbst diesen Platz einnimmt! Ganz London wird anbetend vor ihr das Knie beugen. Nun, Miß Lyon, was sagen Sie zu Ihrer Rolle?« Sinnend sah Emma auf das Bett. Hebe Vestina würde sie sein, die Göttin ewiger Schönheit und Jugend. Ein lebendes Wesen, von Fleisch und Blut. Keine Puppe. Und doch eine Puppe. Eine Hebe Vestina ohne Seele, ohne Herz. Wehe, wer nach ihr begehrte! Ein kaltes Licht brach aus ihren Augen und ein hartes Lächeln flog um ihre Lippen. »Ich werde diese Rolle spielen!« – – – – – – – – Er führte sie in die Geheimnisse des »Göttlichen Bettes« ein. »Durch die Sinne allein genießen wir die Wonnen des Lebens,« lehrte er. »Beides, Lust und Schmerz, tragen sie in unsere Seelen.« »Wir vermögen aber nicht Lust oder Schmerz zu empfinden, ohne uns zu verändern. Jede Einwirkung von außen, jedes Gefühl, jede Empfindung erschüttert unsere Nerven. Der Geruch einer Blume läßt den Geruchsnerven vibrieren. Wie eine elastisch gespannte Saite, die an einem Ende bewegt wird, diese Bewegung bis zu ihrem anderen Ende fortpflanzt.« »Unsere fortwährend erschütterten Nerven nutzen sich naturgemäß allmählich ab. Dies zu verhindern, müssen alle Sinne gleichzeitig in sanfte Spannung gebracht werden. Die Nerven des Gesichts, Geruchs, Gehörs, Geschmacks und Gefühls, zugleich in eine zarte Bewegung gesetzt, erzeugen die höchste Wonne des sinnlichen Empfindens.« »Ein Schlummer der süßesten Wollust umfängt uns.« »Unser inneres Gefühl aber besteht aus dem Eindruck unserer Empfindungen auf unsere Seele. Daher ist jener Schlummer der süßesten Wollust zugleich das reinste Glück unserer Seele.« »Diese süßeste Wollust unserer Sinne, dieses reinste Glück unserer Seele aber wird hervorgerufen durch das Göttliche Bett des Apollo. Kinder, in dieser vollkommensten Harmonie gezeugt, sind Erben der höchsten seelischen und körperlichen Kräfte ihrer Eltern.« – – – – – – – – Eine Probe. Emma legte ihre beengenden Kleider ab und hüllte sich in leichte, durchsichtige Schleier. So bestieg sie das Bett, das sich in eine sanft wiegende Bewegung setzte. Es war Emma, als würde sie von einem weichen Windhauch davongetragen. In einem Räucherbecken entzündete Doktor Graham ein Stückchen Ambra. Ein würziger Duft wallte auf und erfüllte die Schwebende mit einer süßen Trunkenheit. »Denken Sie an etwas Schönes, Freudiges!« flüsterte Doktor Graham und schlug leicht in die Hände. »An etwas, das Sie lieb haben!« Eine milde Dämmerung breitete sich über den Saal, in der die Gegenstände zu weichen Schatten zerflossen. Wie aus weiter Ferne kommend schien aus dem Boden eine leise, zarte Musik emporzuwallen. Die verwehenden Töne einer Harfe ... das schluchzende Flüstern einer Flöte ... der schmelzende Gesang eines Cellos ... Dann gedämpfte Knaben- und Mädchenstimmen ... Nun leuchteten in den Fenstern der Wände Farben auf. Strahlend von Licht glichen sie in ihrem wunderbaren Glänze dem kostbarsten Edelgestein. Sie paßten sich den Tönen und Worten des Gesanges an, daß alle jene Harmonien nicht nur zu klingen, sondern auch zu leuchten schienen. Die Töne strahlten, die Farben sangen. »Einsam wandelt das schönste der Mädchen ...« Der Chor sang es, sanfte Flöten seufzten dazwischen, und ein zartes Oliv erschien, spielend mit rosigem Rot und mildem Weiß ... »... auf blumiger Flur ...« Freudige Töne schwangen sich auf in dunklem Grün, durchwebt von Blau und Gelb, wie von Veilchen und Maiblumen ... »Froh, wie die Lerche, singt sie ein Lied ...« Jubelnde Triller stiegen empor, um dann sanft zu sinken. Dunkler wurde das Blau, hellrosige und gelbgrüne Lichter durchzitterten es ... »Und die Gottheit hört es im Tempel der Schöpfung.« In majestätischen Harmonien schritt die Melodie einher, umwallt von tiefem Blau, Rot und Grün, verherrlicht durch Aurorengelb und leuchtenden Purpur. In weichem Grün und sanftem Gelb endlich verlor sie sich ... Der pfalzbayerische Hofrat und Geheimarchivar Karl von Eckhartshausen konstruierte ca. 1786 nach Graham ein ähnliches Fruchtbarkeitsbett. Um die Töne der Musik zu konzentrieren und ihre Wirkung auf die Nerven zu erhöhen, ließ er eine Maschine verfertigen, die einem Resonanzboden ähnlich war, und einen Menschen in horizontaler Lage darauflegen. Entfernt in einem anderen Zimmer setzte er einen spielenden Musiker unter einen großen Blechhut, von dem zwei Röhren bis zu dem Resonanzboden gingen, auf dem der Mensch lag. Dadurch sammelten sich die Töne im Hut und verbreiteten sich durch die Röhren bis in das andere Zimmer. Die Wirkung soll ein sanftes Gefühl gewesen sein, das sich durch den ganzen Körper verbreitete und einen »angenehmen Kitzel in den Eingeweiden und dem Zwerchfell« hervorrief. Besonders suchte man Zornausbrüche und Wutanfälle auf diese Weise zu heilen, bei denen, wie man glaubte, die Eingeweide zusammengezogen werden und dadurch auf die Galle drücken. Durch die mittels der Musik hervorgerufene feine Vibration der Nerven werde die Zusammenziehung beseitigt und eine freie Zirkulation des Geblüts herbeigeführt. – Die Musik der Farben, »Augenmusik« genannt, war schon früher von dem Jesuitenpater Castell erfunden worden. Diese Maschine, auf der man ganze Farbenakkorde hervorbringen konnte, wurde dann vervollkommnet. Man füllte gleichgroße zylindrische Gläser mit wäßrigen, chemischen Farben, brachte sie wie die Saiten eines Klaviers in Ordnung und teilte die Farbennuancen nach Art der Töne ein. Hinter diesen Gläsern brachte man Messingplatten an, um die Farben zu verdecken. Diese Platten verband man durch einen Draht mit dem Manual des Klaviers, so daß, wenn man eine Taste berührte, die Platte sich emporhob und die von hinten durch Kerzenlicht durchleuchtete Farbe sichtbar wurde. Mit dem Verlassen der Taste verschwand auch die Farbe. So suchte man durch Farben alles wie durch Töne auszudrücken, indem man Wort, Musik und Farbe in Übereinstimmung brachte in der Art, wie es das zitierte Lied zeigt. – Auch die verschiedenen Nuancen der Gerüche stellte man in den Dienst der Heilkunde. Man glaubte entdeckt zu haben, daß die Grundlage aller Gerüche der Schwefel sei und die Art seiner Mischung die Ursache der Verschiedenheit der Nuancen. Wie aus der Mischung sämtlicher Farben das Weiße entstehe, so aus der Mischung mehrerer Wohlgerüche stets der Ambrageruch. Man versetzte Ambra daher mit verschiedenen geruchlosen Körpern und brachte dadurch die verschiedenen Gerüche hervor, die man je nach der Vorliebe des Patienten auswählte. – Alle diese Versuche gründeten sich auf die Theorie, daß der Mensch nur einen einzigen Sinn, das Gefühl, besitze, während Geschmack, Geruch, Gesicht und Gehör nur Gefühlsäußerungen der Nerven in den entsprechenden Organen seien. Das Gesicht nannte man daher »Augengefühl«, das Gehör »Ohrengefühl« usw. – – – – – – – – »Denken Sie an etwas, das Sie lieb haben!« ... Lieb? ... Die Mutter? Sie war zu Emma nach London gekommen, als diese ihr das Bekenntnis ihrer Schmach geschrieben. Und hatte sich des Kindes angenommen. Aber Emmas Tat begriff sie nicht. Und das stand zwischen ihnen. Ein Abgrund, über den es keine Brücke gab. In verschiedenen Welten lebten sie, hatten nichts mehr miteinander gemein ... Das Kind? In Schande und Schmerzen hatte sie es geboren. Und es glich dem Vater. Wie Sir John hob es die Augenlider, verzog es den Mund, blähte es die Nasenflügel. Wenn Emma es ansah – an sich halten mußte sie, es nicht zu erwürgen! Froh war sie gewesen, daß die Mutter es mit nach Hawarden genommen ... Tom? Um ihn hatte sie alles das gelitten; Sehnsucht nach Liebe war in ihrem Herzen gewesen, nach einem großen, schönen Tun. Aber alles hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Den Freund hatte sie freimachen wollen, und drei Tage nach der Tat hatte er sich für den Krieg anwerben lassen. Sie verstand ihn. Vor einem reinen Bilde hatte er auf den Knien gelegen. Nun war es befleckt, zerstört. Da war für ihn kein Lieben, kein Hoffen mehr. Auch nicht für sie. Nichts mehr hatte sie, was sie liebte ... – – – – – – – – Dennoch fühlte sie sich leicht und frei, als schwebe sie in der Luft. Einem weichen Schleier gleich legte sich ihr der Duft des Ambra um Stirn und Schläfen. Wie milde Sonnen der Nacht leuchteten die zarten Flammen der Farben und wie auf raunenden Wellen flössen die Harmonien der Harfen und Flöten dahin, die Stimmen der Knaben und Mädchen ... ... Und die Gottheit hört es im Tempel der Schöpfung ... Die Gottheit – Träumte sie? Das Gesicht dort in dem sanften Grün und dem zerfließenden Gelb ... dunkle Augen, die lächelten ... rote Lippen, die sich zum Kusse wölbten ... Overton? – – – – – – – – Die Musik verstummte. Die Farben verblichen. Das Bett stand still. Und die Fenster öffneten sich, um das grelle Licht des Tages einzulassen. Über Emma beugte sich Doktor Grahams Gesicht. »Nun?« fragte er begierig. »Was sagen Sie?« Verwirrt richtete sie sich auf. Dann kehrte ihr die Erinnerung zurück. Langsam stieg sie vom Bette herab. »Eine Gaukelei der Sinne!« sagte sie achselzuckend. »Aber sehr geschickt gemacht!« Er betrachtete sie enttäuscht. »Das ist alles? Haben Sie wirklich nichts, gar nichts empfunden?« Sie lächelte bitter. »Was kann eine Hebe Vestina empfinden? Wissen Sie nicht, daß Götter keine Seelen haben?« * Acht Tage später fand die erste Schaustellung statt. Die schöne Herzogin Georgiana von Devonshire, durch Doktor Graham während seines früheren Aufenthaltes in Paris von einer Krankheit geheilt, übernahm das Protektorat über den Tempel der Gesundheit und erfüllte durch ihre begeisterten: Schilderungen von den Wunderwirkungen des »Göttlichen Bettes« die Kreise des Adels mit Neugierde und Erwartung. Sogar der Königliche Hof nahm für Doktor Graham Partei. König George III., der in dieser Zeit an einem seiner Wahnsinnsanfälle litt, erhielt als Gegenmittel gegen die bösen Dünste, die ihn krank machten, von Doktor Graham die Niederschrift eines Gebets, das ihm nachts unter das Kopfkissen gelegt wurde. Historisch. Als sich wirklich eine leichte Besserung zeigte, ließ der Prinz von Wales seinen Besuch im Gesundheitstempel ansagen. Doktor Graham hatte alles getan, um die Schaustellung aufsehenerregend zu gestalten. Täglich erschienen Zeitungsartikel und Flugblätter, die das Lob des »Göttlichen Bettes« verkündeten. Endlich war es dem berühmten Arzte gelungen, ein lebendes Beispiel für die unvergleichliche Wirkungskraft seiner neuen Heilweise zu beschaffen. An einem Mädchen von Fleisch und Blut werde er zeigen, wie seine große Entdeckung der Megalanthropogenesie es ihm ermöglichte, das Leben überzuleiten, kinderlosen Eltern gesunde und geistig blühende Nachkommenschaft zu sichern, entartenden Geschlechtern eine Auffrischung ihres verdorbenen Blutes, dem gesamten Volke eine unversiegliche Fülle neuer Lebenskraft und neuen Liebesglücks. So strömte am Abend der ersten Schaustellung die vornehmste Gesellschaft Londons in das ehemalige Heim des toten Garrick. Damen und Herren der Lebewelt, Würdenträger des Hofes und der Regierung, berühmte Maler und Bildhauer, Gelehrte und Ärzte, die Größen der Börse und der Theater füllten den »Goldenen Tempel des Hymen« und lauschten in atemloser Spannung Doktor Grahams Vortrage, in dem er seine Theorie von der lebenspendenden Kraft des Allfluidums, des Äthers, darlegte und wissenschaftlich begründete. Dieses Allfluidum durchdrang alle Dinge der Schöpfung, in ihm und durch es allein lebten sie. Aber der Himmelsstoff war so flüchtig und fein, daß es bisher nicht gelungen war, ihn der Menschheit dienstbar zu machen. Nun jedoch war, dank der Entdeckung des Magnetismus und der Elektrizität, dieses höchste Ziel aller menschlichen Forschung erreicht. Ein neues goldenes Zeitalter brach an. Die lange Lebensdauer der vorzeitlichen Geschlechter kehrte wieder; Genie und Schönheit, bisher nur wenigen Bevorzugten verliehen, wurden Gemeingut des gesamten Volkes; zurückerobert für das Menschtum war die unerschöpfliche Fruchtbarkeit der Natur. Der Traum der alten Griechen von ewiger Schönheit und ewiger Jugend erfüllte sich; die Wissenschaft hatte den alten Göttern des Olympos ihre Geheimnisse entrissen. Im tierischen Magnetismus und in der Elektrizität des Äthers bot sie den neuen Göttern der Erde beides, Trank und Speise, Nektar und Ambrosia! Plötzlich verdunkelte sich der Saal. Die süßen Düfte des Ambra durchzogen die Luft; geheimnisvoll drangen wie aus weiter Ferne die ersten leisen Akkorde der Musik herein. Strahlend von Licht und Glanz leuchteten die Farbenharmonien auf und verschmolzen mit den zarten Stimmen der Knaben und Mädchen wie zu einem gen Himmel wallenden Gesang der Sphären. Und nun öffnete sich das Zelt. Überstrahlt von den wechselnden Reflexen der Farben erschien das »Göttliche Bett«, in sanften Schwingungen einherschwebend, wie von Geisterhand bewegt. Hebe Vestina! Inmitten schwellender Kissen lag sie, wie in einem Pfühl von duftenden Rosen ... Unter den lichten Hüllen dehnte sich das fehlerlose Ebenmaß ihrer Glieder, leuchtete der blütenweiße Schmelz ihres Leibes, traten die edeln Linien ihrer Schultern, Arme, Hüften in blendender Reinheit hervor. Ihr Gesicht war von einem dichten Schleier bedeckt. Fürchtend, daß der höchste Glanz überirdischer Schönheit zu stark sei für sterbliche Augen, schien die Gottheit selbst ihn dem Anblick der Menge entzogen zu haben. Aber die weiche Lagerung der Glieder, das zitternde Heben und Senken der Brust verrieten die ganze Fülle der Lust, die den göttlichen Körper durchglühte. Die Hände unter dem rotleuchtenden, wie von Lichtfunken durchsprühtem Haar gefaltet schien er auf den Fittichen eines süßen Traumes dahinzuschweben. Hebe, träumend von Herakles, dem nahenden Gatten ... * Ein Sturm des Entzückens durchbrauste den weiten Raum. Doktor Graham wurde mit Beifall überschüttet. Auf dem Tische, hinter dem er stand, häuften sich die Anmeldungen für das »Göttliche Bett« trotz des hohen Preises von fünfzig Pfund für eine einzige Benutzung. »Nervenbalsam« und »Elektrikal-Äther«, die Heilmittel des Wunderarztes, fanden reißenden Absatz. Der Erfolg war ungeheuer. Was Emma einst ersehnt hatte, war geschehen. Huldigend lag die Welt ihrer Schönheit zu Füßen. Einsam saß sie in dieser Nacht in ihrem Zimmer. Sie dachte nicht mehr an den Triumph. Ein Lächeln lag um ihren Mund, wie eine welke Blume. Einsam war sie. Hatte nichts, das sie liebte. Wäre gern gestorben ... Sechzehntes Kapitel Der Erfolg blieb dem Tempel der Gesundheit treu. Der Streit der Gelehrten und Ärzte, Schmähschriften und karikierende Broschüren vermehrten ihn noch. Schon nach einem Monat erhöhte Doktor Graham Emmas Honorar aus freien Stücken. Sie schickte das Geld der Mutter, für sich nur das Notwendige zurückbehaltend. Es war ihr eine geheime Genugtuung, die Vorwürfe der alten Frau durch Wohltaten zu erwidern. Auch galt es, dem Kinde eine gute Erziehung zu verschaffen. So war das Geld der Schande doch zu etwas nutze. In ihren Mußestunden ging sie niemals aus. Sie verabscheute die große, laute Stadt, in der so viel Glanz und Reichtum und gleichzeitig so viel Elend und Armut war. Abgeschmackt und verächtlich erschien ihr das Treiben der Menschen. Inmitten der Lustbarkeiten des Winters lebte sie einsam wie in einem Kloster. Aber die Hoffnung auf eine große Zukunft als Schauspielerin erwachte in ihr aufs neue. Sie nahm das Rollenstudium wieder auf und ließ sich in Gesang und Harfenspiel unterrichten, seitdem Doktor Graham musikalisches Talent und eine schöne Stimme bei ihr entdeckt haben wollte. Er trat ihr in dieser Zeit näher. Sein warmherziges Wesen, das zu seinem schlauen Geschäftsgebaren in so auffallendem Gegensatz stand, tat ihr wohl. Obgleich er der marktschreierischen Methode der Saint Germain, Cagliostro, Casanova folgte, schien er doch nicht nur Charlatan. In seiner Theorie erblickte er das einzige Heilmittel für das, was er das Übel der Zeit nannte. Von dem verrotteten Frankreich ausgegangen hatte sich eine allgemeine Zerrüttung der Nerven über ganz Europa verbreitet. Auf fast allen Fürstenthronen saßen Geschlechter mit verdorbenem Blut und entartetem Hirn, die nur an die Befriedigung zügelloser Lüste und unsauberer Begierden dachten. Von ihnen sickerte das Gift in die unteren Schichten der Völker. Als dumm und witzlos galt, wer die Gebote einer Pflicht erfüllte, als genialer Ausnahmemensch, wer sie mit Füßen trat. Plumpe Roheit und süßliche Ziererei herrschten in den Unterhaltungen der Geschlechter; stumpf lebte man dahin, ohne ein großes Ziel. In einer niederen Dumpfheit, die dann wieder jählings von Handlungen eines rätselhaften Aberwitzes durchzuckt wurde. Wie von grell auflodernden Blitzen, die das schwüle Dunkel der Nacht nur noch schwärzer und unheimlicher malten. Vieles, was Emma erlebt und sich nicht zu erklären vermocht hatte, erschien ihr nun in einem überraschenden Lichte. König Georges III. Wahnsinnsanfälle; das sprunghafte, bald frivole, bald kindisch alberne Benehmen seines Sohnes; Miß Kellys Opiumsucht; die Ausschweifungen des Höllenfeuer-Klubs; die zahllosen, von den Zeitungen berichteten Fälle von Trunk- und Verschwendungssucht, Spielwut, entartetem Sport, Ehebruch, Verlästerung alles Hohen und Heiligen – waren das alles nicht Zeichen jener schrecklichen Krankheit? Einer erstickenden Dunstwolke gleich schien die neue Pest sich über die Völker und Staaten Europas dahinzuwälzen, die Köpfe verwirrend, die Herzen vergiftend. Schwächliche Sklaven ungeregelter Triebe waren die Menschen, wurzellos und saftlos, umhergeworfen von den Erregungen flüchtiger Augenblicke. Sie zu beherrschen konnte nicht schwer sein. Nur eines festen Willens bedurfte es. Kalt wägen, kühn wagen. Und eines starken Wissens. Wissen aber bestand in der Kenntnis der menschlichen Seelenregungen. Diese wiederum waren Erzeugnisse des Nervenlebens. Wer diese Nervenströme kannte und zu lenken vermochte, war Herr der Zeit. In diese Kenntnis führte Doktor Graham Emma ein. Ohne besondere Absicht, nur in der Leidenschaft des Fanatikers, Jünger seiner Überzeugung zu werben, Er zeigte ihr die verschiedenen Erscheinungsweisen der Nervenkrankheiten, lehrte sie die Unterschiede zwischen Veitstanz und Hysterie, Verrücktheit und Hypochondrie, Melancholie und Schwachsinn, Tobsucht und Epilepsie. Und dann brachte er ihr die Kunstgriffe des Magnetismus bei, mit denen er seine Kranken einschläferte, ihren Widerstand brach, ihren Willen zwang und führte. Und eines Tages gab er ihr einen Fall zur Behandlung. * Schon als dreizehnjähriger Knabe hatte Horatio Nelson, ein Sohn des Pfarrers von Burnham-Thorpe, auf einer Nordpolfahrt sich den Ruf zäher Unerschrockenheit erworben. Der Krieg gegen das mit den Nordamerikanern verbündete Spanien hatte seinen Ruhm vermehrt. Ihm allein war die Eroberung der Festung San-Juan auf der Insel San-Bartolomeo zu danken. In einem mörderischen Klima, bei strömendem Tropenregen hatte der junge Postkapitän die Expedition siegreich zu Ende geführt. Mit zerrütteter Gesundheit in die Heimat zurückgekehrt und von den Ärzten fast aufgegeben, hatte er von Doktor Grahams Methode gehört. Bei ihm suchte er nun Hilfe; heimlich, gegen den Willen seiner Angehörigen. Als Emma, von Doktor Graham gerufen, bei Nelson eintrat, erwartete sie einen derben, von Wind und Wetter gebräunten Seemann zu finden. Statt dessen sah sie einen Jüngling von kaum dreiundzwanzig Jahren mit schmalem, feinem Gesicht, das ungepuderte Haar in einen großen, steifen Militärzopf zusammengebunden, gekleidet in einen altmodischen Rock mit langen Schößen. Gelähmt, zum Skelett abgemagert saß er in seinem Krankenstuhl, unfähig, sich zu bewegen. Aber das Feuer der großen blauen Augen verriet den leidenschaftlichen Geist, der in dem schwächlichen Körper wohnte. Ungeduldig, von Zorn erfüllt gegen die Krankheit, die ihn vom Kriege zurückhielt, ließ er sich von Doktor Graham untersuchen. Auf Emma, die abseits stand, achtete er nicht. Unter dem dichten Schleier, den sie stets in Gegenwart Fremder trug, konnte er ihr Gesicht nicht sehen. Aber als sie auf Doktor Grahams Wink näher trat, schrak er zusammen. Seine Augen öffneten sich weit und sein flammender Blick suchte die Hülle zu durchdringen. »Wer ist die Frau?« rief er erregt. »Ein seltsamer Duft geht von ihr aus. Er betäubt mich. Ich will das nicht! Sie soll fortgehen!« Er machte eine ungestüme Anstrengung, sich zu erheben. Aber die Lähmung hielt ihn fest. Und so sah er Emma nur starr an, mit einem aus Furcht und Widerwillen gemischten Ausdruck. Emma sprach kein Wort. Wie sie es von Doktor Graham gelernt hatte, setzte sie sich Nelson gegenüber, Gesicht gegen Gesicht, und legte ihm mit festem Druck beide Hände auf die Schultern. Sofort zuckte sein ganzer Körper zusammen. Wie von einem jähen Schmerz gefoltert schrie er laut auf und suchte sich ihren Händen zu entziehen. Sein Widerstand rief ihre ganze Willenskraft wach. Die Zähne zusammenbeißend, ihre Gedanken nur auf ihr Vorhaben richtend ließ sie ihre Hände langsam von Nelsons Schultern herabgleiten. An seinen Armen strich sie entlang bis zu den Spitzen seiner Finger und hielt seine Daumen ein paar Augenblicke fest. Zwei, dreimal wiederholte sie die Bewegung ... Nun verebbten die heftigen Zuckungen zu einem leisen Vibrieren. Bis auch dieses verschwand. Die Muskeln des Gesichts glätteten sich, der Widerwille entwich aus den Augen. Es war gelungen. Die Harmonie zwischen Nelson und Emma war hergestellt. Sie sah es voll triumphierender Freude. Sie wußte nicht, warum, aber gleich bei ihrem Eintritt, da sie diesen knabenhaften Menschen erblickte, war die Lust in ihr aufgestiegen, an ihm ihre Kraft zu erproben, seinen Willen zu bannen. Glühend vor Eifer fuhr sie fort. Sie breitete ihre Arme und Hände gegen Nelson aus, als wollte sie einen Halbkreis beschreiben, und legte ihre beiden Daumen auf die Mitte seiner Stirn, die Finger zu beiden Seiten seines Kopfes ausspreizend. Leise rieb sie mit den Daumen die Haut in kleinen Kreisen. Die Hände in weicher Berührung abwärts gleiten lassend wiederholte sie denselben Vorgang an Herzgrube und Leib. Mit beiden flachen Händen strich sie endlich bis über Nelsons Knie herunter. Sie mit sanftem Druck umspannend, hielt sie hier inne. Langsam sank sein Kopf an die Lehne des Stuhls ... seine Augen schlossen sich ... er schlief. »Sehen Sie mich?« fragte sie leise. Sofort antwortete er. Flüsternd, dennoch jedes Wort deutlich hervorhebend. »Ich sehe dich... Du bist sehr schön!... Wozu trägst du den Schleier? Er hindert mich nicht! ... Deine Augen sind wie das blaue Meer von Sizilien ... Deine Lippen glühen, wie indische Korallen ...« Und er beschrieb ihr Gesicht und ihre Gestalt in Bildern, als besitze er die Augen eines Malers und die Seele eines Dichters. Und hatte sie doch nie zuvor gesehen ... Aufmerksam hatte Doktor Graham den Vorgang verfolgt. »Er ist vollständig in Ihrer Gewalt!« sagte er, als Nelson schwieg. »Wenn Sie es wollten, würden Sie ihn zwingen können, Sie zu lieben!« Ängstlich sah Emma auf den Kranken. »Wenn er Sie hörte!« »Er hört nur, was Sie zu ihm sprechen. Für ihn bin ich gar nicht vorhanden. Fragen Sie ihn weiter! Um ihm helfen zu können, muß ich die Geschichte seiner Krankheit kennen!« Emma fragte und Nelson antwortete. Er zählte die Fieberanfälle auf, an denen er schon als Knabe gelitten hatte, und beschrieb die krampfhaften Zuckungen, die ihn ohne äußere Veranlassung zuweilen überfielen. Auch von Lähmungen und Ohnmächten sprach er, die ihn betäubten. Er selbst wußte nichts von ihnen, aber andere hatten ihm darüber berichtet. Man hatte ihn am Boden liegend gefunden, Schaum vor dem Munde, die Zunge von den Zähnen blutig gebissen. Langanhaltende Ermattung war stets die Folge dieser Anfälle gewesen. Als er geendet, sah Emma Doktor Graham fragend an. Bedauernd zuckte er die Achseln. »Die Lähmung kann beseitigt werden, aber gegen das eigentliche Übel, Fallsucht, ist auch die neue Wissenschaft machtlos. Schade um den kraftvollen Geist! Er wird vielleicht großen Ruhm erwerben, aber immer ein unglücklicher Mensch sein. – Wecken Sie ihn auf! Sanft, ganz sanft!« Erschüttert sah Emma auf das feine Knabengesicht. In weicher Bewegung streckte sie ihre Hände gegen ihn aus, als wollte sie ihm die Augenlider heben. »Erwachen Sie! Und lächeln Sie mir zu!« Sofort öffnete er die Augen. Mit einem stillen Lächeln, das sein abgezehrtes Gesicht seltsam verschönte. Aber als Doktor Graham ihn fragte, was er während seines Schlummers empfunden habe, erinnerte er sich an nichts ... – – – – – – – – Am folgenden Tage konnte Emma die Stunde kaum erwarten, da der Diener Nelson wieder herbringen sollte. Noch immer sah sie im Geiste das Lächeln, mit dem Nelson beim Erwachen zu ihr aufgeblickt hatte. Um dieses reine, gute Lächeln war er ihr fast lieb. Auch der Macht freute sie sich, die sie über ihn hatte. Es war ihr, als gehöre dieser Mensch nun ihr; als sei er ein Geschöpf ihrer Kraft. Aber Nelson kam nicht. Sein Vater, ein frommer Mann und leidenschaftlicher Gegner der neuen Wissenschaft, holte ihn aus London fort und brachte ihn in die Bäder von Bath. Emma hörte nichts mehr von ihm. Auch dieser Knabe verschwand aus ihrem Leben. Gleich Tom, Romney, Overton. Alles, was sie gern hatte, entglitt ihren Händen. Sie hatte kein Glück ... – – – – – – – – Allabendlich, wenn sie auf dem »Göttlichen Bett des Apollo« lag, feierte ihre Schönheit einen neuen Triumph. Ganz London sprach von ihr, forschte nach ihrem Namen, ihrer Herkunft, ihrer Vergangenheit. Ihr war das alles gleichgültig. Ohne durch eine Bewegung zu verraten, daß sie alles hörte, ließ sie die Bemerkungen der Beschauer über sich ergehen. Man glaubte sie durch Doktor Graham in magnetischen Schlaf versenkt und nahm keine Rücksicht. Er hatte es ihr angeboten. Sie aber wollte nicht. In dem Gefühl jener großen Schmach empfand sie neue Kränkungen kaum noch. Die Leute schalten sie schamlos? Sie gab ihnen recht. Aber war es ihre Schuld, daß sie es geworden war? Durch Schande, büßte sie eine gute Tat. Mochte auch der Schleier fallen, der ihr Gesicht Vor den Augen der Neugierigen verbarg! Ihr war es gleich, ob man sie erkannte. Aber Doktor Graham wünschte keine Änderung. Das Rätselhafte, Unbekannte stachelte die Neugier und fühlte den Vorlesungen stets neue Besucher zu. Auch der Prinz George stattete dem Tempel der Ehe endlich den versprochenen Besuch ab. Er kam mit einem Gefolge von Kavalieren, Künstlern und Gelehrten, während das große Publikum ausgeschlossen blieb. Man umdrängte das Bett, auf dem Emma wie schlummernd ruhte. Auf die Bitte des Prinzen nahm Sir Joshua Reynolds, der berühmte Maler, die genauen Maße ihrer Glieder, indem er die Zahlen einem anderen nannte, der sie mit lauter Stimme wiederholte und dann aufschrieb. Diese Stimme des anderen ... Wo hatte sie die weichen, wie von geheimer Traurigkeit durchzitterten Laute schon gehört? ... Als die Messung beendet war, prüfte man die Zahlen. Ein Stimmengewirr entstand, ein Streit, dessen Ursache Emma nicht verstand. Zwei Parteien bildeten sich, die einander leidenschaftlich, bekämpften. Die eine hielt die Zahlen aufrecht, die andere bezweifelte sie. Man mußte abermals messen. Es geschah durch die Partei der Zweifler. Aber die Zahlen blieben dieselben. Und nun brach ein Sturm der Begeisterung los. Die Maße stimmten genau mit denen überein, die von den Meistern der klassischen Kunst als Norm für vollkommene weibliche Schönheit aufgestellt waren. Alle die Einzelheiten, die Praxiteles von Hunderten von Frauen mühsam zusammengetragen hatte, um aus ihnen die Idealgestalt seiner Venus zu formen, waren hier in einer einzigen vereint. In der Hebe Vestina des Doktor Graham war der uralte Schönheitstraum der Menschheit Fleisch geworden. Staunend drängten sich die Männer, das Wunder zu sehen. Mit flinken Händen suchten die Maler wenigstens in den Umrissen ein Bild dieser vollkommensten aller Frauengestalten festzuhalten. Prinz George setzte fünfzig Pfund als Preis für die beste Zeichnung aus. Plötzlich übertönte eine laute, kühle Stimme den Tumult. »Ist das alles nicht sehr voreilig? Zu einem vollkommenen Körper gehört nicht immer auch ein vollkommenes Gesicht. Wie kann man einen Schönheitspreis zuerkennen, ohne das Gesicht gesehen zu haben?« Von neuem erhob sich das Stimmengewirr. Aus ihm drang der Name des Zweiflers in Emmas Ohr. Thomas Gainsborough. Der Altmeister der Londoner Porträtisten. Zorn gegen ihn ergriff sie. Trieb ihn Neid gegen seine jüngeren Rivalen, die den Ruhm der Hebe Vestina durch ganz London verkündet hatten? War er hergekommen, um ihr ihre Schönheit abzusprechen, das einzige, was sie aus dem Schiffbruch gerettet hatte? Atemlos lauschte sie auf den Streit der Meinungen. Reynolds verhielt sich unbestimmt, Doktor Graham verteidigte seine Hebe leidenschaftlich, Gainsborough blieb hartnäckig bei seinem Mißtrauen. »Frauen verstecken ihre Schönheiten nicht!« sagte er spöttisch. »Eine alte Erfahrung! Auch Ihre Hebe Vestina beweist nur ihre Richtigkeit. Alles zeigt sie, worauf sie stolz ist, nur das Gesicht nicht. Also ist das Gesicht häßlich!« Doktor Graham stieß ein zorniges Lachen aus. »Häßlich? Das schönste, regelmäßigste Gesicht, das je von der Sonne beschienen wurde!« Plötzlich sprach jene weiche, dunkel gefärbte Stimme. »Ihr Erfahrungssatz trifft nicht immer zu, Mr. Gainsborough! Seltsamerweise gibt es auch heute noch schamhafte Frauen. Ich selbst habe es erfahren. An der Küste von Wales sah ich ein junges Mädchen mit einem vollkommen schönen Gesicht. Sie hatte dieselben Hände wie diese Hebe. Auch die Linie ihres Halses verlief ähnlich. Leicht gekleidet, wie sie war, konnte ich wohl beurteilen, daß auch der Körper vollkommen sein müsse. Aber während sie ihr Gesicht von mir zeichnen ließ, verweigerte sie standhaft alles übrige. Kaum, daß sie sich das Kleid am Halse ein wenig öffnete. Dabei war sie so arm, daß die paar Pfund, die ich ihr bot, ein Vermögen für sie gewesen wären. Nein, Mr. Gainsborough, es ist nicht immer richtig, daß die Frauen alles Schöne zeigen, was sie haben!« Gainsborough lachte spöttisch. »Sie glauben, daß Hebe Vestina aus solchem Holze ist? Sie widersprechen sich ja, Mr. Romney! Diese Frau zeigt alles, was jenes Mädchen Ihnen verweigerte. Sie ist also nicht schamhaft!« »Auch diese Schlußfolgerung ist ein wenig kühn, Mr. Gainsborough! Hebe Vestina zeigt, weil ihr gestattet ist, das Gesicht zu verhüllen. Frauen erröten nur dann, wenn sie dem Blick der Männer begegnen. Nicht die Entblößung an sich erzeugt Scham, sondern das Bewußtsein, nackt gesehen zu werden!« »Mr. Romney hat recht!« rief Doktor Graham eifrig dazwischen. »Hebe Vestina verschleiert ihr Gesicht, weil sie nicht erkannt sein will. Sie will nachher nicht vor jedem Männerblick die Augen niederschlagen müssen!« Wieder lachte Gainsborough. »Das braucht sie ja gar nicht! Sie ist in magnetischen Schlaf versenkt, weiß also nicht, daß wir ihr Gesicht gesehen haben. Entschleiern Sie sie, wenn Ihre Weigerung nicht einen anderen Grund hat!« Nun mischte sich auch Prinz George in den Streit. »Ich fange an, Gainsboroughs Ansicht zu teilen!« rief er mit seinem leichtfertigen Lachen. »Wenn eine Frau sich versteckt, ist sie häßlich oder prüde. Also, mein lieber Doktor Graham, Ihre Hebe Vestina ist entweder ein Monstrum oder sie ist dumm. Damit ist die Sache erledigt. Gehen wir, meine Herren! Es wird langweilig!« Doktor Graham erwiderte etwas, das Emma nicht verstand. Sie achtete auch nicht darauf. Eine heiße Begierde war in ihr erwacht, alle diese Zweifler zu demütigen. Mit einer langsamen Bewegung richtete sie sich auf und zog sich den Schleier vom Gesicht. Einen Augenblick herrschte lautlose Stille. »Emma Lyon!« rief der Prinz plötzlich. »Es ist Miß Kellys dumme Emma!« Er brach in ein lautes Gelächter aus. Sie sah ihm gerade in die Augen und nickte ihm mit kühlem Spott zu. »Emma Lyon, Königliche Hoheit, ja! Die dumme Emma, die lieber arm sein wollte, als die Mätresse eines hohen Herrn!« Und einen langen, am Fußende des Bettes lehnenden Stab ergreifend, verließ sie das Bett und ging zu Gainsborough. »Hier mein Gesicht, Mr. Gainsborough! Bin ich ein Monstrum?« »Circe!« rief Reynolds entzückt. »Sie ist Circe! In dem Augenblick, da sie das Gefolge des Odysseus in Schweine verwandelt!« Sie dankte ihm mit einem lächelnden Blick. Dann wandte sie sich wieder zu Gainsborough. »Ich bitte um Ihr Urteil, Mr. Gainsborough! Fürchten Sie sich nicht vor meinem Zauberstabe!« Mit einem etwas gezwungenen Lachen ging der Alte auf den Scherz ein. »Sie haben mich schon verwandelt!« sagte er. »Ich bekenne mich geschlagen. Und wenn Sie einwilligen, sich von mir malen zu lassen, werden Sie mich sehr glücklich machen.« Einen Augenblick genoß Emma ihren Triumph. Dann zuckte sie mit kühlem Bedauern die Achseln. »Ich weiß die Ehre wohl zu schätzen, durch die Hand eines so großen Meisters auf die Nachwelt zu kommen. Dennoch kann es nicht sein. Jemand ist hier, der ältere Rechte auf mich hat!« Den Stab fallen lassend streckte sie Romney beide Hände entgegen. »Sie meinten es gut mit mir, Mr. Romney, als Sie mich vor London warnten. Dennoch bin ich gekommen. Damals, am Deegolf, wünschten Sie, mich zu malen. Wünschen Sie es noch? Hier bin ich!« Sie lachte ihn an, wie einen guten, alten Freund und nickte ihm zu. Und er, wortlos vor Überraschung, preßte ihr die Hände und verschlang ihre Schönheit mit trunkenen Blicken. Als sähe er ein neues Werk vor sich heraufsteigen. In seiner derben Art schlug Reynolds Romney lachend auf die Schulter. »Sie sind ein Glückspilz, Romney! Wenn Sie eine Circe aus ihr machen, werden Sie mit dem Bild die Welt erobern!« »Und ich kaufe das Bild, Romney, und sollte es mich die Hälfte meiner Apanage kosten!« setzte Prinz George hinzu, sprunghaft, wie er in allen seinen Handlungen war. »Circe, die Zauberin!« Siebzehntes Kapitel Schon am frühen Morgen des nächsten Tages war sie bei Romney auf dem Cavendish Square. Als sie in das Atelier trat, fand sie den Maler in einem Winkel sitzend, das Gesicht in den Händen vergraben. Er schien sie nicht zu hören; erst, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er auf und sah sie an. Wie geistesabwesend. »Was ist Ihnen?« fragte sie besorgt. »Sind Sie krank?« Ein heller Schein kam plötzlich in seine Augen, als erkenne er sie erst jetzt. Lebhaft sprang er auf und drückte ihr die Hände. »Sie sind gekommen? Sie sind wirklich da?« Sie betrachtete ihn erstaunt. »Haben Sie vergessen, was wir gestern verabredet haben?« »Vergessen?« Er lachte gezwungen, mit jener geheimen Traurigkeit, die den Ton seiner Stimme dunkel färbte. »Ich vergesse nichts. Immer überlege ich alles im voraus, glaube aber nie, daß es jemals zustande kommt. Eine schreckliche Eigenschaft, nicht wahr? So habe ich mich auch während dieser ganzen schlaflosen Nacht auf Ihr Kommen gefreut. Aber dann packte mich die Angst, daß Sie Ihr Versprechen nicht halten würden. Und da hab' ich mich in die Ecke gesetzt und Trübsal geblasen!« Er lächelte müde. »Ich bin ein großes Kind, nicht wahr? Aber nun sind Sie da, und ich bin wieder glücklich! Wollen wir anfangen?« Er war plötzlich ganz verändert. Lebhaft lief er umher, schleppte ein kleines Podium herbei, auf dem sie stehen sollte, bedeckte es mit einem kostbaren Teppich und schloß altertümliche Truhen auf, aus denen er Frauengewänder allerart hervorholte. Dabei plauderte er mit einer fieberhaften Hast, als fürchte er, daß sie sich langweilen könne und fortgehen werde. Endlich hatte er gefunden, was er brauchte. Ein langwallendes, weißes griechisches Gewand, das er sie anzulegen bat. Es paßte ihr, als sei es für sie gemacht. Dann gab er ihr einen Stab in die Hand und ließ sie auf das Podium treten. »Wollen Sie versuchen, die Pose der Circe anzunehmen?« Emma lachte. »Erst müssen Sie mir sagen, wer Circe war. Zu meiner Schande muß ich gestehen, ich weiß es nicht. Ich habe so wenig gelernt.« Verblüfft sah er sie an, als begriffe er nicht, daß sie nicht alles wußte. Dann holte er ein französisches Werk mit zahlreichen Illustrationen herbei, aus dem er ihr die Sage übersetzte. In seinem Eifer sah er Emma nicht an. Aber als er fertig war und aufblickte, stieß er einen Ruf der Überraschung aus. Emma stand auf dem Podium, den Stab in der Rechten, die Linke wie beschwörend erhoben. In den Augen einen seltsamen, halb drohenden, halb lockenden Ausdruck. »Circe!« rief er entzückt. »Reynolds hat recht. Circe, wie Homer sie sich gedacht haben muß. Wie haben Sie das gemacht? Sie besitzen ja eine erstaunliche. Verwandlungsfähigkeit!« Und fiebernd vor Leidenschaft stürzte er sich in die Arbeit. Aber schon nach einer Stunde hörte er plötzlich auf. »Ich kann nicht mehr!« stöhnte er, den Stift fortwerfend und vor der Staffelei zurückweichend, als fürchte er zu fallen. »Der Kopf platzt mir, die Linien fangen an zu tanzen, alles dreht sich. Ich glaube, ich werde noch einmal verrückt!« Mit zitternden Händen nahm er von einem Tische einen Wasserkrug und trank in langen, durstigen Zügen. Dann ließ er sich auf einen Stuhl sinken. Seine Brust keuchte, seine Augen flackerten hin und her, an den Schläfen war die Haut wie ausgetrocknet. Erschreckt eilte Emma zu ihm. Als sie ihm ins Gesicht sah, tauchte plötzlich eine Erinnerung in ihr auf. Der blasende Atem, die zuckenden Pupillen, das eingefallene Gesicht ... es war ihr, als sitze Nelson da vor ihr in seinem Krankenstuhl, wie er sich mit wildem Sträuben gegen ihre Berührung aufbäumte ... War auch Romney ein Opfer jener schrecklichen Krankheit seiner Zeit? Unwillkürlich legte sie ihm ihre Hände auf die Stirn und strich mit ihnen in weicher Bewegung über seine Schultern und Arme hinab bis zu seinen Händen, die sie ergriff und leise drückte. Wie Nelson es getan hatte, schloß auch Romney die Augen und lehnte sich in den Stuhl zurück. »Wie wohl das tut!« flüsterte er. »Welch eine gute, starke Hand Sie haben! Mehr, Miß Emma, mehr!« Und er legte seine beiden Arme um sie und zog sie dicht an sich. Mit einer lechzenden Gier. Als ströme aus ihrem jungen Körper Leben und Kraft in den seinen hinüber. – – – – – – – – Sie ging nun jeden Morgen zu ihm. Sie fand ihn stets auf der Schwelle seines Ateliers, wie er ihr schon von weitem die Hände entgegenstreckte. Der Fünfundvierzigjährige, der verhätschelte Liebling der Frauen behandelte Emma mit einer Rücksicht, die für ihr wundes, gedemütigtes Herz wie stärkender Balsam war. Nie hörte sie ein unzartes Wort aus seinem Munde, nie eine verletzende Schmeichelei. Er lag vor ihrer Schönheit auf den Knien, ohne sie zu begehren. Ein Gottesgeschenk war sie ihm, dem er nur in tiefster Andacht nahte. Bald kannte sie sein ganzes Leben. Das Leben eines Künstlers, dem sein Beruf über alles ging, Als junger Anfänger hatte er sich verheiratet. Mit der Frau, die sein erstes Ideal gewesen war. In der Ehe hatte sie ihm mehrere Kinder geboren. Sie hatte ein gutes Herz, war aber nicht imstande, dem Fluge seiner Gedanken zu folgen. Durch ihre ewige Sorge um das tägliche Brot hatte sie ihm das Leben verbittert, bis er in der Enge fast zugrunde gegangen war. Nach langen Kämpfen hatte er sie verlassen. Sie lebte mit den Kindern in der Heimat, Romney aber hatte sie nie wiedergesehen. Er sprach ohne Bitterkeit von ihr und maß sich selbst alle Schuld zu. Er war, wie er mit einem trüben Lächeln sagte, ein Mensch, dem das Schicksal ein ruhiges Glück versagte. Darum war es gut, daß er gegangen war. Er würde die Seinen doch nur unglücklich gemacht haben. Aber in der freien Ungebundenheit seines Londoner Künstlerlebens war er nicht glücklicher geworden. Nie war er mit sich zufrieden; je größere Erfolge er errang, um so niedriger schätzte er sich ein. Widersprach man ihm darin, so wurde er leidenschaftlich heftig. Mit allen seinen Freunden hatte er sich darum schon einmal überwerfen; auch seine Trennung von Miß Kelly rührte daher. Ihrer unaufhörlichen Schmeicheleien überdrüssig, hatte er ihr das im voraus für ein Porträt gezahlte Honorar zurückgegeben und das fast vollendete Bild vernichtet. In solchen Zeiten der Mutlosigkeit schloß er sich wochenlang in seinem Atelier ein, und verbrachte seine Tage in einem Winkel hockend, in dumpfes Brüten versunken. Ein geheimer Druck lastete auf ihm, gegen den er vergebens ankämpfte. Auch Emma erlebte heftige Auftritte zwischen ihm und den Besuchern, die das Atelier des berühmten Malers überschwemmten. Nie aber richtete sich seine Gereiztheit gegen Emma selbst. Wie einem Idol hatte er ihr einen Altar in seinem Herzen errichtet; ein erschreckter Blick aus ihren Augen genügte, um ihn sanft und gefügig zu machen. Seine Freunde staunten über ihren Einfluß. Hayley, der Dichter, der fast täglich zu den Sitzungen kam, schrieb ihn dem Glück zu, das Romney über den Besitz des vollkommenen Modells empfand. Romney selbst aber widersprach mit jäh ausbrechender Heftigkeit. »Modell? Unsinn! Sie ist mir tausendmal mehr!« rief er mit einem glühenden Blick auf Emma, die ihm auf dem Podium gegenüberstand. »Die junge Sonne ist sie, die zu dem alten Manne kommt! Sie wärmt ihm die morschen Knochen, jagt die Nebel aus seinem Hirn, macht ihm das Herz frisch!« Er lehnte an der Staffelei mit einem nach innen gerichteten Blick, als suche er in die geheimsten Winkel seines Herzens zu dringen. »Es ist, als ob etwas Weiches, Fließendes und doch Starkes, Festes von ihr zu mir herüberkäme! Es duftet wie eine Blume, klingt wie Musik. Es macht gesund. Das ist es. Sollte Graham doch mehr sein, als ein bloßer Charlatan?« Hayley lachte hell auf. »Läßt du dich auch von dem Betrüger einfangen? Ich wundere mich, daß die Polizei noch nicht eingegriffen hat. Der Schwindel wird gemeingefährlich. Kaum haben wir die Hexenprozesse des Mittelalters überwunden, da kommt die Wissenschaft mit einem neuen Aberglauben! Und dabei halten sich diese Leute für gebildet und aufgeklärt!« Romney sah ihn ernst an. »Du spottest; und doch hat schon Shakespeare gesagt, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen alle Schulweisheit sich nichts träumen läßt! Ich bin ein ungelehrter Mensch, ich verstehe nichts, als das bißchen Malen. Aber eins weiß ich: solange Miß Emma um mich ist, bleibe ich gesund und werde nicht verrückt!« Er hatte es in einem seltsamen, zitternden Ton gesagt, als fürchte er sich vor etwas Schrecklichem, das er herannahen sah. Hayley betrachtete ihn besorgt. »Bist du wieder bei deiner Lieblingsidee?« rief er gezwungen scherzend. »Sehen Sie sich den Mann an, Miß Emma! Strotzt er nicht von Vernunft und Gesundheit? Er aber bildet sich ein, daß er eines Tages den Verstand verlieren wird. Weil ein Verwandter von ihm mal ein paar ungewöhnliche Ideen gehabt hat.« Er stimmte von neuem sein unwahres Gelächter an. Romney zuckte die Achseln. »Lach' nur! Wenn die Neunmalweisen etwas nicht verstehen, lachen sie. Damit glauben sie es abgetan. Mein Onkel war nicht exzentrisch, sondern krank. Jedesmal, wenn Neumond war, stieg ihm das Blut in den Kopf und machte ihn toll. Dann trank er. So hatte es übrigens sein Vater, mein Großvater, auch gemacht. Und wenn er sinnlos war, schrie er, ein Teufel sitze in seinem Schädel und flüstere ihm zu, er solle sich umbringen. Die Ärzte lachten. Wie du, Hayley, eben lachtest. Aber eines Tages tat er dem Teufel den Willen und hängte sich auf. Da lachten sie nicht mehr.« Er sprach so traurig und dabei doch so ruhig, daß Emma etwas wie Grauen ergriff. Auch Hayley blickte ernst. »Du bist doch ein ganz anderer Mensch als dein Onkel, Romney!« sagte er sanft, wie einem kranken Kinde zuredend. »Du lebst mäßig, trinkst nicht ...« »Und tue dies nicht und tue jenes nicht! Als wenn es darauf ankäme! Was geschehen soll, geschieht! Stillhalten – das ist der Inhalt aller Weisheit. Genug davon! An die Arbeit! Betäuben wir uns, um nicht an den Unsinn zu denken, den wir Leben nennen!« Er trieb Hayley hinaus und verschloß das Atelier hinter ihm. Langsam kehrte er zu seiner Staffelei zurück. »Ich hab' ihn gern!« sagte er. »Er hat mir viel Gutes erwiesen. Aber er hat eine Art zu fragen und auszuhorchen ... Er will meine Biographie schreiben. Es ist nicht gerade angenehm, schon bei Lebzeiten fortwährend seinen Nekrolog um sich zu haben!« Er lächelte selbst über den Scherz und machte sich wieder an seine Arbeit. Plötzlich aber ließ er Palette und Pinsel sinken, kam ganz nahe an Emma heran und sah sie mit einem seltsamen Blick an. »Haben Sie mich ein wenig gern, Miß Emma? Es ist so, wie ich vorhin sagte. Ich werde sicher einmal verrückt. Es ist da etwas in meinem Kopf... als wenn ich einen Knoten im Gehirn hätte. Da! hier oben! Ganz deutlich fühle ich, wie es sich immer fester schlingt. Nur wenn Ihre Hand mich berührt, läßt es nach. Als ob sich die Fäden ordneten. Wenn Sie mich gern haben, gehen Sie niemals von mir fort! Immer müssen Sie bei mir sein, immer! Ich weiß es, dann bleibe ich gesund!« Er sah sie an. Mit einem flehenden Blicke, der ihr Tränen in die Augen trieb. »Ich werde immer bei Ihnen sein, Romney!« sagte sie sanft. »Ich werde Sie nie verlassen, wenn Sie mich nicht selbst gehen heißen!« Er schüttelte den Kopf. »Wie sollte das geschehen? Ebensogut könnte ich das Schöne von mir stoßen. Das Schöne, das ich liebe und für das ich lebe!« Mit einer leisen, zärtlichen, ehrfurchtsvollen Bewegung ließ er seine Hand über ihr weißes, wallendes Gewand gleiten. Als fürchte er, durch eine rauhe Berührung etwas unendlich Feines, Duftiges zu zerstören. Dann arbeitete er weiter, ein glückliches Lächeln um die Lippen. – – – – – – – – Er hatte etwas Trauriges, Schüchternes, Kindliches in seinem Wesen, das ihm ihr ganzes Herz gewann. Um alles in der Welt hätte sie diesem Menschen nicht wehtun mögen. Sie liebte ihn, wie sie sich vorstellte, daß eine Mutter ihr Kind lieben müsse. Und lächelte doch über sich selbst. Sie, kaum den Kinderschuhen entwachsen, ein unwissendes Geschöpf des Zufalls – einen Romney beschützen ... Ach, sie hatte es nicht gedacht, aber es war so. Es war doch noch ein wenig Güte in ihrem Herzen ... Achtzehntes Kapitel Der Winter war sehr streng. Ungeheure Schneemassen fielen. Plötzlich setzte dann der Frühling mit warmen Winden ein. Die Themse schwoll an, starke Regengüsse vermehrten die Flut, das Wasser strömte über die Ufer und ergoß sich, in die niedrig gelegenen Viertel der Stadt. Garricks Haus an der Royal-Terrasse hatte schon immer einen schlechten Ruf gehabt, weil die Themse alljährlich die Keller überflutete; nun aber schien eine Katastrophe hereinbrechen zu sollen. Das Wasser drang in das Erdgeschoß ein, richtete arge Verwüstungen an, und als sich am Portal ein klaffender Riß zeigte, schien der Einsturz unvermeidlich. Den orthodoxen Kreisen Londons war der »Tempel der Gesundheit« schon lange ein Ärgernis gewesen; das Unternehmen wurde jedoch von zu einflußreichen Gönnern beschützt, als daß die Polizei einzugreifen gewagt hätte. Nun aber benutzte sie den Vorwand der drohenden Einsturzgefahr und befahl die sofortige Räumung des Hauses. Zwar gelang es Doktor Graham, im Schomberg-House geeignete Säle für die Ausstellung zu finden, aber über der Einrichtung würde der ganze Sommer vergehen. Erst im Herbst konnte im günstigsten Falle der »Tempel der Gesundheit« neu eröffnet werden. Von dem strömenden Regen durchnäßt kam Emma später als gewöhnlich zu Romney. Sie teilte ihm alles mit. »Doktor Graham ist in Verzweiflung!« schloß sie. »Er sieht alles verloren!« Romney hatte zugehört, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen. »Und Sie, Miß Emma?« fragte er nun mit einem seltsamen Lächeln. »Was werden Sie tun? Wenn Doktor Graham sein neues Unternehmen erst zum nächsten Winter zustande bringt, ist Hebe Vestina dann nicht wieder frei?« Der Gedanke war ihr noch nicht gekommen. Überrascht sah sie Romney an und eine strahlende Freude breitete sich über ihr Gesicht. »Frei? Wieder frei? Nicht mehr sich von frechen Blicken begaffen lassen und verächtliche Bemerkungen hören müssen?« Mit hastigen Schritten ging sie hin und her, wie gejagt von den auf sie einstürmenden neuen Gedanken. »Ach, Romney, wenn Sie wüßten, wie schwer ich daran getragen habe! Aber ich wagte nicht, es merken zu lassen. Man hätte mich ausgelacht. Ehre bei einem Geschöpf, wie ich!« In ein krampfhaftes, tränenloses Schluchzen ausbrechend warf sie sich auf einen Stuhl. »Und die Briefe, die ich jeden Morgen erhalte! ... Erst heute wieder!« Sie riß aus ihrem Kleide ein Papier und schleuderte es mit einer Gebärde des Ekels zu Boden. »Ein Mensch, den ich nicht kenne, der es nicht einmal für nötig hält, seinen Namen zu nennen, bietet mir fünfzig Pfund für eine Nacht! ... Wie ich diesen Körper hasse, über den die Leute in Entzücken geraten! ... Es ist wahr, an jenem Abend, als ich Gainsborough besiegte, fühlte ich etwas wie Triumph. Nun aber – unter den gemeinen Blicken der Menge ist davon nichts übriggeblieben. Und darum, Romney – mag ich Ihnen vielleicht auch eine stille Hoffnung zerstören – niemals werde ich mich von Ihnen nackt malen lassen! Niemals! Hören Sie? Niemals!« Mit flammenden Blicken sah sie ihn an, als sei er es, der sie beleidigte. Verwirrt wich er ihren Augen aus. Und sie merkte, daß er wirklich jene Hoffnung gehegt hatte. Aber sein enttäuschtes Gesicht rührte sie nicht, wie sonst. Unauslöschlich hatte sich das Bewußtsein ihrer Schmach in ihre Seele gegraben. Mit einem harten Zug um die Lippen wandte sie sich ab und ging zu einem Fenster, um schweigend in den Regen hinauszustarren. Dieser feinfühlige Künstler, dieser weichherzige Mensch – war er auch, wie die anderen? Reckte sich auch in ihm der Mann empor, mit dem wilden Drange, das angebetete Ideal von dem Altar, den er selbst ihm errichtet hatte, herabzureißen und in seinen brünstigen Armen zu entweihen? Ach, sie traute keinem mehr. – – – – – – – – Eine peinliche Stille herrschte. Das Papier lag noch auf dem Boden. Mechanisch hob Romney es auf und glättete es zwischen seinen Händen. Plötzlich stieß er einen Ruf der Überraschung aus. »Die, verschnörkelte Handschrift ... das Gemisch von Englisch und Französisch ...« Er lachte auf, wie belustigt. »Das muß Fetherstonehaugh geschrieben haben! Erinnern Sie sich seiner nicht, Miß Emma? Er kommt zuweilen her, wenn Sie mir sitzen. Dann stellt er sich hinter mich, sieht das Bild an, sieht Sie an, seufzt tief auf, murmelt etwas vor sich hin und geht wieder!« Erstaunt, betroffen wandte sich Emma ihm wieder zu. »Der Geck? Weiß er denn, daß ich Hebe Vestina bin? Sie hatten mir doch versprochen zu schweigen!« »Ich habe mein Wort streng gehalten! Sir Fetherstonehaugh kann den Zusammenhang nicht kennen! Trotzdem ist es seine Handschrift. Ich werde ihn zur Rede stellen, sobald er kommt!« Sie schüttelte den Kopf. »Damit er erfährt, wer ich bin? Nein, Romney, das werden Sie nicht tun! Auch werde ich mir schon selbst Genugtuung verschaffen, wenn es mir der Mühe wert erscheint!« Lachend nahm sie ihm das Papier fort und steckte es ein. Ihre Schwermut war verflogen. Eilig schlüpfte sie in das Gewand der Circe, ergriff ihren Stab und trat auf das Podium. Romney machte ein paar schnelle Striche über die Leinwand. Dann aber hielt er wieder inne. »Darf ich Sie um etwas bitten, Miß Emma?« sagte er stockend, verlegen. »Da Sie jetzt frei werden ... Sie würden mir einen großen Dienst erweisen ... Möchten Sie zu mir kommen und bei mir bleiben? Ganz?« Und in hastigen Worten, als fürchte er eine voreilige Absage, erklärte er ihr, wie er, sich ihr Verhältnis dachte, wenn sie einwilligte. Er würde sich in die Zimmer rechts vom Atelier zurückziehen, während ihr die beiden Räume links gehören sollten. Das Atelier selbst würde beiden gemeinsam sein, neutraler Boden. Niemals würde er ungerufen ihre Schwelle überschreiten, niemals das Opfer außer acht lassen, das sie ihm brachte. Herrin sollte sie sein, nur zu winken brauchen, um alle ihre Befehle sofort vollzogen zu sehen. Sie war nicht überrascht. Längst hatte sie seine Bitte vorausgesehen. Aber sie schwankte. Sollte sie den »Tempel der Gesundheit« nur verlassen, um das Modell eines Malers zu werden? Hatte sie sich nicht fest vorgenommen, sobald sie von Graham frei war, zu Sheridan zu gehen und sich um eine Stellung am Drury-Lane-Theater zu bewerben? Offen setzte sie Romney ihre Pläne auseinander. »Was halten Sie davon?« schloß sie in geheimer Erregung. »Glauben Sie, daß ich Talent zur Schauspielerin habe?« Er schien von der Frage peinlich berührt. Nachdenklich ging er ein paarmal hin und her. Dann kam er zu ihr und sah ihr mit einem fast ängstlich forschenden Blick in die Augen. »Talent? Sie besitzen ohne Zweifel eine erstaunliche Verwandlungsfähigkeit. Für jede Seelenstimmung finden Sie sofort den treffendsten Ausdruck. Und beides, das Komische und das Tragische, gelingt Ihnen gleich gut. Als Boydell, der Kupferstecher, mich neulich um ein Blatt für seine Shakespeare-Galerie bat, dachte ich sofort an Sie. Es soll den Knaben Shakespeare darstellen, wie er von den Musen der Komödie und der Tragödie aufgezogen wird. Für beide müssen Sie mir sitzen, Miß Emma. Es wird eine feine Studie werden!« Seine Augen glänzten, seine Hände machten lebhafte Bewegungen. Dann besann er sich und sein Gesicht wurde ernst. »Scheinbar also eignen Sie sich vortrefflich zur Schauspielerin. Dennoch ...« Er zögerte, wie nach einem Worte suchend. »Scheinbar? Dennoch?« wiederholte Emma unruhig. »Warum sprechen Sie nicht weiter?« Er ergriff ihre Hand und streichelte sie zärtlich. Wie im voraus um Verzeihung bittend für das, was er ihr sagen wollte. »Ich möchte Ihnen um alles in der Welt nicht wehtun, Miß Emma! Aber...haben Sie Mrs. Siddons schon einmal außerhalb der Bühne gesehen?« »Niemals. Aber ich kenne ihr Bild als tragische Muse. Reynolds, glaube ich, hat es gemalt!« Er nickte. »Sie ist nicht schön. Sie hat scharfe Züge, eine große Nase, einen häßlichen Mund. Dennoch wirkt sie auf der Szene. Sie hat ein Theatergesicht, das durch Puder und Schminke gewinnt. Während Ihr Gesicht, Miß Emma... ich kann mich irren, aber ich glaube nicht, daß Ihre Schönheit Rampenlicht verträgt. Ihr ganzer, bezaubernder Liebreiz würde, fürchte ich, verschwinden. Man würde kaum etwas von der Seele merken, die in diesem Körper wohnt. Sie würden aussehen, wie... wie eine...« »Wie eine Puppe?« Wieder nickte er und streichelte ihre Hand. »Seien Sie mir nicht böse, Miß Emma!« bat er warm. »Wenn ich nicht Ihr aufrichtiger Freund wäre, hätte ich geschwiegen. So aber ... Einen kleinen Kreis von Zuschauern werden Sie lachen und weinen machen, hinreißen und in Schrecken setzen, ganz wie Sie wollen. Aber eine tausendköpfige Menge, in einem großen Raum, der jede zarte Abtönung verschlingt ... Den weichen Blick ihrer Augen, das schmerzliche Zucken Ihres Mundes, die leisen Bewegungen Ihrer Hände wird man gar nicht sehen. Weil Sie mit feiner Feder malen, während die Bühne den Maurerpinsel verlangt. Ich setze damit Ihre Kunst nicht herab. Im Gegenteil, es gibt für sie kein größeres Lob. Auch im Gesang ist ja die edelste Blüte nicht die große, marktschreierische Arie des Theaters, sondern das einfache, unmittelbar zum Herzen sprechende Lied der stillen Stunden!« Mit bittendem Bück suchte er ihr Auge. Sie aber wollte ihm ihr zuckendes Gesicht nicht zeigen und kehrte ihm den Rücken. In jenen Nächten, da sie in der Mansarde der Mrs. Cane die Julia gelernt hatte – hatte sie sich da nicht selbst voll bangen Zweifels gefragt, ob sie die große Geste der Tragödin finden würde? Nun verneinte es Romney. Er, der geübte Beobachter, mit dem scharfen Blick des Malers ... Blaß vor Erregung wandte sie sich wieder zu ihm. »Kennen Sie Sheridan? Ich möchte ihn um eine Prüfung bitten. Ich glaube ja selbst, daß Sie recht haben, Romney. Aber ich muß sicher gehen. Es handelt sich um meine ganze Zukunft. Und da Sheridan Fachmann ist ... Können Sie mir durch eine Empfehlung Zutritt zu ihm verschaffen? Gleich heute?« Romney schien zu zögern. »Ich bin mit ihm befreundet. Er würde Sie sofort empfangen. Aber ist es nicht besser, wenn ich Sie begleite? Ich fürchte, Sie werden sich erregen ...« Sie schüttelte den Kopf. »Ich muß allein mit ihm sprechen! Ganz allein!« »Meinen Sie, daß ich versuchen würde, ihn gegen Sie einzunehmen? Um Sie für mich zu behalten? Miß Emma, niemand liegt Ihr Glück mehr am Herzen, als mir!« Sie zuckte die Achseln. »Schreiben Sie also!« Während er sich gehorsam an einen Tisch setzte und den Brief begann, trat sie wieder an das Fenster und starrte hinaus. Noch immer strömte der Regen. In düsteren Massen fiel er herab, der Wind peitschte ihn über die Dächer und löste ihn in einen grauen Schwaden auf, den er in der Straße zerstäubte. Ein Bild ihres Lebens ... Aus dem Elend kam es. Wilde Stürme jagten es. Spurlos würde es wohl in einem dunklen Winkel der Straße zergehen... – – – – – – – – Als sie aus Romneys Hause trat, sah sie Sir Fetherstonehaugh aus einer Equipage steigen. Sie hatte ihn bisher nicht beachtet. Vom Hörensagen wußte sie nur, daß er kürzlich von seiner Tour über den Kontinent zurückgekehrt war, von der er seine Fertigkeit im Pistolenschießen, seine komische Sprache, ein Gemisch von Englisch und Französisch, und seine lächerliche Sucht mitgebracht hatte, nach Pariser Muster graziös und elegant zu erscheinen. Er war noch sehr jung, kaum dem Knabenalter entwachsen, und sollte nach dem kürzlich erfolgten Tode seines Vaters ein großes Vermögen geerbt haben. Als er mit seinen tänzelnden Schritten zu ihr herankam, erinnerte sie sich des Briefes an die Hebe Vestina und betrachtete ihn genauer. Er hatte ein blondes, nichtssagendes Gesicht, war sehr groß und sah aus wie ein geübter Sportsman. Mitten im Regen blieb er vor ihr stehen und zog mit einer tiefen Verbeugung den Hut. »Mille pardons, Miß Emma, darf ich mir gestatten, Sie anzureden? Mr. Romney, est-il malade? Ich meine, weil er zugelassen hat, daß Circé la divine schon so früh fortgeht.« »Er ist trotzdem gesund, Mylord.« »Ah, je suis enchanté! Und ... pardonnez, mademoiselle, mais ... ist es erlaubt zu fragen, wohin Sie gehen?« »Es ist nicht erlaubt, Mylord.« »Oh! Cela me rend très triste, Miß Emma. Aber ... es regnet sehr, il fait de la pluie ... darf ich Ihnen meinen Wagen anbieten?« Das Durcheinander von englischer Unverfrorenheit und französischer Ritterlichkeit in seinem Wesen belustigte sie. »Sie sind sehr liebenswürdig, Mylord,« sagte sie lachend. »Sind Sie immer so? Stellen Sie Ihre Equipage jeder Dame zur Verfügung, der Sie begegnen?« Beteuernd legte er sich die Hand auf die Brust. »Assurément, Miß Emma! Wenn diese Dame schön ist, wie Sie!« »Sie besitzen also keine Vorurteile, Mylord?« Er lächelte überlegen. »Des préjugés? Il n'y en a plus qu'en Angleterre! Vorurteile gibt es nur noch in England. In Frankreich hat man sie längst abgeschafft. Ah, les Francais! C'est une nation admirable! La première du monde!« Sie lächelte voll Spott. »Bravo, Mylord! Aber trotzdem – ehe ich Ihr freundliches Anerbieten annehme, möchte ich doch, daß Sie wissen, wem Sie es machen. Darf ich Sie bitten zu lesen?« Sie gab ihm den Brief. Er warf einen Blick hinein, dann richtete er seine Augen mit offenem Erstaunen auf Emma. »Cette lettre ... dieser Brief ... wie kommen Sie zu ihm, Miß Emma?« Sie sah ihn scharf an. »Haben Sie ihn geschrieben, Mylord?« Er nickte, ohne eine Spur von Verlegenheit. »Naturellement! Selbstverständlich! Aber er war an die Hebe Vestina des Doktor Graham gerichtet! Und ich verstehe nicht ...« »Hebe Vestina bin ich, Mylord!« Sie machte ihm eine spöttische Verbeugung. Überrascht trat er einen Schritt zurück und setzte mechanisch seinen Hut auf. Er sah recht dumm aus in seiner Verblüffung. »Ich konnte es mir bisher nicht erklären,« sagte er nach einer Weile, »daß ich gleichzeitig in Hebe Vestina und in Circe verliebt war. Maintenant je le comprends! Meine Seele suchte zu jenem schönen Körper das fehlende Gesicht. C'est étonnant, n'est-ce pas? Aber es ist auch eine Entschuldigung für mich, daß ich den Brief geschrieben habe. Diese fünfzig Pfund – oh, c'est bien blâmable pour moi! Der Circe von Mr. Romney hätte ich natürlich ganz anders geschrieben – tout autrement, vous comprenez!« Er schüttelte bedauernd den Kopf, indem er den Hut wieder abnahm und sich verbeugte. »Und wie hätten Sie an Circe geschrieben, Mylord?« »Oh, rien de cinquante guinées. Pour Circé c'est une bagatelle! Ihr würde ich ein Hotel in Oxford-Street, eine Equipage, Reitpferde, eine Loge im Drurylane und für den Sommer ein Schloß in Sussex angeboten haben. C'est ce que je me donne l'honneur de faire maintenant – was ich hiermit in aller Form tue!« Wieder verbeugte er sich, während ihm der Regen von dem entblößten Kopfe über die Stirne rann. Emma lachte ihm laut ins Gesicht. »Und das nennen Sie Vorurteilslosigkeit, Mylord?« spottete sie. »Ich dachte Sie würden mir mindestens Ihre Hand anbieten! Ich bedauere daher, auch von Ihrer Equipage keinen Gebrauch machen zu können und ziehe es vor, gut bürgerlich zu Fuße zu gehen. Leben Sie wohl, Mylord!« Sie ließ ihn stehen und schritt davon. An der nächsten Straßenecke warf sie unwillkürlich einen Blick zurück. Noch immer stand Sir Fetherstonehaugh auf der Straße, im strömenden Regen, den Hut in der Hand und starrte ihr nach. Neunzehntes Kapitel Sheridan empfing Emma sofort. Ihre Schönheit machte offenbar starken Eindruck auf ihn. Wohlwollend hörte er sie an und ließ sie in seinem Arbeitszimmer Szenen der Julia rezitieren. »Die psychologischen Momente sind richtig erfaßt!« sagte er dann. »Auch Ihre Stimme ist biegsam und hat einen sympathischen Klang. Dennoch wage ich noch kein endgültiges Urteil abzugeben. Der Raum ist zu klein, um die Bühnenwirkung einschätzen zu können.« Er überlegte einen Augenblick, dann ließ er auf der Bühne die Dekoration zu der Wahnsinnsszene der Ophelia setzen. Hier, im vollen Lichte der Lampen spielte Emma vor dem leeren Hause. Sie empfand keine Furcht; mit leidenschaftlicher Hingabe vertiefte sie sich in den Geist der Rolle. Die Erinnerung an jene Zeit stieg in ihr herauf, da sie, von Sir John verlassen, das Kind geboren hatte. Noch einmal durchlebte sie die Reue, die Selbstanklage, die Verzweiflung, die sie bis an den Rand des Wahnsinns getrieben hatten. In Ophelia spielte sie sich selbst. Sheridan hatte in der Mitte des Parketts gesessen. Als Emma geendet, kam er auf die Bühne, das ausdrucksvolle Gesicht voll scharfen Nachdenkens. Er zögerte eine Zeitlang, dann aber gab er ihr sein Urteil. In schonender Form, aber ohne Umschweife und ohne Beschönigung. Er sagte dasselbe, was Romney gesagt hatte. Sie hörte ihm zu. Es war ihr, als klinge seine Stimme aus weiter Ferne und als gälten seine Worte nicht ihr, sondern irgendeiner Fremden, die da in einem dunklen Winkel der Kulissen stand. Ein bleiches, schmerzverzogenes Gesicht, dieses Gesicht der anderen ... Große, weit aufgerissene Augen starrten aus dem Dunkel, zwei flackernde Flammen ... Ophelia ... Jung und schön war Ophelia. Voll Liebe, voll Vertrauen. Und das Leben spielte mit ihr sein altes, grausames Spiel ... Plötzlich brach Emma in ein schrilles Gelächter aus. – – – – – – – – Ein paar Augenblicke später erinnerte sie sich an nichts mehr und war erstaunt, als sie Sheridans Sorge um sie sah. Er ließ einen Wagen holen und wollte ihr einen Diener mitgeben, um sie sicher zu Romney zurückzugeleiten. Den Wagen nahm sie an, aber den Diener wies sie zurück. Ihr fehlte nichts. Sie war nur ein wenig müde, aber die Fahrt würde sie erfrischen. Sie dankte Sheridan mit Worten, die sie selbst kaum hörte, und fuhr zum Cavendish Square zurück. Unterwegs schlief sie ein. Als der Wagen hielt, mußte der Kutscher sie wecken. – – – – – – – – Im Atelier saß Romney in seinem Winkel, der Zuflucht seiner trüben Stunden. Bei Emmas Eintritt sprang er auf und eilte ihr mit einem besorgt fragenden Blick entgegen. Ihr stummes Achselzucken sagte ihm alles. An der Staffelei betrachtete Sir Fetherstonehaugh das sich der Vollendung nähernde Bild. Nun kam er hervor. »Mr. Romney hat mir gestattet, in seiner Gegenwart mit Ihnen zu verhandeln, Miß Hart!«, sagte er in feierlichem Ton und in reinem Englisch. »Wollen Sie mir ebenfalls die Erlaubnis dazu erteilen?« Heftig unterbrach sie ihn. »Ich wüßte nicht, was ich mit Ihnen noch zu verhandeln hätte!« In seinem Gesicht veränderte sich keine Miene. »Ich habe Mr. Romney gesagt, daß ich einen Fauxpas begangen habe, als ich Hebe Vestina fünfzig Pfund anbot, und daß ich diesen Fauxpas bedauere. Ich habe Mr. Romney ferner mitgeteilt, was ich seiner Circe vorhin angeboten habe. Aber auch das ist ein Fauxpas, den ich ebenfalls bedauere. Endlich habe ich Mr. Romney um Rat gefragt, was ich tun muß, um Miß Hart für mich zu gewinnen. Mr. Romney aber wußte mir keinen Rat und verwies mich an Sie selbst. Darf ich Sie daher fragen, unter welchen Bedingungen Sie einwilligen würden, die Meine zu werden?« Ungeduldig hatte sie ihn abermals unterbrechen wollen. Aber der Gegensatz zwischen seinem ernsthaften Gesicht und seinen komischen Worten entwaffnete für einen Augenblick ihren Zorn. »Sind Euer Herrlichkeit sich darüber klar, wem Sie Ihre Zuneigung schenken?« Er sah sie bewundernd an. »Der schönsten Frau der Erde!« »Und das genügt Ihnen?« »Es genügt mir!« »Es ist aber noch nicht alles, Mylord! So wissen Sie denn, ich stamme aus dem niedersten Volke, kann nichts, habe nichts und bin soeben von Mr. Sheridan zurückgewiesen worden, als ich mich um eine Stelle am Drury-Lane-Theater bewarb. Endlich besitze ich ein Kind, dessen Vater in meine Schönheit verliebt war. Wie Euere Lordschaft. Als er mich besessen hatte, warf er mich auf die Straße.« »Wie heißt dieser Mensch?« »Sir John Willet Payne.« »Der Admiral?« »Damals war er Kapitän!« »Er ist ein Schurke. Ich werde es ihm sagen, wenn er mir eines Tages begegnet. Im übrigen hat das mit unserer Angelegenheit nichts zu tun. Ich bin ein Mensch, Sie sind ein Mensch. Das ist mein Standpunkt. Ich bitte nochmals um Ihre Bedingungen!« Seine unerschütterliche Bedachtsamkeit reizte sie. »Gut denn, Mylord!« stieß sie zornig heraus. »Ich, die Entehrte, habe beschlossen, nur einem Lord anzugehören. Und auch diesem nur dann, wenn er mich heiratet. Ist das nicht Wahnsinn?« Er antwortete nicht gleich. Er sah sie nachdenklich an. »Ich glaube nicht, daß es Wahnsinn ist!« sagte er dann langsam. »Ich bin überzeugt, daß Sie Ihr Ziel erreichen werden. Leider bin ich augenblicklich nicht in der Lage, mich in dieser Frage sofort zu entscheiden. Ich bin noch minorenn und habe einige Rücksichten zu nehmen. Sobald ich mir Klarheit verschafft habe, werde ich mir gestatten, Sie zu benachrichtigen. – Mr. Romney, ich danke Ihnen! Sie werden von mir hören, Mylady!« Er winkte Romney zu und machte Emma eine tiefe Verbeugung. Dann verließ er das Atelier, mit den tänzelnden Schritten, die seiner britischen Steifheit ein so lächerliches Gepräge verliehen. Mylady ... Ein armer Narr, der wohl nicht wußte, was er sprach. – – – – – – – – »Sie sind von der Natur mit so reichen Gaben ausgestattet,« sagte Romney, als sie ihm Sheridans Entscheidung mitgeteilt hatte, »daß ich über Ihre Zukunft ohne Sorge bin. Sie müssen sich Ihrer Kraft nur erst bewußt werden. Und dann brauchen Sie nur zu wollen!« »Wollen!« stieß sie in quälendem Zweifel heraus. »Immer habe ich gewollt, niemals etwas erreicht!« »Vielleicht haben Sie bisher nicht das Richtige gewollt. In Ihnen ist noch alles in Gärung. Sie sind kompliziert, aus lauter Gegensätzen zusammengesetzt. Sie haben gleichzeitig das Herrische einer Aristokratin, den Lebens- und Freiheitsdrang einer fahrenden Frau und die ehrbare Sittsamkeit einer kleinen Bürgerin. Was nun stärker in Ihnen ist ... noch ist es nicht zu erkennen!« Voll Selbstverspottung schürzte sie die Lippen. »Jedenfalls bin ich augenblicklich eine gemeine Abenteuerin!« »Gemein? Sie handeln, wie Ihre Natur es Ihnen eingibt. Und die Natur ist nie gemein. Wären wir in dem Frankreich Ludwigs des Fünfzehnten, so würden Sie wie eine Pompadour einen König zu Ihren Füßen sehen und der Welt Gesetze diktieren. In Griechenland würden Sie die Aspasia des Perikles, in Rom die Berenice des Titus geworden sein, die aus den plebejischen Flaviern weltbeherrschende Cäsaren machte.« Sie zuckte die Achseln. »Wir sind in England. Und in England gilt die Frau nichts!« Er nickte. »Es ist wahr, seit den Tagen der Elisabeth haben die Frauen für den Staat keine Bedeutung mehr gehabt. Das Parlament hindert unsere Könige, das ›L'etat, c'est moi!‹ zu proklamieren. Sie hatten daher recht, als Sie die Anträge des Prinzen George zurückwiesen. Was wären Sie geworden? Die Mätresse eines Prinzen. Das ist in England sehr wenig.« »Daran habe ich damals gar nicht gedacht! Er war mir zuwider und sein Treiben ekelte mich an.« »Weil da die Ehrbarkeit der kleinen Bürgerin in Ihnen sprach.« Nachdenklich ging sie hin und her. »Es ist richtig. Etwas Ängstliches, Beschränktes steckt in mir. Immer fiel es mir in den Arm, wenn ich handeln wollte. Ohne diesen Hemmschuh wäre ich heute vielleicht glücklich!« Zweifelnd wiegte er den Kopf. »Glücklich? Halten Sie die kleinen Bürgerinnen für unglücklich?« Etwas wie Heiterkeit erschien für einen Augenblick auf ihrem Gesicht. »Leben wie Mrs. Thomas in Hawarden? Wie Mrs. Cane in ihrem Laden? Ich stürbe vor Langerweile!« Er sah sie aufmerksam an. Mit leisem Forschen. »Wenn Sie einen Mann von Herzen lieb hätten ...« Der heitere Schimmer verschwand plötzlich von ihrem Gesicht. »Liebe!« stieß sie finster heraus. »Ich will nichts von Liebe wissen! Ich liebe niemand! Ich bin überhaupt nicht mehr fähig zu lieben! Mein Herz ist tot!« Sie dachte an das, was sie von dieser viel gepriesenen Liebe bisher erfahren hatte. Overton ... Tom ... Sir John ... Der eine war achtlos an ihr vorübergegangen, der andere hatte gezögert, bis es zu spät war, der dritte hatte sie mit Füßen getreten ... Und Romney ... Es fiel ihr ein, daß er nichts von dem wissen konnte, was in ihr vorging. Daß er in seinem Zartgefühl sie niemals nach ihrer Vergangenheit gefragt hatte. Und dieses schonende Vertrauen rührte ihr das Herz. »Ich weiß, Sie möchten gern erfahren, was auf mich drückt!« sagte sie leise. »Sie haben mich lieb und möchten mir helfen. Ich kann es Ihnen aber nicht sagen. Noch nicht. Und doch ... Ich sterbe noch daran!« Zärtlich nahm er ihre Hand. »Wenn Sie es sich von der Seele wälzen könnten! Das Schweigen macht Sie krank.« Sie wußte, daß es so war. In der ganzen Zeit hatte sie unter diesem Schweigen gelitten. Aber sie konnte nicht davon sprechen. Sie brachte es nicht heraus. Sanft machte sie sich von Romney los. Aber plötzlich sagte sie es dennoch. Es sprengte ihr die Lippen, brach hervor wie ein Sturm. Sie verheimlichte nichts. Die Gewalttat Sir Johns, den kurzen Taumel des an Wahnsinn grenzenden Genusses, die trostlose Verlassenheit, die Geburt des Kindes, das dunkle Leben der Straße – alles offenbarte sie mit einer Schonungslosigkeit gegen sich selbst, die ihr gleichzeitig Schmerz und einen seltsamen, fast wollüstigen Rausch bereitete Mit einem einzigen wilden Aufschrei ihrer Seele endete sie. »Welche Leidenschaft in Ihnen ist!« sagte Romney erschüttert. »Und wie Sie hassen können!« »Hassen?« grübelte sie. »Haßte ich Sir John? Wenn ich ihn gehaßt hätte – oh, ich hätte ihn getötet! Aber so ... es war etwas Dunkles, Übermächtiges in mir ... es trieb mich ihm in die Arme, obgleich ich ihn verabscheute. Auch zu Tom trieb es mich. Er brauchte mich nur zu zwingen, Und ich hätte ihm gehört. Es war nicht Liebe. Etwas Sehnsüchtiges, Verführerisches. Es stieg in mir auf, plötzlich, machte mich taumeln, daß ich nicht wußte, was ich tat!« Romney nickte still vor sich hin. »Die Natur des Weibes. Die Zeit des Reifens ...« »Die Natur? Was für eine Natur ist das, die mich dem ersten besten in die Arme wirft? ... Und doch ... es ist wahr, ich hasse Sir John nicht. Seltsam! Der einzige Mensch, den ich bisher gehaßt habe, war ein Weib. Ein junges Mädchen, das mich beleidigte. Um eine Kleinigkeit war's! Aber ich hasse sie noch immer. Böses könnte ich ihr antun, wenn ich die Macht hätte.« Sie sagte es langsam vor sich hin, dem Rätsel ihres Herzens nachspürend. Wie kam es nur, daß sie jetzt an Overton denken mußte, ohne äußeren Anlaß? Wenn sie ihn wiedergesehen hätte, wäre jetzt alles ganz anders. Mit Leib und Seele wäre sie die Seine geworden ohne Zögern, ohne Reue. Hatte sie nicht in Sir Johns schändlichen Umarmungen einen süßen Trost geschöpft aus der Einbildung, es seien Overtons Arme, die sie umfingen, Overtons Lippen, die sie küßten, Overtons Worte, die ihr Leidenschaft ins Herz träufelten? Er aber hatte sie verschmäht. Fing sie nun an, ihn darum zu hassen? – – – – – – – – Drei Wochen später stellte Romney die »Circe« aus. Wie Reynolds es vorausgesagt, hatte das Werk einen ungeheuren Erfolg. Es machte seinen Schöpfer zum begehrtesten Porträtmaler Londons. Die Kupferstecher vervielfältigten es, die Bilderhändler legten es aus, in Hunderten von Exemplaren fand es Verbreitung. Bewundernd stand die Menge vor der zauberischen Gestalt, die aus der Vorzeit heraufgestiegen schien, um die Welt aufs neue dem Schönheitsideal der alten Hellenen zu unterwerfen. Romney feierte den Sieg in der stillen Zurückgezogenheit des Ateliers. Der neue Ruhm erzeugte in ihm einen glühenden Schaffensdrang. Schon hatte er ein zweites Bild Emmas auf der Staffelei, das ihre Seele wiedergeben sollte. »Sensibility« nannte er es, und wollte in ihr die zarte Empfindsamkeit des Mädchenherzens malen, das vor jeder rauhen Berührung sich mimosenhaft in sich zurückzieht. Die unter dem gleichen Namen bekannte Pflanze sollte auf dem Bilde angebracht werden, um den ganz auf das Seelische gestellten Ausdruck der Gestalt sinnfällig zu erklären. Entwürfe zu weiteren Bildern Emmas als Bacchantin, Ariadne, Alope, Kassandra, Miranda, als Titania, Hebe, Maria Magdalena, Calypso, Sibylle, Iphigenie trug er mit sich herum und füllte seine Mappe mit zahllosen Studien und Skizzen. Unaufhörlich studierte er ihr Gesicht, verfolgte mit gierigen Augen jeden Wechsel des Ausdrucks, suchte selbst die flüchtigste Regung mit schnellem Stift festzuhalten. In Emma betete er nicht nur das kostbare Modell und die schöne Frau an, sie war ihm das Weib überhaupt. Auch Emma blieb nicht unberührt von dem Zauber des Ruhmes. Sie, die Unbekannte, Niedriggeborene kam nun durch die Hand eines Künstlers auf die Nachwelt. Diese blauen Augen, dieses rotleuchtende Haar, diese schwellend roten Lippen würden noch das Entzücken von Generationen bilden. Die vielleicht nichts von Emma Lyon wußten, als daß sie irgendwo in einem unbekannten Winkel geboren und gestorben war, gleich Millionen anderer ihres Geschlechts ... Aufs neue ergriff sie der brennende Drang, mehr zu sein, als nur ein Geschöpf der Lust für andere. Ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, es zu lenken zu hohem Aufstieg, oder zu tiefem Fall. Wie von langer Krankheit genesen fühlte sie sich, kraftvoll erhob sich abermals in ihr der Wille. – – – – – – – – Seit Wochen war Sir Fetherstonehaugh nicht mehr im Atelier gewesen. Nun, gegen das Ende des Frühjahrs kam er plötzlich eines Morgens herein. Er war bei seiner Mutter und bei seinem Vormund gewesen, um ihre Einwilligung zu seiner Heirat mit Emma zu erlangen. Beide hatten sie ihm rund abgeschlagen. »Mais je ferai ce que je veux, quand même!« sagte er. »In zwei Jahren, wenn ich majorenn geworden bin, werde ich Ihnen meine Hand reichen, Miß Hart. Jusque-là biete ich Ihnen Up Park in Sussex für den Sommer zum Wohnsitz an. Ein Schloß, über das ich verfüge. En hiver nous serons à Londres. Tout est preparé, wir können jeden Tag abreisen. Meine Freunde in Sussex erwarten Sie. Wir werden reiten, jagen, spielen, tout ce que vous pourrez souhaiter! Man wird Ihnen überall mit dem einer Lady Fetherstonehaugh schuldigen Respekt begegnen!« Er machte ihr jene tiefe Verbeugung, die er aus Paris mitgebracht hatte, und sah sie erwartungsvoll an. Erstaunt hatte sie ihm zugehört. Nun flog etwas wie ein Lächeln des Spottes und des Mißtrauens um ihre Lippen, das zu der Pose der »Sensibility«, in der sie eben noch für Romneys Bild gewesen war, in einem schneidenden Gegensatz stand. »Und wer bürgt mir dafür, daß Euere Lordschaft bis zu Ihrer Großjährigkeitserklärung meiner nicht überdrüssig werden und mich fortwerfen, wie einen abgenutzten Handschuh?« Schweigend holte Sir Fetherstonehaugh ein von einem Notar beglaubigtes Schriftstück hervor, das er ihr überreichte. Unter Verpfändung seiner Ehre als Mann und englischer Baronet verpflichtete er sich darin, Emma am Tage seiner Großjährigkeitserklärung zu heiraten. Sollte er dieses sein Wort nicht einlösen, so gestand er jedermann das Recht zu, ihn als Schurken, meineidigen Lügner und Ehrlosen zu behandeln. Auch war für diesen Fall eine Entschädigung von zwanzigtausend Pfund ausgesetzt, die Emma ohne richterlichen. Spruch zustehen sollte. Dieselbe Summe erhielt sie, wenn Sir Fetherstonehaugn vor Erfüllung seines Eheversprechens starb. Emma reichte das Dokument Romney zum Lesen. Er prüfte es lange und sorgfältig. Alles war in Ordnung; Emma brauchte nur einzuwilligen, um in zwei Jahren Lady Fetherstonehaugh zu sein. Das Ziel ihres Ehrgeizes bot sich ihr dar. Dennoch zögerte sie, zuzugreifen. Etwas in ihr widerstrebte. Etwas, wie eine leise Stimme, die unter dem Schutt ihres Herzens zu weinen schien. »Sie würden mich also als Ihre Braut betrachten, Mylord?« fragte sie nach einer Weile. »Und nichts von mir verlangen, was ich Ihnen nicht freiwillig gebe?« Er stutzte einen Augenblick. Dann verneigte er sich ernst. »Alles soll so sein, wie Sie es wünschen, Mylady!« Wieder nannte er sie mit dem stolzen Titel. Und wieder gewann das Wort seinen berauschenden Klang. Schon wollte sie zusagen, als Romney dazwischentrat und sie in einen entfernten Winkel des Ateliers zog. »Willigen Sie nicht ein, Miß Emma!« bat er besorgt. »Sehen Sie nicht, daß Sir Fetherstonehaugh ein unmündiger Knabe ist? Er weiß nicht, was er tut.« In ihren Augen erschien ein flackerndes Licht. »Auch ich war unmündig! Auch ich wußte nicht, was ich tat! Dennoch nahm, mich Sir John als willkommene Beute!« Bestürzt sah Romney sie an. »Sir John handelte als Schurke an Ihnen, aber er tat's nicht mit kaltem Blute! Er liebte Sie! Sie aber –« Er stockte. »Ich aber?« fragte sie langsam zurück. »Woher wissen Sie, daß ich Sir Fetherstonehaugh nicht liebe?« Sie lächelte, während sie ihre Augen tief in die seinen senkte. Eine grausame Regung machte ihr Herz kalt und listig. Romney wurde totenblaß. Er wollte etwas entgegnen, fand aber kein Wort. Den Kopf auf die Brust sinken lassend, wandte er sich ab. Sie wußte nun, daß er sie liebte. Darum war er schwach. Ihr Herz aber war tot. Und das war ihre Stärke. Ruhig gab sie Sir Fetherstonehaugh die Hand. »Wie darf ich Mylord nennen?« Er berührte die schlanken Finger mit seinen Lippen, ehrerbietig, wie ein Kavalier Marie Antoinettes. »Harry, Mylady!« »Und wann reisen wir nach Up Park?« »In drei Tagen, Lady Emma.« »In drei Tagen, Sir Harry!« Zwanzigstes Kapitel Up Park ... Weite, saftiggrüne Wiesenflächen, durchrieselt von silberhellen, murmelnden Bächen. Schattige Baumgruppen, die ihre Blätterkronen flüsternd im Winde bewegten: Kiesbestreute Pfade, die in geschlungenen Windungen von der nahen Küste heraufsteigend sich in den waldigen Hügeln von Sussex verliefen ... Immer wieder, wenn Emma auf dem hohen Söller des Schlosses stand, weitete ihr das Entzücken über den Rundblick das Herz. Aus leichten Dunstschleiern hob sich im Westen die bunte Häusermasse von Portsmouth mit ragenden Kirchen und glitzernden Dächern, während sich im Süden jenseits der Wiesen das Meer breitete. Sanft stieg die Küste zu ihm hinab, über wellige, mit graugrünem Seegras bedeckte Dünenhügel, das zarte Gelb ihres Saumes unmerklich in das gekräuselte Weiß der langen Schaumkämme mischend. Dahinter die dunklen Wogen der Enge von Spithead, bedeckt mit den Segeln dahingleitender Schiffe, die blitzende Furchen in den tiefgrünen Grund pflügten. Mit ihren donnernden Kanonenschüssen schienen sie den Strand der Insel Wight zu grüßen, die aus der Flut hervorleuchtete, wie ein kostbares Juwel aus der Krone eines Königs. Das Meer! Das rätselhafte, wunderreiche, mit geheimnisvollen Stimmen rufende Meer! Wieder stieg die Sehnsucht ihrer Kinderjahre in ihr auf. Sie lief zum Strande, tauchte die nackten Füße in die Flut, spielte mit ihr wie mit einem Gut, das ihr gehörte. Dann bettete sie sich in den Sand und starrte in den blauen Himmel hinauf, der dem Auge immer neue, unermeßliche Bahnen zu öffnen schien. Oder sie beobachtete das Leben der Tiere. Mit lautlosen Flügelschlägen fuhren die Seeschwalben dahin; langsam zog der schwarzweißrote Austernfischer vorüber, mit melodischem Ruf herabgrüßend; unbeweglich stand die Silbermöwe in der klaren Luft, scharf auf die Ruhende spähend, um dann plötzlich in sausendem Sturze zu ihr herabzustoßen. Emma meinte, das Wehen der Fittiche auf der Wange zu spüren. Trunken von Luft und Sonne kehrte sie dann ins Schloß zurück. – – – – – – – – Sir Harry machte in Up Park ein großes Haus; eine Schar von Gästen füllte das Schloß, den Park, die Wälder mit lautem Leben. Üppige Schmausereien wechselten mit Jagdausflügen, Parforceritte mit Sportspielen und Pferderennen, bei denen Unsummen verwettet wurden. Die Nächte beherrschte das Spiel. Bald war Emma die Königin des Kreises. Sir Harry selbst lehrte sie reiten und schenkte ihr das edelste Pferd seines Stalles. An der Spitze der jauchzenden Lords flog sie nun hinter der Meute her, die den Fuchs durch Wiesen und Felder jagte. Vor keinem Hindernis schreckte sie zurück, setzte über die höchsten Zäune und die breitesten Gräben; und das alles lachend, mit blitzenden Augen und frischgerötetem Gesicht, auf dem auch das waghalsigste Unternehmen kein Bangen, kein Zögern hervorzurufen vermochte. In den Nächten leitete sie die Trinkgelage, ohne jemals Zeichen der Ermüdung zu geben. An den Spieltischen verlor sie das Geld, das Sir Harry ihr verschwenderisch zusteckte, mit der Ruhe eines Lord Baltimore, und beteiligte sich an den Gesprächen der Männer über Jagd und Sport, als sei sie im Sattel aufgewachsen und auf den Spielplätzen der vornehmen Jugend groß geworden. Und unerschöpflich war sie in der Erfindung neuer Belustigungen. Die französischen Hirten- und Schäferspiele, von denen ihr Sir Harry erzählt hatte, ahmte sie nach und bevölkerte die Bosketts und Gänge des großen Parks mit verliebten Paaren, die zu den Sternen seufzten und den Mond ansangen. An der Spitze eines lärmenden Zuges brach sie dann aus dem Walde hervor, inmitten einer kläffenden Hundemeute, gefolgt von Satyrn und Faunen, die Fackeln in den Händen schwangen und die Sommernacht mit kicherndem Geschrei und ausgelassenen Tänzen erfüllten. Reynolds und Romney, von Sir Harry nach Up Park geladen, sahen sie hier in der roten Glut der Fackeln und wetteiferten, den jungen Liebreiz der »Bacchantin« zu malen, die ihnen als das Symbol unverwüstlicher Lebensfreude erschien. Der Ruf dieser Feste verbreitete sich über ganz Sussex und Hampshire. Anfangs kamen nur die jungen Kavaliere, Freunde und Schulgenossen Sir Harrys, während ihre Damen sich ängstlich von jeder Berührung mit der »Hebe Vestina des Göttlichen Bettes« fernhielten. Aber auch ihr Widerstand gegen die Lockung des Vergnügens schwand allmählich, als sie von dem streng in den Grenzen des Anstandes sich haltenden Benehmen Emmas hörten. Nie hatte jemand auch nur die geringste Gunstbezeugung beobachtet, die Sir Harry von ihr erfahren, nie jemand gewagt, ihr anders als mit der tiefsten Ehrerbietung zu nahen. Und den letzten Rest des Widerstrebens brach Sir Harry selbst an dem Tage, da er öffentlich erklärte, daß man in Emma die künftige Lady Fetherstonehaugh zu sehen habe. Als man es ihr sagte, lächelte sie. So hatte sie es gewollt. Willig beugte er sich ihrem Joche, zählte ungeduldig die Stunden, die ihn von der Zeit schieden, da er ihre Schönheit ganz sein Eigen nennen durfte. Und das alles hatte sie erreicht durch ein lachendes Gesicht und ein kühles Herz. Ohne den Schatten einer Lüge. Circe, die Zauberin. – – – – – – – – Nur einer von Sir Harrys Nachbaren lehnte hartnäckig jede Einladung nach Up Park ab. Lord Halifax war früher unter den jungen Lebemännern der Grafschaft der tollste und übermütigste gewesen, in der letzten Zeit aber hatte er sich mehr und mehr von den Schwelgereien seiner Standesgenossen zurückgezogen. Er stand ganz unter dem Einflusse seiner Gemahlin, die so stolz auf ihren Adel war, daß niemand Zutritt erlangte, der nicht eine Reihe von mindestens acht untadeligen Ahnen aufzuweisen hatte. Sein Fernbleiben hatte Lord Halifax damit entschuldigt, daß Lady Jane sich nicht wohl fühle. Sir Harry schien es für Wahrheit zu halten. Emma aber glaubte es besser zu wissen. Lady Halifax ... Jane Middleton ... Von Mitte Juli ab fanden auf einem weiten Felde bei Up Park täglich kleine Wettrennen statt. Hier trainierten die Sportliebhaber ihre Pferde, die das große Derby von Epsom im August mitlaufen sollten. Der gesamte Adel der Umgegend nahm an diesen Übungen teil. Auch die Damen erschienen und sahen von ihren Equipagen aus zu. Nachher lagerte man sich am Rande des Waldes zum Picknick, lachte, liebelte und trieb allerlei Kurzweil, bis die sinkende Sonne zum Aufbruch trieb. Emma mied alle diese Veranstaltungen. Sie machte es, wie Lady Halifax, und schützte Unpäßlichkeit vor. Aber sie litt nicht, daß Sir Harry ebenfalls fortblieb; sie trieb ihn auf den grünen Rasen, um die Ehre seines Stalles zu wahren. Allabendlich berichtete er ihr dann die kleinen Ereignisse des Tages. Und was Emma erwartet hatte, traf endlich ein: die Halifax waren erschienen und hatten für den folgenden Tag ihr Wiederkommen zugesagt. Emma schlief in dieser Nacht nicht. Frühmorgens trieb sie Sir Harry auf den Rennplatz hinab, während sie scheinbar leidend sich in ihre Zimmer zurückzog. Kaum aber war er fort, als sie befahl, eine Equipage anzuschirren, und sich von ihren Dienerinnen ankleiden ließ. Sie wählte ein kostbares Kleid, als gälte es einen Empfang bei der Königin. Einen Reitknecht schickte sie auf den Rennplatz. Eilig sollte er ihr Nachricht bringen, sobald Lady Halifax dort erschien. Aber als sie angekleidet war, war er noch nicht zurück. Ungeduldig ging sie in den Hof hinab, bestieg die wartende Equipage. Fiebernd vor Erwartung zählte sie die Minuten. Endlich kam er. Keuchend von dem schnellen Ritt vermochte er auf ihre heftige Frage nur zu nicken. Schon peitschte der Kutscher die Pferde ... An der Reihe der haltenden Wagen angekommen, ließ sie die Eile mäßigen. Langsam fuhr sie hinter ihnen entlang, lässig zurückgelehnt, lächelnd die Grüße der Bekannten erwidernd. Mit verstohlenem Suchen glitten ihre Augen über die Gesichter, die Equipagen, die Pferde. In der Mitte der Reihe erblickte sie die gesuchten Farben. Auf dem hohen Bock des Wagens neben dem Kutscher saß Lord Halifax in grauem Rock, die Zügel haltend. Im Fond ein Herr, der Emma den Rücken kehrte und mit ausgestreckter Hand auf die startenden Reiter des Feldes deutete. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. Sie achtete auch nicht auf ihn. Aus brennenden Augen starrte sie auf die zierliche Gestalt der Frau an seiner Seite, die ihm ihr hübsches, stolzes Gesicht zuwandte. Unter dem breiten Hut mit den wehenden Schleiern sah es lächelnd zu ihm auf. Jane Middleton ... Neben Lord Halifax' Equipage war ein Raum frei. Auf Emmas Befehl lenkte ihr Kutscher dorthinein. Beim Einfahren stießen die Räder der beiden Wagen aneinander. Alle wandten sich zu Emma um. Hochaufgerichtet, sich gegen den Stoß an der Lehne des Kutscherbocks haltend, stand sie im Wagen, die flammenden Augen auf das Gesicht der Lady heftend. Plötzlich erblaßte sie und sank zitternd auf ihren Sitz zurück. Unwillkürlich schloß sie die Augen, wie geblendet. Dieses Antlitz des Mannes dort drüben neben Jane Middleton ... – – – – – – – – Das Geräusch knirschender Räder weckte sie aus ihrer Erstarrung. Lord Halifax zwang seine Pferde, die Equipage zurückzuschieben, ohne Emmas Wagen zu berühren. Lady Jane lag zurückgelehnt im Fond, sich eifrig mit Overton unterhaltend, der Emma breit den Rücken kehrte. Wie absichtlich. Im Vorbeifahren glitten Janes Augen achtlos über Emma hinweg, als sähe sie sie nicht. Um ihre Lippen lag wieder der hochmütige Zug, mit dem sie einst bei Mrs. Barker jene Fragen an Emma gestellt hatte... Herr Lyon war ein Holzknecht, Ein Holzknecht in Nordwales ... Alles um sich her vergessend sprang Emma auf. »Warum ergreifen Sie die Flucht, Lady Halifax?« rief sie laut mit schneidendem Gelächter. »Sind Sie so feige, sich vor mir zu fürchten?« In den steifen Mienen drüben verriet kein Zucken, daß die Worte gehört waren. Mit derselben kalten Ruhe plauderte Jane weiter, kehrte Overton Emma den Rücken, lenkte Lord Halifax die Equipage zurück. Er fuhr hinter der Wagenreihe entlang zum Startplatz. Dort hielt er. – – – – – – – – Durch Bekannte benachrichtigt, kam Sir Harry freudestrahlend herbei, um Emma zu begrüßen. Inmitten einer Schar von Fremden, die den Wagen umdrängten und die zukünftige Lady Fetherstonehaugh mit ihren Huldigungen überschütteten. Lächelnd hörte Emma zu, antwortete mit munteren Scherzreden. Wirre Gedanken fuhren ihr dabei durch den Kopf, rote Flammen zuckten ihr vor den Augen. Sie hörte nicht, was ihr Mund sprach, sah nicht, was vor ihr war. Aber als ein neues Rennen die anderen fortrief und sie mit Sir Harry allein war, sank sie plötzlich in sich zusammen. Und während er sich erschreckt über sie beugte und nach der Ursache der jetzigen Veränderung fragte, brach sie in ein lautloses Weinen aus. In die Kissen zurückgeworfen lag sie, bleich, regungslos, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Dann, da er nicht aufhörte, in sie zu dringen, sagte sie ihm alles. Er biß die Zähne aufeinander, ein Blitz des Zornes brach aus seinen Augen. Dann stieg er auf den Kutscherbock und lenkte den Wagen, zum Startplatz. Lord Halifax sah ihn kommen und wollte ausweichen, indem er abermals die Reihe verließ. Aber Sir Harry war schneller. Mit einem jähen Peitschenschlag auf die Pferde brachte er seinen Wagen quer vor die Equipage des Lords. »Hallo, Sir Fetherstonehaugh!« schrie Lord Halifax. »Belieben Sie zu scherzen? Oder sind Sie nicht Herr über Ihre Tiere?« »Herr über sie und mich!« erwiderte Sir Harry, während er vom Bock stieg und Emma aus dem Wagen half. »Ich wünsche nur die Gelegenheit nicht zu versäumen, Mylady in Miß Emma Hart meine Braut vorzustellen. Und ich erhoffe von Myladys bekannter Güte einen freundlichen Empfang! Voilà ce que j'espère!« Er hatte Emma an den Schlag der Equipage geführt und machte Lady Jane eine feierliche Verbeugung, einen festen Blick auf sie richtend. Aber sie beachtete ihn nicht. Emma starr ansehend saß sie in die Kissen zurückgelehnt und spielte wie zerstreut mit dem Taschentuch, das sie in der auf dem Schlag ruhenden Hand hielt. Plötzlich entfiel es ihr und flatterte zu Emmas Füßen nieder in den Sand. Dann sah Lady Halifax wie erstaunt zu ihrem Gatten auf. »Miß Emma Hart? Wie ist mir denn, Augustus, hieß sie früher nicht anders? Erinnern Sie sich des hübschen kleinen Dienstmädchens, das uns in Hawarden den Truthahn nachtrug? Ich schenkte ihr dafür einen Schilling!« Ein dumpfer Laut kam aus Sir Harrys Brust. »Mylady!« Sie nickte ihm lächelnd zu, als sähe sie ihn jetzt erst. »Ah, Sir Harry, willkommen! Wie geht es Lady Fetherstonehaugh, Ihrer verehrten Frau Mutter?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, wandte sie sich zu dem neben ihr sitzenden Herrn. »Wissen Sie nicht, Greville, wo ich mein Taschentuch gelassen habe? Ach, es ist aus dem Wagen gefallen! Da, vor der Kleinen liegt es! Heben Sie's doch auf, Emma!« Und sie streckte die Hand nach ihr aus, die Finger bewegend, die Augen voll Bosheit. Lord Halifax' unsicheren Blinzeln mit einem flammenden Blick begegnend, ließ Sir Harry Emmas Hand los, hob das Taschentuch auf und überreichte es Jane. »Euere Herrlichkeit gestatten, daß ich für das kleine Dienstmädchen eintrete!« sagte er mit kalter Würde und winkte seinem Kutscher, die Pferde zur Seite zu lenken, »Mylord Halifax, der Weg ist frei!« – – – – – – – – Greville? Warum nannte Jane ihn Greville...? Sir Harry sprach mit einem Freunde noch ein paar Augenblicke, dann fuhr er mit Emma nach Up Park zurück. Während des kurzen Weges saßen sie schweigend nebeneinander. Nur einmal unterbrach er sein Sinnen. »Sie schenkte Ihnen einen Schilling?« fragte er. »Darf ich erfahren, was das bedeutet?« Sie suchte sich aufzuraffen, um ihm antworten zu können. Sie wußte selbst kaum, was sie sagte. Was kümmerte sie der Schilling, was Jane Middleton! Greville? Warum nannte Jane ihn Greville ...? Sie erschrak, als sie die eigene Stimme hörte. Hatte sie im Grübeln die Frage laut ausgesprochen? »Greville?« wiederholte Sir Harry. »Warum fragen Sie?« »Ich glaubte ... Führte er früher nicht einen anderen Namen?« stammelte sie verwirrt. »Hieß er nicht Overton?« Er schüttelte den Kopf. »Soviel ich weiß, niemals! Greville ist ein Sohn des verstorbenen Lord Brooks, des ersten Grafen Warwick. Mütterlicherseits ist er ein Enkel von Lord Archibald Hamilton, dem Gouverneur von Jamaika. Sein Onkel, Sir William Hamilton, ist Gesandter am Hofe von Neapel. Greville stammt also aus einer hochgestellten Familie, aber als jüngerer Sohn ist er arm. Er soll nach einer reichen Heirat suchen. Bei Lord Halifax ist er seit ein paar Tagen zu Besuch. Böse Zungen sagen, er macht Lady Jane den Hof. Aber was redet der Klatsch nicht alles!« Er zuckte die Achseln. – – – – – – – – Er liebte Jane Middleton ... Lag ein Nebel vor ihren Augen? Sie sah die Hand kaum, die Sir Harry ihr beim Aussteigen bot. Und während sie zu ihrem Zimmer hinaufstieg, war es ihr, als ob die Wände, die Treppen, die Türen weit von ihr zurückwichen. Todmüde fiel sie in den Kleidern aufs Bett. Mitten in der Nacht fuhr sie plötzlich auf. Mit einem furchtbaren Schrei. Romeo ... Da, in ihrem Schoß, lag sein Kopf ... sein Gesicht war gespenstig bleich ... seine Augen starrten glasig zu ihr auf ... Romeo war tot. Einundzwanzigstes Kapitel Als sie am folgenden Morgen zum Frühstück erschien, kam ihr Sir Harry in seiner gewohnten höflichen Weise entgegen. Er führte sie zum Tisch und nahm ihr gegenüber Platz, sie um ihre Pläne für den Tag befragend. Er wünschte, daß sie ihn nachmittags zu den Rennen begleitete. »Sie können es ohne Furcht!« setzte er hinzu, da sie mit einer Gebärde des Abscheus abwehrte. »Lady Jane wird nicht hinkommen. Lord Halifax est tombé malade!« »Krank?« wiederholte sie erstaunt und sah ihn an. Plötzlich fuhr sie auf. »Sir Harry! Was ist geschehen? Haben Sie ihn getötet?« Er lächelte ruhig. »Une bagatelle! Nur ein Schuß durch den Arm! Un petit souvenir pour Lady Halifax, daß der Mann für das einstehen muß, was die Frau sündigt!« Verwirrt stand sie auf. Sie fühlte, daß sie ihm für seine Ritterlichkeit danken mußte, und wollte um den Tisch herum zu ihm gehen, ihm die Hand zu reichen. Aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Sie hatte bisher in ihrem Herzen immer über ihn gespottet, über sein geziertes Wesen, seine verschrobene Sprache. Nun aber fürchtete sie sich fast vor ihm. Sie wußte, wenn sie jetzt zu ihm ging, würde er sie küssen wollen. Und sie würde es ihm nun nicht weigern können. »Sie sind sehr gut zu mir, Sir Harry!« stammelte sie, sich wieder setzend. »Ich bin Ihnen sehr dankbar!« »Wofür? Ist es nicht meine Pflicht, für die einzutreten, qui portera un jour le nom de Lady Fetherstonehaugh?« »Es ist wahr!« murmelte sie. »Ich werde Ihre Frau sein!« »Aber die gestrige Affäre hat mir doch gezeigt, daß ich Sie mit meiner Verachtung des Klatsches in eine schiefe Stellung gebracht habe. Je ne fais que des faux-pas, n'est-ce pas? Darf ich Ihnen deshalb einen Vorschlag machen?« Und er setzte ihr einen neuen Plan auseinander, Sie wollten mit der Hochzeit nicht bis zu seiner Großjährigkeit warten, sondern sich in London im geheimen trauen lassen und dann bis zum nächsten Jahre auf Reisen gehen. War er dann majorenn geworden, so würde er mit Emma nach England zurückehren, seine Verwandten vor das ›Fait accompli‹ stellen und Emma überall als seine Frau einführen. Alles würde ohne Schwierigkeiten abgewickelt werden. Das einzige Unangenehme war, daß man sich auf kurze Zeit trennen mußte. Emma mußte in ihre Heimat nach Hawarden und Sir Harry zu seinen Verwandten nach Lechster reisen, die für die Trauung nötigen Papiere zu beschaffen. »Willigen Sie ein, Miß Emma!« bat er. »Und machen Sie endlich diesem unhaltbaren Zustand ein Ende!« Sie sah zu. ihm auf, der in ritterlicher Ehrerbietung vor ihr stand. Seine sonst so nichtssagenden Augen zeigten etwas von Wärme und seine Stimme klang schlicht und natürlich. Vielleicht, daß sie ihn doch noch einmal lieben lernte? Langsam stand sie auf. »Und wenn ich Sie nicht liebte, Sir Harry?« fragte sie und ließ ihre Augen nicht von seinem Gesicht. »Wenn ich einen anderen liebte?« Er wurde blaß und ballte die Hände. »Einen anderen?« stieß er zwischen den zusammengepreßten Zähnen heraus. »Ich würde ihn ... Aber nein!« unterbrach er sich. »Es ist nicht möglich. Sie sind wahr. Sie würden es mir gesagt haben.« »Vielleicht wußte ich es selbst nicht!« »Miß Emma!« Sie brach plötzlich in ein Gelächter aus. »Sie sind komisch, Sir Harry!« spottete sie. »Durch ein einziges Wort kann man Sie von Sinnen bringen! Nein also, ich liebe keinen anderen mehr. Und wenn Sie auf Ihrem Plan bestehen ...« »Sie willigen ein?« unterbrach er sie freudig. »Geben Sie mir eine Stunde Bedenkzeit! Und lassen Sie mich auf meinem Zimmer allein!« Sie winkte ihm zu und ging. In ihrem Zimmer warf sie ein einziges Wort auf einen Briefbogen. »Quitt!« Dann öffnete sie ihr Kleid über der Brust, zog den Schilling hervor und siegelte ihn auf dem Papier ein. Den Brief schickte sie durch einen reitenden Boten fort. An Jane Lady Halifax. – – – – – – – – Drei Tage später reiste sie nach London ab. Dort wollte sie zwei Tage in einem Gasthof bleiben, um dann mit der Überlandpost nach Hawarden weiterzufahren. In drei Wochen würde sie mit Sir Harry in London wieder zusammentreffen. Dann würde er alles für die geheime Trauung und die Kontinenttour vorbereitet haben. Sie fuhr mit Postpferden in einer Reisekalesche Sir Fetherstonehaughs. Ein vorausreitender Diener bestellte auf allen Stationen Relais, so daß die Fahrt keine Unterbrechung erlitt. Der alte Smith, Sir Harrys vertrauter Kammerdiener, war Reisemarschall; er führte die Kasse und sollte im Verein mit einem zweiten Diener dafür sorgen, daß es seiner zukünftigen Herrin an nichts fehle. Emma hatte nun selbst Eile, mit der Vergangenheit abzuschließen. Sie machte auf keiner Station länger Rast, als zum Wechseln der Pferde nötig war. Ihre Mahlzeiten nahm sie im Wagen und schlief auf der ausgezogenen, mit weichen Kissen bedeckten Sitzbank. In der Nacht aber hielt der Wagen plötzlich an. Von den Regengüssen des Frühjahrs gelockert, hatten die Sandberge von Surrey die Straße überschwemmt. An einer abschüssigen Stelle waren die Pferde eines Reisewagens gestürzt; in die Stränge verwickelt hatten sie mit ihren wild schlagenden Hufen den Kutscher verwundet. Der Reisende selbst war unverletzt geblieben. Er hatte den Bewußtlosen unter den Pferden hervorgezogen und mühte sich, ihn ins Leben zurückzurufen. Aber allein war er nicht imstande, den umgestürzten Wagen wieder aufzurichten und die Reise fortzusetzen. Zudem begann es zu regnen. Und der vornehme Herr war wohl nicht an Strapazen gewöhnt. Alles das wurde Emma von Smith berichtet, während der zweite Diener im Verein mit Emmas Kutscher dem Fremden half, den Wagen aufzurichten. Dann aber stellte es sich heraus, daß die Achse gebrochen war. Der Fremde mußte daher zu Fuß gehen, wenn Mylady ihm nicht einen Platz in ihrem Wagen einräumte. »Er wollte Mylady darum bitten! Als er aber hörte, daß wir aus Up Park sind, stand er davon ab. Er will bei dem verwundeten Kutscher bleiben, bis wir ihm von der nächsten Station Hilfe schicken.« »Demnach scheint er kein Freund Sir Harrys zu sein!« sagte Emma gleichgültig. »Kennen Sie ihn, Smith?« »Es ist Sir Greville, Mylady, der bis jetzt bei Lord Halifax zu Besuch war.« Emma fuhr zusammen und ließ den Gurt des halbgeöffneten Fensters fallen, den sie in der Hand gehalten hatte. Etwas in ihr krampfte sich und litt. »Es ist gut, Smith!« brachte sie endlich mühsam heraus. »Sobald der Weg frei ist, fahren wir weiter!« »Er ist bereits frei, Mylady!« Sie überlegte. »Ich glaube, Sir Harry würde zu einer Unhöflichkeit selbst gegen seinen größten Feind nicht imstande sein! Bitten Sie also Sir Greville auf einen Augenblick zu mir!« Smith verneigte sich und ging. Dann sah sie im Schein einer Laterne den Mann herankommen, von dem sie während dieser ganzen Zeit geträumt hatte. Nicht mehr von ihm gewußt hatte sie, als seinen Namen. Und auch der war falsch gewesen. Sir Greville trat an den Schlag und zog mit kalter Höflichkeit den Hut. »Sie befehlen, Miß Hart?« Der Ton seiner Stimme machte sie zittern. »Sie kennen mich? fragte sie leise zurück. Seine Lippen – diese im Traum oft geküßten Lippen – zuckten, voll Hohn. »Ich habe Miß Hart gesehen, als sie von Sir Fetherstonehaugh der Lady Halifax als künftige Herrin von Up Park vorgestellt wurde. Ich habe von der Hebe Vestina des Doktor Graham und dem Modell Romneys gehört. Ich habe den Brief gelesen und den Schilling gesehen, den Miß Hart an Lady Halifax sandte.« Wie Hammerschläge waren seine Worte auf sie eingedrungen. Gereizt richtete sie sich auf. »Und Sie halten mich nun für schlecht und boshaft, nicht wahr?« Er schwieg einen Augenblick, dann lachte er kurz auf. »Möchten Sie mich auch vor Sir Fetherstonehaughs Pistole bringen? Sie gestatten, daß ich mich um Dinge nicht kümmere, die mir gleichgültig sind.« Auch sie lachte, voll bitteren Spottes. »Sehr vorsichtig! Gleichwohl wünsche ich, daß Sie ein richtiges Urteil über mich gewinnen. Mein Weg wird mich in Ihre Kreise führen ...« Schroff unterbrach er sie. »Sir Fetherstonehaughs Kreise sind nicht meine Kreise!« Seinem Hochmut setzte sie offenen Hohn entgegen. »Sie haben recht, Sir Greville. In Sir Harrys Kreisen ist man gewohnt, für das einzustehen, was man tut. Man versteckt sich nicht hinter falschem Namen, wie Mr. Overton!« Überrascht trat er einen Schritt zurück. »Overton?« stammelte er verwirrt. »So habe ich mich doch nicht getäuscht? Sie sind ...?« Mit einem Blick auf Smith fiel sie ihm ins Wort. »Jedenfalls glaube ich ein Recht darauf zu haben, nicht nach dem Schein beurteilt zu werden. Ich fordere von Ihrer Ehre, daß Sie mir die Gelegenheit nicht verkümmern, mich vor Ihnen zu rechtfertigen. – Wie weit ist es zur nächsten Station, Smith?« »Eine halbe Stunde, Mylady!« »Sir Greville, diese halbe Stunde verlange ich für mich. Steigen Sie ein! Und Sie, Smith, befehlen Sie dem Diener, daß er bei dem Verwundeten bleibt. Dann setzen Sie sich neben den Kutscher und lassen Sie uns fahren!« Sir Greville gehorchte schweigend ... – – – – – – – – Sie saß ihm gegenüber, der Schein der Wagenlaternen fiel auf sein Gesicht, während Emma im Dunkel blieb. Ein Gefühl des Triumphes war in ihr, daß sie ihn gezwungen hatte, ihr zu willen zu sein. Und gleichzeitig Haß. Gegen ihn, gegen Jane Middleton, gegen Sir Harry, gegen sich selbst. Daß sie nun, wo sie zum ersten Male allein mit diesem Manne war, nicht anders zu ihm sein durfte. Furcht vor Greville empfand sie nicht. Ihr Haß machte sie stark. Dieses Weib, das er liebte, würde sie ihm zeigen, wie es war. Dann hohnlachend weiterziehen. Kurz und kalt wollte sie sprechen. Aber da sie sich in ihre Erinnerungen vertiefte, brachen alle alten Wunden ihrer Seele wieder auf. Und das Elend, in dem sie lebte, kam ihr zum Bewußtsein. In dem geheimen Jammer, der ihre Worte durchzitterte, fühlte sie ihr Herzblut in Strömen dahinfließen. »Als Richter rufe ich Sie an zwischen Jane Middleton und mir!« schloß sie, ihre flammenden Augen auf die seinen heftend. »Was habe ich getan, daß sie mich unter ihre Füße treten darf? Muß ich ihre Beleidigungen hinnehmen wie eine Gnade? Demütig, ohne mit der Wimper zu zucken?« Schweigend hatte er zugehört. Nun hob er lebhaft den Kopf. »Demütig? Sie sahen nicht demütig aus, Miß Hart. Und Sie haben sich an Lady Halifax gerächt. Es ist nicht Ihr Fehler, wenn sie heute nicht Witwe ist!« Zornig fuhr sie auf. »Das Duell? Ich habe es nicht gewollt! Nicht einmal gewußt habe ich davon!« »Und Ihr Brief? Ein Dolchstoß war er für Lady Jane!« »Ein Dolchstoß – ja, das sollte er sein! Hat sie nun auch einmal gefühlt, wie es ist? Gemartert werden und sich nicht wehren können?« Sie warf sich in die Kissen des Wagens zurück und lachte. Ein krampfhaftes Lachen, das sie atemlos machte und ihr das Blut in den Kopf trieb. Bestürzt, zornig sah Greville sie an. »Sie freuen sich noch? Fühlen Sie denn gar keine Reue?« Sie lachte noch lauter, schneidender. »Fühlte sie Reue, als sie mich in den Staub stieß? Soll das ungebildete Mädchen aus dem Volke feiner empfinden als die wohlerzogene Lady?« Betroffen nickte er. »Der alte Gegensatz! Es war ein Fehler von Ihrer Mutter, Sie in die vornehme Schule zu schicken. Lady Jane hätte sich niemals zu dem unüberlegten Schritte hinreißen lassen, wenn Sie in Ihrem Stande geblieben wären.« Fast sprachlos starrte Emma ihn an. »Das ist alles, was Sie auf meine Anklage erwidern? Sie entschuldigen sie wohl noch? Nun ja, Sie...« Sie bebte vor dem Wort zurück, das ihr über die Lippen wollte. Aber dann sagte sie es doch. Atemlos, gierig, wie von einer unsichtbaren Hand vorwärts gestoßen. »Nun ja, Sie lieben Lady Halifax! Sie beten sie an!« Nun war es heraus. Darum war jenes Frohlocken in ihrem Herzen gewesen, als Smith berichtete, wer neben der umgestürzten Kalesche stand. Darum hatte sie Sir Greville gezwungen, ihre Hilfe anzunehmen. Darum saß sie ihm gegenüber. Einem inneren Zwange war sie gefolgt. Um Greville dieses eine Wort ins Gesicht schleudern zu können. Diese Anklage, aus der eine geheime, bange Frage zitternde, sehnsüchtige Hände emporstreckte... Sir Greville war von seinem Sitze aufgefahren. »Was sagen Sie da?« rief er bestürzt. »Ich Lady Jane lieben? Wer hat den Unsinn aufgebracht?« »Ich hörte davon sprechen. Ist es nicht wahr?« Unwillkürlich hob er die Hand, wie zum Schwur. »Lüge ist es! Eine infame Verleumdung!« Ein tiefer Atemzug befreite ihr die Brust. Sie glaubte ihm. Aber sie fragte weiter. Eine süße Lust war in ihr, es öfter zu hören. Wie zweifelnd zuckte sie die Achseln. »Nun ja, es ist Kavalierspflicht zu leugnen!« »Miß Hart, Sie wagen viel!« brauste er auf und seine Augen blitzten sie drohend an. Dann schien er zu überlegen. »Wenn Sie mir versprechen würden, nicht davon zu reden ... es ist mir peinlich ...«« Sie lächelte. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Sir Greville!« »Nun denn – mein Verkehr mit Lady Halifax rührt daher, daß ich mich um die Hand ihrer Schwester Henriette bewerbe. Ich hatte Lady Jane gebeten, deshalb bei ihrem Vater zu sondieren. Darum war ich jetzt bei Lord Halifax zu Besuch.« Er bewarb sich um eine andere ... Sie fühlte, daß sie blaß geworden war, und verbarg ihr Gesicht vor ihm im Dunkel des Wagens. »Und was hat Lady Jane Ihnen geantwortet?« fragte sie nach einer Weile tonlos. »Hat sie Ihnen Hoffnung gemacht?« Er lachte voll Bitterkeit. »Hoffnung? Ich soll ein standesgemäßes Einkommen nachweisen. Standesgemäß! Lord Middleton ist reich und seine Töchter sind verwöhnt. Meine Stellung im Auswärtigen Amt aber ermöglicht mir kaum das mäßige Leben eines Junggesellen. Vermögen besitze ich als jüngerer Sohn nicht, eher Schulden. Mein Oheim, Sir William Hamilton, ist zwar sehr wohlhabend, aber verheiratet und noch jung genug, um auf Nachkommenschaft hoffen zu dürfen. So ist der Plan aussichtslos.« »Und das betrübt Sie, nicht wahr?« fragte sie, gezwungen scherzend, während ihre Augen an seinen Lippen hingen. »Ist Henriette Middleton hübsch? Lieben Sie sie?« Statt der Antwort zuckte er die Achseln. Eine wohlige Ermattung kam über Emma. Ihr Herz war voll von einer stillen, warmen Freude. Immerfort hätte sie so durch die Nacht fahren mögen, ihm gegenüber, während der Regen mit leisem Pochen auf das Verdeck des Wagens tropfte. Wie ein weiches, einlullendes Lied klang es ... – – – – – – – – Als der Wagen vor der Station hielt, schreckte sie auf. Wirklich, sie hatte geschlafen. Verlegen bat sie Greville um Entschuldigung. Er lächelte höflich, führte sie in das ländliche Gasthaus und bestellte Tee und einen Imbiß für beide. Während sie speisten, sollten die Pferde gewechselt und der verwundete Kutscher geholt werden. Emma wollte dann gleich weiterreisen, während Sir Greville noch bis zum Morgen bleiben mußte. Bei dem kleinen Mahle, von Smith bedient, sprachen sie über gleichgültige Dinge. Wie Menschen, die einander zum ersten Male begegneten. Greville plauderte von seinem Amt, von seiner Liebhaberei für alte Bilder und Kristalle, für die er seine Sparpfennige ausgab und Schulden machte. Das stille Leben eines halben Gelehrten bereitete ihm Freude. Seine Wohnung am Portman Square war vollgepfropft mit Raritäten, die er eifrig zu vermehren suchte. Er besaß ein wunderbares Bild der Venus, dessen Herkunft unbekannt war, das er aber dem Correggio zuschrieb. »Wenn es mir gelingt, den Beweis der Echtheit zu führen, und wenn meine Kristall-Sammlung vollzählig ist, werde ich durch den Verkauf in den Besitz eines kleinen Vermögens gelangen!« »Und dann werden Sie eine Frau heimführen, nicht wahr?« Er zuckte die Achseln. »In meiner Stellung muß man sehr reich sein, um heiraten zu können! So werde ich wohl Hagestolz bleiben müssen.« Forschend sah sie ihn an. Eine Frage drängte sich ihr auf die Lippen. »Das Leben eines Junggesellen ist ja auch bequem genug!« sagte sie leichthin, wie scherzend. »Es soll in London genug hübsche Mädchen geben, die Liebe gewähren, ohne nach Ehe zu verlangen!« Mit einer Bewegung des Ekels schüttelte er den Kopf. »Das ist nichts für mich! Diese Mädchen sind nicht treu, und ich bin eifersüchtig. Einmal allerdings war ich nahe daran, ein derartiges Verhältnis einzugehen.« Mit einem seltsamen, spöttischen Bück sah er ihr in die Augen. Sie wußte, worauf er anspielte. Und er war da, wohin sie ihn hatte bringen wollen. »Ein Verhältnis?« fragte sie lässig, ihre Spannung verbergend. »Ist es eine amüsante Geschichte? Darf man sie erfahren?« Er nahm aus Smiths Hand ein Glas Tee. »Es war im Drury-Lane-Theater, während einer Vorstellung von ›Romeo und Julia‹, als ich ein Mädchen sah, das mir begehrenswert erschien. Sie war jung, schön und schien ganz unverdorben. Sie hatte einen kleinen Unfall, bei dem ich ihr helfen konnte. Er verschaffte mir ihre Bekanntschaft. Sie war Verkäuferin in einem Juweliergeschäft auf dem Strand.« Mühsam lächelte sie. »Verkäuferin? Sagte sie es Ihnen? Oder sahen Sie es ihr an?« »Ich erkundigte mich nach ihr, konnte aber die Bekanntschaft nicht fortsetzen, weil ich eine Reise nach Schottland machen mußte. Als ich zurückkam, war sie nicht mehr in ihrer Stellung. Sie hatte sich einer Mrs. Kelly angeschlossen. Einer jener unzweideutigen Damen, die von ihren Liebhabern leben!« »Und Sie taten nichts zu der Rettung des Mädchens?« »Was konnte ich tun? Sie war freiwillig zu Mrs. Kelly gegangen!« »Konnte sie nicht getäuscht worden sein? Wenn sie ihren Schritt bereute? Sich nach Hilfe, Befreiung sehnte? Vielleicht war sie auch nur zu jener Mrs. Kelly gegangen, weil sie sich von Ihnen vergessen glaubte! Kannte sie Ihren Namen?« Er streifte sie mit einem halb mitleidigen, halb verächtlichen Blick. »Ist man verpflichtet, sich Damen dieser Art feierlich vorzustellen? Übrigens, bedauern Sie das Mädchen nicht zu sehr, Miß Hart! Sie hat sich schnell zu trösten gewußt. Sie ist jetzt die Braut eines reichen Mannes, den sie liebt!« Er beugte sich vor, sie ansehend, als warte er auf weitere Fragen. Aber der Wirt kam herein, um zu melden, daß alles für die Weiterfahrt bereit war. Greville stand auf und dankte Emma mit ein paar wohlgesetzten Worten für ihre Hilfe und liebenswürdige Gesellschaft. Dann bot er ihr den Arm, sie zum Wagen zu führen. In sich zusammenschreckend fuhr sie auf und eilte an ihm vorüber ins Freie. Dann saß sie im Wagen, In der dunklen, schweigenden Nacht … Zweiundzwanzigstes Kapitel In London besorgte Smith alles für die Fahrt nach Hawarden Notwendige. Emma kümmerte sich um nichts. Wenn er sie fragte, antwortete sie, hatte aber im nächsten Augenblick alles schon wieder vergessen. Es war ihr, als sei ihr Hirn leer und ihre Adern ohne Blut. In der schwülen Hitze der Stadt fror sie, saß im Gasthof vor den aufgetragenen Speisen, ohne sie anzurühren; schleppte sich durch die Straßen, als seien ihr die Glieder gelähmt. Elender noch fühlte sie sich als damals, da sie diese selben Wege gewandert war, der Begierde der Männer ein schimpfliches Stückchen Brot abzuringen. Ehrlos war sie, heute wie damals. Greville verachtete sie. Romney... Sollte sie zu Romney gehen? ... Sie stand vor seinem Hause auf dem Cavendish Square. Romney würde sie mit offenen Armen aufnehmen, ihre Schönheit mit seinen Künstleraugen verschlingen. In ihrer Verstörtheit würde er vielleicht einen neuen Reiz entdecken. Hatte er sie nicht heimlich als Maria Magdalena gezeichnet, als sie enttäuscht, niedergebrochen von Sheridan heimgekehrt war? Aus allem, was ihr das Herz bewegte, schöpfte er Motive für seine Kunst. Ein Modell war sie ihm, nicht mehr. Wie sehr er auch das Gegenteil behauptete. Und er würde fragen ... in ihrer Wunde wühlen... Fröstelnd ging sie weiter. Planlos, ziellos. Plötzlich sah sie, daß sie auf dem Portman Square war... Wie war sie hergekommen? Was wollte sie hier? Dort in dem Hause wohnte Greville... Ein vornehmes Hans war es. In einem Garten. Zarten Duft wehte der Abendwind herüber ... von Rosen und Reseden... Noch eine Nacht. Dann kam die Heimat. Dann Sir Harry. Dann... Es war Zeit, in den Gasthof zurückzukehren. Smiths gleichgültige Worte zu hören. Zu schlafen ... Da! Er! Er war zurückgekehrt... Er stand im offenen Fenster. Einen Augenblick sah er auf die Straße hinab. Dann trat er zurück. Im Zimmer flammte ein Lichtschein auf... – – – – – – – – Jemand öffnete ihr, wies sie zurecht. Ein Diener oder eine Frau. Sie wußte es nicht. Sie dachte nur daran, daß sie bei ihm sein würde. Bei ihm ... – – – – – – – – Er hatte ihren Eintritt überhört. Lesend saß er am Tisch. Der Schein der Lampe fiel hell auf sein vorgeneigtes, schönes Gesicht. Sie starrte hin wie gebannt. Sich an den Türpfosten klammernd, mit wankenden Knien, keuchend vom schnellen Gehen. Hatte sie sich bewegt? Er wandte sich nach ihr um, erschrak, sprang auf. »Miß Hart?! Was ist geschehen? Wie kommen Sie hierher?« Was hatte sie doch sagen wollen? Unten auf der Straße hatte sie es noch gewußt ... nun erinnerte sie sich an nichts mehr ... Nur ansehen konnte sie ihn ... » Wie schön war er! Wie liebte sie ihn! Aber in seinen Augen blitzte es auf, wie Zorn. Wenn er sie fortwies ... hinausjagte ... Todesangst überfiel sie. Plötzlich warf sie sich vor ihm nieder, umklammerte seine Knie ... »Warum hassen Sie mich? Warum denken Sie schlecht von mir? Ihnen hab' ich doch nie Böses getan! An Sie hab' ich immer gedacht wie an etwas Hohes, Heiliges! Wenn Sie mir nicht verzeihen, wenn Sie mich von sich stoßen ... Ich kann nicht leben, wenn Sie mich verachten!« Erstaunt, bestürzt wich er vor ihr zurück. »Verzeihen? Ich verstehe Sie nicht! Was soll ich Ihnen verzeihen? Vor allen Dingen, stehen Sie auf! Sie knien ja vor mir, wie Maria Magdalena vor Jesus! Ich bin kein Heiland!« Unter dem strengen Ton seiner Stimme ließ sie die Hände sinken. Aber sie blieb auf den Knien liegen. »Mir waren Sie ein Heiland!« murmelte sie dumpf. »Auf Sie gewartet habe ich, gehofft! Täglich dachte ich, daß Sie nun kommen würden. Und träumte, was dann geschehen würde ... Aber Sie kamen nicht! ... Dann nahm mich jene Frau. Sie beherrschte mich, machte mit mir, was sie wollte. Als ich ihr von Ihnen sprach, lachte sie mich aus ... Hätten Sie mir Ihren wahren Namen genannt ... ich hätte mich zu Ihnen durchgebettelt... Nein, werden Sie nicht zornig! Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Alle Schuld liegt bei mir. Warum ging ich mit ihr, warum glaubte ich nicht mehr an Siel Kleinmütig war ich, zweifelte. Und das war meine Schuld! Durch die alles andere entstand.« Sie verstummte. Aber ihre Augen sprachen weiter. Diese Augen, die durch Tränen zu ihm flehten. Sein Gesicht wurde milder. »Wie konnten Sie solche Hoffnungen auf mich setzen? Sie hatten mich doch nur ein einziges Mal gesehen, nur ein paar oberflächliche Worte mit mir gesprochen!« Lebhaft hob sie den Kopf. Aber als sie seinem Blick begegnete, errötete sie und wandte sich ab. »Es ist wahr,« murmelte sie. »Ich wußte nichts von Ihnen. Nur ... Sie hatten mich geküßt ...« Erstaunt, verwirrt starrte er sie an. »Sie wollen doch nicht sagen, daß dieser eine, unüberlegte Kuß ...?« »Mich hatte noch kein Mann geküßt ... ich war unerfahren ... ich glaubte, es wäre Liebe ...« Sie nickte vor sich hin, mit einem müden Lächeln, Langsam stand sie auf. »Nun will ich wieder gehen. Verzeihen Sie, daß ich bei Ihnen eindrang. Und wenn Sie sich meiner einmal erinnern, dann tun Sie es mit ein wenig Güte. Um Sie hab' ich es verdient.« Sie sagte es leise, mit zitternder Stimme, und sah ihn mit einem langen, abschiednehmenden Blicke an. Dann wandte sie sich zum Gehen. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei ihr. »Miß Emma! Nachdem Sie mir das gesagt haben – glauben Sie, daß ich Sie nun so ohne weiteres fortlasse?« Seine Augen flammten und sein Mund bebte. Sein ganzes Gesicht war plötzlich voll Leidenschaft. Erschreckt wich sie vor ihm zurück. »Nicht so, Sir Greville! Lassen Sie uns in Ruhe voneinander gehen! – Ich weiß ja, Sie glauben, mich nehmen zu können. Wie eine, die von der Straße heraufkommt. Ich beklage mich nicht darüber, ich hab' es verdient. Aber bei allem, was mir heilig ist ... als ich zu Ihnen kam ... ich wußte nicht, was ich tat! Ich war elend ... wie in einem Taumel ... ich wollte Sie sehen .. noch einmal, ehe ich...« Sie verstummte. Sie sah sein Gesicht ganz nahe vor sich. Das Gesicht, nach dem sie sich sehnte... Ach, Lüge war alles gewesen, was sie da eben gesagt hatte! Phrase, feiger Selbstbetrug! »Ehe Sie...« drängte er. »Ehe Sie...?« »Ich will nicht daran denken!« schrie sie. auf. Und den Kopf auf die Brust sinken lassend, stammelte sie tonlos, atemlos: »Warum habe ich Sie lieb! Warum habe ich Sie lieb!« – – – – – – – – Er küßte sie wie toll. Ihren Mund, ihre Äugen, ihre Hände, ihr Haar bedeckte er mit gierigen Küssen, die ihr das Blut in Flammen setzten. Heiße Schauer rannen durch ihren Leib. Willenlos lag sie in seinen Armen, bereit, sich ihm hinzugeben. Aber mitten im Sturm der Leidenschaft ließ er sie plötzlich los. »Das Fenster!« rief er erschreckt. »Das offene Fenster! Wenn man uns von der Straße sieht ... ich habe Rücksichten zu nehmen ... auf meinen Ruf, meine Stellung ...« Eilig schloß er das Fenster, zog die Vorhänge zu und spähte vorsichtig durch einen schmalen Spalt auf die Straße hinab. Dann kam er beruhigt zurück. »Auch Sie müssen klug sein, Emily! Dieser Kammerdiener ... wenn er Ihnen gefolgt ist, um Sie in Sir Harrys Auftrage zu beobachten ...« Er lachte gezwungen. »Ich wenigstens würde mißtrauisch sein, wenn ich eine so schöne Geliebte hätte.« Sie sah ihn mit leiser Verwunderung an. Er war so kühl, so überlegend ... »Mag er mich überwachen! Mich kümmert's nicht.« »Das ist nicht Ihr Ernst, Emily. Wenn Sir Harry erfährt, daß Sie bei mir waren ...« Er stockte und errötete. Hastig fuhr er dann fort. »Ich sage es nicht meinetwegen! Ich fürchte mich nicht vor ihm! Aber Sie ... Sie setzen Ihre Zukunft aufs Spiel. Er will Sie doch heiraten!« Sie nickte. »Ja, er will mich zu seiner Frau machen!« sagte sie, froh, ihm beweisen zu können, daß sie doch nicht ganz verachtet war. »Er hat mir sogar ein schriftliches Eheversprechen gegeben!« Sich abwendend und ihr Kleid auf der Brust öffnend, zog sie das Dokument hervor und gab es ihm. Er las es. »Welch ein Leichtsinn!« rief er dann erstaunt. »Er hat sich Ihnen ja mit gebundenen Händen überliefert. Nun begreife ich, daß Sie sich nicht vor ihm fürchten. Er ist Ihnen sicher!« War das alles seine wahre Meinung? Etwas wie Bangen ergriff sie. »Was wollen Sie damit sagen? Sie glauben doch nicht, daß ich nun noch seine Frau werden kann?« »Warum denn nicht?« »Nach dem, was zwischen uns vorgegangen ist...« »Was denn? Was ist denn geschehen? Nichts! Nicht das Geringste!« Sie sah ihn traurig an. »Es ist wahr! Ich könnte von hier fortgehen, vor der Welt ohne Vorwurf. Aber vor mir selbst... Als Sir Harry mir seine Hand anbot, antwortete ich ihm, daß ich frei sei, durch nichts gebunden. Ich log nicht; ich glaubte es. Aber nun ... jetzt, da ich es besser weiß ... ich würde schlecht werden, ganz schlecht...« Sie schlug die Hände vors Gesicht... schluchzte leise... Unruhig ging er durch das Zimmer hin und her. Er schien zu überlegen. Dann kam er zu ihr, löste ihr die Hände, sah ihr schweigend, lange, mit forschendem Blick in die Augen. »Wir wollen vernünftig sein, Emily!« sagte er dann ruhig und führte sie zu einem Sofa, auf das er sie niederdrückte, sich neben sie setzend. »Vor allem muß ich Ihnen eines sagen: ich kann Sie nicht heiraten. Niemals! Hören Sie? Niemals!« Erschreckt über den scharfen Ton seiner Stimme sah sie zu ihm auf. Dann lächelte sie vor sich hin, strich mit scheuer Hand ein paarmal wie liebkosend über seinen Arm. »Wenn ich Sie nur ein wenig lieb haben darf...« »Ja, aber ... wie denken Sie sich das? Ich bin arm. Kaum das Nötige zum Leben würde ich Ihnen bieten können. Keine schönen Kleider, keine Equipage, keine kostbaren Juwelen, keine üppigen Feste ...« Wieder lächelte sie. Jenes versonnene Lächeln. »Wenn ich nur bei Ihnen sein kann ...« »Und dann ... ich liebe die Wissenschaften, ich kann nicht ohne geistige Beschäftigung sein. Wenn Sie neben mir dahinlebten, ohne Teilnahme für das, was mich bewegt, ohne innere Berührung mit mir ... Sie können ja nichts dafür, Emily, aber es ist doch so: Sie haben nicht viel gelernt, Sie müßten sich Mühe geben, mich zu verstehen, mir nachzukommen! Und Ihr Charakter ... Sie scheinen leidenschaftlich zu sein, unüberlegt, aufbrausend. Wenn Sie so blieben – immer würde ich mich um Sie sorgen müssen, nie aus der Unruhe herauskommen. Ich müßte Vertrauen zu Ihnen haben können. Sie müßten an sich arbeiten, Emily, unausgesetzt arbeiten!« Er hob ihr das gesenkte Gesicht empor und sah sie forschend an. In ihren Äugen standen Tränen. Wie hatte sie ihn eben noch mißverstanden, ihm Häßliches zugetraut! Und nun – wie war er gut! Wie gut! »Tun Sie mit mir, was Sie wollen... was Sie wollen...« Schüchtern schmiegte sie sich an ihn. Träumend sah sie ihn an. Nun würde er sie in seine Arme nehmen ... küssen würde er sie, wie vorhin ... Er beugte sich über sie. Seine Lippen näherten sich den ihren. Plötzlich aber stand er auf. »Also wir sind einig, Emily? Dann ... verzeihen Sie, aber ... es ist schon spät ... Sie müssen ... der Diener wird auf Sie warten...« Erschreckt fuhr sie auf. »Ich soll ... dahin soll ich zurück? Das ist Unmöglich! Das können Sie nicht wollen!« Ungeduldig zog er die Augenbrauen zusammen. »Wie Sie gleich wieder aufbrausen! Sie können doch nicht hier bleiben! Ich sagte doch schon, daß ich Rücksichten zu nehmen habe!« Erregt ging sie hin und her. Unmöglich erschien es ihr, Smiths forschenden Blicken jetzt noch einmal zu begegnen. Aber da sie etwas erwidern wollte, fiel ihr Greville ins Wort. Mit festem Griff ihre Hand fassend, zwang er Emma, stehenzubleiben. Und in kurzen, hartklingenden Worten setzte er ihr auseinander, wie er sich die nächste Zukunft dachte. An Emmas Fahrt nach Hawarden sollte nichts geändert werden. Von dort aus sollte sie Sir Fetherstonehaugh das Schriftstück zurücksenden und ihn bitten, sie freizugeben, Mochte sie ihm auch kein bindendes Versprechen gegeben haben, so hatte sie doch eine innere Verpflichtung gegen ihn übernommen. Solange diese auf ihr lastete, war an ein Zusammenleben mit einem anderen nicht zu denken. Ein Greville wenigstens streckte seine Hand nicht nach fremdem Gute aus. Gründe für den Bruch anzugeben, blieb ihr überlassen. Nur durfte Greville nicht genannt werden. Ein Skandal mußte unter allen Umständen vermieden werden. Darum mußte sie auch vorläufig in Hawarden bleiben und ihren früheren Namen wieder annehmen. Ein Angestellter des Auswärtigen Amtes, ein Abkömmling der Warwicks, ein Verwandter der Hamiltons durfte sich seine Geliebte nicht aus dem Tempel der Gesundheit des Doktor Graham holen, Erst wenn alles in Vergessenheit geraten war, durfte sie nach London zurückkehren. Greville würde ihr den Zeitpunkt mitteilen. In dem wechselvollen Getriebe der Weltstadt vergaß man schnell, die Verbannung würde also nur kurze Zeit währen. Aber sie mußte vollständig sein. Mit keinem ihrer bisherigen Freunde durfte Emma in Verbindung bleiben. Auch mit Romney nicht. Und von niemand durfte sie Geld annehmen. Greville würde sie nicht darben lassen. Seine kurzen Sätze wären auf sie eingedrungen wie Hammerschläge. Wie betäubt starrte sie ihn an, unfähig, ein Wort zu erwidern. Aber als er geendet, bäumte sich ihr ganzer Stolz gegen ihn auf. Hastig machte sie sich von ihm los. »Nach Hawarden? Wo das Kind ist? Wo jeder meine Schande kennt? Ja, wenn ich hinkäme als Sir Harrys Braut – alles würde dadurch ausgetilgt sein! Aber wie eine Ausgestoßene Unter diesen Menschen leben, meiner Mutter zur Last ... wenn Sie das von mir verlangen ... grausam sind Sie, unmenschlich hart! Gleichgültig ist Ihnen, was aus mir wird! Sie lieben mich nicht! Ich sehe es! Sie lieben mich nicht!« »Und doch verlange ich es! Gerade weil ich Sie liebe! Ich will es, Emily! Hören Sie? Ich will es!« Er ging auf sie zu, mit langen, festen Schritten. Seine Augen leuchteten unter den dichten Brauen hervor wie Stahl, aus dem Funken sprühten. Zwingend bohrten sie sich in die ihren. Sie wollte sich abwenden. Aber sie vermochte es nicht. Hinsehen mußte sie, den bannenden Blick aushalten. So standen sie sich gegenüber. Plötzlich fühlte sie, daß sie schwach wurde. Gleich würde sie hinsinken ... Einen leisen, schluchzenden Ton stieß sie aus ... griff mit den Händen ins Leere ... Aber schon war er bei ihr. Hielt sie in seinen Armen. »Wirst du es tun, Emily?« fragte er sanft, während er sich lächelnd über sie beugte. »Wirst du es tun?« Wie zärtlich klang seine Stimme! Wie rot waren seine Lippen! Alles in ihr wurde still, demütig. »Ich werde es tun, Charles. Ich werde es tun ...« »Und nicht eher zurückkehren, als bis ich dich rufe?« »Und nicht eher zurückkehren, als bis du mich rufst ...« Er nickte zufrieden. »Ich danke dir, Emily! Und nun – nun darfst du mich küssen!« Wie stark er war! Ach, und süß war es, ihm zu gehorchen... – – – – – – – – Von Hawarden aus schickte sie Sir Harry das Dokument zurück. Als sie seinen Antrag annahm, schrieb sie ihm, hatte sie sich durch die glänzende Zukunft an seiner Seite bestechen lassen. Nun aber hatte sie über sich selbst nachgedacht. Sie schätzte ihn hoch als Mann und Freund, empfand aber nicht genug Liebe für ihn, um seine Frau werden zu können. Er möge sie von ihrer Verpflichtung gegen ihn lösen und ihr nicht zürnen. Sehnlichst hoffte sie auf ein paar Zeilen der Verzeihung und Zustimmung. In Dankbarkeit und freundschaftlicher Zuneigung werde sie seiner immer gedenken... Sie wartete nun auf Sir Harrys Antwort. Nach zwei Wochen wiederholte sie den Brief, nach weiteren acht Tagen schrieb sie zum dritten Male. Sie machte eine Pause ... wandte sich nach Up-Park ... dann abermals nach Lechster... Kein Brief von Sir Harry. Ihre Unruhe wuchs. Wenn Sir Harry sie nicht freigab und Greville bei seinem Entschluß blieb, ihre Vereinigung mit ihm hiervon abhängig zu machen, so würden sie niemals zusammenkommen. Auch Greville schrieb nicht oft. Eigentlich nur, um auf ihre Briefe zu antworten. Niemals aus freien Stücken. Er mahnte sie zur Geduld, erinnerte sie an ihr früheres regelloses Leben, hielt ihr ihre Fehler vor. Von Grund auf mußte sie anders werden. Besonders sich vor Übertreibung hüten, durch die leicht der Schein von Unwahrhaftigkeit erweckt wurde. Ihr Verhältnis zu Sir Harry war doch wohl nicht ganz so gewesen, wie sie es ihm dargestellt hatte. Daß jener ihr nicht antwortete, bewies doch, daß seine Leidenschaft für sie nicht sonderlich tief war. Am Ende war er froh gewesen, als er sie auf billige Weise los wurde ... Nach solchen Briefen war Emma tagelang wie verstört. War es möglich, daß Greville sie liebte? Daß er sich nach ihr sehnte wie sie nach ihm? Kamen dann ein paar freundliche Zeilen, so atmete sie auf. Eine Törin schalt sie sich, daß sie an ihm gezweifelt. Hatte er ihr nicht vorhergesagt, daß sie hart an sich arbeiten mußte? Nun erzog er sie nach rauher Mannesart. Weil er sie dem Ideal, das er sich von der Frau seines Herzens gebildet hatte, ähnlich machen wollte. Weil er sie liebte. Anders liebte als jene Gewissenlosen, die in Emmas Schönheit nur ein Instrument der Lust gesehen hatten ... Auch die Anforderungen des täglichen Lebens machten ihr Sorge. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte sie das Kammermädchen mitnehmen müssen, das Smith in London für sie gemietet hatte. Ebenso hatte sie das Geld annehmen müssen, das er ihr in Sir Harrys Auftrage einhändigte. Nun aber begann sich Mangel fühlbar zu machen. Auch das Geld wurde verbraucht, das Emma früher der Mutter als Notpfennig geschickt hatte. Damals hatte sie darauf gedrungen, daß die Mutter ihren schweren Dienst verließ und eine Wohnung bezog, in der sie mit dem Kinde und der Großmutter sorgenlos leben sollte. Sorgenlos ... Hatte Emma bei Graham und Romney nicht verdient? Hatte Sir Harry es ihr je an etwas fehlen lassen? Ihrer Zukunft ganz sicher hatte sie sich damals gefühlt. Alles hatte sie um Greville aufgegeben ... Sie bereute es nicht. Sie liebte ihn. Eines Tages würde sie namenlos glücklich mit ihm sein. Aber der Hauswirt mahnte um die Miete, das Kammermädchen fragte nach dem Lohn, trotz aller Einschränkung wurde die Lebensführung täglich dürftiger ... Sie konnte nicht länger untätig zusehen, wie die Ihrigen darbten. Angst um das Morgen packte sie. Grevilles Verbot entgegen schrieb sie an Romney, teilte ihm ihre Not mit. Immer war er gut zu ihr gewesen, hatte ihr hundertmal seine Börse angeboten. Sicherlich würde er ihr helfen. Kurz vor Weihnachten schickte sie den Brief ab. Gleichzeitig schrieb sie nochmals an Sir Harry. Das Fest der Liebe würde ihre Herzen weich stimmen. Am Neujahrstage war noch keine Antwort da ... – – – – – – – – Hawarden, 3. Januar 1782. Greville! Geliebter! Ich bin in Verzweiflung. Von Sir Harry habe ich noch immer keine Nachricht. Ich bin überzeugt, er ist nicht mehr in Lechster. Was soll ich tun? Was soll ich tun? Sieben Briefe habe ich geschrieben! Und keine Antwort! Nach London kann ich nicht zurück, ich habe kein Geld mehr. Nicht einen Penny besitze ich. Ach, meine Freunde behandeln mich schlecht. Verzeih! Aber muß ich es nicht glauben? Was soll ich tun? Was soll ich tun? Wie hat Dein Brief mich gerührt, in dem Du mir Glück zum Neuen Jahre wünschtest! Ach, Greville, wenn ich in Deiner oder in Sir Harrys Lage wäre – welch ein glückliches Mädchen würde ich sein! So aber bin ich ein Mädchen im Elend... Um der Liebe Gottes willen, Greville, schreibe mir gleich, sobald Du diesen Brief erhältst! Rate mir, was ich tun soll. Was Du bestimmst, wird geschehen. Ich bin schon fast von Sinnen. Was soll aus mir werden? Schreibe! Greville, schreibe! Lebe wohl, Geliebter! Ewig Deine Emily Hart Nach dem Original der Morrison-Manuskriptensammlung Nr. 112. – – – – – – – – Nach neun Tagen kam die Antwort. Ein langer Brief. Vorwürfe, Ermahnungen, Lehren. Und dann ... »Wenn Du Sir Harry liebst, darfst Du nicht mit ihm brechen...« Das konnte er schreiben? War es Hohn? Eifersucht? Hatte er es mißdeutet, daß sie so oft an Sir Harry geschrieben? Glaubte er vielleicht, daß sie mit jenem wieder anknüpfen wollte? Aber nun... »Meiner süßen Emily Tränen kann Ich jetzt trocknen, kann ihr Trost geben. Wenn sie mein Vertrauen nicht täuscht, wird meine Emily vielleicht glücklich werden! »Du weißt, daß ich mich unter keinen Umständen über Undank oder Launenhaftigkeit zu ärgern wünsche. Nur Dein Brief und Dein Klagen bewegt mich, mein System zu ändern. Denke aber daran, daß ich Ruhe haben will. Wird mein Vertrauen getäuscht, so werde Ich unsere Beziehungen nicht einen Augenblick länger fortsetzen. Wenn Du nach London kommst und meinem Rate folgst, entläßt Du Dein Kammermädchen und nimmst einen anderen Namen an, damit ich Dir mit der Zeit einen neuen Freundeskreis verschaffen kann. Wahre also Dein Geheimnis, daß niemand es errät! Dann rechne Ich darauf, Dich bewundert zu sehen. »Soviel über Dich. Was die Kleine angeht, so kann seine Mutter auf mein Wohlwollen für ihr Kind rechnen. Es soll keinen Mangel leiden. »Ich lege etwas Geld bei. Gib es nicht unbesonnen aus. Ein paar Geschenke kannst Du machen, wenn Du in London angekommen bist ...« Nach dem Original der Morrison-Manuskriptensammlung Nr. 114, 10. Januar 1782. Das gesperrt Gedruckte ist unterstrichen. – – – – – – – – Wenn Du in London angekommen bist ... Sie las nicht weiter. Er rief sie! Sie durfte zu ihm! Alles, alles war gut! Dreiundzwanzigstes Kapitel Nach einer Verbannung von sieben Monates traf Emma Ende März wieder in London ein. Die Mutter begleitete sie und sollte bei ihr bleiben, das Kind aber bei Emmas Großmutter in Hawarden erzogen werden. Emma hatte das zierliche, lebhafte Geschöpfchen in dieser Zeit der Einsamkeit lieb gewonnen und Greville gebeten, es bei sich behalten zu dürfen. Er hatte es ihr abgeschlagen. In seinem stillen, den Studien geweihten Heim war für das unruhige Wesen eines Kindes kein Platz. Auch war das milde Seeklima des Deegolfes gesunder, als die trübe Nebelatmosphäre Londons. Wenn Emma ihr Kind lieb hatte, ließ sie es in Hawarden. Blutenden Herzens hatte sie sich seinem Willen gefügt. Aber eine leise Verstimmung war in ihr zurückgeblieben. Nun jedoch, da die Postkutsche schwerfällig über das Pflaster Londons rollte, war alles Widrige vergessen. Das Herz klopfte ihr; sie hielt es nicht auf ihrem Sitze aus und riß eines der Wagenfenster auf, um sich hinauszubeugen und nach ihm auszuspähen, dem nun ihr Leben gehören sollte. Da war er! Vor dem Posthause stand Greville, abseits von der Menge der übrigen Wartenden! Sie zeigte ihn der Mutter, pries seine Schönheit, seine vornehme Gesinnung, sein gutes Herz. Lachte und weinte in einem Atem, winkte ihm mit dem Taschentuch, war glücklich, daß er sie erkannte und ein wenig den Hut lüftete. Als der Wagen hielt, stürzte sie in seine Arme. »Greville! Geliebter!« Sie vermochte nur zu stammeln. Und sie sah es, auch er war ergriffen. Ein heller, warmer Schein war in seinen Augen. Sanft machte er sich dann von ihr los. »Laß uns den Leuten kein Schauspiel geben, Liebling! Nachher werden wir einander gehören. Wenn wir allein sind.« Er nickte ihr zu und ging, der Mutter aus dem Wagen zu helfen. Mit scharfem Prüfen musterten seine Augen ihre ganze Gestalt. Er schien mit ihr zufrieden. Wie sie vor ihm stand, befangen zu ihm aufblickend, war sie mit ihrem glatt gescheitelten Haar, ihren sanften Augen eine hübsche alte Frau, der man die niedere Herkunft nicht anmerkte. »Wie jung Sie noch sind!« sagte er liebenswürdig. »Und wie Emily Ihnen ähnelt! Man könnte Sie für Schwestern halten.« Mrs. Lyon erwiderte die Schmeichelei mit einer altfränkischen Verbeugung, die ihr das Aussehen einer Landedeldame verlieh. »Sir Greville sind sehr freundlich. Und ich hoffe ...« »Bitte, meinen Namen nicht zu nennen!« unterbrach er sie hastig, sie und Emma zu einem in der Nähe haltenden Wagen führend, auf den ein Postknecht das Gepäck lud. »Die Leute sind neugierig. Und es ist nicht nötig, daß man erfährt, wer wir sind. – Nach Edgware Row, Paddington Green!« befahl er dem Kutscher und zog die Gardinen des Wagens zu. Dabei suchte er zu scherzen. »Du weißt ja, Emily, daß ich eifersüchtig bin. Ich gönne niemand deinen Anblick, Nicht einmal dem letzten Gassenkehrer Londons!« In ihrem Herzen zog sich etwas schmerzhaft zusammen. Schämte er sich ihrer? – – – – – – – – In Edgware Row hatte Greville ein kleines Haus gemietet. Das Dorf lag im Weichbild der Stadt, am Saum des Hydepark. Weithin dehnten sich ebene Felder, bewirtschaftet von fleißigen Landleuten, die ihre Früchte nach London zu Markte brachten. Inmitten großer Gärten standen die Wohnungen weit auseinander – wunderlich geformte Häuser mit vorspringendem, geschwärztem Gebälk und dicken Strohdächern, auf denen Moos wucherte. Malerisch ragten zwischen ihnen die Schenken und Herbergen hervor, zu denen das Volk Londons im Sommer pilgerte, Erholung in der reinen Luft des Landes zu suchen. Wie Burgen sahen sie aus mit ihren Schornsteinen und massigen Toren, bewehrt durch schweren Eisenbeschlag und altertümliche Türklinken. Weit in die Straße hinein reckten sie lange schwarze Arme mit großen verrosteten Schildern, an denen seltsam verzerrte Tierbilder, Sonne und Sterne hingen. Vom Winde bewegt knarrten sie mißtönig, pendelten schwerfällig hin und her, wie verblichene, vom Regen beschwerte Fahnen. Emma sah das alles und horchte auf Grevilles Erklärungen, während der Wagen auf holperigen Wegen durch das Dorf fuhr. Hier also sollten sie wohnen ... Im Sommer, wenn sich alles mit frischem Grün umrahmte, mochte es das Idyll sein, von dem Greville sprach. Nun aber ... Kein Hund bellte, kein lebendes Wesen war zu sehen. Wie ausgestorben lag das Dorf inmitten der endlosen Ebene, über die der Abend einen letzten Schimmer breitete. In dem fahlen Lichte streckten sich die entblätterten Äste der Bäume empor, wie zitternde Finger welker Greisenhände. Mit ihren grauen, lichtlosen Massen und geschlossenen Läden glichen die Häuser düsteren Grüften, in denen alles Leben ausgelöscht war. Eine starre Stille herrschte, durch die das knirschende Geräusch der Räder seltsam gespenstig klang. Und inmitten dieses lastenden Schweigens nahte das Ziel ... Ein Frösteln durchschauerte Emma. Unwillkürlich hüllte sie sich fester in ihren Mantel. Wie hilfesuchend tastete sie nach Grevilles Hand ... Mit festem Druck erwiderte er die schüchterne Berührung. Und nun wurde es plötzlich hell in ihr, froh und warm. Er liebte sie. Er war bei ihr. Was konnte ihr geschehen? – – – – – – – – Das Haus lag in einem geräumigen Garten, dessen Hintertür unmittelbar auf das freie Feld führte. In einem Zimmer des Erdgeschosses stand ein kleines Mahl bereit, zu dem Greville einlud. Aber Emma nahm nur wenige Bissen. Ungeduldig begehrte sie, das Haus zu sehen. Sie stiegen in die Keller hinab, in denen Holz und Kohlen aufgestapelt waren. Auch die Waschküche befand sich hier und eine Stube für die beiden Dienstmädchen. Im Erdgeschoß besichtigten sie die Küche, in der die Mutter wirtschaften und Emma zur Hausfrau ausbilden sollte. Nebenan lag das Zimmer der Mutter. Außer dem Bett, einem Tisch und ein paar Stühlen enthielt es einen Kleiderschrank und ein großes Sofa »für das Mittagsschläfchen nach des Morgens Last und Mühe«. Auf der anderen Seite des Hauseingangs trat man in das »Wohnzimmer der Damen«, in dem man den Imbiß eingenommen hatte. Von diesem ging es in das Speisezimmer. Es war groß wie ein Saal; Holztäfelung lief in Mannshöhe um die Wände. Die Felder über ihr und die Decke waren mit Malereien bedeckt, in denen die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft dargestellt waren. Dienend schienen sie sich unter den Fuß einer Schönheitsgöttin zu beugen, die an der Decke thronte, umgeben von beschwingten Genien. Als Emma das Antlitz der Göttin sah, stieß sie einen Ruf der Überraschung aus. Ihr eigenes Gesicht schaute auf sie herab. »Romney?« rief sie, »Hat das nicht Romney gemalt?« Greville nickte. »Er hat es sich nicht nehmen lassen, das Heim seiner Circe ein wenig auszustatten. Ein wertvoller Schmuck, mit dem Vorzug der Billigkeit!« Er lachte. Sie aber stand ergriffen. Sie dachte an die stillen Tage im Atelier des Cavendish Square. Tränen traten ihr in die Augen. »Romney!« stammelte sie. »Mein lieber Freund Romney! So hat er mich doch nicht vergessen!« »Vergessen? Während der ganzen Zeit hat er nur von dir gesprochen. Und er ließ mir nicht Ruhe, als bis ich ihm erlaubte, daß er morgen herauskommen darf, um dich zu begrüßen!« »Morgen? Schon morgen? Wie gut du bist, Charles, wie gut!« Jubelnd ergriff sie seine Hand, drückte sie an ihre Brust, dankte ihm mit einem strahlenden Blicke. Zum erstenmal seit langen Monaten fühlte sie sich wahrhaft glücklich. »Kennst du ihn schon lange? Hast du ihn gern?« »Sehr gern! Er ist ein großer Künstler, ein achtungswerter Mensch. Ich kenne ihn schon seit Jahren. Es ist Zufall, daß wir uns nicht in seinem Atelier getroffen haben!« Sie suchte sich zu erinnern. »Greville? Richtig, ich hörte den Namen von ihm! Aber ich achtete nicht darauf. Ich ahnte ja nicht, wer Greville war!« Ihr Gesicht wurde ernst. »Aber wunderlich ist Romney doch! Warum antwortete er nicht auf meinen Brief?« Greville schien die Frage nicht zu hören. Er erwiderte nichts. Die Tür zum Hausflur öffnend stieg er den Damen voran, die Treppe zum Obergeschoß empor. – – – – – – – – Emmas Zimmer lag über der Küche. Es hatte dieselbe einfache Einrichtung wie das der Mutter. Nur das große Sofa fehlte. Dafür war ein Schreibtisch da, bedeckt mit Büchern und Heften. Darüber an der Wand ein Spruch: Carpe diem! Sonst keinerlei Schmuck. Alle jene Kleinigkeiten fehlten, mit denen Emma sich wenigstens einen Schein von Luxus vorzutäuschen liebte. Kalt und fremd mutete das Zimmer sie an. Nüchtern und streng sah es aus, wie eine Schulstube. Es war, als habe Greville ihre Gedanken erraten. »Hier werden wir zusammen arbeiten!« sagte er zu der Mutter. »Emily weiß ja, daß sie noch viel zu lernen hat!« Sie begegnete seinem ernsten Blick und errötete. Niedrig kam sie sich vor, daß sie gleich beim ersten Schritt in das neue Heim, das er ihr schenkte, zu mäkeln anfing. Warum fand sie kein Wort des Dankes für die selbstlose Sorge, mit der er sie zu sich emporzuheben strebte? Aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Ach, noch immer verstand sie sich nicht zu beherrschen. Allen in ihr auftauchenden Stimmungen gab sie Raum. Ohne zu überlegen, ob sie auch gerecht waren. Grübelnd folgte sie Greville, als er mit der Mutter voranging. Im Nebenzimmer zündete er zahlreiche, über den ganzen Raum verteilte Kerzen an. Eine sanfte Helligkeit breitete sich aus, hinreichend, um die Einzelheiten zu unterscheiden. Mächtige Regale, angefüllt mit Büchern, bedeckten die Wände. Die vom Alter geschwärzten Einbände waren mit Steinen verziert, die farbiges Licht ausstrahlten. In hohen Glasschränken schimmerten Mineralien und Kristalle, vom einfachen, grauen Feldstein bis zum bläulichen Tessiner Cyanit und dem silberglänzenden Platin vom Ural. Alle waren mit Nummern versehen; geschriebene Hefte hingen an jedem Schrank, in denen die einzelnen Steine nach Herkunft, Art und Eigenschaften ausführlich geschildert waren. Gläser, Töpfe, Retorten, Wagen auf zwei langen Tischen in der Nähe eines kleinen Schmelzofens dienten zu Experimenten, Durch sie erforschte Greville die Zusammensetzung des Gesteins, um es nützlichen Zwecken dienstbar zu machen. Seine Augen strahlten, während er Emma und der Mutter alles erklärte. Ihre Unwissenheit ertrug er mit nachsichtigem Lächeln, wurde nicht müde im Suchen nach leicht verständlichen Worten. Das folgende Zimmer glich dem Laden eines Antiquitätenhändlers. Alte Ölgemälde in dunklen Rahmen bedeckten die Wände, Heiligenbilder der katholischen Kirche. Seltsame, überschlanke Gestalten zeigten sie, in einfarbigen, kuttenähnlichen Gewändern. Durch die matte Haut der hageren Gesichter, der eckig geformten Hände und Füße glaubte man das Knochengerüst schimmern zu sehen. Einige trugen Kronen auf den Häuptern und Lilien in den Händen; andere schleppten die Last von schweren Kreuzen; wieder andere deuteten auf ihre Herzen, die blutrot aus den Leibern hervortraten und in lodernden Flammen brannten. Allen aber war ein Zug ekstatischer Begeisterung gemeinsam, der sie hoch über alles Leiden emporzuheben schien. Auf Tischen, Postamenten, Konsolen lagen altertümliche Waffen und Gerätschaften; drei Glasschränke zeigten altrömische Vasen mit schwarzer und bunter Bemalung. Sir William Hamilton, Grevilles Oheim, hatte sie bei den Ausgrabungen von Pompeji der Lava des Vesuv entrissen und den kostbaren Schatz dem Neffen zur Aufbewahrung anvertraut. Daneben, auf einem Bücherbrett, prangten die beiden vielbändigen Werke des Gesandten über seine Beobachtungen am Vesuv und über die Phlegräischen Felder im Königreich beider Sizilien. Zwischen diesen halbvermoderten Zeugen einer versunkenen Kultur und jenen bleichen Predigern der Weltflucht aber dehnte sich strahlend in hüllenloser Nacktheit der lebenstrotzende Körper eines schönen Weibes. Die Venus des Correggio. Aus schwerem, goldenem Rahmen grüßte sie von einer Staffelei herab, ein Lächeln um den vollen halbgeöffneten Mund. Über Weltlust und fromme Entrücktheit, über Heidentum und Christentum, über das Fühlen, Denken und Streben der Vergangenheit und Gegenwart schien sie sieghaft ihren Spott auszugießen. Verleugnet mich, ihr Kurzsichtigen, und wendet euch ab von mir, wie ihr wollt! Immer werdet ihr zu mir zurückkehren. Mutter bin ich und Herrin von allem, was da war und ist und sein wird ... Greville hatte das verstaubte und fast zerstörte Bild in dem Laden eines Vorstadthändlers entdeckt, für einen billigen Preis an sich gebracht und in mühevoller Arbeit wiederhergestellt. Das Zeichen Correggios fehlte; dennoch zweifelte er nicht, daß es von dem berühmten italienischen Meister herrührte. Gelang ihm der Beweis, so stellte das Bild ein kleines Vermögen dar. Er floß über von Beredsamkeit. Er wies auf die Merkmale hin, die für die Echtheit des Bildes sprachen, suchte seine Zuhörerinnen zu seiner Überzeugung zu bekehren. Ganz Leidenschaft war er, Kraft, Wille. Emma verstand kaum, was er sagte. Dennoch hörte sie ihm aufmerksam zu, beobachtete jede seiner Mienen und Bewegungen. Schwer war es ihr aufs Herz gefallen, wie wenig sie von ihm wußte. Als ein völlig Fremder erschien er ihr, ganz unähnlich dem Bilde, das sie sich einst von ihm gemacht. Und nun suchte sie aus seiner Umgebung, aus seinen Neigungen und Beschäftigungen, aus allem, was er sprach, sein innerste Wesen zu ergründen. Warum hatte er beim Empfange der Mutter die Nennung seines Namens verwiesen? Warum sich während der Fahrt durch die Stadt hinter zugezogenen Gardinen versteckt? Fürchtete er das Gerede der Leute? War er feige? Seine Freude, daß die Ausstattung des Speisezimmers durch Romney nichts kostete ... die ärmliche Einrichtung in den Zimmern Emmas und der Mutter ... sein Behagen an der Billigkeit der Venus – war er ein kleinlicher Rechner? Und endlich die Schärfe, mit der er Emma immer wieder ihre Unbildung vorwarf – war er hochmütig? Ein Schulmeister? – – – – – – – – Nach der Besichtigung des Oberstocks führte er die Frauen ins Wohnzimmer zurück. Zu einer Besprechung des Haushalts, die am besten gleich heute stattfand, damit jeder wußte, woran er war. Er sagte es in einem kurzen bestimmten Ton, der zeigte, daß er nach einem überlegten Plane handelte. Dann begann er zu reden. Über seine Stellung und über das Zusammenleben mit den Frauen, wie er es sich dachte. Seine Familie gehörte zum vornehmsten Adel Englands. Sein Vater, achter Baron Brooks, erster Graf Warwick, entstammte dem berühmten Geschlechte der Königsmacher, das in der Geschichte des Reiches eine hervorragende Rolle gespielt hatte. Grevilles verstorbene Mutter war Elisabeth Hamilton, Gräfin Warwick gewesen, Tochter des Lords Archibald Hamilton, Gouverneurs der Insel Jamaika und des Hospitals von Greenwich. Grevilles Oheim Sir William Hamilton war der Milchbruder und vertraute Freund König Georges III., Gesandter Englands am Königlichen Hofe von Neapel, Gelehrter, Beschützer der Künste und Wissenschaften, sehr reich. Mit einer vornehmen Dame verheiratet, hatte er eine Tochter, sein einziges Kind, durch den Tod verloren und bei der steten Kränklichkeit seiner Gemahlin die Hoffnung auf weitere Nachkommenschaft aufgegeben. Seitdem hatte er seine ganze Liebe Greville zugewandt. Auf alle Weise suchte er ihn zu fördern, hatte ihm die Oberaufsicht über seine Güter in Wales übertragen, behandelte den Neffen wie einen gleichalterigen Freund. Greville suchte sich ihm durch allerlei kleine Dienstleistungen dankbar zu erweisen. Die Bewegungen im Geistesleben der Nation, die Neuerwerbungen und Verkäufe der Londoner Archäologen und Antiquare, die Intrigen am Hofe des Königs und hinter den Kulissen des Parlaments – alles Wichtige teilte er Sir William mit, der durch sein Amt gezwungen war, fern von dem Brennpunkt der Interessen und Staatsaktionen zu leben. Seit vier Jahren war Sir William nicht mehr in England gewesen, nunmehr aber hoffte er auf einen längeren Urlaub. Greville sah diesem Besuche mit gespannten Erwartungen entgegen. Er rechnete auf eine Besserung seiner Lage durch den Oheim. Denn Grevilles Einkommensverhältnisse waren sehr mißlich. Es war notwendig, das den Frauen deutlich zu zeigen. Als jüngerer Sohn von dem angestammten Reichtum der Familie ausgeschlossen, bezog er nur eine kleine Rente. Die Einkünfte seines Amtes waren kaum der Rede wert. Um sich jedoch die Aussicht auf eine bessere Zukunft nicht zu versperren, durfte er es nicht aufgeben. Das kleine mütterliche Vermögen war verbraucht; ja, für die Mineralien- und Bilder-Sammlungen hatte er sogar bedeutende Schulden gemacht. Zwar würde sich das darin angelegte Kapital später bezahlt machen, vorderhand aber lag es brach, erforderte noch neue Aufwendungen. Alles in allem – Grevilles jährliches Einkommen betrug zweihundertfünfzig Pfund. Damit mußte man auskommen. Er holte von einer Kommode am Fenster ein Heft herbei, das er vor Emma hinlegte. Ihre Einnahmen und Ausgaben sollte sie darin eintragen, mit genauester Sorgfalt, bis auf den halben Penny. Einhundert Pfund waren für den Haushalt ausgeworfen. Damit mußte alles bestritten werden, was für Ernährung, Wäsche, Feuer, Licht, Kleidung der Frauen erforderlich war. Auf den ersten Blick erschien die Summe vielleicht unzureichend. Aber der Garten lieferte Obst und Gemüse, und die Mutter war eine ausgezeichnete Wirtschafterin, von der Emma Sparsamkeit lernen würde. Und weder die Frauen noch Greville waren Feinschmecker und Prasser, die übertriebene Anforderungen an die Küche stellten. Den Lohn für die beiden Dienstmädchen zahlte Greville. Das erste Mädchen erhielt neun, das zweite acht Pfund, zusammen also siebzehn Pfund. Als eine kleine Entschädigung für die Mutter hatte er dreizehn, als Taschengeld für Emma dreißig Pfund bestimmt, so daß er für sich neunzig Pfund behielt, von denen er seine Kleider, Studien und Vergnügungen bestreiten würde. »Auch die Kosten für Besuche trage ich!« schloß er. »So bescheiden unser Leben auch sein wird, Verwandte und einflußreiche Freunde muß ich empfangen, wenn ich meine Zukunft nicht aufgeben will!« Aufmerksam hatte die Mutter zugehört. »Nichts dürfen Sie aufgeben, Sir Greville!« rief sie. »Lassen Sie uns nur machen! Ich kenne Leute, die von einem noch geringeren Einkommen leben und trotzdem oder gerade deshalb in allgemeiner Achtung stehen!« Sie erhob sich von dem Sofa, auf dem sie gesessen hatte, und ging zu Greville. Mit einer schüchternen Bewegung ergriff sie seine Hand. »Ich bewundere Sie, Sir Greville! Ein vornehmer Lord, der zu rechnen versteht! ... Als wir hierherkamen – ach, das Herz war mir bange und schwer. Ich hielt Sie für einen von denen, die alles nur zu ihrem Vergnügen geschaffen glauben. Und ich fürchtete, daß meine arme Amy ... ach, verzeihen Sie, aber wenn eine Mutter ihr Kind so sehen muß ... ohne Trauung, ohne Namen ... Aber nun, wo ich Sie kennen gelernt habe ... Sie werden meine Amy nicht noch unglücklicher machen, nicht wahr? Ich weiß es. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Und bin nun ganz beruhigt. Und ich werde alles tun, daß Sie mit uns zufrieden sind!« Sie brach in leises Schluchzen aus und kehrte auf das Sofa zurück. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann kam Greville zu Emma und sah ihr forschend in die Augen. »Und Emily? Was sagt meine Emily zu unserem Budget? Noch ist es Zeit zurückzutreten!« Sie saß noch so, wie vorhin, während er gerechnet und seine Armut bekannt hatte. Zu seiner Not hatte er sich noch die Sorge um sie und die Mutter aufgeladen. Und sie hatte an ihm gezweifelt, sein Tun bemäkelt, seinen Charakter beargwöhnt ... Tiefe Scham ergriff sie. Und gleichzeitig eine große, warme Freude. Was machte es aus, daß er sie nicht in Reichtum und Wohlleben betten konnte! Er gab ihr das Höchste. Er liebte sie. Sie sah zu ihm auf, Sehnsucht trieb sie zu ihm. Aber sie wagte nicht, sich in seine Arme zu schmiegen. Er erschien ihr so groß, so hochragend, so unnahbar. Vor ihm war sie klein, niedrig, voller Fehler. Eine Sklavin, die nur schweigen durfte. Und warten. Schweigend warten ... Törichtes Herz mit seinem Grübeln! Törichte Seele mit ihrem Fragen und Bangen! Liebte sie ihn nicht? Und hätte sie ihn nicht ebenso geliebt, wenn er ein Bettler gewesen wäre? Leise schüttelte sie den Kopf. Und beugte sich vor ihm. Küßte die Hand, die auf ihrem Arm lag... – – – – – – – – Sie hatten der Mutter Gutenacht gesagt und stiegen miteinander die Treppe empor. Im Gehen lehnte sie sich an seine Schulter. Die Berührung durchströmte sie mit wohliger Wärme. Wob um ihr Herz einen süßen Traum ... Vergessen lag hinter ihr, was ihr je geschehen. Sir John, Hebe Vestina, das Kind – alles war nie gewesen. Ein junges Mädchen war sie. Eine Jungfrau. Keusch und unberührt schritt sie an der Hand des Geliebten über die Schwelle der hochzeitlichen Nacht ... Vor ihrer Tür blieb Greville stehen und bot ihr die Hand. Wie um Abschied zu nehmen. Plötzlich fiel ihr ein, daß in ihrem Zimmer nur ein Bett stand. »Und du?« fragte sie verwirrt. »Wo schläfst du?« Er sah sie nicht an. Er schien ebenso befangen wie sie. »Ich ... hinter dem Bildersaal ist ein kleiner Anbau ... über der Veranda des Erdgeschosses ...« Dort schlief er? Durch die ganze Tiefe des Hauses von ihr getrennt? »Warum zeigtest du uns das Zimmer nicht?« fragte sie, ihren ganzen Willen zusammenraffend. »Erlaube, daß ich nachsehe, ob du dort gut aufgehoben bist!« Ohne seine Zustimmung abzuwarten, nahm sie ihm das brennende Licht aus der Hand und ging durch ihr Zimmer, das Laboratorium und den Bildersaal voran. Im Vorüberstreifen fiel ein flackernder Schein auf die Venus des Correggio. Spöttisch schien der volle Mund zu lächeln ... Auch Emma lächelte. Mit demselben Spott. Mochte Greville gelehrt, weise, stark sein – dennoch war sie ihm überlegen. Weib war sie, wissendes Weib ... Auch über sich selbst lächelte sie. Über den Traum eines unberührten Mädchentums. Wohin wäre sie mit ihm gekommen! Vor dem Bilde der Venus zerstob er in nichts. – – – – – – – – Ein kleines Zimmer, nach dem Garten hinaus. Durch das offenstehende Fenster sah man die Spitzen von schwarzen Zweigen, die sich im Winde bewegten. Ein fahler Schein im Osten kündete das Nahen des neuen Tages ... Im Sommer mußte es sich gut hier wohnen über dem großen Garten mit seinen Bäumen, Büschen und Blumen. Nun aber sah es trostlos und öde aus. Kaum das Notwendigste war vorhanden. Ein Bett, ein Stuhl, ein Waschtisch. Und doch war Raum genug für allerlei Bequemlichkeiten. Auch für ein zweites Bett. Wieder schoß das Mißtrauen in ihr auf. Kalt und scharf suchte sie zu denken. Seine Mätresse war sie. Wollte es sein. Warum nahm er sie nicht? Ihr Blick flog zu ihm zurück. Er hatte die Tür nicht hinter sich geschlossen, sondern war neben ihr stehen geblieben, wie darauf wartend, daß Emma wieder gehen sollte. Als ihre Augen den seinen begegneten, wandte er sich scheu ab. Nichts war mehr in seinem Gesicht von dem starken Selbstbewußtsein des Mannes, von dem Willen zur Herrschaft. Wie ein junges Mädchen stand er da, zitternd, errötend. Woher hatte er nur damals im Drury-Lane-Theater den Mut genommen, sie zu küssen? War es nur ein jähes Aufflammen der unterdrückten Begierde gewesen, die auch den Keuschesten zuweilen überfiel? Das gewaltsame Hervorkehren eines Herrentums, hinter dem sich eine zaghafte Seele verbarg? Sein wunderliches Denken, Sprechen, Handeln – nun verstand sie es. Trotz seiner dreiunddreißig Jahre hatte er wohl nie ein Weib berührt ... Ein seltsames Gefühl ergriff sie. Tränen traten ihr in die Augen. Ach, warum konnte sie ihm nicht die Knospe eines jungfräulichen Leibes schenken! Verwirrt, traurig lehnte sie am Fenster, sah zu Greville hinüber. Zwischen ihnen, auf dem Stuhl, brannte das Licht. Dunkel türmte sich an der Wand der hohe Bau des Bettes. Sollte sie gehen, wie Greville es zu erwarten schien? Zögernd, ungewiß wandte sie sich um, das Fenster zu schließen. Ihre Befangenheit hinter einem Tun zu verbergen ... Ein Windstoß fuhr herein ... das Licht flackerte auf ... erlosch … Vierundzwanzigstes Kapitel Der erste Sonnenstrahl weckte sie. Leise richtete sie sich auf und betrachtete Greville. Er lag auf dem Rücken, lang ausgestreckt, einen Arm unter dem Kopfe. Sein Hemd war am Halse offen und zeigte die weiße Haut. Klar sprang das Profil des Gesichts hervor mit der hohen Stirn, dem edlen Schwung der Nase, der weichen Linie des Mundes. Die Hand, die auf der Bettdecke lag, hatte lange, schmale, fein gemeißelte Finger. Die Augenbrauen waren leicht zusammengezogen. Als denke er selbst im Schlaf. Was mochte hinter dieser Stirn vorgehen! Welche Fülle des Wissens lag dort aufgespeichert! Wie einer fremden, höheren Rasse entsprossen kam er ihr vor. Die Venus des Correggio wäre ein Weib für ihn gewesen. Mit ihrer natürlichen wilden Grazie, in der sich die elastische Kraft des Meeres mit der elementaren Fruchtbarkeit der Erde vereinte. Während Emma, mit ihrer bäuerischen Herkunft, ihrer trostlosen Unwissenheit, ihrem unsicheren Umherschwanken ... Ja, sie mußte sich ändern, mußte ihm ähnlich werden! Wenn sie ihm ein Kind gebar ... ein Kind, in freier Hingabe empfangen, mit einem Jubelschrei zur Welt gebracht ... Nicht wie jenes andere Kind der rohen Gewalt, der Schande ... Sie beugte sich über ihn, nahe, daß sie seinen Atem auf ihrem Gesicht verspürte. Unter ihrem Blick schlug er die Augen auf. »Emily? Was ist?« Mit beiden Armen umfing sie ihn. Legte ihre Wange an die seine. Flüsterte ihm ins Ohr. »Wenn ich ein Kind von dir bekäme! Charles, ein Kind ...« Er lächelte, träumerisch, noch im Schlaf befangen. Plötzlich aber machte er sich los, wie erschreckt. Seine Stimme klang hart und kalt. »Ein Kind? Wünsche es dir nicht! Zwischen uns wäre alles zu Ende!« – – – – – – – – Zum Frühstück kam Romney. Bepackt mit Schachteln und Paketen. Er sah blaß und leidend aus, hatte den irrlichternden Ausdruck seiner trüben Stunden in den Augen. Als er Emma erblickte, blieb er stehen und starrte sie an wie verzückt. »Sie ist noch schöner geworden!« rief er dann und musterte sie von allen Seiten. Sein Gesicht strahlte, alles an ihm war in Bewegung. »Und wieder ganz verändert! Niemand würde glauben, daß sie einmal die Bacchantin oder auch die Sensibility war. Etwas Neues steckt in ihr, etwas Frauenhaftes, Schöpferisches. Warum haben Sie das Kind nicht mitgebracht? Ich würde Sie mit ihm malen. Als Natur! – Sagen Sie nichts, Greville! Ich weiß, ich bin ein taktloser Geselle! – Aber mit einem hübschen Tier wird es auch gehen. Ich werde Ihnen ein Hündchen schenken, gefleckt, mit zierlichem Kopf und guten, treuen Augen. Das nächste Mal, wenn ich komme, bringe ich es mit!« Er sprudelte das alles heraus, während er um sie herumging. Sie ließ sich beschauen, glücklich, daß sie sein liebes Gesicht wiedersah und daß er sie noch gern hatte. Als er eine Pause machte, um Atem zu holen, streckte sie ihm lächelnd die Hand hin. »Ist es nun erlaubt, Sie zu begrüßen, gestrenger Herr Kritiker?« Er schlug sich vor der Stirn. »Natürlich hab' ich's vergessen! Der Schädel wird immer leerer.« Zärtlich küßte er ihr die Hand. »Ach, es war eine schreckliche Zeit! Ich dachte, ich würde sterben. Gemalt hab' ich fast gar nichts. Der einzige würdige Gegenstand auf der Welt war ja nicht da.« Seine Lippen zitterten. Er mußte sich setzen, so übermannte ihn die Bewegung. Dann machte ihn Emma mit der Mutter bekannt. Er begrüßte sie wie die Mutter einer Königin. Endlich packte er seine Pakete aus. »Ich kenne Greville!« sagte er mit einem lächelnden Blick auf ihn. »Für ihn gibt's nur die strenge Wissenschaft und die hohe Kunst des Kothurns, Als eingefleischter Junggeselle hat er auch keine Ahnung, was schöne Frauen lieben. Darf ich versuchen, dem ein wenig abzuhelfen? Billiger Tand, in der Hoffnung auf freundliche Nachsicht zu den Füßen der Schönheit niedergelegt!« Seidene Deckchen, Flakons mit wohlriechenden Wassern und ätherischen Ölen, Messer, Scheren, Fingerhüte, farbige Bänder, zierliche Nippesfiguren, Kästchen, Dosen – in buntem Durcheinander holte er seine kleinen Schätze hervor und breitete sie vor Emma aus. Und als sie jubelnd in die Hände klatschte, lachte er, glücklich über ihre Freude, und belud sich mit den Nichtigkeiten, um Emmas Zimmer gleich mit ihnen zu schmücken. Auch die Mutter hatte er nicht vergessen. Für sie war ein warmes Umschlagetuch und eine seidene Haube bestimmt. Greville erhielt einen silbernen Becher. Oben war Emma einen Augenblick mit dem alten Freunde allein. »Romney!« sagte sie schnell, halblaut. »Sagen Sie mir die Wahrheit! Warum haben Sie auf meinen Brief nicht geantwortet?« Er wurde verlegen. »Greville kam dazu, als ich die Antwort an Sie fertig machte. Er litt nicht, daß ich sie absandte. Er sagte, wenn Sie das Geld erhielten, würden sie nach London kommen und ihn dadurch zwingen, sofort mit Ihnen zu brechen. Er sah aus, als ob er sein Wort wahr machen würde. Und ich wußte, daß Sie dadurch unglücklich werden würden.« »Sie wußten? Ich hatte Ihnen doch nie von ihm gesprochen!« »Aber seinetwegen hatten Sie Sir Harry aufgegeben!« Sie nickte. In ihren Augen brannte eine Flamme. »Ja, ich liebe Greville. Und ich will ihn nicht verlieren. Aber ich kenne ihn nicht. Ich weiß von ihm nur, was er selbst mir sagt. Was muß ich tun, um ihn festzuhalten? Sagen Sie es mir, Romney! Helfen Sie mir, wenn Sie mich ein wenig liebhaben! Er ist so seltsam. Ich grüble und grüble ... Warum sollten Sie mir das Geld nicht schicken? Er wußte, daß ich in Verzweiflung war, dem Ende nahe. Wollte er mich demütigen, drücken? Daß ich tun mußte, was er wünschte? Daß ich ganz von ihm abhängig würde?« Blaß vor Erregung hatte sie die Worte herausgestoßen. Romney betrachtete sie bestürzt. »Was haben Sie denn? Ich bitte Sie, Miß Emma, dieses Mißtrauen ... Greville ist stolz und eifersüchtig. Und arm. Denken Sie sich in seine Lage! Ein Mann, der eine Frau liebt, muß doch wollen, daß sie nur aus seiner Hand etwas annimmt!« »Glauben Sie, Romney? Ist das Ihre wahre Meinung?« Traurig sah er sie an. »Meine wahre Meinung, Miß Emma! Ach, was hat das Leben aus Ihnen gemacht! Zur Freude geschaffen, eine freie und offene Natur, quälen Sie sich mit schwarzseherischen Grübeleien! Und sind noch so jung!« Sie lächelte trübe. »Jung – ja! Aber was ich erlebte ... Und ich habe ein Gefühl, als stände mir noch Schwereres bevor. Ich muß immer an einen jungen Menschen denken, den ich einmal flüchtig sah. Nelson, glaub' ich, hieß er. Der würde nie glücklich werden, sagte Doktor Graham. Ich glaube, so wird es mir auch ergehen. Nie glücklich, nie glücklich!« Sie versank wieder in Grübeln. »Warum wollte Greville mich nicht in London haben? Bewirbt er sich doch noch um Lord Middletons Tochter? Oder ... Romney, haben Sie etwas von Sir Harry gehört? Auch er antwortete mir nicht!« »Sir Harry wurde in Lechster krank, als Sie plötzlich verschwunden waren. Seine Verwandten werden ihm Ihre Briefe nicht gegeben haben.« »Seine Verwandten? – Und ich dachte, Greville ... Wo ist Sir Harry jetzt? Haben Sie ihn wiedergesehen?« Romney nickte. – »Er ist seiner Gesundheit wegen nach Italien gegangen, wo er längere Zeit bleiben soll. Am Tage vor seiner Abreise besuchte er mich und erkundigte sich nach Ihnen. Ich habe ihm gesagt, ich hätte nichts von Ihnen gehört.« Sie atmete auf, wie erleichtert. »Und nun ist er fort und weiß nichts von Greville und mir?« »Nichts. Als Sir Harry kam, war Greville bei mir. Eine peinliche Situation. Ich fürchtete, Greville würde sich verraten. Er blieb aber ruhig und kaltblütig.« »Und wann war Sir Harry bei Ihnen?« Er sah sie an, verwundert über ihre hastigen Fragen. »Es muß ein paar Tage nach Neujahr gewesen sein. Er wünschte mir nachträglich Glück. Richtig! Am achten Januar!« Sie fuhr zusammen. Am achten Januar hatte Sir Harry sich von Romney verabschiedet, am neunten war er abgereist, und am zehnten hatte Greville Emma erlaubt, nach London zurückzukehren ... Hatte er sich vor Sir Harry gefürchtet? ... Ungeduldig über ihr langes Ausbleiben kam er in diesem Augenblick die Treppe herauf. Blaß, mit zusammengepreßten Lippen sah sie ihm entgegen, wie er ins Zimmer trat und sich ihr näherte. Er lächelte ihr zu. Und unter diesem Lächeln löste sich ihre Starrheit. Sich an seinen Arm hängend, ihre Schritte den seinen anpassend, kehrte sie mit ihm und Romney zur Mutter zurück. Es war ja nicht wahr, nicht möglich. Zufall war alles, eine Ausgeburt ihrer erhitzten Phantasie. – – – – – – – – Romney blieb den ganzen Tag in Edgware Row. Nach dem Mittagessen teilte ihm Greville den Plan mit, den er für Emma entworfen hatte. Vormittags, während Greville auf dem Amt in London war würde sie von der Mutter im Haushalt unterwiesen werden und die Aufgaben lernen, die sie von Greville in Schreiben, Rechnen, Geographie, Geschichte, Englisch und Französisch erhielt. Zum Mittagessen um drei Uhr war er aus der Stadt zurück. Nachher arbeiteten sie gemeinschaftlich im Garten oder gingen spazieren. Um sechs Uhr begann der regelrechte Unterricht, der bis zum Abendbrot um neun Uhr dauerte. Dann plauderte man noch ein Stündchen. Um zehn Uhr begaben die Frauen sich zur Ruhe, während Greville noch im Laboratorium für sich arbeitete. Er war Nachtarbeiter, brauchte wenig Schlaf, ging nie vor zwei zu Bett und war schon um acht wieder auf. Emma dagegen war Frühaufsteherin. Der Gegensatz, sonst vielleicht lästig, war hier von Vorteil. Einer störte den anderen nicht, und es blieb doch genug Zeit für gemeinschaftliche Arbeit. Aufmerksam hatte Romney zugehört. »Ein ausgezeichneter Stundenplan!« sagte er nun mit leise durchklingendem Spott. »Miß Emma wird bald so gelehrt sein, daß ein armer, unwissender Maler ihren Ansprüchen nicht mehr genügt. Deshalb ist wohl auch nicht an ihn gedacht. So wird ihm nichts übrigbleiben, als das Malen aufzugeben und sich in den Straßen Londons nach einer Beschäftigung als Pflasterkehrer oder Laternenputzer umzusehen.« Er schien erregt. Greville sah von dem Heft auf, in das er die Hausordnung für Emma eintrug. »Sie sind in Edgware Row stets willkommen, Romney. Sie haben mir ja Ihr Wort gegeben, darüber zu schweigen, daß Emma hier ist!« Emma wurde blaß. »Daß ich hier bin?« wiederholte sie mit zitternder Stimme. »Bin ich denn so schlecht, daß man mich verstecken muß?« Gereizt stand Greville auf. »Davon ist keine Rede! Wenn du schlecht wärest, hätten wir uns nie zusammengefunden!« Sie sah ihn an, ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Wie verschieden wir sind, Greville!« sagte sie tonlos. »Ich würde dich liebhaben, auch wenn du der größte Verbrecher der Welt wärest.« Unwillig schüttelte er den Kopf. »Immer geht mit euch Frauen das Gefühl durch! Ich habe dir doch gesagt, daß ich Rücksicht auf meine Stellung nehmen muß. Soll ich denn das alles immer aufs neue wiederholen?« Ärgerlich wandte er sich ab. Romney schien von dem scharfen Ton peinlich berührt. Hastig kam er zu Emma, nahm ihre beiden Hände und drückte sie zwischen den seinen. »Wirklich, Miß Emma, Sie haben Greville falsch verstanden! Er wollte nichts gegen Sie sagen. Das Geschehene weicht doch nun einmal von der gewohnten bürgerlichen Ordnung ab, und man kann doch nicht jedem einzelnen erklären, wie es gekommen ist! Aber lassen wir das! Ich danke Ihnen, Greville, daß Sie einem alten Hypochonder in Edgware Row eine Zufluchtsstätte für trübe Stunden öffnen wollen. Aber Edgware Row ist nicht mein Atelier. Ist es wirklich unmöglich, daß Miß Emma zuweilen nach dem Cavendish Square kommt? Wollen Sie, daß ich mein bißchen Talent ganz über Bord werfe? Daß Miß Emmas seltene Schönheit der Kunst verloren geht?« Greville antwortete nicht. Schweigend saß er, mit mürrischem Gesicht. Etwas wie Zorn stieg in Emma auf. »Ich werde Sie nicht im Stich lassen, Romney!« stieß sie heraus. »Ich habe es Ihnen doch schon früher versprochen! Und ich ...« Verwirrt brach sie ab. Sie war Grevilles starrem Blick begegnet und wagte nicht, zu Ende zu reden. Fürchtete sie sich vor ihm? »Ich denke mir die Sache sehr einfach!« fuhr Romney in leichtem Tone fort. »Als Frühaufsteherin könnte Miß Emma schon um sieben Uhr morgens bei mir sein. Sie, Greville, würden ebenfalls zu mir heraufkommen, ehe Sie auf Ihr Amt gehen, damit Sie beruhigt sind, daß Miß Emma ungefährdet nach Edgware Row zurückgelangt. Auf die halbe Stunde, die Sie mir auf diese Weise schenken, hoffe ich ganz besonders. Schon immer wollte ich Sie gern malen. Während Miß Emma sich also für die Rückfahrt umzieht, wäre die Reihe des Sitzens an Ihnen. Und wenn das Bild fertig ist, so hoffe ich abermals, daß Sie es als ein Zeichen meiner Dankbarkeit und Achtung annehmen und über einen gewissen Schreibtisch hängen werden. Eine gewisse junge Dame wird aus einem Blick auf Ihre wohlgetroffenen Züge zweifellos stets neuen Mut schöpfen zu ihrem Wege durch das dornige Gestrüpp der Wissenschaften! – Ich bin fertig, meine Herrschaften! Habe ich nicht eine wunderschöne Rede geredet, Miß Emma? Und Sie, teurer Sir, Beneidenswertester aller Sterblichen, geben Sie Ihrem diplomatischen Gewissen einen Stoß und willigen Sie in die Alliance zur Rettung der Kunst!« Lachend hielt er Greville die Hand hin. Auch Greville lachte und schlug ein. Zwei Tage in der Woche sollte Emma ins Atelier kommen, und alles sollte geschehen, wie Romney es gewünscht hatte. – – – – – – – – Am Abend war Emma noch einen Augenblick mit Romney allein. Greville war ins Haus gegangen, um eine Decke für den Maler zu holen, der, leichtsinnig wie immer, nicht an die kalte Witterung gedacht hätte. Sie standen vor der Haustür und warteten auf den Wagen, der Romney abholen sollte. Es fing schon an, dunkel zu werden. Ein starker Wind trieb graue Wolkenmassen über den Himmel. »Ich wußte gar nicht, daß Sie ein Schelm sind, Romney,« unterbrach Emma plötzlich das Schweigen. »Wie geschickt Sie Greville die Erlaubnis für unsere Sitzungen abgelistet haben!« Er lachte. »Als ich mich erbot, ihn zu malen? Mein Gott, in uns Engländern, selbst in den Besten, steckt immer ein bißchen Handelsgeist. Und die jüngeren Söhne ... Man hat ihnen die fetten Bissen vorweggenommen. Sie müssen sehen, wie sich durchschlagen. Sie sind Gentlemen durch und durch, aber wenn es ein Geschäft gilt ... Wenn ich Greville die Anerkennung der Venus des Correggio verschaffte, ich glaube, er würde mir seine Seele verkaufen!« Er sagte es ohne eine Spur von Spott. Er schien sich des Handelstalents zu freuen, das England groß gemacht hatte. Emma erwiderte nichts. Fröstelnd zog sie ihr Tuch fester um die Schultern. Fünfundzwanzigstes Kapitel Greville hatte Verwandte und Freunde in London, mit denen er Verkehr halten wollte. Oberst Robert Fulke Greville war sein Bruder, der Maler Gavin Hamilton sein Vetter. Hencage Legge, einer seiner Freunde, war jung verheiratet. Mr. Cathcart bewohnte mit Frau und mehreren Töchtern ein Gut in der Nähe von Edgware Row. Um Emma in diesen seinen Freundeskreis einzuführen, wollte Greville am sechsundzwanzigsten April, Emmas Geburtstag, ein kleines Fest geben. Er hatte schon einen Plan fertig. Die Mutter sollte als Wirtschafterin vorgestellt werden, die einer guten bürgerlichen Familie entstammte. Sie hatte den Posten bei Greville nur angenommen, um mit Emma zusammen zu sein, die sich in London zur Schauspielerin ausbildete und bei Romney künstlerische Studien trieb. Diese Angaben sagten zwar nicht alles, aber sie wichen auch nicht soweit von der Wahrheit ab, daß sie widerlegt werden konnten. Nur mußten Emma und die Mutter einen anderen Namen führen. Wenn man Lyon und Hart beibehielt, war es jedem Neugierigen leicht, die Vergangenheit aufzudecken. Greville hatte mit der Mutter wohl bereits gesprochen. Sie schlug ohne langes Besinnen vor, sich Cadogan nach einer verwandten Familie zu nennen, die in Wales begütert gewesen, aber ausgestorben war. Greville ging sofort darauf ein. Der Name hatte etwas Ruhiges, Ehrbares, das Achtung und Sicherheit einflößte. Emma widersprach nicht. Seit jener schrecklichen Zeit in Hawarden war sie oft müde und abgespannt. Immer hatte sie trübe Gedanken, lebte in einer beständigen Furcht vor Erregungen. War sie auch von der allgemeinen Nervenkrankheit befallen, von der Doktor Graham gesprochen hatte? Manchmal glaubte sie es. Sie hatte Augenblicke, wo sie nahe daran war, laut zu schreien, etwas zu zerschlagen, umsichzubeißen. Dann kam plötzlich wieder eine ausgelassene Lustigkeit über sie. Unwiderstehlich reizte es sie, zu singen, umherzutollen, über Nichtigkeiten zu lachen, bis ihr Tränen in die Augen traten. Ihre ganze Kraft mußte sie aufbieten, um über diese Zustände hinwegzukommen und sie vor Greville zu verbergen. Nannte er sie nicht so schon immer exzentrisch und launenhaft? Mochte er ihr also einen neuen Namen geben. Wozu sich widersetzen? Was sie auch gedacht und geplant hatte, immer war es ja doch ganz anders geschehen ... – – – – – – – – Der sechsundzwanzigste April ... Es war noch Nacht, als Emma erwachte. Schnell stand sie auf und trat ans Fenster, den jungen Tag zu erwarten. Froh fühlte sie sich heute und leicht. Ging nicht auch für sie das Licht auf? Noch erschauerte sie unter den letzten kalten Schatten der Vergangenheit, aber schon rötete sich der Himmel. Hell und warm würde es nun endlich in ihrem Leben werden. Wie Nachtnebel vor den Strahlen der Allsiegerin würden die trüben Gedanken von ihr weichen ... Unwillkürlich faltete sie die Hände, als der rotglühende Feuerball über dem Horizont erschien. Weihe war in ihr und Dank. Siebzehn Jahre wurde sie heute. Schweres hatte sie durchkostet, eine Kette von Irrungen und Fehlern war ihr Leben bisher gewesen. Dennoch war ihr das Höchste, Heiligste geworden: Greville gehörte ihr, der Geliebte ihres Herzens. Und einen Freund hatte sie, einen guten, treuen Freund ... Beiden sollte dieser Morgen gehören, Greville und Romney. Froh und glücklich wollten sie miteinander sein. Wenigstens die paar kurzen Stunden... Nachmittags kam dann wieder das harte, kalte Leben. Es kamen die Fremden. Mit ihnen die Verstellung, die Lüge... Düstere Bilder wollten in ihr aufsteigen. Mit Gewalt riß sie sich los. Floh vor ihnen zu dem Geliebten. Fand in seinen Armen Schutz und Hilfe gegen die Bedränger. – – – – – – – – Hand in Hand gingen sie dann miteinander hinunter ins Wohnzimmer, wo bereits der Geburtstagstisch aufgebaut war. Auf dem Kuchen brannten die siebzehn Jahreslichter. Daneben lagen die kleinen Gaben Grevilles und der Mutter. Über dem Tisch aber hing an der Wand das Geschenk Romneys: Grevilles Bild Freudestrahlend fiel sie Greville und der Mutter um den Hals. Dann stürmte sie auf ihr Zimmer, das Bild über den Schreibtisch zu hängen. Dort konnte sie es vom Bett aus sehen; morgens würde ihr erster und abends ihr letzter Blick es grüßen. Die beiden Männer, denen ihr Herz gehörte, besaß sie in dem Bilde vereint: den Freund und den Geliebten. Wie der Frühlingsmorgen, der über die Welt draußen seinen blauen Bogen spannte, war nun ihre Zukunft: wolkenlos, von strahlendem Lichte durchwärmt. Was hatte sie noch zu fürchten? – – – – – – – – Eilig kleidete sie sich an, um zum Cavendish Square zu fahren. Greville begleitete sie. Er wollte sich von seinen Amtsstunden freimachen, noch ein paar Kleinigkeiten für das Fest besorgen und dann Emma wieder abholen. Romney empfing sie mit einer kleinen, humorvollen Standrede, in der er beiden Glück wünschte, Als Geburtstagsgeschenk überreichte er Emma ein Spinnrad. Bei seinem letzten Besuche in Edgware Row hatte die Mutter ihm erzählt, daß Emma schon als kleines Mädchen eine eifrige Spinnerin gewesen war. Sofort hatte er den Plan gefaßt, sie am Spinnrade zu malen. Emma fand die Idee reizend. Rasch schlüpfte sie in ein bereitliegendes bäuerliches Kleid und setzte sich an das Spinnrad. Aber in diesem Augenblick kamen Hayley und der Kupferstecher Greenhead herein, um Emma ihre Glückwünsche darzubringen. Hayley hatte ein langes Gedicht gemacht, in dem er Emmas Schönheit und Liebenswürdigkeit besang, und ließ es sich nicht nehmen, es vorzulesen. Unruhig ging Romney hin und her und griff endlich, um seine Ungeduld zu bemeistern, zu Feder und Tusche. Mit ein paar Strichen warf er die Szene auf ein Blatt Papier und schenkte es Greville zur Erinnerung. Dann trieb er die Herren hinaus und begann fieberhaft zu arbeiten. Greville wollte bald zurückkehren, die Sitzung konnte also nicht so lange ausgedehnt werden wie gewöhnlich. Aber Romney hatte kaum angefangen, als sein Diener hereinkam. »Der Mann, der bereits gestern und vorgestern hier war, ist wieder da, Mr. Romney!« meldete er. »Er läßt sich nicht abweisen!« Ärgerlich fuhr Romney auf. »Werfen Sie ihn hinaus, Brown!« Dann besann er sich und wandte sich zu Emma. »Der Mann hat meine ›Circe‹ gesehen und wollte von mir die Adresse der Dame erfahren, nach der ich das Bild gemalt habe. Natürlich habe ich es ihm rundweg abgeschlagen. Sie haben ihm doch nichts verraten, Brown?« »Mr. Romney dürfen unbesorgt sein! Ich kenne meine Pflicht. Der Diener eines Malers muß verschwiegener sein als der Großsiegelbewahrer eines Königs! Aber der Mann muß Sie gesehen haben, Miß Hart. Er will nicht eher fortgehen, als bis er Sie gesprochen hat. Nur um Sie zu sprechen, habe er die Reise nach Hawarden und wieder nach London zurück gemacht.« Emma fuhr zusammen. Ein Abgesandter Sir Harrys? »In Hawarden war er?« fragte sie erregt. »Hat er Ihnen seinen Namen genannt?« »Er wollte es nicht. Sie würden ihn dann vielleicht abweisen, meinte er.« »Auch mir hat er sich nicht genannt!« warf Romney ein. »Sagen Sie ihm also, Brown, daß die Dame einen Unbekannten nicht empfängt!« Der Diener ging. Gleich darauf erhob sich im Vorzimmer ein Wortwechsel. Der Fremde schien mit Gewalt eindringen zu wollen, während Brown ihn vergebens zurückzuhalten suchte. Plötzlich schrie Emma auf. »Tom! Es ist Tom Kidd!« Mit einem Ruf der Freude riß sie die Tür zum Vorzimmer auf und zog Tom herein. – – – – – – – – Was hatten sie sich alles zu sagen! Seit jenem Tage an Bord des ›Theseus‹ hatten sie einander nicht mehr gesehen. Drei Jahre waren seitdem verflossen, Jahre des Kampfes für beide. In Verzweiflung über Emmas Schicksal hatte Tom gerade das getan, wovor sie ihn hatte bewahren wollen. Für die Kriegsflotte hatte er sich anwerben lassen. Seitdem hatte der Krieg, den England gleichzeitig gegen Amerikaner, Franzosen, Holländer und Spanier führte, Tom über den halben Erdball gejagt. Zahllosen Gefechten und Schlachten unversehrt entronnen, hatte er zuletzt beinahe doch noch das Leben verloren. »Wir kamen auf dem ›Albemarle‹ von Elsinore in Dänemark, hatten die Winterstürme der Nordsee überstanden und lagen auf der Reede der Downs vor Anker, um auf weitere Befehle zu warten. Da, am Abend des dritten Januar ging ein Sturm los...« »Wann?« unterbrach ihn Emma. »Am Abend des dritten Januar?« Er nickte. »Gegen elf Uhr!« Sinnend sah sie ins Leere. »In derselben Stunde schrieb ich in Hawarden meinen letzten Brief an Greville...« »Der Kapitän war mit mir um sieben Uhr an Land gegangen. Da setzte der Sturm ein. Die Schiffe in den Downs rissen sich von den Ankern los. Schwer beladen trieb der ›Brilliant‹ quer gegen den ›Albemarle‹ unvermeidlich schien's, daß dieser an den Goodwin-Sands scheiterte. Mein Kapitän rief die Bootsleute von Deal auf, sie sollten ihn zum ›Albemarle‹ übersetzen. Lohn versprach er ihnen über Lohn. Sie weigerten sich. Wer in einem winzigen Boote hier auf so hohe See hinausfährt, kommt nicht wieder. Mein Kapitän winkte mir mit den Augen. Wir sprangen zum Strand, machten ein Boot los. Hinein. Als die von Deal das sahen, schämten sie sich. Vier feste Burschen kamen uns nach, wagten ihr Leben auch ohne Lohn. Gott gedenke es den Braven! Der Sturm warf das Boot gegen den ›Albemarle‹. Umschlug's. Wir in die Flut. Drei von den Dealleuten fanden ihr nasses Grab, den vierten fischten die Matrosen vom ›Brilliant‹ heraus. Mein Kapitän aber hatte ein Tau gefaßt. Die Unseren vom ›Albemarle‹ hatten's ihm zugeworfen. Aber als sie ihn emporziehen wollten, sah er, daß ich schon Wasser schluckte. Er packt das Tau zwischen die Zähne, schwimmt zu mir hin, schlingt mir's um den Leib ... Na, da wurden wir denn zusammen an Bord gewunden. Und er brachte den ›Albemarle‹ wieder vor Anker, trotzdem daß Bugspriet und Vormast fort waren. Das hat mich weiter nicht wundergenommen. Was der angreift, führt er durch. Aber er ist eben erst von einer gefährlichen Krankheit aufgestanden und noch nicht vierundzwanzig alt. Daß er mich aus dem eisigen Wasser holte und dann kommandierte und arbeitete, als wär's ein Kinderspiel – ja, das macht ihm keiner nach. Es ist, als ob Feuer in ihm wäre. Die Matrosen sagen denn auch, daß es jedem gut geht, der es mit Kapitän Nelson hält. Bei mir jedenfalls ist's wahr geworden. Ohne ihn läge ich heute auf dem Grunde des Kanals!« »Nelson ist dein Kapitän?« fragte Emma überrascht. »Derselbe, der vor zwei Jahren vom Fieber gelähmt nach England zurückkam?« Erstaunt sah Tom auf. »Derselbe! Kennen Sie ihn, Miß Emma?« Sie errötete. Sie dachte an die Umstände, unter denen sie Nelson kennen gelernt hatte. »Ich sah ihn zufällig einmal bei einem Arzt. Aber ich glaube nicht, daß er sich meiner erinnert. Die Begegnung war ganz flüchtig. Ich fragte nur, weil das Schicksal dich mit ihm in jener Nacht zusammenbrachte. In derselben Stunde war auch ich in Gefahr. Man könnte fast abergläubisch werden!« Tom schüttelte den Kopf. In seine Augen kam ein grüblerischer Ausdruck, den Emma früher nicht in ihnen gesehen hatte. »Abergläubisch? Abergläubisch ist nicht das richtige Wort, Miß Emma. Man darf sich nicht lustig machen über das Schicksal. Es ist da und dem Menschen von seiner Geburt an vorherbestimmt. War's nur Zufall, daß ich gerade jetzt mit Kapitän Nelson nach London kam? Daß ich auf meinem ersten Gang durch die Straßen in einem Schaufenster Ihr Bild sah? ›Circe‹ nannte es der Kunsthändler, und bei Mr. Romney würde ich erfahren, wo Sie sich aufhalten. In Hawarden bei der Großmutter hatte ich vergebens nach Ihnen gefragt. Und dann sagte mir an demselben Tage Kapitän Nelson, daß wir nach Westindien gehen. Das alles sollte nur Zufall sein? Nein, Miß Emma, das ist Schicksal! Dem muß jeder gehorchen. Auch wenn er weiß, daß er dabei zugrunde geht!« Er sprach ruhig und gelassen, wie von etwas Unabänderlichem. Aber in seinen Augen glühte ein verzehrendes Feuer. Emma betrachtete ihn erschreckt. »Ich verstehe dich nicht, Tom! Was meinst du mit dem Schicksal? Was hat Westindien damit zu tun?« Er beugte sich zu ihrem Ohr herab. »Dort ist er! Er, Miß Emma! Er!« Sie fuhr zusammen und wurde totenbleich. »Sir John?« Ein furchtbares Lächeln verzerrte sein Gesicht. »Sir John Willet Payne! Nie hab' ich ihn seit jenem Tage wiedergesehen. Aber nun ... wir werden uns gegenüberstehen! Auge in Auge, Mann gegen Mann! Was daraus entsteht, ob er, ob ich – das Schicksal weiß es! Vorherbestimmt ist alles!« Er schwieg. Emma saß, den Kopf gegen die Wand zurückgelehnt, die Augen geschlossen, die Hände krampfhaft um das Holz des Stuhles geklammert. Es war ihr, als habe sich da vor ihr plötzlich eine ungeheure Tiefe aufgetan, in die sie stürzen mußte, sobald sie losließ. In rasender Hast jagten sich in ihr die Gedanken. Wenn sie jetzt aufstand und Tom mit einem dankbaren Lächeln die Hand drückte, würde Sir John sterben. Gerächt würde sie sein ... Aber dann ... Sie sah das Schiff ... auf den Rahen dunkle Matrosenreihen ... am Hauptmast wurde ein Mensch emporgezogen ... seine Hände und Füße schlugen die Luft ... nun sank ihm das Haupt auf die Brust ... ein bleiches Gesicht starrte herab ... Toms Gesicht ... Ein qualvolles Wimmern drang aus ihrer Kehle. Mit einer wilden Bewegung öffnete sie die Augen, blickte verstört um sich. Tom saß neben ihr ... Gott sei gelobt! Es war nicht geschehen. Und es durfte auch nicht geschehen. Mit sanftem Druck faßte sie seine Hand. »Du warst in Hawarden bei der Großmutter, Tom,« sagte sie langsam, ihre Augen in die seinen senkend, »hast du da ein kleines Mädchen gesehen? Kaum zweijährig, mit blauen Augen und goldblonden Ringellöckchen auf der Stirn?« Er nickte. »Ich sah es, Miß Emma. Ein Engelsgesichtchen. Es ist eine Waise. Die Großmutter hat es angenommen aus Barmherzigkeit, um es aufzuziehen.« »Ja, so sagt sie den Leuten. Aber dir will ich es gestehen, Tom, es ist nicht wahr. Es ist mein Kind!« Seine Hand zuckte in der ihren und seine Augen öffneten sich weit. »Amy ...« stammelte er, »Amy ...« Sie beugte sich noch näher zu ihm. »Ja, Tom. Und Sir John ist sein Vater!« Sie sah, wie er sich unter dem Worte aufbäumte. Um so fester hielt sie seine Hand. »Er ist ein schlechter Mensch und hat Strafe verdient. Aber möchtest du jetzt noch sein Richter sein, Tom? Möchtest du hingehen und den Vater meines Kindes töten?« Er starrte sie wild an. Suchte nach einem Worte. Aber er fand keines. Emma stand auf und sah sich nach Romney um. Er war nicht mehr im Atelier. Durch die angelehnte Tür erblickte sie ihn, wie er im Nebenzimmer am Fenster stand. »Du weißt nun alles, Tom! Und ich bitte dich, überlaß die Vergeltung einem anderen, höheren. Willst du es mir zuliebe tun? Wirst du deinen Vorsatz aufgeben?« Er nickte, wie müde. »Wenn Sie es wollen ... alle diese Jahre habe ich davon gelebt ... und nun habe ich auf der Welt nichts mehr, als Kapitän Nelson. Denn Sie, Miß Emma ... der Herr, mit dem Sie hierherkamen ... ich wartete seit einer Stunde auf Sie in der Straße...« »Es war Sir Greville, Tom!« sagte sie, ohne zu zögern. »Erzählte ich dir nicht einmal, daß mir im Drury-Lane-Theater ein Herr beisprang, als ich ohnmächtig wurde? Das war er. Seitdem habe ich ihn lieb. Und nun gehöre ich ihm!« »Und er?« Unwillkürlich wandte sie ihre Augen ab. »Auch er hat mich lieb, Tom! Sehr lieb!« beteuerte sie hastig. »Meinetwegen hat er auch die Mutter in sein Haus aufgenommen. Er ist ein vornehmer Mann, im Auswärtigen Amt angestellt. Wir wohnen in Edgware Row. Wenn du uns besuchen willst ...« Sie stockte. Etwas zwang sie in diesem Augenblicke, sich umzuwenden. In der Tür zum Vorzimmer stand Greville … Sechsundzwanzigstes Kapitel Lächelnd ging sie zu ihm, erklärte ihm Toms Anwesenheit. Und daß sie den alten Freund nach Edgware Row eingeladen hatte. Natürlich unter der Voraussetzung, daß Greville es erlaubte. Greville schien kaum zu hören, was sie sagte. Über Tom glitt sein Blick hinweg, als sähe er ihn nicht. Er hatte Eile. Unten wartete der Wagen, mit dem sie nach Haus fahren wollten. Ungeduldig trieb er Emma, sich umzukleiden. Tom hatte schweigend abseits gestanden und zugehört. Nun, da Emma das Zimmer verlassen wollte, kam er zu ihr, um Abschied zu nehmen. Seine Stimme zitterte, mühsam brachte er die Worte heraus. »Ihr Geburtstag ist ja heute, Miß Emma, und da darf auch Tom Kidd Ihnen vielleicht Glück wünschen. Für diesen Tag, für dieses Jahr, für Ihr ganzes Leben. Grüßen Sie die Mutter. Ich hätte sie gern gesehen, aber es kann nicht sein!« Herzlich drückte sie ihm die Hand. »Warum nicht, Tom? Es ist nicht weit nach Edgware Row.« »Es kann nicht sein, Miß Emma! Ich muß mit Kapitän Nelson schon morgen nach Cork in Irland. Da wartet die Flotte. In einer Woche sind wir dann auf hoher See. Leben Sie wohl, Miß Emma, leben Sie wohl!« Noch einmal sah er sie an mit einem langen Blick. Dann wandte er sich zu Greville und seine eben noch zitternde Stimme wurde plötzlich fest und hart. »Tom Kidd ist nur ein einfacher Mann, Euer Gnaden, und weiß seine Worte nicht nach vornehmer Leute Art zu setzen. Aber was er weiß, ist, daß er Amy Lyon kennt, seit sie ihre ersten kleinen Schritte machte. Und daß sie des Höchsten und Schönsten wert ist, was es auf der Welt gibt. Seien Sie gut zu ihr, Sir Greville! Machen Sie Amy Lyon glücklich! Damit auch Sie glücklich werden. Und damit es Ihnen nicht so geht, wie ... wie es einem anderen gehen würde, wenn ... wenn ein Engel nicht für ihn gebeten hätte!« Er sah Greville starr in die Augen. Mit jenem schrecklichen Blicke, mit dem er vorhin Sir Johns Namen genannt hatte. Und wie ein Versprechen fordernd, streckte er seine Hand gegen Greville aus. Einen Augenblick standen sie sich gegenüber. Dann wandte sich Greville ab. Mit einem hochmütigen Lächeln. Toms Hand sank nieder. Langsam ging er zur Tür. Emma eilte ihm nach und legte ihre Arme um seinen Hals. »Leb' wohl, Tom, du Lieber, Guter, Treuer! Denk' ohne Groll an mich. Und behalte mich ein wenig lieb.« Sie hob sich zu seinem Munde empor. Küßte ihn mit einem langen Kusse. Es war ihr, als werde sie sein ehrliches Gesicht nun niemals, niemals wiedersehen. – – – – – – – – Verflogen war die warme, weiche Stimmung des Morgens, vergällt der ganze Tag. Am liebsten wäre sie bei Romney geblieben, gar nicht nach Edgware Row mitgefahren. Aber die Mutter war dort. Über die Demütige würde Greville seinen ganzen Zorn ausgießen ... Hastig zog sie sich um. Wenn Romney nicht mehr dabei war, würde Greville auf sie eindringen mit seinen Vorwürfen. Aber er sollte nur kommen. Sie würde nicht mehr zu allem schweigen. Antworten würde sie ihm. Sie dürstete danach. Die Schale war voll. Sein Benehmen gegen Tom brachte sie zum Überlaufen. Während der Fahrt saßen sie stumm nebeneinander. Der Kutscher hinderte Greville wohl, schon jetzt anzufangen. In Edgware Row wurden sie von der Mutter erwartet. Ihr lächelndes Gesicht trübte sich, als sie die Mienen der Aussteigenden gewahrte. Hastig nahm sie Greville die Pakete ab und trug sie ins Wohnzimmer, während er den Kutscher entlohnte. Emma stieg sofort die Treppe zum Oberstock empor. »Komm zur Mutter, Emma!« tönte Grevilles laute, befehlende Stimme ihr nach. »Ich habe mit dir zu sprechen.« Emma nannte er sie, nicht Emily ... Ruhig ging sie weiter. »Ich erwarte dich in meinem Zimmer!« »Deine Mutter ...« »Bring' meine Mutter nicht ins Spiel! Sie hat nichts mit uns zu tun!« Sie ließ die Tür hinter sich offen. Gleich darauf war er bei ihr. Und sofort begann er. Hatte sie vergessen, was sie miteinander abgemacht hatten? Gehorsam hatte sie ihm gelobt, hatte ihm versprochen, seinen Weisungen zu folgen, Wie aber hielt sie nun ihr Wort? Schon damals hatte er an ihr gezweifelt. Deshalb hatte er sie nach Hawarden geschickt. Damit sie in der Stille der kleinen Stadt, unter dem Einfluß der Mutter zur Besinnung kam, ihre Fehler bereute, sich besserte. Aber ihr Leichtsinn, ihr Aufbrausen, ihr Trotz brachen immer wieder hervor. Hatte sie nicht gegen sein Verbot an Romney um Geld geschrieben? Um nach London zu kommen? Dann, in Edgware Row – zu arbeiten hatte sie ihm versprochen. Unlustig aber ging sie an ihre Aufgaben, saß lieber den ganzen Tag in den Winkeln umher, grübelte über alberne Ideen. Wollte ein Kind haben. »Und nun heute wieder! Ich tue alles, deine Vergangenheit auszulöschen, lade hochstehende Verwandte und Freunde ein, will dir einen neuen Lebenskreis verschaffen! Und du –? Dem ersten besten fällst du um den Hals, erzählst ihm alles, forderst ihn auf, hierherzukommen. Ein Matrose, ein Mensch aus der niedrigsten Hefe des Volkes! Er soll wohl umhergehen und prahlen und die vornehme Liebschaft seiner Kusine unter die Leute bringen? Wahrhaftig, Emma, wenn ich dich nicht lieb hätte ... Aber nimm dich in acht! Alles hat seine Grenzen! Kommt derartiges noch einmal vor, dann ...« »Dann ...?« »Dann ... ich bin es meinem Namen und meiner Stellung schuldig ... dann wäre alles zwischen uns aus! Alles!« Er wandte sich schroff ab, um aus dem Fenster in den Garten hinabzustarren. Vor ein paar Stunden hatte auch Emma dort gestanden. Sich nach der Sonne dieses Tages gesehnt. Liebe und Dank im Herzen. Bitterkeit stieg in ihr auf. »Alles wäre zwischen uns aus!« wiederholte sie langsam. »Nun denn, ich kann dir nicht dafür bürgen, daß es nicht wieder vorkommt. Wenn deine Liebe mich nicht nehmen kann, wie ich bin ... ist es nicht besser, du machst gleich ein. Ende? Ehe es dir weh tut?« Er fuhr herum, machte einen Schritt zu ihr hin. »Emily ...« Er nannte sie wieder Emily... »Ich habe dich ausreden lassen, ohne dich zu unterbrechen. Willst du nun auch meine Gedanken hören? Die Gedanken eines unvernünftigen, mit Fehlern bedeckten Geschöpfes? Gewiß, ich habe gefehlt, als ich mit Tom sprach. Aber was kann Tom dafür? Durftest du ihn deswegen schlecht behandeln? Das hast du getan. Hast ihm kaum zugehört, seine Hand absichtlich nicht beachtet, ihm hochmütig den Rücken gekehrt. Wer gibt euch stolzen Lords denn das Recht, verachtungsvoll auf die schwieligen Hände des Volkes herabzusehen? Verdankt ihr ihnen nicht euer Geld, eure Macht? Wenn Lordstöchter Liebesverhältnisse haben und uneheliche Kinder zur Welt bringen, wie Lady Worseley und Miß Payton, wenn sie halbnackt bei Ressourcen und Hofbällen erscheinen, dann gilt das als amüsant und geistvoll, dann klatscht ihr Beifall. Wenn aber ein Mädchen aus dem Volke von einem Lordssohn vergewaltigt wird, wenn sie, um ihrem Kinde Brot zu schaffen, dasselbe tut, wie jene Lordstöchter, dann nennt ihr das frech und gemein. Eines solchen Mädchens muß man sich schämen. Man darf sie wohl zur Mätresse nehmen, aber man muß sie verstecken. Hinter einer falschen Ehrbarkeit, hinter einem falschen Namen. Ahnst du nun, was mich quält und zu allem unlustig macht? Als du mir deinen Plan auseinandersetztest, wußte ich es selbst nicht. An dem Tage, als die Mutter den ehrlichen Namen meines Vaters fortwerfen mußte, fühlte ich es dunkel. Heute aber weiß ich es gewiß. Ich kann nicht lügen. Es ist gegen meine Natur.« Langsam stand sie auf und trat vor ihn. »Und ich will es auch nicht! Hörst du, Charles? Ich will nicht lügen!« Mit festem Blick sah sie ihm gerade in die Äugen. Er lachte zornig auf, wich ihrem Blicke aus. »Du machst mir ja schöne Eröffnungen!« stieß er heraus. »Im letzten Augenblick! Um mich zu überrumpeln! Das hat dir wohl dieser Kerl mit dem Verbrechergesicht eingegeben? Zeit genug hattet ihr ja, euch zu besprechen, da der Schwächling von Romney euch allein ließ!« Verwundert wich sie einen Schritt zurück. »Ich verstehe dich nicht! Was hat Tom damit zu tun?« Er hörte nicht. Er schäumte vor Wut. »Wie hat er dich überhaupt gefunden? An das Märchen von dem Bilde soll ich doch nicht etwa glauben? Geschrieben hast du ihm, daß er kommen soll! Um mit ihm über den Idealisten zu lachen, der einen Menschen retten will. Ja, das ist der Plan! Deine Mutter ist schon hier. Nun kommt dieser sogenannte Vetter. Und eines Tages wird auch das Kind da sein.« Er lachte grell, voll Hohn. »Das Kind des Sir Willet Payne!« Entsetzt schrie Emma auf. »Charles! Das? Das? Das kann doch nicht dein Ernst sein! Du kannst doch nicht glauben, daß Tom und ich...?« »Was weiß ich, was wahr ist! Als du ihn küßtest, diesen schmutzigen Kerl – er schien daran gewöhnt zu sein! Der liebe, gute, treue Tom!« Unwillkürlich hielt er inne. Ein Stöhnen kam aus ihrer Brust... Sie war vor ihm zurückgewichen, lehnte an der Wand. Wie einen Halt suchend, fuhren ihre Hände über die Fläche. In sich zusammengekrümmt stand sie, schwankte hin und her, bleichen Schrecken in den weit aufgerissenen Augen. Scheu sah er hin. Ein langes, schwüles Schweigen herrschte. »Nun ja, ich habe mich hinreißen lassen!« preßte Greville dann heiser hervor. »Ich bedauere es. Um deinetwillen, wie um meinetwillen. Aber ich kann von meiner Forderung nicht abgehen. Erfüllst du sie, soll alles vergessen sein. Erfüllst du sie nicht...« Er machte eine scharfe, schneidende Handbewegung. Dann ging er. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloß. – – – – – – – – Wie lange hatte sie so gestanden? Als die Stimme der Mutter zu ihr hereindrang schreckte sie auf. »Du mußt dich anziehen, Amy! Sir Grevilles Gäste werden gleich kommen!« »Ja, ja...« Warum kam die Mutter nicht herein? Wer hatte die Tür abgeschlossen? Ach ja, Emma hatte es selbst getan... Diese bohrenden Schmerzen in den Schläfen, in den Augenhöhlen! Fortwährend zuckten die Lider hin und her. Und im Nacken, wo der Hals anfing – was stach sie dort, wie mit einer spitzen Nadel? Kühles Wasser würde ihr wohltun. Und es war auch Zeit, sich anzukleiden... Nun fuhr schon ein Wagen vor. Charles sprach. Er empfing seine Freunde. Sehr schön mußte sie sich machen. Damit er Ehre mit ihr einlegte. Das schwarzseidene Kleid würde sie anziehen, mit dem grünen Halseinsatz. Es sah vornehm aus. Und doch auch freundlich. Es paßte gut zu dem Haar, in dem er so gern wühlte. Aber ihre Wangen waren heute sehr rot. Von dem schrecklichen Kopfschmerz kam's. Wenn sie etwas Weiß auflegte... Nein, Charles liebte das nicht. Und der Kopfschmerz würde auch vergehen... Ein zweiter Wagen kam...ein dritter... vierter... Nun waren sie wohl alle da. Gleich würde Greville seine Emily holen. Um sie den vornehmen Herren und Damen vorzustellen. Ach, was war es doch, was sie ihnen sagen wollte? Hatte sie es nicht mit Charles verabredet? Diese Schmerzen! Als schlüge ihr jemand mit einem Hammer auf den Kopf! Es würde ihr wieder einfallen. Oder sie würde Charles danach fragen, wenn er sie holte. Da kam er schon. Nein, es war Sophie, das Hausmädchen... »Ja, Sophie! Ich komme sofort!« Warum holte er sie nicht selbst? Aber er durfte seine Freunde doch nicht allein lassen! Jetzt konnte sie ihn nicht fragen, was sie sagen sollte. Was war es doch gewesen? – – – – – – – – Wie die Treppe knarrte! Ach, das Haus war alt. Vielleicht wußte Charles ein Mittel gegen das häßliche Geräusch. Er wußte ja alles...alles... Drinnen lachten sie. Einer ganz laut. Ein anderer in tiefem Baß. Das war wohl Charles' Bruder, Oberst Robert Fulke Greville. Oder Gavin Hamilton, der Maler... Ach, daß Romney nicht da war! Er hätte es ihr zugeflüstert, was sie den Leuten sagen sollte. Was war es doch? Was war es? – – – – – – – – Das ganze Zimmer war in roten Nebel gehüllt. Alles wogte durcheinander. Jemand faßte ihre Hand, zog sie hinter sich her. »Miß Emily Cadogan, die Tochter meiner Wirtin!« Cadogan? Ach ja! Das war es! »Es ist nicht wahr! Ich heiße nicht Cadogan... ich heiße Emma Hart...Hebe Vestina...« Warum schleuderte er ihre Hand fort? Und seine Augen – warum waren sie voll Zorn? Was hatte sie denn getan, daß er sie so stehen ließ? Ach...ach...hatte sie doch gesagt, was sie nicht sagen sollte? »Ich wußte es ja, Charles...ich...ich kann nicht...lügen...« Das ganze Zimmer schwankte. In den Ohren brauste ein Wassersturz. Etwas schlug auf sie ein... Alles wurde dunkel...still... – – – – – – – – Ein heftiges Fieber hatte sie gehabt, sagten die Ärzte. Der Londoner Nebel schadete ihr. Auch war wohl seit der Geburt des Kindes etwas in ihren Nerven gestört, daß sie sich so leicht und übermäßig erregte. Und daß sie so mißtrauisch war. Greville stimmte den Ärzten bei. Aber er ging noch weiter. Alles suchte er aus dem Schweren herzuleiten, das sie in so jungen Jahren schon hatte erleben müssen. Sir Johns Gewalttat hatte alles zertreten, was gut und vertrauensvoll in ihr gewesen war. Seitdem hatte der Argwohn in ihrem Herzen genistet – ein schleichendes Gift, das sich allmählich weiterverbreitet hatte, in ihr Blut eingedrungen war, schließlich ihr ganzes Wesen durchzogen hatte. Vielleicht war der Keim auch schon früher gelegt worden. In jenen Tagen, da man Emma in der Schule der Mrs. Barker verhöhnt und gedemütigt hatte. Krank war sie gewesen während dieser ganzen Zeit. Hatte alles, was ihr begegnete, in dem trüben Dunste einer vergifteten Phantasie gesehen. Hätte sie Grevilles Tun sonst so mißdeuten können? Als er sie nach Hawarden schickte, war es geschehen, um sie den verderbten Kreisen Doktor Grahams und Sir Harrys zu entreißen. Nach Edgware Row war er mit ihr gezogen, um sie von einem ungesunden Luxus zu entwöhnen. Auf ihrer Beschäftigung mit den Wissenschaften hatte er bestanden, um ihrem Leben einen höheren, geistigen Inhalt als Gegengewicht gegen ihre Neigung zu sinnlichen Erregungen zu schaffen. Einen anderen Namen hatte er ihr gegeben, um ihr den Kampf gegen das Vorurteil der Welt zu ersparen und sie auch äußerlich ganz von ihrem früheren Leben zu scheiden. War es da ein Wunder, wenn er zornig geworden war, als sie ihn so wenig verstand? Als sie seine Eifersucht durch ihr Benehmen gegen Tom reizte? Diese Eifersucht – war sie nicht ein Beweis seiner tiefen Liebe, die das Bild der Geliebten nicht entstellt sehen wollte? Sie jedoch hatte alles falsch aufgefaßt. Hatte bösen Willen, Eigennutz und Herrschsucht vermutet, wo nur zarte Fürsorge und liebevolle Voraussicht gewesen war. Nun aber hatte diese Krise wohltätig hinweggeschwemmt, was krankhaft in ihr gegärt hatte. Nun war sie gesund, vermochte klar und ruhig zu urteilen. Erkannte sie nun, daß sie ihm unrecht getan hatte? Dann sollte das Vergangene abgetan sein und sich niemals wieder zwischen sie stellen. Zwar wußten die Verwandten und Freunde nun, wer sie war. Aber er hatte ihnen gezeigt, daß die Schuld nicht bei Emma lag. Zartfühlende, gerechte Menschen waren sie, die ihr niemals einen Vorwurf machen würden. Ein neues Leben konnten sie beginnen, Hand in Hand, einer den anderen stützend und fördernd in stiller, freudiger Arbeit. Glücklich würden sie miteinander werden. Nur Vertrauen mußte sie zu ihm haben. Das Vertrauen, das sie ja auch ihren Ärzten schenkte... – – – – – – – – Am letzten Tage des Mai war es, als Greville so mit Emma sprach. Zum erstenmal seit jenem sechsundzwanzigsten April hatte sie ihr Krankenzimmer verlassen dürfen. Sie saßen im Garten einander gegenüber; über sie breitete ein Apfelbaum den rötlichen Schimmer seiner Zweige. Weich schmiegte sich der blühende Maienschnee in das frische Laub der Bäume, Büsche, Hecken. Weißen Schmetterlingen gleich zogen leuchtende Blütenblättchen durch die stille Luft. Über grünen Wiesen, braunen Äckern jubelten unsichtbare Lerchen. Ein flirrender Duft stieg auf, der würzige Atem der jungen Erde. Warm schien die helle Sonne. Zärtlich klang die Stimme des Geliebten. Schön war es zu leben. Vor ihr auf dem Tisch lagen seine Hände, Diese schlanken, feingegliederten Hände einer höheren Rasse. Behutsam nahm sie sie auf, kehrte sie um. Küßte sie. Legte ihren Kopf hinein. Ihr Herz. Ihr ganzes, kampfmüdes Sein. Vertrauen? War er nicht der Arzt ihrer Seele? Siebenundzwanzigstes Kapitel Ohne Störung floß nun Emmas Leben dahin. In den festen Gleisen, die Greville ihm angewiesen. Er war gut und rücksichtsvoll zu ihr. Niemals mehr hörte sie von ihm eines jener schroffen Worte, durch die er früher ihren Stolz verletzt hatte. Vorsichtig forschte er erst ihre Empfindungen aus, ehe er einen Wunsch äußerte oder eine Änderung vorschlug. Sorgsam bereitete er sie vor, so daß sie sich seinen Willen schon zu eigen gemacht hatte, ehe er noch damit hervortrat. Er befahl nun nicht mehr; er überredete, leitete über. Früher hätte dieses diplomatische Verfahren ihr Mißtrauen erregt. Nun aber kannte sie den Geliebten besser. Behutsam, listig war er geworden, weil er sie liebte. Nur in einem gab es auch jetzt noch zuweilen kleine Zwistigkeiten. Wenn Bettler nach Edgware Row kamen. Emma dachte dann an die Mutter, wie sie nach dem Tode des Vaters für sich und Emma von hartherzigen Bauern Brot erbettelt hatte. An sich selbst dachte sie, wie sie in den Straßen Londons umhergeirrt war. So gab sie mit vollen Händen. Greville aber billigte ihre Freigebigkeit nicht. Sparsam mußte man sein, die Pfennige zusammenhalten. Niemand wußte, was der nächste Tag brachte. Aber Emma rechnete ihm diese Herzenskälte nicht an. Nur scheinbar war sie, nur ein Ausfluß seiner Sorge um die Zukunft. Schlechte Nachrichten kamen aus Neapel. Sir Williams Briefe berichteten von der fortschreitenden Kränklichkeit seiner Gemahlin. Wenn Lady Hamilton starb ... Sir William liebte die Frauen. Trotz seiner zweiundfünfzig Jahre war er noch rüstig und lebensfroh. Würde er nicht an eine zweite Ehe denken? Und wenn einem neuen Bunde Kinder entsprossen ... Die Hoffnung, daß Sir William eines Tages Grevilles Schulden bezahlen würde, mußte dann aufgegeben werden. Ebenso die Aussicht auf die spätere Erbschaft. Durch diese allein aber hatten sich Grevilles Gläubiger bisher noch hinhalten lassen. Auch die Politik erfüllte Greville mit Sorge. Anzeichen deuteten auf bevorstehende Umwälzungen in der Regierung. Wenn der Premierminister Lord North, Grevilles Gönner, im Amte blieb, war Grevilles Aufstieg gesichert. Aber die Opposition im Parlament gewann mehr und mehr Einfluß. Fox und Sheridan, die Führer der liberalen Whigs, schienen zu einem scharfen Vorstoß gegen die Regierung auszuholen. Wenn Lord North fiel und Fox Ministerpräsident wurde, waren die Tage der torystischen Beamten gezählt. Auch Greville würde in Mitleidenschaft gezogen werden. Männer aus torystischen Familien konnten unter den Whigs nicht weiterdienen. Wenn man sie nicht fortschickte, mußten sie freiwillig ihren Abschied nehmen. Tradition und Charakter verpflichteten. – – – – – – – – Anfang September kam aus Neapel die Nachricht vom Tode der Lady Hamilton. Die Verstorbene sollte im Erbbegräbnis der Familie in Pembrokeshire beigesetzt werden, und Sir William bat Greville, alles für die Trauerfeierlichkeiten Nötige vorzubereiten. Mit dem Kriegsschiffe, das König George für den Transport der Leiche zur Verfügung gestellt hatte, hoffte Sir William um die Mitte des Monats in England einzutreffen. Greville hatte daher viel in London zu tun und Emma war häufig sich selbst überlassen. Zum erstenmal fühlte sie die Abhängigkeit, in der Sir William den Geliebten hielt. Was sollte aus ihr werden, wenn sie diesem Manne nicht gefiel, der nach Grevilles Schilderungen unerbittlich urteilte und unbestechlich richtete? Dem leidenschaftlichen Verehrer der Antike würde ihre Schönheit wohl gefallen. Auch an ihrer Vergangenheit würde er keinen Anstoß nehmen. Durch seinen Verkehr mit Künstlern war er an abenteuerliche Lebensschicksale gewöhnt und pflegte sie mit den die engen Fesseln landläufiger Moral sprengenden Anforderungen des Geistes zu entschuldigen. Wie aber, wenn er diesen Geist bei Emma vermißte? Wenn sie ihm nur als eine jener Vielen erschien, die aus ihrer Schönheit Vorteil zogen Und ihren Mangel an Tiefe durch Berechnung und Koketterie verdeckten? Und dann – Sir William hatte mit seinem Neffen hochfliegende Pläne. Die Werbung um Lord Middletons Tochter hatte er Greville vorgeschlagen Und ihm Vorwürfe gemacht, als aus der reichen Heirat nichts wurde. Nun kam er selbst nach England. Konnte Greville durch seinen persönlichen Einfluß unterstützen. Würde er die früheren Projekte nicht wieder aufnehmen? Leise meldeten sich wieder Zweifel in Emmas Herzen. Mit geheimem Bangen sah sie Sir Williams Ankunft entgegen. – – – – – – – – Greville empfing den Oheim im Hafen und geleitete ihn, ohne London zu berühren, mit dem Trauerkondukt nach Pembrokeshire. Von dort schrieb er an Emma. Sir William werde nach London kommen, um dem Könige und den Ministern seine Aufwartung zu machen. Dabei werde er auch Zeit finden, an einem Abend den Tee bei Greville zu nehmen und Edgware Row kennen zu lernen. Greville selbst mußte mit dem Oheim in London bleiben und konnte nicht in Edgware Row wohnen. Wichtige Besprechungen hinderten ihn auch, früher als Sir William zu kommen. Darum gab er genaue Vorschriften für den Empfang. Er hatte dem Oheim noch nichts von Emma gesagt, wollte erst den Eindruck ihrer Schönheit auf ihn abwarten. Die Mutter sollte als Wirtin die Eintreffenden allein begrüßen, Emma erst zum Tee ins Speisezimmer herunterkommen. In unauffälliger Weise sollte sie dort die Bedienung übernehmen und das Weitere Sir Williams Augen überlassen. Alles mußte zwanglos und unvorbereitet erscheinen. Es geschah, wie er angeordnet hatte. Als der Wagen eintraf, war Emma auf ihrem Zimmer, die Herren wurden von der Mutter in der Tür des Hauses empfangen und gingen sofort zu Greville, um das Laboratorium und die Sammlungen zu besichtigen. Bei Einbruch der Dunkelheit stieg Emma dann in das Speisezimmer hinunter, zündete die Kerzen im Kronleuchter an und rückte den Anrichtetisch in einen Winkel. Den Blicken der Eintretenden verborgen ließ sie sich dort nieder. Das Herz schlug ihr zum Zerspringen. Eine lähmende Furcht überfiel sie. Als sie die Schritte der Männer auf der Treppe hörte, versuchte sie aufzustehen. Aber die Knie zitterten ihr, sie vermochte es nicht. Scheu drückte sie sich in den Schatten ... – – – – – – – – Sir William trat ein. Emma konnte sein Gesicht nicht gleich sehen. Er sprach zu dem ihm folgenden Greville zurück. Aber als er sich umwandte, um das Zimmer zu betrachten, erstaunte sie. Der Zweiundfünfzigjährige sah frisch und kräftig aus, wie ein Mann im Anfang der Vierzig. Seine ruhigen Bewegungen verrieten den Jäger, der beim Beschleichen des Wildes jedes Glied und jeden Muskel seines Körpers zu beherrschen gelernt hatte. Eine hervorspringende Stirn beschattete mit dichten Brauen lebhafte Augen, aus denen Witz und Laune strahlten. Leichte Ironie schien in den herabgezogenen Winkeln des Mundes zu spielen, ohne doch das freundliche Wohlwollen und die weltmännische Höflichkeit zu verwischen, die der Erscheinung des Mannes ein vornehm-liebenswürdiges Gepräge verliehen. Als er die Malerei der Wände sah, stieß er einen Ruf des Staunens aus. »Großartig, Greville! Ganz wundervoll! Hast du die Goldmacherkunst erfunden oder den Stein der Weisen entdeckt? Um das zu bezahlen, muß man ja ein Vermögen besitzen!« Greville lächelte. »Mich kostet's nicht einen Schilling. Romney hat es aus Freundschaft umsonst gemalt!« »Umsonst? Von mir verlangen meine Künstlerfreunde immer Geld. Möglichst viel Geld! Übrigens – Romney! Erinnere mich morgen an ihn. Der Ruhm seiner ›Circe‹ ist bis zu uns nach Neapel gedrungen. Ich muß das Bild sehen. Das Modell soll ja das Ideal weiblicher Schönheit sein. Wo hat er es denn aufgestöbert? Man sagte mir, er habe nichts geändert, sondern sich genau an die Natur gehalten. Übertrieben, wie? Praxiteles hat für seine Venus mehr als hundert Modelle verbraucht!« Aus Grevilles Augen flog ein verstohlener Blick zu Emma herüber. »Und doch ist es wahr, Onkel. Willst du dich selbst überzeugen?« Er deutete zur Decke empor, von der Emma als Göttin der Schönheit herabsah. Sir William betrachtete lange das Bild. Ungläubig schüttelte er den Kopf, während er an dem gedeckten Tisch Platz nahm. »Ist das wirklich Porträt? Nicht idealisiert? Ich habe viele schöne Frauen gesehen, aber eine so vollkommene noch nie! Ist sie in London? Kann ich sie durch Romney kennen lernen?« Geräuschlos nahm Emma das Teebrett und kam zum Tische. »Sie wohnt nicht in London!« antwortete Greville, sich Sir William gegenübersetzend. »Aber wenn du Wert darauf legst ...« »Das vollkommenste Weib der Erde zu sehen? Ich würde eine Reise um die halbe Welt nicht scheuen!« Er seufzte, sich selbst verspottend. »Ich spreche etwas heißblütig für mein Alter, nicht wahr? Aber was willst du! Shakespeare hat beobachtet, daß Männerherzen nach einem herben Verlust besonders empfänglich für neue Reize sind. Kaum ist Romeo von Rosalinde zurückgewiesen, so verliebt er sich in Julia. Wer weiß, ob es mir nicht ebenso erginge, wenn ich in den Zauberkreis von Romneys Circe geriete!« Er lachte und nahm, die servierende Dienerin, nicht beachtend, eine Schale Tee von dem Brett, das Emma ihm hinhielt. Dann griff er nach dem Silberkännchen mit der geschlagenen Sahne. Plötzlich stutzte er, sah nach der Hand, die das Teebrett hielt. Blickte dann schnell zu Emma auf. Das Brett schwankte, Grevilles Schale floß über, ein paar Brötchen rollten auf den Teppich. »Aber, Miß Hart!« rief Greville scheinbar vorwurfsvoll. »Warum erschrecken Sie denn, wenn Sir Hamilton Ihre Hand bewundert?« Emma stand vor Sir William, glühende Röte im Gesicht, und wagte nicht, die Augen zu ihm aufzuschlagen. Er starrte sie an wie geblendet. Dann flog ein Blick zu dem Bilde empor. »Wahrhaftig, Greville,« rief er, in ein lautes Gelächter ausbrechend, »der Scherz ist dir gelungen! Einen alten, wetterfesten Diplomaten hast du vollständig überrumpelt! Aber ich bin dir darum nicht böse. Ich spare die Reise um die halbe Welt und brauche keine Fehlbitte an Romney zu wagen!« Lächelnd stand er auf und machte Emma eine tiefe Verbeugung, die Hände über der Brust kreuzend. »Schöne Circe, erhabene Göttin! Wo haben Sie Ihren Zauberstab, mit dem Sie mich in einen Borstenträger zu verwandeln gedenken?« Er nahm ihr das Teebrett aus der Hand und litt nicht, daß sie die Brötchen auflas. Mit jugendlicher Geschmeidigkeit bückte er sich, Greville zuvorkommend. Dann lud er sie ein, sich zu ihnen zu setzen, und ging selbst in die Küche, um eine Schale für sie zu holen. Das »Licht ihrer Schönheit« sollte über diesem Abend leuchten, dem ersten, den er seit langer Zeit »in vertrautem Familienkreise« verlebte. Nicht für einen einzigen Augenblick durfte sie das Zimmer verlassen. Absichtlich schien er der Gelegenheit aus dem Wege zu gehen, durch Greville Aufklärung über Emma zu erhalten. Geschah es aus Zartgefühl? Oder trieb ihn die Eitelkeit des Diplomaten, der sich einem Rätsel gegenübersah und seinen Ehrgeiz daran setzte, dieses Rätsel ohne fremdes Zutun, nur durch die Kraft der eigenen Beobachtungsgabe zu lösen? Nachdem Emma über ihre erste Befangenheit hinweggekommen war, gab sie sich willig dem Reiz dieser für sie neuen Unterhaltung hin. Sir William, sprudelte von witzigen Einfällen und geistvollen Bemerkungen; unerschöpflich war er in Anekdoten, die ein blitzartiges Licht auf das Leben des Südens und die Verhältnisse am Hofe von Neapel warfen. Auch sich selbst schonte er nicht. So besaß er einen Affen, den er zum vollkommenen Menschen heranzubilden suchte. Aber das Tier wollte nicht selbständig denken lernen, es kam nicht über äußere Nachahmung hinaus. Eines Tages hatte er es gefunden, wie es in Sir Williams Kleidern genau in seiner Haltung im Lehnstuhl saß und durch eine große Lupe sizilianische Münzen betrachtete. Betroffen von der Ähnlichkeit hatte Sir William die Szene malen lassen und das Bild mit der Unterschrift »Der Antiquar« über seinem Schreibtisch aufgehängt. Eine lachende Predigt der Bescheidenheit. Aber auch seine Zuhörer verstand der gewiegte Diplomat zum Sprechen zu bringen. Emma hatte ihm noch keine Stunde gegenübergesessen, als sie erstaunt gewahr wurde, wieviel er bereits von ihr wußte. Arglos antwortete sie auf scheinbar unverfängliche Fragen, aus denen er dann scharfsichtig Schlüsse zog, die der Wahrheit überraschend nahekamen. Nach kurzer Zeit schon kannte er in großen Umrissen ihr bisheriges Leben, ihre Kämpfe, ihre Irrungen und Wirkungen. Kein Gefühl schien ihm fremd, für alles hatte er Verständnis und Teilnahme. Besonders schien ihn der Bericht zu beschäftigen, den sie über ihre künstlerischen Bestrebungen gab, und ruhte nicht, bis Emma ihm die Wahnsinnsszene der Ophelia vorspielte. »Sheridan mag recht haben, als er bei Ihnen die Geste der großen Tragödie vermißte!« sagte er nachher nachdenklich. »Ihr Gefühl aber ist echt und Ihr Ausdruck wahr. Und Ihre Stimme klingt wie Musik. Haben Sie schon einmal zu singen versucht?« Emma nickte. »Ich bin aber über bescheidene Anfänge nicht hinausgekommen. Ein paar kleine Volkslieder meiner Heimat – das ist alles!« Ohne sich nötigen zu lassen, sang sie. Wie die Walliser Bauernmädchen sangen, wenn sie, den Rechen über der Schulter, abends aus der Heumahd von den weiten Wiesen der Dee heimkehrten. Und wie jene bewegte sie sich beim Singen. Den Kopf zurückgeworfen, zwischen den halbgeöffneten Lippen die Zähne blitzen lassend ging sie um den Speisetisch herum, die Hände in die Seiten gestemmt, mit wiegenden Hüften und schlenkernden Füßen. Ihre Augen lachten in Sir Williams Augen, und im Vorbeigehen streifte ihn die rotleuchtende Flut ihres Haares, das die rasche Bewegung gelöst hatte. Sie wußte, daß sie kokett war. Und sie wollte es sein. Wenn Sir William es verlangte, würde Greville sich von ihr, trennen müssen. Sie kämpfte. Für ihn, für sich. Und sie sah, daß sie Siegerin war. Gierig schien Sir William den Wohllaut ihrer Stimme zu trinken, ihre Bewegungen mit den Augen zu verschlingen. Als sie geendet hatte, drückte er ihre Hände entzückt zwischen den seinen. »Nun weiß ich, wer Sie sind!« rief er. »Greville ist ein Hypochonder, der mit seinem Griesgram die ganze Welt anstecken möchte. Sie aber, Miß Emily, sind zur Heiterkeit geboren, sich und uns anderen zur Freude. Wissenschaft, hohe Kunst – gewiß, sie sind sehr edel, sehr heilig! Aber je älter man wird, um so mehr erkennt man doch, daß das wahre Glück im heiteren Spiel der Sinne liegt. Carpe diem – nutze deinen Tag! Die Nacht kommt schon von selbst. Darum, Miß Emily, singen Sie – Sie haben die Stimme dazu! Tanzen Sie – Sie besitzen die angeborene Grazie der Italienerinnen und Spanierinnen! Und endlich – lieben Sie! Lieben Sie!« Er warf einen lächelnden Blick auf Greville. »Das letztere brauche ich Ihnen wohl nicht mehr zu empfehlen. Ein unerhörtes Glück hat dieser Mensch mit dem jungen Gesicht und dem alten Herzen. Die Maler malen für ihn, und die Zaubergöttinnen legen ihm ihre Schönheit zu Füßen. Alles umsonst. Er aber tut, als wenn sich das so gehörte. Nicht einmal danke sagt er. An Ihrer Stelle, Miß Emily, ließe ich ihn zwischen seinen Steinen und Heiligenbildern Trübsal blasen und nähme einen anderen. Was meinen Sie zu dem Onkel, dem Gegensatz des Neffen? Ein Weltweiser ist zu haben mit altem Gesicht, aber jungem Herzen! Besinnen Sie sich nicht lange, schlagen Sie ein!« Lachend streckte er ihr die Hand hin. Aber Emma zögerte, auf den Scherz einzugehen. Wie er sie anblickte, glaubte sie in seinen Augen etwas Flackerndes, Begehrliches zu entdeckten, das sie abstieß. Unwillkürlich sah sie zu Greville hinüber. Seltsam verzerrt schien ihr sein Gesicht ... Aber sie hatte sich wohl getäuscht. Während des ganzen Abends stimmte er in die scherzende Heiterkeit ein, die Sir William mit Emma so schnell vertraut gemacht hatte. Und als er spät mit dem Oheim aufbrach, nahm er zärtlich von ihr Abschied. Mit zufriedener Miene. – – – – – – – – Am folgenden Tage schickte Sir William Emma eine kostbare Harfe mit ein paar liebenswürdigen Zeilen. Er bedauerte, daß er die »schöne Teemacherin von Edgware Row« vor seiner Abreise nach Neapel nicht wiedersehen konnte, hoffte aber, sie wiederzufinden, wenn er mit längerem Urlaub nach England zurückkehrte. »... Wird Circe ihrem neuen Sklaven dann auch ein bescheidenes Plätzchen in ihrem Zaubergarten der Schönheit und Liebe einräumen?« … Achtundzwanzigstes Kapitel Das folgende Jahr brachte England den Sieg der liberalen Opposition. Lord North legte seine Stellung als Premierminister nieder, Charles Fox übernahm die Regierung, die Tories mußten aus ihren Ämtern weichen. Greville wurde zwar bestätigt, sah aber voraus, daß er bald in einen Zwiespalt mit den Anschauungen der Whigs geraten würde und zog sich zurück, ehe der Konflikt zum Ausbruch kam. In Edgware Row nistete sich die Sorge ein. Grevilles Gläubiger hatten in seinem Amte eine Bürgschaft für die Zukunft gesehen und machten nun, da diese Aussicht geschwunden schien, ihre Forderungen geltend. Fragwürdige Gestalten gingen in Edgware Row ein und aus. Trödler aus den Vorstädten trugen in dunklen Abendstunden entbehrliche Haushaltungsgegenstände davon; Kunsthändler besichtigten die Bildersammlung und boten Preise weit unter dem Wert; Wucherer suchten mit Wechseln und unerschwinglichen Zinssätzen den letzten Penny zu erpressen. Am widerlichsten aber waren die Vermittlerinnen, die den Enkel der Warwicks mit Vorschlägen einer reichen Heirat bestürmten. Uneheliche Töchter großer Herren suchten Namen und Rang, alte Jungfern Befriedigung einer späten Sinnenlust, verbrauchte Kurtisanen Krönung ihres schmachvoll erworbenen Reichtums, gefallene Mädchen Schutz vor. den Folgen heimlicher Liebeshändel. All der Schmutz eines Zusammenbruchs häufte sich an. Stieg auf trüben Wellen zur Oberfläche empor ... – – – – – – – – Schwer lastete die Spannung auf Emma: Wieder merkte sie, wie wenig sie Greville eigentlich kannte. Ihre geheimsten Gedanken und Empfindungen mußte sie ihm offenbaren, er aber blieb schweigsam und verschlossen. In seine leicht über alles hinwegleitende Liebenswürdigkeit hüllte er sich wie in einen seidenen Panzer, von dem ihre Versuche, in seine Seele zu dringen, abprallten. Länger als zwei Jahre lebte sie nun schon mit ihm, aber er war für sie noch dasselbe Rätsel wie zuvor. Mühsam suchte sie aus seinen Handlungen zu erraten, was in ihm vorging. Aber immer wieder stieß sie auf Widersprüche, für die sie keine Erklärung fand. Seit Sir Williams Besuch schenkte er Emmas Talenten erhöhte Aufmerksamkeit. Im Harfen- und Lautenspiel ließ er sie unterrichten, in Gesang und Tanz, Zeichnen, Malen und in der Schauspielkunst, Der Pflege ihres Körpers widmete er besondere Sorgfalt. Alle neuen Schönheitsmittel brachte er ihr mit, litt nicht, daß sie sich rauher Witterung aussetzte, ihre Hände durch häusliche Arbeiten verdarb. Sogar ihr Essen und Trinken überwachte er; sorgsam wählte er alles für sie aus, damit ihr Teint rein und ihr Blut leichtflüssig blieb. Die Anstandsregeln feiner Geselligkeit prägte er ihr ein, stachelte unaufhörlich ihre Eitelkeit. Immer sollte sie heiter sein, schön und elegant erscheinen. Wie eines jener blumenhaften Märchengebilde, die hoch über aller Erdensorge auf goldigen Wölkchen in einem ewigen Sonnenschein dahinschwebten. Dazu überhäufte er sie mit Schmuck und kostbaren Kleidern, suchte jeden ihrer Reize in das vorteilhafteste Licht zu setzen. Als ob sie für den Harem eines Sultans bestimmt wäre, von dessen Wohlgefallen ihre Zukunft abhing. Alles das kostete Mühe und Geld. Niemals aber beklagte er sich. Setzte er seinen Stolz darein, Emma den Wechsel seiner äußeren Lage nicht empfinden zu lassen? Nichts war ihm gut genug für sie, nichts durfte sie entbehren. Gleich in den ersten Tagen nach seinem Rücktritte vom Amt, als seine Gläubiger über ihn herfielen, hatte sie ihn bestürmt, Sir William um Hilfe zu bitten. Unwillig hatte er es verweigert. Zu oft schon hatte er des Oheims Güte in Anspruch genommen. Am Ende hielt Sir William seinen Neffen für einen Verschwender und ließ es ihn in seinem Testament entgelten. Grevilles Stolz schien durch die unaufhörlichen Demütigungen krankhaft gesteigert. Aber etwas mußte doch geschehen! Konnte sie denn gar nichts tun, um ihm in seiner Bedrängnis beizustehen? Sie grübelte und grübelte. Grevilles düstere Augen ängstigten sie. Er sah aus, als ringe er mit einem finsteren Entschluß. Das Herz zitterte ihr. Schreckliche Gedanken stiegen in ihr auf. Und nun fing er auch noch an, ihr seine Kämpfe zu verheimlichen. Wenn jene Wucherer und Trödler kamen, schloß er sich mit ihnen ein. Zeigte nachher ein krampfhaft heiteres Gesicht. Versicherte, daß alles gut gehe. Aber eines Tages, von einer Sitzung bei Romney zurückkehrend, fand sie ihn im Bilderzimmer, wie er in sich zusammengebrochen vor der leeren Staffelei der Venus saß. Das Bild war fort. Schluchzend kniete sie neben Greville nieder, wollte ihre Arme um ihn schlingen. Erschreckt fuhr er auf, brach in ein gezwungenes Lachen aus. Was hatte sie denn? Das Bild war beschädigt, er hatte es einem Maler zur Ausbesserung gegeben. Übertrieben und überflüssig war überhaupt ihre ganze Sorge. Wenn er Geld brauchte, hatte er noch Freunde genug, die ihm gern beisprangen. Aber er brauchte keins. Mehr, als nötig war, besaß er. Er zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke, die er lose in der Tasche getragen hatte. Und um sie für ihre Gespensterseherei zu strafen, bestimmte er, daß sie abends mit ihm ins Ranelagh Vornehmes Etablissement für Vokal- und Instrumental-Konzerte. zu einem Konzert fuhr, zu dem der Hof sein Erscheinen zugesagt hatte. Ihre schönsten Kleider, ihren kostbarsten Schmuck sollte sie anlegen. Neidern und Verleumdern wollte er zeigen, daß er nicht ruiniert war. Daß er besser dastand als je. Er lachte. Aber er täuschte Emma nicht. Aus dem scheuen Flackern seiner Augen sprach die ganze Zerrissenheit seiner Seele. – – – – – – – – Greville war vorausgefahren, um die Billetts zu besorgen. Als Emma vor dem Tor von Ranelagh ihren Wagen verließ, sah sie Romney im Gespräch mit einem Herrn, der heftig erregt schien. Romney machte sie mit ihm bekannt. Es war der Italiener Gallini, der Impresario des Konzerts, der hier die Ankunft des Hofes erwartete. Er hatte die Sängerin Georgina Banti, die eben auf ihrer ersten großen Triumphreise durch die Hauptstädte Europas war, für das Konzert gewonnen und es verstanden, die Königin Charlotte für die neapolitanischen Volkslieder der gefeierten Primadonna zu interessieren. Nun aber hatte sich die Banti in den Londoner Nebeln erkältet und im letzten Augenblick abgesagt. Er war in Verzweiflung. Der stolze Sinn der Königin würde den Fortfall der Lieder, um die allein sie das Konzert besuchte, als eine Beleidigung empfinden und Gallini ihre Ungnade entgelten lassen. Wenn er ihr wenigstens durch etwas anderes eine Art Entschädigung hätte bieten können! Vielleicht, daß ihr Zorn sich dann beruhigte. Eine Idee blitzte in Emma auf. »Vielleicht kann ich Ihnen helfen, Signor Gallini! Es sind zwar keine neapolitanischen Volkslieder, die ich singe; aber meine altwallisischen Bardengesänge gefallen vielleicht trotzdem. Ich begleite mich selbst. Proben mit dem Orchester sind also nicht nötig. Eine Laute ist ja wohl vorhanden?« Überrascht hatte Gallini zugehört. »Gewiß!« sagte er zögernd. »Und Ihr Anerbieten ist sehr liebenswürdig, Miß Hart. Aber ... es fragt sich doch ...« »Ob meine Stimme ausreicht? Erkundigen Sie sich bei Mr. Romney oder Sir Greville! Oder, da diese Herren etwas parteiisch sein dürften – prüfen Sie selbst! Es ist wohl noch Zeit genug, daß Sie im Zimmer der Künstler ein Lied von mir hören. Gefällt Ihnen mein Gesang nicht, so sagen Sie es offen. Ich verspreche Ihnen, daß ich es nicht übelnehme!« Sie lächelte ihm zu, während er ihre Gestalt musterte. »Wenn Ihr Gesang Ihrer Schönheit gleicht, kann ich es vielleicht wagen!« sagte er galant. Dann richtete er sich auf. »Kommen Sie! Lassen Sie mich hören!« – – – – – – – – Das Publikum nahm die Ankündigung der Programmänderung mit Murren auf. Der Banti wegen hatte man die teuren Eintrittspreise bezahlt. Sollte man nun mit irgendeiner namenlosen wallisischen Bänkelsängerin abgespeist werden? Aber als Emma an Gallinis Hand auf dem Podium erschien, trat plötzlich Stille ein. Wie in ein Meer von Gesichtern sah Emma, die sich voll Überraschung auf sie richteten. Staunen und Bewunderung ihrer Schönheit glaubte sie auf ihnen zu lesen. »Es ist Miß Hart!« sagte eine Stimme. »Die Circe Romneys!« Es war die Herzogin von Argyll, eine Verwandte der Hamiltons, die in einer Loge nahe am Podium saß. Sie nickte Emma, die sie bis dahin niemals gesehen hatte, in ihrer lebhaften Art zu und klatschte ihr mit ihren feinen, behandschuhten Händen Beifall. Eine Bewegung ging durch den Saal, ein Raunen und Flüstern. Das Wort der Herzogin machte die Runde. Dann war wieder alles still. Unter Emmas Händen erklangen die ersten Akkorde der Laute. Während sie spielte, suchten ihre Augen nach Greville. Sie fand sein bleiches, fieberhaft erregtes Gesicht neben Romney fast am Ende des Saales. Lächelte ihm zu. Warum fürchtete er sich? Ganz ruhig war sie, ganz sicher. Sang sie nicht für den Geliebten? Wenn sie Erfolg hatte, wenn sie eine gefeierte Sängerin wurde, wenn ihr das Gold in Strömen zufloß – alles hatte sie Greville zu danken. Und alles, alles wollte sie ihm zu Füßen legen, ihren Ruhm, ihren Reichtum, ihre Seele. Ihm, der sich opferte, um sie groß zu machen. Der schweigend kämpfte und litt, um von dem Schmutz des Alltags nicht das weiße Gewand seines Ideals beflecken zu lassen. Sie liebte ihn. Nicht mehr dem Triebe ihrer Sinne folgend, der sie einst in seine Arme geworfen hatte. Nun liebte ihn ihre Seele. Und in dem starken Bewußtsein dieser hohen, heiligen Liebe sang sie ... – – – – – – – – Der Erfolg war groß. Immer wieder wurde Emma hervorgejubelt, verlangte man von ihr neue Lieder. Vergessen war die Banti. Wales hatte über Neapel gesiegt. Die Herzogin von Argyll schickte Emma ihre Karte mit Worten begeisterter Anerkennung, Lord Abercorn ließ sich ihr vorstellen; Romney war hingerissen und brannte darauf, sie als heilige Cäcilie zu malen. Als sie mit Greville Ranelagh verließ, drängten sich die vornehmen Damen und Herren hinzu, um sie in der Nähe zu sehen. Greville stimmte nicht ganz in das begeisterte Lob ein. Er war nicht mit ihrem leidenschaftlichen, die ästhetischen Schranken der Kunst durchbrechenden Vortrage einverstanden. Aber er tadelte sie nicht geradezu, fand auch Worte der Anerkennung. Er schien durch ihren Erfolg eher bedrückt, als erfreut. In einer Ecke des Wagens lehnend hörte er ihr schweigend zu. Als sie zu Hause mit leise bittendem Blick seine Augen suchte, wandte er sich ab. Müde und abgespannt war er, brauchte Ruhe. In seinem Zimmer schloß er sich ein. Aber er schlief nicht. Noch spät in der Nacht hörte Emma ihn friedlos hin und herwandern. Das Unglück hatte ihn verbittert. Einer Reihe sonniger Tage bedurfte es, um ihm seine alte Kraft und Sicherheit wiederzugeben. – – – – – – – – Am folgenden Morgen brachte die Mutter Emma einen Brief von Gallini. Der Impresario bot ihr einen glänzenden Vertrag, wenn sie sich entschließen würde, unter seiner Leitung sich dem Konzertgesänge zu widmen. Tausend Pfund und ein Benefiz jährlich sollte sie haben, wöchentlich nur zweimal öffentlich auftreten. Einen Vertrag legte er bei. Emma brauchte ihn nur zu unterschreiben. Freudezitternd fiel sie der Mutter um den Hals. Weinte mit ihr über das Elend der Vergangenheit, jubelte dem Glück der Zukunft zu. Was sie in den Tagen der Jugend geträumt, um das sie diese ganze lange Zeit hindurch gearbeitet und gerungen hatte – nun war es da. Eine Königin wurde sie in dem herrlichsten Reiche, das die Erde zu vergeben hatte. Und gleichzeitig Erlöserin des Geliebten von seinem Märtyrertum der Not. Den Brief in der Hand schwingend eilte sie zu Greville, ihm das Wunderbare mitzuteilen, in seinen Äugen den Strahl der Freude zu entzünden, der nun niemals wieder erlöschen sollte. – – – – – – – – Eine Stunde später kam sie zurück, bleich, wankend, verstört. Alles war aus. Rundweg hatte Greville seine Zustimmung zu dem Vertrage verweigert. An die Bedingung hatte er sie erinnert, unter der er sie aufgenommen. Versprochen hatte sie, nichts ohne seine ausdrückliche Erlaubnis zu tun. Diese Bedingung hatte sie durch ihr Auftreten in Ranelagh gebrochen, öffentlich hatte sie ihn bloßgestellt, vor seiner Familie, vor seinen Standesgenossen, vor dem Hofe. Und nun wollte sie ihn noch tiefer erniedrigen, ihn zum ausgehaltenen Manne machen? Das Herz blutete ihm bei dem Gedanken, sich von ihr trennen zu müssen. Aber es war notwendig. Seine Mannesehre forderte es. In kurzen, abgerissenen Sätzen erzählte sie es der Mutter, während sie die einfachen Kleider anlegte, in denen sie von Hawarden aus der Verbannung gekommen war. Ihr Entschluß war gefaßt. Sie ging. Unglücklich wurde Greville ja, wenn sie blieb. Gallinis Anerbieten schlug sie aus. Wem verdankte sie die Ausbildung ihrer Stimme? Greville. Nichts aber sollte sie nun noch an ihn erinnern. Niemals mehr würde sie singen, niemals eine Harfe anrühren. Alles, was er ihr geschenkt, ließ sie zurück, nahm nichts mit sich fort, als den armseligen Plunder, den sie mitgebracht hatte. Alles gab sie auf, verschwand wieder in dem Dunkel, aus dem ein unseliges Schicksal sie emporgezogen. In irgendeiner Vorstadt Londons verkroch sie sich, um sich und den Ihrigen als Näherin durch ihrer Hände Arbeit Brot zu schaffen. Hatte er seine Mannesehre, so hatte sie ihre Frauenehre. Erkennen sollte er, wie sehr er ihr unrecht getan. Was fragte sie nach Ruhm, Geld, Schönheit, wenn er sie nicht mehr liebte? Ach, die Enge des Hauses erstickte sie! Reine Luft mußte sie atmen, wenn sie nicht hinsinken und sterben sollte! Ein Nähzeug aus einem Kasten reißend, stürmte sie fort, ohne auf das Zureden der Mutter zu hören. Erst als sie draußen unter den Bäumen saß und die frische Luft ihr die Stirn kühlte, kam sie wieder ein wenig zu sich. Immer noch aber jagten die Gedanken auf sie ein. Um sich abzulenken, nahm sie das Nähzeug und begann zu arbeiten. Aber sie sah die Stiche nicht, die ihre Hand machte. Alles flimmerte ihr vor den Augen ... – – – – – – – – Sie hatte Romney nicht kommen sehen. Erst als er vor ihr stand, bemerkte sie ihn. Er hatte sein Skizzenbuch in der Hand. Natürlich hatte er sie wieder gezeichnet. Widerwärtig und taktlos war es, wie er immer an ihr herumsuchte nach neuen Motiven. Galt ihm der Schmerz nichts, der ihr das Herz zerriß? Gerade heraus sagte sie es ihm. Er suchte sie zu beruhigen. Sie hatte ja recht, wenn sie sich verletzt fühlte. Aber er war nun einmal so geschaffen. Alles setzte sich für ihn in Bilder um; der Stift, den er über das Papier führte, dachte und fühlte für ihn. Erst wenn seine Hand nachgebildet hatte, was sein Auge gesehen, regte sich seine Seele. Nicht mehr Künstler sein, war für ihn gleichbedeutend mit Sterben. War es mit Emma nicht ebenso? Nicht mehr lieben – war das für sie nicht der Tod? Und nun wollte sie um einer Nichtigkeit willen aufgeben, was ihr Leben war? Nichtigkeit ... Das Wort brachte sie noch mehr auf. Bebend vor Empörung erzählte sie ihm alles. Mit einem leisen Lächeln schüttelte Romney den Kopf. »Ihr Zorn reißt Sie zu Übertreibungen hin, Miß Emma. Eine Frau muß sich unterordnen, wenn es sich um die Ehre des Mannes handelt.« Sie schürzte verächtlich die Lippen. »Ehre? Was kann es seiner Ehre schaden, wenn seine Mätresse in Konzerten singt?« Mit einem ausdrucksvollen Blick sah er ihr in die Äugen. »Von seiner Mätresse würde es ihm vielleicht gleichgültig sein. Wie aber, wenn er weiter denkt? Wenn er an den Tag denkt, da diese Mätresse als seine Frau ...« »Seine Frau?« Sie war aufgefahren, hatte das Nähzeug fallen lassen. Starrte ihn an. »Hat er Ihnen das gesagt?« Bedächtig ergriff Romney ihre Hand. »Ich möchte nicht Hoffnungen in Ihnen erwecken, die sich vielleicht nicht verwirklichen. Nein, Greville hat mir nichts gesagt. Er ist überhaupt nicht der Mann, über seine Pläne vorzeitig zu sprechen. Aber ich habe ihn während dieser ganzen Zeit beobachtet. Weil ich Sie liebhabe und Ihnen Gutes wünsche. Versetzen Sie sich doch in seine Lage! Kann ein Mann, der mit einem solchen Gedanken umgeht, anders handeln? Ein Enkel der Warwicks kann unter Umständen seine Mätresse heiraten, selbst wenn sie eine Vergangenheit hat. Aber von dem Augenblicke an, da er sie in seine Arme nimmt, darf kein neuer Vorwurf gegen sie erhoben werden können. Ihr tadelloses Leben muß den früheren Fehl auslöschen. Und nun überdenken Sie von diesem Gesichtspunkte einmal alles, was Sie ihm zur Last legen! Läßt es sich nun nicht ganz einfach und ohne Zwang erklären? – Ach, das ungestüme Blut!« unterbrach er sich lächelnd, da Emma sich mit einer hastigen Bewegung zum Gehen wandte. »Wohin wollen Sie sich nun wieder hinreißen lassen? Gehen Sie noch nicht zu Greville. Überlegen Sie erst, was Sie ihm sagen wollen. Durch ein unbedachtes Wort zerstören Sie vielleicht den Willen, der unbewußt jetzt noch in ihm schlummert. Wecken Sie ihn nicht zu früh! Solch ein Entschluß braucht Zeit zum Wachsen und Reifen.« Mit weichem Druck hielt er sie an der Hand zurück. Gerührt sah sie ihn an. Tom Kidd und Romney – wie sie einander glichen! Ach, und wie wenig konnte sie ihnen ihre Liebe vergelten! – – – – – – – – Erst als sie ganz ruhig war, ging sie zu Greville hinauf. Er mußte ihren Schritt auf der Treppe gehört haben Und kam ihr entgegen. Mit aufgehelltem Gesicht und freundlichem Wort. Eben hatte er einen Brief aus Neapel erhalten. Sir William kündigte seinen Besuch zum nächsten Frühjahr an. Er wollte die Verhältnisse selbst untersuchen und in Ordnung bringen. Bis dahin sollte Greville seine Gläubiger vertrösten. Emma hörte kaum, was er sagte. Was waren ihr in diesem Augenblicke Sir William und die Gläubiger! Leise zog sie Greville in das Zimmer zurück und schloß die Tür. »Verzeih' mir, Geliebter!« stammelte sie. »Sei barmherzig und nimm mich wieder an dein Herz. Fordere von mir, was du willst. Niemals wieder will ich dir ungehorsam sein!« Sie nahm den Vertrag und zerriß ihn. Dann lag sie in Grevilles Armen. Lachte und weinte … Neunundzwanzigstes Kapitel Anfang Januar 1784 traf Sir William in England wieder ein. Kaum hatte er sich mit Grevilles Hilfe in London eingerichtet, als er auch schon nach Edgware Row herauskam. Er begrüßte die Mutter mit achtungsvoller Höflichkeit und Emma mit einer Vertraulichkeit, als sei er nur ein paar Tage fortgewesen. Er küßte die Pfirsichwangen der »ewig jungen Hebe«, küßte die »rotleuchtende Haarflut der ewig liebreizenden Venus«, küßte die »edlen Hände der ewig schönen Teemacherin«. Er schien überhaupt gern zu küssen. Und in dieser heiter-scherzhaften Laune blieb er. Aller hemmenden Fesseln ledig schien er dieses Urlaubsjahr von Grund aus genießen zu wollen. Fortwährend lud er Emma und Greville zu nächtlichen Streifereien durch die Vergnügungsstätten Londons ein, bei denen er die Kosten trug. Bei kleinen, üppigen Schmausereien zu dreien in den lauschigen Einzelzimmern der französischen Traiteurs machte er den freigebigen Wirt. Bei Romney bestellte er sein Porträt und ein neues Bild Emmas als »Bacchantin«. Freie Abende verlebte er regelmäßig in Edgware Row. Man trank Tee, musizierte, sang, plauderte, las. Er hatte seine Geige mitgebracht, die er gewandt und ausdrucksvoll spielte. Emma begleitete ihn auf der Harfe und sang neue Lieder. Er war voll Lobes über ihre Fortschritte, über den warmen, vollen Klang ihrer Stimme, und bedauerte, daß sein Freund Galluci sie nicht hören konnte. Der berühmte italienische Gesangsmeister würde sofort ihre weitere Ausbildung übernehmen. Denn das Letzte, Höchste der Kunst fehlte ihr noch. In dem feuchtkalten Nebel Englands konnte sie auch niemals zu ihm gelangen. Galluci aber würde aus ihr in kurzer Zeit eine Diva ersten Ranges machen. Und Cimarosa und Paisiello, die gefeierten neapolitanischen Opernkomponisten, würden ihr Lieder und Arien schreiben. Und er lud sie ein, ihn mit Greville in Neapel zu besuchen. Alle Freuden malte er ihr aus, die sie in diesem irdischen Paradiese erwarteten, dem Lande des leichten Sinnes, der Lieder und der Liebe, Warum war er selbst, trotz seiner vierundfünfzig Jahre, noch so jung? Weil er beizeiten aus dem kalten Norden geflüchtet war, und weil man unter der lachenden Sonne des Südens nicht alterte. Wie aus einem Jungbrunnen stieg man aus den warmen Wassern des Meeres empor; fühlte sich unter dem tiefen Blau des Himmels wie neugeboren. Lächelnd hörte sie zu und freute sich an seinen Phantasien. Vielleicht war alles gar nicht so, wie er es schilderte. Dennoch weckte seine Begeisterung eine leise Sehnsucht in ihr. Wie aber sollte sie jemals nach Neapel kommen? Unmöglich konnte sie Sir Williams Einladung ernst nehmen. Nur in einem einzigen Falle konnte die Reise sich verwirklichen. Wenn sie Grevilles Frau wurde ... Sie wagte nicht, den Traum zu Ende zu träumen. Aber eine süße Erwartung blieb in ihrer Seele zurück ... – – – – – – – – Sir William war zwei Monate wieder in England, als Grevilles Gläubiger die Geduld zu verlieren schienen. Sie überschwemmten ihren Schuldner mit Mahnungen, und als sie von ihm nur Vertröstungen auf die Zukunft erhielten, suchten sie Sir William in seiner Londoner Wohnung auf. Er kam sofort nach Edgware Row heraus. Eine Unterredung mit Greville folgte ... Emma saß auf ihrem Zimmer und horchte. Sie hatten sich im Laboratorium eingeschlossen, aber ihre lauten Stimmen drangen zu ihr herein. Sir William machte dem Neffen starke Vorwürfe, Greville verteidigte sich. Zwei-, dreimal schienen sie hart aneinander zu geraten. Heftig liefen sie im Zimmer auf und ab; einer suchte den anderen zu überschreien. Endlich drohte Sir William mit Enterbung. Und – nannte er da nicht auch Emmas Namen? Todesangst überfiel sie. Wenn Sir William die Trennung verlangte ... Plötzlich wurden sie ruhiger. Sie dämpften ihre Stimmen, als fürchteten sie Lauscher. Stundenlang hörte Emma dieses dumpfe Murmeln, das sich ihr auf die Brust legte, wie ein Alp ... Dann hörte sie die Schritte der Männer auf der Treppe. Sie verließen das Haus. Das Rollen des davonfahrenden Wagens drang zu ihr herauf. Fuhr Greville mit nach London? Vielleicht hatte er in seinem Zimmer ein paar Zeilen zurückgelassen, die ihr Nachricht gaben. Sie ging nachzusehen. Aber seine Tür war verschlossen. Ohne ein Wort war er gegangen. Und wußte doch, wie sie sich sorgte. – – – – – – – – Mitten in der Nacht erwachte sie. Verstört, in Schweiß gebadet blickte sie um sich. Dem Verlöschen nahe brannte die Lampe auf dem Tisch. Seltsam verzerrt blickte Grevilles Gesicht aus dem Bilde über dem Schreibtisch zu Emma herüber. Hatte er sie verlassen? Wieder kam die Angst über sie. Sie. sprang auf, schlich an seine Tür. Verschlossen, wie vorher. Er war noch nicht zurück. Sie stieg die Treppe hinab und trat auf die Straße. Angestrengt spähte sie den Weg nach London hinunter, horchte auf jedes Geräusch. Lange stand sie so, fröstelnd in dem kalten Nebel des Märzmorgens. Todmüde setzte sie sich endlich auf die Treppe, Hier mußte er an ihr vorüber, wenn er kam ... Ihr Husten weckte die Mutter. Erschreckt kam, die alte Frau herbei. Ihren Bitten gab Emma endlich nach und ließ sich ins Bett bringen. Aber die Decken und Kissen erwärmten sie nicht. Frierend lag sie und lauschte. Wartete ... wartete ... – – – – – – – – Sie mußte doch eingeschlafen sein ... Als sie erwachte, saß Greville an ihrem Bett. Dankbar lächelte sie ihm zu. Er war bei ihr; er hatte sie nicht verlassen. Er schüttelte den Kopf über ihre Torheit. In der kühlen Morgenluft hatte sie sich erkältet; drei Tage hatte sie in heftigem Fieber gelegen. Er hatte ja nicht geahnt, daß sie sich ängstigte. Sonst hätte er ihr gleich gesagt, daß so verwickelte Verhältnisse, wie die seinen, sich nicht im Augenblick entwirren ließen. Sir William war anfangs zornig gewesen, dann aber hatte er Hilfe in Aussicht gestellt. Zeitraubende Verhandlungen mußten, mit den Gläubigern geführt werden. Vielleicht waren auch einige Reisen notwendig. Es ließ sich jetzt noch nicht übersehen. Sir William war voll Sorge um Emma. Aber als er an ihr Bett gekommen war, um sie zu sehen und das Fieber zu prüfen, hatte sie sich seltsam gegen ihn benommen. Aufgeschrien hatte sie, abwehrend ihre Hände gegen ihn ausgestreckt. Als ob sie sich vor ihm fürchtete. Er meinte es doch gut mit ihr. Wenn er Greville half, geschah es auch ihretwegen. Er wartete draußen. Wollte sie nicht erlauben, daß er hereinkam? Matt nickte sie Gewährung. Und Sir William beugte sich über sie und küßte die »,edlen Hände der armen, schönen, törichten, lieben Teemacherin von Edgware Row«. – – – – – – – – Seitdem kam er täglich. Um ihr die Langeweile des Krankenzimmers zu vertreiben, führte er sie in die Kunstgeschichte ein. Er brachte kostbare Bücher mit, in denen Meisterwerke der Malerei und Bildhauerei abgebildet waren, und sprach über die Schönheitsideale der einzelnen Menschenrassen. Die edle Linie der Hellenen zeigte er, die Unterschiede zwischen Italienern und Spaniern, das üppig-gesunde Fleisch eines Rubens, die krankhafte Zartheit eines Botticelli, die Pikanterien der Franzosen. Dann suchte er festzustellen, welchem Schönheitstypus Emma angehörte. Er betastete die Form ihres Kopfes, verfolgte die Linie des Halses, erforschte die Struktur der Hand. Lächelnd ließ sie es geschehen. Sein Eifer belustigte, sein Lob erfreute sie. Mußte sie ihm um Grevilles willen nicht gefallen? Es schadete nicht, wenn er sich vielleicht auch ein wenig in sie verliebte. Auch den oberen Teil der Brust gab sie ihm preis. Alles das hatte Romney hundertmal gezeichnet, durch seine Bilder kannte es alle Welt. Dann verlangte Sir William auch die Form ihres Fußes zu prüfen. Sie zögerte. Komisch zwar erschien ihr diese stückweise Enthüllung, nachdem das »Göttliche Bett« den Augen von London bereits Emmas ganze Gestalt offenbart hatte. Aber dieses London war ihr damals ein unbestimmtes Etwas gewesen, eine verschwommene, wie in weiter Ferne sich auftürmende Masse, wesenlos und geschlechtslos. Während Sir William ... Er war Mann. Und seine Neugier schien mit jedem Zugeständnis zu wachsen ... Und hatte nicht Greville ihr das Häßliche jener Zurschaustellung mit hundert stichhaltigen Gründen bewiesen? Nur, wenn Greville es guthieß, wollte sie Sir William nachgeben. So hielt sie ihn hin. Als Greville am Abend zu ihr kam, sagte sie es ihm, überzeugt, daß er nicht einwilligen werde. Aber er ... Für was hielt sie denn Sir William? Diesem feinfühligsten aller Menschen war es einzig und allein um die Kunst zu tun. Nicht das Weib sah er in Emma; eine Meisterschöpfung der Natur war sie ihm, der er huldigte, ohne sie zu begehren. Mußte sie denn immer gleich an Schlechtes glauben? Er schien verstimmt und blieb nur ein paar Augenblicke bei ihr. Er war überhaupt in letzter Zeit sehr verändert. Täglich fuhr er nach London. Dachte er vielleicht, daß Sir William ihn ihr ersetzen konnte? Kehrte er dann spät heim, so war er mißmutig und abgespannt. Kaum, daß er ein karges Wort für das Notwendige fand. Selbst ihre Liebkosungen schienen ihm lästig. Dieser schreckliche Kampf rieb ihn auf. Besprechungen mit seinen Gläubigem trieben ihn ruhelos durch die Straßen Londons. Für Sir William mußte er Kunsthändler besuchen, Bibliotheken durchstöbern, Neuigkeiten erkunden. Dazu kam noch die Politik. Nach einem kurzen Ministerium der Wighs waren die Torys unter William Pitt dem Jüngeren abermals zur Regierung gelangt. Die Verabschiedeten kehrten in ihre Stellungen zurück. Auch Greville hatte Aussicht auf ein Amt. Er mußte sich in den einflußreichen Kreisen zeigen und sorgen, daß er nicht vergessen wurde. Er hetzte sich ab und dachte wohl nur selten an Emma. Während sie sich nach ihm sehnte. – – – – – – – – Am folgenden Tage gab sie Sir William auch den Fuß preis. Die Bettdecke vor sich ausbreitend richtete sie sich auf und setzte den Fuß auf den Teppich. Sir William betrachtete ihn, nahm die Maße, verglich ihn mit Abbildungen in seinen Büchern. Endlich stellte er ihn auf einen Bogen Papier und zeichnete den Umriß ab. Aber dann ... Das alles genügte doch nicht, um Emmas Schönheit zu beurteilen. Auch die Form der Schenkel und Hüften mußte er haben. Die ganze Gestalt ... Er stammelte die Bitte hervor, während er vor ihr auf den Knien lag und auf das weiße Fleisch des Fußes starrte. Als Emma erschreckt nicht gleich antwortete, suchte er die Decke emporzuschieben. Seine Hände zitterten, er atmete laut und schnell, seine Ohren färbten sich dunkelrot ... Plötzlich warf er sich auf Emma. Sie fiel auf das Bett zurück ... ein Kampf entspann sich ... Das Entsetzen lähmte sie so, daß sie keinen Laut in ihrer Kehle fand. Aber mit ihrer ganzen Kraft wehrte sie sich, wich sie seinen Angriffen aus ... Endlich war sie frei. In ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, rannte sie aus dem Zimmer. Die Tür zum Laboratorium aufreißend stürzte sie hinein ... Im Winkel am Fenster, den Kopf auf die Hand gestützt, saß Greville ... – – – – – – – – Aber gleich hinter Emma erschien Sir William. Keuchend ordnete er sich das verwirrte Haar, stieß seltsame, unartikulierte Töne aus. Schlug plötzlich ein schallendes Gelächter an. Er erstickte fast an diesem immer aufs neue hervorsprudelnden Lachen. Dann beglückwünschte er Greville. – – – – – – – – Der alte Skeptiker hatte an Emmas Treue gezweifelt, Greville ihm widersprochen. Um den Streit zu entscheiden, hatten sie beschlossen, Emma zu versuchen. Sie aber hatte die Probe bestanden. Sir William bat um Verzeihung, Greville umarmte Emma und führte sie in ihr Bett zurück. Gehorsam tat sie, was er verlangte. Brachte kein Wort des Vorwurfs heraus. Müde war sie, wie zerschlagen. Fiel gleich in tiefen Schlaf. Abends stellte sie mit Hilfe der Mutter ihr Bett in Grevilles Zimmer zu dem seinen. Eine dunkle Furcht war in ihr. Sie glaubte, nur Ruhe finden zu können, wenn sie ihn neben sich wußte. Er wollte zornig werden, als er in der Nacht nach Haus kam. Sie aber bat und weinte. Schmiegte sich demütig an ihn und küßte ihn ... Dreißigstes Kapitel Noch immer war keine Einigung mit den Gläubigern erzielt. Sie verlangten, daß Sir William für Greville bürgte; dann erst wollten sie eine längere Zahlungsfrist zugestehen. Sir William aber hatte Bedenken. Fortwährend versteckte er sich hinter neuen Ausflüchten. Wenn er die Bürgschaft übernahm, wer stand ihm dafür, daß Greville seine Schulden jemals bezahlte? Daß er bei seinem unsicheren Einkommen nicht neue Verbindlichkeiten einging? Nach ein paar Jahren brach dann die Katastrophe trotzdem herein und das Geld war umsonst ausgegeben. Emma las die Überlegung in Sir Williams Blicken, mit denen er sie und Greville betrachtete. Etwas Spähendes, Abwägendes war in ihnen. Angst beschlich sie. Sir William hatte denselben kaufmännischen Geist, wie Greville. Er würde nicht helfen, wenn für ihn selbst nicht auch ein Vorteil heraussprang. Was aber konnte der Arme dem Reichen bieten? Vergebens grübelte sie; sie fand nichts. Machtlos mußte sie zusehen, wie Sir Williams Urlaub dahinschwand, ohne daß etwas Entscheidendes geschah. Greville hatte ihr verboten, sich einzumischen. Sonst hätte sie sich Sir William zu Füßen geworfen, gebeten und gefleht. Bis er weich geworden wäre, ihr den Beweis seiner väterlichen Zuneigung gegeben hätte, von der er immer sprach. Denn er war liebenswürdig und vertraut zu ihr. Seine ganze Zeit brachte er bei ihr in Edgware Row zu, während Greville in London mit den Gläubigern verhandelte und die Abreise seines Oheims vorbereitete ... In den letzten Tagen des August wollte Sir William nach Neapel zurückkehren ... – – – – – – – – Beim Abschied schenkte er ihr sein Bild, eine Kopie des Reynoldsschen Gemäldes. Er schien wehmütig gestimmt. Er pries den Reiz des friedlichen Familienlebens, das er in Edgware Row gekostet hatte, und bedauerte sich selbst, daß er nach Neapel zurückkehren mußte, wo er wohl Freunde besaß, aber keine Seele, die mit ihm fühlte und für ihn allein lebte. Wie war dagegen Greville zu beneiden! Gewiß;, er war arm und hatte Sorgen; aber die Schönheit verklärte sein Heim und die Liebe bettete ihn warm in ihre weichen Arme. Gern hätte Sir William mit ihm getauscht. Und er wiederholte seine Einladung, ihn in Neapel zu besuchen. Alle Vorteile zählte er noch einmal auf, die Emma von der Reise haben würde. Er erwartete bestimmt, daß sie im nächsten Frühjahr kam. Sie mußte es ihm versprechen. Emma hörte ihm zu, mit der leichten Zurückhaltung, die sie ihm gegenüber seit jener Treueprüfung angenommen hatte. Wenn er sie gern hatte und an ihrem Schicksal Anteil nahm, warum half er Greville nicht? Glücklich konnte sie doch nur im Glück des Geliebten werden. Aber daran schien Sir William nicht zu denken. Und so nahm sie seine Einladung nicht ernst. Ein Akt der Höflichkeit war sie, sonst nichts. Erleichtert atmete sie auf, als er geschieden war. Trotz aller seiner Liebenswürdigkeiten hatte er doch immer zwischen ihr und Greville gestanden. Wie ängstlich hatten sie Rücksicht auf den reichen Verwandten nehmen müssen, in dessen Hand das Schicksal ihrer Liebe ruhte! Und seit jener häßlichen Szene in ihrem Schlafzimmer hatte sie ein dunkles Gefühl, als sei er nicht so aufrichtig, wie er sich gab. Als arbeite er im stillen daran, sie von Greville zu lösen. Hatte er nicht die feine Kunst der Diplomaten gerühmt, zu denen auch er gehörte? Menschen zu leiten wie Marionetten, deren Mechanismus man ungesehen in Tätigkeit setzte, während man sie in dem Glauben ließ, daß sie sich aus eigenem Willen und aus eigener Kraft bewegten ... Es war gut, daß er nun fort war. Zwar hatte er Greville nicht geholfen, aber die geheime Angst war doch nun von ihr genommen. Niemand stand mehr zwischen ihnen. Mühsal und Sorge, Sturm und Not – was bedeutete das alles, wenn sie nur einander hatten! Wenn sie einander nur liebten ... – – – – – – – – Mühsal und Sorge, Sturm und Not kamen. Sie glaubte nun erkannt zu haben, woher alle jene Mißverständnisse zwischen Greville und ihr rührten. Ein ernster, strebender Mann war er, der ohne eine große Aufgabe nicht zu leben vermochte. Sie aber war ihm bisher nur die Geliebte gewesen, eine Blume, die sein Dasein schmückte, ohne ihm Inhalt zu geben. Die man fortwarf, wenn sie welkte. Gefährtin, Helferin mußte sie ihm werden, um ihn ganz für sich zu gewinnen. Mußte teilnehmen an allen seinen Freuden und Leiden, an seinen Gedanken, an seiner Arbeit. Eifrig ging sie ans Werk. Es wurde ihr schwer. Immer wieder stellte sich ihr Mangel an Kenntnissen ihr in den Weg. Aber sie ließ sich nicht entmutigen. Lernte und lernte. Seine Sammlungen half sie ihm ordnen, sich schrittweise die Wissenschaften aneignend, die über sie Auskunft gaben. Bilder und Mineralien studierte sie, um mit Greville über seine Lieblingsbestrebungen sprechen zu können. Und als er, eine mit einem Doktor Black in Edinburg angeknüpfte Korrespondenz pflegend, sich der Chemie zuwandte, las sie ihm die Werke vor, die jener sandte, machte Auszüge, ließ sich diktieren, diente als Sekretärin. Mußte er nach London, so äußerte sie kein Wort des Unmuts mehr wie früher; kam er zurück, verdüstert von den häßlichen Verhandlungen mit seinen Gläubigern, so empfing sie ihn mit lächelnder Miene. Seine schlechte Laune ertrug sie, ohne zu murren, räumte alles aus dem Wege, was ihn verstimmen konnte. Ängstlich beherrschte sie die Wallungen ihres Blutes, suchte immer heiter und sonnig zu sein, vermied sorgfältig, sich ihm aufzudrängen. Wie eine Sklavin war sie, die an den Augen ihres Herrn hing; glücklich, wenn er ihr einen Blick schenkte; demütig, wenn er sie fortwies. Und Greville schien ihr Mühen um ihn anzuerkennen. Öfter als früher suchte er ihre Gesellschaft, ließ er sich von ihr in den Abendstunden auf der Harfe vorspielen und die neuen Lieder singen, die er ihr aus der Stadt mitbrachte. Die Nächte verbrachten sie eng aneinander geschmiegt. Horchten auf das Rieseln des Regens, das Fallen der Blätter, das Brausen der Winterstürme, die um das Haus fuhren. Sahen einander in die Augen, suchten sich in brennenden Küssen. Winter war draußen, Frühling aber in Edgware Row ... – – – – – – – – Briefe gingen zwischen Greville und Sir William hin und her; Emma fragte nicht mehr nach ihnen, seitdem Greville ihr es eines Tages verwiesen. Worüber konnten sie einander auch zu schreiben haben? Über Kunst, über Politik und vielleicht auch über Grevilles Schulden. Alles das berührte sie nun nicht mehr. Sie hatte ihn wieder und vertraute ihm. Niemals würde er mit seinem hinter gemachter Kälte versteckten warmen Herzen etwas tun, was ihr Schmerz bereitete. In Tagen der Arbeit floß der Winter dahin, in Nächten der Liebe ... – – – – – – – – Zu Emmas Geburtstag am sechsundzwanzigsten April traf von Sir William ein Brief an sie ein, der erste, den sie von ihm erhielt. Er wünschte ihr Glück, erinnerte sie an die gemeinsam verlebten Stunden, wiederholte seine Einladung. Mit einem gewichtigen, fast feierlichen Ernst, der sich nicht mehr mit einem Scherz abtun ließ. Greville schien lebhaft besorgt. Sir William war nicht gewohnt, vergebens zu bitten. Zwar dachte er zu vornehm, um sich für eine Kränkung zu rächen. Aber würde er nicht gleichgültig werden gegen das Schicksal seines Neffen? Nur durch den Hinweis auf das Wohlwollen des reichen Oheims hatten sich die Gläubiger bisher von verhängnisvollen Schritten zurückhalten lassen. Merkten sie, daß Sir William Greville fallen ließ, so war das Ende da. Kingsbench, das Schuldgefängnis, drohte ... Auf der anderen Seite hatte Sir William Emma sehr gern. Er bewunderte ihre Schönheit, ihre Talente. Er war sogar ein wenig in sie verliebt. Nach Art alternder Lebemänner wünschte er den Rest seiner Tage mit blühenden Blumen geschmückt zu sehen, wenn sie auch anderen gehörten und anderen ihren Duft spendeten. Wenn Emma ihn recht zu nehmen wußte, konnte sie viel, vielleicht alles von ihm erreichen. Deutete Sir William nicht selbst an, daß er von ihrem Besuche die Übernahme der Bürgschaft gewissermaßen abhängig machte? Vielleicht auch die Einsetzung Grevilles zum Erben seines Vermögens? Vielleicht dachte er noch weiter. Er hatte Emma unter der führenden Hand Grevilles kennen gelernt. Nicht als selbständig denkende und handelnde Frau. Wenn er nun durch den Besuch ihr eigenstes Wesen erforschen wollte, losgelöst von fremdem Einflusse? Ihre treue Liebe zu Greville hatte er erprobt; aber noch wußte er nicht, ob sie dem Neffen mehr sein konnte, als nur die Geliebte. Und hatte er nicht ein Recht, zu erfahren, in wessen Hände dereinst sein Vermögen gelangte? Den Plan einer zweiten Ehe hatte er wohl endgültig aufgegeben. War es da nicht sehr wahrscheinlich, daß er mit dem Gedanken umging, sein Alter unter Menschen zu verleben, die voll Dankbarkeit alles tun würden, ihm die letzten Tage zu verschönen? Daß er Emma einlud, war ein Beweis, daß er nicht daran dachte, sie von Greville zu trennen. Wenn er das wollte, konnte er es auf einfachere Weise erreichen, brauchte nicht die Hand zu einer Verräterei zu bieten. Zu einer Verräterei ... Hielt sie Greville einer solchen für fähig? Hatte er ihr jemals begründeten Anlaß zu dem Mißtrauen gegeben, mit dem sie ihn immer wieder kränkte? Unsinnig war auch ihre Furcht vor Sir William. Jene Szene war wirklich nur ein allerdings etwas rauhes Spiel gewesen. Hätte Greville sonst untätig im Nebenzimmer gesessen? Wenn sie sich aber trotzdem vor dem Alleinsein mit Sir William scheute, so brauchte sie ja nur die Mutter mitzunehmen. Und endlich traf es sich gut, daß die Einladung gekommen war. Greville mußte auf ein paar Monate nach Schottland gehen, um wegen seiner chemischen Studien mit Doktor Black persönliche Rücksprache zu nehmen und in den Bergen Kristalle und Mineralien zu sammeln. Rauh und unwirtlich war es dort; unmöglich konnte er Emma mitnehmen. Nun aber war die Schwierigkeit gelöst. Gleichzeitig würden sie von Edgware Row fortgehen, er nach Schottland, sie nach Neapel. Um im Herbst erfrischt, verjüngt zueinander zurückzukehren. Liebte sie ihn denn gar nicht, daß sie einzuwilligen zögerte? Immer hatte sie gesagt, daß sie für ihn zu jedem Opfer bereit sei. Nun aber, da er sie um eine kleine Gefälligkeit bat, versagte sie? Nun denn, er wollte das Letzte, Äußerste tun und sie persönlich im Herbst von Neapel abholen. Feierlich und förmlich verpfändete er darauf seine Ehre. Konnte sie nun noch schwanken? Tödlich beleidigte sie ihn ja, wenn sie sich nun noch weigerte. Sie schrieb an Sir William, sagte zu und bat, Greville mit ihr zusammen wohnen zu lassen, wenn er käme, sie abzuholen. Er wisse ja, daß das notwendig sei. Sie unterstrich den Satz. Er würde verstehen, daß nichts in der Welt imstande war, sie dem Geliebten abspenstig zu machen. Sir William antwortete sofort. Er bewilligte alles. Schickte ein reiches Reisegeld. Dennoch schien der Plan scheitern zu sollen. Die Mutter erlitt einen Schlaganfall .... Wochenlang lag sie zu Bett. Und als sie unter Emmas Pflege soweit genesen war, daß sie aufstehen und wieder umhergehen konnte, waren bereits der Sommer und der Herbst vergangen. Der zweite Winter seit Sir Williams Abschied von Edgware Row brach an. Mit Schneefällen und eisigen Stürmen. Nun war die Reise für die alte Frau unmöglich. Immerfort kränkelte sie, schien sich nicht erholen zu können. Ein schrecklicher Husten quälte sie, nachts verging sie fast unter Erstickungsanfällen. Das englische Klima war zu rauh für ihre schwache Brust; sagten die Ärzte. Einer wärmeren Sonne und einer milderen Luft bedurfte sie. Um ganz zu gesunden, mußte sie auf einige Zeit nach dem Süden gehen ... Wovor Emma bisher zurückgebebt war, das wünschte sie nun selbst voll Ungeduld herbei. Neapel ... Als der März die ersten schönen Tage brachte, nahm sie mit der Mutter Abschied von Edgware Row, während Greville nach Schottland ging. Nach Süden und Norden zerflatterte das Glück des stillen Winkels. Würde es sich jemals wieder zusammenfinden? Einunddreißigstes Kapitel Neapel, 30. April 1786. Nach den Originalen in der Morrison-Manuskriptensammlung. Gesperrt Gedrucktes ist unterstrichen. Geliebter! Ich bin hier am sechsundzwanzigsten angekommen und hätte Dir schon früher Nachricht gegeben, aber der Kurier geht erst morgen ab. Der Gedanke, Dir zu schreiben, betäubt mich fast. Ich muß vor Sir William immer heiter scheinen, während ich doch schon bei der leisesten Erinnerung an Dich in Tränen ausbrechen möchte. Ohne Dich kann ich nicht leben. Armut, Hunger, der Tod im Eise – nichts ist für mich so schrecklich wie die Trennung von Dir. Um zu Dir zu kommen, würde ich barfuß über die steinigen Straßen Schottlands wandern. Wenn Du mich wirklich liebst – komm! Komm zu mir! Pferde, Wagen, Lakaien, Theatervorstellungen – kann das glücklich machen? Du allein kannst es; mein Schicksal ist in Deiner Hand. Ich achte Sir William und ich bin ihm ergeben. Er ist Dein Oheim und Dein Freund. Aber ... Er liebt mich! Hörst Du, Greville? Er liebt mich! Niemals aber werde ich ihn wiederlieben! Niemals! Niemals! Du kannst Dir nicht vorstellen, wie er zu mir ist. Er folgt mir wie mein Schatten. Alle Mahlzeiten nimmt er mit mir. Immer sitzt er neben mir und starrt mich an. Hand und Fuß kann ich nicht rühren, ohne daß er in Entzücken ausbricht über meine Grazie und Schönheit. Ganze Stunden verbringt er damit, mich anzusehen, zu seufzen ... Er tut mir leid, aber ich kann nichts für ihn tun. Höflich und liebenswürdig will ich zu ihm sein, nicht mehr. Dein bin ich, Geliebter. Ewig will ich nur Dir gehören. Niemand kann Dich aus meinem Herzen verdrängen. An meinem Geburtstag war es, als ich in Neapel ankam. Ich freute mich und war gleichzeitig traurig. Ach, dieser Tag! An diesem Morgen lächeltest Da mir zu, bliebst bei mir zu Haus, warst gut zu mir. Nun bin ich weit, weit von Dir entfernt ... Aber ich vertraue Deinem Worte. Im September oder Oktober werde ich Dich wiedersehen. Das gibt mir Mut. Sir William hat mir eine englische Equipage gegeben, einen Kutscher und einen Lakaien, alles besonders für mich ausgestattet. Denn wenn ich in Sir Williams Wagen ausführe, würde man sagen, ich sei seine Frau oder seine Mätresse. Ich will aber niemals das eine oder das andere sein! ... Meine Wohnung ist reizend. Vier Zimmer, mit einem wundervollen Blick auf das Meer. Heute segeln wir zum erstenmal, in zwei oder drei Tagen fangen wir an zu baden. Ein paar Tage werden wir auch in Caserta zubringen. Auf dem Posilipp war ich schon. Ach, wie ist das schön! ... Sir William liebt Dich sehr. Er hat mir gesagt, daß er sein Testament gemacht hat, in dem er Dir sein ganzes Vermögen hinterläßt. Ich habe mich gefreut für Dich ... Brauchst Du Geld? Schreibe es mir sofort. Ich ängstige mich über die großen Kosten, die ich Dir gemacht habe. Ich habe Sir William gebeten, Dir jetzt ein wenig zu Hilfe zu kommen und Dir Geld für die Reise hierher zu schicken. Er umarmte mich, Tränen stürzten ihm aus den Augen. Und dann sagte er, ich brauche nur zu befehlen. Er habe uns beide sehr, sehr lieb! ... ... Bis hierher hatte ich vor zwei Tagen geschrieben, den Brief aber nicht abgesandt, weil ich den Londoner Kurier abwarten wollte. Vielleicht brachte er mir etwas von Dir. Du hast auch geschrieben. An Sir William. An mich kein Wort. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Schreckliche Gedanken stürmen auf mich ein ... Greville! Erinnere Dich Deines Versprechens! Sir William sagt, daß Du ihm nichts von Deiner Reise hierher geschrieben hast. Weißt Du, was geschehen wird, wenn Du mich nicht abholst? Dann komme ich nach England! Heute morgen habe ich eine Unterredung mit Sir William gehabt. Ich glaube, ich werde verrückt! Er sagt ... Ich kann es nicht schreiben. Ich weiß auch nicht, wie ich es auffassen soll. Greville! Lieber, lieber Greville! Ein paar Zeilen, die mich beruhigen! Ich flehe Dich an! Denke daran, daß kein Mensch Dich jemals so liebhaben wird, wie ich. Deine Emma. – – – – – – – – Neapel, 2.2. Juli 1786. Lieber Greville! Ich schreibe nur, Dich um ein Lebenszeichen zu bitten. Um ein einziges Wort. Ich verdiene es. Seit ich von Dir ging, habe ich Dir vierzehn Briefe geschrieben, Du mir aber nur einen ... Bei der Liebe, die Du einst für mich fühltest – nur ein einziges, armes Wort! Sobald ich Deine Absichten kenne, werde ich meinen Entschluß fassen. Wenn Du Dein Wort brichst und nicht kommst, bin ich spätestens zu Weihnachten in England. Ich muß Dich wiedersehen und wäre es auch zum letztenmal. Ohne Dich kann ich das Leben nicht ertragen. Ich bin so verzweifelt, daß ich keinen klaren Gedanken fassen kann ... Ich habe hier Lehrer für Sprachen, Gesang, Musik. Wenn ich durch meine Arbeit mich Dir angenehm machte, wäre ich glücklich. Aber wozu nun das alles? Arm bin ich, hilflos, verlassen. Fünf Jahre habe ich mit Dir gelebt. Dann hast Du mich in die Fremde geschickt mit der einzigen Hoffnung auf Dein Kommen. Und nun sagt man mir, ich soll mit Sir William leben ... Mit Sir William leben! Weißt Du, was das bedeutet? ... Nein, tausendmal nein! Ich achte ihn; niemals aber wird er mit mir leben, wie ich mit Greville gelebt habe. Rufe mich nach England! Rufe mich, rufe mich! ... Ach, was wird aus mir? Was soll ich tun? Gib mir nur eine Guinee für die Woche, aber laß mich bei Dir sein! An allem fange ich an zu zweifeln. Niemals wieder werde ich an eine Vorsehung glauben können ... ... Wenn ich den Mut dazu behalte, will ich Dir ein paar Einzelheiten aus unserem Leben hier mitteilen. Damit es sich doch lohnt, diesen Brief abzuschicken. Sir William wünscht für sein Arbeitszimmer ein Bild von mir, so groß wie die Bacchantin. Er möchte das haben, das bei Romney ist, auf dem er mich in schwarzen Kleidern gemalt hat. Ich habe mit Sir William verabredet, daß das Bild Dir gehören soll, während er Dir etwas für die Benutzung bezahlt. Ich glaube, daß Du damit einverstanden bist, und werde an Romney schreiben, daß er das Bild schickt. Augenblicklich malen mich zwei Künstler hier im Hause. Sobald sie fertig sind, werde ich zwei anderen sitzen und auch der Angelaca Angelika Kauffmann, damals in Rom. , wenn sie kommen kann. Marchmont soll auch mein Profil in eine Kamee für einen Ring schneiden. Ich gehe täglich im Königlichen Garten spazieren. Um mich sind gewöhnlich zwei Prinzen, zwei oder drei Edelleute, der englische Minister und der König. Eine große Menschenmenge begleitet mich auf Schritt und Tritt. Die Königin ist ganz verliebt in mich. Sie hat dem Prinzen Daydrixton Dietrichstein. befohlen, an meiner Seite zu gehen, damit sie mich vom weiten erkennen kann. Von mir geht der Prinz dann zu ihr und spricht mit ihr von mir, von meiner Schönheit... Aber, Greville, auch der König hat Augen, und ein Herz! Ich soll einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben. Man hat ihm jedoch gesagt, Hamilton sei mein Liebhaber. Darf ich Dir eine Galanterie des Königs erzählen? Alle Sonntage speist er zu Mittag am Posilipp und kommt dann in seiner Barke zum Kasino, um mich zu sehen. Nun hatten wir ein kleines Fest und waren in unserer Barke. Sofort kam der König in meine Nähe, ließ ein Boot mit seinen Musikern neben uns halten und alle französischen Hornisten und die ganze Truppe spielen. Er selbst saß entblößten Kopfes, den Hut auf den Knien, und blieb so während der ganzen Zeit. Als wir an Land gingen, verneigte er sich tief vor mir. »Es ist eine Sünde,« sagte er dabei, »daß ich nicht Englisch sprechen kann!« Im Königlichen Garten, in der Oper – immer ist er um mich. Ach, welches Vergnügen würde mir das alles machen, wenn Du hier wärest! Aber diese Freude ist nicht für mich. Und in meinem Leid muß ich noch ein freundliches Gesicht machen ... Ein einziges Wort, Geliebter! Ein einziges, armes Wort! Emma. – – – – – – – – Neapel, 1. August 1786. Greville! Endlich ein Brief von Dir ... Wenn Du wüßtest, was ich fühlte, als ich ihn las! Du, Greville, kannst mir einen solchen Rat geben? Du, der auf jedes kleinste Lächeln von mir eifersüchtig war? Woher nimmst Du die Stirn, mir das zu schreiben? Ich, Deine Emma, ich soll mich Sir William hingeben ... Wenn ich in London wäre, würde ich Dich töten. Dann mit mir ein Ende machen. Kaltes Blut muß ich behalten ... Aber es gibt ja nur ein Leben für mich: bei Dir! Wenn Du mich von Dir stößt, komme ich nach London und stürze mich ins Laster, bis ich zugrunde gehe! Mein Schicksal wird dann wenigstens eine Warnung sein für die Frauen, die demütig sind, weil sie lieben. Du hast Dich von mir lieben lassen. Einen guten, ehrenhaften Menschen hast Du aus mir gemacht. Und nun willst Du mich verlassen? Darfst Du das? Hast Du das Herz dazu? Zum letztenmal komme ich heute zu Dir. Ich bettle nun nicht mehr. Was Du willst, geschehe. Aber wenn Du kein Erbarmen mit mir hast ... Du weißt nicht, was für eine Macht ich hier habe. Sir Williams Mätresse soll ich werden? Oh nein, Greville, das wird nicht geschehen; nimmermehr! Aber etwas anderes wird geschehen. Treibe mich zum äußersten und Du wirst es sehen. Dann werde ich es dahin bringen, daß Sir William mich – heiratet! Emma Hart. – – – – – – – – In Zorn und Weh hatte sie den Brief geschrieben und abgesandt. Nun aber war sie ruhiger geworden. Zweifel wollten in ihr aufsteigen. Hatte sie Greville vielleicht doch unrecht getan, seine Worte falsch aufgefaßt? Ach, da war sie schon wieder, diese Hoffnung, die ihren Glauben an das Gute aus allen Niederlagen immer wieder zu neuem Leben erweckt hatte! Dieser Glaube, der sie blind und taub gemacht hatte gegen alles, was um sie vorging! Diese Selbsttäuschung, die schuld war, daß sie nun abermals am Rande des Elends stand! Mit Gewalt drängte sie die weiche Stimmung zurück. Gewißheit wollte sie haben, wollte endlich das wahre Gesicht der Dinge sehen! Sie begann zu überlegen ... Sir William hatte ihr Grevilles Brief gebracht. Während sie las, hatte er am Fenster gestanden, scheinbar in die Aussicht vertieft. Aber als Emma, den Brief jäh zusammenballend, aufgesehen hatte, war sie einem schnellen, scheuen Blick aus seinen Augen begegnet. Hatte er gewußt, was Greville schrieb? Waren beide miteinander im Einverständnis gewesen? Sie bebte vor dem Gedanken zurück. Aber ihr erregtes Gehirn arbeitete weiter, selbst gegen ihren Willen. Wie eine fremde Kraft, über die sie keine Gewalt mehr hatte. Kammern der Erinnerung öffnete es, die sie längst vermauert geglaubt, kehrte verstaubte Winkel aus, frischte verblaßte Eindrücke auf. Erlebnisse, Beobachtungen, argwöhnische Mutmaßungen, die Emmas verklärende Liebe verworfen hatte, trug es von allen Seiten herbei, suchte aus ihnen ein Bild des Geschehenen zu fügen ... – – – – – – – – ... »Ein Weltweiser ist zu haben, mit altem Gesicht, aber jungem Herzen! Besinnen Sie sich nicht lange, schlagen Sie ein!« Sir William hatte es zu Emma gesagt. Während seines ersten Besuches in Edgware Row. Unwillkürlich hatte sie zu Greville hinübergesehen. Seltsam verzerrt war ihr sein Gesicht erschienen. Damals war es gewesen! Da war der Gedanke zuerst in ihm aufgetaucht. Sir William wünschte eine neue Ehe. Diese aber würde Grevilles Hoffnungen für immer zerstören. Wenn er aber dem Verliebten Emma abtrat ... an eine Ehe mit der Gefallenen würde der Gesandte, der Freund zweier Könige niemals denken ... Nur galt es Vorsicht, damit das Opfer das Netz nicht merkte ... Wildes Blut hatte es, neigte zu jähem, unberechenbarem Tun ... Seitdem hatte er unsichtbare Fäden gesponnen. Masche an Masche. Sir William war ein Feinschmecker der Liebe. Schönheit allein genügte ihm nicht. Auch eine zarte Seele, einen reizvollen Geist sollte die Geliebte haben. Auf sie eitel sein wollte er, in der Welt mit ihr glänzen. Darum mußte Emma ihre Schönheit pflegen, ihre Talente ausbilden, den Stil einer großen Dame annehmen. Mochten die kostbaren Sammlungen, mochte selbst die Venus des Correggio verloren gehen! Das große Ziel, die Erbschaft, würde das Anlagekapital reichlich verzinsen. Nutzen aber dürfte Emma für sich aus den erworbenen Kenntnissen nicht ziehen. Wenn sie Geld erwarb, wurde sie selbständig, entschlüpfte dem aufgestellten Netze. Unschädlich war der Triumph ihres Gesanges zu Ranelagh, gefährlich aber der Vertrag des Impresario Gallini. Das Opfer durfte nicht in andere Hände gelangen, mußte die Sklavin von Edgware Row bleiben. Masche an Masche. Jener Überfall im Krankenzimmer durch Sir William ... Da waren sie schon miteinander im Einverständnis gewesen. Gemeinsam waren sie über die Wehrlose hergefallen. Der eine hatte sie angegriffen, der andere war ihr nicht zu Hilfe gekommen. Erlag sie Sir William, so konnte Greville sie mit einem Schein des Rechts verstoßen. Und ihr blieb nichts als die Flucht in Sir Williams offene Arme. Eine Falle, aus der es nur diesen einzigen Ausweg zu geben schien. Und sie hatten es eine Probe auf ihre Treue genannt und sich verstohlen dabei zugeblinzelt. Sie aber hatte die Probe bestanden und die Falle zerstört. Es war noch zu viel Kraft, zu viel Widerstandsgeist in dem Opfer. Heimlicher mußte das Netz aufgestellt werden, versteckter ... Masche an Masche. Ihren Widerstand galt es zu brechen, ihr jede Hilfe abzuschneiden, Greville vor ihrer Rache zu schützen. Wenn man sie in ein fremdes Land lockte ... dort würde Sir William ihre einzige Zuflucht sein ... durch seine Macht konnte er ihren Hilfeschrei ersticken ... Um ihr Mißtrauen einzuschläfern, konnte man ihr die demütige, furchtsame Mutter mitgeben ... – – – – – – – – So war es gewesen. Hatte nicht Sir William Greville zum Erben seines Vermögens eingesetzt? Der Kuppler hatte seinen Pelz empfangen. In Sicherheit konnte der Feige die Früchte seiner List genießen. Konnte als Erbe Sir Williams seine Gläubiger zur Ruhe bringen, Würden erstreben, Lord Middletons Tochter heiraten. Als makelloser Gentleman stand er vor den Augen der Welt, während das Röcheln des Opfers in der Fremde ungehört verhallte. Die Mätresse eines großen Herrn schrie über Vergewaltigung? Haha! Wer fragte danach! Die Mätresse ... Wie hatte sie in ihrem letzten Briefe an Greville geschrieben? »Dahin bringen werde ich es, daß Sir William mich heiratet.« Wenn es gelang ... Die Reihe zu lachen war dann an ihr. Über die Schlauen, die ihr das Netz gestellt. Über die betrogenen Betrüger, die ihr den Weg zur Höhe geebnet. Über den Meineidigen, dem sie die erschlichene Beute wieder abjagte. Der Lady Hamilton würde Sir William seinen Erben preisgeben ... Wenn es gelang ... Oh, sie war nicht mehr das unerfahrene Mädchen, das man ungestraft verlassen konnte! Greville selbst hatte sie denken gelehrt. Bei den nüchternen Untersuchungen des Studierzimmers; in dem mit allen Kniffen und Pfiffen geführten Kampfe gegen seine Gläubiger. Und noch ein anderes hatte er sie gelehrt. Dieses Denken hinter lächelnder Maske verbergen. Und das Empfinden. Vornehmen Stil hatte er es genannt. Was bei ihm nur Heuchelei gewesen war. Wie, wenn die Schülerin die Waffen, die ihr der Lehrer und Meister diplomatischer Kunst in die Hand gegeben, nun gegen ihn selbst wandte? Unbefangen und harmlos hatte sie bisher gelebt, ein Kind ihrer Gefühle. Nur einmal hatte sie wissentlich Böses getan. Als sie Jane Middleton den Schilling sandte. Im Überschwang der Rache war es geschehen, nicht aus Vorsatz. Nun aber... Wenn sie eine andere wurde, wer trug die Schuld? Wieder wollte ein weiches, warmes Licht in ihr aufglimmen, wieder löschte sie es aus. Schlecht wollte sie von nun an sein. Aus aller Kraft. Mit kalter Überlegung. Wie man schlecht gegen sie gewesen war. Zweiunddreißigstes Kapitel Als Emma mit der Mutter in Neapel angekommen war, hatte Sir William sie empfangen wie Landsmänninnen vornehmen Standes. Im Palazzo Sessa, dem Sitz der Gesandtschaft im Vico Capella Vecchia, hatte er ihnen die besten Zimmer eingeräumt, sich entschuldigend, daß die Einrichtung der für sie bestimmten Wohnung noch nicht vollendet sei. Später hatte er sie dann in die kleine, halbversteckte Villa am Posilipp geführt, die sie fortan bewohnen sollten. In ihrem Schmerz über die Trennung von Greville war Emma Sir William für die Zurückgezogenheit, in der sie hier lebte, dankbar gewesen. Nun aber durchschaute sie ihn. Die Neugier der vornehmen Gesellschaft Neapels fürchtete er, auf die er in seiner Stellung Rücksicht nehmen mußte. Im Palazzo Sessa hatte Emma gewissermaßen unter dem Schutz der Öffentlichkeit gestanden, in der Villa am Posilipp aber konnte der Privatmann tun, was dem Gesandten verwehrt war. Und er hatte seine Absicht erreicht. Alle Welt bewunderte die ›schöne Engländerin des Sir William Hamilton‹, aber nur die Herren ließen sich ihr vorstellen. Die Damen sahen lächelnd über sie hinweg. Es galt, die Rückkehr in die Gesandtschaft zu erzwingen. – – – – – – – – Sir William kam täglich in die Villa am Posilipp. Aber lange Zeit gelang es ihm nun nicht mehr, Emma zu sehen. Einmal war sie krank, hatte sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen, wollte niemand um sich haben. Das andere Mal war sie ausgegangen. Man wußte nicht, wohin. Seltsam verschlossen war sie seit einiger Zeit. Schien Heimlichkeiten zu haben. So erzählte ihm die Mutter. Arglos, mit ehrlichem Kummer. Absichtlich vertraute Emma sich ihr nicht an. Durch ein paar Kreuz- und Querfragen hätte der gewiegte Diplomat aus der einfachen Frau alles herausgelockt. Die Mutter berichtete dann wieder an Emma, was Sir William gesagt hatte. Am ersten Tage war er undurchdringlich gewesen, am zweiten ärgerlich, am dritten besorgt. Und nun verzehrte ihn Angst. Warum versteckte sie sich? Was hatte sie vor, das sie nicht einmal der Mutter zu sagen wagte? Angesteckt von seiner Furcht, seinen Bitten nachgebend, drang die alte Frau in Emma, sich ihr zu offenbaren. Aber Emma schwieg. In den Monaten vergeblichen Wartens auf Grevilles Briefe hatte sie die Wirkung eines derartigen Schweigens an sich selbst erfahren. Es verwirrte die Gedanken, vergiftete den Schlaf, peitschte zu übereiltem Tun... – – – – – – – – Eines Tages, als sie durch die Toledostraße ging, merkte sie, daß sie von einem Manne verfolgt wurde. Zufällig hatte sie ihn einmal in der Gesandtschaft gesehen. Wohl einer der bezahlten Spione, die Nachrichten über den Hof und die Volksparteien für die Berichte an das Auswärtige Amt in London sammelten. Ließ Sir William sie beobachten? Langsam ging sie weiter, besuchte einige Läden, kaufte ein paar Kleinigkeiten und trat endlich in eines der Schiffahrtskontore, die den Seeverkehr nach Frankreich vermittelten. Es war angefüllt mit Leuten, die Plätze auf einem in wenigen Tagen absegelnden Schiffe belegten. Emma drückte sich in einen Winkel, als fürchte sie, gesehen zu werden. Als der Verkäufer sie anrief, war außer ihr nur noch ein Wartender da. Er war nach ihr gekommen. Der Mann aus der Toledostraße. Schüchtern verlangte sie einen billigen Platz. Auf den Namen Miß Hart. Errötend verbesserte sie sich. Auf den Namen Mrs. Thompson. Sie bezahlte mit dem ganzen Rest ihres Geldes, erhielt den Schein und ging eilig fort. An der nächsten Straßenecke warf sie verstohlen einen Blick zurück. Der Mann war ihr nicht gefolgt. Zu Hause erzählte die Mutter, daß Sir William dagewesen war. In höchster Besorgnis um Emma. Immer wieder hatte er gefragt, was ihr fehle, hatte nicht glauben wollen, daß die Mutter nichts wußte. Nach langem Warten war er endlich fortgegangen, zwei Billetts für den Abend zur Opernvorstellung im Theater San Carlo zurücklassend. Emma brauchte Zerstreuung; die Mutter sollte ihr zureden, das sie hinkam. Aber Emma weigerte sich. Sie war müde, fühlte sich nicht wohl. Die Mutter sollte allein ins Theater fahren und zu ihrem Schutze den Diener und das Kammermädchen mitnehmen. Wenn man für die Leute Emmas Billett gegen zwei billigere Plätze umtauschte machte man ihnen eine Freude. Als Emma allein war, ging sie in ihr Schlafzimmer. Die Tür zum Korridor schloß sie nicht ab, sondern klinkte sie nur ein. Die Tür zum Balkon aber öffnete sie weit, daß die milde Luft des Spätabends hereindrang. Langsam kleidete sie sich zur Nacht um. Lauschte auf jedes Geräusch. Julia erwartete ihren Romeo ... Der Abend bei Miß Kelly fiel ihr ein. Damals hatte sie einen jungen, blühenden Prinzen verschmäht. Und nun erwartete sie den Ritter Hamilton. Einen Greis, der seine Runzeln unter Puder und Schminke, das Zittern seiner Hände unter einer gemachten Lebhaftigkeit versteckte ... Plötzlich horchte sie auf. Das Rollen eines Wagens drang durch die Nacht ... vor der Villa verstummte es ... leise wurde das Tor geöffnet ... etwas schlich über den Gang ... tastete an der Tür ... sie gab nach ... – – – – – – – – Quer über das Bett hingeworfen lag Emma. Wie vom Schlafe überrascht. In der Rechten hielt sie noch den Kamm, mit dem sie das entfesselte Haar geglättet hatte. Die Linke hing schlaff in ihrem Schoß. Unter ihrem Druck raffte sich das Nachtgewand ein wenig empor. Das Licht der Kerze fiel hell auf die nackten Füße, die auf einem Taburett standen. Über ihnen schimmerte weiß der weiche Ansatz des Beins. Sir William stand in der Mitte des Zimmers, regungslos, aus weitgeöffneten Augen auf die Schlummernde starrend. Nun wollte er sich auf sie stürzen ... Aber mitten in der Bewegung hielt er inne. Auf den Fußspitzen schlich er zur Tür zurück und schob den Riegel vor. Die Klinke gab einen leisen Ton ... Emma warf sich herum. Ihr Fuß stieß gegen das Taburett. Mit lautem Gepolter stürzte es zu Boden. Wie erwachend richtete sie sich auf, ihrer Hand entfiel der Kamm. Schlaftrunken ließ sie ihre Augen durch das Zimmer wandern. Bis sie Sir Williams Blick begegneten ... Mit einem gellenden Schrei emporfahrend streckte sie ihre Hände gegen ihn aus, flüchtete durch die offenstehende Tür auf den Balkon, schwang sich auf die breite Marmorbrüstung. »Bleiben Sie dort!« stieß sie keuchend hervor. »Wenn Sie einen einzigen Schritt näherkommen, stürze ich mich hinab!« Er hatte das Licht ergriffen und hielt es empor. Der Schein fiel hell auf sein Gesicht. Es war voll bleichen Schreckens, auf der Stirn glänzte Schweiß, der Mund war atemlos geöffnet. »Aber, Miß Emma, ich bitte Sie,« stammelte er endlich mühsam, »ich ahnte ja nicht, daß Sie schliefen! Ich fand die Tür offen, und da ich mit Ihnen sprechen wollte ... Um Gottes willen, steigen Sie von der Brüstung! Wenn sich ein Stein lockert!« »Und was ist dann? Glauben Sie, daß ich mir etwas aus dem bißchen Leben mache?« »Oh, soviel Schönheit und Liebreiz ...« Seine Lippen bebten. Er konnte nicht weitersprechen. Eine Weile überlegte Emma. »Gut, Exzellenz, ich werde tun, was Sie befehlen!« sagte sie dann kalt, ihm zum erstenmal, seit sie ihn kannte, seinen Titel gebend. »Aber erst stellen Sie das Licht wieder auf den Tisch. Dann setzen Sie sich auf den Stuhl drüben an der Wand. Dort bleiben Sie, bis ich Ihnen erlaube aufzustehen. Andernfalls nehme ich an, daß Exzellenz mich bedrohen wollen, und mache ein Ende!« Wie schmerzlich betroffen sah er zu ihr herüber. »Bedrohen? Ich, Ihr bester Freund!« »Nicht? Dann wird es Exzellenz nicht schwer fallen, meinen Wunsch zu erfüllen!« Schweigend stellte er das Licht auf den Tisch, ging zur gegenüberliegenden Wand und setzte sich. Unendlich komisch erschien er ihr in seiner kläglichen Haltung, mit seinem goldgestickten Frack und dem blitzenden Ordensstern auf der Brust. Langsam stieg sie von der Brüstung herab. Vorsichtig aber blieb sie auf der Schwelle des Balkons. »Ich bitte, Exzellenz. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?« »Warum nennen Sie mich auf einmal Exzellenz? Wollen Sie mich verhöhnen?« Kalt zuckte sie die Achseln. »Nicht im geringsten! Aber unsere bisherigen Beziehungen sind durch den letzten Brief Ihres Neffen an mich gelöst.« »Gelöst?« wiederholte er verwirrt. »Ich verstehe nicht. Was hat Greville Ihnen geschrieben?« »Er hat mir den freundschaftlichen Rat erteilt, Euerer Exzellenz Mätresse zu werden. Sollten Sie das wirklich nicht schon wissen?« Sein Gesicht färbte sich dunkelrot. »Es ist wahr, Miß Emma, ich liebe Sie. Aber ich habe nichts getan, um Sie von Greville zu trennen. Er hat es mir angeboten. Sollte ich ihn zurückweisen? Gerade, weil ich Sie liebe, ging ich darauf ein!« »Auf den Handel! Den schmachvollen Handel!« »Beurteilen Sie Greville nicht zu hart, Miß Emma. Er sah, daß er in seiner bedrängten Lage das Verhältnis zu Ihnen nicht aufrecht erhalten konnte. Er suchte für Sie zu sorgen ...« Hohnvoll lachte sie auf. »Für mich? Haben Sie bei seinen Gläubigern für meine Schulden gebürgt? Haben Sie mich zum Erben Ihres Vermögens eingesetzt? Für mich, für mich! Für mich sucht er jetzt wohl auch nach einer reichen Frau? Denn das tut er doch, nicht wahr?« »Als jüngerer Sohn ...« »Ja, ja, ich kenne die Familienmoral! Wer ist denn die Glückliche? Wieder eine Middleton?« Überrascht sah er auf. »Woher wissen Sie es? – Nun ja, die jüngste Tochter des Lords ...« »Die kleine Henriette? Ich gönne ihn ihr. Hoffentlich wird diesmal etwas daraus. Damit bei den Middletons die Wohlanständigkeit nicht ausstirbt, wenn Lady Jane an ihrem Hochmut erstickt!« Wieder lachte sie. Während er in ihren Armen lag, während sie ihm in heiligen Schauern ihre Seele gab, hatte jener Mensch berechnet, wie er möglichst viel Geld aus ihrer Liebe herausschlagen konnte ... Namenloser Ekel erfüllte sie. Machte sie ruhig und kalt. »Ich weiß nun alles!« sagte sie sich aufrichtend. »Ich danke Ihnen für die Aufklärung, Exzellenz. Sie können nun Ihren Platz verlassen und gehen!« Unsicher sah er sie an. »Aber ... ich hoffte ... ich möchte Ihnen etwas sagen ...« Mit zitternder Stimme bat er sie, bei ihm in Neapel zu bleiben. Unglücklich machte sie ihn, wenn sie auf ihrem Vorsatz beharrte fortzugehen. Erstaunt fuhr sie auf. Fortgehen? Wie kam er darauf? Sie hatte doch keinem Menschen ein Wort davon gesagt! Beobachten ließ er sie? Spione hetzte er hinter ihr her, wie hinter einer Verbrecherin? Sie aber hatte nichts zu verbergen. Und keinen Grund zu lügen. Mochte er es denn wissen! Sie hatte ihren Plan gemacht. Und würde ihn ausführen. Mit dem nächsten französischen Schiffe verließ sie Neapel, um in Frankreich eine Stellung zu suchen. Sobald sie etwas verdient hatte, schickte sie der Mutter das Reisegeld. Bis dahin nahm sich Sir William der alten Frau hoffentlich ein wenig an. Die Mutter würde sich ihm erkenntlich zeigen, wenn er ihr einen kleinen Posten in der Gesandtschaft gab. Er hatte ja in Edgware Row gesehen, daß sie eine vorzügliche Wirtin und fähig war, selbst einem großen, vornehmen Haushalt vorzustehen. Emma warf es hin, als sei ihr der Gedanke eben erst gekommen. Dann fuhr sie fort. Sie verließ Neapel, weil sie hier nicht leben konnte. Was hatte sie denn getan, daß man sie so behandeln durfte? Sie hatte einen Menschen, den sie für gut hielt, zu sehr geliebt. Dafür wurde sie nun geschmäht, verletzt, verleugnet. In Neapel war man vorurteilsvoller, als selbst in dem prüden England. In Edgware Row hatten Grevilles Freunde und Verwandte mit ihr verkehrt, ihre Frauen und Töchter hatten keinen Anstoß an ihr genommen. Hier aber mied man sie, wie eine Entehrte. Nur ein paar Herren wagten mit ihr zu sprechen, die Damen aber ignorierten sie absichtlich. Weil man sie für eine zweideutige Person hielt. Weil sie hier am Posilipp versteckt gehalten wurde. Als ob Sir William sich ihrer schämte. Wer aber vermochte ihr nur einen einzigen falschen Schritt nachzuweisen? Makellos hatte sie sich benommen, ängstlich jedes zweifelhafte Tun vermieden. Sie machte Sir William keinen Vorwurf daraus. Sie wußte, daß er ihr in ihrem Kummer um Greville eine stille Zufluchtsstätte hatte schaffen wollen. Aber die schlimme Wirkung war da und durch nichts wieder aufzuheben. Nein, sie konnte nicht bleiben! Unter dem Druck dieser unverdienten Beleidigungen mußte sie zugrunde gehen. Ihre Augen flammten, starre Entschlossenheit sprach aus ihren Zügen. Sir William schien bestürzt. Er sah es ein, er hatte sie in eine üble Lage gebracht. Nur aus Unbedacht, nicht aus bösem Willen. Aber es gab einen Weg, den Schaden wieder gut zu machen. Wenn Emma öffentlich in die Gesandtschaft zurückkehrte, mit allen Ehren empfangen, wurde ihr Ruf wiederhergestellt. Es mußte nur unter einem Titel geschehen, der ihr ein Recht verlieh. Augenblicklich führte zwar noch Sir Williams Nichte, Miß Dickenson, das Hauswesen, aber Sir William würde sie des Postens entheben und mit einer Entschädigung nach England zurücksenden. An ihre Stelle würden Emma und die Mutter treten. Mrs. Cadogan würde das Haus verwalten, Emma die Empfänge leiten. Niemand würde es dann wagen, ihr auch nur mit einem Blick zu nahe zu treten. War sie mit dieser Lösung einverstanden? Strahlend von neuer Hoffnung schloß er. Sie aber willigte noch immer nicht ein. Zu schlimme Erfahrungen hatte sie gemacht. Vor Sir William fürchtete sie sich, vor seinem Begehren. Sie hatte ihn ja gern, aber Liebe fühlte sie nicht für ihn. Und ohne Liebe war sie nicht imstande, sich hinzugeben. Vielleicht, wenn sie die Erinnerung an Grevilles Verrat überwunden hatte ... Nur mußte Sir William ihr Freiheit lassen ... und Sicherheit geloben, damit sie in Ruhe leben konnte ... Freiheit? Sicherheit? Er gelobte ihr alles, was sie wollte. Wenn sie nur bei ihm blieb, ihm den Anblick ihrer Schönheit ließ. Er war so zahm, daß er nicht einmal zu ihr hinzueilen wagte, als sie endlich einwilligte, zu bleiben. Auf seinem Stuhl sitzend bat er sie, ihr die Hand küssen zu dürfen. Sie ließ es zu. Dann schickte sie ihn fort. Sie brauchte Ruhe. Auch konnte die Mutter mit dem Kammermädchen jeden Augenblick zurückkehren. Wollte er Emma auch vor der Dienerschaft kompromittieren, wie er es vor der Gesellschaft Neapels getan hatte? Demütig stand er auf und ging zur Tür. Aber er vermochte sie nicht zu öffnen. Verwirrt rüttelte er an ihr. Vollständig vergessen hatte er, daß er sie selbst vorhin geschlossen. Hilflos blickte er auf Emma. Sie verzog keine Miene. »Schieben Sie den Riegel zurück, Exzellenz! Als Exzellenz hereinkamen, muß er zugefallen sein. Zufällig!« Er öffnete. Vom Gange aus machte er ihr eine verlegene Verbeugung. »Gute Nacht, Miß Emma!« »Gute Nacht, Exzellenz!« Nun endlich ging er. Polichinell, der Held einer neapolitanischen Vorstadtposse. Dreiunddreißigstes Kapitel Drei Monate später führte er Emma und die Mutter in den Palazzo Sessa zurück. Viertausend Pfund hatte er ausgegeben, um Emmas Zimmer ihrer Schönheit würdig auszustatten. Das Beste hatte er kommen lassen, was die Magazine Londons boten: Seidenmöbel, Gobelins, durchwirkte Tapeten, echte Nippes, schwere Teppiche, wundervolle Holzschnitzereien. Die Rückwand des Eckzimmers, dessen Fenster auf den Golf hinausgingen, war mit großen, runden Spiegeln bedeckt. Eng aneinander gefügt gaben sie den herrlichen Rundblick mit seinen paradiesischen Schönheiten wieder. Ein Gemälde von so märchenhaftem Reiz, wie es nie die Hand eines Künstlers hervorgebracht. Seltsam war ein großer fensterloser Raum, der von pompejanischen Kandelabern erleuchtet wurde. Hier war alles vereint, was Sir William bei den Ausgrabungen von Pompeji erbeutet hatte. Kostbare Vasen standen einzeln und in Gruppen umher; bunte Reliefs, in die Wände eingelassen, schilderten in lebhaften Szenen eine längst verrauschte Welt der Schönheit und des Genusses; geheimnisvolle Nischen aus aufeinandergetürmten Lavablöcken zeigten lebensgroße Statuen von Göttern und Göttinnen, deren weiße Leiber durch das Halbdunkel schimmerten. Über das alles breitete das ruhige Licht der Kandelaber einen feierlichen Ernst, in dem der Raum wie ein der Gottheit geweihter Tempel erschien. Sir William zeigte und erklärte Emma alles eingehend. Hingerissen von dem Rausch des Besitzes pries er die Schönheit als die einzig wahre Religion der Menschheit. Lächelnd hörte Emma ihm zu. Diese Religion war auch die ihre. In ihr war Emma Priesterin und Göttin zugleich. Aber dann, da er sie um ihr Urteil befragte, vermochte sie eine Regung des Spottes nicht zu unterdrücken. »Wen lieben Sie mehr, Sir William?« fragte sie zurück. »Mich oder Ihre schönen Zimmer?« Statt der Antwort beugte er vor ihr das Knie. Und da sie ihm huldvoll die Hand reichte, ließ sie es geschehen, daß er den Ärmel ihres Kleides zurückschlug und die Stelle ihres Armes küßte, wo durch die seidig glänzende Haut des Ellbogengelenks das bläuliche Geflecht der Adern schimmerte. Von der Hand zum Ellbogen ... Der Weg, den Sir William in diesen Monaten des Werbens zurückgelegt hatte. – – – – – – – – Zur Einweihung der neuen Einrichtung veranstaltete er ein kleines Fest. Vertraute Freunde wurden geladen, höhere Beamte der Gesandtschaft, Würdenträger des Hofes, eine Schar von Künstlern. Bedingung war, daß die Verheirateten ihre Frauen mitbrachten. Emma zweifelte an dem Erfolg. Aber Sir William beruhigte sie. Seine Beamten waren von ihm abhängig, die Künstler ohne Vorurteil, die Freunde hatten bereits zugesagt. Und die Würdenträger des Hofes ... Er machte eine Handbewegung, die alles sagte. Das Gold Indiens hatte auch nach Neapel seinen Weg gefunden. Sir William behielt recht. Man kam. Man staunte die neue Pracht an. Man bewunderte Emmas Schönheit. Sonst aber war man zurückhaltend. Erst als sie zur Laute jene wallisischen Lieder sang, durch die sie in Ranelagh Romney zu dem Bilde der Heiligen Cäcilia begeistert hatte, wurde man wärmer. Man lobte die schlichte Würde des Vortrags, den jugendlichen Schmelz der Stimme, den zarten Reiz des Spiels. Und wie in Ranelagh bat man auch hier um Zugaben. Den Italienern zuliebe wählte Emma eine Arie von Paisiello und entschuldigte sich, daß sie die herrliche Sprache Dantes noch nicht beherrschte. Dann sang sie, schüchtern, wie vor dem Wagnis zitternd. Der Erfolg wuchs. Die anfängliche Zurückhaltung schwand. Eine stolze, übermütige Schönheit hatte man zu finden erwartet, und sah ein junges, bescheidenes Mädchen, das sich vor dem lauten Beifall der Männer bescheiden erschreckt in die Arme ihrer Rivalinnen flüchtete. Gegen Ende des Festes bat sie Sir William, seine Gäste nach einiger Zeit in den fensterlosen Raum zu führen. Eine kleine Überraschung galt es. Seinen neugierigen Fragen entschlüpfte sie mit einem Lächeln. Als man eintrat, war der Raum in geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt. Ein einziger Kandelaber brannte. Mattrötliches Licht streute er über den Marmor der Wände, die Statuen der Götter und den purpurfarbenen Vorhang, der den Eingang einer Grotte verdeckte. Ein Diener in altrömischer Tunika empfing die Eintretenden und bat sie, sich der Grotte gegenüber aufzustellen. Dann schloß er die Tür. Ein lautloses Schweigen der Erwartung herrschte. Plötzlich flog der Vorhang auseinander. Von dem schwarzen Hintergrunde der Grotte hob sich im ruhigen Lichte des Kandelabers die sitzende Gestalt eines Weibes. Faltenreiche Gewänder, wallende Tücher verliehen ihr einen feierlichen Ernst. Einen Griffel und eine Pergamentrolle umfassend hielt die Rechte eine Steintafel, deren Innenseite fremdartige Schriftzeichen bedeckten. Die Linke, zur Seite gestreckt, schien mit erhabener Geste einer schicksalsschweren Frage Kraft und Nachdruck zu verleihen. In blendender Weiße aber wuchs aus dem Ausschnitt des Gewandes über der vollen Brust der edel geschwungene Hals hervor. Große, blaue Augen richteten sich sinnend und fragend empor. Als throne dort in der Höhe eines unsichtbaren Himmels eine Gottheit, von der sie einen erkennenden Blick in die verschlossenen Fernen der Zukunft heischten. »Die Sibylle von Cumä!« erklärte die Stimme des Dieners. »Von der Küste Campaniens ist sie zum Gipfel des Vesuv emporgestiegen, um von den Überirdischen Sprüche der Weisheit und Aufschlüsse über die Geschicke der Menschheit zu erhalten.« Langsam schloß sich der Vorhang. Um sich gleich wieder zu öffnen, den schönheitsdurstigen Augen der Italiener das vaterländische Bild aufs neue zu zeigen. Eine hellenische Flötenspielerin folgte, eine pompejanische Tänzerin, eine Winzerin aus den Weingärten des Posilipp. Alle weckten dieselbe Begeisterung. Und als Emma dann im Gewande der Sibylle unter den Gästen erschien, ergriff ein Taumel des Entzückens die ganze Versammlung. Die Herren küßten ihr die Hände, die Frauen umarmten sie, neidlos, hingerissen von dem Enthusiasmus ihrer südlich-leidenschaftlichen Naturen. Sir William allein hielt sich zurück. Die Rücksicht auf Emmas Ruf zwang ihn. Aber verstohlen folgten seine Augen jeder ihrer Bewegungen. Nach dem Scheiden der Gäste dankte sie ihm. Das Fest hatte ihr den Weg in die Gesellschaft Neapels geöffnet. Aber Sir William hörte kaum zu. Wie von Sinnen bettelte er plötzlich um einen Kuß auf diese volle, in weichem Heben und Senken atmende Brust, die das Kleid seinen Augen neidisch verbarg. Kühl wies Emma ihn zurück. Daß er ihr das Kopftuch abnehmen und sein Gesicht für ein paar Sekunden in den leuchtenden Strom ihres herabfließenden Haares tauchen durfte, war alles, was sie ihm erlaubte. Tantalus war er. Über seinem Haupte breiteten sich Zweige voll goldener Früchte, zu seinen Füßen rieselte ein Quell. Er aber war verdammt, zu hungern und zu dursten ... – – – – – – – – An einem der ersten Tage des März kam Sir William erregt von einem Gange in die Stadt zurück. Er war Philipp Hackert begegnet, dem Hofmaler des Königs, der zwei Fremden die Sehenswürdigkeiten Neapels zeigte: Tischbein, dem berühmten, in Rom lebenden Maler, und Goethe, Geheimrat und Kammerpräsident des Herzogs von Weimar. Von Tischbein hatte Emma durch die im Palazzo Sessa verkehrenden Künstler gehört, von Goethe aber wußte sie nichts. Eifrig suchte Sir William ihr die Bedeutung des Mannes zu erklären. Ein großer Dichter war er, der Verfasser der »Leiden des jungen Werther«. Sein Ruhm begann bereits über die engen Grenzen eines Vaterlandes hinauszuwachsen. Auf seiner Wanderung durch Italien war er von der gebildeten Gesellschaft Roms mit offenen Armen aufgenommen worden. Tischbein hatte ihn gemalt und die berühmte Angelika Kauffmann ihm ihr Haus zur Verfügung gestellt. Nun besuchte er Neapel, auch hier durch seinen Ruhm, durch seine vergeistigte Schönheit und durch sein abgeklärtes Wesen Aufsehen erregend. Marchese Filangieri, der gefeierte Schriftsteller, hatte ihn mit Auszeichnung empfangen und verkehrte bereits freundschaftlich mit ihm. Der Fürst von Waldeck, der hier eine Reise nach Dalmatien und Griechenland vorbereitete, hatte ihn wiederholt zu sich eingeladen und ihm durch seinen Rang und Einfluß Zutritt zu Kreisen verschafft, die sich den Fremden sonst verschlossen. Ihm hatte Goethe auch den Inhalt einer neuen Dichtung »Iphigenie auf Tauris« erzählt, über die der feingebildete Fürst voll Bewunderung sprach. Auch Sir William brannte darauf, Goethe im Palazzo Sessa zu empfangen. Der Dichter sollte Emma sehen, dem Zauber ihres Liebreizes, ihrer Grazie, ihres Gesanges huldigen. Der Menschenschilderer und Erforscher der Natur, der Verkünder des hellenischen Schönheitsideals sollte anerkennen, daß Sir William Hamilton das Kostbarste besaß, was die Erde zu bieten hatte. So schwärmte Sir William. Wie war er eitel! Mit Emma schmückte er sich, wie eine gefallsüchtige Frau mit der erborgten Schönheit von Federn, Blumen und Edelsteinen. – – – – – – – – Eine glänzende Gesellschaft füllte die weiten, von einem Lichtmeer durchfluteten Räume des Palazzo Sessa, als Sir William Goethe empfing. Er führte ihn durch den Palast, ihm die kostbare Einrichtung zeigend. In dem Eckzimmer mit den Spiegeln stand der Dichter lange am geöffneten Fenster, das Bild der vom Monde durchstrahlten Landschaft voll Entzücken in sich aufnehmend »Die Zimmer, die er (Hamilton) sich in englischem Geschmack einrichtete, sind allerliebst und die Aussicht aus dem Eckzimmer vielleicht einzig. Unter uns das Meer im Angesicht Capri, rechts der Posilippo, näher der Spaziergang Villa reale, links ein altes Jesuitengebäude, weiterhin die Küste von Sorrento bis ans Kap Minerva. Dergleichen möchte es wohl in Europa schwerlich zum zweiten Male geben, wenigstens nicht im Mittelpunkte einer großen bevölkerten Stadt.« Goethe, Italienische Reise II 22. März 1787. Dann bat der Wirt die Gesellschaft in einen großen halbdunklen Saal, in dessen Mitte aus einer altrömischen Räucherpfanne die bläulichen Flämmchen glühender Holzkohlen züngelten. Drei Diener hielten an langen Stäben brennende Kerzen. Zu ihnen trat Sir William mit einem vierten Stabe. Das Licht der Kerzen vereinigte sich mit dem der Kohlen zu einem seltsamen Schein, der einen flimmernden Kreis auf den Boden zeichnete. Wie aus der Erde emporgestiegen erschien in diesem Kreise plötzlich eine weiße Gestalt. In dichte Schleier gehüllt, blieb sie einen Augenblick regungslos, unter den langwallenden Hüllen die Arme emporstreckend. Jählings ließ sie dann die Arme fallen. Mit ihnen glitt die oberste Hülle nieder. In marmorner Unbeweglichkeit erschien in der Umrahmung der Schleier die Statue einer Bacchantin. Rotleuchtendes Haar ringelte sich unter dem Kopfbund hervor, große blaue Augen lächelten neckisch aus dem schönen, leicht zur Seite geneigten Gesicht, volle Lippen öffneten sich wie zum Kuß und zeigten das schimmernde Elfenbein der Zähne... Eine schnelle Bewegung der Arme, ein leises Rascheln der emporflatternden Schleier ... Kassandra, das über Ilion herannahende Unheil verkündend ... Maria Magdalena ... Diana ... Plötzlich weicht die Göttin zur Seite, hinter ihr erscheint die Gestalt eines jungen Mädchens. Vor einer hellenischen Urne kniend streckt es die gefalteten Hände empor zum Gebet ... Das Gesicht der Diana verändert sich. Wahnsinnige Rache in den Augen, stürzt sie sich auf das Mädchen und reißt ihm das Haupt zurück. In ihrer erhobenen Rechten blitzt die breite Klinge eines Messers ... Medea, ihre Tochter tötend. Das Messer fällt nieder, die zitternden Hände ziehen das Kind an die Brust der Mutter, breiten sich über das schuldlose Haupt, die Augen suchen mit stummem Flehen die Höhe des Himmels ... Niobe, ihre Tochter gegen die Pfeile der Götter schützend. Wieder flattern die Schleier. Hinter ihnen verschwindet die Gruppe. Einen Augenblick herrscht Stille. Dann ertönt wie aus weiter Ferne das rhythmische Geräusch einer baskischen Trommel. Näher kommt es und näher, klingende Schellen mischen sich ein, schneller und schneller. Die Schleier fallen. Das Tamburin in den Händen schwingend, umkreist von der zierlichen Gestalt eines Kindes, schwebt auf nackten Sohlen eine Tänzerin Pompejis. Unter dem langwallenden, leichten Gewande zeichnen sich die reinen Linien der Glieder, funkensprühend umwogt die Flut des Haares den weißen Nacken, die schwellenden Hüften. Lustatmend hebt und senkt sich die jungfräuliche Brust. Wie schimmernde Schlangen spielen, kaum den Boden berührend, die kleinen, rosigen Füße. Neckend lachen die Augen zu dem Kinde nieder, das mit emporgestreckten Händen nach der Trommel hascht ... Plötzlich ein jauchzender Ruf. Einen Augenblick stehen Kind und Tänzerin regungslos, wie zu Stein erstarrt. Dann erlöscht der Lichtkreis. Dunkel breitet sich über den Saal. In der Mitte nur noch das bläuliche Flimmern der Kohlen, aus denen ein zarter Duft empor; steigt »Der Ritter Hamilton, der noch immer als englischer Gesandter hier lebt, hat nun, nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium, den Gipfel aller Natur- und Kunstfreude in einem schönen Mädchen gefunden. Er hat ihr ein griechisches Gewand machen lassen, das sie trefflich kleidet; dazu löst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebärden, Mienen usw., daß man zuletzt wirklich meint, man träume. Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig, in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend, kniend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend, bußfertig, drohend, ängstlich usw. Eins folgt aufs andere und aus dem andren. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter hält das Licht dazu und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den belvederischen Apoll selbst ...« Goethe, Italienische Reise II, 18. März 1787 ... Vierunddreißigstes Kapitel Sie war nun die große Dame, die Greville aus ihr hatte machen wollen. Mit ihrer leichten Grazie einen wirkungsvollen Gegensatz zu der spanischen Etikette der vornehmen Gesellschaft Neapels bildend, wußte sie mit feinem Takt alles Anstößige zu vermeiden. Sorglos schien sie durch das Leben zu gleiten, ein spielendes Mädchen. Sie wußte, daß sie Sir William so gefiel. So hatte er sich die Gefährtin gedacht, die ihm Blumen auf die Wege seines Alters streuen sollte. Er verabscheute alles, was ihm das Herz beschweren konnte. Ein Genießer war er, der das Schöne nahm, wo er es fand. Die Welt und ihr Treiben war ihm ein Theater. Erhaben über dem Gewühl saß er selbst in einer behaglichen Loge, lachte über die Narrheit der Menschen, die mit ihren Leidenschaften nur Verwirrung anstifteten und das Ganze um keinen Schritt weiterbrachten. Aber er hatte auch Zeiten, wo er sich über sich selbst lustig machte. Lächerlich fand er sich dann, mit seinen Liebhabereien, seiner Schönheitsschwärmerei, seiner Begierde nach Emma. Spöttisch beobachtete er sich selbst. Wie einen fremden, von einer komischen Krankheit ergriffenen Menschen, dem er den Puls fühlte, dessen Gedanken und Empfindungen er unter das Seziermesser des Forschers nahm. Hatte er genug gespottet, so verfiel er wieder in die Liebesraserei des alternden Mannes, nannte sich einen Unglücklichen, der sein Gefühl an eine seelenlose Statue verschwendete. Emma kannte ihn nun genau. Er war wie der Vater Mozarts. Dem hatte der Sohn eines Abends vor dem Schlafengehen einen Septimenakkord auf dem Klavier angeschlagen. Stundenlang hatte sich der Alte ruhelos im Bette gewälzt. Bis er endlich aufgestanden war und den Auflösungsakkord gespielt hatte. Befriedigt war er dann sofort eingeschlafen. Sir Williams Septimenakkord war das Rätsel von Emmas verhüllter Schönheit. Lüftete sie ihm die Schleier, so war die Begierde gestillt. Er war dann imstande, die eben noch Umworbene fortzugeben. Wie die Bilder, die er verkaufte, wenn er sich an ihnen satt gesehen hatte. Nun aber fing er an, eifersüchtig zu werden. – – – – – – – – Seit Emma dem Könige von Sir William vorgestellt war, machte Ferdinand ihr den Hof. Wenn sie im Englischen Garten der Villa reale spazieren ging, eilte er an ihre Seite. Wohnte sie am Posilipp, so ließ er ihr Serenaden bringen, bei denen er zugegen war, glücklich, wenn sie sich im Mondschein auf dem Balkon zeigte. Saß sie im Theater San Carlo in der Loge der Gesandtschaft neben der Königsloge, so beugte er sich weit über die Brüstung, kehrte der Bühne den Rücken und starrte die »schöne Engländerin« unverwandt an. Sein größter Schmerz war es gewesen, daß er sich nicht mit ihr unterhalten konnte, da er nicht Englisch sprach. Nun sie Italienisch gelernt hatte, überhäufte er sie mit Schmeicheleien und Liebesbeteuerungen. Und er ruhte nicht eher, als bis Sir William sie zu den Jagden mitnahm, zu denen der König ihn einlud. Dann wich er nicht von ihrer Seite, während sie die Forsten durchstreiften, Wölfe und Wildschweine erlegten, in den Jagdhäusern die Nächte verplauderten. Und als die bösen Zungen anfingen, sich zu rühren, fuhr er dazwischen. Als ein Muster tadellosen Lebens, vornehmen Anstandes und feiner Sitte stellte er Emma den Damen seines Hofes hin. Nun erschien er auch abends im Palazzo Sessa. Er hatte plötzlich seine Stimme entdeckt und bat; Emma, mit ihm Duette zu singen. Als sie ihn zum erstenmal hörte, erschrak sie. Kaum einen reinen Ton hatte er in der Kehle, sang durch die Zähne, wie ein Fischerknecht. Trotz seiner Unbildung schien er ihr Befremden zu merken. Sie aber wußte sich zu helfen. »Majestät singen anders, als die gewöhnlichen Sänger!« erwiderte sie auf seine Frage. »Majestät singen wie ein König!« Sie mußte an sich halten, um über sein geschmeicheltes Lächeln nicht in helles Lachen auszubrechen. Dennoch nahm sie ihn in Schutz, als Sir William ihn nachher verspottete. Ferdinand von Bourbon schien ihr kein Adonis an Schönheit, kein Apollo an Kunst, aber doch ein guter Mensch. Ein guter Mensch! Sir William schrie fast auf. Und dann fiel er über den König her. Ein Idiot war er, ein Kretin. Mit acht Jahren auf den Thron gekommen, war er niemals zu bewegen gewesen, ein Buch aufzuschlagen, eine Feder in die Hand zu nehmen. Als er sich mit Maria Carolina, Maria Theresias feingebildeter Tochter, verheiratete, hatte er weder lesen noch schreiben können. Heimlich hatte sie es ihm beigebracht, voll Scham über die Unwissenheit dieses Wilden, den sie ihren Mann nennen mußte. Aber immer noch haßte er jede geistige Beschäftigung. In den Sitzungen des Staatsrats schlief er, überließ alles der Königin. Protokolle durften nicht aufgenommen werden, weil es ihm zu lange dauerte. Um Dekrete nicht selbst unterschreiben zu müssen, hatte er sich einen Stempel mit seinem Namenszuge anfertigen lassen, den er unter die Schriftstücke drückte. Aber voll Argwohn, wie er bei alledem war, verwahrte er diesen Stempel eifersüchtig in einer Truhe, zu der nur er den Schlüssel besaß. Damit glaubte er seinen Untertanen gegenüber seine Pflicht getan zu haben. Seine Beschäftigungen waren Essen, Trinken, Sport, Jagd, Fischerei, Weiber. Seinen Körper trainierte er wie ein Schnelläufer und Athlet. Bei der Jagd war ihm das edle Weidwerk Nebensache. Nur das Töten war sein Ziel, die Massenschlächterei. Der Anblick der zuckenden Glieder und brechenden Augen, der Geruch des rauschenden Blutes war sein Genuß. Und dabei war er feige. Nie wagte er sich in die Nähe eines gestellten Wildes, als bis es von seinen Jägern sorgfältig verwahrt war, so daß es dem Schlächter nicht mehr gefährlich werden konnte. Grausam und roh behandelte er auch die Menschen, wenn er es ungestraft tun zu können glaubte. Den Abbé Mazzinghi, einen Florentiner Edelmann, hatte er unter dem schallenden Gelächter des Pöbels prellen lassen, bis das Opfer kein Lebenszeichen mehr gab. Und warum? Weil der Unglückliche durch seine lange, hagere Gestalt die Spottlust des Barbaren rege gemacht hatte. Ach ja, ein guter Mensch war dieser König! Das Volk allerdings glaubte es. Er machte sich mit ihm gemein. Weil er sich unter den Gebildeten langweilte und zu den rohen Belustigungen des Pöbels hingezogen fühlte, die seinem entarteten Wesen verwandt waren. Die Menge klatschte seinen derben Spaßen Beifall und behandelte ihn wie ihresgleichen. »Il rè Nazone«, den Nasenkönig, nannten ihn die Lazzaroni, seine große Nase verspottend. Er aber hielt es für eine Ehre, die sie ihm erwiesen. Wie die alten Römer einen Augustus »Pater patriae«, Vater des Vaterlandes, genannt hatten. »Ein Narr ist er, ein Barbar, eine Null!« schloß Sir William wütend. »In dem Zeitalter Friedrichs des Großen und Josephs II. nur auf einem Throne möglich, wie der von Neapel. Die Karikatur eines Königs!« Emma lächelte verstohlen. Warum erregte er sich so? Er, der Skeptiker, der Philosoph, der über dem Unsinn dieser Welt in unerreichbarer Höhe schwebte? Eifersüchtig war er, fürchtete im Könige den Nebenbuhler. »Und doch nennen Sie sich seinen Freund?« fragte sie mit leichtem Spott. »Und verkehren mit ihm? Nicht wie mit einem König, sondern wie mit einem Bruder?« Ärgerlich fuhr er auf. »Muß ich nicht? Wozu bin ich denn hier Gesandter? Ach, die Politik! Wahrhaftig, England mit allen Schätzen Indiens ist nicht imstande, mich für die Mühsal und Langeweile dieser Freundschaft zu belohnen!« Und in dem Bestreben, sich vor Emma mit der Wichtigkeit und Schwierigkeit seines Amtes zu brüsten, weihte er sie in die Wege der britischen Politik am Hofe von Neapel ein. – – – – – – – – Seit England Spaniens und Hollands Seemacht vernichtet hatte, vermochte ihm nur noch eine Macht die Herrschaft über die Welt streitig zu machen: Frankreich. Auch hatte die Politik Ludwigs XVI. bereits den Kampf aufgenommen. Mit ihrer Unterstützung hatten sich die Vereinigten Staaten Nordamerikas von ihrem britischen Mutterlande losgerissen. Nun trachtete das Pariser Kabinett nach der Herrschaft über das Mittelmeer, um den Handel der Levante an sich zu bringen. Die erste Etappe war es auf dem Wege nach Indien. Die Zeitlage begünstigte den Plan. Die beiden anderen bourbonischen Königreiche, Spanien und Neapel, vereinigten sich mit Frankreich zu einem Dreibund, dessen geheimes Ziel sich gegen England richtete, wenn man öffentlich auch die Niederwerfung der barbareskischen Piratenstaaten in Nordafrika vorgeschoben hatte. In allen drei Reichen rüstete man sich für den zukünftigen Seekrieg, vermehrte die Flotte, bildete Mannschaften aus. Die Lage war jedoch für England um so schwieriger, als in Paris und Neapel Schwestern Königinnen waren, die von ihrer Mutter Maria Theresia eine ungestüme Herrschsucht geerbt hatten und in leidenschaftlicher Liebe aneinander hingen. Nichts war imstande gewesen, Marie Antoinette von Frankreich und Maria Carolina von Neapel zu entzweien. Einmütig strebten sie nach Vergrößerung ihrer Macht, beide beherrschten ihre Männer, beide bestimmten die Politik ihrer Länder. In ihrer Hand ruhte das Schicksal der Zukunft. Maria Carolina war die Tatkräftigere. Schon hatte sie begonnen, eine Flotte zu bauen, mit der sie Sizilien und Malta gegen englische Angriffe von Gibraltar her zu verteidigen gedachte. Und noch weiter schien sie zu denken. »Seltsam, daß Venedig im Mittelalter den Handel Asiens an sich reißen konnte!« hatte ihr Bruder Joseph II bei einem Besuche Neapels gesagt. »Was ist sein Hafen im Vergleich mit dem Golf von Neapel? Wenn ich König beider Sizilien wäre, würde das Mittelmeer mir gehören!« Seitdem rüstete Maria Carolina ... Für England aber war die Zeit zum Losschlagen noch nicht gekommen. Es galt, die Gegner im Auge zu behalten, ihre Schritte zu belauschen, in ihre Pläne einzudringen, um im gegebenen Augenblick bereit zu sein. Diese Politik der Vorbereitung, in der William Pitt Meister war, bildete in Neapel Sir Williams Aufgabe. Und der erste Schritt war geglückt, der König tat nichts, ohne Sir William vorher zu befragen. Aber um was er fragte, war nicht der Rede wert. Von der auswärtigen Politik, auf die es England ankam, erfuhr er nichts. Auch Sir Acton, der von Sir William auf weiten Umwegen als Marineminister in das Kabinett von Neapel gebracht war, im geheimen Solde Englands stand und sich durch seine Gewandtheit zum leitenden Minister emporgeschwungen hatte, war nahezu machtlos. Das Wichtige ruhte einzig in Maria Carolinas Hand.´ Und alle Versuche, ihr beizukommen, machte sie mit ihrer lächelnden Liebenswürdigkeit zuschanden, hinter der sie ihre Herrschsucht und ihr heißes Blut verbarg. Unnahbar war sie, ein Rätsel. »Eine geniale Frau!« sagte Emma sinnend. »Hat sie keinen Liebhaber? König Nazone dürfte wohl kaum der Mann ihres Geschmackes sein!« Sir William schüttelte den Kopf. »Seit dem Tode des Fürsten Caramanito hat man nichts mehr von einer Herzensneigung der Königin gehört. Sie war toll in ihn verliebt. Trotzdem gelang es Acton, ihn als Gouverneur nach Sizilien zu entfernen. Dort starb er nach kurzer Zeit. Man sagt, an Gift. Seitdem soll Maria Carolina der Männerliebe abgeschworen haben!« Er lachte. Emma errötete. Wenn sie der Königin im Englischen Garten begegnete, sah sie Maria Carolinas Augen auf sich gerichtet. Heiße, bewundernde, sehnsüchtige Augen ... Stets fragte die Königin den Prinzen Dietrichstein nach Emma aus. Beklagte die strenge Etikette, die es ihr nicht erlaubte, die »schöne Engländerin« am Hofe zu sehen... Verstohlen nur konnten Maria Carolinas Augen Emmas Schönheit aus der Ferne grüßen... – – – – – – – – Emma war Sir William dankbar, daß er ihr die Dinge um sie her gezeigt hatte, wie sie waren. Und sie beneidete ihn, daß er in der Geschichte seiner Zeit eine Rolle spielen durfte. Sie begriff nun seine lächelnde Menschenverachtung, seinen Spott über das Getriebe der Welt. Wundervoll mußte es sein, zu beobachten, wie Menschen und ganze Völker an unsichtbaren Fäden geführt wurden, während sie sich einbildeten, aus eigenem Willen und eigener Kraft zu handeln. Würde er ihr erlauben, ein wenig an diesem göttlichen Genuß teilzunehmen? Überrascht, erfreut stimmte Sir William zu. Schon oft hatte er es beklagt, daß ihm keine Frau zur Seite stand. Geschickte Frauenfinger verstanden, feine Netze zu weben, wo die Hand des Mannes sich nicht zeigen durfte, ohne zuzuschlagen... Emma dankte ihm in warmen Worten. Und zum Lohn erlaubte sie ihrem Lehrer der Staatskunst eine kleine Freiheit. Er durfte für einen Augenblick seine Lippen auf der Stelle ruhen lassen, wo ihre Brust sich aus dem Ausschnitt ihres Kleides hob. Sein Gesicht war dunkel gerötet, als er sich wieder aufrichtete. Und da er ging, taumelte er. Lautlos lachte sie hinter ihm her. Ein Philosoph war er, ein Menschenkenner. Ließ die Völker an den unsichtbaren Fäden zappeln, die er in der Hand hielt. Und sah den Faden nicht, an dem er selbst zappelte ... Aber Greville ... Wenn er Emmas Plan merkte, wurde er ihr unversöhnlicher Feind, arbeitete heimlich ihr entgegen. Sie gab Sir Williams Bitten nach, verzieh Greville den Verrat, wechselte Briefe mit ihm, behandelte ihn als aufopfernden Freund. Nie versäumte sie, ihren Dank einzuflechten für das Glück, das er ihr durch die Bekanntschaft mit Sir William bereitet hatte. Sie wußte, daß Greville seinem Oheim Abschriften dieser Briefe sandte. Sir Williams Hoffnung auf einen endlichen Sieg mußte wachsen, wenn er immer und immer wieder las, daß er mit jeder Niederlage ihrem Herzen näherzukommen schien. Greville dagegen mußte es mit Bitterkeit erfüllen, daß sie ihn so leicht und schnell vergaß. Wenn er von den Fortschritten erfuhr, die sie in der Gesellschaft Neapels machte. Die Empfänge im Palazzo Sessa, die sich anfänglich nur auf einen kleineren Kreis beschränkt hatten, dehnten sich mehr und mehr aus und wurden endlich zu glänzenden Festen, bei denen Emma die gesamte vornehme Welt der Stadt empfing. »... Wir haben ein Konzert und einen Ball gegeben ,« schrieb sie im Januar 1790. » Ich hatte ungefähr vierhundert Personen, alle fremden Minister mit ihren Frauen Im Original unterstrichen. und die Löwinnen der Saison, ausländische und einheimische. Unsere Salons waren voll Menschen. Ich hatte ein Orchester, den Tenor Cosacelli und mehrere andere Sänger. Sir William wünschte, daß ich eine Robe aus weißem Satin trug ... Es war der erste große Empfang, den wir offiziell gaben. Die Frauen wetteiferten in Toiletten und Schmuck, trotzdem behauptete Sir William, ich sei von allen doch das schönste Kleinod. Alle Abende ist unser Haus für intime Empfänge geöffnet; fünfzig bis sechzig Personen Herren und Damen. Wir haben einen neuen spanischen Gesandten hier; seine Frau und ich sind uns in wahrer Freundschaft zugetan und verlassen uns nicht mehr. Sie ist reizend. Was für eine Kreatur müßte ich sein, wenn ich mich Sir William gegenüber nach allem, was er für mich getan hat, nicht musterhaft benähme! Bei Gott, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um ihn glücklich zu machen ... « Und während sie schrieb, dachte sie daran, was die Leute einander bereits zuflüsterten. Man glaubte allgemein an eine heimliche Ehe Sir Williams mit Emma ... Madame Skawuska, die russische Botschafterin, und die Herzogin von Fleurus, Emmas Freundinnen, hatten es ihr bei jenem Feste zugetragen. Unter ihren forschenden Blicken war Emma wie erschreckt errötet. Dann hatte sie sich wie hilfesuchend zu Sir Williams geflüchtet und sich einen Augenblick zärtlich an seinen Arm geschmiegt. Die Freundinnen glaubten es nun auch. Trugen es weiter … Fünfunddreißigstes Kapitel Sir William hatte in dieser Zeit viel zu tun. Täglich hielt er lange diplomatische Besprechungen mit Emma ab, sich die Pflichten seines Amtes durch den Anblick von Emmas Schönheit versüßend. Durch den Ausbruch der Revolution in Frankreich war eine völlige Verschiebung in der politischen Lage Europas eingetreten, die alle Künste der Diplomatie in Anspruch nahm. Durch die Weiber der Halle und die entfesselten Scharen der Volksquartiere waren Ludwig XVI. und Marie Antoinette von Versailles nach Paris zurückgebracht worden und hatten ihren Einfluß auf die Regierung Frankreichs fast ganz verloren. Das geheime Bündnis der Bourbonen war gesprengt. Das Schicksal der geliebten Schwester beunruhigte Maria Carolina. Marie Antoinette schob das durch eine jahrhundertelange Mißwirtschaft ausgesogene Volk, dessen Urteilskraft über die Ereignisse des Tages nicht hinausging, die Hauptschuld an dem Zusammenbruch des Staates zu. Man verlangte die Verbannung der Ausländerin, beschimpfte sie durch Schmähschriften und schmutzige Lieder, drohte ihr mit dem Tode, wenn sie nicht freiwillig ging. Schlimmes schien ihr bevorzustehen, falls ihr nicht von außen Hilfe kam. Und von Frankreich griff der revolutionäre Geist weiter um sich. In Neapel blieb das niedere Volk zwar ruhig, aber die Gebildeten fingen an, eine vermessene Sprache zu führen. Die Ausländer am Hofe und in der Regierung wurden mit Mißtrauen behandelt, die Polizei berichtete von geheimen Zusammenkünften, in denen junge Heißsporne Reden gegen Maria Carolina, die »Ausländerin«, die »Österreicherin«, hielten. In den Straßen zeigten sich Gestalten, durch Kleidung, Haartracht, äußere Abzeichen den Jakobinern ähnlich, die in Paris die Herrschaft des Volkes an die Stelle des angestammten Königshauses zu setzen strebten. Sollte Maria Carolina demselben Schicksal anheimfallen, das über Marie Antoinette bereits düstere Gewitterwolken zusammenzog? Rettung der Schwester, Schutz des eigenen Thrones mußte nun das Ziel ihrer Politik sein. Neue Freunde galt es zu werben. Mit ihrer ganzen leidenschaftlichen Tatkraft ging sie ans Werk. Täglich flogen ihre Kuriere mit Botschaften an die Höfe Italiens, an ihre Gesandten in Wien, Petersburg, Berlin. Täglich hatte sie lange, geheime Konferenzen mit den Vertretern der Kontinentalmächte an ihrem Hofe. Eine Liga gegen die Revolution wollte sie zusammenbringen, durch den gleichzeitigen Einmarsch großer Heere in Frankreich den verderblichen Geist des Jakobinertums mit einem Schlage vernichten. Und schon schien sich ein Erfolg zu zeigen. Um das Band zwischen den beiden Staaten enger zu schlingen, willigte ihr Bruder, Kaiser Leopold II. von Österreich, in eine dreifache Heirat zwischen den Herrscherfamilien von Wien und Neapel. Des Kaisers Söhne Franz und Ferdinand sollten Maria Carolinas Töchter Theresia und Ludovica, und Maria Carolinas Kronprinz Franz die Erzherzogin Maria Clementine zum Altar führen. Im August erwartete man den Fürsten Ruspoli als außerordentlichen Botschafter und Brautwerber in Neapel; alsdann sollten Ferdinand und Maria Carolina mit dem Kronprinzen und den beiden bräutlichen Prinzessinnen nach Wien zu der dreifachen Hochzeitsfeier reisen. Hier würde man die politische Lage besprechen und Entschlüsse fassen, deren Ausführung gewaltige Veränderungen in Europa herbeiführen mußten. – – – – – – – – Es war eine schwere Zeit für Sir William. Fortwährend forderte Pitt Berichte über die Vorgänge in Neapel von ihm ein. Alles wollte der Unermüdliche wissen, auf die geringsten Kleinigkeiten legte er Gewicht. Eine ungeheure Verwirrung der Verhältnisse auf dem Kontinent sah er voraus, aus der es für England Nutzen zu ziehen galt. Die Schwächung Frankreichs durch die inneren Unruhen mußte benutzt werden, um im Mittelmeer festen Fuß zu fassen. Durch Gibraltar beherrschte man bereits den Eingang; nun mußten auch Stationen im Meerbecken selbst erworben werden, durch die man die Fahrstraße der britischen Schiffe sicherte und den Warenverkehr der Levante in die Hand bekam. Ein neues großes Handelsgebiet galt es dem englischen Kaufmann zu erschließen, die Flagge König Georges III. sieghaft auch über den Häfen Kleinasiens und Ägyptens wehen zu lassen, Konstantinopel zu bedrohen und dadurch den indischen Kolonien auch von dieser Seite Schutz gegen die Anschläge der Neider zu verschaffen. Begeistert ging Sir William auf die Weisungen des Ministers ein. Geheime Boten verkehrten zwischen ihm und Sir Acton; große Summen flossen in die Taschen der Höflinge, die jede unvorsichtige Äußerung der Königin an Sir William weitergaben; mit unerschöpflicher Geduld ertrug er die schlechte Laune des Königs, der über die Reise nach Wien, grollte und im voraus über den lästigen Etikettenzwang der Hochzeitsfestlichkeiten klagte. Aber Sir William erfuhr nur wertlosen Klatsch, kaum des Berichtens wert. Maria Carolina schien gegen England von Mißtrauen beseelt. Selbst ihren Premierminister weihte sie nicht in ihre Pläne ein. Lächelnd, stets voll Huld gegen Sir William, hüllte sie sich in eine berechnete Harmlosigkeit, gegen die er keine Waffe fand. Er war verzweifelt. Alle seine Diplomatenkünste versagten gegenüber dieser Königin, die das Genie ihrer großen Mutter geerbt zu haben schien. In schwarzen Stunden dachte er schon daran, den Abschied zu nehmen und das schwierige Feld jüngeren Kräften zu überlassen. Ach ja, eine Frau fehlte ihm. Nur eine Frau konnte in die Geheimnisse einer anderen dringen... – – – – – – – – Mitte Juli wurde der Brautschatz der Prinzessinnen in Neapel mehrere Tage lang zur öffentlichen Schau ausgestellt. Im Hafen von Manfredonia sammelten sich acht Schiffe der neapolitanischen Kriegsflotte, um die königlichen Reisenden auf ihrer Meerfahrt nach Fiume zu geleiten. In Wien erhielt Fürst Ruspoli als Ausstattung zu der Brautwerbung den hohen Orden vom Heiligen Vlies. Am sechsten August sollte er in Neapel eintreffen ... Am letzten Juli erschien der König zur Abendgesellschaft im Palazzo Sessa. Er wollte noch eine gemütliche Stunde verleben, ehe die Langeweile der höfischen Feste über ihn hereinbrach. Er brachte Emma ein kleines, fest verschnürtes Paket mit. Neue Duette von Händel, wie er sagte, die sie während seiner Abwesenheit einstudieren sollte. Wenn er zurückkam, wollte er sie mit ihr singen. Und sobald sie sich ein Urteil über die Musik gebildet hatte, sollte sie es ihm nach Wien mitteilen. Der Kabinettskurier Ferren würde jedesmal bei ihr vorsprechen, ehe er eine seiner Reisen nach Österreich antrat. Emma wollte das Paket sogleich öffnen. Aber er wurde verlegen und hielt sie zurück. Er hatte nur wenig Zeit, die Königin erwartete ihn. Sie wollten lieber zum Abschied noch ein paar Duette singen von denen, die sie bereits miteinander geübt hatten. Dabei sah er Emma bedeutungsvoll an. Aber er war nicht gut bei Stimme. Schon nach wenigen Takten brach er wieder ab. Die Angst vor der Tortur der Wiener Etikette vergällte ihm selbst diese letzten Stunden der Freiheit. Aber wenn er nach einem Jahre wiederkam, wollte er sich schadlos halten. An diesem wundervollen Händel, den er Emma nochmals dringend empfahl ... – – – – – – – – Als er fort war, verließ Emma unauffällig die Gesellschaft und öffnete das Paket. Der König hatte nicht gelogen. Es waren neue Duette von Händel, in goldgepreßtes Leder gebunden. Aus der Höhlung des Rückens aber ragte ein zusammengefaltetes Papier hervor. Hatte König Nazone Emma wieder angedichtet, wie er es in letzter Zeit öfters getan? Fast vierzig Jahre war er nun schon alt, schien aber in seinem Gefühlsleben erst auf der Stufe eines Schulknaben angelangt, dem weibliche Reize zum ersten Male den Sinn verwirrten. Sie zog das eng beschriebene Blatt heraus und las ... Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt. Er war der Bevormundung durch die Königin müde. Die Regierung wollte er ihrem Ehrgeiz überlassen; aber in seine Privatangelegenheiten sollte sie sich nicht mischen. Anderswo wollte er das Glück suchen, das Maria Carolina mit ihrem hochfahrenden Sinn ihm nicht zu geben vermochte. Einzig und allein bei Emma konnte er dieses Glück finden. Ihm sollte sie sein, was Ludwig XV. die Pompadour gewesen war. Ein Landgut bei Caserta sollte ihr gehören, ein Palazzo in Neapel, ein Haus in Palermo. Den Titel einer Herzogin von Bronte wollte er ihr verleihen. Die Söhne, die sie ihm schenkte, wurden Grafen, erhielten hohe Ämter, die Töchter stattete er reich aus und verheiratete sie mit Fürsten. Die ersten paar Jahre mußte Emma allerdings außerhalb Neapels leben, um der Opposition kein Wasser auf ihre Teufelsmühlen zu leiten. Sobald aber Maria Carolina die Jakobiner mit eisernem Besen ausgefegt hatte, kam Emma an den Hof und war nach der Königin die Erste. Wenn Maria Carolina sich dagegen sperrte und die Etikette vorschob, verheiratete der König Emma ganz einfach mit dem Herzoge von Ascoli oder mit sonst einer hochadeligen Lakaienseele. Dann mußte die Königin klein beigeben. Wenn Emma einwilligte, sollte sie nur ein paar Zeilen schreiben, die der verschwiegene Ferri ihm nach Wien bringen würde. Von dort würde der König dann alles vorbereiten, daß sie bei seiner Rückkehr den Palazzo Sessa verlassen und auf das Gut bei Caserta übersiedeln konnte ... Mit einem Auflachen des Hohnes verbarg Emma den Brief in ihrem Mieder. So hatte ein König geschrieben´... Liebe? Liebe war ein Geschäft. Und aus ihm Stiegen die Laster der Zeit empor, wie einst die giftigen Dünste der Krankheiten aus der Büchse der Pandora ... Als Emma zur Gesellschaft zurückkehrte, trat Prinz Dietrichstein ein. Er kam von der Königin. Sie hatte ihn gefragt, ob Emma während der Abwesenheit des Hofes in Neapel blieb, ob sie neue Attitüden erfunden hatte und neue Lieder sang. Und ob das Gerücht auf Wahrheit beruhte, das sie mit Sir William verheiratete. Prinz Dietrichstein fragte Emma, als sie einen Augenblick unbeachtet mit ihm am Fenster stand. Sie lächelte vor sich hin. Bat um, seinen Besuch am folgenden Morgen. – – – – – – – – Die ganze Nacht saß sie schreibend in ihrem Zimmer. Zum erstenmal sprach sie zu einer Königin. Aber sie wählte ihre Worte nicht ängstlich aus. Frei heraus schrieb sie, was sie dachte, was Maria Carolina wissen sollte. Der König hatte sich in Emma verliebt, ohne ihr Zutun. Er hatte ihr Anerbietungen gemacht, die eine andere wohl verlocken konnten. Emma aber war der Königin aus der tiefsten Tiefe ihres Herzens in Ehrfurcht und Liebe ergeben. Um keinen Preis der Welt brachte sie es über sich, diese erhabene Stirn durch einen Hauch von Verdruß zu trüben, diese schönen, königlichen Augen zum Zorn zu reizen. Sterben würde sie, wenn die edelste Frau Europas Böses von ihr dachte. Darum wies sie das Ansinnen des Königs zurück und flehte Maria Carolina um ein gerechtes Urteil über die Unglückliche an, die unabsichtlich vielleicht das Mißfallen der Majestät erregt hatte. Emma stand im Schutze der britischen Gesandtschaft, aber willig verzichtete sie auf dieses Recht, wenn Maria Carolina es befahl. Auf Gnade oder Ungnade würde sie sich ihr ausliefern, würde, so schwer es ihr auch fiel, den Anblick der großen Herrscherin und liebreizenden Frau zu entbehren, nach England zurückkehren, um die Ruhe der angebeteten Monarchin nicht zu stören. Durch diese freiwillige Verbannung hoffte sie den Wünschen der Königin zu entsprechen. Sir William zwar würde die Trennung schmerzlich empfinden. Er liebte Emma. Aber er hatte kein Recht auf sie. Das Gerücht, das vielleicht auch zu den Stufen des Thrones gedrungen war, log: Sir William war nicht in geheimer Ehe mit Emma verbunden. Er hatte schon oft daran gedacht, sie zu seiner Frau zu machen, immer aber hatte ihn die Scheu vor dem Mißfallen Maria Carolinas zurückgehalten. Dieselbe Scheu hatte auch Emma abgehalten, sein Liebeswerben zu erhören. Rein, wie sie nach Neapel gekommen war, konnte sie auch heute noch den strengen Blick der Majestät mit ruhigem Gewissen ertragen ... In tiefster Demut, mit willigster Hingebung erwartete sie, was Maria Carolina über sie beschließen würde. Was es auch sei, im Geiste würde sie auch die strafende Hand der Erhabenen mit den ehrfurchtsvollen Küssen heißer Liebe bedecken ... Der Morgen dämmerte bereits, als sie die Feder fortlegte. Sie faltete den Brief, legte das Schreiben des Königs hinein und siegelte zu. Mit schmerzenden Gliedern erhob sie sich, ging ruhelos hin und her. Sollte sie es wagen? Um alles ging es, was sie in diesen Jahren erstrebt und erreicht hatte. Ihr ganzes Sein stand auf dem Spiel ... Zur bestimmten Stunde kam Prinz Dietrichstein. Nach vielen Bitten übernahm er es, den Brief der Königin in einem unbewachten Augenblick zu überreichen. Va banque ... – – – – – – – – Am folgenden Tage brachte er die Antwort der Königin. Ein verschlossenes Kuvert, ohne Adresse, ohne Siegel. Fiebernd vor Erwartung riß Emma es auf. Ein leeres Blatt fiel heraus. Von Maria Carolina kein Wort ... Nachmittags ging Emma in den Englischen Garten der Villa reale, um nach der Königin auszuspähen. Vielleicht, daß sie aus Maria Carolinas Mienen den Eindruck des Briefes zu erraten vermochte. Die Königin erschien nicht. Wie es hieß, hatte sie wichtige Konferenzen über das Zeremoniell beim Empfange des Fürsten Ruspoli. Auch an den folgenden Tagen erschien sie nicht ... Am 6. August traf Fürst Ruspoli ein, am 7. wurden zwischen ihm und dem Premierminister Sir Acton diplomatische Besuche gewechselt. Am 12. hielt der Fürst, vom Principe della Torrella und Cavaliere Macedonio eingeholt, seinen feierlichen Einzug in Neapel. Am 14. fand vor versammeltem Hofstaat die feierliche Werbung statt, am 15. wurde die Doppeltrauung durch den Kardinal-Erzbischof vollzogen, bei der Kronprinz Franz die Stelle der erzherzoglichen Bräutigame vertrat. Am 18. verließ der König unter dem Namen eines Grafen von Castellamare die Stadt, um in Barletta, wo sich die königliche Flotte gesammelt hatte, an Bord zu gehen. Von Maria Carolina kein Wort ... Und am folgenden Morgen sollte sie mit den Prinzessinnen abreisen ... Emma gab alle Hoffnung auf. Es war, wie immer. Sie hatte kein Glück. Sie machte einen letzten Versuch. Abermals ging sie nachmittags in den Englischen Garten. Sir William begleitete sie. Madame Skawuska Und die Herzogin von Fleurus gesellten sich zu ihnen. Lachend ging man auf und ab, plauderte von den verflossenen Hoffestlichkeiten, medisierte, kritisierte. Plötzlich blieb Emma stehen. Gefolgt von einem Kammerdiener, im Gespräch mit Prinz Dietrichstein kam Maria Carolina den breiten Weg herauf, huldvoll die ehrerbietigen Grüße der ihr Begegnenden erwidernd. Der Herzogin von Fleurus und Madame Skawuska nickte sie lächelnd zu. An Emma ging sie vorüber, als sähe sie sie nicht ... Während sie langsam weiterschritt, kam Prinz Dietrichstein plötzlich zurück und bat Sir William zur Königin. Sir William eilte, dem Befehl zu gehorchen. Entblößten Hauptes trat er vor sie hin, in ehrerbietiger Verneigung ihre Anrede erwartend. Was sagte sie ihm? Der gewandte Hofmann bewegte heftig die Hände, verlor gänzlich seine gemessene Haltung. Als Maria Carolina ihn mit einem Neigen des Hauptes verabschiedete, ließ er seinen Hut fallen. Regungslos sah er ihr nach. – – – – – – – – In den Palazzo Sessa zurückgekehrt, schloß er sich mit Emma ein. Dann berichtete er. Maria Carolina war zuerst sehr gnädig gewesen. Von den vergangenen Hoffestlichkeiten war sie sehr befriedigt, freute sich auf die Reise nach Wien, auf das Wiedersehen mit den Verwandten. Lebhaft hatte sie dann bedauert, daß die schönste Dame der Neapeler Gesellschaft an den Festen nicht hatte teilnehmen können. Gern hätte sie diese Dame auch in ihrem Gefolge mit nach der Kaiserstadt an der Donau genommen, um den schönen Wienerinnen zu beweisen, daß auch die Frauen von Neapel nicht alle häßlich waren. Und plötzlich hatte sie Sir William gefragt, wie lange er sich noch in ein Geheimnis hüllen wollte, das keins mehr war. Wußte man nicht allgemein, daß er mit jener Dame verheiratet war? Aber als Sir William die Wahrheit des Gerüchtes bestritt, war sie sehr ungnädig geworden. Fest hatte sie an eine geheime Ehe geglaubt und darum keinen Anstoß an seinem Zusammenleben mit Emma genommen. Nun aber – es ging doch nicht an, daß ein Gesandter, der zu den Intimen der königlichen Familie zählte, sich zu den Geboten der Moral in Widerspruch setzte. In diesen Zeiten, da der Pöbel überall an den Grundlagen der Gesellschaftsordnung rüttelte, war ein musterhafter Lebenswandel Pflicht der Aristokratie. Und es war für Sir William ja leicht, diese Pflicht zu erfüllen. Das Mittel war so einfach, daß es keines Hinweises bedurfte. Verlangte sie, daß Sir William sich von Emma trennen sollte? »Ich glaubte es!« schloß er. »Plötzlich aber wurde sie wieder liebenswürdig. Ich dürfe die Sache nicht tragisch nehmen, sagte sie. Nur mein Glück wolle sie und erwarte bestimmt, nach ihrer Rückkehr von Wien Lady Hamilton bei Hofe empfangen zu können!« Bleich hatte Emma ihm gegenübergesessen, in qualvoller Ungeduld seiner umständlichen Erzählung folgend. Nun stand sie schnell auf und trat ans Fenster, ihre heftige Bewegung Sir Williams Blicken zu entziehen. Maria Carolina ... Alles hatte die Königin zwischen den Zeilen gelesen, was Emma nicht offen hatte aussprechen dürfen ... »Die Königin will also, daß Sie mich heiraten oder aufgeben!« sagte sie ruhig, sich Sir William wieder zuwendend. »Nun denn, ich bin bereit, sobald Sie es wünschen, Neapel zu verlassen und nach London zurückzukehren!« Erschreckt starrte er sie an. »Und damit glauben Sie die Lösung des Konflikts gefunden zu haben? Sie wissen doch, daß ich Sie liebe! Daß ich in dieser ganzen Zeit nur daran gedacht habe, wie ich Sie für mich gewinne! Sie aufgeben? Unmöglich! Lieber verzichte ich auf mein Amt und ziehe mich mit Ihnen irgendwohin in die Einsamkeit zurück.« Sie schüttelte den Kopf. »In die Einsamkeit? Sie würden sich dort sehr unglücklich fühlen, Sir William. Auch wenn ich diese Einsamkeit teilte. Ohne den Prunk des Hofes und die Aufregungen der Politik können Sie ja gar nicht leben. Und, offen gestanden, ich auch nicht!« Er nickte. »Es ist wahr. Ich würde wahrscheinlich ein unausstehlicher Misanthrop werden. Aber was soll ich tun? Helfen Sie mir, Miß Emma! Geben Sie mir einen Rat!« Spöttisch sah sie auf seine komische Hilflosigkeit. »Blicken wir den Dingen ins Auge!« sagte sie kalt. »Sie möchten mich ganz gern heiraten. Aber Sie scheuen sich vor König George. Sie fürchten, daß er Ihnen die Mesalliance nicht verzeihen wird, Ist es so, Sir William?« Mit verdüstertem Gesicht starrte er ins Leere. »Es ist so. Er ist mir zwar wohlgeneigt, aber er hat eine strenge Auffassung von den Pflichten des Adels.« Verächtlich schürzte sie die Lippen. »Trotzdem wird er vielleicht Milde walten lassen, wenn Sir William Pitt ihm den Vorteil klarmacht, den England aus einer Heirat zwischen Sir William Hamilton und Miß Emma Hart ziehen kann.« Erstaunt sah er auf. »Den Vorteil?« »Sagten Sie nicht selbst, daß nur eine Frau imstande ist, in Maria Carolinas Geheimnisse zu dringen? In diese Geheimnisse, die für England von größter Wichtigkeit sind? Maria Carolina aber ist der Miß Hart ›wohlgeneigt‹ und wünscht, die Lady Hamilton bei Hofe zu empfangen ...« Lebhaft sprang er auf. Seine Äugen glänzten. »Das ist die Lösung! Pitt vermag beim König alles. Noch heute setze ich den Bericht an ihn auf.« Sie schüttelte den Kopf. Sie dachte an Greville und an die Verbindungen, die er im Auswärtigen Amt hatte. »Ist ein Bericht nicht gewagt? Wenn Sie einen Urlaub nach London erbäten? Um mit Sir Pitt mündlich zu verhandeln?« Entzückt stimmte er zu. Setzte sich gleich hin, das Gesuch abzufassen. Ein besonderer Kurier sollte es nach London bringen. Schon am nächsten Morgen. Aber als er fertig war und Emma ansah, wie sie still ihm gegenübersaß, wurde er verlegen. »Da schreibe ich und baue Pläne!« sagte er mit einem gezwungenen Lachen. »Und habe Miß Hart noch nicht einmal gefragt, ob sie überhaupt Lady Hamilton werden will?« Er stand auf und beugte sich über sie. Etwas wie Rührung machte die Runzeln seines Greisengesichts zittern. Mit einem seltsam glitzernden Blicke sah Emma zu ihm auf. »Es gab eine Zeit, da hätten Sie mir eine Königskrone bieten können, und ich hätte sie ausgeschlagen. Diese Zeit ist vorbei. Ich liebe niemand mehr. Nicht einmal mich. Auch Sie liebe ich nicht, Sir William. Immer aber werde ich Ihnen eine gehorsame Frau sein und eine getreue Helferin. Mit gutem Gewissen kann ich es Ihnen versprechen. Niemals mehr wird es eine Versuchung für mich geben. Niemals werde ich wieder lieben können. Wenn Sie es daraufhin mit mir wagen wollen ...« Er lächelte. Sie sah es ihm an, daß er es besser zu wissen glaubte. Was ernste Wahrheit war, hielt er für Stolz und spröde Zurückhaltung. Hatte ihm Greville nicht die Briefe gesandt, in denen sie von ihrer Liebe für Sir William sprach? Gierig küßte er ihren Hals, ihren Nacken, die weißen Schwellungen ihrer Brust. Sie ließ es geschehen. Sie stand nun auf der Höhe, die sie in heißem Mühen, erstrebt hatte. Sie stand allein. Was war ihr dieser Mann, der ihr seinen Namen gab, um eine schöne Statue zu besitzen? Tom, Romney, Nelson, Greville – alle waren aus ihrem Leben verschwunden. Einsam war sie, wie damals, als sie auf dem »Göttlichen Bett« des Doktor Graham lag. Ein Frösteln durchschauerte sie. Während draußen die Sonne brannte … Sechsunddreißigstes Kapitel London ... Am 6. September 1791 wurde Emma Lyon-Hart in der Kirche Marylebone Lady Hamilton. Drei Stunden nach der Trauung war Sir William beim König zur Audienz. »Hör' mal, William,« sagte George III., mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand dem Jugendgespielen auf die Achsel klopfend, »ist es wahr, was man mir sagt? Du willst die Dummheit machen, dich zum zweitenmal zu verheiraten? Was, was? Die Dummheit, ja! Ist das wahr? Was, was?« Unsicher, verlegen beugte Sir William das Knie. »Majestät geruhen allergnädigst zu verzeihen – es ist bereits geschehen. Heute morgen war die Trauung.« »Was? Die Trauung? ... Ach, ja, Pitt meinte ja, es ginge nicht ohne sie! ... Hm ... Das Mädchen soll ja sehr schön sein. Sehr schön, ja. Wenn du's nur nicht mal zu bereuen hast, William! Nicht zu bereuen! ... Was, was? ... Na, dann kannst du sie mir ja mal bringen, deine Frau! Ich will sie mir doch auch mal ansehen, die ... wie hieß sie doch? Hebe Vestina? Was, was? ... Na, für die Lasterhöhle Neapel ist das vielleicht ganz gut, nicht? Vielleicht das einzig Richtige. Was, was? Haha! Ja! Also bring' sie mir nur! Bring' sie mir ...« – – – – – – – – Neapel ... Die Hussiers öffneten die Flügeltüren des Audienzsaales. Der Zeremonienmeister stieß seinen Stab auf den Boden. »Ihre Exzellenz Lady Emma Hamilton, Gemahlin Seiner Exzellenz Sir William Hamilton, bevollmächtigten Gesandten und Ministers Seiner Majestät des Königs von Großbritannien und Irland!« An der Hand des Premierministers Sir Acton trat Emma ein, empfangen von den bewundernden Blicken des Hofstaats. Vor dem Thronsessel sank sie halb in die Knie, geneigten Hauptes in der Stellung verharrend. Die Königin reichte ihr die Hand zum Kuß. Und während Lady Hamilton ihre Lippen auf diese königliche Hand drückte, drang Maria Carolinas Stimme leise in ihr Ohr. »Endlich!« Ihre Augen trafen sich ... lächelten einander zu...   Ende.   Benutzte Quellen (Geschichtswerke, Dokumente, Manuskripte) Walpole, Horace, George III memoirs of his reign, 1851; Derselbe, Letters to Sir Horace Man; Jesse , Memoirs of George III, 1866; Brougham, Historical sketch of statesmen of the time of George III (deutsch, 1839–40); Wortley Montagu , Lady Mary, Letters; Junius , Letters; Gibbon , Miscellaneous works and memoirs; Burke , Anecdotes of the aristocracy; Wraxall , Hist. Denkwürdigkeiten meiner Zeit (deutsch 1816); Anderson , History of George the Third's reign, 1891; Massey , History of England during the reign of George III, 2. 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