Dietrich Theden Die zweite Buße Erstes Kapitel. Der Winter hatte Schloß Timmhusen in ein weißes Kleid gehüllt. Unter dicker Schneedecke lagen die schrägen Strohdächer der Wirtschaftsgebäude, der weite Hof und das Schiefergrau der Schloßbedachung. Die Mittagssonne traf blendend auf das jungfräuliche Weiß; sie hatte keine Gewalt über die spröde glitzernden Kristalle, aber sie belebte sie mit einem diamantenen Sprühen und Blitzen, glitt spiegelnd über die Fenster des Schlosses, färbte den dünn kräuselnden Rauch der Schornsteine zart lichtblau und zauberte in das herbe Winterbild eine farbenfrische, heiter stimmende Abwechselung. Komtesse Helene von Luckner, die jüngste Tochter des Gutsherrn, öffnete im oberen Stockwerk des Schlosses ein Fenster, griff mit beiden Händen in den auf dem Sims liegenden Schnee und formte eilfertig einen Ball. Sie beugte sich vor, spähte mit den lachenden Blauaugen nach unten und traf mit keckem Wurf den Vater, der eben in Jagdausrüstung aus dem Schlosse getreten war. Graf Christian von Luckner blickte sich um und blinzelte, als er niemand in der Nähe gewahrte, nach oben. »Racker!« rief er hinauf. Aber das Fenster war schnell wieder geschlossen worden, und nur das Geräusch des Zuschlagens bestätigte ihm, daß er sich in seiner Vermutung über die Herkunft des Scherzgeschosses nicht getäuscht hatte. Auch die Urheberin des Attentats vermutete er richtig, wenngleich er in einigem Mißtrauen eine ungehörige Vertraulichkeit der Hausmamsell nicht für ausgeschlossen hielt. »He!« rief er, trat einige Schritte vom Hause fort und suchte die Gestalt der Tochter noch am Fenster zu erkennen. »He, he!« wiederholte er und lockte zu seiner Beruhigung die Attentäterin aus ihrem Versteck hervor. Ihr frisches Gesicht strahlte im Uebermut, und sie klatschte vergnügt in die Hände. »Warte, du!« drohte der Graf, nickte dem Liebling zu und setzte den Weg fort. Er schob die Hände in die warm gefütterten Taschen des kurzen, ihm erst vom Weihnachtsmanne bescherten Jagdpelzes, bog um das Schloß herum in den Park und trat durch eine nur angelehnte Holzpforte auf das freie Feld. Blendend licht, wie der Gutshof, lag die weite Feldfläche. Ein Sonnenspielen zu Füßen des Jägers und über seinem Haupte bis ins Himmelsblau. Die Knicke verschwanden fast unter der schweren Schneehülle, und nur eine Tannenwaldung hob sich in einiger Entfernung kontrastierend von der einförmig weißen Ebene ab. Ein Gewirr von Wildspuren kreuzte bis dicht an den Park, und ein Hase wurde aus dem schützenden Schneelager flüchtig, ohne daß der Graf Miene machte, ihm das verhängnisvolle Blei nachzusenden. In der Nähe der Tannenwaldung drängte sich das Geräusch von Beilschlägen in die Stille, und als der Graf den niedrigen, Feld und Wald trennenden, buschlosen Wall erklettert hatte, gewahrte er in einer Lichtung eine Anzahl von Waldarbeitern, die mit dem Zerkleinern und Aufschichten von Brennholz beschäftigt waren. Wie im Dreschertakte fielen die Axtschläge, und das Schnarchen der Sägen vervollständigte das einförmige Konzert. »Löhr!« rief der Schloßherr. Ein Arbeiter lehnte seine Axt gegen einen Kiefernstamm, näherte sich einer aus Brettern roh gezimmerten Schutzhütte und schien durch die halbgeöffnete Tür ins Innere hineinzusprechen. Nach einigen Augenblicken machte er einem Forstgehilfen Platz, der über die Lichtung auf den Gutsherrn zueilte. »Gut geruht?« fragte der Schloßherr ironisch. Der junge Beamte salutierte militärisch. »Es ist Wochenschluß, Herr Graf. Ich habe die Arbeiterliste kontrolliert und die Löhne berechnet.« »Durch die Bretter können auch Luchsaugen nicht spionieren.« »Es ist die Wahrheit, Herr Graf.« »Sind Sie mit der Berechnung fertig?« »Ja.« »Bringen Sie mir die Liste.« »Zu Befehl!« Graf Luckner, der bis vor einem Jahrzehnt als Rittmeister bei den ersten Garde-Ulanen gestanden hatte, liebte die militärische Haltung, und dem Beamten, der erst vor kurzem den Rock des Königs ausgezogen und dafür die grüne Jägertracht eingetauscht hatte, machte sie keine Mühe. Luckner sah die ihm überreichte Liste mit einiger Aufmerksamkeit durch. »Jörgen Tabbeck zwei Mark –?« fragte er stirnrunzelnd. »Der Mann ist noch krank. Er hat einen Tag zu arbeiten versucht, mußte dann aber wieder zu Hause bleiben.« »Woher wissen Sie, daß er mußte?« »Ich habe nachgesehen, Herr Graf.« »So, haben –! Der Verwalter soll mir Bericht erstatten.« »Zu Befehl!« »Wie: Johann Suhr zwölf achtzig –?« »An zwei Tagen je zwei Stunden Ueberarbeit, Herr Graf.« »Der Kerl will wohl reich werden?« »Sein Sohn, der bei den Dragonern in St. Avold steht, bekommt einen kleinen Zuschuß von ihm.« »So, das ist etwas anderes. Des Königs Rock ehren, ist auch eine Tugend. Und wer sich den Zuschuß gestatten kann – schön. Hm, fällt mir da ein – sagen Sie mal: ist der Mann, der alte Suhr, nicht ziemlich rot gesinnt?« »Er ist ein zuverlässiger Arbeiter.« »Darnach frage ich nicht. Rot, was?« »Zu Befehl, es heißt so. Ich weiß nicht, ob mit Recht.« »Nicht. Na, ich werde ihm mal auf den Daumen passen. Und wenn – – die achtzig plus werden ihm samt seinem Dragoner gestrichen ... Klaus Pa – Pa – – wie heißt der Kerl?« »Klaus Papendieck.« »Nanu, wo kommt denn der her?« »Ersatz für Kröger, der weggezogen ist.« »Ah so. Macht sich –?« »Bis jetzt, ja.« »Fritz Dressen – acht – ist das nicht der Halbblöde?« »Zu Befehl?« »Und der tut mit?« »Der Lohn wird ihm zu zwei Dritteln gerechnet.« »Verrechnen Sie sich man nicht aus meiner Tasche, mein Geehrter! Ich will mal einen Strich daneben machen und darauf zurückkommen. Hat der nicht mal 'ne Fensterscheibe in der Meierei eingedrückt?« »Vor einigen Wochen, Herr Graf.« »Hat er die bezahlt?« »Es sind ihm eins vierzig vom Wochenlohn abgezogen worden.« »Ganz nach Billigkeit. Ah, der Musjöh Hinrich Körten – je länger die Liste, um so schöner die Exemplare. Acht fünfzig – einen und dreiviertel Tag geschwänzt – natürlich, Musjöh Körten-Hinrich. Wer des Nachts wacht, muß den Tag über im Bau liegen. Wenn der nicht seine paar Dutzend Krumme in diesem Winter weggegaunert hat, will ich nicht Luckner heißen. All die Schlingen, die gefunden worden sind, kommen ihm aufs Konto.« »Er bestreitet das, Herr Graf.« »Soll er sich auch noch selbst eine Schlinge stellen? So dumm ist der dümmste Spitzbube nicht. Aber er soll sich nicht erwischen lassen. Krieg' ich ihn, dann hab' ich ihn. Ich – werde mal einen Gang nach der Birkwiese machen; da komme ich an seinem Bau vorbei und werde nachsehen. Sie bleiben einstweilen hier, bis ich zurück bin. Ist der Körten bei der Arbeit?« »Zu Befehl, ja.« »Schön, also in ein paar Stunden erwarten Sie mich. Apropos, noch eins! Da steht am Schluß der süße Liebesbengel Dütje. Der Kerl macht nachgerade ganze Gegend unsicher... Ist er da?« »Zu Befehl!« »Dütje, kommen Sie mal her!« Der Gerufene gehorchte ohne sonderliche Eile. »Kanonendonnerwetter, soll ich ihm Beine machen?« Dütje stand stumm vor dem Gutsherrn. »Schleppt die Pedale wie ein altes Kamel! Nicht Soldat gewesen, kein Schneid in den Knochen! Bombenelement – und das ist der Schürzenjäger, dem kein Weg zu weit und kein Fenster zu hoch ist? Schämt er sich denn nicht, der Kerl, daß alle Welt mit Fingern auf ihn weist? Hat er ganz wieder vergessen, was er in der Schule gelernt hat, daß er nicht ehebrechen soll, oder ist das in seinen dummen Schädel überhaupt nicht hineingegangen? Skandal, was man alles von ihm hören muß! Haben Sie da was zu suchen auf Tönndorp? Mensch, wenn Sie dahin latschen wie eben zu mir, da brauchen Sie ja sieben Jahre! Oder geht's auf dem Wege flinker, he? Ich will mir's aber verbeten haben, verstehen Sie mich? Einmal hat mir's Graf Tönndorp gesagt; ein zweites Mal will ich das nicht hören, oder es setzt was. Ein vernünftiger und achtenswerter Mann heiratet, wenn er in die Jahre kommt, oder er holt sich eine zweite, wenn ihm seine erste bessere Hälfte verloren gegangen ist. Wer aber eine ganze Provinz abläuft, ist und bleibt ein Luderjahn und verdient, daß man vor ihm ausspuckt. Kehrt marsch, und geduckt, sonst blase ich ihm den Marsch vom Gute!« Der Mann ging etwas beschleunigter, als er gekommen war. Das zu einem spöttischen Lachen verzogene hagere Gesicht und die verschmitzt funkelnden Augen zeugten aber nicht gerade von Vorsätzen zur Besserung. »De hett gaud snacken!« raunte er mit einem Achselzucken seinen Kameraden zu. »Makt he dat anners?« Die Leute hörten zu, ohne zu antworten. »Bitte –« Graf Luckner reichte dem Forstgehilfen die Liste zurück. »Rekruten drillen ist auch kein Vergnügen,« brummte er noch, »aber Landwirt spielen und sich mit solchen – solchen Stoffeln herumplacken – sieben mal siebzig Scheffel Geduld sind immer noch zu wenig.« Er legte die Hand flüchtig an die Pelzmütze, kletterte auf das Feld zurück und folgte dem Waldsaum. Die hochragenden Stämme der Kiefern tuschten dunkle Striche in das Schneebild, bis der Nadelwald von Laubholzung abgelöst wurde und die grauweißen Stämme der Buchen sich dem Winterbilde wieder mehr einschmiegten. Graf Luckner verließ das Feld und hielt sich eine Zeitlang an der Innenseite der Waldgrenze. Nach viertelstündiger Wanderung folgte er einem vom Felde einmündenden Fußsteig in das Innere des Forstes und erreichte eine Waldwiese, die nach dem sie umgebenden Baumschlag die Birkwiese genannt wurde, wie das an ihr gelegene ehemalige Forsthaus aus dem gleichen Grunde das Birkhaus. Das neue Forsthaus war von dem Grafen in ein entfernteres Revier verlegt und das Birkhaus, das vorübergehend als Arbeiterwohnung gedient hatte, dem Forstgehilfen Löhr und seiner Schwester überwiesen worden. Sophie Löhr führte, da die Eltern gestorben waren, dem Bruder den Haushalt und half an einigen Arbeitstagen und bei besonderen Anlässen der Hausmamsell im Schloß. Sie hatte auf dem Timmhusen benachbarten Gute des Grafen Tönndorp eine vorzügliche Schule im Haushalt durchgemacht und verstand es, aus ihren Kenntnissen sowohl für die eigene enge Umgebung wie für das Schloß Nutzen zu ziehen. Das Birkhaus war wenig mehr als eine Hütte; nur in der trügerischen Winterhülle hatte es etwas Idyllisches. Die schlechten Lehmwände waren mit Kalk getüncht, durch die kleinen, bleigefaßten Fenster schimmerten weiße Waschgardinen, das schäbige Strohdach lag sorglich geborgen unter dem Schneetuch, und so wirkte das lichte Bild fast überraschend freundlich. Auch der Gutsherr empfand das und blieb unwillkürlich stehen, um den Anblick länger auf sich wirken zu lassen. Ein Zuckerhäuschen, das er einmal als Kind geschenkt erhalten hatte, kam ihm in Erinnerung; so ähnlich zum Anbeißen verlockend und so sauber weiß in weiß – nur in den Maßen vergrößert – lag das Birkenhaus da in dem blinkenden Kristallschmuck. Er bog vom Fußsteig ab auf das Haus zu, pochte einigemal an der niedrigen Tür und suchte zugleich zu öffnen. Aber erst nach wiederholtem Klopfen wurde innen eine weibliche Stimme mit der Frage laut: »Wer ist da?« »Luckner.« Ein Riegel wurde zurückgeschoben und die in zwei Hälften geteilte Tür aufgezogen. »Herr Graf –?« »Zu Befehl, mein Fräulein –« »Mit meinem Bruder?« »Nein. Allein. Wollen Sie mir den Eintritt verwehren?« »Sie wissen, Herr Graf, wenn mein –« »Brauchen Sie eine Schutzwache?« »Das nicht –« »Fürchten Sie sich?« Die Tür ging vollends auf. »Bitte, nicht mit dem Schnee!« bat Sophie Löhr. Graf Luckner stampfte gegen die Schwelle und suchte die Fußbekleidung von dem Schnee zu reinigen. »Ein Paradies, Ihr Birkhaus,« sagte er im Nachklang der aufgenommenen Stimmung. »Ihr Schloß wäre mir lieber,« lautete die nüchterne Entgegnung. »Ich wollte, ich könnte es mit Ihnen teilen!« »Das ist leicht gesagt –« Sie nötigte ihn in das niedrige Wohngemach, das bei aller Dürftigkeit etwas freundlich Anheimelndes hatte. Die Diele war mit Sand sauber bestreut und die Decke hell gestrichen und mit einigen Farbenklexen, die Blumen darstellen sollten, primitiv bemalt. Die Möbel – ein Sofa mit ehemals grünem Bezug, ein paar Stühle, ein Tisch und eine Kommode – waren alt und plump; den verschossenen Sofabezug verdeckte aber eine hübsche Häkelarbeit und den Tisch ein tadellos weißes Linnentuch. In dem Kachelofen knisterte ein Holzfeuer, und aus einer Röhre drang der Geruch von geschmorten Aepfeln. Der Graf schnupperte und lachte. »Bratäpfel? Geben Sie mir einen ab,« bat er. »Gern.« Luckner schmauste mit Appetit. »Das Einfachste ist doch allemal das Beste,« sagte er zwischendurch. »Im Manöver ein Stück Landbrot und ein Happen Speck oder Wurst, und eins wie das andere mit dem Taschenmesser zugeschnitten – das rutscht. Und ein schöner Schmorapfel einfach zwischen den fünf Fingern – das rutscht auch.« Er musterte das Mädchen ungeniert. Sie war von mehr als Mittelgröße und von einem gewissen angenehmen Ebenmaß, wenn auch mehr derb und knochig, als schlank und biegsam. Das rundliche Gesicht zog mit seinen blühenden Farben an, ohne gerade schön zu sein; der Mund war schwellend, die Stirn frei, der Blick des grauen Auges lebhaft, mit einem Gemisch von Offenheit und Undurchsichtigkeit. Schön war das rotblonde Haar, dessen Fülle mit der gesundheitstrotzenden Gestalt im Einklange stand und dessen kupferne Reflexe diskret aufglänzten und verloschen wie das verhüllte Fragen und Sagen der Augen. »Soll das eine Mahnung sein, weil ich Ihnen keinen Teller geholt habe?« fragte sie. »Bewahre, brauche ich nicht. Machen Sie's anders?« »Ja, ich –!« »Es schmeckt mir famos. Geben Sie der Mamsell im Schloß Ihr Rezept –« »Da ist keine Kunst bei –« »Die ist überall. Am meisten in der Küche ... Ich nehme Platz – Sie gestatten mir – –« Er ließ sich auf dem Sofa nieder und legte das Gewehr über die Kniee. »Wenn mein Bruder –« wandte sie ein. »Der hat zu tun. Vor Feierabend sehen Sie ihn nicht. Ich habe ihm vor einer halben Stunde aufgetragen, auf mich zu warten.« »Weiß er –?« »Nur daß ich nach der Birkwiese wolle, habe ich ihm nicht verschwiegen. Zu dem Musjöh Kürten. Ich gehe nachher auch hin. Ihr Bruder scheint die Zügel straff zu führen. Gefällt Ihnen das?« »Er schreibt mir nichts vor,« behauptete sie. »Aber er überwacht Sie.« »Das hat er nicht nötig. Ich weiß allein, was ich zu tun habe oder was nicht –« »Wissen Sie das–?« »Ich meine.« »Ich meine nicht, wenn es Ihnen auch klar sein sollte. Jeder Mensch hat das zu tun, was ihm zum Vorteil gereicht – was ihm angenehm oder nützlich ist, oder beides zusammen. Sie könnten beides haben – und ich das Angenehme mit Ihnen. Ich bin mit meinen achtundvierzig Jahren noch zu jung, um schon den Freuden des Lebens Valet zu sagen, und es liegt auch sonst kein Grund vor, der mich zur Askese zwingen könnte. Meine Frau ist tot, und die Rechte meiner beiden Kinder werden nicht geschädigt, wenn ich noch ein anderes Frauenherz finde, das mir zugetan ist. Leuchtet Ihnen das ein?« Sophie Löhr hatte ihm mit widerspruchsvollem Interesse zugehört und ihn zuweilen mit scheuem Auge gestreift. Nach seiner Frage senkte sie den Blick und sah, während ihre Wangen sich höher färbten, schweigend vor sich hin. »Hätte ich den Vorzug,« fuhr der Graf fort, »in einer größeren Stadt zu leben, so brauchte ich um eine Gefährtin nicht lange zu sorgen. In den Frauen der Großstadt rollt dasselbe Blut wie in denen bei uns auf dem Lande; aber es ist leichtflüssiger, edelflüssiger möcht' ich sagen, und läßt sich deshalb von Vorurteilen nicht eindämmen, wenigstens nicht lange. Und dann ist da auch die Erfahrung mehr bei der Hand, die die Vorurteile in ihrer Nichtigkeit bloßlegt und den Zögernden darüber hinweghilft. Da sieht kaum ein vernünftig Denkender etwas darin, wenn ein Weib sich den Lebenskampf von einem Manne erleichtern läßt, der ihr zwar nicht seine Hand, aber im Grunde mehr: sein Herz bieten und sie aus diesem heraus auch materiell sicherstellen oder mindestens fördern kann. In der rauhen Feld- und Waldluft auf dem Lande ist der Sinn der Menschen rauher, und es fehlt das abklärende Beispiel. Aber ganz mit Bretterwänden abgezäunt ist die Welt und die Einsicht da doch auch nicht, und gerade bei Ihnen, Fräulein Sophie, hätte ich gehofft – und gewünscht! – ein reiferes Verständnis zu finden, als im allgemeinen vorhanden sein mag. Sie sind zwar auch nicht weit herum gekommen, aber hinter Ihrer klugen Stirne vermute ich mehr, als hinter den breiten Schädeln der Masse ...« Er war in eine Art Vortrag verfallen, dem sie in den Einzelheiten wohl nicht ganz klar zu folgen vermochte, den sie aber dem Sinne nach doch wohl verstand. Die Hände in den Schoß gelegt, saß sie ihm gegenüber, und ein Blutwellen in den Wangen, ein Zucken der vollen Lippen verriet ihre seelische Anspannung. »Ich wäre unglücklich,« spann Luckner den Faden weiter, »wenn ich mich getäuscht haben sollte –« Er unterbrach sich für ein paar Sekunden, weil ihm einfiel, daß seine Liebesfahrten doch ziemlich bekannt sein dürften und möglicherweise auch dem Mädchen vor ihm als unbequeme Waffe dienen konnten. Vorbeugend und beschönigend ergänzte er: »Abermals – zum hundertsten Male getäuscht! Wie – habe ich gesucht, auf Tönndorp, auf Neurade, auf Depenau, ringsum auf meinem eigenen Besitztum – und nirgends gefunden – nirgends die Rechte. Endlich Sie, nach Jahren! Aber sind Sie nun die Rechte? Sie könnten es sein. Ich habe keine Gelegenheit gehabt, mich mit Ihnen auszusprechen. Hören Sie mir einmal willig zu. Wenn ein Ehrenmann ein Mädchen findet, das ihm wert ist, dann kann er sie auch anders versorgen als durch die goldene Fessel der Ehe. Und wird es. Ich wäre mit mir zum Beispiel vollkommen im reinen. Der alte Förster – ich habe ja nichts gegen ihn – aber er wird doch gebrechlich und muß über kurz oder lang durch eine jüngere Kraft ersetzt werden. Die jüngere Kraft wäre – meine Lieblingsidee – Ihr Bruder. Der Posten ist verantwortlich und fordert im Grunde mehr Erfahrung – mein Vertrauen würde aber die Erfahrung ersetzen. Ueber Jahr und Tag – oder früher – könnten Sie in das Forsthaus übersiedeln, und meine Freundschaft würde Ihnen eine sorgenlose Zukunft verbürgen.« Er streckte ihr die Hand hin. »Wollen Sie einschlagen, Sophie?« Sie rührte sich nicht. »Sie bedenken sich?« drängte er. »Ich will mir's überlegen,« hauchte sie. »Ach – überlegen! Ein frisches Wagen ist besser als alles Wägen!« Sie schüttelte zweifelnd den Kopf. »Nein, ich muß das – bedenken –« »Was denn?« »Mein Bruder –« »Der sollte Ihnen doch dankbar sein!« »Ja – aber – –« Sie sprang auf, von brennender Röte Übergossen. »Nein – gehen Sie – ich – ich – –« »Gut.« Der Schloßherr erhob sich, zögerte unschlüssig und suchte sich ihr dann doch zu nähern. Sie streckte ihm abwehrend die Hände entgegen. »Nicht – nicht –« bat sie hastend. »Ich darf wiederkommen?« Sie nickte kaum bemerkbar. »Dann gebe ich mich zufrieden. Sophie, ich sehe ein gutes Ende. Am Montag fahre ich nach Kiel, Dienstag ist Jagd, am Mittwoch hole ich mir Ihr Ja! Das Nein ist doppelt so lang und wird nicht angenommen. Geben Sie mir zum Abschied die Patsche?« Sie schlug zögernd in die ihr gebotene Rechte. »Mittwoch?« wiederholte er. Sie widersprach nicht. »Also auf Wiedersehen!« Er bückte sich in den niedrigen Türen von Stube und Flur, grüßte noch einmal und stapfte durch den Schnee nach dem Fußsteig zurück, um diesen bis nach der Kate Hinrich Körtens weiter zu verfolgen. »Doch verdammt langweilig,« knurrte er in den soldatisch starken, graumelierten Schnurrbart. »Ich glaube, der steife Dütjebengel fährt wahrhaftig schneller als ich. Aber mit der Zeit kapituliert auch die stärkste Festung.« Daß er sich nach der Dütje erteilten derben Belehrung selbst nicht zu richten beliebte, fiel ihm nicht weiter auf. In der Umgebung der Körtenschen Kate untersuchte er scharf alle Zaun- und Buschlücken nach ausgestellten Schlingen, ohne auch nur irgendwo eine Spur von Wilderei entdecken zu können. »Na, der Kerl wird so dämlich sein, mit dem Löhr dicht auf der Nase,« überlegte er. »Als ob das Revier nicht groß genug wäre.« Auch auf dem die Birkwiese umsäumenden Knick blieb sein Suchen umsonst, soviele Wildwechsel er auch fand. Ein Lampe hüpfte abermals in Schußweite vor ihm sorglos auf die weiße Fläche. Der Graf riß das Gewehr von der Schulter, und der Schuß krachte mit lautem Echo. Der unvorsichtige Krumme lag auf der Strecke und wanderte in die Jagdtasche des Schützen. Luckner strich sich befriedigt den Schnauzbart. An dem Krummen lag ihm nichts, aber der Schuß mußte auch von den Waldarbeitern und Löhr gehört worden sein und ihnen anzeigen, daß er erlaubtem Wilde nachstellte – wenn sie etwa anderes geargwöhnet haben sollten. Er schlug einen Richtweg nach der Lichtung ein und übergab die Jagdbeute an den Beamten. »Lassen Sie im Schlosse abliefern, Löhr. Der Körten weiß Bescheid damit, der Umweg wird ihm gut tun. Haben Sie Herbrinck gesehen?« Hans von Herbrinck war der Verwalter. »Er läßt auf dem Nettelsee Eis schlagen und wird dort sein.« »War der Bedarf noch nicht gedeckt?« »Das Eis war noch nicht gut.« »Was, bei dem Froste seit vierzehn Tagen?« »Die Leute hatten noch mit Dreschen zu tun. Und dann waren doch auch die Feiertage.« »So, und hinter dem Eise hätte ich das Nachsehen gehabt, wenn –. Na, das geht Sie nichts an, das werde ich mit Herrn von Herbrinck selbst ausmachen. Ich lasse ihn nach Feierabend zu mir bitten.« »De is wedder mal verkihrt upstahn,« murrte der gemaßregelte Dütje hinter ihm her. »Oder de Mamsell hett em den Meddag anbrenn'n laten,« pflichtete Hinrich Körten mit heiserem Baß bei. »Wenn de sick man mal sin grote Snut verbrenn'n wull,« wisperte Dütje giftig. »Dütje!« rief kurz vor Feierabend Löhr über den Platz. »Jo –« »Elf achtzig, Dütje. Zweimal sind Sie zu spät gekommen.« »Jo. Na, denn dank ick ok.« Alle traten nach der Reihe an, wie sie gerufen wurden. »Suhr, Sie wohnen Tabbeck am nächsten. Herr von Herbrinck hat gesagt, die Frau soll sich das Geld aus dem Verwalterhause holen.« »Jo, denn warr ick dat bestelln.« »Zwölf achtzig, Suhr.« »Jo, un ick dank ok.« Die Arbeitsgeräte wurden in die Bretterbude gebracht, der Forstgehilfe legte ein verrostetes Hängeschloß vor die Türe und verließ den Werkplatz als Letzter. Den Krummen nahm er selbst mit. Auf dem Gutshof wurde er nicht lange aufgehalten. Herrn von Herbrinck traf er im Verwalterhause, übermittelte ihm den Auftrag des Grafen und machte sich auf den Heimweg. Im Mondlicht erkannte er leicht die Fußspuren des Schloßherrn vor dem Birkhause. Mit umwölkter Stirn trat er seiner Schwester gegenüber. Aber das Mädchen kam seinen Fragen zuvor. »De Graf wier hier,« erklärte sie harmlos. »Int Hus –?« »In'n Vörbigahn, Fritz ... Wat harr denn de bi uns herum tau säuken?« fragte sie unschuldig. Fritz Löhr schien nicht ganz beruhigt. »De Schuß käum von de Birkwiesch her,« bemerkte er nebenbei. »Ja, ick stünn gerad ant Finster,« erzählte Sophie. Löhr entledigte sich seiner schweren Stiefel, trat zu der Schwester an den Herd und sagte mahnend: »Du, nimm di vör den'n in acht.« In dem Mädchen kämpften Trotz und momentane Verlegenheit. Aber die letztere war rasch überwunden. »Der deiht mi nichts,« erklärte sie ruhig. Zweites Kapitel. Das Arbeitszimmer, in dem Graf Luckner den Verwalter erwartete, lag an der Rückseite des Herrenbaues, mit den Fenstern nach dem Park zu. Es war ein ausgedehnter, wohnlich eingerichteter Raum, dessen neue Eleganz bald die moderne Herkunft erkennen ließ. In der Tat war das Schloß erst vor einigen Jahren im Innern wie im Aeußern vollständig renoviert und auch fast die gesamte Ausstattung erneuert worden. Das Herrenhaus befand sich, als Graf Christian die Uniform auszog und das väterliche Erbe übernahm, in einem ziemlich verwahrlosten Zustande, dem abzuhelfen des Grafen sehnlichster Wunsch war. Aber der Wunsch blieb einstweilen unerfüllbar, denn der Vorgänger, Graf Heinrich von Luckner, hatte das Gut mit Hypotheken überladen und zugleich auf einem wirtschaftlichen Tiefstande hinterlassen, der den Erben vor einen fast aussichtslosen Kampf stellte. Zu allem Unglück hatte der Rittmeister, der mit Passion Soldat gewesen war, sich nie recht um die Landwirtschaft gekümmert und sollte nun plötzlich eine Aufgabe lösen, der er nicht nur nicht gewachsen war, sondern die er auch nicht einmal in ihren Einzelheiten und in ihrer Tragweite zu übersehen vermochte. Er kehrte Potsdam den Rücken und nistete sich resigniert in dem verfallenen Schlosse ein, aber er wußte nicht ein noch aus und erkannte zu seinem Schrecken bald, daß er nicht einmal imstande sein würde, den alten Sitz seiner Vorfahren auf die Dauer auch nur zu behaupten. Er war sogar schon mit einem der drängendsten Gläubiger in Verkaufsverhandlungen getreten, als sich ihm unerwartet in letzter Stunde eine rettende Hand darbot, in die er natürlich freudig einschlug. Ein Regimentskamerad, dem er in einem Briefe mit einiger Deutlichkeit seine Not geklagt hatte, machte ihn auf einen Freund aufmerksam, der nicht nur ein bedeutendes verfügbares Vermögen besitzen, sondern vor allem auch ein tüchtiger Landwirt sein sollte. »Mein Freund Hans von Herbrinck,« schrieb der ehemalige Waffengefährte, »ist befähigt und geneigt, die Leitung eines großen Gutes zu übernehmen, und ich zweifle kaum, daß er, wenn es not tut, auch einen Teil seines Kapitals einzusetzen gewillt sein wird, vorausgesetzt, daß eine einigermaßen aussichtsvolle Sicherheit geboten werden kann.« Graf Christian ging auf den Gedanken des Kameraden sogleich ein und bat Herrn von Herbrinck um seinen Besuch. Ein Mann von nicht ganz dreißig Jahren, eine hochgewachsene Kerngestalt mit ruhig vornehmer Haltung und einem ausgeprägt ernsten Wesen, stellte sich ihm vor und ersuchte um näheren Aufschluß, den Graf Luckner anstandslos und ehrlich erteilte. Herr von Herbrinck hielt sowohl mit seinem Entschluß wie mit seinem Urteil zurück und unterzog mit Erlaubnis des Schloßherrn das Gut zunächst einer eingehenden Prüfung. »Da liegt vieles im argen,« erklärte er dann wortkarg und fügte schlicht hinzu: »Aber der Boden ist gut, und die Ertragfähigkeit läßt sich in einigen Jahren derart heben, daß die Rentabilität wohl nicht mehr in Frage steht. Wollen Sie mir vertrauen, Herr Graf?« »Sie sind mir von einem Ehrenmann empfohlen worden, deshalb schätze ich Sie und gebe Ihnen unbedingte Vollmacht,« erwiderte Luckner zuvorkommend. Hans von Herbrinck war entschlossen. »Ich bitte um die Erlaubnis, die Hypotheken von Sauer und Bunk mit meinen Mitteln ablösen und sie auf mich übertragen zu dürfen.« »Das wollten Sie?« fragte Luckner freudig angeregt. »Der Sauer quält mich am meisten.« »Wir müssen die Hände frei bekommen,« erläuterte Herbrinck sachlich. »Allein die Zinsen würden uns in den ersten Jahren stören; ich darf sie deshalb stehen lassen, bis sie ohne Schwierigkeit abgehoben werden können.« »Ihre Hand, Herr von Herbrinck!« »Gegen Ihr Vertrauen, Herr Graf,« entgegnete Herbrinck. Schon bald zeigte es sich, daß Graf Luckner den rechten Mann an den rechten Platz gestellt hatte. Hans von Herbrinck war ein gründlicher Kenner der Landwirtschaft und ein energischer Charakter, der mit fester Hand zufaßte und die Schäden fast überraschend schnell heilte. Er mußte einen erheblichen Teil seiner eigenen Mittel aufwenden, ehe er daran denken konnte, Ernte zu halten; aber er tat es zielbewußt und ohne Zögern und hatte nach einigen Jahren die Genugtuung, einen ersten ansehnlichen Ueberschuß buchen zu können. Und dann ging es Schritt um Schritt weiter, bis der Graf sich sogar wieder einigen Luxus gestatten und von neuem den Lieblingsgedanken der Schloßrenovation erwägen konnte. Herr von Herbrinck sprach in seiner bescheidenen und doch bestimmten Weise noch ein paar Jahre gegen den kostspieligen Plan, und der Schloßherr fügte sich ihm. Als der Gedanke dann aber zur Ausführung kam, waren auch reichliche Mittel vorhanden, und der Graf konnte ohne ängstliche Rücksicht auf den Geldpunkt bessern und verschönern nach seinem Belieben. »Herbrinck,« sagte er in seinem neuen Heim, »was Sie an mir und meinen Kindern getan haben, vergesse ich Ihnen nicht, mein Ehrenwort darauf! Schade, daß ich über keinen Hausorden verfüge,« scherzte er, »Sie müßten ihn bekommen mit Kette und Stern. Na, ein Handschlag ist auch was wert. Sie sind mir wert geworden wie ein Bruder.« Das war ehrlich gemeint und wurde im ganzen gehalten, wenn auch der dauernd zunehmende Wohlstand und die allmählich wachsende wirtschaftliche Einsicht des Grafen diesen sich ab und zu wieder mehr als Herrn fühlen und sich als solchen besonders den Arbeitern gegenüber mehr als nötig oder rätlich zeigen ließ. In einer Art Herrenlaune befand er sich auch, als der Verwalter ihn auf die von Löhr ausgerichtete Bestellung hin aufsuchte. »Nehmen Sie Platz, lieber Herbrinck,« sagte der Schloßherr nach der Begrüßung und wies auf einen der roten englischen Ledersessel neben dem Schreibtisch. »Der Löhr scheint sich Sand in die Augen streuen zu lassen – ah, ich sehe, Sie haben seine Liste mitgebracht. Der Mann ist noch zu jung, wenn er auch einen redlichen Willen zeigt. Ich habe Veranlassung genommen, einmal selbst nach der Ordnung zu sehen, und bin da aus einige Punkte gestoßen, die mir der Aufklärung nicht unbedürftig scheinen.« »Ich finde den Namen Dressen mit Blei angestrichen,« kam ihm Herbrinck zu Hilfe. »Ja, richtig, wir können auch mit dem anfangen. Verdient der Mann das, was er erhält?« »Vielleicht nicht immer. Sein Schwachsinn tritt bei Gelegenheit stärker hervor und ist ihm dann hinderlich. Er arbeitet aber nach seinen Kräften und erwirkt sich auch deshalb ein Recht auf Nachsicht, weil er seine alte Mutter mit zu ernähren hat.« »Nachsicht! Das Wort steht doch in keinem Arbeitsvertrage!« »Nach meinem Dafürhalten in allen,« beharrte Herbrinck mit Betonung. »Ja, auf meine Kosten!« wandte Luckner ein. »Auf Kosten angebrachter Güte, Herr Graf,« erklärte Herbrinck besonnen. »Sie wollen den Lohnsatz auch nicht ernstlich beanstanden?« »Gott, beanstanden, wenn Sie ihn genehmigt haben – Sie wissen ja, Ihnen widerspreche ich nicht, grundsätzlich nicht. Oder habe ich – –? Nur dem Löhr wollte ich mal auf die Finger passen. Also Dressen – gut, erledigt. Da gleich zu Anfang steht aber ein Name: Tabbeck, Jörgen –« »Der ist krank.« »Sie glauben auch daran?« »Der Mann ist zu bedauern. Ich habe die zwei Mark, von denen er mit seiner Familie nicht leben kann, in Würdigung der unverschuldeten Bedrängnis auf sechs erhöht.« »Das geht nicht, Herbrinck! Damit wird der angeblichen Krankheit nur Vorschub geleistet ...« »Sie beanstanden?« fragte Herbrinck nüchtern. »In diesem Falle selbstredend, aber selbstredend, lieber Freund –« »Danke.« »Natürlich, das kenne ich. Ihnen ist es nicht recht. Sie wollen eine regelrechte Vorsehung spielen. Verlangen Sie nicht gar, daß dem Musjöh Körten auch noch die Stunden bezahlt werden, die er von wegen seiner Wilddiebereien verschläft?« »Sie belieben zu scherzen.« »Beliebe ich gar nicht, nicht mal über den Dütje, den ich mal ordentlich abgekanzelt habe und den ich demnächst über die Grenze spedieren werde, wenn die Kanaille das Amorspielen nicht bleiben läßt. Schöner Amor, der steifpedalige Hanswurst! – Und der Suhr verdient mehr als irgend einer von den anderen?« »Ueberstunden haben in dieser Woche noch gehabt – –« Herbrinck las noch eine Reihe von Namen vor. »Die alle –?« »Bis zu zwei Mark.« »Das sind Wohl alles Dragonerväter?« witzelte der Graf. »Auch rot, wie der Suhr?« trumpfte er. »Seine politischen Anschauungen mögen verworren sein, im übrigen hat der Mann einen guten Kern und gibt zu Beschwerden keinen Anlaß.« »Nicht? Und verhetzt die anderen auch nicht?« »Nein. Das besorgen Sie leider selbst, Herr Graf.« Luckner schob seinen Sessel mit einem Ruck zurück. »Nu wird's Tag!« polterte er. »Ich – ich –? Ich werde doch wohl noch zeigen dürfen, wer auf Timmhusen der Herr ist?« »Ja, aber nicht mit der Reitpeitsche.« »Ah, so läuft der Hase? Nicht mal so einem dummen achtjährigen Beugel soll man eins überziehen dürfen, wenn er auf dem Miste Maulaffen feil hält, statt aufzuladen? Dem werde ich noch anders kommen!« »Das werden Sie besser nicht tun. – Den Krämer Lüttjohann haben Sie angezeigt, weil er den Leuten Schnaps verkauft hat –« »Gewiß, und mit Fug!« »Nein, leider nicht. Sollen die Leute die Stunde weit nach Reickendorf laufen, wenn ihnen der Krämer so viel näher wohnt?« Reickendorf war das nächste größere Dorf. »Meinetwegen bis nach Buxtehude –« »Es ist unbillig. Die Leute sind abends müde,« mahnte der Verwalter, ohne auf das protestierende Kopfschütteln des Grafen weiter zu achten. – »Den Meiereimädchen haben Sie am zweiten Weihnachtsfeiertage die Erlaubnis versagt, nach dem ›Pfeifenkopf‹ zum Tanz zu gehen –« »Ich will keine Herumtreiberinnen!« »Wie oft wird den Mädchen ein solches Vergnügen geboten? Dreimal im Jahr. An den zweiten Feiertagen von Ostern, Pfingsten und Weihnachten.« »O, zum Jahrmarkt, zum Erntefest –« »Gut. Ist das zu viel? Die Jugend soll nicht versauern. Fahren Sie nicht mit den Komtessen zuweilen nach Kiel oder Hamburg, um ein Theater zu besuchen? Das können die Mägde nicht, wünschen sie vielleicht auch kaum. Die Anregung, die ihrer Art mehr zusagt, ist der einfache Tanz, den sie verstehen, bei dem sie lachen und das junge Blut rascher kreisen lassen können.« »Sehen Sie, das Blut erhitzen – das sagen Sie selbst!« »Einmal frisch gejubelt, und die Arbeit geht noch mal so leicht –« »Verschwiemelt werden sie danach. Immer wieder juchzen wollen sie, heidi, hopsasa – kennen wir. Noch was –?« »Ich bitte um Geduld. Sie haben angeordnet, daß den Leuten kein Brennholz mehr überlassen werde –« »Kaufen sollen sie's, kaufen, lieber Herbrinck! Bekomme ich was geschenkt?« »Die Leute haben freie Wohnung, Anspruch auf Weide, Stroh und Heu für eine Kuh, ferner auf freies Brennmaterial – das ist in den niedrigen Löhnen mit verrechnet.« Luckner rückte nervös auf seinem Platz. »Gut, gut! Also dementieren Sie –« »Mehrere Leute hätten in der strengen Kälte nicht einmal heizen können, wenn ihnen nicht von Nachbarn ausgeholfen worden wäre. Das erbittert, Herr Graf.« »Ich sagte ja schon: lassen Sie weiter schleppen – meinetwegen, bis sie das ganze Gut aufgefeuert haben.« »Ihr Brauner hat beim Beschlagen einem der Schmiedegesellen –« »Weiß schon, weiß schon!« »– die Kniescheibe verletzt –« »Kann ich dafür, wenn die Leute unvorsichtig sind?« »Der Braune hat seine Tücken. – Der Mann hat fast ein Vierteljahr lang gelegen. Jetzt ist er hergestellt. Die Kosten von Doktor und Apotheke –« »Ja doch! Ja! Trage ich – Kreuzdonner – geben Sie dem Tabbeck auch seine sechs nichtverdienten Mark – aber klappen Sie endlich Ihre Mappe zu! Oder sind Sie immer noch nicht zu Ende?« »Ein paar Kleinigkeiten noch –« Luckner lief ungeduldig um seinen Schreibtisch. »Ordnen Sie das ganz nach Ihrer besseren Einsicht!« Er markierte den Aufgebrachten, war aber im Grunde zufrieden, wenn er nur nicht mehr behelligt wurde. »Dienstag ist Jagd,« lenkte er ab. »Richten Sie sich ein, daß Sie nicht wieder fehlen.« »Geht leider nicht. Der Frost scheint mir nicht mehr von Dauer, und da muß noch Eis gefahren werden.« »Lassen Sie mich mit dem verdammten Eis in Ruhe! Wenn Sie nicht dabei sind, fehlt mir was. Und Tönndorp und den anderen auch. – Was, acht? Setzen Sie Ihre Amtsmiene ab und kommen Sie mit zum Abendbrot, Herbrinck.« »Ich bitte noch um kurzen Urlaub.« »Noch zu tun?« »Nur ein paar Augenblicke. Dann werde ich mich beeilen.« »Na, denn man tau!« sagte Luckner lachend. Im Verwalterhause wartete die Frau des Arbeiters Tabbeck. Herbrinck drückte ihr drei Talerstücke in die Hand und erkundigte sich nach ihrem Manne. »Maandag wüll he dat wedder versäuken,« sagte die Frau. »Wird auch hoffentlich wieder gehen,« munterte Herbrinck auf. »Und wenn er zuerst nicht jeden Tag kommen kann, dann einen um den andern. Oder er setzt mal 'n halben Tag aus, wenn's nicht recht mehr weiter will. Mit der Zeit kommt er schon wieder über den Berg. Haben Sie denn noch Holz zu Hause?« »Bet Maandag langt dat.« »Schön. Gleich vormittags können Sie wieder holen, und die andern auch. Sie könnten das wohl noch bestellen, was?« »Jo, Herr von Herbrinck. Awer de Graf –« »War ja nur ein Mißverständnis von ihm, Frau Tabbeck, und ist längst wieder in Ordnung. Adjüs, bestellen Sie das nur.« »Jo? Denn is dat gaud.« Nickend ging die Frau, und Herbrinck traf Anstalten, der Einladung des Grafen Folge zu leisten. Graf Luckner stand mit seiner ältesten Tochter Eveline im Gespräch, während Komtesse Helene noch an dem reich und einladend gedeckten Tisch ordnete, als Herbrinck eintrat. Der Hausherr ging ihm entgegen und schüttelte ihm aufgeräumt die Hand. »Da ist auch Ihr Leibgericht, Herbrinck: geräucherter Lachs – frisch angekommen.« Helene von Luckner legte ihren Arm in den des Vaters und begrüßte den Gast mit strahlendem Lächeln, das ihm auch folgte, als er sich mit förmlicher Verbeugung der Komteß Eveline zuwandte. Die ältere der Schwestern neigte ein wenig den von brünettem Haar umrahmten Kopf und wies mit einer gemessenen Handbewegung auf den Abendtisch. »Wollen Sie die Güte haben?« »Nicht so viel Umstände!« rief Luckner freundlich dazwischen. »Liebes Kind, wir sind ja nicht mehr in Potsdam. Bitte, mir gegenüber, Herbrinck – Da du, Lene – und am nächsten dem Büffet du, meine Gnädige. Bist ja auch die Hausfrau –« Er zog den Vergleich mit dem gesellschaftlichen Leben der ehemaligen Garnison mit einiger Vorliebe heran, wenn sich ihm der Stolz der Tochter etwas unbequem bemerkbar machte, und er achtete darauf, daß gerade dem ›Verwalter‹ gegenüber das Mädchen sich nicht demütigend überhob. Sein eigenes starkes Selbstbewußtsein wurde im Verkehr mit Herbrinck von einer warmen und lauteren Dankbarkeit abgeklärt, die ihn mehr adelte, als der stolze, von den Vorfahren ererbte Grafentitel. Um so peinlicher schätzte Komteß Eveline den Rangunterschied und suchte die Kordialität des Vaters gegen den Untergebenen durch erhöhte Zurückhaltung ihrerseits auszugleichen. Waren Gutsnachbarn oder frühere Kameraden im Schlosse, so zog Graf Luckner Herrn von Herbrinck mit ausgesuchter Freundlichkeit in seine Nähe, und die Komteß mied ihn ebenso absichtlich, wo sie es ohne direkten Verstoß ermöglichen konnte. Glaubte sie sich einem Gesinnungsgenossen gegenüber, so ließ sie es auch an kleinen, heimlichen Verhetzungen nicht fehlen, war dabei jedoch den Nachbarn gegenüber, die Herbrincks Wert kannten, vorsichtig und fand auch nicht den Mut, mit ihren Nadelstichen Herbrinck selbst offen zuzusetzen, da sie wiederholt die Erfahrung gemacht hatte, daß er sehr ernst und schlagfertig abzuweisen verstand. Die Unterhaltung bei Tische wurde zunächst fast allein von Luckner geführt, der allerhand Schnurren von den befreundeten Gutsbesitzern erzählte und in Herbrinck und Komteß Helene ebenso aufmerksame als dankbare Zuhörer hatte. Eveline saß steif auf ihrem Platze, aß sehr zierlich und verzog das längliche, hagere Gesicht nur hin und wieder zu einem gnädigen Lächeln. Ihre weiße, abgeschrägte Stirn, die glanzlosen grauen, vortretenden Augen, die aufdringliche, scharf geformte Nase und die schmalen Lippen gaben ihr etwas altjüngferlich Zimperliches und Strenges, das ebenso leicht auf ihren verbildeten Charakter schließen ließ, als es mit ihren erst einundzwanzig Jahren schwer in Einklang zu bringen war. »Kennen Sie schon den letzten Streich von Tönndorp?« fragte Luckner lachend seinen Vertrauten. »Nein? Na, ist ja wohl noch nicht ruchbar geworden, und ehe es Ihnen ein anderer zuträgt, mache ich mir lieber selbst das Vergnügen. Lenchen, du zeigst nachher mal, was er dir mitgebracht hat, was?« Luckner lachte laut und belustigt. »War nämlich in Kiel, Freund Tönndorp, Dienstag und Mittwoch, und wollte, weil ihm das Bargeld etwas knapp geworden war, dem schlappen Geldsack durch einige Wagenladungen Weizen aufhelfen. Na, in Kiel trifft man Verwandte, Bekannte und desgleichen, und darunter wohl auch mal welche, die in des Teufels Gebetbuch besser bewandert sind als in sonstigen mehr oder minder nützlichen oder erbaulichen Büchern. Die fand richtig auch unser Freund, setzte sich mit ihnen im Hotel hin und – gewann, meinen Sie? – nee, verlor im Dreikart seinen ganzen schönen Weizen und damit zugleich die Aussicht auf die erhoffte und sehr nötige Rekonvaleszenz seiner abgemagerten Geldkatze. Himmel, dachte er, woher nun nehmen und niemandem stehlen? Aber wie er sich noch die Haare raufte – wovon er ohnehin keinen Ueberfluß mehr hat – kam da unser Hauptellenreiter – der Kuhn, von Kuhn und Blanck – und suchte ihn in einer neuen Partie zu trösten. Tönndorp setzte neue Scheffel Weizen, lieferbar in zwei Wochen, und der Kuhn und ein Dritter gegen jeden Scheffel Korn je ein Meter brillantesten, feinsten Seidenstoff, zu liefern gleich am nächsten Tage. Und nun verlor unser Freund, meinen Sie? – o nein, er gewann und gewann – ein Stück nach dem andern, bis er an die dreihundert – sage und schreibe dreihundert – Meter zusammen gewonnen hatte! Pyramidal, was?« Helenchen lachte über das ganze Gesicht, und auch Hans von Herbrinck konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. »Zu töricht!« warf Komteß Eveline ein und nippte von ihrem Thee. »Was töricht – – einfach zum Totschießen!« prustete der Hausherr. »Natürlich, das war nicht im Handumdrehen geschehen, sondern der helle Tag guckte, als sie endlich die Jalousieen hochzogen, zum Fenster herein, und Tönndorp machte sich gleich mit dem Seidenonkel auf, um seinen Raub in Empfang zu nehmen, ließ alles sein säuberlich zusammenpacken, zwängte sich in seiner Kutsche zwischen die Ballen und fuhr in dem seligen Bewußtsein heim, seiner Gnädigen einen hochfeinen Staat für mindestens ein Dutzend Jahre mitzubringen. Na, die Augen seiner besseren Hälfte hätte ich sehen mögen! Muß da einen schönen Ramsch auf anständige Art abgeschoben haben, der Kuhn! Grün, gelb, rot, blau – die Farben schreien man so um die Wette – und die Gnädige hat sicher einen Ohnmachtsanfall bekommen. Lenchen – Kind, hol' mal die Bescherung her! Hat nämlich auch ihren Teil von dem Ueberfluß erhalten und ist jetzt so ratlos, was sie damit anfangen soll, wie Ihre Gnaden Frau Nachbarin es sein mag – – –. Aha, da sehen und staunen Sie selbst!« Die junge Komteß nahm einen freien Tisch zu Hilfe und rollte ein Stück Seide zum Teil auf. Mit komischem Entsetzen sah sie auf den brandgelben Stoff. »Nobel, was? Praktisch, was?« lachte Luckner dröhnend und hielt einen Zipfel der glänzenden Fahne hoch. »Weißt du was, Kleine? Für dies Jahr ist es zu spät; aber im nächsten Winter fahren wir nach Berlin, da läßt du dir ein feudales Maskenkostüm draus machen – haha – und schießt wahrhaftig noch den Vogel damit ab! Oder, Herbrinck – wohl mehr Ihre Passion – wir schenken den gelben Segen den Meiereischönen, daß die dann am zweiten Ostertage beim Tanz im ›Pfeifenkopf‹ damit Staat machen können – i ja, das scheint mir noch das Allervernünftigste, was? Ja, ja, man muß sich nur zu helfen wissen! Wollen Sie die Verteilung übernehmen, Herbrinck? Mädel, gib ihm man den ganzen Klumpatsch gleich mit!« Die Angeredete sah amüsiert und fragend auf ihre Schwester. »Eveline meinte –« Sie stockte und verbiß ein Kichern. »Na?« ermunterte der Graf. »Der Stoff ist immerhin nicht billig; ich werde ihn aufbewahren,« mischte sich Komteß Eveline etwas indigniert ein. »Auf – bewahren –?« fragte Luckner mit lachendem Gesicht. »Flink, Lene, schieb den Ramsch ab, dann bist du ihn wenigstens los!« Helene schlug das Stück eilig zusammen, flog behende um den Tisch und machte vor der Schwester einen übermutigen Knix. »Geliebte, Einzige, dir vor allen gönne ich meinen Schatz–« Die grauen Augen Evelines trafen sie vorwurfsvoll. »Viel Ehre für mich – und für den Geber,« kam die strafende Mahnung über die dünnen Lippen. Zugleich streckte die Aeltere aber doch die Arme aus, nahm die Ausschußware des schlauen Kuhn in Empfang und verwahrte sie einstweilen auf einem abseits stehenden Fauteuil. Die kleine Szene wirkte nicht erfreulich, aber Helene von Luckner nahm unbefangen ihren Platz wieder ein, und der Graf suchte die spitze Bemerkung seiner Aeltesten zu verwischen. »Dein Hausfrauentalent – gereicht dir zur Ehre, Große,« sagte er mit einer Freundlichkeit, die nur für das seine Ohr Herbrincks und auch nur im Ton einen versteckten Tadel durchklingen ließ. »Willst du dein Boudoir damit tapezieren? Dazu wird es aber schwerlich reichen, und Tönndorps Großmut noch mehr anzustrengen, geht nicht an. Ich wenigstens laß meine Finger davon und unsere Kleine auch, denke ich. Schade, Herbrinck, so'n zitronfarbiger Staat wär' im ›Pfeifenkopf ‹ noch nicht dagewesen. Apropos Piepenkopp! Ich bedaure bloß, daß nicht um lange Pfeifen gespielt wurde, da hätt' ich gern auch eine abgenommen ... Der Lachs ist wirklich delikat; ich glaube, ich bekehre mich auch noch zu Ihrem Geschmack. Hatten Sie nicht noch so 'ne geräucherte Vorliebe? Aha, ich weiß, vom Erntefest her: Stör. Na, wenn wieder mal eingefahren wird ... Warst du nicht heute früh in Neurade zum Gratulieren, Kleine?« Helene bestätigte angeregt. »Ja, Papa, bei Herrn von Herbrincks Patchen. Der Junge ist süß –« »Sind sie in dem Alter immer,« behauptete der Hausherr trocken. »Mit drei Jahren! Die ruppigen Seiten kommen später zum Vorschein.« Die Komtesse erzählte mit einem Freudenschimmer: »Herr und Frau Menge lassen grüßen, Sie auch, Herr von Herbrinck. Nur der Junge nicht. Als ich ihn fragte: ›Soll ich den Onkel Herbrinck nicht auch von dir grüßen?‹ stellte er sich sehr energisch hin und sagte kopfschüttelnd: ›Nein, nit trüßen – hertommen!‹ – Jetzt wissen Sie wenigstens, was Sie zu tun haben – –« Auch Herbrinck lachte. »Ich hatte mir schon vorgenommen, morgen hinüber zu reiten,« bemerkte er. »Ist für die armen Tiere nicht auch einmal Sonntagsruhe?« fragte Eveline spitzfindig. Der Hausherr selbst nahm die Herausforderung auf. »Lassen Sie für mich und Lenchen gleichfalls satteln,« ersuchte er den Angegriffenen, »wir reiten mit. Du bist dann allein das Opfer der Pferdesonntagsruhe, Große. Ich schätze dich als Hausfrau, Line; mit den Ställen gib dich aber lieber nicht ab, dahin paßt dein zierlicher Fuß nicht ... Noch etwas Käse, Herbrinck? Gorgonzola – schmeckt wie grüne Seife, aber fein ...« Er hob sein Weißweinglas und nickte dem Verwalter vertraut zu. »Prosit, Herbrinck!« »Werden Sie uns wieder vorlesen?« wandte sich Komteß Helene fragend und bittend zugleich an den Gast. »Ich habe eine kleine, kostbare Geschichte gefunden,« entgegnete Herbrinck freundlich, »die Sie auch ergreifen würde, Herr Graf. Eine Kadettengeschichte, intim und echt. Wenn Sie die Tafel aufzuheben belieben wollen, will ich das Bändchen gern holen.« »Ihnen zuzuhören ist uns immer ein Vergnügen, lieber Freund, und das wollen wir uns nicht unnötig verkürzen. – Ich wünsche eine gesegnete Mahlzeit!« Herbrinck kam, als eben abgeräumt war, mit einem dünnen Bändchen kleinen Formats zurück, schlug das Titelblatt auf und meinte: »Der Autor ist uns ein guter Bekannter –« Komtesse Helene sah ihm über die Schulter und las den Namen ab. »Ernst von Wildenbruch –« »Der? Mein Freund!« erklärte Luckner. »Und der Titel, Kleine?« »›Das edle Blut‹, Papa.« Das junge Mädchen huschte fort und schmiegte sich in eine Sofaecke, von der aus sie den Vorleser beobachten konnte. Hans von Herbrinck war ein Meister des Vortrags, und schon die köstliche Vorstellung der dreiköpfigen Gesellschaft der Geschichte, die zuerst einem Jungenkampf auf der Straße zusieht, um dann der Erzählung des alten Obersten aus ihrer Mitte zu lauschen, war von bestechendem Reize. Als aber dann der Oberst die Geschichte von dem ›großen und dem kleinen L‹ zum besten gab – »durch die Stille des Zimmers ging die schwere Stimme des alten Obersten, in Pausen, wie Windstöße, die einem Unwetter oder einem schweren Ereignis der Natur vorangehen« – da lauschte selbst die ältere der Schwestern, die sich etwas apathisch abseits niedergelassen hatte, mit ungeteilter Hingabe. Herbrinck wünschte, um nicht zu ermüden, einmal abzubrechen und den Schluß bis zur nächsten Gelegenheit aufzuschieben; der Graf wollte aber nichts davon wissen. »Fortfahren!« bat er. »So was muß in einem Zuge genossen werden. Aber Wetter, das greift an.« »Das ist Wirklichkeit,« sagte er am Schlusse karg, und erst nach einer Pause: »Lassen Sie mir das Ding da, Herbrinck; das muß ich noch einmal lesen, für mich allein.« Er faßte nach einem Streichholz, um die Zigarre, die ihm ausgegangen war, wieder in Brand zu setzen. Aber dann blies er das brennende Holz wieder aus und legte es unbenutzt in den Aschenbecher. »Wie das erzählt ist,« reflektierte er, »wie das Stimmung gibt! Rebenblut und Menschenblut – edel eines wie das andere. Den alten Obersten mit dem rötlichen, ins bläuliche spielenden Gesicht, mit den rot unterlaufenen, von Säcken umränderten Augen, mit dem weißen Barte und der langen, braun angerauchten Meerschaumspitze – ja, den kann ich mir vorstellen. Und das liederliche große L mit dem Krätzer in den Adern und das prächtige kleine L mit dem frischen Jugendsinn und dem starken, stolzen, herzerfreuenden Mut – mit dem köstlichen Edelblut – ja, die Sorten gibt es auch.« Er bat sich das Buch von Herbrinck aus und blätterte dann. »Was man so für Menschen kennen lernt,« las er an einer Stelle ab. »Wenn man so denkt – manche, die leben und leben – wäre manchmal viel besser, sie lebten nicht – und andere – die haben fortgemußt – viel zu früh. – Ja, so geht es ...« Er steckte das Buch zu sich, entzündete ein neues Streichholz und blies den Rauch seiner Havanna in blauen Wolken vor sich hin. Dann suchte er aber die elegische Stimmung abzuschütteln. »Na, man nicht tiefsinnig werden. Aendern können wir die Welt doch nicht; höchstens uns selbst auf den Kopf stellen.« »Mir scheint,« unterbrach Herbrinck, »der Dichter ist in seinen Konsequenzen zu weit gegangen. Das große H hat dem ›patenten‹ Primaner das Extra-Säbelkoppel entwendet – vielleicht nur vorübergehend – um selbst damit zu prunken. Oder aus Neid? Das Motiv scheint mir nicht ganz klar gestellt. Aber darum sollen nun beide L, der eine an seiner Schuld, der andere in der selbstlosen, brüderlichen Verteidigung, erbarmungslos zugrunde gehen? Ich meine, das Leben ist milder und gerechter.« »Kann sein, Herbrinck. Aber der Fall hat mich tief ergriffen.« »Vielleicht weniger der Fall als der Dichter. Ob er minder gefesselt und überzeugt hätte, wenn er den Uebelthäter an dem edlen Blut des und der andern hätte gesunden lassen? Ja, wenn noch die eigene Schwäche, wenn die Unfähigkeit, den Fehl zu überwinden, ihn gestürzt hätte! Aber nichts davon! Die Kameraden prügeln ihn durch, und das soll, wie sie ausgemacht haben, seine Strafe und dann die Geschichte vergessen sein. Da bricht ein einziger, ein herzloser Bursche, den Vertrag, behandelt den Gestolperten verächtlich und führt dadurch die Katastrophe herbei – der Schuldige steht vor erneuter Schmach und Strafe. Der Unschuldige leidet mit ihm, nein, noch furchtbarer, fällt in Krämpfe, haucht die tapfere kleine Seele aus – die Gemeinheit triumphiert in aller Form. Das will mir nicht einleuchten. Gewiß, das große L war ein flacher Charakter; aber auch ein solcher kann sich vertiefen, wenn er einmal ordentlich aufgerüttelt wird ...« »Sie sind und bleiben ein Idealist, lieber Freund.« Herbrincks Auge haftete sekundenlang an dem matt flackernden Holzfeuer des Kamins und richtete sich dann voll auf den Grafen. »War die Schuld – bei dem halben Knaben doch wohl keine allzuschwere – mit den vereinbarten Prügeln gesühnt?« fragte er. »Allerdings.« »Nach welchen Sätzen einer gesunden Ethik mußte dann der einen, gerechten und ausreichenden Buße die harte, ja ins Ungemessene gesteigerte zweite folgen?« Luckner wußte nicht gleich zu antworten. Komteß Helene hatte kein Wort der Unterhaltung verloren. Sie kam langsam an den Tisch. »Ich kann Herrn von Herbrinck nachfühlen,« sagte sie überlegt. »Eine Schuld und eine Strafe – wäre das nicht die vollkommenste Gerechtigkeit?« Die Aeltere sah erstaunt und mißbilligend auf die Schwester, und auch Graf Luckner war etwas überrascht. Aber er nickte der Jüngsten freundlich zu. »Ein nicht unwahres Wort, wenn auch aus deinem Munde ein wenig überraschend,« meinte er nachdenklich. »Na, laß. Kleine. Ich weiß ja, daß unter deinem blonden Kraushaar immer etwas eigene, krause Gedanken spuken. Ich bin aber stolz darauf – und manchmal – ja, da triffst du den Nagel auch auf den Kopf. Besser als unsere Große. Sie können mit Ihrer Bundes- und Gesinnungsgenossin zufrieden sein, lieber Herbrinck.« Ein von warmer Dankbarkeit getragener Blick Herbrincks traf das Mädchen, ließ das Blut in ihr junges, liebliches Antlitz wallen und machte sie wieder stumm. »Es ist Mitternacht durch,« fiel Eveline mit ihrer jüngferlichen Stimme in die momentane Stille. »Ja, es ist spät geworden,« pflichtete Luckner bei. »Ein anderes Mal mehr, Herbrinck. Ich werde das Thema nicht vergessen; ich komme darauf zurück. Ihre Philosophie von der einen Strafe und der einen Sühne – Buße, wie Sie wollen – es ist was daran. Ganz gewiß. Mir im Augenblick noch zu abstrakt – aber ich werde sehen, ob ich dahinter kommen und mich zu Ihnen bekennen kann. Ich meine, der Hauptfluch jeder Schuld ist aber eben ihre Nachwirkung, und die können Sie und wir nicht abschaffen, die gehört zur Weltordnung.« Herbrinck widersprach lebhaft. »Zur Weltordnung? O nein, die Nachwirkung macht die Buße zwecklos, und eines von beiden ist darum unsinnig: das Fortdauern der Schuld, die gesühnt sein soll, über die Buße hinweg, oder die Buße, mit der nichts wett gemacht wird, die eine leere Formel, eine haltlose Spielerei bleibt. Nach meinem Dafürhalten wird von dem Zeitpunkte ab, in dem ein neuer Prophet der Sühne ihren hehren Inhalt gibt und damit den Fluch der bis in unsere Aufklärung hinein immer noch untilgbaren Schuld aufhebt, ein Zeitalter freierer, unendlich höherer Sittlichkeit anbrechen.« »Ihre Anschauung hat etwas Bestechendes, Herbrinck. Ganz will mir das Wunder freilich noch nicht in den Kopf. Na, beschlafen wir's. Gute Nacht, alter Freund.« Die Männer schieden mit freundschaftlichem Händedruck, und auch Helene von Luckners feine Rechte legte sich in die Herbrincks, während Komteß Eveline sich mit der bei ihr üblichen kühlen Verbeugung begnügte. Drittes Kapitel. Hans von Herbrinck hatte sich seine Wohnung im Verwalterhause, die mit ihren drei beschränkten Zimmern nicht für einen Freund des Gutsherrn, sondern für den üblichen Untergebenen berechnet war, gleichzeitig mit der Schloßrenovation etwas behaglicher als bis dahin herrichten lassen. Luckner selbst hatte darauf hingewirkt. »Wenn ich mich fürstlich gehabe, sollen Sie nicht in einem Stall hausen,« waren seine Worte gewesen. »Ich werde mich umsehen und das Nötige für Ihren Palast mitbesorgen. Und in'n paar Jahren werden wir den alten Kasten ganz einreißen und einen neuen, der für Sie paßt, dafür hinstellen.« Zum Bauen war es bei dem fortgesetzten Einspruch Herbrincks bisher nicht gekommen, und auch die Beschaffung der neuen Möbel auf Kosten des Gutsherrn hatte Herbrinck seinerzeit bestimmt abgelehnt. »Der Geschmack ist verschieden,« hatte er behauptet. »Ich will dem meinen folgen, und das kann ich nicht, wenn ich durch Ihre Brille sehen muß.« »Sie werden mir zu sehr knickern, Herbrinck!« »Aus Ihrer Schatulle, ja; aus meiner nicht.« Erst nach langem Kampfe hatte der Verwalter den Widerstand des Grafen überwinden und die eigenen Wünsche verwirklichen können. Die Zimmer lagen in einer Reihe. Das mittlere hatte er sich als Arbeitsraum eingerichtet, das größere auf der rechten Seite als bescheidenes Speisezimmer, den Raum linker Hand als Schlafstube. Keiner der drei Räume zeigte irgend welchen Luxus, wenn die Mittel des Bewohners diesen auch gestattet hätten. Das beste Stück des Arbeitszimmers war ein großer eichener Diplomatenschreibtisch, zu dessen Seiten je ein bequemer Sessel Platz gefunden hatte. Ein Lutherstuhl vor dem Schreibtisch, ein Paneelsofa, ein halbes Dutzend Rohrstühle, ein Trumeau in einer Ecke neben dem Fenster und ein wohlgefüllter Bücherschrank waren die übrige Einrichtung. Der einzige Wandschmuck des Zimmers bestand in einem Bildnisse des großen Kanzlers, nach einem Gemälde von Lenbach. Eine Säule neben dem Schreibtische trug die Bronzebüste Kaiser Wilhelms des Zweiten, und auch eine künstlerisch gerahmte Photographie auf dem Tische selbst zeigte die belebten, energischen Züge des Herrschers. Herbrinck fand, als er die gräfliche Familie in der Nacht verlassen hatte, noch keine Ruhe. Er entzündete eine Hängelampe über dem Schreibtisch, wanderte in ihrem matten Scheine ein paar Mal in dem engen Räume auf und ab und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen den nur noch mäßig warmen Ofen. Die Gedanken hinter der hohen, ernsten Stirn waren nicht mehr bei der vorgelesenen Geschichte und beschäftigten sich noch weniger, wie sonst wohl oft, mit dein abgeschlossenen Tagewerk oder mit dem, was die neue Woche an Arbeiten und Mühen zu bringen hatte. Sie umfingen ein weiches, lockendes, liebliches Bild und versetzten ihn in eine ungewohnt milde, fast traumhafte Stimmung. Als neunjähriges Kind hatte er die Komteß Helene kennen gelernt und die immer freundliche, offenherzige, kluge Kleine in sein Herz geschlossen. Und seit den Jahren, da sie nun kein Kind mehr war, hatte der Zauber, der von ihr ausging, nicht aufhören wollen; mit so herber Entschlossenheit er auch dagegen gekämpft, war er immer wiedergekehrt, hatte ihn von neuem gefangen genommen und ihn umschmeichelt mit einer süßen und doch für immer unerfüllbaren, törichten Hoffnung. Er liebte sie, er lehnte sich gegen das Geständnis nicht mehr auf, er liebte sie mit der starken Kraft seines unentweihten Herzenslebens; er würde mit seinem Herzblut für sie eintreten, wenn er sie damit glücklich machen, wenn er sie schützen, wenn er sie aus irgend einer Gefahr erretten konnte. Und er mußte ihr entsagen, er wußte es. Er mußte und wollte! Sie sollte nicht niedersteigen zu ihm; eine Fürstenkrone dünkte ihm für ihr schönes Haupt nicht gut genug – er hob sie träumend bis in die lichtesten Höhen der Menschheit, ohne Mangel, ohne Fehl und ohne Schatten – und ging selbst still daher, gefaßt und zufrieden in ihrem großen Sonnenglück. Das Strahlen der Augen, mit dem sie ihm als Kind zugelacht hatte, war geblieben; er empfand es fast wie etwas Körperliches, wie einen Strom, der aus den blauen Sternen mit siegender, unwiderstehlicher Macht auf ihn überging, ihn wärmend und erregend bis in den tiefsten Grund. Wie ein glückliches Verstehen leuchtete und lachte es ihn an, wie ein Schätzen und köstliches Gutwollen aus zauberhafter Herzenstiefe ... Der einsame Grübler wurde von einer unbezwinglichen Unruhe erfaßt, und das Blut schoß ihm hämmernd in die Schläfen. Er war dem vergötterten Mädchen dankbar gewesen, als sie in der Diskussion des Abends an seine Seite getreten war, und es hatte ihn mit Stolz und heißer Freude erfüllt, daß ihr Denken frei und hoch war wie die schöne, edel gewölbte Stirn. Aber plötzlich quälte ihn die Frage, ob ihr Verstehen sie allein sich zu ihm gesellen ließ, oder ob nicht auch auf ihrer Seite ein Anderes, ein Größeres, ob nicht das Herz sie hatte erkennen und mitreden lassen. Herbrinck faßte sich an die Stirn. »Ihr Herz, ihr Herz?« fragte es in seinem Innern stürmend. Und hastig drängte sich ihm die Antwort in den Sinn, daß das nicht sein dürfte – nein, das nicht – nur das nicht ... Hatte er gefrevelt gegen sie, sich verraten, sich lässig gezeigt, ihren kindlichen Sinn unabsichtlich irre geleitet? »Um Gott, nur das nicht!« rang es sich ihm stöhnend über die Lippen. Er würde tragen. Ihn würde die Liebe zu ihr schmerzen, aber sie würde ihn auch heben. Ihr würde die Neigung zu ihm die stolze Höhe gefährden; für sie war sie kein Empor, sondern ein Abwärts, ein In-die-Tiefe-Steigen, eine Demütigung. Nein, nur das nicht. – Bisher hatte er sich zurückhaltend erwiesen, um sich selbst dem Banne zu entziehen, der keine Seligkeit, sondern nur die Bitterkeit des Entsagens für ihn in sich bergen konnte. Nun galt es etwas anderes, nun galt es nicht mehr, sich – galt es, sie zu schützen, sie, die ihm unendlich mehr war als er sich selbst. Fast müde suchte er einen Platz, stützte den Kopf in die Hand und rang nach Festigkeit und Klarheit. Eine zweite Frauengestalt tauchte in seiner Erinnerung auf, mit weißem Haar, mit seinem, mildem Antlitz, mit hinreißend gütig lächelndem Munde – die Schützerin seiner goldenen Jugend, die tote Mutter. Er stöhnte gequält auf. »Mutter! Mutter! –« Und nach einer Pause: »Mein Gott, muß ich denn allen, die ich liebe und die mir gut sind, der Schmerzensbringer sein?« Lange Minuten vergingen, ehe er die Augen, die er im seelischen Kämpfen geschlossen hatte, wieder öffnete, sich langsam aufrichtete und wie fremd die Umgebung musterte. Mechanisch schloß er ein Fach des Schreibtisches auf, holte eine Brieftasche hervor und entnahm ihr eine kleine Momentphotographie, das an einem Sonntage von seinem Fenster aus heimlich aufgenommene Bildnis der jungen Komteß. Sie liebte es, an schönen Sommertagen unter der alten Linde dicht vor dem Verwalterhause zu lesen, und da war sie ihm nahe genug gewesen, den Apparat seine Aufgabe erfüllen zu lassen. Ein Flurfenster nach dem Hofe zu stand halb offen, sorglich richtete er den Apparat, ehe sie noch auf ihrem Platze war – und dann, als sie sich niedergelassen hatte, ein rasches Kontrollieren, ein Knipsen, und die Platte hatte die Züge des Mädchens treu festgehalten. Er hielt das dünne Blatt in der Hand und starrte schmerzlich bewegt darauf hin, als gelte es, von der holden Leserin Abschied zu nehmen für immer. Sorgsam schob er es endlich wieder in seine Hülle und legte es an seinen Platz zurück. Er trat ans Fenster und sah geweiteten Auges in den Mondschein. In kaltem Gleißen lag der Park, und fahlgrau schimmerte durch die Lücken der schneeigen Baumwipfel das sternenbeleuchtete Himmelsgewölbe. Der Mond war nicht sichtbar; nur die schattenlosen Buchenstämme des Parkes deuteten an, daß er im Zenith stehen mußte. Das Echo eines Schusses wurde durch die Nacht getragen und ließ Herbrinck aufhorchen. »Wieder Wilddiebe?« fragte er sich. Sie hatten in den letzten Monaten an einer entfernten Grenze des Gutes wiederholt ihr Unwesen getrieben, und der helle Mondschein war ihnen auch im Augenblick günstig. Aber das Echo war ein merkwürdig lautes gewesen, konnte nicht aus weiter Ferne fortgepflanzt sein. Sollten die Frevler übermütiger und näher ins Revier, wohl gar bis an die Grenze nahe dem Schlosse vorgedrungen sein? Er überlegte nicht lange; der Förster war alt und auf ihn nicht zu rechnen; so war es seine Pflicht, seine eigene Nachtruhe zum Opfer zu bringen und dem mit dem Schusse gegebenen Signal nachzugehen. Er kleidete sich warm an, hängte Jagdtasche und Gewehr, die ihren Platz neben dem Bücherschrank hatten, um und verließ eilig das Haus. Er vermied das freie Feld, über das der Graf am Mittag seinen Weg genommen hatte, schritt zwischen den abseits vom Gute gelegenen Arbeiterhäusern durch und betrat dicht hinter ihnen den Tannenwald, an dessen Saume er der Lichtung zustrebte, in deren Nähe er den Schuß gefallen wähnte. Je weiter er vordrang, um so vorsichtiger suchte er jedes Geräusch zu meiden und selbst das Schneeknirschen unter seinen Füßen zu dämpfen. Zugleich nahm er das Gewehr von der Schulter, um kampfbereit zu sein, blieb in Pausen stehen und sah und horchte um sich. Aber nichts Verdächtiges wurde ihm vernehmbar, und nur der Mangel an Wild, das sonst wenigstens vereinzelt zu treffen war, konnte anzeigen, daß es durch die nächtliche Störung tatsächlich ins Innere hinein verscheucht worden war. Die Lichtung lag mondhell in tiefer Stille. Herbrinck schlich um sie herum, erreichte die Laubwaldung und spähte durch Knicklücken auf ein Rapsfeld, auf dem mitunter Rudel von Rehwild die dürftige Nahrung suchten. Die weiße Fläche lag wie ausgestorben; kein Lebenszeichen, soweit das Auge zu forschen vermochte. Herbrinck eilte weiter, gelangte an den Fußsteig und trat durch das Drehkreuz, vorsichtig nach allen Seiten spähend, aufs Feld. Der Erfolg blieb der gleiche – auch da keine Spur von den vermuteten Uebeltätern. Er zog sich wieder ins Gehölz zurück und stellte sich an einer Buche auf, deren Stamm nach dem Steig zu durch Buschwerk notdürftig verdeckt war. Regungslos harrte er aus und versagte sich auch den Genuß des Rauchens, um sich, sollten die Diebe wirklich noch in der Gegend sein, ihren Spürnasen möglichst wenig zu verraten. Die Stille um ihn war fast bedrückend. Kein Gurren oder Flügelschlagen von Waldtauben, wie im Sommer; kein früher Kuckucksruf, kein Schlag der Schwarzdrossel, kein Laut von all den sommerlichen Gästen der grünen Hallen, nicht einmal ein Windrauschen hoch oben in den schneebedeckten, vom Mondlicht umschwommenen Wipfeln. Herbrinck lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm der Buche, und seine Gedanken beschäftigten sich wieder mit dem Schlosse und der Herzenszauberin, deren Augen in der nächtlichen Stunde der Schlaf geschlossen halten würde. Und in der hehren und herben Winternatur steigerte sich sein Entschluß, gegen seine Liebe zu kämpfen, zu dem Gelöbnis, das durch ihn dem begnadeten Mädchen drohende Unheil auch, wenn es sein mußte, um den Preis von ihr abzuwenden, daß er eine andere in sein Heim führte, die sich dann schützend zwischen sie beide stellte. Ein Schneeknirschen ließ ihn aufhorchen. Es kam vom Felde her, und durch den Knick gewahrte er eine männliche Gestalt, die bald darauf die Einmündung des Fußsteiges in den Wald verdunkelte, sekundenlang zu zögern schien, dann eintrat, den Blick auf den Boden heftete und den Spuren folgte, die der Wartende im Schnee eingedrückt hatte. Nach wenigen Sekunden standen die Männer sich gegenüber, und Herbrinck lachte trotz seiner ernsten Stimmung unwillkürlich auf. »Sie, Löhr?« »Herr von Herbrinck!« rief der Angeredete überrascht und sicherte die drohend bereitgehaltene Waffe. »Ich! Sind Sie auch durch den Schuß herbeigerufen worden?« »Ja. Und er muß hier herum gefallen sein. Oder waren Sie es, der – –« »Nein. Ich war zu Hause. Haben Sie irgend welchen Anhalt gefunden?« »Noch nicht –« »Es ist doch frech, sich bis dicht an das Schloß heranzuwagen.« »Der Schuß muß vom Knick weiter feldwärts abgegeben worden sein. Aber vermutlich gerade um das Rapsfeld herum. Ich werde die Strecke noch abgehen. Von unseren Leuten sind das keine, darauf möchte ich wetten.« »Nicht doch der Körten?« fragte Herbrinck, selbst nicht recht von dem Verdachte überzeugt. »Nein, das glaube ich nicht. Wenn er wirklich Schlingen stellen sollte – bewiesen ist ihm das aber auch nicht – ein Gewehr hat er sicher nicht – hatte er wenigstens bisher nicht. Nein, die strolchen von den Bauernhöfen herüber oder von den Dörfern her. Die soll ich aber erwischen!« »Haben Sie einen Verdacht, Löhr?« »Einen bestimmten, nein. Einem gewissen Kurz in Reickendorf traue ich nicht, den Wittkamper Bauernsöhnen auch nicht recht – aber zu packen sind sie nicht.« »Kommen Sie, ich begleite Sie.« Sie machten den Marsch um das Rapsfeld und trafen an der dem Forst entgegengesetzten Seite auf die gesuchte Fährte. Eine Fußspur führte eine Strecke aufs Feld, an deren Endpunkt starker Schweiß und der sorglos zurückgelassene Ausbruch die Stelle bezeichnete, an der das mörderische Blei ihr Ziel erreicht hatte. »Der Halunke!« knirschte der junge Forstgehilfe ingrimmig. »Und das Schlimmste, die knallen über den Haufen, was ihnen vor das Rohr kommt – ob Ricke, Bock oder Schmalreh.« »Untersuchen Sie das morgen noch weiter, Löhr. Vielleicht holen wir den Schützen noch ein, wenn wir uns beeilen, oder können wenigstens seiner Fährte weiter nachgehen.« Sie kletterten über den Wall und nahmen die Verfolgung eilfertig auf. Der Wilderer – die Fußabdrücke bezeugten, daß es sich um einen einzelnen handelte – hatte sich immer dicht an dem Knick gehalten, ein halbes Dutzend Mal einen Wall überstiegen, dann eine Feldecke abgeschnitten, einen Bogen um ein einsames Gehöft beschrieben und eine gute Viertelstunde von diesem einen viel begangenen Landweg betreten, auf dem sich seine Spur unauffindbar verlor. »Da können wir umkehren,« entschied Herbrinck mißmutig. »Wenn er die Fahrstraße einmal erreicht hat, wird er sie, selbst wenn er einen Umweg machen müßte, nicht so leicht wieder verlassen haben.« Als sie sich an der Lichtung trennen wollten, war es sechs Uhr geworden. »Darf ich Sie noch ein Stück begleiten, Herr von Herbrinck – und Sie – um etwas fragen?« warf Löhr, von dem bis dahin behandelten Jagdthema abweichend, etwas unsicher hin. »Ich lege mich nicht mehr schlafen,« entgegnete Herbrinck nach flüchtigem Besinnen. »Der kurze Umweg über das Birkhaus tut mir gut. Also schließe ich mich lieber Ihnen an.« »Ja? Meine Schwester wird auch schon auf sein. Wollen Sie eine Tasse Kaffee mit uns trinken?« »Mit bestem Danke, Löhr; das heißt: selbstredend wenn es ohne Umstände geschehen kann.« »Sophie ist an das Frühausstehen ja gewöhnt; sie wird alles bereit haben.« »Also gut. Und was haben Sie auf dem Herzen?« »Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen so sagen soll –« »Wollen Sie heiraten?« riet Herbrinck mit einem Lächeln. »Nein, nicht. Es handelt sich auch nicht um mich, Herr von Herbrinck –« »Um wen sonst?« »Um – Sophie. Und – und – um den Herrn Grafen.« Herbrinck hielt den Schritt an. »Um den Grafen?« wiederholte er. Löhr nickte zögernd. »Die Gutsleute haben zu Ihnen alle Vertrauen. Ich auch. Und wenn Sie können, dann sagen Sie mir, was ich tun soll. Der Herr Graf ist in der letzten Zeit häufig im Birkhause gewesen – gestern auch. Ich fürchte, das hat – nichts Gutes zu bedeuten –« »Warum mutmaßen Sie das?« wandte Herbrinck ein. »Ja, es ist doch wohl wahr – daß – daß der Herr Graf über manches – über – über Mädchen – etwas frei denkt, und daß er – Sie müssen das doch auch gehört haben –« »Allerdings,« bestätigte Herbrinck. »Sie fürchten für Ihre Schwester?« fragte er direkt. »Ja, Herr von Herbrinck. Wenn auch nicht alles so sein mag, was über den Herrn Grafen herumgetragen wird – etwas ist doch wohl daran. Die Weiber haben ja ihren Kopf und ihre Vernunft für sich, und mit der Vernunft ist es meistens nicht weit her. Ich traue Sophie nicht zu, daß sie leichtsinnig ist; aber wenn so ein vornehmer Herr einem Mädchen was in den Kopf setzen will, dann spricht er doch nicht, als wäre was Schlechtes dabei, sondern malt alles so schön aus, daß sie am Ende daran glaubt und unsereinen, der abraten will, noch für abgünstig oder dumm hält.« Herbrinck schwieg einige Augenblicke. Dann entgegnete er einfach: »Lieber Löhr, ich habe den Grafen besser kennen gelernt als vielleicht irgend ein anderer. Er ist eine leichtlebige Natur, aber im Kerne durchaus rechtlich. Ich habe ja auch von kleinen Abenteuern, die er da und dort gehabt haben soll, munkeln hören, habe aber kein Gewicht darauf gelegt. Leichtfertige Frauen gibt es überall, und ihrer Tugend wird meistens weniger geschadet als dem Rufe der Männer, die sich von ihnen haben anziehen lassen. Bewahrt Ihre Schwester dem Grafen gegenüber ihre Würde, so wird er sie um deswegen nur um so höher achten. Daß sie Eindruck auf ihn macht, darf ja wohl nicht verwundern; sie muß ihm aber zeigen, daß er sich in ihr getäuscht hat. Und er hat sich getäuscht, davon bin ich überzeugt. Sie ist Ihre Schwester, da können Sie sich doch miteinander aussprechen, Löhr –« »Ja. Aber könnten nicht Sie –« »Nein, ich nicht. Ich schätze Ihr Fräulein Schwester und habe für sie die besten Wünsche; aber in das, was Sie mir da erzählt haben, darf sich ein Fremder nicht einmischen. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Löhr; aber meine Diskretion muß sich auch auf Ihre Schwester erstrecken. Es könnte sie nur beleidigen, wenn ich sie vor einem Fehltritte warnen wollte und ihr damit zu verstehen geben müßte, daß ich sie eines solchen für fähig hielte. Ist Ihnen das nicht verständlich?« »Ja, ja. Ich meine man, daß sie auf Sie mehr hören würde ...« »Nein, es geht nicht, Löhr. Sagen Sie ihr nicht einmal, daß Sie mit mir darüber gesprochen haben, denn schon das müßte sie kränken und mir gegenüber befangen machen. Das wünsche ich aber nicht. – Am besten ist es, ich gehe jetzt doch nicht mit Ihnen, sondern kehre um. Am traulichen Kaffeetische können Sie dann ruhig mit ihr reden, und sie kann, wenn sie nicht einmal weiß, daß wir zusammen waren, auch nicht auf den Gedanken kommen, daß Sie mich eingeweiht und um Rat befragt haben. Ist das nicht das beste?« »Na ja, Herr von Herbrinck, wenn Sie das meinen –« »Also gut. Aber bleiben Sie ruhig und bedacht. Kein heftiges Wort, Löhr, kein Mißtrauen. Im Gegenteil. Bleiben Sie freundlich; sagen Sie ihr, daß es Ihnen gar nicht einfällt, zu glauben, sie könne sich etwas vergeben, und daß Sie nur dem Gerede vorbeugen wollen. Das ist brüderlich gemahnt und hat keinen Stachel für sie ... So, jetzt werde ich mich seitwärts schlagen. Adieu, Löhr!« »Gu'n Morgen, Herr von Herbrinck. Ich danke Ihnen auch.« »Keine Ursache, Löhr. Sie werden sich bald selbst überführen, daß Sie Gespenster gesehen haben.« »Ich hoffe es auch, Herr von Herbrinck –« »'n Morgen, Löhr.« Herbrinck schüttelte ihm die Hand und folgte einer Schneise in der Richtung nach dem Gutshof. Er stand, wenngleich er den Besorgten zu beruhigen gesucht hatte, doch unter dem Eindruck, daß der Schloßherr diesmal zu weit zu gehen und, wenn nicht Sophie Löhr, so um so gewisser sich selbst zu schaden drohte. Das durfte nicht sein, und er war dem jungen Manne dankbar, daß er ihn ins Vertrauen gezogen und ihm so die Möglichkeit gegeben hatte, den Hebel zur Verhütung einzusetzen. Die Schwester konnte und sollte nur der Bruder bewachen; den Schloßherrn vor Schaden zu bewahren war aber mit seine Aufgabe – eine nicht ganz leichte, aber bei dem Charakter des Grafen eine immerhin lösbare. In der Meierei und den Wirtschaftsgebäuden herrschte bereits Leben, und im Verwalterhause war eine Frau mit dem Aufräumen der Wohnzimmer beschäftigt. »Ach je! Se sünd all utgahn west?« sagte die Frau verwundert. »Darüm heww ick ok keen Antwort krägen, as ich Se wecken wull. Un ick dach, Se wulln ock mal 'ne lütt Stün länger in de Feddern bliewen!« »Wilddiebe, Frau Drews,« antwortete Herbrinck lakonisch. »Hebben Se de tau faten krägen?« fragte die Frau. »Entwischt, Frau Drews.« »Jo, de hebben ehr Fäut ok tau'n Loopen.« »Beeilen Sie sich etwas,« mahnte Herbrinck und zog sich einstweilen in einen Vorraum zurück, der ihm im Verkehr mit den Gutsleuten als Bureau diente. Nach einer kleinen Stunde klopfte es an die Tür. »Nu bün ick farrig,« meldete die Frau. »Un dat Licht heww ick utpust. Is jo all helligen Dag buten. Un de Mamsell is ok mit dat Fröhstück dar.« »Schön, Frau Drews.« Herbrinck war während des untätigen Wartens etwas müde geworden; aber als er in dem ungeheizten Schlafzimmer Hände und Gesicht in eiskaltem Wasser gebadet hatte, war die gewohnte Spannkraft schnell wiederhergestellt. Mit einiger Ueberraschung fand er den Frühstückstisch für zwei gedeckt. »Habe ich Besuch zu erwarten?« fragte er die noch anwesende Mamsell. »Den Herrn Grafen,« lautete die Antwort. »Die Damen im Schlosse lassen auf sich warten; zur Strafe sollen sie allein frühstücken.« Der Graf stellte sich auch bereits ein. »Morgen, Herbrinck,« grüßte er lachend. »Schöne Wirtschaft bei mir,« fuhr er in vergnügtem Poltertone fort; »die Mädel kommen wieder mal nicht zum Vorschein. Die Große inspiziert bis in den Schornstein, und die Kleine probt an ihrem neuen Reitkleid, von wegen dem Besuch nachher auf Neurade. Da habe ich gedacht, Ihre Gesellschaft sei auch nicht zu verachten. Was quasselte mir die Alte da draußen vor – von Wilddieben – nicht geschlafen – – hat's denn schon wieder geballert?« Herbrinck erzählte kurz. »Die Halunken!« fluchte Luckner. »Sie können sich empfehlen, Mamsell.« Die Angeredete ging mit schnippischem Knix. »Nichts als Aerger, wohin man sieht!« wetterte der Graf. »Mit den Weibern, mit den verfluchten Spitzbuben. Eben raus aus der Falle, gleich geht's los. Himmelkreuztürken! Und keinen erwischt?« »Die Fußspuren sind da, aber die werden uns auch nichts nützen.« »Ach die! Ein Elefant tritt wie der andere. Mehrere beteiligt?« »Diesmal nur einer.« »Wir werden doch den alten Förster bald ersetzen müssen, Herbrinck. Das Raubvolk nimmt überhand, das geht so nicht fort ... Na, ich lange trotzdem zu ... Soll's nachher gleich losgehen? So ein winterlicher Frühritt, bei dem einem die kalte Morgenluft mal ordentlich um die Nase weht, ist immer eine Erholung. Und die Neurader schlafen ja auch nicht bis in den Mittag ... Sollte sich der junge Löhr nicht für den Försterposten einarbeiten können?« Herbrinck pflichtete bei. »Der Schuß hatte ihn ebenfalls allarmiert,« berichtete er. »Ich traf ihn draußen, und wir haben dann die Rapskoppel zusammen abgesucht.« »Gefällt mir von ihm, Herbrinck. Die Mamsell hat sich da wieder mal einen Thee geleistet, schon mehr brrr –. Wird überhaupt verdammt nachlässig, und wenn man gleich eine Bessere bei der Hand hätte, könnte ihr eine Luftveränderung nicht schaden. Anstellig ist der Löhr; dahinter her auch, wie's scheint – na also!« Die wiederholte Wendung des Gesprächs auf den jungen Forstbeamten kam Herbrinck gelegen. »Lieber Herr Graf –« Luckner unterbrach lebhaft. »Lieber? – Donnerkiel, das ist eine seltene Ehre! Das gibt's immer bloß, wenn Ihr Barometer auf Hagel steht. Was haben Sie denn jetzt auf dem Schlitten? Hab' ich schon wieder was verbrochen?« »So habe ich es nicht gemeint, Herr Graf. Ich wollte mir nur erlauben, die dem jungen Löhr zugedachte Beförderung auch meinerseits überzeugt zu empfehlen.« »Na, na, nichts weiter?« »Die Fachkenntnisse sind keine Hexerei, und was ihm daran etwa mangelt, wird er sich aneignen. Was am meisten für ihn spricht –« Herbrinck überlegte einen Augenblick. »Na?« drängte Luckner. »Das ist sein tüchtiger, ehrenhafter Charakter.« »Hm!« »Seine Eltern – wie lange sind sie tot? Vier, fünf Jahre? Ich erinnere mich ihrer noch genau und weiß, daß sie ihren Kindern, wenn der Mann auch bloß ein schlichter Waldaufseher war, eine gute Erziehung haben zuteil werden lassen. Eine ›gute‹ natürlich in dem Sinne, in dem es ihnen möglich war. Ueber die Dorfschule kamen sie nicht hinaus, aber sie hatten einen gewissenhaften und befähigten Lehrer, und der hat sie mit denjenigen Kenntnissen ausgerüstet, die fleißige und begabte Schüler auch in den Landschulen sich aneignen können und die gar nicht zu unterschätzen sind. Der junge Mann hat dann beim Militär eine weitere, ihm wie bei den meisten Landleuten durchaus dienliche Schule durchgemacht und ist als ein regsamer, gesunder und gewandter Mensch auf das heimatliche Gut zurückgekehrt, wie es zu seinem und unserem Besten nur zu wünschen war.« »Das ist eine lange Einleitung, Herbrinck – was die alles verspricht! Aber ich will Sie nicht aus dem Konzept bringen.« Herbrinck ließ sich auch nicht stören. »Einen Hauptvorzug habe ich kürzlich an ihm entdeckt,« fuhr er fort. »Der Mann hat ein ausgeprägtes Ehrgefühl. Mißverstehen Sie mich nicht. Ihr gewisses Ehrbewußtsein haben die Leute durchweg, und sie halten darauf, daß weder sie selbst noch andere es verletzen. Bei Löhr ist es wesentlich gesteigert, auch verfeinert, und es schreibt nicht nur ihm selbst sein Verhalten vor, sondern umgibt mit seinem Schutz und seiner Sorge auch die Schwester ...« Luckner wurde etwas unruhig. Er nahm mit einiger Hast einen Schluck Thee, fixierte den Sprecher scharf und stieß ein kurzes »Weiter!« aus. »Mit seinem Ehrgefühl verbindet Löhr Takt, und Sie dürfen darum nicht erwarten, daß er, wenn er zu mir von – seiner Schwester sprach, mich zum Mitwisser einer mehr oder minder peinlichen, vorwiegend persönlichen und vielleicht nicht einmal ganz begründeten Sorge gemacht hat –« »Sie verklausieren ja ganz gewaltig vorsichtig!« »Einige Andeutungen hat er mir allerdings gemacht, und ich will Ihnen nicht verhehlen, welche Schlüsse ich daraus zu ziehen mir erlaubt habe. Ich will auch keine weiteren Umwege mehr machen, sondern Ihnen kurz und bündig das vortragen, was er mir an Tatsächlichem bekannt hat. Darnach bewirbt sich um seine Schwester ein hochgestellter Mann, der das arme Mädchen wohl betören, aber schwerlich zu seiner Gemahlin würde erheben können –« Luckner hatte zu kauen aufgehört. »Weiter!« forderte er. Herbrinck hielt an der diplomatischen Darstellung, die den Grafen schonen sollte, fest. »Löhr hat ihn nicht selbst gesehen,« führte er aus. »Nur die Fußspuren im Schnee haben ihm auch in den letzten Tagen noch bestätigt, daß seine dienstliche Abwesenheit zu Besuchen im Birkhause benutzt wurde –« »Aha – »Lieber Herr Graf –« »Schön, schön! Sie sind schon reichlich verständlich genug. Ich bin's gewesen, wenn Sie es denn durchaus heraus haben wollen. Aber so'n verdammter Klatsch! ...« »Nur Klatsch?« »Ach was, lassen Sie mich aus! Dem Halunken von Körten habe ich nachgespürt, und weil ich am Birkhause vorbei mußte, hab' ich dem Mädel mal Guten Tag gesagt. – Nee, wissen Sie was, Herbrinck? Lügen kann ich schlecht. Zum Kuckuck! Ja, sie gefällt mir! Nachgelaufen bin ich ihr! Nun aber sparen Sie sich Ihren Sermon – – – es war einmal – – Punktum, basta!« »Noch liegt natürlich kein Grund zu Vorwürfen vor –« bemerkte Herbrinck versichernd und doch auch mit leise anklingendem Frageton. »I bewahre! Ich dachte, die Puppe zierte sich – umbringen wollte ich sie ja nicht ... Und der Laffe spürt mir förmlich nach? Ich werde ihm einen Stachelzaun um seine Villa ziehen lassen!« »Ist die Gesinnung nicht ehrenhaft?« »Gott doch, ja ... Sie können einem zusetzen, daß man heulen möchte. Geben Sie mir einen Cognac – und dann Schwamm drüber ...« »Die Sache ist für mich selbstredend erledigt. Bitte –« »Ja, gottlob, für mich auch. Bloß für den Fürwitz nicht, der gleich zum Kantor läuft ... Noch einen!« »Darüber bin ich beruhigt, lieber Herr Graf.« »So, beruhigt? Dem werde ich eins aufgeigen, daß er das Fiedeln für ein Bomben- und Granatendonnerwetter halten soll ... Mahlzeit, alter Mentor. Und kriechen Sie in die Stiefel, daß wir satteln lassen können. Den Ritt verderben Sie mir doch nicht, und die Kleine – – na, ist nur gut, daß der ahnungslose Engel sein Näschen da nicht auch noch hineinstecken kann. Deren Ansichten und Ihre, Herbrinck – einfach, als ob sie kopiert wären ... Der grüne Bengel soll aber das Maul halten, daß er sich's nicht verbrennt –« »Schwatzhaftigkeit paßt nicht zu seiner Art, Herr Graf.« »Na, denn nicht! Nu aber los! Ich geh' ins Schloß und hole meinen Engel – und dann einen flotten Trab, wenn ich bitten darf. Schneid muß drin sein, sagt auch die Kleine. Und dann ist ja auch der neue Staat einzuweihen. Adjüssing, bet naher!« Er stampfte hinaus, und Herbrinck war befriedigt, daß er seine gute Laune wieder gewonnen zu haben schien, wofür allemal die Anwendung des heimischen Idioms ein gutes Anzeichen war. Viertes Kapitel. »Wenn ich mal nicht mehr reiten kann, hab' ich den ganzen Rummel satt, Herbrinck,« sagte der Graf unterwegs, als er seinem tänzelnden Braunen den Hals klopfte. »Na, das hat noch Zeit,« klang es zurück. »Ich habe mitunter so Anwandlungen zur Selbsteinkehr und sehe dann so ziemlich deutlich, daß ich dem blauen Briefe des Herrgotts mit jedem Jährchen um einen fatalen Schritt näher komme.« »Sie stehen auf der Höhe des Lebens –« »Sagen Sie! Ist aber verflixt windig da oben. Nee, Herrschaften, man immer sachte einpacken, sage ich mir –« »Hast du Aerger gehabt heute morgen, Papa?« fiel die Komteß ein, deren schlanke, biegsame Figur in dem schlichten, eng anliegenden graugrünen englischen Reitkleide zu bestechender Geltung kam. »Nein, Kleine, diesmal hast du vorbeigeschossen,« versicherte der Graf. »Hast aber recht, daß die Schwarzseherei in diesen weißen Tag schlecht hineinpaßt. Guck dir bloß mal den Nettelsee an! Mit dem Eiskollier ordentlich bräutlich. Und der Knick! Wie mit Marzipanguß auf den kahlen Ruten. Und der mächtige blaue Baldachin über uns! Und die reine, demantklare Luft! – Köstlich, was?« Einzelne Landleute waren auf dem Kirchgange. Sie wichen den Reitern aus und wateten abseits durch den fußhohen Schnee. Die Frauen nickten, die Männer zogen grüßend die Sonntagsmützen. Ihr ›Gu'n Morgen‹ wurde von den reitenden Herren mit lautem Gegengruß, von der Komtesse mit freundlichem Lächeln erwidert. »Eine Lust, die Landbevölkerung in unserem schönen Holstein,« sagte Herbrinck voll Stolz. »Alles gesund und tüchtig; von wirklicher Armut kaum irgendwo die Spur –« »Nur in den Arbeiterfamilien auf den großen Gütern,« versuchte Luckner zu reizen. »Auf Timmhusen?« fragte Herbrinck. »Haben Sie die Leute schon einmal beobachtet, wenn sie sich an Feiertagen zusammenfinden und sich in ihrer Art vergnügen? Meines Wissens haben Sie weder den ›Pfeifenkopf‹, noch den ›Braunen Hirsch‹ oder die ›Weintraube‹ je mit Ihrem Besuche beehrt, wenn da einmal etwas ›los‹ war. Und doch muß man, wenn man den einfachen Mann ganz verstehen will, ihn nicht bloß bei der Arbeit, sondern auch einmal bei seinen Festen sehen. Mit dem Sonntagsrocke zieht er gewissermaßen auch den Sonntagsmenschen an, und der zeigt, daß die nährende Arbeit ihm recht gut auch einen klingenden Taler für ein Vergnügen übrig läßt –« »Das glaube ich – bei Ihrer Noblesse, mein lieber Herbrinck!« »Suum cuique, Herr Graf. Und bei dem, der mal nicht mitkommen kann, noch etwas mehr, damit er nicht dauernd zurückbleibt, sondern die kritische Zeit ohne Schaden übersteht.« »Zufrieden sind die Leute deshalb aber doch nicht –« »Doch, Herr Graf. Aber wenn die eine Hand streichelt, soll die andere nicht kratzen.« »Das geht auf mich, Lene. Herbrinck streichelt, ich kratze. Dafür haben sie aber auch vor mir mehr Respekt. Wenn einer weiß, daß ihm einer auf die Füße tritt, dann nimmt er sich in acht. – Dein Fuchs denkt wohl, er ist mit dir in der Tanzstunde, Kleine? Gib ihm mal die Kandare zu fühlen, die tut manchmal Menschen und Tieren gut.« An einer Wegebiegung kam in einiger Entfernung Neurade in Sicht, dessen Herrenhaus gerade zwischen den langen Wirtschaftsgebäuden hindurch den Ankommenden entgegengrüßte. »Was, haben die von der Ehre unseres Besuchs eine Ahnung, daß sie gar geflaggt haben?« fragte Luckner, auf eine vom Morgenwinde träg geblähte Fahne in den holsteinischen Farben deutend. Die Komteß half seiner Erinnerung nach. »Hast du vergessen, Papa, daß Herr Menge einen Tag nach seinem Sohne Geburtstag hat?« »So? Die Rechnung stimmt aber nicht, Kleine. Erst kommt logisch der Vater, und dann feiert der Herr Sohn – – i, das ist kurios – wie kann der Sohn vor dem Vater – – das ist ja ein richtiger Witz in der Zeitrechnung – –« Alle drei lachten. »Na, hoffentlich sind noch nicht zu viele Gäste da. Höchstens schwärmt Tönndorp noch für so'n Ritt ums Morgenrot. Sie, Herbrinck, wenn der da ist, hat die Hausfrau wieder mal ihren Aerger.« »Von wegen dem Spiel?« »Das kann er doch nicht lassen.« »Ich mache nicht mit.« »Haben Sie die Katze zu Hause gelassen? Ich werde Ihnen borgen.« »Danke. Ich kann mich beherrschen.« »Also morgen wird noch Eis gefahren?« warf Luckner ein. »Ich werde ein bißchen zusehen und meine Spazierfahrt nach Kiel – auf Mittwoch verschieben. Willst du mit, Kleine?« »Du bekommst einen Kuß, Papa!« »Schön. Abgemacht.« »Sie sind übrigens ein schlechter Wetterprophet, Herbrinck. Zu dem Froste haben Sie kein Vertrauen? Wenn Sie so lange schlafen könnten, bis der weg ist, würden Sie ein neues Weltwunder.« »Ist das Ihr Ehrgeiz?« fragte die Komteß schelmisch. »Ach wo,« schnitt Luckner die Antwort ab. »Der möchte noch am liebsten andere für sich hinlegen und für sich selbst fünfundzwanzig Stunden aus dem Tage machen. Haben Sie in der Nacht überhaupt kein Auge zugetan?« »Das war eine Ausnahme, Herr Graf.« »Lassen Sie die nicht zu oft vorkommen. Selbst der beste Radreifen geht in die Brüche, wenn die Kutsche immer unterwegs ist. Wir scheinen wirklich die ersten zu sein, denen der blau-weiß-rote Festgruß entboten wird. Ist noch alles still auf dem Hofe.« »Sie haben uns aber schon bemerkt,« rief die schlanke Reiterin, indem sie ihren Fuchs auf dem gefährlichen Hofpflaster zum langsamen Schritte verhielt. »Von einem der Mittelfenster aus weht ein Taschentuch – siehst du es nicht, Papa? – Das gilt besonders dem Herrn Paten,« fügte sie neckend hinzu und lachte Herbrinck mit den sonnigen Blauaugen an. Aus den Ställen kamen Leute heran und nahmen die Pferde vor dem Herrenhause in Empfang. Unter dem Hauptportale des Schlosses stand der Gutsherr und schüttelte seinen Gästen die Hände. »Willkommen auf Neurade!« »Meinen Glückwunsch, ganze Menge!« scherzte Luckner in gehobener Stimmung. Im Salon gab es ein heiteres Begrüßen mit der noch jungen, sympathischen Schloßherrin und ihrem Stolz, dem dreijährigen, dicken, rosig gesunden ›Thronerben‹. Der Bengel begrüßte zuerst die junge ›Tante Uckner‹ und hing sich dann ziemlich stürmisch an den von seinem kleinen Bubenherzen zärtlich geliebten Paten, den er möglichst eilig an seinen Geburtstagstisch zu schleppen versuchte. »Ontel – Ontel!« – – das verstümmelte Wort kam immer wieder über die frischen, plappernden Kinderlippen, und dazwischen verstreut ein rufendes: »Tante Ene, Tante Ene«, wenn die junge Dame sich einmal von der Bescherung entfernt hatte und sich auch mit den anderen unterhielt. Die Gutsleute hatten dem Schloßherrn eine lange Pfeife und ein Säckchen mit fünf Pfund ›Pastorentabak‹ geschenkt, die einer der Kutscher bei einem Besuche in Neumünster im Auftrage mit Bedacht und Sachkenntnis eingekauft hatte. »Man sieht die Liebe,« sagte Menge erfreut. »Das edle Kraut werden Sie aber auf dem Dach verpaffen müssen,« meinte Luckner. »Ich denke nicht daran. Im Gegenteil: es wird mir schmecken.« »Na, denn guten Appetit.« Frau Lucie Menge erzählte von dem Buben. »Also heute ist dein Geburtstag, Waldemar, sagte ich ihm gestern früh. Da machte er die großen Augen noch weiter auf und fragte: ›Wo it er – wo it er?‹« »Wo ist dein Geburtstag, Schlingel?« wiederholte Luckner lachend das Experiment. »Da, Ontel!« Und der Bengel wies mit seinem verständigen Kinderernst auf das Faßbare, den Gabentisch. »Den Donner –« Luckner beteiligte sich amüsiert an der Besichtigung der kleinen Herrlichkeiten. Nach einer Stunde kam Graf Tönndorp im Schlitten. »Donnerkiel, ich glaube, der schleppt doch noch von dem Kuhnschen Segen mit sich herum!« platzte Luckner heraus und drängte sich ans Fenster. »Ach nee, da hinter dem Kutscher kraucht noch was aus den Decken heraus – – ah, die Gnädige, und nicht mal im Kuhnschen Kunterbunt. Herbrinck, mit dem Skat oder Solo wird es nichts. Wenn die dabei ist, hat's vormittags Feierabend geschlagen. Sie sind beneidenswert, Sie kommen glücklich um die Anleihe herum.« Tönndorp brachte doch ein umfangreiches Paket mit, und Luckner wurde schon wieder zweifelhaft, ob er nicht doch noch auf seinen Ulk kommen sollte. Aber das Geschenk war mehr praktischer Natur. »Eine Brotschneidemaschine,« erklärte Tönndorp, ein behäbig korpulenter Fünfziger mit vergnügt blinzelndem Augenpaar. »Ist zwar weniger für Sie, lieber Menge, kommt Ihnen ja wohl aber auch zugute.« »Nanu, wer hat dir denn den Spahn abgehauen?« forschte Luckner. In das ›Du‹ der befreundeten Nachbarn war der um vieles jüngere Neurader Gutsherr, obgleich er beliebt war, noch nicht eingeschlossen. »Ich selbst,« gab Tönndorp zur Antwort und wandte sich an die Hausfrau: »Ist auch eine Arbeit, das Brotschneiden, und weil das Mäulchen – oder wenigstens der Magen – Ihres Prinzen immer größer wird, hab' ich Ihnen das Stopfen etwas erleichtern wollen. Wer dabei der Beschenkte ist, er oder sie, das ist unter Kameraden ja wohl ziemlich egal.« Aber das Geburtstagskind selbst kam auch nicht zu kurz. Ein halbes Dutzend Spiele neuer Karten war mit dem nützlichen Angebinde geschickt mit eingeschmuggelt worden. »Heute brauchen wir keine, das weiß ich allein,« bemerkte der Spender, der ein verständnisvolles Schmunzeln Luckners aufgefangen hatte. »Aber der Winter ist noch lang und Menges Knickrigkeit groß. Da wollte ich mit dem Zweckmäßigen einen kleinen Hieb verbinden. Herrjeh, Kleine, so was Schmuckes wieder – – ich sag's ja immer, die Timmhusener Jüngste – Spieglein an der Wand – ist die schönste im ganzen Land. – Natürlich, meine liebe Frau Menge, Sie konkurrieren mit – – und meine Gnädige – früher auch,« schloß er mit einer kleinen Anzüglichkeit auf seine Gattin, die im Rufe stand, trotz ihrer Gutmütigkeit ein wenig den Pantoffel zu schwingen. Die Gräfin fühlte sich nicht verletzt. »Früher sah er in dem bewußten Spiegel nur mich,« versetzte sie, auf den Scherz eingehend. »Das geht bei den Männern aber immer so; mit den Jahren werden sie – oder der Spiegel – blind. Womit ich übrigens der gegenwärtigen Timmhusener ›Schönsten im Land‹ nicht zu nahe treten will.« »Onkel Tönndorp,« mischte sich Komtesse Helene ein, »Papa nimmt mich am Mittwoch mit nach Kiel, da will ich Ihnen einen anderen Spiegel mitbringen –« »Soll sogar auch – von Kuhn sein –« ergänzte Luckner boshaft und hatte die Lacher auf seiner Seite. Selbst die Gattin des Angegriffenen stimmte herzlich mit ein. »Nee, Luckner, Scherz beiseite: reinlegen kannst du mir den Kerl mal helfen. – Na, ich hab' doch wenigstens den Weizen gerettet, der zu dem alten auch noch hätte futsch gehen können.« Ein politisches Thema verdüsterte einen Moment den lachenden Horizont, und gerade die beiden verwandten Naturen Tönndorp und Luckner waren es, die aneinander gerieten. Frau Lucie Menge suchte zu vermitteln. »Luckner, lassen Sie sich in den Reichstag wählen, und Sie auch, Tönndorp –« »Nee, da liegen wir uns dort auch in den Haaren,« protestierte Tönndorp. »Stören aber wenigstens Menges Geburtstag nicht,« gab der Timmhusener einlenkend zu. »Sie haben recht. Gnädige. Der Tönndorp hat aber zu sticheln angefangen –« »Nee, mein Bester! Ich habe bloß das Karnickel bei den Löffeln gefaßt,« verteidigte sich Tönndorp schnell versöhnt. Hans von Herbrinck beschäftigte sich meistens mit dem Jungen, und zu seiner Beunruhigung war die junge Komteß von der Hausfrau immer nur vorübergehend zu fesseln, dann kehrte sie stets zu dem Prinzen zurück und gab Herbrinck die Empfindung ein, daß doch weniger der kleine dicke Bengel als er selbst der Magnet war, der sie, ihr selbst vielleicht unbewußt, anzog. Aber das Mädchen bewahrte ihre Unbefangenheit, und Herbrinck nahm sich zusammen, ihr seine Gedanken nicht zu verraten. Die Einladung zum Diner wurde von Tönndorp angenommen, von Luckner abgelehnt. »Da hätte ich meine Große um Erlaubnis fragen müssen,« scherzte er. »Aber Herbrinck, wenn der will – –« »Der bleibt natürlich!« fiel die Hausfrau lebhaft ein. Herbrinck zögerte und traf auf einen gespannten Blick der Komteß. »Wenn Sie mich behalten wollen,« entgegnete er entschlossen. In den jungen Zügen der Komteß malte sich Enttäuschung. »Ontel, dableiben,« schloß sich Waldemar energisch an. »Tante Ene, dableiben.« Er stiefelte zu dem Grafen Luckner, schmiegte sich an seine Kniee und reckte die Aermchen hoch. »Ontel Uckner, dableiben!« »Geht nicht, mein Kerl – heute nicht, aber bald mal.« Luckner zog den Bengel auf den Schoß. »In'n paar Tagen kommen wir wieder, mein Jung', und da bring' ich dir auch was mit. Was soll's denn sein? Ein Hase, ein Pferd, eine Peitsche?« Aber der Eigensinn beharrte bei seinem Willen. »Dableiben!« wiederholte er kategorisch, befreite sich und stellte sich breitbeinig vor die Tür. »Du bist ein süßer Bengel!« Die Komteß flog durch das Zimmer und hob den kleinen Wächter ausgelassen empor. »Sieh mal einer an, in dem Dreikäsehoch steckt aber Rasse!« Luckner schüttelte sich vor Lachen. »Na, Kleine, wollen wir's riskieren?« »Natürlich, Papa.« »Liebe Frau Menge, Ihr kleiner Lumpus hat gesiegt.« Luckner verbeugte sich verbindlich vor der Hausfrau. »Aber den Gefallen müssen Sie mir tun, einen Boten nach Timmhusen zu schicken.« »Zwei, lieber Graf!« Am Nachmittage war der Erbprinz für eine Stunde in sein Bettchen gepackt, und der Abschied ging ungehindert von statten. »Komm' mit rüber, du bist meine beste Entschuldigung,« lud Luckner den Grafen Tönndorp ein. »Gern, Karnickel,« sagte der und klingelte mit seinem Schlitten der kleinen Kavalkade voran. Unterwegs fiel unerwartet ein Frost in die beflügelte Laune. Bei einem Arbeiterhause, das einsam am Wege lag, hielt Graf Luckner plötzlich horchend an. Das Haus sollte das Ueberbleibsel eines ehemaligen Klosters sein und führte den Klosternamen noch bis in die Gegenwart, obgleich nichts an ihm mehr an seine vorzeitliche Bestimmung erinnerte. Höchstens wurde seine Weltabgeschiedenheit noch dadurch angedeutet, daß es nach der Wegseite hin völlig fensterlos war und in der niedrigen, bläulichweiß getünchten Wand nur eine kleine, im Winter mit Stroh verstopfte Oeffnung zeigte, die allenfalls als Auslug dienen konnte. Aus einem Stalle meckerte eine Ziege; durch die nach dem engen Hof zu gelegene, halb offene Eingangstür des Klosters drang jedoch ein Juchzen und Lärmen, das nicht gerade klösterlich war und zu dem stillen Sonntagsfrieden in ziemlich auffallendem Gegensatze stand. Herbrinck und die Komteß ritten weiter, Luckner aber lenkte seinen widerstrebenden Braunen auf den Hof und suchte den Lärm zu ergründen. Füßetrampeln, Lachen und Gesang wechselten ab. Eine kräftige und nicht unangenehme Männerstimme setzte nach verstummtem Stampfen und Lachen allein ein, und der Horcher konnte jedes Wort verstehen: »Söben Klucken un een Hahn, Kikiriki, dat mutt gahn; Doch wenn de Graf mit kraien wull, Denn wier he ginzli dull.« Und der Chor wiederholte: »Denn wier he ginzli dull.« Kreischen und Beifall. Dann wieder der Solosänger: »Mandag is't, wenn't Sünndag west, De Sünnahmd is de best; Doch wenn de Graf mal arbei'n möß, Denn geiw dat Fierdag söß sechs. – – :,: Denn geiw dat Fierdag söß. :,: Schauster is en goden Mann, De ok wat verdeenen kann; Doch wenn des Graf sien Bütel leer, Denn kümmt 't von Dreekart her – – :,: Denn kümmt 't von Dreekart her. :,: Fischen is en grot Vergnög'n, De Gräunrock kann am besten lög'n; Doch wenn de Graf dat Mul makt up, Denn geiht dat knallerarup. :,: Denn geiht dat knallerarup. :,: Döschen dreschen. ist keen Kinnerspeel, Int Sloß da snackt man geel; gelb. Doch wüll Een mal wat up de Snut: Uns' Graf, denn kam man rut heraus. – :,: Uns' Graf, denn kam man rut. :,: »Gaud, Dedl, gaud!« lobte eine heisere Baßstimme. »Herrjeh, dat sull De man hürn!« Dem Grafen schwoll die Zornesader; das war ja wie die reine Rebellion. Wütend hämmerte er mit dem Silberknopfe seiner Reitpeitsche gegen die Tür. Aber er brauchte lange, ehe er den Lärm drinnen übertrumpfen konnte. »Himmelkreuzschockschwerebrett!« schrie er fluchend. Drinnen wurde es plötzlich still. »Nu kamt man rut! Nu kamt man rut!« forderte Luckner erbost. Ein Klappen von Holzpantoffeln auf der Lehmdiele und ein gedämpfter Ruf: »Herrjeh, de Graf!« Dann wieder Totenstille. »Soll ick rinkamen?« donnerte Luckner und zerrte seinen schnaubenden Braunen bis dicht an die Tür. Ein älterer Mann kam schleppend zum Vorschein. »Ah, Sie sind das, Kruse. Natürlich Kruse!« Der Mann war der Vater des Burschen, den der Gutsherr mit der Reitpeitsche traktiert hatte. »Jo, ick, Herr Graf –« Das klang devot, aber auch verhalten grollend. »Melden Sie sich morgen bei dem Verwalter! Und binnen acht Tagen sind Sie hinaus, sonst pack' ich Sie noch selbst. Wer ist noch von der Blase?« Luckner schwang sich aus dem Sattel. »Raus, halten Sie mir den Gaul!« Er bückte sich in der Tür und stampfte durch den halbdunkeln Flur. Drohend stand er mitten unter der verdutzten Gesellschaft. »Der Körten, der Dütje, der Maulaffe! Wer sind Sie?« fragte er einen städtisch gekleideten Vierten, dessen bartloses, verschminktes Gesicht den Komödianten verriet. Der Befragte, ein Bruder des Klosterbewohners, der zu Besuch gekommen war, suchte eine würdevolle Haltung anzunehmen. »Detlev Kruse, zu dienen. Bekannter unter dem Pseudonym Erhard Lindwurm, derzeit Komiker am Walhalla-Variété in Kiel.« »Und von dem Wurm sind die Spottverse?« Rietsch – sauste die Peitsche. Aber der ›Wurm‹ hatte rechtzeitig ausweichen können. »Na, ist gut, daß ich nicht getroffen habe,« fauchte Luckner und sah sich um. »Ist das sein Schafspelz?« fragte er und deutete auf einen schäbigen, in der ländlichen Umgebung immerhin auffallenden Pelzmantel. »Rein in das Fell!« donnerte er, und der Angefahrene kam dem Befehl gehorsam nach. »Herr Graf –« wollte sich die Frau des Arbeiters einmischen. »Schweigen Sie! – Wo ist sein Deckel?« Dütje reichte einen altersschwachen Zylinder. »Nu raus!« Der Humorist stolperte eilig über die Schwelle, drückte seinem Bruder draußen mit flüchtigem Achselzucken die Hand und schloß im Verschwinden den Pelz. »Unsere Abrechnung kommt nach!« wandte sich Luckner drohend an die kleinlauten Gutsleute, schwang sich in den Sattel und fuchtelte grimmig mit der Peitsche, als er den ausgewiesenen Lindwurm überholte. Er hielt sich aber nicht mehr mit ihm auf, sondern folgte in schlankem Trabe den Vorangerittenen, die er erst nahe vor dem Gute wieder in Sicht bekam. Auf dem Hofe harrte seiner eine weitere Ueberraschung, die ihn erneut aufbrachte. Das große Einfahrtstor eines langen, scheunenartigen Baues, der als Stallung für die einigen hundert Kühe des Gutes diente, zeigte in weithin sichtbarer, roher Kreidezeichnung eine lebensgroße Frauenfigur. Es war kein Künstler gewesen, der die Karikatur zustande gebracht hatte; aber die Art, wie das Gesicht gezeichnet war, ließ doch eine gewisse urwüchsige Begabung nicht ganz verkennen, und der Graf war nicht lange im Zweifel, wer mit dem Bilde gemeint sein sollte. Die leicht gebogene, spitze Nase der älteren Komtesse war übertrieben vergröbert, der hochmütig zurückgeworfene Kopf aber, wahrscheinlich zufällig, leidlich gut getroffen. Die ungelenk hingekritzelte Unterschrift ›der dragge‹ deutete noch nicht notwendig auf die junge Gräfin, aber die auf dem Hute in derben Umrissen angebrachten Straußenfedern wurden in der ganzen Gegend allein von ihr mit ausgeprägter Vorliebe getragen. Graf Luckner war entrüstet. Die Komteß Eveline war nicht beliebt, er wußte es; aber das gab einem Spötter noch kein Recht, über sie herzufallen. Luckner gab sein Pferd ab und suchte Herbrinck im Verwalterhause auf. »Haben Sie gesehen –?« fragte er abgerissen. Herbrinck hatte sich mit seiner Begleiterin unterhalten und nichts wahrgenommen. Luckner erzählte zornig. »Eine Frechheit!« resümierte er. »Ueberhaupt ein Geist jetzt unter der Horde, als ob der Teufel dreingefahren wäre!« Er schilderte zugleich den drastischen Auftritt bei Kruse. »Das haben Sie von Ihrer übertriebenen Gutmütigkeit,« warf er dem Verwalter vor. »Mit der Faust dreinfahren muß man, das zieht mehr. Stellen Sie mir den ›Draggenmaler‹ fest, der soll mich auch abkonterfeien. Nee, Herbrinck, erst das Idyll von Neurade, und dann die spitzbübische Fratzerei hinterher! Ganz miserabel könnte einem werden, wenn man nicht den Kopf hochhalten und sich sagen müßte: ach, larifari, Daumen aufs Auge! – Kommen Sie nachher rüber. Die Damen unterhalten sich allein, und wir machen, Tönndorp zuliebe, doch noch ein Spielchen ...« »Ich bitte um Dispensation. Ich werde das Spottbild entfernen lassen und mal nach Kruse sehen.« »Mir auch recht. Aber dabei bleibt es; den Kerl will ich nicht mehr behalten, um keinen Preis. – 'djüs.« Prustend ging er. Herbrinck verharrte noch eine Weile gedankenvoll. Darin stimmte er mit dem Gutsherrn überein: der Geist, der seit einiger Zeit auf Timmhusen seinen Einzug gehalten hatte und anscheinend mehr und mehr an Boden gewann, war kein besonders guter. Die träge Ruhe der Landleute war ihnen ein starker Schutz gegen leichtfertige Exzesse. Aber schließlich rollte doch auch in ihren Adern ein Blut, das einmal in Wallung geraten konnte. Luckner war ein liebenswürdiger Gesellschafter im Verkehr mit seinesgleichen, aber eine Herrennatur im Umgange mit den unter ihm stehenden Leuten. Er war sich dessen vielleicht nicht einmal bewußt und reizte noch weniger absichtlich; es war allein das anerzogene Vorurteil in ihm, das ihn ohne bösen Willen, aber doch unbedacht aufstachelnd über der plebejischen Umgebung thronen ließ. Herbrinck fühlte sich etwas beunruhigt. Um die Leute sorgte er sich einstweilen noch nicht; aber die Stimmung des Grafen war nicht ungefährlich und ließ Unbesonnenheiten, die sich rächen und die unerfreuliche Lage verschlimmern konnten, nicht ausgeschlossen erscheinen. Er begab sich nach der Stallung und betrachtete nachdenklich die primitive Kunstleistung. Das hochmütige Wesen der Komteß und ihre an Geiz streifende Genauigkeit waren von ihm selbst wenig beachtet worden; aber auch der schlichte Volkssinn hatte die Untugend erfaßt, und wie sie auf ihn wirkte, das bezeugte die boshafte Karikatur, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Er rief nach einem Stallknecht und verwies die Ungehörigkeit. Der Knecht kraulte sich hinter den Ohren und protestierte dagegen, daß ihm etwa die Urheberschaft zugeschrieben würde. »Das habe ich nicht sagen wollen. Einer von euch muß es aber doch gewesen sein.« »Ick ni,« lautete die lakonische Verteidigung. »Wer denn?« Der Mann zuckte die Achseln und suchte den Verdacht ins Unbestimmte abzulenken. »Dat kann von uns keen Een,« behauptete er. »Nicht? – Wischen Sie die Schmiererei fort,« forderte Herbrinck. Der Mann holte einen leeren Sack, der gerade zuerst bei der Hand gewesen sein mochte, und begann zu scheuern. Die ›Straußenfedern‹ konnte er nicht erreichen, und der Verwalter, der größer war, mußte die Arbeit selbst vollenden. Wortlos warf er dem Knecht den Sack über den Arm und setzte zu Fuß den Weg nach dem ›Kloster‹ fort. Dort hatte natürlich auch der Bruder Komiker sich wieder eingefunden. Sobald der Graf seinem Gesichtskreis entschwunden gewesen war, hatte er Kehrt gemacht, um sich wenigstens noch über den Ueberfall mit der gehörigen Entrüstung auszusprechen. Aber Herbrinck fand eine reichlich bedrückte Gesellschaft. Die Frau trocknete mit dem Schürzenzipfel Tränenspuren ab, und der Mann stand stumm, einer Strafpredigt gewärtig, vor dem Vertrauten des Schloßherrn. »Wie ist das gekommen?« fragte Herbrinck in seiner ruhigen Art. Der zungenfertige Humorist wollte ihm antworten. »Sie glaubte ich glücklich wieder unterwegs,« kam ihm Herbrinck zuvor. »Ihre Anwesenheit mag geduldet sein, aber ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen.« Der strenge Ton ließ keinen Widerspruch aufkommen. »Erzählen Sie, Kruse!« forderte er von dem Arbeiter. »Jo –« Der Mann suchte sich zu sammeln. »Genau kann ick dat ni mal segg'n. Den Herrn Grafen harrn wi ni hürt bi den Larm, bet he – bet he kloppen deh. Wo wier dat gliks? Jo – wi süng'n. Mien Broder süng. Ganz gehüri wier dat woll ni, awer doch man all dumm Tügs, un dar is doch nichts bi.« »Was wurde gesungen?« »Wat? Jo, wenn ick dat segg'n künn. Weetst du dat ni mihr, Dedl?« fragte er den Bruder. Der Humorist hatte die Verse nach dem Mittagessen gedrechselt und flüchtig in sein Taschenbuch gekritzelt. Er riß den kaum leserlichen Entwurf mit seinen Korrekturen heraus und reichte die Blätter devot dem Verwalter. Herbrinck warf einen Blick auf die Hieroglyphen. »Ich werde das zu Hause zu entziffern suchen,« entschied er und steckte die Wische ein. »Ich will hier vor Ihren Verwandten nicht mit Ihnen verhandeln, Kruse. Melden Sie sich morgen früh um sieben bei mir,« befahl er nach kurzem Ueberlegen. »Dütje und Körten auch; bestellen Sie ihnen das. Gun Dag.« Die Frau haschte nach seinen Händen. »Herr von Herbrinck,« stieß sie jammernd aus, »wenn – wenn Se dat nu ni wedder in Ornung bring'n, denn – denn is dat ut mit uns – ganz rein ut. Ick wull Se doch beden hewwen – wi sünd ol Lüd –« Herbrinck wollte nicht schroff sein. »Das hätten Sie bedenken sollen. Aber gut,« wehrte er ab. »Wir wollen morgen früh das Weitere besprechen.« »Harmlose Schnadahüpfeln,« rief der Humorist noch hinter ihm her. Als er vom Kloster aus nicht mehr beobachtet werden konnte, blieb er stehen und quälte sich mit der Entwirrung der fürchterlichen Krähenfüße und noch fürchterlicheren Orthographie ab. Durch die Erfahrung der langen Jahre in das Idiom eingeweiht, gelang ihm die Entzifferung endlich, und er gestand sich mit einiger Verwunderung, daß er von dem simplen Urheber weniger Sinn erwartet hatte. Der aus der Dorföde in das Artistenleben verschlagene Poet schien weder unintelligent noch ohne einen gewissen derben Witz zu sein. Daß der leicht erregbare Graf an den gegen ihn gerichteten Spitzen Anstoß genommen hatte, begriff er; aber auf die Frage, ob es sich dabei wirklich um eine Todsünde handle, wollte ein Ja nicht in ihm aufkommen. Behagen empfand er freilich auch nicht. »Gärt es?« fragte er sich. Das Spottbild, und das Spottgedicht waren jedes für sich nicht so ganz harmlose Warnzeichen. Fünftes Kapitel. Das Morgengrauen hüllte die Gebäude noch in ein diskretes Halbdunkel, als der Arbeiter Kruse vor dem Verwalterhause auf Herbrinck wartete, der einen Rundgang durch die Stallungen angetreten hatte und von dort jeden Augenblick zurückkommen sollte. Es war eben so hell geworden, daß die Leute ihre Laternen, mit denen sie bis dahin hantiert hatten, auslöschen konnten, als der Verwalter über den Hof kam und bald vor dem seiner harrenden Arbeiter stand. »Kommen Sie hinein, Kruse,« forderte er und ging ins Bureau voran. »So, und jetzt vor allem das Eine: Sie haben den Grafen ernstlich verletzt, und er wird, wie ich fürchte, zum Nachgeben schwerlich geneigt sein. Es war ein Zufall, daß er hinzugekommen und gerade die Stellen des Singsanges hören mußte, die sich auf ihn bezogen. Recht war es von Ihnen aber auch nicht, daß Sie das Gespötte duldeten, und wenn die Folgen für Sie unangenehm sein werden, so haben Sie sich das selbst zuzuschreiben.« »Wenn Se awer doch en Wurt inlegg'n wull'n –« »Das will ich tun, Kruse. Meine Macht ist aber nicht unbeschränkt, und ich stehe für einen guten Ausgang nicht ein. Gehen Sie jetzt an die Arbeit, und kommen Sie auch in den nächsten Tagen. Sobald ich selbst die Entscheidung des Grafen weiß, werde ich Sie davon in Kenntnis setzen.« »Warrn Se em dat segg'n, dat – dat min Broder noch wedder dar wier?« fragte Kruse bedrückt. »Ich will vergessen, daß ich ihn gesehen habe,« entgegnete Herbrinck nicht unfreundlich. »Denn ok veelen Dank, Herr Verwalter.« Nach Kruse kamen Dütje und Körten an die Reihe und erhielten gleichfalls ihren ernsten Verweis. »Sie haben beide schon gerade genug auf dem Kerbholz,« schloß Herbrinck. »Wenn Sie das so forttreiben, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn die Geduld des Grafen endlich ausgeht. Die ist doch auch kein Schiffstau, daß Sie immer wie unvernünftig daran herumzerren und gar nicht bedenken, daß am letzten Ende auch Ketten zum Reißen zu bringen sind.« »Jo,« meinte Dütje verlegen, »awer wenn die Kierl ni west wier –« »Der Kieler? Lassen Sie sich von jedem hergeschneiten Schreier Ohr und Vernunft wegkaufen?« »Dat ni. Awer –« »Daß Sie beschönigen und die Schuld auf andere schieben wollen, macht Ihre Sache nicht besser. Schämen Sie sich, Dütje! Sind Sie ein Mann? Ein Mann, der was wert ist, steckt sich nicht hinter andere. Der löffelt die Suppe, die er sich eingebrockt hat, selbst aus, und wenn sie ihm auch noch so schlecht schmeckt. Um Ihren Rüffel vom Grafen werden Sie nicht herumkommen. Bedanken Sie sich, wenn's dabei sein Bewenden hat.« Er brach kurz ab und schickte die beiden dem ersten nach. Am halben Vormittage kam der Gutsherr zu Pferde an den Nettelsee und sah dem Eisfahren zu. Als er Herbrinck gewahr wurde, ritt er auf ihn zu. »Morgen, Morgen!« grüßte er, und Herbrinck benutzte die Gelegenheit, das Gespräch sogleich auf die Uebeltäter zu lenken. Er bestieg gleichfalls sein Pferd, das an einer vor dem frischen Seewinde geschützten Stelle von einem Arbeiter gehalten worden war, und ritt im Schritte mit dem Grafen nach dem Gute zurück. Er bot den heftigen Ausfällen des Gutsherrn gegenüber seine ganze Ruhe auf, um ein möglichst günstiges Ergebnis für die Bedrohten zu erzielen. Aber Luckner beharrte, soweit Kruse in Frage kam, mit ungewohnter Zähigkeit auf seinem Entschluß. »Die andern beiden, Herbrinck – meinetwegen, die können Sie rüffeln und einstweilen behalten – mal kommt auch ihre Stunde. Den Kruse aber – nicht um die Welt!« Herbrinck hatte bereits an einen Ausweg gedacht. »Würden Sie mir gestatten, in anderer Weise für die Leute besorgt zu sein?« »Wie meinen Sie das, geehrte Allerweltsvorsehung?« »Vielleicht könnte ich sie auf einem Nachbargute unterbringen –« »Dafür würden Sie keinen Dank ernten.« »Ich möchte aber den Versuch machen.« »Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Menge und Tönndorp werde ich aber warnen. Sollen die nachher den Schabernack haben?« grollte Luckner. »Allzuheiß bekommt nicht; verbrennen Sie sich den Mund nicht.« Damit wurde das Thema fallen gelassen. »Denken Sie versöhnlicher?« fragte Herbrinck am Jagdtage, als der Graf in guter Laune schien. »Kommen Sie mir schon wieder mit dem Spottgelichter? Nein! – wiederhole ich Ihnen, und wenn Sie noch hundertmal fragen. Aber warten Sie, versalzen werde ich Ihnen das; gleich spreche ich mit Tönndorp und dem Neurader und baue Ihnen das Loch gründlich zu.« Herbrinck lächelte. »Da freue ich mich, daß ich flinker gewesen und Ihnen zuvorgekommen bin, Herr Graf. Herr Menge hat bereits eingewilligt.« »Was, sich richtig übertölpeln lassen? Den Braten schnappe ich Ihnen doch noch weg!« Erst am Abende beim Skat fiel Luckner die Geschichte wieder ein. »Ich gratuliere Ihnen, Menge, 't ward immer kruser up Neerad,« stichelte er, während Tönndorp die Karten mischte. »Das ist Ihr Vorteil. Die schönen Schnadahüpfeln werde ich mir aber auch mal vortragen lassen,« gab Menge zurück. »Abheben!« mahnte Tönndorp. »Ich würde Ihnen raten, noch etwas zu warten,« fuhr Luckner fort. »Vielleicht kann inzwischen eine kleine Umdichtung vorgenommen werden, und die Knüttelverse passen dann mitsamt dem Knüttel auf Sie!« »Sie reizen, Menge!« erinnerte Tönndorp wieder. »Tourné,« bot Menge. »Es giebt Menschen, die vorm rauhen Handschuh davonlaufen. Dazu gehöre ich nicht.« »Und andere, die das Feuer nicht sehen, wenn's schon lichterloh brennt. – Tourné habe ich.« »Ich bin versichert, Luckner. – Solo!« »Habe ich. – Meinen Sie, Ihre Neurader Alten seien für Sie eine Leibgarde? Die werden mit aufgewiegelt.« »Coeur – Pique. – Das sind doch keine Wetterhähne.« »Null!« reizte Tönndorp ungeduldig. »Sind sie alle!« behauptete Luckner. »Ich passe!« »Ihr Null soll zu Wasser werden, Tönndorp. Trefle!« überbot der Neurader. »Sie haben wohl wieder die ganze Hand voll!« murrte Luckner. »Aber Ihre Kartenbuben, und wenn sie alle vier zusammensitzen, bleiben gegen einen Kruse doch immer von Pappe.« – Herbrinck spielte nicht mit, hatte dem wenig ernst gemeinten Geplänkel aber belustigt zugehört. In einer Spielpause wurde Thee gereicht, und Tönndorp suchte den Verwalter mit seiner Spielenthaltsamkeit zu foppen. »Hockt da abseits bei den jungen Herrschaften oder guckt einem höchstens mal über die Schultern – Kuckuck, Sie versauern ja mit jedem Tage mehr!« »So, weil er sich mit uns unterhält?« fragte die Komteß Helene. »Danke für das Kompliment, Onkel Tönndorp.« »So war das nicht gemeint, Kleinste,« verwahrte sich der von unvermuteter Seite Angegriffene. »Freilich,« gab er zu, »du hast recht: ich habe wirklich eine kleine Dummheit rausgebracht. Bitte vielmal um Verzeihung, meine Gnädigste ...« Luckner schlug sich auf seine Seite. »Du brauchst nichts zurückzunehmen,« schürte er, »denn du hast nur die Wahrheit gesagt, die manchmal zwar was bitter ist, aber doch gelten muß. – Mit Ihnen ist was nicht ganz in Ordnung, Herbrinck. Ich glaube, Sie sind verliebt. Heiraten Sie doch!« Die junge Komteß wurde dunkelrot und machte sich abseits zu schaffen. »Sind Sie zu schüchtern?« schlug Tönndorp in die gleiche Kerbe. »Soll ich den Freiwerber machen?« »Verfügen Sie über mich ebenfalls.« neckte Luckner. »Ich bin sogar am besten qualifiziert, Herbrinck, denn ich kenne Sie am genauesten und kann nicht annähernd genug zu Ihrem Lobe sagen.« Aus dem Scherz klang die Wärme. »Den Bären muß man haben, ehe man ihn verhandeln kann,« nahm Herbrinck den Scherz mit äußerer Ruhe auf, obgleich ihm das Thema in Gegenwart der Komteß nicht angenehm war. »Na, die Zeit wäre da,« meinte Tönndorp. »Aber bei uns herum ist schließlich auch nicht gerade viel zu holen. Sie müssen Timmhusen mal den Rücken kehren, sich in Kiel umsehen, im Sommer in die Bäder gehen. – Sie können doch nicht erwarten, daß die heiratslustige Damenwelt zu Ihnen gepilgert kommt.« »Schaue dich mit um – Sie auch, Menge!« ersuchte Luckner die Freunde. »Ich werde an meinem Teil ebenfalls nicht verfehlen ... Worauf steht denn Ihr Sinn, Herbrinck: blond, brünett, schwarz? Oder gar rot?« »Ich werde mir das überlegen, Herr Graf. Vielleicht haben Sie die Güte, nach ein paar Jahren mal wieder anzufragen –« »Oho!« unterbrach der Schloßherr lachend. »In eine so luftige Ferne wollen wir die Geschichte nicht verschieben. Ich bewillige Ihnen Urlaub, wann und solange Sie wollen. Aber machen Sie Ernst, Bester. Hui! wird der alte Bau umgestoßen und der neue, der schon all die Jahre her spukt, hingezaubert. Ohne Spaß: daran könnten wir immer schon denken!« »Die alten Räume genügen mir,« behauptete Herbrinck und sprach sich wie gewöhnlich gegen das Projekt aus. »Ihre Einwände bleiben immer dieselben,« fiel ihm Luckner ins Wort. »Aber die Verhältnisse sind gänzlich andere geworden. Ich muß wieder mal meinen Kopf durchsetzen,« drohte er, wandte sich dann aber von neuem dem Spiele zu. Die Komtessen zogen sich bald nach dem Thee zurück, und Herbrinck fühlte, als die Hand Helenes in der seinen ruhte, ein Zittern in den schlanken Fingern. Ihr Blick streifte ihn befangen. Es hielt ihn nicht mehr. Er verweilte nur noch kurze Zeit als Zuschauer und verabschiedete sich dann unter dem Vorgeben, ermüdet zu sein. Der Schlaf floh ihn aber, und noch stundenlang lag er in quälendem Grübeln. Phantasie und Gedächtnis beschworen düstere Bilder herauf, die doch immer wieder, wie die Sonne die Wolken, blendend und strahlend das frische Bild der jugendlichen Komteß durchbrach. Mit einem Stöhnen drehte er sich der Wand zu und schloß die Augen; aber selbst der endlich herbeigezwungene Schlaf trieb das marternde Spiel in wirren Träumen fort. Abgespannt erwachte er, kalt und ernüchternd umgab ihn das Morgengrau. Schwerfällig erhob er sich und fand die Beherrschung nur langsam wieder. Nach beendetem Tagewerke machte er im Mondscheine noch einen Gang durch die winterliche Waldung. Selbstvergessen schritt er aus und stutzte fast verwundert, als er weit im tiefen Abendfrieden plötzlich das Birkhaus vor sich liegen und die kleinen Fenster rot aufleuchten sah. Etwas Einladendes sprach aus dem Lichtschimmer zu ihm, das ihn unwillkürlich näher lockte, und als er durch die unverhängten Scheiben Löhr und seine Schwester am einfachen Abendtische sitzen und sich unterhalten sah, drängte es ihn, an dem Frieden der beiden Menschen teilzunehmen und bei ihnen einzukehren. Er pochte und rief seinen Namen. Der junge Mann kam, um zu öffnen. »Sie, Herr von Herbrinck?« fragte er freudig. »Wenn ich Sie nicht störe, möchte ich wohl noch ein Stündchen verplaudern,« erwiderte Herbrinck freundlich. »Stören? Gar nicht,« versicherte Löhr und fand an seiner Schwester eine Unterstützung, die den willkommenen Gast gleichfalls einlud. »Der Graf ist noch in Kiel,« erzählte Herbrinck im behaglich durchwärmten Zimmer, »und dürfte kaum vor zehn oder elf zurückzuerwarten sein. Da lockte es mich noch etwas hinaus.« Das Mädchen räumte ab, nachdem Herbrinck für einen Imbiß gedankt hatte, und dann saßen sie alle drei im Lichtkreise der kleinen Hängelampe, die den Raum dürftig, aber hinreichend erhellte. Herbrinck hatte dem geschickten Hantieren des Mädchens mit Wohlgefallen zugesehen und empfing auch im Laufe der Unterhaltung einen so guten Eindruck von ihr, daß er im stillen die auf eine Verbindung mit dem Grafen zielende Besorgnis des Bruders für unbegründet erklärte. Sie mochte nicht gerade tief veranlagt sein und war sicher nicht zu einem eigenartigen und selbständigen Denken fähig wie die ihr geistig weit überlegene junge Komteß; aber sie gab sich mit einer Einfachheit und zurückhaltenden Bescheidenheit, die ihm auch mit einer vertrauenswürdigen Besonnenheit und Festigkeit verbunden zu sein und eine leichtsinnige Erniedrigung auszuschließen schien. Der Eindruck stimmte ihn heiter und ließ ihn in dem kleinen Kreise sich wohl fühlen. Und darüber vergaß er dann auch, daß sich das Gespräch im ganzen in recht nüchternen Bahnen bewegte und fast nur Alltäglichkeiten berührte, wenn er nicht selbst darüber hinausgriff und einen Faden sinnend ausspann, den ein Zufall die anderen hatte bloßlegen lassen. Die Geschwister kannten den Artisten Kruse und erzählten von ihm, als Herbrinck seinen Namen genannt hatte, daß er sich ehedem heimlich aus der Heimat entfernt haben solle, in dem Drange, mehr zu werden, als ihm in der dörflichen Umgebung möglich war. Er habe zuerst in Neumünster ein Unterkommen als Stallknecht in einem Fuhrgeschäft, dann als Hausdiener in einem Gasthofe gefunden. Beim Militär sei er bis zum Unteroffizier avanciert, habe dann aber in seiner Unstetigkeit den bunten Rock ausgezogen, sich nacheinander als herrschaftlicher Diener, Kellner und Agent in verschiedenen Städten umhergetrieben und sich schließlich dem Theater zugewendet, auf dem er zu den Größen aufzusteigen gehofft habe. »Es muß aber wohl doch nicht gelangt haben, denn viel geworden ist aus ihm nicht,« meinte Lohr. »Ueber seine Kraft kann niemand,« reflektierte Herbrinck. »Und wer die überschätzt, dreht sich im Kreise und langt immer wieder da an, von wo er ausgegangen ist. Freilich – mitunter kann er sich auch verirren, und dann führt ihn ein Fehlschlag nach dem andern abwärts in eine trostlose Tiefe. Und wie die Kraft zum Schaffen, die geistige und die physische, so wird nicht selten die sittliche verkehrt eingeschätzt und versagt in einem Taumel des Lebens, der notwendig gleichfalls an den Abgrund leiten muß. Ich weiß nicht, ob und woran der Kruse gescheitert ist; aber für eine gesunde Sittlichkeit hat das Variété wohl kaum den Boden, und selbst, wenn seine Begabung ihn darauf hinweist oder wenigstens dafür ausreicht, wird von einer echten Befriedigung wohl kaum die Rede sein können. Mich hat er bei der kurzen Begegnung nicht angezogen; ich kann das theatralisch Verschminkte und Verschmitzte nicht leiden. Ich will ihm aber nicht zu nahe treten, und vielleicht ist er besser, als meine subjektive Meinung ihn einschätzt.« Er schwieg sekundenlang und betrachtete ein von Sophie gesticktes Kissen, auf dem bis dahin seine Hand geruht hatte. »Fleiß und Geschmack vereint,« lobte er still. »Die kunstfertigste Hand hatte meine Mutter ... Der ging nichts über ihre Kraft: kein Wollen, kein Können, kein Freuen, kein – schmerzliches Leiden.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er Erinnerungen, die in ihm aufstiegen, fortwischen. »Unsere Mutter war auch gut,« flocht Sophie Löhr leise ein, und der Bruder nickte dazu. »Ja? Es ist merkwürdig. Ich habe einen braven, tüchtigen Vater gehabt, aber das Bild der Mutter ist in mir doch lebendiger. Es ist mir teurer, heiliger. Der Mann wird in den Stürmen rauh, das edle Weib läßt dem Körper Wunden schlagen und bleibt weich und tief und stark im Innenleben. Das reine Weib gibt der Welt das Hehrste und Göttlichste: die unergründliche und nie zu erschöpfende Liebe – das Gottesgeschenk, das sie selbst weiht und sie mit ihrem Reichtum noch verschwenderisch die schirmen läßt, die in ihre treue Hut gegeben sind, die Liebe, die mit ihrem Lächeln Jubel und Stolz erweckt und die mit ihren Tränen eine Saat ausstreut, die auch auf Felsengrund Wurzeln schlägt und freudig treibt. Sie sind nicht alle so; Licht und Schatten, Tageshelle und düstere Nacht wechseln. Aber wer eine gute Mutter sein nannte, dem ist auch die Erinnerung an sie noch ein Talisman.« Herbrinck wandte sich an den jungen Forstgehilfen und dachte an die Schwester. »Lieber Löhr, wenn je – Sie haben ja noch ein langes Leben vor sich – die Versuchung an Sie herantreten sollte: rufen Sie das Andenken an die Hüterin ihrer Kindheit wach, und die Kraft zum Widerstand wird, wenn sie zu erlahmen drohte, erstarken zum freudigen Ueberwinden.« »Sollte das auf meine Schwester zielen?« dachte Löhr ungewiß. Aber Herbrinck ließ ihn im unklaren. Er horchte auf ein Knistern der Petroleumlampe und ging aus der beschwingenden Stimmung wieder in die Prosa über. »Das Oel geht zu Ende,« lenkte er ab, »und das ist für mich wohl eine Mahnung, daß ich an den Heimweg zu denken habe.« Er vergegenwärtigte sich, wie oft ihm mit seinen Grübeleien das eigene Heim zu enge wurde und wie er sich hinaussehnte zu Menschen, mit denen er sich aussprechen, bei denen er mindestens Zerstreuung suchen durfte. »Darf ich wiederkommen?« fragte er. Sophie wollte neues Oel aufgießen; aber der Gast hatte sich bereits erhoben. »Nein, ich danke Ihnen,« wehrte er ab. »Wenn Sie aber ein anderes Mal Ihre Tür nicht vor mir verschließen wollen, klopfe ich gern wieder an.« »Wir werden uns immer freuen,« versicherte Löhr aufrichtig. »Dann Gute Nacht für heute, und auf Wiedersehen.« Der Scheidende gab den beiden Geschwistern die Hand und schritt im bläulichen Mondschimmer den einsamen Weg zurück. In den Wipfeln über ihm rauschte es, und ein seiner Schnee rieselte herab. Die Kälte hatte eher zu- als abgenommen, aber ihn fror nicht. Er kam sich erfrischt vor, und ein geklärtes Bewußtsein stählte ihn. Sophie Löhr saß, als der Bruder schlafen gegangen war, noch wach in ihrer Kammer. Sie hatte die Hände ineinander geschlungen, und die Wangen glühten ihr. Wie anders hatte der Mann heute gesprochen als vor Tagen der andere! Die Scham ließ sie erröten und fast etwas wie eine Erbitterung darüber in ihr aufsteigen, daß sie den anderen, den Dreisten, angehört, daß er es gewagt hatte, derb und unverhüllt zu ihr zu sprechen, sie schon mit seinem achtungslosen Antrag zu entehren. Er war nicht wieder gekommen; er hatte das Spiel nicht weiter getrieben. Er konnte es aufgegeben, er konnte es auch nur verschoben haben. Aber hatte er je Aussicht gehabt, zu gewinnen – mit dem Aufschub hatte er verloren. Ein Zweiter war gekommen und hatte ihr die Augen geöffnet, und der Zweite war der Mann von Ernst und Gehalt, das stand auch vor ihrem begrenzten Fassungsvermögen. Und mit ihrer Erkenntnis fiel eine Mischung von Dankbarkeit und Achtung zusammen, die sie das Bild des ernsten Mannes unruhig und zagend zugleich umspannen ließ. Sechstes Kapitel. »Apropos! Ich habe Ihnen noch gar nicht erzählt,« sagte Graf Luckner am Ende der Woche zu Herrn von Herbrinck, »wen ich da zufällig in Kiel getroffen habe. Raten Sie mal!« Herbrinck dachte an einen der befreundeten Nachbarn. »Nee, nee! Den Spottvogel von Komödianten.« »Getroffen?« »Na, angesprochen habe ich ihn natürlich nicht, und er mich zu seinem Gluck auch nicht. Aber mitten auf dem Trottoir blieb er in seinem Schafsfell stehen und feixte mich so recht dämlich an. Der sollte mir bloß mal wieder nach Timmhusen geflogen kommen! – Ist der andere, der Bruder, fort?« »Der Mann zieht heute. Er hatte noch auf Ihre Nachsicht gehofft und wechselt ungern. Er hängt eben an der Scholle, auf der seine Eltern gelebt haben, auf der er selbst groß geworden ist und seine Familie begründet hat.« »Das hätte er vorher bedenken sollen, nicht nachher. Aber von um so besserer Wirkung wird das Exempel sein.« »Eine Wiederholung empfiehlt sich trotzdem nicht, denn wir brauchen die Leute, und Ersatz ist schwer zu finden.« »Ich will Respekt haben, und wenn ich allein auf dem Hofe bleiben soll. Na, Sie würden mich wohl nicht im Stich lassen. – Hm, tun Sie mir doch den Gefallen, den Löhr nach Hause zu schicken. Ich muß mir etwas Bewegung verschaffen, und das Birkhaus liegt mir gerade recht. Damit der Herr aber sein zartes Gewissen nicht beschwert fühlt – – na, und so weiter. Ich gehe gleich nach Tisch.« »Er weiß natürlich nicht, daß ich mit Ihnen gesprochen habe,« bemerkte Herbrinck. »Ach so, von wegen – –. Das schadete nichts. Seine Leviten lese ich ihm doch. Und der Jungfer Schwester auch. Sie sollen aber beide dabei sein –. Donnerwetter, Herbrinck, Eisbahnpächter in Berlin möchte ich sein. Die Kerle verdienen – bei dem Dauerfrost – ein Heidengeld.« »Ich glaube, jeder würde gern mit Ihnen tauschen,« entgegnete Herbrinck lächelnd. »Na ja. Ich weiß bloß nicht, wo all die Sportsmen und -Ladies hergeschwommen kommen. Tanzen, Schlittschuhlaufen – bah, ist nie mein Fall gewesen. Ein Ritt, eine gute Zigarre, ein Spielchen – das verdammte Jeuen natürlich ausgenommen – das ist doch was anderes.« Er nickte und schlenderte ins Schloß. Vor seinem Arbeitszimmer stieß er auf die Mamsell. »Schicken Sie mir Siebenlist,« befahl Luckner. Siebenlist war der Leibdiener des Grafen und der einzige männliche Vertreter der Dienerschaft im Schloß. Ein Troß von Lakaien hatte sich in den mageren Jahren von selbst verboten, und als die fetten gekommen waren, verzichtete der Graf darauf. Der grauhaarige Alte wurde mit einer Botschaft nach dem Forsthause geschickt. Bei Tische war der Graf heiter, aber ein Unwetter schien sich auf der faltigen Stirn zusammenzuziehen, als er am Birkhause anlangte und den jungen Löhr, der auf ihn gewartet hatte, die niedrige Tür öffnen sah. »Wunder! Dachte schon, Sie würden mich draußen abfertigen,« knurrte er den Forstgehilfen an. Sophie Löhr stand im Wohnzimmer und empfing den Grafen mit glühendem Kopf. Luckner grüßte höflich. »Große Ehre, mein Fräulein.« Löhr brachte unbeholfen einen Stuhl. »Danke,« sagte der Graf widerwillig. »Aber in einem Hause, in dem meine Anwesenheit nicht genehm ist, will ich mich nicht lange aufhalten.« Der Tisch, gegen den er sich lehnte, gab dem Druck des schweren Körpers so lange nach, bis er am Sofa einen Halt fand. »Was mich herführt, ist zweierlei,« eröffnete Luckner mit einer nichts Gutes verkündenden Schärfe im Ton. »Zum ersten und hauptsächlichsten: Ich will mir ein Mißtrauen verbeten haben, zu dem ich die Saat in einer gewissen – Unbedachtsamkeit ausgestreut habe, das mir aber trotzdem nicht paßt. Es ist mir nicht erkennbar geworden, ob Sie, Fräulein Löhr, sich über mich bei Ihrem Bruder zu beschweren geruht haben, und es ist mir ebenso nicht ganz durchsichtig, ob und zu wem der Musjöh Sorgenvoll sich diskret weiter ausgesprochen hat. Es ist mir aber zu Ohren gekommen, daß man mir wie einem Marder im Schnee nachgespürt und sich ebenso ernstlich als unnötig über mich beunruhigt hat. Dergleichen will ich Ihnen und mir für die Zukunft erspart wissen, und wenn Sie durchaus Ihrer Spürnase nachgehen wollen, dann sehen Sie sich draußen bei den Arbeitern um, daß die mir nicht den Tag stehlen, oder bei den Halunken, die nachts bald im einen, bald im anderen Revier herumknallen. Da scheint's aber zu hapern. Ich glaube, Sie haben sich in der Schutzhütte einen Ofen setzen lassen, daß Sie da nicht herauszubekommen sind; und den Spitzbuben nachzuspüren, mag nicht bloß unbequem sein und Sie aus den weichen Federn aufscheuchen, sondern ist unter Umständen auch nicht ohne Gefahr. Beide Aufgaben sind aber dringender als die, welche Sie sich selbst gestellt haben, und damit Sie fernerhin sich Ihrem Dienst ganz unbehindert widmen können, will ich Ihnen erklärt haben, daß ich in der Folge auf die Ehre, Ihrer schwesterlichen Liebe mal die Hand zu geben, Verzicht leiste. Das wird auch Ihnen nicht unangenehm sein, meine Beste, da Sie ja in dem mächtigen Anwesen so viele Hausfrauenpflichten zu erfüllen haben, daß Sie jede verplauderte Stunde zu den verlorenen zählen müssen ...« Er hatte sich etwas kurzatmig gesprochen und mußte halb gezwungen eine kleine Pause eintreten lassen. Dann knurrte er von neuem: »Im übrigen werden Sie beide zu erlauben haben, daß ich mich auf meinem Gute mit einiger Freiheit ergehen kann, wohin es mir beliebt. Mensch, stehen Sie nicht so nichtswürdig aufs Maul geschlagen da, das kann ich schon erst recht nicht leiden! Das Gewitter haben Sie sich selbst heraufbeschworen, und wenn Kraut und Rüben Ihnen verhageln, Sie haben's nicht besser verdient. Wer eine Jammermiene steckt man deshalb nicht auf, sondern geht an die Arbeit und rettet, was zu retten ist. ›Herz‹ ist Trumpf, sagen Sie zu sich, ›Schellen‹ zu den Leuten, wenn sie mucken wollen, und ›Treff‹ zu den Gaunern, wenn sie das Wildmausen nicht lassen können. Aber zufassen, Löhr, nicht nur hinhorchen oder schielen! Bringen Sie Zug in die Arbeit – schaffen Sie mir das Raubzeug vom Halse – und wir sind wieder Freunde. Sie sind ein junger Bursch, da kann es nicht darauf ankommen, ob Sie sich mal ein paar Nächte um die Ohren schlagen müssen. Sie sind noch nicht erfahren, aber der Eifer kann nachhelfen und ausgleichen. – So, damit hat's ausgedonnert, und ich will Sie nicht weiter stören. Nur eins noch, das zweite, das ich mir bis nach dem Blitzen vorbehalten hatte: Herr von Herbrinck hat Sie als Nachfolger des Försters vorgeschlagen, der pensioniert zu werden wünscht; ich – geben Sie mir Ihre Hand – bestätige hiermit die Wahl. Nehmen Sie sich an Ihrem Vorgänger, der ehrlich und fähig war, ein Beispiel. Ich empfehle mich, mein Fräulein; guten Tag, Löhr!« Er wartete nicht, bis die Ueberraschten ihm danken konnten, sondern stampfte eilig hinaus und fort, knurrte aber unterwegs noch in gemachtem Zorn in den Bart. Die Geschwister vermochten den Vorgang nicht gleich zu fassen. »Hest du di wat utlaten?« fragte Sophie stockend. Sollte Herbrinck dem Grafen was gesagt haben? dachte Löhr und antwortete halb betäubt: »Wat utlaten? Nee –. Dat de Graf hier west is, dat heww ick woll ni alleen wäten ... Wokeen Wer. em dar awer wat öwer seggt hett,« wich er aus, »dat weet ick ni.« Gewisses war ihm ja auch nicht bekannt, und so blieb er wenigstens halbwegs bei der Wahrheit. »Meenst du, dat de Kortens dat west sünd?« »De? Da warrn sick woll höden, Hüten. , sick de Tung to verbrenn'n. Aber rümdragen hemm se dat vellicht ok.« »Jo, un denn hett sick Een en witen Faut maken Weißen Fuß machen, einschmeicheln. wulln un dat int Schloß bröcht. De hett sick aber verräkent!« Verrechnet. schloß die Schwester, und der Stolz ließ ihr das Herz höher schlagen. »He is doch ni schlecht.« Löhr nickte nachdenklich, und auch in ihm gewann die frohe Genugtuung die Oberhand. »Förster mit mien dreeuntwinti Dreiundzwanzig. Jahr!« frohlockte er. »Dar töwt Wartet. männi Een up, bet he old und gris Grau. ist.« »Jo,« sagte Sophie zögernd. »Nu warst du woll ok bald hingahn un di en Fru säuken, un denn bün ick dar ni mihr nödi.« »Dar denk ick ni an,« bestritt der Bruder freundlich. »Wokeen weet, ob du ni noch tauierst an de Reeh kümmst. Oder wullt du en ol Jungfer warrn?« neckte er. »Du, ick wüß Eenen för di!« »So? Wokeen denn?« Er hatte im Uebermut an Herbrinck gedacht, hütete sich aber, den Gedanken laut werden zu lassen. »Wokeen? Dütje!« sagte er lachend. Er kam schlecht an. »So'n Laps wüll ick ni.« entgegnete sie derb. »Denn kann ick di ni helpen, Sophie.« Löhr stülpte seine Mütze auf. »Nu warr ick Herrn von Herbrinck säuken. Denn'n mutt ick danken.« »Jo, wenn de ni en gaud Wurt inleggt harr, denn wier dat vellicht doch ni kamen. Dat is en grots Glück, dat de dar ist. Un ni blot för uns.« »Nee, för all. De Löd warrn awer Oegen maken. Adjüs, Sophie. Ick kam ni to lat.« spät. Am Abend gingen die Geschwister nach dem Forsthause, und der alte Förster gratulierte ihnen. »Ich hatte den Herrn Grafen schon lange gebeten, mich in Pension zu setzen,« erzählte er, »weil es nicht mehr recht vorwärts will mit mir und ich meine alten Tage gern bei meiner Tochter in Neumünster verleben möchte, die da ja gut verheiratet ist. Nun hat er mich heute nachmittag durch Siebenlist rufen lassen und mir mitgeteilt, daß er mein Gesuch annehme und daß er Sie zu meinem Nachfolger ernannt habe –« »Das hat er auch schon gesagt?« »Das weiß, glaube ich, jetzt schon das ganze Gut. Und die meisten werden es Ihnen gönnen, Löhr. Ich auch. Und wenn Sie nun einziehen wollen, dann sagen Sie es mir –« »I, wir haben ja Zeit, Vater Wöller,« fiel Löhr ein. »Unsertwegen beeilen Sie sich man ja nicht!« »Das habe ich auch nicht erwartet, daß Sie drängen würden; aber mich selbst drängt es, und weil der Herr Graf es mir schon erlaubt hat, denke ich, ziehe ich nächste Woche. Freitag hat meine Tochter Geburtstag; da soll die Unruhe schon vorüber sein.« Der Alte kraulte sich den weißen Bart. »Leicht wird es mir nicht, das Gehen,« sagte er, und die blauen Augen schimmerten wässerig. »Aber wenn man zu seinen Kindern zieht, ist es ja was anderes. Wenn ich die nicht hätte, dann wäre ich freilich lieber dageblieben. Na, ist ja auch nicht aus der Welt, Timmhusen, und wenn ich's mal gar nicht aushalten kann, komme ich mal wieder rüber gekrochen.« »Und sind uns immer willkommen,« versicherte Löhr. »Ja? Und wenn Sie mal nach Neumünster kommen, dann kehren Sie auch bei mir ein.« Sophie Löhr bot dem Alten an, ihm beim Packen zu helfen. »Das wollten Sie?« fragte Wöller erfreut. »Ja, das nehme ich natürlich gern an. Meine Tochter wollte schon selbst kommen; dann ist das aber nicht nötig. Montag können wir da anfangen – paßt Ihnen das? Ja? Na, denn vielen Dank im voraus! Lieber Löhr, Sie werden mit dem Herrn Grafen manchmal Ihre Not haben, aber im ganzen ist doch mit ihm auszukommen. Und dann ist ja auch immer Herr von Herbrinck da, auf den Sie sich verlassen können. Wenn ich denke, was Timmhusen vor dem war und was es durch ihn geworden ist! Wenn der nicht gekommen wäre – ich will ja dem Herrn Grafen kein Unrecht tun – aber dann wäre schon längst ein anderer Herr da, und gewundert hätt's mich nicht, wenn der Sauer geheißen hätte. Jetzt ist der Apfel aber für den Sauer zu sauer geworden, und der Herr Graf hat mit ihm so wenig was zu tun wie mit irgend einem andern. Mit dem kann sich keiner in der ganzen Gegend mehr messen, und das dankt er alles dem Verwalter. Hält aber auch auf ihn, und wenn's nicht mehr als seine Schuldigkeit ist, freut's einen doch. Wenn der Graf auch mal bärbeißig tut – bis zum Zerbeißen ist's immer noch ein weiter Schritt, der für seine kurzen Beine oft viel zu lang ist –« »Na, der alte Kruse hat seine Zähne aber doch fühlen müssen,« warf Löhr ein. »Ja, das hat er. Hat mich aber auch überrascht. Ich denke mir, daß der Graf da vielleicht nicht so ganz im Rechte war; aber der Kruse auch nicht. Bloß das bißchen Singerei allein hat's nicht ausgemacht; der Theatermensch wird wohl etwas giftig gewesen sein. Jedenfalls ist mir da was nicht klar, und was der Kruse allein sagt, gibt nicht den Ausschlag. Der guckt durch seine Brille, und wer dann die vom Herrn Grafen aufsetzt, der sieht wieder 'n anderes Bild. Der Kruse sollte aber froh sein, daß er sich auf Neurade so warm wieder einnisten konnte und daß der Graf ihm das nicht verpurrt hat, was er doch leicht hätte können. Der trägt ja aber nicht ernstlich nach, und wenn jetzt der Kruse überall herumläuft – wie mir der Neurader Förster erzählt hat – und kein gutes Haar an dem Grafen und an ganz Timmhusen läßt, dann ist das einfach dämlich – und das Treiben des jungen Bengels, den der Graf mal 'n bißchen mit der Peitsche gekitzelt hat, schon mehr gefährlich. Der Dämlack scheint sich in eine Bosheit hineinzureden, die wirklich mal zum Ausbruche kommen kann.« Löhr schüttelte ungläubig den Kopf. »Der nimmt bloß den Mund voll,« meinte er. »Aber an den Grafen herantrauen wird er sich nicht.« »Das sagen Sie nicht. Offen – nein. Das wäre ja Unsinn. Aber mal aus dem Hinterhalt heraus, und wo er dann nicht zu fassen ist – da möchte ich nicht für einstehen.« In vorgerückter Stunde mahnte Sophie zum Aufbruch. »Es wird elf Uhr werden, ehe wir nach Hause kommen,« erinnerte sie. Der Förster widersprach zwar, aber der Bruder gab ihr recht. Sophie trat, während der Bruder noch auf dem Flur dem alten Kollegen die Hand schüttelte, als erste vor die Haustür, und ein Angstschrei kam über ihre Lippen, der auch die Zurückgebliebenen rasch hinauslockte. Der sternenfunkelnde nächtliche Himmel war von Feuerschein weithin gerötet. Das Mädchen hielt die Hände auf die Brust gepreßt, und der Schreck weitete ihre Augen unnatürlich. »Um Gottes willen, das ist auf dem Gute!« schrie sie laut auf. Feuer auf dem Lande ist anders als in der Stadt. Dem Elemente ist nur schwer Einhalt zu tun, und der grelle Widerschein des lodernden Brandes packt auch den Mutigsten mit Schauern. »Auf dem Gute!« Weiß die Felder, dunkel der starrende Wald, glühend rot der Himmelsdom. – Löhr sammelte sich zuerst und stürmte der Schwester voran in atemlosem, schwankendem, stolperndem Laufschritt. Herbrinck saß an seinem Schreibtisch und las die hauptstädtischen Zeitungen, die der Gutsherr hielt und ihm regelmäßig gegen Abend zur Mitbenutzung zusandte. Der spaltenlange Bericht über die wieder aufgenommenen Sitzungen des Reichstags fesselte ihn nicht wie sonst, wenn die Parteigegensätze die Objektivität weniger überwucherten: und die Tagesnachrichten mit den gesellschaftlichen Notizen und der Unfalls- und Gerichtschronik entbehrten für ihn auch der Unmittelbarkeit. Etwas mißmutig schob er die Blätter zusammen und überlegte, ob er noch ein Buch zur Hand nehmen oder die Ruhe suchen sollte. Ein unruhiges Flimmern in der von der Lampe nur matt belichteten Goldumrahmung des Bismarckbildes über dem Schreibtische fiel ihm fremd ins Auge. Die glatte, glänzende, abgeschrägte Innenleiste funkelte seltsam rötlich, und ein gleicher, befremdender Schimmer zog sich weiter über das Bild und aufhellend über die terracottafarben abgeblichene Tapete. Und wie er den Blick weiter umherschweifen ließ, erschien ihm das ganze Gemach in ungewohnter, fast unheimlich berührender Beleuchtung. Er wandte sich nach dem Fenster um, dem er bis dahin den Rücken zugekehrt hatte, und sprang mit einem Ruck auf. Von gespenstischem, zitterndem Rot durchleuchtet die Parkbäume, blutig erhellt das Firmament. Feuer! Und auf dem Gute! In bloßem Kopfe stürmte er hinaus, suchte vom Hofe aus Gewißheit, wo das verheerende Element wütete, und sah das lange Stallgebäude, dessen Tor die Drachenzeichnung getragen hatte, von blendender Glut umloht, ohne daß er die Flammen selbst zu bemerken vermochte. Ein penetranter Brandgeruch umwehte ihn, und deutlich vernahm er ein Knistern des Feuers, sah er stiebende Funken mit den mächtigen Rauchwolken in die Höhe wirbeln. So rasch ihn seine Füße tragen wollten, flog er über den Hofplatz nach dem kleinen Glockenturme des Meiereigebäudes und läutete Sturm. Das Wimmern der Glocke drang schrill durch die Nacht und trug Angst und Hilferuf gellend in die Kammern der Leute und in die Räume des Schlosses. Bald kam da, bald dort ein aufgeschreckter Schläfer zum Vorschein, und der die Nerven rüttelnde Feuerruf wurde von Mund zu Mund weiter gegeben. Ein paar besonnene Knechte zerrten zwei schnaubende Gäule auf den Hof, warfen ihnen die Geschirre über und jagten nach dem bei den Arbeiterkaten gelegenen Spritzenhause. Andere stürmten nach den Noteimern, Haken und Leitern, die an den verschiedenen Gebäuden dicht unter dem schützenden Dache leicht zugänglich aufbewahrt wurden, füllten die Eimer in den Küchenräumen, an der Hofpumpe, im Teiche und schwankten keuchend an den Brandherd. Plötzlich schwieg die Glocke. Herbrinck stieß zu den schreienden, ratlosen Leuten und führte das Kommando. »Ruhe!« forderte er, den Lärm übertönend. »Gottlob, nur der Strohfeimen! Aber der ist verloren! Leitern ans Dach des Stalles – und mit den Eimern hinauf, und wo der Schnee wegschmilzt, Wasser darauf – Wasser?« Die Kätner kamen hinzu, und im Nu bildete sich von dem Feimen aus, der nur etwa zehn Meter von der bedrohten Stallung entfernt lag und ein einziges loderndes Flammenmeer war, bis an den Teich eine Kette von Leuten, die die gefüllten Eimer unablässig von Hand zu Hand wandern und die leeren zurückgehen und neu füllen ließen. Das Schneedach des Stalles färbte sich in der Glut rasch schwarz, und die Funken stoben unablässig hinüber. Aber sie verzischten in raschem Erlöschen, solange die durch den Schnee dem Strohdache gegebene Nässe vorhielt. Und dann setzten das unablässige Begießen des Daches und die Bearbeitung des lodernden Feimens mit der Spritze ein, bis es der vereinten Anstrengung zu gelingen begann, des wütenden Elementes Herr zu werden. Löhr hatte eine der gefährdetsten Stellen eingenommen, Graf Luckner stand mit an der Spritze und leitete den prasselnden Wasserstrahl selbst in die züngelnde Glut. Aus dem Stalle drang das ängstliche Brüllen der aufgestörten Kühe, und die Mägde bestürmten den Verwalter, die Tiere loskoppeln und ins Freie treiben zu lassen. Herbrinck war rauchgeschwärzt, aber mitten in dem Tosen hatte er seine Kaltblütigkeit zurückgewonnen und überschaute mit sicherem Blicke, daß die Hauptgefahr fast unverhofft rasch überwunden und ein Uebergreifen des Feuers auf die Stallung nicht mehr zu befürchten war. Zsch – zch – zsch – ging der Wasserstrahl in die Flammenglut, bis der rote Feuerberg allmählich zu erlöschen anfing und die ringenden, schwitzenden Menschen endlich des Elementes Herr wurden, ehe noch die von den umliegenden Gütern und aus den Dörfern herbeigeeilten Hilfsmannschaften tatkräftig mit eingreifen konnten. »Das ist angelegt!« sagte Löhr heiser zu Herrn von Herbrinck. »Ja!« war die kurze, überzeugte Antwort. »Ich weiß, von wem!« zischelte Löhr impulsiv weiter. »Dann sprechen Sie.« »Von dem jungen Kruse! Ich habe ihn nicht gesehen, und ich weiß es nicht bestimmt. Aber er hat gedroht, er –« Herbrinck unterbrach ihn. »Bewahren Sie Ihren Verdacht einstweilen als Geheimnis, Löhr, und warten Sie auf mich. Wir wollen die Fährte sofort ausnehmen. Aber kein Gerede, bis wir einen gewissen Grund haben.« Graf Luckner versammelte die Leute um sich. »Das ist Brandstiftung!« sagte er mit hallender Stimme. »Die geholfen haben, die Gefahr zu überwinden, die haben sie nicht hervorgerufen. Aber ich setze eine Belohnung von hundert Talern dem aus, der mir den oder die Verbrecher nachweist.« Kein Wort des Dankes! Aber er hatte doch die ihn umgebenden Menschen in einer Stunde der Not kennen gelernt und gesehen, wie sie tüchtig und entschlossen zu ihm standen. Das ließ eine Art widerwilliger Schätzung in ihm aufkommen, während die Leute es wieder wohltuend empfanden, daß der stolze und eigensüchtige Schloßherr unter ihnen den Verbrecher nicht vermutete. Sie hatten unter seiner Willkür alle schon zu leiden gehabt und ihm still oder laut gegrollt; aber an einen ähnlichen feigen Schurkenstreich hätte wohl nicht einer von ihnen jemals gedacht. Wo und wer aber war der Täter? Der Name Kruse wurde in mehr als einer Gruppe auch der diskutierenden Leute geheimnisvoll geraunt, aber der verschlossene, kernige norddeutsche Menschenschlag bewährte seine ihn ehrende Besonnenheit, und schließlich wollte sich zu dem offenen Verdachte doch keiner bekannt haben. »Hest du dat von den'n seggt?« fragte Suhr einen Knecht. »Nee, ick ni.« »Oder du?« wandte er sich an einen anderen. »Nee, ick ok ni.« »Hürt heww ick dat awer.« »Mögli wier dat woll.« murrte einer aus dem Hintergrunde. »Behaupt hemm wüll ick awer nichts.« »Wokeen denn von de –?« fragte ein anderer. »De Ol –?« »Ach, de ni.« »Denn de Jung?« »Dat weet ick ni.« »De harr leewer sien Snut hol'n söll'n. Rüm gift' het he nog.« »Wat hett he denn seggt?« »Frag up Neerad, dar kannst du dat hürn. Ick weet dat ni mihr so akrat.« »Wenn he dat dahn hett, de Gräunsnut, denn sülln se em ock man wedder inbäuten,« einheizen sagte einer gereizt. »Jo, wenn–« kam wieder der vorsichtige Vorbehalt. »Wenn dar en Uhl säten hett, denn – is dat en Uhl West. Sa klauk sind wi ok ...« Siebentes Kapitel. Für die beiden Komtessen war das Ereignis, das sie aus ihrer Nachtruhe aufstörte, gleich ungewohnt, die Wirkung aber sehr verschieden. Komteß Eveline stand mit verstörtem Antlitz am Fenster, rang die Hände und erging sich in Anklagen gegen die Leute, die der Verwalter so wenig zu beherrschen verstehe, daß sie ihnen den roten Hahn auch noch auf das Dach des Schlosses setzen würden. »Aber ich will es Papa sagen, daß er sich endlich von dieser Bevormundung frei macht. Kann er alles selbst nicht ebensogut? Was ist da überhaupt viel zu verstehen? Das geht fast ganz von selbst. Und wenn schon eine Hilfskraft da sein muß – Papa kann ja nicht überall selbst hinlaufen – kann das nicht eine andere sein? Eine, die weniger Ansprüche macht und doch das Gleiche leistet?« Komteß Helene, die an einem zweiten Fenster lehnte, verhielt sich schweigend. Sie hatte nie ein Feuer in unmittelbarer Nähe gesehen, höchstens ein paarmal den roten Schein fern am Horizont, wenn während eines Gewitters irgendwo ein Blitz zündend niedergegangen war. Das ergreifende Schauspiel verfehlte seinen Eindruck auch auf sie nicht; aber die anfängliche Beängstigung wich doch sehr bald dem Vertrauen, daß man des Elementes Herr werden würde. Von einem der Hausmädchen hatte sie gehört, daß Herr von Herbrinck der erste auf dem Platze gewesen war. Sturm geläutet und dann die Leitung der Löscharbeit übernommen hatte. Die Wachsamkeit des erprobten Mannes erfüllte sie mit Stolz und Bewunderung, und sein energisches Eingreifen mit der freudigen Zuversicht, daß unter seinen Händen alles gut ablaufen würde. Die Bemerkungen der Schwester hörte sie, ohne ihnen eine Beachtung zu schenken. Sogar ein Lächeln stahl sich um ihre Lippen, als ihr in den offenen Sinn kam, wie der Vater die Vorstellungen der ›Großen‹ aufnehmen würde. Nur die Sorge beunruhigte sie vorübergehend, ob Herr von Herbrinck sich im Eifer nicht zu weit fortreißen lassen und in mehr oder minder ernste Gefahr kommen könnte. Als aber der Feuerschein immer dunkler wurde und das Glutrot immer mehr aus die Brandstätte zurückwich, kam eine tiefe, freie Befriedigung über sie, die nicht mehr erhöht werden konnte, als endlich die Meldung überbracht wurde, daß jede Gefahr glücklich beseitigt sei. Helene vollendete mit Hilfe ihrer flinken Zofe ihre Toilette und begab sich nach dem Arbeitszimmer des Vaters. Ihre Erwartung, mit dem Vater dort auch Herrn von Herbrinck ankommen zu sehen, hatte sie nicht getäuscht. Der Graf trat polternd ein, Herbrinck folgte ihm gemessen. Sein markiges Gesicht war von Ruß entstellt und die Kleidung an manchen Stellen versengt. Den Brandgeruch schleppten die Männer auch mit ins Schloß. »Na, Kleine,« meinte Luckner, »das war mal etwas unsanft geweckt, ist aber nicht so schlimm geworden. Du kannst dich also beruhigen. Hat's dich denn arg mitgenommen?« »Nein, Papa. Du warst ja da und – Herr von Herbrinck –« Ihr Blick traf voll in Herbrincks Auge. »Ja, der zuerst,« bestätigte Luckner herzlich. »Wie immer,« fügte er hinzu. »Mögen Sie jetzt auch den Halunken ermitteln, der die Fackel angezündet hat. Und dann kein Federlesen mit ihm – Wer sich selbst den Galgen aufbaut, kann nicht früh genug daran kommen. Himmel, wenn ich bedenke, was hätte werden können, was offenbar auch hat werden sollen! An dem armseligen Feimen ist ja nichts gelegen. Aber wenn die Glut auf die Stallung übergegriffen hätte, wie es wahrscheinlich gedacht worden war! Die Angst von den armen Tieren, der pekuniäre Schaden, die Gefahr für die andere Umgebung! Aber wer kann das gewesen sein, wer, frage ich! Selbstentzündung – ausgeschlossen. Ja, wenn's Heu gewesen wäre, aber Stroh – nein. Da war eine teuflische Hand im Spiel.« Dem Grafen pflichtete auch Herbrinck bei, gab aber keine Andeutung von dem bereits aufgetauchten Namen. Wenn der Verdacht auch nicht unbegründet sein mochte, wollte er doch nicht den Grafen voreilig darauf hinlenken, sondern sich erst, wenn möglich, Gewißheit oder doch wenigstens eine breitere Grundlage verschaffen. Bei den Namen, die Luckner vermutungsweise hinwarf, schüttelte er den Kopf. »Ja, heraus muß das aber kommen, Herbrinck!« »Ich hoffe es,« antwortete er zurückhaltend. »Und damit keine Zeit versäumt wird – ich bitte, mich jetzt zu entlassen.« »Was wollen Sie anfangen?« forschte Luckner. »Die Umgebung absuchen.« »Schön. Erstatten Sie mir bald Bericht.« Herbrinck fühlte seine Hand einen Augenblick von der der Komteß fest umschlossen und sog ihren leuchtenden Blick in sich hinein, dann verließ er hastig das Gemach, traf seitwärts auf dem Hofe Löhr mit Pferden wartend und warf sich in den Sattel. Die Mitternacht war noch nicht herangekommen, als die beiden Reiter an den Wachmannschaften, die auf der Brandstätte aufgestellt worden waren, vorüber trabten und außerhalb des Gutes ihre zufällig tags zuvor mit frisch geschärften Eisen versehenen Tiere bald ausgreifen ließen. Herbrinck preßte die Lippen fest aufeinander und seine Gedanken weilten bei der Komteß, deren feine, edel vornehme Zurückhaltung nach seiner Befürchtung von ihren Empfindungen einen Augenblick überflutet worden war. Was er getan hatte, war nichts von Bedeutung gewesen; aber die tiefer gehende Neigung des Mädchens konnte eine übertreibende Größe hineinlegen und eine Bewunderung in sich aufblühen lassen, die sie mehr und mehr gefangen nahm. Und die Angst um das geliebte Mädchen ließ ihn alles Wünschen wieder in das sorgende Verlangen zusammenfassen: »Nur das nicht!« Wie aus weiter Ferne schlug ein Ruf Löhrs an sein Ohr. »Wie –?« fragte er ungewiß. Löhr hielt sein Pferd an und wies mit ausgestrecktem Arm über die Feldfläche. »Da! Da läuft jemand!« Herbrinck spähte nach der angedeuteten Richtung und stieß einen Laut der Ueberraschung aus. »Ja, Löhr! – Halten Sie mein Pferd.« Herbrinck eilte über die Weiße Fläche hinter dem Fliehenden her. An einem Knick, durch den der Flüchtige verschwunden war, erreichte er die Fußspur, zwängte sich durch das Buschwerk und nahm die Fährte jenseits wieder auf. Von der den Nettelsee umgebenden Waldung trennte ihn nur noch eine schmale Feldzunge, und auf dieser war die Gestalt des Fliehenden nicht mehr zu entdecken. Die Fährte lief aber gerade auf die Waldung zu, in der der Verfolgte Schutz suchen mochte. Das Walddunkel war in dem Mondschein nicht dicht genug, die im Laufe tief in den Schnee gerissenen Spuren zu verhüllen. Deutlich konnte Herbrinck sie erkennen und bis an den See verfolgen, dessen Eisfläche in nächtlicher Ruhe und im Mondlicht glitzernd vor ihm lag. Er flog am Ufer weiter. Der unterspülte, dünnschlammige Moorgrund war im Sommer, wenn ihn eine trügerische Grasnarbe deckte, voll Gefahren; der Winterfrost hatte eine Brücke hinübergeschlagen und ihn sicher gemacht. An einer Einbuchtung bog die Spur in stumpfem Winkel auf den See ab und auf ein altes, eingefrorenes Boot zu, auf dessen Boden eine dunkle Gestalt lang ausgestreckt lag. Herbrinck stand sekundenlang atemholend. »Stehen Sie auf!« forderte er dann befehlend. Ein junger Bursche richtete sich zögernd und an allen Gliedern fliegend in die Höhe. »Ah! Also wahr!« stieß Herbrinck erbittert aus. Der Verfolgte war der junge Kruse. Sofort nahm Herbrinck den Ertappten in ein scharfes Verhör. »Wo kommst du her?« Er hatte den Bengel lange genug als Kind gekannt, als daß er das Du, das er sonst vermied, nicht als sein gutes Recht hätte betrachten dürfen. »Ick – ick –« stotterte der Erwischte, »heww – dat sehn.« »Das Feuer?« »J – jo.« »Du hast es angelegt!« sagte ihm Herbrinck auf den Kopf zu. »N – nee –« »Sage die Wahrheit!« »N – nee, nee – g – ganz gewiß ni –!« »Hast du löschen helfen?« Wieder stammelnde Verneinung. »Warum nicht?« »Ick – ick harr Angst –.« »Wovor Angst, du Windbeutel?« Kruse schwieg unter Zittern. »Das Gewissen hat dir Angst gemacht!« fuhr Herbrinck energisch fort. »N – nee.« »Von wo hast du das Feuer gesehen?« »Von – to Hus –« »Warum schliefst du nicht?« »Ick – ick kunn ni –« »Bengel, du lügst!« Er packte den Schlotternden am Kragen und schüttelte ihn. »Sag die Wahrheit!« »Ick – ick – wier dat ni!« »Was warst du nicht?« »De – dat– –« Der Bursche stockte heulend. »Der das angelegt hat?« ergänzte Herbrinck. »Nee – ick ni –« »Woher weißt du, daß es angelegt ist?« »Dat – weet ick ni –« »Du sagst doch, nicht du, also ein anderer sei es gewesen! Wie kommst du darauf?« »Dat – dat – segg ick jo ni –« Herbrinck wurde ungeduldig. »Du hast damit gedroht, und du bist es gewesen!« betonte er hart. »Den Feimen hast du in Brand gesetzt, und der Stall sollte dadurch Feuer fangen. Bengel, verdammter, ich hau' dich zusammen! Raus mit der Wahrheit! Auf der Stelle!« Kruse heulte laut auf und wiederholte sein Leugnen. Herbrinck riß ihm die Hände hoch und spürte von diesen einen intensiven Petroleumgeruch. »Ah!« stieß er hervor. »Also damit! Natürlich: mit den dummen Streichhölzern wäre nicht viel zu erreichen gewesen. Der Schnee war vom Winde tief hineingetrieben, die ganze Außenseite vereist und widerstandsfähig. Aber das Petroleum, das half, das leckte und fraß um sich.« Er gab dem Burschen eine klatschende Ohrfeige. »Da, du Windhund! Willst du mehr haben oder endlich mit der Wahrheit herausrücken? Hast du Petroleum genommen?« »Ick – ick – wüll't – ni – wedder dauhn!« jammerte der Bube. »Hast du – das – genommen?« wiederholte Herbrinck. »J – j – j – jo –« »In der Flasche? Wo ist die?« »In'n – in'n Swamm –« »Marsch mit dir!« Herbrinck packte den Geständigen und schob ihn vor sich her. Kruse widerstrebte heftig und wiederholte jammernd seine naive Versicherung, es ›nicht wieder tun‹ zu wollen. »Soll ich dir auf die Beine helfen?« fragte Herbrinck, hob ihn mit eisernen Armen empor und stieß ihn hart auf den Boden. »Marsch aufs Gut!« Der Bengel sträubte sich weiter, heulte, schrie und lamentierte, widersetzte sich aber nicht ernstlich, und verfiel in dumpfes Stöhnen, als sie nach endlosem Zerren Löhr erreicht hatten und er nun zwischen den beiden Pferden auf dem Fahrwege nach Timmhusen zu trottete. Die Brandwache sah stumm auf den Eingebrachten. »De is dat doch west!« tuschelten die Leute hinterher. Ein lähmender Bann kam über sie. »Dar is een int Tuchthus treckt,« sagte einer in dumpfem Raunen. »En dod Gewäten Gewissen. is voräwergahn,« fiel nach einer Weile eine zweite, nicht unpoetische, gedämpfte Aeußerung. Dann sahen die Leute der über den Hof ziehenden, vom tiefstehenden Monde schwach umrissenen Gruppe nach. Im Bureau des Verwalters blieb der Förster mit dem Brandstifter allein, während Herbrinck sich zu dem Grafen begab. Luckner hatte sich auf einem Schlafsofa ausgestreckt und mit einer Decke geschützt. Aus einem Halbschlummer fuhr er auf. »Was gibt's?« fragte er. »Ach, Sie, Herbrinck! Was ist?« »Wir haben den Täter. Es ist der junge Kruse.« »Der Lümmel!« »Ich habe ihn unter Aufsicht Löhrs im Bureau gelassen.« Graf Luckner erhob sich rasch. »Den muß ich mir ansehen. Wie ist das so bald herausgekommen?« Herbrinck berichtete. »Und richtig gestanden?« »Die Schuld sprach aus seinem Verhalten und stand ihm auf der Stirn geschrieben.« »Kommen Sie.« Der Graf fixierte den schuldigen Bengel scharf und zornig. »Du infame Kröte! Wie bist du dazu gekommen?« herrschte er. Kruse schielte tückisch zu dem Frager auf. »Wotau?« stellte er die etwas zögernde, dummdreiste Gegenfrage. »Wozu – –? Junge – Junge – ich muß an mich halten – –!« »Ick – bün dat ni west!« erklärte Kruse plötzlich verstockt. »Was? Himmelhund!« fluchte Luckner. »Jetzt willst du wieder leugnen? Hast du Herrn von Herbrinck nicht gestanden?« »De – hett mi slahn – dar heww ick dat seggt –« »Du scheinst noch nicht genug zu haben!« Luckner wollte handgreiflich werden, und Herbrinck hatte alle Mühe, ihn zurückzuhalten. »Willst du gestehen?« forderte der Graf zornig. »Ick bün dat ni west,« wiederholte der Bengel hartnäckig. Luckner griff nach einem Stuhl, als wolle er den Burschen, der durch das Leugnen seine Aussichten nur verschlechterte, zerschmettern. »Lassen Sie gut sein,« mahnte Herbrinck. »Er hat mir gebeichtet, das genügt.« »Aber jetzt lügt er unverschämt! Das ist nicht zu glauben!« Luckner bezwang sich nur mühsam. »Die Entdeckung ist dem Lümmel zu bald gekommen und hat ihn bestürzt gemacht. Nun hat er sich besonnen und widerruft. Wenn ich geneigt gewesen wäre, ihn zu schonen – jetzt fort mit ihm, wohin er gehört.« »Ich werde ihn durch Löhr und einen der Knechte dem Gendarmen in Reickendorf übergeben und durch diesen abführen lassen.« Luckner war einverstanden, beehrte den Burschen noch mit einigen derben Ausfällen und suchte dann noch eine kurze Ruhe zu finden. Herbrinck wanderte in dem dürftig beleuchteten Bureau auf und ab, und sein Schatten glitt schwarz und gespenstisch über die Wände. Löhr beobachtete zum erstenmal, daß die Stirn des Verwalters durchfurcht war und ein tiefer Ernst seine Züge alt machte. Finster blieb Herbrinck von Zeit zu Zeit vor dem jugendlichen Sünder stehen und musterte ihn mit Blicken, in denen Drohung und Mitleid seltsam gemischt schienen. Aber meist wandte er sich wieder ab, ohne die Lippen, die herb aufeinander gepreßt waren, zu öffnen. Kopfschüttelnd sprach er endlich zu Löhr, und seine Stimme durchklang ein Zittern tiefinnerer Erregung. »Mit einem Streiche,« sagte er langsam, »hat der Bursche die Wurzeln seines Lebensbaumes verletzt, daß sie vielleicht für immer daran kranken werden. Unüberlegt, aus einer eingebildeten Rache, aus einer faustdicken Dummheit. Aus halber Tücke und halber Prahlerei. Der Schädel ist dem Bengel hohl, und was andere Menschen an Gemüt haben, ist bei ihm verkrüppelt oder liegt wie ein Brachfeld marklos und saatlos. Vielleicht, daß er eine Null unter Nullen bleibt – dann wird er nicht fühlen, was er geopfert und verwüstet hat. Aber wehe, wenn einmal eine Hand kommt, die an sein Herz und seinen Schädel pocht und ihn empfinden und erkennen lehrt! Armer Dummkopf, dann kommt alles Bedauern und Bereuen zu spät, dann ist die unerbittliche zweite Strafe da, die gesteigerte, harte zweite Buße! Ich – hätte den Versuch machen mögen, ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wenn seine Hände einmal die Gitterstäbe vor den Fenstern umklammert haben, dann bleibt ein häßlicher Abdruck im Fleische zurück, der nicht mehr zu verwischen ist. Die Gefängnisluft bleibt in seinem Rock, solange ein Fetzen davon da ist, und überträgt sich auf die neuen Hüllen. Und wenn niemand anders – – er selbst, er wittert sie, er bebt vor ihr und dem eigenen vergifteten Atem zurück ...« Er wandte sich an Kruse. »Mensch, Bengel, Hohlkopf – hast du den Verstand denn ganz verloren? Bist du ein Narr, ein Idiot geworden? Siehst du nicht, daß du nicht den Grafen, sondern dich selbst getroffen hast? Und mußt du die eine Erbärmlichkeit mit der anderen krönen, daß du auch noch wieder lügst?« Kruse blieb starrköpfig. »Ick heww dat nit dahn!« wiederholte er dumpf. Herbrinck drehte ihm den Rücken zu und ging an die Tür. »Dann sieh selber, wie du weiter kommst. Auch das Mitleid muß seine Grenzen haben.« Er blieb noch stehen. »Es soll nicht aufhören, wo es nicht begehrt wird,« reflektierte er bewegt, »aber es erlahmt von selbst, wenn es nicht mehr verdient ist. Die Lüge ist sein Tod. – Ich komme nachher wieder, Löhr.« Gegen Morgen wanderte Kruse zwischen seinen Wächtern nach Reickendorf. Zu einer Wiederholung seines Geständnisses war er, obwohl Herbrinck ihm nochmals ernst und dringend zugesprochen hatte, nicht zu bewegen gewesen. »Ick bün dat ni west!« Das beteuerte er auch dem Gendarmen, der aber kurzen Prozeß mit ihm machte. »Nicht, mein Junge?« meinte er gelassen. »Na, hinter den eisernen Gardinen wird ja Zeit zum Ueberlegen sein.« Achtes Kapitel. Herbrinck suchte Gewißheit, ob die Spuren des Brandstifters bis direkt an die Brandstätte oder in die nächste Umgebung führten. Er nahm die Fährte auf dem freien Felde auf, wo Löhr den Flüchtling zuerst entdeckt hatte, und folgte ihr in rückwärtiger Richtung nach dem Gute. An ein paar Stellen, an denen die Abdrücke besonders deutlich waren, nahm er genaue Messungen vor und schnitt die Umrisse der Stiefel in zu diesem Zwecke mitgenommenem Papier sorgfältig nach. Wiederholt war der Bursche offenbar stehen geblieben, um sich nach dem Erfolge seiner Tat umzusehen. Er war aber vorsichtig genug gewesen, nicht unmittelbar von der Brandstelle aus den Weg über die Felder zu nehmen, sondern war erst nach einigen hundert Metern von dem Fahrwege auf die unbegangene Feldfläche abgebogen. Der weite Zwischenraum zwischen den Abdrücken und die tiefen, unregelmäßigen Einrisse in den Schnee bekundeten aber deutlich, daß der Urheber der Spuren wenigstens zunächst eilig gelaufen sein und sein Tempo erst gemäßigt haben mußte, als er sich weit genug entfernt und durch ein paar Knicke vor Nachspähungen gedeckt glauben konnte. Die nähere Umgebung der Brandstelle war bei den Löscharbeiten von den Gutsangehörigen dermaßen zerstampft, daß überhaupt kaum noch einzelne Abdrücke von Schuhwerk zu erkennen waren, geschweige denn solche, die einen Vergleich mit dem des vermutlich Schuldigen zugelassen hätten. Herbrinck schickte einen Boten nach Neurade und lud die Eltern Kruses für die Mittagsstunde zu sich. Aber der alte Kruse bewies keine Dankbarkeit gegen den Mann, der ihm alle die Jahre wohlgesinnt gewesen war und seine Fürsorge auch noch in der Stunde der Not betätigt hatte; er lehnte sich auf und ließ zurücksagen, er habe auf Timmhusen nichts mehr zu suchen, und der Herr Verwalter möge, wenn er von ihm etwas wissen wolle, sich gefälligst zu ihm nach Neurade bemühen. Hans von Herbrinck schüttelte den Kopf, als ihm der Bote die trotzige Antwort überbrachte; aber er äußerte sich nicht weiter, sondern entließ den Vermittler mit gewohnter Freundlichkeit. Als er gegen Mittag den Grafen sprechen wollte, traf er in dessen Arbeitszimmer Komteß Helene allein an. Sie legte ein Buch, dem ihre Aufmerksamkeit gegolten hatte, beiseite, stand auf und grüßte den Eingetretenen lächelnd, während eine feine Röte den blühenden Reiz ihrer jugendlichen Züge erhöhte. Herbrinck wollte sich nach respektvoller Begrüßung wieder zurückziehen. »Fliehen Sie mich?« fragte sie freundlich. »Nein, meine gnädige Komteß.« entgegnete er ruhig. »Aber meine Anwesenheit auf dem Hofe –« Sie ließ ihn nicht ausreden. »Früher standen Sie anders zu mir,« fiel sie ein. »Ja, als Sie noch ein Kind waren.« Er nickte. »Die Wandlung ist nicht von mir ausgegangen. Die Jahre haben sie gebracht.« Sie lenkte ab. »Wir wollen darüber nicht streiten. Aber ich danke Ihnen, Herr von Herbrinck, wenn Papa es nicht bereits getan haben sollte. Das Unglück hätte groß werden können –« »Die Gefahr ist rechtzeitig entdeckt worden, gnädige Komteß.« »Und bekämpft,« fügte sie freudig hinzu. »Durch Sie. Sie sind überall Hilfe und Schutz. Daran haben die Jahre nichts geändert,« fügte sie schelmisch hinzu. »Die Pflicht hält leicht im Gleise,« erwiderte er. »Und der Egoismus,« scherzte er. »Hätten nicht auch mir meine paar Habseligkeiten verloren gehen können?« »Sie egoistisch?« Ein Lächeln huschte um ihre Lippen. »Furchtbar sind Sie das. Nur schade, daß Sie mir das nicht weismachen können. Meinen Sie, Papa hätte mir nicht erzählt, was Sie ihm und uns gewesen sind, als ich noch ein kleiner Unverstand war? Und meinen Sie, daß ich später auch mit meinen eigenen Augen nicht habe sehen können? Das wäre nicht gerade ein Kompliment von Ihnen, und das erstemal, daß ich mich fast beleidigt fühlen könnte.« Das Strahlen der blauen Frohaugen sagte aber genügend, daß der Vorwurf nicht ernst gemeint war. Und Hans von Herbrinck nahm ihn auch nicht auf. Nicht einmal mit einer scherzhaften Wendung, die ihm sonst Wohl nahe gelegen hätte. »Der Nachteil für das Gut ist geringfügig,« sagte er mit absichtlicher Nüchternheit. »Der Bursche – ist mehr zu bedauern.« Das klang fast pedantisch ernst. »Soll ich Papa für ihn bitten?« fragte sie. »Das käme zu spät, Komteß. Und wäre auch nicht mehr verdient.« Er erzählte gedrängt. »Wenn er nicht gelogen hätte, wären Sie dann nachsichtig gewesen?« forschte sie. »Ja,« entgegnete er. »Das wollte ich wissen. Nein, das wußte ich.« Sie nickte zufrieden. »Das letzte Wort stand beim Herrn Grafen,« ergänzte er mit unausgesprochenem Vorbehalt. »Papa hätte sich Ihnen angeschlossen,« behauptete sie. »Der Ausgang wäre der beste gewesen, gnädige Komteß.« Er mied ihren Blick und zeigte eine Unsicherheit, die sie befremdete. »Ist Ihnen nicht wohl?« fragte sie, und Herbrinck hörte den Ton der Sorge. Er sah rasch auf und nahm sich zusammen. »Vollkommen,« versicherte er. Die Komteß schien nicht zufrieden. »Sie haben sich zu sehr angestrengt,« meinte sie. »Legen Sie sich hin, daß Sie sich erholen. Haben Sie überhaupt geruht?« »Ich bin nicht weichlich, Komteß.« »Nein; aber Papa hat recht: Sie schonen sich nicht.« »Gut, ich werde Ihrem Befehl nachkommen und eine Stunde Schlaf suchen.« Sie reichte ihm die Hand. »Ja, das tun Sie. Aber nicht bloß eine – drei sind Ihnen dienlicher. Ich werde Papa schicken, daß er Sie einschließt!« Die Innigkeit ihrer Mahnung hallte in ihm nach, und als er sich zurückgezogen hatte, umfing er auch mit geschlossenen Augen ihr liebreizendes Bild. Mit einem Angstlaute fuhr er aus einem Halbschlummer auf und trocknete sich die Stirn, die mit Schweiß bedeckt war. Die Schläfen hämmerten ihm, und der Puls flog unregelmäßig. War sie im Rechte? Hatte er sich zu viel zugemutet? War er krank? Er lachte gequält. Krank! Pah, der Körper nicht. Wenn's auch das beste wäre – krank – tot – begraben – vergessen. Eine sieche Seele! Ein Leid, das niemand kannte, als er selbst, und das niemand kennen durfte, das ihn mit unlöslicher Gewalt umklammert hielt, in endloser Sklaverei, das das Liebste mit zu fassen, mit zu peinigen, zu würgen drohte. Er stand plötzlich hochaufgerichtet vor dem Schreibtisch, und eine eiserne Energie zog sich über das farblose Antlitz. Kein Zucken der Lippen mehr, kein Rucken des muskulösen Körpers. Kein Laut, kaum ein hörbares Atmen. Festen Schrittes verließ er das Zimmer, kleidete sich mechanisch um und nahm den Weg nach dem Birkhause. Die dunklen Stämme um ihn standen wie Säulen. Die schneebedeckten Wipfel wölbten sich zum Dache. Eine Schar Krähen krächzte in unruhigem Flügelschlage hungrig und heiser durcheinander – ein häßliches, disharmonisches Konzert im majestätischen Waldesdom. Löhr arbeitete vor dem Hause. Auf einem Blocke zerkleinerte er Brennholz. Er bemerkte den Herankommenden nicht eher, als bis dieser vor ihm stand. Herbrinck grüßte. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen,« sagte er klanglos. »Und mit Ihrer Schwester.« Sie gingen ins Haus, und Herbrinck legte den Ueberrock ab. Er war schwarz gekleidet. »Lieber Löhr, wollen Sie Ihre Schwester rufen?« »Ja –« Löhr war verwundert und wußte sich den anscheinend feierlichen Auftritt nicht zu deuten. »Sophie!« rief er von der Stubentür aus. »Ja, gleich.« Das Mädchen ließ auf sich warten. Dann kam sie frisch und blühend, grüßte den Gast und stand befangen. Herbrinck ließ die Geschwister nicht lange im Ungewissen. »Lieber Löhr und liebes Fräulein, die wenigen Stunden, die ich mit Ihnen habe verleben dürfen, sind mir eine Freude gewesen und haben mir gezeigt, daß ich das Glück geselligen Friedens allzu lang entbehrt habe. Ich möchte es weiter mit Ihnen teilen, wenn Sie mich dauernd in Ihren kleinen Kreis aufnehmen, wenn Sie, Fräulein Sophie, mir Ihre Hand reichen wollen. Ich bin kein Jüngling und nicht mehr stürmisch wie die Jugend; aber ich habe ein ehrliches Wollen, und wenn Ihr Herz noch frei ist: ich werde Ihre Liebe in Ehren zu halten suchen. Können, wollen Sie mir mit einem geraden Ja antworten?« Herbrinck war sich bewußt, daß er nicht von seiner Liebe zu dem Mädchen reden durfte, und wenn seine Werbung kühl herauskam – es war gut so. Er versprach – mit dem Bilde der andern im Herzen – nicht mehr, als er halten konnte, als er zu halten die Kraft in sich glaubte. Er liebte sie nicht; in seinem Herzen hatte nur die eine große Liebe Raum. Aber sie mißfiel ihm auch nicht, und seine Achtung sollte die tiefere Regung nicht vermissen lassen. Daß er einen Mißbrauch mit einem edlen, empfindungsreichen Frauenherzen trieb, fürchtete er nicht. Auch sie kannte ihn nur wenig, und wenn er sie richtig beurteilte, konnte er sich wohl von ihr geschätzt wähnen, aber kaum geliebt. Er stand über ihr; der Vorteil, der sich aus der Heirat für sie ergab, sprang in die Augen, war wohl auch für sie ausschlaggebend. Die Werbung kam zu unerwartet, als daß sie nicht hätte überraschen sollen. Aber das Mädchen fand sich schneller in die Situation als der Bruder. Ein Blutwallen in dem gesunden Antlitz verschönte sie, und die Art, mit der sie sich wortlos an die Brust des stattlichen Freiers lehnte, entbehrte nicht ganz der Anmut. Herbrinck legte den Arm um ihre Schulter und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn. »Und Sie –?« fragte er den jungen Förster. »O, ich –« entgegnete Löhr, »das ist eine große Freude für uns –« Die frohe Genugtuung leuchtete ihm aus den Augen und ließ ihn der Schwester lebhaft Glück wünschen. »Du, Sophie, Besseres hätte dir niemand bringen können.« Ein paar kleine Tränen perlten über ihre Wangen; aber dann machte sie sich frei und ging eifrig ihren Hausfrauenpflichten nach. Sogar eine Flasche Wein förderte sie aus der Vorratskammer auf den Tisch, und die drei Gläser gaben einen guten Klang. »Dein Wohl, Sophie!« »Dein Wohl – Hans!« So klang das erste Du – wohlwollend von ihm, gedämpft, schüchtern von ihr. Und so klang der Brauttoast. So die Liebe. Prosit – – ein Zug – wie unter Zechgenossen. Gemütlich, freundlich, ohne Aufregung. Prosit – aufs Spezielle – –. Und so sprachen sie, gemütlich, geschäftlich – von Ringen, von Ausstattung, von Hochzeit – von der Beförderung des Bruders, von seiner Vereinsamung, von einer Frau, die nun auch er suchen müsse. Und so schieden sie. Wie Freunde, gute Freunde. Aber auch wie neue. Der Kitt war noch nicht fest geworden, er gab noch keinen erprobten Halt. Die Braut sah noch zu dem Verlobten empor, er auf sie nieder. Erst als die Geschwister allein waren, fand Löhr einige Ausgelassenheit. Er wirbelte die Schwester im Zimmer herum und sagte übermütig: »Diern, hest du en Glück!« Sophie holte tief Atem. »Jo, Fritz. Dat harr ick ni dacht. Jerst de Nacht – un denn so'n Dag.« »Dat is grad von'n Himmel rünnerkamen, Diern.« »Ja. Etsch, nu gah ick doch tauierst.« Ob sie den Mann liebe, fragte Löhr nicht. Das fragte sie sich auch selbst nicht. Sie dachte auch nicht daran. Sie war stolz auf die Partie, und das genügte ihr. In Hans von Herbrinck war es klar und ruhig. Klar wie der Wintertag, durch den er heimwärts ging, ruhig wie vor einem Gewitter in der Sommerschwüle. Seine Gedanken waren nicht im Birkhause geblieben; sie flogen ihm voraus nach dem Gute. Sophie hatte ein blaues Wollenkleid angelegt gehabt, mit dunkelrotem Bandbesatz am Rocke, mit erdbeerfarbener Halsschleife. Die Farbenstimmung war keine gewählte gewesen, und sie war ihm aufgefallen. Was die Komteß getragen hatte, wußte er nicht. Irgend eine vornehme Modefarbe. Ueber dem blonden Scheitel und den feinen, durchgeistigten Zügen hatte er die Tracht vergessen. Wer die Blüte liebt, den geht das Blattwerk wenig an. Das Blattgrün ist dekorativ wie das Kleid der Menschen. Und die Dekoration soll sich anpassen, nicht vordrängen. Er sah die großen Augen, die auf den Grund einer ideal gütigen, reinen Seele blicken ließen. Er sah sie strahlen und sich verdunkeln, die blühenden Wangen glühen und erblassen, die schlanke Gestalt zusammenzucken und in momentaner Kraftlosigkeit wanken. Es wurde ihm warm mitten in dem Schneestarren, und seine selbstherrliche Genugtuung über den getanen Schritt war doch nicht so ganz sicher. Mit Mühe wies er den Zweifel von sich, ob er richtig gehandelt habe, und suchte Beruhigung und Festigkeit in dem immer wieder schützend berufenen Gedanken, daß ja nicht sein, daß allein ihr Bestes ihm maßgebend gewesen war. Wenn es sie traf – sie litt für sich. Er war der Arzt, der die rauhe Hand an eine Wunde legte, um sie zu heilen. Nach dem Sturme Sonnenschein – nach dem Herzenskampfe aus neuen Freuden neu aufrankendes Glück. Die harte Notwendigkeit diktierte ihr das Dulden, und aus dem Dulden würde ihr wieder die Ueberwindung aufwachsen. In der Nähe des Spritzenhauses traf er auf den Grafen und sah seine Reflexionen vorläufig abgeschnitten. »Das Ding soll gründlich in Ordnung gehalten werden,« sagte Luckner und zeigte auf die Spritze, an der einige Mann mit der Säuberung beschäftigt waren. »Ich bin in dem Glauben an eine gewisse Duplizität der Ereignisse befangen, Herbrinck; und wenn auch nicht gerade ein neuer Kruse kommt, ein Blitzschlag könnte auch mal das Geschäft besorgen. Und kommt das Unheil in der Doppelgestalt auf einen weniger brennenden Einfall – na, nach falscher Seite hin vorzusorgen, kann auch nicht schaden. Das Ding hat ja seine Schuldigkeit getan, gewiß; war aber doch zuerst ein etwas trockenes Geruckse. Die Schlauchverbindungen, die Ventile nicht ganz dicht, die Pumpe – na, so so. Jetzt soll geölt und aufgepaßt werden, und wenn Sie mal Zeit haben, dann lassen Sie vielleicht auch die Leute mal ordentlich üben. Meine Große kann sich von dem Schrecken immer noch nicht erholen; aber die Kleine – ja, Herbrinck, die gehört nicht zu den Zimperlichen ihres Geschlechts, die ist gesund und kernig in Herz und Kopf. Ehrlich, maßvoll, klug – richtig mein Stolz, Herbrinck. Die Große – na, sie mag sich mit ihren Grillen allein zurecht finden. Aber wenn in die sich je einer verlieben sollte, der wäre an seinem Hochzeitstage auch zum letztenmal vergnügt.« Der Graf schien sich über die ältere Tochter geärgert zu haben, und Herbrinck schloß daraus, daß sie ihn gereizt haben mußte, da er sonst über ihre Fehler nachsichtig hinweg zu sehen pflegte. Daß er selbst Gegenstand ihrer spitzen Angriffe und der Beschuldigung mangelnder Achtsamkeit gewesen war, ahnte Herbrinck nicht, und der Gutsherr machte ihm auch keine Andeutung. Aber während der Brautfahrt Herbrincks hatte sie in der Tat die Hetzerin zu spielen gesucht und den Grafen derart gegen sich aufgebracht, daß er ihr mit einer ebenso deutlichen als derben Zurechtweisung gedient und sich ihre Einmischung energisch verbeten hatte. Komteß Helene hatte klug zu vermitteln gesucht, den Gereizten aber doch nicht ganz zu besänftigen vermocht. Herbrinck setzte unbewußt ihre Bemühungen fort. »Ueberreizte Nerven verleiten leicht dazu, ein Wort zu viel zu sagen,« meinte er milde. »Ja, Nerven hat sie,« bestätigte Luckner ironisch. »Die sind auch so eine neue Krankheit. Aber von mir sind sie nicht. Es muß schon sein, daß der Apfel oft recht weit vom Stamm fällt. Die Lütte ja, das ist meine Art. Herbrinck, wenn die mal einer haben will – und die Zeit kommt ja auch, der muß ein ganzer Kerl sein. Sonst nee, rundweg. Aber freilich, wen die sich aussucht, der wird wohl auch der Passende sein, und ein Hohlkopf wird ohne meine gütige Mitwirkung abblitzen. – Ihr Cognac ist besser als meiner, Herbrinck; lassen Sie sich nicht lumpen. Ich habe auch einen neuen Kalender für Sie mitbesorgt, zeige mich also wieder nobel.« Herbrinck wollte sein Werk gleich zu Ende führen. »Sie sind mir doppelt willkommen, weil ich Ihnen zugleich eine Mitteilung zu machen habe, Herr Graf.« »Schön. Können auch sofort anfangen, wenn's beliebt.« Das ging gegen Herbrincks Empfinden. »Zu Hause, wenn ich bitten darf.« »Wieder was von dem Kruse?« »Nein. Eine – Privatsache.« »Bon«! Ich denke, dem verstockten Bengel wird schon etwas anders geworden sein, nun er den Zwang sieht. Als Herbrinck in der Wohnung ablegte, rief der Graf überrascht: »Nanu, im Bratenrock?« Bald saßen sie sich im Arbeitszimmer gegenüber. »Wie ein kleines Geheimkabinett bei Ihnen,« sagte Luckner und lehnte sich behaglich in die Sofaecke. »Soll wirklich ein Geheimnis herauskommen, alter Freund?« »Lieber Herr Graf, ich habe einen Rat befolgt, den Sie selbst die Güte hatten, mir zu erteilen.« »Hm, das klingt etwas mysteriös –« »Ich habe mich verlobt,« erklärte Herbrinck unvermittelt. Luckner schnellte aus seiner Ecke vor. »Wie – –?« »Sie haben ganz recht gehört.« »Mensch, und das sagen Sie mit so einem Gesicht?« »Ich bin wohl immer ein nüchterner Mensch gewesen, und der Ernst des Schrittes geht mir über die Romantik.« »So! Und mit dem Ernst haben Sie auch geworben?« »Ja.« »Und sie hat – – Herbrinck, wer ist die Dame?« Herbrinck suchte keinen Uebergang. »Sophie Löhr,« sagte er fest. Luckner lehnte sich wieder zurück und sah ihn groß an. Die Hand, in der er die Zigarre hielt, stieß gegen den Schreibtisch, und die Asche fiel auf den Teppich. »Wer?« wiederholte er nach einem dumpfen Schweigen. »Ich habe eben um sie geworben.« Der Graf stand auf und ging ins Nebenzimmer. Erst nach Minuten kam er wieder. Das joviale Gesicht mit den buschigen Brauen und dem starken Schnurrbart war tiefernst. »Lieber Herbrinck, ich – kann Ihnen nicht gratulieren. Lieber Freund, ja, ich muß ja. Ich muß. Ich – wünsche Ihnen auch wirklich Gutes. Aber – ich muß mich auch zu Ihnen aussprechen. Sie haben einmal die Rede auf die junge Dame gebracht – und auf Beziehungen zu mir. Auf mein Wort, Herbrinck: ich habe mich nicht an dem Mädchen vergangen. Natürlich, Sie setzen das voraus. Ich will auch nur Ihr Vertrauen bestätigen. Ich halte das – der Dame gegenüber – für meine Pflicht. Ich bin kein Redner, Herbrinck, und mir fehlt das Zeug, Ihnen so recht ergreifend und überzeugend ins Gewissen zu sprechen. Halten Sie mir das zu gut und lassen Sie mich die Worte wählen, die mir geläufig sind. Herbrinck, das ist keine Partie für Sie. Nein, bleiben Sie sitzen und hören Sie mich zu Ende. Die Vermögensfrage scheide ich aus. Sie selbst besitzen genug, und ich gehöre nicht zu denjenigen, die eine Heirat nach den Gold- oder Silberplättchen messen, die mitgebracht werden oder fehlen. Ich lasse auch den Standesunterschied nicht den Ausschlag geben, obgleich er mitspricht. Er wird ausgeglichen, wenn zwar nicht das Herkommen dasselbe, die Intelligenz, die Bildungsstufe aber die gleiche ist. Aber da liegt ein himmelweiter Unterschied zwischen Ihnen beiden, eine trennende Kluft, die nie zu überbrücken sein wird. Sie mit Ihrem Wissen, mit Ihrem Bedürfnisse nach geistiger Erhebung, mit Ihrem Verstehen der höchsten Probleme, mit dem lebendigen Geiste, der immer neue Ideale findet und sich ihnen hingiebt mit schwärmerischem Ernst – und jene! Jene, die der Beere im Walde gleicht, gewachsen und gereift im Schatten, mit dem gesunden Safte wohl die Hand zum Pflücken reizend, aber doch nur erquickend für eine flüchtige Sekunde, die einen dörflichen Gesichtskreis hat und behalten wird – gewiß, die auf ihrem Boden wirken und beglücken kann, die aber nicht verpflanzt werden darf. Gesellin des Mannes, Hausfrau, Mutter, das kann sie ihresgleichen sein – nie aber wird sie Ihnen eine Kameradin werden, die mit von Ihrer geistigen Warte Ausschau hält, die Ihren Gedankenflug teilt oder auch nur erfaßt. Nein, Herbrinck, das ist kein Bund. Ich hatte in Potsdam einen Regimentskameraden, einen gediegenen, vortrefflichen Menschen, der ging auch einen solchen Bund ein, obgleich ich ihn warnte. Und er fühlte sich bald vereinsamt – unglücklich. Und ging dann unter. Erschoß sich. Er stand mir nicht nahe wie Sie; möge bei Ihnen meine Warnung mehr Gehör finden ...« Herbrinck schüttelte den Kopf. »Mein Wort ist verpfändet, Herr Graf, und wird eingelöst!« Luckner gab noch nicht nach. »Kennen Sie ihren Charakter?« fragte er. »Ich glaube.« »Ja, Sie glauben. Ich – ich habe ihn einmal nicht sehr hoch eingeschätzt. Verzeihen Sie, lieber Herbrinck – aber sollte es nicht wahr sein, daß da, wo der geistige Gehalt auf schwachen Füßen steht, es um den sittlichen meist nicht viel besser bestellt ist?« Der eindringlichen Frage gegenüber nahm Herbrinck seine Verlobte in Schutz. »Herr Graf, Freundeswort wird gehört, auch wenn man ihm nicht beipflichtet. In einem gesunden Körper wohnt meist eine gesunde Seele, und das Leben ist reich an Beispielen, daß ein einfaches Weib an Charakterstärke das geistig und sozial hochgestellte übertroffen hat.« »Die Ausnahmen bestätigen meine Ansicht. Nein, Herbrinck, ich bin außer mir. Sie, der Sie in den besten Familien anklopfen könnten, und diese – – – ich finde keinen Ausdruck, der nicht verletzen müßte. Ah, alter Freund, das war eine böse Kunde. Ich komme mir vor wie im Traume. Oder – träume ich wirklich? – Haben Sie einen dummen Witz mit mir gemacht?« Er griff sich an die Stirn. »Herr Graf,« versetzte Herbrinck eintönig, »Sie können mir nur einen Gefallen erweisen, wenn Sie sich mit der Tatsache zufrieden geben. Wollen Sie weiter gehen und auch – Tönndorp und Menge in Kenntnis setzen – ich würde Ihnen dankbar sein.« Die Nachbarn schob er vor, und an die Komteß Helene dachte er. Der Graf widersprach entschieden. »Nein, das werde ich nicht tun, das besorgen Sie gefälligst selbst. Wollen Sie den Sturm bei denen auf mich ablenken? Oder denken Sie, die könnten sich anders stellen als ich? Meinen Sie, die werden freudig überrascht sein? Die werden Sie auch nicht begreifen, das kann ich Ihnen schriftlich geben. Herbrinck – ich bitte Sie! – Ueberlegen Sie noch! Bedenken Sie: Wie soll ich, wie sollen die Freunde, wie meine Kinder sich zu dieser Frau stellen? Soll die – – soll die etwa zwischen uns treten und uns trennen? Lassen Sie kein Wort über Ihre Lippen kommen, gehen Sie in sich. – Mein Himmel, wenn ich Sie verlieren sollte, ginge mein halbes Ich mit Ihnen. Tun Sie mir das nicht an!« »Ich – soll gehen?« fragte Herbrinck leise. »Nein, nein, nicht gehen – – nein, niemals! Lieber noch den andern bittern Kelch – – – aber, wenn es sein, wenn die alte Harmonie bleiben könnte – ich wäre der glücklichste Mensch. Fragen Sie sich in der Stille der Nacht, erwägen Sie bis morgen früh – und dann – wir sprechen noch einmal darüber.« Herbrinck sah starr auf den Gutsherrn. »Nein,« entschied er. »Es – muß sein. Und – es bleibt dabei.« Er schob seinen Sessel zurück und stand in dienstlicher Haltung. »Ich bitte gehorsamst um drei Tage Urlaub, damit ich die Formalitäten erledigen, die Anzeige der Verlobung drucken und versenden kann.« »Gott mit Ihnen!« Luckner drückte dem Vertrauten die Hand, ohne ihn anzusehen. »Alles Gute, Herbrinck – murmelte er und schob langsam nach der Tür. »Alles – Gute!« Erschüttert blieb Herbrinck zurück, und die Gedanken jagten sich hinter seiner schmerzenden Stirn. War das Opfer vergebens? Würde es ihm gar zum Verhängnisse werden, daß er sich auch noch trennen mußte von dem Wirkungskreise und den Menschen, die ihm teuer waren über alles? Schickte ihm die göttliche Gerechtigkeit eine Strafe für den Egoismus, der ihn ein schuldloses Menschenleben an sich ketten ließ, um wenigstens, wenn auch wunschlos, in der Nähe der Einen, Einzigen bleiben zu können, der allein sein Herz gehörte? Er sank schwer auf seinen Sitz zurück und barg das Gesicht in den Händen. Neuntes Kapitel Graf Luckner mußte früh aufgestanden sein. Timmhusen lag noch im grauen Morgendämmern, als er bereits vor dem Schloß erschien und die Schritte nach dem Verwalterhause lenkte. Er blieb ein paarmal stehen und sah prüfend nach den Ställen, durch deren offenstehende Türen einiges Leben auf den Hof scholl. Dann ging er weiter, die grauen Augen unter den buschigen Brauen vorauf gerichtet. Herbrinck saß am Schreibtisch. Die Lampe über dem Tische brannte noch und hüllte das Gemach im Kampfe mit dem jungen Tag in ein kraftloses Zwielicht. »Morgen, Herbrinck.« Luckner bot ihm die Rechte. »Weiß Gott, die Ueberraschung gestern ist mir in alle Glieder gefahren und hat mich nervös gemacht wie so 'nen Zirkusgaul, wenn's los gehen soll. Miserable Nacht das; na, und was für ein Morgen – –?« Er blickte gespannt. »Sie sehen – freudig aus, Herbrinck. Sehr. Alle Wetter, ich habe eine andere Siegermiene aufgesteckt, als ich mal meine Selige und ihre Angehörigen um ein gewisses Ja gebeten und es glücklich erhalten hatte. Na, geht Sie nicht an. Jeder muß selig werden nach seiner Fasson. Oder deutet Ihre Miene auf – anderes Wetter?« »Ich glaubte mich besser von Ihnen gekannt,« sagte Herbrinck ohne Vorwurf in umschreibender Beantwortung der Frage. »Da irren Sie sehr. Ich kenne Sie. Und was mich die Nacht über gequält hat, war nicht der Zweifel an Ihrer Festigkeit und die halbe Hoffnung auf eine Wandlung – das war das Gegenteil – das war die Ueberzeugung von Ihrer Entschlossenheit. Sie haben sich mir stets als ein Mann gezeigt, und je länger ich gegrübelt habe, um so klarer ist es mir geworden, daß mit einer unabänderlichen Tatsache zu rechnen ist. Brauche ich noch Ihre Bestätigung?« Herbrinck zeigte auf den Schreibtisch. »Der Entwurf der Verlobungsanzeige, Herr Graf.« Von Liebesglück stand auf seinem bleichen, abgespannten Gesichte nichts geschrieben und zitterte auch nichts durch seine Stimme. Er sprach ruhig und suchte ein mattes Lächeln. »Gut.« Luckner nickte. »Es geht mir gegen den Strich; aber Ihre Freundschaft, Herbrinck, will ich darum nicht verlieren. Ich will versuchen, mich in die Verhältnisse zu fügen. Mit gutem Willen, Herbrinck. Wahrhaftig! Und wenn der Widerspruchsgeist in mir noch mal zum Vorscheine kommt, wenn's mir nahe geht und schwer fällt, die Braut als Ihnen und uns übrigen gleichstehend zu erachten – nichts für ungut, Herbrinck; am Willen liegt's nicht. Die Gewohnheit wird endlich auch das Können bringen – – na, und vielleicht –« er suchte nach Worten – »straft Frau von Herbrinck Fräulein Sophie Löhr Lügen. Das ist ungeschickt ausgedrückt, natürlich. Wer ich will es von Herzen wünschen.« Noch einmal bäumte sich seine Kraftnatur auf. »Herbrinck, nein, ich kann es nicht hinunterwürgen. Hätte ich den Plan Amors gemerkt, Ihnen die Schlinge um den Hals zu legen – ich hätte den verdammten Bengel doch gewiß und wahrhaftig abgeführt. Mehr – will ich nicht sagen. Daß ich's nicht getan habe – – ich werde es lebenslang bereuen, wenn sie einen anderen Kern hat, als Sie ihn verlangen und ihn zu Ihrem Glücke nötig haben. So, das soll mein letzter Ausfall sein, aber der mußte noch heraus. Wann fahren Sie nach Kiel?« »Am Nachmittag –« »Sie bedienen sich selbstverständlich meines Wagens.« »Ich wollte von Reickendorf aus die Bahn benutzen –« »Die bringt Sie auch nicht viel schneller hin. Und wie Sie früher die Wagenfahrt oder den Ritt vorgezogen haben, so soll es auch weiter gehalten sein. Sie verfügen ganz nach Ihrem Belieben. Darf man lesen? ›Meine Verlobung mit Fräulein...‹ ›Den Verkauf meines Gutes an Herrn...‹, das könnte auch kaum geschäftsmäßiger klingen. Ich glaube nicht, daß Tönndorp oder einer der andern dieser Tage hergeschneit kommt; da mögen Sie ihnen die Botschaft schriftlich ins Haus schicken. Meine Kinder werde ich unterrichten, so nach Tisch oder im Laufe des Tages, wie es sich am besten macht. Große Freudenkunde – werden sie nicht hören, wenn's ihnen auch – zum Glück – nicht so nahe gehen mag wie mir.« Luckner hatte sinnend, aber doch auch harmlos gesprochen, und sein ganzes Wesen zeigte, daß er von den Empfindungen seiner jüngsten Tochter keine Ahnung hatte. Er trug den Hauptanteil des Kummers selbst und vollkommen ehrlich, und bei seinen Töchtern fürchtete er nur, daß auch sie peinlich überrascht sein und schwanken würden, wie sie sich der jungen Frau gegenüber in Zukunft zu verhalten haben möchten. Sophie Löhr war, wenn sie mit dem Schlosse in Berührung gekommen, nicht viel mehr gewesen als ein Dienstbote, und wenn sie jetzt plötzlich als geschätzter Gast behandelt werden sollte, so bot das Schwierigkeiten, über die hinweg zu kommen nicht leicht war. Die Jüngste zwar würde in ihrem feinen Takte schon das Richtige treffen; aber die hochfahrende Aeltere! Deren Aufnahme der Botschaft fürchtete Luckner am meisten, wenn er es auch nicht sagte. Herbrinck lächelte resigniert. »Herr Graf, ich werde meine Braut den Komtessen fernhalten,« erklärte er, als hätte er den Gedankengang des Gutsherrn erraten. »Sie sind nach Stand und Erziehung zu verschieden, als daß eine Harmonie zwischen ihnen möglich sein sollte.« »Ja, das meinen Sie also auch, Herbrinck,« entgegnete Luckner mit direktem Zugeständnis. »Die Kleine, die wird sich darein finden, die Große – viel schwerer. Ist aber nicht Herr auf Timmhusen, die Große; der bin ich zum Glück noch selbst. Beruhigen Sie sich. Kommt Zeit, kommt Rat. Lieben brauchen wir ja die Braut nicht; daß sie geachtet wird, das lassen Sie meine Sorge sein.« »Meinen Dank, lieber Herr Graf.« »Danken Sie später, alter Freund, wenn alles glatt ist.« Luckner empfahl sich freundlich, schnüffelte wortkarg in einigen Wirtschaftsgebäuden umher und durchmaß mit langen Schritten ruhelos sein Arbeitszimmer. Ein paarmal ging er zu seinen Töchtern hinüber, sah Eveline, die über den Wirtschaftsbüchern saß, über die Schulter, ließ den Blick forschend auch zu der Jüngeren hinübergleiten und entfernte sich wieder, ohne die Kunde über die Lippen gebracht zu haben. Um die elfte Stunde ließ er satteln und ritt, von einem Reitknechte begleitet, nach dem Birkhause. Herbrinck weilte bereits dort und empfing den Grafen, über dessen Absicht er nicht im Zweifel war, mit warmer Dankbarkeit. Der Graf ging geradeswegs auf die Braut zu und sprach ihr stockend, aber freundlich seine Glückwünsche aus: »Als erster, als Freund Ihres Verlobten, mein Kind. Und meine Bitte: Machen Sie ihn mir nicht ganz abspenstig. Ich habe auch ein Recht auf ihn.« Die buschigen Brauen zuckten, aber das Auge blieb hell. Freundlich wandte er sich an den Bruder der Braut. »Lieber Löhr, lassen Sie den Schwager Ihren Stolz sein.« Andere Worte wollten ihm nicht einfallen. Mit gewinnendem Lächeln kehrte er sich zu Herbrinck um, setzte ihm den Zeigefinger der Rechten auf die Brust und sagte in ernst gemeintem Scherzton: »Lieber Herbrinck, eine Bedingung muß ich aber auch stellen!« »Und die wäre?« »Die Hochzeit findet erst im Herbste statt!« Herbrinck sann nach, welcher Gedankengang den Grafen zu der Forderung verleitet haben mochte. Hoffte er im stillen, durch die Verzögerung die Partie noch in Frage stellen zu können? Wollte er ihnen in ehrlicher Fürsorge Zeit gewährt sehen, sich noch zu prüfen, ehe sie sich für immer banden? – Aber der Graf machte seinen Zweifeln rasch ein Ende. »Erst muß ein Heim für Sie da sein,« fuhr er fort. »Und das ist nicht früher zu schaffen. Noch ist König Eisbart der unumschränkte Herrscher, und solange der nicht seine Siebensachen gepackt und seinem freundlichen Nachfolger Platz gemacht hat, kann weder der alte Bau eingerissen noch der neue aufgerichtet werden. In den alten aber ziehen Sie nicht ein – daran lasse ich nicht rütteln.« Herbrinck sah auf seine Braut. »Der Bauplan besteht allerdings schon lange,« fügte er hinzu. »Und beschränkt sind ja die alten Räumlichkeiten, wenn sie auch für mich allein genügten. Ich möchte nicht ohne deine Zustimmung – –« »Ich bin gewiß einverstanden,« erklärte Sophie Löhr in bescheidener Unterordnung. Luckner nickte ihr zu. »Ich danke – meine Gnädige. Noch fünf oder sechs Wochen – dann wird's ja los gehen können. Für den Herrn Bräutigam richten wir vorübergehend im Schloß ein paar Räume her, und im Herbst oder schon im Hochsommer können Sie dann glücklich in einem behaglichen Neste wirtschaften.« Er plauderte noch ein paar Minuten und kam auch auf die Belohnung zu sprechen, die er für die Entdeckung des Brandstifters ausgesetzt hatte. »Lieber Herbrinck, Sie haben ja das Hauptverdienst. Aber Löhr hat seinen gewissen Anteil –« »Ich verzichte selbstredend,« warf Herbrinck ein. »Dann ist Löhr der nächste. Bitte, weisen Sie ihm den Betrag an. Lieber Löhr, Sie haben Augen und Ohren offen gehalten. Fahren Sie so fort.« Luckner nahm ein Glas Wein und trank auf das Wohl des Brautpaares. Darauf verabschiedete er sich mit festem Händedruck, schwang sich draußen auf den Braunen und trabte in scharfem Ritte durch den winterlichen Wald heimwärts. Nach Tisch, als eben der Kaffee serviert worden war, stand er am Fenster und sah den Wagen mit Herbrinck vom Hofe rollen. Er faßte sich hinter den hohen Stehkragen und zerrte weitend daran herum, als müsse er sich Luft schaffen. »Na, da fährt er hin, der Glückliche.« Das sollte scherzend klingen, kam aber rauh heraus. Komtesse Helene trat zu ihm. »Ah, Herr von Herbrinck –« »Eben der. Nach Kiel. Dringende Besorgungen,« erzählte Luckner stoßweise. »Kinder, bedeutungsvolle Fahrt. – Ver – –. Nee, wißt ihr, was das zu bedeuten hat?« »Was besonderes, Papa?« forschte Helene. »Na ja. Sehr. Lange weiß ich's auch noch nicht. Hat sich besonnen – unser alter Freund – daß er auch ein Herz hat. Hat sich verlobt, Kinder.« Er wandte sich kampfbereit der älteren Komtesse zu und bemerkte dadurch nicht, daß Helene, die sich nun in seinem Rücken befand, tödlich erblaßte und sich kaum auf den Füßen hielt. Sie faßte nach einer Sessellehne und ließ sich halb ohnmächtig auf den Sitz gleiten. In ihren Ohren klang und summte es, und die Gegenstände im Zimmer schienen um sie herum zu tanzen. Eine krankhafte Ermattung hielt sie gefangen, und nur traumhaft verschwommen hörte sie den Vater weiter reden und dann die Schwester ihm entgegnen. Ihre Hände lagen kraftlos im Schoße; sie hatte das Gefühl, daß sie sich nicht einmal bewegen konnte, versuchte es aber auch nicht, sondern ließ den blonden Kopf zurücksinken und verharrte willenlos in der Lähmung. »Verlobt,« sprach Luckner weiter. »Ich kann nicht sagen, daß seine Wahl meinen Beifall hat. Aber ich achte sie. Und ihre Achtung verlange ich auch von eurer Seite.« Komteß Eveline rümpfte die spitze Nase. »Darf man wissen, wer die Braut ist?« fragte sie mit gesuchter Nachlässigkeit. »Oder ist das noch ein Geheimnis? Neugierig bin ich nichts Papa.« »Die Braut ist ihm nicht ebenbürtig –« »Legst du darauf plötzlich Gewicht? Wer ist es denn?« Der Graf drückte an dem Namen. »Fräulein – Sophie Löhr –« stieß er dann hervor. Komteß Eveline lachte glucksend auf. »Unser Dienstmädchen – unser Aushilfsmädchen!« »Das ist sie gewesen. In Zukunft ist sie eine andere. Und darnach werden wir uns zu richten haben.« »Ich verzichte, Papa. Oder willst du mir zumuten, die – Dame auch noch zu begrüßen, womöglich im Schlosse?« »Was ich dir zumuten will, ist meine Sache!« fiel Luckner erregt ein. »Noch ist die Verlobung nicht offiziell; aber sobald dies der Fall ist, verlange ich, daß du deine Zunge hütest. Ich werde das Brautpaar zu Gaste laden, selbstverständlich, und wenn – ich mich zwingen sollte; willst du nicht zugegen sein, so beliebe, in deinen Gemächern zu bleiben. Ich habe noch eine zweite Tochter, die die Repräsentation übernehmen kann und würdig übernehmen wird. Und vielleicht ist allen wohler, wenn eine Störung durch deinen Hochmut ausgeschlossen ist.« »Mir am wohlsten, Papa!« versicherte Eveline mit mühsam unterdrücktem Hohn. »Dieser Braut werde ich nie die Hand geben –« »Sie wird nicht nach der deinen verlangen, ich hoffe es. Wenn sie dich durchschaut, gewiß nicht. Und meinst du, ich schätze dich allein richtig? Leider, nein. Hast du das schöne Bild vergessen mit dem süßen Namen? Die schönsten Pilze sind oft die giftigsten – das weiß auch der Bauer, das wissen auch die Lümmel auf dem Hofe. Das wird auch Sophie Löhr keine unbekannte Weisheit sein. Wozu willst du es ihr beweisen?« »Ich will sie nicht einmal mehr sehen, viel weniger mich mit ihr in eine Begegnung einlassen. Sie ist und bleibt für mich, was sie gewesen ist, eine Magd.« Der Graf lachte aufgebracht. »Werde Sterngucker, dann siehst du über sie weg,« reizte er mit kaltem Hohn, »oder ziehe nach Posemuckel, dann begegnest du ihr nicht. Gottlob, daß deine Schwester für dich Einsicht mit hat.« Er drehte sich suchend nach Helene um. »Was hast du mir zu sagen, Kleine?« fragte er zärtlich. Die junge Komteß hatte ihre Fassung notdürftig so weit zurückgewonnen, daß sie ihre tiefe Erregung dem Vater mit einigem Erfolg zu verbergen vermochte. Daß auch sie die Mitteilung nicht gerade angenehm berührt habe, setzte er ohnehin voraus und fühlte sich vollends zufrieden, als sie sanft, wenn auch kaum vernehmbar, erwiderte: »Herr von Herbrinck steht für uns so hoch – Papa – daß wir auch seine Braut – ehren müssen –« »Ich nicht,« warf Eveline unnachgiebig dazwischen. Der Graf strich der Jüngsten über den blonden Scheitel. »Du hast recht, mein Liebling,« sagte er herzlich. »Laß die Große reden. Wir verstehen uns doch. Siehst du, Kind, ich hätte ihm ja auch eine andere gewünscht – nicht wahr, das kann man ruhig aussprechen? Aber er soll sie doch heiraten, nicht ich. Und vielleicht sind wir nur kurzsichtig und gehen nach dem Schein, und das innere Wesen hat er besser erkannt. Und das wollen wir ihm wünschen. Nicht, mein Engel?« Sie schmiegte den seinen Kopf an seinen Arm und schloß einen Moment die feucht schimmernden Augensterne. »Ja, Papa,« flüsterte sie. Eveline warf Zucker in ihren Kaffee und ließ die silberne Zange klirrend in den Kristallbehälter zurückfallen. »Nicht mit einem Fuße dulde ich sie hier!« rief sie fast schreiend. Graf Luckner ließ sich seine Ruhe nicht so leicht wieder nehmen. »Das bestimme ich,« gab er nur zur Antwort. »Wenn die kommt, gehe ich!« sagte die Komteß trotzig. »Bis dahin ist Zeit zum Bedenken,« versetzte der Graf. »Und zum Abkühlen.« »Nein, nie –« »Jetzt wünsche ich, daß du Ruhe zu geben beliebst –« »Papa –« »Du hast mich doch verstanden–?« fragte Luckner mit einem Grollen in der Stimme, das wie anziehendes Gewitterdrohen klang. Komteß Eveline glättete nervös an ihrem Kleide, an dem Tischtuch und der befranzten Serviette. Aber sie wußte, daß sie zu schweigen hatte. Sie verstummte und fraß ihr Gift in sich hinein. »Kleine,« Luckner lachte die Jüngste an, »du bist meine Beste, du bist mein Goldherz. Die Welt ist wunderlich; du wirst es noch mehr als einmal erfahren. Aber wenn du nur selbst das Herz auf dem rechten Fleck behältst, kann keine Wunderlichkeit dir was anhaben. Ich habe mich in die Tatsache gefügt und heute mittag der jungen Braut gratuliert; finde du dich auch mit dem gesellschaftlichen Vorurteil – – hm, es ist wohl etwas mehr als das – mit dem gesellschaftlichen Unterschied ab und zeige dich klug und freundlich, wie du es in deinem Grunde bist. Einladen müssen wir das Fräulein, um Herbrincks willen; sei dann eine kleine Königin in Takt und Güte. Und jetzt entschuldige mich; nun ich mich ausgesprochen habe, ist mir freier. Adieu, mein Kind!« »Unerträglich!« keuchte Eveline, als der Vater die Tür hinter sich geschlossen hatte. Helene ging langsam und stumm an ihr vorüber. Als sie im Nebengemach geborgen war, flog sie hastig vorwärts, bis sie ihr eigenes, anheimelndes Boudoir erreicht hatte. Und plötzlich versagten ihr die Kniee. Sie brach vor einem Stuhle nieder, und den schlanken Körper rüttelte ein fassungsloses Schluchzen. Zehntes Kapitel. Endlich, nach wochenlanger, unbestrittener Herrschaft war dem Froste ein Ziel gesetzt worden, und der Februar beliebte eine fast aprillaunische Miene aufzusetzen. Nur an wenigen geschützten Stellen waren noch Schneereste erhalten, die aber fast so schmutzig dunkel gefärbt waren wie die weiten, schwarz starrenden Feldflächen. Die Luft war feucht, und die Sonne strahlte, wenn sie in einer Regenpause durch die jagenden Wolken niederblicken konnte, spiegelnd auf eine einzige nasse, glitzernde Fläche. Zwischen den Steinen des gepflasterten Hofes sammelte sich die Flut in einem Netze von feinen Kanälen und erweiterte sich da und dort zu schimmernden Lachen; die Strohdächer trieften von Nässe, die Stämme und Ruten der Bäume und Gebüsche erschienen wie glänzend lackiert, und die Feldfurchen glichen kleinen Bächen. Durch die Lust ging ein hohles Brausen wie unzufriedenes Murren des in seiner Herrschaft ernstlich bedrohten Winterkönigs, und hin und wieder mischten sich die Niederschläge noch mit rasch dahin sterbenden Schneeflocken. Die Flagge auf dem Timmhusener Schlosse, die zu Ehren Herbrincks und seiner ins Schloß geladenen Braut aufgezogen war, wurde vom rasch umspringenden Winde nach allen Richtungen gebläht, und oft zerrte der Wind sie so heftig, daß ihr Knattern bis vor dem Schlosse vernehmbar war, wo die Gäste des Gutsherrn in dicht verschlossenen Kutschen vorfuhren. Graf Tönndorp und Gemahlin waren die ersten, denen Luckner bewillkommnend die Hände schütteln konnte. Dann kamen Menge und Frau mit dem ›Erbprinzen‹, der bei dieser Gelegenheit gleichfalls nicht fehlen sollte, wenn auch durch Hinzuziehung seiner Erzieherin Vorsorge getroffen war, daß er sich nicht allzusehr bemerkbar machen und gegen Abend rechtzeitig wieder nach Neurade geschafft werden konnte. Minder Intime als die nächsten Nachbarn einzuladen, hatte Luckner im Einverständnisse mit dem Bräutigam vermieden. Die Verlobten kamen zuletzt. Die Kutsche des Grafen war erst vom Hofe gerollt, als Tönndorp bereits angelangt war. Das Erscheinen des Paares war sogar reichlich verspätet, wenn auch ohne eigene Schuld. Sophie Löhr hatte die letzte Hand an ihre Toilette gelegt gehabt und den Bräutigam nicht lange warten lassen; aber der Waldweg war ausgeweicht, die Räder sanken oft tief in alte, schlammig ausgefüllte Gleise, und die feurigen, schnaubenden Pferde mußten vorsichtig zum Schritte verhalten werden. Erst auf dem Hofe selbst konnte der Kutscher seine Fahrkunst zeigen und in elegantem Bogen die Tiere ausgreifen lassen, um sie dann geschickt und wie abgezirkelt gerade vor dem Portale zum Stehen zu bringen. Das Brautpaar begleitete der Bruder der Braut, der zum erstenmal die kleidsame Försteruniform trug und frisch und stattlich aussah, aber eine hochgradige Befangenheit sichtlich nur mit Anstrengung meistern konnte. Sophie Löhr trug ein graues Kleid, einfach und geschmackvoll in Schnitt und Farbe. Sie hatte Seide gewünscht, aber der Verlobte hatte ihr zu einem Tuchstoffe zugeredet und damit den Ausschlag gegeben. Eine Diamantbrosche und ein Kettenarmband von mattem Golde waren Herbrincks kostbarste Brautgeschenke gewesen. Graf Luckner trat dem Brautpaare lebhaft entgegen und grüßte mit einer gewinnenden Herzlichkeit, die um so ehrlicher war, als er Herbrinck sogleich auszeichnen wollte, und auch die Braut mit ihrer frischen Jugendlichkeit ihn zu ihrem Vorteil überraschte. Komteß Helene trennte sich im Salon von den älteren Damen und gesellte sich mit vornehmer Höflichkeit zu dem Vater. Ihr Antlitz war im Moment der ersten Gegenüberstellung farblos, aber mit stolzer Energie wahrte sie die Form, und nicht ein Zucken irrte um den sein geschnittenen Mund. Die hohe Stirn leuchtete unter dem goldenen Blondhaar unnatürlich weiß, aber das blaue Auge begegnete fest dem Herbrincks und traf offen auf die junge Braut. »Meine Hausfrau,« stellte Luckner freundlich vor. »Meine Aelteste –« er schluckte an der Unwahrheit – »befindet sich nicht Wohl und läßt um Entschuldigung bitten. Wir – werden dabei nicht zu kurz kommen. Meine Herrschaften!« Er wandte sich an die Gäste und führte die Braut mit liebenswürdiger Vorstellung ein. Sophie Löhr, die das glatte Parkett der vornehmen Salons auf Timmhusen und Tönndorp früher in der untergeordneten Stellung betreten hatte, fand sich überraschend schnell in die veränderte Situation und bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die fast auffallend war und dem scharfen Empfinden der Damen mehr ihren Triumph als die von ihr erwartete Befangenheit und Bescheidenheit anzeigte. Der Konversationston stand ihr nicht zur Verfügung, und mit Worten suchte sie auch nicht zu imponieren; aber ein breites Hineinstellen ihrer Person und vertrautes Sichgeben führte zu einem nicht ganz angenehmen Eindruck. »Halloh, lieber Löhr,« wandte sich Luckner plötzlich an den jungen Förster, der bescheiden an der Tür stehen geblieben war, »ja, so ein Brautpaar ist eine Wichtigkeit, da werden die anderen leicht übersehen. Seien Sie mir als künftiger naher Freund Herbrincks doppelt willkommen!« Auch Helene begrüßte den schüchternen Gesellen freundlich, und Tönndorp band bald scherzend mit ihm an, um die Befangenheit von ihm zu nehmen. »Herr Oberförster,« sagte er lachend, »wo eine Schwester ist, da kommt der Schwager von selbst. Erst recht, wenn sie so schmuck ist. Nun gehe hin, mein Sohn, und tue desgleichen. Oder – schon Ausschau gehalten?« »Zu Befehl, Herr Graf, nein,« brachte Löhr ungelenk hervor. »Na, na! Wer den Rock Seiner Majestät getragen hat, der hat auch meistens schon ein paar Herzen gebrochen. Wenn Sie jetzt eins finden, das lassen Sie aber hübsch heil. Eine schmucke Försterin ist auf Timmhusen lange nicht gewesen, überhaupt keine Försterin mehr, seit die vom alten Wöller ein bißchen sehr vorzeitig von ihm gegangen ist. – Erlaube, Luckner, wenn du nicht anders bestimmt haben solltest – den Herrn Förster hätte ich gern als Tischnachbar. Sieht verträglich aus und kann mir ein bißchen von seiner Soldatenzeit erzählen, was ich ja immer gern höre. Also – wenn's zu machen sein sollte – bitte gehorsamst.« Der Hausherr durchschaute die wohlwollende Absicht des Freundes und entgegnete scherzend: »Weißt du noch, daß ich mich mal mit Gedankenleserei beschäftigt habe, im Anschluß an die Cumberland und Genossen? Du wirst staunen, was das für Früchte getragen hat.« »So? Na, die alte Geschichte von dem Huhn, das auch manchmal –, oder von dem Felsen, auf dem auch mitunter ein mageres Pflänzlein sein Dasein fristet. Aber die Hauptsache: ist gemacht – danke!« Die Damen Tönndorp und Menge zogen die Braut in ein Gespräch, dessen Hauptanteil auf die Neurader Gutsherrin fiel, während die Tönndorper im geheimen die äußere Erscheinung der Braut einer kritischen Musterung unterzog. Ein lebhaftes Mienenspiel, reflektierte die erfahrene alte Dame, ein frisches Blut in den Adern, eine üppige ländliche Schönheit; Blüten auf den vollen Wangen, die Lippen zu voll, die Stirn frei, aber nicht hoch genug. Das Augenpaar – fast zu siegesbewußt. Die Toilette – ein fremder Geschmack, der des Bräutigams. Die Unterhaltung zögernd, tastend, aber nicht unsicher aus begreiflicher Erregung, sondern spröde und eintönig aus mangelnder Geistesschulung. Eine Krone würde zu dem kupferroten Haare, dessen Fülle zu einem modernen Knoten verschlungen ist, nicht passen und keinen Adel auf die Alltagszüge des jungen Gesichtes abglänzen lassen. Die arbeitsharten Hände kraftvoll und unschön. Graf Luckner unterbrach die Damen, sobald der grauhaarige Siebenlist die Doppeltüren zum Speisesaal geöffnet hatte. Die Festtafel war eine für das Timmhusener Schloß ungewöhnlich glänzende und ihr von Kiel beschaffter Blumenschmuck reich und kostbar. Das Brautpaar nahm die Ehrenplätze gegenüber dem Hausherrn ein, und die hohen Lehnen ihrer Stühle waren mit frischen italienischen Rosen und kleinen Sträußen von Riviera-Veilchen umkränzt. Komteß Helene saß zur Rechten Luckners und dem Bräutigam gegenüber. Sie sprach den Genüssen der Tafel wenig zu, aber sie unterhielt sich mit dem Vater und den Nachbarn und beherrschte ihr Mienenspiel vollkommen. Nur in der spärlichen Unterhaltung mit den Verlobten härtete und dunkelte sich ihr großes Augenpaar und versagte die dann leise vibrierende Stimme in ihrer Festigkeit. Die auf das Brautpaar gerichtete Aufmerksamkeit ließ aber die Gäste sie übersehen, und nur Herbrinck, der sie voll quälender Sorge heimlich beobachtete, ahnte ihre innere Erregung. Nach den ersten Gängen erhob sich Luckner, schlug leicht an sein Glas und bat so um das Wort. Er strich etwas nervös den grauen Schnurrbart, und das soldatisch abgehärtete Antlitz war dunkelrot gefärbt. »Meine Herrschaften!« klang seine Anrede in eine lautlose Stille. »Das Schloß Timmhusen liegt seitab vom Wege in einer Feld- und Waldeinsamkeit, in der es nur selten eine festliche Gastfreundschaft betätigen kann. Alte und neue Bande der Freundschaft haben meine Nachbarn zu mir Herzogen und die ehemaligen Kameraden aus den fernen Garnisonen in unseren stillen Winkel gelockt; aber die Freudentage waren doch spärlich in unsere Einsamkeit gestreut, find viel zu rasch für mich und die Meinen verflogen und – und – haben mich nie ganz offenbaren lassen, wie ich aus dem Grunde meines Herzens Dank und Liebe über alle hätte ausschütten mögen. Das Fest, das uns in dieser Stunde freudig bewegt vereinigt, krönt die besten Tage, die Timmhusen gesehen hat, und läßt uns voll hoffnungsfreudiger Zuversicht Ausblick in schöne kommende Zeiten halten. Freunde! Eine arme Scholle habe ich betreten, als mir das Erbe meiner Väter zufiel; in ein reiches, blühendes Stück Land ist diese Scholle in den Jahren seither umgewandelt worden. Ein Mann schneite in mir vor den langen Jahren unter Sie, der seinem König und Herrn in Ehren und mit Hingebung gedient, der für seinen König ehrlich gearbeitet und wohl auch ge – leistet hatte, aber der von einem vertrauten Arbeitsfelde Plötzlich abgerufen und auf ein neues, fremdes hingestellt worden war. Meine Haare waren schon von den Jahren gebleicht worden; aber wären sie es nicht gewesen, die Sorge, die bittere Sorge hätte sie über Nacht ergrauen lassen. Meine Kinder klein und unversorgt, und ich ohne Wissen und Können vor die Aufgabe gestellt, aus einem überschuldeten Besitze, aus dem Nichts heraus ihnen eine neue Existenz, eine gesicherte Zukunft zu schaffen! Meine Freunde, ich bin ein glücklicher Mensch! Ich habe in den dunkelsten Stunden meines Lebens den wahrhaften Freund gefunden, der mit seiner Kraft und Güte die Riesenarbeit, die mich Wehrlosen erdrückt haben würde, für mich und die Meinen vollbracht hat ...« Graf Luckner machte einen Schritt zurück, als wollte er um den Tisch herum auf Herbrinck zugehen; aber dann trat er wieder vor und sprach direkt zu dem Gefeierten: »Herbrinck, ich habe Ihnen keine Gelegenheit gegeben, je an meiner lauteren und unwandelbaren Dankbarkeit Zweifel zu hegen, und es wird bis an mein Lebensende kein Wendepunkt kommen, an dem meine Freundschaft zu Ihnen versagen könnte. Aber leider, wie arm sind doch die Worte, wie viel zu arm, um Ihnen das auszudrücken, was ich in meinem besten Ich für Sie empfinde, was ich Ihnen aussprechen möchte mit unwiderstehlicher Ueberzeugungskraft. Meine Tochter wird Ihnen und Ihrer Braut überreichen, was mir an Käuflichem für Sie zu erstehen war – kleine Zeichen des Dankes, der Verehrung, der guten Wünsche. Aber damit ist es nicht getan. Ich habe nach einem anderen Ausdruck meiner Freundschaft gesucht, und –« er dämpfte seine Stimme – »und wenn Sie mich als ehrlichen Menschen schätzen gelernt haben – Herbrinck, wenn Sie mit der Annahme meines Geschenkes – mich selbst mit ehren wollen – – – Herbrinck, ich biete Ihnen das brüderliche ›Du‹ – ich leere mein Glas auf dein und deiner Braut Glück und lichte Zukunft!« Er hatte sein Glas genommen, schritt rasch um die Tafel, stieß mit den Verlobten an und besiegelte das Du mit herzensoffenem Blick und festem Händedruck. Die ganze Gesellschaft war aufgestanden und die überraschend herzliche Wendung des Toastes malte sich in den bewegten Mienen aller. Nur die junge Komteß war noch tiefer erblaßt, und ihr Glas zitterte, ihre Füße stockten auf dem weichen Teppich, als sie dem Zuge nach dem Brautpaar folgte. Ihre schlanken Finger kämpften sich um den Fuß des Glases, mit schmerzlichem Lächeln stieß sie an und wandte sich rasch, ohne dem Blicke Herbrincks zu begegnen, ab. Mit fast übermenschlicher Anstrengung mußte sie in einem Nebenraume verschwinden, um sich zu fassen. Als sie zurückkam, hatte Herbrinck seine kurze Entgegnung nahezu beendet, und nur den von tiefer Erregung getragenen Schluß hörte sie noch: »Lieber Graf Luckner, dein ›Du‹ dankt mir hundertmal mehr, als mir für dich zu tun je vergönnt war, und es ist mir die schönste Freude, die deine übergroße Hochherzigkeit für mich hätte ersinnen können. Meine Hochachtung und mein Leben gelten dir und deinem Hause.« »Luckner!« sagte Tönndorp, als das Gläserklingen verhallt war, mit ehrlicherer Rührung, als er zugeben wollte, »du bist doch ein Prachtkerl. Wenn du im Reichstage sitzen und über Zölle oder Steuern reden solltest, möchte dir das kaum so gelingen; aber was du auf dem Herzen hast, das bringst du heraus. And die großartige Idee – um die beneide ich dich. Hast mich aber auf einen Gedanken gebracht, und wenn die Hochzeit unseres Paares herangekommen ist, trage ich Herbrinck die Brüderschaft an – – Menge, die Priorität sichere ich mir im voraus. Prosit, Herbrinck! Prost, Herr Oberförster!« Die Braut saß von Stolz geschwellt. Durch den Verlobten fühlte sie sich mit gehuldigt und sonnte sich im rasch eingebildeten eigenen Glänze. In der feierlichen Stimmung um sie war ihr auch die Erregung der jungen Komteß nicht entgangen; instinktiv brachte sie diese mit sich und dem Verlobten in Verbindung, wähnte sich beneidet und betrachtete die vornehme Rivalin, der sich nähern zu dürfen sie noch vor kurzem nicht hätte hoffen können, fast herausfordernd. Ein Telegraphenbote wurde auf Instruktion des Grafen von Siebenlist unangemeldet vorgelassen. Er brachte ein kleines Bündel von Telegrammen; Freunde aus Stadt und Land meldeten sich. Auch bekannte Geschäftsfreunde. Selbst Kuhn und Blanck fehlten nicht. Luckners sentimentale Stimmung wich, und er brach in ein herzhaftes Lachen aus. »Laß du dich aber nicht auch übers Ohr hauen, Herbrinck!« rief er seinem Gegenüber zu. »Tönndorp, ich fürchte, für die schöne Zitronenseide hat selbst meine Aelteste keine Verwendung. Ich habe wenigstens noch nichts davon bemerkt.« »Die Line –? Ich denke doch –« »Nee, denke lieber nicht. Die Kleine ist nicht undankbar, Tönndorp; aber wie 'ne Sonnenblume kann sie sich doch nicht rausstaffieren. Da hat die schwesterliche Liebe sich gnädig erbarmt – – Prost, Tönndorp – Kuhns Wohl!« Eines der Telegramme, die von Menge vorgelesen wurden, bestand aus zwei Blättern. »Nanu!« meinte der Schalk, der doch selbst der Verfasser war, »gleich 'n ganzes Buch per Draht? 's gibt doch noch noble Leute. ›Junges, liebes Paar!‹« las er ab. »›Eurem Bunde nahe ich mit göttlichem Segen. Solange die Sonne der Erde Frucht verleiht, so lange finden sich die Menschen, in Treue und Liebe Lust und Leid zu teilen. Und solange ein Menschenherz schlägt, ist die Liebe sein Höchstes. Treu sollen Eure Herzen für immer zusammenschlagen, eines für das andere und mit ihm, in Haus und Welt, in Jugend und Wer, in Sturm und Stille. Mein Segen geleite Euch! Freia.‹« Sophie Löhr neigte sich ihrem Verlobten zu. »Wer ist das?« fragte sie halb ins Ohr. Die Frage gab Herbrinck einen Stich. »Nachher.« flüsterte er. »Auf dem Nachhausewege.« Sophie beruhigte sich. Irgend ein Bekannter, dachte sie. Natürlich von seiner Seite. Ihr war der Name fremd. Nach Tische führte Komteß Helene das Paar an die Gabentafel. »Von Papa – lieber Herr von Herbrinck.« Sie zeigte auf eine kostbare, brillantenbesetzte Damenuhr mit Kette und ein mit Silber kunstvoll beschlagenes Album, das Photographie«! des Grafen und der Komtessen enthielt und daneben eine große Anzahl Ansichten von Timmhusen. Den Photographen hatte Herbrinck erst vor Tagen mit einiger Verwunderung auf dem Gute bemerkt. Er hatte seinen Auftrag rasch und geschickt ausgeführt. »Von Tönndorp – – von Menge!« Die Komteß zeigte eins nach dem anderen. »Von Ihrem kleinen Paten –.« Eine Reitpeitsche mit silbernem Pferdekopf. »Von – Unbekannt – –.« Ein zierlicher, mit rotem Plüsch überzogener Pantoffel. »Von Ihrem Herrn Schwager –Ein gut gearbeiteter Hirschfänger. Der Graf selbst hatte Löhr bestimmt, die Gabe mit auf den offiziellen Tisch zu legen. Der kleine Waldemar wollte ›seine‹ Peitsche auch selbst probieren. »Tante Ene, mir!« drängte er, fuchtelte ungeschickt und traf die Braut mit der Schnur über das rundliche Handgelenk. Ein ›Au!‹ entfuhr ihr halb unter Lachen. »Waldemar, entschuldige dich schnell,« mahnte die Mutter. Der kleine ruppige Bengel war nur schwer dazu zu bewegen. Er schielte mit den treuherzigen Augen zu der ihm fremden und vielleicht nicht sonderlich sympathischen Dame empor und verstand sich erst nach langem Zögern dazu, ihr sein dickes Patschchen halb unwillig zur Versöhnung hinzustrecken. Als die Stunde des Abschiedes für ihn geschlagen hatte, wiederholte sich sein Sträuben gegen die junge Braut, und um der Unterhaltung mit ihr, in die sie sich einlassen wollte, zu entgehen, schloß er sich seiner Erzieherin, die übrigens trotz ihrer erst kurzen Wirksamkeit schon seine Freundin geworden war, um so bereitwilliger an. »Waldemar nicht mehr dableiben,« erklärte er resolut. »Haus gehen. Du, Fräulein Ene, kommst mit.« Die junge Dame mit den klugen, sanften Braunaugen hieß zufällig auch Helene. Erst im Wagen dachte der kleine Bengel an die Tante Ene, von der er übersehen worden war. »Tante Ene,« klagte er und strebte mit den kurzen Beinchen wieder von dem Sitze herunter. »Die kommt zu uns nach Neurade,« beruhigte die Erzieherin. »Tommt?« Er nickte verständig. »Ontel Herbrint auch mittommt?« »Natürlich, mein Jung.« Waldemar war zufrieden, lehnte sich an seine Freundin und schlief bei dem eintönigen Rumpeln des Wagens bald ein. Der Kleine war glücklicher als sein Pate. Als Hans von Herbrinck sich in später Stunde von der Gesellschaft getrennt und seine Braut heimgeleitet hatte, saß er im einsamen Verwalterheim noch lange wach. Er gedachte des verlebten Tages und war von heißer Dankbarkeit gegen den Grafen und die Nachbarn und von qualvoller Sorge um die Komteß erfüllt. Das Du des alten Ehrenmannes schätzte er in immer wiederkehrender Wallung als die höchste Ehrung, die ihm hätte zuteil werden können, und auch der in Aussicht gestellte Anschluß des Grafen Tönndorp freute ihn von ganzem Herzen. Aber wie ein Schleier legte es sich um die Gestalten der wohlwollenden Freunde, wenn er der Komteß Helene gedachte, und ihr blasses Gesicht stand mit gespenstischer Deutlichkeit vor seiner Erinnerung. Und neben der Geliebten tauchte die Verlobte vor ihm auf. Ein Rebstock mit edlem Blute die eine, ein Feldbusch – die andere. Der Vergleich nicht so scharf in seinem Wollen, aber unabweisbar in seinem Empfinden. Er sträubte sich dagegen, mechanisch, dumpf, aus dem halben Bewußtsein der Pflicht heraus, und fühlte sich doch ohnmächtig in seinem Widerstande. Die Liebe, die er hatte begraben wollen, war an der Zweiten nur gemessen worden – nicht begraben, nicht verdrängt, nicht verkleinert – vergeistigt, verklärt, vergöttlicht. Mit dem mangelnden Takte der Braut hatte er ungewiß gerechnet; aber er war ihm doch peinlich zum Bewußtsein gekommen und hatte ihn bedrückt. Ihr unterwegs Vorstellungen zu machen oder Belehrungen zu erteilen, hatte er nicht über sich gewonnen, nur ihre wiederholte Frage nach dem Absender der Freia-Depesche mit einiger Ungeduld beantwortet. Die nagenden Beunruhigungen wollte er zu Hause mit sich allein auskämpfen ... Elftes Kapitel. Der Winter kehrte nach sonnigen Tagen hartnäckig zurück, und die Wochen schlichen in dem eintönigen Kampfe zwischen dem entthronten Herrscher und seinem siegessicheren Nachfolger nur langsam dahin. Von der Mitte des März ab gewann aber Jüngling Lenz über seinen bärbeißigen Nebenbuhler die Oberhand, und wenn er auch noch in den Nächten von dem alten Gegner geplagt wurde, am Tage lenkte er siegreich den Sonnenwagen über die wintermüde Erde und weckte mit Licht und Wärme neu verjüngtes Leben. »Sechzehn Grad Réaumur über Null?« fragte Luckner zu Ausgang des Monats, als er mit Herbrinck zur Hauptverhandlung gegen den Brandstifter am frühen Morgen nach Kiel fahren wollte. »Und das im März?« rief er staunend. »Das ist lange nicht vorgekommen; ich besinne mich kaum auf einen ähnlichen Fall. Aber wehe, wenn der April sich von seiner schlechten Seite zeigt, dann kann uns das Stück vorweg genommenen Sommers teuer zu stehen kommen.« »Allerdings,« pflichtete Herbrinck bei. »Und ich traue dem Frieden nicht. Mir ist gerade zumute, als ob ein Unheil bereits in der Luft liege.« »Na, so eine Unglücksmiene ist mir an dir in der letzten Zeit nicht neu, Herbrinck – leider. Hoffentlich behältst du Unrecht, und der April fällt in den Anfang Mai. Ich habe Hertling geschrieben, daß er den Entwurf für heute fertig haben soll. Ist die Verhandlung vorüber, suchen wir ihn auf und können dann gleich beraten, wenn noch was zu wünschen ist.« Hertling war ein Kieler Architekt, der vom Grafen mit dem Bau des Verwalterhauses beauftragt worden war. »Ich habe flüchtig mit ihm gesprochen.« entgegnete Herbrinck, »neulich, als ich zur Vernehmung vor den Untersuchungsrichter geladen war.« »Das hat er mir mitgeteilt, auch« – Luckner blinzelte vergnügt – »daß deine Hochwohlgeboren zu möglichster Einfachheit gemahnt hat. Ich habe aber nicht hinter dem Berge gehalten, sondern mit gutem Recht auf meinen Anordnungen bestanden. Punktum, mein Lieber! Da hätten wir glücklich vorgebeugt, und jetzt wirst du nicht mehr viel verderben können – mit deiner Knickrigkeit.« »Es soll doch ein Dienstgebäude werden, lieber Graf –« »Nee, soll es gar nicht. Ist für die zweite Herrschaft bestimmt ... Na, fertig? Der Wagen steht auch da.« Komteß Helene schaute vom Fenster aus auf den Hof und verbeugte sich bei der Abfahrt grüßend. »Die Kleine ist merkwürdig still geworden,« plauderte Luckner ahnungslos. »Sollte der auch irgend ein Aprilunwetter schwanen?« scherzte er. »Eine laute Art habe ich nie an ihr beobachtet,« flocht Herbrinck ein. »Nee, nee. Aber so – so lurig, möchte ich sagen, ist die sonst auch nicht gewesen, so seestill, so ganz wellenlos –« »War sie nicht schon als Kind in sich gekehrt, lieber Graf?« »Gewiß, wenigstens kein Sausewind. Ich kann mich ja auch irren. Aber mitunter meine ich doch, daß hinter ihrer weißen Stirn ein Sinnen ist, das sie nicht gerade beglückt. Und ihre Farbe gefällt mir auch nicht. Ja, das wollte ich schon immer mal fragen: findest du nicht auch, daß sie etwas treibhausmäßig zart geworden ist?« Luckner wartete gespannt auf die Antwort. »Nein,« erwiderte Herbrinck, fast gegen seinen Willen und jedenfalls ohne rechte Ueberzeugung. Er suchte nach einer allgemeinen Begründung. »Sie zählt achtzehn Jahre, und in diesem Alter starker körperlicher Entwickelung unterliegen die äußere Erscheinung und die seelische Stimmung mannigfachem Wechsel –« »Bah, ein Landkind wie die, und sieht aus wie eine Stadtjungfer, die nie recht in Luft und Sonnenschein hinausgekommen ist!« »Daran hat's vielleicht auch bei der Komtesse gefehlt. Sie hat sich zu sehr ans Haus gebunden ... Lockt die schöne Jahreszeit sie wieder hinaus, werden ihre Wangen sich auch wieder höher färben. Ich – bin ohne Sorge – –« »Das freut mich sehr, Herbrinck. Du bist doch auch Menschenkenner und hast die Kleine von Kind auf gern gehabt. Wenn dir nun nichts aufgefallen ist, habe ich gewiß zu viel gesehen. Ja, ja, so wird's sein, und ich danke dir, daß du mich beruhigt hast. Was die Herren vom Gericht übrigens von mir wollen, ist mir nicht ganz klar. Du kannst doch allein die erschöpfende Auskunft geben ...« Herbrinck dachte sich, daß auch die Peitschenaffaire in Verbindung mit der Tat des Burschen zur Sprache kommen könnte und vielleicht die Verteidigung versuchen würde, aus der Aufreizung des jugendlichen Verbrechers auf eine mildere Beurteilung des Vergehens hinzuwirken. Er wußte aber selbst nichts Genaueres und wollte eine bloße Mutmaßung nicht zum besten geben. »Ich bin nicht nur über die Tat, sondern auch über den Leumund des Burschen befragt worden,« erklärte er, »und über den letzteren könntest Wohl auch du gehört werden.« »Na, wir werden ja sehen. Uebrigens viel zu viel Umstände um den verdrehten Bengel. Eine Tracht Prügel würde kürzer und empfehlenswerter sein.« »Ihm wird sein Recht werden,« warf Herbrinck still hin. – »Geheuer – mag ihm nicht sein.« »Von mir hat er keine Schonung zu verlangen,« sagte Luckner nachdrücklich. »Ich werde dem verdammten Kerl die Leviten lesen, daß er und die Richter sich's hinter die Ohren schreiben sollen. Halloh – Morgen – Tönndorp!« Tönndorp wollte gerade vom Hofe biegen, als die Nachbarn vorüberkamen. Er lenkte seinen Schweißfuchs um den Wagen und ritt ein Stück Weges mit. »Nach Kiel?« fragte er. »Na, sagt mir heute abend Bescheid, was dem Brenner aufgebrannt ist ...« »Dein Schwager, Herbrinck, gefällt mir. Der Kern ersetzt, was an Schliff fehlt. Brauchen ja auch keinen Weltmann auf unserem Timmhusen. Auch geladen?« Herbrinck bestätigte. »Er ist schon gestern abend gefahren. Mit der Bahn. Wesentliches wird er auch nicht zu bekunden haben.« Herbrinck knöpfte sich den Ueberrock auf. Es war ihm unbehaglich warm. An dem Drehkreuz eines Feldsteiges, neben dem Wege, stand hemdärmelig ein Stromer und klopfte sich mit dem Knotenstock den über das Kreuz gehängten Rock aus. Die Pferde scheuten, und eines von ihnen schlug über den Strang, so daß der Kutscher halten mußte. Luckner sprang vom Wagen mit einer Wendung auf den Stromer zu, der eiligst querfeldein Reißaus nahm. »Laß den armen Teufel laufen,« bat Herbrinck freundlich, und brachte den Strang in Ordnung. »Gesindel!« knurrte Luckner, war aber bald besänftigt. »Uebrigens kein schlechtes Genrebild: gestörte Morgentoilette,« scherzte er schon wieder. Vor einer Dorfschmiede mußte noch einmal gehalten werden, weil das Leitpferd ein Eisen verloren hatte. »Donnerwetter, bedeutet das nu Aerger?« fragte Luckner. »Lieber hätte ich eins gefunden, wenn ich auch nicht abergläubisch bin. Hast du etwa doch mit dem Baumeister – – hinter meinem Rücken – – –? Den verehrten Herrn würde ich schön anfahren.« Die verlorene Viertelstunde konnte gerade noch eingeholt werden, und wenige Minuten vor dem angesetzten Beginne der Verhandlung hielt der Wagen vor dem Gerichtsgebäude. Der ältere Kruse drückte sich auf dem langen Korridor scheu in eine Fensternische, als er des Grafen und seines Begleiters ansichtig wurde. Der ›Lindwurm‹ aber, der gleichfalls zugegen war, stemmte den Arm in die Seite, warf den Kopf auf und musterte die Herren mit suffisantem Hohne. Luckner blieb sekundenlang zornig stehen, und Detlev Kruse posierte weiter. »Hier ist neutraler Boden,« näselte er höhnisch. In Luckner kochte es, aber er besann sich und würdigte den Aufdringling keiner Antwort. Seine Verachtung in Blick und Geberde sagte genug. Stolz ging er weiter und wandte sich an einen Gerichtsdiener. »Zeugenzimmer?« fragte er lakonisch. Der Diener wies höflich zurecht. »Herbrinck, die gleiche Luft mit der Fratze ist mir unerträglich,« sagte er, als sie allein waren. »Wenn du länger aufgehalten wirst als ich – suche mich im Hotel. Und gehe du dahin voraus, wenn du zuerst an die Reihe kommst.« In der Liste der aufgerufenen Zeugen fehlte Detlev Kruse; bei flüchtigem Umsehen bemerkte ihn Herbrinck aber in der vordersten Sitzreihe des Zuhörerraumes, und es war ihm, als ob ein boshaftes Grinsen des Artisten ihm gelten solle. Angewidert wandte er sich ab. Die Zeugen mußten den Saal nun wieder verlassen und der Graf und Herbrinck sich in Geduld fassen. Erst nach nahezu zwei Stunden rief ein Gerichtsdiener geschäftsmäßig in das Wartezimmer: »Herr Graf von Luckner.« Alle Augen richteten sich auf den aristokratischen Zeugen, der soldatisch schlicht und doch in vornehmer Sicherheit den Gerichtshof und die Geschworenen mit verbindlichem Neigen des ergrauten Charakterkopfes grüßte. Die Personalfragen des Vorsitzenden und die Beeidigung des Zeugen gingen rasch von statten. Der Präsident bezeichnete den Gegenstand der Untersuchung und die Person des Beschuldigten und stellte darauf nach den Bestimmungen der Strafprozeßordnung und fast genau mit ihren Worten das Ersuchen, dasjenige, was dem Zeugen von dem Beschuldigten und seiner Tat bekannt sei, im Zusammenhang anzugeben. Luckner legte knapp und bestimmt dar, was er von dem Brande wußte. »Ist nach Ihrer Meinung Selbstentstehung des Feuers ausgeschlossen?« fragte der Vorsitzende. »Unbedingt.« »Konnte das Feuer durch eine Fahrlässigkeit – ein weggeworfenes Zündholz, einen Zigarrenrest – hervorgerufen sein?« »Nein.« »Wollen Sie das begründen?« »Die Außenflächen des Feimens waren verschneit und vereist. Der Brandstoff muß tief in das trockene Stroh eingeführt worden sein.« »Sie nehmen also vorsätzliche Brandstiftung an?« »Unter allen Umständen.« »Halten Sie den Angeklagten für den Urheber?« »Ja.« »Welche Beweise haben Sie?« »Sein Verweilen in der Nähe des Tatortes und sein Geständnis.« »Konnte er nicht zufällig nachts unterwegs sein?« »Herr Präsident, die Leute arbeiten den Tag über und benutzen die Nacht zum Schlafen.« »Der Angeklagte behauptet, er habe nicht schlafen können und sich herumgetrieben. Das Geständnis widerruft er.« »Die Aussage des Herrn von Herbrinck stellt es für mich außer Frage.« »Herr von Herbrinck soll ihn geschlagen und das Geständnis von ihm erpreßt haben.« »Die Schuld hat es erpreßt.« »Welchen Grund sollte der Angeklagte zu seiner Tat gehabt haben?« »Haß gegen mich,« antwortete der Graf kurz. »Hatten Sie ihn gereizt?« »Ja.« Luckner erzählte von der Peitschengeschichte. »Eine Selbstjustiz, deren Berechtigung unerörtert bleiben mag. Hat sie sich wiederholt?« »Nein.« »Finden Sie noch einen anderen Grund für die Gereiztheit des Angeklagten?« »Daß ich nicht wüßte.« »Haben Sie nicht die Angehörigen des Angeklagten plötzlich entlassen und fortgewiesen?« »Ah so! Ja!« Luckner begründete die energische Maßregelung. »Auf meinem eigenen Grund und Boden befehle ich. Widerspruch dulde ich nicht, Verhöhnungen – und wenn es gesungene sind – auch nicht.« »Ging Ihre Anordnung nicht zu weit?« »Herr Präsident, ich bin ein alter Soldat. Die Disziplin ist mir zur Natur geworden. Ich verlange sie geachtet, wie ich sie selbst respektiere.« »Sie sollen hart und heftig zu Ihren Leuten sein?« »Meine linke Hand, meine rechte, Herbrinck, gleicht reichlich aus. Ungerecht will auch ich nicht sein.« »Haben Sie den Angeklagten selbst in der Nähe des Brandplatzes gesehen?« »Nein.« »Hat der Angeklagte früher Anlaß zu Ausstellungen gegeben?« »Er war faul und schlotterig.« »War er ehrlich?« »Ich weiß nichts vom Gegenteil.« »Ich danke.« Der Vorsitzende wandte sich an den Saaldiener. »Der Zeuge von Herbrinck.« Luckner blieb noch stehen. »Herr Präsident, bin ich entlassen?« Staatsanwalt und Verteidigung hatten keine Fragen zu stellen. »Der Herr Zeuge ist entlassen,« erklärte der Vorsitzende in höflichem Amtstone. »Danke gehorsamst.« An der Tür begegnete Luckner dem Vertrauten. »Auf nachher,« sagte er kurz und freundlich. Gleich darauf stand Herbrinck an seiner Stelle, und der Vorsitzende begann die Personalfeststellung von neuem. »– – evangelisch, Landwirt, wohnhaft zu Timmhusen, mit dem Beschuldigten nicht verwandt,« schloß er eintönig und ließ die Beeidigung mit kühler Gleichförmigkeit folgen. Nach dem eingehenden Berichte Herbrincks stellte der Vorsitzende eine Reihe von Fragen, die er zumeist auch an den Grafen gerichtet hatte. Die Selbstentzündung des Feimens verneinte auch Herbrinck und ebenso eine Entstehung des Feuers durch Fahrlässigkeit. »Von Neurader Arbeitern, die von Ihnen als Zeugen vorgeschlagen sind,« führte der Präsident aus, »haben wir gehört, daß der Angeklagte Drohungen gegen den Grafen ausgestoßen hat. Haben Sie diesen eine Bedeutung beigemessen?« »Ich habe sie – zu Unrecht – für Ruhmredereien gehalten.« »Sie trauten also dem Angeklagten ein Verbrechen nicht zu?« »Nein.« »Wie war der Leumund des Angeklagten?« »Kruse war nachlässig und indifferent. Ich taxierte ihn auf einen wenig intelligenten Menschen, der aus Stumpfheit und Beschränktheit über seine eigenen Füße fallen konnte. Eine männliche Reife fehlte ihm auch in ihren ersten Ansätzen.« »Können die Eltern infolge ihrer Entlassung von Timmhusen aufreizend auf ihn eingewirkt haben?« »Das halte ich nicht für wahrscheinlich, wenn sie auch verstimmt sein mochten. Unser Arbeiterschlag ist im ganzen ernst und besonnen.« »Weshalb erfolgte die Entlassung der Kruseschen Eheleute?« Der Befragte erzählte. »War das Spottlied aufreizend?« »In gewissem Sinne und für einen unreifen Menschen vielleicht. Ich besitze die Verse und bedauere, daß ich keine Abschrift zu den Akten gegeben oder mitgebracht habe.« »Bestand unter der Arbeiterschaft eine feindliche Stimmung gegen den Gutsherrn?« »Wohl kaum eine ernstliche. Der Herr Graf ist durch sein rasches Naturell vor Fehlgriffen nicht geschützt; er ist aber von Grund aus rechtlich und echt vornehm, und dauernden Schaden hat durch ihn niemand erlitten.« »Billigen Sie die Züchtigung, die der Angeklagte von ihm erhalten hat?« »Nein. Ich entschuldige sie aber.« Der Präsident ging einen rascheren Schritt vorwärts. »Wie kamen Sie darauf, den mutmaßlichen Täter in der Richtung nach Neurade zu verfolgen?« »Der Verdacht fiel auf Kruse infolge seiner Drohungen.« »Der Angeklagte hat Ihnen dann ein Geständnis abgelegt?« »Ja.« »Haben Sie ihn geschlagen?« »Ich bestreite es nicht. Es geschah in der Erregung. Herr Präsident, das Unglück hätte groß werden können.« »Hat er unumwunden zugestanden?« »Mit der naiven Zusicherung, es ›nicht wieder tun‹ zu wollen.« »Angeklagter, was sagen Sie dazu?« Kruse fuhr aus dumpfem Starren auf. »Ick bün dat ni west,« stieß er blöde aus. »Herr Zeuge, hat der Angeklagte sein Geständnis sogleich widerrufen?« »Nach der Ankunft auf dem Gute.« »Er hat das Leugnen konsequent fortgesetzt. Sind Sie trotzdem überzeugt, daß er schuldig ist?« »Ich zweifle nicht einen Augenblick.« »Die zu den Akten gegebenen Ausschnitte und Messungen der Fußspuren stammen von Ihnen?« »Ich habe beide am nächsten Morgen vorgenommen.« Die Stiefel Kruses wurden nachgemessen und die Ausschnitte auf die Sohlen gelegt. Die Maße stimmten und auch die durch Punkte auf den Ausschnitten angedeuteten Nägelabdrücke. »Angeklagter, wollen Sie nicht endlich Ihr Gewissen erleichtern und sich durch ein offenes Geständnis eine mildere Bestrafung sichern?« Monoton kam die Wiederholung: »Ick bün dat ni west.« Der Präsident zeigte sich etwas ungehalten, und der Staatsanwalt meinte spöttisch: »Das ist die stereotype Entgegnung, allen Beweisen zum Trotz.« »Der Aufenthalt in der Nähe der Brandstelle wird von dem Angeklagten ja nicht geleugnet,« fiel der Verteidiger ein. »Die Beschäftigung mit den Fußspuren hat deshalb wohl wenig Wert, da aus ihnen doch nicht gefolgert werden kann, daß etwas anderes als die Neugierde ihre Entstehung veranlaßt hat.« »Aus der Entfernung zwischen den Spuren und den Einrissen in dem Schnee folgere ich eine Flucht des Angeklagten,« replizierte der Staatsanwalt. »Zur Flucht aber veranlaßte ihn das Bewußtsein dessen, was er getan hatte.« »Ich setze in die Angaben des Zeugen von Herbrinck einigen Zweifel,« meinte der Verteidiger. »Er ist auch nicht kriminalistisch geschult, und die aus seinen Beobachtungen gezogenen Schlüsse entbehren der sicheren Grundlage.« Der Vorsitzende schnitt die Auseinandersetzung ab. »Die Erörterung darüber ist den Plaidoyers vorbehalten,« belehrte er sachlich. »Herr Zeuge, konnte das Feuer ohne die erfolgreiche Bekämpfung auf das benachbarte Stallgebäude übergreifen?« »Die Gefahr war sehr ernst.« »Enthielt das Gebäude auch Räumlichkeiten, die zum Aufenthalt von Menschen dienten?« »Ja, zwei Stallknechte haben dort ihre Kammern.« »Waren die Knechte zur Zeit des Brandes anwesend?« »Sie wurden erst durch die Löschmannschaft geweckt.« »Danke.« Die Vernehmung des Zeugen war beendet, und der Präsident gab Auftrag, den Förster Löhr zu rufen. Der Verteidiger wandte sich an den Vorsitzenden. »Ich muß mich noch einmal mit dem eben gehörten Zeugen beschäftigen,« erklärte er. »Ich habe vorhin erwähnt, daß für mich die Zuverlässigkeit dieses Hauptbelastungszeugen nicht ganz feststeht.« Herbrinck drehte sich aufhorchend um. »Im Interesse des Angeklagten,« fuhr der Verteidiger kühl fort, »muß ich anführen und unter Beweis stellen, daß der Herr Zeuge zum Jähzorne neigt und in diesem wahrscheinlich dem Angeklagten in der nächtlichen Stunde am See eine heftige Züchtigung erteilt hat, die dann das Geständnis erzwang. Mir ist von einem Verwandten des Angeklagten ein Brief zugegangen, der sich mit der – Vergangenheit des Zeugen beschäftigt und den Beleg für seine bedingte Glaubwürdigkeit zu erbringen sucht. Der Brief ist ungeschickt und unorthographisch abgefaßt und enthält einen offenbaren Schreibfehler, indem der Absender von einem 81. Lebensjahre des Zeugen von Herbrinck spricht, während die 1 logisch vor der 8 zu stehen hat –« Herbrinck sah in tiefer Unruhe auf den Rechtsanwalt und schloß die Hände wie im Krampfe. »Der Brief veranlaßt mich,« setzte der Verteidiger mit erhobener Stimme wieder ein, »die Frage zu stellen: Sind Sie, Herr Zeuge, identisch mit Friedrich Hans von Herbrinck, Sohn des ehemaligen Gutsbesitzers Wilhelm Hans von Herbrinck und seiner Gemahlin Friederike, geborene von Uchthausen, aus Groß-Delzig in der Neumark?« Der Befragte rang nach Atem. »Ja,« bestätigte er heiser. »Haben Sie in Ihrem achtzehnten Lebensjahre auf dem Gute Ihres Vaters einen Hausierer Lüggedeg gekannt?« Wieder von Herbrincks zuckenden Lippen ein rauhes, gurgelndes »Ja«. »Haben Sie diesen Mann – der allerdings ein zweifelhaftes Subjekt war – nach einer Jagdpartie mit Ihrem Hirschfänger zum Krüppel geschlagen?« Herbrinck vermochte nur mechanisch zu nicken. Alle Kraft schien ihn plötzlich zu verlassen; er fühlte sich schwach zum Umsinken. »Sind Sie deswegen – bestraft worden?« Der Zeuge war jäh erblaßt, die Zähne schlugen ihm im Schüttelfroste zusammen. Er schloß die Augen und mußte an der Schranke, die ihn vom Gerichtshofe trennte, einen Halt suchen. Die Wirkung der Fragen war so furchtbar, daß auch der Verteidiger überrascht und einem menschlichen Rühren zugänglich schien, was wenigstens ein Kopfschütteln als Zeichen des Bedauerns annehmen ließ. Ein zufällig im Zuschauerraum anwesender älterer Student der Medizin wollte hilfsbereit seine Dienste anbieten; aber ehe er sich aus den Sitzreihen herauswinden und dem einer Ohnmacht Nahen beispringen konnte, gewann Herbrincks stählerne Natur von selber wieder die Oberhand. Er richtete den schlanken, sehnigen Körper auf, sah voll Pein auf seinen Angreifer und erklärte stockend und keuchend: »Ja, mit vierzehn Tagen Gefängnis – mit lebenslanger Reue.« Sein Auge suchte den Vorsitzenden: »Herr – Präsident, ich – hatte den Mann – beim Diebstahl abgefaßt. In seinem Bündel, das halboffen auf der Erde lag, fand ich – seine Beute, sechs Kreuztauben, die er auf dem Hofe gefangen und getütet hatte. Ich – will nicht beschönigen. Ich war außer mir, ich griff den Dieb an. Er entriß mir Uhr und Kette und suchte das Weite. Ich folgte ihm, zog den Hirschfänger und verwundete ihn schwer. Ich schlug scharf – er verlor das Gehör ... Und jetzt– – ich bitte Sie: machen Sie der Pein ein Ende. Die erste Buße hat mich hart getroffen – die zweite – vernichtet mich. Mein Gott – und das nach zwanzig Jahren – –!« Seine Erregung steigerte sich von neuem hochgradig. Der Vorsitzende ließ einen Stuhl bringen; aber Herbrinck wies ihn zurück und ermannte sich. »Herr Zeuge,« sagte der Präsident teilnehmend, »die rasche Tat der Jugend rächt sich an Ihnen bitter. Aber es war das Recht der Verteidigung, den Tatbestand zur Sprache zu bringen, wenn er auch an dem Ausgange dieses Prozesses kaum etwas ändern mag.« Auch der Staatsanwalt nahm das Wort. »Durch diese Vorstrafe des Zeugen wird seine Glaubwürdigkeit in meinen Augen um nichts gemindert,« äußerte er sich mit einem Seitenblick seiner kalten grauen Augen nach dem Verteidiger hinüber. »Ich möchte erfahren, wer den Brief geschrieben und also die Nachforschungen nach dem Leumunde des Hauptbelastungszeugen angestellt hat.« Der Verteidiger gab Auskunft. »Der Brief ist unterzeichnet von Detlev Kruse, Schauspieler ... Auf die Erklärung der Staatsanwaltschaft zu erwidern, behalte ich mir vor.« Der Artist hatte mit Spannung auf den Effekt gewartet, den seine Enthüllung hervorrufen würde. Sein funkelnder Blick hing an dem Zeugen, und ein gemeiner Triumph malte sich in seinen verlebten Zügen. »Ist der Briefschreiber etwa zugegen?« fragte der Vorsitzende in die schwüle Stimmung. »Jawoll!« kam aus dem Zuhörerraum eine fette Stimme, und Detlev Kruse richtete sich stolz auf. Er sah schnell auf den Angeklagten und nickte mit hochgezogenen Brauen, als ob er sagen wollte: »Nur still, ich bin ja auch noch da, und ich werde es schon machen.« »Treten Sie vor,« forderte der Präsident. Detlev Kruse drängelte sich an den Knieen der neben ihm Sitzenden vorüber, ging bis dicht an die Schranke und verbeugte sich tief. »Herr Gerichtshof –« begann er. »Antworten Sie auf meine Fragen,« ersuchte der Vorsitzende abweisend. »Sind Sie mit dem Angeklagten verwandt?« »Jawoll, ich bin sein Onkel.« »Haben Sie der Vergangenheit des Herrn Zeugen nachgespürt?« »Jawoll, mir streut keiner Sand in die Augen. Dafür bin ich Menschenkenner –« »Wer hat Ihnen den Auftrag gegeben?« »Wer? Mein Herz. Mein Rechtsgefühl. Soll ich meinen Neffen erst mißhandeln und dann auch noch verurteilen lassen?« »Das Verurteilen besorgt das Gericht.« »Herr Gerichtshof, mein Neffe ist unschuldig. Oder kann was auf die Aussage eines Menschen gegeben werden, der selbst schon – –« »Darüber haben Sie nicht zu befinden,« verwies der Präsident mit Schärfe. »Sie können abtreten.« »Herr Gerichtshof –« »Ich ersuche Sie; abzutreten!« forderte der Präsident nachdrücklich. Detlev Kruse zog die Schultern hoch, schnitt Grimasse und zog sich ungewiß zurück. »Der Zeuge Lohr ist vorzurufen. Den Zeugen von Herbrinck bitte ich, Platz zu nehmen.« Lohr belastete den Angeklagten ebenfalls, wenn er auch nichts Neues mehr zu bekunden vermochte. In all seiner Befangenheit empfand er eine drückende Sorge um den Schwager, dessen Bloßstellung ihm noch unbekannt war, dessen Aussehen ihn aber erschreckte. Als seine Vernehmung beendet war, zog er vor, sich still aus dem Saale zu entfernen und den Schluß der Sitzung auf dem Korridor abzuwarten. Die Ausführungen des Staatsanwaltes ließen eine das Publikum angenehm berührende Sympathie für den Hauptzeugen nicht verkennen. »Der Angeklagte leugnet,« sagte er zum Schluß. »Das kennen wir. Der verstockte Verbrecher leugnet ja immer. ›Ick bün dat ni west!‹ – es ist der immer wiederkehrende Spruch, in dem er sein Heil sucht. Aber er ist es doch gewesen, und alle seine Ausflüchte nützen ihm nichts. Allerdings: der Hauptbelastungszeuge hat ihm eine Ohrfeige gegeben, die weder nötig noch erlaubt und nur mit der Erregung des Augenblicks zu entschuldigen war. Ich behaupte aber, daß sie den Burschen nicht beeinflußt und ihn keineswegs zu dem Geständnis bewogen hat. ›Ich will's nicht wieder tun,‹ hat der Ueberraschte gejammert. Ja, das ist genau seine Sprache; das ist das ungezwungene Bekenntnis und die jammernde Bitte des beschränkten, unreifen Jungen. Er floh, als er sich verfolgt sah, und versteckte sich; er heulte und bat, als er erwischt war. Der Ohrfeige bedurfte es nicht, sondern die Schuld selbst war es, die ihm die Zunge löste. Und dieses Bekenntnis lasse ich mir nicht nehmen, die Verteidigung mag dagegen anführen was sie will. Auch die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen von Herbrinck lasse ich nicht antasten. Freilich: der Herr Zeuge ist in seiner Jugend gestrauchelt. Aber muß ich daran erinnern, daß die Jugend stürmt? Und muß ich noch betonen, daß der Mann, den der Graf in warmer Anerkennung seine rechte Hand nannte, ein halbes Menschenleben ehrlicher, wahrhaft tüchtiger Arbeit hinter sich und damit gesühnt und versöhnt hat? Fallen ist leicht, sich aufrichten ist schwer. Ich glaube dem Zeugen aufs Wort, und ich bedauere, daß eine vergessene Schuld ausgegraben worden ist. Das soll kein Vorwurf gegen die Verteidigung sein, die ihr Recht ausgeübt hat. Dem Zeugen meine Sympathie zum Ausdruck zu bringen, ist aber mein Recht. Für den Angeklagten habe ich keine Milde übrig. Er hat tückisch gehandelt, und er ist verstockt. Ich bitte die Herren Geschworenen, ihn schuldig zu sprechen.« Der Verteidiger suchte die Enthüllung über den Zeugen Herbrinck auszunützen, das Schuldbekenntnis zu entkräften und Freisprechung zu erwirken. Zum mindesten seien, wenn gegen Erwarten ein Schuldspruch erfolgen sollte, dem Angeklagten auf Grund der Reizungen mildernde Umstände zuzubilligen. Das Plaidoyer war breit und gegen den unbequemen Zeugen rücksichtslos. Es mangelte ihm aber an der Kraft, die die Rede des Anklägers ausgezeichnet hatte, und von der auch dessen kurze, energische Replik getragen wurde. Die Duplik des Anwalts fiel noch matter aus, und als nach der Fragestellung und Rechtsbelehrung die Geschworenen sich zur Beratung zurückzogen, galt ihr Verdikt im Publikum nicht als zweifelhaft. Der Wahrspruch der Geschworenen lautete auf Schuldig unter Zubilligung mildernder Umstände, das Urteil des Gerichtshofes auf ein Jahr Gefängnis. Vor dem Gerichtsgebäude kam es zu einer lebhaften Szene. »Na, wenn ich nicht gewesen wäre,« prahlte Detlev Kruse, »ganz anders hätten sie ihn verknackt!« Eine Entrüstung über die Verurteilung eines Unschuldigen schien ihm nicht einzufallen. »Sie sind ein ganz erbärmlicher Schubbejack!« tönte es ihm entgegen. »Sie bemalte Kulissenfratze!« hieß es von anderer Seite. »Wat wüll de schmerige Hanswurst?« fragte ein grollender Bierbaß. Der tapfere Lindwurm trollte sich etwas verblüfft aus der drohenden Umgebung. Erst in sicherer Entfernung fand er ein verächtliches Lachen über den dämlichen Plebs. »War das nicht der dumme August, der Lindwurm aus der ›Stadt Hamburg‹, früher einmal in der Walhalla?« wurde nachgeforscht. »Richtig!« hieß es zustimmend. »Da müssen wir hin und den auspfeifen, daß ihm Hören und Sehen vergeht.« Zwölftes Kapitel. Als Hans von Herbrinck das Gerichtsgebäude verließ, lag es ihm wie Blei in allen Gliedern. Er schleppte sich nur mühsam fort und wurde erst draußen aufmerksam, daß der junge Förster sich ihm zur Seite hielt und ihn ängstlich beobachtete. »Bist du krank, Hans?« schlug es wie von fernher an sein Ohr. Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. »Krank? Nein.« Er sah auf den Boden und überlegte. Dann hob er das Auge. »Fritz, geh nach dem Hotel und – warte auf den Grafen, wenn er nicht dort ist. Mir – ist doch nicht wohl. Teile dem Grafen mit, daß – Kruse von der Strafe ereilt ist. Du weißt wohl –« »Ich war draußen, Hans –« »So? Zu einem Jahre – ist er verurteilt worden. Gehe voraus. Ich – mache einen Umweg. Und beunruhige dich nicht. Ich werde mich bald erholen.« »Hans, laß mich bei dir bleiben –« »Nein, geh, Fritz. Ich werde mich allein am leichtesten zurechtfinden. Und der Graf muß Bescheid haben.« »Wann kommst du nach?« »Ich werde eine kleine Spazierfahrt machen –« Er suchte nach einem Wagen, bemerkte eine Droschke in der Nähe und schritt auf sie zu. »Adieu, Fritz,« sagte er vor dem Einsteigen. »Wenn der Graf fragt, wo ich bleibe, entschuldige mich ...« Er instruierte den Kutscher, ließ sich in dem Wagen nieder und winkte dem Schwager im Abfahren mit der Hand zu. Sobald er sich unbeobachtet glaubte, sank er kraftlos in sich zusammen, und der eine Gedanke: »Es ist aus, alles aus!« betäubte ihn. Riesengroß war die Schmach der Vergangenheit, die ihren Stachel für ihn nie verloren hatte, plötzlich wieder vor ihm aufgetaucht und hatte ihn zum zweiten Male gebrandmarkt und aus der Reihe der Ehrenmänner ausgestoßen. Mit einem Schlage stand er wieder unter dem furchtbaren Drucke, dem er beim erstenmal fast erlegen war und von dem er in zwei Jahrzehnten sich nie ganz hatte befreien können. Als ein untilgbarer Schatten war ihm die Schmach gefolgt, hatte sich in seine Träume gedrängt und sich zwischen ihn und alle die gestellt, die er lieb gehabt. Sie hatte den strengen, ehrenfesten Vater, die unvergleichlich gütige Mutter schwer leiden lassen und sich als unüberwindliches Hindernis zwischen ihn und das edle Mädchen gestellt, das ihm teurer war als sein Herzblut, das nicht von ihm getrennt war durch Stand, Bildung und Reichtum, das er aber nicht berühren durfte mit entweihten Händen. Aus, aus! Zu Ende der Traum der Rehabilitierung, selbst von einem späten Lebenssommer und Herbst in bescheidenem Frieden. Ein neuer Anfang, ein neues Kämpfen. Wieder allein, wieder hinausgetrieben in die seelenlose Fremde. In die Fremde ... Er fühlte die Kehle trocken und die Augen brennen und stechen, den Puls fliegen, die Schläfen schmerzhaft hämmern. Wie eine Ohnmacht umfing ihn die Mattigkeit des Körpers, und rastlos, klar, mit unerbittlicher Logik arbeiteten doch die Gedanken unter der hohen Stirn. Zerrissen die mühsam geflickte Ehre, undenkbar die Möglichkeit, an die alte Friedensstätte, zu den alten Freunden heimzukehren. Eben hatten die Menschen im Gerichtssaale es gehört, bald würden die Zeitungen es weiter und weiter tragen – und auch auf Timmhusen würde die Kunde ein Raunen und Tuscheln erzeugen, die ihm Gutgesinnten sich schmerzlich abwenden und die anderen, die Gleichgültigen und Neutralen, die Stumpfen und Boshaften, die Achseln zucken oder ihn gar offen schmähen lassen. Nein, kein Zurück, nur ein einziges, gebieterisches Fort! Der Graf war ihm zugetan; er würde ihn am schwersten vermissen. Aber er würde auch nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten können. Die Ehre des alten Soldaten duldete es nicht, daß ein Geächteter sein Vertrauensmann blieb, dem er die Hand reichen, den er mit dem brüderlichen Du beehren durfte. Und die Komteß Helene! Er würde ihre Reinheit trüben, wenn er sie auch nur mit seinem Hauche berührte. Ihr vorwurfsvoller oder klagender Blick würde ihn in die Erde sinken lassen vor Schmerz und Scham. Er betete sie an und er wußte sich von ihr geschätzt – vorbei, vorbei! Nacht, Elend und Grauen der Rest! Löhr! Die Braut ... Der Mann war ihm ergeben; er würde um ihn trauern, lange, aufrichtig, still ... Und die Braut? Würde sie vergeben? Vergeben? fragte er sich zweifelnd, und hatte merkwürdig klar die Empfindung, daß sie sich als die am meisten Beleidigte fühlen und ihn am ehesten preisgeben würde. Die Leute –! Bah, der eine ging – ein anderer kam. Die Arbeit härtet Hände und Herzen. Und die Dankbarkeit ist ein Kraut, das schwer aufgeht und kümmerlich gedeiht. Eine würde triumphieren – Eveline. Mochte sie es. Mochte sie ihn schmähen und verhöhnen und ihren eigenen Scharfblick preisen. Aber das sollte sie nicht erleben: ihm ihre Schadenfreude ins Gesicht zu lachen. Er richtete sich müde auf und musterte die ländliche Umgebung. »Kehren Sie um,« befahl er dem Kutscher. »Wohin, Herr?« Herbrinck besann sich flüchtig. »Bahnhof!« gab er zurück und verfiel in erneutes Grübeln, aus dem ihn auch das Räderrasseln nicht weckte, als er die Stadtgrenze wieder erreicht hatte und der Wagen auf unebenem Pflaster dahinstolperte. Erst als der Kutscher am Bahnhof hielt, kam ihm das Bewußtsein zurück, daß er sich über seine nächsten Handlungen zu entschließen habe. Da das Hotel, in dem Graf Luckner sich aufzuhalten versprochen hatte, in der Nähe des Bahnhofes lag, lohnte Herbrinck den Kutscher mit nervöser Hast ab und verschwand in der Eingangshalle. Vor einem Wandfahrplan machte er Halt. In einer halben Stunde ging ein Schnellzug nach Hamburg. Herbrinck löste sich eine Fahrkarte erster Klasse und suchte im Wartesaale einen möglichst verdeckten Platz. Die Zeit bis zum Abgange des Zuges schien ihm eine Ewigkeit, und ängstlich fürchtete er, jeden Augenblick Löhr oder den Grafen in den Saal treten zu sehen. Als endlich zum Einsteigen gerufen wurde, suchte er eilig ein leeres Coupé, rief den Schaffner heran und bat, solange es möglich sei, ihn allein zu lassen. Ein Talerstück gab seinem Verlangen einigen Nachdruck, der Schaffner warf die Türe zu, und Herbrinck lehnte sich erschöpft zurück. Stoßend, polternd, rasselnd verließ der Zug die Halle. Ein ›Gottlob!‹ kam über die Lippen des einsamen Fahrgastes, und seine Gedanken flogen nach dem Hotel, in dem der alte Freund ungeduldig seiner harren und vergebens nach einem Grunde suchen würde, der ihn, den immer Pünktlichen, diesmal so lange fernhielt. So lange! Bis in den Abend, in die Nacht. Bis an den Morgen, der mit seinen Zeitungen den Schleier des traurigen Geheimnisses lüften würde. Und er hatte Luckner richtig beurteilt. Löhr erstattete dem Grafen Bericht. »Ein Jahr? Schön. Tut mir leid um den Bengel, ist ihm aber recht.« Er nickte grimmig. »Wo bleibt denn Herbrinck?« setzte er fragend hinzu. »Er kommt nach. Ihm – war nicht ganz wohl. Er hat sich einen Wagen genommen, um sich zu erholen.« »Kann ich begreifen,« sagte der Graf lebhaft. »Mir war auch ganz miserabel geworden. Scheußliche Luft, und Menschen! – äh! Und eine Fragerei, als ob man selbst angeklagt wäre und nicht der Esel von Kruse. Da werden Umstände um so einen Galgenkandidaten gemacht, daß man sich gegen so'n Juwel ganz erbärmlich vorkommt. Na, ist gut, Löhr. Wenn Sie noch was zu besorgen haben, bitte, verfügen Sie über Ihre Zeit.« Er winkte entlassend und vertiefte sich wieder in eine Reihe von Zeichnungen, die ihm der Architekt Hertling ins Hotel gebracht hatte. Alle zehn Minuten sah er nach der Uhr, stampfte durch das Zimmer, trat an eines der Fenster und spähte nach dem Erwarteten aus, der noch immer nicht kommen wollte, selbst nach Stunden nicht. Am späten Nachmittage stellte sich der Architekt zur Besprechung ein. »Sehr schön, daß Sie da sind,« begrüßte ihn Luckner, »aber die Hauptperson fehlt, Herbrinck. Weiß der Kuckuck, 'n bißchen eiliger könnte er's wohl haben!« »Finden die Entwürfe Ihren Beifall, Herr Graf?« fragte der Baumeister. »Im einzelnen und im ganzen, durchaus,« entgegnete Luckner befriedigt. »Und geändert wird nichts mehr. Aber seine Zustimmung muß Herbrinck auch geben. Wenn ich bloß wüßte, wo ich ihn suchen lassen könnte.« Er klingelte nach einem Hausdiener. »Sehen Sie nach, ob mein Förster noch da ist.« »Sofort, Herr Graf.« Löhr hatte sich nicht entfernt, sondern sich unruhig im Flur und vor dem Hotel herumgedrückt. Er kam sogleich. »Herr Graf befehlen?« »Ja, nun sagen Sie mir: was hat denn das zu bedeuten?« fragte Luckner erregt. »Ich bin in Sorge,« sagte Löhr bescheiden. »Jawohl, und ich! Kreuztürken, war ihm denn ernstlich unwohl?« »Herr Graf, ich fürchte es.« »Na, das wäre eine schöne Geschichte! Wegen so einem Lumpen soll der noch Schaden nehmen. Ich könnte aus der Haut fahren.« »Ich hätte ihn Wohl nicht allein lassen sollen –« »Nee, hätten Sie nicht. Aber konnten Sie auch nicht wissen. Er war doch sonst keine Jammerbase. Nie krank gewesen, immer wie von Stahl. Wohin ist er denn gefahren?« »Ja, das weiß ich nicht.« »Also nicht mal 'n Anhalt hat man, daß man nach ihm ausschicken könnte. Himmeldonner! Und wir warten hier und können nicht von der Stelle. Und es wird Nacht, ehe wir nach Timmhusen zurückkommen. Na, das wäre alles das wenigste, wenn er nur erst da wäre, heil da. Ich kriege nachgerade was wie schlechte Ahnungen. Haben Sie noch Zeit, Baumeister?« »Ganz nach Ihrem Belieben, Herr Graf.« »Schön, schön. Wissen Sie denn die Nummer von der Droschke, Lohr?« »Ich habe nicht daraus geachtet.« »Na, tut man ja auch nicht.« Er warf wieder einen Blick auf seine Taschenuhr. »Bald halb sieben. Endlich wird er sich doch einfinden müssen. Danke, Löhr! Bleiben Sie unten? Springen Sie ihm voran zu mir, wenn die Schüttelkalesche ihn anbringt.« »Zu Befehl, Herr Graf.« Luckner stand mitten im Zimmer und sah auf den Architekten. »Mir schwant, daß da was nicht in Ordnung ist,« sagte er düster. »Sonst die Pünktlichkeit selbst, und gerade heute wie auf den Kopf gestellt?« Er nahm wieder einen der Pläne. »Ganz nach meinen Intentionen, Baumeister. Alles geräumig, alles praktisch. Ich bin überzeugt, Herbrinck findet auch nichts auszusetzen. Wird ihm höchstens zu kostspielig sein. Und das ist meine Sache. Wenn der Wettergott uns keinen Streich spielt – Mitte April wird angefangen. Wie lange dauert der Abbruch?« »Zwei bis drei Wochen dürften zu rechnen sein.« »Na, bis Mitte Juni dann das neue Fundament. Ende Juli der Bau hoch – bis Mitte September beste Trockenzeit und minimale Störung in der Ernte – dann die Ausstattung – klappt vorzüglich!« Luckner bestellte eine Flasche Wein und stieß mit dem Architekten an. »So'ne Warterei ist verteufelt. Selbst zum Skat hätte ich keine Lust. – Fünf Minuten nach sieben. Ist er um acht nicht da, laß ich aber wahrhaftig Lärm schlagen.« Nach einer Stunde waren sie noch allein. »Jetzt ist es sicher, da steht was schief,« sagte Luckner erregt. »Und was tun? Halt, erst mal nach Timmhusen depeschieren.« Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und warf mit Blei die Zeilen hin: »Verhandlung zu lange gedauert. Bleiben über Nacht und kommen erst morgen. Grüße. Luckner.« »Sonst geht da der Tanz auch noch an,« erklärte er. »Das wird aber aufklären und ganz glaubwürdig sein. – In Berlin waren überall Unfallstationen. Gibt's den Segen hier auch? Oder soll man die Polizei alarmieren?« Der Baumeister riet ab. »Wenn Herr von Herbrinck wirklich von einem Unfalle betroffen sein sollte,« meinte er, »so wird er doch wenigstens Nachricht an Sie gelangen lassen. Er weiß doch, wo Sie zu finden sind.« »Gewiß weiß er. Aber wenn er ernstlich erkrankt ist? Wenn er irgendwo eine Unterkunft gefunden hat und ein Lebenszeichen zu geben außer stände ist? Wie viele kennen ihn denn, und wer weiß von meinem Aufenthalt? Baumeister, ich bin wirklich niedergeschlagen.« Neun Uhr. – Dann zehn dumpfe Schläge der ermüdend schleichenden Wanduhr. Hertling ging. »Löhr! Löhr!« Der Graf war außer sich. »Das ist ein Unglückstag. So viel war der verdammte Grünschnabel beileibe nicht wert. Und nichts kann man tun! Nur Geduld haben. Geduld! So 'n Wort! So kurz und unschuldig – und so grausam. Und er verlangt vielleicht nach uns – und wir können nicht zu ihm. Können nur Geduld haben, Geduld! So ein Unglückstag!« Löhr war selber viel zu bestürzt, als daß er hätte raten können. Mit Bergeswucht drückte ihn nur immer wieder der Vorwurf, daß er dem Kranken nicht zur Seite geblieben war. Mitternacht kam heran, und Luckner streckte sich nach erteiltem Befehl, ihn bei einer Botschaft jederzeit zu wecken, angekleidet aufs Bett, wahrend Löhr in der Gesellschaft des Nachtportiers wach blieb. Der Morgen graute herauf, und einzelne Nachtbummler und Arbeiter streiften durch die Straßen um den Bahnhof und nach dem Hafen zu. Ehe noch das Hotel sich belebte, brachte eine Botenfrau eine Anzahl Tageszeitungen. Löhr richtete sich fröstelnd in der Portierloge auf, nahm ein Blatt zur Hand und suchte zu lesen. »Kieler Zeitung« stand am Kopfe des Blattes. »Da wird auch der Bericht über Ihre Brandgeschichte drin stehen,« sagte der Portier und half suchen. »Richtig, da ist es schon: ›Schwurgericht. Ein jugendlicher Verbrecher stand in der gestrigen Tagung vor den Geschworenen.‹ – Das wird es sein.« Löhr durchflog den ausführlichen Bericht ohne sonderliches Interesse, bis er an eine Stelle kam, die ihn plötzlich im tiefsten erregte. »Als schon die Zeugenvernehmung nahezu beendet war,« las er, »brachte ein Manöver der Verteidigung einen unerwarteten Zwischenfall. Der Hauptbelastungszeuge, der Verwalter des Rittergutes Timmhusen, Herr H. von Herbrinck, hatte sich mit Bestimmtheit für die Schuld des Angeklagten ausgesprochen, und der Wahrspruch der Geschworenen konnte nicht zweifelhaft sein, wenn es nicht gelang, die Aussagen dieses Zeugen zu erschüttern. Der Verteidiger nahm den Nachweis auf sich, daß der Zeuge den Angeklagten durch Mißhandlung zu dem Eingeständnis gezwungen habe und zu solchen Gewalttätigkeiten schon seit früher Jugend hinneige. Unter lautloser Stille des Auditoriums stellte er seine Fragen an den Zeugen, und der Verwalter von Herbrinck mußte zugeben, daß er nicht bloß wegen Körperverletzung schon vor Gericht gestanden habe, sondern auch zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt worden war. Allerdings: die Bestrafung lag volle zwanzig Jahre zurück, und der Zeuge, ein tüchtiger, geachteter Beamter, schien unter der Auffrischung der alten Schuld, die er längst begraben wähnen mochte, schwer zu leiden. Er hielt sich nur mit Anstrengung aufrecht und verließ den Schwurgerichtssaal als ein Gebrochener, obwohl die Geschworenen ihm vollen Glauben beigemessen und den Angeklagten nach nur kurzer Beratung schuldig gesprochen hatten.« Löhr ließ das Blatt sinken. Die Enthüllung brachte ihm plötzlich grelles Licht. »Der Mann bestraft?« fragte er sich in Unglauben und schmerzdurchwühlter Bitterkeit. »Der –? Der zu allen gut, der durch all die Jahre der gute Stern, das leuchtende Muster in seinem Wirkungskreise gewesen war? Der nie für sich, der immer nur für andere gesorgt und geschaffen hatte?« »Ich muß zum Grafen,« sagte er tonlos. »Nanu, steht denn da so was Wichtiges drin?« fragte der Pförtner neugierig. »Lassen Sie doch erst mal sehen.« »Nachher.« Löhr ließ sich nicht zurückhalten. Der Graf saß rauchend am Fenster. Die Unruhe hatte ihm den Schlaf verscheucht. »Na, Löhr?« Der junge Förster schritt lautlos über den Teppich und hielt dem Gutsherrn stumm die Zeitung hin. Luckner vertiefte sich in den Bericht, las zu Ende und schleuderte das Blatt entrüstet im Bogen von sich. »Gemein!« keuchte er. »Bodenlos! Hund von einem Rechtsverdreher!« Seine Zigarre flog in einen Aschenbecher, den er sich auf der Fensterbank zur Hand gestellt hatte. Entgeistert starrte er auf den Ueberbringer der Botschaft. »Löhr!« Die Stimme überschlug sich. »Was ist das: Körperverletzung? Das kann ein halber Mord und – eine Bagatelle sein! Die kann von Roheit erzeugt werden – und kann die Tat gerechter Entrüstung sein. Die kann vorbedacht und – unbedacht sein. Herrgott, mein armer Herbrinck! Du und schuldig! Und wenn er sich hat hinreißen lassen – wenn – ein halber Junge – vor zwanzig Jahren! Es ist eine himmelschreiende Schande, ihm das vorzuhalten nach dem Ehrenleben, das hundertfach gut gemacht hat. Löhr, Hand – ein Ehrenmann ist besudelt – ich weiß es, und Sie und alle! Und das ist Gerechtigkeit, das schimpft sich Gerechtigkeit!« Er lief keuchend um den Tisch. »Schutz dem Verbrecher – an den Schandpfahl mit den ehrlichen Menschen! Ich habe einen halben Rüffel einstecken müssen wegen des Lausekerls – und der andere wird halb in den Tod gehetzt! Herrgott, wer das geahnt hätte! Wenn ich einen Schimmer gehabt hätte, ich wäre nicht von ihm gewichen – ich hätte der Themis die Binde von den Augen gerissen und sie ihr und den Richtern vor die Füße geschleudert. Sehen soll das Recht, nicht blind zertreten, was ihm in den Weg geschoben wird!« Luckner konnte sich nicht fassen. Er rannte gegen die Möbel und gegen den Untergebenen und erging sich in wilden Ausfällen gegen die Justiz und ihren mordenden Buchstabengeist. »Löhr, da konnten wir warten!« Er faßte sich an die Stirn. »Und das Schlimmste – – das Schlimmste! Wird – auch – das noch – kommen? Hat er – – ist er – verzweifelt? Ich – ich – will zur Polizei. Anzeigen. Nachforschen sollen sie. Selbst holen will ich ihn. Zwischen uns beiden gibt es keine Trennung.« Er stülpte sich den grünen Filzhut auf und stürmte fort. Nach einer Stunde kehrte er heim. »Sie müssen, ob sie wollen oder nicht!« rief er heftig. »Umstände können sie machen! Ist's ein Mörder, der gesucht wird? Nein, nur ein ehrlicher Mensch! Achselzucken, Löhr – – ›Wird sich wieder finden.‹ ›Nur Ruhe.‹ ›Wer sind Sie?‹ – Himmel – – Graf, Rittmeister, Gutsbesitzer, Luckner – – hilft endlich was! Nun mögen sie das Opfer des blinden Rechtes suchen – des Rechtes, das taub, siech an allen Gliedern ist ...« Ein Depeschenbote störte mit einem Telegramm. Luckner griff hastig danach und riß es auf. »Nach gestrigem Zwischenfall bin ich abgereist,« las er fliegend und ohne auf den sich zurückziehenden Boten zu achten. »Wenn Sie sich gesorgt haben – Verzeihung. Rückkehr unmöglich. Haben Sie die Güte, einen Brief noch von mir anzunehmen und auf Timmhusen zu erwarten. Herbrinck.« »Gottlob, nicht das Schlimmste!« stieß Luckner aufatmend aus und entzifferte den Aufgabeort. »Hamburg! Also in Hamburg. Nicht aus der Welt! Und Brief folgt, Erklärung folgt. Löhr, er wird sich rechtfertigen! Er wird! ›Graf Luckner‹« – las er die Adresse – »›Kiel, Hotel Germania. Wenn abgefahren, nachsenden Schloß Timmhusen bei Reickendorf‹. Vorgesorgt! Die Besonnenheit kehrt ihm wieder – es kann noch gut werden. Und muß, muß! Lassen Sie den Wagen vorfahren, Löhr. Ich muß fort aus dem verdammten Nest ... Sie fahren mit!« Er schellte. »Oberkellner – Rechnung!« herrschte er. Er zahlte und schickte durch den Oberkellner nach der Polizei. »Es geht ohne sie,« sagte er bissig noch vom Wagen aus. Dreizehntes Kapitel. Löhr verließ den Wagen vor dem Gute und schwenkte nach dem Birkhause ab. Komteß Helene kam dem Vater entgegen, »Du kommst allein, Papa?« Luckner überlegte, ob er sein Geheimnis noch wahren könne. Aber nach kurzem Erwägen entschied er sich für die Offenheit. »Komm auf mein Arbeitszimmer, Lene,« sagte er bedrückt. Er legte rasch ab. »So, und da setze dich hin und höre mir zu. Lene – Kind, ich bringe nichts Gutes. Sag mal, hältst du unseren Herbrinck für einen Ehrenmann – oder nicht?« »Du siehst nicht aus, als ob du scherzen möchtest, Papa. Aber die Frage brauche ich doch nicht zu beantworten.« . »Nein, ich weiß, du schätzest ihn auch. Und du bist im Recht. Er ist ein Mann, auf den gebaut werden kann wie auf Felsengrund. Aber Schweres hat ihn betroffen. Und uns mit ihm. Sie haben ihn einfach weggerissen von uns –« »Papa, was soll das heißen?« »Höre nur weiter. Ich muß schon etwas ausholen. Alles kommt von dem elenden Flaps, dem Kruse. Gott behüte mich, daß ich nicht noch einmal aufs Gericht muß. Ich bin Soldat; ich würde, gehorsam dem Rufe meines Königs, allzeit die Brust dem Kugelregen des Feindes darbieten, oder mit dem Säbel in der Faust zehnfacher Uebermacht stand zu halten suchen. Mit Gott für Kaiser und Vaterland! Mein Leben gälte mir nichts. Aber noch einmal vor Gericht – dagegen würde ich mich nicht wehren können, aber das würde mich kränken. Dazu gehört kein Mut, wahrhaftig nicht. Aber mehr, Ueberwindung. Die Ueberwindung des Ekels vor den Verbrecherphysiognomieen, die Unterordnung unter Menschen, die einem fremd und gleichgültig sind, die einen aber fragen, meistern und verweisen, als ob man ihr ergebenster Diener wäre. Ich will von mir absehen, obgleich ich selbst auch ein Sprüchlein mitreden könnte. Aber Herbrinck – den hat man in Stücke gerissen und den Brandstifter halb weiß gewaschen –« »Ich verstehe nicht, Papa.« »Nein, kannst du auch noch nicht. Ich selbst nicht. Mir ist so dumm, als wäre mir der halbe Mond auf den Kopf gefallen. Aber laß nur. Ich erzähle nach der Reihe. Da wirst du schon klüger werden. Oder auch nicht. Mich nahmen sie zuerst aufs Korn. Ist mein Auge noch verschwollen? Nicht? Da kann ich von Glück sagen. Dann wurde Herbrinck ins Feuer gerufen. Ich bin nicht dabei gewesen. Ich habe meine Entlassung erhalten in Gnaden. Ich will mir's merken, Kind, wie's getan hat. Für meine Leute. So'n kräftiges Donnerwetter, das schad't mal nichts, wenn einer was ausgefressen hat. Aber so von oben – ich weiß, wie ich's auch gewesen bin – und gegen Menschen, die nichts verbrochen haben – das wurmt, Lene, das reißt und zehrt am guten Mark. Herbrinck hat die Wahrheit gesagt. Die belastete den Schuldigen. Aber der Richter muß auch das zu ermitteln suchen, was zugunsten des Angeklagten spricht – und dann kommt der Verteidiger, der erst recht die Aufgabe hat, den Mohren weiß zu waschen. Versucht hat er es auch bei Kruse. Die Zeitungen, die bringen es brühwarm – sprechen von unerwarteter Wendung. Ich habe das Blatt nicht mitbringen mögen. Herbrinck hat sich zu dem Verbrechen hinreißen lassen, dem achtzehnjährigen Laps eine Schelle zu geben. Dadurch soll er sein Geständnis erpreßt haben. Er soll überhaupt ein Schläger und jähzorniger Raufbold sein von früh auf. Lene – –« Luckners Polterstimme wurde weich. »Lene, Herbrinck hat in seiner Jugend – einen Fehler gemacht. Wie, das weiß ich nicht. Das wird er schreiben –« »Schreiben, Papa?« »Ja.« »Kommt er denn nicht?« »Vorläufig nicht. Er soll dafür – bestraft worden sein. Weh tut es mir – aber schlecht, nein, schlecht kann er nicht gehandelt haben. Uebereilt, im Aufbrausen, eigenmächtig – aber nie aus Schlechtigkeit. Er – ist hart bestraft worden. Ich würde es dir verschweigen, wenn du es nicht doch erfahren würdest. Mit – vierzehn Tagen Gefängnis ...« Das Mädchen sah ihn groß an. »Herbrinck – –?« sagte sie erschreckt. »Unser Freund,« bestätigte Luckner bedauernd. »Das ist ihm vorgehalten worden. Daraus sollte auf seine Unglaubwürdigkeit geschlossen werden.« »Ist – Kruse – freigesprochen?« fragte die Komtesse stockend. »Nein, verurteilt, trotz alledem. Das Beil, das zwanzig Jahre vergraben war, war nicht mehr scharf genug. Die Geschworenen haben dem Verteidiger die Gefolgschaft verweigert. Aber das Unglück, die Bloßstellung Herbrincks, konnten sie nicht mehr gut machen. Von dem faulen Stamm ist der Blitz auf den gesunden übergesprungen und hat auch den, wenn nicht tödlich, so doch schwer getroffen. Um den Lumpen wäre es nicht schade gewesen; das zweite Opfer zu treffen, war eine unmenschliche Grausamkeit. Du bist noch nicht zwanzig Jahre alt; du weißt nicht, was das für ein Zeitraum ist. So lange hat er an der Wiederherstellung seiner Ehre vergebens gearbeitet! Für die Welt, für die Gesetze – nicht für uns. Wir sind ihm lange Freunde geworden, und, bei Gott, ich will es ihm bleiben!« Die Komtesse hing ihren Arm in den des Vaters und sah warm zu ihm auf. »Ich mit dir, Papa!« sagte sie schüchtern und doch mit überzeugendem Herzenston. »Das habe ich nicht anders erwartet, mein Kind. Und sein Brief wird uns bald die Gewißheit bringen, daß wir ihn weiter schätzen und lieben dürfen. Morgen schon kann er da sein, und morgen wird er da sein. Vorher noch die Zeitungen. Aber mögen sie ruhig herumschwätzen – hat Herbrinck Feinde, die sich freuen und die ihm schaden könnten? Ich wüßte keine, wohl aber viele aufrichtige Freunde. Eveline! – an die hatte ich nicht gleich gedacht. Sie soll ihr Zünglein hüten!« Vater und Tochter blieben zusammen und kamen immer von neuem auf den Fall und seine Folgen zurück. »Und wenn seine Schuld mehr als Uebereilung war,« sagte Luckner entschieden, »sein Platz ist bei uns! Die Depesche ist nicht maßgebend, die ist in der Eile geschrieben. Er muß furchtbar gelitten haben. Löhr hat ihn für krank gehalten. Ist's auch vielleicht ...« »Denkst du noch an das ›edle Blut‹, Papa?« fragte die Komtesse still. »Jawohl, und ich verstehe ihn jetzt besser. Das ›große L‹ hatte gefehlt und gesühnt – und mußte doch zum zweitenmal büßen und das ›kleine L‹ mit sich reißen. Herbrinck auch, und wir mit ihm. Die Sühne muß einen Inhalt haben, forderte er damals. Hat sie den bei ihm gehabt? Nein, die Strafe war eine Form. Sie ließ die Schuld selbst fortbestehen, statt sie wegzuwischen. Beim Militär ist manches besser. Ein Schwubber ist bald gemacht. Der muß auch gesühnt werden. Und er wird es. War das Vergehen nicht zu groß, und hält sich dann der Mann, so wird ein tilgender Strich durch sein Schuldkonto gemacht. In sein Führungsattest kommt nichts davon, und niemand hat ihn danach zu fragen. Und will doch jemand später davon stänkern – er hat sein gutes Attest schwarz auf weiß. Da, lest und seid so gut, mich ungeschoren zu lassen!« Am Nachmittag, als die Kieler Zeitungen die Nachricht auch aufs Land getragen hatten, fuhren Tönndorp und Menge fast zugleich vor dem Verwalterhause vor. Tönndorp traf, nachdem er vergebens Einlaß begehrt hatte, auf den Neurader Freund und nahm mit ihm sogleich den Weg ins Schloß. »Luckner, hat es mit dem verdammten Klatsch seine Richtigkeit?« fragte Tönndorp drängend. »Leider ja!« »Wo ist Herbrinck?« »Verreist,« sagte der Hausherr trübe. »Er kommt nicht wieder –?« »Ich hoffe doch, Tönndorp –« »Du hoffst, hoffst! Ist das auch zwischen dich und ihn getreten?« »Die Frage beleidigt mich,« entgegnete der Hausherr fest. Tönndorp bot ihm impulsiv die Hand. »Ich wollte nur deine Abweisung hören, Luckner. Du bist nicht der Freund, der in der Not versagt. Und Menge und ich halten mit! Das wollten wir Herbrinck sagen. Wo ist er?« Luckner mußte seine Erzählung von vorne beginnen. »Wir wollen ihm depeschieren. Weißt du seine Adresse?« »Dann wäre ich euch lange zuvorgekommen. Morgen mittag, wenn der Brief sie nicht auch verschweigt.« »Wissen deine Kinder –?« »Die Jüngste. Sie ist verständig wie immer.« »Und Eveline?« » Lupus in fabula ,« murmelte Menge für sich. Die ältere Komteß platzte ins Zimmer, als ihr Name kaum genannt war. Sie war aufgelöst in Entrüstung und streckte dem Vater schon von der Tür aus ein zerknülltes Zeitungsblatt entgegen. Selbst vor den Gästen legte sie sich keinen Zwang auf. »Die Schmach!« zeterte sie. »Mit einem Sträfling unter einem Dache!« Luckner stampfte auf, daß der Boden erzitterte. »Ruhe!« donnerte er zornig, riß das Blatt in flatternde Fetzen und stand keuchend, kaum eines Wortes mächtig. »Meine Frau läßt grüßen,« unterbrach der Neurader Gutsherr die peinigende Stille. »Wenn Herbrinck zurück ist – wir erwarten ihn bald als unsern alten Gast.« Die Komteß lachte schrill. »Schöner Gast! Behalten Sie ihn doch!« höhnte sie rücksichtslos. Tönndorp gewahrte eine drohende Haltung des Vaters und schob sich rasch zwischen sie und ihn. Aber Luckner ließ sich nicht zurückdrängen. Er machte einen Bogen, bot der Tochter mit zwingend herrischer Gebärde den Arm und führte sie an den Ausgang. Knallend schlug er die Tür hinter ihr zu. »Lassen Sie sich durch den Zwischenfall nicht stören, meine Herren,« sagte er unnatürlich ruhig. »Und verzeihen Sie noch einen Augenblick.« Er drückte zweimal aus den Knopf einer am Schreibtisch angebrachten Klingel. Nach einigen Augenblicken erschien aufgeregt die Mamsell. »Wann sind die Zeitungen gekommen?« fragte Luckner drohend. »Eben, Herr Graf.« »Warum sind sie mir nicht gebracht worden?« »Herr Graf hatten Besuch –« »Ausrede! Wer hat darin gestöbert?« Die Mamsell schwieg halb trotzig. »Wer hat sie der Komteß überbracht?« »Ich – –« »Sie! Wie kamen Sie dazu?« »Das von dem Brande – –« »Genügt! Sie sind entlassen – auf der Stelle!« Er entnahm einem Portefeuille zwei Hundertmarkscheine. »Da! Packen Sie sich und Ihre Sachen. In einer Stunde will ich Sie fort wissen.« Das Mädchen stand wie angewurzelt. Ein erneutes Schellen rief Siebenlist. »Die Mamsell wünscht Timmhusen zu verlassen,« erklärte Luckner hart. »Helfen Sie ihr beim Packen und bestellen Sie einen Wagen, der sie an die Bahn bringt.« Er wandte sich wieder den Gästen zu, und der alte Diener führte die Entlassene mit halbem Zwang hinaus. »Meine Herren, ich bitte um Entschuldigung ...« Luckner präsentierte ein Kistchen Zigarren und tat, als ob sich nichts weiter ereignet hätte. »Lieber Menge, meine gehorsame Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin. Wollen Sie mir beide morgen nachmittag die Ehre geben? Danke verbindlichst! Du natürlich auch, Tönndorp?« »Selbstredend. Und ›mit‹, Luckner. Oder meinst du, meine Frau möchte zurückbleiben? Bewahre. Gradaus, Luckner – sie war zuerst perplex, hat es nicht begreifen können, war verschnupft. Dann haben wir uns ausgesprochen. Und ich hab's ja gewußt: ich habe eine Frau, die Verstand hat. Mehr brauch' ich nicht zu sagen.« »Danke, Tönndorp! Die Nacht wird vergehen und der neue Tag doppeltes Licht bringen.« Die Freunde leisteten Luckner bis zum Abende Gesellschaft und dachten erst an den Heimweg, als in der ›Stadt Hamburg‹ in Kiel ein unerwartetes Strafgericht über den ›Lindwurm‹ im drohenden Anzuge war. Ein Artikel in der Abendausgabe des Kieler Hauptblattes widmete dem ›Fall Herbrinck‹ eine nähere Betrachtung und rückte in einer Beschreibung der Vorgänge hinter den Kulissen den ›Schauspieler‹ Detlev Kruse in eine Beleuchtung, die den Kommödianten beim Lesen in ohnmächtiger Wut die Fäuste ballen und die in der Verhandlung ihm erstandenen Gegner zu einem rächenden Schlage sich sammeln ließ. »Es braucht nicht erörtert zu werden,« schrieb das angesehene Blatt, »daß dem Verteidiger das formale Recht zustand, den Zeugen nach einer etwaigen Strafe zu befragen, wenn er wirklich hoffen konnte, damit dem Angeklagten einen tatsächlichen Dienst zu erweisen. Wer sich aber vergegenwärtigt, weswegen seinerzeit eine Verurteilung des Zeugen erfolgt ist, und wie lange schon der Bestrafte sein Vergehen durch eine hochehrenhafte Laufbahn gutgemacht hat, der kann nicht zu der Ueberzeugung gelangen, daß mit der Frage des Verteidigers etwas anderes als eine nicht nur überflüssige, sondern auch bedauerliche Sensation zu erzielen war. Das Bedauerliche des Falles wird noch verstärkt, wenn man erwägt, welche Kräfte zu seiner Herbeiführung im geheimen tätig gewesen waren. Der Verteidiger genießt den Ruf eines fähigen und gewissenhaften Anwalts, der von seiner Aufgabe kaum besonders erbaut gewesen sein dürfte. Er wurde jedoch von einem Verwandten des Angeklagten, einem ›Schauspieler‹, geschoben, der in einem hiesigen Variété als Humorist auftritt und das Bedürfnis gehabt zu haben scheint, die ihm auf der Bühne versagte Intriguantenrolle einmal im Leben zu spielen. Er hat, obwohl er wußte, daß Herbrinck auf dem Rittergute Timmhusen ein allen gerechter Vertreter des Gutsherrn war, der in unerschöpflichem Wohlwollen auch für den Geringsten der Arbeiterschaft sorgte, dessen Vergangenheit nachgespürt und seine Bemühungen – auf welchem Wege, bleibt dahingestellt – von Erfolg gekrönt gesehen. Die Familie des Angeklagten ist infolge eines Vorfalles, an dem auch der ›Schauspieler‹ unvorteilhaft beteiligt gewesen war, von dem Grafen Luckner entlassen worden; der Verwalter von Herbrinck hat sie weiter unter seinen Schutz genommen, sie durch seine Fürsprache auf einem Nachbargute untergebracht – und den Dank für seine Großmut an Gerichtsstelle in Empfang genommen. Ja, wenn noch der Haß der Kruse gegen den Grafen selbst gerichtet gewesen wäre! Er wäre auch dann, nach allem, was über den Timmhusener Gutsherrn bekannt ist, nicht berechtigt, wenigstens aber erklärlich gewesen. Seine Entladung gegen den Zeugen von Herbrinck war einfach sinnlos. Das hat auch die Haltung der Geschworenen erwiesen, die über den an den Haaren herbeigezogenen Makel des Zeugen hinweg seiner Aussage vollen Glauben beigemessen und den Angeklagten nach nur kurzer Erwägung schuldig gesprochen haben. Der Zeuge von Herbrinck kann gewiß sein, daß niemand ihm aus dem Jugendfehl einen ernstlichen Vorwurf machen wird, zumal auch die kurze Aufklärung an Gerichtsstelle keinen Zweifel ließ, daß er die rasche Tat in Erregung und an einem mehr als fragwürdigen Subjekte begangen hat. Der Ernst des Falles legt aber wohl die Frage nahe, ob solchen zwecklosen Sensationen nicht lieber vorgebeugt werden sollte und wie das am besten geschehen könnte. Wir unterbreiten die Frage der öffentlichen Diskussion und werden auch Veranlassung nehmen, die eingeforderten gutachtlichen Aeußerungen bekannter Rechtslehrer nach Eingang an dieser Stelle zum Abdruck zu bringen.« Das bemerkenswerte Vorgehen des Blattes fand in weiten Kreisen Anklang. Stellte es aber eine Verfolgung des Falles in ernster publizistischer Erörterung in Aussicht, der vielfach mit belebtem Interesse entgegengesehen wurde, so begnügte sich eine Anzahl derjenigen, die als Zuhörer bei der Verhandlung zugegen gewesen waren, nicht mit der theoretischen Entrüstung gegen den edlen Lindwurm, sondern ging zur Tat über. Jeder hatte unter seinen Freunden gut geworben, und wenn der Saal der ›Stadt Hamburg‹ sich auch nicht gleich zu Beginn der Vorstellung füllte, weil die meisten der Demonstranten bis spät in den Geschäften festgehalten wurden, so war beim Auftreten Kruse-Lindwurms zur Genugtuung des ahnungslosen Wirtes doch kaum ein Stuhl frei. Der Wirt hatte den Zeitungsartikel selbst mit einigem Mißbehagen gelesen und seinen Komiker nicht gerade höflich einen alten Faseler genannt. Der im Lokal losbrechende Sturm kam ihm aber völlig überraschend. Kaum hatte Erhard Lindwurm mit einem Fuße die Bühne betreten, als sich ein Zischen, Füßetrampeln und Schreien erhob, daß die uneingeweihten Gäste sich erstaunt umsahen und der Wirt verblüfft hinter dem Büffet voreilte. Schrilles Pfeifen mischte sich in den Lärm, und Schmährufe flogen zur Bühne. »Rrraus!« brüllte ein halbes Dutzend Stimmen. »Bist du auch bestraft? – Hast du auch gebrummt?« schrieen andere. Und dann wieder ein betäubendes »Rrraus! Rrraus!« untermischt mit neuen derben Schimpfnamen. Detlev Kruse stand zuerst blaß und ratlos, dann zuckte er höhnisch die Achseln. Dreimal zog er sich zurück, versuchte sein Glück von neuem und wurde immer energischer hinausgewiesen, bis der besorgte Wirt hinter der Bühne verschwand und bald darauf eine Sängerin an Stelle des Ausgezischten das Podium betrat und die Erregung sich beschwichtigte. Der Lindwurm trat nicht mehr auf. Er harrte bis nach dem Schlusse der Vorstellung in dem Verschlage, der den Namen ›Garderobe‹ führte, und wagte sich erst durch den Saal, als auch die letzten Zuschauer gegangen waren und die Demonstranten teils auf der Straße, teils in den umliegenden Wirtschaften ihren Sieg feierten. »Meinen Sie, ich lasse mir von Ihnen meine Gäste weggraulen?« fuhr am Büffet der Wirt den ›Künstler‹ schnaubend an. »Da! – bis auf drei Mark haben Sie Ihre Gage weg. Versetzen Sie Ihre Lumpen, damit Sie wenigstens von Kiel fort können!« Vierzehntes Kapitel. Graf Luckner konnte die Ankunft des Briefträgers nicht erwarten. Er schickte einen reitenden Boten nach dem Reickendorfer Bahnhof und suchte sich bis zu dessen Rückkunft die Zeit durch unruhige Wirtschaftsgänge zu vertreiben. Die Leute in den Ställen und Scheunen gingen wie gewöhnlich ihren Beschäftigungen nach; aber eine gewisse Bedrücktheit und Unruhe unter ihnen schien darauf hinzudeuten, daß die Kunde von den Kieler Vorgängen auch in ihre Reihen gedrungen war und ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. Den Grafen reizte es, den einen oder anderen von ihnen anzusprechen; aber das Wort blieb ihm stets wieder stecken, und ohne Vertraulichkeit, jedoch auch ohne die üblichen Aussetzungen, ging er stumm seines Weges. Mehr als ein halbes Dutzendmal sah er nach der Zeit, und als endlich der Bote in scharfem Trabe auf dem Reickendorfer Wege auftauchte, schritt er ihm ungeduldig entgegen. Der Bote überreichte ihm die für wichtige Fälle vorhandene verschlossene Posttasche, und Luckner wühlte in seinen Kleidertaschen nach dem Schlüssel, ohne ihn zu finden. Er mußte ihn auf seinem Schreibtisch liegen gelassen haben, und eilig strebte er dem Schlosse zu. Dabei barg er die Tasche unter seiner Jagdjoppe, damit sie nicht etwaigen Beobachtern, besonders den Töchtern, auffallen sollte. Beim Oeffnen und ersten Lesen wollte er allein sein, und zur Vorsicht schloß er auch noch die Türen zu seinem Arbeitskabinett ab. Minutenlang hielt er den Schlüssel in der Hand, ohne die Tasche zu berühren. Würde ein Brief von Herbrinck dabei sein – oder würde er noch fehlen? Endlich verwandelte er das quälende Zögern in rasches Handeln. – Die üblichen Zeitungen fielen ihm in die Hände und obenauf eine Anzahl von Briefen. Gottlob, gleich auf dem ersten erkannte er die Handschrift Herbrincks und ließ die übrigen achtlos beiseite gleiten. Eine blaue Marke – ein Doppelbrief, auch nach dem Gewicht. Sorgsam trennte er den weißen, starken Umschlag auf, erfaßte mehrere engbeschriebene Bogen und ließ sich zum Lesen am Schreibtisch nieder. Die Handschrift war deutlich und fest, und die Strichstärke deutete auf die Benutzung einer breit abgestumpften Feder hin, wie Herbrinck sie liebte und fast stets bei sich zu führen pflegte. Die gradlinigen Zeilen und die bekannten energischen, künstlerisch gerundeten und doch einfachen Schriftzüge heimelten den Grafen an und flößten ihm zugleich eine Art froher Zuversicht ein. Die konventionelle Schreibweise am Beginne des Brieses überraschte ihn nicht weiter. Wie er Herbrincks Charakter kannte, hatte er eine andere Ausdrucksweise nicht erwarten können. »Hochverehrter Herr Graf!« schrieb der Ferne. »Ich stehe noch unter dem Eindrucke des Erlebten, und es wird einer langen Zeit der Sammlung bedürfen, ehe ich über die Frage ins Reine komme, wie ich mein ferneres Leben zu gestalten und wohin ich die Schritte zu lenken habe. Was ich mir bereits telegraphisch anzudeuten erlaubte, bleibt natürlich als Richtschnur bestehen: eine Rückkehr in den alten Wirkungskreis ist, so teuer er mir geworden war, in Rücksicht auf Sie und auf mich nicht mehr möglich. Ich habe jedoch noch eine zweifache Aufgabe zu erfüllen, deren Lösung durch diese meine Zeilen Ihre Güte mir nicht versagen wird. Ich habe zuerst Ihre gnädige Nachsicht dafür zu erbitten, daß ich nach der Verhandlung weder zu Ihnen gekommen bin noch Ihnen, wenn auch kurz, brieflich Nachricht gegeben habe. Sie haben meiner geharrt. Leiten Sie die Verzeihung für mich aus dem Umstande her, daß ich aufs tiefste erschüttert war und in der seelischen Ueberreizung nur den einen Ausweg zu finden vermochte, den ich eingeschlagen habe. Sie haben mir, seit ich die Ehre hatte, in Ihren Diensten zu stehen, so viel Hochherzigkeit bewiesen, daß ich der Zuversicht leben darf, mir so viel von Ihrer Sympathie erhalten zu sehen, als zur Vergebung nötig ist. Genehmigen Sie dafür meinen gehorsamen Dank! Die zweite Aufgabe wird mir schwerer. Ihre Lösung erfordert eine breitere Darstellung und damit eine Inanspruchnahme Ihrer Zeit, die leider zugleich Ihre Geduld erschöpfen dürfte. Ich bin aber von dem Bewußtsein meiner Schuld nicht so tief durchdrungen, daß ich dem Versuche einer teilweisen Rechtfertigung widerstehen könnte. Selbstverständlich: es ist eine Beruhigung vor meinem eigenen Gewissen; in Ihre Ueberzeugung will ich mich nicht eindrängen. Sie find Offizier gewesen und Sie haben als solcher im Punkte der Ehre Anschauungen, die noch strenger sind als die im bürgerlichen Leben. Ich habe erfahren müssen, daß ich schon von den letzteren verurteilt wurde, und ich werde mich nicht der Gefahr aussetzen, den schärferen Spruch aus Ihrem Munde zu hören. Nur erläutern möchte ich, nur das rein Menschliche meines Fehls zu meiner Erleichterung erzählen. Ich enthebe Sie im voraus jeder Antwort. Und ich bitte Sie geradezu, mir das Scheiden nicht durch eine erneute Güte erschweren zu wollen. Wie schon in der Gerichtsverhandlung zur Sprache gekommen ist, stand meine Wiege auf einem Gute in der Neumark. Den Namen zu wiederholen, darf ich mir ersparen, weil das ehemalige väterliche Besitztum lange in fremde Hände übergegangen ist, und selbst der Name Herbrinck auf der heimatlichen Scholle längst vergessen sein dürfte. Ich verlebte eine Kindheit, die von Liebe umhegt war. Die Augen haben sich mir oft mit Tränen gefüllt, wenn ich als ein vereinsamter Mann der Freuden und Hoffnungen meiner Jugend gedachte, denen so viel an Leid und Fehlschlägen gefolgt ist. Man spricht von goldener Jugend; in meinem Erinnern ist sie das reinste geblieben, was mir das Leben geschenkt hat. Mein vortrefflicher Vater, meine unvergleichlich gütige Mutter sind mir die teuersten Menschen gewesen und leben geheiligt in meinem Gedächtnisse fort, wenn ich auch nur noch an ihren Grabeshügeln knieen und mit stummem Beten ihnen danken kann. Ich besuchte ein Gymnasium in Berlin, und die Ferien, die ich daheim verbringen konnte, waren mir Feste höchster Freude. Im achtzehnten Lebensjahre bezog ich eine landwirtschaftliche Hochschule, und in den Herbstferien feierte ich mit den Eltern ein glückliches Wiedersehen nach der ersten längeren, halbjährigen Trennung. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Taubenliebhaber, und einem jungen Schulgenossen hatte ich die Freude zu danken, daß ich ihm drei Paar Kreuztauben mitbringen konnte, die in seinem Schlage nicht vertreten waren. Die Tiere gewöhnten sich rasch ein und wurden unter der von allen Seiten geteilten Pflege bald so zutraulich, daß sie jedem, der sich mit Futter sehen ließ, auf den Arm flogen und ihm aus der Hand pickten. Die Zutraulichkeit der Tiere machte sich zu Ende der Erntezeit ein Herumstreicher zunutze, der das Gewerbe eines Hausierers betrieb, zugleich aber als Langfinger gefürchtet war. Auch mir war er nur zu gut bekannt, hatte ich doch als Junge ihn oft auf Schritt und Tritt beobachtend verfolgt, solange er sich auf dem Gutshofe oder in verdächtiger Nähe aufhielt. Nach einem Jagdgange auf wechselndes Rotwild sah ich den Stromer unvermutet vor mir. Die Ueberraschung war eine gegenseitige und von keiner Seite eine freudige. Ich war mißtrauisch, der Mann erschreckt. Und mit Grund, wie ich bald entdeckte. Es war schon vorgerückter Abend, aber die zu Ende gehenden Erntearbeiten hatten die Leute bis spät vom Gutshofe ferngehalten und dem ›Händler‹ Gelegenheit gegeben, seinem Diebeshandwerk nachzugehen. Seine Beute waren die Kreuztauben geworden, die ihm arglos zugeflogen und eine nach der andern mit umgedrehtem Halse in seinen Rucksack gewandert waren. Alle – alle sechs. Ich stand zuerst von Bedauern gelähmt, aber dann sprang ich, als der Mann flüchten wollte, auf ihn zu, packte ihn am Halse und wollte ihn zwingen, mir zurück nach dem Hofe zu folgen. Der Hitze wegen hatte ich meine Joppe geöffnet, und im Ringen faßte der Dieb mit raschem Griff auch nach Kette und Uhr, stieß mich so gewaltsam zur Seite, daß ich taumelte, und flüchtete mit der doppelten Beute. Die Szene steht so deutlich vor mir, als ob nicht Jahrzehnte seitdem vergangen wären, sondern sie sich erst gestern ereignet hätte. Sekundenlang stand ich halb betäubt und sah dem Fliehenden nach. Dann packte mich ein flammender Jähzorn. Ich riß das Gewehr an die Backe und wollte feuern. Aber weil der Mann floh, ließ ich es, lehnte das Gewehr halb verdeckt in ein Buschwerk und folgte dem Diebe in stolperndem Laufe. Kreuz und quer wich er mir aus, bis ich keuchend und besinnungslos den Hirschfänger zog und mit blindem Schlage auf ihn einhieb. Die Uhr war ein Geschenk meines Vaters, die Kette von meiner Mutter. Ich hätte keine ruhige Stunde mehr gefunden, wenn ich sie hätte missen sollen. Ich trage sie bis heute, und ihr Besitz ist mir ein Trost gewesen, wenn das aus der Erinnerung steigende Leid mich zu überwältigen drohte. Der dritte Schlag hatte getroffen. Der Dieb schlug jäh zu Boden. Ich riß mein Eigentum an mich, suchte mein Gewehr, feuerte beide Läufe ab und rief um Hilfe. Mein Vater war der erste, der hinzukam, ihm folgten mehrere Leute. Mein Vater übersah, ohne viel zu fragen, was geschehen war. Die Ergänzung hörte er aus meinem fliegenden Berichte. Der Dieb wurde nach dem Hofe getragen und in Pflege genommen. Ein Arzt kam. Das eine Ohr war verloren, das stand bald fest. Später ergab sich Taubheit. Ich hörte keinen Vorwurf: nicht von den Eltern und nicht von den Leuten. Die letzteren meinten, dem Strolch sei nur sein Recht geschehen. Der Dieb selbst machte die gerichtliche Verfolgung anhängig. Eine langwierige Untersuchung, zahllose Verhöre. Ich konnte nicht auf die Hochschule zurückkehren; ich mußte den Ausgang abwarten. Und der Ausgang war ein niederschmetternder. Meine Jugend milderte das Vergehen; die freche Dieberei des Verletzten fiel zu meinen Gunsten in die Wagschale. Aber ich hätte dem Wehrlosen gegenüber nicht von Hinterrücks die Waffe anwenden sollen. Das machte mich schuldig. Schuldig der Körperverletzung. Ich will nichts beschönigen. Ich war schuldig vor dem Gesetz und – schlimmer – vor mir selbst. Nicht die Kindesliebe und nicht der Jähzorn allein hatten mir die Waffe geführt; auch der junkerhafte Stolz des reichen Gutssohnes gegenüber dem bettlerhaften, verachteten Händler hatte mich die Waffe brauchen lassen, wohl unbedacht und in der Erregung, aber auch rücksichtslos und in kindisch dünkelhafter Ueberhebung. Das war mein sittlicher Fehl. Ich lernte das Gefängnis kennen. Zwei Wochen lang. Mein Vater brachte mich hin und holte mich ab. Liebevoll verabschiedete er sich, voll Liebe zog er den der Freiheit Zurückgegebenen an sich. Die Mutter klagte nicht. Sie war weicher und gütiger als je. Aber beide litten. Das theoretische Studium war mir verschlossen; so lernte ich praktisch. Nach zwei Jahren erkrankte mein Vater. Auf dem Sterbelager umschloß seine fiebernde Hand die meine, und seine letzten Worte waren: ›Du hast gelernt, mein Sohn. Bleibe deiner Mutter eine treue Stütze, bis auch sie die Augen schließt. Bereue nicht; die Reue macht nicht ungeschehen. Handele und schaffe Gutes.‹ Meine Mutter lebte noch drei Jahre. Als sie für mich um die Tochter einer benachbarten Familie geworben hatte und abgewiesen worden war, erbleichte ihr Haar zum Schneeweiß. Die Züge blieben jung, das treue Auge strahlte, der Mund sprach gute Worte; aber das Herz krankte, bis es in einer Sommernacht plötzlich zu schlagen aufhörte. Die Sonne ging purpurn auf; aus dem duftenden Park wehte der süße Schlag der Nachtigall ins Sterbegemach. Ich sah ein letztes Lächeln auf dem heiligen, leuchtenden Antlitz, hörte den letzten Hauch der Scheidenden – und sank, ein Einsamer, wund und gebrochen, an dem Totenlager in die Kniee ... Ein Ebenholzkästchen barg neben den Liebesbriefen des Vaters ihren Abschiedsgruß an mich. Ich habe die schlichten Zeilen so oft gelesen, daß ich sie auswendig weiß. Die einst so schöne, zierliche Handschrift war kraus und zitterig. ›Mein einziger, teurer Sohn!‹ lautete die Anrede. ›Ich will Dir das Herz nicht schwer machen mit dem Gedanken, daß ich nun auch von Dir gehen muß. Aber ich fühle, daß ich Deinem Vater bald folgen werde, und wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihm sagen können, daß ich auch den letzten Wunsch, den er mir als sein Vermächtnis hinterließ, treu erfüllt habe. Mein Sohn, für uns ist Dein Gewissen rein geblieben, wenn auch Deine Hand gefehlt haben mag. Nur das Gesetz, das nach dem Buchstaben geht, richtete Dich; nur die Welt, die in Dein Inneres nicht hineinsehen konnte, verurteilte Dich und trägt Dir nach. Das habe ich erlebt, das sah Dein Vater zu seinem Schmerze kommen. Und der Sorge um Dich, mein Kind, ist seine letzte Bitte entsprossen, die er mir zugeflüstert hat: möge unser Sohn, wenn wir beide heimgegangen sind, sich eine neue Heimat suchen, in der er fest und glücklich wurzeln kann und nicht befürchten muß, die Vergangenheit mit dem wesenlos schleichenden Schatten sich neu beleben zu sehen. Mein teurer Sohn, tue nach den Wünschen Deines Vaters, die auch die meinigen sind, und der Himmel schütte seine Gnade über Dich aus, daß Du glücklich wirst, wie Deine Eltern es durch Dich gewesen sind.‹ Darunter das einfache: ›Deine Mutter‹ und ein Datum, wenige Wochen vor ihrem Tode. Herr Graf, der Einsame hat das Gebot der Eltern erfüllt. Ich bin in die Ferne gewandert. Auf einem ostpreußischen Gute habe ich mir die Achtung der alten Herrschaft und der beiden Söhne erworben, von denen der jüngste zu Ihren Potsdamer Kameraden zählte, derselbe, der seine freundschaftliche Gesinnung dadurch dokumentierte, daß er mich an Sie empfahl, als der ältere Bruder das Erbe antrat und ich mich überflüssig glauben durfte. Bei Ihnen hatte der Einsame zu der Befriedigung in der Arbeit das gefunden, was ihm nötig war und nach dem Wunsche der teuren Toten glücklich machte: Achtung und Freundschaft. Herr Graf, mein Dankgefühl strömt aus tiefem, übervollem Herzen. Habe ich getan, was in meiner Kraft stand – Sie haben weit mehr gegeben, als ich verdient hatte! Zehn lange Jahre hat mich Ihr Vertrauen geehrt, das Sie zuletzt noch mit dem gütigsten Akt der Freundschaft zu erhärten wußten – Dank, unauslöschlichen Dank für immer! Das Vermächtnis meiner Mutter hatte mir die Augen geöffnet, wie viel schmerzlicher meine Eltern gelitten hatten, als ich es je geahnt; das Zwischenspiel in dem Kieler Drama hat mich gelehrt, daß der gespenstische Schatten mir folgen wird, bis einst der Tod ihn hinwegtilgt. Ich will ihm nicht mehr fliehen, will mich nicht mehr auflehnen. Nur fassen kann ich es nicht, warum es sein muß. Wir haben uns schon einmal darüber unterhalten, und Sie ahnten nicht, wie nahe ich selbst beteiligt war. Aber was ich damals sagte, kann ich nur wiederholen: ›Eine Strafe und eine Sühne‹ – nein, das sind die Worte der gnädigen Komteß, die sich mir unvergeßlich eingeprägt haben. Ich wiederhole ergänzend: der Strafe muß der Fluch genommen werden, daß sie nicht den nur flüchtig Gestrauchelten oder den wieder ehrlich Gewordenen lebenslang umdroht; es muß ein Schutzdamm geschaffen werden, daß sie ihn nicht jeden Augenblick wieder mit sich in den Abgrund hinabreißen kann; es muß für Strafe und Sühne ein Wirklichkeitsgehalt gefunden werden, der beide unlöslich miteinander verbindet, eins mit dem anderen verschmelzen läßt! Die Strafe, die keine Sühne ist, ist eine illegale Verdammung bis in den Tod, die jeden Augenblick und bei jedem Anlasse neu in Kraft treten kann und die härter ist als die legale, der wenigstens noch die Gnade ein zeitliches Ziel zu setzen vermag! Sie ist eine sinnlose Peinigung, weil sie gerade den, der in ehrlichem Mühen gut gemacht hat, stündlich nutzloser Quälerei oder vollabsichtlicher Bosheit neu preisgibt. Ich will zum Schlusse kommen. Ich weiß nicht, wie weit Sie mich nach meinem Bekenntnis entlasten; ich weiß nur, daß ich Sie zu meiden habe. Habe ich mir nach Ihren strengen Ehrbegriffen Ihre Achtung verscherzt, Ihr Bedauern werden Sie mir nicht versagen wollen. Und wenn ich hoffen darf, daß Sie noch der Komteß Helene Einsicht in meine Beichte gewähren, so will ich dankbar und zufrieden sein. Verzeihung! Ich habe das Kind zu einer selten edlen Menschenblüte sich entfalten sehen, und ich möchte nicht, daß mein Scheiden ihre Erinnerung an mich bis zur Entstellung trübt. Meine Bitte um vergebende Güte ist deshalb auch an sie gerichtet. Meine Möbel wollen Sie, Herr Graf, zum Besten der Arbeiterschaft von Timmhusen versteigern lassen oder Löhr damit beauftragen. Nur den Schreibtisch bitte ich mir auszuhändigen und ihn an die Firma Schumann \& Co. in Berlin SW., Kochstraße 18, zu adressieren. Er enthält Andenken an meine Eltern und Papiere, die ich nicht entbehren kann. Ich habe noch eins vergessen: Für den von mir verletzten Hausierer ist durch meine Eltern und durch mich gesorgt worden. Leben Sie wohl, Herr Graf. Ich habe das brüderliche Du nicht mehr anwenden können; aber es ist der Gipfel meines freudigen Glückes gewesen. Die Dankbarkeit gegen Sie bleibt für immer in meinem Herzen eingegraben. Gott mit Ihnen und den Ihren und den Freunden! Hans von Herbrinck.«   Graf Luckner hatte mit gespannter Aufmerksamkeit gelesen, ohne auch nur einmal abzusetzen. Daß der Brief die menschliche Rechtfertigung Herbrincks enthalten würde, war seine feste Hoffnung gewesen; je mehr er diese bestätigt fand, um so hastiger las er in seiner Genugtuung weiter. Als er zu Ende war, schob er auch den letzten Bogen zu den übrigen auf dem Schreibtisch, lehnte sich selbstvergessen in den bequemen Sessel und nickte und lächelte voll Befriedigung vor sich hin. Dann sprang er lebhaft auf, drehte die Schlüssel in den Türen zurück und eilte nach dem Salon, wo er auf die Töchter traf. »Lene, bitte!« rief er der Jüngsten zu, faßte, als sie herangekommen war, nach ihrer Hand und zog sie mit sich. »Lene.« raunte er freudig, »Brief von Herbrinck! Ein Brief, der alles ausgleicht.« Das Blut ergoß sich jäh in die Wangen der Komteß, und ihr Fuß stockte sekundenlang. »Es ist noch manches zu ordnen,« fuhr Luckner fort. »Aber die Hauptsache: der Schatten auf unserem Freunde ist keiner, ist nun und nimmer einer, der ihm unsere Herzensachtung auch nur einen Moment trüben dürfte.« Er wies in seinem Arbeitszimmer auf die Bogen, nahm sie auf und reichte sie der Tochter entgegen. Dann wanderte er, während die Komteß sich in das Schreiben vertiefte, erregt in dem Raume auf und ab. Die Komteß konnte einen hellen Jubel kaum unterdrücken, ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Die Augen strahlten durch feuchtes Schimmern, und um die bebenden Lippen spielte ein hinreißend glückliches Lächeln. »Papa, war das Urteil nicht zu hart gegen ihn?« fragte sie und drückte schon mit der einfachen Fragestellung und noch mehr mit dem Tone aus, auf wessen Seite sie sich stellte. »Natürlich, mein Kind,« sagte der Graf lebhaft. »Der würde kein Fünkchen von Wahrheitsliebe im Leibe haben, der da behaupten wollte, er hätte an seiner Stelle unbedingt anders gehandelt. Ich nicht! Und wenn er das Gewehr gebraucht hätte, es wäre entschuldbar gewesen. Und wenn der doppelte Räuber gefallen wäre, um sich nicht wieder zu erheben – er hätte nichts gehabt als seinen Lohn. Statt dessen ist er versorgt worden – versorgt für seine Spitzbüberei und Schurkerei. Aber auch das sieht Herbrinck ähnlich. Selbst vermeintliches Unrecht muß er mehr als reichlich wett machen. Freilich, der Mann floh, und Herbrinck schlug – – a bah! Lene, mir soll jemand kommen, der auf den einen Stein zu werfen wagt, und wenn es mein eigenes Fleisch und Blut ist! Du nicht – du nicht – aber die andere! Sie soll es wagen!« »Papa, Eveline wird sich beruhigen.« »Das rate ich ihr! Denn eher weicht sie, als daß ich mir den Mann entreißen lasse, der – – Lene, was brauche ich es dir zu predigen –« »Und – wenn er nicht wiederkommt?« fragte das Mädchen leise und stockend. Luckner blieb vor ihr stehen. »Nicht wiederkommen?« wiederholte er ihre Frage. »Mein Kind, ich werde ihn holen,« erklärte er mit einer geraden, herzlichen Entschiedenheit. »Er hält seinen Aufenthalt verborgen; ich werde ihn zu finden wissen. Er glaubt, daß wir ein grausames Vorurteil akzeptiert haben; ich werde ihm zeigen, daß die Bande der Dankbarkeit und Freundschaft nicht durch einen zopfigen und verstaubten Aktenwitz zu zerstören sind. Er will, was ihm lieb ist, in Berlin in Empfang nehmen; mir selbst soll er gegenübertreten. Lene, nimm den Brief und unterrichte deine Schwester. Warne sie, das Maß zum Ueberlaufen zu bringen.« Ein verhaltener Groll lag in seiner Stimme; aber gütig hauchte er einen Kuß auf die Stirn der Jüngsten und blieb noch immer ahnungslos, was das junge Herz aufs neue in Freude und Schmerz erzittern ließ. Die Zeitungen hatte er bis dahin nicht beachtet. Nun suchte er nach dem Kieler Blatt und stieß bald aus den Artikel der Abendausgabe. »Ah, der Schminkaffe hat wieder die Hände im Spiel gehabt?« Er stampfte mit dem Fuß auf. »Kröte!« zischte er. »Nur gut, daß du dein Gift umsonst verspritzt hast ... Sehr richtig!« unterbrach er sich wiederholt beim Weiterlesen. »Ganz in meinem Sinne,« sagte er am Schlusse liebevoll, faltete das Blatt zusammen und legte es sorglich unter einen Briefbeschwerer. »Gibt auch Vernünftige unter den Zeitungsmenschen. Ist erfreulich, wenn so ein klarer Kopf kommt und der dämligen Masse ein Licht aufsteckt. Und die Artikel, die noch kommen sollen – eine glückliche Idee.« Er überlegte, wann er am besten fahren würde. Die Ungeduld hätte ihn am liebsten gleich fortgetrieben. Aber die Erwägung siegte, daß die zu frühe Abfahrt die Wartezeit in Berlin nur verlängern würde. Er suchte nach dem Umschlag des Herbrinckschen Briefes und las den Poststempel ›Hamburg‹. Also er hatte sich noch in der alten Hansestadt aufgehalten, war vielleicht noch dort und reiste erst nach der Reichshauptstadt, wenn er das dorthin Beorderte eingetroffen wähnen konnte. Auch die Herrschaften von Tönndorp und Neurade rieten von einer Ueberstürzung ab, so lebhaft sie auch den Wunsch des Grafen teilten, den Freund wieder im alten Kreise zu begrüßen. »Luckner, ich will ein Hundsfott sein,« sagte Tönndorp sprudelnd, »wenn ich den erbärmlichen Wicht anders zugerichtet hätte, als es Herbrinck getan hat!« Seine Gattin nickte ihm beifällig zu. »Ich habe keine Anlage zum Raufen,« warf Menge ein, »aber die Fingerspitzen jucken mir, wenn ich an den Theaterhelden und seine nichtswürdige Rolle denke. Es hat mir leid getan, aber ich habe den Kruses nun doch gekündigt. Die Alten, die einen solchen Sohn haben, können selbst auch nicht gesund sein. Sie sind – das legt der ehrenwerte Bruder und Schwager nahe – selbst schon aus krankem Boden aufgeschossen. Das anrüchige Beispiel tut aber nicht gut, und deshalb mußte ich sie im Interesse meiner übrigen Leute gehen heißen.« »Schade, daß sie nicht damals gleich mit dem nächsten Schnellzuge abgedampft sind.« meinte Luckner ohne Vorwurf. »Meilen zurückzulegen wäre der Bengel gewiß zu faul gewesen, und der ganze Rummel wäre uns erspart geblieben. Lieber Menge, Sie und Herbrinck sind zu gut. Das ist beider Fehler. Die Humanität ist eine bestechende Phrase. Rücksichtslos, das ist meine Parole. Die Leute werden bezahlt und sollen dafür ihre Schuldigkeit tun, weiter will ich nichts. Auf Billigung, Anerkennung oder gar Dankbarkeit verzichte ich. Dankbarkeit! – bah! Als ob es die gäbe. Oder nur Anhänglichkeit! Jeder, der den anderen überwacht, ist sein Peiniger, ist sein mehr oder minder verhaßter Gegner. Ob er gerecht ist, ob er das Beste will, ob er sogar mit dem Herzen teilnimmt – das ist eine Zugabe, für die der Ueberwachte keine Würdigung hat.« »Wir wollen nicht darüber streiten,« mischte sich die Neurader Gutsherrin ein. »Das steht aber fest, Graf, daß Sie bärbeißiger tun, als Sie sind.« »Bewahre,« stritt Luckner, »ich schnappe auch zu, meine gnädige Freundin –« »Mit dem Munde,« neckte Tönndorp doppelsinnig. »Na, mit der großen Zehe nicht,« lenkte Luckner in den Scherz ein. »Der Große Friedrich war ein Despot und hat sein Königreich auf eine nie geahnte Höhe gehoben.« »Der erste Wilhelm,« parierte Menge ernster, als es vielleicht klingen sollte, »war die verkörperte Milde und Güte und hat ein großes Kaiserreich geschaffen.« »Na ja,« gab Luckner nach. »Jeder in seiner Weise. Ich will ja auch gegen Herbrinck nichts gesagt haben, und wenn er wieder an seiner Stelle steht – na, umkrempeln kann ich ihn nicht. Will ich auch nicht.« Er ging wieder zum engeren Thema über: »Ich glaube, ich fahre doch morgen. Meine Eile, ihn aufzusuchen, wird ihm auch wohltun. Und ich habe eine gewisse Beruhigung.« »Ob es sich nicht empfiehlt, unter der Adresse der Berliner Firma eine Depesche an Herbrinck zu richten?« fragte Menge. Luckner war bestimmt dagegen. »Nein, Menge. Die Wunde, die von neuem aufgerissen ist, ist nie ganz geheilt gewesen. Herbrinck hat nach seinem Briefe und nach dem, was zwischen den Zeilen steht, bös daran getragen. Seine Sensibilität ist gegenwärtig geradezu krankhaft gesteigert, und die Depesche könnte ihn womöglich veranlassen, in der übertriebenen Reizung sich nur noch ängstlicher zurückzuziehen. Nein, Auge in Auge – da getraue ich mich, ihn wieder zu gewinnen.« Der alte Siebenlist trat in den Salon und meldete: »Zwei Arbeiter bitten, den Herrn Grafen sprechen zu dürfen.« Luckner fuhr unwillig auf. »Sie sehen, ich habe Besuch. Sie sollen wiederkommen.« »Wir nehmen es nicht übel, wenn wir einen Augenblick auf deine liebenswürdige Gesellschaft verzichten müssen,« redete Tönndorp zu. »Welche sind es denn?« fragte Luckner übellaunig. »Suhr und Tabbeck, Herr Graf.« »So, der Rote und der ewig Wehleidige. Und was wollen sie?« Der alte Diener zuckte die Achseln. »Führen Sie sie in mein Zimmer!« entschied Luckner kurz. Nach einigen Minuten ging er. »Na –?« fragte er und musterte die beiden Leute mißtrauisch. Jörgen Tabbeck stand die kaum überwundene Krankheit noch auf dem mageren Gesichte geschrieben, und auch eine gewisse Aengstlichkeit vor dem Schloßherrn schien ihn zu bedrücken. Suhr hielt sich dagegen respektvoll, aber ernst und ruhig. »Herr Graf,« nahm er das Wort und mühte sich, hochdeutsch zu sprechen, »wir sind man einfache Leute, aber wir wollten den Herrn Grafen beden, doch den Herrn von Herbrinck wieder tau uns tau nehmen. Was da in die dumme Zeitung gedruckt is, das is doch man all so'n Tügs. Wir kinnen Herrn von Herbrinck un wir glauben das nich. Un wenn es wahr is, dann macht das nichts, un wir halten doch zu ihm. Das wollten wir den Herrn Grafen man sagt haben.« Luckner fühlte sich etwas wunderlich berührt. »Kommen Sie im Auftrag auch der anderen?« fragte er. »Ja, Herr Graf. Un wir haben auch gehört, daß Herr von Herbrinck schrewen hat, er wolle nu wegbleiben.« »An wen hat er das geschrieben?« »An sein Brut.« »So? Gehen Sie nach Hause, Suhr. Und wenn Sie gefragt werden: Herbrinck kommt wieder – das können Sie allen sagen, die es wissen wollen.« »Jo?« fragte Suhr mit Genugtuung. »Denn danken wir den Herrn Grafen auch.« Luckner wandte sich halb widerstrebend an Tabbeck. »Tabbeck, sind Sie wieder gutauf?« Der Befragte drehte befangen an seiner Mütze. »Es geiht so, Herr Graf.« »Na, nicht überstürzen. Wenn'n Mensch nicht recht auf den Beinen ist, kann er nicht laufen, das weiß ich auch. Adieu, Tabbeck. Adieu, Suhr.« Er winkte entlassend und schaute den beiden nach, als müsse er etwas an ihnen ergründen, was er noch nicht recht erfaßt hatte. Kopfschüttelnd suchte er seine Gäste wieder auf. »Ich glaube, die Kerle sorgen sich, daß ihnen der Brotkorb höher gehängt werden könnte,« äußerte er sich in Auflehnung gegen eine ihm dämmernde bessere Ueberzeugung. »Was wollten sie denn?« fragte die Komteß. »Ihre Vorsehung wieder haben.« »Herrn von Herbrinck?« suchte sich die Komteß zu vergewissern. »Eben den.« »Brav!« sagte Tönndorp lobend. »Was, brav!« stritt Luckner in dem alten Trotze. »Der Egoismus treibt sie, weiter nichts. Zu ihm wollen sie halten? Das glaube ich. Wenn die offene Hand auch voll ist, wird sie nicht gern losgelassen.« » Der Egoismus ist gesund,« behauptete Tönndorp. »Wenn ich ein Fell zu verkaufen habe, gebe ich es auch am liebsten dem, der es mir nicht abhandeln, sondern bezahlen will.« »Soll das etwa heißen, daß ich den Leuten ihr Recht verkürzen möchte?« fragte Luckner ohne Gereiztheit. »Na, so genau wie Herbrinck weißt du nicht, wie das Korn zu verteilen ist.« meinte Tönndorp abmildernd. »Und so in ihre Lage versetzen kannst du dich auch nicht, wenn den Leuten mal der Schuh zu eng geraten ist, oder wenn kein Rauch aus dem Schornstein will, weil's auf dem Herd an Feuer fehlt. Wenn du mal an den Katen vorüberreitest, kannst du nicht durch die Wände sehen, was drinnen los ist. Herbrinck aber geht hinein, und damit ist er dir über. Das wissen die Leute auch, und darum fürchten sie, daß er geht und niemand mehr zu ihnen kommt. Etwas besser als du mache ich's immer noch, Luckner, wenn ich sonst auch willig anerkenne, daß du ein famoser Kerl bist. Hundertmal famoser, als du dich selbst hinstellst.« Luckner lächelte ironisch. »Meinen Dank, Verehrter. Du bist sehr gütig. Laß mir einen Augenblick zur Ueberlegung, mit welchem Kompliment ich dir wieder dienen kann. Ich bin mitunter schwerfällig.« »Strenge dich nicht an,« riet Tönndorp freundschaftlich. »Im Skat bin ich dir überlegen, in allem andern du mir. Das ist ebenso kurz als erschöpfend.« Luckner war schon nicht mehr bei der Sache. Seine Gedanken flogen nach dem Birkhause. An die Braut war also gleichfalls ein Schreiben eingegangen. Was brachte es? Wie hatte Sophie Lohr die Kieler Nachrichten aufgenommen? Und wie stellte sie sich zu Herbrincks Beichte, die doch sicher auch ihr Brief enthielt? Ein lebhafter Drang, sich Gewißheit zu verschaffen, faßte ihn. Er warf einen Blick auf die Wanduhr. Sechs. Es konnte noch gehen, er konnte sie noch aufsuchen. Konnte Herbrincks Bericht ergänzen, sie auch mit seinem eigenen Urteil beruhigen. Im Augenblick wandelte sich sein Wunsch zum Entschlusse. Wenn auch das Mädchen ein Einsehen hatte, sein persönliches Eintreten für den Fernen würde der Situation vollends jedes Verletzende nehmen. Und wenn nicht ihr – ihm däuchte er auch das schuldig zu sein. »Meine Herrschaften,« sagte er plötzlich, »wollen Sie mich noch einmal gnädig beurlauben?« Tönndorp gab die Antwort. »Wir werden uns zu behelfen suchen, Luckner.« Wenige Minuten später lockte Hufschlag die Komteß Helene ans Fenster, und sie sah den Vater vom Hofe sprengen. Eine Ahnung hatte sie horchen lassen, und der Augenschein bestätigte ihr, was ihr bis dahin nur in loser Vermutung aufgestiegen war. Ueber sein Ziel glaubte sie nicht zu irren. Sie nahm weiter an der Unterhaltung teil; aber ihr Herzschlag blieb fast hörbar, und eine ihr selbst unerklärliche, fast angstvolle Spannung hielt sie gefangen. Fünfzehntes Kapitel. Die Tage waren schon merkwürdig lang. Kaum, daß das Blau des Himmels in ein unbestimmteres Grau überdämmerte und der anbrechende Abend seine dunkelnden Fittiche über die Felder zu spannen begann. Erst als der Reiter in den Waldweg eingebogen war, wurde ihm die Machtlosigkeit des zu Ende gehenden Tageslichtes bemerkbarer, und über ihm in den Wipfeln kündigte sich auch das Brausen des Abendwindes als Vorbote der Nacht an. Die Luft hatte sich abgekühlt, und von dem feuchten Waldgrunde stieg ein fast eisiger Hauch auf. der das Duften des knospenden Baumwerks nicht mehr aufkommen ließ. Von Westen her goß die untergehende Sonne noch ein trügerisches Gold auf die leise schaukelnden Gipfel, von der entgegengesetzten Seite kam das Dunkel durch die Stammreihen und das Buschwerk tiefer und tiefer schattend herangekrochen. Als das Birkhaus in Sicht kam, hielt der Graf sein Pferd an. Durch eine Schneise warf der tief stehende Sonnenball eine letzte Lichtflut auf die Fenster und erzeugte ein blendendes, rotgoldiges Licht- und Farbenspiel, dessen Glänzen und Sprühen auch die Umgebung des Häuschens in eine berückende Beleuchtung tauchte. Die zurückgeworfenen Strahlen spielten nieder auf die Erde und empor in das Astwerk, glitten über noch aushängende Wäsche und lockten ein silbernes Glitzern auf das blanke Eisen eines Handbeils, das mit der Schneide in einen niedrigen Holzblock eingeschlagen war. Von den Bewohnern des Birkhauses war niemand zu sehen, und auch, als der Reiter den Zügel seines Pferdes um einen jungen Birkenstamm knotete, meldete sich weder Sophie noch der Förster zu seinem Empfang. Dennoch mußte wenigstens die erstere zugegen sein, denn die Tür stand offen und aus dem Schornstein kräuselte ein spärlicher, bleigrauer Rauch. »Halloh!« rief Luckner, ehe er eintrat, vor sich her und suchte sich auch noch durch absichtlich lautes Auftreten bemerkbar zu machen. Aber einen Erfolg erzielte er damit nicht, und erst als er die Stubentür aufgezogen hatte, sah er Sophie Löhr sich schlaftrunken aus einer Sofaecke erheben und ihm erschreckt entgegenstarren. »Herr – Herr Graf –« stotterte sie verwirrt. »Entschuldigen Sie den Eindringling, mein liebes Fräulein,« sagte Luckner freundlich. »Aber Sie müssen schon fest eingenickt gewesen sein, denn sonst hätten Sie mich hören müssen.« Die dumpfe Luft des Zimmers fiel ihm unangenehm auf, und die unvorteilhafte Hauskleidung des Mädchens wirkte ebenso ungünstig auf ihn. Trotzdem fand er den Ton warmer Liebenswürdigkeit. »Mein liebes Fräulein« – er streckte ihr herzlich die Hand entgegen – »wir haben beide recht Ueberraschendes und wenig Erfreuliches erleben müssen – ich hoffe, Sie urteilen verständig und kommen so leicht darüber hinweg wie ich. Nicht wahr, unseren Freund kennen wir besser, den kann uns ein dummer Klatsch nicht entfremden! Hat's Ihnen denn sehr weh getan?« Sophie Löhr hatte die ihr gebotene Rechte nur zögernd angenommen. Nach der teilnehmenden Frage des Grafen zog sie ihre Hand zurück und glättete unsicher an ihrer Schürze. Ein Rot stieg ihr langsam bis über die breite Stirn, und die verdunkelten Augen blickten herb und abweisend. »Ja, eine schöne Ueberraschung!« entgegnete sie hart. »Mit den Fingern weisen die Leute auf mich, und ich traue mich nicht aus dem Hause. Alle Zeitungen sind voll davon, und mich werden sie auch noch hineinziehen –« Luckner war erstaunt. »Aber, mein liebes Kind –« Sie ließ ihn nicht ausreden. »Erst sind Sie gekommen und haben mich zu schanden machen wollen, und dann kommt Der und will mir die große Ehre schenken, und hat viele Worte und ist dann so einer – so einer –!« Eine verächtliche Betonung lag auf dem wiederholten ›so einer‹, und ein abgerissenes, wegwerfendes Auflachen folgte nach. »Mein liebes Fräulein. –« hob Luckner wieder an. Aber sofort schnitt sie ihm abermals die Rede ab. »Weil er was aus dem Gewissen hatte, war ihm eine andere wohl zu gut. Bloß ich nicht. So 'ne dumme Landdirn, was ist die auch! Die konnte ja froh sein, daß er sich erbarmen und sie haben wollte –« »Mein Fräulein – –« »Aber einmal bin ich bloß so dumm gewesen, ihm zu glauben. Den Wisch zu schreiben brauchte er mir nicht mehr. Was ich zu wissen brauchte, das hatte ich schon gedruckt gelesen. Lieber will ich mich wegwerfen und eine Dirn' werden als die Frau von so einem!« Luckner mußte an sich halten, um sie nicht anzufahren. »Mein liebes Fräulein,« sagte er mit freundlicher Ueberredung, »Sie sehen ja viel zu schwarz. Viel zu schwarz. Was hat er denn getan –?« »Ach, bloß einen halbtot geschlagen!« fiel sie höhnend ein. »Einen Dieb, einen verkommenen Menschen!« beschwichtigte der Graf. »Das ist mir ganz gleich, und ich will nichts mehr von ihm wissen, und dabei bleibt es.« Luckner stieß einen Zischlaut aus. »Mein Fräulein, Sie richten ungerecht. Er muß Ihnen doch alles erklärt haben. Hat er nicht?« »Ach was, eine Menge geschrieben hat er. Das kann er ja leicht. Bloß glauben muß ich es auch.« »Eine Menge geschrieben?« wiederholte Luckner bitter. »Ahnen Sie denn nicht, welche Herzenspein ihm diktiert haben mag?« »Bloß reinwaschen will er sich –« Es wurde Luckner mit einem Male klar, daß sie ihre Entrüstung so breit und derb vorschob, weil ihr geistiger Fond zu armselig war und die Hoheit der tiefen, bewußten, echten Sittlichkeit ihr abging. Ihr Aufgebrachtsein entsprang aus einem hohlen Kopfe und war nichts als ein hirnloser, prahlerischer Selbstbetrug. Eitel hatte sie sich eine Weile im unerwarteten Glanze gesonnt; die erste Prüfung auf ihren Edelgehalt zeigte ihre klaffende Leere. »Wo ist der Brief?« fragte der Graf in verändertem Tone. Sie nestelte ein paar zerknüllte Bogen aus der Tasche ihres Rockes und warf sie auf den Tisch. »Da. Zwölf so'ne Seiten. Ich hab's kaum lesen können.« »Jedenfalls nicht verstehen,« sagte Luckner schroff. »Kann ich die Bogen an mich nehmen oder – legen Sie noch Wert darauf?« »Wenn Sie sie haben wollen – ich wollte sie verbrennen.« Luckner kämpfte nicht mehr gegen die heiß in ihm aufsteigende Empörung. »Was haben Sie geantwortet?« fragte er mergisch. »Geantwortet?« stellte sie die blöde Gegenfrage. »Kann ich ihm den Ring im Briefe schicken?« »Geben Sie ihn her!« forderte Luckner scharf. Sie hatte ihn bereits vom Finger abgezogen gehabt und holte ihn aus einem Schubfach. »Lieber keine Frau als von so einem,« beharrte sie trotzig. »Bis jetzt bin ich ein ehrliches Mädchen.« »Eine Gans sind Sie!« belehrte Luckner derb und ging, ohne noch ein Wort an sie zu verschwenden. Vor dem Hause traf er auf den jungen Förster. »Herr Graf –« redete ihn Löhr schüchtern an. »Schon gut, Löhr. Wir bleiben, die wir waren. Die da drin – kann sich zum Kuckuck scheren.« Wütend schwang er sich in den Sattel und stob auf dem erschreckten Gaul davon, als würde er von Furien gejagt. Ein paar Arbeiter wichen ihm scheu aus, und ein Rudel Wild flüchtete aufgescheucht in sicheres Dickicht. Die durch die Wipfel schimmernden Sterne beleuchteten den Weg nur dürftig und versagten ihren Dienst fast ganz, wo der Boden moorig schwarz war. Aber das Pferd wußte allein Bescheid, und der Reiter hätte es auch an scharfen Biegungen nicht vorsichtig zu zügeln brauchen. An der Waldgrenze trabte Luckner in einen dicken Nebel, aus dem die Arbeiterkaten und dann die Wirtschaftsgebäude und das Schloß nur verschwommen auftauchten. Luckner verweilte in seinem Arbeitszimmer und las den mißachteten Brief Herbrincks an die Braut. Dem persönlichen Eingange folgte eine klare, sachliche Beschreibung des weit zurückliegenden Vergehens, die ähnlich, wenn auch kürzer war als in dem Berichte an den Grafen. Von einer erfreulichen Offenheit und Männlichkeit war der Schluß. »Herr Graf Luckner,« hieß es, »wird die Güte haben, mein Entlassungsgesuch, das ich ihm sogleich unterbreitet habe, zu genehmigen. Ich werde dann den mir teuren Menschen auf Timmhusen nicht wieder zu begegnen brauchen. Fritz soll auf seinem Posten bleiben, und er wird es nicht bereuen, wenn er das Vertrauen des ihm gut gesinnten Grafen hoch hält. Dich aber, meine Braut, darf ich fragen, ob die mit der Jugend verknüpften Erinnerungen stark genug sind, Dich in der schönen Waldheimat festzuhalten. oder ob die Neigung Dich dem Manne folgen heißt, der den Ring als Symbol der Treue mit Dir ausgetauscht hat. Ich will nicht in Dich dringen, aber ich werbe um Dein Vertrauen und will Dir die Heimat, die Du um meinetwillen aufgibst, zu ersetzen suchen. Ich habe über meine Vermögensverhältnisse nicht mit Dir gesprochen; sie sind ausreichend, jede Sorge von uns fernzuhalten. Und wenn wir in eine Ferne ziehen, in der niemand von Vergangenem weiß, kann die Zufriedenheit uns dauernd einen. Ich bin noch nicht entschlossen, welches Dorado ich Dir vorschlagen soll. Ich werde auch keinen Schritt ohne Deine Zustimmung unternehmen. Aber ich werde Vorsorge treffen, daß die Trauung in aller Stille vollzogen wird, sobald ich Kenntnis erhalten habe, daß Du Dein Ja zu halten gesonnen bist. Ein Berliner Geistlicher, den ich mir freundlich zugetan weiß, wird Dir die Aufnahme in sein Haus und seine Familie bis zur Trauung nicht versagen, und vereint können wir dann einer Zukunft entgegengehen, die vielleicht Licht und Schatten gerechter verteilt, als die Vergangenheit es getan hat. Meine Braut! In all dem Leide hat das Wort für mich einen guten Klang. Ich bin nicht überschwenglich; aber ich habe Vertrauen, und ich bitte Dich um das gleiche. Schreibe mir nach Berlin. (Wieder die auch dem Grafen angegebene Adresse.) Ich grüße Dich und Fritz und sehne mich nach einem Gruße von Dir. Laß mich nicht warten. Hans.«   Nein, heucheln konnte der Schreiber nicht. Das Wort ›Liebe‹ war nirgends eingeflossen. Sie konnte ja auch nicht da sein, überdachte Luckner. Zu dieser eckigen, beschränkten Person, setzte er in Gedanken hinzu. Und mitten in seinem Zorn dämmerte ihm eine Genugtuung auf, daß es so gekommen, daß der Ferne von der unwürdigen Fessel erlöst war. Mit vor Erregung brennendem Kopfe trat er wieder unter seine Gäste. »Meine Herrschaften, Gnade für Recht, daß ich so lange geblieben bin,« bat er. »Ich habe einen kleinen Ritt nach der Birkwiese gemacht und nach Körtens Schlingen gesehen – Pardon, nach der gnädigen Braut. Ihre Gnaden waren leider nicht gnädig,« witzelte er grimmig und holte Brief und Ring hervor. »Eine kleine Bestellung an den Bräutigam: der Ring paßt nicht.« »Nanu, reiß keine Possen!« mahnte Tönndorp ernst. »Reiß ich nicht, ist mir aber eine vorgespielt worden. Ist eine Kreatur, das Weib. Da –« er pochte sich gegen die Stirn – »da ist's Nacht.« »Sie will ihn nicht mehr?« fragte Tönndorp mit einer Thomasmiene. »Nein, dankt – ach was, schimpft!« Tönndorp war aufgestanden. »Bravo!« sagte er mit gesuchter Trockenheit, während der Zorn doch auch in ihm aufkochte. Luckner erzählte ausführlicher. »Den Igel erkennt man an seinen Stacheln,« glossierte er, »und den Unverstand am langen Haar –« »Die Gans an den Federn,« ergänzte Tönndorp beifällig. »Und an ihrem Schnabel,« fuhr Luckner fort. »Vergebung, meine Damen; ich bin noch im Birkhause. Zuerst ließ sie mich kaum zu Worte kommen –« »Hm –,« knurrte Tönndorp. »Liebe Gräfin,« wandte sich Luckner an die Gattin des harmlosen Spötters, »wenn Sie auch bei mir das Präsidium übernehmen wollten – ein Ordnungsruf mochte nicht vom Uebel sein ... Dann kamen wir aneinander. Zum Schluß der schöne Effekt ...« »Und wie wird Herbrinck die Nachricht aufnehmen?« fragte Menge. »Als ein Mann!« entgegnete Luckner kurz und überzeugt. »Und nicht er ist der verlierende Teil, sondern sie.« Die Gräfin Tönndorp strich sich das ergraute Haar von der hohen Stirn. »Die Wendung macht mich fast froh,« sagte sie freundlich. »Sie waren ein ungleiches Paar, und das hätte nicht gut getan.« »Strich durch!« bekräftigte der Hausherr und weckte seine Tochter aus einem tiefen Sinnen. »Hausmütterchen, wie steht's mit einem Imbiß?« Helene fuhr zusammen. »Ja, Papa –« Sie sah wie träumend um sich. »Hat man wieder im stillen philosophiert?« fragte Luckner scherzend. »Ja, ja, die Welt ist rund und kunterbunt. Heute rot, morgen tot – – einmal Lachen, zweimal Krachen. Und das Kopfzerbrechen ist schön, nützt aber nichts, nicht einmal, wenn's in die ausgeklügelste philosophische Formel gebracht wird. Und stillt den Hunger auch nicht.« »Ich werde gleich nachsehen, Papa!« Sie huschte in den Speisesaal, sah sich allein und drückte die Hand auf das klopfende Herz. Sie hätte hinausjubeln mögen in seliger Befreiung und mußte das stürmende Empfinden doch verstecken hinter undurchsichtiger geselliger Konvenienz. Luckner trank das erste Glas goldglänzenden Mosel auf Hans von Herbrincks Wohl. »Ich habe eine doppelte Aufgabe zu erfüllen. Möge sie gelingen. Prosit!« »Lieber Luckner, wenn Sie gestatten wollen,« sagte Menge in einer Eßpause, »erzähle ich noch eine Entlobungsgeschichte ... Darf ich?« fragte er auch seine Frau. Die Frau nickte nur lächelnd. »Vielleicht ist sie lehrreich,« meinte Luckner. »Die Geschichte liegt schon etwas zurück,« leitete Menge ein. »Ich habe sie aber miterlebt und deshalb auch in den langen Jahren nicht vergessen. Erzählt ist sie bald. Der Bräutigam war, wie Herbrinck, ein junger Landwirt, nicht ohne Talent und auch nicht ohne Vermögen, aber mit einem nur sehr simplen Namen und einem sehr großen Ehrgeiz. Dieser letztere, der Ehrgeiz nämlich, hatte ihn die Augen zu einer jungen Dame adeliger Herkunft erheben lassen, deren Eltern dem Frechling aber statt der erbetenen Hand des Töchterchens einen recht niedlichen Korb gaben. Darob großes Herzbrechen bei dem Freiersmann – ja, und auch redlicher Schmerz, weil er wußte, daß er nicht allein, sondern auch die Heißgeliebte mit ihm litt. In der Sorge um die Angebetete vergaß er zuletzt den eigenen Kummer, und um das Mädchen zu bewegen, ihrer Wahl zu entsagen, legte er sich sogar das Opfer auf, sich mit einer anderen zu verloben. Die andere war auch äußerlich nicht so übel, nur – ein bißchen dumm. Zuerst schadete das nicht, dann fiel es ihm auf; dann wurde es ihm unangenehm, endlich unerträglich. Ein Zwischenfall ließ die Verlobung zurückgehen. Er hatte einen Teil seines Vermögens verloren, und die entrüstete Braut ließ ihn samt dem zusammengeschmolzenen Mammon laufen. Er war zum erstenmal wieder herzensfroh ... Vielleicht geht's Herbrinck auch so, was das Frohsein betrifft.« »Darum würde ich viel geben,« sagte Luckner. »Eine stille Liebe, wie Ihr Held, wird er aber wohl nicht gehabt haben. Davon habe ich wenigstens nichts gemerkt.« »Das habe ich auch nicht behaupten wollen. Aber ich müßte mich sehr irren, wenn er den Unterschied zwischen sich und der Verlobten nicht auch unliebsam erfahren hätte. Ich habe so meine Anzeichen dafür, und ich spreche aus Erfahrung.« »Waren Sie am Ende selbst – –« »Allerdings.« »Sagen Sie mal, Menge, wieviel Lieben haben Sie denn gehabt?« suchte Tönndorp mit einem Blick auf die junge Frau zu foppen. »Bloß eine. Und die habe ich geheiratet.« »Also war es mit Ihrer ersten heißen Liebe auch nichts?« »Doch. Die hat so lange treu ausgehalten, bis die Eltern nachgaben.« »Liebe Frau Menge – –« Tönndorp stieß lebhaft an, und keiner in der kleinen Runde blieb zurück. Helene hatte die liebenswürdige Frau schon immer gern gehabt. Der intime Zug erhöhte ihre Verehrung zur Bewunderung. Sie geleitete sie an den Wagen, als der Besuch die Heimfahrt antrat, und drückte ihr noch einmal zärtlich die Hand, als die Pferde bereits angezogen hatten. »Luckner, depeschiere!« rief Tönndorp noch zurück. »Selbstredend!« Luckner zündete sich eine neue Zigarre an und blieb noch mit der Tochter im Gespräch. »Ich fahre um acht,« setzte er auseinander. »In Neumünster erreiche ich den Kiel-Hamburger Schnellzug, und der D-Zug braucht von Hamburg nach Berlin nur drei und eine halbe Stunde. Um vier bin ich im Hotel Bristol, Unter den Linden. Magst du nachsehen, ob Eveline schon schläft?« »Das Zimmer war vorhin dunkel, Papa.« »Auch gut. Morgen früh will ich sie sprechen, allein. Schicke sie zu mir.« Er küßte sie und zog sich zurück. Der Morgen fand ihn früh auf, und als die ältere Komteß auf sich warten ließ, schickte er nach ihr und ließ sie auffordern. Eveline kam unsicher. »Du hast befohlen, Papa?« »Ich war so frei! Du hast dich gestern unwohl gemeldet. Die Komödie im Hause ist mir verhaßt, und eine Wiederholung will ich mir verbitten. Ich fahre nach Berlin, um Herbrinck zu ersuchen, den alten Platz einzunehmen auf dem Gute und in meinem Vertrauen. Die Heimkehr wünsche ich nicht getrübt. Und wenn du dich nicht fügen kannst, dann erinnere dich einer Einladung der Gräfin Soden, deren Kieler Heim dir Timmhusen so lange ersetzen wird, bis du zur Einsicht gekommen bist. Der Dame bitte ich meine ergebenen Empfehlungen zu bestellen ... Jetzt habe ich zu tun. Guten Morgen, mein Kind. Er kramte auf dem Schreibtisch. »Papa –« »Geh!« forderte er fest. Sechzehntes Kapitel. Der D-Zug hatte nur in Wittenberge einen kurzen Aufenthalt, dann jagte er raffelnd auf dem eisernen Strange nach der Reichshauptstadt weiter. Graf Luckner saß in einem Abteil erster Klasse. Er hatte einen Rücksitz gewählt und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den am Fenster vorüberfliegenden Landschaften und einigen Zeitungen, die er von Hamburg aus mitgenommen hatte. Den Artikel des Kieler Abendblattes fand er auch in einem ersten Hamburger Organ abgedruckt und durch eigene, zustimmende Randbemerkungen erweitert. Natürlich, der Fall mußte ja Aussehen erregen und zu schwerwiegenden Bedenken Veranlassung geben, sagte er sich. Er hatte keine Uebersicht über die Tagespresse; aber er vermutete, daß eine Reihe gehaltvoller Blätter in allen großen Städten die Ausführungen der Kielerin weiteren Erwägungen zugrunde gelegt und so die Frage dankenswert in Fluß gebracht habe. Wenn die Gutachter des Kieler Blattes einige Hoffnung geben würden, so überlegte er, würde er sich selbst mit an die Spitze der Männer stellen, die einen gerechten Wandel anstrebten. Und die Provinz Schleswig-Holstein, die den eklatanten Fall erlebt hatte, hatte einen stichhaltigen Grund, mit ihren besten Kräften in der Bewegung voranzugehen. Der Lehrter Bahnhof war dunkel und verqualmt, und Luckner strebte eilig dem Ausgange zu. Ein Dienstmann holte sein Gepäck, dann holperte der Marterkasten, Droschke genannt, dem Hotel zu. Luckner kleidete sich um und machte sich sogleich auf den Weg nach der Kochstraße. »Schumann \& Co., Speditionsgeschäft,« las er auf weithin sichtbarem Schilde an dem Hause Nr. 18. Im Bureau arbeitete ein Dutzend Personen. »Ich wünsche den Herrn Chef selbst zu sprechen,« antwortete Luckner einem sommersprossigen, flachsblonden Jüngling. »Ihr werter Name –?« fragte der Blonde mit einem Kratzfuß. »Tut nichts zur Sache.« Der junge Mann eilte durch eine Tür, an der eine splendide Papptafel mit der Aufschrift ›Privatkontor‹ angebracht war, kehrte zurück und nötigte den Grafen zum Eintritt. Ein kleiner, korpulenter Herr mit Glatze und etwas geröteter Nase empfing ihn. Der Mann drehte sich auf seinem Schreibsessel halb um, schaute über seinen Kneifer hinweg auf den Besucher und erhob sich höflich. »Luckner,« stellte der Graf sich vor und nahm einen angebotenen Stuhl an. »Womit kann ich dienen, Herr Luckner?« »Ich bitte um Auskunft. Mein langjähriger Freund Hans von Herbrinck hat mich beauftragt, ein Frachtstück an Ihre Firma zu senden. Liegt Ihnen die Bestätigung vor?« »Herbrinck? Mir im Augenblick nicht gegenwärtig.« Der Spediteur klingelte. »Ist ein Schreiben von einem Herrn von Herbrinck eingegangen?« fragte er den Blonden. »Einen Augenblick, Herr Luckner.« »Kennen Sie Herbrinck persönlich?« fragte der Graf. »Hm – der Name ist mir nicht geläufig, obgleich ich ein gutes Gedächtnis habe.« Der Bureaugehilfe brachte eine Postkarte, die der Chef überflog. »Pardon, Herr Graf – –. Wenn Sie zu lesen belieben wollen!« »Vom Herrn Grafen von Luckner auf Timmhusen in Holstein wird Ihnen ein Kollo für mich zugehen,« schrieb Herbrinck, »über das ich nach meiner Ankunft in Berlin Verfügung treffen werde. Bis dahin wollen Sie es gefälligst in Verwahrung nehmen.« Luckner gab die Karte zurück. »Danke. – So wissen Sie über den Tag seines Eintreffens so wenig als ich? – Darf ich ein Wort im Vertrauen sprechen?« »Es ehrt mich, Herr Graf.« Der Mann schielte aber doch etwas mißtrauisch. »Haben Sie – eine Forderung an den Herrn?« forschte er. Luckner lächelte. »Herr von Herbrinck wäre mir gut für jeden Betrag. Aber das ist es nicht.« Das Lächeln verschwand. »Herr – ich bin meinem Freunde zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet, und ein Mißverständnis hat uns getrennt, das ich beseitigen muß. Ich bitte Sie um Ihre Beihilfe. Teilen Sie mir, wenn Herr von Herbrinck angekommen ist, seine Adresse mit. Eine mündliche Aussprache wird alles ausgleichen, und Sie werden sich mir wie ihm zu Dank verpflichten.« »Selbstverständlich darf ich den Herrn von Ihrem Wunsch unterrichten?« Luckner verneinte. »Ich bitte, nicht. Auge in Auge kann er mir die Hand nicht verweigern. Würde er in Kenntnis gesetzt, so könnte er eine Begegnung abschneiden wollen.« Der Spediteur schien bedenklich. »Ja, es ist doch etwas indiskret – –« »Sorgen Sie sich nicht. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nichts als redliche Freundschaft mich das Zusammentreffen suchen läßt.« »Ich glaube Ihnen schon, Herr Graf. Etwas ungewöhnlich freilich – –« Luckner ließ ihn nicht ausreden. »Herbrinck ist ein Jahrzehnt mein treuster Kamerad gewesen. Sie versöhnen zwei Freunde, die sich gleich wert sind –« »Hm, ja –« »Wenn Sie nicht wohlhabend wären, wenn ein klingender Dank mitsprechen könnte – –« »Na – das Geschäft geht immerhin faul. Aber deshalb würde ich die Indiskretion doch nicht auf mich nehmen. Man setzt sich nicht gern der Gefahr aus, einen Kunden vor den Kopf zu stoßen.« Luckner wußte nicht recht, ob das Geld den Mann gefügiger machen würde. Er wollte es nicht darauf ankommen lassen. »Wenn das Geschäft still liegt,« sagte er, »haben Sie vielleicht eine Stunde für mich übrig. Stechen Sie eine Flasche Wein mit mir aus. Beim Glase spricht es sich vertraulicher.« Der Graf hatte eine schwache Seite des Zugeknöpften herausgefunden. »Gegenwärtig ist ja zu tun,« lautete die Erwiderung. »Und auch ganz gut. Wer nach dem Aprilumzug, so bis um die Mitte Juli, da geht's flau ... Na, wenn es Ihnen angenehm ist, Herr Graf – –« »Sie dürften Bescheid wissen, wo ein guter Tropfen zu haben ist. Bestimmen Sie!« Der Spediteur nannte eine den Residenzlern wohlbekannte Weinstube. »Gut, bei mäßigen Preisen,« fügte er hinzu. »Abgemacht, Herr – –« »Schumann.« Der Blonde brachte auf ein Klingelzeichen noch eine Mappe mit Briefen zum Unterzeichnen. Die Schriftstücke waren praktisch zwischen Löschblätter gelegt und die Zeichnung ging ziemlich rasch von statten. »Noch Eiliges da –?« Der Blonde fragte von der Tür aus ins Bureau. »Nein, Herr Schumann.« »Ich bin in der – –« Er gab gewissenhaft die Weinstube an, in der er zu finden sein würde. Von dem Kieler Prozesse schien er nichts gelesen zu haben, und der Graf hütete sich, ihm davon zu erzählen. Sie gingen nach der Leipzigerstraße, und Schumann suchte in dem ihm vertrauten Lokal ein kleines Zimmer aus, in dem sie ungestört waren. Nach den ersten Gläsern taute er auf. »Sie dürfen mir nicht verübeln,« sagte er, »daß ich zurückhaltend war. Man erlebt die sonderbarsten Verwickelungen und geht, wenn man nicht vorsichtig ist, nur zu leicht in eine Falle, die den Kunden schädigt.« »Ich begreife Ihr Verhalten vollkommen,« entgegnete Luckner freundlich. Der Spediteur führte ein Beispiel an. »Ich habe erst kürzlich wieder eine warnende Erfahrung gemacht. Eine auswärtige Firma hatte einem hiesigen Warenhaus unter der Hand einen bedeutenden Posten ihrer Fabrikate verkauft und mich mit der Ablieferung beauftragt. Als die Ware eben eingetroffen war, wurde ich telephonisch angerufen und nach der Sendung befragt. Ich gab Auskunft, aber leider nicht dem Empfänger, der am Fernsprecher vorgeschützt worden war, sondern einem Spion. Vom nächsten Tage an hatte ein anderes Kaufhaus mehrere seiner Fenster gerade mit dem in Frage stehenden Artikel dekoriert und den Preis wesentlich herabgesetzt.« »Wir drei: Herbrinck, Sie und ich, werden noch an dieser gleichen Stelle wieder zusammensitzen,« versicherte der Graf. »Der Wein ist verlockend, ein Wiedersehen damit zu begießen.« »Sind Sie zufrieden?« »Sie sind ein Kenner.« »Na ja, mit der Zeit stellt man so seine Quellen fest, Herr Graf.« Sie sprachen vom Theater, und Schumann war leidlich unterrichtet. Als sie sich trennten, war Luckner zufrieden. »Also es bleibt dabei,« sagte Schumann auf der Straße, »sobald Ihr Herr Freund sich gemeldet hat, gebe ich Ihnen mit Rohrpost vertraulich Nachricht ... Bristol. Uebrigens ein vornehmes Hotel.« Luckner drückte ihm die Hand. »Meinen Dank im voraus. Und auf Wiedersehen.« Das Wiedersehen kam früher als der Rohrpostbrief. Am zweiten Tage stellte sich Luckner in der Kochstraße wieder ein. »Noch nichts – –?« »Nein, leider.« Das ›Leider‹ wiederholte sich am dritten Tage. Am vierten wechselte es mit einem: »Nein. Zu meinem Bedauern, Herr Graf.« Am fünften saßen sie abermals bei dem erprobten Wein, und Schumann suchte den vornehmen Begleiter, der seine Sympathie erworben hatte, zu trösten. »Das Kollo ist auch noch nicht eingegangen,« bemerkte er harmlos nebenbei. Luckner mußte selbst in seiner Niedergeschlagenheit lächeln. »Das glaube ich,« erklärte er. »Weil es gar nicht abgesandt ist. Der Schreibtisch, den es enthalten soll, wartet auf seinen Herrn da, wo er hingehört. Auf Timmhusen. Mein verehrter Herr Schumann, trinken Sie aus. Die erste Flasche hat Herbrinck gegolten, die zweite leeren wir auf Ihr Wohl ...« Am Vormittag des nächsten Tages kam dann die Nachricht des Spediteurs dem Grafen überraschend. Er starrte lange auf das Blatt, das in seinen Fingern zitterte. Es enthielt nur wenige Zeilen. »Hochgeehrter Herr Graf! Herr von Herbrinck hat soeben persönlich nachgefragt. Die hinterlassene Adresse lautet: Königin-Augusta-Straße 22, I (Nähe Potsdamerstraße!) Kollo soll nach Ankunft ›lagern bleiben‹. Viel Glück, Herr Graf! Hochachtungsvoll und ergebenst C. Schumann.«   Luckner stürzte aufgeregt an den Kleiderschrank. Vor dem Hotelpersonal war er reserviert. »Droschke!« befahl er einsilbig. Auf dem Potsdamerplatz herrschte ein gefahrvolles Gedränge von Lastfuhrwerken, Omnibussen, leichteren Gefährten und den schweren Kolossen der sich kreuzenden elektrischen Bahnen. Der Kutscher lenkte seinen etwas krummbeinigen Gaul kaltblütig und gelassen durch das lärmende Gewirr. An der Potsdamer Brücke ließ der Graf halten, entlohnte den ›Weißlackierten‹ und ging die wenigen Schritte bis zum Ziele zu Fuß. Ein moderner Bau in Sandsteinimitation. »Pension de Neville, erste Etage,« las Luckner auf einem eleganten Messingschild. Der Flur mit glänzend polierten Marmorwänden, dicke Läufer von Purpurfarbe auf den Fliesen und den Treppenstufen. Luckner war, als er die halbe Treppe erstiegen hatte, so kurzatmig, daß er stehen bleiben mußte. Nach der zweiten Hälfte verweilte er nochmals. Dann zog er die elektrische Klingel. Eine bejahrte Frau in sauberem Hauskleide öffnete. »Pardon – Herr von Herbrinck zu Hause?« »Wen darf ich melden?« »Luckner.« »Ich bitte.« Sie führte ihn in einen kleinen Salon. »Einen Augenblick.« Sie kam bald zurück. »Der Herr läßt bitten.« Luckner befand sich in einer mächtigen Bewegung. Nur mechanisch folgte er der Führerin. Der Blick flog dem Fuße voraus, und er sah den Wiedergefundenen mitten im Zimmer stehen, die Rechte wie zum Halt auf einen Tisch aufgestützt. Luckner fand ein hinreißendes Lächeln. »Mein Alter, Lieber, da habe ich dich wieder!« Beide Hände streckten sich aus, und ehe Herbrinck noch ein Wort hervorzubringen vermocht hatte, fühlte er sich von dem Grafen in die Arme gezogen. »Hans Herbrinck, ich bin gekommen, um dich zu holen – ich gehe nicht ohne dich!« Herbrinck war blaß vor Erregung. »Woher wissen Sie – –« sagte er stockend. »Ja, woher! Durch einen gütigen Zufall, Herbrinck.« Er wollte doch den Helfer nicht gleich verraten. »Seit sechs Tagen bin ich in Berlin, suche ich dich. Ich habe Freundesrecht an dich, und ich mache es geltend. Mein Alter, Lieber! Wie konntest du mich verkennen! Ich dir einen Vorwurf machen – oder überhaupt jemand? – Ich will es dir heraus sagen: dein Ehrenschild ist für uns unbefleckt! Hundsfott, wer es anders sagt oder denkt! Du bist blaß. Bist du krank?« Die Frage drückte eine ernste Sorge aus. »Nein,« entgegnete Herbrinck langsam. »Ich glaube aber, ich war's – oder wär's geworden. Der Schlag –« Luckner unterbrach lebhaft. »War gar keiner! War einer ins Wasser! Die alte Geschichte! Ich habe nur bereut, daß ich nicht hei dir war. Gleich hätte ich dich in den Arm genommen, gleich wären wir nach Timmhusen zurückkutschiert. Der, den du getroffen hattest, war ein Lump, der dich gereizt hatte, der es nicht besser verdiente – dem mit der Versorgung viel zu viel Gutes erwiesen wurde. Komm, setz' dich zu mir. Dir ist nicht wohl, ich sehe es dir an.« Er schob einen Sessel herbei und drückte den halb Willenlosen nieder. »Herbrinck, Grüße von zu Hause! Alle grüßen, und alle harren deiner in alter Treue. Nein, kein Kopfschütteln, kein Verneinen: die Sonne ist einen Augenblick hinter einer Wolke verschwunden gewesen, nun lacht sie wieder, und der Himmel strahlt in köstlicher Reine. Du bist der Alte, ich bin's – wir sind's! – Herrgott, die verdammte Bosheit hat dich schwer verwundet! Wie magst du gelitten haben!« Die kraftvolle Gestalt Herbrincks war im Augenblick kaum wieder zu erkennen. Er zeigte eine krankhafte Müdigkeit und starrte trübe vor sich hin. »Es wäre besser gewesen,« sagte er mühsam, »Sie hätten meinen Weg nicht wieder durchkreuzt. Ich wollte still gehen. In der Arbeit gesundet man. Die wollte ich mir – fern – wieder suchen –« »O, die gibt es auf Timmhusen! Und Freunde, Herbrinck!« »Ja, ich weiß. Nach–sichtige Freunde.« Er starrte ins Leere und reihte die Gedanken schwerfällig aneinander. »Graf, ich – werde Ihr Schuldner bleiben. Aller. Die Timmhusener Jahre waren mir lieb. Ich habe so viel Güte kennen gelernt, so viel innere Befriedigung und Freude. Und – das Glück hat mir gelacht, wenn – auch bloß in Träumen –« Er hielt inne und überlegte, und der Graf beobachtete, wie die Gesichtsmuskeln zuckten. Ein Schrecken durchfuhr Luckner. »War das Glück – deine Braut?« fragte er beängstigt. »Nein,« kam die klare Antwort. »Die Arbeit – und –« »Und –« drängte Luckner. »Ein Kind,« dachte Herbrinck. Aber er bewahrte sein Geheimnis und sann auf eine ausweichende Wendung. Der Graf ließ nicht nach. »Und –?« wiederholte er. »– Ihr Vertrauen, Ihre Großmut –« »Meine Dankbarkeit, meine Freundschaft, Herbrinck!« »Ja, Ihre zu große Liebenswürdigkeit –« »Willst du mein Du erwidern?« fragte Luckner mit zwingender Herzlichkeit. Herbrinck nickte resigniert. »Auf deine Freundschaft bin ich so stolz gewesen –« »Ich bin's auf die deine unverändert, Herbrinck! Bist du wankelmütig geworden?« »Nein – wenn ich dürfte –« Luckner eilte an einen Tisch, schob ein Blatt Papier zurecht und ergriff eine Feder. »Höre zu!« forderte er, schrieb und las laut: »›Komteß Helene Luckner, Timmhusen, Post Reickendorf, Holstein.‹ Verstanden? ›Herbrinck und ich kommen morgen zurück. Unterrichte Freunde. Alles gut.‹ So, Name: ›Luckner.‹« Herbrink erhob sich und stand mit keuchender Brust. »Graf, es darf nicht sein. Luckner, laß mich ziehen!« »Niemals!« sagte Luckner energisch. »Und das Telegramm geht ab.« »Luckner, könntest du – vergeben?« »Was denn – was denn? Nichts ist zu vergeben!« »Und – vergessen?« »O, ist ganz überflüssig! Herbrinck, ich bin ein Mann und weiß zu wägen. Nicht der geringste Vorwurf soll dich je treffen!« »Und – und – die andern –? »Sind einig mit mir, ganz einig. Die Herren, die Damen –« Er unterbrach sich flüchtig. Aber gleich darauf fuhr er entschlossen fort: »Mein liebster, bester Freund – ja, ein Stein ist doch auf dich geworfen worden, und der muß an dir abprallen. Ein Weib hat ihn geschleudert – das – das – – Laß sie! Herbrinck, deine Braut war es –« »Ich – fürchtete es,« sagte Herbrinck leise. »Ich habe den Ring zu Hause. Und deinen Brief an sie. Sie hat ihn nicht verstanden. Sie ist keine Träne wert. Herbrinck, ich bin glücklich, daß sie dir deine Freiheit zurückgegeben hat. Du wirst eine andere. eine hundertfach bessere finden. Der Schmerz, der dich aufwühlt, geht vorüber. Und dann bist du der Alte! In der Arbeit, in deiner starken, überwindenden Kraft. Hand drauf, Herbrinck –, gib mir deine Hand darauf!« Herbrinck reckte sich auf. »Habe ich einen bösen Traum gehabt –?« fragte er zögernd und doch mit aufklingender Freude. »Nichts weiter,« bekräftigte Luckner. »Oder doch. Ja, Hans, doch! Der Traum hat dir die Befreiung gebracht – von dem Schatten, der dir im Dunkel verschwiegener Erinnerung nachschleichen konnte, der aber verflogen ist im hellen Lichte der Aufklärung! Mein alter Lieber, ein ›Glück zu!‹ aus vollem Herzen!« Herbrinck faßte die Hand des Grafen mit festem Drucke. »Ich bleibe dein!« »Hurra, Herbrinck! Und nun fort mit der Drahtbotschaft!« Luckner schwang die Depesche in freudiger Genugtuung. »Geschrieben habe ich zweimal,« berichtete er fliegend. »Vertröstend. Leider, weil's nicht anders ging, weil auch der Mister Schumann – – ah, der! Das weißt du noch nicht.« Er lachte frohmütig. »Du, den suchen wir auf. Gleich. Hab' ihm versprochen, daß er das Wiedersehen mitfeiern solle. Dein Schreibtisch steht auf dem alten Platze – ih, nicht angerührt. Die Adresse von diesem prächtigen Schumann hat ihren Zweck aber doch erfüllt. Da!« Er hielt Herbrinck den Rohrpostbrief hin. »Ja, der Mann hat's hinter den Ohren! War aber nicht leicht; war zuerst höllisch zugeknöpft. Den Wein, den ich vergeudet habe, um seine Zunge zu lösen, mußt du mir ersetzen. Wahrhastig. Herbrinck. Na, gelegentlich. Ich werde dich dafür auf Timmhusen mal ordentlich plündern ... Ist denn ein Bote da?« Herbrinck schellte. »Hast du ein Kuvert?« Luckner suchte schon selbst. »Danke, bin bereits versorgt.« Er klebte den Umschlag zu. »Braucht nicht jeder seinen Vers drauf zu machen,« sagte er heiter und mahnte zum Aufbruch. Unterwegs erzählte er, um den Freund auf andere Gedanken zu bringen, ununterbrochen. »Die Auktion auf Timmhusen werden wir hinausschieben müssen,« neckte er. »Schade, die Arbeiter kommen um das ihnen zugedachte Vermächtnis; wenigstens einstweilen. Du, ganz auf den Kopf gefallen scheinen die Kerle aber doch nicht. Waren wahrhaftig zwei bei mir – der Tabbeck und der Suhr – und wollten dich zurück haben. Wollten mir ihre werte Meinung mindestens vortragen. Und wenn's auch Selbstsucht ist – ich schreib's ihnen noch nachträglich gut. Selbst dem Roten ... Die Kruses fliegen von Neurade weiter. Alle Schiffe kannst du auch nicht über Wasser halten. Das Krusesche ist reichlich leck ... Den Löhr behalten wir; die Mamsell Sophie mag mit den Schwalben ziehen, aber nicht so bald wiederkommen. Das heißt, meinetwegen kann sie auch bleiben. Mich stört sie nicht. Herbrinck, ist wundervoll, daß es sich ›ausgeringt‹ hat. Der Bruder – Achtung! Ehrliche Haut. Dem ist's nah gegangen ... Die Schloßmamsell habe ich exmittiert. Intriguierte mit den dummen Zeitungen. Na, nachher wurde auch Vernünftiges geschrieben. Hast du gelesen? Der ›Fall Herbrinck!‹ Der ist noch nicht zu Ende, 'ne Strafe muß mal verjähren, das ist unbedingt erforderlich. Nicht bloß eine, die gar keine rechte war; ich meine, die gar kein rechtes Vergehen traf. Auch die andere, die wirkliche, die verdiente. Mir sind die Augen aufgegangen. Es muß eine Toleranz geben, die auch dem Gebesserten zugute kommt. Das ›Lange L‹ ist mir oft eingefallen. Das Purzeln kommt leicht; das Aufrichten muß auch erleichtert werden. Und wenn dann nach so und so viel Jahren die Bosheit was anflicken will, hat sie's Maul zu halten.« Der Graf hatte vertraulich seinen Arm in den des Begleiters geschoben, und die beiden vornehmen Gestalten erregten in der belebten Potsdamer Straße vielfach Aufmerksamkeit. Luckner focht das nicht an. Er hatte für die auf und ab schiebenden Menschen weder Ohr noch Auge. »Wie lange hast du dich in Hamburg aufgehalten?« fragte er den Begleiter. »Einen Tag. Um die Briefe zu schreiben,« erklärte Herbrinck. »Und du wähntest wirklich alle Brücken hinter dir abgebrochen?« »Ich hatte zwei Jahrzehnte getragen – und sah alles zerstört.« »Natürlich, die Schuld war dir förmlich suggeriert worden. Und was die Einen angefangen hatten, setztest du selber fort. Gott sei Dank, das Gewitter hat reinigend gewirkt. Das hat sich der giftige Komödiant wahrlich nicht träumen lassen. Selbst die Bosheit kann als Vorspann dienen. Ja, ja. ganz blind ist die Themis doch nicht. Sie schielt mitunter sogar tüchtig über die Binde. Wollen wir den Schumann abholen? Na, telephonieren tut's auch. In'n Stundener drei wird die Jüngste daheim Augen machen. Und dann die andern. Ich sehe ordentlich, wie die Boten auf Neurade und Tönndorp ankommen. Der Waldemar wird auch vergnügt sein, daß sein Pate ihm nicht durchgebrannt ist. So'n Bengel hätte ich vor'n anderthalb Dutzend Jahren auch gern ankommen sehen. Na, wer weiß, wozu es gut war. Schulden haben mir die Mädel wenigstens nicht gemacht. So'n Leutnant aber – brrr. Spiel, Pferde, Weiber – die Passionen kenn' ich. Jetzt müssen wir da sein. Halt, ich sehe schon. Bitte!« Er schob den Freund voran und übernahm erst im Lokal die Führung. »So, da wären wir. Nun den dicken Schumann her.« Luckner telephonierte selbst. »Wer da? Schumann? Hier Luckner. An der Quelle, verehrter Herr Schumann. Mit dem Freunde. Herbrinck. Tausend Dank. Und die Bitte: kommen Sie gleich. Der Eiskühler ist bereits in Diensten. Wann? In einer Viertelstunde? Charmant. Auf Wiedersehen.« Der Spediteur führte sich bei Herbrinck mit einer Entschuldigung seiner Indiskretion ein. Herbrinck stieß mit ihm an. »Wo die Absicht so gut war, kann ich nur danken,« versicherte er schlicht. Der Abend vereinigte die drei im Hotel Bristol. Zwei Depeschen an Luckner langten fast zugleich an: »Das glaube ich, daß es Euch gefällt. Macht nur, daß Ihr heimkommt. Tönndorp und Frau.« »Der Mai und die Freude bieten ihr Willkommen! Die von Timmhusen und Neurade.« »Ich wette doch, daß die Kleine selbst bei der jungen Frau gewesen ist,« sagte Luckner. »Und nett von Menge, daß er das erraten läßt.« Siebzehntes Kapitel. »Mich soll nur wundern,« sagte Luckner unterwegs im Coupé, »wie lange es noch dauern wird, bis. die Elektrizität auch auf den Fernbahnen den Dampf verdrängen wird. Stiller wird es dann auch nicht zugehen, aber das qualmende Ungetüm an der Spitze des Zuges wird man doch nicht ungern missen. Sieh doch nur, wie die Schwaden sich stickig über das Feldgrün lagern. Brrr – und wie der Ruß durchs Fenster einfliegt. Ich werde zumachen und auf der anderen Seite öffnen.« Herbrinck ließ, während der Graf mit dem Schließen des einen Fensters beschäftigt war, das andere herunter und zog zugleich die Gardine vor. »Die wird etwas schützen,« meinte er, »auch vor dem Staub. Und der ist wohl lästiger als der Qualm.« »Und wird auch bei der Elektrischen nicht abnehmen. Vollkommen ist eben nichts. Nicht mal'n Mensch. Nicht mal du.« Herbrinck lächelte. »Davon bin ich überzeugt, Graf –« »Natürlich, hast dich ja schon für dreiviertel lädiert gehalten. Das ist aber gerade so falsch wie das andere, daß du – immer ein ruhiger, besonnener Mensch – plötzlich den Kopf verlieren konntest. Freut mich nur, Herbrinck, daß ich auch mal den meinen für dich einsetzen durfte, nachdem es so lange umgekehrt gewesen ist. Ich habe übrigens noch vom Hotel aus eine Drahtnachricht geschickt, um welche Zeit wir ankommen. Wegen des Wagens. Und abholen werden sie uns auch wollen. Wetter, wenn man einen lieben Menschen wiedergefunden hat, merkt man erst, wie gut man ihm war. Nun mag kommen, was da will – auf Timmhusen soll uns niemand mehr die Eintracht stören. Bisher hast du allein gewirtschaftet. Laß mich von nun an ein bißchen mittun, dir ein bißchen mehr Kamerad sein, statt dir bloß zuzuschauen. Dann bleibt für dich auch mal Zeit zum Aufatmen, und über dem ewigen Plagen verlernst du das Lachen nicht ... Hin nach Berlin hatte ich eine andere Gesellschaft, wenigstens die Hälfte des Weges. Eine Grünkram- oder Schlächter- oder Bäckermadam mit so'n fünfzig Mille Brillanten; 'n Kasten für gute drei Normale ... Hast du Majestät in Berlin gesehen? Nein? Ich auch bloß die Standarte auf dem Schloß. Die Schloßfreiheit futsch, das Denkmal des ersten Wilhelm da, der neue Dom – 's hat sich manches um das Schloß zum Vorteil verändert. Wart' einmal, ich glaube, wir sind nicht mehr fern von Friedrichsruh. Oder schon vorbei? Wahrhaftig. Das ist schon Reinbeck. Schade. Auf der Hinfahrt habe ich's in Gedanken auch verpaßt. Und hätte doch gern mal einen Blick auf die Schlummerstätte des alten Riesen geworfen ... Jetzt noch anderthalb Stunden – na, kleine zwei, dann sehen wir heimische Gesichter. Die Bahnfahrt ist mir greulich. Aber so ist man: ginge es noch mal so schnell, würde es immer noch nicht reichen.« In Hamburg mußten sie den Zug wechseln, und der neue kroch in einem Schneckentempo. Erst nach Verlassen des Altonaer Bahnhofes wurde die Fahrt wieder beschleunigter. »Herrjeh!« stieß Luckner aus und pochte sich lachend gegen die Stirn. »Die schönsten Gedanken kommen einem doch immer erst, wenn's zu spät ist! Denkst du noch an den Kuhn-Tönndorpschen Segen? Die netteste Ehrenpforte hätten sie damit bauen können – nun wird natürlich niemand darauf verfallen sein!« »Wenn ihn die Besitzerin hätte hergeben mögen, Luckner –« »Ja, ja, ich hätt's einfach anordnen sollen. So 'ne Gelegenheit gibt's nicht wieder. Ewig schade ...« Pinneberg – Elmshorn – Wrist – Neumünster. Auf dem endlosen letzterwähnten Bahnhof ein nochmaliges Umsteigen. Bokhorst – die Station vor dem Endziel. Herbrinck stand am Fenster und spähte in die vertraute Landschaft. Weite Buchenwälder in prangendem Frühlingsschmuck, gewellte lichtgrüne Saatfelder, Gehöfte mit blinkenden Fenstern und braunen Strohdächern, umgeben oder überschattet von blühenden Obstbäumen. Ein einziger Garten das verjungte Land, so weit das Auge zu schauen vermochte. An einer Kurve schleuderten die Wagen, daß Herbrinck sich einen Augenblick am Fensterriemen festhalten mußte. Dann ein schrilles, langgezogenes Signalpfeifen von der Lokomotive, ein ruckendes, rasselndes Bremsen – die heimatliche Station war nahe. Herbrinck bog sich aus dem Fenster, sah das hellgestrichene Stationsgebäude aus einem festlichen Baumgrün auftauchen und den Bahnsteig von den Wartezimmern aus sich beleben. Auf den ersten Blick erkannte er die befreundeten Gutsnachbarn und in einer Gruppe von Damen die schlanke Gestalt der Komteß Helene. Er zog sich zurück, und das Herz krampfte sich ihm in heftigem Schlagen. Die Neugierigen, die sich ansammeln mochten, fürchtete er nicht; aber der erste Schritt zu den Vertrauten, der erste Gruß und Blick marterten ihn. Seine Flucht erschien ihm plötzlich als eine Schwäche, der ausgesuchte Empfang als eine liebenswürdige, aber bewußte und demütigende Nachsicht. »Reickendorf!« rief der Schaffner, und Luckner winkte der Tochter und den Freunden freudig grüßend zu. »Da haben wir ihn wieder!« Die Bewegung stand auch ihm auf dem erhitzten Gesichte geschrieben. Er schob Herbrinck vor, und die Hände von Tönndorp und Menge streckten sich dem Aussteigenden zuerst entgegen. »Die acht Tage waren eine Ewigkeit,« prustete Tönndorp und schüttelte die Hand des Angekommenen. »Das Timmhusener Treibhaus haben wir noch nicht plündern wollen, Herbrinck, zumal nicht viel zum Plündern da war; aber das ›Willkommen daheim!‹, alter Freund, klingt uns von der Stelle, an der das Herz sitzen soll.« Menges Erbprinz zappelte ungeduldig neben der Mama und schoß, als er losgelassen wurde, wie ein Pfeil vor. »Ontel Herbrint, Ontel Herbrint!« stammelte er und klammerte sich selig an den Arm des Heimgekehrten. Herbrinck hob ihn empor, nickte ihm lachend zu und ließ ihn wieder auf den Boden gleiten, um für die Begrüßung der Damen frei zu werden. Helene trat ihm mit bezauberndem Lächeln entgegen, und die große Freude malte eine blühende Glut auf ihre Wangen. »Timmhusener Jüngste, du bist der leibhaftige Frühling,« verglich Tönndorp. »Lach' zu, das macht die anderen mit froh.« Herbrinck konnte den Blick nicht von ihr wenden. Nichts von Vorwurf, nichts von Zurückhaltung. Ein verklärender Freudenschimmer, ein berückendes Liebreiz in den edlen Zügen. Herbrinck riß sich gewaltsam los, begrüßte die beiden ältesten Damen und folgte der Gesellschaft in den kleinen Wartesaal erster und zweiter Klasse, in dem durch Menges Fürsorge einige Erfrischungen bereitgestellt waren. Tönndorp trank Herbrinck zu. »Auf dein Wohl! Oder meinst du, weil aus der Hochzeit nichts wird, soll die Brüderschaft auch futsch gehen? I, warum nicht gar.« Der zwanglose, familiäre Empfang hatte Herbrinck die Überzeugung eingegeben, daß ihm nach wie vor die Herzen dieser Menschen gehörten, und die von Tönndorp wohlbedachte Auszeichnung ließ ihn dankbar erkennen, daß nichts von seiner Wertschätzung verloren gegangen war. »Meine Herrschaften, gottlob, Sie sind mir treu geblieben. Meinen innigen, tiefgefühlten Dank! Und da Sie mich als den Alten hinnehmen wollen – ich war heimisch unter Ihnen geworden, ich werde mich noch freudiger mit Ihnen verbunden wissen ... Tönndorp, Dank für deine Güte!« »So,« sagte Luckner in die gehobene Stimmung, »eine weitere Aussprache brauchen wir nicht. Schlußzeichen unter das Geschehene, und weiter im alten, vertrauten Gleise!« Der junge Menge brachte sich in Erinnerung. »Hast du mir was mittebracht?« fragte er den Paten treuherzig. Ja, Herbrinck hatte den kleinen Bengel nicht vergessen. »Natürlich,« sagte er, »mußt aber noch warten. Nachher, wenn wir zu Hause sind ... Zu Hause! Wie es doch so traut und wohlig klingt! Ich bin so herzensfroh ...« Luckner drängte fort. »Der Reisestaub ist mir ungemütlich. Und Sehnsucht nach Timmhusen habe ich auch ... Ist alles in Ordnung, Kleine?« fragte er. Sie bejahte. »Eveline ist auf ein paar Tage nach Kiel gefahren,« fügte sie hinzu. »Du hattest ihr ja die Erlaubnis gegeben, Papa.« »Soll sich nicht stören lassen,« knurrte Luckner. »Die Gräfin Soden hat nun mal einen Narren an ihr gefressen. Schon lange eingeladen, Herbrinck. Nun aber vorwärts!« Die Wagen hielten hinter dem Stationsgebäude, und die Damen nahmen im ersten, die Herren im zweiten Platz. Einige Angestellte der Bahn grüßten, und Luckner dankte jovial. Herbrinck lehnte sich bequem zurück und sog mit Hellem Frohmut die heimatlichen Eindrücke in sich. In den Bauerngärten Reickendorfs ein maifrisches Sprossen und Duften. Rotdorn, Syringen und Kirschbäume in wetteifernder Pracht. Weiß und lila der Flieder, rotgesprenkelt das Blütenmeer der Apfelbäume. Narzissen, Krokus und Tulpen auf gepflegten Beeten. Rasenflächen im unentweihten Junggrün ... Die Dörfler lüfteten die Mützen vor den hellgekleideten Damen und wiederholten den Gruß, wenn der zweite Wagen mit den bekannten Herren herankam. Mancher Blick traf auf Herbrinck, und manche Mütze wurde mit schnellerem Ruck abgenommen und tiefer gezogen, wenn ihr Eigentümer den Verwalter von Timmhusen erkannt hatte. Wie der Frühling in der Natur, so hatten die Menschen ein großes Reinemachen und Auffrischen ihrer Heimstätten vorgenommen. Die Gärten und Hofräume waren gesäubert, die Fenster der Häuser blitzten spiegelblank, und an manchen Stellen war auch der Weiße oder grüne Farbenanstrich der Zaune und Pforten und des Holzwerks der Behausungen von einem wohltuenden Ordnungssinn erneuert worden. Als das Dorf passiert war, zogen sich Knicke zu beiden Seiten des Weges hin. Das Erlen- und Haselgebüsch auf den Wällen war dicht belaubt, Ahorngruppen trugen knospende, noch grünfarbene Dolden, und zwischen den Erdbeerblättern an den Wällen lugten schüchtern ein paar weiße Frühblüten hervor. Selbst das Brombeergerank über den Gräben, das mit Himbeerstauden abwechselte, entging der liebevollen Beobachtung Herbrinck nicht, und fast zärtlich streifte sein Blick auch den bescheidenen Wegerich und die weißen Mariensternchen am Wegrande. Die verstreut auf den Wällen vorkommenden Jasminsträucher hatten ihr duftendes Kleid noch nicht angelegt, aber eine Gruppe von Roßkastanien vor einem vereinzelten Bauerngehöfte war mit jung entfalteten roten Blütentrauben dicht übersät. Wintersaat und Raps deckten die Felder mit weichem, grünem Teppich, und der Himmelsdom spannte sich lachend blau über die lenzfrohe Ebene mit Aeckern und Wäldern. Ein Sonnenflimmern in der Luft, ein vielstimmiges Jubilieren der gefiederten Sänger, das Pfeifen des Pirols und der Ruf des Kuckucks aus den Buchenrevieren ... Auf dem Schlosse wehten bewillkommnend die Fahnen in schwarz-weiß und blau-weiß-rot. Der Eingang zum Verwalterhause war mit Tannengrün geschmückt, und vor dem Hause bildeten die Arbeiter im Sonntagsstaate Spalier. »Nanu!« rief Luckner überrascht aus. »Feiern die schon eigenmächtig?« Tönndorp klärte auf. »Der Suhr und der Tabbeck, die neulich schon bei dir waren, haben Ihre Gnaden Komteß Lene gebeten, ihnen den Empfang zu gestatten. Und die Kleine hat nicht nein gesagt. Im Gegenteil, war ganz gerührt.« »Das sieht ihr ähnlich. Na,« knurrte Luckner, »war ja auch recht ... Die trifft's immer ... Halten Sie vor den Leuten!« befahl er dem Kutscher. Mit einem Ruck hielt der Wagen an, und Luckner stieg zuerst aus. Stramm blieb er stehen. »Guten Tag, Leute!« grüßte er laut, und in den Falkenaugen unter den buschigen Brauen blitzte es. Herbrinck trat erfreut an seine Seite. »Doch 'n Schlag von Menschen!« sagte Luckner halblaut. »Leute, ich danke! Der gute Geist von Timmhusen ist zurückgekehrt. Haltet zu ihm.« Er schüttelte Herbrinck die Hand. »Mach's kurz und komm' ins Schloß. Die Leute sollen einen Wochenlohn extra erhalten – dein Einverständnis vorausgesetzt, 'n Tag!« Er nickte den Arbeitern zu und zog die Gutsnachbarn mit sich fort. Suhr trat auf Herbrinck zu. »Herr von Herbrinck, ich soll nich viel Worte machen un Ihnen man bloß sagen, daß keiner bei is, der sich nich aus seinem Herzen freuen tut. Lüd, unse Herr von Herbrinck soll leben – hoch – un noch eenmal hoch – un tau'n drüttenmal hoch!« Die ungeübten Kehlen fielen kräftig ein. Herbrinck dankte ergriffen und beauftragte den Wortführer, auch den Abwesenden seine Freude darüber auszudrücken, daß auf dem Gute alles unverändert geblieben sei und weiter so bleiben solle. Neben dem Tannenschmuck an der Tür erkannte er den jungen Löhr und ging auf ihn zu. »Lieber Fritz, last auf meine Kosten eine Tonne Wer auflegen,« sagte er freundlich. »Und dann zahle allen einen Wochenlohn auf Befehl des Grafen extra aus ... Leute, wartet!« Er zog den Förster mit sich in die Wohnung. »En Wäkenlohn von 'n Grafen?« sagte Suhr bedächtig wägend ... »Arm wart he dar ni von, awer gaud deiht dat doch.« ... Er schwieg eine Weile. Dann kam langsam eine wortkarge Genugtuung. »He kiek sah. uns fünft ümmer von babn oben. an; ick glöw. he füht ock noch mal de richdigen Minschen in uns. Un wenn't oock man en beeten Fründlikeit is – se warmt.« Die anderen sagten nichts dazu, aber sie drängten sich durcheinander und zeigten wenigstens ein belebtes Mienenspiel. Löhr suchte eine dienstliche Haltung. Er war blaß und befangen. »Herr von Herbrinck.« brachte er mühsam und stockend hervor, »ich war da nicht Schuld an –« Herbrinck unterbrach ihn lebhaft. »Was macht – Sophie?« »Sie ist – sie ist gestern – weggezogen –« stotterte Löhr. »Wohin?« »Nach – nach Neumünster. In 'n Dienst. Den will sie sich suchen.« »Fritz, der Graf hat mir schon mitgeteilt, daß sie ihm meinen Ring zurückgegeben hat. Ich habe sie geachtet – ihr Andenken soll mir wert bleiben. Sie hat nicht überlegt gehandelt. Vielleicht zum Guten, Fritz. Ich trage ihr nicht nach, noch weniger dir. Wir wollen vergessen. Hilf mir dazu.« »Ja, Sie wissen aber noch nicht alles –« Eine Schamröte brannte ihm auf der Stirn. »Was denn noch?« fragte Herbrinck freundlich. »Die Schmucksachen – von Ihnen – vom Herrn Grafen –« Er schluckte, als wollten die Worte nicht heraus. »Was ist damit?« »Die – die – hat sie – hat sie – mitgenommen.« Einen Augenblick schwieg auch Herbrinck peinlich berührt. »Ich wollte sie – ihr abnehmen,« fuhr Löhr fort. »Sie wollte nicht –« Herbrinck schüttelte seine quälende Empfindung ab. »Sie soll sie behalten, Fritz; komme nicht darauf zurück,« sagte er leise, aber fest. »Und nun gehe zu den Leuten. Es ist ein Feiertag für mich und sie. Ich muß ins Schloß; aber ich komme noch auf den Hof und trinke ein Glas mit. Adieu, Fritz!« Er kleidete sich um, verweilte einen Augenblick froh bei den Arbeitern, die sich an dem Bier labten, und eilte ins Schloß. Siebenlist geleitete ihn ins Kabinett des Grafen, in dem er den Hausherrn seiner wartend fand. »Herbrinck,« sprach Lurkner ihn an, »du hast mir gegenüber mal den Mentor gespielt, als ich die Dummheit begehen wollte, der Dame – Sophie – nachzustellen. Ich habe auf dich gehört. Nun folge du gefälligst mir und laß die Braut heimführen, wer da Lust hat ... Sie ist, wie ich hörte, nach auswärts gezogen, statt ins Verwalterhaus. Ich trauere ihr nicht nach. Tu' du's auch nicht. Im Gegenteil: sei froh. Ein Wildstrauch paßt in keinen Garten ... Die Leute – sind verrückt. Echt ist das nicht.« »Ja, Luckner, doch –« »Nein, sage ich. Und ich war leichtsinnig. Ich habe mich überrumpeln lassen in so 'ner wunderlichen Anwandlung. Himmelmillionen – ich winde mich rum und flüchte vor mir selbst und sage mir trotzdem – was dran ist wohl doch. Nicht viel. Viel nicht. Mir kommt da so ein trivialer Vergleich: wenn der Berliner Frikassee von Huhn auf die Speisekarte schreibt, gibt's vom Huhn höchstens einen Knochen. Und das lasse ich mir nicht ausreden: so ein Knochen ist auch bloß die Dankbarkeit von denen da. Gut, du widersprichst nicht, du gibst selbst zu – –« »Ich widerspreche allerdings nicht, Graf,« entgegnete Herbrinck heiter. »Nicht! –« »Nein, weil es nicht nötig ist, weil du selbst an deine Hypothese nicht glaubst, weil –« »Oho! Komm mal mit nach vorn.« Er ließ sich im Speisesaal von dem bereitstehenden Bier einschenken, öffnete ein Fenster und trank den Leuten mit kurzem Anruf zu. Die Arbeiter dankten mit rauhen Gegenrufen, und Luckner zog sich schnell zurück, als hätte er sich schon zu viel vergeben. »Schlaue Bande,« knurrte er eigenwillig in den Schnurrbart und konnte doch nicht verbergen, daß er im Innern gegen die eigene Ueberzeugung kämpfte. Ablenkend steuerte er auf Menge los. »Sie sind auch ein Infamer,« sagte er knurrend; »habe ich je behauptet, daß wir paar Obern alle Vortrefflichkeit in Generalpacht hätten? Und allen anderen der Schädel mit Brettern vernagelt sei? Nicht eingefallen ist es mir. Und Ihre Bande ist nicht besser als meine, wenn sie Ihnen auch mit Pastorenkanaster aufwartet und meine noch 'n Wochenlohn extra rausgaunert. Lassen Sie mich in Ruhe in Zukunft!« Menge lachte behaglich. »Ist's hell geworden in Ihnen?« fragte er freundlich. »Tönndorp, du hast auch bloß die Herde gesehen!« sagte Luckner, zu seiner Verteidigung auch den zweiten angreifend. »Aber nicht nur Böcke,« replizierte der Gereizte. »Ob Böcke oder Schafe, das ist gleich,« behauptete Luckner. »Bekehrt bin ich aber noch lange nicht!« widersprach er sich selbst. »So'n alter Soldatenschädel kann einen Puff vertragen,« gestand Tönndorp freundlich zu. Den Gutsleuten, die unter der Linde vor dem Verwalterhause ein paar Tische und Bänke aufgestellt hatten, wurde auf Anordnung der Komteß ein Mahl aufgetragen, und Herbrinck bat die Freunde, ihm eine kurze Abwesenheit nicht zu verübeln. Während er sich auf den Hof begab, sagte Tönndorp lebhaft: »Herbrinck soll nicht immer dabei sein, wenn er und sein ›Fall‹ uns beschäftigen. Aber aus dem Kopfe will mir die Geschichte nicht, und es freut mich deshalb, daß unser Kieler Leiborgan sein Versprechen eingelöst und eine Reihe Gutachten von Rechtslehrern gebracht hat, die wohl ziemlich abweichender Meinung waren, von denen aber eines, das letzte und gewissermaßen abschließende, doch recht der Beobachtung wert scheint. Der Gutachter – er trägt auch einen hervorragenden Namen – stellt sich energisch auf unsere Seite. Er will Kautelen gegen die endlose Nachwirkung der Strafen geschaffen und die gesetzliche Dauer der Angabepflicht nach der Höhe der Strafe bemessen wissen. Ich referiere aus dem Gedächtnis und kann die aufgestellten Vorschläge nicht im einzelnen wiederholen. Der Gutachter steht aber in dem vom Gericht festgesetzten Strafmaß, bei dem alle mildernden oder verschärfenden Umstände abgewogen find, den annehmbarsten Maßstab für eine gesetzmäßige und möglichst gerechte Begrenzung der Strafnachwirkung. Die Worte kommen mir so vor, als ob es so ziemlich seine eigenen wären. Er vermeidet also eine schwierige und fast undurchführbare Katalogisierung der Vergehen und Verbrechen und hält sich an die Strafe selbst. Ein paar Beispiele! Bei Geldstrafen will er die Angabepflicht in fünf Jahren erloschen wissen, bei Gefängnisstrafen bis zu einem halben Jahre in zehn Jahren, bis zu einem Jahre in längstens fünfzehn Jahren, bei schwereren Gefängnisbußen in zwanzig Jahren vom Ende der Strafe ab. Zuchthausstrafe will er von der Wohltat der Verjährung ausschließen, und ich stimme ihm auch darin bei. Ich meine, daß seine Anregung diskutierbar ist –« Luckner nickte befriedigt. »Natürlich. Mit der Angabepflicht muß aber auch das Fragerecht des Richters fallen –« »Eins bedingt von selbst das andere –« »Der Mann soll nicht bei der Zeitungserörterung stehen bleiben!« sagte Luckner lebhaft. »Will er auch nicht,« erklärte Tönndorp. »Auch die Redaktion des Blattes nicht. Sie schließt ihre Veröffentlichungen mit der Aufforderung, durch eine Petition an den Reichstag den Stein weiter ins Rollen zu bringen. Listen zum Zeichnen sollen in Kürze überall in der Provinz herumgehen. Sie werden auch zu uns kommen.« Luckner wollte dabei nicht stehen bleiben. »Unsere Namen wiegen auch etwas,« sagte er. »Wir wollen die Bewegung durch eine öffentliche Erklärung unterstützen. Das schafft mit. Wir haben unsere Freunde. Jeder von uns soll sie für die Unterschriften heranziehen. Die Stände vereinsamen in ihren einseitigen Interessen; aber hier handelt es sich um eine Frage des Gemeinwohls, die in ihrem Ernste geeignet ist, eine das Persönliche zurückstellende, ideale Einigung herbeizuführen. Tönndorp, du übernimmst die Grafen Breitenfelde. Noer und Ohlhoffen, die stehen dir näher als uns anderen; Menge –« Er stellte ein förmliches Arbeits- und Werbeprogramm auf und sagte zu, die Erklärung selbst noch in den Abendstunden entwerfen zu wollen. »Was auf die bekannte lange Bank geschoben wird, ist immer schlecht aufgehoben,« schloß er. Er lachte. »Das steht man auch im Birkhause,« exemplifizierte er. »Nach der Verlobung war dem Fräulein die Uebersiedelung nach dem Forsthause nicht bequem; nun kommt sie gar nicht hinein. So 'ne Bank findet mitunter überhaupt kein Ende.« »Warum wollte sie denn nicht?« warf Tönndorp neugierig hin. »Naiv!« neckte Luckner. »Das Gesetz der Trägheit findet auch auf manche Menschen Anwendung.« »Auf uns ebenfalls,« nahm Tönndorp den Scherz auf. »Wir hocken und hocken und bedenken nicht, daß wir wo anders auch noch nötig sind. Meine Gnädige,« wandte er sich an seine Gattin, »wie beliebst du über den Aufbruch zu denken?« Der Hausherr und die Komteß protestierten, aber der Nachbar ließ sich nicht mehr halten, und die Neurader erhoben sich gleichfalls. »Herbrinck treffen wir noch draußen,« sagte Menge. Aber die Arbeiter hatten sich eben zerstreut, und Herbrinck kam ins Schloß zurück, als die Gäste sich verabschiedeten. Er nahm den Neurader Erbprinzen, der müde geworden und während der ernsten Unterhaltung eingeschlafen war, auf den Arm und trug ihn hinunter an den Wagen. Auch die lachenden Abschiedsgrüße, der Hufschlag und das Räderrollen auf dem Hofpflaster weckten den Schlaftrunkenen nicht auf. Luckner gab den Freund auf drängendes Verlangen frei, und Herbrinck suchte in der Wohnung eine kurze Zeit der Ruhe. Er öffnete ein Fenster nach dem Park zu, ließ die frische Luft einströmen und gab sich ganz dem Frohgefühl hin, daß er die Heimat wiedergefunden hatte, daß er wieder in der Nähe derjenigen weilen durfte, die ihm das Herz in Anhänglichkeit und Liebe hatten aufgehen lassen, als er noch ein Fremder gewesen war, und die ihn nun in ihrer Treue mit frischen Banden an sich gefesselt hatten. Die Entlobung störte ihn nicht; sie hatte einen Druck von ihm genommen, den er freiwillig auf sich geladen, der ihm aber keine Genugtuung gebracht und die Stimme des Herzens nicht übertäubt hatte. Achtzehntes Kapitel. Die Abwesenheit der Komteß Eveline war nicht von Dauer. Wenige Tage nach Herbrincks Heimkehr holte die gräfliche Equipage auch die junge Dame von der Bahn zurück. Luckner selbst war mit nach der Station gefahren. »Nanu, meine Teure,« sagte er, als sie der Beobachtung des neugierigen Sonntagspublikums entzogen waren, »nicht gefallen bei der charmanten Gräfin?« »Doch, Papa,« antworte sie einsilbig. »So! Dann hat dich vielleicht die Sehnsucht nach Timmhusen fortgetrieben?« »Kann sein, Papa.« Der Graf faßte ihre Verschlossenheit etwas energischer an. »Hast du mir nichts von der Gräfin zu bestellen?« fragte er. »Sie hat mir – einen Brief für dich mitgegeben –« Sie suchte das Schreiben widerstrebend aus einem Handtäschchen hervor. »Bitte, Papa.« »Hm – ich will nicht hoffen, daß du im Unfrieden – – bist du etwa?« forschte er drohend. »Nein, in Freundschaft. Die wurde nicht getrübt, wenn auch – unsere Meinungen – auseinandergingen.« »So? Gingen auseinander –?« wiederholte Luckner aufhorchend. »Worüber denn, wenn man fragen darf?« »Sie wird es dir ja schreiben, Papa.« Er trennte den wappengeschmückten Umschlag von feinem Elfenbeinpapier auf und vertiefte sich in die flüchtig hingeworfenen Zeilen. »Lieber Graf! Ich bedauere, daß ich meinen jungen Gast nicht länger an mich fesseln kann. Aber es wird wohl der Frühling sein, der sie auf das blühende Land, dessen schönste Zeit angebrochen ist, zurücklockt. Wie ich sie beneide und wie gern ich mich ihr anschließen würde, wenn ich nur abkommen könnte und nicht zwischen meinen vier Wänden und sieben Bäumen (alias Garten) hocken bleiben müßte. Herzlichen Dank, daß Sie mir Ihr liebes Kind wenigstens auf ein paar schöne Tage in meine Einsamkeit geschickt haben! Ich liebe die Jugend, und es regt an, mit einem guten, geweckten Kinde Fragen zu erörtern, aus deren Beurteilung das wägende Alter und die stürmende Jugendfrische in gleicher Weise ihren geistigen Gewinn ziehen. Ihre Eveline hat einen feinen, klugen Kopf, und wenn ich sie nicht ganz zu überzeugen vermocht habe, daß sie Ihren Herrn von Herbrinck – den Sie bestens von mir grüßen wollen! – nach allzu strengen Ehrbegriffen beurteilt – sie wird die empfangene Anregung schon selbst weiter verarbeiten und schließlich doch Ihrer alten Freundin nicht unrecht geben. Diese Angelegenheit Ihres Freundes übrigens regt hier die Gemüter recht auf und hat auch mich des Herrn, den ich vor Jahren kennen zu lernen das Vergnügen hatte, mit teilnehmendem Bedauern gedenken lassen. Es braucht ja nicht gesagt zu werden, daß kein Billigdenkender ihm einen Vorwurf macht; aber erfreulich ist es doch, daß die Stimme der öffentlichen Meinung sich so ganz und entschieden für ihn erklärt. Selbst in den unteren Schichten hat die Intelligenz dem Gekränkten Rächer erstehen lassen, die den intriganten Komödianten den Schauplatz seiner Tätigkeit recht schleunig von Kiel verlegen ließen. Und den geistig berufenen Führern, die sich zu einer lebhaften Agitation gegen die zutage getretene Gesetzeslücke gesammelt haben, werden ja gewiß auch Sie sich beigesellen. Lieber Graf, nochmals herzlichen Dank für den Besuch Ihres lieben Kindes! Und wenn Sie einmal selbst wieder unsere schöne Hafenstadt beehren, dann vergessen Sie nicht Ihre alte Freundin Margarete v. Soden. Nachschrift! Natürlich auch die liebe Jüngste grüße ich vielmals.«   Luckner betrachtete seine Tochter mit widerstreitenden Empfindungen. Eine leise Hoffnung, daß die in diesem Falle über Erwarten verständige Gräfin eine Bresche in das Vorurteil des Mädchens gelegt haben könnte, kämpfte mit der Befürchtung, daß die Meinungsverschiedenheit die Tochter im Trotz hatte scheiden lassen. »Lies!« forderte er grollend. Komteß Eveline gehorchte wortlos, und stumm gab sie das Schreiben zurück. »Nun –?« drängte der Graf. »Ich passe nirgends hin,« entgegnete sie mit vibrierender Stimme. Sie starrte aus dem Wagen, und der Graf beobachtete, wie ein Zucken in ihren verschlossenen Zügen das Ringen ihrer Empfindungen wiederspiegelte. Luckner schwieg nachsichtig. Plötzlich stürzten ihr die Tränen in die Augen. »Papa, ich muß Zeit haben!« sagte sie fast schreiend. »Es ist gut, mein Kind.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Deine Aversion datiert zurück. Sie ist nicht mit einem Male auszurotten. Aber gehe mit dir zu Rat. Dein gesunder Verstand muß doch endlich der Voreingenommenheit die verletzende Spitze abbrechen können. Schicke dich in die Schätzung, daß unser Freund ein uns gleich berechtigter Ehrenmann, nicht unser Diener und auch nicht der Träger eines dauernden Makels ist. Was er fehlte, war verzeihlich.« Und kurz vor dem Gute eindringlich: »Ich werde der Gräfin Soden noch heute für ihre Liebenswürdigkeit danken. Ich habe sie einmal – nicht ganz zutreffend beurteilt. Das kommt vor. Und es macht nichts, wenn die spätere Einsicht ausgleicht ... Wenn du Herbrinck begegnest: erinnere dich deiner alten Gönnerin und ihrer Anschauung. Die Gräfin ist stolz, aber auch gerecht. Und das sind die Eigenschaften eines Charakters von Vornehmheit und Tüchtigkeit. Stolz ohne Gerechtigkeit ist eine Schwäche an Gehalt ... Ich werde nicht nötig haben, dir das ins Gedächtnis zu rufen ... Aha, Lene steht schon ungeduldig unten. Die hat das Lachen, das aus den: glücklichen Innern kommt. Die schöpft das Beglücken aus einer Ueberfülle ... Tag, mein Engel!« Die Herzlichkeit der jungen Komteß berührte auch die Schwester anheimelnd, und mit einem in der nachwirkenden Erregung zögernden, widerstrebenden und doch dankbaren Kusse erwiderte sie ihre Zärtlichkeit. Lange hielt es sie aber mit der Jüngeren nicht zusammen, und als der Graf sich in sein Arbeitskabinett begeben hatte, suchte Eveline die Einsamkeit ihres Boudoirs. Der goldene Schein der Maiensonne lockte die Komtesse Helene in den Park, und sie gesellte sich freundlich zu Herbrinck, als sie diesen im Schatten der dichtbelaubten Buchen lustwandelnd traf. »Schade, daß der Nettelsee ein Stückchen entfernt liegt,« meinte Herbrinck, »und daß wir ihn nicht gegen das Ackerland umtauschen können. Wald und Wasser, Wiesenland und ein altes Schloß, das ist das vollkommene Idyll.« »Sind Sie unzufrieden?« fragte die Komteß lächelnd. »Vom oberen Stockwerk des Schlosses sieht man auch den Spiegel des Sees, und er ist mir bald wie ein lachendes, bald wie ein weinendes Erdenauge vorgekommen.« »Wie ein weinendes, Komteß?« »Ja, auch,« erwiderte sie stockend. »Ich kann verstehen: wenn die Freude das eigene Auge glänzen läßt, dann spiegelt die Umgebung, die dem Blicke erschlossen ist, den Glanz zurück. Und so mag es ähnlich sein, wenn die Träne auf Leid deutet. Aber Leid in Ihrem Sonnenschein, Komteß?« »Ich bin nicht undankbar, Herr von Herbrinck. Und ich beschwere mich nicht, wenn den langen Jahren einer heiteren Kindheit Stunden und – Tage gefolgt sind, die auch mich einen Wechsel erkennen ließen, der trübe stimmte.« »Sie hätten gelitten, Komteß?« »Wir wollen darüber nicht sprechen,« erwiderte sie leise. »Es ist vorüber. Das Leid hat mich gnädig behandelt und mich nur gestreift. Aber Sie – welche Pein müssen Sie ausgestanden haben!« Eine zitternde Innigkeit, die Herbrincks Herz jäh höher schlagen ließ, lag in der schlichten Aeußerung. »Komteß,« entgegnete er mit gewaltsam gedämpfter Wallung, »das Schicksal hat es trotz allem gut mit mir gemeint, denn zur gleichen Zeit, in der es mich schlug, brachte es mir die Erlösung. Komteß, ich habe die Scholle, auf der mich die Liebe der Eltern umhegte, mit schwerem Herzen verlassen. Aber der Druck der Schuld hat mich fortgetrieben und hat mich in Unrast gehalten und mir das höchste Glück des Lebens versagt, nach dem ich die Hand nicht auszustrecken wagen durfte. Ich wollte mich abfinden, wollte bescheiden untertauchen. Nun bin ich frei. Gottlob: frei!« Mit einem Jubellaut entrang es sich seiner Brust. »Komteß, doppelt frei!« fuhr er fort. »Auch von der zweiten Fessel, die ich mir selbst aufgelegt hatte, die mir Schutz gewähren sollte gegen ein Herzenswünschen, das unerfüllbar schien. Die Liebe zu einer Anderen, Edlen im tiefsten Herzensschrein, so schloß ich den ungleichen Bund, der mir vorübergehend selbst den treuesten Freund, Ihren Vater, zu entfremden drohte und den zu begreifen wohl niemand ganz imstande war. Gottlob, daß sie selbst mir das Wort zurückgegeben hat, das ich nicht hätte brechen können, sondern mit meinem Leben hatte bezahlen müssen. Ich wollte nicht spielen mit ihr, wahrlich nicht; ich wollte die Zufriedenheit für sie und für mich. Nicht die jauchzende Liebe konnte ich ihr geben und von ihr erbitten, aber einen bescheidenen Abglanz davon wollte ich in meine Resignation hinüberretten. Und die ich liebte, die sollte glücklich werden mit einem Besseren, mit dem Edelsten, den ich für sie herbeiträumte.« Er sah seine Begleiterin erblassen und Wanken und unterbrach sich bestürzt. »Komteß, was ist Ihnen?« »Nichts,« antwortete sie tonlos. Sein Blick umfing sie voll Sorge und Zärtlichkeit. »Komteß, ich habe meine Liebe von klein auf erblühen sehen. Das Kind war mir teuer, und die Jungfrau bete ich an. Lassen Sie mich reden, lassen Sie mich fragen. Stellen Sie sich vor, Ihre schwesterliche Güte solle mir antworten. Ihre Schwester ist mir nicht zugetan, und sie ist vor meiner Rückkehr und vor der Berührung mit mir geflohen. Für sie besteht der Schatten aus meiner Jugend weiter. Komteß, ist meine Ehre in Ihren Augen fleckenlos?« Sie nickte in tiefer Befangenheit. »Ach, wie können Sie zweifeln?« kam es stockend über ihre Lippen. »Komteß, Dank, heißen Dank!« stammelte er. »Und – ahnen Sie – – wollen Sie wissen, wen ich liebe – immer geliebt habe?« Er blieb stehen, und die Erregung lohte ihm glühend und fiebernd über die offenen, männlichen Züge. Und wie ein Sturzbach über seine Ufer, so quoll ihm das Geständnis über seine Lippen: »Komteß, Sie! Sie über alles!« Sie verlor den Halt und mußte sich an ihn lehnen. Die Tränen flössen über ihre Wangen und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte sie. In trunkener Freude legte er die Arme um sie und drückte den Mund auf ihr duftendes Blondhaar. »Helene?« ein bebender Frageton – »Helene!« laut und voll strömender Seligkeit. Er beugte sich zu ihr hinab und suchte ihren Mund. »Mein Glück – mein Herzensweib!« Und der erste Kuß der Liebe ließ sie durch Tränen lächeln und erschauern zugleich. »O Gott, das ist zu viel des Glücks! – Du liebst mich, liebst mich!« – stammelte sie, und die Sonne küßte den Tränentau ihrer glühenden Wangen, und der Maiwind strich lächelnd und kosend über den goldig schimmernden Scheitel und die junge, reine Stirn. »Ja, ich liebe dich, Helene,« flüsterte er in tiefer Zärtlichkeit zurück, »und mein Arm soll stark sein, dich treu und sicher zu tragen. Helene, dein herrlicher Vater hat mich lange durch seine große, übergütige Freundschaft beglückt, er hat mit seinem treuen Mannesmut mich rein und frei gemacht – komm, wir wollen zu ihm, wir wollen ihn bitten, und der beste, treueste Mensch wird uns sein segnendes Ja nicht vorenthalten. Komm, mein teures, einziges Lieb!« »Ja, mein Hans.« Sie hing sich schwer an seinen Arm, und er fühlte noch ihr Beben. Aber glücklich lachte sie mit den überströmenden Augen zu ihm auf. Sie betraten das Schloß vom Park aus, öffneten leise die Tür zum Arbeitszimmer des Grafen und traten Arm in Arm über die Schwelle. »Papa!« Helenes zagender Ruf ließ den Grafen sich umwenden und dem Paar ahnungslos entgegenblicken. Er schob sich ernst und voll Würde. »Was – soll das heißen?« fragte er in unsäglicher Ueberraschung. Aber schon flog das Mädchen auf ihn zu. »Papa, Papa, er liebt mich!« Sie schlang weinend die Arme um seinen Hals, und der Vater sah fest und erstaunt auf den Freund. Herbrinck folgte der Geliebten, und Auge in Auge, gerade und ehrlich sprach er seine Werbung aus. »Luckner, ja, ich liebe dein Kind, solange ich denken kann. Ich wollte ihr entsagen und schob die andere zwischen sie und mich, weil ich mich nicht würdig dünkte mit meinem Fehl. Deine Großmut und Liebe hat mich freigesprochen, und nun komme ich und sage: Vater, gib mir dein Kind als mein angebetetes Weib – mein Herzblut gehört ihm bis zu meinem letzten Atemzuge!« Luckner konnte sich so rasch nicht zurechtfinden. »Und du, mein Kind?« fragte er tastend. Ein flehendes Bitten auch von ihrem bebenden Munde. Luckner schob die Hand dem Freunde entgegen. »Herbrinck – –« Die Starre in seinen Zügen begann sich weich zu lösen. »Hans von Herbrinck, mein liebstes Kind –« Er stockte. »Mein Junge – –« Ein siegendes Lächeln gab ihm eine bezaubernde Kraft und Freudigkeit. »Mein Freund, ich habe dir kein Wort zu viel gesagt, ich bin dir ergeben gewesen in ehrlichem Dank, und ich habe um dich gesorgt und geworben mit meiner Achtung und Liebe. Mein Wort war echt – – halte du das deine! Ja, mein Junge – ja, mein Kind – und wenn's mich auch überrascht hat – ich bin doch glücklich mit euch!« Er zog Herbrinck an sich und legte dann die Hände der Glücklichen ineinander. »Nun auch noch mein Sohn,« sagte er sinnend. »Timmhusen wird unter der guten Hand weiter gedeihen. Mein Sohn,« wiederholte er lächelnd und nickend. Er wies auf ein Manuskript, das auf seinem Schreibtische lag und das er eben aus dem Entwurf ins Reine übertragen hatte. »Die zweite Buße ist ungerecht, habe ich da geschrieben. Und kein Deuteln kann die Wahrheit abschwächen, daß sie es ist. Aber die deine ist dir zur freundlichen Befreierin geworden, mein Sohn; möge sie zum Segen auch für das deutsche Recht werden!«   Ende.