Hermine Villinger Aus unserer Zeit. Geschichten 1897 Inhalt »Vons.« Aus dem Fexenreich. Revisors. Die Bas. . »Vons.« An dem Porzellanschild einer kleinen Parterrewohnung, in einem regen Geschäftsviertel der Stadt, war das Wörtchen »von« mit schwarzer Tinte so kräftig nachgezogen, daß der Name Feldern daneben sich beinahe unansehnlich ausnahm. Dies und der Umstand, daß Frau von Feldern auch beim Sprechen ihr »von« über alles Maß zu betonen pflegte, hatte der Familie die überaus kurze, aber vollwichtige Benennung »Vons« eingetragen. Man lächelte in der Nachbarschaft, wenn das Paar miteinander über die Straße ging; sie immer in schwarzer Seide, schlank und hager, mit Augen, die eigentlich sehr lebhaft waren, denen sie aber einen blasiert vornehmen Ausdruck zu geben bemüht war. Auch Herr von Feldern war schlank, er ging immer in Grau, trug einen schön gepflegten Backenbart und weiße glänzende Manschetten bis vor auf die Fingerspitzen, Dies war seine Haupteigentümlichkeit; im übrigen war er die Harmlosigkeit selbst und hatte nur ein einzigesmal in seinem Leben ausgeschlagen – damals, als er mit neunzehn Jahren als junger Fähnrich urplötzlich selbständig im Leben stand. Am ersten Tag seiner neuen Würde war er noch brav und wohlerzogen zwischen seinen Eltern nach dem Stadtpark gegangen; am zweiten Tag hatte er mit Kameraden gespielt und getrunken, auch sonstige Excesse verübt, wobei er sich in hervorragender Weise blamierte, und – nach zwei Monaten wurde er seinen Eltern heimgeschickt, mit tausend Mark Schulden und der bündigen Erklärung, daß er sich zur militärischen Laufbahn nicht eigne. Nachdem es sich bei wiederholten Versuchen erwiesen, daß seine Fähigkeiten überhaupt nicht für einen selbständigen Beruf ausreichten, brachte ihn sein Vater schließlich zu einem Advokaten; und hier, als Schreiber und unter beständiger Aufsicht, machte der junge Feldern seine Sache brav wie ein Schulkind und gab keine Veranlassung mehr zum Klagen. Da er nie mit seinen Kollegen sprach, noch über einen Witz lachte, hielten ihn diese für hochmütig und richteten ihrerseits auch nie das Wort an ihn. Allein seine Zurückhaltung entsprang einzig und allein seiner schüchternen Gemütsart. Lucia Höpfer, das »Fräulein« eines gräflichen Hauses, die dem jungen Manne jeden Morgen begegnete, hatte dessen wahre Natur sehr bald durchschaut. Erst hatte sie ihn angesehen, er sah sie wieder an; sie lächelte, er lächelte ebenfalls; sie grüßte, er zog den Hut. Darauf fingen sie an, miteinander zu reden – das heißt, sie redete, und er hörte voll Andacht zu. Das war ein Schwirren von erlauchten Namen! Seit ihrem sechzehnten Jahre verkehrte Lucia in »hohen Kreisen« und hatte deren Gewohnheiten, Manieren und Denkungsart überall angenommen; o, sie hatte einen feinen Instinkt, sofort das Richtige zu erraten, und war abwechselnd in einem Hause strenggläubig, im andern aufgeklärt, im dritten exklusiv und im vierten die Leutseligkeit selbst gewesen. Aber im Grunde, ein Dienen war es doch, und sie fühlte sich oft nicht zum sagen unglücklich, so ohne eine Menschenseele, die an ihr hing. Lucia brach in Thränen aus und ließ ihren Begleiter in großer Bestürzung mitten auf der Straße stehen. Sie ging nun ein paar Tage stumm und steif grüßend an ihm vorbei, und erst nach einer Woche, als die junge Dame einmal eine kleine Wendung nach ihm hinmachte, faßte er Mut und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Sie überschüttete ihn mit einem Wortschwall von Vorwürfen; er habe kein Herz, sie habe sich ihm anvertraut, aber das rühre ihn nicht, o nein, er bleibe kalt, er sei eben auch ein Mann und wisse die feinfühligen Empfindungen eines Mädchens nicht zu schätzen. Feldern verteidigte sich so gut er konnte, wußte absolut nicht, was er gethan haben sollte, uud bat dringend um eine nähere Erklärung, Nun, meinte sie schüchtern, als Mädchen könne sie doch nicht zuerst sprechen; ob es schön und männlich sei, dies zu verlangen? Ein neuer Thränenstrom entstürzte ihren Augen, und Feldern fing an zu begreifen und stammelte in höchster Verlegenheit! »Sprechen Sie mit meinem Vater –« Die Mutter war tot, und der alte Herr von Feldern, der über eine bescheidene Pension verfügte, kam trotz seiner vernünftigen Bedenken, daß er nicht ewig lebe und sein Sohn zu wenig verdiene, um ein mittelloses Mädchen zu heiraten – gegen die Beredsamkeit einer Lucia Höpfer nicht auf. Sie hätte lieber das Leben gelassen, als dieses »von«, durch das sie jenen Kreisen einverleibt zu werden glaubte, in deren Luft sie allein atmen zu können vermeinte. Der alte Feldern war ein einfacher Mann; er hatte es zum Rechnungsrat gebracht, sein Vater war Geometer gewesen, und man hatte von dem »von« in der Familie niemals ein Aufheben gemacht. Er hatte nichts gegen die Freude, die seine Schwiegertochter an den Tag legte, nunmehr Lucia von Feldern zu heißen, wenn sie aber mit ihren »höheren Richtungen« kam, wie er ihre Versuche nannte, die Gewohnheiten und die Lebensweise ihrer ehemaligen Herrschaften in dem kleinen Haushalte einzuführen, da legte der alte Herr sein Veto ein, und Lucia war so gescheit, sich zu fügen. Sie bewies, daß sie in der That etwas gelernt hatte, denn sie ließ sich nichts anmerken von ihrem Ärger und blieb immer freundlich, so sehr sie auch das spießbürgerliche Wesen ihres Schwiegervaters genierte; auch daß man in einem gewöhnlichen Hause wohnte, neben einem Lädchen, dem ein ewiger Heringsgeruch entströmte, war nicht nach ihrem Geschmack. Der Schwiegervater bewohnte die beste der beiden nach vorn liegenden Stuben; das Ehepaar schlief in dem schmalen Hofzimmer neben der Küche; man hatte also nur einen Raum zum Speisen und Wohnen; daß es unter solchen Verhältnissen nicht angebracht war, Besuche zu machen, lag auf der Hand. Und gerade danach sehnte sie sich am meisten – da und dort ihre Karte abzugeben und denen, die sie bisher als Gouvernante gekannt, als gnädige Frau entgegenzutreten. Inzwischen war sie die Gnädige, Jungfer und Putzfrau alles in einer Person; kühn, wie sie war, hatte sie auch das Amt der Köchin verwalten wollen, aber der alte Herr zog die Kost aus dem Speisehaus vor, sich energisch wehrend, seine alten Tage mit einer Armensuppe zu beschließen. Auch hier fügte sich die junge Frau, obwohl sie das viele Geld, das für das Essen draufging, entsetzlich kränkte; wie viel wichtiger war es doch in ihren Augen, schön zu wohnen und sich schön zu kleiden. Sie selber war, dank ihrer außerordentlichen Geschicklichkeit, die sie von ihrem Vater geerbt, welcher Schneider gewesen, immer aufs zierlichste geputzt, und wenn es irgend einer Ladenjungfer einfiel, sie, ihrer Vornehmthuerei wegen, Baronin zu nennen, so hatte Lucia ihr Ziel erreicht und kannte sich den ganzen Tag vor Vergnügen nicht lassen. Aber eines Tages starb der alte Herr und mit ihm ging nicht nur die Haupteinnahme der Familie verloren, sondern auch der Halt, die Fessel, deren Lucias Natur bedurfte. Die Felderns hatten jetzt ihren Speisesaal und ihren Salon; sie machten auch jene Besuche, nach denen Lucias Seele so lange gelechzt hatte. Es waren aber nur einige Kärtchen zurückgekommen, allerdings Kärtchen mit Kronen, die im Salon auf einem versilberten Teller ausgestellt wurden, aber die Einladungen, auf die man gehofft, waren in Jahr und Tag nicht eingetroffen. Frau von Feldern war nicht die Natur, sich irgend eine Kränkung oder Demütigung anmerken zu lassen. Sie sagte sich, es wird schon noch anders kommen, und machte sich mutig über ihre Pflichten her. Sie waren nicht gering, denn die Familie hatte sich vergrößert, und es war unmöglich, von der bescheidenen Einnahme des Mannes zu leben. Frau von Feldern hatte sich also entschlossen, unter dem Deckmantel tiefster Verschwiegenheit ihr Talent zum Schneidern in Anwendung zu bringen. Sie war so geschickt, so rasch und erfinderisch, daß sie sich ganz vorzüglich zur Leiterin eines großen Geschäftes geeignet hätte, allein Frau von Feldern wußte, was sie ihrem Namen schuldig war. Ein paar Freundinnen verschafften ihr die Kundschaft. Kam nun eine neue Dame, eingeschüchtert durch das fette »von« auf dem Porzellanschild, mit der bescheidenen Anfrage, ob sie recht sei, man habe ihr gesagt, hier wohne eine ausgezeichnete Kleidermacherin, so verfehlte Frau von Feldern nie, durch eine gut gespielte Scene ihrer Ehre genugzuthun. Der ahnungslose Kunde wurde in den Salon geführt, und bevor er wußte, wie ihm geschah, rang Frau von Feldern mit dem Ausdruck einer Niobe die Hände und teilte der bestürzten Dame unter mühsam unterdrücktem Schluchzen mit, sie sei nicht zum Kleidermachen geboren, sowohl ihre Natur als ihr Name hätten sie zu einem andern Leben bestimmt, allein, was könne der Mensch gegen Schicksalsschläge – einfach nichts; mit dem Falle ihres Mannes vom Pferde hätten seine geistigen Fähigkeiten gelitten und ihn zum Offizier untauglich gemacht, nun müsse sie die Sache in die Hand nehmen, wenn sie nicht anders leben wolle, als sie es gewohnt sei. Schließlich wurde dann doch Maß genommen und das Nötige verabredet; der Kunde war unter den Reden der Frau von Feldern ganz klein geworden und empfahl sich mit der größten Hochachtung. Kunochen wurde gerufen, der in seinen enganliegenden Höschen, den kurzen Strümpfen und langen blonden Locken wie aus einem englischen Kupferstich geschnitten aussah; er gab der Dame das Geleite, küßte ihr die Hand und machte ihr unter der Thüre einen Diener bis auf die Erde. Frau von Feldern wußte recht wohl, warum sie immer Kunochen rief und nie Edu – ihren ältesten Sohn. Sie erzog beide gleich streng, mit dem festen Vorsatz, in ihnen zwei außerordentlich feine und hervorragende Menschen heranzubilden. Was sie nicht erreicht, das sollten ihre Kinder erreichen; eine Zierde sollten sie werden jener ersten Kreise, die das Ziel ihrer Sehnsucht geblieben; den Adel hatten sie ja, es bedurfte nur der Epauletten, um sie dort heimisch zu machen; und dann war es ihnen, den Söhnen, vorbehalten, sie als Matrone dort einzuführen, wo sie hingehörte! Vor der Hand war es aber nur Kunochen, der sie zu diesen Hoffnungen berechtigte. Bei ihm war ihr es vollkommen gelungen, die wenigen Anwandlungen von Eigenwillen zu brechen, die er als kleines Kind gezeigt, und das bißchen Übermut in jene Form zu bannen, die angenehm wirkte. Er war mit fünf Jahren ein kleines Wunderchen von Wohlerzogenheit, ein Kind ohne alle Unarten, das weder Zorn noch Gefräßigkeit kannte und nie seine Kleider beschmutzte. Es war rührend, wie ihn die Roheit der Gassenjungen empörte, und mit welcher Beflissenheit er ihnen aus dem Weg ging; auch konnte er Schillers »Bürgschaft«, den »Handschuh« und den »Gang nach dem Eisenhammer« mit allerlei zierlichen Gesten hersagen. Dagegen Edu! – wie kam dieser derbe klotzige Bursch in diese ätherische, allen materiellen Genüssen abholde Familie! Frau von Feldern hatte es dahin gebracht, daß an ihrem Tisch nie ein Wort über das Essen verloren wurde; seit der alte Herr tot war, kochte sie selbst; das »Fleisch« bestand meist nur aus heißer oder kalt aufgeschnittener Wurst; da sich Frau von Feldern zur Herstellung von Gemüse und Kartoffeln so wenig Zeit wie möglich nahm, so war auch die Zukost danach. »An das Essen sollte der Mensch nie denken,« prägte sie den Ihrigen ein, und nun – dieser Edu! Er verlangte nichts, aber unablässig glotzten seine großen gierigen Augen die Platten an, so lang noch das Geringste darauf war. Er war ein Jahr älter als sein Bruder und konnte nicht ein einziges Gedicht auswendig; weder Schelte noch Schläge hatten ihn je dazu vermocht, jemand einen tiefen Diener zu machen oder einer Dame die Hand zu küssen. Wie sah er neben dem reizenden Kunochen aus; alle Bemühungen, ihn zu einer eleganten Erscheinung herauszuputzen, waren erfolglos; er haßte gute Kleider, ging mit dem Ausdruck tiefsten Verdrusses hinter den Seinen her und rieb die Ellbogen an allen Häusern ab. Er fühlte, daß er in seinen engen Sammettkleidern und dem Sammetbarett auf seinem dicken Kopf eine lächerliche Figur spielte, und war daher beflissen, den Sachen wenigstens den Anstrich der Neuheit zu rauben, in der Einbildung, daß man dann weniger nach ihm sehen würde. Frau von Feldern hielt das Gebaren ihres Sohnes für Auswüchse eines schlechten Charakters und ging ernstlich ins Zeug, diesen dem kleinen Gesellen auszutreiben. Er hingegen glaubte, seine Mutter mache sich ein besonderes Vergnügen daraus, ihn in Kleider zu stecken, darin er sich zu schämen habe, und wenn sie auf seine Bitte um Brot ihn mit der Bemerkung abspeiste: »Ich will keinen fetten Jungen zum Sohn haben« – so hielt er das für eine ihm unbegreifliche Grausamkeit, gegen die er murrte. Er begriff freilich nicht, daß seine Mutter ihre triftigen Gründe hatte, den Zuschnitt ihres Haushaltes für bescheidene Magen einzurichten; er begriff nur, daß er Hunger hatte, einen ewig nagenden, ihn bis zur Raserei quälenden Hunger. Daß er unter solchen Umständen kein liebenswürdiges Kind war, sondern mit finstern Blicken umher ging, jeden Augenblick bereit, über sein ihm stets als Muster vorgehaltenes Brüderchen herzufallen, war weiter kein Wunder. Herr von Feldern fuhr zwar manchmal heimlich seinem Ältesten liebevoll über das schwarze Haar, aber der Knabe hatte es bald weg, daß er an dem Vater keine Stütze hatte, denn es war noch nie geschehen, daß Herr von Feldern seiner Frau widersprochen ober Einsprache gethan hätte, wenn sie eine Abstrafung für nötig fand. Eines Tages zog Frau von Feldern ihre Knaben mit besonderer Feierlichkeit an, nahm sie bei der Hand und führte sie zum erstenmal den Weg zur Schule. Eduard war sieben, Kunochen noch nicht sechs Jahre alt; aber bei der außerordentlichen Begabung des Kindes wäre ein Zuwarten nur schade gewesen; nein, um den sorgte sie sich nicht; sie sah ihn schon steigen von Klasse zu Klasse; anders stand's leider mit dem Ältesten! So legte sie unter einem ungeheuren Wortschwall dem Lehrer ihr begabtes und ihr unbegabtes Kind ans Herz, und die Knaben rückten nach ihrem Weggehen in die Schulbank. Als an Kunochen die Frage erging, wer er sei, gab er die Antwort: »ich bin von «. Da ertönte ein großes schallendes Gelächter, und Kunochen hatte von Stunde an seinen Spitznamen weg und wurde von der ganzen Klasse »'s Vonle« genannt. Eduards erste That in der Schule war, daß er sich den großen weißen Spitzenkragen vom Hals riß und zerknäult in die Tasche steckte. Zu Hause erklärte er seiner Mutter, sie seien affig angezogen und er wolle nicht anders aussehen wie die andern Kinder, denn das wäre eine Schande. Frau von Feldern ließ sich von ihrem Jungen nicht belehren, und so nahmen die Kämpfe kein Ende. Im Hause des Kaufmanns Schneider, wo sie wohnten, befand sich ein großer, nicht eben wohlgehaltener Hof, in dessen Mitte eine herrliche Linde zum Himmel ragte. Eduard hatte die Weisung, im Frühjahr die Blüten zu sammeln und der Mutter zu bringen. Wer nämlich um die Sechsuhrstunde des Nachmittags bei Felderns eintrat, dem mußte der Anblick der um den Thee versammelten Familie den angenehmsten Eindruck machen; der Tisch war äußerst sauber und nett gedeckt; Frau von Feldern hatte den blank gescheuerten Theekessel neben sich und bereitete den Thee mit einer Würde und Sorgfalt, daß der feinste Souchong oder Pecco bei dieser Behandlung hätte zufrieden sein können; es waren aber nur Lindenblüten, die das strudelnde Wasser übergoß. Nach Genuß des Getränkes saß dann die ganze Familie in Schweiß gebadet da, und Frau von Feldern stellte noch außerdem die Anforderung an die Ihrigen, daß jedes diesen Prozeß so gut als thunlich zu verbergen habe; denn sparen sei keine Schande, nur dürfe man sich's nicht merken lassen. Herr von Feldern dachte zuweilen ein wenig anders als seine Gattin, aber er hatte schon lange aufgehört, dies zu äußern. Er war nie glücklich gewesen, weder in seinen Entschlüssen, noch in seinen Ratschlägen, so daß er es vorzog, sich nicht länger den Kopf zu zerbrechen, sondern das Schalten und Walten seiner um so viel klügeren und praktischeren Frau zu überlassen. Nur manchmal, wenn sie sich so gar unbillig über das Äußere ihres Ältesten ausließ und nicht begreifen wollte, wie sie zu einem so häßlichen Kinde komme, da konnte sich der Gatte nicht enthalten, ihr mit einer gewissen Schadenfreude vorzuhalten: »Er ist dir ja wie aus dem Gesichte geschnitten.« Beleidigenderes konnte es für Frau von Feldern nicht geben, denn sie hielt etwas auf ihr Äußeres: ihre Nase war freilich etwas zu stark und ihr Kinn zu spitz, aber ihr volles schwarzes Haar umrahmte ein schön geschnittenes Gesicht und ihr dunkles Auge hatte einen gebietenden Blick. Vielleicht wenn sie ihren Jungen oben in der Linde gesehen hätte, würde er ihr auch besser gefallen haben als am Mittagstisch, in ihrer beständig maßregelnden Nähe, vor dem nie nach Wunsch angefüllten Teller. Denn schließlich wußte sie den trotzigen Sinn des Buben doch zu bändigen, eben mit dem Mehr oder Weniger, das sie ihm zum Essen verabreichte, und der Ausdruck des innerlich gekränkten und gedemütigten Kindes wurde dadurch nicht schöner. Aber dort oben in der Linde, ob es Blüten zu sammeln gab oder nicht, da war der kleine Bursche ein anderer, sobald er seine Wanderungen unternahm in sein Hochgebirge, die Krone; da saß er wie in einem Urwald zwischen dem dichten Blätterwerk, kein menschliches Auge konnte zu ihm dringen, kein »das schickt sich nicht« und »das gehört sich nicht« ihn ereilen; er streckte die Zunge heraus, bloß aus Vergnügen, weil es sich nicht schickte; er ließ sein frisches, lautes Kinderlachen ertönen, bloß weil seine Mama ihm gesagt hatte: »So lacht man nicht, das ist ordinär!« – Und was hatte er für Fernsichten; über welch eine Unmasse von Dächern sah er hinweg, weit, weit in die Ebene, in deren blaue Ferne die Sonne ihren feurigen Untergang hielt! Lichtete sich die Linde, indem sich ihr Blätterwerk färbte und sich allmählich zu ihren Füßen versammelte, da gab's für den kleinen Burschen Einblicke in die nähere Umgebung, Köchinnenkämpfe von Küchenfenster zu Küchenfenster, Kinderabstrafungen, die in den Hofzimmern abgehalten wurden – kurz, es fehlte nie an unterhaltlichen und anregenden Szenen; indes, des Knaben höchstes Interesse war stets den Wohnräumen des Kaufmanns Schneider im Erdgeschosse zugewendet. Die Fenster der niedrigen Hofzimmer standen zur guten Jahreszeit stets offen, sowie die Thüre des kleinen Speisezimmers, zu welchem ein paar Stufen führten. Das ganze Leben und Treiben der Leute spielte sich auf diese Weise ebensogut im Hof wie in den Stuben ab. Zur Sommerszeit wurde an dem Tisch unter der Linde zu Mittag gespeist, gevespert und Abendbrot gegessen, und Herr Schneider wurde in den heißen Zeiten nicht müde, seiner geliebten Linde Gießkanne um Gießkanne erfrischenden Wassers zuzutragen. Für Eduard aber war dieser Mann mit dem zerknitterten Hemdenkragen und dem mit Flecken aller Art übersäten Rock das Höchste, was es auf der Welt gab. Immer kam er mit einer Zeitung daher geschossen und war außer sich über irgend einen Hagelschlag, eine Überschwemmung oder über sonst ein Unglück, das in der Welt geschehen war. Aber nur was das Volk anging, interessierte ihn, dessen Freuden und Leiden waren die seinen; gleich nahm er seinen Hut und lief davon, um da und dort sein Scherflein an eine Sammelstelle zu tragen. Anders war's, wenn in der »haute vollée» , wie sich Herr Schneider ausdrückte, etwas vorgekommen war; da rieb er sich die Hände und freute sich, ob sich's um ein Unglück oder einen Skandal handelte, und hielt seine Rede, immer dieselbe, ob er am Wirtstisch oder an seinem eigenen saß. »Ganz recht, freut mich, wenn der Herr Baron einen Lumpenstreich gemacht und der Graf ein Schwindler ist – sollen sehen, daß sie auch nur Menschen sind, Menschen wie wir, gut und schlecht. Beneid' sie nicht, bin kein Sozialdemokrat und will sie nicht zu Grund' richten, mögen ihren Namen behalten und ihre Grafenkronen und seidenen Betten dazu, aber sie sollen mir nicht in meinen Laden kommen wie die Pfauen. Ich bin der friedfertigste Mensch auf der Welt, aber sowie ich den Hochmut wittere, krieg' ich ein Gallenfieber, ich könnt' dann alles krumm und klein schlagen und so einen ›Nas'-in-die-Luft‹ an den Beinen aufhängen. Aber ich nehm' mich zusammen, denn ich sag' mir – so lang' die Welt steht, kommt der Hochmut vor dem Fall, nur werden die Menschen nie gescheiter.« Mehr als diese Reden machte auf Eduard das »Nimm dir – nimm dir!« Eindruck, womit Herr Schneider seine zwei Lehrlinge zum Essen aufforderte, während er selbst alle paar Augenblicke vom Tisch aufsprang und einem entsetzlich unruhigen kleinen Mädchen nachlief, das nicht am Tisch still sitzen kannte; unter den heißesten Bitten und Versprechungen nötigte er dem Kind bald eine Gabel voll Fleisch, bald einen Löffel mit Gemüse auf und war immer vergnügt, wenn er mit seiner Fütterung nicht unverrichteter Sache abziehen mußte. Eduard malte sich's aus, wie wunderschön das wäre, wenn am elterlichen Tisch auch solches »Nimm dir – nimm dir!« an der Tagesordnung wäre, und man so nach Herzenslust drauf los essen dürfte wie bei Schneiders. Aber welch ein Unterschied zwischen dem vollständigen Sichgehenlassen an diesem wohlversorgten Tisch und den Mahlzeiten im elterlichen Hause! Und als sich eines Sonntags Eduard, im Hinblick auf die paar dünnen Wursträdchen auf seinem Teller, nicht enthalten konnte, mit einem Seufzer zu bemerken: »Heute haben Schneiders Gansbraten –« da wurde der unbescheidene Sprecher mit ein paar Ohrfeigen zurechtgewiesen, daß ihm zu der kargen Mahlzeit auch noch der Kopf brummte. Es gab nämlich nicht leicht zwei Menschen auf Gottes Erdboden, die sich mehr haßten als Frau von Feldern und der Kaufmann Schneider. Sie war für ihn der leibhaftige Inbegriff jenes Hochmuts, den er mit seinem Ingrimm verfolgte, während sie ihn nie anders als den bethranten Mann mit dem Heringsduft nannte. Sie bekriegten einander und lebten sich zu Leid, wo sie nur konnten, und alle paar Quartale flogen die Wohnungskündigungen zwischen dem Hausherrn und Frau von Feldern nur so hin und her, wurden aber immer wieder durch den demütig und freundlich bei Herrn Schneider vorsprechenden Gatten rückgängig gemacht. Denn hier blieb der sonst so nachgiebige und willensschwache Mann fest – er wollte das Haus nicht verlassen, in dem seine Eltern gestorben waren. Alles Reden und Drohen von seiten seiner Frau glitt an ihm ab; so oft sie gekündigt hatte, legte er sich ins Bett und stand nicht eher auf, bis sie ihm erlaubte, mit dem Hausherrn zu reden. Frau von Feldern aber wäre aus mehr als einem Grunde gern gezogen; vor allem schämte sie sich, ihre spärlichen, kargen Einkäufe bei Herrn Schneider zu machen, und holte deshalb ihren Bedarf Gott weiß wo des Abends zusammen; allein sie näherte sich nie dem Hause, ohne daß Herr Schneider sie händereibend unter der Thür erwartete. »Einkäufe gemacht, Frau von Feldern, recht billige Einkäufe?« lautete seine stete Frage, und sie vergalt ihm die Bosheit mit Entgegnungen wie: »Man wird ja ohnmächtig in Ihrem Lädchen, Herr Schneider, wenn man nicht Ihre gottgesegneten Geruchsnerven besitzt.« So sehr sie nun übertrieb – im Schneiderschen Geschäft ging's in der That nicht übermäßig reinlich zu; er ließ so ziemlich fünfe gerade sein, und es genierte ihn nicht, daß seine halbe Wohnung voll Kisten und Kistchen stand bis heraus in den ebenfalls vollgekramten Hof. So oft nun aber Frau von Feldern ein bissiges Wörtlein über diese Angelegenheit fallen ließ, überkam Herrn Schneider ein plötzliches Grausen vor seiner Unordnung, und es war in solchen Zeiten nicht gut Kirschen essen mit ihm. In dieser Stimmung stürmte er denn auch eines Tages, wie er ging und stand, in die Feldernsche Wohnung und teilte der Dame des Hauses mit nicht zu verkennender Genugthuung mit, ihr wohlerzogenes Söhnlein Eduard habe ihm eine feine Göttingerwurst aus einer seiner Kisten im Hofe gestohlen. Frau von Feldern rief ihren Ältesten herbei, dem noch verräterische Spuren an den Fingern klebten, und nun wurde vor den Augen des Klägers die Strafe an dem kleinen Verbrecher vollzogen. Sie fiel aber so aus, daß es dem im Grund höchst gutmütigen Manne himmelangst wurde und er, sich selber verwünschend, der unbarmherzigen Frau ein Halt ums andere zurief. Aber sie hörte erst mit Zuschlagen auf, als ihr der Atem ausging. »Erziehung ist alles,« sagte sie zu Herrn Schneider, »wissen Sie, wir erziehen unsre Kinder; was kostet die Wurst?« Herr Schneider bückte sich zu dem dumpfschluchzenden Buben nieder und suchte ihn aufzuheben. »Was kostet die Wurst?« wiederholte Frau von Feldern. »Ach Gott, was wird sie gekostet haben,« stammelte Herr Schneider. »Schweiß hat sie gekostet – wie kann man ein Kind so schlagen!« »Kümmern Sie sich nicht um meine Kinder; wenn Sie mich aber wieder beehren sollten, so bitte ich mir aus, daß sie in einem anständigen Rock erscheinen; Sie nehmen diese zwei Mark!« Er war so verlegen und geniert, daß er that, was sie wollte, und sich schleunigst zur Thür hinaus drückte. Drüben knirschte er freilich, daß er sich von der hochnäsigen Person so hatte drankriegen lassen; im tiefsten Innern aber quälte er sich um den geprügelten Jungen und konnte sich nicht genug schämen, ihn angezeigt zu haben. Der folgende Tag war ein Sonntag; Eduard stand unter der halbgeöffneten Hofthür mit einem Ausdruck dumpfer Wut und nagte an der Unterlippe; er war noch immer in der Strafe für seine That, hatte bei Tisch nur Kartoffeln bekommen und sollte nicht zum Sechsuhrthee erscheinen. Der Sonntag war aber Mamas »Jour«, da ging's ihm immer am besten, denn da war die Aufsicht keine so strenge. Er stand und starrte die Linde an, die, schmuck und jungbelaubt, ihre Zweige zum Himmel streckte. Aber dem bestraften Sünder war's heute nicht ums Klettern zu thun; aus Verdruß und Langerweile sah er der kleinen Gustel zu, die im Hofe mit ihren Puppen spielte uud ein gar geschäftiges und lebhaftes Wesen an den Tag legte. Sie war ein kleines kraushaariges Dingelchen mit den treuherzigsten Augen der Welt, und ihr Vater hatte keinen Augenblick Ruhe vor ihr. Er saß auf der Treppe des Eßstübchens, in seine Zeitung vertieft; kam dann die Kleine und klagte: »Vaterle, mein Pupple ist krank« und legte er – dabei aber immer weiterlesend – sein Gesicht in tausend Verzweiflungsfalten, so war das Kind zufrieden und lief wieder fort. Zuweilen aber weinte er, wenn er lachen sollte, oder umgekehrt, und dann wurde er gehörig gescholten, war gar kein »liebs Vaterle« und hatte alle Mühe, sich wieder in Gunst zu setzen. Schließlich stellte er den Frieden durch ein großes Butterbrot her, auf das er noch außerdem Zucker streute. Nun war die Kleine zufrieden, stellte sich mitten in den Hof und machte Anstalten, in ihr Vesperbrot zu beißen, als Eduard unter seiner Hofthür entdeckte, dessen Augen mit unverhohlener Gier an ihrem Butterbrot hingen; schnurstracks ging sie auf ihn zu und forderte ihn auf: »Beiß auch –« Er ließ es sich nicht zweimal sagen und verschlang gleich das halbe Butterbrot. Des freute sich die Kleine und befahl, ihm die andere Hälfte hinhaltend: »Das auch!« Es war im Nu weg. »Bist jetzt satt?» fragte sie. Eduard schüttelte den Kopf. »Ich bin nie satt.« Da lief sie zu ihrem Vater. »Schnell noch ein Butterbrot, 's pressiert, Vaterle!« Herr Schneider, der dem Beginnen der Kinder zugeschaut, beeilte sich, was er konnte, den Wunsch seines Kindes zu erfüllen, und sah dann mit innerer Genugthuung zu, wie die Kleine den dicktöpfigen Jungen fütterte, der mit fabelhafter Geschwindigkeit auch dies zweite Butterbrot vertilgte. Aber auf die Frage der Kleinen, ob er jetzt satt sei, schüttelte er wiederum den Kopf, und erst nach dem fünften Butterbrot kam's zögernd über seine Lippen: »Ich glaub', jetzt bin ich beinah' satt.« Da rief Herr Schneider den Jungen zu sich; es war ihm ein wahres Bedürfnis, sich in dessen Augen zu rechtfertigen. »So oft du Hunger hast, komme nur und halte mit uns; nur, weißt du, nehmen darf man nichts, da muß Strafe sein; ich war auch einmal so ein kleiner Knirps wie du und hab' tüchtig Schläg' gekriegt – ja was hab' ich denn nur genommen? – ich glaube, meines Vaters Taschenmesser; das ist so der Welt Lauf; nun spielt miteinander und laßt mich meine Zeitung lesen!« Eduard wurde alsbald zum willigen Pferdchen, ließ sich von Gustl vor den Puppenwagen spannen und fuhr mit einem solchen Ungestüm um die Linde herum, daß es ein lustiges Unglück ums andere gab, und die Unterhaltung an Abwechslung nichts zu wünschen übrig ließ. Herr Schneider sah zwar in seine Zeitung hinein, aber seine Gedanken gingen ihren eignen Weg. Natürlich war's ein Unrecht, den Buben hinter dem Rücken seiner Mutter herauszufüttern, aber wie verlockend, der hochmütigen Person das zuleib zu thun! Für Eduard konnte die Sache zwar ungünstige Folgen haben; entweder es kam heraus und er erhielt schreckliche Schläge, oder er wurde zum Lügner, um sein Geheimnis festzuhalten, und das war noch schlimmer. »Nein,« sagte sich Herr Schneider, »es darf nicht sein, es thut mir sehr leid, aber es darf nicht sein.« Indes Eduard stellte sich am andern Tag mit so rührender Pünktlichkeit um die Butterbrotzeit ein, daß Herr Schneider seine guten Vorsätze vergaß und den Knaben nach Herzenslust zugreifen hieß. Am nächsten Sonntag war Edu wieder in der Strafe und sprang seelenvergnügt mit Gustel im Hof umher; er hatte mit Absicht sein sammetnes Barett in die Gosse geworfen, um vom sonntäglichen Thee ausgeschlossen zu werden, der allen Reiz für ihn verloren hatte, seit er am Tische des Herrn Schneider dessen nimmer müdes »Nimm dir – nimm dir!« befolgen durfte. Frau von Feldern aber saß in ihrem schwarzen Seidenkleid, mit einer Tüllrüsche bis an die Ohren, in einem Fauteuil ihres Salons und wartete auf ihre Gäste. Dies war die einzige Zeit, in der sie ihren Händen einmal Ruhe gönnte, denn kaum waren die Gäste gegangen, so waren diese fleischlosen langen Finger schon wieder in Thätigkeit. Herr von Feldern im grauen Anzug, die Hände mit den langen Manschetten auf dem Rücken, ging unablässig auf und ab, vom Salon in den Speisesaal und umgekehrt. Seine Frau wurde manchmal ganz nervös von dieser »ewigen Pendelei«, wie sie die Promenaden des Gatten nannte, allein sie ließ sich von dem, was in ihr vorging, nichts anmerken; sie sagte sich: etwas muß der Mensch haben, und alles andre wäre teurer als dies Vergnügen! Kunochen öffnete die Thüre, als es klingelte, und der erste Gast, Frau Müller, eine Dame reifen Alters, kam hereingerauscht – sehr wohlbeleibt, äußerst elegant, mit Schmuck überladen und einer Stimme wie eine Trompete. Frau Müller war die beste Kundin der Frau von Feldern, gab dieser durch ihre Putzsucht reichlich zu verdienen und konnte sie im Grunde ihres Herzens nicht ausstehen; aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der zweite und letzte Gast des Hauses, Fräulein Malchen, spielte die Vermittlerin der beiden stets auf dem Kriegsfuß verkehrenden Damen, indem sie es verstand, jeder recht zu geben, und sich selber nie anmaßte, eine Meinung zu haben. Frau von Feldern protegierte in ihr eine Künstlerin; »Malchen», wie sie im ganzen Theater, vom Intendanten bis zum letzten Choristen, genannt wurde, Malchen war seit ihrem zehnten Jahre ein Mitglied der Hofbühne und all die Zeit her nicht um eines Haares Breite von jenem damals eingelernten papageiartigen Ton abgewichen, mit dem sie von den Kinderrollen in die der jugendlichen Zofen und dann allgemach in das Fach der reiferen Vertrauten vorgerückt war. Und wie sie auf der Bühne nie eine Hauptrolle spielte, so geschah es ihr auch im Leben; nie verließ eine Primadonna oder eine Tragödin das Theater, ohne sich von dem schluchzenden, sie an die Bahn begleitenden Malchen mit Gewalt losreißen zu müssen. Und immer geschah es wieder, daß all die Versprechungen, all die Schwüre ewiger Freundschaft von der Scheidenden vergessen wurden, und weder eine Einladung noch ein Brieflein das trostlose Malchen in ihrem Schmerze tröstete. In gerechter Wut über die erbärmliche Undankbarkeit des menschlichen Geschlechtes, hing sie dann flugs ihr Herz an den nächsten »Stern« der Hofbühne, sich für die erlittene Kränkung und Zurücksetzung dadurch schadlos haltend, daß sie der neuen Freundin alle Toilettengeheimnisse, Liebesabenteuer und Familienverhältnisse der Treulosen preisgab. Hierauf war sie wieder ganz Aufopferung und Beflissenheit, nahm alle Unannehmlichkeiten, die der Künstlerin widerfuhren, für persönliche Beleidigungen und wußte noch im allerletzten Moment Rats für eine verunglückte Toilette, mit der sie zu Frau von Feldern rannte. Diese hatte, seit sie Malchen protegierte, zwei Nähmädchen in ihrer Schlafstube sitzen und immer vollauf zu thun. Aber auch Malchen fand ihre Rechnung bei dem Verkehr; im ganzen Theater wußte man: Malchen ist Sonntags bei »Vons«; Malchen hatte ihren Familienanschluß, mochten ihr noch so viele Freundinnen untreu werden, Malchen ist niemals verlassen! Auf dem Theetisch der Frau von Feldern befand sich am Empfangstag eine zweite Theekanne mit wirklichem Thee und ein silbernes Brotkörbchen mit wirklich belegten Butterbrötchen. Frau Müller saß kaum an ihrem Platz, so erkundigte sie sich auch schon nach dem fehlenden Eduard, dem sie aus purem Widerspruch und Frau von Feldern zum Trotz ihre Vorliebe geschenkt hatte. Als ihr die Antwort wurde, Edu sei wieder in der Strafe wegen seiner entsetzlichen Ungebärdigkeit, verschluckte sich Frau Müller fast – sie hatte immer den Mund zu voll – mit solchem Eifer nahm sie sich des Abwesenden an. »Immer ist der arme Bub' in der Straf' – warum denn? Weil er einen eigenen Kopf hat – nun ja, Sie werden noch an mich denken – aus dem wird was, das sag' ich, die Müllern – Buben müssen Buben sein und keine Affen, ich für meine Person kann diese geschniegelten kleinen Affen nicht ausstehen!« Frau von Feldern wechselte einen Blick mit Malchen; man verstand die Anspielung, aber man schwieg; Frau Müller war es nämlich einmal begegnet, ihr Butterbrot mit der Butterseite auf das Tischtuch fallen zu lassen. Nun gab es im Feldernschen Hause kein größeres Verbrechen als das Beschmutzen eines Tischtuches. Kunochen war deshalb über diese Unthat so entsetzt gewesen, daß er in die Worte ausbrach: »O du Schweinchen, du Schweinchen!« Seither konnte Frau Müller den kleinen, flachshaarigen Buben nicht mehr ausstehen, um so mehr, als sie bemerkte, daß er ihr fortwährend auf die Finger sah und sie auf diese Art zwang, auf sich acht zu haben. Frau von Feldern, immer beflissen, erziehlich zu wirken, suchte der Unterhaltung eine geistreiche Wendung zu geben. »Ich bin doch sehr glücklich, daß sich endlich der Zeitgeist der Frau bemächtigt, und wir in unserer geistigen Bedeutung nunmehr gewürdigt werden.« »Ja,« sagte Malchen, »Gott sei Dank, daß es jetzt nicht mehr Mode ist, sich zu schämen, wenn man ledig ist, sondern im Gegenteil!« Frau Müller lachte laut auf. »Ich thät mich doch schämen, nein, das macht mir niemand weis, daß ledig sein keine Schand' sei – ich war zweimal verheiratet und hätt' zum drittenmal geheiratet, wenn mir nicht gerade noch schnell mein erster Mann mit der Zipfelkapp' erschienen wär'! ›Frau‹, hat er gesagt und hat mir mit dem Finger gedroht; Jesses Gott, Hab' ich gedacht, am End' holt er dich – und hab's Heiraten bleiben lassen.« Frau von Feldern rümpfte die Nase, »Wie mag ein gebildeter Mensch an Spuk glauben.« »Glauben Sie vielleicht, ich thu's; 's fällt mir nicht ein, ereiferte sich Frau Müller, »ich glaub' ganz gewiß an keine Gespenster, aber das einemal hab' ich eins gesehen, und da beißt keine Maus den Faden ab.« »Aber nicht wahr,« wandte sich Malchen an Frau von Feldern, »wenn auch Fran Müller in der Hauptsache recht hat, ein lediges, tugendhaftes Mädchen ist trotzdem eine ehrenhafte Person?« »Das ist sie,« unterbrach sie Frau van Federn, »den Wert der Frau bestimmt weder das viele Heiraten noch das Ledigsein; unsere Auszeichnung liegt in uns selbst, und es giebt tausend Ehen, in denen der Mann gar nichts ist und die Frau alles –« Malchen fiel Frau von Feldern um den Hals. »Sie sind immer so geistvoll!« Herr von Feldern betrachtete angelegentlich seine Manschetten, und Kunochen, der von der ganzen Unterhaltung nichts verstanden hatte, rief vergnügt aus: »Die Mama hat doch immer recht!« Er wurde von Malchen abgeküßt und ein geniales Kind genannt, und schon im nächsten Augenblick stand er mitten im Zimmer und deklamierte den »Handschuh«. »Jesses Gott, wenn ich doch nur die Viecher nimmer aufspazieren hören müßt',« murmelte Frau Müller, und ihre verzweifelten Blicke flogen von einem Gegenstand des Zimmers zum andern. Sie sprang auf, als Kunochen eben Atem schöpfte, um die »Bürgschaft« anzufangen, allein Frau von Feldern drückte den Gast mit Gewalt auf seinen Stuhl nieder: »Ich bitte Sie, Schillers Gedichte, Frau Müller – sollten Sie für das Höchste auf Erden, für die Poesie, kein Interesse haben?« So etwas konnte man doch nicht auf sich sitzen lassen: Frau Müller hörte mit innerlichem Knirschen die »Bürgschaft« an und dann noch den »Gang nach dem Eisenhammer«. Herr von Feldern schnarchte dazu, und allmählich wirkte das sanfte Geräusch auch beruhigend auf das erregte Gemüt der Witwe. Als sie, nachdem sie sich so schnell als möglich nach den stattgehabten Genüssen verabschiedet hatte, vor das Haus trat, sah sie den Herrn Schneider vor seiner Ladenthür stehen und rauschte mit einem »Hol Sie der Teufel, grüß Sie Gott, Herr Schneider!« auf den Mann zu. »Warum soll mich denn der Teufel holen?« fragte er. »'s muß halt wo 'naus,« gab sie zur Antwort, »denn wenn ich von da drin komm', ist mir's zu Mut wie einer Lokomotiv', und ich möcht' schnaufen und fauchen und alles in Grund und Boden 'nein rennen; o Herrgott, ist das alle Sonntag' eine Tortur!« »Ja, warum gehen Sie denn immer wieder hin?« fragte Herr Schneider. »Aber ich bitt' Sie, was soll ich denn,sonst mit meinem Sonntagnachmittag anfangen, daheim bleiben kann man doch nicht! und dann, schauen Sie, hat's auch sein Guts – jetzt freu' ich mich wieder die ganze Woch' über meine Natürlichkeit, und daß ich mich nimmer anzustrengen brauch' wie eine Prinzeß. Ach Gott, wenn ich's ihr doch einmal sagen könnt', wie mir's auf der Seel' sitzt – wenn ich sie einmal niederdonnern könnt' –!« »Aber wer hält Sie denn davon ab,« unterbrach sie Herr Schneider, »so thun Sie's doch ins Kuckucks Namen!« »So, ja hopsa, daß sie mich beim nächsten Kleid in allen Ecken und Enden einpreßt und mir am End' die neueste Mode unterschlägt! So 'was ist schon dagewesen, und wenn ich alles vertrag', das vertrag' ich nicht! Leben Sie wohl, Herr Schneider, und das ist gewiß, wir zwei verstehen uns, und dabei soll's bleiben!« – Kunochen hatte eines Tages den Bruder dabei entdeckt, wie er sich zur Vesperzeit bei Herrn Schneider gütlich that. Erst drohte er damit, Eduard bei der Mutter zu verklagen, dann aber gingen die Brüder einen Handel miteinander ein, indem Eduard versprach, dem Bruder die Schulaufgaben als Entgelt für die Wahrung des Geheimnisses zu machen. Kunochen mußte nämlich die Eigenschaften, welche die Mutter so sehr an ihm rühmte – daß er wie ein Vogel aß und all seine freie Zeit bei ihr in der Stube verbrachte, mit einem vollkommenen Mangel an Kräften büßen; daher, welch willkommene Gelegenheit, dem Bruder seine Aufgaben zuschieben zu können! Er brachte seitdem bessere Noten mit nach Hause, nur für das Mündliche blieben sie schlecht; allein Frau von Feldern lief immer wieder in die Schule, um den Lehrern, deren Schrecken sie war, begreiflich zu machen, daß, wenn Kunochen schlecht antworte, dies nur an seiner Schüchternheit liege. Er habe das von ihr, auch sie habe in der Schule, sobald eine Frage an sie gestellt wurde, den Kopf verloren, obwohl sie mehr gewußt habe als die ganze Klasse. Kunochen machte sich das unglückliche mütterliche Erbteil sofort zu nutze und spielte so trefflich den Bestürzten und Fassungslosen, daß er die Lehrer wirklich damit täuschte und sie ihn für befähigter hielten als seinen Bruder. Eduard gab nie unverständige Antworten, aber er lernte schwer auswendig und seine Aufgaben waren hudelig und schlecht gemacht. Daran war außer dem Umstand, daß er zu viel Zeit an die Aufgaben seines Bruders verwenden mußte, noch etwas anderes schuld: Eduard wollte aus dem Gymnasium heraus. Er war durch und durch angesteckt von den Gesinnungen des Herrn Schneider, der den Bürgerstand als den einzig richtigen in der Welt pries, in dem allein wirklich freie und unabhängige Männer zu gedeihen vermöchten. »Ich kann thun, was ich will,« sagte er zu dem begierig an seinen Lippen hängenden Knaben, »ich habe keinen Vorgesetzten, nach dem ich meine Meinung, meine Gesinnung zu richten brauche; der Beamten- oder Offiziersstand aber, was ist das anderes als Schulzwang bis ins graue Alter!« Nicht auf einmal, so nach und nach hatte Herr Schneider des Knaben Sinn mit dergleichen Redensarten gefangen genommen; allemal wenn Frau von Felderns Hochmut den hitzigen Mann wieder in Harnisch gebracht, schwiegen dessen Gewissensbisse; er sprach von neuem in den Knaben hinein und freute sich, mit anzusehen, wie so ganz anders sich der kleine Mann entwickelte, als es seiner Mutter lieb sein mochte. Edu war ein gesunder kräftiger Bursche geworden, der nicht mehr von seinem knurrenden Magen abhing, sondern schon sein Lebensziel im Auge hatte. Er wollte Kaufmann werden: sein Ideal war die ungezwungene, Fröhlichkeit und Behagen atmende Häuslichkeit des Kaufmanns Schneider; er gehörte längst dazu und saß vergnügt bei der Abendmahlzeit, wenn seine Mutter ihn im Bett vermutete. Bei Schneiders standen Teller und Schüsseln, alle mehr oder weniger zerstoßen oder zersprungen, auf einem blau und gelb karrierten Wachstuch; es fielen keine Bemerkungen über die wenig schöne Art, wie jeder Messer und Gabel handhabte; man schmatzte lustig drauf los, sprach mit vollem Munde, und der Herr Schneider oben am Tisch gab kein besseres Beispiel. Eduard hatte es anders gelernt, allein wie er sich einstens seiner neuen Mützen und Kleider geschämt hatte, so schämte er sich jetzt seiner besseren Manieren und gab sich die erdenklichste Mühe, es den anderen gleich zu thun. Mitten aus diesem Beginnen riß ihn eines Tages die kleine Gustl: »Du mußt nicht meinen, daß du auch so wüst thun mußt, es ist viel schöner anders.« Eduard wurde dunkelrot und merkwürdigerweise erfaßte diese Scham wie eine ansteckende Krankheit auch sämtliche Anwesende, Herrn Schneider an der Spitze, und alle sahen stumm und betreten nach der kleinen Sprecherin hin, die fein zierlich ihre Gabel in der Hand hielt, kerzengerade da saß und mit geschlossenen Lippen kaute. Niemand wußte, wie es kam, aber die vielen sich bisher auf dem Tisch stoßenden Ellbogen waren plötzlich von der Oberfläche verschwunden, man hörte kein Schmatzen, man sah keine schmutzigen Hände mehr. Nur Herr Schneider schlürfte nach wie vor seine Suppe hinunter und gab sich die erdenklichste Mühe, gegen die neue Ordnung der Dinge stand zu halten, indem er verdrossen in sich hinein fluchte: »Will ich die Feldernschen Manieren an meinem Tisch? Hol' sie der Teufel!« Aber er holte sie nicht, sondern der gute Herr Schneider mußte eine Erfahrung machen, auf die er nicht gefaßt gewesen war – nämlich, daß in gleichem Maße, wie er der Mutter den Sohn abspenstig machte, ihm sein Kind abspenstig gemacht wurde – und zwar durch eben diesen Eduard. Er, der Vater, war nicht länger das Ideal seines Augapfels und hatte aufgehört, für sein Kind im Glanze der Unfehlbarkeit zu wandeln – den ganzen Tag mußte er hören: »Vaterle, so macht man das nicht, der Eduard macht's ganz anders –« »Vaterle, warum hast du nur immer so viele Flecken an deinem Rock, siehst du nicht, wie sauber der Eduard ist?« Der hatte in der That aufgehört, länger seine gute Erziehung verleugnen zu wollen; sah er sich doch unausgesetzt von Gustls großen Augen beobachtet, und er hatte nicht Lust, sich einer zweiten Rüge aus dem Munde des Kindes auszusetzen. Er war am Ende des Schuljahres aus dem Gymnasium geschickt worden; seine Mutter hatte zwar etliche Anstürme versucht und es bei den Lehrern durchsetzen wollen, daß man den Sohn im Gymnasium behalte, allein Eduard hatte den alten Sprachen gegenüber so gründlich den Verstockten gespielt, daß von einer Wiederaufnahme keine Rede sein konnte. Obgleich er nun im Realgymnasium ein vortrefflicher Schüler wurde und die besten Zeugnisse nach Hause brachte, so hatte er doch durch seinen Austritt aus dem Gymnasium die Liebe seiner Mutter völlig verscherzt. Er war in ihren Augen gesunken, hatte sich für immer um sein Anrecht auf den Umgang mit Hochstehenden gebracht. Sie sagte: »Ich kann mich für ein Kind mit gewöhnlichen Instinkten nicht interessieren; ich sehe mich um die Ernte gebracht, die du mir schuldig warst!« Eduard kränkten diese Worte mehr, als er sich's selbst gestand; er beschloß in seinem Innern: »Ich werd's der Mutter zeigen, ich werd's ihr schon noch eines Tages zeigen, daß man sich meiner nicht zu schämen braucht!« Darauf kam er immer wieder zurück, wenn er sich gegen Herrn Schneider aussprach. Mochte der Bruder ein feiner Herr werden und nur mit Adeligen umgehen, er wollte inzwischen tüchtig werden und reich uud angesehen, und hoffentlich war's dann ihm, nur ihm und nicht dem Bruder, vorbehalten, der Mutter ein sorgenloses Alter zu bereiten! Das war immer das Endziel seiner Wünsche, uud zum großen Ärger des Herrn Schneider war auch Gustls Phantasie fortwährend mit dieser Frau beschäftigt. Es drängte sie immer wieder, eine Gelegenheit zu suchen, Frau von Feldern entweder unter dem Thorweg des Hauses oder auf der Gasse zu begegnen, und eines Tages plagte sie die Neugier so stark, daß sie dem Gespielen ins Ohr sagte: »Du, ich möcht' gar so gern einmal sehen, wie's bei euch ist –« Eduard nahm sie bei der Hand. »Komm mit!« Er hatte zwar die feste Überzeugung, daß die Sache nicht gut ausfallen würde, aber warum sollte er nicht ebensogut ein Recht haben, sein Kamerädchen mit in die Stube zu bringen, wie Kuno, der jetzt sehr oft Besuch bekam, welchen die Mutter nicht genug auszeichnen konnte. So trat er, Gustl, der das Herz bis an den Hals schlug, am Händchen nach sich ziehend, in die Eßstube; Frau von Feldern saß wie immer am Nähtisch; Kunochen hatte einen Kameraden bei sich; die beiden Knaben waren dabei, Bleisoldaten aufzustellen und gegeneinander marschieren zu lassen. Dies geschah, nachdem Kuno über zwei Stunden mit dem Hilfslehrer gearbeitet hatte, den Frau von Feldern für ihren Jüngsten nun zu halten gezwungen war; er war in seiner Klasse sitzen geblieben, da sein Bruder ihm nicht länger die Aufgaben hatte machen können. Eduard und die Kleine hatten sich draußen in der frischen Herbstluft getummelt und traten nun mit hochroten Wangen und zerzausten Haaren in den friedlichen Kreis, einen vollen Gegensatz bildend zu dem abgearbeiteten Kunochen, das schweigend seine Bleisoldaten hin und her schob. Frau von Feldern blickte erstaunt auf; es war ihr unbegreiflich, wie Eduard es wagen durfte, die kleine unerzogene Tochter des Herrn Schneider mit hereinzubringen. Sie reichte nichts destoweniger dem kleinen Gast die Hand, freilich mit einiger Vorsicht, indem sie hinzufügte: »Man muß sich immer hübsch waschen und sauber kleiden, bevor man Besuche macht ... Kunochen,« setzte sie hinzu, »warte der Kleinen von dem Zwieback auf –« Dies geschah. Allein Kunochen stand schon eine ganze Weile mit seinem Teller vor Gustl, sie nahm nichts; der kalte, strenge Blick der Frau von Feldern lähmte das Kind vollständig; es hatte seine sonnenverbrannten, allerdings nicht ganz saubern Händchen unter der Schürze versteckt, atmete hörbar und war dem Weinen nahe. Eduard stand an ihrer Seite mit einem Gesicht, als wartete er nur auf den Augenblick, um seine kleine Freundin gegen die feindlichen Mächte zu verteidigen, die sie beängstigten. Da kam auch schon die Gelegenheit. »Ist die aber dumm!« rief Kunochens Freund vom Tisch her. Im nächsten Augenblick hatte er seine Ohrfeige weg und lag brüllend mit dem Gesicht auf den Bleisoldaten. »So ist es immer,« sagte Frau von Feldern, streckte die Hand aus und zog Eduard kräftig am Ohr. »Du brauchst nur zu kommen, so geht der Unfriede los. Wenn du denn schon ein Gassenjunge bist, so bleibe auch auf der Gasse, wenn man dich nicht ruft.« Eduard, der keine Miene verzog, obwohl sich sein Ohr unter den harten Fingern seiner Mutter blaurot gefärbt hatte, Eduard nahm seine kleine Gefährtin bei der Hand und zog sie zur Thür hinaus. Im Hofe riß sich Gustl von ihm los und flog, kaum die Erde mit den Füßchen berührend, ein paarmal wie besessen um die Linde herum; dann kehrte sie atemlos zu dem Knaben zurück. »Hast du deine Mutter lieb?« »Heut' nicht,« gab er zur Antwort. Aber es lag ihm daran, das Unliebsame dieses Erlebnisses bei der Kleinen in Vergessenheit zu bringen, denn welchen Eindruck es auf sie gemacht, zeigte sich deutlich in der noch größeren Sorgfalt, die sie auf ihr Äußeres verwendete. Die Köchin sollte ihr alle Tage eine frische Schürze geben; Gustl bürstete und kämmte ihr lockiges Haar zum Erbarmen, und bei jeder Gelegenheit wurde der Kamerad gefragt: »Hab' ich jetzt so saubere Hände wie deine Mutter?« »Ach was,« sagte er eines Tages, »laß mich in Ruh', jetzt sollst du einmal etwas erleben, das Schönste auf der Welt – ein wenig Mut mußt du freilich haben – hast du?« »O ja!« versicherte Gustl. Eduard holte eine Leiter aus dem Holzstall und legte sie an die Linde. »Jetzt mir nach!« befahl er, stieg hinauf, wartete auf dem untersten Zweig und nahm das Kind, das ihm willig gefolgt war, in Empfang. »So,« sagte er, »nur schön sachte von Ast zu Ast mir nach – es ist wie eine Treppe, man kann's ordentlich merken, daß ich schon hundert Jahr' da herauf komm' – da oben ist's überhaupt am schönsten auf der Welt – paß auf, wie dir's gefallen wird, Gustl, man meint auf einmal, man wär' ein Vogel, und kein Mensch hätt' einem mehr 'was zu sagen!« So plaudernd war er vorausgestiegen, hatte der Kleinen immer zur rechten Zeit die Hand gereicht, und sie waren miteinander glücklich und wohlgemut bis in die höchsten Regionen des Baumes geklettert. Da saßen sie dicht beisammen auf einem Ast, fast in gleicher Höhe mit den Dächern rings umher, und tief unter ihnen lag der Hof. »Gelt, so 'was hast du noch nicht gesehen, Gustl?« frohlockte der Knabe und machte Anstalten, sich auf einen höheren Ast zu schwingen; aber da hielten ihn zwei zitternde Hände krampfhaft fest, und die Gustl, die sich freuen sollte, brach in ein bitteres Schluchzen aus. Ihr war so bang, so angst in dieser schwindelnden Höhe, so fern vom Vater, von allen Menschen. In ihrer Verzweiflung umklammerte sie den Hals des Gespielen, drückte ihr Gesichtchen gegen dessen Wangen und benetzte ihn mit ihren Thränen. »Ach du dumm's Tierle,« schalt Eduard, die Kleine sachte mit seinen Armen umschließend, »ich halt' dich ja fest – wo hätt' ich geglaubt, daß du so ein dumm's Tierle wärst, Gustl.« Sie wurde still, hielt sich aber immer weiter an ihm fest, dann und wann tief aufseufzend, während er sich lächelnd mit ihr auf dem Aste wiegte. Nie in seinem Leben war er von zwei Armen so warm umfangen worden, zum erstenmal fühlte er ein klopfendes Herz nahe dem seinen, er drückte einen leisen Kuß auf die heiße Kinderwange, die sich an ihn schmiegte. »Wie schad', wie schad', Gustl, daß nicht irgend etwas Schreckliches kommt, und ich dich verteidigen kann!« »Du dummer Bub',« schluchzte sie, »das ist doch schon schrecklich genug, daß ich da oben sitz'.« Damit war der Zauber gebrochen. Der dreizehnjährige Knabe nahm die noch nicht zehnjährige, aber kräftige Kleine auf den Rücken und kletterte so mit seiner Bürde langsam und mühselig von Ast zu Ast. Als sie unten waren, erzählte Gustl ihrem Vater: »Weißt du auch, das war einmal schön, wir sind ganz oben gewesen in der Linde und haben die ganze Welt gesehen!« »Ist das wahr?« fragte Herr Schneider den Jungen. Er nickte. »Ja, aber da oben hat sie geheult und von der ganzen Aussicht nichts gesehen.« »Solche Dummheiten verbitt' ich mir,« sagte Herr Schneider. Die Expedition in den Lindenwipfel mit Gustl war für Eduard der Abschluß der Kinderzeit gewesen; wenn er in den Hof kam, hatte er mit Herrn Schneider zu reden, und Gustl hatte der Ehrgeiz erfaßt, es Eduard gleich zu thun und auch eine tüchtige Schülerin zu werden. Er war und blieb ihr Vorbild, aber noch in viel höherem Grade war sie das seine; sie hatte sich nach und nach die Erziehung, die ihm die Mutter gegeben, völlig zu eigen gemacht, und an ihr lernte er schätzen, was er eine Zeit lang verachten zu dürfen geglaubt hatte; ohne daß sie sich's klar machten, suchten sie einander dnrch die Sorgfalt, mit der sie sich kleideten, durch die Höflichkeit und Nettigkeit ihres Betragens zu imponieren. Sprach sich Eduard in bittern Ausdrücken über seine Mutter aus, so wies sie ihn zurecht, schalt mit ihrem Vater, der ihm beistimmte, und stellte ihm vor: »Thät's Dich freuen, wenn ich mich über Dich beklagte?« »Ja, das ist auch 'was andres, was hast Du für einen Vater!« Und die Kleine gab ihm zur Antwort: »Der Eduard weiß gar nicht, was er seiner Mutter zu verdanken hat, aber ich weiß es.« »Du Viperchen,« murmelte Herr Schneider, den nichts mehr verdroß als ein Lob auf Frau von Feldern aus dem Munde seines Kindes. Eduard aber ging in sich, indem er sich von neuem aufraffte, ein guter Sohn zu sein, wie es die Gustl von ihm verlangte. Es wurde ihm aber nicht leicht; Frau von Feldern lebte nur noch für ihr Kunochen, der ein beängstigend schlankes, elegantes Bürschlein geworden war und sich eines vornehmen Umgangs erfreute; er blieb zwar in jeder Klasse sitzen, aber meist in guter Gesellschaft, ein Haupttrost für Frau von Feldern. Sie sprach mit Vorliebe von dem Hofmeister ihres Sohnes, worüber sich Frau Müller halb zu Tod ärgerte; Malchen verwertete die Sache zu ihren Gunsten, denn sie konnte nur dabei gewinnen, wenn sie überall erzählte, daß man sich in dem Haus, in dem sie verkehrte, einen Hofmeister hielt. Eines Tages – Frau von Feldern saß bei der Arbeit, Herr von Feldern war eben vom Bureau gekommen und bürstete seinen grauen Hut aus – läutete es auf dem Vorplatz; Eduard, der in dem kleinen Hofstübchen lernte, öffnete; Kunochen befand sich mit dem Hofmeister im Salon. »Sie wünschen?« fragte Frau von Feldern den Eintretenden, dessen spießbürgerliches Äußere sie nicht veranlaßte, sich die Mühe zu nehmen, aufzustehen. »Ich bin der Herr Konditor Eberle,« sagte der Mann, indem er sich ohne Umstände auf den nächsten Stuhl niederließ. »Ihr Sohn, Madamm, beehrt mich oft mit seiner Kundschaft, und das freut mich sehr; aber er hat eine schlechte Gewohnheit, und das thut mir sehr leid; nämlich er ist manchmal ein wenig zerstreut und nimmt etwas mit, das er zu bezahlen vergißt; hier die Liste von den Sachen, die mir durch ihn abhanden gekommen sind – zwei Mark vierzig« – er breitete ein Papier vor Frau von Feldern aus – »es ist noch nicht viel, aber ich halte es für gescheiter, die Sache nicht anlaufen zu lassen – Ihr Sohn–« »Unmöglich, unmöglich« fiel ihm Frau von Feldern in die Rede, »es muß ein Irrtum sein – einer meiner Söhne – nie!« »Es ist ganz richtig,« sagte der Mann. »Ich bin nicht so einer, der jemand 'was Falsches anhängt – stellen Sie ihn mir nur einmal gegenüber, dann werden wir ja sehen!« Frau von Feldern schoß zur Thüre hinaus. »Eduard! Eduard!« Als der Sohn erschien, stieß sie ihn an den Schultern vor den Mann hin: »Solltest du – solltest du –?« »Nein, der ist's nicht,« sagte der Konditor, »den kenne ich nicht, es ist ein langes, dürres Jüngelchen mit mattblauen Augen, so ein rechter Hering –« Jetzt schoß Herr von Feldern, ehe sich's seine Gattin versah, zur Thüre hinaus und brachte den an allen Gliedern zitternden Kuno herein. »Ja, der ist's,« sagte der Mann, »den braucht man nicht erst zu fragen, gelt, junger Herr, wir kennen uns?« Kunochen fing an zu heulen. »Ich bin nicht schuld, der Berg hat mich dazu verleitet – er hat auch immer alles aufgegessen!« Frau von Feldern öffnete mit fieberhaft zitternden Händen ihr Portemonnaie und legte dem Mann ein Dreimarkstück hin; er unterschrieb den Zettel, der auf dem Tisch lag, und suchte das kleine Geld zum Herausgeben zusammen. Frau von Feldern machte eine Bewegung mit der Hand, er möge das Geld behalten, aber der Mann schüttelte den Kopf. »O, bewahr', ich will nichts geschenkt, ich danke, und die Sach' ist auch noch lang kein Drama, daß man wie ein Jammerbild auszuschauen braucht, Madamm. Eine Tracht Prügel, und die Sach' ist gut und damit fertig – empfehl' mich Ihrer werten Kundschaft, gehorsamer Diener.« Als er draußen war, schlug Frau von Feldern mit krampfhaftem Aufschluchzen die Hände vor das Gesicht, und ihr Körper bebte unter dem Gewimmer, das sie umsonst zu unterdrücken suchte. Es war das erstemal, daß die Ihren sie weinen sahen. Herr von Feldern ließ sich vor Schreck in einen Lehnstuhl fallen, Kunochen umfaßte die Kniee seiner Mutter und versprach unter heißem Schluchzen, er wolle es nie wieder thun. Eduard sah nur die Thränen seiner Mutter, und sie fielen ihm aufs Herz, daß er die Zähne aufeinander beißen mußte; alles war vergessen, ausgelöscht, daß sie hart und grausam gegen ihn war und ihm den Bruder vorzog; in diesem Augenblicke hätte er ihr alles zulieb gethan, was sie von ihm verlangt hätte. »Ja, Prügel,« fuhr sie aus ihrem Schmerze auf, »der Mann hat recht, er soll Prügel haben!« Kunochen, der in seinem ganzen Leben noch keine Schläge bekommen, fing sofort an zu schreien, als stecke er am Spieß, und flüchtete sich auf allen Vieren unter den Tisch. »Du,« fuhr Frau von Feldern auf ihren Mann los, »du bist sein Vater, du wirst ihn prügeln, du mußt auch wissen, wozu du auf der Welt bist – das geht nicht so weiter – alles kann eine Mutter nicht!« Sie faßte sich plötzlich. »Der Hofmeister darf nicht wissen, was das ist – ich werde ihn gehen heißen – er braucht nicht zu erfahren, was hier vorgeht – hast du gehört, Feldern, du prügelst deinen Sohn!« Sie ging. »Ich – mein Gott, ich–« der arme Herr von Feldern trippelte in höchster Verzweiflung um den Tisch herum, »wie kann ich denn, wie kann ich denn, ich habe ja in meinem Leben noch keine Seele geprügelt!« »So werd' ich's thun,« sagte Eduard, riß den Bruder mit kräftiger Hand unter dem Tisch hervor und zog den Widerstrebenden mit hinüber in das kleine Schlafzimmer. Dort warf er ihn nicht eben sanft aufs Bett. »Sei still, du unmännlicher Kerl, ich hau' dich nicht – pfui Teufel, wie ein kleines Kind gleich loszubrüllen, wenn sich's um ein paar Schläge handelt! Jawohl, daherkommen kannst du wie ein feiner Herr und thun wie ein Baron, aber nicht einen Funken Mut hast du, und feig sein, das ist das Ärgste auf der ganzen Welt! Da denk' jetzt nur darüber nach,« schloß er seine Rede, »und werd' so bald wie möglich ein Mann.« Als Frau von Feldern später den Kopf zur Thüre herein steckte, fand sie den einen ihrer Söhne schlafend, den andern lernend, und es schoß ihr etwas wie eine Ahnung von dem wahren Verhältnis der Dinge durch den Kopf. Sollte, konnte sie sich am Ende in der Beurteilung ihrer Kinder geirrt haben, und reichte Kunos Begabung für die Laufbahn, die sie ihm zugedacht hatte, nicht aus?! Nein, nein, schrie es in ihr auf, fort mit diesen Gedanken, mit diesem Zweifel – war sie nicht seine Mutter – und wenn sie ihre Nächte, ihre Gesundheit und ihr Leben dransetzte, sollte es ihr nicht gelingen, aus ihrem Sohne zu machen, was sie sich vorgenommen?! Diese Anwandlung ging vorbei. Frau von Feldern schloß die Augen und wollte nicht sehen; Kunochens Martyrium nahm seinen Fortgang. Er war drei Jahre älter als die meisten seiner Mitschüler und fügte sich ohne Widerrede in das ewige Lernen, das seine Mutter von ihm verlangte. Er sprach wenig, ob überhaupt etwas in ihm vorging, hatte noch niemand erfahren; aber er war immer freundlich und ein vollendetes Herrchen vom Scheitel bis zur Zehe. »Der Kerl hat sich in seinem Leben nie mit einem gebalgt,« sagte sein Bruder von ihm, »ein Flecken an seinem Rock kränkt ihn mehr, als wenn man ihn Feigling heißt.« Er hatte gut reden; dank der materiellen Nachhilfe seines Freundes Schneider, war er zu einem kräftigen Menschen herangewachsen, der es leicht hatte, sich zu wehren, und dem die ganze von der Mutter ererbte Energie zu Gebote stand. Er diente jetzt sein Freiwilligenjahr ab, und wenn er des Abends nach Hause kam, trank er an elterlichen Tisch seine Tasse Lindenblütenthee und ging dann durch den Hof in das Schneidersche Eßstübchen, wo er seines Gönners »Nimm dir – nimm dir« sich nicht umsonst gesagt sein ließ. Er war voll Dankes gegen den menschenfreundlichen Mann, der ihm in jeder Beziehung ein Retter gewesen. Wie zu seinem Vater hatte er mit ihm von seiner Zukunft gesprochen, hatte ihm erzählt, daß seine Mutter von ihm verlangt habe, seine Lehrzeit im Auslande abzumachen, denn sie wolle keinen gemeinen Krämer zum Sohne haben, lieber wolle sie ihr Kleidergeschäft noch weiter ausdehnen, um ihm das nötige Geld dazu schaffen zu können. Herr Schneider spie Gift und Galle; immer war es der Hochmut dieser Frau, der ihn weiter trieb, als er eigentlich wollte. So geschah's, daß er, bloß um sie zu ärgern und ihr zu leid zu leben, dem jungen Mann eine Stelle in seinem Geschäft antrug, mit dem sofortigen Gehalt eines Kommis. Und Eduard nahm das Angebot dankbar an; so wie die Sachen zu Haus standen, schien es ihm das wichtigste, so bald als möglich auf eigenen Füßen zu stehen und Geld verdienen zu können. Der Vater machte ihm einen kränklichen, müden Eindruck, und die Mutter kam ihm zuweilen vor wie eine Person, die im Fieber spricht und handelt. Eduard glaubte nicht an die große Zukunft seines Bruders; er sah mit Sorgen den Tag kommen, an dem die rastlos schaffende Frau unter ihrer schwersten Enttäuschung zusammenbrechen würde, und dann war's an ihm, dem Ältesten, einzuspringen. Aber es war keine leichte Aufgabe, die Mutter in die Pläne einzuweihen, die er und sein Gönner miteinander geschmiedet. Er hatte seine Militärdienstzeit beendet und ein gutes Führungszeugnis davongetragen. Herr Schneider ließ eine Flasche Wein kommen, um das Ereignis zu feiern. Auch sollte sich Eduard Mut trinken zu dem schweren Unternehmen, endlich mit der Mutter zu sprechen. »Bleib' fest!« empfahl ihm Herr Schneider, »und laß dir nicht zu viel gefallen, sag's ihr, ein wohlhabender Bürger steht anders da als ein armer adeliger Schlucker – kurz, sei ein Mann und bedenke, daß deine Mutter ein aufgeregtes Weib ist.« Eduard nickte und schritt mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck zur Thüre. Aber auf der Schwelle stand die Gustl, und als Eduard an ihr vorbeischreiten wollte, hielt sie ihn am Arm fest. »Vergiß nicht, Eduard, was du deiner Mutter zu danken hast. Ich mein', auch dein gutes Führungszeugnis verdankst du eigentlich ihr.« »Ja,« sagte er, »das ist wahr.« Und als er bei den Seinen eintrat, sah er freundlich und versöhnlich aus. Frau von Feldern arbeitete wie immer, und Herr von Feldern, der sich seit einigen Tagen unwohl fühlte, saß in seinem Lehnstuhl und fror. Eduard legte sein Führungszeugnis mit dem Prädikat »sehr gut« vor die Mutter hin, die es las und dann nickte. Auch Herr von Feldern sagte nichts, nachdem er das Zeugnis gelesen, aber die Thränen liefen ihm über die Wangen, und er hatte Mühe und Not, ein Schluchzen zu unterdrücken. Eduard hatte der Mutter gegenüber Platz genommen; sie saßen eine ganze Weile, ohne ein Wort miteinander zu reden. Frau von Feldern war jetzt eine Frau von fünfzig Jahren; ihre Gesichtsfarbe spielte ins Gelbliche, aber in ihrem reichen schwarzen Haar zeigte sich noch kein Silberfaden; dagegen hatte ihr früher so selbstbewußter Blick etwas unruhig Flackerndes bekommen und ihr Mund ein nervöses Zucken. Der Sohn hatte viel Ähnlichkeit mit ihr, nur war der Blick seiner Augen gesund und fest und sein Gesicht rund statt länglich; das Dienen hatte seinen Körper gestreckt, ihm den kurzen Hals aus den Schultern gehoben; er war alles in allem ein Mensch, der sich sehen lassen durfte. Aber Frau von Feldern dachte, während ihr Blick ihn streifte: »Wie ein Bauer neben Kunochen –« und hatte keine Ahnung von den bewundernden, völlig verliebten Blicken, mit denen der Gatte seinen Ältesten verschlang. Ja, das war einer, das war einer! Ein Eroberer und Schlachtengewinner war nichts gegen einen Eduard, der seiner Mutter stand zu halten wagte! »Es thut mir leid, liebe Mama,« begann der junge Mann nach kurzem Getrommel auf dem Nähtisch, »aber ins Ausland kann ich nicht gehen, da ich sobald als möglich selbständig werden und Geld verdienen möchte. Ich würde gerne fremde Länder und Städte sehen, aber unsere Verhältnisse gestatten es nicht, ich kann nicht von Nichts leben, und du darfst dich nicht tot arbeiten –« »Was willst du denn also thun?« unterbrach sie ihn, den Blick von ihrer Näharbeit aufhebend. Eduard lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Ich werde in das Geschäft des Herrn Schneider eintreten; er giebt mir vom ersten Tag ab den Gehalt –« »Pfui!« stieß Frau von Feldern hervor, »also einen kleinen Krämer habe ich auferzogen, all meine Mühe und Sorgfalt an einen Menschen gewandt, der sein Leben zwischen Öl und Heringen zubringen wird – jedes Wort reut mich, das ich an dich verloren!« »Es wird nichts verloren sein,« fiel ihr der Sohn in die Rede, »es schadet nichts, wenn es auch wohlerzogene Kaufleute giebt.« »Ja, im großen Stil, das lasse ich mir gefallen, aber dich zwischen den schmutzigen Tonnen dieses Kaufmanns Schneider herumhantieren zu sehen – abscheulich! Der intrigante Mensch, er hat mir den Sohn abspenstig gemacht, sein niedriger Einfluß hat dich verdorben, irre geleitet –!« »Das sehe ich anders an,« unterbrach sie Eduard, »ich weiß gar nicht, was aus mir geworden wäre ohne ihn; ich glaube, ich hätte mich zu einem ganz giftigen Unkraut ausgewachsen, wenn er mir den hungrigen Magen nicht gestopft hätte.« »Eben das ist das Gemeine,« unterbrach sie ihn, mit fieberhafter Schnelligkeit drauflosnähend, »und wenn du glaubst, daß ich nachgebe und dich seinesgleichen werden lasse –« »O ja, Mama« – Eduard beugte sich ein wenig vor und heftete den Blick auf die dünnen, rastlosen Finger seiner Mutter – »es wird wohl so werden; es ist durchaus notwendig, das Papa das Bureausitzen läßt und des Abends ein warmes Stück Fleisch –« »Was unterstehst du dich,« fuhr Frau von Feldern auf, »in meinem Haushalt –« »In deinem Haushalt, liebe Mama, ist alles für den Schein berechnet und nichts für den Magen; Papas ganzes Unwohlsein ist jedenfalls nichts anderes als mangelhafte Ernährung, und Kuno hat gewiß nicht eine Unze Mark in den Knochen –« »Und du bist ein brutaler, roher Mensch,« fiel ihm seine Mutter in die Rede, »das ist's, was in den nur ans Essen und Trinken denkenden Bürgerhäusern gezüchtet wird – das habe ich den Braten uud Bierkrügen dieses Herrn Schneider zu danken – einen Sohn, der alle wohlmeinenden und edlen Einflüsse seiner Mutter zurückweist, der den Namen seiner Familie in den Staub zieht, den Namen einer Familie –« »Ich bitte, Mama, wer waren denn deine Eltern? – Bürgersleute hier und dort, nichts andres, und wenn meine Ahnenväter mich Heringe verkaufen sähen, so würden sie das ganz in Ordnung finden und sich nicht ein einziges Mal im Grab umdrehen!« Damit hatte er freilich den Vogel abgeschossen, aber auch der Mutter Stolz an der empfindlichsten Stelle getroffen. Frau von Feldern wurde nicht gern an ihren Vater erinnert, von dem sie doch das Beste, was sie besaß, ihr Talent hatte. Ihr Gesicht ward aschfahl, ihre Worte wurden so scharf und hart, daß Eduard schließlich seine Vorsätze vergaß, und Mutter und Sohn in Feindschaft schieden. Ein paar Wochen nach dieser Scene starb Herr von Feldern; er hatte eines Abends ganz unverhältnismäßig viel gesprochen; seine Frau konnte sich nicht genug wundern, wo er auf einmal den Mut hernahm, ihr lauter Dinge zu sagen, die sie ärgerten; allein, er sah so gebrechlich und krank aus, daß sie es nicht über sich gewann, ihn schweigen zu heißen. Er aber redete wie einer, der gesonnen ist, allerlei Versäumtes nachzuholen: »Der Eduard wird seinen Weg machen, er wird ihn machen, denk' an mich; so einer mit so einem Mut, der macht seinen Weg; es war nicht recht von dir, ihm die Thüre zu weisen und mich nicht zu fragen, aber ich hole ihn nicht. Was tragen die alle Abend schönes Bier da vorbei, das soll er nur trinken, das gönn' ich ihm, das ist 'was andres als der ewige Schwitzthee, der einem die Kraft aus dem Körper preßt! Ich weiß nicht, warum ich in letzter Zeit so viel an meine Eltern denken muß: wir hatten immer ein gutes Stück Fleisch auf dem Tisch, uud es thut mir leid, daß ich ihnen nicht mehr Freude gemacht habe; aber ich war nicht zum Fähnrich geboren. Ich habe so viel mehr Geschick in den Händen gehabt als im Kopf, aber ich wollte die Eltern nicht kränken, und so habe ich nie meinen richtigen Beruf gehabt –« »Lieber Feldern, ich bitte dich,« unterbrach ihn die Gattin, »Ich habe mehr als zwanzig Jahre gekocht und war auch nicht zur Köchin geboren –« »Das weiß Gott, das weiß Gott,« fiel er ihr in die Rede, »Sammethöschen für die Buben, das war wichtiger als die Suppe; Kunochen hat sogar noch Spitzen dran, ja, Spitzen dran –« wiederholte er und klopfte in die Hände. Frau von Feldern sah ihren Gatten nicht ohne Besorgnis an, »Er ist doch längst erwachsen, redest du im Schlaf?« »Ich hab's gestern noch bemerkt,« behauptete Herr von Feldern, »ich habe überhaupt viel bemerkt, nur geschwiegen, aber ich habe mir immer gesagt, der Teufel hat uns das ›von‹ eingebrockt; dem Kunochen wird's mit dem Fähnrich gehen wie mir, aber gottlob, daß der Eduard das lecke Schiff verlassen hat! Du wirst ihn schon noch schätzen lernen – denk' an mich, du wirst ihn schätzen lernen; ich werde morgen dem Herrn Schneider meine Visite machen; es liegt mir schon lange auf der Seele, ihm zu danken –« »Feldern –!« »Unterbrich mich nicht immer,« herrschte er die Gattin an, »Ich weiß ja, daß du für zehn, für zwanzig gearbeitet hast, aber alles nur fürs ›von‹. In Zukunft soll es anders werden, ich will in Zukunft Vergnügen haben, und die Kinder sollen auch Vergnügen haben –« Herr von Feldern sank erschöpft in seinen Lehnstuhl zurück, und seine Frau erhob sich rasch und schenkte ihm ein Gläschen von dem Wein ein, den sie sich eigens für den Hofmeister hielt. Feldern nippte an dem Weine mit dem Vergnügen eines Kindes, das recht lange an einer Sache haben möchte; seine Wangen röteten sich ein wenig von dem seltenen Genuß, und er schlief ein. Seine Gattin nähte beim Licht der Lampe und sah zuweilen nach dem kaum hörbar atmenden Mann hin; es war ihr eine merkwürdige Entdeckung, daß der stille, gleichgültig neben ihr hergehende Gemahl doch allerlei in sich verarbeitet, ja, gleichsam ihr Thun und Lassen bekrittelt hatte. Und wieder klopfte die Wahrheit bei ihr an, diesmal durch die Stimme des Gatten, der zum erstenmal seit mehr als zwanzig Jahren das Wort genommen. Und wieder wollte sie nicht hören und nicht sehen und hüllte sich nur um so fester in das Gewebe ihres Selbstbetrugs ein. Herr von Feldern starb am andern Tag; leise fiel er vom Leben ab wie ein welkes Blatt; Blutarmut nannte der Arzt die Todesursache. Eduard hatte wohl mit den Seinen an der Bahre des Vaters gestanden, aber es war zwischen ihm und der Mutter kein versöhnendes Wort gefallen. Frau von Feldern zog nach dem Tode ihres Mannes in eine andre Wohnung; sie ging aus dem Hause, ohne eine Wort des Abschieds, ja, als sie Herrn Schneider im Flur traf, schritt sie steif und stumm, ohne seines Grußes zu achten, an ihm vorbei. Er aber lachte sich ins Fäustchen, »Den schlimmsten Tort hab' ich ihr doch angethan – daß ihr Sohn ein Krämer geworden ist, das verwindet sie nie!« Nein, sie verwand es nicht, obwohl sie alles that, um sich den Sohn aus dem Sinn zu schlagen; sie und Kuno sprachen nie von dem Abtrünnigen; aber des Nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, fielen ihr die Worte ihres Mannes ein: »Du wirst ihn schon noch schätzen lernen – denk' an mich, du wirst ihn schätzen lernen« – und wenn ihr die Thränen in die Augen traten, dann sagte sie: das ist Zorn, Empörung! – es war aber etwas andres – das langsame, peinvolle Erkennen: dein Sohn ist ein Mann geworden, wenn auch nicht nach deinem Sinn! Um so leidenschaftlicher gab sie sich der Hoffnung hin, durch Kunochen ihren Zweck zu erreichen. Sie hatte ihr Geschäft vergrößert; in einer hintern Stube saßen vier Nähmädchen, für die sie zuschneiderte, denen sie eine gestrenge Herrin war. Aber sie lernten alle etwas bei ihr, und sie entließ nie ein Mädchen, das ihr nicht zum Schluß dankbar gewesen wäre für die Ordnung und die Manieren, die sie im Umgang mit Frau von Feldern sich angeeignet hatte. Im Salon war sie dann wieder die Dame, die gnädige Frau, präsidierte nach wie vor an ihren Sonntagnachmittagen am Theetisch, hinter dem blank gescheuerten Theekessel, aber die Gesellschaft hatte sich vergrößert. Außer den beiden Freundinnen erschienen junge Kameraden Kunos, Söhne aus den besten Familien, denn man traf am Theetisch der Frau von Feldern immer einige von Malchen herbeigezogene junge Schauspielerinnen. Es ging lebhaft zu; Frau von Feldern sparte nicht mit feinem Backwerk; die Herren labten sich am teuersten Bier der Stadt, nannten die Dame des Hauses gnädige Frau, und diese schwelgte in dem Hochgenuß, endlich wieder die Sprache jener Kreise zu hören, in die sie von Rechts wegen gehörte! Frau von Feldern hatte schon lange aufgehört, sich irgend etwas klar zu machen oder eine Sache so anzusehen, wie sie war; sie fragte sich nicht – wissen die Eltern dieser jungen Leute von ihren Besuchen bei mir und sind sie damit einverstanden? Sie log sich vor: keinen Menschen geht es etwas an, und niemand braucht es ja in jenen Kreisen zu erfahren, daß ich da hinten eine Nähstube habe; sobald mein Sohn Offizier ist, steht mir an seinem Arm die Welt offen! Längst schon hatte sie in ihrem Innern beschlossen, Frau Müller auf irgend eine Weise ihrem Theetisch fernzuhalten, denn diese taktlose gewöhnliche Frau verstand es, immer wieder den mühsam aufrecht erhaltenen Nimbus der Familie über den Haufen zu werfen. Entweder sie sprach von einer Taille, die ihr Frau von Feldern gemacht und die ihr nicht recht sitze, oder sie war im Schneiderschen Laden gewesen und hatte Eduard gesehen. Obwohl Malchen sie fortwährend unter dem Tisch anstieß, ließ sie sich ein Langes und Breites darüber aus, wie nett manierlich Eduard hinter dem Ladentisch stehe, immer mit der gleichen Artigkeit die Kunden bedienend, ob sie jung oder alt seien, und wie er geradezu »das Geriß« habe und alle Käufer sich zu ihm drängten, als hätten die Dinge, die er in der Hand gehabt, einen besonderen Wert und Geschmack. »Ich hab's ja immer gesagt,« schloß sie ihren Bericht, »aus dem wird 'was, und dabei sieht er aus wie ein Borsdorferapfel und nicht wie ein gewisser Junker Spärling –« »Spärlich,« flüsterte ihr Malchen zu, »aus Shakespeare –« »Gehn Sie mir weg mit dem,« fuhr Frau Müller sie an, »wer kann denn dem seinen Namen schreiben – so einen mag ich von vornherein nicht –« »Aber Frau Müller,« entsetzte sich Frau von Feldern, während die Jugend, die immer ihren Spaß hatte, wenn die Müller redete, vor Lachen fast erstickte, »ich bitte Sie, wie können Sie nur dergleichen ungebildet thun –« »Dergleichen? ich thu' nie dergleichen,« protestierte die Witwe, »so wie ich red', so bin ich; wem's nicht gefällt, der soll einen Stock dazu stecken –« Frau Müllers Äußerungen über Eduard waren in der That nicht übertrieben. Er machte Aufsehen im Lädchen des Herrn Schneider, indem er sich durch seine Lebensart aufs vorteilhafteste vor den übrigen jungen Leuten auszeichnete; sie grollten ihm darob alle, waren aber im stillen aufs eifrigste bemüht, ihm sein Benehmen, seinen Anstand abzulauern. Es regnete plötzlich die tiefsten Diener im Lädchen des Herrn Schneider; es gab keine unfreundlichen Antworten mehr, keine verstimmten Gesichter. Herr Schneider lief herum, rieb sich die Hände und hatte ein Heidenvergnügen, alle Augenblicke schreien zu dürfen: »Von Feldern, zwei Heringe – von Feldern, ein Aufwaschlumpen – Petroleum, von Feldern!« Das war ein Genuß, dieses »von« zu meistern, zu demütigen, sich von diesem »von« bedienen zu lassen! Herr Schneider bildete sich ein, den ganzen Adel in diesem »von« unter den Händen zu haben, und ging nicht menschenfreundlich mit ihm um. Aber Eduard hatte es dabei nicht schlecht; er bewohnte die beste der für die jungen Leute bestimmten Mansarden und erhielt schon nach einem Jahr den höchsten Gehalt, den Herr Schneider auszuzahlen pflegte. Bald war auch mit dem früher so finstern und unordentlichen Lädchen eine Veränderung vorgegangen; Herr Schneider sperrte sich zwar gegen jede Neuerung, erklärte, er wolle ein einfacher Bürger bleiben und nicht in das einfältige Nobelthun verfallen; aber es half nichts. Es war nachgerade eine Freude, in den wohlaufgeräumten kleinen Laden zu treten. Nicht anders war's im Eßstübchen; hier waltete ein munteres, sonniges Wesen von sechzehn Jahren, und außer dem Hausherrn erlaubte sich niemand mehr, mit struppigen Haaren oder ungewaschenen Händen an den Tisch zu kommen; der war hübsch gedeckt, mit einem weißen Tischtuch, das jeder aufs äußerste respektierte – wieder mit Ausnahme des Hausherrn, der sich unablässig gegen den neuen Geist wehrte, der in seinen vier Wänden eingezogen war. Wenn er in die Küche rannte und die Köchin anfuhr: »Was ist das wieder für eine Mode? zwei Teller! Bin ich ein Baron? Ich bin der Kaufmann Schneider, bei dem alles auf einem Teller gegessen wird –« so gab ihm die Köchin zur Antwort: »Was ist da zu machen, die Gustl will's –« »So, die Gustl, na, der will ich's sagen,« ärgerte sich der Vater, fuhr aber statt der Tochter die jungen Leute an, welche zur Sonntagsmahlzeit in einem Staat erschienen, wie das bisher im Schneiderschen Hause nicht üblich gewesen war. »Wie schaut ihr aus, seid ihr verrückt geworden? Will ich feine Herren an meinem Tisch haben? Was helfen euch die Krawatten ? Ihr seid Ladenschlingel, nichts als gemeine Ladenschlingel, ich will, daß man sich das in Zukunft merkt!« Nun ja, hieß es, aber wenn die Gustl so nett sei, wolle man auch nicht ausschauen wie ein Handwerksbursche, denn es sei nicht notwendig, daß einen der Feldern immer in den Schatten stelle; an den Feldern möge sich der Herr Schneider halten, wenn ihm die Eleganz im Hause nicht recht sei, denn der Feldern allein habe den Luxus eingeführt, sonst keiner. Überkam Herrn Schneider der Ärger über diese Neuerungen, dann stellte er den Eduard heftig zur Rede, ob er vielleicht glaube, daß es vernünftig sei, wenn er all sein Geld für Staat ausgebe; das dürfe gerade er sich zuletzt erlauben, sondern er habe, weil er ihn vor allen andern vorgezogen, nun auch mit dem guten Beispiel voran zu gehen und nicht wie ein Geck daher zu kommen. Eduard, der Herrn Schneider sehr wohl kannte, gab ihm gelassen zur Antwort, mehr als einen Sonntagsrock und einen Werktagskittel besitze er nicht, aber er habe freilich zu Hause gelernt, auf seine Sachen zu achten. »Soll das vielleicht eine Anspielung sein?« fuhr Herr Schneider auf, »du bist ein impertinenter Mensch – ist er's nicht, Gustl?« wandte er sich an seine Tochter, die Wäsche stickend am Fenster der Eßstube saß und nun herzlich auflachte. »Und wenn's eine Anspielung wäre, wie recht hätte er, Vaterle, denn du hast sechs Röcke und sie sind ewig nicht im Stande.« »Du hältst ihm immer die Stange,« polterte der Vater. »Ich zanke ihn auch, nicht wahr, Eduard? Ja, ich bin recht unzufrieden mit dir,« nickte sie dem jungen Mann zu, der ihr gegenüber Platz genommen hatte, »du hast deiner Mutter so viel zu verdanken und gehst nicht zu ihr und bittest sie, wieder gut mit dir zu sein. Das kränkt mich alle Tage, Eduard, denn ich muß mir sagen, daß du ein harter Mensch bist.« Er nickte. »Das werd' ich wohl sein, ich kann nichts dafür, aber ich sehne mich wirklich nicht in die alten Verhältnisse zurück; ich bin lange genug der Verachtete gewesen und würde es wieder sein, käme ich nach Hause. Also bleibe ich doch lieber weg« Gustl schüttelte den Kopf. »Nur wenigstens Friede solltest du mit deiner Mutter machen, versuche es; siehst du, es nagt an mir; ich mnß so oft an deine Mutter denken; wenn ich ihr Kind wäre, ich würde alles thun, um sie zufrieden zustellen: ich kann mir nicht helfen, ich hab' einen so großen Respekt vor ihr, ich wollt', ich könnt' ihr etwas zulieb thun!« Es entstand eine Pause, Eduards Augen ruhten groß und ernst auf Gustls rundem Kindergesicht mit dem kleinen Stumpfnäschen und dem krausen Haar. Immer, wenn er glaubte, im Recht zu sein, wenn er fest davon überzeugt war, gerecht zu handeln, brachte ihn diese Kleine mit ein paar Worten in Verwirrung. »Ich glaube, das ist der Unterschied,« sagte er mit einemmale, »bei dir kommen alle Gedanken aus dem Herzen und bei mir aus dem Kopf.« »Drum passen wir auch so gut zusammen,« meinte sie unbefangen, aber schon im nächsten Augenblick erschrak sie über das Gesagte, und sie saßen beide dunkelrot, mit klopfendem Herzen einander gegenüber. Es klang etwas gepreßt, als Eduard, sich erhebend, bemerkte: »Ich will heute noch zu meiner Mutter gehen.« Er war nicht eben freundlich aufgenommen worden; Frau von Feldern lebte gerade wieder in der Angst, ob Kunochen aus seiner Klasse versetzt werde oder abermals sitzen bleiben müsse. Dieser Umstand machte sie Eduard gegenüber befangen, und da er es nicht merken sollte, prahlte sie erst recht drauf los, und Eduard, der genau wußte, wie's um den Bruder stand, mußte ihn, wie früher auch, als Wunderkind preisen hören. Das wurde ihm zu viel, und es fuhr ihm heraus: »Wenn er nur nicht vierzig wird, bis er aus der Schule kommt.« – Der Stachel saß. »Du bleibst dir doch immer gleich,« sagte Frau von Feldern und forderte ihren Ältesten nicht zum Wiederkommen auf. Früher hätte er das alles haarklein der Gustl erzählt; sie hätte ihn ausgescholten wegen seiner Bemerkung und gewiß alle Tage gefragt: wann gehst du wieder zu deiner Mutter? – Jetzt war alles wie abgeschnitten; als hätten sie einander gegenseitig tief beleidigt, so rasch gingen sie aneinander vorbei, so flüchtig, fast unfreundlich kam der Morgen- und Abendgruß von ihren Lippen. Mit dem jungen Mann aber ging's Tag und Nacht um: was bist du – was hast du – nichts – nichts! Wenn er nun doch in die Fremde ginge und sein Glück versuchte – aber wie lang, wie lang würde es dauern, bis er als gemachter Mann zurückkehrte! – Er wurde zerstreut, gab gereizte Antworten und ließ den Kopf hängen. »Was hat der Kerl?« wandte sich Herr Schneider an Gustl, »habt ihr euch gezankt?« Sie machte sich in ihrem Nähkorb zu schaffen, »Nein.« »Aber es ist doch etwas mit ihm; steckt vielleicht die alte Feldern wieder dahinter – weißt du nicht?« »Nein.« »Na, dann soll er mir Red' stehen – verdrießliche Gesichter halt ich nicht aus –« Gustl sah bald darauf von ihrem Fensterplatz aus die beiden im Hof auf und ab gehen. Herr Schneider zappelte und schrie: »Was ist denn, was hast du denn? Zum Teufel, du bist ja unausstehlich –« gab dem jungen Mann alle Augenblicke einen Rippenstoß oder schlug ihn auf die Schulter. Gustl konnte nur ihren Vater verstehen, Eduard sprach leise, so unten vor, wie einer, der nicht recht mit der Rede heraus will. Mit einemmale rannte Herr Schneider, als ob es brenne, über den Hof, direkt auf Gustls Fenster zu, in das er fast kopfüber hinein stürzte. »Du, Gustl, er will fort, der Teufelsbraten will fort und sagt nicht warum!« Das junge Mädchen erschrak, wurde blutrot und brach in Thränen aus. »Jetzt quälst du mich auch noch!« jammerte Herr Schneider. Mit einemmale schlug er sich auf die Kniee. »Ihr Herrgottsakramenter – so steht's!« Gustl lief aus dem Eßstübchen fort und Herr Schneider ging, beide Hände in den Taschen, auf Eduard zu, der wie ein armer Sünder dastand. »Ja, ja, kaum aus den Kinderschuhen, verliebt sich das Volk; noch nicht trocken hinter den Ohren, denkt man schon ans Heiraten. Lieber Eduard, ich kenn dich, ich weiß, was ich von dir zu erwarten hab' – so weit wär's schon recht – aber nun hat's einen Haken: in mein Haus kommt kein »von«; ich bin ein freisinniger Mann, bei mir solls gut bürgerlich zugehen bis in meine fernsten Generationen, Und darum ist's aus – der Eduard Feldern wäre mir recht – den Eduard von Feldern kann ich nicht brauchen!« »Aber, Herr Schneider –« der junge Mann brachte vor Erregung fast nichts heraus, »mir liegt ja nicht das geringste an diesem ›von‹ – ich hab' genug darunter gelitten – ich werde ihm doch nicht auch noch mein Lebensglück opfern – ich will nichts als ein bürgerlicher Kaufmann sein – wie Sie, Herr Schneider.« Der nahm ihn unter den Arm und zog ihn auf die Bank unter der Linde. »Das ist ein stolzer Tag für mich, Eduard, ein stolzer Tag – das hätt' ich mir nie träumen lassen, daß ich's dahin bring', dem Adel einen braven Mann wegzukapern und einen guten Bürgerlichen daraus zu machen; ja, Eduard Feldern, jetzt gehörst du zu uns! Heut' abend, Junge, wird eine Flasche Champagner auf die Feldernsche Nachkommenschaft getrunken.« »Aber die Gustl,« wagte Eduard zu erinnern. »Mit der redest du nachher, die wird uns gewiß den Spaß nicht verderben.« Als Eduard zugleich mit dem jungen Mädchen ins Eßstübcheu trat, war er wie berauscht von der unerwarteten Wendung der Dinge. Herr Schneider ersparte ihm jede weitere Auseinandersetzung, indem er zur Thür hineinrief: »Du, Gustl, mach' nur nicht lang, er hat uns sein ›von‹ geopfert – er hängt den ›von-Herrn‹ an den Nagel – dafür laß ich ihm aber auch jetzt für den Abend ein Kalb schlachten!« Er sah die beiden an, die Thränen stürzten ihm aus den Augen, und er schlug schnell die Thür zu. Gustl war blaß; sie warf einen kurzen Blick auf den sie erwartungsvoll und flehend ansehenden Eduard und schüttelte den Kopf. »So geht das nicht,« sprach sie mit zitternder Stimme, »das darfst du deiner Mutter nicht anthun – sie muß erst damit einverstanden sein!« »Das wird sie nie,« sagte Eduard. Er hatte sich gefaßt, »Gustl, ich werde es niemals deinem Vater und meiner Mutter zugleich recht machen können, das liegt außer aller Möglichkeit; ich will gleich hingehen und ihr meinen Entschluß mitteilen, aber ich weiß ihre Antwort im voraus: sie wird nie nachgeben, bis dieser Name uns alle zu Grund gerichtet hat.« Er wollte gehen, Gustl eilte ihm nach. »Sei so gut gegen sie, als du kannst – was du dann auch für eine Nachricht bringst –« Es wurde nicht ausgesprochen, sie lagen sich plötzlich in den Armen, und ihre Lippen fanden sich für einen kurzen Augenblick ... Frau von Feldern hatte nicht nachgegeben, sondern ihrem ältesten Sohn erklärt, er möge heiraten, wen er wolle, sie, die Mutter, aber völlig aus dem Spiele lassen, denn eine Familie Feldern ohne Adel gehe sie nichts an. Kurze Zeit darauf ging aus dem Schneiderschen Hause ein blutjunges Paar zur Kirche; unter der Linde fand das Hochzeitsmahl statt, und sie breitete segnend ihre frisch belaubten Zweige über dem heiteren Treiben aus. Eines Tages – die junge Frau deckte den Tisch und der Herr Gemahl ließ dabei das Necken nicht bleiben, so daß die Sache nicht recht vorwärts ging – fuhr plötzlich der Herr Schneider in das junge Glück hinein, mit einer Zeitung in der Hand und einem Gesichtsausdruck, dem eine gewisse Schadenfreude nicht abzusprechen war, »Kinder,« sagte er, »da steht 'was – schaut einmal her!« Eduard bückte sich über das Blatt und las von einem Auftritt zwischen Civilisten und einigen Fähnrichen im Restaurant; Fähnrich K. v. F. hatte bei der Gelegenheit eine Ohrfeige bekommen und war seines Säbels beraubt worden. »Das ist natürlich Kuno,« sagte Eduard, »Die arme Mutter!« »Du mußt gleich hingehen,« meinte die junge Frau und holte ihm den Hut. Der junge Mann kam sehr bald wieder zurück; ein Nähmädchen hatte ihn abgewiesen, Frau von Feldern sei unwohl und wolle keinen Menschen sehen. »Du mußt wieder hingehen,« sagte Gustl, »ich laß nicht ab, bis es gut zwischen euch ist.« »Viperchen,« brummte Herr Schneider, »mir so zu leid zu leben.« »Geh, bild' dir doch nicht ein, kein Herz zu haben,« schalt ihn die Tochter. Es war keine geringe Überraschung für Eduard, eines Tages seinen Bruder Kuno bei sich eintreten zu sehen; er hatte noch immer das zarte blasse regelmäßige Gesicht, das er als Kind gehabt, und sah in dem feinen Civilanzug höchst zierlich und elegant aus. Kuno war sehr liebenswürdig und benahm sich, als befände er sich nicht zum ersten-, sondern zum hundertstenmal in der Häuslichkeit seines Bruders. Er sagte, er sei recht froh, vom Militär weg zu sein. Nun, erzählte er weiter, stehe er auf dem Punkte, nach Berlin zu fahren; seiner Mama sei es nach unsäglichen Mühen und Schreibereien gelungen, ihm einen wundervollen Posten ausfindig zu machen, auf dem er nur zu repräsentieren hätte. »Mama weiß nämlich nichts von meinem Besuch bei dir,« wandte er sich an den Bruder, »aber ich wollte doch die Stadt nicht verlassen, ohne dich noch einmal gesehen zu haben. Gewiß hast du die Güte, mir einen kleinen Posten von vierhundert Mark auszugleichen, ich möchte keine Schulden zurücklassen und schicke dir das Geld, sobald ich meinen ersten Gehalt bezogen habe; er ist sehr groß und ermöglicht mir, Mama endlich einen angenehmen Lebensabend zu bereiten.« Eduard zahlte dem Bruder das verlangte Geld aus, und Gustl legte es ihm ans Herz, doch die Mutter ein wenig zu ihres Mannes Gunsten umzustimmen. Kuno versprach zu thun, was er könne, und fragte neckisch unter der Thür: »Wirst du jetzt immer satt, Educhen?« In Eduards Innern aber zehrte von dem Tage an ein Kummer; er hatte sich schon als Retter gesehen, als Helfer in der Not, nachdem Kuno es zu nichts gebracht und die Mutter mit ins Elend gezogen hatte. Nun war er doch neben draus, und Kuno war es, der ihr den Lebensabend verschönen sollte. – Ein Kleines zappelte schon in der Wiege, und Herr Schneider war der lächerlichste Großvater, den es auf der Welt gab; etwas so Außergewöhnliches wie dieses kleine Geschöpf lebte nach seiner Meinung nicht mehr. Er saß vor der Wiege, und wenn es mit den Wimpern zuckte oder das Händchen bewegte, war ihm das zum Weinen rührend; schrie's, so gebärdete er sich, als vermöge in der Welt kein anderes Kind zu schreien, wie sein Enkel. Hielt Eduard sein Kind im Arm, so konnte er nicht anders, er mußte seiner Mutter gedenken und sich sagen: so hielt sie mich einmal auch und sah mich liebevoll an und setzte Hoffnungen auf das kleine Leben in ihrem Arm. Nein, es war keine leichte Mühe, ein Kind aufzuziehen – und alles das hatte seine Mutter gethan und noch dabei für ihren gemeinsamen Unterhalt gesorgt und Tag und Nacht sich keine Ruhe gegönnt – und nun war's diesem Kuno vorbehalten, ihr alles allein vergelten zu dürfen! Wenn er so sann und dabei sein Kind anstarrte, kam wohl die Gustl, fuhr ihm mit der Hand über die Stirne und lachte ihn mit ihren treuen blauen Augen an. »Sei nur ruhig, gräm' dich nicht, wir kommen auch noch an die Reihe; sieh, wenn ich alles so gewiß wüßt', als daß sie eines Tages da herein kommt und ich's ihr endlich, endlich zeigen kann, was ich durch dich von ihr gelernt – manchmal ist mir's, als könnt' ich's kaum erwarten!« »Närrle, du,« lächelte der Gatte. Sie umfaßte ihn. »Geh hin, sag's ihr, daß wir ein Kind haben –« Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein, dring' nicht in mich – es hat alles seine Grenzen – wenn sie mir etwas Hartes sagte, jetzt könnt' ich es nimmer verwinden.« Kurz nach diesem Gespräch erhielt Eduard einen Brief von seinem Bruder; es war fast ein Jahr verflossen seit dessen Abreise, und gar oft war die Rede von ihm gewesen im Schneiderschen Hause, ob er wirklich den großen Gehalt bekomme und im stande sei, die Mutter regelmäßig zu unterstützen. Kunos Schreiben lautete folgendermaßen: »Lieber Edu! Es ist mir im Anfang recht gut gegangen, und ich konnte Mama monatlich fünfzig Mark schicken, damit sie nicht mehr so viel arbeiten muß. Nun aber werde ich ihr im nächsten Monat nichts schicken können, denn ich habe meine Stellung verlassen und muß mir eine andere suchen; Mama soll es aber nicht wissen, denn sie fängt an, alles so schwer zu nehmen, und darum bist du gewiß so gut, ihr die fünfzig Mark in meinen Namen vorzustrecken, und zwar so, daß sie ihr als von mir kommend ausbezahlt werden. Du sollst alles wieder bekommen, sobald ich eine neue Stelle habe. In meiner letzten hatte ich sehr viel mit einem händelsüchtigen Menschen zu thun, der alles besser wissen wollte; auch erlaubte sich der Direktor einen sehr ungezogenen Ton gegen mich anzuschlagen; ich verbat mir das, und wir schieden. Wie geht es Dir? ich glaube, Du hast einen Sohn; das freut mich sehr. Ich bin wirklich dafür, daß wir in gutem Einvernehmen bleiben, denn ich kann Dich versichern, daß ich gar nicht hochmütig bin, und ich hoffe, daß Mama endlich eines Tages einsieht, daß Du auch ein ganz tüchtiger Mensch bist. Freilich, daß Du unser ›von‹ aufgegeben hast, war ein wenig stark von Dir. Vielleicht bist Du so gut und schickst mir umgehend zweihundert Mark, damit ich nicht in Verlegenheit komme. Dein aufrichtiger Bruder Kuno.« Jetzt, jetzt war er da, jetzt war der Augenblick gekommen, und Eduard kam an die Reihe! Mit welchem Eifer, mit welcher Ueberlegung setzte er die Sache ins Werk, damit die arme Mutter ja nicht merke, daß die Unterstützung, die er sogleich wesentlich erhöhte, wo anders herkomme, als von ihrem Kuno! Daß sie darein keinen Zweifel setzte, erfuhr das junge Paar gelegentlich durch Frau Müller, die nie verfehlte, von Zeit zu Zeit vorzusprechen, um zu sehen, wie's um den jungen Haushalt stand. »'s ist der Wunderfitz, der mich hertreibt,« bekannte sie unverhohlen, »ich muß halt immer wieder schauen, ob's denn wahrhaftig in Gott wahr ist, daß gerad' die Frau zwei so ausgezeichnete Söhn' hat; ich kann's halt nicht begreifen, – Ganz aus Rand und Band bringt mich ihre Prahlerei mit dem Kunochen; wer hätte das gedacht, schickt ihr der Grünschnabel monatlich hundert und fünfzig Mark, der Malefiz-Bub'! Laß ich da einmal ganz harmlos mein Butterbrot fallen – nennt mich der Bengel ›Schweinchen‹ – ich bitt' Sie, in meinem Alter! – und daß ich's nur gerad' sag', eine wahre Freud' war mir's, wie er als Fähnrich seine Schläg' kriegt hat: da hast's – hab' ich denkt. – Aber so bin ich nicht, Gott bewahr', die Sach' war halbpart – sie hat mir leid gethan in der Seel', und ich war alle Tag' hin und hätt' ihr Trost zugesprochen, aber sie war krank – stellt sich krank bis zu dem Augenblick, wie der Kerl das unverdiente Glück hat und kriegt die schön' Stellung. Jetzt sitzt sie wieder am Theetisch, thut wie eine Privatiere und als ob sie mir mein' Sach' nur noch aus Gnad' und Barmherzigkeit machen thät. Die Frau ist nicht unterzukriegen, einfach nicht unterzukriegen! Ach Gott, Kinder, ich möcht' euch ja gern 's Wort reden, aber so oft ich von euch anfang', stößt mir das Malchen unterm Tisch 's Schienbein wund, und dann, Gott soll mich bewahren, die Feldern will nimmer für mich arbeiten, wenn ich nicht aufhör', ihr von Leuten zu reden, von denen sie nichts hören mag. Jede andre aber verpfuscht mir die Taille, und die kann ich euch nicht opfern – nein, das werdet ihr einsehen! Jesses, Kinder, hat man sich aber heut' wieder bei euch unterhalten, 's geht eben nix über so ein Schwätzedle,« schloß sie ihre Rede und rauschte befriedigt von dannen. In der That, Frau von Feldern gönnte sich ein wenig Ruhe; sie hatte nur noch ein Nähmädchen und ihre emsigen Hände zogen nicht mehr so blitzschnell die Nadel aus und ein wie vordem. Das Alter war gekommen, und die Augen, die so viel geleistet, versagten den Dienst. Aber sie klagte nie, saß nach wie vor aufrecht und gut gekleidet hinter dem Theekessel, maßregelte Frau Müller und protegierte Malchen, die ihr allein von all den früheren Gästen treu geblieben waren, und wenn man sie hörte, so ging ihr alles nach Wunsch und sie war eine beneidenswerte Mutter wie keine zweite auf Erden. Die heimliche Angst, es könne ihrem Kunochen eines Tages wieder schlecht gehen, verließ sie freilich keinen Augenblick; sie legte deshalb, was sie zu erübrigen vermochte, als Notpfennig zurück, um ja in der Lage zu sein, dem Liebling beispringen zu können, wenn Not an Mann gehe. Zuweilen auch wunderte sie sich in ihrer Einsamkeit, daß Eduard so gar keinen Versuch mehr machte, ihre Verzeihung zu erringen; da sie des Abends nicht mehr arbeiten konnte, kamen ihr allerlei Gedanken, die beinahe etwas Versöhnliches hatten, besonders seit sie wußte, daß sie Großmutter geworden war. Aber zuerst natürlich mußte der Sohn zu ihren Füßen liegen! Der aber hatte seit der Täuschung, die er an seiner Mutter ausübte, ein viel zu schlechtes Gewissen, als daß er sich unter ihre Augen getraut hätte. Auch war er nicht so ganz sicher, ob er wohl im stande sein möchte, es ruhig über sich ergehen zu lassen, wenn die Mutter nach wie vor Kunos Loblied singen würde. Er hatte nun schon ganz artige Summen an den Bruder gesandt und nicht Lust, ihn noch länger als Vorbild hingestellt zu bekommen. Er fand es überhaupt an der Zeit, die Mutter endlich über die Lage des Bruders aufzuklären, allein Gustl hielt ihn immer wieder davon zurück. »Thu' du's nicht,« bat sie, »aus deinem Munde wär's ihr ein doppelter Schlag; dein Bruder wird's gewiß nicht immer verbergen können, wie's um ihn steht; er hat so wie so eine ganze Weile nichts von sich hören lassen, da denk' ich immer, er kommt eines Tages völlig abgerissen heim, und dann wird ja alles einmal an den Tag kommen.« Die Sache ging aber anders; Kuno hatte immer regelmäßig an seine Mutter geschrieben, kurze Briefe, in denen er sich nach Mamas Befinden erkundigte und sie immer wieder bat, doch nicht so viel Aufhebens von den monatlichen Geldsendungen zu machen, ihre überschwengliche Dankbarkeit beschäme ihn gar zu sehr. Diese gedankenarmen Brieflein waren die einzige Lebensfreude der einsamen Frau, gaben ihr den Trost, dessen sie so sehr bedurfte, daß sie nicht umsonst gelebt, gekämpft und gerungen. Nun aber war schon eine geraume Zeit verstrichen und Frau von Feldern hatte nichts von ihrem Sohne gehört. Eine entsetzliche Unruhe bemächtigte sich ihrer, die unglückseligsten Vorstellungen plagten sie, so daß sie jedesmal zusammenfuhr, so oft es auf dem Vorplatz läutete. Zwanzigmal im Tag lief sie zu ihrer Schatulle, um die Summe nachzuzählen, die sie erübrigt hatte. Dann wieder schalt sie mit sich selber, was ihr denn einfalle, was sie denn glaube – trafen nicht die hundertundfünfzig Mark regelmäßig am Ersten eines jeden Monats vom Bankier bei ihr ein, im Auftrage des Herrn Kuno von Feldern! »Ich bin doch eine recht nervöse alte Frau geworden,« sagte sie zu sich selber, »Kunochen wäre außer sich, wenn er wüßte, was ich mir für Sorgen mache,« Es war Sonntag; Frau von Feldern warf noch einen Blick auf den sorglich hergerichteten Theetisch, fuhr mit dem Staubtuch über den Kessel, der ohnedies wie ein Spiegel glänzte, und wollte nun an die sonntägliche Toilette gehen, als es auf dem Vorplatz läutete. Es war das Dienstmädchen des oberen Stockwertes; sie solle vielmals um Entschuldigung bitten, aber der Postbote sei in der Frühe dagewesen, er habe unten geläutet, und da ihm nicht aufgemacht worden sei, habe er sein Paket oben abgegeben; sie, das Dienstmädchen, sei in der Kirche gewesen, und die gnädige Frau habe eben erst wieder an das Paket gedacht, das sie auf dem Vorplatz habe liegen lassen. Es war ein Paket aus Berlin, das Frau von Feldern freudig erregt in die Stube trug. Gerade in dieser Nacht war sie wieder von den unglücklichsten Vorstellungen geplagt gewesen und erst gegen Morgen in einen unerquicklichen Schlummer verfallen; da mußte der Postbote geläutet haben, und sie hatte es nicht gehört. Mit zitternden Händen riß sie das Paket auf; ein Rahmen kam zum Vorschein mit einem Bild – mit dem Bild ihres Lieblings. – Aber fast hätte sie aufgeschrieen, so ähnlich war er dem Vater geworden, schon durch den grauen Anzug, den er trug, und den Backenbart, den sie zum erstenmal an ihm sah; sein früher so interessantes schmales Gesichtchen war allerdings rund geworden, ja beinahe feist, und auch ein Etwas in der Haltung – kurz, Kunochen sah nicht mehr so aristokratisch aus wie früher, und Frau von Feldern nahm sich vor, ihn darauf aufmerksam zu machen. Jetzt aber zum Brief – wie freute sie sich über dessen Läng, mit welchem Behagen setzte sie sich zurecht, das Bild vor sich auf den Tisch stellend! – noch einmal hing ihr Auge an den teuren Zügen, dann beugte sie sich über das Schreiben und las: »Geliebte Mutter! Ich habe lange nichts von mir hören lassen, aber wie Du auf dem Bilde siehst, bin ich nun fein heraus, und so will ich denn endlich Mut fassen und mit der Wahrheit anrücken. Ich habe schrecklich ausgestanden, liebe Mama, und wahrhaft jammervolle Zeiten durchgemacht. Ich glaube, ich bin nicht so begabt, wie Du immer meintest, und welch ein Glück war' es gewesen, wenn man das früher herausgekriegt hätte und ich mich nicht so fürchterlich mit Lernen hätte schinden müssen, denn ich war weder zum Studieren, noch zum Soldaten geboren. Hier in Berlin habe ich das sehr bald eingesehen, aber ich wollte Dich nicht kränken, und so habe ich Dir auch alle die Schicksalsschläge verheimlicht, die mich hier nacheinander trafen, denn ich bin gleich im ersten Jahr stellenlos geworden, und, was ich auch unternahm, nichts wollte mir glücken. Auch war ich keiner Anstrengung gewachsen, und als ich mich einmal sehr elend fühlte und zu einem Arzt ging, sagte dieser mir, ich sei zwar gesund, aber außerordentlich schlecht genährt und habe viel nachzuholen. Dies, liebe Mama, ist gewiß auch der Hauptgrund, warum ich ein so haltloser Mensch ohne Ausdauer geworden bin, und bitte ich Dich, dies ins Auge zu fassen, damit Du mir verzeihen kannst, was ich Dir alles verheimlicht habe und was aus mir geworden ist. Ich habe es nämlich Eduard zu verdanken, daß ich nicht zu Grunde ging, er hat mich fortwährend unterstützt, und Dich auch, liebe Mama, indem er Dir in meinem Namen das Monatliche auszahlte, was ich ja sehr gern gethan hätte, wenn ich es nur hätte können. Du kannst Dir denken, liebe Mama, wie mich das peinigte, wenn Du Dich immer bedanktest. Ich weiß gar nicht, wo all das viele Gelernte hin ist, denn nicht einmal für ganz untergeordnete Stellungen hat mein Kopf ausgereicht. Zuletzt bin ich Kellner gewesen im Café Kleiner, wo ich zuerst die Entdeckung machte, daß ich sehr geschickte Hände besitze, denn ich machte alles am besten und zerbrach nie etwas. Hier auch sollte mich der erste Glücksstrahl meines Lebens treffen; die Besitzerin des Cafés und des gleichnamigen Hotels war eine brave gutmütige Witwe in meinem Alter, kinderlos und sehr umworben. Allein meine feine Lebensart und elegante Erscheinung hat sie zu dem Schritt veranlaßt, mir ihre Hand und ihr Hotel anzubieten. Ich selbst hätte natürlich nie den Mut gehabt, bei ihr anzuklopfen. So siehst Du doch, liebe Mama, daß Deine gute Erziehung nicht umsonst war, sondern gute Früchte getragen hat. Wegen des Namens mache Dir keinen Knmmer: das Café behält den Namen Café Kleiner, und die Leute nennen mich Herr Kleiner. Es ist freilich mit mir ein wenig anders geworden als Du es wünschtest, aber zürne mir darum nicht, liebe Mama, es hätte noch viel schlimmer ausfallen können. Es geht mir jetzt so gut, daß ich gar zu gerne möchte, unsre ganze Familie wäre versöhnt. Meine Frau und ich bitten Dich, bei uns zu wohnen, Du sollst es sehr angenehm haben; ich versichere Dich, so ein warmes zweites Frühstück mit Rotwein ist nicht ohne! Ich wäre wirklich sehr glücklich, liebe Mama, wenn ich Dir alles vergelten könnte, was Du an mir gethan. Dein aufrichtiger Sohn Kuno.« Frau von Feldern ließ die Hand mit dem Brief ihres Sohnes sinken und starrte dessen Bild an; sie starrte es an, ohne es zu sehen, völlig geistesabwesend, als lauschte ihre Seele auf innere Stimmen, die sich da erhoben und nicht mehr zum Schweigen zu bringen waren. Die letzte Rede ihres Mannes fiel ihr ein, und es war ihr, als habe sie jene Worte, die er vor seinem Tode gesprochen, soeben wieder gehört aus dem Brief ihres Sohnes – ja, innerlich und äußerlich, sie waren sich ganz gleich! ... Sie schauderte zusammen vor der entsetzlichen Helle, die sich plötzlich vor ihr aufthat, aber sie schaute hinein, »Schicksal, Schicksal,« murmelten ihre zuckenden Lippen, »der eine giebt sein ›von‹ auf, der andre seinen ganzen Namen!« Sie stieß ein trockenes Lachen aus, das aber mit einem Schluchzen endigte; welch eine Öde, welch eine Armut des Daseins that sich mit einemmale vor ihren trostlosen Blicken auf – sich sagen zu müssen am Schlusse seines Lebens: es war alles umsonst, und du hast nichts erreicht, nichts! ... »Es ist alles Lüge gewesen,« sagte sie laut und hart, »ein mühevolles Lügen, tagaus tagein – nun aber ist's vorbei!« Sie starrte das Bild ihres Sohnes an, »Er sieht aus wie ein Oberkellner – mache dir das nur klar – mache dir alles klar!« Es läutete; Frau von Feldern fuhr in alter Gewohnheit nach dem Kopf, um das Spitzenhäubchen zu ordnen, das sie vergessen hatte, aufzusetzen, und öffnete. Die Sonntagsgäste traten über die Schwelle – Frau Müller in rauschender Seide, mit dem unternehmenden Gesichtsausdruck einer Person, die sich auf einen lustigen Kampf gefaßt macht – Malchen mit dem stark markierten Bühnenlächeln, das aber urplötzlich von ihrem Gesicht verschwand, während Frau Müller die Augenbrauen bis unter die Haarfransen zog; vor ihnen stand eine gebrochene, unbeschreiblich leidend aussehende Gestalt, die aber, kaum war die erste Frage laut geworden: »Sind Sie krank – fehlt Ihnen etwas?« wieder aufschnellte und in ihrem alten Ton erwiderte: »Nichts von Bedeutung –« Man stürzte über Kunos Bild her, und Frau Müller rief beinahe zornig aus: »Herrgott, jetzt hat der Mensch auch noch dicke Backen 'kriegt,« – sie nahm ihre Lorgnette – »wahrhaftig, ganz dicke Backen!« Frau von Feldern bereitete den Thee; ihre Hände thaten mechanisch die gewohnten Dinge, während sie innerlich fortwährend nach Fassung rang. Aber als Frau Müller ihren Thee hatte, schrie diese laut auf: »Pfui Teufel, was haben Sie mir da für ein Getränk gegeben, ich glaub' wahrhaftig, 's ist Lindenblütenthee – » »Entschuldigen Sie –» Frau von Feldern nahm die Tasse zurück, »eine kleine Verwechslung; da es mir wirklich nicht ganz gut ist, habe ich mir zum erstenmal in meinem Leben Lindenblütenthee gekocht.« Frau Müller betrachte Kunos Bild und dann die blasse, veränderte Frau. »Sie,« sagte sie Malchen ins Ohr, »da hat's schlechte Nachrichten gegeben, ich wett' –» Aber sie that keine Frage und Malchen auch nicht, und so entstand eine Totenstille. Frau von Feldern sollte die Erfahrung machen, daß für einen, der sein ganzes Leben gelogen hat, die Wahrheit keine leichte Sache ist. Es drängte sie, das Gewebe zu zerreißen und damit herauszukommen, was doch nicht zu verbergen war, aber der gerade Weg war ihr unbekannt. »Kunochen hat eine sehr gute Partie gemacht,« sagte sie mit einem eigentümlichen Zittern ihrer Stimme, »ich habe wenigstens selbständige Söhne erzogen und nicht solche, die ewig an der Schürze ihrer Mutter hängen.« »Das war vorauszusehen,« fiel ihr Malchen ins Wort, »ich wundere mich über gar nichts, und wenn Kunochen eine Prinzessin geheiratet hätte. Ist sie hübsch? Hat er nicht ihr Bild geschickt?« »Sie wird gemalt, ich bekomme sie gemalt; sie soll eine wunderschöne Frau sein,« sagte Frau von Feldern, »Es giebt ja nichts Dümmeres auf der Welt als Hochmut, und darum bin ich auch ganz zufrieden, obwohl sie die Tochter aus einem der ersten Hotels in Berlin ist; sie war sogar bereits ein halbes Jahr verheiratet, aber das geniert mich auch nicht, wo so viel Schönheit und Reichtum ist – die Kinder sind unbeschreiblich glücklich, und ich mit ihnen!« Frau Müller und Malchen warfen einen kurzen Blick auf die Sprecherin, deren Aussehen mit dieser Behauptung im grellsten Widerspruch stand. Aber Malchen war nicht umsonst Schauspielerin, und so legte sie sich ins Zeug und spielte die Unbefangene, allerdings nicht besser als auf der Bühne, aber ihre hohlen Reden und Worte ohne Sinn waren in diesem Augenblick eine große Wohlthat für Frau von Feldern. Sie saß wie in Todesangst vor einer plötzlichen, den Nagel auf den Kopf treffenden Bemerkung der Frau Müller, deren Augen immer auf der Wanderschaft waren zwischen ihr und dem Bilde Kunos, und um deren Lippen allerlei verräterische Geister ihr Spiel trieben. Die Verstellungskunst ging ihr allerdings vollständig ab, sie atmete hörbar vor innerer Aufregung, indem sie zu sich selber sprach: »Wenn ich sie jetzt nicht unterkrieg', dann krieg' ich sie nie unter – nur ein wenig, ein klein wenig will ich's ihr zeigen, daß ich mich nicht zum Narren halten laß.« Sie legte die Hand auf den Arm des Kunos Lob in allen Tonarten singenden Malchens. »Also auch nichts andres als eine Bürgerstochter, gerad' wie der Eduard –« »Ja, Eduard,« nahm ihr Frau von Feldern das Wort ans dem Mund, »er weiß noch von nichts – ich werde ihm selber die Nachricht bringen.« Großer Gott, was muß da passiert sein, was diese Frau innerlich so um und um hat wandeln können, sagte sich Frau Müller und kam mit sich überein: Nein, einer gebrochenen Seele will ich nichts zu leid thun, ich ganz gewiß nicht. »Kommen Sie, Malchen,« fuhr sie laut fort, »wir wollen Frau von Feldern nicht in ihrem Vorhaben aufhalten, es ist ohnedies ein so schöner Tag, da geht man gern noch ein bissel spazieren,« Sie schüttelte Frau von Feldern die Hand zwei-, dreimal. Draußen packte sie Malchen mit einer solchen Heftigkeit beim Arme, daß diese aufschrie, »Fast geplatzt bin ich – ich muß meine Hutbänder aufmachen – Jesses, Malchen, bleiben Sie bei mir – wenn mich nur kein Schlag trifft! – Wissen Sie, Malchen, ich hab' denkt, jetzt krieg ich sie endlich unter – ja hopsa! da war's wieder nichts. Daß ich's nur grad sag – fast sind mir die Thränen in die Augen gekommen, und ich kann's nicht sagen, wie's mich packt hat, daß sie zum Eduard geht. Das Kunochen muß eine böse Partie gemacht haben, potz Wetter noch einmal! Denken Sie an mich, Malchen – die Witwe läßt sich nicht malen, die wird wissen warum! – Großer, allmächtiger Gott! ja, ja, es kommt alles anders – Kinder haben ist nicht immer ein Pläsier, aber wenn der Eduard mein wär, ich wollt' gern drei Stock hoch springen, und wenn ich ein Bein dabei brechen thät! Aber kommen Sie, kommen Sie, Malchen, wir gehen in eine Konditorei, mich hat die Geschicht angegriffen, ich laß uns ein Eis geben nnd nachher einen Liqueur, denn so 'was muß man leben lassen – daß die Feldern zu ihrem Eduard geht!« Als Frau von Feldern sich dem Schneiderschen Hause näherte, machte sie große Augen über den neuen hübschen Laden mit den blanken Fenstern und der überaus appetitlichen Auslage. Sie ging durch die Einfahrt und blieb dann schweratmend unter der Hofthüre stehen; auch hier war alles anders, als sie es verlassen; ein prächtiger, grüner Rasen dehnte sich unter der Linde aus, ein rechter Tummelplatz für Kinder; an der Stelle des niedrigen Erdgeschosses stand ein schönes Hochparterre mit breiter Veranda. Frau von Feldern mußte sich einen Augenblick an der Thüre festhalten; sie hatte zwei Kinderköpfchen entdeckt, die an einem Tisch saßen und Milch tranken; blitzschnell erwachte in ihr die alte Natur, und sie erhob sich auf den Zehenspitzen, um zu sehen, ob alles in Ordnung vor sich gehe. Ja, völlig, völlig! – es nahm ihr fast den Atem. Allein die schnarrende Stimme des Herrn Schneider, der sich mit den Kindern abgab, brachte sie zu sich selbst; ein Gefühl glühender Eifersucht durchfuhr ihre Glieder; rasch schritt sie über den Rasen und erschien plötzlich auf den Stufen der Veranda. »Ei du heiliges Kreuz, die Feldern –« empfing sie der Großvater ihrer Enkel, aber er war purpurrot und zitterte an allen Gliedern, »um Gottes willen, bitte – bitte –« Er schob der Frau, die angesichts der sie groß anschauenden Kleinen zu wanken anfing, flugs einen Stuhl unter. »Und das ist der Eduard Feldern und das der Kuno Feldern» sagte er und setzte ihr beide Büblein auf den Schoß. Sie drückte die Kinder mit einem wonnigen Anfschluchzen ans Herz. »Ja, ja, Herr Schneider,« preßte sie unter den nicht mehr zurückzuhaltenden Thränen hervor, »Sie haben gesiegt – » »Bilden Sie sich so 'was nicht ein, sondern sehen Sie mich an» – er saß da, die Ellbogen auf dem Tisch, die Hände in den Haaren – die reinsten Barone sind wir – alle miteinander – wenn Sie noch einen Flecken an meinem Rock sehen wollen, müssen Sie eine Lupe nehmen – und diese Kinder – jawohl, da hat sich was mit meinem Sieg, Den ganzen Tag heißt's: das dürfte Großmama Feldern nicht sehen – jenes dürfte Großmama Feldern nicht hören! – Und der Großvater Schneider – je nun, was will er machen – wenn alles nach Ihrer Pfeife tanzt, so muß ich halt mittanzen, aber leicht ist mir's nicht geworden und manchmal schon hab' ich gedacht – hol Sie der – o Herrgott« unterbrach er sich, »die werden mich ja steinigen, daß ich da lang schwatze –« und rannte unter fürchterlichem Schneuzen davon. Frau von Feldern hatte die Rede des ehemaligen Todfeindes wohl gethan, sie hatte sie erheitert. Als Eduard und seine Frau mit überquellendem Herzen, glückselig und doch wieder zagend herbeigeeilt kamen, fanden sie keine strenge, großmütig verzeihende Mutter, sondern eine mildblickende, glückstrahlende Großmutter, die jeder Rührung die Spitze abbrach, indem sie die Eltern ihrer Enkel mit den Worten empfing: »Wie habt ihr sie wohl erzogen!« Aus dem Fexenreich. Auf dem Platze vor dem neueröffneten Sulden-Hotel bewegte sich eine bunte Gesellschaft von kahlgeschorenen Touristen in abgetragenen Loden-Anzügen, aus denen die bloßen Kniee heraussahen, und von jenen eleganten Erscheinungen männlichen und weiblichen Geschlechts, wie sie sich gewöhnlich in großen Hotels für teures Geld sehen zu lassen pflegen. Allein merkwürdig! – die schönsten, zwischen ihren bauschigen Ärmeln fast verschwindenden Frauengestalten, die allerkarriertesten Gigerl – nichts dergleichen machte Eindruck in Sulden! Wer nicht alle Tage von irgend einer Spitze herunterkam mit von der Gletscherluft zerschundener Nase, von der die Hautfetzen hingen, der galt nichts, hatte überhaupt nicht mitzureden, wenn er auch sonst im gewöhnlichen Leben, sei's durch äußere oder innere Eigenschaften, einen wahren Glanz um sich zu verbreiten pflegte. Manchesmal schon war in dem kleinen Damen-Salon der Versuch gemacht worden, das Gespräch auf die neueste Mode oder Tageslitteratur zu bringen; aber da brauchte nur wieder einer zu kommen, der auf allen Vieren an einer Steilwand hinauf oder über irgend einen Grat geklettert war, da saßen sie alle, wie auf den Mund geschlagen, und lauschten notgedrungen dem Erzählen von Gefahren, die sie nicht bestehen mochten oder konnten, dafür aber zwanzigmal des Tages zu hören bekamen. Das kleine Thal lag jetzt im Schatten, während das oben am Waldesrand stehende Sulden-Hotel sich noch der letzten Strahlen der untergehenden Sonne erfreute. Die, welche herumstanden und sich in lebhaften Erörterungen über jene höchsten Spitzen ergingen, würdigten die große Lieblichkeit der nächsten Umgebung keines Blickes. Nur die einsame Frau etwas abseits auf einer Bank schien sich dem Zauber dieses Anblicks hinzugeben. Langsam durchstreifte ihr Blick das Wiesenland und folgte dem brausenden Suldenbach, der sich am Ende des Thals dem wilden Geröll der Fels- und Eisabstürze entwand, in ewigem Ungestüm dem Ausgange des Thales zueilend. Dort stand das Kirchlein St. Gertraut und erhob seine Glockenstimme, um der kleinen Suldengemeinde den englischen Gruß zu verkünden. Die Männer des Thales waren soeben schwer bepackt, versehen mit Eispickel, Seil und Steigeisen aus dem Führerzimmer des Hotels getreten; ihr lustiges Lachen und Schwatzen verstummte aber sofort beim Klange der Glocke, und sie alle zogen den Filz und standen still, so lang das Glöcklein läutete. Dann ging's um so lebhafter her; die Touristen eilten herbei, und jeder hatte noch etwas mit seinem Führer zu besprechen, oder vergessene Dinge für dessen Rucksack herbei zu holen. Die Frau auf der Bank hatte sich beim Nahen der Führer erhoben und deren Reihen gemustert; sie grüßten sie alle. Einer allein, der älteste von ihnen, jener Hans Vinzera, der mit dem berühmten Erforscher des Ortlergebietes zuerst den mächtigen Bergriesen bestiegen, der Mann kam auf die Dame zu und sagte, ihr treuherzig die Hand drückend: »Werd' schon auf die Lisel acht haben, brauchen sich nicht zu sorgen!« Sie sah in sein gutes Gesicht, »Ich weiß, ich weiß, ich bin ja auch unbesorgt;– aber leiden Sie's ja nicht, wenn sie tollkühn sein will! – Eigentlich bin ich doch immer in Todesangst!« Der alte Hans lachte, »Is unnötig, ganz unnötig,« versicherte er, »da kommt sie schon!« Ja, da kam sie! – Wer auf dem Platze stand, wandte sich nach ihr hin, um der kühnen jungen Bergsteigerin, Suldens neuester Berühmtheit, seine Bewunderung zu zollen.– Ein kurzer grauer Lodenrock, ein weißes Flanellhemd, über dem, nach Führerart, die lose Jacke hing, ein grauer Filz über einem braunroten Gesichtchen mit mächtigen Augen, – so kam sie, trotz der nägelbeschlagenen Bergschuhe dahergeflogen in die Arme ihrer Mutter. »Muß dich wieder allein lassen, aber es ist eben gar so schön da oben, so unbeschreiblich schön. – Leb' wohl!« Sie grüßte, übermütig den Hut schwenkend, und schritt davon; der Hans folgte hinten nach. »Es scheint wie ein Rausch über die Menschen zu kommen in dieser hohen Luft,« murmelte die Mutter des jungen Mädchens vor sich hin, nachdem sie ihrer Tochter nachgeschaut und wieder auf ihrem alten Sitz Platz genommen. Sie hob das Auge zu den jetzt verblaßten Spitzen der Schneeberge, die das Thal im Süden gegen die übrige Welt abschlossen, und blieb mit dem Blick an der Königspitze hängen, die in ihrem faltigen Schneemantel alle übrigen gekrönten Häupter an hehrer Majestät überragte. »Auch da will sie hinauf,« seufzte die einsame Frau, »aber sei's drum! – Jeden Wunsch will ich meiner Lerche erfüllen, daß sie mir nur nie das Jubeln – das Aufjauchzen verlerne!« »Gnädige Frau!« Sie fuhr zusammen und blickte auf. Neben ihr stand ein schlanker, fein gekleideter Mensch. Die Angeredete streifte ihn nur mit einem kurzen und unfreundlichen Blick; ebenso zeigte das Kopfnicken, womit sie die Bitte des jungen Mannes, neben ihr Platz nehmen zu dürfen, erwiderte, keine Spur von Verbindlichkeit. Er lächelte. – »Ich scheine auch diesmal nicht gelegen zu kommen. – Ich habe offenbar kein Glück in der Wahl meiner Stunden – vielleicht überhaupt kein Glück –.« Er hielt inne; da aber die Gegenbeteuerungen ausblieben, zuckte er kaum merklich mit der Achsel und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los. »Es sind nun schon vierzehn Tage, Frau Werner, daß ich das Glück genieße, bei Tisch an der Seite Ihrer ebenso eigenartigen als reizenden Tochter sitzen zu dürfen. Das gnädige Fräulein sagte mir, daß Sie zwei Monate hier zu bleiben gedächten – darf ich nun –? Gestatten Sie mir, verehrteste Frau? – Eben das unbefangene reine Gemüt dieses Mädchens, das Ursprüngliche, so ganz und gar Unverfälschte; – ich kenne ihr ganzes Leben – daß sie fünf Jahre, während der langen Krankheit ihres Vaters im Institut war und seither auf dem Lande lebt; ihr Entzücken, endlich nach Herzenslust mit Menschen verkehren zu können, und was sie über diesen oder jenen denkt – das alles hat sie mir rückhaltlos erzählt; – kurz, sie ist durchsichtig wie klares Wasser, dem man bis auf den Grund sieht und sehen darf. – Ist es daher ein Wunder, gnädige Frau, wenn ein Mann es als höchstes Glück erachtet, sich diesen Schatz erringen zu dürfen?« Der junge Mann schwieg und beugte sich ein wenig vor, sein fragendes Auge auf die Gesichtszüge der neben ihm sitzenden Dame heftend. Sie blieben steinern, und er räusperte sich ein wenig und meinte, seine Stimme noch mehr dämpfend: »Ich begreife, ich begreife ja sehr gut – es muß einer Mutter nicht wenig schwer fallen, das einzige Kind – und solch ein Kind – herzugeben. – Aber einmal muß es ja doch sein; – und wenn mich nicht das Benehmen Ihrer Tochter – allerdings nur ein klein wenig – berechtigt hätte –. Ich habe ihr von meiner künftigen Laufbahn gesprochen. Ich habe vor, ins Konsulat zu treten – eine glänzende Karriere ist mir dort so gut wie sicher, so daß sich meine Aussichten nicht glücklicher, nicht vorteilhafter –« »Und sonst, Herr Assessor, was bringen Sie sonst meiner Tochter mit?« klang es fragend von den Lippen der neben ihm sitzenden Frau. »Sonst? Wie ich soeben sagte, meine Verhältnisse sind die denkbar –« »O nicht so!« wehrte sie. »Ich meine, was für eine Jugend, was für eine Vergangenheit? Ist sie auch so durchsichtig wie klares Wasser, dem man auf den Grund sieht – und sehen darf?« »Aber erlauben Sie, das ist doch – darnach fragt man doch nicht beim Mann!« »O, ja, ich thu's! Daß man's nicht thut, das eben ist das Unrecht; ich warte nur auf Ihre Antwort, Herr Assessor!« »Gnädige Frau, ich kenne das Leben – ich habe meine Jugend genossen; allein an der Seite einer reinen Frau – » »Haben Sie schon einmal gehört,« unterbrach sie ihn, »daß ein schlechter Apfel in der Gemeinschaft mit guten Äpfeln gesund wird? Es ist allemal umgekehrt der Fall, die guten werden schlecht.« »Es ist dies ein Thema,« meinte der Assessor, »das sich für eine Frau doch eigentlich wenig eignet.« »Was sollte sich für eine Mutter mehr eignen, als daß sie sich um das Glück ihres Kindes sorgt?« »Sie werden sich also grundsätzlich zwischen Ihre Tochter und einen Mann stellen, der nicht das Glück hat, ein unerfahrener Jüngling zu sein? – Erlauben Sie» fügte er, sich erhebend, hinzu, »das sind Fraue-Emancipations-Ideen!« »Sie irren sich,« erwiderte Frau Werner, »ich bin nur ein schwer geprüftes Weib, das sein Kind vor dem gleichen Schicksal bewahren möchte!« Der junge Mann empfahl sich, ganz so, als habe er soeben die angenehmsten Dinge gesagt bekommen, und die blasse Frau lehnte sich in ihre Bank zurück und schloß die Augen – nur ein paar Minuten lang; aber in dieser Zeit zog ihr ganzes unglückseliges Frauendasein an ihrem Geist vorüber: wie sie jung war und schön, hervorragend schön, und Stephan Werner, der reiche Fabrikanten-Sohn, sie in ihrem Vaterstädtchen entdeckte. Das erste Gefühl, das er ihr einflößte, war Furcht, Scheu. – Warum folgt man diesen inneren Stimmen nicht? Aber man läßt sich bereden, verführen. O und wie er es verstand! »Er hat zwar ein wenig toll gelebt in der Jugend, aber eine brave Frau wird ihn bald in Ordnung bringen,« sagte der Vater und gab seine Tochter hin. Doch der Mann blieb, wie er war; und sie war zu brav, zu ehrbar und schwerfällig, um sich in seine Art zu finden. Er verhöhnte die Kleinstädterin und lebte, wie es ihm gefiel. Dann kam die Krankheit, die fünf Jahre dauerte. Gebrochen an Geist und Körper zog Frau Werner nach des Gatten Tod mit ihrem Kinde aufs Land. Aber sie war keine Natur, der das Vergessen leicht wurde; sie kam über die Verbitterung, die an ihrem Gemüt zehrte, nicht weg; nur das Kind – ja, des Kindes Glück, darin bestand ihre Aufgabe. – Die Tischglocke hatte längst ihren weithin schallenden Ruf ertönen lassen, als die in sich versunkene Frau sich endlich erhob und langsam dem Hause zuschritt. Ihr Anzug war sehr einfach und matronenhaft; nur ein wenig Fülle, und ihr Gesicht wäre noch schön gewesen; nun war es scharf. Frau Werner und ihre Tochter sahen oben an der ersten der sechs langen Tafeln im Speisesaal, von wo aus man des herrlichen Blickes auf die gen Süden gelegenen Hauptgletscher genoß. Lisel hatte sich die Vergünstigung ausgebeten, diesen Platz nicht wechseln zu müssen, und was Lisel wollte, das geschah; und so erfreuten sie sich des immer gleich schönen Anblicks, indes die Menschen um sie her fast alle Tage wechselten. Nur der Assessor wich, seit sie in Sulden weilten, nicht von Lisels Seite. Frau Werner warf zuweilen einen Blick über den leeren Stuhl ihrer Tochter weg nach dem Gesicht des jungen Mannes. Es war ihm nichts zu entnehmen; seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber war sich gleich geblieben. Im Innern lächelte er über die sentimentale Kleinstädterin und nahm sich vor, sie als Schwiegermutter gründlich von ihren Verrücktheiten zu heilen. Ist denn nicht irgend ein anderer da? fragte sich Lisels Mutter und sah sich nach einem Antlitz um, das ehrlich und offen und unverdorben, im stande sein könne, den lebenserfahrenen Großstädter in den Schatten zu stellen, im Fall es ihr nicht möglich war, ihre Tochter zur Abreise zu bewegen. Endlich aber fand sie sich gezwungen, der lebhaft raisonierenden Stimme ihr gegenüber Gehör zu schenken; es saß da ein dünnes wunderliches Männchen mit einem vorsintflutlichen Hemdenkragen und rötlichbrauner Perücke, dem nichts in Sulden recht war. Erst hatte er an einen jungen Mann hingeschwatzt, als er jedoch dem Blick der ihm gegenübersitzenden Frau begegnete, machte er sie ohne weiteres zur Vertrauten seiner Angelegenheiten, »Sulden, Verehrteste, das Sulden von jetzt und das Sulden von früher – wie Tag und Nacht! – Solitudo – ja wohl, hat sich 'was mit der gepriesenen Einsamkeit – ist aus damit! – ein Raubnest und Fexennest, mit Modeartikeln männlichen und weiblichen Geschlechts! – Besitze zweiundsechzig Denksteine mit der Aufschrift des jungfräulichen Bodens, den mein Fuß im Laufe der Jahre in jenen höheren Regionen zuerst betrat. – Diese zweiundsechzig Steine stehen in einem eigens zu diesem Zweck verfertigten Eckschrank meines Studierzimmers. – Ach richtig! ich habe Ihnen ja nicht einmal gesagt, wer ich bin: Baudirektor Meyer und der junge Mann da – Baupraktikant Schwert. – Aber beurteilen Sie uns nicht nach unseren Namen! – Schwert könnte allenfalls auf mich passen, denn jeden möchte ich durchbohren, der in dieses staubige, verdorbene, verfexte und verhexte Sulden –« »Aber Sie sind doch auch da!« fiel ihm der junge Mann in die Rede. »Hm ja,« brummte er, »natürlich! weil ich eben auch ein Esel bin!« »Ich bitte, etwas mehr Respekt vor meinem Vorgesetzten!« wendete der Praktikant ein. Der alte Mann lachte, »Intimität bringt den Respekt um; wir sind schon gar lang beisammen, ich und der Herr Baudirektor, – Was da! » fuhr er auf, als der junge Mann sich ein Viertel Wein bestellen wollte, »das ist meine Sache! – Sie, junge Person, eine Flasche Roten – alle Tage eine Flasche Roten – und nicht vergessen! Seit acht Tagen steige ich da mit meinem lieben Führer, dem Peter Dangl, in Eis und Schnee und Lawinenrinnen herum, und nirgends eine Stelle, nirgends ein Plätzchen, wo nicht schon so ein verfluchter Bergfez seinen einfältigen Stiefel hingesetzt hätte!« Man war am Nachtisch, und der Direktor hatte noch immer seine volle Flasche vor sich; Frau Werner bemerkte, wie der Baupraktitant einen kurzen Seitenblick nach der Wasserflasche that, aber die darnach ausgestreckte Hand schnell wieder sinken ließ. Sie erriet sofort die Situation: der Mensch hat Durst und getraut sich nicht, einzuschenken, aus Furcht, der Vorgesetzte könne es bemerken und für eine Mahnung an seine Weinflasche halten. Der junge Mann ist nicht gewandt, er kommt aus kleinen, vielleicht unfreien Verhältnissen; der Direktor hat ihn natürlich mitgenommen, wie sollte er sonst in dieses teure Hotel geraten? – Ein frisches, offenes Gesicht, der Mund beinahe kindlich, – Frau Werner betrachtete die Stirn, die hoch war und gescheit, und erfreute sich an dem Glanze der braunen, Heiterkeit ausstrahlenden Augen. – Ach, Heiterkeit, harmlose, herzliche Heiterkeit, die sie so früh verloren und nie wieder gewonnen! Sie konnte nicht umhin, einen Vergleich zwischen den beiden, in ihrer Nähe sitzenden jungen Männern anzustellen, der durchaus zu des Assessors Ungunsten ausfiel. Allein zwei Wienerinnen unten am Tisch, eine Engländerin und nicht weniger als vier Berlinerinnen belehrten sie auf das augenscheinlichste, daß elegante, feine Lebensform ganz andern Eindruck macht, als schlichtes, ungewandtes Gebahren, mochte dahinter sein, was da wollte. »Blinde Jugend,« seufzte Frau Werner in sich hinein. »Jammervolle Tischgesellschaft!« sagte sich der Assessor, als er den Speisesaal verließ, »alter einfältiger Schwätzer – ein Mensch, der mit dem Messer ißt! Wie kann man denn mit so jemand verkehren? – Und diese petrificierte mütterliche Tugendheldin!« Er streckte sich mit einem »Ah!« der Erleichterung in einem Fauteuil im Damensalon aus: »Mit der Frau Mama wird endgültig gebrochen, mein lieber Schatz! Es thut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen!« Der Direktor machte noch einen kleinen Spaziergang mit seinem jungen Praktikanten. »Ja, die Luft, die Luft da oben! Das ist freilich kein leerer Wahn,« erklärte er. »Zu denken, daß jetzt alles auf einem Flächenraum von etlichen tausend Quadratmeilen schwitzt, wie nicht gescheit, und ich da oben friere, regelrecht friere – es ist ein Hochgenuß! Übrigens unsere Nachbarin bei Tisch, die arme Seele! macht sie Ihnen nicht auch den Eindruck von jemand, der einmal fromm gewesen, und dessen heißeste Bitte der liebe Gott nicht erhört hat? Nun schmollt sie mit ihm und läßt ihre Unzufriedenheit an allen seinen Kreaturen aus. »Nur nicht an ihrer Tochter,« sagte der junge Mann, »an der scheint sie nichts auszusetzen zu haben!« Der Direktor lächelte. »Es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre! Sie meinen doch jenes große, schöne Mädchen, das alle Führer Lisel nennen?« »Und die daherkommt, als habe sie der ganzen Welt zu befehlen, und –« »Nun, und?» fragte der Direktor, »Damit sind Sie am Ende nicht einverstanden, entspricht nicht ihrem Ideal der Weiblichkeit, was? Niedergeschlagene Augen, stilles Walten' und so weiter! Herrgott, Sie lassen doch auch die Berge hoch und nieder sein, wie's ihnen beliebt, und die Blumen wachsen in leuchtender Pracht oder in bescheidenen Farben! – Warum sollen denn die Menschen immer sein, wie's uns beliebt!« Der junge Mann warf lachend sein blondes Haar aus der Stirn, »Sehr wahr – sehr!« Der Direktor klopfte ihm auf den Arm, »Lieber, langer Mensch, warum glauben Sie denn, daß ich den alten Eller drunten, bei dem ich zehnmal hinter einander gewohnt, warum glauben Sie denn, daß ich den in Stich gelassen und in diesem eleganten Tempel der Unnatur meinen Aufenthalt genommen habe? Nur Ihretwegen! Sie sind ein genialer Kopf und bauen und bauen und bauen und bilden sich ein, es sei ganz gleichgültig, ob sie dabei Ihren Mitmenschen auf die Hühneraugen treten oder nicht. – Uns gegenüber am Tisch, da sitzt so einer, dem guckt die feine Lebensart aus jedem Rockfältchen heraus; Herrgott, wie uns der Mensch verachtet! – Ich bin ein alter Mann, ich finde mich darein!« »Ich auch!« »Nein, Sie haben im Gegenteil Ihre Augen aufzumachen und etwas zu lernen! Sie sitzen da immer bei Ihrer Mutter, und die macht's genau so, wie die Frau Werner, und hat nichts an ihrem Sohn auszusetzen. Aber ich! Da ist ein gutes Herz und ein bedeutender Kopf und ein ganz unmanierlicher Mensch drum herum. – Der gegenüber, was der für ein Herz hat, weiß ich nicht, und es ist ihm auch noch nicht der Mühe wert gewesen, mir seine geistige Bedeutung zu offenbaren; aber warten Sie nur, sobald sich's um ein Frauenzimmer handelt, hat der das Glück und nicht Sie! »Herr Direktor – ich –« »Sprechen Sie es nicht aus, mein junger Freund, denn ich will nicht hören, daß Ihnen das einerlei ist! – Jenes Mädchen, jene Lisel, sehen Sie, die gefiel' mir für Sie!« »Sonst nichts?» murmelte Schwert und wurde rot wie ein junges Mädchen. Und der alte unbarmherzige Mensch fuhr fort: »Ich bitte Sie um's Himmels willen, spielen Sie sich nicht auf den in allen Schauspielen und Romanen bereits abgeleierten Helden hinaus, kein reiches Mädchen heiraten zu wollen! Sie sind auch reich mit Ihrem Wissen und Ihrer ungeschwächten Herzensfrische. – So, und nun wird mir's zu kalt, mein Lieber! Und falls Ihnen der alte Mann zu wenig Umstände gemacht haben sollte, so denken Sie: er ist bald siebzig – da nimmt man sich die Zeit nicht mehr, lang, wie die Katz', um den Brei zu gehen!« Er lief davon, aber der junge Mann rannte ihm nach und drückte ihm die Hand. Dann eilte er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die breiten Treppen des Hotels hinauf, in sein Zimmerchen. Dies war so klein, daß er sich bei jeder Bewegung, die er machte, entweder am Bett oder am Waschtisch stieß, was ihn aber nicht hinderte, mit einem wahren Feuereifer herum zu rennen und allerlei Dinge herbei zu holen, die er in seinen Rucksack stopfte. Dann fuhr er in seinen Lodenrock; noch die nägelbeschlagenen Schuhe, Alpenstock und Eispickel, und, vor der Thüre sich scheu umsehend, eilte er wie ein Dieb aus dem Haus, und noch bis über die Gamben-Höfe lief er wie einer, der sich verfolgt wähnt. Als er den schmalen Weg zum Ebenwand-Ferner betrat, kam hinter dem Ortler der Mond zum Vorschein, und immer lichter ward's, je höher der nächtliche Wanderer stieg; zum Himmel aber ragten, wie weiße Gespenster aus dem Dunkel der Nacht, die hehren Häupter der Alpen. Und der junge Mann breitete die Arme aus und jauchzte in die todesstille, wunderbare Nacht hinein; und es war, als ob dieses Aufjubeln aus einer freudedurchschauerten Menschenbrust der ganzen, stillen, heiligen Natur zu Herzen ging, denn sie sandte den Gruß in dreifachem Echo zurück. Der junge Mann war stehen geblieben und hatte gelauscht, dann rief er ein »Dank' schön!« für die Antwort und schritt rüstig weiter. Der Mond beleuchtete seinen Pfad, der zunächst in jähem Zickzack sich aufwärts wand, worauf die zweite Hälfte über kolossale Moränenfelder führte. – Karl Schwert befand sich in Sulden auf der ersten Reise seines Lebens; daß sie ihn gleich in eine sechstausend Fuß hohe Luft führte, unter Menschen, denen, nach ihrem ganzen Gehaben zu schließen, nichts ferner zu liegen schien, als die Notwendigkeit, sich irgendwie einzuschränken, das gab ihm, der nie anders als in ärmlichen Verhältnissen gelebt, in der neuen Umgebung nicht gerade ein Gefühl der Sicherheit oder des Behagens. – Und wie hatte er sich auf diese Reise gefreut! Er hatte sein gutes, am Herde stehendes ›Mutterle‹ aufgenommen und war mit ihr, wie ein Wirbelwind, durch die schmale Küche getanzt; dann setzte er die halb Lachende, halb Scheltende behutsam nieder und las ihr das Schreiben seines Vorgesetzten vor, der ihn zu einer Reise nach Tirol einlud. »Siehste, Mutterle,« sagte er, »jetzt kommt's! Seit meiner Kindheit freu' ich mich unausgesetzt auf irgend ein großes, unermeßliches Glück – da haben wir nun den Anfang!« Denn obwohl sie froh und zufrieden mit einander lebten, zu einer Reise, nicht einmal zur allerkleinsten, hätte der Gehalt des jungeu Baupraktikanten ausgereicht, da sie beide davon leben mußten. Die Mutter hatte das kleine Vermögen, das ihr nach dem Tode ihres Mannes geblieben war, an die Erziehung des einzigen Sohnes gewandt; ein hartes Ringen, Einteilen und Sorgen, bis er endlich so weit war, auf eigenen Füßen zu stehen, mit einem Gehalt von zweitausend Mark. Wenig zum Leben und doch für die beiden anspruchslosen Menschen unendlich viel. Karl entwarf einen ganzen Schlachtplan, was die Mutter und er sich nun alles gönnen wollten. Sie fuhr ihm durch den dichten, blonden Haarschopf. »Du kindischer Kerl, sobald wir etwas erübrigt haben, mußt du eine Reise machen! – Das ist das allernotwendigste, daß du endlich einmal ein Stückchen Welt siehst!« – Und jetzt war die Reise da! Unverhofft war das Glück gekommen, und Karl Schwert stand zwischen Gletscher- und Schneeriesen und starrte in den leuchtenden Mond. »Wenn ich nur nicht mehr hinunter müßte in das lärmende Haus mit den gewandten, lebesicheren Menschen! Es ist mir unter ihnen, als wären mir die Ellbogen an den Leib gewachsen! – Und dieses Fortschleichen in der Nacht, wenn ich meine Touren mache – als ging ich auf schlechten Wegen! – Aber wie soll ich denn jedesmal einen Führer zahlen können, woher denn? – ›Mein Beutel steht Ihnen jederzeit zur Verfügung!‹ – Ja, das hat er freilich gesagt, der gute Herr Direktor! Aber verlangen, um etwas bitten, das kann nur einer, der selber geben kann! – Geben können, geben können! Ach, wie demütig wollt' ich geben! – Wie weiß ich, was Nehmen heißt!« Er stand jetzt oben, einige hundert Schritte von der Schaubachhütte entfernt; dann sich niederstreckend, legte er seinen Rucksack unter den Kopf und wickelte sich in seinen Mantel. Er lag so, daß er gerade in den mondbeschienenen Sulden-Gletscher schaute, das Ziel seiner Wanderung. »Dort, ja dort ist alles gut!« murmelte er, »Den Schnee unter den Füßen und tief unten die Welt! Da reichen sie nicht hinauf, die Fangarme enger drückender Verhältnisse! da ist's aus mit den Vergleichen, und alles ist mein, was ich erreiche, was ich erzwinge durch eigene Kraft!« Er atmete noch ein paarmal tief auf und schlief dann ein, von nichts gestört in der nächtlichen Stille der Bergeseinsamkeit. – Er war besser daran, als das Touristenvolk drinnen in der Hütte. Sie war überfüllt; mehr als vierzig Menschen wollten ein Unterkommen; aber die Pritschen in dem langen, schmalen Schlafraum reichten nicht aus. Nachdem die Führer, so gut es eben ging, noch etliche Lagerstätten auf der Erde, zwischen den beiden Pritschenreihen errichtet, war endlich jeder untergebracht, und man hoffte in Ruhe ein paar Stunden hinzubringen. Aber da unten im Mittelreich hieß es auf einmal: »Sie, Herr, wenn Sie mir noch einmal mit Ihren Füßen gegen den Kopf stoßen –« »Ruhe!« »Ja wohl, prost die Mahlzeit! Wenn einer nachtwandelt und wie ein Geist im Mondschein herumsteigt –« »Haltet ihn, haltet ihn!« Etliche fielen über einen her, der sich energisch zur Wehr setzte, »Ich will ja nur meine Latschen; meine Latschen sind mir abhanden gekommen!« »Was gehen uns Ihre Latschen an! Legen Sie sich aufs Ohr, Sie, und rühren Sie sich nicht mehr!« »Überhaupt, wer jetzt noch muckst, fliegt unwiderruflich hinaus!« Minutenlange Stille, dann ein leises, säuselndes Atmen, das allmählich anschwoll und sich plötzlich mit einem kreischenden Laut in ein kraftvolles, alle Begriffe übersteigendes Schnarchen verwandelte. »Herrgott, bringe einer die Sägemühle zum Stillstehen!« platzte ein wütende Stimme los. Schon hatten sich drei auf den friedlich Schnarchenden gestürzt. Er fuhr mit beiden Füßen und einem: »Ist's Zeit?« von seiner Pritsche herunter auf jene, die auf der Erde lagen, Sie brüllten gleich Besessenen, und der Unglückliche hüpfte wie eine Heuschrecke von einem Lager ins andere. »Sich zu sagen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, »daß man jetzt in seinem guten Bett liegen und prächtig schlafen könnte, statt in einer Gesellschaft von Bergfexen –« »Sind Sie keiner?« »Nein!« »Was sind Sie denn?« »Major.« »Auch ein Sterblicher!« »Stimmt!« gab der Major zu. »Jetzt aber, meine Herren –« »Ja, jetzt kann's losgehen!« Welch ein Labsal! Große wirkliche, absolute Stille, fünf, zehn Minuten lang. Man atmet auf, man legt sich zurecht und die schlafbedürftigen Augen fallen zu. Da mit eins: Tritte! Großer, allgütiger Himmel, und was für Tritte gingen da auf dem Bretterboden über dem Schlafraum hin! Wie viele hundert Nägel staken in diesen Schuhen, und was für eine Art von Kerl befand sich in diesen Ungeheuern!? »Auch keine Balleteuse,« meinte einer, worauf ein schallendes Gelächter losbrach. In dieses platzte ein Wütender herein: »Diese albernen Bemerkungen, diese einfältigen, abgeschmackten –« »Sie machen ja selber eine!« »Schafskopf!« »Hinaus mit jedem, der jetzt noch den Mund aufthut!« »Also mit Ihnen!« Jetzt schrien sie alle durcheinander, und Grobheiten und Unverbindlichkeiten sausten nur so durch den Raum. »Puh, und die Luft!« hieß es. »Das Fenster auf, Sie, he!« »Unterstehen Sie sich,« ließ sich eine Stimme vernehmen, »ich habe Zahnweh!« »Das ist Privatsache, darum kann nicht eine ganze Gesellschaft –« »Hurra, da giebt's ein Handgemenge!« Licht! Licht!« »Aber, meine Herren, vergessen Sie denn ganz und gar, daß wir mir durch eine dünne Wand von einer schönen jungen Dame getrennt sind?« Diese hatte sich längst entfernt und war auf den Fußspitzen durch den Vorderraum der Hütte ins Freie geschlichen. Die nächtliche Wandererin war Lisel. Es durchfuhr sie wie ein geheimnisvolles Glück, ganz und gar allein zu sein, von niemandem behütet und bewacht. Und auch sie jauchzte auf und streckte die Arme wie trunken dem leuchtenden Mond entgegen. Dann ging sie ein paar Schritte weiter, leise singend, ganz bezaubert. Plötzlich stand sie still, – da lag jemand! Sie beugte sich ein wenig vor, um den Schläfer zu betrachten. Er war ihr nicht fremd; sie hatte dieses Gesicht schon gesehen, drunten im Hotel. »Richtig!« sprach sie lächelnd vor sich hin, »es ist der, der mir nicht den Hof macht! – Wart' nur, dafür sollst du aber auch belohnt werden, wie ein braver Junge es verdient!« Und sie legte ihm sachte eine Tafel Schokolade auf die Brust und machte sich davon. Es war gegen Mittag; Frau Werner spazierte ???Bild vor dem Hotel auf und ab und wartete auf ihre Tochter. Den ganzen Morgen hatte sie mit ihrem Feldstecher den Sulden-Gletscher beobachtet und auch richtig einige schwarze Punkte darauf entdeckt. Eine kugelrunde, kleine Dame im Morgenkleid, die weißen Haare schlicht gescheitelt, hatte sich der einsamen Frau angeschlossen. »Ich sehe Ihnen nun schon eine halbe Stunde zu, wie Sie dort hinüberstarren und sich um Ihre Tochter ängstigen; ich bitte, was soll ihr denn mit dem alten Hans passieren? – So ein Führer steht wie ein Fels. Da giebt's ganz andere Dinge, um die man sich zu sorgen hätte: so ein junges Ding allein unter so vielen Herren, eine unbegreifliche Sitte im Hochgebirge! Unter solchen Verhältnissen verliebt man sich unwiderruflich.« »Meine Lisel,« wollte Frau Werner einwenden. »Ach was, Ihre Lisel! Ihre Lisel ist auch ein Mädchen. Du großer Himmel! Meine Mutter hat mich jeden Morgen nach dem Ball gefragt: ›Thusnelda, in wen hast du dich diesmal wieder verliebt?‹ und ich habe ihr regelmäßig den Rechten unterschlagen. – Wissen Sie übrigens, daß ich jetzt in Ihre Nachbarschaft komme bei Tisch? Ich halte es nicht länger aus, da, wo ich sitze, ich bitte Sie, mitten unter dem Touristen-Volk! Jeden Tag kommt ein anderer vom Ortler herunter, und ich muß Schritt für Schritt den Auf- und Abstieg und alle Hindernisse und Gefahren mit anhören, ob ich will oder nicht. Gestern fragte mich einer: ›Sind Sie auch oben gewesen, gnädige Frau?‹ ›Genau ein dutzendmal,‹ gebe ich zur Antwort. ›Aber das ist ja großartig, großartig!‹ ruft er aus. ›Nicht wahr,‹ sage ich, ›nicht wahr? Wollen Sie vielleicht eine Locke?‹ – Ich habe der hübschen Grety einen Gulden gegeben und ihr gesagt: ›Setzen Sie mich neben den Herrn Baudirektor Meyer!‹ Der Mann hat immer sein Perückchen schief sitzen, aber ich habe den Narren an seinem verschrumpften Gesichtchen gefressen! Warum der nur ledig geblieben ist? Ich bin immer unglücklich, wenn ich nette ledige Menschen in der Welt herumlaufen sehe; glauben Sie, daß man ihn noch zum Heiraten bringen könnte?« »Aber, liebe Frau Konsul,« sagte Frau Werner, »was denken Sie! Als ob verheiratet sein das höchste Glück auf Erden wäre!« »Sind Sie etwa vom Gegenteil überzeugt?« meinte die kleine Frau, »Ich bitte Sie, von den vielen unglücklich verheirateten Frauen, die ich kenne, hat noch keine einzige den Wunsch geäußert, ihre Töchter möchten ledig bleiben! Oder wäre es vielleicht der Ihre, Frau Werner?« Diese gab keine Antwort, und da im nächsten Augenblick sämtliche auf dem Vorplatze befindliche Herren ihre Köpfe nach dem zum Hotel heraufführenden Weg wandten, schloß Frau Werner, daß jetzt ihre Lisel kommen müsse, was denn in der That auch der Fall war. Rüstig ausschreitend – denn wie hätte sie, angesichts all der Leute, die ihr entgegensahen, eingestehen oder zeigen mögen, daß sie todmüde war – betrat sie an der Seite des Assessors, der ihr entgegengegangen war, den Vorplatz des Hauses. An ihrem Hute prangten Blumen, wie sie in Sulden nicht wuchsen, und ebenso an ihrer Brust. Frau Werner gab dieser Anblick einen förmlichen Stich durchs Herz. Doch sie war eine sehr schwache, vorsichtige Mutter; sie wollte ihrem Kinde nicht weh thun, aber auch seinen Widerspruch nicht hervorrufen. »Lisel,« sagte sie, während diese ihr prächtiges Haar kämmte, »Kind, Kind, wie bist du entstellt! Die Haut hängt dir geradezu in Fetzen von den Wangen, und dein Näschen ist wie in Purpur getaucht!« »Ja, wundervoll!« bestätigte Lisel nickend, »und doch hat noch eben der Assessor zu mir gesagt, wenn ich komme, gehe die Sonne auf. – O, Mutter, ein reiches Mädchen ist ein armes Geschöpf!« Fran Werner sah ein wenig zerstreut auf die Blumen, denen Lisel auf einmal einen Stoß versetzte, daß sie auf die Erde flogen. »Siehst du, Mutter, das ist das Erbärmliche, daß mich jeder immer gleich heiraten will, aber ans Kennenlernen denkt keiner! Zwei sind nun schon von hier abgereist, die mich mit einer Erklärung auf die Folter spannten; der eine hat drei Tage gewartet, nachdem er mir vorgestellt war, der andere nur zwei.« »Und wer wird jetzt an die Reihe kommen?« forschte Frau Werner. Lisel wurde rot: »Vielleicht der Assessor! – Aber ich kenne ihn doch wenigstens schon vierzehn Tage.« »Und ist er dir angenehm?« »Ja, wenn ich das wüßte! – Ich glaube, ich fürchte mich ein wenig vor ihm. Er hat so sonderbare Augen, und dann wieder freut es mich, daß er mir den Hof macht und mir's zeigt, daß nur ich für ihn da bin – ich ganz allein!« »Kind,« warnte Frau Werner, »nimm dich in acht, spiele nicht mit ihm, es könnte dich reuen; ich glaube nicht, daß dieser Mensch ein Charakter ist!« »Auch möglich!« seufzte Lisel. Ihre Mutter schaute sie besorgt an. »Du bist nicht heiter, mein Liebling; fehlt dir etwas?« »Ja, jemand, der mich beim Schopf nähme und einmal recht schüttelte!« Frau Werner sah einen Augenblick ganz betroffen drein; dann meinte sie begütigend: »Du bist müde, weiter nichts.« »Nein, Mutter, lege mir nicht immer alles zum Guten aus, ich bin wirklich und wahrhaftig widerwärtig!« – »Pfui!« sagte sie zu sich selber in den Spiegel, »pfui du! – So, und jetzt komm zu Tisch!« Sie kamen gerade dazu, wie der Baudirektor, in jeder Hand eine Serviette, vom untersten Ende des Tisches heraufgeschossen kam und vor seinen alten Platz Posto faßte, wo er ungesäumt die dortliegenden Servietten auf die Seite schaffte. »Aber,« wandte die Kellnerin ein, »ich bitte, ein paar junge Herren sind an der Reihe, hier zu sitzen.« »Die jungen Herren können sich meinetwegen auf die Königspitze setzen,« erklärte der Direktor, »dies ist mein Platz und bleibt's, so lange ich hier bin; kommen Sie, Schwert!« »Und auf die andere Seite vom Herrn Baudirektor komme ich, einfach ich – so!« Da saß sie schon, die Frau Konsul, in einem hellgelben Foulard-Kleid mit weißen Spitzen, die Haare, die sie am Morgen schlicht und nett getragen, jetzt hoch aufgekämmt, zu unzähligen kleinen Löckchen gekräuselt. Sie nahm so viel Platz ein, daß der Direktor neben ihr fast auf die Hälfte des seinen reduziert war. Ganz zornig sah er unter seinem roten Perückchen hervor, das ihm tief in die Stirn gesunken war, und Lisel verbiß mit Mühe das Lachen, so überaus komisch kam ihr die neue Tischgesellschaft vor. Der alte Herr hatte wieder seine volle Weinflasche vor sich stehen, und der junge Mann an seiner Seite schenkte sich in aller Stille ein Glas Wasser nach dem anderen ein. Frau Werner, die das bemerkte, sah Schwert mit einem Blick so ausgesprochenen Mitgefühls an, daß diesem unwillkürlich das Blut in die Stirn trat. Dann wandte sie sich an den alten Direktor: »Die Herren scheinen keine Weintrinker zu sein? Ich sehe Sie nie einschenken.« »Ich trinke überhaupt keinen Wein,« fiel ihr Schwert so heftig ins Wort, daß Frau Werner ganz erschrocken den Blick senkte, während Lisel jetzt erst den schroffen Sprecher ins Auge faßte und in ihm den Schläfer außerhalb der Schaubachhütte erkannte. »Sie kommen ja auch von einer größeren Tour?« wandte sie sich an den jungen Mann. »Nicht der Rede wert!« gab er zur Antwort. Sie hatte schon eine Entgegnung auf den Lippen, allein der Assessor begann, ihr etwas zuzuflüstern, und die Bemerkung unterblieb. Es war nie etwas Außergewöhnliches, was ihr der junge Herr zu ihrer Linken zu sagen hatte; nach der Art zu schließen, wie er es that, hätte man indessen meinen können, er teile dem Mädchen die tiefsten Geheimnisse seines Herzens mit, Er sah niemand als sie; was um ihn her gesprochen wurde, ging ihn nichts an. Und heute – merkwürdig! – noch nie war Lisel diese Ausschließlichkcit, deren Gegenstand sie war, so aufgefallen, wie heute. »Nein, nein, Herr Assessor,« sagte sie deshalb ganz besonders laut, bamit alle sie hörten, »ich begreife Sie nicht: hier sein und keine Touren machen wollen, das ist mir ganz und gar unfaßlich, denn es giebt überhaupt nichts Herrlicheres auf der Welt, als Gletscherluft!« »Darüber ließe sich vielleicht streiten,« bemerkte der Assessor. »Nein, Sie können es nicht bestreiten, denn Sie waren nie oben!« ereiferte sich Lisel. Er lächelte. »Gut, ich werde jene Luft einmal auf ihre Herrlichkeit hin prüfen, aber wehe Ihnen –« »O, Sie halten's gar nicht mehr im Thale aus, wenn Sie einmal oben waren! Was war das für eine Nacht –! Über dem Sulden-Gletscher stand der Mond – ich kann's nicht beschreiben, wie schön das war! – Ich weckte den Hans, und wir sind fast eine Stunde vor den anderen zum Sulden-Gletscher aufgebrochen. Nur einer war uns zuvorgekommen; im Schnee zeigten sich frische Fußstapfen. Hans meinte, es müsse ein rechter Wagehals sein, der sich da ohne Führer hinauftraute.« Lisel heftete den Blick auf den jungen Praktikanten gegenüber; aber der aß darauf los, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an, und Lisel ergriff ein grenzenloses Erstaunen, daß es in Sulden einen Menschen gab, der nicht mit seinen Touren renommierte. Das war ihr da oben noch nicht vorgekommen, das reizte sie im höchsten Grade. Inzwischen erging sich die Frau Konsul, bis an die Ohren in ihrer Serviette steckend, mit Lust über das Behagen, das darin bestehe, all die hohen Spitzen, auf denen sich das Fexenvolk zu Tode kraxele, ohne Mühe von unten anzusehen. Sie hatte die Eigentümlichkeit, während des Sprechens ihre Nasenlöcher ganz merkwürdig aufzublähen. Diese waren überhaupt das Wichtigste in ihrem ganzen Gesicht. Was andere Leute mit ihren Augen sahen oder mit ihren Ohren hörten, das schienen bei dieser Frau allein die Nasenlöcher wahrzunehmen und sowohl ihren Ärger als ihre Freude auszudrücken. Jetzt richtete sie dieselben wie zwei Flintenläufchen auf die junge Lisel. »Das Steigen ist überhaupt nicht jedermanns Sache, liebes Kind! Ich zum Beispiel könnte es einfach nicht ertragen.« »Das Steigen ist für jeden Menschen gesund!« behauptete Lisel. Alles lachte über die Sicherheit, mit der sie diesen Ausspruch that. »Nun,« wandte sich die Konsulin mit gekränkter Miene an den Direktor, »das nenne ich auch eine Erziehung, über so etwas zu lachen!« »Ei,« meinte er, »warum soll man sich nicht dieser frohen Sicherheit freuen? Sie geht uns ja bald verloren, und was an ihre Stelle tritt, macht uns das Leben nicht eben heiterer.« »Wie?« fragte Lisel, »was meinen Sie damit?« Der alte Herr lächelte. »Sie unterscheiden doch von hier ganz leicht die größeren und kleineren Schneespitzen; nicht wahr? Es sind ja nur wenige. Nun kommen Sie aber einmal hinüber auf die andere Seite des Ortlers, auf die Stilfserjoch-Straße –« »Da war ich schon!« rief Lisel. »Haben Sie dort auch all die kleinen Spitzen so leicht herausgefunden, wie hier?« »Nein, denn ich war zu hoch und habe zu viele Spitzen übersehen; das machte mich irre.« »Da haben wir's, mein Kind! Wir werden alt – das heißt, wir steigen, gewinnen an Übersicht, und unsere Gesichtspunkte vermehren sich; wir sehen nicht mehr nur einen Menschen, uns selbst, dem das Bergsteigen vortrefflich bekommt. Wir stehen still und kennen nun Hunderte mit ihren Leiden und Bresten, und ein Ausspruch, wie der aus Ihrem achtzehnjährigen Munde, wird uns nicht mehr über die Lippen kommen.« Lisel sah den Sprecher betroffen an. »Da muß ja eigentlich die Jugend dem Alter unausstehlich vorkommen!« Der alte Herr lachte, »Zuweilen vielleicht; aber wir waren ja selber so, und die klug sind, vergessen es nicht.« Die Thür flog auf, und die Herren Touristen kehrten von ihren Ausflügen zurück. Da ging's los: »Was haben Sie gemacht?« – »Und Sie?« »Und Sie?« Es hagelte nur so von Sulden-, Schönthan- und Ortler-Spitzen. »O, die Bande!« schalt die Frau Konsul, »in meinem ganzen Leben sieht mich dies Sulden nicht wieder! – Bitte, bitte, ist es möglich, auch nur sein eigenes Wort zu hören?« »Nein, es ist nicht möglich!« brauste der Direktor auf, in dessen Gesicht sich längst tausend Zornesfalten gebildet. »Wie soll es denn bei diesem Geschrei möglich sein! Gehe ich nach Sulden, um mir das Trommelfell sprengen zu lassen? Kann keiner von einem Berge kommen, ohne darüber ein Gekrähe anzuheben, wie eine Henne um ein Ei? Kann es sich nicht droben ausschreien, das verflixte Fexenpack, statt uns die Speisestunde zur Höllenqual –« »Ei, Herr Direktor!« rief Lisel über den Tisch, »wo bleibt denn Ihre Duldsamkeit?« Der alte Herr nickte ihr mit einem köstlichen Angenzwinkeru zu. »Glauben Sie, ich habe sie mit Löffeln gefressen? Jeder hat nur sein bestimmtes Maß, das irgendwo ausgeht, und dann ist's einem am allerwohlsten.« Er machte, daß er fortkam, und draußen schlossen sich ihm, während er rauchte, die Konsulin und Frau Werner an. Lisel war von einer Anzahl Touristen umringt, und sie teilten einander in tadellosen Fachausdrucken die Abenteuer ihrer Unternehmungen mit. Der Assessor stand gelangweilt daneben und rauchte. Frau Werner übersah das alles und freute sich im stillen. Gott sei Dank, daß der Mensch nicht auch noch ein kühner Bergsteiger ist! Nein, sie hatte es nicht leicht in Sulden; sie kam nie aus den Sorgen heraus. Befand sich Lisel droben in den Schneebergen, war sie freilich sicher vor dem Assessor; aber der Mutter bangte vor den Gefahren, die ihrem Kinde drohten. Und war die Lisel da, so war der Assessor um den Weg. Die Konsulin überraschte den Direktor mit der Bemerkung: »Man müßte jeden Junggesellen mit Gewalt verheiraten. Um Sie ist es ewig schade! Ich bin überzeugt, Sie hätten Ihre Frau unaussprechlich glücklich gemacht! Es wäre eine Ehe geworden, die jeden zur Bewunderung hätte hinreißen müssen! Finden Sie das nicht auch, Frau Werner?« »Ich bin sehr vorsichtig in der Beurteilung von Ehen,« erwiderte diese. »Ich bitte,« rief die Konsulin aus, »wer wird so lange an Vergangenes denken! Sehen Sie mich an, meine Liebe! Mein erster Mann war ein Tyrann, mein zweiter ein Egoist – und ich bin doch vergnügt!« »Bravo!« sagte der Direktor, während die Konsulin mit der Bemerkung, sie müsse jetzt ihr Mittagsschläfchen machen, in ihrem gelben Kleide wie eine leuchtende Sonne über den Platz schritt. »Sie sagten ›bravo‹ auf diese Gesinnungsart hin –?« bemerkte verwundert Frau Werner. »Wissen Sie,« unterbrach sie der alte Herr, »das ist eine von den Robusten, und solche Leute muß es auch geben.« »Aber so ohne jede, ohne jede –« »Ach was, Verehrteste! Wir können mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß einer, der unsere Tugenden nicht hat, auch von unseren Fehlern verschont geblieben ist. Diese Frau ist vergnügt; ein Vergnügter aber ist immer ein schätzbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft!« »Eine kleine Anspielung, nicht wahr, auf meine nicht gerade heitere Gemütsart?« meinte Frau Werner. »Ich leide ja selbst darunter; allein nicht nur das Traurige, was ich erlebt, die Sorge um mein Kind, und daß ihr ein ähnliches Schicksal beschieden sein möchte –« »Ja, und der einstigen Enkelin am Ende auch!« unterbrach der alte Herr sie lachend, »O, über die hochlöbliche Eigenschaft, sich im voraus über alle möglichen Dinge zu grämen!« »Freilich,« meinte Frau Werner, »wenn man's ändern könnte! Ich kenne mich; ich weiß, wie schwach ich diesem Kinde gegenüber bin. Ich könnte ihr nichts abschlagen – ich habe sie im Geiste schon grenzenlos unglücklich gesehen!« »Verehrteste, Ihre Lisel hat ein paar ganz große, kluge Augen im Kopf; die kommt mir vor wie jemand, der weiß, was er will!« »Das ist wahr!« gab Frau Werner zu. »Nun also; sie wird wählen, und den, welchen sie wählt, den hat sie verdient!« In diesem Augenblicke bemerkte Frau Werner, daß Lisel und der Assessor allein beisammen waren, und sie verabschiedete sich rasch von dem alten Herrn und stand einen Moment später an der Seite ihrer Tochter, deren Arm sie nahm. Der Assessor zeigte sich verbindlich wie immer; aber seine Augen redeten eine andere Sprache; wie er sich auch bemühte – und er war kein Neuling im Erhaschen günstiger Gelegenheiten – diese Frau kam immer zur unrechten Zeit! Hier mußte etwas gethan werden! Und es geschah, daß der Assessor einen längeren Nachmittagsspaziergang mit der Frau Konsul unternahm, nach welchem sie strahlend vor Unternehmungslust im Speisesaal erschien. Bei Tische nickte sie erst Lisel, dann dem Assessor zu, legte ihre reich beringte Hand auf die Brust und erklärte bedeutungsvoll: »Auch ich war in Arkadien!« »Was will sie nur? Ich möchte ihre Nase mit Brotkügelchen bombardieren!« murmelte Lisel. »Thun Sie's doch!« flüsterte ihr der Assessor zu; »Sie dürfen alles!« »Glauben Sie?« Lisel sah auf und begegnete dem Blick des Praktikanten; hatte er gehört, was sie sprachen? »Finden Sie auch, daß ich alles darf, was ich will?« fragte sie ihn. »Es kommt darauf an, was Sie wollen,« erwiderte er. »Sind Sie nicht ein wenig pedantisch?« »Sogar außerordentlich!« »Da muß man sich also vor Ihnen in acht nehmen?« »Weshalb sollte man das müssen?« »Nun, es ist immer unheimlich, zu fühlen, daß der Herr Nachbar nicht mit einem einverstanden ist. Oder ist es Ihnen einerlei, was man von Ihnen denkt?« »Vollkommen!« »Was sagt er da, was sagt er da?« mischte sich der Direktor in die Unterhaltung, »Er gehört nämlich zu den widerwärtigen Menschen, die ihre Tugenden verleugnen und mit ihren Lastern prahlen. Eine sehr verderbliche Eigenschaft; denn wenn wir es alle so machten, wer möchte dann noch unter den Menschen herumlaufen?« »Ja, und nicht wahr, es liegt Geringschätzung darin,« ereiferte sich Lisel, »Geringschätzung gegen die anderen?« »Natürlich!« bekräftigte der Alte. »Nehmen wir nur, wie er mit mir umgeht, wenn ich zum Beispiel ganz außer mir zum Bureau hereinpoltere, dies oder jenes müsse unverzüglich gemacht werden, und so weiter und so weiter, da zieht dieser Mensch die schon fertige Zeichnung aus dem Pulte, und ich alter Knabe stehe wie ein begossener Pudel vor ihm da. – Er errät meine Wünsche, bevor sie mir überhaupt eingefallen sind, und ich kann wohl sagen, es ist eine Aufgabe, einem so heimtückischen Menschen gegenüber die Würde des Vorgesetzten zu bewahren!« Alles lachte; der junge Mann aber sah das kleine zornschnaubende Männchen mit einem so herzinnigen, die tiefste Ehrfurcht verratenden Lächeln an, daß jedem ein Licht aufging, hier müsse das denkbar schönste Verhältnis bestehen. Und die Konsulin beugte sich vor und rief dem Praktikanten mit einem mütterlichen Lächeln die Versicherung zu: »Auch Sie müssen sich hier verlieben! Ich weiß Ihnen ein sehr hübsches und wohlhabendes Mädchen. Was aber Sie anbelangt –« jetzt ging's auf den Direktor – »O, Sie Ungeheuer, warum haben Sie keine Frau glücklich gemacht?« »Aus Schönheitsgefühl, Verehrteste, um meine Häßlichkeit nicht auf meine Kinder zu übertragen, – Sie haben gewiß recht gesunde Kinder?« »Ja, Gott sei Dank, gesund, und was die Hauptsache ist, alle verheiratet!« Der Direktor lachte, wünschte wohl gespeist zu haben und rannte mit seinen kurzen Schrittchen davon. – Die Luft war frisch und kalt, und es erging sich prächtig auf dem elektrisch beleuchteten Platz vor dem Hause. Frau Werner, die ein wenig erkältet war, zog es vor, in den Damensalon zu gehen, und wollte Lisel bei sich behalten. Allein die Konsulin: schmeichelte ihr das Mädchen ab. »Ich nehme sie unter meine Fittiche; es wäre geradezu kränkend, wenn Sie mir das Kind nicht auf ein halbes Stündchen anvertrauten; länger bleibe ich nicht draußen.« Kaum waren sie vor dem Hause einmal auf und ab gegangen, gesellte sich der Assessor zu ihnen, und die Konsulin verschwand. Lisel hatte das deutliche Gefühl, daß sie fort müsse, daß es ein Unrecht sei, hinter dem Rücken ihrer Mutter allein mit diesem Menschen zusammenzubleiben. Aber – war's Neugier oder sonst etwas, sie blieb. Auch schämte sie sich, Ängstlichkeit zu verraten, und sagte daher ganz keck: »Ein herrlicher Abend!« »Vielleicht könnte man jetzt endlich zu Worte kommen,« begann der Assessor, indem er versuchte, Lisel ein wenig der zu großen Helle zu entführen, die in der nächsten Umgebung des Hauses herrschte. Es klang nicht ganz natürlich, als sie erwiderte: »Es kommt mir fast vor, als unterhielten Sie sich nicht bei Tische, und ich höre dem alten Herrn fürs Leben gern zu!« »Ich weiß jemand, dem ich lieber zuhörte!« Lisel erschrak; es lag etwas in dem Tone dieser Stimme, was sie veranlaßte, sich schleunigst nach ihrer Mutter umzusehen. »Sie haben recht!« flüsterte er, »hüten Sie sich vor mir, denn ich bin nicht wie jener Tugendhafte, der lieber eine Grobheit sagt, als daß er sein Inneres verriete. Er liebt Sie, so gut wie ich und irgend einer.« Sie wollte auffahren, aber er nahm lächelnd ihre Hand und legte sie in seinen Arm: »Das merkt ein Mann dem andern an; jener Tugendbold wartet auf nichts, als auf den Augenblick, sich Ihnen zu erklären. Seine Grobheit ist nichts als Eifersucht – und er hat keine Lebensart. Mein Gott, warum soll der arme Teufel Sie nicht lieben? Sie sind jung, schön und reich! Glauben Sie nie einem Mann, der Ihnen versichert, der Reichtum sei ihm Nebensache. Es ist nicht wahr! Ich wäre Ihnen ohne diesen nie nahe getreten, denn ich könnte Ihnen das Leben nicht bieten, auf das Sie Anspruch machen müssen und dürfen. Sie passen nicht in enge Räume und kleinliche Verhältnisse; Sie sollen einen Kreis beherrschen, der Sie bewundert. Ein Mann muß an Ihrer Seite stehen, der Sie anbetet und versteht, – Dieser Mann –« er hielt inne und streichelte leise ihre Hand, und Lisel wußte sich nicht zu helfen. Sie stand unter einem Bann; sie fühlte, sie war verloren; sie hätte laut aufschreien mögen und mußte still an der Seite dieses Menschen hingehen und auf seine Worte hören. »Dieser Mann« wiederholte er, »möchte ich sein, obgleich ich das Unglück habe, Ihrer Mutter zu mißfallen. Der Willen einer Mutter ist viel, aber die Liebe eines Mannes ist mehr, und ich bin kein Mann, mit dem man spielt, den man anzieht und dann mit einem ›Nein‹ abfertigt. – Ich hoffe, hoffe auf ein ›Ja‹, – Ich warte!« fügte er mit einem leidenschaftlichen Beben der Stimme hinzu. »O, nicht gleich,« stammelte das junge Mädchen, »Ich kann nicht! – Ich kenne Sie noch nicht! – Nur so lange ich noch da oben bin – nur so lange noch – möchte ich frei sein.« Sie weinte, und ihre Hand suchte sich zitternd aus seinem Arm zu lösen, er aber gab sie nicht frei: »Der kleine wilde Vogel zittert um seine Freiheit, die vier Wochen sollen ihm noch geschenkt sein; aber den Ring da von Ihrem kleinen Finger fordere ich als Pfand. – Sie sind gebunden! Du gehörst nicht mehr dir selber an, mein Kind! – Verstehst du, was das heißt?« »Ich – ich glaube!« preßte sie hervor, riß sich los und lief davon. Es war ihre Mutter, die ihr in den Weg trat, und die sie beinahe umgeworfen hätte. »Was ist denn,« rief Frau Werner aus, »du bist ja ganz erregt – wo ist denn die Frau Konsul?« Die besorgte Frau schaute sich um, aber der Assessor war verschwunden, und mittlerweile hatte sich Lisel gefaßt. Nein, ihre Mutter sollte nichts erfahren von dem, was geschehen! Es hätte sie ja grenzenlos unglücklich machen müssen, sie, die nie gestattet, daß ihre Tochter auch nur einen Augenblick mit einem Manne allein sprach. »Komm,« bat sie schmeichelnd, »laß uns noch ein wenig zum Direktor sitzen! – Es ist mir nicht möglich, schon zu Bette zu gehen.« Der alte Direktor saß vor dem Hause, dicht in seinen Mantel gewickelt, und Schwert hatte noch den seinen über des Vorgesetzten Kniee gelegt. Beide Herren rauchten, sahen in die schöne Nacht und sprachen kein Wort. Lisel im höchsten Grade erregt und von keinem anderen Gedanken erfüllt, als zu vergessen, richtete ihr Augenmerk auf einen jener lächerlich herausgeputzten Salontiroler, wie sie zuweilen in Sulden auftauchten, zum großen Ergötzen der anwesenden Gäste. Lisel ließ es an Spott nicht fehlen; ja, sie war so erfinderisch in köstlichen und drolligen Vergleichen und Ausdrücken, daß ihre Mutter wieder einmal nicht umhin konnte, ihr kluges Töchterchen zu bewundern. Plötzlich schaute Lisel dem alten Herrn neben ihr ins Gesicht und betroffen über dessen Ausdruck fragte sie schüchtern: »Habe ich etwas nicht recht gemacht?« »Spotten ist nie recht!« gab der Direktor zur Antwort, »Was hat Ihnen jener Mensch gethan?« »Aber – er ist doch lächerlich!« »Ihnen! Einem anderen bin ich lächerlich, und es freut mich auch nicht, wenn er mich zur Zielscheibe seines Spottes ausersieht. Ich habe einmal so etwas erlebt, so geringfügig es war, und obwohl es schon acht oder neun Jahre her sein mögen, ich habe es nicht vergessen. Es war in Karlsruhe; ich saß nahe am Mühlburgerthor, auf einer Bank unter den Kastanienbäumen, als ein Rudel halbwüchsiger Mädchen des Weges daher kam und sich auf die nächste Bank setzte. Gott weiß warum, sie hatten wohl Langeweile, und da war ihnen der erste beste gerade recht, um ihr Mütchen an ihm zu kühlen. Habe sie denn auch in Gottesnamen recht nach Herzenslust lachen und spotten lassen, und als ich genug hatte und meiner Wege gehen wollte, stürzten sie mir wie eine Herde kreischender Spatzen entgegen. Nun, ich sah sie an, und sie haben den alten Mann unbehelligt ziehen lassen. Aber die Sache ist mir in Erinnerung geblieben. Mein Vater hatte uns von klein auf eingeschärft: einen Erwachsenen ausspotten und ein Tier quälen, sind verabscheuungswürdige Verbrechen.« Er konnte nicht weiter sprechen, Lisel war in lautes Schluchzen ausgebrochen und hatte plötzlich eine seiner Hände erfaßt und einen Kuß darauf gedrückt: »Ich war eines jener Mädchen,« stieß sie hervor, »Ich weiß es noch ganz genau. Wir lebten damals in Karlsruhe – nicht wahr, Mutter? – bis nach dem Tode des Vaters.« »Ei, ei,« meinte der alte Herr, mit der Hand über den Scheitel des Mädchens streichend »sieh 'mal an, so treffen wir uns wieder! War auch ein voreiliger Schluß damals, zu glauben, aus solchen Kindern könne niemals 'was Gutes werden!« Lisel schüttelte das Haupt: »Es ist auch nichts Gutes aus mir geworden, – Ja, wenn jemand da gewesen wäre, der mir solche Dinge gesagt hätte! Aber, man hat mich spotten lassen – man hat mich spielen lassen, und – jetzt habe ich verspielt!« »Aber Kind, wie kannst du dich und mich so bitter anklagen!« sagte Frau Werner. Lisel erhob sich und reichte dem alten Herrn die Hand: »Gute Nacht!« Richtig, da stand auch der Praktikant; der hatte wohl die ganze Zeit über dagestanden! Lisel reichte ihm ebenfalls die Hand; es war ihr, als müsse sie sich heute abend von allen guten, ehrlichen und wahren Menschen verabschieden. Sie winkte noch einmal zurück und schritt gerade in dem Augenblick davon, als sich der Assessor der Gruppe näherte. Es blieb ihm nun nichts anderes übrig, als auf der Bank neben dem Direktor Platz zu nehmen. »Aus der sprüht etwas,« murmelte der alte Herr, dem jungen Mädchen nachblickend, »Jawohl, aus der sprüht etwas!« wiederholte er, indem sein Blick sowohl den Assessor als den Praktikanten streifte. »Keine bequeme Ehefrau, weder für einen, der sein Ideal der echten Weiblichkeit im braven Hausmütterchen sucht, von dem niemand redet, noch für einen, der seinen Salon mit einer eleganten Dame auszuschmücken wünscht. Keine dieser beiden Schablonen-Existenzen wird sie befriedigen. – Die will wahrhaft leben, das heißt, sich entwickeln!« »Ah so!« fiel der Assessor dem alten Mann in die Rede, »ich glaube gar, Sie reden der Frauen-Emanzipation das Wort?« »Was in der Luft liegt, geht uns immer etwas an,« meinte der alte Herr mit einem feinen Lächeln, »auch wenn wir wie der Vogel Strauß die Augen hartnäckig schließen. Als zu Anfang unseres Jahrhunderts die Aufhebung der Leibeigenschaft stattfand, welch ein Geschrei und Dagegeneifern! Heute, wer kann sich's noch anders denken, als wie es ist?« »Es soll also ein Weiberregiment losgehen?« warf der Assessor ein und lachte laut auf. »Vielleicht!« meinte der alte Herr, »Und dann kommt eines Tages die Männer-Emanzipation; es muß immer etwas kommen in der Welt. Ich habe schon so manches erlebt, mein Lieber; ich sperre mich nicht mehr!« »Aber wir, nicht wahr, Herr Praktikant,« wendete sich der Assessor an diesen, »wir stehen noch so mitten drin, wir wollen nichts mit jener Sorte berufsbehafteter Mädchen zu thun haben?!« »Hm,« warf der alte Herr schnell dazwischen, »der Beruf wäre noch das Wenigste; aber es kommt da noch etwas anderes in Betracht, was manchem vielleicht unbequem werden könnte: die Wahl des denkenden, mit offenem Blick ins Leben schauenden Mädchens fällt anders aus, als die des Gänschens, mit seiner künstlich konservierten Kinder-Unschuld. Hier könnte die Herrschaft der bisher sogenannten gefährlichen Männer einen kleinen Stoß erhalten, und das wäre kein Unglück – die Wahlen fielen gediegener aus.« »So, glauben Sie? O, mein lieber Herr Direktor, Weib bleibt Weib!« erklärte der Assessor und wünschte den Herren eine gute Nacht. »Na, hoffentlich wirst du anlaufen, mein Lieber!« murmelte der Direktor hinter ihm drein. »Ich glaube nicht,« sagte sein junger Begleiter und rückte dem Vorgesetzten ein wenig näher. Der alte Herr klopfte Schwert auf die Schulter. »Denken Sie nicht, daß das immer Liebeserklärungen sind, die ihr der Mensch da ins Ohr flüstert. Wenn er ihr nur ein bißchen Salat anbietet, meint man, es handle sich um eine Schnitte seines Herzens. Nun ja, schon möglich, daß ihr der elegante Mensch einigermaßen imponiert; macht 'was aus, wenn einer so mit jeder Gebärde, mit jedem Blick ausdrückt: ich sehe nur dich, ich höre nur dich! Und dann gegenüber so ein Stock wie Sie! – Nein, um Gottes willen, jetzt nur keine Rede, keine Versicherungen! Ich kenne Ihren edlen Stolz! Hüllen Sie sich darein und frieren Sie, wenn der Kerl uns das Mädchen wegfischt! Da will ich neulich den verunglückten Führer Alois besuchen. Vor seinem Hof steht ein Dutzend Kinder, ›Was giebt's?‹ frag' ich. ›Die Lisel ist drin,‹ ›So!‹ Ich geh' hin und schau' durchs Fenster. Richtig! da sitzt sie am Bett des Kranken und sitzt und sitzt und plaudert, und die Leut' stehen um sie herum, und 's ist eine Herrlichkeit! Bevor sie geht, drückt sie der Frau 'was in die Hand, und fort ist sie! – Sehen Sie, das braucht ja der Assessor alles nicht! Sie ist eine Natur, und ihm genügt eine schöne reiche Puppe, – Herrgott, wenn Sie, mein junger Freund, und diese Lisel ein Paar würden!« Schwert versuchte zu lachen. Der alte Herr aber erhob sich mit den Worten: »Lieber, wenn man etwas Tüchtiges thun kann, so muß man's um Gottes willen nicht versäumen!« Am anderen Morgen ereignete sich etwas Seltsames. Der Assessor und der Baupraktikant begegneten sich im Führerzimmer; keiner der beiden war noch in diesem Räume gesehen worden. Sie begrüßten einander kühl, und jeder setzte sich an einen anderen Tisch, wo sie mit etlichen Führern den Frühschoppen tranken. Darnach trafen sie sich noch draußen, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als einträchtlich neben einander herzuwandeln. Drunten auf der Wiese wurde das Heu aufgeladen, und die Lisel in ihrem weißen Kleid stand unter einer Schar Dorfkinder, tollte sich mit ihnen herum und warf sie ins Heu; und zuletzt thronte sie hoch oben auf dem Wagen und leitete ihn selber über die Wiese hin. Da erblickte sie die beiden Männer am Weg oben, und es war aus mit all ihrer Freude, und sie wußte es wieder: ich gehöre nicht mehr mir selber an – ich bin gebunden! Und ist es denn wahr, ist es denn wahr? Warum gehe ich nicht zu ihm hin und sage es ihm? Nein, es ist nicht wahr! Was hat dieser Mensch an sich, das mir den Willen lahmt? – O, nur fort – fort – heraus aus alle dem – hinauf zur Königsspitze! Was dort geschehen sollte, das wußte sie freilich nicht. +++ Frau Werner ging über die abgemähten Wiesen neben dem Suldenbach hin. Lisel war vor zwei Stunden zur Schaubach-Hütte aufgebrochen, um an anderen Morgen die Königspitze zu besteigen. Die einsame Frau war in tiefen Gedanken; sie hatte eine Unterredung mit dem Direktor gehabt, die damit anfing, daß sie sich ein wenig über den Praktikanten beklagte, der ihr geflissentlich aus dem Wege gehe und ihre freundlichen Fragen nur mit kurzen, unverbindlichen Antworten lohne. »Ja, warum reden Sie auch mit ihm, wie mit einem kranken Huhn?« hatte der alte Herr herausgepoltert. »Wem Adlersschwingen gewachsen sind, der erträgt die Sprache des Mitleids nicht, auch wenn ihm jene großstädtischen Gewohnheiten abgehen, die von sorgenlosen Verhältnissen mit sich gebracht werden.« »O, das besticht mich nicht!« fiel ihm Frau Werner in die Rede; »im Gegenteil! ich hätte zum Beispiel gar keine Freude – wenn meine Tochter – wenn dieser Assessor –.« »Ja, für den ist Ihre Lisel zu gut! Ob sie aber den anderen, ich meine meinen jungen Praktikanten, verdient, das wird sich zeigen!« Wenn auch Frau Werner unter dem Eigenwillen ihres Kindes oft zu leiden hatte, so war doch in ihren Augen jeder andere verpflichtet, in Lisel eine Vollkommenheit zu sehen, an der schlechterdings nichts auszusetzen war. »Sie stellen,« sagte sie daher mit einem Lächeln gekränkten Mutterstolzes, »Ihren Schützling ja sehr hoch, Herr Direktor!« »Mit Recht! Er ist ein hervorragend begabter Mensch, und er ist gut und bescheiden; er lebt nur für seine Mutter.« »Ist sie Witwe, ohne andere Kinder?« »Ja.« »Da wird sie sich am Ende nicht von ihm trennen wollen?« »Hätten Sie das vor, bei Ihrer Tochter zu bleiben, auch wenn sie verheiratet ist?!« »Unbedingt! Auch meine Eltern sind mir nachgezogen, und wenn ich sie nicht gehabt hätte –« »Wären Sie vielleicht eine glücklichere Frau geworden! Ja, meine Verehrteste, Sie sind eine blinde, ganz und gar in Bewunderung für Ihr Kind aufgehende Mutter! Wehe dem Schwiegersohn, der es Ihnen an Blindheit und Bewunderung nicht gleich thut! Was aber gefordert wird, wird bald als Zwang empfunden, und so bricht manches Glück zusammen. Ich für meine Person halte nichts von einer Mutterliebe, die sich nicht in den Schatten zu stellen vermag; bei Schwerts Mutter ist das nicht zu befürchten.« Frau Werner war eine Natur, die über alles grübelte, und so dachte sie auch jetzt auf ihre Weise über die Dinge nach, die ihr der alte Herr gesagt. Wohl war sie eine schwache Mutter, die ihr Kind ungebührlich bewunderte. Unwillkürlich mußte sie zurückdenken. Auch sie war das viel bewunderte Töchterchen schwacher Eltern gewesen, und sie hatte die Huldigungen, die man ihr zollte, als etwas Selbstverständliches hingenommen. Dann kam der Mann, und seine Bewunderung war keine so unbedingte. Er wollte sie anders haben, und sie, überzeugt, daß sie recht war, wie sie war, empörte sich gegen diese Zumutung. Sie ging immer mehr zu ihren Eltern, und der Mann ließ sie gewähren; und eines Tages stand sie an zwei Gräbern, und niemand bewunderte sie mehr. »Und hat diese Bewunderung nicht eigentlich mein Dasein vergiftet?« sprach sie mit einemmale laut vor sich hin. Ja, ja, sie hatte sich immer für etwas Besonderes gehalten, und sie war nichts Besonderes. Um keines Menschen Freundschaft, um keines Menschen Interesse hatte sie sich bemüht, denn niemand würdigte sie so, wie die Eltern es thaten, niemand war so mit ihr einverstanden, wie diese es waren. Sie fuhr zusammen. »Ich bin vielleicht mit schuldig an dem Leichtsinn meines Mannes!« Und dann, hatte sie nicht an ihrem Kinde gehandelt, wie ihre Eltern an ihr gehandelt hatten? Nur, daß sich die gesunde Natur Lisels gegen das Gift sträubte, das die Mutter ihr einzugeben bemüht war. Lisels Wunsch, daß jemand sie beim Schopf nähme und schüttele, war das nicht ein Auflehnen gegen diese beständige mütterliche Bewunderung ? »Es hat mich getroffen!« murmelte Frau Werner; »aber ich war mir noch nicht klar, ich wußte es noch nicht. Jetzt weiß ich es! Der alte Herr hat mir die Binde von den Augen gerissen. Ich wollte, o, ich wollte, jener liebe, blonde Mensch liebte mein Kind! Ihm würde ich sie anvertrauen! – Und dann – gewiß, ich ziehe mich zurück! Wenn es seine Mutter kann, ich kann es auch! Ich will jene Frau kennen lernen, ich will überhaupt Menschen suchen; man braucht Menschen!« Sie schaute auf. Es kam da jemand mit purpurrotem Gesicht und völlig atemlos über die Wiese gelaufen. Die Konsulin war's! Sie winkte schon von weitem und stolperte fast über ihre eigenen Füße. »Meine Liebe,« überfiel sie die einsame Frau, »ach, meine Liebe, ich kann nicht länger schweigen, es ist mir ganz unmöglich! Ich muß es Ihnen sagen! Bitte, was kann ich dafür, daß mein Herz ein solches Interesse an allen Liebesleuten nimmt? Ich muß etwas thun! Ich muß sie unter meine Fittiche nehmen! Es ginge mir gegen die Natur, nichts zu thun! Und bitte, liebe Frau Werner, aber es ist der Welt Lauf; alle Mütter werden angeführt – jetzt ist es an Ihnen! Ich weiß es und habe es schrecklich lange für mich behalten, und jetzt muß es heraus: Der Assessor ist auch auf die Königsspitze und morgen Abend haben wir in Sulden ein Brautpaar zu begrüßen! Ich, ich gratuliere jetzt schon, meine liebe Frau Werner!« schloß sie völlig atemlos ihren Bericht. Lisels Mutter war totenblaß geworden. »Der Assessor auf der Königsspitze?« murmelte sie, ohne weiter auf die geräuschvolle Frau an ihrer Seite zu achten. »Mein Kind, mein Kind!« »Mein Gott, aber wozu rennen Sie denn?« rief die keuchende Konsulin und suchte sich an Frau Werners Arm festzuhalten. »Ich komme Ihnen ja gar nicht nach!« Sie stand schon allein. »Lauf du nur,« sprach sie hinter der Voraneilenden her, »auf die Königsspitze kommst du doch nicht! Mein Gott, diese Mütter! Jede will den Schwiegersohn nach ihrem Sinn haben und erhebt ein Gezeter, wenn so ein junges Wurm nach eigenem Geschmack heiraten will!« Sie rief ein paar Kinder herbei, die auf der Wiese spielten. »Holt mir grüne Lärchenzweige aus dem Wald, so viel ihr schleppen könnt und bringt sie hinauf ins Hotel.« »So!« dachte sie und rieb sich die Hände, »jetzt wird in aller Stille des Assessors und der Lisel Thüre mit Grünem geschmückt, und dann werde ich jedem sagen, daß ich es schon lang gewußt habe. – Ja, was ist denn los?« unterbrach sie sich. Da kam vom Hotel der Direktor, gestiefelt und gespornt, mit seinem Peter Dangl den Weg herunter. Und Frau Werner begleitete den alten Herrn, der eifrig auf sie einredete. Die Konsulin hörte gerade noch, wie er versicherte: »Ich werde zur Zeit oben sein, nur ruhig!« »Ja, was, Herr Direktor, wohin denn noch so spät?« schrie sie den alten Herrn an, »das ist ja ganz unverantwortlich, in Ihrem Alter so in die Nacht hinein aufzubrechen!« »Beruhigen Sie sich! Ich nehme einen Esel bis zur Schaubach-Hütte!« sagte der alte Herr und rannte an ihr vorbei. »Ja und dann?« schrie sie ihm nach. »Dann? Nun, dann gilts, daß mir keiner zuvorkomme. Ich habe wieder eine Eroberung im Sinne, wissen Sie!« »Nein,« wendete sich die Konsulin an Frau Werner, die mit all ihren Gedanken bei dem alten Herrn war, »nun bitte ich Sie, nun hat er's wieder auf einen jungfräulichen Boden abgesehen! Er wird sich noch den Tod holen mit seiner Kraxelei! Wenn er morgen Abend zurückkommt, lasse ich ihm eine Wärmflasche ins Bett stecken, Schleimsuppe, ein Beefsteak mit Kompot und eine Flasche Wein, das kriegt er, und dann muß er gleich schlafen! – Nun, wie ist's, meine liebe Frau Werner, haben Sie sich ein wenig ins Unabänderliche gefunden?« Die neben ihr stehende Frau Werner nickte, indem ihr Blick immer noch die kleine, bewegliche Gestalt des Direktors verfolgte, der nun auf einem Esel saß und zurückwinkte, bis er verschwand. – Lisel war am anderen Tag mit ihren zwei Führern noch vor Sonnenaufgang auf den Hang zum Königsjoch emporgeklettert. Der Aufstieg war ein äußerst beschwerlicher gewesen, den aber der Neuschnee, in dem man Fuss fassen konnte, einigermaßen begünstigte. Am oberen Grat des Joches gab's viel Eisarbeit, und jeder Tritt erforderte die vollste Kraft und Aufmerksamkeit. Lisel, den Eispickel in der Hand, mit Steigeisen an den Füßen und an ihren Führer angeseilt, befolgte gehorsam jeden Wink des alten Hans, der hauptsächlich vor dem Zurückschauen warnte. Mit einemmale bemerkte er: »Wir sind nicht die ersten heute da hinauf.« Lisel nickte; sie hatte sie längst beobachtet, die frischen Fußstapfen im Schnee, und ihre Gedanken darüber gehabt. »Nur stad!« mußte der alte Hans alle Augenblick sagen, »nur stad!« Und endlich standen sie oben auf dem Schnee-Plateau der Königspitze! Lisel atemlos, kaum im stande, sich gegen den von allen Seiten auf sie eindringenden Sturm zu behaupten; unwillkürlich streckte sie die Hand nach ihrem Freunde Hans aus und schloß einen Moment die Augen. »Guten Morgen auf der Königspitze!« rief eine Stimme dicht in ihrer Nähe. »Kommen Sie schnell! Hier an dieser Ecke am Felsen sind Sie geschützt!« Es war Schwert, und Lisel folgte ihm. »Kommen Sie von der Schaubach- oder der Beckmann-Hütte?« fragte sie. »Von keiner von beiden,« gab er zur Antwort, »ich finde das Übernachten in diesen Räumen schrecklich.« »Darum hat mir Hans den Willen thun müssen, und wir haben die Beckmann-Hütte genommen. Das halbe Hotel ist zur Schaubach-Hütte aufgebrochen, und wir hatten's ganz still, nicht wahr, Hans?« Dieser nickte, indem er ein paar Plaids für sie ausbreitete. Schwert hatte sich etliche Schritte von dem Mädchen entfernt ausgestreckt und teilte sich mit seinem Führer friedlich in ein robustes Frühstück, das ihnen herrlich mundete. Plötzlich aber ließ er alles liegen und stehen und sprang auf, dem jnngen Mädchen winkend. Im nächsten Augenblick hingen die Blicke der beiden jungen Leute in völliger Selbstvergessenheit an einem goldenen Wölkchen, das langsam hinter der Ortlerspitze hervorkam. Noch eine Minute und alles leuchtete in purpurner Pracht, und aus der Ferne erhoben sich glitzernd die Schneealpen, und dahinter lag die Welt im blauen Dunst. Ein Rausch erfaßte die beiden Menschen. Liesel liefen die Thränen über die Wangen. »Man wird ganz – ganz anders hier oben!« stammelte sie. Schwert sah sie mit einem strahlenden Lächeln an, und sie nickten einander zu und saßen dann still beisammen und schauten das Schauspiel des werbenden Tages an, und wie sich die strahlende Sonne auch in die dämmernden Thäler senkte. Der Hans hatte, wie ein sorgender Vater, ein reichliches Frühstück vor seinem Schützling ausgebreitet, und Lisel war hungrig und langte wacker zu. Vor ihnen führte eine schmale Lawinenrinne jäh hinab, unten mit einem grünen Wiesenfleckchen abschließend, das seltsam aus der Umrahmung hervorstach. »Man sollte nicht mehr hinunter müssen!« sagte Lisel. »Man sollte hier oben ein kristallenes Haus bauen, ganz und gar durchsichtig, daß man immer das Herrliche sähe!« »Aber die Menschen, die dann kämen!« meinte der junge Mann. »O, wir ließen nur den Herrn Direktor herauf,« erklärte Lisel, löste ein Stück Schokolade aus dem Stanniol und brach es entzwei. Sie teilen doch mit mir?« Er nahm's, sah es aufmerksam an und murmelte leise: »Lind-Schokolade.« Da fiel ihr ein: »Eine solche Tafel habe ich ihm schon einmal gegeben,« und indem sie sich selber ermahnte: »Führe ihn nicht in Versuchung,« fragte sie auch schon: »Kennen Sie diese Schokolade?« »Ja! Ich bekam einmal eine solche Tafel von einem unbekannten Christkindchen beschert.« »Und Sie haben sich keine Mühe gegeben, es kennen zu lernen?« Da sah er sie an, »Wenn das Christkindchen Lust hat, kann es sich offenbaren.« Lisel errötete und es ging ihr wie ein Stich durch die Seele: »Der Assessor ist ein Verleumder! Hat er nicht gesagt, dieser Mensch warte nur auf die Gelegenheit, mir eine Erklärung zu machen?« Doch was war das?! – Sie hatte sich vergessen, eine kurze selige halbe Stunde lang, und jetzt, als sie aufblickte, stand er, dessen sie eben als Verleumder gedacht, vor ihr! Der Assessor war da im Schnee heraufgekommen, mühevoll, und gab sich die erdenklichste Mühe, so wenig erschöpft wie möglich drein zu sehen, was ihm aber nur schlecht gelang. In weniger als fünf Minuten saß Lisel auf einem bequemen Kissen, über ihr balancierte ein roter Schirm, der im Schnee stak, und sie aß von einen silbernen Tellerchen kandierte Früchte. Der Assessor bediente sie und that so, als seien sie beide ganz allein und nicht ein dritter da. Und rings um sie her eine herrliche Gletscherwelt, auf die er noch keinen Blick geworfen hatte! Lisel saß da, wie gelähmt, wie von einem bösen Geist in Bann gethan, und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. »Für ein kurzes Spiel ein ganzes Leben der Pein! Ist das nicht zu hart?« sprach es in ihrem Innern. »O, warum kann ich gegen die Macht dieses Menschen nicht aufkommen? Was ist das? Was ist das?« Da hüstelte er, und sie blickte in die Höhe, – Sie sah ihn sitzen, müde und bleich, der Wind riß ihm das peinlich gescheitelte Haar auseinander. Sie wußte selber nicht, wie ihr geschah, aber der Zauber war gebrochen! Der Mächtige, Sichere, er bot da oben den Anblick eines fröstelnden, beinahe ängstlichen Mannes! Der andere aber saß dort so ruhig, so vertraut mit der scharfen Gletscherluft, so eins mit dem Bilde rings um ihn her! Da flog das silberne Tellerchen in den Schnee, und das Mädchen sprang auf, den ersten besten ???Bild Stock vom Boden aufraffend, und schaute die beiden Männer mit sprühenden, blitzenden Augen an. »Wer folgt mir nach?!« Und fort sauste sie, die Lawinenrinne hinunter, stehend, auf den Stock gestützt, wie der Blitz! Sie hatte das gelernt beim alten Hans – so jäh freilich war's nie gegangen, als hinunter zur grünen Wiese! Doch da! – Ein Entsetzen erfaßte das Mädchen! Wo war sie nur hingekommen? Da unten war's ja schwarz, schwarz wie die Nacht, und eine Spalte that sich auf, unabsehbar! Ein schweres Atmen, ein heiseres Keuchen, und jemand sauste an ihr vorbei, – sie sah nicht, wer, sie fiel und rutschte liegend weiter mit geschlossenen Augen. – Dann gab's einen Ruck! »Das Ende!« schrie sie unwillkürlich. »Nein, nein! – Mut, Mut!« Wer sprach da? Was war das für ein warmer Hauch, der ihr über's Gesicht hinging? Ein Antlitz, seltsam starr und versteinert, beugte sich über sie hin. Sie wollte sich aufrichten. »Um Himmels willen, nicht rühren! Da unten ist der Abgrund! Wir können nichts thun, wir müssen warten!« Lisel erhob das Haupt, jetzt erkannte sie ihn; der Mensch, der vor ihr kniete und zu ihr sprach, war Schwert! »Gott sei Dank!« stammelte sie, und das Gesicht auf ihre Kniee legend, brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus. – Schwert beobachtete die drei Männer, die langsam und sicher ihre, mit Steigeisen bewaffneten Füße in die Rinne setzten und so herunterkamen. Zum Glück stand die Sonne noch nicht hoch genug, um das Abtauen des Schnees zu befördern, sonst – eine Lawine von oben, und sie wären alle verloren gewesen! Aber die wackeren Männer waren zur Stelle, bevor es zu spät wurde, und in weniger als zehn Minuten war alles zum Aufstieg bereit. Rechts von der Rinne, über einen Felsenkamm ging's, und dann die Gletscherwand hinan. Der junge, kräftige Hans-Sepp schlug die Stufen ein; von Zeit zu Zeit stieß er einen kurzen Ruf aus, dann warf sich alles aufs Gesicht, und ein Regen von Stein- und Eisstücken ging über sie weg. Zuweilen sank Lisel vor Erschöpfung in die Kniee, aber der alte Hans riß sie immer wieder auf. »Mut, Mut!« tröstete er, »jetzt sind wir gleich oben am Schnee, und dann sind wir fein heraus.« Schwert redete und scherzte hinter ihnen mit den Führern; als ob nichts wäre, als habe er nicht noch soeben sein Leben für ein anderes aufs Spiel gesetzt. – Aber in seiner Stimme zitterte etwas, und das hörte, das fühlte nur sie. Endlich kletterten sie über den das Schneeplateau und den Gletscher scheidenden Felshang, und jetzt hieß es rasten. Nichts glich der Sorgfalt, mit der die rauhen Gebirgsleute das erschöpfte Mädchen umgaben. Der eine legte ihr seinen Rucksack unter den Kopf, der andere deckte ihr seine Jacke über die Füße; sie nötigten ihr einen Schluck Cognac auf und setzten sich dann alle um sie herum. »Ja, die Lisel,« hieß es, »die kann's!« »Brav hat sie sich gehalten, die Lisel!« »Ich bitte euch,« wehrte sie, »ich habe euch alle in Lebensgefahr gebracht! Was habt ihr für mich gethan!« Sie lachten auf: »War gar nix! – Ja freilich, der Herr dort, das ist schon 'was gewesen! – Ja, das war 'was!« gaben sie einstimmig zu. Schwert stand an ein Felsstück gelehnt, die Hände in den Taschen, und pfiff. Aber als ihr Blick ihn suchte – großer Gott, konnte eine menschliche Brust so viel Seligkeit fassen, wie sie aus seinen Augen strahlte?! Nein, es war nicht ratsam, einen zweiten Blick nach jenem Menschen hin zu thun. Plötzlich schrie er laut auf und schwenkte die Arme. »Hurra! Hurra!« Da oben, am Kamm des Schneeberges, bewegte sich etwas her, ein wunderliches Gespann, das einer stehend leitete und aus dem ein kleines vermummtes Köpfchen ragte, das sich lebhaft hin und her bewegte. »Das ist der Direktor,« freuten sich die Führer, »das ist der Dangl mit seinem Direktor!« Und sie schrien und winkten dem alten Herrn entgegen, der wie der Wind über die Schneefläche heruntergejagt kam und dann schimpfend und polternd seinem Plaid entstieg. »Also das ist der jungfräuliche Boden, den ich im Schweiße meines Angesichts zu erobern hoffte, und auf dem sich's die halbe Hotelgesellschaft bequem gemacht?« Er schaute sich nach allen Seiten um, »Wo sind denn die anderen?« »Es fehlt niemand,« behauptete der alte Haus, »und wir wären auch schon lang herunter, aber die Lisel hat einen kleinen Seitensprung gemacht. – Ja, ja, und 's wär' leicht um sie geschehen gewesen – ohne den jungen Herrn.« »So!« Der Direktor sah sich die beiden an und nickte dann vergnügt vor sich hin, »Auf nach Valencia!« kommandierte er. Und die ganze Gesellschaft setzte sich in Bewegung. Es dunkelte, als man an der Schaubach-Hütte ankam. Dort wartete ihrer ein Führer, der ihnen mit einem Esel entgegengeschickt worden war. Der Assessor habe das im Sulden-Hotel so angeordnet; er hatte dort ausgerichtet, die Gesellschaft habe noch einen kleinen Umweg unternommen, der ihm zu weit gewesen sei. »Und das schickt er der Lisel,« fügte der Führer seinem Berichte hinzu und übergab dem Mädchen ein kleines Päckchen, »und der Herr Assessor läßt recht schön grüßen.« Nach kurzer Rast ging's beim herrlichsten Mondschein den schmalen Pfad ins Suldenthal hinunter, voraus die Lisel auf einem Esel, den Schwert am Zügel führte. Der Herr Direktor kam erst weit hinten nach; der alte Herr behauptete steif und fest, sein Esel sei die Bosheit selbst, und er müsse daher sämtliche Führer um sich haben, falls ein Unglück passiere. Zum alten Hans sagte er: »Ihr wißt, die zwei da vorne muß man jetzt allein lassen!« Und dann ließ er sich erzählen, was eigentlich auf dem Hoch-Plateau der Königspitze geschehen war. Einstweilen war zwischen den beiden jungen Menschen, die man sich selber überlassen hatte, noch kein Wort gesprochen worden. Mondesglanz lag über der seltsamen Gruppe, deren Schatten an der Felswand oder über den Boden hinhuschten. Schwert schritt gesenkten Hauptes dahin, und Lisel wußte genau, in dem Augenblicke, als ihr der Führer das Päckchen mit einem Gruß vom Assessor überreichte, hatte sich's über ihres Lebensretters Züge wie ein Schatten gelegt – und seither hatte er sie nicht wieder angesehen. Sie mußte reden, und sie wollte auch, aber es war nicht leicht; das Herz klopfte ihr bis hinauf in deu Hals, und eigentlich hätte sie lieber geweint und –. Aber nein, es mußte sein! »Diesen Ring,« hob sie zitternd an, »hat mir der Assessor soeben geschickt – er gehört mir. – Ich muß Ihnen seine Geschichte erzählen – sonst verstehen Sie ja nicht – was ich – was ich gethan. – – Es hat mir geschmeichelt, daß dieser Mensch sich für mich interessierte. Er hatte so etwas Glänzendes, Sicheres. – Ja, es ist wahr, ich ließ mir von ihm den Hof machen – und ich habe ihn mir schon von vielen andern auch machen lassen. Aber der – ! – Vorgestern Abend nahm er mir den Ring vom Finger – ich sei gebunden – er sei kein Mann, mit dem man spiele, – und was er noch sagte. – Ich wollte nicht – o nein! Ich war unglückselig, aber ich war wie gelähmt – denn ich fühlte mich schuldig – und darum machtlos. – – Aber wie er nun da heraufkam – da war ich auf einmal wieder ich selber. – Es hat mich ergriffen, ich weiß nicht wie! Hinaus hab' ich müssen, aus alle dem – und ich hab's gewußt: der geht nicht mit! Ich hab's gewußt« – fügte sie kaum hörbar hinzu, »der andere thut's!« Da wurde es still auf dem schmalen Pfad des mondbeschienenen Ebenwand-Ferners, und es waren mit einemmale ganz veränderte und wechselvolle Schattenbilder, die da über den Weg und längs der Wände hinhuschten – Schattenbilder von zweien, die sich umschlungen hielten, und deren Häupter immer und immer wieder wie in eins zusammenschmolzen. Revisors. Wenn der Herr Revisor durch die drei Gassen und über den Platz zu seinem Bureau schritt, machte er den Eindruck eines von seinem Werte durchdrungenen Angestellten. An seinem vertragenen, fadenscheinigen Überzieher haftete kein Stäubchen, und der braune Filzhut, obzwar er nach allen Richtungen hin Lichter warf, war in der Fasson völlig tadellos geblieben, denn der Herr Revisor richtete es so ein, daß er die Bekannten, die ihm auf der Straße begegneten, immer erst erkannte, wenn er sie schon fast im Rücken hatte, so daß er bloß noch rasch mit der Hand zum Hut zu fahren brauchte. In seinem Amte war er ein zuverlässiger, unermüdlicher Arbeiter; nur glaubte er alles besser zu wissen als sein Vorgesetzter, mit dem er sich im Innern genau auf eine Stufe stellte, denn der Ursprung seiner demokratischen Anwandlungen war allein der, daß er lieber befohlen als gehorcht hätte. Zu Hause war er dann der Herr; kaum erschien er im Hausflur, trat schon die allzeit gehetzte Frau aus der Küche, nahm ihm sorgfältig Hut und Mantel ab, und der Gatte fuhr mit einem Gekrächze in seinen Schlafrock, dessen Rücken eine bunte Musterkarte bildete von allen möglichen Farben und Stoffen, die einst in der Familie gangbar gewesen. Dann schritt der Revisor in dem langen, düsteren Raume, der zugleich Eß- und Wohnzimmer war, auf und ab, die Hände in den Hosentaschen und gab sich seinen schwarzen Gedanken hin; denn er litt an einer chronischen Angst, nicht auszukommen, an der quälenden Vorstellung, seine Kinder möchten mißraten; die Jüngste sagte von ihm, wenn er mit seiner gedankenschweren Stirne so dahinschritt: »Der Vater nagt wieder am Hungertuch.« Dabei schleiften ihm die Quasten des Schlafrockes nach, und eine allerliebste kleine Katze hatte ihr Vergnügen dran, immer wieder aus einer Ecke heraus, auf diese Quasten loszuschießen und sich so fest daran zu haken, daß sie der gestrenge Herr wohl oder übel mit hinter sich her schleifen mußte. Er fuhr dann freilich wütend herum, das Kätzchen verkroch sich, um aber schon im nächsten Augenblick sein possierliches Treiben von neuem zu beginnen. Die älteste Tochter, die sich aufs Lehrerinnenexamen vorbereitetes und am Fenster saß, hinter einem Tisch mit Heften und Büchern, sah immer wieder mit mühsam unterdrücktem Lachen dem Kampf zwischen Vater und Kätzchen zu, sich dabei die Hände gegen die Ohren pressend, denn eine jüngere Schwester, die eben der Schule entlassene Hedwig, saß am Klavier und haspelte mit ihren dünnen, blutlosen Händen eine Etüde herunter. Sie war vom Vater zur Klavierlehrerin bestimmt worden, weil es sich gerade schickte, daß ein Jugendbekannter des Revisors, ein Hofmusikus, ihr und dem Bruder die Stunden um ein billiges erteilte. Der Herr Revisor blieb von Zeit zu Zeit am Fenster stehen und lauschte vorgebeugten Hauptes in den kleinen, unwirtlichen Hof hinaus, und wenn die kratzenden Töne eines fernen Cellos recht vernehmlich an sein Ohr schlugen, so war er zufrieden und nahm seinen sorgenvollen Spaziergang, mit dem ausgelassenen Kätzchen im Gefolge, wieder auf. Kurz nach zwölf Uhr erschien die zweite Tochter, die Telegraphistin, und mit ihr die jüngste, die noch zur Schule ging; sie warf sich mit lautem Jubelgeschrei auf die Erde nieder, um mit dem Kätzchen zu spielen. »Du sollst lernen und dich setzen,« fuhr sie der Vater an. »Ich bin den ganzen Morgen gesessen,« begehrte die Kleine auf, »und das Kätzle hat mir die Anni angeschafft, damit ich eine Freud' hab'.« »Fratz,« knirschte sie der Vater an, ließ sie jedoch gewähren. Sie, das Nesthäkchen, war die einzige von den Geschwistern, die dann und wann ein wenig Freiheit genoß; Schwester Auni wirkte ihr die nötige Spielzeit aus; sie hatte keine gehabt, ihre zarten, schmalen Schultern waren von früh auf über die Gebühr belastet gewesen, und sie sah mit ihren neunzehn Jahren nicht reifer und entwickelter aus, als zähle sie sechzehn; ein verkümmertes Knöspchen, das nur der Sonne bedurfte, um aufzubrechen. Kurz vor halb eins verließ sie das Zimmer mit den Worten: »Ich will den Füchsle holen,« und eilte die paar Treppen hinauf, in die Dachkammer zum Bruder. Er und sein Handwerk – er war zum Hofmusikus bestimmt, da er in der Schule nicht nachkam – standen selten in Einklang mit einander, und das Gekratze, das er seinem Instrument entlockte, wobei jämmerliche Seufzer und heulende Töne seinem Munde entfuhren, bildeten eine nicht eben harmonische Musik, die diesem Schmerzensgemach entquoll. So fand ihn die Schwester meistens und wußte ihn immer zu trösten, indem sie ihm das fuchsrote Haar streichelte oder die Thränen von den Wangen trocknete; manchmal steckte sie ihm auch irgend etwas Süßes in den Mund, was immer den besten Erfolg hatte. Aber der Stoßseufzer des armen geplagten Buben blieb doch derselbe: »Ach, wenn ich doch lieber Hausknecht als Hofmusikus werden dürfte!« Zu Mittag gab's eine dicke Suppe mit Würsten und Kartoffeln, und der Hausherr würzte das Mahl mit seinen schwarzen Gedanken, die ihm am Seelenfrieden nagten. »Großer Gott, Anni,« hub er an, »ich bin überzeugt, du fällst im Examen durch, und was dann? Habe ich einen Pfennig für außergewöhnliche Fälle übrig? Wenn's glatt geht, reicht's, weiter aber nicht; ja, ja, ein Angestellter, daß Gott erbarm! Da meinen die Leut wunder was; aber jeder Arbeiter, jeder Handwerker kann sich einmal einen vergnügten Tag machen, unsereins nie, nie! Wie laufen die Mädel vom Anstreicher Wehrle herum, sechs Federn auf einem Hut!« »Es sind Blumen, Vater,« belehrte ihn die Kleine. »Meinetwegen Kohlköpf'!« brummte der Vater. Anni aber dachte: »Und doch erlaubt der Vater nicht, daß der arme Füchsle ein Handwerk ergreift, schilt nur immer auf seinen Stand und ist doch hochmütig drauf; wie hat er getobt, als ich ihm sagte, ich möchte am liebsten ein besseres Kindermädchen oder eine Stütze der Hausfrau werden. Was, hat's geheißen, eine Revisorstochter! Eine Revisorstochter! Ach und wie viel wohler wäre mir, ich dürfte mich mit Kindern abschleppen, oder treppauf, treppab laufen, statt ewig still sitzen und auswendig zu lernen.« In den andern Mädchen regte sich nichts; sie waren zu bleichsüchtig und zu müde, um überhaupt einen Willen zu haben; und die Mutter mit ihrem ängstlichen, gezogenen Gesichtsausdruck, der von einem beständigen Kostenüberschlagen erzählte, sie überließ in Gottesnamen dem Mann das Reden und bewies ihre Liebe durch ihr nimmermüdes Kleiderwenden, Flicken einsetzen und Strümpfe stricken. »Ja, und die beiden dort,« seufzte der Revisor, und sein Blick streifte die zwei kummervollsten Gestalten am Tisch, die Musikanten, »die kommen auch nicht weiter – es muß mehr geübt werden, mehr geübt –« »Aber sie üben ja schon vier Stunden im Tag,« wagte Anni zu erinnern. »Das ist nichts,« fiel ihr die Jüngste ins Wort, »es muß sich mindestens zu Tod geübt werden.« »Ja, du übermütiger Fratz,« wandte sich der Revisor an seine Jüngste, »jetzt kommt's auch an dich, jetzt heißt's, was soll aus dir werden?« »Ich weiß es schon,« behauptete die Kleine. »So, nun was denn?« Sie sprang auf, setzte sich die kleine Katze auf den Kopf, verneigte sich bis auf die Erde und erklärte: »Eine schöne Empfehlung und ich verrat's nicht!« Die Schwestern lachten, auch die Mutter; der Vater schnitt ein Gesicht und räusperte sich; im Innersten thaten ihm ja seine armen, geplagten Kinder selber leid, aber merken lassen durfte man's nicht, denn verwöhnte Kinder arten aus. »Das giebt alles Lumpe,« sagte er von den Schulkameraden seines Sohnes, wenn er sie auf der Gasse spielen sah. Eines Tages aber sollte er das erste, freudige Resultat seiner Mühen und Sorgen und unausgesetzten Predigten erleben: Anni hatte ihr Lehrerinnenexamen bestanden und war sofort an der Schule in Oberau, drei Stunden von den Ihren entfernt, angestellt worden. So fuhr sie denn zum erstenmal in ihrem Leben zur Heimatstadt hinaus in die Fremde, und zwar recht schweren Herzens, denn Eltern und Geschwister kamen ihr entsetzlich hilflos und verlassen durch ihr Weggehen vor; sie allein wußte ja, was sie alles heimlich für die Ihrigen gethan oder ihnen aus dem Wege geräumt; wer that das jetzt? Sie hatte zwar den größern Schwestern die Kleine ans Herz gelegt, daß sie sich ihrer annähmen und die nötige Spielzeit auswirkten, damit das Kind heiter und gesund bleibe. Und ihr, der jüngsten, empfahl sie den Bruder, sie möge ihn in seiner Dachkammer zuweilen besuchen, ihm Gesellschaft leisten und ihn trösten, wenn ihn die Verzweiflung überkomme. Aber auch die eigene Zukunft machte ihr Sorgen; sie war so klein und schmächtig, hatte zeit ihres Lebens gehorchen und sich ducken müssen, wo sollte sie nun mit einemmale den Mut hernehmen, die nötige Strenge, um sich vor einer Schule voll Bauernkinder in Respekt zu setzen. Als sie jedoch in das kleine Oberau einfuhr, war's plötzlich mit aller Zaghaftigkeit vorbei, und eine unbeschreibliche Freudigkeit erfüllte ihre junge Seele. Das kleine Dorf lag wie im Brautschmuck vor ihr da, die Häuser fast versteckt zwischen den duftig blühenden Obstbäumen, ein paar Hühner gackerten, ein Kätzlein, das sie an das eigene zu Haus erinnerte, sprang über den Weg. Dem jungen Geschöpf zog's wie eine beglückende Ahnung durch die Seele: es giebt auch Friede in der Welt, nicht nur Sorgen und Angst, nicht vorwärts, oder nicht auszukommen. Sie bezog eine große, geräumige Dachstube beim Bürgermeister, gegenüber dem Kronenwirtshause. Ein paar Tage nach ihrer Ankunft saß sie an ihrem kleinen Tisch am Fenster und schrieb nach Hause. Es war Sonntag, vor ihr stand ein Fliederstrauß, den ihre lieben, freundlichen Kinderaugen immer wieder mit Entzücken betrachteten. »Meine lieben Eltern! Wenn Ihr's doch nur alle so gut hättet, wie ich es hier getroffen; von Überanstrengung keine Rede; denkt Euch, ich gehe sogar des Abends ein wenig spazieren, was mir freilich ganz sündhaft vorkommt. Sie, Fräule, ruft der Bürgermeister, so oft er mich oben am Fenster sitzen sieht, gehe Sie an d' Luft, daß Sie rote Backe kriege! – Die Kinder sind freilich noch nicht ganz zutraulich und scheinen zu merken, daß ich ein wenig verlegen vor ihnen bin; am unfreundlichsten sind aber die Weiber; neulich hörte ich eine sagen: Wir sind halt einen Lehrer gewöhnt, was kann man denn von so einem Weibsbild erwarten. Aber außer der Schule habe ich's wundervoll; Ihr solltet nur sehen, wie ich eingerichtet bin; mein Bett ist vorzüglich; ich habe einen Schrank, eine Komode und einen Tisch; ich darf mir auch Blumen aus dem Garten des Bürgermeisters holen, so viel ich will. Besonders gut ist die Kronenwirtin, bei der ich für zwanzig Pfennig einen großen Teller Suppe und ein Stück Fleisch bekomme. Ich werde voraussichtlich außerordentlich viel ersparen, und das soll meinen Geschwistern zu gut kommen.« Aber die Schulzeit war in der That eine Leidenszeit für Anni. Der Lehrer, der früher an ihrem Platz gesessen und mit dem Lineal auf den Tisch geschlagen, hatte einen ganz anderen Eindruck gemacht, als die kleine Lehrerin mit ihrem schüchternen Stimmchen; sie mußte die Thüre schließen, sonst liefen ihr die Kinder mitten aus der Stunde fort. Einmal bestrafte sie zwei vorwitzige, kleine Mädchen, indem sie ihnen befahl, in die Ecke zu stehen; sie verweigerten den Gehorsam, und die junge Lehrerin holte sie aus der Schulbank und schob sie an den Ort ihrer Bestimmung. Als sie des Nachmittags wieder zur Schule gehen wollte, wurde sie unter der Thür des Kronenwirtshauses von zwei Weibern abgefaßt, die sie streng zur Rede stellten, was sie sich mit ihren Kindern unterstanden habe. Anni war so verblüfft, daß ihr nicht gleich eine Antwort einfiel; über ihr aber, aus einem Fenster der Krone, ließ sich plötzlich eine männliche Stimme vernehmen: »Nun, was soll denn den Kindern geschehen sein?« Die Weiber wurden ein wenig verlegen: »Sie braucht sie nicht wegen nix ins Eck zu stellen,« meinte eine. »Ich will euch was sagen, geht heim,« belehrte sie der junge Kronenwirt, welcher Aufforderung sie ohne den geringsten Widerstand nachkamen. Der Alt-Kronenwirt war gestorben, und der einzige Sohn des Hauses war eben aus Paris zurückgekommen, wo er sich zum tüchtigen Koch ausgebildet hatte. Er war ein manierlicher, netter und guter Mensch, der sich mit allerlei großen Ideen trug, für die sich jedoch die konservative und bedächtige Mutter nicht zu erwärmen vermochte. »Ich mach' nimmer mit,« fiel sie ihrem Emil ins Wort, wenn er mit seinen Plänen loslegte, »ich paß' nicht mehr in die neumod'sche Welt, dazu mußt du dir eine Frau suchen.« – Das wollte er auch, allein vorderhand war er ganz Teilnahme für die kleine, schmächtige Lehrerin gegenüber, die so oft mit rotgeweinten Augen zum Mittagessen kam, das man ihr im Herrenstübchen der Krone servierte. »Sind sie wieder unbändig gewesen, die Rangen?« fragte er eines Tages, indem er die Suppe und ein schönes Stück Braten vor das junge Mädchen hinsetzte. »Ach ja,« seufzte Anni, »es war wieder recht arg heut' – aber,« setzte sie errötend hinzu, »Braten – das ist nicht ausgemacht.« »Sie müssen es schon so hinnehmen,« sagte Emil, »es ist heut' nichts anderes da.« Das ging nun so fort, Anni bekam alle Tage etwas Besseres, und mußte es eben hinnehmen, da Emil mit seinem ehrlichen Gesicht versicherte, es sei nichts anderes da. Auch Ratschläge gab er ihr, wie sie fester auftreten und die Kinder tüchtiger strafen müsse; am empfindlichsten sei ihnen das Nachsitzen; sie sollte es einmal versuchen. Die Gelegenheit, Emils Vorschlag in Anwendung zu bringen, ließ nicht auf sich warten; Anni erklärte eines Morgens der ungebärdigen Kinderschar: »Ihr bleibt heute alle bis zwölf Uhr da, und wir lesen.« »Aber wir essen um elfe!« schrien sie durcheinander. »Das ist mir einerlei, ihr bleibt bis um zwölf, uud seid ihr nicht auf der Stell' still, so bleibt ihr bis um ein Uhr da.« Es entstand ein großer Tumult; Anni starrte in ihr Buch und gab sich die erdenklichste Mühe, streng und hart auszusehen; in Wahrheit war ihr das Weinen nah; sie brachte es jedoch dahin, es wurde gelesen. Eine halbe Stunde ging so herum, als jemand die verschlossene Thüre des Schulzimmers zu öffnen suchte, und eine Stimme fragte: »Warum kommen unsere Kinder nicht heim?« Anni öffnete ein Fenster und rief hinaus: »Wer ist da und was wollen Sie?« Ein paar Weiber versammelten sich vor dem Schulhaus. Warum die Kinder nicht heimkommen? fragten sie barsch. »Weil sie unartig waren und nachsitzen müssen.« »Das leiden wir nicht,« hieß es, »wir haben's Ihnen schon lange sagen wollen, Sie sind uns zu jung, wir wollen wieder einen Lehrer haben, zu dem man auch Zutrauen haben kann.« – »Ich bin gar nicht mehr so jung,« versicherte Anni, ganz blaß vor Erregung, »und außerdem bin ich hier vom Staat angestellt, und niemand hat etwas in der Schule zu sagen als ich.« – »Hoho, der Hochmut, der Hochmut,« hieß es, »nein, so was darf man nicht hingehen lassen.« »Was giebt's da?« ertönte plötzlich die Stimme des jungen Kronenwirts, der wie aus den Wolken gefallen mitten unter dem erregten Weibervolk stand, »was habt denn ihr da zu suchen?« »Sie will uns lehren, wir hätten ihr nichts zu sagen,« hieß es, »so eine dürre Mamsell, so eine miserable –« »Und jetzt will ich euch was sagen,« unterbrach sie der Emil, »dem Staat war sie dick genug, denn es hat noch nirgends gestanden, daß der Verstand im Fett sitzt; dagegen, wer eine Person beleidigt, die die Obrigkeit angestellt hat, der kommt ins Loch; macht also, daß ihr weiter kommt und muckst euch nimmer, sonst zeig' ich euch an, und die Mütter von Oberau werden vom Gendarm geholt.« Für die junge Lehrerin aber hatten von diesem Tage an die Prüfungen ein Ende; die Mütter von Oberau wußten nun, mit wem sie's zu thun hatten und ließen das Ansehen der Lehrerin gelten, und die Kinder folgten ihrem Beispiel. Anni kam jetzt alle Tage mit lachenden Augen ins Herrenstüble der Krone; der Emil erzählte ihr von seinen Plänen, von dem schönen Hotel, das er bauen wollte, droben im Wald; die harzige Tannenluft, der freie Ausblick und die beträchtliche Höhe eigneten sich nach seiner Meinung prächtig zu einer Sommerfrische, und er, Emil, habe genug gelernt in der Fremde, um zu wissen, wie's die Herrschaften brauchten. Und Anni erzählte von den Ihren daheim, von den Eltern, die sich sorgten und mühten, von den armen Geschwistern, die unter dem Joch einer unliebsamen Berufsthätigkeit seufzten, und sie schloß allemal mit Augen, die voller Thränen standen: »Es ist und bleibt mein einziger Kummer, daß ich's allein von allen so gut haben soll.« Bei Revisors ging's in der That seit Annis Abwesenheit mit jedem Tage schlimmer; sie wußten selber nicht, was es war, was so in ihnen wogte und tobte und immer wieder zu Kämpfen Anlaß gab; aber mit Anni war die milde Ölspenderin gewichen, die allezeit die Herzen besänftigt und heranziehende Unwetter im Keim erstickt hatte. Der Musikus, der den Füchsle unterrichtete, riß ihm fast die Ohren ab und beklagte sich alle Tage über die Talentlosigkeit des Sohnes; und der Revisor war und blieb der Meinung, diesem Mangel sei einzig nur mit Schlägen abzuhelfen. Schließlich erfaßte den Buben eine solche Verzweiflung, daß er seiner, ebenfalls unter dem Joch der Musik seufzenden Schwester Hedwig den Vorschlag machte: »Du, wir wollen uns ein Stück vom rechten Zeigefinger abhauen, dann hat's Üben ein End',« Sie meinte: »Ja, wenn's nicht weh thät'.« »Bewahr', ich mach' dir's vor,« erklärte er ruhig entschlossen. Im Hof, vor dem Holzstall, legte er den Finger auf einen Klotz und schlug ohne langes Besinnen mit dem Beil darauf los. Es gab eine tiefe Klaffwunde, aus der das Blut in solchen Strömen stoß, daß die nervenschwache Hedwig mit einem lauten Aufschrei auf die Erde stürzte und heftig aus der Nase zu bluten begann. Auf das Geschrei des Buben kam die Mutter herbei, und nachdem sie die beiden verpflegt und beruhigt hatte, erfuhr sie den Hergang der Sache, und der Füchsle beschwor sie unter Thränen, dem Vater nichts zu sagen, »Sei nur still, es soll dir nichts geschehen«, beruhigte ihn die Mutter. Als die Kinder schliefen, erzählte sie ihrem Mann, auf welche Weise sich die beiden hatten frei machen wollen von der Last des Übens, und welche Angst sie nun vor dem Vater hätten. »Du mußt sie aber nicht strafen,« setzte sie hinzu, »es ist eben so gekommen, weil du sie hast hinauf zwängen wollen; das hat sich gerächt, sie sind ja so elend von dem vielen Üben, daß es einen erbarmt, wenn man sie nur anschaut; merkst du's denn gar nicht?« Der Revisor gab keine Antwort; er gehörte zu jenen Menschen, die es sich nicht um eine Welt eingestehen, wenn sie unrecht gehabt. Aber er schlief nicht; er lag die ganze Nacht mit einem Druck auf dem Herzen da, und am andern Morgen beim Frühstück sah er keines seiner Kinder an; es war Sonntag, und zum erstenmal seit Jahren begann der Morgen weder mit Klavier- noch Celloübungen; dagegen kam ein Paket von Oberau, und als es die Mutter öffnete, kam ein prächtiger Schinken zum Vorschein, an dem ein Zettel mit folgendem Inhalt hing: »Liebste Eltern! Diesen Schinken schickt Euch die Kronenwirtin, bitte, ihn heut' zu kochen und den Kindern einen freien Tag zu geben.« »Ja, wenn wir die Anni nicht hätten!« sagte der Fratz. Die Mutter wischte sich eine Thräne von der Nase und trug den Schinken in die Küche; die Mädchen unternahmen einen kleinen Spaziergang, und der Füchsle, der sich nicht vom Schinken zu trennen vermochte, stand am Herd uud sah ernsthaft dem Kochen zu. Der Revisor ging drinnen in der Stube in seinem Schlafrock auf und ab; er ließ das Kätzchen nach Lust mit seinen Quasten spielen, starrte finster vor sich hin nnd brach von Zeit zu Zeit in den Stoßseufzer aus: »Ich weiß mir keinen Ausweg.« Um zwölf, als die Mädchen den Tisch deckten, läutete es draußen; Füchsle ging, um zu öffnen. Mit einemmal hörten sie in der Stube ein lautes Geschrei und stürzten alle hinaus. Da hing er am Hals eines jungen, rosigen Geschöpfes, und im nächsten Angenblick wußten sie's – die Anni war wieder da – ach, und was hatte sie für ein rundes, glückseliges Gesichtchen! »Gott, wie sie neben den andern aussieht,« entfuhr es halb freudig, halb schmerzlich der Mutter, »Anni, laß dich anschauen.« Der Vater, immer sparsam, auch wenn es sich um Gefühle handelte, erhob den Zeigefinger: »Aber, aber, die teure Reise!« »Ach jetzt,« fiel ihm der Fratz ins Wort, »sie wird keine Million kosten!« Der Füchsle erkundigte sich bei der Schwester: »Darf ich den Packen vor der Thüre hereinholen?« »Ja, ja.« Anni atmete tief auf. »Es ist eine Linzertorte und ein paar Flaschen Wein – ja und das – das –« Sie ging hinaus und kam mit Emil wieder: »Das ist mein Bräutigam – wenn ihr's erlaubt.« »Natürlich!« schrie der Fratz, nahm das Kätzchen auf und drehte sich wie ein Wirbelwind um den Tisch herum. Beim Mahle, nachdem sie alle ruhiger geworden, ging's ans erzählen; die Eltern erfuhren, wer der Bräutigam war, und Anni, die in Todesangst gelebt, der Vater könnte sich ihrer bürgerlichen Wahl widersetzen, sah mit Erstaunen, wie sich die Miene ihres Vaters beinahe bis zu einem Lächeln erhellte. »Ja, der Emil,« sagte sie mit einem liebevollen Blick auf die Geschwister, »der Emil hat gesagt, alle könne er brauchen, wer Lust habe, uns bei der Arbeit zu helfen, denn nicht wahr, Vater, jetzt wird vieles anders bei uns, jetzt darf jedes werden, was es will?« Der Revisor wollte etwas sagen, aber es kam nur ein unverständlicher, merkwürdiger Ton ans seiner Kehle, und Anni, schnell bemüht, dem Vater über diese ihn offenbar sehr beschämende Anwandlung weg zu helfen, wandte sich an ihre jüngste Schwester: »Nun, Fratz, und wie ist's mit dir, hast du dich jetzt besonnen, was du werden willst?« Sie kicherte neben ihrer aufgehobenen Schürze hervor: »Geheirat' will ich werden!« Die Bas Der Schnee lag wie ein Leichentuch über den Schwarzwald hingebreitet; daß das Leben aber trotzdem in dem verschneiten Thal und auf der windgepeitschten Hochebene unverdrossen weiter pulsierte, bewiesen die schlanken Rauchsäulchen, die überall aus den tiefdachigen, beinahe der Erde gleichen Höfen znm Himmel stiegen. Nur ein Hof oben auf dem Hochplateau gab trotz der Mittagszeit kein Lebenszeichen von sich; ein krächzender Rabe saß auf dem unwirtlichen Kamin und sah sich hungrig in der Welt um. Die Ortschaft bestand aus einigen dreißig, ziemlich weit auseinander liegenden Häusern, die sich von dem breiten Rücken der Hochebene hinab ins Thal zogen. Der Hof aber, den der Rabe zu seinem Auslugpunkte ersehen, war der entlegenste; nicht einmal ein Weg war zu dessen Thüre gebahnt, und die kleinen Fenster waren über und über mit Eisblumen bedeckt; drinnen aber sang jemand, eine jugendliche Stimme, heiser und zittrig, wie von der Kälte geschüttelt. Zuweilen schwieg sie, dann ließ sich ein Laut vernehmen, ähnlich dem des Raben auf dem Dache: »Sing, Finle, sing« – und der jammervolle Gesang hub von neuem an. Die alte Frau, die den schönen, stattlichen, aber unbeschreiblich vernachlässigten Hof bewohnte, hieß im ganzen Ort die Bas; sie bildete den Hauptgesprächsstoff der Leute wegen ihres Reichtums, den jeder nach Herzenslust übertrieb, und wegen ihres Geizes und ihrer Vergangenheit; sie zählte sechsundachtzig Jahre, und die Sage ging von ihr, sie sei in ein teuflisches Gelächter ausgebrochen, als der Mann ihr tot im Hause lag; das und der goldgelbe Schimmer, der über ihrem weißen Haar lag, trug ihr den Übernamen – die Hex' – ein. Die alte Frau saß auf ihrem Bett auf der Ofenbank; sie hatte sich die Federdecke um die Schultern gezogen, und ihr Kopf war so vielfach umwickelt, daß von dem kleinen zusammengeschrumpften Gesicht nur die rote, scharf gebogene Nase zu sehen war. Sie zählte aus einem, aus Flicken zusammengesetzten Beutel große Silberstücke in ihren Schoß, wobei sie hörbar atmete; von Zeit zu Zeit blickte sie mißtrauisch nach der wunderlich vermummten Gestalt hin, die singend und strickend in der düsteren, ungeheizten Stube auf und ab rannte, in der jeder Hauch zu sehen war, der von den Lippen der beiden Menschen kam. »Warum ich auf einmal so schlecht seh' –« murmelte die Alte, wiederholt mit der Hand nach dem linken Auge fahrend, dessen Deckel ihr tief und völlig regungslos auf die fahle Wange fiel; wie denn überhaupt die ganze linke Seite des Gesichtes den Eindruck machte, als sei die Alte vom Schlage gerührt worden. Aber sowie der Gesang verstummte, fuhr sie auf: »Sing, Finle, sing« – und als rede sie mit sich selber, setzte sie hinzu: »Wenn's singt, hört's das Geld nit klirren –« Ein gar helles kindliches Lachen erfüllte den Raum: »Ich hör's doch, Bas –« gleich darauf aber ging die Stimme in einen weinerlichen Ton über: »Es geht nimmer, Bas, ich kann nimmer stricken und kann nimmer singen, die Händ' fallen mir ab vor Kält', und's Herz g'friert mir ein: ich geh' 'nüber zur Nachbarin, die Heisler gönnt mir schon ein Plätzle am Ofen, daß ich mich wieder auftauen kann –« »Du gehst nit,« fuhr die Alte auf, »ich leid's nit, wirst schon sehen, ich verklag' dich beim Bürgermeister –« »Möcht' ihn am liebsten gleich selber holen,« sagte das Finle, »damit er sieht, wie ich's hab', denn verfrieren brauch' ich nit, wenn ich auch nur eine eingesteigerte Wais' bin –« »Ja freilich, möchtst mir all' mein Holz verbrennen,« brummte die Alte. »Friert Ihr vielleicht nit?« unterbrach sie das Mädchen, »schaut nur Eure Nas' au, völlig blaurot ist sie –« »So, so,« die Bas kicherte listig in sich hinein, »vor meinen Hunderttausend bucken sie sich doch, und wenn meine Nas' schwarz wär' –« »Was!« schrie das Finle auf, »hunderttausend habt Ihr!« Die Alte schrak zusammen: »Wer sagt das? Wer hat das gesagt?« »Nun Ihr, wer denn sonst?« »Ich, ich hätt's gesagt, ich selber?« »Ja freilich, und laßt mich so frieren und schickt Euer Anverwandtes, die Heisler, weg, die Euch mit aufgehobenen Händen angefleht, ihr aus der Not zu helfen – schickt sie weg und habt hunderttausend, und seid doch schon so alt, Bas, sechsundachtzig –« »Hundert will ich werden, hundert,« schrie die alte Frau und versuchte umsonst, sich von ihrem Bett zu erheben. »Meinetwegen zweihundert,« sagte das Finle und reichte ihr die Hand zur Hilfe, dabei sah sie der alten Frau ins Gesicht und schrie laut auf: »Seht Ihr aber kurios aus, Bas, der linke Augendeckel hängt Euch ja bis auf den Backen herunter; gebt acht, der ist Euch verfroren, das ist die Straf' Gottes –« Die Bas fuhr mehrmals mit der Hand nach dem Auge, griff aber immer daneben: »Du bist schuld,« keuchte sie, »du bist schuld, wenn ich nit alt werd', denn du hast die Heisler 'reingelassen, und da hat's mich angewandelt, ich weiß noch, da ist mir's auf einmal so sonderbar worden, so dunkel vor den Augen, und seither bin ich krank, ja wohl, ich bin krank – mach' ein Feuer an, Finle, ein gutes Feuer, stopf' hinein, was du kannst, denn ich bin krank –« Das Finle war schon bei der Arbeit, und es dauerte keine zwei Minuten, knisterte und prasselte es im Ofen wie besessen; das Mädchen hockte auf der Erde und sah den züngelnden Flammen zu, die durch die Ritzen des Ofenthürchens leuchteten und einen hellen Schimmer auf das runde Kindergesicht mit dem kleinen kecken Stülpnäschen und der kurzen Oberlippe warfen. »O, du heilige Mutter Gottes,« meinte sie, ihre blauroten Hände dicht an den Ofen haltend, »wenn ich hunderttausend hätt', ich thät gewiß nit frieren –« Die Alte humpelte wie eine Verzweifelte durch die Stube: »Wie stopf' ich ihr nur den Mund, wie stopf' ich ihr nur den Mund?« murmelte sie vor sich hin. Das Finle lachte hell auf: »Gebt mir was zu essen, dann ist er gestopft –« Die Bas griff nach dem Kopf: »Wer hat was von Stopfen gesagt!« »Ihr selber – Herrgott, seid Ihr aber heut' kurios, mir gruselt's beinah –« Die alte Frau schlürfte zu dem altersgeschwärzten Schrank, in der dunkelsten Ecke der Stube: »Ich hol' dir was, Finle, ich hol' dir was, aber versprich mir's auf Ehr' und Seligkeit, daß du mir die Heisler nimmer 'reinläßt, daß du's keinem Menschen verraten thust Uon meinen Hunderttausend.« Das Finle schwor: »Auf Ehr' und Fröhlichkeit –« das zweite Wort etwas undeutlich aussprechend, denn sie mußte der Alten alle paar Tage etwas zuschwören, und um ihrer Seligkeit nicht verlustig zu gehen, hatte sie sich die kleine List ersonnen, dafür ein ähnlich lautendes Wort zu sagen. Die Bas stierte in den offenen Schrank hinein: »Ich hab' 'was wollen, was hab' ich denn nur wollen?« »Mir 'was zu essen geben,« rief das Finle, indem es aufsprang und mit vorgestrecktem Hals in das Innere des Schrankes lugte. »Geh weg, geh weg, du keck's Ding,« fuhr die Alte auf, »ein Stückle Brot kannst haben und ein Stückle Käs –« »Ich halt' nit Wort, wenn's nit ein ordentliches Stück Brot ist,« handelte das Finle. Die Bas ächzte laut, während sie das Brot vom Laib schnitt, gerad' als ging es ihr von der Seele; statt des Käses reichte sie jedoch dem Finle ein großes Stück Wurst hin, und das junge Ding eilte damit vor den prasselnden Ofen und ließ es sich herrlich schmecken. »Ach,« seufzte sie, nachdem sie schon bald fertig war, »ist das gut, ist die Wurst gut!« »Ich hab' dir doch keine Wurst gegeben?« alterierte sich die Alte und ging zu ihrem Schrank zurück. Das Finle schob den letzten Bissen in den Mund: »Hab' mir's gleich gedacht, die Bas hat sich geirrt!« und sie brach in ein so herzliches Gelächter aus, daß es wie Musik durch die düstere Stube tönte. Aber die Alte war wütend: »Dumm's Ding, immer lachen, immer lachen, sonst kannst nix –« »Nun, das ist halt so verteilt in der Welt, der eine hat's Lachen, der andere hat's Geld – o du heilige Mutter Gottes, wenn ich das noch dazu hätt', dann wüßte' ich gleich, was ich thät'.« Ein plötzlicher Ernst flog über ihre Züge, und als in demselben Augenblick von draußen an die Thür gepocht und ihr Name gerufen wurde, schoß ihr die Röte wie eine Flamme ins Gesicht, denn es war die Stimme dessen, an den sie gedacht hatte. Nun war ihr plötzlich warm, sie entäußerte sich der entstellenden Hüllen, glättete wie unwillkürlich die vielfach geflickte Schürze und nestelte an den Bändern ihrer kleinen schwarzen Haube herum. Dabei ließ sie die Alte keinen Moment aus den Augen, sich rücklings dem Fenster nähernd, während die Bas in ihrem Schrank herumkramte, immer etwas wollte und gleich darauf vergaß, was es war. Das Finle stand jetzt am Fenster, öffnete eine kleine Spalte und rief hinaus: »Ich darf nit aufmachen, Jakob, sie hat den Riegel vorgeschoben –« »Ich bitt dich um alles in der Welt, Finle,« tönte es im Flüsterton zurück, »laß mich ein, 's ist das letzte – ich muß mit der Bas sprechen –« »Nun, so komm,« meinte das Mädchen, »den Kopf kann sie mir nit abreißen –« Sie schob den Riegel zurück, und der Nachbarsohn trat über die Schwelle; er war ein blutjunger Mensch mit auffallend schönen, aber verhärmten, erschlafften Zügen; in den Angcn, die von dunklen Rändern umrahmt waren, flackerte ein unstätes, krankhaftes Feuer. »Bas,« sprach er, und der Ton seiner Stimme zitterte. Sie fuhr herum und starrte ihn an wie einen Geist: »Du – was willst du noch bei mir – fort – wir zwei haben in Ewigkeit nix mehr miteinander zu thun –« »Aber Bas,« unterbrach er sie, »es ist ja heut' 's erstemal, daß ich überhaupt 's Wort an Euch richt' – Ihr sollt mich ja nur anhören –« Sie fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, da ihr plötzlich die Worte fehlten, und deutete nach der Thüre. Aber das Finle that so, als verstünde sie nicht, und der Jakob fuhr zu sprechen fort: »Ihr habt die Mutter fortgeschickt – sie wär' gewiß nit gekommen und ich auch nit, wenn uns 's Messer nit an der Kehl' stünd' –« »Ich helf' nit, ich helf' nit,« keuchte die Alte, »ich werd' so dumm sein –« »Und habt so viel Geld, so viel Geld,« fiel ihr 's Finle ins Wort. »Du strick und sei still,« fuhr sie die Bas an, und das Mädchen, um sie nicht noch mehr aufzubringen, nahm die Arbeit zur Hand und strickte wie eine Verzweifelte darauf los. Es war fast, als habe die Bas die Anwesenheit des Burschen vergessen; sie nahm auf ihrem Bett Platz und riß sich die Haube vom Kopf, daß ihr das gelblich-weiße Haar tief in die Stirne fiel, und fing an, sich leidenschaftlich den Kopf zu kratzen und dabei zu stöhnen: »Wie Feuer brennt's, wie Feuer –« »Sie ist heut nit recht, sie ist noch nie so sonderbar gewesen,« flüsterte das Finle dem Burschen zu. Es war zum erstenmal, daß er der alten Frau so nah gegenüberstand; zwischen ihr und den Seinen war nie ein Wort gesprochen, nie ein Gruß gewechselt worden; die Eltern gingen dem bösen Blick der Bas sorgsam aus dem Weg, die Kinder fürchteten sich vor ihr. »Was habt Ihr eigentlich gegen uns, Bas?« fragte die Stimme des Burschen in die augenblickliche Stille hinein, »unsre Großmutter war doch Eure Schwester –« »Still von der,« die Alte hielt sich den Kopf mit beiden Händen. »Bas«, hub der Jakob wieder an, »seit vierzehn Tagen – seit der Vater gestorben ist, bin ich in kein Bett gekommen, Tag und Nacht steh' ich in der Werkstatt', ich und der Christian, aber es thut's nit – es thut's nit – wir sind halt siebene, und außer dem Christian und mir noch kein's aus der Schul' – mit Vaters Krankheit ist der letzte Sparpfennig drauf gegangen, und nun sind die vierhundert Mark fällig, die der Vater aufgenommen, wie er die Werkstätt' vergrößert hat; es ist der letzte Termin; wenn wir sie nit zahlen, wird uns der Hof versteigert; an wen soll ich mich denn wenden? Jeder weiß, daß wir von Euch nix zu erwarten haben, daß Ihr Euer Geld der Kirche vermacht habt –« »Ja wohl, der Kirch', alles der Kirch',« frohlockte die Alte und setzte sich die Haube wieder zurecht; »alles der Kirch' –« »Und sie hat hunderttausend,« stieß das Finle hervor, indes ihm die dicken Thränen über die Wangen liefen. Des Burschen Augen flimmerten seltsam auf: »Und hilft uns nit und laßt uns den Hof über dem Kopf versteigern, daß wir da sitzen wie die Raben auf freiem Feld – verkommen in Not und Elend –« »Ist's jetzt so weit, ist's jetzt aus mit dem großen Glück?« murmelte die Alte, »darauf hab' ich gewartet, denn Ihr habt's nit anders verdient –" Dem Jakob schoß die Zornesröte ins Gesicht, aber er nahm sich zusammen: »Wenn der Vater am Leben geblieben wär' –« »Der war's,« unterbrach sie ihn. »der mich hineingetrieben in mein elendiges Leben und mir die Schwester vorgezogen –« »Aber das war ja der Großvater,« unterbrach sie der Bursche. Finle lachte: »Heut ist sie ganz wirr,« flüsterte sie dem Burschen zu, »sie hat sogar den Käs mit der Wurst verwechselt.« In dem Burschen hämmerte die Ungeduld: »Daheim warten sie,« fuhr er die Alte an, »Ihr habt so viel und braucht's doch nit – – Bas, um Gottes Barmherzigkeit willen, gebt mir vierhundert Mark – helft uns aus der Not, Bas –« Sie sah ihm starr ins Gesicht: »So hast mich angeschaut, gerad' so bös – damals, wie ich mit dir 'tanzt hab – weißt nimmer?« »Kann mich nit erinnern,« knirschte der Bursche, während das Finle, das vorhin bei seinen Worten in lautes Schluchzen ausgebrochen war, jetzt unbändig in sein Strickzeug hinein kicherte. Die Bas starrte unverwandt den Burschen an: »›Jakob, hab' ich zu dir gesagt, Jakob, ich halt's nimmer aus, ich hab' dich gern –‹« Der Bursche wollte sie unterbrechen, aber sie ergriff ihn beim Rock: »›Ich mag die Roten nit – ich mag die Roten nit‹ – das hast mir zur Antwort 'geben und bist hin'gangen und hast die Schwester genommen.« »So laß doch die alten Zeiten,« unterbrach er sie, aber sie schrie und stöhnte nur um so lauter: »Ach das Glück, das große Glück mit anschauen müssen – du verfluchter Mensch,« – sie ballte die Faust gegen ihn, »'s ganze Leben hast mir verdorben – schlecht gemacht hast mich, daß ich hingangen bin und hab' den Obereckbauern genommen, den rohen Kerl – aber Geld hat er gehabt, viel Geld, und gehauen hat er mich auch – nit lang, nit lang –,« sie lachte listig auf, »hab's ihm eingetränkt – wohl, wohl – hab' ihm die Medizin nit 'geben, wie er im Fieber gelegen ist, – Ja wohl, es ist Sündengeld, ich weiß, es ist Sündengeld, drum will ich's der Kirch' vermachen, die Kirch' hilft nur ins Himmelreich – die Kirch' kriegt alles –« Der Jakob begann plötzlich zu zittern: »Ist's denn noch nit geschehen, habt Ihr 's Testament noch nit gemacht?« Die Alte fuhr auf: »Wer sagt das, was will der Mensch! schielt er nit nach meinen Schlüsseln? – Jesus im Himmel, wo sind meine Schlüssel, meine Schlüssel, wer hat sie mir gestohlen?« »Wer soll sie denn gestohlen haben?« fragte das Finle und half der Bas das Bett durchsuchen; die Schlüssel fanden sich, und die Alte hielt sie mit beiden Händen fest, und zwischen ihrem kurzen Atmen brach sich ein eigentümliches Pfeifen Bahn. Der Bursche war ein paar Schritte zurückgetreten, in die Nähe jener dunklen tiefen Ecke, wo der Schrank und die Truhe standen, die die alte Frau immer wieder mit dem Blick suchte. Den Burschen hatte sie vergessen, aber dem Mädchen, das strickend am Tisch lehnte und sie anstarrte, rief sie ein heftiges: »Sing, Finle, sing, Finle –« zu; denn zuweilen flackerten ihre dem Erlöschen nahen Gedankenkräfte wieder auf; in einem solchen Moment wurde ihr plötzlich klar, daß sie laut dachte, und darum ruhte sie nicht, bis das Finle sang. Es fiel ihr nichts andres ein, als ein heiteres Schulliedchen, das sie mit heller Kinderstimme gedankenlos heruntersang; dabei suchten ihre Augen bald den Jakob, dessen Gesicht so geisterhaft aus dem Halbdunkel leuchtete, bald die laut vor sich hinsprechende alte Frau, und ein tiefes Unbehagen erfaßte die junge Kreatur. Allein sobald sie einen Augenblick mit ihrem Gesang innehielt, stieß die Alte ein ungeduldiges: »Sing, sing, Finle« – hervor, und diese fing von neuem an: \>Vöglein im hohen Baum, Klein ist's, ihr seht es kaum – Singt doch so schön – Der Bursche aber und das alte Weib, die hörten nichts von der unschuldvollen heiteren Weise; in ihnen sangen ganz andere Gewalten. »Ich geh' ja, ich geh' auf der Stell',« rang es sich von den Lippen der Alten, »ich will meine ewige Glückseligkeit gewiß nit verscherzen, aber hart ist's, o 's ist hart – all' das viele schöne Geld – das viele schöne Geld –« Wie oft schon war sie auf dem Weg ins Pfarrhaus wieder umgekehrt, entsetzt, verzweifelt über dem Gedanken – es gehört nicht mehr dir, mit deinem Namenszug giebst du alles hin – es ist nicht mehr dein, sobald du unterschrieben hast – Sie schluchzte, ohne daß ihre alten Augen mehr Thränen hatten, sie raufte sich das Haar, und ihr wüster Kampf rief ein tiefes Grauen in dem singenden Finle hervor. Sie dachte immer wieder: Gott sei Dank, daß ich nit allein mit ihr bin, daß der Jakob in der Stub' ist – die hat's gewiß mit dem Teufel zu thun – und singend und strickend ging sie zu dem Burschen hin und stieß ihn an: »Was hast nur?« Er gab ihr keine Antwort, er war mit sich eins: die Alte durfte das Hans nicht verlassen, sie war ja verrückt – so viel wußte er, daß das Testament eines Verrückten nicht gültig war – und wenn sie jetzt zum Pfarrer ging, was wußte der, ob sie bei Sinnen war oder nicht – dem Jakob brauste es in den Ohren: Hunderttausend, hunderttausend! Und alles die Kirch', und sie, die nächsten Anverwandten nichts – nichts – der Not, dem Elend überlassen – Er heftete den Blick wie verzehrend auf die alte Frau, die endlich einen Entschluß gefaßt zu haben schien, denn sie erhob sich ächzend und ging zum Kleiderrechen an der Thüre; sie riß den Mantel herunter mit der dick wattierten Kapuze, die sie über den Kopf zog. Dann schrie sie nach ihrem Schirm, den ihr das Finle holte. »Es schneit ja so arg,« sagte das Mädchen, »müßt Ihr denn gerad' jetzt fort?« »Ja, ja,« nickte die Bas, »zum Pfarrer, zum Pfarrer –« »Soll ich nit mit Euch gehen?« »Nein, nein, du hütst mir mein Sach'! – Jesus,« schrie sie plötzlich auf, »wo hab' ich meine Schlüssel hingelegt, wo hab' ich sie hingelegt –« Das Finle holte sie von der Ofenbank: »Ich thät' sie mir anbinden, Bas, das ist ein ewig's Geschrei –« Aber der Alten waren Schirm und Schlüsselbund zu viel für die schwachen, zitternden Hände. »Ich laß den Schirm da,« murmelte sie vor sich hin, legte aber den Schlüsselbund auf die Kommode und kam dann zur Thür geschlürft. Da stand der Jakob; er stand so breit da, mit geballten Fäusten; das Finle hatte schon zweimal etwas zu ihm gesagt, er hörte nicht. Jetzt stieß er sie weg und trat der Bas, die zur Thüre hinaus wollte, in den Weg: »Ihr geht nit,« schrie er sie an, »Ihr bleibt daheim –« Sie hatte seine Gegenwart ganz vergessen und kannte ihn nicht mehr, aber sie schrie wie am Messer: »Dieb! Dieb!« und wollte sich an ihm vorbeidrängen. Da hielt er sie an den Schultern fest, und sie keuchte: »Jetzt bringt er mich um, er bringt mich um!« »Um Gottes willen, Jakob,« schrie das Finle, »was hast du vor?« »Gerechtigkeit,« stammelte er, »ich will Gerechtigkeit machen, wenn's keine giebt.« Das Finle umfaßte ihn: »Laß, laß« – da er aber die Alte nur um so fester hielt, bückte sich das Mädchen plötzlich und biß ihn in die Hand; er ließ los und im nächsten Augenblick fiel die Thüre hinter der Alten ins Schloß; er wollte ihr nach und schleuderte das Finle, das die Klinke festhielt, auf die Seite; das Mädchen fiel zur Erde, mit dem Kopf gegen das Tischende, das Blut schoß ihr übers Gesicht, und sie blieb regungslos liegen. Der Bursche starrte auf sie nieder, er kam plötzlich zu sich, hob sie auf und trug sie aufs Bett am Ofen; er holte einen Krug mit Wasser vom Gesimse, netzte ein Tuch und hielt es dem Mädchen gegen die Stirne; er that es mit zitternden Händen und laut klopfendem Herzen und rief sie wiederholt beim Namen. Finle schlug die Augen auf, sah ihn einen Moment wie sich besinnend an und sprang dann in die Höhe: »Jesus, die Bas, was ist mit der Bas?« »Sie ist fort,« sprach er dumpf, »aber dir hab' ich ein Leid gethan –« »Das macht nix, wenn nur der Bas nix geschehen ist – mußt nit solche Augen machen nach der Thür, Jakob,« setzte sie mit bittendem Tone hinzu, »mußt mir jetzt ein bißle helfen, gelt?« Sie tauchte einen frischen Lappen ins Wasser und legte ein Tuch darüber; das mußte er ihr am Hinterkopf festbinden. »So, und jetzt holst mir die Stricket dort vom Tisch her und giebst schön ans den Knäuel acht, der liegt unterm Stuhl; muß mich tummeln und den Strumpf zu End' stricken, sonst krieg' ich heut abend nix zu essen; ja, ich hab's just nit wie eine Prinzeß –« Sie lachte kurz und hell auf und hub an zu stricken, der Jakob setzte sich neben sie auf die Ofenbank; die Ellenbogen auf den Knieen, starrte er mit düsteren Blicken auf den rissigen Fußboden. »Nix erreicht, nix erreicht,« sprach er in leisem, bitterem Tone. »Freilich, ach freilich,« seufzte das Finle, Er sah sie an: »Findest du's denn gerecht, daß wir so leer ausgehen? Hat's bravere Leut' geben als die Eltern? Gerad' hat der Vater die Werkstatt' angebaut, und 's Geschäft will einen Aufschwung nehmen, stirbt er uns weg –« »Ja, 's ist hart, 's ist hart,« nickte das Finle, »Zu denken,« sprach er weiter, »wenn sie jetzt gestorben wär', wenn sie den Geist aufgegeben hätt' –« »Denk's nit aus,« unterbrach ihn das Mädchen, »was hat sie denn gehabt von ihrem Sündengeld? sie war nie froh; man muß es mit angesehen haben, wie sie gelebt hat – immer in der Todesangst, man nimmt ihr 'was; den ganzen Tag hab' ich müssen stricken und singen, daß ich's nit soll klappern hören, wenn sie ihr Geld zählt. Oder sie ist am Fenster gesessen, stundenlang und hat hinausgestiert mit Augen wie eine Hex', daß man's ihr angesehen – jetzt denkt sie wieder bös von allen Menschen. Und in der Nacht, da kam sie mir mit ihren harten Fingern so übers Gesicht gefahren: ›Bist noch da, Finle, bist noch alleweil da –‹« Der Jakob seufzte: »Wenn sie mir nur wenigstens die vierhundert Mark 'geben hätt', daß wir nit vom Hof fort müßten – wir sind doch so angesehene Leut' gewesen, Finle, und jetzt –« Er sprang auf und schritt durch die Stube, die Hände in den Taschen, den Blick unruhig nach allen Seiten werfend; mit eins stand er vor der Kommode: »Da sind ja die Schlüssel!« Er hatte sich bemüht, ganz ruhig zu sprechen, aber der unsichere, zitternde Ton seiner Stimme fuhr dem Finle durch alle Glieder. »Jesus im Himmel,« schrie sie auf, »wenn das die Bas entdeckt, ich geh' sie ihr bringen –« Aber der Jakob hielt die Schlüssel fest: »Jetzt – jetzt könnt'ich sie holen, die vierhundert Mark –« Das Finle stand mit aufgehobenen Händen vor ihm: »Nein, das thust nit, das thust nit!« Seine Augen sahen sie wie verglast an, während seine Hände fieberhaft mit dem Schlüsselbunde spielten; »Von rechtswegen,« murmelte er, »von rechtswegen gehört ja doch alles uns –« Finte hatte ihn am Arm ergriffen, und als er sie zurückstoßen wollte, wandte sie ihm das kleine, verbundene Gesicht zu: »Erheb' nit wieder die Hand gegen mich, Jakob,« bat sie mit zitternder Stimme, »werf mich nit noch einmal hin, 's hat recht weh gethan, ich hab' dir's nur nit sagen wollen –« Sie zog den Widerstrebenden zum Ofen, »auch 's Stehen kommt mich schwer an, so sitzt mir der Schreck noch in den Gliedern –« Sie sank auf die Bank, umfaßte seine niederhängende Hand und lehnte den Kopf gegen seinen Arm. »Ich sag' nit, daß die vierhundert Mark nit dir gehören – von rechtswegen gehört alles dir – von rechtswegen! ja, was müßt da nit alles sein! Was hab' ich denn verbrochen, daß ich's so wenig gut hab' auf der Welt und von kleinauf eine Wais' war und just hab' müssen von der Bas eingesteigert werden; dreimal hat sie mich blutig geschlagen, und alleweil singen sollen, wenn einem der Magen knurrt – gelt, das war doch gewiß auch nit von rechtswegen, daß ich's so 'troffen hab' im Leben, denn in der Religionsstund' haben wir doch gelernt, daß der lieb' Gott aller Menschen Vater ist, ob sie hoch oder nieder stehen –« »Es ist halt keine Gerechtigkeit,« murmelte der Bursche und suchte seine Hand frei zu machen. Aber das Finle hielt ihn fest: »Meinst, das hab' ich nit auch manchmal denkt, meinst, ich hätt' der Hex' nit gern oft einen rechten Streich gespielt? Aber nur von ihren Kartoffeln hab' ich gestohlen, Geld hab' ich nie keins angerührt, sonst hätt' sie mich beim Herrn Pfarrer verklagt, und schau, Jakob –« Sie sah zu ihm auf und suchte seinen Blick: »An deinem Einsegnungstag, wie du aufgestanden bist in der Kirch' – der erste von allen und hast dein' Sach' so schön gesprochen, so klar und laut – damals hab' ich mir gesagt – so eine Brave, wie der Jakob ein Braver ist, willst auch einmal werden und die Erst' sein an deinem Ehrentag, gerad' wie er – und schau, wenn wir jetzt auch die zwei Ärmsten sind, du und ich – darum wollen wir doch, so Gott will, alleweil im Leben die zwei Ersten bleiben – meinst nit auch, Jakob?« Er hatte sich von ihr auf die Bank niederziehen und die Schlüssel aus der Hand nehmen lassen; in sein blasses Gesicht war eine tiefe Röte gezogen, und er sagte leise, stockend: »Finle, ich muß mich ja vor dir schämen –« Sie lachte, während ihr die Thränen aus den Augen schossen: »Vor mir, vor mir sich schämen wollen, nein, so 'was G'spaßiges – aber ich lauf' ihr schnell nach und bring' ihr die Schlüssel – ach Gott, ach Gott, ich bin ja so froh, mir ist's gerad', als könnt' ich jetzt einen Stern vom Himmel 'runter bitten –« sie wandte sich noch einmal um: »Weißt, vielleicht rührt's die Bas, wenn ich ihr die Schlüssel bring' und – und –« Der Bursche hörte nur noch ihr kurzes, von einem Schluchzen unterdrücktes Auflachen, und fort war sie. Dem Jakob flog's durch den Sinn, wie oft er seine Mutter hatte sagen hören: »Das Finle drüben hat so ein feines helles Lachen und ist doch das ärmste Geschöpf auf der Welt –« »Das Finle,« murmelte er, »ja wohl, das Finle, in Lumpen geht's und hat so ein braves Herz – das'rumgestoßene Waisle muß mir, mir sagen, was rechtschaffen und ehrlich ist – so 'was kann an einen ordentlichen Menschen kommen – das hatt' ich in meinem Leben nie 'glaubt, wenn ich's nit erlebt hätt' –« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, eine große Erschöpfung hatte sich seiner bemächtigt, er sollte hinüber zur Mutter und konnte sich nicht entschließen: »Ach, so viel Kreuz, so viel Kreuz« stöhnte er, der Kopf sank ihm auf die obere Ofenbank: »Die Ärmsten und die Ersten,« sprach er lallend, »Finle, ich muß mich ja vor dir schämen –« Da war ihm plötzlich, als stoße er mit der Hand gegen einen Gegenstand, der klirrte, und es fuhr ihm durch alle Glieder: da lagen sie noch, die Schlüssel, das Finle hatte sie nicht mitgenommen – sie lagen noch da – und abermals erfaßte es ihn – er wollte nicht, er schrie, er stöhnte, aber es war, als drücke ihm jemand die Schlüssel in die Hand – er hielt sie, und sie blinkten ihn an, sie hatten einen gelblich roten Schimmer, die alten, rostigen Schlüssel, ähnlich dem Haare der Bas, »Vater, Vater,« keuchte der Jakob, »du hast auf dein Totenbett gesagt, ich sei tüchtig, ich sei brav – es ist nit wahr, Vater, ich kann's nit – es ist stärker als ich –« Er kniete vor der Truhe und sah die vielen Beutel, die vielen schweren Beutel – schön geordnet, einer neben dem andern standen sie da, und er griff zu. Aber der Beutel hatte ein Loch, erst draußen vor der Thüre sah er's, der Jakob – überall, hinter ihm lagen die Thaler; und immer neue fielen, den ganzen Weg entlang, klirr, klirr – er wollte sie aufheben, aber sie entglitten immer wieder seinen Fingern, und dabei lachten sie, ganz hell und lustig, wie's Finle lachte; er hob den Fuß und trat auf sie, da kam Blut; überall, der ganze Boden war voll Blut; in den Lüften aber kreisten die Raben, und mit einemmale fuhr's ihm wie ein Dolchstich durch die Seele, denn sie schrieen: »Dieb! Dieb!« mit derselben krächzenden Stimme, wie die alte Frau, und alle Leute hörten's; sie standen herum und zeigten auf ihn, und er las es ihnen an den Lippen ab: Der Jakob Heisler hat aufgehört, ein angesehener Mensch zu sein – da legte sich's ihm kalt übers Gesicht, und er freute sich: Gottlob, das ist der Tod – Im nächsten Augenblick schlug er die Augen auf; das Finle stand vor ihm, aschfahl, am ganzen Körper zitternd: »Hab' ich's gethan?« flüsterte er. Sie gab ihm keine Antwort, sie sank neben ihm nieder; ein-, zweimal versuchte sie zu sprechen, plötzlich ergriff sie seine Hand: »Erschrick' nit, erschrick' nit, Jakob, aber 's ist jetzt alles ganz anders – ganz anders – ich bin in 'n Tod 'nein erschrocken –« Sie atmete tief, während ihr die Kniee schlotterten: »Sie war schon fast unten – ich hinter ihr her und denk' noch: wie lauft sie kurios, und muß lachen – über einmal dreht sie sich wie um sich selbst, und ich hör' sie schreien: ›Meine Schlüssel, meine Schlüssel, Herr Jesus, meine Schlüssel‹ – ›Da sind sie,‹ ruf ich, ›da sind sie,‹ und wie ich hinkomm', liegt sie steif und starr im Schnee und – und – die Leut' bringen sie hinter mir her –« Der Jakob wiederholte wie im Traum: »Die Leut' bringen sie –« Das Finle sah ihn an: »Sie ist tot –« »Tot!« Der Bursche stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Kniee, er umfaßte das zitternde Geschöpf vor ihm, er preßte das Gesicht in ihren Schoß. »Du, du,« stieß er unter heftigem Schluchzen hervor, »so lang ich leb' – wir gehen nimmer von' ander – Finle, Finle – du Engele Gottes –« Sie streichelte ihm das Haar, die Farbe war in ihr erschrockenes Gesicht zurückgekehrt, er erhob das Haupt, und sie sahen sich an, alles was sie gelitten, was um sie her vorging, vergessend. – Hinter ihnen wurde die Thüre aufgemacht, und langsam, die Schritte gedämpft durch den Schnee an den Füßen, trugen die Männer den Leichnam der alten Frau über die Schwelle; durch die weit offene Thüre fluteten die Strahlen der untergehenden Sonne, und sie goß ihr feuriges Winterlicht über das weißlichgelbe Haar der Toten, das ihr in langen, wirren Strähnen vom Haupte hing.