Joseph Wenzig Westslawischer Märchenschatz Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Sprüchwörtern. Vorwort. Je mehr selbst die entferntesten Völker und Staaten Europa's durch die neugeschaffenen Verkehrsmittel räumlich zusammen rücken, und je mehr sie sich zu einem Leibe organisiren, in welchem ein Glied dem andern nicht gleichgültig sein kann: um desto nöthiger ist es, daß sie sich auch geistig näher kommen und sich wechselseitig kennen lernen, um sich zur Förderung ihres gemeinschaftlichen Besten freundlich die Hand zu reichen. Die Böhmen, Mährer und Slowaken, aus deren Volksdichtungen und Gesangsweisen ich hier dem deutschen Publicum eine mit Sorgfalt getroffene Auswahl biete, und die im österreichischen Staate eine Bevölkerung von etwa sieben Millionen bilden, gehören zu Einem, dem ĉechoslawischen Sprachstamm; denn obwohl nur die Geschichte der Böhmen und Mährer verwebt ist, die der Slowaken sich an die ungrische anschließt, so bedienen sie sich doch einer gemeinsamen Schriftsprache. Die Böhmen, die westlichsten Slawen in Europa, mit einer großartigen, von dem k. böhm. ständ. Historiographen F. Palacky meisterhaft dargestellten Geschichte, von ihren deutschen Landsleuten, den Deutschböhmen, zu unterscheiden, sind im Ganzen an Cultur unter den Slawen am weitesten vorgeschritten. Sie treiben mit Vorliebe Oekonomie, obwohl sie auch in Fabriken anstellige, gewandte Arbeiter abgeben; für Musik und Mathematik zeigen sie besonderes Talent, lernen fremde Sprachen leicht, und liefern tapfere, intelligente Krieger (die österreichische Artillerie besteht zum größeren Theil aus Böhmen), so wie geschickte Beamte, die in allen Kronländern der Monarchie verwendet werden. – Unter den slawischen Mährern herrscht eine größere Verschiedenheit, als unter den slawischen Böhmen. Man unterscheidet die sogenannten Podhoraken im böhmisch-mährischen Gebirgslande, die den Böhmen am ähnlichsten sind; die Hannaken , ein wohlhabendes Völklein in der fruchtbaren Hanna; die Slowaken an der ungrischen Seite, die den ungrischen Slowaken gleichen; ferner die Walachen , ein wahrscheinlich aus der Walachei eingewandertes jetzt slawisiertes Hirtenvolk auf den benachbarten Beskiden. In der südöstlichsten Ecke Mährens zwischen der March und Thaja leben mehrere tausend Kroaten , die im 16. Jahrhundert angesiedelt wurden. – Die Slowaken in dem von den Karpathen bedeckten Nordwesten Ungarns sind betriebsam, und viele erwerben sich ihr Brot durch Hausiren mit verschiedenen Waaren, wobei sie, gleich den Tirolern, ferne Länder durchziehen. Die allgemein bekannten, ehrlichen, aber verkümmerten und schmuzigen Drahtbinder darf man nicht für Repräsentanten des ganzen Volkes nehmen. Welch stattlicheres Bild liefert dagegen der stämmige Leinwandhändler in seinem weißen, reinlichen Anzuge! Indem ich die vorliegende Sammlung als ein Charakterbild bezeichne, will ich damit gesagt haben, daß ich sie für ganz besonders geeignet halte, dem Leser einen Blick in das innere und äußere Leben der Cechoslawen zu erschließen. Nur muß ich, um Mißverständnissen vorzubeugen, vorhin ein Zweierlei bemerken. Fürs Erste beabsichtigte ich nicht eine gelehrte Arbeit zu liefern, obwohl die Sammlung auch dem wissenschaftlichen Denker und Forscher in mannichfacher Beziehung tauglichen Stoff bieten dürfte. Hätte ich jene Absicht gehegt, dann würde die Sammlung nebst Vorwort und Anmerkungen ganz anders haben ausfallen müssen. Meine Absicht ging dahin, dem gebildeten Publicum einen ästhetischen, dabei aber zugleich lehrreichen Genuß zu verschaffen; darnach möge man Anlage und Ausführung beurtheilen. Fürs Zweite suche man hier keine verfeinerten Erzeugnisse der Kunst. Alles ist Volksdichtung, schlichte, einfache Natur, zwar ohne die Reize der Kunst, dafür um desto gesunder und kräftiger. Die vorliegende Sammlung zerfällt in zwei Abtheilungen, wovon die erste Märchen, Sagen und Geschichten , die zweite Lieder, Balladen, Romanzen, Legenden und Sprüchwörter umfaßt. Als gemeinsames Kennzeichen aller darin enthaltenen Dichtungen läßt sich aufstellen, daß in ihnen bei durchaus geregelter Phantasie ein regsamer, behender, klarer und scharfer Geist waltet, der, wie die Geschichte nachweist, nur dann getrübt werden kann, wenn die leichtaufwallende und dabei tiefhaftende Empfindung die Oberhand gewinnt. Dadurch unterscheiden sich die Poesien der Böhmen, Mährer und Slowaken überhaupt von denen der Südslawen mit ihrer orientalischen Phantasiefülle und von denen der Ostslawen mit ihrer heroischen, ins Ungeheure schweifenden Hyperbolik. Die überschwängliche Romantik und Minne ist ihnen fremd geblieben. Den böhmischen Producten eignet wieder zum Unterschiede von den slowakischen vorzugsweise Witz, Satyre, Humor, wogegen sich in den slowakischen und walachisch-mährischen naive Treuherzigkeit ausprägt. Die erste Abtheilung mit Märchen, Sagen und Geschichten ist aus den theils gedruckten, theils noch ungedruckten Sammlungen von K. I. Erben, Frau B. Némec, I. B. Maly, dem Geistlichen I. Kulda, M. Miksièek, St. M. Daxner und I. Rimawski entlehnt. Erben hat sich nebstdem durch eine reiche Sammlung böhmischer Volkslieder sammt Melodien , durch eine Bearbeitung böhmischer Märchen und Volksgeschichten in Versen, und durch die für die Geschichte äußerst wichtigen Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae als Dichter und Gelehrter hervorgethan. Ein interessantes Werk über die Märchen aller slawischen Völker, worin er, vom indoeuropäischen Standpunkte aus sowohl deren Verwandtschaft untereinander, als auch mit den deutschen und westeuropäischen überhaupt nachzuweisen gedenkt, steht von ihm zu erwarten. – Die aufrichtige, innige Religiosität, die einen Grundzug des slawischen Charakters bildet, spiegelt sich deutlich in den Märchen, Sagen und Geschichten. Die Basis des positiven Christenthums ist noch nicht erschüttert, der Glaube an Himmel und Hölle noch wahr und lebendig. Unter solchen Bedingungen feiert das Gute Triumphe, findet das Böse Strafe und Untergang. Besonders sind es wechselseitige Liebe unter den Familiengliedern, Wohlthätigkeit, Dienstfertigkeit und Menschenfreundlichkeit gegen Jedermann, Ehrfurcht gegen das Alter und die Vorgesetzten, Gottesfurcht und Frömmigkeit, die empfohlen werden. Arbeitsamkeit, Reinheit des Leibes und der Seele, Mäßigkeit und Genügsamkeit sind hochgeschätzte Eigenschaften. Gerad und offen steht der naturwüchsige Mensch da. Geburt wird geachtet, allein das Verdienst stellt sich ihr ohne Scheu, frank und frei an die Seite, im Gefühle der ursprünglichen Gleichheit aller Ebenbilder Gottes. Merkwürdig ist die Schilderung des Teufels. Das Volk ist zu gut, ehrlich, gesellig und häuslich, als daß es nicht selbst dem Teufel eine gewisse Güte, Ehrlichkeit, Geselligkeit und Häuslichkeit zutrauen sollte. Wer nicht flucht und überhaupt brav ist, dem hilft der Teufel. Daß der Teufel den Armen aus Gefräßigkeit ihr Almosen wegstiehlt, erscheint selbst seinen Kameraden als etwas so Schlechtes, daß sie ihn nicht in die Hölle lassen und er zur Buße drei Jahre auf der Erde dienen muß. In der Einsamkeit wird dem Teufel bange. Wer sich nichts vorzuwerfen hat, der braucht sich vor dem Teufel trotz aller Macht desselben nicht zu fürchten, und wird mit ihm fertig, wie der alte Husar in der Mühle, der ihm ein Stück von seinem Gesäß abmahlt, Jura , der ihn in die Flinte ladet und hinaus schießt. Und bei aller List und Pfiffigkeit ist der Teufel, wie es durchtriebene Menschen zu sein pflegen, dennoch blitzdumm, so daß er sich prellen läßt, wie in den Wetten, mit der lästigen Käthe , beim Abholen des Schusters , beim Bau der Brücke . Wir sehen das Volk, wie es leibt und lebt, mit seinen Sitten und Gebräuchen, seinem Aberglauben, nie jedoch Unglauben, bei seinen Beschäftigungen zwischen den vier Wänden des Hauses, auf goldenen Aeckern und grünen Wiesen, in blühenden Gärten, auf triftenreichen bewaldeten Bergen, in den verschiedenen Verhältnissen des Lebens. Und es nimmt das Leben nicht dumpf und bewußtlos hin, wie es ihm eben geboten wird, sondern es denkt und reflectirt darüber mit forschendem, prüfendem Geiste, und begreift, urtheilt und schließt mit kerngesundem Verstande. Und nicht ist es die dunkle Wolke des Trübsinnes, die über ihm lagert; bei allen Sorgen, die es beschweren, singt, lacht und schäkert es frisch und munter. Wohin wäre es sonst, ohne diese ihm in reichem Maße zu Theil gewordene Gabe des ewigjungen Komus, schon lange mit ihm gekommen! – Nicht alle hier gebotenen Märchen, Sagen und Geschichten sind so neu, daß sie nicht mit anderen in bereits bekannten Sammlungen eine gewisse Aehnlichkeit hätten. Ich stand nicht an, auch solche aufzunehmen, wenn sie ihr eigenes Leben, ihre eigene Schönheit besäßen. So ist das walachisch-mährische Märchen: »Wie der Wagner König ward dem in der classischen Sammlung der Gebrüder Grimm: » Die goldene Gans « – das: » Die zwei Gevattern « dem daselbst: » Simeliberg « – das: » Der gläserne Berg « denen: » Die zwölf Brüder ,« » Aschenputtel « und » Allerleirauh « –das: » Jura « dem: » Der junge Riese « – das böhmische Märchen: » Der Lange, der Breite und der Scharfäugige « denen: » Die sechs Diener « und » Sechse kommen durch die ganze Welt « – das walachisch-mährische: » Die vier Brüder « dem: » Die drei Brüder « ähnlich. Allein man vergleiche sie nur gehörig, und man wird zugestehen müssen, daß keines eine bloße Copie des andern ist. Auf diese Vergleichung, kommt es eben an. Man muß den Gedanken aufgeben, daß, weil zwei Völler ein Märchen, eine Sage oder sonst eine Geschichte gemein haben, schon darum und deshalb eins von dem andern borgte. Die Gemeinschaftlichkeit kann sogar zwischen zwei Nachbarvölkern stattfinden, und doch braucht, blos aus diesem Grunde, keins von dem andern entlehnt zu haben. Das Entlehnen, Borgen und Copiren wird um so unwahrscheinlicher, je mehr zwei Völker räumlich von einander entfernt sind, und je weniger sie in Berührung kommen. Glaubt man nicht mehr, daß die Deutschen der Lautähnlichkeit zufolge ihr Wort »Nase« von dem lateinischen » nasus ,« die Slawen ihr » nos « von den Deutschen oder Römern entlehnten, – dasselbe gilt von Hunderten anderer Wörter, – so muß man auch bei den Märchen, Sagen und Geschichten der Völker nicht kurzsichtig und einseitig auf der Oberfläche schweben bleiben, sondern in die Tiefe steigen. In der Anmerkung 15 wird z. B. nachgewiesen, daß das böhmische Märchen: » Der Lange, der Breite und der Scharfäugige « nicht nur in mehreren Variationen in Böhmen einheimisch, sondern auch, wie das deutsche: » Die sechs Diener « mit einer Sage auf den Faröern verwandt sei, worauf die allegorische Hülle aller Geschichten desselben Kreises gelüftet wird. Erinnert nicht das slowakische Märchen: » Der Metallherrscher « an die Sage von König Midas, – das: » Von der Mutter und ihrem Sohne « an die Sage von Hercules, – das: » Sonnenroß « an die Mythe von Apolls Gespann? In diesem Gebiete giebt es noch viele Räthsel zu lösen, sie werden aber nicht eher gelöst werden, als bis man der Halbheit entsagt, den Osten Europa's mit dem Westen zusammenfaßt, beide als Theile eines unzertrennlichen Ganzen gewissenhaft vergleicht und so weiter dringt. Das schon früher erwähnte Werk Erbens wird in der bezeichneten Richtung bedeutende Aufschlüsse bringen. Möge es nicht zu lange auf sich warten lassen! Die zweite Abtheilung mit Liedern, Balladen, Romanzen, Legenden und Sprüchwörtern ist aus den gedruckten Sammlungen des genannten Erben , des gefeierten Sprachforschers und Archäologen P. Šafařik , der Gelehrten und Dichter I. Kollar und F. L. Čelakowsky , der poetisch begabten Geistlichen F. Sušil und I. Kamaryt , ferner aus der alten Sprüchwörtersammlung des Herrn Smil von Pardubic , ausgezeichneten Dichters des XIV Jahrhunderts, und aus der eines Pseudonymen entnommen. Das über die erste Abtheilung Vorgebrachte gilt im Allgemeinen auch von der zweiten, und so wie jenezum besseren Verständnisse dieser, so dient diese zum besseren Verständnisse jener; beide interpretiren und ergänzen sich. Ich schickte der zweiten Abtheilung eine Reihe kürzerer Gedichte unter dem Titel » Kleinigkeiten « voraus, weil in dieser Kürze etwas Charakteristisches liegt, und sie sich dadurch von den übrigen unterscheiden. Sie enthalten allerlei Ein- und Ausfälle, mitunter höchst barocker Art, oft auch momentane Aushauche der Empfindung, und ähneln den polnischen Krakowiaken und den steinschen Schnattahüpfeln . Dann folgen größere heitere und scherzhafte Stücke, weiter größere ernstere, weh- und schwermüthige , endlich geistliche Lieder, Legenden und Sprüchwörter . Alle sich wiederholenden Feierlichkeiten, Feste und Geschäfte sind von Gesängen begleitet, besondere Vorfälle liefern natürlich besonderen Stoff. Wie idealzart sind manche Stücke gehalten z.B. das Täubchen und die Boten der Liebe! In anderen prägt sich philosophischer Tiefsinn, sentimentale Reflexion aus, z.B. in der verlorenen Jugend und in der getroffenen Ente . Wie ergreifend ist die ihrem Ursprunge nach wahrscheinlich sehr alte Romanze: »Die Waise!« Die Klage quillt aus tiefem, vollem Herzen, aber es läßt sich ebenso häufig der Frohsinn mit seinen munteren, lachenden Tönen vernehmen. Welch herzinnige Frömmigkeit offenbart sich in den geistlichen Liedern und Legenden! Die Sprüchwörter, bald mit Ernst, bald scherzend mit Witz und Humor ausgesprochen, fassen eine Fülle von Religiosität, Moral und Lebensklugheit in sich. Von den zwei Romanzen » Der verlorene Schäfer « und » Die Verwünschte « mahnt die erste an das Märchen » Die Waldfrau ,« die andere an eine Scene in dem Märchen » Von der Mutter und ihrem Sohne .« Wenn ich übrigens die Stücke der zweiten Abtheilung bald als böhmisches, bald als mährisches, bald als slowakisches Product bezeichne, so ist dies nicht so streng zu verstehen, als ob ein solches Stück dem einen oder dem anderen Zweige des èechoslawischen Stammes ausschließlich angehörte; es giebt vielmehr nicht wenige Stücke, die mit Variationen das gemeinsame Gut aller drei Zweige sind. Manche haben auch mit den Poesien der Süd- und Ostslawen die oder jene Aehnlichkeit, wie die Dichtung » Eifersucht noch im Tode « durch ihren Anfang mit der morlakischen, von Herder und Goethe übersetzten Dichtung » Klagegesang von der edlen Frau des Asan-Aga .« Das Lied » Nichts « erinnert sogar an Goethe's » Vanitas vanitatum vanitas « und die Ballade » Die drei Töchter « an Shakspeare's Lear. Ueber die Melodien , die ich mehreren Gesangsstücken beigab, muß ich ein Wort insbesondere vorbringen. Böhmischer Volksmelodien giebt es zu Hunderten. Wenn das Talent des Böhmen für Musik allgemein anerkannt ist, so manifestirt es sich hier auf das glänzendste. Die böhmischen Melodien können sich an Schönheit, Reichthum und Mannichfaltigkeit mit denen jedes anderen Volkes messen. Wer sich davon überzeugen will, wer überhaupt erfahren will, was alles und wie viel in dem böhmischen Volke liegt, der nehme die von Erben veranstaltete, von J. Martinowsky mit Fortepianobegleitung versehene Sammlung böhmischer Volksmelodien zur Hand. Das ist ein Garten voll der reizendsten Blumen, wo die Töne, in welchen die Blumen blühen und duften, mehr sagen, als die Worte auszudrücken vermögen. Der Text besitzt manchmal wenig oder keinen Werth, die Melodie stets einen, der beachtet zu werden verdient. Die Melodien erfreuen sich auch in Oesterreich einer allgemeinen Beliebtheit, und gelingt es mir, diese über die Grenzen Oesterreichs hinaus zu tragen, so rechne ich es mir zu besonderem Verdienste an. Es sind lauter böhmische Melodien, dieselben, in welchen die bezüglichen Texte vom Volke selbst gesungen werden. Nur bei einigen erlaubte ich mir, sie auf andere Texte, auch auf mährische und slowakische, zu übertragen. Das Volk macht es eben so, und verwendet bald bei verschiedenen Texten eine Melodie, bald bei verschiedenen Melodien einen Text, wenn es nur die Natur der Sache gestattet. Zwei der von mir gebrachten Melodien befinden sich nicht in Erbens oben erwähnter Sammlung, die zu dem Liede« Ewig – Bier « und die zu dem Liede » Leichtsinn « ; ich schöpfte sie selbst aus dem Munde des Volkes. Alle jedoch sind ohne Fortepianobegleitung von dem Chorregenten Herrn J. Krejči eigens gesetzt. Als Zugabe zu dem Ganzen erscheint ferner ein Lied, das im strengen Sinne des Wortes weder dem Texte, noch der Melodie nach aus dem Volk hervorgegangen, wohl aber in das Volk übergegangen ist. Es ist dies das Lied » Mein Vaterhaus ?« Es wurde von dem böhmischen Dramaturgen I. K. Tyl gedichtet, von dem verdienstvollen Theatercapellmeister F. Škraup in Musik gesetzt und im Jahr 1830 bei der Darstellung eines Volksstückes zuerst vorgetragen. Seitdem erlangte es eine solche Beliebtheit, daß es sowohl in den höheren, als niederen Kreisen der Gesellschaft, wie auch bei anderen slawischen Volksstämmen heimisch geworden ist. Da es Land und Leute trefflich charakterisirt, habe ich es hier, unter Zustimmung des Componisten und seines Verlegers, mit aufgenommen. Prag , am 15. Juli 1857. Joseph Wenzig. Erste Abtheilung. Märchen, Sagen und Geschichten. Hänslein mit dem Strauße. Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die gar schön war. Er lud alle Prinzen aus der Nachbarschaft ein. sie sollten kommen, und sie sich ansehen; vielleicht daß sie einem gefiele. Die Prinzen kamen überein: wen sie selbst wählen würde, dem solle sie gehören. Einer von diesen Prinzen ließ sich sogleich walachische Kleider machen: einen breiten Hut, kurze Hosen bis unter die Knie, eine dunkelgraue Halena, Halena. Eine Art Kittel oder Rock aus grobem Zeug. grobe Strümpfe, Bundschuhe und eine grüne Weste ohne Kragen. So ausgestattet, mit einem Knittel dazu, begab er sich auf den Weg, und nahm vier Laibe Brot mit sich. Unterwegs begegnete er einem Bettler, und der bat ihn um ein Stück Brot; er schenkte ihm einen Laib. Und indem er weiter ging, begegnete er einem zweiten Bettler, der bat ihn wieder um ein Stück Brot; er schenkte ihm den zweiten Laib. Und indem er weiterging, begegnete er einem dritten Bettler; der bat ihn gleichfalls um ein Stück Brot; er schenkte ihm den dritten Laib. Und indem er weiterging begegnete er einem vierten Bettler; der bat ihn ebenfalls um ein Stück Brot, und er schenkte ihm den vierten Laib. Der letzte Bettler gab ihm eine Peitsche, einen Stab, eine Hirtenpfeife und eine Hirtentasche, und sprach: »Wen Du mit der Peitsche hauen wirst, der bleibt todt; steckst Du den Stab in die Erde, so werden Deine Schafe von selbst um ihn herum weiden; blasest Du auf der Pfeife, so werden Deine Schafe hüpfen, wie Du willst; und thust Du in die Tasche Käse, so wirst Du ihn nicht aufessen!« Der Prinz ging in das Schloß, wo der König mit der schönen Prinzessin wohnte, und bat um Dienst. Sie nahmen ihn als Hirten auf, und hießen ihn Hans. Als er den Dienst hatte, trieb er seine Schafe aus, und weidete sie. Es kam ein Jäger zu ihm. Er gab ihm recht viel Käse aus seiner Hirtentasche, und bat ihn, daß er für ihn die Schafe hüthe; er wollte irgendwohin sehen, wo Vögel zu finden seien. Der Jäger hüthete die Schafe für ihn, und Hans ging von dannen. Er gewahrte im Walde ein großes Haus, und in dem Hause stand ein Riese, und kochte sich was in einer Schüssel. Als der Riese ihn erblickte, erfaßte er eine große eiserne Keule, um ihn zu tödten und rief: »Du Wurm, was willst Du hier?« Hans säumte nicht, hieb ihn mit der Peitsche, und schlug ihn todt. Dann ging er fort, seinen Schafen nach. Am zweiten Tage begab er sich in den Wald, und sah dort einen zweiten Riesen; auch dieser kochte was in einer Schüssel, und sobald er ihn erblickte, rief er: »Kommst Du wieder, Du Wurm, der Du meinen Bruder erschlagen?« Und schon stürzte er auf ihn los mit seiner eisernen Keule. Hans säumte nicht, hieb ihn wieder mit seiner Peitsche, und schlug ihn todt. Daun machte er sich auf den Weg, seinen Schafen nach. Am dritten Tage ging er hin, und sah Niemanden. Er ging, sich das Haus und die Stube zu besehen, was darin wäre. Er sah dort einen kleinwinzigen Schrein, und als er drauf schlug, sprangen sogleich zwei Männer hervor: »Was befiehlt der Herr des Hauses?« Hans antwortete: »Ich will, bevor ich aus dem Hause gehe, sehen, was es da giebt!« Die zwei Männer führten ihn in den Garten. Dort blühten wunderschöne Blumen. Er pflückte einige Blumen, und band einen Strauß. Dann kehrte er zu seinen Schafen zurück, und trieb sie heim. Als er sie durch die Stadt trieb, da duftete der Strauß gar sehr. Er begann auf seiner Pfeife zu blasen, und alle Schafe begannen paarweise zu hüpfen. Die Prinzessin sah's vom Fenster und lachte, bis ihr der Strauß zuduftete, und in die Augen fiel. Gleich sandte sie ihre Dienerinnen, daß ihr Hans den Strauß schickte. Er aber antwortete ihnen: »Wer solch einen Strauß haben will, der muß selbst kommen und muß sagen: »Hänslein, gieb mir das Sträußlein!« Die Prinzessin kam, und sagte zu ihm: »Hänslein, gieb mir das Sträußlein!« Er antwortete ihr: »Wer den Strauß haben will, muß sagen: Hänslein, ich bitte dich, gieb mir das Sträußlein!« Sie sagte sogleich: »Hänslein, ich bitte dich, gieb mir das Sträußlein!« Und er gab ihr den Strauß. Am zweiten Tage ging er wieder in das Haus und in den Garten, und band einen noch schöneren Strauß, der noch einmal so angenehm duftete. Als er des Abends die Schafe heimtrieb, stand die Prinzessin am Fenster, und sah hinaus; der Duft des Straußes erfüllte die ganze Stadt. Hurtig lief die Prinzessin zu ihm und sprach: »Hänslein ich bitte Dich, gieb mir das Sträußlein!« Aber er antwortete ihr: »Wer den Strauß haben will, muß sagen: »Liebes Hänslein, ich bitte Dich schön, gieb mir das Sträußlein!« Die Prinzessin sagte so süß, als sie nur konnte: »Liebes Hänslein, ich bitte Dich schön, gieb mir das Sträußlein!« Er gab ihr den Strauß, und sie stellte ihn vor das Fenster. Von dem starken Dufte war die ganze Stadt erfüllt, so daß die Leute kamen, den Strauß anzustaunen. Am dritten Tage band Hans einen dreimal schöneren Strauß, und den gab er der Prinzessin, ohne daß sie darum bitten mußte. Am vierten Tage ging er wieder in den Wald und in das Haus, nahm dort einen Haufen Ducaten, und schenkte sie dem Jäger, der ihm die Schafe gehüthet und sprach: »Ich hab' unter einer Tanne die Blechstücke da gefunden. Hast Du Kinder zu Hause, so kannst Du sie ihnen zum Spielen geben!« Der Jäger eilte nach Hause, und er, und sein Weib verwahrten die Blechstücke gut. Als Hans mit seinen Schafen heimgelangte, erzählten sich die Leute, in einem Monat würden die Prinzen sich versammeln, um sich die Königstochter anzusehen; die Prinzessin habe ein Tuch und einen Ring, und dieses Tuch und diesen Ring werde sie dem Prinzen reichen, der ihr am besten gefalle. Hans weidete indeß seine Schafe den ganzen Monat sorgfältig, und nach einem Monat versammelten sich Prinzen aus allen Enden der Welt. Schnell steckte er seinen Stab in die Erde, damit die Schafe um ihn her weideten, säumte nicht, ging in das Haus im Walde, und schlug auf den Schrein. Gleich sprangen die zwei Männer hervor:« Was befiehlt der Herr des Hauses?« Hans antwortete: »Ich will weiße Kleider, wie sie mir anstehen, und ein weißes Roß, mit Silber beschlagen und gezäumt.« Sogleich hatte er alles, ritt in das Schloß zur Prinzessin, und blieb der Hinterste. Alle Prinzen ritten in größter Pracht und Herrlichkeit um sie herum; allein sie reichte das Tuch Niemanden als Hansen. Als alles vorüber war, machte sich Hans auf seinem weißen Roß auf den Weg, und ritt fort. Des Abends trieb er seine Schafe heim; die Prinzessin kam zu ihm und sprach: »Hans, das warst Du!« Doch er leugnete daß er es war, und meinte, wo er die Kleider solle hergenommen haben! Die Prinzessin sagte, sie wolle es jetzt dabei bewenden lassen; allein in einem Monat, wenn die Prinzen wieder zusammenkämen, wolle sie's schon erfahren. In einem Monat versammelten sich die Prinzen wieder. Hans ging in das Haus im Walde, schlug auf den Schrein, und die zwei Männer sprangen gleich hervor: »Was befiehlt der Herr des Hauses?« Hans antwortete: »Ich will rothe Kleider, wie sie mir anstehen, und ein rothes Roß, mit Gold beschlagen und gezäumt:« Sogleich hatte er alles, ritt zur Prinzessin in's Schloß, und blieb wieder der Hinterste. Alle Prinzen ritten in noch größerem Prunk um sie herum; sie aber reichte keinem andern ihr Tuch, als Hansen. Als alles vorüber war, machte sich Hans auf seinem rothen Roß wieder auf den Weg und ritt fort. Der König, der Prinzessin Vater, gebot zwar, sie sollten ihn fangen; allein sie fingen ihn in dem Augenblicke doch nicht. Als Hans des Abends seine Schafe heimtrieb, kam die Prinzessin zu ihm, und sprach: »Haus, das warst Du!« Er aber leugnete wieder, und stellte sich böse, daß sie denke, er sei's gewesen, und sagte: »Was denkt Ihr von mir? Ich war nicht einmal in der Nähe, und schon zum zweiten Mal thut Ihr mir Unrecht.« Die Prinzessin sagte: »Im dritten Monat, bis die Prinzen zusammenkommen, erfahren wir's gewiß; sie werden Dich schon erkennen.« Im dritten Monat versammelten sich die Prinzen wieder. Hans ging in das Haus im Walde, schlug auf den Schrein, und gleich sprangen die zwei Männer hervor: »Was will der Herr des Hauses?« Hans antwortete: »Ich will schwarze Kleider, wie sie mir anstehen, und ein schwarzes Roß, mit lauter Diamanten beschlagen und gezäumt!« Sogleich hatte er's, und ritt in das Schloß zur Prinzessin. Als wieder Alle in dem möglichst größten Putze und Glänze um die Prinzessin herumritten, reichte sie keinem von ihnen ihr Tuch und ihren Ring, als Hansen. Alle Prinzen waren schon bereit, ihn zu fangen; doch er wandte sich rasch, und sie konnten ihn nicht fangen. Ein Prinz jedoch verwundete ihn mit seinem Säbel im Schenkel. Hans gab im Walde Roß und Kleider ab. wie schon zweimal, ging seinen Schafen nach, wo er den Stab in die Erde gesteckt, und die Schafe weideten ruhig. Da legte er sich in die Sonne, verband sich den verwundeten Fuß mit dem Tuche der Prinzessin und schlummerte ein. Die Prinzessin kam ihm auf das Feld nach, und sah ihn schlafen. Sogleich erkannte sie das Tuch, womit er seine Wunde am Fuße verbunden hatte. Da weckte sie ihn und sprach: »Schönen Gruß, Hänslein! Du bist's!« Hans gestand ihr alles, und sagte ihr, wer er sei, und daß die Prinzen übereingekommen, wen sie selbst wählen würde, dem solle sie gehören, und daß er sich deshalb als Walach verkleidet, und bei ihnen Dienst gesucht. Die Prinzessin führte ihn mit großer Freude flugs zu ihrem Vater, dem König, und in kurzer Zeit war die Hochzeit. Die andern Prinzen bedauerten sehr, daß sie nicht ihnen zu Theil geworden. Die Geschichte von den Nasen. Ein Vater hatte drei Söhne. Er sagte zu dem Aeltesten, er solle sich einen Dienst suchen; es sei ihm nicht möglich, alle zu Hause zu ernähren. Der Aelteste machte sich auf und ging. Er kam zu einem Bauer und bat ihn, daß er ihn aufnehme. Der Bauer sagte: Ja, allein er dürfe bei ihm nicht böse werden; wenn er böse würde, so würde er ihm die Nase abschneiden; dagegen könnte er ihm dasselbe thun, wenn er, der Bauer, böse würde. Bis der Kuckuk rufe, sei ein Jahr um! – Der Bursche blieb bei ihm, und der Bauer schickte ihn auf die Tenne dreschen. Er drosch mit den anderen Dreschern. Als die Zeit zum Frühstück kam, wurden die übrigen Drescher gerufen; er sollte dort bleiben, um Acht zu geben. So bekam er kein Frühstück; Mittagmahl bekam er auch keins, und Abendbrot gleichfalls keins. Des folgenden Morgens ward er wieder in die Scheuer geschickt. Da er wieder kein Frühstück bekam, ward er böse. Der Bauer nahm sein Messer, schnitt ihm die Nase ab, und entließ ihn aus dem Dienste. Er kam nach Hause zurück, doch seine Nase brachte er nicht mit. Da sagte der Vater: »Da Du so schön gedient, daß Du keine Nase mitbringst, so wird der Jüngere dienen gehe», und Du bleibst zu Hause!« Der Zweite machte sich auf und ging. Er kam zu demselben Bauer, bei dem der Aelteste gedient. Sie schlossen wieder einen Vertrag, wie der erste gewesen. Der Bauer schickte den Burschen auf die Tenne. Er drosch einen ganzen Tag und erhielt nichts zu essen. Des folgenden Morgens erhielt er kein Frühstück. Da ward er böse und verlor gleichfalls seine Nase, wie sein Bruder, und dann entließ ihn der Bauer aus dem Dienste. Als der Zweite ohne Nase nach Hause kam, meldete sich der Jüngste. Den hielten sie für dumm und pflegten ihn zu verlachen. Er verlangte dessenungeachtet, sie möchten ihm sagen, wo der Bauer wohne; er wollt es versuchen. Sie sagten's ihm, und verlachten ihn im voraus, daß es ihm eben so ergehen werde wie ihnen. Er aber machte sich auf, kam zu dem Bauer, und fragte ihn, ob er ihn aufnehmen wolle. Der Bauer willigte ein. Sie schlossen wieder einen Vertrag, daß weder der Bauer auf den Burschen, noch der Bursche auf den Bauer böse werden dürfe; wer böse würde, der sollte die Nase verlieren. Der Bursche sagte: »'s mag sein!« und fragte gleich, was er zu thun habe. Der Bauer entgegnete: »Du wirst auf die Tenne dreschen geh'n!« Als die Zeit zum Frühstück kam, wurden die anderen Drescher gerufen, er nicht. Er füllte Getreide in einen Sack, ging es verkaufen, und kaufte sich ein gutes Frühstück für das Geld. Der Bauer, der nichts davon wußte, fragte ihn nach dem Frühstück: »Aergerst Du Dich? Bist Du böse?« – »Pah,« versetzte der Bursche, »warum sollt' ich mich eines Frühstücks wegen ärgern! Das thut nichts!« Des Mittags riefen sie ihn nicht zum Mittagmahl. Er füllte Getreide in zwei Säcke, und trug es wieder zum Verkaufe; denn er dachte, er müsse doch besser mittagmahlen als frühstücken, müsse also mehr Getreide nehmen. Nach dem Mittagmahl fragte ihn der Bauer wieder, ob er böse sei, »Was sollt' ich böse sein!« entgegnete der Bursche, »hab' ja besser gemittagmahlt als Ihr!« Des Abends riefen sie ihn nicht zum Abendbrot, sondern hießen ihn in der Scheuer Acht geben.» Er füllte nur in einen Sack Getreide, verkaufte es und schaffte sich sein Abendbrot. Der Bauer erfuhr endlich, daß der Bursche Getreide verkaufte und sagte zu seinem Weibe: »Weib, das ist ein Schelm! Wir müssen ihm doch zu essen geben, sonst würd' er uns alles Getreide verkaufen!« Der Bursche fragte nun den Bauer, ob er böse sei. »Pah,« versetzte der Bauer, »was liegt an einem Bischen Getreide! Was sollt' ich deshalb böse sein!« – Des nächsten Tages gab er ihm schon zu essen. Als ausgedroschen war, sagte der Bauer zu dem Burschen: »Bursche, Du wirst Mist fahren!« Der Bursche fragte: »Wohin?« Der Bauer sprach: »Der Hund wird mit Dir gehen und Dir den Platz zeigen. Wo er sich hinlegt, dort lade den Mist ab!« Der Bursche führte Mist, und der Hund ging mit ihm. Der Hund kam zu einer vom Wasser ausgewaschenen Grube und legte sich hinein, weil es heiß war und er nicht bis auf das Feld zu laufen vermochte. Der Bursche lud den Mist in die Grube ab. Als er abgeladen, fuhr er zurück, um wieder aufzuladen und so fuhr er vierzigmal Mist hin. Der Bauer ging zuletzt, sich das Feld anzuschauen, und sah soviel Mist in der Grube am Wege liegen, und auf dem Felde keinen. Er eilte nach Hause und schalt den Burschen aus, daß er ihm soviel Schaden gemacht; der Mist sei in der Grube, und auf dem Felde nichts. Der Bursche sagte: »Wo mir's der Hund gezeigt, und wo er sich hingelegt, dort lud ich den Mist ab, wie Ihr mir's befohlen. Aber sagt mir, seid Ihr deshalb böse?« – »Pah.« versetzte der Bauer, »was sollt' ich böse sein des Mistes wegen!« Es kam der Sonntag. Der Bauer und die Bäuerin schickten sich an, in die Kirche zu gehen, und befahlen dem Burschen: »Du wirst indeß das Essen kochen! Stell' das Fleisch zum Feuer und gieb Kartoffeln in die Suppe, auch Petersilie dazu!« – Der Bursche kochte das Essen. – Sie hatten einen kleinen Hund, der Petersilchen hieß; er nahm ihn, schlug ihn todt und ließ ihn mit dem Fleische kochen. Als sie nach Hause kamen, trug die Bäuerin dem kleinen Hunde sein Essen hin; doch der Hund fand sich in seiner Hütte nicht vor. Sie fragte, wo Petersilchen hingerathen. Der Bursche sagte, sie habe ihm ja befohlen, den Hund mit dem Fleische zu kochen. Da schrie sie wehklagend, sie habe ihm befohlen, Petersilie aus dem Garten zum Fleisch zu geben, nicht aber Petersilchen den Hund, das liebe, schöne, gute Thier! – Der Bursche fragte den Bauer, ob er böse sei. »Pah,« versetzte der Bauer, »was sollt' ich böse sein des Hundes wegen!« Ein anderes Mal war ein aufgehobener Feiertag. Ein aufgehobener Feiertag. Wie bekannt, bestanden früher bei den Katholiken mehr Feiertage, als gegenwärtig. An solchen Tagen arbeitet das Volk, besucht aber hier und da gleichwohl die Kirche. Der Bauer ging mit der Bäuerin in die Kirche und sagte zu dem Burschen: »Wenn die Messe aus ist, und Du siehst, daß Andere arbeiten, thu' desgleichen!« Zum benachbarten Bauer kamen Zimmerleute, sein Dach neu zu decken, und warfen die alten Schindeln hinab. Als der Bursche dies sah, nahm er die Leiter, kroch auf das Dach, und warf auch von seines Bauers Dache die Schindeln hinab; diese aber waren erst neu gelegt. Als der Bauer aus der Kirche kam, war bereits das ganze Dach abgedeckt. Er rief: »Was hast Du mir da für Schaden gethan!« Der Bursche entgegnete! »Ihr hattet mir ja befohlen, wenn Andere arbeiteten, solle ich desgleichen thun; beim Nachbar warfen sie die Schindeln hinab, ich that desgleichen, wie Ihr befohlen. Aber sagt mir, seid Ihr böse?« – »Nu – nein – pah!« versetzte der Bauer. »Was sollt ich deshalb böse sei»! Das macht mich noch nicht arm!« Des Abends beriethen sich der Bauer und sein Weib, was für eine Arbeit sie dem Burschen auferlegen sollten, damit er davonliefe; sie meinten, daß er ein Schurke sei, und daß er ihnen noch vielen Schaden anrichten würde, bevor ein Jahr zu Ende gehe. Ihr Plan war geschmiedet, und der Bauer ging und sagte zu dem Burschen: »Wir haben einen äußerst morastigen Hof, Du wirst eine Brücke über den Hof machen, doch so, daß immer ein Tritt hart, der andere weich ist.« Der Bauer dachte sich: »Die Brücke wird er nicht zu Stande bringen!« Allein der Bursche sagte: »Das kann gescheh'n; mir ist's eins, was ich zu thun bekomme. Bis morgen sollt Ihr die Brücke fertig haben.« Der Bauer ging schlafen, und der Bursche überlegte, woraus er die Brücke machen solle. Der Bauer hatte hundert Stück Schafe im Stalle. Der Bursche sprach zu sich: »Die werden für die Brücke recht sein!« Er schlachtete alle Schafe und schnitt ihnen Füße und Köpfe ab; ein Schaf kehrte er immer mit dem Rücken nach oben, das andere mit dem Bauche, und sprach zu sich: »So wird's gut sein; das eine Schaf giebt einen harten, das andere einen weichen Tritt. So werd' ich's wohl dem Bauer recht machen!« Als er alle Schafe verbraucht und die Brücke hergestellt hatte, ging er schlafen; die Füße und Köpfe jedoch vergrub er in den Mist, damit sie nicht sichtbar wären, und die Lücken zwischen den Schafen verschmierte er mit Lehm, um das Ganze unkenntlich zu machen. Des Morgens fragte ihn der Bauer, ob die Brücke fertig sei. Der Bursche sagte: »Die Brücke ist schon längst fertig; ich hab' seitdem vortrefflich ausgeschlafen. Kommt und seht, ob ich's Euch recht gemacht!« Der Bauer ging sammt der Bäuerin, um zu seh'n, wie's mit der Sache sei. Als sie auf die Brücke traten, war wirklich ein Tritt hart, der andere weich, nur wußten sie nicht, was das für eine Bewandtniß habe. Der Bursche fragte den Bauer, ob er zufrieden sei. Der Bauer entgegnete: »In der That, Du verdienst alles Lob!« Hierauf kam der Hirt um die Schafe auf die Weide zu treiben. Es fand sich kein einziges Schaf im Stalle vor. Da erhob der Bauer ein Geschrei, wohin die Schafe gerathen! Der Bursche sprach: »Ihr habt sie ja alle im Hofe auf der Brücke. Das eine ist mit dem Rücken nach oben gekehrt und das ist der harte Tritt; das andere ist mit dem Bauche nach eben gekehrt und das ist der weiche Tritt. Anders war's nicht möglich.« – »Mein Gott und Herr!« rief der Bauer, »daß Du mir solchen Schaden gemacht! Wo denkst Du hin?« – Der Bursche fragte: »Seid Ihr etwa böse?« – »Nu– nein–pah!« versetzte der Bauer. »Was sollt' ich deshalb böse sein. Werde schon wieder Schafe bekommen!« Des Abends beriethen sich der Bauer und sein Weib, wie sie den Burschen aus dem Hause schaffen könnten, es sei hohe Zeit dazu. Das Weib sprach: »Ich will zeitig früh auf den Birnbaum kriechen und wie der Kuckuk rufen, und Du sag' ihm, es sei schon ein Jahr um, bezahl' ihn und entlass ihn aus dem Dienste!« Zeitig früh that sie so, kroch auf den Birnbaum und fing an wie der Kuckuk zurufen. Der Bauer beschied den Burschen und sprach: »Komm, Bursche, der Kuckuk ruft schon, das Jahr ist um, ich will Dich bezahlen und Du kannst geh'n.« – »Ich will mir nur den Kuckuk beschauen,« versetzte der Bursche, »hab' noch mein Lebtag keinen geseh'n.« Er lief zu dem Birnbaum, schüttelte, und die Bäuerin fiel herunter und brach sich das Bein. Als sie aufschrie, rannte der Bauer herbei, sah die Bäuerin auf dem Boden liegen, hörte wie sie fortwährend schrie, daß sie das Bein gebrochen, trug sie in die Stube und fing nun an zu weinen, daß ihm der Bursche so viel Schaden zugefügt, und auch noch sein Weib krumm gemacht. Der Bursche fragte: »Seid Ihr etwa böse?« – »Wer sollte nicht böse sein bei solcher, solcher Kränkung!« rief der Bauer ärgerlich. Der Bursche nahm sein Messer, schnitt ihm die Nase ab und sagte: »Gebt auch die Nasen meiner zwei Brüder her!« Der Bauer gab sie ihm und der Bursche ging nach Hause, brachte den Brüdern ihre Nasen und sprach: »Ihr seid gescheidt und ich bin dumm. Da habt Ihr Euere Nasen und die Nase des Bauers dazu!« Die Brüder nahmen nun die Nasen und setzten sie sich an. Die Nasen hielten und so war's wieder gut. Dann trug der Bursche dem Bauer seine Nase zurück; der setzte sie sich an, die Nase hielt, und so war's gleichfalls wieder gut. Und der Bäuerin, die das Bein gebrochen, heilte das Bein, daß sie grad ging wie zuvor, und so war's ebenfalls wieder gut. Und hiermit hat die Geschichte von den Nasen ein Ende. Vom Metallherrscher. Es war eine Wittwe, und die hatte eine sehr schöne Tochter. Die Mutter war ein demüthiges Weib, allein die Tochter war ein stolzes Mädchen. Es kamen viele Brautwerber, doch keiner war ihr recht, und je mehr sich die Bursche um sie bemühten, um desto hoffärtiger ward sie. Einst in einer hellen Nacht erwachte die Mutter, und da sie nicht gleich wieder einschlafen konnte, nahm sie den Rosenkranz von der Wand, und begann für das Heil ihrer Tochter zu beten, die ihr Sorgen machte. Die Tochter lag neben ihr und schlief. Die Mutter sah mit Wohlgefallen auf ihr schönes Kind; da lächelt die Tochter im Schlaf. »Was mag wohl dem Mädchen Schönes träumen, daß sie so lieblich lächelt!« denkt die Mutter, betet das Vaterunser zu Ende, hängt den Rosenkranz wieder auf, legt ihr Haupt neben das der Tochter und schläft ein. Des Morgens fragte sie die Tochter: »Aber Tochter, sag' mir, was hat Dir heut Nachts Schönes geträumt, daß Du im Schlaf lächeltest?« – »Was mir geträumt hat, Mutter? Ei mir träumte, es komme um mich ein Herr in kupfernem Wagen, und gebe mir einen Ring mit Steinlein, die wie die Sterne am Himmel funkelten. Und als ich in die Kirche kam, da schauten die Leute nur auf die Mutter Gottes und auf mich.« – »Ach Kind, was für hoffärtige Träume hast Du!« sagte die alte Mutter und schüttelte den Kopf; die Tochter aber ging singend an ihre Arbeit. Desselben Tags fuhr ein Bauernwagen in den Hof, und es kam ein in gutem Rufe stehender Dorfbursche, sie als Gattin zu Bauernbrot zu erbitten. Der Mutter gefiel der junge Bräutigam sehr, allein die stolze Tochter fertigte ihn ab, indem sie sprach: »Und wenn Du in kupfernem Wagen um mich kämst, und mir einen Ring gäbst, dessen Steinlein wie die Sterne am Himmel funkelten, ich würde dennoch nicht mit Dir ziehen!« Der Bräutigam empfahl sich auf diese hoffärtigen Worte, und fuhr traurig von dannen. Die Mutter aber tadelte die Tochter. In der zweiten Nacht erwachte die Mutter wieder, nahm den Rosenkranz, und betete für das Heil ihrer Tochter noch inbrünstiger. Auf einmal lacht diese im Schlaf laut auf. »Was träumt doch dem Mädchen!« denkt die Mutter, betet noch ein Vaterunser, und hängt den Rosenkranz wieder an die Wand, kann jedoch lange nicht einschlafen. Des Morgens fragte sie die Tochter beim Ankleiden: »Aber Tochter, was hat Dir wieder Sonderbares geträumt? Du lachtest ja im Schlaf laut auf.« – »Was mir geträumt hat, Mutter? Ei mir träumte, es komme um mich ein Herr in silbernem Wagen und schenke mir ein goldenes Stirnband. Und als ich in die Kirche kam, da schauten die Leute nicht so sehr auf die Mutter Gottes, als auf mich.« »O was sprichst Du da, Kind! Was für hoffärtige Träume! Bete, Tochter, bete, daß Du nicht in Versuchung gerathest!« so tadelte sie die Mutter; allein die Tochter schlug die Thür zu und ging hinaus, um die Predigt der Mutter nicht anhören zu müssen. Desselben Tags fuhr ein Herrschaftswagen in den Hof, und es kamen Edelleute, sie als Gattin zu Herrenbrot zu erbitten. Die Mutter schätzte sich das für eine Ehre; die Tochter aber fertigte sie stolz ab, indem sie sprach: »Und wenn Ihr in silbernem Wagen um mich kämet, und mir ein goldenes Stirnband brachtet, ich würde dennoch nicht mit Euch zieh'n!« Die Brautwerber empfahlen sich; allein die Mutter schalt die Tochter und wehklagte: »Ach Tochter, laß ab vom Stolz! Der Stolz schmeckt nach der Hölle.« Die Tochter verlachte sie jedoch. In der dritten Nacht schlief die Tochter neben der Mutter; allein die Mutter konnte vor Sorgen nicht einschlafen, und gab den Rosenkranz gar nicht aus der Hand. Da schlägt die Tochter im Schlaf ein helles Gelächter auf. »Gott,« ruft die Mutter ärgerlich, »was träumt dem unglücklichen Kinde wieder!« und betet, betet bis zum lichten Tage für das Heil ihrer Tochter. »Aber Tochter, was hat Dir heut Nacht wieder geträumt? Du schlugst ja im Schlaf ein helles Gelächter auf,« fragte sie die Tochter, als diese erwachte. – »Wollt Ihr mich wieder auszanken?« entgegnete die Tochter. »Sag' mir's, sag' mir's!« drang die Mutter in sie. – »Nun, mir träumte, sie kämen in goldenem Wagen um mich und brächten mir ein Gewand von lauter Golde. Und als ich in die Kirche kam, da schauten die Leute nur auf mich!« Die Mutter rang die Hände, die Tochter aber sprang aus dem Bette, nahm ihre Kleider und lief, sich außen anzukleiden, damit sie die Ermahnung der Mutter nicht anhören müßte. Desselben Tags fuhren drei Wagen in den Hof, ein kupferner, ein silberner und ein goldener. Vor den ersten waren zwei, vor den zweiten vier, vor den dritten gar acht stolze Rosse gespannt. Aus dem kupfernen und silbernen Wagen sprangen Edelknaben mit rothen Hosen und grünen Kappen und Dolmanen, Mit grünen Kappen und Dolmanen. Dolman, der ungarische Mannsrock. aus dem goldenen Wagen aber sprang ein schöner Herr in einem Gewand von lauter Golde. Alle gingen gerade in die Stube, und der junge Herr bat die Mutter um die Tochter. »Ei wenn wir nur solches Glückes würdig wären!« entschuldigte sich die Mutter; die Tochter aber dachte bei sich, als sie den Herrn erblickte: »Das ist ja derselbe, von dem mir träumte!« und begab sich hurtig in die Kammer, um den Strauß zu binden. Um den Strauß zu binden. Diese Sitte benutzt F. L. Čelakowsky in seinem »Nachhall böhmischer Volkslieder« zu dem neckischen Mädchenliede »die Sträuße,« das ich hier übersetzt gebe. Kommt je ein Witwer, werbend Um mich, ins Vaterhaus, Dann bring' ich zum Geschenke Ihm einen Blumenstrauß: Aus Dornen und aus Nesseln. Ei Witwer, rieche fein. Und denke fleißig mein! Doch kommt ein Jüngling, werbend Um mich, ins Vaterhaus, Dann bring' ich zum Geschenke, Ihm einen Blumenstrauß: Aus Nelken und aus Rosen. Ei Holder, bin dir gut! Da! Schmück' dir deinen Hut! Als sie den Strauß gebunden und dem Bräutigam als Pfand gereicht hatte, bekam sie von ihm einen Ring mit Steinlein, die wie die Sterne am Himmel funkelten, ein goldenes Stirnband und ein Gewand von lauter Golde. Hurtig begab sie sich in die Kammer, um sich anzukleiden, und die Mutter, sorgenvoll, fragte den Bräutigam: »Und zu was für Brot erbittet Ihr meine Tochter?« – »Bei uns ist das Brot von Kupfer, von Silber und von Gold. Sie kann sich wählen, welches ihr beliebt!« erwiederte der Bräutigam. Die Mutter wunderte sich über alles das; doch die Tochter hatte keine Sorgen und fragte nach nichts. Als sie das goldene Gewand angelegt hatte, war sie überaus schön. Der Bräutigam faßte sie bei der Hand, und sie gingen sogleich zur Trauung, ohne daß die Tochter früher um den Segen der Mutter bat, ohne daß sie nach altherkömmlicher Sitte von dem Mädchenthume Abschied nahm. Ohne daß sie von dem Mädchenthume Abschied nahm. Diesen Abschied vom ledigen Stande pflegt die Braut in elegischen, rührenden Worten zu nehmen Die Mutter, angstgequält, stand an der Schwelle und betete für das Paar. Als die Trauung vorüber war, setzte sich die Braut mit dem Bräutigam in den goldenen Wagen, das Geleite in den silbernen und den kupfernen, und so fuhren sie von dannen, ohne daß die Tochter der Mutter Lebewohl sagte. Sie fuhren und fuhren, bis sie zu einem Felsen gelangten, in den ein großes Loch ging, groß wie ein Stadtthor. In dieses Tbor lenkten plötzlich die Rosse. Als sie innen waren, kam ein furchtbares Erdbeben, so daß der Felsen hinter ihnen einstürzte. Sie befanden sich in der Dunkelheit. Die Braut erschrak heftig und fürchtete sich; doch der Bräutigam sprach zu ihr: »Fürchte Dich nicht und warte nur! Es wird schon hell, es wird schon schön werden.« Und jetzt kamen von allen Seiten Bergmännchen gelaufen mit rothen Hosen und grünen Kappen, brennende Fackeln in der Hand, und die begrüßten alle ihren Herrn, den Metallherrscher, und leuchteten ihm. Nun erst sah die hoffärtige Braut, wem sie gefolgt war, wen sie zum Gatten habe. Doch machte ihr das keinen Kummer. Aus dem finstern Felsen gelangten sie in ungeheuere Wälder und in Berge, die himmelhoch empor reichten; aber all die Fichten, Tannen, Buchen, all die Berge waren von Blei. Als sie die Berge hinter sich hatten, kam wieder ein Erdbeben, so daß alles hinter ihnen einstürzte. Aus den bleiernen Bergen gelangten sie auf eine schöne Ebene, wo alles prächtig strahlte, und inmitten der Ebene stand ein goldenes Schloß, mit Silber und Edelsteinen ausgelegt. In das Schloß führte der Metallherrscher seine Braut, und sagte ihr, daß dies alles auch ihr gehöre. Mit Freude und Verwunderung beschaute die junge Frau all den Reichthum; als sie alles ringsumher betrachtet hatte, war sie müde, und sah es gern, daß die Bergmännchen einen goldenen Tisch deckten. Sie fühlte Hunger. Sie setzte sich also zu Tische. Es wurden Speisen aus Kupfer aufgetragen, Speisen aus Silber und aus Gold. Alle aßen, doch die Braut konnte nicht davon genießen. Sie bat daher den Bräutigam um ein Stückchen Brot. »Gern, meine Holde!« sagte der Metallherrscher und sogleich befahl er den Bergmännchen, einen Laib kupfernen Brots zu bringen. Es lief eins, und brachte einen Laib kupfernen Brots; allein die Braut konnte nicht davon essen. Der Metallherrscher befahl einen Laib silbernen Brots zu bringen. Sie brachten einen Laib silbernen Brots; allein die Braut konnte nicht davon essen. Er befahl einen Laib goldenen Brots zu bringen; allein auch hiervon konnte die Braut nicht essen. »Gern würde ich Dir dienen, meine Holde; doch haben wir kein anderes Brot,« sagte der Metallherrscher. Da sah die Braut, daß es übel mit ihr stehe, und brach in Thränen aus; allein der Metallherrscher sprach zu ihr: »Es hilft nichts, daß Du weinst und wehklagst. Du hast gewußt, was für Brot Du erfreist. Wie Du gewählt, so hast Du's nun.« Und so wars und nicht anders. Was geschehen war, ließ sich nicht ungeschehen machen, die Braut mußte unter der Erde bleiben, und wird dort von Hunger gequält, weil sie nur nach Gold verlangte. Nur an drei Tagen im Jahre ist ihr's gestattet, an's Sonnenlicht hinauszugehen, wenn nämlich der Metallherrscher die Pforten zu den Schätzen der Erde öffnet. Das ist an den drei Bitttagen. An den drei Bitttagen. Dies sind bei den Katholiken der Montag, Dienstag, und die Mittwoche in der Kreuzwoche, welche mit dem fünften Sonntag nach Ostern beginnt. An diesen Frühlingstagen werden feierliche Umzüge zur Erflehung eines gesegneten Jahres gehalten. Auch am Charfreitag sollen nach andern Märchen die Schätze der Erde offen stehen. S. die treffliche Dichtung: »der Schatz« von K. J. Erben in meinem »Rosmarinkranz,« Regensburg, Mainz 1855. Da läßt er sie hinaus, und sie bettelt um Brot. Der lustige Schwanda. Schwanda, der Dudelsackpfeifer, war ein lustiger Geselle, und wie jeder ordentliche Musikant, immer durstig, dabei ein großer Liebhaber des Kartenspiels, besonders des sogenannten »Straschak.« Besonders des sogenannten Straschaks. Ein Kartenspiel, wo einer den andern schreckt, und so um den Gewinn zu bringen sucht. Straschak kommt von strašili , schrecken. Hatte er den Zuhörern nach ihrem Gefallen vorgedudelt, machte er sich gern einen guten Tag, und sprach gewöhnlich solange dem Kruge zu, und setzte im Spiel, bis ihm Alles, was er verdient hatte, wieder aus der Tasche flog, und er so leer wegging, als er gekommen war. Dabei ergötzte er auch ohne Dudelsack die Gesellschaft mit seinen Späßen und witzigen Einfällen, so daß kaum Jemand die Schenke verließ, solange Schwanda dort war, und noch heutzutag pflegt man im Böhmischen statt: »Das ist ein Juks,« zu sagen: »Das ist eine Schwande.« Es geschah eines Tages, daß Schwanda, nachdem er in Mokran am Kirchweihfest von Mittag bis Mitternacht auf dem Dudelsack gepfiffen und manchen Silbergroschen erworben, den Dudelsack weglegte, trotz allem Drängen und Zureden des jungen Volks, das ihn bat, bis zum Morgen auszuhalten, und ihm reichen Lohn dafür verhieß. Schwanda verdroß es schon, nur fremder Fröhlichkeit zu dienen; ei, wollte auch sein Vergnügen haben. Er setzte sich daher unter die Nachbarn und begann auf eigne Rechnung zu trinken, und die Gesellschaft mit mancher Schnake und manch scherzhaftem Wort zum Lachen zu reizen. Endlich bekam er Lust, Karten zu spielen, und forderte die Nachbarn zum Straschak aus; doch fand sich wider Erwarten Niemand, der mit ihm gespielt hätte. Schwanda war nicht gewohnt, aus dem Wirthshaus zu geh'n, solang' er noch einen nicht verthanen Groschen in der Tasche hatte, und heut' hatte er sich hübsch viel Geld verdient, war also ungewöhnlich spiellustig, Dazu hatte er ein wenig zu tief in den Krug geguckt, und in seinem obern Stockwerk war es sichtbar nicht richtig. Er gab keine Ruh', er wollte spielen, und als er sah, daß ihm die Nachbarn durchaus nicht willfahrten, erhob er sich ärgerlich, bezahlte seine Schuld und verließ die Schenke. »In Dražic,« sprach er unterwegs zu sich, indem er mit unsicherem Fuß dahinschritt, »dort ist Wallfahrt, und der Schulmeister und der Richter sind gern lustig und verachten ein Spielchen nicht. Ja, in Dražic will ich festsitzen, juchuchu!« Und dabei sprang er in die Höh' und schnalzte mit dem Daumen, daß er noch zehn Schritte forttaumelte, eh' er seinen Leib, da der Kopf allerdings etwas schwer war, in's Gleichgewicht brachte. Die Nacht war hell, der Mond glänzte wie ein Fischauge. Da kam Schwanda an einen Scheideweg, und erschrak und blieb steh'n, als er zufällig die Augen erhob. Eine Schaar Geier und Raben flog in die Luft, und vor ihm stand ein kleines Gebäude aus vier Säulen, oben mit Querbalken, und von jedem Querbalken hing ein halbverwester Leichnam herunter. Schwanda merkte, er sei unter einem Galgen, wie deren damals eine Menge auf Feldern und Straßen aufgerichtet war, den häufigen Räuberhorden zum Schrecken. Da zeigte sich plötzlich ein Herr, nicht hochgewachsen, mit bleichen Wangen, in schwarzem Gewand, und fragte ihn, herantretend mit leiser Stimme: »Wohin so spät, Freund Dudelsackpfeifer?« »Nach Dražic, schwarzer Herr!« »Willst Du Dir mit Deinem Dudelsack nicht etwas verdienen?« »Ei was, ich bin des Dudelns schon satt. Hab' mir einige Silbergroschen erpfiffen und will jetzt fröhlich sein.« »Was Silbergroschen! Wir wollen Dich mit Gold bezahlen!« sagte der schwarze Herr, und indem er eine Handvoll blinkender Ducaten hervorlangte, hielt er sie Schwanda vor die Augen hin. Der Dudelsackpfeifer war ganz überrascht; der Straschack war freilich eine große Lockspeise, allein das blinkende Metall hatte größere Macht über ihn, und als ihn der schwarze Herr bei der Hand faßte, folgte er wie berückt. Schwanda'n dreht' es sich im Kopfe, und er wußte gar nicht, wo, wohin und wie lange ihn der Unbekannte führte; nur daran erinnerte er sich, daß er ihn öfters ermahnte, wenn ihm etwas angeboten würde, Geld oder zu trinken, so sollt' er nicht mit anderen Worten danken als: »Viel Glück, Bruder!« – Auf einmal befand er sich in einer hellerleuchteten Stube, wo drei Herren beisammen saßen, die auf ähnliche Art gekleidet waren, wie sein Führer, und die große Haufen Goldes vor sich hatten, Straschak spielten, und tüchtig setzten. Dabei ging eine Kanne Wein in die Runde, woraus die Spieler einander zutranken. »Brüder, ich bring' Euch Schwager Schwanda,« sprach eintretend der Führer des Dudelsackpfeifers, »der im ganzen Lande so bekannt ist, und den zu hören wir schon lang' begierig waren. Ich hoff' Euch einen Gefallen zu erweisen; wir wollen ja heut lustig sein, wie sich's gehört, und die Musik wird uns auf's beste stimmen!« »Wohl gethan!« rief einer der Spieler, und indem er sich zu Schwanda kehrte, sprach er: »Setz' Dich, Dudler, und trink zu!« und reichte ihm die Kanne mit Wein. Schwanda nahm die Kanne, trank, stellte sie wieder auf den Tisch und sagte, indem er die Mütze abzog: »Viel Glück, Bruder!« so wie ihn sein Führer gelehrt. »Und jetzt pfeif eins!« rief ein anderer der Spieler, und Schwanda setzte sich abseits auf eine Bank und blies seinen Dudelsack auf, während sich sein Führer zu den Spielern gesellte, einen mit Ducaten vollgepfropften Beutel aus der Tasche zog und ihn vor sich auf dem Tische ausleerte. Da fing Schwanda's Dudelsack an zu pfeifen, und wunderbar war die Wirkung, welche die Musik auf die vier schwarzen Herren ausübte. Als ob sie gedoppeltes Leben durchströmte, geriethen sie auf einmal in lärmende Fröhlichkeit. Sie setzten rascher, die Ducaten flogen, und die Spieler jauchzten und rückten auf den Stühlen umher; ihr ganzer Leib bewegte sich, und es schien als ob jede ihrer Adern frohlockte. Die Kanne ging in die Runde, und auch Schwanda unterließ nicht, ihr häufig zuzusprechen. Das Wundersamste war jedoch, daß die Kanne niemals leer wurde und Niemand einschenkte. So oft Schwanda ein Stück beendigt hatte, erscholl ihm lautes Lob, und in seine Mütze regnete Gold, wofür er mit oft wiederholtem: »Viel Glück, Bruder!« nach Gebühr dankte. So währte es viele Stunden, bis Schwanda endlich einen Hüpfer zu dudeln begann, der den schwarzen Herren so in die Füße fuhr, daß sie vom Straschak ließen, sich plötzlich erhoben und sich mit wilden Sprüngen in der Stube herumtrieben, was sonderbar zu ihrem gesetzten Aeußern und den hohlen Gesichtern stand. Schwanda hörte auf zu musiciren, der Dudelsack quiekte zum Schlusse, und die Tänzer machten zuletzt noch einige Purzelbäume. Da trat Einer von ihnen zum Tische, und indem er des Dudelsackpfeifers Mütze nahm, schüttete er alles Gold, was da war, in sie und sprach, sie Schwanda reichend: »Da hast Du weil Du uns so köstlich erheitert!« Schwanda traute seinen Augen kaum; geblendet von dem Anblick solchen Reichthums, wußt' er vor Freude nicht, was anzufangen; er vergaß in seiner Verwirrung, wie er sich zu bedanken habe, und rief: »Vergelt' Euch's Gott tausendmal!« Noch hatte er nicht ausgeredet, so bedeckte ein Nebel seine Augen, und Alles, Stube, Karten und Herren, war verschwunden. – Am folgenden Morgen fuhr ein Bauer Mist auf das Feld, und als er zu dem Scheidewege kam, wo der erwähnte Galgen stand, hörte er von ferne Töne. Er horcht, und je näher er kommt, um so gewisser wird er, das seien Dudelsacktöne; er horcht weiter, zweifelt wieder, bis er endlich das Stück erkennt und ruft: »Ei, das ist Schwanda!« Als er unter den Galgen selbst kommt, vernimmt er, daß die Töne aus der Höhe schallen; er blickt empor, und sieh! auf einem Eck des Galgens sitzt Schwanda und pfeift eifrig auf dem Dudelsack während der Morgenwind die Leichen der Gehängten hin und her bewegt. »Ei, zum Kuckuk, Schwager Schwanda,« ruft der Bauer, »was macht Ihr da oben?« Schwanda fährt zusammen, läßt den Dudelsack fallen, reibt sich die Augen, und indem er um sich schaut, gewahrt er mit Entsetzen, wo er sich befindet. Nicht ohne Mühe hilft ihm der Bauer herab und Schwanda, der indeß nüchtern geworden, erzählt ihm, was ihm begegnet. Er erinnert sich an die Ducaten, durchsucht die Mütze, kehrt die Taschen um, findet aber keinen Heller. Der Bauer bekreuzt sich und spricht: »Euch hat der liebe Gott gestraft, und hat böse Geister über Euch gesandt, weil Ihr so gierig nach den Karten war't!« »Ihr habt Recht,« erwidert Schwanda, an allen Gliedern zitternd, »ich entsag' für immer dem Kartenspiel.« Er hielt Wort, und zum Danke, daß er ohne Schaden so großer Gefahr entronnen, hing er den Dudelsack, auf dem er den Teufeln zum Tanz gespielt, in seiner Geburtsstadt Strakonic Strakonic. Historisch merkwürdiges und gewerbfleißiges Städtchen im piseker Kreise, auch Geburtsort des früher genannten Gelehrten und Dichters, F. L. Čelakowsky. als Opfergeschenk in der Kirche auf, wo er zum Andenken bis auf unsere Zeit blieb und Veranlassung gab, daß der Strakonicer Dudelsack sprüchwörtlich wurde. An einem Tag im Jahre, wo Schwanda auf dem Galgen den Teufeln aufgespielt, soll er von selbst gebrummt haben. Wie man in die Tunke gerathen kann, wenn man die Augen zu- statt aufmacht, und wie der Tod gallbitter ist, wenn er auch noch so honigsüß wäre, und wie das Sprüchwort falsch ist, welches sagt, es lasse sich das Glück nur vorn, beim Schopfe fassen. Einen Wanderburschen in Polen überraschte die Nacht im Walde. Es war dort vor reißenden Thieren nicht geheuer bei Tag, vielweniger bei Nacht. Der Bursche sah einen Baum ohne Wipfel; er kroch auf ihn hinauf, und gedachte dort der Sicherheit wegen zu übernachten. Der Baum war hohl. Als der Bursche hinaufgekrochen, steckte er die Füße in die Höhlung, und blieb auf dem Rande sitzen. So saß er bis er einzuschlafen begann; da wackelte er hin und her, und fiel auf einmal in das Loch. Jetzt verging ihm der Schlaf; er wollte sich hinaufhelfen, aber je mehr er sich Mühe gab, um desto mehr versank er in eine Art Schmiere. Das war Honig. Es überrieselte ihn Todesgrauen, denn mit jedem Augenblicke sank er tiefer. Da hörte er plötzlich, wie es außen an dem Baum empor polterte. Beim Mondschein gewahrte er, daß es ein Bär sei, der gekommen, Honig zu naschen. Der Bär begann, wie er's im Gebrauch hat, mit seinem Hintertheil in das Loch hinabzusteigen. Schon reichte er mit dem Schwanze zu dem Burschen. Da wußte sich der Bursche nicht anders zu helfen: er packte den Bären beim Schwanze, und der Bär verblüfft darüber, kletterte aus Leibeskräften zurück, zum Baum hinaus, und zog den Burschen glücklich in die Höhe. Der Bär sprang auf die Erde, sah sich noch einmal nach dem verhexten Baum um, und rannte, wie besessen, davon. Der Wanderbursche aber, als er gerettet wieder oben saß, und leichter athmete, sprach zu sich: »Jetzt weiß ich und will mir's merken, wie man in die Tunke gerathen kann, wenn man die Augen zu- statt aufmacht, und wie der Tod gallbitter ist, wenn er auch noch so honigsüß wäre, und wie das Sprüchwort falsch ist, welches sagt, es lasse sich das Glück blos vorn, beim Schopfe fassen!« Von den zwölf Monaten Es war eine Mutter, und die hatte zwei Töchter; die eine war ihre eigne, die andere ihre Stieftochter. Die eigne Tochter hatte sie sehr lieb, die Stieftochter konnte sie nicht einmal ansehen, blos darum, weil Maruschka schöner war, als Holena. Die gute Maruschka wußte von ihrer Schönheit nichts; sie konnte sich gar nicht erklären, warum die Mutter so böse sei, so oft sie sie ansehe. Alle Arbeit mußte sie selbst verrichten: die Stube aufräumen, kochen, waschen, nähen, spinnen, weben, Gras zutragen und die Kuh allein besorgen. Holena putzte sich nur und ging müßig. Aber Maruschka arbeitete gern, war geduldig, und ertrug das Schelten, das Fluchen der Schwester und Mutter wie ein Lamm. Allein dies half nichts, sie wurden von Tag zu Tag schlimmer, und zwar blos darum, weil Maruschka je länger, desto schöner, Holena desto garstiger ward. Die Mutter dachte: »Wozu sollt' ich die schöne Stieftochter im Hause leiden, wenn meine eigne Tochter nicht auch so ist? Die Bursche werden auf Brautschau kommen Maruschka wird ihnen gefallen, Holena werden sie nicht haben wollen!« Von diesem Augenblicke an suchten sie der armen Maruschka loszuwerden; sie quälten sie mit Hunger, sie schlugen sie, doch sie ertrug's geduldig und ward von Tag zu Tag schöner. Sie ersannen Qualen, wie sie braven Menschen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Eines Tages – es war in der Mitte des Eismonats – wollte Holena Veilchen haben. »Geh', Maruschka, bring' mir aus dem Walde einen Veilchenstrauß! Ich will ihn hinter den Gürtel stecken und an ihn riechen!« befahl sie der Schwester. »Ach Gott, liebe Schwester, was fällt Dir bei! Hab' nie gehört daß unter dem Schnee Veilchen wüchsen,« versetzte das arme Mädchen. »Du nichtsnutziges Ding, Du Kröte, Du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich wirst Du in den Wald gehen, und bringst Du keine Veilchen, so schlag' ich Dich todt!« drohte Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Thür hinaus, und schloß diese hinter ihr. Das Mädchen ging bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war eine Fußstapfe. Die Arme irrte, irrte lange. Hunger plagte sie, Kälte schüttelte sie; sie bat Gott, er möchte sie lieber aus der Welt nehmen. Da gewahrt sie in der Ferne ein Licht. Sie geht dem Glänze nach und kommt auf den Gipfel eines Berges. Auf dem Gipfel brannte ein großes Feuer, um das Feuer lagen zwölf Steine, auf den Steinen saßen zwölf Männer. Drei waren graubärtig, drei waren jünger, drei waren noch jünger, und die drei jüngsten waren die schönsten. Sie redeten nichts, sie blickten still in das Feuer. Die zwölf Männer waren die zwölf Monate. Der Eismonat saß obenan; der hatte Haare und Bart weiß wie Schnee. In der Hand hielt er einen Stab. Maruschka erschrak, und blieb eine Weile verwundert stehen; dann aber faßte sie Muth, trat näherund bat: »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich!« Der Eismonat nickte mit dem Haupte und fragte sie: »Weshalb bist Du hergekommen, Mädchen? Was suchst Du hier?« –»Ich suche Veilchen,« antwortete Maruschka. – »Es ist nicht an der Zeit, Veilchen zu suchen, wenn Schnee liegt,« sagte der Eismonat. – »Ich weiß wohl,« entgegnete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und die Stiefmutter haben mir befohlen, Veilchen aus dem Walde zu bringen; bring' ich sie nicht, so schlagen sie mich todt. Bitte schön, Ihr Hirten, sagt mir, wo ich deren finde!« Da erhob sich der Eismonat, schritt zu dem jüngsten Monat, gab ihm den Stab in die Hand, und sprach: »Bruder März, setz Dich obenan!« Der Monat März setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblicke loderte das Feuer höher, der Schnee begann zu thauen, Bäume trieben Knospen, unter den Buchen grünte Gras, in dem Grase keimten bunte Blumen und es war Frühling. Unter Gesträuch verborgen blühten Veilchen, und eh' sich Maruschka dessen versah, gab es ihrer so viele, als ob wer ein blaues Tuch ausgebreitet hätte. »Schnell, Maruschka, pflücke!« gebot der März. Maruschka pflückte freudig, bis sie einen großen Strauß beisammen hatte. Dann dankte sie den Monaten und eilte froh nach Hause. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie Maruschka sahen, wie sie einen Veilchenstrauß trug; sie gingen, ihr die Thür zu öffnen, und der Duft der Veilchen ergoß sich durch die ganze Hütte. »Wo hast Du sie gepflückt?« fragte Holena störrig. »Hoch auf dem Berge, dort wuchsen ihrer unter Gesträuch in Menge,« erwiederte Maruschka. Holena nahm die Veilchen, steckte sie hinter den Gürtel, roch an sie, und ließ die Mutter riechen; zur Schwester sagte sie nicht einmal: »Riech' auch!« Des andern Tages saß Holena müßig beim Ofen, und es gelüstete sie nach Erdbeeren. »Geh', Maruschka, bring' mir Erdbeeren aus dem Walde!« befahl Holena der Schwester. »Ach Gott, liebe Schwester, wo werd' ich Erdbeeren finden! Hab' nie gehört, daß unter dem Schnee Erdbeeren wüchsen,« versetzte Maruschka. »Du nichtsnutziges Ding, Du Kröte, Du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh' in den Wald, und bringst Du keine Erdbeeren, wahrlich, so schlag' ich Dich todt!« drohte die böse Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Thür hinaus, und schloß diese fest hinter ihr. Das Mädchen ging bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war eine Fußstapfe. Die Arme irrte, irrte lange; Hunger plagte sie. Kälte schüttelte sie. Da gewahrt sie in der Ferne dasselbe Feuer, das sie den Tag zuvor gesehen. Mit Freuden eilte sie darauf zu. Sie kam wieder zu dem großen Feuer, um welches die zwölf Monate saßen. Der Eismonat saß obenan. »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich,« bat Maruschka. Der Eismonat nickte mit dem Haupte und fragte: »Warum bist Du wieder gekommen, was suchst Du?« – »Ich suche Erdbeeren,« entgegnete Maruschka. –»Es ist nicht an der Zeit, Erdbeeren zu suchen, wenn Schnee liegt,« sagte der Eismonat. »Ich weiß wohl,« antwortete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und meine Stiefmutter haben mir befohlen, Erdbeeren zu bringen; bring' ich sie nicht, so schlagen sie mich todt. Bitteschön, Ihr Hirten, sagt mir, wo ich deren finde!« Der Eismonat erhob sich, schritt zum Monat, der ihm gegenüber saß, gab ihm den Stab in die Hand und sprach: »Bruder Juni, setz' Dich obenan!« Der schöne Monat Juni setzte sich obenan, und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblicke schlug die Flamme hoch empor, der Schnee zerschmolz alsbald, die Erde grünte, Bäume umhüllten sich mit Laub, Vögel begannen zu singen, mannichfaltige Blumen blühten im Walde und es war Sommer. Weiße Sternlein gab es; als ob sie wer dahin gesä't hätte. Sichtbar aber verwandelten sich die weißen Sternlein in Erdbeeren, die Erdbeeren reiften schnell, und eh' sich Maruschka dessen versah, gab es ihrer in dem grünen Rasen, als ob wer Blut ausgegossen hätte. »Schnell. Maruschka. pflücke!« gebot der Juni. Maruschka pflückte freudig, bis sie die Schürze voll hatte. Dann dankte sie den Monaten schön, und eilte froh nach Hause. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie sahen, daß Maruschka in der That Erdbeeren bringe, die ganze Schürze voll. Sie liefen, ihr die Thür zu öffnen, und der Duft der Erdbeeren ergoß sich durch die ganze Hütte. »Wo hast Du sie gepflückt?« fragte Holena störrig. – »Hoch auf dem Berge, dort wachsen ihrer in Fülle unter den Buchen,« erwiederte Maruschka. Holena nahm die Erdbeeren, aß sich satt, und gab auch der Mutter zu essen; zu Maruschka sagten sie nicht einmal: »Kost' auch!« Holena hatten die Erdbeeren geschmeckt, und es gelüstete sie des dritten Tages nach rothen Aepfeln. » Geh' in den Wald, Maruschka, und bring' mir rothe Aepfel!« befahl sie der Schwester,– »Ach Gott, liebe Schwester, woher sollten im Winter Aepfel kommen?« versetzte die arme Maruschka. – »Du nichtsnutziges Ding, Du Kröte, Du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh' in den Wald, und bringst Du keine rothen Aepfel. wahrlich, so schlag' ich Dich todt!« drohte die böse Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Thür hinaus, und schloß diese fest hinter ihr. Das Mädchen eilte bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war eine Fußstapfe. Allein das Mädchen irrte nicht umher, es ging gerade auf den Gipfel des Berges, wo das große Feuer brannte, wo die zwölf Monate saßen. Sie saßen dort, der Eismonat saß obenan. »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich,« bat Maruschka, und trat zum Feuer. Der Eismonat nickte mit dem Haupte und fragte: »Weshalb bist Du wieder gekommen, was suchst Du da?« – »Ich suche rothe Aepfel,« antwortete Maruschka. –»Es ist nicht an der Zeit,« sagte der Eismonat. – »Ich weiß wohl,« entgegnete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und meine Stiefmutter haben mir befohlen, rothe Aepfel aus dem Wald zu bringen; bring' ich sie nicht, so schlagen sie mich todt. Bitte schön, Ihr Hirten, sagt mir, wo ich deren finde!« Da erhob sich der Eismonat, schritt zu einem der ältern Monate, gab ihm den Stab in die Hand, und sprach: »Bruder September, setz' Dich obenan!« Der Monat September setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. Das Feuer glühte roth, der Schnee verlor sich, aber die Bäume umhüllten sich nicht mit Laub, ein Blatt nach dem andern fiel ab, und der kühle Wind verstreute sie auf dem falben Rasen, eins dahin, das andere dorthin. Maruschka sah nicht soviele bunte Blumen. Am Thalhang blühte Altmannskraut, blühten rothe Nelken, im Thale standen gelbliche Eschen, unter den Buchen wuchs hohes Farrenkraut und dichtes Immergrün. Maruschka blickte nur nach rothen Aepfeln umher, und sie gewahrte in der That einen Apfelbaum und hoch auf ihm zwischen den Zweigen rothe Aepfel. »Schnell, Maruschka, schüttle!« gebot der September. Maruschka schüttelte freudig den Apfelbaum; es fiel ein Apfel herab. Maruschka schüttelte noch einmal; es fiel ein zweiter herab. »Schnell, Maruschka, eile nach Hause!« gebot der Monat. Maruschka gehorchte, nahm die zwei Aepfel, dankte den Monaten schön, und eilte froh nach Hause. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie sahen, daß Maruschka Aepfel bringe. Sie gingen ihr öffnen. Maruschka gab ihnen die zwei Aepfel. »Wo hast Du sie gepflückt?« – »Hoch auf dem Berge; sie wachsen dort, und noch giebt's ihrer dort genug,« erwiederte Maruschka. »Warum hast Du nicht mehr gebracht? Oder hast Du sie unterwegs gegessen?« fuhr Holena zornig gegen sie los. »Ach liebe Schwester, ich habe keinen Bissen gegessen. Ich schüttelte einmal, da fiel ein Apfel herab; ich schüttelte zum zweiten Mal, da fiel noch einer herab; länger zu schütteln erlaubten sie mir nicht. Sie hießen mich nach Hause gehen,« sagte Maruschka. »Daß der Donner in Dich fahre!« fluchte Holena, und wollte Maruschka schlagen. Maruschka brach in Thränen aus, und bat Gott, er solle sie lieber zu sich nehmen, und sie nicht von der bösen Schwester und Stiefmutter erschlagen lassen. Sie floh in die Küche. Die genäschige Holena ließ das Fluchen und begann einen Apfel zu essen. Der Apfel schmeckte ihr so, daß sie versicherte, noch niemals in ihrem Leben so was Köstliches gegessen zu haben. Auch die Stiefmutter ließ sich's schmecken. Sie aßen die Aepfel auf, und es gelüstete sie nach mehr. »Mutter, gieb mir meinen Pelz! ich will selbst in den Wald gehen,« sagte Holena. »Das nichtsnutzige Ding würde sie wieder unterwegs essen. Ich will schon den Ort finden, und sie alle herabschütteln, ob es wer erlaubt oder nicht!« Vergebens rieth die Mutter ab. Holena zog den Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf, und eilte in den Wald. Die Mutter stand auf der Schwelle, und sah Holena nach, wie es ihr gehe. Alles lag voll Schnee, nirgend war eine Fußstapfe zu schauen. Holena irrte, irrte lange; ihre Genäschigkeit trieb sie immer weiter. Da gewahrt sie in der Ferne ein Licht. Sie eilt darauf zu. Sie gelangt auf den Gipfel, wo das Feuer brennt, um das auf zwölf Steinen die zwölf Monate sitzen. Holena erschrickt; doch bald faßt sie sich, tritt näher zu dem Feuer, und streckt die Hände aus, um sich zu warmen. Sie fragt die Monate nicht: »Darf ich mich wärmen?« und spricht kein Wort zu ihnen. »Was suchst Du hier, warum bist Du hergekommen!« fragt verdrießlich der Eismonat. – »Wozu fragst Du, Du alter Thor? Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich gehe!« fertigt ihn Holena störrig ab, und wendet sich vom Feuer in den Wald. Der Eismonat runzelt die Stirn, und schwingt seinen Stab über dem Haupte In dem Augenblicke verfinstert sich der Himmel, das Feuer brennt niedrig, es beginnt Schnee zu fallen, als ob wer ein Federbett ausschüttete, eisiger Wind weht durch den Wald. Holena sieht nicht einen Schritt vor sich; sie irrt und irrt, stürzt in eine Schneewehe, und ihre Glieder ermatten, erstarren. Unaufhörlich fällt Schnee, eisiger Wind weht, Holena flucht der Schwester, flucht dem lieben Gott. Ihre Glieder erfrieren in dem warmen Pelz. Die Mutter harrte auf Holena, blickte zum Fenster hinaus, blickte zur Thür hinaus, konnte aber die Tochter nicht erharren. Stunde auf Stunde verstrich, Holena kam nicht. »Vielleicht schmecken ihr die Äepfel so gut, daß sie sich nicht von ihnen trennen kann,« dachte die Mutter, »ich muß nach ihr sehen!« Sie zog ihren Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf, und ging, Holena zu finden. Alles lag voll Schnee, nirgend war eine Fußstapfe zu schauen. Sie rief Holena; niemand meldete sich. Sie irrte, irrte lange; Schnee fiel dicht, eisiger Wind wehte. Maruschka kochte das Essen, besorgte die Kuh; doch weder Holena, noch die Stiefmutter kam. »Wo bleiben sie so lange!« sprach Maruschka zu sich, und setzte sich zum Spinnrocken. Schon war die Spindel voll, schon dämmerte es in der Stube, und es kam weder Holena, noch die Stiefmutter. »Ach Gott, was ist ihnen zugestoßen!« klagte das gute Mädchen, und sah zum Fenster hinaus. Der Himmel strahlte von Sternen, die Erde glänzte von Schnee, es ließ sich niemand sehen; traurig schloß Maruschka das Fenster, machte das Kreuz, und betete ein Vaterunser für die Schwester und Mutter. Des andern Tages harrte sie mit dem Frühstück, harrte sie mit dem Mittagsmahl; doch sie erharrte weder Holena, noch die Stiefmutter. Beide waren im Wald erfroren. Der guten Maruschka blieb die Hütte, die Kuh und ein Stückchen Feld; es fand sich auch ein Hauswirth dazu, und Beide lebten in Frieden glücklich mit einander. Die Waise im Radhost. Radhost. Berg in den Karpathen, von dessen Mineralienreichthum in den mährisch-walachischen Märchen häufige Erwähnung geschieht. Es waren einmal zwei Brüder, Martin und Hans. Martin hatte zwei Knaben und Hans vier Kinder. Martin wurde krank, und als er sterben sollte, bat er seinen Bruder Hans, bei den zwei Knaben Vormund zu sein; sein Weib war schon vor einem Jahre gestorben. Als Hans von seinem dahingeschiednen Bruder heimkam, fragte ihn sein Weib: »Du hast doch nicht die Vormundschaft übernommen?« – Er antwortete: »Meinst Du, ich solle die armen Waisen zu Grunde geh'n lassen? Ist's doch mein Blut! Laß uns von etwas andrem reden: ob wir beide Kinder zu uns nehmen, oder sie zu fremden Leuten geben?« – Sein Weib erwiderte: »Den Aelteren möcht' ich noch nehmen, den Jüngeren aber mag ich nicht.« – Drauf sagte er zu ihr: »Denk' nicht viel hin und her! Ich will beide bringen.« – Das Weib sprach: »Ich wollte nichts dagegen haben, wenn Du den Aelteren nähmst; den Jüngeren mag sich nehmen, wer will!« – Allein der Mann erwiederte: »Weißt Du nicht, daß uns der Jüngere mehr frommen kann, als der Aeltere?« – Das Weib sagte: »Wie könnte uns der Jüngere mehr frommen? Der Aeltere zählt schon vierzehn Jahre, der Jüngere erstzwei.«– Der Mann sprach: »Lieb Weib, Du weißt, daß ich ihr Ohm bin, und daß ich für sie sorgen muß. Ich will beide zu mir nehmen.« Er hatte die Knaben neun Jahre bei sich. Der Aeltere, Joseph, verdiente sich reichlich, was er brauchte; der Jüngere, Michael, half in der letzten Zeit auch, schon bei leichteren Arbeiten. Allein da kamen schlimme Zeiten, wo's mit allen armen Leuten arg stand. Auch Hans mußte am Ende seine Kuh verkaufen. Da trat sein Weib zu ihm und sprach: »Siehst Du! War es gut, die zwei Kinder zu nehmen? Ich sagte Dir, nimm sie nicht! Jetzt können wir nicht einmal unsre eignen Kinder ernähren.« – Der Mann jedoch erwiederte: »Was kümmerst Du Dich so! Du weißt ja, daß uns die Hütte der Kinder bleibt, wenn ich sie ihnen abkaufe und auszahle.« – Drauf sagte das Weib: »Wär's nicht besser, den jüngeren, Burschen loszuwerden? Dann käm's uns wohlfeiler!« – Der Mann sprach: »Erinnre Dich, wir nahmen sie in guter Zeit. Wär's nicht eine Sünde vor Gott und der Welt, in schlimmer Zeit sie wegzutreiben? Was würden die Leute sagen!« Das Weib jedoch bestand daraus, daß die Kinder wegkämen. Der Mann sprach also: »Weißt du was, lieb Weib, damit alles gut sei, so will ich den Jüngeren wohin in die Berge führen. Sie sagte: »Ich bitte Dich, wohin willst Du ihn führen?« Du wirst ihn etwa zwei Stunden weit wegführen, und er kommt wieder.« Der Mann entgegnete: »Ich will ihn dorthin führen, woher er nimmer zurückkehrt! Von Gott hab' ich die Waise erhalten, Gott will ich sie wiedergeben.« Des andren Tag's, noch eh' es dämmerte, sprach er zu dem eilfjähigen Knaben: »Michael, wir wollen mit einander geh'n; vielleicht daß wir im Radhost einen Schatz finden.« Michael ahnte nichts Arges, und ging frohen Muths mit seinem Ohm. Als sie zu den Löchern im Radhost kamen, zündete der Ohm ein Licht an, und trat mit Michael hinein. Dort stiegen sie eine alte Leiter hinab in die Tiefe, gingen lange und durchkrochen viele Höhlen, bis sie zu einem unterirdischen Fluß gelangten, über den ein schmaler Weg führte. Jenseit des Wassers sprach der Ohm: »Michael, setz' Dich hier auf den Felsen! Da hast Du Brot und ein Taschenmesser! Iß, ich will indeß weiter schauen geh'n.« Michael setzte sich, schnitt sich im Dunklen Brot ab, und aß. Der unglückliche Knabe harrte lange, sehr lange auf seinen Ohm, bis dieser mit dem Lichte wieder käme; von seinem Platze wollte er sich nicht rühren, denn er fürchtete sich in der schwarzen Dunkelheit. Sehnsüchtig horchte er, allein der Ohm kam nicht. Da fiel ihm ein: »Vielleicht hat der Ohm mich absichtlich irregeführt, hat mich dagelassen, und ist nach Hause gegangen!« Bei dem Gedanken sträubten sich seine Haare; er raffte sich auf, und suchte den Weg aus dem Radhost hinaus. Es war jedoch nicht möglich, ihn zu treffen. Wie sollt' er ohne Licht durch die Höhlen hindurchkommen? Wie sollt' er den schmalen Steg über den Fluß finden, und die Leiter, die hinaus führte? Anstatt zum Flusse zu geh'n, entfernte er sich immer mehr von ihm; dies bemerkte er erst dann, als er sein Rauschen nicht mehr vernahm. Ermattet sank er auf den feuchten Boden, legte sein Haupt auf den kalten Felsen, und weinte laut. Dann sprang er wieder empor, und ging zurück. Als er im Dunklen rechts und links tappte, glitschte ihm der Fuß aus, und er stürzte in die Tiefe. Als er so hinabflog, wollte er sich anhalten, und riß zwei Klumpen ab. Ohne zu wissen, was er thue, steckte er sie in die Tasche, die er umgehängt hatte, und ging weiter. Jetzt näherte er sich dem Flusse, denn er hörte dessen Rauschen mehr und mehr, bis er merkte, daß er am Wasser sei. Allein er konnte nicht den Steg finden, auf dem ihn der Ohm geführt hatte. Muthig sprang er in den Fluß, und schwamm glücklich hinüber. Dann gelangte er zu der gefährlichen Leiter, und wie eine Katze war er sogleich oben. Nachdem er noch eine halbe Stunde getappt und gesucht, kam er aus dem Loch hinaus, hatte jedoch seine Füße und Hände zerschunden und blutig, und zitterte vor Kälte und der überstandenen Angst. Er fiel nun auf die Knie nieder, und dankte Gott, daß er ihn herausgeführt, und nicht im Radhost hatte zu Grund gehen lassen. Dann setzte er sich, aß das trockene Brot, das er noch bei sich hatte, und überlegte, was er thun solle. Er wußte, daß ihn der Ohm nicht mehr möge, und so beschloß er, in die weite Welt zu gehen, in der Hoffnung, sich dennoch irgend wie zu ernähren. Als er mehrere Tage hungrig gewandert, kam er zu einem Schlosse, erbettelte sich von einem Diener ein Stück Brot, und setzte sich auf einen Eckstein. Indem er das Messer aus der umgehängten Tasche zog, erblickte der Diener die zwei gelben Klumpen, und fragte ihn, was er da habe. Der Diener kehrte sie nach allen Seiten, wog sie in der Hand, zeigte sie Andern, bis er endlich ging, sie dem Herrn zu weisen. Der Herr des Schlosses ließ den Knaben vor sich führen. Als ihn der Diener vorgeführt, fragte ihn der Herr, woher er die zwei Stücke gediegenen Goldes habe. Michael erzählte, was ihm widerfahren, und wie er zu den Klumpen gekommen sei. Die Erzählung rührte den Herrn so sehr, daß er ihn als sein eigen Kind annahm; denn er war ledig, und hatte keine Kinder. Das Gold verkaufte er und legte das Geld auf gute Zinsen für den Knaben an. Auch ließ er ihn in allem Nützlichen unterrichten. Michael war siebzehn Jahre lang in dem Schlosse. Als das siebzehnte Jahr zu Ende ging, wurde der Herr krank. Er vermachte all sein Eigenthum Michael, und befahl ihm, er solle mäßig leben und an die Armen denken. Michael dachte bei sich: »Wie sollt' ich die Armen vergessen, da ich selbst arm gewesen, und jetzt so reich geworden!« – In vierzehn Tagen ward der Herr begraben. Zwei Jahre waren verstrichen, seit Michael sein eigner Herr geworden. Eines Tages stand er am Fenster, und sah in den Schloßhof. Da kam ein alter Bettler in zerrissenen Kleidern. Seine Noth rührte ihn sehr, und sogleich befahl er dem Thorwächter, er solle ihn herauf führen. Als der Bettler in das Zimmer trat, erkannte Michael, daß es sein Ohm sei; der Ohm aber erkannte Michael nicht. »Erbarmt Euch über mich, gnädiger Herr,« bat der Greis, erbarmt Euch über einen hungrigen Alten! Gott wird es Euch vergelten!« Michael sagte: »Mit Freuden will ich Euch zu essen und zu trinken geben. Setzt Euch!« Dann rief er den Diener, gab ihm einen Schlüssel, und befahl ihm leise, er solle aus seiner Tasche, die er sich sammt seinen walachischen Kleidern zum Andenken aufbewahrt hatte, das Messer bringen. Er setzte sich zu dem Greise, der ihm erzählte, wie er vermögend gewesen, wie er durch schlimme Zeiten in Armuth gerathen, und wie er durch's Gericht um Alles gekommen, so daß er seine Hütte habe verkaufen müssen, und jetzt genöthigt sei, vom Betteln zu leben.« – Habt Ihr keine Kinder?« fragte Michael. – »Ach Gott!« sagte der Greis, »ich hatte vier Kinder. Drei sind mir an den Blattern gestorben, und das vierte ist ein Taugenichts, der sich weder um Gott, noch um seinen alten Vater kümmert.« Indeß brachte der Diener Speise und Trank. Michael reichte dem Greise selbst Brot und das Taschenmesser zum Schneiden. Der Greis nahm das Messer in die Hand, betrachtete es, ward bleich wie die Wand, denn er erkannte das Zeichen, das er mit eigner Hand hinein gebrannt, und wie betäubt stotterte er die Worte: »Gnäd'ger Herr, wie ist das Messer hierhergekommen?« – Michael erwiederte: »Was liegt an dem Messer? Messer ist Messer!« – »Nicht doch!« rief der Greis in Verzweiflung. »Beim lebend'gen Gott, sagt mir, wie seid Ihr zu dem Messer gekommen? O sagt mir's, und martert mich nicht!« – Michael konnte sich nicht länger halten und verläugnen. »Vater Hans,« rief er, »kennt Ihr nicht Michael, die Waise?« Der Ohm erschrak, erkannte Michael, und vor Scham und Furcht fiel er vor ihm auf die Knie. Allein Michael hob ihn auf, umarmte ihn, und sprach: »Ohm, fürchtet Euch nicht! Ich hab' Euch längst verziehen!« Der Greis setzte sich zum Essen, aber er hatte keine Lust. Michael behielt ihn bis zu seinem Tode bei sich, und als er erfuhr, daß sein älterer Bruder Joseph diene, nahm er auch diesen zu sich in das Schloß. Der Greis blieb kein ganzes Jahr mehr am Leben; doch starb er mit dem Troste, daß Michael im Radhost nicht zu Grunde gegangen, was ihn früher in seinem Elend bei Tag und Nacht am meisten gequält hatte. Der böse Geist im Dienste. In einem Hause war es Gebrauch, daß sie den Armen täglich ein Almosen gaben, und wenn kein Armer in's Haus kam, das Almosen auf die Bank vor's Haus legten, damit es die vorübergehenden Armen sehen und sich nehmen könnten. Da geschah's, daß der böse Geist in der Welt umherging, Beute suchend; doch fand er nichts und wurde bereits vom Hunger geplagt. Da kam er zu jenem Haus und sah die Speisen auf der Bank. Er wußte gut, daß sie ein Almosen für die Armen seien, und ihm nicht gehörten; doch da er großen Hunger hatte, konnte er seiner Begier nicht widerstehen und aß das Almosen auf. Er zog noch weit umher, um hier oder dort etwas zu erhaschen, war jedoch nicht glücklich im Fang und kehrte endlich voll Verdruß zur Hölle zurück. – Als er zur Hölle kam, war das Thor verschlossen. Er pochte an, allein sie wollten ihm nicht öffnen, weil er den Armen ihr Almosen genommen. Der älteste der Teufel verurtheilte ihn, er müsse zur Strafe drei Jahre in der Welt dienen. Der Teufel ging also, da sie ihn in der Hölle nicht dulden wollten, einen Dienst in der Welt suchen. Lange suchte er vergebens. Er kam in ein Dorf, ging bei den Bauern umher und bat, sie möchten ihn als Knecht aufnehmen. Aber Alle redeten sich aus, indem sie sagten: »Mein Lieber, wir haben keine Pferde und brauchen daher keinen Knecht. Unser Herr ist schlimm; der plagte uns mit der Frohne Der plagte uns mit der Frohne so. Wie bekannt, ist die Frohne ( robota ) durch Kaiser Ferdinand den Gütigen im ganzen österreichischen Staate aufgehoben. so, daß wir alle unsere Pferde einbüßten. Wir konnten der Frohne wegen unsere Felder nicht bebauen, hatten viel Arbeit und wenig zu essen; zuerst unterlagen dem Mühsal unsere Pferde, jetzt ist die Reihe an uns. Zwar ist noch ein Bauer da, der zwei Pferde hat; allein die sind so mager und abgezehrt, daß man sie in ein Kopftuch binden könnte, drum wird auch er keinen Knecht nehmen!« Der Teufel hörte das gern, fragte »o der Bauer wohne, begab sich zu ihm und bat ihn sehr, er möchte ihn als Knecht annehmen, er wolle gehorsam sein. Der Bauer sagte: »Mein Lieber, einen Knecht brauch' ich wohl, allein ich kann Dich nicht in meinen Dienst nehmen, weil ich selbst nichts zu essen habe!« – Der böse Geist entgegnete: »O Herr, ich bitt' Euch, nehmt mich nur! Wir wollen arbeiten, was wir können, und wenn wir arbeiten, werden wir auch zu essen haben!«– Hierauf setzte sich der böse Geist auf eine Bank, und wollte ihm nicht vom Halse. Da ihn der Bauer nicht loswerden konnte, nahm er ihn auf, und dachte sich: »Du wirst bald von selbst davonlaufen!« Der Knecht wartete die Pferde gut, so daß sie von Tag zu Tag zunahmen. Auf der Frohne verrichtete er der Arbeit noch mehr als ihm auferlegt war, und dabei versäumte er die Hauswirthschaft nicht. In einem Jahre half sich der Bauer hübsch empor; er hatte gute Pferde, die Felder standen vortrefflich, und er konnte sich auch eine Kuh anschaffen. Die Nachbarn wunderten sich und suchten den Knecht an sich zu locken; allein er ließ sich nicht abspänstig machen. Der Bauer selbst konnte sich nicht genug wundern, und hatte den Knecht sehr gern; nur lag es ihm im Kopfe, wo er zur Kirche gehe! Denn gingen die Hausleute zur Kirche, so ging der Knecht auch fort, in der Kirche aber sah ihn Niemand. Das ging dem Bauer im Kopf herum; weil ihm jedoch der Knecht zur Hand war, scheute er sich, ihm was zu sagen, damit er ihn nicht verlöre. Einst kam der Amtsdiener zum Bauer im Austrage des Herrn, er solle sich sogleich auf dem Schlosse stellen. »Herren- Wunsch , Unterthans- Pflicht ! sagt das Sprüchwort; wie denn erst, wenn der Herr befiehlt.« So sprach der Bauer bei sich, nahm seinen Hut, und begab sich sogleich dem Befehle gemäß auf das Schloß. Als er in's Schloß kam, blieb er demüthig an der Thür stehen. »He,« sprach der Herr, »ich hab' gehört, daß Du starke Pferde hast, und einen noch stärkern Knecht dazu. Ich befehl' Dir daher, daß Du mir morgen den Felsen dort in den Schloßhof schaffst.« Der Bauer stand wie abgebrüht; denn das war ein Felsen, so groß, daß Niemand im Stande war ihn aufzuladen, kein Wagen ihn tragen konnte, die stärksten Pferde ihn nicht zu erziehen vermochten. Er ging, ganz aufgeregt, aus dem Schlosse. Der Knecht fragte ihn: »Was ist Euch, Herr, daß Ihr so in Gedanken seid?« Der Bauer sagte ihm, der Herr habe ihm befohlen, den Felsen dort in den Schloßhof zu schaffen. Der Knecht sprach: »Das sei Eure geringste Sorge. Deshalb braucht Ihr Euch nicht den Kopf zu zerbrechen. Wie der Herr befohlen, so wird's gescheh'n!« – Der Bauer versetzte voll Angst: »Was denkst Du, Sohn! Wenn wir auch soviel Leute zusammenbrächten, um die Masse aufzuladen, und unsere Pferde sie zögen, »der Wagen trüge sie dennoch nicht!« Lachend erwiederte der Knecht: »Mit unserm Wagen wirds sich's schon thun!« – Allein dem Bauer war gar nicht zum Lachen. Des folgenden Tages stand der Knecht zeitig früh auf, fütterte die Pferde und richtete den Wagen zurecht. Nach dem Frühstücke fuhren sie, um den Felsen abzuholen. Als sie bei dem Felsen ankamen, brachte der Knecht die Schrotleiter in Ordnung, nahm eine Hebstange, hob den Felsen heraus, und in kurzem war der Felsen auf den Wagen geladen. Der Bauer brauchte nicht zuhelfen, und war wie außer sich, als er sah, was der Knecht machte. Der Knecht nahm nun die Peitsche und fuhr wie mit gewöhnlicher Ladung. Als sie sich dem Schlosse näherten, stand der Herr am Fenster. Da er sah, daß der Knecht zum Thor hereinfahren wollte, schickte er sogleich den Amtsdiener ab mit dem Befehle, er solle nicht in den Hof fahren. Doch ehe der Amtsdiener mit dem Befehle kam, waren die Pferde schon im Thor, der Knecht fuhr zu, und das Thor begann einzustürzen; aber die Pferde zogen in Einem fort, bis das Thor zertrümmert war. Im Hofe angelangt, rief der Knecht: »Wo soll ich den Felsen abladen?« Es ward ihm ein Platz angewiesen; dort aber waren Keller. Kaum senkte sich der Felsen auf den Boden, so durchbrach er die Wölbungen, und lag in den Kellern begraben. Der Herr gerieth in Wuth, daß die Keller zerstört waren. Ihm lag übrigens nichts daran, daß der Felsen herbeigeschafft war; sein tyrannisch Herz wollte nur den Bauer quälen. In nicht langer Zeit brachte der Amtsdiener dem Bauer wieder den Auftrag, er solle sich vor dem Herrn stellen. Als er aufs Schloß kam, befahl der Herr: »Ich hab' genug Fröhner auf dem Felde, Du wirft mir Holz fällen gehen!« Dann rief er ihn zum Fenster, und zeigte ihm, daß er ihm von da bis dorthin den Wald umschlagen, das Holz zu Klaftern schichten, die Bäume abästen, und die Aeste zu Bündeln binden und gleichfalls zu Klaftern schichten solle, und zwar müsse das binnen vierzehn Tagen fertig sein. Der Bauer begann zu bitten; es sei nicht möglich das zu Staude zu bringen; wenn tagtäglich dreißig Bursche fleißig arbeiteten, so würden sie in einem Jahre nicht fertig. Allein der Herr beachtete die Bitte nicht, und versetzte: »Wie ich geboten, so muß es geschehen. Binnen vierzehn Tagen mußt Du fertig sein!« – Da der Bauer die Unnachgiebigkeit des Herrn kannte, und die Strenge der Strafe, die auf versäumte Arbeit gesetzt war, wurde er sehr betrübt. Als er nach Hause kam, sprach er zu Niemand ein Wort, und Abends konnte er gar nicht essen. Der Knecht fragte: »Was ist Euch, Herr?« Der Bauer erwiederte: »O Sohn, der Herr verlangt unmögliche Dinge. Er befahl mir, ich solle binnen vierzehn Tagen den Wald von da bis dorthin umschlagen, das Holz zu Klaftern schichten, die Bäume abästen, und die Aeste zu Bündeln binden und gleichfalls zu Klaftern schichten. Das ist eine Arbeit, die dreißig Bursche kaum in einem Jahr vollbringen!« – Der Knecht tröstete ihn: »Zerbrecht Euch nicht den Kopf, Herr! Was die Sorge anlangt, so könnt ihr ruhig schlafen. Es wird alles fertig werden!« – Der Bauer jedoch konnte vor Sorgen die ganze Nacht nicht schlafen; denn das war eine Riesenaufgabe, und löste er sie nicht, so hatte er die schlimmsten Folgen zu erwarten. Früh kam der Knecht in die Stube und sagte: »Geht in's Schloß, Herr, und meldet, daß der Wald schon umgeschlagen, und daß Alles so geschichtet ist, wie's befohlen war.« Der Bauer schalt ihn, er möchte ihn nicht zum Narren haben, er habe genug an der Sorge, die ihn drücke. Als ihn aber der Knecht hinausführte, und ihm zeigte, daß der Wald nicht mehr stehe, verwunderte er sich über die Maßen und getraute sich gar nicht den Knecht zu fragen, wie er's zu Stande gebracht. Nach dem Frühstück ging der Bauer ins Schloß, und meldete es dem Herrn. Der Herr ging zum Fenster und schaute hin. Als er sah, daß es wirklich so sei, knirschte er vor Zorn mit den Zähnen; denn er hatte nur die Absicht, den Bauer zu quälen. Der Bauer ward reich, und sein Viehstand mehrte sich von Jahr zu Jahr. Es ging das dritte Jahr zu Ende, seit ihm der Knecht getreulich diente. Lohn hatte der Knecht keinen mit ihm verabredet, auch von Kleidern verlangte er nichts. So oft ihn der Bauer fragte, wieviel Jahreslohn er ihm zahlen solle, antwortete der Knecht immer, dazu sei Zeit genug. Eben ging das dritte Jahr zu Ende, da kam der Amtsdiener zum Bauer, und befahl ihm, er solle aufs Schloß gehen. Der Bauer ging sogleich, und der Herr sprach zu ihm: »Höre, ich will morgen in die Hölle fahren! Du hast gute Pferde, Du wirst mich hinführen. Morgen um acht Uhr früh komm hierher blos mit den Pferden; den Wagen bekommst Du hier!« Der Herr nämlich wußte nicht mehr, was er aussinnen sollte, um den Bauer zu plagen. Als der Bauer den gräßlichen Befehl hörte, entsetzte er sich und sagte: »Gnädigster Herr, Gott bewahre uns vor der Hölle!« Der Herr aber stampfte mit dem Fuße und schrie: »Morgen um Acht wirst Du da sein! Hörst Du?« Der Bauer bejahte kummervoll und ging nach Hause. War er die beiden früheren Male traurig gewesen, so war er es jetzt um desto mehr; der Knecht jedoch war ungewöhnlich lustig, und fragte ihn: »Was fehlt Euch, Herr?« – Der Bauer antwortete: »Ach Sohn, ich weiß, daß Du mir nicht helfen kannst; allein wenigstens will ich mein Herz vor Dir ausschütten. Unser Herr – Gott verzeih' mir meine schweren Sünden! – ist ein verruchter Mensch. Sieh, Sohn, wir beten, daß uns Gott vor der Hölle behüte, und Der will halsstarrig, daß ich ihn morgen in die Hölle fahre!« – Der Knecht sagte: »Laßt nur, Herr, laßt! Wer will, Dem geschieht kein Unrecht. Will er's so, soll er's haben. Morgen sind's drei Jahre, daß ich bei Euch diene, und ich hab' Euch noch nicht gesagt, wer und woher ich bin; jetzt will ich's Euch sagen. Ich bin der Teufel, und weil ich den Armen ihr Almosen nahm, mußte ich zur Strafe drei Jahre auf der Welt dienen.« Der Bauer fuhr erschrocken zusammen. »Erschreckt nicht, Herr! Ich bin Euch in nichts hinderlich gewesen, und hab' Euch treu gedient. Für meine Dienste verlange ich keinen andern Lohn von Euch, als daß Ihr morgen mit mir fahrt. Habt keine Furcht, Euch geschieht kein Leid; nehmt Euch nur Alles mit, was Ihr braucht. Sobald wir aus dem Schlosse sind, bleiben wir nicht eher stehen, als bis wir an Ort und Stelle ankommen. Sind wir dort, wird der Herr aussteigen; Ihr haltet die Pferde und seht Euch nicht um. Erst wenn sich ein schwarzer Hund zu Euch gesellt, dann blickt hinter Euch, damit Ihr seht, was mit Eurem Herrn geschieht. Dann folgt dem Hunde nach; er wird Euch bald nach Hause führen!« Was sollte der Bauer thun? Er mußte einwilligen, daß er mit dem Knecht fahren wolle, denn sonst hätte er seine Pferde nicht heimbekommen. Zeitig früh stand der Knecht auf, und fütterte und kämmte die Pferde in Einem fort.. Als die achte Stunde da war, setzten sie sich auf und ritten in's Schloß. Indem sie sich dem Schlösse näherten, sahen sie den Herrn schon am Fenster, und im Hofe stand der Wagen bereit. Kaum hatten sie eingespannt, so saß der Herr schon im Wagen. Dann setzte sich der Knecht auf den Bock, der Bauer stellte sich hinten auf, und vorwärts gings. Die Pferde flogen wie der Sturmwind. »Oha, Bursche, oha!« rief der Bauer. »Mein Hut ist mir hinunter geflogen!« Der Knecht lachte: »Ha, ha! Euer Hut ist schon im neunten Gebiet vom Schloß. Wenn Ihr zurückkehrt, findet Ihr ihn.« Dem Bauer schien's, als wären sie erst ein kleines Stück gefahren. In kurzem gelangten sie auf eine ungeheuer große Wiese; so weit das Auge reichte, war Alles eben, kein Bäumchen rings zu schauen. Sie blieben stehen; der Herr stieg aus dem Wagen, und der Bauer wandte sogleich mit den Pferden um. Es währte nicht lange, so gesellte sich ein schwarzer Hund zu ihm. Als er den Hund gewahrte, erinnerte er sich, daß der Knecht ihm befohlen habe, hinter sich zu blicken. Statt der Wiese sah er lauter stinkenden Qualm. Vor Entsetzen konnte er den furchtbaren Rauch gar nicht ansehen; er stieg rasch in den Wagen, der Hund lief vor den Pferden her und zeigte ihm den Weg, und er folgte nach. Bald fand er seinen verlornen Hut wieder, und war dann sogleich zu Hause; der böse Herr aber kehrte nie mehr auf seinen Herrensitz zurück. Die Reise zur Sonne. An einem Königshofe war einmal ein Küchenjunge. Aber wenn auch nur ein Küchenjunge, er wäre, hätte man ihm stattliche Kleider angelegt, unstreitig der schönste, beste Junge im ganzen Lande gewesen. Er wurde mit der Tochter des Königs bekannt, die um ein Jahr jünger war als er, und sie befreundeten sich so, daß von dieser Zeit an kein Tag verfloß, wo sich nicht die Prinzessin mit ihm in dem großen königlichen Garten unterhalten hätte. Den Räthen des Königs war dies nicht recht. Eine Prinzessin und ein Küchenjunge! Sie lagen dem alten König an, er solle ihn fortjagen lassen. Der alte König folgte seinen Räthen, und befahl, ihn fortzujagen. Allein die Prinzessin brach in Thränen aus, sobald sie ihn nur anrührten; denn sie hatte ihn sehr lieb, und wußte nicht, wie sie sich ohne ihn unterhalten könnte. »Ei was!« dachte der alte König, »sie sind ja noch Kinder, mit der Zeit werden sie schon zu Verstand kommen!« und ließ Alles beim Alten. Es blieb also Alles, wie es war; die Kinder spielten mit einander, und Niemand durfte sie hindern. Allmählich hörten sie auf, Kinder zu sein; ihre Freundschaft aber dauerte fort, und wurde von Tag zu Tag inniger und fester. Die Prinzessin wuchs heran, sie war bereits heirathsfähig. Von allen Enden der Welt kamen Königssöhne herbei, um sie zu werben. Der königliche Palast erscholl von Musik und Becherklang. des Weins und der köstlichen Speisen gab's in Hülle und Fülle. Die Prinzessin konnte zehn Königssöhne für einen haben; allein sie zog sich von ihnen zurück, sobald sie nur konnte, und eilte, sich mit ihrem Küchenjungen zu unterhalten. Und wenn sie der Vater fragte, wer ihr gefalle, wen sie zum Gemahl haben wolle, so antwortete sie immer, daß ihr der Küchenjunge am besten gefalle, daß sie keinen andern zum Gemahl nehmen wolle. Der alte König ärgerte sich gewaltig. So viele Königssöhne und ein Küchenjunge! Ei berief seine Räthe, damit sie ihm sagten, was er thun solle. Sie riethen ihm sogleich, er solle den Küchenjungen umbringen lassen. Allein dem guten König schien es unrecht, den unschuldigen Jungen gewaltsam umbringen zu lassen. »Erlauchter König,« sprach der weiseste der Räthe. »scheint Dir das unrecht, so schicken wir ihn auf gute Art irgendwohin daß er, wenn er auch hundert Jahre reist, nicht wiederkehren kann. Schicken wir ihn zur Sonne, daß er sie frage, warum sie Vormittags immer höher steigt, und Alles mehr und mehr erwärmt, und warum sie Nachmittags immer niedriger sinkt, und Alles minder und minder erwärmt!« Dieser weise Rath gefiel dem König. »Wenigstens,« sprach er, »wird ihn meine Tochter vergessen, wenn sie ihn so lange nicht sieht.« Sie riefen sogleich den Küchenjungen, gaben ihm Geld auf den Weg, und schickten ihn zur Sonne, damit er Antwort auf die Frage brachte. Mit Thränen schied die Königstochter von ihrem Freunde, mit schwerem Herzen begab er sich auf den Weg. Niemand wußte ihm Rath zu ertheilen, Niemand wußte ihm zu sagen, welchen Weg er nehmen solle. Allein ihm rieth sein eigener Verstand; er ging nicht der Sonne entgegen, sondern der Sonne nach, gerade dorthin, wo sie niedersinkt. Er ging und ging durch öde Wälder, auf unwegsamen Pfaden, bis er nach langem Gehen in ein fremdes Land kam, wo ein mächtiger, aber blinder König herrschte. Als der König erfuhr, woher er komme, wohin er gehe, was er beabsichtige, ließ er ihn sogleich vor seinen goldenen Thron rufen; denn er bedurfte guten Rathes, welchen ihm Niemand als die Sonne ertheilen konnte. Der Gerufene kam. »Du gehst zur Sonne, mein Sohn?« – »So ist es in der That.« – »Nun, wenn Du hingehst, so frag' die Sonne doch, warum ich, ein so mächtiger König, auf meine alten Tage erblindet bin. Vollführst Du's, so geb' ich Dir alsogleich die Hälfte meines Königreichs.« Der Küchenjunge versprach's, erhielt Geld, und zog der Sonne weiter nach über Berg und Thal, wo nichts zu hören und nichts zu sehen war, bis er zu einem Meere kam. Das Meer war breit und tief. Er durfte weder rechts noch links, denn die Sonne sank gerade hinter dem Meere unter. Was sollte er thun? Er ging am Ufer sinnend hin und her. Als er so nachsann, kam ein großer Fisch zu ihm. Halb war er über dem Wasser, halb unter dem Wasser; sein Bauch war wie bei andern Fischen, sein Rücken aber funkelte wie eine glühende Kohle, und das rührte von dem Glanz der Sonne. »Woher bist Du?« fragte ihn der Fisch, »was machst Du da? wohin gehst Du?« – »Was ich mache? wohin ich gehe? Ich möchte gern auf die andere Seite, denn ich muß zur Sonne, sie zu befragen, und ich kann nicht hinüber.« – »Zur Sonne? Nun, Du sollst hingelangen, ich will Dich hinübertragen, wenn Du sie fragst, woher es kommt, daß ich, ein so großer Fisch, mich nicht auf den Grund des Wassers niederlassen kann, wie die anderen Fische. Willst Du sie fragen?« – »Ich will« entgegnete der Küchenjunge, und schon saß er auf dem Rücken des Fisches, der ihn glücklich auf das andere Ufer hinüber trug. »Komm wieder hierher, ich will auf Dich warten,« sagte der Fisch zu ihm, und er bejahte mit dem Haupte und verfolgte seinen Weg weiter durch fremde und wüste Gegenden, wo es keinen Vogel, noch weniger einen Menschen gab. Schon war er nicht weit mehr vom Ende der Welt: da sah er die Sonne nah vor sich zur Erde sinken. Er eilte aus Leibeskräften, soviel er konnte. Als er hinkam, ruhte die Sonne eben im Schooße ihrer Mutter aus. Er verneigte sich und sie dankten ihm. Er begann zu reden und sie horchten auf. Er fragte: »Wie so kommt es, daß die Sonne Vormittags immer höher und höher steigt, und immer mehr wärmt, Nachmittags aber wieder niedersinkend immer schwächer und schwächer wird?« Die Sonne sprach zu ihm: »Ei mein Lieber, frag' doch Deinen Herrn, warum er nach der Geburt immer mehr wächst an Leib und Kraft, und warum er sich im Alter zur Erde neigt und schwächer wird. Auch mit mir ist's so. Meine Mutter gebiert mich jedes Morgens neu als einen schönen Knaben, und jedes Abends begräbt sie mich als einen schwachen Greis.« Dann fragte der Küchenjunge weiter:« Warum ist jener mächtige König in seinem Alter erblindet, da er doch früher so gut sah?« – »Ha, warum er erblindet ist? Darum, weil er stolz wurde, darum, weil er sich Gott gleichstellen wollte und sich einen mit Sternen besä'ten Himmel aus Glas bauen ließ, damit er, so thronend, dem ganzen Lande Befehle gebe. Wenn er sich vor Gott demüthigt und den gläsernen Himmel zertrümmern läßt, wird ihm das verlorne Augenlicht zurückkehren.« – »Und warum kann sich jener Fisch nicht, gleich den andern Fischen, auf den Grund des Wassers niederlassen?« – »Weil er noch kein Menschenfleisch gegessen. Doch sag' ihm dies nicht früher, als bis Du über dem Meere, ein gutes Stück vom Ufer bist!« – Hierauf nahm der Küchenjunge dankend Abschied. Aber die Sonne gab ihm außer gutem Rath noch ein Gewand, das bequem in eine Nußschale hineinging; das war ein Sonnenkleid. Er begab sich zurück und kam zum Meere. Sogleich begann der Fisch ihn nach der Antwort zu fragen; allein er wollte sie ihm nicht mittheilen, bevor ihn der Fisch nicht über das Meer geschafft hätte. Der Fisch nahm ihn also auf den Rücken und schwamm mit ihm, die Wellen durchschneidend. In der Mitte des Meeres fragte er ihn abermals, und drohte ihn ins Wasser zu werfen, wenn er ihm nicht die Antwort sage. »Droh', wie Du willst, ich sage Dir die Antwort nicht früher, als bis wir drüben sind!« Und so sagte er dem Fische nichts, als bis er am andern Ufer war. Hier begann er zu laufen, und rief ihm während des Laufens das Geheimniß zu. Der Fisch gerieth in Wuth. als wäre der Satan in ihn gefahren. Er schlug das Meer mit seinem Schweife, daß das Wasser austrat, und dem Küchenjungen bis an den Gürtel reichte; doch war es schon zu spät, er war schon zu weit, der Fisch konnte in so seichtem Wasser nicht schwimmen, denn er war zu groß. »Hat mich der Teufel jetzt nicht bekommen, bekommt er mich nimmer!« dachte der Küchenjunge, und zog fröhlich weiter, immer der Sonne entgegen, um den Weg nicht zu verfehlen. Nach langem Wandern gelangte er zu dem blinden König. – »Nun, hast Du's vollführt? Weißt Du, warum ich erblindet bin?« – »Darum bist Du erblindet, weil Du stolz wurdest, und Dich Gott gleichstellen wolltest. Nur erst wenn Du Deinen gläsernen Himmel zertrümmerst, und Dich vor Gott demüthigst im Staube, wird Dir Dein Augenlicht alsbald wiederkehren!« Der König gehorchte, zertrümmerte seinen Himmel, demüthigte sich im Staube, und sogleich sah er hell, als ob er aus dem Grabe an Gottes Sonnenlicht getreten wäre. Er schenkte dem Küchenjungen die Hälfte seines Königreichs. Der Küchenjunge war nun König, wie ein anderer, doch säumte er keinen Augenblick, sondern eilte nach Hause. Und er that wohl daran, denn kaum war er dort, so wurden die Glocken geläutet und die Kirchenthüren angelweit geöffnet: »Was hat sich da zugetragen, was giebt es Neues?« fragte er die Leute. – »Die Königstochter heirathet, eben werden die Glocken zur Trauung geläutet!« Da überlegte er, was er thun solle. Er zog aus seinem Bündel die Nußschale, aus der Nußschale das Sonnenkleid, legte es an und setzte sich in die erste Bank am Altare. Nach einer Welle kamen im langen Zug die Hochzeitsgäste. Jeder blickt verwundert den reichen Gast in der ersten Bank an, Einer fragt flüsternd den Andern, wer das sei; aber Niemand erkennt ihn. Keiner weiß es. Es kommt auch die junge Braut. Sie fragt nicht, wer das in der ersten Bank sei, sie fliegt auf ihn zu, und ist nicht mehr von ihm zu trennen, will nichts von Trauung mit einem Andern wissen. Als der alte König vernommen, was in der Kirche geschehen war, ließ er den Küchenjungen in seinem Sonnenkleid vor den Thron führen. Da erzählte der Küchenjunge vom Anfang bis zum Ende, wie es ihm ergangen. Als er zu Ende war, nahm er die junge Prinzessin, die ihn nun noch lieber hatte, als zuvor, bei der Hand, und gesegnet vom alten König, schritten sie zum Altar. Dann lebten sie als Ehepaar, und herrschten nach dem Tode des alten Königs glücklich bis ans Grab. Das hergestellte Eheglück . Es war ein reicher Bauer, der ein einfältiges Weib hatte. Er lebte nicht lange, und als er starb, verblieb der Bäuerin sein ganzes Vermögen. Sie weinte Tag und Nacht um ihn, bis sie von ihrem bischen Verstand noch weniger behielt, als sie zuvor besessen. Trotzdem bewarb sich wieder ein Bauer um sie, und heirathete sie. Er dachte sich: »Hat sie auch nicht viel Verstand, so hat sie doch viel Geld!« Aber ihre Ehe war nicht glücklich; der Bauer hatte mit der Bäuerin keine Geduld. Eines Tages fuhr er in den Wald; die Bäuerin blieb allein zu Hause. Es kam ein bettelnder Wanderbursch. Die Bäuerin gaffte ihn an und fragte: .»He, wo kommt Ihr denn her?« Der Wanderbursch merkte, daß sie einfältig sei. »Vom Himmel herunter.« – »I vom Himmel herunter!« verwunderte sich die Bäuerin. »Und warum denn?« – »Um Euch zu besuchen.« »I – was!« rief erfreut die Bäuerin. »Habt Ihr denn dort auch meinen seligen Mann gesehen? Es sind schon drei Jahre, daß er gestorben.« – »Freilich hab' ich ihn gesehen,« entgegnete der Wanderbursch. – »Was macht er denn dort?« – »Nichts macht er. Die Kleider, die er hatte, sind schon hin. Er geht fast nackt.« – »Und was ißt er denn dort?« – »Nichts ißt er. Er hat nichts zu essen.« – »Ich bitt' Euch, geht Ihr denn wieder in den Himmel zurück?« – »Versteht sich.« – »Wärt' Ihr nicht so gut, etwas für ihn mitzunehmen? Möcht' ihm gern was schicken. Sagt mir, was soll ich ihm schicken?« – »I nu Essen, Kleider und Geld!« meinte der Wanderbursch. Die Bäuerin holte fünf Pfund Butter, zwei Stück Käse, zwei Laib Brot, zwei Viertel Hirse, Hemden, Strümpfe, Hosen. Schuhe, Stock, Hut und vierzig Ducaten. und gab dies Alles dem Wanderburschen für ihren seligen Mann. Der Wanderbursch nahm's in Empfang, und ging seine Wege. Abends kam der Bauer aus dem Wald. Die Bäuerin erzählte ihm sogleich: »Lieber Mann, heut war ein Bote aus dem Himmel da, und brachte mir einen Gruß von meinem Seligen. Er sagte mir Alles, daß mein Seliger Noth leidet, und nackt geht, und keinen Bissen zu essen hat!« – »Hat Dir wieder Jemand was auf die Nase gebunden?« verlachte sie der Bauer. »Du hättest Deinem Seligen Etwas schicken sollen!« – »Hab's ja gethan!« rief voll Freude die Bäuerin. – »Was hast Du ihm denn geschickt?« – »Hab' ihm fünf Pfund Butter geschickt, zwei Stück Käse, zwei Laib Brot, zwei Viertel Hirse, Hemden, Strümpfe, Hosen, Schuhe, Rock, Hut und vierzig Ducaten.« Der Bauer gerieth in Wuth, griff zur Peitsche, und hieb die arme Bäuerin. Hierauf zählte er die Ducaten, die ihm noch übrig geblieben waren, und versteckte sie in einen Milchnapf. Die Bäuerin sah's. Sie fragte ihn: »Lieber Mann, was giebst Du denn in den Milchnapf?« – »Still!« entgegnete der Bauer. »Sieh nicht her! Das sind lauter Gespenster. Ich will sie in die Kammer tragen. Geh' ja nicht hinein, so lange sie drin sind!« – Sie fragte ihn weiter: »Für wen hebst Du sie denn auf?« – »Für den Nothfall ,« war die Antwort. Des andern Morgens fuhr der Bauer abermals in den Wald. Es kam ein Töpfer mit Töpfen, die er auf den Markt trug, und hielt bei der Bäuerin, daß sie ihm einen Trunk reiche. »Seid Ihr der Nothfall ?« fragte ihn die Bäuerin. Der Töpfer merkte, daß sie einfältig sei, und erwiederte: »Freilich bin ich der Nothfall .« – »Da bin ich froh,« rief die Bäuerin. »Mein Mann hat für Euch Gespenster aufgehoben. Ich darf nicht in die Kammer, so lange sie drin sind. Geht, geht, und nehmt sie Euch!« Der Töpfer ging, nahm den Milchnapf mit den Ducaten, schüttete die Ducaten in seinen Sack, warf den Sack über den Rücken und machte sich auf den Weg mit den Worten: »Für die Gespenster könnt Ihr alle die Töpfe behalten!« Die Bäuerin stellte die Töpfe in die Kammer, wo früher die Gespenster gewesen, und da sie nicht alle hineinbringen konnte, hing sie die übrigen auf den Latten des Zauns vor dem Hause auf. Als der Bauer bald nachher heimkehrte, und die Töpfe hangen sah, sprach er zu seinem Knecht, der ihn begleitete: »Da sieh einmal, was für Töpfe auf den Latten hangen! Gewiß hat mein Weib wieder ein Stückchen ausgeführt,« Er fuhr die Bäuerin an: »Bist Du von Sinnen?« – »I behüte!« entgegnete die Bäuerin. »Es war der Nothfall da, für den Du die Gespenster aufgehoben, und der hat die Gespenster fortgetragen und mir alle, alle die Töpfe dafür geschenkt. Bin recht froh, daß ich wieder in die Kammer kann!« Da begann sich der Bauer die Haare auszuraufen und erhob ein Zetergeschrei, daß er gerade um den Theil seiner Habe gekommen, der ihm das meiste Vergnügen gemacht, bis er endlich grimmig rief: »Nach welcher Seite ist der Schelm fort?« Die Bäuerin zeigte ihm den Weg; er schwang sich auf seinen Gaul und jagte nach. Jetzt näherte er sich dem Töpfer. Als dieser merkte, daß ihm der Bauer auf den Fersen sei, fing er geschwind einen Frosch, und deckte ihn mit der Mütze zu. Der Bauer ritt heran, und da der Töpfer ruhig dasaß, dachte er nicht, daß er der Töpfer sei, sondern fragte ihn, ob er Niemanden des Weges habe dahin eilen sehen. »Ja wohl!« sagte der Töpfer. »Dorthin ist er geeilt. Vermuthlich hat er Euch was gestohlen? Wartet, Ihr seid erschöpft: gebt mir Euer Pferd, ich kenn' ihn, ich werd' ihn bald haben; – haltet indessen die Mütze, daß mir der Vogel darunter nicht fortfliegt!« Der Bauer gab ihm sein Pferd, setzte sich und hielt die Mütze, während der Töpfer davonjagte. Der Bauer wartete, wartete lange, wartete in einem fort – der Mensch kam nicht zurück. »Was für einen Vogel muß er doch unter der Mütze haben?« dachte der Bauer, langte mit der Hand unter die Mütze, und faßte – den Frosch. »Potz Element!« rief er in die Höhe fahrend. »Jetzt geh'n mir die Augen auf. O der verwetterte Kerl und ich – Schafskopf! Die Ducaten dahin, und mein Gaul dazu, und ich – ich geb' ihm selbst noch den Gaul. Aber mir geschieht recht; recht geschieht mir! Mein Weib hab' ich gepeitscht – o ich verdiente eine noch zehnmal größere Portion Hiebe! Sag' mir künftig Niemand, daß sie einfältig ist; von heut' an lass ich mir's nicht nehmen, daß ich noch einfältiger, bin als sie!« Und von dem Tag an wurde das Betragen des Bauers gegen die Bäuerin ganz anders. Er schalt sie nicht mehr ihrer Einfältigkeit wegen; zur Peitsche griff er um desto weniger, er hatte Geduld mit ihr, und regte sich ja einmal die alte Ungeduld in ihm, so erinnerte er sich nur an die Geschichte mit dem Töpfer: – kurz das Eheglück des Paares war hergestellt. Warum die Hunde die Katzen anknurren   und warum die Katzen den Mäusen feind sind Von dem Menschen, dem Herrn aller Erdengeschöpfe, bekamen die Hunde das Privilegium, ihn auf seinen Wegen zu begleiten, sein Haus und Eigenthum zu bewachen, und ihm bei seinen verschiedenen Geschäften behülflich zu sein. Durch solchen Vorzug wurden die Hunde nicht wenig stolz, die Katzen aber beneideten sie. Daher hielten die Katzen einen Landtag und beschlossen, den Hunden ihr Privilegium zu nehmen. So geschah's. Die Katzen stahlen bei der ersten Gelegenheit das besagte, auf Pergament geschriebene Hundeprivilegium und schleppten es in eine Kammer unter altes Rumpelwerk. Dort fand es eine Maus, als sie Nahrung suchte, lief sogleich voll Freude zu ihren Schwestern, und zeigte ihnen an, welch rare Sache sie gefunden. Die Mäuse hielten Rath, was sie thun sollten, damit das kostbare Privilegium in ihrer Gewalt bliebe. Lange konnten sie nicht recht einig werden, bis sich die älteste von ihnen erhob und sprach: »Schwestern, mich bedünkt, es wird das Beste sein, wenn wir das Privilegium aufessen. So bemächtigen wir uns seiner vollkommen, und brauchen nicht zu fürchten, daß es uns jemand wieder entreiße!« Der Vorschlag gefiel allen; sie begaben sich ohne Verzug zu dem Festschmaus, und aßen das Privilegium auf, daß nicht das kleinste Stückchen übrig blieb. Nach einiger Zeit hatten die Hunde eine Versammlung, und befahlen ihrem Archivar, das Privilegium zu holen, damit die erlauchte Versammlung Einsicht nehmen könnte. Der Archivar mußte wider Willen mit der Sprache heraus, die Katzen hätten es gestohlen; denn das hatte er indeß schon in Erfahrung gebracht. Die Hunde fuhren sogleich auf die Katzen los, sie möchten ihnen, wenn sie wollten, im Guten das Privilegium herausgeben. Die Katzen leugneten zuerst; als sie jedoch von den Hunden sehr gedrängt wurden, beschlossen sie, es ihnen auszuliefern. Nun fuhren die Katzen wieder auf die Mäuse los, indem sie sagten, in die Kammer zu dem alten Rumpelwerk, wo sie das Privilegium aufbewahrt hätten, habe Niemanden der Zutritt freigestanden als den Mäusen; sie sollten also Rede stehen. Die Mäuse aber konnten das Privilegium nicht herausgeben, weil sie es nach dem Rathe ihrer ältesten Schwester aufgegessen hatten. Und von dieser Zeit wurden die Katzen von den Hunden entsetzlich gehaßt und furchtbar verfolgt. Die Katzen jedoch schworen des Hasses und der Verfolgung wegen, die sie von den Hunden zu erleiden hatten, unaufhörlichen Krieg gegen die Mäuse zu führen. Darum knurren die Hunde die Katzen an, und darum sind die Katzen den Mäusen feind. Das goldene Spinnrad Das goldene Spinnrad. S. zur Vergleichung die treffliche Bearbeitung desselben Stoffes von K. J. Erben in meinem »Rosmarinkranz,« Regensburg, Mainz. 1855. Eine arme Wittwe hatte zwei Töchter, die Zwillinge waren. Sie glichen sich in ihrem Aeußeren so sehr, daß man sie nicht unterscheiden konnte. Um desto verschiedener waren sie in ihrem Wesen. Dobrunka war gehorsam, arbeitsam, freundlich und verständig, kurz, ein überaus treffliches Mädchen; Zloboha Dobrunka und Zloboha. Diese sonst nicht gewöhnlichen Namen haben hier besondere Bedeutung. Dobrunka kommt von dobry, gut; Zloboha von zly, böse und Bůh, Gott. dagegen war schlimm, rachsüchtig, unfolgsam, faul und hoffärtig, und hatte überhaupt alle Untugenden, die zusammen bestehen können. Dennoch hatte die Mutter Zloboha weit lieber, und erleichterte ihr's, soviel sie nur vermochte. Sie wohnten im Wald in einer kleinen Hütte, wohin sich selten wer verirrte, obwohl es nicht weit von der Stadt war. Damit Zloboha etwas lerne, brachte sie die Mutter nach der Stadt in einen Dienst, wo es ihr ziemlich gut erging. Dobrunka mußte indeß die kleine Wirthschaft führen. Wenn sie früh die Ziege gefüttert, das schlichte Mahl bereitet, Stube und Küche rein gekehrt und in Ordnung gebracht hatte, mußte sie sich noch, wofern's nicht nothwendigere Arbeit gab, zum Spinnrad setzen und spinnen. Ihr feines Gespinnst verkaufte dann die Mutter in der Stadt, und kaufte von dem Gelde nicht selten ein Kleid für Zloboha; die arme Dobrunka erhielt niemals das Geringste davon. Dessenungeachtet liebte sie ihre Mutter, und obwohl sie den ganzen Tag kein freundliches Gesicht von ihr bekam, noch ein gütiges Wort hörte, so gehorchte sie ihr doch stets ohne Unwillen und Widerrede, und murrte nicht einmal in Gedanken gegen sie. Einst ging die Mutter in die Stadt. »Das rath' ich Dir, daß Du nicht müßig bist, während ich fort bin!« sagte sie zu Dobrunka, die ihr ein Stück Weges das Bündel mit dem Gespinnst tragen half. »Ihr wißt ja, Mütterchen, daß ich mich nicht zur Arbeit nöthigen lasse, folglich werd' ich auch heut, wenn ich zuvor aufgeräumt habe, fleißig spinnen, daß Ihr mit mir zufrieden sein sollt.« Als sie der Mutter das Bündel gereicht, kehrte sie in die Hütte zurück, und nachdem sie in der Stube und Küche alles in Ordnung gebracht, setzte sie sich zum Spinnrad und spann. Es war ihre Gewohnheit, daß sie, wenn sie allein zu Hause war, beim Spinnen sang; drum begann sie auch diesmal, nachdem sie sich gesetzt, mit heller Stimme alle Lieder nach einander zu singen, die sie kannte. Da hört sie außen plötzlich Pferdegestampf. Sie denkt bei sich: »Wer mag sich zu uns her verirrt haben? Muß doch seh'n!« Sie steht vom Spinnrad auf, und guckt durch das kleine Fenster hinaus, wo sie einen jungen Mann vom feurigen Rosse absteigen sieht. »Das ist ein schöner Herr!« flüstert sie für sich, indem sie fortwährend beim Fenster bleibt. »Wie gut ihm der Pelz und wie gut ihm die Mütze mit der weißen Feder zu den schwarzen Locken steht! Jetzt bindet er sein Pferd an und geht zu uns. Muß doch seh'n, was er will.« In dem Augenblicke trat der junge Herr zur Thür herein; denn damals gab's noch keine Riegel und Schlösser, und ging doch Niemand was verloren. »Gott grüß' Dich, Maid!« sprach er zu Dobrunka. »Euch gleichfalls, Herr!« entgegnete Dobrunka. »Was wünscht Ihr?« »Etwas Wasser zum Trinken, ich habe großen Durst.« – »Will Euch sogleich dienen. Setzt Euch indeß!« Sie lief, nahm den Krug, spülte ihn rein aus, schöpfte Wasser am Brunnen, und brachte es dem Herrn. »Möcht' Euch gern mit etwas Besserem aufwarten, doch ich hab' nichts Anderes.« – Sieh, wie mir's geschmeckt!« versetzte der Herr, ihr den leeren Krug reichend. Dobrunka stellte ihn wieder an seinen Platz, ohne zu bemerken, daß ihr der Herr indeß einen Beutel mit Geld heimlich unter das Kissen gesteckt. »Dank für die Erfrischung, und erlaubst Du, komm' ich morgen wieder.« – »Wenn's Euch Vergnügen macht, so kommt!« Hierauf reichte er Dobrunka die Hand, ging hinaus, schwang sich auf's Roß und ritt davon. Dobrunka setzte sich wieder zu ihrem Spinnrad, doch das Bild des jungen Mannes schwebte beständig vor ihr. Noch niemals war ihr der Faden so oft gerissen, als diesmal. Abends kam die Mutter nach Hause, und erzählte eine Menge, was Zloboha schon kenne, und wie sie von Tag zu Tag schöner werde. Zuletzt fragte sie: »Hast Du nichts gehört? Es soll hier eine große Jagd gewesen sein.« »Ach ja, ich vergaß Euch zu sagen, daß ein Herr bei uns einkehrte. Er bat mich um etwas Wasser, das ich ihm sogleich brachte. Er hatte ein schönes Pelzkleid an. Wißt Ihr, als wir in der Stadt waren, sahn wir auch Herren in solchem Pelzanzug, eine Mütze mit weißer Feder auf dem Kopf. Um die Schulter trug er eine Armbrust. Wahrscheinlich war es einer von den Jägern. Nachdem er getrunken, setzte er sich auf seinen Rappen und ritt fort.« Das jedoch verschwieg Dobrunka, daß er ihr beim Scheiden die Hand gedrückt und versprochen, morgen wiederzukommen. Abends, als Dobrunka die Betten zurechtmachte, fiel ein schwerer Beutel mit Geld heraus. Verwundert hob ihn Dobrunka auf und reichte ihn der Mutter. »Wer hat Dir das Geld gegeben?« – »Mir – Niemand! Vielleicht hat es der Herr hierher gesteckt; sonst wüßt' ich nicht, wie es hergekommen.« Die Mutter leerte den Beutel auf den Tisch aus. Es war lauter Gold. »Um des Himmels willen, so viel Geld!« wunderte sich die Alte. »Das muß ein reicher Herr sein. Vielleicht hat er die Armuth bei uns wahrgenommen und ein mildes Werk geübt. Gott mög' ihn segnen dafür!« Dann scharrte sie das Geld zusammen und verwahrte es in der Truhe. Wenn Dobrunka sonst zur Ruhe ging, schlief sie, von der Tagesarbeit ermüdet, bald ein: diesmal vermochte sie's durchaus nicht, immer schwebte ihr das Bild des Reiters vor, und erst spät Nachts kam ihr der Schlummer. Da träumte ihr, sie befinde sich in einem großen Schlosse und sei die Gemahlin eines mächtigen Herrn und dieser mächtige Herr sei der Reiter, den sie gestern gesehen. Es ward ein großes Festmahl gegeben, bei dem viele Gäste anwesend waren; da stürzt plötzlich eine schwarze Katze auf sie los, und haut die Krallen tief in ihr Herz, daß ein Blutstrom ihr weißes Gewand bespritzt. In dem Augenblicke schreit Dobrunka auf und erwacht. »Das war ein sonderbarer Traum!« sagte sie zu sich. »Wie wird das enden? Er fing so schön an, allein die grausame Katze verdarb Alles. Das bedeutet nichts Gutes.« Mit dieser Traumdeutung stand Dobrunka auf und begann sich anzukleiden. Sonst brauchte sie nicht viel Zeit dazu, diesmal konnte sie nicht genug Sorgfalt darauf verwenden. Sie flocht sich das Haar und durchwand es mit rothen Bändern, was sie nur an Feiertagen zu thun pflegte; ihr Röckchen war blos von Zeug, doch rein und mit einem Bande gesäumt; dazu hatte sie ein Schnürleibchen von Damast und ein Hemd, weiß wie Schnee. Als sie sich so angezogen, war sie gar lieblich zu schauen. Dann ging sie an ihre Arbeit. Als der Mittag nahte, hatte sie am Spinnrad keine Ruh'; immerfort machte sie sich außen etwas zu schaffen, und dies nur, um den Reiter zu erspähen. Der ließ nicht lange auf sich warten. Dobrunka aber, als sie ihn von fern gewahrte, lief geschwind zu ihrem Spinnrad, damit er sie nicht sehe, und sich nicht denke, sie habe nach ihm gespäht. Als er angekommen, sprang er vom Pferde, trat in die Stube, und grüßte sie artig. Dobrunka's Herz pochte so stark, daß ihr das Schnürleibchen schier zu eng ward! Die Mutter sammelte Holz im Wald, Dobrunka war folglich allein. Als sie ihn begrüßt und eingeladen, sich zu setzen, ging sie wieder zu ihrem Spinnrad. »Hast Du gut geschlafen?« fragte der Jüngling, und nahm sie bei der Hand. »Wohl Herr!« – »Was träumte Dir denn?« – »Ach, ich hatte einen sonderbaren Traum!«– »Erzähl' ihn mir, ich kann Träume gut deuten.« – »Ich kann ihn Euch nicht erzählen.« – »Warum denn?« – »Nun, weil ich von Euch träumte.« – »Eben deshalb mußt Du mir den Traum erzählen.« So stritten sie mit einander, bis ihm Dobrunka den Traum dennoch erzählte. »Sieh, bis auf die Katze kann sich Dein Traum erfüllen.« – »Wie könnt' ich jemals so eine Frau werden!« – »Willst Du nicht mein Weib sein?« – »Herr, Ihr scherzt!« – »Nicht doch, Dobrunka, es ist kein Scherz. Ich mein' es ernstlich, und bin heut absichtlich gekommen, Dich zu fragen, ob Du mir Deine Hand reichen willst.« Dobrunka bedachte sich ein wenig, und reichte dann erröthend dem Reiter die Hand. Da trat die Mutter herein. Der Jüngling grüßte sie, eröffnete ihr sogleich ohne Umschweife, daß er Dobrunka lieb habe, so wie sie ihn, und daß ihnen zu ihrem vollkommenen Glücke nichts fehle, als der mütterliche Segen. »Ich hab' mein Haus«, fügte er hinzu, »und vermag ein Weib wohl zu ernähren; auch für Euch, Mütterchen, ist Raum genug in meinem Hause und an meinem Tisch.« Als dies die Alte hörte, weigerte sie sich nicht lange, ihnen ihren Segen zu geben. Darauf sprach er zu Dobrunka: »Spinn' nur fleißig, meine Liebe, Holde! Bis Du Dir Dein Hochzeitshemd gesponnen, komm' ich um Dich zu werben.« Dann küßte er sie, reichte der Mutter die Hand, schwang sich auf seinen Rappen und ritt schnell davon. Von dieser Zeit an ging die Mutter mit Dobrunka viel freundlicher um. Für das Geld, das ihnen der Herr hinterlassen, kaufte die Alte auch Manches für Dobrunka, obwohl Zloboha dennoch das Meiste bekam. Dobrunka aber kümmerte das nicht; ihre Freude war nur, am Spinnrad zu sitzen, fleißig zu spinnen, und an ihren Verlobten zu denken. So verrann ihr die Zeit, und eh' sie sich dessen versah, war das Hochzeitshemd gesponnen. Ihr Verlobter mußte das wohl berechnet haben, denn er kam an demselben Tage, wie er's zugesagt. Dobrunka lief ihm entgegen; er drückte sie an sein Herz, und fragte sie scherzend: »Hast Du Dein Hochzeitshemd fertig?« – »Freilich.« – »So kannst Du sogleich mit mir gehen.« – »Ei warum so eilig?« – »Ich kann nicht anders, meine Liebe! Morgen muß ich in den Krieg, und so möcht' ich gern, daß Du mich daheim vertretest, und kehr' ich zurück, mich als mein Weib begrüßest.« – »Was wird aber die Mutter dazu sagen?« – »Sie wird zufrieden sein.« Sie gingen in die Stube zur Mutter, welcher der Bräutigam seinen Wunsch eröffnete. Ihr Gesicht verfinsterte sich, denn sie hatte im Stillen einen ganz andern Plan ausgeheckt. Allein was sollte sie thun? Sie mußte sich in den Willen des reichen Bräutigams fügen. Als sie das Paar segnete, sprach der Jüngling zu ihr: »Nehmt Eure Sachen und kommt zu Dobrunka, daß ihr nicht bange. Wenn Ihr in die Stadt gelangt, fragt nur im fürstlichen Schlosse nach Dobromil; die Leute werden Euch schon zeigen, wohin Ihr zu gehen habt.« Dann faßte er die weinende Dobrunka bei der Hand, setzte sie vor sich aufs Roß und jagte fort. Im fürstlichen Schlosse waren viel Leute versammelt, alles rüstete sich zum Kriege. Einige aber standen am Thor, und es schien, als ob sie wen erwarteten. Da kam der Reiter gesprengt, vor sich auf dem Rosse die Jungfrau, die an Schönheit dem Tage glich. »Er kommt!« schrien sie, daß das Schloß erdröhnte, und alle ließen ihre Arbeit liegen und liefen zum Thor. Als Dobromil mit Dobrunka in den Schloßhof sprengte, drängten sich Alle heran, und als ob sie sich verabredet hätten, erscholl's mit einer Stimme: »Hoch lebe unsre Fürstin! Hoch lebe unser Fürst!« Dobrunka war wie im Traume und wußte nicht, was sie davon denken solle. »Dobromil, bist Du denn der Fürst?« fragte sie, in sein strahlendes Antlitz schauend. – »Ich bin's, und ist Dir das nicht lieb?« – »Mir gilt das gleich viel, sei wer Du magst; doch sprich, warum täuschtest Du mich so?« – »Ich täuschte Dich nicht, versprach ich Dir doch, daß sich Dein Traum erfüllen solle, wenn Du mich zum Manne nähmest.« Damals waren zu einer Hochzeit nicht so viele Vorbereitungen nöthig, wie jetzt. Wenn zwei einander lieb hatten, und die Eltern eingewilligt, war die Sache abgethan. Darum stellte Dobromil seine Dobrunka auf der Stelle seinen Unterthanen vor, worauf sich diese in den großen Saal begaben, wo sie bis spät in die Nacht beim fröhlichen Mahl saßen. Des anderen Tags nahm der junge Gatte von Dobrunka Abschied, und zog in den Krieg. Wie ein verirrtes Lamm ging die junge Fürstin in dem prächtigen Schlosse umher; sie hätte sich lieber im Wald getummelt, und in der einsamen Hütte die Rückkehr ihres Gatten erwartet, als hier, wo ihr bang war wie in der Fremde. Das währte indeß nicht lange; in einem halben Tag machte sie sich alle durch ihre Güte und Herzlichkeit geneigt. Tags darauf sandte sie um ihre Mutter; die kam und brachte ihr auch das Spinnrad. Nun war die Langweile vorbei. Dobrunka dachte, es werde für die Mutter eine angenehme Ueberraschung sein, wenn sie höre, was ihre Tochter geworden; Diese jedoch sah finster drein, denn sie wünschte im Herzen, es möchte solch Glück lieber Zloboha genießen. Das wurmte sie. Nach einigen Tagen sagte sie zu Dobrunka: »Ich weiß, liebe Tochter, daß Dir Deine Schwester viel Unrecht zugefügt; sie bereut es aber. Verzeih' ihr also, und nimm sie zu Dir!« – »Das würde ich schon vom Herzen gern gethan haben, wenn ich hätte hoffen können, daß sie zu mir gehe. Wollt Ihr, so holen wir sie auf der Stelle.« – »Ja, thun wir das!« Die Fürstin befahl den Wagen bereit zu machen; dann setzten sich Beide ein, und fuhren zum Wald. Als sie an dessen Rand gelangten, stiegen sie ab. Dobrunka befahl dem Diener zu warten, und ging mit der Mutter zur Hütte. Als sie sich der Hütte näherten, kam ihnen Zloboha entgegengelaufen, küßte ihre glückliche Schwester, und wünschte ihr, es möchte ihr immer so gut ergehen. Hierauf führten die Betrügerinnen sie in die Stube. Kaum aber hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt, so ergriffen sie Beide, und Zloboha stieß ihr das bereit gehaltene Messer in den Leib. Dann hieben sie ihr Hände und Füße ab, schälten ihr die Augen aus, und schleppten die so verstümmelte Leiche in den Wald; Augen, Füße und Hände jedoch hoben sie auf, und nahmen sie mit sich ins Schloß, indem sie glaubten, der Fürst würde sie nicht so lieb haben, wenn nicht etwas von der vorigen Frau im Hause wäre. Zloboha zog die Kleider Dobrunka's an, und verließ mit der Mutter die Hütte. Hinterm Walde setzten sie sich in den Wagen und fuhren zum Schloß. Im Schlosse bemerkte Niemand, daß dies nicht die wahre Frau sei; den Dienern schien es nur, ihre Herrin sei Anfangs viel besser gewesen als jetzt. Inzwischen war die arme Dobrunka nicht todt; sie kam nach einigen Stunden zum Bewußtsein, und da fühlte sie, daß sie eine warme Hand streichle und ihr Arzneitropfen in den Mund träufle. Wer es sei, wußte sie freilich nicht, weil sie keine Augen hatte. Als sie sich allmählich an alles erinnerte, begann sie sich über die unnatürliche Mutter und die grausame Schwester zu beklagen. »Schweig' und klage nicht!« ließ sich eine leise Stimme neben ihr vernehmen. »Alles wird glücklich enden.« – »Ach, wie ist das möglich, da ich keine Augen, keine Füße und Hände habe! Niemehr werd' ich die helle Sonne schauen und den grünen Hain; niemehr meinen Dobromil umarmen, noch Hemden für ihn spinnen. Was hab' ich verschuldet. Du schlimme Mutter, und Du noch schlimmere Schwester, daß Ihr mich so elend gemacht?« Inzwischen ging der Greis, der vordem zu ihr geredet, aus der Höhle heraus, worin sie sich befanden, und rief dreimal. Da kam ein Knabe zu ihm gelaufen, und fragte ihn, was er wünsche. Er befahl ihm zu warten, bis er wiederkehre. In einer Weile brachte er ein goldenes Spinnrad, und sprach: »Mit diesem Spinnrad wirst Du in die Stadt gehen, in das fürstliche Schloß. Dort wirst Du Dich mit ihm hinsetzen, und fragt Dich jemand, was es koste, so sagst Du: »Zwei Augen,« und giebst es Niemandem, der Dir nicht zwei Augen bringt.« Mit diesem Auftrag sandte er den Knaben fort, und kehrte zu Dobrunka zurück. Der Knabe schritt zur Stadt und gerad' in das Schloß, wo er sich mit dem Spinnrad beim Thore niedersetzte, eben als Zloboha mit ihrer Mutter von einem Spaziergang zurückkam. »Seht doch, Mutter,« rief sie, »welch prachtvolles Spinnrad! Auf dem könnt' ich selbst spinnen. Wartet, ich will fragen, ob es feil ist.« Sie trat näher zu dem Knaben, und fragte, was das Spinnrad koste. »Zwei Augen, Frau!«– »Zwei Augen?« – »Ja.« – »Das ist sonderbar. Warum gerade zwei Augen?« – »Das weiß ich nicht. Der Vater hat es so befohlen, und darum darf ich's nicht für Geld verkaufen.« Zloboha besah sich das Spinnrad in einem fort, und je mehr sie sich's besah, um desto mehr gefiel's ihr. Auf einmal erinnerte sie sich an Dobrunka's Augen. »Seht, Mutter, als Fürstin muß ich doch etwas haben, was sonst Niemand hat. Kommt der Fürst nach Hause, so wird er haben wollen, daß ich spinne, und bedenkt, wie schön, wenn ich dann auf goldenem Spinnrad spinne. Wir haben Dobrunka's Augen verwahrt, geben wir sie ihm dafür; uns bleiben ja noch Füße und Hände!« Die Mutter, leichtsinnig wie die Tochter, willigte ein. Zloboha brachte die Augen der Schwester, und gab sie für das Spinnrad hin. Der Knabe eilte mit den Augen zum Wald. Als er zu der Höhle kam, übergab er sie dem Greise und ging. Dieser begab sich mit ihnen zu Dobrunka und setzte sie sanft in ihre Augenhöhlen ein. Plötzlich sah sie wieder. Sie sah einen Greis vor sich, dessen weißer Bart bis über die Brust floß. Ein graues Gewand umhüllte seine hohe Gestalt vom Haupt bis zum Fuße. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch den schmahlen Eingang auf sein ehrwürdiges und freundliches Antlitz, und übergossen es mit rosigem Glanz. Dobrunka war's, als ob ein Gott vor ihr stände. »Wie,« sprach sie, »Du heiliger Mann, werd' ich im Stande sein. Dir Deine Liebe zu vergelten? Ach vermöcht' ich nur Deine Hände zu küssen!« – »Sei still,« unterbrach sie der Greis, »und warte alles ruhig ab!« Hierauf entfernte er sich, brachte Dobrunka auf einem Holzteller schmackhaftes Obst, und stellte es auf ihr Lager aus duftendem Laub und Moos; dann suchte er rothe Erdbeeren aus, und wie die besorgte Mutter ihr Kind, so ätzte er Dobrunka und gab ihr auch aus einem Holzbecher zu trinken. Des anderen Tags zeitig früh stand der Greis wieder vor der Höhle, und rief dem Knaben. Als Der gelaufen kam, gab er ihm eine goldne Spindel und sprach: »Mit dieser Spindel wirst Du wieder ins fürstliche Schloß gehen und Dich beim Thore niedersetzen. Fragt Dich jemand, was sie koste, so sagst Du: »Zwei Füße,« und giebst sie Niemandem früher, als bis er Dir zwei Füße bringt.« Der Knabe ging mit der Spindel davon und der Greis kehrte in die Höhle zurück. Zloboha stand am Fenster, und sah in den Hof, eben als sich der Knabe mit der Spindel zeigte. Sogleich lief sie zur Mutter, und sagte zu ihr: »Kommt doch und seht! Beim Thore sitzt wieder der Knabe, und hat eine wunderschöne Spindel!« Sie begaben sich zu ihm. »Was kostet die Spindel?« fragte sie den Knaben. »Zwei Füße, Frau!« – »Zwei Füße?«– –»Sag' an, was macht Dein Vater damit?« – »Das kann ich Euch nicht sagen, denn ich frage den Vater nie, warum dies oder jenes zu geschehen habe. Was er befiehlt, das thu' ich, und so kann ich Euch die Spindel für nichts Anderes lassen als für zwei Füße.« – »Hört, Mutter, da ich das Spinnrad habe, so ziemte sich's doch, daß ich die Spindel gleichfalls hätte. Wir haben Dobrunka's Füße verwahrt: wie, wenn ich sie ihm dafür gäbe? Uns bleiben ja noch die Hände.« – »Thu', wie Du willst,« entgegnete die Mutter. Zloboha brachte also die Füße, die verhüllt waren, und gab sie dem Knaben für die Spindel hin. Hierauf kehrte sie freudenvoll in ihre Gemächer zurück, und der Knabe eilte zum Wald. Als er zur Höhle kam, übergab er die Füße dem Greise, und ging fort. Dieser begab sich mit ihnen in die Höhle, nahm eine Salbe, bestrich Dobrunka's Wunden, und setzte ihr die Füße wieder an. Sie wollte von ihrem Lager aufspringen, der Greis aber gestattete es nicht. »Bleib' jetzt ruhig liegen, bis Du ganz gesund bist; dann will ich Dir erlauben, daß Du aufstehest!« Sie mußte sich zufrieden geben, was sie auch gern that; denn sie war überzeugt, daß ihr der Greis nichts Arges rathe. Am dritten Tage zeitig früh rief der Greis dem Knaben, gab ihm einen goldenen Rocken und sprach: »Trag auch den Rocken zum Verkauf in's fürstliche Schloß. Fragt Dich jemand, was er koste, so sage: »Zwei Hände,« und wer Dir zwei Hände giebt, dem gieb den Rocken.« Als der Knabe mit dem Rocken in's Schloß kam, und sich beim Thore niedersetzte, lief Zloboha zu ihm, die sich gerade mit der Mutter im Hof erging. »Was kostet denn der Rocken, Knabe?« fragte sie ihn. »Zwei Hände, Frau!« – »Das ist doch sonderbar, daß Du nichts für Geld verkaufst!« – »Ich kann nicht anders, hohe Frau, als wie mir befohlen ist.« Jetzt war Zloboha im Zweifel. Der Rocken war allerliebst, und sie hätte ihn gar zu gern zu dem Spinnrad gekauft, um damit prahlen zu können. Das jedoch verdroß sie, daß sie zwei Hände dafür geben sollte, und daß ihr dann nichts von Dobrunka übrig bleibe. »Sagt mir doch, Mutter, muß ich etwas von Dobrunka haben, daß mich der Fürst so liebe, wie sie?« – »Nun,« versetzte die Mutter, »besser wär's, wenn Du etwas behieltest; ich wenigstens hörte immer, das sei ein gutes Mittel, sich des Gatten Liebe zu bewahren. Doch meinethalben thu', wie Du willst.« Zloboha bedachte sich ein Weilchen, dann aber lief sie, verführt von dem Vertrauen auf ihre Schönheit und von ihrer Eitelkeit, um die zwei Hände zu holen, und gab sie dem Knaben hin. Der Rocken, an dem ein Flachs erglänzte, feiner als Seide und mit einem rothen Band umwunden, war von gediegenem Gold. Voll Freude über das prachtvolle Geräth ging sie, um es zum Spinnrad und zur Spindel hinzustellen; die Mutter aber schüttelte den Kopf und war verdrießlich über die Thorheit der Tochter. Der Knabe war indeß schon wieder zurück. Als er dem Greise die Hände übergeben hatte, verschwand er. Dieser ging mit ihnen zu Dobrunka, und nachdem er ihre Wunden bestrichen, wie Tags zuvor, fügte er sie an ihren Leib. Kaum vermochte Dobrunka die Hände zu bewegen, so ließ' sie sich nicht länger auf dem Lager halten. Sie sprang empor, und dem Greise zu Füßen fallend, küßte sie die Hände, die ihr so viel Gutes erwiesen hatten. »Tausendfält'gen Dank Dir, Du mein Wohlthäter!« rief sie unter Freudenthränen. »Vergelten kann ich Dir's nie, das weiß ich; aber begehre von mir, was Du willst, und wenn's das Schwerste wäre, so will ich's gern, vom Herzen gern thun für Dich.« »Ich begehre nichts von Dir,« erwiderte der Greis, und erhob sie sanft vom Boden. »Was ich für Dich gethan, thät' ich für jeden andern; das ist meine Pflicht. Nun bleib' so lange hier, bis jemand um Dich kommt. Um Nahrung sei unbesorgt, ich schicke sie Dir.« Dobrunka wollte ihm noch etwas sagen, doch er verlor sich vor ihren Augen, und sie sah ihn nie mehr. Sie lief aus der Höhle, um sich Gottes Welt wieder anzuschauen. Nun erst kannte sie den Werth der Gesundheit. Und sie warf sich auf die Erde und küßte sie; bald hüpfte sie und umarmte die schlanken Tannen, bald streckte sie sehnsuchtsvoll mit Thränen die Arme nach der Stadt aus. Vielleicht wäre sie dahin geeilt, hätten sie nicht des Greises Worte an den Ort gefesselt. Inzwischen trugen sich im Schlosse sonderbare Dinge zu. Reisende nämlich brachten die Nachricht, daß der Fürst aus dem Kriege heimkehre. Alle freuten sich auf den guten Herrn, denn sie waren mit der Frau nicht sehr zufrieden. Zloboha und ihrer Mutter ward doch ein wenig angst, wie es ausfallen werde. In einigen Tagen kam der Fürst. Mit freudigem Antlitz lief ihm Zloboha entgegen, und er drückte sie mit Inbrunst an sein Herz. Nun hatte sie keine Angst mehr, daß er sie erkennen werde. Es wurde ein Festmahl bereitet; denn mit dem Fürsten waren viele Gäste gekommen, die bei ihm ausruhen und einige Tage in heitrer Lust zubringen wollten. Zloboha, die an Dobromil's Seite saß, konnte ihn nicht genug betrachten; der stattliche Fürst gefiel ihr, und sie war froh, daß ihr der Streich mit der Schwester so wohl gelungen. Als das Fest vorüber war, fragte Dobromil seine vermeintliche Gemahlin. »Wie hast Du die Zeit zugebracht, meine Liebe? Gewiß hast Du gesponnen?« »Du hast's errathen,« antwortete Zloboha gleißnerisch. »Aber mein altes Spinnrad ist verdorben. Es kam ein Knabe her, und bot ein wunderschönes goldenes Spinnrad feil; das hab' ich mir statt des frühern gekauft.« »Das mußt Du mir zeigen,« sprach der Fürst, nahm sie bei der Hand und fühlte sie aus dem Saal. Sie ging mit ihm in das Gemach, wo sie das Spinnrad aufbewahrt hatte, und zeigte es ihm. Dobromil gefiel das Spinnrad sehr. »Setz' Dich, Dobrunka,« sprach er, »und spinn darauf! Ich möchte Dich gern wieder einmal spinnen sehen.« Sie ließ sich nicht lange nöthigen, und setzte sich geschwind zum Spinnrad. Sie drückt mit dem Fuße auf den Tritt, um das Rad in Schwung zu bringen; da schallt es aus dem Spinnrad heraus: »Herr, miß ihr keinen Glauben bei. Sie ist voll Trug und Gleißnerei. Dein wahres Weib, sie war es nie, Dein Weib ist ermordet, gefallen durch sie.« Zloboha war wie vom Donner gerührt. Der Fürst fuhr zusammen, und verwundert durchflog er mit seinen Blicken das ganze Gemach, um zu sehen, woher das Lied komme; doch als er Niemand erblickte, befahl er, daß Zloboha weiter spinne. Zitternd gehorchte sie. Kaum jedoch begann sich das Rad zum zweiten Mal zu drehen, erscholl es wieder: »Heu, miß ihr keinen Glauben bei, Sie ist voll Trug und Gleißnerei. Erschlagen hat sie ihr Schwesterlein, Und schleppt' in den Wald hinein.« Ganz außer sich wollte Zloboha vom Spinnrad hinwegeilen; doch der Fürst, der plötzlich an ihren angstentstellten Zügen erkannte, daß dies nicht seine holde Dobrunka sei, faßte sie bei der Hand, zwang sie, sich niederzusetzen, und gebot ihr mit strenger Stimme, daß sie weiter spinne. Noch einmal drehte sich das Rad, und es erscholl zum dritten Male: »Herr schwinge auf Dein Roß Dich bald, Und eil' hinaus zum grünen Wald! Dein Weib sitzt in der Höhle dort, Und sehnet nach Dir sich fort und fort.« Jetzt verließ Dobromil die schändliche Zloboha, stürzte aus dem Gemache auf den Hof, und befahl, man solle ihm augenblicklich das schnellste Roß satteln. Die Diener, erschrocken über das fürchterliche Aussehn ihres Herren, rannten, was sie konnten, um seinen Befehl zu erfüllen. Alsbald stand ein gesatteltes Roß vor Dobromil, und kaum fühlte es dessen Sporen, so flog es über Berg und Thal, daß es mit seinen Hufen die Erde kaum berührte. Als der Fürst in den Wald gelangte, wußte er nicht, wo die Höhle zu suchen. Er ritt geraden Weges. Als er jedoch ein Stück geritten war, setzte plötzlich ein weißes Reh über den Weg; das Pferd erschrickt, springt rechtshin ab und rennt mit seinem Herrn durch Dick und Dünn, bis es an einem Felsen stehen bleibt. Dobromil steigt vom Rosse, und bindet es an einen Baum, in der Absicht, Dobrunka zu Fuß im Walde zu suchen. Er klettert zuerst auf den Felsen; da sieht er zwischen den Bäumen etwas blinken. Begierig zu erfahren, was es sei, klettert er weiter, und steht auf einmal vor einer Höhle. Doch welche Freude für ihn, als er hineintritt, und seine Dobrunka erblickt! Er fällt ihr um den Hals, umarmt und küßt sie, und nachdem er lange genug ihr liebreizendes Antlitz betrachtet hat, ruft er; »Wo hatt' ich nur meine Augen, daß ich Dich, Du Engel, von Deiner teuflischen Schwester nicht unterschied!« »Was weißt Du von meiner Schwester? Wer sagte Dir Etwas?« fragte Dobrunka, die von dem Spinnrad nicht das Geringste wußte. Da erzählte ihr der Fürst alles, und sie berichtete wieder ihm, was sich nach seinem Abzug mit ihr zugetragen. »Von der Zeit an, wo mich der Greis verließ,« schloß sie, »bringt mir täglich ein kleiner Knabe zu essen.« Hierauf ließen sie sich zusammen auf dem Rasen nieder, und sie brachte ihm auf einem Holzteller Obst zur Labung. Nachdem sie gegessen und ein wenig geplaudert, nahmen sie den Holzteller und den Holzbecher zum Andenken mit sich, und stiegen den Felsen hinab. Dobromil setzte sein wahres Weib vor sich auf's Pferd, und jagte mit ihr heim. Seine Diener harrten schon auf ihn, um ihm zu melden, was sich in seiner Abwesenheit begeben; aber sie sahen einander wie verwirrt an, als sie gewahrten, daß ihr Herr dieselbe Frau mit sich bringe, die erst kurz vorher sammt deren Mutter der böse Geist vor ihren Augen in der Luft davon getragen. Der Fürst, der bemerkte, was sie verwirre, erzählte ihnen kurz das Ereigniß mit seiner Gemahlin. Da gönnten Alle einhellig der gottlosen Schwester die wohlverdiente Strafe. Das goldene Spinnrad war verschwunden, Dobrunka suchte ihr altes hervor, und spann fleißig Hemden für ihren lieben Gatten. Niemand im ganzen Lande hatte so feine Hemden, und Niemand war so glücklich, als Fürst Dobromil. Der gebesserte Schuster. Es war einmal ein Schuster, und der arbeitete gewöhnlich am Samstag bis über die Mitternacht, ja bis früh, wenn schon die Leute aus der heiligen Messe nach Hause gingen. Am Montag feierte er natürlich den blauen Montag, wie alle unordentliche Handwerker, und am Dienstag saß er noch in der Schenke. Spät Abends an einem Samstag kam ein Rauchfangkehrer zu ihm in die Stube, und bat ihn um ein Nachtlager. Der Schuster schien ihn nicht zu hören und arbeitete fest fort. »Ich bitt' Euch, Meister,« sagte der Rauchfangkehrer, »laßt mich bei Euch übernachten! Es ist schon zu spät, als daß ich noch nach Hause käme.« – »Kann nicht sein, hab' eine kleine Stube!« erwiderte der Schuster. »Ich werd Euch nicht viel Platz wegnehmen,« meinte der Rauchfangkehrer. »Kann nicht sein!« wiederholte der Schuster. Der Rauchfangkehrer ging, aber nicht aus dem Hause, sondern in die Küche, und kroch von dort in den Ofen, wo er glücklich einschlief. Der Schuster arbeitete bis in den Tag hinein. Sein Weib stand auf und sagte.: »Peter, Peter! daß Du den lieben Herrgott nicht fürchtest! Die Leute gehen schon haufenweise in die Kirche, und Du arbeitest noch immer, wie an einem Werktag.« – »Halt' das Maul, Du Sonntagsweisheit!« versetzte dir Schuster unwillig. »Hab' viel Arbeit und darum muß ich arbeiten.« Sein Weib ging zur Messe. Als sie nach Hause kam, schusterte Peter noch. Sie blieb zwischen der Thüre stehen und rief' »Um des Himmels willen, Peter, laß es doch einmal sein!« Der Schuster wetterte und nähte fest fort. Sein Weib ging, um Feuer in den Ofen zu legen. Als sie in die Stube zurückkam, sah sie, daß ihr Mann noch arbeite. Da gerieth sie in Zorn und rief: »Du schusterst noch? O Du gottlose Haut, Dich wird gewiß einmal der Teufel holen, weil Du nicht folgen willst!« In dem Augenblicke schlug der erwachte Rauchfangkehrer, den das Feuer zu brennen anfing, den Ofen durch, und sprang in die Stube. Der Schuster meinte, es komme der Teufel, schlug das Fenster durch und sprang auf die Gasse, der Rauchfangkehrer durch das Fenster ihm nach und das Weib, in der Meinung, der Teufel hole ihren Mann, hinter dem Rauchfangkehrer, indem sie aus vollem Halse schrie: »Teufel, ich bitt' Dich, nimm mir meinen Mann nicht! Mann, lauf und bekreuzige Dich!« So rannten alle Drei bis auf den offenen Platz, wo die Leute sie verwundert betrachteten. Dort erst machten sie Halt, es kam zur Erkennung, und der Schuster kehrte beschämt zurück. Von dem Tage an ging der Schuster in sich, schusterte nicht am Sonntag, feierte auch keinen blauen Montag mehr, und befand sich wohl dabei. Wie der Wagner König ward. Es war ein Wagner, der hatte drei Söhne. Als diese nach des Vaters Tode heranwuchsen, meinte der älteste zu dem jüngern, es dürfte wohl an der Zeit sein, daß er, der älteste, in die Welt ginge. Der jüngere stimmte ihm bei. Sie buken ihm Kuchen auf den Weg, damit er nicht Hunger leide. Als er bereit war, ging er, kam in einen Wald, und dachte, er sei ein Wagner, er habe nicht nöthig, zu Fuße zu gehen, er könne sich einen Wagen machen, der von selbst fahre. Als er den Wagen zu machen anfing, kam ein Greis zu ihm und sagte: »Gottes Segen, junger Mann!« Er aber grüßte ihn nicht und arbeitete fort. Der Greis fragte: »Was machst Du da?« Der Jüngling versetzte: »Ich bin ein Wagner, ich habe nicht nöthig, zu Fuße zu gehen, ich kann mir einen Wagen bauen, der von selbst fahrt.« Der Greis sprach zu ihm: »Dein Wagen wird nicht fahren!« Erachtete nicht darauf und arbeitete fort. Der Greis entfernte sich. Der Jüngling stellte nun den Wagen zusammen, allein der Wagen wollte nicht fahren. Da der Wagen nicht fahren wollte, warf er die Stücke aus einander, aß seine Kuchen auf, und als er nichts mehr übrig hatte, kehrte er heim. Nun sagte der jüngere Bruder: »Du warst schon in der Fremde, jetzt will ich in die Welt gehen.« Was der älteste auf den Weg mitbekommen hatte, bekam der jüngere auch, und ging. Als er an die Stelle kam, wo sein Bruder gewesen, fand er die Stücke von dem Wagen. Er dachte, daß er ein Wagner sei, und daß er sich einen Wagen zusammenstellen könne, der von selbst fahre. Es kam wieder jener Greis und sagte zu ihm: »Gottes Segen, junger Mann!« Er aber sah nicht einmal auf, und arbeitete. Der Greis fragte ihn: »Was machst Du da?« Der Jüngling versetzte: »Ich bin ein Wagner, ich habe nicht nöthig, zu Fuße zu gehen, ich kann mir einen Wagen zusammenstellen, der von selbst fahrt.« Der Greis sprach zu ihm: »Dein Wagen wird nicht fahren.« Er achtete nicht darauf und arbeitete fort. Der Greis entfernte sich. Der Jüngling stellte nun den Wagen zusammen, allein der Wagen wollte nicht fahren. Da ward er böse, warf die Stücke aus einander, aß auf, was er mithatte, und kehrte heim. Nun sagte der jüngste Bruder: »Ihr wäret Beide schon in der Fremde, jetzt will ich in die Welt gehen,« Sie buken ihm gleichfalls Kuchen und er ging, und kam an die Stelle, wo die zwei Ersten die Stücke des Wagens auseinander geworfen, und dachte gleichfalls, daß er ein Wagner sei, daß er nicht nöthig habe, zu Fuße zu gehen und sich einen Wagen bauen könne, der von selbst fahre. Als er mit der Arbeit beschäftigt war, kam der Greis wieder und sagte zu ihm: »Gottes Segen, junger Mann!« Und er sprach darauf: »Gott vergelt's! Seid mir gegrüßt!« Der Greis fragte ihn: »Was machst Du da?« Der Jüngling erwiderte: »Ich mache mir einen Wagen, lieber Alter, der von selbst fahre. Ich bin ein ausgelernter Wagner, und darum denk' ich, daß ich nicht nöthig habe, zu Fuße zu gehen, sondern in einem Wagen fahren kann.« Der Greis sprach zu ihm: »Du hast Recht, junger Mann; allein er wird nicht von selbst fahren.« Der Jüngling bat ihn, er möchte so gut sein, ihm den Wagen zusammenstellen zu helfen; er wolle ihm von dem geben, was er zum Essen mithabe. Als der Greis mit ihm, den Wagen zusammengestellt, aßen sie; dann setzte sich der Jüngling in den Wagen, und der Greis gab ihm eine Gerte und sprach: »So schnell' als Du die Gerte schwingen wirst, so schnell wird der Wagen fahren; nur mußt Du alle in den Wagen aufnehmen, die Dir im Walde begegnen!« Der Jüngling schwang die Gerte und fuhr. Es begegnete ihm ein Mann, der hatte lange Beine. Sogleich nahm er ihn auf und fuhr weiter. Dann begegnete ihm ein zweiter, der hatte zwei goldene Kugeln. Er nahm auch diesen auf und fuhr weiter. Endlich begegnete ihm ein dritter, der hatte ein weit aufgesperrtes Maul, und den nahm er gleichfalls auf. So fuhren sie alle Vier, kamen des Abends in ein Wirthshaus und nachtmahlten. Während sie nachtmahlten, beschaute sich die Hausmagd durch's Fenster den Wagen und sah die zwei goldenen Kugeln daran hangen. Sie lief hinaus und wollte die Kugeln stehlen; wie sie aber nach ihnen griff, blieb sie mit den Händen an den Kugeln kleben und konnte sich nicht losreißen. Die Vier fuhren, nachdem sie genachtmahlt, die ganze Nacht, und die Magd lief hinter ihnen. Des Morgens kamen sie in ein anderes Wirthshaus zum Frühstück. Während sie frühstückten, lief die dortige Hausmagd zufällig mit dem Besen hinaus und sah die erste Magd bei den Kugeln stehen. Sie glaubte, sie wolle stehlen und schlug sie mit dem Besen auf den Rücken, indem sie rief: »Was machst Du da bei dem Wagen?« Allein sie blieb mit dem Besen am Rücken der Magd kleben und konnte sich nicht losreißen. Die Vier hatten indeß gefrühstückt, setzten sich in den Wagen und fuhren weiter, und die zwei Mägde liefen hinter ihnen. Des Mittags kamen sie in ein drittes Wirthshaus. Dort war die Hausmagd beschäftigt, Mist aus dem Stall zu schaffen, und als sie die zwei anderen Mägde bei dem Wagen stehen sah, lief sie mit der Mistgabel auf sie los und rief: »Ihr nichtsnutzigen Dinger, was macht Ihr da? Die eine stiehlt goldene Kugeln, die andere hält ihr müßig den Besen auf den Rücken!« Sie stieß die zweite mit der Mistgabel in die Lende, blieb aber mit der Mistgabel kleben und konnte sich ebenfalls nicht losreißen. Die Vier hatten indeß gemittagmahlt, setzten sich in den Wagen und fuhren in die Stadt. Dort war eine Prinzessin, die seit ihrer Geburt über nichts gelacht hatte, und der prophezeit worden, sie werde Dessen Gemahlin werden, über den sie zuerst lache. Es fuhren dort hohe Herren mit großem Geschick herum, die froh gewesen wären, wenn sie über sie gelacht hätte, und auch Prinzen kamen gefahren; allein sie lachte über Niemanden, bis der Wagner in der Stadt erschien mit seiner Begleitung. Als er durch die Stadt fuhr, sah die Prinzessin eben aus dem Fenster; da lachte sie, auf, daß es gällte. Der König und die Königin hörten das Gelächter der Prinzessin, eilten in ihr Gemach und fragten sie, worüber sie so lache. Sie zeigte ihnen den Aufzug in der Stadt, und der König und die Königin mußten gleichfalls lachen, denn solch einen Spaß hatten sie noch nie gesehen. Der König, der sehr stolz war, sandte nun nach dem Wagner, und verhieß ihm spöttisch, er solle sein Schwiegersohn werden, er solle das Königreich sammt der Prinzessin erhalten, aber nur, wenn er ein Stück ausführe. Der Wagner fragte, welches. Der stolze König sprach lächelnd: »Wenn Du Jemanden stellst, der drei Schübe Brots auf ein Mal aufißt und vier Gebräue Biers dazu austrinkt, dann will ich Dir die Prinzessin geben.« Der Wagner ging zu Dem, der das Maul weit aufgesperrt hatte, und fragte ihn, ob er sich getraue, die Aufgabe zu lösen. »Ich ess und trinke noch mehr,« antwortete dieser. »Nur her damit!« Sogleich buken die Bäcker drei Schübe Brots und die Brauer brauten vier Gebräue Biers. Als alles fertig war, brachten sie es dem Wagner. Der stellte Den mit dem weit aufgesperrten Maul vor sich, nahm Laib für Laib und warf ihm so die Laibe in das Maul; dann schüttete er Bier in eine Kanne und aus der Kanne ihm in das Maul, bis er alles Bier ausgetrunken hatte. Hierauf ließ er dem König melden, daß er sein Stück ausgeführt. Der König wunderte sich nicht wenig, sagte jedoch dem Wagner, die Prinzessin sei noch nicht sein, er müsse noch ein Stück ausführen. »Dreihundert Meilen von hier,« sprach er, »ist eine Quelle und aus dieser Quelle will ich noch in dieser Stunde frisches Wasser haben!« Der Wagner ging zu Dem, der die langen Beine hatte und fragte ihn, ob er sich getraue, die Aufgabe zu lösen. »Will das Wasser noch früher bringen!« antwortete dieser. Er ging um eilf Uhr aus und kam sehr bequem um halb zwölf zur Quelle; da meinte er, es sei noch Zeit genug und legte sich hin und schlief ein. Bereits war's fast drei Viertel auf Zwölf, er kam mit dem Wasser noch immer nicht. Da ging der Wagner zu Dem, der die zwei goldenen Kugeln hatte und fragte ihn, ob er sich getraue, mit einer von ihnen Den, der das Wasser bringen sollte, zu treffen und ihm ein Zeichen zu geben. Er antwortete: »Freilich!« Er warf die erste Kugel und traf den Andern nicht; er warf die zweite, mit der traf er ihn. Dieser erwachte, klaubte die Kugeln schnell auf, beschleunigte seine Schritte und war um Mittag mit den Kugeln und mit dem Wasser da. Allein der König, der sehr stolz war, sagte nun dem Wagner, er müsse noch ein Stück ausführen, wenn er die Prinzessin erhalten wolle. »Ich habe,« sprach er, »zwölf Hasen und eine Rehziege. Vermagst Du sie zu weiden, so will ich Dir die Prinzessin geben.« Der Wagner war's zufrieden und trieb seine Heerde auf die Weide; doch kaum hatte er sie auf den Weideplatz getrieben, so lief sie auseinander. Da begann er mißmuthig zu klagen, bis ihm jener Greis erschien, der ihm den Wagen hatte zusammenstellen helfen, und ihn fragte: »Junger Mann, warum klagst Du?« Der Wagner vertraute ihm sein Leid, daß er habe König werden können, und daß er jetzt nichts werde; daß ihm der König zwölf Hasen und eine Rehziege zu weiden gegeben und daß die Heerde auseinander gelaufen. Der Greis gab ihm eine Pfeife, er solle auf ihr pfeifen, die Heerde werde wieder gelaufen kommen. Als er zu pfeifen begann, kamen die Thiere wirklich alle gelaufen. Nun weidete er fröhlich und pfiff und sang; des Abends trieb er die Heerde nach Hause. Der stolze König befahl ihm, die Heerde bis übermorgen zu weiden, lieber Nacht beriethen sich der König und die Königin, wie sie ihn um einen Hasen prellen könnten; sie wollten des Morgens zu ihm auf die Weide schicken, um ihm einen abzukaufen, und ließen einen eisernen Kasten machen, damit der Hase nicht herausspringen könnte, wenn er hineingesteckt wäre.« Die Prinzessin selbst verkleidete sich als Lumpensammlerin und ging, den Hasen zu kaufen. Der Wagner wollte ihr um keinen Preis einen verkaufen; als sie aber inständig bat, versprach er ihr einen zu schenken, wofern sie eine Viertelstunde lang tanze, wie er ihr pfeife. Die Prinzessin meinte, der Wagner habe sie nicht erkannt, und willigte ein. Der Wagner pfiff bald langsam, bald geschwind, die Prinzessin drehte sich und sprang, daß es zum Lachen war. Als sie sich recht abgemüdet, steckte er ihr einen Hasen in den Kasten. Sobald die Prinzessin den Hasen hatte, lief sie freudenvoll nach Hause. Als sie sich jedoch dem Schlosse näherte, begann der Wagner zupfeifen und der Hase zersprengte den eisernen Kasten und lief zurück. Da weinte die Prinzessin vor Zorn und beschwerte sich bei dem Könige bitter über das, was ihr geschehen.– Des Nachmittags nahm die Königin einen stählernen Kasten und verkleidete sich als Bettlerin, ging zu dem Wagner auf die Weide und bat ihn, er möchte ihr einen Hasen verkaufen; in der Stadt werde ein Festmahl sein und sie müsse dazu einen Hasen haben, möge sie ihn nehmen, woher immer. Er wollte ihr keinen verkaufen; nach vielen Bitten versprach er ihr einen umsonst, sofern sie nach dem Ton seiner Pfeife eine ganze Viertelstunde auf einem Fuß um die Hasen herum tanze und sich dabei Schnippchen schlage. Die Königin meinte gleichfalls, der Wagner habe sie nicht erkannt, und willigte ein. Sie sprang nach dem Ton der Pfeife auf einem Fuße und schlug sich Schnippchen; schon war sie fast außer Athem und sprang noch immer, bis der Wagner laut zu lachen anfing. Dann steckte er ihr einen Hasen in den stählernen Kasten. Freudenvoll eilte sie mit dem Hasen nach dem Schlosse. Als sie jedoch zum Schlosse kam, begann der Wagner auf dem Weideplatz zu pfeifen und der Hase schlug den Kasten durch und rannte zurück. Da beschwerte und beklagte sich die Königin bitter, daß ihre Freude zu Ende sei, allein es half ihr nichts. – Des andern Tages früh ging der König selbst. Er verkleidete sich als Bettler, nahm einen kupfernen Kasten, kam zudem Wagner auf die Weide und bat ihn, er möchte ihm einen Hasen verkaufen. Der wollte Anfangs nicht, dann aber sprach er: »Wenn Du hier eine ganze Viertelstunde Purzelbäume machst, so schenk' ich Dir einen Hasen.« Der König in der Meinung, der Wagner kenne ihn nicht, begann, um ihm den Hasen zu entlocken und seine Tochter nicht geben zu müssen, Purzelbäume zu machen, an die er natürlich nicht gewöhnt war. Er überpurzelte sich häufig, und in einer Viertelstunde war er ganz hin. Der Wagner steckte, als er sich satt gelacht, ihm einen Hasen in den kupfernen Kasten. Freudenvoll eilte der König nach Hause, und dachte, der Hase werde ihm aus dem kupfernen Kasten nicht entspringen können. Als er sich aber dem Schlosse näherte, begann der Wagner zu pfeifen, und der Hase sprang mit Gewalt aus dem kupfernen Kasten heraus, und lief zurück. Die Prinzessin, die Königin und der König trösteten sich wenigstens damit, daß sie der Wagner auf der Weide nicht erkannt habe, da sie verkleidet waren. Als nun der Wagner mit seiner Heerde glücklich nach Hause kam, sprach der stolze König zu ihm: »Du hast alle Aufgaben wohl gelöst, ein Stück aber mußt Du noch ausführen. Du mußt drei Scheffel Wahrheit messen; missest Du die, dann erhältst Du meine Tochter zur Gemahlin.« Der Wagner willigte mit Freuden ein, und bat den König, er möchte öffentlich austrommeln lassen, daß er auf dem Marktplatz Wahrheit messen werde. Das Volk strömte zusammen, und der König, die Königin und die Prinzessin kamen auch, und setzten sich auf hohe Sitze. Der Wagner ließ drei Scheffel und ein Streichholz bringen. Als Alle versammelt waren, that er, als ob er aus einem Sacke etwas in den einen Scheffel schüttete, und sprach dabei: »Ich weidete Hasen und eine Rehziege. Da kam eine Lumpensammlerin zu mir, und bot mir viel Geld für einen Hasen; allein ich verkaufte ihr keinen, sondern sagte ihr, ich wolle ihr einen schenken, wenn sie tanze, wie ich pfeifen würde. Die Lumpensammlerin willigte ein, und sprang so, wie ihr gleich sehen werdet.« Da trat Derjenige vor, der die langen Beine hatte, als Lumpensammlerin verkleidet, und sprang, wie ihm der Wagner pfiff, bald langsam, bald geschwind, und dabei machte er possierliche Geberden, als ob er sehr erschöpft wäre, so daß Alle vor Lachen beinah barsten und selbst der Wagner zuletzt nicht mehr pfeifen konnte; nur die Prinzessin lachte nicht, sondern verbarg das Gesicht in ihr Tuch. Hierauf hieß er die falsche Lumpensammlerin abtreten.– Als die Versammlung ruhig geworden, nahm er einen zweiten Sack, und ging zu einem andern Scheffel. Er that wieder, als ob er aus dem Sacke etwas in ihn schüttete und sprach dabei: »In den zweiten Scheffel mess' ich folgende Wahrheit: Ich weidete Hasen und eine Rehziege. Da kam eine Bettlerin zu mir, und bot mir viel Geld für einen Hasen; allein ich, verkaufte ihr keinen, sondern sagte ihr, ich wolle ihr einen umsonst geben, wenn sie nach dem Ton meiner Pfeife auf einem Fuße um die Heerde herum tanze und sich dabei Schnippchen schlage. Die Bettlerin willigte ein, und sprang auf einem Fuße und schlug sich Schnippchen, wie Ihr gleich sehen werdet.« Nun trat Derjenige vor, der die zwei Kugeln hatte, als Bettlerin verkleidet, und sprang nach dem Ton der Pfeife, auf welcher der Wagner pfiff, auf einem Fuße, und schlug sich Schnippchen, und dabei warf er die goldenen Kugeln in die Höhe, und fing sie wieder so possierlich-gewandt, daß Alle laut und gewaltig lachten; nur die Königin war still und schämte sich sehr. – Als sie sich satt gelacht, hieß der Wagner die falsche Bettlerin abtreten, ging zu dem dritten Scheffel, und that, als ob er aus dem dritten Sacke etwas hinein schüttete. Dabei sprach er: »Ich weidete Hasen und eine Rehziege. Da kam ein Bettler zu mir, und bot mir viel Geld für einen Hasen; allein ich verkaufte ihm keinen, sondern sagte ihm, ich wolle ihm einen schenken, wenn er auf dem Weideplatz eine ganze Viertelstunde Purzelbäume mache. Der Bettler willigte ein, und machte Purzelbäume, wie Ihr gleich sehen werdet.« Nun trat Derjenige vor, der das Maulweit aufgesperrt hatte, verkleidet als Bettler, und begann Purzelbäume zu machen, und dabei schnitt er solche Gesichter mit seinem ungeheuren Maul, und wälzte die Augen so heraus, daß vor unbändigem Lachen Niemand unter den Zuschauern bestehen konnte; nur der König sah verdrießlich darein. Als Alle ausgelacht hatten, ließ er auch den Dritten abtreten. Nun stellte er alle Drei, die Lumpensammlerin, die Bettlerin und den Bettler zu den drei Scheffeln und rief: »Damit Ihr wisset, daß ich in die drei Scheffel Wahrheit gemessen, so will ich Euch sagen, daß ich der Lumpensammlerin, als sie vom Springen müde war, einen Hasen in einen eisernen Kasten steckte, und der Bettlerin, als sie sich außer Athem getanzt, einen in einen stählernen Kasten, und dem Bettler, als er sich mit den Purzelbäumen wund und lahm gepurzelt, einen Hasen in einen kupfernen Kasten; allein dafür könnt' ich nicht, daß alle drei Hasen ihnen wieder davon und zu mir zurück liefen, als ich auf meiner Pfeife zu, pfeifen anfing. Aber ich will noch das Streichholz nehmen, um die Scheffel glattzustreichen, und Euch sagen, wer die Lumpensammlern!, wer die Bettlerin, und wer der Bettler gewesen.« Und dabei blickte er so schelmisch nach dem König, der Königin und der Prinzessin, daß diese nur zu gut merkten, er habe sie erkannt. Sie wollten um keinen Preis verrathen sein, und so sprach der König, seinen Stolz endlich bezähmend: »Jüngling, glatt streichen wirft Du die drei Scheffel nicht, denn ich befahl Dir blos, in drei Scheffel Wahrheit zumessen. Das hast Du gethan, und so geb' ich Dir die Prinzessin zur Gemahlin.« Die Leute hätten gern gewußt wer die Lumpensammlerin, die Bettlerin und der Bettler gewesen; allein der Wagner sagte es ihnen wohlweislich nicht Er wollte lieber Hochzeit machen und König werden, besonders da er wußte, daß er im Besitz einer Pfeife sei, nach der Alles tanzen müsse. Der schwarze Knirps. Es waren zwei Brüder; der eine war reich, der andere arm. Der arme Bruder sollte mit dem reichen in den Wald gehen, um Holz zu schlagen. Er kam in der Frühe zu ihm; doch der reiche Bruder schlief noch und wollte nicht aufstehen; er habe noch nicht ausgeschlafen. Sein Weib gab dem armen Schwager ein Stückchen Brot, und so ging Dieser allein in den Wald, und aß unterwegs davon. Als er davon gegessen, sagte er seufzend zu sich: »Ach Gott, wie wenig hab' ich da für den ganzen Tag!« – Im Walde angekommen, legte er das Ueberbleibsel auf einen Baumstamm, und schlug Holz. Endlich ward er müde, und ihn plagte großer Hunger. Er ging um das Restchen Brot, das er auf den Baumstamm gelegt; allein es war nicht mehr zu finden. Gleichwohl fiel ihm nicht bei, zu fluchen, sondern er sagte: »Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen!« Da kam ein unbekannter schwarzer Knirps, brachte ihm das vermißte Restchen und sprach: »Weil Du mit keinem Fluche an mich gedacht, so muß ich Dir's zurückgeben.« Dann redete er ihm zu, er möchte ihn doch in seinen Dienst nehmen; allein der arme Mann erwiderte: »Wie kann ich Dich in meinen Dienst nehmen, hab' ich doch selbst nichts zu essen!« Der schwarze Knirps aber ließ nicht ab zu bitten, und so willfahrte ihm zuletzt der Arme, und nahm ihn auf. Der kleine Bursche packte sogleich einen ganzen Baum, so daß sein Herr sich höchlich verwunderte, und trug in kurzer Zeit eine Menge Holz zusammen. Doch zu essen hatten sie nichts. Da sagte das Bürschlein: »Herr, ich will dreschen gehen.« Sein Herr war damit zufrieden. Das Bürschlein begab sich zu einem Bauer, und trug sich ihm zum Dresche an, indem es versprach, ihm alles Getreide allein zu dreschen. Der Bauer nahm es auf, und das Bürschlein drosch ihm alles Korn, Gerste und Weizen, warf aber alles auf einen Haufen. Der Bauer kam, um nachzusehen; er wetterte nicht wenig. Das Bürschlein jedoch entgegnete, er solle sich gedulden, sogleich werde alles in Ordnung sein; und nun begann's zu blasen, und jedes Körnlein begab sich auf seinen Haufen. Der Bauer fragte das Bürschlein hierauf, was es zum Lohne verlange; es antwortete: »Nur ein bischen Getreide!« Der Bauer erlaubte ihm, sich zu nehmen, soviel es ertragen könne. Das Bürschlein sagte, es wolle einen Sack holen gehen, um das Getreide hineinzuthun. Als es nach dem Sacke ging, sah es eine Magd, die Leinwand bleichte, und die rief eben: »Hol' der Teufel die Leinwand, ich leg' sie nicht zusammen!« – Das Bürschlein war gleich' dabei, nahm die Leinwand, und nähte sich einen ungeheuer großen Sack. In den Sack füllte es das Getreide, das es gedroschen, und da noch Raum im Sacke war, mußte ihm der Bauer auch noch das Getreide hineinschütten, das er auf dem Schüttboden hatte; denn das Bürschlein getraute sich, dies alles zu tragen. Der Bauer lachte über den Knirps, bis der Knirps wirklich all das Getreide auf den Rücken lud und forttrug. Jetzt ließ der Bauer seinen Hengst auf ihn los; der Hengst biß furchtbar, und der Bauer meinte, er werde ihn zausen, und der Knirps seine Last fallen lassen. Allein dieser packte den Hengst, schleuderte ihn auf den Rücken, und trug ihn auch fort. Nun ließ der Bauer seinen Stier los; der stieß gewaltig und bohrte mit den Hörnern. Allein der Knirps packte auch den Stier, und im Nu hatte er ihn auf dem Rücken. Endlich ließ der Bauer seinen Eber los und der war entsetzlich schlimm; er dachte, der Eber werde ihn zerfetzen und sicherlich zwingen, Alles fallen zu lassen. Allein der Knirps nahm auch den Eber und trug Alles seinem armen Herrn nach Hause. Nun hatten sie Getreide, Vieh hatten sie auch; aber Schmalz fehlte. Der kleine Bursche ging wieder aus; eben wog da eine Magd Butter. Es fiel ihr das Gewicht auf den Fuß und sie rief: »Hol' der Teufel die Butter!« Gleich war das Bürschlein dabei, nahm alle Butter, und trug sie seinem Herrn nach Hause, und so hatten sie auch Schmalz. Allein der Bauer ging nun mit den Mägden den armen Mann seines Knechtes wegen zu verklagen. Er verfügte sich in's Schloß, stellte sich gehörig vor, und die Herren dort beschieden den Mann mit seinem Knechte, und fragten den Knecht, wie so er dem Bauer das Getreide, und den Mägden die Leinwand und die Butter habe nehmen können! Da versetzte der schwarze Knirps: »Der Bauer hatte mir erlaubt soviel Getreide zu nehmen, als ich zu tragen im Stande wäre; daß ich Alles trug, was ich nahm, ist klar, weil ich ihm seines bösen Willens wegen noch seinen Hengst, seinen Stier und seinen Eber forttrug. Was die Mägde anlangt, so riefen sie: »Hol' der Teufel die Leinwand! Hol' der Teufel die Butter! Der Teufel aber bin ich.« Und bei diesen Worten streckte er sich, und wurde immer größer und größer. Da liefen der Bauer und die Mägde davon, die Herren aber fielen vor Schrecken unter den Tisch. Erst als der schwarze Knirps verschwunden war, kamen sie wieder zur Besinnung, und wollten mit der verteufelten Sache nichts weiter zu schaffen haben. Die Taube mit den drei goldnen Federn. Ein Kaufmann hinterließ bei seinem Tode einen Sohn, der neunzehn Jahre zählte. Dieser sagte zu seiner Mutter: »Lieb Mütterchen, ich will in die Welt hinaus, mein Glück zu versuchen.« Die Mutter sprach: »So geh', mein lieber Sohn! Aber bleib, nicht zu lange weg, denn ich werde alt, und möchte gern, daß Du mich in meinem Alter unterstütztest!« Der Sohn ging also in die Welt, und ging, bis er in einen großen Wald gelangte. Zwei Tage zog er durch den Wald, und noch immer sah er kein Ende. Am dritten Tage kam er zu einem Gebäude, das von außen einem Jägerhause glich. Er trat in die Stube; doch wie erschrak er, als er darin keinen Waidmann, sondern einen Kerl gewahrte, der inmitten der Stube auf einem Stuhle saß, und ein fürchterliches Aussehn hatte. Sein Haupt war borstig wie ein Sprengwedel, sein Bauch eimerdick, und seine Nase hing ihm bis auf den Nabel herab; es war ein Zauberer. Der Jüngling zitterte an Händen und Füßen. »Fürchte nichts, mein Sohn!« sprach der Zauberer, »Du gefällst mir, und ich mein' es gut mit Dir. Du bist hinausgezogen in die Welt, Dein Glück zu versuchen. Wohlan, Du kannst durch mich Dein Glück finden, wenn Du ein Jahr treu und redlich bei mir dienst. Willst Du in meinen Dienst treten?« – Der Jüngling hatte nicht den Muth Nein zu sagen. Er diente bei dem Zauberer ein volles Jahr. Dabei erging es ihm gut, und sein Herr that ihm durchaus nichts zu Leide. Als das Jahr vorüber war, sagte der Zauberer: »Jetzt will ich Dir Deinen Lohn geben! Er führte ihn in einen unermeßlich großen Keller, der mit lauter Goldstücken angefüllt war, und sprach: »Nimm Dir von diesen Schätzen, soviel Du vermagst. Was Du erträgst, soll Alles Dir gehören, und damit Du recht viel wegtragen könnest, sollst Du an keinem Goldstück schwerer tragen, als an einer Feder!«– Der Jüngling füllte sich einen ganzen Sack und dazu auch alle Taschen voll. Der Zauberer hatte in der Nähe seiner Wohnung auch einen Teich, worin sich drei Tauben zu baden pflegten, von denen jede drei goldne Federn am Leibe trug. Er führte nun den Jüngling zu dem Teiche, fing eine der Tauben, die sich eben badeten, gab sie ihm und sprach: »Nimm diese Taube, Du hast ein kostbares Geschenk an ihr. S' ist keine Taube, s' ist eine Prinzessin. Weil weder sie, noch ihre zwei Schwestern mich zum Gemahle haben wollten, obgleich ich ihren Feind in Fesseln schlug, so hab' ich sie alle Drei verwünscht, sammt ihren zwei Brüdern. Rupfst Du ihr die drei goldnen Federn aus, die sie am Leibe trägt, so wird der Zauber gelöst, und Du kannst glücklich sein mit ihr. Doch verwahre die drei Federn wohl, und entdecke Niemandem, daß und wo Du sie verwahrst! Jetzt geh' und denk' an mich!« Wer war froher, als der Jüngling! Er ging mit seinem federleichten Goldsack und der Taube, und da er sich indeß in dem Walde zurechtfinden gelernt, gelangte er bald zu seinem Mütterchen. Dort baute er sich ein prächtiges Haus. In der Mauer ließ er eine geheime Stelle anbringen, um dort die drei goldnen Federn zu verwahren. Dann tupfte er der Taube die drei Federn aus – es stand die liebreizendste Prinzessin vor ihm, welcher die Seelengüte aus den Augen leuchtete, und mit der er sich sogleich vermählte. Jetzt waren Alle glücklich: der Jüngling, die Prinzessin und die Mutter. Die Federn nahm er. und verwahrte sie an der geheimen Stelle in der Mauer, und sagte Niemandem etwas davon, nicht einmal seiner Braut, nur – seinem Mütterchen. Einst war der Jüngling ausgelitten. Die Mutter saß daheim bei ihrer Schwiegertochter, und konnte sich an ihrer Schönheit gar nicht satt sehen, auf die sie ganz eitel geworden. »Wie Du doch schön bist, mein Töchterchen!« sagte sie, »Aber mich däucht, wenn Du Dich mit einer der drei goldnen Federn schmücktest, wärst Du noch schöner. Zwar hat mir mein Sohn verboten, Dir etwas von dem Geheimniß zu entdecken; doch was kann eine Feder schaden, sie wird Dich nur noch schöner machen.« Auf diese Worte wollte die Prinzessin ihre gute Schwiegermutter zurückhalten, allein die ließ sich nicht zurückhalten; sie brachte eine der drei goldnen Federn, die Prinzessin mußte sie anstecken, und – war noch schöner als zuvor. »Siehst Du, hab' ich es nicht gesagt?« rief voll Freude die alte Mutter. »Ich will noch die zwei andern Federn holen, Du mußt sie gleichfalls anstecken. Eh' Dein Mann kommt, legen wir sie alle wieder an ihren Ort.« – Die Prinzessin sträubte sich, als hätte sie ein Vorgefühl ihres Schicksals; allein die Mutter ließ keine Ruhe, sie brachte die zwei andern Federn, die Prinzessin mußte sie anstecken, und – war augenblicklich wieder eine Taube, Als Taube flog sie zu dem offnen Fenster hinaus, und rief: »Ich dank' Euch schlecht, lieb Mütterchen, daß Ihr mir die drei goldnen Federn gabt. Jetzt will ich nur noch meinen Gemahl erwarten, um Abschied von ihm zu nehmen.« Dann setzte sie sich traurig auf das Dach, und wartete. Die Alte stand wie versteinert, und stand noch immer, als ihr Sohn in das Gemach trat. »Mit Gott, mein Gemahl!« rief die Taube vom Dache. »Ich dank' Dir herzlich für Deine treue Liebe, aber sehen werden wir uns nimmermehr!« Und hierauf flog sie davon. – »O Mutter, was habt Ihr gethan!« wehklagte der Jüngling. »Ihr habt mein Geheimniß verrathen, und mich um mein liebes, liebes Weib gebracht! Jetzt lebt wohl! Behaltet alle meine Schätze, mit ihnen seid Ihr hinlänglich geborgen bis zum Grabe! Ich geh', und suche mein verlornes Weib!« Er stürzte fort. Doch wie er auch suchte, und Berg und Thal, Wald und Feld durchkreuzte, er fand sein Weibchen, das Täubchen, nicht. Da wüßt' er sich keinen andern Rath mehr, als zu seinem gewesenen Herrn, dem mächtigen Zauberer mit der langen Nase, zu gehen. »Kommst Du wieder?« sprach Dieser, als er den Trostlosen in die Stube treten sah. »Ich weiß Alles; Du hast meinen Rath schlecht befolgt! Doch weil Du bei alledem ein zärtlicher Sohn warst, und das Geheimniß nur Deiner Mutter entdecktest, so will ich Dir diesmal verzeihen. Dein Weib ist bei ihren Schwestern, hundert Meilen von hier in dem Palast mit goldnem Dache; dorthin hab' ich sie gebannt. Aber nur einige Stunden des Tages noch hat sie menschliche Gestalt, in den übrigen ist sie eine Taube. Hast Du Muth, die weite Fahrt zu wagen, so will ich Dich hinschaffen lassen.« Des Jünglings Sehnsucht war zu groß, als daß er nicht freudig eingewilligt hätte. Da nahm der Zauberer eine Pfeife, und pfiff auf ihr. Im Augenblick wimmelte es in der Stube von lauter kleinwinzigen dienstbaren Geistern. Der Zauberer winkte einem der hintersten im Winkel. »Setz' Dich auf Diesen da!« sprach er zu dem Jüngling. »Er wird Dich in den Palast mit goldnem Dache bringen!« – Und das Kerlchen trat näher, hockte nieder, und so klein es war, nahm es den Jüngling auf den Rücken. »Wie schnell willst Du fliegen?« fragte er. »Etwa wie der Adler?« – »Noch schnell«, schneller!« antwortete der Jüngling. – »Also wie der Pfeil, der den Adler ereilt?« fragte das Kerlchen. – »Noch schneller, schneller!« antwortete der Jüngling. – »Also wie der Sturmwind, wenn er über die Länder und Meere braust?« fragte das Kerlchen. – »So schnell will ich fliegen!« versetzte der Jüngling. Und die Decke der Stube öffnete sich, und das Kerlchen mit dem Jüngling erhob sich. Kaum hatte der Zauberer noch Zeit dem Jüngling nachzurufen: »Aber hüte Dich, wenn Du in den Palast kommst, dort den Feind zu befreien, der Dein Weib verfolgt! Befreist Du ihn trotz den Bitten Deines Weibes; dann hilf Dir selbst, dann will und kann ich Dir nicht mehr helfen!« – Das Kerlchen flog so schnell, daß der Jüngling die letzten Worte kaum vernahm. Eh' sich's der Jüngling versah, waren die hundert Meilen zurückgelegt, das Kerlchen setzte ihn im Garten des ersehnten Palastes ab, und verschwand. Als er um sich blickte, sah er in einer Laube seine holde Gemahlin sitzen, wie sie Gold flocht, zwei Tauben, ihre Schwestern, neben sich. Er stürzte auf sie zu, und sie, als sie ihn gewahrte, flog in seine Arme. »So sehen wir uns dennoch wieder!« jauchzten Beide freudetrunken zu gleicher Zeit. »Aber nur einige Stunden des Tages noch hab' ich menschliche Gestalt, in den übrigen bin ich eine Taube, wie meine Schwestern hier,« sagte die Prinzessin.– »Wenn ich Dich nur wieder besitze, mehr verlang' ich nicht, mein liebes, theures Weib!« entgegnete der Jüngling. – Sie waren höchst glücklich in dem Palaste, und kümmerte» sich um die übrige Welt nicht. So verstrichen mehrere Wochen. Einst nahm die Prinzessin die Schlüssel, führte ihren Gemahl in den Sälen und Gemächern des Palastes umher, und zeigte ihm Alles, was es da zu sehen gab. Nur ein Gemach wollte sie nicht öffnen, und bat ihren Gemahl inbrünstig, daß auch er es niemals öffne; sonst drohe ihnen Verderben. Als sie dann wieder zur Taube geworden, und mit ihren Schwestern ausgeflogen war, um im rothen Meere zu baden, dachte bei sich der Jüngling: »Was mag wohl in dem Gemache sein?« Er ging, suchte die Schlüssel, und öffnete es. In dem Gemache sah er einen Drachen mit drei Köpfen, und der war so an der Decke angespießt, daß jeder Kopf an einem Haken hing. Unter dem Drachen standen drei Gläser mit Wasser. Der Jüngling erschrak und wollte zurück; er gedachte der Bitten seines Weibes, es schien ihm, der Zauberer habe ihm beim Scheiden irgend eine Warnung nachgerufen. Aber der Drache bat ihn schmeichelnd: »Fürchte nichts, und reich' mir ein Glas mit Wasser! Dafür soll Dir Dein Leben einmal geschenkt sein!« – Und der Jüngling ließ sich bereden, und reichte ihm ein Glas. Als es der Drache geleert, fiel ihm sogleich ein Kopf vom Haken, und er bat weiter: »Reich' mir das zweite Glas mit Wasser! Es soll Dir Dein Leben noch einmal geschenkt sein!« – Und der Jüngling ließ sich bereden, und reichte ihm das zweite Glas. Als es der Drache geleert, fiel ihm der zweite Kopf vom Haken. Da sprach der Drache mit furchtbarer Stimme: »Jetzt mußt Du mir das dritte Glas reichen, ob Du wollest oder nicht!« – Von Angst erfüllt, reicht' es ihm der Jüngling. Der Drache leert' es; auch sein dritter Kopf fiel vom Haken, und jetzt war der Drache frisch und gesund, denn das Wasser war das Wasser des Lebens. Als sich der Drache gesund fühlte, rafft' er sich zusammen, und stürmte durch das verschlossene Fenster hinaus, das in tausend Scheiben zersplitterte. Noch stand der Jüngling wie gelähmt, als schon die zwei Schwestern geflogen kamen, und riefen: »Unglücklicher, was hast Du gethan! Du hast den schlimmsten Feind befreit, der Dein Weib verfolgt. Der Drache hat Dein Täubchen gehascht, und in sein feines Schloß geschleppt wo er es quälen wird bis zum Tage des Gerichtes!« – »O ich Elender!,« rief der Jüngling, und brach in Thränen aus. »Meine Mutter schalt ich, daß sie mein Geheimniß verrieth, und ich that aus sträflicher Neugier Ärgeres als das Aergste, was ich thun konnte. O daß sie mich nie geboren hätte!« In seiner Verzweiflung ging er trübselig in dem Palaste umher, wo er das Täubchen, sein Weibchen, nicht mehr fand. Von dem Zauberer mit der langen Nase trennte ihn ein endloser Weg; er wußte nicht, was anzufangen. Da kam er auch in den Stall, wo ein Roß stand, – einer der verwünschten Brüder der drei Prinzessinnen, Das sprach zu ihm, als es ihn so trauern sah: »Mir thut es leid um Dich und meine Schwester, weil Ihr Euch so lieb gehabt. Wohnt Heldenmuth in Deiner Brust, schwing' Dich auf mich! Ich will Dich zu des Drachen Schlosse tragen, wie fern es auch von dieser Stätte liegt; und Du geh' und entreiß' ihm seine Beute!« – »Und kost' es mein Leben!« rief der Jüngling, und schwang sich auf das Roß. Das flog mit ihm, wie der Adler fliegt. Sie kamen zu des Drachen Schlosse, der zum Glücke nicht daheim war. Der Jüngling bemächtigte sich der Taube; doch kaum besaß er sie wieder, kaum hatte er sich zur Rückkehr auf das Roß geschwungen, da kam der Drache nach Hause. Schnell witterte er den Verlust, jagte den Eilenden nach, und entriß dem Jüngling sein Täubchen, als Dieser den Palast beinahe schon erreicht. »Ich versprach Dir,« rief der Drache,« für das eine Glas Wasser solle Dir das Leben einmal geschenkt sein. Ich schenk' es Dir jetzt; doch komm zum zweiten Male nicht wieder!« Nach einiger Zeit sprach das Roß im Stalle wieder zu dem Trauernden: »Wohnt Heldenmuth in Deiner Brust, laß Dich nicht abschrecken durch ein fehlgeschlagnes Wagstück! Schwing' Dich auf mich, wir wollen das Werk zum zweiten Mal versuchen!« – »Und kost' es mein Leben!« rief der Jüngling, und schwang sich auf das Roß. Das flog mit ihm, wie der Pfeil dahin fliegt. Sie kamen zu des Drachen Schlosse, der abermals nicht daheim war. Der Jüngling bemächtigte sich der Taube; doch kaum besaß er sie, kaum hatte er sich zur Rückkehr auf das Roß geschwungen, da kam der Drache nach Hause, witterte bald, was geschehen, jagte den Eilenden nach, und entriß dem Jüngling sein Täubchen, eben als dieser bereits in das Thor des Palastes sprengen wollte. »Ich versprach Dir,« rief der Drache grimmig,« für das zweite Glas Wasser solle Dir das Leben noch einmal geschenkt sein. Ich schenk' es Dir noch einmal; doch kommst Du wieder: bist Du ohn' Erbarmen ein Kind des Todes!« Des Jünglings Verzweiflung stieg immer höher; er wehklagte bei Tag und Nacht. Da sprach das Roß im Stalle zu ihm: »Ich will Dir noch einen Rath ertheilen. Ich weiß, wo junge Raben sind; komm und laß uns zu dem Neste gehen, worin sie stecken! Thu', als ob Du sie aus dem Neste herausnehmen wolltest. Die Alten werden über Dich herfallen, Du aber sag', Du werdest die Jungen durchaus nicht schonen, wenn sie Dir nicht das Wasser des Wachsthums und des Lebens brächten. Bringen sie Dir's, so überzeug' Dich zuerst. Nimm einen jungen Raben, reiß' ihm den Kopf ab, tauch' ihn in das Wasser, und kleb' ihm den Kopf wieder an. Wächst der Kopf mit dem Rumpf zusammen, dann ist es das wahrhafte Wasser des Wachsthums. Gieß' hierauf dem Vogel Wasser in den Schnabel; wird er lebendig, so ist es das wahrhafte Wasser des Lebens.« – Der Jüngling befolgte des Rosses Rath. Als sie nun das kostbare Wasser hatten, sprach das Roß zu dem Jüngling. »Jetzt ist Hülfe möglich, falls Dir ein Uebel wiederfahren sollte. Aller guten Dinge sind drei. Fühlst Du Lust und Wuth, so laß uns den Ritt zum Drachen noch einmal wagen!« »Wie sollt' ich nicht Lust und Muth fühlen, du treues Roß!« versetzte der Jüngling. »Ist es doch meine Pflicht, den begangenen Fehler wieder gutzumachen, und mein Weib aus der Haft zu erlösen, die ich ihr selbst bereitet! Auf zu dem Schlosse des Drachen!« Und erschwang sich auf das Roß, und das flog mit ihm, wie der Sturmwind über Länder und Meere braust. – Glücklich bemächtigte sich der Jüngling der Taube, da der Drache wieder nicht daheim war; doch kaum besaß er sie, kaum hatte er sich zur Rückkehr auf das Roß geschwungen, da kam der Drache nach Hause, witterte schnell den Raub, jagte den Eilenden nach, und entriß dem Jüngling sein Täubchen, eben als Dieser schon halb im Thore des Palastes war, den Jüngling selbst aber zerriß er in zwei Hälften. Dann kehrte er triumphirend in sein Schloß zurück. Da lag der Jüngling, ein Kind des Todes! Doch das treue Roß nahm das Wasser, tauchte die zwei Hälften hinein, klebte sie an einander, und sie wuchsen zusammen. Dann goß es dem Jüngling Wasser in den Mund, und er kam wieder zum Leben. »Jetzt,« sprach das treue Roß zu ihm, »weiß ich keinen Rath mehr. Dreimal haben wir's versucht, und dreimal ist es uns mißlungen. Doch hab' ich noch einen Bruder jenseit des rothen Meeres, der wie ich verwünscht ist, und Rossesgestalt hat. Der besitzt mehr Kraft, als ich und der Drache zugleich. Verbände sich Der mit uns, dann würden wir den Drachen erlegen. Allein es wird schwer, wird ungemein schwer sein, ihn zu bekommen, denn er dient bei dem Höllenscheusal Ježibaba. »Versuchen wir's!« rief der neugestärkte Jüngling, dessen Herz von frischem Muthe schwoll. »O, ist nur noch ein schwacher Schein von Hoffnung, so verlaß mich nicht, Du mein Kampfgefährte, und bring' mich an's Ziel, daß ich siege oder verderbe!« »Gern will ich Dir auch diesen Dienst erweisen,« versetzte das Roß, »es soll Bruderliebe der Gattenliebe nicht nachstehen. Aber merk' Dir, was Du zu thun hast! Verding' Dich Ježibaba auf drei Tage, und als Lohn begehr' das magre Roß, meinen Bruder. Du wirst bei Ježibaba zwölf Pferde weiden müssen. Sei auf der Hut vor dem, was sie Dir zu essen gibt! Was sie Dir zu Hause reicht, das kannst Du schadlos genießen; doch was sie Dir auf die Weide mitgibt, das iß nicht! Aeßest Du's, so würdest Du einschlafen, die Pferde würden Dir entlaufen, und Ježibaba strafte Dich dann, daß Du unrettbar verloren wärest.« So zogen sie dahin, bis sie zum rothen Meer gelangten. Als sie sich ihm näherten, sah der Jüngling eine ungewöhnlich große Fliege, die in einem Spinnengewebe umherzappelte, und nicht heraus konnte. Er stieg vom Rosse, trat zu ihr und sagte: »Du arme Fliege, Du kannst Dich aus dem Spinnengewebe nicht losmachen! Wart', ich will Dir helfen!« – Das Spinnengewebe glich einem großen Jagdnetz, er zerhieb es, und die Fliege kroch heraus und sprach: »Dank Dir, Du gutherziger Kaufmannssohn, daß Du mir geholfen! Reiß' Dir einen meiner Füße unter dem Bauche ab, und wenn es Dir schlimm ergeht, denke mein, ich will Dir gleichfalls helfen!« – Der Jüngling lachte bei sich, und meinte: »Was kann mir eine Fliege nützen!« Indeß nahm er sich einen Fliegenfuß, und steckte ihn zu sich. Sie zogen nun weiter, und der Jüngling sah einen Wolf, der den Schweif unter einem Balken eingeklemmt hatte und sich nicht helfen konnte; denn der Wolf hat einen steifen Rücken, und vermag sich nicht zu drehen und zuwenden. Der Jüngling stieg wieder vom Rosse, wälzte den Balken hinweg, und half dem Wolfe. Der Wolf sprach zu ihm: »Dank Dir, Du gutherziger Kaufmannssohn, daß Du mir beigestanden! Nimm Dir eine Klaue aus einem meiner Füße, und wenn es Dir schlimm ergeht, denke mein, ich will Dir gleichfalls beisteh'n!« Er nahm sich eine Klaue, und steckte sie zu sich. Als sie hierauf zum Ufer des Meeres gelangten, sah der Jüngling einen riesigen Krebs, der im Sande auf dem Rücken lag, und sich nicht helfen konnte. Der Jüngling stieg wieder vom Rosse, drehte den Krebs um, wie sich's gehört und half ihm. Der Krebs sprach. »Dank Dir, Du gutherziger Kaufmannssohn! Wohin ziehst Du?« – Der Jüngling entgegnete: »Zu Ježibaba jenseit des rothen Meeres.« – »Wohl, mein Sohn,« sprach der Krebs, »so will ich Dir eine Brücke über das Meer bauen, damit Dein Rößlein nicht hinüber zu schwimmen brauche und Gefahr laufe. Zuvor aber reiß' Dir einen meiner Füße unter dem Bauche ab, und wenn es Dir schlimm ergeht, denke mein, ich will Dir gleichfalls beisteh'n.« – Er nahm sich einen Krebsfuß, und steckte ihn zu sich. Der Krebs kroch nun in's Wasser, legte sich zurecht, und sogleich krochen alle Krebse aus dem ganzen Meere zusammen, legten sich nebeneinander zurecht, und bauten so dem Jüngling eine Brücke, daß er hinüberschreiten konnte. Sein treues Roß entsandte er nach Hause. Es währte nicht mehr lange, so gelangte er zu dem Höllenscheusal Ježibaba. Bei dem Höllenscheusal Ježibaba . Ježibaba, Jedubaba, Jagababa, nach der slawischen Mythologie eigentlich die Göttin des Winters. Die stand eben vor ihrem Schlosse und bewillkommnete ihn. Nachdem sich ihr der Jüngling auf drei Tage verdungen, gab sie ihm zwölf Pferde zu weiden und sprach zu ihm: »Weide die Pferde gut, daß Du keines von ihnen verlierest! Verlierst Du eins, so pflanz' ich Deinen Kopf auf einen Pfahl!« – Sie schickte ihn hierauf mit den Pferden auf die Weide, und gab ihm ein Stück Brot mit, damit er nicht Hunger leide, und etwas zu essen habe. Der Jüngling erinnerte sich an den Rath seines Rosses, er warf das Brot hinweg; denn die vielen Trübsale, die er besonders seit der Zeit zu erdulden hatte, wo er die Warnung seiner Gemahlin sich nicht zu Herzen genommen, hatten ihn gelehrt, auf wohlgemeinten Rath zu achten. Doch was halfs ihm! Ein unwiderstehlicher Hunger befiel ihn, er mußte das Brot suchen und aß es. Da schlief er ein, und während er schlief, zerstreuten sich die Pferde. Als er erwachte, sah er keines. Da begann er zu wehklagen: »O was hat mir mein fester Vorsah gefruchtet! Wohl hat Ježibaba recht prophezeit, daß ich meinen Kopf einbüßen würdet« In seinem Kummer gedachte er der Fliege, und zog ihren Fuß hervor. Da kam die Fliege geflogen und fragte ihn: »Warum wehklagst Du?« Er erzählte ihr den Vorfall. »Sorg' nicht, Dir soll geholfen werden!« sprach die Fliege, und die Fliege lief alle übrigen Fliegen zusammen, und die flogen und suchten die Pferde ringsumher. Sie fanden sie endlich, und umsumsten sie und stachen sie so lange, bis sie wieder zu dem Hirten liefen. Der trieb sie freudig heim. Als Ježibaba ihn kommen sah, und die Pferde alle beisammen erblickte, sprach sie: »Ei, Du hast die Pferde gut gehütet, denn es fehlt kein einziges von ihnen!« Dann nahm sie die Peitsche, und hieb die Pferde wüthend, besonders schlug sie das magre Roß so, daß ihm das Fleisch vom Leibe hing. Den Jüngling dauerte das Roß, weil es am meisten geschlagen wurde, und das magerste war. Ježibaba nahm dann eine Salbe, und salbte die Pferde damit, so daß bis zum folgenden Tage die Wunden alle heilten. Des andern Tags gab Ježibaba dem Jüngling abermals die zwölf Pferde zu werden, gab ihm wieder ein Stück Brot mit, und gebot ihm, es zu essen. Er zerbrockte das Brot, sobald er auf die Weibe kam, und stampfte es mit den Füßen in die Erde. Doch das half ihm nichts: er mußte alles Brot heraussuchen, und aß es sammt der Erde, – einen so gewaltigen Hunger schickte Ježibaba über ihn. In einer kleinen Weile schlief er ein, die Pferde zerstreuten sich alle, und als er erwachte, sah er, daß er kein einziges mehr habe. Da begann er wieder zu wehklagen, doch gedachte er des Wolfes, und zog dessen Klaue hervor. Alsbald kam der Wolf gelaufen, und fragte: »Warum wehklagst Du so? Sei ohne Sorgen, ich will Dir helfen!« Er heulte nach allen übrigen Wölfen und die Wölfe rannten in Schaaren herbei, und liefen dann und suchten die Pferde. Als sie sie gefunden, stellten sich je zwei Wölfe zu beiden Seiten eines Pferdes, und führten es bei den Ohren zu dem Hirten. Der freute sich nicht wenig, und trieb die Pferde heim. – Als ihn Ježibaba kommen sah, sprach sie wieder: »Ei, Du hast die Pferde gut gehütet, denn alle bringst Du zurück!« Aber die Pferde hieb sie abermals mit der entsetzlichen Peitsche, und noch stärker als am vorigen Tage, und dann salbte sie die Wunden, damit sie bis zum folgenden Tage heilten. Den dritten Tag schickte Ježibaba den Jüngling zum letzten Mal auf die Weide, gab ihm auch diesmal ein Stück Brot mit, und gebot ihm, es ja nicht wegzuwerfen, sondern zu essen. Er vergrub, sobald er auf die Weide kam, das Brot so tief in den Sand, als er vermochte; doch überwältigte ihn abermals ein solcher Hunger, daß er es suchen mußte und gierig aufaß. Er schlief ein, und als er erwachte, waren alle Pferde verschwunden; sie hatten sich diesmal in das Meer verborgen, aus Furcht, es möchte sie Ježibaba noch grimmiger schlagen, wenn sie gefunden würden. Dies wußte der Jüngling nicht, darum hoffte er von des Krebses Hülfe wenig, und wehklagte desto lauter; doch gedachte er des Krebses und zog dessen Fuß hervor. Und siehe, da begann sich der Krebs im Meere zu regen, und alle übrigen Krebse schnarren sich zusammen, und suchten die Pferde, und zwickten sie so lange, bis sie zu dem Hirten getrabt kamen. Der empfand unaussprechliche Freude, nahm die Pferde, und trieb sie heim. – Ježibaba erwartete ihn bereits. Der Pferde Züchtigung, weil sie sich hatten finden lassen, war noch schrecklicher als in den beiden früheren Tagen, worauf sie ihnen wieder die Wunden salbte. Des nächsten Morgens fragte Ježibaba den Jüngling, was er für seinen Dienst zum Lohn begehre. Er antwortete nach dem Rathe, den er empfangen: »Ich verlange nichts, als das magre Roß aus Deiner Herde.« – »Das wäre unedel,« sprach das Scheusal arglistig, »wenn ich Dir für Deinen guten Dienst so schlechten Lohn geben wollte. Das schönste Pferd soll Dir gehören!« – Doch er entgegnete: »Ich verlange kein andres, als das magre Roß.« – »Und warum willst Du gerade dieses?« fragte das Scheusal, um den Jüngling zu erforschen. – »Weil es mir leid thut,« erwiderte der Jüngling klug,« daß gerade dies arme Roß immer am meisten geschlagen wird.« – »Wohl denn,« sprach Ježibaba tückisch, und hätte ihn trotz all seiner Klugheit dennoch bald überlistet, »so sollst Du's haben, allein das feiste Pferd dort schenk' ich Dir dazu; das magre würde Dich kaum nach Hause schleppen.« Und er setzte sich auf das feiste Pferd, und führte das magre neben her. Als sie aber zum Thore kamen, flüsterte das magre Roß ihm zu: »Schwing' dich geschwind auf mich herüber, sonst bist Du verloren,« Der Jüngling that's und da rief das feiste Pferd: »Das hat Dir der Teufel eingegeben!« riß sich zornig los, und trabte in seinen Stall zurück. – »Siehst Du,« sprach nun das magre Roß zum Jüngling, »wärst Du auf dem feisten Pferde sitzen geblieben, so hätt' es Dich im Thore in die Höhe geschleudert, Du hättest Dir das Haupt zerschmettert, und lägst jetzt todt, ein Opfer Ježibaba's!« Glücklich gelangten sie zu dem Palast mit goldnem Dache. Als die zwei Tauben, die Schwestern, von ferne ihrer ansichtig wurden, flogen sie ihnen entgegen, begrüßten sie, und umflatterten sie fröhlich in weiten Kreisen. Als sie in den Stall kamen, sprach das Roß im Stalle zu ihnen: »Willkommen, jetzt sind wir Sieger! Gönnt Euch drei Tage Rast, und dann zieht aus, dem Drachen seine Beute zu entreißen!« Dies geschah. Am vierten Tage schwang sich der Jüngling auf das magre Roß, das sich ganz erholt hatte, und Funken aus Augen und Nüstern sprühte. Das flog mit ihm noch schneller als Adler, Pfeil und Sturmwind. Bald waren sie bei dem Schlosse des Drachen, der sich nicht daheim befand, und der Jüngling bemächtigte sich der Taube. Zwar kam der Drache gleich darauf nach Hause, witterte den Verlust, jagte den Eilenden aus allen Kräften nach, und wollte den Jüngling eben erfassen, als er schon in das Thor des Palastes hinein gesprengt war; doch da schlug das Roß, noch keineswegs erschöpft, so gewaltig mit den Hinterfüßen aus, daß der Drache betäubt zu Boden stürzte. Hurtig sprang der Jüngling von dem Rosse, zückte das Schwert, und hieb dem Drachen mit Blitzesschnelle einen Kopf nach dem andern ab. Der wälzte sich in seinem Blute, und erwachte nimmer zum Leben. Jetzt knieten das magre Roß und das Roß aus dem Stalle, das herbeigeeilt war, vor dem Jüngling nieder, und flehten ihn an, er möchte auch ihnen das Haupt abschlagen. Der Jüngling erschrak. »Wie könnt' ich das vollbringen!« rief er, »wie Euch, meinen Wohlthätern, mit solchem Undank lohnen! Nie und nimmer will ich die Schuld auf mein Gewissen laden!« Allein sie hörten nicht auf, zu flehen, und versicherten ihn, es würde ihnen nur zum Heil gereichen. Da entschloß er sich, und hieb auch ihnen die Köpfe ab. In dem Augenblick standen zwei stattliche Prinzen vor ihm. Und die Prinzen nahmen die zwei Tauben, die sich ihnen auf die Schultern gesetzt hatten, und streichelten und küßten sie, und der Jüngling folgte ihrem Beispiel, und nahm sein Täubchen, das sich ihm gleichfalls auf die Schulter gesetzt hatte, und streichelte und küßte es, und plötzlich erhielten die Tauben ihre Menschengestalt für immer wieder, und da standen drei der holdesten Prinzessinnen, die holdeste des Jünglings Gemahlin. Da war des Jubels kein Ende! Die zwei Prinzen nahmen hierauf Abschied, um auf Abenteuer in die Welt zu ziehen, und sich Ruhm und Ehre zu erwerben. Die zwei Schwestern aber versprachen, bei ihrer vermählten Schwester zu bleiben, und ihr in allem beizustehen, was sie brauchen würde. So blieb dem Kaufmannssohn in seinem Glücke nichts zu wünschen übrig, als daß er noch sein liebes Mütterchen bei sich hätte. Auch dieser Wunsch ward ihm erfüllt. An einem Tage kam sein Mütterchen in einem von viel weißen Rossen gezogenen Wagen unverhofft herangefahren. Dies hatte der Zauberer mit der langen Nase bewerkstelligt, der von der Standhaftigkeit und Ausdauer des hartgeprüften Kaufmannssohns gerührt worden war, als er durch seine dienstbaren Geister Kunde davon erhielt, und der eigentlich kein böses Herz hatte, wenn er gleich fürchterlich war in seinem Zorn. Wer sein Glück sucht, der findet's. Seh' nur Jeder, daß er's nicht verscherze! Der verrätherische Diener. Es, war ein sehr reicher und dabei höchst gütiger Herr, ein wahrer Wohlthäter der Menschen. Wer bei ihm Hilfe suchte, wurde nie abgewiesen; seine Freude bestand darin, den Notdürftigen und Unglücklichen zu helfen. Er hatte keinen Erben, für den er hätte Reichthümer sammeln können, und so verwendete er all sein Geld zu guten Werken. Ein solches gutes Werk, und zwar nicht das letzte, war auch dies, daß er über den breiten und reißenden Strom, der unweit von seinem Schlosse dahinfloß, und den menschlichen Verkehr hinderte, mit großen Kosten eine feste, schöne Brücke bauen ließ. Er freute sich über den Bau, und ging oft hin, um nachzusehen und die Arbeiter zum Fleiße zu ermuntern. Als die Brücke fertig war, sandte er einen seiner Diener ab, damit er horche, was die Reisenden von ihm urtheilen würden, und es ihm berichte. Der Diener stellte sich auf die Brücke, und lauschte auf die Reden der Vorüberziehenden. Einige schalten seinen Herren einen Thoren, daß er so viel Geld auf eine Sache verwendet habe, die ihm selbst keinen Nutzen bringe; die meisten aber priesen ihn, daß er durch die Erbauung der Brücke der ganzen Umgegend eine so große Wohlthat erwiesen. Endlich kamen zwei ehrwürdige Greise daher mit langen, weißen Bärten, in Pilgerkleidern. Von diesen sagte der eine: »Was muß das für ein edler Mann sein, der einen so bedeutenden Theil seines Vermögens geopfert, um seinen Nebenmenschen einen Dienst zu thun!« – »Fürwahr,« sagte der andere, »der Erbauer dieser Brücke verdient eine große Belohnung für sein Werk!« – »Wie könnten wir ihn wohl nach Verdienst belohnen?« fragte der erste. »Seine Gattin möge einen Sohn gebären, dem alle Mächte untergeben sein, und dessen Wünsche alle erfüllt werden sollen!« versetzte der zweite, und mit diesen Worten gingen sie vorüber. Der Diener, der das Zwiegespräch vernommen, wunderte sich nicht wenig, und da er ein schlechtes Herz hatte, dachte er sogleich nach, wie er daraus, zum Schaden seines Herrn, einen Vortheil für sich ziehen könnte. Als er nach Hause kam, berichtete er seinem Herren die verschiedenen Urtheile der Reisenden; hinsichtlich der Pilger aber erlaubte er sich eine abscheuliche Lüge. Er erzählte nämlich, wie die zwei ehrwürdigen Greise bedauert hätten, daß ein so edler Wohlthäter der Menschen ein so unerhörtes Unglück erleben solle; denn seine Gemahlin werde einen Sohn zur Welt bringen, den sie bald nach der Geburt tödten und aufessen werde. Darüber betrübte sich der gute Herr außerordentlich, und zeigte gar keine Freude, als ihm seine holde Gemahlin eröffnete, sie hoffe zu Gott, ihr beiderseitiger Wunsch werde in Erfüllung gehen, sie würden einen Erben bekommen. Die holde Frau gebar wirklich ein Söhnlein, und obwohl der Vater jubelte, so trübte ihm die unglückliche Prophezeiung doch stets seine Freude; denn wie sich ein Theil derselben, nämlich daß ihm ein Erbe geboren ward, erfüllt hatte, so mußte er auch mit Sicherheit die Erfüllung des andern Theils erwarten. Indessen paßte der verrätherische Diener auf Gelegenheit, um seinen elenden Vorsatz auszuführen. Eines Tages, die günstige Zeit ersehend, stahl er sich Abends in das Gemach der Frau, indem er wußte, daß sie bereits fest schlafen werde. Hier nahm er das Kind, das neben der Mutter in einer Wiege lag, und trug es zu seinem Weibe, dem er befahl, auf der Straße seiner zu harren. Dann kehrte er zurück, fing im Hofe einen Hahn, schnitt ihm mit dem Küchenmesser den Kopf ab, und bestrich mit seinem Blute die leere Wiege und das Bett der Mutter; das Messer legte er in die Wiege. Nachdem er dies vollbracht, eilte er zu seinem Weibe, und beide zogen mit dem gestohlenen Kinde in die weite Welt. Des Morgens, als der Herr in das Gemach seiner Gemahlin trat, die noch schlief, sah er mit Entsetzen die Wiege leer, und die Blutspuren der vermeintlichen Schreckensthat. Er glaubte, der zweite Theil der unglücklichen Prophezeiung sei in Erfüllung gegangen, ward wüthend vor Schmerz, und da er seine Gemahlin für die Schuldige hielt, durchbohrte er die Schlafende mit seinem Schwerte, so daß sie aus der Stelle todt blieb. Kaum jedoch, daß er die That vollbracht, da kühlte sein Blut sich ab, er begann Alles zu überlegen, und empfand Reue; denn er hatte seine Gattin sehr geliebt, und ohne sie blühte ihm kein Glück auf Erden. Da begann er sein Schicksal zu beweinen; plötzlich aber erfaßte ihn Verzweiflung, er stürzte wie ein Wahnsinniger aus dem Schlosse, und es war nichts weiter von ihm zu hören. Als hierauf die Diener die Herrin todt fanden, und der Herr sich nirgend zeigte, rafften sie alles Gut im Schlosse zusammen und zerstreuten sich; das Schloß stand öd, und ward allmählich zur Ruine. Inzwischen hatte der treulose Diener mit seinem Weibe das gestohlene Kind in ferne Lande getragen, und als es heranwuchs und allmählich zu Verstand kam, wußte er als vermeintlicher Vater den Knaben anzuleiten, ja zwang ihn gewaltsam, daß er sich dies und jenes wünschte, was stets erfüllt wurde. So häufte der Verräther große Reichthümer und lebte in Fülle und Pracht; seine Frau jedoch, die von dem Geheimniß nichts wußte, konnte sich nicht genug wundern, woher ihr Mann alles das nehme, und drang oftmals in ihn, es ihr zu entdecken. Lange weigerte er sich, bis er endlich ihren Bitten nicht zu widerstehen vermochte, und ihr Alles vertraute. Dies hörte zufällig der an der Thür lauschende Knabe, der schon zwölf Jahre zählte, und erfuhr so, welcher Abkunft er sei, und welche Wundergabe er besitze. Groß war sein Vergnügen, daß ein Anderer sein Vater sei, als Der, der ihn oft so unbarmherzig gequält, und er beschloß, ihn nach Verdienst zu strafen. Mittelst seiner Gabe, vermöge der ein jeder seiner Wünsche zur Wirklichkeit ward, verwandelte er den treulosen Diener in einen schwarzen Hund, und machte sich mit ihm auf den Weg, um sein väterliches Schloß zu suchen. Lange zog er in der Welt umher, ohne seine Geburtsstätte erfragen zu können. Es fiel ihm nicht bei, daß ei ja nur zu wünschen brauche, am Ziele zu sein; denn wo hat ein Knabe in seinem Alter hinreichenden Verstand! Doch ersonn er dies Mittel, daß er in jeder Herberge, wo er aß oder übernachtete, seinem Hunde anstatt des Essens Spähne zu reichen befahl, und wenn sich die Wirthsleute wunderten, daß der Hund Spähne essen solle, zur Antwort gab: »Konnte die Mutter ihr Kind aufessen, Kann der Hund auch Spähne fressen.« Nach langem Hinundherwandern gelangte er endlich zu einem breiten und reißenden Strome, über den eine herrliche Brücke führte. Am Ende der Brücke stand eine neu erbaute Herberge, worin der Knabe, erschöpft vom Wege, anhielt. Da ließ er sich ein reiches Mahl bereiten, seinem Hunde jedoch befahl er Spähne vorzuwerfen, und als sich der Wirth wunderte, daß der Hund Spähne essen solle, gab er wie gewöhnlich, zur Antwort: »Konnte die Mutter ihr Kind aufessen, Kann der Hund auch Spähne fressen!« »Ei,« sagte der Wirth, »das geschah vor zwölf Jahren unweit von hier in einem Schlosse, daß eine Mutter ihr Kind aufaß, worauf ihr Mann sie im Zorne ermordete, und dann verschwand, ohne daß jemand weiß wohin. Ich diente damals in dem Schlosse, und Alles war erstaunt über den Vorfall. Die Mutter begrub man ihrer That wegen an einem ungeweihten Ort; doch was konnte die Unglückliche dafür, es war ihr vor des Kindes Geburt prophezeit worden!« Freudig hörte der Knabe diese Worte; denn sie entdeckten ihm. daß hier sein väterlicher Sitz sei. Er ließ sich zu dem Grabe der Mutter führen, kniete dort nieder, und vergoß bittre Thränen. »O wärest Du doch am Leben, unglückliche Mutter, die ich nicht kannte, und die so unschuldig litt!« rief er mit überwallendem Gefühl. Und sieh! da öffnete sich die Erde, und aus dem Grabe stieg eine holde Frauengestalt, drückte den Knaben an ihre Brust, und nannte ihn Sohn. Der Knabe hatte, ohne es zu wissen, durch den ausgesprochenen Wunsch seine Mutter zum Leben erweckt, und war jetzt wie von Sinnen, und konnte nicht fassen was sich begebe. Bald aber besann er sich, umschlang die Mutter zärtlich, und versank in seine Glückseligkeit. »Wäre doch auch der Vater hier, und theilte unsere Wonne mit uns!« rief er hierauf, und alsbald stand ein Mann da von stattlichem Wuchs und freundlichem Aussehn, nur daß Schwermuth wie eine Wolke sein Antlitz beschattete. Es war des Knaben Vater, der sein Kind für todt gehalten, und aus Schmerz über den verübten Mord in der Welt umhergeirrt, ohne Ruhe zu finden. Jetzt klärte sich ihm Alles auf, und unaussprechlich war die Lust der Ueberglücklichen. Sie kehrten in ihr Schloß, zurück, das die Wünsche des Sohnes schnell in seinen vorigen Zustand versetzten, und fingen an, ein neues Leben zu leben. Den verrätherischen Diener verwandelte der Sohn wieder in einen Menschen, worauf er kraft gerichtlichen Urtheils lebendig durch Pferde zerrissen ward. Der Vater wurde wieder ein Wohlthäter seiner Nebenmenschen, bis ihn nach vielen Jahren ein natürlicher Tod abrief; der Sohn aber gebrauchte nach dem Beispiele des edlen Vaters die ihm verliehene Macht nur zum Nutzen Anderer, und hinterließ so ein gesegnetes Andenken. Der gute Rath! Es war ein Vater, der zwei Töchter hatte. Als er beide verheirathete, sagte er zu seinem Weibe: »Mutter, geben wir den Töchtern, was unser ist!« Sein Weib erwiederte: »Alter, thu' das nicht! Thu's nicht früher, als bis wir einmal sterben!« – »Pah,« versetzte er drauf, »geben wir's ihnen!« – Sie gaben den Töchtern Alles. Die Töchter hielten sie etwa zwei Monate lang in Ehren; dann ehrten sie die Eltern immer weniger und weniger, bis sie Vater und Mutter gar nicht mehr besuchten. Das nagte dem Vater am Herzen. Einst machte er einen Spaziergang durch's Feld, und begegnete seinem alten Freunde. Der sprach zu ihm: »Bruder, was gehst Du so betrübt? Du warst ja sonst immer so frohen Muthes.« Er zuckte mit den Achseln, und sagte: »Ich habe nicht gut gethan. Alle haben mich verlassen!« – »Sorg' nicht!« entgegnete sein Freund. »Da hast Du Geld, richt' ein Essen her, und lad' Deine Töchter und Schwiegersöhne, mich gleichfalls dazu ein!« Sie trennten sich und er richtete ein Essen her, und lud seine Töchter und Schwiegersöhne sammt dem Freunde ein. Beim Mahle sagte sein Freund zu ihm: »Bruder, da hast Du diese Truhe mit Geld! Ich bedarf ihrer nicht, und Du hast nichts. Sie kann Dir gute Dienste leisten, eh' Du stirbst.« Er nahm die Truhe und verwahrte sie in seiner Kammer. Beide alte Freunde hatten sich schon verabredet, und wußten, was in der Truhe sei. Da wisperte gleich beim Mahle die eine Tochter ihrem Manne zu: »Ei der Vater hat noch so viel Geld, die ganze Truhe voll! Das ist zu beachten. Wir müssen sehen, daß wir's nach seinem Tod bekommen, daß er's uns vermache!« Und die andere Tochter sprach leise zu ihrem Manne: »Lieber Mann, wir haben volle Ursache, unsren Vater in Ehren zu halten!« – Das Mahl war zu Ende, sie schieden von einander. Von diesem Tage an erging's dem Vater vortrefflich bis zu seinem Tode. Er starb, ohne ein Testament zu machen. Da suchten sie hastig die Truhe, zogen sie hervor, rissen sie auf, und fanden – zerbrochene Töpfe, zerschlagene Gläser, lauter Scherben. Denen ist doch wahrlich recht geschehen! Der Heiland unterwegs.   1. Zu jener Zeit, als der Herr mit dem heiligen Petrus auf Erden wandelte, begegnete ihnen allerlei auf ihren Wegen. Einst zu später Stunde kamen sie in ein Dorf, wo ihnen lange Niemand ein Nachtlager geben wollte, bis sie einen Bauer trafen, der sie aufnahm. Er befahl, Stroh für sie in der Scheuer zurechtzumachen, und eh' sie schlafen gingen, ließ er ihnen ein gutes Nachtmahl auftragen. Das gefiel Petrus, der sich ärgerte, daß sie Niemand hatte aufnehmen wollen, und er fand kein Ende, den Bauer zu preisen. »Wenn Du lobst, lob' nicht zu sehr!« sprach der Herr. – Kaum daß es dämmerte, kamen die Drescher in die Scheuer. Petrus erwachte aus dem süßen Schlaf, und es verdroß ihn, daß ihn der Bauer so zeitig störe. »He, ihr Beiden,« rief der Bauer, »auf, kommt uns helfen! Wer essen will, muß auch arbeiten.« Aber Petrus rührte sich nicht, um so weniger, als ihm schien, daß der Herr noch fest schlafe. Die Drescher machten sich an die Arbeit. Als sie dreimal in die Runde gedroschen, sagte der Bauer: »Sollen wir die Faulenzer schlafen lassen? Haben sie sich satt gegessen, sollen sie uns auch arbeiten helfen. He, streich' einer Den vorn mit dem Dreschflegel!« Petrus lag am Rande, und bekam eins auf den Rücken. Aber er muckste nicht, um so weniger, da ihm der Herr noch fest zu schlafen schien. »Nun, Die haben einen festen Schlaf!« meinte der Bauer, und drosch weiter. Da flüsterte der Herr zu Petrus: »Petre, rück' still an meine Stelle herüber, sonst könntest Du zum zweiten Mal eins bekommen« Petrus that es sehr gern, denn ihn schmerzte noch der Rücken von dem Schlage. »Ei das sind ja Stöcke!« schrie der Bauer. »Wenn der Donner neben ihnen in die Erde führe, würden sie noch nicht hören. Wartet, ich will mit meinem Dreschflegel Den hinten dort streichen!« Wie gesagt, so gethan. Da Petrus an des Herrn Stelle lag, bekam er wieder eins, und zwar ein Derbes. Er sagte nichts, aber er dachte bei sich: »Es wär' doch eine schöne Sache, wenn der Mensch Alles voraus wüßte; er könnte Manches vermeiden.« Hierauf erhob sich der Herr vom Lager, und Petrus mit ihm, und der Herr segnete den Bauer, daß dieser doppelt so viel Körner drosch. Unterwegs tadelte Petrus den Herrn, daß er ihn gesegnet, und schalt heftig auf den Bauer der zwei Schläge wegen. Da sprach der Herr: »Petre, Du hast die Schläge wohl verdient: einen um den Wirth, weil Du undienstfertig warst, und den andern um mich, weil Du selbstsüchtig warst. Wenn Du schiltst, schilt nicht zu sehr!«   2. Als sie in ein andres Dorf kamen, hungerte sie, und der Herr sprach: »Petre, geh' und kauf Milch!« – »Keine Milch, Herr, lieber Käslein,« bat Petrus, der die Käslein gern aß. – »Es gescheh' nach Deinem Willen. Hier hast Du Geld, kauf drei Käslein!« Petrus ging in ein Haus, und kaufte drei Käslein. Eins verzehrte er sogleich, kehrte dann nach einer Weile zurück, und brachte nur zwei. »Wo ist das dritte Käslein?« fragte der Herr. Petrus that, als ob er es nicht hörte, und sie gingen weiter. Sie kamen in einen Wald, wo sie ausruhten. Da sprach der Herr zu Petrus: »Petre, ich habe kein Geld mehr, und wir werden dessen bedürfen. Hier unter dem Baume, auf dem wir sitzen, liegt ein Schatz. Nimm eine Stange, schaff' den Baumstock heraus, und heb' den Schatz.« Petrus war sogleich an der Arbeit, und als er den Baumstock herausgeschafft, fand er in der That einen Schatz von lauter Goldmünzen. Er nahm die Goldmünzen und legte sie auf einen Haufen vor den Herrn. Der Herr zählte die Goldmünzen, und machte drei gleich große Häuflein; eins gab er Petrus, eins behielt er für sich, und eins ließ er liegen. »Wem gehört denn das dritte Häuflein, Herr?« fragte Petrus. – »Das gehört Dem, der das dritte Käslein gegessen.« Schnell war Petrus mit dem Geständniß heraus: »Herr, das dritte Käslein hab' ich gegessen.« Aber der Herr sah ihn mit ernstem Blicke an und sprach: »Petre, Du bekennst Dich nicht zu dem Käslein, sondern zu dem Gelde. Im Gelde steckt der Satan. Geh', nimm all das Geld, und vertheil' es unter die Armen!« Petrus erröthete über und über; er nahm das Geld, und that, wie ihm der Herr befohlen.   3. Einst ging Petrus, ganz in Gedanken vertieft, neben dem Herrn einher, bis er plötzlich zu ihm sagte: »Es muß doch eine schöne Sache sein, Herrgott zu sein! Wenn ich nur einen halben Tag Herrgott wär', dann wollt' ich wieder Peter sein!« – Der Herr lächelte und sprach: »Es gescheh' nach Deinem Willen. Sei Herrgott von jetzt an bis zum Abend!« Eben näherten sie sich einem Dorfe, aus welchem ein Bauermädchen eine Heerde Gänse trieb. Als es sie auf die Wiese getrieben, ließ es sie dort, und eilte in das Dorf zurück. »He, willst Du die Gänse allein lassen?« fragte Petrus das Mädchen. »Was, ich soll heut die Gänse hüten? Wir haben heut Kirchweih',« versetzte das Mädchen. »Und wer soll denn die Gänse hüten?« fragte Petrus weiter. »I, heut muß sie der liebe Herrgott hüten!« entgegnete das Mädchen, und eilte fort. »Peter,« sprach der Herr, »Du hast's vernommen. Gern wär' ich mit Dir in das Dorf zur Kirchweih' gegangen; allein die Gänse könnten verunglücken, und Du bist Herrgott bis zum Abend, Du mußt sie hüten.« Was blieb Petrus übrig? Er machte zwar ein verdrießliches Gesicht, gleichwohl mußte er die Gänse hüten; aber er verschwor sich, niemals wieder Herrgott sein zu wollen.   4. Einst kamen sie spät Abends in ein Dorf. Der Herr wollte in einer armseligen Hütte um ein Nachtlager ersuchen; allein Petrus bat, sie möchten doch in eines der stattlichen Häuser gehen, wo Ueberfluß wäre. Der Herr hielt ihn nicht ab und ließ ihn gehen; er selbst blieb vor der armseligen Hütte sitzen. Petrus ging in das Haus, das von allen das stattlichste war. »Hier ist Ueberfluß, hier werden wir ein gutes Nachtmahl und ein gutes Nachtlager bekommen!« dachte Petrus; allein er irrte sich. Die Bäuerin fertigte ihn barsch ab: sie koche nicht für Landstreicher und habe für solche kein Nachtlager! Petrus ärgerte sich, doch ließ er sich nicht abschrecken; er ging in das zweite Haus, wurde aber dort gleichfalls weggewiesen, und ebenso im dritten. Voll Verdruß kehrte er endlich zu dem Herrn zurück. »Komm, versuchen wir's in dieser Hütte,« sprach der Herr, und Beide traten ein. Sie fanden ein Weib mit ihren Kindern eben beim Essen. Ueberall war die Armuth sichtbar. »Da werden wir gut ankommen, das Weib hat ja selbst nichts!« dachte Petrus; allein er irrte sich. Als der Herr um Nachtmahl und Nachtlager bat, erwiderte das Weib, eine Wittwe: »Wenn Ihr mit dem vorlieb nehmet, was ich habe, will ich Euch gern bewirthen.« Der Herr war mit allem zufrieden, und die Wittwe stand auf und ging hinaus, und es währte nicht lange, so brachte sie ihnen in einer Schüssel Suppe. Sie entschuldigte sich, daß die Suppe nicht fett genug sei sie würde sie gern fetter gemacht haben, allein sie habe kein Oel. »Peter, zähl' die Augen, die auf der Suppe schwimmen!« sprach der Herr. Petrus zählte die Augen; es waren ihrer mehr, als sechzig, nur oberflächlich gezählt. Als sie gegessen hatten und sich auf den Boden begeben sollten, wo ihnen die Wittwe ein Lager zurechtgemacht, zählte der Herr so viel Goldmünzen auf den Tisch, als Augen auf der Suppe geschwommen, und schenkte sie der Wittwe. Die Wittwe wußte nicht, was vor Freuden anzufangen. Zeitig Morgens ging sie in das benachbarte stattliche Haus, um Milch zu holen, damit sie den Reisenden ein gutes Frühstück bereiten könnte, und erzählte da der Bäuerin, wie reich sie die Reisenden für eine schlechte Suppe belohnt hätten; daß sie ihr soviel Goldmünzen gegeben, als Augen auf der Suppe geschwommen. Die Bäuerin war geldgierig. Sie sagte daher der Wittwe, sie möchte für die Reisenden nichts kochen; sie selbst wolle die Reisenden laden, sie habe Alles im Ueberfluß, und könne ihnen eine bessere Suppe bereiten. Als dies die Wittwe Petrus und dem Herrn sagte, sprach der Herr: »Peter, komm!« Sie gingen in das Haus der Bäuerin. von den Danksagungen der Wittwe begleitet. Die reiche Bäuerin bereitete ihnen eine recht fette Suppe. »Haben sie die schlechte Suppe so gut bezahlt, wie werden sie erst die gute Suppe bezahlen!« dachte sie. – »Peter, zähl' die Augen, die auf der Suppe schwimmen!« sprach der Herr. – »O Herr,« rief Petrus, dem die Suppe überaus schmeckte, »die Suppe ist so gut, daß all das Fett auf ihr in ein einzig Auge zusammenfließt. Die Bäuerin verdient, daß Du sie doppelt so reich belohnst.« Als sie gingen, schenkte der Herr der Bäuerin nur eine Goldmünze. Die Bäuerin war unzufrieden, allein der Herr gab ihr nicht mehr. »Wie viel Augen, so viel Goldmünzen.« Unterwegs tadelte Petrus den Herrn, aber der Herr sprach: »Peter, nicht die Größe der Gabe macht ihren Werth, sondern die Absicht, die der Geber hat. Wahrlich, die schlechte Suppe der armen Wittwe war sechzigmal mehr werth, als die gute Suppe der reichen Bäuerin.«   5. Einst kam der Herr in ein Dorf, und sah da einen alten Bettler weinend aus einem stattlichen Hause gehen. »Warum weinst Du, Alter?« fragte ihn der Herr. »O Herr, ich habe Hunger und vermag mir kein Stückchen Brot zu erbetteln. Ueberall haben die Bäuerinnen mit dem Hause zu thun; jede fertigt mich ab, sie haben keine Zeit, und keine will sich soviel Zeit nehmen, um mir ein Stückchen Brot abzuschneiden!« wehklagte der Bettler. Der Herr sagte ihm, er solle warten, er selbst wolle in das Haus gehen, aus dem der Bettler weggewiesen worden. Die Bäuerin war mit den Mägden beschäftigt, den Hanf zu binden, um ihn dann zu wässern. Der Herr bat um ein Stückchen Brot. – »Ihr kommt ja Haufenweise, einer »ach dem andern! Troll' Dich! Hab' keine Zeit, Euch zu bedienen!« schnurrte ihn die Bäuerin an, und als der Herr dennoch bat, und sagte, Gott werde ihr vergelten, was sie an einem Armen thue, schrie sie zornig: »Ich brauch' Dein Geplapper nicht. Du bekommst nichts; Dir zu Gefallen werd' ich die Arbeit nicht stehen lassen.« Der Herr entfernte sich und ging in ein zweites Haus, wo es ihm nicht besser glückte. So fertigten ihn die Bäuerinnen überall ab. Da sprach der Herr zu der Bäuerin, die er zuletzt gebeten: »Denkt an mich, in Zukunft werdet Ihr doppelte Arbeit beim Hanfe haben!« Mit diesen Worten schied er und nahm den Bettler mit sich. Und seit dieser Zeit muß der Hanf zweimal gerauft werden, zuerst der männliche Hanf und dann der Saathanf. Die Strafe nach dem Tode. In der Schenke zu Hostonic erscholl großer Lärm. Es waren dort drei lustige Brüder beisammen. Sie zechten ohne Aufhören schon den dritten Tag und hatten sich dadurch so in Flammen gesetzt, daß sie die Schranken der guten Sitte nicht mehr ehrten. Es wartete ihnen eine Magd auf, die unlängst Mutter eines Kindes geworden, von des Kindes Vater jedoch verlassen, und nun der ärgsten Noth preisgegeben war. Sie mußte von ihnen manchen Spott hören, doch schwieg sie geduldig zu den rohen Reden; denn es waren freigebige Gäste, die sie stets mit einer kleinen Gabe in Geld bedachten, so oft sie aus dem Wirthshaus gingen. Als sie mit gefüllten Krügen wieder aus dem Keller kehrte, sprach einer aus dem Kleeblatt die schonungslosen Worte zu ihr: »Schneidest Du schon die Leinwand auf Windeln für Deinen Bankert zu?« Und die Magd schlug die Augen nieder und entgegnete: » Herr, mir wächst kein Flachs auf dem Felde. Ich weiß wahrlich nicht, wohin den armen Wurm zu legen.« Da erhob sich der zweite Zechbruder, ein leichtsinniger und ungläubiger Mensch, und sprach zu der Magd: »Ich will Dir ein Geschenk zum Kindbett machen, das nicht gering sein soll; aber Du mußt thun, was ich begehre.« – »Begehrt Ihr nichts, was über meine Kraft und wider mein Gewissen ist,« versetzte die Magd, erfreut durch den Schimmer der Hoffnung, »so will ich gern vollbringen, was Ihr mir auflegt.« – »Nichts dergleichen, die Sache ist leicht. Bring' mir das Todtengeripp', das vor der Pforte der hiesigen Kirche steht!« Als die Magd diese Worte vernahm, erbebte sie vor Entsetzen, und indem sie bleich ward wie die Wand, entgegnete sie mit stockender Stimme: »Herr, treibt keinen so grausamen Scherz mit einer Unglücklichen, und versucht Gott nicht mit solchen Lästerungen!« Aber die zwei andern Zecher lobten jauchzend den Vorschlag, und ihre vollen Beutel hervorziehend, leerten sie deren Inhalt auf den Tisch, so daß blinkende Groschen und Thaler herabfielen und weit durch die Stube rollten. »Ist das kein stattlich Angebind für Dein Kindlein?« riefen die trunkenen Schwelger. Und der Dritte, der den Vorschlag gemacht hatte, legte seinen Beutel zu dem auf dem Tische ausgeschütteten Gelde und sprach: »Hier ist meine Beisteuer! Besinn' Dich schnell. Du wirst nicht immer Gelegenheit haben zu so leichtem Verdienste.« Der Anblick solchen Reichthums, wie sie ihn noch nie beisammen gesehen, berückte die arme Magd; der Gedanke, daß sie mit einer waghalsigen That sich aus ihrem Elend reißen könne, gab ihr Muth zu dem Unternehmen, und sie meinte, falls eine Sünde dabei sei, sich mit Gott zu versöhnen, wenn sie einen Theil des Lohns der Kirche opfere. Sie willigte also ein, doch nicht ohne langes Zögern, kniete vor dem Bilde des Gekreuzigten nieder, und gestärkt durch inbrünstiges Gebet, begab sie sich auf den gefahrvollen Weg. Von jenem Todtengerippe gingen in der Umgegend wunderliche Gerüchte. Es sollte einst ein Ritter gewesen sein, durch die Wildheit seines Wesens weit und breit bekannt. Er betrog ein edles Fräulein um Ehr' und Tugend, und verließ es dann, so daß es aus Gram darüber starb, eben als es die Frucht der Sünde unter dem Herzen trug. Das Fräulein lud ihn sterbend binnen Jahresfrist vor Gottes Gericht. Man begrub sie in der Kirche zu Hostonic, in ihrer Familiengruft, zu welcher der Eingang sich gleich vor der Kirchenpforte befand. In einem Jahre starb der wilde Ritter und wurde auf dem Hostonicer Kirchhof bestattet. Zum Entsetzen der Gemeinde verließ er über Nacht sein Grab und wurde stehend mit gefaltenen Händen beim Eingang zu der Gruft des Fräuleins gefunden. Es ging das Gerücht, daß auch das Fräulein keine Ruh' im Grabe habe, sondern im Sarge sitze, bei einer Lampe in einem großen Buche lesend. Der Todte stand bei der Gruft, bis alles Fleisch von ihm abfiel, und er ein bloßes Gerippe war. Man begrub ihn einige Male von neuem mit allen kirchlichen Ceremonien, denn die Leute in der Umgebung scheuten sich vor seinem Anblick; allein des andern Tages war er immer wieder auf seinem alten Platze mit gefaltenen Händen vor der Gruft stehend. Es hieß, er stehe nach dem Tode das Fräulein um Verzeihung, und wenn er keine erhalte, müsse er so stehen bis zum jüngsten Tag. Die Leute gewöhnten sich später, an dem gespensterhaften Gerippe vorbei zur Kirche zu gehen und als Jahrhunderte verflossen waren, wurde der Vorfall in der Umgegend als eine bloße Sage erzählt, die Mancher, besonders aus dem jungen Volke, ungläubig belachte. Zu diesen Ungläubigen gehörten auch jene drei luftigen Gesellen, die in ihrem Uebermuth die Magd aus dem Wirthshause nach dem Todtengerippe geschickt hatten. Als sie aus dem Hause trat, ward es bereits sehr dunkel; mit ängstlichem Schritte ging sie über den Dorfplatz zu der Kirche, die auf einer Anhöhe lag, und je näher sie kam, je stärker klopfte ihr das Herz. Als sie den Hügel erstiegen und zum Kirchhofe schritt, ertönte vom Kirchthurm das Abendglöcklein, die frommen Christen zum Gebete ladend. Die Magd bekreuzigte sich und sprach mit Andacht das Ave Maria. Als sie in den Kirchhof trat, war es schon finster geworden, und der bleiche Schimmer des aufgehenden Mondes beleuchtete geheimnißvoll die hölzernen Kreuze auf den Gräbern, von denen einige mit frischen Kränzen behängt waren. Die Schatten dieser Denkmäler irdischer Vergänglichkeit vereinigten sich an der Kirchenmauer zu sonderbaren Gestalten, und die Schatten der Wölkchen, die an dem Mond vorbei jagten, Hegen über die Gräber wie Geister, die das Abendgeläute herbeigerufen. Die Magd überlief ein Schauer, aber der trieb sie vorwärts, und schnell war sie über den Kirchhof weg bei der Hauptpforte. der Kirche. Da stand das furchtbare Gerippe, zu dem großen Stein gelehrt, der den Eingang zur Gruft bedeckte, die Knochenhände gefalten, und die Mondstrahlen spielten um sein Antlitz, so daß es der armen Magd schien, als ob sich die fleischlosen Kinnbacken murmelnd im Gebete bewegten. Die Magd begann vor Entsetzen zu zittern, und bald wäre sie zu Boden gestürzt, der Gedanke jedoch an den reichen Lohn verlieh ihr Muth; sie raffte alle Kraft zu der entscheidenden That zusammen, faßte das Todtengerippe, nahm es auf den Rücken, und eilte, was sie konnte, zu der Schenke. Das Gerippe rasselte bei jedem Schritte, und eh es die Magd an Ort und Stelle brachte, war sie von Furcht und Angst so betäubt, daß sich ihr der Kopf drehte, und sie nur unwillkürlich lief, indem sie das Gerippe krampfhaft mit den Händen hielt. Endlich gelangte sie glücklich nach Hause, und in die Stube tretend, warf sie das Gerippe auf den Tisch, und sank selbst halbtodt auf die Bank. Mit stillem Schaudern betrachteten Alle das Todtengerippe, zugleich die kühne That der Magd bewundernd. Auch die drei Zecher, welche die Urheber gewesen, stutzten, als sie die Knochen des Gerippes vor sich ausgebreitet sahen; der Muth der Magd überraschte sie, denn sie hatten erwartet, sie werde unverrichteter Sache zurückkehren, und schon hatten sie sich bereit gemacht, sie derb zu verspotten. Jener, von dem der Vorschlag ausgegangen, unterbrach das Schweigen zuerst und sprach: »In der That, das Mädchen hat sich ihren Lohn ehrlich verdient! Sie soll sich ihn nehmen, und sich zu uns setzen.« Indeß hatte man die Magd zu sich gebracht, und die drei Zecher riefen sie zu ihrem Tisch, lobten ihre Entschlossenheit und übergaben ihr den versprochenen Lohn. Es fragte sie der kecke Gesell, der sie zu der That aufgefordert, wie es ihr ergangen sei, und ob sich der Knochenmann gesträubt habe. Die Magd, noch blaß von der ausgestandenen Furcht, entgegnete: »Gott ließ nichts Schlimmes über mich kommen, außer daß es mir, als ich das Gerippe trug, schien, es verfolge mich Jemand. Nicht um theures Geld wollt' ich Gott den Herrn zum zweiten Mal versuchen!« – »Aber was jetzt mit dem Knochenmann thun?« rief einer der lustigen Brüder. »Mag sie ihn wieder hintragen, woher sie ihn genommen,« sagte der Erste, »und ihn auf seinen früheren Platz stellen!« Und die Magd, erbebend bei dem Gedanken, daß sie den gräßlichen Gang noch einmal machen solle, versetzte: »Das war nicht unsere Abrede, Herr! Ich hab' gehalten, was ich versprochen, und Ihr selbst habt gesagt, daß ich meinen Lohn treulich verdient.« – »Das hast Du,« entgegnete der Leichtsinnige, »aber was soll das Todtengeripp' bei unserem fröhlichen Gelag? Wir haben keine Zeit an den Tod zu denken, und Muße genug, unsere Sünden abzubüßen. Du kannst Dir noch mehr Geld erwerben, wenn Du den scheußlichen Gast hinwegträgst.« – Da sprach die Magd: »O Herr, erwägt, daß es eine Sünde ist, Andere in Versuchung zu führen. Ich hab' geschworen, um eitles Geld Gott niemehr zu versuchen.« – »So versprech' ich Dir denn, mich Deines Kindes anzunehmen, bis daß es ganz versorgt ist, und sterb' ich früher, so will ich's in meinem Testament bedenken, damit auch nach meinem Tode meine Zusage sich erfülle. Die Anwesenden hier sind Zeugen meines Versprechens.« Die Magd betrachtete den Redenden mit Schaudern, und als er geendet, zeigte sich auf ihrem Antlitz ein Kampf widerstreitender Gefühle. Die Augen zum Himmel erhebend, sprach sie für sich mit leiser Stimme: »Herr dort oben, gieb mir ein, was ich thun soll!« Dann faltete sie die Hände, und schien fortzubeten, bis sie sich plötzlich erhob. »Es sei,« sagte sie zu dem Versucher, »es gescheh' mit mir nach Gottes Willen! Aber Euer ist meine Sünde, Ihr verantwortet sie!« Und entschlossen trat sie zum Tische, wo das Gerippe ausgebreitet lag, faßte das klappernde Gebein, lud es auf den Rücken, und schritt aus der Schenke. Die Blicke aller Anwesenden begleiteten sie, Niemand jedoch ging hinter ihr aus dem Hause. Was der Magd frischen Muth gab, etwas so Gewagtes von Neuem zu unternehmen, war ein Gelübde, das sie, Gott in ihrer Angst um Rath flehend, bei sich gethan. Sie gelobte nämlich, falls sie den gefährlichen Weg glücklich zurücklege, ihr Kind der Kirche zu weihen. Dieser Gedanke, der ihr in dem Augenblicke kam, als sie sich entscheiden sollte, schien eine Eingebung Gottes, daher sie auch einwilligte, und sich mit dem Todtengerippe auf den Weg machte. Sie schritt durch das Dorf, und das Gerippe rasselte schauerlich auf ihrem Rücken; doch daran hatte sie sich bereits gewöhnt, und beachtete es nicht. Als sie sich aber dem Hügel nahete, auf dem die Kirche stand, wurde die Last immer schwerer und schwerer. Anfangs kehrte sie sich nicht daran, denn ihre Sinne waren in einer Art von Betäubung, und sie eilte fast gedankenlos vorwärts. Jetzt jedoch, als sie zum Thore des Kirchhofs kam, riß sie das wachsende Gewicht aus ihrer Gleichgültigkeit; es war ihr, als ob sie einen Centner auf dem Rücken trüge, und bei jedem Schritt nahm die Schwere zu. Schauder ergriff die Magd, unermeßliche Angst beklemmte ihren Busen, fast sank sie nieder unter der Bürde, die ihr den Rücken beugte; noch ein Schritt, und die Magd steht beim Thore, noch ein zweiter, sie ist auf dem Kirchhof. Das Todtengerippe drückt sie zu Boden; doch sie schleppt sich mit ihren letzten Kräften bis zur Kirchenpforte, wo es rechts vor der Gruft mit gefaltenen Händen zu stehen pflegte, und schon will sie es abwerfen und an den gewöhnlichen Platz zur Mauer stellen, da fühlt sie mit Entsetzen, daß sich die Knochenhände regen, sie umschlingen und fest am Halse fassen. Zugleich vernimmt sie hinter sich eine Grabesstimme: »Ich lasse Dich nicht früher, als bis Du für mich Verzeihung erfleht bei dem Fräulein im Grabe. Geh' in die Gruft und bitt' für mich!« Der armen Magd sträubten sich die Haare, kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn, sie zitterte am ganzen Leibe, als sie die furchtbaren Worte hörte, und vor Angst vermochte sie keine Sylbe hervorzubringen. »Willst Du thun nach meinem Willen?« tönt die Stimme des Knochenmanns wieder. »Ich will,« versetzt die Magd in ihrer Todesangst. Die kalten Glieder ließen sie los, die Bürde fiel von ihrem Rücken; halbverwirrt sah sie sich um, und vor ihr stand das Gerippe. Auf sein Antlitz blickend. gewahrt sie, daß das fleischlose Gesicht neues Leben gewonnen hat, die Kinnbacken bewegen sich und die vorige Stimme tönt wieder zu ihr: »Heb' den Stein von der Gruft, und geh' auf den Stufen hinab! Dort wirst Du eine Frau finden in schwarzem Gewand, die im Grabe sitzt und beim Lampenlicht in einem Buche liest. Wende Dich an sie, mit der Bitte, daß sie mir verzeihe, denn nicht eher kann ich Gnade bei Gott erlangen.« Die Magd that nach den Worten des Knochenmanns, und faßte den Gruftstein bei seinem Ringe; wie ein leichtes Bret hob sie ihn auf, und legte ihn bei Seite. Unter ihr öffnete sich ein langer, finsterer Gang; nur an seinem Ende war ein schwacher Lichtschein zu gewahren. Die Magd stieg, auf den steinernen Stufen hinab, ein leiser Windhauch wehte ihr entgegen; doch war's nicht Grabesluft, sondern frische Luft, die ihre brennenden Wangen kühlte. Als sie von der letzten Stufe gestiegen war, befand sie sich in einem weiten, nur matt erleuchteten Gewölbe. Ringsumher auf marmornen Unterlagen ruhte eine Menge von Särgen, in der Mitte aber, woher der Lichtschein kam, war ein Sarg geöffnet. In ihm saß eine bleiche Frau in schwarzem Gewand; das Haupt hatte sie auf die Hand gestützt, aus dem Haupte trug sie einen Kranz von dunkelfarbigen Rosen, und in ihrem Schooße lag ein großes Buch aufgeschlagen, worin sie vertieft zu lesen schien beim Licht der von der Decke hängenden Lampe. Die Magd naht der Frau mit unsicherm Schritte, und sich vor ihr auf die Knie werfend, bittet sie um Gnade für den Ritter. Die bleiche Frau erhebt nicht einmal die Augen vom Buche, sondern schüttelt nur das Haupt. Die Magd bittet und fleht lange, die Frau antwortet nicht, und schüttelt nur das Haupt. Die Magd beschwört sie bei allen Heiligen und Gottes Barmherzigkeit: die Frau blickt nicht empor und schüttelt das Haupt. In Verzweiflung erhebt sich die Magd und geht mit schwerem Herzen über die dunkeln Stufen aus der Gruft. Da steht der Knochenmann; auf dem fleischlosen Antlitz liegt der Ausdruck ängstlicher Erwartung, und er fragt die Magd: »Hat sie mir verziehen?« – »Sie hat Dir nicht verziehen,« entgegnet die Magd mit halb vernehmlicher Stimme. »So kehr' zurück und hör' nicht auf zu bitten, bis daß Du sie erweichest!« Die Magd will reden, der Knochenmann weis't strenge mit der Hand auf die Gruft, und die Magd muß dem Befehle sich unterziehen. Von neuem steigt sie hinab – derselbe Auftritt; die bleiche Frau im schwarzen Gewand sitzt da und liest im Buche, der Kranz jedoch auf ihrem Haupte beginnt von weißen Rosen zu erblühen. Die Magd wirft sich vor der Frau auf die Knie, steht und ringt die Hände; die Frau blickt nicht vom Buch empor, und schüttelt das Haupt. Die Magd hört nicht auf zu bitten, und beschwört sie bei den Wunden des Erlösers, doch vermag sie die bleiche Frau nicht zu erweichen. Die Arme windet sich auf dem Boden, und läßt nicht ab zu stehen; eine Stunde verrinnt, sie kniet noch immer vor der Unerbittlichen, die ihre Augen nicht vom Buche wendet, und blos mit dem Haupte zu erkennen gibt, daß sie nicht versöhnt sei. Mit gebrochenem Muthe steigt die Magd aus der Gruft, und der Knochenmann fragt sie, wie zuvor, ob ihm verziehen sei. »Die Frau ist unerbittlich,« versetzte die Magd mit leiser Stimme.– »So kehr' noch einmal zurück!« ertönte die Grabesstimme des Knochengespenstes. »Ohne Dich kann ich nicht Verzeihung erhalten. Erwirkst nicht Du mir Gnade, so bleib' ich verwünscht bis zum jüngsten Tag. Geh' schnell, und kehr' vor dem Hahnenruf wieder; denn Mitternacht ist längst vorbei.« Die Magd darf sich nicht weigern, und wankt noch einmal auf den dunkeln Stufen in die Gruft. Unten war's noch, wie zuvor; rings auf marmornen Unterlagen Särge, und in der Mitte die bleiche Frau, die im Buche las; allein der Kranz auf ihrem Haupt erglänzte schon von lauter weißen Rosen. Die Magd kniet nieder vor der bleichen Frau und fleht inständig; die Frau antwortet nicht, und schüttelt nur das Haupt. Da beschwört sie die Magd in der Angst ihres Herzens, und fleht zu ihr im Namen des unschuldigen Kindes, das sie geboren; und die Frau blickt empor, ihr Antlitz strahlt wie im Himmelsglanz und ihr Mund spricht mit lieblichem Ton die Worte: »Um Deines Kindes willen sei verziehen!« Hierauf schließt sie das große Buch und sinkt in den Sarg zurück; der Deckel schließt sich, die Lampe lischt aus und das weite Gewölb' erfüllt ein süßer Duft, wie von frischen Rosen. Die Magd blickt umher in dem finstern Gewölbe, und von oben wirft der Mond seine blassen Strahlen herein. Mit freudigem Herzen eilt die Magd von bannen dem Lichte nach, und gelangt glücklich aus der Gruft. Der Knochenmann fragt wie früher, ob ihm die Frau verziehen, und es spricht die Magd: »Sie hat Dir verziehen um des unschuldigen Kindes willen, das ich geboren.« Da spricht der Knochenmann, dessen scheußliche Züge ihre Fruchtbarkeit verlieren, mit sanfter Stimme: »Gepriesen sei der Herr in seiner Barmherzigkeit! Ruhm und Ehre Gott in den Höhen! Du hast wohlgethan, daß Du im Namen Deines Kindes batest; denn weil ich im Leben mit einem Kinde kein Erbarmen fühlte, that der Richter im Himmel den Ausspruch, daß nur ein solches mir Verzeihung erstehen könne. Geh' ungefährdet nach Hause und preise den Herrn!« Da erscholl im nahen Hofe der Hahnenruf, und die Magd, von keiner Furcht mehr gequält, erreichte glücklich das Haus. Des andern Tags fand man vor der Gruft anstatt des Todtengerippes ein Häuflein Staub; denn der Knochenmann zerfiel beim ersten Hahnenruf, als das über ihn gefällte Urtheil erfüllt war. Man stieg in die Gruft, und auf dem Sarge, der sich von selbst über der bleichen Frau geschlossen, fand man einen Kranz von weißen Rosen. Die drei Zechbrüder besserten sich von dieser Zeit an, glaubend an Gottes Macht, und beschenkten die Magd reichlich, sowie ihr Kind, das, ein liebliches Knäblein, in der Furcht Gottes aufwuchs, später in den geistlichen Stand trat, und sich durch einen frommen Lebenswandel auszeichnete. Die bekehrten Faulenzer. Christel und Steffel waren zwei gute Freunde. Sie hatten Beide geheirathet; aber das Arbeiten behagte ihnen nicht, sie wollten ein bequemes Leben führen. »Bruder,« sagte einst Christel zu Steffel, »da draußen in der Welt muß es doch besser sein, als bei uns daheim; die Welt ist so weit und schön. Laß uns hinaus ziehen, und einen Dienst suchen, der nicht hart wäre, und wobei wir doch genug zu leben hätten!« – »Das wär' schon recht,« meinte Steffel, der etwas gewissenhafter und überlegter war, »aber unsre Weiber und Kinder!« – »I nu,« sagte Christel, »die Kinder müssen den Weibern folgen, und um das Uebrige werden sich die Weiber schon bekümmern. Ersparen wir was, so können wir's ihnen ja schicken.« Steffel ließ sich überreden. Die Weiber waren untröstlich, als sie den Entschluß ihrer Männer erfuhren; allein es half nichts. sie vermochten die Männer nicht zurück zu halten. »So geht denn,« riefen ihnen die Weiber beim Abschied ärgerlich nach, obwohl sie sonst herzensgute Weiber waren, »so geht denn, Euer Glück zu versuchen! Aber hütet Euch, daß Ihr keiner Hexe in die Hände gerathet, die Euch was anthue, damit Ihr lernt, es sei daheim doch besser, als in der Fremde!« Als sie so in's Blaue hineingingen, da fühlte sich Christel wohl, wie der Vogel in der Luft. »Nun, Bruder,« rief er, »ist das nicht eine Lust, die ganze Welt sein zu nennen, und sorgenfrei dahin zu ziehen?« – »Das wär' schon recht,« meinte Steffel, »wenn uns nur die Weiber nicht mit der Hexe gedroht hätten« .»Man weiß nicht, was dahinter steckt. Die Hexen sind auch Weiber, und ein Weib hilft dem andern.« – »Pah,« versetzte Christel, »haben wir nur erst einen guten Dienst, das Uebrige macht mir nicht bange!« Sie suchten mehrere Tage, ohne einen Dienst zu finden nach ihrem Wunsch. Eines Abends ziemlich spät gelangten sie zu einer Hütte, wo noch Licht brannte. Sie pochten an die Thür. In der Hütte war nur ein altes Mütterchen, das sie, als es ihnen öffnete, baten, es möchte sie übernachten lassen. Das Mütterchen gestattete es, brachte eine Schüssel, brockte Brot ein, goß warme Milch darauf, und sagte, sie sollten essen. Nach dem Essen erzählten sie, daß sie einen Dienst suchten. »Wenn Ihr Lust hättet.« sprach das Mütterchen, »könntet Ihr bei mir dienen. Ich hab' blos eine Kuh, die könnte Einer von Euch auf die Weide führen, und der Andere könnte ihren Stall ausmisten. Ich will Euch gut halten, und Euch ehrlichen Lohn zahlen.« Christel und Steffel beriethen sich mit einander. Der Arbeit, meinten sie, werde nicht viel sein, die Kost nicht schlecht, dazu noch Lohn. Sie willigten ein, und blieben bei dem Mütterchen im Dienst. Des andern Tags führte Christel die Kuh auf die Weide, Steffel blieb zu Hause, den Stall auszumisten. »Bis ich die Kuh auf der Weide habe,« dachte Christel bei sich, »will ich mich hinlegen, und mir's recht bequem machen.« Christel führte die Kuh langsam, wie er selbst war, die Kuh wollte schneller gehen; er zerrte sie, da wurde sie unruhig, und sie wurde desto unruhiger, je mehr er sie zerrte, bis sie endlich auf dem Weideplatz selbst wie wüthend herumstieß und herumrannte, und Christel über Felder und Raine schleppte. Er war bereits halb lahm; gern hätte er sie losgelassen, allein er fürchtete, sie könnte ihm davonlaufen. Da strengte er seine letzten Kräfte an, und betete, die Sonne möchte bald untergehen, und dachte bei sich: »Steffel hat gut den Stall ausmisten. In einer kleinen Weile ist er fertig, und dann streckt er sich hin, so lang und breit er ist. Aber wart', morgen soll er die Kuh ausführen, und ich will den Stall ausmisten!« Wie erging es indeß Steffel? Als Christel die Kuh ausgeführt, dachte Steffel bei sich: »Bis ich den Stall ausgemistet, will ich mich hinstrecken, und mir recht gütlich thun.« Er fing an auszumisten, allein weil er langsam zugriff, ging die Arbeit nicht vorwärts. Es war schon nach der Mittagszeit, und noch war des Mistes nicht viel weniger. Steffel schwitzte vor lauter Faulheit, und dachte bei sich: »Christel hat gut werden. Der liegt gewiß wo im Schatten, und schaut in den Himmel hinein, wenn er nicht gar die Augen zu hat und schnarcht. Aber wart', morgen soll er den Stall ausmisten, und ich will die Kuh weiden!« Er war mit der Arbeit noch nicht ganz zu Ende, als er Christel mit der Kuh heranrennen hörte. Schnell warf er die Mistgabel weg, und that, als ob nichts wäre. »Nun, Bruder,« fragte Christel, »wie ist Dir's ergangen?« – »O vortrefflich, Brüderchen!« erwiederte Steffel. »Die Arbeit ist nicht der Rede werth, hab' dazwischen zweimal ausgeschlafen. Doch morgen, zur Abwechselung, will ich die Kuh ausführen, und Du kannst zu Hause bleiben.« Christel willigte mit Freude ein. Des Abends fühlten sich Beide so erschöpft, daß sie kaum essen konnten. »Nun, Bruder,« sagte Christel, »warum lässest Du Dir's nicht schmecken? Iß zu, um mich brauchst Du Dich nicht zu kümmern; ich bin satt, ich habe die Fülle zu essen mit mir gehabt, und noch von den Andern auf der Weide bekommen.« In Wahrheit jedoch hatte Christel seit früh keinen Bissen in den Mund gethan, denn auch sein Essen hatte er verloren, als ihn die Kuh so unbarmherzig herumschleppte.– Des folgenden Tags blieb Christel zu Hause, und Steffel führte die Kuh auf die Weide. Allein Steffel erging es aus demselben Grunde mit der Kuh ebenso, wie Christel, und Christel, dem ohnehin die Glieder wie zerschlagen waren, mit dem Ausmisten ebenso, wie Steffel. Als Steffel Abends mit der Kuh nach Hause kam, sah er sich nicht ähnlich, und Christel nach dem Ausmisten sich gleichfalls nicht. Beide konnten vor Müdigkeit nicht reden. Endlich. da sie schlafen gingen, gestanden sie sich gegenseitig ihre Leiden. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« behauptete Steffel, »die Alte ist eine Hexe, und die Kuh ist verhext.« – »Und der Mist auch,« pflichtete Christel ihm bei. »Sagt ich Dir's nicht,« fuhr Steffel fort, »als uns unsre Weiber mit der Hexe drohten? Die Weiber sind mit der Hexe unter einer Decke, ein Weib hilft dem andern.« – »Potz,« rief Christel, »Du magst Recht haben!« – »Drum mein' ich, Bruder,« fuhr Steffel noch weiter fort, »wir kündigen der Alten den Dienst, nehmen unsern Lohn, und gehen zu unsern Weibern heim. Wer weiß, was uns noch Aergeres begegnen könnte!« Christel willigte ein. Des nächsten Morgens kündigten sie den Dienst, nahmen ihren Lohn, und schieden von dem Mütterchen. »Ist mir leid, daß Ihr schon geht,« sprach das Mütterchen; »Ihr wär't mir bei meinem Alter gut zu Händen gewesen. Es zieht Euch wohl zu Euren Weibern. Nun, so grüßt sie von mir, und geht in Gottes Namen!« Der aufgetragene Gruß bestärkte die Beiden in der Meinung, daß ihre Weiber mit der Alten im Bunde seien. Nach einigen Tagen näherten sich Christel und Steffel dem heimatlichen Dorfe. und sahen ihre Weiber von fern auf dem Felde arbeiten. Als Christel wieder heim sollte, bereute er's fast, daß er nicht in der weiten, schönen Welt geblieben, und er sagte zu Steffel: »Ob's nur doch seine Richtigkeit hat, daß unsre Weiber mit der Hexe unter einer Decke sind?« – »Das wird sich bald zeigen,« meinte Steffel. Sobald die Weiber die Kommenden erblickten, riefen sie zugleich mit einer Stimme: »I was Tausend! Seid Ihr schon wieder da? Das war eine kurze Fahrt, Euer Glück zu versuchen!«– »Sind so lang' ausgeblieben, als es uns eben gefallen hat,« versetzte Christel kurz. »Lirum, larum,« meinten die Weiber, »Euch ist's gewiß nicht gut ergangen, daß Ihr so schnell wiederkehrt!« – »Merkst Du's?« wisperte Steffel dem Christel zu, indem er ihn mit dem Ellbogen stieß. »Ei was, nicht gut ergangen!« sagte Christel ärgerlich. »Warum sollt' es uns denn nicht gut ergangen sein?« Die Weiber waren gescheidt, und rochen den Braten. »Nun,« riefen die Weiber lachend, »weil Euch eine Hexe was angethan, um Euch zu lehren, daß es nirgend so gut ist als daheim, und daß Ihr künftig hübsch bei Euren Weibern bleiben sollt.« Und die Weiber lachten fort, daß sie gar kein Ende fanden zu lachen. Jetzt waren Christel und Steffel überzeugt, daß ihre Weiber mit der Alten unter einer Decke steckten, und Diese brauchten nicht viel Mühe, ihren Männern die Erzählung des Abenteuers zu entlocken. Die Weiber verstanden sich auf ihren Vortheil, sie ließen die Männer vorläufig bei dem Glauben, den sie hatten, und die beiden Faulenzer blieben hübsch daheim, arbeiteten fleißig mit ihren Weibern, und wurden ganz zufriedene Hausväter. Die zwei Gevattern. Es waren zwei Schuster, und die waren Gevattern. Der eine war reich, der andere arm. Der reiche hatte keine Kinder, der arme hatte ihrer vier. Der reiche schlachtete eine Kuh. Da ging der arme zu ihm, und sagte: »Ich bitt' Euch, Gevatter, schenkt mir ein Stück von dem Fleische! Die Kinder möchten essen, und ich hab' ihnen nichts zu geben.« Der reiche weigerte sich. Der arme bat: »Ich bitt' Euch um Gottes willen! Ihr habt ja eine Kuh geschlachtet, die ganz Euer ist. Schenkt mir nur etwas davon!« Da hieb der reiche Gevatter verdrießlich ein Stück Fleisch ab, reichte es ihm, und sagte: »Nun da, und geht zum Teufel!« Der arme Schuster ärgerte sich darüber, nahm das Fleisch, und ging gerade zur Hölle. Als er zum Höllenthore kam, sah er einen kleinen Teufel, der Wache stand. Der rief ihn an: »Was willst Du da?« Der Schuster erwiederte: »Ich komm' zur Hölle mit einem Stück Fleisch, das mir mein Gevatter geschenkt hat.« – »Zu wem trägst Du's?« fragte das Teufelchen. »Zu wem sollt' ich's tragen, als zu Euch Teufeln!« entgegnete der Schuster. Da sprach das Teufelchen: »Weißt Du was, ich will Dir rathen. Geh' mit dem Fleisch zu Lucifer, und verlang' dafür von ihm den rothen Hahn, den er bei sich sitzen hat.« – Als der Schuster zu Lucifer kam, fragte ihn dieser: »Was willst Du hier?« Der Schuster erwiederte: »Ich bring' Dir das Stück Fleisch, das mir mein Gevatter geschenkt hat, und verlang' dafür den rothen Hahn, den Du bei Dir sitzen hast.« Lucifer nahm das Fleisch, und gab ihm den Hahn. Als der Schuster wieder bei dem kleinen Teufel vorbeikam, fragte ihn dieser: »Was wirft Du nun anfangen mit dem Hahn?« Der Schuster sagte: »Das weiß ich nicht.« Da sprach das Teufelchen: »Weißt Du was, ich will Dir rathen. Setz' ihn zu Hause auf den Tisch, und befiehl ihm zu krähen! So oft er kräht, so oft fällt ihm ein Ducaten aus dem Schnabel.« Wer war froher, als der Schuster! Als er nach Hause kam, fand er Weib und Kinder vor Hunger halb todt. »Ach Mann, mein Mann,« rief sein Weib, »wo kommst Du her? Ich und die Kinder warten auf Dich mit Schmerzen.« Der Schuster sprach: »Seid außer Sorgen, meine Lieben! Wir werden bald zu leben haben.« Ersetzte den Hahn auf den Tisch, und gebot: »Hahn kräh'!« Und der Hahn krähte, und sogleich fiel ihm ein Ducaten aus dem Schnabel, und er krähte auf des Schusters Geheiß so lange, bis er eine solche Menge Ducaten heraus gekräht, daß sie von dem Tische niederrollten. »Nun, Weib, werden wir nicht zu leben haben?« fragte der Schuster. Er schickte seine Tochter zum Gevatter, dieser möchte ihm ein Viertelmaaß leihen; denn er wollte die Ducaten messen, die ihm der Hahn heraus gekräht. Die Tochter brachte das Viertelmaaß, sie maßen die Ducaten, und maßen ihrer sechs Viertel. Hierauf schickte der Schuster das Maaß dem Gevatter zurück. Das Viertel war alt, es krochen hier und da Nietnägel durch. Hinter einem Nietnagel war ein Ducaten stecken geblieben. Das Mädchen brachte ihn dem Gevatter ohne davon zu wissen. Der Gevatter nahm das Viertel, fand den Ducaten hinter dem Nietnagel, und fragte: »Was habt Ihr da gemessen?« Das Mädchen versetzte: »Der Vater brachte Geld, das maßen wir.« Da verfügte sich der Gevatter in aller Eile zu dem Schuster. »Ei Gevatter,« hub er an, »wie mich däucht, habt Ihr tüchtig Geld gebracht.« – »Nicht doch,« entgegnete der Schuster. »Gesteht es nur, gesteht es nur!« sagte der Gevatter. »Ich werd' Euch von dem Eurigen nichts nehmen.« Der Schuster leugnete, allein der böse Gevatter sprach: »Gesteht Ihr's nicht, so klag' ich Euch an, daß Ihr Jemanden beraubt habt. Ihr seid ja verrathen! Eure Tochter hat in dem Viertel einen Ducaten übersehen, und mir vertraut, daß Ihr Geld gemessen.« Der Schuster konnte nicht länger leugnen, und sprach: »Lieber Gevatter, ich will's Euch bekennen. Ich war in der Hölle bei Lucifer. Ich bracht' ihm das Stück Fleisch, das Ihr mir geschenkt, und womit Ihr mich zum Teufel geschickt, und er gab mir einen rothen Hahn. So oft der Hahn kräht, so oft fällt ihm ein Ducaten aus dem Schnabel, und er kräht so lang', als ich's ihm befehle.« Auf des Gevatters Verlangen und Dringen mußte der Schuster den Weg zur Hölle genau beschreiben. Freudenvoll lief der Gevatter nach Hause zu seinem Weibe. »O höre, Weib, höre!« sprach er. »Unser Gevatter war bettelarm, wie Du weißt; jetzt ist er der reichste Mann. Er ging in die Hölle zu Lucifer, und bekam von ihm einen rothen Hahn. So oft er kräht, so oft fällt ihm ein Ducaten aus dem Schnabel, und er kräht so lang', als es ihm der Gevatter befiehlt. Und den Hahn bekam der Gevatter für ein Stückchen Fleisch, das er Lucifer brachte. Weißt Du was, nehmen wir alles Fleisch, was wir haben, und bringen wir's ihm! Wer weiß, was er uns giebt!« Wie gesagt, so gethan. Mit Fleisch beladen gingen Beide zur Hölle. Als sie zum Thore kamen, fanden sie den kleinen Teufel auf der Wache. Der begrüßte sie mit folgenden Worten: »Gut, daß Ihr kommt; wir warten lang auf Euch. Und gut, daß Ihr das Fleisch mit Euch genommen; Ihr habt in Eurem Leben Niemandem ein so reiches Geschenk gemacht, als uns. Dafür sollt Ihr den verdienten Lohn erhalten! Tretet nur ein!« Der kleine Teufel verzerrte kichernd sein Gesicht, öffnete das Höllenthor und ließ sie ein; und niemehr hat Jemand etwas von ihnen vernommen, sie blieben sammt dem Fleisch in der Hölle. Die zwei Knäuel. Es war eine Wittwe und hatte zwei Töchter. Die eine hieß Fränzchen, die andere Tonchen. Die Mutter sprach: »Liebe Töchter, es geht nicht an, daß Ihr länger zu Hause bleibet, die Noth ist groß, Ihr müßt dienen gehen.« Da sagten die Töchter: »Mutter, wir wollen gehen. Da wir aber noch nirgend in der Fremde waren, so wissen wir nicht, wohin wir uns wenden sollen.« Tonchen sagte: »Liebe Mutter, heut wollen wir noch nicht gehen, sondern erst morgen früh, bis ich zu Gott gebetet, daß er uns Glück verleihe.« Tonchen betete lange, und ging dann schlafen. Des Nachts erwachte sie und sagte: »Mutter, mir träumte, wir sollten Knäuel winden, einen rothen und einen weißen; die sollten wir auf die Erde lassen, und wohin sie kugeln würden, dorthin sollten wir gehen.« Früh kauften die Schwestern Seide, und wanden die Knäuel. Als sie sie gewunden, nahmen sie Abschied von der Mutter, ließen die Knäuel auf die Erde, und sprachen: »Kugelt, wir wollen Euch nachgehen!« Die Knäuel kugelten bis zu einem großen Garten. Als die Schwestern zu dem Garten kamen, sahen sie darin viele schöne Rosen, rothe und weiße; sogleich öffnete sich die Thür vor ihnen, und die Knäuel kugelten bis in die Mitte des Gartens. In dem Garten war ein Tisch, und an dem Tische saß ein hochbejahrter Greis. Sie baten den Greis, er möchte nicht schelten, daß sie ohne Erlaubniß gekommen; sie hätten den Knäueln nachgehen müssen, die bis hierher gekugelt wären. Der Greis fragte sie, was sie begehrten. Sie sagten, sie möchten gern in Dienste treten, und wüßten nicht, wo und bei wem. Der Greis erwiederte, er brauche gerade zwei Dienerinnen; er wolle die eine als Köchin aufnehmen, und die andere als Gärtnerin. »Wollt Ihr bleiben?« fragte er sie. »O recht gern!« antworteten sie. Dann fragte er sie, ob sie Schwestern seien. Sie sagten, sie seien Schwestern. Auch fragte er sie, wie sie hießen. Die Aeltere sagte, daß sie Tonchen, die Jüngere, daß sie Fränzchen heiße. Der Greis sprach: »Du Tonchen wirst in der Küche, und Du Fränzchen wirst im Garten sein. Jetzt kommt, ich will Euch etwas zur Labung geben!« Da gingen sie, und der Greis gab ihnen Aepfel, und mancherlei gute Dinge aus dem Garten, Feigen und Datteln, Mandeln und Rosinen. Als sie sich gelabt, zeigte er Tonchen den Speisevorrath, und befahl ihr, sie solle Alles wohl besorgen, als ob es das Ihrige wäre. »Kommt ein Bettler, gieb ihm ein Almosen. Aber käm' Einer, der's nicht verdiente, spar' und gieb ihm nichts!« Fränzchen gab er Spaten und Gießkanne, und sprach: »Du wirft hier im Garten arbeiten, daß die Bäume nicht verderben. Besorge sie wohl!« Nach einiger Zeit kam der Greis zur Köchin in die Küche nachsehen. Er ging und musterte, was er ihr übergeben, wie viel sie noch davon habe. Dessen war nicht viel weniger geworden, und doch erzählten die Bettler, daß sie ihnen reichlich schenke, und daß der Alte noch nie eine Hauswirthin gehabt, die gar so gut gewesen wäre. Der Greis fragte sie, wie das käme, daß sie die Bettler so priesen, da doch des Vorraths nicht viel weniger geworden. Sie sprach zu ihm: »Nun, wenn ich etwas in den Topf gebe, so mach' ich immer das Kreuz, damit es Gott segne. Meine Mutter lehrte mich, ich möge was immer in den Topf geben, solle ich stets das Kreuz machen, und so thu' ich's denn.« – »Daran thust Du gut, meine Tochter!« entgegnete der Greis. »Thu's auch künftig so, alles in Gottes Namen!« Der Greis ging nun in den Garten zu Fränzchen, um zu sehen, wie es da stehe. Es stand Alles schön. Der Greis sprach: »Fahr' so fort, meine Tochter, damit Alles immer so sei, wie es jetzt ist. Ihr sollt Beide guten Lohn bekommen für Eure Arbeit.« So verstrich ein Jahr. Der Greis fragte die Schwestern, ob sie noch ein Jahr bleiben wollten. Es blieben Beide. Der Greis sprach: »Nun wird Tonchen aus der Küche in den Garten, und Fränzchen aus dem Garten in die Küche gehen, damit Eure Arbeit gleich sei, denn ich will Euch gleichen Lohn geben.« So wechselten denn die Schwestern ihr Geschäft. Tonchen war im Garten gar fleißig, und bemühte sich noch mehr, als Fränzchen, von dem Greise belobt zu werden, daß sie sich das Ihrige angelegen sein lasse. Sie grub, und wenn die Zeit kam, begoß sie, damit der Greis Alles schön hätte. Sie schlief wenig, und war stets nur mit ihrer Arbeit beschäftigt. Als der Greis kam, um nachzusehen, sagte er: »Du machst es noch schöner, als Deine Schwester. Gieb nur Acht, daß Alles so bleibe, wie es ist!« Tonchen erwiederte: »Ja wohl! Ich will gern Alles recht schön und ordentlich halten.« Der Greis ging ein ander Mal zu Fränzchen hin. »Nun, wie geht es, Hauswirthin?« fragte er. Fränzchen antwortete: »Ich weiß nicht, wie Ihr zufrieden sein werdet. Es kommen fortwährend Bettler, die ich beschenken soll. Ich fürchte, Ihr werdet böse sein, daß der Vorrath stark abnimmt.« Der Greis sprach: »Ich sagte Dir, Du sollest nur jenen Bettlern geben, denen Du anstehst, daß sie's bedürfen.« Dann sah er nach, wie viel fehle. Sie hatte nur noch wenig von Dem, was er ihr übergeben. »Fränzchen,« sprach er, »Du wirthschaftest schlecht. Du hast dessen weniger als Tonchen, und doch beklagen sich die Bettler, daß Du ihnen wenig gebest, und manche fortschickest, ohne sie zu beschenken. Giebst Du nicht den Armen und Dürftigen, so wird Dir Gott auch nicht geben, und ich befehle Dir, daß Du ihnen gebest, und sie nicht ausscheltest, sonst bliebe weder mir etwas, noch Dir selbst.« Fränzchen sagte: »Ich gebe wohl, doch hab' ich Angst.« Der Greis fragte sie: »Seid Ihr nicht einer Mutter Töchter?« Sie entgegnete: »Freilich sind wir's.« Der Greis sprach: »Hat Dich die Mutter nicht auch gelehrt, was sie Tonchen lehrte?« Fränzchen entgegnete: »Das hat sie wohl gethan; aber ich gab nicht Acht, und kümmerte mich nicht darum, was sie sagte,« Der Greis fragte sie: »Machst Du denn auch das Kreuz über dem Topf, wenn Du etwas hineingiebst?« Sie sagte: »Ich mache kein's.« Der Greis tadelte sie: »Da fehlst Du.« Fränzchen versprach, künftig eins zumachen, sobald der Greis aber aus der Küche war, murrte und schalt sie. Den Greis, der's noch hörte, betrübte das, und er ging zu Tonchen in den Garten. Tonchen kam ihm schon entgegen, und faltete bittend die Hände, und sagte: »Ach wo seid Ihr so lange? Ich habe Angst. Ein Bäumlein ist mir verdorrt, obwohl ich Alles that, was ich vermochte. Ich bitt' Euch, seid nicht böse auf mich!« Der Greis hatte große Freude daran, daß sie ihn so schön bat. Er trat zu dem Bäumlein und schaute, was ihm geschehen sein möchte. Da fand er, daß es der Wurm angefressen, und daß sie keine Schuld trage. Das zweite Jahr war zu Ende. Der Greis sprach: »Töchterchen, die Mutter wird Euer harren. Ich entlass' Euch und will Euch den Lohn geben für die zwei Jahre, die Ihr bei mir waret.« Er führte sie in ein Gemach, wo er den Lohn für sie schon bereit hatte, und stellte ihnen frei, sich zu wählen, was sie wollten, Tonchen bat ihn noch einmal um Verzeihung, daß sie ihm Schaden gemacht, und suchte sich das Schlechteste aus, das aber nützlich war. Fränzchen nahm sich das Schönste, was auswendig gleißte. Nachdem sich Beide nach Gefallen ausgewählt, ließ er jeder, was sie genommen. Dann ging er mit ihnen in den Stall, und sagte, es solle sich jede zwei Pferde, zwei Kühe, vier Schafe, ein Hündchen und ein Kätzchen nehmen. Er gab ihnen auch einen Wagen, aber einen Fuhrmann, der sie gefahren hätte, konnte er ihnen nicht geben. Tonchen sagte: »Ich will schon selbst fahren.« Der Greis sprach: »Da wirst Du gut fahren, meine Tochter!« Sie wusch nun und reinigte ihr Hündchen und ihr Kätzchen, und gab ihnen zu essen. Fränzchen gab ihrem Hündchen und ihrem Kätzchen nichts zu essen, wusch und reinigte sie auch nicht, sondern war ganz mit den schönen Sachen beschäftigt, die sie sich ausgesucht. Als sie zur Abfahrt bereit waren, bedankten sie sich bei dem Greise. Fränzchen dankte ihm ohne Liebe, Tonchen voll Liebe, küßte ihm die Hand, und wünschte ihm alles Gute. Sie gingen und setzten sich in den Wagen die Aeltere, Tonchen, setzte sich vorn, und nahm das Hündchen und das Kätzchen in ihren Schooß. Fränzchen nahm Hündchen und Kätzchen, und warf sie in den Wagenkorb. Als sie fuhren, riefen Tonchens Hündchen und Kätzchen in einem fort: »Unsere Frau fährt lauter Silber und Gold! Alles Garstige nahm sie, alles Schöne fährt sie!« Fränzchen wollte beständig, ihr Hündchen und ihr Kätzchen sollten auch so rufen, die aber waren stumm. Sie sagte zu ihnen: »Warum ruft Ihr nicht, wie das Hündchen und das Kätzchen der Schwester rufen?« Sie antworteten: »Hast selbst gegessen, kannst selbst Dir rathen!« Fränzchen gerieth in Zorn und schlug sie. Als sie geschlagen wurden, riefen Hündchen und Kätzchen: »Unsere Frau fährt lauter Skorpione, Schlangen und Kröten! Alles Schöne nahm sie, alles Garstige fährt sie!« Fränzchen schlug die Thiere desto mehr, und befahl ihnen: »Ruft, wie die dort: Unsere Frau fährt lauter Silber und Gold! Hört Ihr, wie sie rufen?« Die Thiere antworteten, sie könnten nicht so rufen, da sie Skorpione, Schlangen und Kröten fahre. Da ward sie betrübt, und begriff nicht, warum ihr Hündchen und ihr Kätzchen so riefen, da sie sich doch das Schönste genommen, während die andern fortwährend riefen: »Unsere Frau fährt lauter Silber und Gold!« Als die beiden Töchter zur Mutter nach Hause kamen, ging die Mutter zuerst zu Fränzchen, und nahm ihr Alles ab, Pferde, Kühe, und Schafe, und was sie mitgebracht. Sie schloß das Vieh in den Stall; als sie aber mit Fränzchen in einer Weile nachsehen ging, sah es mager und elend aus. Fränzchen ward noch mehr betrübt. Sie ging nun mit Fränzchen und öffnete die eine Truhe. Dort waren nur wenige Kleider, und unter ihnen nur ein kleines Klümpchen Gold, ein Klümpchen Silber und einige Thaler. Sie ging zu der andern Truhe und öffnete. In der hatte Fränzchen lauter Skorpione, Schlangen und Kröten, wie das Hündchen und das Kätzchen prophezeit hatten. Die Mutter sprach: »Tochter, Du warst ungehorsam! Das ist an dem Lohne zu erkennen, der so garstig ist.« Die Mutter war betrübt darüber, ging zu der Aelteren, und nahm ihr gleichfalls Pferde, Kühe und Schafe ab; bei der jedoch war Alles schön. Dann ging die Mutter mit Tonchen in der Truhe nachsehen. Tonchen hatte dort viele Gewänder, und die glänzten wie pures Gold. Unter den Gewändern hatte sie einen großen Klumpen Gold, einen Klumpen Silber, und hundert Stück Ducaten. Auch goldne Schuhe hatte sie dort. Der Mutter war leid, daß Tonchen so viel hatte, und sie fragte die Tochter: »Habt Ihr Beide an einem Ort gedient?« – »Ja wohl,« antworteten sie. Die Mutter begann auf den Alten zu schelten. Tonchen aber sagte, es habe ihnen freigestanden zu wählen. Fränzchen habe sich alles Schöne ausgesucht, und habe übel gethan; sie selbst habe das Schlechtere genommen, denn sie sei in Furcht gewesen, weil sie dem Alten Schaden gemacht und ihr ein Bäumlein verdorrt sei; da es jedoch so gut mit ihr ausgefallen, so sei sie herzlich froh. Die Mutter sprach zu Fränzchen: »Das ist nicht recht von Dir, Tochter, daß Du nichts sagst von Deinem Ungehorsam, und von dem Schaden, den Du angerichtet!« Fränzchen sah ihre Schuld ein, und sagte: »Mich däucht, Mutter, ich habe darin gefehlt, daß ich immer selbst bei Seite aß, und wenn ich kochte, kein Kreuz über den Topf machte, und den Bettlern nicht gab; darum nahm mein Vorrath so ab. Die Bettler beklagten sich über mich bei dem Alten, und er kam und machte mir Vorwürfe; doch als er fortging, murrte ich über ihn. Er hörte das hinter der Thür, und ward noch böser auf mich. Er war so gut, und darum, däucht mich, hat mich Gott gestraft, und mir so garstige Sachen bescheert, damit ich meinen Fehler erkenne, und damit ich mich bessere.« Der gläserne Berg. Es war ein Vater, der drei Kinder hatte; zwei waren Knaben, eins ein Mädchen. Nach dem Tode ihrer rechten Mutter bekamen sie eine Stiefmutter. Die Stiefmutter hatte die Kinder nicht lieb, besonders die zwei Knaben nicht. So oft sie die Knaben ansah, gab sie ihnen Schimpfnamen, und verwünschte sie, indem sie zu sagen pflegte: »Daß Ihr doch zu Raben würdet!« Der Mann ermahnte sie oft: »Weib, verwünsche meine Kinder nicht! Es könnte ihnen oder Dir selbst etwas Böses widerfahren.« Allein sie achtete nicht darauf, und als sie die Knaben wieder einmal ansah, rief sie wieder: »Daß Ihr doch zu Raben würdet!« Kaum hatte sie's gerufen, so wurden sie wirklich zu Raben. Sie setzten sich auf einen Baum vor dem Hause, und harrten, bis die Schwester heimkäme. Als sie kam, krächzten sie traurig, und nahmen Abschied von ihr. Die Schwester wußte sogleich, daß sie auf den gläsernen Berg verwünscht seien, nur wußte sie nicht, wo der gläserne Berg wäre. Sie machte sich auf den Weg, um die Brüder zu suchen. Lange ging sie. Endlich kam sie zum Sonnenherrn, und fragte ihn, ob er nicht von dem gläsernen Berg wisse, auf den eine Zauberin ihre zwei Brüder verwünscht habe. Der Sonnenherr antwortete: »Ich leuchte den ganzen Tag, allein auf den gläsernen Berg hab' ich noch nie geleuchtet. Weißt Du was, geh' zu meinem Bruder, dem Mondherrn, und frag' ihn! Hier aber geb' ich Dir zum Andenken ein Kleid. Verwahr's in einer Nußschale!« Sie nahm das Kleid, verwahrte es in einer Nußschale, bedankte sich und ging zum Mondherrn. Als sie hinkam, sprach sie: »Mich schickt Dein lichter Bruder, der Sonnenherr, damit ich Dich, den Mondherrn, frage, ob Du nicht von dem gläsernen Berg wissest, auf den eine Zauberin meine zwei Brüder verwünscht hat.« Der Mondherr antwortete: »Ich leuchte des Nachts auf häßliche und auf liebliche Orte, auf hohe Felsen und in tiefe Schlünde; allein von dem Berge weiß ich nicht. Ich will Dir aber rathen. Geh' zu meinem Vetter, dem Windherrn, und frag' ihn! Hier geb' ich Dir zum Andenken ein Kleid. Verwahr's in einer Nußschale!« Sie nahm das Kleid, verwahrte es in einer Nußschale, bedankte sich und ging zum Windherrn. Der Mondherr leuchtete ihr in der Dunkelheit. Als sie hinkam, sprach sie: »Mich sendet Dein Vetter, der Mondherr, damit ich Dich, den Windherrn frage, ob Du nicht wissest, wo der gläserne Berg ist, auf den eine Zauberin meine zwei Brüder verwünscht hat. Gern ging' ich hin; o sei so gut mir zu rathen!« Der Windherr antwortete: »Ich blase schon Jahrhunderte, allein so weit hab' ich noch nie geblasen. Wart' ein wenig, ich will gehen und blasen. Blas ich hin, so sei gewiß, daß ich Dir helfe!« In einer Weile kam er wieder und sagte: »Ich habe bis hin geblasen. Deine Brüder sind am Leben und befinden sich wohl. Du kannst zu ihnen kommen; doch mußt Du thun, wie ich Dir rathe. Hier hast Du einen Windsattel; setz' Dich auf ihn und ich werde blasen. Hier hast Du auch runde Steinlein. Vermag ich nicht mehr zu blasen, leg', ein Steinlein auf den gläsernen Berg, es wird kleben bleiben; tritt darauf, sonst glitscht Dir der Fuß aus. Hab' ich ausgeruht, so reiten wir weiter. Und hier hast Du auch ein Kleid; es wird Dir gute Dienste leisten. Verwahr's in einer Nußschale!« Sie verwahrte das Kleid in einer Nußschale, setzte sich auf den Sattel und ritt. Zuletzt begann der Windherr zu ermatten. Sie legte ein rundes Steinlein auf den gläsernen Berg, und stand darauf, bis der Windherr ausgeruht. So rastete sie einige Male, so daß am Ende kein Steinlein mehr übrig war. Da klagte der Windherr, er vermöge nicht weiter zu blasen; allein in dem Augenblicke trat sie auf den Gipfel des gläsernen Berges. Sie dankte dem Windherrn, und er kehrte zurück. Die beiden Brüder, die Raben, erkannten die Schwester sogleich, und riefen: »Herzgeliebte Schwester, wie hast Du uns hier gefunden?« Die Schwester entgegnete: »Ich war bei dem Sonnenherrn, dem Mondherrn und dem Windherrn, und der Letzte blies mich her. Ich bin gekommen, Euch zu fragen, wie ich Euch helfen könnte.« – »O das bist Du nicht im Stande!« meinten die Brüder. »Was uns retten könnte, ist ein zu schweres Werk!« – »Ich gelob' Euch, daß ich's vollbringe!« rief die Schwester. Da gaben sie ihr einen Pelz aus Mäusefellen, und sagten zu ihr: »Wohlan! Du darfst drei Jahre kein Wörtlein sprechen, stumm mußt Du leiden, und Dein Schicksal tragen, selbst wenn Du an den Galgen kämst. Und nun geh' als Bettlerin in die Welt!« Sie schritt vom Berge hinab, indem ihr die Brüder beistanden. Nun ging sie, bis sie zu einem Schlosse gelangte, wo viele Diener waren, und ein großes Fest gefeiert wurde. Der König des Schlosses wollte sich eine Gemahlin wählen. Ebenversammelten sich die Gäste, als auch sie in das Schloß kam, die Bettlerin in ihrem Pelz aus Mäusefellen. Man ließ sie in dem Schlosse, und gab ihr das Federvieh zu besorgen. Als sie gefragt wurde, ob sie den Dienst annehmen wolle, nickte sie blos mit dem Kopfe. Es kam der Abend, wo der König wählen wollte. Sie fühlte Lust, das Fest zu sehen, zog das Kleid des Sonnenherrn an und ging in den Saal. Da sprach bei König zu seiner Schwester: »Traun, die Prinzessin gefällt mir! Welches Königs Tochter mag sie sein?« Doch sie verlor sich bald, hüllte sich wieder in den Mäusepelz, und ging zu ihren Hühnern. Alles wunderte sich, wohin sie gerathen sei; der König aber befahl, man möchte des nächsten Abends Acht haben, wem er zu trinken reichen würde. Des andern Abends zog sie das Kleid des Mondherrn an, und begab sich so in den Saal. Der König erkannte sie sogleich, reichte ihr zu trinken, und ließ seinen Ring in den Becher fallen. Doch sie verlor sich, hüllte sich wieder in den Mäusepelz und ging zu ihren Hühnern. Man konnte sie nicht finden. Da befahl der König: »Habt Acht, ob sie des dritten Abends kommt! Ich wähle keine andre zur Gemahlin.« – »Wir wollen sie kennzeichnen,« sagte einer der Diener. »Sie soll uns nicht verloren gehen!« Des dritten Abends zog sie das schönste Kleid, das des Windherrn, an, und begab sich in den Saal. Der Diener tupfte sie, ohne daß sie es merkte, mit einer Farbe auf die Hand. Als sie sich nun verloren hatte, suchte man überall, bis man zu der Hühnermagd kam, die im Mäusepelz bei ihren Hühnern schlief, und die war's, die das Kennzeichen an der Hand trug. Alles murrte, daß der König ein solches Wesen zur Gemahlin nehmen wolle; allein der König bestand darauf. Er vermählte sich mit ihr. Drei Vierteljahre verstrichen, ohne daß sie ein Wörtlein sprach. Da mußte der König in den Krieg ziehen; sie aber blieb daheim, und gebar von ihm einen Knaben. Die Hebamme nahm den Knaben, ging mit ihm zum Flusse, und wollte ihn ertränken. Auf einem Strauche beim Flusse saß ein Rabe und krächzte. »Du bist mir lieber, als das Wasser,« rief die Hebamme, »Du wirst mich nicht verrathen. Da nimm Dir das Kind!« Dieser Rabe war einer von den verwünschten Brüdern der Königin; er nahm das Kind in seine Krallen und flog davon. Ihr, der Mutter, sagte man, daß sie eine Mißgeburt zur Welt gebracht, die man ihr gar nicht zeigen könne, und verspottete sie. Und als der König aus dem Kriege zurückkehrte, erzählte man ihm dasselbe. Sie aber sprach kein Wörtlein. Nach einiger Zeit mußte der König abermals in den Krieg. Die Königin weinte, denn sie fürchtete, man würde sie aus dem Leben tilgen, bevor der König käme. Sie gebar wieder einen Knaben, und die Hebamme nahm den Knaben wieder, und trug ihn zum Flusse, um ihn zu ertränken. Auf dem Strauche beim Flusse saß ein anderer Rabe, der zweite Bruder der Königin und krächzte. »Vortrefflich!« rief die Hebamme. »Den Ersten hat der erste gefressen, den Zweiten frißt der zweite, ohne daß es wer erfährt.« Und sie gab ihm das Kind, und der Rabe nahm's, und flog mit ihm davon. Der Mutter sagte man, und dem König schrieb man, daß sie wieder eine Mißgeburt zur Welt, gebracht. Traurig kehrte der König aus dem Kriege zurück; er blickte düster und unzufrieden und da man ihm vorwarf, sein häusliches Unglück sei die Strafe dafür, daß er eine stumme, verworfene Bettlerin genommen, verurtheilte er sie zum Galgen. Sie aber sprach kein Wörtlein. Geduldig bereitete sie sich zum Tode. Schon wurde sie zum Galgen geführt, schon ward ihr der Strick um den Hals gelegt. Da kamen plötzlich ihre zwei Brüder zu Rosse gesprengt, ein jeder hatte vor sich einen Knaben mit einem strahlenden Sterne, und mit lauter Stimme riefen sie: »Haltet ein! Schont die Unschuld! Gerechtigkeit!« Und sie sprachen zu ihrer Schwester: »Die drei Jahre sind verflossen, unsere Befreiung ist durch Dich vollbracht. Hier hast Du Deine Kinder; in Rabengestalt haben wir sie aus den Händen der Hebamme gerettet und erzogen. Und nun, herzliebste Schwester, rede!« Und die Königin dankte den Brüdern, und dann warf sie sich dem König zu Füßen und redete. Da enthüllte sich dem König die Wahrheit. Gerührt hob er die Königin vom Boden, und drückte sie mit Wonne an seine Brust. Die Hebamme aber befahl er auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, und ließ auch über die Andern Gericht halten, die ihr gerathen hatten. Und nun lebten der König und die Königin glücklich mit einander, und die beiden Knaben mit den Sternen wuchsen zu stattlichen Jünglingen empor, und machten ihren Eltern Freude und Ehre, bis diese eines seligen Todes starben. Vom Schafhirten und dem Drachen. Es war ein Schafhirt, und als Schafhirt weidete er Schafe. Wenn er die Schafe weidete, blies er sich gewöhnlich eins auf seiner Hirtenpfeife, oder lag auf dem Boden, und sah nach dem Himmel, nach den Bergen, auf die Schafe und auf den grünen Rasen. Eines Tags – es war im Herbst, zu der Zeit, wo die Schlangen in die Erde schlafen gehen – lag der liebe Schafhirt auf dem Boden, den Kopf auf den Ellnbogen gestützt, und schaute vor sich hin den Berg hinab. Da sah er sein Wunder. Eine große Menge Schlangen kroch von alle Seiten zu dem Felsen heran, der gerade vor ihm stand; als sie bei dem Felsen angekommen, nahm jede Schlange ein Kraut, das dort wuchs, auf die Zunge und berührte mit dem Kraut den Felsen; dieser öffnete sich, und eine Schlange nach der andern verschwand im Felsen. Der Schafhirt erhob sich vom Boden, befahl seinem Hunde Dunaj die Schafe zu weiden, und ging zu dem Felsen, indem er bei sich dachte: »Muß doch sehen, was das für ein Kraut ist, und wohin die Schlangen kriechen!« Es war ein Kraut, er kannt' es nicht; als er's aber abriß, und den Felsen damit berührte, öffnete sich der Felsen auch ihm. Er ging hinein und befand sich in einer Höhle, deren Wände von Gold und Silber strahlten. In der Mitte der Höhle stand ein goldner Tisch; auf dem Tische lag, kreisförmig in sich gewunden, eine ungeheure alte Schlange. Um den Tisch herum lagen lauter Schlangen; alle schliefen so fest, daß sie sich nicht rührten, als der Schafhirt eintrat. Dem Schafhirten gefiel die Höhle, so lang' er in ihr herum ging; dann bekam er lange Weile, erinnerte sich an die Schafe, und wollte zurück, indem er bei sich dachte: »Hab' geseh'n, was ich wollte, will jetzt geh'n.« Es war leicht zu sagen: »Will jetzt geh'n!« – aber wie hinaus? Der Felsen hatte sich hinter dem Schafhirten geschlossen, als er in die Höhle trat; der Schafhirt wußte nicht, was zu thun, was zu sprechen, damit sich ihm der Felsen öffne, und so mußte er in der Höhle bleiben. »Ei, wenn ich nicht hinaus kann, will ich schlafen,« sagte er, hüllte sich in seine Kotze, legte sich auf den Boden und schlief ein. Es schien ihm, daß er nicht lange geschlafen, als ihn ein Rauschen und Flüstern weckte. Er blickt um sich und meint, daß er in seiner Hütte schlafe; da sieht er über sich, um sich die strahlenden Wände, den goldnen Tisch, auf dem Tische die alte Schlange, und um den Tisch eine Menge Schlangen, die den goldnen Tisch lecken, indem sie dazwischen fragen: »Ist's schon Zeit?« Die alte Schlange läßt sie reden, bis sie langsam den Kopf erhebt und sagt: »S' ist Zeit!« Als sie dies gesprochen, streckte sie sich vom Kopf bis zum Schwanze wie eine Ruthe, kroch vom Tisch auf den Boden, und begab sich zum Eingang der Höhle. Alle Schlangen krochen ihr nach. Der Schafhirt streckte sich gleichfalls, wie sich's gehört, gähnte, stand auf, und ging den Schlangen nach, indem er bei sich dachte: »Wo sie gehen, will ich auch gehen.« Es war leicht zu sagen: »Will ich auch geh'n« – aber wie? Die alte Schlange berührte den Felsen; der öffnete sich, und die Schlangen, eine nach der andern, schlüpften hinaus. Als die letzte Schlange draußen war, wollte auch der Schafhirt hinaus, allein, der Felsen schloß sich ihm vor der Nase, und die alte Schlange zischte ihm mit pfeifendem Tone zu: »Du, Menschlein, mußt da bleiben!« »Ei, was sollt ich da bei Euch machen? Gesellschaft habt Ihr keine, und schlafen werd' ich nicht in einem fort. Laßt mich hinaus, hab' die Schafe auf der Weide und zu Hause ein schlimmes Weib, das mich auszanken würde, käm' ich nicht zur Zeit nach Hause,« sagte der Schafhirt. »Du darfst nicht von hier, bevor Du nicht einen dreifachen Eid ablegst, daß Du Niemandem sagst, wo Du gewesen, und wie Du zu uns gekommen,« pfiff die Schlange. Was sollte der Schafhirt thun? Gern schwor er einen dreifachen Eid, nur um hinaus zu kommen. »Hältst Du aber den Eid nicht, wird's Dir schlimm ergehen!« drohte die alte Schlange, als sie den Schafhirten hinaus ließ. – Doch welche Verwandlung draußen! Dem Schafhirten begannen vor Schrecken die Knie zu zittern, als er sah, wie sich die Jahreszeit verändert habe, daß anstatt Herbstes Frühling sei. »O ich Aermster, was hab' ich gethan, daß ich den Winter im Felsen verschlief! Je, je, wo find' ich meine Schafe, und was wird mein Weib sagen!« So wehklagte er, indem er traurig zu seiner Hütte hinauf schritt. Er sah von weitem sein Weib, das womit beschäftigt war. Noch nicht vorbereitet auf ihre Vorwürfe, versteckte er sich in eine Hürde. Als er in der Hürde saß, sah er, daß ein hübscher Herr zu seinem Weibe trat, und er hörte, daß er sie fragte, wo sie ihren Mann habe. Das Weib begann zu weinen, und erzählte, wie eines Tags im Herbste der Hirt die Schafe auf die Weide getrieben, und nicht mehr wiedergekommen. Der Hund Dunaj habe die Schafe gebracht, der Schafhirt, der sei dahin. »Vielleicht haben ihn die Wölfe gefressen.« schloß sie, »vielleicht die Kobolde in Stücke zerrissen!« »Wein' nicht!« rief ihr der Schafhirt aus der Hürde zu. »Ich bin am Leben, mich haben nicht die Wölfe gefressen, noch die Kobolde in Stücke zerrissen, ich hab' den Winter in der Hürde verschlafen.« Allein das bekam dem Schafhirten übel. Sobald sein Weib die Worte vernommen, hörte sie auf zu weinen und fing an zu zanken: »Daß Dich das Wetter, Du fauler Schlingel! Bist Du ein ordentlicher Mensch? Bist Du ein Schafhirt? Empfiehlt die Schafe dem lieben Herrgott, legt sich in die Hürde, und schläft wie die Schlangen im Winter!« Der Schafhirt gab seinem Weibe im Stillen Recht; weil er aber nicht verrathen durfte, was mit ihm vorgegangen, schwieg er und muckste nicht. Der schöne Herr aber sagte zu dem Weibe, ihr Mann habe nicht in der Hürde geschlafen, er sei wo anders gewesen, und wenn ihm der Schafhirt seine Frage beantworte, wolle er ihm viel Geld geben. Das Weib giftete sich furchtbar über ihren Mann, daß er sie belogen, und wollte mit aller Gewalt wissen, wo er gewesen. Der schöne Herr aber schickte sie fort, und versprach ihr Geld, wenn sie schweige. Er selbst gedachte den Schafhirten zu packen. Als das Weib sich entfernt hatte, nahm der schöne Herr seine natürliche Gestalt an, und da sah der Schafhirt einen Zauberer aus den Bergen vor sich stehen. Er erkannte ihn, weil ein Zauberer drei Augen im Kopfe hat. Der Zauberer war ein gewaltiger Mann, er konnte sein Aeußres nach Belieben wechseln, und wer sich ihm widersetzt hätte, den hätte er zum Beispiel in einen Widder verwandelt. Der Schafhirt erschrak entsetzlich vor dem Zauberer; er hatte noch größere Furcht vor ihm, als vor seinem Weibe. Der Zauberer fragte ihn, wo er gewesen, was er gesehen? Der Schafhirt erbebte bei der Frage. Was sagen? Er fürchtete sich vor der alten Schlange und vor dem Eidbruch, und vor dem dreiäugigen Zauberer fürchtete er sich auch. Als ihn aber der Zauberer zum dritten Male fragte, und zwar mit furchtbarer Stimme, wo er gewesen, und was er gesehen, und als seine Gestalt, wie es ihm schien, immer größer und größer ward – da vergaß der Schafhirt des Eidschwurs. Er bekannte, wo er gewesen, und wie er in den Felsen gekommen. »Gut,« sprach der Zauberer, »jetzt komm' mit mir, und zeig' mir den Felsen und das Kraut!« Der Schafhirt mußte geh'n. Als sie zu dem Felsen kamen, riß der Schafhirt das Kraut ab, legte es auf den Felsen, und der Felsen öffnete sich. Der Zauberer wollte aber nicht, daß der Schafhirt hinein gehe, noch ging er selbst weiter, sondern zog ein Buch hervor, und begann daraus laut zu lesen. Der Schafhirt ward blaß vor Angst. Da erzitterte auf einmal die Erde, aus dem Felsen ließ sich ein Zischen und Pfeifen hören, und heraus kroch ein riesiger Drache, in welchen sich die alte Schlange verwandelt hatte. Aus dem Rachen loderte Feuer, der Kopf war riesengroß, mit dem Schwanze schlug er links und rechts, und berührte er einen Baum, so schmetterte er ihn nieder. »Wirf ihm die Halfter um den Hals!« befahl der Zauberer, indem er dem Schafhirten eine Art Zaum reichte, ohne die Augen vom Buche zu wenden. Der Schafhirt nahm den Zaum, fürchtete sich aber dem Drachen zu nahen; erst als ihm der Zauberer zum zweiten und dritten Male gebot, war er bereit, zu gehorchen. Doch ach des armen Schafhirten! Der Drache drehte sich hin und her, und eh' sich's der Schafhirt versah, saß er auf des Drachen Rücken, und der Drache flog mit ihm in die Luft empor. In dem Augenblicke ward es pechfinster; nur das Feuer, das der Drache aus Rachen und Augen spie, leuchtete auf den Weg. Die Erde zitterte, die Steine kollerten von den Bergen in die Thäler. Zornig schlug der Drache mit seinem Schwanze links und rechts, und rechts und links, und die Buchen, die Tannen, die er traf, zerbrachen wie Rüthlein – und er sprudelte so viel Wasser nieder, daß es von den Bergen strömte, dem Wagfluß gleich. Das war etwas Schreckliches, Entsetzliches: der Schafhirt war halbtodt. Allmählig aber schien sich die Wuth des Drachen zu dämpfen; er schlug nicht mehr mit dem Schwanze, er sprudelte kein Wasser, er spie kein Feuer mehr. Der Schafhirt kam zur Besinnung, und meinte, der Drache werde sich hinunter lassen. Doch dieser hatte nicht genug, er wollte den Schafhirten noch ärger strafen. Höher und immer höher stieg der Drache in die Luft, beständig höher und höher, bis dem Schafhirten die riesigen Berge und Wälder wie Ameisenhaufen erschienen, und immer noch höher stieg er, und als der Schafhirt nichts als Sonne, Sterne und Wolken erblickte, blieb der Drache mit ihm in der Luft hangen. »Je, je, du lieber Gott, was fang' ich an! Da hang' ich in der Luft. Spring' ich hinunter, schlag' ich mich todt, und in den Himmel hinauf kann ich nicht fliegen,« wehklagte der Schafhirt, und begann bitter zu weinen. Der Drache muckste nicht. »O Drache, großmächtigster Herr Drache, habt Erbarmen mit mir!« bat er. »Fliegt mit mir wieder hinunter! Mein' Lebtag' will ich Euch nie mehr in Zorn bringen!« Ein Stein hätte sich über den armen Schafhirten erbarmt; der Drache schnaubte und geiferte, sprach nicht eine Silbe und rührte sich auch nicht. Da schlägt auf einmal an's Ohr des Schafhirten Lerchengesang. Der Schafhirt freute sich. Näher und näher flog die Lerche zu ihm, und als sie über ihm schwebte, bat sie der Schafhirt: »O Lerche, du gottgefällig Vöglein, ich bitte Dich, flieg' zum himmlischen Vater, und klag' ihm meine Noth! Sag' ihm, daß ich ihn schön grüßen lasse, und ihn um seine Hilfe fleh'!« Die Lerche flog zum himmlischen Vater und richtete die Bitte des Schafhirten aus. Und der himmlische Vater erbarmte sich über den Schafhirten, schrieb etwas mit goldner Schrift auf ein Birkenblatt, steckte das Blatt der Lerche in den Schnabel, und befahl ihr, es auf das Haupt des Drachen niederzulassen. Die Lerche flog, ließ das Blatt, das mit goldner Schrift beschriebne, auf des Drachen Haupt fallen, und in dem Augenblicke stieg der Drache mit dem Schafhirten zur Erde hinab. Als der Schafhirt zur Besinnung kam, sah er, daß er bei seiner Hütte stand, sah den Hund Dunaj, wie er die Schafe weidete, nahm's Betglöcklein wahr – und die Geschichte ist alle. Der Teufel gebändigt.   1. Die gesäuberte Mühle. Am Radhost war ein sehr armer Müller. Als er sich in der größte Noth befand, kam der Teufel zu ihm und fragte: »Müller, warum bist Du so traurig?« – »Wie sollt' ich nicht traurig sein! entgegnete der Müller. »Hab' neun Kinder, und nichts zu leben. Was soll ich anfangen?« – »Weißt Du was, Du wirst nicht mehr so lange leben, verkauf' mir die Mühle auf dreihundert Jahre.« – »Giebst Du mir baares Geld?« – »Hätt' ich kein baares Geld, so würd' ich Dir die Mühle nicht abkaufen wollen. Was verlangst Du für die Mühle auf die dreihundert Jahre?« – »Um weder mich noch Dich zu betrügen, so viel, als Du dreimal tragen kannst.« – »Du bist recht dumm! Hättest Du gesagt, so viel als in unserer Gewalt ist, hättest Du's Alles haben können.« – »Meinst Du, ich hätt' es nicht gesagt, wenn ich's gewußt hätte?« – »Geschehn ist geschehn. Willst Du das Geld heut oder morgen?« – »Freilich heut. Morgen muß ich zahlen, was ich schuldig bin.« Der Teufel brachte ihm dreimal Geld, der Müller nahm's und sagte: »Aber ich geh' Dir nicht eher von hier, als bis ich sterbe.« – »Ich jag' Dich nicht fort; doch ist es schlimm, daß wir keine Zeugen haben.« – »Wir brauchen keine Zeugen. Mach' ich mein Testament, so setz' ich hinein, daß meine Kinder von hier fort sollen.« So geschah's. Das Jahr daraus starb der Müller, und setzte in das Testament, daß die Kinder aus der Mühle fort sollten. Der Teufel wohnte zweihundert Jahre dort. Nach zweihundert Jahren zog ein alter Husar aus dem Kriege heim, dem ein Bein abgeschossen war. Er hatte eins von Holz. Er kam zum dolno-becwaner Vogt, und bat: »Seid so gut, gebt mir etwas zu essen.« – »Was wollt Ihr, Herr Husar?« fragte der Vogt. – »Ihr seht ja, daß ich ein lahmer Soldat bin. Was Ihr mir gebt, mit dem bin ich zufrieden.« – »Mit Freuden will ich Euch aufwarten. Aber sagt, was giebt's Neues in der Welt?« – »Krieg in allen Ecken, wie Euch bekannt. Eher werdet Ihr etwas Neues wissen.« – »Was sollt' ich Neues bei uns wissen, außer daß wir da eine Mühle haben, in der der Teufel schon zweihundert Jahre wohnt, und noch hundert Jahre wohnen soll.« – »Mein' Seel', einen so alten Teufel möcht' ich gern sehen! Herr Vogt, gebt mir einen Boten, Brot und Licht, daß ich mir die Mühle anschauen kann!« Der Bote kam, trug für den Husaren Speise, Trank und Licht, und so gingen sie. Als sie blos noch eine Viertelstunde von der Mühle waren, sagte der Bote: »Herr Husar, dort ist die Mühle!« und wies mit dem Finger hin. »Was brauch' ich Dein Fingerzeigen!« versetzte der Husar. »Mußt mit mir hinein.« – »Und wenn Ihr mich auf der Stelle todtschlagen wolltet, geh' ich doch nicht mit Euch.« Was sollte der Husar thun, da er sah, daß der Mensch Furcht hatte? Er nahm seine Sachen, und ging allein. Als der Husar in die Mühle kam, war Niemand zu Hause; er nahm seine Sachen, legte sie auf den Tisch, und zündete Licht an. Da saß er nun allein bis zehn Uhr. Um die zehnte Stunde klopfte Jemand an die Thür. Der Husar am Tische rief: »Bist Du der Teufel, so komm' herein in die Stube. Du weißt, daß ich der lahme Husar bin.« Der Teufel trat ein. »Du bist also der Teufel?« sagte der Husar. »Man erzählt sich, daß Du ein erzschlechter Kerl bist. Hast ja spanische Kleider an.« Der Teufel war in grünen Kleidern gekommen. Er antwortete: »Freilich, Herr Husar! Es sind heut vierzehn Tage, daß ich für dies Gewand hundert Gulden in Silber gezahlt.« – »Warum gehst Du denn aus der Mühle?« – »Kann ich in der Mühle sein, wenn ich anderswo zu thun habe, und ohnehin keine Burschen zum Mahlen da sind? Aber ich bleibe nur noch hundert Jahre allein, nach hundert Jahren werden wir Vier sein.« – »Brauchst nicht so lang' auf Gesellschaft zu warten, kannst Dich gleich fortpacken.« – »Oho! Was Du da für Wesen machst!« »Ich mein', daß ich mich nicht vor Dir fürchte. Hab' mir schon längst gewünscht, solch einen Teufel zu sehen, wie Du bist.« – »Willst Du keinen Contract mit mir schließen?« – »Was Contract! Ich sag' Dir: pack' Dich, oder Dir soll's schlimm ergehen!« Der Husar war im Glauben fest, und verstand den Teufel zu bannen. Als der Teufel nicht ging, faßt' er ihn, trug ihn zur Mühle, und mahlte ihn dort, bis er ihm ein gut Dritttheil von seinem Steiß abgemahlt. »O laß mich, Husar!« schrie der Teufel vor Schmerzen. »Mein' Lebtag' will ich nicht mehr in die Mühle kommen!« Da der Teufel sich so verschwor, ließ der Husar ihn laufen. Des Teufels Weg bei seiner Flucht führte über den Radhost. Eben trug ein Schmied einen Blasbalg über den Berg, und hatte einen Schuster beredet, ihm tragen zu helfen. Es begann zu regnen. »Was zu thun?« sagte der Schmied. »Eh' daß wir naß werden, ziehen wir lieber den Blasbalg aus einander und kriechen hinein!« Und sie krochen Beide in den Blasbalg, und ließen nur die Köpfe draußen, um nicht zu ersticken. Da kam der Teufel gerannt, dem noch sein Steiß brannte, und dessen Kopf von den ausgestandenen Schmerzen noch ganz verwirrt war, sah sie und sprach: »Bin schon ein so alter Teufel, dreimal so alt als die Stadt und die Berge hier, doch hab ich noch niemals ein Thier gesehen, das zwei Köpfe gehabt hätte, und nur einen Bauch. Muß gleich zu meiner Alten, und sie fragen, ob sie je so was geschaut!« Und er rannte weiter. Der Schmied aber und der Schuster warteten nicht, bis er wiederkäme, sondern krochen heraus, drückten den Blasbalg zusammen, und liefen, was sie konnten. Sie hatten, ungleich dem Husaren, Furcht, der Teufel könnte sie hohlen.   2. Jura Es war ein sehr reicher Bauer, der hatte einen einzigen Sohn. An dem Sohne hatte er seine Freude. Er sagte zu seinem Weibe: »Weib, warte mir das Kind gut, daß es stark werde, und uns einst zur Hand sei!« Als das Söhnlein sieben Jahre alt war, hatt' es immer nur gegessen. Kaum war Jura vierzehn Jahre alt geworden, schickten ihn die Aeltern fort, daß er sich einen Dienst suche; sie konnten seinen Appetit nicht mehr stillen. Jura kam zu einem Bauer. Es war nur die Bäuerin zu Hause. Er bat um einen Dienst. Die Bäuerin sagte, als sie den stämmigen Burschen sah: »Wart' ein wenig, bis mein Mann kommt; er nimmt Dich sicher auf.« Sie gab ihm einen Laib Brot: er verspeiste ihn sogleich. Da machte die Bäuerin große Augen. Als der Bauer kam, gefiel ihm der Bursche; er sei tüchtig, er werde ihm gute Dienste thun. »Wie viel Lohn verlangst Du für ein Jahr?« fragte ihn der Bauer. »Nichts, gar nichts,« entgegnete Jura, »außer was ich esse, und an Kleidern zerreiße.« Sobald die andern Bauern dies hörten, kamen sie um zu sehen, was das für ein Bursche sei, der für kein Geld dienen wolle. Jura sagte wieder zu dem Bauer: »Ich verlange keinen Lohn; aber bevor ich fortgehe, geb' ich Euch drei Kopfstücke.« Darein wollte der Bauer nicht willigen; Geld ja, drei Kopfstücke – nein. »Ei so mach's,« redeten ihm die Nachbarn zu; »drei Kopfstücke wirst Du doch aushalten!« Der Bauer ließ sich bereden und Jura blieb bei ihm. Jura aß der Bäuerin zu viel; zwei Metzen Kartoffeln und Brot aus einer Metze Mehl blos zum Frühstück waren sein gewöhnlicher Bedarf. Aber der Bauer wollte ihn nicht gehen heißen; er fürchtete sich vor den drei Kopfstücken. Die Bäuerin stiftete den Bauer an, er möchte ihn in die Teufelsmühle schicken, damit sie seiner auf gute Art los würden. Der Bauer befahl also, Jura solle Korn auf den Wagen laden, und in die Mühle fahren, wo Niemand mahlte, als lauter böse Geister. Jura fuhr. Als er in die Mühle kam, wollte er das Getreide abladen; allein die Geister sagten: »Laß nur, die Gesellen werden es schon abladen. Du komm, und zeig' an dieser großen Truhe mit Gelde, wie stark Du bist. Hebst Du sie auf, so ist sie Dein.« Jura sagte: »Erst heb' einer von Euch , dann will ich heben.« Ein Geist hob sie eine Viertelelle hoch, Jura eine halbe. »Daran ist's nicht genug,« sagten die Geister; »Du mußt einen Mühlstein in die Höhe werfen.« Jura erwiederte: »Erst werf einer von Euch , damit ich sehe, wie stark Ihr seid!« Ein Geist warf, und der Mühlstein blieb fünf Minuten in der Luft; da warf Jura, und sie mußten eine halbe Stunde warten, eh' der Mühlstein herunter fiel. Nachdem Jura diesen Wurf gethan, war das Getreide gemahlen, und auf den Wagen geladen, auch die Truhe sammt dem Gelde. Jura fuhr nach Hause. Kaum sah ihn die Bäuerin von weitem, so rief sie: »Sei uns der Himmel gnädig, auch die Teufel konnten nicht mit ihm fertig werden!« Als Jura mit seiner Ladung nach Hause kam, sagte er zu dem Bauer: »Herr, da habt Ihr Euer Mehl, und Geld dazu auf das Uebrige!« Das Geld und das Mehl waren der Bäuerin wohl recht; aber Jura aß ihr zu viel. Der Bauer mußte ihn wieder in die Mühle schicken, damit ihn vielleicht die Teufel dort behielten. Dies Mal führte Jura bei den Geistern ein noch merkwürdigeres Stückchen aus. Er warf einen Mühlstein mehrmals in die Höhe, und das eine Mal warf er ihn mit solcher Gewalt, daß sie zwei Stunden warteten, und der Stein nicht herunter fiel. Jura lud wieder unversehrt sein Mehl auf und fuhr nach Hause. Als er nach Hause kam, lag der Mühlstein vor dem Pferdestall; so weit hatte er ihn geschleudert. Jura stieß ihn mit dem Fuße weg, indem er sagte: »Da wirst du gut liegen, wir haben ohnehin viel Koth im Hofe.« Der Bauer wäre seiner gern los geworden, denn die Bäuerin ließ ihm keine Ruhe; allein er fürchtete sich vor den drei Kopfstücken. Der Bauer schickte die Tochter bitten. Die Tochter bat: »Jura, schenk' meinem Vater die drei Kopfstücke!« – »Kann nicht sein,« entgegnete Jura. »Eins will ich ihm schenken, zwei muß er aushalten.« Die Tochter bat noch schöner: »Lieber Jura, hast Du ihm schon eins geschenkt, schenk' ihm auch noch die zwei!«– »Nun, Deinetwegen,« sagte Jura; »weil Du seine Tochter bist, so thu' ich's Dir zu Gefallen.« Niemand war froher als der Bauer. Er wollte Jura kleines Geld geben, so viel er begehrte; der aber sprach: »Laßt mir von dem Gelde eine Flinte machen, vier Centner schwer, und eine Tasche, acht Centner schwer! Bis das fertig ist, will ich gehen!« Der Bauer säumte nicht, ihm Alles machen zu lassen, und Jura nahm's, und ging seiner Wege in die Welt. Er ging und kam in einen großen Wald, und in dem Walde stand ein wüstes Schloß, worin pechschwarze Nacht war. Jura machte Licht, und fand drei Höllengeister, die drei Prinzessinnen bewachten. Er fragte den ersten Geist: »Giebst Du mir Deine Prinzessinnen oder nicht?« – »Geb' sie nicht,« versetzte trotzig der Geist. Da packte Jura den Geist und schleuderte ihn auf den Fußboden, und zwar so gewaltig, daß er ein Loch durch den Fußboden schlug, und der Geist drei Stockwerke tief bis in den Keller fiel. Eine Prinzessin hatte Jura nun befreit, und bekam einen goldnen Stern von ihr. Er ging zu dem zweiten Geist, und fragte ihn: »Giebst Du mir Deine Prinzessin oder nicht?« Da der zweite Geist das Loos des ersten gesehen, war er gewitzigt, und lieferte die Prinzessin ohne Widerstand aus. Die zweite Prinzessin gab Jura einen goldnen Mond. Nun ging Jura auf den dritten Höllengeist los; der aber weigerte sich durchaus seine Prinzessin herzugeben. Da ward der gute Jura grimmig, und packte den Geist, und rüttelte und schüttelte ihn, daß er in lauter Staub zerflog, und kein Knöchlein von ihm übrig blieb. Die dritte Prinzessin gab Jura eine goldne Sonne. Als alle drei Prinzessinnen befreit waren, wollte Jura mit ihnen gehen, und sie zu ihrem königlichen Vater führen; allein der zweite Geist verursachte ihm fortwährend Finsterniß. Doch Jura zauste ihn, daß er endlich aufhörte; auch begannen Sterne, Mond und Sonne den Prinzessinnen so zu leuchten, als ob helle Nacht und heller Tag zugleich gewesen wären. Da der Höllengeist sah, daß sein Spiel fruchtlos sei, begann er Jura zu bitten: »Laß mich nicht allein hier, laß mich mit Dir gehen!« Jura wies ihn ab. Allein der Geist flehte: »Ich mag nicht allein hier bleiben, ich muß mit Dir gehen!« »Nun,« sprach Jura, »so komm denn, wenn Du Dich hier in der Einsamkeit fürchtest! Aber weil Du ein gar so erbärmlicher Kerl bist, so kriech' in die Flinte da!« Schnell verbreitete sich im ganzen Königreiche die Nachricht, daß die drei Prinzessinnen befreit seien. Ueberall wurde Jura mit ihnen auf das festlichste empfangen. Vor der Hauptstadt kam ihm der König selbst in einem achtspännigen Wagen entgegengefahren. Als Jura in den Wagen stieg, brach der Wagen von Jura's Gewicht zusammen. Sie mußten einen eisernen Wagen herbeischaffen, damit Jura in das Schloß fahren könnte. Im Schloßhofe wünschte der König einen Schuß aus Jura's Flinte zu hören. »Haltet Euch Ohren und Nase zu, und steht fest auf Euren Füßen!« rieth Jura, »sonst könnt' Euch leicht was Unangenehmes widerfahren.« Jura schoß; da zersplitterten alle Fenster in der Stadt in tausend Scherben, die Erde begann zu zittern, wie bei einem Erdbeben, der Kirchthurm stürzte ein, und die Prinzessinnen sahen den Höllengeist aus der Flinte fliegen, und zeigten ihn auch ihrem Vater. Nun ward getafelt, geschmaust und gezecht, wobei Jura's guter Appetit nicht weniger Bewunderung erregte, als früher sein Meisterschuß; ja der König bot ihm sogar eine der Prinzessinnen zur Gemahlin an, voll Begier, einen so gewaltigen Schwiegersohn zu bekommen. So ward Jura König, und was er dann alles vollbrachte, davon sei lieber geschwiegen, weil es zu unglaublich ist, es folglich Niemand für baare Münze annehmen würde. Ein Glück war es, daß Jura bei seiner unglaublichen Kraft auch Verstand und ein gutes Herz besaß, so daß er als ein glorreicher König regierte. Der Thiere Herbstgespräch. Im Herbst, wenn der scharfe Wind bläst, beginnt die Ziege, weil sie erfroren ist, sich auf der Weide zu schütteln, und schreit, damit der Hirt nach Hause treibe, so laut sie kann: »Mich friert schon, weh!« Der Widder, der noch nicht nach Hause mag, weil er einen warmen Pelz hat, geht um die Schafe herum, und antwortet der Ziege verdrießlich: »Noch liegt ja kein Schnee!« Zur Kirchweih hat's das Flügelvieh gut; es bekommt Brocken von den Kuchen und manchmal auch eine Handvoll Korn. Das gefällt dem Hahn, er schlägt mit den Flügeln, streckt den Hals und fragt: »Wie lang' noch schmausen wir so froh?« Der Gänserich, der im Hof herumwackelt, antwortet ihm: »'ne Woche lang, 'ne Woche lang,« und der Enterich stimmt ihm bei: »Sieben Tag', sieben Tag'.« Aber das abgespänte Kalb im Stalle, das kein Futter bekommt, weil die Magd in's Wirthshaus zur Musik ist, und sich dort verspätet hat, und das nun hört, wie lang' noch die Kirchweih' währen soll, das klagt erbärmlich: »Muh, muh! Hu, hu!« Wer hat die Tauben gegessen? Ein Schusterweib briet zwei junge Tauben, eine für sich und eine für ihren Mann, briet sie fein goldgelb, stellte sie auf den Ofen, und ging hinaus. Der Schuster schusterte indeß. Zeitweilig erhob er seinen Schmecker, und sog den lieblichen Duft in sich, der sich rings im Zimmer verbreitete. Endlich übte der Duft eine solche Gewalt auf ihn, daß er sich nicht länger auf seinem Stuhle halten konnte. Kaum hatte sein Weib den Fuß vor die Thüre gesetzt, so war er von seinem Stuhle auf, und bei der Pfanne. Bevor er jedoch nach einem Täublein griff, lauschte er, ob sein Weib nicht in der Nähe sei, und dies aus dem Grunde, weil er sich vor seinem Weibe fürchtete. Er leugnete es zwar, doch war es so. Draußen war alles still, und der Schuster zog in aller Geschwindigkeit ein Täublein aus der Pfanne, und verspeiste es. Der Naschhafte hat genug am Lecken, der Hungrige am Sattessen, ist ein altes Sprichwort. Aber der Schuster war naschhaft und hungrig zugleich, darum begnügte er sich nicht mit einem Täublein, sondern machte sich ohne weiteres Bedenken auch über das zweite her, und aß es auf. Hierauf setzte er sich auf seinen Dreifuß und schusterte fort. Sein Weib kam in die Stube, und weil es eben Mittag war, stellte es die Teller auf den Tisch, und trug das Essen auf. Alles ging in der Ordnung; als es jedoch zum Braten kam, entstand ein Sturm. »Wer hat die Tauben gegessen?« hallte der erste Donnerschlag. » Mich frag' nicht, ich nicht, hab' ja gar nicht gewußt, daß Du welche bratest.« ertönte es zur Antwort, und so ging's in einem fort, Frage auf Frage, Antwort auf Antwort. Der Schuster bekannte nichts, bis er zuletzt sagte, sein Weib müsse die Tauben selbst gegessen haben. »Nun gut, lassen wir das Streiten! Aber von jetzt an reden wir Keiner mit dem Andern. Wer zuerst den Mund aufthut, der ist schuldig, der hat die Tauben gegessen!« So entschied des Schusters Weib, und bei dem Ausspruche mußt' es bleiben. Von dem Augenblicke an war's in des Schusters Hause still. Es verdroß Beide genug; das Weib des Schusters konnte nicht zanken und klatschen, dem Schuster war schwer um's Herz, daß er nicht antworten und singen konnte, und lieber hätte er sein Weib zanken hören, als daß er diese Todesstille ertragen mußte. Doch zu reden anfangen wollte trotzdem Keiner von Beiden. Schon war's der dritte Tag, seit sie zum letzten Male mit einander geredet, als ein Wagen bei ihrem Häuschen hielt, der Bediente herabsprang, und nach dem Wege zur Stadt fragte. Bereits hatte des Schusters Weib den Mund geöffnet, um zu antworten, aber plötzlich setzte es sich wieder, und zeigte nur mit der Hand, nach welcher Seite sie fahren sollten, und der Schuster that dasselbe. Als der Bediente zurückkam, berichtete er seinem Herrn, in dem Häuschen seien zwei Stumme. Zugleich lief des Schusters Weib, das etwas ausgesonnen, aus dem Häuschen, und kroch zu dem Herrn in den Wagen, indem es ihm zu verstehen gab, daß es ihm den Weg zeigen wolle. Der Herr machte Platz, der Kutscher schnalzte, und sie fuhren fort. Da schrie der Schuster aus dem Fenster: »Weib, mein liebes Weib, fahr' mir nicht weg, und verzeih mir! Die Tauben hab' ich gegessen.« Das Weib brach in ein Gelächter aus, und erzählte nun dem Herrn die ganze Geschichte. Der Herr lachte herzlich, und gab dem Schustersweib einen Ducaten, damit es andere Tauben zum Braten kaufe. Von diesen jedoch bekam der naschhafte Herr Ehegemahl nicht den kleinsten Bissen. Der Lange, der Breite und der Scharfäugige Anmerkung: Der Lange, der Breite und der Scharfäugige. Der schon in der Vorrede erwähnte Gelehrte und Dichter K. J. Erben bemerkt bei diesem Märchen: Mir sind zwei Erzählungen dieses Märchens bekannt, eine aus der Umgegend der Stadt Žebrák, eine andre vom Herrn K. Wraný. Ihre Unterschiede sind nicht wesentlich und rühren offenbar von Corrumpirung auf der einen oder der andern Seite, wie denn der Hauptunterschied der ist, daß die eine Erzählung die Wahl der Braut auf dem Thurme übergeht, und gleich anfangs den Prinzen in den Wald auf die Jagd führt; der Prinz verirrt sich, findet die drei Gesellen, und gelangt mit ihnen durch Zufall in das verwünschte Schloß. Ich gebe das Märchen so, wie eine Erzählung die andre ergänzt, eine die andre verbessert. Ein andres mit ihm verwandtes Märchen und gleichsam seine Abart fand ich in der Gegend von Tauß. Ein König verspricht nämlich seine Tochter Dem zu geben, dem es gelingen würde, sie zum Lachen zu bringen. Es gelingt einem Hirten mit Hilfe einer wunderthätigen Ziege; die Prinzessin lacht, daß das Schloß erzittert. Der König will aber seine Tochter dem Hirten doch nicht geben, weil er nur von gemeiner Herkunft sei, und legt ihm drei Stücke auf, die er erst ausführen solle, wenn er die Prinzessin zu erhalten wünsche. Der Hirt hat drei Gefährten bei sich: einer trägt die Füße auf der Schulter, und wenn er sich sie ansetzt, macht er einen Sprung von hundert Meilen Länge; bei zweite hat ein Bret vor den Augen, und wenn er es aufhebt, sieht er hundert Meilen weit; der dritte trägt seinen Bauch auf dem Rücken, und wenn er ihn herunterthut und zurecht macht, ißt er hundert Ochsen auf, und trinkt hundert Fässer Bier aus. Mit Hilfe dieser drei Gefährten, löst der Hirt die drei Aufgaben, und die Prinzessin ist sein. Hier kommen also wieder die drei wunderthätigen Gesellen vor, nur bereits in veränderter Gestalt; die Aufgaben, die ihnen gegeben werden, bestehen in ganz zufälligen Sonderbarkeiten, ohne einen tiefern Sinn. In dem deutschen Märchen: »Die sechs Diener« von den Gebrüdern Grimm war es an drei Gesellen nicht genug, es wurden aus ihnen sechs. Aus seinem Inhalt ist ersichtlich, wie weit es sich von der ursprünglichen Einfachheit entfernt. Andere abweichende Erzählungen übergehe ich hier der Kürze wegen. – Das Märchen selbst ist kein ursprüngliches, sondern nur eine besondere Bearbeitung oder Variation vieler anderen Variationen desselben Thema's, nämlich der Erwerbung einer Jungfrau durch Ueberwindung von drei Schwierigkeiten. Wer und wie wer die Schwierigkeiten überwindet, das gehört blos zur besonderen Einrichtung jedes Märchens dieses Kreises, obwohl sich durch kritische Analyse auch da bestimmen läßt, was ursprünglich, was spätere Corrumpirung ist. – Fassen wir nun die drei wesentlichen Schwierigkeiten, die drei Stücke, die ausgeführt werden müssen, näher ins Auge, sehen wir, worin sie bestehen, und wie ihre Ausführung verschieden geschildert wird: so bemerken wir zwischen den Märchen dieses Kreises bald eine gewisse Uebereinstimmung und Verwandtschaft, die uns dazu führt, anzunehmen, daß die drei Aufgaben nicht zufällig und ohne Grund sind. In unserem Märchen soll der Prinz einen Ring aus dem Meere , einen Edelstein aus einem Felsen d. h. aus der Erde , und eine Eichel von einem Eichenbaum d. i. aus der Luft bringen, und die drei Gesellen sind das Mittel zur Ausführung. In andern Märchen wird dem Helden in ähnlicher Weise auferlegt, aus einem See einen Ring oder einen goldenen Schlüssel zu bringen, im Grase auseinandergestreute Perlen aufzulesen, und unter drei oder auch zwölf Jungfrauen seine Braut zu erkennen; und dazu dient ihm ein Fisch oder eine Ente, ein Geschöpf des Wassers – ein Haufen von Ameisen, Geschöpfen der Erde – und eine Biene oder Fliege, ein Geschöpf der Luft. In anderen Märchen wieder helfen der Walfisch, der Bär und der Adler. In noch andren Märchen wird einem Jüngling aufgegeben, mit einem Gefäße ohne Boden einen Teich auszuschöpfen, mit einer hölzernen Hacke einen Wald zu fällen, und ein Schloß in der Luft zu bauen, und da vollführt die Jungfrau selbst anstatt seiner die drei Stücke. In diesen und allen andren Märchen derselben Klasse stehen die drei Aufgaben immer in einer gewissen Verbindung mit dem Wasser, der Erde und der Luft, und wo dies nicht stattfindet, ist das Märchen corrumpirt. – Weiter kommt auch in unserem Märchen zu beachten, daß der Zauberer die Jungfrau in diesen drei Elementen verbirgt, wogegen es die Aufgabe des Prinzen ist, sie dort zu finden und zu erwerben. Auch hierin sind mit unserem Märchen andere verwandt. In einem walachischen Märchen, das in denselben Kreis gehört, verspricht der Zauberer seine Tochter Dem zu geben, der sich so zu verbergen wüßte, daß ihn der Zauberer nicht finden könnte; in einem anderen will die Jungfrau selbst nur Den zum Gemahle nehmen, der sich so zu verbergen wüßte, daß ihn ihr Zauberspiegel nicht verriethe. In dem ersten Märchen hilft dem Jüngling ein wunderthätiges Roß, in dem zweiten der Adler, der Fisch und der Waldgeist; sie verbergen ihn zuerst in den Wolken, dann auf dem Meeresgrunde und zuletzt in den Haaren der Person, welche die Bedingung setzte. Aber noch verwandter mit unserem Märchen ist ein uraltes Lied von den Faröern. Ein Bauer spielt mit einem Riesen und verspielt seinen Sohn. Als er ihn ausliefern soll, fleht er um Erbarmen, bis ihm der Riese den Sohn zu schenken verspricht, wenn er ihn so zu verbergen wisse, daß ihn der Riese nicht finde. In seiner Angst fleht der Bauer den Gott Odin um Hilfe, und Odin verbirgt den Sohn auf dem Felde im Getreide unter der Gestalt einer Aehre. Allein der Riese findet ihn doch. Der Bauer fleht den Gott Hönir um Hilfe, und Hönir verbirgt den Sohn hoch in der Luft in einer Schaar von Schwänen unter der Gestalt einer Feder. Allein der Riese findet ihn doch. Der Bauer nimmt seine Zuflucht zu dem Gotte Loki, und fleht ihn um Hilfe, und Loki verbirgt den Sohn auf dem Meeresgrunde in einem Fischleibe unter Gestalt eines Roggens Allein der Riese findet ihn doch. Da nimmt Loki den Knaben in seinen Schutz und hilft ihm zur Flucht nach Hause, und der Vater schließt hinter dem Knaben die Thür, und schiebt einen eisernen Riegel vor. Der Riese kommt hinter dem Knaben daher gerannt, stürzt in die Thür, und zerschmettert sich an dem eisernem Riegel das Haupt. Die Stelle der gefangenen Prinzessin in unserem Märchen vertritt in dem Liede von den Faröern der Sohn des Bauers. Der Unterschied der zwei Geschichten besteht blos in der Umkehrung der Aufgabe: in den Faröerliede muß nämlich der Bauer seinen Sohn drei Mal verbergen , in unserem Märchen muß der Prinz die verborgene Jungfrau drei Mal finden . Die hilfreiche Dreiheit von Göttern im Faröerliede wiederholt sich in unserer Dreiheit von Dienern. In der germanischen Mythologie bezeichnen aber Odin, Hönir und Loki gerade wieder die drei Elemente, Luft, Erde und Wasser, worin sie dem Knaben Schutz bieten. Deuten wir uns auf gleiche Art unsere drei Diener als die personificirten Elemente, den Langen als den Wind, den Breiten als das Wasser, und den Scharfäugigen als die Erde, so erklärt sich ein großer Theil unseres Märchens natürlich. – Und so können wir jetzt das allegorische Gewand von unserem Märchen abstreifen und seinen einfachen Sinn darlegen. Es ist dieser: Der mächtige Zauberer, d. i. der Herr des finsteren Theils des Jahres, der Gott des Winters, die Winterzeit, hält in seinem eisernen Schlosse d. i. unter der Eisrinde, eine schöne Königstochter, d. i. die Göttin des Sommers, die lebendige Natur, gefangen. Er verbirgt sie in der Luft, in der Erde und im Wasser d. i. die Natur offenbart sich in diesen drei Elementen, aber durch den Winter ist ihr Leben in ihnen allen gebunden und gleichsam begraben. Da kommt der junge Königssohn d. i. die Frühlingssonne, um seine Braut zu befreien; und zu ihm gesellen sich drei Helfer d. i. die Natur selbst in ihren drei Formen, und er bringt die Jungfrau aus der Luft, der Erde und dem Wasser heraus d. i. durch die Sonne erwärmen sich die drei Elemente und geben Lebenszeichen von sich, die Natur belebt sich in ihnen. Der Zauberer ist besiegt, und der Königssohn vermählt sich mit der Jungfrau, d. i. der Winter verschwindet und die Sonnenstrahlen verbinden sich mit der Erde, der Luft und dem Wasser, indem sie dieselben erwärmen, und so Ursache ihrer Fruchtbarkeit werden. Ende der Anmerkung * Es war ein König, und er war schon alt, und hatte nur einen einzigen Sohn. Einst berief er den Sohn vor sich und sprach zu ihm: »Mein lieber Sohn, Du weißt wohl, daß reifes Obst abfällt, um anderem Platz zu machen. Mein Haupt reift auch allmählig, und vielleicht wird es die Sonne bald nicht mehr bescheinen; aber eh' ich sterbe, möcht' ich doch noch gern meine künftige Tochter, Deine Gemahlin, schau'n. Nimm Dir ein Weib, mein Sohn!« Und der Königssohn sprach: »Gern, o Vater, möcht' ich Deinen Willen vollziehen; doch ich habe keine Braut, ich kenne keine.« Da griff der alte König in die Tasche, zog einen goldenen Schlüssel heraus, und gab ihn dem Sohne: »Geh' in den Thurm hinauf, in's oberste Stockwerk, blick' dort um Dich, und sag' mir, welche Braut Du am liebsten hättest.« Der Königssohn säumte nicht, und ging. Noch nie in seinem Leben war er dort oben gewesen, und hatte auch nie gehört, was es dort gebe. Als er hinaufkam bis in das letzte Stockwerk, sah er an der Decke eine kleine eiserne Thür gleich einem Deckel, und sie war verschlossen; die öffnete er mit dem goldenen Schlüssel, hob sie in die Höhe, und trat über sie empor. Da war ein großes, rundes Gemach, die Decke blau wie der Himmel in heitrer Nacht, silberne Sterne glänzten an ihr; der Fußboden war mit einem grünen Seidenteppich überzogen, und rings in der Mauer waren zwölf hohe Fenster in goldenen Rahmen, und in jedem Fenster auf krystallenem Glas war eine Jungfrau mit Regenbogenfarben abgebildet, mit einer Königskrone auf dem Haupt, in jedem Fenster eine andere in anderem Gewand, aber jede schöner als die andere, so daß der Königssohn ganz geblendet war. Und während er sie so voll Verwunderung betrachtete, ohne zu wissen, welche er wählen solle, da begannen sich die Jungfrauen zu bewegen, als ob sie lebendig wären, und blickten nach ihm, und lächelten ihn an, als ob sie sprechen wollten. Da bemerkte der Königssohn, daß eins der Fenster mit einem weißen Vorhang verhüllt sei, und er zog den Vorhang weg, um zu sehen, was es dahinter gebe. Da war eine Jungfrau in weißem Gewand, mit einem Silbergürtel gegürtet, mit einer Perlenkrone auf dem Haupt; sie war die schönste von Allen, aber traurig und bleich, als ob sie aus dem Grabe gestiegen wäre. Der Königssohn stand lange vor dem Bilde wie im Traum, und während er sie so betrachtete, ward ihm weh um's Herz und er sprach: »Die will ich und keine Andere!« Und sobald er das Wort gesprochen, neigte die Jungfrau das Haupt, ward roth wie eine Rose, und in dem Augenblicke verschwanden die Bilder alle. Als er wieder hinunter kam, und dem Vater sagte, was er gesehen und welche Jungfrau er sich gewählt, betrübte sich der alte König, bedachte sich und sprach: »Du hast übel gethan, mein Sohn, daß Du enthüllt hast, was verdeckt war. und hast Dich mit Deinem Worte in große Gefahr begeben. Diese Jungfrau ist in der Gewalt eines bösen Zauberers, in eisernem Schlosse gefangen; wer es bisher noch versucht hat, sie von dort zu befreien, ist nie mehr wiedergekehrt. Allein was geschehen, läßt sich nicht ungeschehen machen; gegebenes Wort ist Gesetz. Geh', versuch' Dein Glück, und kehr' wohlbehalten heim!« Der Königssohn nahm Abschied von dem Vater, setzte sich auf's Roß. und ritt fort, um die Braut zu holen. Und er gelangte in einen großen Wald, und ritt in einem fort durch den Wald, bis er endlich den Weg verlor. Und als er so im Dickicht und zwischen Felsen und Sümpfen mit seinem Roß umherirrte, ohne zu wissen, wohin, hörte er Jemanden hinter sich rufen: »He da, wartet!« Der Königssohn sah sich um, und erblickte einen hochgewachs'nen Menschen, der ihm nacheilte. »Wartet und nehmt mich mit Euch, und nehmt Ihr mich in Eure Dienste, werdet Ihr's nicht bereu'n!« »Wer bist denn Du?« sprach der Königssohn, »und was kannst Du?« »Ich heiße der Lange und kann mich ausstrecken. Seht Ihr dort auf der hohen Tanne das Vogelnest? Ich lang' Euch das Nest herunter, ohne daß ich hinaufzuklettern brauche.« Und er begann sich auszustrecken, sein Leib wuchs mit Schnelligkeit, bis er so hoch war, als die Tanne; dann langte er nach dem Neste, und augenblicklich schrumpfte er wieder ein, und reichte es dem Königssohn. »Du verstehst Deine Sache gut, allein was helfen mir Vogelnester, wenn Du mich aus dem Walde nicht hinausführen kannst!« »Hm, das ist leicht!« sprach der Lange und begann sich wieder auszustrecken, bis er dreimal so hoch war, als die höchste Föhre im Walde; er blickte ringsum und sagte: »Auf jener Seite dort ist der nächste Weg aus dem Walde.« Dann schrumpfte er wieder ein, nahm das Pferd beim Zaume und ging voran, und ehe sich's der Königssohn versah, hatten sie den Wald hinter sich. Vor ihnen war eine weite Ebene, und hinter der Ebene hohe graue Felsen, wie Mauern einer großen Stadt, und waldbewachsene Berge. »Dort, Herr, geht mein Kamerad,« sprach der Lange, und zeigte seitwärts auf die Ebene, »den solltet Ihr gleichfalls zu Euch nehmen; er würde uns wahrlich treffliche Dienste leisten.« »Schrei' nach ihm und ruf' ihn, daß ich sehe, was an ihm ist.« »Es ist etwas weit, Herr,« sprach der Lange, »kaum würd' er mich hören, und lange würd' es dauern, eh' er käme, weil er viel zu tragen hat. Ich will ihn lieber holen.« Da streckte sich der Lange wieder in die Höhe, daß sein Kopf bis in die Wolken reichte, machte zwei, drei Schritte, faßte den Kameraden beim Arm, und stellte ihn vor den Königssohn. Es war ein muskulöser Kerl, und hatte einen viereimerdicken Bauch. »Wer bist denn Du?« fragte ihn der Königssohn, »und was kannst Du?« »Ich, Herr, heiße der Breite, und kann mich ausdehnen.« »Zeig' mir das!« »Herr, reitet geschwind fort, geschwind in den Wald!« rief der Breite und begann sich aufzublähen. Der Königssohn wußte nicht, warum er davonreiten solle; allein da er sah, daß der Lange mit Hast zum Walde laufe, spornte er sein Roß, und eilte ihm nach. Und es war hohe Zeit davonzureiten, sonst hätte der Breite ihn und sein Roß erdrückt, so schnell wuchs sein Bauch nach allen Seiten; es war auf einmal alles voll von ihm, als ob sich ein Berg herangewälzt. Dann hörte der Breite auf, sich aufzublähen, blies die Luft aus sich heraus, daß sich die Wälder bewegten, und wurde wieder so, wie er gewesen. »Du hast mich durchgehetzt!« sprach der Königssohn, »aber so einen Kerl find' ich nicht alle Tage, komm mit mir!« Sie zogen nun weiter. Als sie den Felsen nahe kamen, begegneten sie Einem, der die Augen mit einem Tuch verbunden hatte. »Herr, das ist unser dritter Kamerad,« sagte der Lange, »den solltet Ihr auch in Eure Dienste nehmen; er würde wahrlich sein Brot nicht umsonst essen.« »Wer bist denn Du?« fragte ihn der Königssohn, »und warum hast Du die Augen verbunden? Du siehst ja nicht den Weg.« »Hoi, Herr, umgekehrt; gerade weil ich zu scharf sehe, muß ich mir die Augen verbinden. Ich sehe mit verbundenen Augen, wie ein Anderer mit unverbundenen, und wenn ich das Tuch wegnehme, so blick' ich überall durch und durch, und seh' ich auf etwas scharf hin, so fängt es Feuer, und was nicht brennen kann, zerspringt in Stücke. D'rum heiß' ich der Scharfäugige.« Dann kehrte er sich zu dem gegenüberstehenden Felsen, nahm das Tuch ab, und heftete die feurigen Augen auf ihn; und der Felsen begann zu prasseln, und die Stücke flogen nach allen Seiten, und in einer kleinen Weile war von dem Felsen nichts übrig als Sand. In dem Sande glänzte etwas wie Feuer. Der Scharfäugige ging und brachte es dem Königssohn. Es war gediegenes Gold. »Hoho. Du bist ein unbezahlbarer Kerl!« sprach der Königssohn; »ein Thor, der sich Deiner nicht bedienen wollte! Aber, wenn Du ein so gutes Auge hast, sieh doch, und sag' mir, wie weit wir noch zu dem eisernen Schlosse haben, und was jetzt dort vorgeht?« »Wenn Ihr allein rittet, Herr,« antwortete der Scharfäugige, »so würdet Ihr vielleicht in einem Jahre nicht hinkommen; aber mit uns seid Ihr heute noch dort – eben bereiten sie für uns das Nachtmahl.« »Und was macht dort meine Braut?« »Hinter eisernem Gitter Des Zaub'rers Macht In hohem Thurme Sie streng bewacht.« Und der Königssohn sprach: »Wer mein Freund ist, der helfe mir sie befreien!« Und sie versprachen ihm Alle, daß sie ihm helfen würden. So fühlten sie ihn zwischen den Felsen durch den Durchbruch, den der Scharfäugige mit seinen Augen gemacht, und durch die Felsen über hohe Berge und durch dichte Wälder weiter und weiter, und wo ein Hinderniß im Wege war, da räumten es die drei Gesellen sogleich bei Seite. Und als die Sonne sich zum Untergang neigte, begannen die Berge niedriger, die Wälder dünner zu werden, und die Felsen sich zwischen Haidekraut zu verbergen; und als der Sonnenuntergang nahe war, sah der Königssohn nicht weit vor sich das eiserne Schloß; und als die Sonne unterging, ritt er über die eiserne Brücke zum Thor hinein, und nachdem die Sonne untergegangen, hob sich die eiserne Brücke von selbst empor, die Thore schlossen sich plötzlich, und der Königssohn und seine Gesellen waren in dem eisernen Schlosse gefangen. Als sie im Schloßhof sich umgesehen, gab der Königssohn sein Roß in den Stall – Alles war schon für sie eingerichtet – und dann gingen sie in das Schloß. Im Hof, im Stall, im Schloßsaale und in den Gemächern sahen sie in der Dämmerung viel reichgekleidete Leute, Herren und Diener; aber Niemand von ihnen rührte sich – Alle waren versteinert. Sie gingen durch mehrere Gemächer, und kamen in das Speisezimmer. Das war hell erleuchtet, in der Mitte ein Tisch, auf ihm der guten Gerichte und Getränke in Fülle, und gedeckt war für vier Personen. Sie warteten und warteten, dachten, es werde Jemand kommen; allein, als lange Niemand kam, setzten sie sich und aßen und tranken, so viel ihnen schmeckte. Als sie sich sattgegessen, begannen sie sich umzusehen, wo sie schlafen würden. Da flog plötzlich die Thüre auf und in das Zimmer trat der Zauberer, ein gebückter Greis in langem, schwarzem Gewand, das Haupt kahl, den grauen Bart bis an's Knie, anstatt des Gürtels drei eiserne Reife um den Leib. An der Hand führte er eine schöne, wunderschöne Jungfrau, die weiß angezogen war; um den Leib hatte sie einen Silbergürtel und eine Perlenkrone auf dem Haupte, aber sie war bleich und traurig, als wäre sie aus dem Grab gestiegen. Der Königssohn erkannte sie sogleich, sprang auf, und ging ihr entgegen; doch eh' er noch ein Wort sprechen konnte, hub der Zauberer zu ihm an: »Ich weiß, warum Du gekommen; diese Königstochter willst Du von hier fortführen. Wohl denn, es sei, Du darfst sie Dir nehmen, wenn Du sie durch drei Nächte so zu hüten weißt, daß sie Dir nicht entschlüpft. Entschlüpft sie Dir, so wirst Du sammt Deinen drei Dienern zu Stein, wie Alle, die früher kamen, als Du.« Dann wies er der Königstochter einen Sitz, daß sie sich setze, und entfernte sich. Der Königssohn konnte von der Jungfrau die Augen gar nicht abwenden, so schön war sie. Er begann zu ihr zu sprechen, und fragte sie Verschiedenes; allein sie antwortete nicht, lächelte nicht und sah auf Niemanden, als ob sie von Marmor wäre. Er setzte sich neben sie, und gedachte die ganze Nacht nicht zu schlafen, damit sie nicht entschlüpfe; und zu größerer Sicherheit streckte sich der Lange wie ein Riemen aus, und wand sich um das ganze Zimmer an der Wand herum der Breite setzte sich zwischen die Thür, blähte sich auf und verstopfte sie so, daß nicht einmal ein Mäuslein hätte durchkriechen können, und der Scharfäugige stellte sich zur Säule mitten im Zimmer auf die Wacht. Doch in einer Weile begannen Alle zu schlummern, schliefen ein und schliefen die ganze Nacht, als ob man sie in's Wasser geworfen hätte. Als es Morgens zu dämmern anfing, erwachte der Königssohn zuerst; doch ihm war, als ob ihm Jemand ein Messer in's Herz stieße – die Königstochter war verschwunden. Und alsbald weckte er die Diener, und fragte, was zu thun sei. »Seid unbesorgt, Herr,« sprach der Scharfäugige, und blickte zum Fenster hinaus, »schon seh' ich sie! Hundert Meilen von hier ist ein Wald und inmitten des Waldes eine alte Eiche, und auf der Eiche oben eine Eichel – und die Eichel ist sie. Der Lange soll mich auf die Schulter nehmen, und wir bekommen sie.« Und der Lange lud ihn sich auf, streckte sich aus und ging – ein Schritt zehn Meilen, und der Scharfäugige zeigte den Weg. Und es verstrich nicht so viel Zeit, als Jemand braucht, um herumzukommen um eine Hütte, und schon waren sie wieder da, und der Lange reichte dem Königssohn die Eichel und sprach: »Herr, laßt sie auf den Boden fallen!« Der Königssohn that's, und in demselben Augenblicke stand die schöne Königstochter neben ihm. Und als sich die Sonne hinter den Bergen zu zeigen anfing, flog die Thür krachend auf, und der Zauberer trat in's Zimmer, und lachte tückisch; doch als er die Königstochter erblickte, sah er finster, brummte – und krach! sprang ein eiserner Reif an seinem Leib entzwei und fiel ab. Dann nahm er die Jungfrau bei der Hand, und führte sie hinweg. Den ganzen Tag über hatte der Königssohn nichts zu thun; er ging im Schloß umher und um das Schloß herum, und sah, was es da Besonderes gebe. Ueberall war's, als ob das Leben in einem Augenblick erstorben wäre. In einem Saale sah er eine» Königssohn, der mit beiden Händen ein Schwert geschwungen hielt, als wollt' er wen entzwei hauen; doch er hatte den Hieb nicht zu Ende geführt, er war versteinert. In einem Zimmer war ein versteinerter Ritter, als ob er ängstlich vor Jemandem flöhe, an der Schwelle anstieße und fallen wollte; doch war er noch nicht ganz zu Boden gefallen. An einem Kamin saß ein Diener, und hielt in der einen Hand ein Stück Braten vom Nachtmahl, mit der andern wollt' er's in den Mund stecken, bracht' es aber nicht so weit: als er's schon beim Munde hatte, ward er versteinert. Und noch viel andre Versteinerte sah er da, jeden so und in der Stellung, in welcher er war, als der Zauberer sprach: »Werde zu Stein!« Auch gewahrte er da viel versteinerte, schöne Pferde, und im Schlosse und um das Schloß herum war Alles wüst und todt. Bäume gab's, doch ohne Blätter; Wiesen gab's, doch ohne Gras; ein Fluß war da, allein er floß nicht; nirgend war ein Vöglein, das gesungen hätte, nirgend ein Blümlein, das geblüht Hütte, noch ein Fischlein, das im Wasser wär' geschwommen. Früh, zu Mittag und des Abends fand der Königssohn mit seinen Gesellen im Schloß ein gutes und reiches Mahl: die Speisen trugen von selbst sich auf, und der Wein schenkte von selbst sich ein. Als das Nachtmahl vorüber war, öffnete sich die Thür wieder und der Zauberer führte die Königstochter herbei, damit sie der Königssohn hüte. Aber obwohl Alle entschlossen wann. sich mit aller Macht des Schlafes zu erwehren, so half es ihnen doch nichts, sie schliefen wieder ein. Und als früh in der Dämmerung der Königssohn erwachte und sah, daß die Königstochter verschwunden sei, sprang er empor, und rüttelte den Scharfäugigen an den Schultern: »Hei, steh auf, Du Scharfaug'! Weißt Du, wo die Königstochter ist?' Der rieb sich die Augen, schaute und sagte: »Schon seh' ich sie! Zweihundert Meilen von hier ist ein Berg, und in dem Berg ein Felsen, und in dem Felsen ein Edelstein, und der Edelstein ist sie. Wenn mich der Lange hinträgt, bekommen wir sie.« Der Lange nahm ihn sogleich auf die Schulter, streckte sich aus und ging – ein Schritt zwanzig Meilen. Der Scharfäugige heftete hierauf seine feurigen Blicke auf den Berg, und der Berg zerstob, und der Felsen in ihm zersprang in tausend Stücke, und zwischen ihnen erglänzte der Edelstein. Den nahmen sie und brachten ihn dem Königssohn, und sobald er ihn auf die Erde fallen ließ, stand die Königstochter wieder da. Und als dann der Zauberer kam und sie da sah, funkelten seine Augen vor Galle – und krach! sprang wieder ein eiserner Reif an seinem Leib entzwei, und fiel ab. Er brummte und führte die Königstochter aus dem Zimmer. An diesem Tage war wieder Alles, wie am vorigen. Nach dem Nachtmahl führte der Zauberer die Königstochter wieder herbei, blickte dem Königssohn scharf in's Auge, und warf höhnisch die Worte hin: »Es soll sich zeigen, wer mehr vermag: ob Du siegst oder ich!« und hiermit entfernte er sich. Und es gaben sich diesmal Alle noch größere Mühe, um sich des Schlafes zu erwehren; sie wollten sich nicht einmal setzen, wollten die ganze Nacht hindurch gehen; aber Alles umsonst, es war ihnen angethan: Einer nach dem Andern schlief gehend ein, und die Königstochter entschlüpfte ihnen dennoch. Des Morgens erwachte der Königssohn wieder, zuerst, und als er die Königstochter nicht gewahrte, weckte er den Scharfäugigen: »Hei, steh' auf, Du Scharfaug'! Sieh, wo die Königstochter ist!« Der Scharfäugige sah lange hinaus: »Hoho, Herr!« sagte er, »sie ist weit, gar weit! Dreihundert Meilen von hier ist das schwarze Meer, und mitten im Meer auf dem Boden liegt eine Muschel, und in der Muschel ein goldner Ring – und dieser Ring ist sie. Allein sorgt nicht, wir bekommen sie doch! Heut aber muß der Lange auch den Breiten mit sich nehmen, wir werden ihn brauchen!« Der Lange, nahm auf eine Schulter den Scharfäugigen, auf die andere den Breiten, streckte sich aus und ging – ein Schritt dreißig Meilen. Und als sie zu dem schwarzen Meere kamen, zeigte ihm der Scharfäugige, wohin er nach der Muschel in's Wasser langen solle. Der Lange streckte die Hand aus, so viel er vermochte, allein bis zum Boden konnte er doch nicht reichen. »Wartet, Kameraden, wartet ein wenig, will Euch schon helfen!« sprach der Breite, und blähte sich auf, so viel es sein Bauch zuließ; dann legte er sich ans Ufer und trank. In einer kleinen Weile fiel das Wasser so, daß der Lange leicht zum Boden reichte, und die Muschel aus dem Meere holte. Er nahm den Ring heraus, lud die Kameraden auf die Schultern und eilte zurück. Allein auf dem Wege ward es ihm doch zu schwer, mit dem Breiten zu laufen, weil dieser noch das halbe Meer im Bauche hatte; er schüttelte ihn also in einem Thale von der Schulter ab .Das plumpste, als ob ein Sack von einem Thurme fiele, und augenblicklich stand das ganze Thal unter Wasser und glich einem großen See; der Breite selbst kroch kaum aus ihm heraus. Inzwischen war im Schloß dem Königssohne arg zu Muthe. Das Morgenroth begann sich hinter den Bergen zu zeigen, und die Diener waren noch nicht zurück, und je flammender das Licht emporstieg, je größer wurde seine Bangigkeit; Todesschweiß bedeckte seine Stirn. Bald darauf erschien die Sonne im Osten wie ein dünner Feuerstreif – und da sprang die Thür plötzlich donnernd auf, und auf der Schwelle stand der Zauberer und sah rings im Zimmer umher, und als er die Königstochter nicht gewahrte, kicherte er abscheulich und trat in's Zimmer. Doch in dem Augenblicke zersplitterte das Fenster in Stücke, und der goldene Ring fiel auf den Boden, und die Königstochter stand wieder da. Der Scharfäugige nämlich hatte gesehen, was im Schlosse vorging, und in welcher Gefahr sein Herr sich befand, und sagte es dem Langen; der Lange machte einen Schritt, und warf den Ring durchs Fenster in das Zimmer. Der Zauberer brüllte vor Zorn, daß das Schloß erbebte, und krach! da borst sein dritter eiserner Reif und siel ab, und der Zauberer ward ein Rabe und flog durch das zerbrochene Fenster davon. Und da redete die schöne Jungfrau sogleich und dankte dem Königssohn, daß er sie befreit habe, und ward roth, wie eine Rose. Und im Schlosse und rund um das Schloß umher belebte sich Alles: Der, welcher im Saale das Schwert geschwungen hielt, hieb damit durch die Luft, daß es pfiff, und steckte es dann in die Scheide; Der, welcher an der Schwelle angestoßen, fiel auf den Boden, stand aber gleich wieder auf, und faßte sich an der Nase, um zu fühlen, ob sie noch ganz sei; Der, welcher am Kamin saß, steckte das Stück Braten in den Mund und aß weiter; und so that ein Jeder jedes zur Genüge ab, was er begonnen und wo er aufgehört. In den Ställen stampften und wieherten die Pferde lustig; die Bäume um das Schloß grünten wie das Immergrün, auf den Wiesen war alles voll von bunten Blumen, hoch in der Luft trillerten Lerchen und in dem schnellen Flusse schwammen Schaaren kleiner Fische. Alles Leben, Alles Fröhlichkeit! Inzwischen kamen in dem Zimmer, wo sich der Königssohn befand, viele Herren zusammen, und alle dankten ihm für ihre Befreiung. Er aber sprach: »Nicht mir habt Ihr zu danken; wären meine treuen Diener nicht gewesen, der Lange, der Breite und der Scharfäugige, so wär' ich jetzt gleichfalls Das, was Ihr gewesen.« Und gleich darauf machte er sich auf den Heimweg zu seinem Vater, dem alten König, mit seiner Braut und seinen Dienern, dem Langen und dem Scharfäugigen, und alle die Herren begleiteten ihn. Unterwegs begegneten sie dem Breiten und nahmen ihn gleichfalls mit. Der alte König weinte vor Freude, daß sein Sohn so glücklich gewesen; er dachte schon, daß er nicht mehr wiederkehre. Bald darauf war fröhliche Hochzeit; sie währte drei Wochen, und alle Herren, die der Königssohn befreit hatte, waren geladen, Als die Hochzeit vorüber war, zeigten der Lange, der Breite und der Scharfäugige dem jungen König an, daß sie wieder in die Welt wollten, Arbeit zu suchen. Der junge König redete ihnen zu, sie möchten bei ihm bleiben. »Ich will Euch Alles bis zu Eurem Tode geben, was Ihr bedürft; Ihr braucht nichts zu arbeiten.« Aber ihnen gefiel solch faules Leben nicht; sie nahmen Urlaub von ihm und gingen, und bis auf den heutigen Tag tummeln sie sich wo in der Welt herum. Die vier Brüder. Es war ein Jäger, der vier Söhne hatte. Die wollten in die Welt. Der Vater gab ihnen den Zehrpfennig, und ließ sie ziehen. Im Walde war ein Kreuzweg, und in der Mitte des Kreuzweges ein Buchenbaum. Bei diesem Buchenbaum blieben die Brüder stehen, und der älteste sprach zu den übrigen: »Brüder, hier wollen wir scheiden, und Jeder einen andern Weg gehen, um unser Glück in der Welt zu versuchen. In diesen Buchenbaum wollen wir unsere Messer stoßen, und in einem Jahre alle vier wieder hier zusammenkommen. Die Messer sollen uns zum Zeichen dienen. Wessen Messer rostig sein wird, der ist dann gestorben; wessen Messer jedoch rein sein wird, der ist noch am Leben.« Sie thaten so, schieden und Jeder zog seines Weges. Sie lernten Jeder ein anderes Geschäft. Der Aelteste ward ein Flicker, der Zweite ein Hadersammler, der Dritte ein Sterngucker, der Vierte ein Jäger, wie sein Vater. Das Jahr verfloß endlich, und sie machten sich auf den Heimweg. Der Aelteste kam zuerst zum Buchenbaum, zog sein Messer heraus, und besah die übrigen. Als er sah, daß sie rein seien, war er froh, und rief: »Gott sei gelobt, wir alle leben und sind gesund!« Er ging nach Hause. Der Vater fragte ihn: »Was hast Du denn für ein Geschäft gelernt?« – Er antwortete: »Ich bin ein Flicker.« – »Da hast Du was Sauberes gelernt!« sagte der Vater. – »O Vater,« entgegnete der Sohn, »ich bin kein gewöhnlicher Flicker, sondern wenn es wo was zu flicken giebt, so sag' ich nur: Es sei ganz – und gleich ist's gut.« Des andern Tags kam der Zweite zum Buchenbaum. Er zog sein Messer heraus, und besah die übrigen; das eine fand er nicht mehr. Als er sah, daß sie rein seien, war er froh und rief: »Gott sei gelobt, wir alle leben und sind gesund! Der älteste Bruder ist schon daheim.« Er ging nach Hause. Der Vater fragte ihn: »Was hast denn Du gelernt?« – Er antwortete: »Ich bin ein Hadersammler.« – »Da hast Du was Sauberes gelernt.« sagte der Vater. »O Vater,« entgegnete der Sohn, »ich bin kein gewöhnlicher Hadersammler, sondern wenn es wo was aufzuklauben giebt, so sag' ich nur: »Es sei da – und gleich ist's da.« Des dritten Tages kam der Dritte zum Buchenbaum. Er zog sein Messer heraus und besah das andere; zwei fand er nicht mehr. Als er sah, daß es rein sei, war er froh, und rief: »Gott sei gelobt, wir alle leben und sind gesund! Die zwei ältern Brüder sind schon daheim.« Er ging nach Hause. Der Vater fragte ihn: »Was hast denn Du gelernt?« – Er antwortete: »Ich bin ein Sterngucker.« – »Da hast Du was Sauberes gelernt,« sagte der Vater. – »O Vater,« entgegnete der Sohn, »ich bin kein gewöhnlicher Sterngucker; sondern wenn ich gucke, so seh' ich Alles, was es auf der Welt giebt.« Des vierten Tags endlich kam der Jüngste zum Buchenbaum, und zog sein Messer heraus; die übrigen fand er nicht mehr. Er war froh und rief: »Gott sei gelobt, die übrigen Brüder sind schon daheim!« Dann ging er nach Hause. Der Vater fragte ihn: »Was hast denn Du für ein Geschäft gelernt?« Er antwortete: »Ich bin ein Jäger.« – »Nun,« sagte der Vater, »so hast wenigstens Du nicht mein Geschäft mißachtet!« – »Aber Vater,« entgegnete der Sohn, »ich bin kein gewöhnlicher Jäger; sondern wenn es wo was zu treffen giebt, sei's was immer, so sag' ich nur: Es sei getroffen – und gleich liegt's auf der Erde.« Eben lief ein Hase über den Hügel; man konnte ihn vom Fenster aus gewahren. Der Vater sagte: »Schieß' ihn!« Der Sohn sprach nur ein Wort, und der Hase lag. »Ich seh' nicht, ob er wirklich dort liegt,« sagte der Vater. Der Sterngucker guckte und sprach: »Er liegt dort, Vater; dort hinter dem Dornstrauch!« – »Ja,« sagte der Vater, »aber wie bekommen wir ihn her?« Der Hadersammler sprach: »Er sei da!« und der Hase war da. Doch der Hase war durch den Dornstrauch gerannt, und von den Dornen zerfetzt. »Wer wird uns den Balg abkaufen?« meinte der Vater. Der Flicker sprach: »Der Balg sei ganz!« und gleich war er ganz. »Ich bin zufrieden,« sagte der Vater, »Ihr habt Jeder etwas Nützliches gelernt, und könnt Euch ernähren; allein es wird darauf ankommen, daß Ihr zusammenhaltet und einig seid, sonst dürft' es Euch dennoch schlimm ergehen.« Da ging dem König des Landes seine Tochter verloren, und er ließ verkündigen, wer sie brächte, dem wolle er die Tochter sammt seinem Königreiche geben. Die Brüder sagten zu einander: »Versuchen wir unser Glück!« Der Sterngucker guckte, und eröffnete, die Prinzessin sei von einem Drachen gefangen worden: als sie spazierengegangen, habe sie der Drache erfaßt und auf eine Insel im rothen Meere getragen; dort müsse sie ihn täglich zwei Stunden streicheln. Die Vier ritten alsbald auf Rossen, die ihnen der König lieh, zum rothen Meere. Hier setzten sie sich in einen Kahn, und fuhren zu der Insel, wo die Prinzessin weilte. Der Hadersammler rief: »Sie sei da!« und sogleich war sie im Kahne, doch' schrie sie, daß Gefahr drohe, da der Drache gelauert habe. Sie fuhren rasch im Kahne zurück, allein der Drache, von Zorn erfüllt, schwebte über ihnen, und brüllte und toste fürchterlich. Der Sterngucker sprach zum Jäger: »Bruder, schieß ihn!« Der Jäger rief: »Er sei getroffen!« und sogleich war der Drache getroffen und stürzte herab; allein er stürzte in den Kahn, und schlug ein Loch durch, so daß das Wasser mit Macht in den Kahn drang. Sie warfen den Drachen ins Meer, und der Jäger sprach zum Flicker: »Flick' den Kahn!« Der Flicker rief: »Der Kahn sei ganz!« und sogleich war das Loch verstopft. So gelangten sie mit der Prinzessin glücklich an's Land, und von da zum König. Nun aber begann ein Streit, wem die Prinzessin gehören solle, da sie der König Dem versprochen, der sie bringen würde, und alle Vier sie gebracht hatten. Der Sterngucker sagte: »Hätt' ich sie nicht zuerst gesehen, so hätten wir sie nimmermehr bekommen!« Der Hadersammler sagte: »Und wär' ich nicht gewesen, so hätten wir sie nimmermehr in den Kahn geschafft!« Der Jäger sagte: »Und hätt' ich nicht den Drachen erschossen, so wäre sie uns wieder entrissen worden!« Der Flicker sagte: »Und hätt' ich nicht den Kahn geflickt, so wären wir bei alledem zu Grunde gegangen!« Da sprach der König: »Ihr seid rechte Thoren, daß Ihr Euch nicht, vergleichet! Würde Einer von Euch mein Eidam, und hülfen ihm die Andern bei der Herrschaft, so wäret Ihr Vier zusammen beneidenswerth. Der Sterngucker forschte alle Feinde aus; der Jäger schöße die Feinde über den Haufen; der Flicker könnte flicken, was im Reiche schadhaft wäre; der Hadersammler das Kostbarste herbeischaffen, das es in der Welt aufzuklauben giebt. Es ginge in der That vortrefflich. Wenn Ihr Euch jedoch nicht vergleichen wollt, so lass' ich meine Tochter in vier Stücke hauen, und gebe Jedem ein Stück, denn halten muß ich mein Königswort; Ihr aber mögt sehen, ob Euch das frommen wird!« Da erinnerten sich die Brüder an Das, was ihnen der Vater gesagt hatte, daß es ihnen schlimm ergehen würde, wenn sie nicht zusammenhielten und uneinig wären. Sie verglichen sich also dahin, daß die Prinzessin Dem gehören solle, den sie selbst wählen würde. Und so geschah's. Es wurde Derjenige von ihnen Königseidam, den die Prinzessin selbst wählte; die Anderen aber waren die Nächsten bei seinem Throne, und Alle in Eintracht herrschten lange und glücklich. Die gefundene Braut. Es war ein Jüngling, dessen Eltern starben. Er besaß großen Reichthum, und wäre gern in den Ehestand getreten; allein in der ganzen Stadt gefiel ihm keine Weibsperson. Er bat Gott, daß er nur eine Stunde mit einer Weibsperson beisammen sein könnte, die nach seinem Geschmack wäre. Dann zog er aus, um eine solche zu suchen. Unterwegs begegnete ihm eine schöne Maid, in weiße Kleider angethan. Vor Wonne begann er sogleich zu singen: »He, juchhe, das ist ein Mägdlein! Es begegnet mir mein Glück.« Die schöne Maid fragte ihn: »Wohin ziehst Du, Jüngling?« Er entgegnete ihr: »Ich geh' eine Jungfrau suchen, die nach meinem Geschmacke wäre. In unserer Stadt giebt's keine solche. Schier bin ich alt genug, um zu heirathen. Ich bat Gott, daß ich wenigstens nur eine Stunde mit einer schönen Weibsperson beisammen sein könnte, bevor ich sterbe.« Sie sprach zu ihm: »Jüngling, ich will Dein Weib sein!« Er erwiederte ihr, das könne sie werden, und führte sie in sein Haus. Als die Stunde zu Ende war, die er von Gott begehrt hatte, verwandelte sich die schöne Maid im Nu, und vor ihm stand eine alte, zahnlose, grausenerregende Gestalt. Da begann der Jüngling grimmig zu schelten: »O Du ruchlose Verführerin, Du haft mich überlistet, getäuscht, betrogen!« Sie aber entgegnete ihm: »Du hast Dich selbst getäuscht, da Du Gott gelästert. Mir haft Du Dich versprochen, meiner wirst Du nicht mehr ledig. Du mußt nun mit mir gehen, ich lasse Dich nicht los.« Das war der Tod, er nahm seine Sense, hieb dem Jüngling das Haupt ab, und der Jüngling war für immer sein. Wer viel ausklaubt, der greift fehl. Von der Mutter und ihrem Sohne. Es war eine Mutter und hatte einen Sohn. Diesen Sohn säugte sie zweimal sieben Jahre. Als sie ihn zweimal sieben Jahre gesäugt, nahm sie ihn in den Wald, und befahl ihm, einen Fichtenbaum sammt der Wurzel auszureißen. Allein der Knabe konnte den Fichtenbaum nicht ausreiße. »Noch bist Du nicht stark genug,« sagte die Mutter und säugte ihn noch sieben Jahre. Als sie ihn dreimal sieben Jahre gesäugt, führte sie ihn wieder in den Wald, und befahl ihm, einen Buchenbaum sammt der Wurzel auszureißen. Der Bursche faßte den Buchenbaum, und riß ihn sammt der Wurzel aus. »Jetzt bist Du stark genug, jetzt kannst Du schon für mich sorgen,« sagte die Mutter. – »Ei versteht sich, daß ich für Dich sorgen will, Mutter! Befiehl nur, was ich zuerst für Dich thun soll!« – »Zuerst wirst Du eine ordentliche Wohnung für mich suchen und dann zu mir kommen,« befahl die Mutter, und ging nach Hause. Der Jüngling aber nahm statt eines Stockes den ausgerissenen Buchenbaum in die Hand, sammt allen Aesten, so wie ihn der liebe Gott hatte wachsen lassen, und begab sich auf den Weg, um für die Mutter eine Wohnung zu suchen. Er ging und ging, und kam zu einem Schlosse. In dem Schlosse hausten Drachen, und als der Jüngling dahin kam, wollten sie ihn nicht einlassen. Der Jüngling aber fragte nicht lange, ob sie ihn einlassen wollten oder nicht, brach sich ein Thor, ging in das Schloß, als ob er dessen Herr wäre, und erschlug die Drachen. Als er sie erschlagen, schleuderte er die Leiber über die Mauer, und ging, sich das Schloß zu besehen. Ueberall gefiel es ihm, die Zimmer waren schön, und neun standen offen, das zehnte war verschlossen. Als er die neun offenen Zimmer durchschritten, öffnete er das zehnte verschlossene, und trat hinein. Er sah dort einen Drachen sitzen, der mit drei eisernen Reifen an die Wand geschmiedet war. »Was machst Du da?« fragte der Jüngling. – »Ich sitze da; meine Brüder haben mich angeschmiedet. Mach' mich frei, ich will Dich reich belohnen!« – »Ei, haben Dich Deine Brüder angeschmiedet, wird nicht viel Gutes an Dir sein, Sitz' nur da!« entgegnete der Jüngling, schlug die Thür zu, und ging zu der Mutter, um sie in die neue Wohnung zu führen. Als er sie gebracht, führte er sie durch alle Zimmer und zeigte ihr Alles, nur das zehnte Zimmer öffnete er nicht, und warnte die Mutter, es zu betreten, sonst werde es ihr übel ergehen. Dann nahm er seinen Buchenbaum in die Hand, und begab sich auf die Jagd, um der Mutter irgend einen Braten zu bringen. Kaum war der Jüngling aus dem Schlosse, so ließ es der Mutter keine Ruhe; sie ging so lange bei der Thür des zehnten Zimmers umher, bis sie hinein trat. Wen sah sie da sitzen? Den Drachen. »Was machst Du da, und wer bist Du?« – »Ich bin ein Drache, und meine Brüder haben mich aus Zorn hier angeschmiedet. Sie können mich nicht mehr frei machen, weil sie Dein Sohn erschlagen. Mach' mich frei, ich will Dich reich belohnen und will Dich zum Weibe nehmen,« bat der Drache. – »Was würde mein Sohn dazu sagen!« meinte die Mutter. – »Den schaffen wir aus der Welt und Du wirst dann Herrin sein.« Lange bedachte sich die Mutter, bis sie endlich den Drachen fragte, wie sie ihn frei machen könnte. »Geh' in den Keller, und bring' mir aus dem hintersten Faß einen Becher Wein!« Die Mutter ging in den Keller, füllte aus dem hintersten Faß einen Becher Wein, und gab ihn dem Drachen zu trinken. Als dieser den eisten Becher ausgetrunken, fiel krachend ein Reif von seinem Leibe. Er bat, sie möchte ihm noch einen Becher bringen. Die Mutter brachte den zweiten Becher, und als ihn der Drache ausgetrunken, fiel krachend der zweite Reif von seinem Leibe. Er bat um den dritten Becher, und als die Mutter auch den dritten gebracht, fiel auch der dritte Reif von des Drachen Leibe, und er war frei. »Aber was werd' ich dem Sohne sagen, wenn er kommt?« fragte die Mutter mit Bangen. – »Ich will Dir einen Rath geben,« sprach der Drache. »Stell' Dich krank, und wenn er Dich fragt, was Dir helfen könnte, sag' ihm: ein Ferkel von der Erdsau. Wenn er darnach geht, wird ihn die Erdsau zerreißen.« – »Gut!« Der Jüngling kam von der Jagd und brachte der Mutter einen Rehbock. Aber die Mutter stöhnte und seufzte, indem sie sprach: »Ach, mein lieber Sohn, Du hast Dich umsonst abgemüdet, bringst mir umsonst gute Speise; ich kann nicht essen, ich werde sterben.« – »O Mutter, stirb nicht, sag' mir lieber schnell, was Dir helfen kann, ich will gern Alles thun!« rief besorgt der gute Jüngling, der die Mutter ungemein liebte. »Ich kann nur gesund werden, wenn ich ein Ferkel von der Erdsau habe,« sagte die Mutter. Und der Jüngling säumte nicht, nahm seinen Buchenbaum in die Hand, und ging, die Erdsau zu suchen. Der Arme ging ins Kreuz und in die Quere; denn er wußte nicht, wo die Erdsau zu finden. Da sah er eine Hütte, und als er hineintrat, fand er dort die heilige Nedẽlka. Die heilige Nedẽlka . Keine eigentliche Heilige, sondern der personificirte erste Sonntag (neděle verkl. nedělka) nach dem Neumond, mit welchem man sonst die Monate zu zählen anfing. Kalender mit dieser Zählung erhielten sich bis in das 17. Jahrhundert. »Wohin gehst Du?« fragte ihn die Heilige. »Zur Erdsau, um ein Ferkel zu holen für meine Mutter, die krank ist, und davon gesund werden wird.« – »Mein Sohn,« sprach die Heilige; »Du wirst das Ferkel schwerlich bekommen; allein ich will Dir behilflich sein. Doch mußt Du gehorchen, und thun, wie ich Dir sage.« Der Jüngling versprach zu gehorchen. Die Heilige gab ihm einen langen, scharfen Spieß und sagte: »Geh' in den Pferdestall und setz' Dich auf mein Roß Tatoschik; es wird Dich dorthin tragen, wo die Erdsau sich aufhält, eingewühlt in die Erde. Kommst Du hin, so stich mit dem Spieß ein Ferkel; es wird quieken, und wenn es quiekt, wird die Erdsau wüthend auffahren, und im Flug die Welt umrennen. Dich aber wird sie nicht gewahren, noch wen anders, und da wird sie zu den Ferkeln sagen, wenn sie noch einmal quiekten, so werde sie sie zerreißen. In diesem Augenblicke mußt Du das Ferkel zum zweiten Male stechen, aufspießen und davonreiten. Das Ferkel wird sich fürchten, nicht quieken, die Erdsau wird sich nicht rühren, und Tatoschik wird Dich davon tragen.« Der Jüngling versprach zu gehorchen, nahm den Spieß, setzte sich auf Tatoschik, und dieser trug ihn pfeilschnell weit, weit weg, bis dorthin; wo die Erdsau in der Erde eingewühlt war. Der Jüngling stach mit dem Spieß ein Ferkel, daß es furchtbar quiekte. Die Erdsau fuhr auf und umrannte die Welt im Flug. Aber Tatoschik rührte sich nicht von der Stelle, und die Erdsau gewahrte ihn nicht, noch wen anders, und sagte zu den Ferkeln: »Wenn Ihr noch einmal quiekt, so zerreiß' ich Euch.« Dann wühlte sie sich wieder ein. Da spießte der Jüngling das Ferkel auf, und es schwieg und gab keinen Laut von sich, und Tatoschik begann zu rennen, und sogleich waren sie bei der Heiligen. »Nun, wie war's?« – »So, wie Du sagtest. Hier ist das Ferkel,« erwiederte der Jüngling. – »Wohl, nimm's und bring' es der Mutter!« Der Jüngling übergab den Spieß, führte Tatoschik in den Stall, nahm seinen Buchenbaum in die Hand, hängte das Ferkel daran, dankte der Heiligen und eilte zur Mutter. Die Mutter tafelte mit dem Drachen. Sie dachten, der Jüngling werde nicht zurückkehren, indessen war er schon da. Sie erschraken, als sie ihn kommen sahen, und beriethen sich, wie sie ihn aus der Welt schaffen könnten. »Wenn er Dir das Ferkel giebt, stell' Dich noch einmal krank,« sprach der Drache zu ihr »und wenn er Dich fragt, was Dir helfen könnte, sag' ihm: das Wasser des Lebens und des Todes. Geht er darnach, wird er seinen Untergang finden.« Der Jüngling kam freudenvoll in das Schloß geeilt, und gab der Mutter das Ferkel. Aber sie stöhnte und seufzte, daß sie sterben müsse, und daß ihr das Ferkel nicht helfen werde. »O stirb nicht, Mutter, und sag' mir lieber, was Dir helfen kann, ich will es Dir bringen!« rief besorgt der Jüngling. »Ach, mein lieber Sohn, wie wär' es möglich, daß Du mir's brächtest! Mir hilft nur das Wasser des Lebens und des Todes,« klagte die Mutter. Der Jüngling säumte nicht, nahm seinen Buchenbaum in die Hand, und ging gerade zur heiligen Nedẽlka. »Wohin gehst Du?« fragte ihn die Heilige. »Zu Dir geh' ich, mich zu berathen, wo ich das Wasser des Lebens und des Todes fände. Die Mutter ist noch krank und wird davon gesund werden.« – »Du wirst das Wasser schwerlich bekommen, mein Sohn; allein ich will Dir behilflich sein. Da hast Du zwei Krüge, setz' Dich auf mein Roß Tatoschik und es wird Dich zu zwei Bergen tragen. Unter ihnen entspringt das Wasser des Lebens und des Todes. Der rechte Berg öffnet sich Mittags, dort sprudelt das Wasser des Lebens; der linke Berg öffnet sich Mitternachts, dort steht das Wasser des Todes. Wenn sich der Berg öffnet, spring' schnell mit dem Kruge hinzu, und schöpfe Wasser. Hast Du Wasser von beiden Bergen, so komm' zu mir. Gehorche jedoch, und thu' genau, wie ich Dir sage.« So sprach die Heilige, und gab dem Jüngling die Krüge; dieser setzte sich mit ihnen auf Tatoschik und verschwand. – Irgendwo in weitentfernter Gegend waren zwei Riesenberge, und zu diesen trug Tatoschik den Jüngling. Es war Mittag, da erhob sich der erste Berg, Wasser des Lebens sprudelte hervor, der Jüngling sprang hinzu, schöpfte in den Krug, und krachend fiel der Berg wieder zu, so daß er dem Jüngling bald die Fersen abgeschlagen. Dieser schwang sich mit dem Krug auf Tatoschik, und jagte zu dem linken Berg. Sie harrten bis Mitternacht; Mitternachts erhob sich der Berg, und unter ihm stand das Wasser des Todes. Der Jüngling schöpfte schnell in den Krug, und krachend fiel der Berg wieder zu, so daß er dem Jüngling bald die Hände abgeschlagen. Dieser schwang sich auf Tatoschik, Tatoschik begann zu rennen, und sogleich waren sie bei der Heiligen. »Nun, wie erging's? fragte die Heilige, als er zurück war. »Gut, hier hast Du Wasser des Lebens und des Todes,« entgegnete der Jüngling, und gab ihr das Wasser. Die Heilige bewahrte das Wasser, gab dem Jüngling zwei Krüge gewöhnlichen Wassers, und befahl ihm, diese der Mutter zu bringen. Der Jüngling bedankte sich und ging. Die Mutter tafelte mit dem Drachen. Sie dachten, der Jüngling werde nimmer wiederkehren, indessen war er schon da. Sie erschraken, als sie ihn kommen sahen, und beriethen sich, wie sie ihn aus der Welt schaffen könnten. »Stell' Dich noch einmal krank,« rieth der Drache, »und sag' ihm. Dir würde nicht besser werden, wenn Du nicht den Vogel Pelikan sähest. Geht er, ihn zu holen, so wird es sein Verderben sein.« Der Jüngling brachte der Mutter mit Freuden das Wasser; aber die Mutter stöhnte und seufzte, es werde ihr auch dies nicht helfen, sie müsse sterben. »O, stirb nicht, Mutter, und sag' mir, wie ich Dir helfen kann, ich will Dir Alles bringen,« rief besorgt der gute Jüngling. »Mir wird nicht besser werden, wenn ich nicht den Vogel Pelikan sehe. Doch wie könntest Du mir diesen schaffen!« sagte die Mutter. Der Jüngling nahm wieder seinen Buchenbaum, und ging gerade zur heiligen Nedẽlka. »Wohin gehst Du?« fragte ihn die Heilige. »Zu Dir geh' ich, daß Du mir rathest. Die Mutter wurde auch von dem Wasser nicht gesund; sie muß den Vogel Pelikan sehen: Wo aber find' ich den Vogel?« – »O mein lieber Sohn,« sprach die Heilige, »Du wirst den Vogel schwerlich bekommen, allein ich will Dir behilflich sein. Der Pelikan ist ein furchtbarer Vogel; er hat einen ungeheuer langen Hals, und macht mit den Flügeln einen Wind, daß die Bäume umstürzen. Da hast Du eine Büchse, setz' Dich auf mein Roß Tatoschik, und es wird Dich dorthin tragen, wo sich der Vogel Pelikan aufhält. Gieb Acht, von welcher Seite der Wind auf Dich wehen wird! Nach dieser Seite ziele, und hörst Du den Hahn klappen, stoß den Ladestock in die Büchse und reite schnell davon, in die Büchse aber sieh nicht hinein!« Der Jüngling nahm die Büchse, setzte sich auf Tatoschik, und sie flogen pfeilschnell dahin, bis sie auf eine große Haide kamen, wo sich der Vogel Pelikan aufhielt; dort blieb Tatoschik stehen. Der Jüngling fühlte, daß ein starker Wind auf seine rechte Wange wehe. Er zielte nach dieser Seite, der Hahn klappte: schnell stieß der Jüngling den Ladestock in die Büchse und warf sie über die Schulter. Tatoschik begann zu rennen, und sogleich waren sie bei der Heiligen. »Wie steht's?« fragte die Heilige. – »Ich weiß nicht, ob gut, ob schlimm; ich that blos so, wie Du mir befahlst,« erwiederte der Jüngling, und gab ihr die Büchse. – »Gut, da ist er!« sprach die Heilige, als sie in die Büchse geblickt. Dann bewahrte sie den Vogel Pelikan, gab dem Jüngling eine andere Büchse, und zeigte ihm auf einem Baum einen Adler; den solle er schießen, und der Mutter statt des Vogels Pelikan bringen. Der Jüngling gehorchte der guten Heiligen in Allem, und als er den Adler geschossen, hängte er ihn an den Buchenbaum und ging nach Hause. Der Drache tafelte wieder mit der Mutter. Sie dachten, der Jüngling werde nie mehr sichtbar werden, und schon war er nah'. Sie erschraken sehr, als sie ihn kommen sahen, und beriethen sich, was zu thun sei. »Stell' Dich noch einmal krank, und sag' ihm. Dir könnten nur goldene Aepfel aus dem Drachengarten helfen! Gelangt er hin, so werden ihn die Drachen zerreißen, denn sie sind erbost über ihn.« Der Jüngling gab der Mutter mit Freuden den Vogel; allein die Mutter stöhnte und seufzte, das nütze ihr Alles nichts; ihr könnten nur goldene Aepfel aus dem Drachengarten helfen. »Du sollst sie haben, Mutter!« sagte der Jüngling, und begab sich wieder aus dem Schlosse gerade zur heiligen Nedẽlka. »Wohin gehst Du denn nochmals?« fragte ihn die Heilige. »Ach, meiner Mutter ist noch nicht geholfen, sie ist noch krank, und nur Aepfel aus dem Drachengarten können sie gesund machen.« – »Nun bleibt nichts übrig, mein Sohn, als daß Du kämpfst. Und wärst Du noch so stark, es würde Dir schlimm ergehen; allein ich will Dir behilflich sein.« sprach die Heilige. »Da hast Du einen Ring, steck' ihn an den Finger; sobald Du den Ring drehst, und dabei an mich gedenkst, wird Dich Kraft von hundert Männern erfüllen. Setz' Dich nun auf Tatoschik, er wird Dich an Ort und Stelle tragen.« Der Jüngling setzte sich auf Tatoschik, und dieser trug ihn weit weg bis zu einem Garten, um den eine hohe Mauer lief. Nimmer wäre der Jüngling über die Mauer gekommen, wenn nicht Tatoschik gewesen wäre; der flog über sie, wie ein Vogel. Im Garten stieg der Jüngling ab, und ging, sich nach dem Baum mit goldenen Aepfeln umzusehen. Da begegnete ihm ein schönes Mädchen und fragte ihn, was er suche. Der Jüngling erwiederte, daß er goldene Aepfel suche für seine kranke Mutter, und bat das Mädchen, es möchte ihm sagen, wo der Apfelbaum sei. »Den Apfelbaum hüte ich,« sprach das Mädchen, »und ich darf von ihm Niemandem Obst geben, sonst würde mich der Drache tödten. Ich bin eine Königstochter, von dem Drachen in diesen Garten getragen, um ihn zu hüten. Kehr' um, Jüngling! Der Drache ist furchtbar stark, und wen er hier gewahrt, den tödtet er gleich einer Fliege.« Allein der Jüngling ließ sich nicht abhalten, und eilte weiter in den Garten. Da zog die Prinzessin einen kostbaren Ring vom Finger, und gab ihn dem Jüngling mit den Worten: »Steck' den Ring an, und dreh'st Du ihn und gedenkst dabei an mich, wird Dich Kraft von hundert Männern erfüllen. Auf andere Weise würdest Du den Drachen nicht besiegen.« Der Jüngling nahm den Ring, steckte ihn an einen Finger der linken Hand – an der rechten hatte er den Ring der Heiligen – bedankte sich schön, und schritt muthig weiter. Da erblickte er in der Mitte des Gartens goldene Aepfel auf einem Baume, und unter dem Baume einen furchtbaren Drachen. »Was willst Du hier, Du Mörder meiner Brüder und Gefährten?« brüllte der Drache ihn an. »Ich komme, um goldene Aepfel von diesem Baume zu holen,« entgegnete der Jüngling unerschrocken. »Du wirst keine goldenen Aepfel pflücken, sondern mit mir ringen.« – »Wohlan, wenn Du Lust hast! Komm!« sagte der Jüngling, drehte den Ring an der rechten Hand, gedachte an die Heilige, spreizte die Füße auseinander, und sie begannen zu ringen. Zuerst brachte der Drache den Jüngling aus seiner Stellung, doch dieser preßte ihn dann bis über die Knöchel in die Erde. Da rauschten plötzlich Flügel über ihnen, und ein schwarzer Rabe flog herbei und krächzte: »Wem soll ich helfen, Dir oder Dir?« – »Hilf mir,« rief der Drache. – »Und was giebst Du mir?« – »So viel Geld, als Du begehrst.« – »Mir hilf!« rief der Jüngling. »Ich geb' Dir Alle die Pferde, die dort auf der Wiese weiden.« – »Dir will ich helfen,« krächzte der Rabe, »doch wie soll ich Dir helfen?« fragte er. – »Kühl mich, weil mir heiß wird!« erwiederte der Jüngling. Es ward ihm heiß, denn der Drache hauchte ihn mit seinem feurigen Athem an. Sie rangen weiter. Der Drache faßte den Jüngling, und preßte ihn bis unter die Knöchel in die Erde. Jetzt rasteten sie. Der Rabe netzte seine Flügel im Brunnen, setzte sich auf des Jünglings Haupt und sprengte ihm Tropfen auf das Antlitz, das von dem Feuer des Drachen glühte. So kühlte er ihn. Der Jüngling drehte den andern Ring, gedachte des schönen Mädchens, und sie faßten sich wieder. Der Drache preßte den Jüngling bis über die Knöchel in die Erde; doch dieser faßte den Drachen, preßte ihn bis an die Schultern in die Erde, griff zum Schwert, das er gleichfalls von der Heiligen erhalten, und hieb dem Drachen das Haupt mit einem Hiebe ab. Da kam die Prinzessin, pflückte ihm selbst goldene Aepfel, und bedankte sich schön, daß er sie befreit habe; sie sagte ihm auch, sie wolle seine Gemahlin werden, er möchte sich mit ihr zu ihrem Vater begeben. »Ihr gefallt mir gleichfalls,« sagte der Jüngling, »und wenn ich könnte, ging' ich wohl mit Euch. Wollt Ihr ein Jahr meiner harren, komm' ich zu Euch.« Die Prinzessin reichte ihm die Hand darauf, daß sie ein Jahr lang seiner harren wolle. Der Jüngling nahm Abschied von ihr, setzte sich auf Tatoschik, sprang mit ihm über die Mauer, tödtete auf der Wiese einen Haufen Pferde für den Raben, und ritt dann zur Heiligen. »Nun, wie erging's?« fragte die Heilige. »Gut,« erwiederte der Jüngling. »Allein hätte mir die Prinzessin nicht einen zweiten Ring gegeben, wär' es schlimm gewesen.« Hierauf erzählte er der Heiligen Alles. Die Heilige befahl ihm, er solle sich zur Mutter begeben, und Tatoschik mit sich nehmen. Der Jüngling gehorchte. Der Drache und die Mutter tafelten, und erschraken sehr, als sie den Jüngling heran reiten sahen; sie hatten nicht geglaubt, daß er aus dem Drachengarten wiederkehren werde. Die Mutter fragte, was sie thun solle; aber der Drache wußte keinen Rath mehr, und ging, sich in dem zehnten Zimmer zu verbergen. Der Jüngling gab der Mutter die goldenen Aepfel, und die Mutter stellte sich, als ob ihr Anblick sie gesund gemacht. Sie bewirthete ihn, liebkoste ihn, so zärtlich sie konnte, und der Jüngling hatte große Freude, daß die Mutter wieder gesund sei. Da nahm die Mutter eine lange, dicke Schnur, und sagte dem Jüngling: »Leg' Dich, ich will die Schnur um Dich winden, wie ich's Deinem Vater zu thun pflegte, und will sehen, ob Du so stark bist, als er, und sie zerreißest.« Der Jüngling lachte, legte sich, und die Mutter wand die Schnur um ihn, wie um ein Wickelkind; allein er dehnte sich plötzlich und zerriß die Schnur in Stücke. »Du bist stark,« sagte die Mutter, »aber wart', ich will noch eine dünne Schnur um Dich winden, und sehen, ob Du sie zerreißest.« Sie brachte eine dünne, seidene Schnur, und wand diese um ihn. Der Jüngling dehnte sich und dehnte sich, doch je mehr er sich dehnte, desto tiefer schnitt die Schnur in sein Fleisch ein. Als die Mutter dies sah. rief sie den Drachen, und der Drache lief herbei, hieb ihm den Kopf ab, und zerhieb den Leib in Stücke. Hierauf nahm die Mutter das Herz heraus, band den Leib zusammen, und hängte das Bündel Tatoschik um, indem sie sprach: »Hast Du ihn als Lebenden getragen, trag ihn auch als Todten, wohin es Dir beliebt.« Tatoschik säumte nicht, begann zu rennen, und war sogleich zu Hause bei seiner Herrin. Die Heilige harrte bereits auf ihn, denn sie wußte Alles voraus, was und wie es geschehen werde. Alsbald fügte sie den Leib zusammen und wusch ihn mit dem Wasser des Todes, dann mit dem Wasser des Lebens; der Jüngling gähnte, streckte sich und stand lebend und gesund auf. »Ach, wie lange hab' ich geschlafen!« sagte er. – »Du hättest in Ewigkeit geschlafen, wenn ich Dich nicht aufgeweckt. Wie ist Dir?« fragte ihn die Heilige. – »Gut, aber sonderbar, mein Herz schlägt nicht.« – »Wie soll es schlagen, da Du keins hast!« – »Und wo ist es?« fragte der Jüngling verwundert. – »Es hängt im Schlosse an der Schnur, festgebunden an die Decke,« erwiederte die Heilige, und erzählte ihm alles Uebrige, was mit ihm geschehen war. Der Jüngling gerieth nicht in Zorn und weinte nicht, denn er hatte kein Herz. Dann befahl ihm die Heilige, Bettlerkleider anzuziehen, gab ihm eine Sackpfeife, und schickte ihn in das Schloß, daß er dort pfeife, und für die Musik zum Lohne das Herz begehre; mit diesem solle er zu ihr zurückkehren. Der Jüngling ging, und da er bemerkte, daß die Mutter zum Schlosse heraussehe, stellte er sich unter das Fenster, und begann gar schön zu pfeifen. Der Mutter gefiel die Musik ungemein, und sie rief den alten Sackpfeifer in das Schloß, daß er ihr da vorspiele. Der Jüngling pfiff und pfiff, und die Mutter tanzte mit dem Drachen den Tag und die Nacht durch, bis sie ganz müde war. Sie gab dem Sackpfeifer zu essen und zu trinken, und als sie sich satt getanzt, gab sie ihm auch goldenes Geld. Allein der Sackpfeifer sagte: »Wozu soll mir das Geld! Ich bin schon alt.« – »Nun, was soll ich Dir geben! Erbitte Dir etwas!« entgegnete die Mutter. – »Was Ihr mir geben sollt?« sagte der Jüngling und blickte in dem Zimmer umher. »Gebt mir das Herz, das dort von der Decke hängt.« – »Ei, das will ich Dir gern geben,« erwiederte die Mutter, nahm das Herz herab, und gab es dem Jüngling. Dieser bedankte sich schön, und ging aus dem Schlosse zu der Heiligen. »Gut, daß wir es wieder haben!« sagte die Heilige, nahm das Herz, wusch es mit dem Wasser des Todes und des Lebens, gab es dem Vogel Pelikan in den Schnabel, und befahl ihm, es dem Jüngling an der rechten Stelle einzusetzen. Der Vogel Pelikan streckte seinen langen, dünnen Hals aus, setzte dem Jüngling das Herz an der rechten Stelle ein, und der Jüngling fühlte sogleich, daß es ihm fröhlich schlage. Dafür schenkte die Heilige dem Vogel Pelikan die Freiheit. Hierauf verwandelte sie den Jüngling in einen Tauber, und befahl ihm, in das Schloß zu fliegen, und sich zu überzeugen, was die Mutter mache. »Wirst Du wieder ein Mensch sein wollen, gedenk' an mich, und alsbald wirft Du einer sein!« fügte sie hinzu. Der Jüngling flog also als Tauber in das Schloß, und durch das Fenster in das Zimmer, wo die Mutter wohnte. Da sah er sie mit dem Drachen buhlen. Die Mutter aber gewahrte den Tauber sogleich, und schickte den Drachen, daß er die Büchse nehme und ihn todtschieße. Bevor jedoch der Drache die Büchse nehmen konnte, flog der Tauber herab, verwandelte sich in einen Menschen, griff zum Schwerte und hieb dem Drachen mit einem Hieb das Haupt ab. »Und was soll ich mit Dir beginnen, Unwürdige?« wandte er sich zur Mutter. Die Mutter fiel vor ihm auf die Knie, und bat um Erbarmen. »Fürchte Dich nicht, ich will Dir nichts zu Leide thun! Gott richte selbst!« Er faßte die Mutter bei der Hand, führte sie in den Schloßhof, und dort sprach er zu ihr: »Sieh Mutter, dies Schwert schleud're ich in die Luft: Wer schuldig ist, den wird Gott richten.« Das Schwert pfiff durch die Luft, blitzte, und fuhr um des Jünglings Haupt herum gerade in das Herz der Mutter. Der Jüngling begrub die Mutter, dann kehrte er zur heiligen Nedẽlka zurück, bedankte sich schön für alles ihm erwiesene Gute, gürtete sein Schwert um, nahm seinen Buchenbaum in die Hand, und ging zu der holden Prinzessin. Diese war schon bei ihrem Vater, und sollte mehrmals Prinzen und Könige freien, allein sie wollte sich nicht vermählen, bevor nicht ein Jahr verflossen sei. Und noch war das Jahr nicht verflossen, als eines Tages der Jüngling in das königliche Schloß trat. »Das ist mein erkorener Bräutigam!« rief sie, als sie ihn erblickte, und sogleich willigte sie in die Hochzeit. Da war ein großes Fest, der Vater gab dem Jüngling das Königreich, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch. Die Wallfahrterin. Es war ein Vater und eine Mutter; die hatten zwei Töchter. Die ältere wollte ihr Erdenglück erpilgern, und zog beständig auf Wallfahrten umher. Die jüngere Tochter dagegen bat den lieben Gott, er möchte ihren Eltern Gesundheit verleihen, damit sie lange lebten, und sie dieselben ernähren könnte. Sie begehrte kein Glück auf Erden, sondern bat Gott nur, daß sie Arbeit hätte. Sie nähte und wusch Kleider, und ging jeden Tag in die Kirche. Als sie so zur Kirche ging, ward eine schöne Jungfrau aus ihr. In der Kirche sah sie sich nicht um, sondern hatte die Blicke nur auf den Altar gerichtet und betete. Ein junger Graf pflegte auch in die Kirche zu gehen. Er sah, daß sie fromm, schön und reinlich sei, obwohl sie nur schlechte Kleider hatte, und daß sie ihre alten Eltern am Arme führe. Darüber empfand er große Freude, und gab Acht, wo sie wohne. Sie gefiel ihm so sehr, daß er die Absicht hatte, wenn ihre Eltern, die sie bediente, stürben, sie zu seiner Gemahlin zu nehmen. Er ging in ihre Wohnung, um zu erfahren, wie es dort aussehe. Es war eine kleine Stube, aber Alles war sauber und rein. Er entschloß sich, sogleich um die Jungfrau anzuhalten, und sagte dem alten Vater und der Mutter, sie möchten sie ihm zum Weibe geben. Sie erwiederten: »Wie können wir sie Euch geben, da sie uns ernährt? Wir sind Beide schon alt und können uns nicht selbst ernähren.« Der Graf sprach: »Wenn Ihr mir sie gebt, so will ich Euch ernähren. Ihr sollt bei mir sein!« – Sie antworteten, sie hätten keine Mitgift für ihr Kind. Er sagte ihnen, er verlange keine Mitgift, sondern nur die treffliche Tochter. Sie versprachen sie ihm, und bald war das Aufgebot, dann die Hochzeit und der Graf lud alle seine Freunde, und ehrte die Eltern seiner Braut so, als ob sie vornehme Personen gewesen wären. An dem Tage, wo das Hochzeitsmahl stattfand, kam die ältere Schwester von der Wallfahrt. Sie trat in die elterliche Wohnung, allein sie fand dort Niemand mehr. Sie fragte bei den Nachbarn, wo Alle wären. Die antworteten, einem jungen Grafen habe die Schwester gefallen, weil sie so reinlich und fromm gewesen; er habe sie geheirathet und auch die Eltern zu sich genommen. Sie beneidete die Schwester, und sagte, daß sie nicht fromm gewesen, da sie keine einzige Wallfahrt vollbracht habe. Die Nachbarn erwiederten, daß sie ja nicht einen Tag in der Woche ausgelassen, ohne zur Kirche zu gehen; Wallfahrten habe sie nicht mitmachen können, da sie sich um ihre Eltern habe kümmern und sie ernähren müssen; deshalb und um ihres Gebetes willen habe ihr Gott solch Glück beschert. Allein die ältere Schwester wäre beinahe vor Galle geborsten, und fragte, wie lange schon alle aus der Wohnung fort wären. Sie sagten ihr: »Es wird ein Monat sein.« – Sie wehklagte: »O Schade, daß ich nicht um einige Tage früher gekommen! Jetzt mag ich mich nicht unter die Gäste drängen.« – Die Nachbarn versetzten: »Warum wolltest Du nicht bei dem Feste sein? Der Graf fragte, ob seine Braut eine Schwester habe, und es ward ihm berichtet, sie habe eine, doch liebe sie auf Wallfahrten umherzuziehen. So geh' hin! Deine Freunde werden Dich erkennen, und Du kannst dem Feste gleichfalls beiwohnen!« – Allein sie entgegnete, sie werde nicht hingehen. Wieviel sie auch gewallfahrtet und gefastet, Almosen ausgetheilt und Ungemach ausgestanden: Gott gebe ihr nichts dafür! Sie wolle noch auf eine Wallfahrt gehen, und wenn ihr Gott nichts dafür verleihe, so wolle sie sich den Tod anthun. Der Schwester habe Gott ein solches Glück, einen solchen Gemahl verliehen, und ihr sei noch nichts zu Theil geworden, und sie wallfahrte schon sechs Jahre. Sie ging wieder auf die Wallfahrt, zur Hochzeit ging sie vor lauter Leidwesen nicht. Als sie des Nachts wallfahrtete, kam ein Bote zu ihr, eine weiße Gestalt wie ein Engel, und sprach: »Wie Du doch gegen Dein eigen Glück murrst! Du bist so beglückt durch Gott! Wenn Dir Gott auf der Welt nicht giebt, was Du begehrst, so hast Du dafür bei Gott im Himmel ein Plätzchen, so groß als ein Hirsekorn.« – Da vergaß sie sich so sehr, daß sie sagte, wenn ihr Plätzchen nicht größer sei: wie sie da Raum finden werde! Der Engel verschwand, und sie wußte wohl, daß es ein Bote Gottes gewesen; doch blieb sie traurig, daß sie für all ihr Leiden nur so wenig erhalten. Sie ging, in einer Herberge zu übernachten, wo sie auf der Wallfahrt immer einzukehren pflegte. Als sie eintrat, bat sie nur um ein Nachtlager, sprach aber mit Niemandem ein Wort. Der Wirth fragte sie, warum sie so traurig sei, da sie sonst so frohen Muthes gewesen. Sie antwortete nicht. Er fragte sie abermals, was ihr sei. Habe sie Hunger oder drücke sie Noth, so wolle er ihr helfen, und ihr geben, was sie verlange, Speise, Trank und Geld; sie sei ja bekannt, und bei ihm so gut als zu Hause. Sie entgegnete, sie sei darum traurig, weil sie, so viel sie gewallfahrtet, doch nicht erlangt habe, um was sie Gott gebeten, und weil ein Bote Gottes zu ihr gekommen und ihr gesagt, sie habe bei Gott im Himmel ein Plätzchen, das so groß als ein Hirsekorn sei. Für all ihr Leiden solle sie nur so wenig erhalten, und darum sei sie so traurig. Der Wirth setzte sich sogleich zu ihr, und stellte ihr freundlich vor, er getraue sich auf dem Plätzchen Raum zu finden sammt den Seinigen, so viel ihrer seien, und sie murre gegen Gott, daß es für sie allein zu klein sei. Sie erwiederte, er möge nicht weiter davon reden; es sei ihr keine Freude. »Nun denn, Jungferchen,« sprach der Wirth zu ihr, »tauschen wir! Gebt mir das Eure, ich geb' Euch das Meine.« – Sie versetzte: »Herr Wirth, habt mich nicht zum Besten!« – Der Wirth sagte: »Nicht doch, es ist mein Ernst! Ich geb' Euch Alles; ich bedinge mir blos ein Stübchen für mich und die Meinen!« – Sie glaubte noch nicht, und warf ihm vor, er scherze, er rede nicht im Ernst; doch er versicherte, er wolle ihr wirklich Alles geben, und rief sogleich den Schreiber, und der Vertrag wurde gehörig aufgesetzt. Er gab ihr sein Haus und Alles, was er besaß, und sie gab ihm das Plätzchen, das sie bei Gott im Himmel hatte. So wurde denn die Sache niedergeschrieben und eine Urkunde ausgestellt, und die Wallfahrterin war sogleich guter Dinge, da sie irdisches Glück erlangt hatte, das sie von Gott begehrt. Allein der Wirth war klug; er wußte, daß er in der andern Welt unglücklich werden würde, seiner großen Sünden wegen, und hatte keine Hoffnung, daß ihn Gott in den Himmel aufnehme für sein vergangenes unredliches Leben. Da er sah, die Wallfahrterin begehre irdisches Glück, war er froh, daß sie gegen sein Haus das hirsekorngroße Plätzchen bei Gott vertauschte. Er zog sammt den Seinigen zur Buße in eine kleine Stube. Der Jungfrau strömte in der Herberge das Glück zu; sie wußte zuletzt gar nicht, wie viel sie besitze. Der Wirth lebte drei Jahre in dem Stübchen sammt zehn Kindern und seinem Weibe. Nach drei Jahren starben sie selig. Als sie gestorben, fanden sie Alle Raum auf dem Plätzchen in dem Himmel; es blieb noch Raum übrig. Und es kam der Wirth im Schlaf zu der Jungfrau, und dankte ihr, daß sie ihm das Plätzchen bei Gott gegeben; er würde schon in der Hölle sein, jetzt sei er im Himmel sammt Weib und Kindern, und sei höchst glücklich dort. Dies sprach er und verschwand. Sie nahm sich's zu Herzen, und war fortwährend betrübt, daß sie so gehandelt, sie werde nun, anstatt seiner, in die Hölle kommen. Darüber wurde sie krank, schwer krank, bis sie vor Nachsinnen starb Als sie gestorben war, bereitete man ihr ein schönes Begräbniß; allein die Erde wollte sie nicht aufnehmen. Die Leute wunderten sich, warum sie gleich einer großen Sünderin sei, da sie doch so viele Jahre auf Wallfahrten umhergezogen und so fromm gewesen. Als man sie wieder der Erde gab, und über ihr betete, rief sie, sie habe irdisches Glück von Gott verlangt, und Gott hab' es ihr verliehen, da sie es für Nichts geachtet, daß ihr Gott für ihre Wallfahrten und Leiden des Himmels Glückseligkeit zugedacht; sie habe die Hölle verdient und der Wirth sei an ihrer Stelle in den Himmel gekommen; sie hab' erhalten, was sie begehrt. Da warf man Erdschollen auf ihren Sarg, daß es laut dröhnte, und das Grab nahm sie endlich auf, und sie ward still. Žitek, der Hexenmeister. König Wenzel IV. war ein fröhlicher Herr und ein Liebhaber von Scherzen und Späßen. Er hielt an seinem Hofe auch einen gewissen Žitek, ein über die Maßen gescheidtes und gewandtes Männlein, dem es oblag, den König in seinen vielen Leiden, die ihm die widerspenstigen böhmischen Herren verursachten, mit seinem Witz zu erheitern; kurz, er war des Königs vielgeliebter Hofnarr. Aber Žitek verstand mehr, als Brot zu essen und Späße zu machen; er war in die geheime Kunst eingeweiht, und es ging von ihm das allgemeine Gerücht, daß er mit den Geistern verkehre. Daher fürchteten sich alle Hofleute des Königs vor ihm, und sahen ihm Manches nach, was sich ein Anderer nicht hätte erlauben dürfen. Der König aber empfand seine Lust an ihm, und hielt ihn selbst dazu an, Dem oder Jenem, den er seines Vorwitzes oder eines andern leichten Vergehens wegen strafen wollte, etwas anzuthun, was ihn dem Gelächter der Uebrigen preisgab. Doch auch ohne Antrieb des Königs führte er oft verschiedene Späße mit den Hofleuten aus und den Gästen, die der König gern zu sich lud, da er lustige Gesellschaft liebte. Gewöhnlich aß Žitek mit den Edelknaben und Kammerjunkern des Königs und nur auf besondere Einladung an der königlichen Tafel. Das war jedoch ein hungriges Völklein, diese Edelknaben und Junker, lebensmuthige Leute mit gesunden Mägen, so daß es nicht geheuer war. mit ihnen an einem Tische zu sitzen. Und Žitek hatte auch seine Lieblingsspeisen, denen er gern zusprach, weshalb es nicht zu verwundern war, daß bei Tische eine ungewöhnliche Thätigkeit der Kinnbacken und Zähne herrschte, und wer nicht dazuthat, in Gefahr kam, hungrig vom Tische aufzustehen. Žitek aber liebte über Alles die Bequemlichkeit; er war ein wahrer Wohlschmecker, der gute Bissen gern mit einer Art Andacht aß, damit ihn ihr Wohlgeschmack länger vergnüge. Darum verdroß ihn oft die Gier der jungen Leute, und er beschloß, sie bei einer schicklichen Gelegenheit zu strafen. Da traf sich's einst, daß ein wunderschöner gesülzter Hecht aufgetragen wurde, wobei unserm Žitek, dessen Leibgericht das war, das Herz im Leibe hüpfte, und der Mund wässerte. Kam die Schüssel in die Hände der eßlustigen Herrlein, so war's um sein Vergnügen geschehen. Die Schüssel ging in die Runde. Zuerst wollte der Stallmeister des Königs nehmen; doch siehe, statt mit der Hand, aus der ihm die Gabel entfiel, greift er mit einem Pferdefuße zu, worüber er nicht wenig erschrak und bleich wie die Wand wurde, wahrend die übrigen Tischgenossen, die erriethen, daß es eins von den Stücken Žiteks sei, ungeheuer über ihn lachten. Žitek faßt die Schüssel, und reicht sie nach der Reihe seinem Nachbar, aber auch Dem, als er zugreifen will, verwandelte sich die Hand in einen Huf. Da hörte das Lachen auf, denn der Gesellschaft bemächtigte sich die Ahnung, es sei nicht blos auf den Stallmeister abgesehen. Žitek reicht weiter; aber wer in die Schüssel langen wollte, hatte einen Huf statt der Hand. So ging er am ganzen Tisch herum und des Hechts wurde nicht weniger; worauf er sich bequem auf seinen Platz setzte, die Schüssel vor sich hinstellte, und sich an die Arbeit machte, ohne eher nachzulassen, als bis von dem lieben Hecht kein Bissen übrig war. Hierauf erhob er sich, wünschte den Tischgenossen ein: »Wohl bekomm's.« und verließ den Saal. In diesem Augenblicke hatte Jeder wieder seine Hand. – Als der König von dem Stückchen hörte, konnte er sich des Lachens nicht enthalten. Das junge Volk hätte sich an Žitek gern gerächt; weil es sich jedoch vor ihm fürchtete, getraute es sich nicht an ihn, denn es wußte, daß er jede Kränkung ahnde. Wie sich Žitek zu rächen pflegte, zeigt folgendes Beispiel. Einst führte er zur Kurzweile vor dem königlichen Hofe in Gegenwart einer zahllosen Menge von Zuschauern verschiedene Stückchen auf. Bald nahm er diese, bald jene, bald eine furchtbare, bald eine lächerliche Gestalt an, fuhr in einer Nußschaale, die zwei Käfer zogen, und producirte mehr dergleichen Dinge. Endlich spannte er einen Hahn an einen dicken und langen Balken, der vor dem königlichen Palaste lag. und den kaum zehn starke Kerle in die Höhe gehoben hätten, und siehe: der Hahn warf den Kopf leicht empor, schritt aus und zog den Balken wie Nichts. Da war die Verwunderung allgemein, als sich auf einmal unter den Zuschauern eine weibliche Stimme meldet, die ruft: »Ei was, der Hahn soll einen Balken zieh'n? Seht Ihr denn nicht, daß es nur ein Strohhalm ist?« – Die Zuschauer sehen sich nach der Person um, die spricht, und es steht ein Mägdlein da, mit einem Korb voll Heu auf dem Rücken, das die Arme in die Seiten stemmt, und sie laut auslacht, daß sie sich von dem Gaukler so verblenden ließen. Es verhielt sich in der That so, denn die Hauptkunst Žiteks bestand in der Täuschung der Sinne, und Das, was Allen ein schwerer Balken schien, war wirklich nur ein Strohhalm, der sich blos dem Mägdlein in seiner Wesenheit darstellte, weil es im Korbe zwischen dem Gras ein vierblättriges Kleeblatt hatte, das, wie Jedermann weiß, eine besondere Zaubermacht besitzt. Anmerkung: Ein vierblättriges Kleeblatt . Mehreres der Art aus dem noch hier und da vorkommenden Volksaberglauben benützt F. L. Ĉelatowsky in seinen »vermischten Gedichten« zu dem scherzhaften Liede: » Mädchen, ja, ich thu' dir's an ,« das ich hier übersetzt gebe: Liebes rundes, dralles Mädchen. S'ist umsonst, daß du mich fliehst, Deine saft'gen Rosenlippen Meinen Küssen spröd entziehst. Hexen, zaubern kann ich, Alle Mädchen bann' ich: Mädchen, ja, ich thu' dir's an! Will mit Fleiß Im Kleefeld suchen. Wähle mir zwei Vierblättleln, Und in deine neuen Schuhe Schieb' ich sie geheim hinein. Spröde! wirst dann sehen. Kannst nicht ruhig stehen: Mädchen, ja, ich thu' dirs' an! Zwischen andre Blumen steck' ich Mir Liebstöckel hinter'n Hut, Und gefangen ist dein Auge, Wie's mich trifft mit Blitzesgluth. Wirst nach mir dann gerne Späh'n schon aus der Ferne: Mädchen, ja, ich thu' dir's an! Tropfen Thau's vom Farrenkraute Streift' ich bei mondheller Nacht In ein Näpfchen: die ersetzen's Wahrlich mir, daß ich gewacht. Will dich arg besprengen, So dein Herz beengen: Mädchen, ja ich thu' dir's an! Im Ameisennest bewahr' ich Einen Frosch, bald magert er; Mir aus ihm ein Häkchen krümm ich. Ziehe, zieh' dich zu mir her. Wirst mich gern dann streicheln, Und mir zärtlich schmeicheln: Mädchen, ja, ich thu dir's an! Ja dafür, daß du jetzt lachest, Lach' dann ich aus vollem Hals; Kein Erbarmen will ich fühlen. Doch – zum Schein nur jedenfalls. Will dich dann umschließen Unter tausend Küssen: Mädchen, das thu' ich dir an! Ende der Anmerkung * Das verdroß Žitek, und er nahm sich vor, das Mägdlein für seine Keckheit zu bestrafen. »Nimm Dich in Acht, Mägdlein,« sprach er, »daß Dir heut nichts Widerwärtiges begegne!« Es war nach dem Gaukelspiel. Die Zuschauer gingen auseinander, und auch das Mägdlein begab sich mit seinem Gras nach Hause. Da scheint es ihm auf einmal, als schreite es im Wasser, und das wachse ihm bis an die Knöchel, ja höher bis an die Knie, sodaß es das Röcklein schürzen mußte und laut schrie, zum Ergötzen aller Derer, die eben Augenzeugen waren. Es war kein Wasser, sondern eine ähnliche Täuschung der Sinne, wie mit dem Balken, und das Mägdlein schritt eigentlich trockenen Fußes über den Platz. Einst saß der König mit seinen Zechgesellen zusammen, unter denen sich auch Žitek befand. Ungewöhnlich aufgeheitert forderte er Žitek auf, irgend eine Kurzweile zu veranstalten. Žitek versprach's, ohne jedoch scheinbar eine Vorbereitung zu treffen, und das frohe Gespräch ging weiter. Plötzlich erhebt sich außen ein furchtbarer Lärm, und aus dem Gewirr verschiedener Stimmen lassen sich die Worte hören: »Es brennt, schlagt zu, schont nicht!« Da springen die Zecher auf und stürzen zu den Fenstern, um zu sehen, was es gebe; nur der König, der seinen Hofnarren und dessen Stückchen kannte, bleibt sitzen in Erwartung der kommenden Dinge. Als die Gäste des Königs die Köpfe zu den Fenstern hinaussteckten, ward es still, in dem Hofe war keine lebende Seele zu schauen, Alles war ruhig wie früher. Sie wollten nun die Köpfe zurückziehen, doch wehe, Jedem waren zwei ungeheuere Hirschhörner angewachsen, die den Rückzug wehrten. Als der König dies sah, brach er in ein lautes Gelächter aus, und ergötzte sich eine geraume Zeit an den sonderbaren Gebährden der in der Falle gefangenen Gäste, die sich trotz aller Mühe umsonst anstrengten, aus der unangenehmen Lage zu entkommen, bis der König, nachdem er sich satt gelacht, Žitek ein Zeichen gab, damit er sie aus ihrer Haft befreie. Allein Žitek war kein bloßer Hofnarr des Königs, er erwies ihm manchmal durch seine Kunst gewichtige Dienste, wofür der König erkenntlich war und ihn in Ehren hielt. Zum Zeugniß dient Folgendes: Vor Jahren hatte der König einigen böhmischen Herren Krongüter verpfändet, und jetzt, als er sie zurückforderte, und sie auslösen wollte, weigerten sie sich, sie zurückzuerstatten, worüber der König sich sehr erbos'te; doch sie beachteten den Zorn des Königs nicht, und behielten die Güter, ja sie wagten der königlichen Macht zu trotzen. In dieser Verlegenheit rieth Žitek dem König, und dieser befolgte seinen Rath. Der König that lange Zeit keine Erwähnung von der Auslösung der verpfändeten Güter, sodaß es endlich schien, als hätte er die Sache vergessen, oder sie bei Seite gesetzt, und die Besitzer der Güter, die früher dem König ausgewichen, besuchten den Hof wieder wie sonst. Eines Tages lud sie der König zu einem freundschaftlichen Mahl, und sie, nichts ahnend, folgten der Einladung. Es wurde lustig getafelt, und Žitek saß mit unter des Königs Gästen. Als aber Alles in der besten Laune ist, da öffnen sich plötzlich auf ein Zeichen des Königs die Thürflügel, und herein tritt im Scharlachkleid mit einem langen Schwert in der Hand, wie zum Richtgeschäft bereit, des Königs furchtbarer Schwager. Die Gäste erschrecken; sie beginnen aus vollem Halse: »Verrath!« zu schreien, und wollen sich von den Stühlen erheben und ihre Schwerter zücken. Wie wächst jedoch ihr Schrecken, als sich Keiner zu rühren im Stande ist, und die Schwerter nicht aus den Scheiden mögen! Žitek hat sie alle festgebannt. Es stelle sich Jeder vor, wie den Armen zu Muthe gewesen sein mußte, als sie sich hin und her wanden, an den Griffen der Schwerter zogen, und Alles umsonst! Sie sahen den gewissen Tod vor sich. Da winkte der König seinem Schreiber, und Der legte Jedem der angefrornen Herren eine Schrift vor, worin die Summe für das verpfändete Gut quittirt war. »Unterschreib', Herr Jan, und stell' mir mein Schloß zurück!« sprach der König zu Dem, und zu Andern: »Unterschreib', Herr Benesch, und Herr Plichta, Du! Und daraus zieht die Lehre, daß man sich fremdes Gut nicht zueignen soll. Bevor Ihr nicht unterschreibt, rührt Ihr Euch nicht von der Stelle, und die Verstockten wird mein Schwager bedienen!« – Was blieb den Herren übrig, als zu unterschreiben? Worauf sie von dem König in Frieden entlassen wurden. So gelangte der König auf leichte Art zu seinen Gütern; seit der Zeit aber feindeten ihn die Herren an, thaten ihm Alles zum Trotze, und nahmen ihn sogar zweimal gefangen, und setzten ihn fest. Eines Tages ging Žitek über Feld, und kam zu einer abgemähten Wiese, die dem reichen Bäcker Mikesch gehörte, der als ein Geizhals verschrieen war, und auf der das Heu in Schobern aufgehäuft lag. Da fiel es Žitek bei, einen Scherz zu machen, und er verwandelte alle Schober, deren dreißig waren, in Schweine, die er durch das nahe Städtchen an Mikeschens Haus vorbeitrieb. Mikesch stand im Hausthor, und als er die beleibten Schweine vorbeitreiben sah, fragte er, ob sie zu verkaufen seien. Žitek wurde mit ihm bald einig, und Mikesch. in der Meinung, er habe wohlfeil gekauft, zahlte bereitwillig die verabredete Summe. Beim Scheiden ertheilte ihm Žitek die Warnung, er solle die Schweine nicht schwemmen, und auf sein Heu Acht haben. Mikesch aber beachtete das nicht, und trieb die Schweine noch an demselben Tage in den Bach, der bei dem Städtchen vorbeifloß. Doch wehe! Sobald die Schweine das Wasser berührten, verwandelten sie sich wieder in Das, was sie früher gewesen, und in dem Bache schwamm Mikeschens Heu. Man kann sich leicht die Wuth des alten Geizhalses vorstellen, der sich so um sein Geld betrogen sah, besonders als ihm gemeldet ward, sein Heu sei von der Wiese verschwunden. Es war jetzt seine Sorge, wie er wieder zu seinem Gelde gelangen könnte; darum fragte er in dem ganzen Städtchen nach, wo Jemand den Schweinetreiber gesehen hätte. Man wies ihn in die Schenke, wo er Žitek auch fand, der auf einer Bank lag und schlief. Mikesch wollte ihn wecken und packte ihn beim Fuße; allein wie groß war sein Entsetzen, als ihm der Fuß in der Hand blieb, der vollends ausgerenkt war. Žitek erwachte nun, erhob ein fürchterliches Geschrei, und schickte nach dem Richter, der Mikesch verhörte und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verurtheilte. Žitek aber setzte sich hierauf den Fuß wieder an, und ging wohlbehalten seines Weges. Mikesch trug nur Spott davon, und von der Zeit an heißt es von Jemandem, der bei einem Kauf übel wegkommt: »Es ist ihm ergangen wie Mikesch mit den Schweinen.« Der Teufel geprellt.   1. Die Wetten. Es war ein armer Schuster, der vor Roth nicht mehr wußte, was zu thun. Das Leben war ihm bereits zuwider. Er hatte viele Kinder und Niemand wollte ihm helfen, er fand weder Auskommen, noch Unterstützung. In seiner Verzweiflung gedachte er sich zu erhängen. Er nahm einen Strick, und ging in den Wald, um sich dort aufzuknüpfen. Es begegnete ihm der Teufel, und fragte ihn: »Was suchst Du da?« Der Schuster entgegnete: »Ich will Bast abschinden, und Deine Kinder binden.« Der Teufel sprach: »Was verlangst Du, damit wir Ruh' vor Dir haben?« Der Schuster erwiederte: »So viel Geld, als Du auf ein Mal tragen kannst.« Der Teufel brachte ihm das Geld, und ging dann in die Hölle zurück. Als er in die Hölle kam, fragten ihn die bösen Geister, was er Neues auf der Welt gesehen. Er erzählte ihnen, es sei ein Schuster im Walde umhergegangen, und habe ihm vertraut, er wolle Bast abschinden und ihre Kinder binden. Ich will Bast abschinden und deine Kinder binden! Die mährischen Walåchen meinen, daß sich der Teufel mit Bastschlingen am besten fangen lasse. Da sagten die bösen Geister zu ihm, er hätte den Schuster bezahlen sollen, damit er sie in Ruhe lasse. Der Teufel versetzte, er habe dem Schuster Geld gebracht, so viel er habe tragen können. Das schien ihnen zu viel, und sie befahlen ihm, hinzugehen und mit dem Schuster zu ringen; wer der Stärkere wäre, dem solle das Geld gehören. Der Teufel kam zu dem Schuster und sprach zu ihm: »Du, ich hab' Dir zu viel Geld gegeben. Wir wollen mit einander ringen, und wer der Stärkere ist, dem soll das Geld gehören!« Der Schuster überlegte, wie er mit ihm fertig werden könnte. Er wußte, daß an einer gewissen Stelle ein Bär zu schlafen und sich's bequem zu machen pflegte; daher sagte er zu dem Teufel: »Ich hab' einen Großvater, der neunundneunzig Jahre zählt. Wirfst Du den Alten zu Boden, bringst Du auch mich zum Falle.« Da ging der Teufel mit dem Schuster, und der Schuster zeigte ihm den Bären und sprach: »Das ist er! Ring' mit ihm!« Der Teufel weckte den Bären, und sagte zu ihm: »Komm, laß uns ringen und sehen, wer den Andern zu Boden wirft!« Der Bär packte den Teufel und schmiß ihn auf die Erde, daß ihm grün und gelb vor den Augen ward. Da rannte der Teufel zur Hölle, und schrie dort: »Ich will nichts mit dem Menschen zu thun haben! Das ist eine Bestie von einem Menschen! Er hat einen Großvater, der neunundneunzig Jahre zählt, und der hat mich so darangekriegt, daß ich bald blind geworden wäre, als er mich auf die Erde schmiß. Wie stark muß erst er selbst sein!« Die bösen Geister aber meinten, der Schuster habe doch zu viel Geld erhalten, und schickten einen andern Teufel, daß er gehe und mit dem Schuster um die Wette laufe: wer der Schnellere sei, dem solle das Geld gehören. Es kam denn der zweite Teufel zu dem Schuster, und forderte ihn auf, er solle mit ihm um die Wette laufen. Der Schuster antwortete: »Ich hab' ein Söhnlein, das drei Jahre alt ist. Kleckst Du dem im Laufen, kleckst Du mir gleichfalls.« Der Teufel fragte ihn, wie der Junge heiße. Der Schuster entgegnete, er heiße Hans, und führte den Teufel unter einen Baum, wo ein Hase sein Lager hatte. Der Teufel rief: »Hans, steh' auf, wir wollen um die Wette laufen!« Der Hase sprang in die Höhe, und wartete nicht erst, bis ihm der Teufel nachkäme, sondern lief durch Dick und Dünn, über Stock und Stein, bis er in einen tiefen Graben gerieth. Der Hase purzelte und der Teufel purzelte hinter ihm, daß er sich zerschlug am ganzen Leibe. Als der Teufel wieder aufschaute, war der Hase schon oben, und obwohl er ihm nachsetzte, konnte er ihn nicht einholen. Da kehrte der Teufel in die Hölle zurück und schrie dort: »Das ist eine Bestie von einem Menschen! Ich will nichts mehr mit ihm zu thun haben! Er hat ein dreijähriges Söhnlein, und ich hab's nicht einholen können! Nie vermocht' ich ihn erst einzuholen!« Einer von den Höllengeistern verlachte ihn, und sprach: »Du bist dumm! Jetzt will ich zu dem Schuster gehen, und seine Kraft erproben!« Es kam der dritte Teufel zu dem Schuster und sagte zu ihm: »Du hast des Geldes zu viel erhalten. Wir wollen ein Pferd im Walde herumtragen. Wer das Pferd dreimal herumträgt, dessen soll das Geld sein!« Der Schuster suchte aus einem Pferdestall das schnellste Pferd heraus, und führte es zum Walde. »Nun, so trag's!« sagte der Teufel. »Trag Du's zuerst!« sagte der Schuster. Der Teufel nahm das Pferd, und trug es dreimal herum; doch ward es ihm zu schwer, er mußte ausruhen. Da sprach der Schuster zu ihm: »Du hast ausgeruht, ich aber werde nicht ausruhen. Du hast das Pferd auf dem Rücken getragen, ich aber werd' es zwischen den Beinen tragen.« Dann schwang er sich auf das Pferd, hieb es tüchtig mit einer Gerte, und ritt auf ihm dreimal im Wald herum. »Nun,« sagte der Schuster zu dem Teufel, »bin ich nicht stärker als Du?« Der Teufel kehrte in die Hölle zurück, und rief dort: »Das ist in der That eine Bestie von einem Menschen! ich will nichts mehr mit ihm zu thun haben! Ich hab' ein Pferd auf dem Rücken getragen; doch kaum daß ich's ertrug. Er hat es zwischen die Beine genommen, es noch dazu mit einer Gerte gehauen, und dreimal trug er's im Wald herum!« Allein die bösen Geister hatten noch immer keine Ruhe. Sie schickten den vierten Teufel ab, er solle zu dem Schuster gehen, und wer von ihnen stärker pfeifen würde, dem solle das Geld gehören. Der Teufel kam und sagte zu dem Schuster: »Pfeife!« Der Schuster aber wollte nicht zuerst pfeifen, und entgegnete: »Pfeif Du!« Der Teufel pfiff zum ersten Mal, es flogen die Blätter von den Bäumen; er pfiff zum zweiten Mal, es fielen die Zweige nieder; er pfiff zum dritten Mal, es fielen die Aeste zu Boden. Du hast dreimal gepfiffen, und Blätter, Zweige und Aeste fielen herab. Jetzt aber will ich pfeifen, und zwar so, daß die Bäume entwurzelt herumfliegen sollen. Willst Du nicht um Deine Augen kommen, so bind' sie Dir zu!« – »O Freundchen,« bat der Teufel, »bind mir Du sie zu!« Der Schuster band ihm die Augen zu; dann sah er sich nach allen Seiten um, wo er einen tüchtigen Prügel fände. Als er den Prügel' gefunden, nahm er ihn fest in die Hand, holte weit aus, pfiff und hieb den Teufel über den Kopf mit den Worten: »Hab' ich Dir nicht gesagt, daß die Bäume herumfliegen würden?« »O,« schrie der Teufel, »o, o, o! Pfeif' nicht mehr, mein Schädel schmerzt mich fürchterlich!« Doch der Schuster achtete nicht darauf und sagte: »Hast Du dreimal gepfiffen, so muß ich gleichfalls dreimal pfeifen,« und pfiff, und hieb ihn wieder mit dem Prügel über den Kopf, und so dreimal hintereinander. Da verging dem Teufel hören und Sehen, er riß das Tuch von den Augen, schaute nicht erst, ob irgend ein Baum entwurzelt sei oder nicht, und rannte in die Hölle zurück, und weder er, noch einer seiner Cameraden kehrte jemals wieder, um den Schuster zu plagen.   2. Käthe und der Teufel. In einem Dorfe war eine Bäuerin, Namens Käthe, Sie besaß eine Hütte, einen Garten und dazu noch einiges Geld; aber hätte sie ganz in Gold gesteckt, würde sie doch kein Bursche gemocht haben, selbst der ärmste nicht, weil sie schlimm war wie der Teufel, und ein böses Maul hatte. Sie lebte mit einer alten Mutter, und brauchte manchmal Hilfe; aber hätte wen ein Kreuzer retten können, und sie Ducaten gezahlt, wär' ihr dennoch Niemand beigesprungen, weil sie jeder Kleinigkeit wegen gleich zankte und kiff, daß es zehn Meilen weit zu hören war. Zu allem dem war sie garstig, und so blieb sie sitzen, bis sie allmählich Vierzig zählte, Wie's meistentheils in Dörfern zu sein pflegt, daß jeden Sonntag Nachmittags Musik aufspielt, so war's auch hier; wenn sich beim Richter oder in der Schenke der Dudelsack hören ließ, war die Stube gleich von Burschen voll, in der Hausflur und vor dem Hause standen Mädchen, an den Fenstern Kinder. Aber die erste von allen war Käthe. Die Bursche winkten den Mädchen, und die traten dann ins Rad: Käthen war solch Glück ihr Lebtag' nie widerfahren, obwohl sie den Dudelsackpfeifer vielleicht selbst bezahlt hätte, aber trotz dem ließ sie keinen einzigen Sonntag aus. Eines Tages geht sie wieder, und denkt unterwegs bei sich: »Bin schon so alt, und hab' noch nie mit einem Burschen getanzt; ist das nickt zum Aergern? Fürwahr, heut' möcht' ich meinethalben mit dem Teufel tanzen.« Grimmig kommt sie in die Schenke, setzt sich zum Ofen und schaut, wie die Bursche die Mädchen zum Tanze wählen. Auf einmal tritt ein Herr im Jägergewand in die Stube, setzt sich unweit von Käthen zum Tisch und läßt sich einschenken. Die Aufwärterin bringt Bier, und der Herr nimmts und trägt Käthen zu trinken hin. Käthe wunderte sich ein Weilchen, daß ihr der Herr solche Ehre erweise; ein Weilchen sträubte sie sich, doch endlich trank sie und zwar gern. Der Herr stellt den Krug hin, zieht aus der Tasche einen Ducaten, wirft ihn dem Dudelsackpfeifer zu, und ruft: »Ein Solo!« Die Bursche treten auseinander, und der Herr nimmt sich Käthen zum Tanze. »Ei, zum Kuckuk. wer ist das doch?« fragen die Alten und stecken die Köpfe zusammen; die Bursche verziehen den Mund, und die Mädchen verkriechen sich, eins hinter dem andern, und nehmen die Schürze vor's Gesicht, daß Käthe nicht sehe, wie sie sie auslachen. Aber Käthe sah Niemanden, sie war froh, daß sie tanzte, und hätte sie die ganze Welt ausgelacht, so würde sie sich nichts daraus gemacht haben. Den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend tanzte der Herr nur mit Käthen, kaufte ihr Pfefferkuchen und Rosoglio, und als die Zeit zum Nachhausegehen kam, begleitete er sie durch's Dorf. »Könnt' ich doch mit Euch bis zu meinem Ende tanzen, wie heut!« sagte Käthe, als sie sich trennen sollte. »Das kann sein, komm' mit mir!« »Wo wohnt Ihr denn?« »Häng' Dich mir um den Hals, ich will Dir's sagen.« Käthe that's, allein in dem Augenblicke verwandelte sich der Herr in den Teufel, und flog mit ihr gerad' zur Hölle. Beim Thor hielt er an und pochte, die Cameraden kamen, öffneten, und als sie sahen, daß er ganz in Schweiß sei, wollten sie ihm Erleichterung schaffen und Käthen herunterheben. Die aber hielt fest wie eine Zange, und ließ sich auf keine Weise losreißen: der Teufel mochte wollen oder nicht, er mußte sich mit Käthen um den Hals zu Lucifer verfügen. »Wen bringst Du da?« fragte dieser. Und da erzählte der Teufel, wie er auf Erden gewandelt, und von Käthens Wehklage gehört, daß sie keinen Tänzer bekommen könne, und wie er, um sie zu trösten, mit ihr ein Tänzchen versucht, und ihr auf ein Weilchen auch die Hölle habe zeigen wollen. »Ich hab' nicht gewußt,« schloß er, »daß sie mich nicht wird loslassen wollen.« »Weil Du ein Dummkopf bist, und Dir nicht merkst, was ich sage.« bellte der alte Lucifer ihn an. »Bevor Du mit Jemandem Etwas anfängst, sollst Du seine Gesinnung prüfen. Hättest Du dran gedacht, als Du Käthen begleitetest, würdest Du sie nicht mit Dir genommen haben. Jetzt pack' Dich und sieh, wie Du sie loswirst.« Voll Verdruß trabte der Teufel mit Frau Käthen auf die Erde zurück. Er versprach ihr goldne Berge, wenn sie ihn freiließe; er verfluchte sie, Alles umsonst. Abgemüdet, in Wuth gebracht, kam er mit seiner Last auf einer Wiese an, wo ein junger Schäfer in einem ungeheuren Pelz die Schafe hütete. Der Teufel verwandelte sich in einen gewöhnlichen Menschen, und drum erkannte ihn der Schäfer nicht. »Freund, wen tragt Ihr denn da?« fragte ihn gutmüthig der Schäfer. »Ach, Freund, ich athme kaum. Stellt Euch vor, ich gehe ganz ruhig meines Wegs, ohne an Etwas zu denken, da hockt sich das Weib mir auf den Hals, und will mich um keinen Preis loslassen. Ich hab' sie bis in's nächste Dorf tragen wollen, um mich dort frei zu machen; aber ich bin's nicht im Stande, die Knie schlottern mir.« »Nu, wartet, ich will Euch helfen, aber nicht auf lang', weil ich wieder weiden muß; die Hälfte Wegs etwa will ich sie tragen.« »Ei, da werd' ich froh sein.« »Hörst Du, häng Dich um mich!« schrie der Schäfer Käthen zu. Kaum hört' es Käthe, ließ sie den Teufel, und hing sich um den bepelzten Schäfer. Der hatte nun was zu tragen, Käthen und den ungeheuer großen Pelz, den er des Morgens vom Schaffer geliehen. Auch bekam er's bald genug, und sann, wie er sich Käthens entledigen könnte. Er kommt zu einem Teich, und da fällt ihm ein, ob er sie nicht hinein werfen könnte. Aber wie? Könnt' er den Pelz nicht mit ihr ausziehen? Er war ihm ziemlich weit, und so versuchte er allmählich, ob's ginge. Und sieh, er zieht eine Hand heraus. Käthe merkt nichts; er zieht die andere heraus, Käthe merkt noch nichts; er macht die erste Schnur vom Knopfloch los, dann die zweite, dann die dritte, und plumps! liegt Käthe im Teiche sammt dem Pelz. Der Teufel war dem Schäfer nicht nachgegangen, er saß auf der Erde, hütete die Schafe, und guckte, wie bald der Schäfer mit Käthen kommen würde. Er durfte nicht lange warten. Den nassen Pelz auf der Schulter, eilte der Schäfer zur Wiese, da er dachte, der Fremde werde vielleicht schon beim Dorfe sein, und die Schafe würden allein werden. Als sie sich erblickten, sah Einer den Andern an; der Teufel, daß der Schäfer ohne Käthen komme, und der Schäfer, daß der Herr noch immer da sitze. Nachdem sie sich verständigt, sprach der Teufel zum Schäfer: »Hab' Dank, Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, denn ich hätte mich vielleicht mit Käthen bis zum jüngsten Tage schleppen müssen. Nie will ich Dir's vergessen, und Dir's einst reichlich lohnen. Damit Du aber wissest, wem Du aus der Klemme geholfen, so sag' ich Dir, daß ich der Teufel bin.« Er sprach's und verschwand. Der Schäfer blieb eine Weile wie vom Schlag gerührt stehen, dann sagt' er zu sich selbst: »Sind alle so dumm als der, so ist's gut!« Das Land, wo unser Schäfer sich aufhielt, beherrschte ein junger Fürst. Reichthum besaß er in Fülle; da er Herr über Alles war, genoß er Alles im vollen Maß. Tag für Tag vergnügte er sich nach Herzenslust auf jede mögliche Art, und wenn die Nacht kam, schallte aus den fürstlichen Gemächern der Gesang ausgelassener Zechbrüder. Das Land verwalteten zwei Stellvertreter, die um kein Haar besser waren als ihr Herr. Was nicht der Fürst verthat, behielten die Zwei, und so ergings den armen Unterthanen übel. Einst als der Fürst nicht mehr wußte, was er aussinnen solle, rief er seinen Sterngucker, und befahl ihm, er solle ihm und seinen zwei Stellvertretern die Zukunft vorhersagen. Der Sterngucker gehorchte und forschte in den Sternen, welch ein Ende die Drei nehmen würden. »Verzeih' o Fürst,« sprach er, als er fertig geworden, »Deinem und Deiner Stellvertreter Leben droht solche Gefahr, daß ich mir's nicht zu sagen getraue.« »Sag's nur heraus, sei's, was es sei! Du aber bleibst, und erfüllt sich Dein Wort nicht, so kostet es Dich den Kopf.« »Gern unterwerf ich mich Deinem Befehl. So hör' denn: Bevor der Mond voll wird, kommt zu beiden Stellvertretern der Teufel, und im Vollmond holt er auch Dich, o Fürst, und trägt Euch alle Drei lebendig in die Hölle.« »Ins Gefängniß mit dem lügnerischen Wicht!« gebot der Fürst, und die Diener thaten nach seinem Befehl. Im Herzen jedoch war dem Fürsten nicht so zu Muth, wie ei sich stellte; die Worte des Sternguckers hatten Eindruck auf ihn gemacht. Zum ersten Mal rührte sich das Gewissen in ihm. Die zwei Stellvertreter fuhr man halbtodt nach Hause: Keiner von ihnen nahm einen Bissen in den Mund, endlich rafften sie all ihre Habe zusammen, setzten sich auf, machten sich auf ihre Schlösser davon, und ließen diese von allen Seiten verrammeln, daß ihnen der Teufel nicht beikommen könnte. Der Fürst kehrte auf den rechten Pfad zurück, lebte still und eingezogen, und begann das Land selbst zu verwalten, in der Hoffnung, sein Schicksal vielleicht doch von sich abzuwenden. Von diesen Dingen hatte der Schäfer keine Ahnung; er weidete täglich seine Heerde und kümmerte sich nicht um Das, was in der Welt vorging. Da stand eines Tags plötzlich der Teufel vor ihm und sprach: »Ich bin gekommen, Schäfer, um Dir den Dienst zu vergelten, den Du mir erwiesen. Ich soll die gewesenen Stellvertreter Eures Fürsten in die Hölle schaffen, weil sie ihm schlimm gerathen und die Armen bestohlen haben. Bis der und der Tag erscheint, geh' in das erste Schloß, wo viel Volk versammelt sein wird. Sobald im Schlosse Geschrei entsteht, die Diener die Thore öffnen, und ich den Herrn fortschleppe, tritt zu mir und sag': »Entweiche, sonst wird's Dir schlimm ergeh'n!« Ich will Dir gehorchen und wandern. Du aber laß Dir von dem Herrn zwei Säcke Goldes geben, und will er nicht, so droh' ihm, daß Du mich rufen werdest. Hierauf geh' in das zweite Schloß, und thu' wieder so, und begeh' die gleiche Zahlung. Mit dem Gelde aber wirthschafte, und verwend' es nur zum Guten. Bis Vollmond ist, muß ich den Fürsten selbst holen; doch Den befreien zu wollen, rath' ich Dir nicht, sonst müßtest Du mit Deiner eignen Haut büßen.« So sprach er und entfernte sich. Der Schäfer merkte sich jedes Wort. Als das Viertel um war, kündigte er seinen Dienst, und ging zu dem Schlosse, wo der eine der zwei Stellvertreter wohnte. Er kam gerade recht. Haufen von Leuten standen da und schauten, bis der Teufel den Herrn fortschleppen würde. Da erhebt sich im Schloß ein verzweifeltes Geschrei, die Thore öffnen sich, und der Teufel schleppt den Herrn, der schon todtenbleich, und eine halbe Leiche ist. Der Schäfer tritt hervor, faßt den Herrn bei der Hand und stößt den Teufel mit den Worten weg: »Pack' Dich, sonst wird's Dir schlimm ergeh'n!« Und auf der Stelle verschwindet der Teufel, und der hocherfreute Herr küßt dem Schäfer beide Hände, und fragt ihn, was er zum Lohne begehre. Als der Schäfer sagte: Zwei Säcke Goldes! befahl der Herr, sie ihm sogleich zu geben. Zufrieden ging der Schäfer zu dem zweiten Schlosse, und war dort so glücklich als im ersten. Es ist begreiflich, daß der Fürst von dem Schäfer bald erfuhr; denn er fragte in Einem fort, wie's mit den Stellvertretern stehe. Als er Alles vernommen, schickte er nach dem Schäfer einen Wagen mit Pferden, und als er gefahren kam, bat er ihn dringend, er möchte sich auch über ihn erbarmen, und ihn aus des Teufels Klauen retten. »Mein Herr und Gebieter,« antwortete der Schäfer, »Euch kann ich's nicht versprechen, es geht um meine eigne Haut. Ihr seid ein großer Sünder; aber wenn Ihr Euch bessern wolltet, rechtschaffen, mild und weise regieren, wie's einem Fürsten geziemt, so versucht' ich's und sollt' ich statt Euer in die Hölle müssen.« Der Fürst versprach ernstliche Besserung, und der Schäfer ging mit der Zusage, sich am bestimmten Tage einzufinden. Mit Furcht und Angst erwartete Alles den Vollmond. Wie's die Leute dem Fürsten Anfangs gegönnt hatten, so bemitleideten sie ihn jetzt; denn von dem Augenblicke an, wo er anders ward, konnten sie sich keinen bessern Fürsten wünschen. Die Tage verstreichen, ob sie der Mensch in Freuden oder in Leiden zählt! Eh' der Fürst sich dessen versah, war der Tag vor der Thüre, wo er sich von Allem trennen sollte, was ihm lieb war. Schwarz angekleidet, wie zum Grabesgange, saß der Fürst, und erwartete den Schäfer oder den Teufel. Auf einmal öffnet sich die Pforte, und der Teufel steht vor ihm. »Mach' Dich bereit, die Stunde ist abgelaufen, ich komm' um Dich!« Ohne ein Wort zu sprechen, erhob sich der Fürst, und schritt hinter dem Teufel auf den Hof, wo es von Leuten wimmelte. Da drängt sich der Schäfer ganz erhitzt durch die Haufen, und gerad' auf den Teufel zu und schreit: »Lauf schnell, lauf schnell, sonst wird's Dir schlimm ergeh'n!« »Wie kannst Du Dich erdreisten, mich aufzuhalten? Weißt Du nicht, was ich Dir gesagt?« raunte der Teufel dem Schäfer zu. »Du Narr, mir handelt sich's nicht um den Fürsten, sondern um Dich! Käthe lebt, und fragt nach Dir.« Sobald der Teufel von Käthen hörte, war er gleich fort, wie weggeblasen, und ließ den Fürsten in Ruh'. Der Schäfer lachte ihn im Stillen aus und war froh, daß er den Fürsten durch diese List befreit hatte. Dafür machte ihn der Fürst zu seinem ersten Hofcavalier und liebte ihn, wie seinen eignen Bruder. Und er that wohl daran; denn der Schäfer war sein treuer Rathgeber und redlicher Diener. Von den vier Säcken Goldes behielt er keinen Pfennig für sich; er half damit jenen, von denen es die Stellvertreter erpreßt hatten.   3. Wie der Schuster in den Himmel kam. Es war ein sehr armer Schuster, der von seinem Handwerk nicht leben und seine Kinder nicht ernähren konnte. Er verschrieb sich sammt Weib und Kindern dem Teufel. Nachdem dies geschehen, fragte ihn der Teufel: »Was willst Du dafür?« Der Schuster sagte: »So viel Geld, daß ich leben und meine Kinder großziehen kann.« Der Teufel brachte ihm täglich fünf Gulden in Silber. Dies war zu der Zeit, wo der liebe Gott mit dem heiligen Petrus auf Erden wandelte. Sie kamen einst spät Abends auch zu dem Schuster. Der Schuster wußte nicht, wer sie seien; er sah nur, daß sie ordentliche Leute wären. Sie baten um ein Nachtlager. Der Schuster nahm sie bereitwillig auf; sein Weib bewirthete sie so gut als möglich, machte ihnen das Lager und gab ihnen ein Nachtessen, früh ein Frühstück. Der Sohn Gottes fragte beim Abschied den Schuster: »Was bekommst Du dafür?« Der Schuster antwortete: »Ei nichts!« Der Sohn Gottes sagte: »Vielleicht doch Etwas?« Der Schuster entgegnete: »Nu, wenn es durchaus sein muß, so bitt' ich um drei Dinge: Wer sich auf meinen Dreifuß setzt, auf dem ich zu schustern pflege, der soll von ihm nicht aufstehen können; wer von außen nach mir durch's Fenster guckt, der soll von dem Fenster nicht fortgehen können; und wer von meinem Pflaumenbaum im Garten Pflaumen schüttelt, der soll an der Stelle haften bleiben.« Der Sohn Gottes sprach: »So sei's!« und ging mit dem heiligen Petrus weiter. Als die Zeit um war, kam der Teufel zu dem Schuster in die Stube, und mahnte ihn: »Schuster, die Zeit ist um!« Der Schuster sagte: »Wart' ein Bischen, setz' Dich hier auf meinen Dreifuß, und ruh' aus, bis ich genachtmahlt habe!« Der Teufel setzte sich auf den Dreifuß. Als der Schuster fertig war, rief er: »Nun, Teufel, komm!« Der Teufel wollte von dem Dreifuß aufstehen, allein er konnte nicht, und schrie, daß sein Gesäß ihm brenne, und bat den Schuster: »Ich bitte Dich, Freundchen, laß mich los! Ich will die Frist Dir gern verlängern.« Er mußte dem Schuster sieben Jahre zugeben. Als die sieben Jahre um waren, kam der Teufel wieder, ging aber nicht mehr in die Stube, sondern guckte durchs Fenster. Er klopfte an's Fenster und mahnte: »Schuster komm, die Zeit ist um!« Der Schuster entgegnete: »Mein Weib kocht eben das Nachtessen. Wart' ein wenig, bis ich gegessen habe!« Als er fertig war, rief er: »Nun Teufel, komm! Wir sind Alle bereit!« Der Teufel wollte gehen, allein wie sehr er sich auch anstrengte, er konnte von dem Fenster nicht fort, und bat wieder: »Freundchen, laß mich los! Ich will die Frist Dir nochmals gern verlängern!« Da sagte der Schuster: »Wenn Du mir neue sieben Jahre zugiebst, gut! Kommst Du aber zum dritten Mal, so bitte nicht mehr! Ich Hab' keine Lust, Dein Narr zu sein.« Der Teufel gab ihm abermals sieben Jahre zu, und ging. Als die neuen sieben Jahre um waren, kam der Teufel um den Schuster, und ging wieder in die Stube. Der Schuster sagte: »Gut, daß Du kommst! Bin gleich fertig. Geh' indeß in meinen Garten, und schüttle dort den Pflaumenbaum. Mein Weib wird von den Pflaumen in ihr Bündel nehmen. Die wollen wir unterwegs essen, und auch Dir werden sie behagen.« Der Teufel ging in den Garten, und schüttelte vor Lüsternheit nach dem Obste den Pflaumenbaum, bis alle Zweige herabfielen, und nur noch der nackte Stamm blieb. Des Schusters Weib klaubte die Pflaumen auf. Jetzt kam der Schuster herbei und rief: »Nun Teufel, bist Du bereit? Doch was seh' ich! Ich sagte Dir, Du sollest blos die Pflaumen abschütteln, und du scheinst den ganzen Baum mit Dir nehmen zu wollen. Laß und komm!« Allein der Teufel konnte nicht von der Stelle, wie sehr er auch riß und zerrte, und begann wieder zu bitten und zu stehen: »Schuster, Freundchen, hilf mir, laß mich los!« Da sprach der Schuster: »Sagt' ich Dir nicht, wenn Du zum dritten Male kämst, solltest Du nicht bitten? Immer will ich geh'n, und immer machst Du Umstände. Wart', Du sollst mich nicht mehr zum Narren haben!« Und er ging in die Stube, seinen Knieriemen zu holen, und fing an den Teufel zu gerben, daß es Schläge regnete. Der Teufel schrie und brüllte, daß die Leute auf der Gasse zusammenliefen, um zu sehen, wer bei dem Schuster solchen Lärm schlage, und sie sahen, daß der Schuster den Teufel bearbeite. Als er ihn gehörig durchgebläut, sagte er: »Lauf zu!« und ließ ihn frei. Der Teufel lief in die Hölle, und kam nie mehr zurück. Allein dem Schuster war doch bange, er werde nicht in den Himmel kommen, da er sich einmal dem Teufel verschrieben hatte. Als er starb, befahl er, man solle ihm sein Schurzfell in den Sarg mitgeben. Nach dem Tode ging er zum Himmel, und klopfte an das Himmelsthor. Der heilige Petrus öffnete, sah ihn an und sprach: »Schuster, hier ist nicht Dein Platz! Geh' von hinnen! Was Du Dir gewählt, daß soll Dir werden. Hättest Du Dir das Reich Gottes gewählt, war' es Dir zu Theil geworden.« Hiermit schloß er das Himmelsthor. Der Schuster dachte bei sich: »Was soll ich Aermster anfangen? Will doch seh'n, wie's in der Hölle ist.« Er ging zur Hölle. Sobald ihn aber die Teufel von weitem erblickten, schrieen sie fürchterlich: »Schließt das Thor, laßt den Schuster nicht herein, er wird uns sonst noch aus der Hölle jagen!« Und der Schuster mochte an das Höllenthor pochen wie er wollte, sie ließen ihn nicht ein. Da ging er wieder zum Himmel. Der heilige Petrus öffnete, sah ihn an, und sprach: »Hier ist nicht Dein Platz! Du kommst vergebens!« Doch der Schuster schlüpfte ihm unter der Hand durch, breitete sein Schurzfell aus, und setzte sich darauf. Der heilige Petrus wollte ihn forttreiben; allein der Schuster saß fest und sagte zu ihm: »Ich sitze hier nicht auf dem Eurigen, sondern auf dem Meinen.« Der heilige Petrus trat vor den Herrn Christ, und klagte: »Herr, der Schuster will nicht fort, und hier ist seine Stätte nicht!« Da erbarmte sich der Sohn Gottes und gebot: »So laß ihn! Mag er dort beim Thore sitzen.«   4. Die Teufelsfelsen. Reist man von Klobouk nach Wsetin, so kommt man in das Dorf Lideèko, das in einem angenehmen Thale liegt. Zu beiden Seiten steigen hohe Hügel empor, und neben dem Thalweg eilt murmelnd ein Bach nach Wsetin. Hinter Lideèko erblickt man links auf der Anhöhe große Steine, die in einer Reihe aufgehäuft, und von denen viele zwei Klafter hoch sind. Diese Steine ziehen sich in gleicher Richtung mit dem Wege dahin; ähnliche finden sich auf der andern Seite, aus der Anhöhe rechts, gleichfalls in einer Reihe, obwohl Zahl und Größe der Steine hier geringer ist. Es fällt Jedem auf, daß es in der ganzen Umgegend, wenigstens so weit das Auge reicht, keine solche Steine giebt. Sind auch die Hügel hoch und mit Bäumen bewachsen, eigentliche Felsen sieht man nirgend. Weiter jedoch giebt es deren, und zwar Felsen, die verdienen, daß man sie betrachtet. Geht man nämlich über die Brücke, die über den Thalbach gebaut ist, so führt ein Weg rechts nach waldigen Bergen zu Hirtenhütten. Auf diesem Wege kommt man an eine Stelle im Wald, wo die merkwürdigen Felsen stehen. Mitten aus dem Wald erheben sie sich, wildschön, so sonderbar gestaltet, daß es scheint, als wüchsen aus den Felsen Menschenköpfe hervor, manchmal so nah' an einander, daß das Kinn des einen Kopfes die Stirn und Nase des andern bildet. Auch unter den Felsen links vom Wege ist gleich Anfangs einer mit einem Menschenkopf, aus dem ein Paar Hörner in die Höhe ragen. Woher die Felsen rühren, das will ich Euch erzählen. Einst war im Wirthshause zu Lideèko Musik. Damals musicirten sie noch mit Sackpfeife und Hackbret, und fehlte auch gebranntes Wasser, so waren die Leute doch fröhlich. Als es auf Zwölf ging, trat ein unbekannter Gast in die Stube, und nachdem er den schwarzen Mantel abgelegt, in den er gehüllt gewesen, sah er eine Weile in der Stube umher. Seine schwarzen Brauen über zwei funkelnden Augen und sein schwarzer Schnurbart verliehen ihm ein stattliches Aussehen; die grüne Jacke und der Spitzhut mit der Feder ließen vermuthen, daß er ein Waidmann sei. Nebst andern Mädchen war auch Käthchen Lideèko da, eine vaterlose Waise, die blos eine alte Mutter hatte. Da sie ein hübsches kleines Haus, Acker und Wiese besaß, dabei fromm, eingezogen lebte und hübsch war, so hätte sie mancher Bursche gern geheirathet. Auf Käthchen richtete jetzt der Unbekannte seine Blicke. Er machte sich an sie, schwatzte ihr beim Tanze wer weiß was alles vor, und da er sich stattlich ausnahm, vergaffte sie sich in ihn. Er versprach ihr auch, sie bald zu besuchen; doch sagte er, sein Geschäft, das eines Jägers, erlaubte ihm nur, um Mitternacht oder dann und wann um Mittag zu kommen. Dann nahm er seinen Mantel, warf den Musikanten einige Zwanziger hin, und entfernte sich kurz nach Mitternacht. Der Unbekannte besuchte Käthchen wirklich. Er nannte sich Ladimil. Allein seine späten Besuche gefielen Käthchens Mutter nicht, die ihnen immer beiwohnte. Sie schöpfte Verdacht, weil sein Auge so unruhig umherrollte, weil er sich weder beim Kommen noch Gehen mit Weihwasser besprengte, und wenn sie mit Käthchen zum Abschied ihm Gottes Segen wünschte, immer wild davon schoß. Es war einst wieder nach eilf in der Nacht, als Ladimil erschien, und die Mutter um Käthchens Hand bat. Gegen eine halbe Stunde weigerte sich die Alte unter verschiedenen Ausflüchten; endlich, da er nicht aufhörte zu bitten, sprach sie zu ihm: »Nun gut, ich will Euch meine Tochter geben, aber blos unter einer Bedingung. Erfüllt Ihr die nicht, und nicht in der Frist, die ich Euch bestimme, wird aus der Hochzeit nichts.« Da erhob sich der Bräutigam vom Stuhle, als wollt' er sagen: »Hier bin ich, rede! Ich erfülle, was Du begehrst.« Die Alte sprach also in der Absicht, die Hochzeit zu vereiteln: »Wenn Ihr noch heut' Nacht eint Brücke über unser Thal wölbt von einer Anhöhe zur andern, bekommt Ihr meine Tochter; wenn nicht, bekommt Ihr meine Tochter niemals!« »Es gilt die Wette!« versetzte der Bräutigam mit wildem Lachen, und eilte zur Thüre hinaus. Als er draußen war, stampfte er auf die Erde, daß das ganze Thal erzitterte und sieh! auf sein Stampfen erschien eine ungeheure Menge verkappter Gesellen, und alle stellten sich im Kreise um ihn her. Er befahl ihnen, sie sollten sich hurtig rings zerstreuen, und sämmtliche Hähne in der Umgegend erwürgen, und wenn sie dies gethan hätten, ihm zu Hilfe eilen und aus der nächsten Nahe Steine zum Bau einer Brücke zutragen. Sie flogen auseinander und erwürgten alle Hähne. Dies hatte der Höllenbräutigam – denn es war der Teufel selbst – zu dem Zwecke befohlen, damit kein Hahn krähe, bevor die Brücke nicht fertig wäre; denn die Hähne haben, wie bekannt, große Macht über den Teufel, und machen allen Streichen ein Ende, die er um Mitternacht auszuführen pflegt. Als die Hähne erwürgt waren, eilten die höllischen Gesellen ihrem Bruder zu Hilfe. Weil sich aber keine Steine in der Nähe befanden, mußten sie erst zu jener Stelle im Walde; dort brachen sie Steine von riesiger Größe, und trugen sie pfeilgeschwind ihrem Cameraden zu, der mit unglaublicher Schnelligkeit Stein zu Stein fügte, auf den Hügeln zu beiden Seiten des Thals den Grund legte, und schon die Bogen zu wölben begann. Allein in Lideèko lebte damals ein uraltes Mütterchen, das auch einen Hahn besaß. Weil es jedoch wußte, daß der schwarze Versucher gegen die Hähne gewaltig ergrimmt sei, seitdem ihm die Versuchung am heiligen Petrus mißlungen, fürchtete es sich, der Hahn könnte in des Teufels Krallen gerathen, und es selbst könnte dessen Macht unterliegen; darum steckte es den Hahn immer unter einen Trog, an dem bewußten geheimen Ort, wo ihn kein Teufel suchen mochte. So geschah's, daß jener Hahn einzig und allein am Leben blieb, als die höllische Rotte auszog, um sämmtliche Hähne in der Umgegend zu erwürgen. Inzwischen rückte die zwölfte Stunde heran. Der Teufel hatte schon viele Bogen fertig, und sicher hätte er bis Eins die ganze Brücke zu Stande gebracht, und sich des armen, unschuldigen Käthchens bemeistert; doch da krähte auf einmal jener Hahn unter dem Trog an dem bewußten geheimen Ort, und sieh! augenblicklich stürzten die ungeheuren Felsen krachend nieder. Die Bogen, die sich bereits hoch in der Luft über das Thal wölbten, die Pfeiler, Alles, Alles brach donnernd zusammen. Daher rühren die Felsen im Walde, die Steine auf den Höhen bei Lideèko – das sind die Ueberbleibsel jenes Brückenbaues! Der Teufel, der sich damals um Käthchen bewarb, ward Stein, zur Mahnung für alle Verführer, und sein Kopf mit Hörnern ist noch heutigen Tags zu schauen. Von seinen Gehilfen entkamen nur jene, die eben in der Luft schwebten; die übrigen, die in dem Walde Steine brachen, wurden gleichfalls Stein, und ihre Köpfe sind dort noch immer zu gewahren. Der Köhler und Kaiser Maximilian II. Zur Zeit Kaiser Maximilians war ein armer Köhler, der seine Hütte im Walde hatte. Als er wieder einmal Kohlen brannte, kam der Kaiser auf einem Spaziergang auch zu ihm, und sprach: »Gottes Segen!« »Vergelt's Gott! Schön willkommen!« »Dank schön, was machst Du denn da?« »Kohlen brennen.« »Wieviel verdienst Du damit?« »I nu, so viel als ich brenne.« »Und was hast Du zu essen?« »Meine Hütte ist etwas weit weg; drum koch' ich hier Klöße. Bitte, wer seid denn Ihr?« »Maximilian.« Der Köhler konnte sich den langen Namen nicht merken, den er noch nicht gehört. »Wie? Maxi–Mazi–Aha, Marzipan!« – Der huldvolle Kaiser lachte innerlich, und ließ ihn dabei. – »Was macht Ihr denn da im Wald, Herr Marzipan?« »Bin ein Bischen spazieren gegangen.« »Ohne Zweifel habt Ihr schon Hunger, wie ich. Wartet ein wenig, bis die Klöße gekocht sind! Ihr könnt mit mir essen. Wartet nur, wartet, sie werden gleich fertig sein!« Und bereitwillig legte der Köhler Kohlen zu, damit die Klöße schneller kochten, nahm sie dann mit einer hölzernen Gabel aus dem Topf, gab sie auf eine Schüssel, schmalzte sie und sagte: »Kommt mit mir essen, Herr Marzipan!« Der Kaiser nahm die hölzerne Gabel und steckte sich ein Stück Kloß an; doch war's zu sehen, daß die Speise ihm nicht sehr behage. Der Köhler nöthigte ihn: »Laßt's Euch nur schmecken! Die Klöße sind nicht von schwarzem, sind von weißem Mehl.« Aber der Kaiser dankte; er spüre keinen Hunger. Der Köhler fragte ihn zwischen dem Essen weiter: »Seid Ihr auch verheirathet?«. »Versteht sich.« »Habt Ihr auch Kinder?« »Ja wohl. Wenn Du in die Stadt kommst, besuch' mich. Hab' dort meine Hütte. Frag' nur nach dem Herrn Marzipan, es wird Dir Jedermann sagen, wo ich wohne. Dann will ich Dir mein Weib und meine Kinder zeigen.« Der Köhler versprach mit Freuden, ihn zu besuchen, und der Kaiser wünschte ein »Gott befohlen!« und ging. – Nach einiger Zeit fuhr der Köhler Kohlen in die Stadt, und nachdem er sein Geschäft abgethan, erinnerte er sich, daß er den Herrn Marzipan besuchen solle. Der Kaiser hatte schon früher an alle Wachen den Befehl ergehen lassen, wenn ein Mann nach dem Herrn Marzipan frage, solle man ihn in's kaiserliche Schloß führen. Der Köhler fragte wirklich, wo der Herr Marzipan wohne. Die wachestehenden Soldaten führten ihn ins kaiserliche Schloß. Als er dem Kaiser gemeldet wurde, ließ ihn dieser sogleich vor. Er trat in's Gemach, und als er seinen Waldgast erkannte, sagte er: »Aber Herr Marzipan, Ihr habt eine schöne Hütte und eine schöne Stube; so schön hab' ich's nicht. Mir scheint, Ihr eßt andre Klöße, als ich Euch im Walde geboten; drum wollten Euch die nicht schmecken! Wo habt Ihr denn Eure Kinder?« »Die sind im andren Zimmer. Wart', ich will sie Dir bringen!« Der Kaiser fühlte seine schmucken Prinzen herbei, und stellte sie dem Köhler vor. »Ei, Ihr habt prächtige Jungen! Hab' ihnen was mitgebracht, und meine, daß sie das Spielzeug freuen wird!« Und hiermit zog er einige große Erzklumpen aus seiner Tasche, und gab sie ihnen. Dann fragte er weiter: »Wo habt Ihr denn Euer Weib, Herr Marzipan?« »Das ist wieder in einem andern Zimmer. Dir zu Gefallen will ich es gleichfalls holen!« Er ging zur Kaiserin, und sagte ihr, daß ein gemeiner Mann bei ihm sei, der sie zu sehen wünsche; sie möchte nicht zürnen, wenn er ihr etwas Unliebes sage, sondern Alles, was er reden würde, in Güte aufnehmen. Er führte die Kaiserin herbei und sprach: »Siehst Du, das ist mein Weib!« »Mein Seel', Herr Marzipan, Ihr habt ein prächtiges Weib! Ueberhaupt ist Alles hübsch in Ordnung bei Euch.« Die Kaiserin entfernte sich wieder, und der Kaiser fragte den Köhler, ob er etwas zu essen haben wolle. »Habt Ihr was fertig, möcht' ich wohl essen!« Der Kaiser ließ kalten Braten, Weißbrot und guten Wein auftragen, und der Köhler ließ sich's trefflich schmecken. Als er sich satt gegessen, sagte er: »Das glaub' ich, daß Euch meine Klöße nicht behagten, Ihr eßt anders als ich!« Der Kaiser brachte nun die Rede auf das Spielzeug, das der Köhler den Prinzen gebracht, und fragte ihn: »Wie bist Du denn zu den Klumpen gekommen?« »Dergleichen hab' ich im Walde genug. Wenn ich Kohlen brenne, fließt das Zeug in Menge. Ich werf's gewöhnlich bei Seite; man könnte zwei, drei Wagen damit vollladen.« »Weißt Du was, ich will mit Dir gehen, und es aufladen.« »Könnt Euch nehmen, wie viel Ihr woll't. Es liegt bei mir in Haufen, wie trocknes Holz.« Der Kaiser kam hin und ließ die Erzklumpen fortschaffen, von denen der Köhler nicht wußte, daß sie lauter Gold waren. Dann nahm er den Köhler sammt Weib und Kindern zu sich und versorgte ihn reichlich. Allein dem Köhler gefiel das Leben nicht; ihm wurde bang, und er sagte bald zum Kaiser, den er inzwischen kennengelernt: »Mein allergnädigster Herr! Mir geht's vortrefflich, ich esse und trinke gut, das ist wahr; aber ohne Arbeit kann ich nicht sein. Im Wald bei der Arbeit gefiel's mir weit besser, als ohne Arbeit hier bei Hof!« – Der Kaiser entgegnete: »Ich will nicht, daß Du faullenzen sollst, auch ich möchte nicht ohne Arbeit sein. Willst Du, so geh' in den Garten und arbeite; das wird mich freuen.« Der Köhler und sein Weib und seine Kinder lernten mit der Zeit das Gärtnergeschäft, und blieben bei dem Kaiser bis zu ihrem Tode, und oft unterhielten sie sich später vom Kohlenbrennen und von dem Abenteuer im Walde. Das Sonnenroß. Es war einmal ein Land, traurig wie das Grab, schwarz wie die Nacht, denn in ihm schien Gottes Sonne niemals. Die Menschen hätten es geflohen, und den Eulen und Fledermäusen überlassen, wenn nicht zum Glück der König ein Roß mit einer Sonne auf der Stirn besessen hätte, die, gleich der wahrhaftigen Sonne, helle Strahlen nach allen Seiten versandte. Damit also die Leute in dem finstern Lande wohnen könnten, ließ der König sein Sonnenroß durch dasselbe führen, von einem Ende zum andern; und es ging Licht von ihm aus, als ob der schönste Tag wäre, allenthalben, wo man es führte; von wo es sich aber entfernte, dort wälzte sich dichte Finsterniß hin. Plötzlich war das Sonnenroß verschwunden. Dunkelheit, noch ärger als die der Nacht, lagerte sich über das ganze Land, und nichts vermochte sie von dieser Zeit an zu verscheuchen. Unzufriedenheit und Schlecken verbreitete sich unter den Menschen, Noth begann sie zu drängen, denn sie konnten nichts arbeiten, nichts erwerben, und es entstand zuletzt furchtbare Verwirrung. Selbst der König gerieth in Angst, und um die Gefahr zu beseitigen, zog er mit seinem ganzen Heere aus, das Sonnenroß zu suchen. Durch dichte Finsterniß zog der König bis an die Grenze seines Reiches. Hinter tausendjährigen Wäldern in einem andern Lande begann hier Gottes Sonne wie durch Morgennebel hervorzudringen. So weit das Auge reichte, war nichts zu sehen als Wald, ringsum nichts als Wald und wieder Wald. In diesen Wäldern kam der König mit seinem Heere zu einer armseligen Hütte. Er trat hinein, um zu erfragen, wo er sei und wohin der Weg führe. Hinter einem Tische saß ein Mann von mittleren Jahren, der aufmerksam in einem aufgeschlagenen großen Buche las. Als der König sich ihm verneigte, erhob er die Augen, dankte freundlich und stand auf. Sein Wuchs war hoch, sein Antlitz gedankenvoll, sein Blick durchdringend; das ganze Aeußere kündigte an, er sei kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein Mensch, der sich mit außerordentlichen Dingen beschäftige. »Eben las ich von Dir,« sprach der Mann zum König. »Du gehst das Sonnenroß suchen? Bemüh' Dich nicht weiter, denn Du bekommst es nicht; verlaß Dich auf mich, ich will es finden. Kehr' zurück nach Hause, dort bist Du nöthig; nimm auch Dein Heer mit Dir, ich bedarf keines Heeres, laß mir nur einen Krieger zu meinen Diensten.« – »Wahrlich, Du unbekannter Mann, ich will Dich reichlich belohnen,« antwortete der König, »wenn Du mir das Sonnenroß wiederbringst.« – »Ich begehre keine Belohnung. Kehr' nach Hause zurück, dort bist Du nöthig, und gönn' mir Ruhe, daß ich mich zur Reise rüste,« sprach der Mann. Der König entfernte sich, trat mit seinem ganzen Heere den Rückweg an, und hinterließ nur einen Krieger, dem bereitwilligen Manne zu seinen Diensten. Der Seher – denn das war der Mann – setzte sich wieder zu seinem Buche, und las darin bis zum späten Abend. Des andern Tages begab sich der Seher sammt seinem Diener auf den Weg. Der Weg war weit, denn schon sechs Länder hatten sie durchzogen, und noch mußten sie weiter. Im siebenten Lande blieben sie bei dem königlichen Palaste stehen. Drei gewaltthätige Brüder herrschten über dieses Land, und hatten drei Schwestern zu Gemahlinnen, deren Mutter, eine böse Zauberin, Striga hieß. Als die Beiden vor dem Palaste standen, sprach der Seher zu seinem Diener: »Du warte hier, ich will in den Palast gehen, mich zu überzeugen, ob die Könige zu Hause sind; denn sie haben das Sonnenroß geraubt, der jüngste reitet darauf.« In dem Augenblicke verwandelte er sich in einen grünen Vogel, flog zu dem Erker der ältesten Königin, und flatterte dort umher, und klopfte so lange mit seinem Schnabel, bis sie öffnete und ihn in's Zimmer ließ. Sie ließ ihn gern herein und freute sich über ihn, wie ein Kind, weil er so schön war, und ihr so süß zu schmeicheln wußte. »Ach Schade, Schade, daß mein Gemahl nicht zu Hause ist, der Vogel würde gewiß auch ihm gefallen! Doch er kommt erst Abends, denn er ist fortgeritten, ein Dritttheil des Landes zu mustern.« So sprach die Königin und spielte mit dem kleinen Vogel. Plötzlich trat die alte Striga ins Zimmer, gewahrte den Vogel, und schrie: »Erwürg' den verfluchten Vogel, sonst wird er Dich blutig machen!« – »Ei, mich blutig machen! Sieh doch, wie unschuldig, wie lieb er ist!« entgegnete die junge Königin. Aber Striga schrie: »Trügerische Unschuld! Her mit ihm, daß ich ihn erwürge!« und schon stürzte sie ans ihn los. Allein der Vogel verwandelte sich klug in einen Menschen, und flugs war er zur Thür hinaus. Sie wußten nicht, wohin er gerathen. Hierauf verwandelte sich der Seher abermals in einen grünen Vogel, flog zu dem Erker der jüngeren Schwester, und klopfte so lange, bis sie ihm öffnete. Als sie ihn hereingelassen, setzte er sich ihr auf die weiße Hand, flog ihr von der Hand bald auf die eine, bald auf die andre Schulter, und dann blieb er ruhig sitzen, und blickte ihr zutraulich ins Auge. »Ach Schade, Schade, daß mein Gemahl nicht zu Hause ist,« rief die Königin vergnüglich lächelnd, »Der Vogel würde gewiß auch ihm gefallen! Doch er kommt erst morgen Abends, denn er ist ausgeritten, zwei Dritttheile des Landes zu mustern.« Plötzlich trat die alte Striga ins Zimmer. »Erwürg' den verfluchten Vogel, sonst wird er Dich blutig machen!« schrie sie, kaum daß sie den Vogel gewahrte. – »Ei mich blutig machen! Sieh doch, wie unschuldig, wie lieb er ist!« entgegnete die junge Königin. Aber Striga schrie: »Trügerische Unschuld! Her mit ihm, daß ich ihn erwürge!« und schon stürzte sie auf ihn los. Allein der Vogel verwandelte sich alsbald in einen Menschen, flugs war er zur Thür hinaus und blitzschnell, verschwunden, sodaß sie gar nicht wußten, wohin er gerathen. Nach einer Weile verwandelte sich der Seher nochmals in einen grünen Vogel, flog zu dem Erker der jüngsten Königin, und flatterte dort umher, und klopfte so lange mit seinem Schnabel, bis sie ihm öffnete Er flog gerade auf ihre weiße Hand, und schmeichelte ihr so, daß sie eine kindische Freude hatte, indem sie mit ihm spielte. »Ach Jammerschade,« rief die Königin in ihrer Freude, »daß mein Gemahl nicht zu Hause ist, der Vogel würde gewiß auch ihm gefallen! Doch er kommt erst übermorgen Abends, denn er ist ausgeritten, alle drei Theile des Landes zu mustern.« Da stürzte die alte Striga ins Zimmer. »Erwürg' den verfluchten Vogel,« schrie sie noch in der Thür. »erwürg' ihn, sonst wird er Dich blutig machen!« – »Ei mich blutig machen, Mutter! Sieh doch, sieh, wie unschuldig, wie schön er ist!« entgegnete die Königin; aber die Mutter streckte die dürren Hände nach ihm aus: »Trügerische Unschuld! Her mit ihm, daß ich ihn erwürge!« Allein in dem Augenblicke verwandelte sich der Vogel in einen Menschen, und flugs war er zur Thür hinaus, daß ihn Niemand weiter gewahrte. Der Seher wußte jetzt, wo die Könige seien, und auf welchem Wege sie kommen würden. Er begab sich schnell zu seinem Diener, befahl ihm, auf drei Tage Nahrung zu kaufen, und eilte dann aus der Stadt. Vor der Stadt im Walde erwartete er ihn, und dann gingen sie hurtigen Schrittes weiter, bis sie zu einer Brücke gelangten, über welche die Könige kommen mußten. Unter der Brücke harrten sie bis zum Abend. Als sich Abends die Sonne hinter die Wälder neigte, ließ sich auf der Brücke Roßgestampf hören. Der älteste König kehrte nach Hause zurück. Auf der Brücke stolperte sein Roß zufällig über einen Balken. »An den Galgen mit dem Taugenichts, der die Brücke gezimmert hat!« rief erzürnt der König. Da sprang der Seher unter der Brücke hervor, und stürzte auf den König los: »Wie kannst Du es wagen, einen Unschuldigen zu verdammen?« Und er zog sein Schwert, und auch der König zog sein Schwert, konnte aber den mächtigen Streichen des Sehers nicht widerstehen. Nach kurzem Kampfe sank er todt vom Rosse. Der Seher band den tobten König an das Roß, und trieb es an, daß es seinen tobten Herrn nach Hause trage. Dann verbarg er sich unter der Brücke, und harrte bis zum zweiten Abend. Als sich des andern Tags der Abend näherte, kam der jüngere König zur Brücke, und als er das Blut gewährte, rief er: »Gewiß, daß Jemand hier erschlagen ward! Welcher Gauner hat sich erfrecht, mein Königsamt zu üben?« Auf diese Worte sprang der Seher unter der Brücke hervor, und stürzte mit gezücktem Schwerte auf den König los: »Wie kannst Du es wagen, mich so zu schelten! Du bist ein Kind des Todes! Wehr' Dich, wie Du's vermagst!« Der König wehrte sich, doch vergebens, nach kurzem Widerstand erlag er dem mächtigen Schwerte des Sehers. Der band den Leichnam wieder an das Roß, und trieb es an, daß es seinen todten Herrn nach Hause trage. Dann verbarg er sich unter der Brücke und harrte dort mit dem Diener bis zum dritten Abend. Am dritten Abend, schon nach Sonnenuntergang, kam der jüngste König auf dem Sonnenroß geritten; er ritt schnell, denn er hatte sich irgendwo verspätet. Als er das rothe Blut auf dem Boden gewahrte, hielt er an und rief: »Ein Schurke, der sich unterfangen, meinem Königsarm ein Opfer zu entreißen!« Kaum hatte er die Worte gerufen, so stand der Seher mit gezücktem Schwelte vor ihm, und drang auf ihn ein. »Wohlan!« rief der König, und zog gleichfalls sein Schwert, und wehrte sich mannhaft. Die ersten zwei Brüder zu überwältigen, war für den Seher ein Spiel; nicht so leicht ging es bei dem dritten, denn dieser war von allen der Stärkste. Lange kämpften sie, daß der Schweiß von ihnen rann, und noch neigte sich der Sieg auf keine Seite. Die Schwerter zerbrachen. Da sagte der Seher: »Mit den Schwertern richten wir nichts mehr aus. Weißt Du was, verwandeln wir uns in Räder, und rollen wir bergab! Welches Rad zerschmettert, der ist besiegt.« – »Gut,« versetzte der König, »ich will ein Wagenrad sein, Du sei was immer für eins!« – »Nicht doch, Du sei was immer für eins, ich will ein Wagenrad sein,« sagte der Seher klug, und der König ging darauf ein. Sie bestiegen einen Berg; dort verwandelten sie sich in Räder, und rollten hinab. Das Wagenrad flog, und mit Gekrach stieß es in das andere, daß dieses in Stücke zerbrach. Aus dem Wagenrad ward sogleich der Seher, und rief freudig: »Du bist dahin! Mein ist der Sieg!« – »Nicht doch, Freund!« rief der König, indem er wieder vor dem Seher stand, »Du hast mir blos die Finger zerschmettert. Weißt Du was, verwandeln wir uns in Flammen, und welche Flamme die andre verbrennt, der ist Sieger! Ich will eine rothe Flamme sein, Du sei eine weiße!« – »Nicht doch,« versetzte der Seher, »Du sei eine weiße Flamme, ich will eine rothe sein.« Der König ging darauf ein. Sie stellten sich auf den Weg zur Brücke, verwandelten sich in Flammen, und einer begann den andern unbarmherzig zu brennen. Lange brannten sie sich ohne Erfolg. Da kam ein alter Bettler daher, mit langem, weißem Bart, mit kahlem Haupt, eine große Tasche an der Seite, gestützt auf einen dicken Stock. »Alter,« rief die weiße Flamme, »bring' Wasser und gieß' es auf die rothe Flamme! Ich will Dir einen Pfennig schenken.« Aber die rothe Flamme schrie: »Alter, ich will Dir einen Ducaten schenken, wenn Du auf die weiße Flamme Wasser gießest.« Dem Bettler war der Ducaten lieber als der Pfennig; er brachte Wasser und goß es auf die weiße Flamme. So war der König dahin. Aus der rothen Flamme ward der Seher, fing das Sonnenroß am Zügel, schwang sich darauf, rief den Diener, dankte dem Bettler und ritt davon. Im königlichen Palaste herrschte tiefe Trauer ob den getödteten Königen. Der ganze Palast war mit schwarzem Tuche belegt, und erscholl von lauten Klagen. Striga ging unruhig aus einem Zimmer in das andere. Plötzlich blieb sie stehen, stampfte mit dem Fuße auf den Boden, ballte die Faust und rollte die blitzenden Augen; dann setzte sie sich auf eine Ofenkrücke, faßte die drei Töchter unter dem Arm, und husch war sie mit ihnen in der Luft. Der Seher und sein Diener hatten schon ein gut Stück Weges zurückgelegt, denn sie beeilten sich, da sie Striga's Rache fürchteten. Sie zogen durch öde Wälder, über nackte Haiden. Die Nahrung, die sie in der Stadt gekauft, begann ihnen auszugehen. Hunger plagte sie, besonders den Diener, und sie fanden Nichts, womit sie ihn hätten stillen können. Da kamen sie zu einem Apfelbaum. Es hingen Aepfel daran, deren Last die Aeste zur Erde beugte, und die lieblich rochen und schön gefärbt waren so daß sie die Eßlust reizten. »Gott sei Dank!« rief erfreut der Diener, und schon lief er zu dem, Apfelbaum. – »Pflück' nicht von dem Baume!« rief der Seher, zog sein Schwert, hieb tief in den Apfelbaum und rothes Blut quoll aus ihm hervor. »Siehst Du, es wäre Dein Verderben gewesen, hättest Du von den Aepfeln gegessen; denn dieser Apfelbaum war die älteste Königin, welche ihre Mutter hierher pflanzte, um uns aus der Welt zu schaffen.« Der Diener war betrübt über die Täuschung, doch der Rettung seines Lebens froh, schritt er weiter hinter dem Seher, in der Hoffnung, bald ein anderes Labsal zu finden. Er brauchte nicht lange zu warten, denn bald kamen sie zu einer Quelle. Es sprudelte das reinste, frischeste Wasser aus ihr, und lockte die Reisenden zum Trinken. »Ach,« sagte der Diener, »ist nichts Festeres zu haben, so können wir wenigstens von diesem Wasser trinken und unseren Hunger täuschen.« – »Trink' nicht von dem Wasser!« rief der Seher, hieb mit seinem Schwelte mitten in das Wasser hinein, und es färbte sich mit Blut, das in starken Wellen dahinfloß. »Das war die jüngere Königin, von ihrer Mutter hierher versetzt, um uns aus der Welt zu schaffen!« sprach der Seher, und der Diener dankte ihm für die Warnung, und folgte trotz Hunger und Durst dem Seher, wohin er wollte. Nach einer Weile kamen sie zu einem Rosenstrauch. Der war roth von lauter schönen Rosen, und erfüllte mit seinem Duft die ganze Umgegend. »O was für schöne Rosen,« sagte der Diener, »noch nie in meinem Leben hab' ich deren so schöne gesehen! Ich will einige abreißen, und mich mindestens an ihnen erquicken.« – »Reiß' keine Rose ab!« rief der Seher, hieb mit seinem Schwerte in den Rosenstrauch, und es spritzte Blut aus ihm hervor, als ob sich eine Menschenader öffnete. »Das war die jüngste Königin,« sprach der Seher zum Diener, »die ihre Mutter hierher pflanzte, um uns durch die Rosen aus dem Leben zu tilgen.« So zogen sie weiter. Indem sie weiter zogen, sprach der Seher zum Diener: »Die ärgste Gefahr haben wir überstanden, wir sind aus Striga's Bereiche. Doch dürfen wir nicht trauen, denn Striga wird andere Mächte anstiften.« Kaum hatte er die Worte gesprochen, so kam ein kleiner Knabe des Weges daher, der einen Zaum in der Hand trug. Er sprang unter das Roß, berührte es mit dem Zaume, und in demselben Augenblicke war der Seher von dem Sonnenroß unten und der Knabe saß oben, und sprengte pfeilschnell von dannen. »Sagt' ich es nicht?« sprach der Seher. – »Was für ein Knabe ist das?« rief der Diener. »Wer hätte sich eines solchen Streiches versehen! Machen wir, daß wir ihn einholen!« – »Laß nur,« entgegnete der Seher, »ich will ihn selbst einholen! Geh' indessen des Weges weiter, geh' getrost durch sechs Länder, bis Du an die Grenze Deines Landes gelangst, ich werde Dir schon nachkommen.« Der Seher verließ den Diener und eilte dem kleinen Zauberer nach. In einer Weile holte er ihn ein, und ging langsam, indem er die Gestalt eines gewöhnlichen Wandersmannes annahm. Der Zauberer sah sich eben um. »Woher Freund?« fragte er den Wandersmann. »Aus weiter Ferne.« – »Und wohin?« – »Einen Dienst suchen.« – »Einen Dienst suchen? Verstehst Du Pferde, zu warten?« – »Ei ja wohl.« – »So komm zu mir und warte mir dies Pferd. Ich will Dich gut bezahlen« – »Warum nicht!« meinte der Wandersmann, und so war der Seher des Zauberers Diener. Sie kamen zu Hause an. Der Seher wartete das Sonnenroß trefflich, so daß sein Herr mit ihm zufrieden war. Nur verdroß es den Seher, daß er keine Gelegenheit zu entfliehen fand; denn der Zauberer verhinderte es durch seine Zauberkünste. Gleichwohl entdeckte dieser nicht, wer sein Diener sei, weil er zu sehr damit beschäftigt war, wie er eine schöne Prinzessin zur Gemahlin bekommen könnte, die in einem Schlosse wohnte, das auf einer Pappel im Meere stand. Er hatte schon Verschiedenes versucht, Gutes und Schlimmes, doch fruchtete Alles nichts. »Auf!« sprach er einst zu seinem Diener, »geh' zum Meere. Im Meere wirst Du eine ungeheuer hohe Pappel sehen, auf der Pappel ein schönes Schloß. In dem Schlosse wohnt eine Prinzessin; bringst Du sie mir, will ich Dich reichlich belohnen, wenn nicht, wird es Dir schlimm ergehen.« Der Herr befahl's; und der Diener mußt' es vollziehen, wenigstens versuchen. Er schaffte sich einen Kahn, belud ihn mit bunten Bändern und Stoffen, und fuhr als Kaufmann zu dem Schlosse auf der Pappel. Als er sich der Pappel näherte, hing er die schönsten Stoffe und Bänder aus, damit man sie vom Schlosse sehen könnte. Die schönen Stoffe und Bänder lenkten bald die Aufmerksamkeit der Prinzessin auf sich, die aus dem Erker schaute. »Geh' doch hinab zu dem Kahne,« befahl sie ihrer Zofe, »und forsche, ob sie Dir von den schönen Stoffen und Bändern nicht verkaufen möchten.« Die Zofe ging und forschte. »Ich verkaufe nichts,« entgegnete der Kaufmann, »außer wenn die Prinzessin selbst herab kommt, und sich selbst auswählt.« Die Zofe richtete die Worte aus, und die Prinzessin kam, wählte unter den schönen Stoffen und Bändern, wählte und feilschte, und bemerkte nicht, daß der kluge Kaufmann den Kahn abstieß und zum Ufer fuhr. Als sie aus dem Kahn hinauswollte, da erst bemerkte sie, was geschehen war. »Ich weiß, wohin Du mich schiffst,« sagte sie. »Du schiffst mich zu dem Zauberer, der sich schon so oft vergebens um mich bemüht hat. Nun, Gott befohlen!« Da der Seher sah, daß die Prinzessin dem Zauberer nicht gewogen sei, begann er ihr sanft zuzureden, sie möchte sich dessen Zutrauen erwerben, damit sie erführe, worin seine Kraft liege; er wolle ihr dann zur Freiheit verhelfen. Als der Diener dem Herrn die Prinzessin brachte, war dessen Freude unaussprechlich, und als sie ihm Liebe zeigte, war er ganz von Sinnen. Er hätte ihr Alles gegeben, ihr Alles zu Willen gethan; kein Wunder also, daß er ihr auf vieles Bitten auch sein Geheimniß verrieth. »In dem Walde dort,« sprach er, »ist ein großer Baum; unter dem Baume weidet ein Hirsch, in dem Hirsch ist eine Ente, in der Ente ist ein goldenes Ei und in dem Ei ist meine Kraft; denn in ihm ist mein Herz.« Als der Zauberer dies seiner Gemahlin unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses vertraut hatte, erzählte sie's dem Seher. Der Seher bedurfte nicht mehr. Er bewaffnete sich und begab sich in den Wald. Er fand den großen Baum, fand den Hirsch, der unter dem Baume weidete. Er zielte, schoß, und der Hirsch stürzte nieder. Dann sprang er hinzu, nahm aus ihm die Ente heraus, aus der Ente das Ei, trank das Ei aus, und des Zauberers Kraft war dahin. Der Zauberer ward schwach, wie ein Kind, denn all seine Kraft war in den Seher übergegangen. Dieser kam, schenkte der Prinzessin die Freiheit zur Rückkehr in ihren Palast, nahm das Sonnenroß, schwang sich darauf und eilte mit ihm zu dem König, dem es gehörte. Er mußte einen guten Theil der Welt durcheilen, bevor er zu der Grenze des dunkeln Königreichs gelangte, wo er auch den vorausgeschickten Diener traf. Als sie die Grenze überschritten, ergossen sich ringsum die Strahlen des Sonnenrosses, erleuchteten weit und breit das Land, das schon so lange in undurchdringliche Finsterniß gehüllt war, und erfreuten die Herzen der geplagten Menschen. Alles lebte neu auf, die Fluren lachten im Frühlingsschmuck, und die Menschen strömten herbei, um ihrem Wohlthäter für die Rettung zu danken. Der König wußte nicht, wie er den Seher belohnen solle; er wollte ihm die Hälfte seines Königreichs schenken. Allein dieser sprach: »Ich begehre keinen Lohn, um so weniger die Hälfte Deines Königreichs. Sei Du König und herrsche, wie es sich gebührt, ich will in meine einsame, friedliche Hütte zurückkehren.« Und er schied, und kehrte in seine Hütte zurück. Rarasch und Schotek. Rarasch und Schotek. Eine Art Hausgeist.   1. In Bẽchar war ein Bauer. Als er einst in die nahe Stadt zu Markte ging, sah er aus dem Felde unter einem wilden Birnbaum ein Huhn; es war schwarz und ganz durchnäßt, zitterte vor Kälte und schrie, als ob es den Pips hätte. Der Bauer nahm's unter den Mantel, trug's nach Hause und setzte es hinter den Ofen, damit es trocken würde; dann ließ er es auf den Hof unter die übrigen Hühner. Des Nachts, als schon Alles schlief, hörte der Bauer in der Kammer ein Gepolter und gleich darauf eine durchdringende Stimme, halb wie eines Menschen, halb wie eines Huhnes Stimme: »Gevatter, ich hab' Euch Kartoffeln gebracht!« Der Bauer sprang aus dem Bette und lief ganz verwundert in die Kammer, um zu sehen, was das sei. Er öffnet die Thür und steht ein feuriges Huhn, das auf einigen Kartoffelhaufen umherfliegt, von einem auf den andern. Ehe er jedoch von seinem Schrecken zu sich kam, war es verschwunden. In der folgenden Nacht hörte er wieder ein Gepolter und den Ruf: »Gevatter, ich hab' Euch Weizen gebracht, Korn und Gerste!« Der Bauer stand nicht mehr auf, er fürchtete sich; aber bei Tage fand er wirklich in der Kammer drei Getreidehaufen, einen Haufen Weizen, einen Haufen Korn und einen Haufen Gerste. »Das könnt' ich brauchen – den Teufel im Haus! O daß ich die Bestie nicht dort gelassen!« sprach der Bauer bei sich. Er nahm Schaufel und Besen, und warf und lehrte all' das Getreide auf den Mist sammt den Kartoffeln. Er war ein ehrlicher Mann und achtete auf einen guten Leumund, und darum hatte er Angst, die Nachbarn könnten Etwas davon erfahren; doch wußte er sich keinen Rath. Allein die Nachbarn erfuhren es dennoch; sie bemerkten, wie des Nachts ein Feuerbüschel in des Bauers Haus flog, ohne es anzuzünden, und bei Tage sahen sie das schwarze Huhn unter den übrigen Hühnern auf dem Hofe umher laufen. Da ging gleich im ganzen Dorfe das Gerede, der Bauer halte es mit dem Teufel. Einigen schien das sonderbar, weil sie ihn von jeher als einen ehrlichen Mann kannten; sie beschlossen daher, ihn vor solchem Unglück zu warnen. Sie gingen zu ihm, und er entdeckte ihnen aufrichtig Alles, was und wie es geschehen war, und bat, sie möchten ihm rathen, auf welche Art er des Uebels los werden könnte. »Wie, rathen? Schlagt die Bestie todt!« sagte ein junger Bauer, und ergriff selbst ein Scheit Holz und schleuderte es nach dem Huhne. Aber in demselben Augenblicke sprang ihm das Huhn auf den Rücken, und puffte auf ihn los, wie mit einem Scheit Holz, daß ihm grün und gelb vor den Augen wurde, und bei jedem Schlage rief es: »Ich bin Rarasch – Rarasch – Rarasch!« Hierauf riethen einige dem Bauer, er möchte sein Haus verkaufen und fortziehen, Rarasch werde dann zurückbleiben. Der Bauer griff das sogleich auf und suchte einen Käufer; allein Niemand wollte das Haus mit dem Rarasch kaufen. Der Bauer nahm sich vor, sich um jeden Preis von Rarasch zu befreien. Er verkaufte sein Getreide, sein Vieh und Alles, was er entbehren konnte, kaufte sich ein anderes Haus in einem anderen Dorfe und zog fort. Und als er schon zum letzten Mal mit seinem Wagen gekommen, um Bottiche, Mulden, Eggen und anderes derartiges Geräthe aufzuladen, ging er, und zündete selbst sein strohgedecktes Haus an zwei Enden an. Es stand für sich, und Niemand konnte Schaden leiden. »Verbrenn' dort, Teufel!« sprach der Bauer bei sich, und schnalzte mit der Peitsche; »für den Platz werd' ich wohl noch etwas erhalten.« »He, he, he!« meldete sich was hinten im Wagen. Der Bauer schaut hin – aus der Sensenstange saß das schwarze Huhn, schlug mit Flügeln, und begann zu singen: »Wir wandern fort, wir ziehen aus, Wir ziehen In ein andres Haus, Wir ziehen aus, wir wandern fort, Und stehlen an einem andern Ort.« Dem Bauer war, als ob ihn der Schlag getroffen; er wußte nicht, was anzufangen. Da fiel ihm bei, ob sich Rarasch nicht bewegen ließe, selbst fortzugehen, wenn er ihn gut füttern würde. Sogleich befahl er seinem Weibe, ihm täglich einen Teller guter Milch zu geben und drei Stück Kuchen dazu. Rarasch befand sich wohl; doch schien es nicht daß er Lust fühle, sich fortzupacken. Eines Abends kommt der Knecht vom Felde nach Hause, und sieht auf der Stiege die drei Stück Kuchen, welche die Bäuerin für Rarasch hingelegt, Er schleicht hinzu, nimmt eins nach dem andern und ißt sie auf. »Besser, ich esse sie, als die Bestie,« denkt er bei sich; »wer wird auch etwas davon erfahren!« Aber in dem Augenblicke saß ihm Rarasch schon auf dem Rücken und schrie: »Ein Stück, zwei Stück, drei Stück Kuchen hat der Knecht gegessen!« Und dabei versetzte er ihm jedesmal einen Puff, daß der Knecht später noch lange daran dachte. Des nächsten Morgens, als der Bauer aufstand und den Knecht zur Arbeit wecken ging, fand er ihn ganz zerschlagen, daß er sich kaum rühren konnte. Und als er von ihm gehört, was geschehen, ging er zu Rarasch, und bat ihn, er möchte ihn verlassen, sonst würde kein Knecht bei ihm dienen wollen. »He, he, he!« kicherte Rarasch und sprach: »Bringst Du mich wieder dorthin, wo Du mich genommen, komm' ich nicht mehr zu Dir.« Der Bauer nahm auf der Stelle seinen Mantel, und trug das Huhn wieder unter den Birnbaum, wo er's gefunden, und nachher hatte er vor Rarasch Ruhe bis an sein Ende.   2. In Libẽnic in der Schäferei hielt sich Rarasch gleichfalls auf, dort aber hießen sie ihn Schotek. Er sah wie ein kleiner Knabe aus, nur hatte er an Händen und Füßen Klauen, und die Leute erzählten sich viele lustige Streiche von ihm. Gern hetzte er die Hunde, Katzen, Truthühner. Den Knechten und Mägden that er nichts Gutes, und wenn sie etwas Geheimes zusammen hatten, verrieth er's gleich; d`rum war auch das Gesinde übel auf ihn zu sprechen. Aber der Schafmeister ließ nichts auf ihn kommen; denn die ganze Zeit hindurch, wo Schotek da war, erkrankte kein einziges Schaf. Im Winter des Abends saß Schotek gewöhnlich hinter dem Ofen und wärmte sich, und wenn die Magd Spreu brühen kam, sprang er immer vom Ofen in den Bottich und rief: »Hops in die Spreu!« Einst jedoch richtete er sich übel zu. Die Magd brachte wie gewöhnlich den Spreubottich, hatte aber früher kochendes Wasser hineingegossen und nur oben Spreu darauf gethan. »Hops in die Spreu!« rief Schotek, war aber in demselben Augenblicke schon wieder aus dem Bottich, und schrie und heulte vor Schmerz. Das Gesinde lachte, daß Alles zitterte. Allein Schotek rächte sich dafür an der Magd. Als sie einst die Leiter hinan auf den Boden stieg, verwickelte er sie so in die Sprossen, daß man ihr zu Hilfe kommen mußte und Mühe hatte, sie wieder loszumachen. Im Sommer schliefen die Leute des Schafmeisters auf dem Boden. Einst des Nachts kam Schotek auch dahin, kroch zur Hälfte auf die Leiter, und hetzte die Hunde, die unten im Hofe lagen. Er streckte ihnen einen Fuß nach dem andern entgegen und rief beständig: »Hier ein Fuß, da ein Fuß, bei welchem fangt Ihr mich früher?« Die Hunde bellten wie besessen. Die Knechte verdroß es bereits, daß er ihnen keine Ruhe lasse, und Einer stand auf, nahm ein Bündel Heu, und schleuderte den lieben Schotek mit dem Bündel von der Leiter hinab. Die Hunde fuhren alsbald auf ihn los, und begrüßten ihn schlecht; kaum entkam er ihren Zähnen. Der Knecht wußte, daß Rache seiner harre, und darum nahm er sich vor Schotek in Acht, und wich ihm schon von Weitem aus; allein es half ihm nichts. Einst weidete er auf den Gemeindegründen bei der Wiese, und setzte sich auf der Wiese neben einem Heuschober hin. Plötzlich entsteht ein Geräusch über seinem Kopfe, und eh' er sich's versieht, ist er mit Heu überschüttet, das ihm zwischen den Haaren kleben bleibt. Der Knecht erhebt ein Geschrei, die Mäher laufen herzu; doch welche Mühe sie auch anwenden, sie können das Heu nicht aus seinen Haaren schaffen, so fest ist es mit den Haaren verschlungen. Der arme Knecht mußte sich den Kopf kahl scheeren lassen. Und als er dann wieder die Heerde auf die Weide trieb, und auf den Gemeindegründen unter einen wilden Birnbaum kam, saß Schotek oben, und schabte ihm Rübchen, indem er ihm zurief: »Kahlkopf! Kahlkopf! Kahlkopf! He, he, he!«   3. Einen armen Bauer traf ein großes Unglück: der Hagel richtete sein Feld so arg zu, daß kein einziger Halm ganz blieb. Der Bauer ging traurig bei seinem Felde umher, sein Zustand grenzte an Verzweiflung. Da begegnet ihm ein Bursche, der ihn anhält und fragt: »Wollt Ihr mich nicht als Knecht in Euren Dienst nehmen?« Der Bauer blickt ihn an und spricht: »Werde selbst nichts zu essen haben. Da sieh meine heurige Ernte!« und dabei zeigt er auf das vom Hagel heimgesuchte Feld. »Nehmt mich nur auf,« redet ihm der Bursche zu, »Ihr werdet es nicht bereuen.« Es war Rarasch. Der Bauer ließ sich endlich bereden und nahm ihn auf. Als sie nach Hause kamen, sagte der Knecht: »Herr, ich will in die Mühle fahren!« – »Was willst Du denn mahlen? Hab' ja kein Körnchen Getreide,« entgegnete der Bauer. – »Ihr habt auf der Emporscheune oben Stroh. Gebt mir nur zwölf Säcke.« – »Nun, wenn Du aus dem Stroh etwas herauszudreschen meinst, in Gottes Namen!« Der Knecht ging, schnitt das Stroh zu Häckerling, füllte den Häckerling in die Säcke, lud diese auf den Wagen und fuhr. Es war schon spät Abends und hübsch dunkel, als er in die Mühle kam. Der Müller hatte auf dem Schüttboden zwölf in Säcke gefüllte Scheffel Getreide, das er den Mahlgästen weggestohlen: er wollte damit Morgens auf den Markt. Rarasch schüttete das Getreide in seine Säcke, und in des Müllers Säcke schüttete er den Häckerling. Dann mahlte er, bezahlte das Mahlgeld und fuhr nach Hause. Der Bauer hatte zwei Pferde; sie waren jedoch so schlecht, daß sie kaum die Füße schleppten. »Herr,« sagte eines Tages der Knecht zu ihm, »wollt Ihr für die Mähren nicht bessere Pferde kaufen?« – »Ei warum nicht!« entgegnete der Bauer, »aber wie?« – »Dafür laßt mich sorgen!« Der Bauer willigte ein. Der Knecht ging, schlug die beiden alten Pferde todt und zog ihnen die Haut ab. Dann nahm er die Häute auf die Schulter und begab sich geraden Weges in das Wirthshaus. Es war schon Abend, als er hinkam. Im Wirthshaus gab's Lärm und Rauch genug, auf dem langen Tische brannte ein Licht, und dabei standen viele Gläser, volle und leere; bei dem einen saß der Lohgerber des Ortes. »Kauft die Häute da!« sagte der Knecht zu dem Lohgerber. »Das möcht' ich wohl, hab' aber kein Geld bei mir.« – »Ich will mit Euch nach Hause gehen, wir wollen des Handels schon einig werden,« erwiederte der Knecht. Der Lohgerber erhob sich und ging. Der Lohgerber hatte eine hübsche Frau, und wenn er des Abends nicht zu Hause war, pflegte sie der Herr Amtmann zu besuchen; die Lohgerberin briet ihm Hühner, ohne daß ihr Mann davon wußte. Eben heute saß der Amtmann wieder bei ihr, als der Lohgerber außen an das Thor klopfte. »Wer ist's?« – »Ich bin's, mach' auf!« Die Lohgerberin erschrak. »Um des Himmels willen, mein Mann!« Der Amtmann sprang in den alten, leeren Schrank, die Lohgerberin versperrte ihn, zog den Schlüssel ab, steckte das Huhn in die Röhre und ging dann öffnen. Der Lohgerber trat ein, und musterte die Häute: »Nun, was ist der Preis?« – »Gebt mir da den alten Schrank dafür!« – »Wenn er Euch recht ist, meinethalben!« – »Um des Himmels willen, Mann,« schrie die Lohgerberin, »gieb nicht den alten Schrank her! Er ist ein Andenken der seligen Großmutter, der Segen kommt aus unsrem Hause!« – »Wirft Du schweigen?« donnerte der Lohgerber. »So viel Wesen mit dem alten Rumpelkasten!« Und der Bursche trug den Schrank davon. Er trug ihn vor das Dorf bis auf die Brücke bei der Mühle. Die Mühlräder klapperten und das Wasser unter dem Wehr rauschte. Der Bursche stellte den Schrank auf die Brustlehne und sprach: »Du stehst nicht dafür, daß ich Dich weiter trage.« Dann klopfte er an den Schrank: »He, Brüderchen, kannst Du schwimmen?« Der Amtmann im Schrank begann zu bitten, er solle ihn hinauslassen, er wolle ihm hundert Stück Ducaten geben. »Her damit!« sagte der Bursche, öffnete den Schrank, und der Amtmann zählte ihm die Ducaten auf den Hut. »Danke Gott, daß Du so wohlfeil weggekommen,« sagte der Bursche, und strich das Geld zusammen. »Ein andermal kriech' nicht in fremde Schränke, daß Dir nichts Aergeres widerfahre!« Der Herr Amtmann verschwor sich, das Haus des Lohgerbers in seinem ganzen Leben nie mehr zu betreten. Hierauf nahm Rarasch den Schrank und trug ihn wieder zu dem Lohgerber. »Damit Eurer Frau nicht das Herz wehthue,« sprach er, »so bring' ich den Schrank wieder. »Ich Hab' mich anders besonnen. Gebt mir lieber Geld, oder stellt mir die Häute zurück!« Der Lohgerber ward mit ihm Handels einig und ging in die Kammer, um das Geld zu holen. »Die Schaale ist rein, der Teufel hat den Kern geholt!« raunte der Bursche der Lohgerberin zu. – »Um des Himmels willen, Ihr habt ihm doch nichts angethan?« – »Nein, doch soll's geschehen,« sprach der Bursche, »wenn Ihr den Schrank noch einmal vor Eurem Manne versperrt.« Indessen kam der Lohgerber und zählte das Geld auf den Tisch. »Fürwahr, Ihr habt eine wackere Frau,« sagte der Bursche zu ihm. »Ich soll Euch zureden, Ihr möchtet hübsch zu Hause bleiben und nicht in's Wirthshaus gehen; sie würde manchmal gern ein Hühnchen für Euch braten. Heut' hat sie eins für Euch gebraten, fürchtet sich aber, Ihr möchtet böse sein.« – »Hm, was sollt' ich böse sein!« meinte der Lohgerber. – »Nun, so geht Frau, geht, und bringt ihm das Huhn aus der Röhre!« Die Lohgerberin mußte gehen und das Huhn bringen, das sie für den Amtmann gebraten. Der Lohgerber war froh, daß seine Frau ihn so lieb habe, und nahm sich vor, nicht mehr in's Wirthshaus zu gehen; und die Lohgerberin war froh, daß sie so gut weggekommen, und verschwor sich, niemals wieder für wen Hühner zu braten, ohne daß ihr Mann davon wüßte. So verschaffte Rarasch dem Bauer Geld. Der Bauer kaufte sich junge Pferde, richtete seine Wirtschaft gehörig ein, und solang er den Burschen bei sich hatte, gebrach es ihm an Nichts. Aber der Bursche war auch nicht wählerisch, er aß Alles gern, was er bekam; nur Erbsen wollte er nicht essen, und zwar deshalb, weil auf jedem Erbsenkorn ein Kelch ist. Die Waldfrau. Anmerkung: Die Waldfrau. Der uralte Name »Wila«, der bei den Südslawen noch heutigen Tages gang und gebe ist, kam bei dem böhmischen Volke längst in Vergessenheit, obwohl in einigen Gegenden Böhmens die »Wila« ihrem Wesen nach dem gemeinen Manne noch gegenwärtig bekannt ist, und zwar unter dem Namen der »Waldfrau.« Kleidung und Gestalt der Waldfrauen wird in den Volksmärchen verschieden beschrieben. Auch heißt es von den Waldfrauen, daß sie in der Nacht vor Johannes dem Täufer die meiste Gewalt über den Menschen hatten, und daß es zu dieser Zeit nicht rathsam sei, ins Freie oder in den Wald zu gehen. Ich gebe hier zur Vergleichung auch das schöne Gedicht » Thomas und die Waldfrau « aus F. L. Ĉelakowsky's Nachhall böhmischer Volkslieder« übersetzt: Abends vor'm Johannisfeste Spricht die Schwester zu dem Bruder: »Wohin willst du, lieber Thomas, In so später Abendstunde Steht dein Roß gesattelt ja, Blankgeschirrt zum Ritte da?« »»Will zum Jäger, dort am Forstrand, Muß zu meinem theuren Mädchen! Unruh' zuckt durch meine Glieder. Bis es tagt, sehn wir uns wieder! Reiche, reich' das Hemd mir, Schwester, S'neue von der feinen Leinwand, Und das rothe Kamisol!«« Stob ein Funken unterm Rosse, Und ihr bangt, sie ruft ihm nach: »Höre, Thomas, was ich sage! Nimm den Weg nicht durch den Eichwald, Lenk' in's Thal zum heil'gen Berge, Daß nicht jammernd einst ich klage! Auf dem Umweg lieber reit', Leicht geschäh' dir sonst ein Leid! Thomas ritt nicht durch den Eichwald, Wählte sich den Weg zur Rechten, Und beim Jäger, dort am Forstrand, Strahlt das neue Haus beleuchtet, Froh Gespräch belebt das Mahl. Schwer wird Thomas da zu Muthe, Späht vom Rosse durch die Fenster, Und er sieht, wie die Geliebte, Liebe ganz, dem Bräut'gam lächelt, Vater das Verlöbniß abschließt. Für Bedienung Mütter sorgt. Aßen, tranken, schwatzten fröhlich, Ließen sich's recht wohl ergehen, Und es merkte niemand, niemand Auf des Rosses Wiehern draußen Und des Jünglings Seufzerlaut. Da auf einmal doch erröthet Die Verlobte, sie, die Braut, Fühlt Gewissensbisse, flüstert In der jüngern Schwester Ohr. Die erhebt sich schnell vom Mahle, Tritt dann vor die Thür hervor: »Zwischen dir und meiner Schwester, Thomas, ist's gescheh'n für immer, Wird wem anderen zu Theil. Bist g'nug oft zu uns geritten. Haben heute werth're Gäste, Such' du anderswo dein Heil! Thomas wandte mit dem Rosse, Sprengte fort, biß in die Lippen, Krauste die umwölkte Stirne, Traurig schien ihm rings die Welt. Mitternacht war's, Mond ging unter. Kaum daß er den Weg noch ausnahm; Im Beginne rasch, dann langsam Ritt er nach dem Eichwald zu. »Ach die Sterne alle tauchen Aus dem Dunkel auf in Pracht, Was versinkt nur ihr, o Tage Meiner Jugendlust, in Nacht!« Und er reitet durch den Eichwald; Wipfel sausen über ihm, Kühler Wind durchstreicht die Schatten, Ob dem Hohlweg kreischt der Uhu, Und des Rosses Auge blitzt. Und das Roß die Ohren spitzt. Husch, da bricht aus dichtem Buschwerk Jetzt ein Hirsch, rennt in's Gehaue. Aber auf des Rosses Rücken, Aufgeschürzet, sitzt die Waldfrau. Grün ist halb ihr Kleid, zur Hälfte Schwarz von ihren schwarzen Locken; Ihren Hut umgiebt mit Glanz Ein Johanniswürmerkranz. Dreimal schweift sie in der Runde Um das Roß, gleich einem Pfeile, Dann, an Thomas Seite schwebend, Redet sie mit süßem Munde: »Holder Jüngling, nicht verzage, Uebergieb dem Wind die Klage! Hat die Eine dich betrogen, Sind dir hundert doch gewogen. Holder Jüngling, nicht verzage, Uebergieb dem Wind die Klage!« Und indem sie also singet, Waldfrau auf dem Hirsche sitzend, Sie in's Aug dem Jüngling blickt: Thomas fühlt sein Herz erquickt. Und sie reiten mit einander Ueber's Moos zum Thalesgrunde, Und, an Thomas Seite schwebend, Redet sie mit süßem Munde: »Neig' dich, Holder, neig' dich weiter. Renn' mit mir nur frisch und heiter! Freu'n dich, Jüngling, meine Wangen, Still' ich gerne dein Verlangen, Neig dich, Holder, neig' dich weiter, Renn' mit mir nur frisch und heiter!« Und indem sie also singet, Fasset sie die Hand des Jünglings; Thomas fühlet seine Brust Tief durchrauscht von höchster Lust. Und sie ritten immer weiter, Längs dem Fluß, dem Felsenschlunde, Und an Thomas Seite schwebend, Redet sie mit süßem Munde: »Holder, du bist mein, bist mein, Zieh' in meine Wohnung ein! Nimmer wird dich's dort verlangen Nach des Tages lichtem Prangen. Holder, du bist mein, bist mein, Zieh' in meine Wohnung ein!« Und indem ihr Sang erklingt, Küsset sie des Reiters Lippen, Mit dem Arm sie ihn umschlingt. Unnennbare Lust durchdringt Thomas Herz, er läßt die Zügel Fallen, und beim Fels im Walde Gleitet er vom Roß und sinkt. Sonn' erhob sich ob dem Berge. Da sprengt in den Hof das Roß, Scharret traurig mit dem Hufe, Böse Kunde wiehert es. Und die Schwester stürzt zum Fenster, Ringet jammernd ihre Hände: »Bruder, ach mein theu'rer Bruder, Wo ereilte dich dein Ende?« Ende der Anmerkung * Lieschen war noch ein ganz junges Mädchen. Ihre Mutter war eine Wittwe, und besaß nicht mehr, als eine armselige Hütte und zwei Ziegen, aber Lieschen war doch immer frohen Muthes. Vom Frühling bis zum Herbste weidete sie die Ziegen beim Birkenwald. Wenn sie aus dem Hause ging, steckte ihr die Mutter ein Stück Brot in die Tragtasche, und dazu eine Spindel, indem sie ihr befahl: »Sei sein fleißig!« Weil sie keinen Spinnrocken hatte, schlang sie ihr den Flachs um den Kopf. Lieschen nahm die Tasche, und hüpfte fröhlich singend hinter den Ziegen zum Birkenwald. Wenn sie hinkamen, gingen die Ziegen weiden; Lieschen setzte sich unter einen Baum, zog mit der Linken die Fäden vom Kopfe, der ihr als Spinnrocken diente, und mit der Rechten drehte sie die Spindel, daß diese lustig an dem Boden hinschnurrte. Dabei sang sie, daß der Wald erscholl. Stand die Sonne im Mittag, so legte sie die Spindel bei Seite, rief die Ziegen, gab ihnen vom Brote, damit sie ihr nicht wegliefen, und hüpfte in den Wald, um Erdbeeren oder anderes Obst zu suchen, wie's eben an der Zeit war, um ein Gericht zum Brote zu haben. Hatte sie gegessen, so tanzte sie, indem sie die Hände übereinander legte. Die Sonne lachte dann durch die grünen Bäume nieder, und die Ziegen machten sich's im Grase bequem und dachten: »Wir haben doch eine fröhliche Hirtin!« Nach dem Tanze spann sie wieder fleißig, und wenn sie Abends nach Hause kam, brauchte die Mutter niemals zu schelten, daß die Spindel nicht voll sei. Einst als sie ihrer Gewohnheit gemäß eben zur Mittagszeit sich nach dem einfachen Mahle zum Tanz anschickte, stand plötzlich eine wunderschöne Frau vor ihr. Sie hatte ein weißes Gewand, dünn wie ein Spinnengewebe; von dem Haupte bis zum Gürtel flossen ihr goldene Haare herab, und auf dem Haupte trug sie einen Kranz von Waldblumen. Lieschen erschrak. Die Frau lächelte sie an, und sprach mit lieblicher Stimme zu ihr: »Lieschen, tanzest Du gern?« Als die Frau so freundlich zu ihr sprach, wich Lieschens Schrecken, und sie erwiederte: »O ich möchte den ganzen Tag tanzen!« »Komm denn, tanzen wir mit einander, ich will Dich's lehren,« sprach die Frau, schürzte das Gewand, faßte Lieschen und begann mit ihr zu tanzen. Als sie sich im Kreise zu drehen anfingen, ließ sich über ihnen eine so süße Musik hören, daß Lieschens Herz in Wonne schmolz. Die Spielleute saßen auf den Zweigen der Birken in schwarzen, aschgrauen, braunen und bunten Röckchen. Es war ein Chor von auserlesenen Spielleuten, der sich auf den Wink der schönen Frau versammelt hatte: Nachtigallen, Lerchen, Finken, Stieglitze, Grünlinge, Drosseln, Amseln und die kunstreiche Grasmücke. Lieschens Wangen glühten, ihre Augen strahlten, sie vergaß ihrer Aufgabe und ihrer Ziegen, und schaute nur auf ihre Gefährtin, die sich vor ihr, um sie in den reizendsten Bewegungen drehte und so leicht, daß sich das Gras unter ihren zarten Füßen gar nicht beugte. Sie tanzten vom Mittag bis zum Abend, Lieschens Füße ermüdeten nicht und thaten ihr nicht weh. Da hielt die schöne Frau inne, die Musik schwieg – und wie die Frau gekommen, so verschwand sie. Lieschen blickte um sich, die Sonne neigte sich hinter den Wald – und Lieschen schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und indem sie an den ungesponnenen Flachs griff, gedachte sie der Spindel, die auf dem Boden lag und nicht voll war. Sie nahm den Flachs vom Kopfe, steckte ihn sammt der Spindel in die Tasche, rief die Ziegen und trieb sie nach Hause. Sie sang auf dem Wege nicht, sondern machte sich bittere Vorwürfe, daß sie sich von der schönen Frau hatte berücken lassen, und nahm sich vor, wenn die Frau wieder zu ihr käme, ihr nicht mehr zu folgen. Die Ziegen, die keinen fröhlichen Gesang hinter sich hörten, sahen sich um, ob ihre Herrin wirklich nachschreite. Auch die Mutter wunderte sich, und fragte die Tochter, ob sie krank sei, da sie nicht singe. »Nein, Mütterchen, ich bin nicht krank. Der Hals ist mir vom Singen trocken geworden, darum sing' ich nicht,« entschuldigte sich Lieschen, und ging, die Spindel und den ungesponnenen Flachs zu bewahren. Sie wußte, daß die Mutter das Garn nicht sogleich aufweise, und wollte am folgenden Tage einbringen, was sie an dem einen versäumt hatte, und darum erwähnte sie gegen die Mutter nicht das Mindeste von der schönen Frau. Des andern Tags trieb Lieschen die Ziegen, wie gewöhnlich, zum Birkenwald. Die Ziegen begannen zu weiden, und sie setze sich unter einen Baum, und begann fleißig zu spinnen und zu singen; denn beim Singen geht die Arbeit besser von Statten. Die Sonne stand im Mittag. Lieschen gab den Ziegen vom Brote, hüpfte fort, um Erdbeeren im Walde zu suchen, und dann begann sie zu Mittag zu schmausen und mit den Ziegen zu sprechen. »Ach, meine Ziegen, heut' darf ich nicht tanzen!« seufzte sie, als sie nach dem Mahle die Brosamen im Schooß zusammenscharrte, und auf einen Stein legte, damit sie die Vögel für sich davontrügen. »Und warum dürftest Du nicht?« ließ sich eine liebliche Stimme hören, und die schöne Frau stand vor ihr, als wäre sie aus den Wolken gefallen. Lieschen erschrak noch mehr, als das erste Mal, und drückte die Augen zu, um die Frau gar nicht zu sehen; als aber die Frau die Frage wiederholte, antwortete sie schüchtern: »Ach verzeiht, schöne Frau, ich kann nicht mit Euch tanzen! Ich würde meine Aufgabe nicht spinnen, und die Mutter würde mich schelten. Eh' heut die Sonne untergeht, muß ich einbringen, was ich gestern versäumt.« – »Komm nur tanzen; eh' die Sonne untergeht, wird Dir Hilfe,« sprach die Frau, schürzte das Gewand und faßte Lieschen. Die Spielleute auf den Birken fingen an zu musiciren und die Tänzerinnen drehten sich im Kreise. Und die schöne Frau tanzte noch reizender, Lieschen konnte die Augen nicht von ihr wenden, und vergaß der Ziegen und ihrer Aufgabe. Jetzt hielt sie inne, die Musik schwieg, die Sonne ging unter. Lieschen schlug die Hände über dem Kopf zusammen, um den der ungesponnene Flachs geschlungen war und brach in Thränen aus. Die schöne Frau langte nach ihrem Kopfe, nahm den Flachs herab, schlang ihn um einen Birkenstamm, ergriff die Spindel und begann zu spinnen. Die Spindel schnurrte an dem Boden hin und ward sichtlich voller, und eh' die Sonne hinter dem Walde niedersank, war aller Flachs gesponnen, auch der vom vorigen Tage. Indem sie dem Mädchen die volle Spindel reichte, sprach die schöne Frau: »Weif' auf und murre nicht! Denk' meiner Worte: Weif' auf und murre nicht!« Hierauf verschwand sie, als hätte sie die Erde verschlungen. Lieschen war zufrieden, und dachte unterwegs bei sich: »Wenn sie so gut ist, will ich wieder mit ihr tanzen, sobald sie kommt.« Sie sang wieder, damit die Ziegen munter vorwärts schritten. Die Mutter aber empfing sie verdrießlich, sie hatte während des Tages das Garn ausweifen wollen und gefunden, daß die eine Spindel nicht voll geworden, und darum war sie verdrießlich. »Was thatest Du, Tochter, daß Du gestern nicht Deine ganze Aufgabe spannst?« sagte sie tadelnd. – »Verzeiht, Mutter, ich tanzte ein wenig,« erwiederte Lieschen demüthig, und indem sie der Mutter die Spindel zeigte, setzte sie hinzu: »Heut ist sie dafür übervoll.« Die Mutter schwieg, ging die Ziegen melken, und Lieschen legte die Spindel an ihren Ort. Sie wollte der Mutter ihr Abenteuer erzählen, allein sie dachte: »Nein, bis die Frau noch einmal kommt, will ich sie fragen, wer sie ist, und dann sag' ich's der Mutter.« So dachte sie und schwieg. Des dritten Morgens trieb sie die Ziegen, wie gewöhnlich, zum Birkenwald; die Ziegen begannen zu weiden, und Lieschen, unter einem Baume sitzend, zu singen und zu spinnen. Die Sonne stand im Mittag; Lieschen legte die Spindel in's Gras, gab den Ziegen vom Brote, suchte keine Erdbeeren, und indem sie die Brosamen den Vöglein hinwarf, sagte sie: »Liebe Ziegen, heut' will ich Euch eins vortanzen!« Sie hüpfte, legte die Hände übereinander, und schon wollte sie versuchen, ob sie auch so reizend tanzen könne, als die schöne Frau, da stand diese vor ihr. »Laß uns miteinander tanzen!« sprach sie lächelnd zu Lieschen, und umfaßte sie. Augenblicklich erklang die Musik über ihren Häuptern, und die Tänzerinnen drehten sich in leichtem Fluge. Lieschen vergaß die Spindel und die Ziegen, sah Nichts als die schöne Frau, deren Leib sich wie ein Weidenzweig nach allen Seiten bog, und hörte Nichts als die liebliche Musik, nach deren Klängen ihre Füße von selbst sprangen. Sie tanzten vom Mittag bis zum Abend. Jetzt hielt die Frau inne und die Musik schwieg. Lieschen blickte um sich, die Sonne war hinter dem Walde. Weinend schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und indem sie sich zur Spindel wandte, die nicht voll war, wehklagte sie, was die Mutter sagen würde »Gieb mir Deine Tasche, ich will Dir ersetzen, was Du heut' versäumt,« sprach die schöne Frau. Lieschen gab ihr die Tasche, und die Frau ward auf einige Augenblicke unsichtbar; dann aber reichte sie ihr die Tasche mit den Worten: »Da, zu Hause sieh hinein!« und verschwand, als hätte sie der Wind davon gewebt. Lieschen fürchtete sich in die Tasche zu sehen, allein auf der Hälfte des Weges ließ es ihr doch keine Ruhe; die Tasche war so leicht, als ob nichts in ihr wäre; sie mußte hinein sehen. ob sie die Frau nicht getäuscht. Wie erschrak sie, als sie sah, die Tasche sei voll – Birkenlaub. Da brach sie erst in Thränen aus und machte sich Vorwürfe, daß sie so leichtgläubig gewesen. In ihrer Aufwallung warf sie die Blätter mit beiden Händen heraus und wollte die Tasche umstürzen; dann aber dachte sie: »Ich will das Uebrige den Ziegen unterstreuen,« und ließ einiges Laub darin. Sie fürchtete sich, nach Hause zu gehen. Die Ziegen konnten ihre Herrin wieder nicht erkennen. Die Mutter harrte bekümmert auf der Schwelle. »Um Gottes willen, was für eine Spindel Garn brachtest Du gestern nach Hause?« waren die ersten Worte der Mutter. – »Warum denn?« fragte Lieschen ängstlich. – »Als Du Morgens fortgegangen, begann ich auszuweifen. Ich weife auf, weife auf, die Spindel ist beständig voll. Eine Strähne, zwei, drei Strähnen – die Spindel voll. Welcher böse Geist hat das gesponnen! ruf' ich erzürnt, und in dem Augenblicke ist das Garn von der Spindel fort, als wär' es weggeblasen. Sag' mir, was das ist?« Da gestand Lieschen und begann von der schönen Frau zu erzählen. »Das war eine Waldfrau!« rief die Mutter entsetzt. »Um Mittag und Mitternacht treiben sie ihr Wesen. Ein Glück, daß Du kein Knabe bist, sonst würdest Du nicht lebendig aus ihren Armen entkommen sein. Sie hätte so lange mit Dir getanzt, als ein Athemzug in Dir gewesen wäre, oder sie hätte Dich zu Tode gekitzelt, Doch mit Mädchen haben sie Erbarmen, ja beschenken sie oft reich. Hättest Du mir etwas gesagt, so würd' ich nicht gemurrt haben, und hätte jetzt die ganze Stube voll Garn.« Da dachte Lieschen der Tasche und ihr fiel bei, es könnte doch vielleicht etwas unter dem Laube sein. Sie nimmt die Spindel von oben weg und den ungesponnenen Flachs, und blickt in die Tasche, blickt noch einmal hinein und schreit: »Seht, Mutter, seht!« Die Mutter blickt hinein und schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen. Die Birkenblätter hatten sich in Gold verwandelt. »Sie befahl mir, erst zu Hause hineinzublicken, ich gehorchte nicht.« – »Ein Glück, daß Du nicht die ganze Tasche ausgeleert!« meinte die Mutter. Des Morgens ging sie selbst, um an der Stelle nachzusehen, wo Lieschen das Laub mit beiden Händen weggeworfen; allein auf dem Wege lag nur frisches Birkenlaub. Doch der Reichthum, den Lieschen nach Hause gebracht, war ohnehin groß genug. Die Mutter kaufte eine Wirtschaft. Sie hatten viel Vieh. Lieschen ging in schöner Kleidung, sie mußte nicht mehr Ziegen weiden; allein wie reich und froh und glücklich sie war, nichts machte ihr so viel Vergnügen, als der Tanz – mit der Waldfrau. Noch oftmals ging sie in den Birkenwald, es lockte sie hin, sie wünschte sich, die schöne Frau noch einmal zu sehen – allein sie erblickte sie nimmer wieder. König Iltiß. Einst wurden die Frösche mit ihrer alten Verfassung unzufrieden; sie quakten und quakten so lange, bis sie endlich unter Qualen den langbeinigen Storch zu ihrem König wählten. Als dies die Hühner und Hennen sahen, wollten sie hinter den Fröschen nicht zurückbleiben; sie meinten, es wäre gut, wenn sie auch ihren König hätten. Sie hielten daher einen allgemeinen Landtag und begannen sich zu berathen. Alle waren bisher eines Sinnes gewesen. Als es aber dazu kam, wer König sein solle, begannen sie zu zanken und zu hadern; denn Niemand wollte dulden, daß der Andere über ihn herrsche, sondern Jeder hätte selbst gern über die Andern geherrscht. Es stellten sich die Hähne zum Kampfe, und hackten mit den Schnäbeln auf einander los, daß die Federn von einander stoben und ihre Kämme bluteten. Endlich rieth ihnen ein alter weiser Hahn, es wäre das Beste, wenn sie den König Iltiß zu ihrem König nähmen; der sei ein gewaltiger Herr mit starken Zähnen, den Jeder fürchten, und der gewiß Ruhe und Ordnung herstellen werde. Der Rath gefiel den Hähnen, und sie sandten sogleich an den Iltiß, um mit ihm einen Vertrag zu schließen. Als der Iltiß ihr Begehren vernommen, zeigte er sich sehr freundlich und bereitwillig; er versprach ihnen auch, sie vor dem Hühnergeier, der ihre Kinder forttrage, vor dem Marder, der ihre Eier austrinke, und vor dem Spatzen, der ihnen die Körner vor der Nase wegstehle, zu schützen, und verhieß ihnen, die schönen, großen Hähne zu seinen Kammerherren zu machen, und zu andern Würden zu erheben. Allen gefiel, was er versprach, den Hennen und den Hähnen, und so setzten sie den Iltiß feierlich auf den Thron, und waren froh, daß sie einen so mächtigen und gütigen König hätten. Es währte nicht lange, so gelüstete den Iltiß nach einem Huhn. Um die Gemüther nicht gleich durch offenbare Gewalt zu erbittern, beschloß er, unter irgend einem tauglichen Vorwande ein Huhn todt zu beißen, und dessen Blut auszusaugen. Er ließ daher einen schönen fetten Hahn vor sich rufen, und fragte ihn, ob er was rieche. Der Hahn war eine gute ehrliche Haut, und sagte aufrichtig: »Verzeiht, Herr König, ich riech' etwas, das entsetzlich stinkt.« Es war dies der Gestank, den die Iltisse gewöhnlich verbreiten. »Du unverschämter Wicht,« fuhr der Iltiß auf, »das wagst Du Deinem König ins Gesicht zu sagen?« und schnapps! biß er ihm den Kopf ab, und sog ihm das Blut aus. Dann ließ er einen zweiten Hahn rufen, und fragte ihn gleichfalls, ob er was rieche. Der Hahn, der seines Cameraden Leib ohne Kopf daliegen und des Iltiß Maul von Blut triefen sah, merkte, daß es übel mit ihm stehe. Er begann vor Angst am ganzen Leibe zu zittern, und vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen. »Warum zitterst Du?« fragte ihn der Iltiß streng. »Mir scheint, Du hast kein gutes Gewissen. Sprich, was riechst Du?« Der Hahn raffte alle seine Kraft zusammen, verneigte sich tief, und sagte mit feiner, süßer Stimme: »Herr König, ich riech' etwas, das wunderlich duftet.« – »Tückischer Verräther,« rief der Iltiß zornig, »Du willst Deine Erbärmlichkeit mit Schmeicheleien beschönigen?« und schnapps! biß er ihm den Kopf ab, und sog ihm das Blut aus. Der Iltiß hatte zwar schon zur Genüge, allein das Spiel mit den Hähnen machte ihm Vergnügen; drum ließ er noch einen dritten Hahn vor sich rufen, und fragte ihn ebenfalls, was er rieche. Der aber war pfiffig; er sah zwar die zwei Leichname ohne Kopf und bemerkte Blut an des Iltiß Barte, doch that er nichts dergleichen. Er verneigte sich einige Mal nach Gebühr und erwiederte dem Iltiß vorsichtig: »Verzeiht, Herr König, das Wetter ist schlecht, ich hab' einen furchtbaren Schnupfen.« Der Iltiß, der sah, wie klug sich der Hahn aus der Schlinge ziehe, und dem gerade nichts Anderes einfiel, was er gegen ihn vorbringen könnte, lächelte huldreich, und entließ ihn in Gnaden. Zweite Abheilung. Lieder, Balladen, Romanzen, Legenden und Sprüchwörter. Kleinigkeiten.   Frohsinn. (Böhmisch.) Ei wie die Lerch', so klein sie ist, Nie lebt im Müßiggange; Sie ruhet nicht bei Tag und Nacht, Lobt Gott mit frohem Sange! Ei daß wir alle insgesammt Der Lerche folgen möchten: Drum in der Linken schwenkt das Glas, Das Mädchen in der Rechten!   Die Liebe. (Mährisch.) Wie kommst Du doch, o Liebe, Wie kommst Du auf die Welt? Du wächsest nicht im Garten, Man sä't Dich nicht im Feld. »Ich werde von selbst geboren, Das hat gar keine Beschwer, Und schleiche zwischen den Mädchen Und jungen Burschen umher.«   Die Liebe. (Slowakisch.) Woher nur nimmt ein Jeder Die Liebe auf dieser Welt? Sie wächst auf keinem Berge, Man sä't sie nicht im Feld. Und wohnte gleich die Liebe Auf Felsen himmelhoch, Es bräche sich ihretwegen Den Hals gar Mancher doch!   Freigebigkeit. (Böhmisch. Melodie 1.) Fließt das Wasser gegen's Wasser, Und es bläst der Wind hinein – Liebchen mit den blauen Augen Schaut heraus zum Fensterlein. Schau' nicht so heraus zum Fenster, Komm Du lieber vor die Thür: Giebst Du mir zwei holde Küßchen, Sieben geb' ich Dir dafür!   Der Schreiber. (Böhmisch.) O Mütterchen, o sieh doch nur Den Schreiber im Wagen drin: Hat einen Busch auf seinem Hut, Fährt wie ein Kaiser dahin! Er hält in der Linken das Papier, In der Rechten die Feder fein; Er schreibt mich wohl, er schreibt mich wohl Noch in sein Herzchen ein.   Die schwarzen Augen. (Slowakisch.) Es wässerte das Madchen Hanf Im weißen Sommerkleid, Da kam ein schmucker Bursch und pries Die schwarzen Augen der Maid: »Ei wahrlich verkauften sie auf dem Markt So schwarze Aeugelein, Ich ging' und kaufte sie mir gleich In meine Wirthschaft ein!«   Schnelles Besinnen. (Böhmisch.) Sage mir, mein Sternlein lieb, Bist Du helle, bist Du trüb'? Bist Du trüb', so werde hell – Mädchen, o besinn' Dich schnell! »Ja doch, schon besann ich mich – Ewig lieben will ich Dich.«   Das wohlmeinende Gänslein. (Böhmisch.) Flog eine junge Gans Ueber den Bach voll Muth, Konnte nicht drüber weg Fiel in des Baches Fluth. Trank alles Wasser aus Bis auf den Boden rein, Daß es der Schenker nicht Schütte ins Bier hinein.   Störung in der Andacht. (Böhmisch. Melodie 2.) Seh' ich Dich, mein holdes Mädchen, In der Kirche betend knie'n, Kann ich selbst zu Gott nicht beten, Seh' auf Dich nur immer hin. Wenn ich Gott im Himmel liebte, Holdes Mädchen, so wie Dich: Wär' ich lange schon ein Heil'ger Oder Engel sicherlich!   Verbot. (Mährisch.) Besuch' mich nicht, hörst Du? Und laß mich in Ruh, Sonst bind' ich mit Bändern Die Thür vor Dir zu. »Ei bind' sie nur, bind' sie Mit Bändern sofort: Ich löse die Fesseln Mit freundlichem Wort.«   Der nahende Morgen. (Mährisch.) Wie lange schlich ich im Dunkel, Zu finden das Fensterlein, Hinter dem in stiller Kammer Hold schläft die Liebste mein! Hätt' ich doch die Schlüssel zum Tage, Der dort schon sichtbar ist: Fürwahr, ich ließ' ihn nicht leuchten Vor eines Jahres Frist!   Kuku. (Böhmisch.) Als ich von der Liebsten ging, Läutete man zum Gebete, Und der Kuckuck rief dazu Von der Eiche: »Kuku, kuku!« Mein goldenes Täubchen! »Kuku, kuku!« Werde mein Weibchen!   Der Rübe Hochzeit. (Böhmisch. Melodie 3.) Als die Rübe Hochzeit machte, Jauchzte Sellerie: Juchhu! Möhre tanzte hopsa, heisa, Und Meerettig pfiff dazu.   Das Lied der Schwalben. (Böhmisch.) Ach, wie über unsrer Scheune Doch die kleinen Schwalben singen! Ach sie singen, ach sie singen: Wird mein Liebchen nicht die Meine, Nicht die Meine, nicht die Meine, Sie mein Schwarzaug', sie mein Täubchen Mit dem gold'nen Miederleibchen!   Abschiedswunsch. (Böhmisch.) Es kugelte, es kugelte Ein rothes Aepfelein – Ach, wer erhält, ach, wer erhält, Dich, gold'nes Mädchen, mein? Und wer Dich auch erhalten mag, Stets sei das Glück mit Dir! Ich aber, ach! muß von hier fort, Muß morgen schon von hier.   Der Abschied. (Mährisch.) Horcht, was für ein Dröhnen! Ei, was soll das sein? Läuten etwa Glocken, Braust der Ahornhain? 's läuten keine Glocken, 's braust kein Ahornhain: Abschied nimmt ein Jüngling Von der Liebsten sein.   Seufzer. (Slowakisch. Melodie 4.) Wenn zu mir heut Abends Doch der Liebste käme: Käme mit der Sonne Ja der Mond zusammen! Doch es kommt der Liebste Nicht zu mir heut Abends, Mit der goldnen Sonne Nicht der Mond zusammen!   Seufzer. (Böhmisch.) Hinter jenen dichten Wäldern Weilst Du, meine Süßgeliebte, Weit, ach weit! weit, ach weit! Berstet, ihr Felsen, Ebnet euch, Thäler, Daß ich ersehe, Daß ich erspähe, Meine ferne, süße Maid!   Das Täubchen. (Böhmisch.) Wo bist Du umhergeschweift, Goldenes Täubchen, Daß Deine Schwinge So von Wasser träuft? »Schweifte übers Meer dahin, Den Täuber mein zu schauen, Den Täuber mein zu schauen, Auf dem Berge grün.« Ausgebrannte Liebe. (Mährisch.) Du vermagst zu lieben, Doch nur auf kurze Zeit; Hätt's nicht mein Herz geahnet, Wie wär' es jetzt voll Leid! Doch ahnt' es mein Herz wohl: Es brannt' in hellem Flammenschein. Und als es ausgebrannt war, Ward es zu Stein.   Glück im Unglück. (Böhmisch.) Im grünen Haine koste Ein Paar in Lieb' und Treu'; Da fiel ein Ast herunter, Erschlug sie alle zwei. Gut, daß er hat erschlagen Eins an dem Andern dicht, So härmt sich und so jammert Eins um das Andre nicht.   Glänzende Treue. (Böhmisch. Melodie 5.) Seh' ich's dort nicht glänzen? Eilig hin von hier! Glänzt dort eine Blume, Pflücke ich sie mir. Nein, 's war keine Blume, Ging mein Schatz vorbei, Und er glänzt so helle, Denn er liebt so treu.   Der Ruf. (Mährisch.) Was aus schwarzem Berge Hallet fort und fort? Summen etwa Bienen, Oder was hallt dort? Summen keine Bienen, Ruft der Liebste dort: Wünscht mit mir zu tauschen Nur ein traulich Wort.   Merkmal der Liebe. (Slowakisch.) Es brennt nicht, es brennt nicht Die helle Kerze so, Wie für den Burschen brennet Das Mädchen lichterloh. Leicht merkt man, wer den Andern Fein lieb hat und fein gern: Sie ist noch in der Ferne, Und lacht schon von fern.   Lauter Wunder. (Böhmisch.) Ohnefuß will Krebse fangen, Steigt auf einen Birnbaum munter. Ohnehand wirft ihn mit Steinen, Trifft er ihn, fällt er herunter. Stummer schnurrt was auf dem Wege, Tauber horcht im Dorngehege. Kommt des Wegs ein Todter eben, Blinder guckt, was sich begeben.   Frage und Bescheid. (Böhmisch.) Wenn ich im Brautgewande Einst aus der Kirche zieh', Du meine goldne Mutter, So sag' doch: was und wie? »Laß Dir nicht bangen, Tochter, Und freu' Dich nicht zu viel; Dein Mann wird's Dir schon sagen, Mich laß hier aus dem Spiel!«   Der Getäuschte. (Böhmisch.) Ich suchte zum Weib 'ne Alte mir aus, Ich glaubte, sie habe viel Geld zu Haus. Aber o! – 'nen Hahn nur hatte sie, Der schreit nun beständig: Kikeriki!   Stoßseufzer. (Mährisch. Melodie 6.) Gott, bescher' mir, was Dir recht ist, Gern für Alles preis' ich Dich; Nur beschütze und bewahre, Herr, vor einer Alten mich! Junges Weib, gleichwie ein Eichhorn Hüpft's umher mit frohem Sinn; Doch ein altes, ach ein altes, Wackelt, wie ein Faß, dahin!   Besser ist besser. (Böhmisch.) Niemals hab' ich noch auf Buchen Eicheln wachsen sehen, Soll der Bursch sein Mädchen lassen und nach Witwen gehen? Sieht man doch des Mädchens Wange roth und röther blüh'n, Ganz verhöckert schleppt die Witwe elend sich dahin. Niemals hab' ich noch Wachholder grünen seh'n auf Wiesen, Soll die Maid, statt ihres Burschen, Witwer sich erkiesen? Sieht man doch des Burschen Wange roth und röther blüh'n, Ganz verhöckert schleppt der Witwer elend sich dahin.   Loos der Verheiratheten. (Slowakisch.) Olive Du, Olive, Ihr gold'nen Blätter ihr! Ei Bursch, so laß das Freien, Bist noch zu jung dafür. Was haben die gewonnen, Die da vor Dir gefreit? Sie hängen, wie die Gänse, Die Flügel nun vor Leid.   Schlechtverträgliche Gesellschaft. (Böhmisch.) Ei in einem Haus zwei Hähne, Katz' und Hund dazu, Hartes Brot, ein stumpfes Messer, Schlimmes Weib, ein guter Mann: Sagt, wie das beisammen Weilen kann! Heitere und scherzhafte Lieder, Balladen und Romanzen.   Der Ziege Testament. (Böhmisch.) Eine Ziege war genäschig. Ging nach Gras in's Herrnrevier; Doch der gnäd'ge Herr, der traf sie, Und zerschlug den Schädel ihr. »Gnäd'ger Herr, jetzt ist's vorüber, Hört mich denn, eh' ich verbleich'! Hört, mein haarig Fell vermach' ich Scheidend zu Perrücken Euch! Aber tragt Ihr nicht Perrücken, Hebt es auf in Eurem Schrein, Und wenn's Ziperlein Euch quälet, Wickelt Eure Glieder d'rein!«   Mein Wirst Du, o Liebchen! (Mährisch.) Fürwahr, mein Liebchen, ich will nun frei'n, Ich führ' als Weibchen Dich bei mir ein. Mein wirst Du, o Liebchen, fürwahr Du wirst mein, Und wolltest Du's auch nicht sein. »So werd' ich ein Täubchen von weißer Gestalt, Ich will schon entfliehen, ich flieg' in den Wald. Mag doch nicht die Deine, mag dennoch nicht Dein, Nicht eine Stunde sein.« Ich hab' wohl ein Flintchen, das trifft gar bald, Ich schieß' mir das Täubchen herunter im Wald. Mein wirst Du, o Liebchen, fürwahr Du wirst mein, Und wolltest Du's auch nicht sein. »So werd' ich ein Fischchen, ein goldener Fisch, Ich will schon entspringen in's Wasser frisch. Mag doch nicht die Deine, mag dennoch nicht Dein, Nicht eine Stunde sein.« Ich hab' wohl ein Netzchen, das fischt gar gut, Ich fang' mir den goldenen Fisch in der Fluth. Mein wirst Du, o Liebchen, fürwahr Du wirst mein, Und wolltest Du's auch nicht sein. »So werd' ich ein Häschen voll Schnelligkeit Und lauf' in die Felder, die Felder breit. Mag doch nicht die Deine, mag dennoch nicht Dein, Nicht eine Stunde sein.« Ich hab' wohl ein Hündchen, gar pfiffig und fein, Das fängt mir das Häschen im Felde schon ein. Mein wirst Du, o Liebchen, fürwahr Du wirst mein, Und wolltest Du's auch nicht sein.   Neckereien. (Slowakisch.) Wärest Du ein Schneider doch Auf der weiten Erde, Nähetest Du Kleider mir Aus des Mohnes Blüthe. »Ja, ich nähe Kleider Dir Aus des Mohnes Blüthe, Doch Du spinnest Seide mir Aus dem Maienregen.« Ja, ich spinne Seide Dir Aus dem Maienregen, Doch Du nähest Schuhe mir Aus dem Hirschgeweihe. »Ja, ich nähe Schuhe Dir Aus dem Hirschgeweihe, Doch Du spinnst mir Zwirn dafür Aus der Haferähre.« Ja, ich spinn' Dir Zwirn dafür Aus der Haferähre. Doch Du machst ein Lager mir Mitten auf der Donau. »Ja, ich mach' ein Lager Dir Mitten auf der Donau, Doch Du gehest dann auf ihr, Ohne nasse Füße.« Ja. ich gehe dann auf ihr Ohne nasse Füße, Doch Du wiegest ohne Scherz Mich auf gold'nen Armen. »Ja, ich wiege ohne Scherz Dich auf gold'nen Armen, Doch Du schwörst, Du schwörest mir, Treue ohn' Erbarmen!«   Ewig – Bier. (Böhmisch. Melodie 7.) Sage, sage, wer Dich trinkt, o Bier? Sage, wer Dich trinkt, o Bier, Nehm' ich einst im Grab Quartier: Sage, sage, wer Dich trinkt, o Bier? Brüder, Brüder, Ihr trinkt dann das Bier. Aber sagt, wer trinkt das Bier, Nehmt auch Ihr im Grab Quartier? Brüder, Brüder, wer trinkt dann das Bier? Unsre Buben trinken dann das Bier, Haben Buben für und für, Und die trinken auch wie wir: Ewig trinket Dich die Welt, o Bier!   Das Pärchen. (Böhmisch.) Kugelte ein Apfel roth. Rollte auf der Erden – Wem wirst Du, o Liebste mein, Wem zu Theile werden? Kugelten zwei Aepfel roth, Rollten sich entgegen – Wem würd' ich zu Theil, als Dir? Kannst Du Zweifel hegen? Wem würd' ich zu Theil, als Dir? Frag nicht weiter, Amen! Du bist hübsch und ich bin hübsch, Passen just zusammen.   Sonderbare Liebschaft. (Böhmisch.) Sie wollt' nicht den Jungen, Sie nahm sich den Greis; Es hat ihr gefallen Der Scheitel so weiß. »Du wackelndes Männlein Mit schneeweißem Bart, Verlaß ja nicht untreu Dein Ehweibchen zart!« »Ich steig' auf den Baum dort, Hold winkt er mir zu, Ich schüttl' ihn, und kehre Dann wieder im Nu.« »Der Baum, der hat Aepfel, Ich hole uns zwei; Sie glänzen so herrlich, Froh lach' ich dabei.«   Beim Gänserupfen. (Böhmisch.) Laß Dich rupfen, liebes Gänschen, Denn so muß es einmal sein; Jeder sieht, daß ihm das Rupfen Nutzen schaffe und Gedeih'n. Ei, wie herrlich ist's, zu rupfen, Wenn wo Federn sichtbar sind! Niemand schämt sich zuzugreifen, Merkt er nur, daß er gewinnt. Viele rupfen gar gewaltig, Haben nicht an wenig g'nug, Und sie fragen auch nicht weiter, Ob's geschieht mit Recht und Fug. Der Jurist will früher wissen, Welcher Part viel Federn hat; Schert sich nicht um nackte Wahrheit, D'ran er nichts zu rupfen hat. Doctor auch curirt die Kranken Nur so lang' er rupfen kann; Sind sie kahl, so überläßt er Sie dem Todtengräber dann. Der Herr Lehrer horcht am Fenster, Wem wohl gelte das Geläut'; Konnt' er beim Begräbniß rupfen, Schmaust er drauf voll Seligkeit. Lange Rosenkränze betet Ganz zerknirscht der Wuch'rer her; Borgt von ihm nur Geld auf Zinsen, Rupft er Euch ganz mitleidsleer. Hat ein Vater keine Federn, D'ran ein Freier rupfen kann, Hoff' er ja nicht, er bekomme Für die Tochter einen Mann. Ist ein Bursch besetzt mit Federn, Bang' ihm nicht vor Hieb und Stich; Aber hat er kahle Flügel, Wird Recrut er sicherlich. Auch der Fleischer, Schneider, Schuster, Schenker, Bäcker ganze Schaar Ist nicht faul, und weiß zu rupfen, Wird sie Federn wo gewahr. Bis herab auf die Garküchler, Käsehändler ist's so Brauch; Zwiebelkrämer, Knoblauchkrämer, Gleich den Andern, rupfen auch. Selbst die Mütterchen, die grauen, Kauernd bei des Ofens Gluth, Zittert ihnen auch das Kinn schon, Rupfen an der Ehre Gut. Will wer in der Welt was richten, Laß er tüchtig Federn seh'n; Kann er's nicht, der arme Teufel, Mag er seines Weges geh'n. Nun, so laß Dich rupfen, Gänschen, Und verstreu' die Federn nicht; Weißt nicht, wer auf Dir wird schlafen – Mann von Ehre oder Wicht!   Selbstbewußtsein. (Böhmisch. Melodie 8.) Bin ein Bursch mit leerem Beutel Noch war all' mein Placken eitel, Und es schämt sich meine Holde, Daß ich nicht stolzir' in Golde. Bin ich gleich ein armer Teufel. Bin doch brav, das ist kein Zweifel. Sind die Kleider keine neue, Ist doch's Herz voll frischer Treue. Ei was ist an schönen Röcken, D'rinnen lump'ge Kerle stecken; Aber willst Du fort Dich schämen, Brauchst Du mich ja nicht zu nehmen.   Nichts. (Slowakisch.) Was wohl sagen meine Leute, Daß so schön ist, die ich freite? Nichts. Was wohl sagen meine Leute, Daß wir schön sind alle Beide? Nichts. Was wohl schenken uns die Meinen Bis vor ihnen wir erscheinen? Nichts. Sind bei Vielen eingekehret; Haben sie uns was bescheret? Nichts. Und was finden wir zu Hause, In der kleinen, engen Klause? Nichts. In dem Keller, in der Stube, In der Kammer, in der Truhe? Nichts. Doch was fehlt zu unsrer Freude, Da wir schön sind alle Beide? Nichts. Mäuse werden uns nicht plagen, Finden ja bei uns zum Nagen Nichts. Diebe werden uns nicht quälen, Finden ja bei uns zum Stehlen Nichts. Woll'n ein fröhlich Leben führen, Denn was können wir verlieren? Nichts.   Treuliebchens Bitte. (Böhmisch.) Es sei, mein Liebster, wo immerhin, Ich folge Dir nach als Kriegerin. »Was willst Du dort, mein Lebenslicht? Siehst mich vor lauter Kriegsvolk nicht.« So werd' ich ein Täubchen und suche Dich, Und setz' auf Deinen Scheitel mich; So werd' ich ein Vöglein, das singet hell, Und stieg' auf Deinen Helm gar schnell. Willst Du mich freien, gefall' ich Dir, So schmoll' und hadre nicht mit mir; Denn haderst Du und schmollest Du, So wein' ich, mein Liebster, betrübt dazu.   So laß uns wandern! (Böhmisch.) Ach Mädchen, liebes Mädchen, Wie schwarz Dein Auge ist! Fast fürcht' ich, es verzaubert Mich einst voll arger List. »Und wär' mein Auge schwärzer, Um vieles schwärzer noch, Dich, Liebster mein, verzaubern – Ich thät' es niemals doch.« Die Kräh' auf jener Eiche, Sieh, wie sie Eicheln pickt! Wer weiß, wen einst der Himmel Zum Bräutigam Dir schickt! »Und sprich, wen sollt' er schicken? Ich gab ja Dir mein Wort, Weißt, unterm grünen Baume, Bei unsrer Hütte dort.« Wohlan, so laß uns wandern, Du wanderst frisch mit mir; Ein Kleid von grüner Farbe, Mein Mädchen, kauf' ich Dir. Ein Kleid von grüner Farbe, Das auch nicht gar zu lang: So kannst Du mit mir wandern, Nichts hindert Dich im Gang. Wir wollen lustig wandern Bergüber und thalein; Die großen, freien Wälder Sind unser Kämmerlein!   Das herzhafte Mädchen. (Mährisch.) Sie schickten in des Bauers Haus, Sollt' in den blut'gen Krieg hinaus. Dem Bauer vor dem Kriege graut. Er setzt sich hin und schluchzet laut: »Hab' keinen Sohn zu stellen für mich. Auch keinen Bruder! 's ist fürchterlich!« »Du älteste, älteste Tochter mein, O stell' Dich, statt meiner, in die Reih'n!« »»Ei Vater, mein Herz das ist zu weich, Erschrickt vor dem Geringsten gleich.«« »Du zweite, Du zweite Tochter mein, So stell' Dich Du für mich in die Reih'n!« »»Ei Vater, mein Herz ist gar zu weich. Fürchtet sich vor dem Geringsten gleich.«« Da schickt er nach der Jüngsten fort, Die dienen muß bei Fremden dort: »Du, meine Jüngste, o komm nach Haus', Und zieh für mich in den Krieg hinaus!« »»Ja, liebster Vater, ich komm' sogleich, Und zieh' hinaus in den Krieg für Euch.«« »»Mein Herz, o Vater, ist stark und fest. Von keiner Gefahr sich schrecken läßt.«« Und als sie ihr anlegten das Kleid, Da weinten beide Schwestern vor Leid. Und als sie ihr flochten das lange Haar, Da weinte der Mädchen ganze Schaar. Und als sie empor auf's Roß sich schwang, Da weinten Vater und Mutter bang: »Ade, o Tochter, ade, ade! Schütz' Gott Dich, daß es Dir wohlergeh'!« Und als es kam zur entscheidenden Schlacht, Umritt sie dreimal des Feindes Macht. Sie that den ersten Schuß voll Muth, Dreihundert Türken stürzten in's Blut. Sie that den zweiten Schuß, schoß gut, Das ganze Lager schwamm in Blut. Sie schoß zum dritten Male keck, Und alle Türken rannten hinweg. Das schien dem Kaiser wunderbar: »Was ist das wohl für ein Husar?« »Hab' eine einzige Tochter fürwahr. So nehm' sie zu seiner Frau der Husar!« »Herr Kaiser, fürwahr, Bin kein Husar: Bin – ich besiegel's mit meinem Schwur – Ein armes Bauermädchen nur.« »So hab' ich einen einzigen Sohn, Den geb' ich dem Bauermädchen zum Lohn!« Und der Krieg war zu Ende, der Kampf war aus, Und gerüstet ward der Hochzeitschmaus.   Täuschungen. (Böhmisch. Melodie 9.) Sagten, es käm' vom Berg Dunkelnder Wolken Schaar; Doch es war meiner Maid Kohlschwarzes Augenpaar! Sagten, es käm' vom Berg Purpurnes Morgenlicht; Doch es war meiner Maid Rosiges Angesicht! Sagten, es strahle schon Voller Tag sonnenklar; Doch es war meiner Maid Strahlende Stirn fürwahr!   Sehnsucht. (Slowakisch.) Könnt' ich nur, mein Liebster, Deinen Hut erspähen, O dann wär' ich ledig Aller Liebeswehen! Meinte, durch das Feld hin Blitzten helle Streife; Doch es blies der Liebste Lieblich auf der Pfeife. Meinte, daß in Feuer Rings das Feld entsprühte; Doch es war die Wange, Die dem Liebsten glühte. Komm, o komm, mein Liebster, Daß ich Dich umfange; Möchte gern schon küssen Deine rothe Wange! Komm, o komm, mein Liebster, Hurtig ohne Weile, Bringe meinem Herzen Trost und Luft in Eile! Schlafen möcht' ich, schlafen, Bin so gar beklommen – Doch schon ist mein Liebster Unversehns gekommen!   Die Salbe. (Slowakisch.) Auf dem Feld ein weißer Felsen, Auf dem Fels 'ne weiße Rose, Auf der Rose liegt ein Jüngling, Und sein Mädchen hält das Haupt ihm. »Liebster, Liebster, ach was schmerzt Dich?« »»Wahrlich, schwer bin ich verwundet!«« »Wer es that, der soll Dich heilen, Dich dahin zum Arzte führen.« »»Nein, der Arzt hat keine Salbe Für die Wunde, die mich brennet; Nur mein Liebchen hat die Salbe, Welche meine Schmerzen heilet!««   Das Vöglein Lügner. (Böhmisch.) Was plaudert dort das Vögelein Auf jenem Eichenast? »Daß jedes Mädchen, welches liebt, Vor lauter Lieb' erblaßt.« Ei Vögelein, Du sprichst nicht wahr, Du bist gar lügenreich, Ich Mädchen liebe ja doch auch, Und niemals bin ich bleich. Wart' Vögelein, und weil Du lügst, So geh' ich hörbar kaum, Und lade mir die Flinte schnell, Und schieße Dich vom Baum.   Die Verliebte. (Böhmisch.) Die Sonne hinter dem hohen Berg Stieg auf am gestrigen Tage – Und seh' ich den Liebsten, da pocht mein Herz Sogleich mit froherem Schlage. Und wo mein Liebster ist, bin auch ich, Ich ruf ihm schon von ferne, Von fern schon hüpf ich an seine Brust Und putze für ihn mich gerne. Mein Liebster weidete dort im Thal Die Rosse, seine Rappen; Ich mähte hurtig Gras im Feld, Für seine Rosse, die Rappen. Und als ich Abends Aehren las Beim Birnbaum dort, o Wonne! Da band mein Liebster die Weizensaat: Wie strahlt' er im Glanz der Sonne!   Der zerbrochene Krug. (Böhmisch. Melodie 10.) Wollt' 'ne Maid um Wasser geh'n, Trug 'nen Krug, der war so schön. Stieg ein Herr vorbei, Brach den Krug entzwei. Und es weinte laut die Maid Um den Krug in bittrem Leib: »Seid ihr stolz genug, Zahlt mir nun den Krug!« »Weine nicht so bitterlich, Gern ersetz' den Schaden ich! Nimm für das Geschirr Dieses Tuch von mir!« Doch die Maid, sie wollt' es nicht. Weinet fort und fort und spricht: »Seid ihr stolz genug. Zahlt mir nun den Krug!« »Weine nicht so bitterlich. Gern ersetz' den Schaden ich! Nimm für das Geschirr Diesen Ring von mir!« Doch die Maid, sie wollt' ihn nicht. Weinet fort und fort und spricht: »Seid Ihr stolz genug. Zahlt mir nun den Krug!« »Weine nicht so bitterlich. Gern ersetz' den Schaden ich! Nimm für das Geschirr. Nimm mich selbst dafür!« Ei, wie war sogleich die Maid Voller Lust und Fröhlichkeit: »Für den schönen Krug Hab' ich nun genug!«   Der Einsiedler. (Böhmisch.) Ich bin ein armer Einsiedler, Bei dem kein Gut zu finden; Hab' nur dies Paar Pantoffeln da. Gemacht aus Holz von Linden. Den Rosenkranz trag' ich am Gurt, Das Brevier still unterm Arme, Und fleh' zu Gott, daß er gnädig sich Der falschen Mägdlein erbarme. »Bist Du ein armer Einsiedler, Dein Pater noster bete; Die Mädchen aber laß in Ruh'. Und denk' an Fast und Mette!«   Des Liebsten Schwur. (Böhmisch.) Ei, schmollte mein Vater nicht wach und im Schlaf, So sagt' ich ihm, wen ich im Gärtelein traf. Und schmolle nur, Vater, und schmolle nur fort. Ich traf den Geliebten im Gärtelein dort. Ei, zankte mein Vater nicht wieder sich ab, So sagt' ich ihm, was der Geliebte mir gab. Und zanke nur, Vater, mein Väterchen Du, Er gab mir ein Küßchen und eines dazu. Ei, klänge dem Vater nicht staunend das Ohr, So sagt' ich ihm, was der Geliebte mir schwor. Und staune nur, Vater, und staune noch mehr, Du giebst mich doch einmal mit Freuden noch her. Mir schwör der Geliebte so fest und gewiß. Bevor er aus meiner Umarmung sich riß. Ich hätte am längsten zu Hause gesäumt. Bis lustig im Felde die Weizensaat keimt.   Die Boten der Liebe. (Böhmisch.) Wie viel schon der Boten Flogen die Pfade Vom Walde herunter, Boten der Treu'; Trugen mir Briefchen Dort aus der Ferne, Trugen mir Briefchen Vom Liebsten herbei! Wie viel schon der Lüfte Wehten vom Morgen, Wehten bis Abends So schnell ohne Ruh'; Trugen mir Küßchen Vom kühligen Wasser, Trugen mir Küßchen Vom Liebsten herzu! Wie wiegten die Halme Auf grünenden Bergen, Wie wiegten die Aehren Auf Feldern sich leis; »Mein goldenes Liebchen,« Lispelten alle, »Mein goldenes Liebchen, Ich lieb' Dich so heiß!«   Leichtsinn. (Böhmisch. Melodie 11.) Aehren, Aehren, Aehrelein, Ei, wer wird euch mähen? Mein Geliebter weilet fern, Mag nicht zu mir gehen. Aehren, Aehren, Aehrelein, Ei, wer wird euch binden? Mein Geliebter weilet fern. Will ihn schon noch finden. Mutter, Mutter, Mütterchen, Bin von losem Blute; Nimm den Besen, feg' mich rein Von dem Uebermuthe. Meine Goldpantöffelein, Bin schon schwer zum Hüpfen; Mutter, Mutter, Mütterchen, Möcht' in's Häubchen schlüpfen. Grüne, junger Eichenbaum, Frisch auf deinem Plätzchen – Grolle Du, nur Du mir nicht, O mein süßes Schätzchen! »Wahrlich nein, ich groll' Dir nicht, Doch, ich muß beklagen, Daß Du mit 'nem Andern gehst, Wie die Leute sagen.«   Grimmiger Fluch. (Böhmisch.) Ha! wüßt' ich, wer mit dem Liebsten Mich boshaft will entzwei'n, Fürwahr, fürwahr, ich streut' ihm, Salz in die Augen hinein! Ich streut' ihm Salz in die Augen, Und Sand ihm zwischen die Zähn'; Dann würd' ihm wohl am Ende Die Lust zum Lügen vergeh'n. Jetzt weiß ich's, o jetzt weiß ich's! Es ist ein altes Weib, Das möchte unsre Herzen Entzwei'n zum Zeitvertreib. O Herrgott Du, so schicke Auf das Weib Dein Wetter daher, Und beregne es neun Tage Mit Steinen, zentnerschwer! Neun Tage mit schweren Steinen, Am zehnten mit Dornen fein, Daß es nie wieder versuche, Zwei Liebende zu entzwei'n!   Keinen Alten! (Mährisch.) Hab' ich auch nur bleiche Wangen, Nur ein blasses Angesicht, Gibt mich meine liebe Mutter Doch dem ersten Besten nicht. Gibt mich keinem alten Manne, Keinem Graubart sicherlich: Säß' ich neben ihm am Tische, Welcher Kummer wär's für mich! Alter Ehmann ist nicht besser Als ein Kittel, welcher alt: Wickle Dich hinein, wie immer, Ist Dir doch erbärmlich kalt.   Altes und junges Weib. (Böhmisch.) Sagten, daß ich schon gestorben, Und bin frisch am ganzen Leib – Ach, sie boten zum Erwärmen Mir ein altes, altes Weib! Einem Frosche gleicht die Alte, Ist bei Tag und Nacht eiskalt; Bei der Jungen, da erwärmt man, Wie in Federn, sich gar bald. Gebt der Alten einen Rechen, Daß sie grabe krummgebückt! Gebt der Jungen einen Burschen, Den sie grad' zum Herzen drückt!   Das lebendige Bild. (Böhmisch. Melodie l2.) Wie der Herr Pfarrer brav Predigen kann! Bilder verschenket er An Jedermann. Will auf die Predigt auch Hin zu ihm geh'n, Und um ein solches Bild Bitten ihn schön. Ei, der Herr Pfarrer ist Gütig fürwahr, Gab mir ein Bild, das hat Leben sogar. Aber was mit dem Bild Anfangen nun? Weiß in der That nun nicht, Wo's hinzuthun. Steck's in den Rahmen ich, Hat es nicht Raum; Sperr' ich es in die Truh', Athmet's wohl kaum. Setz' es dort auf den Stuhl, Mich ihm zur Seit'; Gibt es ein Mäulchen mir, Thu' ich Bescheid!   Der Mücke Hochzeit. (Slowakisch.) Die Mücke setzt sich zur Fliege hin, Und möcht' sie gerne frei'n. Die Bremse zieht die Stiefel an, Möcht' gern Brautführer sein. Die Fliege ruft den Spatzen schnell Als Brautübergeber herbei, Und fraget ihn um seinen Rath, Ob der Schritt zu wagen sei. Der Spatz, der spricht ihr wacker zu, Daß sie mit dem Freier zieh', Sonst könnten die Leute sagen vielleicht, Es blähe Hoffart sie. Die Wespe Kranzeljungfer war, Die Laus Brautmütterlein, Und die Wanze war die Köchin beim Fest, Der Floh, der hüpft' im Reih'n. Biene sang, die Horniß dudelte, Die Grille geigte genug. Der Käfer die Trompete blies, Die Spinne die Trommel schlug. So zogen sie zur Hochzeit aus, Eine reichgeschmückte Schaar; Es tanzten dreißig Paare dort, Wenn nicht vierzig Paare gar. Die Bremse als Brautführer war Stets überall voran, Und pfiff und sprang und jubelte, So viel als Einer kann. Und endlich zogen nach Hause sie, Und setzten sich zum Schmaus, Und theilten, wie es Sitt' und Brauch, Geschenke in Menge aus.   Der Mücke Tod. (Slowakisch.) Als die Mücke Hochzeit hielt. Trank man einen Eimer Wein; Flog die Nachtigall herzu, Schenkte noch den Gästen ein. Und die Gäste, toll und voll, Uebten an der Mücke Mord. In der Kammer liegt sie dort, Fliege weinet fort und fort. »Fliege, hemm' der Thränen Lauf, Mücke wacht wohl wieder auf!« »»Damit hat's wohl seine Noth, Ach, sie ist ja wirklich todt!«« Und das Fett verkauften sie Für einhundert Gulden dann, Ihr Geripp' als Ellenmaß! So geschah es, glaubt mir das!   Des Wiedehopfs Hochzeit. (Böhmisch.) Ich weiß von einem Vogel, Wiedhopf wird er genannt; Wollt' knüpfen mit der schönen Nußkräh' der Ehe Band. Da wurden zur Hochzeit Gäste Geladen in reichster Zahl, Sowohl die großen Vögel, Als die kleinen allzumal. Die frohe, muntre Lerche, Die lud der Gäste Schaar; Brautführer bei der Hochzeit Der Goldkopf Aemmerling war. Die Wachtel war Kranzeljungfer, Und wand den grünen Kranz; So zog dann zur Vermählung Die Braut in vollem Glanz. Die Saatkräh' sprach den Segen, Der Habicht Zeuge war; Daß sie Feindschaft im Herzen trügen, Das läugnet' er ganz und gar. Der Rabe war Koch, und schmorte Und buk und sott und briet, Daß er voll Rußes wurde, Dies bezeuget' sein Habit. Und als die Tafel zu Ende, Musicirte die Nachtigall. Und alle Gäste tanzten Unter lautem Jubelschall. Tanzten, bis Bräutchen meinte, Daß es sanft ruhen möcht', Worauf die gesprächige Elster Die Betten machte zurecht. So geschah's, und geschieht noch immer, Das ist nicht etwa erdacht: Kommt Wiedhopf zu der Nußkräh', Wird alsbald Hochzeit gemacht.   Scenen aus des Wolfes Hochzeit. (Böhmisch.) Wollte sich der Wolf vermählen, Hatte zur Gemahlin jüngst Jungfrau Ziege sich erbeten, Die verwaist war; denn ihr Vater Und auch ihre liebe Mutter Waren beide schon gestorben. Und so viel's Vierfüßler gab Auf der Erde weiten Fluren, Lud er alle zu dem Fest. Der Brautführer war der Kater, Zeigte sich der Maus gefällig Mit dem Hasen, holdem Jüngling. Esel war beim Fest der Bäcker, Und der Iltis war der Koch Mit dem hochgebornen Eber. Kranzeljungfern waren da Zwei der allerholdsten Wesen, Fräulein Fuchs und Fräulein Hirschkuh; Diese leisteten der Braut, Der so reizend schönen Ziege, Alle Dienste, wie sich's ziemt. Als die Tafel nun geendet, Schritt zum Tanze jeder Gast, Der daran Gefallen fand. Junker Hase producirte Alsbald seine muntern Sprünge, Und ihm warf die Tänzerin, Eine der zwei Kranzeljungfern, Fräulein Fuchs, die's auf den Junker Abgeseh'n, ihr Schnupftuch zu; Ja, als er sich hurtig drehte, Und dabei zart auf sie eindrang, Reichte sie ihm einen Kranz. Neiderfüllt ward da der Windhund, Daß ihm solche Gunst geworden, Und er forderte voll Grimm Ihn zum Zweikampf mit dem Degen Oder auf Pistolen auch. Hase blieb nicht Antwort schuldig, Nannt' ihn einen Schuft, und schwor, Daß er sich ihm stellen werde, Daß er, als ein Mann von Ehre, Gegen ihn sich wehren wolle; Mit all seiner Heldenkraft. Doch der Löwe, friedenliebend, Abhold solchen Balgereien, Ließ sogleich sein Wort erschallen, Und gebot mit Ernst, sie sollten, Sich bezähmend, ruhig sein, Bei fünfhundert Gulden Strafe. Siehe, und der Junker Igel, Glattgekämmt, von schlankem Wuchse, Gar entzückend anzuschauen, Warb dort heiß um Fräulein Marder, Bat, indem er es umarmte, Um des edlen Fräuleins Huld. Und es trank der Kuh Herr Hirsch Aus gefülltem Humpen zu, Und indem mit allem Anstand Er den Hut abnahm vor ihr, Fleht' er sie mit seinen Worten: »Kommt, erhebet Euch zum Tanz!« Höchsterfreut war da die Kuh, Schritt sogleich mit ihm zum Tanze, Und zur Stute sprach sie also: »O, wie bin ich innigst froh, 's juckt vor Wonne mich der Rücken, Daß Herr Hirsch nach mir begehrt!« »Wahrlich«, sprach zu ihr die Stute, »Du hast ein verteufelt Glück Mit Verehrern und Galanen. Sitze schon vom frühen Morgen Mit verdrießlichem Gesichte, Niemand nimmt zum Tanze mich. Hattest erst zuvor den Büffel, Hattest ihn vom frühen Morgen, Und jetzt kommt der Hirsch schon wieder. Ach, wie froh, wie selig wär' ich, Käm' auch Jemand her um mich!« Das Kameel vernahm die Rede, Hörte, was die Stute sagte, Dachte: »'s ist ja eine Frau, Die recht ehrbar, will's versuchen!« Und es nahm die Stut' und drehte Zierlich sich mit ihr im Kreis. Doch es zog der Hamster jetzo Seine Stiefel in die Höhe, Zog auch um drei ganze Ellen Seine Hosen mehr empor, Und stand auf, und trat zu Fräulein Eichhorn, zu der Holden, hin, Sprach: »Ich fühle Ueberdruß, Länger müßig dazusitzen, Schönste, komm mit mir zum Tanz!« Doch die Spitzmaus, die glaubwürd'ge, Rief aus ihrem Loch hervor: »Tanze ja mit Hamster nicht!« Sprach der Hamster zu der Spitzmaus: »Ueberlaß mir Deine Holde Nur auf eine kurze Weile, Will ihr keinen Schaden thun, Das versprech' ich und verbürg' ich! Weigerst Du's, soll meine Faust Eines Bessern Dich belehren!« Ohne Zögern stand die Spitzmaus Kampfentschlossen auf dem Platz: Hab' er Muth, so mög' er's wagen! Und der Hamster, der behend war, Säumte nicht und faßte sie, Packte sie bei ihren Haaren, Zauste sie mit einer Hand, Mit der andern schlug er sie Ganz entsetzlich über's Maul, Schlug sie, der leichtsinn'ge Hamster, Bis der Spitzmaus zartes Antlitz Bläulich von den Schlägen schwoll. Es beklagte sie die Otter, Jeder, der die Spitzmaus sah, Fühlte Mitleid und Erbarmen. Da verzog der Dachs nicht länger, Schickte das achtbare Frettchen, Daß es zum Gerichtsherrn eile, Ihn in seinem Namen grüße, Einen guten Tag ihm wünsche, Und, weil ihm in solchen Dingen Alle Macht gegeben sei, Ihn ersuche, ohne Aufschub Zu erscheinen bei dem Feste, Wo man ungebührlich raufe. Das achtbare Frettchen lief Und traf grade unterweges Den Gerichtsherrn, ihn, den Widder, Der bedächtig schritt einher. Schon als es von fern ihn schaute, Zog es gleich die Kappe, machte Seine schuldige Verbeugung, Und erstattete Bericht. Als der Widder bei dem Feste Nun erschien, erhoben sich Der Maulesel, der glorreiche, Und der Rehbock schnell, begrüßten Ihn nach Pflicht, und reichten ihm Einen vollen Krug mit Warmbier. Und er ließ am Tisch sich nieder, Und in einer Weile wurden Hamster dann und Spitzmaus, Beide, Vorgeführet und verhört. Da entschied zuletzt der Widder, Daß der Hamster, als der Schuld'ge, Zahlen solle fünf Faß Bier. Und so war der Streit geschlichtet; Alle wurden wieder fröhlich, Und die Instrumente klangen. Bär spielt' auf der Violine, Elephant, der schlug die Zither, Die Baßgeige strich der Zobel, Und das gab so süße Töne, Daß sich Alle hoch erfreuten An der herrlichen Musik. Wiesel sprang mit dem Kaninchen, Affe hüpfte mit dem Esel Lustig, daß der Staub nur flog. Doch indessen wurde langsam Ihre Speisekammer leer; Dichtes Wasser blieb im Fasse, Hefe wurde weggegossen, Und das Fest, es ging zu Ende. Mahnend zog der Stier die Glocke, Da verloren Alle sich.   Gescheidter Liebesgrund. (Böhmisch. Melodie 13) Ach, weiß nicht in der That, Was Dich so an mich zieht, Ach, weiß nicht in der That, Was Du mich liebst! Hab' ja kein Heirathsgut, Bin auch nicht gar so schön; Ach, weiß nicht in der That Was Du mich liebst! »Dein blaues Augenpaar, Das ist's, was mir gefällt, Dein blaues Augenpaar, Was mich beglückt, Dein blaues Augenpaar, Und Deine Hand fürwahr, Weil sie zur Arbeit so Flink und geschickt.«   Auftrag. (Mährisch.) Weiße, weiße Gänse, Die ihr hochhin stieget, Die ihr weithin sehet! Drehet euch, ihr Gänse, Ob dem Hof des Treuen, Kündet meinem Treuen, Daß er kommen möge, Will schon, will schon freien! Mögen um mich kommen Schnell mit vierzig Rossen Und mit fünfzig Wagen! Die Räder von Pfefferkuchen, Die Wagenkörbe von Zucker, Die Rosse in blankem Golde, Im Scharlachkleide der Holde, Die Peitsche mit Gold durchflochten – Es hat sie mein Liebster geflochten!   Die Heimkehr. (Mährisch.) Der Jüngling in den Krieg muß fort, Zur Liebsten spricht dies Abschiedswort: »Nach sieben Jahren bin wieder ich hier. Bring' Deinen Ring zurücke Dir.« Schon rann das siebente Jahr dahin, Sie harrte noch immer treu auf ihn. Und als es sollte zu Ende geh'n, Schritt sie hinaus, um Gras zu mäh'n. Es begegnete ihr im weiten Feld Ein junger Soldat, ein schmucker Held. »Hast Du nicht Lust, o Holde mein, Gleichwie die übrigen Mädchen zu frei'n?« »»Ich will nicht frei'n, will ledig sein, Will harren treu des Liebsten mein.«« »Dein Liebster längst ein Weibchen hat, Ich war bei der Hochzeit in der That.« »Nun, meine holde Rose, sprich, Was Du ihm wünschest inniglich?« »»Wünsch' so viel Glück ihm in der Welt, Als Halme wachsen auf dem Feld.«« »»Wünsch' so viel Heil ihm und Gedeih'n, Als Blätter rauschen in dem Hain.«« »Ei, meine holde Taube, sprich, Was Du weiter ihm wünschest inniglich?« »»Wünsch' Küsse ihm so viel an der Zahl, Als Sterne glänzen am Himmelssaal.«« »»Wünsch' so viel Tag' ihm voll Seligkeit, Als Kirchen stehen weit und breit.«« »»Und so viel Kinder frisch und gesund, Als Blüthen keimen im Frühling bunt.«« Da lacht der Soldat, den Ring ihr weis't, Der wie die goldene Sonne gleißt. »Das ist ja der Ring, derselbe Ring, Den einst der Liebste von mir empfing!« Und es war der Liebste, sie froh umfing, Und schnell mit ihr zum Priester ging. Und dort in der Kirche im grünen Wald, Dort wurden ein glücklich Paar sie bald.   Die Mutter und ihr Sohn. (Böhmisch.) Es ging, es ging die Mutter Dahin auf grüner Wies'; Sie trug in ihren Armen Ein Söhnlein, hold und süß. »O Söhnlein, liebes Söhnlein, Was ist Dein künftig Loos? Ertränk' ich Dich im Wasser, Zieh' ich Dich lieber groß?« »»O Mutter, liebe Mutter, Ertränk' mich nimmermehr; Erziehe mich geduldig, Und gieb mich in das Heer!«« »»Ja, unser guter Kaiser, Gewiß, er lobt Dich dann, Daß Du ihm hast erzogen Solch einen Kriegesmann.«« Die Mutter, sie erbarmte Ob ihrem Söhnlein sich, Sie warf es nicht in's Wasser, Erzog es mütterlich.   Wiegenlied. (Böhmisch. Melodie 14.) Schlaf', mein Kind, in Ruh', Schließ' die Aeuglein zu! Gott wird Dir zur Seite liegen, Engel werden sanft Dich wiegen: Schlaf', mein Sohn, in Ruh'! Schlaf', mein Kind, in Ruh', Schließ' die Aeuglein zu! Wachst Du auf in einer Weile, Wird Dir süßer Brei zu Theile: Schlaf', mein Herz in Ruh'! Schlaf, mein Kind, in Ruh'! Schließ' die Aeuglein zu! Will Dir Trommel, Geige geben, Aber Keinem Dich , mein Leben: Schlaft, schlaf' in Ruh'! Ernstere, weh- und schwermüthige Lieder, Balladen, Romanzen.   Verlorene Jugend. (Slowakisch.) Brausten alle Berge, Sauste rings der Wald – Meine jungen Tage, Wo sind sie so bald? Jugend, theure Jugend, Flohest mir dahin; O Du holde Jugend, Achtlos war mein Sinn! Ich verlor Dich leider, Wie wenn einen Stein Jemand von sich schleudert In die Fluth hinein. Wendet sich der Stein auch Um in tiefer Fluth, Weiß ich, daß die Jugend Doch kein Gleiches thut.   Das geflügelte Herz. (Böhmisch. Melodie 15.) Dritthalb Jahre sind's nun, Daß ich Dich, o Holde, Kennen gelernt; Doch Dich zu verstehen, Davon, Holde, bin ich Weit noch entfernt. Hast wohl der Liebe Gluth In mir entfacht, Selber doch an Liebe, Du mein holdes Kindchen, Niemals gedacht. Denkst Du noch, o Holde, Jenes Maienabends, Denkst Du noch sein? Wie die Nachtigall da Gar so süß, o Holde, Sang dort im Hain? Hell, als wär's Tageszeit, Mond uns beschien, Und wir, goldnes Kindchen, Schauten, wo sich's Vöglein Setze dahin. Hin auf eine Tanne Setzte da, o Holde, S'Vögelein sich, Und ich, Holde, gab Dir Einen Kuß, den ersten, Herzinniglich. O welche Seligkeit, O welche Lust, Die mir jetzt noch immer, Du mein goldnes Kindchen, Füllet die Brust! Wenn Du nur, o Holde, Aufrichtig und offen Wär'st gegen mich: Wär' auf dieser Erde Niemand, Holde, Niemand Sel'ger, als ich! Doch Deinem Herzen sind Flügel verlieh'n, Und so, goldnes Kindchen, Flattert's auf den Blumen Fort her und hin.   Die Rose. (Slowakisch.) Blühet eine Rose, Die gar hold zu pflücken, Kommt auch wohl ein Jüngling, Und er wird sie pflücken. Bin noch eine Rose, Da kein Mann mich freiet; Es verwelkt die Rose, Bis ein Mann mich freiet. Bin noch eine Blüthe. Hab' noch keine Kindlein; Es verwelkt die Blüthe, Hab' ich einmal Kindlein.   Die Ertrunkene. (Böhmisch.) Es tönt, es tönt zum Kriege, Wer geht und rüstet sich? Das Mädchen, dem ein Liebster Herzinnig ist ergeben, Wird weinen bitterlich. Auch ich hab' einen Liebsten, Der heiße Treu' mir schwor. Wenn nur der Herr, mein Kaiser, Ein Rößlein mir verliehe, Gleich schwäng' ich mich empor! »Was möchtest Du, mein Liebchen, Was möchtest Du dort thun?« Ich möchte Hemden waschen, Damit Du schneeweiß gingest, Das möcht' ich dorten thun. »Wo tauchtest Du, mein Liebchen, Wo tauchtest Du sie ein?« Im Donaustrom ein Felsen, Auf ihn möcht' ich mich stellen, Dort tauchte ich sie ein. Sie stand am Donaustrome, Und wollte guten Rath, Frug ihn, ob seine Tiefe Sich mit der Breite messe, Sie stiege gern ins Bad. Sie sprang hinab in's Wasser, Die Donau schlang sie ein; Da war es ach! auf immer, Da war es ach! auf immer Gescheh'n um's Mägdelein. Und ihre weißen Füße Geh'n auf dem tiefen Sand; Die weißen Hände halten, Die weißen Hände halten Sich fest am Uferrand. Ihr schwarzes Haargeflechte Treibt in der Fluthen Lauf, Und ihre blauen Augen, Und ihre blauen Augen, Ach! schau'n zum Himmel auf.   Die Waise. (Böhmisch. Melodie 16.) Ein Kind, noch klein und zart. Zur armen Waise ward. Als es nun klug genug, Es nach der Mutter frug. »Ach Vater, Vater mein, Wo ist mein Mütterlein?« »»Dein Mütterlein schläft fest, Sich nimmer wecken läßt.«« »»Liegt aus dem Kirchhof dort, Unweit von seiner Pfort'.«« Als dies vernahm das Kind, Zum Kirchhof lief's geschwind. Gräbt mit der Nadel fein, Scharrt mit den Fingern sein. Es scharrt und scharret lang', Dann weinet es so bang: »O Mutter, höre mich, Ein einzig Wort nur sprich!« »»Das Sprechen fällt mir schwer. Mich drückt die Erde sehr.«« »»Geh' heim, mein Kind, hast ja 'Ne andre Mutter da.«« »Ach die ist nicht so gut, Mir nichts, als Leides, thut.« »Giebt sie mir eine Krum', Kehrt sie sie dreimal um.« »Gabst Du mir Brot, gabst Du Mir Butter auch dazu.« »Und kämmt sie mir das Haar, Blutet mein Haupt fürwahr.« »Als Du mich kämmtest lind, Umarmtest Du Dein Kind.« »Wäscht sie die Füße mir, Zerbläut sie beide schier.« »Als Du sie wuschest lind, Da küßtest Du Dein Kind.« »Und wäscht mein Hemd sie, dann Fängt gleich das Fluchen an.« »Als Du es wuschest, Du Sangst freundlich stets dazu.« »»Geh' heim, mein Kind, geh', geh' Und Gott empfiehl Dein Weh!«« »»Ich komme bald zu Dir, Und nehme Dich zu mir.«« Das Kind nach Hause ging, Sein Haupt schwer niederhing. »Ach liebster Vater Du, Verkauf die letzte Kuh, Kauf eine Todtentruh'.« »Halt Geld für das Geläut', Den Grabgesang bereit!« »Den Priestern, Gott zu Lieb', Den Todtengräbern gieb!« »»Ei Kind, was thust Du denn, Als wär's um Dich gescheh'n?«« »Ach Vater, Vater mein, Seh' schon mein Mütterlein!« »Die Mutter kommt um mich. Und nimmt, nimmt mich zu sich!« »»Ei Kind, was sprichst Du da? Die Mutter ist nicht nah'.«« »»Die Mutter fault im Grab, Ward längst gesenkt hinab.«« »»Ich sehe Niemand hier – Mein Kind, es träumet Dir!«« »Ach Vater, mir wird schwer, Reich' mir das Kissen her!« »Mein Haupt, das brennt, das brennt! Es geht mit mir zu End'.« »Die Seele Gott verbleib', Dem Grab gehört mein Leib!« »Ins Grab – zum Mütterlein, Das Herz ihr zu erfreu'n!« Krank war es einen Tag, Es starb am zweiten Tag, Im Grab am dritten lag.   Der verlorene Schäfer. (Böhmisch.) Es werdet im grünen Haine Der Hirt die Lämmer sein, Er weidet sie auf dem Hügel Im grünen Birkenhain. Da unterm Eichbaum stellen Zwei Mädchen sich plötzlich dar; Der Hirt giebt guten Abend, Sie lächeln wunderbar. Das eine, wie eine Taube, War ganz am Leibe weiß; Das zweite, wie eine Schwalbe, Beginnt so sanft und leis: »Komm Hirt mit uns, und schlafe Dort bis zum weißen Tag! O laß, laß Deine Lämmer, Es weide sie, wer da mag!« Sie nahmen ihn bei den Armen, Er ging zu den Bergeshöh'n – Die Lämmer sammt seiner Hütte Hat er nie wieder geseh'n.   Reiters Schwanenlied. (Böhmisch.) Ihr wunderschönen Sternchen, Wie seid ihr gar so klein, Doch leuchtetet ihr ehmals Mir hell mit eurem Schein! Und eins und eins vor allen, Der Morgenstern es war, Der leuchtete mir immer Zur Liebsten hin so klar. Du Mond dort in den Wolken, Wie schwebst Du gar so hoch: Wie ist mein trautes Liebchen Von mir so ferne doch! Wohl haben mir die Meinen Zu Hause oft gedroht, Wenn vor den Feind ich käme, So schlüg' er bald mich todt. Ich bin ins Feld gezogen, Hinaus in's blut'ge Feld – Noch ein Mal will ich denken Der Liebsten auf der Welt. Die Welt ist groß hienieden, Die Eltern sind so weit, Eh' sie von mir was wissen, Bin ich der Würmer Beut'. Schon grub ein tiefes Grab man Dort in dem grünen Hain. So grüßet mir noch einmal Die Allerliebste mein! So hab' Dich wohl, mein Schätzchen, Mein Lieb, ich grüße Dich! O härm' Dich nicht und klag' nicht, Ein fromm Gebetlein sprich!   Abschied. (Böhmisch. Melodie 17.) Ach mich hält der Gram gefangen, Meinem Herzen ist so weh, Denn ich soll von hinnen ziehen Ueber jenes Berges Höh'. Was einst mein war, ist verloren, Alle, alle Hoffnung flieht; Ja ich fürchte, daß, o Mädchen, Dich mein Aug' nicht wieder sieht. Dunkel wird mein Weg sich dehnen. Wenn ich scheiden muß von hier: Steh' ich dann auf jenem Berge, Seufz' ich ein Mal noch nach Dir.   Der Königinhofer Garten. (Böhmisch.) Dort in Kön'ginhof im Garten Dort in Kön'ginhof im Garten . Königinhof, Stadt. vier Meilen nördlich von der Festung Königgrätz. Hier wurde im J. 1818 von dem Bibliothekar des Museums des Königreiches Böhmen W. Hanka in einer Kammer an der Kirche unter verworfenen Papieren und alten Pfeilen die berühmte böhmische Königinhofer Handschrift aufgefunden, die ich dem deutschen Publicum bald in einer neuen Uebertragung zu bieten gedenke. Blüht ein schönes Röselein; Sprengte durch zwei volle Nächte Thau das schöne Röslein ein. Dort in Kön'ginhof im Garten Bei dem schönen Röselein Weinte durch zwei volle Nächte Thränen hin die Liebste mein. Dort in Kön'ginhof im Garten Seufzten wir den Abschiedsgruß, Bei dem schönen Röslein gaben Wir uns ach! den letzten Kuß.   Das Scheiden. (Slowakisch.) Ach das Scheiden, ach das Scheiden, Welch ein schweres Herzeleid, Wenn sich zwei in Liebe trennen, Junger Bursch und junge Maid! Als wir von einander schieden Zwangen wir die Thränen nicht, Wischten uns mit weißem Tuche Beide weinend das Gesicht. Stirbst Du mir, wie kann ich leben? Sterben beide wir in Treu', Lassen in ein Grab zusammen Uns versenken alle zwei. Lassen uns auf eine Tafel Beide schreiben hintenhin: Die zwei Todten hier im Grabe Waren nur ein Herz und Sinn.   Die Verlassene. (Böhmisch. Melodie 18.) Neulich schwamm ein flinkes Gänschen Auf dem klaren Teich dahin, Als ich von dem Heißgeliebten Abschied nahm mit trübem Sinn. Hinter jene schwarzen Berge, Hinter Böhmens Grenze dort, Führten sie mir treuen Mädchen Meinen theuren Jüngling fort. Wär' ich doch das flinke Gänschen, Schwämm' ich nicht im Teich dahin: Hinter meinem Schatz bergüber Flög' ich schnell mit frohem Sinn!   Die Verlassene. Anmerkung: Die Verlassene (Slowakisch). Das Gedicht, wahrscheinlich sehr alt, erinnert an folgendes in der Königinhofer Handschrift: Ach ihr Wälder, dunkle Wälder, Miletiner Miletin liegt zwischen den, durch seine Naturschönheiten und Wallenstein'schen Erinnerungen merkwürdigen Jièin und der Festung Königgrätz. Im 13 Jahrhundert hatten dort die deutschen Ritter von Komotan eine Comthurei; doch ging diese im Hussitenkriege ein. Wälder, Warum grünt ihr immer wieder Winters, wie im Sommer? Gerne möcht' ich wohl nicht weinen, Nicht das Herz mir quälen; Aber sagt, ihr guten Leute, Wer sollt' hier nicht weinen? Wo mein Vater, lieber Vater? Ach ins Grab vergraben! Wo die Mutter, gute Mutter? Ach grasüberwachsen! Hab' nicht Bruder, hab' nicht Schwester, Und mein Trauter – ferne! (Slowakisch.) So grün der Berg, so steinig der Pfad, Mit wem erfreu' ich mich? Ich freu'te mich mit dem Vater gern. Doch hab' ja keinen ich. Der Vater war eine grüne Eich' Und stand am Meere, weh'! Es schwoll das Meer und nahm mir ihn – Du mein Gott in der Höh'! So grün der Berg, so steinig der Pfad, Mit wem erfreu' ich mich? Ich freu'te mich mit der Mutter gern, Doch hab' ja keine ich. Die Mutter ein Himmelsgarten war Und stand am Meere, weh'! Es schwoll das Meer und nahm mir sie – Du mein Gott in der Höh'! So grün der Berg, so steinig der Pfad, Mit wem erfreu' ich mich? Ich freu'te mich mit dem Bruder gern, Doch hab' ja keinen ich. Der Bruder ein grüner Ahorn war, Und stand am Meere, weh'! Es schwoll das Meer und nahm mir ihn – Du mein Gott in der Höh'! So grün der Berg, so steinig der Pfad, Mit wem erfreu' ich mich? Ich freu'te mich mit der Schwester gern, Doch hab' ja keine ich. Die Schwester war eine grüne Birk' Und stand am Meere, weh'! Es schwoll das Meer und nahm mir sie – Du mein Gott in der Höh'! So grün der Berg, so steinig der Pfad, Mit wem erfreu' ich mich? Ich freu'te mich mit dem Liebsten gern, Doch hab' ja keinen ich. Der Liebste zögerte zu lang' Und stand am Meere, weh'! Es schwoll das Meer und nahm mir ihn – Du mein Gott in der Höh'!   Schlimmer Gruß aus der Ferne. (Böhmisch.) Als ich durchs Meer hinschiffte, da flog Eine Nachtigall über die Fluth; Sie ließ ein weißes Blatt herab, Herab auf meinen Hut. Ich nahm den Hut vom Haupte schnell, Ins weiße Blatt ich sah; Ach einen Gruß von meiner Maid Erblickt', erblickt' ich da. Seit jener Zeit bin ich verwaist, Dem Gärtner im Garten gleich, Pflegt er die Rose, und sie welkt In seinen Händen bleich. Wohl pflegt' einst eine Ros' auch ich – Gar tief in treuer Brust; Und doch verlor, verlor auch ich Meine Perle, meine Lust.   Die verbrecherische Schwester. (Böhmisch. Melodie 19.) Bei der herrschaftlichen Aue Heu't die Maid im Morgenthaue. Und vier Herr'n vorüberreiten: »Mädchen, willst uns nicht begleiten?« »»Zöge gern mit euch, ihr Herren, Doch mir wirds der Bruder wehren.«« »Kannst dem Bruder Gift bereiten, Und uns fröhlich dann begleiten.« »»Weiß nicht, wie ich das vollbringe, Lernte niemals solche Dinge.«« »Geh' dorthin zum grünen Haine, Findst der gift'gen Schlangen eine.« »Koch' sie ihm in Milch, und reiche Sie ihm dar: er wird zur Leiche.« Und sie ging zum grünen Haine, Fand der gift'gen Schlangen eine. Kochte sie in Milch geschwinde, Buk sie dann, vor Lieb' ach blinde! Und es fuhr der Bruder balde Holz daher aus schwarzem Walde. »Bruder, komm, wirst Hunger haben: Buk ein Fischlein, Dich zu laben.« »»Was ist mit dem Fisch geschehen? Ist nicht Schweif noch Kopf zu sehen.«« »Ei den Kopf hab' ich geschmauset, Katze hat den Schweif gemauset.« Und als er davon genommen, Thät es übel ihm bekommen. »Schwester, arg ist mein Befinden, Wolle mir das Haupt verbinden.« »»Stünde dar nach mein Verlangen, Gäb' ich nicht zu essen Schlangen.«« »Schwester, frischen Wein mir bringe. Daß ich mir das Herz verjünge!« Doch sie bracht' ihm Wasser trübes: »»Trink, mein Brüderlein, mein liebes!«« »Schwester, mir das Kissen reiche, Daß mein Haupt ich leg' aufs weiche!« Doch 'nen harten Stein sie brachte: »»Ei so stirb denn hin, verschmachte!«« Und kaum daß die Erd' ihn hüllet, Schreibt sie, ganz von Lieb' erfüllet: »Komm, mein Liebster, ohne Weile! Bruder starb zu unsrem Heile.« »»Ei konnt'st ihn um's Leben bringen, Könnt's Dir auch an mir gelingen.«« »Ach mein Gott, was wird jetzt werden! Hab' nicht Bruder. Mann auf Erden.« »Hab' dem Bruder Gift gegeben, Und muß nun verstoßen leben!«   Eifersucht noch im Tode. (Mährisch.) Was ist Weißes zu gewahren Auf den Bergen, in den Thalen? Sind es weißer Gänse Schaaren, Oder ist dort Schnee gefallen? Wären'« weißer Gänse Schaaren, Wären längst schon fortgeflogen; War' es Schnee, die warme Sonne Hätt' ihn langst schon aufgesogen. Ist ein Lager, auf dem Lager Ruht ein Jüngling hingestrecket. Und das Haupt des schönen Jünglings Ist mit Wunden ganz bedecket. Auf der einen Seite, glänzend, Sein geschliffner Säbel lieget; Auf der andern Seite, trauernd, Sich an ihn sein Mädchen schmieget. Hält ein Tuch in ihrer Rechten, Dem Verwundeten zu dienen; Hält ein Reis in ihrer Linken, Dran noch frische Blätter grünen. Wischet mit dem weißen Tuche Ihm den Schweiß vom Angesichte; Mit dem grünen Reise scheuchet Sie der Fliegen frech Gezüchte. »Ach wie lange soll, wie lange Ich in bangen Zweifeln schweben! Sage, sag' mir, mein Geliebter, Hegst Du Hoffnung noch zu leben?« »»Wolle mir, o Heißgeliebte, Meinen blanken Säbel reichen. Daß ich seh' in seinem Spiegel, Wie die Wangen mir erbleichen.«« Und sie reichet ihm den Säbel, Doch springt seitwärts sie behende; Denn sie merkt, der Jüngling sinne Still im Herzen auf ihr Ende. »Ei wer hat Dir, Heißgeliebte, Diesen guten Rath ertheilet? O wie noch mein Aug' im Sterben Sehnsuchtsvoll auf Dir verweilet!« »»Meine alte Mutter hat mir So gerathen im Vertrauen. Sicher wolltest mit dem Säbel Du das Haupt vom Rumpf mir bauen!«« »Ja. das wollt' ich! Treffen sollte Dich mein Säbel gleich dem Blitze; Denn ich kann es nicht ertragen, Daß ein Andrer Dich besitze.«   Die fünf Freier. (Mährisch.) Beim Nachbar dort am Bache Rauft sich der Gänse Schaar, Geh' Sohn, nimm Deinen Säbel Und tödte schnell ein Paar! – Die Schöne sitzt am Tische, Gleich einer Ros' erblüht. Und rühmet sich, es hätten Sich Fünf um sie bemüht. Heiß liebte sie der Erste, Der Zweite sie ihm nahm; Es brach das Herz dem Dritten, Daß er sie nicht bekam. Der Vierte schwenkt sein Tüchlein Beim Tanz hoch über sich; Der Fünfte unterm Fenster Weint bitter, bitterlich.   Treue für Untreue. (Mährisch.) Es sitzt ein kleiner Vogel Auf hohem Eichenbaum, Und spähet, ob die Sonne Sich zeig' am Bergessaum. Wohl steigt die Sonn' in die Höhe, Doch die meine ging hinab. Seitdem sich einem Andern Mein Lieb zu eigen gab. O grabt ein Grab mir Leute, Knapp an dem Wege dort, Und bettet mich zu Ruhe An dem ersehnten Ort. Zu meinem Haupte pflanzet 'Nen rothen Blumenstrauß, Zu meinen Füßen höhlet Ein steinern Brünnlein aus. Ach geht sie dann vorüber, Vielleicht von den Blumen sie pflückt, Indeß der Glückliche schlürfend Sich aus dem Brunnen erquickt!   Zu späte Reue. (Slowakisch. Melodie 20.) O Vater im Himmel, Wie reut es mich zu spät, Daß wegen des Einen Die Andern ich verschmäht! Ich gab für den Pfau ach! Den edlen Falken hin! O wüßt' ich die Stätte, Wie gerne sucht' ich ihn! Er sitzt wohl im Hofe Des Nachbars fort und fort, Er sitzet am Schnürchen, Am seidnen Schnürchen dort. Das Schnürchen, das Schnürchen Ist gar so dünn und fein, Es schnitt sich ins Herz mir, Tief in das Herz hinein.   Der verwelkte Kranz. (Böhmisch.) Wer trat dem engen Pfade Wohl diese Spuren ein? Auf ihm, da ging ein Mädchen, Und weinte ganz allein. Auf ihm, da kam ein Jüngling, Voll Schmerz in tiefer Brust, Er haschte sich das Mädchen Und jauchzte laut vor Lust. »Geliebter, o Geliebter, Komm bald, recht bald zu mir! Aus frischen grünen Blättern Ein Kränzlein geb' ich Dir.« Der Jüngling kam nicht wieder, Das Kränzlein welkte matt, Der Jüngling kam nicht wieder, Verwelkt war jedes Blatt.   Lust und Schmerz. (Böhmisch. Melodie 21.) Auf der grünen Höh' ein Baum, Unten eine Matte – O wie ist mir, denk' ich sein, Den so lieb ich hatte! Denk ich sein, bei Tag, bei Nacht, Wann es mag geschehen: Gleich beginnt die ganze Welt Sich um mich zu drehen. Ach, wie schwer ist's, daß man stirbt, Sind gesund die Glieder; Doch weit schwerer, daß wer liebt, Was ihm ganz zuwider. Was ich möcht' umfassen, Das hat mich verlassen; Was ich möcht' verscheuchen, Will nicht von mir weichen!   Ruhe im Grabe. (Böhmisch.) Als ich dort ging durchs schwarze Gewäld, Da schnitten Mädchen im Haferfeld. Ich frug sie, ob nicht in ihrer Mitte Auch meine Getreue Hafer schnitte. »Ach nein, ach nein! sie ist nicht da, Vor einer Woche begrub man sie ja.« So zeigt den Weg mir, wo sie mein Liebchen Getragen zum kalten Erdenstübchen. »Man findet gar leicht den Weg dahin, Er ist durchflochten mit Rosmarin.« So zeigt die Kirche mir, wo mein Schätzchen Begraben liegt an stillem Plätzchen. Und zweimal ging ich den Kirchhof ab, Und nirgend sah ich ein neues Grab. Zum dritten Mal durchschreit' ich ihn eben, Da seh' ich ein neues Grab sich erheben. »Wer schreitet zu meinem Grab herzu Und stört die Todten in ihrer Ruh'?« »Wer wandelt ob mir, ich frage wieder, Und streifet den Thau vom Grase nieder?« Mein Liebchen, o Du liegst hier versenkt, Die ich so gern einst, so gern beschenkt? »Und nahm ich auch manche Deiner Gaben, So ist doch keine mit mir begraben.« »Geh' nur zu meiner Mutter ins Haus, Sie reicht Dir alle die Gaben heraus.« »Das Tuch, das werft in den Fluß hinein, So wird mir ums Haupt weit leichter sein.« »Den Ring, den werft in des Meeres Schlünde, Damit ich Ruh' im Grabe finde.«   Der Unvergeßliche. (Mährisch.) So duftete nie im Kranze Der Rosmarin, Wie er, der holde Fremdling, Da er vor mir erschien! Kalter Thau herab sich In jener Nacht ergoß, Da ich hinter dem Holden Meine Thür verschloß. Ach kalt wie Eis Kann ich nun nicht vergessen, Kann ich nun nicht vergessen Den grauen Täuber – Vergessen ihn auf keine Weis'! Ach schon vergaß ich manchen, Mir wards nicht schwer; Doch ihn, ach ihn vergessen Kann ich nimmermehr!   Der verlorene Jungfraunkranz. (Mährisch.) Hirten, Hirten habt ihr nirgend Wo gefunden meinen Kranz? Hab' den grünen Kranz verloren, Und so herrlich war sein Glanz! »Haben nirgend ihn gefunden, Doch wir sah'n, wir sahen ihn, Als ihn weitweg Vögel trugen Ueber das Gebirge hin.« Weh, so ist der Kranz verloren! Dünge ich auch zwanzig Paar Schneller Rosse, ihn zu holen, Brächten sie ihn nimmerdar. Weh, so ist der Kranz verloren! Spannt' ich hundert Wagen ein, Brächten sie ihn doch nicht wieder, Würd' er niemals wieder mein. »Ei so klag' nicht so, mein Schätzchen, Klag' nicht so und blicke hold! Will Dir für den Kranz, den grünen, Kaufen einen Kranz aus Gold.« Ach was ist der Kranz, der goldne, Gegen meinen grünen Kranz! Was ist alles Goldes Schimmer Gegen seinen frischen Glanz!   Klage um den Todten. (Böhmisch. Melodie 22.) Eingesunkne, alte Burgen Bauen leicht sich wieder her. Aber was mir eingesunken, Ach! das rettet Niemand mehr. Abgehau'ne, dichte Wälder Grünen wieder bald empor, Aber wer, mein Vielgeliebter, Ruft dich aus dem Grab hervor? Könntest du mir jemals wieder Neu zurückgegeben sein, Grüb' ich dich mit einer Nadel Gern aus hartem Felsgestein!   Die Verwünschte. (Slowakisch.) Um Wasser ging das Mädchen Dahin auf grüner Au, Ging zu dem hölzernen Brunnen, Und konnte kein Wasser drehen Vor lauter kühlem Thau. Voll Zornes rief die Mutter: »Du Tochter, Töchterlein. O würdest du zu Stein!« Da ward des Mädchens Eimer Zu Marmor auf der Stell', Das Mädchen aber grünte Empor als Ahorn schnell. Es kamen nun zwei Brüder, Spielleute waren sie: »Wir zogen weit, mein Bruder, Solch einen schönen Ahorn, Den fanden wir noch nie. Komm, schneiden wir eine Geige Uns jeder, ich und du, Zwei Fiedelbogen dazu!« Sie schnitten in den Ahorn, Es spritzte Blut heraus, Die Bursche, sie erschraken, Und stürzten hin vor Graus. Da sprach das Mädchen also: »Warum erschrecket ihr? Nein, schneidet eine Geige, Und jeder zwei Fiedelbogen Euch ohne Furcht aus mir! Dann geht und spielt recht traurig Vor meiner Mutter Thür, Singt ihr die Worte vor: Hier ist dein Töchterlein, Das du verwünscht zu Stein!« Die beiden Bursche gingen, Und traurig spielten sie sehr; Kaum hörte sie die Mutter, Lief sie zum Fenster daher: »O Bursche, liebe Bursche –, Vermehrt nicht meine Pein, Bin ja genug gepeinigt, Seit hin mein Töchterlein!«   Die gebrochene Bank. (Mährisch.) Die Bank, drauf ich so oft mit ihm Gekoset und gelacht, Sie ist gebrochen, und war doch fest Aus Eschenholz gemacht. Sie ist entzwei, sie ist entzwei, Wie unsre Liebe ach! Sie ist gebrochen, die holde Bank, Wie er die Treue brach. Und so, wie nimmer zusammenwächst, Ach nimmer, Stück mit Stück: So kehrt auch niemals, niemals wohl Der alten Liebe Glück!   Die Getäuschte. (Böhmisch.) Als sie dahin ging durch den Hain, Ach durch den Hain, Da traf sie ein Jäger so allein. Die Sonne schien, lau blies der Wind, Ach lau der Wind, Da blühte ihr Herz in Liebe lind. Da saß sie bei ihm bis zum Abendroth, Ach Abendroth, Der Jäger, der schoß 'ne Hirschin todt. Nicht lange, so mähte sie grünes Gras, Ach grünes Gras: »O daß ich beim schmucken Jäger saß!« Und als sie Kleider spülte am Bach, Ach dort am Bach, Da klagte sie bang dem Jäger nach: »Eh' ich den schmucken Jäger gesehn, Ach ihn geseh'n, Da war ich wie eine Rose schön.« »Doch meine Schönheit ist nun verblüht, Ach ist verblüht, Seit mich der Jäger so untreu flieht.« »Er geht mit einer andern Maid, Ach andern Maid!« Sie wiegt ein Kindlein, und weint voll Leid. Ihr Mädchen, o geht nicht durch den Hain, Ach durch den Hain, Leicht träf euch ein Jäger so allein.   Klage. (Böhmisch. Melodie 23.) Ach mir fehlt, nicht ist da, Was mich einst süß beglückt; Ach mir fehlt, nicht ist da, Was mich erfreut! Was mich einst süß beglückt Ist wie die Well' entrückt: Ach mir fehlt, nicht ist da, Was mich erfreut! Sagt, wie man ackern kann Ohne Pflug, ohne Roß! Sagt, wie man ackern kann, Wenn das Rad bricht? Ach wie solch Ackern ist, So ist die Liebe auch, So ist die Liebe auch, Küßt man sich nicht! Zwingen mir fort nur auf, Was mich mit Qual erfüllt; Zwingen mir fort nur auf, Was meine Pein: Geben den Witwer mir Der kein ganz Herze hat; Halb ists der ersten Frau, Halb nur wär's mein!   Die drei Töchter. (Mährisch.) Ein Vater hatte drei Töchterlein, Die waren alle reif zum Frei'n. Und als zum Altar die älteste schritt, Gab er dreihundert Thaler ihr mit. »Mein liebes Töchterlein, pfleg' mich fein, Werd' ich zu alt zur Arbeit sein.« »»Ja, liebster Vater, straf mich Gott, Pfleg' ich euch treu nicht bis zum Tod!«« Und als zum Altar die zweite schritt, Gab er zweihundert Thaler ihr mit. »»Mein liebes Töchterlein, pfleg' mich fein, Werd' ich zu alt zur Arbeit sein.« »»Ja liebster Vater, straf mich Gott, Pfleg' ich euch treu nicht bis zum Tod!«« Und als zum Altar die jüngste schritt, Gab er einhundert Thaler ihr mit. »Mein liebes Töchterlein, pfleg' mich fein, Werd' ich zu alt zur Arbeit sein.« »»Ja, liebster Vater, straf' mich Gott, Pfleg' ich euch treu nicht bis zum Tod!«« Noch waren nicht sieben Jahre um, Da ging der Vater gebückt und krumm. Er ging mit festvertrau'ndem Sinn Zu seiner ältesten Tochter hin. »Hier bin ich, daß du mich pflegest, Kind! Die Arbeit mir sauer zu werden beginnt.« Sie öffnete die Kammer im Haus, Und brachte einen Strick heraus. »Seid ihr zur Arbeit schon zu alt, So geht und erhängt euch dort im Wald!« Da griff er zum Stab, und schluchzte laut: »Was muß ich erleben, daß mir graut!« Er nahm den Stab, schlich fort von ihr, Klopft' an der zweiten Tochter Thür: »Nicht wahr, du wirst mich pflegen, Kind? Die Arbeit mir sauer zu werden beginnt.« Sie öffnete die Kammer im Haus, Bracht' einen Bettelsack heraus: »Seid ihr zur Arbeit schon zu alt, So erbettelt euch euren Unterhalt!« Da griff er zum Stab, und schluchzte laut: »Was muß ich erleben, daß mir graut!« Er nahm den Stab, schlich fort von ihr, Und klopfte voll Furcht an der Jüngsten Thür: »O pflege, pflege mich, mein Kind! Die Arbeit mir sauer zu werden beginnt.« Sie öffnete die Kammer im Haus, Und brachte einen Kuchen heraus: »Da setzt euch, Vater, eßt in Ruh', Und wieget meine Kinder dazu!« Da rief er schluchzend vor Leid und Freud': »Dich hielt ich am strengsten jederzeit, Und du, du fühlst Barmherzigkeit!« »»Ei, liebster Vater, Dank dafür! Euere Strenge, die frommte mir.««   Gold überwiegt die Liebe. (Böhmisch.) Sternchen mit dem trüben Schein, Könntest du doch weinen! Hättest du ein Herzelein, O du goldnes Sternchen mein, Möchtest Funken weinen! Weintest mit mir, weintest laut Nächte durch voll Leiden, Daß sie mich vom Liebsten traut Um das Gold der reichen Braut Mich vom Liebsten scheiden!   Der Besuch auf dem Kirchhof. (Böhmisch. Melodie 24.) Sagt mir, Mutter, wo ist eure Tochter? Komme auf Besuch von fern. Hab' sie nicht gesehen seit drei langen Jahren, Säh' sie wieder einmal gern. »Unsre Tochter ruhet auf dem Kirchhof, Dort ist ihre Lagerstatt. Laß von dem Gedanken, je sie heimzuführen, Die das Grab verschlungen hat!« Und es stockte, als sie dies gesprochen, Mir der Athem in der Brust: Sie für mich verloren, die ich mir erkoren, Meine Sehnsucht, meine Lust! »Mutter, Mutter, zeiget mir das Plätzchen, Wo sie ruht, zeigt es mir doch! Will zum Kirchhof eilen, will dort fleißig graben, Sah' sie gern nur ein mal noch!« Und als kaum den Kirchhof ich betreten, Sah ich dort ein Grab, das neu, Und zwei rothe Rosen gaben mir das Zeichen, Daß sie da begraben sei. »Hört, ich frage, frag' euch, rothe Rosen, Senkte man sie hier hinab?« Und die rothen Rosen neigten sich zum Zeichen, Daß hier der Geliebten Grab. »O erhebe dich, mein süßes Mädchen, Gieb nur einen Laut von dir!« »»Gerne, gerne thät' ichs, möchte mit dir sprechen, Doch das Herz erstarrte mir.«« »O ich armes, unglückselig Wesen, Das sein Kostbarstes verlor! Meine holde Rose ist verdorrt, verdorret, Blüht nicht mehr für mich empor.« »Weh euch, Aeltern, schlagt ihr euren Kindern Ihre Heizensbitte ab! Ihr verwehret ihnen, daß sie sich vermählen, Ach und stürzet sie ins Grab!«   Klage. (Slowakisch.) O Felsen, lieber Felsen, Was stürztest du nicht ein, Als ich mich trennen mußte Von dem Geliebten mein? Laß dämmern, Gott, laß dämmern, Daß bald der Abend wink', Und daß auch bald mein Leben In Dämmerung versink'! O Nachtigall, du traute, O sing' im grünen Hain, Erleichtere das Herz mir Und meines Herzens Pein! Mein Herz, das liegt erstarret Zu Stein, in meiner Brust; Es findet hier auf Erden An nichts, an nichts mehr Lust. Ich frei' wohl einen Andern, Und lieb' ich ihn auch nicht; Ich thue, was mein Vater Und meine Mutter spricht: Ich thue nach des Vaters Und nach der Mutter Wort; Doch heiße Thränen weinet Mein Herz in einem fort.   Die Türkenbraut. (Mährisch.) Saß ein Mann dort im Gefängniß Siebzig lange, schwere Wochen, Saß so lange dort gefangen Bis ihm grau die Haare wurden. Und er sprach zu sich im Stillen: »Wollte Jemand mich befreien, Würd' ich ihm die Tochter geben, Würd' ihm geben meine Tochter, Meinen halben Hof dazu!« Und es hört' ihn Niemand sprechen, Hört' ihn Niemand, als ein Knabe, Der die Pferde wartete. Und der Knabe säumte nicht, Sagte dieses zu den Türken: »Hört doch, meine lieben Herren, Was da der Gefangne spricht: Wollte Jemand mich befreien, Würd' ihm geben meine Tochter Meinen halben Hof dazu!« Und nicht säumten da die Türken, Gaben den Gefangnen frei. Der Gefangne kam nach Hause Setzte sich am Tische nieder, Ließ das Haupt herunter hangen. »Ei mein Väterchen, was ist euch? Schmerzt der Kopf euch, oder seid ihr Gar des Lebens überdrüssig?« »»Nicht schmerzt mich mein Kopf, noch bin ich Meines Lebens überdrüssig: Ich versprach, dem Türken dich, Ihm, dem Heiden, dich zu geben.«« »Vater, eh' mit dem ich zöge, Lieber wollt ich sterben, Vater!« Und sie lief hinauf, und hörte Schon die nahende Musik. »Ach mein Vater, lieber Vater, Sagt, um wen die Türken kommen? Hört sie schießen, hört sie trommeln!« » »Frage nicht! Die Türken kommen Dich zu holen, meine Tochter!«« Und die Türken kamen wirklich, Kamen in gar schönem Zuge; Hatten Pferde ganz in Scharlach, Hatten Knaben ganz in Golde, Brachten für die Braut, die süße, Diamanten zum Geschenk. Und die Braut bestieg den Wagen, Nahm von ihrem Vater Abschied: »Gott mit euch, mein lieber Vater, Nimmer kehr' zu euch ich wieder, Nie in meinem Leben mehr!« Fünfzehn lange Meilen fuhr sie, Ohne nur ein Wort zu sprechen; Dreißig lange Meilen fuhr sie, Und da sprach sie dieses Wort: »Warte, Fuhrmann, wart' ein wenig, Daß ich von dem Wagen steige, Lösch' mit Wasser meinen Durst!« »»Ei was willst du Wasser trinken? Hast vom besten Wein im Wagen.«« »Gut wohl ist der Wein zu trinken, Wasser ist das Beste doch.« Und sie stieg vom Wagen nieder, Nahm den Kranz von ihrem Haupte, Warf ihn in des Wassers Fluthen: »Schwimme Kranz, schwimm auf den Fluthen, Schwimme bis zu meinem Vater, Künde meinem lieben Vater, Daß ich mich als Braut zu eigen Gab dem schnellen Donaustrom! Seine kleinen Fische werden Mir Geleiterinnen sein, Große Störe die Brautführer, Weiden, Erlen meine Kinder!« Und hinab ins Wasser sprang sie, Und der Donaustrom verschlang sie. Ach da schreit, da weint der Türke, Und wehklaget laut und jammert! Doch es treiben auf den Fluthen Ihre langen, blonden Haare; Doch es tauchen aus den Fluthen Ihre schönen, weißen Arme, Und die schwarzen, hellen Augen Klebt der Sand des Wassers zu.   Letzter Trost. (Slowakisch.) Bei der Pfarre wölbet Sich ein Brücklein hin Auf dem Brücklein blühet Klee so frisch und grün, Blühet, von der Sense Niemals noch berührt; Dort ward mir zu Wagen Meine Maid entführt. Wer sie mir entrissen, Er behalte sie, Aber nur umarme Er sie vor mir nie; Und auch dies geschehe, Doch bei Nacht allein, Daß es nicht mein Auge Seh' zu seiner Pein!   Der Rosmarin. Der Rosmarin . Die erste Hälfte dieses Gedichtes erinnert auffallend an das aus der Königinhofer Handschrift von Göthe übersetzte, »Sträußchen.« (Böhmisch. Melodie 25.) Als ich ging im Eichenwalde, Zog es mich zum Schlaf dahin, Und beim Haupt mir bis zum Morgen Wuchs empor ein Rosmarin. Und die grünen Zweige alle Schnitt ich ab vom Rosmarin, Ließ sie auf dem Wasser schwimmen, Auf den kühlen Wellen zieh'n. Welche Maid die grünen Zweige Unten an dem Flusse fängt, Dieser sei mein Herz in Liebe, Sei für immer ihr geschenkt! Gingen Mädchen Wasser schöpfen Zu dem Fluß in aller Früh', Und die grünen Zweige schwammen Bis zum Steg heran an sie. Und es neigte sich nach ihnen Müllers holdes Töchterlein; Doch das unglücksel'ge Mädchen Stürzte in die Fluth hinein. Glocken läuten, Glocken schallen: Ha, wie fühl' ich mich beengt! Vöglein, gilts wohl gar der Einen, Der mein Herz ich ganz geschenkt? »Ja es gilt ihr, deine Wonne Lieget in dem Todtenschrein, Und vier Männer, schwarzgekleidet, Scharren in die Erd' sie ein.« Gott im Himmel, ach genommen Hast du mir die süße Braut! Saget, sagt mir, liebe Vöglein, Wo mein Aug' ihr Grab erschaut? »Hinterm Berge in der Kirche Singen Priester dumpf im Chor, Dort, fünf Schritte von der Kirche, Hebet sich ihr Grab empor.« Nun so geh' ich hin und setze Auf das Grab, das dunkle, mich, Will um dich, du meine Süße, Weinen, trauern inniglich. Will um dich, Geliebte, trauern, Bis der Tod mich wird befrei'n, Und den grünen Rosmarinkranz Legt auf meinen Todtenschrein!   Die getroffene Ente. (Slowakisch.) Flog eine wilde Ente Hoch in der Lust einher, Der junge Schütze traf sie, Ei traf die Ente schwer. Er schoß ihr ab den Flügel, Den rechten Fuß zugleich; Da saß sie hin am Wasser, Und weinte schmerzenreich: »Du großer Gott im Himmel, Mein Flug, er ist vollbracht! Nun kann ich meine Kindlein Nicht nehmen mehr in Acht.« »Ach meine Kindlein sitzen An eines Steines Rand, Und trinken trübes Wasser, Und essen feinen Sand!« Geistliche Lieder, Legenden, Sprüchwörter.   Morgens. (Böhmisch.) Wie sich wunderschön die Sonn' erhebet. Und die finstre Nacht von hinnen schwebet! Daß auch wir uns frisch erhoben. Laßt dafür den Herrn uns dankbar loben! Engel in den Höh'n mit lautem Schalle, Die Erzengel und die Seraph' alle »Heilig, heilig, heilig!« singen: Laßt auch uns Gott Preis und Ehre bringen! Sonn' und Mond, der Sterne Silberherde, Was im Himmel ist und auf der Erde, Läßt sein Lied des Morgens klingen, Ihm, der Leben schenkte allen Dingen. Nachts schon singt der Hahn zu Gottes Preise, Mit den Flügeln schlägt nach seiner Weise, Schlägt die Brust, und läßt aus allen Seinen Kräften Gottes Ruhm erschallen. Wie die kleinen Vöglein auch Gott loben, Wenn die Morgensonne sich erhoben! Jedes singt auf seine Weise, Daß der ganze Wald ertönt im Kreise. Alles, alles meldet Gottes Ehre, Was im Himmel, auf der Erd', im Meere, Vögel und die Fisch' in Schaaren, Wo was ist Belebtes zu gewahren. Und weil Gott die Thiere selbst erheben, Denen nicht Verstand von ihm gegeben, Sollst du, dem Verstand verliehen, Nicht verstockten Herzens dich entziehen. Jeden Morgen denk', daß Gott voll Milde Dich erschaffen hat nach seinem Bilde; Preis' ihn, daß er dich voll Gnaden In der Nacht behütet hat vor Schaden!   Vor dem Essen. (Böhmisch.) Herrscher in des Himmels Höhen, Weil zu dir die Vöglein flehen, Daß du ihnen Huld erweisest, Und sie tränkest und sie speisest: Hör' in deinen ew'gen Höhen Uns um unser Brot auch flehen, Und mit gnäd'gem Wohlgefallen, Herr im Himmel, schenk' es allen! Oeffne deiner Allmacht Hände, Und uns allen Nahrung spende; Mög'st aus Wen'gem Viel bereiten, Hochgelobt in Ewigkeiten!   Nach dem Essen. (Böhmisch.) Lauten Dank und Preis gebracht Gottes, des Dreiein'gen, Macht, Der uns Matte stets erquickt, Uns mit seiner Huld beglückt, Mit der Kost der Zeitlichkeit Und dem Thau der Ewigkeit, Seiner Erdgeschöpfe Schaar Segnet reich und wunderbar! Unerforschte Weisheit du, Preis kommt Deiner Liebe zu, Die sich gnädig hat bewährt Erdensätt'gung uns beschert! Gieb, daß wir auch wohlgedeih'n, Redlich uns dem Guten weih'n, Sättigung in Himmelslust Finden einst an deiner Brust.   Vor dem Schlafengehen. (Böhmisch.) Wie der kleinen Küchlein Brut In der Mutterhenne Huth, So des Abends flüchten wir, Herr im Himmel, uns zu dir! Daß du uns voll Gütigkeit, Durch des ganzen Tages Zeit, Frisch erhalten und gesund, Dank dafür ruft unser Mund. Wenn in unsrem Blute war, Was die Sünde drin gebar, Sei durch Jesu Tod die Schuld, Uns, o Herr, verzieh'n in Huld! Gieb uns eine ruh'ge Nacht, Schütz' uns vor des Bösen Macht, Nimm uns gnadenvoll in Acht Du, o unsre stärkste Wacht! Ausruh'n, Herr, laß unsren Leib. Jeden bösen Traum vertreib', Nur Gedanken, gut und rein, Wolle uns im Schlaf verleih'n! Ruh', von argen Träumen frei, Uns, o Herr, beschieden sei, Daß, unangefochten so, Wir erwachen frisch und froh!   Die heilige Dorothea. (Mährisch.) Dorothea, die holde Maid, War voll Frömmigkeit. Dorothea, die Maid so hold. Trug einen Kranz von Gold, Trug von Lilien einen Kranz, Die strahlten im Himmelsglanz. Der König fühlte Lieb', Einen Brief an sie schrieb: »Reichst du mir deine Hand, So huldigt dir mein ganzes Land.« »Kann nicht die Deine sein, Gehör' dem Herrn allein.« Der König, aufgebracht, Sperrt sie in Kerkernacht, Zieht fort mit Heeresmacht. Sieben Jahre blieb er aus, Im achten kehrt' er aus dem Strauß. Fragt in des Herzens Noth: »Ist sie am Leben oder todt?« »»Wohl lebt sie wunderbar, Ohn' Trank und Speise gar.«« Da ward sie geführt ans Licht Vor sein Angesicht. »Reichst du mir deine Hand, So huldigt dir mein ganzes Land.« »»Kann nicht die Deine sein, Gehör' dem Herrn allein.«« Der König ließ vor Wuth Sie werfen in Ofens Gluth. Doch je heißer der Ofen glüht, Je schöner die Maid erblüht. Da ward sie geführt aus den Loh'n Vor des Königs Thron. »Reichst du mir deine Hand, So huldigt dir mein ganzes Land.« »»Kann nicht die Deine sein, Gehör' dem Herrn allein.«« Schnell war ein Rad bereit, Zu rädern die holde Maid. Da flehte sie zu Gott Um Rettung aus der Noth. Und Gott Erbarmen trug, Ins Rad der Donner schlug; Schlug so gewaltig und schwer, Daß die Erde bebt' umher. »Kommst doch nicht heil davon. Das Schwert giebt dir den Lohn!« Und hieß mit hartem Sinn Sie führen zur Richtstatt hin. Als der Henker das Schwert Zum ersten Mal gegen sie kehrt. Zerbricht das Schwert. Da wird er von Zorn erregt, Das Haupt vom Rumpfe schlägt. Das Haupt zur Erde sinkt, Die Seel' in den Himmel sich schwingt. Dort unter den Engeln des Herrn Strahlt sie nun, wie ein Stern.   Lazarus und der Reiche .(Mährisch.) Der arme Lazarus leidet schwer, Geplagt von schmerzlicher Wunden Heer. Er kriecht zu einem reichen Mann, Fleht um ein Stückchen Brot ihn an. »Was drängst du dich herzu so keck? Auf, Hunde, beißt den Bettler weg!« Doch die schlimmen Hunde vergessen den Groll, Und lecken die Wunden ihm mitleidsvoll. Es währte nicht lange, da kam ein Gruß An den armen, leidenden Lazarus: »O Lazarus, s' ist an der Zeit, Mach' dich zur Wanderschaft bereit!« »Nach unverschuldeter Erdenqual Gelangst du in des Himmels Saal!« Und Engel kamen zu ihm hin, Und trugen ihn zum Himmel hin. »Macht auf, macht auf das Thor sogleich, Wir bringen einen Bruder euch!« »Hart war auf Erden, hart sein Loos, Legt ihn nun sanft in Gottes Schooß!« »In Gottes Schooß legt ihn hinein, Und bringt ihm einen Becher Wein,« »Daß er genese vom Erdenleid, Und schlürfe Himmelsseligkeit!« Und es währte nicht lange, da kam ein Gruß An den Mann, der schwelgt' im Ueberfluß: »Du reicher Mann, s' ist an der Zeit, Mach' dich zur Wanderschaft bereit.« »Nach sündiger Lust im prunkenden Saal Erwartet dich der Hölle Qual.« Der Reiche achtet nicht auf das Wort, Und praßt und schwelgt, wie früher fort: »Mir Abbruch thun, das wär' nicht klug! Zur Buße ists noch Zeit genug.« Und der Hölle Brut kam zu ihm hin, Und faßte mit ihren Krallen ihn. Sie faßte mit ihren Krallen ihn, Und schleppte ihn zur Hölle hin. »Macht auf, macht auf das Thor sogleich. Wir bringen Leib und Seele euch!« »Setzt ihn auf den verdienten Stuhl, Und reicht ihm zu trinken aus dem Pfuhl!« Doch wie aus dem Becher er trinkt jetzund, Flammts blau heraus aus seinem Mund. Da schreit er: »Weh mir, weh mir, weh! O welch ein Trank, daß ich vergeh'!« Blickt auf im Schmerz, der riesengroß, Sieht Lazarus ruh'n in Gottes Schooß. Und er rufet: »Lazarus, steh' mir bei, Aus meinen Qualen mich befrei'!« »Die Flamme brennet fürchterlich, O Bruder Lazarus, rette mich!« Doch umsonst, daß er jetzt erst ihn Bruder nennt – Sein Ruf verhallt, und die Flamme brennt.   Die zwölf Zahlen .(Mährisch.) Herrlein, so hochstudiert. Das alle Weisheit ziert. Kannst du uns sagen wohl, Was einer ist? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was einer ist: Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was zweie sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was zweie sind: Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert. Kannst du uns sagen wohl, Was dreie sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was dreie sind: Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was viere sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was viere sind: Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was fünfe sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich. Was fünfe sind: Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was sechse sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was sechse sind: Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesus Christ, Der unser König ist.« Herrlein so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was sieben sind: »Weiß es wohl, sag' euch gleich. Was sieben sind? Sieben sind des Geistes Gaben. Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was achte sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was achte sind: Acht sind die Seligkeiten, Sieben sind des Geistes Gaben, Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden. Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was neune sind? »Weiß es wohl, sag euch gleich, Was neune sind: Neun sind die Engelchöre, Acht sind die Seligkeiten, Sieben sind des Geistes Gaben, Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was zehne sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich. Was zehne sind: Zehn sind die Gebote Gottes, Neun sind die Engelchöre, Acht sind die Seligkeiten, Sieben sind des Geistes Gaben, Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was eilfe sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was eilfe sind. Eilf sind die getödteten Jungfrau'n, Zehn sind die Gebote Gottes, Neun sind die Engelchöre, Acht sind die Seligkeiten, Sieben sind des Geistes Gaben, Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten, Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.« Herrlein, so hochstudiert, Das alle Weisheit ziert, Kannst du uns sagen wohl, Was zwölfe sind? »Weiß es wohl, sag' euch gleich, Was zwölfe sind: Zwölf sind die heil'gen Apostel, Eilf sind die getödteten Jungfrau'n, Zehn sind die Gebote Gottes, Neun sind die Engelchöre, Acht sind die Seligkeiten, Sieben sind des Geistes Gaben, Sechs sind die steinernen Krüge, Fünf sind des Heilands Wunden, Vier sind die Evangelisten. Drei sind die Patriarchen, Zwei sind die Tafeln Mosis, Einer ist Jesu Christ, Der unser König ist.   Die Sünderin und Maria .(Mährisch.) Es war 'ne weite, grüne Au, Auf der grünen Au lag blutiger Thau. Zwei fromme Seelen wallten dahin. Hinterdrein 'ne große Sünderin. Und als sie kamen zum Himmelreich, Da klopften sie an die Pforte gleich. »Sanct Petre, nimm die Schlüssel dein, Und sieh, wer will in den Himmel herein!« »»Zwei fromme Seelen wollen herein, 'Ne große Sünderin hinterdrein.«« »Die Seelen laß herein zur Pfort', Die große Sünderin weise fort!« »Weis' ihr den Weg, der führt hinab, Dort in der Hölle finstres Grab!« So mußte sie fort, da half nichts mehr, Und bereute ihre Sünden schwer. Sie traf die Mutter Gottes an: »Woher doch? Wer hat dir ein Leid gethan!« »»Ach von dem Himmel muß ich fort! Hab' Niemand, der für mich bäte dort.«« »So geh' mit mir, ich bitte für dich: Der Herr Jesus erhört mich sicherlich!« Und als sie kamen zum Himmelreich, Da klopften sie an die Pforte gleich. »Sanct Petre, nimm die Schlüssel dein, Und sieh, wer will in den Himmel herein!« »»Deine Mutter will in den Himmel herein, Die große Sünderin hinterdrein.«« »Meine Mutter laß herein zur Pfort'. Die große Sünderin weise fort!« »»Nicht doch, mein Sohn, o hab' Geduld, Verzeih' der Sünderin ihre Schuld!«« »So frag' sie, liebe Mutter, frag'. Ob sie geheiligt die Feiertag',« »Ob sie die Fasten gehalten nach Pflicht, Und auch die Armen vergessen nicht.« »»Hab' die Feiertage geheiligt nicht, Auch nicht die Fasten gehalten nach Pflicht,«« »»Und –weh mir, weh mir, wie's mich kränkt!– Hab' den Armen nur einen Dreier geschenkt.« »Wohlan, so hilft dir zur Seligkeit, Der Dreier, den du den Armen geweiht!«   Adventlied (Böhmisch) Am Himmel kommt der Morgenstern Durch Wolken mit Gefunkel, Die goldne Sonne folgt ihm nach, Schon flieht das nächt'ge Dunkel. Thau von dem Himmel fließet, Der freundlich sich erschließet. Der ganze Himmel hellt sich auf, Rings – um mit Glanz sich schmückend. Es legt sich Gottes mächt'ger Zorn, Der Friede naht beglückend. Froh Erd' und Himmel schallen, Des Satans Knechte fallen. Neu hebt sich Davids Haus empor, Das trauernd lag danieder, Jerusalem mit Lust sich füllt, Sein Ruhm, er kehrt ihm wieder. Des Herren Bau verklärt sich, Des Himmels Gnade mehrt sich. Der Todesfrost, so kalt und starr, Beginnet zu zergehen. Es nahet warmer Seelenmai, Verjüngung ist zu sehen. Des Jesse Stamm treibt Sprossen, Vom Himmelsthau begossen. Er schenkte eine Rose uns, Ihr weicht der Schnee an Reine; Er gab uns eine theure Maid, Süß, wie der Lilien keine. Der Aaronszweig nun sprießet: O Jungfrau, sei gegrüßet! Ihr Wohlgeruch erfüllte ganz Der Engel lichte Chöre. Hin trat sie bis vor Gottes Thron, Da ward ihr Huld und Ehre. Die Demuthsvolle, Stille Erwarb uns Gnadenfülle!   Weihnachtslied. (Böhmisch.) Engel, nicht geweilet: Boten Gottes, eilet. Flieget in der Runde, Bringt die frohe Kunde: »Christus, uns zum Frommen, Ist zur Welt gekommen!« Wunderbares Werden Für das Heil der Erden! O voll Freude singet, Lob dem Heiland bringet! Laßt den Gast uns preisen, Ehr' dem Kind erweisen! Stroh und Heu sein Bette – Welche Lagerstätte! O der holde Knabe, Himmels beste Gabe, Wie muß er sich schmiegen, In der Krippe liegen! Wie vor Frost er bebet, Der zum Weltheil lebet! O gieb dein Gefieder, Täubchen, daß die Glieder Ihm mit weichem Pfühle Seine Mutter hülle! Sonne, o geschwinde, Wärm' sein Bettchen linde! Deine Strahlen sende, Süße Wärme spende! Daß der Frost ihn schone, Dien' der Jungfrau Sohne! Und, mein Herz, nicht weile. Hin zum Kindlein eile: Wärm's mit heißem Triebe, Hüll's mit reicher Liebe, Trockne seine Zähren, Und wein' ihm zu Ehren! Sprüchwörter. (Böhmisch.) Geld Der Herr der Welt, So war's vom Anfang her bestellt. Jedem, was sein, Dem Hund ein Bein. Alte Sünde Hat neue Schmach zum Kinde. Der Weise ohne Gefahr und Schrecken Kann selbst an gift'ger Wolfsmilch lecken. Die beste Schanz' Der Freunde Kranz. Macht Geräusch dich zagen. Darfst nicht in den Wald dich wagen. Soll nicht dein Schuß verloren sein, Ziel' in den Himmel nicht hinein. Es kommt kein Krebs des Wegs daher, Wo nicht das Wasser nahe wär'. Brauchst du Kohlen, Mußt sie aus der Asche holen. Sieh' nach im Rücken fein, Wirst vorn geborgen sein. Bist satt du, wirf nicht das Brot bei Seit'; Ist warm dir, wirf nicht hinweg das Kleid. Wer seine Hände legt zu Ruh', Schnürt sich die Hände selber zu. Krumm Ist um: Grad' Der kürz're Pfad. Es ist nicht eins – das wohl begreif' – Ob gestutzt oder ohne Schweif. Ist schlimm der Hund, Mißgönnt er fremdem Mund, Und selbst dem eignen Schlund. Gewand, das fremd, Wie Panzerhemd. Lobst's immer, wie schön's in der Fremde sei, Und bleibst doch immer zu Haus dabei. Lädt einer auf , zwei ab dafür, Füllt sich der Wagen schwerlich dir. Drum greift zur Zange des Schmiedes Hand, Daß sie vom Feuer nicht 'sei verbrannt. Lehr' deine Kinder Kohlen nagen, Mir schaffen die Kuchen mehr Behagen. Den Esel führ' bis nach Paris. Es wird aus ihm kein Gaul gewiß. Laß deine Hunde sich beißen und raufen, Mischt nur kein fremder sich in den Haufen. Wer bald als Herr sich brüsten möcht', Bleibt lange Zeit ein bloßer Knecht. Neue zu der alten Noth, Ein schlimmes Weib zum trocknen Brot – Und wer es sich einmal angefreit, Seine Noth währt alle Lebenszeit. Noth kennt nicht Scherz, Hat weder Schwester- noch Bruderherz. Von fremdem Roß sitz' ab sogleich, Wär's mitten in des Meeres Reich. Lern' jung aus freiem Willen ertragen, Leidst wider Willen nicht in alten Tagen. Auch der Haushahn ist Kampffertig auf seinem Mist. Ziehst du den Dorn aus fremder Wunde, Schau', daß er dich nicht selbst verwunde. Die Mäuler zu stopfen allen Leuten, Gäb's viele Leinwand zu bereiten. Und sei die Kuh auch noch so groß, War doch zuerst ein Kuhkalb bloß. Thu' dazu, und sei nicht faul, Krippe kommt nicht hin zum Gaul. Altes Gut hinter rostigem Schloß Macht neuen Adel mit blankem Troß. Die Vögel brät sich Der zum Schmaus, Der zuerst sie holt aus dem Nest heraus. Das merk' fein gut: Trinkst du, vertrink' nicht den frohen Muth! Das Aug', wo die Gunst; Die Hand, wo der Schmerz, Und wo s' Schätzchen, das Herz. In der Kirche gebetet vom Herzensgrund, Im Bade gesorgt, daß der Leib gesund. Legst du ins grüne Gras dich nieder, Nimm dort vor Schlangen in Acht die Glieder. Kauf' den Gaul, soll er was taugen, Nicht mit den Ohren, sondern mit den Augen. Wen aus dem Hause sie weisen ins Weite, Die Krähen mit Krächzen ihm geben s' Geleite. In klappender Mühl' Erspar' dir s' Geigenspiel. Verspricht dir wer zum Dank ein Schwein, Hol' gleich den Sack, und thu's hinein. Bei dem, der satt. Der Hungrige nicht Glauben hat. Dem Gaule taugt ein Haferfeld, Den Helden macht der Hopfen, den Herrn das Geld. Fäll' deinen Spruch stets so in der Parteien Kriege, Daß satt der Wolf, und unversehrt die Ziege. Ein schlechter Balg, wie oft gedreht, Giebt keinen Pelz, der für was steht. Wer sich um Fremdes verzehrt, Mißkennt des Eignen Werth. Liebt ein Hund Gekeif, Gekneif, Bellt er auf den eignen Schweif. Treibst du in Sümpfen dich umher. Bekommst den Kopf du fieberschwer. Wer selbst sich aufzuspielen vermag. Kann selbst sich vergnügen jeglichen Tag. Mit einem Leibe von Kupfer, Einem Herzen von Eisen, Einer Seele von Hanfe, Sollst Gott du preisen. Wer zum Himmel spuckt empor, Sein eigen Gesicht bespuckt der Thor. Ohne Widerpart Welkt Tugend jeder Art. Magst Wölfe den Rosenkranz beten lehren. Werden doch stets nach Schafen begehren. Vor vielen hat zu fürchten sich, Wer selber vielen fürchterlich. Wirft wer mit einem Stein nach dir, Mit Brot wirf du nach ihm dafür. Wer dem Teufel Gutes thut. Dem lohnt er mit der Hölle Gluth. Zu Gott das Herz, zum Schwert die Hand, Und nicht nach fremdem Gut gewandt. Der Baum, je höher. Der Blitz, je näher. Wer scheut der Arbeit Ungemach, Beregnet wird unter dem eignen Dach. Trifft jemand nicht den Schmied zu machen. So helf' er die Gluth mit dem Blasbalg fachen. Es ist der Mund ein Loch gar klein, Geh'n dennoch Häuser und Höfe hinein. Die Schlange hinterm Hemde, In der Tasche die Maus, Der Funk' im Unterfutter, Bringen kein Heil ins Haus. Füße hat verborgtes Geld. Augen hat das weite Feld. Seine Ohren hat der Wald: Die drei Dinge fein behalt! Der Stein das Gold erkennen lehrt, Das Gold erprobt der Menschen Werth. Ein goldner Schlüssel öffnet aller Orten, Die Hölle selbst, nur nicht des Himmels Pforten. Schmackhafter das Brot im freien Stand, Als im Joche Kuchen allerhand. Lach' im Leide. Zittre in der Freude. Das Unglück schweift auf Bergen nicht. Es schreitet hinter dem Menschen dicht. Wer sich auf eigne Erfahrung beschränkt, Mit goldner Angel Fische fängt. Willst du des Wegs nach dem Knäuel nicht fehlen, Mußt dir den Faden zum Führer wählen. Besser, es führt der Hirsche Hauf ein Leu. Als daß ein Hirsch der Leuen Feldherr sei. Wer von einer Katze geboren ward, Fängt Mäuse nur nach Katzenart. Harte Nuß und schlechter Zahn, Junges Weib und alter Mann, Keines paßt dem andren an; Besser ist ein gleich Gespann. Das Wort, das schwalbenleicht entflogen. Mit vier Rossen nicht wirds zurückgezogen. Vor Pferden hüte von hinten dich gut. Von vorn sei vor Weibern auf der Hut. Wohl hat die Zunge Knochen nicht, Doch entzwei sie die stärksten Knochen bricht. Den Kalender machen die Menschen fein, Gott den Regen und Sonnenschein. In des Vergnügens Fürstenstadt Kein Bürgerrecht die Tugend hat. Wer liegend betet, von Faulheit bethört, Schlummernd der liebe Gott ihn hört. Stürzt die Eiche bei des Waldes Zittern, Sammeln sie Holz von ihren Splittern. Geweinte Thräne glänzt wohl hell, Doch trübet sie das Auge schnell. Wer wandelt in der Sonne Licht, Achtet des Monds und der Sterne nicht. Es ist kein Kirchlein rings umher, Drin nicht ein Mal im Jahre Kirchweih' wär. Eier von heute, Brot von gestern, Vorjähriger Wein, Am besten gedeih'n. Magst du dich nicht nach dem Winde dreh'n, Er wird dir Sand in die Augen weh'n. Den böhmischen Kopf, leicht kennt mau ihn: Bei jedem Schlag ihm Funken entsprüh'n. Wo zwei, guter Rath; Wo drei, oft Verrath. Ein großer Vogel im Forst Braucht einen großen Horst. Um ein Wolf zu sein mit Wolfsbegier. Braucht der Mensch nicht eben der Füße vier. Auch die Sonne manchmal doppelt ist, Und zeigt sich dort, wo sie nicht ist. Stets genug hat der Mensch mit einem Gott, Mit einem Freund wird er oft zum Spott. Auf einem Fuß die Lüge geht, Auf zweien die Wahrheit fortbesteht. Geht Gott voran, und folgst du nach, Dräng' hinten der Teufel, so viel er mag, Fromme Gabe Mehrt die Habe. Reichthums Besitz so hoch nicht entzückt. Als Reichthums Verlust danieder drückt. Koch' dein Gericht An fremder Hoffnung Flamme nicht. Wer sein Vaterland nicht liebt mit Gluth, Der kämpfet gegen das eigne Blut. Gottes Rad Mahlt spat. Das Wasser ertrinkt nicht, Das Feuer verbrennt nicht, Die Wahrheit vergeht nicht.   Mein Vaterhaus? (Melodie 26.) Mein Vaterhaus? Wo durch Auen Bäche rauschen, Bergeswälder Grüße tauschen, Gärten blühen wonnereich – Ach ein Bild, das Eden gleich – In dem Land voll eigner Schöne, Dort ist, dort mein Vaterhaus, Dort, ja dort mein Vaterhaus! Mein Vaterhaus? Kennst das Volk du, fromm und bieder, Wo zur Arbeit flinke Glieder, Hell der Geist, das Herz so zart, Muth zum Kampf die Brust bewahrt – Das sind Böhmens wackre Söhne, Dort ist, dort mein Vaterhaus, Dort, ja dort mein Vaterhaus! Musikalischer Anhang