Olga Wohlbrück Du sollst ein Mann sein Roman Kinder Er wurde auf einem großen Amerikadampfer geboren, während eines heftigen Sturmes. Der Arzt übergab das Kind der Stewardeß, die sich kaum auf den Füßen halten konnte. »Werft mich ins Wasser! Werft mich ins Wasser!« schrie die junge, blonde Wöchnerin. »Aber es ist ja alles vorüber«, beruhigte der Arzt. Bald war auch alles vorüber. Der Sturm legte sich. – Auch die Frau wurde still, ganz still – und gegen Abend war sie tot. Am nächsten Morgen versenkte man einen großen, zusammengenähten Sack ins Meer. Der Wind wehte den wenigen Passagieren, die sich zu der düsteren Feier eingefunden hatten, einen feinen, kalten Sprühregen ins Gesicht. Der Kapitän machte es kurz: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!« ... Die Hüte, Mützen und Kappen flogen von den Köpfen  ... Jetzt goß es nur so. Die wenigsten warteten das Ende ab. Später beim Grog sagte der Arzt: »Ein blutjunges, dürftiges, kleines Frauchen war es, hatte mit ihrem Manne eine Reise nach Neuyork zu Verwandten gemacht, und da er plötzlich heimkehren mußte, war sie später allein nachgereist. Am Kind ist nichts dran, ein Wunder, wenn es durchkommt.« Auf der Landungsbrücke in Bremerhaven stand ein großer, hagerer Herr mit einem Blumenstrauß. Der Kapitän und der Arzt schritten auf ihn zu, ihnen folgte die Stewardeß mit dem Kinde. Es wurden nur wenige Worte gewechselt. Der Herr wurde kreidebleich – der Blumenstrauß fiel zur Erde. »Da es schwächlich war, habe ich die Nottaufe abgehalten und ihm den Namen ›Markus‹ gegeben«, sagte der Kapitän und schob die Stewardeß vor. »Es ist ein liebes Kindchen«, murmelte sie. Der Herr wendete sich ab und drückte Daumen und vierten Finger auf seine beiden Augen. Das dauerte nur eine Sekunde, dann sagte er gefaßt: »Ich danke Ihnen, meine Herren«, und zur Stewardeß: »Wollen Sie bei meinem Kinde bleiben? Auf Gehalt kommt es mir nicht an.« Sie nickte und neigte sich über das in Tücher gehüllte Paket. So kam Maria Hindersin in das Haus des Bremer Großkaufmanns Reimar Lukas. Das Haus Lukas war ein altes, kein schönes Patrizierhaus. Es hatten in diesem Jahre große Umbauten stattfinden sollen, aber nun die junge Hausfrau gestorben war, sprach man nicht mehr davon. Im Parterre lagen die Kontorräume, im ersten Stock stieß ein großes, saalähnliches Wohnzimmer mit dicken Butzenscheiben an eine Diele, die früher als Tanzsaal benutzt worden war, und von der aus verschiedene Türen in die anderen Zimmer führten: das Privatarbeitszimmer des Hausherrn, das Schlafzimmer und einen kleinen Salon, der mit seinen hellen, mit zarter Seide überzogenen Möbeln einen fast drolligen Gegensatz zu der übrigen schwerfälligen und dunklen Einrichtung bildete. Eine alte Köchin und ein noch älterer Diener führten das Hauswesen. Jetzt war das Schlafzimmer ausgeräumt und für Maria Hindersin und das Kind eingerichtet. Herr Lukas ließ sich sein Bett allabendlich auf dem großen Ledersofa in seinem Arbeitszimmer aufschlagen und schloß den hellblauen Salon ab. Das Haus befand sich in einer alten, engen Gasse Bremens, die wenig Licht gab. Die Wände waren rissig, und es roch muffig in den Zimmern. Die zwei Dienstboten waren immer schwarz gekleidet und gingen auf Filzschuhen. Ihre Gesichter waren wie aus Pergament. In der großen Wohnstube, die auch als Eßzimmer diente, brannten während des Essens die Kerzen im großen Kronleuchter. Es war ein sehr schönes, sehr ruhiges Licht, und es gab immer Weihnachtsstimmung. Um zehn Uhr wurden die Kerzen vom Diener gelöscht. Dann brannten nur noch eine Lampe mit grünem Schirm in Herrn Lukas' Arbeitsstube und ein Nachtlicht im Kinderzimmer. Der Vater betrat es nie. Er mochte das Kind wohl nicht, das der Mutter das Leben gekostet hatte. Er hatte Maria Hindersin eine reichliche Summe zur Verfügung gestellt, die sie allmonatlich für sich und das Kind ausgeben durfte. Der kleine Markus hatte die feinste Wäsche aus holländischer Leinwand mit prachtvollen Schweizer Stickereien, einen federnden Wagen mit seidenen Vorhängen, im Winter eine Decke darüber aus kostbarem Pelz, wenn Maria Hindersin das Wägelchen aus dem äußersten Haustor rollte, versammelten sich alle Straßenkinder, um die Herrlichkeiten zu bewundern. Sie selbst trug weichen, schwarzen Kaschmir und ein kleines Samtbarett. Sie war sehr hübsch. Solange Markus noch nicht bei Tische sitzen konnte, speiste sie mit ihm im Kinderzimmer, später in der Wohnstube am großen, runden Tisch unter dem Kronleuchter. Der Diener servierte mit weißen Handschuhen und präsentierte die silberne Platte zuerst immer dem kleinen Markus. Der Kleine bediente sich und aß mit Anstand. Der Hausherr speiste in der Stadt. Manchmal ließ er sich das Essen herunter ins Kontor bringen. Es vergingen oft Wochen, ohne daß Maria Hindersin und Markus ihn zu Gesicht bekamen. Markus wurde fünf Jahre alt. Ein feingliedriger, blonder Junge, hochaufgeschossen für sein Alter, mit dunklen, tiefblauen Augen und dünnen, festgepreßten Lippen. Im Wohnzimmer auf einer hohen Etagère seltsamer Form lag die Bibel mit den Illustrationen von Doré. Maria Hindersin blätterte oft darin wie in einem Bilderbuch; der Knabe saß auf ihrem Schoß und stellte Fragen. Sie erzählte ihm die heilige Geschichte mit phantastischer Ausschmückung wie ein Märchen. Die Bilder besprachen sie. An den Kapitelüberschriften lernte er lesen. Eines Tages kam der Hausherr unerwartet ins Wohnzimmer. Die beiden saßen noch vor den halbgefüllten Tellern. Maria Hindersin erhob sich ehrerbietig. Er machte ihr ein Zeichen, sich wieder zu setzen, und bestellte beim Diener einen Grog. Er fühlte sich nicht wohl. Markus fing einen erschreckten Blick seiner Pflegerin auf. »Hast du den Vater gern?« fragte er sie später, während sie ihn auszog und ins Bett legte. Sie wurde sehr rot, aber sie antwortete nicht. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie es nur sein konnte, daß sie den Vater gern hatte, während er ihn gar nicht liebte. Er konnte doch keinen fremden Mann lieben. War er denn nicht auch fremd für sie? Er fing an, aufzupassen. Den ganzen Tag über verließ sie ihn nicht, aber abends, wenn er im Bett lag, dann saß sie noch im Wohnzimmer und las ... Ob sie die Bibel las? Einmal wachte er erschreckt auf. Er hörte Gehen auf der Diele. Schwere, harte Schritte und andere leichtere, dann ging die Tür zu seinem Zimmer auf. Sie kam herein, die Hand vor der Kerze. Ihre Wangen waren gerötet. Er setzte sich auf in seinem Bett und beugte sich vor. »War Vater oben?« »Nein ... Ja ... wie kommst du darauf ... schlaf ... Du sollst schlafen,« wiederholte sie ungeduldig und löschte das Licht aus. Am andern Tage wurden die hübschen Möbel aus dem Salon hinausgetragen, und Markus bekam sein eigenes Zimmer. Er war schon zu groß, um in einem Zimmer mit »Mami« zu schlafen. Er nannte sie »Mami« von der Zeit ab, da er die ersten Laute stammelte. Und dabei war es geblieben. Er liebte sie leidenschaftlich, eifersüchtig. Er küßte sie zum Ersticken; sie mußte ihn oft in den Arm kneifen, damit er sie losließ. Manchmal zeigte sie ihm ein Bild seiner Mutter. »Du bist viel hübscher«, sagte er. Ihn interessierte nur, daß er auf dem Schiff geboren war, und daß man seine Mutter ins Meer versenkt hatte. »Jetzt haben die Fische sie aufgefressen, nich?« Sie gab ihm einen Klaps. »Du sollst nicht so reden, dummer Junge.« Der Vater speiste jetzt öfter zu Hause. Er war ernst und wortkarg. Markus wußte, daß sogar die alten Dienstboten vor ihm Angst hatten. Er selbst zitterte vor ihm. Wenn er seinem Blick begegnete, blieb ihm der Bissen im Halse stecken. Es kam vor, daß er nach dem Abendbrot zum Spielen auf die Diele hinausgeschoben wurde. Man hatte dort ein paar Ringe und ein Trapez für ihn angebracht. Aber er liebte das Turnen nicht und fürchtete sich vor dem spärlich erleuchteten Raum mit den rissigen, dunklen Wänden, den gespenstischen Bildern und altertümlichen Schränken. An den Schränken knabberten manchmal Mäuse. Er sang dann ganz laut und falsch vor sich hin, um sie zu vertreiben, aber sie waren so zahm, daß sie im Gegenteil näher kamen oder vergnügt mit ihren langen Schwänzchen über den Estrich huschten. Nun brüllte er erbärmlich, bis Mami ihn hereinholte, und er sich zitternd in ihren Armen verbarg. »Es spukt, es spukt!« schrie er dann noch immer, ganz blaß vor Angst. »Wer setzt dir den Unsinn in den Kopf?« fragte der Vater streng. »Die Hedwig sagt's – die weiß es gewiß ...« »Das dumme Frauenzimmer fliegt, wenn sie so etwas noch einmal wiederholt ...« Hedwig war seit fünfzig Jahren im Hause; sie hatte schon bei den Eltern des jetzigen Herrn gedient, als sie noch junge Leute waren. Sie hatte viele sterben sehen in dem Haus und hatte den Lebenden treu gedient. Markus begriff nicht, daß der Vater sie hinauswerfen konnte. Er hatte immer gedacht, die Hedwig gehöre zum Hause wie einer der alten Schränke auf der Diele ... Warum warf er nicht lieber die alten Schränke hinaus?  ... Nachts, wenn es draußen stürmte, knarrten die Dielen so unheimlich, manchmal pfiff es auch ganz leise und traurig ... Markus sprang aus seinem Bett und lief mit schlotternden Knien an die Tür, die zu Mamis Schlafzimmer führte. Einmal drückte er die Klinke herunter. Er wollte zu Mami ins Bett. Er fror. Er hatte Angst. Die Tür war zugeschlossen. Er rüttelte an ihr wie von Sinnen. »Mami, Mami! ...« »Was ist ... was willst du? ...« Ihre Stimme klang so verändert. Er hörte, wie sie das Streichholz entzündete, dann einen Stuhl rückte ... Er schrie immer noch: »Mami, Mami! ...« Sie drehte den Schlüssel um, stand auf der Schwelle, sehr blaß, einen dunklen Schlafrock um die Schultern. »Was ist dir? Bist du krank ...?« »Laß mich zu dir, ich habe Angst ... laß mich zu dir ...« Er wollte sich an ihr vorbeidrängen und in ihr Zimmer laufen. Sie hielt ihn mit eisernem Griff fest. »Bleib da, du bist ein feiger, dummer Bengel!« Sie gab ihm eine Ohrfeige. Er starrte sie an, fassungslos. Sie hatte ihn noch nie geschlagen. Sie hatte ihn früher des Nachts oft an ihren weichen, warmen Körper gedrückt, hatte oft stundenlang an seinem Bettchen gesessen, wenn er über Schmerzen geklagt hatte. Warum jetzt? Warum  ... Er blickte sie feindselig an. Sie lenkte ein: »Du hast mich so erschreckt ... Wie kann ein Junge so furchtsam sein ... Komm, gib mir einen Kuß. Nur nicht reden. Und jetzt geh schlafen ...« Sie deckte ihn fürsorglich zu und hielt ihm ihre Wange hin. »Nun, warum bockst du?« »Ich bocke nicht.« Er berührte ihre Wange flüchtig mit seinen kalten Lippen. Er mochte jetzt seine Arme nicht um ihren Hals schlingen wie früher. – – – – – »Mami« ging jetzt abends manchmal aus. Dann zog sie ein wunderhübsches helles Kleid an und weiße Handschuhe – sie sah reizend aus. Markus durfte zusehen, wenn sie sich fertigmachte. Sie steckte sich dann meistens noch eine Blume an die Brust, lachte und war so lieb... so lieb... »Kannst du deine französischen Vokabeln?« »Ja, und du, Mami?« Sie überhörten sich gegenseitig. Eine alte, buckelige Französin kam seit einiger Zeit zweimal wöchentlich auf einen halben Tag ins Haus. Mami lernte mit und lernte auch das erstaunlich leicht. »Wenn wir erst mehr können, dann wollen wir jeden zweiten Tag nur Französisch zusammen sprechen«, sagte Mami. »Und später lernen wir Englisch.« »Warum lernst du das alles, Mami?« »Du sollst nicht auf mich herabsehen, Markus.« Warum sollte er denn auf sie herabsehen? Er verstand das nicht... Es war sehr still im Hause, wenn Mami nicht da war. Hedwig strickte an einem langen, grauen Strumpf, und Albert, der Diener, legte Patience in der Küche mit ganz alten, schmutzigen Karten. Markus saß unter dem Kronleuchter und spielte mit seinen Bausteinen... Manchmal schlich er sich in die Küche. Der Diener stand respektvoll auf, Hedwig aber wischte einen Stuhl mit der Schürze ab. »Das ist schön, Markus, daß du nicht stolz bist.« »Albert soll Karten mit mir spielen«, sagte Markus. »Wenn der gnädige Herr das sieht, gibt's Schelte.« »Vater kommt nicht. Spielen wir ›Schwarzer Peter‹.« »Spielen Sie nur, Albert, das arme Kind langweilt sich ja tot«, sagte auch Hedwig. Und sie blickte den Spielenden interessiert zu und gab Markus ab und zu einen Rat. Dann ärgerte sich der Alte. »Markus kann ganz gut allein, wenn zwei gegen mich spielen, muß ich ja verlieren.« Er verlor sehr ungern, denn Markus schenkte ihm den schwarzen Schnurrbart um keinen Preis, und das wollte sich nicht recht mit seiner Würde vertragen. An einem solchen Abend durchgellte einmal die elektrische Klingel das stille Haus. »Der gnädige Herr...« Die zwei alten Leute sprangen auf. Der Strickstrumpf flog in eine Ecke, die Karten in die andere. »Bin ich sauber? Sitzt das Halstuch gut?« Hedwig und Markus beruhigten ihn, und in vornehmer Dienerhaltung, das eben noch so freundliche Gesicht in ehrerbietige Falten gelegt, schritt Albert auf den Fußspitzen hinaus. »Hat Albert Angst?« fragte Markus mit einem seltsam peinlichen Gefühl. »Vor dem Herrn hat man immer Angst«, sagte Hedwig. »Warum?« »Wenn wir aus dem Hause müssen, verlieren wir unser Brot. Wir sind alt.« »Aber früher ... als ihr jung wart ...?« »O Gott, das ist lange her... Da war alles anders, wenn ich deine Großmutter zum Ball anzog und nicht geschickt war – sie mit der Stecknadel ritzte oder die Frisur verdarb, bekam ich eine Ohrfeige. Und wenn sie vom Ball kam, brachte sie mir Schokolade mit und süße Sachen, wie dem jungen Herrn.« »Das war wohl Vater?« »Jawohl, Markus.« »Kam er auch zu dir in die Küche, Vater?« »Nein, nie.« »Vater war stolz?« »Ja.« »Hast du Vaters Frau gekannt?« » Wen , Markuschen?« »Meine Mutter ...« Es kam stotternd von seinen Lippen. Er nannte den Namen nicht gern. »Ja, freilich.« »War sie hübsch?« »Ach ja ...« »Aber nicht so hübsch wie Mami?« »Nein, so hübsch nicht.« »Gefällt dir Mami auch?« »Die gefällt allen.« »Auch dem Vater?« »Nein, was der Junge alles wissen will, halt den Mund jetzt ... es ist Zeit ...« Albert kam zurück, etwas bleicher als sonst, bestürzt. Hedwig sah ihm gerade in die Augen: »Was ist los?« »Fräulein Hindersin ...?« Markus blinzelte verständnislos von einem zum andern: »Wer ist Fräulein Hindersin?« Hedwig legte dem Knaben ihre knochige Hand auf den Scheitel. »Deine Mami ist das ...« »Ach, Mami ...« Markus atmete erleichtert auf. Und zum ersten Male wurde der ehemaligen Stewardeß, Maria Hindersin, vom Diener des Großkaufmanns Reimar Lukas der Theatermantel im Vestibül gehalten. Markus hatte keine Spielgefährten. Nicht einmal einen Hund. Nichts Junges, Lebendes um ihn herum. Mami war von allen, die er sah, die Jüngste. Sein Vater machte ihm den Eindruck eines alten Mannes, obwohl er kaum vierzig zählte. Man sah ihn nie lachen, nie scherzen. Er sprach überhaupt wenig. Zweimal im Jahre gab es ein großes Essen im Speisesaale für die Verwandten. Auch die Verwandten waren alt. Markus' Vater – der Jüngste unter ihnen. Der Junge speiste an diesen Abenden mit Maria Hindersin in seinem Zimmer und ging, wenn der Plumpudding serviert war, in einem schwarzen Samtkittel hinein, seinen Kratzfuß machen. Maria Hindersin fragte ihn dann aus, wie es gewesen war; er mußte ihr die Leute schildern, die er einen kurzen Augenblick an der feierlichen Tafel gesehen hatte. Aber eigentlich kannte sie sie besser als er selbst. Den alten tauben Onkel Dutschmann, der immer nur lächelte und Brotkügelchen drehte, die zwei Tanten, Elsa und Laura Dutschmann, dessen Frau und Schwester, die immer ganz steif auf ihren Stühlen saßen und den kleinen Markus je mit dem rechten oder linken Zeigefinger in das Hälschen hineinkitzelten; dann ein großer, sehr feiner Onkel mit vielen Orden und einer schönen Marineuniform, der ihm eine große Schachtel mit Spielzeug schenkte, und noch viele andere, die ihm alle die Hand auf den Scheitel legten und immer dieselben Fragen an ihn richteten und immer dieselben Worte sprachen: »Sieh mal an, der kleine Mann!« oder: »I potztausend, was bist du gewachsen!« oder: »Da ist ja der Kronprinz!« Einmal in den ersten Tagen des Januar fand wieder solch ein großes Essen statt. Maria Hindersin hatte schon zwei Tage vorher das schwere Silber, die seidige Damastwäsche abgezählt, und schon seit Tagen war sie mürrisch und einsilbig. Markus schmeichelte und bettelte. Sie sollte ihm sagen, was ihr fehle. Sie schob ihn ungeduldig von sich. Aber da er nicht nachließ, fuhr sie ihn an: »Laß mich zufrieden, dummer Junge, hab' ohnehin nichts als Ärger durch dich.« »Durch mich?« Er sah aus seinen großen blauen Augen verwundert und erschrocken zu ihr empor. »Sag' mir, was ich getan habe, Mami...« Sie fiel auf einen Stuhl und weinte. Markus hatte noch nie jemanden weinen sehen. Er war ganz erschüttert, ganz fassungslos. Was war denn furchtbares geschehen? Wer hatte Mami was getan? »Hat Vater gescholten?« Sie zuckte die Achseln. Dann riß sie den Knaben an sich. »Wen hast du lieber als mich?« fragte sie ungestüm. »Niemand«, beteuerte er aufrichtig. Sie hielt krampfhaft seine Hände umklammert. Eine Stunde später ging er mit ihr spazieren. Im Erdgeschoß stand die Tür zum Kontor offen. »Warte«, sagte Maria Hindersin, wandte sich ab und bückte sich, als ob sie an ihrem Rock etwas in Ordnung zu bringen hätte. »Lukas \& Co.«, las Markus auf dem blanken Messingschild. Das war der Vater. Er war plötzlich sehr stolz, daß der Name seines Vaters auf einem schönen, glänzenden Schilde gedruckt war. Sein eigener Name. Das spröde Organ des Hausherrn drang durch die offene Tür bis auf den Flur hinaus. »Solange ich etwas zu sagen habe, werde nur ich disponieren. Das Recht ist auf meiner Seite und auch die Macht. Merken Sie sich das.« Eine andere Stimme antwortete, undeutlich, leidenschaftlich. Markus empfand großes Mitleid beim Klang dieser Stimme. »Wer ist das?« fragte er Maria Hindersin angstvoll. Sie war etwas rot vom Bücken, und ihre Hand, mit der sie die des Knaben ergriff, zitterte leicht. »Wer ist das?« fragte er nochmals. Sie unterstrich mit dem Zeigefinger das »\& Co.« auf dem Schild. »Aber das verstehst du nicht, Markus.« »Du weißt alles vom Vater, Mami... Du hast nie Angst vor ihm, nein? Warum hast du nie Angst? Hedwig hat Angst, und Albert hat Angst, und »Co.« hat Angst, und ich habe Angst ... nur du hast nicht Angst...« »Lauf, mach' Schneeballen«, gebot Maria Hindersin, und plötzlich hatte er einen nassen, schweren Ballen im Genick. Da hörte er auf zu grübeln und balgte sich mit ihr wie mit einem Jungen, bis ihr das Pelzbarett in den Nacken fiel und sie lachend: »Genug, genug!« schrie. Der Junge war so stark, man sah es seinem feingliedrigen Bau gar nicht an. Sie mußte Kraft anwenden, um ihm Widerstand entgegenzusetzen, wenn sie sich nicht vorsah, brachte er sie zu Fall, und sie purzelte hinein in den losen, weichen Schneehaufen. Schließlich, wenn gar nichts half, mußte sie streng werden. »Markus, wenn du nicht aufhörst, lasse ich dich drei Seiten abschreiben.« Ein nasser Klumpen ins Gesicht, das war die Antwort. »Abscheulicher Bengel!« Sie war ganz zornig, und wie er neckend näher kam, bearbeitete sie seinen Rücken mit den Fäusten. Es tat ihm weh, und doch mußte er lachen. Dann wanderten sie einträchtig heim, schmutzig, naß, sehr zufrieden miteinander, todmüde... Zu Hause klagte sie über die ruinierten Sachen und lief in die Küche, um ihm ein Glas heiße Milch zu bringen. Markus brauchte keine Spielgefährten... Albert putzte das Silber in der Küche. Hedwig ließ sich von Maria Hindersin ein Rezept aus dem neuen Kochbuch vorlesen und schüttelte dabei den Kopf. »Na ja, das ist ja alles recht schön; aber wir haben nun fünfzig Jahre immer Plumpudding beim Familienessen gehabt, und's hat allen geschmeckt... was sollen da all die neuen Rezepte; das ist nur alles teurer, aber nicht besser...« Markus blinzelte vergnügt aus der Sofaecke zu beiden herüber. Wahrhaftig, Mami ärgerte sich. Das konnte er nicht begreifen. Ihm schmeckte der Plumpudding auch sehr schön. Aber Mami kniff die Lippen so fest zusammen und erklärte noch einmal das neue Rezept. Die alte Hedwig riß die Augen auf und verhielt sich das Gähnen. Schließlich sagte sie: »Na ja... man kann's ja probieren.« Aber Markus wußte ganz genau, daß sie es nicht probieren würde. Und er hatte recht. An dem großen Tage schlich er sich in die Küche, und Hedwig bereitete wieder in aller Seelenruhe ihren Plumpudding. Sie steckte ihm eine Handvoll Rosinen zu und schickte ihn aus der Küche. In seinem Zimmer, mit dem Rücken gegen das Fenster, saß Maria Hindersin. »Wasch' dir die Hände, Markus, du sollst herunter zum Vater.« Er kaute an seinen Rosinen und schob noch den letzten Rest eilig in den Mund. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, er zitterte am ganzen Körper, aber er kaute hastig weiter. »Du frißt auch den ganzen Tag«, sagte Maria Hindersin. »Gehen – ich ... ich ... was will Vater?« Er würgte das Letzte hinunter und bohrte seine Augen angstvoll in ihr Gesicht. Es war kaum zu sehen in dem Dämmerlicht des grauen Wintertages. »Ich weiß nicht, du sollst zu Vater kommen.« Ihre Stimme war ton- und farblos, von gezwungener Gleichgültigkeit. Er horchte auf. »Du weißt es doch, Mami ...« Er wollte ihr auf den Schoß springen, aber sie stand auf. »Mach' schnell, der Vater wartet.« Er tauchte zur Sicherheit auch das Gesicht in das Waschbecken, um die letzte Spur seiner Näscherei zu verwischen. »Wegen so'n bißchen Rosinen ist's doch nicht, nicht wahr, Mami?« »Nein, nein.« Sie trocknete sein Gesicht ab und fuhr ihm mit der Bürste über die Haare. »Kommst du mit, Mami?« »Nein, du mußt allein gehen.« »Ich bin nie allein mit Vater gewesen.« »Jetzt bist du ein großer Junge.« »Nichts Schlimmes, Mami?« »Aber so geh' doch, frag' nicht... gewiß... nein... nichts Schlimmes... aber was Ernstes.« Er dachte: »Prügel gibt's ja nicht«, und hob den Kopf. Sie blieb stehen, während er zur Tür ging. Dann rief sie ihm nach: »Nimm die Mütze, es ist kalt im Treppenhaus.« Er nahm auch wirklich ganz mechanisch die Mütze vom Riegel und stieg zögernd die Treppe hinab. Er war erstaunt und doch innerlich bange. Der Vater hatte sich noch niemals längere Zeit mit Markus unterhalten, hatte ihn eigentlich kaum beachtet, nie gelobt, manchmal gescholten, nie aber ihn zu sich herunterkommen lassen. »Lukas \& Co.« las er wieder auf dem Schild. Er klingelte. Diese einfache Handlung kam ihm merkwürdig und bedeutsam vor. Oben öffnete Mami mit einem Schlüssel. Manchmal hatte er aus Spaß geklingelt, und dann hatte Mami immer gezankt. Hier durfte, hier mußte er klingeln. Ein junger, noch bartloser Mann öffnete ihm. Das brachte ihn aus der Fassung. Er hatte gedacht, der Vater würde aufmachen. Er stotterte undeutlich: »Ich möchte... ich muß... Lukas \& Co.... nein ... ich meine Vater...« »Ach so... na, komm nur rein...« Der junge Mann nahm Markus bei der Hand und führte ihn rechts in ein Kontor, in dem mehrere Herren unter flatternden Gasflammen an hohen Pulten standen. Von einem eisernen Ofen schlugen die Wellen einer unerträglichen Hitze dem Jungen entgegen. »Das ist Markus«, sagte ein kleiner alter Mann mit einer hellblauen Brille auf der eingedrückten Nase. »Ich werde ihn zum Chef führen.« Markus war sehr erstaunt, daß man seinen Namen kannte. Aber das gab ihm seine Sicherheit wieder. Er war der Sohn von Lukas \& Co. Er war gewiß eine sehr wichtige Person hier. »Komm, kleiner Mann.« Nun nahm ihn der Alte bei der Hand, obwohl er das jetzt eigentlich überflüssig fand, und führte ihn zum Zimmer hinaus über einen Gang, vor eine mit grauem Tuch und dunklen Nägeln ausgeschlagene Tür. »So, hinter der zweiten Tür, du brauchst nur zu klopfen...« Jetzt fing wieder das dumme Herzklopfen an. Er horchte zaghaft mit angehaltenem Atem. »Herein!« Markus kannte die Stimme. Sie weckte nichts Freundliches in ihm. Er trat ein. Das Zimmer war dunkel, soweit nicht der Lichtkreis einer Lampe reichte, die auf dem Schreibtisch stand, der die Hälfte des Zimmers einnahm. Der Kaufherr saß über ein Schriftstück gebeugt, das er mit anderen zu vergleichen schien. Es dauerte eine Weile, bis er den Kopf hob und seine kühlen großen Augen auf den Knaben richtete. »Nimm die Mütze ab!« war das erste, was er sagte. »Ach ja...« Mit einem Ruck hatte Markus die Mütze vom Kopf gerissen. Im Zimmer roch es nach sehr starken Zigarren, die Luft war graublau und wohlig schwer. Markus hüstelte und blinzelte mit den Augen. »Setz dich.« Markus entdeckte mit Mühe einen schweren, dunklen Eichenstuhl, dem Vater gegenüber am Schreibtisch. Behutsam ließ er sich auf ein Eckchen nieder. »Wie alt bist du?« Das Unerwartete der Frage verwirrte ihn so, daß er zu stottern anfing. »Sechs... bald sieben... nein, sieben... ich war sieben.« »Was kannst du?« Markus verstand nicht gleich. »Was du kannst... lesen...« »Ja, lesen, schreiben, rechnen, Französisch, Geographie, biblische Geschichte...« Markus preßte die feuchten Finger aneinander und dachte krampfhaft nach, was er noch konnte. Aber es war nichts. Er wiederholte: »Französisch, Geographie, Rechnen...« »Schon gut. Nach Neujahr kommst du in die Schule nach Berlin.« Markus schwieg. »Hast du verstanden?« »Ja.« Es blieb einen kurzen Augenblick still im Zimmer, dann ganz leise: »Und Mami?« Der Kaufherr fuhr sich mit einer nervösen Bewegung über das glattrasierte Gesicht. »Fräulein Hindersin bleibt selbstverständlich hier.« »Ja...« Markus suchte irgendeinen Halt in dem großen, dunklen Zimmer. Er war kalt bis in die Fußspitzen. Seine großen Kinderaugen irrten wie verloren an den Wänden entlang. Ein breiter goldener Rahmen schimmerte zu ihm herüber. Der Kaufherr fing den Blick auf. »Das ist das Bild deiner Mutter«, sagte er klar und scharf. »Ich war nur ein Jahr mit ihr verheiratet; sie starb gleich nach deiner Geburt. Sie war eine schwächliche Frau, eine gute, liebe Frau. Ich habe mich bis heute nicht wieder verheiratet.« Markus wollte weinen, aber er schämte sich. Wenn der Vater ihn jetzt gerufen hätte, dann wäre er ihm um den Hals gefallen und hätte ihn so lieb gehabt, so lieb... Aber der Vater rief ihn nicht. »Du hast deine Mutter nicht gekannt, ich kann nicht von dir verlangen, daß du sie liebst, und daß du ihr Andenken ehrst, wie ich es geehrt habe. Dies aber bleibt bestehen, auch wenn ich dir eine zweite Mutter gebe.« Markus sprang auf. »Sitzenbleiben!« gebot Herr Lukas streng. »Ich heirate also noch einmal, und ich heirate jemanden, den du sehr gern hast...« »Mami...« »Ja, Fräulein Hindersin. Sie ist dir in Wahrheit eine zweite Mutter gewesen. Ich nehme an, du bist sehr glücklich darüber.« Markus wiederholte nur tonlos: »Mami...« Ihm war, als hätte man ihm auf einmal alles, was sein eigenstes Eigentum war, genommen. »Du wirst heute mit Fräulein Hindersin am Familienessen teilnehmen und dich anständig benehmen. Um neun Uhr wirst du dich von den Herrschaften verabschieden, Fräulein Hindersin die Hand küssen und allein in dein Zimmer gehen, wie ein großer Junge, hast du mich verstanden?« »Ja.« »Du wirst fortan Fräulein Hindersin mit demselben Respekt begegnen wie mir und dich nicht mehr auf der Straße mit ihr herumbalgen. Ich habe dich von meinem Fenster aus beobachtet. Das schickt sich nicht mehr. In vierzehn Tagen bringe ich dich nach Berlin. Ich hoffe, du wirst dich dort wohl fühlen. Zu den großen Ferien kommst du nach Hause. Wenn du mit dem Gymnasium fertig bist, trittst du hier ins Geschäft ein. So, nun weißt du alles, was du zu wissen brauchst. Jetzt gib mir die Hand und versprich mir, ein braver, tüchtiger Junge zu sein. Dein Leben liegt glatt vor dir. Verdirb es dir nicht!« Die Hand des Knaben lag kalt und feucht in der des Vaters. »So, Markus, nun kannst du gehen.« Automatenhaft schritt Markus zur Tür. Wortlos. Die Gedanken waren ihm wie eingefroren im Gehirn. Er klapperte mit den Zähnen. Er tappte ein paarmal nach der Klinke, ehe er sie fand. Plötzlich war ihm, als müßte er schreien, sich auf den Boden werfen, mit Armen und Beinen um sich schlagen. »Mach die Tür zu, es kommt kalte Luft herein«, sagte der Vater. Er zog die Tür hinter sich zu. Oben machte ihm Albert auf. »Was ist dir, Markus, bist du krank? Du hast dich gewiß erkältet.« »Wo ist sie? ...« Der Alte verstand. Er beugte sich tief herab. »In ihrem Zimmer, Markuschen. Hat der Papa dir gesagt? ... Na ja, wir haben's uns alle schon lange gedacht... Aber sie hat dich gern ... du wirst's nicht schlecht haben bei ihr.« »Das ist es nicht ...« rang es sich qualvoll von Markus' Lippen, »das ist es nicht ...« Er ging leise auf den Fußspitzen über die knarrende Diele nach seinem Zimmer. Im Vorbeigehen sah er die für den Abend gedeckte Tafel, noch länger als sonst, mit vielen Blumen geschmückt und schwerem glitzerndem Silber. An dieser Tafel sollte heute auch er sitzen. Aber um neun Uhr mußte er aufstehen, mußte ihr die Hand küssen  ... Wenn er sie dabei nur kneifen könnte, daß sie vor Schmerz aufschrie!  ... Alle würden erschreckt aufspringen, der Vater würde ihm eine Ohrfeige geben ... aber ändern würde das nichts  ... »Die Falsche, Falsche! ...« Auf seinem Bett lag sein neuester Anzug ausgebreitet, der feine hellblaue Matrosenkragen, ein weißes Taschentuch, in das sie selbst seinen Namen eingestickt hatte, während sie beide französische Vokabeln lernten. Einmal hatte er sie dabei ausgelacht, weil sie sich ein Wort durchaus nicht merken konnte, und dann hatte er ihr lange Nasen gemacht und hatte sie an den feinen blonden Härchen gezupft; und dann für ein Stückchen Schokolade hatte er ihr großmütig das Wort gesagt  ... Heute mußte er ihr die Hand küssen vor allen!  ... Er nahm seinen Anzug, seinen Matrosenkragen, sein feines Taschentuch und schleuderte alles heftig gegen die Tür ihres Zimmers. Dann lauschte er. Es blieb alles still. Nur ab und zu ein leises Geräusch wie von einer auf Glas fallenden Haarnadel. Jetzt eine fremde Frauenstimme: »Bitte, den Kopf etwas nach rechts.« Sie ließ sich frisieren... Eine halbe Stunde später trat Maria Hindersin in sein Zimmer. Er lag auf dem Bett und schlief. Seine Augenlider waren geschwollen, die eine Hand hielt ein noch feuchtes Taschentuch krampfhaft umschlossen. Sie stand eine Welle da, schwankend, ob sie ihn wecken sollte. Dann wandte sie sich leise aufseufzend ab, holte die herumliegenden Sachen zusammen und verließ auf den Zehenspitzen die Stube. Albert stellte im Speisezimmer den Wein in die silbernen Kühler. »Ich bitte, helfen Sie Markus sich rasch ankleiden,« sagte sie zu ihm, »ich will unterdessen das letzte an der Tafel ordnen.« Markus saß beim Essen zwischen dem Kapitän und der Tante Dutschmann. »Nicht so viel essen, Markuschen«, flüsterte ihm Albert beim Servieren zu. Aß er wirklich so viel? Er merkte das gar nicht. Er aß nur, um nicht um sich blicken zu müssen. Er wollte weder den Vater sehen noch sie. »Sie« hatte ein weißes Kleid an und eine komische neue Frisur, in der sie ganz anders aussah. Manchmal lachte sie und nickte ihm zu, beinahe, als wollte sie ihm etwas abbitten. Er hätte ihr zu gern die Zunge herausgestreckt. Wenn nur der Vater nicht gewesen wäre. Da es eben nicht anging, stopfte er sich beide Backen voll. Dann fiel ihm ein, wie sie ihm heute gesagt hatte: »Du frißt auch den ganzen Tag.« – Ach, wenn er ihr doch nur etwas antun dürfte! Er sah auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, und er mußte ihr die Hand küssen. Gut. Aber von ihr ließ er sich nicht mehr küssen... nie mehr. Die Falsche... Falsche... Der Vater klopfte ans Glas. Es wurde ganz still, und dann tönte die spröde, harte Stimme über alle hochgehobenen Köpfe hinweg, und Worte reihten sich an Worte, Sätze an Sätze... Markus verstand von dem allem nur das letzte: »Stoßen Sie an mit mir auf das Wohl meiner lieben Braut, Fräulein Maria Hindersin.« Markus dachte, alle würden nun den Vater in die Rippen stoßen, und das kam ihm so spaßig vor, daß er seinen Mund zu breitem Grinsen verzog. »Du freust dich, kleiner Held, was?« sagte der Kapitän und kniff ihm die Wange. »Na komm, nimm dein Glas, jetzt mußt du mit deiner künftigen Mama und dem Papa anstoßen.« Ach – so war's gemeint... Markus fand das Gläserklirren sehr nett. Erst stieß er mit dem Vater an. »Danke, mein Junge«, sagte er und küßte ihn auf die Stirn. Markus wurde verwirrt. Der Kapitän schob ihn: »Allons, junger Mann, die junge Mama...« zur Braut seines Vaters. Markus hob sein Glas... und kling, klang... hatte er sein Glas so heftig an das ihre gestoßen, daß beide Tulpen zersprangen und der Sekt auf Maria Hindersins weißes Kleid und seinen eigenen Anzug herabfloß. »Tölpel!« rief der Vater und suchte mit der Serviette das weiße Kleid zu trocknen. Tante Dutschmann bemühte sich um den Knaben. Er hatte einen feuerroten Kopf und sah sehr beschämt aus. Innerlich frohlockte er. Ein klein bißchen hatte er sich doch gerächt... Und wie schlau! Er war sehr zufrieden mit sich, als er sich eine Riesenportion Plumpudding auflegte. »Markuschen!« warnte Albert entsetzt. Aber sonst kümmerte sich niemand um ihn. Dann gab es noch kandiertes Obst und Weintrauben. Er ließ sich nichts entgehen. Wie durch einen dichten Nebel sah er die ganze Tafelrunde, hörte »ihr« Lachen. Es war ihm übrigens ein fremdes Lachen; mit ihm hatte sie immer ganz anders gelacht. Er haßte sie wieder... so recht von Herzen, wie es ihm nur mit seinem vollgepfropften Bauch möglich war. Und dann sagte der Vater: »Mein Junge, es ist neun Uhr.« Er erhob sich. Machte vor jedem seinen Kratzfuß, gab jedem die Hand, auch dem Vater. Zuletzt kam er auf Maria Hindersin zu. Sie nahm seinen Kopf zwischen die Hände und wollte ihn küssen. Aber er riß sich los. Dann griff er nach ihrer Hand und führte sie an seinen Mund. Aber statt einen Kuß darauf zu drücken, grub er seine festen kleinen Zähne in das zarte weiße Fleisch. Sie schrie leicht auf. »Was ist das für ein Unfug, Junge?!« Der Vater sah so zornig aus, daß ihm todangst wurde. Er lachte verlegen nach Kinderart. »Das war ja nur Spaß...« »Ich verbitt' mir solchen Spaß! Marsch, in dein Zimmer!« Er ließ sich's nicht zweimal sagen. Wie der Blitz war er draußen. In seinem Zimmer war es still und kühl – fast kalt nach dem überwarmen Speisesaal. Er kleidete sich rasch aus und kroch ins Bett. Von drüben drangen Stimmengewirr und Gläserklirren dumpf zu ihm herüber. Jetzt tat ihr die Hand gewiß sehr weh... O, er hatte fest hineingebissen – gar nicht »ein bißchen«, gar nicht »zum Spaß...« Ein bißchen mehr, und es wäre Blut geflossen. Die Falsche, die Falsche... Gott sei Dank, daß er nach Berlin kam. Er wollte bis dahin auch kein Wörtchen mit ihr sprechen. Und bei den Vokabeln würde er ihr auch nicht mehr helfen, und nie würde er ihr mehr einen Kuß geben, und nie durfte sie mehr in sein Zimmer kommen... niemals. Er ballte die Hände und schlug zornig auf die Kissen. Dann schlief er ein. Nachts wachte er auf. Es war ganz dunkel und still in seinem Zimmer. Ihm war sehr übel. Und jetzt stach es ihm in den Leib, jetzt krampfte sich sein Magen zusammen. Er brüllte los. »Mami...! Mami...! Mami...!« Sie stürzte herein, einen kurzen Unterrock um die Hüften, den blonden Zopf im Nacken. Wie ein kleines Mädchen sah sie aus. »Mami, mir ist so schlecht, Mami, bleib' doch bei mir... o Gott...« »Na ja... Freßsack du... das war's...« Sie mußte lachen, wie sie ihn noch immer so kläglich da liegen sah. »Daran stirbt man nicht, du Hasenfuß.« Er drückte ihre Hand und küßte sie dankbar und demütig. »Es war schrecklich, Mami, wie ich so traurig war und dich nicht leiden konnte.« »Und jetzt?...« Er antwortete nicht. Sie glaubte, es sei aus Müdigkeit. Aber er wog nur ab, was er verloren, was er gewonnen hatte. Es war die erste Bilanz seines Lebens. Markus sollte in Berlin in der Familie von Dr. Labisch untergebracht werden. Dr. Labisch war Oberlehrer am Joachimsthalschen Gymnasium und hatte einst die Ferienwochen im Lukasschen Hause in Bremen verbracht, um den jetzigen Chef der Firma zum Abiturium vorzubereiten. Seitdem hatten die jungen Leute von Zeit zu Zeit korrespondiert, hatten einander später die Vermählung- und Todesanzeigen zugeschickt und waren auf diese Weise immer in loser Verbindung geblieben. Dr. Labisch war seit fünfzehn Jahren Ehemann. Er hatte kurz nach der Promotion ein elegantes, reiches Mädel bekommen, die Tochter eines bekannten Konditors der Friedrichstadt, die auf Titel ausging und sich schließlich mit dem einer »Frau Doktor« zufrieden gab. In den letzten Jahren war die blühende Bäckerstochter aber schmal und blaß geworden – noch bleicher vom Puder, den sie auflegte. Aber doch hübsch, hübscher sogar als früher, vergeistigter, nervöser. Das dritte Kind hatte sie ihre Gesundheit gekostet. Das erste war ein Junge gewesen. Das zweite ein Mädchen. Sie hatte es abgöttisch geliebt. Mit zehn Jahren war es gestorben. Das dritte war wieder ein Junge – ein kleiner Krüppel, taubstumm, gelähmt, mit einem wundervollen kleinen Kopf, auf dem wie zusammengewachsenen kleinen Körperchen. Als sie zum erstenmal aufstand und sich im großen Stehspiegel sah, erkannte sie sich selbst kaum wieder. Ihre Haare waren grau geworden. Ihre vollen, blühenden Lippen hatten sich zu zwei Strichen verdünnt, der blendend weiße Teint mit dem rosigen Inkarnat war plötzlich aschgrau. Sie war immer eitel gewesen und blieb es auch jetzt. Sie färbte sich das Haar, puderte das Gesicht, gab Rot auf die Lippen und Schwarz unter die Augen. Nach einigen Wochen erholte sie sich auch einigermaßen. Sie wurde wieder hübsch. Freilich ganz anders. Nicht so hübsch, wie man das in Lehrerkreisen gern sah. Auf der Straße trug sie Pariser Schleier – dann sah sie geradezu verführerisch aus. Man belästigte sie oft. Es schmeichelte ihr. Sie hielt krampfhaft die entfliehende Jugend fest und ließ sich von ihr ein bißchen im Staub schleifen. Ihr Mann bemerkte das alles nicht. Die elegante Frau gefiel ihm, wie sie eben war. Manchmal sagte er ihr's: »Wunderhübsch siehst du heute aus.« Aber es kam ihm nie in den Sinn, ihren Toilettengeheimnissen nachzuforschen. Der älteste Junge, Kurt, war ein kräftiger hübscher Bengel, schlau und energisch, der sich frühzeitig alle Vorteile seiner Stellung als Sohn eines Oberlehrers ausgeknobelt hatte. Der Kleine – man nannte ihn Klumpchen – war der Obhut einer erfahrenen Wärterin aus einer Taubstummenanstalt anvertraut. Man hoffte, daß er mit der Zeit noch einigermaßen sprechen lernen würde. Später sollte er dann in eine orthopädische Anstalt kommen. Die Mutter kümmerte sich um ihn, soweit es ihre Pflicht war, ohne innere Wärme, mit jenem leisen Gefühl instinktiven Widerwillens, das der Gesunde so oft gegen den Kranken hegt. Den Ältesten betrachtete sie als ihren Kavalier. Mit vierzehn Jahren überragte er sie schon um eine halbe Handbreite. Da ging sie mit ihm spazieren und stützte sich auf seinen Arm. Manchmal nahm sie ihn mit ins Theater. In den Zwischenakten bot sie ihm Pralinés aus ihrer silbernen Dose an und erzählte ihm, was sie von den Darstellern wußte. Sie las viel Theaterklatsch und freute sich, daß sie darüber reden konnte. Kurt war ein aufmerksamer Zuhörer. Manchmal wußte er mehr als sie selbst. Dann lachte sie und drohte ihm mit dem Finger. Woher er das nun wieder hatte! ... Es gab wirklich keine Kinder mehr. Manchmal aber wurde ihr der große Junge doch unbequem. Er stellte Fragen, die sie verwirrten, und sprach zu objektiv über den Vater, dessen Harmlosigkeit er bisweilen, wenn die Mutter guter Laune war, bespöttelte. In der Schule nannten sie ihn den Gründungsparanoiker, erzählte er mal. Frau Dr. Labisch mußte erst im Lexikon das Wort »Paranoiker« nachschlagen, dann war's zum Verweis zu spät. Der Junge hatte auch manchmal so eine ganz infame Art zu lächeln, so richtig von oben, von der Höhe seiner Sekundanerweisheit herab. Er war der Jüngste in der Klasse und dabei Primus. Er wußte alles. Und alles besser. Ihr war es darum ganz recht, daß der kleine Markus kommen sollte. Trotz des großen Altersunterschiedes war es doch eine Ablenkung für Kurt. Jedenfalls hockte er ihr dann nicht immer auf dem Halse. Er arbeitete ja so fabelhaft leicht und hatte so unendlich viel freie Zeit. Wenn man von der Überbürdung der Schuljugend sprach, zuckte sie mit den Achseln. Sie merkte wahrhaftig nichts davon. Herr Lukas brachte seinen Sohn selbst nach Berlin. Dr. Labisch war mit seiner Frau am Bahnhof erschienen. Der Lukassche Nimbus erneute seine Wirkung – sie waren beide etwas bewegt. Man hatte das Gefühl, als empfinge man einen jungen Prinzen. Natürlich mußte Herr Lukas gleich mit ihnen nach Hause fahren und bei ihnen speisen. Am nächsten Vormittage machte der Kaufherr noch einen kurzen Besuch bei Labischs und reichte Markus zum Abschied die Hand: »So, mein Junge, nun vergiß nicht, was ich dir zu Hause gesagt habe. Ich erwarte von dir, daß du gut lernst, daß du dich gut aufführst. Es soll dir auch an nichts fehlen.« Markus fing jämmerlich zu heulen an. Erst in diesem Augenblick war ihm das Bewußtsein einer großen Wendung in seinem Leben gekommen. Lukas beugte sich über ihn und küßte seine beiden Wangen. »Ich werde Mama von dir grüßen.« Markus antwortete nicht, und auch seine Tränen versiegten plötzlich. »Mama«, das war wieder was Neues, wieder was Fremdes... Er schluchzte nur noch leise vor sich hin und begleitete den Vater hinaus ins Vorzimmer. Nun fand ein allgemeines Händeschütteln statt. »Glückliche Reise!« »Auf Wiedersehen!« »Der kleine wird sich schon wohl fühlen.« »Empfehlung an Ihre Braut.« »Besten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit!« All die Sätze schwirrten um Markus herum, so laut, daß sein »Adieu, Papa!« lautlos verhallte. Herr Lukas war schon auf der Treppe, da stürzte Markus ihm nach: »Papa ... die Mami laß ich grüßen und den Albert und die Hedwig! ...« Der Kaufherr steckte sich gerade eine Zigarre an. »Ja, ja, natürlich, aber geh jetzt nur hinein, es ist kalt... Adieu, mein Junge!« und er winkte ihm noch, ohne sich umzudrehen, mit der Hand. So... na, die ganze umständliche Geschichte war nun geregelt. Mit ein paar Sätzen war Herr Lukas die Treppe hinunter, bestieg eine vorbeifahrende Droschke und gab dem Kutscher die Adresse eines Geschäftsfreundes an. Mit dem hatte er noch einiges zu besprechen. Vielleicht frühstückten sie dann auch zusammen irgendwo, tranken eine gute Flasche Wein und machten einen Abschluß. Ihm war nach dem konventionellen Salongelabere bei Labischs ein fader Geschmack auf der Zunge geblieben, als hätte er zu viel Süßes gegessen. – – Markus gewöhnte sich rasch an die neuen Verhältnisse. Äußerlich. Es wehte eine laue Luft im Hause Labisch. Und da gab es auch keine Kanten und finsteren Winkel. In der ersten Zeit gefiel es ihm – das Helle, Freundliche, das über den Räumen und den Menschen lag. Später aber kamen Augenblicke, da er sich nach dem Rappeln, Knistern und Ächzen, nach dem ganzen geheimnisvollen Spuk der alten Diele zurücksehnte, der sich in seiner Phantasie zu einer wundervollen Musik verwob, die ihm sein Vaterhaus lebendiger und inniger vorzauberte als Mamis ausführlichste Briefe. Dann weinte er still in die Kissen und schlief ein mit wehem, wundem Gefühl, das ihm tausendmal schlimmer dünkte als die jämmerliche Furcht, die er früher gehabt hatte. Er hätte es damals noch nicht zu sagen gewußt, wie es kam, daß er sich an die neue Umgebung nur eben sehr bald gewöhnte, sie aber nie liebgewinnen konnte. In der Schule war er ein kleiner Junge unter vielen anderen. Auf der Straße staunte niemand seinen hübschen Mantel an. Im Hause sprachen die Dienstboten nur so viel mit ihm, wie gerade zu seiner persönlichen Bedienung nötig war. Ihm fehlte nichts. Er vermißte alles. Sogar die Angst vor dem Vater. Kurt benahm sich ganz nett. Ab und zu gab es einen Boxer, aber das war nicht schlimm. In der Schule hatte Markus sogar einen Beschützer an ihm. Und zu Hause sah Kurt manchmal seine Aufgaben durch – aus dem Bedürfnis heraus, zu belehren und zu befehlen, von irgendeiner Freundschaft konnte vorläufig natürlich nicht die Rede sein. Dazu war der Altersunterschied zu groß. Die »Tante«, wie er Frau Dr. Labisch nannte, nahm Markus manchmal in die Stadt mit, wenn sie Besorgungen machte. Oft traf man Bekannte, »wer der kleine niedliche Junge sei?« Dann erzählte sie umständlich von dem »Patrizier« Lukas in Bremen. Ihr Mann wäre innig befreundet mit ihm und hätte den Knaben zur Erziehung zu sich genommen. – Das Wort »Patrizier« gefiel Markus ungemein. Er fragte Kurt, was es bedeute. »Patrizier waren die vornehmsten Bürger des römischen Staates!« »Danke«, sagte Markus, der immer sehr höflich war. »Warum wolltest du das wissen?« »Weil mein Vater Patrizier ist.« »Quatsch!« entgegnete Kurt respektlos. Markus wurde blaß. »Wirklich, Kurt, Papa ist Patrizier. Aber frage nur, vielleicht ist dein Papa auch Patrizier oder vielleicht deine Mama!« Kurt, dem die sonntäglichen Plünderungen in der großväterlichen Konditorei nur zu gut in Erinnerung waren, prustete laut heraus. Markus fühlte sich empfindlich verletzt. »Es ist sehr schön, Patrizier zu sein«, sagte er eindringlich. »Man ist doch der erste, und alle haben Angst vor einem.« »Meinst du?« Kurt sprang auf, ballte die Hand und hob die Faust blitzschnell über den Kopf des Kleinen. Markus duckte sich zusammen. »Was machst du?« »Aha – siehste, davor hat man Angst!« Und er hielt ihm die Faust unter die Nase. Markus blinzelte den Großen verdutzt an und murmelte: »Das ist aber sehr häßlich.« Doch er mußte lange darüber nachdenken. Und immer sah er eine große Faust, die sich über allem erhob, was ehrwürdig war und vornehm. Und vor dieser Faust duckte sich der Größte schreckhaft zusammen, wie er selbst es vorhin getan hatte. Er betrachtete lange seine seinen, schlanken Hände und schüttelte hoffnungslos den Kopf. Er würde nie eine große Faust haben, nie... Er würde sich immer ducken müssen, immer... Der kleine Patrizier fühlte sich wie ein abgesetzter König. Er war doch immerhin mit dem Bewußtsein, etwas Besonderes zu sein, hierhergekommen. Sohn von Lukas \& Co. Und nun war das nichts?  ... Die Nacht darauf konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere und blinzelte hinüber nach Kurt, der einen Leuchter auf sein Bett gestellt hatte und ein broschiertes Buch mit hellem Umschlag davor hielt, in dem er eifrig las. »Tovote« stand darauf, und darunter »Frühlingsstürme«. Im Gang vor der Tür wurden Schritte laut. In einem Nu war die Kerze ausgelöscht, der gelbe Band verschwand unter dem Kopfkissen. Als die Schritte sich entfernten, zündete Kurt das Licht wieder an. Markus war nun ganz wach. »Du ... Kurt...« »Ja...« Der Große blickte nicht auf von seinem Buch, und seine Stimme klang ungeduldig. Es war gerade jetzt kolossal spannend. »Ja ... nun, was willst du?« »Du – muß man sehr kräftig sein, damit die Leute vor einem Angst haben?« »Ja, gewiß ist es gut, wenn man kräftig ist.« »Aber wenn's nun gar nicht geht...« »Turne fleißig – sei kein Schlappschwanz.« »Aber wenn alles Turnen nichts nützt, ist es dann ganz unmöglich?« »Was denn?« »Daß man eine starke Faust hat?« »Ach so!« Der Große zwinkerte belustigt mit den Augen. »Es braucht nicht bloß körperliche Kraft zu sein, wenn man nur irgendeine Macht hat... verstehst du... und sie dann so richtig gebraucht... so wie man die Faust gebraucht: Du parierst oder du kriegst eins.« »Ach so – – « Und Markus blickte starr in die Kerze, bis ihm die Lider schwer wurden und er einschlief. Im November gaben Herr und Frau Dr. Labisch ihre erste Gesellschaft in der Saison. »Gibt's bei euch auch Plumpudding zum Schluß?« fragte Markus, für den Plumpudding nach wie vor den Gipfel aller vornehmen Tafelfreuden bedeutete. »Was ist denn das für ein Zeug? – Ach so! Nee! Eis gibt es. wir dürfen's nicht feiner haben als der Direx, verstehst du, Markus?« »Das würde ihn kränken?« »Fuchsen würd's ihn, und das könnte Papa schaden. O, Mama ist eine sehr kluge Frau – Papa weiß gar nicht, was er an ihr hat.« Markus sperrte Mund und Augen auf. Diese unbefangene Respektlosigkeit verwirrte alle seine Begriffe. »Na, überhaupt ein Vergnügen, diese Abende! Mama hat den Direktor an ihrer Seite – einen Mummelgreis, der jedes Jahr ein Büchlein über irgendein deutsches Wort schreibt. Mama findet's immer auf ihrem Teller, wie wenn's ein Veilchenstrauß wäre, und Papa reiht's in seine Bibliothek ein, mitten unter die ungebundenen Bücher. Aber vorher muß ich die Seiten aufschneiden, und Mama macht Bleistiftzeichen an der Seite, wenn der Alte kommt, sieht er jedesmal nach und schmunzelt. 's ist zum Heulen!« Und Kurt hielt sich den Bauch vor Lachen. Frau Dr. Labisch kam herein. Sie hatte einen fliederfarbenen Schlafrock an und sah ungemein leidend und lieblich aus. »Was gibt's denn, Kurt?« »Ich sprach vom Direktor, Mama... Du weißt doch...« »Naseweiser Bengel!« Sie gab ihm einen Nasenstüber, und er küßte im Fluge ihre schlanken Finger. »Aber das bitte ich mir aus, Mama – Resteressen mit meinen Freunden, was?« »Ja, ja... selbstverständlich. Und du, Markus, ladest du dir vielleicht auch einen oder zwei Freunde dazu ein, willst du?« Sie neigte sich liebenswürdig zu dem Knaben herab und fuhr ihm leicht über das seidenweiche, glattgescheitelte Haar. »Danke, Tante, aber ich habe noch keine Freunde, ich bin noch so fremd.« »Schön. Also das nächste Mal. Aber Freunde mußt du dir anschaffen. Es ist nicht gut, wenn du allein bleibst, und Kurt ist zu alt für dich. Ich glaube, er tyrannisiert dich, was, Markus?« »O nein... ich möchte keinen andern Freund haben.« »Da hast du's, Mama! Hast ja gar keine Ahnung, was der Junge alles von mir lernt!« »Kann mir's denken, du Schlingel!« Frau Dr. Labisch ging langsam stöbernd durch das Zimmer und griff mit sicherer Hand unter Kurt Kopfkissen. »Was hast du denn da schon wieder?« Sie schlug ein Buch auf. »Schnitzler...« Kurt stürzte auf sie zu und entriß ihr den Band. »Laß das. Das ist nichts für dich!« Er war sehr rot geworden und verbarg das Buch unter der Jacke, die er zuknöpfte. Frau Dr. Labisch zog nervös die Brauen zusammen. »Höre, Kurt, ich verlange, daß du mir das Buch gibst! Ich will nicht, daß du – solche Bücher liest!« »Woher kennst du es denn?« fragte Kurt langsam und mit Betonung. Sie wurde ihrerseits rot und antwortete hastig: »Ich kenne es nicht; ich weiß nur, es ist ein abscheuliches Buch, das ganz ungeeignet ist für dein Alter!« Kurt lachte wieder. »Wenn ich nur das lesen sollte, was für mein Alter geschrieben wird, da würdest du dich überhaupt nie mehr mit mir unterhalten. Na, siehst du – jetzt lachst du!« Es war Frau Dr. Labisch unangenehm wegen Markus, daß ihr Sohn so zu ihr sprach. »Du zwingst mich, es deinem Vater zu sagen«, rief sie ärgerlich. »Tu es nur! Dann würde ich aber auch sagen, daß unsere ganze Klasse das Buch gelesen hat, und daß du selber zu dem Abend gegangen bist, an dem ein Schauspieler daraus vorgelesen hat. Der Neffe von dem Schauspieler hat dich im Saal gesehen, und daher haben wir uns kein Gewissen daraus gemacht, das Buch zu lesen. Hier ist es – bitte!« Er warf einen abgerissenen Band auf den Tisch und wendete sich ab. »Aus eurem Resteressen wird nichts«, erklärte Frau Dr. Labisch und rauschte aus dem Zimmer, ohne das Buch zu berühren. Markus hatte sich während der ganzen Szene in einer Ecke des Zimmers verborgen gehalten. »Aber Kurt,« sagte er leise, nachdem sie allein geblieben waren, »wie darfst du so mit deiner Mutter sprechen?« Kurt wendete sich heftig zu ihm herum: »Ach was, halt's Maul!« Er stieß mit dem Fuß einen Stuhl ab, daß er in die Mitte des Zimmers flog. »Glaubst du, ich hätte mir geholfen, wenn ich nur das getan hätte, was ich darf? Aber so habe ich mir geholfen, mir und der Klasse!« »Wenn du deiner Mutter das Buch gegeben hättest, hätte sie deinem Papa auch nichts gesagt.« »Nein, aber ich hätte es nicht ausgelesen. Und ich will's nun doch mal lesen! Und wenn man was will, dann kommt es gar nicht darauf an, ob man darf. Nur darauf, ob man kann! Und – ich kann, ich kann, und ich werde können!« Markus blickte mit bewundernder Scheu auf seinen großen, starken Freund. Und das Resteressen gab's doch noch. Kurts Kameraden beteten alle heimlich die schöne Frau Doktor an, und sie hatte einen entzückenden Ton schwesterlicher Koketterie zu all diesen etwas tolpatschigen und arroganten Bürschchen und sonnte sich gern in deren unbeholfener Verehrung. Auch Kurts Benehmen der Mutter gegenüber war bei solchen Anlässen immer höchst ritterlich, während sie selbst den jungen Leuten die größte Freiheit gewährte und sogar leichte Zigaretten anbot. Wenn sie sich dann nach aufgehobener Tafel in ihr Zimmer zurückzog, gab es jedesmal echt gemeintes Bedauern, und es dauerte eine Weile, ehe die vertrauliche und renommistische Stimmung einsetzte, die die Würze aller solcher Zusammenkünfte war. Den Backfisch, das Schulmädel, dessen Weg man täglich zweimal kreuzen mußte, hatte man seit vorigem Jahr überwunden. Die meisten hatten sich bereits zur Verachtung des Weibes durchgerungen. Das Inferiore der Frau wurde an zahlreichen Beispielen nur der Ordnung wegen nochmals konstatiert und die Freundschaft als einzige Form gesteigerter Ergänzungssehnsucht erklärt. Als dann gegen zehn Uhr nochmals die Türen zum Speisesaal auseinandergeschoben wurden, und Frau Dr. Labisch in ihrem weißen geschlossenen Spitzenkleid am festlich gedeckten Tisch präsidierend, die jungen Herren zu einem Glase Tee einlud, da waren alle weiberfeindlichen Theorien vergessen, und ein jeder versuchte als erster den Platz neben der reizenden Hausfrau zu erobern. Sie sprach davon, einen Ball zu geben. Die jungen Herren hätten doch gewiß Schwestern... wenn man nur fünfzehn Paare zusammenbrächte... es könnte ein allerliebster Abend werden, nicht wahr? Die jungen Herren erhoben ihre Teegläser und brachen in nicht endenwollende Hochrufe aus. Während bald darauf eine Liste der einzuladenden jungen Mädchen aufgestellt wurde, schlief Markus auf seinem Stuhl ein... Vier Wochen später war Weihnachten. Markus zählte die Tage bis zum Ferienanfang und malte sich die Heimkehr in tausend schimmernden Farben aus. Manchmal hoffte er, der Vater würde ihn allein reisen lassen, und er freute sich so sehr auf diese Möglichkeit, daß dagegen sogar seine Wiedersehensfreude mit Mami verblaßte. Er nahm sich überhaupt vor, nicht mehr so kindisch zu sein. Er wollte Mami durch große Selbständigkeit imponieren, vielleicht sogar ihr nur die Hand zur Begrüßung reichen und ihr nicht an den Hals springen wie ein kleiner Junge. Auch wollte er die lateinische Grammatik gleich aufgeklappt auf seinen Tisch legen, damit sie sah, mit wie ernsten Dingen er sich jetzt beschäftigte. Das war was anderes als französische Vokabeln... Jawoll!  ... Er berlinerte gern ein bißchen, wie er es von Kurt hörte, und erblickte darin den Gipfel aller Männlichen Energie. Schwieriger dünkten ihn die Beziehungen zu seinem Vater. Aber wenn er sich sehr erwachsen benahm, sehr höflich war und bei Tisch nicht übermäßig aß, dann würde er auch die Hochachtung vom Vater erringen. Bis dahin wollte er Kurt so viel wie möglich abgucken. Es war am 20. Dezember, als Frau Dr. Labisch ihn zu sich auf den Schoß zog und ihm sagte: »Nun aber tapfer, kleiner Mann; aus den Weihnachtsferien zu Hause wird's in dem Jahr nichts.« Markus starrte sie an. »Nicht nach Hause? Warum nicht nach Hause?« »Es geht dies Jahr nicht. Dein Vater heiratet dieser Tage, und da gibt es so viel... da ist so viel... das ist eine so große Umwälzung, daß es besser ist, du kommst später. Aber du mußt nicht traurig sein darüber, wir putzen auch einen schönen großen Baum, und das Christkind vergißt dich hier ebensowenig wie zu Hause.« Sie hätte noch stundenlang so fortreden können. Er hörte gar nicht mehr hin. Sein kleines Herz arbeitete in schnellen, heißen Schlägen, und seine Gedanken rasten ihm wie toll durch das Hirn. Es waren alle viel zu sehr mit sich beschäftigt, um sich viel um ihn zu kümmern. Kurt bereitete eine Weihnachtsfeier in seiner Schule vor, Dr. Labisch war in die Jahresabrechnungen seiner unzähligen Vereine vertieft, und die hübsche Frau Doktor erschien immer erst abends, mit Paketen schwer beladen, abgespannt und nervös im Entree. Die märchenhafte, wundervolle Weihnachtsstimmung setzte sich hier in betriebsame Geschäftigkeit um. Auch, daß die weihnachtliche Schulfeier einen Tag vor der häuslichen stattfand, empörte Markus. Unklar, aber sehr stark empfand er, daß vom Elternhause der Zauber der Weihnacht ausgehen mußte, was sollte denn der elterliche Weihnachtsbaum noch sagen, wenn man tags zuvor in das flimmernde Kerzenlicht des Schulbaumes gestarrt hatte? Zweimal konnte sich nicht die gleiche Stimmung in gleicher Stärke einstellen. Die Schule nahm der Feier alles Besondere, Geheimnisvolle, all den tiefen Reiz, den nur »der Weihnachtsbaum« des Elternhauses ausstrahlen konnte. Und so stand Markus in diesem Jahre vor zwei Weihnachtsbäumen ohne jenes mit eigentümlichem Schauer gemischte Glücksgefühl, das ihn zu Hause gleichzeitig zum Lachen und Weinen gebracht und ihm auf Wochen hinaus das finstere Haus verklärt hatte. Mit eher peinlichen als freudigen Empfindungen betrat er als erster den Salon, in dem die häusliche Bescherung stattfand. Frau Dr. Labisch führte ihn an seinen Tisch. Es war der größte von all den weißgedeckten Tischchen, die mit Gaben überfüllt schienen. Markus war noch nie so reich beschenkt worden. Aber es kam keine rechte Freude in ihm auf, denn er stand allein vor seinem Platz. Jeder hatte mit sich zu tun. Auf der großen Marzipantorte, die den Namen »Markus« in Schokoladenguß trug, lag ein Brief. Markus öffnete ihn mit ungeschickt zitternden Fingern: »Mein lieber Markus, wir wünschen Dir ein recht frohes und glückliches Weihnachtsfest und hoffen, daß du Freude haben wirst an allem, was wir Dir geschenkt haben. Deine Eltern.« Das hatte der Vater geschrieben mit seiner großen, schönen Schrift, und darunter stand in Mamis feinen, etwas kindlichen Zügen: »Mein geliebter Junge! Ich werde mich Weihnachten doch sehr nach Dir bangen; aber ich hoffe, wir kommen bald nach Berlin. Tausend Küsse! Deine Mama.« Mama! ... Wie anders das klang... Und es war auch etwas anderes, ganz anderes... »Potztausend, kleiner Mann, sind das Geschenke!« Und der gute Gröhlke, Frau Dr. Labischs jovialer Vater, hob Markus in die Luft und setzte ihn sich auf die Schulter. Klumpchen in einem weißgestickten Kleidchen saß in einem Rollstuhl und jauchzte dem Baum zu. Die Großmutter streichelte es unaufhörlich und suchte sein Interesse für einen Hampelmann zu wecken, den sie vor ihm auf und ab tanzen ließ. Aber der Baum siegte, und Frau Gröhlke sprach leise glücklich mit der Wärterin: »Ich glaube, es wird besser mit det Kind.« Zur Abendtafel gab es Karpfen in Bier und einen prachtvollen Truthahn – dazu Sekt. Gröhlkes waren Feinschmecker und von jeher fürs Reelle gewesen. Frau Gröhlke bezog ihre Wäsche aus den ersten Geschäften und ließ Seide im Stück direkt aus Lyon kommen. »Die Marjarine ins Essen und ins Leben is nischt für mich«, erklärte sie oft und verlachte heimlich ihrer Tochter die vielen billigen, hübschen Nippes, die sie auf die Möbel stellte, und die schicken Toiletten aus unsolidem Modestoff. Beim Dessert hielt Dr. Labisch eine Rede. Das gehörte bei ihm zu einem Glase Sekt wie der Kognak zum schwarzen Kaffee. Frau Gröhlke liebte die Reden ihres Schwiegersohnes, vornehmlich, wenn er aus dem Klassischen zitierte. Auch in diesen Reden lag etwas Reelles – die Bildung, die sie um so höher anschlug, als sie ihrer Tochter einen Titel eingebracht hatte. »Jraf kann jeder sind; aber was 'n Doktor is, der muß et in sich haben.« »Hör' doch zu!« Sie gab ihrer Tochter, die gelangweilt Brotkügelchen drehte, einen heimlichen Schubs. Kurt aber sah auf seine neue goldene Uhr, während der Großvater sich schnell noch das Glas nachfüllte und ergebungsvoll die Hände über dem Magen kreuzte. Dr. Labisch sprach sehr gut und glatt. Endlich hob der Herr Dr. Labisch sein Glas, und alle atmeten befriedigt auf. Ein, zwei Stunden verbrachte man noch in Unterhaltung, dann gab's Kaffee und Likör, und Frau Gröhlke mahnte zum Aufbruch, da sie nicht die Elektrische verpassen wollte und Droschke oder gar Auto trotz ihrer Wohlhabenheit für unverantwortlichen Luxus hielt. Frau Dr. Labisch seufzte erleichtert auf, als sie endlich von der geöffneten Korridortür zurücktreten konnte. Ihr schmales, nervöses Gesicht sah bleich und abgespannt aus. Es war der sechzehnte Weihnachtsabend, den sie in der gleichen Weise verbrachte, an dem dieselben Worte gesprochen, dieselben Fragen gestellt wurden. Dr. Labisch trat auf seine Frau zu und legte seinen Arm um ihre überschlanke Taille. Auch das war seit sechzehn Jahren immer dasselbe. Aber heute zum ersten Male fiel es ihr auf. »Na, Irene, war es nicht wieder gemütlich?« »Ja, sehr gemütlich«, antwortete sie kurz. »Glaubst du, daß Markus zufrieden war?« »Ach ja – Markus, richtig!« Den Kleinen mit dem blassen Gesicht hatte sie beinahe vergessen. Der war das einzig Neue am heutigen Abend, der einzige, der etwas Ungewohntes sagen konnte. Sie ging in den Salon, dessen welke Festlichkeit jetzt etwas Totes hatte. Markus saß über ein Buch gebeugt, das er bekommen, und las. »Bist du zufrieden, kleiner Markus?« Sie dachte, er würde die Arme um sie schlingen, und sie war bereit, das einsame, blasse Kind in plötzlich aufquellender Zärtlichkeit an ihr Herz zu drücken. Aber Markus sprang nur auf und stammelte verwirrt: »Ja... danke... es war sehr schön.« Und sie hörte es seiner Stimme an, wie wenig ihm das alles war... die prächtigen Geschenke, der große Baum, die festliche, reich besetzte Tafel. »Du mußt jetzt schlafen gehen, Markus.« »Gute Nacht, Tante...« Er streckte ihr seine schmale, nervöse Hand entgegen; sie war ganz kalt. »Und morgen mußt du deinen Eltern einen netten Brief schreiben, ihnen für alles danken.« Er sah sie erstaunt an. Danken – – ja wofür? Für den traurigsten Weihnachtsabend, den er bisher gehabt? Danken für all die Tränen, die er geweint, und die er herzhaft hinuntergeschluckt? Danken dafür, daß er seine Mami verloren hatte und in der Fremde allein war? Markus magerte zusehends ab. In der Schule ging's zurück mit ihm. Er sah blaß und elend aus und berührte bei Tisch kaum die Speisen. Gegen Abend stellte sich eine Verlangsamung des Pulsschlages ein. Alle Püffe und aufmunternden Reden Kurts nützten nichts. Sanitätsrat Groß, der Frau Dr. Labisch bei ihrem Eintritt in die Welt als erster in Empfang genommen und die ganze Familie mit seinen altbewährten vier, fünf Rezepten über alle Gesundheitsschwankungen erfolgreich hinweggeführt hatte, konstatierte Heimweh. »Ja, ja, liebe Frau Irene, es gibt Heimweh als psychophysiologische Erkrankung.« »Dann muß der Junge nach Hause...« »Das würde nichts nützen. Ist er dann wieder hier, fängt die Geschichte von vorne an. Nein, nein. Da müssen wir eine kleine Diät befolgen, und wenn es möglich ist, den einen oder andern aus seiner Heimat herüber bitten. Das ist das beste Mittel.« »Markus ist an Heimweh erkrankt«, hieß es nun im Hause und in der Schule, und sogar Kurt hielt den Fall für interessant. Seiner derben, gesunden Natur war dieses tiefe Leiden beinahe unfaßbar. Er wagte es oft in der Nacht nicht mehr, seine Romane zu lesen, weil er unausgesetzt die großen, schlaflosen Augen des Knaben auf sich gerichtet fühlte. »Junge, kannste denn die Knochen nicht zusammennehmen?« fragte er wohl. Aber Markus lächelte nur schmerzlich, ein gar nicht kindliches, wehes Lächeln. Kurt war einmal dabei, wie seine Eltern darüber sprachen, ob sie nicht doch Herrn Reimar Lukas ernstlich bitten sollten, seine Frau herzuschicken; aber der Vater war dagegen. »Liebe Irene, du kennst diese alten Patrizier nicht. Der Mann ist so klug, daß er aus all unseren Briefen ganz genau über die Sachlage orientiert ist. Ihm direkt schreiben, daß er seine Frau schickt, wäre eine anmaßende Einmischung in seine Angelegenheiten, die er vielleicht sehr übelnehmen würde. Das Gutachten unseres Sanitätsrats hätte ja allein genügen müssen, ihn zur Herreise zu bewegen, wenn er aber schreibt: ›Ich bin dafür, daß Markus durch äußerste Anstrengung seines Willens das Heimweh bekämpft, nicht aber, daß wir durch Verweichlichung seine Sensitivität unterstützen‹ – dann ist meines Erachtens nichts mehr zu tun als abzuwarten. Das ist meine Meinung.« Kurt hörte die lebhafte Entgegnung seiner Mutter nicht mehr, sondern ging auf dem Zimmer, wobei er die Tür achtlos hinter sich ins Schloß fallen ließ. Am selben Abend schrieb er an »Frau Reimar Lukas, geborene Maria Hindersin,« folgenden Brief: Gnädige Frau! Wenn Sie nicht bald nach Berlin kommen, wird Markus ernstlich krank oder geht drauf. Heimweh scheint doch eine wirkliche Krankheit zu sein, und Ihr Herr Gemahl darf nicht glauben, daß man mit ein bißchen Selbstbeherrschung darüber hinwegkommt. Wenn Sie also Markus wirklich so lieb haben, wie er es sich einbildet, dann ist es höchste Zeit, daß Sie kommen. Ihr Herr Gemahl braucht gar nicht mit. Ich schreibe Ihnen, weil meine Eltern vor lauter Feingefühl den armen Markus ruhig draufgehen lassen würden. Das heißt vor allem Papa. Ihr ergebener Kurt Labisch. Am Nachmittag des folgenden Tages klingelte es, und Maria Lukas, geborene Hindersin, trat zu Frau Dr. Labisch ein mit den Worten: »Wo ist Markus, wie geht's Markus?« Eine Vorstellung war überflüssig. Das ganze Haus war wie elektrisiert. »Markus ... Markus ...« Irene, Dr. Labisch, die Dienstboten rannten in der ganzen Wohnung herum. »Da bring' ick ihn jebracht«, schrie Kurt und schubste den Knaben Frau Lukas in die Arme. »Mein lieber Junge, mein lieber dummer Junge.« Die junge Frau hielt den Knaben mit aller Kraft an sich gepreßt, und Markus hing in hilflosem Weinen an ihrem Halse. »Mami ... Mami ...!« Man verließ das Zimmer und ließ beide allein. »Na, sag' mal, du dummer, schlimmer Junge, was machst du für Geschichten?« »O, Mami, es war schrecklich!« »Was war denn schrecklich, du dummer Kerl?« »Das Leben... so allein!« »Allein mit all den lieben, guten Menschen?« Dabei trocknete sie abwechselnd Markus' und ihre eigenen Tränen ab. Markus atmete gierig den vertrauten Duft ein, der ihren Sachen entströmte. Es waren neue, schöne Sachen, so prächtig, wie er sie früher nie an Mami gesehen. Aber ihr rundes, frisches Gesicht blickte noch gerade so treuherzig unter der kostbaren Pelzkappe hervor. »Leg' doch ab, Mami, schnell.« »Sachte, sachte, mein Junge, du zerreißt mir den Schleier. So... na, bist du jetzt zufrieden?« Das war wieder die alte Mami! Ihre blonden Haare ringelten sich noch genau so um die kleinen rosigen Ohren, und da am Kinn war auch die kleine Wunde, die er ihr mit feinen spitzen Milchzähnchen einmal beigebracht, als er zeigen mußte, wie lieb er sie hatte. »O, Mami, wie schön, daß du wieder da bist. Und jetzt wollen wir auch spielen wie zu Hause...« Markus ließ Mamis Hand nicht aus der seinen. Jetzt, wo sich das Übermaß seiner Erregung gelegt hatte, konnte er kaum sprechen vor Glückseligkeit. Daß Mamis Stimme neben ihm in diesem bisher so fremden Raum erklang, dünkte ihm wie himmlische Musik. Ihm schien, als müßte jedes Eckchen des Zimmers diese Stimme aufnehmen, als fühlten alle Gegenstände dieses Zimmers sich schmeichelnd von ihr berührt. Mit Kurt verständigte sich Mami sofort. »Es ist vernünftig, daß Sie mir geschrieben haben, ich danke Ihnen.« Kurt küßte ihr die Hand, worüber sie dunkelrot wurde. Frau Dr. Labisch fiel die ehemalige Stewardeß ein, sie amüsierte sich im stillen; übrigens betonte sie sofort, daß von einem Wohnen Marias im Hotel nicht die Rede sein könnte. »Wir haben ein hübsches, kleine Fremdenzimmer, da werden Sie mindestens ebensogut aufgehoben sein und Ihrem Markus nicht einen Teil der kostbaren Zeit vorenthalten.« Maria nahm ohne viel Ziererei an. Dann plauderte sie von zu Hause. Ihr Mann habe einige kleine Umbauten im Hause vorgenommen, für Markus wären zwei wunderhübsche Mansardenzimmer hergerichtet worden, die von der Diele aus mit einer kleinen Wendeltreppe verbunden wären. »Ach!« sagte Markus und hörte mit offenem Munde zu. Dann führte Irene ihren Gast durch die Wohnung. »Wunderschön hell und luftig und sehr schön eingerichtet, wirklich sehr schön«, sagte Maria immer wieder; aber dabei zog sie Markus noch näher an sich heran, als verstünde sie, daß ihm bang geworden war in all diesen glatten, lichten, luftigen Räumen. »Unser Haus ist ein alter Kasten dagegen«, meinte sie, aber es lag sehr viel Liebe in ihrem Ton. »Ich habe noch ein Kind«, sagte Irene leise, indem sie die letzte Tür im Gang öffnete. »Ja, ich weiß ... Klumpchen.« Maria ging, ohne sich zu besinnen, auf das mitten auf dem Teppich spielende verkrüppelte Kind zu und hob es auf den Arm. »Na, na, Klumpchen, wer wird denn weinen?« »Er sieht so selten Menschen«, meinte die Wärterin entschuldigend. Irene biß sich auf die Lippen. »Mich macht der Anblick des Kindes schrecklich nervös – ich bin immer ganz unglücklich, wenn ich es sehe.« »Aber warum denn, gnädige Frau, es ist ein ganz schönes Kind; sehen Sie mal die Augen – nicht, Markus – die Augen...« Markus nickte. Klumpchen hatte wirklich wundervolle Augen. Wie Mami das gleich wieder heraus hatte! Und jetzt lachte Klumpchen – nein, so was ... Irene hatte Klumpchen noch nie lachen sehen. »Sie sind eine Zauberin«, sagte die Mutter. Maria schüttelte den Kopf. »Ach wo, ich habe Kinder nur sehr gern. Und ich glaube, das fühlen sie. Mir wäre ein Dutzend Kinder nicht zuviel.« »N...ein...?« Irene blickte sie sprachlos an. Abends sagte Kurt: »Du, Markus, deine Mami, wie du sie nennst, ist eine famose Person.« Markus nickte. Aber er war seit einigen Stunden nachdenklich. »Was is denn nu wieder los?« Doch Markus mochte nicht mit der Sprache heraus, wenn alle schlafen würden, wollte er zu Mami hinübergehen, die ihm dann sagen sollte  ... Nachts klopfte er leise an ihre Tür. »Markus – du?« »Ja, Mami, darf ich?« »Komm rein!« Sie lag im Bett mit dem langen Hängezopf wie ein kleines Mädchen. So war sie ihm immer in Erinnerung. Na, was ist denn schon wieder, du Quälgeist?« Sie blickte ihn lachend an und zeigte mit dem Kopf auf das Fußende ihres Bettes. Dort krümmte er sich zusammen mit untergeschlagenen Beinen und warf Mamis Reisedecke, die über dem Bettpfosten hing, um seine Schultern. »Mami, du mußt mir was sagen.« »Was soll ich dir sagen?« »Du möchtest ... du sagtest ... du ... zwölf Kinder willst du haben?« platzte er endlich heran«. Es half nichts, sie mußte lachen. »Junge, du bist zu dumm!« »Willst du sie haben, Mami?« beharrte Markus. Maria haschte nach seiner Hand. »Möchtest du kein Brüderchen oder Schwesterchen haben, Markus, sag'? ...« fragte sie leise. Er riß seine Hand los und schüttelte heftig den Kopf. »Nein.« Sie sah ihn ärgerlich an. »Du bist ein böser Junge, warum denn nicht?« »Du sollst nur mich liebhaben, Mami, nur mich!« Er fiel mit dem Kopf vornüber auf ihre Knie. »Aber, Junge, was soll das? Willst du denn nicht, daß ich froh und glücklich werde?« »Aber ich bin doch da, Mami, ich.« »Na ja, Markus. Aber du wirst doch groß, du bist in Berlin, du hast später deine Freunde, deine Studien, und ich bleibe allein, kannst du das nicht verstehen, Markus?« Der Knabe stützte seinen Kopf in die Hand und blickte nachdenkend vor sich hin. »Ist Papa sehr alt?« fragte er schließlich. »Nein, gar nicht, warum?« »Ich dachte, Papa ist sehr alt und muß bald sterben, und du hast Angst, allein zu sein. Du glaubst nicht, daß Papa bald stirbt?« »Was du für ein Zeug zusammensprichst! Schäm' dich, Markus, du bist doch kein kleines Kind!« Markus sprang vom Bett herunter. »Wenn Papa nicht bald sterben braucht, brauchst du auch keine neuen Kinder,« schloß er mit großem Nachdruck und zog beruhigt ab. Maria Lukas, geborene Hindersin, aber lag noch lange wach, und zum ersten Male stieg ein Gefühl ernsten Grolles in ihr gegen Markus auf. Am nächsten Morgen war die Verstimmung gewichen. Während die Knaben in der Schule waren, machte sie Besorgungen mit Frau Dr. Labisch. Irene wunderte sich über die Unbestechlichkeit ihres Geschmacks und die Treffsicherheit bei der Auswahl. »Ich bin es seit Jahren sehr solide gewöhnt,« gab Maria offen zu. »Ich war ja ein ganz armes Mädchen, aber immer in guter Umgebung, und bei meinem Mann ist nichts modern, aber alles bequem und reich. Mein Mann hat mir verboten, nach dem Preis zu fragen. Ich soll kaufen, was mir gefällt. Er meint, auf die Art werde ich weder unser Budget überschreiten, noch Häßliches aus Billigkeitsrücksichten nehmen.« Vor Dr. Labisch zeigte Maria eine respektvolle Scheu. Ihm gegenüber versagte ihre muntere Offenheit. Sie hielt ihn für einen großen Gelehrten – schon weil es so viele Bücher in seiner Stube gab. Ohne zu wollen, schmeichelte sie ihm dadurch ungeheuer. Dr. Labisch sprach diesmal besonders viel bei Tisch, besonders glatt und besonders gut und bedauerte im stillen, daß seine Frau seinen Worten nicht ebenso bewundernd lauschte wie die Frau seines Freundes. »Diese kleine Frau ist wirklich sehr klug«, sagte er später. »Das muß wohl sein«, meinte Irene etwas spitz. »Der gläubige Ernst, den sie beim Zuhören hat, ist sehr schön«, fuhr er fort. »Auch sehr natürlich bei dem Mangel an jeder umfassenden Bildung!« Dr. Labisch blickte seine Frau erstaunt an. »Was ist los, Irene? Gefällt sie dir nicht?« Irene spielte nervös mit ihrer langen schillernden Kette, an der ein hübscher goldener Spiegel in Form eines Kleeblattes herunterhing. »O, doch ... doch, warum sollte sie mir nicht gefallen? Sie ist eine liebe Person. Wenn sie eine Menge Kinder bekommt, ist das Problem der Ehe und des Lebens für sie gelöst. Es ist beneidenswert. .. aber auch aufreizend einfach.« Aus dem Nebenzimmer drangen lautes Lachen und Poltern herein. »Was ist denn das für ein Unfug?« fragte er. »Das ist kein Unfug, lieber Georg. Frau Lukas tollt mit den Kindern herum.« »Ach so...« Dr. Labisch zündete sich eine Zigarre an und nahm seine Zeitung vor. Aber unsichtbar für Irene glitt manchmal beim Lesen ein Lächeln über seine etwas verquollenen Züge. Doch dieses Lächeln galt nicht der Zeitung, es galt dem ungewohnten Frohsinn, der in abgerissenen Sätzen und Lauten bis in sein stilles Zimmer drang. Sein Haus war immer kühl und still gewesen, beinahe wie ein Haus ohne Kinder. – – – – Und es wurde abermals sehr still, als Frau Reimar Lukas abreiste. Man brachte sie in corpore auf die Bahn, nachdem man vergeblich versucht hatte, sie noch für ein paar Tage zurückzuhalten. »Nein, nein, mein Mann würde bös werden!« Der alte Sanitätsrat hatte recht gehabt: Markus' Heimweh war gebrochen. Seiner Sehnsucht nach dem alten Hause mischte sich das Unbehagen bei, so vieles verändert zu finden, und er fühlte sich heimischer in der Berliner Wohnung, seitdem die Erinnerung an Mami alle Ecken belebte. Gegen Ende Februar starb der alte Direktor. Da man den Fall vorausgesehen hatte, war der Vertreter bald an Ort und Stelle. Es war ein jüngerer Mann, dem man großes Wissen und große Energie nachrühmte. Er hatte mehrere kunstgeschichtliche Werke geschrieben, die selbst in Lehrerkreisen als sehr bedeutend galten. Dr. Labisch, der unter dem alten Direktor eine Ausnahmestellung gehabt hatte und seiner innersten Natur nach jeder Neuerung feindlich gesinnt war, ging seit Wochen mit finsterem Gesicht herum. Es war eine gereizte Stimmung in der Schule und in den Lehrerhäusern. Die Frauen sagten beruhigend: »Neue Besen kehren scharf!« Die Redensart war ihnen geläufig und die Quintessenz ihrer häuslichen Erfahrung. Nur Irene hatte ein größeres, persönlicheres Interesse für den neuen Mann. »Wir werden ihn zum Speisen laden«, sagte sie. »Ja. ja, natürlich.« Dr. Labisch pries wieder einmal das Geschick, das ihm solch eine kluge, reiche Frau gegeben. Er hielt sehr viel von ihren gesellschaftlichen Talenten. Sie würde es schon verstehen, feine, persönliche Beziehungen zu dem neuen Direktor anzuspinnen. Kurt war es, der ihr die ersten wichtigsten Einzelheiten über den neuen »Direx« gab. »Wie soll ich dir sagen, Mama: ein sehr großer, scheußlich häßlicher Kerl, mit sehr klugen Augen und sehr leiser Stimme. Angenehm? Nee ... Sehr höflich. Ich glaube, ein Tadel von dem ist wie eine Backpfeife. Er hat irgendwo einen Prinzen erzogen, sagt Enzlehn – im Hessischen, glaube ich. Seitdem wird er sehr protegiert. Verheiratet ist er nicht.« Das war mager. Aber immerhin besser als nichts. Irene rüstete sich zu dem Diner, das sie dem neuen Vorgesetzten gab, wie zu einer Schlacht. Sie hatte noch drei Lehrer gebeten, aber ohne ihre Frauen. Der »Prinzenerzieher« hatte es ihr angetan. Ihr war, als ströme etwas Hofluft zu ihr herein. Kurt sollte nur »Guten Abend« sagen und nach fünf Minuten verschwinden, Markus war zu jung und brauchte gar nicht zu erscheinen. Dr. Labisch war sehr nervös und hatte gegen seine Gewohnheit seine Rede ausgearbeitet und aufgeschrieben. Irene dachte lange über ihre Toilette nach. Sie entschied sich endlich für ein resedafarbenes Tuchkleid, das leicht ausgeschnitten war und ihren seinen Kopf mit dem rötlich schimmernden gefärbten Haar besonders vorteilhaft rahmte. Kurt ging mit Kennermiene um sie herum. »Fein,« erklärte er endlich. »Du stehst aus wie eine Prinzessin oder eine Schauspielerin.« »O, Kurt! und ich sollte doch aussehen wie eine Lehrersfrau.« »Na, Mamachen, das wird dir nicht so bald gelingen.« Da klingelte es schon, und das Hausmädchen ging öffnen. Dann meldete sie: »Herr Dr. Ramin. Er ist beim Herrn im Zimmer.« Kurt bemerkte noch, wie sich seine Mutter einen Ruck gab und dann überhastig das Zimmer verließ. Knapp vor Haustorschluß kam Gröhlke den hinteren Aufgang herauf und zu Kurt herein, der noch Aufgaben machte. »Na, Junge, was gibt's Neues? Ist euer Direx gekommen?« Markus wachte im Nebenzimmer auf und verlangte, daß Papa Gröhlke hereinkäme. Der joviale alte Konditor brachte die frische Winterluft mit seinem Pelz herein. Kurt stellte eine Lampe auf den Nachttisch, der zwischen seinem und Markus' Bett stand. »Da hast du 'was zum Naschen,« und Gröhlke schüttete den Inhalt einer Pralinétüte vor Markus auf die blaue Steppdecke aus. Es dauerte nicht lange, so öffnete sich die Tür, und Frau Dr. Labisch trat herein. Sie sah bildhübsch aus, ihre Augen leuchteten dunkel aus dem Weiß ihres feinen Gesichts hervor. Sie sprach schnell, mit einem weichen, glücklichen Unterton. »Also, er gefällt dir, unser Neuer?« fragte Kurt, indem er mit Markus um die wette Pralinés vertilgte. »Gefallen ist nicht das Wort. Er ist so ganz anders als alle die anderen Lehrer. Er ist sehr klug, und dabei hat er wundervolle Manieren. Es würde mich freuen, Kurt, wenn du dich diese letzten Jahre noch recht zusammennähmst! Denn ich glaube, wir werden in ziemlich regem Verkehr bleiben, Wir wollen alle vierzehn Tage einen Whistabend arrangieren. Er spielt so gerne Whist.« »Nanu? Papa kloppt aber doch nur Skat«, meinte Kurt. »Das ist kein Grund. Man kann's doch lernen!« Übrigens war der Übergang in der neuen Leitung weniger schroff, als man anfänglich annahm. Dr. Ramin war zu sehr Diplomat, um nicht ganz allmählich vorzugehen. Man merkte es kaum in den ersten Wochen, daß er die gelockerten Zügel straffer anzog, und als man endlich fühlte, daß man in einem anderen Fahrwasser schwamm als bisher – da gab man sich stillschweigend zufrieden. Frau Dr. Labisch weigerte sich jetzt auch oft, Kurt ins Theater mitzunehmen. »Warte, bis du aus der Schule raus bist. Ich weiß, es wird nicht gern gesehen. Und du mußt ja jetzt auch wirklich mehr studieren, deinen Geist nicht zerstreuen.« Kurt, der solche Worte bei seiner Mutter nicht kannte, blickte sie überrascht an, sagte aber nichts. Frau Dr. Labisch wußte, daß er an manchem Abend heimlich mit seinem Schulfreunde Enzlehn Theater besuchte. Er hatte Taschengeld genug, um sich, so oft er wollte, einen billigen Platz zu kaufen; und gemeinsame Arbeit mit dem oder jenem Kameraden diente ihm als Vorwand, den Abend außer dem Hause zu verbringen. Eines Abends sah Kurt von der Galerie eines Theaters herab seine Mutter mit Dr. Ramin und dessen Mutter in einer Loge sitzen. Enzlehn stieß ihn an und sagte: »Du, ich glaube, der Direx ist in deine Mutter verschossen.« »Halt den Mund«, antwortete Kurt, ohne ihn anzusehen. Und Enzlehn wußte nicht, sagte es Kurt, um kein Wort von den Vorgängen auf der Bühne zu verlieren, oder weil es ihm peinlich war, so etwas über seine Mutter hören zu müssen. Als die Osterferien herannahten, betrieb Frau Dr. Labisch die Abreise mit seltsamer Emsigkeit. Sie wollte, daß die Knaben noch am Tage des Schulschlusses Berlin verließen. »Verkürzt eure Ferien nicht.« »Hast du es eilig, uns los zu sein?« fragte Kurt. »Komm doch mit zu uns, Tante,« schlug Markus vor. Aber Irene wehrte heftig ab. Sie berief sich auf Klumpchen. Sie konnte doch Klumpchen nicht allein lassen, und dann wäre sie auch nicht eingeladen, und dann ... nein, was den Jungens nur für dummes Zeug einfiele! – Sie hatte einen Unterton zitternder, nervöser Erregung, der sogar Dr. Labisch aus seiner Bierruhe riß. »Kinder, quält sie doch nicht. Übrigens kann sie wirklich nicht uneingeladen nach Bremen kommen. Und vielleicht machen wir mit Dr. Ramin und seiner Mutter einen kleinen Ausflug nach der Sächsischen Schweiz, oder ich schicke Mama allein mit, wenn ich nicht abkömmlich bin ...« Dr. Labisch hatte ein Grauen vor Reisen. Kurt wußte bestimmt, er würde nicht abkömmlich sein. Am Abend vor der Abreise der Knaben fand der übliche intime Whistabend statt, zu dem nur Dr. Ramin und seine Mutter erschienen, die in ihrer Jugend Hofdame bei einer mecklenburgischen Prinzessin gewesen war und den Hofprediger Dr. Ramin geheiratet hatte. Es war eine sehr vornehme alte Dame, mit silberweißem Scheitel. Sie liebte ihren einzigen Sohn abgöttisch und hatte nur eine Angst, er möchte sich verheiraten. Man sagte von ihr, sie protegiere gern seine gelegentlichen Flirts mit verheirateten jungen Frauen. Unter den Lehrergattinnen war ihr bisher noch keine so geeignet erschienen, ihren Sohn von Heiratsgedanken abzulenken, wie Frau Dr. Labisch. Sie zog die junge Frau auffallend viel in ihr Haus und freute sich der schwärmerischen Verehrung, die Irene für ihren Sohn zeigte. Irenens fast übertriebene Aufmerksamkeit wurde von Dr. Labisch nicht als ungehörig, sondern als klug empfunden, genau wie sich bei Hofe eine Dame nichts vergibt, wenn sie sich vor dem regierenden Herrn demütig bis zur Erde verbeugt. Irene Labisch war achtunddreißig Jahre alt, blickte auf ihr bisheriges Leben wie auf eine öde Sandwüste zurück und stand innerlich völlig einsam in Verhältnissen, über die sie sich nicht erheben konnte, weil ihr dazu die Fähigkeiten und das Wissen abgingen, und mit denen sie sich nicht zu verschmelzen vermochte, weil ein angeborener Geschmack sie nach einer ganz andern Richtung zog. Wäre Dr. Ramin nichts als eine bedeutende Persönlichkeit gewesen, sie hätte kaum dauerndes Verständnis für ihn gehabt, aber es umgab ihn ein kleiner Nimbus höfischer Vergangenheit, noch verstärkt durch die Anwesenheit seiner Mutter, die weit mehr als er selbst in dieser Vergangenheit wurzelte – und dieser Nimbus war es, der in der Tochter des Bäckermeisters Gröhlke eine Bewunderung erweckte, die sich allmählich in romantische Verliebtheit und später in heiße Leidenschaft wandelte. Markus begriff nicht, warum Kurt so unlustig seinen Handkoffer packte. Beinahe war ihm dadurch die übermenschliche Freude an der Heimkehr genommen. Diese Freude war ohnehin nicht ohne einen kleinen bitteren Beigeschmack. Schon daß er Kurt nicht jeden Winkel seines Hauses schildern konnte und selbst erst wie ein Fremder herumgeführt werden mußte, beeinträchtigte seinen Jubel. In Bremen war es auch eine Enttäuschung, daß Mami nicht auf der Bahn war. Zum Glück stand Albert da in seiner dunkelblauen Livree und hielt den Hut hoch in die Luft, um den Sohn seines Herrn zu begrüßen. »Wo ist denn Mami?« war Markus' erste Frage. »Die gnädige Frau war heute nicht ganz wohl. Aber es ist schon wieder gut,« beruhigte Albert, als er das erschreckte Gesicht sah. »Brauchst keine Angst zu haben, Markuschen, und Hedwig hat einen Napfkuchen gebacken – so groß! Und gnädige Frau wartet am Kaffeetisch.« Na also! Markus stellte vor: »Mein Freund Kurt!« »Ja... ja, ich weiß. Heute sind die letzten Möbel von Herrn Kurts Zimmer gekommen. Mein Gott, war das eine Wirtschaft all die Monate! Aber jetzt ist gottlob alles wieder sauber.« Markus hörte es dem alten Diener an, wie gräßlich ihm all der Trubel gewesen sein mochte. »Schade um die Diele, was, Albert?« raunte er ihm leise zu. Mami stand unten im Treppenflur gerade vor dem Schilde Lukas \& Co. Sie hatte ein dunkles Kleid an und darüber ein Tuch geworfen, denn es war infolge der vorgeschrittenen Jahreszeit empfindlich kühl in den alten Steinmauern. Ihr liebes rundes Gesicht strahlte: »Na, da seid ihr ja!« Sie reichte Kurt herzlich die Rechte, während sie mit der Linken Markus an sich heranzog. Markus wollte an ihr emporklettern, aber sie wehrte erschrecken ab. »Nicht, nicht, Markus... Du bist zu groß!« »Na denn 'rauf, Mami!« Und er packte sie bei der Hand und wollte sie, wie er es sonst tat, im Laufschritt mit sich die Treppe emporziehen, aber sie wehrte sich auch diesmal. »Nicht doch ... ich kann nicht laufen. Komm, gehen wir hübsch langsam!« Langsam die Treppe hinaufgehen, wenn seine Ungeduld überhaupt nicht mehr zu zähmen war!  ... »Na, dann lauf' ich allein!« Und immer drei Stufen überspringend, war er oben und fiel der alten Hedwig um den Hals. »Markuschen – wie bist du groß geworden!« Sie küßte ihm das Gesicht und die Hände. »Markuschen, ich dachte schon, du würdest gar nicht kommen!« »Ach, Quatsch!« Die alte Hedwig nahm diese Antwort mit beruhigtem Lächeln entgegen, Markus aber stieß die Tür zum Speisezimmer auf. Da brannten die herrlichen Kerzen über dem wundervoll gedeckten Tisch mit dem alten schweren Silber und dem Riesennapfkuchen in der Mitte. Es duftete himmlisch nach Kaffee und warmem Wachs. Eine kleine bucklige Person war gerade beim Einschenken. »Ah – Monsieur Markus!« »Mademoiselle Cardinal!« Und ehe sich die kleine Französin umsah, hatte auch sie ihren Kuß weg. »Das ist fein, daß Sie da sind! Kurt – das ist Mademoiselle Cardinal – j'aime, tu aimes, il aime ...« Kurt war zum Glück über alles und alle in dem Bremer Hause so genau orientiert, daß er keinen Augenblick ein fremdes Gefühl hatte. Mademoiselle Cardinal schob Mami den Stuhl zurecht und stellte eine Tasse Kaffee vor sie hin. »Mächtig sein!« dachte Markus und wollte Mami in plötzlich erwachter Galanterie das Tuch abnehmen. Aber sie winkte ab. »Laß nur, Markus, mir ist noch kalt ...« worauf Markus erklärte: »Mami, in dem Tuch siehst du aus wie ein altes Weib, da kann ich dich gar nicht liebhaben!« Da geschah das Ungeheuerliche, daß Mami den Schal trotzdem nicht abnahm. Kurt wunderte sich, wie ganz anders Markus sich in seinem Elternhause gab. Das war nicht der wohlerzogene, etwas schüchterne Knabe, das war der kleine Rowdy, wie es alle rechtschaffenen Jungens zwischen zehn und vierzehn Jahren zu sein pflegen. Markus selbst war nicht befriedigt, vor allem war Mami anders. Sie tollte nicht mehr herum, sondern sprach beständig mit Mademoiselle Cardinal – und nicht einmal Französisch! Was brauchte sie überhaupt die Cardinal – wenn er da war! Einmal zwickte er die alte Französin im Vorbeilaufen in den Arm – voller Wut. Das gab eine große Szene. Mami nannte ihn einen dummen, abscheulichen Jungen, er streckte ihr die Zunge aus, sie wollte ihm eine Ohrfeige geben, aber er lief um den Tisch herum und rief halb wütend, halb lachend: »Versuch's doch, wenn du kannst!« Mademoiselle Cardinal hob entsetzt beide Arme empor: »Oh, le méchant garçon!« Aber Markus spuckte auf den Boden aus. »So, das ist meine Meinung!« Und großartig ging er aus dem Zimmer. Kurt, dem er die Sache erzählte, schüttelte bedenklich den Kopf. »Du – Junge – Junge, ... wenn sie petzt... kriegst du Senge von deinem Alten.« An diese Möglichkeit hatte Markus nicht im entferntesten gedacht. »Glaubst du, daß sie die Gemeinheit hat?« »Wer kennt die Weiber!« bemerkte Kurt tiefsinnig. Markus fiel ihm um den Hals – »Ach, du bist doch mein einziger Freund. Ich will auch nie einen andern Freund haben als dich... Nie, nie! Und mit den Weibern lasse ich mich überhaupt nicht mehr ein.« Kurt versprach, die Sache zu ordnen. Und so wurde eine Katastrophe vermieden. Abends sagte Kurt: »Man muß den Frauen immer was zugute halten, wenn sie in Erwartung eines Kindes sind.« »Wa – as?« »Na haste denn das nich gemerkt, du Kaffer?« »Also doch?« »Was?« »Nichts.« – – Markus fuhr gern zurück nach Berlin. Er wußte, selbst das große Heimweh würde sich nicht einstellen. Im Sommer sollte er mit der Familie Labisch nach Sylt fahren. Mami hatte ihm das sehr schonend mitteilen wollen, aber es war gar nicht nötig gewesen. Er sehnte sich gar nicht mehr danach, zurückzukommen. Mit verbissenem Trotz hatte er Abschied genommen. Und als Mami ihn wieder voll Wärme ans Herz zog, da hatte er mannhaft alle weichen Regungen unterdrückt. Er hatte sogar »Mama« gesagt, aber so undeutlich, daß sie es wohl nicht verstanden hatte, was ihn noch nachträglich ärgerte, so daß er von Berlin aus einen Brief mit übermäßig großer Überschrift: »Liebe Mama!« abschickte. Übrigens fand Markus bei Frau Dr. Labisch immerhin ein Teil der Zärtlichkeit, nach der er sich unbewußt sehnte. »Deine Mutter, Kurt, ist übrigens viel hübscher als Mami, Mama« – verbesserte er sich rasch. Sein Groll war so stark, daß er jetzt absichtlich alles zuungunsten seiner Stiefmutter verglich. Und er umgab Frau Dr. Labisch mit einer zarten, schmeichelnden Bewunderung, die ganz seltsam von der kurzen, etwas ruppigen Art abstach, in der Kurt jetzt mit seiner Mutter verkehrte. Zwischen Ostern und Pfingsten hielt Dr. Ramin im Architektenhaus kunstgeschichtliche Vorträge. Frau Dr. Labisch saß immer in der ersten Reihe zwischen ihrem Manne und der Frau Hofprediger. Es war eine interessante Zuhörerschaft: einige Gelehrte, viele Künstler, Schriftsteller und einige aristokratische Damen, die überall »dabei« waren und ein lebendiges Bindeglied bildeten zwischen ihren Kreisen und der Künstlerwelt. Irene fiel durch ihre Eleganz und ihren aparten Reiz auf. Die Frau Hofprediger fand ein Vergnügen darin, sie zu protegieren, ein bißchen Vorsehung zu spielen. »Sie sind ganz dazu angetan, einen Salon in Berlin zu haben,« sagte sie zu Irene. »Lassen Sie es nur meine Sorge sein. Ich werde Sie mit den richtigen Elementen bekannt machen.« Irene war es, als wüchsen ihr Flügel, und als schwebe sie plötzlich hoch hinauf durch den blauen Äther. Der Sommer auf Sylt befestigte, was der Winter begonnen hatte. Die Familie Labisch knüpfte neue und interessante Beziehungen an. Irene war unleugbar die Saisonschönheit. Die Huldigungen, die ihr von allen Seiten dargebracht wurden, beglückten sie, weil Dr. Ramin Zeuge davon war. Sie war so unaussprechlich froh in diesem Sommer, daß ihr Wesen all die nervösen Kanten verlor, die es sonst oft unleidlich machten. In ihren fußfreien, weißen Flanellkostümen mit der Sturmhaube sah sie fast aus wie ein Backfisch, und da Klumpchen mit der Wärterin bei den Großeltern war, so störte nichts das Harmonische ihres Empfindens. Sie war am Ausgang ihrer Jugend und fühlte sich zum erstenmal ganz, ganz jung, wie erfüllt von bräutlicher Erwartung. Kurt und Markus hatten eine Burg aus Sand gebaut, die eine Sehenswürdigkeit am Strand war. Dr. Labisch lag tagelang in stumpfem Behagen auf dem heißen Sand, während Frau Hofprediger irgendeine ganz zwecklose Stickerei zwischen ihren kaum gebräunten Fingern hielt, Irene mit Dr. Ramin lange Spaziergänge am Strande machte und Markus mit Kurt und den jungen Enzlehns, die ebenfalls auf Sylt waren, auf den Krabbenfang ging. Der junge Enzlehn verabredete mit Kurt eine Schülervorstellung für den nächsten Winter. Seine beiden Schwestern schwärmten ebenfalls fürs Theater und versprachen, jede Rolle zu übernehmen, die man ihnen anvertrauen würde. Die älteste, Annie, nahm übrigens Gesangunterricht und sollte sich zur Konzertsängerin ausbilden, die jüngste, Claire, – sie war um zwei Jahre älter als Markus – deklamierte Monologe der Lady Macbeth. Sie deklamierte, wenn Sturm war, immer ganz laut am Strande und suchte das Getöse der Wogen mit ihrer zarten Stimme zu übertönen. Ihr Bruder Karli säuselte feine, unverständliche Gedichte, die er zum Teil selbst verfaßte. Markus war voll Bewunderung für diese kunstsinnigen jungen Leute und fand alles großartig. Er nahm sich vor, auch zu deklamieren, stellte sich eines Tages auf die Düne und brüllte los: »Sein oder Nichtsein...« Kurt kugelte vor Lachen die Düne herunter, Karli aber sagte: »Wir werden später Freunde sein!« »Wann später?« fragte Markus. Claire meinte schnippisch: »Bilde dir nichts ein, Markus. Das sagt Karli zu jedem! Er will sich's als zukünftiger Mime mit niemand verderben.« Auf den Krabbenfängen wurde viel von den Eltern gesprochen. Die Enzlehnsche Jugend war mit der Mutter nicht zufrieden, Karli war sehr erbost darüber, daß sie so verächtlich vom Theater sprach, da doch ihr Bruder, der berühmte Jan Diako, Berlins beliebtester und elegantester Schauspieler war und jährlich vierzigtausend Mark verdiente. »Zu Weihnachten darf sich der Onkel mit allen möglichen Paketen einstellen, und Billetts darf er schicken, und Rechnungen darf er auch für uns bezahlen – ich glaube sogar, daß er den Sommeraufenthalt hier für uns blecht, aber sonst ist Theater – Sumpf!« »Lächerlich!« meinte Claire, indem sie das »r« rollte, »Wenn ein Mädchen kein Geld hat und weder Lehrerin noch Telephonistin werden will, muß sie doch zur Bühne, um halbwegs anständig leben zu können!« Markus legte seine Hand auf den Arm seines »zukünftigen« Freundes. »Es ist wohl sehr schlimm, wenn man kein Geld hat?« »Scheußlich!« platzte Enzlehn heraus. Am nächsten Tage brachte Markus seinem zukünftigen Freunde ein Zehnmarkstück. »Nimm nur, Karli. Ich brauch's nicht, ich habe genug.« Er war sehr rot, und seine Worte überhasteten sich. Karli blickte sich um: »Aber Markus, das ist ja Unsinn, das hab' ich doch nur so gesagt.« »Nein... nein... du mußt es nehmen. Wenn ich dein Freund werden soll, dann mußt du es nehmen.« »Dank' schön, Markus, ich geb's dir wieder, wenn ich's habe... nur gerade jetzt bin ich im Druck!« Und errötend wie ein kleines Mädchen ließ er das Geldstück in die Hosentasche gleiten. Seit diesem Tage hatte Markus das Gefühl, ein nützliches Mitglied des Freundeskreises zu sein, in dem er bis jetzt seiner Jugend wegen nur gelitten war. Und zum erstenmal empfand er die Bedeutung des Geldes und freute sich, einen reichen Vater zu haben. – – Enzlehn plumpste durch das Abiturientenexamen. Seine Mutter bestand darauf, daß er noch ein Jahr in der Prima blieb. Aus Wut und Verzweiflung darüber machte er einen Selbstmordversuch. Ungeschicklichkeit oder Feigheit – die Kugel streifte nur die Schläfe, und in wenigen Tagen war er wiederhergestellt. Markus war tieferschüttert und wich in seiner freien Zeit nicht vom Krankenbett des Freundes. Irene hatte jetzt wirklich einen »Salon«. Leute von Ruf und Namen gruppierten sich um ihren Tisch, und die Frau Hofprediger verstand es, ihren Sohn zum Mittelpunkt dieser Abende zu machen. Dr. Ramin hatte wohl kaum eine Ahnung davon, welchem Zweck die Geselligkeit im Hause Labisch diente. Er arbeitete auf eine Professur an der Universität hin, da er in der Schulmeisterei wenig Befriedigung fand, und der Erfolg seiner Vorlesungen ihm immer klarer seinen Weg wies. Er war der Typus des weltmännischen Gelehrten, voll eiserner Selbstdisziplin und doch geschmeidig wie ein Hofmann. Er hätte blind sein müssen, um nicht zu sehen, mit welch abgöttischer Verehrung Irene an ihm hing; hätte kein Mann sein müssen, um nicht schließlich dem Zauber ihrer Persönlichkeit zu erliegen. Aber sie zu seiner Geliebten zu machen, war ihm undenkbar. Er wäre nicht fähig gewesen, dem Mann seiner Geliebten die Hand zu drücken, ebensowenig freilich einem Skandal die Stirn zu bieten und das geliebte Weib offen an seine Seite zu reißen. So war er denn sorgsam darauf bedacht, die schwierige Situation nicht durch eine etwaige Unbesonnenheit zu komplizieren. – Auch entging es ihm nicht, daß Kurt mit seinen klugen, hellsehenden Augen das eigentümliche Verhältnis durchschaute. Der gewandte Hofmann war diesem jungen Menschen gegenüber oft seltsam ungeschickt. Es kostete ihn jedesmal Überwindung, mit Kurt zu sprechen, und seinem Einfluß war es hauptsächlich zuzuschreiben, daß Kurt so früh und nicht in Berlin sein Freiwilligenjahr abdienen sollte. Kurt war ungewöhnlich entwickelt für sein Alter, so daß Irene ihn ohne Sorge ziehen ließ, und das Restchen mütterlicher Zärtlichkeit, das ihre Leidenschaft ihr gelassen hatte, auf Markus übertrug, der ein begeisterter Anhänger des »Direx« war. So wenig, wie Kurt sich jetzt zu Hause wohl fühlte, so wenig behagte es Markus in Bremen. Als er das letztemal dort war, erwartete Mami – er nannte sie noch so aus Gewohnheit, aber ohne mehr dem Namen die tiefere Bedeutung zu geben – ihr drittes Baby. Markus fand keinen Platz mehr in dem großen Hause. Immer hieß es: »Ne faites pas de bruit, Markus, Baby dort!« Oder: »Geh doch spielen, Markus! Mußt du immer alles hören, was man spricht?!« Dann ging er, wie ehemals, in die Küche hinaus. Aber Albert und Hedwig hatten auch nur mehr ein Gnadeneckchen am Ofen und stippten ihre Semmeln stumpfsinnig in den stets warmen Kaffeetopf. Der Vater ließ sich jetzt öfters zu einem Gespräch mit Markus herab. Aber ein Gespräch war es eigentlich nicht. Der Vater allein sprach, und Markus hörte zu und durfte mal auf eine wiederholte Frage: »Hast du mich verstanden?« oder: »Verstehst du mich?« mit »Ja« antworten. Der Vater suchte in ihm das Bewußtsein des ältesten der jungen »Lukas-Erben« zu wecken, aber diese Lukas-Erben waren Markus höchst gleichgültig. Auch das »Haus Lukas« war für Markus noch ein leerer Schall; allenfalls verband er damit die Vorstellung von einem verrauchten Kontor, in dem unendlich viel Tinte und unendlich viel Papier verschrieben wurde, und von traurigen, müden Menschen. Markus hatte Mami in den ersten Tagen seines Zuhauseseins von Enzlehns Selbstmordversuch erzählt. Er kam sich dabei ziemlich wichtig vor und war gefaßt darauf, mit neugierigen Fragen bestürmt zu werden, hörte bereits alle Ausrufe des Entsetzens, Staunens, Mitleids – aber nichts davon kam. »So ein infamer Bengel«, sagte Mami. »Der verdiente wirklich Prügel, aber so ordentliche, daß er acht Tage nicht sitzen kann...« Markus war in tiefster Seele empört. Nein, mit Mami war wirklich gar nichts mehr los. Schade um jeden Versuch einer Verständigung! Und er schrieb am selben Abend einen überschwänglichen Brief an Karli, in dem er sich über den unerträglichen Stumpfsinn der Seinen beklagte. So begrüßte es Markus stets mit Freuden, wenn es hieß, daß er die Ferien über bei Labischs bleiben dürfte. Er dachte sogar mit Grauen an die Zeit, da er vielleicht für immer in Bremen bleiben müßte, als jüngerer Chef des Hauses Lukas, und ganz allmählich reifte in ihm der Entschluß, lieber allem zu entsagen, als sich, wie er es nannte, »einkerkern« zu lassen. Enzlehn bestärkte ihn darin. »Du darfst dich nicht vergewaltigen lassen, Markus!« Der Ausdruck gefiel ihm ausnehmend gut. Nein – er ließ sich nicht vergewaltigen – um keinen Preis! Er war es sich und seinem Freunde Enzlehn schuldig, Charakter zu zeigen. Enzlehn sollte Theologie studieren, und Markus wunderte sich, daß Karli so ohne weiteres darauf einging. »Willst du denn wirklich Pastor werden?« fragte er voll Entsetzen. »I wo, Markus! Ich warte nur, bis du so weit bist und wir zusammen etwas unternehmen können. Wie ich die Wartezeit ausfülle, ist ja egal.« Bis Markus so weit war! Das heißt, bis er seinen Kampf mit dem Vater ausgekämpft hatte und im Besitze eigener Mittel war. Markus fühlte bereits eine gewisse Verantwortung. Kurt schrieb kurz und drastisch: »Dein großer Schwefel über Enzlehn ist ja ganz schön, aber ich halte den Jungen für'n faulen Kopp, der sich dir auf den Geldbeutel legen wird. Sei vorsichtig, Junge! Wenn du partout nicht zu deinem Alten zurück willst – meinetwegen! Geld haste ja genug, um dir die Welt anzusehen. Aber ansehen mußt du sie dir – nicht gleich an der ersten Straßenecke kleben bleiben!« Markus fand es sehr häßlich von Kurt, daß er so über Enzlehn sprach, wo er doch bestimmt wußte, daß Kurt bis über beide Ohren in Claire verschossen gewesen war, und sie in ihn. Seit Magdeburg hatte Kurt aber kein Wort an Claire geschrieben, und als Markus, halb aus eigenem Antrieb, halb in Claires Auftrag, leise anfragte, warum, da hatte Kurt geantwortet: »Es war ja alles sehr nett, aber über zwecklose Kindereien bin ich hinaus!« Markus schrieb voller Empörung sechs lange Seiten. »Wieso zwecklos? Warum heiratest du Claire nicht?« Darauf schickte Kurt nur eine Postkarte, auf der mit roter Tinte in großen Buchstaben das eine Wort »Idiot« stand. Als Markus darauf das erstemal bei Enzlehns war und Claire mit allerhand Fragen in ihn drang, erinnerte er sich irgendeiner Phrase aus irgendeinem Stück und sagte pathetisch: »Vergessen Sie ihn, er ist Ihrer nicht wert!« Er war überzeugt, die feinste und vorsichtigste Form gewählt zu haben, und stand ganz ratlos da, als Claire laut schluchzend in eine Sofaecke fiel. Dann sprang sie auf und verlangte, Markus solle ihr sagen, woher er wisse, daß Kurt ihrer nicht wert sei. Markus war so verschüchtert, daß er ohne weiteres gestand, Kurt gefragt zu haben, warum er Claire denn nicht heiraten wolle. »Darauf habe ich dann folgende Antwort bekommen,« und er zeigte das höhnische, rotgrinsende Wort »Idiot« auf der Postkarte. Claire zerriß die Postkarte, fiel wieder in die Sofaecke und erhob sich schwankend, um dem verblüfften Markus ins Gesicht zu schleudern: »Sie sind wirklich ein Idiot! Wie können Sie eine so grobe, taktlose Frage stellen? Ich habe Sie behandelt wie einen Erwachsenen! Sie sind aber wirklich nur ein kleiner Junge, der die Nase in seine Bücher stecken sollte und nicht in so heikle Angelegenheiten!« Sprach's und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Markus blieb in tödlichster Beschämung zurück, während Karli leise vor sich hin meckerte. »Ich dachte, wenn man liebt, heiratet man«, sagte Markus ehrlich. Enzlehn schüttelte bekümmert den Kopf. »Komisch, Markus. Du bist immer noch wie ein Kind. Nu sage doch bloß, wie oft man heiraten müßte, wenn man jedesmal heiraten sollte, wenn man liebt!« »Ja, wozu liebt man denn dann?« Karli zuckte die Achseln. »Um sich das Leben aufzuputzen, um nicht zu verkommen vor Langeweile und Stumpfsinn... Gott, Markus, tu doch nicht so dumm!« »Aber wirklich, Karli...« Enzlehn nahm den Freund beim Knopf seiner Weste und zog ihn zu sich heran. »Was glaubst du, warum liebt deine Frau Doktor den Direx? He – was? was meinst du?« »Tante Irene den – den Direx?« Markus blinzelte verständnislos vor sich hin. »Quatsch, Karli!« Enzlehn zuckte die Achseln. »Die ganze Schule spricht davon, nur du weißt natürlich nichts!« Markus ballte energisch die Hand, und rief zornig: »So eine Gemeinheit!! Du, Karli, nimm dich in acht und lüge nicht!!« Und ohne ein Wort der Entgegnung abzuwarten, lief er ins Entree, warf den Mantel um, stülpte die Mütze auf und rannte nach Hause. »Schon zurück, Herr Markus?« fragte das Mädchen erstaunt. Er aber stieß sie beiseite und stürmte in den kleinen Salon. Um den Whisttisch herum saßen in friedlicher Eintracht Dr. Labisch, seine Frau und Dr. Ramin. Frau Hofprediger, die augenblicklich kiebitzte, blickte über Irenes Schulter in die Karten. »Treff ist Atout,« sagte Dr. Labisch, indem er eine Karte umschlug. – »Na nu, mein Junge, schon zu Hause? Wenn der Herr Direktor es erlaubt, kannst du dich zu uns setzen. Aber Mund halten! – Du spielst aus, Irene.« Irene warf eine Karte auf den Spieltisch und machte Markus ein Zeichen, sich an ihre andere Seite zu setzen. Frau Hofprediger nickte ihm liebenswürdig zu und legte den Finger an die Lippen. Es war ein feines, elegantes Spielen; die Karten flogen in leichten Bogen über das grüne Tuch. Man hörte nur das Knipsen der einzelnen Stiche auf dem Tisch, ein leises knistern, wie von einem stramm gesattelten Pferde, wenn Dr. Ramin sich bewegte, und das diskrete Rascheln von Irenes seidenem Kleid, wenn sie aus dem Stuhl rückte. Markus sah Tante Irene zum ersten Male an – wie er ein junges Mädchen seiner Bekanntschaft ansehen würde. Sie kam ihm sehr hübsch vor, fast so hübsch, wie Mami ihm in der Erinnerung vorschwebte, wenn sie sich früher zu ihren Ausfahrten ins Konzert rüstete. Er hatte Mami immer so gerne hübsch gesehen. Und auch jetzt machte es ihm Vergnügen, das zarte weiße Gesichtchen mit den großen dunklen Augen und dem flammenden Rothaar zu betrachten. Diese Freude mußten die anderen doch auch haben... Es fiel ihm zum ersten Male auf, wie dick und unbeholfen Dr. Labisch neben seiner Frau aussah, und wie scharf und bedeutend sich Dr. Ramins Kopf über den etwas hohen, hageren Schultern erhob, wenn Frau Dr. Ladisch den Direx liebte, dann... »Bist du hungrig?« fragte Irene, indem sie die Karten mischte, »Wir essen gleich. Herr Direktor erlaubt gewiß, daß du mit uns zu Abend speist. Einmal ist keinmal.« »Und Markus verdient eine Extrabelohnung für seinen letzten Aufsatz!« Markus sprang auf, ganz rot und verwirrt. »Ja, wirklich, Herr Direktor?« »Jawohl, sehr brav, Markus, sehr brav. Immer weiter so. Wenn's nur mit der Mathematik auch so ginge, aber da hapert's. Will sie denn gar nicht rein in den Schädel, hm?« Dr. Labisch klopfte sich mit der flachen Hand auf den Magen: »Immer dieselbe Sache! Literatur, Geschichte, Sprachen Nr. l, Geographie, Mathematik und Physik schwach!« Bald darauf ging man zu Tisch. Markus beobachtete, daß Frau Dr. Labisch auffallend rasch hintereinander einige Glas Wein hinuntertrank, worauf sich ihre bleichen Wangen röteten und ihre Augen lebhafter und mutvoller glänzten. Nach Tisch zeigte Dr. Labisch der Frau Hofprediger ein neues illustriertes Werk, das der Buchhändler ihm zugeschickt hatte. Irene stand mit Dr. Ramin im Erker ihres künstlerisch eingerichteten Salons, in dem sich noch der offene Whisttisch befand, mit den halb abgebrannten Kerzen in den schönen getriebenen Leuchtern, und sprach leidenschaftlich auf ihn ein. Markus konnte ihr Gesicht nicht sehen, nur die eigentümlich vorgebeugte Halslinie und die roten Haare, die im Schein der Gaskrone Funken sprühten. Aber er sah das scharfgeschnittene Gesicht des Dr. Ramin, sah, wie seine schmalen geradlinigen Augenbrauen zuckten und sich sein vorgeschobener breiter Unterkiefer fest gegen die Oberlippe preßte. Dann sah er, wie Dr. Ramin ihre Hand nahm, ihr beruhigend ernst zusprach und ihre Fingerspitzen an seine Lippen führte. Darauf zündete Dr. Ramin sich eine Zigarette an und ging ins Nebenzimmer zu den anderen, während Frau Dr. Labisch sich langsam umwendete und ihren Kopf ans Fensterkreuz zurücklehnte. Sie war bleich, und tiefe Schatten lagen um ihre Augen. Markus kam zaghaft auf sie zu. »Ist dir nicht gut, Tante Irene?« Sie zuckte zusammen und faßte ihn heftig am Arm »Was ist... was willst du?« Wie in einer Vision sah er die nächtliche Szene im alten Bremer Hause vor sich: wie er vor Angst in Mamis Zimmer hatte stürzen wollen, und sie ihn voll Zorn am Arm zurückgehalten hatte: »Was ist los? Was willst du?« Denselben Ausdruck hatte jetzt Frau Dr. Labisch. Er wendete den Kopf schnell beiseite, als fürchtete er, jetzt auch eine Ohrfeige zu bekommen. Aber Irene fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sagte nur: »Ja... Markus, es ist sehr heiß hier... wir wollen das Fenster öffnen...« Er zog die Vorhänge auseinander und öffnete weit die breiten Fensterflügel. Die kalte Nachtluft schlug ihnen ins Gesicht. Vom Kurfürstendamm her schrillte eine Fahrradklingel herüber, und langsam rollte ein Taxameter über den Asphalt. Markus wollte etwas fragen, aber ihm fielen Claires Worte ein: »Wie können Sie eine so grobe, so taktlose Frage stellen?« Und er schwieg. »So,« sagte Irene, »es ist schon besser jetzt.« Sie lockerte mit der Hand ihr krauses Stirnhaar und lächelte Markus mühsam zu. »Du mußt ins Bett, Markus. Es ist spät!« Es wurde ihm schwer, sie so in der Verwirrung seiner Gedanken und im Aufruhr seiner Gefühle zu verlassen, aber die Lektion, die ihm Claire gegeben hatte, lehrte ihn schweigen. »Gute Nacht, liebe Tante Irene«, sagte er und drückte ihre Hand so stark, daß ihm war, als müßte sie ihn verstehen, auch ohne alle Fragen. Aber sie sagte nur: »Junge, du tust mir weh«, fuhr ihm gedankenlos liebkosend über das Haar, wie es ihre Gewohnheit war, und ging langsam aus dem Zimmer. »So ist es also, wenn man liebt«, dachte Markus, als er schon im Bett lag. Und es beschlich ihn eine ganz unklare, aber sehr peinliche Empfindung. – – Im Laufe des folgenden Winters wurde Dr. Labisch für seine Verdienste durch Verleihung eines Ordens ausgezeichnet. Frau Hofprediger hatte alle ihre früheren und bei Irene neugewonnenen Beziehungen ins Treffen geführt, um dem »guten Doktor« zu einer Freude zu verhelfen, die um so echter war, als Dr. Labisch die Verleihung des Ordens wirklich nur seinen Verdiensten zuschrieb. Der Orden leimte alles wieder etwas zusammen; man trank wieder ein paar gute Flaschen Wein und Sekt bei Labischs, und Gröhlke klopfte seiner Tochter auf die Schulter und rief schmunzelnd: »Na, Ireneken, wat sagste nu? Haben wir dir nich 'nen guten Mann gegeben?« Dr. Labisch freute sich eigentlich, daß alles um ihn herum so bon lebte. Für sich selbst war er recht anspruchslos: fünf Zehnpfennigzigarren täglich und etwa sechs Liter Bier. Was darüber hinausging, nahm er gern mit, aber ohne daß es ihm zum Bedürfnis wurde. Er war eben, wie Frau Gröhlke immer wieder ihrem Manne gegenüber betonte, »ein reeller Mensch«. Markus freute sich jedesmal auf den Sommer, weil er ihm Dr. Ramin, der in den Ferien immer mit Labischs zusammen war, näher brachte. Es traf ihn daher wie eine große Enttäuschung, als Dr. Labisch eines Tages bei Tisch sagte: »Weißt du schon, Irene, daß Ramins diesen Sommer nach Norwegen wollen?« »Wohin?« Irene sah ihren Mann wie entgeistert an: »Wohin?« wiederholte sie. »Es steht ja noch nicht ganz fest, aber heute nach der Konferenz sprachen wir von unseren Sommerplänen, und da sagte er, der Arzt hätte seiner Mutter eine Seereise angeraten; er würde mit ihr vielleicht nach Norwegen fahren, Wär´ schade, was?« Irene war sehr blaß und starrte unausgesetzt auf ihren Teller. Dabei spielte sie mit ihrem Serviettenring, indem sie seine Ränder tief in das Tischtuch einbohrte. Markus wunderte sich, daß Dr. Labisch so gar nichts Besonderes an seiner Frau bemerkte und ruhig mit vollen Backen weiterkaute. »Ich habe Kopfschmerzen«, sagte Irene und stand früher von Tisch auf als sonst. Sie schwankte beinahe aus dem Zimmer; aber auch das bemerkte Dr. Labisch nicht und rief ihr nur nach: »Ja, ja, Irene... leg' dich nur ein bißchen hin!« Markus seufzte schwer auf, wie immer, wenn er sich Gefühlsproblemen gegenüber sah, die er für unlösbar hielt. Die Frage der Sommerreise wurde, je mehr der Frühling heranrückte, desto lebhafter erörtert. Irene sträubte sich immer heftiger gegen Pyrmont und die Ostsee. Sie behauptete, ganz gesund zu sein, und erklärte, ebenfalls mit nach Norwegen fahren zu wollen. Markus fing einen Blick auf, den Dr. Ramin mit seiner Mutter dabei wechselte, und dann sagte Dr. Ramin ziemlich schroff: »Ich will diesen Sommer nur meiner Arbeit leben, gnädige Frau...« Nach diesem Abend ließen Ramins sich wochenlang nicht mehr sehen. In der Schule war der Direktor immer besonders freundlich zu Markus, obwohl der jetzt oft müde war und nicht zu den besten Schülern zählte. Er war gerade im ärgsten Wachstum, schoß wie eine lange Gerte in die Höhe und hielt sich leicht vornüber gebeugt. In der Klasse war er nicht sonderlich beliebt. Er war den Jungens zu höflich und zu gut gekleidet. Er hatte immer saubere Hände und gut gepflegte Nägel – etwas ganz Unerhörtes in diesem Alter. Er mochte die wilden Raufereien nicht und hielt sich von Komplotten fern. Ihm fehlte das Zusammengehörigkeitsgefühl mit seiner Klasse. Die Freundschaft mit Kurt und Karli von Enzlehn hatte ihn um einen großen und bedeutsamen Teil seiner Kindheit gebracht, und der ästhetische Einfluß der schönen Frau Dr. Labisch gab ihm einen weltmännischen Schliff. Seine noch ganz kindliche Naivität stach oft seltsam ab gegen seine äußerlich ruhige und sichere Art. »Musterknabe« war der gelindeste Spottname, mit dem ihn die Klasse bedachte. Die fast nur für ihn wahrnehmbare Tragödie, die sich im Hause Labisch abspielte, interessierte ihn mehr als die wichtigsten Schulfragen, und die »Mädelgeschichten«, die sich die Kameraden mit heimlichem Lachen ins Ohr flüsterten, erschienen ihm läppisch gegen das, was sich vor seinen Augen ereignete. Er hatte mit fünfzehn Jahren eine hohe und tragische Auffassung von der Liebe. Lieben hieß für ihn – unglücklich sein – leiden. Und durch dieses Leiden wurde man in seinen Augen zu etwas ganz Besonderem, Auserwähltem. Es dauerte lange, ehe er sich in seinem Verhältnis zu Kurt zurechtfand, der die Liebe mit so wenigen und trivialen Worten abtun konnte. Kurt war seit einem Jahr Bonner Student. Er schickte ihm meist Bierkarten, auf denen neben dem seinen noch ein halbes Dutzend anderer unleserlicher Namen stand. Nur Frau Dr. Labisch bekam ab und zu kurze Briefe, die sie Markus vorlas. Aber Kurt war sparsam in diesen Briefen mit Nachrichten über sich. Meistens waren es Fragen: Was in Berlin jetzt los wäre? Ob die kleine Mama sich noch immer gleich frisiere? Ob die kleine Enzlehn schon so weit wäre – er könnte sie dem Direktor des Bonner Stadtheaters empfehlen. Die Naive wäre dem gerade durchgebrannt mit einem reichen Engländer. »Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo der Frosch ins Wasser springt,« schrieb er in seiner burschikosen Art. »Markus kann seine diplomatischen Talente leuchten lassen und die Claire postwendend eingeschrieben herschicken. Gage 100 Em. (Die Vorgängerin hatte achtzig; da seht Ihr, was Protektion macht!) Für Erfolg sorge ich schon.« »Ich will sie fragen,« sagte Markus, »aber ich glaube nicht, daß sie nach Bonn geht.« »Warum denn nicht?« Markus wurde sehr rot. »Weil... ja... das kommt nämlich daher...« Irene sah ihn sehr interessiert an. »Nun?« »Kurt und Claire haben... Kurt hat sich für...« Irene lächelte. »Ach so. Du meinst, die beiden waren verliebt ineinander?« Das Wort in seiner Nacktheit berührte ihn peinlich, und er blickte an Irene vorbei in die Luft, während seine Ohren wie Feuer brannten. Sie erhob sich und wendete ihm halb den Rücken zu. »Mein lieber Markus, ich halte es für sehr möglich, daß sie sich dieser Kinderei gar nicht mehr erinnern.« »Liebe ist doch keine Kinderei,« platzte er heraus. Sie wendete ihm jetzt ihr Gesicht zu und stand vor ihm, groß und schlank, mit den eingefallenen bleichen Wangen und den tiefumschatteten Augen. »Ja, ist denn das Liebe, Markus? Das ist Gefallen, Verliebtsein, Spiel. Liebe ist etwas Furchtbares, Markus! Liebe ist der Tod, wenn es nicht das einzige, das höchste Glück ist!« Sie starrte durch das Fenster auf die Straße hinaus, wo die Bäume ihre zarten Frühlingsknospen ansetzten und sich im Abendwinde leicht hin und her wiegten. »Liebe Tante Irene,« kam es leise von seinen Lippen. Er faßte mit zitternder Hand nach ihren schlanken, kalten Fingern und zog sie näher an sich heran. Aber da er keine Worte fand, lehnte er seinen blonden Kopf an die Falten ihres schönen weichen Sammetkleides. Der starke süße Duft, der ihren Sachen anhaftete, legte sich einschläfernd um seine Sinne. Sein Herz pochte fast hörbar. Er preßte einen scheuen Kuß auf ihren Ärmel. »Liebe Tante Irene...« Sie blickte immer noch geradeaus, beinahe ausdruckslos, ohne den Knaben zu beachten, der vor ihr auf dem niederen Schemel saß und sein Antlitz an ihr Gewand schmiegte. »Ich möchte, du wärest froh und lustig wie früher, Tante Irene,« sagte er leise. Ihre Finger spielten mit seinen Haaren, und sie wiederholte: »Froh und lustig! Ach, Markus – ich bin eine alte Frau. Es ist vorbei!« In kindlichem Ungestüm legte er den Arm um ihre schlanke Hüfte: »Was fällt dir ein. Tante Irene – du alt? – Du bist so schön! Schöner als alle anderen. Wirklich!« Er preßte sie an sich, wie er als kleiner Junge Mami an sich gepreßt hatte. Sie erschrak vor der Kraft seiner Arme und lachte gezwungen. »Aber Markus, bist du toll? Du bist doch kein kleines Kind!« Er sprang auf und wurde plötzlich verlegen. Er hatte sich gewiß wieder recht tölpelhaft und ungeschickt benommen! Er fand nicht den Mut, Irene anzusehen. »Ich gehe zu Enzlehns,« sagte er endlich. Irene nickte. »Wenn du willst, kannst du Karli mitbringen zum Abendbrot. Onkel ist nicht zu Hause.« Es war jetzt fast dunkel im Zimmer. Markus konnte nur Irenes Silhouette am Fenster erkennen. Das war ihm eine Wohltat. Eine Wohltat auch, daß er ihr nicht allein beim Abendbrot gegenüber zu sitzen brauchte. »Guten Abend, Tante Irene. Um neun sind wir da.« Er küßte ihr, wie er es immer tat, die Hand und richtete sich auf. Sie legte ihm ihre Fingerspitzen auf den Arm und lächelte: »Du bist größer als ich, und ich glaube, sogar größer als Kurt.« Er fand ein befreiendes Lachen: »Ach, Tante Irene, das ist nur äußerlich. Innerlich bin ich noch oft ein ganz kleiner Junge... Na, du hast es ja eben gemerkt.« Und er lief, was er konnte, hinaus. Von der Straße aus blickte er noch einmal hinauf. Irene hatte den Spitzenvorhang zurückgeschoben und die Stirn an die Scheibe gedrückt. Er schwenkte die Mütze und sprang auf die vorbeifahrende Elektrische. Frau Dr. Labisch behielt recht – Claire sagte nicht nein. Sie fand es riesig nett von Kurt, daß er an sie gedacht hatte, und versprach, Karli so bald wie möglich nachzuziehen. Frau von Enzlehn geriet in große Aufregung. Nun hielt also der Theaterteufel doch Einzug bei ihnen! Ihr starres Gesicht war hochrot. »Verrückt!« murmelte Frau von Enzlehn. »Aber das bitte ich mir aus: unter dem Namen Enzlehn wird nicht gespielt! Euer seliger Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das wüßte!« Claire nahm einen Stuhl und walzte mit ihm trällernd durch die Stube: »Nein, nein, bewahre!« Dann lief sie in das Schlafzimmer, das sie mit der Schwester teilte, und gleich darauf hörte man sie Schranktüren und Schubladen aufreißen, bis sie endlich wieder mit einem ganzen Haufen Kleider und Blusen hereinstürmte. »Du, Annie, sieh mal nach, ob alles niet- und nagelfest ist. Der ganze Plunder ist ja die reine Affenschande für eine erste Liebhaberin!« Claire fegte wie ein Irrwisch in der Wohnung umher. Karli mußte ihr ihre Bücher zusammensuchen, und dann rief sie Markus in den Korridor, damit er ihr helfe, ein halbes Dutzend brauner Kartons von den Schränken zu heben. »Billig, billig, lieber Markus! Alles in Kartons packen. Es kommt schon noch mal anders!« Ihr zierliches schlankes Figürchen dehnte und reckte sich auf dem umgeklappten Küchenstuhl, und ihre Zähne blitzten wie Reiskörner zwischen den halbgeöffneten vollen, dunkelroten Lippen. »Halten, Markus!... Hopp – ein Karton, hopp – der zweite, hopp – der dritte – halten Sie fest!« Sie sprang behende vom Tritt und lachte übers ganze Gesicht. »Kommen Sie nur ruhig in mein Zimmer, Markus; mich geniert's nicht.« Er trug ihr die Kartons nach in das mäßig große, viereckige Zimmer, das bei den »Lämmerhüpfen«, mit denen Frau von Enzlehn früher ihren gesellschaftlichen Tribut abzahlte, als Garderobe diente. Markus kannte nur sein offizielles Gesicht mit dem Berg aufgestapelter Mäntel, Mützen und Tücher auf den einander gegenüberstehenden Betten. »Links die jungen Herren, rechts die jungen Damen,« sagte dann immer das Dienstmädchen. Links schlief Claire, und Markus lagerte ganz instinktiv die Kartons auf ihrem Bett ab. Auf der Kommode brannte eine Lampe, die nur spärliches Licht gab. »Das nennt sich nun Beleuchtung,« rief Claire mit komischer Verzweiflung und fiel händeringend auf ihr Bett. »Ach, Markus, Sie ahnen ja nicht, was das heißt: ein Gasautomat! Von zehn Pfennig zu zehn Pfennig wird der Verbrauch kontrolliert. Nur, wenn wir auf einen Ball gehen, dürfen wir in unserm Zimmer Gas brennen!« »Ach?« sagte Markus. »Ja ... Sie haben eine Ahnung! Und darum lieber alles ... alles – nur hier heraus!« Claire sah plötzlich ernst, nachdenklich vor sich hin. Markus, mit seiner Vorliebe für das Besondere, Komplizierte, war wieder mitten drin in einer Tragödie. »Arme Claire,« sagte er leise. »Es wird Ihnen wohl sehr schwer, ihn wiederzusehen?« »Wen?« Claire blickte voll ehrlicher Verständnislosigkeit zu ihm auf. »Ich meine ... Kurt.« »Ach so. Kurt!« Ein verschmitztes Lächeln huschte über ihr Gesicht, und sie sprang trällernd auf. »Aber wieso denn, Markus, schwer? Im Gegenteil. Denken Sie sich ...« Sie brach ab und hielt sich, von Lachen geschüttelt, an der Kommode. »Denken Sie sich, wenn er sich jetzt in mich verliebte! Aber so ernstlich, wissen Sie, und ich bekomme Blumen von allen Seiten und lasse mir die Hand küssen, und ihn sehe ich nicht? Das wird 'ne feine Sache, sage ich Ihnen!« Sie sah ihm mit ihren glänzenden dunklen Augen mitten ins Gesicht und lachte. Markus suchte verlegen ihrem Blick auszuweichen. »Glauben Sie, Markus, daß sich einer weigern würde, mit mir zu tanzen?« fragte sie und näherte ihr warmes, gerötetes Gesichtchen in bedenklicher Weise dem seinen. Da er mit dem Rücken gegen die Kommode stand, konnte er nicht ausweichen, sondern hielt nur seinen Kopf ganz steif und starr und reckte sich hoch auf, so daß ihr Haar ihn kaum am Halse kitzelte. »Sehen Sie, Markus, eigentlich verdienen Sie, daß ich Ihnen einen Kuß gebe...« »Nein, nein,« wehrte Markus ab, mit fast grotesker Lebhaftigkeit, während eine tiefrote Welle ihm in die Wangen stieg. »Doch! Sie verdienen es!« wiederholte Claire eigensinnig und übermütig. »Es ist ja auch gar nichts dabei. Ich fürchte mich nicht – ich nicht!« Ehe er sich's versah, hatte sie mit ihren beiden kleinen Händen seinen Kopf ergriffen, ihn zu sich herabgebeugt und ihre Lippen warm und fest auf seinen Mund gedrückt. Markus schoß das Blut diesmal so stark zu Kopf, daß ihm Tränen in die Augen traten. Er hätte in die Erde sinken mögen vor Scham. »Pfui, Claire, was machen Sie?« »Sind Sie verrückt, so zu schreien??!« Sie preßte ihre Hand gegen seinen Mund, um ihn am Weitersprechen zu verhindern. Ärger und Lachlust stritten um die Oberherrschaft in ihr. Der Ärger siegte. »Sie sind wirklich ein dummer Junge, Markus, wenn jetzt Mama hereinkäme? Großes Unglück, wenn ich Ihnen einen kleinen Kuß gebe!! Das kommt beim Pfänderspielen allemal vor und auf der Bühne jeden Tag. Wenn da gleich jeder ›Pfui!‹ schreien wollte!!« Sie wendete sich ab und begann eifrig, die Schnüre von den Kartons zu lösen. Markus holte mit zitternder Hand sein Taschentuch hervor und fuhr sich über das glühende Gesicht. Schon wieder hatte er sich erbärmlich und albern benommen. Das war wohl sein Schicksal. Das Weinen war ihm nahe. Nur die Angst, sich noch lächerlicher zu machen, half ihm, sich zu beherrschen. Zugleich mit der Überwindung des ersten Schrecks stieg in ihm ein zweites Empfinden von etwas unglaublich Süßem und Weichem auf, ein leises Prickeln, das sich, wie beim Sektgenuß, wohlig durch seine Adern zog. Er schloß die Augen und dachte: »Wenn sie jetzt noch einmal, dann ...« Aber sie dachte nicht mehr daran. Sie war eifrig mit dem Packen ihrer Kartons beschäftigt. Und dann kam auch gleich Karli mit den Büchern, Annie mit den ordentlich zusammengelegten Kleidern, Frau von Enzlehn mit einer zweiten Lampe. Das Zimmer füllte sich mit Licht, Menschen und lauten Worten. »Wir wollen gehen, Karli. Tante Irene erwartet uns zum Abendbrot.« »Ja, das ist schön! Da werden wir auch schneller mit dem Packen fertig,« meinte Claire. – »Und Sie kommen doch auf die Bahn, Markus?« fragte sie und lachte ihn wieder schelmisch an. »Ja, ja ... ich komme,« sagte er leise und undeutlich und berührte ihre Hand kaum mit den Fingerspitzen. Draußen atmete er wieder freier auf. Enzlehn ging schweigend an seiner Seite. »Wir wollen doch zu Fuß gehen,« sagte Markus. Es wäre ihm unmöglich gewesen, in der vollgepfropften Elektrischen zu sitzen, die sich um diese Zeit langsam von der Kurfürstenstraße bis zum Kurfürstendamm schlängelte. – – Zu den Osterferien reiste Markus nach Hause. Er hatte um die Erlaubnis gebeten, seinen Freund Enzlehn mitzubringen, und Mami hatte geschrieben: »Wenn ihr mit einem Zimmer vorlieb nehmen wollt – dann herzlich willkommen!« Vier kleine Lukasse standen unten an der Steintreppe, als die beiden jungen Leute ankamen. Sie waren von ganz anderer Art als Markus: stramm, wild, mit gesunden, roten Wangen. Sie vollführten zur Begrüßung einen Höllenlärm. »Ich bin der Erich,« stellte sich der älteste achtjährige Junge vor. »Ich heiß' Heinrich,« sagte der zweite. »Ich Hans!« »Und ich Fritz Reimar Lukas,« piepste der dreijährige Jüngste. Er schien von der Bedeutsamkeit seines Namens am meisten durchdrungen. Sie krabbelten an Markus empor, und der kleine Fritz hängte sich, mit den Beinchen in der Luft baumelnd, an seinen Hals. »Junge, laß mich los.« Die Kinder brüllten und lachten wie besessen. Enzlehn hielt sich die Ohren zu. Er war ganz blaß und flüsterte: »Das wird ja schrecklich werden.« Von oben erschallte Mamis Stimme: »Bande, kommt ihr 'rauf! Ich werd' euch!!« Und gleich darauf fühlte Markus zwei weiche, volle Arme um seinen Hals und zwei herzhafte Küsse auf seinen Wangen. Er mußte sich bücken und wunderte sich, daß Mami eine so kleine, kugelrunde Frau geworden war. »Na, wie geht's, Markus? Endlich bist du wieder da! Aah – Herr von Enzlehn, der künftige Herr Pastor! Freut mich. Kinder, Respekt! oder ihr fliegt ins Loch! Eine halbe Stunde Dunkelarrest bei Wasser und Brot! Merkt's euch!« Ohrenbetäubendes Lachen, Kreischen, Trampeln. Schließlich kam die alte Hedwig, mit glatt zurückgekämmten Silbersträhnen, und hob den strampelnden Fritz Reimar auf den Arm. »Markuschen ... du lieber Gott!« Eine wehe, zitternde Freude lag in ihrer Stimme, und sie drückte mit dem Ellbogen Markus' Arm fest an sich, während sie mit beiden Händen den jüngsten strampelnden Lukas hielt. Und dann war's wie immer: die brennenden Kerzen, der große Napfkuchen, der duftende Kaffee im schönen Silbergerät, Mademoiselle Cardinal, das große Gesicht um das Doppelte gerundet zwischen den hohen Schultern. Nur der Tisch größer, mit eingelegter Platte, und zwischen den feinen Tassen große geblümte Schalen mit dampfender Milch. Hedwig und eine Kinderfrau bedienten, während Mademoiselle Cardinal den Kaffee einschenkte und Mami in einem lichten, warmen Hauskleid den Napfkuchen zerteilte. »Nun erzählt! Was machen Labischs? Und die gute Frau Gröhlke? Und Klumpchen?« Es war, als hätte sie erst gestern Berlin verlassen, und doch waren acht Jahre vergangen seit ihrem Besuch. Die wenigen Ereignisse hafteten fest in ihrem Gedächtnis, und jede kleinste Einzelheit hatte darin ihr Plätzchen, wie jeder Gegenstand in ihrem wohlgeordneten Haushalt. Dazwischen warf sie seitwärts schielende Blicke auf den »Selbstmörder«, wie sie Enzlehn in Gedanken nannte. Eigentlich gefiel er ihr nicht, obwohl er sich bescheiden benahm und den Kuchen mit feiner Manierlichkeit auf dem Teller zerkrümelte. Seine Augen waren ihr zu kalt und beobachtend, der Ton seiner Stimme zu hell und näselnd. »Was macht denn Kurt? Seit den letzten drei Jahren war er kein einziges Mal mehr da. Nur ab und zu eine Postkarte.« »Kurt – der ist ein großes Tier geworben. Protegiert junge Künstlerinnen in Bonn,« sagte Markus lachend. »Des actrices! – Oh ciel!« rief Mademoiselle Cardinal. Mama aber schob interessiert ihre Kaffeetasse fort. »Ach, was du sagst!! Wie alt ist er denn?« Enzlehn lächelte höflich, während sich Markus vor Lachen über Mademoiselle Cardinals entsetztes Gesicht verschluckte und puterrot wurde. »Kurt wird jetzt bald einundzwanzig sein. Er ist ja schon im zweiten Semester. Übrigens übertreibt Markus wohl ein bißchen. Kurt hat meiner Schwester ein erstes Engagement verschafft, weil er den Direktor des Bonner Stadttheaters kennt.« »Oh Marcus, quelle idée!« Mademoiselle Cardinal schüttelte mißbilligend den großen Kopf. Mami aber stützte ihre beiden Arme auf den Tisch, so daß die Ärmelspitzen tief herabfielen und die weiße Haut bis zum Ellenbogen sehen ließen: »So? Ihr Fräulein Schwester geht zur Bühne? – Das ist ja sehr interessant!« Mami lächelte beinahe verlegen und betrachtete Enzlehn nun mit offener naiver Neugierde. Aber da sich die Schritte des Hausherrn näherten, fügte sie hastig hinzu, wie ein kleines Mädchen, das nicht auf verbotenem ertappt werden will: »Wir sprechen noch darüber später – nicht wahr?« Und sie erhob sich, um dem Gatten entgegenzugehen. Mit einem Ruck erhoben sich auch alle anderen. Die Kinder hatten gerade ihre Schalen ausgetrunken und stopften noch in wilder Verzweiflung den letzten Rest Napfkuchen in den Mund. Dann liefen sie wie die wilde Horde dem Vater entgegen. Markus wunderte sich, wie frei und laut sie sich dabei benahmen. »Zurück, Jungens!« donnerte Herr Lukas. Und alles stand mucksmäuschenstill; nur der kleine Fritz hatte das linke Bein des Vaters umklammert und ließ es nicht los. Der Kaufherr drückte Markus und Enzlehn die Hand und setzte sich vor seine goldene Tasse, die Mami ihm bis zum Rande vollschenkte. Er war merklich älter geworden. Sein Haar schimmerte silbern an den eingesunkenen Schläfen. Aber es war noch immer dieselbe elegante, straffe Gestalt, und dieselbe Energie lag um die seinen, glattrasierten Lippen. Er trug jetzt eine goldgefaßte Brille, die ihm einen fremden Zug gab und die Querfalte auf der Stirn zu unterstreichen schien. »Seid ihr fertig mit eurer Milch, Jungens, ja? Na, dann schiebt ab! Wie geht es Albert, Hedwig?« »Ist Albert krank?« schob Markus erschrocken ein. »Ja, denke dir, Markus, der arme Albert liegt schon seit zwei Wochen. Es ist schrecklich!« sagte Mami. »Der macht's nicht mehr lange,« murmelte Hedwig stumpf und tonlos, während sie Fritz trotz seines Protestes auf den Arm hob. »Du kommst dann wohl, Markuschen, er freut sich so!« Markus sprang auf. »Aber ja ... gleich!« »Das hat Zeit, Markus. Jetzt bleib mal sitzen.« Gegen diese kalte, ruhige Stimme des Vaters war nichts auszurichten. Markus fiel auf seinen Stuhl zurück. Aber er sah und hörte kaum noch, was um ihn herum vorging. Ein ungeheures Angst- und Mitleidsgefühl erfüllte ihn. Während sich hier alle unterhielten, lachten, über gleichgültige Dinge schwatzten, starb ihm dort – einige Schritte entfernt – etwas unendlich Teures und Nahes fort. Erst nach einer Stunde erhob sich der Hausherr, schob eine Zigarre zwischen die Lippen und schickte sich an, ins Kontor hinunterzugehen. »Es wird nötig sein, Markus, daß wir diesmal etwas ernster über deine Zukunft sprechen. Es ist bald Zeit, du gewöhnst dich an den Gedanken, daß du deinen Wirkungskreis hier zu suchen hast, nicht wahr, mein Junge? Na ... laß dir keine grauen Haare wachsen. Morgen ist auch noch ein Tag. Mein Kompliment, Herr von Enzlehn – Sie sind hier zu Hause. Soll mich freuen, wenn's Ihnen gefällt.« Er klopfte Mami leicht auf die Schulter, nickte Mademoiselle Cardinal kaum merklich zu und verließ das Zimmer. »Wenn du jetzt zu Albert gehen willst, Markus ...« sagte Mami. »Ja ... gleich ...« Markus stand noch ganz bleich am Tisch und fegte mit dem vierten Finger die Krümel zu einem Häuflein, während Mademoiselle Cardinal den Tisch abräumte und Enzlehn im Hintergrunde des Zimmers die Bibel von Doré aufschlug und sich heimlich wunderte, wie abgegriffen die Seiten waren. »Was ist dir, Markus?« Mami nahm seine Hand und blickte ihm freundlich ins Gesicht. »Ist es dir denn so schrecklich, zu Hause zu sein, Markus?« »Ich bin hier nicht zu Hause«, sagte er schroff und riß seine Hand aus der ihren. Sie fand nur den einen alten, einfachen Ausruf: »Ach, Markus, du bist dumm!« Und es lag darin so viel von ihrer einstigen Kindlichkeit, daß er plötzlich lächeln mußte und seinen Arm um ihren Hals schlang. »Gute Mami!« – – – Markus hatte Alberte Stube noch nie betreten; denn Albert pflegte, wenn er tagsüber beschäftigt war, den Schlüssel abzuziehen. Es war wie ein Reich für sich in dem alten großen Patrizierhause, dessen kleinsten Winkel er zu kennen glaubte. Auch hatte es immer geheißen, Albert schliefe in einem Verschlag, und Markus hatte sich oft als Kind im stillen geärgert, daß der alte Albert in einem Raum schlief, den er sich wie einen »Hundeverschlag« vorstellte. Mit einem Gemisch von Zagen und Ekel klopfte er leise an die Tür. Hedwig war es, die ihm öffnete. »Da ist er, unser Markuschen,« flüsterte sie. Albert lag mit abgezehrtem, hohlwangigem Gesicht hoch in die weißen, sauberen Kissen gebettet. Als er Markus erblickte, fing er an zu weinen, so richtig, wie alte, schwache Leute weinen, mit plärrenden, schluchzenden Tönen. »Markuschen ... Markuschen!« Er suchte mit irrender, zitternder Hand sein Taschentuch, um sich Augen und Nase abzuwischen. Hedwig faßte es mit sicherem Griff und fuhr ihm damit übers Gesicht. »So, Markuschen, wenn du dich jetzt ein bißchen zu ihm setzen willst. Ich geh' unterdes zu den Kindern.« Sie rückte den Stuhl, auf dem sie gesessen, noch näher zum Kopfende und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Markus war ganz überrascht, ein so behagliches, kleines Zimmerchen zu finden. Es war eine schmale, einfensterige Kammer mit hell getünchten Wänden, die ganz bedeckt waren mit angenagelten und angesteckten Photographien, Illustrationen, Kalendern. Dazwischen hingen auch winzige Kinderschuhe: rote und braune, ein Paar Kinderhandschuhe. Auf der Kommode standen Bilder in Rahmen, wunderliche Tassen, lagen Pfeifenköpfe aus Weichselholz, eine silberne Uhr, blanke Rasiermesser. Im Spiegel steckten viele Postkarten. Sogar von weitem konnte er seine Schrift erkennen. Eine Zuglampe mit grünem Halbschirm hüllte das blitzblanke Stübchen in ein freundliches, dämmeriges Licht. Markus atmete froh auf. »Mein guter, alter Albert!« »O, Markuschen, endlich ... ich dachte schon, ich säh' dich nimmer wieder. Du bist ein großer, junger Herr geworden, Markuschen.« Zaghaft streichelte der alte Diener die weiße, schlanke Hand. Das Sprechen wurde ihm schwer. Die Worte lösten sich in langen Abständen von seinen Lippen. »Wie hübsch du es hier hast!« sagte Markus. Albert nickte. »Ja ... zu schön für einen alten Mann wie ich!« »I wo, Albert. Nichts ist zu schön für dich. Was sind denn das für Schuhe an den Wänden?« Albert lachte vor sich hin. Und auch das Lachen klang wie Weinen. »Die roten sind von deinem Vater, wie er klein war ... die ersten Schuhe. Und die braunen sind deine, Markuschen. Willst du sie haben, Markuschen?« fragte er ängstlich. »Nein, nein, Albert ... bewahre! Nur ansehen.« Das Weinen war Markus nahe. Er griff nach den roten kleinen Schuhen. Es war doch zu seltsam, daß Vaters Füße einst in diesen winzigen, zierlichen, roten Schuhchen gesteckt hatten. »Das ist schon so lange her ... so lange ... ich kann es gar nicht mehr zählen, wie viele Jahre.« Markus hing die Schuhchen wieder sorgsam über den Nagel. »Und die vielen Bilder, Albert, wer ist denn das?« Er zeigte auf eine junge Frau in mächtiger Krinoline mit Brautschleier, Arm in Arm mit einem großen, stattlichen Herrn in Vatermördern. »Das sind deine Großeltern, Markus. Und darunter der kleine Junge – das ist dein Vater.« »Ach – – « Markus hatte Albert ganz vergessen und vertiefte sich in den Anblick des Bildes: ein bildschöner Knabe mit tiefen, großen Augen und einem lieben Lächeln um den leicht geöffneten Mund. »Das war Vater?« Markus konnte das nicht begreifen. Albert hob die zitternde Hand. »Jawohl, Markuschen. Und nebenan auch. Und dann als junger Bräutigam. Das war das letzte.« Markus sah nun das zweite Bild an. Der Vater mochte da in seinem Alter gewesen sein. Sein Gesicht war gestreckt, die Lider müde herabgezogen, der Mund gequält. Nichts mehr von der süßen Frische des ersten Bildes. »Ganz anders,« murmelte Markus. Albert nickte, in Erinnerung versunken. »Ja ... der Großvater war streng. Dein Vater mußte arbeiten ... der arme Junge, immer arbeiten! Und wenn er 'ne schlechte Zensur brachte, gab's Stockhiebe.« Markus hörte mit entsetzt aufgerissenen Augen zu. »Stockhiebe, Albert?« Albert suchte wieder nach seinem Taschentuch. Markus reichte es ihm hastig. »Das war so früher, Markuschen. Aber mir zerriß es das Herz und der Hedwig auch. Und einmal ...« Der Alte atmete ein paarmal schwer auf, dann lachte er wieder greisenhaft vor sich hin  ... »Da hab' ich den Rohrstock gestohlen ... ja, Markuschen ... Gott verzeih' mir die Sünde ... gestohlen hab' ich ihn, ja ... und in meiner Kammer versteckt hinter dem Vorhang. Er steht noch da.« Markus blickte mit weit aufgerissenen Augen in die Ecke, wo an einem langen Riegel ein geblümter Vorhang über den Kleidern Alberts hing. »Und in seiner letzten Stund«, Markuschen ... da hat mir der alte Herr gedankt, jawohl ... gedankt mir, dem Diener. Totgeschlagen hätt' er ihn – hat er mir gesagt, wenn ich nicht – – « Albert wurde unruhig. Eine heiße Fieberröte legte sich ihm auf Stirn und Wangen. Mit der Rücksichtslosigkeit der Jugend fragte Markus weiter: »Wegen einer schlechten Zensur, Albert?« Der alte Diener schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Markuschen ... Aber eine Spielerin am Theater war's, so eine freche Person, weißt du ... die hat deinen Vater umgarnt, wo er doch noch ein Kind war. Und jeden Abend lief er ins Theater, so heimlich, und am Tage zu ihr, statt in die Schule. Das kam dann raus! Ach, Markuschen, was erlebt man nicht alles!« Albert bewegte leise die Lippen, als murmele er noch etwas leise vor sich hin. »War sie hübsch?« fragte Markus. Der Alte kicherte. »Willst du das Bild sehen? Ich hab's ihm versteckt damals. Im Album auf der dritten Seite. Mußt die Kommodenschublade herausziehen, Markuschen. Leise ... leise ... links ... Ja, ja... da ist's!« Ein hübsches, lustiges Gesicht mit keckem Federhütchen auf extravagant frisiertem Köpfchen lachte Markus von dem vergilbten Karton entgegen. »Die sieht ja Mami ähnlich!« rief Markus. Der Alte blinzelte stumpfsinnig. »Ja ... so ... ich kann nicht sehen ...« Markus zog das Bild aus dem Album und wendete es um – da stand vielleicht eine Jahreszahl. Richtig. »Im März 1854. Meinem süßen kleinen Reimar.« »Meinem süßen kleinen Reimar« – Wie seltsam das klang, wenn er sich des Vaters Gestalt vergegenwärtigte. Aber der Vater war ihm auf einmal näher gerückt; und auch daß er Mami geheiratet hatte, konnte er plötzlich begreifen. Behutsam legte er das Album zurück in die Kommodenschublade, die sorgfältig geordnet alle Schätze aus Alberts Leben enthielt. Der Alte war eingeschlafen. Stoßweise hob der kurze Atem das weiße Nachthemd, die greise, abgezehrte Hand hielt das Taschentuch umklammert. Ein friedliches Lächeln umspielte die welken, eingefallenen Lippen  ... Leise verließ Markus die Kammer. Markus verbrachte jeden Tag einige Stunden in Alberts Kammer. Es war ihm, als fände er dort alles wieder, was ihm teuer war aus den Erinnerungen seiner Kindheit. Mami war ganz aufgegangen in dem satten, etwas geräuschvollen Behagen der Gegenwart. Sie fand kaum noch Zeit zu einem gemütlichen Plauderstündchen. Immer hing eines der Kinder an ihrem Kleide – daran konnte weder die Wärterin noch Mlle. Cardinal etwas ändern, und sie selbst wehrte nur lachend und träge. Es war ihr eine Wonne, in die kugelrunden, frischen Gesichter zu sehen, sich die Ohren vor ihrem Lärmen zuzuhalten, ihnen Bilderbücher zu zeigen oder ihnen einen wohlapplizierten Klaps auf die Höschen zu verabfolgen. Selbst wenn sie hochrot vor Ärger war, blitzten ihre Augen heimlich vor Vergnügen. Das alles vergällte Markus die Erinnerung an seine eigenen Spiele mit ihr. Es war also nichts Besonderes gewesen, nicht ein ganz persönliches Verhalten zu ihm, dem zwar nicht eigengeborenen, aber dem über alles geliebten Kinde. Es war so, weil es in ihr lag, und weil sie mit jedem Kinde so gewesen wäre und immer so sein würde, wenn das Schicksal ihr auch noch sechs andere Kinder schenkte. »Das sind die einzigen Frauen, die Wert haben«, meinte Enzlehn. »Die undifferenzierten, animalischen Instinkte sind das allein Wertvolle am Weibe. Es sind die einzigen Mütter, die ihren Kindern eine glückliche Kindheit geben.« »Das war ein schönes Wort«, sagte Markus gerührt. »Ich weiß.« Und Enzlehn notierte sich den Ausspruch in seinem Büchlein das er immer bei sich trug. Aber trotzdem gefiel es Markus, daß Hedwig die vier kleinen Lukasse »die neuen Kinder« nannte. Darin offenbarte sich ihm die Treue der alten Dienerin in all ihrer konservativen Anhänglichkeit, und wenn er sie bei einem Krankenbesuche an Alberts Lager fand, drückte er ihr jedesmal heftig die Hand. Einmal fand er sie gedrückt, mit glanzlosem, trostlosem Blick. Ihre Hand hielt fest die Hand des alten Dieners umschlossen. »Was ist, Hedwig? Steht's schlecht um Albert?« flüsterte er. Sie nickte. »Setz' dich, Markuschen«, raunte sie ihm ebenso leise zu. Er nahm ihr gegenüber Platz und blickte voll ängstlicher Spannung auf das alte, verfallene Gesicht des Kranken, das von weißen Bartstoppeln umrahmt war. »Kommt denn der Doktor nicht?« fragte er. »Ja gewiß. Aber was nützt der Doktor, wenn die Zeit um ist? Die ist um, die Zeit ... und bald auch für mich.« Zum erstenmal trat ihm der Gedanke des Todes nahe. Der Gedanke der Vernichtung, der Verwesung, der Gedanke der Trennung – auf immer. »Arme Hedwig!« Ganz unwillkürlich war der Name der alten Dienerin auf seine Lippen gekommen, und nun er ihn ausgesprochen, kam ihm erst zum Bewußtsein, wieviel gerade sie mit diesem Tode verlor. »Wie lange hat er ... wie lange habt ihr ... seid ihr bei uns?« fragte er scheu. »An die fünfzig Jahre, Markuschen. Als junges Ding kam ich mit deiner Großmutter hierher, als sie heiratete, weil ich ihre Milchschwester war; und der Albert war schon ein Jahr früher bei deinem Großvater.« »Und seitdem wart ihr immer zusammen?« »Immer, Markuschen ... jeden Tag.« »Hedwig«, stammelte der Kranke. »Ja ... ja ... Albert ... seien Sie ruhig, ich bin da ... wollen Sie trinken?« Sie setzte mit zitternder Hand das Glas an seine Lippen, aber er hatte Mühe, zu schlucken, und wendete den Kopf ab. »Das Bild«, flüsterte er. »Ich möcht' das Bild sehen!« »Welches Bild?« fragte Markus hastig, um es Hedwig reichen zu können. Sie winkte verlegen ab. »Laß nur, Markuschen. Ist ja Unsinn. Er kann ja gar nicht mehr sehen.« »Das Bild«, wiederholte der kranke störrisch und beinahe laut, indem er Hedwigs Finger krampfhaft umklammerte. Sie wußte sich nicht zu helfen. »In der Kommodenschublade, Markuschen, unter dem Album im Kuvert. Is ja Unsinn«, fügte sie hinzu. Markus holte das Bild hervor: »Darf ich sehen?« Es war ein billiges, kaum erkennbares Bildchen, wie sie auf den Jahrmärkten fabriziert wurden. Markus mußte genau hinsehen, um einen schlanken Mann darauf zu erkennen, Arm in Arm mit einem jungen, üppigen Weib. »Da haben wir uns einmal einen Spaß gemacht«, sagte Hedwig und entzog die Photographie hastig Markus' Händen. »Da is das Bild, Albert; na, – aber jetzt wollen wir's wieder ins Kuvert geben.« »Mein ... Bild ...« Er hielt es merkwürdig fest in seinen abgezehrten Fingern und starrte es an mit Augen, die doch nichts mehr sahen. Hedwig trat weg vom Bett und drückte die Stirn ans Fenster. Markus bemerkte, wie sie das Taschentuch einige Male zum Gesicht hob. Er beugte sich zu Albert. »Bist du das, Albert, auf dem Bild?« Der Kranke nickte kaum merklich und bewegte die Lippen. Endlich verstand Markus das Wort: »Hedwig«. »Du und Hedwig?« »Schön«, stieß Albert hervor. Und nochmals: »Schön«. Dann fiel das Bild auf die Bettdecke. Markus hob es mit scheuer Andacht auf. Hedwig hatte sich gefaßt. »Gib, Markuschen. Wir wollen's wieder auf den Platz legen.« »Arme Hedwig«, sagte er nochmals. Sie schüttelte den Kopf. »Es ist uns gut gegangen. Wir dürfen nicht klagen.« Markus nahm seinen ganzen Mut zusammen: »Warum habt ihr nicht geheiratet?« »Ach, Markuschen, Unsinn. Da hätt' uns die Herrschaft nicht behalten. Und was dann ...? Wir hatten doch nichts anderes gelernt als dienen. Es ist uns gut gegangen, Markuschen. Alles kann der Mensch nicht haben!« »Das ist abscheulich, Hedwig, abscheulich. Ihr hattet euch gern und durftet nicht heiraten?« Hatte Albert diesen Ausruf gehört? Verstanden? Es spielte ein verklärtes Lächeln um sein grauweißes Gesicht. »Schön!« sagte er noch einmal, sehr deutlich, mit starkem Nachdruck. Hedwig wurde unruhig. »Geh', Markuschen, geh', mein lieber Markus!« Sie schob ihn sanft zur Tür hinaus. Markus war so erregt, daß er sich durch Enzlehn beim Abendbrot entschuldigen ließ. Er fühlte einen Haß in sich aufsteigen gegen seinen Vater, gegen dessen Eltern, die er nie gekannt hatte. Er haßte seinen Namen, sein Haus, das ganze »Patriziertum«, das wie ein Ungeheuer alles aufsaugte und vernichtete, was in Abhängigkeit von ihm geriet. Unten arbeiteten müde, freudlose Menschen, mit ausgebleichten Haaren und entzündeten Augen jahraus, jahrein am Wohlstand des Hauses. Stein für Stein schleppten sie herbei auf ihren gebeugten Rücken zu dem Sockel, der dies Haus über andere Häuser erheben sollte. Sie selbst aber blieben alle gleich klein und armselig  ... Mitten in der Nacht wurde leise an die Tür geklopft. »Markus, steh' auf, komm zu Albert!« Es war Mamis Stimme. In einem Nu hatte Markus Beinkleider und Jacke übergezogen, während Enzlehn die Kerze anzündete. »Soll ich mitkommen, Markus?« »Nein, nein. Das geht nur mich an!« sagte Markus schroff, fast feindselig. Er war totenblaß; seine Zähne schlugen hörbar aneinander. Im Gang vor der Tür stand Mami in einem roten Schlafrock, einen Leuchter in der Hand. »Hedwig bat, ich möchte dich holen.« »Ja natürlich. Ich muß auch da sein, wenn Albert ...« Er, nur er mußte da sein. Er und Hedwig. Am liebsten hätte er Mami den Eintritt in Alberts Kammer verwehrt. Was hatte sie dort zu suchen, die sich auch den Namen und die Art der »Patrizier« angemaßt hatte? Und auch gleichmütig über all die gebeugten Rücken und gebrochenen Herzen hinwegschritt! Als erster drängte er sich zur Tür hinein. Albert saß aufrecht im Bett. Um ihn herum auf der Decke verstreut standen und lagen verschiedene Uhren: seine eigene silberne Taschenuhr, eine kleine Kaminuhr aus Mamis Zimmer, Hedwigs goldene Uhr, die sie an einer langen Kette am Sonntag umzunehmen pflegte, die runde gelbe Küchenuhr und der Wecker aus der Mädchenkammer. In der Rechten hielt er einen Uhrschlüssel und drehte ihn in der Luft herum, während die Linke nach einer der Uhren tastete. »Sein ganzes Leben hat er die Uhren aufgezogen im Hause. Nun kommt's ihm wieder in seiner letzten Stunde!« sagte Hedwig. Das war ihr ergreifender als sein Sterben. Sie schluchzte die Worte in ihr nasses Taschentuch hinein, während Mami sie begütigend und tröstend auf die Schulter klopfte. »Albert«, sagte Markus leise, und es war ihm dabei, als wehe schon Todeskälte von dem noch Lebenden zu ihm herüber. Die Hand des Kranken fiel auf die Decke herab, und im Auge leuchtete ein letztes Verstehen auf. Da plötzlich verklärte sich sein Gesicht, wie in kindlich seligem Glück, und seine Lippen brachten mühsam einen Laut hervor, dann einen zweiten  ... »Rei... Reima...« Und ganz deutlich wiederholte er: »Reimarchen!« in kraftlos jubelndem Aufschrei. Markus zuckte zusammen und wendete sich um. Die hohe Gestalt seines Vaters stand auf der Schwelle. Der Vater war ohne Brille. Eine seidene, wattierte, blaue Hausjacke schloß doppelreihig über der Brust, der weiße Kragen des gestickten Nachthemdes fiel breit über die Joppe und ließ den sonst immer im hohen englischen Kragen gefesselten, kräftigen Hals frei. Markus, der seinen Vater noch nie anders als in steifer, dunkler, bis aufs Peinlichste korrekter Toilette gesehen, – starrte ihn an wie eine fremde Erscheinung. »Na, mein alter Albert!« Der Kaufherr schob Markus mit einer leichten Bewegung vom Bett zurück und beugte sich über den Kranken. »Reimarchen«, wiederholte der Alte in seliger Verzückung, und seine Augen weiteten sich, als hätte sich die kleine, enge Kammer plötzlich in einen Palastsaal verwandelt mit tausend Herrlichkeiten, die nicht zu fassen waren. »Ja ... ja ... mein guter Alter, weiß schon, weiß schon!« Die elegante, schlanke Hand des Kaufherrn umfaßte die zitternden, knochigen Finger des Sterbenden mit festem Druck. Dann beugte er sich noch tiefer herab: »Hast du einen Wunsch, Albert?« Der Kranke nickte. »Na, was denn?« Markus vergaß nie die weiche, warme Stimme, die der Vater in diesem Augenblick hatte. Der Kranke atmete schwer, und abgerissen brachte er hervor: »Hedwig ... mein Zimmer.« »Hedwig soll dein Zimmer bekommen? Selbstverständlich! Noch was?« Albert lächelte. »Noch was?« wiederholte Herr Lukas. Aber es blieb still. Man hörte nur noch das Ticken der Uhren  ... Noch tiefer beugte sich Herr Reimar Lukas über den Alten, den Hals weit vorgestreckt, in gespanntem, ernstem Lauschen. Markus fühlte ein leises, angstvolles Pochen seines Herzens; und es schlug immer heftiger, je länger die Stille dauerte mit dem unheimlichen Ticken. Endlich erhob sich der Kaufherr. Sein farbloses, starres Gesicht war noch etwas fahler und starrer als sonst. Aber seine Hände zitterten nicht, wie sie sich mit sanftem Druck über die offenen Lider des treuen Dieners senkten. »Albert«, stieß Markus in jähem Schreck hervor. Denn der Tod traf ihn unerwartet, obwohl er das Sterben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde gesehen hatte. »Ruhig, Markus«, gebot der Vater und nahm behutsam die Uhren von der Bettdecke. In einem Winkel lehnte Hedwig und starrte tränenlos auf die kalten, bleichen Züge. »Kommen Sie, schlafen Sie bei mir«, sagte Mami und legte den silberhaarigen Kopf wie den eines Kindes tröstend an ihre Brust. »Ja, Hedwig, gehen Sie mit meiner Frau. Das ist jetzt das beste.« »Ich danke auch schön, gnädiger Herr,« murmelte sie kaum vernehmlich, »danke schön ...« Sie ließ sich von Mami wegführen, und Markus hörte ihre langsam schlurrenden Schritte, die sie so weit wegtrugen von allem, was ihr eigentlichstes, tiefinnerstes Leben durch fünfzig Jahre hindurch gewesen war ... Herr Reimar Lukas legte seine Hand schwer auf Markus' Schulter. »Das war ein Mann!« sagte er und deutete auf den Toten. Das ungewöhnliche, herzbeklemmende dieser Stunde hatte Markus den Kummer geraubt. Er kam nicht zum Bewußtsein des persönlichen Verlustes, so gering schien ihm der Platz zu sein, den er selbst in Alberts Leben eingenommen hatte. Es war wie grollende Eifersucht in ihm – nicht gegen Hedwig – gegen den eigenen Vater. Vor wenigen Stunden hatte er ihn noch gehaßt, weil er glaubte, daß er dem treuen Diener alles schuldig geblieben war, was Mensch vom Menschen fordern durfte – , und nun war Albert mit des Vaters Namen auf den Lippen hinübergegangen – glücklich, fast wunschlos. Und der Vater sagte: »Das war ein Mann!« Und Markus hörte es seiner Stimme an, daß es das Größte war, was sein Vater je von einem Menschen sagen konnte. »Verstehst du mich auch?« fragte Herr Reimar Lukas, ohne seine Hand von des Sohnes Schulter zu nehmen: »Er war ein Mann!« »Er füllte seinen Platz aus, Markus. Den Platz, auf den ihn das Schicksal gestellt hatte. Und damit leistete er das Höchste, was ein Mensch hienieden leisten kann!« Der Kaufherr legte seine zweite Hand auf Markus' Schulter und wendete ihn ganz zu sich herum. »Dasselbe erwarte ich von dir! Hörst du, Markus? Nicht mehr und nicht weniger. Dasselbe!« Sie waren beinahe gleich groß – Vater und Sohn. Aber doch war sich Markus nie so klein und nichtssagend vorgekommen. Sollte er dem Vater jetzt schon gestehen, wie wenig er sich fähig fühlte, seine Erwartungen zu erfüllen? »Ich will's versuchen«, sagte er mit schwankender Stimme. Und dann – in plötzlich erwachendem Mut: »Aber glaubst du nicht, Vater, daß wir auch das Recht haben, uns einen Platz zu suchen, den wir ausfüllen können?« Der Kaufherr runzelte die Stirn: »Wer – wir?« fragte er mit scharfer Betonung. Eine Welt schied ihn von den Suchenden. Ein ganzes Jahrhundert geheiligter Tradition. »Wir haben nur die eine Pflicht: zu erhalten, was unsere Vorfahren geschaffen! Unsere Wege sind vorgezeichnet. Pfadsucher heißt bei uns Abenteurer werden. Merke dir das, mein Junge!« Eine leidenschaftliche Erregung bemächtigte sich Markus', eine entsetzliche Angst vor grauem, fesselschwerem Leben. »Und dann so sterben, Vater, in Verzicht auf alles, was uns Glück wäre?« Reimar Lukas trat an die Leiche seines alten Dieners, und ein schöner, stolzer Ausdruck legte sich über seine ernsten Züge. »Ja, Markus, so sterben! Und jeden Tag bereit sein, so zu sterben, in rücksichtsloser Pflichterfüllung, in strenger Selbstzucht, in freiwilligem Verzicht auf alles, was die glatte, gerade Bahn verwirrt! Ich wünsche mir und dir keinen besseren Tod! Und nun geh', mein Junge, laß mich allein.« Noch einmal umfing Markus das kleine Zimmerchen, die Bilder an den Wänden, die ihm die Geschichte seines Hauses erzählt hatten, mit seinem Blick, noch einmal ruhte sein Auge auf den teuren, bleichen Zügen des alten Dieners. Die Tränen würgten ihn im Hals, brannten ihm in den Augen. »Gute Nacht, Vater«, murmelte er. Dann wandte er sich zum Gehen und zog leise die Tür hinter sich ins Schloß. Er wankte die Treppe hinauf und hinein ins Zimmer. Es war dunkel, Enzlehn atmete in ruhigem Schlaf. Auf dem Bahnhof in Berlin schüttelte Enzlehn Markus die Hand. »Es war sehr nett, Markus. Nun laß mir ein paar Tage Zeit, mich zu häuten. Zwischen fünf und sieben findest du mich jedenfalls im Café des Westens, wenn du mich brauchen solltest.« Enzlehn zweifelte keinen Augenblick daran, daß Markus seiner bedurfte. Aber Markus nickte nur zerstreut. »Jawohl, Karli, natürlich ...« Markus konnte es sich nicht erklären, daß Tante Irene nicht auf den Bahnhof gekommen, und war beunruhigt. Unterwegs siedelte er mit seinem Handkoffer aus dem Taxameter in ein Auto über. Endlich war er oben in der zweiten Etage und klingelte. Dr. Labisch öffnete ihm. Er hatte noch den Zylinder auf dem Kopf und schwarze Handschuhe über den Fingern. Markus stockte das Blut. »Was ist geschehen?« »Nichts ... nichts ... Klumpchen ...« Und noch lange Zeit mußte Markus an dieses »nichts, nichts, Klumpchen« denken. Es war so grausam, so furchtbar, wie der eigene Vater das sagte. Und doch auch so natürlich. Gröhlkes saßen im Speisezimmer in feierlichem Schwarz und hatten jeder ein Glas Wein vor sich. »Tja ... nu is nischt mehr zu wollen. Meine Tochter hat sich 'n bißchen schlafen jelegt, Markus. Inzwischen hab'n wir den Sarg wegjebracht.« »Aber wie kam denn das?« »Willst du ein Glas Wein, mein Junge? Wer weiß, wann wir Abendbrot bekommen«, meinte Dr. Labisch. »Nein, Onkel, danke ... Aber wie kam denn das?« Gröhlke zuckte die Achseln. »Herzschlag, meinte der Doktor. Jott – die Ursache – det's doch wurscht. Gestern abend is er plötzlich vom Stuhl jefallen.« »Wie'n Blümeken«, sagte Frau Gröhlke. »Und wie de Wärterin kam, war et schon dot!« »Meine Frau hat ihm noch wenige Minuten vorher die Milch gebracht«, sagte Dr. Labisch. »Na, für das arme Kind ist es jedenfalls eine Erlösung.« »War denn niemand im Zimmer, als es starb?« fragte Markus. »Doch. Du hörst ja: meine Frau. Er hatte gerade die Milch ausgetrunken, und sie war im Begriffe, die Tasse in die Küche zurückzutragen, als er umfiel. Meine Frau rennt 'raus, ruft die Wärterin, stolpert über die Schleppe, die Tasse geht in tausend Scherben – noch ein Glück, daß sie sich nicht das Gesicht zerschnitten hat!« »Ick sage ja ... mit die dummen Schleppen im Hause« – brummte Frau Gröhlke. Dann sagte niemand mehr etwas. Die Herren hatten eine Zigarre angesteckt. Frau Gröhlke fuhr sich ab und zu mit dem Taschentuch über die Augen. »Vielleicht ist etwas in der Milch gewesen ...?« sagte Markus plötzlich. Und dann erschrak er über das, was er gesagt hatte, und wußte nicht, warum er erschrocken war. Aber er wurde leichenblaß und mußte sich setzen. »Beste Bollesche Milch! Wat soll denn da drin sind?« rief Frau Gröhlke strafend. »Ach wo. was soll denn in der Milch gewesen sein?« sagte Dr. Labisch. »Ich kam ja gerade dazu, wie Irene die Milch aus der Kanne in die Tasse goß! Ich wollte mir eine Schachtel Streichhölzer holen. An Waschtagen ist immer der Deibel los im Hause, da kann man nie seine Ordnung haben! Meine Frau hat doch selbst die Milch in die Tasse eingeschenkt, während die Wärterin den Mädchen den Kaffee in die Waschküche brachte. Ich hab's doch selbst gesehen ... Was ist dir, Markus?« »Ich möchte mir nur das Gesicht und die Hände waschen, nach der Reise ...« »Gut, mein Junge ... Und dann erzähl', wie's zu Hause war. Daß der arme Albert gestorben ist, hat uns leid getan. Na, ich kannte ihn ja noch in seiner Blüte – ein Prachtkerl. Und 'n hübscher Mensch war's.« Aber Markus hörte nicht mehr. In seinem Zimmer brannte heute nicht wie sonst das Gas. Nur von der Straße herein warf eine Laterne ihren gelblichen Schein auf die hellen Wände. Das leise Grauen, das Markus seit Alberts Tode nicht verlassen hatte, umfing ihn hier mit doppelter Macht. Und so lähmend war das Grauen, daß er nicht den Mut fand zur einfachsten Handlung, den Mut, ein Streichholz zu entflammen und das Gas anzuzünden. Er fiel auf einen Stuhl nieder, der am Fenster stand, stützte die Ellenbogen auf das breite Fensterbrett, preßte den Kopf zwischen beide Hände und hielt sich die Ohren zu, als wollte, als könnte er sich schützen vor den tosenden, brausenden Tonwellen, die sein Hirn erfüllten. Ein leises, klirrendes Geräusch hinter seinem Rücken entriß ihm einen Ausruf des Schreckens. »Was ist dir, Markus? Ich klopfte zweimal vergeblich.« Frau Dr. Labisch stand mitten im Zimmer und stellte ihren zierlichen Doppelleuchter auf den Tisch. Ein glatter, weißer Flanellschlafrock fiel in tiefen Falten an ihrer überschlanken Gestalt herab. Das auffallend flammende Rothaar lag kunstlos aufgesteckt im Nacken. Ihr kleines, feines Gesicht, aus dem die Augen übernatürlich groß hervorleuchteten, war noch eingefallener als sonst und ließ die harte Linie der Backenknochen hervortreten. »Was ist dir, Markus? Warum bist du so erschrocken?« »Nein, Tante Irene ... gar nicht.« Sie ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Ihre Finger waren eiskalt. »Ich bin so froh, daß du wieder da bist«, sagte sie leise. Sie ließ sich erschöpft auf denselben Stuhl nieder, auf dem er bisher gesessen, und blickte zu ihm auf, wie ein zu Tode betrübtes kleines Mädchen. »Ich war immer so allein, Markus. Und dann kam noch – – das!« Ein unsagbares Gemisch von Mitleid und Grauen schnürte Markus den Hals zu. »Ja ... ich weiß«, sagte er dumpf. Sie fuhr fort: »Es kam so unerwartet und in all meine Traurigkeit hinein.« Hart fragte er: »Warum warst du denn traurig, Tante Irene?« Sie sah ihn an, mit ihren großen, trostlosen Augen, erstaunt und befremdet. »Wie merkwürdig du fragst, Markus! So hast du früher nie gefragt!« Aber ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Es war so schrecklich – wie es umfiel. Und ich lief hinaus und schrie um Hilfe, statt zu helfen. Aber ich hätte doch nichts machen können, sagte der Arzt. Und ich hab's auch nicht mehr sehen mögen nachher!« Markus antwortete nicht, und es war ganz still zwischen ihnen. Sie atmete schwer auf und hub dann wieder zu sprechen an: »Es hat eigentlich wenig Raum eingenommen in meinem Leben, und doch scheint mir der Tag jetzt noch länger und leerer.« »Lieb gehabt hast du's wohl nie«, sagte Markus. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Markus – lieb nicht. Und je größer es wurde, – desto weniger. Unheimlich war es mir. Manchmal, wenn ich mich überwand und ihm einen Kuß gab, dann hielt es sich an meinem Halse fest, so fest – – daß ich glaubte, es wollte mich erwürgen. Ich hatte manchmal Angst vor ihm, Markus ...« »Du bist froh, daß es tot ist?« Irene streckte die Arme weit von sich und warf den Kopf zurück. Ihre Augen waren geschlossen, und die dunklen Wimpern warfen weiche, tiefe Schatten auf ihre Wangen. Markus fühlte eine ungesunde, bösartige Neugier in sich aufsteigen. »Hat der Arzt die Milch untersucht?« Sie zuckte die Achseln. »Wir haben ja alle von derselben Milch getrunken!« Markus ballte beide Hände in den Taschen seiner Jacke und warf gleichmütig hin: »Ich meine den Rest der Milch, der vielleicht noch in der Tasse war?« Sie schüttelte den Kopf. »Die Tasse war ja entzwei, Markus. Und ich habe doch die Milch selbst eingegossen, wenn in der Tasse etwas gewesen wäre, so hätte ich es doch sehen müssen!« Ihre Worte fielen immer langsamer von ihren Lippen, müde und widerwillig. Dann fügte sie hastig hinzu: »Ich bin froh, daß ich es war, die ihm die Milch gegeben. Sonst wären wir vielleicht nicht um Unannehmlichkeiten herumgekommen! O, das wäre entsetzlich gewesen! Meine Nerven sind ohnehin so krank ... ich fühle mich so elend. Komm, Markus, gib mir die Hand, sag' mir, daß du froh bist, wieder hier zu sein, wir wollen viel spazieren gehen zusammen, nicht wahr? Und Musik wollen wir hören – es sollen noch ein paar gute Konzerte in dieser Saison stattfinden, und ein paar Vorlesungen will ich besuchen ... So wird die Zeit am besten vergehen bis zum Sommer, nicht wahr, Markus?« »Ja, Tante Irene«, antwortete er dumpf. – – – Am nächsten Morgen kam Frau Hofprediger kondolieren. Sie umarmte Irene mit mütterlicher Zärtlichkeit. »Mein liebes, mein armes Kind ...« Sie sprach von den Prüfungen, die der Herr den Seinen auferlegt, und fand das »gute, liebe Kind« so elend! ... Sie müßte diesen Sommer unbedingt in ein Bad, unbedingt! »Nicht wahr, Markus, die arme Tante wird noch ernstlich krank, wenn sie sich nicht schont? Ihre Angehörigen, Ihre Freunde, liebes Kind, müssen darauf bestehen, daß Sie etwas für sich tun. Das sind Sie uns allen schuldig!« Irene lebte unter den warmen Worten auf. Sie küßte der alten Dame die Hand. »Aber, aber, liebes Kind ...« Sogar ein Whistabend wurde verabredet – der erste nach wochenlanger Pause. »Natürlich, gern, liebes Kind. Obwohl – wie Sie ja wissen – mein Sohn jetzt keinen freien Augenblick hat. Seine Berufung zur Professur ist ziemlich sicher. Und da gibt es noch viel abzuwickeln im Gymnasium. Ich glaube, ich glaube, kleine Frau, Sie werden bald ›Frau Direktor‹ werden!« Dafür hatte Irene nur ein blasses Lächeln. »Sie sollten mich nach Norwegen mitnehmen,« sagte sie leise. Es klang wie ein verlegener Scherz, aber Markus hörte einen verzweifelten Notschrei heraus. Frau Hofprediger fuhr mit den Fingerspitzen leicht über das bleiche Gesichtchen: »Aber, liebes Kind, wo denken Sie hin? Diese Strapazen bei dem Zustand! Nein, das werde ich nie erlauben – auch wenn Ihr lieber Mann so unvernünftig wäre, nachzugeben. Nein, nein ... ein stiller, ruhiger Sommer tut Ihnen not, damit wir Sie gekräftigt wiederfinden! Ja ... und bei der Whistpartie bleibt's! Mein Sohn muß sich einfach frei machen. Nicht wahr?« Sie lachte gutmütig, aber gedämpft, wie es sich in einem Trauerhause, das nur einen Tod, aber keinen Verlust erlitten hatte, wohl schicken mochte. »Adieu, Markus! Gute Ferien gehabt? Du siehst beinahe wie ein kleiner Lord aus!« Und leise zu Irene gewendet, aber doch so, daß Markus es hören konnte, fügte sie hinzu: »Es geht doch nichts über alte Kultur!« – – Der Whistabend fand doch nicht statt. Frau Dr. Labisch wurde krank. Akut herzkrank. Der alte Sanitätsrat empfahl selbst, eine junge Kapazität hinzuzuziehen, und berief eine schwarze Schwester zur Pflege. Es wurde niemand in das Krankenzimmer zugelassen. Dr. Labisch durfte nur durch den Türspalt einen Blick auf das Bett werfen. Gröhlkes saßen jeden Tag stundenlang im Speisezimmer, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Frau Hofprediger kam ab und zu. Einmal traf sie die alten Leute. »Meine Schwiegereltern,« stellte Dr. Labisch vor, »Frau Hofprediger Ramin.« Frau Hofprediger leitete mit Anmut ein liebenswürdig-teilnahmsvolles Gespräch ein. Aber Frau Gröhlke guckte sie immer nur eigentümlich feindlich von der Seite an und berlinerte in ihrer Erregung ärger denn je. »Wie meinen Sie?« fragte Frau Hofprediger, der der Berliner Dialekt immer noch fremd geblieben war, einigemal. Und Gröhlke übersetzte die Worte seiner Frau. Es klang nicht viel besser. Markus setzte sich dann zu Frau Gröhlke und streichelte ihr die Hand. Dr. Labisch machte zehnmal den ganz unnötigen Weg vom Speisezimmer zur Küche. Er sah ganz ratlos aus. »Ich glaube, man wird uns bald Tee bringen«, sagte er. »Oder – darf ich mit einem Glas Wein aufwarten?« Aber weder brachte man den Tee, noch stellte er eine Flasche Wein hin. Dann empfahl sich Frau Hofprediger, und er begleitete sie nicht einmal ins Vorzimmer. Nur Gröhlke erhob sich schwerfällig und sagte: »Unser armer Schwiegersohn is janz aufjelöst. Na, det hilft nu mal nischt!« »Des Herren Wege sind unerforschlich«, meinte Frau Hofprediger, und drückte dem braven Konditor so innig die Hand, daß ihre Handschuhnaht platzte. – – Dr. Labisch konnte stundenlang in seinem Zimmer auf und ab gehen. Seine feisten Wangen hingen schlaff und gelb über dem graumelierten Bart. Manchmal rief er Markus zu sich herein. Er mußte jemand haben, der ihm zuhörte. »Sollte Kurt nicht kommen?« fragte Markus einmal. Dr. Labisch wehrte heftig ab. »Warum? Warum soll Kurt kommen? Hat's der Arzt gesagt?« Er riß angstvoll die Augen auf: »Nein, Onkel. Nur ich selbst dachte ...« Dr. Labisch schnauzte ihn an. »Du brauchst nicht zu denken ... Es ist gar nicht nötig ... Du bildest dir Dummheiten ein. In deinem Alter spielt man mit der Gefahr ... Sie ist interessant, nicht wahr? ... Eine Sensation, was? ... Wie kannst du nur daran denken, Kurt zu erschrecken? Wozu? In ein paar Tagen ist ja alles gut.« Und grollend pendelte er weiter im Zimmer auf und ab. Das Zimmer war grau vom Zigarrenqualm. Dr. Labisch ließ seit der Erkrankung seiner Frau die Zigarre nicht mehr aus dem Mund. »Ich denke so: sie hat sich Vorwürfe gemacht, daß sie dem Kinde nicht Mutter genug gewesen. Ist ja Nonsens, aber bei feinorganisierten Naturen kann so etwas zur fixen Idee werden! Das Kind hat gewiß nichts vermißt, gar nichts ... Nur meine Frau macht sich Gedanken. Sie hat's ja immer schwerer empfunden als ich, das Unglück mit dem Kind. Hat immer alles schwerer genommen – ihre Pflichten und alles. Ohne das Kind wäre sie vollkommen glücklich gewesen, vollkommen glücklich! Und dich hat sie auch lieb, als wärst du ihr eigener Sohn ... Das weißt du doch, Markus? Nicht wahr, das weißt du?« Markus senkte den Kopf. »Ja, das weiß ich ...« Die Reden Dr. Labischs wurden ihm unerträglich. Er faßte sich an die schmerzende Schläfe. Einmal hörte Markus, wie der Direktor zu Dr. Labisch sagte: »Wollen Sie sich nicht für ein paar Tage vertreten lassen? Es wird Ihnen vielleicht zu schwer jetzt?« Dr. Labisch schüttelte den Kopf. »Nein, lassen Sie nur. Das tut mir gut. Die Schule zerstreut mich, denn ich kann's nicht begreifen, begreifen kann ich's nicht, wie diese entsetzliche Herzkrankheit so plötzlich, so ...« Markus sah noch, wie Dr. Ramin die schmalen Lippen fest aufeinanderdrückte und mit harter Stimme einwarf: »Ihre Frau war immer hypernervös, eine unbeachtete Herzneurose kann ohne jeden Grund ganz plötzlich ausarten ...« Markus raffte hurtig die Hefte zusammen, die er aus dem Direktionszimmer holen sollte, und war mit zwei Sätzen aus der Tür. Die ungewöhnlich harte Stimme des Direktors hatte ihn wie ein Messer verwundet, hatte all seine warme Liebe zu Tante Irene wieder erweckt. Die arme, arme Tante Irene ... Noch nie hatte er den Weg nach Hause so schnell zurückgelegt. Dort ging's etwas besser. Markus öffnete weit beide Fenster seines Studierzimmers, daß die sonnige Frühlingsluft in warmen Strömen hereinflutete. Es war ihm wundersam wohlig zumute. Er schwang sich aufs Fensterbrett und baumelte mit den Füßen wie ein kleiner Junge. Die Tür ging auf, und Dr. Labisch trat herein. »Weißt du schon. Markus?« »Ja, freilich, es geht besser. Die Schwester hat mir's gesagt.« Dr. Labisch nahm den Zwicker ab, den er sorgfältig putzte: »Heute an meinem Geburtstage, da muß es ihr ja auch besser gehen!« Markus streckte ihm die Hand entgegen: »Verzeih, Onkel, das hatte ich ganz vergessen, in all der Trauer.« Dr. Labisch lächelte unbeholfen. »Ja, in der Trauer hätt' ich's auch vergessen, aber jetzt ...« Er fuhr sich wie zufällig mit dem Tuch über die Augen. »Ein wundervolles Wetter ist das heute, Markus ...« »Ja, wundervoll!« »Wollen wir uns einen guten Tag machen und nach Wannsee 'raus?« Markus war mit Vergnügen dabei. Zum erstenmal fühlte er sich frei von dem schweren Druck, der seit Wochen auf ihm lastete. Eine Sehnsucht nach Wärme und Güte erfüllte ihn. Als sie auf dem kleinen Bahnhof ausstiegen, wehte ihnen lauer, langentbehrter Kiefernduft entgegen, der Markus die Tränen in die Augen trieb. Es war doch so herrlich zu leben, die Sonne zu fühlen, das Rauschen der Bäume zu hören, den warmen Werdebrodem der jungen Natur einzuatmen, fern von all den düsteren Mahnern der Vergänglichkeit und Unvollkommenheit. »Wenn erst meine liebe Frau so weit wäre!« seufzte Dr. Labisch. Markus nickte lustig. »Du wirst sehen, Onkel, das dauert nicht mehr lange! Bald führen wir sie heraus!« Er war voll eifrigen Bemühens, Dr. Labisch fest und zuversichtlich zu stimmen. Dr. Labisch hatte beide Hände auf die Krücke seines Stockes gestützt und lächelte. »Nächstes Jahr werden es fünfundzwanzig Jahre, daß ich, mit meiner Frau verheiratet bin. Es waren sehr glückliche Jahre, mein lieber Markus, und ich wünsche, daß Kurt und dir solche Jahre beschieden sein mögen.« Er griff nach der Kaffeetasse, als wäre es ein Bierglas, besann sich aber gleich darauf und tat, als hätte er nur den letzten Zuckerrest daraus leeren wollen. Markus bohrte unterdessen sein Stöckchen immer tiefer in den feuchten Boden. Ein ungeheures Mitleid stieg in ihm auf für den Mann, zu dem er bisher eigentlich nie ein rechtes Verhältnis hatte finden können. Mit der frühreifen Intuition, die ihn auszeichnete, hatte er ihn unbewußt, aber sehr energisch, als einen ganz unbedeutenden Menschen innerlich abgetan. Dr. Labisch hatte eigentlich nie für ihn existiert. Er war ihm ein Lehrer, wie jeder andere, mit kleinen Lächerlichkeiten mehr denn jeder andere behaftet; denn sie waren ihm lebendiger vor Augen durch den häuslichen Verkehr. Aber in diesem Augenblick dünkte ihn dies alles klein und nichtssagend. Die große, kritiklose Liebe zu seiner Frau, die aus Dr. Labischs Worten sprach, schien ihm wieder etwas von dem köstlichen und Besonderen zu bergen, das ihm das Leben so wundersam geheimnisvoll und wissenswert machte. »Du bist schon ganz blaß, mein Junge. Es wird kalt. Das beste ist, wir gehen jetzt,« sagte Dr. Labisch, rief dem auf und ab pendelnden Kellner und zahlte. Schweigend legten sie den Fußweg um den See herum bis zum Bahnhof zurück. Der Himmel umzog sich langsam mit der grauen Farblosigkeit der Dämmerung, feuchte Nebel stiegen aus dem Grase und legten sich um die Glasscheiben der hell aufflackernden Laternen. Der See lag ruhig und schwer, wie flüssiges Blei, und nur der Dampf einer Lokomotive dehnte sich lang über die schwarzen Baumwipfel. – Frau Dr. Labisch ruhte in einem weißen Schlafrock, eine blauseidene Decke über den Knien, am offenen Fenster auf der Chaiselongue ihres Salons. Ihr sonst flammendes Rothaar war schmutzig gelb und weiß rings um die Schläfen. »Ich bin schon mit vierundzwanzig Jahren ergraut«, sagte sie zu Markus, der eine Bewegung nicht zu unterdrücken vermochte, als er sie so wiedersah. Ihre Stimme zitterte: »Es ist schrecklich für eine Frau, wenn sie aufsteht, sich im Spiegel erblickt und sich sagen muß, daß sie alt ist!« Markus küßte ihre mageren, durchsichtigen Hände. »Dann warst du auch mit vierundzwanzig Jahren alt, Tante Irene«, sagte er und lächelte matt. »Ja, Markus, vielleicht ...« »Nein, nein, Tante Irene. Das wirst du schon wieder in Ordnung bringen und schön und jung werden!« »Ja, Markus. Aber bis dahin darf kein Besuch angenommen werden. Niemand – hörst du – niemand!« »Nein gewiß, niemand! Ich lasse keinen zu dir! Auch Onkel nicht?« fügte er mit einem Versuch, zu scherzen, hinzu. Sie lächelte eigen. »Der sieht weder die roten, noch die weißen Haare, Markus!« »Ja, Tante Irene. Das glaube ich. Er liebt dich, wie immer du aussiehst.« Frau Dr. Labisch ließ ihre Augen lange, in seltsamem Ausdruck auf Markus ruhen. »Ich bin wohl sehr lange krank gewesen, Markus?« »Ganze sechs Wochen.« Sie nickte. »Da verändert sich vieles«, murmelte sie vor sich hin. Sie erkundigte sich, wer alles nach ihrem Befinden gefragt hatte, und ließ sich von Markus die gehäufte Visitenkartenschale herüberreichen. »Von wem sind die herrlichen Rosen, Markus?« Sie stützte sich auf den Ellbogen und zeigte mit der abgemagerten Hand erregt auf einen großen Blumenkorb, der vor dem Kamin auf einem kleinen Tischchen stand. »Mami hat sie dir geschickt, heute früh sind sie gekommen. Onkel hat sie noch selbst mit Wasser bespritzt, obwohl es gar nicht nötig war.« Irene fiel zurück in die Kissen, mit matten, erloschenen Augen. »Ja ... so ... ich danke, das war lieb.« Und Markus hörte die trostlose Enttäuschung aus ihrer Stimme und wagte es kaum, sie anzusehen. Die Genesung schritt nur langsam vorwärts. Und sie gab der Kranken nicht jenes leichte Frohgefühl, das wie eine Wiedergeburt zu sein scheint, in der man zum Kinde wird und gerührt den Himmel, die Sonne, alles bis auf das kleinste Hälmchen, wie ein großes Wunder anstaunt und mit jauchzender Dankbarkeit begrüßt. Sie schloß sich ab vor der Sonne, wehrte Luft und Licht das Eindringen in ihr Zimmer und ließ die Besuche ihrer Eltern mit zitternden Nerven über sich ergehen. Die Ärzte hatten entschieden, daß sie nach Nauheim sollte. Sie sagte nichts dagegen, weil sie wußte, daß es ihr nichts nützen würde. Dr. Labisch unterhielt eine zahlreiche Korrespondenz mit verschiedenen dortigen Sanatoriums- und Pensionsinhaberinnen. »In ein Sanatorium gehe ich keinesfalls«, erklärte Irene, als Dr. Labisch ihr eines Tages die Photographie eines jener »Erholungsheime« brachte. Und da weder er noch Markus bei ihr etwas ausrichten konnten, beschloß er, die Frau Hofprediger zu bitten, seiner »armen, kleinen Frau Räson beizubringen«. Die Frau Hofprediger kam. Sie hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand, den ihr Sohn der »lieben Rekonvaleszentin zu Füßen legte«, bis es ihm selbst gestattet sein würde, zur Genesung zu gratulieren. »Sie haben uns eine Angst eingejagt, böse, kleine Frau, mit Ihrer Krankheit. Aber, gottlob, ich sehe, es geht wieder. Ein kleiner Badeaufenthalt – und Sie kommen uns ganz hergestellt wieder! Dann spielen wir auch wieder Whist und kommen öfters zusammen.« Irene faßte die Hand der Frau Hofprediger. »Ja, nicht wahr, es wird sein, wie früher?« Angst und Hoffnung lagen in ihrem Ton, und eine zarte Blutwelle färbte ihr blasses Gesicht. »Aber natürlich, natürlich ...« Frau Hofprediger lächelte anmutig und klopfte mütterlich auf die abgezehrte, bleiche Hand. Markus kam in diesem Augenblick herein. »Wie gut du aussiehst, Tante Irene!« »Ja, mir ist auch gut. Es ist so schön, wenn man nicht immer nur von seiner Krankheit sprechen hört ...« Das Mädchen brachte einen zierlich gedeckten Teetisch herein, Frau Hofprediger machte die Wirtin. »Mein Sohn erzählte mir neulich, daß Sie seit Pfingsten mächtig ernst arbeiten, lieber Markus?« Markus antwortete, ohne zu überlegen: »Der Tod mag einen ernster stimmen, gnädige Frau. Er ist mir zum ersten Male und in schneller Folge nahegetreten.« Frau Irene zerpflückte eine Blume. »Du mußt nicht von so schrecklichen Dingen sprechen, Markus!« Markus hätte sich die Zunge abbeißen mögen. Wie durfte er gerade die Erinnerung an Klumpchens Tod heraufbeschwören! Er, der einzige, der ahnte, wie alles zusammenhing! Seine Blicke irrten scheu über den Teppich. Aber Frau Hofprediger lächelte sehr liebevoll. »Meine liebe Irene, den Tod Ihres armen Kindes müssen Sie als eine Erlösung für das arme Geschöpf auffassen. Der Tod ist in Ihr Haus als barmherziger Helfer getreten. Sein Name darf Sie nicht schrecken.« »Quatschtante«, dachte Markus respektlos. Und eine leise Verachtung stieg in ihm auf gegen alle diese klugen, abgeklärten Menschen, die so an der Oberfläche hängenblieben und so grob organisiert waren, daß sie nur das sahen und empfanden, was sie mit ihren einfachen Instinkten erfaßten!  ... Jedenfalls erreichte die alte Dame mit ihrer trivialen, durchsichtigen Politik mehr, als alle Bitten und Vorstellungen des Dr. Labisch. Irene erklärte sich bereit, alles Erforderliche zu tun, um gesund zu werden. Dann kam noch ein Abend, an dem Ramins erschienen. Es war wieder die warme, nur etwas gedämpfte Stimmung der ersten Zeit. Frau Hofprediger verstand es meisterlich, Almosen zu verteilen. Denn mehr als ein Almosen war er nicht, dieser Abend, den Irene als ein neues Versprechen für die Zukunft auffaßte. Man hatte den Whisttisch aufgestellt und die Leuchter angezündet, aber Irene war noch zu schwach, um spielen zu können. Sie kiebitzte, im Lehrstuhl liegend, und lächelte glücklich. »Sie bringen mir Glück, gnädige Frau«, sagte Dr. Ramin. Und sie wurde rot wie ein kleines Mädchen, und Tränen stiegen ihr in die Augen, denn alles überwältigte sie noch seit ihrer Krankheit. Und das Gute mehr als das Böse. »Werden Sie mir von unterwegs schreiben?« fragte Irene den Direktor bei Tisch. »Wenn Sie gestatten, gnädige Frau...« »Schaffen Sie sich nur ein Album an für unsere Karten, liebes Kind, wir werden Sie überfluten«, sagte Frau Hofprediger. Irenes Brauen zuckten nervös: »Ich meine nicht nur Ansichtskarten!« Dr. Ramin fuhr sich mit den Fingerspitzen ein paarmal über sein glattrasiertes Kinn. »Sie glauben gar nicht, was ich für ein schlechter Briefschreiber bin, gnädige Frau!« »Geben Sie sich etwas Mühe«, bestand Irene eigensinnig. Und in ihren Augen lag mehr als lächelnde Bitte. Frau Dr. Labischs Erkrankung hatte die Sommerpläne umgestürzt. Da sie in größter Ruhe sechs Wochen in Nauheim zubringen sollte, war beschlossen worden, daß Markus mit Kurt auf vier Wochen nach Bornholm ging, während Dr. Labisch mit einem Kollegen ins Riesengebirge wollte. Kurt kam gerade noch, um seine Mutter ein paar Tage in Berlin zu sehen. Er war untersetzt und kräftig, mit prachtvollen Renommierschmissen. Statt aller Begrüßung hob er seine Mutter auf den Arm und trug sie durchs Zimmer. »Schöne Sachen machst du!« Dann küßte er sie ab und bettete sie folglich auf die Chaiselongue. »In vier Wochen mußt du anders aussehen!« Sie lächelte und sah den starken, burschikosen jungen Menschen halb erschrocken, halb erstaunt an. War es möglich, daß das ihr Sohn war? Ein dichter, kurzer Schnurrbart beschattete seine Oberlippe. In seinen raschen Bewegungen lag ruhige Entschlossenheit. Markus schien ihr durch die bloße Anwesenheit Kurts nähergerückt. Als wäre Markus ihr Sohn, und nicht jener energische, lautsprechende Herr. »Na, Mamachen, was machen wir für große Augen?« Kurt sprach mit ihr wie mit einem kleinen Kind, und sprach über sie hinweg von eigenen Erlebnissen, und gleichgültigen Geschehnissen. »Du, Markus, die kleine Enzlehn wird ganz niedlich. Jetzt mimt sie am Sommertheater in Heidelberg und kratzt den Fachkolleginnen, die zwei Worte mehr zu reden haben als sie, die Augen aus. Eine tüchtige Krabbe!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Ich begreife nicht, Kurt, wie du so leichtfertig über ein Mädchen sprechen kannst, in dessen Elternhause wir verkehrt haben!« Frau Dr. Labisch lächelte seit langem wieder einmal ihr altes, etwas frivoles Lächeln. Aber es huschte über ihr Gesicht, ohne ihm den alten Ausdruck zu geben, vielleicht fühlte sie selbst den Anachronismus dieses Lächelns. Kurt erhob sich, biß die Zähne zusammen und sagte: »Brav sein, kleine Mama. Schlafen. Ich geh' unterdessen zu Vatern, sonst muß ich den kleinen Markus noch ankontrahieren für seine impertinente Lektion.« Im Nebenzimmer aber sagte er: »Du bist und bleibst 'ne Nöhle, Markus. Werde nur nicht sentimental, wenn du von Claire sprichst. Du blamierst dich unsterblich.« Er empfand Kurt zum ersten Male als Plebejer und wehrte die burschikosen Angriffe auf seine vermeintliche »Unreife« mit dem hochmütigsten Lächeln seiner schmalen Lippen ab. Mochte Kurt auf Mensuren Blut verspritzen und mit der Gunst kleiner Schauspielerinnen renommieren, nicht Kurt – er war es, der einen tieferen Blick in das Leben getan, nicht Kurt – er war es, dem sich das Wesen der Frau, das Wesen der Liebe in seiner gewaltigsten Form offenbart hatte. Mit krummen Säbeln und Kraftausdrücken war dieser furchtbaren Macht des Lebens nicht beizukommen – o nein! Kurt erkundigte sich nach Enzlehn. »Ich habe ihm Grüße von seiner Schwester Claire Nelzen zu bringen.« »So – Nelzen heißt sie jetzt?« fragte Markus. »Na, du kennst doch die Geschichte vom seligen Papa? Soll der alte Herr wirklich im Grabe egal rotieren?« »Ich habe Enzlehn lange nicht gesehen durch die Krankheit deiner Mutter. Ich weiß nur, er hat ein kleines Sommerengagement hier an einem der Theater, und von 5 bis 7 Uhr sitzt er im ›Café des Westens‹.« »Gut. Gehen wir hin. Den Kunstembryonisten stelle ich mir entzückend vor im Café! Roter Samt als Hintergrund, was?« Aber in der Joachimsthaler Straße sagte der Ober, der Herr von Enzlehn hätte nur mehr abends seinen Stammtisch da. Am Nachmittag verkehre er im Café Monopol. »Schön. Also auf ins Monopol.« Kurt winkte mit seinem Stock einen Taxameter heran. »Monopol-Café – Friedrichstraße. Los!« Kurt lehnte sich behaglich zurück in die Kissen und rauchte eine Zigarre an. »Du rauchst natürlich noch nicht?« »Nein. Ich mache mir nichts draus.« »Allerhand Hochachtung! Markuschen, in deinem Alter hätte ich das unter keinen Umständen zugegeben. Das nenne ich Charakter!« Kurt war sehr gesprächig. Er redete eigentlich ununterbrochen. Sein starker Lebensimpuls mußte sich immer in etwas umsetzen, konnte er nicht ochsen, fechten, turnen, trinken oder reiten, – so redete er. Enzlehn saß im Café an einem Pfeiler des Mittelganges, umgeben von einer Anzahl junger Leute mit langen Haaren, schlecht rasierten Gesichtern und zweifelhafter Wäsche. »Pfui Deiwel«, murmelte Kurt und fuhr sich an die Nase. »Ach, es sind doch ganz nette Menschen«, sagte Markus ein bißchen verlegen, und die beiden traten näher. Enzlehn hatte es sich seit einiger Zeit zum Prinzip und zur Pose gemacht, nie Überraschung zu zeigen. Er begrüßte also Kurt mit gelassener, beinahe herablassender Freundlichkeit, als hätte er eben erst mit ihm zu Mittag gespeist, und stellte dann vor: »Herr Max Müller, Herr Dr. Berthold Bresch, Herr Alois Trebiner, Herr Kastanien – mein Freund Kurt Labisch – Markus Lukas kennen Sie ja!« Die Herren rückten zusammen. »Stellen Sie noch einen Tisch hier heran!« gebot von Enzlehn. Und obwohl keiner von den Herren Miene machte, seine leere Tasse zu erneuern, ging der Kellner bereitwilligst an die Arbeit. Es war der Reklametisch des Cafés. Der Instinkt der Wiener »Ober« eilt von jeher dem Verständnis der Kritik und des großen Publikums voraus. Und der elegante Ober hier pflegte stets der erste Mäzen junger Kunstgrößen zu sein. Max Nülber, der nach fünfjähriger Schmierenzeit endlich am Deutschen Theater angelangt war, hatte noch nicht die Muße gefunden, sich die Fransen von den Hosen zu schneiden, und stak tief in der Kreide. »Das macht nix. Herr Nülber werden schon zahln!« meinte der Ober devot, wenn Nülber summend oder pfeifend sein schäbiges Portemonnaie herauszog und dann undeutlich murmelte: »Lassen wir's auf morgen, nicht wahr?« Pump untereinander war nicht üblich. Die Herren hatten vorläufig nur die äußeren Allüren der Bohême, im übrigen waren sie gute Rechenmeister und für durchaus reinliche Trennung von Dein und Mein. »Gewurzt« wurde nur der Außenstehende. Markus hatte immer große Mühe, sie voneinander zu unterscheiden. Er fand, daß sie einander merkwürdig ähnlich waren: unter Mittelgröße, mit breitem Nacken, schwarzhaarig, kurzarmig – lauter Varianten des bekannten Napoleontypus. Max Nülber und Dr. Berthold Bresch kamen dem Original am nächsten. Berthold Bresch hatte gerade seinen Doktor gemacht und inszenierte gelegentlich irgendein ganz verstiegenes Werk irgendeines ganz verstiegenen Poeten. Alois Trebiner verachtete das Theater überhaupt. Er kaute an einer endlosen Virginia und rief dazwischen: »Was soll uns die getünchte Pappe? Gebt uns Leben! Gebt uns Natur! Tannenduft und Wiesengrün und antike Größe!« Markus wunderte sich, wie schnell sich Kurt in den eigenartigen Ton dieses Kreises fand. Dabei bot er ihnen nicht einmal eine Zigarre an. Und die Feindlichkeit, die sich auf den Gesichtern gezeigt hatte, als Markus und Kurt an den Tisch herantraten, wich allmählich einer neugierigen Sympathie. Praktisch hatte Kurt am Theater mehr erlebt, als sie alle zusammengenommen. Er erzählte tausend Schnurren, lustige Kulissengeschichten, und zeigte dazwischen, daß ihm die Namen der Götter von morgen geläufig waren. Enzlehn war der einzige, der ihm mit einiger hochmütiger Reserve zuhörte. Dr. Bresch aber klopfte ihm zum Schluß auf die Knie und sagte: »Wir müssen mal was zusammen machen!« Sorgfältig notierte er sich Kurts Adresse. Enzlehn lächelte ironisch: »Nimm dich in acht, Kurt, wenn du erst in Breschs Adreßbuch kommst – « »Dann merkt sich Nülber Ihren Namen für alle Ewigkeit«, ergänzte Kastanien. Etwas später kam ein blasses, sehr schlecht angezogenes Mädchen, das Max Nülber als seine Braut vorstellte. Sie wurde sehr rot dabei und lehnte die der Form halber gemachte Einladung, eine Tasse Kaffee zu trinken, ab. »Es wird Zeit! Ihr kommt doch mit?« fragte er Kurt und Markus. Enzlehn erhob sich. Dabei warf er ein Fünfzigpfennigstück klirrend auf das Marmortischchen und ließ sich vom Pikkolo großartig in einen funkelnagelneuen Sommermantel helfen. »Servus, Kinder. Um halb elf Café des Westens.« Nachlässig hob er zwei Finger zur Krempe seines englischen Hutes, hatte die Krücke seines Stockes über den Arm und schritt langsam zur Ausgangstür, während Kurt und Markus sich noch umständlich verabschiedeten. »Du mußt jetzt wohl ins Theater, Enzlehn?« fragte Kurt, zum erstenmal den Jugendfreund nicht beim Vornamen nennend. »Ja, aber ich habe noch Zeit. Wir können ein Stück zu Fuß gehen.« »Na und abends bist du wieder mit deinen Freunden zusammen?« »Ja. Übrigens sind's gar nicht meine Freunde.« »So? Na, was macht ihr denn stundenlang, halbe Tage lang zusammen?« »Nichts! Wir sitzen. Wir sind da. Wir sind ein Tisch. Eine Gesellschaft. Eine Richtung. Nenne es wie du willst.« »Na, können sich die Kerls denn nicht waschen?« Kurt lachte und schüttelte den Kopf. »Es ist noch nicht so lange her, daß ich selbst den Wert der Äußerlichkeiten begriffen habe. Sei überzeugt, die werden's auch noch erfassen.« Kurt sah ihn mit spöttischer Bewunderung an. »Du siehst ja allerdings patent au«! 'n bißchen zu kokett für meine Begriffe, aber sehr schick – « »Ja, ich bin auch ganz erstaunt, Karli«, sagte Markus und hing sich in den Freund ein. »Laß das!« Enzlehn schob ihn leicht von sich. »Ihr vergeßt, Kinder, daß mein Onkel der eleganteste Mann von Berlin ist. Und cm dem Tag, an dem ich zu ihm kam, ihn zu bitten, sich meiner anzunehmen, gab er mir die Adresse seines Schneiders.« »Na, und – « fragte Kurt. »Weiter nichts.« »Das ist alles?« »Mehr brauche ich nicht.« Ein fahles, ironisches Lächeln, wie es jetzt beinahe immer um Enzlehns Lippen schwebte, verzog auch jetzt seinen Mund. »Mit euch kann ich offen reden. Mein Onkel ist bei aller Gutmütigkeit ein großer Egoist. Mit Empfehlungen an Direktoren ist er sparsam. Eine Empfehlung an seinen Schneider kostet ihn nur Geld – und eröffnet mir allerlei Möglichkeiten, ohne ihn irgendwie zu kompromittieren.« »Donnerwetter!« entfuhr es Kurt. »Ja, es ist ein Mann, den ich außerordentlich bewundere.« »Na ja... eigentlich eine verflucht kalte Hundeschnauze.« »Ein großer Menschenkenner,« sagte Enzlehn, »ich glaube, das kommt auf dasselbe heraus.« Markus fühlte sich verletzt und schwieg. Er konnte es überhaupt nicht fassen, daß Enzlehn keine Frage an ihn richtete über die letzten Wochen. Ganz flüchtig erkundigte er sich jetzt. »Und wie geht es Frau Doktor Labisch? Markus schrieb mir, sie wäre sehr krank gewesen, aber ich war so sehr mit eigenem beschäftigt – – « »Sie war dem Tode nahe!« warf Markus heftig dazwischen. In ihm loderte eine namenlose Empörung auf. »O!« sagte Enzlehn bedauernd. »Ich werde ihr meine Aufwartung machen... eine so entzückende Frau.« »Da wirst du schon bis zum Herbst warten müssen, mein Junge. Jetzt reisen wir...« sagte Kurt trocken und bot Enzlehn zum Abschied die Hand. »Übrigens Claire läßt dich grüßen – « »So, danke. Macht sie Karriere?« »Ich glaube. Sie hat schon fünfhundert Mark Schulden bei ihrer Schneiderin. Heidelberg ist billig.« Enzlehn lachte. »Aha... Na, Markus... was ist denn los?« Aber Markus war vorausgeeilt, als wollte er sich davor drücken, Enzlehn die Hand zu reichen. »Laß ihn laufen, Enzlehn. Der Junge hat einen niederträchtigen Spleen.« Enzlehn sah Kurt verständnislos an. »Den Spleen der Anständigkeit.« Er kann ihn sich schließlich leisten«, entgegnete Enzlehn spöttisch. »Servus, Labisch!« »Servus, Enzlehn!« Markus stand vor einem Sodakiosk und stürzte ein Glas Selterwasser herunter, als Kurt ihn einholte. »Ekelhaft«, murmelte Markus zwischen den Zähnen. Kurt faßte ihn unter und schlenderte mit ihm die Königgrätzer Straße hinauf zum Potsdamer Platz, der mit seinem brausenden Leben in die satte Glut der untergehenden Sonne getaucht war. »Warum ekelhaft? Ulkig ist er – weiter nichts.« Und Kurt Labisch lachte noch einmal aus vollem Halse sein junges, starkes ansteckendes Lachen. – – Abends ging Kurt manchmal mit dem Vater auf den Bummel. Dr. Labisch wurde wieder ganz jung bei den Studentengeschichten, die ihm Kurt erzählte. Es war der einzige Boden, auf dem sich Vater und Sohn völlig verstanden, wenn sich auch der Lebensgang des armen, hungrigen Studentleins mit dem des schneidigen Korpsbruders nicht vergleichen ließ. Dr. Labischs träges, schläfriges Bierherz schlug ihm lebhafter gegen den Rock, als seit vielen Jahren... »Prosit, Papa!« Kurt hob sein viertes Glas kommentmäßig in die Höhe, und Dr. Labisch kam dem Komment mit peinlichster Genauigkeit nach. »Du solltest Direktor Ramin besuchen,« sagte Dr. Labisch. Kurt rieb den Ring mit dem Wappen seiner Verbindung an seinem Beinkleid glänzend. »Ist das unbedingt nötig?« »Es wäre ein Akt der Höflichkeit. Wir sind mit Ramins eng befreundet, und gerade jetzt, wo ich sein Nachfolger werden soll...« »Na ja...« Kurt paffte dicke Rauchwolken vor sich hin. Der übermütig lustige Ausdruck seines Gesichts war verschwunden. »Ich dachte, der Verkehr wäre gar nicht mehr so rege«, meinte er zögernd. »In letzter Zeit natürlich, weil deine Mutter krank wurde, aber bis dahin – Hast du was gegen den Direktor?« – Kurt schwieg. Dr. Labisch fragte nochmals: »Hast du was gegen ihn?« »Nee, nee, Gott bewahre«, sagte Kurt zögernd. »Nur die Frau Hofprediger kann ich nicht recht verknusen.« »Ach, das hat dir deine Großmutter in den Kopf gesetzt... Deine Großeltern sind nicht maßgebend. Es sind einfache Leute, die kein Verhältnis finden können zu einer Dame, wie Frau Hofprediger ist.« Kurt kaute faul an seiner Zigarre. »Seitdem Mama so intim mit ihr verkehrt, ist sie ganz aus dem Geleise.« »Ach, schwatz doch keinen Unsinn!« Dr. Labisch klopfte sich die Asche von seiner Weste und rief: »Zahlen!« Um den Vater einigermaßen zu versöhnen, machte Kurt am nächsten Tage Visite bei Ramins. Dr. Ramin empfing ihn mit vollendeter weltmännischer Höflichkeit. Aber es lag eine eisige Kälte zwischen ihnen, die nicht einmal Feindseligkeit aufkommen ließ. Frau Hofprediger begrüßte ihren »jungen Freund« mit überströmender Herzlichkeit, und fand, daß er seiner lieben reizenden Mama »riesig ähnlich sähe«. Worauf Kurt ganz unhöflich herausprustete und sagte: »Gnädige Frau meinen wohl meine Großmutter! Der bin ich allerdings wie aus dem Gesicht gepellt, wie sie behauptet.« Auf dem Mitteltisch in Dr. Ramins Arbeitszimmer stand ein Kurt wohlbekannter Rahmen. Seine Mutter hatte ihn eigenhändig gestickt und Frau Hofprediger zu Weihnachten mit einem Bild von sich geschenkt. Er trat näher, um das Bild, das ihm seinerzeit sehr gefallen hatte, noch einmal zu sehen. Aber statt des Bildes seiner Mutter stak die Photographie eines Prinzen aus königlichem Hause, mit eigenhändiger Widmung, in dem Rahmen. Das sagte ihm deutlicher als alle Worte, wie lange seine Mutter die Raminsche Wohnung nicht mehr betreten hatte. Er empfahl sich bald darauf und wünschte den Herrschaften aus aufrichtigem Herzen »Glückliche Reise«. – – Enzlehn kam noch vor den Sommerfellen, um sich zu verabschieden. Er brachte Frau Dr. Labisch einen großen Strauß gelber Rosen mit. Sie atmete gierig den Duft ein und fing an zu weinen. »Ich bin noch so schwach«, entschuldigte sie sich. Aber es war nicht nur Schwäche. Enzlehn, den sie als Kind, als halbwüchsigen Knaben, als »dummen Jungen« gekannt, saß plötzlich als »Herr« ihr gegenüber, in korrekter, eleganter Visitenpose. Sie fühlte sich zum ersten Male wirklich als abgetane, alte Frau. Und doch weckte der Duft der Rosen wieder tausend ungestüme, ungestillte wünsche in ihr. »Wie schwer die Köpfe sind«, sagte sie und hob den Strauß zu ihren Augen. »Ja, sie sterben an ihrer eigenen Schwere und haben in ihrer herrlichsten Blüte einen eigenen welken Reiz.« Enzlehn sah sie bedeutsam an. Frau Dr. Labischs Kopf senkte sich tief herab. »Sie passen zu Ihnen, gnädige Frau«, sagte Enzlehn leise. »Meinen Sie?« Irene fand für einen kurzen Augenblick ihr verführerisches Lächeln wieder und ihren koketten Augenaufschlag. Enzlehn erhob sich und drückte seine Lippen in zärtlicher Huldigung auf ihre Hand. »Sie werden doch mein Haus im nächsten Winter besuchen, Herr von Enzlehn? Es wird mich freuen.« Er küßte nochmals ihre Hand, die sie ihm nicht entzog. Dann verbeugte er sich tief. Frau Dr. Labisch blieb allein und schritt zum Spiegel. Sie öffnete die Lippen – langsam strömte ihr das Blut in die bleichen Wangen... sie lächelte ein leises, verträumtes Lächeln. Sie war doch noch keine alte Frau... Auf der Treppe begegnete Enzlehn Markus, der in schnellem Lauf, mit Paketen beladen, herausstürmte. »Servus, Markus. Ich verlange Absolution.« »Warst du oben? Na schön!« Freimütig streckte Markus ihm die Hand entgegen. »Ich war wirklich wütend auf dich, Karli. Du kannst mir's nicht übelnehmen. Seit Bremen hatte ich nichts von dir gehört, und für mich war es innerlich eine schwere Zeit.« »Schwere Zeiten macht man am besten allein durch«, sagte Enzlehn, und rauchte sich eine Zigarette an. »Aber du bist eben noch ein Kind und brauchst eine Amme, die dir die Tränen abwischt, wenn du greinst.« »Glaubst du, Karli?« Markus lehnte sich an die getünchte Treppenhauswand, während Enzlehn mit seinem Stock über das Geländer strich. Markus schüttelte eigensinnig den Kopf. »Trotzdem, Karl, trotzdem... Ich dachte, du wärst mein Freund. Ich war stolz und glücklich, einen wahren Freund zu haben. Ich dachte, es würde so bleiben das ganze Leben!« Enzlehn lächelte. »Du sprichst wie ein exaltiertes Pensionsmädchen. Hast du denn kein Gefühl für Lächerlichkeit?« »Nein«, gestand Markus ehrlich. Enzlehn klopfte ihm mit der Stockkrücke auf die Schulter. »Darin bist du mir über, Markus.« »Weil du nicht den Mut hast, so zu sein, wie du wirklich bist! Du suchst, wie du wohl sein könntest, sein möchtest... Du schreibst ernste Gedichte und machst einen Jux daraus; du möchtest vielleicht Mondscheinspaziergänge mit mir machen, wie früher, und schwärmen und disputieren, aber du trägst steife, hohe Kragen, die dir den Hals einschnüren, daß du dich kaum umdrehen kannst; dir sind die Leute, mit denen du tagtäglich zusammensitzt, wurscht wie vorjähriger Schnee, aber du bildest dir ein, daß du derselben Richtung angehörst, weil du glaubst, irgendeiner Richtung angehören zu müssen!« Enzlehn nagte an seiner Unterlippe. »Schau mal an, Markuschen, wie klug du bist!« sagte er in seinem alten, spöttischen Ton. »Aber was du da alles sagst, beweist eben nur, daß ich mich noch lange nicht genug eingesponnen habe. Jeder Mensch muß an seinem Profil arbeiten, mein Kleines. Auch du tätest gut daran...!« »Ich hasse jede Pose«, warf Markus heftig ein. Enzlehn streifte mit dem kleinen Finger die Asche von seiner Zigarette, während das spöttische Lächeln nicht von seinen Lippen wich. »Du weißt ja gar nicht, was Pose ist, kleiner Markus! Sie ist Schild und Visier modernen Raubrittertums. Wohl dir, wenn du kein Raubritter zu sein brauchst. Servus!« Enzlehn ging rücklings, sich am Geländer haltend, die Treppe hinunter und lächelte Markus überlegen, ironisch an. »Und ich sage dir: das ist ekelhaft!« warf Markus von der Höhe einer halben Etage dem Freunde nach. »Ekelhaft!« Enzlehn war unten angelangt und grüßte mit der Hand: »Werde älter, Markuschen! Im Herbst sehen wir uns wieder. Ser – vus!« Das Tor fiel hinter ihm ins Schloß. Bleich und erregt trat Markus zu Tante Irene ins Zimmer. Sie ordnete liebevoll die schweren gelben Rosen in der Vase: »Enzlehn war eben hier«, sagte sie. »Er ist ein Mann geworden... wirklich – ein Mann.« »Meinst du?« rief er bitter. »Mehr hat mein Vater vom alten Albert auch nicht gesagt!« Frau Dr. Labisch aber lächelte noch immer halb verträumt: »Du hast komische Vergleiche, Markus...« Am Tage vor der Abreise klopfte Frau Dr. Labisch an Markus' Zimmer. Er packte gerade seine Bücherkiste ein, während Kurt in der Stadt war, um die letzten Besorgungen zu machen. Die Sonne brannte heiß ins Zimmer, und Markus hatte seinen Rock abgeworfen. »Verzeihung!« sagte er und schlüpfte in seine Jacke. »Ach, laß nur,« sagte Frau Dr. Labisch, »ich wollte dich nur um etwas bitten.« »Ja, Tante Irene... alles, was du wünschest.« Sie nahm seine Hand und blickte ihm in die Augen. »Du mußt es nur nicht mißverstehen, Markus.« »Gewiß nicht, Tante Irene, worum handelt es sich denn?« Er warf den Deckel über die gefüllte Kiste und stellte den Fuß darauf. Mit dem Tuch wischte er sich die feuchte Stirn ab. »Glaubst du, Markus, daß ich gesund werde?« fragte sie statt jeder Antwort und fuhr hastig fort: »Ich glaub'« nicht, Markus. Ich glaube vielmehr...« Sie ergriff seine Hand und hielt sie krampfhaft in der ihren fest: »Warum schickt ihr mich fort?« rang es sich qualvoll von ihren Lippen. »Warum schickt ihr mich fort?!« »Aber liebe Tante Irene, es ist ja zu deinem Besten: damit du dich ganz erholst!« Sie lehnte ihren Kopf an ihn und streichelte seinen Arm. »Du bist mir wie ein Sohn geworden, Markus. Ich glaube auch, du verstehst mich – nicht wahr? ... Besser als Kurt, besser als...« Sie brach ab und sah bittend zu ihm empor. »Was soll ich denn, Tante Irene?« fragte er und neigte sich zu ihr herab wie zu einem kleinen Kinde. »Du sollst...« Sie brach abermals ab, sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her. Endlich stellte sie sich mit dem Rücken gegen das Fenster und holte einen Brief aus der Tasche ihres weißen Morgenkleides hervor. »Du mußt diesen Brief Dr. Ramin überbringen«, sagte sie hart und schnell. »Ich muß Dr. Ramin in einer Angelegenheit... sprechen... ihn um Rat fragen. Aber ich möchte nicht, daß man es... Ich möchte, daß du Herrn Dr. Ramin bittest, zu kommen. Heute noch oder morgen vormittag. Es ist wichtig, Markus. Du mußt das verstehen... es ist wichtig.« Markus hatte die Fäuste in den Taschen seines Jacketts vergraben und machte nicht Miene, den Brief entgegenzunehmen. »So nimm doch!« gebot sie heftig. Markus war sehr blaß und wich ihrem Blick aus. »Warum schickst du den Brief nicht durch die Post?« fragte er. » Sie unterschlägt meine Briefe, Markus, ich weiß, sie unterschlägt sie«, murmelte Frau Dr. Labisch und legte die Hände vors Gesicht. Ein leidenschaftliches, unterdrücktes Schluchzen durchrüttelte ihre zarte Gestalt. »Nicht weinen, Tante Irene, nicht weinen...« Er kam an sie heran und trocknete ihr die Tränen mit seinem Taschentuch. Wieder ergriff sie seine Hände. »Markus, ich bin krank, und darum bin ich so schwach. Aber du mußt nicht glauben... nein... Markus... ich will dir meinen Brief vorlesen!« Eine flammende Röte schoß Markus ins Gesicht, und eilig riß er ihr den Brief aus der Hand: »Laß nur das, Tante Irene... ich weiß. Ich will nichts hören. Ich werde den Brief – abgeben.« »Und auf Antwort warten, Markus... hörst du! ... du mußt ganz unbefangen sein, ganz lustig. Du mußt fragen: ›Soll ich etwas ausrichten?‹ Aber ansehen mußt du ihn und mir dann sagen, wie er ausgesehen hat. Markus – mißversteh mich nicht... es ist nur die Angst in mir, daß ich nicht zurückkomme...« »Hör' auf, Tante Irene, das ist ja alles Unsinn.« Sie wiederholte eigensinnig: »Nein, das ist kein Unsinn. Du weißt ja nicht, was ich leide, wie ich mich fürchte! Abends, wenn es dunkel und so still in den Zimmern wird und die Bäume draußen schwarz werden, dann zieht sich mir das Herz zusammen, dann stockt mir der Atem. Hilf mir, Markus, lieber Markus – ich verlange nichts Böses, nichts Schlechtes von dir, hilf mir!!« »Ich gehe«, sagte Markus kurz. Irene sah ihm mit weit aufgerissenen Augen zu, wie er einige Bücher vom Regal herunternahm. »Die kann ich bei der Gelegenheit zurückbringen,« sagte er. Sie nickte. »Jawohl, Markus, es ist ja alles so einfach... Nur, weil ich krank bin, da bauscht sich alles so auf.« Er war schon draußen und eine Viertelstunde später in der Wohnung des Direktors. Dort war auch alles für den Sommer eingekampfert und zugedeckt. Frau Hofprediger lugte in großer Wirtschaftsschürze, mit einem Häubchen auf dem silbernen Scheitel, durch den Türspalt. »Mein Sohn ist im Studierzimmer, lieber Markus. Sie bringen ihm wohl die Bücher? Das ist recht, heute verhänge ich die Bibliothek. Geradeaus, Markus, geradeaus.« Und gleich darauf hörte er sie dem Mädchen Anweisungen geben. Dr. Ramin saß am Schreibtisch. Trotz der Hitze im hohen englischen Kragen eingezwängt, tadellos gekleidet. »Sieh da, Markus. Du bringst mir wohl meinen ›Voigt‹? Gut. Laß dir zu nächsten Weihnachten Burckhardt, ›Kultur der Renaissance‹ schenken. Da findest du eine feine und moderne Auffassung jener interessanten Zeiten. Setz dich, Markus. Willst du was trinken? Es ist heiß draußen.« »Danke, Herr Direktor. Ich bin nur auf einen Sprung hier.« »So? Na, aber das weißt du doch, daß du dein Abiturium unter Dr. Labisch machst? Seit heute morgen ist es entschieden. Im August führe ich Herrn Dr. Labisch als meinen Nachfolger ein. Du warst mir ein lieber Schüler, Markus!« Er reichte Markus seine sehr gepflegte, nervige Hand und drückte sie freundschaftlich. »Ich stehe dir daher auch immer gern zur Verfügung, wenn du mich brauchst.« Markus senkte den Kopf. »Ich werde versuchen, es beim Vater durchzusetzen, daß ich studiere.« »Möchtest du gern?« »Ja. Kunstgeschichte. Philosophie!« »Und dann?« Markus zuckte die Achseln. »Es bleibt mir keine Wahl. Mein Weg ist vorgezeichnet!« »Wohl dir!« erwiderte Dr. Ramin. »Dir sind viele Kämpfe erspart!« »Äußere vielleicht, aber nicht innere.« Dr. Ramin sah Markus einen Augenblick erstaunt an. »Dr. Labisch nennt dich einen Grübler. Hätte er recht?« Markus wurde feuerrot, Dr. Ramin lächelte und schüttelte den Kopf. »Das soll kein Kompliment sein, Markus!« »So hab' ich's auch nicht aufgefaßt, Herr Direktor... Herr Professor...«, verbesserte er sich. »Hüte dich vor allen unfruchtbaren Komplikationen des Lebens, die immer nur aus dem inneren Zwiespalt unseres Wesens heraus so verhängnisvoll werden. Unsere Zeit gestattet keinen Zwiespalt – sie verlangt die ganze Natur des Menschen, den ganzen Mann – eine starke Einheitlichkeit, ohne die eine Persönlichkeit undenkbar ist. Suche also mit deinem inneren Leben so bald und so früh wie möglich ins reine zu kommen. Verschwommener Idealismus, mein lieber junger Freund, ist wirklich nur wertloser Ballast!« Markus richtete seine großen blauen Augen erstaunt und verwirrt auf den Professor. »Wie kommt es, daß Sie mich so genau kennen, Herr Direktor?« Die unerwartete Frage verwirrte auch Dr. Ramin. »Deine mütterliche Freundin, Frau Dr. Labisch, hat mir oft von dir gesprochen,« sagte er endlich, »und mein Interesse für dich geweckt.« »Ach ja, richtig, Herr Professor, Tante Irene hat mich beauftragt, Ihnen ein paar Zeilen zu übergeben.« Mit eiserner Ruhe im Gesicht nahm Dr. Ramin den Brief entgegen. Markus ließ wie aus Ungeschicklichkeit ein Buch fallen und bückte sich langsam danach. »Darf ich etwas ausrichten?« fragte er dann und streifte mit scheuem Blick das merklich bleich gewordene Antlitz des Professors. »Ja, selbstverständlich, vor allem meinen verehrungsvollen Gruß, und morgen werde ich mich auf dem Bahnhof verabschieden.« »Danke, Herr Professor.« Markus drückte die dargebotene Hand in nervöser Erregung und wiederholte nochmals: »Danke!« Eine zentnerschwere Last war ihm von der Seele genommen. Er stürmte die Treppe hinab, als gälte es, jemandem die Aufhebung eines Todesurteils zu verkünden. In weniger als zehn Minuten war er wieder zu Hause. Frau Dr. Labisch saß noch immer in seinem Zimmer auf der Bücherkiste, die Hände im Schoß gefaltet. Sie blickte nicht auf, als Markus ins Zimmer stürzte. Nur ganz leise, wie atemlos fragte sie: »Nun?« »Einen verehrungsvollen Gruß, und morgen ist Professor Ramin auf dem Bahnhof.« Er erwartete einen frohen Blick, erleichtertes Aufatmen. Aber ihr Haupt fiel nur noch tiefer auf die Brust herab. Er umfing sie mit beiden Armen in kindlicher, überströmender Zärtlichkeit: »Bist du nicht zufrieden, Tante Irene?« »Er kommt nicht«, sagte sie leise, bestimmt und strich sich mit eiskalter Hand eine Strähne des roten Haares aus dem Gesicht. – Und er kam doch. Aber im letzten Augenblick, gerade wie der Zug sich in Bewegung setzte. »Da... da... im dritten Wagen!« rief Markus Dr. Ramin zu, der seinen Panama ehrfurchtsvoll grüßend in die Höhe hielt. Ein todbleiches Gesicht lehnte am Kupéefenster, starr, ohne sich zu einem letzten Gruß zu neigen. Dr. Labisch hatte gerötete Augenlider. Die Abreise seiner Frau ging ihm nahe. Er dachte daran, daß sie zum ersten Male krank, fern von ihm weilen würde. »Ich hätte mitfahren sollen«, sagte er. »Das Rauchen hätte ich mir in ihrer Anwesenheit schon verkniffen.« – – Markus schlief bis 8 Uhr abends einen schweren traumlosen Schlaf. Als er die Augen aufschlug, stand Kurt vor seinem Bett. »Eben hab' ich meinen Alten zur Bahn gebracht. Willst du mit mir auf den Bummel gehen?« »Wohin?« »Egal! Wohin der Zufall uns führt. – Nur, wenn ich dich früher per Droschke nach Hause schicke, mußt du mir's nicht übel nehmen.« Kurt schleppte Markus in ein italienisches Weinrestaurant in der Mittelstraße. Nach der ersten Flasche Asti Spumanti kam Leben in Markus' bleiche Züge. Und als Kurt die zweite Flasche entkorkte, atmete er auf und sagte: »Du glaubst gar nicht, Kurt, wie mir zumute ist. Es war schrecklich all die Zeit...!« »Kann mir's denken. Schrecklich und wahnsinnig interessant, was?« Markus wunderte sich, wie gut Kurt ihn verstand, und zugleich hatte er Angst, daß er selbst mehr sagen konnte, als gut war. Der Wein stieg ihm zu Kopf, und er fürchtete, die Herrschaft über sich zu verlieren. »Erzähle mir von Claire«, bat er hastig. Und er lachte ein bißchen blöd, weil er sehr unbefangen tun wollte. »Ein tolles Mädel! Kommt an, fällt mir um den Hals – ich habe mir diese geschwisterlichen Zärtlichkeiten natürlich prompt verbeten.« »Hast du?« fragte Markus, erregt vom Wein und der Erinnerung. Es brannte ihm auf den Lippen, zu beichten, wie sie ihn geküßt. Und beim letzten Viertel der zweiten Flasche sagte er es. Kurt lachte aus vollem Halse. »Ich weiß, ich weiß, mein Goldkind; hast dich auch da wie 'ne rechte Nöhle benommen.« »Was hätte ich denn tun sollen, bitte?« »Wiederküssen, zum Donnerwetter!« »Aber ich liebte sie ja nicht.« »Auch ein Grund! Liebe ich sie etwa?« Markus suchte seine zerflatternden Gedanken festzuhalten. »Ich verstehe nicht«, sagte er eisig. »Schade, mein Junge, bist doch sonst nicht dumm! Ich habe Fräulein Claire meine hohe Protektion angedeihen lassen und ihre Dankbarkeit sehr freundlich entgegengenommen. Eine niedliche kleine Krabbe. Das richtige Studentenmädel, mit tausend Schnurren und Frechheiten. Einmal war Kommers mit Damen – sie mitten mang – verlangt natürlich Studentenfutter. Und nun drauf los Vielliebchen gefressen. Am nächsten Abend spielt sie im Theater, das halbe Korps im Stehparkett. Sie kommt raus, stutzt, tritt vor die Rampe und ruft: »Guten Abend, Vielliebchen!« – »Guten Abend, Vielliebchen!« antworten die Brüder, trampeln und lachen und klatschen in die Hände. Zum Heulen! Zum Heulen! Der Vorhang muß fallen. Die Kleine kriegt fünfzig Mark Strafe vom Direktor aufgebrummt, die ich natürlich bezahle, und die Kommilitonen stiften ihr ein prachtvolles Tischservice für zwölf Personen, das sie schleunigst an Frau Oberleutnant von Enzlehn zum Präsent schickt. – Für ein Souper zu zweien auf meiner Bude ist's zu schade, wie du dir denken kannst.« – »Sie ißt Abendbrot bei dir auf deiner Bude?« stammelt Markus. »Nee – sie wird mit leerem Magen schlafen gehen und ungeküßt!« Markus rang nach Luft: »Es ist alles so anders... so ganz anders... wie...« »Wie du dir's denkst, mein Goldkind, freilich ist es anders! So verflucht einfach. Du glaubst gar nicht, wie einfach! Mußt nur kein Idiot sein.« Markus wiederholte: »Nein, kein Idiot...« Aber er stellte sich gar nichts unter dem Wort vor. Nur schwül war ihm vom Wein und von all dem Gehörten. Dann schleifte Kurt ihn noch mit auf seine Stammkneipe und sorgte dafür, daß ihm von den Kommilitonen fleißig zugetrunken wurde. »Der Junge verträgt's nicht,« flüsterte einer der Studenten Kurt zu. Aber Kurt lachte und rief: »Laß man! Besoffen will ich den Jungen mal sehen – das ist ihm ganz gesund. Markuschen, wiederhole: ich bin ein Idiot, ein Heupferd, ein Rhinozeros... na, wiederhole I-dio-t!« Markus lallte nur noch: »Idi-o-t, Heu-zeros... o Gott, o Gott!« Er fiel mit dem Kopf auf die Tischplatte und schluchzte laut. »Ex est!« kommandierte Kurt und machte zwei Kameraden ein Zeichen, Markus unterzufassen: »Droschkong!« Markus wurde die Treppe der Wohnung hinaufgetragen und auf sein Bett niedergelegt. Dann entkleidete Kurt ihn sorglich, stellte ihm eine Waschschüssel und ein Glas Wasser auf den Stuhl, legte ihm ein nasses Handtuch auf den Kopf und verließ, von den Kameraden gefolgt, noch einmal die Wohnung. »Nichts ist für überspannte Gemüter besser, als wenn sie mal recht ordentlich in den Dreck treten!« sagte er befriedigt, hängte sich in seine Begleiter ein und schlenderte vergnügt pfeifend dem Bahnhof Zoologischer Garten zu. – – Am nächsten Morgen waren Kurt und Markus im Zuge, der sie nach Stettin bringen sollte. Markus war graugrün im Gesicht und wich Kurts gutmütig spottendem Blick ängstlich aus. Aber gesprochen wurde nichts zwischen ihnen vom gestrigen Tage. – Sie ließen sich erst in dem kleinen, niedlichen Allinge nieder. Die frische Seeluft wehte bald jeden Rest schwüler Stimmung bei Markus weg. Kurt hielt ihn mit drakonischer Strenge zum Schwimmen, Segeln und Rudern an. Das bedeutete für Markus eine schwere Arbeit, die er seufzend absolvierte, und von der er sich durch einen einsamen Spaziergang nach den Felsen erholte. Stundenlang konnte er auf einem der großen runden, von Wellen glatt und blank gescheuerten Steinen sitzen und in die Weite hinausträumen. Das Buch klappte er fast niemals auf. Die Sprache des blauen majestätischen Meeres übertönte das klügste Wort. Und in diese Sprache legte er alles Mögliche hinein von seiner eigenen ringenden Seele. In außerordentlich gehobener und feierlicher Stimmung kehrte Markus jedesmal von seinem Klippengang heim. »Wie ein Quäker siehst du aus,« rief ihm Kurt einmal spöttisch zu. Kurt war übrigens enttäuscht von seinem Aufenthalt. Ihm fehlte die holde Weiblichkeit, wie er Markus offen gestand. Eine sehr häßliche Malerin und ein dreizehnjähriges, schnurspringendes Mädchen waren die einzigen jungfräulichen deutschen Damen des Hotels Danmark. Die gelegentlichen Touristinnen waren meist Ausländerinnen – Engländerinnen und Skandinavierinnen, die dem Flirt in ausgiebigster Weise im Kreise ihrer Reisegenossen huldigten. Eines Tages, da Markus einmal zwischen den Klippen im Heidekraut lag, hörte er von weitem seinen Namen rufen und dann plötzlich helles Mädchenlachen. Das Herz blieb ihm stehen. Arm in Arm, Hut und Taschentuch schwenkend, näherten sich Kurt und Claire. Markus ging ihnen entgegen, sprachlos vor Verwunderung. »Wie kommen Sie denn her?« stammelte er endlich. Beide weideten sich an seiner Fassungslosigkeit und lachten, daß es laut über die einsamen spiegelglatten Steine schallte. »Wie ich herkomme? Per Bahn, per Schiff, per pedes, und dieser schreckliche Mensch ist schuld daran!« Sie zupfte Kurt am Ohrläppchen. Dann hängte sie sich in Kurt und Markus ein und kommandierte: »Trab, auf die Bude! Ich sterbe vor Hunger. Übrigens brauchen Sie keine Angst zu haben, daß man Sie vernachlässigt. Ich habe eine Kollegin mitgebracht – unsere Sentimentale. Ein süßes Geschöpf. Talent hat sie gar keins, aber das ist ja auch nicht nötig.« Claire plauderte unaufhörlich. Sie war »schrecklich hübsch«, wie Markus innerlich konstatierte. Auf der kleinen Veranda, von der aus man den Hafen so nahe hatte, daß der Schiffsgeruch herüberströmte, war ein Tisch für vier Personen zum Abendbrot gedeckt. »Kinder, das wird gemütlich! Jetzt muß ich aber die Rhoden holen. Einen Augenblick.« Kurt und Markus blieben allein auf der Veranda. »Sage mal...«, hub Markus schüchtern an. »Silentium, Fuchs!« donnerte Kurt. »Genieße, was dir das Geschick an Dusel in den Schoß wirft, und halt's Maul. So viel kann ich dir übrigens verraten: die Claire hab' ich mir einfach herkommen lassen, damit das arme Ding sich die Schminke im Salzwasser abwäscht, und die Rhoden hat als treue Freundin in eigener Regie mitgehalten. So, verstanden? Na, nu Schluß. Sie kommen... Servus, Melachen!« Kurt schüttelte der jungen Dame herzlich die Hand, dann stellte er vor: »Mein Freund Markus Lukas – Fräulein Mela Rhoden.« Markus verbeugte sich, während Mela Rhoden, ohne ihm die Hand zu reichen, anmutig das blonde, à la Cleo gescheitelte Köpfchen neigte. Sie war kaum mittelgroß, von weicher Fülle, mit großen, erstaunten grauen Kinderaugen. »Claire hat mir von Ihnen gesprochen«, sagte sie. Ihre Stimme hatte einen unendlich weichen, hingebenden Klang. Und so weich wie ihre Stimme waren alle ihre Bewegungen. Im Gegensatz zu Claire sprach sie wenig, lächelte nur ein eigenes, wehmütiges Lächeln, das aber nichts Bedrückendes hatte. Markus, der nicht ohne Verständnis für weibliche Kleidung war, fand sie fein und geschmackvoll angezogen. Nach dem Abendbrot bat sie Markus, sie ganz nahe an die Schiffe zu führen. Sie wollte augenscheinlich Kurt und Claire Gelegenheit geben, allein zu bleiben. Markus, der von Bremerhaven her ziemlich gut Bescheid mit den verschiedenen Schiffs- und Bootsarten wußte, machte ausführlich den Cicerone. Und da sie eine reizende gläubige Art hatte, zuzuhören, bekam er immer mehr Mut und vergaß die peinliche Stimmung, die ihn bei der plötzlichen Ankunft Claires übermannt hatte. Es folgten schöne, ruhige Tage. Claire gab sich in ihrer Zuneigung zu Kurt ungebunden und natürlich, und Mela Rhoden schien wie eine ältere Schwester darauf bedacht, der Freundin genügend Gelegenheit zum Alleinsein mit Kurt zu geben, ohne jedoch durch allzu lang ausgedehntes Fernsein die Grenze zu überschreiten, die der Anstand gebot. Mit Markus verkehrte sie ohne jeden Schimmer von aufdringlicher Koketterie, der ihn gewiß erschreckt und mißtrauisch gemacht hätte. Sie setzten sich dann wohl einander gegenüber auf die großen spiegelnden Steine und plauderten über alles Mögliche. Abends, wenn Markus mit Kurt allein war, ging ihm das Herz über. »Sie ist eine große, wertvolle Natur«, sagte er. Kurt drohte mit dem Finger: »Markuschen, mein Junge, du bist verliebt!« Markus wies das entrüstet von sich. Verliebt! Wieder dieser häßliche plebejische Ausdruck. »Ich bewundere und schätze sie!« »Schönes Fell hat sie!« meinte Kurt trocken. »Du bist einfach widerlich«, entgegnete Markus erregt. Und eine innige Zärtlichkeit erfüllte ihn für das arme reizende Wesen, das, bloß weil es Schauspielerin war, so häßlicher Bewertung ausgesetzt war. Wenn er die Augen aufschlug, war seine erste Vorstellung – das blonde, à la Cléo frisierte Köpfchen mit den grauen Kinderaugen. Hastig zog er sich an und stürmte hinaus; aber die Fenster der jungen Mädchen waren immer noch verhängt, und es dauerte Stunden, ehe Mela Rhoden herauskam. Claire hingegen hatte schon längst mit Kurt gefrühstückt und war mit ihm aus zum Segeln. Eines Abends auf der Veranda erklärte Mela Rhoden, sie wolle ein paar Tage auf der Höhe in Blanches Hotel verbringen. Claire lächelte verschmitzt: »Au, fein!« Markus fühlte eine große Niedergeschlagenheit sich seiner bemächtigen. »Wie lange bleiben Sie fort?« fragte er mit zitternder Stimme. »Das kann ich so genau nicht sagen. Solange es mir gefällt.« »Und wann fahren Sie?« »Morgen.« Sie erhob sich und ging langsam an Markus vorbei die Stufen der Veranda hinab. »Ein köstlicher Abend heute! Wollen wir nicht einen kleinen Spaziergang machen?« Wortlos schritt er an ihrer Seite. Sie wendete sich um und blickte zur Veranda hinauf, wo Kurt im Schein des Windlichtes eine Zigarre rauchte und Claire über eine illustrierte Zeitschrift gebeugt Zigarettenwölkchen in die Luft blies. »Kommt ihr nicht mit?« »Nee ... dank' schön!« rief Kurt zurück, »holt euch nur ja keine nassen Füße!« Und dann hörte Markus die beiden lachen und neidete ihnen dies übermütige, lustige Lachen ... Ihm war das Herz so schwer, als stünde ihm ein großer, schmerzlicher Verlust bevor, und er wunderte sich, daß seine Traurigkeit ihr nicht auffiel, daß sie ihn gar nicht fragte, was mit ihm sei. Eine solche Frage hätte ihn getröstet, hätte ihm Mut gegeben. »Es ist dunkler, als ich dachte« ... wollen Sie mir Ihren Arm geben?« Er fing an zu zittern, als er ihren warmen, weichen Körper so nahe an dem seinen fühlte. Er ging ganz steif, den Blick immer geradeaus gerichtet, in tödlicher Verwirrung über das Beben seiner Glieder, den heißen Wellenschlag des Blutes in seinen Adern. »Ich gehe nicht gern von hier fort; aber ich habe es Bekannten versprochen, und sein Wort muß man doch halten«, sagte sie plötzlich. »Es wird ganz schrecklich sein ohne Sie«, murmelte er. Er konnte in der tiefen Dämmerung die Züge ihres Gesichtes nur undeutlich erkennen; aber er fühlte, wie ihr Kopf sich vertraulich zu seiner Schulter neigte. »So schrecklich?« fragte sie mit ihrer weichen, seelenvollen Stimme. Ihm war das Weinen nahe, wie einem kleinen Jungen, und er drückte ihren Arm heftig an sich. »Ich habe mir eingebildet, daß Sie gern mit mir zusammen sind, und ich habe nicht geglaubt, daß andere kommen könnten, die Sie mir wegnehmen.« Seine Worte überschlugen sich in der tiefen Kränkung und Erregung seiner Seele. »Ich habe nie etwas für mich allein besessen, niemals. Seit meiner Kindheit nicht. Sie sind der erste Mensch, den ich für mich allein beanspruchen durfte ... Das war so schön, und ich hatte mich so daran gewöhnt.« »Einmal mußte es ja doch ein Ende nehmen.« »Ja. Aber nicht hier. Hier, dachte ich, würde alles so bleiben, wie es war, und später, dachte ich ...« »Was denn?« Er stolperte über einen kleinen Kiesel, so daß seine Wange beinahe die ihre streifte. Das benahm ihm den Atem, und er mußte stehen bleiben. Aber sie zog ihren Arm nicht aus dem seinen. »Ich dachte,« sprach er leise, erregt, »wir würden uns schreiben, und ich würde in Ihnen jemand haben, dem ich alles, alles mitteilen kann, was mein Innerstes bewegt. Alle, die ich bisher kannte, sind nur mit sich beschäftigt. Niemand versteht mich recht, aber Sie ...« »Sie sind ein lieber Mensch«, sagte Mela Rhoden und strich mit den Fingerspitzen leicht über Markus' Arm. »Ja ... verstehen, das ist die Hauptsache!« Markus umschloß Melas Finger mit seinen beiden Händen und legte sie sich auf die Brust. »Und glauben Sie, Mela, vor Ihnen steht jemand, der Sie versteht, und dem nichts über das Gefühl geht, von Ihnen verstanden zu werden!« Der Mond erhob sich langsam über dem Meer und überflutete Markus' bleiches, entgeistertes Gesicht mit seinem fahlen Licht. »Mir ist kühl«, flüsterte Mela Rhoden. Markus zog sie nahe, ganz nahe an sich heran und sprach langsam: »Nie, nie sollst du frieren, solange mein Arm dich erreichen kann, wir sind alle einsame, frierende Menschen ... nur die Liebe schenkt uns Wärme.« Seine Lippen berührten ihr Haar. »Darf ich?« Leise wie ein Hauch küßte er ihre weiße Stirn. »Und nun komm!« Ihren Arm in dem seinen, so legte er wortlos die kurze Strecke nach Hause zurück. Auf der Veranda war es dunkel. Auch hinter den Fenstern brannte kein Licht mehr. »Es ist schon spät! Gute Nacht!« sagte sie hastig. Er breitete die Arme aus, aber wie eine lichte Erscheinung war sie ihm entschwunden, und ins Leere flüsterte er traumverloren: »Gute Nacht!« Er stand unter ihrem Fenster, bis die Kerze verlöscht war. Um keinen Preis wollte er heute mehr mit Kurt sprechen. Nachts wachte er von wüstem Kopfschmerz gepeinigt auf. Es war lautlos still im Zimmer; er zündete die Kerze an, um nach der Uhr zu sehen und einen Schluck Wasser zu trinken. Der Zeiger wies auf zwei Uhr. Die ungewohnte Stille bedrückte ihn. Er streckte sich vor und blickte hinüber auf Kurts Bett, das an der entgegengesetzten Wand stand. Es war leer  ... Mela Rhoden war seit fünf Tagen in Blanches Hotel. Markus hatte in dieser Zeit zwei Ansichtskarten von ihr erhalten, selbst aber täglich zehn Seiten lange Briefe geschrieben. Das schöne Gleichgewicht seiner Seele war gestört. Er schlich bleich, mit gesenktem Haupt den Klippen entlang und litt schwer unter seinem Versprechen, sie nicht aufzusuchen. »Wenn das die Erholung ist, die du hier finden solltest!« sagte Kurt ihm eines Tages. »Jeder erholt sich auf seine Weise«, erwiderte Markus, der sich in seiner Empfindlichkeit wie ein Igel zusammenballte. »Ich habe mir jedenfalls die gesündere gewählt«, entgegnete Kurt gleichmütig. »Übrigens hab' ich der Claire schon den Kopf gewaschen, daß sie ihre sogenannte Freundin hergeschleppt hat.« »Wie kannst du die zwei vergleichen!« wehrte Markus hochmütig ab. »Tue ich ja gar nicht. Claire ist ein herrliches Geschöpf: so offen, so herzbewegend ehrlich in all ihrer naiven Sinnlichkeit und kleinen Niedertracht, ein so vollkommenes, entzückendes Exemplar weiblicher Perfidie, Untreue und Rücksichtslosigkeit. Mit der weiß man gleich in den ersten fünf Minuten, woran man ist. Dagegen die Rhoden! Sie hat nie jemanden geliebt, sie ist nur auf ihre glatte Kinderfratze bedacht und das äußere Dekorum. Sie spricht wenig, weil sie dumm wie Bohnenstroh ist. Ihr Leben ist ein Rechenexempel, und sie selbst ist langweilig wie jedes Rechenexempel. Sie schätzt sich ein und setzt sich dementsprechend in Szene. Das Theater hat sie als den feinsten Markt gewählt, weiter nichts, und ihre Spezialität – sind ältere, verheiratete, sehr reiche Herren!« »Hör' auf!« schrie Markus und bohrte die Fäuste in den Sand. »Sachte, Markuschen, ich weiß, was ich sage. Nur keine großen Sentiments, Markus, das endet immer eklig!« Sein Gesicht wurde plötzlich ernst. Markus fühlte, daß Kurt weder an ihn in diesem Augenblick dachte, noch an sich selbst. Es war ein tieferes Empfinden, ein schmerzlicheres Erinnern, das seine Züge verfinsterte. »Mein Alter schreibt heute, er wäre bei Mama in Nauheim gewesen. In ihrem Schrank hat er zehn leere Weinflaschen gefunden.« Er sagte das ganz ausdruckslos. Markus senkte den Kopf tief herab. Er konnte kaum die Füße schleppen. Kurt lachte kurz auf: »Ja, ja, Markus ... es lebe die Liebe ... was?« Zwei Tage später verließen sie die Insel. Claire schmollte und zog ihrer Freundin nach in Blanches Hotel. – Die letzte Ferienwoche verbrachte Markus in Bremen. Er sehnte sich nach der reinen Atmosphäre des Vaterhauses. Mami fand ihn »arg verändert«. Der Vater ließ seinen durchdringenden Blick länger als sonst auf ihm ruhen, sagte aber nichts. Mademoiselle Cardinal tuschelte abends lange mit Mami und wiederholte: »Je parie qu'il y a une amourette là dessous.« Die beiden Frauen vergingen vor Neugierde. Markus lag schon zu Bett, als Mami noch einmal hereinkam: »Hast du auch alles, mein lieber Junge?« Sie legte die flüchtig ausgepackten Sachen sorglich in die Schubladen, vielleicht hoffte sie, irgendeine Fährte zu finden. Aber ziemlich enttäuscht sah sie sich nach getaner Arbeit im Zimmer um. Dann setzte sie sich auf das Fußende von Markus' Bett und erzählte von ihren kleinen Sorgen und Freuden. Markus hörte ihr zu, scheinbar teilnahmlos mit weit geöffneten, glanzlosen Augen. Schließlich ergriff er ihre Hand und legte sie an seine Stirn. »Du hast wohl nie in deinem Leben etwas getan, was du ungeschehen machen möchtest, nicht wahr, Mami? Nie etwas, wovor du dich schämen müßtest?« Sie sah ihn bestürzt an. »Wie kommst du darauf, Markus?« »Nichts. Ich fragte nur so.« Sie versuchte zu lachen und löste ihre Hand aus der seinen. »Im Fragen warst du immer groß. Schon als kleines Kind sagte ich dir: ein Dummer kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten können. Erinnerst du dich?« »Ja. – Aber so bleib doch sitzen. Ich muß dich noch was fragen ...« »Nun?« »Hast du nie jemand andern geliebt als Vater?« »Doch, Markus. Ich war ja schon einmal verlobt.« Markus sah sie mißtrauisch an. »Verlobt?« Er wiederholte das Wort so höhnisch, daß sie ihn erschreckt anblickte. »Was ist dir, Markus?« »Mir ist, mir ist ...« Er erhob, sich aus den Kissen und atmete keuchend auf – – »daß mir ekelt vor der Frau, daß ich ... ich auch dir nicht traue, denn ihr seid im Verstellen und Heucheln und Lügen so groß, so schamlos ...« »Na, ich bitte mir's aus, Markus, sei so gut!« Mami lachte gutmütig und schüttelte den Kopf. »Bist ein rechter Hansnarr, mein Junge! Aber ich bin dir viel zu gut, um dich bei den Ohren zu nehmen, wie du's verdienst! Also du kannst mir's glauben: ich war wirklich verlobt. In Hamburg. Er war ein junger Kaufmann, ich Kinderfräulein. Im Frühjahr sollten wir heiraten ... wir hatten uns sehr gern! Da eines Tages bekam ich einen Brief: ›Wenn Du diese Zellen liest, bin ich nicht mehr am Leben. Verzeih!‹ – das war alles. Er hatte sich erschossen, weil er den Konkurs hatte anmelden müssen. Ich habe ihm das nie verziehen, nie – – !« Mann saß steif aufrecht, mit hartem, bösem Gesicht, wie er es nie an ihr gesehen. »Hast du ihn denn nicht geliebt, Mami?« »Gerade darum. Wie durfte er mir das antun? So ein dummer Konkurs! – Ich wär' bis ans Ende der Welt mit ihm gegangen; denn er war ein anständiger Mensch und hatte eben nur Unglück gehabt. Es war erbärmlich schwach und feige von ihm, so davonzugehen – nie verzeihe ich ihm das ... nie!« Sie war bleich bis in die Lippen. Markus wandte kein Auge von ihr ab. Es war nicht Mami, es war ein starkes, leidenschaftliches Weib, das vor ihm saß, unbeugsam in ihrem Empfinden, unveränderlich in ihrem Gefühl. »Ich wurde krank und verlor meine Stellung. Als ich gesund war – hatte ich keinen Pfennig zum Leben, und von seinen Verwandten mochte ich nichts annehmen. Ein bekannter Kapitän bot mir die Stelle einer Stewardeß an auf seinem Schiff. Da ich fürs erste keine Wahl hatte, so nahm ich an. Auf meiner ersten Rückfahrt von Amerika kamst du zur Welt. Ich pflegte deine Mutter, und als sie starb, nahm ich dich in meine Arme und ließ dich nicht mehr los. So kam ich zu deinem Vater ...« Markus drückte Mamis Hand fest in der seinen. »Dein Leben ist klar und einfach«, murmelte er. »Das mag wohl daran liegen, Markus, weil ich wenig gelesen habe – ich habe ja nie Zeit dazu gehabt. Die Romane haben mich immer verdreht gemacht, haben mir meine eigenen Gefühle immer verwirrt. Ich meine, im Leben ist wirklich alles viel einfacher, viel natürlicher. Darum ist mir auch dein Freund Enzlehn ein greulicher Kerl. Der redet nie, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und eine Magenverstimmung wird bei ihm zur großen Seelentragödie. Ich halt's mit meinen Kindern so: warme Füße, kühlen Kopf und alle paar Wochen einen Löffel Rizinus.« Markus lächelte matt. »Du bist ein großer Doktor, Mami! Aber deinen ehemaligen Verlobten liebst du auch heute noch, sonst hättest du ihm längst verziehen – hab' ich recht?« Sie machte eine brüske Bewegung. »Du bist imstande, mir's einzureden. Nun, mein lieber Junge, wenn man einen Mann hat wie deinen Vater und vier« – sie verbesserte sich schnell – »fünf Kinder, denen man jeden Augenblick sein Herzblut hingeben würde, – dann liebt man nicht einen Menschen, der sich feige aus dem Leben geschlichen hat!« »Dann hassest du ihn, Mami, aber dieser Haß ist der Liebe verwandt«, beharrte Markus. Mami nickte gleichmütig. »Ja, ja, Markus, das hab' ich auch schon wo gelesen, könnte mir's ja auch einbilden, mit 'nem bißchen guten Willen – aber der gute Wille fehlt mir.« Sie lachte leise vor sich hin. »Da interessieren mich die jüngsten Liebesabenteuer meines Herrn Sohnes viel mehr ...« Sie hatte wieder ihr »Kleines-Mädchen-Gesicht« mit dem schalkhaften Ausdruck und dem Liebreiz um den weichen, immer noch jungen Mund. Markus kam sich plötzlich sehr reif, fast alt vor. »Nein, Mami ... das laß nur ... das ist nichts für dich, das ist ›Roman‹, wie du sagst, ein sehr häßlicher, sehr trauriger Roman.« »Wie du willst, Markus«, sagte sie ein bißchen beleidigt. – »Gute Nacht, schlaf wohl!« Und sie ging aus dem Zimmer. Am andern Morgen lag Markus da mit Fieber und Gliederschmerzen und rotem Ausschlag. Mami stand in großer Aufregung vor dem Hausarzt. »Wirklich, Herr Doktor, keine Gefahr?« »Bewahre, gnädige Frau, nur eine tolle Influenza, vielleicht auch verspätete Masern. Der junge Mann muß seit einigen Tagen eine starke Erkältung mit sich herumgeschleppt haben. Die ist jetzt zum Ausbruch gekommen.« Es dauerte etwa vier Wochen, bis Markus sein Zimmer verlassen konnte. Mami kam nicht aus dem Schlafrock heraus und pflegte ihn mit Hingebung. War das Fieber besonders hoch gestiegen, so kam es vor, daß er laut vor sich hin sprach. Als Markus sich zum ersten Male vom Krankenlager erhob, schien er noch größer durch die Magerkeit. Die kleinen Lukasse betrachteten ihn mit neugieriger Scheu, wie man jemanden betrachtet, der aus fernen, fremden Ländern zurückkehrt. Sie dämmten ihre ungebärdige Wildheit in seiner Anwesenheit und wiesen ihm so unbewußt einen Platz außerhalb ihres Kreises an. Auch Mami sprach von ihm nur noch als vom »großen Bruder«. Markus brauchte Wochen, um sich zu erholen. »Das sind doch nicht bloß die Masern«, sagte Herr Lukas zu seiner Frau und blickte sie forschend an. »Da steckt doch noch was dahinter!« Aber sie zeigte sich merkwürdig resolut und gar nicht gewillt, Markus' Geheimnisse preiszugeben. »Lieber Reimar, wenn Kinderkrankheiten so spät einsetzen, sind sie immer gefährlicher. Das ist eine alte Geschichte.« Der Kaufherr nahm ihr rundes Gesichtchen in seine Hände und lächelte. »Du bist sehr klug, Maria!« Sie machte sich los und fuhr eifrig fort: »Überhaupt versteht ihr Männer nichts von Kinderkrankheiten. Und wenn ihr sie auch selbst durchgemacht habt, so wißt ihr später nicht mehr, wie es gewesen ist.« Der Kaufherr lächelte noch immer, ohne die Blicke von seiner Frau zu lassen. »Dann müssen wir also Gott nur danken, daß er die Kinderkrankheit nicht noch später durchgemacht hat, der Markus, nicht wahr, Maria?« »Ja, das müssen wir«, sagte sie im Ton ehrlichster Überzeugung. Er klopfte sie seiner Gewohnheit gemäß leicht auf die Schulter: »Und wollen hoffen, daß er nicht rückfällig wird!« »Nein, nein – damit ist's aus!« Sie wurde rot, daß sie sich so verschnappt hatte. Er aber sagte ernst: »Na, dann ist's ja gut!« Und damit war es erledigt. Es war gegen Ende Oktober, als Markus in Berlin eintraf. Auf dem Bahnhof kam ihm Enzlehn entgegen. »Frau Doktor hat mir aufgetragen, dich abzuholen,« sagte er. »Na, wie geht's, Markus? Die Masern gut überstanden?« Es klang wie immer ein leiser Spott durch Enzlehns Worte, der Markus verstimmte. »Danke,« antwortete er kurz. Sie stiegen in einen Wagen, und Enzlehn rauchte sich eine »Princessas« an. Auf dem kleinen Finger seiner linken Hand blitzte ein Brillantring. »Ich habe dich bei Frau Doktor ein bißchen vertreten müssen, Markus. Die arme Frau konnte sich ohne cavaliere servente gar nicht behelfen.« »So? Nun, dann wirst du's auch weiter bleiben müssen. Ich habe viel Versäumtes nachzuholen, und Dr. Labisch schrieb mir, daß die Prüfungen dies Jahr wieder mächtig erschwert worden sind.« »Eben, eben. Ich habe mich also zu dero maître de plaisir gemacht. Sie hat Talent zur Mäzenatin, die schöne Frau!« Markus nickte zerstreut: »Ja, sie hat viel übrig für alles, was das Leben schön macht.« »Ich habe ihr die ganze Blase rübergebracht – den Nülber, den Bresch, Trebiner, Kastanien und dazu ein paar präraphaelitische Jungfrauen. Wir führen nächstens ein Stück auf – so eine Art Dramatisierung von Graf Adrians ›Garten der Erkenntnis‹.« Markus wendete Enzlehn interessiert das Gesicht zu: »Wirklich? Du ... das ist famos!« »Aha! Merkste was? Na, du, laß dich nur nicht zerstreuen durch uns! Setz dich auf die Hosen und büffle! Zur Generalprobe bist du höflichst gebeten. Am 8. November soll das Werk steigen! Nülbers Kleine spielt die weibliche Hauptrolle. Frau Doktor hat ihr ein Kleid geschenkt, damit sie sich auf den Proben sehen lassen kann. Es war dringend nötig!« Markus lachte leise: »Ich kann mir Tante Irene eigentlich gar nicht inmitten dieser – Herren denken.« »Unbesorgt. Sie waschen sich jetzt schon die Hände und haben leidlich propre Kragen. Frau Doktor erfüllt eine Kulturmission! – So – da wären wir.« Er verabschiedete sich unten vor dem Haustor. »Morgen komme ich rauf. Meine Empfehlung!« »Ein Wort, Enzlehn – spielst du jetzt?« »Natürlich – jeden Abend. Bin der eleganteste Kammerdiener aller französischen Komödien! – Servus!« Frau Dr. Labisch empfing Markus im Entree. Sie reichte ihm die Hand zum Kuß; er aber umarmte sie stürmisch nach alter Art, worauf sie etwas verlegen lachte. »Laß dich ansehen, Tante Irene!« Er hielt ihre beiden Hände fest und sah ihr treuherzig ins Gesicht. »Dick bist du geworden! Weißt du das?« »Ach, red' keinen Unsinn!« Sie hängte sich in seinen Arm ein und führte ihn in ihren kleinen Salon, wo der Teetisch gedeckt war. Ihre Hände zitterten heftig, während sie einschenkte. »Ich bin noch immer furchtbar nervös,« entschuldigte sie sich und schob ihm die Tasse zu. »Ja, das seh ich, Tante Irene...« »Hat Karli ... Herr von Enzlehn dich abgeholt?« »Ja, und tausend schöne Dinge erzählt. Du willst wohl dem ›Deutschen Theater‹ Konkurrenz machen?!« Sie lachte gezwungen. »Man muß doch seinem Leben einen Inhalt geben! Nicht wahr, Markus? Jetzt lebe ich wieder ... freue mich auf etwas. Von dir hätte ich doch in diesem Jahre wenig.« Eine Frage brannte Markus auf der Zunge. Nur, um keine schmerzlichen Gefühle zu wecken, unterdrückte er sie. Aber sie kannte ihn zu gut, um nicht zu erraten, was in ihm vorging. »Ramins habe ich noch nicht gesehen,« sagte sie abgerissen. »Im Sommer bekam ich zwei Ansichtskarten und ... nichts mehr.« Markus hielt die Augen auf die Tasse gesenkt und wußte nicht, was er sagen sollte. Sie aber erhob sich und klingelte. »Eine halbe ›Henckel‹,« bestellte sie dem Mädchen, »wir wollen auf deine und meine Gesundheit ein Gläschen Sekt trinken, mein Junge!« Markus hob abwehrend die Hand. »Nicht. Tante Irene, bitte nicht... wozu?« »Wozu? Du bist ein unhöflicher kleiner Junge! Du hast deine guten Manieren vergessen, weil es mir Freude macht, und – dann – ich soll Sekt trinken, meines Herzens wegen. Der Arzt hat es mir verschrieben. Nun kann ich aber doch keine halbe Flasche allein austrinken, nicht wahr?« Das Mädchen schenkte mit geübter Hand ein und räumte die Teetassen ab. »Also, Prosit, Markus! Willkommen in deinem zweiten Elternhause!« Sie trank das Glas bis auf die Neige, ohne abzusetzen, und schenkte sich nochmals ein. Markus nippte nur. »Ich habe so viel Unangenehmes, so viel Widriges durchzumachen gehabt, Markus – du glaubst es nicht. Meine Leute wollen absolut nicht begreifen, daß ich elend werde, wenn ich keine Anregung von außen habe. Du kennst doch meine Mutter? Sie hat meinen Mann förmlich gegen mich aufgehetzt! Wie einem kleinen Mädchen wurde mir alles vorgeschrieben. Solange ich krank war – gut, aber auf die Dauer ist die Bevormundung unerträglich – das begreifst du doch?! Ich bin ganz gesund und weiß, was mir zuträglich ist! Ich habe jahrelang Qualen ausgestanden, mich jahrelang in eine freiwillige Sklaverei begeben ... eine fürchterliche Sklaverei ... aber ich erzähle dir da lauter Zeugs, das du nicht begreifen kannst!« Er antwortete gepreßt: »Doch, Tante Irene ...« »Deinem Freunde Enzlehn verdanke ich eigentlich meine innere Befreiung. Merkwürdig, was ein paar Jahre machen – du fast noch ein Kind, und er so fertig in sich, so abgeschlossen.« Markus fühlte eine namenlose Peinlichkeit in sich aufsteigen. »Wir sind ein bißchen auseinandergekommen in letzter Zeit«, sagte er ausweichend. »Ja, ich weiß. Ich kann es verstehen. Du bist immerhin noch Schüler, er steht im Leben drin, mitten im Leben, wo es am stärksten pulsiert!« Sie lächelte verträumt. »Enzlehn erzählte mir, daß er dir seinen Kreis zugeführt hat.« Sie nickte hastig. »Ja, denke! Es sind prachtvolle Menschen! So richtige Kinder, mit allen Unarten des Kindes. Aber ich ziehe sie mir schon zurecht! Früher hatte ich immer mit fertigen Menschen zu tun, die unendlich hochmütig auf alles herabsahen, was an Erfahrung und Wissen nicht an sie heranreichte. Jetzt sind es junge Feuergeister, die sich in den Dienst einer neuen Kunst stellen und dankbar sind für Rat und Hilfe!« Markus legte seine Hand auf ihren Arm, da sie sich das dritte Glas einschenkte. Aber sie lachte. »Nein, Markus, das tut mir wohl, das belebt mich. Findest du nicht auch, daß ich frisch bin? So frisch, wie ich nie war? Und so kampflustig, Markus! Die Kunst und das Schöne kosten Geld ... viel Geld. Meine Mutter möchte mir den Brotkorb höher hängen. Du weißt, wie genau sie ist! Da liefere ich Schlachten, sag' ich dir ... Es lebe die Kunst, Markus!« Sie trank ihm nochmals zu. Dann schickte sie ihn in sein Zimmer, damit er sich ausruhe von der Reise. »Meinen Mann stehst du heute kaum mehr. Der ist in einer Sitzung, du weißt ja – Vereinssitzungen; auch Windmühlen, gegen die ich gekämpft habe!« Ihre Augen schwammen in feuchtem Glanz. Sie lachte ihn wieder leise an. Markus stürzte sich mit Feuereifer auf die Arbeit. Er hatte wirklich viel nachzuholen, und seit Dr. Labisch Leiter des Gymnasiums geworden, traten die exakten Wissenschaften mehr in den Vordergrund. Markus merkte sehr bald, daß der Geist, der jetzt regierte, ein weit nüchternerer war. Hingegen hatte die Disziplin merkwürdig nachgelassen. Kleine Insubordinationen in den unteren Klassen waren an der Tagesordnung. Es regnete Tadel und Strafen. Die schlaffe, gebeugte Gestalt des neuen Direktors stand im scharfen Gegensatz zu der bedeutenden, straffen Erscheinung des früheren Leiters. Dr. Labisch hatte nichts Imponierendes, nichts Zwingendes, und in der letzten Zeit zeigte er öfters ungewohnte Zerstreutheit. Etwas Zerfahrenes, Abwesendes war an ihm. Er schien wie ein Automat, der sich nur kraft eines aufgezogenen Mechanismus bewegt. Ein Zufall konnte seinen Gang beschleunigen oder auch völlig zum Stillstand bringen. – In den Vorderräumen von Dr. Labischs Wohnung ging es lärmend und hoch her. Im großen Salon waren die Möbel an die Wand gerückt, die Teppiche entfernt worden. Stundenlang wurden dort Proben abgehalten. Handwerker kamen, um das Maß für eine kleine Bühne abzunehmen, ein junger Maler breitete auf einem Tisch seine neuesten Entwürfe für eine moderne Gartendekoration aus, ein Zeichner von Baruch ließ einige Schauspielerinnen in charakteristischen Posen photographieren, um die neuen Kostüme den Linien ihrer Gestalt entsprechend zu entwerfen, zwei Hausmädchen servierten mit Delikatessen belegte Brötchen und deutschen Sekt. Frau Dr. Labisch schleifte den Saum ihrer Schleppe von einer Gruppe zur andern, mit glücklichen Augen und geröteten Wangen, während Enzlehns weiches, blondes Mädchengesicht mit dem spitzen, grausamen Rattenmund und dem spöttischen Lächeln in den Winkeln sich prüfend, krittelnd und sanktionierend über Bilder, Entwürfe und Zeichnungen neigte. Ab und zu gab es einen Streit. Bresch und Nülber lagen sich fast immer in den Haaren. Nülber sprach vom Standpunkt des Schauspielers und mokierte sich über Breschs Regieanordnungen. »Sie glauben wohl, der Doktor macht den Regisseur? Vielleicht verlangen Sie auch noch vom Schauspieler das Doktorat, nicht?« Kastanien, der Ästhet – er kokettierte jetzt oft krankhaft mit einer Nagelfeile, die er in der Westentasche bei sich trug – sagte immer nur phlegmatisch: »Aber Kinder, vertragt's euch!« Und Trebiner, der als Bearbeiter des Romans um sein Werk besorgt war, beschwor die Hausfrau mit Tränen in der Stimme, den Streit zu schlichten. Sie sprach dann zu ihnen wie zu unerzogenen Kindern mit koketter Mütterlichkeit: »Wenn ihr nicht brav seid, kriegt ihr eine schlechte Kritik!« Und Enzlehn warf mit seinem hohen, scharfen Tenor ein: »Gar keine Kritik gibt's! Und Sekt und Kaviar auch nicht!« Darauf herrschte wieder eine Zeitlang Frieden. Denn mehr noch als von Sekt und Kaviar waren alle von der Aussicht hypnotisiert, zum erstenmal in großen Aufgaben vor einen Teil der Berliner Presse zu treten. Frau Dr. Labisch wollte die Aufführung in ihrem Hause mit dem ganzen Glanze einer echten Premiere umgeben, und sie ließ sich von Enzlehn seit Wochen mit allen Schlagworten bekannt machen, deren Anwendung ihr doch wenigstens die Aufmerksamkeit der dritten Preßgarnitur zusicherte. Zwei Tage vor dem bedeutsamen Abend schneite Frau Gröhlke unvermutet in Markus' Zimmer. Sie hatte in der letzten Zeit wieder öfters den Weg über die Hintertreppe genommen, wenn sie unangemeldet mit dem Schwiegersohn zu sprechen hatte. Diesmal war ihr Gesicht zorngerötet, und ohne viele Umstände warf sie den teuren, wenn auch unmodernen Mantel über die Stuhllehne. »Kannste in dem Hexensabbat ooch lernen, Markus?« Markus hob seine Augen, die eine leichte Kurzsichtigkeit verrieten, vom Euklid. »Ja... Großmamachen, ganz gut.« Manchmal nannte er sie schmeichelnd so, wenn sie ihm gar zu vereinsamt dünkte. »Na, denn is man jut. Ick bin eijentlich zu meinem Schwiejersohn jekommen, aber der arme Mann wird wol ooch lieber in de Kneipe sitzen als wie hier.« Markus wich ihrem entrüsteten Augenaufschlag aus. »Soll ich was ausrichten?« »Kannste, mein Junge, kannste. De Hypothek, sag' ihm, hab'n wir jekriegt. Er soll sich det Jeld bei uns abholen, was er braucht.« »Jawohl«, nickte Markus. »Heute um sechse holt sich's der Vater ab. Aber nu is ooch Schluß, verstehste. Schluß!« Frau Gröhlte fuhr sich mit dem Taschentuch über das erregte Gesicht. »Zwanzigtausend! Markuschen, wat glaubste, wie viele Brötchen und Kuchen dafor jebacken werden müssen? Det janze Leben hat Vater jeschuftet, keene Nacht schlafen können wie andere Menschen. Soll er wieder anfangen auf seine alten Dage? Bloß damit sich det Jrienzeug da an Sekt vollsauft? Und ick sage dir, Markuschen, wenn det nich balde anders wird – ick lasse ihr unter Kuratell stellen! Jawoll, ick, die Mutter!« Sie fing an zu weinen, während Markus in peinlichster Verlegenheit vor ihr stand. »Det is nu wieder nich fein, det ick det so vor dir sage. Aber dem eigenen Sohn kann ick's doch noch ville weniger...« »Nein, nein... Großmamachen.« »Wat macht se denn, Markus, wenn se uns aufjefressen hat? Du mußt ja 'n Millionär sein, um det auf die Dauer auszuhalten! Weeßte, wat det Fest kostet? Fünftausend Märker! Da hab' ick noch auf de Hofpred'jern jeschimpft, det se ihr zu Ausjaben verfiehrt. Wär' se man bei de Hofpred'jern jeblieben...! Und mein Schwiegersohn, der jetraut sich ja nich ›piep‹ zu sagen, bis se ihm werden det Haus überm Kopp verkaufen, und de Möbel aus'm Hause tragen. Aber det sage ick dir, Markus, wat dem Kurt sein Teil is, det jeb' ick nich her, und wenn se mir in Sticke reißen, und wenn ick mir von meinem Ollen lossagen soll – det tu ick nich!« Das Mädchen klopfte an. »Gnädige Frau lassen fragen, ob Herr Markus den Tee mit den Herrschaften im Salon trinken werden?« »Nein, hier,« sagte Markus hastig. Frau Gröhlke erhob sich. Markus half ihr in den Mantel. »Nischt für unjut, Markuschen. Ick bin 'ne olle Frau, und vornehm bin ick nie jewesen. Da kommt det Ordinäre manchetmal so raus.« Sie versuchte zu lächeln und berührte mit den schwarzbehandschuhten Fingerspitzen Markus' Wange. »Ach wo, Großmamachen, machen Sie sich deshalb keine Gedanken! Ist das Fest, auf das sich Tante Irene so freut, vorüber, dann spreche ich auch mal mit ihr.« »Tu det man, Markuschen, du bist 'n verständiger Junge!« Erleichtert und etwas beruhigt ging die alte Frau den Gang entlang zur Hintertreppe. Aus dem Speisezimmer hörte man Gläserklingen und lautes Lachen. In den nächstfolgenden Tagen sah Markus Frau Dr. Labisch fast gar nicht. Kaum, daß sie zu den Mahlzeiten auf ein Viertelstündchen erschien. Sie war immer in der Stadt, machte Besorgungen oder traf die Vorbereitungen zu den Proben. Eine starke, glückliche Erregtheit lag in ihren Zügen, eine fast krankhafte Lebhaftigkeit in ihren Bewegungen. Für Markus hatte sie nur ab und zu ein freundliches, sehr zerstreutes Lächeln, und fast war es, als vermiede sie, mit ihm längere Zeit allein zu bleiben. Enzlehn kam täglich, meist eine Stunde vor der angesetzten Probe. Bei gelegentlichen Begegnungen grüßte er Markus mit einem ganz unpersönlichen »Servus« und beachtete ihn weiter nicht. Die Generalprobe, zu der etwa zwanzig Einladungen ergangen waren, gestaltete sich zu einem kleinen Vorfest. Das große Schrankzimmer war zur Schauspielergarderobe umgewandelt worden, während die Damen sich in Frau Dr. Labischs Ankleideraum kostümierten. Seit dem frühen Morgen war alles in Bewegung. Frau Dr. Labisch hatte ihren Mann und Markus gebeten, im Restaurant zu speisen. Und so saßen beide an einem Fenstertisch bei Steinert und Hansen, mit dem Ausblick auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, vor deren Seitenportal eine lange Reihe Hochzeitsequipagen vorfuhr. »Morgen sind es vierundzwanzig Jahre, daß wir verheiratet sind«, sagte Dr. Labisch. »Es ist das erstemal, daß meine Schwiegereltern den Tag nicht mit uns verbringen. Aber sie sind alt geworden und fürchten den Trubel!« »Schade, Onkel, daß sie heute nicht kommen!« Dr. Labisch lächelte matt. »Heute ist der Tag der Auserwählten, da sind sogar wir kaum geduldet!« Tiefe Glockentöne schallten ehern über die entlaubten Bäume, die ein rauher Novemberwind hin- und herrüttelte. »Vierundzwanzig Jahre«, wiederholte Dr. Labisch und hob sein Glas, als trinke er der Vergangenheit. »Du, das ist eine Spanne Zeit, Markus! Noch ein Jahr, und wir feiern die silberne Hochzeit!« Der feurige Johannisberger stieg ihm zu Kopf, und er lachte leise vor sich hin. Dr. Labisch ging dann noch ins Café, während Markus den Weg nach Hause einschlug. Aber es war ihm unmöglich, zu arbeiten. Enzlehn stürzte in sein Zimmer: »Hör' mal, heute mußt du mithelfen! Die Dekorationen werden gerade aufgestellt, da brauchen wir noch ein paar Hände!« Markus begab sich mit in den großen Salon, der durch die übereck errichtete Bühne so verändert aussah, daß er ihn kaum wiedererkannte. Frau Dr. Labisch, In einem fußfreien, englischen Rock, dirigierte eine Schar von jungen Schauspielern, Handwerkern und dienstbaren Geistern. Die Entreeglocke, das Telephon machten sie ganz verrückt. »Kinder, seht nach... nehmt die Kartons nur ab... bezahlen? ... ja. wieviel? Ich schicke. Muß gleich sein? Markus, hol' hundert Mark aus meinem Sekretär... Karli... Herr von Enzlehn, legen Sie zu, was fehlt – wir rechnen dann ab. Ist die Kochfrau da? ... wer... wer klingelt? ... Der Friseur? Ja, er soll sich für den ganzen Abend frei halten! Karli, wie heißt das Zeug, das er mitbringen soll? Bartwolle? Fräulein Hennings ist gekommen? Schön... Markus, bezahl' die Droschke!« Sie war schon ganz heiser. Schließlich warf sie sich in einen Sessel und ließ sich ein Glas Sekt bringen. »Wer hält mit?« »Ich... ich... ich...«, riefen die jungen Leute, die in Hemdsärmeln auf der Bühne, unterstützt von den Handwerkern, arbeiteten. Alle Gesichter glühten vor Arbeitslust und Erregung, sogar Bresch und Nülber tranken einander freundschaftlich zu. Abends, während der Generalprobe, saß Markus auf einem kleinen Hocker in der Ecke des Salons und wartete auf den Augenblick, da der rote Vorhang sich teilen würde. Er war müde von dem ungewohnten Lärm des Tages, ein bißchen angewidert von dem Ton, der lauten, manierlosen Art, die seinem ganzen Wesen widersprach. Dann waren die Gäste gekommen, und er hatte an der Seite von Dr. Labisch empfangen müssen, da Irene noch nicht mit der Toilette fertig war. Es war wirklich nicht die mindeste Erwartung eines künstlerischen Genusses in ihm. Und dann ging der Vorhang auf. Das leise Plaudern der Gäste, das Knistern der Seidenroben und Klappern der Fächer verstummte. Ein höfliches, abwartendes Schweigen. Markus lauschte mit verhaltenem Atem. Aber nicht sein Gehör allein, seine Augen, all seine Sinne waren gefangen, wie ein altes Kinderlied, so schmerzlich-süß durchzog es seine Seele, in innig-vertrauten Klängen, und doch so neu – einer Offenbarung gleich. Große Tränen standen ihm in den Augen, und in ihm jubelte und schluchzte es, als hätten auf einmal all seine Phantasten, als hätte all sein dunkles Sehnen sich erfüllt. Er hörte wieder das Rauschen des Meeres in den Klippen und darüber hinweg das Rauschen seiner eigenen flammenden, sehnenden Seele. Der Vorhang zog sich zusammen. Bleich und zitternd stand Markus dann vor Enzlehn: »Du hast dein Wort gehalten, Karli!« »Welches Wort?« fragte Enzlehn zerstreut, während er seine Perücke abnahm und sich mit einem Taschentuch über den Kopf fuhr. »Dein Wort, mich einzuführen in eine Welt der Stimmung und Schönheit... Es war wundervoll, Karli, wundervoll!« »Tja... so...?« Dr. Bresch trat schwitzend und keuchend näher. »Sie, was glauben Sie, haben die da draußen den Zimt 'runtergewürgt?« Enzlehn lachte sein meckerndes, ironisches Lachen. »Na, 'runtergewürgt haben sie's, aber wie sie's verdauen werden?!« Trebiner kam angelaufen. »Kinder, ein veritabler Reporter is da!« »Wird er schreiben?« riefen Enzlehn und Bresch wie aus einem Munde. »Ja... natürlich. Unter der Spitzmarke: »Die Morgenröte einer neuen Kunst.« Kastanien diktiert ihm!« »Er soll meinen Namen richtig schreiben: e – h – n. So, Kinder, nu aber 'raus aus den Fetzen! Morgen is auch noch 'n Tag, und der Tag, auf den's ankommt! Gibt's bald zu essen?« Die Perücke in einer Hand, mit der andern die Bartwolle zupfend, stieg Enzlehn von der Bühne herab. Markus stürzte in sein Zimmer. Er mußte allein sein. In ihm war ein Singen und klingen – die Nüchternheit der Außenwelt aber schlug mit Keulenschlägen alles nieder. Er mußte zur Ruhe kommen. Die Tür zu seinem Arbeitszimmer stand halb offen; statt des Gases brannte nur die mit grünem Schirm verhängte Lampe auf seinem Schreibtisch, wie es üblich war, wenn er arbeitete. »Morgen um zwölf bei dir«, hörte er eine flüsternde Stimme. Und wie er näher kam, sah er Enzlehn tief herabgebeugt auf Frau Dr. Labischs entblößten Arm. Er war noch im Kostüm, mit der Perücke in der Hand. Frau Dr. Labisch stand mit dem Rücken zu Markus, ganz nahe der Tür. Weder sie noch Enzlehn hatten Markus' Nahen bemerkt. Und so entfernte er sich wieder, unbemerkt, an allen Gliedern bebend, totenbleich, indem er sich wie ein Trunkener an der Korridorwand hintastete. »Wo ist meine Frau?« fragte Dr. Labisch im Speisezimmer. – »Es wird Zeit zum Souper... Junge, du bist grün im Gesicht – hat dich das Stück so angegriffen?« »Tante Irene ist... sie ist bei den Damen. Es wird wohl gleich serviert werden!« stotterte Markus, und gleich darauf trat auch Frau Dr. Labisch ein, mit glänzenden Augen und ihrem reizenden Lächeln in dem schon etwas welken Gesicht. Sie streifte sich einen herabgeglittenen Handschuh hoch. »Noch zehn Minuten. Die Herrschaften müssen sich erst umziehen. Na, Markus, war's nicht herrlich?« Aber ohne eine Antwort abzuwarten, begab sie sich in die Salons vorne, wo sie mit lautem Händeklatschen wie eine Diva empfangen wurde. Markus verbrachte eine schlaflose Nacht. Tausend unsinnige Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Bald wollte er Kurt telegraphieren: »Komme sofort hierher!«, bald wollte er sich Tante Irene zu Füßen werfen und sie beschwören, nicht zu Enzlehn zu gehen. Dann wieder nahm er sich vor, morgen nicht von ihrer Seite zu weichen. Es war ja Sonntag, und er war frei. Schließlich verwarf er alles als unausführbar und vergeblich. Und ihm blieb nur ein Gefühl: der leise Wunsch, daß weder Dr. Labisch noch Kurt je erfahren möchten, was ein Zufall ihm offenbart hatte. Zum zweiten Male, aber mit größerem Recht als damals, fühlte er sich als der Hüter eines schweren Geheimnisses. Und mit dem Bewußtsein der Schwere des Vergehens stieg in ihm ein Gefühl des Grauens auf vor dem Weibe, ein Gefühl des Grauens vor dem, was Menschen – Liebe nennen. Der nächstfolgende Abend, der als eigentliche Premiere die Wiederholung des Stückes brachte, war ein Triumph für »die Morgenröte einer neuen Kunst«, wie das Schlagwort nun einmal hieß. Nülber hatte einen großen schauspielerischen Erfolg; bei Enzlehn frappierte die eigentümliche Art, Verse zu sprechen, die kleine Hennings wurde als »starkes Talent« etikettiert und Dr. Breschs Regietätigkeit als Offenbarung gepriesen. Jemand sagte zu Frau Dr. Labisch: »Sie schenken Berlin neue Künstler und eine neue Kunst!« Und Professor Ramin, der hinzukam, küßte ihr die Hand und fuhr fort: »Heute zum ersten Male habe ich empfunden, daß die reproduzierende Kunst sich in einzelnen Momenten beinahe zur selbstschöpferischen erheben kann.« Frau Dr. Labisch ließ ihre leuchtenden Augen mit einem Ausdruck hochmütigster Siegesfreude auf Professor Ramins kühlem, klugem Gesicht ruhen. »Es ist schade, Herr Professor, daß wir so spät, zu spät zu einer Verständigung kommen«, sagte sie leise und scharf. »Wenn ich Sie nicht zu verstehen schien, gnädige Frau, so lag es nur daran, daß meine Verehrung für Sie größer war, als meine – Eitelkeit«, gab er ebenso zurück. Und da sie erblaßte bei seinen Worten, fügte er mit der ihm eigenen Ritterlichkeit hinzu: »Seien Sie gnädig mit mir. Der heutige Abend, der einen Triumph für Sie bedeutet, macht es Ihnen ja so leicht, großmütig zu sein!« Er verneigte sich tief, und sie sah ihm nach, wie er mit seiner hohen, gestreckten Gestalt beinahe alle überragend, in feinen und klugen Worten zusammenfaßte, was jeder einzelne stark, aber verworren empfand. Beim Souper saßen Frau Dr. Labisch und ihr Mann einander an den Schmalenden der langen Haupttafel gegenüber, und an den Breitseiten Professor Ramin und Enzlehn. Markus hatte noch im Speisezimmer, aber an einem der kleinen Tische, mit anderen jungen Leuten Platz gefunden und konnte bequem die ganze Tafel übersehen. Nie war ihm Tante Irene so schön erschienen wie heute. Das stark Gekünstelte, womit sie der Natur zu Hilfe kam, verlor sich bei dem welchen Licht der schirmbeschatteten Kerzen. Ihre überschlanke Gestalt war merklich voller geworden, und ihr ganzes Wesen schien von dem Bewußtsein ihres Erfolges und ihrer Anmut getragen. Beim Fasan erhob sich der Konrektor des Gymnasiums, der zu den Gästen gehörte, und holte zu einer langen Rede aus, die vor allem dem Hochzeitstage des Gastgebers galt. Frau Dr. Labisch, die wohl gern auf den Hymnus ihrer ehelichen Tugenden verzichtet hätte, die »durch vierundzwanzig Jahre« – der Konrektor hatte die Geschmacklosigkeit, die Jahreszahl anzugeben – »das Heim ihres Gatten verschönten«, zuckte nervös mit den Brauen, während Dr. Labisch mit offenem Munde zuhörte und durch gerührtes Nicken immer wieder seine Zustimmung äußerte. Professor Ramin behielt während der ganzen Dauer der Rede eine undurchdringliche Maske, während Enzlehn mit wie eingefrorenem, hochmütigem Lächeln dasaß. Dann ging Dr. Labisch auf seine Frau zu und drückte ihr, ehe sie sich's versah, einen Kuß mitten auf die Lippen. Er war so gerührt, daß er nichts Unschickliches in seinem Benehmen fand und in diesem Kuß nur eine demonstrative Bekräftigung all der schönen Worte sah. Aber sie wandte sich verlegen und etwas ärgerlich den andern zu, stieß mit Ramin und Enzlehn an und merkte es gar nicht, daß Markus ihr fern blieb und nur kräftig an Dr. Labischs Glas schlug. »Du hältst ja das Glas falsch, es klingt nicht,« lachte Dr. Labisch. Und Markus lachte ziemlich blöde mit und sah noch, wie Professor Ramin und Enzlehn beim Niedersetzen über den Tisch hinweg einander förmlich und kalt zutranken... – – Nach diesem bedeutungsvollen Abend wurde es verhältnismäßig still bei Labischs. Die »Clique«, wie Enzlehn seine Gruppe nannte, verkehrte nach wie vor in dem gastlichen Hause, aber das eigentliche Operationsfeld ward nach außen verlegt. Die Vorstellung sollte später öffentlich wiederholt werden. Frau Dr. Labisch hatte das dazu erforderliche Geld ohne viel Überlegung zugesagt. Markus hörte einmal einen heftigen Auftritt in Dr. Labischs Arbeitszimmer. Frau Gröhlkes Stimme klang scharf und keifend, wie die eines Marktweibes. »Uffs faule Stroh laß, ick mir von dir nich hinlejen, verstehste«!« Dann kam der polternde Baß Gröhlkes: »Sachte, Mutter, sachte. Aber wahrhaftjen Gott, Jreneken, det jeht nich so weiter. wat machste denn bloß mit det ville Jeld?« »Unter Kuratel, unter Kuratel!« schrie Frau Gröhlte. »Det verlang' ick von dir, Georch!« Frau Dr. Labisch trat aus dem Zimmer mit krankhaft gelöteten Wangen und riß die goldene Kette mitten durch, die sich um ihren Hals schlang. »Du hast gehorcht!« fuhr sie Markus an. »Aber Tante Irene! Ich wollte gerade an die Luft und habe meinen Mantel genommen!« Er sprach ohne Erregung, wie zu einem kranken Kinde. Sie zuckte die Achseln und wendete ihm den Rücken. Später rief sie ihn ins Zimmer und sagte: »Du... Markus... du könntest mir einen Gefallen tun.« »Bitte – « »Ich habe Enzlehn ein paar Tage nicht gesehn. Vielleicht suchst du ihn im Café auf. Ich habe dringend geschäftlich mit ihm zu sprechen... dringend!« Markus beugte sich über seine Bücher: »Ich kann nicht, Tante Irene, wirklich, ich kann nicht... ich habe so viel zu tun.« »Du nimmst ein Auto. In einer halben Stunde kannst du wieder zurück sein...« »Nein, Tante Irene... ich kann nicht!« Mit heftig zitternder Hand tauchte er die Feder in die Tinte und setzte sich an die Arbeit. »Warum kannst du nicht, Markus? – Du willst nicht?!« Heiser kamen die Worte von ihren Lippen, und ihre Augen flackerten unheimlich auf. Markus machte aufs Geratewohl ein paar Striche in sein Heft. Er antwortete nicht. »Du willst nicht?« wiederholte sie beinahe drohend. Er zog die Mundwinkel ein. »Nein, Tante Irene, ich will nicht,« sagte er kaum hörbar. Ein lautes klirren wie von zerbrochenem Glas, das Aufschlagen des Silbertablettes auf den Boden. »Das ist abscheulich, das ist niederträchtig!« Und krachend flog die Tür ins Schloß. Es bedurfte einiger Minuten, ehe Markus sich von dem lähmenden Entsetzen erholt hatte. Das ganze Zimmer drehte sich vor seinen Augen. »Um Gottes willen,« flüsterte er leise. »Um Gottes willen...!« Endlich hob er das Tablett auf und läutete dem Mädchen: »Ach, bitte, Anna, fegen Sie das zusammen und wischen Sie auf – ich war so ungeschickt.« Das Mädchen wollte etwas antworten; aber da sie Markus' geisterhaft bleiches Gesicht sah, unterdrückte sie die Antwort, unterdrückte sogar das Lächeln... Frau Dr. Labisch blieb einige Tage in ihrem Zimmer. Dann erschien sie eines Mittags wieder wie immer bei Tisch, mit verquollenem Gesicht, grauen Wangen. Dr. Labisch sah sie bekümmert an. »Leidest du noch?« fragte er sie. »Ich? Nein... warum?« Sie antwortete scharf und abweisend. – – Einige Wochen darauf wurde ein Stück gegeben, in dem Enzlehn zum ersten Male eine größere Rolle spielte. »Ich würde dich mitnehmen. Markus, willst du?« Markus sah unschlüssig auf Dr. Labisch. »Ja, mein Junge. Geh nur. Einmal ist keinmal. Du bist fleißig genug.« »Möchtest du nicht lieber gehen, Onkel?« »Meiner Frau bin ich nicht modern genug«, lachte er gutmütig. »Da will ich ihr den Genuß nicht verderben.« »Also du kommst?« fragte Frau Dr. Labisch, ohne Markus anzusehen. »Wenn du erlaubst...« Sie saßen in einer Proszeniumsloge. Es waren viele Bekannte im Theater, und Frau Dr. Labisch grüßte nach allen Seiten wie eine Königin. Im Parkett saß verteilt der Stammtisch des Café Monopol. Sie machte jedem einzelnen ein Zeichen, später zu ihr in die Loge zu kommen. »Dr. Bresch sieht ja geradezu elegant aus«, flüsterte sie Markus lachend zu. »Was sagst du zu seinem modernen Kragen?« Nach Schluß der Vorstellung stand sie in ihrem kostbaren Theatermantel, auf Markus' Arm gestützt, umgeben von ihrer »Garde«, wie sie sagte, und wartete auf Enzlehn. Er ließ auffallend lange auf sich warten. »Willst du nicht lieber nach Hause, Tante Irene?« fragte Markus, der wie auf Nadeln dastand. »Nein, Markus, wir müssen deinem Freunde doch gratulieren, und dann wollen wir noch ein bißchen zusammen sein.« Enzlehn biß sich auf die Lippe, als er die Gruppe erblickte. Er hatte gehofft, mit der »Clique« spurlos zu verduften. »Sie haben auf mich gewartet? Zu liebenswürdig, gnädige Frau! Waren Sie zufrieden mit mir? Ja? Das macht mich glücklich. Darf ich Sie zum Wagen geleiten?« »Nein, lieber Freund, wir müssen den heutigen Abend zusammen feiern! Aber wo?« »Kempinski«, schlug Nülber vor, dessen höchstes Ideal die elegant servierten Fünfundachtzigpfennig-Gerichte waren. Frau Dr. Labisch lachte. »Nein, Hiller. Zwei Autos!« warf sie dem Portier hin. »Ich fahre mit Herrn von Enzlehn voraus, Markus, du folgst mit den Herren, nicht wahr?!« Als Markus mit den anderen eintraf, wies man sie in den kleinen roten Salon, wie es schien, war alles schon vorbereitet; denn auf dem seinen Damast waren rote Nelken ausgestreut, und auf dem Serviertisch standen verschiedene Marken Wein, deren Zusammenstellung eine sorgfältige Auswahl verriet. »Nun, meine Herren, wie finden Sie die kleine Überraschung?« Sie sagte es mit gezwungener Fröhlichkeit und nahm am oberen Ende des Tisches Platz. »Du hast eben Kultur in den wilden Westen hineingetragen, Tante Irene,« antwortete Markus mit ausweichendem Blick. Sie fuhr ihm mit dem Fächer leicht übers Gesicht: »Bist du wieder mein kleiner Markus?« Enzlehn sah verkniffen aus. In seiner zartfarbigen Krawatte steckte eine schwarze Perle, die Markus zum erstenmal an ihm bemerkte. »Jetzt ist der Stamm des Baumes vom Garten der Erkenntnis beisammen«, rief Kastanien und legte schmunzelnd die Serviette auseinander. Sein Gaumen war im Gegensatz zu seiner äußeren Person ziemlich kultiviert. »Nur die Hennings fehlt«, meinte Trebiner. »Ich werd sie holen, wenn gnädige Frau erlauben«, schlug Nülber vor, sprang auf und stülpte seinen Kalabreser auf. »Die Vorstellung im ›Deutschen‹ ist kaum zu Ende!« »Nehmen Sie ein Auto, Nülber! Der Portier soll auslegen«, rief Frau Dr. Labisch ihm nach. Und eine Viertelstunde später brachte Nülber auch die kleine Hennings. Man machte großen Lärm, es wurde sehr laut gesprochen, sehr geräuschvoll gelacht. Aber die rechte Stimmung wollte nicht aufkommen. Enzlehn behielt sein verkniffenes Gesicht. Frau Dr. Labisch übertünchte eine heftige innere Unruhe durch überlautes und überhäufiges Lachen, und Markus war sehr bedrückt. Nach dem Souper verlangte Frau Dr. Labisch, ins Café Victoria geführt zu werden. »In der auffallenden Toilette?« fragte Enzlehn mißbilligend. »Ach, was macht das? Ich habe ja Beschützer genug!« Sie gab Enzlehn einen leichten Nasenstüber und reichte dann Markus ihre Börse über den Tisch. »Bezahl' draußen, während wir uns fertig machen!« Enzlehn stürzte ihm nach. »Du siehst ja wütend aus«, sagte Markus, während der Kellner einen der Hundertmarkscheine wechseln ging. »Wie eine Klette ist sie«, stieß Enzlehn hervor. »In der Früh' ist sie in meiner Wohnung, nachmittags im Café. Wohin ich gehe – wo ich stehe – sie ist da! Sie sollte doch wenigstens den Geschmack haben, sich mir nur am Abend zu zeigen – das Tageslicht ist ihr wahrhaftig nicht mehr zuträglich!« »Ich begreife nicht... ich begreife nicht«, stammelte Markus. »Du begreifst nie was, du! Also – ich lasse mich nicht von ihr kompromittieren – verstehst du! Ich hab's satt. Ich bin im Begriff Karriere zu machen, ich muß an meine Zukunft denken... ich will dieses Anhängsel nicht immerfort herumschleppen, ich will nicht!!« Seine kalten grauen Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut. Seine Selbstbeherrschung schien zu Ende. Er zitterte am ganzen, schmächtigen Körper. »Weißt du, was mir gestern einer bei der Probe zurief? ›Du, deine Alte soll ja unter Kuratel gestellt werden!‹« Der Ober kehrte zurück mit der Rechnung und dem Gelde unter der Serviette. »Bitte, Herr...« Markus winkte dem Ober mechanisch ab. »Sag' ihr's doch... sag' ihr's schonend...« »Schonend?! Brutal hab' ich ihr's gesagt! Brutal, wie man es einer Dirne zuschreit«, zischte Enzlehn. »Sie hat mir ein Papiermesser ins Gesicht geworfen und hat mir ihre Geschenke vorgeschmissen!« »Karli, ich bitte dich, hör' auf. Ich bitte dich...« Markus hielt sich kaum aufrecht. Er lehnte an der Wand des bereits halbverdunkelten, leeren Vordersalons und fuhr sich mit dem Daumen zwischen Hals und Kragen, als fürchte er zu ersticken. Enzlehn umklammerte mit seinen grauweißen, hageren Händen die Lehne eines Stuhles. »Und ich sage dir, Markus, wenn sie mich nicht zufrieden läßt, ich bin imstande und schreibe selbst ihrem Mann einen anonymen Brief...« Markus faßte Enzlehn beim Handgelenk und riß ihn ganz nahe an sich heran. Jetzt war er ganz ruhig. Nur seine Augen bohrten sich messerscharf in Enzlehns fahles Gesicht: »An demselben Tage, wo du das tust, gehe ich in den nächsten Laden, kaufe eine Hundepeitsche und schlage dir damit übers Gesicht. So, Karli, hast du mich nun verstanden?« »Laß meine Hand los«! Was sind das für Witze...« »Hast du mich verstanden?« wiederholte Markus, jede Silbe scharf betonend. »Zum Kuckuck – ja!« Markus ließ Enzlehns Hand fahren. »Mußt du denn alles gleich wörtlich nehmen?« Aber das ironische, überlegene Lächeln, das diese Worte begleiten sollte, mißlang ihm, und er wendete sich ab, um sich mit dem Taschentuch die naßkalte Stirn zu trocknen. »Nun, meine Herrschaften, wir warten,« ließ sich Frau Dr. Labisch vernehmen. Sie hing sich in Enzlehns Arm ein, der steif herabfiel, und trieb zur Eile an: »Avanti, meine Herrschaften, avanti – – « Einige Minuten darauf hielt sie ihren Einzug ins Café. »Was hat dir Enzlehn gesagt?« fragte Frau Dr. Labisch, als sie später an Markus' Seite durch die tote dunkle Stadt sauste. »Nichts, Tante Irene,« antwortete er ausweichend. Der Klang seiner Stimme war so beschwörend, daß sie abließ. Sie drückte sich in die Wagenecke, zog ihr kleines, duftendes Spitzentüchelchen vorsichtig aus dem goldgestickten Täschchen und weinte still und ganz leise vor sich hin. Markus aber starrte durch die Scheiben hinaus in die Nacht und dachte daran, wie anders es doch war, als noch Doktor Ramin das Gefühlsleben dieser Frau beherrschte – wie anders sie da selbst war – – Markus vergrub sich in seine Arbeit. Nur vier Wochen noch trennten ihn vom Beginn der Prüfungen. Ein ihm bisher fremdes Angstgefühl beschlich ihn, wenn er daran dachte; eine innere Nervosität, der er nicht Herr werden konnte. Es gab Augenblicke, da ihm diese Prüfung als unübersteigbare Klippe erschien, wo alle seine Gedanken sich verwirrten, wenn er sich lebhaft in die Lage des Eraminanden versetzte. Und doch war er ein guter Schüler, mit »persönlicher Auffassung«, wie Dr. Ramin früher zu sagen pflegte. Aber jetzt wurde weniger »persönliche Auffassung«, als gutes Gedächtnis verlangt. Nicht Intelligenz, sondern das Wissen von Tatsachen wurde bewertet. In einer schlaflosen Nacht schrieb er Kurt einen längeren Brief. »Kann ich für mein Gedächtnis garantieren? Der Gedanke an das Abitur vergällt mir jede Stunde des Tages. Ich erinnere mich nicht, daß Du je diese ›bleiche Furcht‹ gekannt hättest! Ulkend gingst Du zur Schule, und beinahe ist mir, als wärest Du an den Tagen der mündlichen Prüfungen besser aufgelegt gewesen, als an gewöhnlichen Tagen!« »Nervenfrage«, schrieb Kurt zurück. »Enzlehn war gewiß ein fauler Hund, aber mit guten Nerven wäre auch er durchgeschlüpft. Mir übrigens machen Kampf und Gefahr nur Spaß. Der Examinator ist mein ganz persönlicher Gegner, mit dem ich mich messe, und den ich, wenn es irgend geht, düpiere. Mit guten Nerven und einer Portion Frechheit kommst Du durch dick und dünn. Auf Frechheit ist man bei Prüfungen am wenigsten gefaßt. Habe Deine Züge in der Gewalt, verrate nicht die leiseste Unsicherheit. Sieh ruhig und gelangweilt drein, wenn sich Dir auch Deine Haare vor Entsetzen über Deine Unwissenheit sträuben. Nichts reizt nämlich mehr zur Niederträchtigkeit, als so ein armes, gequältes, schlotterndes Wurm. Der in jedem Machthaber steckende Sadismus feiert dann geradezu Orgien!« Wenn es eine Nervenfrage war, dann hatte Markus allen Grund, doppelt ängstlich zu sein. Seine Nerven waren durch die Ereignisse der letzten Zeit sehr mitgenommen. Und jeder Tag brachte neue Aufregungen. So die erste klage, die ins Haus geschneit kam: »Blumenhändler Kollert gegen Frau Dr. Labisch.« Frau Dr. Labisch fing sie noch rechtzeitig auf, um sie vor den Augen ihres Mannes zu verbergen. Aber bald kamen noch andere. Ein Möbelgeschäft in der Potsdamer Straße Klagte auf Innehaltung der Ratenzahlungen von hundert Mark monatlich für gelieferte Möbel. Diese Zustellung kam, während man bei Tisch saß. »Was ist das?« fragte Dr. Labisch und nahm dem Mädchen, ehe seine Frau dazwischengreifen konnte, das Papier aus bei Hand. »Was sind das für Möbel, Irene?« fragte er kopfschüttelnd. Sie verfärbte sich erst, dann antwortete sie: »Die Schlafzimmermöbel in deinem Zimmer, du weißt doch.« »Du sagtest mir – wir hätten Möbel genug. Ich wollte doch nichts Neues kaufen!« »Ja, ja... aber das war dann alles so kaputt, ich habe doch lieber was Neues dazugenommen.« Dr. Labisch schüttelte noch immer den Kopf. »Hundert Mark monatlich? Seltsam, wir haben doch sonst nie etwas auf Abzahlung genommen. Wie hoch ist denn die Summe?« Sie fuhr mit den Händen durch das Haar. »Die ganze Summe... ich weiß nicht genau... ich werde nachsehen... ich... Herrgott, was ist denn das für eine Inquisition?« »Ich meine, es wäre Zeit, unsinniger Verschwendung Einhalt zu tun«, sagte Dr. Labisch, und zwei rote Flecke traten auf seine gelben Wangen. Es war die erste Auseinandersetzung, der Markus beiwohnte. Seine Hände wurden ihm eiskalt. Er wußte nicht, wo er hinsehen sollte. Dr. Labisch putzte seine Augengläser, wie immer in Augenblicken großer Erregung. »Ich muß dir sagen, liebe Irene, daß wir die Eltern nicht mehr in Anspruch nehmen dürfen, wir müssen uns etwas einrichten wir sind immerhin keine Millionäre; und selbst Millionäre – « er streifte Markus mit dem Blick – »müssen in ihren Einnahmen und Ausgaben das Gleichgewicht halten. Du hast mich doch verstanden, liebe Irene?« Er stand auf und küßte sie auf die Stirn. So entschieden hatte er wohl noch nie mit seiner Frau gesprochen. »Sieh also dann nach, was die Rechnung bei dem Möbelhändler macht. Ich werde sie bezahlen.« Sie antwortete nicht. Markus erhob sich gleichfalls. »Mahlzeit, Tante Irene.« Dr. Labisch ging in sein Studierzimmer, wo er bei einer Zigarre erst die Zeitung vornahm und dann ein kleines Mittageschläfchen hielt. Sie blieb am Tisch sitzen und schenkte sich von dem Rotwein ein, der immer für sie auf dem Tisch stand. Markus blieb wie angewurzelt stehen. »Wollen wir nicht ein bißchen spazierengehen, Tante Irene?« schlug er vor. Sie nickte wie abwesend: »Ja, in einer Stunde.« Aber er drang in sie: »Nicht in einer Stunde. Gleich!« Er legte den Arm um sie und sprach herzlich auf sie ein. Sie schob ihn von sich, heftig, gereizt. »In einer Stunde, sag' ich – hörst du? Jetzt will ich schlafen.« Er atmete erleichtert auf, als sie sich erhob. »Geh doch nur,« sagte sie, lächelte ihm zu und stellte die Weinflasche ins Büffet. Und er lachte sie an und wiederholte: »In einer Stunde!« Jetzt, da die Flasche im Schrank stand, war er wieder ruhig. Als er an ihre Türe klopfte und aufmachen wollte, war die Tür verschlossen. Er klopfte nochmals und abermals. Dann hörte er das Rücken eines Stuhles, ein leises gläsernes Klirren, hastige Schritte, wieder Stuhlrücken, dann näherten sich die Schritte der Tür. Mit gerötetem Gesicht und aufgeschwollenen Lippen stand Frau Dr. Labisch vor ihm. Sie lächelte verlegen. »Siehst du, nun hätte ich wirklich beinahe verschlafen. Einen Augenblick. Gleich bin ich fertig!« Sie verschwand in ihrem Ankleidezimmer, und Markus blieb eine Weile allein in dem raffiniert ausgestatteten kleinen Salon, in dem früher die Whistpartien stattfanden und in dem jeder Gegenstand von liebevoller, kunstverständiger Wahl sprach. Dr. Ramin hatte manches seltene Stück selbst mit ausgewählt, wenn er Labischs zu den ihm bekannten Antiquitätenhändlern begleitete. Jetzt lag alles wie tot da. Die Sprache, die jeder einzelne Gegenstand gesprochen, war verstummt. Man sah dem Zimmer die liebeleeren Augen an, die auf ihm ruhten. »So, nun können wir gehen!« Die dicke Puderschicht ließ die Röte der geschwollenen Lippen nur noch mehr hervortreten, und ein mit unsicherer Hand geführter Stift unterstrich ungeschickt die dunklen Augen in dem schlaff werdenden Gesicht. »Was siehst du mich so an, Markus?« Er ertappte sich auf einem ähnlichen Gedanken, wie ihn Enzlehn ausgesprochen hatte: es war ihm peinlich, am Tage an ihrer Seite zu gehen. Auf der Straße verlangte sie seinen Arm, und er bemerkte, daß sie sich merkwürdig fest an ihn hielt, als wäre sie ihrer Schritte nicht sicher. Vor einem Juwelierladen in der Tauentzienstraße machte sie halt und bedeutete ihm, draußen zu bleiben. »Eine kleine Reparatur. Ich bin gleich wieder da.« Markus schritt mit gesenktem Kopf vor dem Laden auf und ab. Dabei stieß er mit einem Herrn zusammen, so heftig, daß dem andern der Stock vom Arm flog. »Sapperment, so geben Sie doch – ach du bist's, Markus?!« Enzlehn stand vor ihm, trotz der Unbeweglichkeitspose merklich befangen. Markus reichte ihm die Hand. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Narli.« »Du machst einem den Verkehr nicht gerade leicht,« sagte Enzlehn wieder in seiner alten spöttischen Art. »Was machst du übrigens hier?« »Ich warte auf Tante Irene, sie ist beim Juwelier nebenan.« »So – na, dann verdufte ich lieber!« »Ja, geh!« sagte Markus ernst. »Es ist besser.« »Du... Du wirst mich damals mißverstanden haben, Markus«, hub Enzlehn wieder an. »Total mißverstanden!« »Um so besser, Karli!« »Tja... das muß ich dir sagen, damit die Beziehungen zwischen uns ungetrübt bleiben. Ich versichere dich, daß ich mich durchaus korrekt benehme, durchaus. Ich muß es auch, da ich bald so exponiert dastehe...« »Wieso, Larli?« »Ich übernehme wahrscheinlich von nächster Saison ab ein kleines, ich sage gleich, ein winzig kleines Theater hier, wo ich meine künstlerischen Ideen realisieren werde. Das Geld ist zum größten Teil zusammen. Trebiner hat wieder eine famose Sache auf Lager. Nülber und die Hennings machen auch mit, Kastanien wird mein Dramaturg – du, er wäscht sich schon mit Lilienmilchseife... Also die Sache ist gemacht!« »Vom wem hast du denn das Geld?!« »Na Gott – da ist also mal gleich unsere Gönnerin, Frau Dr. Labisch, mit... Ach, Markuschen, erschrick nicht – mit einer Kleinigkeit nur, weißt du – um die andern anzulocken. Das nennt man ›ne Konzertzeichnung‹! Dann hat Bresch Zwanzigtausend rangeholt, um sich bei mir einzunisten. Wir brauchen ja nur ganz wenig! Vor allem wollen wir ein paar öffentliche Vorstellungen herausbringen – das ist die Hauptsache. Na, Servus, ich seh' was Dunkles vor dem Ladentisch drin, komm mal ins Café!« Zwei Finger an die Hutkrempe, und er sprang auf die vorüberfahrende Elektrische. In diesem Augenblick trat auch Frau Dr. Labisch auf die Straße hinaus. »Wen grüßtest du denn da eben, Markus?« »Einen Schulkollegen«, log Markus. Sie atmete die klare, den nahenden Vorfrühling kündende Winterluft gierig ein. Sie sah vergnügt aus, und ihre Bewegungen waren wieder sicher und voll Anmut. »Wir wollen jetzt einen offenen Wagen nehmen und in die Potsdamer Straße fahren. Ich will doch gleich die dumme Möbelrechnung bezahlen. Es war ja nur bodenlose Vergeßlichkeit, daß ich es bis jetzt nicht getan habe.« Von dort fuhren sie zu Gröhlkes. Es war schon sehr lange her, seit Irene bei ihren Eltern war. Markus drückte ihr die Hand. »Du, die werden sich freuen, Tante Irene!« »Das ist noch sehr die Frage, denn ich komme betteln. Aber mir ist heute wieder einmal so froh und leicht.« Frau Gröhlke kam in einem geblümten türkischen Schlafrock heraus ins dunkle Entree, als sie Irenes Stimme hörte. Sie schob die Brille auf die Stirn herauf und schüttelte verwundert den Kopf. Der Besuch schien sie wirklich mehr zu beängstigen als zu erfreuen. Aber Gröhlke war sehr glücklich. Er machte große Umstände für Irene, wie für einen fremden, vornehmen Gast. »Einen Kaffee, extra stark« schrie er dem Mädchen in die Küche nach. Aber Irene bat um Tee mit Rum; sie wäre durchfroren von der Fahrt im offenen wagen. Es wurde schließlich doch noch ganz nett um den runden Tisch. Gröhltes zeigten Ansichtskarten von Kurt und frischten Erinnerungen aus seiner Kindheit auf. »Er is 'n reeller Junge,« sagte Frau Gröhlke, »jenau wie sein Vater. Nur energischer. Dem wird de Frau nich uff der Nasenspitze rumtanzenl Dem nich!« Frau Dr. Labisch erhob sich, faßte den Vater unter den Arm und führte ihn ins Nebenzimmer. »Ick bin ooch noch da!« rief Frau Gröhlke und wollte nach. Aber der alte Mann schob sie sanft mit der Hand fort: »Immer jemütlich, Olle, erst komme ick – der Vater!« Frau Gröhlke setzte sich mit verbissenem Ausdruck wieder auf ihren Platz zurück. Sie sprach auch nicht weiter, stützte den Kopf auf die runzlige Hand und starrte auf das weiße Tischtuch. Die Stimmen im Nebenzimmer erhoben sich zeitweise so laut, daß einzelne Worte zu verstehen waren. Dann klang es wie weinen. Frau Gröhlke lachte kurz und trocken auf. »Ohne mich is nischt zu machen, und ick jebe meine Einwilligung nich! Für det Theatervolk is mir mein Jeld denn doch zu schade! Hat ooch zu ville Arbeit jekostet!« sagte sie hämisch. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Irene stürzte mit verweintem Gesicht herein. »Mama, ich bitte dich... ich beschwöre dich... du mußt doch begreifen – ich habe mich verpflichtet!« »Na denn ent-pflichte dich wieder! Mich jeht det allens absolut nischt an! Deine Mitjift haste aufjebraucht, wie du de feinen Jesellschaften jeden mußtest und dich einrichten, wie 'ne Millionöse. Zwanzigtausend Mark hat der Vater vor sechs Wochen jeschafft, und wenn's Jahr um war, haben wir ooch immer unsere fünf bie sechs Millekens zujeschossen. Und nu machste Schulden?! – Scheen!! Aber uff deine Verantwortung. Ich will mit die janze Sache nichts zu tun haben, verstehste? Nich mit de vornehmen Leute, nich mit's Theater. Det 's alles unreell, verstehste! Allens unreeller Kram!« Gellend schrie die alte Frau diese« »unreell« in den Raum hinein, wütend, außer sich – – Gröhlte saß bekümmert auf einem Stuhl neben der Tür. »Ick sage ja ooch, Ireneken, det jeht nich so weiter! wir können's doch ooch nich aus 'm Boden stampfen. De Zinsen für die Hypotheken fressen mir reene uff!« Frau Dr. Labisch hatte aufgehört zu weinen. Sie lehnte am Ofen und stierte mit den roten, geschwollenen Augen in die Gasflamme. »Ich habe mich verpflichtet«, wiederholte sie nochmals, ganz ausdruckslos. »Wie hoch denn?« fragte Gröhlke leise. »Warum fragste se noch? Ick kann doch nischt jeden«, schnitt Frau Gröhlke hart ab. »Du kannst, aber du willst nicht«, sagte Irene in gleichem Tone. »Det kannst« halten, wie de willst – du!« »Nich, nich, Olle«, begütigte Gröhlke, und zu Irene gewandt fuhr er leise fort: »Siehste, Ireneken, die Häuser sind überlastet. Wenn ich ooch verkoofe, is nischt zu holen. Und was det Barjeld anlangt, Ireneken, det hat immer Muttern jehört, und wie det so schief jing mit euch, da hat sie't jenommen und in 'ne Leibrente anjelegt, und... det übrige für Versicherungen einjezahlt, damit, wenn wir dot sind, Kurt ooch wat hat.« Die Worte des alten Mannes fielen immer langsamer, immer leiser von seinen Lippen, fast demütig zum Schluß, als müßte er die Tochter um Verzeihung bitten für das, was er getan hatte. Frau Dr. Labisch rührte sich nicht, wie eine Säule stand sie an dem lauen, grünen Kachelofen, die Arme im Rücken verschränkt. »Wollen wir nicht gehen, Tante Irene?« fragte Markus. Etwa« in seinem Ton ließ sie aufhorchen. Ein tieferer, ungewohnter klang seiner Stimme, etwas Festes, Sicheres, an das sie sich klammerte, wie an einen Halt. Er reichte ihr das Jackett. Und während sie es automatenhaft zuknöpfte, gab er den beiden Alten die Hand. »Besuch uns bald wieder, Markuschen«, sagte Frau Gröhlke ruhig. Ihr Mann aber flüsterte leise: »Ick komme mal nachfragen, wie 't jeht.« »Guten Abend, Papa, 'n Abend, Mama,« sagte Irene und verließ, von Markus gefolgt, das Zimmer. Im Wagen fragte Markus: »Wem gegenüber hast du dich denn verpflichtet, Tante Irene?« Sie antwortete, ohne ihn anzusehen: »Dem Unternehmen.« »Was für einem Unternehmen?« »Enzlehn soll das Stück, das bei mir gespielt wurde – « »Ich weiß«, unterbrach sie Markus. »Also ihm hast du da« Geld versprochen?« »Ja... das heißt, er hat's zum Teil schon bekommen.« Markus fühlte, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn bat. »Woher hattest du denn das Geld, Tante Irene? Du mußt mir alles sagen, hörst du – alles. Dann kann ich dir vielleicht helfen.« »Mein lieber kleiner Markus...!« Sie fing wieder an zu weinen, dann sagte sie: »Ich habe mir Geld verschafft – auf Wechsel.« »Von wem?« »Ich weiß nicht ... Trebiner hat die Sache gemacht. Es hat nur ein paar Tage gedauert. Es ging ganz glatt. Aber nun muß ich in acht Tagen den ersten Wechsel bezahlen: fünftausend Mark. Und in vier Wochen den zweiten: wieder fünftausend. Der zweite sollte ja von den Einnahmen bezahlt werden. Gott, Markus, es war ja gar nicht schlimm. Nur die ersten fünftausend Mark machen mir Sorge, nur die... warum sagst du nichts, Markus? ... Du... warum sagst du nichts?«  ... »Laß nur, Tante Irene, laß nur. Ich muß erst überlegen.« Der Wagen hielt; sie stiegen aus. »Bitte, Tante Irene, schick' mir das Abendbrot auf mein Zimmer, ich habe zu arbeiten.« Er konnte jetzt nicht mit ihr zusammensitzen, wie sonst – – Am nächsten Morgen während der Stunde fuhr ihn Dr. Labisch an. Er wäre unaufmerksam, er solle doch an sein Abiturium denken – in dem Winter wäre überhaupt nichts mit ihm los. Markus wurde etwas blaß. Aber er ließ den merkwürdigen Zornesausbruch, ohne mit der Wimper zu zucken, über sich ergehen. In der Pause wurde er zum »Direktor« beschieden. Es war das erstemal, daß Markus von Dr. Labisch »offiziell« als Schüler behandelt wurde. Bisher hatte Doktor Labisch etwaige Rügen zu Hause erteilt. Aber es war selten Gelegenheit dazu gewesen. Markus – der Musterschüler – gab wenig Anlaß. Erstaunt und beklommen betrat er den wohlbekannten Raum, der zu Dr. Ramins Zeiten wie ein Ministerkabinett, jetzt wie ein verqualmtes Vereinszimmer wirkte. »Du wünschest, Onkel?« Dr. Labisch ging mit großen Schritten erregt im Zimmer auf und ab. wieder brannten große rote Flecke auf den gelben Wangen. »Hier bin ich der ›Herr Direktor‹, verstanden?!« fuhr er Markus an. Markus verharrte an der Tür und sah noch verwunderter drein als vorher. Dr. Labisch lief immer an Markus vorbei und gab nur fauchende, zischende, unartikulierte Laute von sich. Endlich blieb er stehen und bearbeitete seinen Zwicker. »Unerhört! Einfach unerhört!« brachte er nur hervor. »Was ist denn unerhört?« fragte Markus leise. »Ich verstehe nicht.« »So? Wirklich nicht?« Dr. Labisch versuchte einen beißend ironischen Ton anzuschlagen, aber es kam doch nur wütend heraus. Endlich saß ihm der Zwickel wieder auf der Nase, und während seine Hand noch die Hälfte des Gesichts beschattete, polterte er: »Man hat dich gesehen, wie du mit Theaterleuten und auffallenden Personen in später Nachtstunde von Hiller herausgekommen und dann mit wüstem Lachen und Lärmen mit den Leuten ins Café gezogen bist! Du sollst dich kaum auf den Füßen gehalten haben, so betrunken warst du, wie du aus dem Restaurant kamst! Ein Skandal! Pfui!« Dr. Labisch nahm seine Wanderung wieder auf. Er wiederholte dabei immer wieder: »Ein Skandal! Ein Skandal!« Und in neuaufflammender Erregung erhob sich sein etwas heiseres und schleimiges Organ zu neuer Kraft: »Weißt du, daß man einen Schüler daraufhin relegieren kann? Ein Schüler, der sich mit zweideutigen Weibern nachts in trunkenem Zustande in öffentlichen Lokalen und auf der Friedrichstraße herumtreibt, der hat in der Schule nichts mehr zu suchen, der ist nicht wert unter seinen Mitschülern zu bleiben, der ist ein ganz... ein ganz verkommenes Subjekt, verstanden?!« »Nein«, sagte Markus scharf und fest. Dr. Labisch hielt mitten im Gehen inne, griff in mechanischer Bewegung nach dem Zwicker und blinzelte hilflos mit seinen runden, ausdruckslosen Glotzaugen. »Nein?! ... Wieso nein?!« Er fragte nicht, er wiederholte nur die in der Schuldisziplin einzig dastehende Antwort und faßte es nicht, daß sie gegeben werden konnte. Markus, der regungslos auf seinem Platze verharrt war, richtete seine leicht vornübergeneigte Gestalt hoch auf und fuhr ebenso scharf und fest fort: »Nein. Ich verstehe nicht, daß man sich das Recht nehmen darf, mich ein ›verkommenes Subjekt‹ zu nennen, für etwas, was ich drei Monate später tun dürfte, ohne auch nur Anstoß in der guten Gesellschaft zu erregen. Bei den Studenten gilt das Trinken sogar als eine Eigenschaft. Übrigens war ich an jenem Abend nicht betrunken, ich war auch nicht in Gesellschaft zweideutiger...« Er stockte plötzlich. »Aha! ... Na Gottlob, du erniedrigst dich wenigstens nicht durch eine Lüge!« Dr. Labisch war merklich ruhiger geworden. »Ich würde dir raten, lieber ehrlich dein Verfehlen einzugestehen, den Verweis einzustecken und Besserung zu geloben, als dich mit mir in große Auseinandersetzungen hier einzulassen darüber, was dir jetzt verboten und später gestattet ist! Du mußt nicht auf ein Ausnahmeverhältnis in der Schule pochen, weil du ein Mitglied meines Hauses bist. Ich hasse jegliches Protektionswesen! Was ich errungen, habe ich durch eigene Kraft und eigenes Verdienst erreicht, und dasselbe verlange ich von allen anderen. So, Markus, nun weißt du, was ich davon halte! Wenn du dich aber im Recht glaubst und Entschuldigungsgründe anführst – so zwingst du mich, eine strenge Untersuchung einzuleiten, deren Ergebnis vielleicht noch ernstere Folgen für dich haben könnte. Entscheide dich – – Also?« Markus schwankte keinen Augenblick. Nur so lächerlich kam ihm die ganze Szene vor, so lächerlich und traurig zugleich. Er fühlte wieder mal all das Äußerliche übernommener Begriffe und zugleich all die Gefahr, die ein ehrliches Bekenntnis in sich bergen konnte. »Es wird nicht wieder vorkommen,« sagte er ruhig. Das unerwartet schnelle, offene Zugeständnis, das in diesem Versprechen lag, reizte Dr. Labisch mehr, als es ihn beruhigte. Es schien ihm beinahe zynisch. »Aha... Du gibst also zu?! Skandal! ... Ich habe keine Worte dafür! ... Ich kann nur annehmen, daß du verleitet worden bist, und ich werde meine Frau bitten müssen, dich im Hause strenger zu überwachen, da du ihre Güte mißbrauchst und unser vertrauen so wenig rechtfertigst!« Die Komödie wurde zur Groteske. Aber der Mann mit dem stumpfen Blick, für den das Leben sich auf wenigen altbewährten Grundsätzen aufbaute, tat Markus leid. Er hatte mehr als Beschränktheit, er hatte auch Güte von dem Manne gesehen, und dieser empfundenen, miterlebten Güte beugte er sich. »Bitte, nur Tante Irene nichts von dem allem zu sagen. Ihr zuliebe. Es wird wirklich nicht mehr vorkommen«, wiederholte Markus. Und der Mann mit dem stumpfen Blick, der Bierfettschicht über den Nerven und dem Autoritätskoller eines deutschen Schulphilisters, war bezwungen durch den einfachen Appell an das Gefühl für seine Frau. »Schon gut! Geh'! Ich will dir glauben.« Markus war entlassen. Zu Hause erwartete ihn Frau Dr. Labisch mit bleichem, übernächtigtem Gesicht. Sie hatte keine Sorgfalt auf ihr Haar verwendet und auch den Morgenrock nicht gegen das Kleid vertauscht, wie sonst immer zu Tisch. »Wir wollten doch sprechen, Markus – nicht wahr? Er drückte ihr flüchtig die Hand. »Ja, Tante Irene, aber laß mir etwas Zeit. Morgen ist Sonntag, da will ich sehen. Nur eines versprich mir – – « »Ja?« Sie blickte ihn verstört an. »Bleib' zu Hause, Tante Irene. Ich bitte dich, bleib' zu Hause, sonst kann ich nichts in Ordnung bringen.« Sie nickte. »Ja, mein kleiner Markus, wie du willst ... ganz, wie du willst! Du mußt immer nur sagen, was ich tun soll.« Enzlehn bewohnte, wie Markus aus dem Adreßbuch ersah – es widerstrebte ihm, Frau Dr. Labisch zu fragen – eine kleine Gartenwohnung in der Fasanenstraße. Immerhin ein Wohnen, daß Markus nicht im Einklang mit den ihm bisher bekannten Einkünften Enzlehns zu stehen schien; betroffen war er auch von der ganz modernen, vornehm eleganten Einrichtung. Ein in grau gehaltenes Arbeitszimmer mit einfarbigem, grauem Teppich, der über den ganzen Raum gespannt war; die Flügeltüren zu einem mit beinahe weiblicher Koketterie ausgestatteten Schlafzimmer aus hellem Holz standen offen. Gelbe Stores wehrten dem allzu grellen Licht der märzlichen Morgensonne. In beiden Zimmern schwebte ein angenehmer Duft von starkem Parfüm und seinen Zigaretten. Im bequemen Klubsessel neben dem peinlich geordneten Schreibtisch räkelte sich Trebiner, während Kastanien auf der Chaiselongue saß. Trebiner schenkte sich aus einem geschliffenen Kristallfläschchen blutroten Curaçao in ein langstieliges kleines Glas und sagte gerade: »Ich kenne einen Maler, dem der Herrgott selbst den Pinsel in die Hand gedrückt hat. Für ein Stück trocken Brot schafft der uns Meisterwerke. Wir müssen ihn nur auf Jahre binden!« Da trat Markus an Enzlehns Seite herein. Beide waren etwas bleicher als sonst, und Enzlehn sagte: »Ich bitte euch, zieht euch ins Schlafzimmer zurück. Aber setzt euch nicht auf mein Bett, das kann ich nicht vertragen.« Kastanien nahm ein paar Bücher mit und Trebiner seinen Curaçao. Enzlehn schloß die Flügeltüren und setzte sich dann vor seinen Schreibtisch mit seinem mädchenhaften und grausam ruhigen Gesicht. »Nimm Platz, Markus.« Er zeigte auf den Klubsessel und rauchte sich eine Zigarette an. »Rauchst du? Nein? – Schade. Du solltest dir's endlich mal angewöhnen! – Nun?« Der vertraute Jugendfreund schien Markus plötzlich wie auf tausend Meilen entrückt. Die vornehm ruhige Umgebung, in der sich Enzlehn so selbstsicher und vertrauenerweckend gab, schüchterte ihn beinahe ein. »Ich komme in einer sehr ernsten Angelegenheit, Karli«, sagte er endlich. Enzlehn lächelte spöttisch. »Das kann ich mir denken. Man braucht dich nur anzusehen. Du trägst noch immer deinen innerlichen Menschen als Aushängeschild herum.« »Laß das, Karli ... Es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um eine Frau, die dir ... um Tante Irene.« Enzlehn blies gelangweilt ein paar Rauchwolken vor sich hin: »Ja ... und – ?« »Tante Irene hat sich an eurem Unternehmen mit größeren Summen beteiligt ...« »Pardon, Markus, die Summe ist nicht der Rede wert.« »Aber für sie ist sie groß«, rief Markus hastig. »Sie kann ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, verstehst du?« Enzlehn schüttelte den Kopf. »Ich begreife nicht, Markus, sie hat ja schon eingezahlt – warum regst du dich auf?« »Weil sie Schulden gemacht hat, um einzuzahlen, verstehst du? Und nun muß sie die Wechsel einlösen und kann nicht.« »Tz – tz – tz ... dumme Geschichte das! Ja aber – was soll ich dabei tun?« Markus mußte beinahe lachen und fiel auf einen Augenblick zurück in seinen kindlichen Ton. »Wie dumm du fragst, Karl! – herausgeben mußt du das Geld natürlich.« Enzlehn meckerte leise vor sich hin. »Ach, du bist nicht recht klug«, antwortete er ruhig. – »Ich soll achttausend Mark herausgeben?« »Zehntausend, Karli.« »Nein, achttausend hat sie eingezahlt.« »Aber sie muß doch zwei Wechsel à 5000 Mark bezahlen!« Enzlehn zuckte die Achseln. »Tja, das weiß ich nicht.« Markus sprang auf. Sein Gesicht rötete sich. Er wies mit der Hand nach der Schlafzimmertür: »Dann frage gefälligst Trebiner!« »Lächerlich!« »Frage ihn ...« Keuchend stand Markus da, mit geballter Hand, als müsse er gleich losschlagen. Enzlehn zuckte wieder die Achseln und klopfte mit dem großen Elfenbeinzahn auf die Holzkante des Tisches: »Trebiner ... einen Augenblick!« Trebiner öffnete einen Türflügel und lehnte sich faul an die Türrippe. »Ja ... was ist?« »Trebiner, haben Sie Frau Dr. Labisch einen Geldmann empfohlen?« Trebiner dachte nach. »Empfohlen? Nee ... Eine Adresse habe ich ihr genannt.« »Sie haben das ganze Geschäft gemacht ... vermittelt oder was?« fiel Markus heftig ein. Trebiner maß den impertinenten Gymnasiasten mit einem seiner napoleonischen Blicke. »Na, seien Sie so gut, glauben Sie etwa, ich hätte mir Provision zahlen lassen, ja? Die Sache verhält sich so: Frau Dr. Labisch wollte durchaus eine öffentliche Aufführung meines Stückes durchdrücken. Darauf sagte ich ihr, daß das Geld kosten würde. Etwa acht- bis zehntausend Mark. Zu zehntausend Mark würde sie sich verpflichten, sagte sie, wenn Enzlehn die Leitung übernähme. Schön, sagte ich. Und darauf meinte sie, sie hätte augenblicklich kein Geld flüssig. Da sagte Enzlehn ...« »Schon gut«, unterbrach Enzlehn. Er winkte Trebiner ab und warf ihm eine Zigarette über das Zimmer zu, die jener geschickt auffing. Sie waren wieder allein. »Du siehst, daß Frau Dr. Labisch ganz freiwillig Geld angeboten hat.« »Du wärest verpflichtet gewesen, dich vorher genau zu erkundigen, ob sie über so viel Geld verfügen kann!« »Wieso verpflichtet ...?« »Erstens, weil ...« Markus brach ab, und eine dunkle Blutwelle schoß ihm ins Gesicht. Hastig fuhr er fort: »Vor allem, weil du schon als Kind im Hause verkehrt hast ... mit ihrem Sohn befreundet bist ...« Enzlehn wehrte mit einer eleganten Geste seiner kleinen, feinen Hand ab. »Bitte, Markus, nur keine Kinderstubenreminiszenz – die ist gerade hier sehr übel angebracht. Sehr übel. Ich habe dir schon einmal – wenn auch lebhafter, als es sonst meine Gewohnheit ist – angedeutet, wie ich über diesen Fall denke.« Markus biß sich die Lippe fast blutig. Je ruhiger er Enzlehn sah, desto mehr verlor er die Herrschaft über sich. »Aber das hast du mir nicht – angedeutet, wie du zu deiner großartigen Lebensweise, zu deiner Wohnung gekommen bist, zu den Möbeln ... woher hast du so viel Geld? – Wer gibt dir das alles? Vielleicht fliegt dir alles zum Fenster herein oder durch den Schornstein?! Du bist imstande, mir das einzureden, weil du mich, scheint's, für einen dummen Jungen hältst! Aber ich bin kein dummer Junge mehr, hörst du? Hörst du?« »Du schreist es laut genug«, sagte Enzlehn mit eisiger Kälte. »Ich halte dich übrigens gar nicht für dumm, sondern nur für unerfahren in allen ... sagen wir: geschäftlichen Transaktionen. Um dir nun die notwendigsten Begriffe davon zu geben, will ich dir also folgendes sagen: Frau Dr. Labisch hat in mir aus sehr anerkennenswerter Kunstbegeisterung und aus einem nicht abzuleugnenden Kunstverständnis heraus den Mann gesehen, der fähig ist, an der Spitze einer neuen Bewegung zu schreiten. Ganz unabhängig von ihren persönlichen Empfindungen für mich – die ich hier überhaupt auszuschalten bitte – hat sie dieser Meinung insoweit Ausdruck gegeben, als sie mir die Mittel zur Verfügung stellte, mich selbständig zu machen, eine Theaterdirektion zu übernehmen. Dasselbe wiederholt sich täglich auf den verschiedensten Gebieten. Der eine hat das Talent, der andere schafft die Möglichkeit, dieses Talent zu verwerten. Es ist eine durchaus korrekte Assoziation, nur dir unverständlich, weil du kein dummer, aber – verzeih' mir das harte Wort – ein kleiner Junge bist, der noch mit der Nase in den Schulbüchern steckt und keine Ahnung von dem hat, was üblich ist unter erwachsenen Menschen!« Markus fiel wie vernichtet zurück in den Sessel. Er senkte tief den Kopf, und seine, blaue Äderchen schwollen ihm auf Stirn und Schläfen zu blutigen Streifen auf. Enzlehn sah ihn an mit einem fast mitleidigen Lächeln. »Ich glaube, lieber Markus, wir wollen die Akten über dies Thema schließen, und ich will zu vergessen suchen, was du deinen Worten Beleidigendes unterstellt hast.« Markus sprang wieder auf, von dem kalten, überlegenen Ton Enzlehns wie von Peitschenhieben getroffen. »Nein, Enzlehn. Die Akten sind nicht geschlossen. Du belügst dich und mich. Es handelt sich hier um etwas ganz anders als um eine ... wie nanntest du das – geschäftliche Transaktion! warum hast du denn diese 'Transaktion' nicht mit einem Manne gemacht? Warum denn mit einer Frau, die für dich ... die dich ... die du in dich verliebt gemacht hast? Ihr habt sie ausgenützt, habt alles von ihr genommen, und da sie selbst nichts mehr hatte, und die Eltern nichts mehr hatten, da habt ihr sie zu einem Wucherer geschickt, und ... und jetzt überlaßt ihr sie ihrem Schicksal! Fein ist das! Ihr baut euch eure reinen Kunsttempel auf eurer nichtsnutzigen, niederträchtigen Gemeinheit auf, jawohl – auf der Ehre einer Frau ...« Enzlehn, kreidebleich im Gesicht, rückte den Stuhl ab und murmelte: »Du bist ja albern.« Markus wischte sich die großen Schweißtropfen von der Stirn und zerrte an seinem zerknitterten Kragen. »Ich bin lieber albern, als ein Lump! Stünde nicht ich hier, sondern Kurt – du bekämst weniger zu hören, aber desto mehr zu – zu fühlen!« »Das geht zu weit, Markus! Mach', daß du rauskommst!« »Rühr' mich nicht an, du!« schrie Markus außer sich und packte den schmächtigen, kleinen Enzlehn wie schon einmal am Handgelenk – »rühr' mich nicht an, oder ich kenn' mich nicht mehr!« Die Flügeltüren gingen auf, und Trebiner und Kastanien stürzten herein, dem gefährdeten Freund zu Hilfe. »Was sind das nur für wilde Sachen!« sagte Kastanien mißbilligend und klopfte Markus auf die Schulter. Markus schleuderte Enzlehns Hand weit von sich, so daß sie an die Kante des Schreibtisches flog und Enzlehn mit einem unterdrückten Wehlaut zurückprallte. »Und das war mein Freund ... mein ›Freund‹ ...!« wiederholte Markus. Seine Lippen, seine Hände, sein ganzer Körper bebte. »Mein Freund! « wiederholte er nochmals, und ein leises hysterisches Schluchzen blieb ihm in der Kehle stecken. Trebiner hatte ein Glas Wasser aus dem Schlafzimmer geholt und setzte es an Markus' Lippen. »So machen Sie doch keine Geschichten, Herr Lukas!« Der Name seines Vaters, der klar und deutlich aus Trebiners Munde kam, brachte ihn plötzlich zu sich. »Ich danke«, sagte er zu Trebiner und setzte das Glas, ohne daran zu nippen, auf den Tisch. »Ich meine, man könnte sich einigen«, hub Kastanien an. »Enzlehn muß die zwei Wechsel einlösen – eine andere Einigung gibt es nicht. Dr. Labisch darf von den Schulden seiner Frau nichts erfahren. Erstens, weil er sie in dieser Höhe augenblicklich nicht bezahlen könnte, und dann ...« Trebiner fuhr sich mit der Hand durch sein borstiges schwarzes Haar. »Wenn ich zu dem Kerl gehe, setze ich vielleicht eine Prolongation von vierzehn Tagen durch. Aber die kostet gewiß auch Geld!« »Nicht prolongiert – eingelöst müssen die Papiere werden«, wiederholte Markus. Die drei wechselten einen hilflosen Blick. Selbst Enzlehn hatte nichts mehr von seiner überlegenen Pose. »Wieviel haben Sie denn noch auf der Bank, Enzlehn?« fragte schließlich Kastanien, der der Älteste unter ihnen war. Enzlehn griff nach einem Notizbuch. »So genau weiß ich's im Moment nicht ... Viertausend vielleicht ...« Markus rechnete. »Schön. Viertausend, von den Einnahmen zahlt ihr die anderen fünftausend, macht neuntausend. Bleiben tausend, die werden die Eltern vielleicht hergeben – « »Halt, halt,« unterbrach Kastanien – »nicht so schnell. Die fünftausend sind doch nicht sicher!« »Wieso nicht sicher? Frau Dr. Labisch sagte mir, Enzlehn hätte versprochen, ihr fünftausend Mark aus den Einnahmen zurückzuerstatten!« »Ich habe nichts versprochen,« warf Enzlehn mit harter und doch zitternder Stimme ein, »das ist nicht richtig. Ich habe eine beiläufige Kalkulation aufgestellt. Und in dieser Kalkulation nahm ich an, daß wir bei stets halbem Haus einen Reinertrag von siebentausend Mark haben würden, wovon fünftausend ...« Markus blinzelte Enzlehn nach Art kurzsichtiger Leute an. »Da hast du ihr also etwas vorgeschwindelt oder wie ...?« »Nein, nein, das nennt man wirklich Kalkulation«, sagte Trebiner ernst. – »Das weiß jeder.« »So – na also, Frau Dr. Labisch weiß nichts davon. Sie ist kein Geschäftsmann, sie hat euch nur aus der Klemme helfen wollen, weil ihr gesagt habt ...« »Ich war gar nicht dabei«, wehrte Kastanien ab. Markus beachtete ihn nicht und fuhr mit erhobener Stimme fort: » – daß ihr die fünftausend Mark sicher wären!« » ›So gut wie sicher‹ haben Sie gesagt, Enzlehn,« warf Trebiner ein. Enzlehn nickte müde. »Ja natürlich, ›so gut wie sicher‹, von irgendeiner Verpflichtung konnte da nicht die Rede sein.« Markus lachte laut und höhnisch auf. »Ja, was denkt ihr denn? Willst du mir das nicht sagen, Enzlehn? Du weißt doch sonst immer so gut Rat! Und Rat mußt du jetzt schaffen – dir bleibt kein Ausweg. Suche dir neues Geld. Es wird doch in ganz Berlin nicht bloß eine Frau Dr. Labisch geben!« Markus schlug in blinder Wut, in wahnsinniger Angst vor der Unmöglichkeit, einen Ausweg zu finden, mit geballter Hand auf den Tisch, daß zwei langstielige Likörgläser umfielen und in seine Scherben brachen. Kastanien klopfte sich an die Stirn, zog eine alte Stahluhr aus der Weste und sagte langsam fragend: »Wenn Bresch – – ?« Enzlehn und Trebiner riefen beide wie aus einem Munde: »Ja ... natürlich, wenn Bresch ...« In diesem Augenblicke klingelte es. Trebiner stürzte ins Entree. Eine Sekunde später trat er mit Dr. Bresch ein. »Viktoria! Perfekt!!« Mit diesen Worten schwenkte Bresch ein beschriebenes Blatt Papier, wie eine Fahne in der Luft. Eine fast minutenlange Pause trat ein. »Wieviel?« fragte Enzlehn leise. »Fünfundzwanzigtausend, Herr Direktor, zu dienen.« Kastanien und Trebiner sanken einander in die Arme und sprangen wie die besessenen im Zimmer herum. »Hurra! Bresch soll leben! Hurra! Das künstlerische Theater soll leben ... Hooch! ... Hooch! ... Hooch! ...« Enzlehn richtete seinen Schlips und zog die Manschetten heraus. Dann setzte er sich wieder vor den Schreibtisch und nahm sein großes Elfenbeinmesser zur Hand. Die Hand zitterte noch, aber sein Gesicht nahm wieder den kühlen, hochmütigen Ausdruck an, der ihm zur zweiten Natur geworden war. »Erzählen Sie, Doktor – du gestattest einen Augenblick«, wendete er sich höflich an Markus. »Na, lieber Freund und zukünftiger Herrscher, da gibt's nicht viel zu erzählen. Erzählt habe ich ›Jenner‹. Zwölf Bogen hab' ich geredet – mindestens! Endlich hatte ich sie so weit. fünfundzwanzigtausend Mark bar und dafür einen Jahreskontrakt mit zweihundert Mark monatlich, sowie übliche Verzinsung.« »Selbstschuldnerisch?« »Nee. Nich mal das! A, fonds perdu. Sie ist ein herzerquickendes Schaf.« Trebiner ließ seinen Jubel an einem Sofakissen aus, das er mit den Fäusten bearbeitete, während Kastanien in der Erregung an seinen kurzgebissenen Nägeln feilte. In Markus stieg es auf wie ein frommes, stilles Gebet. Er krampfte die Finger ineinander und wartete mit verhaltenem Atem auf die nächsten Minuten, die das Ende aller Qual bedeuten sollten. Enzlehn hatte seine ganze Ruhe wiedergefunden: »Wann wird das Geld eingezahlt?« »Liegt schon da. Deutsche Reichsbank. Solche Damen sind überaus vorsichtig – im Kleinen. Sie können von morgen ab jede Summe bis zur Höhe von 25000 Mark ziehen!« »Wir werden das Geld an die Deutsche Bank überweisen lassen«, sagte Enzlehn mit einem Ton, der jede Widerrede im Keim erstickte. – »Ich arbeite gern mit meinen Leuten.« Er machte eine kleine Kunstpause, dann wendete er sich an Markus. Mit spöttisch übertriebener Höflichkeit wies er auf den Klubsessel: »Willst du nicht deinen alten Platz einnehmen, lieber Markus? Ich will nur einen Scheck ausschreiben. Zehntausend Mark macht's, nicht wahr?« Er sprach jetzt etwas leiser, während sich Bresch und Kastanien, lebhaft gestikulierend, in das Schlafzimmer zurückzogen, »Zehntausend«, sagte Markus fest, ohne sich zu setzen. Trebiner beugte sich über Enzlehns Schulter: »Man wird doch handeln können, schreiben Sie neuntausend.« Enzlehn streifte ihn mit einem sehr vornehmen Blick: »Lassen Sie das, Trebiner, das verstehen Sie nicht. Das sind Ehrenschulden!« Trebiner lachte. »Ehrenschulden, die vom Gelde der Rhoden bezahlt werden! So was läßt die sich auch nicht träumen!« Enzlehn verzog ironisch den Mund und füllte einen Scheck mit seiner feinen, eleganten Schrift aus. Markus war es, als schliche sich plötzlich eine eiskalte Welle durch seine Adern, die seine Glieder erstarren machte. Es war ihm, als höre sein Herz zu schlagen auf, als perlten tausend kleine, kalte Schweißtropfen zwischen seinen Haaren. »Von wem ist das Geld?« fragte er heiser und stockend. »Von einer Schauspielerin Mela Rhoden. Sie soll nichts können, das ist ja auch bei dem Geld nicht nötig, und große Rollen kriegt sie sowieso nicht!« Enzlehn machte den kurzen harten Schlußstrich unter seinen Namen und überreichte Markus den Scheck. »So, Markus, und nun wäre die Angelegenheit erledigt, und du sorgst dafür, daß ich nicht mehr ... verfol ... aufgesucht werde. Das habe ich mir mit dem Gelde hoffentlich erkauft.« Markus rang nach Luft. Sein kreidebleiches Gesicht war völlig verzerrt. »Mit solchem Gelde kann man sich nichts erkaufen ... nichts, als Schande und Schmach!« Er stieß die Worte hervor, seiner Sinne kaum mächtig, dann riß er das Papier, das seine wie erstarrten Finger umklammert hielten, in tausend Fetzen. »Adieu!« Er stürzte ins Entree, riß Mütze und Mantel so heftig vom Riegel, daß der Nagel aus der Wand herausfiel, öffnete die Entreetür und lief wie von Furien gepeitscht die Treppe hinunter. Luft ... Luft  ... Er mußte sich an die Häuserwand lehnen, sonst wäre er umgefallen. Luft ... Luft  ... In welchen Sumpf hatte er sich verirrt ... was waren das für Menschen, was waren das für Begriffe ... was war das für ein Leben ...?! Luft ... reine, klare Luft! Der kühle Märzwind fegte ihm die wirren Haare aus der Stirn und peitschte ihm das Blut in die fahlen Wangen. Dann stürzte er weiter, dem Winde entgegen, daß sein lose umgeworfener Mantel sich aufblähte und um ihn herumflatterte, wie ein großer schwarzer Vogel  ... Es war Markus unmöglich, nach Hause zurückzukehren. Er telephonierte, daß er einen Schulkollegen getroffen und aufgefordert worden sei, einen kleinen Ausflug zu machen. Er wollte gerade abhängen, als Frau Dr. Labisch an den Apparat kam. »Du kommst wirklich nicht, Markus?« Es klang namenlos traurig und enttäuscht. Er antwortete hart und geschäftig: »Nein, es geht nicht!« – Und dann fügte er dringlich hinzu: »Vergiß nicht, was du mir versprochen hast!« »Was?« klang es zurück. Am Telephon hatte er Mut, und der Eingebung des Moments folgend, sagte er: »Du darfst Enzlehn nicht mehr kennen. Unter keinen Umständen! Ich will es selbst nicht mehr, und er ist es auch nicht wert.« Sie telephonierte zurück: »Was weißt du von ihm? Hat er dir das gesagt ...?« Ihre Stimme klang plötzlich ganz rauh. Und Markus antwortete heftig, brutal: »Ja. Er selbst hat mir das gesagt. Er selbst!« Es klang wie ein leiser Aufschrei. Dann Pause. »Bist du da, Tante Irene?« Keine Antwort. »Tante Irene, bist du noch da?« »Ja ...« Es war wie ein Hauch. »Und die Geldsache wird geordnet. Hast du gehört? ... Die Geldsache wird geordnet! ...« Abermals ein: »Ja.« Ebenso leise, fast vergehend. »Na auf Wiedersehen, Tante Irene. Und noch eins: wenn ich nach Hause komme – wir wollen nicht mehr darüber sprechen.« »Nein.« »Kein einziges Wort, Tante Irene. Du versprichst mir's.« »Ja.« Er lauschte noch einen Augenblick. Es blieb alles still. Er hing ab. So, fürs erste war jede Katastrophe vermieden. Er löste ein Billett nach Schlachtensee und kehrte in das Restaurant am Wasser ein. Die Natur forderte ihr Recht. Mit Heißhunger stürzte er sich auf das Schnitzel, das er sich hatte braten lassen, dann bestellte er eine Tasse Kaffee – »recht stark«, und als er die getrunken, kam allmählich wieder Ruhe und Klarheit über ihn. Er überdachte noch einmal die ganze Szene bei Enzlehn. Nicht Zorn, nur Ekel war alles, was ihm davon zurückgeblieben. Aber was nun? Weder konnte er sich Dr. Labisch noch Kurt anvertrauen. Professor Ramin? Der Gedanke durchfuhr ihn blitzschnell. Aber neben der hohen Gestalt des Professors sah er die liebenswürdige, süßliche Frau Hofprediger. Nein ... Er schüttelte den Kopf. Wenn er auch noch wenig Ahnung vom Wert des Geldes hatte – so viel wußte er, daß man nicht so leicht zehntausend Mark von jemandem verlangen durfte, wer blieb da noch übrig – – ? Sein Vater? ... Sein Vater war reich genug, diese Summe ohne weiteres zu verschmerzen. Es fiel ihm eine schwere Last von der Seele. »Ich komme wieder«, rief er dem erstaunten Kellner zu und rannte hinaus an den See. Die Dämmerung senkte sich herab, als Markus langsam die Treppe zum Restaurant wieder hinaufschritt. Das Exaltierte, Suchende war völlig aus seinem Gesicht verschwunden. Er hatte das einzig Mögliche gefunden, den einzigen Weg, auf dem der Vater vielleicht entgegenkommen würde. Es war der Weg von – Mann zu Mann. Im Gastzimmer brannten trübe ein paar Gasflammen. Er ließ sich Briefpapier, Feder und Tinte geben. Dann schrieb er, ohne mehr lange nachzudenken, schrieb, was die letzten Augenblicke unten am See ihm eingegeben hatten: »Lieber Vater! Ich komme heute mit einer sehr großen und ungewöhnlichen Bitte zu Dir. Wenn ich den Mut dazu finde, so ist es nur, weil ich glaube, durch diese offene Bitte, an die ich keine Erklärung knüpfen darf, ein ernstes Unglück zu verhüten. Ich bin ohne mein persönliches Zutun und Verschulden in Verhältnisse gekommen, die mir eine umgehende Zahlung von zehntausend Mark beinahe zur Pflicht machen. Diese zehntausend Mark sind es, um die ich Dich jetzt angehe. Zugleich bitte ich Dich aber auch, mich der Ehre Deines Vertrauens würdig zu halten und keine Frage an mich in betreff des Zwecks und der Bestimmung dieses Geldes zu richten. So wahr ich ein Mann in Deinem Sinne zu werden hoffe, so fest hoffe ich, daß Du mich nicht im Stich läßt. Es grüßt Dich in tiefer Ergebenheit Dein Sohn Markus.« So!... Es war ihm eine Erleichterung, als er den Brief in den Umschlag gesteckt und adressiert hatte. Zugleich aber fühlte er, wie ein Gewicht unsichtbarer Fesseln ihn bedrückte. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Vater seine Bitte erfüllen würde, ebensowenig aber konnte er sich verhehlen, daß er sich durch diese gewährte Bitte in endgültige Abhängigkeit vom Willen des Vaters begab. Dieser Brief bedeutete einen vorläufigen Verzicht auf alle persönlichen Zukunftswünsche. In diesem Augenblick kamen ihm allerdings die Wünsche nicht so stark, der Verzicht nicht so groß vor. Zum ersten Male sehnte er sich aus Berlin heraus  ... »Bist du nun ruhig?« fragte Markus acht Tage später, als er Frau Dr. Labisch die zerrissenen beiden Wechsel über je fünftausend Mark brachte. Sie nickte und lächelte stumpf. Markus hatte sie glauben lassen, daß Enzlehn selbst die Summe zurückerstattet hatte. Er brauchte ihr Geld nicht mehr, er hätte so viel anderes!  ... »Lösegeld!« murmelte sie bitter. Aber sonst sprach sie nicht mehr darüber. Sie schien stumpf geworden oder sich stumpf zu stellen, um den nagenden Kummer leichter zu verbergen. Markus arbeitete den ganzen Tag. Abends schlich sie sich manchmal zu ihm herein, mit einem Glase starken Grog. Denn sie fror immer und konnte sich selbst nach dem dritten Glase nicht erwärmen. Markus war der Groggeruch unerträglich, aber er sagte nichts, weil sie gar so trostlos dasaß und das heiße Getränk still, Löffel auf Löffel, Schluck auf Schluck zu sich nahm, ohne die gierige Freude am Trinken zu zeigen oder ihn gar selbst dazu aufzufordern. Sie verließ das Haus nicht mehr und zog sich nicht mehr an. Das Stubenmädchen versteckte eines Tages ihren dunklen Morgenrock, um sie zu zwingen, ein Kleid anzuziehen. Sie fing an zu weinen. »Ich kann mich nicht anziehen, ich mag nicht ... Mir tut alles weh.« Man brachte ihr den Schlafrock und sie wurde wieder ruhig. Das Stubenmädchen bemerkte, daß die Schwämme tagelang trocken blieben und die Seife nicht zu Ende ging. Dr. Labisch war es zufrieden. Am Aussehen seiner Frau fiel ihm nichts anderes auf, als daß »sie sich's bequem machte«. »Recht so, liebe Irene, das tut dir gewiß gut«, sagte er, als sie sich die ersten Male wegen des Schlafrockes bei Tische entschuldigte. Später entschuldigte sie sich nicht mehr, und er nahm keinen Anstoß daran. Die Prüfungen gaben ihm viel zu tun, hielten ihn den ganzen Tag vom Hause fern. Abends erholte er sich im Restaurant von den Mühen des Tages oder eilte in seine Vereine. Er war jetzt ruhig. Es war alles so friedlich im Hause, so bürgerlich – wie er es liebte. Er brauchte sich nicht in den Frack zu zwängen, brauchte nicht zwischen dem unausführbaren Wunsch, seine Zigarre zu rauchen, und der Angst, einer Dame auf die Schleppe zu treten, den – liebenswürdigen Wirt zu spielen. Er konnte seiner Frau nach Tisch einen schallenden Kuß geben, ohne einen strafenden Blick zu befürchten. Er durfte auch mal in der Sofaecke einschlafen und versehentlich schnarchen, ohne daß er gleich geweckt wurde. Gröhlkes kamen dafür öfters, und zwar jedesmal die Vordertreppe herauf. Man saß lange am unabgeräumten Tisch. Der Kaffee kam in großen, »gemütlichen« Tassen auf den Tisch. Frau Gröhlke legte ab und zu eine Patience ... Gewöhnlichkeit drang ein durch alle Ritzen und legte sich wie eine graue Staubwolke über all den flimmernden Glanz vergangener Tage. Einmal saß Frau Dr. Labisch wieder neben Markus, während er arbeitete, und las die Zeitung. Plötzlich entfiel ihr das Blatt, ihr Kopf sank zurück auf die Lehne des Stuhles, und große Tränen rollten tropfenweise ihre Wangen entlang auf den häßlichen, alten Schlafrock. »Was ist dir, Tante Irene?« fragte Markus erschrocken. Sie antwortete nicht, nur ihr Finger wies auf die Rubrik »Kunst und Wissenschaft«. Zwei ganz kleine Notizen standen da, wie durch Zufall untereinander. Die erste lautete: »Wie wir erfahren, hat sich Dr. Ramin, Professor für Kunstgeschichte an der hiesigen Universität, mit einer Dame aus der ersten norwegischen Gesellschaft, Fräulein Gunhild Hjortenskjold, verlobt. Die Vermählung dürfte bereits im Mai stattfinden.« Und darunter: »Die erste öffentliche Vorstellung des ›Neuen künstlerischen Theaters‹ findet am 10. April statt. Zur Aufführung gelangt eine Dramatisierung des mystisch-symbolischen Romans des Grafen Adrian ›Der Garten der Erkenntnis‹ von J. Trebiner. Das Werk hat zu Beginn des Winters bei Gelegenheit einer Privataufführung im Hause einer kunstsinnigen Berliner Dame Aufsehen erregt.« Von Kurt traf zwei Tage später eine Karte ein: »Gratuliere meiner kleinen Mama zum Erfolge ihres Mäcenatentums.« Markus unterschlug die Karte mit ruhigem Gewissen. Die Prüfungen waren dem Abschluß nahe. Markus kam sich wie ein gehetztes Wild vor, das der Jäger zur Strecke bringen will. Dr. Labisch schien seine Unparteilichkeit, auf die er so stolz war, durch verdoppelte Strenge betonen zu wollen, vielleicht war ihm auch noch ein kleiner Bodensatz Ärger geblieben, für den er sich unbewußt rächte. Die mündliche Prüfung kam Markus vor wie eine Abart mittelalterlicher, zweckloser Folter. Wie ein nichtiges, grausames Kinderspiel dünkte ihm dies alles gegen die schwere Wissenschaft des Lebens, die sich ihm so unheimlich früh, so unheimlich nahe offenbart hatte. Und das gab ihm eine seltsame, starre Gleichgültigkeit für das Ergebnis des grausam-kindischen Folterspiels all dieser sehr ernsten, sehr klugen, sehr strengen Herren  ... In diesem Gleichmut siegte er. Ohne Freude am Sieg, kaum mit dem Bewußtsein des Sieges, beinahe erstaunt, daß er durchs Ziel gekommen war mit so vielen anderen  ... Aber Dr. Labisch strahlte. Nach langer Zeit wieder reichte er Markus die Hand. »Gratuliere, Markus! Ich freue mich, daß du bestanden hast, in Ehren und mit Ehren bestanden, wir wollen vergessen, was sich in letzter Zeit entfremdend zwischen uns gedrängt hat. Ich sehe – daß du brav und tüchtig geblieben bist – trotz allem, was eine kurze Verirrung war, soll dir nicht zum bleibenden Vorwurf werden.« Es war so ehrlich gemeint, es klang so warm und herzlich durch all die konventionelle Lehrerrhetorik hindurch, daß Markus doch ein leises Brennen in den Augen verspürte. »Ich danke dir, Onkel, für alles!« sagte er warm. Und er empfand wirklich echten, warmen Dank für das Haus, das ihn Elternliebe kaum hatte vermissen lassen. Einen kurzen Augenblick drückte Dr. Labisch seinen Schüler an die Brust, wie er wohl mit Kurt getan haben mochte an diesem Tag. »Und nun, mein Junge, geh voraus und melde meiner Frau das Ergebnis. Nach Tisch – laß ein paar gute Flaschen Mosel kalt stellen – telegraphieren wir deinem Vater!« Er nickte Markus mit seinem ergrauten Kopf freundlich zu und wendete sich zu den Lehrern, die einer nach dem andern noch zu einer kurzen Besprechung eintraten. Markus hatte wohl noch nie die Frühlingsluft mit so freiem, frohem Gefühl eingeatmet. Im Vorübergehen kaufte er einen großen, losen Busch duftloser, heller Frühlingsblüten für Frau Dr. Labisch, wie er als kleiner Junge Mami mit Schneebällen geworfen, so wollte er Tante Irene jetzt mit Blumen bestreuen und sie so lange necken und Unsinn mit ihr treiben, bis sie selbst mitlachte und einstimmte in das kindische Spiel und alles Trübe und Drückende der letzten Zeit vergaß. Im Speisezimmer war der Tisch, wie immer um diese Stunde, bereits gedeckt. »Wo ist Tante Irene?« fragte Markus das Mädchen. »Gnädige Frau ist noch nicht aus ihrem Ankleidezimmer herausgekommen.« »Schön. Ich werde mal anklopfen. Herr Doktor läßt sagen, Sie möchten ein paar Flaschen guten Mosel kalt stellen«, fügte er mit einiger Bedeutsamkeit hinzu. Das Mädchen lächelte: »Ach so! Gratuliere, Herr Markus!« »Danke, danke, Anna!« Er freute sich doch über den Glückwunsch und lachte das Mädchen vergnügt an. Dann ging er in Frau Dr. Labischs Salon: »Tante Irene ... Du – Tante Irene ...!« Da sie nicht antwortete, klopfte er an die Tür. »Tante Irene ... Du ... !« Sie antwortete nicht. Leise drückte er die Klinke nieder. Das Zimmer war leer. Auf einem kleinen Tisch neben der Frisiertoilette stand eine Flasche schweren Portweins, über die Hälfte geleert, nicht zugekorkt. Markus stockte der Atem, er sah sich unwillkürlich um, als müßte er Frau Dr. Labisch, in schweren Weinrausch versunken, in einem der Sessel finden. »Tante Irene ...« Es klang nur noch leise, zaghaft. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer war nur angelehnt. Auf den Zehenspitzen schlich er sich näher, drückte den Kopf durch den Türspalt, immer noch den Strauß in der Hand – trotz aller Sorge und Befürchtung zum auslösenden Schabernack bereit. Da – auf dem Bett erblickte er sie. Der Kopf lag mit dem Gesicht in den Kissen. Eine Hand hing über den Bettrand, die andere faßte in krampfhaft verzerrter Bewegung die Bettdecke. Sie lag da in ihrem alten, häßlichen Schlafrock. Das Haar breitete sich in zerzausten Strähnen um ihre Schultern und auf dem Kissen aus. »Tante Irene,« flüsterte Markus. Dann beinahe ärgerlich, mit gezwungener Lustigkeit lachte er laut auf: »Aber Tante Irene, wirst du wohl aufwachen!« Er warf den ganzen Blumenbusch nach ihr, daß die weißen, duftlosen Blüten in leichtem, anmutigen Wirbeltanz auf sie niederfielen. Und wieder blieb es still. Markus' erste Bewegung war Flucht. Dann besann er sich, gab sich einen Ruck, kehrte um, trat langsam ganz nahe ans Bett heran, an die Seite, wo ihre Hand frei über den Bettrand hinweghing. Mit den Fingerspitzen, angstvoll, tastend berührte er sie. Sie war starr und kalt – – – Und tote Eiseskälte stieg von den Kissen auf und kroch lebentötend den Wänden entlang über das ganze Zimmer. Markus fiel in die Knie, wildes, verzweifeltes Schluchzen durchrüttelte seinen jungen Körper. »Tante Irene ... liebe – arme Tante Irene!« Am sechsten Tage erst wurde Frau Dr. Labisch zur letzten Ruhe geleitet. Man hatte auf ihrem Nachttisch ein Zettelchen gefunden, auf dem die Worte standen: »Ich mag nicht mehr.« Eilig mit Bleistift hingekritzelt. Und daneben war ein Schächtelchen mit Digitalis. In ihrer Krankheit hatte sie Digitalis in starker Dosis bekommen, und das Rezept war ihr geblieben. Die ärztliche Untersuchung rekonstruierte das alles mit spielender Leichtigkeit. Auch daß die Tat in »geistiger Umnachtung« begangen worden, – wurde klar bewiesen, schon nach der Bekundung des Dienstmädchens, die umständlich und sensationslüstern alle die Phasen physischer Vernachlässigung ihrer Herrin schilderte. Es war alles ganz klar. Nur Dr. Labisch hatte noch immer nichts verstanden. Er hatte auch noch nicht geweint. Er stierte nur immer mit seinen runden, verquollenen Augen ins Leere, und sein ergrauter Kopf pendelte pagodenhaft von links nach rechts und von rechts nach links. » Ich mag nicht mehr.« Das Wort war so furchtbar, so einfach und doch so unfaßlich. Sie mochte nicht mehr, warum mochte sie nicht mehr? Seit wann mochte sie nicht mehr? Es war ja gerade so schön geworden  ... Manchmal fragte er nur: »Markus, verstehst du's?« »Nein«, log Markus. Er fragte die Schwiegermutter: »verstehst du's?« Sie antwortete nicht, aber in ihrem angegilbten Gesichte lag mehr verbissener Zorn als wehe Trauer. Er fragte Kurt, der übernächtigt und verstört in die Wohnung trat: »Verstehst du's?« Und niemand konnte oder wollte es ihm erklären. Nicht einmal Herr Reimar Lukas, der zur Beerdigung nach Berlin gekommen war und dem Gefährten seiner Jugend erschüttert die Hand drückte. Es war ein naßkalter, regnerischer Aprilabend, an dem man die Leiche in der Kirchhofskapelle einsegnete. In der Kapelle waren eigentlich nur die Lehrer erschienen, und meist ohne Frauen. Im letzten Augenblick kam noch ein Wagen: er brachte Professor Ramin und seine Mutter. Kurt übernahm die Vorstellung. Der Professor sah bleich und ergriffen aus, und Frau Hofprediger weinte bei der Rede des Geistlichen viel in ihr Taschentüchlein und betete das Vaterunser andächtig und gewissenhaft mit. Ein feiner, nieselnder Regen kürzte die Rede des Geistlichen am offenen Grabe wohltuend ab. »Liebe Tante Irene ...«, sagte Markus zum letztenmal, während er die handvoll Erde vorsichtig aus den Fingern auf den Sarg niederrieseln ließ. Dann riß ihn Kurt vom Erdhügel herunter. »Komm«, sagte er mit erstickter Stimme. Professor Ramin verabschiedete sich bald. Doch hatte er noch Gelegenheit gefunden, mit dem Bremer Kaufherrn ein paar Worte zu wechseln. »Sie nehmen Markus also mit nach Bremen?« »Ganz recht, Herr Professor, wir sind alte Kaufleute – bei uns ist es Sitte, früh anzufangen mit der Arbeit. Und ich hoffe, du kommst gern mit, mein Junge, wie?« »Ja«, sagte Markus ehrlich, ohne den erstaunten Blick des Professors bemerken zu wollen. »Übrigens bleibt ja jetzt Kurt in Berlin bei »Onkel Labisch«, fügte er hinzu. Es war beinahe halb acht, als Dr. Labisch, Herr Reimar Lukas, Kurt und Markus am Potsdamer Platz ausstiegen. Gröhlkes waren in der Trauerequipage bis nach Hause gefahren. »Sie müssen jetzt eine Kleinigkeit essen, lieber Doktor«, sagte der Kaufherr. Dr. Labisch nickte blöde. »Ja ... essen. Drüben gibt's ja gutes Bier.« Dann erschrak er über das, was er gesagt hatte und was so unpassend schien in diesem Augenblick. Aber Herr Lukas fand nichts Unpassendes in seinen Worten. Er faßte ihn unter. »Kommen Sie, lieber Doktor!« Kurt und Markus folgten in einiger Entfernung. Langsam, schweren Schrittes. Zahllose Wagen mit eleganten Damen und Herren im Frack und Smoking bogen in die Bellevuestraße zum Künstlerhaus ein. ist denn da los heute – – ach so, richtig – Enzlehns Theater. Es heißt, man baut ihm ein eigenes Haus in der Friedrichstadt.« »So? ...« gab Markus tonlos zurück. Kurt fuhr sich ein paarmal über seinen kurzen, starken Schnurrbart. »Hab' ich nicht recht behalten – ist er nicht ein praktisches Bürschchen geworden, he?« »Hör' auf von ihm zu reden ... hör' auf. Ich kann es heute nicht vertragen.« »Na, schön. Hol' ihn der Deubel!« Sie traten zu dem Tisch, an dem die Väter Platz genommen hatten. Und drüben, kaum hundert Schritt von ihnen entfernt, ging die Morgenröte einer reinen Kunst auf – über dem Golgatha der Verstorbenen. – – – Menschen Über sechs Jahre waren seit dem Tode der Frau Dr. Labisch vergangen. Markus Lukas war jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Er hatte längere Zeit im Kontor des Bremer Exporthauses Reimar Lukas gearbeitet – still und gewissenhaft, hatte sein Jahr abgedient und war dann mit einem leichten Knacks, infolge eines Sturzes vom Pferde, ins Elternhaus zurückgekehrt. Der Arzt hatte einen Aufenthalt im Süden angeraten. Herr Reimar Lukas expedierte seinen Ältesten nach Ceylon, von dort sollte er sich nach Brasilien einschiffen. Der Kaufherr gab ihm schwerwiegende Empfehlungen mit, die ihm eine glänzende Aufnahme in der ersten Gesellschaft sicherten. Markus sollte nichts tun, als sich erholen, und dem Vater ausführliche Briefe über den Stand der Plantagen und die ferneren Handelsaussichten schreiben. Markus erwies sich auch als Korrespondent durchaus zuverlässig und gewissenhaft. Seltsamerweise vermißte der Kaufherr in den Berichten eine gewisse Wärme, wie er diese Wärme ja auch in der Arbeit vermißt und damit erklärt hatte, daß Markus eben nur seinem Pflichtgefühl nachkam, indem er sein Gebot erfüllte. Aber daß der Anblick der wundervollen tropischen Natur, der Aufenthalt in einer von märchenhaftem Luxus umgebenen Gesellschaft so spurlos an ihm abglitt – das gab dem Kaufherrn doch zu denken. Markus kam gebräunt und gekräftigt von der Reise zurück, mit Geschenken beladen. Frau Lukas, mit immer gleich frischem Kindergesicht auf den sehr rundlichen Schultern, forderte energisch eine genaue Schilderung des dortigen Lebens, und Markus antwortete: »Was würdest du sagen, Mami, wenn du in den Blumen statt Tautropfen – Brillanten fändest? So war dort mein Eindruck.« Mami, die nach wie vor mehr zur einfachen Ausdrucksweise neigte, schüttelte den Kopf. »Versteh' ich nicht, Markus.« Markus lächelte. »Siehst du, Mami, dort schützen sich die sogenannten kultivierten Leute vor allem, was die Natur an Licht, Wärme, Pflanzen und Tieren mehr gibt, als bei uns. Sie haben förmlich Angst vor all dem Überfluß der Natur und tragen all ihre Künstlichkeit hinein; behängen sich mit schweren Kleidern und schweren Steinen, verdrängen die wundervollen Abende und Nächte durch elektrisches Licht, essen Kaviar statt Datteln, tanzen in überhitzten Sälen, statt im Sonnenlicht zu liegen, disputieren und diskutieren, statt zu träumen.« »Und da hat dir also nichts von alledem gefallen, Markus?« »Ich kannte das schon, Mami. Es war in Berlin nicht anders. Statt weißer Lakeien – dunkelfarbige Diener, und der Luxus noch gesteigert. Dafür aber auch weniger Geistigkeit. Ein Aufgehen im materiellen Genießen, und die Natur nur als wechselnde Dekoration für Picknick-Ausflüge und elegante Jagden.« »Und die Arbeit, Markus? Die Plantagen – das großartige Getriebe...« »Keuchende, schwitzende Leiber in staubiger Glut. Keine Menschen – Tiere. Schlimmer, elender als Tiere, denn sie haben das dumpfe Bewußtsein ihrer Niedrigkeit, ihrer schmerzenden Füße, ihres wie gebrochenen Rückgrats, das ihre Stirn zur Erde beugt...« Mami schüttelte den Kopf. »Hatte also Vater recht? Nichts, was dir groß und wundervoll erschien?« Markus blinzelte mit kurzsichtigen Augen über den Rauch seiner Zigarette hinweg, und ein leises Lächeln huschte wie ein Schatten um seine schmalen jungen Lippen. »Doch, Mami. Es gab auch Schönes und Großes ... Aber das ließ sich nicht einzwängen in förmliche Berichte an das Haus Reimar Lukas ...« Alles wurde Leben an der rundlichen Frau mit dem lieben klugen Gesicht, Schelmerei lag in den Augen und große Mütterlichkeit. Sie hob den Zeigefinger: »Markus, ich glaube gar...« Aber Markus erhob sich. »Ein andermal, Mami! Es paßt auch nicht in die Kühle eines Bremer Frühlingsmorgens.« »Du schlechter Kerl, mit all deinen Geheimnissen!« – – Herr Reimar Lukas verbrachte seit zwei Jahren Frühjahr und Sommer auf seinem Landsitz, den er etwa eine Stunde Wagenfahrt von Bremen entfernt gekauft hatte. Das Haus war vom vorigen Besitzer mit all dem etwas zusammengewürfelten Mobiliar übernommen worden. Frau Lukas hatte nur für neue Vorhänge, bunte hübsche Strohmatten und leichte Korbmöbel für die glasgedeckte große Veranda gesorgt, von der aus zwei kurze Seitentreppen mit gewundener Steinrampe in den Garten hinabführten, der nach Art der englischen Gärten mit einem großen Wiesenrondell eingeleitet wurde. Die jungen Lukasse, von denen der älteste, ein stämmiger untersetzter Junge, übrigens auch schon fünfzehn Jahre zählte, durften das Rondell »bei Todesstrafe«, wie Mami sagte, nicht betreten. Sie hatten tiefer im Garten einen Lawn-Tennis-, einen Krocket- und einen Turnplatz. Dazu hatte man ihnen einen koketten kleinen Schuppen hingebaut, in dem sie ihre Gerätschaften, Spiele, ihre Räder, Angelapparate, ja sogar ein Boot verwahrten. Und davor lag wieder eine kleine, zertrampelte Wiese, mit einem eigenhändig errichteten Zelt. Neidlos betrachtete Markus das alles. Aber er lächelte, wenn er daran dachte, wie anders seine Kindheit gewesen. Er wunderte sich auch gar nicht, als Mami ihm berichtete, daß die Kinder sehr beliebt in der Schule wären und am Sonntag immer eine Menge Freunde herausbrächten. Der weitgereiste »große Bruder« war wochenlang vorher mit fieberhafter Ungeduld erwartet worden. Die kurze Pappelallee, die vom Hof bis zum Teich und von dort auf die Chaussee führte, wurde mit selbstgeklebten Papierfahnen dekoriert, wobei besonders viele amerikanische Sternenbanner verwendet wurden, weil mit ihnen die Ideenassoziation von Amerika am lebhaftesten zusammenhing. Die kleinen Lukasse stellten sich den »großen Bruder« nach seiner Heimkehr als eine Art Cowboy vor, mit rotem Hemd, Revolver im Ledergürtel, großen Stulpstiefeln und sonnenschirmförmigem Panama. Sie waren ein bißchen enttäuscht, als sie im Wagen neben dem Vater dieselbe schlanke, elegante Silhouette erblickten, die sie vom Fenster ihres Bremer Hauses hatten abfahren sehen. Anders Mami. Seit ihre Jungen so selbständig und kraftvoll in sich und an sich Genüge fanden, sich ihren sorgenden Händen und mütterlichen Zärtlichkeiten auf robuste Knabenweise zu entwinden suchten – empfand sie zum ersten Male seit vielen langen Jahren eine Leere. Und als sie Markus an sich drückte, und er ihre Freude in seiner warmen, etwas versonnenen Art erwiderte und sie mit Augen ansah, die eine noch reichere und eigenere Sprache redeten als seine Lippen, da fühlte sie die Leere ausgefüllt, und Markus rückte über all die vier lärmenden, robusten, selbständigen jungen Lukasse hinweg an dieselbe Stelle, wo er einst als kleiner Junge Alleinherrscher gewesen. Herr Reimar Lukas trat auf die Veranda heraus. »Nun, wie ist's, Markus, bist du so weit? Der Wagen wartet!« »Selbstverständlich, Papa!« Herr Lukas, der nie gesprächig gewesen, war während dieser Morgenfahrten besonders schweigsam. Und Markus liebte dieses Schweigen an ihm, liebte das Schweigen, das um diese Morgenstunde auf der breiten, von Birken gesäumten Chaussee lag. Und Herr Reimar Lukas freute sich seines ruhigen, in sich abgeschlossenen Sohnes, der würdig den Namen Lukas verkörperte. »Ist das nicht Rykerts Wagen?« »Ja, Papa, ich glaube. Übrigens hört man's am Gerassel!« Markus konnte selten ein Lächeln unterdrücken, wenn er mit seinem Vater an »Rykerts Karrete« vorbeifuhr. Es war ein alter, schäbiger Landauer mit zwei fetten, bockbeinigen Schimmeln bespannt, die um zwanzig Minuten länger nach der Stadt fuhren, als der Lukassche Braune. Aber Rykert war eigensinnig und wollte nichts von neuem Fuhrwerk wissen, trotzdem er über eine Million Jahreseinnahme verfügte. Wenn sich Herr Lukas beim Frühstück im Ratskeller mit leiser Ironie nach dem Befinden seiner Schimmel erkundigte, lachte Rykert vor sich hin: »Dank' ooch, Herr Lukas, dank' ooch! Ein paar Jährchen werden sie's noch machen. Länger, als ich vielleicht, und werden mich hinausführen zu meiner letzten Fahrt.« Rykert hatte dann jedesmal ein Tränlein im Auge, denn er war sehr wehleidig, wenn er an das Ende dachte oder daran, daß an seiner alten Ordnung etwas gestört werden könnte. Er war ein kleiner, sehr runzeliger Mann, mit scheuen Bewegungen und hastigem, ängstlichem Sprechen. Es war immer, als müsse er jeden um Verzeihung bitten, daß er der reiche Rykert sei. Wenn er zu Fuß ging, drückte er sich an den Häusern entlang, niemals sah man ihn auf der Sonnenseite gehen, und im Ratskeller saß er in der dunkelsten Nische. Ging er mit jemandem aus, so blieb er immer einen halben Schritt zurück, und wollte man ihm beim Eintreten den Vortritt lassen, so weigerte er sich entschieden, voranzugehen, und schlüpfte gleichzeitig mit dem anderen durch die Tür, so daß er sich ganz klein und schmal machen mußte. Über seine Frau wußte man wenig. Die einen sagten, sie wäre eine Dame von Adel, die anderen, sie sei eine Künstlerin gewesen. Frau Rykert war jedenfalls eine hohe, imposante Erscheinung, sehr kühl und unnahbar, die ihrem großen, aber fast spartanisch einfach gehaltenen Hause mit vieler Würde vorstand. »Eine Dame «, sagte Herr Lukas, wenn er von ihr sprach. Und im übrigen wäre er der letzte gewesen, der dem Stammbaum einer Frau, die für ihn »Dame« war, nachgeforscht hätte. Seit zwei Jahren stand das Haus Lukas mit dem Hause Rykert auf Besuchsfuß. Die Nachbarschaft der Landsitze und die gelegentlichen gemeinsamen Frühstücke der Herren im Ratskeller hatten die Annäherung bewirkt. Man war beiderseits wohlhabend genug, um ein paar Millionen mehr oder weniger nicht als Verkehrshindernis zu betrachten. Und wenn Rykert auch wirklich der Reiche, so war Herr Lukas der vornehme der beiden. Rykerts Vermögen war noch sehr neu. Mit krankhafter Besorgnis vermied er alles, was wie Parvenütum aussehen konnte, und verfiel damit ins andere Extrem. Man sagte ihm Geiz nach, weil er das schlechteste Fuhrwerk hatte, die einfachsten Anzüge trug und die billigsten Weine auf seinen Tisch stellte. Mit seinem Sohne Bernhard stand er auf gespanntem Fuße. Das war ein sehr eleganter und sehr schöner Mensch, der den größten Teil des Jahres in London, Paris und an der Riviera zubrachte, zwei Monate im Jahre Zigaretten im väterlichen Kontor rauchte und diese Zeit im übrigen nur dazu verwendete, beim Vater eine größere Anleihe zu machen. Der Lukassche Braune hatte die beiden Schimmel bald eingeholt. Rykert hob den Strohhut und verneigte sich hastig ein paarmal mit dem Oberkörper. »Morgen, Herr Lukas! Morgen!« »Morgen! Um zwölf im Ratskeller, nich?« »Jawohl, Herr Lukas, jawohl ... um zwölf.« Herr Reimar Lukas und sein Sohn grüßten nochmals, um doppelt höflich zu sein, als sie eine Dame an Rykerts Seite gewahrten. Auch die Dame neigte den Kopf, den ein in den Farben sehr diskreter, in der Form sehr moderner Hut beschattete. »Das wird seine Tochter Kamilla sein«, sagte der Kaufherr. »Sie hat beinahe zwei Jahre in Paris bei der Marchesi studiert und ist wohl jetzt zurückgekehrt.« Um zwölf trafen sich die Herren in der dunkelsten Nische des Ratskellers. Weit sichtbar war der Tisch als »Stammtisch« bezeichnet. »Millionentisch« wurde er von einigen eingeweihten Bremern genannt, die die reichsten Kaufherren ihrer Stadt von Ansehen kannten. Rykert aß jeden Morgen sein Beefsteak à la tartare. Der Kellner brachte es ihm bereits angerichtet, mit einer extra fein zubereiteten Mayonnaise als Überguß. »Daß Sie dieses rote Zeug vertragen!« sagte Herr Lukas kopfschüttelnd. Aber Rykert stürzte sich mit wahrer Gier darauf. »Im Winter muß ich immer warmes Ochsenblut trinken, das ist noch schlimmer!« Markus vermied es, die dünnen, bläulich weißen Lippen des kleinen Mannes anzusehen. Er sah sie fortan immer von Blut gefärbt, wie die eines Vampirs. »Tja ... meine Tochter kommt auch noch her. Sie hatte Besorgungen in der Stadt. Da kommt sie gerade.« Rykert sprang hastig auf, wobei die Gabel und seine Serviette zur Erde fielen, und ging einer schlanken, großen Dame entgegen, die sich mit von der Sonne geblendeten Augen im dämmerigen Gewölbe umsah. »Ach – da bist du, Papa!« Ein ruhiger, tiefer Mezzosopran. Langsam und sicher trat sie näher. Rykert stellte vor: »Meine Tochter Kamilla ... Herr Reimar Lukas ...« Der Kaufherr ergänzte mit einer eleganten Gebärde: »Mein Sohn ...« Sie neigte ruhig den Kopf, ohne die Hand zu reichen. »Darf ich Ihnen die Pakete abnehmen?« fragte Markus höflich. »Bitte!« Sie überließ ihm die vielen, durch ein Hölzchen verbundenen Päckchen, ohne ihn anzusehen, und wendete sich an den Vater: »Was ißt du? Beefsteak tartare? ... Schön, mir auch.« Und während sie sich mühte, die langen dänischen Handschuhe aus den unzähligen schmalen Gold- und Silberreifen herauszuziehen, die ihren Arm umschlossen, konnte Markus sie ungestört beobachten. Sie hatte schöne, regelmäßige Züge, blutleer, wie aus Elfenbein geschnitzt. Die Brauen kanteten in geraden Strichen eine niedere, schmale Stirn ab, unter der heraus zwei große grüne Augen seltsam ruhig hervorleuchteten. Dunkelblondes Haar fiel in großen, natürlichen Wellen auf die weißen, schmalen Schläfen. Der Duft eines aufreizenden Parfüms ging von ihr aus. »Mir scheint jetzt, als wäre ich wieder in Ceylon«, sagte Markus und führte ihre Handschuhe ans Gesicht. »Welches Parfüm benutzen gnädiges Fräulein?« »Eine eigene Mischung.« Markus hielt noch immer ihre Handschuhe fest. Sein Gesicht schien etwas bleicher, seine schlanken Finger bebten leicht. »Das hätte ich mir eigentlich denken können. Es ist unheimlich, wie nahe einem Vergangenes durch einen bestimmten Duft gebracht werden kann.« Ein kaum merkliches Lächeln erhellte für einen Augenblick ihr strenges Gesicht und gab ihm einen entzückenden Liebreiz. »Die Mischung wurde mir in Paris von einem Missionar, der lange in Indien gelebt hatte, verraten. Die einheimischen Frauen salben sich an großen Festtagen mit den Ölen. Man sagt dort, sie würden dann unwiderstehlich und sehr glücklich in der Liebe. Aber sie hüten ihr Geheimnis.« Markus pochte das Blut in den Schläfen. »Ich hatte eine kleine Freundin auf Ceylon. Wenn sie abends durch den Garten ging bis zur Hängematte, in der ich lag, dann duftete alles um mich herum. Auch sie hat ihr Geheimnis nicht verraten, so sehr ich sie darum bat. Aber sie schenkte mir am letzten Tage ein Brusttuch, das ganz getränkt war von dem Duft. Ich gab es in ein Kästchen, und wenn mich die Sehnsucht nach jenen Tagen packt, dann hebe ich den Deckel.« »Wissen Sie, was das beweist?« »Nun?« »Daß Frauen in der Liebe stärker sind als Männer. Sie müssen mir noch vieles von ihrer kleinen Freundin erzählen.« Erst jetzt fiel es Markus auf, daß er bis heute noch überhaupt zu keinem von der Indierin gesprochen, dem schlanken, goldbraunen Kind, in dessen Armen er zum Manne geworden und das er zum Weibe gemacht in einem unbeschreiblichen Rausch traumhafter, plötzlich erwachter Sinnlichkeit. Die kleine Maloya war Nichte eines Plantagenaufsehers. Sie lief herum zwischen den Feldern am Abend, wenn alles zur Ruhe gegangen war, als suche sie ein Lager, auf das sie sich niederstrecken könne. Und wenn die Schatten der Nacht sich tiefer auf das Dickicht der Palmen senkten, und der Mond aufging, dann ließ sie ihr schmutzigbraunes Röckchen herab, das ihr kaum die schmalen Fesseln deckte, und stieg in die klare Flut des Sees, der wie ein mondbeschienener Spiegel im Schweigen der Nacht dalag. Und sie schwamm mit ihren schlanken, braunen Gliedern, kunstlos, wie Katzen schwimmen, mit gurgelnden Lauten kindlicher Freude. So erblickte Markus sie zuerst, als er sich, um dem Summen der Moskitos zu entfliehen, mit erregten Nerven, übermüdet vom heißen Wachen, von seinem Lager erhob und, nur mit einem rohseidenen Morgenanzug bekleidet, den Weg nach dem See einschlug. Er freute sich auf das einsame Untertauchen im mondhellen Wasser – hastig warf er den Anzug ab und glitt schwimmend in großen, klassischen Bewegungen durch die Flut. Und plötzlich hörte er gurgelnde, lachende Laute ... wie eine köstliche Bronze ragte der Körper der kleinen Maloya aus dem Schilf empor. »Was machst du da?« rief er herüber. Und sie antwortete, ebenfalls englisch, nur mit dem drolligen Akzent ihres Stammes: »Was die Fische machen: ich schwimme. Darf ich nicht?« »Doch, du darfst ... komm, schwimm an meiner Seite!« Er dachte keinen Augenblick daran, baß sie beide zwei junge, nackte Menschenkinder waren, allein in stiller, schweigender Nacht. Und ihr knospiger, brauner Mädchenleib schmiegte sich vertrauensvoll in seine Hand, als er sie das »richtige Schwimmen« lehrte. Entzückt folgte er den wundervollen Bewegungen ihrer schlanken Arme, den Biegungen ihres fast kindlichen Körpers. Und so viel Schönheit lag über den beiden jungen Menschen, daß kein unreiner Gedanke sich in die Keuschheit dieser Stunde drängte. »Danke, Herr, jetzt kann ich gut schwimmen«, sagte das Mädchen. Sie stieg nun aus dem Wasser und ließ ihre langen, schwarzen Haare wie einen Mantel um ihre Gestalt herabfallen. Man sah nur noch die kleinen braunen Füße und die edelgeformten Knie, wenn sie beim Gehen durch die Haarwellen durchschimmerten. »Wie weiß du bist, Herr!« sagte sie, als er vom Schilf noch halb bedeckt am Ufer entlangschritt. »Dein Körper leuchtet im Monde. Darf ich dich anfassen?« Und wie ein kleines Kind tippte sie mit ausgestrecktem braunen Finger auf Markus' Schulter. Da überkam ihn plötzlich sein erster großer, köstlicher Rausch. Er umschlang sie mit starken Armen, und wie sie sich lachend zurückbog, küßte er sie auf ihre breiten, festen, weißen Zähne. So hatte es angefangen  ... Markus hielt noch immer Kamillas Handschuhe. Er war sehr bleich  ... »Wie findest du Fräulein Rykert?« fragte Mami abends. Ihr Gesicht war voll gespannter Aufmerksamkeit, beinahe etwas unruhig. Markus sagte: »Sie ist sehr schön. Sie ist groß und von unbeschreiblicher Distinktion. Wenn sie da ist, muß ich an die wundervollsten Stunden meines Lebens denken. Ich glaube, sie ist ganz anders, als alle anderen Frauen.« Die gute, kleine Frau Lukas seufzte schwer auf. »Der Vater wünscht, daß der Verkehr mit Rykerts ein recht lebhafter wird.« Es lag beinahe etwas Lauerndes in ihrem Ton und darunter etwas wie Angst. Markus stand mit dem Rücken zu ihr. Sie konnte nur sein fein geschnittenes Profil sehen und den tiefen Mundwinkel, der ihn so viel älter erscheinen ließ, als er wirklich war. »Hast du gehört, Markus?« fragte sie. »Ja ...« Sie trat auf ihn zu und strich ihm mit ihrer weichen, kühlen Hand über die Stirn. »Dein Kopf ist so heiß, Markus, und du riechst so merkwürdig...« »Das ist ihr Parfüm, Mami. Es setzt sich einem in den Kleidern und in den Poren fest!« »Es macht Kopfschmerzen!« Frau Lukas ging ein paar Schritte auf der Veranda und blieb dann plötzlich wieder stehen. »In den Gerichtsferien muß Kurt Labisch herkommen. Es taugt nichts für dich, hier allein zu sein. Hier wird dir alles zum Gespenst.« Markus lächelte. »Du kluge, kleine Mami!« Sie fuhr fort: »Kurt könnte so eine Partie gebrauchen. Es heißt, sie bekommt zehn Millionen mit.« Markus zuckte die Achseln. »Das ist keine Frau für Kurt!« »Für dich?« Kaum hörbar kamen die zwei Wörtchen von den Lippen der kleinen, runden Frau. Markus aber fuhr zusammen, als hätte man neben ihm aus einer Pistole geschossen. »Was ist das für ein Unsinn, Mami?« Sie hatte ihn noch nie so außer sich gesehen. Seine Augen waren ganz dunkel unter den finster zusammengezogenen Brauen. »Sag' das nie mehr, hörst du! Nie mehr! Es ist so häßlich von euch – so kleinlich, immer nur das eine zu sehen in allem – alles einfangen zu wollen in plumpe Worte ... kannst du den Duft einfangen, kannst du? Du spürst ihn und weißt nicht mal, woher er kommt! Laßt das doch ein für allemal, laßt das!« Er ging die wenigen Stufen hinunter in den Garten, ohne sich umzusehen. Frau Lukas blieb kopfschüttelnd, sorgenvoll auf der Veranda zurück. Der Diener knipste das elektrische Licht an und schloß die Tür, die ins Zimmer führte, um den Nachtfaltern den Einflug zu wehren. »Befehlen gnädige Frau den Tee hier?« »Ja ...« Und da Herr Reimar Lukas gerade vor der Veranda stand, beugte sie sich über die Brüstung in den Garten. »Hast du Markus gesehen?« »Ja, er lief an den Teich. Diese Abendbäder werden ihm noch schlecht bekommen. Er hat den Maßstab verloren für klimatische Unterschiede.« Frau Maria Lukas lachte wieder. »Wie gut du das wieder gesagt hast, Reimar. Das ist es nämlich.« »Was?« fragte er ziemlich verständnislos. »Nennt man es nicht Tropenkoller, Reimar?« Und sie stieg hinunter in den Garten zu ihrem Manne. Aus den geöffneten Fenstern der Kinderzimmer klang ein vierstimmiger Kanon. Herr Reimar Lukas drückte den Arm seiner Frau fest an sich. »Was glaubst du, Maria, kann das Haus Lukas bestehen auch ohne Markus?« »Wie meinst du das, Reimar?« Sie sah ihn erschrocken an. Er beruhigte sie mit einem Lächeln. »Nicht im bösen, Maria. Aber ob Reimar Lukas' Nachfolger Markus oder Erich heißt – der Ehre des Hauses gilt's wohl gleich.« Die kleine Frau Lukas schwankte zwischen Weinen und Lachen. »Du mußt nicht glauben, Reimar, daß es Erichs wegen ist, wenn ich froh bin.« »Das weiß ich«, antwortete der Kaufherr ruhig. »Aber laß nur allem Werdezeit. Markus gibt sich Mühe. Mühelos soll ihm nichts in den Schoß fallen.« Die kleine Frau Lukas schmiegte sich vertrauend an ihren großen, ernsten Mann, und sie wandelten ruhig Seite an Seite in den schmalen Gartenalleen, während der Diener auf der erleuchteten Veranda den Teetisch herrichtete und die Lichter in den oberen Zimmern allmählich erloschen. Am nächsten Sonntag machten die Damen Rykert Besuch. Markus kramte in allerlei alten Briefen und Papieren, als er die Rykertsche Karrete heranrasseln hörte. Sie bog in den Hof ein und nahm die Auffahrt wie ein großes Hindernis. Er sah Kamilla an der Seite ihrer Mutter. Beide Damen saßen sehr gerade und vornehm in dem alten, gräulichen Kasten, und als Kamilla sich auf den Arm des Dieners stützte, der ihr aus dem unbequemen Wagen half, ward ein nicht sehr kleiner, aber edel geformter Fuß unter dem Saum ihres weißen Libertykleides sichtbar. Markus fühlte wieder das leise Beben in den Gliedern, das ihm damals im Ratskeller alles Blut zu Herzen gejagt hatte, und die warme Sommerluft, die durch die Ritzen seiner herabgelassenen Jalousien hereindrang, schien ihm wieder erfüllt von dem vertrauten Duft. Dann saß er an Mamis Seite, den beiden Damen gegenüber. Mami machte krampfhafte Anstrengungen, Frau Rykert zu unterhalten, die aber alle an ihrer unnahbaren, verschlossenen Art abprallten. Kamilla saß lässig zurückgelehnt im Sessel und hielt ihre grünen Augen in stiller, aufmerksamer Höflichkeit auf die lebhafte kleine Hausfrau gerichtet. Der Kaffee wurde auf der Veranda serviert. Der Kaufherr fragte mit liebenswürdiger Ironie, wie lange die Extrapost mit den Schimmeln gebraucht habe, um hierher zu kommen. Kamilla lächelte. »Ich begreife ja überhaupt nicht, daß man heutzutage noch per Wagen fährt. Die Abhängigkeit von den Tieren – « » – wird durch die Abhängigkeit von der Maschine ersetzt«, ergänzte Herr Lukas mit kaum merklichem Spott. »In gewissem Sinne ist alles Abhängigkeit. Es kommt nur darauf an, die Grenzen so weit wie irgend möglich auszudehnen.« Die kleine Frau Lukas machte ganz runde Augen. Sie blickte hilfesuchend zu ihrem Gatten hinüber. Aber er lächelte nur eigen und gar nicht entsetzt über Ansichten, die ihm aus dem Munde einer Frau höchst unsympathisch hätten sein müssen. »Ergänzung ist alles im Leben«, sagte er. »In der Ergänzung liegt die Harmonie!« »Unterwerfung ist Harmonie«, sagte Frau Rykert herb. »Meine Tochter war zu lange selbständig.« »Zu lange nicht, aber lange genug, um den Wert der Selbständigkeit zu schätzen.« »Vielleicht zeigst du Fräulein Rykert den Garten und deine Sammlung, Markus?« schlug Frau Lukas hastig vor. Kamilla erhob sich mit leichtem Lächeln. »Gewiß. Ungezogene Kinder schickt man am besten vom Tisch. Also gehen wir ... Herr ...« »Markus«, fiel der Kaufherr ein. In seinem sonst so strengen Blick lag Wohlgefallen an dem schönen, eigenartigen Geschöpf. Die kleine Frau Lukas konstatierte es mit heimlichem Befremden. »Also gehen wir, Herr Markus.« Kamilla raffte mit einer eleganten Bewegung die kurze Schleppe ihres weißen Kleides zusammen und schritt langsam zum Garten hinab. Vom Spielplatz her schallte das Lachen und Schreien der jungen Lukasse herüber. »Wollen Sie sehen, wie die Kinder spielen?« fragte Markus. Sie zuckte kaum merklich mit den geradlinigen Brauen. »Muß es sein? Nein? Dann lassen wir's lieber. Ich mache mir nichts aus Kindern, und ich verstehe es nicht, mich mit ihnen zu unterhalten.« »So geht es mir eigentlich auch«, meinte Markus lächelnd. »Schon seit der Schule, da ich selbst noch ein Kind war. Meine kleine Mami war und blieb mein einziger Spielgefährte.« »Das ist wohl Ihre Stiefmutter?« »Das Wort hat einen unschönen Klang, der nicht zu unserem Verhältnis paßt.« »Sie geben viel auf Äußerlichkeiten?« Er blieb stehen. Seine lichten Augen ruhten zum ersten Male unbefangen, prüfend auf ihren wie aus Elfenbein geschnitzten Zügen. »Sehr viel«, sagte er endlich mit starker Betonung. »Sie müssen mir jetzt von Ihrer kleinen Freundin erzählen.« Das klang beinahe wie ein Befehl. »Warum ... was soll ich Ihnen erzählen? Es ist doch alles längst vorbei!« »Was nennen Sie – längst?« »Monate können zu Jahren werden durch einen Tag!« Die untergehende Sonne tauchte die Gestalt des jungen Mädchens wie in Purpur. Er schloß geblendet die Augen, und die aufreizende Duftwelle wogte so stark über ihn hin im leichten Wehen der blühenden Zweige, daß ihm das junge Blut brausend zu Kopf stieg. »Geben Sie mir Ihre Hand«, bat er leise. Sie reichte ihm ruhig lächelnd die Linke. Und es nahm sich aus, als wollten sie beide in graziösem Menuett die kleine Allee hinabtänzeln. Aber plötzlich ließ er ihre Hand los und lehnte sich an einen Baumstamm, beschämt, unfähig, zu sprechen. »Was ist Ihnen, Markus?« »Ich liebe Sie«, sagte er einfach, während sich fahle Blässe auf seine Wangen legte. Sie lächelte nicht mehr. Kerzengerade stand sie vor ihm, und ihre grünen Augen senkten sich in die seinen, fast ausdruckslos in ihrer schweren Ruhe. »Ich glaube es Ihnen, Markus. Aber die anderen würden es nicht glauben oder mißverstehen. Nehmen Sie sich zusammen!« »Verzeihen Sie ... Ich werde nicht mehr darüber sprechen.« »Doch ... Sie können darüber sprechen ... So meinte ich es nicht.« Er führte sie im Garten umher, im Park. Er erzählte von seiner Kindheit. Sie hörte schweigend, zerstreut zu. »Haben Sie nicht ein Bild von Ihrer kleinen Freundin?« fragte sie plötzlich. Eine leichte Röte stieg ihm in die Schläfen. »Nein ... Doch ... Keines, das ich Ihnen zeigen könnte.« Aber einen Augenblick später holte er seine Brieftasche heraus und zog eine nicht auf Karton geklebte Photographie hervor, eine Liebhaberaufnahme, wie er sie auf seinen Reisen zu machen pflegte. Das Bildchen stellte die kleine Indierin dar, wie sie mit spitzen Zehen auf einem Stein stand und aus dem Schilf emporragte. Eine schöne, kleine Statuette von unendlicher Keuschheit in der reinen Linie ihrer knospigen Gestalt. »Wollen Sie mir das Bildchen schenken?« Er zuckte zusammen, aber sein Zögern währte kaum die Dauer eines Gedankens. »Was mein ist – gehört Ihnen«, sagte er. Und die Stimme wurde ihm heiser dabei und die Augen dunkel vor übermächtiger Erregung. Denn es war das Teuerste, was er besaß. »Ich darf damit machen, was ich will?« Markus senkte schweigend den Kopf zum Zeichen der Zustimmung. Sie waren längst, ohne es gewahr zu werden, aus dem Park herausgetreten und wandelten langsam am Ufer des Teiches, der mit seinem klaren Wasser wie ein kleiner See dalag. Schlanke rosige Wölkchen und hellgrüne Streifen wie leichte Bänder schwebten verstreut über der stillen Fläche. »Es darf Ihnen aber gewiß nicht leid sein«, sagte sie noch leiser und ließ ihre tiefen grünen Augen nicht ab von ihm. »Nein ...« Es klang wie erstickt, und halb wendete er sich ab. Sie aber streifte einen Ring mit schimmerndem, mandelförmigem Opal vom Finger und wickelte ihn in das kleine Bild, riß sich eines ihrer langen Haare ab und knüpfte es um das Bildchen mit dem Opalring. Dann stieg sie die Stufen zum Badehaussteg hinauf, streckte, am äußersten Ende angelangt, den Arm aus über das Geländer und ließ das Päckchen herabfallen in das klare Wasser, das es wie ein Trichter aufsog  ... Ein kaum hörbarer, plätschernder Laut, dann leichte, stahlblinkende Kreise, einer immer größer als der andere, bis die Wasserfläche ruhig und still blieb wie zuvor, und nur schlanke, rosa Wölkchen und hellgrüne Streifen wie leichte Bänder darüber hinschwebten. »So senkt man Tote ins Meer!« sprach Kamilla Rykert und kam zurück zu Markus. »Ich weiß – so geschah es meiner Mutter, als sie heim wollte aus Amerika!« Sie sahen einander an. Beiden klopfte das Herz. Markus saß seinem Vater gegenüber im dunklen Bremer Arbeitszimmer. Nichts hatte sich darin verändert seit jenem Tage, da der kleine Knabe zitternd auf der Ecke des Stuhles gehockt und der Vater ihm mit wenigen kurzen Worten alles genommen, was seinem jungen Leben Bedeutung und Inhalt gewesen. Der Kaufherr sprach langsam, eindringlich, nicht ohne Achtung für die strenge, selbstüberwindende Zucht, die Markus die sechs Jahre über bewiesen. »Du kannst dem Schicksal danken, daß es dir Brüder gegeben, die die Bürde der Verantwortung für unser Haus auf ihre Schultern nehmen können. Du brauchst nicht zu leugnen, daß dir die Jahre hier wie eine schwere Gefangenschaft erscheinen, die nur durch deine Reise unterbrochen wurde. Du hast diese ›Gefangenschaft‹ mit Anstand ertragen, und sie hat dich vielleicht gelehrt, in Freiheit zu leben. Schon darum sind diese Jahre keine verlorenen!« Der Kaufherr beugte den ergrauten, bedeutenden Kopf über ein Schriftstück, das vor ihm lag. Markus bemerkte zum ersten Male einen müden, welken Zug um seine energische Lippenlinie. Dieser Zug rührte ihn mehr, als ihn jemals die Tränen einer Frau gerührt hatten. Das waren Linien, die das Leben jenen eingräbt, die nie ein Wort der Klage aussprechen, die ohne rechts oder links zu sehen, auf dem Pfad der Pflicht einherschreiten. »Ich habe dir eine Aufstellung deines Vermögensanteiles gemacht. Im selben Maße, wie deine Brüder durch ihre Existenzen dir die Verantwortung für unser Haus abnehmen, hat sich dein persönliches Besitztum verringert. Du bist wohlhabend, Markus – was man wohlhabend nennt in bürgerlichen Kreisen – du bist ein Bettler gegen ... Kamilla Rykert.« Markus machte eine heftige Bewegung. »Laß mich ausreden!« Es war der alte Ton, der keinen Widerspruch ertrug. Markus suchte seine Nervosität zu verbergen, indem er eine Zigarette aus der Tasche holte, – aber der Vater sagte: »Nicht rauchen jetzt.« Und in altem Gehorchen legte er die Zigarette nieder. »Du sollst dich nicht betäuben, dich selbst nicht belügen, du sollst klar und nüchtern wissen, was du tust, wenn du den Weg der Freiheit betrittst. In deine persönlichen Empfindungen mische ich mich nicht hinein. Fräulein Rykert ist dir sympathisch, es liegt kein Grund vor, daß du sie nicht zu deiner Frau machst. Wenigstens habe ich bisher keinen Grund finden können.« Er betonte das »ich« auffällig, und ein leises Lächeln schürzte seine schmalen Lippen. »Du darfst um ihre Hand anhalten. Du wirst keinen Korb bekommen. In deinem eigensten Interesse aber mache ich dir einen Vorschlag: es ist Rykerts Ehrgeiz, sich geschäftlich mit dem Namen Lukas zu assoziieren. Auf das unpersönliche ›Lukas \& Co‹ würde Rykert gewiß mit Recht – nicht eingehen ... Auf das ›Lukas \& Rykert‹ kann ich nicht eingehen – für Bremen wenigstens. Anders in Berlin. Für dort habe ich die Möglichkeit einer auf Gleichheit beruhenden Assoziierung unserer Namen erwogen. Im Grunde nur Zweigbüro – nach außen hin ein fast selbständiges Haus mit hier auslaufenden Fäden. Für Rykert bedeutet das die Erfüllung seines lebhaftesten Wunsches. Ich kann ihn nur erfüllen, wenn ein Lukas Chef dieser Firma wird. Willst du dieser Chef sein? Rykert würde seiner Tochter die Millionen dann nicht als einfach verzinsbare Mitgift geben, über die sie freies Verfügungsrecht hätte, sondern als Einlage in ein Geschäft, dessen geringere Einlage das Haus Lukas durch seinen Namen kompensiert. Hast du mich verstanden? ...« Markus' Augen leuchteten. »Ja. Und ich danke dir, Vater.« Der Kaufherr hielt die Hand seines Sohnes fest in der seinen. »Du sollst ein Mann sein, Markus – auch der Frau gegenüber, der du dienst!« Markus hätte sich in diesem Augenblick vierteilen lassen für den Vater. Markus war verlobt. Er fand es lächerlich, einen fremden Herrn um etwas zu bitten, was ihm innerlich schon längst gehörte. Aber Herr Reimar Lukas bestand auf einer förmlichen, korrekten Erledigung. »Du sollst dir nichts leicht machen, Markus. Ich möchte es nicht, daß du dich vor einer Notwendigkeit drückst, nur weil sie dir Unbehagen schafft!« Und so saß denn Markus dem zappeligen, kleinen Manne mit den blutleeren Lippen gegenüber und brachte seine Werbung in artigen, verständigen Worten vor. Es fehlte dieser Stunde die Würde, die sie immerhin eindrucksvoll hätte machen können. Rykert verbeugte sich immerwährend. »Aber jawohl, Herr Lukas ... aber natürlich, Herr Lukas, aber bitte sehr ... Große Ehre für meine Tochter ... bitte Sie, die alte Firma ... Lukas ... Reimar Lukas ... aber, mit Vergnügen, Herr Lukas.« Und dabei krähte er den Namen Lukas so laut, daß Markus sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Es war grotesk. Dann sprach er von der Mitgift. »Ein paar Milliönchen kommen auch dazu, Herr Lukas, und sind nicht zu verachten, nich? Aber meine Tochter ist einfach erzogen, ganz einfach. Wir sind keine Protzen in der Familie.« Er blähte sich auf. In dem Worte »Familie« sonnte er sich. Es war ein Wort, das auch Herr Reimar Lukas gebrauchte. Markus drehte mechanisch seinen spiegelblanken Zylinder in der Hand. Rykert wurde gesprächig, bekam Selbstbewußtsein als zukünftiger Schwiegervater eines Lukas. »Meine Tochter wollte ein Auto haben. Ich hab's nicht erlaubt. Nein – es soll nicht heißen in Bremen, daß Kamilla Rykert eine Parvenü ist ...« »Sie müssen Ihre Frau kurz halten, Herr Lukas, glauben Sie mir ... kurz halten! Die Ehe Ihres Herrn Vaters kann Ihnen als Muster dienen.« Markus litt Qualen. Er erhob sich. Rykert hielt ihn aber noch am Knopf des eleganten, schwarzen Gehrockes fest: »Und dann, lieber Herr Markus – ,« er neigte sich ganz intim zu ihm hinüber, »wenn Sie Differenzen haben – immer zu mir kommen. Immer zu mir. Nur keine Weiberwirtschaft. Den Brotkorb halte ich in der Hand. Und solange ich ihn halte – tanzt sie nach meiner Pfeife, verstanden? Abgemacht.« Er schüttelte ihm kräftig die Hand und führte ihn zu seiner Frau hinüber, wobei er sich wieder nach vielen Höflichkeitsbezeugungen an ihm vorbei durch die Tür zwängte. Frau Rykert saß im Salon in einem schwarzen Seidenkleide, obwohl es ein heißer Sommertag war. Sie saß, wie immer, sehr gerade und hielt der Form halber eine Stickerei in der Hand. »Herr Markus Lukas hat uns die Ehre angetan, um die Hand unserer Tochter zu bitten.« Rykert rieb lachend die Fingerknöchel aneinander. Frau Rykert reichte Markus ihre schön geformte, sehr hagere weiße Hand. Er küßte sie höflich. »Jetzt bleibe ich ganz allein«, sagte sie in heftiger Ergriffenheit. Aber im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder in der Gewalt. »Ihre Braut ist im Garten, lieber Markus, holen Sie sie herein.« – – Die Hochzeit war auf Anfang September festgesetzt. Markus arbeitete tagsüber nach wie vor im Kontor. Die Abende verbrachte er manchmal bei Rykerts. Kamilla war sparsam in Liebesworten und Liebkosungen. Und die feine Zurückhaltung gefiel ihm. Er legte in jedes Wort, das er an sie richtete, etwas von der scheuen Leidenschaft, auf die sein ganzes inneres Wesen gestimmt war, seitdem der romantische Überschwang der Bornholmer Tage und die kindlich frohe Sinnenlust seines Ceyloner Erlebnisses sich in seiner Liebe zu Kamilla zum höchsten und reinsten Liebesempfinden geeint hatten. Der »Millionentisch« gab dem Bräutigam ein Frühstück, bei dem keine Flasche Wein unter 80 Mark getrunken wurde, aber es wurde dabei fast ausschließlich von Geschäften gesprochen, und nur einmal trank man auf das Wohl des »Fräulein Braut«, wobei eine kleine Stille eintrat und die Gläser sich beinahe geräuschlos aneinander legten. Daß Markus nach Berlin zog, wurde mit leichter Verstimmung aufgenommen. Aber Herr Reimar Lukas sprach von seinen vier Jungens mit der breiten Ruhe eines Herrschers, der seines Reiches sicher ist. Man ging zur Tagesordnung über, und in der Art, wie man es tat, strich man Markus aus der Runde. Markus zählte die Tage, die er noch in Bremen verbringen mußte, und freute sich, bei seiner Braut Verständnis zu finden. »Paris wäre mir noch lieber, als Berlin«, meinte sie. Er verwies sie auf den Wirkungskreis, den er haben mußte, auf seine Stellung, seine Arbeit. Es war an einem Sonntagnachmittag, und sie saßen in der »Brautlaube«, wie die jungen Lukasse eine Laube getauft hatten, die sie selbst in aller Eile mit großem Aufwand von Nägeln, Farben und Schlingpflanzen auf dem Wege zu ihrem Spielplatz als »Verlobungsgeschenk« errichtet hatten. Markus legte in diese scherzhaft gedachte Gabe viel Symbolik hinein. Auch schien ihm, als wäre Kamilla ihm hier am nächsten – als wären sie beide hier zwischen den vier Lattenwänden losgelöst von allem, was sie an ihre Umgebung knüpfte. Er litt förmlich, wenn er Kamilla in der Nüchternheit ihres Elternhauses sah. Es war wie nackt und hatte keine Geschichte. Rykerts bewohnten es seit etwa fünf Jahren. Kamillas Jugend hatte sich in Mietswohnungen abgespielt. Sie erinnerte sich noch an die übliche Fünfzimmerwohnung mit spärlichen Möbeln, einem dunkeln Wachstuch auf dem viereckigen Speisezimmertische. »Ich war damals wohl sechs Jahre. Später zogen wir sehr oft um – vielleicht alle zwei Jahre. Die Wohnungen wurden immer geräumiger. Auch kamen jedesmal ganz neue Möbel. Ich war dann immer froh, weil ich meinen Schulfreundinnen was Neues zeigen konnte. Dann auf einmal hörte das alles auf. Papa verlangte Einfachheit. Ich bekam nie mehr Schmuck geschenkt, und Mama mußte glatte dunkle Kleider tragen, wir hörten den ganzen Tag immer nur: »Wir können es uns jetzt leisten, ganz einfach zu leben!« Daraus schloß ich, daß Papa sehr reich geworden sein müsse. Der einzig vernünftige war Bernhard. Er kehrte sich an gar keine Vorschriften. Er verspielte fabelhafte Summen. Aber Papa sagte, was draußen geschähe, sei ihm egal. Da bestand ich darauf, nach Paris zu fahren und mich im Gesang auszubilden.« »Warst du unglücklich zu Hause?« fragte Markus. Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Nur langweilig fand ich es. Entsetzlich langweilig, wenn Bernhard kam – ging mir die Sonne auf.« »Du liebst ihn wohl sehr, deinen Bruder?« »Ich bewundere seinen Mut, sich über alles hinwegzusetzen, sich das Leben so zu gestalten, wie er will, entgegen allen Drohungen, allen Ansichten. Er ist prachtvoll – wie ein wildes, ungezäumtes Pferd. Die Menschen sind ihm gleichgültig, das Leben ist ihm gleichgültig. Nur die Stunde, in der er atmet und die ihm Neues bringt – die liebt er.« In den Gerichtsferien wurde Kurt Labisch erwartet. Er hatte seinen Assessor gemacht, und wollte sich im Herbst als Rechtsanwalt niederlassen. »Ich freue mich auf Kurt«, sagte Maria Lukas, indem sie eine Musterung der im Fremdenzimmer frisch aufzusteckenden Gardinen abhielt. Markus und Kamilla spielten Schach in einer Ecke der Veranda. Aber sie spielten träge, denn die Sonne brütete auf den Fenstern, und kein Hauch regte sich in der sonntäglichen Mittagsstille. »Kurt Labisch, ist das der, dessen Mutter – « »So mußt du nicht sprechen, Kamilla«, schnitt Markus beinahe heftig ab. » – dir in deiner Kindheit so nahe stand?« ergänzte Kamilla ruhig. »Du bist sehr nervös, Markus!« »Ja, verzeih ... Ich bin wirklich nervös. Das macht die Hitze.« Kurt Labisch brachte Leben in die brütende Sommerstille des Lukasschen Landhauses. Sein kluges, lebhaftes Doggengesicht gefiel den kleinen Lukas' außerordentlich. Sie holten ihn jeden Morgen feierlichst »zum Balgen« ab und versicherten ihn ihrer Hochachtung für seine sportlichen Leistungen. Der Jüngste, Fritz Reimar, ein frischer siebenjähriger Bengel, sagte bei Tisch im Brustton tiefster Überzeugung: »Der Onkel Kurt ist der Tüchtigste von uns allen!« Markus kam abends kaum zu ein paar vertraulichen Worten. Aber die Frage: »Wie gefällt dir meine Braut?« war doch die erste, – wie Kurt es auch erwartet hatte. »Fein, Markus, prima!« »Mach doch keine Witze«, drängte Markus. »... Is jar keen Witz. Fein!« Markus nickte befriedigt. »Also sie gefällt dir?« »Nee.« »Wieso nein?« fragte Markus sehr scharf und sehr hochdeutsch. »Ja ... mein Junge, du fragst mich doch. Also! Meinem persönlichen Geschmack entspricht sie nicht. Ich muß eine Frau haben wie – na sagen wir: wie deine kleine Mami. Deine Braut is mir einfach zu fein. Die geht mit Glacéhandschuhen schlafen und steht mit Lackschuhen auf. Aber darin mögt ihr ja beide zusammenpassen.« Markus mußte lachen. »Ihr werdet euch noch sehr gut vertragen. Kamilla ist ein ganz eigenartiges Geschöpf.« Kurt hielt sich die Ohren zu. »Markuschen, tu mir einen Gefallen und sage nicht: eigenartig. Das is fürchterlich. In Bremen sagt man das vielleicht noch. In Berlin is das Wort ganz außer Kurs.« Markus zuckte die Achseln. »Mit dir kann man kein vernünftiges Wort mehr sprechen!« Markus ärgerte sich, daß er Kurt um seinen Eindruck befragt hatte. Dann gab es nur noch Tatsachen, die gemeinsames Interesse weckten. Die Zeiten der Auseinandersetzungen und Klarstellungen waren vorüber. – – – Herr Reimar Lukas war in den letzten Tagen des August wortkarger als sonst. Es fiel Markus erst auf, als Mami ihn fragte: »Hat Vater geschäftliche Sorgen?« »Papa? Nein. Wie kommst du darauf?« In dem Wort »geschäftliche Sorgen« lag eine Kleinlichkeit, die Markus in Verbindung mit dem Vater beinahe peinlich war. Das Haus Reimar Lukas kannte nicht einmal Schwankungen – viel weniger Sorgen. Der Teetisch wurde gedeckt. Der Kaufherr trat mit müdem, überarbeitetem Gesicht aus dem Halbdunkel seines Zimmers. »Wo sind die Kinder?« »Hier sind wir, Papa.« Etwas Freies und Leuchtendes lag über Markus' Gesicht, und auch Kamillas Züge waren bewegter als sonst. Herr Reimar Lukas hatte Wohlgefallen an seiner schönen Schwiegertochter, und war von feiner, zurückhaltender Galanterie gegen sie. Ihre Ruhe und Schweigsamkeit gefielen ihm. Da lag Rasse drin – das Erbteil ihrer mütterlichen Vorfahren. Frau Rykerts Großmutter war die Nichte eines Orléans und wurde während der Emigration nach Danzig verschlagen. Sie heiratete einen westpreußischen Edelmann, der später an seinen Jagden und seinen zwei Söhnen verarmte. Die älteste Tochter – Kamillas Mutter – trat als Konzertsängerin auf. Von der Zeit her hatte sie sich die kerzengerade Haltung und das steife Wesen angewöhnt – keiner ahnte ihre arme verhungerte und verprügelte Menschenseele dahinter. Nur Rykert. Er war ein großer Psychologe. Das arme vornehme Fräulein paßte ihm in die Kalkulation seiner Zukunft. Die verprügelte Seele fürs Haus, das steife Genick nach außen hin. So brachte er sie nach Bremen. Und sie blieb still, fügsam und steifnackig – wie er sie haben wollte und wie er sie schätzte. Die Kinder wurden anders, als er es berechnet hatte. Er hätte sie am liebsten eingestampft und neu geformt. Die vornehme Gleichgültigkeit Kamillas schüchterte ihn manchmal ein. Um sie gefügig zu machen, sprach er ihr von den Millionen, die er ihr schenken würde – im nächsten Augenblick versagte er ihr ein Paar Handschuhe. Dem Sohne hatte er Unsummen gegeben und ihn schließlich an die Luft gesetzt, mit hämischer Bösartigkeit. Die Mutter hatte es erreicht, daß Kamilla nach Paris kam, zu einer entfernten Verwandten, angeblich um sie Gesangsstunden nehmen zu lassen, in Wirklichkeit, um sie den seltsamen Tücken des Vaters zu entziehen. Weil es ein vornehmer Name war, den die Großtante führte, gab Rykert nach: » Madame la Comtesse de Résillac «. Es war seine Marotte: vornehme Namen. Die Gräfin war eine siebzigjährige Greisin, voll mystischer Frömmigkeit. Sie lebte in bedrängten Verhältnissen irgendwo im fünften Stock des Faubourg St. Germain. Am Neujahrstage gaben die Orléanisten bei ihr Karten ab, sonst kümmerten sie sich nicht um sie, überließen sie ihrer alten Dienerin aus Südfrankreich. Rykert setzte der alten Dame in einer seiner generösen Aufwallungen eine Monatsrente von 500 Franks aus, auf Lebenszeit für den Fall, daß sie Kamilla auf einige Jahre bei sich aufnehmen würde. Die fünfhundert Franks waren ein Vermögen für die alte Frau. Sie empfing Kamilla mit offenen Armen. In Paris machte Kamilla Schulden und erfuhr mit Befremden, daß der Vater Schulden leichter zahlte, als daß er ihr freiwillig den Luxus zugestand, auf den sie Anspruch zu haben meinte. Die Großtante wurde bald die Vertraute ihrer häuslichen Verhältnisse und stellte ihre spiritistischen Experimente in den Dienst ihrer verwandtschaftlichen Anteilnahme. Ein Missionar, der oft zu den spiritistischen Sitzungen der alten Dame kam, hatte Kamilla eine seltsame Mischung indischer Essenzen aufgeschrieben und ihr geboten, sich stets dieser Mischung zu bedienen und ihren ganzen Willen darauf zu konzentrieren, einem Manne zu begegnen, dem diese Mischung – dem Duft nach bekannt war. »Das würde dann ihr zukünftiger Mann sein.« Und Kamilla glaubte daran, weil dieser Glaube das einzige war, was sie von dem Druck befreite, unter dem sie lebte. Drei Tage, nachdem Kamilla in Bremen eingetroffen war, lernte sie Markus kennen. Markus war in Indien gewesen, er kannte den Duft ihres Parfüms. Kamilla beugte sich dem Schicksal in abergläubischer Furcht. Das war es, was Kamilla eines Abends, kurz vor der Hochzeit, in kurzen, erregten Worten im Lichtstreifen des dunklen Musikzimmers Markus beichtete. Da küßte er sie zum erstenmal, wie ein Mann ein Weib küßt, das er sich unter allen als sein Eigen erwählt, und sie erwachte aus ihrer starren Ruhe, sah ihn an mit ihren aufleuchtenden Augen und fragte: »Werden wir auch glücklich sein, Markus?« – – – Am nächsten Morgen, während Markus an des Vaters Seite zur Stadt fuhr, sagte der Kaufherr: »In acht Tagen ist eure Hochzeit. Rykert weicht mir bei der Regelung der finanziellen Fragen merkwürdig oft aus. Es würde mich verdrießen, wenn er uns düpiert hätte.« Markus fürchtete, ein Wort zu viel zu sagen, und blickte, ohne sich zu regen, geradeaus. Der Kaufherr fuhr fort: »Es wäre mir vor allem leid um Kamilla.« Markus verfärbte sich und wendete dem Vater in heftiger Erregung das Gesicht zu. »Du meinst doch nicht, Vater, daß ...« Herr Reimar Lukas unterbrach die Worte des Sohnes durch einen seiner eisigen Blicke. »Wie gefällig?« Markus machte eine verlegene Handbewegung. »Verzeih ...« Der Vater hatte sein unnahbarstes Gesicht. »Es gibt Gedanken, lieber Markus, die niemals das Bereich unserer Vorstellungen auch nur streifen dürfen. Gerade dadurch , nicht durch die Handlungen allein, unterscheiden wir uns von den ... anderen.« Herr Lukas hatte dabei eine unnachahmliche, geringschätzige Gebärde, die alle jene »anderen« dem Straßenschmutz zugesellte, aus dem die Vögel ihre Nahrung holten. Markus wiederholte nochmals, so leise, daß es in den weichen Schwingungen des Wagens verhallte: »Verzeih.« »Meine Sorge um Kamilla ist größer als um dich. Sie glaubt sich zu den höchsten Ansprüchen berechtigt, vielleicht wird sie sich mit bescheidenem Mittelmaß begnügen müssen. Der Sturz wird sie hart treffen.« »Willst du sagen, daß Rykert...« Der Kaufherr zuckte die Achseln. »Es ist gut, daß ihr bald heiratet, gut, daß ihr nicht in Bremen bleibt, vielleicht wird man erst vergessen müssen, wer der Vater deiner Frau ist.« Markus wagte kaum, den Vater anzusehen, aber in seinem Ton lag eine tiefe, gewaltsam niedergehaltene Erregung. »Unsere letzten Ernten waren auch nicht besonders«, fuhr Herr Lukas fort. »Es war im ganzen kein erfreuliches Jahr für uns, das weißt du!« »Und das Berliner Projekt?« fragte Markus. »Ich bin fürs erste davon abgekommen. Du wirst also ganz deinen Neigungen leben können – wenn ihr euch mit den Mitteln begnügen wollt, die euch aus den Einnahmen des Hauses Lukas zu Gebote stehen werden. So. Nun genug fürs erste darüber. Heiratet. Macht eure Reise. Richtet euch in Berlin ein und sucht eins zu werden, damit euch die Verhältnisse nicht auseinanderreißen.« Markus war jung. Er fühlte sich der Frau sicher, die er liebte. Das Leben erschloß sich ihm freier noch, als vordem. »Wenn ich nun doch meinen Doktor machte, um mich der – der Kunstgeschichte zu widmen? Hättest du etwas dagegen, Vater?« Es dauerte lange, ehe der Kaufherr antwortete. Nun war es doch so weit gekommen, daß sein Ältester sich der Tradition des Hauses entzog, und er es selbst dulden mußte, weil es besser so war. »Geh, mein Junge, geh deinen Weg – geh ihn nur immer in unserem Sinne ...« Am Abend vor der Hochzeit stellte Rykert einen Scheck aus für die »Hochzeitsreise«. Der Betrag kam einem stattlichen Jahreseinkommen gleich. Aber zu irgendwelchen festen Versprechungen für die Zukunft ließ er sich nicht herbei. Herr Reimar Lukas reichte den Scheck seiner Schwiegertochter. »Eine Morgengabe deines Vaters, liebe Kamilla.« Abends, kurz bevor das junge Paar in den Wagen stieg, der es in die Stadt zur Bahn bringen sollte, trat Herr Reimar Lukas abermals auf seine Schwiegertochter zu. »Kamilla, jetzt bist du eine Lukas, vergiß das nie!« Er sagte es streng. Dann nahm er ihr farbloses, schönes Gesicht zwischen seine Hände und küßte sie auf die Stirn. Rykerts verabschiedeten sich fast gleichzeitig. Er – tänzelnd, lachend, mit vielen Verbeugungen und lauernden Blicken. Sie – wortlos, mit geröteten Augenlidern, trostlos leeren Augen und aufrecht stolzem Nacken. Mami stand unter dem gestreiften Leinendach der Auffahrt. Sie trocknete abwechselnd die Tränen und winkte mit dem Taschentuch. Kurt Labisch hob Fritz Reimar hoch in die Luft, Erich, Heinrich und Hans hatten sich eng zwischen die Eltern gedrängt, und diese hatten die Arme um sie geschlungen und ihre Hände in festem Druck vereint. So war das Bild, das Markus Lukas mitnahm, als er am 8. September an der Seite seiner jungen Frau das väterliche Haus als Ehemann verließ. » Ex est! « atmete Kurt auf und stellte Fritz Reimar wieder auf die Beine. Der Kaufherr schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie irren, lieber Kurt. Jetzt fängt's erst an!« Man trank noch ein Glas Sekt auf das Wohl des jungen Paares, dann erkundigte sich Kurt nach dem ersten Frühzug nach Berlin. Mit einem leisen, etwas geringschätzigen Bedauern für Markus schlief er diese letzte Nacht unter dem gastlichen Dache des Bremer Kaufherrn. – – – – Das erste Reiseziel der Neuvermählten war Paris. So hatte Kamilla es gewünscht, und Markus hatte trotz eines leisen, ihm selbst nicht recht begreiflichen Mißbehagens nachgegeben. Die herrlichsten Stunden seiner Knabenzeit erwachten in ihm beim Verweilen vor gewissen Bildern des Louvre, beim Durchschreiten einzelner Säle im Musée Cluny. Dann zog er Kamilla ganz nahe und fest an sich heran und sprach ihr von seiner Jugend, von all den sehnsüchtigen Träumen seiner Berliner Tage und jubelte, daß ihm die Erfüllung all dessen so nahe gerückt war, was er zu vergessen versucht hatte aus Pflichtgefühl und tiefer Dankbarkeit für seinen Vater. Die Ruhe des Bremer jungen Kaufherrn war von ihm gewichen; er war geschwätzig, knabenhaft glücklich und unbedacht. »Wir wollen eine Karte an Professor Ramin schreiben, ja? Du unterschreibst mit ...« »Kamilla Lukas« schrieb sie in ungewöhnlich großen spitzen Buchstaben. Es blieb fast kein Platz für Markus, der darunter schrieb: »Meine liebe Frau und Ihr dankbarer ehemaliger und zukünftiger Schüler senden Ihnen verehrungsvolle Grüße. Markus Lukas.« »Jetzt habe ich es zierlich wie ein Pensionatsmädchen schreiben müssen – die verkehrte Welt!« lachte Markus und fügte auf die Rückseile noch die Hoteladresse hinzu. »Es würde mich freuen, wenn er antwortete! Und nun, wohin, Kamilla?« Kamilla wollte ins Bois, abends ins Theater, und er war sofort einverstanden, denn die freudige Genußsucht erfüllte auch ihn. Am nächsten Morgen: »Hallo, hallo, Kamilla – der Luxembourg wartet! Unsere Crivelli-Madonna, die braune, die dir ähnlich sieht ... Auf ... auf!« Er warf ihr das spitzenbesetzte Kapricekissen ins Gesicht und sprang mit der blauseidenen Bettdecke, wie mit einer Toga drapiert – im Zimmer umher. »Wirst du wohl aus den Federn, du ungeheuer faule, du ungeheuer schöne Frau? Ich reiß' dir die Decke herunter, ich gieße dir deine ganze Parfümflasche aufs Kissen, ich setze deinen Hut auf und geh so im Korridor spazieren, wenn du nicht aufstehst.« Er rüttelte an der messingenen schweren Bettstelle und bog sich vor Lachen. »Kamilla, du machst ein Gesicht wie Kurts Großmutter, wenn sie sagt ›ein reeller Mensch!‹ Ich bin in diesem Augenblick kein ›reeller Mensch‹, ich weiß es, aber die Sonne lacht, der Himmel lacht, die Madonna lacht, ganz Paris lacht – da solltest du auch lachen!« Sie wendete den Kopf leicht zur Seite. »Ich bin müde, Markus – todmüde. Ich werde noch krank in deinen Galerien und Museen – ich kann nicht mehr!« »Aber! ...« Erschreckt setzte er sich auf ihren Bettrand. »Was machen wir denn da?« »Du gehst allein. Und wir treffen uns dann irgendwo zum Frühstück. Ich will mir auch noch einiges besorgen. Toilettenkram – « Markus schlenkerte mit seinen langen Beinen über den Teppich wie ein kleiner Junge. »Ich begreife nicht, Kamilla, was brauchst du denn noch alles? Du schleppst ja vier Koffer, wie Häuser so groß, mit dir herum!« »So etwas begreift ein Mann nie.« In Kamillas Ton lag leichte Ungeduld. »Na ja, dann werde ich mich also ankleiden.« Sie nickte freundlich. »Natürlich, Markus. Und um zwölf treffen wir uns. Ja?« Seine Ausgelassenheit von vorhin war ihm peinlich. Kamilla hatte ihn sicher albern gefunden. Kamilla benahm sich nie so »verrückt«. Sie hatte viel mehr Würde als er. Zwanzig Minuten später trat er in tadellosem, elegantem Promenadenanzug aus dem Ankleidezimmer. Er hielt sich etwas aufrechter als sonst, und führte Kamillas Hand flüchtig an die Lippen. »Soll ich dir Geld lassen?« »Wozu, Markus – ich habe ja meinen Scheck.« Sie hielt ihm ihre Wange zum Kuß hin. »Bist du bös?« Es war wieder der bezaubernde Klang ihrer Stimme, der ihn willenlos machte, und sein ganzes Wesen zu ihr drängte. »Nein, Kamilla, nein, gar nicht.« Er küßte leidenschaftlich ihre Stirn, ihre Augen, ihren schönen, strengen Mund. Da lachte sie wieder, wehrend und ein bißchen von oben herab: »Geh, geh, Markus, die Madonna wartet! – « Er zog ihr scherzend die blauseidene Decke übers Gesicht. »Dann darf ich dich aber nicht sehen, sonst kann ich nicht fort!« Und wirklich, er lief aus dem Zimmer, als fürchte er, nicht loszukommen, wenn der Blick ihrer grünen Augen ihn noch träfe. Kamilla sah auf ihre kleine, goldene Reiseuhr, die auf dem Rokokonachttische stand. Zehn Uhr. Sie schlüpfte aus dem Bett, machte schnell Toilette und fuhr in die Rue du Bac zur Gräfin Résillac. Die grobe Dienerin in der breiten, weißen Bäuerinnenhaube öffnete und begrüßte sie mit Wärme, aber ohne übermäßiges Staunen. Auch die kleine grauhaarige, halbblinde Greisin mit den großen, aufgesteckten Seitenlocken, die ihrem Greisenantlitz ein Gepräge vornehmer Anmut gaben, nickte ihr zu, ohne von ihrem Kaminplatz aufzustehen, herzlich, aber ohne die geringste Überraschung zu zeigen. »Hast du deinen Gatten nicht mitgebracht, mein liebes Kind? Wie schade! Wir müssen ihn alle kennenlernen, wir sind neugierig auf ihn.« Kamilla fragte nach den einzelnen Bekannten. Es hatte sich in diesen wenigen Monaten nicht das mindeste verändert. Die »Mühseligen und Beladenen« kamen nach wie vor, Hoffen und Trost aus dunklen Orakelworten zu schöpfen: Künstler, Musiker, Schriftsteller, Maler, die im Halbdunkel des weihrauchduftenden Zimmers, beim einlullenden Schnurren der Katzen und über dem Dampf des surrenden Teekessels hinweg dem »Tischgeist« verworrene Antworten entlockten, die ihre eigenen vibrierenden Fingerspitzen nach dem Takte ihres Herzschlages regelten. »Du schriebst, dein Mann sei sehr jung. Dein Wille, Kamilla, wird wohl der stärkere sein in der Ehe?« Kamilla zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, bonne maman. Mein Mann ist aus dem Norden, da denkt man so ruhig und klar, und wir Frauen haben es schwerer dort, als die Frauen in Paris.« Ein anmutvolles Lächeln huschte über das alte Gesicht. »Ja, mein Kind, ich weiß ... Wo der Gedanke herrscht, dient die Frau, wo die Sinne herrschen, dient der Mann!« Kamilla fühlte eine merkwürdige Schläfrigkeit; wie Blei lag es ihr in den Gliedern, die Lider senkten sich ihr schwer auf die Augen. »Wie heiß es bei Ihnen ist, bonne maman ...« »Dein Blut ist heiß, dein Blut...! Armes Kind!« Die Greisin erhob sich – eine zierliche, kleine Gestalt, in den weichen, schmiegsamen Falten eines weiten, schwarzen Gewandes. Ein Stückchen wertvoller schwarzer Spitze deckte das feine Köpfchen bis zu den großen, vorgesteckten Locken und fiel in breiten Enden herab auf die zarten Schultern. Kamilla beugte sich über die schmale Hand und wendete sich zur Tür. »Ja richtig, bonne maman ...« Sie legte einen Fünfhundertfrankschein und fünf einzelne Hundertfranknoten auf den Tisch. »Wollen Sie das von mir annehmen?« Die Gräfin lächelte. »Seitdem dein Vater plötzlich die Geldspenden eingestellt hat, ist es wenig, was ich tun kann für das große Elend der Menschheit ...« »Mein Vater heißt jetzt Reimar Lukas,« sagte Kamilla stolz. »Das ist ein großer Name in meiner deutschen Stadt. Sie dürfen ihn nicht vergessen, bonne maman.« Die Gräfin Résillac schob die Geldscheine achtlos unter die leichte weiße Kaminuhr. »Auch Könige gehen unter und große Reiche ...« murmelte sie. Kamilla hörte es nicht mehr. Unten warf sie sich in einen vorüberfahrenden Wagen. Der brausende, sonnendurchflutete Pariser Septembertag umrauschte sie mit pulsierendem Leben. Sie freute sich, Markus wiederzusehen, fühlte sich ihm näher als je bisher. Sein junges, übermütig-glückliches Lachen würde die einschläfernd tote Schwüle der letzten Stunde auslösen. Sie konnte von weitem sein helles feines Profil durch die Glaswand der Terrasse von Marguery erkennen. »Da bin ich!« Sie sagte es mit strahlendem Lächeln und setzte sich ihm gegenüber, mit jener hübschen, koketten Geschäftigkeit sehr schöner und sehr geliebter Frauen. »Na endlich!« Es lag eine unterdrückte Verstimmung in seinem Ausruf. »Ich warte beinahe eine halbe Stunde auf dich! Wo warst du denn so lange?« »Bei der Gräfin Résillac war ich.« »So ... bei der ...?« Markus spielte nervös mit seinem Besteck. »Warum hast du mir nicht gleich gesagt, daß du hingehst?« Sie zögerte erst, dann gab sie ehrlich zu: »Weil du mich vielleicht gebeten hättest, nicht hinzugehen!« »Also du wußtest, daß es mir unangenehm war!« Sie schwieg. Markus fühlte sich plötzlich ganz unbeholfen einer neuen Situation gegenüber. Er fürchtete, lächerlich zu scheinen, wenn er eine Autorität geltend machte, die nur in seiner Stellung als Gatte lag. »Wir wollen doch immer ehrlich zueinander sein, Kamilla ... Das Verschweigen ist so häßlich.« »Verschweigen und – nicht sagen ist zweierlei,« warf sie lebhaft ein. »Ich mag nicht alles sagen. Das mußt du doch begreifen, daß man gerne sein Winkelchen für sich hat, und nicht plötzlich sein Inneres zu einer Passage macht, bloß weil man verheiratet ist. Im übrigen wollte ich dich bitten, die Gräfin mit mir zusammen zu besuchen.« »Ich fühle mich nicht wohl in Gesellschaft von Narren und Schwindlern.« Sie sah ihn groß an. »Komisch bist du – «, sagte sie langsam. »So kleinlich ...« Und sie blickte ihn an, als sähe sie ihn zum erstenmal. Er aber verbarg seine innere Hilflosigkeit unter der Maske eisigen Gleichmuts. Nur eines war ihm klar: sie durften nicht lange auf Reisen bleiben. Das feste Gefüge der eigenen Häuslichkeit konnte sie allein das richtige Verhältnis zueinander finden lassen. »Wollen wir nicht bald nach Berlin?« fragte Markus unvermittelt. »Wie du willst«, antwortete sie kurz. Im Hotel erwartete sie Kamillas Bruder. Zum ersten Male schoß ihr eine tiefe, rote Blutwelle ins Gesicht, und sie sprang ihm an den Hals wie ein kleines Mädchen. »Bernhard – wie kommst du her? Woher weißt du, daß wir da sind?« Sie lachte und weinte und wußte vor froher Erregung nicht, wie sie vorstellen sollte: »Markus ... mein Bruder, mein Mann Markus ... Lukas ... Du weißt doch, Markus, mein Bruder Bernhard.« Die Schwäger schüttelten einander die Hand. Bernhard war ein schlanker, großer Mensch, der »bildschöne Kerl«, dem auf der Straße alle Frauen nachblicken. Er war etwa um zehn Jahre älter als Markus, und sah noch um etliche Jahre älter aus, als er wirklich war. »Man schrieb mir nach Nizza, daß ihr herkommen würdet! Da habe ich mich denn aufgemacht, um euch in meinem Auto an die Riviera abzuholen. Es ist euch doch recht, was? Du siehst gut aus, kleine Schwester!« Er fuhr ihr zärtlich über die schönen, hellbraunen Haare. Markus konnte eine leise, eifersüchtige Regung nicht unterdrücken, als er Kamillas Augen sah, die so strahlend am Bruder hingen. »Ein Auto hast du, Bernhard? Sollte Papa ...« Er hielt ihr seine schöngeformte, braune Hand vor die Lippen. »Psss ... Das sind Geschäftsgeheimnisse. Davon spricht man nicht mit kleinen Mädchen.« Kamilla lachte. »Bernhard und Geschäfte! Das ist einzig!!« »O ja! Wie du mich hier siehst, bin ich Direktor einer großen Automobil-Aktiengesellschaft!« »Verstehst du denn was davon??« »Nein. Das ist ja aber auch gar nicht nötig.« »Erlauben Sie«, fiel Markus ein, mit der Miene des ernsten Geschäftsmannes. Aber Kamilla unterbrach: »Werdet ihr euch wohl gleich duzen!« »Na selbstverständlich!« Bernhard Rykert streckte Markus beide Hände entgegen. Markus lächelte gezwungen und ohne Wärme. »Meine Stellung ist natürlich ein Übergangsstadium, wie so manches andere in meinem Leben. Prosperieren kann die Gesellschaft vorläufig nicht, aber ... solange es geht, geht's. Und geht's nicht, – geh ich.« Markus Lucas lehnte sich etwas steif in seinen Sessel zurück. »Wir wollten eigentlich nach Berlin fahren«, sagte er. »Nein, nein, Markus, daraus wird nichts«, unterbrach der junge Rykert und legte seinen Arm um Kamillas Schultern. »Du wirst mir meine kleine Schwester doch nicht gleich vor der Nase fortfischen? Jetzt, wo ich sie nach so langen Monaten wieder einmal sehe?! Jetzt fahren wir mal erst nach Nizza und Monte – ohne dies keine Hochzeitsreise! Nicht wahr, Schwesterchen?« Es lag so viel liebenswürdige Gewaltsamkeit im Klang seiner Stimme, daß selbst Markus sich ihr nicht entziehen konnte. Nur daß es ihn noch etwas zurückhaltender werden ließ, als sonst. Den Abend verbrachte man zusammen in einem der eleganten Restaurants, und am nächsten Morgen ging's gemeinsam auf die Reise. Kamilla verspielte in fünf Tagen achttausend Frank. Sie sah nicht die herrliche Natur, nicht Markus' gequältes Gesicht. Sie saß am Roulettetisch und setzte, blind und taub für ihre Umgebung, auf die einzelnen Felder, wenn sie gewann, röteten sich ihre Wangen, verlor sie, – saß sie da wie eine Bildsäule und folgte nur automatenhaft den Geboten des Croupiers. »Kannst du mir etwas Geld leihen?« fragte sie ihren Bruder. Der machte ein verlegenes Gesicht. »Ich habe selbst verfluchtes Pech gehabt, – ganz verfluchtes Pech!« Sie fragte ihren Mann: »Markus, willst du mir ein paar hundert Frank geben?« »Nein. Wir wollen morgen abfahren.« Sie weinte die halbe Nacht in ihr Kissen, und Markus setzte sich schließlich zu ihr, nahm sie in den Arm und fragte sie leise tröstend: »Wozu willst du denn Geld gewinnen? Hast du nicht alles, was du brauchst und viel, viel mehr noch?« Sie antwortete nicht, schmiegte sich nur an ihn wie ein kleines Mädchen, das einen sehr großen Kummer hat und sich dieses Kummers schämt. Am nächsten Tage sollten sie mit Bernhards Automobil die Rückreise antreten, aber Bernhard kam wie ein begossener Pudel an. »Kinder ... dumme Geschichte ... wir wollen lieber mit der Bahn fahren ... Panne ...« »So? Schade! ... Na, da ist ja nichts zu machen«, meinte Markus lächelnd. Kamilla spielte nervös mit ihrem Taschentuch. »Nein, nein, Markus ... keine Panne, wir haben ... Bernhard hat das Auto versetzt oder verkauft, ich weiß nicht. Wir brauchten Geld. Darum war ich ja so außer mir gestern!« Sie setzte sich mit verschränkten Händen ans Fenster und wich Markus' Blick aus. Eine tödliche Verlegenheit malte sich in seinem Gesicht, und er wendete sich an seinen Schwager: »Das – ist unverantwortlich von Kamilla ... wirklich unverantwortlich. Wenn du ihretwegen diese Dummheit gemacht hast, so weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll!« Bernhard lachte. »Aber ich bitte dich, Markus, mach doch keine Geschichten. So was gehört zu Monte Carlo – darum wollen wir uns kein graues Haar wachsen lassen!« Markus holte seine Brieftasche heraus. »Wieviel hast du Kamilla von dem ... von der ganzen Summe geliehen?« »Unsinn, laß das doch, Markus!« »Nein. Ich muß sehr bitten. Es ist mir unangenehm!« Markus zählte mit einem gewissen Unbehagen seine Scheine durch. Der Gedanke, sich vielleicht vor der Zeit an seinen Vater um Geld wenden zu müssen, war ihm aufs äußerste peinlich. »Zum Kuckuck, Markus, ich werde doch meiner Schwester ein Hochzeitsgeschenk machen dürfen! Oder willst du dich deshalb mit mir schießen? Pump' mir fünfhundert Frank, damit ich nach Paris komme – und fertig. So – und jetzt wollen wir dejeunieren gehen, Kinder, und uns die letzten Stunden hier nicht verbittern!« Eine halbe Stunde später saßen sie alle drei bei ihrer »Henkersmahlzeit«, deren Rechnung Bernhard großmütig beglich. Markus aber zählte die Stunden, die ihn von der Heimreise trennten. Im Kupee schlummerte Kamilla ein. Die erschöpften Nerven forderten ihr Recht. Die Schwäger wechselten ab und zu leise ein Wort über die Rauchwolken ihrer Zigaretten hinweg. »Ich freue mich, daß Kamilla einen anständigen Mann bekommen hat. Halt sie dir fest, Markus! Und wenn du ihr's ausgetrieben hast, das Rykertsche Blut, – wird's gut sein für euch. Es taugt nicht viel! Aber schlecht sind wir nicht – wir Jungen. Der Alte freilich – Na, du kennst ihn, Markus. Ein Blutsauger! Möchte die Geschäfte nicht machen, die er macht.« »Wie meinst du?« Markus saß ganz aufrecht in seiner Ecke, nahe der Tür und starrte Bernhard an. »Keine Bange, Markus. Seit er in Bremen ist, läßt sich wenig gegen ihn sagen. Die Verbindung mit euch Lukas' lag ihm zu fest in den Knochen. Seit zehn Jahren umtanzt er euch, ohne daß ihr's merkt. Ein schlauer Fuchs! Ich sollte auch in Bremen bleiben, ein Bremer Fräulein heiraten, solide werden und achtbar durch meinen Herrn Schwiegerpapa. Ich hab's nicht können. Liegt mir nicht, das Heucheln und Muckern! Das kann er mir nicht verzeihen. Wie einen Hund behandelt er mich, wie er Kamilla auch behandelt hätte, wenn sie dich nicht genommen hätt'.« Markus rieb die Handflächen aneinander und sah über den Gang hinüber durchs Aussichtsfenster. »Wir wollen nicht darüber sprechen ... Laß das alles ... Ich habe Kamilla geheiratet ... nicht die Familie.« Bernhard Rykert lachte leise auf. »Kann ich mir denken!« Dann wurde er wieder ernst. »Die Mutter tut mir leid! Aber verstanden hat sie's nicht mit uns. Immer wie 'ne Gouvernante oder ein Gefängnisaufseher! Und die Güte und Liebe ist so tief drin in ihr vergraben, als schäme sie sich oder traue sich nicht.« »Jetzt hast du ja eine Stellung«, sagte Markus nach einer kleinen Pause. »Das gibt dir doch Selbständigkeit.« Bernhard Rykert zuckte die Achseln. »Eintagsstellungen, mein Lieber! Glücksfälle, wie beim Hasardspiel! Weiter kommt man von da aus nicht – nur ein bißchen höher rauf oder tiefer runter! Gelernt habe ich nichts, arbeiten kann ich nicht, und wenn mich der gute Wille überkam, es mit beidem zu versuchen, schnitt mir der Alte den Lebensfaden ab.« Er sprach's mit immer steigender Bitterkeit. – In Paris trennte man sich. Kamilla hatte große Tränen in den Augen, als sie Abschied vom Bruder nahm. Und als fühle sie sich verpflichtet, das zu entschuldigen, sagte sie: »Er war der einzige, der mich wirklich lieb hatte.« Dann mit einer leidenschaftlichen, heftigen Gebärde: »Können wir denn gar nichts für ihn tun, Markus?« Markus schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Liebe, das können wir nicht. Sein Weg geht abseits von unserem. Unser Helfen – wäre ihm keine Hilfe.« Sie schlang ihre Arme um Markus' Hals und weinte bitterlich. Zum ersten Male fühlte sie die Schwere ungeschriebener Gesetze, die undurchdringliche Scheidewand, die sich zwischen ihrer Vergangenheit und der Gegenwart aufrichtete. Markus aber fühlte an diesem Weinen, wie wenig er ihr noch war, und wußte nichts anzufangen mit seiner großen Liebe. In Köln, wo sie sich zwei Tage aufhielten, ereilte sie eine unerwartete, für Markus niederschmetternde Nachricht. Hans Lukas war plötzlich am Unterleibstyphus gestorben. »... Gestern haben wir unsern Hans beerdigt. Mama erlaubte nicht, daß ich Eure Hochzeitsreise durch diese Unglücksbotschaft störe. Kommt jetzt nicht nach Bremen. Laßt der Mutter Zeit und Ruhe, den Schmerz um ihr geliebtes Kind zu verwinden. Schreibt ihr teilnehmend und wie es Euch ums Herz ist. Aber in wenigen knappen Worten. Wühlt nicht in fremder Wunde. – Alles Gute Euch beiden. Euer Vater.« »Das ist ein trauriger Anfang«, sagte Markus. »Es ist der erste Schlag, der meinen Vater trifft seit dem Tode meiner Mutter, vierundzwanzig Jahre wolkenlosen Glücks ... das ist viel, Kamilla!« Berlin brachte Ablenkung und Arbeit. Sie stiegen in einer Familienpension ab, wo sie bleiben wollten, bis sie sich eingerichtet hatten. Kamilla hatte auf eine größere Summe von ihrem Vater gerechnet. Aber sie fand in der Pension nur zwei Kisten vor, mit Vasen, wie Herrscher sie einander schenken, um sie dann in Prunkzimmern und Schatzkammern aufzustellen. Zu den Vasen gehörte mindestens ein großes Vestibül mit Freitreppe. Sie aber nahmen nur eine Wohnung am Savignyplatz. Kamilla zeigte die Vasen nicht einmal ihrem Manne und ließ sie gleich wieder in die Kisten verpacken. Sie fühlte die kleine hämische Bosheit des Geschenkes und schämte sich ihrer. Unter den Briefen befand sich auch ein silbergraues Kuvert mit schmalem schwarzen Rand, auf dem Markus sofort Ramins steile elegante Schrift erkannte. »Ich erwarte Sie mit Freuden, mein lieber junger Freund, und hoffe recht bald, Sie und Ihre liebe Gattin bei mir zu begrüßen.« »Er hat Trauer?« fragte Kamilla. »Wahrscheinlich ist seine Mutter gestorben. Ich war als Knabe manchmal recht ungezogen gegen sie. Man ist so unduldsam als Kind.« Kamilla lächelte. »Nur als Kind?« Er drückte sie an sich. »Glaube mir, die starken Instinkte der Jugend sind nicht immer die schlechtesten.« Am nächsten Sonntag bereits fuhren Markus und Kamilla zu Professor Ramin. »Also das ist Ihre Frau?« Professor Ramin hielt Kamilla seine beiden schlanken, nervigen Hände entgegen. Ihre herbe Schönheit und der seltsam schwere Blick ihrer grünen Augen machten ihn aufmerksam. »Sind Sie wirklich Bremerin, gnädige Frau?« »Meine Großmutter war eine Französin, Herr Professor.« »Ach so! ... Nun ist mir einiges erklärlich.« Seine Blicke ruhten in aufrichtiger Bewunderung auf ihrem edelgeschnittenen Kameengesicht. Markus kannte diesen Blick von früher, wenn Ramin ein Kunstwerk betrachtete. Und dann hatte Markus oft die Betrachtung unterbrochen mit der kindisch-ungeduldigen Frage: »Schön, nicht wahr, Herr Direktor, schön?« Und diese Frage lag auch jetzt unwillkürlich in seinen Augen, und Ramin, der den Blick auffing, nickte auch jetzt, einer alten Gewohnheit folgend, und sagte lächelnd: »O ja!« In diesem Augenblick drückte jemand von außen auf die Türklinke. »Ihre Frau Gem ...« »Gemahlin« wollte Markus sagen, aber das Wort blieb ihm auf den Lippen hängen. Statt der erwarteten Gattin des Professors trat eine rosige, üppige Frau herein mit silbernem Scheitel und dem alten süßen Lächeln um den noch immer vollen Mund. »Nein – wie reizend!« rief die Frau Hofprediger, »wie reizend!« Die Jahre waren spurlos an ihr vorübergegangen. Sie war nur etwas kleiner geworden. Sonst sah sie aus, als hätte sie all die Zeit in einem Schrank gestanden und wäre unverändert wieder herausgenommen worden. »O, mein lieber Herr Markus, – ich darf Sie doch so nennen? – was haben Sie uns für eine entzückend schöne Frau gebracht!? – Lassen Sie sich ansehen, mein Kind – ein Bild! ... Nicht wahr, lieber Paul – ein Bild!« Sie drückte Kamilla in einen Sessel und tätschelte ihre Wangen. Markus hatte eine ganz leise, peinliche Empfindung. »Und Ihre Frau Gemahlin, Herr Professor?« »Ich habe meine Frau vor etwa einem Jahr verloren«, antwortete der Professor kurz. »Ach, fragen Sie gar nicht, lieber Markus, fragen Sie gar nicht – schrecklich!« Frau Hofprediger seufzte sehr schwer und hob die Augen zur Decke. Aber ihr rosiges Gesicht blieb nach wie vor rosig und liebenswürdig. Sie konnte sich gar nicht beruhigen über Kamillas Schönheit. Das war eine Sensation für Berlin! Sie hielt immerfort Kamillas Hände und fragte sie über alles Mögliche aus. Markus unterhielt sich mit dem Professor über seine Pläne. Ramin versprach ihm all seinen Beistand, wollte ihn nach Kräften in seinem Vorhaben unterstützen. »Gewiß, in zwei Jahren können Sie Ihren Doktor machen, wenn Sie sich 'ranhalten. In jungen Jahren kommt es nie zu einem Verarbeiten, sondern nur zu einem Bewältigen des Materials. In Ihrem Alter arbeitet man ganz anders! Und was sind Ihre Pläne für später?« »Ich habe größere Studienreisen vor und hoffe mich dann hier als Privatdozent zu habilitieren.« »Recht so, junger Freund! Wir brauchen frische Kräfte, die aus der Begeisterung heraus schaffen, denen unser Beruf mehr ist, als das tägliche Brot.« »Was sagst du, Paul, Frau Kamilla hat bei der Marchesi in Paris Gesang studiert! Ich werde das junge Frauchen bei der Prinzessin Arnulf einführen! Meine Schwiegertochter war eine Schülerin von Leschetitzky in Wien. Wir haben einen prachtvollen Steinway – alle Sonnabend wird bei uns musiziert. Prinzessin Arnulf ist unser ständiger Gast, Busoni spielt öfters, Wüllner hat kürzlich bei uns gesungen und auch die kleine Staegemann, die sehr beliebt ist in der hiesigen Gesellschaft.« Frau Hofprediger hatte jetzt auch ihren »Salon«. Die Prinzessin Arnulf war der Magnet, der alle anzog, die auf Umwegen etwas Hofluft erwittern wollten. »Und wo wohnen die jungen Herrschaften jetzt?« fragte der Professor. »Vorläufig in einer Pension. Aber wir richten uns gerade ein,« antwortete Kamilla. »Es ist eine schwere Aufgabe für mich, die ich fremd bin in der Stadt und Markus nichts Häßliches ins Haus bringen darf.« »Wenn Sie Wert auf einige alte Sachen legen, so will ich gern in meinen Mußestunden Ihr Führer durch die Trödelbuden sein.« »Sehr liebenswürdig, Herr Professor, ich danke Ihnen vielmals ...« Auf der Rückfahrt sagte Markus, indem er Kamillas Hand zärtlich in die seine nahm: »Du wirst einen schweren Stand haben in der Gesellschaft als die Frau des Studenten Markus Lukas – meinst du nicht?« Sie antwortete nicht, plötzlich fragte sie: »Wie alt mag wohl der Professor sein?« »Ich weiß nicht genau – ein hoher Vierziger, denke ich. warum?« »Er erinnert mich an deinen Vater ...« Markus nickte lebhaft. »Ja, nicht wahr ... ich habe es schon als Kind manchmal empfunden ...« Kamilla unterdrückte einen Seufzer und blickte nachdenklich in die rotgefärbten Blätter. Herbst  ... Sie hatte den Herbst immer besonders geliebt. Ihr war es kein bleiches Absterben der Natur, sondern ein prächtiges Schmücken zum letzten sturmvollen Kampf. Markus hatte vom nächsten Morgen ab viel allein zu tun. Er ließ sich einschreiben, belegte einzelne Kollegien und verbrachte ein paar Stunden beim Buchhändler. Kamilla schrieb an ihren Vater und bat ihn um Geld. Der Entschluß war ihr plötzlich gekommen, wenn der Professor ihr wirklich beim Aussuchen einiger Gegenstände behilflich war, so wollte sie nicht eingeschränkt werden in der Wahl durch unzulängliche Mittel. Markus war mit dem Brief nicht einverstanden. »Ich möchte von deinem Vater kein Geld annehmen«, sagte er zögernd. »Das nehme ja ich an, nicht du«, antwortete sie und – wartete auf den Geldbriefträger. Sie wollte erst einziehen, wenn die Wohnung vollständig eingerichtet war, aber Markus fand keine Ruhe zum Arbeiten in der Pension und drängte auf die Übersiedelung: »Dann werde ich dich auch nicht quälen, Kamilla, dann kannst du dir alles einrichten, wie du willst.« Aus Zartgefühl verschwieg er ihr, daß das Leben in der teuren Pension zugleich mit den Einrichtungskosten seinem Budget zuviel zumutete. Es war ihm immer peinlich, eine Geldangelegenheit mit Kamilla zu besprechen, fast unmöglich, ihr einen Wunsch abzuschlagen. Statt des Geldbriefträgers traf eines Tages Rykert selbst ein. Markus war in der Universität, Kamilla stand ratlos in den halbleeren Zimmern und mühte sich, die wenigen Möbel sinnvoll zu verteilen. Zum ersten Male freute sie sich, als sie die Stimme des Vaters hörte, begrüßte ihn lebhaft und trug ihm eigenhändig ein kleines Frühstück auf. Rykert meckerte und lachte vor sich hin, zwinkerte mit den Augen nach allen Ecken des großen Speisezimmers und wiederholte immer: »So so ... es geht dir gut ... Ja ... ja ... ich kann mir denken: Eine Lukas! ... Also es geht dir gut? Na ja ...« Kamilla strich ihm die Brötchen und wartete geduldig. »Eine Hausfrau bist du geworden ... so so ...! Na ja ... Der Name Lukas ist eine große Nummer hier in Berlin, nicht wahr? Brauchst nicht jedem zu erzählen, daß du Rykert heißt. Dein Großvater hat Felle verkauft in Dirschau. War ein ganz ordinärer Mann ... ja ... Gut ist die Butter hier – was zahlst du fürs Pfund?« Kamilla saß wie auf Nadeln. Rykert legte sich den Holländer Käse in durchsichtigen Scheiben auf das Brot und lachte wieder vor sich hin. »Ich dachte, Kamilla Lukas würde in einer Villa wohnen, draußen im Tiergarten. Wußte schon gar nicht, wie ich mit meinen einfachen Sachen am Leibe aufgenommen würde. Da kam dein Brief – Gott ist gnädig, dacht' ich mir, packte meine Handtasche, und – da bin ich.« »Wie geht es Mutter?« »Danke, Kindchen, wie soll's ihr gehn? Sie ist eine feine Dame, hat ihren schweren Stand mit mir grobem Manne, aber sie ist ein braves Weib.« »Also du hast meinen Brief bekommen?« drängte Kamilla. »Ja ... ja ... aber deswegen bin ich eigentlich nicht gekommen – ich mußte zu einem berühmten Doktor hier. Wegen der Nieren ... und auch so.« Er sah übel aus. Sein blutleeres, weißes Gesicht hatte eine graue Färbung angenommen; die kleinen, listigen Augen lagen tief in den dunklen Höhlen. »Na, ich kann doch nicht in Berlin sein, ohne meine vornehme Tochter zu besuchen, dachte ich mir. Hab' ich recht?« »Ich bin noch gar nicht eingerichtet – du weißt ja.« Auf alle erdenkliche Art suchte sie der brennenden Frage näher zu kommen. »Na, jetzt muß ich wohl gehn, damit ich die Stunde einhalte. Willst mich begleiten?« Auf der Straße gab es ein ungleiches Paar: die wunderschöne, hochelegante Frau, der häßliche, kleine Mann, fast schäbig gekleidet, mit der abgenützten Reisetasche. Und wie sie auf den Kurfürstendamm hinaustraten, fuhr eine vornehme Equipage an ihnen vorüber, in der die Frau Hofprediger neben der Prinzessin Arnulf saß. Kamilla grüßte befangen, Rykert blieb stehen, zog tief seinen Hut und buckelte. »Vornehme Bekannte hast du, Kamilla ... Das freut mich. Ich sage ja – der Name Lukas öffnet alle Tore. Schade, schade...« »Was ist schade?« Kamilla hätte vor Ungeduld und Verzweiflung den kleinen Mann an ihrer Seite schütteln mögen. Sie wartete im Empfangszimmer, während der Vater eine Stunde beim Arzt drinnen blieb. Als er herauskam, waren seine Backenknochen leicht gerötet, und seine Äuglein sprangen vergnügt funkelnd umher. »Hast gewartet auf mich, gutes Kind? Du brauchst keine Angst zu haben. Es ist nicht schlimm. Nächstes Frühjahr soll ich nach Karlsbad. Schön, warum soll ich nicht nach Karlsbad fahren? Ich nehme deine Mutter mit, die wird sich auch gerne mal in der Welt umsehn. Wir haben's ja.« Kamilla nahm einen großen Anlauf: »Höre Papa ...« Rykert sah auf die Uhr. »Sapperment, ich muß zur Bahn. Ich will ja noch nach Chemnitz 'rüber. Na adieu, Kamillachen! Steig' in den Wagen, mein Kind, dort ... So ... Halt, Kutscher, halt ... ich bezahle Sie gleich. Was wird das ungefähr machen bis zur Kantstraße? So ... Grüß deinen Mann, mein Kind ... er soll sich nicht überarbeiten, es kommt ja doch immer anders! – Adieu ...« Wieder zog er tief den Hut und klappte den Oberkörper ein über das andere Mal zusammen. Kamilla sah noch das hämische Grinsen seines grauweißen Gesichts, das listige Zwinkern seiner kleinen Augen – dann bog der Wagen um die Ecke, und sie ließ den Schleier vors Gesicht fallen, um die Tränen zu verbergen, die ihr unaufhaltsam aus den Augen stürzten. Zu Hause erwartete sie Markus voller Unruhe. Das Mädchen hatte ihm gesagt, der Vater der gnädigen Frau wäre gekommen und mit der gnädigen Frau fortgegangen. Kamilla fiel ihm schluchzend in die Arme. »Liebste, was ist dir? So sprich doch ... Kamilla, sei vernünftig ... sag mir's doch.« »Bis aufs Blut hat er mich gepeinigt, gefoltert, und dann hat er mich nach Hause geschickt wie eine Bettlerin ... Markus, ich hasse ihn, ich hasse ihn! ...« Sie schmiegte sich immer fester in seine Arme. Markus strich ihr das feuchte, wellige Haar aus den Schläfen und küßte sie leise, innig. »Es ist besser so, Kamilla ... glaube mir, es ist besser!« Abends scherzte sie über die spärlichen Möbel, wollte nur ein paar Teppiche kaufen und bunte Kissen, um sie über die Koffer zu werfen. »Das gibt dann ein orientalisches Zimmer, nicht wahr. Markus?« Sie war nie so reizend, so hingebend und liebevoll gewesen. ... Am nächsten Morgen kam ein Bankbote und brachte Kamilla einen Scheck über vierzigtausend Mark, unterzeichnet: G. Rykert – – – – Markus arbeitete mit Aufbietung aller seiner Kräfte. Er sah bald ein, daß er, wenn er wirklich sein Ziel erreichen wollte, sich von allem fernhalten mußte, was ihn von seinem Studium abzog. Darum war er beinahe froh, daß Kamilla sich ihre Tage nach eigenem Geschmack einteilte, merkte es nicht, daß sie wenig um ihn war, ihn kaum vermißte. Für ihn sollten diese zwei Jahre eine harte, schwere Übergangszeit zu einem langen Leben voll erlesenen Wirkens und Genießens bilden. In diesem Sinne schrieb er auch an seinen Vater, der durch kein unbedachtes Wort das innere Gleichgewicht und die freudige Arbeitslust des Sohnes störte. Ungewohnte Sorgen und peinliche Ärgernisse kämpfte er allein durch, mit geduldiger, hoffnungsvoller Erwartung des Tages, da sein Sohn Erich und nach ihm – Heinrich einen Teil der Bürde von seinen Schultern nehmen würde. Seine kleine, resolute Frau war etwas stiller geworden; den tiefen Kummer aber verschloß sie vor den anderen aus Rücksicht für die kraftvoll aufblühenden Kinder, denen kein Lächeln, keine mütterliche Freudigkeit fehlen sollten. Und es lag ein feines Verstehen darin, daß keiner von den Gatten an dem Päckchen zerrte, das der andere mit sich herumschleppte, sondern ruhig abwartete, bis das Bedürfnis nach Aussprache sich von selbst in Worte umsetzte. Seit Rykert in verwandtschaftliche Beziehungen zum Hause Lukas getreten, war Bremen aufmerksam auf den kleinen unscheinbaren Millionär geworden. Man hatte ihn Jahre hindurch seiner Bescheidenheit wegen geduldet und den Anfängen seines Vermögens nicht nachgeforscht. Plötzlich war er jemand: der Schwiegervater des ältesten Lukas. Seine Millionen verdichteten sich in den sonst nüchternen Geistern der Bremer fast zu Milliarden. Er wollte – Ehrenbürger der Stadt Bremen werden wie Reimar Lukas und beschenkte die Stadt in fast ungeschickter, aufdringlicher Weise. Man nahm seine Geschenke an und dankte ihm in wundervoll abgerundeten Worten auf dickem Büttenpapier, mit dem Siegel der Stadt auf der rechten Seite. Insgeheim machten sich die einen lustig über ihn, während die anderen sich ärgerten. Diese nahmen den kleinen, tänzelnden, grinsenden Mann unter die Lupe, verfolgten seinen Lebenslauf bis nach Danzig und weiter zurück bis nach Dirschau, bis in die kleine Landbude seines Vaters, der noch vor fünfzig Jahren mit einem Pack auf den Schultern von Berent bis Elbing jedes Dörfchen mit seiner Hucke aufsuchte, Bänder und glitzernde Kämme verkaufte, Geldgeschäfte vermittelte und Liebesbriefe austrug. Erst verkaufte der junge Rykert in der Bude des Alten. Dann lief er davon mit dem Erlös einer ganzen Woche, trieb sich des Nachts in der Gegend herum, weil er fürchtete, auf der Bahn von der Polizei abgefaßt zu werden. Einen Monat später war er in Danzig Auslader am Schiff, aber weil er klein und schwächlich war, bat er um Kontorarbeit und bekam Briefe zu kopieren und auf die Post zu tragen. Es ging kein Brief ab, den er nicht gelesen hätte. Er sammelte Kenntnisse und machte sich mit dem Geschäftsstil vertraut. Bald bot er seine Dienste als Korrespondent an, und es dauerte nicht lange, so rückte er vom Verladungsspeicher zum Bureau des Chefs auf. Der Prokurist Rykert machte sich bald selbständig und übernahm eine kleine Reederei, die er auffallend schnell vergrößerte. Der fleißige, kleine Mann galt für ein Genie in Geschäftssachen, sein Glück war sprichwörtlich. »Ihr werdet's noch berufen!« meinte er und sagte es sehr laut und sehr oft. Im übrigen war er ein gefälliger Herr. Er hatte immer Geld frei, das er Leuten, die keines hatten, zur Verfügung stellte, wenn sie ihn darum baten. Freilich verlangte er die Einlösung eingegangener Verpflichtungen mit unerbittlicher Strenge. Man konnte ihm nie etwas nachweisen, da er das Geld zum üblichen Zinsfuße verlieh, aber mancher ging an Nebenvereinbarungen zugrunde, die sich allem entzogen, was Gesetze vorgesehen hatten. Da meldete der Telegraph den Bericht eines furchtbaren Schiffsunglücks. Sämtliche Waren und die ganze Besatzung waren untergegangen. Frauen und Kinder standen heulend und drohend vor dem kleinen Kontor der Brandgasse. Rykert saß wie gebrochen an seinem Schreibtisch und vergoß Tränen. Aber ein halbes Jahr später gab er seine erste Million zur Versteuerung an. Ein paar Jahre später wiederholte sich das »Unglück«. Rykert stiftete einen Fonds für Witwen und Waisen untergegangener Danziger Schiffer, trieb energisch seine letzten, ausstehenden Forderungen ein und verließ die Stadt, um sich mit seiner Frau und seinen zwei jungen Kindern in Bremen niederzulassen. Dort machte er nur mehr Börsengeschäfte und galt nach wenigen Jahren als ein Führer des Produktenmarktes. Hier war es, wo er mit Reimar Lukas das erste Mal zusammentraf. Als er den jungen Markus kennen lernte, faßte er den Plan, ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Er rechnete auf die Hilfskraft seiner Millionen, die dem an Kindern gesegneten Hause Reimar Lukas nur willkommen sein konnten. Als Markus um Kamillas Hand anhielt, lächelte der kleine Mann zum erstenmal von oben herab über seinen vornehmen Nachbar, der sich so vertrauensselig in den aufgestellten Schlingen hatte einfangen lassen. Dies Lächeln verging ihm, als Herr Reimar Lukas die ersten Schwierigkeiten machte, sich mit ihm in Bremen zu assoziieren. Je unlösbarer das innere Verhältnis des jungen Lukas zu seiner Tochter schien, desto dringlicher und deutlicher wurden Rykerts Bedingungen. Das machte den Kaufherrn mißtrauisch. Mit kühler Ruhe wies Herr Reimar Lukas plötzlich jede geschäftliche Verbindung ab. Wenn sie sich auf der Börse trafen, grüßten sie einander höflich und kurz. Zur Beerdigung von Hans Lukas war nur Frau Rykert gekommen, mit zwei großen Kränzen in ihrem Wagen. Als sie Frau Lukas die Hand reichte, murmelte sie mit erstickter Stimme tröstend und würdevoll: »Sie haben ja noch drei!« Dann schritt sie mit starren, geröteten Augen und steifem Nacken zu ihrem Wagen. Nach der Beerdigung zog der Kaufherr wieder ganz in die Stadt. Jeder Weg für Rykert war abgeschnitten. Und nur die Gerüchte über seine Vergangenheit drangen durch die Ritzen des alten, vornehmen Patrizierhauses und erfüllten den Herrn desselben mit Abscheu und leiser Beschämung. Der trauliche Abend, den Markus nach Rykerts Besuch in stillem Glücksgefühl genossen, wiederholte sich nur selten. Die ersten Wochen vergingen Kamilla im Einrichten der hübschen, modernen Wohnung, der sie in plötzlich erwachtem Kunstinteresse das Gepräge des »Persönlichen« geben wollte. Der Professor hatte sein Wort gehalten, hatte sie öfters abgeholt, um ihr bei der Auswahl der Möbel und Kunstgegenstände behilflich zu sein. An der Seite bei Frau Hofprediger besuchte Kamilla Ramins Vorlesung. Er war ein Opfer seiner Beliebtheit, seiner Nachgiebigkeit. Manchmal fühlte er das, fühlte seine eigene Entwertung in der gesellschaftlichen Zersplitterung, durch die seine Mutter ihn die äußere Ehrenleiter emporjagte. Und wenn er den stillen, beharrlichen Ernst seines ehemaligen Schülers sah, dann überkam ihn manchmal eine Bitterkeit, die er vergeblich unter der Maske äußerer Ruhe und gesellschaftlicher Verbindlichkeit zu verbergen suchte. Wenn er Kamilla vor dem Strudel des mondänen Lebens warnte, das jede neue Erscheinung wie einen Spielball weit sichtbar in die Höhe schleudert, um sie gleich darauf in seine Tiefe einzusaugen, dann sagte die Frau Hofprediger scherzend: »Glauben Sie ihm nicht, liebes Kind, aus ihm spricht die Eifersucht des verwöhnten Alleinherrschers!« »Wer ist diese wunderhübsche Frau?« fragte Prinzessin Arnulf nach der Vorlesung. »Die junge Frau eines Schülers meines Sohnes«, sagte Frau Hofprediger. »Ich würde sie gern einmal mit Ihnen bei mir sehen ...« »Aber mit tausend Freuden!« .... So wurde die junge Frau Lukas eines Abends bei der Prinzessin eingeführt. Um sich Rückgrat zu geben, sprach Kamilla von ihrer Großtante, der Gräfin Résillac in Paris – der Nichte eines Orléans. Prinzessin Arnulf hatte von ihr gehört ... ja ... ja ... Und man tuschelte sich kleine Histörchen zu. »Haben Sie vielleicht einer spiritistischen Séance im Hause Ihrer Tante beigewohnt?« fragte die Prinzessin interessiert. Kamilla zögerte mit der Antwort, dann sagte sie: »Gewiß, ich habe ja zwei Jahre bei ihr gelebt.« »Quelle trouvaille! Mais elle est charmante, la petite!« Das gar nicht hübsche, aber reizvolle Gesicht der Prinzessin strahlte. Am liebsten hätte sie gleich eine spiritistische Séance veranstaltet zwischen einem Walzer von Chopin und der Deklamation eines modernen Lyrikers. Seit der Schlaftänzerin Madeleine, gehörten spiritistische und hypnotische Experimente zum Programm einer echten Soiree. Aber Kamilla weigerte sich. »Schön, dann werde ich zu Ihnen kommen. Ganz allein. Ich freue mich schrecklich! So ein bißchen Tischrücken denke ich mir deliziös!« Sie konnte ganz naiv werden, wenn ihre Sensationslust angeregt war, die kleine Prinzessin. Im übrigen war sie hochmütig und unberechenbar, liebenswürdig und von impertinenter Rücksichtslosigkeit. Den Professor sah man am Dienstag niemals bei ihr. Da vertrat ihn seine Mutter. Kamilla kam aus dieser ersten Gesellschaft sehr angeregt nach Hause. »Du glaubst gar nicht, wie liebenswürdig man hier zu mir ist! Und weißt du, Markus, was so reizend ist? Gar kein Kastengeist. Da ist die Prinzessin Arnulf, die Frau Maler Evans, die Frau Bankier Messer, Frank Nehls, der berühmte Schriftsteller ... und alles verkehrt miteinander in harmlosester Unbefangenheit!« »Ja, Kamilla, Geld nivelliert vieles. Das sind lauter sehr reiche Frauen!« »Bin ich das nicht auch?« »Nein. Augenblicklich nicht«, antwortete Markus gedrückt. Sie küßte ihn auf die Stirn. »Ach, Markus, zerbrich dir doch nicht den Kopf damit. Ich habe mehr, viel mehr, als ich brauche!« Markus ließ sich einschläfern durch die Stimme der geliebten Frau und fühlte nur das tiefe Glück, daß sie bei ihm war und blieb, bis er an ihrer Seite in das Leben hinaustrat. Eines Morgens schickte Kurt Labisch zwei Logenplätze für das »künstlerische Theater«. Markus schwankte, ob er hingehen sollte. Er fürchtete, aus dem Gleichmaß seiner Zeiteinteilung gerissen zu werden. Aber schließlich gab er Kamillas Bitten nach. Er wußte nicht, daß es mehr die Neugierde war, Enzlehn zu sehen, die aus ihr sprach, als der Wunsch, die neue Dichtung kennen zu lernen. Er dachte, Kamilla hätte dasselbe Verhältnis zu seiner Vergangenheit, wie er selbst. Die starke und subtile Beobachtung, die er bei Frau Dr. Labisch gezeigt hatte, versagte ihm bei seiner Frau völlig. Er ahnte nicht, wie weit sie auseinander standen in ihrem Empfinden. Im ersten Zwischenakt trat Enzlehn in die Loge. Ganz der Alte, nur mit schärfer markierten Zügen. »Freue mich, Markus. Labisch sagte mir, daß er dir Karten geschickt hat. Gnädige Frau! ...« Er verneigte sich tief und respektvoll vor Kamilla. Dann sprach er wieder zu Markus: »Wie findest du das Haus? Nett, nicht? Willst du nachher nicht Kastanien guten Tag sagen? Er sitzt im Bureau und putzt sich die Nägel. Trebiner ist ganz ausgepumpt. War auch nie viel los mit ihm. Jetzt macht er Hypothekengeschäfte. Zu den Premieren kommt er immer im Frack, mit einer Blume im Knopfloch, wenn ich Geld brauche, schicke ich ihn auf Witterung. Witterung hatte er ja immer: für Literatur und für Geld. Witterung – das ist sein Talent. Ist überhaupt das einzige, was sich bezahlt macht im Leben!« »Und Dr. Bresch?« fragte Markus, der unwillkürlich wieder drin war in der Vergangenheit. Enzlehn lächelte ironisch. »Bresch? Der hat ausgeborgt! Hat mir die kleine Rhoden weggeschnappt, hat sie der Sicherheit halber geheiratet und ein Kabarett eröffnet. Lebst du in Hinterpommern, daß du so gar nichts davon weißt?« Markus knitterte nervös das Programm. »Er hat ... die Rhoden geheiratet?« »Tja ... keine schlechte Idee, mein Lieber. Können kann sie nichts, Geld hat sie, auftreten will sie – im Kabarett macht sie Furore, und der Titel ›Doktor‹ ist für einen Conférencier weniger abgebraucht, als der eines Barons. Such is life! Wollen wir nach der Vorstellung zu ihnen hingehen?« »Nein. Das geht nicht. Ich bin mit meiner Frau.« Enzlehn lächelte. »Ach so ... na ja.« Markus befürchtete ein Mißverständnis. »Ich meine, das ist kein Aufenthalt für eine Dame.« »Wir sind philiströs«, warf Kamilla mit leichtem Spott ein. »Da sie bei Frau Messer verkehren, gnädige Frau, wird es wohl nicht so schlimm sein.« Markus sah Enzlehn verdutzt an. »Wieso, Karli? Darf meine Frau dort nicht verkehren?« »Gewiß, darf sie. Man sieht dort jeden, es wird gejeut ...« Kamilla lachte gezwungen. »Gepokert wird heutzutage in all diesen Häusern.« »Gnädige Frau haben ganz recht, wenn ich nicht pokerte, könnte ich mir kaum den Luxus eines solchen Theaters leisten. Die besten Mäzene findet man unter seinen Partnern, das meiste Geld zwischen zwei Partien.« Als sie später im Wagen saßen, fragte Lukas: »Hast du dich am Poker beteiligt, Kamilla?« »Alle Damen spielen, ich kann doch keine Ausnahme sein!« »Es wäre mir lieb, wenn du eine wärest.« Er streichelte ihre Hand. »Mach mir doch die schwere Zeit nicht noch schwerer, Kamilla!« Sie schob ihr weißes Spitzenkopftuch tief ins Gesicht. »Das will ich ja nicht, Markus. Aber du mußt doch bedenken, daß es für mich ganz anders geworden ist, als es sein sollte.« Er hielt seine Hände krampfhaft in den Taschen seines Mantels geballt und starrte in die Glühbirne des Automobils. »Es ist auch anders, als ich selbst mir dachte«, entgegnete er hart. Eine tiefe Bitterkeit erfüllte ihn. Der starke Duft, der von ihr ausging und den er so liebte, der seine Sinne immer wieder schmeichelnd und betörend umfing, war ihm zum erstenmal unerträglich. Er ließ das Fenster herunter und badete das Gesicht in der kalten, reinen Dezemberluft. Kamilla hüstelte. »Verzeih«, sagte er und hob das Fenster wieder hoch. Dann saßen sie einander schweigend gegenüber am gedeckten Teetisch. Und weil dies Schweigen so furchtbar war zwischen ihnen, griff Markus zu einem Buch, das eine Armeslänge entfernt auf einem kleinen Tische lag, und Kamilla schnitt einen neuen Ompteda auf, von dem man gerade in den Berliner Salons sprach  ... Als Markus am nächsten Tage von der Hochschule kam, sah er eine elegante Equipage mit livriertem Bedienten vor dem Hause stehen. Im Entree flüsterte ihm das Mädchen zu: »Eine Prinzessin ist gekommen.« Markus unterdrückte ein Lächeln und ging ins Speisezimmer, um sich das Buch zu holen, das er gestern wieder auf den kleinen Tisch gelegt hatte. Das Buch lag in einer Ecke des Sofas, achtlos hingeworfen. Es ärgerte ihn, weil es köstliche Kupferstiche enthielt, und er mit guten Büchern achtungsvoll, wie mit sehr feinen, vornehmen Menschen umging. »Wo ist denn der kleine Tisch?« fragte er das Mädchen, das an ihm vorbei in die Küche wollte. »Die gnädige Frau hat ihn mit nach dem Salon genommen, als die Prinzessin kam.« »Ach so... haben Sie was serviert?« fragte er zerstreut »Nein, gar nichts ...« Markus stutzte. Wozu hatte Kamilla den Tisch mitgenommen? Er ging langsam hinüber in den großen, künstlich verdunkelten Raum, den Kamilla nach Ramins Angaben in schwerster Renaissancepracht eingerichtet hatte. Die dicken Teppiche fingen seine Schritte auf, und sein Eintreten war so unerwartet, daß Kamilla, als sie ihn plötzlich in der auseinandergeschobenen Portiere erblickte, mit beiden Händen von einem hin und her schaukelnden Tischchen zurückprallte. Die Dame ihr gegenüber jedoch behielt ihre Finger breitgespreizt auf der runden Platte und rief: »Aufpassen, Kleine, er fällt ja sonst!« »Verzeihung«, sagte Markus. Er stand da in seinem einfachen Hausrock, mit einem ziemlich niedrigen Kragen, wie er ihn beim Arbeiten zu tragen pflegte, und blinzelte mit seinen lichten, etwas kurzsichtigen Augen über die kleine, dunkelhaarige Dame hinweg zu seiner Frau. »Mein Mann«, stellte Kamilla mit sehr verlegener Geste vor. »Die Prinzessin Arnulf, Markus. Du weißt ja ...« Es war ganz abscheulich von ihm, daß er noch immer so erstaunt blinzelte, daß er so jungenhaft aussah in seinem niederen Kragen, und daß er gar nicht Miene machte, in seiner feinen, hübschen Art die peinliche Situation zu überbrücken. »Ich habe die Ehre«, sagte er endlich. Es klang eisig, direkt ungezogen. Die Prinzessin wendete sich halb auf ihrem Stuhl um und lächelte herablassend und ein bißchen spöttisch. »So ... so ... Herr Lukas? Sie kommen von der Universität, nicht wahr? Haben Sie wieder fleißig gelernt?« »Zu viel, Durchlaucht, um an solchen Albernheiten Gefallen zu finden«, gab er mit derselben hoheitsvollen Impertinenz zurück. Die Prinzessin erhob sich und streifte nervös ihre Ringe auf, die sie vor der »Sitzung« in eine große Kupferschale gelegt hatte. »Aber doch nicht genug, um solche Albernheiten leicht zu nehmen.« Markus stand immer noch an der Tür, als warte er nur darauf, daß die kleine boshafte Frau an ihm vorbei das Zimmer verlassen möchte. Kamilla war fassungslos. »Die Prinzessin war so gütig, sich meiner in der Gesellschaft anzunehmen«, brachte sie abgerissen vor, mit Tränen kämpfend. »Ich habe da, scheint es, Ihrem Gatten vorgegriffen, was ich wirklich sehr bedaure ...« »Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite, Durchlaucht.« Die Prinzessin streifte langsam ihre dänischen Handschuhe über die beringten Finger und richtete ihre glänzenden, dunklen Negeraugen auf Markus. Der lange, blonde Mensch, mit dem jungen, bodenlos impertinenten Gesicht, fing an, sie zu interessieren. Einer Sensation, einer Originalität zuliebe opferte sie sogar etwas von ihrer Würde. Grande Dame blieb sie doch, auch wenn sie Kokotte spielte. »Sie haben mir einen Spaß verdorben, Herr Lukas, – es ist kein Grund, mir auch meine gute Laune zu verderben. So – demokratisch man bei Ihnen in Bremen auch sein mag, einer Dame gegenüber hören die Standesunterschiede doch wohl auf!« Markus verneigte sich respektvoll. »Gewiß, Durchlaucht. Die Prinzessin Arnulf steht ebenso hoch wie Frau Markus Lukas!« Die Prinzessin schwamm in einem Meer von Wonne. »Sie haben einen entzückenden Mann, Kleine!« Und dann mit lebhaftem Funkeln ihrer dunklen Augen: »Lieber Herr Lukas, ich strecke die Waffen. Und ehe Sie mir Ihre wunderschöne Frau nicht selbst ins Haus bringen, will ich sie gar nicht wieder sehen!!« Sie fuhr mit ihrer goldenen Lorgnette anmutig über Kamillas Wangen. »Ohne Ihren Mann dürfen Sie mir nicht über die Schwelle!... Sie bringen mich doch zum Wagen, Herr Lukas?« »Mit Freuden, Durchlaucht.« » – kann ich mir denken!« Und sie war jetzt unwiderstehlich in ihrer liebenswürdigen, espritvollen Häßlichkeit, mit dem malitiös-humorvollen Lächeln. Auf der Treppe stützte sie sich auf seinen Arm. Etwas mehr vielleicht, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Aber aus ihrem Vagen heraus schüttelte sie ihm fast kameradschaftlich die Hand: »Auf Wiedersehen ... auf bald!« Nachdenklich stieg er die Treppe wieder hinauf. Auf der obersten Stufe holte er den Briefträger ein, der ihm einen Brief seines Vaters einhändigte. Der Kaufherr schrieb, daß er das junge Paar zu Weihnachten gern in Bremen gesehen hätte, aber das mehr als gespannte Verhältnis mit Rykert ließe Kamillas Anwesenheit in Bremen nicht ratsam erscheinen. »Ich möchte für den Augenblick jedes Hin- und Herspinnen der Fäden zwischen Rykert und uns vermeiden, auch im Interesse deiner Frau, die sich dann leichter dem Geiste unseres Hauses anpassen wird.« Der Brief war für Markus eine große Enttäuschung. Er hatte gerade auf die ernste, gehaltvolle Atmosphäre seines Vaterhauses gerechnet, um Kamilla ganz für sich zu gewinnen. Er fühlte, wie sie ihm hier immer mehr entglitt, und wußte nicht, wie er sie halten sollte in ihrer seltsamen, passiven Eigenwilligkeit. Einmal, da er zu Fuß über den Kurfürstendamm nach Hause ging, traf er sie, Arm in Arm mit der Frau Hofprediger, wie sie auf die elektrische Haltestelle zugingen. Er sah von weitem Kamillas Gesicht, angeregt und leicht vom Frost gefärbt, so liebreizend und liebenswürdig zugleich, wie es sich ihm nur selten zeigte. Die Frau Hofprediger hielt gerade eine ihrer längeren Reden, erzählte ihr von ihrer verstorbenen Schwiegertochter. »Mein liebes Kind – diese norwegischen Damen: – ungeheuerlich! Diese Selbständigkeit, diese Arroganz! Meine Schwiegertochter war ja aus vorzüglicher Familie und auch recht vermögend; trotzdem glaube ich nicht, daß mein armer Sohn sein Glück dabei gefunden hat! Da ist eine stürmische Liebesehe doch noch vorzuziehen... oder nicht?« Ihre neugierigen blauen Augen lachten die junge Frau schelmisch an. Kamilla seufzte. »Tja... mein liebes Kind! Unser lieber Markus ist noch jung... sehr jung. Das ist dann schwer! Da sind noch so viel himmelstürmende Ideale und so viele Schroffheiten und Ansprüche. Schade, schade... So ein Schwiegertöchterchen wie Sie – das – das hätte mir gut gepaßt!.. « Die Frau Hofprediger dachte an die Rykertschen Millionen, die brach lagen, und dachte weiter: »Wer weiß, ob Kamillas Ehe lange dauert?...« »Ah... wenn man vom Wolf spricht...« Sie begrüßte Markus mit viel Innigkeit. Markus zwang sich zu einem kurzen Gespräch und war froh, als die Elektrische kam, und er der liebenswürdigen Dame hineingeholfen hatte. Kamilla aber empfand sein steifes, gespreiztes Wesen als eine persönliche Beleidigung. Er fragte: »Wie kommst du denn jetzt mit der Frau Hofprediger zusammen?« »Sie hat Besorgungen in der Stadt gemacht, da habe ich sie begleitet, warum fragst, du?« »Ich habe sie eigentlich nie recht mögen...« »Du magst niemanden, mit dem ich verkehre! Du nimmst mir jede Freude an den Menschen.« »Vielleicht, weil ich sie besser kenne, als du!« Er sprach ohne jede Schroffheit, ohne jede Härte. Aber er fühlte, wie jedes Wort, das er sagte, sie gegen ihn aufbrachte. »Was hast du gegen mich, Kamilla? Was soll ich tun?« Er faßte sie unter und fragte es leise und liebevoll. Sie zog die Brauen zusammen und senkte den Kopf auf ihren schwarzen Krimmermuff mit dem duftenden Veilchenbukett. »Warum willst du dich nicht mit meinem Vater assoziieren?« Sie blieb stehen und sah ihm gerade in die Augen. »Es geht nicht, Kamilla, wirklich ... es geht nicht.« Er suchte sie mitzuziehen, aber sie wich nicht vom Fleck. »Das ist keine Antwort.« Es quälte ihn, daß sie so herzlos in ihn drang, wo sie den Grund doch ahnte. »Sei doch vernünftig, Kamilla ...« Sie lachte kurz auf und löste ihren Arm von dem seinen. »Dasselbe könnte ich dir sagen.« Sie riß mit beiden Händen an dem kleinen Taschentuch, das sie im Muff verborgen hatte. Ohnmächtiger Zorn erfüllte sie. »Wie Bettler müssen wir leben, weil du so unerhört eigensinnig und verstiegen bist.« Markus verfärbte sich. »Wieso verstiegen, Kamilla?« Sie lächelte ironisch. »Ich möchte wissen, warum du dir so viel auf deinen Namen einbildest. Lukas ... was ist Lukas? ... Hier in Berlin, meine ich? ... hier ist's doch ein Name, wie tausend andere auch! Ich glaube, die Prinzessin Arnulf bildet sich weniger auf ihren Titel ein, als du auf deinen Namen.« »Mag sein, Kamilla. Sie führt den Titel auch ohne persönliches Verdienst. Den Namen Lukas haben vier Generationen in schwerer, ehrlicher Arbeit erst zu dem gemacht, was er ist! Das ist der Unterschied. Erstens. – Zweitens habe ich meinen selbstgewählten Beruf! Den lasse ich mir durch kein Geld abkaufen, am wenigsten aber durch ein Geld, dessen Ursprung auf Geschäfte zurückzuführen ist, die wir – unsauber nennen. Ich hoffe, diesmal hast du mich verstanden. Verzeih, wenn ich deutlicher geworden bin, als dir lieb ist.« In seiner heißen Erregung sah er nicht, wie Tränen ihren Blick verdunkelten, wie ihre Hand sich ausstreckte nach ihm. Er eilte voraus, um sich selbst jedes weitere Wort abzuschneiden, ohne sich nach ihr umzusehen. Und so kam es, daß sie ganz allein auf dem schneebedeckten Savignyplatz stand, während er in schnellem Tempo zur Wohnung emporstieg. Sie wollte etwas zur Ruhe kommen, ehe sie ihm wieder gegenüber trat, und ging nach der Kantstraße zur Bank, um einiges Geld zu erheben. In der Bank gab man ihr zweihundert Mark und machte sie flüchtig darauf aufmerksam, daß ihr Konto hiermit erschöpft sei. »Wirklich, gar nichts mehr?« fragte sie erschreckt. »Gar nichts, gnädige Frau. Sie müssen ja die Belege zu Hause haben.« Kamilla legte die Scheine in ihre goldene Tasche. Ihre Hände zitterten. Nun mußte sie wieder kriechen und betteln und auf die Gnade des Vaters hoffen. Bis dahin aber – , wie sollte sie es durchhalten? Das Monatsgeld, das ihr Markus gab, war längst ausgegeben, und diese zweihundert Mark deckten kaum die dringendsten Rechnungen. Auch hatte sie noch ein paar kleine Spielschulden – zusammen dreihundert Mark. Die mußte sie morgen bezahlen, wenn sie zur Messer ging. Sie konnte doch nicht gerade morgen ausbleiben – wie sah das aus? Mit verstörtem Gesicht kam sie nach Hause. Markus öffnete selbst die Tür. »Na endlich, du Ausreißerin!« Er legte seinen Arm um sie und küßte sie durch den Schleier auf die kalte Wange. Seine Zärtlichkeit umfing sie wie ein warmer Luftstrom, und der starre Groll gegen ihn löste sich in einem dankbaren Lächeln. Wie lieb und gut konnte er sein! So war er lange nicht gewesen. Aber wenn sie ihm jetzt sagte, daß sie Geld brauchte, so würde er wieder sein spitzes, kaltes Gesicht machen und verwundert, mißbilligend fragen: »Aber, Kamilla – wo bist du denn mit deinem Gelde geblieben? Du müßtest ja noch zehn Tage reichen!« – – – Nach Tisch setzte sie sich an seinen Arbeitstisch und stellte ihm eigenhändig die Tasse schwarzen Kaffee hin. Er legte den Arm um ihre Taille und lehnte den Kopf an ihre Brust. »Wir könnten doch so glücklich sein, Kamilla ...« Sie neigte sich über seine klare, lichte Stirn. »Wir werden es auch sein, du wirst sehen, wir werden's«, murmelte sie bewegt. Nein, heute war es ihr unmöglich, etwas zu sagen... Sie wollte lieber wieder an ihren Vater schreiben und mit den letzten zweihundert Mark den größten Teil ihrer Schulden abtragen. Am nächsten Tage sagte Markus: »Frau Hofprediger läßt telephonieren und fragen, ob sie dich heute abend zum Jour von Frau Messer abholen soll.« Er sah ihr gerade in die Augen, denn er hoffte, sie würde nein sagen. Aber sie wendete den Blick ab und nickte hastig. »Ja, Markus, heute muß ich durchaus. Für heute hatte ich es ganz bestimmt versprochen.« »Gut. Dann antworte ihr selbst, Kamilla...« Er ging in sein Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Aber vergeblich wartete er darauf, daß sie zu ihm kommen würde... Es war heute besonders große Gesellschaft bei Messers. Erst wurde Musik gemacht, dann deklamierte ein Fräulein Claire Nelzen vom Deutschen Theater. Auch Nülber war da, in einem Frack neuesten Schnittes – sehr bedeutend und sehr schweigsam, ängstlich gehütet von seiner »ewigen Braut«, wie man sie nannte, einer jungen schlanken Dame, mit einer Cléo de Merode-Frisur und einfacher Empiretoilette. Von einer Gruppe löste sich Enzlehn und ging auf Kamilla zu: »Meine Gnädigste ...« Sie reichte ihm die Hand, die er ehrerbietig küßte. »Markus nicht da?« »Er arbeitet.« »Und sie präparieren ihm das Terrain, wie?« »Nein – wieso?« Er lächelte sein kühles, ironisches Lächeln: »Ärzte und Professoren müssen schöne Frauen haben, wenn sie reüssieren wollen, oder – kluge Mütter!« Mit dem Blick streifte er die Frau Hofprediger, die einen Kreis von Damen um sich versammelt hatte und mit anmutiger Einseitigkeit von dem letzten Vortrag ihres Sohnes sprach. Kamilla sah Enzlehn hochmütig an. »Sie irren, Herr von Enzlehn, ich bin nur für eigene Rechnung hier.« Claire näherte sich ihrem Bruder mit jener pretentiösen Bescheidenheit, die sehr gefeierte Theaterdamen in Gesellschaft auszeichnet. »Willst du mich nicht vorstellen ...« »Meine Schwester ...« »Ich freue mich riesig, gnädige Frau, Sie kennen zu lernen, und ich finde es gar nicht nett von Markus, daß er uns nicht längst bekannt gemacht hat. Wir sind Jugendfreunde. Markus hat viel im Hause unserer Mutter verkehrt.« »Ja ... ich weiß ... ich bin ganz eingefühlt in die Jugend meines Mannes.« »Jugend! Du lieber Gott! Er ist ja jetzt noch ein ganz junges Kerlchen. Fünfundzwanzig höchstens ... nicht wahr, Kurt?« Rechtsanwalt Kurt Labisch begrüßte Kamilla und faßte Claire ungeniert unter den Arm. »Markus war schon mit fünfzehn Jahren ein Weltweiser«, sagte er lachend. Aber Kamilla fühlte sich unbehaglich. Sie begriff Markus, und beinahe ebenso hochmütig, wie er selbst sein konnte, sagte sie: »Er beweist es jetzt aufs neue, indem er ohne die »Gesellschaft« auskommt, die wir zu unserem Vergnügen brauchen.« »Vergnügen? Ach, verehrte Frau Kamilla, wer ist denn heute noch zum Vergnügen in Gesellschaft? Sie vielleicht, – weil Sie keinen anderen Beruf haben, als den einer schönen, jungen Frau. Aber sehen Sie sich mal um – wer ist hier zum Vergnügen?! Die Gesellschaft ist heutzutage eine Börse, wo der eine seine Ware sucht, der andere sie anbietet, wo Geschäfte und Verträge abgeschlossen oder wenigstens angebahnt werden, ja, wo man sogar gewinnen und verlieren kann. Sehen Sie, Frau Kamilla, unser Freund Enzlehn zum Beispiel hat sich diesen neutralen Boden ausgesucht, um seine Schwester dem Deutschen Theater abspenstig zu machen ...« »Schwatz' nicht aus der Schule, Kurt«, sagte Claire in gespielter Empörung und schlug mit dem Fächer nach ihm. Aber Kurt fuhr fort: »Ich dagegen habe mir hier einen dicken Herrn aufs Korn genommen, den ich Enzlehn als neuen Kapitalisten zuschanzen will – wofür ich mir zwischen Käse und Obst eine Stellung als Rechtsanwalt und Syndikus seines Theaters ausbedingen werde. Und die Pokertische – für wen sind die ...?« Er rief die letzte Frage ziemlich laut mit seiner hellen Trompetenstimme in den übervollen Salon hinein. Die Damen, die sich an die Tische herandrängten, waren nicht in der Minderzahl. Unter ihnen befand sich Kamilla Lukas. Um ein Uhr hatte sie die zweihundert Mark, die sie der Hausfrau zurückzahlen wollte, verspielt, und Frau Hofprediger half ihr mit weiteren fünfzig Mark aus. Zehn Minuten später hatte sie dreihundert Mark gewonnen, aber um halb zwei sah sie hilfesuchend Enzlehn an, der mit unbeweglichem Gesicht die Goldstücke vor sich aufstapelte. »Darf ich Ihnen aushelfen, gnädige Frau?« fragte er höflich und schob ihr ein Goldhäuflein hin. Aber ehe Kamilla mit flüchtigem, erregten Kopfnicken das Geld berührt hatte, wurde es von einer kräftigen braunen Hand wieder zurückgeschoben, und Kurt Labisch sagte ziemlich laut: »Frau Hofprediger läßt Sie bitten, aufzubrechen. Die alte Dame sinkt um vor Müdigkeit.« »Ja ... selbstverständlich ...!« Kamillas Züge waren müde und schlaff. Ihre grünen Augen schlossen sich, als wenn sie das Licht schmerzte. Sie ließ sich von Kurt den Mantel umgeben und folgte der geschwätzigen und noch sehr aufgeräumten Frau Hofprediger stumm über die Treppe zum Wagen  ... Von Rykert kam keine Antwort auf Kamillas Brief. Sie telegraphierte. Darauf erhielt sie einige Tage später ein paar Zeilen von ihrer Mutter: »Mein liebes Kind! Papa ist sehr erkältet. Er läßt Dir für Deinen Brief bestens danken und will Ende April, bevor er nach Karlsbad fährt, mit Dir sprechen. Ich hoffe, es geht Dir gut. Von hier kann ich Dir nichts Neues sagen, wir verkehren mit niemand. Auch von Bernhard hören wir nichts, wahrscheinlich geht es ihm gut. Mit Gruß und Kuß Deine Mutter.« Das war Rykertscher Geist und Rykertscher Stil. In wenigen trockenen Worten: eine Lüge, eine Lieblosigkeit und eine Bosheit. Kamilla mußte sich an ihren Mann um Hilfe wenden. Aber sie hatte nicht den Mut, ihm Spielschulden zu gestehen, und schützte eine unerwartet hohe Schneiderrechnung vor. Er gab ihr das Geld, ohne eine Bemerkung zu machen, aber die Art, wie er ihr die Scheine aufzählte, bereitete ihr unsagbare Pein. Es folgten stille Wochen. Kamilla rührte sich nicht aus dem Hause, bis Markus selbst ihr zuredete, unter Menschen zu gehen. Aber da sie immer nur den Kopf schüttelte, beschloß er, ihr einige Abende in der Woche zu opfern. So besuchten sie gemeinsam Ramins, machten eine Gesellschaft bei der Prinzessin Arnulf mit, die Markus in fast auffälliger Weise auszeichnete, und gaben schließlich selbst einen Abend, um sich für die Einladungen des Winters zu revanchieren, wobei die Messers sich nicht umgehen ließen. Sie gehörten zu jenen, die sich so lange in einer Gesellschaft langweilen, bis man die Spieltische aufklappt. Und da die Prinzessin erklärte, daß es ganz gleichgültig sei, ob sie beim Trictrac oder beim Poker ihr Geld verlöre, konnte Markus als Wirt nichts anderes tun, als ein paar Spieltische aufschlagen lassen. Dr. Labisch, der würdevoll seinen Orden und seinen etwas engen Frack spazieren führte, trat an Ramin heran: »Wenn ich an die schönen Whistabende denke, da meine Frau noch lebte! Nicht wahr, Professor? Da war's noch gemütlich und ruhig. Jetzt spielen sich Tragödien am Spieltisch ab. Sehen Sie nur alle diese erregten Gesichter – das ist kein Spiel mehr. Die wollen wirklich Geld verdienen! Ich begreife in der Tat Markus nicht!...« Er faßte Markus, der gerade vorbeiging, unter und führte ihn in dessen Arbeitszimmer, wo er ihm einen längeren Vortrag über die Unsittlichkeit des Pokerns hielt. Nach der ersten Viertelstunde hatte Kamilla alle ihre guten Vorsätze vergessen. Sie spielte leidenschaftlich und mit immer höheren Einsätzen. Ihr Pech fiel auf ... sie verlor jedes Spiel. Ihre Hand, die das Blatt hielt, zitterte, ihre grünen Augen bohrten sich in den Bankier ein, der die Karten aufschlug. »Hören Sie auf«, sagte Ramin warnend. Er stand dicht hinter ihr und verfolgte seit einer halben Stunde ihren seltsamen, nervösen Eigensinn. »Lassen Sie das, Frau Kamilla, es schadet Ihnen ...« Schließlich umklammerte er ihre heiße, fiebrige Hand mit seinen kühlen, kräftigen Fingern. »Genug!« sagte er herrisch. Sie warf den Kopf zurück und sah ihn an. Er las Verzweiflung in ihrem Blick und stützte sie, als sie sich vom Spieltische erhob. In der allgemeinen Erregung war diese kleine Szene unbemerkt geblieben. Er führte sie fort in das leere Speisezimmer und öffnete das Fenster, damit die kühle Nachtluft ihr die erhitzten Schläfen kühle. Sie lehnte völlig erschöpft am Fenster, ihr Atem hob keuchend die Spitzen ihres ausgeschnitten Kleides. Er stand mit dem Rücken gegen den Salon und schüttelte bekümmert den Kopf. »Ich wollte es nicht glauben, als meine Mutter es mir sagte. Mein liebes, gutes Kind – was machen Sie?« Große Tränen standen ihr in den Augen. »Warum muß gerade ich verlieren – gerade ich?? Ich will ja nur einmal gewinnen, nur ein einziges Mal – das muß doch möglich sein! Es ist doch alles möglich, wenn man will!« Sie sprach mit bebender Stimme, die jeden Augenblick abzureißen drohte vor furchtbarer Erregung. »Gewiß ist alles möglich, wenn man will – auch das scheinbar Unmöglichste«, sagte Ramin langsam, nachdenklich, mit leiser Trauer in der Stimme. »Und gerade darum müssen Sie Herr werden über diese Leidenschaft. Sie müssen ihrer Herr werden – wollen !...« Sie verschränkte die Hände über der Brust und schloß die Augen. »Es ist sehr, sehr leicht, so zu sprechen, wenn man nie eine Leidenschaft im Leben gekannt hat und immer über alle menschlichen Schwächen erhaben gewesen ist!« Er blitzte sie finster aus seinen tiefliegenden, dunkel beschatteten Augen an. »Glauben Sie das wirklich? Können Sie sich gar nicht vorstellen, daß auch ich einmal mit einer Leidenschaft gekämpft habe, einer Leidenschaft, die auch das Lebensglück mehrerer Menschen gefährdet hätte – wenn ich ihr nachgab? Glauben Sie wirklich, daß mir die Versuchung niemals nahe getreten ist?« Kamillas Wimpern warfen tiefe Schatten auf ihre bleichen Wangen. Sie hatte nichts mehr von ihrer hoheitsvollen, damenhaften Haltung – wie ein gescholtenes, zaghaftes Kind stand sie da. Sein Blick hatte die kühle Klarheit verloren; er war umflort und bewegt. Er streckte Kamilla die Hand entgegen und umschloß ihre kalten, zitternden Finger in festem Druck. »Und nun noch eins, mein liebes Kind: betrachten Sie alle diese Menschen nur als das, was sie sind: Marionetten, die sinnlos an den Fäden ihrer kleinen Passiönchen und Gefühlchen herumspringen. Halten Sie sich zurück von diesem häßlichen Strudel, der so manchen wertvollen Menschen verschlungen hat, und verlieren Sie den Maßstab nicht für eine Natur wie Markus!« Sie nickte ihm zu – ernst, beinahe feierlich. »So hat noch niemand mit mir gesprochen – ich danke Ihnen.« Er fand das Lächeln des klugen, überlegenen Weltmannes wieder. »Ihr Mann ist mein Schüler gewesen – das ergibt immer ein väterliches Verhältnis, und man nimmt sich leicht väterliche Rechte heraus.« Er führte ihre Hand ritterlich an die Lippen. In diesem Augenblick trat Markus in das Speisezimmer. »Da sind Sie, Herr Professor, wir suchen Sie überall.« »O Verzeihung ... das kleine Privatissimum hat sich wirklich etwas in die Länge gezogen.« Professor Ramin rauchte eine Zigarette an, warf das Streichholz in die Aschenschale und erschien gleich darauf in Markus' Arbeitszimmer, wo einige Herren beim Glase Bier saßen und Prinzessin Arnulf mit vielen kleinen Grimassen eine Zigarre anrauchte. »Nun, Kamilla, willst du nicht zur Gesellschaft zurück? Was ist dir?« fragte Markus, da Kamilla noch immer am halbgeschlossenen Fenster lehnte, mit schmerzlich verzogenem Mund, erschöpft und bleicher noch, als sonst. »Was ist dir denn?« wiederholt« er. – »Komm, ich werde das Fenster schließen ... Du erkältest dich!« Ein plötzliches Unbehagen überfiel ihn. Er mußte – ohne selbst zu wissen, warum – an jenen Abend in der Uhlandstraße denken, da er zu Frau Dr. Labisch ans Fenster getreten war, nachdem der Professor sie verlassen hatte. Ramin hatte ihr damals ebenso die Hand geküßt, wie jetzt eben Kamilla, hatte eine Zigarette angezündet und war hinübergegangen zu den anderen. Und sie war auch stehen geblieben am Fenster, wie jetzt Kamilla, und hatte wie verloren vor sich hingestarrt mit tiefumschatteten Augen aus weißem, gequältem Gesicht. »Sprich doch, Kamilla ...« Seine Stimme war heiser. Seine lichten Augen ruhten in namenloser Pein auf ihr. Sie lächelte. Aber das Lächeln war so armselig, so unsicher, daß er ihre Hand fallen ließ, die er in Bangigkeit ergriffen hatte. »Es ist nichts, Markus ... wirklich. Ich muß jetzt zu den anderen hinein. Ich wollte, sie wären schon fort ...« Sie ging müde, wie gebrochen, in den Salon, und die Schleppe ihres weißen Spitzenkleides ringelte sich ihr nach wie eine tote Schlange. Für Markus kam eine schwere Zeit. Das Jahrgeld, das ihm der Vater angewiesen hatte, schrumpfte unheimlich zusammen. Und doch konnte er es nicht über sich bringen, Kamillas Sorglosigkeit zu zerstören. Er fühlte, daß er seiner Frau augenblicklich nichts bieten konnte, daß sein freiwilliges Studententum ihm in den Augen der Gesellschaft beinahe den Stempel der Lächerlichkeit aufdrückte. Nur die Eleganz seiner Hausführung nahm seiner Ehe das Votum, das einer Studentenehe anhaftet. Er wußte, daß die Meisten in seinem späten Studium nichts als die Marotte eines reichen Mannes erblickten und sie nur als solche gelten ließen. Es war ein »origineller Luxus«, den er sich erlaubte. Das machte ihn beinahe interessant, wie ja auch Professor Ramin, weil er Gelehrsamkeit mit der Weltgewandtheit eines Grand-Seigneur verband, in ihren Augen ein interessanter Mann war. Vergeblich versuchte er in der ersten Zeit, Fühlung mit einigen Studierenden zu gewinnen. Einsam, wie er in der Schule war, blieb er auch jetzt. Dr. Labisch verstand sein Streben nicht. Markus' eigenwillige Selbstbestimmung, wenn auch vom Vater gebilligt, ging ihm wider den Strich. Kurt war zu sehr mit sich beschäftigt, um sich Markus viel widmen zu können. Er hatte das Glück gehabt, sich mit einem ziemlich bekannten Rechtsanwalt assoziieren zu können, und der gleiche Beruf verband die beiden, einander bisher völlig fremden Menschen so eng und fest, daß wenig Raum und Zeit für die Pflege rein privater Beziehungen blieb. Enzlehn zählte für Markus als Freund nicht mehr mit. Kaum verknüpfte ihn noch ein leises Band mit dem Enzlehn seiner Jugend. »Wenn ich nicht den Professor hätte, – wer weiß, ob ich alles durchführen könnte!« sagte Markus einmal zu Kamilla, als er sich besonders mutlos fühlte. Seine ganze kindliche Bewunderung und Verehrung für den Mann war wieder in ihm lebendig geworden, seit er in ihm zum zweiten Male seinen geistigen Führer gefunden. Wenn Kamilla in Gesellschaft war, beschützt von der Frau Hofprediger, dann kam es öfter vor, daß er allein beim Professor saß. War Markus dann wieder zu Hause und Kamilla kehrte heim, so fragte er kaum nach dem, was sie selbst gesehen und erlebt hatte, sondern ließ sie teilnehmen an der starken, frohen Stimmung, die er aus der Grunewaldvilla mit nach Haus gebracht und aus der heraus er Worte fand, die wie volle, reine Glockentöne in den zerfahrenen Gesellschaftssabbat hineindröhnten, dessen Nachklänge ihr noch im Kopfe herumschwirrten  ... Es war jedesmal ein schweres und häßliches Zurückkehren zur Nüchternheit des täglichen Lebens, wenn die rein materielle Sorge um die nächste Zukunft sich ihm ruckweise näherte. Auch der Gesellschaftsabend in seinem Hause hatte ihm eine unklare, peinigende Erinnerung hinterlassen. Und als Professor Ramin ihm zwei Tage später, vom Katheder grüßend, zulächelte, da war das Lächeln, mit dem er antwortete, unsicher und befangen, und er senkte den Kopf über das aufgeschlagene Heft, weil ihm eine schwüle, beklemmende Röte in die Schläfen stieg. Da es das letzte Kolleg des Tages war, pflegte er meist unweit von der Universität auf den Professor zu warten und zu Fuß mit ihm über die »Linden« durch die Friedrichstraße bis zur Stadtbahn zu gehen. Dort erwartete den Professor sein Wagen, mit dem er meist noch etliche Besorgungen machte, während Markus mit der Bahn bis zum Savignyplatz fuhr. Oftmals hatte ihn auch der Professor im Wagen mitgenommen und dann an der Ecke des Kurfürstendamms und der Grolmannstraße abgesetzt. Markus freute sich jedesmal auf dieses kurze Zusammensein und kam an diesem Tage immer später, als an den anderen, aber angeregt und mit frohen Augen nach Hause. Heute war es ihm unmöglich, mit dem Professor zusammen zu sein. Raschen Schrittes, als fürchte er, eingeholt zu werden, lief er die Treppe der Hochschule hinab, sprang draußen in ein Auto und ließ sich nach Hause fahren. Mit dem Drücker schloß er die Entreetür auf und ging gleich in sein Arbeitszimmer hinein, um Bücher und Hefte aus der Hand zu legen. Kamilla saß an seinem Schreibtisch. Sie hatte das Bild des Professors nahe zu sich herangerückt und den Kopf tief über ein Blatt Papier gebeugt, das sie mit einem Bleistift beschrieb. Als Markus ins Zimmer trat, drückte sie das Blatt in der Hand zu einem Klumpen zusammen. »So früh, Markus?« Ihr Ton klang leicht erregt. »Ja ... was schreibst du da?« »Ich ... nichts. Nichts von Bedeutung. Wirtschaftsrechnungen ...« »Zeig her ...« Er sagte es noch lachend und küßte sie in den Nacken dabei, da wo kleine Härchen sich ringelnd sträubten. »Aber laß doch, Markus. Das sind meine Sorgen.« Sie schüttelte den Kopf, lachte gezwungen und riß das Papier hastig in kleine Stücke. »Warum tust du das, Kamilla ... Was soll das?« Er stand da, ganz steif, mit blassem Gesicht, und fuhr sich mit der Hand mehreremal nervös über die Stirn. »Was soll das, Kamilla?« Sie wendete sich ab und ging zur Tür. Er faßte sie bei der Hand. »Nein. Du bleibst da – !« Ihre grünen, schillernden Augen waren jetzt beinahe schwarz im Dunkel des Zimmers. Sie schloß die Lippen fest aneinander und zuckte die Achseln. Er ließ ihre Hand los, und sie setzte sich gerade und abwartend in einen hochlehnigen, dunklen Eichenstuhl, in dem sie streng und asketisch aussah wie eine byzantinische Heilige. Markus näherte sich langsam dem Schreibtisch. Es war, als suchte er nach Worten, während er das Bild des Professors behutsam mit spitzen Fingern auf seinen Platz rückte. »Warum bist du nicht offen zu mir, Kamilla?« Er sprach es mehr bekümmert, als heftig. Das gab ihr Mut. »Ich bin offen ... Du willst mir nur nicht glauben. Ich rechnete. Da, du kannst es sehen – es sind nur Zahlen auf den einzelnen Schnitzelchen.« Er streckte die Hand aus, als wollte er sich davon überzeugen, aber da er ihr bitteres Lächeln sah, ließ er die Hand wieder fallen und sagte: »Ich glaube dir.« Er setzte sich an den Schreibtisch und malte mit dem Bleistift Figuren in die Luft. Er tat es nur, um Zeit zu gewinnen, seine Gedanken zu sammeln. »Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, Kamilla – jetzt machen sich die Folgen fühlbar. Aber wenn es nur das ist – wir sind jung ... wir können uns bescheiden. Nicht wahr, Kamilla, das kannst du?« Er sah ihr angstvoll in die Augen, aber sie wich seinem Blick aus und schüttelte abermals den Kopf. Leise fragte er: »Brauchst du viel?« »Mehr, als du entbehren kannst.« Sie sagte es hart, beinahe geringschätzig. »Dann werde ich ...« Er unterbrach sich. »Nein, Kamilla, hör' zu. wir wollen einen Überschlag machen von dem, was wir noch brauchen, und dann – « »Und dann – was?« Sie stand auf und riß Markus den Bleistift aus der Hand, der sie nervös machte. »Und dann wendest du dich an deinen Vater, und er schickt dir ein paar tausend Mark und viele gute Ermahnungen. Und das nutzt doch alles nichts. Damit ist uns auf die Dauer nicht geholfen! Ich weiß aber, dein Vater kann augenblicklich nicht mehr für uns tun – er kann nicht.« »Woher weißt du das?« Er sah sie erschreckt an. »Papa hat geschrieben – ganz Bremen weiß es.« Markus stampfte mit dem Fuße auf: »Was weiß ganz Bremen? Was willst du damit sagen?« Er stand vor ihr, leichenblaß, mit flackernden Augen, am ganzen Körper zitternd. Sie lenkte ein. »Siehst du, Markus, das wollte ich vermeiden ... warum regst du dich so auf? Ich will dir doch helfen – und du bist ungerecht und undankbar.« »Verzeih, Kamilla ... Aber du mußt verstehen – aus Liebe zu mir verstehen – wie furchtbar das ist, was du da sagst!« Sie setzte sich zu ihm und lehnte ihren Kopf an ihn. »Laß mich nach Bremen, Markus, laß mich zu Papa ... Du wirst sehen, ich bringe Geld mit. Und dann haben wir keine Sorgen mehr. Sei doch nicht starrköpfig, Markus ...« Er drückte ihren Kopf an sich und streichelte ihr Haar. »Nein, Kamilla ... das geht nicht – das darfst du nicht ... das will ich nicht.« »Warum willst du nicht ... warum?« Sie rüttelte ihn und bohrte ihre Augen in die seinen, als wollte sie ihre ganze Seele, all ihren Willen in ihn hineingießen durch ihren Blick. »Ich kann nicht von dem Gelde deines Vaters leben, von diesem Gelde nicht – ! Wenn mein Vater seinen Namen nicht hergegeben hat zu diesem Geld, dann gebe ich mein Haus nicht dazu her. Das, was dein Vater dir bisher gegeben hat, übersteigt mein Jahrgeld um mehr, als das Doppelte. Und da uns von meinem Gelde nur ein kleiner Rest geblieben – so würde ich also ein halbes Jahr vom Gelde deines Vaters leben, von seinem Gelde studieren. Das kann ich nicht!« »Du kannst nicht, du willst nicht ... Und ich?!« Er seufzte bang auf. »Wir sind also nicht eins ... du und ich? Wirklich nicht?« Sie antwortete nicht und wiederholte eigensinnig: »Laß mich nach Bremen!« »Nein!« Eine kurze Pause folgte. Man hörte den schweren Atem der zwei Menschen, die jeder um ihren Willen rangen. Dann fügte er langsam hinzu, scharf jede Silbe betonend: »Die Schwiegertochter von Reimar Lukas hat nur ein Vaterhaus – das Vaterhaus ihres Mannes! Es gibt keinen Weg, der von uns zurückführt zu euch. Jetzt geh, Kamilla ... wir wollen uns beruhigen. Dann werden wir zu einer Klärung kommen ... wir sind doch keine kleinen Kinder.« »Ich nicht – « Ihre Worte verloren sich in einem krampfhaften Aufschluchzen, und sie ließ die Tür heftig hinter sich ins Schloß fallen. Markus riß das Fenster auf und atmete die feuchte, frische Luft ein. In seinen Pulsen hämmerte es, sein Herz pochte, als sollte es ihm die Brust sprengen. Jetzt war es doch gekommen in sein Leben, das Häßliche und Rohe  ... Und es kam ihm von dem Wesen, das er über alles liebte, an dem alles Schönheit war und süßester Liebreiz  ... Das Rykertsche Blut – rücksichtslos und gewalttätig! Wenn er es »ihr erst ausgetrieben hatte«, wie Bernhard sagte! Aber bis dahin?  ... Warum hatte sie das Bild des Professors vor sich hingestellt? Hatte sie verglichen, oder – – – Wieder schoß ihm das Blut siedend heiß zu Kopf. – – Abends schrieb er einen Brief an seinen Vater. Er erwähnte kein Wort über die Szene mit Kamilla. Ganz am Schluß fragte er – was er bisher vermieden hatte – nach dem Gang des Geschäftes. »Wenn auch für den Außenstehenden unmerklich, – so mögen sich doch, dir allein wahrnehmbar, kleine Niederungen bei der schwankenden Konjunktur zeigen. Stoß mich nicht völlig aus dem Kreise jener, die teilhaben dürfen an den Sorgen und Freuden unseres Hauses.« – – Am selben Tage brachte ein Depeschenbote Herrn Rykert, der eben mit dem Zylinder auf dem Kopfe von der Börse kam, zwei Telegramme. Das eine war aus Paris: »Seit einer Woche krank. Hospital Hotel Dieu. Bitte sende Geld, da völlig mittellos. Bernhard.« Das andere aus Berlin von Kamilla: »Könntest Du zur Besprechung nach Berlin kommen? Bedarf Deines Rates, Kamilla.« Die Pariser Depesche steckte er in den Mantel seines Überziehers. Die Berliner – warf er seiner Frau zur Durchsicht auf den Tisch. »Na Frauchen, was meinst du?« Sie antwortete mißbilligend und würdevoll: »Das hätte dir Markus telegraphieren sollen.« Die schlauen Äuglein des kleinen Mannes sprangen vergnügt im kalten, nackten Zimmer mit den teuren Möbeln umher. »Aber warum denn, Frauchen? So ist's ja viel gemütlicher.« Und er ging gutgelaunt hinüber in sein Kontor, wo er dem Laufjungen ein verschlossenes Zinnkännchen mit einer warmen, dicken, roten Flüssigkeit abnahm. Es ging ihm immer recht elend im Frühjahr. Er fühlte sich schwach zum Umblasen. Abends fragte Frau Rykert: »Wann fährst du nach Berlin?« Er meckerte vor sich hin. »Wie ich sagte – wenn ich nach Karlsbad gehe! Schon auf der Hinfahrt, freilich, freilich ...« Er näherte sich ihr mit katzenartiger Freundlichkeit und streichelte ihren Rücken. »Es sind noch drei Wochen bis dahin«, entgegnete Frau Rykert, ohne ihren Mann anzusehen, als fühlte sie seine Finger nicht auf ihren Schultern. Aber ihre langen, breiten Zähne spielten mit der Unterlippe. »Was sind drei Wochen, Frauchen? Hilfe braucht man gleich, aber auf einen ›Rat‹ kann man auch ein paar Wochen warten.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenkerte vergnügt mit den Beinen. Frau Rykert legte eine Zeitung, die vor ihr lag, in vier, dann in acht Teile zusammen und preßte die wohlgepflegten, aber stumpfen Nägel auf die Büge. »Vielleicht ist sie in Verlegenheit, braucht Geld ...« »Wer... Kamilla?« Rykert blieb erst mit offenem Munde mitten im Zimmer stehen und zwinkerte entsetzt mit den Augen: »Frauchen, Frauchen ... Du sprichst recht leichtsinnig. Kamilla in Verlegenheit! Die Schwiegertochter von Herrn Lukas! Erbarm dich! Wie kannst du so den Kredit schädigen von einer ersten Firma? Ich begreife dich nicht!« Er schüttelte bekümmert den Kopf. »Nun haben wir unsere Tochter an den Sohn eines ersten Bremer Bürgers verheiratet – und du redst solche Sachen!« »Sagtest du nicht selbst, daß Reimar Lukas augenblicklich schlecht steht...?« »Ich? Ich hätte so was gesagt?« Herr Rykert kreuzte die Hände über der Brust und blickte vorwurfsvoll gen Himmel. Dann glitt er langsam auf seinen weichen Hausschuhen bis zum Tisch. »Tja ... das kommt davon, wenn man nur halb zuhört...« Er tippte mit dem knochigen Zeigefinger auf die Zeitung. »Ich komme zu dir und erzähle dir, was man in der Stadt sagt und munkelt, und nur weil ich vergesse hinzuzufügen, daß das alles Unsinn ist, da glaubst du, ich ...?! Nun frage ich einen Menschen! Die eigene Frau verdreht einem das Wort im Munde! Die eigene Frau! ...« Frau Rykert lehnte ihren Kopf zurück und starrte unbeweglich vor sich hin. Jetzt konnte sie sich auf eine zweistündige Rede gefaßt machen. Herr Rykert fing dann immer bei dem Danziger Abend an, wo er sie hatte singen hören, und ging sein ganzes Leben mit ihr durch bis zur gegenwärtigen Stunde. Er sprach dabei viel von seiner Arbeit und was er alles für Frau und Kinder getan, und sprach noch mehr von dem Undank, den er geerntet. Eine lieblose, kaltherzige Frau, einen Tunichtgut als Sohn. Dazu kritzelte er jedesmal auf ein Zettelchen alle Summen, die er ausgegeben, und addierte sie. Dann erschrak er selber vor dem Resultat. »Denke, Frauchen, so viel ... das hab' ich ja selbst nicht gewußt – und nun ist das der Dank?!« Wo er sich selber doch gar nichts gönnte, wo er vier Jahre einen Anzug trug! Seit zehn Jahren sich kaum einen Pelz hatte machen lassen, und nun in schlaflosen Nächten kämpfte, ob er sich die Karlsbader Reise leisten sollte! Nur für seine Familie war ihm nichts zu schade gewesen. Zum Schluß zog er immer ein großes buntgekantetes Taschentuch und schnaubte sich lange und umständlich, wobei er die Augen bedeckte, wie um die Tränen zu verbergen. In den ersten Jahren, als Frau Rykert noch weniger steifnackig war, hatte sie solche Reden zu widerlegen versucht. Aber er hatte dann jedesmal einen Tobsuchtsanfall bekommen, ihr seine Nägel ins Fleisch gedrückt, sie am Halse geschüttelt, als wolle er sie erdrosseln, und wirklich geweint, mit krampfhaftem Aufschluchzen, bis zur völligen Erschlaffung. Da hatte sie es allmählich aufgegeben, zu erklären; zu entschuldigen oder gar sich zu rechtfertigen. So war es auch diesmal. Und wie sonst immer erhob sie sich wortlos von ihrem Platz, band ihrem Manne die enge schwarze Krawatte auf, knüpfte ihm den Kragen ab und sagte mit ihrer ruhigen, modulationslosen Stimme: »Wenn du willst, werde ich Kamilla schreiben.« »Ja ... ja ... Frauchen. Schreib ihr. In drei Wochen spätestens bin ich da, spätestens! Jetzt bin ich krank ... fühl doch, wie naß ich bin – alles kalter Schweiß. Nicht wahr, du fühlst es?« »Ja, ich fühl' es ...« »Also schreib ihr. Ich bin sehr krank, wenn's morgen nicht besser wird, muß ich den Arzt holen. Komm, Frauchen, bring mich zu Bett. Bist ein braves Weib ... ein gutes Weib.« Und während sie ihn auskleidete wie ein kleines Kind, streichelte er ihren Rücken, ihre Arme. Sie aber biß die Zähne zusammen und brachte ihm dann einen Teller Bouillon und kaum angebratenes Beafsteak ans Bett, damit er sich kräftige nach der großen, schweren Aufregung. »Du ißt auch, Frauchen, nicht wahr?« Er aß geräuschvoll und gierig, mit lüsternen, gefräßigen Blicken. Sie nickte. »Jawohl, sei unbesorgt.« Er hielt sie bei der Hand fest, bis er eingeschlafen war. Unterdessen war ihr Essen kalt geworden. Aber sie hätte auch nichts herunterbringen können von dem, was auf dem Tische stand. Leise schlich sie sich aus dem Zimmer, nahm eine Tasse Mich zu sich und schrieb dann einen jener farblosen, trockenen Briefe, die Kamilla Tränen ohnmächtigen Zornes in die Augen trieben. Markus hatte darauf bestanden, daß der Haushalt vereinfacht würde. »Gesellschaften geben wir keine mehr, wir kommen ganz gut mit einem Mädchen aus. Das Schlimmste wird der Verzicht auf die Sommerreise sein. Aber wir werden uns durch kleine Ausflüge in die Umgegend entschädigen – und am Ende lassen sich doch acht bis vierzehn Tage an der Ostsee herausschlagen.« »Ja ...« Kamilla nickte apathisch. »Es wird schon gehen, Kamilla, nicht wahr? Mit einem bißchen guten Willen und einem bißchen Liebe?« Er stand hinter ihr und legte seine Wange an ihr braunes, duftendes Haar. Ein heißes, leidenschaftliches Sehnen erfüllte ihn, daß es zwischen ihnen wieder so würde, wie im Anfang ihres Berliner Aufenthalts. Er hatte sich durch Kurt Labisch einige tausend Mark beschafft, die er im September von seinem Jahrgeld abtragen wollte. Es war das erste geliehene Geld, und es hatte ihm Mühe gekostet, die peinliche Empfindung darüber, die Verstimmung vor Kamilla zu verbergen. Nur eines war ihm notwendig erschienen: die größte Sparsamkeit. Wenn sie ihm nur ein wenig dabei half ...! Aber ihre Finger ruhten kalt in seinen warmen Händen, und kein Druck antwortete dem seinen. Das Mädchen meldete den Professor Ramin. Kamilla riß sich los, ungestüm, verwirrt. »Was ist dir denn, Kamilla ... So antworte doch ...?« »Ich will nicht, ich fühle mich nicht wohl ...« Sie lief beinahe in ihr Zimmer, ohne Markus' verstörtes Gesicht zu beachten. Ramin fragte nach ihr. »Ich wollte die jungen Herrschaften zu einer Spazierfahrt einladen. Es ist ein wundervoller Sonntag heute!« Markus stammelte unverständliches Zeug. Seine Frau wäre nicht wohl ... er müßte arbeiten ... sie hätten heute früh schon einen Spaziergang gemacht. »Dann kann ich aber doch ein Stündchen hierbleiben?« Markus zupfte nervös an seinem Kragen. »Gewiß, Herr Professor ... bitte.« Er führte ihn in sein Arbeitszimmer, bot ihm von den Zigarren an. Aber sein Gesicht blieb eigentümlich starr und gespannt. »Schade, Markus, das Stubenhocken bekommt Ihnen nicht, auch Ihre Frau gefiel mir nicht recht in letzter Zeit ...« Markus wendete sich ab, um ein Streichholz zu entfachen. »Das ist oft so im Frühjahr, Herr Professor, bei nervösen Menschen.« Seine Hand zitterte leicht, mit der er Ramin das Streichholz hinhielt. »Ja, Markus, da haben Sie recht. Alle Sorgen, alle Freuden empfindet man im Frühjahr doppelt. Und es ist gut, wenn man dann nicht allein ist.« »Ich habe meine Frau, Herr Professor!« Es klang zum erstenmal etwas wie Hochmut in den Ton hinein, den er Ramin gegenüber anschlug. Der Professor richtete seine kühlen, klaren Augen mit ernster Gelassenheit auf Markus' blasses Gesicht. »In der Jugend ist jeder so viel mit sich beschäftigt, da mag es vorkommen, daß man vorübergeht am Leben des anderen, auch wenn dieses Leben teurer ist als das eigene ...« »Ein Dritter kann weder eine Liebe noch eine Ehe beurteilen, Herr Professor. Meinen Sie nicht auch? Er ist eben immer der Dritte und der ...« » – Überflüssige«, warf der Professor ein und lächelte. Das Lächeln hatte für Markus etwas Aufreizendes. Aber der Professor blieb ganz ruhig. Bald darauf verabschiedete er sich: »Um mich für die entgangene Spazierfahrt zu entschädigen, müssen Sie heute zu uns kommen. Aber mit Ihrer Frau, lieber Markus, nicht wahr?« Kamilla hörte, wie die Entreetür zuschlug. Sie kam zu Markus, als glaubte sie, den Professor noch zu finden. »Er ist schon fort?« sagte sie mit gemachtem Bedauern. Er meinte eine große Enttäuschung aus ihrem Ton zu lesen und wagte nicht, sie anzusehen. »Ich muß arbeiten«, sagte er kurz. »Und abends muß ich zum Professor.« »Du allein?« »Ja ... ich muß ... allein gehen. Du verfügst dann wohl über deinen Abend wie du willst.« »Ja ... wie ich will.« Sie stand noch eine Weile am Tisch. Eine Strähne ihres Haares hatte sich gelöst, und sie drehte und zwirbelte daran in heimlicher Unruhe. »Hat er nach mir gefragt?« entfuhr es ihr plötzlich. »Wer? ... Nein ... Warum? Warum sollte er nach dir fragen?« Er schlug ein Buch auf und merkte nicht, daß es verkehrt lag. »Warum glaubst du, daß der Professor nach dir gefragt hat ...?« »Worüber habt ihr gesprochen die ganze Zeit ...?« »Über ...« Es würgte ihn etwas an der Kehle, so ungewohnt war ihm jede kleinste Lüge. »Ich bitte dich, geh, Kamilla ... lch muß wirklich arbeiten ... wirklich.« Und er beschattete seine Stirn mit der Hand und las eifrig in den verkehrten Zeilen. Zögernd, mit einem schweren Seufzer, verließ sie das Zimmer. Aus Bremen hatte sie wieder ein paar nichtssagende Worte bekommen, von ihrem Wirtschaftsgeld besaß sie kaum noch fünfzig Mark. Sie konnte sich nicht an Markus wenden, der Vater kam nicht vor zwei Wochen – – so spielte sie. Wieder und immer wieder, voll glühenden Hasses gegen die Karten, die sie immer wieder narrten, voll Angst und Unruhe und Beschämung. Wenn Ramin es ihrem Manne sagte – – – Was dann? Sie erinnerte sich noch an seine Worte, die er damals über Bernhard gesprochen: »Sein Weg führt abseits von uns!« Würde er dasselbe nicht auch von ihr sagen: »Dein Weg geht abseits von mir ...« Sie mußte diese schreckliche Geldsache in Ordnung bringen. Das ging so nicht weiter. Während Markus abends bei Ramins war, wollte sie noch einen Versuch machen. Am peinlichsten war es ihr, heute Enzlehn zu treffen. Aber er schnitt ihr jedes entschuldigende Wort ab durch seine ruhige, respektvolle Art. Bevor er ihr nicht Revanche gegeben, dürfte von einer Schuld ihrerseits nicht die Rede sein. Im übrigen könnte sie doch mit Leichtigkeit etwas Geld aufnehmen, wenn ihr Spielschulden peinlich wären. Das passiere bei den Damen alle Augenblicke. »Ja ... Sie glauben? Aber wer borgt mir denn?« Er zuckte die Achseln. »Das kann ich Ihnen nicht sagen, gnädige Frau, vielleicht weiß es mein Freund Trebiner – ein Finanzgenie ersten Ranges!« Er stellte ihr einen sehr eleganten Herrn vor, den sie öfter in dem und jenem Hause gesehen, aber nie beachtet hatte. Jetzt erst fiel ihr der Name auf. »Sie kennen ja meinen Mann?« »Ganz flüchtig, gnädige Frau. Nur genügend, um mich zu wundern, daß Sie überhaupt in Verlegenheit kommen. Freilich – Spielschulden gesteht man nicht gerne ein.« »Herr von Enzlehn hat Ihnen schon von meinem Pech gesprochen?« Sie wendete sich dem Direktor zu; der aber hatte sich bereits unter die anderen Gäste gemischt. »Das brauchte es gar nicht. Ich habe Sie öfter beobachtet, gnädige Frau. Sie haben bodenloses Pech. Lassen Sie doch das Spielen!« Sein kurzer Ton flößte ihr Vertrauen ein. »Ich will ja auch nicht mehr, nur meinen Verpflichtungen möchte ich nachkommen!« »Natürlich. Ich werde sehen, was sich tun läßt. Sie werden einen Wechsel unterschreiben müssen, den will ich gern akzeptieren – Enzlehn zu Gefallen.« »Mein Vater ist in zwei Wochen in Berlin – dann ist es mir eine Kleinigkeit, ihn einzulösen!« »Sagen wir lieber: vier Wochen, gnädige Frau. Väter sind manchmal unpünktlich!« Kein Lächeln milderte die Impertinenz seiner Worte. Sie bemerkte es nicht in ihrer Aufregung. »Mein Vater ist Gustav Rykert in Bremen. Sie können sich über ihn erkundigen!« Er schnitt jedes weitere Wort mit einer Geste ab. »Das weiß ich, gnädige Frau, ich brauche keine Erkundigung.« »Wie soll ich Ihnen danken?!« »Mir?« Er machte eine kurze Notiz in sein Taschenbuch. »Vielleicht beteiligt sich Ihr Herr Vater am ›Künstlerischen Theater‹«, sagte er nebenbei. »Ich persönlich rechne wenig auf Dank und mache mir nichts aus Undank. Aber wenn ich meinem Freunde Enzlehn einen Gefallen erweisen kann – Ich bin dieser Tage in ... in Bremen ... vielleicht geben Sie mir ein paar Zeilen an Ihren Herrn Vater mit?« Sie zögerte einen Augenblick, dann sagte sie hastig und verlegen: »Ja gern ... nur dürfen Sie nichts – « » – von unserer kleinen Abmachung sagen. Nein, gnädige Frau, das bleibt unter uns.« »Mein Vater würde mißtrauisch werden ...« Trebiner sah sie an, wie ein Erwachsener ein kleines Mädchen ansieht, das ihm mit wichtiger Miene von seinen Puppen erzählt. »Wann darf ich mich bei Ihnen einfinden, gnädige Frau?« »Übermorgen vormittag zwischen elf und zwölf. Mein Mann ist um die Zeit nie zu Hause.« Trebiner überhörte auch diese letzte Ungeschicklichkeit. »Den Brief an Ihren Vater, gnädige Frau, darf ich mir dann auch wohl abholen?« »Ja gewiß ...« Sie gab sich alle Mühe, ihre Freude zu verbergen, aber Frau Messer, die sie beobachtet hatte, kam einen Augenblick später auf sie zu und drückte ihr die Hand. »So ein Trebiner ist eine wahre Rettung, nicht wahr, Liebst«? ... Ein gebildeter, eleganter Mensch mit guten Manieren – er hat früher sogar mal etwas geschrieben ... Sehen Sie sich all die Damen an. Die Hälfte von ihnen steht in Trebiners Notizbuch ... Und nun, liebste Frau, an die Arbeit! Jetzt wollen wir doch sehen, ob wir diesmal Glück haben!« Das ist aber das letztemal! sagte sich Kamilla, als sie die Karten in die Hand nahm. Sie setzte höher als sonst und verlor wie immer. – – – – – – In Hause angelangt, löste sich die Erregung der letzten Stunden in heftiges Weinen auf. Wenn sie nur morgen das Geld bekäme – sie schwor es sich zu, nie wollte sie wieder in jener Gesellschaft erscheinen. Nie  ... Markus war vom Grunewald zu Fuß nach Hause gegangen. Er war den ganzen Abend nervös und unruhig gewesen. »Wo ist denn Ihre Frau?« hatte Ramin gleich zuerst gefragt. Und dann hatte er den Wagen schicken wollen, um Kamilla zu holen. Markus war beinahe heftig geworden. »Meine Frau ist müde. Sie kann wirklich nicht kommen!« Der Professor hatte die Brauen zusammengezogen, die Lippen fest aneinandergeschlossen, wie immer, wenn er eine lebhafte Bewegung unterdrückte. Dann war er zerstreut gewesen, nachdenklich. Und noch zwei-, dreimal hatte er gesagt: »Sie hätten doch Ihre Frau mitbringen sollen!« Kamilla schlief noch nicht, als Markus kam. Sie hatte gerötete Augenlider. Etwas hilfloses, Kindliches lag in ihrem Gesicht, was ihm fremd war. »Du hast ja geweint, Kamilla«, fragte er tonlos. Sie versteckte ihren Kopf in seinen Arm. »Ja Markus ... Als ich mir vorstellte, wie Ihr den Abend zusammen verbringt ... Ihr ... und ...« Sie fing wieder an zu weinen wie ein kleines Kind. Er faßte sie plötzlich bei den Schultern, so hart, daß sie leise aufschrie. »Was hast du, Markus ...?« Sie sah sein Gesicht bleich, mit zuckenden Lippen, und erschrak. »Höre, Kamilla, das geht nicht so! Ich brauche Ruhe zur Arbeit, Ruhe ... Du mußt fort, du mußt nach Bremen ... zu meinem Vater, zu Mami. Morgen bringe ich dich zur Bahn. Es ist besser so für uns beide ...« »Aber Markus ... warum denn ... was ist denn ...?« Sie hielt seine Hände fest und sah ihn erschreckt an. »Du mußt nicht fragen, Kamilla – du mußt tun, was ich dir sage. Es ist zu unserem Besten. Morgen um halb zwölf bringe ich dich zur Bahn. Daß du vorläufig das Haus deiner Eltern nicht besuchen kannst, ist klar, aber dies Opfer mußt du mir bringen. Ich bringe auch ein Opfer – indem ich mich von dir trenne. Im Sommer hole ich dich dann ab ... Aber morgen mußt du fahren ...« Sie war ganz bleich geworden, kalt bis in die Fingerspitzen. Er ging jetzt mit großen Schritten im halbdunklen Schlafzimmer auf und ab und sprach ausdruckslos und laut. Es war, als wollte er sich selbst überzeugen, daß alles, was er auf dem langen Wege von der Grunewaldvilla bis hierher überdacht und sich innerlich abgerungen hatte, das einzig Richtige, das einzig Mögliche war. »Oder wenn du willst, Kamilla, – ich bringe dich selbst nach Bremen. Es wird dir gut gehen dort. Man wird dich lieb haben, dich hüten und pflegen. Glaub' mir, Kamilla...« Er war jetzt wieder zu ihr getreten und drückte ihre Hand an seine brennende Stirn. »Morgen kann ich nicht«, sagte sie leise. »Dann übermorgen. Mir wird's ja selbst schwer.« Sie schüttelte den Kopf. Ein gequälter Ausdruck legte sich um ihren Mund. »Auch übermorgen nicht.« »Warum auch übermorgen nicht? wann denn? Nächste Woche?« Sie warf plötzlich ihre Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf an ihre Brust. »Ich will bei dir bleiben, Markus, laß mich hier ...« Er fühlte das pochen ihres Herzens. Und das seine antwortete in gleichem Schlag. – – Warme Aprilsonne flutete durch das offene Fenster in Markus' Arbeitszimmer; ein lauer Wind bewegte die zurückgezogenen Stores und wehte ihm den Duft gelber Nelken und Veilchen aus weißer Kristallschale zu, während er Exzerpte aus dickleibigen Folianten auf schmale, lange Blättchen niederschrieb. Kamilla saß in dem hohen Lehnstuhl und fuhr mit der Nadel träge durch eine überflüssige Stickerei. »Du solltest mich die Auszüge machen lassen«, sagte sie endlich. »Du brauchst ja nur die Stellen leicht anzustreichen.« Markus nickte zerstreut. »Ja, Kamilla ... das wollen wir künftig so machen. Es spart mir viel Zeit, wenn's dir nur nicht langweilig wird?« Sie schüttelte den Kopf. »Es wird mir nicht langweilig. Ich bin froh, dir zu helfen.« Er hatte sich wieder seiner Arbeit zugewendet, und der Wagenlärm von draußen verschlang ihre Worte, so daß er sie nicht hörte. Sie aber stickte träge weiter. – – – – Die Tage wollten kein Ende nehmen. Ihr Vater mußte heute oder morgen eintreffen. Dann war sie die drückende Schuld los. Bis dahin hatte sie keinen ruhigen Augenblick. Gestern war sie seit drei Wochen zum ersten Male wieder bei Frau Messer gewesen. Sie hatte nicht spielen wollen. Der Reiz des grünen Tisches war endgültig für sie vorbei. Aber dann saß sie plötzlich doch unter den anderen – aus Schwäche und weil sie sich langweilte mit den alten Damen und jungen Mädchen im Nebensalon. Da war es ihr denn wieder gegangen wie früher, obwohl die Leidenschaft des Spieles sie nicht mehr mitriß, und nur eine nervöse Unruhe, die Unzufriedenheit mit sich selbst, sie erfüllte. Als sie gleichmütig und gelangweilt den Spieltisch verließ, waren neue Gäste hinzugekommen, darunter der Professor. Er hatte sie noch gesehen, wie sie sich von ihren Partnern verabschiedete, hatte sie mit seinen klugen Augen unter den buschigen Brauen zornig angeblitzt und ihr kurz den Rücken gedreht. Er hatte ihr nicht einmal die Möglichkeit gelassen, sich zu rechtfertigen, und sie war dann gleich nach Hause gefahren und wurde ein Gefühl des Unbehagens nicht los bis jetzt. Das Mädchen klopfte an und brachte Briefe herein. »Aus Bremen?« fragte Kamilla. »Ja. Ein Brief von meinem Vater und für dich ...« Markus stockte und sah noch einmal auf die bekannten großen Schriftzüge. » – Für dich von Professor Ramin – merkwürdig!« »So – für mich?« Sie sprang auf und stellte sich hinter Markus' Stuhl. »Gib her.« »Warte, Kamilla, ich werde das Kuvert aufschneiden.« »Nein, laß nur ...« Sie zerrte ihm den Brief aus der Hand. Markus senkte den Kopf auf die Tischplatte und spielte mit seinem Papiermesser. Er hörte, wie sie hinter seinem Rücken den Umschlag aufriß und wie er zu Boden fiel. Dann war es still. Nach einer Weile drehte sie ein Blatt um. Dann war es wieder still, und er hörte nur ihren Atem – kurz und beschleunigt. »Was ist es, Kamilla, eine Einladung?« Er wußte, daß sie das Verlogene aus seiner Frage heraushören mußte, denn die Frau Hofprediger war verreist, und es konnte keine Einladung sein. Es war ihm aber gleich in diesem Augenblick. Da plötzlich fuhr er auf. »Was tust du?« Mit einem Ruck hatte er sich umgewendet und stand Kamilla mit flammenden Augen gegenüber. Langsam, den starren Blick geradeaus gerichtet, riß sie den silbergrauen Brief in kleine Fetzen. »Warum zerreißt du diesen Brief?« herrschte er sie an. Eine tiefe Röte stieg in ihr elfenbeinfarbenes Gesicht. »Bitte, Markus, frage nicht. Bitte tu es nicht ...!« Sie trat ans Fenster und warf die Schnitzel hinaus in den warmen Aprilwind. »Warum hast du den Brief zerrissen, frage ich?« Es war, als käme ihr erst jetzt das Bewußtsein von dem, was sie getan. Aber sie fand den Mut der Wahrheit. »Du solltest ihn nicht lesen, Markus. Ich wußte mir nicht anders zu helfen.« »Du zwingst mich, den Professor zu fragen, was er dir geschrieben hat,« brachte er mit mühsamer Beherrschung hervor. »Nein, das wirst du nicht tun. Lieber Markus, ich bitte dich ... tu's nicht.« Er schüttelte kurz auflachend den Kopf und stemmte seine geballten Hände in die Rocktaschen. »Komisch – meine Frau bekommt Briefe von einem Herrn, und ich darf nicht einmal fragen, was dieser Herr geschrieben hat!« »Das ist nicht irgendein Herr, Markus, das ist ein Mann, den wir beide verehren ... ja, ich verehre ihn ebenso wie du ... ebenso wie du!« wiederholte sie heftig. Er nickte wie abwesend. »Das verstehe ich, Kamilla, aber du solltest mir sagen können, was er dir schreibt!« »Später werde ich's dir sagen, später ... jetzt nicht. Bitte, Markus, jetzt nicht ...!« Wieder umklammerte sie ihn mit ihren Armen, wieder war es derselbe hilflose, beschwörende Blick. Aber diesmal sah er über sie hinweg, kühl und beinahe hochmütig. »Ich hoffe, der Zeitpunkt ist nicht mehr fern, wo du mir Aufschluß gibst über deine seltsame Art. Du verdankst es jetzt wirklich nur meiner Verehrung für Ramin, daß ich deinem – sagen wir kindischen Benehmen fürs erste keine ernstere Bedeutung beimesse!« Seine Stimme hatte eine dunkle Färbung angenommen, wie er mit der tiefen Falte zwischen den Brauen und den schmalen Lippen langsam und scharf – ohne äußere merkliche Erregung jedes Wort herausbrachte, mußte Kamilla an Herrn Reimar Lukas denken. Es war etwas Unerbittliches in seinem Ton, etwas, was über allen Leidenschaften stand, über seiner eigenen Liebe zu ihr. Er schien es nicht zu merken, daß sie das Zimmer verließ. Der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich nicht. Als hätte sich die zurückgedämmte Erregung dieser Stunde eingemeißelt in seine Züge, um dort zu erstarren in eisiger Unbeweglichkeit. Die Luft wurde kühler. Er fröstelte und schloß das Fenster... Gegen seine Gewohnheit nahm er eine von den starken Zigarren, die er nur für seine Gäste bereit hielt, und rauchte sie an. Es war wie ein Opiat... Dann griff er zu dem Brief seines Vaters. Bremen, den 15. April 19.. »Lieber Markus! Längere Zeit habe ich geschwankt, ob ich Dir von dem Vorkommnis der letzten Tage Mitteilung machen soll. Doch mir scheint, es ist besser, Du bist orientiert, als in Unklarheit über Verhältnisse, denen gegenüber Du einen bestimmten Standpunkt wahren mußt. Vor drei Tagen etwa meldete sich bei mir im Kontor ein Mann, der seinen Namen nicht sagen wollte, sich aber – als wir allein waren – als der Bruder Deiner Frau: Bernhard Rykert, entpuppte. Er war in sehr reduziertem Zustand und hatte nur noch wenige Mark in der Tasche. Er hat zuletzt sechs Wochen im Krankenhaus in Paris gelegen und sich dort nach seiner Genesung das Geld für die Reise nach Bremen von ehemaligen Freunden zusammengebettelt. Sein Vater hat ihn ohne jede Unterstützung gelassen, trotz wiederholter Briefe und eines Telegrammes, das vom Anstaltsarzt gegengezeichnet war. Der Mann sagte, er hätte sich ursprünglich an Dich wenden wollen, aber mit Rücksicht auf Deine Frau hätte er es unterlassen. Das war der Grund, warum ich ihm weiter Gehör schenkte. Er bat mich, ich möchte mich seiner annehmen, worauf ich ihm erwiderte, daß ich bei dem gespannten Verhältnis, das zwischen uns und seinem Vater bestünde, ihm eine Beschäftigung bei mir in Bremen nicht geben könne. Um so weniger, als er sich bei seinem eigenen Vater nicht bewährt hätte, und alle versuche seines Vaters, ihm in Bremen eine geregelte Tätigkeit zu schaffen, an seiner Unlust zur Arbeit gescheitert wären. Die Erklärung, die er mir für sein Verhalten gab, lautete derartig belastend für Rykert, daß ich erst eine aus Haß und Rachsucht gewobene Verleumdung darin erblickte. Darauf erbot er sich, mir Einzelheiten zu geben, die jeden Zweifel beseitigen würden. Die Danziger Geschäftspraxis Rykerts war eine Häufung von Verbrechen niedrigster und gewissenlosester Art. Es genügt, wenn ich Dir von dem Selbstmord eines Offiziers erzähle, der seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte, von dem Untergang einiger unverhältnismäßig hoch versicherter Frachtschiffe, bei denen nicht nur die Versicherungsgesellschaft betrogen wurde, sondern Menschen ihr Leben eingebüßt haben. Ein junger Heizer entkam bei der Katastrophe, wurde von einem australischen Dampfer aus den Wellen gefischt und landete nach langen Kreuz- und Querfahrten in Lyon. Dort bildete er sich als Chauffeur aus und kam später zu der Gesellschaft, deren Direktor Bernhard Rykert eine Zeitlang gewesen. Auf einer der langen Touren, die B. mit ihm durch Frankreich gemacht, kamen sie ins Gespräch. Der Chauffeur sprach noch gebrochen deutsch, zeigte auch seine Papiere aus der Danziger Zeit und erzählte B. die »Filouterie« des Danziger Reeders, Herrn Rykert. Die Mannschaft hatte erst unterwegs erfahren, welchem Wrack sie ihr Leben anvertraut hatte. Die »Experten-Kommission« hätte alles »in Ordnung gefunden«! kaum waren sie acht Tage auf offener See, als der Kapitän erklärte, daß sie nicht weiterführen. Aber bevor sie noch in einen Hafen einlaufen konnten, brachte ein unbedeutender Sturm das überladene Schiff zum Kentern, wobei außer diesem Manne alles zugrunde ging. So weit B.s Mitteilungen, die nur zu deutlich einige dunkle Gerüchte bestätigen, die allmählich den Weg nach Bremen gefunden haben. Leider zu spät. Ich bin nun doppelt froh, daß ich mich von jeder Verbindung mit Rykert, der seinen eigenen Sohn in das dunkle Getriebe seiner Geschäftspraxis einführen wollte, ferngehalten habe. Halte es auch, nachdem, was ich erfahren, für geboten, jede Verbindung mit dem Manne aufzugeben und von dem auf diese Weise erworbenen Gelde unter keinen Umständen weder direkt noch indirekt Nutzen zu ziehen. B. ließ mir Namen und Adresse des betreffenden Chauffeurs hier, damit ich mich persönlich erkundigen könne. Doch scheint mir eine Verfolgung dieser Angelegenheit wenig Zweck zu haben. Rykert ist der Vater Deiner Frau. Der Öffentlichkeit gegenüber dürfen immer nur Differenzen privater Natur die Erklärung unserer Spannung sein. Auch Kamilla würde ich nur schonend oder gar nicht von den Motiven unseres endgültigen Bruches sagen. Als Deine Frau hat sie sich Deinem Willen und den Gesetzen unseres Hauses zu fügen. Über B. bin ich mir noch nicht schlüssig geworden. In Bremen darf er keinesfalls bleiben; andrerseits möchte ich ihn nicht durch Versagen meiner Hilfe auf eine Geldquelle anweisen, die für ihn ebenso versiegt sein muß, wie für Kamilla. Ich werde noch nachdenken und Dir meinen Entschluß mitteilen. Ich leugne nicht, daß ich vorläufig zu B. nur wenig Vertrauen habe. Etwas von des Vaters Art geht immer auf die Kinder über. So, lieber Markus, schluck' das Peinliche herunter, wie ich es heruntergewürgt habe. Und trage soviel wie möglich davon allein! Denn Du bist der Mann, und Deine Frau wird Dir leichter gehorchen, wenn sie Dich stark und aufrecht sieht, als wenn Du mit ihr über Unabänderliches klagst. Mami wird allmählich froh und ruhig wie früher. Die Bengels entwickeln sich gesund und in gerader, einfacher Linie. Die Schmutzkügelchen, mit denen Rykert zaghaft unser Haus bewirft, dringen nicht in die Stille des Familienzimmers. Aber die Zeiten sind schwer, und die Kinder sind noch so jung! Es grüßt Dich bestens Dein Vater.« Markus las den Brief immer wieder. Und er las vieles, was nicht darin stand mit Worten – – . Die Zigarre lag ausgeraucht in der Schale. Nur ein blauer Qualm zog noch durch den Raum und führte seine Gedanken weit weg in das düstere Zimmer des Vaters, der weiter schaffte für die Ehre des alten Hauses – einsam und kraftvoll, ohne zu klagen, mit hoheitsvoller Verachtung aller kleinlichen Niedrigkeit. So hatte er wohl damals die Angst des kleinen Markus vor dem pfeifenden, raschelnden Ungeziefer auf der großen, dunklen Diele verachtet  ... An diesem Abend ließ sich Markus Lukas das Abendbrot auf sein Zimmer bringen. Es war nötig, daß er allein mit sich war – auch ohne Arbeit – um in sich Kraft zu finden gegen sich selbst. Stiller als sonst saß Kamilla ihm am nächsten Tage bei Tisch gegenüber; denn es war etwas in seinem Gesicht, das ihr den Mut benahm, sich unbefangen und scherzend, als wenn nichts vorgefallen wäre, zu geben. »Du nimmst zu viel von deinem Parfüm«, sagte er beim schwarzen Kaffee. – »Es verursacht Kopfschmerzen.« Sie sah ihn bestürzt an, und mit leisem Zittern in der Stimme fragte sie: »Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken?« »Bitte«, sagte er und mühte sich dabei, die Schroffheit seiner letzten Worte durch ein freundliches Lächeln zu mildern. Gleichzeitig durchgellte die elektrische Klingel das Haus. Kamilla stellte Markus' Tasse so heftig auf den Tisch, daß der Kaffee über den Rand auf die Untertasse plätscherte. »Verzeih ...« »Wie nervös du bist!« sagte Markus beinahe mißbilligend. »Du hast doch keinen Grund, nervös zu sein, nicht wahr?« »Nein, gar keinen ...« Sie lächelte befangen. Und dann horchten sie beide auf die fremde Stimme im Entree. »Papa!« rief Kamilla. »Papa ...« Sie rannte beinahe den Stuhl um, auf dem sie gesessen hatte und lief ins Vorzimmer. Markus warf die Zigarette in den Aschenbecher und erhob sich. Ganz unwillkürlich knöpfte er langsam seine doppelreihige, bequeme Hausjoppe zu. »Herr Rykert ...« Er kam seinem Schwiegervater kaum drei Schritte entgegen und legte nur die Fingerspitzen in die jovial ausgestreckte Hand des kleinen Mannes. »Was sagen Sie, Markus, wie sich mein Kind freut? Na, mein Töchterchen – gibt's noch ein Täßchen Schwarzen für deinen Papa? Ganz zerschlagen bin ich von der Fahrt und der Frühlingsluft – bleiben Sie nur sitzen, Markus. Laßt euch nicht stören in der Gemütlichkeit, liebe Kinder.« Kamilla schob ihm einen Lehnstuhl zu. Aber er klopfte sie auf die Wangen. »Nein, nein, Kamillachen, ich sitz' auch auf einem gewöhnlichen Stuhl gut. Laß nur, Kindchen. Mach dir keine Umstände. Ein Täßchen Kaffee ... so ... und meine Zigarre darf ich mir doch anrauchen, ja? Na ... also!« Er biß umständlich die Spitze ab und nahm sich Feuer. Markus saß sehr gerade und aufrecht, mit beiden Händen auf den Knien und jenem unbeweglichen, eisigen Gesicht, das Kamilla zu fürchten angefangen hatte. Herr Rykert stieß ein paar Rauchwölkchen vor sich hin und ließ seine Augen durch das Speisezimmer und den angrenzenden Salon schweifen, zu dem die Türen offen standen. »Hübsch wohnt ihr jetzt ... sehr hübsch, sehr elegant, wenn ich mit meiner Alten so in meinen einfachen, kahlen Zimmern sitze, sage ich immer: Na, die Kinder haben's jetzt gut. Nicht protzig, wie bei Bleichröders, aber fein, gediegen, elegant. Auch der Salon ... sehr schön!« Er näherte sich dem Salon auf den Zehenspitzen und faßte nach den schweren, gewundenen Säulen des Mitteltisches. »Sehr gediegen ... hm! Wohl Ihr Geschmack, Markus?« Dann tänzelte er zurück ins Speisezimmer und ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder. »Nein, Herr Rykert. Die Wohnung hat Kamilla nach ihrem eigenen Wunsch eingerichtet. Ich habe mich da gar nicht hineingemischt.« »Ach was, ach was! Sieh mal an, Kamilla, was du für einen guten Mann hast!« Er senkte bedächtig drei große Stück Zucker in die kleine Tasse. »Sie sind viel zu gut, Markus ... Ich glaube, meine Tochter ist ein bißchen leicht mit dem Geld. Da sollten Sie mal die Hand drauflegen.« »Es war ein Geschenk, das Sie Kamilla gemacht hatten und das mich nichts anging, Herr Rykert.« Rykert meckerte vergnügt vor sich hin. »Übrigens dank' dir schön, Kamillachen, für den Gruß, den du mir mit dem Herrn ... Herrn ... na wie heißt er doch – geschickt hast.« Kamilla machte ihrem Vater vergeblich Zeichen, zu schweigen, aber er war so mit seiner Zigarre beschäftigt, daß er es nicht merkte. »Na wie hieß er doch, Kamillachen ... 's ist ja auch ein alter Freund von Ihnen, Markus. Hat mir viele schöne Dinge von Ihnen gesagt ... Treb ... Trebner ... Trebi ...« »Trebiner«, fragte Markus gedehnt und sah Kamilla ungeheuer erstaunt an. »Ja ... ich traf ihn ein paarmal in Gesellschaft. Du ... du weißt doch, Markus. Er sagte mir, daß er nach Bremen reist, da gab ich ihm Grüße mit an Papa.« Sie stand auf und nahm Chartreuse aus dem Büfett. Die kleinen leichten Gläser klirrten auf dem Tablett. »So ... so ist's richtig, Markus. Sehen Sie, meine Tochter ist ein anhängliches Kind. Vergißt ihren alten Papa nicht. Sehr nettes Briefchen hast du mir geschrieben, Kamillachen, sehr nett. Aber deinen Wunsch konnte ich doch nicht gleich erfüllen.« »Welchen Wunsch, Herr Rykert?« Markus fragte es ganz ruhig, wie er es vom Vater gelernt hatte, im Geschäftsleben zu fragen. Kamilla unterbrach. »Aber gar nichts, Markus ... eine kleine Gefälligkeit, die ich ihm nicht abschlagen wollte.« »Ganz recht, Kamillachen. Du mußt immer nett sein mit den Freunden deines Mannes. Immer liebenswürdig. Sonst sagen sie gleich: die junge Frau Lukas ist eine hochmütige Frau. Wenn man Lukas heißt, das ist ... weißt du, Kamillachen, das ist, wie wenn man ein König wäre; da muß man sich populär machen, nicht wahr? So recht beliebt – , damit man nicht auf eine Sardinenbüchse tritt, die da plötzlich explodiert, verstehst du? Ach, grüne Chartreuse habt ihr? Sehr fein! Ein halbes Gläschen, Kamilla. Ich darf eigentlich keinen Alkohol zu mir nehmen. Na ... eine kleine Sünde vor Karlsbad ... Prost, meine Kinder!« Markus legte als Antwort seinen Finger auf den Fuß des Kelchglases: »Also was war das für ein Wunsch, Kamilla?« Rykert zog mit Behagen seinen dünnen, schmutzig-grauen Schnurrbart ein und lachte lautlos. »Da können Sie sehn, Markus, was Ihre Frau für eine tüchtige Geschäftsfrau ist. Erst bekomme ich eine Depesche von ihr: »Könntest Du zur Besprechung Berlin kommen. Bedarf Deines Rates.« Aber es ging da gerade nicht. Ich bin ein sehr kranker Mann – jeder Tag ist geschenkt! Und da hatt' ich's mal wieder in den Nieren und in der Leber – der Kuckuck weiß, wie einem da der armselige Leichnam zu schaffen macht. Genug – ich konnte nicht kommen. Vergehen da ein paar Wochen – schickt sie mir den Herrn – wie heißt er – Trebiner? richtig – Trebiner auf den Hals. Übrigens ein ganz patenter Mensch, kluger Geschäftsmann ... tja ... Na also, was sagen Sie, Markus, soll ich da gleich mit hundert Mille in ein Theater einspringen! Frage ich Sie – hundert Mille! Wo ich mir in Bremen überlege, ob ich im Stadttheater Orchester- oder Parkettfauteuil nehme! Hundert Mille! Nun, ich werde mich mit dem Manne doch nicht herumzanken! Ich hab' mir angehört, was er gesagt hat: daß der Kronprinz in das Theater geht, und daß ein erster Berliner Bankier unter den Aktionären ist, und daß ich in der Direktionsloge meinen Stammplatz haben werde. Hunderttausend Mark für einen Stammplatz, wo ich höchstens zweimal im Jahr nach Berlin komme? Ein bißchen teuer! Heute hab' ich jedenfalls um ein Freibillett gebeten per Telephon. Und was sagen Sie, Markus, ich hab's bekommen! Wahrhaftigen Gott ... tja ... Noch dazu Loge. Ist mir sogar peinlich. Ich sitze gern bescheiden. Sogar im Ratskeller in Bremen – immer das dunkelste Eckchen.« Markus hörte äußerlich gelassen, mit verschränkten Armen, zu. »Versteh ich recht, Kamilla, es war dein Wunsch, daß dein Vater sich an einem Theater beteiligt ... an welchem?« Kamilla lehnte am dunklen Ofen und spielte mit den Fingern auf den Kacheln. »Ich sag' dir ja, Markus, es war eine Gefälligkeit von mir. Trebiner suchte Geld für Enzlehn, und ...« »Und was hattest du für einen Grund, Trebiner gefällig zu sein?« fuhr Markus in unerschütterlicher Ruhe fort. – »Einen Grund mußt du doch angeben können. Du weißt aus meinen Erzählungen von früher, welche Rolle – Trebiner bei der Gründung des Enzlehnschen Theaters gespielt hat. Du weißt, daß mich mit Enzlehn nurmehr sehr lockere, äußerliche Fäden verknüpfen. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir eine Aufklärung geben wolltest.« »Wie kann man das so tragisch nehmen, Markus. Ich verstehe dich nicht.« »Ach was, Kamillachen ... du hast deinem Mann gar nichts davon gesagt?! ... Tja ... wie konnte ich das wissen?! Lassen Sie das Kind, Markus. Ich könnte mir was antun, daß ihr durch mich eine Unannehmlichkeit habt ... wirklich!« Seine verschmitzten Äuglein schossen lauernd und belustigt von einem zum anderen. »Ich bin doch nicht hergekommen, damit ihr eure erste eheliche Szene habt ... Und wenn Sie nicht wollen, Markus, gebe ich für das Theater keinen Sechser. Nur die Vorstellung sehe ich mir an. ›König Lear‹! Das hat so was Rührendes für mich.« Markus stand hochaufgerichtet da und sah über den kleinen Mann mit einem kalten, geringschätzigen Lächeln hinweg. »Was Sie mit Ihrem Geld machen, Herr Rykert, das ist völlig bedeutungslos für mich.« Rykert tippte gut gelaunt in die Luft mit seinem knochigen Zeigefinger. »Na ... na ... Markuschen ...!« »Ich wiederhole es: völlig bedeutungslos!« wiederholte Markus mit erhobener Stimme. »Und wenn ich mein ganzes Geld nähme und wegschenkte, he? An bedürftige Waisen oder andere Stiftungen, he? Oder in Leibrente anlegte, oder es der Stadt Bremen schenkte, he? Wäre das so bedeutungslos, was?« »Vollständig. Ich glaube, wir haben Ihnen schon mehr als deutlich gezeigt, daß wir keine Verwendung für Ihr Geld haben.« »Markus, ich bitte dich ...« In tödlicher Angst legte Kamilla beide Hände beschwörend auf Markus' Schultern. »Laß das, Kamilla. Es muß klar werden zwischen deinem Vater und uns.« »So ... so ... klar nennen Sie das?« Der kleine Mann fauchte wie eine Robbe unter seinem struppigen Schnurrbart, und seine Äuglein funkelten tückisch aus dem aschgrauen Gesicht hervor. »Wenn Sie Klarheit wünschen, Herr Lukas, dann fangen Sie bei sich an ... tja ... Glauben Sie, ich habe Ihnen mein Kind gegeben, damit Sie ihr als Nahrung nur Ihren großartigen Namen vorsetzen?! ... Lukas'! ... Auch was Rechtes! Hier in Berlin gibt's hundert solcher Lukasse, und von denen sind noch größere als Sie klein geworden ... so klein ... tja ... mein Lieber.« Er knipste Daumen- und Zeigefingernagel zusammen und lief fauchend und pustend im Zimmer umher. »Ich werde Sie bitten, Ihre Bemerkungen über unser Haus und unseren Namen für sich zu behalten, sonst zwingen Sie mich, zu vergessen, daß Sie sich in meiner Wohnung befinden.« »Ach bitte, bitte ... hochverehrter Herr ... Sie brauchen mir nicht die Tür zu weisen.« »Das hoffe ich.« Markus stellte sich breitbeinig mit dem Rücken zum Tisch und holte seine Uhr aus der Tasche. »Ich nehme an, Herr Rykert, fünf Minuten werden Ihnen genügen, um Ihrer Tochter Lebewohl zu sagen. Es ist besser für beide Teile, wenn wir auf weiteren Verkehr verzichten.« »Tja ... für mich wird's besser sein ... Billiger jedenfalls«, krähte Rykert und schlug mit den Knöcheln auf den Tisch. Kamilla saß zusammengekauert in einer Ecke des Sofas. Ihre grünen Augen schweiften wie die einer Irren von Markus zum Vater. Manchmal öffnete sie den Mund, als wollte sie ein Wort dazwischenrufen, oder streckte beschwörend den Arm aus, dann vergrub sie den Kopf in den Händen und verharrte regungslos in stummem Entsetzen. »Na, adjö, Kindchen ... nichts für ungut, war hergekommen mit voller Brusttasche und muß wieder so fortgehen. Schade, schade ... Da sieht man, was eine Liebesheirat ist! Aber ein Lukas kann sich das ja leisten! ... Wie lange, ist freilich eine andere Frage!« »Nun ist's genug, Herr ... da ist die Tür!« Markus steckte die Uhr ein und streckte gebietend die Hand aus. »Die fünfzigtausend Mark, die Sie bis jetzt gegeben haben, werden Ihnen zurückerstattet werden, Herr Rykert. Und damit ist wohl die Sache erledigt.« Kamilla rang nach Atem: »Markus ... ich beschwöre dich ... Markus ... mir zuliebe!...« »Gerade dir zuliebe!« Markus trat zu seiner Frau und legte seinen Arm um ihre Schulter. »Sei ruhig – es ist besser so.« »Nein ... nein ... nein ...« Und das war das einzige Wort, das sie schluchzend in wilder Verzweiflung immer wieder hervorstieß, während Rykert im Vorzimmer den Hut aufstülpte, in seinen Mantel fuhr und mit hämischem Lachen die Tür hinter sich zuschlug. »Was hast du getan ... Markus, was hast du getan!« Sie glitt zu Boden, und ihre Nägel gruben sich tief in den dicken Teppich. »Ich mußte so handeln, Kamilla! Glaube es mir!« Er sagte es bekümmert und mitleidig. Dann versuchte er mit sanfter Gewalt sie vom Boden zu heben. Aber nichts gab nach an ihrem Körper. Ein verzweifeltes, wildes, stummes Sträuben war in ihr. Da richtete er sich auf. Leise schloß er die Tür ab, die zum Küchenkorridor führte, damit das Mädchen sie nicht plötzlich so fände, schob ein kleines Kissen unter ihren Kopf, fuhr ihr mit der Hand zärtlich über das totenbleiche Gesicht mit den geschlossenen, tiefumränderten Augen und ging hinüber in sein Zimmer. Dort rauchte er sich wieder eine von den starken Zigarren an, lehnte den Kopf an das offene Fenster und zwang sich langsam zur Ruhe. Dann ging er an den Schreibtisch und schrieb an seinen Vater. Als er fertig war, sah er auf die Uhr. Er hatte zwei Stunden geschrieben. Er faltete den Brief und schrieb die Adresse in ruhigen, großen Schriftzügen. Dann ging er zurück ins Speisezimmer. Es war leer. Er ging in den Salon, von da ins Schlafzimmer – Kamilla war nirgends zu finden. Er klingelte nach dem Mädchen. »Werfen Sie bitte in den Kasten«, sagte er und gab ihr den Brief über die Achsel hinweg. »Ist meine Frau hinuntergegangen?« fügte er wie beiläufig hinzu. »Vor einer Stunde, gnädiger Herr, über die Hintertreppe und in großer Aufregung.« »Das habe ich Sie nicht gefragt«, schnitt er kurz ab. Dann war er allein. So blieb er, bis es dämmerte. Kamilla war nicht zurückgekommen. Er kleidete sich um und ging aus dem Haus. Als er am Spiegel vorbeiging, erkannte er sein Gesicht kaum wieder. Er sah jetzt aus, wie Herr Reimar Lukas ausgesehen haben mochte, als der Kapitän ihm den Tod seiner jungen Frau mitgeteilt und, auf das kleine Kind deutend, gesagt hatte: »Da es schwächlich war, habe ich die Nottaufe abgehalten und ihm den Namen Markus gegeben.« Markus war aus dem Hause gegangen, um sich Bewegung zu machen, auf andere Gedanken zu kommen. Aber die Sorge um Kamilla wuchs mit jeder Viertelstunde, obwohl er als sicher annahm, daß sie ins Hotel zum Vater gefahren war. Er verdachte ihr es kaum, fand es beinahe begreiflich, daß sie in der ersten Aufwallung des Gefühls dem Vater nachgeeilt war. Später mußte er ihr sagen, warum die schroffe Trennung notwendig war. Und sie würde es verstehen – aus der Vornehmheit ihrer eigenen Natur heraus, aus Respekt für ihren Schwiegervater – aus Einsicht. Er dachte an die gestrige Szene mit dem Brief, und eine heiße Blutwelle schoß ihm zu Kopf. Nein, das durfte nicht so weiter gehn. Das Leben Kamillas war sein Leben. Er wollte nicht blind daran vorbeigehen, wie Dr. Labisch am Leben seiner Frau vorbeigegangen war. Ihm fiel dabei ein, daß er eigentlich lange nicht in der Uhlandstraße gewesen. Vielleicht war heute sogar Kurt da. Und so beschloß er, ihn aufzusuchen. »Na, das ist ja schön, daß du kommst«, sagte Dr. Labisch. »Kurt hat sich auch für heute angesagt. Da wollen wir mal so recht gemütlich beisammen sein.« Die ganze Wohnung roch nach Zigarren und abgestandenem Kaffee. Frau Gröhlke stellte mit dem Mädchen den Skattisch im großen Salon auf. »Ihr erwartet wohl viel Besuch?« fragte Markus. »Nee, mein Junge. Aber im kleinen Salon haben wir jetzt einen Pensionär. Die Eltern wohnen im Pommerschen auf einem Gute.« Da kam endlich Kurt an, mit seinem breiten, klugen Hundegesicht und der alles ausfüllenden, schmetternden Stimme. »Nanu – Markus! Du hier? Willste etwa Skat kloppen? Ich dachte, du wärst bei Ramins?« »Wie kommst du darauf?« »Das werde ich dir sagen, mein teurer Freund. Ich habe nämlich im Zentral-Hotel ›dejeuniert‹. Weißte, was man so Dejeuner zu nennen pflegt dort, weil es um zwölfe anfängt und um sieben Uhr noch nicht zu Ende ist. Ein neuer Klient, Kommerzienrat Spohnagel in Wäsche, mit einer bildhübschen Tochter. Du, das wär' so was für meines Vaters einzigen Sohn!« Er lachte geräuschvoll. Dr. Labisch aber klopfte ihm auf die Schulter und putzte an seinem Zwicker. »Na?« »Nee, nee ... noch is nichts. Nur immer hübsch langsam. Erst muß auch alles stimmen. Sektfrühstücke sind noch kein Beweis. Aber wenn die Mitgift wirklich so rund ist, wie das nette Mädel – Agnes heißt sie – der Vater hat da was von fünfmalhunderttausend verlauten lassen ...« »Is nich möglich!« Frau Gröhlke schlug bewundernd die Hände zusammen. »Ruhig Blut, Großmamachen! Ich habe meinen Prüfstein. Gewinne ich den Prozeß und die Mitgift wird nicht plötzlich kleiner – bon! Dann wollen wir reden!« Frau Gröhlke stieß Markus leise mit der Hand an. »Habe ick nich immer jesagt, der Kurt is 'n reeller Mensch, wat?« Markus fing an, sich sehr überflüssig zu fühlen. Aber Kurt schwenkte mit der ihm eigenen Beweglichkeit wieder ab. »Ja also, was ich sagen wollte, Markus: Wie ich mich eben verabschiede, sehe ich deine Frau, ein bißchen verweint, die Treppe herunterkommen. Ich gehe auf sie zu, frage nach diesem und jenem, aber sie gibt mir ein bißchen konfuse Antworten und sagt schließlich, sie hätte es sehr eilig, sie müsse zu Ramins. Na schön. Da habe ich sie also in die Droschke gepackt – « »Und hast dem Kutscher Ramins Adresse gegeben ...« »Nö – die Adresse vom Papst werd' ich ihm geben. Grunewald, Gillstraße 14. Is doch richtig, was?« »Ja. Richtig.« Markus' Stimme klang ganz blank, wie das Aufschlagen eines leichten Metalls auf Stein. »Na also. Dann sah ich deinen edlen Schwiegervater aus dem Hotel hinausgehen. Du, der könnte sich auch bei Adam einen neuen Mantel kaufen von seinen Millionen!« »Ja ...« Markus nickte wie abwesend. »Ich muß jetzt gehen.« Er gab jedem steif die Hand – es sah nicht einmal höflich aus. Aber man war zu beschäftigt mit Kurts »Braut«, um darauf zu achten. Kurt brachte seinen Freund ins Vorzimmer. »Du hör' mal, Markus, du, is was ...« »Nein. Nichts. Ich muß gehen, leb wohl.« Fast gewaltsam hielt Kurt ihn am Ärmel fest. »Hör', mein Junge, ich geh' mit dir, du gefällst mir nich!« Ungeduldig riß sich Markus los. »Was sind das für Kindereien, Kurt. Wenn ich dich brauche, dann ... dann werde ich dir's schon sagen. Aber jetzt laß mich los.« Beinahe wäre Kurt ein Knopf von Markus' Überzieher in der Hand geblieben. Er hörte noch, wie Markus die Treppe hinunterlief, immer zwei Stufen überspringend, und schüttelte den Kopf. Plötzlich strich er sich mit zwei Fingern über seinen dichten englischen Schnurrbart und kniff die klugen, lebhaften Augen zusammen. »Ach so ...« Er nahm nachdenklich eine Zigarre aus seinem Etui, knipste die Spitze ab und rauchte sie langsam an. »Wo bleibst du denn, Kurt?« rief Dr. Labisch aus seinem Zimmer heraus. »Ja wohl, ich komme.« »Wir könnten immerhin anfangen, bis die anderen kommen«, meinte Dr. Labisch fast schüchtern und schielte nach dem Salon hinüber. »Meinetwegen, fangen wir an, Papachen.« Kurt setzte sich mit Vater und Großvater an den Skattisch, und bald hörte man nur noch einzelne Ausrufe, wie »Tournee!« – »Grand« – »Null« in dem Raum, dem einst der Geschmack eines Kunstgelehrten, die Worte eines Dichters und die Anmut einer reizvollen und unglücklichen Frau zu vorübergehender, flimmernder Berühmtheit verholfen hatten. Markus sprang in das erste leere Auto. »So schnell Sie können!« rief er dem Chauffeur zu. Es war schon dunkel draußen, die ersten Laternen flammten auf. Markus nahm seinen Hut ab, ohne es zu bemerken, daß der Luftzug ihm das Haar wirr um den Kopf blies. Er war sich seines Tuns überhaupt nicht ganz bewußt. Eine blinde Wut erfüllte ihn. Wie er als Kind Mami vor Wut in die Hand gebissen und später vor ihr auf den Boden ausgespuckt, so hätte er jetzt Kamilla zermalmen mögen. Es war die rote, sinnlose Wut der ruhigen, blonden Menschen, mit dem Haßgefühl und den Rachegelüsten eines Negers. Eine Wut, die in ihrem Übermaß zur Hilflosigkeit, in ihrer Beherrschung zu kalter Grausamkeit wurde. Die trotz des schnellen Tempos lange Fahrt nach der Gillstraße, der kühle Abendwind, der ihm sausend um die Ohren blies, trugen mehr dazu bei, seine aufgepeitschten Nerven zu beruhigen, als es der Zuspruch seines besten Freundes vermocht hätte. Lautlos glitt das elektrische Auto bis vor das Gitter der eleganten kleinen Villa, vor den Empfangsräumen waren die Holzläden heruntergelassen, da sie jetzt, während der Abwesenheit der Frau Hofprediger abgeschlossen waren; aber im Arbeitszimmer des Professors brannte eine Studierlampe. »Ist meine Frau da?« fragte er das Mädchen, das ihm öffnen kam. »Ja ... vor einer Viertelstunde ist die gnädige Frau gekommen.« »Gut. Sie brauchen mich nicht anzumelden.« Er wartete, bis das Mädchen sich zurückgezogen hatte, und schritt dann zur Tür des so wohlvertrauten Zimmers, in dem er unvergeßlich schöne und erhebende Stunden verbracht hatte. Einen kurzen Augenblick zögerte er. Nicht um zu horchen, nur um Atem zu schöpfen – denn es war ihm, als müßte er ersticken. Er hörte ein leises, unterdrücktes Schluchzen, und dann Ramins Stimme, tiefer und weicher gefärbt, als er sie je gekannt. Er hätte nachher nicht sagen können, ob er geklopft hatte oder nicht, doch war ihm so, und gleichzeitig war's ihm, als drücke eine andere Hand, als die seine, auf die Türklinke, so daß er beinahe hineinstolperte in das halbdunkle Zimmer und sich taumelnd am hohen, geschnitzten Bücherschrank halten mußte. Kamilla saß am Schreibtisch. Ihr Kopf lag auf der großen aufgeschlagenen Mappe des Professors, und das Licht der Lampe spielte in kupfernen Reflexen auf ihrem hellbraunen Haar, von dem ihr einzelne lose Strähnen tief in den Rücken fielen. Ramin hielt ihre Hand wie die eines Kindes an seiner Brust und streichelte ihre Innenfläche. Dabei bückte er sich tief über die in leisem Schluchzen bebende Gestalt, so tief, daß es schien, als berührten seine Lippen ihr schimmerndes, welliges Haar. Ein unterdrückter Aufschrei, und ein schweres, mit altsilbernen Ecken beschlagenes Buch flog durch das Zimmer, prallte mit einer Ecke an Ramins Schläfe und fiel mit dumpfem Poltern auf den Teppich. »Markus!« Kamilla sprang auf in namenlosem Entsetzen und floh in den äußersten dunklen Winkel des Zimmers, die Hände abwehrend und schützend vor ihrem kreidebleichen Gesicht. An Ramins Schläfen perlten kleine, rote Blutstropfen herunter, daß der Kragen sich rot färbte und wie ein rotes schmales Band den Hals zur Hälfte umschloß. Er nahm ruhig sein Taschentuch und preßte es auf die kleine Wunde. »Was sind das für wilde Sachen, Markus?!« Markus lehnte noch immer bleich und keuchend am Bücherschrank, aber er senkte den Kopf nicht, sondern bohrte seine flammenden Augen abwechselnd auf die kleine, rote Wunde und den dunklen Winkel, aus dem Kamillas helles Kleid hervorschimmerte. »Was hat meine Frau hier zu tun, Herr Professor?« brachte er endlich mit fast übermenschlicher Gewalt heraus. Und da Ramin ihn sehr erstaunt und sehr kalt ansah und ruhig auf einen kleinen Tisch zuging, wo er aus einer Wasserflasche Wasser über das Taschentuch in ein Glas goß, so wiederholte er nochmals, seiner Sinne nicht mächtig, indem er einen Schritt vortrat: »Wollen Sie mir nicht sagen, Herr Professor, was meine Frau hier bei Ihnen zu tun hat??!« »Das wüßten Sie schon längst, wenn Sie nicht eine so eigentümliche Art der Einführung gewählt hätten«, entgegnete Ramin schneidend. »Ich stehe Ihnen deswegen jederzeit zur Verfügung, Herr Professor«, sagte nun Markus ebenso kalt. Ramins Ruhe hatte sich auch auf ihn übertragen. Kamilla war in die Knie gesunken und schlug stöhnend die Hände vors Gesicht. »Und dich, Kamilla, werde ich bitten, hier keine Rührszene aufzuführen, sondern nach Hause zu fahren. Der Wagen steht unten!« Kamilla sah Markus verständnislos an und rang nach Worten. »Was glaubst denn du? ... Markus? ... was glaubst denn du um Gottes Barmherzigkeit ...?« »Ich glaube, wozu du mir seit langem Anlaß gegeben, und was ich jetzt eben mit meinen Augen gesehen habe – nichts anderes!« »Professor, lieber Professor ... so hören Sie doch! Hören Sie doch, was er sagt! So helfen Sie mir doch ... lieber, guter ... Helfen Sie mir ...!« Es war das herzerschütternde Schluchzen und Bitten eines Kindes, das keinen Ausweg weiß, das in Todesangst um sein Leben bettelt. Ramin ging, ohne sich um Markus zu kümmern, auf sie zu, half ihr aufstehen, führte sie zum Sofa, und fuhr ihr begütigend über das Haar. »Ruhig, mein Kind, ruhig ... Es ist eine harte Strafe, aber beinahe verdient. Naa ... naa ...« Er schenkte ihr ein Glas Wasser ein, das er ihr brachte. »Trinken Sie, mein Kind ... so ... und nun Ruhe ... Ruhe!« »Ich wünsche, daß meine Frau nach Hause fährt«, sagte Markus mit heiserer Stimme. »Dann wollen wir weiter sprechen.« »Und Sie übernehmen die Verantwortung für Ihre Frau?« Scharf und grausam schnitten die Worte in die Stille des Zimmers ein, in dem nur ab und zu ein leises Wimmern hörbar war. Markus zuckte geringschätzig die Achseln. »Ich nehme an, daß sie ihre Selbständigkeit auch weiterhin beweist, und werde ihr keinerlei Vorschriften noch Vorwürfe machen, wenn sie über sich nach ihrem Belieben verfügt. Ich bedauere, mich zu einer unüberlegten Handlung haben hinreißen lassen und bin zu jeder Genugtuung bereit. Mehr kann ich nicht sagen. Andrerseits können Sie es mir nicht verdenken, Herr Professor, wenn ich darauf bestehe, daß meine Frau Ihr Haus sobald wie möglich verläßt. Es ist das einzige, was ich von ihr verlange!« »Gehen Sie, mein Kind!« Ramin nahm Kamilla bei der Hand und hüllte sie sorglich in ihren Mantel, der auf einem Stuhl lag. Sie ließ alles mit sich geschehen, ohne ein Wort zu sprechen, und befestigte mühsam, mit zitternden Fingern ihren Hut auf dem halbaufgelösten Haar. »Ich würde Ihnen raten, Ihre Frau selbst bis an den Wagen zu bringen. Die Küchenfenster im Souterrain gehen auf die Straße hinan«. Wir wollen Dienstboten doch keinen Anlaß zu Kommentaren geben.« Markus nickte stumm und ließ Kamilla an sich vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe taumelte sie leicht. »Halt' dich am Geländer«, sagte er kurz. Dann half er ihr höflich beim Einsteigen. Als sie saß, faßte sie leidenschaftlich erregt nach seiner Hand. »Markus ... glaub' mir, es ist doch ganz etwas anderes, ganz etwas anderes ... glaube mir...« Er zog seine Hand ruhig und bestimmt aus ihrer Umklammerung. »Es mag sein, was will – der weg zu meinem Zimmer ist näher, als der hierher. Chauffeur, Savignyplatz 5.« Er sah noch, wie ihr Kopf zurückfiel in die Polsterung des Wagens, wie sie ihr Taschentuch zu den Augen hob, dann entschwand das Auto mit quäkendem Tuten um die nächste Ecke. Das Zimmer des Professors war leer, als Markus zurückkam. Das silberbeschlagene Buch war vom Boden aufgenommen und lag wie früher auf der vorspringenden, schmalen Platte des Bücherschrankes. Über der Lehne des Schreibstuhles hingen noch Kamillas lange, stark duftende Handschuhe, und auf dem Tischchen neben dem Sofa stand das Glas Wasser, aus dem sie getrunken hatte. Mechanisch griff Markus danach, um die fieberheißen Lippen zu netzen, aber gleich stellte er es wieder zurück. Ramin kam endlich herein. Er hatte einen frischen Kragen umgelegt, und ein längliches Heftpflaster bezeichnete die Stelle, wo das Buch ihn an der Schläfe getroffen. »Es ist gut, daß Ihre Frau uns allein gelassen hat«, hub er an und machte Markus ein fast gebietendes Zeichen, Platz zu nehmen. »Ich hoffe in Ihrem Interesse, daß sie vernünftig ist. Nicht alle Frauen sind es in einem solchen Falle ...«, fügte er leise, wie zu sich selbst, hinzu. – »Und nun, mein Herr Lukas, zur Aufklärung. Vorher erlauben Sie mir wohl ein paar Fragen.« »Bitte«, sagte Markus gepreßt. Das »Herr Lukas« war doch noch ärger, als der Wurf mit dem silberbeschlagenen Buch. »Wenn mich nicht alles täuscht, haben Sie mir die Ehre angetan, eifersüchtig zu sein auf mich?« »Ich glaubte, Grund zu haben«, antwortete Markus sehr knapp. »Darf ich fragen, welchen?« Markus zögerte. Dann brach das Ehrliche und Offene seiner Natur durch. »Es lag zum Teil in der Bewertung Ihrer Persönlichkeit, Herr Professor, die bei einem Vergleich mit mir – meiner Frau weit eindrucksvoller erscheinen mußte. Es kamen dazu noch verschiedene kleine Symptome, die meinen Argwohn bekräftigten, und gestern schließlich wurde dieser Argwohn beinahe Gewißheit, als meine Frau einen Brief, den Sie ihr geschrieben hatten, statt mir zu zeigen, wie ich sie bat, in kleine Stücke riß. Als ich nun heute nach einer peinlichen Auseinandersetzung mit dem Vater meiner Frau durch einen Zufall erfuhr, daß meine Frau bei Ihnen hier ist, und ich beim Eintreten in dieses Zimmer Sie so nahe neben ihr stehen sah, da ... verlor ich die Besinnung. Und ich glaube, daß ich nicht der einzige bin, dem es in diesem Falle so gegangen wäre.« »Ihre lebhafte Phantasie hat Ihnen wieder einmal einen losen Streich gespielt, mein ... junger Freund. Aber ich will Ihnen alles Beleidigende, was darin für mich liegt, verzeihen, um der schweren Stunden willen, die Sie selbst durchgemacht haben, und weil ich immerhin eine gewisse Schuld auf mich geladen habe, indem ich Ihnen nicht früher die Möglichkeit gab, Ihre Frau von einer Leidenschaft zu retten, die vielleicht noch gefährlicher hätte werden können, als eine kleine Schwärmerei für mich.« »Was meinen Sie, Herr Professor?« Markus verfärbte sich derart, daß Ramin ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte. »Ich will Ihnen nur vor allem, wenn nicht die Kopie, so doch den ersten Entwurf jenes Briefes zeigen, der Sie in so arge Aufregung versetzt. Ich änderte ihn dann einiger allzu scharfer Ausdrücke wegen ab. Aber er wird Ihnen alles erklären.« Markus empfing mit bebender Hand den silbergrauen, beschriebenen Briefbogen, den der Professor ihm reichte. Es waren nur wenige Zeilen, aber groß geschrieben, so daß sie zwei Seiten füllten: »Mein liebes Kind, Sie haben Ihr Wort nicht gehalten, das stumme Wort, das ich aus Ihrem Händedruck entnahm. Sie haben gestern wieder gespielt, und auch vorher noch oft gespielt, wie ich hörte. Ein skrupelloser Herr, der unter dem Spitznamen ›der Pokerschakal‹ in allen Salons bekannt ist, wo leichtsinnige Frauen ein kleines Vermögen im Hasardspiel lassen, hat Ihnen Geld geborgt, damit Sie Ihre Schulden zahlen können und – vielleicht noch mehr in Schulden geraten. Wenn Sie Ihrer unglücklichen Leidenschaft nicht entsagen, werde ich Ihrem Manne davon Mitteilung machen. Längeres Schweigen wäre ein Frevel an Ihnen und an ihm. Ihr treu ergebener Ramin.« Die Adern auf Markus' Stirn schwollen bläulich an, wie Stricke, und kleine Schweißtropfen perlten am Haaransatz und an den Schläfen auf. Es war, als würgte ihn etwas an der Kehle, und plötzlich fiel er mit dem Kopf auf die Tischplatte nieder, und ein heftiges Zucken und Beben, wie verhaltenes Schluchzen, ging durch seinen Körper. »Ich dachte es mir schlimmer, als es ist, Markus. Gerüchte übertreiben immer. Ihre Frau hat in letzter Zeit kaum noch gespielt. Sie hat immer auf ihren Vater gewartet und gehofft, von seinem Gelde ihre Verpflichtung gegen Trebiner los zu werden. Als Sie nun ihren Vater aus dem Hause wiesen, und er sie dann im Hotel, wohin sie ihm nachgefahren war, höhnisch abfertigte, da kam sie in ihrer Verzweiflung zu mir, weil sie es nicht wagte, Ihnen ihr Geständnis zu machen. Das ist alles, Markus. Es ist schlimm genug für Sie, aber nichts, worüber ein Mann, der seine Frau liebt, nicht hinwegkommt!« Ramin hätte noch zwei Stunden so sprechen können. Markus hörte es kaum mehr. Die tolle, sinnlose Eifersucht hatte seine Liebe zu Kamilla nicht ertötet, hatte ihr Bild in seinen Augen nicht verzerrt, hatte nur eine maßlose Wut in ihm aufgewühlt und den Entschluß, sie weit weg zu führen aus dem Bereiche des Mannes, der sie ihm nehmen konnte. Jetzt war etwas wie erstorben in ihm. Die Erniedrigung, in der er Kamilla sah, machte sie ihm fremd. »Kamilla Rykert«, sagte er langsam, halblaut vor sich hin. Bruder und Schwester – eine Art!... »Es geht immer etwas vom Vater auf die Kinder über«, hatte Herr Reimar Lukas geschrieben. Und daran mußte er jetzt denken. Müde erhob er sich. »Sie werden doch vernünftig sein, Markus?« »Ja ... ich werde Trebiner bezahlen«, sagte er tonlos. – »Ich habe es schon einmal getan. Ich dachte nicht, daß es noch schwerer kommen könnte ...« Ramin streckte Markus die Hand entgegen, in die er matt die seine hineinlegte. »Sagen Sie, Markus, ist das wahr, daß jene ... Leute sie in den Tod gehetzt haben?« fragte er sehr leise. Markus hob müde die Achseln. »Ich weiß nicht ... Der Ekel wird's wohl gewesen sein, der Ekel...« »Weißt du noch, Markus, wie du mir den Brief von ihr gebracht hast?« Ganz unwillkürlich war ihm das »Du« der früheren Jahre wieder auf die Lippen gekommen, und es fiel Markus nicht einmal auf, so natürlich schien es ihm. »Weißt du noch, wie ich zu spät zum Zuge kam?«... »Ja ... ich weiß. Ich weiß alles, als wenn es heute wäre, und weiß, daß Sie's absichtlich taten.« »Ja ... aus Achtung vor der Familie, aus Achtung vor dem Manne, der sie so stark und blind liebte. Wenn ich nicht kam, dann galt es als Zeichen, daß es aus sein sollte für immer. Aber ihr Gesicht, das wollte ich noch einmal sehen ... nur ihr Gesicht sehen!... Und da konntest du denken, Markus, konntest glauben, daß ein paar Kugeln alles wieder ausgleichen? Kugeln sind keine Argumente ...« »Nein ...« Sie standen noch eine Weile Hand in Hand, stumm, jeder in seine eigenen Gedanken verloren. »Ich werde jetzt gehen«, sagte Markus. »Ich begleite Sie ein Stück!« Und sie gingen Seite an Seite durch die dunklen, stillen einsamen Wege. Aber keiner von ihnen sprach ein Wort. Ramin dachte an die Vergangenheit – Markus an die Zukunft. Und doch dachten sie beide an dasselbe, denn sie liebten ein und dieselbe Frau, wenn die eine auch Irene Labisch, die andere Kamilla Lukas hieß. An der Halenseebrücke trennten sie sich. »Vielleicht hören Sie das Sommersemester in Bonn oder Heidelberg, Markus. Ich werde Ihnen Empfehlungen mitgeben.« »Danke. Ich werde sie mir holen kommen.« Sie drückten einander die Hand. Nicht nur wie Lehrer und Schüler. Wie zwei Männer, zwischen die das Leben mit seinem breiten, schweren Flügelschlag getreten war. Markus verbrachte die Nacht in seinem Zimmer, ohne zu schlafen, mit Sichten von Papieren. Gegen halb sieben klopfte es leise an seine Tür, und gleich darauf trat Kamilla ein. Sie war zum Ausgehen angezogen, in einem glatten englischen Kleid. »Du wünschest?« fragte er kühl. Auch in ihrem Gesicht sah man die Spuren schlafloser Stunden. Etwas Müdes und Resigniertes lag über ihrer ganzen Gestalt. »Ich wollte wissen, was nun werden soll, Markus?« Er schob eine Lade zu und blätterte einige Quittungen und Rechnungen durch. Ohne zu antworten oder sie anzusehen, fragte er: »Wie hoch ist der Wechsel – ich nehme an, du hast einen Wechsel unterschrieben – ?« »Viertausend Mark.« Seine Mundwinkel zogen sich herab, und er glättete die Papiere mit dem Handrücken. »Du hast also im Laufe dieses Winters viertausend Mark verspielt?« Sie schwieg. »Hast du sonst noch Schulden?« »Nicht viel. Einige hundert Mark bei den Lieferanten.« »So ...« Eine kleine Pause folgte, dann fragte er weiter, leidenschaftslos, wie ein Richter: »Du rechnetest also auf das Geld deines Vaters, obwohl du wußtest, daß ich sein Geld nicht in Anspruch nehmen wollte?« »Ich wußte das nicht so bestimmt, Markus. Ich dachte, es wäre nur aus Feinfühligkeit ...« »Und da machtest du schnell Spielschulden, um meine Feinfühligkeit zu schonen, und unterschriebst einen Wechsel als Kamilla Lukas?« »Du kannst glauben, Markus, ich bereue tief...« »Reue beweist gar nichts«, unterbrach er sie hart. Und mit zitternder Stimme fragte sie wieder: »Was soll nun werden?« Er stand auf und fuhr mit der Hand einige Male über das Kinn. Es wurde ihm schwerer, als er gedacht, und er hielt die Worte zurück, die er ihr sagen mußte. Sein Mund blieb fest geschlossen, und die Lippen legten sich in festen, harten Strichen aneinander. Sie griff nach der Türklinke; denn sie stand noch immer am Eingang, und die Knie zitterten ihr so, daß sie umzusinken fürchtete. »Du siehst, Markus, ich bin bereit. Um acht Uhr geht der Zug.« Wie ein Hauch drangen die Worte an sein Ohr. Er nickte. »Ja ... so meinte ich es.« Er trat ans Fenster und preßte die heiße Stirn gegen die Scheibe. Die Sonne leuchtete über dem Platz, spiegelte sich in den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser, glitzerte auf den Dächern, auf den zarten Blättern der jungbelaubten Linden. Kinder mit Schultaschen schlenderten, hüpften und liefen die Häuserreihen entlang, schwere Lastwagen rollten langsam über das Pflaster, und schnaubend lief ein Stadtbahnzug zur Haltestelle ein. All das hatte für Markus nichts Ungewohntes, nichts Reizvolles, und doch war es, als könnte er seine Augen nicht losreißen von dem vertrauten Anblick. »Markus ...« Und noch einmal: »Markus ...« Ein zitternder, ängstlicher Ton. Er trat wieder zurück in die Tiefe des Zimmers, und seine Augen fielen auf Kamilla, wie sie verschüchtert, zaghaft mit ihren Blicken an ihm hing. »Ja ... ich werde dir Geld geben.« Sie löste sich los von der Wand und verschränkte die Hände auf der Brust. »Markus ... ich wollte dich bitten ... meine Mutter ist ganz allein jetzt ... ganz allein. Auf dem Lande, kein Mensch braucht zu wissen, daß ich bei ihr bin. Laß mich zu ihr! Ich könnte jetzt nicht im Hause deines Vaters sein ... ich bitte dich. Hab' Mitleid ...« Er sagte bitter: »... Zu uns zieht es dich nicht!« Sie schüttelte heftig den Kopf. »So meine ich es nicht, Markus ... aber ich kann jetzt nicht ... fühlst du das nicht ...?« »Mach' dich fertig«, sagte er kurz. Sie saßen im Wagen nebeneinander, schweigend, den Blick geradeaus gerichtet, als fürchteten sie, einander in die Augen zu sehen. Kurz vor dem Bahnhof sagte Markus: »Vor Mitte Mai ziehen meine Eltern nicht aufs Land und kommt wohl auch dein Vater nicht zurück. So lange haben wir Zeit, einen Entschluß zu fassen. Die Wohnung hier gebe ich jedenfalls auf.« Ihre Lippen wurden weiß. »Es wird von dir abhängen, ob du das Leben an meiner Seite in meinem Sinne fortführen willst. Ich werde keinen Zwang auf dich ausüben. Wo ich meine wissenschaftliche Karriere später aufnehme – das weiß ich heute noch nicht. Vielleicht in einer mittelgroßen – vielleicht auch in einer ganz kleinen Universitätsstadt wie Jena. Das alles wird sich später ergeben.« Große Tränen rollten langsam über ihre Wangen. Aber sie antwortete nicht. Sie wußte, – in diesem Augenblick war ihr ganzes Wesen, all ihre Liebe doch machtlos über ihn. Er brachte sie ans Kupee, reichte ihr Tasche und Plaid hinein. »Du brauchst mir nicht zu schreiben. Laß mich zur Ruhe kommen und alles erledigen. Ich kann und will meinen Vater nicht abermals in Anspruch nehmen, – so wird sich das alles nicht ohne Schwierigkeiten abwickeln lassen. Ich brauche freien Kopf.« Da sie allein im Kupee war, riß sie in heftiger Aufwallung seine Hand an sich. »Ich hätte es nicht getan, Markus, ich schwöre es dir, wenn ich nicht glaubte, auf meinen Vater rechnen zu dürfen!« Er entzog ihr die Hand mit abwehrender, hochmütiger Geste. »Du hast mich noch immer nicht verstanden, Kamilla. Innerer Anstand hat nichts mit materiellen Möglichkeiten zu tun. Materielle Möglichkeiten sind nur der Maßstab unseres Vermögens, nicht unseres inneren Wertes.« Die Kupeetüren wurden zugeschlagen. Er hatte nicht mehr Zeit, ihr die Hand zu reichen. Ihr bleiches Gesicht, mit den tränenumflorten, grünen Augen, lehnte am offenen Fenster. Der Kummer, die Aufregung der letzten Tage hatten allen ruhigen, herben Stolz ausgelöscht. Es war ein armes, trauriges, süßes Kindergesicht geworden, vergrämt und verschüchtert, mit trostlos fragendem Blick. Markus mußte an Frau Dr. Labisch denken, als er sie am Eisenbahnfenster hatte lehnen sehen am Tage jener unvergeßlichen Abreise, und er mußte sich abwenden, weil ihm die Augen heiß wurden, und das Herz in unruhigen Schlägen bis in den Hals hinauf klopfte. So sah Kamilla bis zuletzt nur die feine, strenge Linie seines Profils, mit dem tiefen Mundwinkel, und die Umrisse einer schlanken, leicht vornübergebeugten Gestalt. Der Zug rollte unaufhaltsam weiter, und sie vergrub ihr Gesicht schluchzend in der Ecke. Sie sah es nicht mehr, wie zwei kurzsichtige, lichte Augen lange, lange den Windungen des Zuges folgten, mit schmerzlich sehnsüchtigem Ausdruck. »Nein,« sagte Frau Rykert zu ihrer Tochter, »ich habe keine Freude über dein Kommen.« Sie saß trotz des warmen Aprilmittags bei geschlossenen Fenstern auf dem Sofa im nüchternen Salon des Rykertschen Landhauses, Kamilla ihr gegenüber noch im Reisekleid. »Du schreibst kein Wort. Niemand ist auf der Bahn, dich zu empfangen. Dann kommst du herausgefahren in geschlossenem Wagen, mit zwei großen Koffern, als wäre es für eine Ewigkeit. Ich kann mich nicht freuen.« »Markus weiß, daß ich hier bin.« Kamilla spielte befangen mit den seidenen Quasten der Tischdecke. »Wissen es deine Schwiegereltern auch?« Es sprach nicht die geringste Neugierde aus der Frage. Frau Rykert war nie neugierig. Aber diese Frage faßte sie als Pflicht auf. »Nein«, sagte Kamilla kurz. Frau Rykert nickte und seufzte schwer auf. »Das dachte ich mir. Und darum darf's nicht sein, Kamilla, daß du hier bleibst. Du gehörst dorthin – nicht zu uns.« Ihre Stimme blieb ruhig, ihr Gesicht starr – wie immer. Kamilla krampfte die Hände zusammen und drückte sich fast die Nägel ins Fleisch. »Herr Lukas hat den Bernhard aufgenommen. Er soll hinüber nach Brasilien mit der ›Fortuna‹!« fuhr Frau Rykert fort. Kamilla beugte sich über den Tisch. Atemlos fragte sie: »Bernhard ist hier? Und von meinem Schwiegervater aufgenommen?? – So sage doch ... Mutter, sprich doch!« Frau Rykert zog einen Wollschal um ihre hageren Schultern und saß ganz aufrecht da. »Seit gestern weiß ich es erst. Abends kam er, als es schon dunkel war. Ich erkannte ihn gar nicht wieder. Er war krank gewesen in Paris und ohne Mittel. Der Vater mochte ihm wohl nichts mehr schicken ...« Sie blickte starr vor sich hin. Ein Leben zog an ihrem Geiste vorüber. Sie fröstelte und wickelte sich fester in ihren Schal. Kamilla sank mit der Stirn auf den Tisch. Ihr Bruder, den sie so liebte, auf dieser Stufe! Wie ein Landstreicher verkommen – bettelnd vor der Tür ihres Schwiegervaters! Aber sie hatte keine Tränen mehr, nur Scham, grenzenlose Scham. »Erzähl' weiter, Mutter«, bat sie dumpf. Frau Rykert sprach weiter, langsam, wie ein aufgezogener Automat. »Er hat gespielt, immer gespielt – und so ist es gekommen. Er sagt, das hätt' er vom Vater! Nur daß der Vater an der Börse spielt und ...« Sie brach ab. »Und – – ?« drängte Kamilla. Frau Rykert warf den Kopf zurück und spannte den Schal fest über die flache Brust. »Er sprach häßlich vom Vater. Ich kann's nicht wiederholen und hätt' es nicht anhören dürfen. Es ist gut, daß er fortkommt ... weit fortkommt! Aber hier bleiben kannst du nicht, ohne Wissen der Eltern! Ich darf's nicht zugeben jetzt, da ich weiß ...« Kamilla schüttelte heftig den Kopf. »Ich geh nicht dorthin ... ich geh nicht ...« Was war sie dort in dem stillen, vornehmen Patrizierhaus? Das Mitglied einer mißachteten Familie. Der Vater – einer von jenen, die nur »materielle Möglichkeiten« kannten, der Bruder – ein Abenteurer, sie selbst – von ihrem Mann weggeschickt mit harten, verächtlichen Worten  ... »Ich geh nicht ... ich geh nicht ...«, wiederholte sie wieder und immer wieder, eigensinnig, in Angst und Scham. Und Frau Rykerts Haltung wurde immer steifer, ihre Augen blickten immer trostloser in die elende Leere ihres Lebens zurück. »Du mußt ruhen, Kamilla ...« Sie legte ihren hageren Arm um die Tochter, führte sie in ihr Mädchenzimmer, das in aller Eile zurechtgemacht worden war. Frau Rykert löste ihr die Kleider, half ihr ins Bett, deckte sie bis unter das Kinn mit der leichten, roten Decke zu. »Willst du nichts essen. Kamilla?« »Nein ... nur schlafen, schlafen ...« Ihr blasses Gesicht hatte einen so gequälten Ausdruck, daß Frau Rykert, ohne weiter ein Wort zu verlieren, das Zimmer verließ. Fast im Stehen nahm sie im Eßzimmer etwas zu sich. Jetzt, wo sie allein war, fühlte sie die Erregung in sich nachzittern von dem unerwarteten Wiedersehen. Es deutete wenig Gutes, aber wenn Schuld vorlag, sollte die Schuld nicht größer werden durch erbärmliche Heimlichkeit. Sie warf ihr schwarzseidenes Staatskleid über und stieg in die rattrige Karrete mit den steifbeinigen, alten Schimmeln davor. »In die Stadt zu Herrn Reimar Lukas«, rief sie laut dem alten Kutscher zu, der tagsüber auch Gärtner war und nachts Pförtner, damit es nicht hieß, Rykerts hielten zehn Dienstboten. Frau Rykert war noch nie im Bremer Patrizierhause gewesen. Der Verkehr, die Verlobungszeit und die Hochzeit hatten sich auf den benachbarten Landsitzen abgespielt, und da unterschied sich das Landhaus der Lukas nur durch größere Ausdehnung und wohnlichere Ausstattung. Hier in Bremen sah das alte Haus mit seinen dicken Mauern, dem mit großen Eisennägeln beschlagenen Portal, den dicken Eisenstäben vor den Fenstern der Kontorräume und den Verzierungen in schwerem Barock über Tor und Gesimse – wie ein altes Palais aus, das die Familie zur Dynastie, die Tradition zur Geschichte erhob. Frau Rykert hatte Sinn für die eherne Sprache dieser Mauern. Sie glättete feierlich ihren schwarzen Scheitel unter dem dunklen Kapotthut mit den langen Seidenenden, und stieg langsam, würdevoll die flachgetretenen, steinernen Stufen hinauf, die zu den Wohnräumen führten. Der Diener Franz, den sie vom Lande her kannte, öffnete ihr. »Ich möchte Herrn und Frau Lukas sprechen«, sagte sie fest. »Ich lasse bitten«, klang die Stimme von Frau Lukas klar und deutlich. Der Diener öffnete die Tür – Frau Rykert stand im dunkelgetäfelten Speisezimmer, mit den schweren, geschnitzten Möbeln und dem Kronleuchter aus Gußeisen mit den brennenden Kerzen. Frau Lukas reichte ihr die Hand, kühl, aber nicht unfreundlich. Ihr waren noch die trostlosen Augen dieser Frau in Erinnerung, bei der Beerdigung ihres Hans. »Sie wünschen auch meinen Mann zu sprechen, Frau Rykert, – ich habe Franz ins Kontor hinuntergeschickt. Er liebt es freilich nicht, wenn man ihn bei der Arbeit stört, aber ich denke mir, der Fall ist wichtig, wenn Sie selbst kommen.« »Ja, er ist wichtig«, antwortete Frau Rykert. Dann setzte sie sich auf den angebotenen Stuhl und blieb regungslos sitzen, steif und gerade, wie es ihre Gewohnheit war. »Darf ich Ihnen ein Glas Limonade oder Selterwasser anbieten? Sie kommen vom Lande, und es ist wohl warm draußen? Wir merken nicht viel vom Sommer, solange wir hier sind.« »Nein, danke. Mir ist nie zu warm, und ich komme gerade von Tisch.« »Da ist mein Mann ...« Die große vornehme Gestalt des Kaufherrn erschien im Türrahmen. Frau Rykert erhob sich unwillkürlich. »Was verschafft uns die Ehre?« Herr Reimar Lukas neigte leicht den weißen Kopf und drückte seine Brille fester an die Schläfen. Er setzte sich und forderte Frau Rykert mit einer seiner beredten, eleganten Gesten auf, zu sprechen. Durch keine Frage erleichterte er ihr die ersten Worte. Aber das war nur Gewohnheit des alten, vorsichtigen Geschäftsmannes, keine gewollte Erschwerung. »Ich möchte Ihnen zuerst danken, daß Sie sich unseres – ... meines Sohnes angenommen haben. Möge er Sie nicht enttäuschen.« »Es kann von keinerlei Enttäuschung die Rede sein, gnädige Frau, da ich nichts erwarte. Seine Schwester ist die Frau meines Sohnes – darum halte ich es für meine Pflicht, ihm die Möglichkeit zu bieten, ein anständiger Mensch zu werden. Wird er das nicht – werde ich meine Handlungsweise nicht bedauern, seine Existenz aber einfach ignorieren.« »Ja ...«, kam es gepreßt und halblaut von Frau Rykerts Lippen. Frau Lukas suchte durch einen freundlichen Blick und ein ermutigendes Lächeln die Worte ihres Mannes zu mildern. Aber Frau Rykert achtete nicht darauf. »Ferner möchte ich Ihnen sagen, daß meine Tochter Kamilla heute, ohne sich vorher anzumelden, bei mir eingetroffen ist. wie sie behauptet, mit Wissen und Zustimmung ihres Mannes.« Frau Lukas stieß einen kleinen Schreckenslaut aus. Der Kaufherr aber sah Frau Rykert unbewegt und ruhig in die Augen. »Wenn mein Sohn Kenntnis vom Aufenthalt seiner Frau hat, dann ist es ja in Ordnung.« »So ...« Frau Rykert zerrte nervös an den breiten Bindebändern ihres Kapotthutes. Dann murmelte sie leise: »Ich dachte nur ... nachdem unser Verkehr doch völlig aufgehört hatte, und nachdem ich so manches durch meinen Sohn erfahren habe, was ich bisher ... nicht – wußte ... ich dürfte ohne Ihre Zustimmung Kamilla wohl nicht in unserem Hause behalten ...« Frau Lukas zwinkerte sehr stark mit den Augen, die sich ein bißchen gerötet hatten, und beschäftigte sich angelegentlich mit ihrem Haarknoten. Der Kaufherr rückte an seiner Brille. »Es steht mir nicht zu, verehrte Frau, mich in die Ehe meines Sohnes zu mischen. Mein Sohn ist Mannes genug, seine Ehe nach eigenem Ermessen einzurichten, wenn er seine Frau zu Ihnen geschickt hat, wird er wohl seine Gründe dazu gehabt haben. Ich sehe auch nicht ein, warum meine Schwiegertochter nicht ihre Mutter besuchen dürfte, die jetzt allein ist?« Das war ganz Herr Reimar Lukas: unnahbar, undurchdringlich, höflich und vernichtend. Frau Rykert erhob sich schwerfällig. »So war mein Weg überflüssig«, sagte sie leise, mit starrem Blick. »Doch nicht, gnädige Frau. Er gibt mir Gelegenheit, Sie meines Respektes zu versichern und Ihnen zu sagen, daß ich meine Schwiegertochter bei Ihnen in guten Händen weiß.« Frau Lukas stellte sich hinter ihren Mann und schob ihren Arm mit leisem Druck durch den seinen. »Noch etwas, gnädige Frau. Herr Rykert ist augenblicklich verreist, so daß ich nicht weiß, wohin ich ihm eine persönliche Anweisung über fünfzigtausend Mark, die wir ihm zurückzuzahlen uns verpflichtet fühlen, senden kann. Darf ich Sie bitten, den Scheck entgegenzunehmen?« Sie atmete schwer auf, und das Papier entfiel ihren zitternden Händen. Frau Lukas beugte sich schnell danach. »Soll ich quittieren?« brachte Frau Rykert mühsam hervor. Herr Reimar Lukas hatte nur eine herablassend abwehrende Geste: »Nicht nötig, gnädige Frau, das kommt auf mein Privatkonto. Sobald mein Sohn geschrieben hat, erhalten Sie weitere Nachricht.« Die Audienz war zu Ende. Der Kaufherr machte eine kurze, achtungsvolle Verbeugung und reichte Frau Rykert höflich die Hand. Frau Lukas legte einen Arm um die große, hagere Frau und geleitete sie mit einigen freundlichen, warmen Worten ins Entree, dessen Tür sie aufmachte. »Auf Wiedersehen, liebe Frau Rykert ...« Sie sah ihr noch nach, wie sie sehr langsam, mit steifem Nacken die Stufen hinabschritt und sich schwer auf das Geländer stützte, während das faltige schwarze Seidenkleid hart über die Treppe nachrauschte. Dann zog sie leise die Entreetür wieder hinter sich zu und ging zurück in das stille Wohnzimmer mit den brennenden Kerzen im Kronleuchter. Herr Reimar Lukas stand aufrecht am Tisch und hielt mit schmerzlich verzogenem Mund die Hand auf das Herz gedrückt. »Was ist dir, Reimar?« »Nichts, mein Kind. Gib nur ein Glas Wasser, es wird gleich vorübergehn. Manchmal funktioniert die Maschine nicht.« Frau Lukas hielt ihm das Glas Wasser an die Lippen und mühte sich, sorglos zu lächeln. Aber es war nicht das erstemal, daß »die Maschine nicht funktionierte«. Sie lehnte ihren blonden Kopf mit den grauen Härchen kindlich an seine Schulter. »Ich bin überzeugt, unser Markus hat wieder mal seine großen Gefühle spielen lassen, und es steckt gar nichts dahinter.« Herr Reimar Lukas schüttelte den Kopf: »Nein, Maria ... die Zeiten sind bei ihm vorüber. Er weiß, was er will, und was er will, ist gut. Stören wir ihn nicht. Er wird uns selbst sagen, was er für nötig hält und was wir wissen müssen. So, mein Kind, jetzt laß mich wieder an die Arbeit ...« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, denn es war eine größere Zärtlichkeit in ihr, seitdem sie ihn manchmal müde und pflegebedürftig sah. »Sie ist doch eine brave Person, die Frau Rykert, nicht, Reimar?« flüsterte sie ihm ins Ohr. Er nickte. »Sie hat ein schweres Los zu tragen und trägt es mit Anstand. Mehr darf man von keinem Menschen verlangen.« Er nippte noch einmal von dem Wasser, klopfte seiner Frau auf die Schulter und verließ gerade und aufrecht, nur um einen Schatten bleicher als sonst, das Zimmer. Es wurde Sommer. Rykert war noch immer nicht zurückgekehrt, und Kamilla war bei ihrer Mutter geblieben. Frau Lukas hatte sie einige Tage nach ihrer Ankunft zu sich ins Bremer Haus abgeholt. Man war dort gütig und beinahe zärtlich mit ihr gewesen, aber es war etwas Scheues und Zurückhaltendes in ihr, als fühle sie sich nicht berechtigt, an dem großen, runden Familientische zu sitzen, als hätte eine andere Hand sie hier einführen müssen und ihr den Platz anweisen. Sie wußte nicht, was Markus über sie an seinen Vater geschrieben, und fühlte das Demütigende, selbst so wenig von ihrem Manne zu wissen. Er schrieb ihr selten und immer nur wenige Zeilen. Mit keinem Wort kam er auf den Berliner Winter zurück, nur daß die Einrichtung verkauft und die »geschäftliche Angelegenheit« zufriedenstellend erledigt sei, gab er an. Später schrieb er aus Heidelberg. Es waren ganz trockene Referate, und sie wagte es nicht, ihm etwas von ihrem Innenleben zu sagen, von ihrer Sehnsucht nach ihm. Ende Juni meldete Rykert seiner Frau die Rückkehr an, und Kamilla zog nun ganz zu ihren Schwiegereltern. Sie bewohnte dort Markus' Zimmer und fühlte sich ihm da näher, als nur je in der gemeinsamen Wohnung. Er hatte eine ziemlich große Bibliothek, die er dort belassen, weil er nichts hatte fortnehmen wollen aus dem Hause seines Vaters. In seinen Mußestunden hatte er viel gelesen, und Kamilla fand auf den weißen Feldern der Bücher viele Anmerkungen von ihm, Striche und Zeichen, die ihr Aufschluß gaben über sein Wesen, das ihr erst so kindlich-zutraulich, später so hart und unerbittlich erschienen war. Es war ein langsames Eindringen in seinen Geist, in seine Seele, ein langsames Umfassen seines innersten Seins, ein langsames Verstehen. »Du sprichst manchmal genau wie Markus«, sagte Mami ihr eines Tages bei Tisch, als eine allgemeine Frage erörtert wurde. Und Kamilla fühlte, wie sie rot wurde, denn ihr war, als hatte man plötzlich alle Schleier von ihr gerissen. Und auch das Erröten war neu an ihr – eine feinere Sensitivät, die ihr das Haus gegeben hatte, wo die Worte noch schwerer wogen als die Gedanken. Ihre Briefe an Markus wurden allmählich länger, freier, denn was sie über sich sagte, war wenig, was sie aus sich heraus sagte – viel. »Die Kamilla weiß nun bald mehr als ich«, sagte Erich manchmal mit dem ganzen eifersüchtigen Hochmut seiner Sekundanerweisheit. Und Herr Reimar Lukas zog sie zu sich heran und fuhr ihr über das hellbraune Haar. »Das schadet nichts, wenn sie dabei schön und gut bleibt.« Zu Weihnachten kam Markus nach Bremen. Herr Reimar Lukas hatte wollen, daß Kamilla allein ihn von der Bahn abhole, aber da Markus selbst keinen solchen Wunsch geäußert, bat sie, ihr die Jungens mitzugeben. Und so hatte sich das Wiedersehen in äußerer Ruhe vollzogen, mit einem warmen Händedruck und einer flüchtigen Umarmung. Markus war stärker und breiter geworden, auch seine Züge hatten sich verschärft, waren denen des Vaters ähnlicher geworden. Nur seine Augen konnten manchmal aufleuchten wie früher, und sein Lächeln milderte die strenge Nachdenklichkeit seines Gesichts. Mit der Rücksichtslosigkeit ihrer Jahre hingen sich die beiden Ältesten in den Bruder ein, Kamilla ging seitwärts und mußte Fritz Reimar tausend sehr wichtige Fragen beantworten – bis schließlich Markus die Jungens abschüttelte, Kamilla in den Wagen half und an ihrer Seite Platz nahm. Sie sprachen vernünftig von alltäglichen Dingen, wobei er es vermied, ihren Augen zu begegnen. Aber bevor sie ankamen, sagte er: »Ich glaube, wir werden unseren Wohnsitz in Leipzig aufschlagen. Es eröffnet sich mir dort die Möglichkeit einer großen und schönen Tätigkeit.« Ihr Herz schlug fast hörbar unter der dicken Krimmerjacke. Es war das erstemal, daß er von ihrer Wiedervereinigung gesprochen. »Wolltest du nicht erst reisen?« fragte sie, nur um zu antworten. »Nein, vorläufig nicht. Die Reisen muß ich mir doch erst verdienen. Verdienen – in jedem Sinne, vor allem durch Leistungen.« Dann stiegen sie aus. »Mami! Meine gute, liebe, kleine Mami« »Mein großer, lieber, alter Junge!« Er hielt sie in seinen Armen und küßte ihre Wangen und sah die grauen Fäden in ihrem Haar. »Meine arme, liebe Mami!« »Nicht reden, mein Junge. Jetzt hab' ich ja dich ...« Es war wie in Kindertagen, wenn er zu den Ferien nach Hause kam: der große Napfkuchen auf dem Tische, und das alte schwere Familiensilber, und die brennenden Kerzen im Kronleuchter, und hinter einer Stuhllehne Mademoiselle Cardinal, noch etwas älter, noch etwas häßlicher und noch etwas kleiner  ... Und als der Vater hereinkam, stand alles auf, wie es immer gewesen in diesem Hause, und Herr Reimar Lukas umschloß beide Hände seines Sohnes und sagte: »Willkommen zu Hause, mein Junge.« Nur eines war anders. Zu Markus' Rechten saß seine Frau, Kamilla Lukas geborene Rykert. Man blieb lang zusammen an diesem Abend um den runden Tisch. Aber als die jungen Lukasse schlafen gegangen und Mademoiselle Cardinal wie eine Ente in das Dunkel der Diele untergetaucht war, da erhob sich auch Kamilla und ließ den Sohn allein mit den Eltern. Und da kramte er hervor aus seinem jungen arbeitsreichen und arbeitsfrohen Leben. Die Augen leuchteten, wenn er von seiner Zukunft sprach, den engen Pfaden und weiten Ausblicken seiner herrlichen Wissenschaft, und er merkte es nicht, wie Kamilla leise einen Seufzer unterdrückte und Herr Reimar Lukas immer stiller wurde und ernster. Als er endlich hinaufging, fand er gleich im ersten Zimmer sein Bett aufgeschlagen, seine Sachen sorglich hergerichtet. Die Tür zum Nebenzimmer war zu. Erleichtert atmete er auf und schlief lange und traumlos in den späten Morgen hinein. Er sprach mit den Eltern nicht über seine Frau, aber er sah es an der Art, wie sie mit ihr verkehrten, daß sie sich ihren Platz erobert hatte in ihrem Hause und ihren Herzen. Und so kam es, daß er am Weihnachtsabend, ohne daß mehr zwischen ihnen gesprochen worden wäre, als was alle im Laufe des Tages hörten, den Arm um sie legte und sie an sich zog in stummem, tiefen Vergeben, in wortlosem Bekennen seines eigenen Fehlens. Doch erst am Abend vor seiner Abreise fiel die letzte Schranke zwischen ihnen, und sie fanden sich in der jungen Leidenschaft einer geläuterten und edleren Liebe  ... »Bleib wie du bist«, waren die letzten Worte, die Markus seiner Frau beim Abschied zurief. Und sie nahm diese Worte mit sich in das dunkle, stolze Patrizierhaus, das nun auch ihr Haus geworden war durch diese Worte ihres Mannes. Ein Jahr später, am 8. November, traf in Bremen eine Depesche ein: »Bin morgen bei Euch. Doktor Markus Lukas.« Die jungen Lukasse verlangten energisch Champagner und Plumpudding, dessen Tradition Mami erhalten hatte. Mami selbst verlor ein bißchen den Kopf und fing ganz unnötigerweise an zu weinen, Herr Reimar Lukas aber reichte seiner Schwiegertochter die Hand und sagte: »Es war eine schwere Zeit für dich, Kamilla – du hast tapfer ausgehalten.« Daß es auch eine schwere Zeit für ihn gewesen, und daß sie für ihn noch nicht zu Ende war – verschwieg er. Einige große Handelshäuser, mit denen das Haus Lukas seit mehr als hundert Jahren in geschäftlicher Verbindung gestanden, hatten sich aufgelöst, denn eine neue Generation war herangewachsen, die gleichgültig war für die Tradition ihrer Familie, eine Generation, der das Firmenschild ihrer Ahnen nicht mehr bedeutete, als eine Visitenkarte. Es war nicht seine Art, die Sorge des Kontors ins Familienzimmer zu tragen, und nur er wußte, was ihn die äußere, kraftvolle Ruhe an schweren Kämpfen in einsamen Stunden kostete. Der Abschluß von Markus' Studien bedeutete für ihn selbst den Verzicht auf ihn, als Mitglied des Hauses Lukas. Er war nur noch ein Mitglied der Familie, mit gesonderten Interessen, gesonderten Pflichten. So kam es, daß der Kaufherr dem ersten Dr. Lukas die Hände beglückwünschend, herzlich – und doch fremder reichte als bisher. Markus bemerkte das nicht. Für ihn tat sich das Leben auf, mit allem, was es für ihn Beglückendes und Erstrebenswertes hatte. Und er glaubte sich über jeden Zwiespalt erhaben durch das Bewußtsein innerer und äußerer Berechtigung zu seinem Beruf. Herr Reimar Lukas führte ihn hinunter in die Kontorräume, und von den Pulten klang es Markus entgegen: »Guten Tag, Herr Doktor! – Habe die Ehre, Herr Doktor! – Mein Kompliment, Herr Doktor! ...« Auch die jungen, bleichen Gesichter dort unten waren älter geworden, müder ... Zugleich aber auch ruhiger, sicherer, im Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit mit dem Hause ihres Chefs, der ihre Kraft sich nutzbar machte, ihr Alter aber sicherstellte. Markus besuchte den Disponenten und die zwei Prokuristen in ihren Bureaus, von denen der Ältere als erster Buchhalter einst Herrn Reimar Lukas in das Geschäft eingeführt hatte. Der erste Prokurist strich sich mit der alten Hand über den langen weißen Bart und sah seufzend auf seinen Chef. »Jetzt heißt's noch weiter arbeiten, lieber Dohnert, bis wir den nächsten flügge kriegen ...«, sagte der Kaufherr. »Aber den behalten wir dann doch im Nest, Herr Lukas? Das war ein rechter Streich, den uns der Herr Doktor gespielt hat«, fügte er hinzu und drohte Markus in scherzendem Vorwurf mit dem Federhalter. »Wie lange wird's denn noch dauern, bis Erich dich etwas entlasten kann?« fragte Markus, als er dann wieder dem Vater allein im rauchigen Privatkontor bei einer starken Havanna gegenüber saß. »Zehn Jahre mindestens«, antwortete der Kaufherr sehr langsam. Und es war, als erschrak er selbst darüber, und als dehnten sich diese zehn Jahre zu einer Ewigkeit. »So lange?« Markus verschränkte die Arme über der Brust und blinzelte mit seinen lichten, kurzsichtigen Augen durch den Qualm der Zigarren, über den Lichtkreis der grünverhängten Lampe in die vornehmen, blassen, scharfgeschnittenen Züge des Vaters. »Ja, mein Junge. Deine Brüder gehören beinahe einer neuen Generation an, mit anderer Entwicklung, mit einer langen, einer sehr langen Kindheit und der glücklichen Blindheit des Kindes. So mochte mein Vater gewesen sein, der mit vierzig Jahren heiratete und mit fünfundzwanzig noch eine Ohrfeige vom Großvater bekam, weil er lieber ›Volant' spielte, als die Monatsbilanz aufstellte. Er ist dann doch ein guter Kaufmann geworden, aber später, als ich es wurde, und viel später, als du es hättest werden können. Mein Urgroßvater begründete unsere Firma mit zwanzig Jahren. In deinem Alter hatte er zwei Kinder und baute sich schon das Haus, das wir bewohnen, und das einer alten Bestimmung nach Eigentum des jeweiligen Chefs der Firma wird. Eine ebenso alte Bestimmung ist es auch, daß der älteste Sohn, der aus einer Ehe des Chefs hervorgeht, das Geschäft nach dem Tode des Vaters zu übernehmen hat. Ich habe zwei älteste Söhne ...« Ein kaum merkliches Lächeln huschte um die schmalen Lippen des Kaufherrn. »Dieser Bestimmung verdankst du es also, mein lieber Markus, daß ich dich deinen Weg ziehen lassen durfte, ohne daß dir dadurch ein Verlust an Recht und Vermögen erwuchs.« »Vermögensfragen würden für mich in keiner Lebenslage bestimmend sein«, warf Markus scharf ein. »Sondern?« Der Kaufherr zeichnete mit seinem Bleistift geometrische Figuren auf gelbliches Konzeptpapier, das stets auf seinem Schreibtisch lag. Markus konnte es nicht sehen, wie zitterig die einzelnen Linien waren, er hatte nur die ungebeugte, schlanke Gestalt vor sich und den scharfgeschnittenen Kopf mit den schmalen, strengen Lippen. »Pflichtfragen!« sagte er ernst. Herr Reimar Lukas zeichnete weiter, und Markus blies still den Rauch seiner Zigarre vor sich hin. Mit einem Worte war alles klar zwischen ihnen, was Jahre der Trennung vielleicht verwirrt hatten. Nach einer Weile hub Markus an: »Was ich noch sagen wollte, Papa ... Das von dir ausgesetzte Jahrgeld war für Berlin vielleicht nötig und für den Anfang einer unerfahrenen Hausführung. In Leipzig und mit Kamilla, wie sie jetzt geworden ist – komme ich reichlich mit der Hälfte aus. Du brauchst dem Hause nicht so viel zu entziehen, Papa, wirklich.« Ein Blitzen ging über des Kaufherrn Gesicht, er schlug mit dem Bleistift hart auf den Tisch und schnellte empor. »Zum Donnerwetter, Junge, glaubst du, das Haus kann das nicht aushalten?« Markus lächelte und wurde rot. »Ich meinte nur ...« Sie reichten einander die Hand über den Tisch, und lachten leise – kopfschüttelnd der Alte, verlegen der Junge. Es war dieselbe schlanke, elegante Gestalt bei beiden, dasselbe Gesicht mit den scharfen, vornehmen Linien, derselbe durchdringende und dann wieder kurzsichtig blinzelnde Blick – ein Fleisch, ein Blut, ein Geist. »Heut schmeckt die Arbeit wieder. Geh', mein Junge, geh' zu deiner Frau.« »Zu meinen Frauen, meinst du, Papa! Ich habe sie jetzt immer beide an meiner Seite – Mami rechts, Kamilla links!« »Daß du sie mir aber nicht mehr links liegen läßt, du!« Markus schüttelte froh lachend den Kopf: »Ex est!« Der Kaufherr nickte. »Jetzt glaub' ich's selber.« Als Markus die Tür hinter sich zugezogen hatte, stand Herr Reimar Lukas auf, dehnte sich kurz und legte sich auf ein schmales, hartes Ruhebett, das in einer dunklen Ecke des Zimmers stand. Er hatte es ungesehen von allen in sein Privatkontor eingeschmuggelt. Man brauchte nicht zu wissen, wie es um ihn stand. Es war ein schönes Fest gewesen, dieses zweite gemeinsame Weihnachtsfest im Hause Lukas. Und der Kaufherr hatte die Seinen reicher als sonst bedacht, hatte länger als sonst mit ihnen in das stille Glimmen und Flimmern der duftenden Wachskerzen gestarrt. Die andächtige Stimmung aus Markus' Kindertagen zog mit leisen Fittichen durch den Raum, und ein Brief Bernhards aus Brasilien, der sich längst zum Hilfsleiter auf einer Plantage heraufgearbeitet hatte, nahm auch Kamilla den letzten bitteren Tropfen aus ihrem vollen Glückskelch. In der ersten Neujahrswoche sollte die Übersiedelung des jungen Ehepaares nach Leipzig stattfinden. Es war ein Tag vor der Abreise. Die kleine Bücherkiste, die Markus' notwendigste Handbücher enthielt, war zugenagelt, die Koffer standen offen und halbgepackt in den großen traulichen Mansardenstuben, die nun auf lange Zeit wieder verwaisen sollten. Mami setzte sich ans Fenster und verschnürte einige kleine Schachteln. Langsam und schwerfällig ratterte ein Wagen durch die enge Straße. Markus sah mechanisch zum Fenster hinaus. »Du ... da ist ja ... kommt deine Mutter vielleicht Abschied nehmen, Kamilla?« »Nein ... ich weiß nichts davon. Ich wollte dich aber bitten, mich heute zu ihr zu lassen.« Frau Lukas preßte die Stirn an die Scheibe. »Ja ... zwei Schimmel. Es ist euer Wagen, Kamilla, und er hält vor unserem Tor. Ich kann nur nicht sehen, wer aussteigt.« »Gehen wir hinunter«, sagte Markus. Von unten herauf hörte man das Läuten der Entreeglocke. Sie waren plötzlich still geworden und schritten langsam die gewundene Treppe hinab, die zur Diele führte. »Soll man nicht zu Papa hinunterschicken?« fragte Kamilla. »Papa ist jetzt auf der Börse«, sagte Frau Lukas. »Laßt nur, ich bin ja da.« Markus trat als erster ins Wohnzimmer. »Herr Rykert«, flüsterte der Diener verstört und schlich, ohne eine Antwort abzuwarten, an der Wand entlang zurück ins Entree. »Es ist besser, ich gehe fort«, sagte Kamilla hastig. »Bleibe nur«, gebot Markus. »Er soll uns zusammen sehen.« Frau Lukas zog Kamilla mit sich in die äußerste Ecke, da wo auf einer hohen Etagere die Dorésche Bibel lag, aus der Markus lesen gelernt hatte. »Sei doch ruhig, Kamilla, was kann uns denn geschehen, wenn wir zusammen sind?!« Dann stand Herr Rykert im Zimmer, in seinem schäbigen Winterpelz, den er nicht abgelegt hatte, die Mütze in der Hand. »Sie wünschen?« Markus maß den kleinen Mann von oben bis unten mit dem Blick, und er war ihm heute fast unheimlich mit seinem aschfahlen Gesicht, wie es Bleikranke vor dem letzten Stadium ihrer Erkrankung zu haben pflegen. Seine blauweißen Lippen bewegten sich einige Male, ohne einen Ton hervorzubringen, dann sagte er, abgerissen, heiser, mit eigentümlich glucksenden Tönen in der Kehle: »Ihr Vater ... hat auf der Börse ... einen Anfall gehabt. Als er umfiel, stand ich gerade neben ihm. Ich habe ihn aufgefangen, und habe ihn ... ja ... dann habe ich ihn ... weil meine Tochter Ihre Frau ist... habe ich ihn hergebracht.« Frau Lukas glitt lautlos zu Boden. »Mami, liebe Mami!« Kamilla stürzte in die Knie, ihr zur Seite, und umfing ihren Kopf mit zitternden Armen. – »Markus, Mami!!« Markus hörte nicht. »Wo ist mein Vater?« Er raste zur Entreetür hinaus, die Treppe hinunter bis zum Wagen, um den sich fast das ganze Kontorpersonal versammelt hatte, ohne es zu wagen, die Tür zu öffnen, hinter der ein Schutzmann, ein fremder Herr und eine lange Gestalt mit einem Tuch über dem Kopf zu sehen waren. Als Markus, bleich wie der Tote selbst, aus dem Haustor stürzte, traten alle zurück. Die Wagentür wurde nun von innen geöffnet, und Markus riß das Tuch herunter, das die Züge des Vaters deckte. »Doktor Lblsmnnn – – «, stellte sich der fremde Herr vor. Markus verstand den Namen nicht, hörte gar nicht hin, »ich war sofort zur Stelle, als das ... geschah. Ich konnte nur den Tod konstatieren. Herzlähmung.« »Wir wollen ihn ins Haus tragen«, sagte Markus und warf behutsam, mit steifen Fingern, das Tuch zurück über das bleiche, ernste Gesicht. – »Wir wollen ihn ins Haus tragen«, wiederholte er tonlos. Rykert stand da mit ausgestreckten kurzen Armen, um das Haupt des Toten zu stützen. »Lassen Sie – – « Markus fegte die ausgestreckten Arme achtlos beiseite und stellte sich seitwärts vor die Wagentür. »Bitte!« Es war nur eine Augenbewegung dahin, wo das ganze Personal dichtgedrängt Kopf an Kopf stand, mit den beiden Prokuristen und dem Disponenten an der Spitze. Und es begab sich etwas Ungewöhnliches, Großes, was den letzten Einzug des Herrn Reimar Lukas in die Werkstätte seiner Väter als unvergeßliche Erinnerung Hunderten von Menschen einprägte. Das Personal stellte sich lautlos in zwei Reihen einander eng gegenüber, die Jüngsten des Hauses dem Wagen am nächsten. Und je vier Mann reichten die mit einem Mantel zugedeckte Gestalt den nächsten vieren und so fort, bis endlich Markus mit den drei Ältesten des Hauses Lukas oben vor der Wohntür den Vater in Empfang nahm und bis in das Zimmer trug, das ihm als Schlafraum gedient hatte. Kein lautes Wort in der ganzen Straße, die schwarz war von Menschen; nur ein leises, dumpfes Murmeln, das gleich fernem Orgelton den letzten Aufstieg des Kaufherrn Reimar Lukas auf den Armen seiner Leute begleitete. Und die Menge verharrte still und dichtgedrängt beieinander, so lange wie die breiten Torflügel offen blieben und die steifbeinigen Schimmel davorstanden, mit der alten Karrete. Niemand kümmerte sich um den kleinen aschfahlen Mann im schäbigen Winterpelz, der mit kurzen hastigen Schritten auf und ab lief in der dunklen Einfahrt. Niemand sah es, wie er zögernd drei Stufen der ausgetretenen Treppe hinauf- und dann wieder hinunterging, mit scheuen, blinzelnden Augen. Niemand bemerkte es, wie er endlich herausschlich aus dem Dunkel und dem grauhaarigen Kutscher ein Zeichen machte, wegzufahren. Noch langsamer, als sie gekommen war, ratterte die alte Karrete zurück, und unbeachtet schlüpfte Herr Rykert zwischen den schweigenden Menschen hindurch, hinaus aus der engen, kleinen Gasse, die ihren großen Toten barg im alten Patrizierhause. Die Beisetzung des Herrn Reimar Lukas im Erbbegräbnis der Familie, das zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt Bremen zählte, fand wie üblich am dritten Tage statt. Es war eine Zeremonie, die vier Stunden gedauert hatte, und deren schweres, offizielles Gepränge die Verzweiflung und den Schmerz der Hinterbliebenen langsam einlullte. Dr. Markus Lukas stand zwischen Mutter und Frau, umgeben von den drei jungen Brüdern, auf einem Erdhügel, während man den Sarg in die Tiefe senkte, und es ergab sich von selbst, weil er der Größte unter ihnen war, daß sie alle sich in diesem furchtbaren Augenblick an ihn anklammerten, und er sich feststemmen mußte gegen die Erde und sich hoch aufrichtete, um nicht heruntergedrückt zu werden von ihren trost- und schutzsuchenden Armen. Und da sie ihn so ruhig sahen und gefaßt, kam auch ihnen der Glaube, daß sie sich noch zurechtfinden könnten im Leben, wenn er sie führte. Mit keinem Wort hatte Mami die nächste Zukunft berührt, mit keiner Andeutung den stillen, inneren Kampf ihres Sohnes gestört. Die Koffer standen noch immer halbgepackt in den Mansardenzimmern. Kamilla war nur um Frau Lukas beschäftigt gewesen, Markus nur mit der Erledigung aller äußeren Formalitäten. Die Mahlzeiten waren bisher nicht gemeinsam eingenommen worden. Mademoiselle Cardinal war den ganzen Tag mit rotgeweinten Augen von einem zum anderen gelaufen, ihm etwas Nahrung aufzuzwingen. »Ich komme zur Kaffeestunde zu euch herauf«, sagte Markus, als er Mami und Kamilla nach der Beerdigung aus dem Wagen half. – »Jetzt laßt mich unten allein.« Mami zog heimlich und rasch seine Hand an die Lippen. »Mein Markus!« Es war wie ein Aufschrei. Kamilla sah ihn mit ihren grünen Augen ernst und fragend an. Er nickte. »Bring die Mutter nach oben, Kamilla, und laß dir von ihr sagen, welche Zimmer wir fortan bewohnen oder ob es bleiben soll, wie bisher.« Es war ein kaum merkliches Lächeln in seinen Augen, wie er den beiden Frauen nachsah, die fest aneinandergeschmiegt die Treppe hinaufschritten. Dann zog er den Drücker aus der Tasche seines Überziehers und öffnete die Tür zum Kontor. Alle saßen bereits an ihren Plätzen und arbeiteten mit der eisernen Disziplin eines durch nichts aus seinem Gefüge zu bringenden Organismus. Niemand blickte auf, als er eintrat. Er ging hinüber in das Privatkontor des Vaters, wo die Lampe brannte mit dem grünen Schirm und sonst noch alles lag, wie der Vater es vor seinem letzten Gang zur Börse verlassen hatte. Er legte ab, warf die schwarzen Handschuhe in den mit Flor umspannten Zylinder. Dann setzte er sich vor den Schreibtisch und drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel. Ein Diener erschien. »Ich lasse Herrn Dohnert herbitten, den zweiten Herrn Prokuristen und den Herrn Disponenten«, sagte er kurz. Dann wartete er, das Kinn in die Hand gestützt, und zeichnete mit dem Bleistift unbewußt geometrische Figuren auf das gelbliche Konzeptpapier. »Herein«, rief er, als es leise klopfte. Die drei alten Herren traten über die Schwelle. Markus erhob sich leicht von seinem Sessel und bot ihnen mit einer stummen Bewegung Platz an. »Vor allem, meine Herren, danke ich Ihnen für Ihre treuen Dienste, die Sie meinem Vater und unserem Hause geleistet haben, und bitte Sie zugleich, Ihr Vertrauen, das sich bis jetzt an den Namen Lukas geknüpft hat, auch ein wenig auf meine Person zu übertragen. Sie werden mir dadurch meine schwere Stellung als Nachfolger eines Mannes, wie mein Vater es war, wesentlich erleichtern.« Der alte Dohnert senkte den Kopf und hielt sein Ohr hin, als fürchtete er, sich verhört zu haben. »Verstehe ich recht, Herr Doktor, Sie wollen wirklich das Geschäft übernehmen?!« Die alte Stimme zitterte merklich, und die zwei anderen rückten erregt ihre Stühle. »Ja, meine Herren, ich halte das für meine Pflicht. Es müßte denn sein, daß mein Vater Bestimmungen getroffen hat, die die Regierung – solange sie auch dauern mag, in andere Hände legen.« »O nein, Herr Doktor. Es ist uns eine letztwillige Verfügung Ihres Herrn Vaters bekannt, die ich selbst beim Notar deponierte – kaum vier Wochen alt – , laut der er Ihnen anheimstellt, Chef des Hauses Reimar Lukas zu werden, wenn ›Ihr Pflichtgefühl‹ es Ihnen gebietet.« »Das ist jetzt der Fall, meine Herren.« Die drei alten Herren erhoben sich wie auf einen Ruck und streckten Markus die Hand entgegen, die sie ihm in heftiger Bewegung drückten. »Ich leugne nicht, meine Herren, daß ich damit einen Lebenstraum begrabe, Etwas, was mir seit meiner Kindheit beinahe als das erstrebenswerteste Ziel vor Augen schwebte. Aber wenn ich durch dieses Opfer im Sinne meines Vaters und im Geiste unseres Hauses handle, so entschädigt mich dies Bewußtsein für manches, worauf ich verzichten muß.« »Sie sind ein ganzer Mann, Herr Dr. Lukas, wie Ihr unvergeßlicher Vater. Erlauben Sie jetzt, daß ich Sie zu mir herüberbitte, damit Sie sich in unsere Geschäftschronik einschreiben, wie es Sitte ist in diesem Hause, wenn der neue Chef die Leitung übernimmt?« »Bitte.« Der Disponent öffnete respektvoll die Tür, der alte Prokurist ging voran. Ihm folgte Markus, dem sich die zwei anderen Herren anschlossen. So bewegte sich der kleine Zug langsam durch die drei großen Kontorräume, die das Privatkontor des Chefs vom Bureau der Prokuristen trennten. Dort angelangt, erschloß der zweite Prokurist die Tür des großen eisernen Schrankes, und Dohnert entnahm ihm ein dünnes, in Schweinsleder gebundenes Büchlein, auf dessen erster Seite in goldenen Buchstaben geschrieben stand: »Geschäftschronik des Hauses Lukas.« »Auf der rechten Seite stehen die jeweiligen Chefs vom Begründer an. Auf der linken jene Angestellten des Hauses, die fünfundzwanzig Jahre im Hause gearbeitet haben. Bitte, Herr Doktor!« Und Markus schrieb unter den Namen seines Vaters den seinen: Dr. Markus Lukas . Seine Hand bebte leicht, und der große Schlußstrich versagte. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »Das tut nichts, Herr Doktor, so scheint es allen gegangen zu sein, die sich hier eingeschrieben haben. Es war doch immer ein großer Augenblick. Und nun das Datum, bitte – Danke, Herr Doktor.« Er löschte vorsichtig die feuchten Zeilen und gab das Buch wieder seinem Kollegen, der es in den Schrank zurücklegte. Markus fuhr sich mit dem Taschentuch über die feuchte Stirn. Es war ihm doch noch anders zumute, als da er sein Doktordiplom empfangen hatte. Wieder traten die Herren aus dem Zimmer heraus, in derselben Reihenfolge. Und mit merkwürdig starker und sonorer Stimme rief der alte, weißhaarige Dohnert, so daß es durch die drei großen Kontorräume schallte: »Meine Herren – hier sehen Sie unsern neuen Chef, Herrn Dr. Markus Lukas!« Ein Stuhlrücken, Pulteklappen, und plötzlich stand alles auf wie ein Mann. Nur die Köpfe neigten sich in lautloser Stille. »Sprechen Sie ein Wort«, flüsterte Dohnert Markus ins Ohr. Aber diesmal war Markus' Ergriffenheit zu stark. »Meine Herren ...« Er wiederholte nochmals: »Meine Herren ... ich danke Ihnen für alles Vergangene und bitte Sie, mit mir weiterzubauen an der Größe unseres Hauses!« Darauf ließen sich alle wieder auf die Plätze nieder und beugten ihre Köpfe noch tiefer über die Pulte als vorher  ... »Und nun wollen wir an die Arbeit«, sagte Markus und schritt seinen Begleitern voran in sein Privatkontor. – Um fünf Uhr klopfte der Diener Franz an, um dem Herrn Doktor zu melden, daß der Kaffee serviert sei. »Schön, ich komme.« Er warf die halb angerauchte Zigarre in den Aschenbecher, tauchte seine Hände in ein kupfernes Wasserbecken, das nahe dem Ruhebett stand, und ging dann hinauf in die Wohnung. Als er langsam und nachdenklich, mit seinem Sinne noch halb bei der Arbeit, aus dem Dunkel des angrenzenden Raumes in das Speisezimmer trat, saß die Familie wie immer um den Tisch, und es war eine natürliche Bewegung, daß alle aufstanden und Kamilla ihm entgegenging. Sie führte ihn an den Platz, an dem Herr Reimar Lukas immer gesessen, und Mami stellte die goldene Tasse vor ihn hin. Dann setzten sich alle wieder unter den alten Kronleuchter mit den flammenden Kerzen, und die drei jungen Lukasse glaubten beinahe, der Vater weile noch unter ihnen.