Olga Wohlbrück Das kleine Glück Motto: Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, sondern alles ist Erkenntnis. Schopenhauer. I. ... Endlich ward die kleine Seele bezwungen, so sehr sie sich auch wehrte, so sehr sie auch entfliehen wollte aus dem kleinen, gebrechlichen Körper... Und dann wurde sie schließlich still ... so still und ruhig, daß man ihrer fast vergaß. Aber der kleine Körper wurde gehegt und gepflegt ... Den vergaß man nicht ... Nie. Und so wuchs und gedieh er zur Freude der Eltern. Das kleine Neutrum wurde ein Femininum – nicht mehr »es«, sondern »sie«, und man nannte sie jetzt »Püppchen«. Püppchen lernte Papa und Mama sagen, aber erst nach vieler Quälerei. Püppchen bekam weiße, schauderhaft gestärkte Kleidchen mit grellblauen oder grellrosa Achselbändchen, die sie mutwillig immer wieder aufband, vielleicht aus unbewußter Opposition eines angeborenen Geschmacks. Püppchen lernte »bitte, bitte« sagen und Knixe machen. Gar bald lernte Püppchen noch etwas, was durchaus nicht im elterlichen Programm vorgesehen war: Püppchen lernte das Wörtchen »Ich will«. Pädagogisch hieß es darauf: Kinder dürfen wünschen , nicht aber wollen . Und Püppchen sagte von nun ab ganz artig: »Ich wünsche will...« Dabei blieb sie sehr lange, und weil es drollig klang, ließ man es dabei bewenden. Mit Kinderpsychologie befaßte man sich nicht. Die Eltern gehörten ja zum Teil noch der alten guten Schule an: Ordnung, warme Füße, kühler Kopf. Dies waren die Grundprinzipien gedeihlicher physischer und psychischer Entwicklung. Püppchen war sieben Jahre alt, da wurde sie umgetauft. Es war ein lächerlicher Name: Iduna! In der Schule machte man sich lustig über ihn. Denn sie war klein und beweglich, wie mit schillernden, zitternden Flügeln ausgestattet, im Namen aber lag Ruhe, vornehme Abgeschlossenheit. Es fror sie beinahe, wenn ihre englische Gouvernante sie so nannte und dann das ewige: »go on« hinzufügte. Go on! Wie eine geistige Rute war es. Mit großen, abgezählten Schritten ging die governess auf ein ganz bestimmtes Ziel zu – es war einfach eine mathematische Unmöglichkeit dies Ziel zu verfehlen. Die Spaziergänge sogar waren für Iduna eine Qual. Bis da oder dorthin in so und so viel Zeit. Die Zeit wechselte nach dem Stande des Thermometers. Go on , sagte die Miß und schleppte ihren Zögling durch Wald und Flur, blind für Licht- und Farbenstimmungen, taub für das Rauschen und Flüstern rings herum. Die Blumen waren da – allenfalls für die Botanisiertrommel. » Go on «, hieß es bei jedem längeren traumverlorenen Verweilen, bei jedem sehnsuchtsvollen Aufblick ins dämmernde, silberne Grau... Wenn Iduna die lange, stets in schwarz gekleidete Gestalt des Morgens an ihrem Bett erblickte, so zog sie das Bettlaken über den Kopf, als fürchte sie sich vor einem Strahl kalten Wassers über das Gesicht. Das ging so Jahre lang fort, bis eines Morgens ohne anderen Anlaß als das ewige » go on «, das Kind sich plötzlich im Bette aufrichtete und mit beiden hysterisch geballten Händen über die Gouvernante herfiel: » Well, now i will do it, i am going on !« Am anderen Tage verließ die Engländerin das Haus, Iduna aber streifte ziellos im nahen Wäldchen umher, mit ausgebreiteten, emporgehobenen Armen, wie um jeden Sonnenstrahl aufzufangen, der sich durch die Zweige stahl. Dann kam die Verliebtheit... ziel- und uferlos. Ein phantasievolles Träumen, zu dem keine wirkliche Gestalt aus dem Leben recht passen wollte. Der längere, freundliche Blick eines Lehrers, der Händedruck eines Gymnasiasten, Bruders einer Schulfreundin, und der Roman war fertig. Ekstatische Anbetung, leidenschaftliche Liebe mit glühender Eifersucht, schlaflose Nächte, Tränen, todestrauriges Sehnen – all die zehrenden Qualen der Leidenschaft – bis zum zweiten oder dritten Wiedersehen. Dann plötzliche Ernüchterung, ja oft mehr als das: beinahe physischer Widerwille. Oft lag es an einem ungeschickt gebundenen Schlips, einem zufälligen schwarzen Rand unter dem Nagel, einem schiefgetretenen Absatz – und sie, die sich wenige Stunden vorher in Gedanken hätte töten lassen für ihren Romanhelden, zitterte nun vor Ekel bei dem Gedanken, ihm die Hand reichen oder ihm Rede und Antwort stehen zu müssen. Und es kam einer, der sie »Dudi« nannte. Nur um weniges älter war er als sie. Von makelloser, durchgeistigter Schönheit, die harmonische Vollendung des Schönen, ohne Gegensätze und schroffe Übergänge. Wie ein weißer Marmor von Sonnenstrahlen durchglüht– die lebendig gewordene Sehnsucht, stand er vor ihr in seiner knabenhaften Weiche und Unreife. Daß er einen Namen hatte wie andere Menschen auch – war ihr ein Wunder. Georg Stauff. Er war ihr zu hart, der Name, und sie nannte ihn Georgy, mit englisch weichem Sing-Sang. Es war eine zarte, subtile Kinderliebe, ein Verweichlichen der Empfindung bis zur Erschlaffung des Willens, ein Kranken der Seele an heißem, unbefriedigtem Zueinanderstreben. Wenn sie – was selten geschah – einander die Hand gaben, so legten sich die beiden Flächen zusammen wie zwei Magnete. Sie mußten mit aller Willensstärke die Hände losreißen, und dann standen sie einander gegenüber, blaß und zitternd, keines Lautes fähig. Lange, lange sprachen sie kein Wort, und das schwüle Schweigen hüllte sie ein und drückte sie nieder, wie gewitterschwere Luft. Die Großen verstanden das nicht, nur daß man sie trennen mußte, war ihnen klar. Und sie wurden getrennt. Rein Wort der Klage kam über ihre Lippen. Der Knabe wurde weit fortgeschickt, in eine andere Stadt, ins Gymnasium. Iduna blieb in ihrer alten Umgebung. In einem großen finsteren Hause war sie aufgewachsen; von außen sah es verwittert aus und innen war es nach provinziellen Begriffen des Komforts eingerichtet. Keine weichen Linien und schillernden Flächen, keine seltenen Formen noch abgetönte Farben, nichts, woran das Auge genießend hängen blieb – alles für den täglichen Gebrauch, praktisch, nüchtern. Nur ein wundervolles: ein Kamin. Ein mächtiger lombardischer Kamin mit weitvorspringendem, pyramidenförmigem Mantel. Im Winter wurden riesengroße Holzscheite darin aufgeschichtet und in Brand gesetzt. Sie stand daneben mit gefalteten Händen und andächtigen Gefühlen. Eine heilige Handlung war es für sie, dieses Feueranmachen. Der alte weißhaarige Knecht, zu dessen Obliegenheiten es gehörte, zu heizen, erschien ihr wie ein Priester. Und wenn dann die Flammen züngelten, die rote Glut sich ausbreitete und stiebende Funken emporprasselten, dann kauerte sie sich zusammen auf dem dünnen Teppich, den Blick in sehnsuchtsvoller Trunkenheit in das Feuermeer getaucht, wie magnetisch angezogen von den ausgreifenden Stichflammen, erschauernd in Angst vor dem geheimnisvollen Zauber des rotglühenden Lichtes. Stundenlang konnte sie so sitzen, ohne Gedanken, ohne Wunsch, wie aufgelöst in erfüllter Sehnsucht – Man gab ihr einen Necknamen: Feueranbeterin. Erst später verstand sie seine Bedeutung, und da begriff sie auch, warum sie eine so schlechte Schülerin in der Katechismusstunde war – Formeln sagten ihr nichts, nur als von den züngelnden Flammen des heiligen Geistes die Rede war, leuchtete es verständnisvoll in ihren Augen auf. Auch Georgy hatte manche Stunde mit ihr vor dem rotglühenden Kaminfeuer gesessen, vielleicht nur, weil er überhaupt gerne mit ihr zusammen war, unbekümmert um den Ort. Aber für sie verband sich die Vorstellung von ihm mit der Vorstellung vom Feuer, und als er fort war – da fand sie ihn wieder in den züngelnden Flammen, den stiebenden Funken, der roten Glut... Und nur das war das Wesentliche ihrer Kinderzeit: das innere, phantastische Leben. Vater, Mutter, Onkel und Cousinen – es waren Scheinwesen für sie. Sie hatte kein Familiengefühl. Kaum wußte sie, wie sie aussahen. Der Vater: der übliche Mann, die Mutter: die übliche Frau, um einen halben Kopf kleiner, um acht Jahre jünger als er. Sie hatte sagen hören, daß ihre Eltern gut zueinander paßten. Es mußte auch wohl so sein – Streit gab es nie. höchstens mal rotgeweinte Augen bei der Mutter – aber so selten! Es wurde guter Tisch geführt im Hause: reiche, gesunde Kost. Ihr wurde oft ganz schlecht, wenn sie die großen Braten auftragen sah. Die schönste Zeit für sie war es, als sie nach einer Krankheit auf einem Sofa vor dem geliebten Kamin liegend, winzige Steaks und zartes Geflügel bekam, dazu goldgelben Wein in schön geschliffenem, feinem Glase... Sie hatte verlangt, daß der weißhaarige Knecht ihr das Essen brächte – man willfahrte dem Wunsche der Rekonvaleszentin, aber als der Knecht ungeschickter Weise einmal das Tablett fallen ließ und das feine, geschliffene Glas in Scherben am Boden lag – da verbat man sich »die unsinnigen Launen«. Der Vater war Ökonom, er bewirtschaftete drei große fürstliche Güter, die Mutter war eine Gelehrtentochter. Sie hatte einen jüngeren Bruder, von dem sie mit furchtsamer Verehrung sprach. Selten geschah das. Aber dann veränderte sich etwas in dem stillen, unbedeutenden Gesicht, ein seltsamer Glanz kam in die wasserblauen Augen, die gefurchte Stirn schien sich zu wölben, und der Wortschatz, sonst so armselig, wurde reicher... Iduna bekam ihn nie zu sehen, nur alle Jahre eine Postkarte, auf der nichts stand, als: »Ich lebe und grüße Euch.« So geheimnisvoll klang das... Ich lebe! Alles, was ein Mensch tat, dachte und fühlte – in dem einen Ausdruck gipfelte es: ich lebe! Sie fing an zu forschen nach ihm, aber der Vater zuckte die Achseln und antwortete: »Kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen.« Die Mutter sagte: »Das verstehst du nicht.« »Dinge«, »das« ... Seltsame Ausdrücke für einen Menschen. Und Iduna starrte in die Flamme des Kamins, als suche sie ihn dort, jenen rätselhaften Mann, der kein Mensch war für sie, nur ein abstrakter Begriff ... Und die Flammen zauberten ihr ein wunderbares, märchenhaftes Leben vor, ein harmonisches Dahingleiten auf mondbeglänzten Bahnen, ohne Erdenstaub, ohne Erdenschmutz ... Auch der Name, das einzige positive, was sie von ihm wußte, gefiel ihr: Julius Delten. Onkel Julius, Georgy – das waren die zwei Kardinalpunkte, um die sich ihr Empfindungsleben drehte. Sie lernte viel – sie lernte, weil sie mußte. Ihre Mutter bestand darauf, ohne Erklärung dafür zu geben – vielleicht bloß, um sich an ihrem Kinde für die eigene geistige Vernachlässigung schadlos zu halten. Lehrer gingen ein und aus: Sprachen wurden gepflegt, auf dem Programm standen neben Literatur und Geschichte – auch höhere Mathematik, Astronomie und Philosophie. Sie erfaßte alles spielend und ließ es gleich wieder fallen. Keine Selbstdisziplin war in ihr, nur ein ewig ungestilltes Verlangen nach traumhaften unerreichbaren Sensationen, stiller Verliebtheit gleich, und dabei immer etwas Flatterndes, Hastendes, eine beständige Unruhe. Auch äußerlich – das zart eckige der Botticellischen Profile mit den dünnen, hochgewölbten Brauen und den hungrigen Augen, die weit aufgerissen nach Nahrung ausspähten – – – Und es kam der Tag, da die Lehrer gingen und sie allein ließen mit ihrem ungestillten Hunger. Ihre Bildung aber galt für vollendet, und die Mutter schwang sich zu einer Phrase auf, wie sie deren selten in ihrem nüchternen Alltagsleben gebraucht: »Äußere Glücksgüter werden wir dir nicht viele hinterlassen, die geistigen Schätze bleiben dir aber für immer unbenommen. Es sind die einzigen, die nicht enttäuschen.« Fast schien es, als hätte die stille, einfache Frau nur diesen Moment abgewartet, um zu sterben: nach drei Tagen war sie eine Leiche – akute Lungenentzündung machte ihrem stillen, grauen Dasein ein Ende. Es war ihr gegangen, wie gewissen niedrig organisierten Insekten, die sterben, wenn sie ihre Eier gelegt, für die Fortpflanzung gesorgt: ihre einzige Bestimmung erfüllt haben. Aber noch ein Vermächtnis hatte sie hinterlassen; einige Stunden vor dem Tode, in einem lichten Augenblick: »Wenn du Hilfe brauchst, wende dich an meinen Bruder Julius.« Es erging Iduna bei diesen Worten wie einem Erben, der über dem Reichtum der Hinterlassenschaft kaum des Sterbenden gedenkt. Die Mutter war noch nicht beerdigt, als sie ihren ersten Brief an ihren Oheim schrieb. Und als sie drei Handvoll Erde auf den Sarg der Mutter niederwarf, da fragte sie sich nur: wird er auch mir bloß schreiben: »ich lebe und grüße dich« oder wird er mehr sagen? Noch stiller und finsterer wurde es im Hause. Zum prasselnden, glutroten Kaminfeuer flüchtete Iduna, wie zum einzigen, was ihr noch Leben, Licht und Wärme gab... Und vor dem Feuer, zusammengekauert wie früher als Kid, saß sie eines Tages und las einen Brief. Kalte, gesunde Gletscherluft wehte aus diesem Briefe, die vornehme Stühle des vornehmen Gedankens. Und es ward ihr zu warm, zum erstenmal zu warm vor dem Feuer. Das leise Knistern und Prasseln dünkte sie ein unerträglich lärmendes Geräusch, die züngelnden Flammen erschienen ihr wie böse Dämone, die ihren Geist verwirrten. Sie lechzte nach dem Aufstieg in freie, kalte Regionen, Sehnsucht packte sie nach dem dünnen, reinen Äther, nach starrem, kühlem Frieden. Und heiße glühende Worte waren es, in denen sie ihrem Sehnen nach Gletscherhöhen Ausdruck gab. Die Liebe zu Georgy kam ihr jetzt unverständlich vor, wie ein Spuk ans Kindertagen – nur durch den Zauber eines mystisch verworrenen zu erklären. Es rang etwas in ihr nach Befreiung, nach Klarheit, und zugleich regte sich in ihr das Gefühl demütiger, tätiger Liebe. Sie mußte anbeten können, es war ihr ein Bedürfnis... sich aufzulösen, ob in verzehrender Glut oder in erstarrender Kälte – gleichviel. Nur aufgehen ohne Rest und emporsteigen ins Unendliche... Dann kam der letzte entscheidende Brief: »Das Klügste für Dich wäre, Du heiratetest. Und da möchte ich Dir einen Rat geben: heirate mich. Es ist besser. Du gehst durch meine, als durch andere Hände. Ich weiß, Deine Ehe wird nur ein Übergangsstadium für Dich sein, ob zum Guten oder Bösen – wer kann es wissen. Jedenfalls wäre sie eine momentan sehr wünschenswerte Begrenzung Deiner geistigen Uferlosigkeit. Einen Romanhelden kann ich aus mir nicht machen. Dazu eigne ich mich weder äußerlich noch innerlich, wie Du aussiehst, kann ich mir beiläufig denken: klein, zart, mit gelblichem Teint. Gesunde Zähne, schöne Hände und Füße sind bei uns Deltens ja erblich. Auf weitere Details kommt es mir nicht an. Dir wohl auch kaum. Aber Dir nur aus dem Grunde, weil Du ja doch niemanden sehen wirst, wie er ist, sondern nur wie Du ihn Dir vorstellst.« II. Eine seltsame Aussprache war es – die erste zwischen Vater und Tochter, wie sie einander gegenüberstanden in dem nüchtern-kahlen Arbeitsraum, zwischen einem Stehpult und einem halb offenen Rassenschrank, da mochte man wohl meinen, der fürstliche Ökonom entlasse eine Untergebene; nun gar, wo er mit ruhiger Gebärde einige blaue Scheine auf den großen, zerkratzten Mitteltisch legte. »Ich danke dir«, sagte Iduna. Der alte Flössel zuckte die Achseln. »Was ist da zu danken. Das bißchen Geld wird dich nicht glücklich machen, und deine hirnverbrannte Idee wird es noch weniger.« »Nicht dafür allein, für alles danke ich dir, für all die stillen Jahre hier und auch daß ich gehen darf, wie andere – mir mein Leben suchen.« »Närrin! Es ist ein Unterschied, ob man zur Palette greift, zum Fiedelbogen, zur Schulmappe – oder zur Ehe. Das erste wirft man fort, wenn's einem nicht mehr paßt, das zweite hält einen fest, bis zum Tode. Bis zum Tode, hörst du?« wiederholte er streng. »Ich nehme kein geschiedenes Frauenzimmer in mein Haus auf, verstanden?« Daran hatte sie noch gar nicht gedacht, daß das möglich war. Aber es war ihr dabei wie eine Erleichterung und ganz leise atmete sie auf. Der Alte mißverstand sie. »Ja, ja, ich weiß schon, in eurem Dusel glaubt ihr alle, die Ehe ist eitel Zuckerbrot, ewige Verliebtheit...« Eine heiße Blutwelle stieg dem Mädchen ins Gesicht. »Nein, Papa, von dem Standpunkte...« Derb legte er ihr die Hand auf die Schulter. »Ach so, von dem Standpunkte nicht? Also geistige Ehe, philosophischer Krimskrams, Seelengemeinschaft, und tagsüber leerer Magen und nachts ein kaltes Bett ... siehst du, Kind, das kenne ich! Aber abgeschafft habe ich das alles, lang hat's nicht gedauert, kannst mir's glauben. Und darum durfte er mir nicht ins Haus, mein Schwager Julius. Nun, freilich, zieht er zu sich hinüber, was er kann.« Schweratmend, in ungewöhnlicher Erregung, stand der Alte da, dann ließ er sich schwer auf die Drehbank vor seinem Pult nieder. Idunas feine Gestalt überflog ein leises Zittern. Das also war's! Jetzt erst verstand sie ihre Mutter, verstand sich selbst in ihrer seltsamen Kindheit und ihrem Sehnen hinaus über die engen Grenzen der derb nüchternen Alltäglichkeit. »Na, komm, Kind...« Der Alte zog sie leise zu sich heran. »Wir wollen im Guten voneinander gehen. Ich hab's der Mutter versprechen müssen, dich deinen Weg ziehen zu lassen, und wenn ich sie zwang mit meinem Willen, dann zeigte sie auf dich und sagte: »Aber ihr laß den Weg frei.« vielleicht hatte sie's damals schon abgekartet mit ihrem Bruder... na, das ist auch egal. Aber eines, Kind: klage nicht, hörst du? Wenn's nicht so ist, wie du dir's gewünscht, dann sage: »mea culpa«. Aber sag dir's im stillen Kämmerlein. Vor der Welt – 'runterschlucken. Wir beide haben auch nie geklagt, wenn's nicht klappen wollte... der große Ausgleich kommt ja doch! Keine Briefe... alle paar Monate eine Depesche, daß ich weiß, ob du lebst... Auch von mir erwarte keine Nachricht. Sollte ich krank werden, wirst du's rechtzeitig erfahren. Daß sich auch in zwanzig Jahren hier nichts verändert, weißt du... und dein Leben, das würde ich doch nicht verstehen...« Wie eine Zentnerlast fiel es ihr von der Seele. Es war ein Gefühl in ihr der absolutesten Freiheit und einem Jubelruf gleich klang ihr: »Leb' wohl, Vater!« Sie eilte in ihr Zimmer, um noch verschiedenes zu ordnen. Ohne Wehmut nahm sie Abschied von dem Raum, in dem sie neunzehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Die kahlen Wände sagten ihr nichts, und die geschmacklosen Nippfiguren, die ihr Freundinnen, Tanten und Cousinen bei verschiedenen Gelegenheiten geschenkt, waren ihr von jeher ein Dorn im Auge gewesen, während sie die Koffer schloß, stieß sie aus Unachtsamkeit eine kleine Pagodenfigur aus billigem Porzellan um, so daß die Scherben klirrten. Das fratzenhafte kleine Köpfchen rollte ihr vor die Füße und schien sie mit der ausgestreckten roten Zunge zu verhöhnen. Dann, eine Stunde später, stieg sie in den Wagen. Ein weicher, grauer Herbstnachmittag war es. Das zahlreiche Hausgesinde stand vollzählig versammelt im Hof, nicht aus Sympathie, mehr aus Respekt vor dem Herrn. Iduna war nicht gerade beliebt. Oft, wenn sie mit den Leuten sprach, blickte sie über deren Köpfe hinweg in die Luft. Man legte es mit Unrecht für Hochmut aus, aber es war nur das Zerstreute, unruhig Hastende ihres Wesens, das täuschte. Daß sie nicht stolz war, sah man jetzt. Einem jeden gab sie die Hand, mit freundlichem Lächeln. Nur daß sie »Lieber« und »Liebe« sagte, weil sie die Namen nicht wußte. Aber das verzieh man ihr großmütig, und alle standen noch lange und blickten dem davonrollenden Gefährt nach. plötzlich, was war's? Der Wagen kehrte um. Sollte das Fräulein was vergessen haben? Man sah sich gegenseitig vorwurfsvoll an und alles lief dem Wagen entgegen. Iduna hatte sich zum offenen Fenster herausgebeugt: »Wo ist Klaas, warum hat mir Klaas nicht Adieu gesagt?« »Klaas, wo ist Klaas«, ging es geschäftig und erstaunt durch die Reihen. Ein Abgesandter wurde ins Haus zurückgeschickt; er kam bald wieder, vom weißhaarigen Heizer gefolgt. »Der Klaas ist genierlich, weil er gerade rußige Hände hat.« Aber herzlich streckte Iduna ihm ihre Rechte entgegen: »Ich wollte dir doch auch noch gerne Adieu sagen, Klaas, vergiß mich nicht, pflege den Kamin ... und überhaupt ... daß es warm bleibt im Hause ... hoffentlich sehe ich dich wieder.« »Danke, gnädiges Fräulein, danke...« Der alte Knecht verzog den zahnlosen Mund zu einem breiten Grinsen, und Iduna wendete sich zum erstenmal bewegt ab. Der Kutscher trieb die Pferde zu doppelter Eile an, die Leute aber blieben noch zusammen und schwatzten voll Verwunderung über des Fräuleins seltsames Benehmen. Zum Schluß sagte die behäbige Wirtschafterin, die seit dem Tode der Frau Flößner das Hauswesen führte: »Gut ist's nicht, daß das Fräulein wieder umgekehrt ist, das bringt Unglück ...« Ein Fenster klirrte im Erdgeschoß. Das harte, verwitterte Gesicht des Ökonomen ward sichtbar. »An die Arbeit, Leute, müßt ihr stundenlang Maulaffen feil halten ...« Ein leiser, feiner Landregen sickerte nieder. Iduna reiste – zum erstenmal in ihrem Leben. Eine große Ernüchterung war es für sie, als sie in dem ausgepolsterten Kasten eingeschlossen saß und nur flaches, graues Land und grauer Himmel an ihrem Coupéfenster vorbeizogen. Dazu das laute Rasseln des Zuges, die schrillen Pfiffe, die feisten Beamten... und auf den größeren Stationen die verschlafenen, verdrückten Gesichter, die nachlässig gekleideten Gestalten – alle denselben hastig unzufriedenen Ausdruck in den Zügen, ein reizloses Jagen und Hasten dem Ziel entgegen... Dann, in ihrem Coupé ein ekler Geruch von gebratenem Geflügel, Pfefferminze und Kölner Wasser, unästhetisch essende Menschen... fettige Papiere, die zum Fenster hinausflogen oder gar unter die Bank geschoben wurden. Sie kauerte sich in ihrem Winkel zusammen und schloß die Augen. Nur nichts hören, nichts sehen von alledem. Endlich kam alles um sie herum zur Ruhe. Der grüne Schirm wurde über die Lampe gezogen und nun war es beinahe ganz dunkel. Jetzt klang etwas Geheimnisvolles in das Lärmen der Maschine hinein, und dies Durchschneiden der nächtlichen Landschaft, dies vorübergleiten an plötzlich gespenstisch aufragenden Formen, deren Umrisse sie nicht einmal erkennen konnte – das alles regte ihre Phantasie zu stetig wechselnden Vorstellungen an. Das war's endlich, das Reisen, ein Reisen, wie sie sich's erträumt hatte, ein drängendes, sehnsuchtsvolles Hinausjagen ins große Unbestimmte, in einen neuen Tag, in ein neues, fremdes Jeben, in ein neues, großes Glück. Und sie lächelte mit weitgeöffneten, glänzenden Augen vor sich hin, wie Kinder im Schlaf lächeln, wenn ein Traum ihnen liebliche Bilder vorgaukelt... Doch als es zu tagen anfing, zerrannen die Bilder, und nur ein Gefühl blieb bedrückend zurück: das Gefühl einer unaussprechlich großen Angst vor dem Wagnis, das sie unternommen. Um acht Uhr morgens sollte der Zug in Berlin einlaufen. Sie schlang das weißseidene Tüchlein um den Hals, das als Erkennungszeichen dienen sollte. dann stapelte sie ihr Handgepäck ordentlich neben sich auf, faltete die Hände im Schoß und – wartete, wartete ganz brav und fromm, wie ein wohlerzogenes Kind vor der Bescherung. Nur einmal flog noch ein Lächeln über ihre Lippen, als sie an ihre Sehnsucht dachte... War es wirklich schon vergangenes? Sie wünschte sich plötzlich weit zurück... zurück ins Unbestimmte, Ungewisse, das so Zauberhaftes für sie in sich geborgen ... Nun hielt der Zug. Ein Gepäckträger nahm ihre Sachen, sie selbst stieg zaudernd aus, um sich spähend voll tödlicher Bangigkeit. Eine Hand streckte sich ihr entgegen, eine hagere, lange, weiße Hand: »Da bist du, Kind... ich grüße dich.« »Julius ... Onkel Julius ...« Sie stand zitternd vor dem schmalen, hageren Mann, dessen blasses Gesicht von einem kurzen, bläulich schwarzen Bart eingerahmt war. Keiner von ihnen sagte mehr ein Wort. Einige Augenblicke später saßen sie nebeneinander in der unförmigen Droschke. »Du hast viel Gepäck mit«, sagte er endlich. Sie schrak zusammen. Entschuldigend fragte sie: »Findest du?« Er sann eine weile nach. »Besser ist's immer, nichts Altes in ein neues Leben mitzuschleppen.« Schüchtern, beinahe undeutlich, murmelte sie: »So neu dachte ich mir's nicht, mehr eine Fortsetzung –« »Deiner Träume?« ergänzte er fragend. Und da sie nicht antwortete, schüttelte er langsam den Kopf. »Nein, Kind, so war's nicht gemeint von mir. Denken sollst du lernen, nicht träumen!« Sie schauerte leicht zusammen, als hätte sie ein leiser Hauch von Gletscherluft gestreift. Kaum merkliches Lächeln huschte über seine schmalen, blassen Lippen. »Ich habe in meiner unmittelbaren Nähe ein Zimmer für dich gemietet. Unsere gemeinsame Wohnung einzurichten, überlasse ich dir, klüger wär's freilich, wir nähmen für's erste möblierte Zimmer... Denn was du jetzt willst, weißt du noch nicht...« »Aber was du willst...« »Das habe ich, und das bleibt unverändert.« »Wie glücklich bist du – –« »Das kommt auch noch bei dir, Kind, bedenke, ich bin mehr als doppelt so alt wie du! In der Jugend ist man nicht glücklich.« »Aber du versprichst mir ... ich werde es sein?... Ja?!« Herausfordernd, angstvoll klang diese Frage. Er sah sie an mit seinen tiefliegenden, dunklen Augen: »Du verlangst viel von mir, Kind, und doch will ich dir's geben, das versprechen. Nur freilich mußt du nicht glauben, daß das Glück für dich von da kommt, von wo du es erwartest. Denn du erwartest es heute von dem, übers Jahr von jenem, heute von rechts, morgen von links. So läßt sich das Glück nicht einfangen. Still muß man werden, ganz still... Nicht rechts noch links ausblicken, sondern in sich hineinsehen, in das Wesen der Dinge dringen ... dann kommt es, das Glück. Auf leisen Sohlen ... es ist die Ruhe, die Erkenntnis...« »Das verstehe ich nicht ganz...« »Wie solltest du auch? Aber ich will dich's lehren – nur folgen mußt du mir. Nicht müde werden und stehen bleiben. Immer vorwärts!« Sie zuckte zusammen und schlug die Augen wie in plötzlichem Schreck zu ihm empor. Vorwärts! ... Sie hörte das go on aus ihren Kindertagen wieder, die Hetzpeitsche sauste an ihrem Ohr vorbei, und kalt wurde ihr auf einmal, so kalt, wie an den frühen, nebligen Morgen, wenn ihr die weiche, warme Decke erbarmungslos herabgezogen wurde... Die Droschke stand. »Da sind wir«, sagte Delten. Er führte sie die mit dünnem Teppich belegte Stiege hinauf bis in den zweiten Stock. Auf dem Flur stand eine freundliche, noch junge Frau: »Nur herein, die Herrschaften, das Zimmer ist in schönster Ordnung, ein paar Blumenstöcke hab' ich auf den Tisch gestellt, damit's netter aussieht, und das Fräulein nicht Heimweh kriegt nach dem Garten zu Hause.« Es war ein viereckiger, heller Raum, nüchtern und unpersönlich, wie es alle zum Vermieten bestimmte Zimmer sind. Eine rote Ripsgarnitur, ein schmales Bett, ein unverhältnismäßig großer Schreibtisch, ein paar Öldrucke an den Wänden und eine, offenbar nach einer Photographie, steif und hölzern ausgeführte Zeichnung eines jungen Männerkopfes. Die Wirtin fing Idunas Blick auf, der länger auf dem Bild haften geblieben war. »Das ist ein Student, der bei uns gewohnt hat, im dritten Semester war er, Mediziner ... Meinen Mann hat er brav pflegen helfen, als er so krank war, da haben wir ihm aus Dankbarkeit das Bild machen lassen nach einer Photographie – er hat's nicht mitgenommen, wird ihm wohl nicht gefallen haben, was Besseres wußten wir aber nicht, und zehn Mark hat es gekostet...« Sie stellte also sprechend das Gepäck recht handlich zum Auspacken hin und nickte dann freundlich: »Die Herrschaften entschuldigen wohl, ich muß mal nach der Küche. Das Frühstück bringe ich gleich, werden gewiß hungrig sein! ...« Iduna trat ans Fenster. »Wie weit der Ausblick von hier ist, wir sind am äußersten Ende der Stadt –« »Und doch mit der Straßenbahn in einer Viertelstunde mitten im pulsierenden Leben!« Lebhaft und erleichtert atmete sie auf. Er lächelte: »Ich war schon lange nicht draußen. Heute, um dich an der Bahn abzuholen, seit Monaten zum erstenmal wieder. Und jetzt werde ich öfters wieder hinaustreten in den Lärm, um dir zu zeigen, was ich kenne. Später wird es dir so ergehen wie mir ... Mit den letzten Häusern bin ich gezogen, bis ich endlich, der ewigen Flucht müde, hier mein Heim aufschlug... siehst du – dort drüben das Haus, mit dem Garten ringsherum, der geschwärzten Mauer und den mittelalterlichen schmalen Bogenfenstern.« »Wie eine Burg sieht es aus.« »Ja... da wohne ich. Ein verrückter Bildhauer hat sich das Haus gebaut. Unten ist's Atelier, vielleicht war es Weltflucht, vielleicht auch nur Terrainspekulation – sobald aber kommt niemand in die Nähe. » Anima Sola « hat er seine Villa genannt ... schade! Denn nun bleiben die Leute stehen und gaffen die in Stein gehauene Inschrift an. Es können die wenigsten allein sein, ohne nicht auch zugleich der Welt zuzurufen: »Seht, ich bin allein.« »Aber schön ist's doch: anima sola ...« Ihr Blick verlor sich traumverloren ins nebelhafte Grau, das sich über die kurzgemähte, feuchtbraune Wiese erhob, die durch niedere Holzzäune in Bauterrains parzelliert war. Er aber zog sie bei der Hand wieder in die Tiefe des Zimmers zurück. »Nun laß dich einmal ansehen, Kind.« Er löste mit geschickten Händen den Schleier und nahm ihr den Hut ab. Väterlich ruhte seine Hand einen Augenblick auf ihrem noch wirren Haar, aber wie er sich niederbeugte, um sie auf die Stirne zu küssen, da schrak sie zusammen, wand sich los in jäher Bewegung und starrte ihn an mit großen, entsetzten Augen. »Ich dachte, du wolltest meine Frau werden«, sagte er einfach, aber er versuchte nicht nochmals, sie an sich zu ziehen. »Ich lasse dich jetzt mit deiner Wirtin allein, packe aus, mach' dir's bequem. Frau Busse ist ein braver, tüchtiger Mensch. Gegen Abend hole ich dich ab. Wir essen dann irgendwo, ist dir's recht?« Er nickte ihr zu und ging aus dem Zimmer, ohne ihr die Hand zu reichen. Mechanisch trat sie wieder ans Fenster. Ein Sturm hatte sich erhoben, und der Regen prasselte in großen, schweren Tropfen gegen die Fensterscheiben. Sie sah, wie Delten aus dem Hause trat, den weichen, schwarzen Kalabreser tief in die Stirn gedrückt, jetzt spannte er den Regenschirm auf und stemmte ihn gegen den Wind. Seine hagere, schmale Gestalt war vornübergebeugt, seine bleichen, knochigen Hände hielten krampfhaft den Schirm, der von der Kraft des Windes hin und hergeschleudert wurde. Nun blieb er stehen, klappte den Schirm zusammen, steckte ihn unter die Achsel, versenkte beide Hände in die Manteltaschen und schritt weiter, ohne sich zu eilen ... Der Regen floß in langen Fäden über die Krempe seines Hutes und rieselte ihm in den Nacken. – – III. Die anfängliche Scheu vor Delten hatte Iduna bald abgelegt, statt ihrer hatte sich eine seltsame Willensabhängigkeit von ihm eingestellt. Erst achtete sie dessen nicht, freudig beugte sie sich ihm – es war wie ein geistiges Ausruhen. Oft schien ihr, als würde ihre Seele behutsam von ihm getragen, so daß sie selbst sich nicht um sie zu kümmern brauchte. Es war eine rührende Vorsorglichkeit in ihm, einem beinahe frauenhaft weichen Verwöhnen gleich. Jeden Morgen kam er herüber, mit einem Buch, ab und zu einer Zeitung. »Lies nur, was ich angestrichen habe«, sagte er. »Das übrige ist wertlos für dich und unnützer Ballast.« Und sie las nur die von ihm angestrichenen Stellen. Mittags aßen sie zusammen in irgendeinem kleinen Restaurant. Das machte ihr die meiste Freude. Er bediente sie dann, sah ihr lächelnd zu, wenn sie mit kindlicher Neugierde die aufgetragenen Speisen musterte und dann, kaum merklich die Nase rümpfend, den zweifelhaft feinen Duft einatmete. »Du bist bessere Kost gewöhnt«, sagte er einmal. »Ja«, antwortete sie ehrlich. Sie meinte, er würde sie von nun ab in ein feineres Lokal führen – doch tat er es nicht. Nach wenigen Tagen gewöhnte sie sich an das Essen, kaum achtete sie noch darauf, was ihr vorgelegt wurde – denn es gab so vieles zu besprechen! Und mehr noch zu hören, als zu besprechen. Delten sprach viel und immer interessant; für sie allein, wie wenn er vor einem Kreise Hörer in der Universität Vorträge hielte. Es schmeichelte ihr, und sie staunte über seine Gelehrsamkeit und seine Rednergabe. Einen Widerspruch wagte sie niemals, sie hatte ja gar nicht die Möglichkeit, sich eine gegenteilige Meinung zu bilden, denn das, was sie zu lesen bekam, war im selben Geiste geschrieben. Aber dann war auch etwas in ihm, was eine Gleichberechtigung ausschloß. Er war der Bildner, sie – der Ton, den er nach freiem Willen knetete. Und in ihrer Seele erstand ein sklavisches Gefühl der Abhängigkeit. Sie glaubte, es wäre Liebe. Eines Morgens kam er nicht wie sonst. Den Abend vorher hatte er noch blasser ausgesehen als gewöhnlich und hatte ein paarmal nach dem Kopf gegriffen, als empfände er einen stechenden Schmerz. Auf ihr ängstliches Befragen hatte er sie kurz beruhigt. Aber nun, da es schon zwölf war, und er noch immer nicht kam, wurde sie ernstlich unruhig. Aber nicht bloß Unruhe war es, sondern das Bedürfnis, mit ihm zusammen zu sein, wie wenn ein Räderwerk in ihr abgelaufen war, so tot sah es in ihr aus. Es mußte wieder aufgezogen werden das Räderwerk, ihre Gedanken mußten weiterkreisen, ihre Seele mußte neuen Stoff haben ... Draußen lag dichter Nebel, kaum daß der Giebel der Villa drüben sichtbar war. Wie seltsam, daß er sie nie aufgefordert hatte, zu ihm zu kommen, nie den Wunsch ausgesprochen, ihr sein Heim zu zeigen. Sie war zu feinfühlend gewesen, ihn darum zu bitten. Aber jetzt meinte sie das Recht zu haben, den Fuß über seine Schwelle zu setzen. Das Recht? – Nein, diesen Ausdruck gebrauchte sie nicht einmal in Gedanken, aber die Pflicht hatte sie ... Ganz laut sagte sie es sich, im Grunde aber gehorchte sie nur einem Gebot innerer Notwendigkeit. Mit eiskalten, zitternden Händen setzte sie den Hut auf, warf den Mantel um und schlich sich heimlich aus dem Zimmer. Der Nebel draußen benahm ihr den Atem. Da über die Wiesengründe kein erlaubter Weg hinüberführte, mußte sie einen ziemlich großen Umweg machen, zwei provisorisch gepflasterte Straßen durchqueren und schließlich in eine Art von Allee einbiegen, in deren Beginn sich der schmale, burgähnliche Bau erhob. Die Gartentür stand offen. Durch die kleingitterigen Scheiben des großen Atelierfensters sah sie Umrisse von weißen hohen Figuren, abgehauene Blöcke und gegen das Fenster angelehnte Reliefs. Ein paar Stufen führten zur Eingangstür. Diese war nur angelehnt, und Iduna trat ein in den kleinen Flur. Die Ateliertür war halb offen und ließ eine breite Stelle nebelgrauen Lichtes hereinfluten. Zwei Kinder in grauen Kittelchen, ein Junge und ein Mädchen, spielten zwischen den Blöcken und Figuren mit Gipsabfällen. Die Kleine war höchstens vier Jahr alt, zart wie ein Hauch, mit großen, dunklen Augen; der Junge, etwa zehnjährig, war kräftig, braun, gesund, mit einem jetzt schon unverkennbar energischen Zug um den Mund. Als er Iduna erblickte, sagte er barsch: »Wenn Sie Papa wollen – er ist oben beim schwarzen Doktor.« »Und Mama ist fort«, ergänzte die Kleine. Weiter kümmerten sich die Kinder nicht mehr um sie, aber Iduna blieb wie gebannt stehen. »Ist euch nicht kalt, Kinder, hier im Atelier?« fragte sie. »Nee. Wenn uns kalt ist, schlagen wir eine Figur kaput«, antwortete der Junge. »Ja ... Papa hat's erlaubt ... und ich schlage alle Nasen ab«, sagte die Kleine. »Wollen Sie zusehen?« fragte der Junge. Angstvoll hob Iduna beide Hände. »Das werdet ihr doch nicht tun, Kinder, die schönen Figuren ...« »Taugen nichts«, rief der Junge. »Taugen nichts«, klang es wie ein Echo von den Lippen des kleinen Mädchens. Der Knabe schlug mit dem Mörtel die Hand einer Grazie ab, und das kleine Mädchen klammerte sich an ihn und zeterte: »Aufheben, Otto, aufheben ... ich will die Nase.« Iduna stürzte die Treppe hinauf. Auf der letzten Stufe stieß sie mit einem Mann zusammen. Er war noch jung, sah aber vergrämt und verwüstet aus. Ein feiner, blonder Kopf, auf einer feinen, schlanken Gestalt. Nachlässig gekleidet, ohne Kragen, bloß ein rotes Seidentuch um den Hals. Verängstigt und verstört blickten seine großen Augen umher, Augen, wie sie das kleine Mädchen hatte. Und Iduna wußte gleich, daß es der Vater war. »Ihre Kinder, Herr, zerstören unten die Statuen, eilen Sie ...« »So, tun sie das?« Ein zerstreutes Lächeln flog über seine Lippen. »Eilen Sie, sonst kommen Sie zu spät«, drängte Iduna. »Nein, nein ... es ist gut so ... nur zusammenschlagen alles ... es taugt ja doch nichts ... Nur nicht Altes mit hineinschleppen in ein neues Leben ...« Iduna zuckte zusammen und faßte nach der Rampe, wie Halt suchend. »wie sagten Sie eben?« ... Sie war bleich geworden bis an die Lippen, der Bildhauer aber nickte vor sich hin. »Gehen Sie nur hinauf zu ihm, er wird's Ihnen erklären. So mühselig habe ich mich herumgeschleppt das ganze Leben, mit dem bißchen Können und der großen Sehnsucht, nun wird mir erst frei zumute ... Hören Sie?« Ein lautes Gepolter, in das sich ausgelassener Kinderjubel mischte, drang die Treppe hinauf. Ohne mehr ein Wort zu wechseln, gingen sie aneinander vorüber. Ganz langsam stieg der Bildhauer hinab, als bange ihm doch vor dem Anblick da unten. Am ganzen Körper zitternd, schwer atmend, klopfte Iduna an eine Tür, auf der eine Visitenkarte angenagelt war: Julius Delten, Dr. phil. Delten öffnete ihr. Statt eines Hausrockes hatte er einen langen abgetragenen Überzieher an. In der einen Hand hielt er einige Späne Holz – offenbar war er im Begriff gewesen, einzuheizen. Als er Iduna gewahrte, flog etwas wie Mißmut über sein Gesicht. »Geduldig sein hast du nicht gelernt«, sagte er, ohne Miene zu machen, sie hereinzulassen. »Ich wartete und wartete ... länger hielt ich's nicht aus, ich dachte, du seiest krank. Aber jetzt weiß ich, du bist aufgehalten worden. Ich traf ihn auf der Treppe, den Armen ...« Unendliches Mitleid brach aus ihren Augen. Delten zuckte die Achsel. »Man wird öfter als einem lieb ist von einem Narren im Leben aufgehalten«, murmelte er. »Willst du mich hier draußen stehen lassen?« fragte sie. »Komm herein, da du ja nun einmal hier bist«, kam es zögernd von seinen Lippen. Er ließ sie an sich vorbei. »Die Tür geradeaus, bitte.« Das Herz klopfte ihr, als sie die Hand auf die Klinke legte, wie wenn sie vor der Offenbarung von Deltens innerstem Sein stünde. Mit einem leisen Schauergefühl übertrat sie die Schwelle. Es war ein großes, aber niederes Zimmer, das durch zwei spitzbogenförmige Fenster erhellt war. Zwischen ihnen stand ein Tisch von riesiger Dimension, kein eigentlicher Schreibtisch, der aber doch als solcher benutzt wurde. Ein schmales, hartes Ruhebett war in eine Ecke geschoben, ein paar geflochtene Rohrstühle standen herum, bedeckt mit halbgeöffneten Büchern, beschriebenen Manuskriptblättern und Zeichnungen; um die Wände herum bis zur halben Höhe liefen Regale, auf denen große und kleine Folianten in keineswegs geordneter Reihe aufgestapelt waren. Die Einbände waren abgegriffen, und aus der Art, wie die Bücher lagen, sah man, daß sie oft gebraucht wurden. Kein Teppich über dem gestrichenen Boden, nur unter dem großen Tisch, vor dem eingedrückten Ledersessel ein kleines, ganz abgenutztes graues Fell. Über Eck ein schmaler weißer Kachelofen, dessen Türchen offen standen. »Setz dich in den Ledersessel, Kind, unterdessen kleide ich mich im Nebenzimmer um, aber, bitte, rühr hier nichts an.« »Darf ich nur die Ofentür zumachen? dies schwarze, gähnende Loch ...« »Gerade wollte ich einheizen, als du kamst.« »Warum ... warum tust du das selbst?« »Erstens, weil ich nicht gerne von anderen abhängig bin, zweitens, weil ich es nicht liebe, wenn Fremde in mein Zimmer treten – geschäfts- und gewohnheitsmäßig. Jede Gewohnheit, die einen anderen Menschen an uns bindet, fesselt gleichzeitig auch uns. Leben aber, wie ich das Wort – leben verstehe, heißt frei sein.« Idunas Hände griffen krampfhaft unter ihrem halblangen Cape ineinander. »Wenn das wirklich so ist, wie kannst du dich entschließen, zu heiraten?« fragte sie langsam. Er fuhr ihr mit den Fingern leicht über die Wange. »Erklärte ich dir's jetzt, du würdest es nicht verstehen. Und im übrigen, Iduna, merke dir: noch bist du frei. Jeden Augenblick kannst du zurücktreten. Ich will in keiner Weise einen Zwang auf dich ausüben.« Sie prallte zurück. »Das heißt, du gibst mich frei; einer Fessel willst du dich entledigen, sag'? ...« Eine entsetzliche Angst vor leerem, gähnendem Nichts erfüllte sie. Sie fühlte die Leine nicht mehr, an der sie bis jetzt von ihm geführt worden war, nun wußte sie nicht, wohin sich wenden, sie fürchtete, in einen Abgrund zu fallen. »Julius quäle mich nicht, voll gläubigen Vertrauens bin ich zu dir gekommen, um zu lernen von dir, und nun stößest du mich von dir ...« Er schüttelte den Kopf. »Armes Ding, du willst gezwungen werden! Und ich soll die Verantwortung dafür übernehmen ... Nur eines ist mir bisher gelungen – Furcht in dir zu erwecken vor dem Uferlosen, und nun soll ich dich gängeln, soll dich gewaltsam festhalten ...« Er schwieg eine Weile, dann trat er nahe an Iduna heran und legte ihr beide Hände auf die Schultern. »Bist du nicht hergekommen zu mir, weil dich die Sehnsucht trieb?« »Ja«, hauchte sie leise. »Ist's Liebe, Iduna?« Sie schwieg. »Sag', ist's Liebe?« »Ich weiß nicht ...« »Und ich sage dir: nein, es ist nicht Liebe, und die Sehnsucht, die dich zu mir getrieben, sie wird dich von mir forttreiben.« Heftig schüttelte sie den Kopf. »Nie, nie. Denn bei dir finde ich Ruhe.« »Noch bist du zu jung zu stiller Ruhe. Es wird dich hinziehen zu Kampf, zu Schmerz, und die erträumte Ruhe ...« »Horch!« ... Iduna preßte sich an Delten. Von unten dröhnte es herauf in dumpf dröhnenden Schlägen, wie ein Ächzen klang es manchmal, wie röchelndes Stöhnen, und dann wieder hallten die Schläge in tollem Aufeinander, daß das Haus erzitterte und die Fensterscheiben klirrten. »Ruhe, Kind, Ruhe...« Er legte den Arm um sie und drückte ihre Wange an seine Brust. »Da ist auch einer, der lernen will ...« »Was hast du ihm gesagt vorhin, Julius?« fragte Iduna angstvoll. »Was ich dir sagte, als du ankamst: nichts Altes in ein neues Leben schleppen. Aber ich meinte nicht seine großen Zuckerpuppen damit. Ob sie geschaffen sind oder nicht – das ist so nebensächlich, und ob er sie vernichtet oder Neues schafft, das alles ist von so geringer Bedeutung. Aber Symboliker sind sie eben alle, die Menschen. Hörst du, Iduna, wie er wütet? Gegen sich wütet er in ohnmächtigem Zorn, sich mordet er in jeder Figur, die unter seinen Schlägen zusammenbricht.« »Aber warum, Julius? warum? Er kam doch zu dir, Hilfe suchend, nicht wahr?« Ungeduldig schob Delten sie von sich. »Bin ich der Heiland, der da zum Lahmen sagt: erhebe dich und gehe? Vor Jahren hatte er ein bißchen Talent und bildete sich ein, es sei Genie. Vor Jahren vernarrte er sich in ein leichtsinniges Modell, und glaubte, es sei ein treues, reines Weib. Die Frau schenkte ihm zwei Kinder, seine Zuckerpuppen aber lachte sie aus, weil sie vielleicht mehr von der Kunst verstand als er, und auch ihn selbst lachte sie aus, und zuletzt verließ sie ihn und die Kinder. Kann ich ihm Genie geben, kann ich ihm seine Frau wieder zuführen? Soll ich ihn mit schalen, abgestandenen Redensarten trösten? Soll ich ihm zurufen: ›bilde neue Zuckerpuppen, kette dich an eine neue Larve!‹ Soll ich Baldriantropfen abzählen, wie für ein hysterisches Frauenzimmer? Nein, erst einmal weg mit all dem Überflüssigen, Zufälligen – – –« »Und dann?« »Dann hat er Menschen zu bilden, die höchste Aufgabe, die einem Menschen beschieden sein kann.« »Aber er selbst, Julius? Er selbst?« Delten näherte sich wieder Iduna und nahm ihre Hand in die seinen. »Er selbst ... wir selbst ... nichts sind wir, nur ein Bindestrich zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jedes Leiden ist Selbstüberschätzung ...« Der Nebel hatte sich aufgehellt, ein blasser Sonnenstrahl drang durch das Fenster, ohne zu wärmen; noch kälter und unansehnlicher erschien das Zimmer in seiner Dürftigkeit, noch durchsichtiger und bleicher das hagere Gesicht Deltens mit dem strengen, asketischen Zug um den Mund. Und wieder beugte er sich zu ihr herab: »Noch einmal frage ich dich, Iduna, willst du mein Weib werden nach alldem? Ich bin nicht jung mehr, ich werde mich nicht ändern, wie du jetzt wohl meinst!« Iduna errötete, als hätte er sie auf einer strafbaren Handlung ertappt. »Ja, ich will dein Weib werden«, sagte sie fest ... »Und wirst mich verlassen, wie jene dort unten ihren Mann verlassen hat ...« Idunas Herz krampfte sich zusammen in unendlichem Mitleid. Mit beiden Armen umschlang sie Deltens Hals. »Nie, Julius, niemals ...« Sie liebkoste ihn zum erstenmal, beugte seinen Kopf zu sich herab, küßte ihn auf die Augen, auf die Stirn, preßte ihren Mund an seine Lippen, in jäh erwachtem Liebes- und Zärtlichkeitsbedürfnis. Mehr Nachgiebigkeit war in ihm, als leidenschaftliches Erwidern, doch hielt er sie in seinem Arm. »Dudi«, sagte er leise. Sie zuckte zusammen und blickte ihn an, erschreckt und freudig zugleich, dann barg sie den Kopf an seiner Brust. »Ich bin so glücklich, Julius! ... Und du?« Er antwortete nicht. Wie ein Priester sah er aus in seinem langen, doppelreihigen Überzieher, der bis an den Hals zugeknöpft war und nur einen schmalen Streifen des Kragens sichtbar ließ ... wie ein Priester, so streng, in sich abgeschlossen und unnahbar. Als sie bald darauf hinunter gingen, war es still im Hause. Die Ateliertür war zugeschlagen. Und noch unheimlicher schien Iduna diese Stille. Doch plötzlich klang es heraus, wie von leisem unterdrücktem Schluchzen eines Mannes. Iduna preßte die Hände gegen die Brust: »Julius, geh' hinein zu ihm«, flehte sie. Schon machte er einen Schritt der Tür zu, dann wendete er sich wieder unwillig ab. »Ich kann nicht helfen«, sagte er kurz und hart. »Du willst nicht«, kam es in grollendem Vorwurf von ihren Lippen. »Nehmen wir an. Komm, Iduna.« Er öffnete die Flurtür. Im Garten vor dem Hause spielten die Kinder. Iduna stürzte auf das kleine Mädchen zu, hob es in die Luft und bedeckte ihr rotgefrorenes Gesichtchen mit Küssen. »Geht zum Vater, Kinder«, gebot Delten. »Vater hat uns eben 'rausgeschickt«, antwortete der Junge, trotzig aufblickend. »Vater hat mit uns Kaputmachen gespielt – und dann hat er gesagt: ›geht weg‹, und jetzt wollen wir hier spielen. Laß mich doch los ...« Das kleine Mädchen entwand sich Idunas Armen. »Komm, Otto, wir wollen laufen ...« Die Kinder jagten davon. »Gehen wir, hier ist nichts mehr zu machen«, sagte Delten. Klirrend fiel die eiserne Gittertür hinter ihnen ins Schloß. IV. Delten kam nun wieder nach wie vor jeden Morgen zu Iduna hinüber. Sie selbst wagte es nicht mehr, ihn aufzusuchen. Mit abergläubischer Scheu schweiften ihre Blicke hinüber zur Villa mit der geschwärzten Mauer. Manchmal sah sie kleine Gestalten am Gartenzaun entlang huschen, den Bildhauer selbst konnte sie nie erspähen. Und Delten wagte sie nicht mehr nach ihm zu fragen; sie fürchtete sich vor seiner kalten abweisenden Art, und sie wollte auch nicht in Konflikt geraten mit sich selbst. Jeder Zwiespalt regte sie maßlos auf. Sie fing an, sich zu kontrollieren, bewußter zu leben. Wenn sie sich auf phantastischen Träumereien ertappte, sagte sie sich: »Bald bin ich verheiratet, und dann ist alles anders.« Aber auch ihre Ehe stellte sie sich so seltsam vor, wie ein mystisches Aufgehen ineinander, etwas ganz Unirdisches. Manchmal träumte sie, sie wäre schon verheiratet und lustwandle in einem großen Garten; rechts von ihr ging ihr Mann in dem langen Überzieher, wie sie ihn damals bei ihm zu Hause gesehen, links ein Jüngling in weißer Toga, wie ein Römer, und das war ihr Sohn. Aber Delten nannte ihn: unser Gedanke. Und dann beugten sie sich beide vor dem Jüngling. Der aber breitete die Arme aus und rief: »Ich habe mich so nach dir gesehnt, Dudi ...« Und wie sie näher hinsah, war es Georgy! Und sie warf sich an seine Brust und rief: »Nimm mich fort, nimm mich fort von hier, ich erfriere.« Der Traum wiederholte sich öfters, und dann mußte sie tagsüber viel an Georgy denken: wie weich er zu ihr gewesen, wie still sie beide stundenlang vor dem Kaminfeuer gesessen mit verschlungenen Händen. Sie stellte sich die reine weiche Linie seines Profils vor, die tiefblauen Augen unter den schmalen, feinen Brauen, und wenn dann die Tür aufging und Delten eintrat – so bleich und herb und dunkel, dann starrte sie ihn an wie eine fremde Erscheinung, und es regte sich etwas Feindseliges in ihr gegen ihn. Ging er dann fort nach einer Stunde oder zwei, dann ward ihr die Trennung wieder schwer. »Gegen Abend kommst du wieder, nicht wahr?« fragte sie. »Jawohl ...« »Noch früher, bitte, ja? Oder nein, geh lieber gar nicht fort, wir wollen zusammenbleiben, heute, ja?« Sie bat so inständig, daß er meist einwilligte. Dann war sie ganz glücklich, zutunlich wie ein Kind. Sie küßte ihm die Hand, legte den Kopf an seine Wange und fragte: »Hast du mich lieb?« Aber wenn er am nächsten Morgen wiederkam, da hatte sie wieder etwas in sich zu besiegen – war es Furcht oder Mißfallen – sie wußte es nicht recht. Auch kam es ihr überhaupt nicht klar zum Bewußtsein, nur daß sie litt, wußte sie. Bei jeder Trennung, die ihr so schwer ward, fürchtete sie sich vor dem Wiedersehen. »Wir wollen nun endlich ganz zusammenbleiben, nicht das ewige Auseinandergehen«, sagte sie einmal. »Es hängt von dir ab, Iduna.« »In vierzehn Tagen, willst du?« »Gut, in vierzehn Tagen.« Nun kam gesündere Natürlichkeit in ihre Beziehungen. Schon des Morgens zogen sie aus, Wohnung suchen. »Die möblierten Zimmer schlag dir nur aus dem Sinn«, sagte sie lachend. »Ich will mein Nest haben, ein richtiges, schönes Zimmer für mich, und ein Dienstmädchen, das lauter gute Dinge kochen soll. Und wir werden ganz allein bei Tisch sitzen, und niemand wird herumlungern und uns die greuliche Speisekarte zuschieben. Und du brauchst dir deine Hände nicht zu verderben mit dem Heizen. Aber eines sage ich dir gleich: Schlafrock und Pantoffeln darfst du nicht tragen, und mich wirst du auch nie in Papillotten zu sehen bekommen, die brauche ich nicht, alles Natur bei mir. Wirst sehen – die schönen langen Haare, die ich habe!« Eva regte sich in ihr. Und das gab ihr einen besonderen Liebreiz. Lange konnte sie sich für keine Wohnung entschließen. Sie verlangte immer etwas Apartes. Das banale Berliner Zimmer mit dem begrenzten Ausblick in den Hof, die gegenüberliegenden Fenster, an denen die Mägde schnatternd und geschirrklappernd standen, waren ihr ein Greuel. Endlich fand sie in einem Eckhause, was sie suchte: helle, ineinandergehende Zimmer, mit lichten, einfarbigen Tapeten und schmalen Goldleisten an den hellgestrichenen Türen. »Das größte Zimmer bekommst du, Julius, da haben doch deine vielen Bücher Platz, nicht wahr?« »Es ist lieb von dir, Kind, daß du vor allem an mich denkst, ich danke dir. Aber die Bücher bleiben fürs erste da, wo sie sind.« Sie sah ihn an mit großen erstaunten Augen. »Du behältst die Wohnung dort?« »Ja, Kind. Dringe nicht weiter in mich. Was ich tue, tue ich nicht ohne reifliche Überlegung. Verlange keine Erklärung, aber meinen Entschluß ändere ich fürs erste nicht. Später, viel später wirst du mich auch darin verstehen.« Sie schmiegte sich an ihn, schüchtern und zaghaft. »Hast du nicht soviel Geld, wie ich, Julius?« »Vorläufig wohl eben soviel, Kind, da mein Vater sein Vermögen mir und deiner Mutter zu gleichen Teilen vermacht hat, und du die Erbschaft deiner Mutter angetreten hast. Einen Zuschuß von seiten deines Vaters müßtest du freilich, so lange du mit mir lebst, zurückweisen. Suche also nicht in materiellen Gründen die Lösung dessen, was dir nicht immer ein Rätsel bleiben wird.« Da war es wieder, jenes Fremde, Geheimnisvolle, was sie sich nicht erklären konnte. Wie ein leises Zurückziehen von seiner Seite, da sie ihn gerade festzuhalten glaubte. Ein schweres, drückendes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Er aber suchte sie durch ungewohnte Heiterkeit aufzuhellen, bestimmte sie, die Wohnung zu nehmen, und da es mittlerweile Abend geworden war, führte er sie in eine feine Weinstube, bestellte eine Flasche Sekt zum Abendbrot und stieß mit ihr an. Nun wurde sie wieder vergnügt und gesprächig. Der Champagner stieg ihr leicht zu Kopf, und sie lachte und scherzte, ohne zu merken, daß er kaum von seinem Glase nippte. »Du hast mir noch nie gesagt, daß du mich hübsch findest«, flüsterte sie und sah ihn mit blitzenden Augen an. »Du wirst hübsch werden«, erwiderte er lächelnd. »Als Frau, nicht wahr? Warum wird man oft hübscher als Frau, sag'? Ist's die Liebe, sag'?« Sie drang in ihn wie ein neugieriges Kind. »Warum machst du mir nicht den Hof, Julius? Nie hast du mir eine Blume gebracht oder feine Bonbons ... Ich nasche so gerne, und liebe den Duft der Blumen, besonders wenn sie zu welken anfangen. So was Süßes, Schmerzliches ist in diesem Duft ...« »Wenn du sonst keine Wünsche hast! Heute noch sollst du eine welke Rose von mir bekommen.« »Nein, nicht so ... frisch will ich sie bekommen, aber in meiner Hand soll sie welken, an meiner Brust, in meinem Haar ... so meine ich's. Zu Hause schmückte ich mich oft mit Blumen, aber zu Tisch durfte ich nicht so kommen, denn Papa nannte es Firlefanz und die Mutter ... sie sagte so wie Papa.« Delten fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ähnle ich Mama, Julius, sag'?« »Nein, Kind, gar nicht ...« »Ich glaube auch nicht. Mama war sehr still und ganz blond. Ich bin gar nicht still ... O, du kennst mich noch nicht, Julius ... jetzt bin ich so, wie ich wirklich bin: weinen möchte ich und lachen und jemand lieb haben, so schrecklich lieb haben, und dieser Jemand dürfte mir nicht immer ›Kind‹ sagen.« Sie lachte ihn schalkhaft an, und er drohte ihr leise lächelnd mit dem Finger: »Dudi, ich glaube, du hast einen Schwips ...« »Habe ich auch, Herr Doktor, aber das geht Sie gar nichts an. Wenn ich einen Schwips habe, bin ich viel netter. Schade, daß ich mich nicht hübscher angezogen habe. Du hast mich nie schön gesehen, Julius, weiß ist meine Lieblingsfarbe, weiß und schwarz. Aber zu Hause hatten wir keine geschickte Schneiderin, und unsere wollte mich immer nach der Mode kleiden, weißt du, Julius, die Mode, wie wir sie in die Provinz bekommen, mit einem Stich ins Übertriebene, Lächerliche. Eines Abends habe ich mir einen Spaß gemacht; die Tanten und Cousinen waren gerade zu Besuch, da ging ich herunter zu ihnen – weißt du, wie – in meinem langen mit Stickerei besetzten Nachthemd, bloß eine Schärpe um den Gürtel ... das Haar ganz aufgelöst ... du, Julius ... hübsch sah ich dir da aus ... Die Cousinen fragten, wer mir das Kleid gemacht hätte ... aber dann, als sie näher zusahen, lachten sie mich aus.« »Wollen wir nicht gehen, Kind, es wird spät ...« »Noch nicht, bitte, bitte ... So wundervoll frei fühle ich mich, so froh mit dir zu sein ... Und daß ich dir so nah sitze und dir doch nicht um den Hals fallen darf, das ist das Schönste ... Aber wenn wir erst draußen sind, dann gibst du mir einen Kuß, ja?« Delten schlug ans Glas. »Zahlen.« »Jetzt bin ich dir böse, Julius, schrecklich böse ... bis morgen früh wäre ich gerne hier geblieben.« Nochmals, diesmal bestimmter, rief Delten: »Zahlen.« In demselben Augenblicke gingen zwei Herren an dem Tisch vorüber, der eine griff an seinen Hut und verneigte sich mit erstauntem Aufblick. »'n Abend«, klang es kurz und abweisend von Deltens Lippen. Überrascht sah Iduna auf die Herren, der eine kam ihr bekannt vor, wer war es nur? ... Und doch hatte sie hier keinen Bekannten... Aber die Züge, sie waren ihr nicht fremd. Es war ein noch junger Mann mit klugen Augen, einer hohen, freien Stirn und sinnlichem Mund, wie magnetisch angezogen von Idunas ihm folgendem Blick, wendete er sich um ... verwirrt senkte sie die Augen. Delten hatte mittlerweile die Rechnung beglichen, nun half er Iduna den Mantel umlegen. Auf der Straße zog er ihren Arm durch den seinen. Es war das erstemal, daß sie Arm in Arm gingen. Sie schwankte ein wenig während der ersten Schritte. »Stütze dich auf mich«, sagte er. »Ich bin so müde, Julius ...« »Wir wollen eine Droschke nehmen.« Er winkte einen vorbeifahrenden Taxameter herbei und half ihr einsteigen. »Wer war der Herr, der dich grüßte?« fragte Iduna. »Einer von jenen vielen Überflüssigen, die zum Verkehrsballast gehören. Du wirst ihn später kennen lernen.« »Und der Herr mit ihm?« »So, war noch einer mit? ... Weiß ich nicht ...« Nach einer kleinen Weile fragte sie: »Wir werden doch Leute bei uns sehen?« »Ja, Kind, ich werde eine Auswahl treffen.« Iduna kamen die rotangestrichenen Stellen in den Sinn, in den Büchern, die er ihr zu lesen gab. So würde es wohl auch mit den Menschen sein – – Frau Busse, Idunas brave Wirtin, erwartete ihren Schützling ganz besorgt auf dem Flur. »Ich hörte den Wagen vorfahren, Fräuleinchen, da dachte ich mir's, daß Sie kommen. Schon zehn Uhr durch ... waren wohl im Theater, heute?« »Nein, Wohnung gesucht, gefunden, gemietet, dann Abendbrot gegessen, Champagner getrunken ... denken Sie ... Im Wagen habe ich geschlafen, und jetzt ...« Frau Busse war Iduna ins Zimmer vorangetreten mit der brennenden Lampe, die sie auf den Tisch stellte. Der helle Schein fiel auf die Wand und beleuchtete das gezeichnete Porträt des früheren Mieters. »Aber das ...« Die folgenden Worte blieben Iduna in der Kehle stecken. Sie hatte in dem Bild den jungen Mann erkannt, dessen Züge sie so vertraut angemutet und dessen Blick so dreist auf ihr geruht hatte. »Wie hieß Ihr Mieter?« fragte sie nun, mit erheuchelter Gleichmütigkeit auf das Bild zeigend. »Herr Stahl hieß er, Hermann mit Vornamen.« »Hermann Stahl«, wiederholte Iduna leise. Sie fing an, sich auszukleiden. Nie hatte sie das Bild dabei gestört, jetzt war es ihr plötzlich peinlich. Sie schickte ihre Wirtin mit freundlichem Gute Nacht hinaus, dann löschte sie eilig die Lampe und schlüpfte im Dunklen ins Bett. – – Mit schwerem Kopf erwachte sie am anderen Morgen, unzufrieden mit sich. Sie dachte an den gestrigen Abend zurück, an das tolle Zeug, das sie gesprochen ... Leises Schamgefühl stieg in ihr auf. Auch der Satz: »So, wie ich jetzt bin – bin ich in Wirklichkeit«, kam ihr in Erinnerung, vielleicht hatte sie damit eine Wahrheit gesagt, aber es war sicher nicht das Beste ihrer Natur, das da zum Durchbruch kam ... Jetzt entsann sie sich auch, daß Delten gar nichts getrunken hatte. Nüchtern, kalten Blutes, hatte er sie ausgehorcht, beobachtet, lebendig seziert mit seinem kühlen Verstand; im Gegensatz zu sonst – gar nicht gesprochen. Und sie hatte sich gehen lassen in all ihrem kindischen Frohsinn, der phantastischen Ungereimtheit ihres Wesens. So wild und aufgeregt war sie gewesen, daß der flüchtige Blick eines fremden Mannes ihr Blut in Wallung gebracht, daß unkeusche Gedanken in ihr erwacht waren beim Anblick seines Bildes – das Tageslicht tat ihr weh, sie Kopf nochmals die Bettdecke über den Kopf. Nur niemanden sehen, nicht aufstehen, sich krank stellen ... wie konnte sie Delten heute gegenübertreten! Was sollte sie ihm sagen nach all dem Gestrigen! Und wie ein kleines Kind dachte sie: wenn doch heute nur etwas passierte, damit er nicht käme ... Nun klopfte Frau Busse an die Tür, brachte das Frühstück und scherzte gutmütig über die Langschläferin. »Jetzt aber heraus aus den Federn, Fräuleinchen, damit das Zimmer fertig ist, bis der Herr Doktor kommt.« Iduna fügte sich ... Sie hatte ein Grauen vor der Unästhetik eines unaufgeräumten Zimmers. Auch sie selbst würde sich wieder wohler fühlen nach der kalten Abreibung, an die ihre englische Gouvernante sie gewöhnt hatte, und im knappen Gewande, mit ordentlich frisiertem Haar. So war es auch. Sie schalt sich aus wegen ihrer Angst, ihrer übertriebenen Sensibilität. Wenn Delten kam, wollte sie doppelt herzlich gegen ihn sein, er sollte nicht den Eindruck behalten, als habe nur Weinlaune aus ihr gesprochen. Und wie sie vor einer Viertelstunde gewünscht, er möchte gar nicht kommen, so sehnte sie ihn jetzt herbei. Ihr Verhältnis zu ihm war ihr in seiner Abwesenheit immer etwas wechselndes, Beunruhigendes, wie ein stets nachträgliches Auflehnen gegen die Macht, deren unmittelbaren Wirkung sie sich nicht entziehen konnte. Als sie eine Stunde später erwartend am Fenster stand, mit gemischtem Gefühl von Unbehagen und Ungeduld, sah sie drüben vor der Villa einen Leichenwagen stehen. Zwei schwarzgekleidete Männer gingen auf und ab vor dem Hause. Die Ahnung eines tragischen Ereignisses überkam Iduna, sie preßte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe, um nichts von dem zu verlieren, was sich dort zutrug. Bald sah sie Männer heraustreten aus dem Garten, mit einem langen, schwarzen Sarge. Unter den Männern erkannte sie Delten. Er war barhäuptig; sein schwarzes Haar, sein langer, schwarzer Rock flatterten im Winde. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie aus der Entfernung nicht erkennen, aber es lag etwas so ruhig Selbstverständliches in der Art wie er den Sarg von den Schultern auf den Wagen gleiten ließ, daß Iduna sich voll Grauen abwendete und in die Tiefe des Zimmers zurücktrat. Jetzt wußte sie, was sie von ihm immer wieder abstieß – der Mangel an Menschlichkeit, wie ein Rechenproblem erschien er ihr, so ausgeklügelt und unerbittlich in der Konsequenz. Sie schlug die Hände vors Gesicht und verharrte so, lange ... ohne sich zu rühren, mit wilder, tiefer Empörung im Herzen, bereit als Anklägerin aufzutreten gegen den Mann, den sie zu ihrem Leiter und Richter gewählt hatte. Und so leidenschaftlich war innerlich ihre Aussprache mit ihm, daß sie sein Eintreten überhörte. Sie blickte erst auf, als sie eine leise kalte Berührung ihrer Hand fühlte. Beinahe so bleich wie er, war sie nun, als ihre Augen sich trafen. Doch vermochte sie kein Wort zu sagen, sie starrte ihn nur immer an, voll Entsetzen, als wenn sie einen Mörder vor sich sähe ... »Was ist dir, Iduna?« fragte er. Aber er brauchte nicht zu fragen. So weit kannte er sie schon, um zu wissen, was in ihr vorgegangen war. »Ein Überflüssiger hat sich weggeräumt ... geht dir das so nahe, Kind?« »Daß du's gelitten ... das geht mir nahe. Daß du's geschehen ließest ... gestern ... du wußtest es ...« »Nein, Kind ... es geschah während meiner Abwesenheit, um die Zeit, als wir vom Restaurant aufbrachen. Ich hatte wie eine Ahnung davon und drängte mit dem Aufbruch ...« »Und du hast ihn allein gelassen den ganzen Tag? hast es gefühlt, wie er dem Tode entgegenging und ließest ihn gehen?« »Er ist klüger gestorben, als er gelebt hat, Iduna. Was sollte er im Leben? Immer nur empfinden, niemals denken? Einen einzigen Gedanken hat er gehabt vor seinem Tode: ich bin überflüssig! – und zum erstenmal logisch – hat er danach gehandelt.« »Aber er hatte Kinder«, warf Iduna leidenschaftlich ein. »Der Aufgabe fühlte er sich eben nicht gewachsen. Ein schwankender Mensch war er, mit zertrümmerten Idealen, zerstörten Hoffnungen, ein Ichmensch, der nicht hinwegkam über die engen Grenzen seiner schwachen kleinen Seele, ein Mensch mit uferloser Sehnsucht und schwachem Denkvermögen. Nur das Nächstliegende hat er zuletzt erfaßt: ein Schuß, ein Knall ... dann kommt die Ruhe. Diese Ruhe ersehnte er. Nun hat er sie. Wer konnte ihm Besseres dafür geben? Bedeutet sein Tod einen Verlust für die Menschheit? Nein. Für seine Kinder – nein. Die sind jetzt besser aufgehoben, als sie es bei ihren Eitern waren, von denen ein Teil nur dem materiellen Genusse, der andere nur der Sehnsucht nach Unerreichbarem lebte. Und sollte ich dir auch unerklärlich scheinen – mit einem Gefühl der Befriedigung half ich heute bei grauendem Morgen ihn in den Sarg legen. Besser ist's, in Erkenntnis leben, als in Erkenntnis sterben, aber noch besser in Erkenntnis sterben, als dahindämmern in Unklarheit und Schmerz.« Er wartete eine Weile, dann fragte er: »Hab ich recht, Iduna?« Sie antwortete nicht, aber doch zog sie ihre Hand nicht zurück, als er die ihre erfaßte, wieder war etwas in ihm, was sie zwang, gegen ihr innerstes Gefühl zwang ... Drei Tage später fand die Beerdigung statt. Iduna hatte es durchgesetzt, daß Delten sie mitnahm. Er tat es mit großem Widerstreben. Von der kirchlichen Einsegnung der Leiche hatte man Abstand genommen. Die Trauergäste hatten sich alle gleich nach dem Kirchhof verfügt. Es war ein heller, kalter Novembertag. Die schwarz gekleideten Menschen schienen alle höchst vergnügt; es waren ihrer so viele, daß man die nächsten und wirklichen Leidtragenden kaum herausfand. Iduna wunderte, sich, wie viele Menschen Delten kannte. Nie hatte er ihr von seinen Beziehungen zu anderen Menschen erzählt. Sie wunderte sich auch über seine kurzen, abweisenden Grüße, auch über das Aufsehen, das ihr Erscheinen an seiner Seite machte. Delten war die Aufmerksamkeit, die sie offenbar erregte, unangenehm. »Der Kirchhof scheint mir denn doch gerade nicht der geeignete Platz, unsere Verlobung zu proklamieren«, murmelte er. Es war eine seltsame Reizbarkeit in ihm, wie eine persönliche Feindlichkeit gegen jeden einzelnen. Ein paar Reden wurden am offenen Grabe gehalten – die großen Eigenschaften, das Talent des Dahingeschiedenen wurden gepriesen, die tragischen Familienereignisse erwähnt, die seinen Geist gestört hatten, so daß er Hand anlegte an seine Werke und dann an sich. Delten wurde unruhig. »So ein Blödsinn«, murmelte er. Iduna wußte, was er damit meinte, aber einverstanden war sie nicht mit ihm. Auch sie hielt die Tat für die Handlungsweise eines Wahnsinnigen. Noch begriff sie nicht die Macht des abstrakten Gedankens. Nur, daß all das vor den zwei Kindern gesagt wurde, die in ihren schwarzen Trauerkitteln in erster Reihe standen, dünkte sie eine Brutalität. Sie mußte daran denken, welches grausige Spiel die Kleinen im Atelier getrieben, wie ihr Vater hilfesuchend bei Delten war ... Nur Delten konnte ihm diese letzte Erkenntnis gegeben haben ... und das war ihr furchtbar. Sie fühlte sich schuldbewußt vor den Kindern da drüben, jenseits des offenen Grabes. Es war das erste Bekenntnis ihrer Solidarität mit Delten. Nach der Beerdigung drängten sich viele Menschen an sie beide heran. Delten mußte sie vorstellen, es schien ihm wirklich peinlich zu sein. Die Leute verzogen ihre noch eben betrübt in die Länge gezogenen Gesichter zu freundlichem Grinsen. »Also auch Sie, Doktor?« »Wer das je geglaubt hätte«, – »Sie, der geborene Junggeselle!« »Und wie kam denn das?« ... Es sprach viel indiskrete Neugier aus allen Worten, Unglauben, maßloses Staunen, leichtes Mitleid mit Iduna. Sie hatte gedacht, sehr stolz dazustehen als Braut und Frau eines Mannes wie Delten und dabei fühlte sie sich in Wirklichkeit nur peinlich berührt. Ihr war es, als erwarteten die Leute eine Erklärung von ihr, wieso es kam, daß sie, ein so junges Geschöpf, diesem finsteren, älteren Mann die Hand reichte ... Man dachte wahrscheinlich, sie sei ein armes Mädel, froh, eine Versorgung zu finden ... Sie sahen ja nur das Äußerliche einer Beziehung, die Menschen – wo die Liebe nicht wahrscheinlich schien, mußten Gründe materieller Art vorherrschen. »Komm, Iduna«, sagte Delten und zog sie mit sich fort. Einige hatten den Namen gehört: Iduna! So was verschrobenes, das paßte ihm gerade. Instinktiv fühlte Iduna, daß die Leute ihn nicht für voll ansahen, für etwas, wie einen Narren, trotz des scheinbaren Respektes, den sie ihm zeigten. Doch kam ihr diese Empfindung nicht zum klaren Bewußtsein, aber schon wankte ihr bis dahin unerschütterlicher Glaube an seine Größe. An der Kirchhofstür wurden sie abermals aufgehalten – Iduna erkannte in den zwei Gestalten, die auf sie zu warten schienen, die Herren vom Restaurant. Ein Ausweichen war unmöglich. Delten mußte vorstellen: »Tonkünstler Reitz – meine Braut, Fräulein Flößner.« Reitz verneigte sich und stellte nun auch seinen Begleiter vor: »Dr. Hermann Stahl ...« Ich habe schon einmal das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen ... vor ein paar Tagen in der Weinstube von Knoop ...« sagte Dr. Stahl mit feinem Lächeln. »Und ich habe dieses Vergnügen jeden Tag ... allerdings sehe ich Sie nur in Effigie«, erwiderte Iduna. »So ...« »Ich wohne jetzt bei Frau Busse, und in dem Zimmer hängt Ihr Bild...« Er lachte laut auf. »Ach so, die scheußliche Zeichnung! Die gute Frau wird's mir wohl nicht verziehen haben, daß ich das greuliche Ding nicht mitgenommen habe. Ich bin jetzt doppelt glücklich darüber, weil es mir den Vorzug gibt, mich zu Ihren Bekannten zu rechnen.« »Jedenfalls sind Sie mein erster und bis heute mein einziger Bekannter in Berlin gewesen.« Iduna erkannte ihre eigene Stimme nicht – so hell und voll klang sie. Delten streifte sie mit einem Blick, in dem etwas Mißbilligung lag. Sie duckte sich innerlich zusammen unter diesem Blick. »Wollen wir nicht gehen, Julius?« Man verabschiedete sich voneinander, und Iduna hängte sich ostentativ in Deltens Arm ein. Eine Weile gingen sie schweigend. »Du bist unzufrieden mit mir, Julius?« fragte sie endlich mit furchtsamem Aufblick. Er schüttelte den Kopf. »Nein, nur bang ist mir vor deiner Zukunft. Und ich weiß nicht, wie ich dich besser schütze – indem ich dich gegen meine bessere Überzeugung zu meiner Frau mache oder aber dich freigebe.« »Wie kommst du nur darauf«, rief sie ganz bestürzt. Er fuhr fort, ohne sie anzusehen: »Wäre es nicht besser, Iduna, du kehrtest in dein Vaterhaus zurück?« Angstvoll umklammerte sie seinen Arm. »Du hättest das Herz dazu, mich fortzuschicken, jetzt, wo du den Hang zum Leben und Denken in mir erweckt? Jetzt, wo ich eine Ahnung habe von der Welt, soll ich wieder zurück in die engen Grenzen eines toten Hauses ... und ich selbst, bin ich dir denn gar nichts?« ... »Eben weil du mir so viel bist und ... weil ich dich nicht verlieren möchte«, rang es sich von seinen Lippen. Sie aber lachte nun wieder auf, beruhigt und beglückt wie ein Kind: »Jetzt weiß ich's! Eifersüchtig bist du, jawohl, eifersüchtig...« Er faßte sie am Gelenk mit beinahe brutaler Gewalt: »Wiederhole das nicht, hörst du, niemals ... Schmutzige, gemeine Empfindungen sind es, die Eifersucht nach sich ziehen. So niedrig darfst du von mir nicht denken ... ich verbiete es dir.« So erregt hatte sie ihn noch nie gesehen. Aber gerade darum glaubte sie seinen Worten nicht. Heute sah sie es zum erstenmal: er war ja doch ein Mensch wie andere auch. Es war der erste Schritt zum Vergleich mit anderen. Ihr erstes selbständiges Urteilen, seitdem sie sich seiner Führung anvertraut hatte. Sie wollte ihn künftig bitten, ihr nichts mehr rot anzustreichen in den Büchern, die er ihr brachte. Mit dem Entschlusse, zwischen den roten Strichen zu lesen im Leben wie in den Büchern, ward sie zwei Wochen später seine Frau. – – V. Nach der standesamtlichen Trauung sandte Iduna eine Depesche an ihren Vater: »Es grüßen Julius und Iduna Delten, Wohnung ...« folgt die Adresse. Die Fassung der Depesche war Delten nicht ganz recht, und er sagte: »Deinem Vater wäre es lieber gewesen, nur deine Grüße zu empfangen.« »Sind wir jetzt nicht eins?« fragte sie wieder. Die Trauzeugen standen unterdessen vor der Post auf der Straße. Zwei seltsame Gestalten waren es: ein Fiedler der eine, ein Schriftsteller der andere. Beide nicht mehr junge, beide sauber, aber dürftig gekleidet, beide hohläugig mit flimmerndem Blick und einer gewissen naiven Unbeholfenheit im Wesen. »Braun und Schwarz«, hatte Delten sie vorgestellt, und Iduna hatte ein leises Lächeln nicht unterdrücken können, als sich die beiden Männer à tempo in derselben linkischen Weise vor ihr verneigten. Die standesamtliche Trauung machte auf Iduna gar keinen Eindruck. So etwas Nüchternes war es, Hastiges, Geschäftsmäßiges. Im Innersten war sie verletzt, daß die Worte des glatzköpfigen Standesbeamten, der eine unerträgliche Atmosphäre von schlechten Zigarren und Alkohol um sich verbreitete – sie hatte gesehen, wie er noch rasch vor der Zeremonie ein Seidel Bier hinabstürzte – über ihr Schicksal zu entscheiden hatten. Daß er in gedankenloser Hast die üblichen Formeln herunterschnarrte, sollte einem ihr bis dahin fremden Manne die weitestgehenden Rechte über sie geben? Wenn damals vor vierzehn Tagen Delten von ihr verlangt hätte, daß sie ihr Haar löse, sich ihm zeige in phantastischer Gewandung, die den Reiz ihres jungen Leibes ahnen ließ – sie hätte es getan mit heimlichem Entzücken. Jetzt im grauen Licht des dumpfen Amtszimmers, rüttelte es sie vor Ekel bei dem Gedanken an die gesetzlich erlaubten Freuden einer solchen Kopulation, wie es in der Amtssprache hieß. Hätte Delten ihre Hand anders berührt, seine Blicke wärmer und länger auf ihr ruhen lassen, als bisher, sie wäre im stande gewesen, fortzulaufen wie ein Kind, sich irgendwo verborgen zu halten, bis die Erinnerung in ihr ausgelöscht wäre an den Standesbeamten, der nach Zigarren und Alkohol roch, an die Amtsstube, an die zwei Zeugen und an all den widerwärtigen Apparat, den gesetzliche Kuppelei vorschrieb. Aber Delten hatte mit keinem Worte, keinem Blicke ein neues Anrecht an sie geltend zu machen gesucht. Ja, es schien ihr, als wären seine Gedanken ganz wo anders, als ginge ihn dies alles gar nicht persönlich an. Und abermals, nur in anderer Weise wieder, fühlte sie sich verletzt, und es war von ihr eine geflissentliche Konstatierung des neuen Verhältnisses zu ihm, als sie ihm beim Verlassen der Post die Worte zurief: »Sind wir jetzt nicht eins?« Es war ein seltsames, still überlegenes Lächeln mit dem er diese Worte beantwortete. Draußen nahmen sie einen viersitzigen Wagen und fuhren in ein feines Restaurant, wo Delten ein Zimmer hatte reservieren lassen. Der runde Tisch war mit Blumen geschmückt, und auf Idunas Teller lagen ebenfalls langstielige, duftende Blüten. »Das lasse ich mir gefallen«, sagte Braun, und streifte seine korngelben, mehrfach geputzten Handschuhe ab, die ihm offenbar höchst unbequem gewesen. »Einem jeden Menschen ist in seinem Leben wenigstens eine Stunde der Freude und Schönheit vergönnt«, bemerkte Schwarz mit Grabesstimme. »Nur eine, für ein ganzes langes Leben nur eine?« fragte Iduna. Sie nahm in hausfraulicher Sicherheit Besitz von ihrem Platz, rosig gelaunt wieder, trotz der seltsamen Gäste, heimlich belustigt über Deltens Idee, gerade diese Originale zu Trauzeugen gewählt zu haben. »Ich wollte, ich hätte ein Instrument, würdig die Erhabenheit dieser Stunde zu verherrlichen ...« »Sie sind Musiker, Herr ...« »Braun ist mein Name ... jawohl, ich bin Geiger. Sie haben mich nie spielen gehört – nein, wo sollten Sie auch! Aber ich kann spielen ...! Nicht wahr, Doktor, so spielen, wie niemand von all unseren Berühmtheiten. Seit Paganini hat niemand so gespielt wie ich, niemand – In Nächten spiele ich, wenn rings um mich alles still ist ... kein Laut, kein Atemzug darf die himmlischen Töne profan unterbrechen ... Und wenn ich so gespielt, dann suche ich die Geige, die einzige ... die diese Töne wiedergeben könnte und finde sie nicht ... niemals ...« »Ihre Geige – –« »Meine Geige? Liebe junge Frau, meine Geige ist nicht von Menschenhand gebaut ... Nur im Ohr habe ich sie, meine Geige ... in der Seele sitzt sie nur und klagt und jauchzt ...« Idunas Augen wurden immer größer, beinahe ängstlich sah sie auf Delten, aber er gab dem servierenden Kellner gerade einen leisen Auftrag. »Bitte um Verzeihung ... wovon war die Rede? Ach so ... Ihre Geige, Braun? Ja, liebes Kind, da siehst du den glücklichsten Menschen vor dir, den die Welt trägt ...« »Julius«, rief Iduna vorwurfsvoll. »Ich bleibe dabei ... frage ihn nur selbst. Darf ich von Ihnen erzählen, Braun?« »Geben Sie ihn doch lieber gleich in Goldschnitt heraus zur Unterhaltung für Hochzeitsdiners«, murrte Schwarz und beugte sich dann wie erschreckt über seinen Suppenteller. Delten streifte ihn mit einem belustigten Blick und fuhr unbeirrt fort: »Braun ist Geiger und Geigenbauer. Als er vor zwanzig Jahren nach Berlin kam, gab er ein Konzert und ...« »Sie brauchen mich nicht zu schonen, Doktor; ich fiel durch. Sagen Sie es nur gerade heraus.« »Es ist gesagt. Er hatte Vermögen ... so etwas wie hunderttausend Mark ...« »Mehr, Doktor, hundertfünfzigtausend ...« »Nehmen wir an. Davon also hätte er leben können, auch ohne Konzerte zu geben, aber der Teufel des Ehrgeizes ließ ihn nicht ruhen, und so machte er sich während fünf Jahren jedesmal einmal im Winter das Vergnügen – durchzufallen. Die Konzerte, die er spielte, hätte er sprechen sollen ...« »Ganz recht, Doktor, denn so wie ich die Musik verstehe und innerlich ausübe ...« »So könnte keine Geige sie wiedergeben, ich weiß. Von dieser Erkenntnis bis zum Entschluß, selbst eine Geige zu bauen, ist nur ein Schritt. Gedacht – getan. Mein Freund Braun reist nach Thüringen, setzt sich mit einem dort seßhaften Geigenbauer in Verbindung, lernt bei ihm den Geigenbau, kommt zurück, richtet sich ein Laboratorium ein, siedet und braut den ganzen Tag, hüllt sich in stickige Dämpfe ein wie ein Alchimist des Mittelalters und forscht nach dem Geheimnisse des Lacks, durch den die Geige erst fähig wird, den geträumten Ton wiederzugeben. Er läßt sich Bücher aus Italien kommen, studiert in Bibliotheken alle möglichen Geheimschriften, gibt ein Vermögen aus für kostbare Essenzen und seltene Kräuter, läuft herum mit wirren Haaren und geschwärzten Händen, wird von seinen Wirten gekündigt und für beschädigte Dielen und Wände auf Schadenersatz geklagt, verliert bei einer unerwarteten Explosion beinahe das Augenlicht, zertrümmert Geigen, deren Herstellung ihn Tausende gekostet, baut und lackiert neue und ist ... schon zum hundertsten Mal – ganz nahe am Ziel – als er plötzlich bemerkt, daß seine Kasse leer ist ...« »Schrecklich«, ruft Iduna unwillkürlich. »Erzählen Sie weiter, Braun, meine Suppe wird kalt.« »Ich danke Ihnen für das Wort, liebe junge Frau, aber richtig ist's nicht. Freilich, damals sagte ich wie Sie. Aber ich lernte da gerade Ihren Mann kennen. Man sagte mir, er hätte Geld und würde mir vielleicht helfen, weil ...« »Genieren Sie sich nicht, Braun«, ermutigte Delten. »Nun, weil er auch für so was wie einen Sonderling galt. Aber so närrisch war er doch nicht, daß er mir das Geld ohne weiteres gab. Erst ging er mit mir in meine Höhle ... ein Keller war es jetzt, wo ich hauste – da konnte nichts Schaden leiden. Da mußte ich ihm vorspielen auf all den Geigen, aber meine Finger waren steif geworden, meine Hand ungelenkig, nur soviel konnte ich noch – die einzelnen Töne lang und getragen hervorlocken mit leisem Anschwellen, dann verklingen lassen, wie in geisterhafter Ferne. Auch klangen mir, offen gesagt, die Stücke alle zu grob, nicht Harmonie und Melodie, nein, der Ton selbst war für mich Musik und diese Musik war es, die ich suchte, die mich ruhelos machte. Ich beschwor Ihren Mann, mir so viel Geld zu geben, daß ich eine, nur noch eine einzige Geige bauen konnte, sie sollte mein letzter Versuch sein, der mußte gelingen. Oft pilgerte ich damals hinauf zum Doktor, wie ein Irrer manchmal, wie ein Alkoholiker, dem man das einzige kleine Glas verweigert – das das letzte, ganz gewiß das letzte sein sollte ... Es raste in meinem Hirn, mein Blut kochte, ich hätte meinem Leben aus Verzweiflung ein Ende gemacht, wenn er mich nicht einmal bei sich eingesperrt hätte – zwei Tage und zwei Nächte ... Kaum daß ich zu essen bekam. Und als ich dann matt und hilflos geworden, da fragte er: ›Hören Sie den Ton noch immer, Braun?‹ ›Ja, ich höre ihn ... schöner, reiner denn je ...‹ ›Und glauben Sie, Braun, daß Sie nun die Geige schaffen können, die diesen Ton gibt?‹ ›Ja ... ja ... das kann ich.‹ ›Gut ... und was dann?‹ Eiskalt wurde mir bei der Frage. Er aber sagte: ›Dann werden Sie wieder einen anderen Ton hören, noch schöner, noch reiner ... und die unbezwingbare Sehnsucht wird Sie packen, auch diesen Ton festzuhalten, vorausgesetzt natürlich, daß Ihnen der erste Versuch gelungen. Und dann ... wird je eine Geige, von Menschenhand gebaut den einzigen, den göttlichen Ton wiedergeben? Hier, da haben Sie Geld, es sind einige Tausendmarkscheine in dem Päckchen – Nirgends mehr werden sie das Geld finden, das ich Ihnen hiermit nicht leihweise, sondern zu unbeschränktem Eigentum überlasse. Nehmen Sie es jetzt und bauen sie weiter in unbefriedigter Sehnsucht, in zehrender Angst, oder aber lassen Sie es liegen hier bei mir, im Gedanken, daß Sie nicht erreichen wollen, was zu erreichen Sie sich fruchtlos gesteckt. Statt: ›ich will, aber ich kann nicht‹, sagen Sie von heute ab: ›ich kann, aber ich will nicht‹ ... Ich will, aber ich kann nicht, ist Sklaventum, ich kann, aber ich will nicht, das Wort eines Königs, eines Gottes ...‹ Wie ich dies hörte, meine liebe junge Frau, da ist es über mich gekommen wie eine höhere Erkenntnis. Erst bin ich davongelaufen und habe mich geschämt, daß ich so klein und nichtig war ... dann bin ich wieder gekommen zu Ihrem Mann, und wie er mir die Scheine zeigte und mir sagte: ›Sie gehören Ihnen, Braun‹, da antwortete ich: ›Sie gehören wohl mir, aber ich will sie nicht.‹ Und da fühlte ich mich so reich, als gehörten alle Millionen Rothschilds mir ... So war es auch mit meinem Wahn: der Ton lebt in mir fort in unvergänglicher Schönheit, aber die Geige, die ihn festhalten soll – ich will sie nicht schaffen. Und so kenne ich nichts mehr von Kummer und Angst, nichts mehr von verzehrender Sehnsucht ... Frei und glücklich bin ich – wie wenige – in den engen Grenzen, die ich mir gezogen und die ich nur darum nicht überschreite, weil ich sie nicht überschreiten will. Früher dachte ich – nur im Unendlichen kann man das Glück finden, jetzt weiß ich's: nur im willkürlich Begrenzten kann man es ... Die Sehnsucht führt uns übers Unendliche hinweg ins Reich der Erkenntnis. Die Erkenntnis stutzt der Sehnsucht die Flügel, wir lernen gehen statt fliegen, wir lernen leben ...« Delten hob sein Glas, das er mit goldgelbem Wein gefüllt hatte und nickte Iduna zu: »Ich lebe und grüße dich, Iduna!« Sie hob das Glas mit zitternder Hand. »Es waren die ersten und lange Zeit hindurch die einzigen Worte, die ich von dir vernahm, Julius ...« Sie war innerlich aufs tiefste erregt, von dem, was sie gehört ... Und wieder ward er dichter, der zerflatternde Glorienschein um Deltens Haupt ... »Auf dem Menü sind gebackene Forellen verzeichnet«, ließ sich plötzlich eine grollende Baßstimme vernehmen. Es war Schwarz, der schon einigemal verzweiflungsvoll nach der Tür geblickt hatte, die der Kellner auf Deltens Weisung hin nicht ohne gegebenes Zeichen öffnen durfte. »Ganz recht, Schwarz, wir haben Sie grausam vernachlässigt.« Delten drückte auf den elektrischen Knopf. Braun fühlte sich verpflichtet, seinen Freund herauszustreichen: »Glauben Sie mir, junge Frau, Schwarz hat unterdessen ein Sonett auf Sie gedichtet ... er ist gar nicht so materiell ...« »Ja, ja, meine Dichtungen schreibe ich mit Vexiertinte in die Luft. Darum sind sie auch so schön, wie Brauns Geigenton. Niemand kann sie kontrollieren ... Zum Glück kosten mich meine Passionen kein Geld ... Und Sonette dichte ich überhaupt nicht ... Blödsinnig ist es, Unendliches in enge Formen einzupressen. Ja, gewiß, wenn ich heute über die Straße gehe und sehe, ein Pferd stürzt tot nieder – das kann ich schon in wenig Worten sagen, aber wie soll ich meine Empfindungen dabei ausdrücken? Für das Pferd und meine Seele dieselben Ausdrücke brauchen? Zahllos sind ja die feinen Stimmungen der Seele – und wie begrenzt ist das Wörterbuch ... Das Wort tötet die Stimmung, erdrückt sie in einer plumpen Enge. Die innere Verklärung – das allein ist Poesie. Nie läßt sich Poesie einzwängen in all die starren Formeln! Lachen muß ich, wenn ich ein Gedicht lese, ein Gedicht mit klingenden Reimen ... Gedichte kann man nur leben, leben in sich ... Die Freude, die ich empfinde, jetzt, da ich zu Ihnen, der jungen Frau meines Freundes spreche. Diese Freude weihe ich Ihnen ... sie ist besser als ein Gedicht ...« Braun sprang wie elektrisiert auf. »Dazu klingt der Ton meiner Geige, wie jauchzende Begleitung ... ich höre ihn ... so schön, so voll war er nie ...« Er stand da, vornübergebeugt, lauschend, weltentrückt ... Iduna blickte verwirrt zu Delten hinüber. Er nickte ihr zu, beruhigend, ermutigend ... Der Kellner trat ein und reichte die Forellen herum, Delten schenkte Wein in die Gläser nach ... Iduna sah ab und zu auf ihren goldglänzenden Trauring. Sie hatte ein kindliches Vergnügen an ihm. Sie kam sich so erwachsen vor, wie ein junges Ding, das zum erstenmal ein langes Kleid angelegt hat ... Und daß sie als einziges weibliches Wesen mit drei Männern zusammen in einem Restaurant saß, daß sie das unbeanstandet tun durfte – es machte ihr Spaß. Über die zwei seltsamen Gäste lachte sie nicht mehr. Etwas Feines und Besonderes ging von ihnen aus, ein phantastischer Zauber, dem sie sich nicht entziehen konnte. Ein warmes Sympathiegefühl erfüllte sie für die beiden Freunde, und kindlich, weich und anschmiegend war der Laut ihrer Stimme, wenn sie mit ihnen sprach und ihnen in die flimmernden Augen sah ... Sie wurden förmlich galant, die zwei Sonderlinge ... Braun stellte ihr Blumen ins Wasser, Schwarz stürzte zum Serviertisch, als er bemerkte, daß sie kein Brot mehr neben ihrem Teller hatte, und Delten lächelte dazu, wie ein Vater es wohl tut, wenn er sieht, wie seiner Tochter gehuldigt wird. »Ihre glockenreine Stimme, junge Frau ...«, sagte Braun einmal im Gespräch, »Ihre schönen, lieben Augen ...«, flocht Schwarz einmal ein ... »Macht mir das Kind nicht eitel«, warnte Delten gut gelaunt. Es gab keinen Sekt. Das gefiel Iduna. Es lag vornehmes Maßhalten darin, kein künstliches Emporschrauben der Stimmung. Es wäre ihr peinlich gewesen, ihrem Manne unter dem Einflusse eines Getränkes reizvoller zu erscheinen. Als Delten endlich die Uhr zog, war es sieben geworden. Man hatte volle drei Stunden bei Tisch zugebracht. »Wollen wir nicht gehen, Iduna?« Beinahe war es ihr leid, schon aufzubrechen, aber dennoch nickte sie bestätigend. »Gewiß, Julius ...« Braun reichte ihr den Mantel, Schwarz brachte ihr den kleinen Muff, und beide küßten ihr beim Abschiednehmen die Hand. Es war das erstemal, daß ihr jemand die Hand küßte, und sie wurde ganz rot dabei, ganz verlegen. Sie sagte sich innerlich: »Aber ich bin doch jetzt eine verheiratete Frau«, und dennoch wußte sie nicht recht, was sie den beiden zum Abschied sagen sollte. Sie zu sich aufzufordern, traute sie sich nicht, das hätte Delten tun müssen. »Ich vergaß beinahe meine Blumen«, rief sie plötzlich. Braun nahm sie aus dem Wasser und Schwarz trocknete die Stengel mit der Serviette ab. »Wollen Sie zum Andenken an den heutigen Tag eine Blume von mir nehmen?« Mit anmutigem Lächeln hielt sie ihnen zwei schöne violettrote Zyklamen hin. »Liebe, junge Frau«, murmelte Braun bewegt. »Soll mir das einer in seine vermalefitzten Verse bringen«, rief Schwarz ingrimmig, während er verdächtig mit den Augen blinzelte. Ein feiner, subtiler Rausch hatte sie überkommen, eine leise, glückliche Rührung. Iduna drückte ihnen die Hände und sah ihnen in die Augen, schwankend zwischen Lachen und Weinen. »Ich danke Ihnen so, ich danke Ihnen«, wiederholte sie immer wieder. Die beiden wußten nicht wie ihnen geschah. Nun hängte sich Iduna in Deltens Arm, ihn förmlich mitziehend, wie um einen schmerzlichen Abschied abzukürzen. Schwarz und Braun blieben mitten im kleinen Salon stehen, am unabgeräumten Tisch. Das Licht der elektrischen Lampen spielte in dem Kristall der Gläser, dem Silber vom Mokkaservice, flutete in seidigen Reflexen über das feine Damasttischtuch. Sie standen beide unbeweglich und blickten herab auf die Blume, die sie in der Hand hielten. Dann griffen sie beide in ihre Brusttaschen, holten je ein abgenutztes Ledertäschchen hervor und legten die Blume hinein. In dem Augenblick trat der Kellner ein, und sie zuckten zusammen, wie auf einer Ungehörigkeit ertappt. Er begann, den Tisch abzuräumen. »Gehen wir rasch«, sagte Schwarz. Sie warfen ihre Mäntel über und schritten hinaus. Ganz still waren sie geworden, ganz klein und wie gedrückt ... bald verloren sie sich in der Menge. VI. »Wir wollen zu Fuß gehen«, hatte Iduna gesagt, als sie an Deltens Arm hinausgetreten war. Es war kalt und trocken, der tiefschwarze Himmel war mit glitzernden Sternen besät, aus den großen Milchkugeln ergoß sich das elektrische Licht in weichen Wellen über die Linden. Menschen drängten hastend aneinander vorbei, Wagen folgte auf Wagen in unabsehbarer Reihe, die hellerleuchteten Schaufenster waren belagert von einer gaffenden Menge, dazwischen hörte man einzelne Ausrufe, manchmal einen Fluch vom hohen Kutscherbock, dann wieder ein Auflachen, ganz losgelöst, das wie eingefroren in der Luft hängen geblieben schien. Je näher sie dem Brandenburger Tor kamen, desto stiller wurde es. Sie sprachen kein Wort. Delten war es, der das Schweigen zuerst brach, mit einer ganz nüchternen Frage: »Wird es dir nicht zu weit werden zu Fuß, bis nach Hause?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist mir ein Bedürfnis zu gehen, müde zu werden ... sonst könnte ich keine Ruhe finden. Die letzten Stunden waren so schön! So wundervoll habe ich noch nie empfunden ... so mit Glück gesättigt schien mir unser Zusammensein, mit großem, vollem Glück. Wie ein Geschenk ...« »Du hast recht, es so aufzufassen, Kind. Ein Geschenk war es auch in meinem Sinne, ein seltenes Geschenk. Was noch unklar in dir ringt und gärt – bei jenen zwei Menschen hat es sich zu bewußter Klarheit durchgerungen. Alt und grau sind sie dabei geworden, aber glücklich zugleich, fähig, das Glück vornehm zu empfinden und nur im Vornehmen zu suchen, nicht das große Glück, wie deine Phantasie es dir vielleicht vorgaukelt – aber ein kleines, stilles Glück – das Einzige, das nicht enttäuscht. Vielleicht hätte ich dir eine lustigere Gesellschaft zusammenstellen können – es schien mir aber deiner nicht würdig, dich am heutigen Tage mit Minderwertigem zu umgeben.« »Werde ich sie wiedersehen?« fragte Iduna. »Kein Wiedersehen wird dir die Stimmung des heutigen Tages wieder geben«, antwortete er ausweichend. Es war acht Uhr vorbei, als sie vor ihrem Hause in der Lutherstraße anlangten. Iduna hatte sich durchaus nicht dazu verstehen wollen, einen Wagen zu nehmen. Nun war sie aber doch müde und durchfroren von dem weiten Weg. Langsam stiegen sie über die teppichbelegte Treppe bis zu ihrer Wohnung, die im dritten Stock lag. Das von Iduna gemietete Dienstmädchen sollte ihre Stelle erst am nächsten Tag antreten. Delten schloß die Wohnungstür auf und machte Licht im Vorzimmer. Noch war das Gas nicht eingerichtet, und Iduna hatte einige Lampen vorsorglich mit Petroleum gefüllt. »Jetzt will ich dir zeigen, Dudi, was du für einen guten Diener hast«, scherzte Delten, zündete die im Vorzimmer in Reih und Glied aufgestellten vier Lampen an und half dann Iduna Hut und Mantel ablegen. »So, Dudi, nun wollen wir je zwei Lampen nehmen und unser Reich beleuchten.« Man merkte der Einrichtung die Hast an. Das Speisezimmer sah recht kahl aus mit seinen konventionellen, hellen Eichenmöbeln. Der kleine Salon daneben war gemütlicher, trotz der helltapezierten Wände: dunkle, weiche Möbel, schwere Portieren und Vorhänge, die nur eine schmale Spalte des Fensters frei ließen. »Da wirst du auch womöglich am Tage Licht brennen müssen«, warf Delten leicht hin. »So wäre es mir am liebsten«, meinte Iduna. »Nun, mit der Zeit werden wir schon ein bißchen klüger werden ...« Das begleitende Lächeln nahm den Worten das Herbe. »So, Dudi, jetzt noch eine Lampe ins Schlafzimmer, kommst du mit?« Sie wurde plötzlich verlegen. »Geh nur, Julius, ich will unterdessen sehen, daß wir Tee bekommen.« Als er nach einer kleinen Weile in die Küche trat, sah er sie ratlos vor dem schwarzen Herdloch stehen. »Aha, siehst du, jetzt kannst du kein Feuer machen ...« Er mußte lachen, wie er sie so dastehen sah, beschämt und ärgerlich. Dann nahm er ein Messer und spaltete ein Stück Holz in dünne Späne. Iduna mußte daran denken, wie sie ihn einmal in seiner Wohnung gesehen, in dem kalten grauen Zimmer, vor dem gähnenden Ofenloch. Damals hatte er ihr so leid getan, und sie hatte sich ihm in die Arme geworfen, wie um ihn zu erwärmen mit ihren Liebkosungen. Und wie er nun die Späne im Herdloch schichtete, ein langgedrehtes, brennendes Papier unterschob, und die züngelnden Flämmchen einen roten Schein auf seinen dunklen, durchgeistigten Kopf warfen, da überkam sie etwas von jener weihevollen Stimmung ihrer Feueranbetungszeit her ... Sie dachte an den alten Klaas mit seinen weißen Haarsträhnen, wie er vor dem großen lombardischen Kamin auf den Knien lag und das Feuer anfachte mit dem Blasebalg. Etwas Heimatliches schien ihr entgegen zu prasseln aus dem ersten Feuer ihres eigenen Herdes, und es erschien ihr voll mystischer Symbolik, daß diesmal Delten es war, der das Feuer entzündete. Ganz nah schmiegte sie sich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter. Er hatte den Arm um sie gelegt und das Haupt tief herab gebeugt auf ihr reiches braunes Haar. Vielleicht vergaß er in diesem Augenblick zum erstenmal den Unterschied der Jahre, das Herbe, beinahe Grausame seiner Weltanschauung ... Das junge, warme Leben ihres feingliederigen Körpers schien überzuströmen auf ihn. Schlummernde Triebe erwachten in ihm, knabenhafter Frohsinn leuchtete aus seinen Augen, und ausgelassen drehte er sich plötzlich mit Iduna einem Kreisel gleich herum, daß es wie lachendes Erschrecken über ihre Züge flog, und sie beide Arme mit erlösendem Auflachen um seinen Hals warf. Sie trieben dann allerhand Possen, suchten Tee und Zucker zusammen, stöberten in den noch unaufgebundenen Paketen nach Tischzeug, und da sie nicht gleich das Richtige fanden, überhäuften sie sich gegenseitig mit scherzenden Vorwürfen. »Zigeunerin«, rief er ihr zu. »Bücherwurm«, antwortete sie lachend, und da er sie einfangen wollte, lief sie um den Tisch und warf sich schließlich auf das steife Paneelsofa, das dem Büfett gegenüber an der Wand geklebt stand. »Uff, ich bin müde«, in gurgelndem Lachton eines gekitzelten Kindes kam es heraus. »Na warte, du Faulenzerin ...« Durch die offene Tür, über den kurzen Gang hörte man das Brodeln des Wassers, das Klappern des vom Dampf hochgestoßenen Kesseldeckels. »Das Wasser kocht, wirst du wohl gleich deine Hausfrauenpflicht tun ...« Sie duckte sich in der Ecke zusammen und blinzelte ihn schelmisch an. »Nu gerade nicht! Jetzt will ich sehen, was ich für einen guten Diener habe ...« »Ach so, du Strick, ich soll dich wohl bedienen?« »Das sollst du!« »Und Madame wird sich's hier auf dem Sofa wohl sein lassen! ...« »Auf dem Sofa! Das ist ja eine Marterbank! Aber schnell doch, Julius, das Wasser kocht uns ja aus ...« Er lief nach der Küche. Sie hörte ihn mit dem Kessel und dem Teegeschirr klappern ... ihre Augen blitzten übermütig. So eine kindische Freude war in ihr, daß sie den ernsten, bleichen Mann zu solch ausgelassener Stimmung gebracht hatte. Wie er lief auf ihren Befehl und wie er lachte, so jung und lustig und wie er ihr zurief: »Zigeunerin ...« »Bücherwurm«, rief sie nun laut, »wird's bald oder grübelst du über den Zarathustra ...« Aber schon kam er zurück, das Tablett in der Hand. »Wo befehlen, Madame?« Er stellte das Tablett auf den Ausziehtisch und sah sie fragend an. Sie aber dehnte sich im prickelnden Wohlgefühl einer königlichen Allmacht. »Ich wüßt' schon, wie's herrlich wäre ...« »Nun?« Sie verschränkte die Arme über dem Kopf. »Im Bett müßt' ich liegen, ganz weich und warm, und der kleine Tisch müßte herangeschoben werden und du müßtest hübsch artig daneben sitzen und den Tee einschenken ...« »Trinken dürfte ich auch?« fragte er mit geheuchelter Demut. »Ja, und dann müßtest du mir ein Märchen erzählen, ein wundervolles Märchen, und ich müßte einschlafen dabei ...« Er trat von rückwärts an sie heran und faßte sie bei den Armen. »Also Scheherezade soll ich jetzt sein ... ich, der Mann des Positiven, der Mann der Wissenschaft ...« »Ja, du, gerade du ...« Sie wippte mit der Spitze ihres Stiefels in der Luft herum. »Werden Madame gestiefelt und gespornt ins Bett steigen? ... Nun paß auf, Dudi, was ich für eine gute Kammerfrau sein kann, Diener, Zofe, Scheherezade in einer Person ... und der Lohn?« »Kein Lohn, nur Belohnung«, erwiderte sie schlagfertig. Er setzte sich ihr zu Füßen, knöpfte ihr die Stiefel auf und streifte sie ihr ab. »Was nun?« »Nun bin ich müde.« Sie gähnte auch wirklich ganz leise, wie ein wohlerzogenes kleines Mädchen, aber der Schalk lachte ihr aus den Augen. »Du mußt mich auskleiden, hörst du, aber ganz sachte, und mich dann in mein schönes, weißes, neues Bett hineintragen und mich zudecken ...« Er beugte sich über ihr Gesicht, es war einen Augenblick, als wollte er sie in seine Arme reißen, gar nicht sachte, sondern in wildem Ansturm einer emporlodernden Leidenschaft. Aber sie hob plötzlich wie erschreckt den Kopf. »Julius, ich bitte dich ... im Kessel in der Küche ist gewiß kein Wasser mehr, und wenn er auf dem Feuer steht ...« Er stand arglos auf und ging in die Küche. Heimlich lachend, wie ein Kind, dem eine große List gelungen, glitt Iduna vom Sofa und lief auf Strümpfen ganz leise ins Schlafzimmer. In wenigen Minuten hatte sie sich entkleidet, die Nadeln aus ihrem welligen braunen Haar gezogen, das weiße, gestickte, nach Veilchen duftende Nachtgewand übergeworfen und war ins Bett geschlüpft. Da klopfte es aber auch schon an die Tür. »Bist du drinnen, Dudi?« ... »Ganz drinnen«, kicherte sie. Man sah nur ihre Nasenspitze aus dem Bettlaken und den gestauten Kissen herausragen. »Aber Dudi, das ist ja gegen die Abmachung.« Er sagte es scherzend und doch klang etwas wie Erleichterung durch. Einen Augenblick später saß er am Bett vor einem Tischchen, das er zugeschoben hatte und schenkte den Tee ein. Iduna mußte wohl ihre Arme herausstrecken, um die Tasse entgegenzunehmen. Die gestickte Krause des Nachthemdes ließ ein zartes, feines Kindergelenk sehen. Überhaupt schien sie ganz jung und kindlich in all diesem Weiß, das sich um sie bauschte. Die Lampe mit dem weißen Globus stand auf der Toilette und strahlte ein sanftes, goldgelbes Licht aus. Iduna fing die goldenen Strahlen mit blinzelnden Augen auf, und dann schimmerte es vor ihr in smaragdenem Grün und flammendem Rot, das sich zu leuchtendem Gelb und tiefem Braun abschattierte. In einem festlichen Farbenreigen schwelgte sie, und sie dehnte sich wohlig unter der Decke, während ihre Finger träge mit dem funkelnden neuen Löffel spielten. »Dein Tee wird kalt«, meinte Delten. »Richtig ja ...« Sie nippte von der Tasse und stellte sie dann auf das Tischchen. »Das ist alles, was du nimmst?« »Nun kommt das Märchen«, antwortete sie ausweichend mit kindlichem Lächeln, und wieder fing sie die Lichtstrahlen auf, ein Spiel damit treibend, bis ihr die Augen schmerzten ... »Warum erzählst du nicht?« Mit leisem Summen flog etwas durchs Zimmer. Iduna schnellte empor. »Eine Fliege ... Julius, jetzt eine Fliege ... o, sie fliegt zur Lampe, da, da ... jetzt hat sie sich die Flügel verbrannt, Julius, so hilf ihr doch, das arme Tierchen ...« In tollem Tanz schlug die halbverstümmelte Fliege wieder ans Lampenglas, kläglich, verzweifelnd klang ihr Summen. »So hilf ihr doch«, wiederholte Iduna immer wieder. Delten versuchte vergebens, die Fliege einzufangen ... sie verstummte plötzlich, und die Lampe blakte auf. »Nun ist sie tot«, sagte Iduna in seltsam ernstem Ton, gar nicht, als ob es sich um eine armselige Fliege handelte. Delten lächelte leise, überlegen, plötzlich wieder der ernste ruhige Mann, wie er stets Iduna gegenüber gewesen. Er schob das Tischchen zur Seite und setzte sich auf den Bettrand. Idunas Hände lagen weiß und schlank auf der dunkelblauen Bettdecke. »Du verlangst nach einem Märchen – das war ein Märchen«, sagte er leise und strich zärtlich, behutsam über die feinen, weißen Hände. Sie sah ihn an mit ihren großen, erstaunten Augen. »Das – ein Märchen?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Julius, mag's dir auch kindisch erscheinen, aber ich kann nicht lachen darüber. Du weißt nicht, welche Qual es mir stets bereitet, im Sommer die Falter und Fliegen zu sehen, wie sie abends dem sicheren Tode entgegenflattern. Als Kind habe ich oft geweint und geschrien dabei und wurde gescholten; dann nahm ich mich zusammen, wollte es nicht zeigen, wie sehr mich dieses Massensterben jammerte, aber so ganz unempfindlich bin ich nie geworden. Was zieht sie hin zu dem Licht, was zwingt sie zu Tausenden in den sicheren, grausamen Tod?!« »Was sie zwingt? Die Sehnsucht – – –« Und da sie ihn verständnislos ansah, ganz blaß plötzlich in ihrem heimlichen Erschrecken, da neigte er sich über ihre Hände, daß er sie fast mit seinen schmalen, strengen Lippen berührte und fragte leise: »Willst du es hören, das Märchen von der Sehnsucht?« »Es ist traurig«, warf Iduna scheu ein. »Es gibt auch traurige Märchen ...« »Erzähle«, bat sie. Und nun hielt sie seine Hand mit den ihren fest, gleichsam ein Kind, das sich im Dunklen vor dem Ammenmärchen fürchtet und sich anklammert. Delten richtete sich auf, dann erzählte er, ohne Iduna anzusehen, die Augen in die dunklere Ecke des Zimmers gerichtet, als spräche er zu sich selbst: »Ein japanisches Märchen ist es und ganz kurz. Es war einmal eine Blume, eine wunderbare, seltsame Blume. So schön und duftig, so blätterreich und farbenduftig war sie, daß alle Schmetterlinge und Falter, alle beflügelten Käfer und Fliegen von heftigster Liebe zu ihr erfaßt wurden und sich um ihre Gunst bewarben. Aber die Blume war stolz und spröde, und mit hartem Nein beantwortete sie alles summende Liebeswerben um sie herum. Diese Zurückhaltung entflammte die Glut ihrer geflügelten Anbeter immer heftiger, und weil sie sich nicht mehr retten konnte vor den rasend Verliebten, die nun in sie drangen, sich für einen von ihnen zu entscheiden, um endlich die Qual der Ungewißheit enden zu lassen, so hielt sie ihnen folgende Ansprache: ›Da ich wählen soll unter euch, so werde ich es tun, aber nur dem will und werde ich meine Liebe schenken, der mir auf seinen Flügeln etwas vom Golde der Sonnenstrahlen bringt, auf daß ich mich bräutlich schmücken kann.‹ Sprach's und schloß ihren Kelch zur Nacht, während die Schmetterlinge und Falter, die Käfer und Fliegen jubelnd auseinanderflatterten, um mit anbrechendem Tag der Sonne entgegenzufliegen ... Und am anderen Tage kam das große Sterben. Matt und gebrochen fielen die Tollkühnen von schwindelnder Höhe herab auf die Erde, ohne auch nur ein Fünkchen Sonnengold mitzubringen. Immer stolzer und schöner prangte die Rose, je dichter die Opfer ihrer Grausamkeit den Erdboden bedeckten. Schon wollten sie abstehen, die Unglücklichen, von weiteren Versuchen, abgeschreckt durch die Zahl der Leichen, als plötzlich ein Falter höher als alle anderen, kaum sichtbar mehr für ihre Augen, sich in den blauen Äther erhob, der Sonne entgegen ... Er flog und flog mit weitausgebreiteten Flügeln und er fühlte es an der Wärme, wie er der Sonne immer näher und näher kam, schon meinte er sich zu baden im goldenen Staub, schon hatte ein Strahl in heißer Liebkosung die Spitze seines Flügels verbrannt, als er plötzlich eine donnernde Stimme hörte: ›Verwegener, was unterfängst du dich! Mein Gold, mein heißes, funkelndes Gold willst du rauben! Hinab mit dir und Fluch auf dich und auf alles, was deiner Art ist. Eure Strafe soll von nun ab sein, euch nach meinem Golde zu sehnen, meinen strahlenden Glanz in jedem armseligen, von Menschenhand entzündeten Lichtchen zu erschauen. Was ihr sehet, soll euch ins Verderben, was ihr ersehnet, euch in den Tod locken. Hinab!‹ Schwer, mit versengten Flügeln, auf denen ein feiner, goldener Staub lag, fiel der Falter herab auf die Erde und war tot. Die stolze, schöne Blume welkte hin aus Gram über den toten Falter, die anderen Falter aber und Schmetterlinge, die Käfer und Fliegen vergaßen ihrer gar bald in der Sehnsucht nach Licht und Goldstaub ... Und der Fluch geht in Erfüllung an ihnen bis auf den heutigen Tag. Sie flattern um Sonnenstrahlen, Kerzenlicht und Lampenschein, mit ängstlich-sehnsuchtsvollem Gesumm und Flügelschlag, alle ein Opfer ihrer Sehnsucht nach Licht und goldenem Staub ...« Leise verklangen die letzten Worte, und nun ward es still im Zimmer, ganz heilig still ... Als Delten sich umwendete, sah er Iduna mit heißen Wangen und glänzenden Augen zurückgelehnt im Kissen liegen. Ihr Mund war leicht geöffnet, so daß die Zähne in feuchtem Perlmutterglanz hervorschimmerten. Sie lächelte ihn an, so eigen, bewundernd und doch wieder so überaus weise und weiblich überlegen. »Was sagst du zu dem Märchen, Iduna?« »Daß es jeder an sich selbst erlebt und erleben will«, klang es leise zurück. Er antwortete nicht, nur sein Kopf sank tiefer herab auf die Brust, und sein Atem ging schwerer. Leise, ganz leise wendete sie ihn abermals zu sich herum, daß ihre Blicke in den seinen ruhten ... und ganz scheu, ganz leise, aber wie ein heimlicher Lockruf kam es von den Lippen: »Bin ich die Sonne?« Ihre Arme breiteten sich aus, ihm entgegen – – VII. Am anderen Tage traf das Dienstmädchen ein, und der Gasometer wurde aufgestellt. Abends waren die Zimmer hell erleuchtet, und Iduna saß Delten am zierlich gedeckten Tisch gegenüber, während das Mädchen seinen Dienst versah. Das war ja auch alles ganz hübsch, vor allem weil es neu war, aber Iduna empfand doch etwas wie Staunen darüber, daß sich die verworrene Romantik sehnsuchtsvollen Begehrens in solch einfache Formen auflöste. Die frohe Sinnlichkeit ihres Alters überwog jedoch in diesen ersten Tagen ihres Ehelebens die phantastischen Vorstellungen einer auf abstrakten Begriffen beruhenden Seelenharmonie. Es war etwas Tändelndes in ihr, etwas Lockendes, unbewußt zur Verführung Neigendes, ein neugieriges Haschen nach neuen, diesmal rein sinnlichen Emotionen, ein gieriges Aufsaugen des kleinsten Tröpfleins überquellender Leidenschaft und doch ein stetes Verschmachten in brennendem, ungestilltem Durst. Ihre plötzlich erwachte Liebe zu ihrem Mann war ein lachendes, ungebärdiges Spiel, das sich gleich kurzen Wellen an seiner ernsten, mehr verhaltenen Empfindung brach. Sie ließ ihn keinen Augenblick von sich, es machte ihr Spaß, ihn zu necken, ihn zu immer neuen Liebkosungen aufzureizen, ihm einen Kuß zu versagen, um ihm eine Minute darauf in die Arme zu fliegen, ihm in stummer Anbetung ihre Lippen auf seine Hand zu drücken und fast im selben Moment lachend die Fußspitze entgegenzustrecken und übermütig einen Kuß zu befehlen. Manchmal zog sie ihn in ihren kleinen Salon, zog die Vorhänge am lichten Tage zu, zündete die mit farbigen Lampenschirmen versehenen Lampen an, warf ihr Kleid ab, drapierte sich mit irgendeinem bunten Seidenfetzen, einer Spitze und führte einen phantastischen Tanz auf. »Bin ich hübsch so, gefall' ich dir?« fragte sie dazwischen und schüttelte ihr welliges braunes Haar und lachte ihn an mit den blitzenden Zähnen, den fieberhaft glänzenden Augen. Es war ein Bedürfnis nach Bewunderung in ihr, nach heißen Liebesworten, nach betörenden, sinnverwirrenden Umarmungen ... Die Außenwelt kümmerte sie nicht, kaum daß sie wußte, ob die Sonne schien oder der Schnee in tollem Wirbel vom bleischweren Himmel herabfiel. Es war eine instinktive Scheu in ihr vor der Berührung mit allem, was außerhalb ihres phantastischen Zauberkreises lag, wie eine grenzenlose Angst vor der kalten Leere einer plötzlichen Ernüchterung ... Eine Woche oder mehr war vergangen seit der Hochzeit. Es war Abend, und sie hatte dem Mädchen wie immer ganz eilig ihre Anordnungen in betreff der Wirtschaft gemacht und war dann nach vorn geeilt, in Deltens Arbeitszimmer. Sie kam gerade dazu, wie er eine Tintenflasche entkorkte, die auf seinem Schreibtisch stand. Auf dem grünen Tisch lag ein Häufchen Zettel vom Abreißkalender, der an der Wand hing. In fliegender Eile, als fürchtete sie etwas Wichtiges – eine Minute des Glückes – zu versäumen, war sie hereingestürmt. Jetzt stand sie da, wie erstarrt über etwas Ungeheuerliches. »Was machst du da«, stieß sie hervor, halb erschreckt, halb entrüstet. Dabei nahm sie all die Kalenderzettel und ballte sie zu einem Knäuel zusammen. Er sah sie an, gütig lächelnd. »Ist es nicht Zeit, Iduna, daß wir vernünftig werden?« Sie lachte gezwungen und warf das Papierknäuel in die Höhe, es wieder auffangend wie einen Ball. »Morgen mag das Mädchen damit Feuer anzünden«, sagte sie. »Bist du der Zeit gram, daß sie vergeht, Iduna?« »Der Mensch kann sie festhalten, wenn er will«, kam es beinahe schmollend von ihren Lippen. »Nein, Kind, der Mensch muß mitgehen mit der Zeit, nicht schwächlich zurückbleiben, festhalten kann er sie nicht ...« Iduna fand keine Antwort, wie einen kühlen Luftzug empfand sie diese Worte. Sie saß noch eine Weile da und verfolgte seine Bewegungen. Es kam ihr so sinnlos vor, was er tat; das Füllen des Tintenfasses, das Heraussuchen von Papieren, das Aufschneiden eines kürzlich erhaltenen Buches ... was hatte das alles mit ihrem Leben zu tun? ... Nun hing sein Auge gar unverwandt auf einer Seite, er las ... Und während er las, wurde der Ausdruck seines Gesichtes immer ernster, verschlossener. So hatte sie es früher gesehen, vor der Heirat, als er noch für sich, mit sich allein lebte – – Sie erhob sich, nicht gerade leise, sie öffnete die Tür mit heftigem Druck der Klinke – Delten rührte sich nicht. Sie wendete sich um. »Sagtest du etwas, Julius?« Er hörte nicht einmal den Ton ihrer Stimme, da verlor sie die Geduld und ließ die Tür hart hinter sich ins Schloß fallen. Sie ging in ihr Zimmer. Es war das einzige in der Wohnung, dem man das Hastige der Einrichtung nicht anmerkte. Stillos, aber doch einem Gesetze innerer Harmonie folgend, hatte Iduna hier alles zusammengetragen, was ihrem feinen Impressionismus zusagte. Es war eine krankhafte Angst in ihr vor allem Kahlen, Unausgefüllten. Und dem herrschenden Geist des modernen Geschmacks entgegen, der die Schönheit mehr in vornehmer Ruhe, in der reinen Linie sieht, im ängstlichen Vermeiden alles Gedrängten, Überladenen – hatte sie nur getrachtet, alle Ecken und Eckchen auszufüllen, um bei sich nicht das Gefühl des Leeren aufkommen zu lassen. Kaum daß man einen Streifen der hellen Tapete sah – sie verschwand beinahe ganz unter herabhängenden Teppichen, tieffarbigen Schals, unter Bildern mit feinen, stumpf gehaltenen Rahmen. Es waren meist Photographien von Landschaften, künstlerisch ausgeführt, auch zwei Reproduktionen nach Bildern von Gainsborough. Nur zwei Gestalten: ein milder, stilisierter Frauenkopf von Burne Jones, und – wie ein Gegenstück dazu – das wuchtige Haupt Rubinsteins, wie ihn der geniale Pinsel des russischen Porträtisten Rjepin wiedergegeben. Als sie dieses Bild in der Kunsthandlung gesehen, hatte sie es sofort gekauft; man sagte ihr, daß es Rubinstein vorstellte, sie lächelte bestätigend und murmelte: »Leider.« Es war das einzige, was sie eben daran störte. Das Positive der Tatsache schwächte bei ihr immer den Eindruck subtiler Stimmung. Sie empfand nie das Bedürfnis, ihrer Vorstellung über gewisse Persönlichkeiten bestimmte Gestaltung zu geben. Photographiealbums waren ihr von jeher ein Greuel, ein Besuch im Panoptikum hatte ihr ein Gefühl physischen Widerwillens zurückgelassen. Jede Begrenzung war ihr als eine Verkleinerung erschienen. Diese Empfindung übertrug sich bei ihr auf alles ... Und wie sie nun in ihr Zimmer kam, sich auf dem Teppich zusammenkauerte, die Ellenbogen auf die hochgezogenen Knie gestützt, da schwoll ihr das Herz von noch unklarem, aber großem Leid ... Sie dachte zurück an jene Zeit, da sie den ersten Brief Deltens vor dem rotglühenden Feuer des lombardischen Kamins gelesen ... Waren die Schläge ihres Herzens später jemals so voll gewesen, hatte die wirkliche Erscheinung ihres Mannes je ihrer sehnsuchtsvollen reinen Vorstellung entsprochen? War es nicht tödliche Enttäuschung gewesen, als sie zum erstenmal den lebendigen Klang seiner Stimme vernommen? Als zum erstenmal seine Hand die ihrige umschlossen hielt? Sie vergaß nur die Enttäuschung bald im stündlichen Kampf mit sich, in der reizvollen Neuheit eines ungewohnt freien Verkehrs, der bewundernden Scheu, die ihr ein noch fremder, seltsamer Geist einflößte ... Dann kam der Rausch, so sinnbetörend in seiner fessellosen Glut ... War sie nun allein es gewesen, die in dem süßen Taumel dahingelebt, blind für die Wirklichkeit? War er selbst nüchtern geblieben, hatte kalt die Stunden genossen, die Tage gezählt und gleich den abgerissenen Kalenderseiten achtlos beseitigt? ... War der heutige Tag ein Ende, war er ein Anfang? ... Noch kreiste ihr Blut heiß und fordernd in ihren Adern, noch lechzten die kaum geweckten Sinne nach neuem Genuß, noch jubelte und lachte in ihr der entfesselte Frohsinn der Jugend, noch ward ihr das Gestern und Heute nur ein einziges flammendes Jetzt und – schon sollte sie das Wort » morgen « lernen, sollte bedächtig Lust und Arbeit einteilen, die Schläge ihres Herzens regulieren, das stürmisch kreisende Blut zur Ruhe bringen ... Und wenn das geschehen war – Was dann? ... Das Mädchen rief zum Abendbrot ... es klang wie eine Antwort auf ihre Frage: essen, trinken, schlafen und dazwischen ein fremdes Leben führen: das Leben anderer. Das Leben der Menschen, von denen sie aus Büchern Kenntnis hatte, das Leben derer, die sie in Wirklichkeit umgeben würden ... Und dieses Nachempfinden, dieses quälende Mitleben sollte ihr fortan Ersatz bieten für ihr eigenes Leben ... Ersatz? ... Blaß und stumm saß sie Delten bei Tisch gegenüber. »Bist du müde?« fragte er sie. Sie nickte träge, wie erschlafft. »Müde ... wovon, mein Kind?« »Vom Denken.« »Was hast du gedacht, Iduna ...« Sie wollte es ihm sagen. Aber, was ihr so klar gewesen im farbigen Dämmerschein ihres Zimmers, hier unter dem grellen Licht der Gaskrone verwirrte es sich zu konfusen Begriffen. Sie versuchte zu lächeln. »Jetzt weiß ich's nicht mehr.« »Dann war's auch nur Träumerei, Iduna ...« Sie hörte eine leichte Geringschätzung aus dem Ton heraus, wie eine Zurechtweisung. Das Tellerklappern des Mädchens beim Abräumen irritierte sie. Sie stand hastig auf. »Das Beste wird sein, du legst dich zur Ruhe nieder«, sagte er freundlich. »Und du?« »Ich will noch lesen bei mir, Notizen machen ...« Sie faßte ihn unter den Arm und blickte zu ihm auf. »Nie sprichst du mir von deiner Arbeit.« »Du hast ja nie gefragt danach. Im übrigen würdest du wenig davon verstehen. Es sind philologische vergleichende Studien, die sich an Fachkreise wenden, trockene, wissenschaftliche Kritiken, archäologische Subtilitäten. Ab und zu lasse ich eine Broschüre erscheinen. Einigen Universitätsprofessoren sind sie wertvolles Material, das sie mit rhetorischen Floskeln ausgeputzt, in breiter, gefälliger Form dem Verständnis der Menge zugänglich machen.« »Bist du berühmt?« fragte sie naiv. »Nein, nicht einmal bekannt. Auf dem Titelblatte meiner Broschüren steht nicht einmal mein Name, nur J.D. Einzelne Gelehrte wissen, wer sich unter diesen Buchstaben verbirgt. Im übrigen ist es gleichgültig. Ich will ja nicht meinen Namen verbreiten, sondern wahre Tatsachen. Tatsachen, die nicht ich geschaffen, und an denen ich kein Teil habe.« Iduna entsann sich plötzlich, daß sie nach dem Tode ihrer Mutter in deren kleinem Bücherschrank zwischen einem Gedichtband von Nikolaus Lenau und einem Novellenband von Gottfried Keller zwei, drei solcher Broschüren gefunden. Sie hatte sie aufgeschlagen, viele lateinische und griechische Zitate in ihnen gefunden, römische Zahlen und trockene, kurze Quellenhinweise. Damals hatte sie sich gewundert, wieso ihre Mutter zu diesen Broschüren gekommen war. Es mochte ja auch für diese ganz unverständliches Zeug gewesen sein. Sie hatte nicht einmal dem Vater von diesem Fund etwas gesagt, sondern aus einer Art Pietät die Broschüren nebst einigen Papieren und Briefen der Verstorbenen in eine Kiste eingepackt. Also das war die Quintessenz vom geistigen Leben ihres Mannes! Sie hätte es lieber gesehen, wenn er ein verkannter Poet gewesen wäre oder ein revolutionärer, ungestümer Geist, der Prophet einer neuen Glaubenslehre ... Dafür hatte sie ihn auch bisher gehalten ... Die nüchterne, reale Lösung verkleinerte ihn in ihren Augen ... »Also das machst du, das ist dein Leben?« »Dünkt dich das Streben nach Wahrheit so gering, Iduna?« Sie zuckte beinahe unwillig die Achseln. »Was ist Wahrheit?!« Für sie war das Wort ein leerer Schall. »Geh' schlafen, Kind«, sagte Delten und küßte sie leicht auf die Stirn. Im Schlafzimmer brannte die Lampe wie sonst. Qualvolle Unruhe erfüllte sie, eine Art Erwartung ... Wahrheit ...! Sie wiederholte das Wort ein paarmal leise vor sich hin, zornig und verächtlich. Wahrheit war der Schmerz, den sie empfand, Wahrheit war ihr inneres aufgewühltes Leben, aber an dieser Wahrheit ging er vorbei ... Er suchte die Wahrheit im Toten, längst vergangenen, in starren Formeln ... Sie wartete auf ihn ... Sie wollte ihre Arme um seinen Hals werfen, ihn an sich ziehen, im Kuß ihn nochmals fragen: »Was ist Wahrheit? ... Eine Stunde verrann ... Nun saß sie aufrecht im Bett, die Augen, brennend heiß, auf die Tür gerichtet ... Dann rollten ihr die Tränen in schweren Tropfen über die Wangen, und sie warf sich zurück in die Kissen. Es war lange nach Mitternacht, als Delten ins Zimmer trat. »Du schläfst noch nicht«, fragte er erstaunt. »So arge Kopfschmerzen?« Er legte ihr seine kühle, hagere Hand auf die Stirne. »Laß mich«, kam es schroff von ihren Lippen. Mehr als alles empörte sie der heitere, zufriedene Ausdruck seines Gesichtes. Sie schloß die Augen, um ihn nicht zu sehen. Abgewendet, ohne freundlichen Gutenachtgruß schlief sie ein. Als sie aufwachte, war sie allein im Zimmer. Sie klingelte nach dem Mädchen. »Der Herr ist schon in aller Frühe fortgegangen«, antwortete dieses auf Befragen. Iduna enthielt sich jeder Bemerkung. Sie fühlte sich wie zerschlagen nach dem gestrigen Abend, empfand es fast als eine Erleichterung, allein zu sein, sich ihren Gedanken hingeben zu können. Sorgfältig kleidete sie sich an, wie sie es immer tat aus einem ästhetischen Bedürfnis heraus, dann ging sie einmal durch die Wohnung. Deltens Zimmer sah kahl und unwohnlich aus. Er hatte sich jede Ausschmückung verbeten: sie störe ihn bei seiner Arbeit. Auf dem Schreibtisch lagen nur wenige Bücher ordentlich aufgeschichtet, in der Mitte war eine Broschüre hingeworfen über Archäologie. Iduna klappte sie auf und fand eine Tafel mit krausen Schriftzeichen; einige derselben waren blau unterstrichen. Sie klappte das Heft wieder zu. Dann blickte sie auf den Wandkalender – richtig, nun war auch der gestrige Tag abgerissen. Sie stellte sich an das Fenster. Dieser ewiggraue Berliner Himmel! Es schien ihr, als wenn die Menschen auf der Straße niedergedrückt würden von ihm, so mißmutig, gebeugt und langsam schlorrten sie vorüber. Kurz vor dem Mittagessen kam Delten, mit einem Paket Bücher unter dem Arm. Bei Tisch fragte er, was Iduna getrieben. »Nichts? Nicht einmal gelesen? Auch nicht spazierengegangen?« Er schüttelte unzufrieden den Kopf. »Das muß anders werden, Iduna.« Aber da er sah, wie sie verstimmt wurde, brach er ab. »Mit der Zeit werden wir schon wieder hübsch vernünftig werden, nicht wahr?« »Ja ... aber nicht zu vernünftig.« Sie kam von rückwärts an ihn heran, legte die Arme um seinen Hals und lehnte die Wange an seinen Kopf. »Willst du nicht ein bißchen zu mir kommen?« »Gewiß, gerne.« Er legte den Arm um sie und führte sie in ihr verhängtes, dämmriges Zimmer. »Ich will dir den schwarzen Kaffee bereiten hier ... ist's dir recht?« Sie ließ ihm gar nicht Zeit zur Antwort, sie klingelte nach dem Mädchen und hieß sie, die Wiener Kaffeemaschine hereinbringen, gleichzeitig zündete sie die Lampe an. »Das gibt mehr Behagen, nicht wahr, Julius?« Er hob warnend den Finger. »Künstliches Behagen, Iduna ... ist's auch das richtige?« Aber sie lachte nur darauf. Jetzt war ihr wieder wohl und warm. Sie freute sich ihrer anmutigen Bewegungen und fühlte Deltens wohlgefällige Blicke. Es lag ein Hang zu Koketterie in ihr, zum steten Anreiz des Begehrens ... Sie plauderte, lachte und scherzte, hielt ihm ihre Lippen zum Kuß hin, ihre Wangen röteten sich, ihre Augen belebten sich in feurigem Glanz. »Schon ausgetrunken?« fragte sie, als er die geleerte Tasse auf das Tischchen stellte. »Ja, Kind, und nun muß ich arbeiten ...« »Arbeiten ...« Sie sah ihn vorwurfsvoll, schmerzlich enttäuscht an. »Ist's nicht hübsch hier?« Und da er sich lächelnd erhob, fügte sie leicht gereizt hinzu: »Du tust, als ob du nur zu Besuch hier wärst ...« Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände. »Es hat einen Philosophen gegeben, Epiktet heißt er ... hast du jemals von ihm gehört?« »Ein Stoiker war es, der in Lumpen lebte, in Lumpen starb, Verzicht predigte und für alle Freuden, die er nahm, nichts gab, als ...« »Als Erkenntnis«, ergänzte Delten. »Und weißt du auch, was dieser Epiktet in einer seiner berühmten Sentenzen sagt?: ›Du mußt dich im Leben wie bei einem Gastmahl verhalten. Wird etwas herumgeboten und kommt es zu dir, strecke die Hand aus und nimm ein bescheidenes Teil davon.‹ Hörst du, Iduna, ein bescheidenes Teil ...« Sie wurde rot und wich ungeduldig seinem Blick aus. Es folgten nun farblose Tage und Wochen. Ab und zu besuchte Iduna mit ihrem Mann ein Theater. Aber in den Randbemerkungen, die Delten machte, lag so viel Schärfe, daß sie selbst zu keinem vollen Genuß kam. Nach dem Theater stellte ihr Delten manchmal ein paar Bekannte vor, und man ging zusammen in ein Restaurant. Dann unterhielt sich Iduna ganz gut. Das Bewußtsein, daß sie den anderen gefiel, steigerte ihre heitere Laune, machte sie liebenswürdig und entgegenkommend. Sie lernte ein paar Künstler und Schriftsteller mit ihren Frauen kennen. Einige dieser Frauen waren hübsch und jung, sie zeigten ziemlich freie Ansichten, warfen mit Fachausdrücken herum und schwärmten von ihren Männern. Iduna war entzückt von ihnen, entschlossen, sich ihnen anzuschließen, aber wenn sie auf dem Heimwege ihrem Manne davon sprach, dann lächelte er geringschätzig und zuckte die Achseln. »Sieh dir doch all diese leeren Vogelköpfe erst genauer an, bevor du dich so für sie erwärmst. Was besticht dich so sehr an ihnen? Das Nachplappern von Phrasen, die sie von ihren Männern gehört, aus der Zeitung gelesen haben? Oder ihre unfeine laute Art, die erträglich ist, solange sie noch jung sind, mit den Jahren aber immer vulgärer wird ... Oder gar das bißchen Interesse, das sie dir zeigen? Du bist ihnen eine neue Erscheinung, und sie spielen mit dir – weiter nichts. Einige erwarten, du wirst ein Haus machen und spekulieren auf Einladungen, andere hoffen auf noch größere Vorteile von uns, indem sie – unser Vermögen überschätzend – auf ein Absatzgebiet bei uns rechnen für Konzertbillette, Bilder, Bücher und so weiter. Wenn du willst, Iduna, kannst du dir in vierzehn Tagen einen ›Salon‹ schaffen. Ich verspreche dir: während eines halben Jahres wenigstens, wird ›ganz Berlin‹ – die wahre vornehme Gesellschaft ausgenommen – an deiner Klingel hängen, und du wirst das erhebende Bewußtsein in dir tragen, daß der und der oder die und die bei dir verkehren. Da dein Vermögen für große Gastereien, feine Soupers nicht ausreichend ist, wirst du es dir ›billig‹ einrichten. Man wird deine heißen Würstchen und deinen Tee mit belegten Butterbrötchen vorzüglich finden, solange du auch neue interessante Menschen mitservierst. Hat man bei dir aber nach Ablauf einiger Monate so ziemlich alles kennen gelernt, was der Mühe wert erscheint, so wird man anfangen, sich – im besten Falle – zurückzuziehen, im anderen aber sich noch über deine belegten Brötchen lustig zu machen. Dein Haus wird ein Durchgangshaus gewesen sein, wie es deren unzählige in Berlin gibt, wenn dir nach solcher Ehre – der Sinn steht – bitte!« ... Iduna wußte ihrem Manne auf solche Worte nichts zu erwidern, aber es regte sich in ihr eine immer grollendere Opposition gegen ihn. Die Erfahrung fehlte ihr, um ihn zu widerlegen, der Mut, eine selbständige Handlung zu wagen. Aber wenn sie sich unter Fremden befand, die scheinbar harmlose Art des Verkehrs beobachtete, dann fühlte sie sich selbst wie in Fesseln geschlagen. Sie fühlte die beständige Kritik ihres Mannes, es war ihr unmöglich, sich einem unmittelbaren Eindruck hinzugeben. Die kalte ruhige Objektivität Deltens setzte sich bei ihr in Mißtrauen um. Sie verlor bald die naive Freude am Verkehr und nur, wenn sie die beobachtenden Blicke ihres Mannes nicht auf sich fühlte, dann brach manchmal die impulsive Jugend ihres Wesens durch. Auf die Dauer ließ sich aber der Verkehr nicht ausschließlich auf gelegentliche Zusammenkünfte in den Restaurationen beschränken. Iduna wurde aufgefordert, Besuche zu machen und mußte einige Besuche bei sich empfangen. So hatte sich einmal die Frau des Klavierspielers Reitz bei ihr zum Kaffee angesagt. »Ich bringe Ihnen auch Dr. Stahl mit, dem Sie den Kopf verdreht haben.« Frau Reitz war eine kleine lebhafte, graziöse Person, die mit der äußeren Naivität eines ganz jungen Mädchens die schlaueste Berechnung vereinigte. Aber sie war so liebenswürdig, ihre Teilnahme an allem, was andere betraf, schien so echt! Iduna freute sich über diese zwanglose Liebenswürdigkeit, sie hatte die Empfindung, als ob sie mit Frau Reitz ganz unbefangen über alles reden konnte. Und daß sie ihr nun gar Dr. Stahl mitbringen wollte ... Iduna empfand darüber ein Vergnügen, dessen Intensität sie sich nicht einmal ganz zugestehen wollte. Es war ein reizender Nachmittag. Iduna empfing ihre Gäste in ihrem kleinen Salon. »Mein Mann läßt sich entschuldigen,« sagte sie, »er hat jetzt eine wichtige Arbeit vor.« »Verlangen Sie nicht, daß ich darüber weine, kleine Frau. Allen Respekt vor Ihrem Mann, aber ohne ihn sind Sie mir lieber.« Iduna war niemals ungeschickt, jetzt aber fiel ihr die Zuckerzange aus der Hand. Sie sah dabei nicht, wie Dr. Stahl Frau Reitz einen mißbilligenden Blick zuwarf. Aber Frau Reitz lachte: »Ach, lassen Sie nur, Hermann, uns Frauen ist immer wohl, wenn wir dem Zwang der Gattenautorität ein wenig entrückt sind.« »Auch in den Flitterwochen?« Frau Reitz gab dem jungen Arzt einen Klaps auf die Hand. »Halten Sie Ihren losen Mund. Und im übrigen, kleine Frau, wie lange sind Sie denn verheiratet?« »Drei Monate.« »So ... so ... Da wären dann eigentlich die Flitterwochen vorüber. Aber Ihr Mann scheint höllisch eifersüchtig zu sein – ist er nicht?« »Auf wen?« Iduna machte ein so maßlos erstauntes Gesicht, ihr »auf wen« klang so kindlich verwundert, daß Frau Reitz und Dr. Stahl in lautes Lachen ausbrachen. Iduna wurde nun wirklich verlegen. Seit jener Szene auf dem Friedhof, da Delten ihr in so schroffen Worten verwiesen, ihn einer Eifersucht für fähig zu halten, hatte sie nie mehr an die Möglichkeit einer Eifersucht gedacht. Aber Frau Reitz lachte noch immer. »Sie sind doch köstlich naiv, meine Liebe. Auf jemand Bestimmten eifersüchtig sind nur die Frauen, die Männer leisten sich den Sport der Eifersucht mehr im allgemeinen, und dann gehen sie folgendermaßen vor: ›Mein Kind, du dekolletierst dich zu stark, mein Kind, du lachst zu viel, mein Kind, du darfst dich nicht nach dem Abendessen auch noch mit deinem Tischherrn unterhalten ... Das schickt sich nicht. Es schickt sich nicht, daß du einem Herrn, den ich dir vorstelle, gleich die Hand reichst, es schickt sich nicht, daß du ohne meine Erlaubnis Herrn Ypsilon aufforderst, dich zu besuchen, es schickt sich nicht, daß du dreimal mit demselben Herrn tanzest ...‹« Iduna mußte nun auch lachen. »Aber das alles hat ja mein Mann gar nicht gesagt ...« »Nein, er macht's vielleicht noch mehr engros ab: Mein Kind, es schickt sich nicht, daß du mit Menschen verkehrst! ...« Iduna wurde plötzlich ernst, und es trat eine kleine Pause ein. Frau Reitz verließ ihren Platz, setzte sich auf das kleine Sofa neben Iduna und nahm ihre Hand. »Nichts für ungut, kleine Frau, nicht wahr?« »O nein, gewiß nicht ...« Aber Iduna konnte jetzt nicht mehr über eine gewisse Befangenheit hinwegkommen. Frau Reitz scherzte nun mit dem jungen Arzt, es flogen Witzworte, Anspielungen, die Iduna nicht recht verstand, Namen wurden genannt, die Iduna nicht kannte, Abmachungen wurden getroffen, an denen Iduna nicht teilnahm. Und über diesem ganzen leeren Geschwätz, diesem Geplänkel, lag es wie der tödliche Druck einer gespannten Situation. Blicke flogen zwischen den beiden, die sich Iduna nicht zu deuten wußte: war es heimliches Einverständnis? War es eine stumme gegenseitige Herausforderung? Manchmal huschte es wie Langeweile über das Gesicht des Arztes. Iduna glaubte dann ihren Pflichten als Wirtin nicht genügt zu haben. Sie mühte sich krampfhaft, einzufallen in das Gespräch, aber es wollte ihr nicht gelingen ... »Ich glaube, wir dürfen Frau Dr. Delten nicht länger aufhalten«, sagte endlich Stahl. Frau Reitz erhob sich. »Nun müssen Sie mich aber auch besuchen, kleine Frau. Wir wollen gleich einen Tag festsetzen, an dem auch Dr. Stahl frei ist ... Donnerstag, Freitag ...« »Bedaure, ich bin die ganze Woche über nicht frei ...« »So?« Es klang durch wie Gereiztheit. »Also nächste Woche, Montag, Dienstag ...« »Unmöglich für mich. Aber warum wollen Sie den Besuch von Frau Delten durchaus von meinem Kommen abhängig machen?« Frau Reitz riß nervös an ihren Handschuhen ... »Nun, ich wollte nicht, daß die kleine Frau bloß auf mich angewiesen ist ...« »Sie haben ja so viele Bekannte ...« »Allerdings, Sie erinnern mich beizeiten daran.« Frau Reitz umarmte Iduna, ihre Hände zitterten leicht, und wie um dieses Zittern zu maskieren, sagte sie mit einem Versuch zu scherzen: »Höflich sind unsere Herren heutzutage gerade nicht.« Stahl führte Idunas Hand an seine Lippen: »Seien Sie gnädiger in Ihrer Beurteilung und gestatten Sie mir von Zeit zu Zeit eine Erneuerung meines Besuches.« »Bitte ...«, sagte Iduna mechanisch. Sie war froh, als die beiden endlich fortgingen. Rechenschaft konnte sie sich von ihrer Empfindung nicht geben, aber etwas wie Widerwillen und Angst waren in ihr aufgestiegen vor einer neuen Seite des Lebens, die sie noch nicht kannte. Als sie allein war, zog sie die Vorhänge zurück und öffnete weit das Fenster; es war ein milder, weicher Wintertag. Sie blieb einige Augenblicke am offenen Fenster stehen. Sie sah, wie die beiden aus der Haustür traten. Frau Reitz sprach lebhaft und eindringlich, Dr. Stahl zuckte ein paarmal die Achseln. Plötzlich blieb er stehen, lüftete mit scharfem Ruck seinen Hut und bog kurz entschlossen in eine Seitenstraße ein. Frau Reitz stand da, wie vom Schlag gerührt. Iduna konnte ihr Gesicht erkennen. Es lag so etwas Hilfloses darin, wie bei einem Kind. Das war nicht dieselbe Frau, die noch vor kaum einer halben Stunde gespöttelt, gescherzt und ironisiert hatte. Eine leere Droschke fuhr vorbei. Frau Reitz gab ihr ein Zeichen zu halten. Sie schien sich nur mühsam bis zu ihr hinzuschleppen, und als sie eingestiegen war und die Tür zuschlug, da sah Iduna in ein totenblasses Gesicht ... Iduna schloß das Fenster, zog die Vorhänge wieder zu. War es nicht schöner bei ihr in dem stillen, dämmrigen Raum, als draußen in der Welt des Schmerzes und Elends? Es überkam sie ein Gefühl des Friedens, das bewußte Empfinden einer stillen Ruhe. An den jungen Arzt dachte sie nicht mehr, aber die arme kleine Frau tat ihr leid ... sie hätte es nicht sagen können warum. Nun trat Delten ins Zimmer. »Du hast Besuch gehabt?« »Ja ... Frau Reitz und Dr. Stahl.« »Hast dich gut unterhalten?« Iduna hätte gern ihre Eindrücke mitgeteilt, aber sie fürchtete Deltens Schroffheit, fürchtete ihre leise Sympathie für die blasse Frau zu verraten. Mein Gott, sie konnte die Frau ja nicht entschuldigen, aber das Leiden verklärte sie, umgab sie mit einem poetischen Zauber. Delten würde diesen Zauber zerstören. Einmal, im Laufe des Gespräches, hatte er geäußert: »Es gibt zwei Arten von Frauen: anständige Frauen und Dirnen. Ein Mittelding kenne ich nicht.« Und das war es, worüber sie nicht hinwegkam: er kannte kein Mittelding, keinen mildernden Umstand. »Ja, es war sehr nett«, sagte sie laut. Wie weit entfernt war sie schon von jener Zeit, da sie Delten rückhaltslos jeden ihrer Gedanken offenbarte ... VIII. Iduna erwartete ihr Kind. Sie erwartete es mit leiser Angst, ohne Freude. Ihr feines ästhetisches Empfinden litt bei allem, was ihr Zustand Widerwärtiges mit sich brachte. Ihr ekelte vor ihrem eigenen Spiegelbild. Sie weinte manchmal heimlich, wenn sie ihr müdes, gelbliches Gesicht sah. Und dann überkam sie stumpfe Gleichgültigkeit ... Sie vernachlässigte sich in ihrer Kleidung, verwendete keine Sorgfalt mehr auf ihr Haar. Und daß Delten dies nicht rügte, ihre äußere Veränderung kaum zu bemerken schien, dies ertötete in ihr den letzten Rest von Gefallsucht. Sie kleidete sich vor ihm an und aus, ohne eine Gefühl der Gène, gleichgültig, als wäre sie keine Frau, als wäre er kein Mann. Sie hatte das Bewußtsein ihrer Weiblichkeit verloren. Sie sprach mit ihm über ihren Zustand wie mit einem Arzt, nicht wie mit dem Vater ihres Kindes. Sie sagte auch niemals: unser Kind, sondern immer nur: das Kind. Manchmal, in ruhigeren Augenblicken, hoffte sie, es würde ein Sohn sein. Dann kam ihr der Traum in Erinnerung, den sie als Mädchen öfters gehabt hatte, wie sie zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn im Garten lustwandelte. Sie wußte aber nicht einmal, ob sich ihr Mann über das Kind freute. Er war immer sehr ernst, wenn er von ihm sprach, und sagte oft: »Das Kind wird deinem Leben erst Wert und Inhalt geben.« Sie blickte dann starr vor sich hin. »Wert und Inhalt ...! Tote Worte waren es. Wo blieb das Glück.« Delten zwang sie zu weiten Spaziergängen. Dann wählte sie Straßen, in denen sie sicher war, keinem Bekannten zu begegnen. Sie kam sich zwar selbst bemitleidenswert vor, aber sie wollte nicht von Fremden bemitleidet werden. Auf diesen Spaziergängen traf sie junge Frauen wie sie selbst, die sich schwer auf den Arm ihres Gatten stützten. Diese Frauen hatten so einen eigentümlich ruhigen Ausdruck satten Glückes in ihren Zügen, ihre Augen hatten einen feuchtschimmernden, nach innen gekehrten Blick, um ihren Mund spielte ein mildes Lächeln und es ging von ihnen aus wie stolze Erwartung einer göttlichen Offenbarung ... Sie selbst aber empfand nichts von überschwenglichem, großem Glück. Nur Unruhe, physische Angst vor Bevorstehendem, Ekel vor Gegenwärtigem. Wenn Delten sie trübe und schweigsam sah, dann spöttelte er leicht über ihre kindische Angst oder verwies ihr ernst das fruchtlose, ungesunde Grübeln. Einmal wurde er scharf: »Es ist einer anständigen Frau nicht würdig, sich in einem solchen Fall zu benehmen, wie du es tust. Es ist dirnenhafte Frivolität, in der Ehe die Liebe zur Lust herabzuwürdigen, statt die Lust zu adeln durch das Sehnen nach dem Kinde.« Sie wurde ganz blaß bei seinen Worten, ihre Lippen bebten vor Erregung, ganz brutal antwortete sie: »Aber ich habe keine Sehnsucht nach dem Kinde, nein, nein, nein ... Und wenn es da sein wird, rot, runzelig, häßlich, wenn es schreien wird, und es im ganzen Hause nach Windeln und Kamillentee riechen wird, so kann mich das nicht glücklich machen, nein, das kann es nicht!« Er war beinahe erschreckt über ihren Ausbruch. Er nahm ihre Hände, und in weicherem Ton, wie in früheren Zeiten, fragte er: »Fühlst du denn wirklich nichts, gar nichts? Es ist doch Fleisch von deinem Fleische, Blut von deinem Blute?!« Aber sie verbiß sich förmlich in ein Gefühl der Empörung. »Gar nichts fühle ich. Nur daß ich häßlich werde und schwerfällig, daß ich keine Freude mehr habe an Licht und Luft und Sonne, daß ich unter einem beständigen Druck lebe, einer beständigen Furcht, daß ich mich oft einer Ohnmacht nahe fühle, daß es in meinem Innern wühlt und brennt, daß ich mein Dienstmädchen beneide, das sich frei bewegen kann und abends sorglos ihr Lied in der Küche singt ... ja, das allein fühle ich.« Sie brach in konvulsivisches Schluchzen aus und warf sich auf ihr kleines Sofa. Er stand eine Weile schweigend neben ihr. Sein bleiches Gesicht war noch um einen Schatten bleicher geworden, und er biß die Zähne auf die Unterlippe, als wenn er gewaltsam eine Antwort unterdrücke. Idunas Schluchzen wurde leiser, und dann sagte er mit klangloser Stimme, den Blick ins Weite gerichtet: »Wir wollen nie mehr darüber sprechen, Iduna, hörst du, nie mehr. Um deinetwillen und vielleicht auch um meinetwillen. Wir wollen unsere Schuld nicht vergrößern, nicht uns und nicht dem unschuldigen Wesen gegenüber, das uns zu Eltern haben soll.« Wieder stand er wie abwartend neben ihr. Aber sie hob den Kopf nicht, nur ihre Schultern zuckten noch vom verhaltenen Schluchzen. Er atmete tief und leise auf, ein starrer Zug legte sich ihm um den Mund, seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen. Gebeugten Hauptes verließ er das Zimmer. In Iduna bildete sich seit jenem Tage eine merkwürdige, krankhafte Abneigung gegen ihren Mann aus. Sie vermied es, mit ihm zusammen zu sein, mit ihm auszugehen. Wenn sie seine Stimme hörte, war sie versucht, die Hände vor die Ohren zu legen, um ihn nicht zu hören. Wenn er unvermutet in ihr Zimmer trat, zuckte sie zusammen; wenn sie mit ihm sprach, irrten ihre Augen weit ab, als ob ihr das Betrachten seines scharf geschnittenen, bleichen Gesichtes Pein bereitete. Wochen und Monate vergingen. Dann kam die lange, endlose Nacht ... Zwei Ärzte standen an Idunas Bett mit ernsten, besorgten Mienen. Um die sechste Morgenstunde lag ein kleines rotes Ding im Korbwagen. Iduna aber war noch im narkotischen Schlaf – sie hatte den ersten Schrei ihres Kindes nicht gehört. Und später, als sie aufwachte und man ihr das Kind reichte, sah sie es mit toten, glanzlosen Augen gleichgültig an. Dann ging es wie Widerwillen über ihr Gesicht. »Pfui, es hat schwarze Haare.« »Aber, aber! So ein hübsches Kind«, sagte die Hebamme mißbilligend, »und dann sind wir auch ein kleines Mädchen, Mama, ein schönes, kleines Mädchen, kein schlimmer Junge.« Dieses erste »Mama« aus dem welken Munde der ältlichen Frau berührte Iduna unangenehm. Sie schob das Kind mit einer müden Bewegung von sich. »Warum es nur so schwarze Haare hat?« fragte sie. Die Hebamme lachte. »Wenn die erst ausfallen, kann niemand wissen, ob nicht blonde Haare nachkommen, ganz goldblonde. Aber der Herr Papa ist ja auch schwarz ...« Der Herr Papa ... ja richtig. In diesem Augenblick dachte Iduna gar nicht an ihren Mann, aber nun entsann sie sich, dunkel wie im Traum, daß sie im Laufe dieser Nacht Deltens Gesicht öfters vor sich gesehen, und daß sie sich immer abgewendet hatte von ihm, bis ihn die Ärzte fortschickten. »Wo ist mein Mann?« fragte sie die Frau. »Er frühstückt mit den Herren Doktoren. Haben's redlich verdient, die Herren. Was Sie ihnen zu schaffen gemacht haben, junge Frau!« »So ...« Es war beinahe etwas Selbstgefälliges in Idunas Lächeln, eine kindische, nachträgliche Eitelkeit über das Ausgestandene, an das sie sich kaum erinnerte. »Und was Sie alles zusammengesprochen haben!« »Gesprochen habe ich?« »Jawohl, ohne zu wissen, vor Aufregung, immerzu haben Sie gesprochen: vom Feuer, das sie brannte und von einem Klaas ... und dann riefen Sie jemanden ... so ein komischer Name war es ... und ins Gymnasium sollte man laufen, ihn holen, und dann riefen Sie: nach Hause will ich, nach Hause, und dann wieder der komische Name, so englisch klang er ... Ich weiß es von einer Dame aus meiner Kundschaft, die Engländerin ist ...« Iduna wurde nun ganz still. Sie fragte auch nicht weiter, als fürchtete sie, die Frau würde ihr gleich den Namen nennen, der ihr im Fieberwahn unbewußt von den Lippen gekommen war. Georgy, Georgy! ... Warum mußte sie gerade jetzt an ihn denken, an den weichen, sanften Gespielen ihrer Kindheit. Was hatte er noch mit ihrem Leben zu tun? ... Das Kind fing an zu quäken, die Hebamme nahm es auf die Arme und wiegte es leise summend hin und her. Warum es nur gerade so eine dichte Tolle schwarzer Haare hatte! So abscheulich schwarz ... Und ein Mädchen war es auch. An diese Möglichkeit hatte sie überhaupt nie gedacht. Auch daran nicht, wie es heißen sollte. »Sst ... sst ... Lottchen«, beruhigte die Hebamme und klopfte mit der flachen Hand auf das Steckkissen, »still, still, Lottchen ...« Lottchen! Das war so ein richtiger Sammelname, das paßte für so ein Kind, das ungebeten und unerwünscht seinen Einzug in die Welt hielt. Darin war doch wenigstens nichts so Hochtrabendes, Verschrobenes, wie in dem Namen Iduna! Mochte die Kleine Lottchen heißen. Iduna war froh, daß sie sich nicht mehr den Kopf zu zerbrechen brauchte. Aber da fiel ihr ein: hieß nicht ihre Mutter auch Charlotte? Wurde sie nicht auch von allen Verwandten Lottchen genannt. Sie hatte schon als Kind dieses ewig wiederkehrende triviale »Lottchen« gehaßt, und nun sollte sie es bei ihrem Kinde wieder hören. »Mag sie Lolo heißen«, entschied Iduna innerlich. »Lolo«, sagte sie leise vor sich hin. Der Klang des Namens gefiel ihr, er tröstete sie beinahe über die schwarze Tolle. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein. Als Delten eine Stunde später ins Zimmer trat, schlief Iduna noch immer. Die Hebamme war im Lehnstuhl eingenickt, und die kleine, schwarzhaarige Lolo lag friedlich schlummernd, mit hochemporgezogenen Fäustchen im Korbwagen. Am Nachmittag traf eine Depesche von Idunas Vater ein, in Antwort auf das von Delten abgesandte Telegramm. Es war das erste Lebenszeichen von ihm, seit Idunas Abreise. Iduna war sehr bewegt und las die wenigen Worte immer wieder durch. Sie stellte sich ihren Vater vor, wie er des Morgens das Telegramm erhalten hatte, dann aufgeregt hin und her gegangen war, im Kampfe mit sich, ob er antworten solle oder nicht –, dann, wie die weiche Stimmung den Sieg davon getragen, und er endlich im raschen Entschluß ein paar Worte auf das Papier geworfen und den Zettel aufs Telegraphenamt geschickt ... rasch, rasch, damit es ihm nicht noch leid werde zu guter Letzt ... Sie war in diesen Tagen, wo absolute Ruhe geboten war, in Gedanken viel im alten Elternhause. Sie dachte an ihre Kindheit zurück, an ihre englische Gouvernante, an die Streifzüge durch Wald und Feld, an ihre Lernstunden, die verschiedenen Lehrer, an das sehnsuchtsvolle Hoffen, das sie oft im Frühling überkommen, an frühen Morgenstunden, wenn alles noch um sie herum schlief und der Tag langsam in funkelndem Sonnenglanze anbrach ... Sie dachte an ihre kindische Verliebtheit zurück, an ihr Sehnen hinaus über die engen Grenzen ihrer grauen Alltäglichkeit, an das bange zitternde Erwachen eines neuen, höheren Lebens ... Und sie dachte auch daran, wie sich doch eigentlich nichts erfüllt hatte von ihrem Sehnen, von ihrem Hoffen, ihrer Glückserwartung. Sie war nun an einen Sonderling gebunden, einen trockenen Gelehrten, einen halben Asketen, und neben ihr lag ein kleines, quäkendes Kind, dem sie Mutter zu sein hatte. Ein neues Leben hatte sie geschaffen, sie, die noch ihr eigenes Leben nicht gelebt! Sie, die mit sich nicht fertig war, sollte schon in einem anderen Wesen aufgehen ... Sie hatte so viel vom mütterlichen Instinkt reden hören ... ja, warum hatte sie diesen mütterlichen Instinkt nicht? Es mußte etwas Widernatürliches in ihr sein – es graute ihr beinahe vor ihr selbst. Erst glaubte sie, die Angst vor der schweren Stunde ließe in ihr das natürliche Gefühl der Mutter nicht aufkommen ... Aber jetzt, wo all das Beängstigende, Peinvolle hinter ihr lag – warum regte es sich jetzt nicht in ihr, das vielbesungene allgewaltige Muttergefühl? Vielleicht wenn das Kind blond gewesen wäre, blond, mit porzellanblauen Augen ... es wäre ihr wie eine lebendige, kleine Puppe erschienen. Aber diese schwarze Tolle und die glänzenden, schwarzen Augen, wie Jetknöpfe! Sie hatte nicht die Empfindung, daß es Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute war, sondern nur die, daß sie Unmenschliches ausgehalten für etwas ihr Fremdes, Unverständliches ... Etwa sechs Tage nach der Geburt des Kindes klopfte das Mädchen an und fragte, ob sie eine Frau Busse hereinlassen dürfe. Sie wollte die Frau Doktor so gerne sprechen. Frau Busse ... Iduna mußte sich erst besinnen, wer das war. Richtig, die Frau, bei der sie gewohnt hatte vor ihrer Verheiratung. Die Gute war immer so nett und aufmerksam zu ihr gewesen, hatte ihr sogar bei der Einrichtung der Wohnung geholfen und sich dann ganz bescheiden zurückgezogen, vielleicht in der Hoffnung, daß sich Iduna selbst einmal nach ihr umsehen würde. Frau Busse trat ein. Sie hatte großen Staat gemacht, und ihr rundliches Gesicht strahlte förmlich aus der Umrahmung der schmalen Hutbänder hervor. Iduna lächelte ihr zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Wie nett von Ihnen, Frau Busse ...« »Was nett, meine liebe Frau Doktor! Wie konnten Sie nur, ohne mir was zu sagen! ... Sie haben ja keine Verwandten, und ich wäre so gerne gekommen, hätte Ihnen beigestanden in der schweren Stunde, hätte sie gepflegt nachher. Will's schon glauben, daß Sie jetzt feine Damen kennen, aber die sitzen nicht gerne in Krankenzimmern. Heute, zufällig treffe ich den Herrn Doktor ... er geht doch noch immer in seine alte Wohnung arbeiten, na, und wie ich ihn treffe und nach Ihnen frage, da sagt er mir, daß Sie ein Kind haben. Wo ist denn das Prinzeßchen?« Bei diesen Worten schlug sie aber schon vorsichtig die blauen Vorhänge des Korbwagens zurück. »Ach, du liebe Güte, das ist ja der Papa, der Papa, wie er leibt und lebt! Und die schönen, schwarzen Härchen ... die Augen wohl auch schwarz, was? Na ja, dachte ich mir's doch!« Das Kind wurde unruhig und fuhr sich mit den Fäustchen über das Gesicht. »Sst ... nicht aufwachen ... sst ...« Frau Busse ließ die Vorhänge herabfallen, dann trat sie auf den Zehenspitzen wieder an Idunas Bett und setzte sich auf den Stuhl. »Nu, sagen Sie, junge Mutter, gibt's was Schöneres? Zehn Jahre bin ich verheiratet und immer nur habe ich den Wunsch – ein Kind möchte ich haben! Nichts ... nie, nie ... keine Hoffnung, keine Aussicht. Schneiden und brennen ließe ich mich, wenn's was hülfe – aber es ist umsonst. Die ersten Jahre, da habe ich oft bitterlich geweint. Wenn ich meinen Mann sah, so gesund und stark, immer bei der Arbeit, und ehrlich und treu, da hat's mich gepackt wie Verzweiflung, daß ich ihm nichts geben konnte für all seine Liebe und Güte. Oft habe ich mich geschämt, ihm einen Kuß zu geben, so unheilig kam mir die Liebe vor. Ja, und wenn ich so die anderen Frauen sah, die ein Kind in den Armen wiegten – einen Stich gab's mir jedesmal, wenn ich's ihnen auch von Herzen gönnte, das Glück. Kein größeres gibt es ja, als im Kinde seinen Mann wiederfinden, ihn nochmals und besser noch lieben dürfen im Kinde ...« Frau Busse senkte plötzlich die Augen, wie erschreckt darüber, daß sie soviel gesagt hatte. Iduna aber lag ganz bleich und still in den Kissen ... Das Kind fing an zu schreien. Frau Busse hob es aus dem Wagen und nahm es in die Arme. Iduna wunderte sich, wie geschickt sich die kinderlose Frau dabei anstellte – da war es wirklich vorhanden, das Instinktiv-Mütterliche. Das hatte nicht einmal mit der Ehe was zu tun ... Iduna hatte früher halbwüchsige Mädchen gesehen, die wie erfahrene Pflegerinnen kleine Kinder warteten. »Ich brauche jetzt wohl eine gute Kinderfrau – können Sie mir eine besorgen, Frau Busse?« fragte Iduna. »Aber ja, gewiß, da soll's mir um die Mühe nicht leid sein. Ein so junges Frauchen wie Sie, das versteht ja doch nicht viel vom Kinderpäppeln. Wollte es gerne selbst übernehmen, wenn ich meinen Mann nicht hätte ... Seien Sie ruhig, in ein paar Tagen schicke ich Ihnen eine zuverlässige, tüchtige Person.« Iduna atmete erleichtert auf. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie einem Teil ihrer Pflicht genügt. Was konnte sie auch augenblicklich mehr tun, als sorgen, daß es dem Kinde nicht an leiblicher Pflege gebrach? – – – Als Iduna so weit hergestellt war, daß sie ausgehen konnte, beschloß sie, einige Besuche zu machen. Sie wurde fast überall mit derselben Frage empfangen: »Ja, wo haben Sie denn nur gesteckt, wir dachten, Sie wären verreist!« Einige dieser Bekannten wohnten nur zwei, drei Straßen von Idunas Wohnung entfernt. Mit einiger Bitterkeit sagte sich Iduna, daß sie hätte sterben können, ohne daß sich jemand um sie gekümmert hätte. Alle waren mit sich selbst oder dem engen Kreise beschäftigt, in dem sie sich gerade bewegten. Einige schienen aufrichtig erfreut, sie wieder zu sehen: »Das ist hübsch, daß Sie kommen, Sie sollen nun auch ihr Leben genießen.« Iduna nickte. Ja, das wollte sie. Ihr Leben genießen, irgendeine Freude im Leben entdecken, irgendein Interesse. Sie führte einen Jour bei sich ein. Der Form halber fragte sie ihren Mann um Erlaubnis. Er sagte ihr achselzuckend: »Tu', was du willst.« Er hatte jetzt überhaupt eine geringschätzige, kalte Art, mit ihr zu sprechen, und sie war innerlich beständig gereizt gegen ihn. Eines Tages kam sie in großer Erregung nach Hause. Sie hatte Frau Reitz einen Besuch machen wollen, aber das Mädchen sagte ihr, die gnädige Frau sei schon seit mehreren Monaten verreist und würde auch wohl nicht wiederkehren, der Herr aber reiste dieser Tage nach Amerika. Obwohl sie es in letzter Zeit vermieden hatte, mit ihrem Mann über Bekannte zu sprechen, so war sie doch zu erregt, um diese Nachricht für sich zu behalten. »Wunderst du dich darüber«, fragte Delten. »Ein jeder Schritt, den eine Frau über die Grenze der Sitte hinaus macht, zieht sie in den Abgrund. Statt all eurer weibischen, verlogenen Sympathie hätte eine von euch ihr die Augen öffnen sollen, als es noch Zeit war. Aber eine jede von euch, auch die anständigste, ist ihrer Natur nach eine Kupplerin, und die Moral kommt nur da zu Recht, wo ihr den Skandal fürchtet. Jetzt, wo sie der Mann aus seinem Hause gewiesen, wird es keine von euch wagen, ihr die Hand zu reichen, aber früher wart ihr alle bereit, euer Haus zum Rendezvousplatz für sie und ihren Liebhaber herzugeben.« Iduna schwieg verletzt. Es waren immer so harte Worte, die ihm von den Lippen kamen, Iduna bildete sich manchmal ein, daß er absichtlich so scharf sprach, um sie zu kränken, ihr weh zu tun. Vielleicht um sich zu rächen für den Mangel an Zärtlichkeit, an weicher Hingebung. Seit der Geburt des Kindes wich Iduna jeder Liebkosung mit einer Art Grauen aus. Sie dachte sich's entsetzlich, noch ein Kind zu bekommen, und noch eins ... Immer häßlich und schwerfällig herumzugehen und dann wieder so ein schwarzhaariges, quäkendes Ding in der Wiege zu haben. Sie sah sich manchmal im Geiste mit unfrisiertem Haar, im nachlässigen Morgenanzug, umgeben von schreienden, sich balgenden, heulenden Kindern ... All die Kinder hatten schwarzes Haar, schwarze Augen und riefen nach ihr, hingen sich an sie wie Kletten, zerrten an ihr herum wie junge, spielwütige Hunde, warfen sich auf den feinen, weichen Polstermöbeln ihres Zimmers herum, zerbrachen die Nippes und stießen an die zierlichen Tische, daß die Lampen wackelten. Aus diesen Vorstellungen schreckte sie auf wie aus einem furchtbaren Traum. Nein – keine Kinder mehr! Eines ließ sich allenfalls noch ertragen! Und Lolo wurde von ihr geduldet ... Es ward ein stilles, ernstes Kind, beängstigend selten unartig ... Es hatte große, kluge, beobachtende Augen und ein feines, blasses Gesichtchen. Iduna ließ es gestickte weiße Kleidchen aus weicher, schmiegsamer Wolle tragen. Manchmal ließ sie sich die Kleine in den Salon bringen und in einen Lehnstuhl ihr gegenüber setzen. Dann betrachtete sie das Kind lange, lange und fing an, mit ihm zu spielen, ganz vorsichtig und unsicher. Lolo lachte nicht bei diesem Spiel. Die Kinderfrau hatte es an derbe Späße gewöhnt, aber sie wurde allmählich bekannter mit der Mutter. Sie lächelte ihr zu, und Iduna empfand etwas wie Freude über das Lächeln. Einmal kam Delten dazu. »Ei sieh, findest du auch einmal Zeit, dich mit dem Kinde zu befassen. In deinem Gesellschaftstrubel vergißt du wohl manchmal, daß du zufällig eine Tochter hast ...« Er nahm das Kind auf den Arm und kitzelte es mit der emporgehobenen Spitze seines Bartes. Aber statt zu lachen, verzog die Kleine den Mund zum Weinen. Ganz instinktiv riß Iduna dem Mann das Kind aus dem Arm. »Nicht ... du erschreckst es bloß.« Nun war aber das Kind wirklich erschrocken und kreischte laut auf. »Geh doch, Julius, du siehst, das Kind hat Angst vor dir.« Delten unterdrückte ein heimliches Lächeln. »Wenn es ein Junge wäre, würde ich ihm diese Angst schon bald abgewöhnen, aber ein Mädchen – das mach' ich dir nicht streitig.« Iduna nickte zufrieden. »Ja, die Tochter gehört der Mutter.« Es kam ihr vor, als hätte er mit seinen Worten alle Rechte an das Kind an sie abgetreten, und in der Art, wie sie nun den Arm um die Kleine legte und sie auf die Stirne küßte, lag etwas wie ostentatives Besitzergreifen von einem neuen Eigentum. Es hatte in ihr von jeher ein gewisses Gefühl der Ausschließlichkeit gelegen. Dieses Gefühl übertrug sie auf das Kind. Es gehörte nun ihr, ihr ganz allein. Jetzt hatte sie es auch viel lieber. Und sie betrachtete es mit neuem Interesse. Gottlob, es war ja doch hübsch, es hatte so schöne, ausdrucksvolle Augen, einen so weichen, feinen Mund ... Es ging etwas Seltsames in Iduna vor, ein heißes Sehnen erfüllte sie plötzlich nach weichem, zartem Verständnis, nach warmer, linder Liebe. Sie preßte das Kind an sich und lehnte ihre Wange an das dunkle Kinderköpfchen. »Wirst mich lieb haben, Lolo, sag'?« fragte sie. Und sie schrak selbst zusammen bei dem Klang dieser Worte. Lieb haben! ... War das ihr stürmendes, verzehrendes und doch unklares Sehnen!? ... Lieb haben ! IX. Eines Tages – Iduna saß ihrem Manne noch beim Mittagstisch gegenüber, wurde geläutet, und das Mädchen brachte eine Visitenkarte herein: »Dr. Hermann Stahl«, las Iduna halblaut vor sich hin. Sie sah Delten fragend an. »Laß ihn bitten, Iduna – zu dir. Ich habe zu tun.« »Du hast immer zu tun, wenn Besuch kommt.« »Der mich nicht interessiert.« »Nenne mir jemand, der dich interessiert.« »Mehr als zweimal niemand.« Iduna erhob sich gereizt und ging in ihren kleinen Salon. Dr. Stahl stand mitten im Zimmer, den Hut in der Hand, im Überzieher. »Entsinnen Sie sich meiner noch, Frau Doktor?« »Sie haben wenig getan, um sich mir in Erinnerung zu bringen. Seit jenem Nachmittag ...« Iduna brach ab, aber Dr. Stahl lächelte unbefangen. »Jawohl, ich weiß, Frau Reitz war auch hier damals. Eine charmante, kleine Frau. Sie hat hier in der Gesellschaft eine Lücke gelassen.« Die Unbefangenheit seines Tones gab auch Iduna die Sicherheit wieder. Sie setzte sich in die Sofaecke, Stahl nahm ihr gegenüber Platz, nachdem er seinen Hut unter das Tischchen gestellt. »Es ist überhaupt schade um das Haus«, fuhr er fort, »man hörte dort gute Musik, besonders wenn der Hausherr nicht selbst spielte, Frau Reitz verstand es, Leute um sich zu gruppieren und ans Haus zu fesseln.« »Wissen Sie, was aus Frau Reitz geworden ist?« »Keine Ahnung. Ich hörte, daß sie sich nach vollzogener Scheidung wieder verheiratet hätte, übrigens braucht das nicht wahr zu sein. Eine Zeitlang soll sie in mißlichen Verhältnissen gelebt haben – in Dresden oder Leipzig. Lange konnte es ihr keinesfalls schlecht gehen, sie war immer sehr energisch, mehr Kopf als Herz, enorm viel Liebenswürdigkeit bei großer Indifferenz.« »Ich dachte ... Sie standen ihr nahe.« »Ich ihr? Oh nein! Sie mir eher. Es gab eine Zeit, wo ich sie für eine warme, ehrliche Natur hielt. Ich war ihr sehr gut, so weit ich das sein durfte. Vielleicht hatte sie nur das eine kleine Unrecht – meine Freundschaft für ein wärmeres Gefühl zu halten, solche Irrtümer kommen vor, der Mann spielt dabei eine sehr undankbare Rolle; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen Dummheit und Ehrlosigkeit.« Er hielt einen Augenblick inne. »Sprechen wir von etwas anderem, Frau Doktor, wollen Sie? Erst müssen Sie mir sagen, daß Sie mir nicht böse sind. Ich weiß, es gilt für eine gesellschaftliche Unmanier, so plötzlich auszubleiben – aber es hatte einen Grund. Jetzt da ich abreise für ein oder zwei Jahre, kann ich es Ihnen ja sagen. – Darf ich es Ihnen auch sagen?« Die Frage kam ganz leise von seinen Lippen, aber seine Augen suchten in lauter, dreister Beharrlichkeit die ihren. Iduna antwortete nicht, wie erstarrt über das Geständnis, das in dieser Frage lag, und doch rieselte ein warmer Strom durch ihren Körper, sie schloß die Augen in feiger Angst, in sehnsüchtigem Verlangen nach heißen, glühenden Worten, die sie nie gehört hatte vordem. Aber es klang weder heiß, noch berauschend, als er fortfuhr, mit kaum merklichem Spott im Ton: »Ich fürchtete, mich in Sie zu verlieben. Sie hatten es mir angetan gleich den ersten Abend, als ich Sie im Restaurant sah. Ich wurde manchmal sentimental, wenn ich an Sie dachte. Aber ich freute mich, daß Sie heirateten. Ich hätte Sie nie geheiratet – nie. Ich glaube nicht, daß Sie einen Mann beglücken können ... Sie sind eine Sucherin. Alles in Ihnen ist Frage, ist Verlangen. Wir sind aber arm, wir Männer, und da, wo viel von uns verlangt wird, werden wir mißmutig und gereizt. Ich habe Sie beobachtet aus der Ferne, unsere Gespräche beschränkten sich auf nichtssagende Phrasen, aber dennoch sah ich mit Genugtuung, daß Sie anfingen, sich anders zu geben, als Sie in Wirklichkeit sind. Sie wurden beinahe eine Frau wie hundert andere – es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre einmal heraufgekommen zu einem Ihrer Jours. Die Banalität sollte meine Empfindung paralysieren. Aber man zerstört nur ungern, was man Besseres in sich weiß – und das Bessere in mir zog mich in Gedanken zu Ihnen, hielt mich in Wirklichkeit weit von Ihnen zurück. Fassen Sie das nicht als Liebeserklärung auf, bitte nicht ... Impressionen sind noch keine Gefühle, aber sie sind wahrer als Gefühle, weil sie unmittelbarer sind.« Er stand nun auf und nahm Abschied von ihr. Es entging ihm nicht, daß sie ein wenig bleicher war, daß ihre Hand ganz kalt in der seinen lag. Das gehörte eigentlich so mit zu dem Bilde, das er von ihr mitnehmen wollte. »Ich bleibe zwei, drei Jahre in England, um an den dortigen Kliniken zu arbeiten. Darf ich mich nach meiner Rückkehr wieder bei Ihnen melden?« »Ja, kommen Sie ...« Sie sah ihn nicht an dabei. Er aber zog ihre Hand flüchtig an seine Lippen: »Auf Wiedersehen!« Dann ging er. Sie dachte nicht einmal daran, ihm das Geleite zu geben. Aber sie fröstelte zusammen, als sich die Tür hinter ihm schloß, und dann fiel ihr ein, daß sie selbst ihm gar nichts gesagt hatte. Sie war ihm gegenüber eigentlich immer befangen gewesen. Er mochte sie vielleicht auch für dumm halten. Sie hatte nicht einmal Entrüstung markiert, sie hatte ihm ganz andächtig zugehört, und sie hätte ihm stundenlang so zuhören können. Es war ihr, als hätte er ihre Seele genommen, um sie leise zu zerpflücken, und sie hätte sich an diesem Spiel geweidet ... Sie lächelte, und in ihren Augen standen Tränen ... Eine schmerzlich-süße Empfindung war es, wie vom leisen Wehen eines blütengetränkten Lufthauchs. »Georgy!« Da kam ihr der Name wieder auf die Lippen ... Der Grundton ihrer Seele schwebte in diesem Klang. – – – Wie sich die Tage hinzogen, die Wochen und Monate. Lolo bekam die ersten farbigen Kleidchen. Sie plapperte auch schon mit ihrer Wärterin, der dicken Werner. Die Werner war eine gute, vernünftige Person, hatte nichts vom Dienstboten der Jetztzeit. Sie hatte einmal in besseren Verhältnissen gelebt, mußte dann nach dem Tode ihres Mannes Stellung suchen, war lange Krankenpflegerin gewesen bei einem alten Herrn, hatte ohne zu murren seine Quängeleien und Schrullen ertragen, ihn bis zu seinem Tode treulich gewartet und war dann durch Frau Busse zu Iduna gekommen. Ihre junge Herrin kam ihr selbst wie ein Kind vor. Iduna sagte auch immer: »Ja, wie Sie meinen, liebe Werner, Sie verstehen das viel besser.« Es lag nicht so sehr Gleichgültigkeit in diesen Worten, als ein ängstliches Abwälzen der Verantwortung. Die Werner lächelte dann ihr breites, gutmütiges Lächeln. Sie handelte dann später, ohne vorher viel zu fragen. Zweifel, Sorgen, Unentschlossenheit pflegte sie mit stereotypem: »Wird schon werden« zu begegnen. Es lag ein Segen auf allem, was die Frau tat. Gesunde Kraft ging von ihr aus, eine wohltuende Bestimmtheit, deren nur beschränkte Naturen fähig sind. Die Werner war verständnislos jeder Abstraktion gegenüber, ihr Empfinden war instinktiv und einheitlich, die Äußerung ihres Empfindens durch keine Heuchelei geschult. Lolo war ein Jahr alt, da hörte Iduna, wie die Werner mit dem Kinde sprach: »Bist eine kleine Waise, Lottchen, hast weder Vater noch Mutter ... hopp, Lottchen, hopp ... Such Mama, such ... kannst suchen, Lottchen ... hopp!« Iduna riß die Tür des Kinderzimmers auf, sie war totenblaß und zitterte an allen Gliedern. »Geben Sie mir das Kind, hören Sie ... Wie wagen Sie, so etwas zu sagen! Geben Sie her ...« Sie riß das Kind der Wärterin aus dem Arm. »Gehen Sie, gehen Sie, Sie verlassen sofort mein Haus. Ich erlaube Ihnen nicht ... ich ... Sie sind eine schlechte, böse Person!« Iduna schluchzte und preßte das Kind an sich. Lolo fing an zu schreien und streckte die Ärmchen nach der Wärterin aus. Das brachte Iduna vollends außer sich. Sie schüttelte das Kind. »Du sollst nicht zu ihr, ich bin deine Mutter, ich ...« »Geben Sie das Kind her, Frau Doktor«, sagte die Werner bestimmt. »Das Kind kann ja nichts dafür, daß ich eine schlechte Person bin. Bis morgen kann ich wohl noch hierbleiben, dann mache ich schon mein Bündel.« Sie beruhigte die Kleine, gab ihr Spielsachen und setzte sie in ihr Stühlchen. Iduna saß zitternd und schluchzend auf dem Bettrand. Die Werner brachte ihr Wasser ... »Na, na, Frau Doktor, so bös war's ja nicht gemeint, Sie müssen sich nicht aufregen! Sie ballen die Hand ... gut, schlagen Sie zu, wenn Ihnen leichter wird danach, aber auf die rechte Schulter, bitte, links plagt mich das Rheuma. Na, sehen Sie, jetzt lachen Sie wieder! Strecken Sie sich aufs Bett aus, so ... O jeh, die kalten, kleinen Füße ... wie Eisklumpen!« Sie nahm Idunas Füße und rieb sie warm zwischen ihren Händen, dann holte sie das Kind und setzte es aufs Bett. »So, Lolochen, sag' deiner Mutter: die Werner ist ein Schaf und du bist mein liebes Mutting ... Gib Mama einen Kuß, Lotti, so, braves Kind ...« Iduna hielt das Kind in den Armen und weinte nur noch ganz leise vor sich hin. »Das hätten Sie nicht sagen sollen, Werner,« kam es nun ganz leise von ihren Lippen, »nicht das Kind ist eine Waise, nicht das Kind ...« Die Werner fuhr mütterlich über Idunas Scheitel. »Wird schon werden, Frau Doktor, wird schon werden ...« Lolo spielte träge und schläfrig mit einem Kautschukpüppchen, und Idunas Lider senkten sich schwer auf die Augen herab. Die Werner nahm ihr Strickzeug und setzte sich ans Fußende des Bettes. Leise summte sie das alte Lied vor sich hin: »Schlaf, mein Kindchen, schlaf ...« Und dabei schliefen sie wirklich ein, Mutter und Tochter, wie zwei Kinder ... Seit jenem Tage war nie mehr die Rede davon, daß die Werner das Haus verlassen sollte. Iduna konnte ihr nichts erzählen von ihrer Sehnsucht, die brave Frau hätte sie nicht verstanden, aber manchmal, um die Dämmerstunde, wenn ihr so kalt und bang wurde, dann rief sie in den Korridor hinaus: »Kommen Sie mit Lolo zu mir herein, Werner ...« Dann näherten sich gewichtige Schritte, unbeholfenes Trippeln, und Iduna fühlte, wie die Angst schwand, das Bangen nachließ, wie sich Wärme um sie verbreitete. Einmal sagte die Werner: »Der Herr Doktor sollte sich den Bart schneiden lassen.« »So ... ja, ich will's ihm sagen.« Bei Tisch sah Iduna ihren Mann zum erstenmal seit langer Zeit aufmerksam an, wie einen Fremden, dem man nach längerer Abwesenheit wieder begegnet. Seine Hagerkeit und Blässe hatten in erschreckender Weise zugenommen, um die Mundwinkel lag ein bitterer Zug, Haupt- und Barthaar waren von zahllosen Silberfäden durchzogen und hingen ungepflegt um sein hartes Asketenantlitz. »Du wünschest?« fragte er, als sein Blick dem ihrigen begegnete. Iduna getraute sich nicht, ihm offen zu antworten. »Stört dich das lange Haar nicht?« fragte sie. Er sah sie kalt an. »Dich?« Er streckte die Hand nach dem Salzfaß aus und dabei schob sich seine Manschette zur Hälfte aus dem Ärmel. Die Manschette war nicht ganz sauber, Iduna wendete den Kopf ab und wurde rot, als hätte sie ein Vorwurf getroffen. Dabei empfand sie doch etwas wie physischen Widerwillen, ähnlich wie sie ihn als Kind empfunden, wenn sie einen schadhaften Schlips bei einem ihrer jugendlichen Verehrer entdeckt hatte. Der Widerwille gab ihr eine gewisse Gereiztheit, die Gereiztheit – Mut. »Ich begreife nicht, wie man sich so vernachlässigen kann,« sagte sie, »die Dienstboten bemerken es.« Es zuckte bitter um seinen Mund. »Die geistige und innere Vernachlässigung ist freilich Dienstbotenaugen nicht sichtbar, scheint mir aber doch wesentlicher zu sein.« So waren seine Antworten stets. Iduna hatte immer das Gefühl eines geprügelten Hundes. Alles an ihr bebte vor verhaltener Empörung. Delten aber neigte sich ruhig über eine Broschüre, die aufgeklappt neben seinem Teller lag. Seit vielen Wochen schon las er während der Mahlzeiten. Iduna fühlte die Geringschätzung heraus, die er ihr damit bewies. Jedes seiner Worte, jede seiner Handlungen enthielt eine Beleidigung für sie. Er hatte in ihren Augen jeden Reiz der Männlichkeit eingebüßt. Zur Freundschaft standen sie zu weitab voneinander in ihrer geistigen Entwicklung, und da sie die Liebe von Weib zu Mann nicht verband, standen sie einander gegenüber wie zwei Feinde, die an die gleiche Kette geschmiedet sind. Die leiseste Bewegung des einen erinnerte den anderen an den Verlust seiner Freiheit. Die Kette rasselte klirrend zwischen ihnen. Eines Tages stellte Iduna ihr Schlafzimmer um. Die Werner mußte ihr helfen, ihr Bett an eine andere Wand zu schieben. »Wissen Sie, Werner, es zieht immer so – gerade auf meinen Kopf.« Die Werner erwiderte nichts. Sie hatte angeborenen Takt. Iduna war aber doch nervös den ganzen Tag. Am Abend begab sie sich früher zur Ruhe als sonst. Sie wartete. Als Delten ins Zimmer trat, pochte ihr das Herz bis in den Hals hinauf. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie wartete auf den Ton seiner Stimme. Wenn er zornig würde ... beinahe ersehnte sie es. Sie krampfte die Hände ineinander unter der Bettdecke und wartete. Nichts! Sie hörte, wie er sich entkleidete, die Stiefel abstreifte, vor die Tür stellte, jetzt legte er sich nieder, dann blätterte er noch ein Buch durch und löschte die Kerze aus. Nichts. Es schien ihr, als hätte er beim Löschen der Kerze gezögert, eine Sekunde, eine halbe Sekunde lang ... aber es war wohl ein Irrtum von ihr gewesen. Dann schlief sie ein. Sie schlief unruhig, von beängstigenden Träumen gequält. Auf einem Eisblock stand sie und wurde im Weltmeer herumgetrieben ... Hohe Eisberge schwammen auf sie zu, schlossen einen Kreis um sie, der immer dichter, immer enger wurde; sie klapperte vor Frost mit den Zähnen, sie rief um Hilfe – da sah sie das bleiche, dunkel-eingerahmte Gesicht ihres Mannes über sich ... es war ihr, als griffe der Tod nach ihr, und doch wurde es wärmer um sie, sie erfaßte die ausgestreckte Hand, wie um Rettung zu suchen ... Der Traum zerfloß, und Iduna lächelte im Schlaf, wie ein Kind, das man von einem großen Schreck erlöst. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, sah sie ihr Bettzeug so fest eingeschlagen, wie die Werner es in Lolos Bettchen zu tun pflegte. Kaum, daß sie die Arme rühren konnte. Delten war seiner Gewohnheit entsprechend schon längst aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. Auf Idunas Klingelzeichen kam die Werner mit dem Kinde herein. »Sie waren schon bei mir, Werner?« »Nein. Der Herr Doktor sagte, Sie hätten die Nacht schlecht geschlafen, und wir sollten ganz leise sein.« »So ...« Iduna wurde nachdenklich, sie hob die Kleine zu sich aufs Bett und schloß sie in die Arme. »Ähnelt das Kind mir denn gar nicht, Werner?« Die Frau lächelte leise. »Wird schon werden, Frau Doktor! Manchmal kommt sie von innen heraus, die Ähnlichkeit.« Von innen heraus! Dann hatte sie es ja in der Hand. Wenn es nur nicht so schwer wäre und mühsam. Und dann ... wäre es denn auch gut? Stets nur fragen und suchen und sich nach dem Glück sehnen in ewiger, verzehrender Unruhe. Sie hörte Dr. Stahls Worte: »Geheiratet hätte ich Sie nie, ich glaube nicht, daß Sie einen Mann beglücken könnten.« Es war eine Verurteilung! Arme kleine Lolo ... Nein, lieber sollte sie ihr nicht ähneln! Nach langer Zeit zum erstenmal wartete Iduna mit Ungeduld auf ihren Mann. Sie wollte freundlich sein zu ihm. Nicht begehrend, forschend und fragend, nein, freundlich und gut, fügsam, weich ... Aber wie er sich ihr gegenübersetzte mit dem blassen, starren Gesicht, die dunklen, kalten Augen beharrlich auf die aufgeschlagene Seite eines Buches gesenkt, da krampfte sich Idunas Herz zusammen. Güte, Freundlichkeit – ihm ... verlangte er danach? Er würde einen Hund zudecken, wenn der fröre und würde ihm einen Fußtritt versetzen, wenn er ihm dankbar die Hand leckte. So verzehrten beide schweigsam ihr Mittagsmahl. Nichtssagende Phrasen wurden ausgetauscht. Gehst du nach Tisch aus? – Du solltest dir mehr Bewegung machen. – Kommst du zum Abendbrot? – Laß, bitte, in meinem Arbeitszimmer nicht so stark heizen. Dann kam das übliche: »Mahlzeit!« Sie sahen sich kaum an dabei und gaben sich auch nicht die Hand. Aber plötzlich wendete sich Iduna um. »Du siehst so abgespannt aus, willst du schwarzen Kaffee trinken? Soll ich ihn zu dir hineinschicken oder ... willst du bei mir ...« Wieder schien es ihr, als zögerte er einen kurzen Augenblick wie vorige Nacht beim Löschen der Kerze, aber dann, zwar ohne Härte, aber doch kühl und bestimmt: »Danke, bemühe dich nicht.« Iduna atmete erleichtert auf. Sie hatte gefürchtet, er würde annehmen. Eine Stunde später ging sie mit Lolo und der Kinderfrau in die Stadt. Sie fuhren mit der Droschke zurück und brachten einen hohen Wandschirm mit. Diesen Schirm stellte Iduna vor ihr Bett. – – Eines Abends wartete Iduna auf ihren Mann. Er kam immer pünktlich zu den Mahlzeiten nach Hause. Der Tisch war gedeckt, das Mädchen fragte schon zum drittenmal, ob sie den Tee aufbrühen sollte. Idunas bemächtigte sich eine gewisse Unruhe, sie blickte in einem fort auf die Uhr, ging im Zimmer auf und ab, endlich rief sie die Werner. »Wo der Herr nur bleibt?« »Frau Doktor sollten ruhig essen, der Herr wird schon kommen.« Iduna ließ sich am Tisch nieder, das erstemal allein. Sie schämte sich vor dem bedienenden Mädchen, mühsam würgte sie ein paar Bissen herunter, mechanisch schlürfte sie eine Tasse Tee aus. Dann nahm sie ein Buch, das seit Tagen auf einem Tischchen lag – sie versuchte zu lesen ... es gelang ihr nicht. Kalte, schaurige Einsamkeit fühlte sie um sich. Sie ging in Deltens Zimmer. Die Arbeitslampe mit dem grünen Glasschirm erhellte den Schreibtisch. Aber es lagen keine beschriebenen Blätter, keine aufgeschlagenen Bücher mehr auf ihm; er wirkte kalt wie ein unbewohntes Zimmer in seiner peinlichen, seelenlosen Ordnung. Iduna spielte eine Weile mit den Bleifedern, zeichnete Figuren auf das rote Löschblatt, dann klappte sie das Tintenfaß auf, ohne recht zu wissen, was sie tat – die Tinte war eingetrocknet. Nun klappte sie den Deckel zu, löschte die Lampe aus und glitt leise aus dem Zimmer. Sie wußte genug – Delten arbeitete nicht einmal mehr hier. Es kam fortan öfter vor, daß Delten die Nacht über nicht heimkehrte. Er erklärte ihr die Notwendigkeit davon in wenigen Worten. »Ich habe jetzt eine größere Arbeit vor, mein ganzes Material dazu habe ich in der alten Wohnung, es wäre mir zu mühsam, alles herüber zu schleppen, anderseits vergesse ich oft die Zeit am Schreibtisch ... Bin ich um acht Uhr nicht da, dann erwarte mich auch nicht.« Iduna nickte stillschweigend. Manchmal vergingen drei, vier Tage, ohne daß sie ihren Mann sah. Und was ihr so schrecklich gewesen an jenem ersten Abend, jetzt war es ihr beinahe lieb, allein zu sitzen an dem großen Eßtisch. Auch sie nahm die Gewohnheit an, bei Tisch zu lesen. Sie abonnierte in einer Leihbibliothek und las Romane. Nach dem dreißigsten Bande packte sie ein Ekel vor dem seichten Zeug, denn was sie suchte – fand sie ja doch nicht: sich selbst. Und nur darum las sie ja. »Es wird Frühling«, sagte die Werner eines Tages und öffnete weit das Fenster im Kinderzimmer. »Alles neu, macht der Mai«, krähte Lolo und fuchtelte mit den Ärmchen in der Luft herum, als wollte sie die hereinflutenden Sonnenstrahlen einfangen. »Hör auf, Lolo, hör auf ...« Iduna hielt sich die Ohren zu. »So ein blödsinniges Lied. Hat es jemals einen Menschen neu gemacht, Werner? Wird man schöner, wird man jünger im Mai? Nur um einen herum wird alles jung und schön, und da merkt man erst, daß man selbst stehen bleibt.« »Aber, Frau Doktor ...« »Ja, ja, sehen Sie mich nur an: ich bin gelb und spitz, und es freut mich der Frühling nicht ... Denn er bringt mir nichts. Nichts! Er nimmt mir nur wieder ein Jahr meines Lebens. Ich hasse den Frühling, Werner, ich hasse mein Leben, das wie sickerndes Blut von mir geht. Wer gibt mir meine jungen Jahre zurück! der Frühling ... ja, der!!« Sie brach in krampfhaftes Lachen aus. »Schließen Sie das Fenster, Werner, ich kann's nicht ertragen ... Er tut mir weh, der blaue Himmel! Ach, Werner, wo bleibt mein Leben, mein junges Leben! Sterbenskrank möcht' ich sein, dann würd' ich's vielleicht fühlen, das Glück des Lebens, und würde den Frühling lieben, dann würde ich auf Genesung hoffen ... hoffen ... Es muß gut sein ... hoffen.« Große Tränen rollten ihr aus den Augen. Lolo hob drohend den Finger: »Brav sein, Mama.« Brav sein! So sagte man ihr, wenn sie weinte. »Brav sein, Frau Doktor«, wiederholte nun auch die Werner mit leisem Lächeln. »Sie sind noch so jung, so jung ... Was kann da alles kommen ...« »Ja, nicht wahr, Werner, es muß noch etwas kommen ... irgend etwas ... meinetwegen Unglück, ich will's tragen ...« »Versündigen Sie sich nicht, Frau Doktor! Bedenken Sie, wenn's Ihr Kind träfe, das Unglück?!« Iduna zuckte zusammen, dann strich sie sich aufatmend das Haar aus der Stirn. Das Kind ... so ein Unglück wäre nicht ihr Unglück. Es war grauenhaft, daran zu denken: selbst wenn Lolo stürbe – ihr Leben berührte das nicht. Aber konnte sie das der Werner erklären? Die einfache Frau hätte sie nicht verstanden oder ein Ungeheuer in ihr erblickt. Fleisch von ihrem Fleisch, Blut von ihrem Blut ... ja. Aber es war doch ein Wesen für sich, das neben ihr emporwuchs, wenn Lolo auf den Boden fiel und sich eine Beule schlug, fühlte sie, die Mutter, den physischen Schmerz? Nein, nur Mitgefühl ... Alles war mittelbarer, nicht unmittelbarer Zusammenhang. Und wenn Lolo ein Krüppel würde, so behielt sie, die Mutter, doch ihre schlanken, geraden Glieder, und wenn Lolo starb, so führte sie, die Mutter, ihr Leben weiter, ein Leben, in dem es auch noch Scherzen und Lachen gab oder Kummer und Verzweiflung, je nachdem, was unmittelbar auf sie einwirkte. Jeder Kreis kann nur ein Zentrum haben. Das Leben eines jeden ist ein Kreis, der einen Punkt umschließt. Die Kreise können sich berühren, ineinander gehen, die Zentralpunkte sich dicht beieinander befinden ... aber jeder Kreis hat seinen Punkt , jeder Punkt seinen Kreis ... Nein, Glück und Unglück sind nur ein glückliches oder unglückliches Ereignis . Über Ereignisse kommt man hinweg ... Nicht nach einem Ereignis war ihr Sehnen gerichtet ... X. Und doch kam so ein Ereignis. Eine Depesche traf ein. Iduna öffnete sie mit zitternder Hand: »Vater krank, verlangt nach Tochter und Enkelin.« Es war die erste Nachricht seit Lolos Geburt. Iduna lief mit dem Telegramm in der Hand ins Kinderzimmer: »Werner, packen Sie ein, mein Vater verlangt nach uns, er ist krank, wir wollen fahren, morgen mit dem Schnellzug ...« Es war mehr ein freudiger Klang in ihrer Stimme, sie dachte nicht so an den kranken Vater, als daran, daß sie für einige Zeit von hier fortkam, daß sie ihre Heimat wiedersehen sollte, das Haus, in dem sie geboren und aufgewachsen war. »Was nehmen wir mit, Frau Doktor?« »Sachen für ein paar Wochen, recht viel warmes Zeug, das Haus ist groß und zugig; ausgiebig Wäsche, denn es wird nur alle vier Wochen gewaschen. Wenig Spielsachen, es ist ja noch von meiner Zeit viel da – Puppen und Bälle. Du, Lolo, deine Mama war auch ein kleines Mädchen, wie du bist, und nun wirst du in Mamas Kinderstühlchen sitzen, mit Mamas Kinderbesteck essen ...« »Der Herr Papa ist wohl nicht sehr krank?« »Ich ... ich weiß nicht. Hoffentlich nicht. Ach, Werner, machen Sie mir keine Angst. Ich freue mich so nach Hause, aber wenn ich dächte ... Nein, nein, meine gute Werner, warum immer das Ärgste annehmen. Er ist so kräftig, mein Vater ... ein Riese.« »Aber der Herr Doktor weiß ja noch nichts.« »Richtig! ... Die Werner kam immer mit ihrer ruhigen Überlegung, es war beinahe unbequem. Aber schließlich hatte sie recht. Man konnte nicht so ohne weiteres das Haus verlassen, und ob Delten abends nach Hause kam, war zweifelhaft. Iduna beschloß, ihn sofort in seiner früheren Wohnung aufzusuchen. Sie nahm einen warmen Mantel um und streifte Galoschen über die Stiefel, denn den warmen Tagen des Vorfrühlings war wieder empfindliche Kälte mit leichtem Schneegestöber gefolgt. Einen Teil des Weges legte sie mit der Elektrischen zurück, dann mußte sie zu Fuß gehen. Seit drei Jahren war sie nicht mehr hier gewesen, doch hatte sich wenig verändert. Ein paar Straßen waren ausgebaut worden, aber auf den Wiesengründen standen noch immer Stangen, die das Plakat trugen: Dieses Grundstück ist zu verkaufen. Noch immer ragte der burgähnliche Bau der kleinen Villa einsam zwischen den kahlen Bäumen der Allee empor, noch immer sank der Fuß tief in den durchweichten Sand ein: kein Pflasterstein war neu hinzugekommen. Die kahlen Bäume, über denen schon ein feiner grüner Schleier lag, neigten sich wie ehedem im Winde ächzend zueinander, der Jahre spottend, die über sie hinweggegangen waren. Ein unerklärlich unheimliches Gefühl beschlich Iduna, als sie, gegen den Wind ankämpfend, die Baumreihe entlang schritt. Im Stöhnen der Stämme und Ächzen der Äste hörte sie eine tragische Melodie heraus, ein Klagelied der Natur voll erschütternden Jammers ... Sie beschleunigte ihre Schritte und stand bald vor dem Eisengitter, das nur angelehnt war, wie damals auch. Das Atelierfenster links war mit breiten Latten überbrettert, vor den Fenstern rechts waren Holzjalousien vorgeschoben. Es ging etwas Totes von der blinden Front aus, und wie ein kalter Grufthauch strömte es Iduna aus dem Flur entgegen. Sie flog die Treppe hinauf und pochte an die wohlbekannte Tür ... Sie wähnte sich um drei Jahre zurückversetzt – es war alles, alles so wie damals ... Selbst der Ausdruck in Deltens Gesicht, als er öffnete und sie erblickte, schien derselbe – ein Gemisch von Überraschung und Mißmut. Nur daß er ihr nicht zu sagen brauchte: »die Tür gerade aus«. Sie kannte ja die Tür, sie ging von selbst auf sie zu, stieß sie auf und stellte sich mitten ins Zimmer. Noch ehe Delten sie fragen konnte, sagte sie: »Vater ist krank, er verlangt nach mir und dem Kind, wir reisen.« »Ihr reist! Das heißt, du möchtest reisen ... sonst wärst du ja nicht hergekommen.« »Wirst du mich etwa hindern wollen, eine heilige Pflicht zu erfüllen?« Zum erstenmal seit langer Zeit stand Iduna ihrem Mann wieder mit zornfunkelnden Augen gegenüber. Aber er lächelte nur, wie er über das Kläffen eines wütenden kleinen Hundes gelächelt haben würde. »Hast du einen Brief bekommen, eine direkte Nachricht?« Iduna reichte ihm das zerknitterte Telegramm. »Wann willst du reisen?« fragte er. »Morgen mit dem frühesten.« »Gut, ich bringe dich auf die Bahn. Über das Kind soll dir die Werner täglich berichten.« Iduna erbleichte: »Ich soll allein reisen ... ohne das Kind? Allein?« »Du kommst ja bald zurück, nicht wahr? In einer Woche, in zwei? Du hast dich ja manchmal tagelang nicht um das Kind gekümmert, die kleine Trennung wirst du also wohl noch ertragen.« »Aber mein Vater will es sehen, hörst du ...« »Glaubst du, daß, wenn er den Wunsch danach gehabt, er in den zwei Jahren nicht hätte herkommen können?« »Du hast keine Pietät, wie ein Zigeuner lebst du, ohne Begriff von Familie, Zusammenhang, Pflichten ...« Sie sprudelte das heraus, ganz bleich vor Erregung, mit krampfhaft geballten Händen, zitternd am ganzen Körper. Er machte ein paar Schritte im Zimmer, mit tiefgebeugtem Haupt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Dann blieb er knapp vor Iduna stehen. »Schwöre mir, daß du das Kind nur deshalb mitnimmst, um es dem Vater zu zeigen, nur ... ausschließlich nur deshalb.« Iduna sah ihn an. Schon öffneten sich ihre Lippen zum Schwur, aber im selben Augenblick schlug sie die Hände vors Gesicht und murmelte dann: »Nein, das allein ist es nicht.« Sie zitterte so heftig, daß Delten Mitleid mit ihr empfand. Er nahm sie wie ein Kind bei der Hand und führte sie zum abgeschabten Ledersessel, der vor seinem langen Arbeitstisch stand. »So, Iduna, setze dich ... werde ruhiger. Es ist gut, daß du ehrlich warst. Deinem Schwur hätte ich ohnehin nicht geglaubt und dementsprechend gehandelt. Deine Ehrlichkeit söhnt mich ein wenig mit dir aus. Nun fahre fort: warum willst du das Kind mitnehmen?« Wie einem hypnotischen Befehl folgend, antwortete sie tonlos: »Weil du keine Macht haben sollst über mich.« »Fürchtest du meine Macht?« »Ja.« »Habe ich sie mißbraucht?« Iduna schüttelte den Kopf. Ein gequälter, hilfloser Ausdruck lag in ihrem blassen kleinen Gesicht. Wie ein kleines Kind bettelte sie nun: »Laß uns fahren, wir kommen bald wieder ... wirklich.« Das »wirklich« war eine zu große Naivität. Delten wendete den Kopf ab. »Schade um dich, Iduna. Schade um deine Anlagen. Zur Komödie bist du zu ehrlich, zur Wahrheit zu schwach – armes Ding!« Es war wieder der geringschätzige Ton, der Iduna immer alles Blut in die Wangen trieb. »Nein, ich bin nicht zu schwach zur Wahrheit, und ich will sie dir sagen, die Wahrheit: frei möchte ich mich fühlen, eine kurze Zeit – ganz frei. Nur das! Meine Wohnung ist mir zum Gefängnis, meine Ehe zur Folter geworden.« »Habe ich dir jemals Zwang auferlegt, Iduna? Hast du nicht verkehrt, mit wem du wolltest, bei dir gesehen jeden, der dir paßte? Habe ich dir meine Person aufgedrängt, als du zu erkennen gabst, daß sie dir lästig geworden, habe ich die Gemeinschaft mit dir nicht gemieden? ... Nein ... wie damals, wie die ganze Zeit über, so jetzt – du willst gezwungen sein. Du hast keinen freien Willen, kein klares Denken, kein richtiges Erkennen. Was sagte ich dir vor drei Jahren hier in diesem selben Zimmer: ›Die Sehnsucht, die dich zu mir führt, sie wird dich von mir treiben.‹ Meine Worte erfüllen sich ...« Iduna fühlte sich plötzlich bewegt. »Nicht so, Julius, nicht so ... Ich weiß, du warst gut zu mir im Anfang, aber du hast die Geduld verloren. Du verlangtest Erkennen von mir, wo ich noch nicht einmal sehen gelernt. Deine fertige Lebensweisheit sollte ich in mich aufnehmen, aber sie paßte nicht zu meinen Jahren. Das war es. Und du standest dabei, kalt, zersetzend, richtend. Ich hatte Angst vor deinen Worten, Angst vor deinem Schweigen, und mit der Angst kam die Erbitterung, es gab Stunden, wo ich dich haßte ... ja, so weit kam es.« Ein bitteres Lächeln huschte über Deltens Lippen: »Der Tag der Abrechnung kommt noch,« sagte er ruhig. Iduna blickte erschreckt auf. »Wie meinst du das?« Aber er antwortete nicht, sondern sah über sie hinweg ins Leere, und doch so, als fixiere er einen bestimmten Punkt, als sähe er ein bestimmtes Bild vor sich. »Läßt du uns fahren?« fragte Iduna schüchtern. Er nickte wie ermüdet. »Macht euch reisefertig. Morgen früh hole ich euch ab und bringe euch auf die Bahn.« Iduna erhob sich. Sie hatte das Bedürfnis, ihm zu danken, ihm etwas Freundliches zu sagen, aber sie fürchtete ein Übermaß von Jubel durch ihre Stimme zu verraten, sie fürchtete auch den peinlichen Gegensatz zwischen ihrer Freude und seinem abweisenden Ernst. Zaghaft ergriff sie seine Hand. »Laß nur,« wehrte er ab. Ihre Hand sank schlaff herab. Sie blickte sich noch einmal um im Zimmer: kahl und unfreundlich sah es aus in dem harten, weißen Licht, das zu den vorhanglosen Fenstern hereindrang. Der alte Sessel mit dem verwetzten Leder, das abgetretene kleine Fell unter dem Tisch, das eingedrückte Ruhebett in der Ecke ... Ein kleines Kissen lag darauf und ein altes schwarzes Plaid ... Da schlief Delten wohl des Nachts ein paar Stunden, wenn er sich von der Arbeit erhob, zu müde, um den weiten Weg nach Hause zurückzulegen – – – »Geh jetzt,« sagte Delten kurz. Und sie ging, widerspruchslos. Aber doch innerlich voll Empörung und Scham, wie ein halbwüchsiges Mädchen, das man für eine Ungezogenheit zum Zimmer hinausschickt. Auf der Schwelle angelangt, mußte sie doch noch einmal umkehren, denn er sagte: »Richtig, ich vergaß: hast du Geld genug? Warte einen Augenblick.« Er zog ein Buch aus dem Regal heraus. Zwischen den Seiten desselben lagen mehrere Scheine. »Mit dreihundert Mark bist du wohl fürs erste versorgt ...« Er schob die Scheine auf den Tisch, und Iduna griff danach mit ungeschickter linkischer Gebärde. Damals, als sie vom Vater Abschied nahm, hatte sie auch das abgezählte Geld in Empfang nehmen müssen, und jetzt wieder ... Das war ihr so demütigend, ließ sie ihre Abhängigkeit fühlen. Es machte sie aber auch wieder weich, im Bewußtsein, daß man sich um sie sorgte. Langsam legte sie die Scheine zusammen. »Auf morgen, Julius ...« Er nickte ihr müde, wie es ihr schien, traurig zu. Und da wieder überkam sie das Mitleid. »Willst du nicht nach Hause kommen heute? Wollen wir nicht den letzten Abend zusammen verbringen?« Den letzten Abend! Es war ihr nur so entschlüpft ... eine Redensart. Er mochte ihr nicht schroff antworten. »Wenn ich mit meiner Arbeit fertig werde, aber zähle nicht bestimmt auf mich ...« Sie wußte, er würde nicht kommen. Nun ging sie wirklich. Er stand dann noch lange auf demselben Fleck, ohne sich zu rühren, noch bleicher als gewöhnlich, mit förmlich erstarrten Zügen. Neben der Tür lag ein weicher, dunkler Gegenstand. Als er ihn erblickte, ging er hin und hob ihn auf. Es war ein Handschuh Idunas. Sie mußte ihn schon vermißt haben; aber das wußte er – zurückkehren würde sie nicht, um ihn zu holen. Er betrachtete den Handschuh von allen Seiten – Ganz klein und schmal war er, stark abgenützt und noch warm von der Wärme ihrer kleinen schmalen Hand. Er zog ihn glatt und klappte dann einen dicken Folianten auf, der auf seinem Arbeitstisch lag. Dort legte er ihn zwischen zwei Seiten und schlug das Buch wieder zusammen, aber ganz langsam und vorsichtig, als preßte er eine Blume. Dann nahm er die durch Idunas Besuch unterbrochene Arbeit wieder auf, äußerlich ruhig, wie wenn sich nichts Wesentliches ereignet hätte. Aber als ihn am anderen Morgen Iduna auf der Bahn leichthin fragte: »Hab' ich nicht zufällig gestern einen Handschuh bei dir verloren?« Da antwortete er ruhig: »Nein, nicht daß ich wüßte.« Iduna wendete den Kopf ab und lächelte. Und es war nach Jahren wieder zum erstenmal das weise, überlegene Lächeln des Weibes; das seine Macht fühlt – – – XI. Iduna war nun schon seit einer Woche im Vaterhause. Der alte Flößner hatte sie im Lehnstuhl sitzend empfangen. Der zweite Schlaganfall innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten hatte ihn arg mitgenommen. Die ganze linke Seite war gelähmt, die Sprache nicht mehr deutlich, das Auge stier und glanzlos. Iduna hätte nicht einmal zu sagen vermocht, ob er sich über ihre Ankunft freute. Es war ein ganz farbloses Lächeln gewesen, mit dem er sie begrüßt hatte. Die kleine Lolo hatte er mehr neugierig als teilnehmend betrachtet und bald darauf nach der Wirtschafterin gerufen: »Christine, Christine ...« Und als die Gerufene angelaufen kam, den rasselnden Schlüsselbund an der Seite, da hatte er ungeduldig nach seinem Gabelfrühstück verlangt. »Eier mit Sardellen, sagten Sie doch, Christine, Eier mit Sardellen ... nicht wahr?« »Jawohl, Herr Flößner, sollen Sie gleich haben.« Der Kranke trommelte mit der Rechten ungeduldig auf das Tischchen, das an seinem Stuhl angebracht war und kümmerte sich nicht weiter um Tochter und Enkelin. Als das Frühstück kam, leuchteten seine Augen auf. Er aß gierig und langsam, wobei er ab und zu einen unruhigen Blick um sich warf. Die Wirtschafterin stand neben ihm und wischte ihm mit der Serviette öfters den Mund ab. »Lassen Sie nur, Christine, ich will es tun,« schlug Iduna schüchtern vor. Aber der Kranke schüttelte abwehrend den Kopf. Dann, als er gesättigt war, nahm sein Gesicht einen freundlicheren Ausdruck an. »Es ist gut, daß du zu deinem alten Vater gekommen bist,« sagte er. »Wie lange kannst du bleiben?« »So lange du mich behalten willst, Vater.« »Du bist zu Hause hier.« Iduna küßte seine Hand. »Ich danke dir.« »Na ... wie lebst du ... gut?« Sie fing an von ihrem Leben zu erzählen, in großen Zügen. Sie schilderte ihre Wohnung, den Kreis, in dem sie verkehrte. »Dein Mann ist gut zu dir?« Die Frage verwirrte sie ein wenig, aber doch empfand sie es dankbar, daß er sich danach erkundigte. Ein warmes Mitteilungsbedürfnis stieg in ihr auf, zugleich mit dem Gefühl inniger Zusammengehörigkeit. So nah stand ihr der Vater plötzlich, so teuer war er ihr. Alles Harte war vergessen. Auch daß er sich immer so schroff und abweisend gezeigt. Seine Hilflosigkeit schien ihn ihr gleichsam näher zu bringen, ihr Vertrauen zu wecken. Sie ließ sich vor dem Stuhl auf die Knie nieder, umschlang mit einem Arm seinen Hals und lehnte ihre Wange an seine eingesunkene Schläfe. Wie einem Beichtvater wollte sie ihm alles sagen, die geheimsten Wunden ihrer Seele aufdecken, und sie erwartete Beistand von ihm, Rat ... die liebevolle Einsicht eines menschenkundigen, welterfahrenen älteren Freundes. Nur nachdenken wollte sie einen Augenblick, wissen, womit beginnen. Wie ein unentwirrbares Knäuel von konfusen Stimmungen, so lagen die vier Jahre ihrer Ehe hinter ihr. »Ich will dir alles sagen, Vater,« hob sie an, wie erleichtert, diese primitivste aller Einleitungen gefunden zu haben. Aber der Kranke befreite seinen Kopf mit einer ungeduldigen Bewegung aus ihrer Umarmung, und gellend kam es von seinen Lippen: »Christine, Christine ...« Iduna sprang auf, fassungslos. »Fühlst du dich nicht wohl, soll ich dir etwas bringen?« Er antwortete ihr gar nicht. »Christine, Christine ...« Und als die Wirtschafterin vor ihm stand, da fragte er, ernst und beinahe geheimnisvoll: »Christine, ich bekomme doch immer drei Brötchen, heute haben Sie mir nur zwei gegeben, und die Sardellen auf den Eiern waren auch viel kleiner als gewöhnlich. Sie dürfen mich heute auf das Mittagessen nicht warten lassen ... geht Ihre Uhr richtig? Die Küchenuhr geht immer nach. Nach der dürfen Sie sich nicht richten. Geben Sie mir meine Taschenuhr her ... ja ... so ... da, sehen Sie, es ist bald halb eins. In zwei Minuten halb eins. Ich dachte sogar, es wäre mehr. Haben Sie die Uhr gestern aufgezogen, Christine ... nicht etwa zurückgestellt?« Er kniff die Augen zusammen und blickte die Wirtschafterin mißtrauisch an. Iduna stand daneben, ganz blaß, kalt bis in die äußersten Fingerspitzen. Wäre ihr Vater jetzt eben vor ihren Augen gestorben, sie hätte kaum eine andere Empfindung gehabt. »Ich will nun nach oben gehen,« sagte sie tonlos und verließ das Zimmer. Oben spielte Lolo vor dem lombardischen Kamin, und die Werner, praktisch und rührig wie immer, packte die letzten Kleinigkeiten aus und ordnete sie. »Sie tun ja gerade, als ob wir eine Ewigkeit hier blieben.« »Na, ein paar Wochen, meinten doch Frau Doktor ...« Iduna fröstelte. Ein paar Wochen! Der Wind fuhr heulend durch den Schornstein, und der Regen klatschte an die Scheiben. »Man wird wohl heizen müssen, es ist so kalt hier,« sagte die Werner. Und dann kam der alte Klaas herein – – Iduna wäre ihm beinahe um den Hals gefallen. »Klaas, Alter, erkennst du mich?« Er ließ die dicken Holzscheite von den Armen herabgleiten und blinzelte Iduna mit seinen ausgebleichten, schon ein wenig blöden Augen an. »Unser Fräulein, jawoll ... werde ich doch kennen.« »Und siehst du, Klaas, das da ist meine kleine Tochter ...« Iduna hob Lolo empor und setzte sie sich auf die Schulter. »Klein Ding,« sagte Klaas bedächtig. »Klein Ding!« »Klein Ding!« wiederholte Iduna. Der Name gefiel ihr. Still war es in dem alten Haus! Manchen Tag hörte man stundenlang keinen Laut, wenn die Werner mit Lolo spazieren ging. Iduna saß beim Vater und hielt eine Arbeit in der Hand. Der Kranke öffnete die Lippen nur, um zu fragen, wieviel Uhr es sei, und was man ihm zu essen bringen würde. Iduna sprach gar nicht, aber sie dachte viel nach. Sie zergliederte ihre Eindrücke und Empfindungen und wunderte sich, wie unberührt sie blieb von allem, was sie umgab. Sie hatte auch kein Mitgefühl mit dem Vater. Nicht einmal ein kindliches Empfinden. Wenn sie ihn vor sich sah, so grau und verfallen in seinem Lehnstuhl, schien er ihr ein ganz Fremder, sie hatte ihn ja nie gekannt, den Vater. – – – Als Kind war er ihr mehr ein Begriff, eine Respektsperson, ein Wau-Wau gewesen, mit dem man sie schreckte, wenn sie Maß und Ziel vergaß in kindlichem Übermut; dann später ward er ihr der oberste Befehlshaber im Hause, etwas wie ein Vorgesetzter, dem man wohl mit einem Anliegen, nicht aber mit traulichem Geplauder nahen durfte. Und ganz fremd wurde er ihr, als sie draußen ihr eigenes, seltsames Leben lebte. Da sie aber zurückkehrte zu ihm, fand sie eine tote Seele in einem verfallenen Körper, und nur einen Augenblick, einen einzigen kurzen Augenblick, hatte sie kindliches Vertrauen gefühlt, Zusammengehörigkeit des Blutes und Geistes zu empfinden vermeint ... Es war eine Täuschung gewesen. Fremd hatte sie als Kind an seiner Seite gelebt, fremd ging er von ihr ... Ihr Vater , und er war ihr doch nichts. Nichts als ein Begriff ... Und hatte er nicht auch sein Sehnen und Hoffen gehabt, hatte er nicht auch gestrebt, geliebt, gelebt? War ihm das Rätsel dieses Daseins nicht auch nahegetreten mit seinen widerspruchsvollen Fragen ... Und nun ging er dem Tod entgegen in unschönem, tierischem Absterben, ohne Klärung, unbewußt, wie ein abgearbeiteter Gaul. Würde das auch ihr Ende sein? Würde Lolo, das »klein Ding«, dann auch so mit einer Handarbeit an ihrem Lager sitzen und innerlich unberührt sich fragen, was wohl für eine Seele in dem der Verwesung entgegengehenden Körper eingeschlossen gewesen war? Wenn dann die Werner mit Lolo vom Spaziergang heimkam und Iduna das piepsige Stimmchen hörte, so lief sie in stürmisch erwachender, heißer Zärtlichkeit hinaus und schloß das Kind in die Arme. »Lolo, mein klein Ding, du!« Aber Lolo wehrte sich und schrie. Sie liebte diese leidenschaftlichen Ausbrüche nicht, mehr an die ruhige Freundlichkeit der Werner gewöhnt. Und Iduna ließ dann ab von dem Kinde, beschämt und enttäuscht, mit einem starren Kältegefühl im Herzen, im Bewußtsein einer großen, öden Einsamkeit. Tage vergingen, Wochen und Monate. An Delten hatte sie nur Karten geschrieben, Mitteilungen von körperlichem Befinden, ganz äußerlichen Vorkommnissen, und am Schlusse immer nur: »Herzlichen Gruß, Iduna.« Das Wörtchen »Deine« glitt ihr nicht aus der Feder. Mit dem ihr, wie den meisten Frauen, eigenen Hang zur Symbolik wähnte sie durch Auslassung des Wörtchens – »Dein« – sich selbst in Wirklichkeit zurückzunehmen. Ihre Mitteilungen wurden – ihr selbst unbewußt – immer lakonischer, immer unpersönlicher ... Eines Morgens wachte sie auf, wie geweckt von einer linden, körperlichen Berührung. Eine süße Mattigkeit lag ihr in den Gliedern, und doch war ihr die Seele so frei wie lange nicht. Das Licht, das durch einen Spalt zwischen den Vorhängen hereindrang, war anders als sonst: so milchig-weiß und doch flimmernd von sprühenden Sonnenfunken. Die Werner trat auf ihr Läuten ein. »Schnee,« sagte sie und schob die Vorhänge auseinander. »Schnee, Schnee!« Ein Jubelruf war es, der von Idunas Lippen brach. Barfuß eilte sie ans Fenster, ohne achtzugeben auf das sorgende, mahnende Gebrumm der Kinderfrau. »Schnee ... Werner, wissen Sie auch, wie schön das ist? Sehen Sie, so rein und glitzernd liegt alles vor uns da ... so rein! Die greulichen Schieferdächer sind ganz verborgen – wie unter weißen Kuppeln liegen die Häuser ... Und die Straße drüben jenseits des Hofes ... sehen Sie nur! Wie ein weißes Band ... ein so schönes, weißes Band, auf dem man sich kaum zu gehen getraut ...« Iduna versteckte den Kopf in die Falten des Vorhanges und fing an zu weinen. Es war ihr, als hätte sie fliegen wollen und dabei die Kraftlosigkeit ihrer Flügel gefühlt ... Sie kleidete sich hastig an, frühstückte am Fenster sitzend, und blickte immer sehnsüchtig hinaus in die weiße Ferne. »Sie sollten ausgehen, Frau Doktor,« meinte die Werner. Iduna schüttelte eigensinnig den Kopf. »All das Schöne, Zarte, Weiße mit meinen eigenen Füßen niederdrücken und beschmutzen ... nein.« Die Werner war zu sehr an das Symbolische in Idunas Art zu sprechen gewöhnt, um sich über die Worte den Kopf zu zerbrechen. Aber gegen Mittag hielt es Iduna nicht länger im Zimmer. Sie ging zum Vater hinunter und drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf die Stirn. »Wohin?« fragte der Kranke und hielt sie am Ärmel fest. »Hinaus, in den ersten Schnee.« Sie lachte, wie sie das sagte. Über ihr Gesicht huschte sonnige Freudigkeit. Sie sah über den ergrauten Kopf des alten Mannes hinweg durch das Fenster. »Also, leb wohl, Vater, in einer Stunde bin ich wieder da.« Der Alte gab sie nicht frei. Wie ein eigensinniges Kind zerrte er an ihrer Jacke. »Du kannst gehen ... du! ... Du hast's gut. Ich muß dableiben. Kümmert dich nicht, was? Hast du schon zusehen müssen, wenn andere kamen und gingen ... alle an dir vorübergingen – und du konntest nicht mit?« Es war, als wollte er weinen. Aber sie hatte keine Empfindung mehr für ihren Vater. Was er ihr auch jetzt bieten mochte – es war zu spät. Es zog sie hinaus ... hinaus in die schneeige Reinheit der Natur. Sie riß sich förmlich los von ihm und lief aus dem Zimmer über die Treppe, den Hof. Wenn nur die Wärterin nicht nachkam oder gar Lolo sie noch aufhielt, mitgenommen sein wollte! Aufjubeln hätte sie mögen, als sie draußen stand, ganz allein, auf der stillen, weißen Straße ... Und dann wanderte sie planlos umher. Der neue fürstliche Ökonom fuhr in einem kleinen leichten Schlitten an ihr vorüber. Er hob seine Pelzkappe, Iduna zu begrüßen. »Darf ich Sie ein bißchen spazieren fahren, Frau Doktor?« Er hatte Iduna zweimal bei gelegentlichen Besuchen gesehen, die er beim alten Flößner gemacht hatte. »Ach ja!« Iduna klatschte in die Hände wie ein Kind. »Nur bis zu den Orangerien, von da gehe ich wieder zu Fuß nach Hause.« Sie schwang sich in den Schlitten. Der Ökonom, ein behäbiger, älterer Mann, legte den Arm schützend um ihre Taille. »Müssen schon erlauben, Frau Doktor, sonst fallen Sie mir noch heraus. Schmal ist so ein Schlitten – so ein richtiges Gefährt für Verliebte ...« Iduna war zumute, als sei sie wieder ein ganz junges Mädchen und als sei der fremde Herr neben ihr ein guter, alter Onkel, dem man mit einem bescheidenen Knix für eine kleine Galanterie dankt. »Also wirklich bei den Orangerien wollen Sie aussteigen, kleine Frau? Schön ist's dort freilich, die Bäume bereift, wie mit Zuckerstaub überschüttet – das glitzert und funkelt. Als ich vor einer halben Stunde dort vorbeikam, stand ein Maler da mitten im Schnee und pinselte was auf die Leinwand ... schöner Kerl. Er sah das alles an, als wollte er es auffressen. So ein Heißhunger lag in seinem Blick. War ganz patent angezogen. Einen Pelz wie aus einer Operette hatte er an.« Iduna hörte kaum, was ihr Begleiter sagte. Freudetrunken überließ sie sich dem Wohlgefühl der pfeilschnellen Fahrt. »So, da wären die Orangerien, kleine Frau ... Also wirklich aussteigen? Oder soll ich Sie nach Hause bringen?« »Nein, nein, danke tausendmal. Es ist ja nicht weit und ich will hier noch ein bißchen herumstreifen zwischen den Zuckerbäumen. So rein und schön wie hier ist der Schnee nirgends, und morgen ist er vielleicht auch hier geschmolzen ...« Sie schüttelten einander die Hände, der Schlitten sauste weiter, und Iduna stand allein auf der weißglitzernden Bahn. Die Orangerien hoben sich von einer Gruppe bereifter Bäume ab, die den Mittelpunkt einer Anlage bildeten, und durch die hohen Fenster sah man blühende Blumenpracht, an die sich von außen, nur durch Glasscheiben getrennt, schneebedeckte Zweige schmiegten. Der Maler, von dem der Ökonom gesprochen hatte, war gerade im Begriff, Palette und Pinsel in einen Kasten zu schließen. Als er sich aufrichtete, sah Iduna, daß es ein großer, stattlicher Mann war. Sie hätte gerne sein Gesicht erblickt, aber er stand mit dem Rücken gegen sie und blickte regungslos nach den blühenden Blumen hinüber, die den Winter zu grüßen schienen. Dann wendete er sich um, ganz langsam und nahm den Malkasten mit einer trägen Bewegung, den Blick verträumt in die Ferne gerichtet. Ein leiser Laut entfuhr Iduna, ein Laut des Schreckens, des Jubels ... »Georgy ...« Und dann biß sie sich auf die Unterlippe und fuhr sich in der Verwirrung mit der Hand über die Stirne, so daß ihr Pelzkäppchen sich verschob und der Ansatz ihres Haares über den seltsam gewölbten Stirne sichtbar wurde. Er sah sie an, mit Augen, die groß und starr auf sie gerichtet waren. Dann sagte er langsam: »Dudi!« Und nochmals: »Dudi!« Ihre Hände lagen ineinander – sie wußten selbst nicht wie. Sie standen lange einander gegenüber, ohne mehr ein Wort zu sprechen. Es war etwas Schmerzlich-Süßes in dieser Begegnung, eine ganz traumhafte Glückseligkeit. Sie fragten nicht, sie sprachen nicht. Ganz stumm standen sie da und sahen einander an. »Gehen wir,« sagte er. Sie fragte nicht, wohin. Schweigend ging sie an seiner Seite über den weißglitzernden Weg. XII. »– – – Das Haus ist so alt, man hört den Wind durch den Kamin fegen und durch die Ritzen blasen.« »Ja ... ich möchte mich fürchten, wenn du nicht da wärst.« »Bald ist mein Urlaub zu Ende.« »Urlaub, wie das komisch klingt aus deinem Munde. So schrecklich bürgerlich und solid.« Er sieht sie an und lächelt. Sie sitzen beide auf dem Teppich vor dem großen lombardischen Kamin.« »Es ist so heiß hier, findest du nicht?« sagte er. »Heiß? Früher saßen wir noch näher dem Feuer; aber gut, wenn du willst ... wir können weiter abrücken.« »So finster und kahl ist es in dem Zimmer.« »Wenn das Feuer brennt, nicht.« »Es ist eben alles künstliches Feuer, künstliche Helle, künstliche Wärme, und wenn man eben von da unten kommt, so will es einem kaum mehr gefallen in der Heimat.« »Aber hergezogen hat es dich doch ...« »O ja ... ich wollte das Städtchen wieder einmal sehen ...« »Hast du gar nicht an mich gedacht dabei?« »Ja ... auch an dich. Aber ich sah dich immer nur als kleines Mädchen vor mir.« »Ich habe mich sehr verändert, nicht wahr?« Er sieht sie an, ernsthaft prüfend, mit Maleraugen. »Nein, du bist genau so geblieben, wie du warst – ich kann all deine Züge wiedererkennen. Du hast noch immer dieselben Augen – so erstaunt und hungrig.« »Was fragst du mich nicht nach meinem Leben, Georgy?« »Dann müßte ich dir auch das meine sagen – und das würde dir vielleicht wenig Freude machen.« Iduna muß in diesem Augenblick an Dr. Stahl denken. Sie fährt sich mit der Hand über die Augen. »Du bist ein Künstler ... du hast gelebt.« »Ja, was man so leben nennt. Ich habe gelernt, gearbeitet, meine Freude am Schönen gehabt ...« »Geliebt ...« »Oder zu lieben geglaubt.« »Und an mich hast du gar nicht gedacht?« »Doch ... auch an dich! Und du?« Sie murmelt zwischen den Zähnen, daß er's kaum verstehen kann: »Gesehnt habe ich mich ... immer nur gesehnt.« Er beugt sich vor und sieht ihr tief in die Augen. »Nach mir hast du dich gesehnt?« Krampfhaftes Schluchzen erschüttert ihre Gestalt. Sie versteht es nicht, daß er sie nicht in die Arme nimmt, sie nur freundlich und teilnahmsvoll ausfragt, wie ein guter Bekannter. »Arme, kleine Dudi!« Er fährt ihr mit der Hand über das Haar, erhebt sich dann und geht leise pfeifend im Zimmer auf und ab. Aus dem Zimmer nebenan dringt Kinderweinen. »Dein Kind?« fragt er und bleibt vor Iduna stehen. »Ja!« Sie haucht es hin, wie das Bekenntnis einer Schuld. »Ähnelt es dir?« »Nein.« Er macht wieder ein paar Schritte und fragt dann: »Warum hast du geheiratet, Dudi?« »Weil ich mich sehnte, Georgy ... nach dem Leben, nach ... Ich glaube, es war ja doch nur Sehnsucht nach dir. Denn ich hab' immer an dich gedacht ... immer ...« »Lebst du noch mit ihm?« Iduna sieht ihn verwirrt an und wickelt sich ein Strähnchen losgelösten Schläfenhaares um den Finger. »Glücklich bist du nicht mit ihm, das habe ich gleich herausgefühlt. Was ist er ... dein Mann? Kaufmann, Beamter?« »Gelehrter. Mein Onkel ist es eigentlich – aber er ist ganz anders als alle Menschen; und das eben hat mich zu ihm hingezogen. So ein großes, gläubiges Vertrauen habe ich zu ihm gehabt. Ich dachte, er würde mir alles geben können, wonach ich mich sehnte, weil er so sehr klug war und vom Leben alles zu wissen schien ... Aber er wußte doch nur wenig. Er kennt nur die großen Striche des Lebens und die grellen Farben, und seine Worte sind auch nur so große Striche ... harte, große Striche ... Wie wenn es nur eine Wahrheit gäbe im Leben. Das ist doch nicht so. Für jeden gibt es eine andere Wahrheit; und nur wenn zwei Menschen zusammenkommen, die an dieselbe Wahrheit glauben – dann werden sie glücklich zusammen sein.« »Du sprichst wie ein Buch, Dudi. Wie ein Buch, das du selbst geschrieben hättest. Du hast viel nachgedacht ...« »O ja ... viel.« »Du warst viel allein?« »Sehr viel allein ... Auch wenn ich mit ihm war und unter Fremden – allein war ich doch immer. Aber jetzt ... jetzt bin ich nicht mehr allein.« Sie streckt ihm schüchtern die Hand entgegen. Er läßt sie vorsichtig spielend durch seine Finger gleiten. »Du hast schöne Hände, Dudi ... wunderschöne Hände – aber sie sind kraftlos und müde. Wie kann man so alte Hände haben, wenn man so jung ist?« Sie springt erregt auf und kreuzt die Arme über der noch immer kindlich zarten Brust. »Ach, was weißt du von mir! Nichts weißt du ... gar nichts. Mein Alter nach dem Taufschein. Das ist alles. Aber ich bin älter, Georgy, um viele, viele Jahre älter ... Denn ich habe meine Jahre doppelt gelebt und dreifach; aber meine Jugend habe ich darüber versäumt, meine ganze Jugend ... Und du hast sie mir auf einmal wiedergebracht. Wie wenn's gestern gewesen wäre, daß wir voneinander Abschied genommen – so ist mir zumut ... wie gestern. Nur müßte kein Winter draußen sein, sondern blühender Frühling wie damals ... Und ich meine, wir müßten einander bei der Hand nehmen und hinauslaufen in die warme, helle Sonne und die blaue Luft trinken und alles vergessen, was zwischen diesem Gestern lag und dem Heute ...« Er starrt sie an, hingerissen von ihrer quellfrohen Leidenschaft. »Das bist du ... du? die stille, kleine Dudi?« Sie liegt in seinem Arm und lacht und weint: »Du glaubst doch an Schicksal und Glück, Georgy, nicht wahr, du glaubst daran?« »Ich glaube, daß du einen Mann wahnsinnig machen kannst, ich glaube, daß du eine süße, entzückende Frau geworden bist ... ich glaube, daß du selbst dein Schicksal bist und das meinige ...« Sie halten einander fest umschlungen, ohne sich zu küssen und starren in die Glut des verglimmenden Kaminfeuers. »Oh, wie ich dich liebe!« flüstert Iduna. Er drückt sie noch enger an sich. Dann fährt er leicht zusammen. »Man hat geklopft, Dudi ...« »Das wird die Werner mit dem Kinde sein. Du mußt sie sehen, die schwarze, kleine Lolo ... Herein!« Er will zurücktreten von ihr, aber sie hält seine Hand fest. »Bleib doch, Georgy ...« Sie geht ganz unbefangen Hand in Hand mit ihm der Werner entgegen. »Ich bin so glücklich, Werner, so glücklich!« Sie hebt Lolo auf den Arm. »Gib dem Onkel einen Kuß. Na, wirst du wohl ... gleich gibst du ihm einen Kuß.« Sie drückt lachend Lolos weinerlich verzogenes Gesicht an Georges Wange. »Laß, die Kleine fürchtet sich ...« »Oh, ihr müßt gut Freund werden. Und siehst du, Georgy, das ist meine Werner – Lolos Ziehmama, die viel, viel klüger ist als ich und viel mehr versteht von Kindertränen und Kinderlachen als ich ...« »Da ist ein Brief, Frau Doktor ...« Die Werner streckte Iduna ein großes Kuvert entgegen. »Georgy, nimm den Brief, bitte, nimm du den Brief.« Sie ist ganz bleich geworden. Die Werner blickt erstaunt fragend von Iduna auf den ihr fremden Herrn. »Es ist ein Brief vom Herrn Doktor«, sagt sie gewichtig. »Ja, ja ... Und das hier ist Georgy ... ich habe keine Geheimnisse vor ihm ... Sie sollen später erfahren.« Kein Muskel rührt sich im Gesicht der Kinderfrau; sie nimmt nur das Kind von Idunas Arm. »Komm Lottchen, es ist Zeit schlafen zu gehen.« Die Tür schließt sich leise hinter dem Kind. Iduna und Georgy stehen schweigend einander gegenüber. Georgy hat noch immer den Brief in der Hand; dann hält er ihn ihr fragend entgegen. Sie schüttelt den Kopf. »Lies ihn oder wirf ihn ungelesen ins Feuer ... Es ist ein Brief von meinem Manne. Jetzt fühle ich mich frei vor ihm, ganz, ganz frei. Wirf ihn doch fort, den dummen Brief! Fühlst du denn nicht, daß er sich zwischen dich und mich drängt, als wollte er uns trennen. Oh, du hast keinen Mut, Georgy!« ... Im selben Augenblick reißt sie ihm den Brief aus der Hand und wirft ihn in weitem Bogen in die Glut des Kamins. Dann lacht sie, ein glückliches, befreites Lachen und wirft sich ihm wieder in die Arme. »Nun, Georgy, siehst du, wie ich dir gehöre? Ohne etwas von dir zu wissen, nur, weil mir ist, als hättest du immer einzig und allein ein Recht auf mich gehabt und das andere alles nicht zählt in meinem Leben.« Er macht eine Bewegung, als hätte er eine schwere Bürde im Arm und wüßte nicht, wo er sie hinstellen sollte. »Du kennst mich ja wirklich nicht«, sagt er langsam. »Was soll denn jetzt werden?« »Etwas anderes soll werden, etwas anderes als bisher war.« Er kämpft eine Weile mit sich, dann stockend: »Ich ... ich heirate nicht, ich kann nicht heiraten, ich darf noch nicht ...« Sie sieht ihn an und lacht. Lacht wie ein Kind, das froh ist, einem anderen Kinde einen großen Schrecken wegzulachen. »Ja, will ich dich denn heiraten? Sollen wir Verlobungsvisiten machen, eine Wohnung mieten, ein Dienstmädchen aufnehmen und am Sonntag die Familie zu einem Kalbsbraten einladen? Georgy, Georgy ... so nicht ...« Er zieht sie wieder an sich in plötzlich erwachendem Begehren und doch ängstlich, als fürchte er eine Falle in ihren Worten. »Wie meinst du denn?« Sie schlingt den Arm um ihn und sieht ihm tief in die Augen. »Die Welt soll uns gehören, Georgy ... die ganze Welt! Du bist Künstler, ich habe mein kleines selbständiges Vermögen – ich kann reisen, mit dir reisen, da sein, wo du bist, in deiner Welt leben, in deiner Welt der Schönheit.« »Und dein Kind?« Sie legt ihm die Hand auf den Mund. »Jetzt nicht, bitte nicht. Das wird sich finden. Ich werde dir sagen – später, was mir das Kind ist. Aber jetzt noch nicht ... du würdest mich nicht verstehen. Wir haben ja Zeit so viel zu sprechen ... so viel!« ... Plötzlich horchen beide auf. Im Hause werden Schritte laut, man hört einzelne Rufe, dann überstürzte Schritte auf der Treppe. »Es ist etwas geschehen, Dudi ...« »Der Vater ...« Sie erbleicht. Sie hatte gar nicht mehr an ihn gedacht, seitdem sie sich freigemacht von ihm, weil das Weiße und Glitzernde sie so lockte, daß sie keinen kurzen Augenblick mehr bei dem alten Mann bleiben konnte. Da steht auch schon die Wirtschafterin Christine im Zimmer. Sie ist sehr blaß und atmet schwer vom eiligen Lauf. »Ich glaub, dem alten Herren geht's nicht gut, ich habe eben zum Doktor geschickt, kommen Sie gleich herunter, Frau Doktor.« »Ja ... ja ... ich komme ...« Die Worte lösen sich ihr mechanisch von den Lippen. Sie hat noch nie einen Menschen sterben sehen. Sie fürchtet sich. Sie weiß, sie müßte als Tochter hinabeilen an das Sterbebett des Vaters. Aber sie hat Angst – es ist eine dumpfe, lähmende Angst, die ihr den kalten Schweiß auf die Stirne treibt. Damals bei der Mutter war es anders gewesen. Sie hatte sie gepflegt, sich ihr nah' gefühlt in jedem Augenblick, und in der großen Nacht des Sterbens war sie doch nicht bei ihr gewesen. Der Vater hatte nicht gewollt, daß man sie wecke, er wollte ihr diesen schauerlichen Anblick ersparen – es lag Vorsorge und zarte Rücksicht darin, und jetzt rufen fremde Leute die Tochter an sein Sterbebett, und es ist niemand da, der ihr verbieten könnte, hinzugehen. Georg sieht ihr die Angst an. »Soll ich mit dir gehen?« »Ja, komm, laß mich nicht allein jetzt ...« Sie zittert am ganzen Körper. Ein namenloses Grauen packt sie, wie sie der voranschreitenden Christine in das Zimmer des Vaters folgt. Der alte Flößner sitzt aufrecht im Bett, von Kissen gestützt. Seine Augen blicken blöde aus dem wachsgelben Gesicht mit den ganz erschlafften Zügen herab auf eine große, goldene Taschenuhr, die er in der Hand hält und deren Uhrwerk er mit einem kleinen Schlüssel aufzuziehen sucht. »Ich hab' ihm all die Uhren geben müssen, er hat sie alle selbst aufziehen wollen«, erklärt die Wirtschafterin. Iduna nähert sich dem Bett. »Vater.« Der Alte hebt die Augen, sieht aber an Iduna vorbei und lächelt blöde ins Leere hinein. »Ja, ja, es ist spät ... die Uhr geht nach ... ja ... ja, es bleibt alles zurück ... keine Ordnung ...« Und er müht sich den kleinen Schlüssel einzuführen ins altmodische Uhrwerk, aber er gleitet immer wieder ab. Doch das macht ihn nicht ungeduldig. Er murmelt nur immer unverständliches Zeug und lächelt manchmal vor sich hin. Iduna tritt vom Bett zurück und setzt sich in den dunklen Hintergrund des Zimmers neben Georg auf ein kleines hartes Sofa. »Wie er sich abmüht«, flüstert sie. »Fürchtest du dich noch immer?« fragt er sie. Sie schüttelt den Kopf. »Nein, es ist nur so seltsam alles...« Dann sitzen sie schweigend da, ganz gerade ohne sich anzulehnen, ohne einander zu berühren, wie ganz artige Kinder, die etwas sehr Großes und wundersames erwarten. Aber ihre Gedanken sind weitab von diesem Zimmer. Georg rechnet, wie lange er noch Urlaub hat. Acht Tage, nicht mehr. Dann muß er nach Düsseldorf zurück, an die Akademie, wo er Lehrer ist. Was soll dann mit Dudi geschehen? Sie wird auch nach Düsseldorf kommen wollen ... wie wird sich das einrichten lassen? Er lebt dort in sehr bürgerlichen Verhältnissen. Er hat Familienverkehr; er ist jeden Abend beinahe geladen und am Sonntag Tischgast beim Direktor – seit Jahren. Er kann sich doch nicht plötzlich von allem Verkehr zurückziehen, das würde ihm schaden und dann – es geht überhaupt nicht, auch für Iduna geht es nicht ... Es muß eine feste, bürgerliche Form für ihre Beziehung gefunden werden. Sie muß sich scheiden lassen – dann wird er sie heiraten. Er wird sie gerne zu seiner Frau machen – sie hat so etwas Apartes, Nervöses, Interessantes ... Er denkt an die Düsseldorfer Künstlerfrauen – die sind alle so behäbig und spießerhaft. Iduna hat etwas Aristokratisches und dabei die hinreißende Leidenschaft. Er wäre kein Mann, wenn ihm das nicht das Blut in den Adern herumjagte. Dabei hat sie auch noch Vermögen, und er – die schöne Stellung. In ein paar Jahren wird er Professor sein. Sie werden ein hübsches Haus machen ... Iduna denkt nicht. Sie fühlt nur, daß es warm und hell ist in ihr wie noch nie. Es ist, als hätte ihre Seele wie ein scheuer Vogel lange einen Ruheplatz gesucht und ihn endlich gefunden. Sie weiß nicht, was weiter werden wird, sie hat gar keine bestimmten Vorstellungen von ihrem künftigen Leben. Nur daß es etwas ganz Besonderes sein wird – das weiß sie. Daß das Glück endlich gekommen ist, nachdem sie so lange gehungert hat, das große, unfaßbar große Glück! Jahre und Jahre hindurch ist sie im Dunkeln gehalten worden, eingeschlossen hinter dicken Mauern, und nun stehen Tür und Fenster offen – sie sieht Täler und Höhen, Wälder und Wiesen, und jubelt: »Da kann ich hingehen, wenn ich will – und dort ... und von den hundert Wegen, die dorthin führen, kann ich den wählen, der mir gerade gefällt, und so gehört die Welt mir, die ganze Welt ...« Es ist wieder Sehnsucht in ihr, aber eine helle, freudige Sehnsucht, mehr Ungeduld beinahe, der heiße, brennende Wunsch, das Leben einzusaugen, wie sie es vor sich sieht, das Leben mit Händen zu greifen, damit es nur ja nicht wieder entflattert wie ein Schmetterling, der vor einem offenen Fenster hin und her gaukelt, um sich dann in der Ferne zu verlieren... Der Kranke läßt ermattet die Uhr fallen und lehnt sich mit einem leisen, röchelnden Laut in die Kissen zurück. Georg wirft einen raschen Blick auf die junge Frau an seiner Seite. »Fürchtest du dich, Dudi?« Sie blickte ihn an mit hellen, leuchtenden Augen. »Nein, gar nicht.« Sie erhebt sich und geht wieder zum Bett des Kranken. »Vater...« »Ja, mein Kind ...« Sie zuckt zusammen. Lebte er denn wirklich noch ein bewußtes, eigenes Leben? Wieder packt sie die Angst, und zitternd legt sie ihre Fingerspitzen in die geöffnete alte Hand, die nach ihr zu verlangen scheint. »Ja, Vater, ich bin da ...« Aber der Ton ihrer Stimme ist so ängstlich, daß Georg nun auch langsam näher kommt, wie um ihr Mut zu machen durch seine Nähe. Der Kranke bewegt die Lippen, dann sagt er: »Es ist alles in Ordnung... die Papiere... alles... Gut, daß du da bist... und dein Mann auch... gut...« Er hebt die verglasten Augen und blinzelt hinüber zu Georgs dunkler Silhouette. »Ich danke dir ... du bist ein guter Mann! Ich hab's nicht gewußt ... Bleib so ... das ist gut ... das ist sehr gut ... Schicksal ... Schicksal ...« Iduna rührt sich nicht, Georg zieht sich wieder in die Tiefe des Zimmers zurück, und Christine fährt sich mit der großen Schürze über die Augen. »Er erkennt keinen mehr.« Dann geht die Tür leise auf, und die Werner tritt ein, gefolgt von dem Arzt. Iduna weint leise und geht ans Fenster. Der Wind fegt zackige Wolkenfetzen über den Mond, der aussieht, als wäre er an einen schwarzen Karton angeklebt. Von den Dächern tropft das Wasser und bohrt tiefe Löcher in die graue Masse des zergehenden Schnees. Im Zimmer wird es unruhig. Iduna hört das Klirren von Gläsern, das Rollen eines Sessels, beschleunigte Schritte und leises hastiges Geflüster. »Jetzt geht es zu Ende«, denkt sie, aber sie wendet sich nicht um. Es ist ihr, als müßte gleich etwas Schreckliches geschehen, als müßte ein gellender Ruf, ein schauerliches Gestöhn die Luft zerreißen. Sie hält sich die Ohren zu und schließt die Augen. Dann hebt sie die Handflächen ein wenig von den Ohren ab und lauscht wieder. Es ist alles still. Nur die Uhr tickt, und von draußen hört man das Sausen des Windes, der am Fensterkreuz rüttelt. Diese Stille ist furchtbar. Lieber alles wissen, sehen... Sie dreht sich um. Der Arzt steht über das Bett gebeugt und fährt mit den beiden Daumen langsam über die geschlossenen Lider des alten Mannes. Dann erhebt er sich und sagt sehr leise. »Es ist alles vorbei.« Iduna wiederholt: »Vorbei!« Sie ist jetzt nicht mehr traurig, auch nicht ängstlich mehr. Es ist ja alles vorbei. »Hat er gelitten?« fragt sie. »Kaum. Er ist eingeschlafen.« »Gott sei Dank ... Gott sei Dank.« Die Werner nimmt sie bei der Hand. »Sie sollten jetzt schlafen gehen, Frau Doktor, ich bringe Sie zu Bett...« »O nein, Werner ... jetzt kann ich nicht schlafen, jetzt habe ich zu tun. Bei mir muß auch erst etwas tot sein ... vorbei sein ... sonst ist's auch so ein Sterben, verstehen Sie das, Werner?« Georg kommt näher. »Du kannst ganz über mich verfügen, Dudi, alle Wege...« Iduna sieht ihn an, ganz fremd. »Ja... das besprich nur alles mit Christine und der Werner ... Ich versteh' nichts davon ... ich habe anderes zu tun. Bis jetzt war ich feige, und da stirbt man und stirbt ... und findet den Tod nicht. Aber vorbei muß es sein ... vorbei ... dann ist alles gut.« Georg sieht sie besorgt an. »Sie ist krank, Frau Werner, bringen Sie sie hinauf...« »Kommen Sie, Frau Doktor, kommen Sie. Ich bleib' heute nacht bei Ihnen im Zimmer, und morgen ist alles besser ...« Iduna läßt sich widerstandslos in ihr Zimmer bringen und sich auskleiden, aber statt sich ins Bett zu legen – geht sie an ihren Schreibtisch. »Ich habe viel zu schreiben, Werner...« »Morgen, Frau Doktor, morgen.« »O nein, Werner, jetzt muß ich's sagen, sonst finde ich den Mut nicht wieder. Heute muß es sein, jetzt gleich...« Die Werner stellt die Lampe auf den Schreibtisch. Ihr Antlitz ist alt und bekümmert. »Haben Sie auch an den armen Herrn gedacht, was das ist für ihn?« Iduna nickt ernsthaft. »Ja ... Aber nachher wird's gut sein ... Vorbei, wie für meinen Vater unten. Der leidet nicht und hört das Lachen und Weinen nicht mehr...« Und sie setzt sich hin, ganz automatenhaft und schreibt ihren Scheidebrief an ihren Mann – – – XIII. Es ist eine Woche nach dem Begräbnis des alten Flößner. Iduna sitzt, in ein dickes, warmes Tuch eingehüllt, seitwärts vom Kamin. Sie ist sehr blaß, ihre Wangen sind eingesunken, und ihre Finger zupfen nervös an den Fransen. Georg Stauff steht am Fenster, die Hände in den Taschen seines großkarierten Reiseanzugs. Sein schönes, regelmäßiges Gesicht ist leicht gerötet, die Stirn unmutig gefaltet. Er wirft ab und zu einen heimlichen Blick auf Idunas zusammengesunkene Gestalt und fährt sich dann mit der Hand durch die Haare. »Aber Dudi, so sei doch vernünftig«, sagt er endlich und nähert sich ihr. »Ich kann nicht länger bleiben, ich habe ja so wie so schon den Termin überschritten. Mit einer solchen Stellung darf man doch nicht spaßen ...« »Und ich, ich kann allein hier bleiben, in meiner Lage ... Das große, stille Haus, bloß die Werner und das Kind ... Und dann werden Briefe kommen, Papiere ...« »Ja, das muß doch alles sein, Dudi, wenn wir zum Ziel kommen wollen.« »Ach, zum Ziel, zum Ziel... Mein Ziel ist erreicht, wenn ich da bin, wo du bist; weiter hinaus will ich nichts ... Du sagtest erst selbst, du dächtest nicht ans Heiraten – und jetzt – ein Zeremoniell wie bei Chinesen. Liebst du mich denn nicht, Georgy?« Er schlingt den Arm um sie und zieht sie an sich. »Wie du nur fragst, Dudi ... nie war mir eine Frau, was du mir bist ...« »Ja, aber du liebst mich so ... so bürgerlich.« »Dudi, Kind, ich liebe deine Stimme, deine Augen, deine süßen, weißen Hände, dein wundervolles Haar, dein seltsames Wesen ... alles liebe ich an dir – alles. Fühlst du's denn nicht? Verliebt bin ich in dich, recht wie ein Narr verliebt, in meine kleine Jugendfreundin.« »So verliebt, daß du nicht einen Tag zugeben kannst, wenn ich dich darum bitte ...« »Ich denke doch an uns dabei, Dudi, an unser Glück, unsere Zukunft. Was machst du denn mit einem Mann, der keine Stellung hat ... nichts ... Du bringst ihm dein Vermögen mit und er ...« »Du rechnest so kleinlich, wie ein Krämer. Du hast keinen Mut. Du glaubst nicht an dich. Tausend äußerliche Dinge müssen es dir sagen, was du bist, und auch von mir müssen es dir äußere kleine Dinge erzählen.« Er legt ihren Kopf an seine Schulter und schließt ihr den Mund mit einem heißen Kuß, dann sagt er leise beschwichtigend: »Doch, doch ... du bist für mich die kleine Dudi Flößner, meine Jugendliebe – aber dazu bist du noch ein süßes, holdes Weib, auf das ich voll Stolz zeigen will als auf meine Frau, über die niemand ein böses Wort sagen darf. Niemand ...« Iduna lacht hart auf. »Ja, weil von diesem bösen Wort aus fremdem Munde deine ganze Liebe fortfliegen würde ... deshalb!! ... O, ich habe mir das alles ganz anders gedacht ... ganz anders ...« Sie sinkt wieder in sich zusammen und vergräbt den Kopf in den Händen. »Du bist eine kleine, romantische Person, Dudi. Das Leben hat seine Gesetze, und wir müssen uns diesen Gesetzen fügen. Sei gut, Dudi, und vernünftig. In einer Stunde geht mein Zug. Laß uns fröhlich scheiden. Alle paar Monate besuche ich dich, und im Sommer, da treffen wir uns irgendwo in Italien, und so vergeht die Zeit ...« Iduna nickt wie geistesabwesend. »Ja, die Zeit wird vergehen ... und wenn wir uns dann heiraten werden ... werden wir nicht wissen, warum wir es eigentlich tun. Nur um ein Versprechen einzulösen?« Er fährt sich mit beiden Händen an den Kopf. »Ja, was sollen wir denn machen?« »Zusammenbleiben.« Seine großen blauen Augen werden förmlich schwarz vor innerer Erregung, und eine Ader schwillt ihm an der Stirn auf. »Also gut, gut ... bleiben wir zusammen ... bitte ... du wirst ja schon sehen, was das für Folgen haben wird ... Bitte, bitte ... dein Kind wird größer ...« »Laß das Kind aus dem Spiel.« »Und meine Stellung ... soll ich die auch aus dem Spiele lassen, ja? Soll ich herumzigeunern mit dir? Oder soll ich dich in der Gesellschaft kompromittieren? Ich muß ja doch mein Brot verdienen ... ich hab' ja keine Renten wie du! Soll ich von deinem Geld leben, ja? ... Von deinem Geld?« »Ja. Wenn du mich liebtest, würdest du nicht fragen, von wem das Geld kommt: von dir oder von mir. Du würdest nicht fragen, was du heute von mir annähmst, du könntest es mir in ein paar Jahren zehnfach zurückgeben. Du hast doch deine Kunst ... deine freie, schöne Kunst, du bist doch kein Beamter, der zittern muß, wenn er seine Stellung verliert ...« »Ja doch, doch ich bin ein Beamter«, fällt Georg keuchend vor Aufregung ein. »Ich bin ein Beamter. Vor allem anderen ein Beamter; Be–am–ter –« wiederholt er wütend. »Und du mußt deinen Vorgesetzten vielleicht um Erlaubnis bitten, mich heiraten zu dürfen?« Sie sagt das so beißend, ironisch wie nur möglich. Sie erkennt ihre eigene Stimme nicht mehr. Sie versteht gar nicht, wie das möglich ist, daß sie so spricht ... sie mit ihm! Mit Georgy! Sie sieht den großen, schönen Mann an, der vor ihr steht, und eine sinnlose Wut packt sie gegen diesen Mann. Sie hört immer nur das Wort: »Beamter, Beamter ...« Ein Mann, wie hunderttausend andere – der an jedem ersten sein Gehalt bekommt, auf Orden spekuliert und seine Pension nicht verlieren will. Ein Mann, der eine brave Hausfrau braucht, eine Repräsentantin für sein Haus ... Das ist Georgy! Jetzt lächelt sie wieder. Es ist so seltsam im Leben ... diese furchtbare, große Enttäuschung – und sie kann doch lächeln darüber. Er sieht dieses Lächeln und deutet es auf seine Art. »Na Dudi, bist du jetzt wieder meine kluge, süße, kleine Frau? Ja?« Da sie nicht antwortet, sondern immer nur still vor sich hinlächelt, nähert er sich ihr wieder und beugt sich über ihre Hände, um sie zu küssen. »Bist du mir bös, Dudi? Nein, nicht wahr, du verstehst mich? Und es ist gut, daß ich abreise, denn sonst ... Dudi, ich bin ja kein Held ... ein einziger unbeherrschter Augenblick und unser ganzes Glück wäre zerstört.« Sie sieht ihn wieder an mit großen Augen und lächelt wieder. »Ja ... so ...« Das Glück! Das große Glück, auf das sie so viele Jahre gewartet hat und das nun lebendig vor ihr steht. Leise wiederholt sie: »– Das Glück wäre zerstört.« Dann sprechen sie miteinander ganz ruhig über die Abreise. »Acht Stunden Fahrt, da wird man durchgerüttelt«, sagt er. »Weiß man bei dir, daß du nach Hause kommst?« »Ja, ich schreibe immer eine Woche früher, ich liebe die Unordnung nicht. Und dann, Dudi, nicht wahr, es ist abgemacht, du läßt dich photographieren und schickst mir dein Bild? Ich will es auf meinen Schreibtisch stellen. Ich will dich immer vor Augen haben, wenn ich an dich schreibe.« »Ich sehe nie gut aus auf einer Photographie.« »Macht nichts ... es ist doch etwas Greifbares.« »Ist es denn besser, das Greifbare? Glaubst du, daß ein Pappstück dich mir näher bringt, als deine Gedanken?« »Geh, Dudi, philosophier' nicht so viel. Was wärst du für ein reizender Kerl, wenn du ein bißchen mehr wie ... wie andere Frauen wärest.« Er umarmt sie und bedeckt ihr Gesicht mit langen, heißen Küssen. »Ich werde mich ja sehnen nach dir ... sehnen, und plötzlich, paß auf, werde ich wieder da sein, ganz plötzlich. Und dann noch was, Dudi ... wenn du einen Rat brauchst – du weißt, ich bin immer da. Nicht wahr, das weißt du doch? Vor allem, mein geliebtes Herz, laß dich nicht ins Boxhorn jagen, verstehst du. Wenn er dir mit großen Phrasen kommen wird – das ist alles Unsinn. Er ist nicht der Mann, den du brauchst. Du brauchst einen jungen, lebendigen Menschen, mit gesunden, natürlichen Ansichten, keinen Bücherwurm ...« Dann sagt er ihr noch einige Trostworte, dazwischen küßt er sie immer wieder, daß sie kaum atmen kann, und dann ist er aus dem Zimmer, und Iduna hört nur mehr noch seine Schritte. Sie weint nicht. Sie ist auch nicht traurig. Sie hat nur das Gefühl, daß sie allein ist, ganz allein. Und daß sie auch allein wäre, wenn er zurückkäme, um bei ihr zu bleiben. Die Werner kommt herein, mit Lolo, die ihr weißes Pelzmäntelchen anhat. »Ist der Herr Georg schon fort?« fragt die Wärterin. »Ja.« Iduna fällt es erst jetzt auf, daß er nicht nach dem Kind gefragt hat, um es vor der Abreise zu küssen. Ja, es fällt ihr jetzt sogar ein, daß er das Kind nie geküßt und nie mit ihm gespielt hat. Er hatte in den acht Tagen keinen einzigen Augenblick für das Kind übriggehabt. Es war ihm nicht mehr, als ein junger Hund, eine junge Katze, für die man kein besonderes Interesse hat. Iduna möchte das Kind in die Arme nehmen, es herzen. Aber sie fühlt noch Georgs Küsse auf Mund und Wangen, und so beugt sie sich nur über die Kleine und fährt ihr mit der schmalen, nervösen Hand über das Gesicht. Dabei gleitet ihr das Tuch die Schultern hinab auf den Boden. Die Werner hebt es auf. »Das Zimmer ist im Winter nicht zum Erheizen«, sagt sie. »Wollen Sie wirklich den ganzen Winter hierbleiben, Frau Doktor?« Iduna sieht ratlos um sich. »Ja, wohin denn, Werner, wohin denn?« Die Frau blickt zu Boden. »Wenn Sie es einmal so beschlossen haben, dann können Sie ja fahren ... wohin Sie wollen, dann hängen Sie ja von niemand ab.« Iduna schüttelt den Kopf. »Nein, Werner ... ich kann nicht, wie ich will. Ich kann nie, wie ich will ... Ich muß immer, ich muß ...« Die Werner versteht nicht. Sie rückt dem Kind das Pelzmützchen zurecht und fragt leise: »Werden Sie den Herrn Georg heiraten ... nachher?« Iduna nickt. »Wirklich, Frau Doktor?« Die junge Frau fährt auf, plötzlich erweckt durch den stillen Widerstand, den sie aus der Frage herausfühlt. »Ja ... warum soll ich ihn nicht heiraten. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit ... ich habe ihn immer ...« Sie sucht das Wort. Sie kann auf einmal nicht mehr das Wort »geliebt« aussprechen. Sie tastet und sucht ... »... Ja und immer ... war er ... es ... schon als Kinder waren wir immer zusammen. Ach, Werner, das verstehen Sie alles nicht, das ist alles gar nicht einfach.« »Ach Gott, ach Gott«, seufzt die Werner. »Pazieren, pazieren!« ruft Lolo ungeduldig. »Lolo will Sneeballen pielen. Tomm, Wener, tomm ...« »Ja, Lolochen, ich komme ja schon ... gleich werden wir Schneeballen spielen, gleich ...« Das Kind jubelt auf und läuft voraus zur Tür, die Werner folgt. Ihr Gesicht ist bekümmert, ihre Augen sind voll Sorge, aber ihre Lippen wiederholen mechanisch im jauchzenden Rhythmus des Kindes: »Jawohl ... Schneeballen spielen, Schneeballen ...« Iduna lebt ganz einsam in dem großen Haus, das Christine nach wie vor bewirtschaftet. Der Weg zum Friedhof ist verschneit, und sie hat auch kein Bedürfnis, an einem Grabe zu beten. An den Vater denkt sie kaum mehr. Es ist ja alles vorbei ... Eine Stütze war er ihr nicht – mehr ein Begriff. Kein freundlicher Begriff. Nur wenn sie daran denkt – wie er in seiner Sterbestunde geglaubt hatte, Delten stünde mit an seinem Bett ... daß er das so selbstverständlich gefunden ... Sie kann es immer nicht begreifen ... Aber vor Georg hatte es sie damals so peinlich berührt ... Sie hatte immer gefürchtet, er würde ihr sagen: »Sieh, Dudi, es ist ein Fingerzeig« ... Zum Glück hatte er das nicht gesagt – und sie sah ihm an, wie befangen er war, bis zur Kindlichkeit befangen, daß sie ihn plötzlich so heiß lieb hatte und sich schämte, einem anderen Manne je angehört zu haben ... Sie muß immer an diese Stunde denken, wenn sie eine dunkle kalte Leere in sich fühlt – wie wenn etwas von einem Platz fortgekommen, auf dem es Jahre und Jahre hindurch gestanden. Georg schreibt fleißig. Lustige und verliebte Briefe, kleine Zettel, kurz vor dem Schlafengehen oder eine Karte vom Biertisch. Manchmal ein Wort über Delten, kurz und beinahe wegwerfend, und Iduna versteht nicht, warum dieses Wort sie trifft und verletzt und zum Widerspruch reizt. Wie wenn sie selbst entwertet würde dadurch. Sie schreibt ihm jeden Tag, jede Nacht. Es sind keine Briefe, es sind Selbstgespräche. Aber sie schickt nicht alles ab, was sie schreibt – das Schönste und Beste davon, was am meisten sie selbst ist – was sie am hellichten Tage in den Stunden ihrer großen Einsamkeit über sich weiß und in klaren, offenen Worten ausspricht – das behält sie zurück. Das liest sie durch, einmal und noch einmal ... und dann geht sie zum Kamin und wirft es ins Feuer. Und dann steht sie davor und freut sich über die züngelnde Flamme, und es ist ihr, als stünde sie selbst mitten im Feuer und als löse das Feuer sie auf in reine Atome. Dann geht sie spazieren, ganz allein, mit großen, festen Schritten, und es ist ihr, als wäre sie nie so gesund gewesen, nie so frei, nie so ruhig. Denn sie ist stolz darüber, daß sie sich so gut kennt, beinahe kindisch eitel, daß sie so tief in ihre Seele hinabsteigen kann. Und da kommt sie sich so überlegen vor, so erhaben über die anderen, die nichts wissen von sich und im Dunkel tappen – alles dem Zufall überlassen. – Und es ist ihr alles neu in der Natur, alles jung und neu, als geschehe alles zum erstenmal, nur für sie – und sie hätte den Schlüssel des Welträtsels in der Hand ... Sie lächelt und grüßt die Vorübergehenden mit der herablassenden Huld einer Königin. Denn sie ist sehr reich und sehr weise. Sie weiß alles. Warum die Menschen leiden, warum sie sich freuen – sie könnte es ihnen ganz genau auseinandersetzen, sie hätte die Kraft, ihnen all ihren Schmerz zu nehmen und sie das »Leben« zu lehren. Sie beobachtet sich fortwährend, jede ihrer Bewegungen, und sie kontrolliert genau, ob sie auch zu dem stimmt, was sie selbst über sich geschrieben hat. Sie gibt oft Almosen – und sie knüpft eine lange Reihe von Betrachtungen an diese Handlung, und jede Betrachtung ist ihr von unendlicher Wichtigkeit. Sie möchte sie am liebsten aufschreiben, nur um sie nicht zu vergessen für den morgigen Brief an Georg. Sie muß ihm doch imponieren mit so einem klugen, gehaltvollen Brief ... Sie ist ja weit klüger als er, sie ist so klug, daß selbst Delten überrascht wäre. Denn sie denkt, sie denkt beständig – es ist nicht mehr ein Träumen wie früher ... o nein! Und nun wird es dämmerig, und sie kommt nach Hause. Christine schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Aber, Frau Doktor, der Kaffee steht schon seit einer Stunde in der Röhre – wenn er nur nicht kalt ist ...« Die Werner brummt: »Sie haben die Überschuhe vergessen, Frau Doktor, Sie können sich den Tod holen; die dünnen Stiefel! Na ja, natürlich, die Strümpfe sind auch naß ... das geht nicht, Frau Doktor, ich bringe Ihnen gleich andere Strümpfe ...« Dann hüpft Lolo herein: »Sneemann hat Nase verloren, Nase kaput, Arme kaput, das hat Lolo Sneemann tot demacht!« Iduna wechselt Schuh und Strümpfe, geht zum Kaffeetisch, auf dem ihre einsame Tasse steht, spricht mit der Kleinen, steckt ihr ein Stück Zucker in den Mund, und dann muß sie an ein kleines Mädchen denken, das immer rief: »Aufheben, Otto, aufheben ... ich will die Nase!« ... Und sie sieht das Bildhaueratelier und zwei kleine Kinder in grauen Kittelchen, die zwischen den Blöcken und Figuren mit Gipsabfällen spielen. Und dann hört sie, wie der Junge sagt: »Wenn Sie Papa wollen – er ist beim schwarzen Doktor ...« Und nun sieht sie weiter ... den kahlen, hellen Raum, und sich selbst mit ihrem leidenschaftlichen Ausbruch, und Deltens strenge Güte, seine leidenschaftslose Ruhe ... Und immer weiter, immer weiter fliegen die Gedanken ... Ihr Hochzeitstag ... das seltsame Märchen, das Delten ihr abends erzählt, die heißen Stunden in ihrem lauschig-stillen Zimmer ... dann ihr kindisches Aufbäumen gegen allen Ernst der Tage, die allmähliche Entfremdung ... die Sehnsucht ... die Sehnsucht ... das Kind ... und wieder Sehnsucht und Haß ... Haß, erbitterter Haß ... ohne Grund ... nur aus Sehnsucht nach anderem ... dann die Abreise, beinah eine Flucht ... und dann ... dann ... »Lolo hat kein Zucker mehr.« Iduna blickt auf das Kind, das mit den Händchen in der Zuckerdose wühlt und mit der rosigen, spitzen Zunge den weißen Rand um die Lippen ableckt. Und plötzlich fühlt sich Iduna weder reich noch weise ... Nur ganz entsetzlich arm und verlassen. Es ist so furchtbar, alles wieder zu durchleben, so furchtbar ... Sie weint still vor sich hin ... Und dann reißt sie ein Blatt Papier irgendwo ab – die Rückseite einer Rechnung oder der Traueranzeige, und schreibt in fliegender Hast, mit Bleistift, tolle, ganz sinnlose Worte der Sehnsucht, der hingebendsten Leidenschaft, sie überschreibt diese Zeilen: »Mein über alles Geliebter« und zeichnet: »Dein bis zum letzten Atemzug«. Dann adressiert sie diesen Brief an Herrn Georg Stauff, Düsseldorf, Malerakademie, und ruft die Werner: »Schnell den Brief in den Kasten, Werner ... schnell ... es ist sehr wichtig.« Die Werner weiß – es ist gar nicht wichtig. Aber sie lächelt nicht und macht keine Bemerkung. Sie geht selbst bis an die nächste Straßenecke und wirft den Brief in den Kasten. – – Von Delten hört Iduna gar nichts. Es sind schon zwei Wochen her, daß sie ihm geschrieben hat – und noch immer keine Antwort. Eines Tages entschließt sie sich, zu dem Rechtsfreund ihres Vaters zu gehen. Es ist ein alter Herr, der sie noch als Kind gekannt hat, früher eine von den unzähligen Respektspersonen für sie, denen sie scheu auswich wie den Tanten und weniger beliebten Lehrern. Während der Krankheit ihres Vaters hatte sie den alten Herrn ein paarmal flüchtig gesprochen; ungern, denn er hatte ihr gegenüber eine protegierende Art: »Na, kleine Frau? was macht die Laune?« oder: »Große Sehnsucht nach dem Herrn Gemahl? he?« Ihr war das sehr widerwärtig, diese Provinzintimität. Und doch, sie wußte sich keinen Rat. Sie mußte jetzt zu ihm hinauf. »Dr. Lehmann, Notar und Rechtsanwalt,« stand in fetten, breiten Buchstaben auf dem schon rissigen Porzellanschild. Es war die echte Provinzwohnung. Große Stuben mit einer so nackten Einrichtung – unglaublich viel Kommoden, und auf den Kommoden Akten in verblaßten blauen Leinwandmappen. Ein dumpfer Geruch von Seifenwasser, Küche, Tabak und staubigem Papier. In der Kanzlei – einem einfenstrigen Zimmer – saßen zwei Männer mit gerunzeltem Gesicht und unsauberen Kragen an einem langen Tisch, dessen ehemals grünes Tuch voller Bücher war. Dr. Lehmann saß im Zimmer nebenan im neuen schwarzen Gehrock, der viel zu weit war für seine hagere Gestalt. Die Manschetten standen auf dem Schreibpult, und unter den Ärmeln blickte das graue Jägerhemd hervor. »Oh ... kleine Frau, was verschafft mir die Ehre?« Er schlug den Rock übereinander, wie wenn es ein Schlafrock wäre, und Iduna vermutete, daß er heute nur ausnahmsweise den schwarzen Rock trug. Sie hatte sich auf dem Wege hierher eine kurze, klare Rede zurechtgelegt, aber nun hatte sie alles vergessen, so widerte sie all die Umgebung an. »Setzen Sie sich, kleine Frau, womit kann ich Ihnen dienen? Der liebe Papa hat ja alles in bester Ordnung hinterlassen. Er war kein Krösus, aber ... nicht wahr, Sie sind doch ganz zufrieden. Über Erwarten, he? War ein sehr kluger Herr, Ihr Papa. Tat immer, wie wenn er kaum zu leben hätte, und dabei ... Ja, ja. So sollten's alle Eltern machen. So eine Überraschung nach dem Tode ... da hat man sie auf einmal wieder gern, die Eltern, die guten Eltern...« Er zwinkerte mit den kleinen grauen Augen und führte ein großes buntes Taschentuch zur Nase. »Ja, kleine Frau, ich bin sozusagen der älteste Freund Ihres Papas gewesen. Ich wußte alles... immer. Und daß der Papa lange Zeit sehr böse auf Sie gewesen ist... ja... ja. Aber da sagte ich immer: ›Flößner, mein Freund, du hast nur ein Kind und an diesem Kind mußt du wie ein Vater handeln‹. Aber er hat lange, lange nichts von Ihnen wissen wollen. Aber dann, wie er Großvater wurde – da hat er sich gefreut! Herrgott, hat er sich da gefreut! Eine Bowle hat er gebraut und ein paar Herren zu sich geladen und immer von Ihnen gesprochen, und... was ist denn, kleine Frau?« Iduna atmete schwer und drängte mit Mühe die aufsteigenden Tränen zurück. Jedes Wort schien ihr eine Anklage, und der Vater stand plötzlich nah und lebendig vor ihr. Der Notar schüttelte den Kopf. »Das haben Sie wohl alles nicht gewußt, kleine Frau? Er war eben sehr eigen, der Papa. Sehr eigen. Aber gut dabei... o ja! Und stolz auf Sie. ›Doktor‹, sagte er mir oft, ›Doktor, weißt du, mein Mädel, die hat's doch in sich. Ein Charakter ist sie. Und daß sie mit meinem Schwager auskommt, dem Delten – das ist keine Kleinigkeit. Es muß doch eine ganz vernünftige Ehe geworden sein... alle Achtung. Hätt' mich nicht gewundert, wenn sie Reißaus genommen hätte nach den ersten paar Monaten – aber so ... braver Kerl. Sie ist eben mehr der Mutter nach geraten. Die hatte auch die hohen Ideen alle – aber dann hat sie sich bequemt, und 's ist leidlich geworden. Ich mag die Frauenzimmer nicht, die alles gleich hinwerfen – das ist sehr leicht, das Hinwerfen – aushalten ist schwer. Aushalten. Braver Kerl, mein Mädel, braves Frauenzimmer.« Vor der Krankheit da sprach er öfters davon, daß er nach Berlin kommen wollte, Sie besuchen – aber dann plötzlich die Krankheit – alles war anders ...« Iduna schluchzte leise vor sich hin. Das bunte Taschentuch stieg jetzt bis zu den kleinen grauen Augen. »Nun, kleine Frau, jetzt sagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen kann ...« Iduna streckte dem alten Mann herzlich die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, Herr Doktor ... Sie haben mir sehr wohl getan, sehr wohl ... und auch ein wenig weh ... aber das konnten Sie nicht wissen. Nur verzeihen Sie mir, wenn ich heute nicht offen mit Ihnen reden kann, heute nicht ... Ich habe nie viel von meinem Vater gewußt, auch daß er mich so liebgehabt hat ... Hab ich nicht gewußt. Es ist schrecklich, das so nachher zu erfahren, nachher ...« Es fiel ihr ein, wie sie sich losgerissen hatte an dem letzten Tag vor seinem Tode ... wie er sie am Ärmel festhalten wollte und wie sie wegstürmte und fortblieb bis zur Nacht ... bis zu dem Augenblick, da sie an sein Sterbelager gerufen wurde. Sie konnte nicht mehr mit dem alten Freund ihres Vaters über ihre Ehe reden, über ihre Absicht, sich scheiden zu lassen. Der würde am Ende auch sagen: Hinwerfen, hinwerfen ist leicht ... aber aushalten! ... Und wenn er dann fragen würde: »Warum« – und sie ihm alles sagen möchte, dann würde er gar meinen: »Und das ist alles? Fakta, Fakta!?« Sie nahm hastig Abschied und ließ den dichten Crepeschleier herab, damit die Kanzleibeamten ihre geröteten Augen nicht sähen. Vom Notar ging sie auf den Friedhof – zum erstenmal seit dem Begräbnis. Die Eltern lagen in einer Gruft. Sie hatte das Bedürfnis, sich bei ihnen auszuweinen. Der Vater stand ihr plötzlich so nah, so menschlich nahe, und sie sehnte sich nach ihm mit bangender Zärtlichkeit wie ein Kind ... Aber als sie vor dem Grab stand, da wußte sie nicht mehr, was sie da sollte. Unter dem schweren Stein lagen verwesende Leichen – Sollte sie vor Knochen und Würmern knien? Es kam ihr so äußerlich und kindisch vor, dies Beten an der Gruft ... und sie wandte sich zum Gehen. Auf dem Heimwege dachte sie nach über sich. Es war etwas Kaltes und Beobachtendes in ihr – etwas nahezu Zersetzendes. Delten fiel ihr ein. Das hatte sie von ihm angenommen – das war sein Einfluß. Zu Hause kam ihr die Werner mit einem Brief entgegen von ihrem Mann. Iduna wurde sehr blaß, als sie das Kuvert aufriß. Es waren nur wenige Zeilen: »Mein liebes Kind! Dein zweiter Brief, der eine sachliche Bestätigung des ersten ist, zwingt mich, an Deinen ernsten Willen zu glauben, dich von mir scheiden zu lassen. Ich habe gestern einen Rechtsanwalt gesprochen und ihn gebeten, sich zu Deiner Verfügung zu stellen. Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß eine Scheidung sehr lange dauert – aber daß die Schwierigkeiten, die sich bieten könnten, nicht von mir ausgehen werden. Das Kind mache ich Dir nicht streitig. Nur verlange ich, die Erziehung des Kindes kontrollieren zu können, und behalte mir eventuelle Erziehungsbestimmungen vor. Keine von ihnen wird die Trennung des Kindes von Dir erstreben. Im Gegenteil. In unserem beiderseitigen Interesse bitte ich, Deinen Groll gegen mich nicht geflissentlich zu nähren, vergiß nicht, daß ich – bevor ich Dein Mann wurde, der Bruder Deiner Mutter war und – auch nachdem ich aufgehört habe, Dein Mann zu sein – der Vater Deines Kindes bleibe. Dein Freund Julius Delten.« Die Werner sah ihre junge Herrin unverwandt an. Als Iduna aufgehört hatte, zu lesen, ließ sie den Arm mit dem Brief langsam herabsinken. »Werner ...« »Ja, Frau Doktor ...« »Er ist doch gut, Werner.« Die Werner senkte den Kopf. Sie wartete noch auf etwas. Aber es kam nichts mehr. Iduna saß im Lehnsessel am Fenster und überlas den Brief noch einmal. Die Werner seufzte auf, zog eine Ansichtskarte aus ihrer Schürzentasche und legte sie leise auf den Tisch. »Von Herrn Georg...« Iduna blickte nicht auf von dem Brief, nickte nur zerstreut, und die Werner verließ das Zimmer. XIV. Iduna verbrachte einen ganz stillen, einsamen Winter. Sie lebte nur in ihren Briefen, die sie an Georgs schrieb. Eine andere Verbindung mit der Außenwelt hatte sie nicht. Georg hatte ihr jede direkte schriftliche Verbindung mit Delten untersagt, und sie fügte sich jeder seiner Anordnungen mit einer Art leidenschaftlicher Unterwürfigkeit; kritiklos und selbstvergessen. Manchmal befahl er ihr dies oder jenes aus Laune, aus Neugierde, ob und wie weit sein Wort Geltung bei ihr habe. Sie befolgte alles, als ob er es sehen könnte – noch gewissenhafter, als wenn er da wäre. So mußte sie auf seinen Wunsch vier Wochen hindurch einen Madonnenscheitel tragen, dann wieder durfte sie Lolo acht Tage keinen Kuß geben, weil sie ihm über eine kleine Unart von ihr berichtet hatte, und einmal, da sollte sie acht Tage nicht an ihn schreiben ... Das war grausam, sie wurde fast krank in diesen acht Tagen, aber auf ihre angstvollen Fragen, warum er so Hartes über sie verhängt hätte, antwortete er: »Ich möchte wissen, ob du aus Liebe zu mir auch auf mich verzichten könntest?« Sie weinte einen ganzen Tag lang über diese Worte, und in der Nacht schrieb sie ihm: »O ja, Geliebter, ich könnte auf Dich verzichten, wenn ich wüßte, daß es zu Deinem Glück notwendig wäre. Nur denken kann ich es mir noch nicht. Es ist mir wirklich immer so, als gehörten wir untrennbar zueinander – seit dem ersten Tage, da wir als Kinder Hand in Hand vor dein großen Kaminfeuer gesessen. Und als Du fortgingst – da war mein ganzes Leben nur ein Rufen nach Dir und wird es bleiben – bis wir zusammen sind, und kein Raum sein wird für einen Ruf zwischen uns.« Sie berauschte sich an ihren eigenen Worten, und mit jeder Woche verlor Georgy immer mehr alles Körperliche für sie. Er vergeistigte sich in ihr immer mehr zu dem Begriff, der er früher war, zu dem ganz unmateriellen Ziel einer verzehrenden Sehnsucht... Der Vorfrühling brachte ihr einen großen Schmerz: den Tod des alten Klaas. Man fand ihn um die sechste Morgenstunde eingeschlafen, den weißen Kopf an den lombardischen Kamin gelehnt, im Schoße eine Handvoll weicher Späne zum Einheizen. Und weil das gar so seltsam war, rief man Iduna herbei. Sie kam angelaufen, wie sie gerade aus dem Bett gesprungen war, barfüßig, im dünnen Nachthemd. Der Alte sah so friedlich aus mit seinem alten weißen Gesicht und den langen weißen Haaren, umglitzert von der Morgensonne, daß Iduna gar keine Scheu vor dem Tode empfand. »Klaas, mein guter, alter Klaas!« Sie nahm den alten Kopf zwischen ihre Hände und drückte ihn an sich. »Hier, hier hat er sterben müssen!« Das war für sie von so unendlich wichtiger Bedeutung – nichts Zufälliges, und sie war ergriffen von einer großen Ehrfurcht vor dem mystischen Zauber dieses Todes – wie wenn ein Priester am Altar gestorben wäre, mitten im heiligen Gebet ... Sie weinte, als man die Leiche fortschaffte ... »Nicht so hart anfassen, nicht so hart,« rief sie ... Es war ihr, als wenn man etwas Großes und Wichtiges aus ihrem eigenen Leben fortschleppte. Und als sie dann, eine Stunde später, angekleidet wieder in das Zimmer trat, kniete ein breitschultriger, rüstiger Knecht vor dem Kamin, und das Feuer prasselte auf und überzog sein stumpfsinniges Holzhackergesicht mit glutrotem Schein. Das ganze Haus war Iduna plötzlich verleidet. Sie sah es jetzt, wie es in Wirklichkeit war: verwohnt und verwittert – ein häßlicher, alter Kasten, und zum erstenmal wünschte sie sich in ihren lauschigen kleinen Salon zurück, mit den vielen Bildern an den Wänden, den dicken Teppichen und den bunten Lampenschirmen ... Im Mai kam plötzlich Georg. Er hatte Iduna nur durch ein paar Zeilen auf sein Kommen vorbereitet. Sie erhielt den Brief in der Früh und am Nachmittag desselben Tages traf er bei ihr ein. Sie war ganz sinnlos vor Freude. Sie lag in seinem Arm und weinte und schluchzte. »Georgy, Georgy ... du ... du!« ... Er küßte sie heiß, aber fand doch zuerst den ruhigen Ton wieder. »Du siehst nicht gut aus, Dudi, so angegriffen ...« »Ja, weißt du, ich sehne mich so nach dir, Sehnsucht zehrt ...« Sie versuchte zu lachen; aber in ihren Augen standen große Tränen. »Ich sehne mich auch nach dir – aber schau mich an!« Er war in der Tat sehr stark geworden. Die edlen Umrisse seines Gesichtes waren verschwommen. Sattes Behagen sprach aus seinem Gesicht, aus der ganzen jovial-trägen Art seines Wesens. »Ja, du! ... Aber nun sag, du bleibst doch lange, lange ... ja? Gleich über den ganzen Sommer?« Er strich ihr mit der Hand das Haar aus der Stirn. »Nein, Dudi, das kann ich nicht. Drei Tage nur. Ich habe nicht mehr Urlaub bekommen können. Und die Sommerpläne, mein Liebling, die müssen wir leider abändern.« Jetzt war sie wieder ganz blaß und sah ihn mit großen erschrockenen Augen an. »Ja, siehst du, Liebling, mir ist eine große Ehre widerfahren. Im höheren Auftrage und im Anschluß an eine wissenschaftliche Expedition mache ich im Sommer eine Polarreise mit. Erstens werde ich dafür glänzend honoriert, zweitens wird das meinen Namen sehr bekannt machen und drittens ist das eine so seltene Gelegenheit, etwas Großartiges zu sehen, daß ich mich glücklich schätzen muß ... Nicht wahr, das verstehst du?« »Und ich?« kam es tonlos von Idunas Lippen. »Du? Aber mein geliebtes Herz, den Sommer wirst du ganz angenehm verbringen, du kannst ja eine kleine Reise machen oder hier bleiben – das Haus hat ja einen prachtvollen Garten, weißt du noch, wie wir als Kinder in dem Garten gespielt haben? Da ist ja in jeder Ecke eine Erinnerung für dich ... Na, und im September bin ich wieder da und da ist hoffentlich auch dein Prozeß zu Ende und ...« »Und wir sollen uns die ganze Zeit nicht sehen? Die ganze Zeit?« Aber eigentlich wollte sie gar nicht das sagen. Nicht das. Es war ja etwas anderes, als bloß, daß sie einander nicht sehen konnten, etwas Tieferes ... Es lag etwas so furchtbar Kaltes, Nüchternes in den Worten, die ihre Liebe zu etwas Nebensächlichem machten. Und für sie war die Liebe alles ... der Anfang und das Ende ihres Lebens, Ziel und Ursprung ... Aber er sprach weiter, von den Vorteilen dieser Reise. Es waren schon Notizen über ihn erschienen. Sie hatte sie nicht gelesen? Nein, sie mußte sich doch wirklich ein bißchen mehr um die Vorgänge der Außenwelt kümmern, nicht so eine kleine Landpomeranze werden. Das Wort machte sie ganz wild. »Meine Einsamkeit ist sehr schön, ich erlebe viel in ihr, und was ich in ihr erlebe, ist so bedeutsam wie ein großes äußeres Ereignis. Es kommt doch nur darauf an, was im Inneren ausgelöst wird. Könnte ich künstlerisch gestalten – ich würde mir eine Welt schaffen. Aber du, du windest dich in der alten kleinen Welt herum, und äußere Vorteile sind für dich Ereignisse.« Georg wollte nicht streiten in dieser ersten Stunde des Wiedersehens. Er fragte nur mit gutmütigem Spott: »Wie stellst du dir denn die Welt vor? Wie einen einzigen Kuß? Eine nichtendenwollende Ekstase, in der es gar keine materiellen Bedürfnisse gibt?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Aber mir tut das so weh, so furchtbar weh ... Siehst du, Delten ...« Da fuhr er auf. »Ich bitte dich, laß das! Es ist nicht sehr geschmackvoll, mir mit Zitaten von deinem Mann zu kommen oder ihn mir vielleicht gar als Beispiel vorzuhalten.« »Das wollte ich nicht, Georgy ...« Er aber war sehr aufgebracht. »Delten lebt von seiner kleinen Rente, ohne Ansprüche ans Leben zu stellen. Er arbeitet im Dunkel wie ein Maulwurf, weil ihm das Tageslicht weh tut. Wenn er keinen Ehrgeiz hat, so ist das seine Sache. Ich bin kein Maulwurf. Ich liebe das Leben – je heller und geräuschvoller es ist – desto besser. Ich will mich nicht vergraben – nicht in der Askese und nicht in abstrakter Arbeit.« Sie schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nicht, Georgy ...« Sie konnte es ihm nicht erklären, was sie empfand. Als hätte man das Heiligste in ihr herausgerissen, auf den Marktplatz hinaus, daß die Leute es begaffen und bekritteln durften. »Du weißt ja nicht, wie ich dich liebe, Georgy ...« »Liebe mich auf meine Art, Dudi, menschlich, natürlich, nicht so überschwänglich, wie das liebe Jesuskindlein in der Krippe, von dem man Wunder erwartet ...« »Georgy!« Es war ein Aufschrei voller Qual und doch wieder jubelnder Erlösung. Sie griff nach seinen Händen und führte sie an ihre Lippen. »Das ist es, Georgy ... das ist es. Und du, du mußtest es aussprechen. Ja, ja, wie das Jesuskindlein in der Krippe, von dem man Wunder erwartet ... so ... liebe ich dich. Und so erwarte ich ein Wunder, nicht eines, nein, tausend Wunder – täglich, stündlich, War es nicht ein Wunder, daß wir uns wiedertrafen nach so vielen Jahren, mitten im Schnee trafen? Und dann, daß ich dir in die Arme fiel und du es so natürlich fandest und mich behalten wolltest für immer ... war das alles kein Wunder? War es nicht die Erfüllung meiner Sehnsucht? Und doch ist es nicht alles – es muß mehr kommen, mehr ... das Wunder muß kommen von dir, von dir selbst. Ich muß mich wiederfinden in dir, losgelöst werden von allem, was mich an mich selbst fesselt, an mich und an die Welt ... Ich darf die Erde nicht mit meinen Füßen berühren – über der Erde muß ich schweben – über der Erde an deiner Hand, und du mußt mein Gott sein, zu dem ich bete, der mich heilt, und mein Kind, das ich täglich aufs neue gebäre in Schmerz und in Liebe und das doch nicht stirbt ... nie stirbt, nie krankt ... Und das eben ist das Wunder – dieses ewige leben im lieben, diese ewige liebe im leben ... Verstehst du ... verstehst du mich?« Er lächelte unsicher, fast peinlich berührt von dieser großen Exaltation. »Ich möchte dich malen, Dudi, wenn du so sprichst ... Als Christin im Löwenzwinger möchte ich dich malen, mit emporgehobenen Armen, die zum Himmel schreien, lauter als deine Stimme ...« »Georgy, Georgy!« Sie legte ihm beide Hände auf die Schulter und sah ihn an mit flackernden Blicken. »Nicht zum Himmel schreie ich ... zu dir, Georgy, zu dir. Du bist mein Himmel. Du, bist mein Gott – ich kenne keinen anderen Gott. Seit meiner Einsegnung bin ich in keine Kirche gegangen, aber wenn mein Herz zum Zerspringen voll war, dann betete ich zu dir, bis ... bis Delten kam. Ja, das war auch ein Gott für mich – kein Jesuskindlein in der Krippe – nein, ein großer, strenger Gott. Ich war zu klein für ihn, zu schwach ... Wir haben keinen großen alleinigen Gott für alle ... nein, das ist nicht wahr, Wir beten nicht alle vor einem Altar ... Aber einen Altar müssen wir haben – einen Altar, Georgy ... hörst du? Und ich kehrte wieder zurück zu deinem Altar und betete, betete ... bis das Wunder geschah und du lebendig wurdest, und jetzt ... jetzt sprichst du von Stellung, von Geld, von Vorteil. Du ... du, mein Gott! Der Gott, zu dem ich gebetet habe!« ... Sie wand sich wie in körperlichem Schmerz und weinte und schluchzte. Georg kaute an den Enden seines dunkelblonden Bartes und ging im Zimmer auf und ab. Das alles war ihm zu dumm. Er wollte nicht brutal sein. Jede Antwort wäre eine Brutalität gewesen. So sprach er denn kein Wort. Er nahm die zuckende, bebende Gestalt in die Arme und küßte die tränennassen Wangen; dann küßte er ihr Haar, ihren Mund. »Dudi ... liebe, kleine Dudi ... Wir haben nur drei Tage, und du verbitterst sie uns so ...« »Verzeih, Georgy ...« Dieses kaum vernehmliche »Verzeih« gab ihm wieder Selbstbewußtsein und Mut. »Du bist krank, Dudi ... du mußt etwas für dich tun. Ich will eine gesunde kleine Frau haben, die mir wirklich ein Jesuskindlein in der Krippe schenkt ...« Iduna hörte plötzlich zu weinen auf. Das Kind! Wieder das Kind. Das Kind, in dem sich das Leben des anderen fortsetzen sollte. Das Leben des anderen, ja ... aber auch das ihre ... Er und sie sich vereinen und aufleben in einem dritten Wesen, einem kleinen Geschöpf, das ihr, ganz ihr gehörte und doch der andere war, der Geliebte, der Einzige ... Und diesem anderen gehörte, weil sie selbst sich wieder wundersam klein und hilflos in seinen Arm legte ... »Dudi, was ist dir?« Sie schwankte und griff nach einer Stütze. Er fing sie auf, zog sie an sich, gerührt von dem weichen, verklärten Ausdruck, der jetzt auf ihrem Antlitz lag. »Was bist du doch noch für ein Kind, Dudi, ein Mädel geradezu ... keine vernünftige Frau und Mutter.« Sie schmiegte sich an ihn voll scheuer Liebe. »Zur Frau und Mutter wirst erst du mich machen ... du!« ... Sie blickte auf zu ihm, wie zu einem neuen Menschen, dann stieg ihr eine dunkle Röte bis in die Schläfen, und sie senkte verwirrt den Kopf. »Daß ich nie daran gedacht habe ... gerade daran nicht ... Und das ist doch das Wunder ... Darum bist du ja mein Gott ... der Schöpfer, Erschaffer ...« Er ging nun wieder mit starken Schritten im Zimmer auf und ab, und sie schritt an seiner Seite wie ein demütiges Kind. So wunderbar war ihr zumut, so feierlich. Er aber sprach von der Zukunft – wie verliebte Menschen von der Zukunft reden, aber doch auch wie sehr gewöhnliche Menschen von ihr reden. Er sprach von der Wohnung, die sie nehmen würden, der Zahl der Zimmer, er berechnete den monatlichen Wirtschaftsverbrauch und wieviel sie für Kleidung und Reisen ausgeben dürften. Er streifte die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihrer harrten – Iduna würde staunen, in welchen Kreisen er verkehrte. Sie empfand dabei wieder etwas wie Unbehagen – aber sie unterdrückte diese Empfindung. Das alles war ja so nebensächlich – das große Wunder – das war das Wesentliche. Sie kam immer wieder auf das Kind zurück. Sie sprach von ihm mit fieberhafter Erregung, mit heiliger Andacht, bis er selbst ergriffen wurde davon. Als Jolo hereinkam, schloß sie Iduna zärtlicher, inniger als sonst in die Arme, und als sie aus dem Zimmer lief, sagte die junge Frau: »Ich will jetzt doppelt gut mit Jolo sein, sie soll nie fühlen, daß es einen Unterschied gibt ...« Iduna verlebte drei schöne stille Tage. Georg war voll liebevoller Zärtlichkeit für sie, und sie selbst war inniger als sie es je gewesen. Sie unterdrückte, soviel sie konnte, alle Heftigkeit ihres Wesens. »Es ist gut, Georgy, daß wir nicht gleich heiraten können. Ich muß mich erst für das Kind erziehen.« »Und dann – wenn es da ist – male ich dich als Madonna mit dem Jesuskindlein – abgemacht?« Sie lächelte still in sich hinein. »Erst in diesen Tagen habe ich nachgedacht über die Madonna ... Jedes Kind kann ein Erlöser sein ... jede Mutter eine Mutter Gottes ...« Er fuhr ihr streichelnd über die langen, nervösen Finger. »Wie meinst du das, Dudi?« fragte er zerstreut. »Die vollkommene Vereinigung des höchsten Wesens mit ...« Sie brach plötzlich ab, denn Georg hatte nach der Brusttasche gegriffen, um sein Zigarrenetui herauszusuchen. »Du verstehst das wohl nicht recht?« fragte sie. »Oh doch ... doch ...« Er rauchte eine Zigarette an, während ein gutmütig selbstgefälliges Lächeln über seine Lippen huschte. »Ich bin der Herr dein Gott ... für dich, natürlich nur für dich, unser Sohn daher dein Erlöser, du selbst an ihm eine mater dolorosa ...« Sie überging seinen scherzhaften Ton und sagte ernsthaft: »Ja, und darum ist es ein Verbrechen, ein Kind zu haben von jemand, der einem nicht der Gott, der Herr ist. Es ist wider die Natur.« »Oder nur zu sehr Natur ...« »Ja, wie die Tiere ...« »Sage gleich Begattung.« »Gewiß ... so roh wie das Wort es ist. Und darum war ich nicht Mutter bisher, darum habe ich mich geschämt ... und mich gefürchtet ...« Er schloß sie wieder in die Arme. »Diesmal aber wirst du dich nicht schämen, nicht fürchten?« Sie sah ihm, feuchten Blickes, lachend in die Augen. »Diesmal werde ich das Wunder erwarten, die große Offenbarung, das große Glück ...!« »Und ich, der Herr dein Gott ... habe Sorge zu tragen, daß das Wunder sich nicht in einem Eselsstall offenbart. Pracht und Schönheit will ich für das Wunder, und da muß ich wohl an Geld und Stellung denken, du kleine Romantik du, an zarte Daunen und seidene Hüllen für dein Jesuskindlein ...« »Ich bete dich an, Georgy, ich bete dich an! ...« XV. Der Sommer verging und der Herbst. Iduna hatte sich nicht gerührt aus dem alten verwitterten Haus. Es war ja alles nur ein Provisorium. Sie lebte nur im Gedanken an die Zukunft, von Woche zu Woche erwartete sie die Nachricht ihrer Scheidung. Die Ungeduld nagte an ihr wie eine Krankheit. Die rein äußerlichen Bande, die sie noch an Delten fesselten, kamen ihr vor wie eine Treulosigkeit gegen Georg. Sie weinte manchmal des Nachts, wenn sie daran dachte, daß sie schon einem Mann angehört hatte. Dann versenkte sie sich in den Anblick der Sixtinischen Madonna, die über ihrem Bette hing, und sagte sich: Diese reine Jungfrau war ja doch die ehrsame Frau eines Zimmermeisters, und ihre Seele war nicht beschmutzt durch die Ehe mit einem gewöhnlichen Mann ... Aber wenn ihr die Stunden in ihrem kleinen Salon einfielen, dann war es, als erröte ihr ganzer Körper, und sie barg aufstöhnend ihren Kopf in die Kissen. Sie war doch unrein, unrein, unwürdig des großen Wunders! Sie betete stundenlang und kniete vor dem Madonnenbild, das Gesicht in Tränen gebadet ... Sie schrieb Georg edle, schöne Briefe, ohne ein Wort der Leidenschaft, demütige und anbetende Worte, plötzlich von einem Grauen erfaßt vor jeder sinnlichen Regung, beinahe glücklich darüber, daß sie nur selten Nachricht von ihm bekam und immer nur Schilderungen fremder Länder und Menschen; keine verliebten Ausbrüche mehr wie früher. Mit Lolo spielte sie manchmal. Aber dieses Spielen war eine Pflicht, die sie sich auferlegte. Wenn die Werner ihr einige Züge der Kleinen erzählte, einige Aussprüche überbrachte, dann lächelte Iduna ganz verträumt. Die Werner merkte sehr gut, daß die junge Frau nicht zuhörte, und zog dann das Kind ärgerlich mit sich fort aus dem Zimmer. Wenn dann Iduna später schuldbewußt fragte, warum die Werner so böse fortgegangen, dann antwortete die Wärterin: »Sie haben jetzt nur verliebte Dinge im Kopf, Frau Doktor, und Lolo kann zusehen, wie sie ohne ihre Mama fertig wird. Was wird denn erst sein, wenn Sie noch ein Kind bekommen, Frau Doktor, da wird Lolochen wohl ganz ausgesetzt werden?« Eines Tages kam die Werner ganz bleich ins Zimmer. In der Hand hielt sie ein großes, versiegeltes Kuvert. Als es Iduna aufmachte, fiel ein großer gelber Bogen heraus, auf dem oben gedruckt stand: Im Namen des Königs! »Frei,« schrie Iduna auf, »frei!« Sie fiel der Werner um den Hals, sie lachte und weinte. Sie wollte telegraphieren; warf schon mit zitternder Hand auf das Papier: »Georg Stauff, Düsseldorf.« Dann sprang sie wieder auf. »Nein, Werner, ich fahre selbst hin, ich will ihm die Nachricht selbst bringen. Jetzt kann ich's ja. Schnell ... packen Sie mir ein paar Sachen zusammen ... ich kann ja kaum atmen vor Glück, aber so eilen Sie doch, Werner ... rasch ... rasch ... Mein Leben fängt an, mein Leben fängt an ...« Ein kleiner Koffer wurde rasch gepackt. Die Wirtschafterin brachte Iduna einen kleinen Imbiß, den sie kaum berührte. Alles an ihr zitterte und bebte vor Jubel und Glück. Sie ging der Erfüllung, der Krönung ihres Lebens entgegen. Während sie die Handschuhe überstreifte, kam die Werner mit einem Fetzen Papier in der Hand: »Sehen Sie nur, Frau Doktor, was Lolochen ...« »Ja, ja ...« Iduna schob das Papier, ohne es anzusehen, in die Reisetasche. »Wo ist das Kind, ich will ihm einen Kuß geben ... haben Sie einen Wagen holen lassen? Ich komme in drei Tagen ... ja, in drei Tagen spätestens, und dann fahren wir nach Berlin. Die Wirtschaft muß aufgelöst werden ... und die Vorbereitungen ...« Sie küßte das Kind auf das schwarze, lockige Haar. »Sei brav, Lolo ... Mama kommt bald und bringt dir was Schönes mit, was sehr Schönes.« Sie küßte es noch einmal, wie in plötzlicher Reue über die lange Vernachlässigung. Die Werner warf ihr einen Mantel um. »Glückliche Reise, Frau Doktor.« »Adieu, Werner, adieu, Christine ...« Sie lief förmlich die Treppe hinunter. Dem Kutscher sagte sie: »rasch, rasch ...« Sie blickte sich nicht noch einmal um, um Lolos glattgedrücktes Näschen am Fenster zu sehen. Nur vorwärts, vorwärts ... Und im Kupee saß sie aufrecht, mit den Füßen den Takt schlagend, mit den Fingerspitzen gegen die Scheibe trommelnd, wie wenn sie die Fahrt dadurch beschleunigen könnte, bei jeder Station vor Ungeduld vergehend ... Vorwärts, vorwärts ... Sie konnte nicht denken, konnte sich nicht das Wiedersehen mit Georg ausmalen. Nur das wußte sie – der Augenblick, da sie sich in seine Arme werfen würde mit den Worten – »ich bin frei, ich gehöre dir« – dieser Augenblick würde einen neuen Menschen aus ihr machen ... Sie zählte die Stunden, die Viertelstunden. Dann schlief sie ein, erschöpft, außer Atem, wie nach einem langen Lauf. Wirres Träumen, Auffahren – und dann nichts ... nichts als ein dumpfes, stumpfes, regungsloses Sitzen in der Ecke. Endlich Düsseldorf! Sie hatte sich nicht angemeldet. Sie wollte ihn überraschen, plötzlich vor ihm stehen, strahlend vor Glück, vor Liebe ... Sie machte auf dem Bahnhof ein wenig Toilette, ließ ihre Sachen beim Portier und nahm einen Wagen, der sie bis vor seine Wohnung führen sollte. Er hatte ihr geschrieben, daß er jetzt meistens zu Hause Abendbrot esse, und wenn er ausgehe, erst um zehn Uhr seine Wohnung verließe. Jetzt war es gegen halb neun; sie war beinahe sicher, ihn zu treffen. Sie drückte dem Kutscher, ohne zu fragen, ein Geldstück in die Hand und trat in den Flur eines hellerleuchteten, sehr eleganten Hauses. Unten an der Treppe mußte sie erst Atem schöpfen, aber dann lief sie die Stufen hinauf, wie ein Kind, zwei Absätze überspringend, über den Saum ihres Kleides stolpernd, keuchend, mit offenem Mund. Unter dem eleganten schwarzen Emailschild mit dem faksimilierten Namenszug eine elektrische Klingel, sie drückte darauf, fest und anhaltend. Und dann hörte sie Schritte, weiche, träge Schritte, wie auf Filzschuhen. Die Tür ging auf. Im dunklen Rahmen stand eine junge Person, fast noch ein Kind. Eine kleine Lampe, die sie in der Hand hielt, beschien ein bleiches, abgehärmtes Gesicht, aus dem zwei fast übernatürlich große braune Augen hervorleuchteten. Ganz hellblondes, seidiges Haar lag wirr um die eingesunkenen Schläfen. Die schmalen Schultern waren ganz eingehüllt von einem großen grauen Tuch, das nur einen braunen fußfreien Rock sehen ließ. »Herr Stauff ist nicht da,« sagte das Mädchen mit einer seltsam tonlosen Stimme und wollte gleich darauf die Tür ins Schloß fallen lassen; aber Iduna hielt sie mit einer Bewegung auf. »Kommt er denn nicht bald nach Hause,« fragte sie, während das Herz ihr wie still stand vor unsäglicher Enttäuschung. Das Mädchen zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Vielleicht kommt er in einer Stunde, vielleicht gar nicht, wenn Sie mir Ihren Namen nennen wollen ...« »Ich bin von sehr weit hergekommen, ich bin die ... ich bin eine Verwandte ...« Iduna wurde furchtbar rot unter ihrem Schleier. »Ich bitte, liebes Fräulein, lassen Sie mich eine halbe Stunde auf Herrn Stauff warten ... ich bitte Sie, ja?« Ein Zug von Mißtrauen flog über das Gesicht des Mädchens, aber Idunas beinahe kindlich weicher Ton schien sie umzustimmen. »Kommen Sie herein, meine Dame.« Iduna ließ die Tür hinter sich ins Schloß fallen und folgte dem Mädchen durch das dunkle längliche Vorzimmer in ein großes Atelier, das durch Draperien und seidene chinesische Paravents gleichsam in zwei Räume geteilt war. Die eine Hälfte des Ateliers diente seiner eigentlichen Bestimmung, die andere war wie ein Boudoir hergerichtet und mit Teppichen, modernen Sesseln, Kissen, Fellen derart angefüllt, daß man kaum Platz hatte, sich darin zu bewegen. Trotz der Größe des Raumes herrschte in ihm ein eigentümlicher Duft von Öl, frischem Holz und starkem Parfüm. Das Mädchen stellte die Lampe auf den kleinen damenhaften Schreibtisch inmitten des Boudoirs und wies auf ein niederes Ruhebett. »Wenn Sie hier warten wollen ...« »Möchten Sie mir nicht die Bilder zeigen im Atelier,« fragte Iduna. »Da muß ich erst Licht machen ...« »Nein, machen Sie sich keine Mühe ... wenn Sie mir nur mit der Lampe leuchten wollen.« Automatenhaft griff das Mädchen wieder nach der Lampe. Auf ihren Lippen lag jetzt ein leises, trauriges Lächeln. »Sie sind eine Verwandte von ... ihm?« Iduna zuckte zusammen. Von ihm ... das klang so seltsam. Sie nickte, und ihre Stimme klang ganz merkwürdig laut, als sie antwortete: »Aber ja, natürlich ... eine sehr nahe Verwandte.« Wieder dasselbe traurige Lächeln. Nur daß es Iduna nicht sehen konnte, weil das Mädchen ihr langsam mit der Lampe voranschritt. Apathisch, als ginge sie das alles gar nichts an, führte das Mädchen Iduna vor die Staffeleien. Es waren meist Porträts: junge, hübsche und nichtssagende Frauenköpfe, dann wieder ein kleiner Akt. In einer Ecke große Kartons: Entwürfe von der Nordlandsreise. »Ah, das interessiert mich ...« Iduna nahm jeden Karton einzeln in die Hand, jetzt nachträglich seine Reise verfolgend, wie beim Lesen seiner Briefe. Aber als sie den letzten Karton zur Hand nahm, entfuhr ihr ein leiser Ausruf. Statt einer Landschaft erblickte sie die wunderbar ebenmäßige kindliche Gestalt einer Psyche. »Ist das reizend ...« Plötzlich stutzte sie und sah das Mädchen an, das ganz unbeteiligt an dem hellen Lichte der Lampe vorbei in die Tiefe des Zimmers starrte. »Aber das sind ja Sie ...« Die eingefallenen Wangen des Mädchens wurden blaßrosa. »Ja ... das war der erste Entwurf.« Iduna verfärbte sich leicht. »Sie sind also sein Modell?« »Ja ... ich kam her als Modell, aber jetzt malt er nur Porträts ... die werden besser bezahlt. Und wenn er Modelle braucht für Akt, dann kommen andere. Ich bin nicht mehr hübsch genug.« Sie sagte das ganz ruhig, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne ein Gefühl der Gêne vor Idunas Blicken, die sie zu entkleiden schienen. »Ich bin müde,« sagte Iduna und griff nach der Stirne. Und dann ging sie ins Boudoir. Das Mädchen stellte die Lampe wieder auf den Schreibtisch. »Ich will Ihnen Tee machen.« »O nein, ich brauche nichts, ich bin nur müde, sehr müde ... ich bin so lange gereist.« Iduna lehnte den Kopf zurück im Sessel und schloß die Augen. Lautlos verschwand das Mädchen hinter den Schirmen. Iduna öffnete die Augen und starrte in das Licht der Lampe. Sie fing die goldenen Strahlen mit blinzelnden Augen auf, und es schimmerte vor ihr in smaragdenem Grün und flammendem Rot, das sich zu leuchtendem Gelb und tiefem Braun abschattierte. In einem festlichen Farbenreigen schwelgte sie, und dieser Farbenreigen brachte ihr etwas zurück ... ein Bild aus längst vergangener Zeit ... eine Fliege, die sich in tollem Tanz summend und brummend an das milchweiße Lampenglas schlug am Abend ihres Hochzeitstages und dann verstummte, tot niederfiel ... Und das Märchen fiel ihr ein, das Märchen der Sehnsucht, das ihr Mann ihr erzählt und das sie an sich erlebt hatte in all den Jahren ... Der Duft eines starken Parfüms legte sich ihr beängstigend um die Sinne, wie ein schweres Narkotikum. Sie erhob sich und ging zum Schreibtisch. Sie saß an seinem Schreibtisch, an dem Platz, an dem er selbst immer gesessen, um ihr zu schreiben ... Hier auf dieser Mappe. Mechanisch schlug sie die Mappe auf, beinahe liebkosend war die Berührung. Papiere lagen durcheinander, Rechnungen, kleine Skizzen, Briefe. Und es schlug ihr aus den Blättern derselbe starke Duft entgegen, nur noch strenger, betäubender. Sie wollte die Mappe zuklappen, aber die heftige Bewegung, die sie dabei machte, verschob die Blätter, so daß eine kleine, goldgeränderte Karte sichtbar wurde. Und auf dieser Karte standen nur drei Zeilen in großer, eleganter englischer Schrift: »Geliebter, sei vorsichtig. Mein Bild ist ein zu gefährliches Geschenk, nimm die Rosen, dunkelrote, wie die erste Blume, die du mir brachtest, als du von deiner Reise zurückkamst ... von deiner Reise aus dem weißen Lande ...« Iduna las die Worte noch einmal durch und noch einmal, und dann las sie sie mechanisch immer wieder und immer wieder, bis ihr schwarz wurde vor den Augen und sie mit dem Kopf auf die Tischkante fiel. Das Mädchen im grauen Umschlagtuch trat lautlos ein. »Ich glaube, er wird heute nicht mehr kommen ...« Da Iduna nicht antwortete, trat sie näher heran und tippte mit dem Finger leise auf Idunas Arm. »Ja ... ja ... ich gehe schon ...« Iduna lallte die Worte nur so hin. Sie machte die Mappe nicht zu. Sie war wie erstarrt. Das Mädchen warf einen Blick auf die Karte, und zum drittenmal lächelte sie leise mit großen, traurigen Augen. »Sie sind die Dame, die er heiraten will?« Iduna legte die Hand auf die Brust und rang nach Worten, aber sie brachte keinen Ton über ihre wachsbleichen Lippen. Das Mädchen fuhr sich mit dem Handrücken über die blasse, zartgeäderte Stirn. Und in traurig resigniertem Ton hub sie an. »Er ist nicht schlecht ... wirklich nicht ... er ist nur sehr schön, und wo er hinkommt, da hängen sich die Frauen an ihn. Alle glauben, er ist anders als alle anderen, ich habe es auch geglaubt, aber er ist gar nicht anders, nicht besser und nicht schlechter ... er ist nur ein schöner Mann, aber die Frauen sind schlecht. Er ist auf die Reise gegangen, weil er fort mußte wegen einer Frau hier, und als er zurückkam, hat er dieser Frau da – sie zeigte auf die Karte – Blumen gebracht. Er hat sich nichts gedacht dabei, aber sie ist verrückt gewesen auf ihn, und dann – dann ist er eben wie jeder Mann. Es wird gut sein für ihn, wenn er heiratet.« »Bitte, lassen Sie mich hinaus.« Iduna stieß die Worte hervor, ohne das Mädchen anzusehen. »Soll ich ihm was bestellen?« Iduna antwortete ihr nicht. Beim Öffnen der Tür sagte das Mädchen: »Jetzt bin ich an seinem Unglück schuld.« Sie machte Augen wie ein geprügelter Hund. Iduna zog ihr Portemonnaie und ließ ein Geldstück auf die Erde fallen. »Da!« Sie schlüpfte zur Tür hinaus und hörte nur einen leisen schmerzlichen Aufschrei. Das Geldstück rollte ihr klirrend einige Stufen nach. Iduna verbrachte die Nacht im Wartesaal des Bahnhofes. Den ersten Frühzug benutzte sie, um nach Hause zu fahren. Als die Werner Iduna am nächsten Nachmittag in das Haus wanken sah, schlang sie ihre beiden starken Arme um sie und trug sie beinahe hinauf bis in ihr Schlafzimmer. Sie fragte nicht. Sie erriet alles. »Werner, ich will schlafen. Morgen nach Berlin, gleich morgen.« »Ja, es wird alles bereit sein.« Die Werner packte mit Hilfe der Wirtschafterin die ganze Nacht. In der Frühe kam eine Depesche aus Düsseldorf: »Treffe morgen abend ein. Georg.« Iduna ließ antworten: »Frau Doktor abgereist, unbekannt wohin,« und Christine mußte zeichnen. Iduna war totenblaß, aber ruhig und gefaßt. Sie kramte selbst ihre Tasche aus, in der das Dokument enthalten war. »Im Namen des Königs!« las sie. So furchtbar feierlich klang das, und es war doch nichts geschehen. Aber gestern ... gestern ... Sie kramte weiter. Ein zerknitterter Fetzen Papier fiel ihr in die Hand, und als sie hinsah, waren mit unbeholfenen Strichen die Konturen der Sixtinischen Madonna angedeutet. »Was ist das?« fragte sie die Werner, die gerade die Koffer schloß. »Das gab ich Ihnen doch mit, Frau Doktor, das hat Lolochen gezeichnet, als wir packten. Das Kind zeichnet den ganzen Tag, ich kann nicht Papier genug hergeben.« »So ...« Lolo kam reisefertig angezogen, eine Puppe im Arm, von der Wirtschafterin begleitet, ins Zimmer. »Jetzt fahren wir mit der Maschine, und in Berlin wird Lolo in die Schule gehen und viele kleine Mädchen sehen. Lolo ist schon sehr groß ... so groß ...« Iduna lehnte am Tisch, mit schlaff herabhängenden Armen. Sie sah das Kind auf sich zukommen, mit sicheren kleinen Schritten, das energische dunkle Gesichtchen keck emporgehoben, und plötzlich breitete sie beide Arme nach dem Kinde aus und riß es ungestüm an sich, als müsse sie es retten vor einer schrecklichen Gefahr. »Bleib bei mir, klein Ding, bleib bei deiner Mama!« Und wie sie das zappelnde, sich sträubende kleine Menschenkind an ihre Brust drückte, da packte sie die rasende Angst, es könnte ihr entgleiten, ihr abhanden kommen, wie alles ihr bisher im Leben abhanden gekommen war, noch bevor sie es recht besessen. XVI. Zwei Wochen nach ihrem Eintreffen in Berlin war Iduna vollständig eingerichtet. Die Werner sorgte für alles. Iduna hatte sich dagegen gesträubt, auch nur ein einziges Stück ihrer ersten Einrichtung herüber zu nehmen. Sie ließ alles unter der Hand verkaufen, ohne selbst einen Fuß in die alte Wohnung zu setzen. Manchmal sprach die Werner davon, Iduna möchte doch in dieser oder jener Angelegenheit den Herrn Doktor um Rat fragen, aber Iduna wehrte mit einer solchen Angst ab, daß die Wärterin den Namen Deltens nicht mehr nannte. Iduna jedoch merkte sehr bald, daß sich die Werner ins Einvernehmen mit Delten gesetzt hatte. Sie fühlte es auch instinktiv heraus, wann die Werner einmal mit dem Kinde bei Delten gewesen war. Aber sie fragte nicht. Sie wurde sehr scheu und still; blieb am liebsten allein in ihrem Zimmer und blickte zum Fenster hinaus, als wartete sie auf jemand ... Aber es kam niemand. Einmal im Januar läutete es, und ein eleganter Herr trat in ihr Zimmer. Es war Doktor Stahl. Sie erkannte ihn gleich und wurde sehr rot, er aber stutzte, als stünde er einer fremden Erscheinung gegenüber. Dann küßte er ihr leicht die Hand, mit verbindlichem Geplauder die erste Befangenheit bannend. »Ganz zufällig, im Adreßkalender, fand ich Ihren Namen. Ich hatte schon von Ihrer Scheidung gehört, wußte aber nicht, daß Sie in Berlin seien. Das war eine freudige Überraschung für mich, und es drängte mich, Ihnen aufs neue meine Verehrung zu bezeugen.« Dann erzählte er von seinem Aufenthalt in England und daß er jetzt eine Klinik in Berlin eröffnet hätte. »Und Sie, Frau Doktor, leben immer wie eine kleine Einsiedlerin? Sie sehen auch ganz trübsinnig aus. Das muß anders werden.« Er erzählte von Bekannten. Der hatte geheiratet, jener Bankrott gemacht, Frau X. war gestorben und Frau Y. tröstete den Witwer. »Haben Sie nichts mehr von Frau Reitz gehört?« fragte Iduna. »Ja ... die soll in Paris geheiratet haben. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in Düsseldorf, ist Kunstmäcenin, es soll ihr sehr gut gehen und auch den Künstlern, die sie protegiert.« Er lächelte perfid, war aber plötzlich betroffen von Idunas Blässe. »Sind Sie nicht wohl?« »O doch ... doch ...« Das Gespräch schleppte sich noch eine Weile fort, dann erhob sich der junge Arzt. »Darf ich hoffen, Sie noch öfter besuchen zu können?« Iduna sah ihm gerade ins Gesicht – eine Sekunde lang, dann sagte sie einfach, aber bestimmt: »Nein, bitte nicht.« »Darf ich fragen – warum nicht?« »Ich will nicht da enden, wo Frau Reitz angefangen hat,« antwortete sie herb. Er nahm eine kühle, ja frostige Haltung an. »Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau. Sie scheinen meine Intentionen zu verdächtigen ...« »Intentionen? O, Intentionen haben Sie vielleicht noch keine.« »Nur die, Ihnen einige Zerstreuung in Ihr einsames Leben zu bringen.« »Die Sie mir wieder nach Belieben entziehen können, wenn es Ihnen langweilig geworden ist.« »Sie blicken weiter in die Zukunft, als ich selbst es tue. Aber ich will aufrichtig sein. Ich hege eine große Sympathie für Sie, seit Jahren ... Das wissen Sie. Ich war öfters ein paar Stunden in Sie verliebt. Aber jetzt bin ich's nicht – ich schwöre es Ihnen. Sie zwingen mich, aufrichtig zu sprechen. Sie sind nicht mehr so ... hübsch wie früher. Sie sehen abgehärmt, vergrämt aus – Sie flößen mir eher Mitleid ein. Ich möchte Sie wieder jung und froh sehen ... dann freilich ... wenn es mir gelungen wäre, Sie wieder froh und jung zu machen – wäre es so ein Verbrechen, mich in Sie zu verlieben?« Er lächelte wieder das ihr so bekannte spöttische, feine Lächeln. Sie aber schüttelte sich wie vor physischem Grauen. »Verlieben ... nein, nein ... nur nicht verlieben.« »Ja, was suchen Sie denn ... die große ewige Liebe? Wirklich? Sind Sie noch so naiv, daran zu glauben?« Sie sah ihn an mit großen trostlosen Augen. »Ja ... ich glaube daran. Aber ich weiß, daß sie mir nicht beschieden ist. Das weiß ich,« wiederholte sie beinahe hart. »Aber doch irren Sie sich, wenn Sie glauben, daß ich mit Minderwertigem vorlieb nehme. Nie. Hören Sie, nie. Sie hätten mich belügen können, und ich hätte Ihnen vielleicht geglaubt, aber wenn Sie mir eine Liebe bieten, von der Sie selbst sagen, daß sie eine Laune ist – dann kann ich Ihnen für Ihre Ehrlichkeit nur danken. Ihre Laune aber gibt mir nichts und ist mir nichts.« Er ergriff ihre Hand und drückte sie warm. »Sie sind eine tapfere, ehrliche, kleine Frau. Ich fühle etwas vor Ihnen, was ich selten vor einer Frau gefühlt habe: Respekt. Ja, ja ... einen ganz ernsthaften Respekt. Aber nun sagen Sie: daraufhin – wollen wir nicht Freunde werden, gute Kameraden?« Er hielt ihre Hand noch immer in der seinen. Sie atmete schwer, und ihre Augen flirrten unruhig wie hilfesuchend umher. »Ich bitte Sie, Herr Doktor, lassen wir das ... Kameraden ... zwei Wochen, zwei Monate ... zwei Jahre ... und dann plötzlich ... Und das will ich doch nicht ... wirklich, das will ich nicht ... Ich bitte Sie, Herr Doktor, gehen Sie, ich bitte Sie herzlich darum ...« Sie sah ihn flehend an wie ein Kind und barg dann ihr Gesicht in den Händen. Er stand einen Augenblick unschlüssig da, dann griff er nach seinem Hut und verbeugte sich förmlich. Sie machte eine kurze, beinahe unbewußte Bewegung, als wollte sie ihn aufhalten, aber im selben Augenblick warf sie sich auch zurück in die Tiefe des Zimmers, als risse sie sich selbst von einem Abgrund zurück. Sie verharrte ohne Bewegung, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, und sie die Entreetür zufallen hörte. Dann stürzte sie aus dem Zimmer. »Lolo ... Lolo ...« Es war wie ein Hilfeschrei. Das Mädchen kam aus der Küche angelaufen und meldete, daß die Werner mit der Kleinen ausgegangen sei. Ja, richtig ... ausgegangen! Iduna setzte eine Pelzmütze auf und warf einen Mantel um. Sie wollte dem Kinde entgegengehen, nicht allein sein, sprechen, lachen hören, um etwas zu betäuben in sich, was sie von Sinnen brachte, sie verzweifeln ließ an sich selbst. Sie ging geradeaus, immer geradeaus durch die neuen Häuserreihen. Überall lag Schnee. Er glitzerte in der Sonne, daß förmlich Funken aus den festgefrorenen Kristallen aufsprühten. Es war ganz still in den Straßen und noch stiller am Ausgang der Schaperstraße, da, wo es so ländlich wird und hohe Pappeln eine breite Allee einsäumen. Ein paar Raben spazierten gravitätisch auf der weißen Decke, andere flogen aufkrähend von Baum zu Baum, mit schwerem Flügelschlag, der den Schnee in weißem Staub von den Zweigen herabfegte. Idunas Schritte wurden langsamer, immer langsamer. Ihr scharfes Auge unterschied von weitem drei Gestalten: einen großen, hageren Mann, der sich zu einem kleinen Mädchen herabbeugte, und eine ältere Frau, die gesenkten Kopfes hinter den beiden einherschritt. Iduna stellte sich hinter einen Baum. Sie wollte nicht gesehen sein, nur sie selbst wollte beobachten. Sie sah, wie das Kind eifrig sprach und lachte, sie sah, wie der Mann Schnee in die Hand nahm und große Ballen daraus formte, die er hoch in die Luft warf, sie sah, wie das Kind aufjubelte und wie dann die Frau ein Heft aus der Tasche zog und dem Mann zeigte. Wie er das aufgeschlagene Blatt ernsthaft betrachtete und dann lächelte ... ja, sie konnte sogar das Lächeln erkennen, das weise, gütige Lächeln aus der allerersten Zeit. Und da löste sich der Bann, der auf ihr gelegen, die tolle Angst schwand, die sie hinausgetrieben. Wie ein verirrtes Kind, das das erleuchtete Fenster des Vaterhauses erblickt – so empfand sie dieses Lächeln. Noch war sie nicht zu Hause, aber bald, bald würde sie es sein ... Die drei Gestalten kamen näher, immer näher, so daß Iduna die einzelnen Stimmen unterscheiden konnte und dann auch die Worte. Delten sprach: »Sie müssen, Sie müssen unbedingt die Mutter auf diese Fähigkeit des Kindes aufmerksam machen, sonst zwingen Sie mich, selbst einzugreifen. Und doch möchte ich der Frau jede Aufregung ersparen ...« Die Werner schüttelte bekümmert den Kopf: »Die Frau sieht nichts und hört nichts ... sie schaut nur in sich und hört nur auf sich ...« Und jetzt sprach Delten wieder: »So, Werner, jetzt gehen Sie nach Hause. Und dieser Tage kommen Sie wieder, da führe ich das Kind zu einem Maler ... Vielleicht ist's nur Einbildung von mir, aber mir scheint, hier ist unverkennbares Talent.« »Ja, und wenn der Herr Doktor wüßten, was das Kind alles sieht. Als wir die Zimmer einrichteten – die Frau kümmerte sich um gar nichts, da mußten wir die Möbel dahin stellen und wieder dahin, bis das Knirpschen sich zufrieden gab. Oft war's ja verfehlt, unpraktisch, aber wenn das Kind sagte: ›So schön so ...‹ dann war wirklich was dran. So ganz besonders sah es aus ...« »Das hat es von der Mutter ...« Delten neigte sich zum Kind herab und faßte es unter das Kinn. »Aufpassen, Werner, aufpassen, das ist kein gewöhnliches Menschenkind.« Und so ein eigener Ton lag in diesen Worten, daß die Werner abergläubisch dreimal vor sich hinspuckte. »Der Herr Doktor macht mir noch Angst ... ich hüte das Kind ja ohnehin wie meinen Augapfel ...« Er reichte ihr die Hand. »Ich danke Ihnen, Werner.« Die Wärterin bog mit dem Kind um die Ecke, er aber setzte sich auf die Bank und blätterte weiter in dem Heft, das vollgekritzelt und vollgezeichnet war mit kindlicher Hand. Iduna stand noch immer hinter ihrem Baum. Sie fand den Mut nicht, hervorzutreten, so plötzlich dazustehen und zu sagen: ich habe dich belauscht und dich beobachtet ganz heimlich und hinterlistig. Aber dann dachte sie an das Lächeln von vorhin, und sie gewann neuen Mut ... Sie stand an der Bank. »Julius,« hauchte sie leise, daß man es kaum an ihrer Lippenbewegung erraten konnte. Aber Delten klappte das Heft zusammen, wandte den Kopf zu ihr und blickte sie mit seinen dunklen Augen ernst und forschend an. »Nun, Kind? Du stehst schon so lange hinter diesem Baum, und ich habe es dir doch so leicht gemacht ... Hab mich an dem kalten Wintertag auf die Bank gesetzt, gerade vor dich hin!« Sie starrte ihn sprachlos an. »Nun, was ist's? Du hast mit mir zu sprechen? Komm.« Aber sie fand nichts anderes als: »Mir ist so kalt, mir ist so furchtbar kalt.« Sie klapperte mit den Zähnen und streckte ihm beide Hände entgegen. »Zehn Schritte von hier ist ein Gasthaus; dort ist nie ein Mensch, willst du dorthin mit mir gehen?« Sie nickte stumm, und dann schritt sie an seiner Seite bis zu dem ländlichen kleinen Restaurant. Er bestellte zwei Glas Grog und ließ sich Iduna gegenüber an einem kleinen Tisch neben der Glaswand nieder. »Nun, Kind, beruhige dich.« Er legte seinen Schlapphut auf einen leeren Stuhl neben sich, und Iduna sah, wie viel weiße Fäden sein Haar durchzogen. Es war streifenweise grau, sein Bart hatte sich gelichtet und ließ den feingezeichneten, fest zusammengepreßten Mund und das harte, energische Kinn erkennen. Ein Schluchzen stieg ihr in die Kehle, das sie mühsam unterdrückte. Schüchtern, bittend, fast verzagt schob sie ihm die Hand über den Tisch zu. Er tippte ihr mit den Fingern beruhigend auf den Handrücken. »Ja, Kind, du denkst dir, daß ich alt geworden bin ... freilich. Aber das muß dich nicht traurig machen. Alt sein ist sehr schön, sehr schön, mein Kind – nur verstehen muß man es. Man muß so leben, daß man mit Freuden alt wird ... aber das begreifst du noch nicht, dazu bist du noch zu jung.« War dieser Mann jemals ihr Mann – der Mann, an dessen Brust sie gelegen, der sie heiß in seine Arme genommen und hart zurechtgewiesen hatte? Der Kellner brachte den Grog, und Iduna nahm einige Löffel des heißen Getränkes zu sich. »So, jetzt ist mir wohler ... jetzt ist mir überhaupt wohl ...« Sie lächelte. »Ich habe mich immer gefürchtet vor dir, aber jetzt fürchte ich mich gar nicht. Nein ... Ich glaube, daß du besser bist als alle anderen Menschen und daß du alles verstehst ...« »Du hast mir viel zu sagen, Iduna?« »Ja, mein Leben habe ich dir zu sagen.« »Das brauchst du nicht. Ich weiß es genau. So mußte es kommen – Erwartung und Enttäuschung, Erwartung und Enttäuschung in allem – nicht wahr? Du suchtest Erfüllung deiner Forderungen. Das ist das ganze.« »Aber das ist furchtbar, das ist furchtbar ...« Sie schwieg eine Weile, dann fragte sie leise, ohne ihn anzusehen: »Hat dir die Werner geschrieben ... von dort ...« »Ja. Das mußte sie. Ich wollte Nachricht haben über das Kind. Das mußt du begreifen. Ich wollte auch dich nicht aus den Augen verlieren ... Du bist das Kind meiner Schwester.« »Du weißt also alles?« »Das Wesentliche.« »Oh, das ist nicht das Wesentliche,« fuhr Iduna leidenschaftlich auf, »was die Werner weiß ... was man in drei Worten erzählen kann, aber das andere ... das tiefe, geheime ... die Sehnsucht ...« »Die Sehnsucht, die einem Begriff nachjagt und für diesen Begriff Menschen unterschiebt.« »Nein, nein ... nicht Menschen ... den Mann einfach, den Mann ... Und das ... das ist wie ein feuriges Mal ... das brennt, das brennt ... Ich weiß das ... seit heute weiß ich es ...« Und sie erzählte heftig, ungeordnet die eben erst erlebte Szene mit dem jungen Arzt. »Siehst du ... ich stand da ... das Gesicht verdeckt und bettelte und befahl: gehen Sie weg, und dabei wünschte ich, sehnte ich mich danach ... er möchte nicht fortgehen, sondern bleiben, mich in die Arme nehmen ... mich küssen ... was weiß ich! Denn dann, dachte ich, wird alles gut, wird alles gut ... Aber er ging, gottlob er ging ... Wenn er nicht gegangen wäre ... denke ... er wäre nicht gegangen? Habe ich dir nicht einst gesagt, daß ich dich liebte ... und habe ich es ... jenem dort nicht auch gesagt ... und denke heute! Wenn er nicht gegangen wäre ... ich hätte heute noch von Liebe sprechen können und morgen daran geglaubt, und dann all das noch einmal ... Und jetzt weiß ich, daß ich dastehe und Angst habe ... Angst habe vor jedem, der gut zu mir ist, weil ich mich vor mir selber fürchte ... und ich sehne mich so ... ich sehne mich so ... nach etwas, was mich über mich selbst erhebt, nach etwas Großem ...« »Ist dir das Kind so wenig, Iduna?« »Nein ... ich rufe nach dem Kind ... ich sehne mich nach ihm ... manchmal ... aber nur auf Minuten, Stunden ... Das Kind ist nicht ich ... das Kind füllt die Leere nicht aus ... Und wenn ich das Kind lesen lehre, wird sein Stimmchen die Leere nicht ausfüllen, und wenn es dann von meinem Schoß gleitet, dann bin ich wieder allein ... Und das Kind lebt sein Leben, sein eigenstes Leben, und ich gehe nebenher ...« Delten entgegnete nichts darauf. Es mochte wahr sein, was sie sagte. Er wollte ihr nichts einreden, woran er selbst nicht mehr glaubte. Er sah auf die Uhr. »Es ist spät, Kind, geh nach Hause ... wir sprechen morgen darüber oder übermorgen.« Sie stand gehorsam auf. »Ich darf kommen? Zu dir kommen?« Er lächelte leise. »Zu mir? Gut. Ich wohne, wo ich immer wohnte.« »Verlaß mich jetzt nicht,« bat sie. »Nein. Ich bin dein Freund, Iduna, das merke dir.« – – Am anderen Tag stand sie in seinem Zimmer. »Warte noch eine halbe Stunde, bis ich mit der Arbeit fertig werde.« Sie setzte sich in den alten Sessel und sah ihm zu, wie er in Büchern nachschlug und Notizen machte. Die Welt schien versunken für ihn, und seine Augen glitten oftmals über sie hinweg, ohne sie zu sehen. Sie war glücklich darüber, daß sie ihn nicht störte. Es war ihr so wunderbar, ihn bei der Arbeit zu sehen. Es lag etwas so Weihevolles für sie über dem Raum. Nie hatte sie ähnliches empfunden. Sie traute sich kaum zu atmen. Endlich hörte er auf. »Verzeih! Du hast dich gelangweilt ...« »O nein ... gar nicht. Es war sehr schön.« Er legte ihr plötzlich die Hände auf die Schultern. »Hast du es nie versucht, zu arbeiten? Hast du nie an einen Beruf gedacht?« Sie ergriff seine Hand, heftig, in jäh erwachender Hoffnung. »Einen Beruf, wie meinst du das?« »An einen ernsten Beruf, der all deine Kräfte in Anspruch nimmt, der dir nicht Zeit läßt zum Träumen und zu dieser ziellosen Sehnsucht ...« »Nie ... nie ... habe ich daran gedacht. Aber glaubst du denn –? Ich kann doch nichts ... ich kann nichts ...« »Kannst du lernen?« »Lernen ... ich? O ja ... ich möchte lernen!« Ihre Augen weiteten sich, und langsam sprach sie: »Ich habe gelernt als Mädchen ... so gut gelernt ... so leicht gelernt ... mit Heißhunger alles verschlungen. Dann nahm man mir die Schüssel fort und sagte: genug. Ich hatte nicht genug. Nein, ich hatte nicht genug. Man gab meinem Geist keine Nahrung weiter, und ich verlernte es, danach zu fragen. Und dann kam ich zu dir – und dann war es zu spät ...« Delten schüttelte den Kopf. »Es wäre nicht zu spät gewesen. Es war meine Schuld. Ich dachte, du würdest glücklich sein als Mutter ... Ich alter Junggeselle, was wußte ich! Und dann ... ich hatte dich lieb ... anders als ich sollte, ich wollte dich nicht verlieren, und da ... Na, na, Kind ... laß das, laß das ... Ich habe mich vergangen an dir, schwer vergangen ... ich, der reife, ältere Mann ...« Er trat von ihr fort ans Fenster und drückte seine Stirn gegen die Scheiben. So blieb er eine Weile, und Iduna sah, wie er sich mit dem Finger rasch und heimlich über die Augen fuhr. »Julius,« sie stürzte auf ihn zu. Er wendete sich um und lächelte ihr zu. »Nicht, Kind, nicht ... ja nicht! Aber das sind so die Widersprüche: in die Wohnung zu mir ließ ich keine Dienstboten herein, um mich nicht zu gewöhnen, und dich ... Als ich dir schrieb nach dem Tode deiner Mutter – so tat ich es in ihrem Auftrag. Sie bat mich, ich möchte mich deiner annehmen. Und ich tat es ihr zuliebe. Nur ihr zuliebe. Um ihren Wunsch zu erfüllen, machte ich dir den Vorschlag, meine Frau zu werden. Und ich wollte dich halten wie mein Kind, dir nur das Leben öffnen, dich sicher leiten ... Aber da kamst du mit deinen zwanzig Jahren, und da wurde ich begehrlich und wurde dein Feind – statt dein Freund zu bleiben. Denn es ist ewige Feindschaft zwischen Mann und Weib, Iduna, ewige Feindschaft – wenn es nicht gegenseitige Liebe ist ... Aber laß das alles ... Vielleicht hat's doch sein Gutes gehabt. Du hast wenigstens nachdenken gelernt bei mir, über dich und alle Fragen des Lebens, hast doch gelernt, deine Instinkte zügeln, und so bist du freier, als du es je warst. Der Schmerz, Kind, der Schmerz, das ist es, was uns unfrei macht. Und denken, zergliedern, übersehen – das heißt uns vom Schmerz befreien, wissen wollen, was man fürchtet, heißt die Furcht schon halb überwunden haben. Siehst du, Kind, als mir zuerst der Gedanke kam, daß du von mir gehen würdest, da hing ich dem Gedanken nach, statt ihn zu verscheuchen. Ich entwöhnte mich dir langsam ... kapselte mich wieder ein in meine Arbeit ... und als du gegangen warst, da wußte ich, es war für immer, aber ich litt nicht so sehr darunter, wie du glaubst. Ich wußte, es mußte so kommen ... es mußte , und weil ich die Notwendigkeit erkannt hatte, bereitete ich mich darauf vor ...« Delten schöpfte tief Atem und legte dann seine kühle, hagere Hand auf Idunas Haupt. »Ich hatte wohl geglaubt, daß mir menschliches Leid nie widerfahren würde. Mein ganzes Leben hatte ich auf Einsamkeit und Freiheit aufgebaut, aber doch hat das Leid auch mich gestreift ... aber nur gestreift, Iduna, nur gestreift! Es ist Mangel an Willen, Mangel an Intelligenz, wenn man das Leid Herr werden läßt über sich. Also Kopf hoch, Iduna, es gibt eine andere Welt als die Welt deiner Sehnsucht. Eine Welt des Wollens, des Erkennens. Suche du deinen Weg ... Und wenn ich dir auf diesem Wege helfen kann – es soll geschehen.« Iduna hob einen heißen, dankbaren Blick zu Delten empor. Er aber runzelte die Stirn. »Nein, Iduna, nicht in mir dein Heil suchen. Kein einzelner Mensch gibt dir das Heil ... Suche es aus dir heraus im wirklichen, im tätigen Leben ...« Iduna ging nach Hause wie im Taumel. Ihr war wie einem Kinde, das man in ein Spielwarengeschäft geführt hatte, damit es sich ein Spielzeug aussuche. Taumelnd vor Freude und doch verschüchtert. Sie sollte einen Beruf wählen ... sie, die nie daran gedacht hatte, einen Beruf zu ergreifen. Sie wollte einen ernsten Beruf, der sie ganz in Anspruch nahm ... nichts, was nur naive Liebhaberei war, von ihrer Laune abhing. Sie wollte lernen, lernen ... Delten hatte ihr verboten, ihn aufzusuchen, bevor sie ihm nicht positive Vorschläge machen konnte. Er wollte ihr nichts erleichtern. Sie verbrachte zwei qualvolle Wochen. Sie kannte niemand. Dann endlich entschloß sie sich, an Dr. Stahl zu schreiben, ihn um seinen Besuch zu bitten. Er kam am nächsten Tag um die Nachmittagsteestunde, sehr korrekt im schwarzen Gehrock, in der Hand zwei vollerblühte rote Rosen. »Es ist eine unerwartete Freude für mich,« sagte er. Der Ton seiner Stimme machte immer Eindruck auf sie. Es lag in ihr wie eine zarte Liebkosung und doch auch etwas Aufreizendes von der Beimischung leichten Spotts. Der Anblick der roten Rosen gab ihr die Selbstbeherrschung wieder. Ihr fielen gerade die Worte ein: »Rosen, dunkelrote, wie die erste Blume, die du mir brachtest, als du von deiner Reise zurückkamst.« Sie brachte es kaum über sich, die Rosen zu berühren, und hastig, als fürchte sie, Dr. Stahl könnte ihre Bitte, sie zu besuchen, mißverstanden haben, begann sie: »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich bedarf eines Rates, und ich kenne keinen Menschen, an den ich mich wenden kann.« Er verbeugte sich stumm, ohne das leise Lächeln zu unterdrücken, das zu sagen schien: »Diesen Vorwand kenne ich.« Eilig fuhr sie fort: »Sie sagten mir, ich könne nicht so weiter leben. Sie haben recht. Ich kann es wirklich nicht. Ich brauche Arbeit, Tätigkeit, ich muß mir einen Wirkungskreis schaffen. Und ich weiß nicht, was ich anfangen soll. Ich habe all die Jahre so einsam gelebt, so fernab von jeder Bewegung.« Jetzt sah er sie doch ein wenig erstaunt an. »Sie sind eine vermögende Frau. Sie haben Ihr Kind – ich verstehe nicht ...« Sie unterbrach ihn ungeduldig. »Aber Sie brauchen ja gar nicht zu verstehen. Sie sollen mir nur ein bißchen helfen. Sie hatten ja so viel Teilnahme für mich, Sie wollten Zerstreuung in mein Leben bringen, mich froh und jung machen ... also bitte ... bitte ...« »Ja ... auf die Art?!« Iduna sprang von ihrem Sitz auf und ging aufgeregt durchs Zimmer. »Ach so ... auf die Art nicht! ... Wie meinen Sie denn?« »Eine junge, hübsche Frau wie Sie ...« »Die ist auf die Liebe angewiesen, nicht wahr?« fiel sie ihm hart in die Rede. »Nun, Herr Doktor, ich habe geliebt ... ja ... ich habe geliebt ... ich war verheiratet, ich habe ein Kind ... ich bin geliebt worden ... ja, auch das, und ich könnte jetzt vielleicht wieder verheiratet sein und übers Jahr noch ein Kind haben, wenn ich mit der Liebe vorlieb genommen hätte – was Sie Liebe nennen! Ja, die Liebe kann einer Frau alles sein, aber es muß eben Liebe sein, wie ich sie verstehe, und das Kind kann einem die ganze Welt ersetzen und das eigne Leben verdoppelt wiedergeben ... aber es muß eben die Krönung dieser Liebe sein. Die Liebe, in der ich restlos aufgehen könnte, habe ich nicht gefunden, und mein Kind – so lieb ich es habe, läßt viele Kräfte frei in mir. Und jetzt sehne ich mich nach Entfaltung dieser Kräfte, damit ich ein reiches und volles Leben lebe, nicht so vergehe wie tausende und tausende von Frauen – nutzlos und freudlos.« »Ja, aber die Erziehung ...« »Meines Kindes wollen Sie sagen. Sie glauben daran ... Sie? Ich wünschte mir einen Sohn – es ward ein Mädchen. Ich träumte von einem weichen goldblonden Seraph, es ist ein schwarzer kleiner Teufel – eigenwillig und selbständig. Es hat eine seltene Begabung fürs Zeichnen – vielleicht wird's ein Talent, vielleicht ist's ein Genie, ein Genie, das seine Wege geht. Fremde Lehrer müssen es unterrichten, ich werde danebenstehen, zusehen und dann zurückbleiben und höchstens stolz sein dürfen auf ein Talent, das nicht mein Talent ist, auf Leistungen, die nicht meine Leistungen sind, auf ein Leben, das sich entwickelt haben wird, ganz, ganz unabhängig von mir ... Es ist so verlogen, so furchtbar verlogen, von uns Müttern zu verlangen, daß wir nur für unsere Kinder leben sollen! In dem Falle wäre es Naturgesetz, daß wir stürben, wenn wir unsere Kinder erzogen haben ... Aber wir sterben doch nicht, wir leben weiter ... leben lange, lange Jahre weiter, mit der ungestillten Sehnsucht nach einem eigenen Leben ... Und wissen Sie, was das schrecklichste ist? Nicht wissen, wonach man sich sehnt ... Oh, es ist furchtbar ... furchtbar ... da fliegt man wie eine Fliege um jedes kleine Flämmchen, weil man meint, es sei die Sonne, und es ist doch nur Kerzenschein, und wenn es hoch kommt – das Licht einer Lampe ...« Iduna ließ sich wieder erschöpft in ihren Sessel fallen. Sie hatte einem fremden Menschen alles offenbart, was auf dem Grunde ihrer Seele lag. Sich mutig zu dem bekannt, was sie bisher nur sich im vollen Umfange gestanden hatte. Jetzt empfand sie beinahe Reue darüber. Sie hatte sich so hinreißen lassen, daß er ihre Worte vielleicht für Übertreibung halten konnte. Aber ein scheuer Blick auf sein Gesicht beruhigte sie. Er schien ernst und nachdenklich. Endlich sagte er leise: »Ich erinnere mich, einmal vor meiner Abreise nach England nannte ich Sie eine ›Sucherin‹. Sie haben redlich in sich geforscht und gesucht ... und ich glaube, Sie haben gefunden. Ich weiß nicht, ob Sie recht haben für alle Frauen ... aber bei vielen mag es zutreffen. Ich als Arzt – ein Arzt ist ja so oft Beichtvater – kann es bestätigen. Nur suchen die Frauen nicht immer, wie Sie es getan haben. Sie nehmen es wie ihr Schicksal und gehen zu Grunde. So oder so. Die einen in Auflehnung gegen die äußeren Sittengesetze, die anderen in stumpfer Resignation – vielleicht empfinden beide denselben Schmerz, aber sie können sich nicht helfen, denn sie tappen im Dunkel.« Er machte eine Pause, dann strich er sich mit der Hand durch das Haar, erhob sich und schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Iduna stehen, die Hände hinter dem Rücken gekreuzt. »Es ist hübsch von Ihnen, daß Sie mir soviel Vertrauen zeigen. Ich will auch tun für Sie, was ich kann. Also hören Sie: Sie müssen vor allem ein paar gescheite Frauen kennen lernen, ein paar ernste Frauen, die selbst einen Beruf haben. Ich werde Ihnen eine Empfehlung geben an eine Kollegin, eine sehr tüchtige Person. Sie ist Mitglied von einem Klub, dem Studentinnen, Schriftstellerinnen usw. angehören. Sie wird Sie in diesen Klub einführen. Dort lernen Sie die Damen kennen und werden mit den verschiedenen Berufsarten vertraut. Fühlen Sie irgendeine besondere Begabung in sich? für Musik, Malerei ...« »O nein ... ich bin so ganz talentlos ...« »Na also, dann Hand weg von der Kunst. Das macht Sie nicht glücklich, wenn Sie nach jahrelanger Arbeit ein Blumenstück zusammenbringen oder ein Nokturno von Chopin spielen – oder gar ein paar feinsinnige Skizzen schreiben für die Unterhaltungsblätter. Dann befreunden Sie sich lieber mit den Studentinnen, werden Sie Hebamme meinetwegen oder Ärztin, wenn Sie Ausdauer und Nerven dafür haben. Künstlerinnen gibt es wie Sand am Meere, aber tüchtige Ärztinnen kann man mit der Laterne suchen.« Iduna sah ihn mit glänzenden Augen an. »Sie glauben?« »Vorläufig glaube ich gar nichts,« antwortete er brüsk – »Sie müssen eben selbst sehen, probieren. Ich nehme Sie mal in den Seziersaal mit. Wollen sehen, ob Sie's aushalten. Zimperlich dürfen Sie dabei nicht sein, und Gefühlsduselei muß man sich auch abgewöhnen. Na, wir werden ja sehen. Das eilt nicht so. Erst Umschau halten und dann vorarbeiten.« Er hatte gar nicht mehr den feinspöttischen Salonton. So mußte er mit Kollegen reden, oder in der Klinik mit dem Personal. Iduna streckte ihm beide Hände entgegen. »Wie kann ich Ihnen danken?« Er wehrte ab. »Aber gar nicht, gar nicht, Frau Iduna. Wenn Sie wirklich was Vernünftiges wollen im Leben ... na, mein Gott, da ist es ja nur Menschenpflicht, Ihnen zu helfen.« Er überflog ihre Gestalt mit einem kurzen Blick und sagte dann mit einem Anflug des alten Lächelns: »Ich will Ihnen was sagen, Frau Iduna, und merken Sie sich das: Wenn wir eine hübsche Frau sehen und annehmen, daß diese Frau nicht abgeneigt wäre, einen Mann mit ihrer Gunst zu beglücken, dann ist es uns natürlich lieber, wir sind der Erwählte, und wir setzen einiges daran, diese Gunst zu erlangen; haben wir aber eine ernste Frau vor uns, die nur arbeiten will, dann fällt es den wenigsten von uns ein, sie von ihrem Wege abbringen zu wollen. Zum Zeitvertreib sind uns solche Frauen doch zu gut ... also ruhig sein, Frau Iduna.« »Sie können die Rosen, wenn Sie wollen, zum Fenster hinauswerfen. Ich verspreche Ihnen – ich werde nie mehr galant sein. Also auf Wiedersehen. Dieser Tage erhalten Sie Nachricht.« Iduna glaubte zu träumen. Noch war nichts Positives geschehen, und doch schien ihr, als hätte ihr ganzes Leben eine Umwälzung erfahren ... Zwei Monate später suchte sie Delten wieder in seiner Wohnung auf. Es war Ende März, und das Gesträuch zeigte schon vereinzelt zarte grüne Sprossen. Iduna atmete gierig die weiche, sonnendurchtränkte Luft ein. Nie hatte sie den Weg zur Villa so froh und leicht zurückgelegt. Auf ihr Läuten öffnete ihr ein großer, kräftig gewachsener junger Mensch von sechzehn oder siebzehn Jahren. Sie hatte noch niemals jemand bei Delten angetroffen und war nun so überrascht, daß sie fragte: »Ist der Doktor krank?« Nur so konnte sie sich die Anwesenheit eines Fremden hier erklären. Aber der junge Mann schüttelte den Kopf. »O nein, bitte, nur herein.« Iduna traf Delten an seinem Schreibtisch. Bei ihrem Eintreten hob er den Kopf von einem Buch und nickte ihr ruhig zu. »Du, Iduna? Endlich! Ich dachte, du hättest dich schon wieder deinen Träumereien hingegeben.« »O nein! Ich habe mich nur umgesehen. Ich war ja wie blind bis jetzt.« »Und du weißt nun, was du willst?« »Ja.« Das war ein helles, bestimmtes Ja. »Und ist es nichts Eingeredetes, Iduna? Willst du einen fremden Willen oder deinen eigenen?« Iduna wies mit dem Kopf auf den jungen Mann und sah Delten fragend an. »Er hört uns nicht. Er nimmt den Katalog meiner Bücher auf, du kannst ruhig reden.« Iduna saß Delten gegenüber am Schreibtisch, beide Arme aufstützend, den Blick an Delten vorbei durch das Fenster gerichtet. »Ich habe so oft in der letzten Zeit an die zwei Leute denken müssen, unsere seltsamen Trauzeugen ... weißt du noch?« Delten lächelte kaum merklich. »Siehst du sie noch?« fragte Iduna plötzlich, ihn anblickend. »O ja ... sie haben den Weg zu mir nicht vergessen, obwohl sie meiner schon längst nicht mehr bedürfen.« »Weißt du noch, wie der eine, es war der Geigenbauer, sagte: ›Die Erkenntnis stutzt der Sehnsucht die Flügel?‹ Das ist mir so im Gedächtnis geblieben, aber verstanden habe ich es erst jetzt.« »Und weiter sagte er: ›Wir lernen gehen statt fliegen, wir lernen leben ...‹« »Ja ... ja ... das ist es ... leben lernen, sein eigenes Leben leben lernen ... Daß ich das verstehe, danke ich dir ... dir, denn du hast mich die Erkenntnis gelehrt, wie du es jene gelehrt hattest.« Dankbar blickte sie zu ihm auf. »Ich habe in diesen letzten zwei Monaten alles noch einmal durchlebt, und gerade die Zeit, wie ich herkam als junges Mädchen. All deine Worte kamen mir zurück, denn früher fürchtete ich mich, daran zurückzudenken. Aber ich habe nichts vergessen – – gar nichts.« Sie schob ihren Stuhl noch näher an den Tisch heran und fuhr erregt fort: »Weißt du noch ... jenen trüben Herbsttag ... als ich das erstemal hier bei dir war und unten die Kinder vom Bildhauer ...« »Leiser,« gebot Delten mit einem Blick auf den jungen Menschen. »Also, weißt du noch ... wie schrecklich das klang ... wie er selbst sein Werk zerstörte und dann ... sich selbst umbrachte. Als ich dir Vorwürfe machte, da sagtest du: ›Was sollte er tun im Leben? Er war überflüssig ...‹ Siehst du, Julius, das ist schrecklich: überflüssig sein im Leben ... Und die Kinder haben ihm nicht genügt, wie mir das Kind nicht genügt. Sollte ich mich da auch umbringen? Nein ... dir danke ich, daß ich etwas anderes gefunden habe. Du hast von einem Beruf gesprochen. Ich habe einen Beruf für mich gefunden. Ich will Ärztin werden.« »Ärztin ... du?« »Ja ... ich. Gerade das Positive daran, das ist es, was mich dazu hinzieht. Diese Begrenzung, von der du früher immer sprachst. Und dann ... der beständige Kampf, die Anspannung aller Kräfte. ... Aufgehen können in etwas, ganz aufgehen und wirklich helfen ... Das ist ja keine abstrakte Schreibtischarbeit ... Für die wäre ich nicht geschaffen ... für die nicht.« Sie sprach nun von dem, was sie alles lernen müßte, sie hatte Prüfungen zu bestehen, bevor sie daran denken konnte, die Universität zu besuchen. Sie brauchte einen Lehrer. Fragend, beinahe bittend, sah sie Delten an. Er schüttelte ernst den Kopf. »Nein, Kind, jetzt kann ich dir nichts nützen. Aber hier dieser junge Mann – Primaner – komm her, Otto.« Delten stand auf und legte seinen Arm um den jungen Menschen und führte ihn zu Iduna. »Erkennst du ihn nicht mehr? Das ist der Otto Grahlmann, den du als zehnjährigen Knaben hier gesehen hast.« Iduna blickte verwirrt auf und streckte dem jungen Mann die Hand entgegen. »Ich wußte gar nicht, daß Sie in Verbindung geblieben sind.« »Der Doktor hat mich und meine Schwester erzogen, gnädige Frau.« Iduna sah Delten verblüfft an. »Du hast mir nie etwas davon gesagt ...« »Das war nicht, um im Geheimen eine gute Tat zu üben, wie du vielleicht glaubst. Die Kinder sollten einfach in gesunde Verhältnisse kommen, um gesunde Menschen zu werden. Hättest du gewußt, daß ich für ihre Erziehung sorge, du hättest verlangt, daß ich sie dir bringe, hättest sie oft zu dir genommen ... Sie sollten keine Träumer und Phantasten werden. Die Kleine ist noch im Pensionat, und dieser junge Mann darf sich schon ein paar Groschen selbst verdienen. Wenn du ihm also jetzt Gelegenheit dazu gibst, so ist das vernünftiger, als wenn du ihn als kleinen Jungen auf dem Schoß gehalten hättest, um ihm Märchen zu erzählen.« Um das Herbe seiner Worte zu mildern, fügte er hinzu: »Dann hätte ich vielleicht jetzt meine liebe Not mit ihm, während er jetzt oft seine liebe Not mit mir hat.« Er klopfte dem jungen Mann auf die Schulter und schickte ihn wieder zu den Büchern. »Geh, mein Junge. Ich mache mit der Dame alles für dich ab.« »Und nun, Iduna, merke dir – in schwierigen Fällen stehe ich dir natürlich immer mit Rat und Tat bei. Aber nur in schwierigen Fällen. Mach' es dir nicht leicht. Beiß' dich selbst durch, beiß' dich durchs Leben, und vielleicht ist so ein gutes Beispiel wertvoller für dein Kind, als wenn du dich zu seiner Gouvernante machtest.« Er geleitete Iduna bis ins Vorzimmer. »Das Programm deiner Studien will ich dir aufstellen und dich alle paar Monate prüfen – wenn du willst. Es wird mir eine Freude sein, dich stark und tüchtig werden zu sehen ... eine Freude, denn siehst du, Kind« – seine Stimme wurde leise und dumpf – »deine Mutter die wollte werden, was du nun werden willst ... aber sie hat die Kraft nicht gehabt dazu. Über die Sehnsucht ist sie nicht hinausgekommen, und mit der Sehnsucht ist sie gestorben ...« Er fuhr Iduna mit der Hand über das Haar. »Sei stark, Iduna, stark und klug.« »Ja ... jetzt will ich es sein ... ich will es.« Sie drückte seine Hand. Es war wie ein Gelöbnis. Dann reichte sie ihm unbefangen, herzlich die Stirn zum Kuß. Er berührte sie leicht mit seinen schmalen, kühlen Lippen. »Leb wohl, Iduna. Wenn du mich brauchst, so weißt du, wo ich zu finden bin. Die Kleine schicke mir recht oft. Es macht mir Freude.« Die Tür hinter Iduna schloß sich, und er blieb noch einen Augenblick, tief in Gedanken versunken, stehen. Dann warf er seine langen, schwarzen Haare zurück und trat in sein kahles, helles Zimmer. Otto hielt in der einen Hand, eng an sich gepreßt, einen dicken Folianten, in der anderen einen kleinen Damenhandschuh. Er wollte fragen, was er mit dem Handschuh machen sollte, aber Deltens Antlitz war so seltsam bleich und bewegt, daß er es nicht wagte, das Wort an ihn zu richten. Er sann eine Weile nach, dann legte er den Handschuh wieder andächtig zwischen die Seiten des Buches – – »Komm, Otto, wir wollen spazieren gehen ... es ist so schön draußen,« sagte Delten. »Ich möchte heute nicht allein sein – –« Zu Hause fand Iduna Lolo auf dem Schoß der Werner, in einer Fiebel buchstabierend. »Tanne ... Tan–te, Tonne.« »Komm, klein Ding, komm, klein Glück!« Sie hob das Kind empor, aber es war ihr zu schwer, und sie stellte es lachend auf den Boden. Die Werner blickte überrascht auf. So lachen hatte sie Iduna nie gehört. Das Kind kreischte. »Lolo will lernen, Lolo will lernen ...« »Mama will auch lernen, Mama will auch lernen«, antwortete Iduna lachend und drehte sich mit dem kreischenden, lachenden, sich sträubenden Kinde wie ein Wirbel herum. Sie war selbst zum Kind geworden in diesem Augenblick. Endlich blieb sie erschöpft stehen. »Machen Sie doch das Fenster auf, Werner, lassen Sie den Frühling herein, den wundervollen Frühling.« Die Werner stieß die Fensterflügel auf und Iduna lehnte sich weit hinaus und blickte mit klaren, leuchtenden Augen über die Straße hinweg in das junge, aufquellende Leben. Mochte es ihr fortab geben was es wollte. Sie fühlte sich stark genug, sich ihr Glück daraus zu zimmern, und wenn es auch nur ein bescheidenes »kleines Glück« sein sollte. Aber ein Glück, das sie sich selbst verdankte – das würde es sein – und das konnte sie nicht enttäuschen – nie mehr! »Das ist diesmal ein gutes Jahr, Frau Doktor«, sagte die Werner, »so schön haben wir's noch nie gehabt im März.« Iduna streckte sich und breitete die Arme aus. »Nein, noch niemals so schön, so wunderschön!«