Henry Sanson Tagebücher der Henker von Paris – Erster Band 1685 bis 1847 Nach einer zeitgenössischen deutschen Ausgabe ausgewählt von Eduard Trautner 1923 Einleitung Am 18. März 1847 kam ich ermüdet und erschöpft von einem jener langen Spaziergänge nach Hause zurück, bei welchen ich die abgelegensten Gegenden aufsuchte, um dort meine düsteren Träume und meinen fortwährend aufgeregten Geist begraben zu können. Kaum hatte ich die Schwelle des Hauses übertreten, kaum war das alte Torgitter knarrend in die verrosteten Angeln gefallen, als mir der Pförtner einen Brief übergab. Augenblicklich erkannte ich das breit zusammengefaltete Papier und das große Amtssiegel, bei dessen Anblick ich stets vor Schrecken und Schmerz erbebte. Zitternd griff ich daher nach der Botschaft und erwartete darin einen jener fürchterlichen Befehle zu lesen, welchen zu gehorchen mein furchtbares Amt mir zur Pflicht machte. In meinem Arbeitszimmer angelangt, löste ich verzweiflungsvoll das verhängnisvolle Siegel, welches irgendeinen Auftrag zur Todesvollstreckung einschließen sollte; nachdem ich aber den Brief geöffnet, las ich – meine Entlassung!!! Ein ganz sonderbares und unerklärliches Gefühl bemächtigte sich nun meiner Person. Ich wandte meine Augen den Bildnissen meiner Ahnen zu; ich ließ meinen Blick über alle diese düsteren, nachdenklichen Gesichter hinschweifen, auf denen man den nämlichen Gedanken las, der auch mein Dasein bisher niedergedrückt und geschändet hatte. Ich betrachtete meinen Großvater, im Jagdanzuge, melancholisch auf sein Gewehr gestützt und mit der Hand seinen Hund liebkosend, vielleicht den einzigen Freund, der ihm vergönnt gewesen. Ich sah ebenfalls nach dem Bilde meines Vaters hin, welcher in Trauerkleidung gehüllt, die er nie ablegte, den Hut in der Hand, ernst dastand. Es schien mir, als ob ich alle diese stummen Zeugen davon in Kenntnis setzte, daß endlich jenes unselige Verhängnis, das auf ihren Geschlechtern gelastet, sein Ende erreicht und ich sie gleichzeitig meinem Beginnen beigesellte. Ich zog die Klingel, ließ mir ein Waschbecken und reines Wasser bringen, und hier – allein, ohne Zeugen, vor Gott, der bis auf den Grund des Herzens und bis in die innersten Falten des Gewissens sieht – wusch ich feierlich meine Hände, welche fortan von dem Blute meiner Mitmenschen nicht mehr besudelt werden sollten. Dann verfügte ich mich nach dem Gemache meiner Mutter, einer armen und heiligen Frau: denn auch wir fanden Frauen! Ich glaube sie noch vor mir zu sehen in ihrem alten, mit Utrechter Samt überzogenen Lehnstuhl, aus welchem sie sich nur noch mit Mühe emporrichten konnte. Ich legte den mir von dem Justizminister gewordenen Bescheid auf ihre Knie nieder. Sie durchlas ihn, und ihre freundlichen Augen, aus denen ich so oft meine ganze Kraft und meinen Mut geschöpft hatte, mir zuwendend, sagte sie: »Gesegnet sei dieser Tag, mein Sohn! Er macht dich frei von der blutigen Erbschaft deiner Väter; in Frieden wirst du den Abend deines Lebens genießen, und vielleicht wird die göttliche Vorsehung es bei diesen Gaben nicht allein bewenden lassen ...« Und da ich, fast erstickt von Aufregung, in welcher die Freude endlich durchzubrechen begann, stets in Schweigen verharrte, fügte sie hinzu: »Übrigens mußte es wohl ein Ende nehmen. Du bist der letzte Sproß deines Geschlechtes. Der Himmel hat dir nur Töchter gegeben; ich habe ihm stets dafür gedankt.« Bereits am folgenden Morgen stritten sich achtzehn Bewerber um meine blutige Verlassenschaft, und ihre Bittschriften, mit den höchsten Empfehlungen versehen, liefen in den ministeriellen Vorzimmern von Hand zu Hand. Man sieht, meine Ersetzung verursachte keine Schwierigkeiten. Was mich selbst betrifft, so war mein Entschluß bald gefaßt. Ich beeilte mich, jenes von so traurigen Andenken bevölkerte Haus, wo sieben Generationen der Meinigen, in Schmach und Schande eingepfercht, ihre Tage verlebt hatten, ebenso meine Pferde, meine Equipage, auf welcher sich als Wappenschild eine zersprungene Glocke sans sou«, Anspielung auf den Namen: »Glocke ohne Klang«. befand, zu verkaufen. Mit einem Worte, ich entfernte alles, was ein Andenken an die Vergangenheit unterhalten oder erwecken konnte. Ich schüttelte den Staub von den Füßen und verließ jene erbliche Wohnung, wo ich, wie meine Ahnen, weder den Frieden des Tages noch die Ruhe der Nächte hatte genießen können. – – – Seit zwölf Jahren bin ich nun unter erborgtem Namen an diesem Orte wie begraben und genieße hier mit geheimgehaltener Schande Freundschaften, die zu usurpieren ich mir zum Vorwurf mache und welche ich durch die Entdeckung meines Inkognitos zu verlieren jeden Augenblick fürchten muß. Außerdem wage ich für meine Person nicht, etwas anderes zu lieben als einige Tiere, Gefährten meiner Einsamkeit, denen ich – man verzeihe mir diese Empfindsamkeit – eine um so zärtlichere Sorgfalt widme, als ich mein Gewissen darüber zu beschwichtigen suchte, den Schrei der Menschlichkeit erstickt zu haben, wenn es sich um meine Nebenmenschen handelte. Eitle Vorsicht unserer ärmlichen Weisheit! Gerade in dieser Zurückgezogenheit, wo ich allem, selbst meinen Erinnerungen entfliehen wollte, gerade hier fühle ich sie wieder aufleben und mich mit ihrem ganzen Gewicht niederdrücken! Hier nun, als sechzigjähriger Mann, des Lebens müde, dessen Süßigkeiten ich nie ohne Beimischung von Bitterkeit gekannt, habe ich der sonderbarsten und dennoch so naheliegenden Versuchung, die sich meines Geistes bemächtigen konnte, nachgegeben: Ich rief mir die Reihe von Ahnen ins Gedächtnis, unter welchen selbst ein Kind von sieben Jahren nicht hatte Gnade finden können. Mein Urgroßvater, Karl Johann Baptiste Sanson, geboren zu Paris am 19. April 1719, folgte seinem Vater am 2. Oktober 1726 im Amte, und da es nicht möglich war, daß ein Kind in solchem Alter persönlich das furchtbare Amt vollziehe, zu dem es berufen war, so gab ihm das Parlament einen Stellvertreter namens Prudhomme; ausdrücklich wurde aber dabei bestimmt, daß es den Hinrichtungen beizuwohnen habe; durch seine Anwesenheit wurde der Akt erst gesetzlich bestätigt. Ist diese Minderjährigkeit und diese Regentschaft in der Geschichte des Schafotts nicht ein der Betrachtung werter Gegenstand? Ich dachte an meinen Großvater, der zu jener Zeit, für die das Wort »Schrecken« ein viel zu sanfter Ausdruck zu sein scheint, gezwungen war, das bluttriefende Beil an die edelsten wie an die strafbarsten Häupter zu legen, ohne daß ihm jener Abscheu vor dem Verbrechen oder jene Verachtung des Opfers verblieben wäre, welche in mir nie den Schrei des Herzens zu ersticken vermochten. Indem ich die sonderbaren Jahrbücher, die ich selbst fortgeführt und welche mit der Chambre ardente beginnen, um über die Saturnalien der Regentschaft und der Regierung Ludwigs XV. hinweg bis zur Revolution und endlich bis zu unserem Jahrhundert zu gelangen, eifrig studierte und in denselben einem Durcheinander der berühmtesten und verachtetsten Namen begegnete, fragte ich mich, ob hier nicht die Elemente zu einem Buche vorhanden seien und ob die Sorgfalt, es zu schreiben, nicht die beste Verwendung sei, die ich von den Tagen meines Alters machen könnte. Gott behüte mich vor dem Gedanken, daß ich, wie andere glauben konnten, je die Absicht gehabt hätte, der Guillotine eine Schutzrede zu halten oder die Rehabilitierung des Scharfrichters zu versuchen! Eher wäre meine Hand vertrocknet, als daß sie ein Werk versucht hätte, welches meiner innersten Überzeugung zuwiderläuft. Der Grund, der mich mit der Feder bewaffnete, ist die große zur Zeit vor dem Gerichtshofe der Zivilisation anhängige Sache, zugunsten derer so viele beredte Stimmen seit Montesquieu, Beccaria, Filangieri bis auf Viktor Hugo sich haben hören lassen, um die Abschaffung jener unversöhnlichen Züchtigung zu verlangen, deren leibhaftige Personifizierung zu sein ich das Unglück gehabt. Wenn man mich fragen wollte, wie ich mit derartigen Gefühlen so lange Zeit die mir erblich zugefallenen Dienstverrichtungen habe fortsetzen können, so habe ich einfach zu erwidern: »Man darf nur den Blick auf die Bedingungen meiner Geburt richten.« Das Schwert des Gesetzes hat sich in meiner Familie fortgeerbt wie der Degen bei den Edelleuten, wie das Zepter bei den königlichen Geschlechtern: konnte ich mir ein anderes Dasein erwählen, ohne hierdurch das Andenken meiner Ahnen zu verleugnen und das Alter meines an dem gemeinschaftlichen Herd sitzenden Vaters zu beschimpfen? Durch heilige Pflichten an den Block und an das Beil geschmiedet, mußte ich die traurige Aufgabe vollziehen, welche mir meine Geburt auferlegte. Aber inmitten meiner Laufbahn, der einzige Sprößling dieser Art einer Scharfrichterdynastie, habe ich dennoch mit Freuden dem Purpur des Schafotts und dem Zepter des Todes entsagt. Möchte es mir noch vergönnt sein, eine Strafe aus unseren Institutionen verschwinden zu sehen, deren Anwendung schon jetzt immer seltener wird, die sich inmitten der Zivilisation wie das letzte Überbleibsel menschlicher Barbarei ausnimmt! Möchten in nicht langer Zeit die Leser dieser Blätter bei Schließung des Buches sagen können: »Es ist das Testament der Todesstrafe, geschrieben von dem letzten Henker!« Sanson. Geschichte des Henkers Ursprung meiner Familie Es ist also meine Pflicht, zu erzählen, wie durch einen bitteren Spott des Schicksals der, welcher seinem Sohne die schreckliche Erbschaft hinterließ, die ich angetreten habe, ein Edelmann war; Pflicht ist es, zu Anfang dieses Buches zu gestehen, daß eine Schuld sechs Generationen meiner Vorfahren auf den schimpflichen Weg stürzte, auf dem das Unglück sie bis jetzt festgehalten hat. Im fünfzehnten Jahrhundert hatte sich meine Familie zu Abbeville niedergelassen und nahm in der Geschichte dieser Stadt einen ehrenvollen Platz ein. So folgten sich mehrere Sansons in der Bürgermeisterwürde der Hauptstadt des Grafen von Ponthieu. Ein Mitglied dieser Familie diente Heinrich IV. in allen seinen Kriegen und wurde bei Fontaine-Française, wo der Béarner selbst beinahe von spanischer Kavallerie gefangengenommen worden wäre, schwer verwundet. Als der Friede von Vervins dem Bürger- und fremden Kriege, der das Königreich verheerte, ein Ende gemacht hatte, kehrte dieser brave Waffengefährte des großen Heinrich in seine Geburtsstadt zurück und verbrachte dort seine letzten Lebenstage, von der Achtung und Verehrung seiner Mitbürger umgeben; er starb daselbst am 31. Mai 1593. Sein Enkel war einer der bemerkenswertesten Männer in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, er hieß Nikolas Sanson und war der Vater der neueren Geographie. Dieser berühmte Gelehrte, der im Jahre 1609 geboren wurde, hatte bereits einen europäischen Ruf, als der Kardinal Richelieu, der nicht die Absicht hatte, einen Mann, der ihn in seinen großen Plänen von transatlantischer Kolonisation zu unterstützen vermochte, in einer Provinzialstadt zu lassen, ihm eine angemessene Pension aussetzte und ihn mit seiner ganz besonderen Zuneigung beehrte. Dem allmächtigen Minister zu gefallen, war das sicherste Mittel, die Gnade des königlichen Phantoms, im Namen dessen dieses mächtige Genie herrschte, zu erlangen. Auch andere Gründe noch empfahlen Nikolas Sanson der Aufmerksamkeit des Monarchen. Die Geschichte hat Ludwig XIII. gerichtet. Den Menschen mit dem Herrscher verschmelzend, hat sie über beide das Urteil der Nichtigkeit gefällt. Nichts ist weniger richtig. Der Sohn Heinrichs IV. liebte Künste und Wissenschaften, er war leidlicher Musiker und sprach mit viel Feinheit und Geschmack über die Malerei; im ganzen war seine Erziehung zu einer Zeit, in der die Unwissenheit noch immer traditionell in den höchsten Klassen war, ziemlich bemerkenswert. Er verkannte das Verdienst des Geographen, den ihm sein Minister berufen hatte, keinen Augenblick, und Nikolas Sanson empfing zahlreiche Beweise der königlichen Gunst. Die Zerstreuungen des Hoflebens, die Beziehungen des Gelehrten zu den berühmtesten Zeitgenossen fesselten Nikolas Sanson sehr oft an Paris, obgleich er daselbst nicht seinen eigentlichen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Das Bedürfnis der Sammlung und Einsamkeit, die Sehnsucht nach dem väterlichen Herde führten ihn immer wieder nach Abbeville zurück, woselbst er den größten Teil des Jahres zubrachte. Im Jahre 1638, als Ludwig XIII. seinen Einzug in Abbeville hielt, lehnte er das Anerbieten eines der Majestät würdigen Quartiers ab und wollte trotz der Bitten des Magistrats seinen Geographen um Gastfreundschaft bitten. Ein König von Frankreich, ein Bourbon, schlief zwei Nächte unter dem bescheidenen Dache meiner Familie, deren einer Abkömmling eines Tages im Namen eines barbarischen und gotteslästerlichen Gesetzes die Hand an einen anderen Bourbon, einen anderen König von Frankreich, legen sollte. Wie sonderbar sind nicht Schicksalsspiele! Charles Sanson, der Stamm, dessen letzter Ausläufer ich bin, war der Tradition nach von derselben Linie wie Nikolas Sanson. Ich bin nun mit denen meiner Ahnen fertig, welche Bürger waren, Platz für die, welche man Henker genannt hat! Charles Sanson de Longval Charles Sanson war zu Abbeville im Jahre 1635 geboren. Als er noch in der Wiege lag, starben ihm schon Vater und Mutter. Er hatte einen schon 1624 geborenen, also elf Jahre älteren Bruder, Jean Baptiste Sanson. Ein Bruder der Mutter, Pierre Brossier, Herr von Limeux, nahm die beiden Waisen zu sich. Seine Güte und Zärtlichkeit entschädigten sie für die Traurigkeit ihrer Lage. Er hatte eine Tochter, die Colombe hieß; seine beiden Neffen behandelte er ganz wie diese, nicht allein, was die Sorgfalt, mit der er sie umgab, anbetraf, sondern auch mit seiner väterlichen Liebe. Colombe Brossier und Charles Sanson waren beinahe von demselben Alter. Die süße Kameradschaft der Kinder wurde durch die Bande des Blutes noch fester geschlossen und stellte gegenseitige Zuneigung zwischen ihnen her. Jean Baptiste stand durch sein Alter seiner Kusine und seinem Bruder ferner. Sein Onkel hatte ihn für den Gerichtsstand bestimmt; das Studium ersetzte ihm also schon frühzeitig die Kinderspiele; er begann die Tiefen des Rechts zu ergründen, als die anderen beiden fast noch stammelten und ihre ersten Zärtlichkeitsbezeigungen austauschten. Diese Zuneigung wuchs mit ihnen, aber es kam der Tag, an dem sie begriffen, daß sie sich einen süßeren Namen geben müßten als den von Bruder und Schwester. Ihre Freundschaft war Liebe geworden. Diese Liebe hatten weder Pierre Brossier noch Jean Baptiste entstehen sehen; keiner von ihnen dachte daran, daß sie zur Leidenschaft geworden sei. Für sie waren Colombe und Charles noch immer Kinder; sie beurteilten die Gefühle, welche die beiden jungen Leute füreinander kundgaben, nur nach deren Alter. Indessen kündigte Pierre Brossier eines Sonntags nach dem immer etwas feierlichen Mahle, das zwischen der Messe und der Vesper stattfand, seiner Tochter an, daß er tags zuvor für Jean Baptiste die Stelle eines Rates beim Landgerichte zu Abbeville erhalten habe. Colombe und Charles wollten den neuen Rat beglückwünschen, aber Pierre Brossier gab ihnen ein Zeichen, daß er noch nicht zu Ende sei, und fügte hinzu, es scheine ihm gut, daß Jean Baptiste sich verheirate, ehe er sein Amt anträte. Ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben, warfen sich die beiden jungen Leute den angstvollen Blick zweier armen Gazellen zu, die das Blei des Jägers gleichzeitig tödlich getroffen hat; eine düstere Ahnung erfaßte sie, und sie zitterten, den Beschluß des Greises zu hören; die Pausen, die dieser zwischen allen seinen Worten machte, schienen ihnen ebensoviel Jahrhunderte. Pierre Brossier hatte kaum geendet, so stand das junge Mädchen auf, schützte ein plötzliches Unwohlsein vor und floh in ihre Kammer, wo sie ihren Tränen, die sie im ersten Augenblick zu ersticken gedroht hatten, freien Lauf ließ. Der Vater setzte dieses plötzliche Verschwinden auf Rechnung ihrer tiefen Bewegung, die bei einem so unschuldigen Kinde, das zum ersten Male das Wort Hochzeit aussprechen hört, sehr natürlich war. Einige Worte, die Charles mit Colombe wechseln konnte, und das Fieber, das die ganze Nacht hindurch das Blut des Jünglings in Wallung setzte, gaben ihm einen Teil seiner Energie zurück. Am folgenden Morgen harrte er ungeduldig auf die Stunde, zu der sein Bruder gewöhnlich ausging, und suchte dann seinen Onkel auf, der sein Frühstück an dem Kamin im niedrigen Saale einnahm, in welchem man auch zu Mittag speiste. Er warf sich dem edlen Manne zu Füßen und gestand ihm mit einem Ausdrucke, der einen Stein gerührt haben würde, die Liebe zu seiner Kusine; er beschwor ihn, die nicht zu trennen, die Gott so auffällig füreinander bestimmt habe. Während Charles sprach, goß Pierre Brossier sein braunes Bier aus der Zinnkanne in seine Tasse und trank es in kleinen Zügen. Er hatte eben eine neue Tasse ausgetrunken, als er plötzlich den ihn stets charakterisierenden Ernst verlor und so laut und heftig zu lachen begann, daß er sich verschluckte. Auf dieses Lachen folgte ein starker Husten, durch den noch immer die Heiterkeit hervorbrach, der aber auch schmerzlich genug sein mußte, um dem alten Manne ein ängstliches Schlucken zu verursachen. Charles war ganz betroffen. Aber seine Gefühle waren zu leidenschaftlich, um lange Zeit unterdrückt werden zu können. Er begann von neuem mit seinen Klagen und suchte seinen Onkel dadurch zu rühren, daß er ihm bemerklich machte, welche Folgen das Unglück, das sich vorbereitete, haben könne. Er berief sich auf das Andenken der vielgeliebten Schwester des Greises, er rief ihren Schatten an, er möge mit ihm nicht allein für das Glück, sondern auch für das Leben seines Kindes bitten. Der Herr von Limeux stellte das Altersrecht ebenso hoch, als es nur ein Sire von Concy, wenn es damals noch solche gegeben haben würde, hätte treiben können. Er war kein schlechter Mensch, aber er hatte die Leidenschaft niemals gekannt und fand es ganz logisch, zu leugnen, was er selbst nicht kannte. Für ihn hatte das Leben ein gewisses Programm, das alle Zufälle von Wichtigkeit im voraus berechnete; er war fest überzeugt, daß es nur Gott allein zustehe, etwas daran zu ändern. Charles' Dringen auf ihn verletzte seine Gefühle; er hörte auf zu lachen und sprach zu seinem Neffen mit einer Strenge, an die er ihn nicht gewöhnt hatte. Er sagte ihm, daß man in seinem Alter und in seiner Lage daran denken müsse, sich eine Existenz dadurch zu begründen, daß man dem Könige diene, und nicht, sich zu bereichern, indem man eine Frau nähme. Er setzte hinzu, daß, wenn er auch nicht beschlossen hätte, seine Tochter an den ältesten seiner Neffen zu verheiraten, an den, welchen die Vorsehung bestimmt habe, sein Geschlecht fortzuführen, nichts in der Welt ihn vermögen könne, jene einem Kadetten zu geben. Er warf ihm auf harte Weise seine Undankbarkeit vor. Charles erhob sich schwankend und ging gesenkten Hauptes aus dem Saale. Hinter der Tür des Korridors erblickte er eine weibliche Gestalt, die auf den Steinen saß. Es war Colombe, welche die Unterhaltung ihres Vaters und dessen, den sie liebte, belauscht hatte und jetzt, das Gesicht in ihre Hände verbergend, bitterlich weinte. Als sie den Schritt ihres Freundes hörte, erhob sie den Kopf nicht; Charles ging, ganz seiner Verzweiflung hingegeben, schweigend an ihr vorüber. Beide hatten begriffen, daß für sie alles in dieser Welt zu Ende sei. Der junge Mann verließ sogleich das Asyl seiner Kindheit; er floh zu einem Verwandten, der in Amiens wohnte, und ging von da nach Paris. Aber in Paris befand er sich noch in gar zu großer Nähe Colombes. Als der Tag, der für die Hochzeit Jean Baptistes und Colombes festgesetzt war, näher herankam, fürchtete er, in dem Kampfe zwischen Liebe und Pflicht den Verstand zu verlieren. In einem dieser niederdrückenden Augenblicke, die der Krise, in der sich seine Verzweiflung zum Paroxismus gesteigert hatte, folgten, ergriff ihn Furcht. Er beschloß, bis an das Ende der Welt zu gehen, um sich der Verführung zu entziehen, gegen die ihn der Gedanke, daß Colombe einem anderen angehöre, so schwach machte. Er glaubte, das Gespenst, das ihn weder Tag noch Nacht verließ, würde verschwinden, wenn er die Luft nicht mehr atmete, die sie atmete, wenn er nicht mehr Wesen sähe, die ihn an ihre Züge erinnerten, nicht mehr die klangvolle Sprache hörte, die sie redete; er glaubte, daß die Entfernung auch Vergessenheit mit sich bringe und daß er jenseits der Meere sein Herz wiederfinden werde, das er ihr streitig machen konnte. Er beschloß also, sich einzuschiffen. Als er seinen Namen genannt hatte, nahm ihn der Großadmiral von Frankreich unter die Zahl der Flaggengarden Seiner Majestät Marine auf; er reiste auf der Stelle nach Rochefort, bat um den Befehl zur Einschiffung und ging wenige Tage nach seiner Ankunft in dieser Stadt nach Kanada unter Segel. In Quebeck fand er eine Schwester seines Vaters wieder, deren Haus sich ihm öffnete. Aber weder die unwiderstehlichen Zerstreuungen, welche die Neue Welt einer so frischen Einbildungskraft darbot, noch der herzliche Empfang, den er bei seiner Tante fand, noch die Freundschaft, die ihm sein Cousin Paul Bertaut mit dem naiven Vertrauen seines jugendlichen Alters zutrug, konnten in dem traurigen Zustande seines Herzens eine Änderung hervorbringen. Als er zum zweiten Male nach Toulon zurückkehrte, fand er dort einen Brief, der ihn schon erwartet hatte. Dieser Brief war von Colombe, und Colombe rief ihn unverzüglich zu sich. Er ließ sich kaum die Zeit, Urlaub zu nehmen, und reiste ab. Während dieser Reise wurde er von den verschiedensten Vermutungen beunruhigt. Colombes Brief war kurz; er konnte zu der Annahme berechtigen, daß sie ein großes Unglück betroffen habe; sie sprach darin gar nicht von seinem Bruder. War Jean Baptiste tot? Eine Sekunde der Überlegung reichte hin, dieses blendende Zauberbild zu zerstören. Sollte er sie auch als Witwe finden, sollte er sie auch frei finden, diese für ihn in der Welt allein geheiligte Frau – er hatte das Recht verloren, nach ihrer Hand zu streben, und er dachte mit Schrecken daran, daß, nachdem er die Eifersucht auf einen Bruder kennengelernt habe, er vielleicht auch noch die auf einen Fremden werde ertragen lernen müssen. Man brauchte damals beinahe fünf Wochen, um von Toulon nach Abbeville zu kommen. Charles reiste Tag und Nacht und legte den Weg in zwölf Tagen zurück. Sobald er am Horizonte den Glockenturm erblickte, der in den Strahlen der untergehenden Sonne glänzte, und das rote Ziegeldach, aus dem er sich erhob, stieg er vom Pferde und warf sich auf die Knie. Er wollte beten, aber er fand kein Wort, um Gott zu danken. Sein Herz schlug mit solcher Heftigkeit, daß er glaubte, es werde ihm die Brust sprengen, ehe er die wenigen Schritte zurückgelegt hätte, die ihn noch von Colombe trennten. Als er um eine Straßenecke bog, sah er das Haus Pierre Brossiers mit seinem spitzen Dache, seinen gotischen Fenstern und seiner weißen, von schwarzen Balken durchzogenen Fassade vor sich. Sein Auge überflog alle Öffnungen. Sollte Colombe ihn nicht angstvoll an der Tür erwarten? Als er näher kam, wurde sein Herz bedrückt. Dieses Haus, das ehemals ganz mit der ernsten, aber ruhigen und reinen Physiognomie seines Besitzers harmonierte, hatte einen finsteren und traurigen Anblick bekommen. Die Mauern, welche man früher so sorglich jedes Jahr übertünchte, hatten lange Risse und zeigten hier und da weite Spalten. Moos bedeckte das Dach, eine Menge von Scheiben fehlte in ihren Bleirahmen, und auf der Schwelle wuchs dickes Gras zwischen den Steinen. Der junge Seemann hob mit zitternder Hand den schweren Hammer an der Tür. Die wurmstichigen Dielen des Korridors erzitterten drinnen, aber niemand kam, keiner antwortete. Alles schien im Innern in so festem Schlummer zu liegen, wie man ihn in den Totenhallen schläft. Ein Nachbar trat an ihn heran, erkannte ihn und sagte ihm, daß die Tochter und der Schwiegersohn Pierre Brossiers nicht mehr ihr Haus auf dem Platze Saint-Jean bewohnten, sondern seit einem Jahre in der Vorstadt von Amiens. Charles dachte nicht daran, sich zu bedanken; er dachte nur daran daß er soeben an dieser heißgeliebten Colombe so dicht vorübergegangen sei und nichts ihm zugerufen habe: »Hier ist sie!« Gesenkten Hauptes trat er den Rückweg an. Man zeigte ihm die neue Wohnung seines Bruders. Das Äußere derselben war bescheiden, fast ärmlich, und Charles erriet, auf welches Unglück der Brief Colombes ihn hatte vorbereiten wollen. Er klopfte; eine Stimme, die ihm Schauer einflößte, rief »Herein!« Aber er blieb unbeweglich wie eine Statue von Stein vor der Tür stehen. Dieses Glück des Wiedersehens, das drei Jahre lang der durch jeden seiner Seufzer ausgedrückte höchste Wunsch gewesen war, erregte in ihm jetzt ein Gefühl, das dem Schrecken glich. Man hörte drinnen ein Geräusch von Schritten, die über den Flur streiften, die Tür drehte sich leise in ihren Angeln, und eine Frauengestalt zeigte sich in dem Halbdunkel. Diese Frau stieß einen lauten Schrei aus und sank in Charles Arme. Es war Colombe, ein wenig blaß, aber immer noch reizend. Sie war es, die er ebenso zärtlich wiederfand wie damals, als ihr Cousin der einzige Gegenstand ihrer Zärtlichkeit gewesen zu sein schien. Die Gedanken der jungen Frau gingen von der Gegenwart ohne Zweifel wieder auf die Vergangenheit über, denn nachdem sie sich rücksichtslos dem Zuge überlassen hatte, der sie in Charles' Arme trieb, zog sie sich plötzlich schnell zurück und strengte sich an, sich der Umstrickung, die sie an dem Herzen ihres Freundes festhielt, zu entziehen. Über und über errötet, ergriff sie die Hand des Seemanns, zog ihn in das Haus und blieb vor einem Manne stehen, der ausgestreckt in einem großen Lehnsessel zu schlummern schien. Das Gesicht dieses Mannes war von so tiefen, so zahlreichen Narben gefurcht, daß sie es entstellten. Sowohl seine Haltung als diese Male deuteten auf erst neue und heftige Leiden; als er die Augenlider aufschlug, zeigte er zwei starre, glanzlose und schrecklich anzuschauende Augäpfel. Charles vermochte in diesem Gespenste seines Bruders kaum Jean Baptiste wiederzuerkennen. Er blickte auf Colombe; ganz niedergebeugt weinte sie wenige Schritte von ihm entfernt. Nun zweifelte er nicht mehr; von herzbrechender Verzweiflung hingerissen, stürzte er sich in die Arme seines Jugendgefährten, bedeckte mit Küssen und Tränen die Spuren der grausamen Wunden und murmelte mit tonloser Stimme unverständliche Worte, unter denen man die Bitte um Verzeihung vernahm. Vielleicht erschienen ihm in diesem Augenblicke die Gedanken, die seine Seele seit drei Jahren bewegten, als Verbrechen. Als endlich alle drei ein wenig Ruhe wiedergefunden hatten, setzten sich Charles und Colombe neben Jean Baptiste, und dieser erzählte nun seine traurige Geschichte. Sechs Monate nach der Abreise Charles' war Pierre Brossier gestorben, und es schien, als habe dieses erste Unglück allen anderen Tür und Tor geöffnet. Das Lehen von Limeux, welches das ganze Vermögen Colombes ausmachte, wurde durch den hohen Herrn, der es zu vergeben hatte, zurückgefordert, wobei er sich auf ein altes Gesetz wegen der Lebensdauer des Lehnsträgers berief. Die Besitztitel Pierre Brossiers waren nicht ganz in der Regel; aber auf dem Boden der Schikane angegriffen, nahm der Gerichtsrat den Kampf mit derselben nichtachtend auf, wie es der Mann vom Schwerte getan haben würde, wo es sich darum handelte, in den Schranken zu kämpfen. Er hatte plädiert, aber ganz gegen seine Erwartung den Prozeß verloren, und nun hatte man ihm nicht allein das Lehen von Limeux genommen, sondern er hatte auch das kleine Haus auf dem Platze verkaufen müssen, um die Gerichtskosten bezahlen zu können. Einige Zeit nach Brossiers Tode setzte der Bankerott eines seiner Freunde, eines Leinwandhändlers zu Amiens, dem Jean Baptiste Geld anvertraut hatte, das Vermögen dieses letzteren auf eine einzige Besitzung herab, deren Einkünfte kaum hinreichten, sein Leben zu fristen. Unter dem Eindrucke dieser Unglücksfälle kehrten alte Nervenzufälle wieder, die ihn in seiner Kindheit heimgesucht hatten, von denen er sich aber geheilt glaubte. Als seine Frau eines Tages hinausging und ihn am Kamine sitzen ließ, bekam er einen furchtbaren Anfall von Epilepsie; er fiel von seinem Stuhle so unglücklich in den Kamin, daß, als die auf das Geräusch herbeieilende Magd ihn aufhob, sein Gesicht nicht nur von den schrecklichsten Brandwunden, deren Spuren man jetzt noch sah, bedeckt, sondern daß auch die Sehorgane zerstört waren: er war blind. Damals verkaufte er sein Amt und zog sich mit seiner Frau in dieses kleine Haus der Vorstadt zurück. Als Jean Baptiste seine traurige Geschichte erzählt hatte, erhob er in lebhafter Bewegung die Zärtlichkeit und Ergebenheit Colombes, durch deren Sorgfalt allein, wie er sagte, er noch lebe. Charles sah die junge Frau an; sie war sehr bleich geworden, vermied, die Augen aufzuschlagen, und er glaubte zu bemerken, daß ihre Hand, die sich mit einer Stickerei beschäftigte, leicht zitterte. Er näherte sich ihr und sagte mit möglichst fester Stimme, indem er auf das erste Wort einen besonderen Nachdruck legte: »Meine Schwester, willst du, daß wir fortan zwei seien, über ihn zu wachen?« Ein stolzes Lächeln trat auf Colombes Lippen. »Ich erwartete nichts weniger von dir, mein Bruder,« antwortete sie, »und weil ich es so wünschte, rief ich dich eben.« Alle beide glaubten zuversichtlich, daß die Wechselung eines Namens allein hinreiche, jede Spur eines Gefühles auszulöschen, das so lange Zeit hindurch vollständig ihre Herzen beherrscht hatte. Charles verzichtete also auf seine Karriere. Er brachte die Einnahme von seinem Lehen Longval in das Haus, dadurch trug er eine Wohlhabenheit hinein, deren der arme Kranke so nötig bedurfte. Er wetteiferte mit Colombe an Sorgfalt um seinen Bruder, und seine Plaudereien, die Erzählungen von seinen Reisen trugen nicht wenig dazu bei, die schreckliche Monotonie der Existenz des Blinden zu mildern. Diese Hingebung flößte Jean Baptiste eine Erkenntlichkeit ein, die zu beweisen er keine Gelegenheit vorübergehen ließ. Wenn er mit seiner Frau allein war, so gaben der edle Charakter, das erhabene Gefühl seines Charles den Stoff zur Unterhaltung; wenn er mit ihm allein war, so gefiel er sich darin, Colombe mit den Engeln des guten Gottes zu vergleichen. Wahrscheinlich hatte Pierre Brossier Jean Baptiste nicht von der wirklichen Ursache der Abreise Charles' in Kenntnis gesetzt, oder wenn er sie ihm mitgeteilt hatte, so zweifelte der Exrat, der die Lebensansichten seines Pflegevaters teilte, nicht, daß diese Kinderei keine Folgen gehabt habe, denn unaufhörlich bat er Charles, Colombe dadurch zu zerstreuen, daß er sie spazierenführe oder zur Messe begleite; er führte auf jede Weise Gelegenheiten herbei, daß sie sich einander nähern konnten. Colombe ihrerseits war zu keusch, um die Gefahr zu ahnen, der sie sich aussetzte. Weit entfernt, diese gefährlichen Zusammenkünfte unter vier Augen zu fliehen, schien sie niemals glücklicher, als wenn sie mit ihrem Schwager allein war. Indessen bemerkte sie wohl, daß der ehemalige Seemann traurig und träumerisch wurde. Sie beunruhigte sich darüber und sprach davon zu ihrem Gemahle. Jean Baptiste seufzte tief. Mit dem Egoismus, der allen menschlichen Leiden anhängt, beschäftigte er sich vor allem mit dem, was seine Gesundheit anging. Charles' Gegenwart hatte seinen Zustand derartig verbessert, daß er nicht ohne Schrecken daran dachte, sein Bruder könne wieder abreisen. Er erwiderte nur, es sei gar nicht außergewöhnlich, daß ein junger Offizier, der gewöhnt sei, in die Welt zu kommen, sich in dem traurigsten Hause einer kleinen Landstadt langweile; sie möge daher alles, was in ihren Kräften stehe, tun, damit ihn diese Langeweile nicht bestimme, sie zu verlassen. An demselben Abende schlug Colombe ihrem Schwager einen kleinen Ausflug auf das Land vor; Jean Baptiste, der einen schlechten Morgen gehabt hatte, schützte das Bedürfnis, zu schlafen vor und vereinigte seine Bitten mit denen seiner Frau. Sie schlugen den Weg ein, auf dem Charles eingetroffen war, und verfolgten nachher einen schmalen Fußsteig, der zwischen Kornfeldern fortführte. Charles und Colombe gingen Seite an Seite. Der Arm der jungen Frau ruhte auf dem ihres Freundes; in einer unschuldvollen Hingebung lehnte sie ihren Kopf an die Schulter ihres Begleiters, und ihre langen wallenden Haare, die im Winde wehten, berührten mit ihren seidenen Spitzen sein Gesicht. Colombe erschien ebenso ruhig wie die sie umgebende Natur zu dieser Stunde, mit der für sie die Ruhe begann. Sie schien nur daran zu denken, wie sich die Wolken auf der Stirn ihres Bruders zerstreuen ließen, und um dahin zu gelangen, hatte sie nichts besseres gefunden, als ihn an die schönsten Szenen ihrer kindlichen Zärtlichkeit zu erinnern. Aber Charles wurde immer düsterer, seine Aufregung sogar sonderbar. Bald ging er schnell, als wolle er seine Gefährtin in eine noch viel größere Einsamkeit, als diese hier, mit sich ziehen, bald blieb er stehen; er schien umkehren zu wollen, und Colombe fühlte, daß er zitterte. »Charles,« sagte sie zu ihm, »ist es wahr, wie Jean Baptiste behauptet, daß du dich wieder nach deinem Abenteurerleben sehnst?« Charles antwortete nicht. »Charles,« fuhr sie fort, »bist du denn nicht mehr glücklich bei deinem Bruder, der dir so teuer ist, und deiner Schwester –« Das letzte Wort erstarb auf den Lippen Colombes, sie wagte nicht fortzufahren; Charles verharrte in seinem Schweigen. Plötzlich durchzuckte eine Ahnung von dem, was in der Seele ihres Jugendgespielen vorging, Colombe; sie zitterte, als wäre sie aus einem Traume erwacht. »Charles, Charles,« murmelte sie mit vor Bewegung zitternder Stimme. »Gott hat gewollt, daß wir für immer Bruder und Schwester bleiben. Ehren wir seinen Willen, mein Freund, und haben wir keinen Seufzer der Sehnsucht mehr für die Träume unserer Kindheit. Sollte denn die heilige Zuneigung, die uns vereinigt, nicht zu unserem Glücke hinreichen? Möchtest du dich undankbar gegen die Vorsehung zeigen, die mir erlaubt hat, dich noch ohne Gewissensbisse lieben zu dürfen?« Während Colombe so sprach, hatte sie das Haupt erhoben, um ihrem Gefährten ihre Stirn zu bieten. Dieser hatte sich zu ihr hinabgeneigt; statt der Stirn der jungen Frau aber waren es ihre Lippen, die sein Mund fand. Eine Sekunde lang blieben die beiden in eine Verzückung versenkt, welche sie Himmel und Erde vergessen ließ. Charles kam zuerst wieder zu sich. Er erhob die Faust gegen das Himmelsgewölbe, stieß eine Gotteslästerung aus und entfloh dann, außer sich, mitten durch die Felder. Colombe kehrte allein nach Hause zurück. Am nächsten Tage empfing Jean Baptiste einen Brief von seinem Bruder, worin dieser ihm seinen Entschluß ankündigte, Abbeville zu verlassen, und ihn bat, ihm zu verzeihen, wenn er nicht den Mut gehabt habe, ihm dies selbst zu sagen. Einige Zeit später kaufte er eine Leutnantsstelle im Regimente de la Boissière. Er hatte nicht wieder zur See gehen wollen, denn er begriff wohl, daß, wenn die Pflicht seine Entfernung gefordert hatte, sie ihm nichtsdestoweniger doch gebot, über die geliebten Wesen zu wachen, deren einzige Stütze er blieb. Jean Baptiste nannte seinen Bruder undankbar. Was Colombe anbetraf, so sah man sie seit diesem Tage nie wieder lachen. Das Horoskop Im Jahre 1662 ahnte die Stadt Dieppe noch nicht die Umformung, welche die moderne Therapeutik, unterstützt durch die Vorliebe für den Schutz einer erhabenen Fürstin, ihr für die Zukunft aufbewahrte. Es war eine ausschließlich handeltreibende Stadt. Natürlich waren um jene Zeit die Gasthäuser der Stadt Dieppe weit davon entfernt, den luxuriösen Palais zu ähneln, die heute den Fremden, die ihre Gesundheit in den wohltätigen Gewässern dieses Strandes suchen, eine komfortable Gastfreundschaft bieten. Der »Klare Anker«, das berühmteste Wirtshaus hierorts, entsprach ganz der praktischen und bescheidenen Physiognomie der Stadt. Er lag an der Ecke, welche die Straßen de la Poissonnerie und de l'Epée bilden, wo sie sich kreuzen. Eine junge Fichte, die horizontal in der Mauer befestigt war, ein großes Schild, auf dem man einen am Schiffsbord aufgehängten Anker sah, kündigten dem Fremden schon von fern das Wirtshaus an. Sein Eingang war unter einer Halle, die von schweren Säulen gestützt wurde, Überbleibsel von irgendeinem Schiffbruche, die eine Art Wetterdach bildeten, wo die unbeschäftigten Seeleute gewöhnlich eine Zuflucht vor dem Regen suchten. Ein breiter Gang führte gleichzeitig zum Erdgeschoß und auf einen inneren Hof. Zur Rechten befand sich die große Küche, zur Linken die große Gaststube. Eine außen angebrachte Treppe führte vom Hofe nach den Zimmern des oberen Stockwerkes, deren sämtliche Eingangstüren sich auf eine viereckige bedeckte Galerie, welche um das ganze Gebäude lief, öffneten. Diese Bauart hatte einen sehr alten Anschein; sie machte den Arbeitern, die die Balken zugeschnitten und die Steine aufgestellt hatten, nicht mehr Ehre als dem Architekten, der den Plan entworfen hatte, und dennoch besaß der »Klare Anker« das Vorrecht, nicht allein die Schiffskapitäne zu beherbergen, sondern auch die großen Herren der Umgegend und die Offiziere des Regiments de la Boissière, das damals zu Dieppe in Garnison lag. Eines Abends im Monat Februar des Jahres 1662 widerhallte der Saal des »Klaren Ankers« von Gesängen und Gelächter, worin sich das Klirren von aneinander gestoßenen Gläsern mischte. Ich bitte meine Leser um die Erlaubnis, sie in diesen Saal führen zu dürfen. Die Gäste des Meisters Baudrillart, Eigentümers und Kochs des »Klaren Ankers«, waren in der Tat weniger zahlreich, als es sich die Einbildungskraft der Vorübergehenden vorstellen mochte. Nicht mehr als drei Gäste saßen um die lange Eichenholztafel mit spiralförmig gedrehten Füßen, die das Hauptmöbel dieses großen Raumes ausmachte. Es ist wahr, daß diese Tafel mit einer solchen Menge von Gerichten und einer so hübschen Auswahl von Flaschen aller Formen und Dimensionen besetzt war, daß es wahrscheinlich schien, die drei Gäste Meister Baudrillarts hätten, nachdem sie für sechs gegessen und getrunken, das Recht, für zwölf Lärm zu machen. Aus den drei Degen, die an einigen Nägeln an der Wand hingen, sowie aus den Kostümen der Eigentümer derselben wurde es klar, daß alle drei vornehme Leute seien. Zwei dieser Männer waren jung, der dritte streifte an das Alter, wo, wenn die Vernunft schweigt, die Gesundheit wenigstens Weisheit fordert, und dennoch war, wenn man dem Anscheine trauen durfte, gerade er der Anführer dieses Trios. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß, mager, knochig. Seine scharf ausgeprägte, beinahe eckige Physiognomie deutete auf seine südliche Abkunft ebensogut als der Name des Chevaliers von Blignac, den ihm seine Kameraden gaben. Alle Begierden, alle Kühnheit des Gaskogners sprachen sich auf diesem Gesichte aus. Seine Augen, die tief in ihren Höhlen lagen, aber ungemein lebhaft waren, übertrafen noch den Ausdruck von Feinheit, wie ihn seine Landsleute haben, sie drückten List und Schlauheit aus. Der vorzüglichste Charakter seines Gesichtes war der sonderbare Mangel an Übereinstimmung zwischen dessen oberem und unterem Teile. Herr von Blignac trug die Farben des Regiments de la Boissière. Der zweite der Gäste war nicht älter als zwanzig Jahre. Er war mit großer Sorgfalt gekleidet; der Stoff und der Schnitt seiner Kleider, der Überfluß an Bändern, mit denen sie besetzt waren, zeigten eine Eleganz, der man fern vom Hofe sehr selten begegnete. Unter diesem Äußeren des Stutzers bewahrte dieser junge Mann den ganzen Reiz, die ganze naive Ungezwungenheit der Jugend. Seine Sprache, seine Manieren waren frei von der anspruchsvollen Gezwungenheit der Modegecken jener Zeit. Sein Gesicht blieb einfach im Ausdrucke aller seiner Gefühle. Er gab sich dem Vergnügen, das vielleicht noch neu für ihn war, mit dem ganzen Ungestüm seines Alters hin. Noch erhitzter durch den Lärm als durch den Wein, den er getrunken hatte, wetteiferte er mit Herrn von Blignac im Geschrei, Lachen und Quodlibets; er wiederholte mit Enthusiasmus alle Refrains, die der alte Soldat anstimmte, und man brauchte sie bloß einen Augenblick zu beobachten, um sich zu überzeugen, daß diese Herren allein den Lärm machten, der die tugendhaften Bürger von Dieppe so sehr ärgerte. Der dritte schien nicht in einer ebenso lärmsüchtigen Laune wie die beiden ersten zu sein. Er war ein Mann von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, mit schmalem und ernstem Gesicht. Ehe man noch die charakteristische Schönheit seiner Züge beobachtet hatte, staunte man schon über den Anflug von Melancholie, den sein Gesicht mitten unter den geräuschvollen Vergnügungen bewahrte, und man mußte sich fragen, welcher Kummer und welche frühzeitigen Schmerzen seine junge Stirn mit so vielen Falten bedeckt hatten. Wie Herr von Blignac gehörte er zum Regiment de la Boissière. Seine Figur gab in nichts der seines Kameraden nach, aber sie hatte Proportionen von Kraft, die dem letzteren mangelten. An der Breite der Schultern, der Wölbung der Brust, an dem, was man von dem Muskelspiele des jungen Offiziers gewahrte, sowie an dem langen blonden Haar, das ihm zu beiden Seiten des Hauptes niederfiel, erkannte man ebenso wie an der Durchsichtigkeit seiner Hautfarbe die untrüglichen Zeichen, welche die nordischen Rassen ihren Nachkommen hinterlassen haben. Herr von Blignac hatte soeben eine neue Flasche entkorkt; erfüllte sein Glas, ließ das rubinfarbige Getränk in dem Kristall funkeln, indem er es vor dem Lichte erhob und wieder senkte, dann kostete er mit dem nachdenklichen Entzücken eines Kenners. Der blonde Offizier, den die Geschwätzigkeit seines Kameraden seit einigen Augenblicken etwas zu beunruhigen schien, benutzte die kurze Pause, welche diese ernste Beschäftigung erforderte, beugte sich zu dem jungen Manne und sagte: »Du wirst also erst in einem Jahre nach Neu-Frankreich zurückkehren, Paul?« »Ja,« erwiderte der, den er Paul genannt hatte, »und dieses ganze Jahr will ich bei dir zubringen, mein guter Charles.« »Es wird uns sehr kurz vorkommen, aber deiner Mutter sehr lang werden, liebes Kind.« Eine lebhafte Bewegung malte sich auf dem Gesichte des Jünglings, aber Herr von Blignac ließ ihm nicht die Zeit, zu antworten. Diese Unterhaltung hatte schon die Ungeduld des würdigen Edelmannes erregt: »Gottes Tod, meine jungen Freunde, es scheint mir, daß, wenn ihr ein ganzes Jahr beisammen zuzubringen habt, euch die Zeit nicht fehlen wird, eure kleinen Geheimnisse auszutauschen, und ihr werdet mir die Bemerkung erlauben, daß es nicht recht passend ist, mich, nachdem ihr die Ehre meiner Gesellschaft verlangt habt, in meiner Ecke mit der Physiognomie einer Flasche, die man ausgetrunken hat, allein zu lassen. Dieser Vorwurf gilt Ihnen, Leutnant von Longval, denn Ihr Cousin, Herr Bertaut, würde gewiß nicht die Rücksichten vergessen, die man sich unter Edelleuten schuldig ist.« Der Offizier, den Herr von Blignac Herrn von Longval genannt und mit dem Titel Leutnant belegt hatte, zuckte die Achseln und erwiderte: »Erlauben Sie mir andererseits, mein lieber von Blignac, die wahre Lage unserer gegenseitigen Beziehungen wieder herzustellen. Vor vierzehn Tagen kam mein Cousin, Herr Paul Bertaut, aus Amerika an, und ohne sich Zeit zu nehmen, mich zu umarmen, reiste er denselben Abend weiter nach Paris, wo er Herrn von Mazarin die Depeschen des Gouverneurs von Kanada abzugeben hatte. Heute morgen kamen wir beide, Sie und ich, aus der Zitadelle, als derselbe Herr Bertaut vom Pferde stieg, um sich mir in die Arme zu werfen, und mir vorschlug, das Souper, das ihn im ›Klaren Anker‹ erwartete, mit ihm zu teilen. Soviel ich mich entsinne, waren Sie es, mein lieber Chevalier, der um die Ehre bat, einer der Unsrigen sein zu dürfen. Es war indessen ziemlich natürlich, vorauszusetzen, daß wir nach einer langen Trennung allein zu sein wünschten. Sie haben anders gedacht, wir beklagen uns nicht darüber, wenigstens aber klagen Sie sich nur selbst der Unannehmlichkeit Ihrer Lage an.« Ein Zornesblitz schoß aus den Augen des Gaskogners; mit einer heftigen Bewegung ergriff er sein Glas, aber fast in demselben Augenblicke unterdrückte er mit einer Schnelligkeit, die unter einer frivolen, fast grotesken Außenseite eine gewisse Willenskraft offenbart, den drohenden Ausdruck auf seinem Gesicht, und seine Hand änderte seinen Entschluß dahin ab, daß er das Glas an seine Lippen führte. Er leerte es mit einem Zuge, stellte es wieder auf den Tisch und erwiderte mit der scherzhaften Gutmütigkeit, die ihm eigen war: »Nun, so verkennt man die schönsten Gefühle! Unter dem Eindrucke meiner tiefen Freundschaft für Sie, mein lieber von Longval, unter dem Einflusse der außergewöhnlichen Sympathie, die ich, ohne ihn zu kennen, für Ihren jungen Cousin empfinde, habe ich überlegt, daß eure Jugend und Unerfahrenheit in der Sache euch zu Schlachtopfern des entsetzlichen Giftmischers mit Namen Baudrillart machen würden, und um die Erlaubnis gebeten, mich mit eurer Überwachung befassen zu dürfen, und nun lassen Sie sich gar einfallen, meine gutherzigen Absichten zu entstellen? Bei dem Blute Christi, Leutnant, das war nicht unsere alte Kameradschaft!« Paul Bertaut beeilte sich das Wort zu nehmen. »Sie haben recht, Herr von Blignac!« rief er, »und ich halte mich Ihnen so tief verpflichtet, daß, wenn Sie nichts Anstößiges bei meiner Bitte finden, ich Ihre allmächtige Intervention in den Beziehungen, die ich während eines Jahres notwendigerweise mit diesem Baudrillart, dem man so Schlimmes zutrauen muß, haben werde, erflehe.« »Baudrillart! Holla! Baudrillart!« brüllte der gaskognische Edelmann mit einer Ungezwungenheit, die seine Reue bewies. »Verdammter Wirt! Dreifacher Faulenzer, wirst du kommen, wenn man dich ruft?« Der Chevalier von Blignac war damit kaum zu Ende, als Baudrillart sich in demütiger und unterwürfiger Haltung an der Tür zeigte, ein sicherer Beweis, daß der alte Offizier nicht mit Unrecht den Einfluß gerühmt hatte, den er auf den Wirt ausübte. Baudrillart verneigte sich mit ehrerbietigem Ausdrucke, den sowohl die Details, die er über das Vermögen seines Gastes vernommen, als die Drohungen Herrn von Blignacs hervorgerufen haben mochten. »Und jetzt«, setzte der letztere hinzu, »bringe uns eine Flasche besseren Nektars als den, mit welchem du uns bisher bedient hast.« »Aber«, stotterte der Gastwirt, »ich muß mir die Freiheit nehmen, dem Herrn Baron bemerklich zu machen, daß der Wein, den ich seiner ehrenwerten Gesellschaft vorgesetzt habe, der beste war, den ich besaß, und –« »Keine Einwendung! der Wein soll wie die Heiterkeit crescendo gehen, wie unsere italienischen Nachbarn sagen. Wein und Karten!« »Warum denn Karten?« fragte Charles von Longval erstaunt. »Sie haben vergessen, daß ich nie spiele, mein lieber Chevalier.« »Gottes Tod! das ist wahr! Hole Sie der Teufel, mein Freund; Sie haben Ihren Beruf verfehlt, eine Kutte würde Ihnen besser stehen als die Uniform.« »Vielleicht werde ich Ihnen zum Gefallen noch einst eine solche anziehen; diese Aussicht schafft Ihnen aber immer noch keinen Dritten zum Lanzknecht.« »Verdammt! Ich muß aber einen finden! He! Baudrillart, du wirst in deiner Herberge wohl einen Reisenden haben, der einige Pistolen besitzt, um sie gegen die unserigen einzuwechseln; geh und hole ihn, und wenn er sich darüber beklagt, daß du ihn geweckt hast, so wirst du seinen Ärger auf die Rechnung setzen; mein berühmter Freund, Herr Bertaut, handelt niemals.« Meister Baudrillart zögerte noch. In diesem Augenblicke erschütterten heftige Schläge die Haustür der Herberge. »Gottes Tod!« rief der Chevalier von Blignac; »der Zufall ist gescheiter als du, Baudrillart, denn da schickt er uns den, den wir brauchen. Geh dem Reisenden entgegen, und wer er auch sei, führe ihn hier zu uns ein.« Der Gastwirt gehorchte, und einige Augenblicke später stand ein Mann, der sich bis an die Augen in einen großen Mantel von rötlichem Tuche gehüllt hatte, auf der Schwelle des Saales. Als er die drei Edelleute bemerkte, zögerte er, weiterzugehen. Sein Kostüm hatte viel Ähnlichkeit mit dem eines Soldaten. Es bestand in einem Wams von düsterrotem Tuche, darüber ein Oberrock von Büffelleder ohne Ärmel, der die Brust bedeckte. Eine Hose von demselben Stoffe wie das Wams verlor sich in ein Paar Lederstiefel, die, auf der Seite zu öffnen, das Bein vom Knie bis zur Sohle bedeckten und deren sich die Bewohner der Normandie noch heute als Reitstiefel bedienen. Vor dem Kamine stehend, wärmte er seine breiten Hände, und seine Blicke blieben starr und zu Boden gesenkt, als ob das phantastische Spiel der Flammen oder das Knattern der verkohlenden Zweige seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. Nur ein- oder zweimal hatte er die Augen erhoben, und Paul Bertaut fühlte sich von ihrem wilden Ausdruck betroffen. Wenn auch das Gesicht des Fremden ruhig war, so funkelten seine Augen doch unter den dicken, ergrauten Brauen und schleuderten Blitze, wie die einer Degenklinge, die in der Luft umherzischt, ehe sie sich niedersenkt, und wie das Eisen hatten sie etwas Spitziges an sich, das durch das Fleisch bis zum Herzen drang. Ohne sich von ihren Eindrücken Rechenschaft geben zu können, fühlten die beiden jungen Männer diesem Menschen gegenüber ein unbeschreibliches Unbehagen; sie betrachteten ihn mit einer Neugierde, die an Staunen grenzte. Nur der Chevalier von Blignac hatte nichts von seiner Ruhe verloren; er machte ein Kuvert zurecht, stellte die Flaschen in eine Linie und ordnete die etwas verwirrten Schüsseln mit einer Geschicklichkeit, auf die Meister Baudrillart gewiß eifersüchtig gewesen wäre. Der Reisende war der erste, der das Schweigen brach. Er schien sich selbst zwingen zu müssen, als er sich an seine drei Gesellschafter mit den Worten wandte: »Nachdem ich Ihnen für Ihre Höflichkeit gedankt habe, meine Herren, bleibt mir noch zu erfahren übrig, was Sie von mir erwarten.« In diesem Augenblicke hatte der Gaskogner einen Schemel an den Tisch herangezogen und betrachtete die gastronomischen Dispositionen, die sein Werk waren, mit stolzer Genugtuung. »Wir erwarten,« erwiderte er, »daß Ihr Euch an diesen Platz setzt, mit dem Rücken gegen das Feuer, und Eure Rechte an dieses Bataillon Flaschen lehnend, das die Reserve sein wird; dann, daß Ihr die Bresche in dieser Pastete erweitert und sie mit Sturm nehmt, worauf noch übrig bleiben wird, die Hilfsarmee, welche durch diese Butte mit Krabbensoße repräsentiert wird, in die Flucht zu schlagen.« »Laßt Eure Artillerie spielen,« fuhr Herr von Blignac fort, indem er eine ganze Flasche Wein in das größte Glas, das er finden konnte, goß; »an Munition soll es Euch nicht fehlen.« »Das ist zu viel Ehre für einen Mann meiner Art, meine Herren, was auch mein Stand sei«, erwiderte der Fremde. Paul Vertaut vereinigte seine Bitten mit denen des Gaskogners; der junge Offizier beobachtete den Fremden immer stillschweigend. Dieser ließ sich nicht mehr lange bitten. Er nahm auf dem Schemel Platz, und das ungeheure Stück Pastete, das Herr von Blignac auf seinen Teller gelegt hatte, war bald verschwunden. Aber zur großen Verwunderung des Gaskogners streckte der Unbekannte, anstatt sich des Bechers von den ungeheuren Proportionen, den der Gaskogner bis zum Rande gefüllt hatte, zu bedienen, die Hand aus, ergriff eine Kanne Wasser, welche die Zecher unberührt gelassen hatten, goß sich daraus ein Glas voll und führte dieses an seine Lippen. Herr von Blignac war stumm und wie versteinert über das, was sich vor seinen Augen zutrug. »Wie?« rief er. »Unter soviel Flaschen wählt Ihr gerade diese?« »Warum nicht? Ich trinke nie Wein, mein Herr«, erwiderte der Fremde einfach. »Ihr trinkt keinen Wein? Zum Teufel, ich will den Grund wissen!« »Was kümmert Sie das?« sagte der Unbekannte in düsterem Tone. »Vielleicht, weil er rot ist.« Das Gesicht Herrn von Blignacs drückte bei der Kundgebung einer Mäßigkeit, welche die von ihm entworfenen Pläne zuschanden zu machen schien, eine so vollständig komische Enttäuschung aus, daß Paul Bertaut nicht sein lautes Lachen zurückhalten konnte. Der Fremde glaubte, daß man sich über ihn lustig mache; seine Brauen zogen sich zusammen, und mit einer Bewegung, so rasch wie der Gedanke, faßte er mit der Hand an seinen Degengriff. Der junge Offizier hielt seinen Arm zurück, und schnell beruhigt stieß der Mann die Klinge in die Scheide zurück. »Mein Herr,« sagte der Offizier, »wir müssen uns entschuldigen. Ich möchte um keinen Preis, daß Sie mich für den Mitschuldigen einer Unbesonnenheit hielten, die sich einen Mann, der einen Degen trägt und der, wenn er nicht Edelmann ist, wahrscheinlich wenigstens Soldat gewesen, zum Opfer wählte.« »Eine offene Erklärung wird uns auf der Stelle rechtfertigen, mein Herr,« setzte Paul Bertaut hinzu. »Die Höflichkeit unseres Freundes Herrn von Blignac war nicht so uninteressiert, als Sie glauben mochten, er hatte gehofft –« Der Gaskogner fühlte sich veranlaßt, selbst das Wort zu ergreifen. »Das heißt: er hofft noch!« rief er und mischte schnell ein paar Spiele Karten, die der Wirt auf den Tisch gelegt hatte: »Ja, mein Herr, wenn ich einiges Erstaunen über Ihren Geschmack an einem Getränke zu erkennen gab, das, meiner Ansicht nach, den Menschen zum Tier herabwürdigt, so habe ich nichtsdestoweniger an der großen Miene, mit der Sie die Hand an die Waffe des Edelmannes legten, erkannt, daß Sie nicht von so gewöhnlichem Stande sind, wie Sie uns überreden zu wollen scheinen, und ich bin überzeugt, daß Sie nach dem Essen anerkennen werden, daß anständige Leute etwas Besseres zu tun wissen, als ihre Zeit damit zu verlieren, daß sie einsam zwischen zwei Tüchern schlafen.« »Wirklich, sie können sie dazu anwenden, ihr Geld zu verlieren.« »Oder das ihres Nächsten zu gewinnen«, erwiderte Herr von Blignac, indem er stolz einiges Geld in seiner Hosentasche klingen ließ. »Wirklich,« sagte der Unbekannte, der seit einigen Augenblicken Herrn von Blignac durchdringend anblickte, »wirklich hat der Zufall Sie bisher nicht begünstigt, obgleich Sie, wie ich glaube, sich nie den Vorwurf machen können, daß Sie eine Gelegenheit, ihn zu versuchen, haben vorübergehen lassen.« »Wer hat Sie so gut unterrichtet?« fragte der Gaskogner. »Verzichten Sie auf das Spiel, Herr Chevalier von Blignac«, sagte der Fremde mit ernster Stimme. Der Gaskogner brach in ein wildes, schallendes Gelächter aus. »Ich kenne das menschliche Herz zu gut, um nicht vorhergesehen zu haben, wie Sie meinen Rat aufnehmen würden; indessen wiederhole ich Ihnen nochmals: entsagen Sie dem Spiel, Herr Chevalier von Blignac.« »Und warum das?« sagte der Gaskogner, sich auf die Tafel stützend und eine heitere Miene annehmend. »Ist es nicht wahr, Herr Chevalier von Blignac, daß Ihnen bis heute das Spiel immer sehr fatal gewesen ist?« »Nach den Geständnissen, die ich Ihnen soeben machte, würde das, womit Sie anfangen, eben keinen großen Prediger verraten.« »Der unerwartete Tod eines älteren Bruders hatte Sie, den jüngeren, in den Besitz des väterlichen Erbteils gesetzt. Herr von Blignac, wo ist Ihre Erbschaft geblieben?« »Wo der Schnee bei Südwind hingeht, wie Clement Marot gesagt hat,« erwiderte der Chevalier, »aber Sie scheinen mich zu kennen, mein lieber Herr, und es ist nichts Außerordentliches dabei, mir meine Geschichte zu erzählen.« »Wo ist die Aussteuer geblieben, die Ihre beiden für den Schleier bestimmten Nichten ihrem Kloster zubringen sollten?« »Gott hat sie auch ohne Geld zu sich genommen; ihre Personen sind zu ehrenwert, um den schlechten Geschmack zu haben, sich zu beklagen. Ist das alles?« »Ein wenig Geduld, Herr Chevalier. Während des Streites der Fronde waren Sie, wie ich glaube, Gefreiter im Regimente Herrn von Corinthes.« »Pest!« sagte Paul Bertaut, »es scheint, daß Sie dem Herrn Chevalier von Blignac nicht erst gestern begegnet sind.« »Der Herr Herzog von Beaufort«, fuhr der Fremde fort, »schätzte Sie sehr hoch; Sie waren tapfer und ein guter Kamerad; das war ein sicheres Mittel, dem Enkel Heinrichs IV. zu gefallen. Ihr Geschwätz wurde ihm so unentbehrlich, daß er Sie zu der Ehre zuließ, die Sie mir soeben erzeigen wollten. Alles ging so gut, daß Sie immer beliebter wurden; unglücklicherweise hatte dieser berühmte Herr von Beaufort von seinem königlichen Vater her einen wahren Schrecken vor allem, was einer Niederlage ähnelte. Er verlor Partie auf Partie, und in seinem Ärger wagte er zu behaupten, daß die Würfel falsch seien. Ich glaube nicht daran; wenn man aber dem, was damals erzählt wurde, Glauben beimessen will, so drehte die schlechte Laune des Königs der Hallen in wunderlicher Weise die Rollen um. Nachdem Sie bis dahin geschlagen hatten, wurden Sie nun geschlagen, Herr Chevalier.« Der Gaskogner, dessen Gesicht seit einigen Augenblicken alle Farben des Regenbogens angenommen hatte, stieß einen schrecklichen Fluch aus, und ehe seine Gefährten es hindern konnten, hatte er seinen Degen gezogen und stürzte sich auf den Fremden. Das Gesicht desselben bewahrte seinen spöttischen Ausdruck und verriet nicht die geringste innere Bewegung; er streckte nur in seiner unerschütterlichen Ruhe den Arm aus, preßte die Faust des Chevaliers von Blignac in seiner breiten Hand und schüttelte sie mit solcher Heftigkeit, daß dieser einen Schmerzensruf ausstieß und seinen Degen auf die Dielen fallen ließ. »Du lügst in deine Kehle hinein,« heulte der Gaskogner; »wenn die Sache so zugegangen wäre, wie du erzählst, ich hätte gewiß Herrn von Beaufort, gleichviel ob er Herzog oder Sohn eines Königs gewesen, gezwungen, mir Rechenschaft zu geben.« »Sie taten das wirklich, denn der Hochmut fehlt Ihnen ebensowenig als die Tapferkeit; aber Ihre Berufung hatte keinen anderen Erfolg, als daß Sie in die Bastille kamen, wodurch Sie die Aussicht verloren, die Kompagnie zu erhalten, die Ihnen Herr von Montigny in seinem Regiments versprochen hatte. Ist das nicht Ihre Geschichte, und bin ich nicht gut über das, was Sie betrifft, unterrichtet, Herr Chevalier von Blignac?« »Teufel, Teufel!« sagte Paul Bertaut, »es scheint mir, daß Sie sich weniger amüsieren, als Sie erwartet hatten, Herr von Blignac.« Dieser machte in der Tat ein jämmerliches Gesicht; er trat dem Fremden näher. »Wer sind Sie?« fragte er ihn. »Ich kann in meinem Gehirne hin und her suchen, ich finde darin keine Erinnerung, die mir Ihre Züge und Ihre Person zurückruft.« »Das ist ziemlich natürlich, Herr Chevalier; ein Edelmann wie Sie geht an dem Insekt vorbei, das zu seinen Füßen kriecht, aber er hält es nicht der Mühe wert, seinen Blick zu senken, um es anzusehen.« »Das alles sagt mir nicht Ihren Namen, und Ihr Name ist es, den ich wissen will.« »Sie haben mich nicht darnach gefragt, als Sie mir die Ehre antaten, mich an Ihre Tafel zu ziehen; jetzt bin ich im Recht, wenn ich mich weigere, ihn zu nennen.« »Ich werde ihn doch wissen, Gottes Tod!« rief der Chevalier, hob seinen Degen vom Boden auf, legte aus und schrie, während er mit dem Fuße zweimal gewaltig Appell schlug: »Ziehe dein Rappier, Schurke, und verteidige dich!« Der junge Kamerad Herrn von Blignacs warf sich zwischen ihn und den Fremden, der die Arme gekreuzt und sich nicht von der Stelle gerührt hatte. »Zu meinem großen Bedauern«, sagte er mit seiner festen und ernsten Stimme, »bin ich genötigt, für den Herrn Partei zu nehmen und gegen Sie, mein lieber von Blignac. Ihre Absichten auf ihn waren gerade nicht christlich, und Ihre jetzige Empfindlichkeit verrät wenig guten Geschmack.« »Partie zu vieren, Gottes Tod!« schrie der Gaskogner. »Zu mir, zu mir, lieber Herr Bertaut – ein schönes Duell! Das ist wahrhaftig noch mehr wert als das Landsknechtspielen.« Der Jüngling lachte laut auf. »Den Degen gegen meinen Cousin ziehen? – Daran dachten Sie nicht, Chevalier. Diese Nacht haben Sie gewiß kein Glück, und es ist gut für Ihre Taler, daß wir auf das Kartenspiel verzichtet haben. Stecken Sie den Degen ein! Zum Teufel! Sie können sich doch nicht mit einem Menschen schlagen, der sich nicht verteidigt.« »Ich werde dich wiederfinden, Schurke!« »Gott behüte Sie davor, Herr Chevalier,« sagte der Fremde, »und jetzt erlauben Sie mir, mich zu erklären. Wenn ich Ihnen eine Vergangenheit in das Gedächtnis rief, die Ihnen nicht angenehm zu sein scheint, so geschah dies nicht in der Absicht, Sie zu beleidigen; ich wollte Sie bloß vermögen, meinen Worten einige Aufmerksamkeit zu schenken, als ich von der Zukunft sprach.« »Von der Zukunft?« wiederholten gleichzeitig die drei Gefährten. »Ja, meine Herren, von der Zukunft«, antwortete der Unbekannte einfach, aber im Tone sehr fester Überzeugung. In einer Sekunde war jede Spur von Zorn auf dem Gesicht Herrn von Blignacs geschwunden. »Bei dem Leben Gottes!« rief er. »Seid Ihr der Astrologe dieses nichtswürdigen Concini, der letzte, den man in Frankreich gesehen hat? Ich glaubte, man habe ihn auf dem Grèveplatze gehangen, nachdem man seine Geliebte verbrannt hatte.« »Ich bin kein Astrologe, Herr Chevalier; ich bin ein Mann, der beobachtet, vergleicht und sich erinnert; nichts mehr.« »Und was wird mir geschehen, wenn ich Euren Rat vernachlässige?« »Es wird Ihnen noch Schlimmeres geschehen, als Sie bis jetzt erlebt haben.« »Das ist wenig gesagt, mein Herr, und Eure Höflichkeit sollte so weit gehen, mir den Stein zu bezeichnen, an dem mein Gaul stolpern wird.« »Ihre Leidenschaft, die Ihren Ruin herbeigeführt, Ihr Glück als Soldat gefährdet hat, wird Sie das Leben kosten, Herr Chevalier von Blignac.« »Ich werde vielleicht vor Freude darüber ersticken, daß ich von Herrn von Mazarin hunderttausend Pistolen gewonnen habe, und die Erstarrung wird darnach kommen.« »Nein, mein Herr, Sie werden eines gewaltsamen Todes sterben.« »Das ist der Tod eines Soldaten, mein Teurer.« »Danken Sie mir nicht zu sehr. Herr Chevalier,« erwiderte der Fremde, »denn ich muß noch hinzufügen, daß Sie durch den Strick umkommen werden.« »Gehangen?« »Gehangen.« »Das ist weniger wahrscheinlich, lieber Herr, denn Ihr, der mich so genau kennt, solltet wissen, daß ich Edelmann bin und daß man die Edelleute nicht hängt.« »Ich erkläre nichts, Herr Chevalier – ich sage nur, was geschehen wird – das ist alles.« »Gottes Tod! mein Herr,« sagte Paul Bertaut, sich dem Fremden nähernd, »vielleicht haben Sie mir auch etwas zu sagen.« »Nach dem, was ich soeben Ihrem Kameraden gesagt habe,« erwiderte der Fremde, »ist Ihre Neugierde Kühnheit, mein Herr.« Aber der Chevalier von Blignac trat dazwischen. »Ich muß Ihnen sagen, mein Herr, daß dieses zweite Experiment für mich nichts beweisen würde. Man enträtselt leicht ein Gesicht, das, wie das meinige, den Namenszug aller Leidenschaften seines Eigentümers trägt; ebenso leicht ist es, ohne Anstoß auf einer Physiognomie von zwanzig Jahren zu lesen. Wollen Sie, daß ich der Perspektive, die Sie mir an meinem Horizont eröffnet haben, vollen Glauben beimesse, dann probieren Sie Ihre Wissenschaft auf dem Marmorgesichte meines Kameraden. Wenn Sie entdecken, was ich seit drei Jahren, in denen er mein Kamerad ist, vergebens suche, so werde ich an Ihre Kabbala glauben, als ob wir noch zur Zeit Katharinas von Medici lebten.« Charles von Longval hatte seine Hand hingereicht. Der Fremde hatte sie kaum betrachtet, als er in das fieberische Nachsinnen des Weisen über das, was in seinen Augen den Charakter eines Wunders annimmt, versank. »Sonderbar! Sehr sonderbar!« murmelte er. »Nun wohl, Gottes Tod!« sagte der Gaskogner. »Ist Eure Zauberei schon in die Brüche gekommen?« Der Fremde hatte sich seinem Nachsinnen vollständig entschlagen, und eine lebhafte Bewegung gab sich an ihm kund. »Sie sind unter einem schrecklichen Stern geboren worden, mein Herr,« sagte er halblaut, »und in den Runzeln Ihrer Stirn wie in den tiefen Furchen Ihrer Hand sehe ich Ihre Existenz durch ein Unglück, von dem es wenige Beispiele gibt, beherrscht.« »Hum, hum!« brummte der Chevalier von Blignac. »Das ist ja eine sich wenig kompromittierende Wahrsagerkunst.« »Still!« gebot der junge Offizier. »Sie haben geliebt; der Gegenstand Ihrer Liebe war mit Ihnen durch Bande des Blutes verwandt, und diese bis dahin so reine Liebe wurde ein Verbrechen – Sie haben fliehen wollen; Sie haben die Unermeßlichkeit der Meere zwischen sich und die gelegt, die Ihnen nicht mehr angehören konnte; es war vergebens. – Ihr Bild hat Sie ohne Rast und Ruhe verfolgt. Die Probe war zu stark für Ihr Alter, Sie haben ihr nicht widerstanden. – Es kam eine Stunde, in der Sie, um sie wiederzusehen, das Heil Ihrer Seele auf das Spiel gesetzt haben würden. Sie haben sie wiedergesehen. – Auch sie erwartete Sie; auch sie hatte gelitten; sie verlangte Ihre Hilfe und bat Sie, zu ihr zurückzukehren. Sie gehorchten, und von diesem Augenblicke an war Ihre Existenz nur noch ein schrecklicher Kampf zwischen Pflicht und Leidenschaft. Diese Leidenschaft suchen Sie jetzt noch zu ersticken, denn neue Gefühle sind in Ihrem Herzen erwacht –« »Genug, genug, ich beschwöre Sie darum, mein Herr!« sagte der junge Offizier mit zitternder Stimme. Paul Bertaut war blaß wie ein Gespenst. Herr von Blignac hatte einen Pfropfen aufgenommen und schnitt ihn maschinenmäßig entzwei, ohne die in dieser Szene handelnden Personen aus den Augen zu lassen. Alle vier blieben einige Augenblicke lang still; der Fremde nahm zuerst wieder das Wort. »Ich bedaure, mein Herr,« sagte er, sich an den jungen Offizier wendend, der seine in Schweiß gebadete Stirn trocknete, »ich bedaure, den Kummer Ihres Herzens wieder erweckt zu haben, um auf das Mißtrauen, das mir der Herr Chevalier zeigte, zu antworten, und ich bitte Sie um Verzeihung.« »Mein Herr,« erwiderte Herr von Longval, der seit einer kleinen Weile aufgeregt im Saale umherging, »Sie haben nur von der Vergangenheit zu mir gesprochen, und diese Vergangenheit ist düster genug, daß Sie mir das Recht zuerkennen werden, Sie jetzt auch um die Zukunft zu befragen. Wollen Sie, ich bitte darum, meinem Wunsche entsprechen?« Der Fremde nahm seinen Mantel und warf ihn über die Schultern. »Lassen Sie mich gehen, lassen Sie mich fort, junger Mann,« sagte er. »Glauben Sie mir, versuchen Sie nicht, den bleiernen Vorhang zu heben, den die Vorsehung zwischen Ihre Augen und die Tage, die Sie noch zu leben haben, hat fallen lassen. Wenn ich Herrn von Blignac das Schicksal, das, meinen Konjekturen zufolge, seine Laufbahn schließen soll, offenbart habe, so geschah es, weil Herr von Blignac, ohne es zu ahnen, für mich eine alte Bekanntschaft ist, gegen die ich eine kleine Rache auszuüben hatte. Sie aber haben das Eisen, das mein Wams bedrohte, abgewandt; nochmals, geben Sie zu, daß ich mich entferne.« »Nein, nein; ich berufe mich im Gegenteil auf den Ihnen geleisteten Dienst, um Sie anzuhalten, sich zu erklären.« »So sei es, ich werde sprechen, übrigens, wenn ich auf der Stirn eines Menschen die geheimnisvollen Zeichen des kabbalistischen Astrolabiums lesen kann, so bin ich doch nicht anmaßend genug, um vorauszusetzen, daß meine Wissenschaft unfehlbar sei. Wenn ich an die menschliche Vorherbestimmung glaube, so bin ich auch Christ und glaube, daß der Wille und die Barmherzigkeit des Allerhöchsten diese Prädestination bekämpfen und besiegen können. Ich werde sprechen.« Der Offizier versuchte zu lächeln. »Was Sie mir zu sagen haben, muß sehr erschreckend sein, nach der Vorsicht zu urteilen, die Sie anwenden. Wird mich also dieses Unglück, das Sie in meinem Horoskop entdeckt haben, bis zu meiner letzten Stunde verfolgen?« »Es wird Sie bis über das Grab hinaus verfolgen, es wird sich auf Ihr ganzes Geschlecht erstrecken.« »Und während meines Lebens?« Der Fremde zögerte; er war ebenso bleich geworden wie alle, welche ihn umgaben, und seine Pupillen, die von einem konvulsivischen Zittern bewegt wurden, hoben und senkten sich in dem Weißen seiner Augen. »Sie lieben diesen jungen Mann?« fragte er plötzlich. »Er ist mein Cousin, mein Freund, mein Bruder!« rief Charles. »Gut, dieser junge Mann ist bestimmt, von Ihrer Hand zu sterben.« Der Offizier blieb einige Sekunden stumm und rollte wild die Augen umher, als habe er nicht verstanden; dann schlang er seinen Arm um den Hals Bertauts und sagte, ihn mit unwiderstehlicher Gewalt an sein Herz ziehend, mit einer von Seufzern halb erstickten Stimme: »Paul, mein Paul, mein einziger Freund – ich dein Mörder werden!« »Man kann töten, ohne ein Mörder zu sein, mein Herr«, erwiderte der Fremde mit fast roher Heftigkeit. »Ich verstehe Sie nicht.« »Der Henker ist kein Mörder, mein Herr – wissen Sie das nicht?« Der Offizier sank vernichtet auf einen Stuhl, und während Paul Bertaut sich bemühte, ihn wieder zu sich zu bringen, während der Chevalier von Blignac, nachdem er statt des Pfropfens die Kartenspiele in die Hand genommen hatte, sie, diese alten Gegenstände seiner Verehrung, einzeln zerriß und nacheinander ins Feuer warf, verließ der Fremde den Saal, und man hörte seinen schweren Schritt, unter dem die Treppe zur oberen Etage knarrte. Das verwünschte Gehöft Die Prophezeiung, die meinem Ahnen das ihn erwartende Schicksal ankündigte, übte einen mächtigen Einfluß auf seinen Geist. Wenn er den Worten des Unbekannten auch nicht unbedingten Glauben beimaß, so konnte er es doch nicht verhindern, daß diese Worte fortwährend in seinen Ohren tönten; wenn es ihm am Tage gelang, sich von der Erinnerung an sie frei zu machen, gewannen sie in der Nacht ihre Herrschaft wieder, beunruhigten seinen Schlaf durch häßliche Träume, und allmählich nahm unter dem Zwange dieser fortwährenden Beunruhigung die Überzeugung, daß er seinem Lose nicht entgehen könne, ganz von seinem Geiste Besitz. Aus seiner Melancholie wurde ein wilder Menschenhaß. Bisher war er mitten unter den Vergnügungen und Freuden seiner Kameraden nur gleichgültig erschienen, nach der Szene im »Klaren Anker« aber wurde ihm selbst die Gesellschaft dieser Kameraden verhaßt, und er floh schon vor ihren Stimmen. Wenn seine Dienstpflichten ihn während einiger Stunden mit ihnen zusammenführten, so richtete er kaum einige Worte an sie, und sobald er wieder frei war, beeilte er sich, in seine Einsamkeit zurückzukehren. Paul Bertaut war ebenso feurig als jung. Die Zurückgezogenheit, in der Charles von Longval lebte, überließ seinen Cousin dem Chevalier von Blignac auf Gnade und Ungnade; da letzterer niemand fand, der seinen Lehrergelüsten entgegengetreten wäre, so hatte er sich zum Mentor des jungen Kreolen aufgeworfen, und ihm durch sein Beispiel vorangehend, führte er ihn auf einen Weg, der gewiß selbst die tugendhaften Anlagen des Sohnes des Ulysses verwildert haben würde. Später, im zweiten Teile der Geschichte Sansons, werde ich erzählen, welche traurigen Folgen diese Verbindung für den Cousin meines Ahnen hatte. Wenn der Rausch der Vergnügungen zurzeit auch noch nicht die Anhänglichkeit Pauls an seinen Verwandten beeinträchtigte, so hatte er doch zur Folge, daß die liebevolle Sorge, die er ihm bezeigt hatte, allmählich nachließ. Inzwischen trugen die Nachrichten, die Charles Sanson von Abbeville erhielt, zu seinen Qualen bei. Den Briefen Colombes nach war es nicht mehr zweifelhaft, daß der Zustand Jean Baptistes sich mit jedem Tage verschlimmerte. Hier folgt einer dieser Briefe: »Charles, mein Bruder, warum muß ich Dich um das Almosen Deiner Erinnerung bitten? Worin habe ich mich Deiner Freundschaft unwürdig gezeigt? Wenn Dein Herz gegen die Stimme deren, die sich Deine sehr freundschaftliche und sehr ergebene Schwester nennt, unnachgiebig, ist, warum bleibt es bei der Stimme dessen, der das Band ist, das uns in dieser und in einer anderen Welt vereinigt, unempfindlich? Dein vielgeliebter Bruder leidet grausam. Alle seine Nächte sind schlaflos, und diese Nachtwachen wendet er zu Klagen darüber an, daß ihn sein geliebter Bruder, der ihm nicht ein tröstendes Wort schickt, verlassen hat. Seit Donnerstag, dem 24. d.M., hat sich sein Übel sehr verschlimmert; ich flehe Gott an, daß es ihm gefallen möge, mein Leben statt das Leben meines Gatten zu nehmen, wie es meine Pflicht als Gattin und Christin ist, aber lange schon hört Gott nicht mehr auf meine Gebete. Ich finde nicht mehr die Resignation, die andere Betrübnisse mich gelehrt hatten, in mir – eine so schmerzliche und tödliche Pein ist es, einen armen von Schmerzen verzehrten Mann klagen zu hören, ohne ihm helfen zu können. Warum schreibst Du uns nicht, mein Bruder? Hast Du Dich denn so verändert, daß Du kein Gedächtnis mehr für die hast, die Dich so sehr liebten? Schreibe an Deinen Bruder, Charles. Wenn es nötig ist, will ich auf Deine Freundschaft verzichten, wenn Du denkst, daß sie mir nicht bleiben darf, und ich leiste Dir einen Schwur, daß, wenn mir der Herr den nimmt, den er mir als Stütze gegeben hat, ich Dir in keiner Weise zur Last fallen will. Möge Deine Freundschaft wenigstens dem nicht fehlen, der nur noch dieses einzige Gut hat, und wenn Gott seine letzte Stunde schon bestimmt hat, dann mache, daß er den Trost habe, Dich mit mir segnen zu können. Den 31. Mai des Jahres 1662. Colombe Sanson.« Man kann sich leicht die Verwirrung denken, welche diese schmerzlichen Vorwürfe in der ohnehin schon so getrübten Seele Charles Sansons anrichten mußten. Bei dem Gedanken, daß er von seinem vielgeliebten Bruder für immer getrennt werden sollte, vergoß er aufrichtige Tränen, gleichzeitig aber beschleunigte eine andere Idee den Blutlauf in seinen Adern und versetzte ihn in die tödlichste Angst. Er dachte mit Schrecken an das, was zwischen Colombe und ihm an dem Tage, an dem er sie verlassen hatte, vorgefallen war; er schöpfte aus dieser Erinnerung die Überzeugung von seiner Schwachheit und der Eitelkeit seiner Vorsätze, und er wagte sich nicht die Frage vorzulegen, was geschehen würde, wenn die Hand Gottes das Hindernis, vor dem seine Leidenschaft zurückgewichen war, fortgeräumt hätte. Und als ob dies noch nicht genug gewesen wäre, ihn niederzubeugen, verwundeten noch die kleinen, aber gebieterischen Sorgen der Existenz derer, die er liebte, sein zerrissenes Herz. Die Krankheit Jean Baptistes hatte die Hilfsquellen der unglücklichen Wirtschaft erschöpft. Charles hatte seinem Bruder das wenige Geld, das er besaß, geschickt, aber aus den schmerzlichen Klagen in den Briefen Colombes hatte er ersehen, daß dieses Opfer bei weitem nicht für die Bedürfnisse, die mit dem Übel zunahmen, hingereicht hatten. Er antwortete seiner Schwägerin, denn ich finde in seiner Korrespondenz noch zwei Briefe von Colombe Sanson, die das Datum vom Juni 1662 tragen, mehrere Abschriften von der Hand Charles', die sich alle auf die Krankheit seines Bruders beziehen, und eine große Anzahl verschiedener Papiere, auf denen er Sätze mit durchstrichenen Worten entworfen und die er mit einer Sorgfalt aufbewahrt hatte, welche anzeigt, daß er einen hohen Wert auf das legte, was ihm die erste Liebe seiner Jugend in das Gedächtnis zurückrief. Als mein Ahne eines Nachmittags in das Haus, das er bewohnte, zurückkehrte, fand er auf der Schwelle einen Boten, der ihn erwartete. Dieser Mann überreichte ihm einen Brief. Er hatte kaum die Augen auf die Aufschrift geworfen, als er leichenblaß wurde; er wankte, und wäre die Bank nicht dagewesen, auf die sich der Bote gesetzt hatte, so würde er rückwärts übergefallen sein. Er hatte die Handschrift seiner Schwägerin erkannt, und diese Schrift war zur Hälfte durch die Tränen, welche das Papier durchnäßt hatten, verwischt. Bevor Charles noch den Brief geöffnet hatte, erriet er schon, daß Jean Baptiste tot sei. Wirklich kündigte ihm Colombe das Unglück an, das sie betroffen hatte. Sie fügte hinzu, daß ihre Verzweiflung um so größer sei, als sie zu ihm von anderen Dingen sprechen müsse als von dem, den sie verloren hätten. Die sterblichen Überreste des armen Blinden waren noch nicht bestattet, als seine alten Kollegen, die Männer des Gesetzes, sich auf die armselige Beute stürzten. Colombe hatte nicht unter dem bescheidenen Dache bleiben dürfen, das den Ruin ihres Mannes beschützt hatte; sie hatte weder Hilfe noch Mitleid bei den Verwandten gefunden, die ihr noch zu Abbeville geblieben waren; da hatte sie an ihren Bruder gedacht und sich auf die Reise gemacht, um ihn zu suchen, aber ihre Kräfte hatten ihren Mut im Stiche gelassen; abends zuvor hatte sie im Dorfe Envermeu, einige Meilen von Dieppe, haltmachen müssen und erwartete, daß Charles sie von dort abhole, um sie in das Asyl zu führen, das er für sie wählen würde. Charles blieb einen Augenblick unbeweglich, stumm und ganz niedergeschmettert durch die empfangene Mitteilung. Endlich riß er sich aus seiner Erstarrung, entließ den Boten, sattelte selbst sein Pferd und jagte verhängten Zügels nach Envermeu. Gegen fünf Uhr abends langte er bei Envermeu an. Dicht vor dem Dorfe, auf der Höhe des letzten Hügels, stand ein steinernes Kreuz; aus dem Talgrunde schon bemerkte Charles eine schwarzgekleidete Frau, die auf den Stufen dieser kleinen Kapelle saß. Sein Pferd, das durch die Schnelligkeit des Laufes außer Atem gekommen war, wollte eine langsamere Gangart annehmen, aber heftig von seinem Reiter angetrieben, setzte es sich in Galopp und hatte in einigen Sekunden den Gipfel des Hügels erreicht. Colombe hatte ihren Boten bis dahin begleitet und sich dort niedergelassen, um die Ankunft dessen, den sie zu sich berufen hatte, zu erwarten. Als sie seine Annäherung bemerkte, verbarg sie ihr Antlitz in die Hände. Charles war von seinem Pferde gesprungen und stand vor ihr; aber sie erhob das Haupt nicht; man hörte nur ihr Schluchzen und sah, wie sich ihre Brust hob und in einem konvulsivischen Krämpfe abquälte. Charles rief seine Schwägerin bei Namen und beugte sich über sie, aber Colombe, die sich erhob, vermied seine Umarmung und zeigte auf das Kreuz, das vor ihnen seine schwarzen, mit Moos bewachsenen Arme ausstreckte; sie schien damit sagen zu wollen, daß er, bevor er zu ihr käme, erst zu dem gehen solle, der in allen Bekümmernissen und Sorgen aufrechterhält und tröstet. Beide knieten auf die Granitstufen nieder, und ihre Herzen vereinigten sich in einem Gebete für den, der nicht mehr war. Als Charles sich wieder erhob, fühlte er sich sonderbar erfrischt und gestärkt. Er nahm ihre Hand, und er fühlte bei ihrer Berührung nicht wie ehemals einen leisen Schauer in seinem Körper; er blieb ruhig, wenn er sie, die trotz ihrer Blässe und der Anzeichen ihres Leidens immer noch schön war, betrachtete. Er atmete frei und glücklich. Er begriff, daß er mit der Stärke, die ihm diese reine und keusche Zuneigung geben werde, von jetzt an dem Unglück trotzen könne. So gingen sie Seite an Seite bis nach der Hütte der Bauern, die, von Colombes Verzweiflung gerührt, ihr tags zuvor Gastfreundschaft gewährt hatten. Charles wünschte, daß Colombe, die schwach und kränklich schien, noch einen Tag länger bei ihren Wirtsleuten bliebe, aber sie hatte, beruhigt durch die Offenheit, mit der ihr Freund sein Unrecht gestanden hatte, durch die Ruhe seiner Sprache und seines ganzen Benehmens, Eile, Envermeu zu verlassen und nach Dieppe zu gelangen. Charles setzte sie auf sein Pferd; er nahm die Zügel des Tieres in die Hand, und indem er nebenher ging, schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Unterwegs sprachen sie viel von der Vergangenheit, d.h. von Jean Baptiste, denn es schien sich nunmehr von selbst zu verstehen, daß der Horizont, den sie hinter sich ließen, von dem Tage begrenzt war, an dem Charles das Haus Pierre Brossiers verlassen hatte; sehr viel plauderten sie auch von der Zukunft. In dem Augenblicke, in dem Colombe mit beredteren Worten, als es meine Feder vermag, das Gemälde der Glückseligkeit entwarf, die sich jetzt, nachdem sie sich so heiß geliebt, sich einer dem anderen mit der höchsten Selbstverleugnung geopfert hatten, die Hand reichten, ehe sie in die Ewigkeit traten, die allein eine wahre Vereinigung herstellt, gelangten sie auf den Gipfel eines Hügels, von wo aus sie den Ozean in seiner ganzen Unermeßlichkeit sich vor ihnen ausbreiten sahen. Die Hitze des Tages war drückend gewesen. Große Wolken von kupfrig schwarzer Färbung häuften sich über ihnen auf und zogen schwer von Osten gegen Westen. Aber diese Wolken hatten den Horizont im Westen noch nicht bedeckt, und durch eine breite Spalte, die dem Herde einer Schmiede glich, sah man die Sonne in ihrem Untergange siegreich gegen die doppelte Finsternis des Sturmes und der Nacht kämpfen. Das Meer flammte wie eine große Feuerpfanne, seine Wellen wallten auf und nieder, als waren sie Wogen von Lava gewesen. Näher an die Küste heran waren die Gewässer des Ozeans, deren Oberfläche nicht ein Hauch bewegte, so finster wie der Himmel, von Zeit zu Zeit aber zuckte ein Flammenstrahl aus dem glühenden Krater, und die schwärzliche Fläche erglänzte von blutigen Reflexen. Colombe hatte ihr Pferd angehalten und blieb stumm, in den Anblick dieses großartigen Schauspieles ganz versunken. Große Regentropfen fingen an zu fallen. Der Wind erhob sich, er trieb den Staub des Weges in dichten Wirbeln auf, und die Windstöße schienen diese bis zu den Wolken emporschleudern zu wollen. Die Färbungen in der Ferne hatten allmählich ihre Intensivität verloren, Himmel und Meer schmolzen am Horizont in einen Streifen tiefen Rotes zusammen; dieser bekam dann eine fahlgelbe Schattierung, und einige Augenblicke später sah man über diese Fläche lange Bänder von weißem Schaum mit großer Schnelligkeit ziehen. Alles kündigte einen schrecklichen Sturm an; die beiden Reisenden hatten noch mehr als eine Stunde bis zur Stadt zurückzulegen, und wie sich Charles auch umsah, er erblickte nirgends eine Hütte, in der sie Schutz suchen konnten. Er sagte Colombe, daß sie sich beeilen müßten, und setzte ihr Pferd in Trab. Nachdem sie einige hundert Schritte zurückgelegt hatten, wurde Colombe durch seinen immer kürzer werdenden Atem beunruhigt; sie beschwor ihn, zu ihr auf das Pferd zu steigen, da nur auf diese Weise ihr Fortkommen geschwinder vonstatten gehen könne. Charles willigte ein. Er schwang sich in den Sattel, hüllte seine Gefährtin in seinen Mantel, umschlang die zarte Taille der jungen Frau mit seinem Arm und behielt nur die linke Hand frei, um das Pferd leiten zu können; er gab ihm die Sporen und setzte es in Galopp. In diesem Augenblicke brach die ganze Gewalt des Sturmes los. Die Donnerschläge folgten sich ohne Unterbrechung; Kaskaden von Flammen ergossen sich über Himmel und Erde, der Wind heulte, und in sein Stöhnen mischte sich das heisere Rauschen des empörten Meeres; die Bäume am Wege schüttelten ihre Wipfel mit düsterem Gestöhn. Der Regen goß in Strömen, und bald wurde die Finsternis so dicht, daß Charles den Weg nur unterscheiden konnte, wenn der Himmel sich öffnete, um einer riesenhaften Feuerschlange den Durchgang zu gestatten. Die junge Frau hatte den Arm um den Hals ihres Gefährten geschlungen und verbarg ihr Gesicht an seinem Wamse. Ihr Herz schlug stürmisch, und diese Schläge vereinigten sich mit dem Zittern von Charles' Herzen. Eine eigentümliche Erregung bemächtigte sich des jungen Mannes. »Colombe, Colombe!« rief Charles plötzlich mit zitternder Stimme, »so sterben, aneinander Brust an Brust vom Blitz getroffen zu werden, ist das nicht der einzige Preis, mit dem Gott unsere Prüfungen belohnen könnte? Zucke, du Blitz, heule, Sturm, möge sich die Erde öffnen! Wenn ich dich so durch die Ewigkeit tragen kann, will ich den Blitzstrahl, den Sturm und das Erdbeben segnen!« Die junge Frau erhob den Kopf von der Brust ihres Gefährten. »Sprich nicht so, Charles,« sagte sie mit dem Ausdruck herzzerreißender Angst; »Charles, du beleidigst die noch warme Asche.« Aber Charles hörte nicht auf sie. Er schien die Beute einer tollen Trunkenheit geworden zu sein, als wenn das Feuer dieses Sturmes in seine Adern übergegangen wäre. Er hatte die Zügel fallen lassen, seine Sporen wühlten mit Wut in den Flanken des Pferdes und gaben dem Laufe des letzteren eine schwindelnde Schnelligkeit. Seine Arme drückten Colombe mit unbeschreiblicher Leidenschaft fest an sein Herz, und die junge Frau fühlte seine brennenden Lippen, die so heiß wie glühende Kohlen waren, auf ihrer Stirn. In diesem Augenblicke spaltete ein Blitz die Wolken und erhellte eine Sekunde lang die Finsternis mit seinem blendenden Feuer. Colombe stieß einen Angstschrei aus, denn als sie das bleiche Gesicht, das dicht über dem ihrigen war, als ihre Blicke diese glühenden, mit Blut unterlaufenen Augen sahen, die sich auf sie wie die eines Geiers auf einen Sperling, den er zerreißen will, hefteten, glaubte sie ein Teufelsgesicht vor sich zu sehen. Mit übermenschlicher Anstrengung versuchte sie, sich aus Charles' Armen zu reißen und vom Pferde zu stürzen, aber es schien, als ob sie Eisenbande zurückhielten. »Charles, Charles, Gnade, Mitleid!« stöhnte sie mit erlöschender Stimme, »im Namen deines Bruders, im Namen Gottes!« Charles antwortete mit einer Gotteslästerung. In demselben Augenblicke zerriß die Wolke, als ob der Blitz, den er angerufen hatte, seiner Stimme gehorsam wäre, und spie Flammen aus: ein Feuerstrahl umgab sie; zehn Schritte von dem Orte, an dem sie sich befanden, wankte ein Apfelbaum und stürzte zu Boden. Das Pferd, toll vor Schrecken, bäumte sich und schlug rückwärts über, ehe die, welche auf ihm saßen, sich über das, was geschehen war, Rechenschaft geben konnten. Die Heftigkeit des Sturzes hatte Colombe aus den Armen meines Ahnen gerissen. Er erhob sich zerquetscht und verwundet, aber er dachte an Colombe und vermochte nicht das Blut zu fühlen, das an ihm herabfloß. Er suchte sie vergeblich in seiner Nähe. Dann rief er ihren Namen. Niemand antwortete ihm; er hörte nichts als das Geräusch des Regens, der die Erde peitschte, und den Widerhall des Hufschlags seines Pferdes, das, nachdem es wieder aufgesprungen war, nach der Stadt zu davonjagte. Endlich gelangte er dazu, sich davon Rechenschaft geben zu können, daß neben der Stelle, an der er gestürzt, ein tiefer Graben den Weg einfaßte; er stürzte sich mehr hinab, als daß er hinunterstieg. Er fand auch sogleich den Körper Colombes, aber dieser Körper war unbeweglich und schien entseelt. Vergebens versuchte er, sie in das Leben zurückzurufen; alle seine Bemühungen waren unnütz wie seine Gebete, seine Seufzer, sein Geschrei, wie auch sein herzzerreißender Hilferuf, den der Wind in seinem Brausen mit sich forttrug. Er nahm hierauf Colombe in seine Arme und begann verzweifelnd querfeldein zu laufen, ohne zu wissen, welche Richtung er einschlage – so groß war die Verwirrung seines Geistes. Als er durch eine Hecke brach, zerrissen ihm deren Zweige das Gesicht, aber in demselben Augenblicke bemerkte er ein Licht, das zwischen dem Laube eines Gartens, in den er eingedrungen war, funkelte; er fühlte nicht seine Schmerzen. Er eilte vorwärts, fand eine Tür, erschütterte sie durch einen Fußtritt, und mehr erschöpft von der schrecklichen Erregung des Abends als durch das Blut, das er verloren hatte, unter dem Gewichte seiner Last erliegend, fiel er ohnmächtig auf die Schwelle nieder. – Es verging lange Zeit, bis ihm die Besinnung wiederkehrte. Als er zu sich kam, wankte seine Vernunft in dem Gehirn, das ihm leer schien; vergebens suchte er sich auf das, was geschehen war, auf den Ort, wo er sich gegenwärtig befand, zu besinnen. Die Sonnenstrahlen, die durch ein ziemlich hohes, aber schmales Fenster in das Zimmer fielen, beschienen ihn hell und blendeten seine Augen, als er sie halb öffnete. Dennoch hatte er den schönen Kopf eines jungen Mädchens mitten in den Lichtstrahlen gesehen, die ihn mit einem Heiligenscheine umgaben; sie saß in der Fensternische und schien beschäftigt, die Stengel einiger Feldblumen zu einem Bukett zusammenzubinden. Wahrscheinlich machte er auf seinem Lager eine Bewegung, denn das schöne junge Mädchen erhob sich und trat ihm näher. Als er sie auf sich zukommen sah, fand Charles schnell den Namen und die Gedanken, die ihm verlorengegangen waren, wieder. Dieser Name war der Colombes. Seine Gedanken spiegelten sich in der Angst ab, mit der er ihn aussprach. Das junge Mädchen schwieg darauf. »Und Colombe, Colombe?« wiederholte mein Ahne, indem er die Hände gegen die Fremde ausstreckte, um sie mit dieser Bewegung, wie in seinem Herzen, um Antwort anzuflehen. Er fühlte, daß zwei heiße Tränen auf seine Hände niederfielen; er sah, wie sich die beiden schönen Augen, aus denen diese Tränen gekommen waren, auf ihn mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids richteten. Darauf begann das junge Mädchen, vor einem hölzernen Christusbilde, das über dem Kamine befestigt war, niederknieend, zu beten. Diese Tränen und das Gebet einer Fremden hatten ihre stumme und ergreifende Beredsamkeit; mein Ahne begriff, daß Colombe tot sei, seine Kräfte verließen ihn, und von der Unermeßlichkeit seines Schmerzes vernichtet, verlor er zum zweiten Male das Bewußtsein. Ein heftiges Fieber bemächtigte sich seiner. Er hatte heftige Anfälle von Raserei. Dann sank er in eine Art Erstarrung, die mehrere Tage anhielt. In der ersten Periode dieses Zustandes glaubte er mehr als einmal die anmutige Figur des jungen Mädchens zu sehen, die sich über sein Bett beugte und den Kranken angstvoll betrachtete. Als er aber erst seine ganze Besinnung wiederhatte, war sie es immer, die seine Blicke suchten, wenn er erwachte, er fand sie dann aber niemals bei sich. Eine alte gute Frau hatte die Stelle seiner reizenden Krankenwärterin ersetzt. Hin und wider sah er auch seinem Bette einen Mann sich nähern, dessen Gesicht ihn eigentümlich betroffen machte, denn es schien ihm, daß er diesem Manne nicht zum ersten Male begegne. Eines Abends, als Charles eben erwacht war, trat sein Wirt in das Zimmer, ergriff seinen Arm und zählte aufmerksam die Pulsschläge; dann sagte er: »Mit Freuden kann ich bestätigen, daß der Tod Sie dieses Mal nicht gewollt hat, Herr von Longval.« Bei dem Tone dieser Stimme waren die Erinnerungen meines Ahnen bestimmt geworden; er hatte den Fremden wiedererkannt, den der Chevalier von Blignac zum Abendessen im »Klaren Anker« eingeladen, denselben, der ihm so eigentümliche Worte gesagt hatte. Er setzte sich in seinem Bette auf, schüttelte herzlich die Hand, welche die seinige hielt, und sagte mit traurigem Lächeln: »Mein Herr, wenn Sie ein ebenso sicherer Prophet sind, wie Sie sich als guter Arzt gezeigt haben, so hätten Sie vielleicht ruhig den Tod sein Geschäft an mir verrichten lassen sollen.« Dann fügte er in traurigem Tone hinzu: »Wollen Sie mich wohl an die Stelle führen, wo sie ruht?« Der Herr des Hauses war weit davon entfernt, Charles' Bewegung zu teilen; sein mürrisches Gesicht drückte mehr schlechte Laune als Mitgefühl aus. »Herr von Longval,« sagte er, »Sie scheinen mir von Ihrem Zufalle und Ihrer Krankheit weit genug wieder hergestellt, daß eine Reise von einer Stunde keine bösen Folgen mehr für Sie haben kann. Ein Mann von mir führt in dieser Nacht einen Karren nach Dieppe; er wird Sie ohne Anstrengung nach Hause bringen, und der Wächter des Kirchhofes wird Ihnen den Dienst erweisen, den Sie von mir verlangen.« Obwohl mein Ahne die sonderbaren Formen dieses Mannes schon kannte, war er über diese Roheit erstaunt, die sich so schlecht mit der ihm erwiesenen Sorgfalt vertrug. »Sei es so,« sagte er. »Ehe wir uns aber trennen, mein Herr, werden Sie mir wenigstens sagen, wie man Sie nennt.« »Beten Sie für die, welche leiden, Herr von Longval, und Sie werden auch für mich gebetet haben. Meinen Namen zu kennen, würde Ihnen nicht von Nutzen sein, und wenn Sie mir wirklich einigen Dank für die Gastfreundschaft, die ich Ihnen zuteil werden ließ, schuldig zu sein glauben, so beweisen Sie ihn dadurch, daß Sie nicht mehr in mich dringen.« »Dürfte ich nicht wenigstens ihr Lebewohl sagen, die –« Der Mann unterbrach ihn rauh, indem er in finsterem Tone rief: »Reisen Sie ab! Wir sind uns schon zweimal in der Welt begegnet, Herr von Longval; Gott gebe, daß es das letztemal gewesen sei!« Dann half er meinem Ahnen, sich anzukleiden; dieser fand auf dem Hofe einen kurzen Karren, vor den ein Pferd gespannt war, und neben diesem Karren eine Art von Bauer von riesenhafter Gestalt, der ihn zu erwarten schien. Er wandte sich um, seinem Wirte zum letzten Male zu danken, aber dieser war schon in das Haus getreten und hatte die Tür hinter sich zugeschlossen. In diesem Augenblick, als der Karrenführer, der eine große Ungeduld, abzufahren, an den Tag legte, dem Offizier behilflich war, in den Karren zu steigen, glaubte dieser zu bemerken, daß der Vorhang des einzigen Fensters der oberen Etage, das erleuchtet war, sich bewege und daß die reizende Figur des jungen Mädchens, das er am Morgen gesehen hatte, hinter den Vorhängen verschwinde. Der schwere Karren rüttelte und setzte sich in Gang. Umsonst versuchte er den Karrenführer zum Sprechen zu bringen; dieser schien entschlossen, genau der Weisung, stumm zu bleiben, die er wahrscheinlich erhalten hatte, Folge zu leisten. Alles, was er erfahren konnte, war, daß das Haus, in dem er eine so großmütige Gastfreundschaft gefunden hatte, sich das »verwünschte Gehöft« nannte. Als er in sein einsames kleines Zimmer zurückgekehrt war, bemerkte Charles mit Schrecken, daß ihm das Andenken an das schöne junge Mädchen von dem »verwünschten Gehöft« dahin gefolgt war und daß er nicht mehr den Schatten der Toten vor sich beschwören könne, ohne daß ein anderes Bild sich zwischen diesen Schatten und ihn stellte.   Von diesem Augenblick seines Lebens an beginnt mein Ahne seine eigene Erzählung. Manuskript Charles Sansons Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit maß unsere Schultern nach dem Kreuze, das er uns zum Tragen auflud. Ein großer Kummer trübte mein jugendliches Alter, aber statt ihn zu bekämpfen und durch vernünftige Überlegung, Kasteiungen und Gebet zu besiegen, gefiel ich mir so darin, ihn zu unterhalten, daß man mir eher das Leben als meine törichte Liebe hätte nehmen können und daß diese Knechtschaft meinen Geist vorbereitete, allen den heftigen Entschlüssen zu folgen, die meinem Herzen gefallen würden, ihm aufzuerlegen. Im Jahre 1662 war ich Leutnant im Regiments des Herrn Marquis von La Boissière, das, nachdem es im Jahre 1658 unter dem Herrn Vicomte Turenne die Kampagne mitgemacht hatte, in der man Bergen und Gravelingen nahm, nach der Stadt Dieppe in Garnison gelegt war. In diesem Jahre 1662 starb mein älterer Bruder, der Rat, in der Stadt Abbeville, wo er wohnte, und dies war für mich eine große Trauer und Schmerz, um so mehr, als Colombe Brossier de Limeux, seine Witwe, einige Tage später auf sehr grausame Weise diese Welt verlassen mußte. Infolge eines Sturzes mit meinem Pferde, der mein Leben in große Gefahr gebracht hatte, wurde ich nach dem Hause eines armen Mannes getragen, der dieses Haus innehatte, das man das »verwünschte Gehöft« nennt und das außerhalb der Mauern der Stadt Dieppe in der Nähe des Kirchhofes an dem Wege nach Neufchâtel liegt, an einer Stelle, wo es keine anderen Häuser gibt. Dieser Mann handelte an mir wie der barmherzige Samariter; er wusch und verband meine Wunden und entließ mich nicht eher, als bis ich geheilt war. Ich nahm aber aus seinem Hause ein anderes, viel schlimmeres Übel als das, welches er geheilt hatte, mit: ich verließ sein Haus, verliebt in ein Mädchen namens Margarita, das sein einziges Kind war. Anfangs wollte ich nicht daran denken. Der grausame Verlust, den ich in den Personen meines vielgeliebten Bruders und meiner teuren Schwägerin erlitten hatte, erfüllte mein Herz mit Trauer, und ich beschloß, sie mein ganzes Leben lang zu beweinen. Aber die Entschlüsse der Menschen sind nur Chimären, und wider meinen Willen sah ich während des Tages und während der Nacht das Bild derer, an die zu denken ich mir als ein Verbrechen vorwarf. Um diese Zeit war ein Cousin von mir, der Paul Bertaut hieß, in Handelsgeschäften nach Dieppe gekommen, da er zu denen gehörte, die Neu-Frankreich in Indien besaßen, bevor unser König und Herr es aus ihren Händen kaufte. Obgleich ich damals schon meinesgleichen infolge des mir widerfahrenen Mißgeschicks und Elends haßte und die Einsamkeit ihrer Gesellschaft vorzog, liebte ich Paul Bertaut, den ich kennengelernt hatte, als ich auf den Schiffen des Königs vor Quebeck lag, doch sehr. Paul kannte nicht die wahre Ursache meiner bösen Stimmung und Melancholie, dennoch gab er sich alle Mühe, mich zu zerstreuen und mir Vergnügen, sowohl durch seine eigene Gesellschaft als durch die eines Herrn Valvins von Blignac, zu verschaffen, der wie ich eine Leutnantsstelle in dem Regimente des Herrn Marquis de la Boissière innehatte und ein tapferer und sehr lustiger Kamerad war. An einem Herbsttage, als wir alle drei am Ufer des Meeres im Hause Isaak Crocheteus speisten, erklärte mein Cousin Paul im Tone eines Aufschneiders, daß er vor Ablauf des Monats das schönste Mädchen, das in der Stadt Dieppe und ihren Vorstädten sei, zu seiner Geliebten gemacht haben wollte. Der Herr von Blignac, der seiner Natur nach auch ein großer Schmeichler und voller Lobeserhebungen für den war, der sich gern von ihm betrügen ließ und seine Schmausereien bezahlte, bestätigte diese Versicherung, als ob er die Dirne kenne. Ich fühlte mich sehr erregt, und mein Herz begann lauter zu schlagen, denn ich hatte schon bemerkt, daß mein Cousin seit einigen Tagen die wilde Feldblume, die sich so nennt, Gänseblume (franz. Marguerite), große Wucherblume (Chrysanthemum Laucanthemum). wie diejenige heißt, an die ich immer dachte, im Knopfloche trug, und ich hatte mir bereits eingebildet, es geschehe ihr zu Ehren. Als ob ich einem allmächtigeren Willen, als es der meinige war, hätte nachgeben müssen, erhob ich mich von der Tafel und verließ unter dem Vorwande, daß ich nach dem Schlosse gehen müsse, meine Gefährten. Ich machte einen Umweg, ging durch die Vorstadt Pollet und kam auf dem Fußsteige von Braacquemont nach dem verwünschten Gehöfte an der Straße von Neufchâtel, die ich bisher nicht mehr betreten, weil sie mir schon so viel Unglück gebracht hatte. Als ich zwischen die Apfelbäume des Gartens hindurch das Häuschen Margaritas erblickte, kam mir den Gedanke, wieder nach Hause zu gehen; aber ich konnte mir noch so viel vorpredigen, ich ging doch in der Richtung auf das Häuschen zu. Ich hatte ihren alten Vater nur zweimal gesehen. Bei dem zweiten Male, nachdem er mich wieder hergestellt, hatte er mir mit allen Arten von wilden Drohungen verboten, sein Haus wieder zu betreten, was ich seinem Ärger darüber, daß ich seine Tochter freundlich angeblickt hatte, zuschrieb. Ich ging deshalb nicht auf die Tür zu, denn ich fürchtete, daß er bei seiner mir bekannten Gemütsart die Unschuldige strafen könne; ich ging um den Garten herum, den nur eine Hecke von wilden Rosen einfaßte, und da ich bemerkte, daß Margarita dort spazierenging, nahm ich diesen Vorteil wahr, den mir ein so entlegener Ort wie dieser Garten darbot, sprang schnell über die Hecke und eilte zu ihr. Die Lügen sind kein großer Fehler für den, der mehr oder weniger liebt, und man kann sogar von ihnen sagen, daß sie zur Liebe gehören. Ich erzählte dem jungen Mädchen, daß ich, weil ich ihrem Vater nicht hätte danken dürfen, ihr diesen Dank für ihre Sorgfalt und milde Pflege hatte aussprechen wollen. Dann gestand ich ihr ohne jede weitere Einleitung und als wenn ich mich nicht genug damit hätte beeilen können – so sehr trieb mich die Furcht, daß mir irgendein anderer zuvorkommen könne – meine Liebe. Das junge Mädchen errötete, aber sie war nicht erzürnt; indessen sah ich wohl, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten, und als ich sie fragte, warum sie weine, antwortete sie mir, daß ich sie nicht lieben dürfe, daß eine solche Bekanntschaft großes Unglück über mein Haupt bringen werde; dann gebot sie mir und bat mich, so schnell als möglich zu gehen, da jeden Augenblick ihr Vater in den Garten kommen könne. Ich blieb nur eine kurze Zeit bei ihr, wiederholte ihr, was ich ihr schon gesagt hatte, und kehrte dann ganz aufgeregt nach der Stadt zurück. Aber am nächsten Tage kehrte ich wieder nach dem »verwünschten Gehöfte« zurück, und ich kam auch die folgenden Tage dahin. Hin und wieder sah ich sie nicht, zu anderen Malen sah ich ihren Vater, wie er mit ihr im Garten spazierenging; wieder ein anderes Mal war es der Knecht, der arbeitete, oder die Magd pflückte Gemüse; ich war dadurch gezwungen, mich versteckt zu halten und mich damit zu begnügen, daß ich die von fern beobachten konnte, die zu sehen ich nie müde wurde. Von Zeit zu Zeit war sie aber auch allein, und so kurz auch unsere Unterhaltung dann war, sie reichte hin, mich in meinem Fieber noch mehr zu bestärken. Als ich eines Abends mit dem Herrn Balvins von Blignac, der vom Trinken sehr erhitzt und ganz freundlich war, bei Tische saß, antwortete er mir, als ich mich über ihn lustig machte und scherzend von der schönen Freundin Pauls und dem schändlichen Handwerke sprach, das er, wenn dies wahr wäre, bei dieser Gelegenheit getrieben hätte, mit Augenblinzeln, daß nichts wahrhafter sei und daß, dank seinen guten Diensten, mein Cousin zur Stunde, die wir gerade hatten, das Wohlwollen des schönsten Mädchens, dem man je begegnen könne, genieße. Da mir in der Welt niemand reizender erschien als Margarita, wurde ich von neuem unruhig. Ich quälte ihn mit meinen Fragen; er hielt mich ein wenig hin; da man aber zu den schlechten Eigenschaften des genannten Herrn von Blignac auch die zufügen konnte, daß er der größte Schwätzer von der Welt war, so löste sich bald seine Zunge. Er erzählte mir, daß, da das junge Mädchen sich unzugänglich gezeigt und weder für Gold noch Liebe etwas bewilligt habe, Paul Bertaut seinem Rate zufolge bei dem Apotheker der Stadt eine Arznei, die einschläfere, gekauft und sie dem Knecht, den er bestochen, zugesteckt habe. Der Knecht sollte sie denselben Abend zwischen seine Herrin und die Magd teilen. Er fügte noch hinzu, daß der Vater und der Knecht in dieser Nacht abwesend sein sollten, und da das Haus ganz einsam liege, so würde das Mädchen gewiß meinem Cousin überlassen sein. Ich war sprachlos und sah nichts mehr; ich erhob mich zugleich so ungestüm, daß ich mit meinem Schemel den Tisch und die Gläser umwarf. Mein Degen und meine Kopfbedeckung lagen auf einer Bank; ich ergriff nur den Degen, und ihn aus der Scheide ziehend, lief ich wie ein Unsinniger durch die Stadt. In dem Augenblicke, als ich mich dem Hause näherte, bemerkte ich den Schatten eines Mannes, der sich längs der Mauer hinschlich. Ich rief: »Hollah!« Der Mann ergriff die Flucht, aber nicht so schnell, daß ich ihn nicht bald eingeholt und erkannt hätte, daß Herr von Blignac mich keineswegs belogen habe und daß der, welcher den Plan gehabt, so feige das schlafende Mädchen zu überfallen, mein Cousin sei. Ich zog ihn weiter mit mir fort, und ganz erregt von Zorn und Schmerz, warf ich ihm bitter seine unehrenhafte und ungerechte Aufführung vor, indem ich ihm vorstellte, welch großes Verbrechen es sei, ein Mädchen zu verderben, das um so achtungswerter, als sie arm und von niedrigem Stande sei, und daß er ihr alles nähme, wenn er ihr die Tugend raubte. Mein Cousin senkte den Kopf und erwiderte, ganz beschämt, kein Wort. Wäre ich mit ihm allein geblieben, so hätte ich ihn ohne Zweifel zur Reue zurückgeführt, denn seine Laster waren nur Laster der Jugend und schlechter Bekanntschaften; die Ankunft des Herrn Balvins von Blignac verdarb aber alles. Ich änderte den Ton, wandte mich an ihn und drückte ihm sehr unwillig aus, was ich von der Rolle dachte, die er in dieser Sache gespielt hatte. Ich sagte ihm noch, daß er seit den sechs Monaten, während deren Herr Bertaut in der Stadt sei, sich alle Mühe gegeben habe, ihn in Ungelegenheiten zu bringen, indem er ihn zum Spiel, Trinken, Ausschweifungen und allen Arten von Schändlichkeiten verleitete. Herr von Blignac antwortete dadurch, daß er meinen Cousin verspottete, solche Ermahnungen zu dulden, indem er nach seiner Gewohnheit scherzte und schwur, daß, wenn ich mich erzürnt habe, dies der Fall sei, weil ich selbst Absichten auf die Schöne habe, daß ich ihm Rechenschaft für die Worte, die auf seine Rechnung kämen, geben müsse, oder daß er sie mir wieder in die Kehle zurücktreiben werde, und hierauf zog er seinen Degen und griff mich an, wobei er meinem Cousin zurief, er solle mich seinerseits auch angreifen, und das junge Mädchen werde dann dem Sieger als Beute verbleiben. Mochte die Liebe ihm den Kopf verdreht haben, oder fühlte er sich durch die Spöttereien und Possen des Herrn von Blignac aufgereizt, Paul Bertaut schämte sich nicht, den Degen gegen seinen Verwandten und Freund zu ziehen und mich zu derselben Zeit anzufallen, in der Blignac auf mich eindrang. Ich verteidigte mich nach besten Kräften, indem ich mich zurückzog, um an den Bäumen Deckung zu finden; als aber Herr von Blignac einen Stoß nach mir geführt hatte, verwundete ich ihn durch einen guten Degenstich so schwer an der Handwurzel, daß seine Waffe auf die Erde fiel, wo ich mit dem Fuß darauf trat, mich ihrer bemächtigte und sie weit fortwarf. Herr Paul Bertaut trug seinerseits eine Schmarre im Gesicht davon und ich einen ganz unbedeutenden Stich in die Schulter. Nun ließen die beiden Kameraden von mir ab und flohen fluchend und mir zurufend, daß morgen Tag sein würde und daß wir dann miteinander weiterfechten könnten, ohne Gefahr zu laufen, uns gegenseitig die Augen auszustechen. Als ich sah, daß sie fort waren, entschloß ich mich nichtsdestoweniger, die ganze Nacht dazubleiben – so sehr fürchtete ich diesen Herrn von Blignac, einen genug verräterischen und schlimmen Menschen, um Paul Vertaut überreden zu können, daß er meine Entfernung benutze, um sich zu rächen. Als ich um Mitternacht noch immer nichts sich im Hause regen hörte, und zwar trotz des Lärmes, den wir gemacht hatten, begann ich zu fürchten, daß jener verdammte Schlaftrunk sowohl das junge Mädchen als die Magd getötet haben könne, und das war es, was mich verderben sollte. Der Spitzbube von Knecht hatte, seiner Verabredung mit Paul Vertaut gemäß, die Tür halboffen gelassen; ich trat in das Haus und stieg die Treppe hinan, die zu der Kammer des armen Kindes führte. Hier – ich gestehe es mit großer Beschämung und Reue – verlor ich allen Nutzen von den weisen Ratschlagen und Lehren, die ich Paul Bertaut vorgepredigt hatte. Als ich das junge Mädchen, in das ich verliebt war, so schön und fest schlafend auf ihrem Lager sah, ging meine Tugend dahin wie Rauch, den der geringste Wind fortweht, und ich zeigte mich nicht zurückhaltender und klüger, als Paul es gewesen wäre; ich fürchtete mich nicht, ein Verbrechen zu begehen, das ich ihm gegenüber so scharf getadelt hatte. Als ich am anderen Morgen in meiner Wohnung war, kam der Bediente Paul Bertauts zu mir und brachte mir die Nachricht, daß sein Herr mich auf dem Platze Puits-Sale erwarte. In dem Glauben, daß er mich fordern wolle, nahm ich meinen Degen und folgte dem Bedienten. Auf dem genannten Platze fand ein großer Zusammenlauf von Menschen statt, und ich war sehr erstaunt, daß Paul Bertaut gerade diesen Ort gewählt hatte, um uns zu unterhalten oder einander zu töten, wie ich es auch schon über die Art gewesen war, in der er mir seine Forderung zugeschickt hatte. Aber Paul Bertaut zeigte, als ich ihm begegnete, weder Zorn noch Groll über das, was sich in der Nacht zugetragen hatte. Weit davon entfernt, reichte er mir die Hand, die ich nicht annahm, da ich mich noch recht gut erinnerte, daß er sich mit dem Herrn von Blignac gegen mich verbunden hatte. Er zeigte mir ein Schafott, das in der Mitte des Platzes vollständig hergerichtet war, und lud mich ein, es von dieser Seite zu betrachten. Ich tat es und erkannte in einem Manne, der gerade einige Knaben an den Schandpfahl befestigte, meinen Wirt aus dem Hause in dem »verwünschten Gehöft« und den Vater meiner Geliebten. Dabei sagte mir Paul Bertaut, daß, nachdem er erfahren habe, daß seine Schöne die Tochter Meister Pierre Jouannes, des Scharfrichters der Stadt Rouen und der Grafschaft Dieppe, sei, er mir dafür danke, daß ich sie für mich genommen habe, denn er wolle in keine Beziehung mit dem Geschlechte des Henkers treten. Jetzt war die Reihe an mir, auf ihn loszugehen, aber es war eine solche Menschenmenge um uns, daß wir fast sofort getrennt wurden, und ich kehrte sehr betrübt und auf grausame Weise gebeugt in meine Wohnung zurück. Als die Stunde kam, in der ich nach dem Schlosse gehen mußte, verließ ich meine Wohnung, ohne irgendeinen Entschluß gefaßt zu haben, weder für noch wider. Unterwegs hielt ich mich schon für überzeugt, daß meine Bekannten sich von mir abwenden würden, und im Schlosse sah ich sehr bald, daß diese Herren vom Regimente des Herrn de la Boissière mich an diesem Tage viel kälter empfingen, als sie es sonst zu tun pflegten. Da ich niemals eine besondere Freundschaft mit jemandem unterhalten hatte, machte ich mir darüber keine große Sorge, und als die Exerzitien vorüber waren, ging ich, in meine Gedanken versunken, fort. Ich wählte meinen Weg nicht, indessen hatte mich die Allmacht der Gewohnheit den gefühlt, den ich alle Tage einschlug, und ehe ich mich dessen versah, befand ich mich wieder dem »verwünschten Gehöfte« gegenüber. Margarita stand in der Tür; sie hatte mich gesehen, und selbst wenn ich hätte umkehren wollen, wie ich es nicht tat, so würde ich es aus Höflichkeitsrücksicht nicht gekonnt haben. Ich ging also zu ihr und fand sie so bleich und entstellt, daß die Gewissensbisse, die mich schon quälten, sich in grausame Angst verwandelten. Da Meister Pierre Jouanne, ihr Vater, noch nicht mit seinem Geschäfte in der Stadt fertig war, ging ich mit ihr im Garten umher; ich wagte kaum, mit ihr zu sprechen, war aber so glücklich, bei ihr zu sein, daß ich, als ich Abschied genommen hatte, mir gestehen mußte, es würde einfältig von mir sein, wenn ich, der eine so reizende Freundin besaß, sie aus eiteln Skrupeln verließe, und daß, wenn auch Meister Jouanne, der Vater, räderte und würgte, doch nicht ein Tropfen Blut an den Händen klebte, die sie mir zu küssen erlaubte. Und in der Tat kehrte ich am nächsten und an den folgenden Tagen wieder, und an allen diesen Tagen – und zwar noch mehr als früher– erlaubte sie mir keine Vertraulichkeiten, und ich wagte nicht, mich darauf zu berufen, was ich ihr wie ein Dieb gestohlen hatte. Meine Freundschaft für sie, wenngleich sie auch die Tochter des Henkers war, wurde immer größer, ich liebte sie nicht weniger, als wäre sie die Tochter eines Königs gewesen, und mochte nicht an den Beruf und das Handwerk ihres Vaters denken. Inzwischen war Herr Valvins von Blignac wieder hergestellt und von seinem Degenstiche geheilt, und nun begann er gegen mich durch alle Arten von Schändlichkeiten und Lügen so gut zu intrigieren, daß, als ich eines Tages zu den Exerzitien gegangen war, die Herren taten, als ob sie mich gar nicht sähen, und nicht einmal den Hut vor mir zogen. Sehr erzürnt kehrte ich nach meiner Wohnung zurück, wo mein Diener mich von dem Anteil in Kenntnis setzte, den Herr Valvins von Blignac an meinen Widerwärtigkeiten hatte, denn es war von nichts anderem im Regiments die Rede, nur ich allein wußte es nicht, da ich ein so einsames und zurückgezogenes Leben führte. Da ich Herrn Valvins von Blignac sofort fordern wollte, ging ich aus, um mir einen Sekundanten zu suchen. Aber alle, an die ich mich wandte, antworteten mir rund heraus mit »Nein«, ohne mir gute oder schlechte Gründe für ihre Weigerung angeben zu wollen, selbst bis zu den einfachen Kornetts herab, die sich nicht einmal die Mühe gaben, das Mißbehagen, das ihnen ein solcher Vorschlag verursachte, zu verheimlichen. Ich dachte, es würde das beste sein, zu dem selbst zu gehen, der der Urheber dieser Bewegung war, und von ihm Genugtuung für die von ihm verbreiteten Lügen zu fordern; ich machte mich also auf den Weg, um irgendeinen Edelmann aus der Stadt um seine Unterstützung zu bitten, als gerade mein Diener kam, um mich im Auftrage des Herrn Marquis de la Boissière, der mich sofort zu sprechen verlangte, zu suchen. Ich begab mich in seine Wohnung, wo ich den genannten Herrn Marquis in heftiger Aufregung und großem Zorne fand. Mit gewaltigen Flüchen schrie er mich an, daß ich, nicht damit zufrieden, die Befehle und Warnungen unseres Herrn und Königs in bezug auf das Duell bereits überschritten zu haben und abermals überschreiten zu wollen, durch meine schmutzige Liebschaft mit der Tochter des Henkers das Regiment entehre, und dann belegte er, ohne mir Zeit zu lassen, nur ein einziges Wort erwidern zu können, den Namen des armen Mädchens mit den gehässigsten Beiwörtern, indem er Worte gebrauchte, die ich aus Achtung für ihr Andenken nicht zu wiederholen wage. Als ich dies hörte, erhitzte sich mein leicht erregbares Temperament, und ich brauste so heftig gegen den auf, dem ich große Ehrfurcht für sein Alter und seine Stellung schuldig war, daß der Herr Marquis de la Boissière mich aufforderte, sein Zimmer zu verlassen und im Schlosse in Arrest zu gehen, bis er über mein Benehmen an den König berichtet habe. Ich war nicht mehr Herr meiner selbst, zog meinen Degen und zerbrach ihn über meinem Knie, indem ich dem Marquis sagte, er könne sich das Schreiben an den König, um mir meine Leutnantsstelle zu nehmen, ersparen, denn sobald ich zu Hause wäre, würde ich das Patent mit meinen eigenen Händen zerreißen, wie ich mit meinen Händen diesen Degen zerbrochen hätte. Ich ging nun, hielt mich aber nicht in meinem Quartiere auf, da ich fürchtete, daselbst durch die Leute des Herrn Marquis de la Boissière verhaftet zu werden. Ich steckte einiges Geld, das ich noch besaß, zu mir, sattelte mein Pferd und verließ, sobald ich im Sattel saß, die Stadt in großer Eile. Ich hatte bereits beschlossen, zu Lande die Nordküste zu gewinnen und mich in irgendeinem Hafen nach Westindien einzuschiffen, woselbst ich wieder in meinen alten Stand als Seemann treten wollte. Indessen wollte ich nicht eine so große Reise antreten, ohne meiner Freundin Lebewohl gesagt zu haben. Ich hegte die Hoffnung, sie bestimmen zu können, daß sie mein Schicksal in einem Lande teile, wo niemand das Handwerk ihres Vaters kennen werde. Um sie zu diesem Entschlusse, mich zu begleiten, zu bringen, wollte ich ihr gestehen, wie ich ohne ihr Wissen durch eine verbrecherische Handlung mich bereits zu ihrem Herrn gemacht habe. Dicht außerhalb der Mauern wandte ich mich rechts nach dem »verwünschten Gehöft«. Ich war ganz überrascht, die Fenster des Saales verschlossen zu sehen, denn es war noch nicht spät. Erst als ich ganz nahe war, bemerkte ich Lichtstrahlen, die durch die Risse einer Tür drangen, welche zu einem an das Haus stoßenden Schuppen führte, und gleichzeitig glaubte ich ein Stöhnen zu vernehmen, das aus diesem Schuppen kam. Obgleich ich nicht leicht zu erschrecken pflege, erinnere ich mich doch noch, daß ich zitterte und schauderte wie ein Laub im Winde. Ich hatte mein Pferd an einen Baumstamm gebunden; ich selbst stellte mich an die bezeichnete Tür, legte mein Auge an die breiteste Spalte, und bei dem, was ich erblickte, sträubten sich mir die Haare auf dem Kopfe. Margarita, meine geliebte Margarita lag auf dem Lederbette ausgestreckt, das dazu dient, die peinliche Frage zu stellen; ihr Henker von Vater, der eher einem Tiger als einem Menschen glich, hatte ihr den spanischen Stiefel angelegt. Der spanische Stiefel sollte das Bein des zu Befragenden zwischen vier eichenen Brettern zusammenpressen. Diese Bretter waren durchlöchert und durch die Löcher zog man Schnüre, um das Bein fester zu pressen. Der Henker trieb nun mit einem hölzernen Schlägel Stückchen Holz (Keile) zwischen jene Bretter, so daß er die Glieder beinahe zerbrach. Mit seiner eigenen Vaterhand trieb er vermittelst eines hölzernen Schlägels den Keil ein, der ganz vom Blute seines Kindes gerötet war, und bei jedem Schlage sagte er in wütendem Zorne zu ihr: »Gestehe, gestehe!« – und die Arme rief, sich in Tränen und mit Angstgeschrei zurückwerfend, alle Heiligen des Paradieses und Gott zum Zeugen ihrer Unschuld an. Ich sah dieser Grausamkeit kaum eine halbe Minute zu, denn ich hatte schon einen Balken aufgerafft, der am Boden lag, und mit einem einzigen Stoße, denn Gott hatte mir eine Kraft verliehen, die ich nie an mir gekannt hatte, zertrümmerte ich die Tür, wie es eine Artilleriepetarde getan haben würde. Als Meister Jouanne mich erkannte, warf er den hölzernen Hammer von sich, und nachdem er das große Schwert gezogen hatte, das ihm dazu diente, die Edelleute zu enthaupten, bedrohte er mich nicht etwa, sondern schwang es um den Kopf seiner Tochter und tat einen schrecklichen Schwur, daß, wenn ich nur Miene mache, ihr zu helfen, er sofort dieses Haupt von dem Halse, der es trug, abschlagen werde. Ich fiel schreiend und stöhnend auf die Knie, wie gleichzeitig die arme Margarita schrie und stöhnte. Meister Jouanne fragte mich nun, weshalb ich zu ihm käme und ob ich ihm den Namen des Verführers brächte, den er vergeblich von seiner Tochter durch die Tortur zu erzwingen versucht habe. Da gestand ich ihm meinen Fehler und bewies ihm, daß ich allein der Schuldige sei, nicht sein heiliges, tugendhaftes Kind. Als der wilde und so grausame Meister Jouanne dies gehört hatte, warf er sich vor dem Torturbette, in Tränen ausbrechend, nieder; er nahm den spanischen Stiefel vom Beine seiner Tochter ab und, dieses ganz blaue und zerquetschte Bein zärtlich in seine Hände nehmend, küßte er die Wunden und verband die zerrissenen Stellen, wobei er sie mit so schmerzlicher Bewegung um Verzeihung anflehte, daß seine Verzweiflung einem Felsen Tränen hätte entlocken können. Dann klagte er laut über das schändliche Benehmen elender Menschen auf dieser Welt und sagte, Gott hätte alle armen Mädchen häßlich und abschreckend erschaffen sollen, weil Tugend und Keuschheit sie nicht vor den Begierden der Edlen und Mächtigen schützten. Ich trat näher und teilte ihm meinen Plan mit, mein Vaterland zu verlassen; ich erklärte ihm, daß ich Margarita gern als meine Gattin mit mir nehmen wolle. Meister Jouanne zeigte sich bewegter, als ich ihn je gesehen hatte, aber er blieb fest, und sich zu seiner Tochter wendend, sagte er, daß sie die Antwort zu erteilen habe. Sofort ergriff das junge Mädchen seine Hände, die sie so hart angegriffen und mit Blut bedeckt hatten, küßte sie und erwiderte, daß sie ihren Vater, der nur sie allein als Trost und Stütze in seinem einsamen Leben habe, nicht verlassen wolle, wenn ich ihr auch den Thron Indiens, wohin ich sie führen wolle, anbieten könnte. Meister Jouanne umarmte seine Tochter sehr innig und zeigte mir die Tür, wobei er rief, er sei Henker, aber nicht Mörder, er wolle mich an diesem Tage nicht töten, aber ich möge mich hüten, in der Stadt oder Umgegend wieder zu erscheinen, wenn mir mein Leben lieb sei. So ging ich denn gesenkten Kopfes und mit zerrissenem Herzen; als mein Fuß die Schwelle der Tür berührte, hörte ich hinter mir lautes Schluchzen, und als ich mich umdrehte, sah ich Margarita ohnmächtig in den Armen ihres Vaters. Ich eilte zu ihr. Meister Jouanne stieß mich sehr roh zurück. Als ich nun an der Verzweiflung des Mädchens sah, daß ihre Seele ebenso bekümmert über diese Trennung war wie die meinige, und als ich erkannte, daß sie mich ebenso liebte wie ich sie, konnte mich nichts mehr bestimmen, fortzugehen. Ich bat daher den Vater, mir Margarita zur Frau zu geben, und sagte, daß wir alle drei in irgendeine ferne Gegend, wo wir unbekannt leben könnten, ziehen wollten. Aber dieser Vorschlag sagte ihm ebensowenig zu wie die früheren. Er antwortete mir, daß dieser späte Wechsel seines Handwerks seinen Schwiegersohn nicht abhalten werde, ihn zu verachten und diese Verachtung auch auf sein Kind zu übertragen, daß dieses, da es zu seinen Gunsten auf den eigenen freien Willen verzichtet habe, nur dann mein werden könne, wenn meine Liebe stark genug wäre, dem Hasse und dem Schimpfe zu trotzen, die ihrer beider Erbteil sei. Wenn ich ohne Scham die Tochter des Henkers verführt habe, könne ich meinen Fehler nur dadurch wieder gutmachen, daß ich selbst Henker werde wie er. – Hier endigt das Manuskript meines Ahnen. Er gibt ebensowenig den Schluß seiner Geschichte, als er uns über die Vorfälle seines Lebens, die vorausgegangen waren, Bericht erstattet. Colombe und Margarita hatten wahrscheinlich seinem Herzen zwei Wunden geschlagen, die ohne Aufhören bluteten und an die er nur mit Schmerz und Widerstreben rührte. Die Folgen dieser beiden bis zum Wahnsinn getriebenen Leidenschaften waren ungleich, aber beide traurig. Er heiratete Margarita Jouanne. Ich finde in dem Protokoll einer zu Rouen vollzogenen Hinrichtung den Beweis, daß der wilde Meister Jouanne von seinem Schwiegersohne verlangte, daß er die Bedingungen ihres Handels rücksichtslos erfülle. Dieses Protokoll sagt: »Da Meister Pierre Jouanne, der Scharfrichter, dem genannten Martin Eslau die Glieder zu zerbrechen hatte, zwang er seinen neuerdings verheirateten Schwiegersohn, einen Schlag mit der Eisenbarre auf den Delinquenten zu führen, wobei genannter Schwiegersohn in Ohnmacht fiel und von der Volksmenge mit Spottgelächter begrüßt wurde.« Dieses Glück, das Charles Sanson so teuer erkauft hatte, sollte wie ein Traum vorübergehen. Margarita verließ ihn bald, um in eine bessere Welt zu gehen, nachdem sie ihm einen Sohn geschenkt hatte. Sie starb an der Krankheit, die man die Auszehrung nennt und deren Sitz mehr in der Seele als im Körper liegt. Der Henker von Paris Ankunft in Paris Zu Ende des Jahres 1685 verließ mein Ahne Charles Sanson von Longval die Normandie, wo er die Asche dieser Margarita Jouanne zurückließ, die er mit einer so traurigen Mitgift geheiratet hatte. Er nahm den Vorschlag, der ihm gemacht wurde, an, nach Paris zu kommen und seine provinzielle Jurisdiktion mit der der Hauptstadt des Königreichs zu vertauschen. Die lange Reihe der plötzlichen Todesfälle, die auf den Stufen des Thrones die königliche Familie dezimiert hatten, die geheimnisvollen Prozeduren der Chambre ardente, dieses Gerichtshofes, der bei Gelegenheit der Wiederanwendung des durchdringenden Giftes der Borgia, das man das Sukzessionspulver genannt hatte, errichtet worden war, das alles hatte aufgehört, und nichts würde die ruhige Klarheit des Horizontes getrübt haben, wenn eine der unpolitischsten Handlungen unserem Vaterlande, das unglücklicherweise nur zu sehr an die religiösen Streitigkeiten gewöhnt war, nicht eine neue Ära von Widerwärtigkeiten bereitet hätte. Ich meine die Widerrufung des Edikts von Nantes. Auch andere Umstände verdüsterten die erste Zeit des Aufenthaltes Sansons von Longval zu Paris. Bei seiner Ankunft hatte er in dem Hause des Schandpfahles bei den Hallen wohnen müssen, das von dem Volke mit dem Namen »das Hotel des Henkers« belegt worden war. Nichts als eine solche Wohnung war weniger geeignet, die Melancholie, die an ihm nagte, zu zerstreuen. Dieses Haus war ein düsterer achteckiger Bau, auf dem sich eine durchbrochene Haube von Holz befand, die sich auf einem Pivot drehte und in einen spitzen Glockenturm auslief. Die Verbrecher, die zur Strafe des Schandpfahles verurteilt waren, wurden in dieser Laterne befestigt, in der man ihnen der Reihe nach das Gesicht nach den vier Himmelsgegenden drehte. Man wird sich erinnern, daß diese Art von Ausstellung gewöhnlich an den Markttagen stattfand, damit ihr eine desto größere Volksmenge beiwohne und durch ihre Spöttereien und Verhöhnung noch mehr zur Demütigung beitragen könne. Die Nebengebäude bestanden aus einem Pferdestall und einem Anhange in Form eines Schuppens, wo man die Nacht über die Körper der Hingerichteten aufbewahrte, ehe sie begraben wurden. In diesem sonderbaren Schuppen lernte das Haupt meiner Familie einen eigentümlichen Ehrgeiz kennen, als er diese Opfer seines grausamen Berufes, diese bleichen Körper betrachtete, denen er eine letzte und traurige Gastfreundschaft gewährte. Wenn er dadurch, daß er den Tod gab, die Geheimnisse des Lebens finden könnte! Wenn er, ehe er diesen menschlichen Körper auf den Schindanger warf, wie ihm befohlen worden, ihn untersuchte, statt zu dem tötenden Schwerte zu dem Messer greifend, das mit Fleiß durchwühlt, die Mysterien des Organismus sondierte, um daraus nützliche Erfahrungen zur Erleichterung der menschlichen Leiden und zu dem großen Kampfe des Lebens gegen den Tod, der das unwiderstehliche Gesetz der Natur ist, zu ziehen! Dieser Gedanke bemächtigte sich ganz und gar seines Geistes, und gewiß war er in der Nacht, als er ihn zum ersten Male zur Ausführung brachte, nicht weniger erregt als André Bésale, der sich über die religiösen Skrupel seiner Zeit fortsetzte und zuerst die Ehrfurcht vor den Toten zu verletzen wagte, um die Fackel der Anatomie anzuzünden. Seine Bemühungen blieben nicht unfruchtbar; wir haben von ihm interessante Beobachtungen über das Spiel der Muskeln und der Gelenke sowie mehrere Rezepte gegen die Affektionen dieses Teiles des Organismus aufbewahrt gefunden. Das Studium der Anatomie und die Bereitung gewisser Hilfsmittel haben sich übrigens in meiner Familie erhalten. Keiner von uns hat sich davon zurückgezogen, und wir hatten unter anderem einen Balsam, dessen Wirksamkeit gegen die eingewurzeltsten Schmerzen anerkannt war. Wir verkauften diese Mittel sehr teuer, ich gebe es zu, aber nur der Aristokratie und reichen Leuten, den Armen gaben wir sie umsonst; das glich sich wieder aus. Ich kehre jetzt wieder zu Sanson de Longval zurück. Die Wohnung in dem Hause des Schandpfahls, das mitten auf einem lärmenden und bevölkerten Markte lag, umgeben von Buden, die dazu gehörten, schien ihm weder heimlich genug für seine Arbeiten, noch paßte sie für seine Gemütsstimmung. Diese Erwägungen bestimmten Sanson von Longval, sein Haus des Schandpfahls zu verlassen, weil sein Amt ihn nicht nötigte, daselbst zu wohnen. Es gab damals in Paris ein fast wüstes Stadtviertel, das man Neu-Frankreich nannte; es ist die Stelle, die heute ein Teil des Faubourg Poissonnière einnimmt. Nach Neu-Frankreich, neben der Sankt-Annenkirche, verlegte Charles Sanson seine Wohnung, nachdem er das Haus des Schandpfahles für sechshundert Livres, für damalige Zeit eine bedeutende Summe, vermietet hatte. Wir werden später sehen, daß meine Familie sich in diesem Viertel fest einrichtete und es nicht mehr verließ. Nur ich habe es aufgegeben, als ich nach meiner Verzichtleistung mit allen Erinnerungen an die Vergangenheit brechen wollte. Die ersten Jahre nach der Ankunft Charles Sansons von Longval in Paris bieten nichts Bemerkenswertes. Fast alle Todesurteile wurden durch eine Kammer des Parlaments erlassen, die sich die Kriminalkammer nannte. Die gerichtlichen Formen waren kurz und summarisch. Wenn ein Angeklagter darauf bestand, das Verbrechen, das man ihm zur Last legte, zu leugnen, befahl der Hof meistens die vorbereitende Frage, und man suchte ihm durch schreckliche Qualen das Geständnis zu entreißen, das er verweigerte. Wenn in anderen Fällen die Schuld durch hinreichende Beweise festgestellt schien, so fügte die Kriminalkammer, indem sie das Todesurteil erließ, hinzu, daß der Verurteilte, ehe er zur Hinrichtung geführt würde, der gewöhnlichen und außergewöhnlichen Frage unterworfen werden solle, um seine Mitschuldigen, wenn er solche hätte, anzugeben. Dieses Geschäft des Torturmeisters gehörte glücklicherweise nicht zu den Amtspflichten des Scharfrichters, es wurde von Beamten, die besonders angestellt waren, verwaltet. Einer meiner Großonkel war mit diesem Amte bekleidet, denn es scheint, daß man in meiner Familie gezwungen war, alle diese Scheußlichkeiten miteinander zu vereinigen. Er hat darüber Berichte hinterlassen, bei denen einem die Haare zu Berge stehen. Ich will ein für allemal dieses Verfahren angeben. An dem Tage, an dem das Urteil vollzogen werden sollte, begab sich der erste Kommis der Kriminalkanzlei, von einem Huissier des Châteletplatzes begleitet, in die Torturkammer. Dies war ein großer düsterer Saal, damit man nicht deutlich die Gesichtszüge sehe, und hermetisch verschlossen, um zu verhindern, daß das Schmerzgeschrei nach außen dringe. Der Verurteilte wurde darauf eingeführt, man ließ ihn niederknien und las ihm laut das Urteil vor. Dann wurde er ergriffen, gebunden und von dem Torturmeister auf der Folterbank ausgestreckt. In diesem Augenblicke traten zwei Parlamentsräte ein, abgeordnete Kommissarien, um ihn zu befragen. Das Verhör begann sogleich. Zwischen jeder Frage wurde eine neue Tortur bei dem Delinquenten angewandt; man preßte ihm die Glieder in einem Schraubstock, man zerriß ihm das Fleisch und zerbrach ihm die Knochen. Warum sollte man auch noch diesen Körper schonen, der am Abend ein Leichnam sein würde? Auf wiederholte Aufforderungen, die man an ihn richtete, daß er seine Mitschuldigen nennen solle, antwortete der Unglückliche meistens nur durch Schmerzgeschrei und Seufzer. Mehrere kamen bei diesen schrecklichen Qualen um; man berechnete, was ihnen noch an Kräften bleibe, um zu leiden, und manchmal täuschte man sich in dieser häßlichen Rechnung. Die Stärksten konnten nicht dieser barbarischen Probe über eine gewisse Grenze hinaus widerstehen. Wenn blutiger Schaum auf ihre Lippen trat und der Schweiß des Todeskampfes sich auf den bleichen Schläfen zeigte, beeilte man sich, sie loszubinden und auf einer Matratze auszustrecken. Das kam fast immer beim achten spanischen Stiefel vor. Wenn unter die Protokolle über die peinliche Frage, die wir noch haben, die schwache Hand des Gequälten nur noch unleserliche Züge setzen kann, die ebensoviel Blutflecke zu sein scheinen, so sind die Unterschriften der Richter und des Kanzleischreibers nicht von sichererer Hand. Man sieht, wie plötzlich eine Art von Fieber sich aller handelnden Personen bei dieser schrecklichen Szene bemächtigt hat, wie der, der die Fragen stellt, nicht mehr hört, der, welcher schreibt, die Feder konvulsivisch über das Papier laufen läßt, ohne Buchstaben zeichnen zu können. Die Erregung bringt bei ihnen dieselbe Wirkung hervor wie das Leiden bei dem Schlachtopfer. So war noch zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts der letzte Tag eines Verurteilten. Abends überlieferte man dem Scharfrichter, was noch von diesem menschlichen Wesen übriggeblieben war. Der Kanzleischreiber und der Huissier begleiteten diese Trümmer bis zu dem Orte der Hinrichtung, ermahnten ihn ein letztes Mal, seine Mitschuldigen zu nennen, und zogen sich dann zurück, nachdem sie ihn feierlich gegrüßt hatten. Ich finde, daß in diesem Gruße etwas sehr Düsteres lag, noch viel schrecklicher als das »Ave, Caesar, morituri te salutant« der Märtyrer. Nun kam die Reihe an den Scharfrichter. Er mußte ein so gut begonnenes Werk der Zerstörung vollenden: mit einer Eisenbarre die Gelenkverbindungen dieser verstümmelten Glieder zerbrechen und diesen noch nicht toten Leichnam mit gegen den Himmel gerichtetem Gesichte auf ein Rad befestigen, bis er ausgeatmet hatte. Warum wurde das Gesicht gen Himmel gewandt? Geschah es, damit der Unglückliche bis dahin einen Schrei der Rache für die menschliche Grausamkeit emporsenden könne? Ich will erst später auf die Prozesse unter Ludwig XIV. zurückgreifen und jetzt Geschehnisse erzählen, die erst kurz vor meines Ahnen Tode spielen, aber in gewissem Sinne die Fortsetzung der Geschichte des Henkers bilden. Der Bettler Sanson von Longval war immer fromm gewesen, aber in den letzten Jahren seines Lebens erfüllte er die religiösen Pflichten mit noch größerem Eifer. Es war damals Brauch, daß etwa zwanzig Bettler beiderlei Geschlechts sowohl an der Kirchhofstür als unter der Halle des Gebäudes Platz nahmen. Mein Ahne ging selten an diesen Bettlern vorüber, ohne ihnen ein Almosen zu reichen. Er hatte unter denen, welchen er auf diese Weise zu Hilfe kam, einen Greis bemerkt, der ihm seinerseits, sobald er vorüberging, stets mit auffälliger Aufmerksamkeit nachblickte. Dieser Mann konnte etwa sechzig Jahre alt sein; weder Alter noch Elend hatten die Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge angegriffen. Mit seiner hohen und kahlen, vielfach gefurchten Stirn und dem langen grauen Barte, der ihm bis auf die Brust hinabhing, konnte man ihn leicht für das Bild eines der Christenapostel halten, der aus einer der gotischen Nischen der Kirchenhalle herabgestiegen sei. Aber mit dem Kopfe hörte auch diese Ähnlichkeit auf, und die Menschlichkeit zeigte sich von da ab in ihrem ganzen Schrecken. Das Oberteil der Beinkleider dieses Bettlers war auf dem Schenkel zerrissen und zeigte dem öffentlichen Mitleid ein schreckliches Geschwür auf dem Beine. Leider schien nur dieses Geschwür, das man für hundertfach tödlich halten mußte, von ganz besonderer Art zu sein, denn es veränderte sich niemals, weder zum Guten noch zum Schlechten. Während fünf Jahren, in denen Sanson von Longval den Bettler an der Tür der Kirche Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle sah, fand er jedesmal dasselbe Leiden unverändert, dasselbe bläuliche wilde Fleisch, und man hätte dabei an ein Wunder glauben können, wäre es nicht natürlicher gewesen, zu vermuten, es sei nur eine Täuschung, die der Mann mit der Unverschämtheit oder Naivität der damaligen Bettler sich täglich unverändert zu erneuern erlaubte. Diese Überzeugung, welche den Armen in die Kategorie jener Freibeuter versetzte, die das öffentliche Mitleid durch Simulierung von Krankheiten in Anspruch nehmen, würde meinen Ahnen bestimmt haben, ihm kein Almosen mehr zu geben, wenn der Bettler nicht ein Kind bei sich gehabt hätte, dessen Fürbitte der alte Scharfrichter nichts abschlagen konnte. Als Charles Sanson dieses Kind zum ersten Male sah, war es ungefähr zehn Jahre alt, und er war betroffen über die Schönheit und Originalität seines Gesichts. Das Mädchen schien den orientalischen Rassen anzugehören, von denen die Zigeuner in Frankreich noch zahlreich genug waren, um den Typus zu bewahren. Sie hatte große Augen von schwarzer Samtfarbe, purpurne Lippen, reiches, leicht gelocktes Haar, die bewunderungswürdigen Zähne der Böhminnen und den äußerst lebendigen Blick, welcher diese charakterisiert. Aber ihr Teint war noch tiefdunkler, als es gewöhnlich der der Frauen von dieser Kaste ist. Sie nannte den Bettler ihren Vater, dieser sie seine Tochter und bezeigte ihr eine große Zärtlichkeit. Sein empfindungsloses Gesicht belebte sich, wenn er den Spielen des Kindes zwischen den Gräbern des Kirchhofes mit dem Blick folgte; das Lächeln dieses Kindes rief auch ein solches auf seine Lippen, die sonst gegen jeden anderen Ausdruck als der jämmerlichen Psalmenweise, welche sie murmelten, unempfindlich zu sein schienen. In der Vorsicht, die er anwandte, das Kind zu schützen oder ihm einige Augenblicke der Ruhe an seiner Seite, den Kopf gegen seinen Schemel gestützt, zu verschaffen, mischten sich Gefühle, wie man sie nur im Herzen einer Mutter erwarten konnte. Wenn indessen die Wunde des Bettlers den Vorzug hatte, sich in den Jahren nicht zu verändern, so hatte sein Kind doch nicht dasselbe Privilegium. Es wurde größer, und je größer, von desto auffälligerer Schönheit, die selbst unter den Lumpen, die die Jungfrau trug, hervortrat. Jedesmal, wenn Sanson ihr begegnete, dachte er betrübt an das häßliche Los, das dem schönen Wesen bald zuteil werden mußte, und er fragte sich, ob die größte Mildtätigkeit, die er für sie üben könne, nicht der Versuch sein würde, sie dem ihr vorbehaltenen elenden Schicksal zu entreißen. Als er eines Morgens aus der Messe kam, nahm Sanson von Longval den Moment wahr, wo sich das junge Mädchen entfernt hatte, näherte sich dem Bettler, setzte ihm seine Gefühle über jenen Punkt auseinander und schlug ihm vor, ihn an einige mitleidige Personen zu weisen, die dadurch, daß sie seine Tochter in einem Erziehungshause unterbrächten, dem armen Kinde eine ehrenwerte Existenz sichern könnten. Eine lebhafte Bewegung hatte sich in dem Gesichte des Bettlers gemalt, als mein Ahne zu ihm getreten war, aber kaum hatte dieser seinen Vorschlag auseinandergesetzt, als sich bei ihm eine lebhafte Ungeduld zu erkennen gab. Er unterbrach ihn dadurch, daß er sein Anerbieten mit großem Zorne zurückwies, und als Sanson von Longval zu sprechen fortfuhr, sagte er in einem Tone, der bewies, wie groß seine väterliche Zärtlichkeit sei: »Wer würde mich denn noch lieben, wenn sie nicht mehr da sein würde?« Von diesem Tage an kam das junge Mädchen nicht nur nicht an meinen Ahnen heran, um ihn um eine Gabe zu bitten, sondern, wenn er vorüberging, sah er sie auch mit spöttischem Ausdruck lächeln, und der alte Bettler drehte absichtlich den Kopf von ihm ab. So verflossen einige Monate. Als Sanson von Longval sich wie immer eines Morgens nach der Kirche begab, fand er den Armen und seine Gefährtin nicht mehr auf ihrem gewöhnlichen Posten, und auch die nächsten Tags bemerkte er sie nicht. Darüber erstaunt, befragte er ihre Genossen, aber diese konnten ihm keine Auskunft geben. Einige Tage später gab der Schandpfahl der Hallen der Stadt ein Schauspiel, das großes Aufsehen machte. Jean Bourret, der Prokurator des Königs, François le Tourneur, der Assessor, und Pierre de Manoury, der Prevot, die der Untreue in dem Prozesse eines Edelmannes namens Charles de Gonbert des Ferrières überführt worden, den sie, um sich seiner Güter zu bemächtigen, an den Galgen gebracht hatten, waren zur Landesverweisung und Ausstellung am Schandpfahle verurteilt worden. Der Zusammenlauf des Volkes war vor den Pfeilern der Hallen unermeßlich, und obgleich es gerade ein Markttag war, waren es gegen die sonstige Gewohnheit nicht gerade Landleute, die sich da in Masse eingefunden hatten. Sanson von Longval, der seinen Sohn begleitet hatte, unterschied in der Menge manche ihm bekannte Gesichter, die bewiesen, daß die »Böhmische Armee« sehr neugierig war, zu sehen, was für Figuren die, welche die Gewohnheit gehabt, andere in die fatale Laterne zu schicken, jetzt selbst darin machten. Als Sanson sich abends zurückgezogen hatte und gerade in die Rue de Puits-d'Amour eintrat, hörte er lautes Lachen und wandte den Kopf danach um. Die Lacherin war ein schönes Mädchen, das soeben am Arme eines Taugenichtses aus einem Wirtshause kam und in dem er, obgleich es mit fast prächtiger Eleganz gekleidet war, sofort die Tochter des Bettlers von Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle wiedererkannte. Diese hatte ihrerseits auch gleich den Greis wiedererkannt, der so viele Geldstücke in ihre kleine Hand gelegt. Wie durch Zauber hörte ihre Heiterkeit auf, sie zog ihren Begleiter am Arm und verschwand mit ihm in der Finsternis der Straße Mondétour. Eine Verbrecherhöhle im 17. Jahrhundert Seit seiner zweiten Verheiratung verließ Charles Sanson selten nach Sonnenuntergang seine Wohnung. Sein schreckliches Amt zog ihm soviel Feindschaft unter den Übeltätern, mit denen Paris damals überschwemmt war, zu, und das Viertel, in dem er wohnte, war so öde, daß eine solche Vorsicht nur sehr vernünftig gewesen wäre, hätte er nicht noch in dem Reize, den er bei der jungen Frau fand, die sich der Tröstung seines Alters widmete, einen anderen Grund zur Häuslichkeit gehabt. Eines Abends indessen, bald nach der Ausstellung des Prokurators und seiner Kollegen, hatte er sich in der Gasse Saint-Claude hinter den Schlachtbänken verspätet; er mußte mitten in der Nacht in seine Wohnung zurückkehren und war nur von einem einzigen Knechte begleitet, der ihm mit einer Laterne voranging. Ohne Hindernis hatten sie die Straße Saint-Eustache, die Rue Poissonnière und was man damals die Rue Sainte-Anne nannte, die nur eine Verlängerung der Rue Poissonnière war, überschritten, als bei ihrer Ankunft bei der hölzernen Brücke, die damals dazu diente, den sich durch die Felder schlängelnden Kanal zu überschreiten, da wo sich heute die Gebäude des Konservatoriums erheben, fünf oder sechs Männer aus einem Baumgarten, der den Weg begrenzte, auf sie losstürzten und sie angreifen zu wollen schienen. Der Knecht zog sich auf seinen Herrn zurück, aber er hatte noch nicht zehn Schritte auf diesen zu getan, als ihn ein Pistolenschuß – das Pistol fing damals an, die Lieblingswaffe der Banditen zu werden – tot auf den Weg niederstreckte. Mein Ahne hatte schon das breite kurze Schwert, das den Degen an seiner Seite ersetzt hatte, gezogen, und da er so entschlossen wie kräftig war, warf er sich den Anstürmenden entgegen, als einer von diesen, der sich hinter ihn geschlichen hatte, ihn mitten um den Körper faßte und ihn dadurch hinderte, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Einen Augenblick später war Sanson von Longval an den Boden geworfen, geknebelt und gebunden mit einer Geschicklichkeit, die wohl anzeigte, daß die, mit denen er zu tun hatte, auf die eine oder die andere Weise einige Erfahrung darin erlangt hatten. Ein Mann von riesenhafter Figur, der eine Art von Pilgerkutte trug, lud ihn auf seine Schultern, und die ganze Bande setzte sich mitten durch die Felder und Baumanlagen so in Marsch, daß einige vorausgingen und die anderen den Gefangenen umgaben. Als sie auf der Höhe der Grange-Batelière waren, deren Licht mein Ahne durch die Bäume erblickte, hielten sie mitten auf einem Felde an. Der, welcher Sanson von Longval trug und den seine Kameraden den Coquillard Ein als Pilger verkleideter Bettler. nannten, machte jetzt einen Sack los, den er wie ein Bandelier über der Schulter getragen hatte; er zog ihn dem Gefangenen über den Kopf und befestigte ihn gut um seinen Hals, so daß er nun auch nichts mehr sehen konnte, nachdem er schon stumm gemacht worden war. Die Banditen hatten nur eine Sorge: ihren Gefangenen irrezuführen. Mochte dem Coquillard die Last auf seinen Schultern zu schwer werden oder man einen Weg bei bewohnten Häusern zurückzulegen haben, er löste den Strick, der die Beine Sanson von Longvals zusammengehalten hatte, nahm den einen Arm des alten Scharfrichters, einer seiner Gefährten bemächtigte sich des anderen, und so zwangen sie ihn, zwischen ihnen zu gehen. Die Unterhaltung seiner Führer hörte plötzlich auf, und sie bemühten sich, das Geräusch ihrer Schritte zu unterdrücken; Sanson von Longval begriff, daß sie sich an einem bewohnten Orte befinden müßten. So gingen sie etwa hundert Schritte fort, dann hielten sie an, und mein Ahne spürte durch die schlechte Leinwand, die ihm als Maske diente, den scharfen und üblen Geruch von heißem Fett, der den Pariser Kneipen eigen ist. Man flüsterte um ihn, er hörte das dumpfe Knarren einer Falltür und fast zugleich einen tumultuarischen Lärm von Gesang, Geschrei und Lachen, der aus der Erde heraufzudringen schien. Seine Führer ließen ihn eine Leiter hinabsteigen. Die Worte derer, denen er sich näherte, wurden immer bestimmter; das Geschrei: »Der Henker! Der Henker!« und ironische Beifallsrufe vereinigten sich zu einem höllischen Konzert, aber in dem Augenblick, wo der Fuß des Scharfrichters die letzte Leiterstufe verließ, befahl eine Stimme Schweigen, und der Lärm hörte sofort auf. Dieselbe Stimme wies darauf diejenigen, welche »den Herrn Beamten des Königs« führten, an, die Fesseln und den Knebel abzunehmen, was auch sogleich geschah. Aus der großen Vorsicht, die man bei ihm gebrauchte, hatte Sanson von Longval geschlossen, daß man ihm nicht an das Leben wolle; dennoch erkannte er, als er die Augen frei hatte, daß er sich mitten in einer Gesellschaft der furchtbarsten Banditen der Stadt befinde. Als der Lärm, den die Gegenwart des Henkers hervorbrachte, aufgehört hatte, nahmen alle diese Personen ihre unterbrochenen Beschäftigungen wieder auf. Die einen spielten, andere tranken, einige, die mit leiser Stimme zueinander sprachen, schienen irgendwelche Unternehmungen zu verabreden. Die Ältesten und Jüngsten beschäftigten sich mit den Mädchen, großen und starken Frauenzimmern mit blitzenden Augen und kühnen Gebärden, von deren Gesichtern man bloß das Profil zu sehen brauchte, um ihnen den Platz, der ihnen in der Gesellschaft zukam, anweisen zu können. Sanson von Longval wußte, wie nützlich es ihm sein würde, nicht eingeschüchtert zu erscheinen; er war entschlossen, zuerst das Wort zu ergreifen und die Leute zu fragen, was sie von ihm wollten, als ein Greis, den er noch nicht bemerkt hatte und der ganz in eine Partie, die er mit einem seiner Gefährten spielte, vertieft war, die Absicht des Gefangenen zu erraten schien und ihm durch einen Wink mit der Hand Schweigen und Geduld gebot. Sanson von Longval glaubte seine Zeit nicht besser anwenden zu können, als sich diesen Greis zu betrachten, der, nach der Achtung zu urteilen, die ihm alle Anwesenden bezeugten, die erste Rolle an diesem Orte spielte. Es war eine sonderbare, fast phantastische Figur. Er schien bereits die letzte Grenze des Menschenalters erreicht zu haben; seine Haut war fahl, verschrumpft und mit Runzeln bedeckt, die keinen anderen Zweck zu haben schienen, als einen unbeschreiblichen Eindruck zu machen. Das Spiel hatte ihn so erhitzt, daß er, unbesorgt darüber, seinen kahlen Schädel zu entblößen, seine Perücke abgenommen hatte, die nun ein großes rothaariges Mädchen, das neben ihm saß, nicht ohne eine gewisse Ehrerbietigkeit wie einen Falken auf ihrer Hand trug. Er war mit einem dunkelgelben Wamse und ebensolchen Hosen bekleidet und trug hohe Stiefel von Büffelleder mit silbernen Sporen. Der Schnitt seiner Kleider war ein wenig altmodisch, ihre Stickerei glanzlos und schadhaft, aber er trug sie mit einem Stolze, der mit der geborgten Eleganz seiner Genossen in großem Widerspruche stand, und in der Art und Weise, wie er den langen Degen mit eisernem Korbe, der am Bandeliere hing, zwischen seinen Beinen hielt, lag eine Leichtigkeit, die mehr an den Edelmann als an den Banditen erinnerte. Das Glück war ihm nicht günstig; er verlor und warf die Karten mit einem gaskognischen Fluche, bei dem mein Ahne erzitterte, weit von sich. Das Gesicht des Greises hatte keine Erinnerung in ihm erweckt, aber diesen Fluch glaubte er schon oftmals von einer Stimme gehört zu haben, die sonderbarerweise derjenigen ähnelte, die ihn soeben ausgestoßen hatte. Indessen war der alte Spieler auf die Tonne gestiegen, die ihm soeben noch als Tisch gedient hatte; durch eine Handbewegung rief er alle Anwesenden um sich zusammen, und dann wandte er sich an Sanson von Longval mit affektierter Höflichkeit, und indem er es vermied, sich des Diebsidioms, in dem sich seine Genossen ausdrückten, zu bedienen, fragte er ihn, ob er wirklich der Scharfrichter der Stadt Paris sei. »Ja,« erwiderte mein Ahne in rauhem Tone. »Was wollen Sie von mir? Ihresgleichen vermeidet mich gewöhnlich eher, als es mich sucht.« Bei dieser Antwort verzog sich der Mund des Greises zu einer Grimasse, die zweifellos ein Lächeln vorstellen sollte, und er erwiderte mit liebenswürdiger Miene: »Cap de Dions! Ich schwöre Ihnen, mein lieber Herr, daß Sie sich in uns täuschen.« »Nun kurz, was wünschen Sie? Warum haben Sie mich zum Gefangenen gemacht und hierher geführt? Warum haben Sie meinen Knecht ermordet?« »Das sind Kleinigkeiten von geringer Wichtigkeit; man macht keine Omelette, ohne Eier zu zerschlagen. Kommen wir direkt zu dem, mein lieber Herr, was uns beschäftigen soll. Wir bedurften Ihrer Dienste, wir hätten sie wahrscheinlich vergebens erbeten und haben es daher so eingerichtet, daß wir sie fordern können; haben wir das nicht gut gemacht?« Sanson von Longval machte nur eine Gebärde der Nichtachtung. »Es gibt hier einen Menschen, der zum Tode verurteilt ist,« fuhr der Greis mit seiner ironischen Kaltblütigkeit fort, »und wir wollen nicht in Ihre Rechte und Privilegien eingreifen. Man wird Ihnen diesen Mann überliefern, und wir hoffen, daß Sie uns nicht die Ehre verweigern werden, Zeugen Ihrer Geschicklichkeit sein zu dürfen.« »Ein Verurteilter?« rief Sanson von Longval, seinerseits in Lachen ausbrechend; »ein Verurteilter? Durch wen ist er verurteilt? Durch das Châtelet, die Kriminalkammer oder den Herrn Polizeileutnant? Sie, der Sie zu mir sprechen, sind wahrscheinlich der Schreiber des Gerichtshofes, und ohne Zweifel werden Sie mir auch die Sentenz in aller Form vorlegen können! Wo ist die Prozedur, wo der Befehl zur Hinrichtung, damit ich sogleich meine Leute beauftragen kann, die Stricke zu schmieren oder das Schwert zu schleifen?« »Mein Herr, Sie sollten überzeugt sein, daß jeder Widerstand unnütz ist. Diese Herren haben beschlossen, sich das Vergnügen einer Hinrichtung nach allen Regeln zu machen, bei der es an nichts fehlen soll, selbst nicht an Ihnen, und wenn Sie wüßten, bis wie weit dieselben ihren Eigensinn zu treiben pflegen, so würden Sie uns mit Ihren überflüssigen Protestationen verschonen. Übrigens, um Ihr Gewissen ganz vorwurfsfrei zu lassen, können sowohl ich wie meine Kameraden Ihnen versichern, daß der Mann, an dem Sie Ihre Talente ausüben sollen, ebenso schuldig ist, als jemals einer am Ende des hübschen Strickes gehangen hat, von dem Sie eben zu uns sprachen.« »Eine schöne Kaution, die Sie mir da stellen!« sagte Sanson von Longval barsch. »Mein Schwert ist, wie Sie wissen müssen, das Schwert des Gesetzes. Ich kann es gegen Sie ziehen, aber nie wird es für Sie seine Scheide verlassen. Wenn Sie Morde zu vollziehen haben, so nehmen Sie Ihre Dolche zu Hilfe; diese werden keine Veranlassung haben, sich zu weigern.« Ein Gemurmel des Zornes durchlief die Versammlung; der Greis machte eine Bewegung, und alles schwieg wieder still. Sanson von Longval begann sich über die Langmut zu wundern, mit welcher der Greis seine Beleidigungen ertrug, und die Vermutung stieg in ihm auf, daß jene einen geheimnisvollen Zweck verdecke. Zwei der Leute, über die er zu gebieten schien, traten aus der Gruppe auf eine enorme Tonne zu, die auf einem Untersatze lag; sie stießen gegen den Boden, der sich nun wie eine Tür drehte. Mein Ahne vernahm ein Stöhnen, das anzeigte, dieser Käfig neuerer Art sei bewohnt, und wirklich zogen die Banditen einen gefesselten Mann heraus und schleppten ihn an den Füßen vor diesen eigentümlichen Gerichtshof. Mein Ahne hatte Mühe, die Gesichtszüge des Gefangenen zu unterscheiden. Der Greis stieg nun von seinem Sitze nieder, nahm eine der Lampen samt der Kette, mit der sie befestigt war, und indem er dieselbe dem Unglücklichen vor das Gesicht hielt, sagte er zu dem Scharfrichter: »Kennen Sie ihn?« Als Sanson von Longval ihm antwortete, daß er diesen armen Menschen schon seit mehreren Jahren unter der Halle von Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle gesehen habe, verzog ein seltsames Lächeln die Lippen des Banditenchefs. In der Tat war es der Bettler, dessen Tochter mein Ahne wenige Tage zuvor begegnet war. Aber er war sehr verändert: seine Augen waren von Tränen rot, und diese Tränen mußten so reichlich geflossen sein, daß sie über seine Wangen Furchen gezogen zu haben schienen. Seine Haltung war gebeugt, und von Zeit zu Zeit zitterten alle seine Glieder unter einem konvulsivischen Schauder, dagegen war das Geschwür auf seinem Beine vollständig verschwunden, und man bemerkte an der Stelle, wo es sich so lange gezeigt hatte, auch nicht eine Spur davon. Seine rollenden Augen richteten sich mit sichtlicher Angst auf die Gesellschaft und versuchten das Gedränge derer, die ihn im Kreise umgaben, zu durchdringen. Als er die Gestalt, die er zu suchen schien, nicht erblickte, ließ er seinen Kopf auf die Brust niederfallen. Der Greis ergriff wieder das Wort. »Meine Herren,« sagte er, »dieser Mann hat seine Brüder bestohlen. In der Familie, deren Haupt zu sein ich die Ehre habe, ist es Sitte, daß von allen Einnahmen, die der Himmel uns schickt, ein Teil beiseite gelegt werde; dieser Teil verbleibt für schlechte Tage als Reserve oder auch für diejenigen unter uns, die in ihren Handelsgeschäften Widerwärtigkeiten erlitten haben. Dieses Geld habe ich diesem Manne anvertraut, und er hat es sich selbst zugeeignet. Als ich von ihm Rechnungslegung forderte, war seine Börse ebenso leer als das Gehirn eines Abbé. Habe ich wahr gesprochen?« Der Bettler machte ein bejahendes Zeichen. »Schändlicher Mensch!« fuhr der Greis, sich an den Bettler wendend, fort; »wie ich, hast du deinen Platz unter den Bettlern selbst gewählt. Du wußtest recht gut, daß die Gesellschaft, welche du hintergingst, ihre Gesetze hat. Du wußtest auch, welche Strafe auf diesen Verrat steht!« »Ich wußte es«, murmelte der Mann. »Der Tod! Der Tod!« riefen alle Anwesenden tumultuarisch. »Tod dem schlechten Menschen! Tod dem Diebe!« Der Greis gebot Stillschweigen. »Du hast den Tod verdient,« sagte er zu dem Bettler, »und du sollst ihn erleiden, aber ich möchte dir wenigstens die Qualen ersparen, die ihn noch schrecklicher machen.« Der arme Teufel machte eine Gebärde, die bezeichnen sollte, daß die Qualen, mit denen ihn der Hauptmann bedrohte, ihm gleichgültig seien. »Sei in deiner letzten Stunde aufrichtig, mein armer Bursche, und bei der Freundschaft, die ich für dich gehabt habe, schwöre ich dir, daß du nicht auf die Tortur kommen sollst, müßte ich auch dein Schicksal teilen. Was hast du mit dem Gelde dieser Leute gemacht?« »Ich habe es dir schon gesagt, Hauptmann,« erwiderte der Bettler, »ich habe es durchgebracht.« »Du lügst – wenn er alt geworden, wird der Teufel Eremit; seitdem du alt geworden, bist du sonderbarerweise geizig geworden. Du lügst, sage ich dir! Du hast das Geld irgendwo vergraben; zeige uns an, wo wir wiederfinden können, was uns gehört!« Der alte Bettler blieb stumm, und die Hitzigsten in der Bande wollten sich auf ihn stürzen. Der Greis schützte ihn noch einmal, aber es war augenscheinlich, daß, so groß sein Ansehen bei den Bettlern auch sein mochte, dieses bald nicht mehr Stich halten werde; er kam auf meinen Ahnen zu. »Also, Herr von Longval,« sagte er zu ihm mit leiser Stimme und indem er besonders den Titel, den er ihm gab, betonte, »dieser Mensch ist für Sie weiter nichts als der Bettler, dem Sie auf dem Kirchhofe von Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle einige Pfennige hinwarfen, durchaus nichts anderes?« Der greise Scharfrichter wich betroffen zurück. Die undeutlichen Erinnerungen, denen er, da sie zu unwahrscheinlich waren, sich nicht zu überlassen gewagt hatte, wurden ihm plötzlich klarer. Er betrachtete die beiden Personen, die er vor sich hatte, genauer, und in einer Sekunde fand er unter ihren verwelkten Gesichtszügen und ihrer pergamentartigen Haut die beiden Gefährten seiner Jugend wieder. »Blignac!« – »Paul!« – Er schrie laut auf und stürzte sich auf den Bettler. »Du bist hier?! Du mitten unter diesen –.« Herr von Blignac ließ ihn nicht aussprechen. »Gottes Tod! Herr von Longval,« sagte er mit der ihm eigentümlichen sarkastischen Betonung, »es scheint mir, daß wir uns gegenseitig keine Vorwürfe zu machen haben; obgleich wir verschiedene Wege gegangen sind, können wir uns doch rühmen, alle drei recht hübsche Karrieren gemacht zu haben.« Die Unverschämtheit, die Herr von Blignac in seiner Erniedrigung bewahrt hatte, empörte Sanson von Longval, aber gleichzeitig fühlte er ein schmerzliches Mitleid mit seinem Vetter, der für sein liederliches Leben so gerecht, aber auch so grausam gestraft worden war. Er kniete neben ihm nieder und versuchte ihn sowohl zu Gefühlen der Reue zurückzuführen, als ihn zu dem Geständnisse, das man von ihm verlangte, zu bewegen. Paul Bertaut blieb aber taub gegen alle Bitten, und als hätte er ihnen ein Ziel setzen wollen, schrie er mit zitternder Stimme: »Ich habe es gestanden – ich habe dieses Geld durchgebracht, ja, ich habe es durchgebracht! Mein Gott, erbärmliche elftausend Livres, was ist denn das? Ich habe schon viel mehr verschwendet! Erinnerst du dich nicht mehr, Hauptmann, als wir uns bei der Rückkehr von Montreal in London aufhielten? Elftausend Livres, Jesus! das reichte für einen Tag hin. Da ich nun gestanden, daß ich euer Geld gestohlen habe, so laßt mich sterben! Laßt mich schnell sterben, ich will, ich will sterben!« Die Leute, welche um ihn her standen, verstanden nichts von dieser Sehnsucht, zu sterben, die sich des Bettlers bemächtigt hatte, und sahen sich mit stummem Erstaunen an. Aber Blignac beugte sich zu seinem alten Freunde nieder und sagte zu ihm: »Ich begreife nicht, was deine Absicht ist, aber ich bin sicher, daß du uns zu betrügen suchst. Die Zeit, von der du sprichst, Paul, liegt weit hinter uns, und du weißt, was heute ein Pfennig wert ist. Sage mir doch, warum du deine Tochter, die du so sehr liebst und von der du dich nie trennst, an demselben Tage aus deiner Wohnung geschickt hast, an dem ich daselbst mit dir abrechnen sollte. Sage mir, warum alle unsere Bemühungen, sie wieder aufzufinden, vergeblich gewesen sind?« Als man von seiner Tochter sprach, funkelten die Augen Paul Bertauts, und ein tiefer Seufzer hob seine Brust, aber er antwortete nicht auf die an ihn gerichteten Fragen. Mein Ahne nahm nun wieder das Wort und erzählte Blignac, wie er am Abend der Ausstellung des Prokurators dem jungen Mädchen begegnet sei, ohne sein Erstaunen über die Toilette, in der er sie gesehen, und das verdächtige Aussehen ihres Begleiters zu verbergen. Der Hauptmann stieß einen lauten Fluch aus und rief, sich erhebend: »Gottes Tod, Schurke! Deine Tochter hat dich bestohlen! Warum sagst du es nicht?« »Bestohlen?« rief der Bettler, der die Beute wilder Verzweiflung wurde und durch eine mächtige Anstrengung sich von seinen Fesseln zu befreien strebte. »Bestohlen? Das ist nicht wahr, hörst du, Hauptmann? Bestohlen? meine Tochter, ein Kind, das seinen Vater so sehr liebt! Ach, großer Gott! wer hat so etwas erfinden können? – Nein, nein, Hauptmann, nicht sie, sondern ich habe den Fehler gemacht! Ich allein bin strafwürdig.« Blignac zuckte die Achseln mit einem Seitenblick auf Sanson von Longval, welcher sagte, daß das, was bisher nur Vermutung, ihm jetzt zur Gewißheit geworden sei. Trotzdem versuchte er noch, seinen alten Freund zu retten, und fragte seine Leute, ob einer von ihnen der Tochter des Bettlers, die sie in ihrer Diebessprache mit dem Namen »Schönauge« bezeichneten, begegnet sei. Einer der Bettler erwiderte, daß er in der Tat glaube, sie in der Postkutsche von Rouen neben einem Individuum gesehen zu haben, das ihm in der doppelten Eigenschaft als Werber und Spion bekannt sei, aber die Kutsche, die gerade abfuhr, war so schnell vorübergerollt, daß es ihm unmöglich geworden sei, sich sicher zu überzeugen, ob sie es auch wirklich gewesen. »Gut,« sagte der Hauptmann, der Zeit zu gewinnen suchte, »Drillon und Marmotte werden nach Rouen reisen, und wenn wir erst wissen, an wen wir uns zu halten haben, wird die Sache dieses Burschen besser stehen.« Ein lautes Gemurmel, das durch die ganze Versammlung lief, bewies, daß die Majorität weit entfernt war, diese Ansicht zu teilen. Die Autorität eines Hauptmannes in dieser »böhmischen Republik« galt mehr dem Namen nach als in Wirklichkeit. Ein solcher hatte nur Einfluß durch seine Stärke und Kühnheit und besonders durch die Teilnehmer, die er zu seinen persönlichen Unternehmungen heranzog. Dies war nun gerade nicht der Fall bei dem alten Kameraden meines Ahnen vom Regiment de la Boissière. Wie Sanson von Longval später erfuhr, hatte Herr von Blignac, nachdem er sich allen Ausschweifungen überlassen und den vollständigen Untergang dessen, zu dessen bösem Geiste er sich gemacht, veranlaßt, vollständig verschuldet und ohne Hilfsmittel bei seiner Rückkehr nach Paris seine erbärmliche Laufbahn dadurch gekrönt, daß er ein Hochstraßendieb wurde und den armen Teufel mit sich in seinen Fall zog. Unter dem Namen Grand-Jacques hatte er eine Bande alter Schmuggler und entlassener Soldaten zusammengebracht und an ihrer Spitze die großen Landstraßen im Osten Frankreichs unsicher gemacht. Sechs Jahre lang führte er dieses Abenteurerleben. Später, als er eine Postkutsche beraubt hatte, die ihm auf sein Teil sechzigtausend Livres einbrachte, hatte er sich in Paris niedergelassen, wohin ihm Paul Bertaut schon vorangegangen war. Dieser hatte von seinen Kreuz- und Querzügen ein Kind mitgebracht, das er von einer zu der Bande gehörigen Mulattin hatte. Seine Liebe zu diesem Kinde übte großen Einfluß auf seine Empfindungen. Er konnte sich zwar nicht entschließen, mit seiner beklagenswerten Vergangenheit zu brechen, diese Liebe brachte ihn aber wenigstens dahin, an den Plündereien nicht mehr direkten Anteil zu nehmen. Da er sich nicht entschließen konnte, sich von seiner Tochter zu trennen, hatte er angefangen, mit ihr an den Kirchentüren zu betteln. Was Herrn von Blignac anbetraf, so hatte er den Schauplatz seiner Taten, aber nicht seine Lebensweise geändert. Die Vergnügungsörter der Stadt waren nicht weniger ergiebig für ihn, als die Landstraßen es gewesen; er fand dort doppelte Gelegenheit, seine vorherrschende Leidenschaft zu befriedigen und zahlreicheren Narren zu begegnen, die er im Spiel plündern konnte. Bei dieser neuen Existenz mußte er aber sehen, wie der Zauber verschwand, den der Hochstraßenräuber auf Leute ausübte, deren Mehrzahl genug Kühnheit besaß, eine Börse, einen Degen oder Mantel zu entwenden, und obgleich dieselben diesem Patriarchen des »Böhmerlandes« immer noch große Vorzüge gaben, so hatte er doch schon die Erfahrung gemacht, daß dieser Vorzug an dem Tage, an dem er sich mit der Majorität in Opposition befinden würde, schwinden müsse. Die Gegenwart Sanson von Longvals reichte nicht allein hin, den lustigen Zynismus, den er affektierte, herabzustimmen, sondern sie bewirkte auch, daß er die Aufrichtigkeit in seiner elenden Lage, vielleicht noch das einzige Gute an ihm, nicht zu bewahren wagte; sie zwang ihn, die Maske der Heuchelei vorzunehmen. Er kniete bei dem Bettler nieder, er befahl ihm nicht mehr, zu gestehen, sondern bat ihn darum; er legte so viel Salbung in seine Bitten und sprach mit so viel Zärtlichkeit sein Bedauern über die unbegreifliche Hartnäckigkeit des armen Alten aus, daß mein Ahne ihn eine Weile für aufrichtig hielt. Paul Bertaut blieb trotz so vieler Beredsamkeit taub; als jener von ihm und den Strafen, die ihn erwarteten, sprach, schien er ihn nicht einmal zu verstehen; er hatte alles vergessen, ausgenommen, daß man sein Kind bedroht habe, und mit der höchsten Festigkeit eines der edelsten Gefühle bezog er alle Antworten auf seine Tochter; er versicherte dem Hauptmann, daß sie unschuldig sei, und bemühte sich, dieser Überzeugung auch in dem Geiste des Böhmenchefs Aufnahme zu verschaffen; mit den schrecklichsten Schwüren rief er den Himmel zum Zeugen, daß er allein der Schuldige sei. Blignac erhob sich wie in tiefer Entmutigung; durch eine Gebärde schien er zu Sanson von Longval sagen zu wollen: »Ich kann nicht mehr tun.« »Sie werden doch nicht den verlassen, dessen ganzes Unglück Sie allein hervorgerufen haben?« fragte mein Ahne. Das Gesicht des alten Hauptmanns erbleichte unter seiner Maske von Runzeln; er zögerte eine Sekunde, aber die Leute waren schon so nahe getreten, daß sie jedes seiner Worte hören mußten. »Bah!« sagte er mit einer zu schrecklichen Gleichgültigkeit, als daß man sie für erheuchelt hätte halten können; »was tut es in unserem Alter, ob es ein bißchen früher oder später geschieht?« »Sie meinen gewiß, daß es wenig tut, ob so weiße Köpfe wie die unserigen schon heute oder morgen fallen, wenn wir hier unterliegen, indem wir ihn verteidigen?« Ein wahrer Donner von Verwünschungen erhob sich in dem Kreise der Banditen, und ihr Hauptmann, der begriff, daß man mit der Sache enden müsse, gab ein Zeichen. Der dreifache Kreis löste sich und vierzig Arme streckten sich nach dem, der bestimmt war, den blutdürstigen Appetit dieser Elenden zu befriedigen. Sanson von Longval versuchte sie zurückzustoßen und mit seinem eigenen Körper den armen Bertaut zu decken; aber von dem Wogen dieser Menschenwellen fortgerissen, war er bald weit von seinem Vetter getrennt, und als er einem der Banditen das Pistol aus dem Gürtel reißen wollte, versetzte ihm dieser, seiner Absicht zuvorkommend, einen Faustschlag, der ihn zu Boden streckte. Als er wieder zu sich kam, war Blignac an seiner Seite und bemühte sich, ihn dadurch wiederzubeleben, daß er ihm einige Tropfen Branntwein auf die Lippen goß. In demselben Augenblicke ertönte ein schrecklicher Schrei. Es war der erste Angstruf, welchen der Schmerz Paul Bertaut entlockte. Die Banditen hatten bereits eine Tortur erfunden, und ihre Erfindungsgabe übertraf die Schranken, welche die Justiz damaliger Zeit für die Schuldigen hatte. Eine Feuerpfanne war herbeigeholt worden und man brannte die Fußsohlen Paul Bertauts an der Flamme. Sanson von Longval stieß seinen alten Kameraden zurück und wollte aufspringen, aber von seinem Falle noch immer betäubt, wankte er wie ein Betrunkener und fiel wieder schwer auf den Boden. Er lehnte sich gegen die Mauer, stützte die Ellenbogen auf die Knie, steckte die Daumen in seine Ohren und bedeckte die Augen mit den Händen; er wollte sich taub und blind machen. Was sich inmitten des von den Banditen gebildeten Kreises zutrug, war so schrecklich, daß ich, um nicht den Vorwurf, den man mir gemacht hat, das Entsetzliche zu genau zu schildern, zu rechtfertigen, meine Leser um die Erlaubnis bitten muß, über diese finsteren Einzelheiten schweigen zu dürfen. Die Verbindungen der Pariser Banditen machten damals einen sehr häufigen Gebrauch von der Folter, bald um die Fehler eines ihrer Angehörigen zu bestrafen, bald um ihre Opfer zu zwingen, ihnen das, was ihre Begierde gereizt hatte, auszuliefern. Am häufigsten wurde, wie bei dem Vorfall, den ich soeben erzähle, die Feuertortur angewandt. Paul Bertaut hielt sie mit einer Festigkeit aus, die sich nicht einen Augenblick verleugnete. Seine Füße waren gebraten; der Geruch des verbrannten Fleisches war so schrecklich geworden, daß die wütendsten der Elenden, die ihn umgaben, sich gezwungen fühlten, den Kopf abzuwenden; eine Frau war in Ohnmacht gefallen. Er blieb bei dem Märchen, das er erfunden hatte, seine Tochter für unschuldig zu erklären und alles auf sich zu nehmen. Selbst als die unglückliche menschliche Maschine zu unterliegen begann, als der wütende Schmerz sein ganzes Wesen vernichtete, in seiner Angst, die ein wahres Delirium hervorrief, verleugnete er seinen Entschluß nicht. Um seinen wankenden Mut aufrechtzuerhalten, betete er, und die er anrief, war sein undankbares und schuldiges Kind, das ihn verlassen hatte und dessen Verfehlung die Ursache seines Todes werden sollte. Er nannte es mit den süßesten, zärtlichsten Namen, und als ob sein Gehirn in dieser entsetzlichen Lage die Kraft behalten hätte, das Bild deren, für die er litt, vor sich zu zaubern, so sah man seine Lippen sich bewegen und ihn in die Luft hinein Küsse geben. Herr von Blignac war infolge der Anstrengungen, die er machte, um seine Bewegung zu beherrschen, leichenblaß geworden. Ohne sich um die Folgen, die sein Handeln haben konnte, zu bekümmern, beschloß er, dieser abscheulichen Szene ein Ende zu machen, indem er diesen Henkern befahl, mit den unnützen Grausamkeiten aufzuhören und dem Delinquenten, da er ein Geständnis verweigere, Gnade für seine Beständigkeit zu bewilligen. Dieser Vorschlag lief dem blutdürstigen Instinkte und der Wildheit der Banditen aber gerade zuwider. Sie behaupteten, daß, wenn es wahr sei, daß das junge Mädchen das Geld geraubt habe, dies doch in Übereinstimmung mit ihrem Vater geschehen sei, und sie hofften noch immer, ihn durch Steigerung der Qualen zu bestimmen, daß er sie wieder in Besitz ihres Schatzes setze. Daher unterließen sie auch nicht, gegen die sonderbare Schwäche ihres Hauptmanns zu murren, aber dieser sprach mit so viel Bestimmtheit, daß sie sich entschlossen, ihm zu gehorchen. Ein an der Decke des Gewölbes befindlicher Haken mußte hier die Stelle des Galgens vertreten. Man befestigte ein Seil daran, warf die Schlinge dem armen Bertaut um den Hals und zog ihn empor. Aber der Strick, der alt und mürbe war, riß, und der Delinquent rollte auf den Boden. Während man nun in einiger Verwirrung einen neuen Strick suchte, bemerkte einer der Diebe ironisch, daß der Bettler von Notre-Dame-de-Bonne-Nouvelle ein ebenso guter Edelmann wie der Hauptmann sei, daß er daher ein Recht habe, durch das Schwert zu sterben, und daß man zu zartfühlend sei, ihn seines Vorrechts berauben zu wollen. Eine der Bohlen, die den Fässern zur Unterlage gedient hatten, mußte die Stelle des Blockes vertreten. Man zwang den unglücklichen Bertaut, seinen Kopf auf diesen Block zu legen, und der Kräftigste der Bande führte, nachdem er sich mit einer Art von großem Messer bewaffnet hatte, damit einen Schlag auf seinen Nacken. War es nun aber Ungeschicklichkeit, oder folgte der Elende einer teuflischen Einflüsterung, die seiner Meinung nach zu kurzen und leichten Leiden zu verlängern, der Hieb ging fehl und machte eine furchtbare Fleischwunde, ohne die Lebensnerven zu treffen. Ehe jener noch daran denken konnte, seinen Versuch zu wiederholen, erhob sich der Delinquent, dem Todesschrecken, der die menschlichen Kräfte verdoppelt, gehorchend, zerriß die Bande, die ihn fesselten, und begann, ganz außer sich, in dem Keller umherzulaufen. Die Frauen hielten ihre Gesichter mit den Händen bedeckt und stießen ein wirres Schreckensgeheul aus, die Männer liefen, wie von einem Zauber getrieben, wild durcheinander, und Paul Bertaut, ganz von Blut übergossen, floh, während er mit einer Stimme, die nichts Menschliches mehr an sich hatte, nach dem Tode rief, vor dem, der ihm denselben geben sollte. Bei diesem Anblick vergaß mein Ahne alle Gefahren, die ihn umgaben; er hatte nur noch den einen Gedanken, seinen unglücklichen Verwandten der Grausamkeit seiner Verfolger zu entreißen und sich an einem derselben zu rächen. Mit unwiderstehlicher Gewalt und ehe Herr von Blignac seiner Absicht entgegentreten konnte, hatte er den Degen, den jener an der Seite trug, aus seiner Scheide gerissen. In diesem Augenblick kam der Delinquent, immer noch gefolgt von seinem improvisierten Henker, an ihm vorüber. Der letztere machte sich eben bereit, seinem Opfer einen neuen Schlag zu geben; plötzlich aber pfiff das breite Schwert, das der alte Scharfrichter führte, durch die Luft. Paul Bertaut, der den Tod, die einzige Wohltat, die er noch zu erwarten hatte, von dieser befreundeten Hand empfing, stürzte, ohne einen Seufzer von sich zu geben, zu Boden, und ehe der Bandit, der unbeweglich stehengeblieben war, sich von seiner Betroffenheit erholt hatte, erhob Sanson von Longval die blutige Klinge noch einmal und stieß sie ihm tief in die Brust. In demselben Augenblick legte sich eine Wolke auf die Augen meines Ahnen, seine Kräfte verließen ihn, und obgleich sich keine Waffe gegen ihn erhoben hatte, fiel er um, als sei er vom Blitz getroffen.   In der Frühe des folgenden Tages brachten Landleute, die Lebensmittel in die Stadt fuhren, den greisen Scharfrichter in seine Wohnung zurück. Sie hatten ihn in einem Graben der nach der Pikardie führenden Landstraße gefunden, und da es ihnen schien, daß er noch atme, hatten sie ihn auf ihren Wagen gelegt. Ein herbeigerufener Arzt erklärte, daß Sanson von Longval einen Schlaganfall erlitten habe, und staunte, daß er denselben überlebt hatte. Als er seinen Arm entblößte, um ihm zur Ader zu lassen, bemerkte er mit noch größerem Erstaunen, daß diese Operation bereits vollzogen sei und daß mein Ahne wahrscheinlich nur diesem Umstand sein Leben verdanke. Es verging lange Zeit, ehe man sich das Geheimnis erklären konnte, denn eine lokale Lähmung war die Folge des Schlaganfalles gewesen, und solange diese anhielt, war Sanson von Longval nicht imstande, den Seinigen zu erzählen, was sich in dieser schrecklichen Nacht mit ihm zugetragen hatte. Der Aufenthalt in Paris wurde ihm so verhaßt, daß er endlich darauf ganz verzichtete; er zog mit Renée Dubut, seiner Frau, in eine kleine Meierei zu Condé im Lande Brie, die er ein paar Jahre zuvor gekauft hatte, zurück und fand dort endlich die einzige Ruhe, die unsersgleichen hoffen kann: den Tod! Es scheint, daß Sanson von Longval einige Zeit vor seinem Tode das tragische Ende des Herrn von Blignac, dem er es allem Anscheine nach verdankte, daß er wohlbehalten aus der Banditenhöhle gekommen war, noch erfahren habe. Der Tod des gaskognischen Edelmanns wurde von zu originellen Umständen begleitet, als daß ich ihn mit Stillschweigen übergehen könnte; übrigens scheint, ohne daß ich irgendeinen Schluß aus dem Zusammentreffen von Umständen, das man dem Zufall zuschreiben kann, ziehen wollte, dieser Tod die dritte Prophezeiung des Vaters der Marguerite Jouanne zu verwirklichen. Damals lebte im Dorfe Cajeaux bei Palaiseau ein sehr reicher Priester, den man beschuldigte, seine Revenüen zusammenzusparen. Leider hatte der brave Priester die Manier, selbst in den unschuldigsten Gesichtern die von Dieben zu erblicken, und dieses von schlechtem Geschmack zeugende Mißtrauen hatte bisher die Unverletzlichkeit seines Allerheiligsten bewahrt. Dennoch glaubte Herr von Blignac eines Tages das Mittel, die Wachsamkeit dieses Drachen im Priesterrock täuschen und in seine Schatzkammer dringen zu können, gefunden zu haben. Er schlug einem halben Dutzend seiner vertrautesten Leute vor, sich in Häscher zu verkleiden; dann sollten sie einen anderen der Ihrigen, der seine Banditenkleidung beibehalten und den sie ordentlich fesseln würden, mit sich führen, den Geistlichen in seinem Priesterhause aufsuchen und ihm sagen, sie hätten einen Schuldigen ergriffen, den sie nach der Weisung ihrer Oberen an dem ersten besten Baum, aus dem sich ein Galgen machen ließe, aufhängen sollten, und sie nähmen sein heiliges Amt in Anspruch, die der Verderbnis preisgegebene Seele des armen Teufels zu retten. Herr von Blignac versicherte, daß, wenn auch nicht die christliche Liebe, so doch der instinktive Haß, welchen der Pfarrer den Böhmen zutrage; ihm nicht erlauben werde, zu zögern. Und während man den Narren hier mit den Vorbereitungen zu der Exekution beschäftigte, würde eine andere Bande, die sich in der Umgegend bereitgehalten, einen Überfall nicht allein auf das Haus des Pfarrers machen, sondern auch auf die seiner Beichtkinder. Dieser machiavellistische Plan erregte einen wahren Enthusiasmus; als er aber angenommen war, befanden sich die Banditen etwa in der Lage der Ratten nach ihrem Beschlusse. Niemand wollte die Rolle des armen Sünders übernehmen; in dem Einfalle des Hauptmanns kamen einige kleine Unbequemlichkeiten der Hängung vor, die auch die Entschlossensten zurückschreckten. Man beschloß, das Los entscheiden zu lassen, wer die Rolle übernehmen sollte, und wie der Zufall gewöhnlich den trifft, der am wenigsten begierig darauf ist, d.h. den Ängstlichsten in der Bande, so war es diesmal ein armer Teufel, der schon leichenblaß wurde, sobald er nur den Schatten eines Galgens bemerkte. Seine Gefährten und besonders der Hauptmann amüsierten sich ungemein über seine vorzeitige Angst. Am Abend vor dem zur Ausführung dieses schönen Planes bestimmten Tage waren die, welche daran tätigen Anteil nehmen sollten, in dem Wirtshaus »Zum Weißdorn«, das einer ihrer Verbündeten unterhielt, versammelt. Alle waren lustig, nur die Traurigkeit dessen, der gehängt werden sollte, störte die allgemeine Heiterkeit. Unter dem Vorwande, seinen Untergebenen zerstreuen zu wollen, schlug ihm der Hauptmann vor, eine Weile die Würfel rollen zu lassen; der andere nahm dies an, aber das Mitleid des Meisters der Bettler wurde durch das Glück schlecht belohnt, denn in weniger als einer halben Stunde hatte er sein ganzes Geld verloren. Durch die liebenswürdige Familiarität seines Chefs ermutigt, schlug ihm sein Gegner vor, um die Rolle zu spielen, die ihm so wenig belustigend erschien. Wenn Herr von Blignac diese neue Partie gewann, so sollte er alles, was er verloren hatte, wiedererhalten, war ihm das Glück aber noch einmal zuwider, dann sollte er jene Rolle übernehmen, die dem armen Teufel so wenig zusagte. Die Sonderbarkeit dieses Spieles hatte alle Diebe an den Tisch herangezogen; durch ihre Gegenwart noch mehr angeregt, nahm der Hauptmann die Bedingungen an und – verlor. Es lag sowohl in seinem Interesse, wie es seine Ehre forderte, daß er diese Mißgunst des Glückes lachend ertrug; übrigens mußte eine ähnliche Tat, vollbracht durch einen Achtzigjährigen, ihm nicht nur die Ehrfurcht der unter ihm stehenden Bettler sichern, sondern auch an seinen Namen die Bewunderung aller Böhmen der Zukunft knüpfen. Am anderen Morgen begleitete er die Truppe nach dem Dorfe Cajeaux. Alles geschah, wie er es vorausgesehen hatte. Der Priester übernahm nicht nur das traurige Amt, das man seinem geistlichen Eifer abforderte, sondern er war sogar so sehr gefällig, daß er zu der Zeremonie einen Schemel lieh. Der Diener des Propstes, der gleichzeitig Küster der Parochie war, folgte seinem Herrn; die Mägde wollten auch dabei sein, und kaum hatte sich im Dorfe die Nachricht verbreitet, daß man einen berüchtigten Verbrecher hängen wolle, so nahmen alle Einwohner, Männer, Frauen, Greise und Kinder, ja selbst die Hunde ihren Platz in der Prozession ein, an deren Spitze die falschen Häscher und ihr falscher Gefangener schritten. Übrigens spielte Herr von Blignac seine Rolle auf eine Art und Weise, die voraussetzen ließ, sein wahrhafter Beruf hätte ihn auf die Bühne gezogen. Aber in dem Augenblick, als der, welcher den Henker vorstellte, ihn nötigte, auf den Schemel zu steigen, über dem ein Strick an dem festesten Zweige einer schönen Eiche sich schaukelte, als die Menge, vor Aufregung tief atmend, mit einer Ängstlichkeit, die sich auf allen Gesichtern malte, die Entwicklung erwartete, trug sich ein Ereignis zu, an das Herr von Blignac bei Entwurf seines Programms nicht gedacht hatte. Sei es nämlich durch Zufall oder, was wahrscheinlicher ist, daß ein Verräter den Polizeileutnant benachrichtigt hatte – Häscher und Soldaten der Polizeiwache, die nicht falsche waren, brachen plötzlich auf den Schauplatz ein und stürzten sich auf ihre Nachahmer, die nach allen Richtungen hin die Flucht ergriffen. Der falsche Henker, der auf einem Baumzweige über dem Delinquenten saß und seinen Strick zurechtmachte, sah und erkannte zuerst die ewigen Feinde seiner Rasse. Mit einem Satze war er auf dem Boden, aber beim Herabspringen stieß er Herrn von Blignac um, der sich schon auf der höchsten Stufe befand: der unglückliche Hauptmann brach in seinem Sturze das Genick; er starb auf ganz ernste Weise, während er sich zum Scherz hatte hängen lassen wollen. Ein Pamphlet unter Ludwig XIV. Jean Larcher Zerrüttung in Frankreich; die Maintenon; die Prinzessin von der Pfalz; Herr de la Reynie; das Skapulier. Ich will jetzt eine traurige Geschichte erzählen; da aber die Ereignisse, aus denen sie ihren Ursprung nahm, schon älter sind, so muß ich einige Jahre, bis in die zweite Hälfte der Regierung Ludwigs XIV. zurückgehen, ungefähr in die Zeit, als die Sonne, die der große König zu seinem Sinnbilde gemacht hatte, zu erbleichen anfing. Das Augsburger Bündnis hatte den schon durch dreißig Kriegsjahre oder arge Verschwendung erschöpften Finanzen den letzten Stoß versetzt. Frankreich hatte zu Fleurus gesiegt, zu Neerwinden, zu Marseille; aber so viel Ruhm hatte es nicht zu blenden vermocht, und es berechnete sich mit Ängstlichkeit, wieviel Gold und Silber es dafür bezahlen müsse. Um dieselbe Zeit verrieten der Verlust der Seeschlacht bei Hogue und der schlechte Erfolg der Campagne von 1693, die Ludwig XIV. in Person leitete, sowohl Fremden als seinen eigenen Untertanen die zerbrechlichen Grundlagen, auf denen der Koloß ruhte. Das Werk der französischen Einheit, das er aus den Händen Richelieus empfangen und so ruhmreich beendet hatte, war nicht ohne Klippen. Ludwig XIV. wußte nicht eher haltzumachen, als bis er zur Übertreibung des Prinzips, dem er seine Größe verdankte, gelangt war. Nachdem er die Einheit in diese Regierung gebracht hatte, wollte er sie auch in den Gemütern seiner Untertanen herstellen. Am 17. Oktober 1685 hatte er das Edikt von Nantes widerrufen und Frankreich mit jenen seltsamen Aposteln bedeckt, die Louvois seine »gestiefelten Missionäre« Dragoner. nannte. Im Januar 1686 raubte ein anderes Edikt den Protestanten das Recht, ihre Kinder zu behalten. Die Gläubigen wanderten nun in Masse aus und bereicherten das Ausland mit unserer Industrie. Diejenigen, welche Alter, Schwäche oder Kleinmütigkeit zu einem lügnerischen Abschwören ihres Glaubens zwangen, taten dies nur, indem sie der Macht, welche sie unterdrückte, heimlich fluchten. Nun erwachte der aufrührerische Geist der Nation, der bis dahin mehr durch Ehrfurcht als durch Despotismus niedergehalten worden war, wieder, ein heimlicher Widerstand gab sich in vereinzelten Protestationen kund, man verlangte sein Recht und vertrat es durch den Krieg der Flugschriften; die Insekten griffen den Thron an, sie unterhöhlten ihn mit der Mine und Sappe soweit, daß der mächtige Hauch der Revolution ihn stürzen mußte. Diese Flugschriften wurden um so gefährlicher, als bei Ludwig XIV. die Größe des Monarchen nicht die menschliche Schwäche ausgeschlossen hatte; die doppelten Strahlen des Heiligenscheins verschwanden schnell; der Held der Turniere, der ritterliche Geliebte der Lavallière, Montespan und Fontanges heiratete im Jahre 1684 die fünfzigjährige Witwe des lahmen Scarron! Diese bürgerliche Herabsetzung des Halbgottes lieh seinen Feinden eine schreckliche Waffe, die der Lächerlichkeit; sie ist tödlich bei einem Volke, das nie der Versuchung widerstehen kann, auf Kosten derer, die es liebt, zu lachen, wieviel weniger auf Kosten des Herrn, den es verabscheut! Im Jahre 1689 machte ein Pamphlet unter dem Titel: »Die Seufzer des geknechteten Frankreich, das der Freiheit entgegenseufzt«, ungemeines Aufsehen. Die liberalen Stoßseufzer, die es enthielt, waren eine solche Neuigkeit, daß ungeachtet ihrer dogmatischen Form selbst die oberflächlichsten Geister daran Geschmack fanden, und einige Monate lang gab es wahrhaften Wettstreit zwischen Publikum und Polizei, Exemplare zu erhaschen, bei ersterem, um sie zu lesen, bei der zweiten, sie zu zerstören. Diese Sache führte natürlich eine Menge von Leuten in die Bastille und einige sogar zur peinlichen Frage. Wenn die Regierung Ludwigs XIV. streng gegen diese Attentate auf die Majestät des Thrones, gegen diese Protestationen wider seine Allmacht gewesen war, so wurde sie unerbittlich gegen alle diejenigen, welche die Gefährtin, die sich der Monarch gegeben hatte, angriffen. Als kluger Mann hatte der letztere vielleicht begriffen, daß er, selbst in politischer Beziehung, einen Fehler gemacht habe, aber er war durch die Schmeichelei bereits so verdorben, daß es in seinen Augen als das größte Verbrechen gelten mußte, ihn daran zu erinnern. Im Jahre 1694 begannen einige Exemplare einer Flugschrift unter dem Titel: »Der Schatten des Herrn Scarron« in Paris und Versailles zu zirkulieren. Auf der Broschüre gab es eine Abbildung, die das von Lafeuillade auf dem Viktorienplatze zu Ehren seines Herrschers errichtete Monument parodierte. Anstatt daß der König vier gefesselte Statuen zu seinen Füßen hatte, war er selbst durch vier Frauen gefesselt dargestellt: die Lavallière, Fontanges, Montespan und Maintenon. Gerade unter den Prinzen von Geblüt und am Hofe hatte die »Alte«, wie sie die Prinzessin von der Pfalz nennt, ihre erbittertsten Feinde. Ihr Haß war umsichtiger als die Wachsamkeit der Polizei; bevor noch Herr de la Reynie Kenntnis von der Schrift hatte, fand schon der König ein Exemplar unter seiner Serviette, und Madame von Maintenon erhielt ein anderes zu derselben Stunde und in derselben Weise. Dieser ihm mitten in seinem Schlosse zugefügte Schimpf erregte den ohnehin schon ärgerlichen Ludwig XIV. nur noch mehr. Herr de la Reynie wurde sofort nach Versailles befohlen, der König warf ihm bitter vor, was er für schuldvolle Nachlässigkeit hielt, und befahl ihm, aufmerksam nach den Verfassern der Flugschrift zu suchen und mitleidlos mit ihnen zu verfahren. Mochten nun die Leute, welche den königlichen Zorn entzündet hatten, sehr mächtig oder sehr geschickt sein, oder waren die Mittel eines Polizeileutnants jener Zeit unzureichend – genug, die feinsten Spürhunde des Herrn de la Reynie verloren umsonst Zeit und Mühe. Man warf wohl einige Individuen, die man im Besitze der beleidigenden Flugschrift fand, in die Bastille, aber man konnte weder den Verfasser noch den Drucker ermitteln. Diese Angelegenheit gewann großen Wert in den Augen eines Königs, der damals immer noch der Lenker der Geschicke Europas war. Er schien ebenso empfindlich über die schlechten Erfolge, welche seine Agenten erlangten, als er es über den Schimpf selbst gewesen war. Sobald er nur den Polizeileutnant erblickte, rief er ihn, befragte ihn mit Ungeduld über das Resultat seiner Nachforschungen und sparte ihm keine Vorwürfe, sobald er erfuhr, daß bisher alle diese Nachforschungen erfolglos gewesen seien. Endlich hatte Gott oder vielmehr der Teufel Mitleid mit diesem armen Herrn de la Reynie, der sich das Übel, das ein Minister mehr als den Tod fürchtet, eine Ungnade, sehr nahegerückt sah. Eines Tages hörte er mit sehr zerstreuter Miene die Klage eines Handwerkers an, dem man in der vergangenen Nacht fünftausendzweihundert Livres gestohlen hatte, als plötzlich der Sekretär des Polizeileutnants schnell eintrat, letzterem einen Brief überreichte und ihn bat, denselben sofort zu lesen. Kaum hatte der Polizeileutnant die Augen auf das Papier geworfen, so sprang er auf seinem Lehnstuhle in die Höhe. Auf ein Zeichen ging der Sekretär wieder hinaus, um einen Gefreiten zu rufen, während Herr de la Reynie in augenscheinlicher Erregung auf einem Pergamentblatte kritzelte, das bereits mit dem Staatssiegel versehen war. Seine Bewegung war so groß, daß er den Mann mit den fünftausendzweihundert Livres vollständig vergessen hatte und nicht bemerkte, wie dieser, der nur zwei Schritte von seinem Bureau stand, alles, was er schrieb, lesen konnte, und daß er nicht einmal daran dachte, den grünen Vorhang, wie er es gewöhnlich tat, wenn er Besuch hatte, über seine Papiere herabzulassen. Der Handwerker sah mit dem naiven Vertrauen eines Menschen, der von der Wichtigkeit seiner eigenen Angelegenheit so überzeugt ist, daß er nicht daran zweifelt, nur diese könne die Obrigkeit beschäftigen, zu, wie der Polizeileutnant schrieb; aber der Sekretär, der, von dem Gefreiten gefolgt, wieder eintrat, zog ihn schnell zurück. Bei dem dadurch verursachten Geräusche hob Herr de la Reynie den Kopf und schien höchst unangenehm dadurch überrascht, daß er den unwichtigen Menschen noch neben sich sah. »Schreiben Sie Namen und Vornamen auf,« sagte er unwirsch zu ihm, »man wird sich mit Ihrer Angelegenheit beschäftigen.« Ein tiefes Erstaunen malte sich auf dem Gesichte des Mannes mit den fünftausendzweihundert Livres; er zögerte noch einige Augenblicke, näherte sich dann dem Bureau, nahm ein Stück Papier und eine Feder, sagte aber, sich plötzlich besinnend: »Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihnen zu bemerken, daß ich schon die Ehre gehabt habe, Ihnen meinen Namen und sonstige Eigenschaften anzugeben, und daß Sie dieselben so gut behalten haben, daß ich mich über die Sicherheit Ihres Gedächtnisses wundern mußte, denn soeben sah ich, ohne unbescheiden sein zu wollen, wie Sie es ebenso genau, als ich es nur hätte tun können, niederschrieben.« Herr de la Reynie biß sich auf die Lippen, und mit einem unbeschreiblichen Augenwinke gab er dem Sekretär ein Zeichen, sich dem Handwerker zu nähern. »Sie heißen Jean Larcher?« fragte er den letzteren. »Ja, mein Herr.« »Sie sind Buchbinder, Straße Lions-Saint-Paul, gegenüber dem Hotel de Fieuber, mit dem Zeichen zum goldenen Buche?« »Der Herr haben nichts vergessen«, sagte der arme Jean Larcher lächelnd, während er das Stück Papier, das er zu beschreiben angefangen hatte, in den Händen herumdrehte. Auch Herr de la Reynie lächelte, aber nicht auf dieselbe Weise; er zog den Gefreiten in eine Fensternische, sagte ihm einige Worte ins Ohr und meinte dann, ihn dem Buchbinder vorstellend: »Dieser Herr wird Sie nach Ihrer Wohnung begleiten; er wird die notwendigen Nachforschungen anstellen, um zur Entdeckung des Diebstahls zu gelangen, dessen Opfer Sie geworden sind, und wir werden nichts außer acht lassen, damit Ihnen Gerechtigkeit werde.« Unterwegs plauderte der Gefreite mit dem Buchbinder, der nacheinander alle die Details wiederholte, die er bereits dem Polizeileutnant gegeben hatte, ohne dabei die Beschreibung aller der Örtlichkeiten zu vergessen, die sein Begleiter kennenzulernen ganz besonders neugierig zu sein schien. Soldaten der Scharwache und Gefreite umgaben das Haus des Buchbinders. Der letztere zeigte sich mehr erfreut als überrascht von den militärischen Vorbereitungen, mit denen man ihn beehrte; er bemerkte seinem Begleiter, daß, wenn seine Wohnung in der vergangenen Nacht ebenso gut bewacht gewesen wäre, sich soviel brave Leute nicht heute zu bemühen gebraucht hätten. Der Buchbinder hatte seinen Begleiter so gut unterrichtet, daß der letztere, welcher vorausging, sich nicht in der Tür täuschte; er öffnete die der Niederlage, in welcher der Diebstahl begangen worden war, und ging gerade auf einen großen Schrank von Nußbaumholz zu, in dem Meister Larcher seinen Schatz verwahrt gehalten hatte. Während aber der Handwerker die Stöße von Stoffen umwühlte, die seinen Schatz so schlecht verborgen hatten, und sich Mühe gab, die Aufmerksamkeit des Gefreiten auf seinen Versteckwinkel zu ziehen, der leider jetzt verwitwet war, machte sich der Mann des Herrn de la Reynie einen Fußtritt aus den unteren Brettern, erhob sich bis zu dem Gesimse des Schrankes, streckte den Arm aus und warf einen kleinen Ballen Broschüren auf die Erde, auf den sich ein Kommissar, der plötzlich wie durch Zauber da war, mit der Begierde eines Geiers stürzte, der die Beute in seinen Klauen fühlt. Meister Larcher, erstaunt, daß man dem, was ihm in gar keiner Beziehung zu der Angelegenheit zu stehen schien, welche die Justiz in sein Haus führte, soviel Aufmerksamkeit schenkte, bemühte sich, den Gefreiten am Ärmel seines Rockes zu ziehen, um ihm einige Spuren gewaltsamen Einbruches, die an der Tür des Schrankes zurückgeblieben waren, zu zeigen. Das Benehmen des Gefreiten war aber ganz verändert; er schien den nicht mehr hören zu wollen, den er ein paar Augenblicke zuvor noch wie einen intimen Freund behandelt hatte. Inzwischen fing der Kommissar an, den Buchbinder zu verhören. Er zeigte auf die Broschüren und fragte, ob er sie als sein Eigentum anerkenne. In seiner Ungeduld antwortete Meister Larcher etwas unbedachtsamerweise, es könne wohl keinem Zweifel unterliegen, daß alles, was sich in seinem Hause befände, sein Eigentum oder das seiner Kunden sei, die es ihm anvertraut hätten. Der Kommissar nahm nun, nachdem er den Ballen geöffnet hatte, ein Exemplar der Broschüre, hielt es Meister Larcher unter die Augen und forderte ihn auf, zu erklären, von wem er die bei ihm gefundene strafbare Schrift habe. Als der Meister auf der ersten Seite den Titel des Pamphlets: »Der Schatten Herrn Scarrons« las, von dem er, wie sein Handwerk es mit sich brachte, hatte sprechen hören, wurde er bleich, seine Knie wankten, und er faßte sich an die in Schweiß gebadete Stirn; eine Weile blieb er stumm, niedergeschmettert durch die Erwägung der ihm drohenden Gefahr. Er ergriff das Wort nur wieder, um sich auf seine Unschuld zu berufen, bei allem, was auf der Erde heilig ist, zu versichern, daß er durchaus keine Kenntnis von der Anwesenheit dieser fatalen Broschüren in seinem Magazin gehabt habe und daß er sie zum erstenmal sähe. Die Gefreiten antworteten ihm, er möge das alles nur seinen Richtern sagen, und schickten sich an, ihn mit sich zu nehmen. Die Frau Jean Larchers saß in einem Winkel des Zimmers, hatte ihr Gesicht mit der Schürze verhüllt und schien, nach ihrem Schluchzen zu urteilen, in der größten Betrübnis. Als Jean Larcher über die Schwelle schreiten wollte, bat er den Gefreiten, mit dem er sich in so freundschaftliche Beziehungen gesetzt hatte, ihm zu erlauben, daß er der, welche er nicht mehr wiederzusehen fürchtete, Lebewohl sagen dürfe. So hart auch sonst das Herz dieses Mannes, so gewöhnt er an solche Szenen war, hatte ihn die Verzweiflung doch gerührt; er machte seinen Gefährten ein Zeichen, anzuhalten, und der unglückliche Ehemann rief dreimal: »Marianne! Marianne! Marianne!« Aber seit einer Weile war das Schluchzen der Frau Larcher nur noch heftiger geworden, und sie schien die Stimme ihres Mannes gar nicht mehr zu hören. Die, welche ihn umgaben, führten sie zu ihm; sie zögerte noch einen Augenblick, dann warf sie sich plötzlich an seine Brust und umarmte ihn mit allerlei Ausbrüchen des Schmerzes und der Zärtlichkeit. Dieses Zögern war dem Gefreiten nicht entgangen, der überdies noch bemerkt hatte, daß Frau Larcher nach Weise der Kinder weinte, das heißt, daß ihre Augen trocken waren und ihre Wangen keine Spur von Tränen zeigten. Dies kam ihm so sonderbar vor, daß er, obgleich gegen solche Unschuldsbeteuerungen sehr gleichgültig, zu argwöhnen begann, die Worte Jean Larchers könnten wohl wahrhafter sein als die mancher Schuldigen, wie er sie sonst gewöhnlich zu arretieren hatte. Als sein Gefangener in das Châtelet aufgenommen worden war, teilte er Herrn de la Reynie seine Vermutungen mit. Er erinnerte ihn daran, daß es eine anonyme Denunziation sei, die genau den Ort bezeichnet hatte, wo Jean Larcher die Pamphlets verborgen halten sollte; er erzählte ihm, wovon er Zeuge gewesen, und machte ihm alles klar, was vermuten ließ, der unglückliche Buchbinder sei unter solchen Umständen das Opfer einer abscheulichen Intrige. Aber der Polizeileutnant hatte diese Verhaftung schon dem Könige angezeigt, und der König hatte ihm zu seinem Erfolge gratuliert; er hielt den Schuldigen fest und war keineswegs der Mann, seine Beute für einen Schatten loszugeben, das heißt für die ungewissen Chancen einer Untersuchung. Wenn auch einige Vermutungen zugunsten des Angeklagten sprachen, so lagen doch schwere Bedenken gegen ihn vor. Bevor Herrn de la Reynies Polizei die Flugschrift in seinem Besitze gefunden, hatte Jean Larcher sich schon große Blößen gegeben. Er war bekehrter Protestant, hatte geduldet, daß sein Sohn dem Glauben seiner Väter treu bleibe und nach England gehe, um sich dort ein Asyl gegen alle Verfolgungen zu suchen. Zu diesem Verbrechen kam noch ein anderes: daß er nämlich mit diesem Sohne in steter Verbindung geblieben war, wie eine Anzahl in seiner Behausung gefundener Briefe bewies. Der Prozeß wurde gegen Jean Larcher allein geführt. Man brachte ihn dreimal auf die Folter, und er hielt sie mit einer Festigkeit aus, die man einem schon so bejahrten armen Bürger nicht zugetraut hatte. Er weigerte sich beständig, seine Mitschuldigen zu nennen. Auf alle an ihn gerichteten Fragen erwiderte er, es sei an dem Tode eines Unschuldigen genug für das Gewissen der Richter, er wolle nicht, daß durch seine Schuld die Seelen der letzteren auch noch für anderes vergossenes Blut verantwortlich werden sollten. Zum Tode durch den Strick verurteilt, wurde er Freitag, den 19. November 1694, um sechs Uhr abends zur Hinrichtung geführt. Er saß auf dem Karren neben einem gewissen Rambault aus Lyon, Buchdruckereigehilfe bei der Witwe Charmot in der Rue Vieille-Boucherie, der wegen derselben Angelegenheit dieses schrecklichen Pamphlets arretiert und verurteilt worden war. Larcher bewegte sich viel auf seinem Platze, er war zerstreut und schien von einem für den entsetzlichen Moment, der so bald kommen sollte, seltsamen Gedanken gepeinigt; er hörte nicht einmal auf die Ermahnungen seines Beichtvaters. Als der Karren am Fuße des Galgens anhielt, stieg Rambault zuerst aus, und während sich die Henkersknechte seiner bemächtigten, trat Charles Sanson de Longval auf Larcher zu, der, von seinen Fesseln beschwert, nur mit Anstrengung absteigen konnte. Er wandte sich darauf mit Lebhaftigkeit an meinen Ahnen und sagte zu ihm: »Es ist ein Unschuldiger, den Sie vom Leben zum Tode bringen werden; wollen Sie, daß er Ihnen den Anteil verzeihe, den Sie an dieser Ungerechtigkeit haben werden?« »Sprechen Sie, mein Herr.« »Mein Leichnam und die Hinterlassenschaft, die ich bei mir trage, werden sogleich in Ihren Händen sein; vielleicht wird die Frau, die meinen Namen trägt, sich verpflichtet glauben, meinen Körper zu reklamieren, um ihn begraben zu lassen. Schwören Sie mir, ihn ihr nicht auszuliefern, bevor Sie das Skapulier, das Sie auf meiner Brust finden, abgenommen haben; schwören Sie mir, dieses Skapulier aufzubewahren und meinem Sohne zu übergeben, wenn er zu Ihnen kommt, um von den letzten Augenblicken seines Vaters etwas zu erfahren.« Mein Ahne versprach dem armen Jean Larcher, was er so inbrünstig erbat. Er legte der Ausführung dieses letzten Willens unstreitig eine große Wichtigkeit bei, denn kaum war er von dieser Sorge befreit, so nahm sein Gesicht eine ruhige Heiterkeit an, und ohne aufzuhören, seine Unschuld zu beteuern, beschäftigte er sich nur noch mit dem Heile seiner Seele. Einige Minuten später schwebte sein Körper mit dem seines Gefährten am Galgen. Jean Larcher und Rambault hatten aufgehört zu leben. Aber seine Vermutungen erfüllten sich nicht. Die Frau Larcher tat keinen Schritt, um die Erlaubnis zu erlangen, ihrem Mann ein passendes Begräbnis zuteil werden lassen zu dürfen. Umsonst ließ mein Ahne drei Tage lang den Leichnam des Hingerichteten in dem unteren Saale des Schandhauses, nachdem er, dem Willen des Verstorbenen gemäß, das kostbare Skapulier in Sicherheit gebracht hatte. Nicolas Larcher Chavance. Sechs Jahre lang bewahrte mein Ahne die ihm anvertraute Hinterlassenschaft Jean Larchers. Im Jahre 1699 war er vierundsechzig Jahre alt, dieser Greis, der bis dahin sein Unglück mit männlicher und ernster Resignation ertragen hatte, aber um diese Zeit schien er der Last zu unterliegen. Am Dreikönigstage des Jahres 1709 war eine zahlreiche Gesellschaft bei Charles Sanson versammelt. Das alte Andenken dieses religiösen Festtages ist nur selten von meiner Familie nicht gefeiert worden. Wir legten einen sehr hohen Wert auf die stillen Freuden des häuslichen Herdes, die, so kurz auch die Einbildung sein mochte, einem der Unserigen den Königstitel gaben. An der Tafel meines Ahnen befanden sich zehn Gäste, und Charles Sanson hatte soeben den Kuchen in elf Teile geschnitten, einen für die Armen reservierend, als es an die Tür klopfte. Der erste Gedanke aller war, daß Gott den Armen, den man erwartete, schicke, und mein Ahne, ebenso wie die andern überzeugt, daß es so sein müsse, füllte einen großen Becher voll Wein und befahl einem seiner Knechte, den Fremden einzuführen. Einige Augenblicke später trat ein junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren, von bescheidener, aber anständiger Haltung, der ein kleines Paket unter dem Arme trug, in den Saal. Er schien bestürzt, daselbst eine so zahlreiche Gesellschaft zu finden, und fragte Charles Sanson, der am Ende der Tafel saß, ob er hier wohl richtig bei dem Scharfrichter sei. Mein Ahne antwortete bejahend, und der Fremde bat, ihm einige Worte sagen zu dürfen. Charles Sanson versicherte, daß er sofort zu seinen Diensten stehe, aber er hoffe, jener werde sich vorher in Erwägung der Feierlichkeit, die Könige und Hirten zur gemeinschaftlichen Andacht vereinige, eine Weile an die Tafel dessen setzen, den er zu suchen gekommen sei. Der Fremde dankte mit bewegter Stimme; er nahm einen Stuhl und setzte sich in die Ecke am Kamin, wo der Knecht ihm den Becher und das Stück Kuchen präsentierte. Er nahm beides, und während er aß und trank, sah mein Ahne große Tränen über seine Wangen rollen. Die sanfte und traurige Miene des Unbekannten hatte schnell das Mitgefühl Charles Sansons hervorgerufen; er war bereits entschlossen, ihm zu helfen, da er voraussetzte, diese Tränen seien eine Folge großer Armut. Er glaubte daher nicht indiskret zu sein, als er ihn fragte, weshalb er weine. Der junge Mann erwiderte, wenn er Tränen vergieße, so sei dies weder weil er Hunger noch weil er Durst habe; er weine bei dem Gedanken, daß er jetzt mitten unter den Seinigen sitzen sollte, im Hause seines Vaters, daß sich aber die Tür dieses Hauses eben vorher vor ihm verschlossen, daß die, denen er durch die Bande des Blutes angehöre, ihm den Anteil an den Freuden der Familie, den ihm ein Fremder so großmütig angeboten, verweigert hätten. Die Gäste schwiegen und senkten den Kopf. Mein Ahne war sehr blaß geworden, man sah große Schweißtropfen auf seiner Stirn perlen; er ergriff den jungen Mann bei der Hand und führte ihn in sein Schlafzimmer, das im oberen Stockwerke lag. Dort erzählte ihm der Gast, daß er Nicolas Larcher heiße und der Sohn Jean Larchers sei, des Buchbindermeisters, der sechs Jahre zuvor als Besitzer und Verbreiter einer Schmähschrift gehangen worden sei. Wie ich schon im vorhergehenden Kapitel erklärte, hatte der Sohn sich zur Zeit der Katastrophe, die seinen Vater betraf, in England aufgehalten. Einige Monate vor seinem Tode hatte dieser an ihn geschrieben; sein Brief war traurig und voll schmerzlicher Stellen gewesen. Er hatte eine ansehnliche Zahlung zu leisten, und es fehlte ihm noch an einer gewissen Summe; er bat seinen Sohn, der damals eine Stelle bei einem Londoner Buchbindermeister gefunden hatte, ob er ihm nicht diese Summe verschaffen könne. Der Sohn hatte darauf geantwortet, indem er alles, was er besaß, seinem Vater schickte; der letztere hatte ihm noch den Empfang des Geldes angekündigt, dann war Nicolas Larcher ohne alle Nachrichten geblieben. Der Krieg und die auf den Briefwechsel der ausgewanderten Protestanten ausgeübte Überwachung erschwerten ihre Verbindung sehr, machten sie zwischen Frankreich und England sogar fast unmöglich. Nicolas, der dies recht gut wußte, beunruhigte sich nicht allzusehr. Als das Schweigen der Seinigen aber immer länger dauerte, begriff er endlich, daß ein großes Unglück seine Familie betroffen haben müsse; dennoch erfuhr er erst nach dem Frieden von Ryswik von einem Franzosen das elende Ende seines Vaters. Er konnte nicht glauben, daß eine Mutter, die bis zum Tage seiner Abreise in das fremde Land nicht aufgehört hatte, ihm Beweise der größten Zärtlichkeit zu geben, ihr Kind vergessen haben sollte; er vermutete daher, daß auch sie tot sei, und von Angst verzehrt hatte er den Entschluß gefaßt, alles zu leiden und allem zu trotzen, um sich Gewißheit zu verschaffen. Sobald er nur imstande gewesen, den Weg zu machen, war er abgereist, nachdem er die Überfahrt durch das Mitleid eines Schiffskapitäns frei erhalten hatte; er erbettelte sein Brot und verbarg sich unter einem falschen Namen, denn wenn er erkannt worden wäre, so hätten ihn die Edikte zu den Galeeren des Königs verurteilt. Nach mancherlei Abenteuern war er in Paris angekommen und war auf der Stelle nach der Rue Lions gegangen, nicht weil er dort seine Mutter wiederzufinden gedachte, sondern weil er den Ort wiedersehen wollte, wo sie gelebt hatte, weil er hoffte, hier am ehesten etwas über ihr Geschick zu erfahren. Als sein Auge, nachdem er am Zölestinerkloster vorüber und längs der Mauern des Hotels Fieuber gegangen war, in die Straße Lions blicken konnte, sah er zu seiner großen Überraschung das Wahrzeichen des »goldenen Buches«, wie es sich an seiner Eisenstange wiegte und noch viel glänzender, als es je gewesen, aussah. Er beschleunigte seine Schritte, aber bald hielt er kurz an, als ob seine Beine ihm den Weg versagt hätten: er hatte nämlich auf der Schwelle der Ladentür eine Frau erscheinen sehen, in der er seine Mutter erkannte. Er hatte rufen wollen, aber die Stimme ließ ihn im Stiche wie vorher schon die Beine; er hatte nur einen Namen stottern und seine Arme gegen sie gewaltsam ausstrecken können. Die Witwe Jean Larchers hatte auch ihn erblickt; ihr Gesicht war ebenso bleich geworden wie ihr Brustschleier, aber sie konnte ihr Kind doch wohl nicht erkannt haben, denn sie war schnell wieder in das Haus zurückgetreten. Nicolas wankte wie ein Berauschter, und das Glück, diejenige, welche er tot geglaubt hatte, lebend wiedergefunden zu haben, beherrschte alle übrigen Gefühle, die sein Herz zusammenpreßten. Er näherte sich dem Hause; als er die Hand an den Klopfer der Tür legte, öffnete sich diese, und er sah sich einem Manne gegenüber, der ihm ganz unbekannt war, ihn aber zu seinem großen Staunen beim Namen nannte und einlud, näherzutreten. Dieser Mann ließ ihn in die obere Etage hinaufsteigen, führte ihn in das Magazin, das unsere Leser schon kennen, und dort fragte er ihn mit einer Verlegenheit, die sich nur unvollkommen verbergen ließ, welche Veranlassung ihn nach Paris führe, wo die geringste Gefahr, die er liefe, das Gefängnis sei. Hierauf erklärte er ihm ohne Einleitung oder ohne ihm die Zeit zu einer Einwendung zu lassen, daß er selbst sich Chavance nenne und die Witwe Jean Larchers geheiratet habe. Nicolas hörte ihn mit Staunen an und wußte nicht, ob er wache oder träume. Chavance sagte ferner, dadurch, daß die Mutter seine Briefe nicht beantwortet, habe sie ihm zu verstehen geben wollen, daß er seinerseits suchen möge, sich durch Heirat eine neue Familie zu schaffen. Und als Nicolas nun erwiderte, daß nichts in der Welt eine Mutter ersetzen könne, rief er mit einer gewissen Heftigkeit, die Religion habe Frau Chavance von allen Verpflichtungen gegen einen Sohn befreit, der in seiner Ketzerei so hartnäckig sei, auch habe sie andere Kinder aus ihrer zweiten Ehe und also auch andere Pflichten. Dann sagte er noch mit einem zweideutigen Lächeln, er fürchte, daß die kindliche Liebe nicht der einzige Grund seiner Reise sei; zweifellos hätte er, als er den Tod seines Vaters vernommen, daran gedacht, einen Erbschaftsanteil heben zu können, aber er müsse ihm auf der Stelle sagen, daß eine solche Erbschaft gar nicht existiere. Jean Larcher sei zahlungsunfähig gestorben, die Gläubiger hätten das Haus verkaufen lassen und er, Chavance, habe es zurückgekauft; die Witwe sei in die größte Armut geraten, die Liebe und Ergebenheit des alten Gesellen hätten sie aus dem Elende gerettet. Als Chavance diese Erzählung beendet hatte, nahm er mit sonderbarer Eile einige Papiere aus einer Schachtel, gab sie Nicolas in die Hand und forderte ihn auf, sich von der Wahrheit dieser Versicherungen zu überzeugen. Nicolas stieß diese Papiere zurück und bat ihn inständigst, er möge ihm wenigstens erlauben, seine Mutter zu umarmen. Aber durch die Sanftmut und Geduld des jungen Mannes ermutigt, war die Sprache Chavances befehlshaberischer geworden. Er erwiderte, daß das, was jener wünsche, unmöglich sei, daß seine Anwesenheit in diesem Hause allein schon große Gefahr für die habe, die es bewohnten, daß es ihm gar nicht einfalle, so enden zu wollen, wie Jean Larcher geendet habe, daß er ihn also auffordere, Paris zu verlassen und so schnell als möglich nach England zurückzukehren, und daß, wenn er dies nicht tue, er, der vor allem besorgt sei, immer Gott und dem Könige zu gehorchen, selbst gehen werde, die Anwesenheit eines Kalvinisten in seiner Wohnung anzuzeigen. Zitternd vor Bewegung fiel Nicolas, ungeachtet der tiefen Abneigung, die er gegen den fühlte, welcher den Platz seines Vaters eingenommen hatte, vor ihm auf die Knie nieder und beschwor ihn, er möge ihn nicht in das Exil zurückkehren lassen, ohne den Trost einer letzten Liebkosung von der, die ihm das Leben gegeben, mitnehmen zu dürfen. Aber sein Stiefvater stieß ihn roh zurück und erneuerte seine Drohungen. Da öffnete sich die Tür, und Frau Chavance, die wahrscheinlich in der Nebenstube alles gehört hatte, was zwischen ihrem zweiten Manne und ihrem Sohne vorgegangen war, stürzte höchst aufgeregt in das Magazin und warf sich an die Brust des armen Nicolas. Chavance geriet in einen Anfall wilder Wut, als er sah, daß die mütterliche Zärtlichkeit stärker als seine Einflüsterung sei. Es fehlte wenig daran, daß er seine Frau malträtierte, aber besiegt von ihren Tränen und Bitten, gab er ihr zehn Minuten Zeit, um ihrem Kinde Lebewohl zu sagen, und ging dann aus dem Magazin, mit aller Art von Flüchen schwörend, daß, wenn diese zehn Minuten verflossen und Nicolas noch im Hause sei, er selbst zum Polizeileutnant gehen werde. Sei es Schrecken oder Liebe, Chavance schien einen solchen Einfluß auf die Mutter Nicolas' auszuüben, daß sie, sobald sie sich mit ihrem Sohne allein befand, ohne die Fragen zu hören oder zu beantworten, die er über das tragische Ende seines Vaters an sie richtete, ihn vielmehr im Namen ihrer Ruhe beschwor, nicht einen unsinnigen Widerstand zu versuchen und sich schleunigst zurückzuziehen. Gleichzeitig versprach sie ihm, um die Bitterkeit dieses Rates zu mildern, ihm von jetzt an Briefe zukommen zu lassen, und da sie die ärmlichen Kleider, die er trug, bemerkte, nahm sie aus einer Schublade einige Goldstücke und ließ sie in seine Tasche gleiten; endlich umarmte sie, geteilt in ihren Gefühlen als Mutter und Gattin, ihren Sohn mit aller mütterlichen Zärtlichkeit, wiederholte ihre Bitten, daß er fliehen möge, weinte über die Grausamkeit dieser Trennung und führte den Unglücklichen, den sie an die Schulter gefaßt hatte, bis vor die Tür, die er hinter sich geräuschvoll schließen hörte. Da war es, daß er, ehe er sich entfernte, daran dachte, von demjenigen, der den letzten Seufzer Jean Larchers in Empfang genommen hatte, das zu hören, wonach er vergeblich seine Mutter gefragt hatte. Seit sechs Jahren hatte mein Ahne nie Jean Larcher vergessen, und nie hatte dessen letzte Protestation im Augenblicke, wo er vom Galgen in die Ewigkeit überging, aufgehört, an seinen Ohren widerzuhallen. Wie der Gefreite, der den armen Buchbinder arretiert hatte, so war auch er überzeugt, daß derselbe nicht schuldig gewesen sei. Er überbrachte ihm die letzten Grüße seines Vaters, nahm aus einem Koffer das Skapulier, das Jean Larcher ihm geboten hatte, wenn er tot sei, von seinem Körper zu nehmen, und stellte es dem jungen Manne zu. Nicolas wurde nicht müde, mit seinen Küssen diese Reliquie des armen Märtyrers zu bedecken und sie mit seinen Tränen zu benetzen, bis Charles Sanson ihn fragte, ob er nicht begierig sei, zu erfahren, was dieses Skapulier enthalte. Nicolas untersuchte es nun mit mehr Aufmerksamkeit. Es war eines dieser Beweise der merkwürdigen Geduld, welche der Mensch in der Gefangenschaft sich zu eigen macht. Es bestand in einem Stück schwarzen Tuches, das in mehrere doppelte Falten gelegt war, die mit Haaren aneinander genäht worden. Die beiden Nadeln, die wahrscheinlich bei dieser Arbeit gedient hatten, waren noch darin in Kreuzesform auf einer der Außenseiten des Skapuliers festgesteckt. Der arme junge Mann zögerte, die Naht zu öffnen; zweifellos dachte er an alles, was sein Vater gelitten hatte, als seine Finger diesen Stoff zusammenfügten; mein Ahne nahm ihm denselben aus der Hand und schnitt ihn mit einer Schere in zwei Teile. Das Skapulier enthielt ein anderes Stück schwarzen Tuches, auf das der Verurteilte mit Haaren, die man an ihrer Weiße für die seinigen erkannte, einen Namen in sehr leserlichen und vollständig ausgeführten Schriftzügen gestickt hatte. Dieser Name hieß Chavance. Mein Ahne war ganz nachdenklich geworden; er sah Nicolas Larcher an. Er bemerkte, daß eine sonderbare Veränderung in dem sanften, weißen und fast weiblichen Gesichte des Jünglings vorgegangen war; seine Augen funkelten, und sein Gesicht war durch einen drohenden Ausdruck entstellt. Am anderen Morgen mit Tagesanbruch klopfte Nicolas Larcher an die Zimmertür meines Ahnen, der sich bereits ankleidete, um auszugehen. Er schien noch bewegter als abends zuvor; meinem Ahnen zeigte er ein englisches Geldstück von fünfundzwanzig Livres und erklärte ihm, er erkenne es für eines derjenigen, die er seinem Vater geschickt habe. Hier war kein Mißverständnis möglich; dieses Geldstück war das erste, das er in England verdient hatte – es trug das Bild der Königin Anna; da es sehr selten war, hatte der junge Mann es behalten wollen und das Datum des Tages, an dem er es empfangen, auf der Rückseite eingraviert. Charles Sanson untersuchte das Geldstück, bat, es ihm anzuvertrauen, und ging aus, nachdem beide ein Zusammentreffen im Sprengel Notre-Dame, gegenüber der Kapelle Saint-Denis-du-Pas verabredet hatten. Zwei Stunden später fanden sie sich wirklich an diesem Orte zusammen. Mein Ahne führte Nicolas Larcher an einen entlegenen Ort am Ufer des Flusses, und nachdem er ihn aufgefordert hatte, sich mit Stärke und Mut zu waffnen, teilte er ihm mit, was er von seinem Freunde, dem Gefreiten, in Erfahrung gebracht hatte. Einige Monate nach der Abreise Nicolas' hatte Jean Larcher einen Gesellen namens Chavance in seine Werkstatt aufgenommen. Dieser Mensch war damals sechsundzwanzig Jahre alt und verstand unter einer frommen, bescheidenen Außenseite sehr geschickt die verderbtesten Gefühle zu verbergen. Die freiwillige Verbannung ihres Sohnes hatte Frau Larcher in eine Art von Verzweiflung versetzt. Chavance hatte geschickt daraus Vorteil gezogen, um sich in ihre Gunst einzuschmeicheln. Nach und nach hatte er dieser Frau ein Gefühl einzuflößen gewußt, das an Stelle der mütterlichen Zärtlichkeit ganz von einem Herzen Besitz ergriff, das zu warm und leidenschaftlich war, um je leer bleiben zu können. Sie wußte es dahin zu bringen, daß auch ihr Gatte diese Freundschaft für Chavance teilte, und obwohl der letztere gerade kein geschickter Arbeiter war, so hatte Jean Larcher doch seinen Lohn erhöht und ihn als Tischgenossen in seine Wohnung aufgenommen. Diese Güte war mit dem schwärzesten Undank belohnt worden; ebenso habgierig wie verstellungsfähig begehrte Chavance nicht allein die Frau seines Meisters, sondern auch dessen bescheidenes Vermögen, und verräterisch hatte er den bösen Handel angesponnen, welcher der Ruin und das Unglück des armen Buchbinders werden sollte. Sehr wahrscheinlich hatte er, nachdem er den Ballen mit den Pamphlets heimlich in das Haus gebracht, an den Polizeileutnant den Brief geschrieben, in dem er ihm genau den Ort anzeigte, wo die Flugschriften sich finden müßten. Wenn man aber auch nur Vermutungen darüber hegen konnte, von wem die Denunziation ausgegangen sei, so war es mit dem Diebstahl der fünftausendzweihundert Livres doch etwas anderes: ganz sicher war Chavance der Dieb! Die Frau zur Witwe zu machen, genügte ihm nicht, er wollte sich auch noch des Vermögens bemächtigen. Wenn Jean Larcher vor seinem Tode seine Gläubiger hätte bezahlen können, so würde der Sohn seinen Anteil an der Erbschaft gefordert haben. Um dem zuvorzukommen, mußte ein Bankerott nach dem Tode herbeigeführt und dazu die fünftausendzweihundert Livres, die Tags darauf in andere Hände übergehen sollten, geraubt werden. Dieser Raub befreite Chavance von Nicolas Larcher und erlaubte ihm außerdem, das Haus seines Meisters für sich selbst zurückzukaufen. Während mein Ahne ihm diesen abscheulichen Handel auseinandersetzte, zitterte Nicolas Larcher wie ein Mensch, den heftige Fieberanfälle schütteln, und man hörte seine Zähne aufeinanderschlagen. Er war bleich, als ob er sterben solle, und mit rauher, röchelnder Stimme wiederholte er: »Meine Mutter! Meine Mutter!« Als er bemerkte, daß Charles Sanson schwieg, fragte er ihn mit einer Lebhaftigkeit, die beinahe Heftigkeit genannt werden konnte, ob er glaube, daß seine Mutter von dem Verbrechen Chavances Kenntnis gehabt habe. Mein Ahne senkte die Augen zu Boden und antwortete nicht; da schlug Nicolas Larcher die Hände über seinem Kopf zusammen, und als sie plaudernd der hölzernen Brücke gegenüber angekommen waren, die aus der Stadt nach der Insel Saint-Louis führt und über welche man nach dem Quartier Saint-Paul kommen kann, wollte er diese Richtung einschlagen, aber mein Ahne, der alle seine Bewegungen überwachte, hielt ihn an und beschwor ihn, sich nicht seinem gewissen Verderben auszusetzen, indem er sich ein zweites Mal bei dem Manne seiner Mutter sehen ließe. Charles Sanson hatte seinem jungen Freunde noch gesagt, daß der Gefreite der Ansicht gewesen sei, diese Sache nicht vor Gericht zu ziehen. Als mein Ahne davon gesprochen, hatte er kopfschüttelnd geantwortet, Chavance sei ein Verwandter des Paters La Chaise, des Beichtvaters des Königs. Er war zu derselben Zeit wie Rambault und Jean Larcher durch das Pamphlet kompromittiert gewesen, und nur die hohe Protektion des Jesuiten hatte ihn vor den übelsten Folgen bewahrt. Während die Witwe Cailloué, Buchdruckereibesitzerin zu Rouen, in der Bastille starb, die Witwe Charmot und ihr Sohn an der Tür ihres Hauses in der Rue de la Vieille-Boucherie in den Bann getan worden, entging Chavance allein der Strafe durch eine Aufschubsorder, die merkwürdigerweise auf dem Grèveplatze eintraf, als der Galgen schon aufgerichtet war und der Karren eben anlangte. Es mußte sich also wohl eine sehr mächtige Hand dazwischen gelegt haben, und aller Wahrscheinlichkeit nach war es daher unnütz und für einen Proskribierten obenein sicherlich ein unkluger Schritt, mit dem Schützling des allmächtigen Beichtvaters sich in offenen Kampf einzulassen. Der Sohn des Opfers konnte nur am besten tun, es der Vorsehung zu überlassen, den Schuldigen zu strafen. Charles Sanson erwartete, Nicolas Larcher werde sich gegen den Gedanken empören, daß die Menschen ein so großes Verbrechen unbestraft lassen könnten; aber dies geschah nicht. Der Jüngling schien alle Kraft und allen Willen verloren zu haben; er war so vollständig in Nachdenken versunken, daß er mehrere Male gegen die ihm Begegnenden stieß. Der Scharfrichter ergriff seinen Arm, und er ließ sich mit der Folgsamkeit eines Kindes nach seiner Wohnung zurückführen. Mein Ahne seinerseits hatte wohl die Eindrücke der menschlichen Seele auf die Gesichtszüge zu beobachten gelernt; diese sonderbare Ruhe erschreckte ihn, er sah darin das Anzeichen irgendeines furchtbaren Entschlusses; er trug daher Sorge dafür, daß sein Gast in das Zimmer, das er bewohnte, eingeschlossen wurde. Als er sich aber am andern Morgen zu dem jungen Menschen begab, fand er ihn nicht mehr. Das Fenster stand offen, und die Bettücher, an denen sich Nicolas Larcher auf die Straße hinabgelassen hatte, schaukelten noch hin und her. Ein Unglück ahnend, eilte Charles Sanson nach seinem Zimmer zurück, um sich vollständig anzukleiden, als einer der Knechte, von einer Besorgung zurückkehrend, ihn benachrichtigte, daß während der Nacht eines jener Verbrechen verübt worden sei, die ein ganzes Volk in Bestürzung zu setzen vermögen: ein Sohn hatte seine Mutter und seinen Stiefvater ermordet. Mein Ahne erriet sogleich, wer der Schuldige und wer die Opfer seien; er lief so schnell, als sein Alter es ihm erlaubte, nach der Rue Lions-Saint-Paul. Aus einem Auflaufe, den er vor dem Hause des Buchbinders sah, erriet er sogleich, daß er sich nicht getäuscht habe. Mit vieler Mühe brach er sich durch die Menge Bahn und erkannte, sowie er das Erdgeschoß betrat, Nicolas Larcher, der, von Gefreiten und Soldaten der Polizeiwache umgeben, auf einer Bank saß. Der junge Mann erkannte seinen Wirt trotz der Menge, die ihn umgab; er machte eine Bewegung, als wolle er auf ihn zugehen, aber er war so schwer gefesselt, daß er nur mit Mühe aufrechtstehen konnte und sogleich wieder auf seinen Sitz zurückfiel. Als ihm nun Charles Sanson sein Verbrechen vorhielt, schlug er die Augen zum Himmel auf und rief: »Der dort oben thront, hat es so gewollt, er hat meinen Arm geführt. Und auch ich werde, wenn ich vor seinen Richterstuhl trete, es mit Glauben und Vertrauen tun!« Er gestand sein Verbrechen, aber ohne irgend Reue oder Gewissensbisse kundzugeben; er weigerte sich, die Umstände, die es begleitet hatten, zu erzählen, und als man ihn nach den Gründen fragte, die ihn zu dieser schrecklichen Tat getrieben hatten, antwortete er, der Herr habe ihm dieses Opfer befohlen, wie ehemals dem Jephtha, seine Tochter zu opfern. Man führte ihn darauf nach dem Châtelet; einige Tage später erhielt mein Ahne von dem Kriminalleutnant die Erlaubnis, ihn zu besuchen. Es gelang ihm, den Unglücklichen zu beruhigen, und nun erzählte ihm Nicolas Larcher, ohne eine Frage abzuwarten, daß er, sobald er erfahren, so große Schuldige sollten straflos bleiben, seine Seele zu Gott erhoben und ihn gefragt hätte, ob er ihn nicht strafen werde; da habe er eine innere Stimme gehört, die ihm zugerufen: »Töte sie!« und nachher hätte er nur noch an die Mittel gedacht, das Urteil der göttlichen Gerechtigkeit zur Ausführung zu bringen. Bei dem Abendessen hatte er sich ein Messer mit spitzer Klinge ausgesucht und unter seinen Kleidern verborgen. Als er um neun Uhr abends sich auf sein Zimmer begeben, hatte er gebetet und gefühlt, daß seine Seele sich, je mehr er bete, desto mehr in ihrem Entschlusse bestärke. Darauf hatte er das Haus, in dem er Gastfreundschaft gefunden, verlassen und war in vollem Laufe bis an die Rue Lions gelangt. Da es warmes Wetter war und das Fenster offenstand, konnte er in die Werkstatt gelangen, ohne von dem Buchbinder bemerkt zu werden. Aber der letztere hörte doch die Diele unter dem Tritte des Mörders knarren; er drehte sich um und fragte, wer da sei; doch plötzlich von instinktmäßigem Schrecken ergriffen, war er nach der Tür geeilt und hatte um Hilfe gerufen. Aber Nicolas hatte ihn mit einem Sprunge erreicht, ehe er noch auf den Gang gelangt war, und obgleich er nur klein und schwach, Chavance dagegen groß und kräftig war, hatte er ihn beim ersten Anfalle zu Boden geworfen. Erst als er das blitzende Messer über seinem Haupte erblickte, erkannte der Buchbinder seinen Gegner. Er begriff wohl, daß er verloren sei, denn er gab es auf, um Hilfe zu rufen, er flehte nur noch mit erstickter Stimme das Mitleid des Sohnes seines alten Meisters an, und um ihn eher zur Gnade zu bestimmen, scheute er sich nicht, das ganze Verbrechen auf seine Mitschuldige zu wälzen, indem er schwur, daß sie allein und nicht er schuldig sei. Diese Anklagen verdoppelten aber nur die Rachewut, die Nicolas verzehrte; er stieß auf Chavance mit solcher Heftigkeit zu, daß er sich selbst an der Hand verwundete und daß jener nicht mehr atmete, als er noch immer auf ihn losstach. Dann hatte er ein paar Augenblicke gelauscht. Nichts rührte sich im Hause. Er dachte daran, zu entfliehen; aber dieselbe Stimme, die ihm am Morgen zugerufen hatte: »Töte!« hatte ihn verhärtet und fragte ihn jetzt, ob der feste Schlummer, der die Sinne der schuldigen Gattin umfing, ihm nicht beweise, daß Gott mit ihm sei. Er war nun die Treppe hinaufgestiegen. Er glaubte die Dunkelheit sich mit Gespenstern beleben zu sehen, die ihn aufzuhalten suchten, aber ein anderes Phantom, in ein Leichentuch gehüllt, das ihm das Gesicht bedeckte, löste sich aus der Finsternis los und ging, ihm Bahn brechend, vor ihm her. So kam er an die Tür der Kammer seiner Mutter, und ehe er noch die Hand auf die Klinke gelegt, öffnete sich diese Tür geräuschlos von selbst. Er tat einige Schritte in die Kammer hinein; die Schläferin war nicht erwacht, aber Nicolas hörte deutlich ihre Atemzüge, und es schien ihm, als sei jeder derselben eine Bitte. Das Messer war seinen zitternden Händen entfallen und rollte auf die Dielen, er selbst fiel zu Füßen des Bettes auf die Knie und fühlte sich so schwach, daß er nicht zu denken vermochte. Da näherte sich ihm das Gespenst, das ihn hergeführt hatte, und, das Leichentuch aufhebend, zeigte es ihm ein schreckliches Gesicht mit herausgetretenen Augen, blauen Lippen und lang heraushängender Zunge. In dieser schrecklichen Vision erkannte er seinen Vater. Der Gehängte hob den Dolch auf und gab ihn in die Hand des Sohnes. Er zeigte ihm die bläulichen Spuren, die der Strick auf seinem Halse zurückgelassen hatte, er streckte dann die Hand gegen das Bett aus und wiederholte mit rauher, aber so mächtiger Stimme – wie der Jüngling erzählte –, daß man sie im Zölestinerkloster gehört haben müsse, dreimal: »Töte! töte! töte!« Nicolas hatte die Hand erhoben und ließ sie auf gut Glück niederfallen. Ein Angstschrei ertönte, Frau Chavance murmelte einen Namen, der weder der eines ihrer Kinder noch der ihres zweiten Gatten war, und alles wurde wieder still. Nicolas Larcher erzählte nicht, was mein Ahne von denen, welche ihn arretierten, erfahren hatte: daß man nämlich bei Tage, nachdem man den leblosen Körper Chavances in der Werkstatt gefunden, in das Zimmer seiner Frau gedrungen war und daselbst den Mörder betend und weinend vor dem zweiten Leichnam fand, so verzweifelnd und schmerzlich erregt wie der beste Sohn, dem der Himmel die, welche ihm das Leben gegeben, genommen hat. Als er sein Geständnis beendet hatte, fragte er Charles Sanson mit einer gewissen Angst, ob er noch glaube, daß Gottes Hand nicht in dem Geschehenen gewirkt habe. Der alte Scharfrichter hatte begriffen, daß Kummer, Elend und besonders religiöse Exaltation die Vernunft des armen Nicolas erschüttert hatten und daß, als er sein Verbrechen verübte, er nur der Erregung nachgegeben hatte, die man Illuminismus nennt. Er wollte ihm nicht einen Glauben rauben, der seine letzten Augenblicke weniger bitter machen konnte. Wie dem auch sei, die Justiz der damaligen Zeit kannte bei weitem nicht die gesetzmäßige Rücksicht der heutigen; selbst wenn es bewiesen worden wäre, daß Nicolas Larcher nur einer Verstandesverwirrung unterlegen sei, so würde er sein doppeltes Verbrechen doch auf dem Rade haben büßen müssen. Aber ein hitziges Fieber ersparte ihm diesen schrecklichen Tod; zwei Tage nach dem Besuche meines Ahnen wurde er krank und starb in einem wütenden Delirium, ehe man noch die Anweisung erhalten konnte, ihn aus seinem Kerker im Châtelet auf das Blutgerüst zu schleppen. Eine Intrige unter der Regentschaft Die Marquise von Parabere Dubois, Law, der Regent. Der Sohn Sanson von Longvals, der sich Charles, wie sein Vater, nannte, nahm von dem Amte offiziell Besitz, nachdem er es fünf Jahre nur verwaltet hatte. Der Patentbrief, der ihn mit dem Amte bekleidete, ist vom 8. September 1703. Charles Sanson hatte den sanften, melancholischen Charakter Marguerite Jouannes, seiner Mutter. Er war mehr zärtlich als leidenschaftlich und sollte nur einmal lieben, aber diese Liebe sollte bis zu seinem Tode dauern. Er heiratete am 30. April 1707 Martha Dubut, die Schwester seiner Stiefmutter, für die er lange schon eine geheime Neigung gehabt hatte. – Am Abend des 23. März 1720 ging Charles Sanson allein zwischen den Gesträuchen seines Gartens spazieren, als ein Diener ihn benachrichtigte, daß eine Dame ihn dringend zu sprechen verlange. Von einem solchen Besuche zu dieser Stunde überrascht, befahl er, die Dame in den Empfangssalon zu führen, und beeilte sich, selbst dahin zu gelangen. Als der Diener sich anschickte, Kerzen anzuzünden, denn es begann schon zu dunkeln, wandte sich die Dame, die ihr Gesicht mit einem langen Schleier bedeckt hatte, an Charles Sanson und redete ihn mit bewegter Stimme an: »Ich bitte sehr, mein Herr, wenn es Ihnen gleichgültig ist, so lassen Sie nicht Licht anzünden; ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen, und meine Augen sind so schwach, daß der Lichtschein mir Schmerzen verursacht.« Mein Ahne begriff, daß sie die Dunkelheit nur wünsche, um ihre Gesichtszüge besser verbergen zu können, und sowohl aus Diskretion als aus Höflichkeit gab er dem Diener ein Zeichen, sich zurückzuziehen. »Beruhigen Sie sich, Madame,« sagte mein Ahne. »Dieses arme Haus empfängt selten so hohen Besuch wie den Ihrigen, aber man kennt und übt darin alle Rücksichten, die man einem solchen schuldet. Ich werde ehrfurchtsvoll warten, bis Sie imstande sind, mir den Grund zu nennen, der Sie hierher führt, denn ich begreife wohl, daß es ein sehr peinlicher und schmerzlicher sein muß.« Bei diesen Worten brach die Unbekannte in Tränen aus. »O ja!« rief sie endlich, »sehr peinlich, schmerzvoll und herzzerreißend! Glauben Sie wohl, daß ich keine Gnade für ihn habe erhalten können? – ein Kind von zweiundzwanzig Jahren, aber sie haben ihm Verderben geschworen! Sie wollen ihn Ihnen überliefern. Ihnen – Ihnen!« Und sie warf einen flammenden Blick auf meinen Ahnen. »Hören Sie,« rief sie wieder, »ich werde toll darüber! Ich bin soeben aus diesem verwünschten Palais Royal entwichen, aus dieser Höhle der Begierde und Ausschweifung, weil mir die Wut zum Herzen stieg. Sie erregen alle drei meinen Abscheu: dieser jämmerliche Knecht von Abbé, dieser große Tropf von Schotte und dieser zynische Prinz, die sich einbilden, ihre falsche Münze dadurch, daß sie dieselbe in das Blut dieses unglücklichen Kindes tauchen, vergolden zu können! Es sind Feiglinge!« Charles Sanson, der befürchtete, daß diese Erregung zu weit gehen könne, und übrigens begierig war, zu hören, was er bereits ahnte, fragte schüchtern: »Erlauben Sie mir, Madame, Ihnen bemerklich zu machen, daß ich noch gar nicht weiß, um was es sich handelt, und daß ich die Personen nicht kenne, von denen Sie sprechen.« »Was, du kennst sie nicht? Nun, bei Gott! es ist Dubois, Law, und es ist der hohe Herr Regent! Du wirst sie wohl schon kennen, denn es sind die Spitzbuben, mein Junge, die dir Beschäftigung geben werden, wenn man sie ihren Weg gehen läßt.« Überrascht und beinahe beleidigt von dieser plötzlichen Vertraulichkeit erwiderte mein Ahne kalt: »Ich bin nur ein armer Beamter des Königs und seiner Parlamentsjustiz; mein Amt ist nicht allein bescheiden, sondern es ist auch von Vorurteilsvollen verachtet; ich versuche deshalb auch nicht, unter den Menschen zu leben, und kümmere mich nicht um die Handlungen der Großen.« Die Unbekannte schien nicht darauf zu hören. »Ja, wie ich dir eben sagte, habe ich sie vergeblich angefleht, sie haben nicht auf mich hören wollen. Der Abbé machte ein andächtiges und heuchlerisches Gesicht, der Schotte faßte sich an das Kinn; sie sprachen zu mir von Staatsgründen, Finanzen und Bankerott – und er, Philipp, ich glaube gar, er hat einen Augenblick gelacht. O Gott, verdamm' mich! ich werde mich an allen dreien rächen, aber an ihm am letzten. Hüte dich, Law! Hüte dich, Dubois! Und nachher haben wir beide miteinander zu tun, Philipp!« Als sie die letzten Worte aussprach, erhob sie sich und begann heftig im Saale umherzugehen. Mantel und Schleier waren gefallen. »Du siehst,« sagte sie zu meinem ganz erstaunten Ahnen, »daß ich mich geputzt habe, um ihm zu gefallen, um noch einigen Einfluß auf diesen Prinzen auszuüben, den Leichtfertigkeit und Ausschweifung verweichlicht haben. Es hat nichts geholfen; er hat ebensowenig Sinne als Herz. Als ich ihnen von diesem unglücklichen Kinde sprach, von seiner hohen Geburt, seiner erhabenen Verwandtschaft, seiner Unschuld, denn nicht er hat diesen elenden Juden getötet, da antworteten sie mir nur mit ihrem Papiergelde, mit ihrem System und dem öffentlichen Kredit. Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich bin entflohen und direkt hierher gekommen, denn ich habe nur noch Hoffnung zu dir. Nur du allein kannst ihn retten, und du wirst ihn retten – nicht wahr?« »Madame,« erwiderte Charles Sanson traurig, »ich bin ebensowenig imstande zu retten als zu verderben. Ich bin nur ein Arm, ein Schwert, das ein anderer Wille als der meinige in Bewegung setzt. Wenn man mir sagt: »Töte!« so muß ich töten; sagt man mir: »Schlage zu!« so muß ich zuschlagen. Ich bin gerade der Gegensatz des Herrn Regenten, von dem Sie soeben zu mir gesprochen haben; er hat das Recht der Gnade im Namen des Königs, ich habe jedoch nur das des Todes.« »Aber du kannst ihn entschlüpfen lassen. Höre mich an: es werden Maßregeln für seine Entweichung während des Transports von der Conciergerie nach dem Grèveplatze getroffen sein. Widersetze dich seiner Flucht nicht, und du wirst königlich belohnt werden.« Mein Ahne machte eine Bewegung. »Du weißt vielleicht nicht einmal, von wem ich sprechen will. Es ist der Graf Anton von Horn, ein armer Jüngling von kaum zweiundzwanzig Jahren. Man sagt, er habe einen Juden in der Straße Quincampoir getötet, um ihm seine Brieftasche abzunehmen. Das ist aber nicht wahr; ein Piemontese hat es getan.« »Madame,« unterbrach sie Charles Sanson, »seit einer Weile habe ich nicht mehr gezweifelt, daß Sie mir die Ehre angetan haben, des Herrn Grafen von Horn wegen hierher zu kommen. Aber ich wiederhole Ihnen: ich kann nichts, durchaus nichts mehr für Herrn von Horn als für den niedrigsten Verbrecher tun, den mir die Justiz des Parlaments überliefert. Meine Pflicht besteht darin, den Urteilsspruch des Parlaments zu vollziehen. Ich werde nichts darüber und nichts darunter tun. Wenn die Verwandten oder Freunde des Herrn Grafen von Horn ein Komplott gemacht haben, um ihn während des Transportes oder an dem Orte der Strafvollziehung zu befreien, so werden sie bei mir weder Beistand noch Widerstand finden. Ich hatte schon die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich unempfindlich bin, und wer ›unempfindlich‹ sagt, der sagt auch ›unbeweglich‹. Ich werde erst dann die Hand an diesen unglücklichen Jüngling legen, wenn alle menschliche Hilfe verloren ist.« »O Dank!« rief die arme Unbekannte, die durch diese Worte beruhigter schien. »Ich wußte wohl, daß du nicht ebenso unmenschlich wie jene sein würdest. Du bist der Scharfrichter, nicht wahr? Gut, jene sind: der Regent von Frankreich, ein Minister, der Generalkontrolleur der Finanzen! Sie sind die größten Personen im Staate, aber sie haben keine Seele, und zu dir muß ich kommen, um Mitleid für das Opfer ihrer Grausamkeit, ihrer Leidenschaften und Berechnungen zu erflehen! Hier, nimm diese Rolle, sie enthält hundert Louisdor, und am Tage nach der Rettung des Grafen komme zu mir und fordere, was du willst; ich gebe dir das Wort einer Königin, daß du zufriedengestellt werden sollst.« Mein Ahne machte eine zurückweisende Gebärde. »Behalten Sie dieses Geld, Madame,« beeilte er sich zu sagen. »Selbst wenn ich Ihre Hoffnungen teilen und auf eine unerwartete Hilfe, die den Herrn Grafen von Horn von dem ihm erwartenden schrecklichen Lose befreien sollte, rechnen könnte, so würde ich es mir zur Pflicht machen, jede Belohnung für meine Neutralität unter solchen Umstanden zurückzuweisen. Es ist Sache der Polizeigefreiten und Stadtwache, über die Person des Verurteilten zu wachen; wenn sie ihn entfliehen lassen, so mag Gott gepriesen sein, denn er erspart uns beiden einen großen Schmerz, Ihnen den, ihn sterben zu sehen, und mir, den tödlichen Streich auf ihn zu führen, übrigens«, setzte er in barschem Tone hinzu, »werde ich durch den König bezahlt, um mein Amt zu erfüllen, und ich wiederhole, daß ich nichts mehr tun kann.« »Vorwärts!« rief die Dame, wieder ihre erste wilde und verzweifelte Energie annehmend, »spiele nicht den Heuchler und Süßling. Ich weiß, wo ich bin. Nun, willst du auch meinen Namen wissen? – Gleichviel, ich bin die Marquise von Parabere, und man nennt mich die Mätresse des Regenten. Ich will nicht, daß dieser junge Mann sterbe! – Hörst du wohl?« Charles Sanson verneigte sich. »Frau Marquise, die Tage des Herrn Grafen von Horn gehören leider nicht Ihrem untertänigsten Diener. Wenn ich das von der Vorsehung erwählte unwürdige Instrument bin, um eine Laufbahn, die so glänzend begann, so schrecklich zu endigen, so werde ich ewig schmerzlich bedauern, daß ich Ihnen wider Willen eine so grausame Betrübnis bereitet habe. Aber hören Sie auf – ich bitte Sie darum – mir von Belohnung zu sprechen. Weder mein Stand noch mein Charakter erlauben mir, eine solche anzunehmen, und so etwas kann nie auf meine Handlungsweise einwirken.« Die Marquise betrachtete ihn ganz erstaunt. »Wie kann man doch von euch sagen, daß ihr Blutmenschen seid und daß nur Gewinnsucht euren Arm bewaffne und euch treibe, euresgleichen abzuschlachten? – Adieu, Meister; ich halte mich an Ihr Versprechen: wenn Herrn von Horn im letzten Augenblick Hilfe kommen sollte, so werden Sie Gott die Gerechtigkeit überlassen – sie ist wohl mehr wert als die des Königs oder vielmehr des Regenten.« Die Marquise wollte gehen; plötzlich aber blieb sie, wie von einer schmerzlichen Ahnung bewegt, stehen und sagte zu Charles Sanson mit unbeschreiblichem Schauder: »Wenn meine Hoffnungen dennoch getäuscht werden sollten, wenn unter allen den Edlen, die sich für dieses Kind von ihrem Blut interessieren, keiner geschickt genug sein sollte, seine Kerkermeister durch Gold zu bestechen, oder so tapfer, es mit den Waffen in der Hand zu befreien, wenn die schändliche Polizei Dubois' alle zu seiner Rettung genommenen Maßregeln vereiteln sollte, wenn es nötig würde, daß das Blut unschuldigen Opfers Ihr Schwert rötete – oh, dann versprechen Sie mir, daß Sie ihm meinen Namen in das Ohr flüstern wollen, ehe er vor Gott erscheint. Sagen Sie ihm, daß ich gekommen sei, daß ich bis zum letzten Augenblick für ihn gebeten, daß ich alles zu seiner Rettung getan hätte und daß ich, wenn er stirbt, mich nie trösten würde.« Die Marquise brach in Schluchzen aus. »Madame,« erwiderte mein Ahne, »Ihre Wünsche sollen treu erfüllt werden, und wenn es Gott gefallen sollte, daß der Herr Graf von Horn durch diese Hand umkäme, so würde letztere sich bemühen, ihm die Angst der letzten Augenblicke abzukürzen, und Ihnen auch ein Andenken von ihm zustellen.« »O Dank! Dank!« rief Madame Parabere und eilte, ganz außer sich, davon. Einen Augenblick später hörte man das Rollen ihrer Kutsche in der Rue d'Enfer, und Charles Sanson setzte seinen so traurig unterbrochenen Spaziergang unter den großen Bäumen des Gartens fort. Der Graf von Horn Das Bittgesuch; Herr von Créquy; die Hinrichtung. Der Graf Anton Joseph von Horn, von dem soeben die Rede gewesen, war mit einem hohen fürstlichen Hause verwandt und mit dem vornehmsten Adel Europas verbunden. Es erregte daher in jener Zeit das größte Erstaunen, als man hörte, er sei unter der doppelten Anschuldigung des Mordes und des Diebstahls verhaftet und in die Conciergerie gebracht worden. Der Mord hatte in einem Wirtshause der Straße Quincampoir stattgefunden, wo der Graf von Horn und seine Genossen einem Juden ein Rendezvous unter dem Vorwand, daß sie ihm seine Aktien abkaufen wollten, in der Tat aber, um ihn zu berauben, gegeben haben sollten. Nach der Anklage sollte der Graf von Horn den ersten Schlag auf den Juden geführt haben, worauf der Chevalier de Milhe und der dritte Gehilfe den Mord zu Ende geführt und sich der Brieftasche bemächtigt hätten. Diese Begebenheit machte in Paris ein ungeheures Aufsehen, sowohl wegen des hohen Ranges des Angeschuldigten als wegen der Verwandtschaftsbande und anderen Beziehungen, die ihn mit den angesehensten Personen verknüpften. Dessenungeachtet wurde der Prozeß mit einer fast beispiellosen Schnelligkeit geführt, und es scheint, daß alle zur Rettung dieses unglücklichen jungen Mannes getanen Schritte sein Verderben im Gegenteil nur beschleunigten. Sobald die Verwandten des Grafen von Horn seine Einkerkerung in die Conciergerie erfahren hatten, regten sie sich von allen Seiten. Am Tage vor dem Urteilsspruche hatten sie sich, siebenundfünfzig Personen stark, nach dem Justizpalaste begeben und in einem Korridor die Mitglieder des Gerichtshofes erwartet, um sie im Vorübergehen zu grüßen, was eine indirekte Manier war, ihnen den Angeklagten zu empfehlen. Diese Kundgebung, die um so imposanter war, als man unter der großen Zahl der Teilnehmer die größten Namen Frankreichs fand, blieb vollständig erfolglos; der Gerichtshof erließ ein Urteil, wonach der Graf von Horn, der Chevalier de Milhe und der dritte Schuldige in contumaciam verurteilt wurden, lebendig gerädert und dann bis zu erfolgendem Tode auf das Rad geflochten zu werden. Dieser Spruch versetzte die Verwandten und Freunde des unglücklichen Jünglings in Schrecken und Bestürzung. Damals wandten sie sich, wie Frau von Parabere es Charles Sanson gesagt hatte, an den Regenten mit folgender Bittschrift, die ich hier wegen der hohen Stellung der Unterzeichner und der darin enthaltenen Gründe wiedergebe: »Gesuch der Verwandten des Herrn Fürsten von Horn und des Herrn Grafen von Horn an den Herrn Regenten. Hoher Herr! Die getreuen Untertanen Seiner Majestät, deren Namen folgen, haben die Ehre, Eurer Königlichen Hoheit in Ehrfurcht auseinanderzusetzen: 1. daß der Graf Ambrosius von Horn, Groß-Jägermeister von Flandern und Artois, seit siebzehn Jahren des Gebrauches seiner Vernunft und seiner Freiheit beraubt ist. Es ist wohlbekannt, daß er in einem Anfalle von Tobsucht den Tod seiner Gattin, Madame Agnes Brigitte von Créquy, veranlaßte und daß ihn die souveränen Höfe von Flandern und Brabant dafür nicht anders als durch Entziehung der Herrschaft über seine Güter und Gefängnis bestraft haben. Es erhellt aus den beigefügten Zeugnissen: – erstens, daß genannter Herr Graf sich hartnäckig weigerte, während er auf Schloß Loosen war, eine andere Art Nahrung als rohes Fleisch zu sich zu nehmen; – zweitens, daß er die Weinportion, die man ihm täglich gab, aufsparte, bis er eine hinreichende Menge beisammen hatte, um sich berauschen zu können; – drittens, daß er sich am 4. August 1712 mittels eines Feuerhakens, den er sich in die Kehle stoßen wollte, verwundete und dabei einen Blutverlust erlitt, der ihm beinahe das Leben kostete;–viertens, daß, nachdem er ein Mittel gefunden hatte, vom Schloß Loosen zu entweichen, er zwei Kapuzinern von Ruremonde begegnete, die er anfangs wütend schlug, indem er sie nötigen wollte, Gott abzuleugnen. Er war mit vier geladenen Pistolen bewaffnet, die er Reisenden geraubt hatte. Einer dieser Mönche hatte, tödlich erschreckt durch die Heftigkeit des Grafen, die Schwäche, gewisse Worte der Apostasie auszusprechen, worauf der Graf ihm sagte, daß er ein elender Abtrünniger sei, der gerechterweise zum Teufel geschickt werden müßte, und ihn vor den Kopf schoß. Obgleich der andere Mönch festgeblieben war, tötete er auch ihn durch einen Pistolenschuß; der Verrückte sagte ihm, er würde direkt in das Paradies eingehen, und er selbst wolle ihn zum Märtyrer seines Glaubens machen; 2. daß der Prinz Ferdinand von Ligne und Amblise, Generalmajor der kaiserlichen Armeen, unter Kuratel seines prinzlichen Bruders steht und daß er ingleichen wegen Tollheit seit dem Jahre 1717 gerichtlich zur Einsperrung verurteilt ist; 3. daß der Vater der verstorbenen Prinzessin von Horn und Overisque seit ungefähr drei Jahren vor seinem Tode auch den Verstand verloren hatte; 4. daß der Graf Anton Joseph von Horn und Saint-Empire, zweiundzwanzig Jahre alt, der legitime und nachgeborene Sohn Philipps V. ist, der bei seinen Lebzeiten war: Prinz von Horn und Overisque, souveräner Graf von Baussigny, Hautekerke und Bailliol, erblicher Statthalter der Provinzen Geldern, Friesland und Westfriesland, Prinz und erblicher Oberjägermeister des heiligen römischen Reiches, Grand erster Klasse von Spanien usw. usw., und dessen Gemahlin Antoinette, Prinzessin von Ligne; daß der Graf Anton von Horn von Mutterseite der Enkel des Prinzen von Ligne, der Neffe des Prinzen Ferdinand von Amblise und von Vaterseite der Neffe des vorgenannten Grafen Ambrosius von Horn ist; daß er selbst unter einer Krankheit gelitten hat, welche sowohl die brabantischen Ärzte als auch das richterliche Personal der österreichischen Niederlande dahin beurteilt haben, daß sie ganz den Charakter einer Verstandesschwächung besitze, wie die beigefügten Belege besagen; 5. daß, wenn die Unterzeichneten sich nicht auf eine Diskussion über den Grund und die Formen des gegen besagten Grafen Anton von Horn erlassenen Urteils einlassen, dies einzig und allein der Gebühr wegen unterbleibt und keineswegs aus Achtung und Respekt vor dem richterlichen Ausspruche, wobei sie sich alle vernünftigen Mittel, zugunsten ihres besagten Verwandten Gerechtigkeit zu erhalten, vorbehalten. Aus diesen Gründen möge es Eurer Königlichen Hoheit gefallen, von dem Könige, unserem erhabenen Herrn, Aufhebung der gegen ihn durch das Urteil des Gerichtshofes ausgesprochenen Strafe zu erlangen. Wir sind in Ehrfurcht Eurer Königlichen Hoheit sehr ergebene und gehorsame Diener und Dienerinnen: Claude, Prinz von Ligne; Jean de Croy, Herzog von Havré; Anne Léon de Montmorency; Joseph de Mailly, Marquis von Harcourt; Louis, Sire und Marquis von Créquy; Procope, Graf von Egmont und Herzog von Geldern und Cleve; Erzbischof Prinz von Embrun; Joseph von Lothringen, Prinz von Guise; Carl Herzog von Tremouille und Prinz von Tarent; Carl von Lothringen, Prinz von Montlaur; Erzbischof Herzog von Reims; Carl von Lothringen, Sire von Pons; Guy Chabot, Graf von Jarnac; Charles Roger, Prinz von Courtenay; Anne von Tremouille, Graf von Taillebourg; René von Froullay, Marschall und Graf von Tessé; Kardinal von Gesvres-Luxemburg; Anton von Tremoille, Herzog von Noirmontier, sowohl in seinem wie im Namen von Franz, Kardinal von Tremoille, Erzbischof und Herzog von Cambray; Louis von Rohan, Prinz von Soubise und Espinoy; Anton Nompar von Caumont, Herzog von Lauzun; Louis von Bauffremont, Marquis und Graf von Listenois; Emanuel Theodor Latour d'Auvergne, Herzog von Bouillon, Albret und Château-Thierry; Hugo von Créquy, Stiftsamtmann von Tournay; Armand Gaston, Kardinal von Rohan; Heinrich de la Tour-d'Auvergne, General-Abt von Cisteaux; Louis von Mailly, Marquis von Neste; Heinrich Nompar von Caumont, Herzog von La Force; Louis von Rougé, Marquis von Plessis-Bellière; Franz von Lothringen, Bischof und Graf von Bayeux; H. von Gontaut-Biron für seinen kranken Vater; Carl von Rohan, Prinz von Guémènée; Louis von Bourbon, Graf von Busset; Emanuel von Bayern; Louis, Herzog von Rohan-Chabot; Paul von Montmorency, Herzog von Chastillon; Just von Wassenaer, Burggraf von Leyden; Clara Eugenie von Horn von Montmorency-Logny; Maria von Créquy, Prinzessin von Croy; Charlotte von Savoyen; Henriette von Durfort-Duras, Gräfin von Egmont; Victoria von Froullay, Marquise von Créquy; Charlotte von Lothringen-Armagnac; Genoveva von Bretagne, Prinzessin von Courtenay; Maria Therese von Montmorency, Gräfin von Dreux-de Nancré; Helene von Courtenay, Marquise von Bauffremont; Maria von Gouffier, Gräfin von Bourbon-Busset; Blanca von Lusignan, Äbtissin von Saint-Pierre; Charlotte von Mailly, Prinzessin von Nassau Maria Sobieska, Herzogin von Bouillon-d'Albret; Franziska von Noailles, Prinzessin von Lothringen; Maria von Créquy, Gräfin von Tarnac; Margarethe von Ligne und Aremberg, Marquise Staatswitwe von Bergen-op-Zoom; Elisabeth von Gonzaga, Herzogin von Mirande; Prinzessin Olympia Gonzaga; Maria von Champagne, Gräfin von Choiseul; Anna du Guesclin, Staatswitwe von Goyon.« Alle Unterzeichner des Gesuches hatten sich nach dem Palais Royal begeben, aber der Regent wollte nur eine Deputation von ihnen empfangen. In bezug auf eine vollständige Begnadigung zeigte er sich unbeugsam, und nur mit viel Schwierigkeiten kam man dahin, ihm das Versprechen einer Strafumwandlung zu entreißen, d. h. der Enthauptung statt der Strafe des Rades. Man verlor sich in Vermutungen über die Gründe dieser Unerbittlichkeit des Regenten; man wollte darin einen persönlichen Haß dieses Prinzen gegen den jungen Grafen sehen. Sogleich verbreitete sich eine Geschichte, die vielen Glauben fand, durch die ganze Stadt. Herr von Horn, jung, schön und wohlgestaltet, hatte durch seine galanten Abenteuer etwas Aufsehen gemacht. Wie man weiß, waren die Sitten am Hofe Philipps von Orléans mehr als leicht, und viele Schönheiten, die sehr an der Mode waren, sollen sich gegen den jungen fremden Herrn nicht sehr grausam gezeigt haben. Man nannte darunter sogar den Namen der Frau von Parabere und erzählte, daß der Regent eines Tages Herrn von Horn in verdächtiger Unterhaltung mit der schönen Marquise überrascht, in seiner Wut ihm mit einer drohenden Gebärde die Tür gezeigt und nur gesagt habe: »Gehen Sie!« worauf der Graf in nicht weniger stolzem Tone und mit großer Geistesgegenwart erwidert haben sollte: »Monseigneur, unsere Vorfahren würden gesagt haben: Gehen wir!« An diese, gleichviel ob wahre oder falsche Anekdote wollte man den Ursprung einer tiefen Feindschaft knüpfen, welche der Regent gegen einen Nebenbuhler empfand, dem er seitdem den Tod geschworen. Gewiß ist dagegen, daß die erbittertsten Feinde des Grafen von Horn, der Generalkontrolleur der Finanzen, Law, und Dubois, der erste Minister, waren, die damals alles über den Geist des Regenten vermochten. Der Kredit der Aktien der königlichen Bank und der Mississippi-Gesellschaft begann zu wanken; sie glaubten das Blendwerk wieder herzustellen, indem sie unerhörte Strenge für die Bestrafung eines Mordes und Diebstahls anwandten, deren Beweggrund die Begierde nach diesen Wertpapieren gewesen zu sein schien. Der Besuch der Frau von Parabere war nicht der einzige, den Charles Sanson des Grafen von Horn wegen erhielt. Am zweitnächsten Tage kam auch der Marquis von Créquy, der der Anstifter und Organisator aller zur Rettung des Jünglings versuchten Schritte gewesen war, zu meinem Vorfahren. Er sprach zu ihm gar nicht von der Möglichkeit einer Flucht, mochte er nun die Hoffnungen der Marquise in dieser Beziehung gar nicht kennen oder kannte er sie, ohne sie zu teilen; aber er schien keineswegs an dem Worte des Regenten zu zweifeln und glaubte fest, daß der Graf enthauptet werden würde. Er zeigte Charles Sanson sogar einen Brief, den der Herzog von Saint-Simon an den Herzog von Havré geschrieben hatte und in dem seine Versicherungen aus guter Quelle bestätigt zu werden schienen, denn der Herzog von Saint-Simon galt dafür, daß er das ganze Vertrauen des Regenten besitze. So deutlich die Ausdrücke dieses Briefes Herrn von Créquy erschienen, erweckten sie in Charles Sanson doch unbestimmte und traurige Ahnungen. Herr von Créquy wollte nun das Schwert sehen, welches zur Hinrichtung dienen würde. Er erbleichte, als mein Ahne ihm diese große, glänzende und spitzige Stahlklinge mit zwei Schneiden zeigte, die man kaum mit dem Namen Waffe beehren konnte. Auf der einen Seite des Schwertes findet sich das Wort »Justitia« eingraviert, auf der anderen ein Rad, das Emblem der Hinrichtung. Es war dasselbe Schwert, das zur Hinrichtung des Chevaliers von Rohan gedient hatte. Herr von Créquy, der nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte, bat Charles Sanson, bei der Erfüllung seiner schrecklichen Pflicht so viel Schonung, als ihm erlaubt sei, anzuwenden, nur den Hals des Delinquenten zu entblößen und, bevor er den entsetzlichen Streich führe, abzuwarten, bis jener sein letztes Gebet vollendet und die Absolution von dem Priester, der ihn begleitete, empfangen haben würde. Als Herr von Créquy aufbrach, wollte er, wie Frau von Parabere, meinem Ahnen eine Summe als Belohnung für die beanspruchten Dienste anbieten; er überreichte ihm eine Rolle mit hundert Louisdor und bat dringend, sie anzunehmen. Mein Ahne blieb, ebenso wie bei der Marquise, unerschütterlich in seiner Weigerung. Herr von Créquy schien gerührt und ging, ohne weiter in meinen Ahnen zu dringen. Der Marquis hatte sich kaum seit einigen Stunden entfernt, als Charles Sanson den Befehl erhielt, am anderen Morgen um sechs Uhr den Grafen Anton von Horn aus der Conciergerie abzuholen, um ihn, sobald er aus der Torturkammer gekommen sein würde, auf den Grèveplatz zu führen und das Urteil des Parlaments seinem ganzen grausamen Inhalte nach zu vollstrecken. Die Ahnungen meines Vorfahren hatten sich also vollkommen bestätigt: der Regent hatte sein gegebenes Wort gebrochen; Law und Dubois hatten über den Herzog von Saint-Simon und den ganzen Adel, die sich dieser Sache so warm angenommen hatten, gesiegt. Mein Ahne fühlte sich ganz vernichtet; der Befehl enthielt nicht einmal jene geheime Klausel, die dem Verurteilten die schrecklichsten Qualen ersparte, indem sie dem Scharfrichter befahl, ihn zu erdrosseln, bevor er ihm die Glieder zerbrach. Wie sollte er nun die Versprechungen erfüllen, die er sowohl der Marquise von Parabere als dem Marquis von Créquy gemacht hatte? In dieser traurigen Nacht geschah, was seitdem noch oft in meiner Familie vorgekommen ist. Die arme Martha Dubut, die Vertraute der Leiden ihres Gatten, betete, und Charles Sanson erwartete in schrecklicher Angst die traurige Morgenröte, die ihn auf seinen furchtbaren Posten rufen sollte. Es wurde heller Tag, und eine ansehnliche Menschenmenge hatte sich schon vor den Toren der Conciergerie zusammengefunden, als mein Ahne daselbst mit seiner düsteren Equipage anlangte. Er begab sich sogleich in das Innere des Gefängnisses und wurde in einen niedrigen Saal geführt, wo sich der Graf von Horn und der Chevalier von Milhe, die bereits die Tortur überstanden hatten, befanden. Alle beide waren schrecklich verstümmelt, denn man war mit ihnen bis zum achten spanischen Stiefel gegangen. Der Graf von Horn war ungemein bleich; sein rollendes Auge flog über alles, was ihn umgab, und er hörte nicht auf, mit dem Piemontesen zu sprechen, der viel gefaßter erschien und mit frommer Aufmerksamkeit dem Doktor der theologischen Fakultät zuhörte, der ihn zu ermahnen beauftragt war. Anstatt in die Ermattung, die den schrecklichen Qualen der Tortur zu folgen pflegt, versenkt zu sein, bewegte sich Herr von Horn mit fieberhafter Lebendigkeit; er hielt selbst unzusammenhängende Reden, die das zu bestätigen schienen, was seine Verwandten in bezug auf seine Geistesschwäche zu seiner Verteidigung angeführt hatten. Die unglückliche Stunde war gekommen. Man brachte die beiden Verurteilten auf den traurigen Karren. Charles Sanson setzte sich neben den Grafen von Horn, während der Doktor fortfuhr, sich mit dem Chevalier von Milhe zu unterhalten. Als mein Ahne die außerordentliche Erregtheit des unglücklichen Grafen sah, kam ihm der Gedanke, ihn dadurch zu beruhigen, daß er einen Hoffnungsstrahl vor seinen Augen leuchten ließ, der natürlich nur mit einer Enttäuschung enden konnte. »Mein Herr,« flüsterte er ihm in das Ohr, »hoffen Sie! Sie wissen wohl, daß man sich für Sie interessiert. Ihre Verwandten –« Er ließ ihn nicht weitersprechen. »Sie haben mich verlassen,« rief er wütend. »Der Bischof soll wiederkommen – wo ist der Bischof?« »Besonders betet in diesem Augenblicke eine Frau für Sie, und vielleicht beschränkt sie sich nicht auf Gebete. Ihr Arm ist mächtig, und seien Sie versichert, daß sie nicht untätig bleibt. Ich habe sie ganz in Tränen und in Verzweiflung versenkt gesehen.« »Ihr Name! ihr Name!« unterbrach er ihn heftig, ohne, wie es schien, sich darum zu kümmern, ob er gehört würde. »Die Marquise von Parabere«, sagte Charles Sanson ganz leise. Bei diesem Namen schien sich der Graf ein wenig zu beruhigen. Eine lebhafte Bewegung malte sich auf seinem Gesichte. Mein Ahne wollte diesen günstigen Moment benutzen und sagte: »Wer weiß? es kann plötzlich ein Begnadigungsbefehl ankommen.« Die Lippen des jungen Mannes zogen sich verächtlich zusammen. »Wenn sie mich hätten am Leben lassen wollen, würden sie mich nicht zum Krüppel gemacht haben«, erwiderte er bitter und warf einen Blick auf seine gänzlich zerfleischten Füße. »Ein Handstreich kann Sie befreien. Ich habe der Marquise versprochen, nichts dagegen zu tun, mich einem solchen nicht zu widersetzen.« Von Zeit zu Zeit blickte sich mein Ahne um, ob er in der sie umgebenden Menge nicht ein paar befreundete Gesichter bemerken könne, die den armen Verurteilten Zeichen des Einverständnisses gaben. Ach! was er allein zu sehen glaubte, waren die erregten Gesichter der Leute des Polizeileutnants, deren Zahl Dubois, ungerechnet diejenigen, welche er heimlich zu seinen düsteren und verwerflichen Zwecken verwandte, beinahe verdoppelt hatte. Man war über den Pont-au-Change gekommen und befand sich bereits auf dem Kai; noch einen Augenblick, und man hatte das Ziel dieser traurigen Pilgerfahrt erreicht. Alle Hoffnung war nun geschwunden. Der unglückliche Graf warf auf Charles Sanson einen Blick, der zu sagen schien: »Sie sehen wohl, daß Sie mich nur zu täuschen versuchten.« »Mein Herr,« stotterte mein Ahne ganz bestürzt, »ich schwöre Ihnen, daß die Marquise von Parabere mich hoffen ließ –« »Sagen Sie der Marquise, daß ich ihr verzeihe und daß ich, sei es auf dem Rade oder auf dem Schafott, wie ein Edelmann sterben werde.« Diese plötzliche Ruhe und Fassung, die hervorzubringen der Name einer Frau hingereicht hatte, setzte Charles Sanson in Erstaunen und schien ihm das, was er in seinem traurigen Berufe noch zu tun hatte, weniger peinlich zu machen. Endlich war man zur Stelle. Die Verurteilten waren außerstande, sich allein zu bewegen; man mußte sie von dem Karren heben und tragen. Charles Sanson nahm den Grafen von Horn in seine Arme und stieg wie ein moderner Äneas, wenn die Last auch schwerer und weniger heilig war, die Stufen des Schafotts hinauf. Wider seinen Willen konnte er noch immer nicht die Befreiungspläne, von denen Frau von Parabere zu ihm gesprochen hatte, vergessen, und er glaubte, als er dieses zitternde Schlachtopfer wie eine Trophäe hochhielt, daß dies den Eifer der Verschworenen anregen und ihnen das Signal zum Handeln geben würde. Gleichzeitig sagte er dem Grafen, er solle bitten, noch Geständnisse machen zu dürfen, da dies das Mittel sei, einen Aufschub zu gewinnen, währenddessen das Komplott zur Ausführung kommen könne. Unglücklicherweise schien Anton von Horn wieder die Vernunft verloren zu haben und von einem Anfalle von Irrsinn, wie er ihn schon in dem niedrigen Saale der Conciergerie gehabt hatte, heimgesucht zu werden. »Ich wußte wohl, daß der Bischof nicht kommen würde,« erwiderte er. »Sie haben ihn arretiert, weil er auch Aktien hatte; aber wir werden schon sehen, ich werde mein Leben teuer verkaufen; man soll mir bloß Waffen geben – man darf mir nicht Waffen verweigern.« Während der unglückliche Jüngling so irre redete, hatte sich Charles Sanson ein wenig zurückgezogen und seinen Gehilfen ein Zeichen gegeben, ihre Schuldigkeit zu tun, die darin bestand, den Verurteilten auf das Gerüst zu binden, auf dem er gerädert werden sollte. Als dies geschehen war, näherte sich der Doktor der Theologie, der dem Piemontesen die Absolution erteilt hatte, dem Grafen und redete ihn an: »Mein Sohn, schwören Sie die Gefühle des Zornes und der Rache ab, die Ihre letzten Augenblicke trüben. Denken Sie nur an Gott; er ist der höchste Urheber aller Gerechtigkeit; er wird Ihnen diesen grausamen Tod anrechnen, wenn Sie mit demütigem und reuigem Herzen vor ihn treten. Ich will die Totengebete für Sie sprechen.« Der Graf schien endlich erschüttert; seine Lippen bewegten sich, und es hatte den Anschein, als bete er mit dem Doktor. Mein Ahne dachte an die Bitten Herrn von Créquys, und in dieser Beziehung wurde ihm etwas leichter um das Herz; hatte er aber nicht auch versprochen, ihn nicht lange leiden zu lassen? Und nun diese schreckliche Hinrichtung, die erst anfangen sollte! In einem Augenblicke hatte er seinen Entschluß gefaßt. Was waren denn auch die blutigen Pflichten dieses schändlichen Amtes, das er gegen das Gefühl seines Herzens ausübte, gegen das Wort, das er einer armen Frau und einem Edelmanns, die sich ihm auf Treue und Glauben anvertraut, gegeben hatte? Man verriet ein Fürstenwort, so mußte denn der Henker das seinige halten. Ein plötzliches Unwohlsein vorschützend, überließ er sein Instrument Nikolaus Gros, dem ältesten und zuverlässigsten seiner Gehilfen, nahm die feine Schnur, die zu den geheimen Exekutionen des Retentum dient, legte sie dem Grafen geschickt um den Hals, und in demselben Augenblicke, in dem Gros die Eisenbarre, welche die Glieder des Unglücklichen zerbrechen sollte, aufhob, zog er schnell die Schnur an und sparte ihm so die schrecklichsten Schmerzen, welche die menschliche Grausamkeit nur hat erfinden können. Der Piemontese Chevalier von Milhe stieß ein wildes Geschrei aus; sein Mut und seine Fassung schienen ihn verlassen zu haben. Vergebens wischte der arme Doktor der Theologie mit einem Taschentuche den Schweiß von seiner Stirn und goß einige Tropfen Wasser in seinen glühenden Mund; alle Sorgfalt und Ermahnungen blieben gegen solche Qualen erfolglos. Charles Sanson fühlte sich über die Ungleichheit in der Behandlung dieser beiden Männer, die desselben Verbrechens wegen verurteilt worden waren, betroffen; er beschloß deshalb, ihr ein Ende zu machen. »Genug für heute, Gros,« sagte er zu seinem Gehilfen, »gib dem anderen den Gnadenstoß.« Es war der Schlag der Barre, der die Brust zerbrach. Gros gehorchte, nicht ohne einen unruhigen Blick auf den Abgeordneten des Magistrats zu werfen, der der Hinrichtung auf dem Balkon des Rathauses beiwohnte. Ohne Zweifel war derselbe nicht sehr lüstern auf solche Schauspiele, die er vielleicht schon zu oft erlebt hatte, denn er schien nichts zu bemerken. In diesem Augenblicke kam der Doktor, überrascht, daß er den Grafen Horn, der sich bis dahin so wenig gefaßt gezeigt hatte, nicht so laut habe klagen hören wie seinen Genossen, zu ihm zurück, um sein frommes Amt fortzusetzen; er sah, daß ihm der Tod bereits zuvorgekommen sei. Die Schnur hing noch am Halse des unglücklichen jungen Mannes, und mein Ahne benutzte die Anwesenheit des Doktors, der ihn nach der Seite des Rathauses hin deckte, um jene heimlich zurückzuziehen; dann legte er einen Finger auf den Mund und erbat durch dieses Zeichen das Schweigen des ehrwürdigen Priesters, der darauf durch eine leise Kopfneigung antwortete. Die Exekution war soeben erst vorüber, als eine mit sechs Pferden bespannte Kutsche, der ein Pikör vorritt, und sechs Diener in großer Livree folgten, auf dem Grèveplatze erschien; es war die des Herzogs von Croy d'Havré, dessen Wappen man deutlich auf den Wagenschlägen durch den sie umhüllenden schwarzen Flor sah. Drei andere Equipagen in derselben Zurüstung folgten sogleich und stellten sich wie die erstere auf der Nordseite des Platzes auf. Alle diese Wagen waren ebenso wie das Lederzeug der Pferde und die Livreen der Bedienten in Trauer gehalten; die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen, sowohl um den edlen Besuchern das grausame Schauspiel, das sie erwartete, zu entziehen, als um sie selbst vor den Augen einer neugierigen Volksmenge zu schützen. Aber das Volk, unter dem sich mehrere Personen befanden, welche Wappen und Livreen der großen Häuser kannten, wußte bald, daß die Zuletztgekommenen der Prinz von Ligne, der Herzog von Rohan und ein ???Croüy seien, ein Abkömmling des berühmten Arpadgeschlechtes, das sich bis auf Attila zurückführt und mehr Rechte als das Haus Habsburg an die Krone von Ungarn zu haben glaubt. Diese großen Namen, die in der Menge umhergingen, gelangten auch zu meinem Ahnen, der erstaunt war, darunter nicht den des Marquis von Créquy zu hören. Aber dieses Erstaunen dauerte nicht lange. Plötzlich entstand an einem Ende des Platzes ein großes Geräusch, und zwei Kutschen, die noch pompöser aufgeputzt waren, als die ersten, erschienen und stellten sich neben diesen auf. Dies war endlich der Marquis von Créquy. Er ließ den Wagenschlag öffnen und stieg mitten auf dem Platze in der Uniform eines Generalobersten und ersten Inspekteurs der königlichen Truppen aus; er trug die Insignien des goldenen Vlieses sowie die Großkreuze des heiligen Ludwig und des heiligen Johann von Jerusalem auf der Brust. Trotz des tiefen Schmerzes, der auf seinem Gesichte lag, ging er festen Schrittes über den Platz. Die Menge machte ehrfurchtsvoll vor dieser großen Persönlichkeit, bei der Ludwig XIV. Pate gestanden hatte, Platz. Es schien, daß das bei der Hinrichtung beauftragte Magistratsmitglied nur diese Erscheinung erwartet hatte, um dem grausamen Verfahren ein Ziel zu setzen; denn sobald es Herrn von Créquy erblickte, verließ es den Balkon des Rathauses und zog sich zurück, was heißen sollte, daß die Gerechtigkeit nun ihren Lauf gehabt habe. Der Marquis kam gerade auf meinen Ahnen zu und machte ein sehr strenges Gesicht dabei. Dann warf er einen düsteren Blick auf ihn und fragte fast drohend: »Mein Herr, was ist aus Ihren Versprechungen geworden?« »Hoher Herr,« erwiderte Charles Sanson, »diesen Morgen um acht Uhr lebte der Herr Graf von Horn nicht mehr und die Barre meiner Leute hat nur noch einen Leichnam getroffen.« Der Geistliche neigte sich zu dem Ohre des Herrn von Créquy und bestätigte dasjenige, was mein Ahne soeben versichert hatte. »Es ist gut,« sagte er in sanfterem Tone, dem man eine große Erleichterung anhörte, »unser Haus wird sich wohl erinnern, daß, wenn es nichts von dem Regenten oder der Gerechtigkeit des Parlaments erlangen konnte, es doch der Menschlichkeit des Henkers einen außerordentlichen Dank schuldet.« Man beschäftigte sich sogleich damit, den Körper des Grafen von Horn loszubinden, um denselben in eine der Kutschen, welche der Marquis von Créquy mitgebracht hatte, zu schaffen. Dieser arme Leichnam war so verstümmelt, daß die Glieder herabhingen und sich vom Rumpfe lösen zu wollen schienen. Herr von Créquy wollte durchaus, wie als eine Art von Protest gegen die Grausamkeit des Urteils, selbst eines der herabhängenden Beine halten, welches nur noch durch einige Fasern blutiger Haut mit dem toten Körper zusammenhing. Als diese traurige Pflicht erfüllt war, setzten sich die Wagen wieder in Bewegung und zogen hintereinander nach dem Hotel der Gräfin von Montmorency-Logny, einer geborenen von Horn, wo die Überreste des Grafen in einen Sarg gelegt und dieser auf ein Trauergerüst gestellt wurde. Er blieb daselbst achtundvierzig Stunden stehen, von zahlreicher Geistlichkeit, welche das Totenamt verrichtete, umgeben. Diese Begebenheit brachte die größten Persönlichkeiten im Staate lebhaft gegen den Regenten und seine Günstlinge auf; sie half Law und seinem System, dessen Katastrophe unvermeidlich war, gar nichts. War der Graf von Horn wirklich unschuldig? Man sagt, der Herr Graf von Horn und der Chevalier von Milhe hätten dem Juden keineswegs in der Absicht, ihn zu morden und auszuplündern, ein Rendezvous gegeben, sondern nur um die Wiedererstattung einer ansehnlichen Summe in Bankaktien, die ihm der Graf wirklich anvertraut habe, zu erlangen; der Jude habe nicht allein das ihm Anvertraute ganz abgeleugnet, sondern sich sogar so weit vergessen, Anton von Horn in das Gesicht zu schlagen. Da habe sich der junge Mann, der von seinen Ahnen ein leicht entzündliches und aufbrausendes Blut geerbt, nicht mehr halten können, habe ein Messer ergriffen, das gerade vor ihm auf dem Tische in dem Wirtshause gelegen, und damit auf den Juden einen Stich geführt, der denselben nur an der Schulter verwundete. Der Chevalier von Milhe habe den Mord zu Ende geführt und sich der Brieftasche bemächtigt; der Graf habe um keinen Preis auf eine Teilung des Geldes eingehen wollen. Was Charles Sanson anbetraf, so schnitt er in dem letzten Augenblicke, den er bei dem leblosen Körper zubrachte, eine Haarlocke von dem so schnell kalt gewordenen Haupte des jungen Mannes. Er legte sie in eine Hülle und adressierte sie an die Marquise von Parabere mit den wenigen Worten: »Das versprochene Andenken.« Cartouche Der Verbrechertyp des 18. Jahrhunderts. Am 15. Oktober 1721 hatte Paris das Fieber wie am Tage nach einem großen Siege. Die ganze Bevölkerung war auf den Straßen; auf den Promenaden, in den Kaufläden, Wirtshäusern und selbst in den Salons begegnete man sich nur mit einer Nachricht, die noch immer eine Menge von Ungläubigen fand: »Cartouche ist ergriffen worden.« Cartouche ist das Ideal der Diebe des 18. Jahrhunderts geblieben. In der Sphäre des Verbrechens repräsentiert er vollständig die Übergangsperiode, in der er lebte. Man findet in diesem Übeltäter etwas, das an den Straßenräuber des Mittelalters und an den Gauner unserer Zeit erinnert. Wie der erstere greift er oft zur brutalen Gewalt, aber die List bleibt doch seine Lieblingswaffe, darin ist er vollkommener Meister. Er hat schon einen Begriff von allen den Vervollkommnungen, die seine Nachfolger in die immer schwieriger werdende Kunst, sich des Gutes anderer zu bemächtigen, brachten, und man kann von ihm sagen, daß er der Vorgänger der Diebe unserer Generation gewesen sei. Die Kraft der Kühnheit Cartouches, sein an Entwürfen so fruchtbarer Geist, seine körperliche Geschicklichkeit, die Energie, mit der er allen Entbehrungen und Anstrengungen widerstand, besonders aber seine wahrhaft ausgezeichnete Schlauheit bezeichneten ihn natürlich als Chef aller dieser Banden, die eine ebenso große Menge tätig Handelnder als Verbündeter aller Art zählten. Gewisse Abenteuer, bei denen der Aristokratie angehörige Personen eine Rolle spielten, die den Salons hinlänglichen Stoff zu Klatschereien gaben, brachten ihn in die Mode; eine glückliche Entweichung, einige originelle Streiche machten ihn populär. Der zum Nachteil des Erzbischofs von Bourges begangene Diebstahl belustigte eine Zeitlang alle Neuigkeitskrämer. Der Herr Kardinal von ???Gesvres, Erzbischof von Bourges, verreiste von Paris und wurde etwas oberhalb von Saint-Dénis durch die Truppe Cartouches angehalten und ausgeplündert. Man nahm ihm sein geistliches Kreuz und den Priesterring, zehn Louisdor, die Seine Eminenz in der Börse hatte, eine Pastete von Rotkehlchen und zwei Flaschen Tokayerwein, die er Herrn von Breteuil abgewonnen hatte, ein ziemlich mageres Lösegeld für einen solch edlen Fang. Die satirische Laune der Zeit machte hierüber ihre skandalöse Chronik. Man behauptete, daß die Diebe den Abbé Cerutti, der bei dem Prälaten im Wagen saß und noch sehr jung und recht hübsch war, für eine Dame im Priesterrock angesehen hätten und daß, als der Herr Kardinal sich sehr beleidigt über eine solche Vermutung gezeigt, Cartouche seine Untergebenen mit den Worten zurechtgewiesen habe: »Ich will euch lehren, vor der Geistlichkeit Ehrfurcht zu haben. Seht doch diese verteufelten Kerle, die den Kardinal von Bourges angreifen! Wißt ihr nicht, daß er nie seinen Zehnten annehmen will, wenn die Felder seiner Zinszahler verhagelt sind?« Die Frau Marquise von Beauffremont wurde auch die Heldin einer dieser wenig authentischen Geschichtchen. Man behauptete, daß sie einen Freipaß gegen die Nachtdiebe besäße und daß es erstaunenswert sei, welchen Kredit sie bei Cartouche habe; hier folgt der Grund für diese hübschen Vorteile. Als sie eines Morgens um zwei Uhr nach Hause gekommen war und sich von ihren Frauen hatte entkleiden lassen, schickte sie die letzteren fort und setzte sich, um zu schreiben, an den Kamin. Plötzlich hörte sie ein dumpfes Geräusch in demselben und sah gleich darauf einen bis an die Zähne bewaffneten Mann mitten in einer Wolke von Ruß, Schwalbennestern und Kalk herabstürzen. Da der nächtliche Besucher bei seinem schnellen Sturze Feuerbrände und Kohlen mitten in das Zimmer geworfen hatte, so nahm er die Feuerzange und legte, ohne sich um die Wirkung zu kümmern, die ein so sonderbarer Eintritt ausüben mußte, alle die herausgestoßenen Brände wieder in den Kamin, stieß einige Stückchen Kohle, damit sie nicht den Teppich verbrannten, mit dem Fuße zurück und wandte sich dann erst an Madame von Beauffremont. »Dürfte ich Sie wohl zu fragen wagen, Madame,« sagte er zu ihr in höflichem Tone, »mit wem ich die Ehre habe zu sprechen?« »Mein Herr,« stotterte die vor Schrecken zitternde Marquise, »ich bin Frau von Beauffremont; da ich Sie aber durchaus nicht kenne und Sie mir nicht das Aussehen und die Manieren eines Diebes zu haben scheinen, so kann ich wirklich nicht erraten, warum Sie mitten in der Nacht und obendrein durch den Kamin in mein Zimmer kommen.« »Madame,« antwortete der Unbekannte, »Sie wollen mich entschuldigen; als ich hier eindrang, wußte ich durchaus nicht genau, welches Zimmer ich gezwungen sein würde zu belästigen. Erlauben Sie mir daher, um einen Besuch abzukürzen, den Sie ohne Zweifel für unpassend halten werden, Sie um die Güte zu bitten, mich bis an die Tür Ihres Hotels begleiten zu wollen.« Dabei zog er ein Pistol aus seinem Gürtel und nahm eine brennende Kerze in die Hand. »Aber, mein Herr!« »Haben Sie die Güte, sich zu beeilen, Madame,« sagte er, den Hahn seiner Waffe spannend. »Wir werden zusammen die Treppe hinuntergehen, und Sie werden dann gütigst befehlen, daß man öffne.« »Sprechen Sie leiser, mein Herr, sprechen Sie leiser, der Marquis von Beauffremont könnte Sie hören«, erwiderte die unglückliche Frau ganz außer sich. »Nehmen Sie einen Mantel um, Madame, bleiben Sie nicht im Morgenkleid; es ist draußen abscheulich kalt.« Alles geschah nach dem Willen des kühnen Besuchers. Madame von Beauffremont war darüber, als der Mann schon das Hotel verlassen hatte, noch so erschrocken, daß sie sich eine Weile in der Loge des Schweizers niedersetzen mußte. Bald darauf hörte sie an das Fenster des Schweizers, das auf die Straße hinausging, klopfen, und die Stimme des Mannes mit der Pistole sagte: »Herr Schweizer, ich habe in dieser Nacht ein oder zwei Meilen über die Dächer gemacht, um den Polizisten, die mir folgten, zu entwischen. Sagen Sie nicht Ihrem Herrn, daß hier ein Galanteriestreich geschehen und daß ich der Liebhaber Frau von Beauffremonts sei, sonst würden Sie es mit Cartouche zu tun haben, und übrigens wird man übermorgen von mir etwas durch die Stadtpost erfahren.« Frau von Beauffremont ging wieder hinauf und weckte ihren Gatten, der behauptete, sie habe nur Alpdrücken oder einen schlechten Traum gehabt. Zwei oder drei Tage später erhielt sie einen Brief voll Entschuldigungen und durchaus ehrfurchtsvollen und sehr gewandt ausgedrückten Danksagungen, in dem ein Paß für sie und ihre Familie eingeschlossen war. Bei dem Briefe befand sich noch eine kleine Schachtel, in der ein schöner Diamant ohne Fassung lag. Madame Lempereur, die Juwelierin, schätzte ihn auf zweitausend Taler ab, welche Summe Herr von Beauffremont für die Kranken des Hotel-Dieu an den Schatzmeister von Frankreich ablieferte. Noch sicherer und noch nie irgendwo gedruckt ist der Streich, den Cartouche dem Leutnant von der Polizeiwache spielte, indem er ihm am hellen Tage sein Silberzeug raubte. Der Leutnant speiste in einem Saale des Erdgeschosses seines Hauses, dessen Fenster auf den Hof hinausgingen. Eines Tages gegen Mittag, als er sich eben zu Tische setzen wollte, öffnete sich das Hoftor mit Geräusch, und er sah eine prächtige Kutsche vorfahren, bei der zwei große Teufel von Lakeien, in Scharlach gekleidet und mit Tressen auf allen Nähten, hinten aufstanden. Ein ernst und streng aussehender Greis stieg aus dem Wagen und verlangte, nachdem er sich als ein Engländer von hohem Stande genannt hatte, den Herrn Leutnant von der Polizeiwache zu sprechen. Man führte ihn in den Speisesaal. Als der edle Fremde das Mahl des Beamten auf dem Tische bemerkte, erschöpfte er sich in Entschuldigungen, weigerte sich, Platz zu nehmen, und versicherte in einem Kauderwelsch, das keinen Zweifel an der Nationalität, zu der er sich bekannt hatte, ließ, daß er dem Leutnant nur einige Worte zu sagen habe; dabei zog er diesen in eine Ecke des Zimmers und war bemüht, sich so zu stellen, daß der andere gezwungen war, den Fenstern den Rücken zuzuwenden. Er erzählte ihm, wie ein anonymer Brief ihn benachrichtigt habe, daß die Banditen in der folgenden Nacht sein Hotel angreifen würden; er bat um Schildwachen und versprach den Polizeisoldaten hundert Guineen, wenn sie sich des berüchtigten Cartouche würden bemächtigen können, gegen den der edle Lord eine wahrhaft britische Erbitterung an den Tag legte, dann empfahl er sich seinem Wirte, der ganz glücklich über die neue und angenehme Bekanntschaft war, dieselbe durchaus an den Wagen begleiten wollte und, auf der Schwelle stehenbleibend, eine Weile die prächtige Equipage, wie sie davonrollte, betrachtete. Aus dieser Betrachtung riß ihn das Geschrei seines Dieners, der bei seiner Rückkehr in den Speisesaal bemerkt hatte, daß alles Silberzeug von der Tafel genommen sei. Cartouche – denn er war es gewesen – hatte seine Rolle so gut gespielt, daß der Leutnant noch seinen Besucher gegen die Anschuldigungen seiner Leute verteidigte und versicherte, er habe sich nicht einmal der Tafel genähert. Aber einige Soldaten, die gerade über den Hof gegangen waren, hatten die beiden Leute des vornehmen Fremden sich nachlässig gegen die offenen Fenster lehnen sehen; die Tafel war nur wenige Schritt davon entfernt, und es wurde nun sehr wahrscheinlich, daß, während der falsche Engländer die ganze Aufmerksamkeit des Herrn Leutnants zu fesseln wußte, die großen Lakaien, nur die Arme auszustrecken brauchten, um reinen Tisch zu machen. Eine kurze Weile später wurden diese Vermutungen zur Gewißheit, denn ein Kommissionär brachte dem Herrn Leutnant ein Dutzend Löffel und Gabeln von schönem Zinn, damit er seinen Verlust dadurch ersetzen könne. Der hervorspringende Zug in allen Unternehmungen Cartouches ist der geistreiche Scherz, der sie fast immer begleitet. Der Dieb begnügt sich nicht damit, seine Opfer zu berauben, sondern zieht sie noch soviel als möglich auf. Das ist auch ein Geheimnis seines großen Rufes; er begriff recht gut, daß ihm viel verziehen werden würde, wenn er die, denen er Furcht machte, auch amüsierte. Charles Sanson sah Cartouche am 27. Oktober zum erstenmal. Er war im Châtelet, und eine ansehnliche Menschenmenge drängte sich vor der Tür des Gefängnisses. Jedermann wollte sagen können: »Ich habe ihn gesehen!« Und die Erlaubnis, den Banditen besuchen zu dürfen, wurde wie gewöhnlich als eine hohe Gunst gesucht. Die Frauen zeigten sich am neugierigsten auf dieses unmoralische Wild; die Mätresse des Regenten, Frau von Parabere, wollte trotz der grausamen Erinnerung, die ihr dies erwecken mußte, als eine der ersten die Züge dieses Menschen betrachten, dem man ebensoviel Glück als Verbrechen zuschrieb. Sie kam, als Grisette verkleidet, nach dem Châtelet, begleitet von den Herren de Nocé und de Fresnel. Infolge eines Fluchtversuches, der nicht mit Erfolg gekrönt wurde, brachte man Cartouche in die Conciergerie. Cartouches Prozeß zog sich nicht in die Länge. Am 26. November erließ der Gerichtshof seinen Spruch. Am 27. morgens erlitt Cartouche die Tortur. Ein Bruchschaden, den die Ärzte bei ihm feststellten, ersparte ihm die Tortur des Wippens; die der spanischen Stiefel dagegen litt er bis zum achten mit außerordentlicher Festigkeit und Ruhe; er weigerte sich, irgendein Geständnis zu machen. Als man ihn wieder auf die Matratze gelegt hatte, brachte man ihn in die Kapelle der Conciergerie, wo der Pfarrer von Saint-Barthélemy, der ihn auf das Schafott begleiten sollte, sich bemühte, diese verstockte Seele zu rühren. Während diese traurige Szene in der Torturkammer vorging, hatte der Zimmermann Befehl erhalten, auf dem Gréveplatze fünf Räder und zwei Galgen aufzurichten. Das Gerücht von der Hinrichtung Cartouches und seiner Genossen hatte sich in der Stadt verbreitet; der Grèveplatz und die anstoßenden Straßen waren daher gedrängt voll Menschen, und die Fenster waren zu ansehnlichen Preisen vermietet worden. Fünf Geräderte und zwei Gehängte – das war ein vollständiges Fest! Um zwei Uhr nachmittags traf aber der Befehl ein, vier Räder und einen Galgen wieder abzunehmen; der, welcher stehenblieb, war bestimmt, daran in effigie einen gewissen in contumaciam Verurteilten namens Le Camus zu hängen. Gegen vier Uhr begab sich Charles Sanson mit seinen Knechten nach der Conciergerie. Unterwegs zeigte Cartouche, der hinten in dem Karren so ausgestreckt lag, daß er den Rücken gegen die Bank stützte, auf der der Scharfrichter saß, große Unruhe. Ein paarmal versuchte er sich umzuwenden, um vorwärts blicken zu können, aber dies gelang ihm nicht. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten und fragte Charles Sanson, ob die anderen Wagen voraus seien. Als er zur Antwort erhielt, es seien keine anderen da als der seinige, wurde seine Aufregung sehr groß, und als er nur ein Rad erblickte, wurde er bleich, und große Schweißtropfen rollten über sein Gesicht; er konnte seinen Speichel nicht mehr hinunterschlucken und murmelte mehrmals: »Die Verräter!« Dieser bisher so starke Mann wurde nun wirklich schwach, als er sich überzeugt hatte, daß dem traurigen Schauspiel, für das er sich die erste Rolle aufbewahrt hatte, die Mitspieler fehlen würden. Als der Sekretär des Gerichtshofes sich ihm näherte, erklärte Cartouche, daß er noch Geständnisse machen wolle, und wurde nach dem Rathause geführt, wo sich noch Herren vom Parlamente befanden. Am anderen Tage um ein Uhr nachmittags übergab man ihn zum zweitenmal dem Scharfrichter. Er war nicht mehr derselbe Mensch; zwar hatte er noch die Freiheit seines Geistes bewahrt, aber er hatte aufgehört, einen häßlichen Zynismus zu erheucheln; seine Festigkeit war nicht geringer geworden, aber sie hatte ihren Charakter von Prahlerei verloren, und man sah einige Tränen in seinen Augen, die gar nicht zum Weinen gemacht zu sein schienen. Sein beklagenswerter Instinkt nahm aber nochmals einen Aufschwung. Als er auf dem St. Andreaskreuze lag und ein schauderndes Stöhnen dem dumpfen Geräusche der eisernen Barre, die Fleisch und Knochen zerschmetterte, als Echo gefolgt war, rief Cartouche mit widerhallender Stimme wie ein Spieler, der seine Stiche zählt: »Eins!« Das war aber auch alles. Seine erzwungene Fassung brach unmittelbar darauf, und er hörte nun nicht mehr auf, das göttliche Erbarmen anzuflehen. Die Orders, die zum Rade verurteilten, wurden durch einen geheimen Artikel, den man das »Retentum« nannte, gemildert. So vielfach Cartouches Verbrechen auch gewesen, war ihm doch die Wohltat des »Retentums« bewilligt worden; man hatte ihm den letzten Teil seines grausamen Leidens ersparen wollen, aber der Sekretär des Gerichts hatte in seiner Aufregung oder in der Verwirrung bei einer so außerordentlichen Hinrichtung vergessen, dem Scharfrichter das »Retentum« zu bezeichnen. Trotz seines geschwächten Zustandes hatte Cartouche eine so kräftige Körperkonstitution, daß er erst nach dem elften Schlage mit der Barre ganz zerbrochen sein konnte, und ich kann trotz der späteren Aussage des Sekretärs versichern, daß er noch länger als zwanzig Minuten lebte, nachdem er auf das Rad geflochten war. Ein Attentat auf Ludwig XV. François Damiens Charles Sanson, der zweite, starb am 12. September 1726, kaum fünfundvierzig Jahre alt. Seine Witwe ließ ihm in der Kirche Saint-Laurent, unter Beistand der ganzen Geistlichkeit der Gemeinde, einen großen Trauergottesdienst abhalten. Eine Menge Armer folgte dem Sarge, denn da er gefühlvoller und umgänglicher als Sanson von Longval gewesen, datieren von ihm die Gewohnheiten des Mitleids und der Wohltätigkeit, durch die der größte Teil meiner Vorfahren sich bemüht hat, die grausamen Pflichten ihres Standes zu versöhnen. Charles Sanson hinterließ drei Kinder: eine Tochter, Anna Renée Sanson, geboren 1710, die einen gewissen Zelle in Soissons heiratete, und zwei Söhne, Charles Jean Baptiste Sanson und Nicolaus Charles Gabriel Sanson, von denen der erste im April 1719, der jüngere im Mai 1721 geboren worden war. Das jugendliche Alter dieser beiden Erben des Schwertes des Gesetzes wäre eine gute Gelegenheit für Martha Dubut gewesen, eine Nachfolge im Amt für ihre Söhne abzulehnen. Sie war jedoch anderer Meinung, tat im Gegenteil eifrige Schritte, damit Charles Jean Baptiste mit dem finstern Amte bekleidet werde, das sein Vater vakant gelassen. Das strenge Gesicht dieser Frau, das ich noch unter meinen Familienporträts finde, beweist, daß sie von ungewöhnlicher Härte gewesen sein müsse. Sie hielt sich verpflichtet, ihren Söhnen das Erbteil des Vaters unberührt zu erhalten. Von dem Kriminalleutnant und dem Generalprokurator unterstützt, hatten ihre Schritte Erfolg. Charles Jean Baptiste war kaum sieben Jahre alt, als diese Artemisia des Schafotts ihn zum Scharfrichter ernennen ließ. Während seiner Minderjährigkeit versahen zwei Stellvertreter in seinem Namen das Geschäft, zuerst Georg Hérisson, der später Scharfrichter von Melun wurde, dann ein gewisser Prudhomme. Obwohl dieses arme Kind durch seine Stellvertreter auf den Grèveplatz geführt wurde, um den Hinrichtungen beizuwohnen und diese durch seine Gegenwart zu legalisieren, vermochte es doch noch nicht, wie sein Vater und sein Großvater, die Eindrücke, die es hier empfand, aufzuzeichnen. Es findet sich also eine Lücke in diesen Memoiren, die mich nötigt, mehrere Hinrichtungen zu übergehen.   Der politische Mord, das Verbrechen, das, indem es sich an der Person des Herrschers vergreift, die Existenz des Volkes, das er regiert, in Zweifel stellt, widerstrebt den Sitten und Gefühlen unserer Nation so sehr, daß das Publikum niemals einwilligt, darin die vereinzelte Handlung eines Fanatikers oder Narren zu sehen. Hatte Ravaillac Mitschuldige? Man hat es behauptet, aber es ist nichts bewiesen worden. Ungeachtet der gerichtlichen Behauptung ist es wahrscheinlich, daß Ravaillac bei den furchtbaren Torturen, die man den Mörder Heinrichs IV. erleiden ließ, und besonders im Hinblick auf den Unwillen, den ihm die öffentliche Meinung so beredt klar machte, in seinen letzten Augenblicken die Hand, die ihn bewaffnet hatte, verraten haben, würde. Damiens war den 9. Januar 1715 im Dorfe Thieuloy, fünf Meilen von Arras, geboren. Sein Vater, der früher Pächter gewesen, wurde gewöhnlicher Pflüger. Er war neun Jahre alt, als seine Mutter starb, und mit sechzehn Jahren trat er bei einem Pächter seines Geburtsortes in den Dienst. Bald war er Landbauer, dann Schlosser, Kellner, Waffenknecht, Küchenjunge und Diener im Kollegium Ludwigs des Großen; er befand sich in der letzteren Stellung, als er im Februar 1739 eine Köchin namens Elisabeth Molerienne, die im Dienst der Gräfin von Crussol stand, heiratete. Die Heirat veränderte keineswegs Damiens' vagabundierendes Leben, und die Vaterschaft hatte auch keinen Einfluß auf seine schlechten Neigungen. Nachdem er siebzehn Jahre lang nach seiner Verheiratung von Stelle zu Stelle gelaufen war, endigte er damit, seinen letzten Herrn zu bestehlen. Um den Verfolgungen zu entgehen, floh Damiens nach der Pikardie. Er floh bald nach Saint-Venant, bald nach Ypres, Junotland und Poperinghe. In Poperinghe gab er schon Anzeichen der Besessenheit, die ihn zum Königsmorde führen sollte. Um diese Zeit war die Unzufriedenheit allgemein; ein unbestimmter Begriff von Freiheit begann in den Massen aufzukeimen, und religiöse Streitfragen trugen der öffentlichen Aufregung Stoff zu. Zu Poperinghe hatte er in dem Wirtshause des Jacobus Masselin die Bekanntschaft eines armen Leinewebers namens Nicolas Playoust gemacht und mit ihm ein Zimmer bewohnt, das der Handwerker von einer Krämerin gemietet hatte. Er erzählte mehrere Vorfälle, die bis zur Evidenz eine Geistesverwirrung Damiens' erwiesen. So hatte auch Damiens seinen Wirt angeklagt, daß er ein Zauberer sei, weil er unter seinem Bette eine von sieben Löchern durchbohrte Wachskerze gefunden hatte, daß diese Kerze in seinen Händen zerbrochen sei und daß man ihm, wie er behauptete, vorausgesagt habe, daß er ewig unglücklich sein würde, wenn er aus Versehen eine Kerze zerbräche. Er hatte ihm mehrere Male wiederholt: »Ich werde nach Frankreich zurückkehren und daselbst sterben; wenn ich aber sterbe, so wird auch der Größte der Erde sterben.« Und während er so sprach, sagte der Zeuge aus, gebärdete er sich wie jemand, der mit dem Stocke ficht. Als Playoust ihn zu seiner Frömmigkeit beglückwünscht und zu ihm gesagt hatte, wenn man so viel wie er zu Gott bete, so könne man auch ruhig sein, hatte er geantwortet: »Ich habe gut beten, er erhört mich doch nicht.« Als sie eines Nachts Seite an Seite lagen, war Damiens plötzlich aufgesprungen und wie von Wahnsinn ergriffen nach dem Keller geflohen, wobei er ein furchtbares Geschrei ausstieß und seinen Kameraden anklagte, ein Zauberer zu sein. Dieser hatte Gewalt anwenden müssen, um ihn wieder zu Bett zu bringen. Damiens verließ Poperinghe und seinen Freund Playoust am 10. Dezember. Er scheint nach Paris mit dem festen Entschlusse gekommen zu sein, den König zu töten. Bei seiner Ankunft ließ er seinen Bruder holen, der ihn in einem Wirtshause der Straße Beaubourg fand; und als dieser zu ihm von dem begangenen Diebstahl sprach, unterbrach ihn Damiens rauh, indem er ihm sagte, er sei nach Paris gekommen, weil die Herren vom Parlament ihre Entlassung eingereicht hätten. Als Louis Damiens erstaunt über das Unzusammenhängende dieser Antwort war, erklärte ihm Robert François, daß er bedaure, nicht in Versailles selbst zu sein, und bat ihn, ihn zu umarmen, wobei er ihm sagte, es sei vielleicht das letztemal, daß er ihn sähe. Den Dienstag (14. Januar) trieb er sich in der Umgegend des Schlosses umher. Der König war in Trianon. Damiens klagte zu seiner Wirtin darüber, daß diese Abwesenheit des Königs die Geschäfte, die er hier habe, verzögere. Am Mittwoch frühstückte er mit gutem Appetit; er ging erst gegen zwei Uhr nachmittags aus dem Wirtshause und begab sich direkt nach dem Schloß. Im Hofe bemerkte er die Pferde der Musketiere und ließ sich mit einem Knechte zu Fuß in ein Gespräch ein, wodurch er erfuhr, daß der König zu Versailles bei seinen Tanten sei und erst abends nach Trianon zurückkehren werde. Er strich wieder in den Schloßhöfen bis zum Dunkelwerden umher. Um halb sechs Uhr belehrte ihn die Bewegung unter den Pferden und Wagen, daß der König abreisen wolle. Damiens folgte dem königlichen Wagen, den Knechte mit angezündeten Fackeln begleiteten, bis in den Marmorhof, wo er anhielt, und verbarg sich in einer Nische des Treppengewölbes. Das Attentat Peinliches Verhör im Schloß; die Haft; Machault, d'Argenson. Ludwig XV. kam, begleitet von dem Herrn Dauphin und einem Teil seines Hofstaates, aus den Zimmern seiner Tanten; er schlug von der Treppe den Weg nach dem Wagen ein, der ihn, wie gesagt, erwartete. Es war finster und kalt, und jeder hatte sich in das neuerdings aus England eingeführte Kleidungsstück gehüllt, das unsere Nachbarn Reading-coat nannten. Der König hatte zwei solcher Überzieher übereinander, der zweite war von Pelz. In dem Augenblicke, als er den Fuß auf den Samttritt setzte, stürzte ein Mann mit dem Hute auf dem Kopfe mitten durch die Garden hindurch, drängte sich zwischen dem Herrn Dauphin und dem Herzog von Ayen hindurch und warf sich auf den König, der sogleich schrie: »Oh, man hat mir einen furchtbaren Faustschlag versetzt!« In der Verwirrung, die durch die doppelte Bewegung der Neugierigen, die den König sehen wollten, und der Garden, die sie zurückstießen, entstand, konnte sich niemand von dem, was geschehen war, Rechenschaft geben. Nur ein kleiner Fußknecht namens Selim hatte zu sehen geglaubt, wie ein Unbekannter die Hand auf die Schulter des Königs gelegt hatte; er warf sich auf ihn und, von zwei seiner Kameraden namens Fiefré und Waverelle unterstützt, hielt er ihn fest. Unterdessen hatte der König die Hand unter seine Weste gesteckt und zog sie ganz blutig zurück. »Ich bin verwundet«, sagte er. In demselben Augenblicke drehte er sich um, und als er den Mann erblickte, den die Knechte festhielten und der noch den Hut auf dem Kopfe hatte, setzte er hinzu: »Der ist es, der mich getroffen hat. Man arretiere ihn, aber auf keinen Fall tut ihm ein Leid.« Und er ging in sein Zimmer zurück, gestützt auf die Herren von Brienne und Richelieu. Die Leibwachen des Königs und die Hundert-Schweizer bemächtigten sich sogleich des Mörders und führten ihn in ihren Wachtsaal. Er war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, von hoher Figur, mit schmalem Gesichte, einer Adlernase, sehr tiefliegenden Augen und krausen Negerhaaren; seine Hautfarbe war so dunkel, daß er, trotz der inneren Bewegung, die er empfinden mußte, nicht einmal blaß geworden zu sein schien. Bekleidet war er mit einem braunen Regenrock, einem Rock von grauwollenem Zeuge, einer Weste von grünlichem Samt und einer Hose von rotem Plüsch. Auf die ersten Fragen, die man an ihn richtete, erklärte er, daß er François Damiens heiße; er sagte, er sei es gewesen, der den Stoß geführt habe, und er habe dies für Gott und das Volk getan. Ein Garde-du-Corps namens Bonot fragte ihn, ob er das Geld, das man bei ihm gefunden, nicht als Belohnung für das Verbrechen, das er begangen, von jemand erhalten habe. »Darauf habe ich Ihnen keine Antwort zu geben«, erwiderte er demselben heftig. Dann sagte er, als sei er plötzlich von Reue ergriffen worden: »Man sehe sich mit dem Herrn Dauphin vor! Daß der Herr Dauphin heute nicht ausgehe!« Nun begannen die Garden ein außergerichtliches Verhör, und in der Hitze ihres Eifers ihre doppelte Eigenschaft als Edelleute und Offiziere vergessend, erröteten sie nicht, sich zur Ausübung des Geschäftes von Henkersknechten herabzulassen; sie banden Damiens auf eine Bank und begannen ihn zu quälen und zu verhören. Unterdessen war der König in seine Zimmer geführt, entkleidet und zu Bett gebracht worden. Damiens' Messer, das eine dreifache Bekleidung zu durchdringen gehabt, hatte Ludwig XV. an der inneren und hinteren rechten Seite des Halses getroffen; kein edleres Organ war verletzt. Aber der König, der eine so große Kaltblütigkeit in den ersten Augenblicken nach dem Attentate gezeigt hatte, wurde sehr aufgeregt, als er einen ungeschickten Höfling gegen La Martinière äußern hörte, daß, wenn auch die Wunde leicht sei, die Klinge doch vergiftet gewesen sein könne; er schickte zweimal hinab, um den Schuldigen zu verhören, ob er seine Waffe nicht in ein Gift getaucht habe, und diese Besorgnisse des Monarchen wurden so groß, daß er seinen Beichtvater rufen und sich fünf- oder sechsmal die Absolution geben ließ; er rief den Dauphin und beauftragte ihn, den Vorsitz im Rate zu übernehmen, kurz, er ergriff alle Maßregeln, die ein Mann, der von seinem nahen Tode überzeugt ist, nur ergreifen kann. Herr von Machault, der Siegelbewahrer, kam inzwischen in den Saal, in dem sich Damiens befand. Seine Bestürzung über die geschehene Tat und deren mögliche Folgen war sehr groß. Seine Ungnade mußte dem Tode des Königs unmittelbar folgen; die strengen Prinzipien des Dauphins erlaubten ihm nicht, einen Minister zu behalten, der eine Kreatur Madame von Pompadours war. In der Angst seines Ehrgeizes schloß sich der Siegelbewahrer, ohne die Übereilung der Jugend oder die Rauheit des Soldatenlebens zu seiner Entschuldigung zu haben und alle Würde und Scham vergessend, den Offizieren in der unedlen Rolle, die sie spielten, an und übertraf sie noch an Grausamkeit. Er ging an den Kamin, nahm zwei Feuerzangen und machte sie glühend, und als sie rot waren, begann er selbst damit die Beine des Unglücklichen zu kneifen, wobei er es sich angelegen sein ließ, bald diese, bald jene Stelle zu suchen, weil er glaubte, den Schmerz seines Opfers dadurch empfindlicher zu machen. Trotz der großen Qualen entschloß sich der Gefangene doch zu keinem Geständnisse und begnügte sich, seine Quäler darauf aufmerksam zu machen, daß sie gegen den Willen Seiner Majestät handelten, die befohlen hätten, daß ihrem Mörder kein Leid angetan werden solle; dann wandte er sich an den Siegelbewahrer und sagte: »Wenn Sie, die Sie hier das Geschäft eines Folterknechtes übernommen haben, nicht die Ihrigen verraten hätten, so würden wir alle beide nicht hier sein.« Der Geruch, der von den Brandwunden ausging, war so durchdringend, daß er von dem Saale der Garden, der im Erdgeschosse lag, bis in die erste Etage stieg. Jetzt kam der Herzog von Ayen in das Zimmer, und als er die Beschäftigung des Siegelbewahrers bemerkte, fuhr er die Herren von Hédouville und Benor, die zu seiner Kompagnie gehörten und Herrn von Machault geholfen hatten, heftig an und sagte ihnen, daß, wenn man einen Degen an der Seite trage, man nicht Folterknecht spielen dürfe, sondern daß man dies den Leuten von der Justiz zu überlassen habe. Diese Rede, die durch den Ton noch schärfer wurde, nahm Herrn von Machault nicht den Geschmack an seinem neuen Handwerk; er befahl den Schweizergarden, zwei Bündel Holz in den Kamin zu werfen, und ließ Damiens dem Feuer so nahe bringen, bis die starke Hitze aus seinen beiden Beinen nur eine Wunde gemacht hatte, und als er immer noch nicht gestand, drohte derselbe Siegelbewahrer ihn in die Flammen werfen zu lassen. Der Prevotleutnant des Schlosses, Herr Leckere de Boillet, der in diesem Augenblicke eintraf, machte dieser scheußlichen Szene ein Ende; er reklamierte den Schuldigen, indem er sich auf seine Kompetenz, das Verbrechen zu untersuchen, berief, und ließ ihn in den Kerker bringen. Am folgenden Tage begann der Prevotleutnant das Verhör. Er forderte Damiens auf, seine Mitschuldigen zu nennen, und dieser erwiderte, daß er für den Augenblick nichts mehr zu sagen habe und daß, wenn er die nenne, welche ihn zu seinem Verbrechen verleitet hätten, »alles vorüber sein werde«. Am 15. Januar wurde der durch die Prevotschaft des Schlosses eingeleitete Prozeß justifiziert und die große Kammer des Parlaments von Paris erhielt den Auftrag, ihn fortzuführen. Den 17. fand die Versetzung des Gefangenen nach Paris statt; er reiste von Versailles um zwei Uhr morgens ab. Da der Zustand seiner Beine nicht erlaubte, daß er die geringste Bewegung mache, so wurde er auf eine Matratze gelegt und in eine mit vier Pferden bespannte Kutsche getragen. Die Eskorte war imposant. Man glaubte immer noch an das Bestehen einer Verschwörung und fürchtete, daß die unbekannten Genossen Damiens' einen Versuch machen könnten, ihn zu rauben oder verschwinden zu lassen. Damiens' Kerker war rund und hatte nicht mehr als zwölf Fuß im Durchmesser. Die Luft zirkulierte so schwer in dieser schrecklichen Höhle, daß man auf den Rat der Ärzte die Lichte, die man hier Tag und Nacht brannte und deren Dampf die Gesundheit des Gefangenen zu gefährden drohte, durch Wachskerzen ersetzen mußte. Damiens war in eine Art von Zwangsjacke geschlossen, die ihm keine einzige freie Bewegung ließ. Er lag auf einem mit einer Matratze belegten Gestelle; das Kopfende war gegen die Tür gewandt und das Kopfbrett hob und senkte sich mittels einer eisernen Kurbel, wenn der Unglückliche, ganz gebrochen durch diese schreckliche Tortur, die siebenundfünfzig Tage dauerte, seine Wächter bat, ihm eine andere Lage zu geben. Die Zurüstung, die ihn auf seinem Lager festhielt, lohnt wohl der Mühe, daß man sie beschreibe. Sie bestand in einer Art Netz von starken Riemen aus ungarischem Leder, die durch in den Planken befestigte Ringe liefen; auf jeder Seite des Bettes befanden sich fünf dieser Ringe und einer zu Füßen des Gefangenen. Die Riemen, die durch die Ringe zur Seite des Kopfes liefen, hielten die Schultern, die zweiten fesselten die Hände wie Handschellen und erlaubten dem Gefangenen nur, die Hand zum Munde zu führen; Schenkel und Beine waren auf dieselbe Weise befestigt, und endlich verband ein Riemen, der von dem Ringe am Fußende des Bettes auslief, alle übrigen miteinander, lötete sie gewissermaßen zusammen. Und das war noch nicht alles. Zwölf auserwählte Sergeanten vom Regiment der französischen Garden hatten den Auftrag, Tag und Nacht bei dem Gefangenen zu wachen. Ihr Posten war in einem Zimmer, das genau über seiner Zelle lag. Alle zwei Stunden mußten vier von ihnen an Damiens' Bett Platz nehmen, die anderen blieben in ihrer Wachtstube auf das geringste Geräusch aufmerksam, und niemand durfte vor Beendigung des Prozesses aus der Conciergerie gehen. Vier unter ihren Befehlen stehende Soldaten versahen das Amt, den Gefangenen zu versorgen; sie durften ebensowenig wie die Unteroffiziere den Turm verlassen. Der Arzt und der Chirurgus des Parlaments besuchten den Königsmörder täglich dreimal und statteten dem ersten Präsidenten täglich Bericht ab, in welchem Zustande sie den Gefangenen gefunden hätten. Der Chirurgus schlief in der Conciergerie. Ein Beamter aus der königlichen Küche mußte die Lebensmittel für Damiens zubereiten, es war ihm verboten, demselben irgend etwas vorzusetzen, von dem er vorher nicht einige Tiere hatte kosten lassen. Wirklich hätte man im Angesichte eines solchen Überflusses von Vorsichtsmaßregeln gegen einen Unglücklichen, für den eine Zelle im Irrenhause genügende Gerechtigkeit gewesen wäre, sich fragen müssen, welcher Verrücktheit die, welche sie angeordnet hatten, gehorchten, wenn es nicht am Tage gelegen hätte, daß infolge des leidenschaftlichen Kampfes zwischen Parlament und Geistlichkeit der Prozeß Damiens' eine politische Waffe wurde, mit der jede der Parteien ihren Gegner zu vernichten hoffte. Der Prozeß Die Sinnlichkeit König Ludwigs XV. und der daraus folgende Egoismus konnten ihn gegen das Leiden seines Volkes gleichgültig machen, indessen war er keineswegs grausam. Die Behandlung, der der unglückliche Damiens unterworfen wurde, verursachte ihm Grauen; er sprach oft mit Abscheu davon, aber er hatte in den Schmeicheleien, die schon seine Kindheit umgaben, eine unumstößlich hohe Meinung von der Majestät seiner Person gewonnen; so war er vollständig überzeugt, daß ein Angriff auf ihn sich an Gott vergreifen heiße, daß das Attentat auf seine Person das abscheulichste aller Verbrechen sei, das durchaus nichts entschuldigen könne und demgegenüber selbst er das Recht der Gnade verlor. Dennoch zeigte er sich sehr besorgt um die Gesundheit seines Mörders. Es schien, als halte er sich verantwortlich für sein Leben, bevor die Richter nicht ihr Urteil gesprochen hätten. Als er erfuhr, daß Damiens unter dem Einflusse des schrecklichen Zwanges, der ihm gar keine Bewegung erlaubte, augenscheinlich umkommen müsse, schickte er seinen Leibarzt, den Doktor Sénac, zu ihm; er schien sehr betrübt und erhielt die Sorglosigkeit, die ein hervorstechender Charakterzug bei ihm war, erst wieder, als Sénac befohlen hatte, daß dem Königsmörder ein wenig Bewegung in seinem Kerker verstattet werden solle, und als er gewiß war, daß Damiens sich infolge dieser Vergünstigung in besserem Zustande befinde. Der Prozeß ging nur langsam vorwärts; das Parlament, das sich indirekt durch die Teilnahme, die Damiens für einige seiner Mitglieder kundgegeben hatte, verpflichtet fühlte, hielt es für eine Ehrensache, dies durch die umständlichste Untersuchung zu betätigen. Achtzehn Personen wurden arretiert und in den Prozeß wegen der Mitschuld an dem Verbrechen verwickelt. Aber die Untersuchungsrichter konnten machen, was sie wollten – trotz aller Prüfung verschwand das vermutete Komplott immer wieder und die vermeintlichen Mitschuldigen wurden für unschuldig befunden. Am Sonnabend, dem 26. März, versammelte sich die große Kammer. Die Prinzen von Geblüt, die Herzöge und Pairs, die Präsidenten, Räte und Requêtenminister waren auf ihren Sitzen. Als Damiens auf die Anklagebank gesetzt worden, war er weit davon entfernt, sich bestürzt zu zeigen; er schien eine besondere Geistesgegenwart aus der Wichtigkeit, die seine Person gewonnen hatte, zu schöpfen. Aus der Untersuchung, die ihm mitgeteilt worden war, hatte der Generalprokurator seine Schlüsse gezogen und sie versiegelt auf dem Bureau des Gerichtshofes niedergelegt. Nachdem einige neue Fragen an den Angeklagten gerichtet worden waren, ermahnte ihn Herr Pasquier, seine Mitschuldigen zu nennen. »Das Geständnis Eurer Mitschuldigen«, sagte er zu ihm, »ist die einzige Sühne, die Ihr Gott und den Menschen geben könnt; Ihr seid sie der Ruhe des Staates und der guten Untertanen Seiner Majestät schuldig. Ihr seid sie der Rettung Eurer Seele schuldig, wenn Ihr eine solche zu haben glaubt.« Damiens antwortete ihm: »Sie haben gut sprechen, Herr Pasquier, aber so wahr wie ich jenes Kruzifix vor mir habe, habe ich Ihnen nichts zu gestehen.« Man öffnete und verlas nun den Bericht des Generalprokurators; er beantragte, daß Damiens zur Strafe der Königsmörder und vorhergehender Tortur verurteilt würde. Um sieben Uhr abends erließ der Gerichtshof sein Urteil, wie folgt: »Der Gerichtshof erklärt Robert François Damiens schuldig und überführt des Verbrechens der Majestätsbeleidigung für den schändlichen und verabscheuungswürdigen, an der Person des Königs begangenen Vatermord und verurteilt dafür genannten Damiens, Buße zu tun vor der Hauptpforte der Kirche von Paris, wohin er geführt werden soll in einem Karren, nackt bis auf das Hemde, eine brennende Wachskerze von zwei Pfund Schwere in der Hand; und dort soll er auf den Knien sagen und erklären, daß er schändlicher- und verräterischerweise den besagten schändlichen und verabscheuungswürdigen Vatermord begangen und den König durch einen Messerstich in die rechte Seite verwundet hat, was er bereut und wofür er Gott, den König und die Gerechtigkeit um Verzeihung bittet; wenn dies geschehen, soll er in besagtem Karren auf den Grèveplatz geführt und auf einem Schafott, das dort aufgerichtet sein wird, an Brust, Armen, Schenkeln und Waden mit glühenden Zangen gerissen werden; seine rechte Hand, das Messer, mit dem er den besagten Mord begangen hat, haltend, soll an Schwefelfeuer verbrannt werden; und in die Stellen, an denen er mit Zangen gerissen, soll geschmolzenes Blei, siedendes Öl und brennendes Pechharz, Wachs und geschmolzener Schwefel zusammen gegossen und darauf sein Körper von vier Pferden auseinandergerissen, Glieder und Rumpf dem Feuer übergeben, zu Asche verbrannt und letztere in alle Winde geworfen werden. Wir erklären seine Güter, bewegliche und unbewegliche, wo sie auch seien, zu Nutzen des Königs konfisziert. Befehlen, daß vor besagter Hinrichtung besagter Damiens auf die gewöhnliche und außergewöhnliche Folter gebracht werde, damit er seine Mitschuldigen bekenne. Befehlen, daß das Haus, in dem er geboren, niedergerissen werde, ohne daß jemals in Zukunft auf demselben Grunde ein anderes Gebäude errichtet werden dürfe. Erklären wohl und gültig als in contumaciam verurteilt einen gewissen Unbekannten, fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, fünf Fuß und etwas darüber hoch, die Haare in einem Beutel tragend, bekleidet mit einem braunen, ziemlich abgenutzten Rocke und einem flachen Hute auf dem Kopfe. So geschehen im Parlament vor versammelter großer Kammer, am 26. März 1757. Richard.« Dieses Urteil, das so genau die Einzelheiten der Hinrichtung bestimmte, deren Erwähnung allein schon hinreicht, den Leser mit unwiderstehlichem Schreck zu erfüllen, hatte nicht entschieden, welcher Art die bei Damiens anzuwendende Tortur sein sollte. Schwere Erwägungen wurden nun bei dem Generalprokurator über die Wahl dieser Vorqualen gehalten, und als das Schreckliche in das Publikum gelangte, kamen einfache Privatleute der Einbildungskraft der Obrigkeit zu Hilfe und unterbreiteten ihr verschiedene Torturvorschläge, die mehr ihrem erfinderischen Geiste als ihrem Gefühle Ehre machten. Einer wünschte, daß man kleine Kügelchen von trockenem und geschwefeltem Hanf unter die Nägel des Delinquenten bringe und dann anzünde, ein anderer verlangte, daß man ihm an einzelnen Teilen die Haut abziehe und eine fressende Flüssigkeit auf die nackt gelegten Muskeln gieße, bis er sich zu sprechen entschließe, ein dritter wollte, daß man ihm die Zähne ausziehe. Wenn man die Schriften liest, die über diesen Gegenstand zu Paris und mitten im achtzehnten Jahrhundert geschrieben wurden, so staunt man, darunter nicht die Namen einiger Rothäute zu finden. Die Gerichtsärzte examinierten diese verschiedenen Vorschläge; sie entschieden, daß die spanischen Stiefel immer noch die energischste und das Leben des Gefangenen am wenigsten bedrohende Tortur seien. Die Hinrichtung Der spanische Stiefel; Zange, Schwefel und Rad. Charles Jean Baptiste Sanson war in seinen letzten Jahren durch eine Lähmung an das Bett gefesselt. Charles Henri Sanson, sein ältester Sohn und bestimmter Nachfolger, war erst siebzehn Jahre alt. Seit zwei Jahren versah er das Amt seines Vaters, aber er hatte nicht offiziell den Titel eines Scharfrichters, und man konnte nicht daran denken, ihm eine Art von Hinrichtung aufzutragen, wie man sie nur noch aus der Tradition kannte. Der Generalprokurator befahl daher, daß der Torturmeister des Parlaments und Scharfrichter ad interim , Charles Henri Sanson, und seine Gehilfen sich zur Disposition Gabriel Sansons zu stellen hätten. Das Schafott wurde in der Nacht des 27. März aufgerichtet. Am Montag, dem 28., um sieben Uhr morgens begaben sich Gabriel Sanson, sein Neffe Charles Henri Sanson und seine Gehilfen nach dem Grèveplatze, um sich zu überzeugen, daß alle Vorbereitungen den Befehlen des Gerichtshofes zufolge getroffen seien. Das Schafott stand auf dem Platze inmitten eines Raumes von hundert Quadratfuß, der mit starken Palisaden umgeben worden war. Diese Umzäunung hatte nur zwei Eingänge, einen, durch welchen der Delinquent, der Scharfrichter und die bewaffnete Macht eintreten sollte, den anderen, der durch eine Art von Palisaden gebildeten Laufgraben mit dem großen Tor des Stadthauses zusammenhing. Von da begaben sie sich nach der Conciergerie, wo sie den Torturmeister, der sie erwartete, fanden. Damiens wurde aus seinem Kerker geholt und in einen Saal im Erdgeschoß des Gefängnisses geführt; Häscher trugen ihn in einer Art Sack von gegerbtem Leder, der ihn bis zum Hals einhüllte und nur den Kopf sehen ließ. Man nahm ihm diese Hülle ab, und nachdem der Greffier ihm befohlen hatte, niederzuknien, las er ihm das Urteil vor. Damiens hörte mit seltener Aufmerksamkeit alles, was auf seine Hinrichtung Bezug hatte, mit an, und als der Greffier an die Stelle kam, die seinen vermeintlichen, in contumaciam verurteilten Mitschuldigen betraf, betrachtete er die Umstehenden mit augenscheinlicher Neugierde. Sein Gesicht war gelb wie Wachs, und das Tageslicht schien seine Augen zu schmerzen, denn diese öffneten und schlossen sich in krampfhafter Bewegung, aber die Pupillen hatten nicht ihren Glanz verloren. Als der Greffier seine Vorlesung beendet hatte, gab Damiens den Häschern ein Zeichen, daß sie ihm helfen möchten, sich zu erheben, denn er schien noch an seinen Beinwunden zu leiden; er murmelte mehreremal: »Mein Gott! mein Gott! mein Gott!« Gabriel Sanson näherte sich ihm und legte die Hand auf seine Schulter. Damiens zitterte bei dieser Berührung und betrachtete ihn verwirrten Blickes; aber in diesem Augenblicke führte der Polizeileutnant den Pfarrer von Saint-Paul ein, und die Physiognomie des Königsmörders nahm, sobald er den Geistlichen erblickte, eine ruhige und lächelnde Miene an. Der Pfarrer ging auf ihn zu, und Damiens versuchte seine Hände, welche die Häscher eben zu binden im Begriff waren, frei zu machen, um die seines Beichtvaters zu ergreifen. Nachdem dieser die Umstehenden gebeten hatte, zurückzutreten, blieben beide allein mitten im Saal stehen. Der Priester sprach mit leiser Stimme zu ihm. Damiens schien mit viel Andacht zu beten, denn er schlug oft die Augen zum Himmel auf. Der Geistliche konnte der Tortur nicht beiwohnen; er sagte also Damiens, daß er ihn, für ihn betend, in der Kapelle der Conciergerie erwarten werde. Der Koch, der Damiens bedient hatte, näherte sich ihm und bot ihm Lebensmittel an; Damiens zögerte einen Augenblick, betrachtete mit Aufmerksamkeit, was auf dem Präsentierbrette stand, und sagte dann, den Kopf schüttelnd: »Wozu das? Gebt es den armen Leuten, dann ist es wenigstens zu etwas gut.« Als man ihm bemerklich machte, daß er an diesem schrecklichen Tage aller seiner Kräfte bedürfen werde, erwiderte er in einem Tone, der sich schlecht mit seinem Worten vertrug: »Meine Stärke ist in Gott! Meine Stärke ist in Gott!« Man überredete ihn indessen, ein wenig Wein zu trinken. Der Koch füllte einen Becher, kostete und reichte ihn Damiens, der ihn an seine Lippen brachte, aber nicht mehr als einen Schluck davon zu trinken vermochte. Die Memoiren behaupten, er habe gerufen, dieser Wein sei bitter. Ihren verleumderischen Absichten getreu, geben sie zu verstehen, der Gerichtshof habe diesem Weine einen Zusatz gegeben, der große Unruhe hervorrufen sollte, um sich an Damiens für seine Festigkeit zu rächen. Nichts ist falscher. Bei Damiens trat der Zufall ein, den ich selbst im ersten Teile meiner unseligen Laufbahn bei den entschlossensten Verurteilten bemerkt habe: eine Angst, der sich wenige entziehen können, wie ein Zusammenziehen der Halsmuskeln; das Schlucken wird fast ganz unmöglich, und der Delinquent macht vergebliche Anstrengungen, selbst den Speichel hinabzuschlucken. Man legte Damiens wieder in seine Hängematte und trug ihn in die Torturkammer, wo sich schon die Kommissarien, die Herren Präsidenten Maupeou und Molé sowie die Räte Severt, Pasquier, Rolland und Lambelin befanden. Er leistete den gewöhnlichen Schwur, die Wahrheit sagen zu wollen, und mußte ein letztes Verhör bestehen. Dieses dauerte anderthalb Stunden. Er antwortete mit ziemlicher Ruhe auf die Fragen, die Herr Pasquier an ihn richtete, aber in der Zeit, die hin und wieder zwischen zwei Fragen verging, legte er Zeichen einer außerordentlichen Bewegung an den Tag. Er bewegte sich unruhig auf seiner Bank, seine Augen rollten unstät in ihren Höhlen, und er versuchte fortwährend sich nach der Seite hinzuwenden, wohin sich die Scharfrichter und ihre Gehilfen zurückgezogen hatten. Endlich erhoben sich die Kommissarien und kündigten ihm an, daß er der peinlichen Frage unterworfen werden würde, da er nichts gestanden habe. Die Henker umringten ihn, und der Torturmeister des Parlaments legte ihm die spanischen Stiefel an, deren Schnüre er mit mehr Kraft, als man gewöhnlich dazu gebrauchte, anzog. Der Schmerz mußte entsetzlich sein, denn Damiens stieß ein furchtbares Geschrei aus; sein Gesicht wurde bleich, sein Kopf sank hinten über und er schien ohnmächtig werden zu wollen. Die Ärzte traten heran, fühlten ihm den Puls und erklärten, daß diese Anwandlung von Schwäche nicht ernster Natur sei. Einer von ihnen, Herr Boyer, riet, mit dem Eintreiben der Keile zu warten, um der Erstarrung der Glieder, welche die Einschnürung hervorgerufen hatte, Zeit zu lassen, vorüberzugehen. Damiens öffnete die Augen wieder und verlangte zu trinken; man brachte ihm ein Glas Wasser, aber er verlangte Wein, da, wie er mit keuchender und zitternder Stimme sagte, seine Kraft zu schwinden drohe. Charles Henri Sanson half ihm, das Glas an die Lippen zu bringen; als er getrunken hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus, schloß die Augen wieder und murmelte einige Gebete. Der Greffier, die beiden Huissiers, die Henker und ihre Knechte umgaben ihn; zwei der Richter hatten ihre Sessel verlassen und gingen im Zimmer umher. Der Präsident Molé war sehr blaß, und man sah die Feder zittern, die er in der Hand hielt. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde die Tortur fortgesetzt. Der Torturmeister Fremy schlug den ersten Keil ein. Das Geschrei Damiens' begann von neuem; es war so laut und anhaltend, daß der erste Präsident nicht dazu kommen konnte, die gebräuchlichen Fragen an ihn zu richten. Endlich klagte er unter Geheul, Flehen und Gebeten, die wild durcheinander aus seinem Munde kamen, einen gewissen Gautier, den Kommissionär eines Parlamentsrates, und Herrn Lemaitre de Ferrière an, ihn zu dem begangenen Verbrechen verleitet zu haben. Es wurde sogleich der Befehl erteilt, sowohl Gautier als Herrn Lemaitre de Ferrière zu arretieren und vor die Richter zu führen. Beim zweiten und dritten Keile waren seine Leiden und sein Geheul dieselben; er sprach noch fortwährend von Gautier. Beim vierten Keil bat er um Gnade und wiederholte: »Meine Herren Meine Herren! Meine Herren!« Gautier und Herr Lemaitre waren erschienen; sie wurden mit Damiens konfrontiert, der nicht allein nicht anzugeben wußte, wo er den, den er beschuldigte, gesehen habe, sondern auch fast zugleich die ihm von der Tortur entrissenen Geständnisse zurückzog. Die Tortur wurde wieder aufgenommen, und man gab ihm den ersten Keil der außerordentlichen Frage. Hier folgt wörtlich das Protokoll: Er wird befragt. – Er sagt, er habe geglaubt, ein für den Himmel verdienstliches Werk zu tun. Beim sechsten Keil: Lautes Jammern. – Er sagt, er sei sehr unglücklich gewesen, sich nicht selbst getötet zu haben, wie es in seiner Absicht lag.– Er bedauert, daß die ehrlichen Leute nach seinem Diebstahl nichts mehr mit ihm hätten zu tun haben wollen. – Er beklagt das Los seiner Frau und Tochter und sagt, daß Gott ihn für seinen Stolz strafe. – Er klagt eine Zauberin an, ihn bezaubert zu haben. Beim siebenten Keil: Er sagt, daß er Abscheu vor seinem Verbrechen empfinde, und bittet Gott und den König deshalb um Verzeihung. Er bittet die Richter, bei dem Könige zu befürworten, daß er sogleich sterben dürfe. Er spricht noch von Zauberern und sagt, Satan habe die Gestalt einer alten Frau angenommen, um ihn zu verderben. Nach dem achten Keile, der der letzte der außergewöhnlichen Frage war, erklärten die Ärzte, daß er nicht mehr aushalten könne. Die Tortur hatte zwei und eine viertel Stunde gedauert. Die Richter erhoben sich mit einer Eile, die anzeigte, daß auch ihre Kräfte zu Ende seien. Sie gaben Gabriel Sanson ein Zeichen, und der Torturmeister nahm die spanischen Stiefel ab. Damiens versuchte seine zerbrochenen und zuckenden Beine aufzuheben. Als er es nicht vermochte, beugte er sich vornüber und betrachtete sie eine Weile mit einer Art schmerzlicher Rührung. Schon war eine tiefe Bestürzung auf allen Gesichtern zu lesen, und doch waren Damiens, die Männer Gottes, die den Auftrag hatten, seine Seele zu retten, und die Scharfrichter, die ihm noch schrecklichere Qualen als die bereits erlittenen verursachen sollten, noch nicht bis zur Hälfte ihrer Aufgabe gekommen. Damiens war drei Stunden lang in der Kapelle geblieben; er hatte fortwährend mit einer Andacht und Zerknirschung gebetet, die alle Zeugen rührte. Als die Uhr vom Schlosse vier schlug, näherte sich Gabriel Sanson den Herren Guéret und von Marcilly, um ihnen anzuzeigen, daß die Stunde zum Aufbruche gekommen sei. Obgleich er mit leiser Stimme gesprochen, hatte ihn Damiens doch verstanden, denn er murmelte mit fieberisch erregter Stimme: »Ja, es wird bald Nacht werden.« Und nach einer Pause setzte er hinzu: »Ach, für Sie wird es morgen wieder Tag werden.« Man legte ihn wieder auf den Karren, der Pfarrer von Saint-Paul setzte sich neben ihn, Herr von Marcilly ging zu Fuß hinter dem Wagen und mitten unter den Soldaten. Die Eskorte war zahlreich. Die Polizeiwache und starke Abteilungen der Maréchaussée umgaben den Karren; an jeder Straßenecke standen Piketts von französischen Garden. Vor der Halle von Notre-Dame wollte man Damiens zwingen, niederzuknien, um Buße zu tun, aber seine halb zerbrochenen Beine verursachten ihm solche Schmerzen, daß, als er sich, um dem Befehle zu gehorchen, niederbeugte, er mit dem Gesichte auf die Erde fiel und einen so durchdringenden Schrei ausstieß, daß derselbe ungeachtet des Tumultes der Menge auf der anderen Seite des Vorhofes der Kirche deutlich gehört werden konnte. Er sprach die Worte, welche ihm der Greffier vorsagte, stehend und von zwei Häschern gehalten. Als er wieder auf den Karren gesetzt worden war, weinte er; diese Tränen waren die ersten, die man ihn vergießen sah. Eine Stunde später kam man am Fuße des Schafotts an. Niemals hatte eine solche Menschenmenge den Grèveplatz bedeckt; auf dem ganzen Platze gab es kein Fenster, das nicht dicht mit Neugierigen besetzt gewesen wäre. An den Kostümen einiger unter ihnen erkannte man, daß sie zu den höchsten Klassen der Gesellschaft gehörten. Hier und da sah man sogar einige reiche Frauentoiletten; ich kann aber nicht glauben, daß in einem Jahrhundert, welches sich der Philosophie und Menschlichkeit rühmte, wirklich vornehme Damen den Gedanken gehabt hätten, sich eines Schauspiels zu freuen, das schon im voraus die Henker erzittern ließ. Wie schon gesagt, blieb Damiens mehrere Minuten lang auf den Stufen des Schafotts sitzen; er hatte seine Festigkeit wiedergewonnen und betrachtete das Publikum mit sicheren Blicken. Er verlangte mit den Kommissarien zu sprechen, und man brachte ihn nach dem Stadthause. Er wandte sich an Herrn Pasquier und bat ihn, sich seiner Frau und Tochter, die nie etwas von seinen Plänen gewußt hätten, anzunehmen. Er widerrief noch einmal die Beschuldigung, die er auf Gautier geworfen hatte, und schwur beim Heile seiner Seele, daß er den Plan zu seinem Verbrechen allein entworfen und ausgeführt habe. Um fünf Uhr wurde er wieder auf den Platz und das Schafott gebracht. Die Pfanne, in welcher der Schwefel, mit glühenden Kohlen gemischt, brannte, erfüllte die Luft mit scharfem Geruche. Damiens hustete mehrere Male, dann betrachtete er, während die Knechte des Scharfrichters ihn auf die Plattform banden, seine rechte Hand mit demselben Ausdrucke von Traurigkeit, der sich auf seinem Gesichte kundgegeben hatte, als er seine Beine nach der Tortur ansah. Er murmelte einige Bruchstücke von Gebeten und sagte zweimal: »Was habe ich denn getan? Was habe ich denn getan?« Der Arm wurde auf einen Block derartig festgelegt, daß das Handgelenk über die letzte Planke der Plattform hinausreichte. Gabriel Sanson näherte sich mit der Kohlenpfanne. Als Damiens die bläuliche Flamme sein Fleisch erreichen fühlte, stieß er einen schrecklichen Schrei aus und biß in seine Banden. Als der erste Schmerz vorüber war, erhob er den Kopf wieder und sah zu, wie seine Hand abbrannte, ohne seinen Schmerz auf eine andere Weise als durch das Knirschen seiner Zähne kundzugeben. Dieser erste Teil der Strafvollstreckung dauerte drei Minuten. Charles Henri Sanson sah die Pfanne in den Händen seines Onkels wanken. Aus dem Schweiße, der sein Gesicht bedeckte, aus seiner Blässe, die fast ebenso groß war wie die des Delinquenten, und aus dem Schauder, der seine Glieder schüttelte, entnahm er, daß es ihm unmöglich sein würde, das Zangenreißen vorzunehmen; er bot deshalb einem der Knechte hundert Livres an, wenn er dies traurige Geschäft übernehmen wollte. Dieser Mann, welcher darauf einging, hieß André Legris. Er ließ sein schreckliches Instrument über Arme, Brust und Schenkel des Delinquenten gleiten; jedesmal riß dieses fürchterliche Feuereisen ein Stück zuckenden Fleisches heraus, und Legris goß dann in die klaffende Wunde bald kochendes Öl, bald brennendes Harz, bald glühenden Schwefel oder geschmolzenes Blei, das ihm die anderen Knechte reichten. Man sah nun etwas, was die Sprache zu beschreiben unfähig ist, was der menschliche Geist kaum zu fassen vermag, etwas Höllisches, das ich nur die Trunkenheit des Schmerzes nennen kann. Damiens, dessen Augen unverhältnismäßig weit aus ihren Höhlen getreten waren, dessen Haare sich sträubten und dessen Lippen sich fest ineinander gebissen hatten, verspottete die Henker, verachtete ihre Torturen und verlangte nach neuen Leiden. Als sein Fleisch unter den glühenden Flüssigkeiten aufzischte, mischte sich seine Stimme in diesen häßlichen Ton, und diese Stimme, die nichts Menschliches mehr hatte, brüllte: »Noch mehr! Noch mehr!« Und doch waren dies nur die Vorläufer der Hinrichtung. Man hob Damiens von der Plattform und legte ihn auf ein Zimmerwerk, das drei Fuß Höhe hatte und ein Andreaskreuz bildete, dann befestigte man die Ziehstränge eines Pferdes an jedes seiner Glieder. Während dieser Vorbereitungen hielt der Unglückliche seine Augen hartnäckig geschlossen. Der ehrwürdige Pfarrer von Saint-Paul, der ihn nicht verlassen hatte, sprach zu ihm; er gab ihm ein Zeichen, daß er ihn höre, aber er öffnete nicht die Augen. Man hätte sagen können, er wolle nicht, daß sein Blick, der bald Gott schauen sollte, auf die Barbaren fiele, die seinen elenden Körper so entsetzlich quälten. Von Zeit zu Zeit schrie er: »Jesus! Maria! Zu mir! Zu mir!« Als hätte er sie bitten wollen, ihn schnell seinen Henkern zu entreißen. Je ein Knecht hatte den Zügel eines Pferdes ergriffen, ein anderer stand hinter jedem der vier Tiere mit der Peitsche in der Hand. Charles Henri Sanson stand auf dem Schafott, so daß er alle seine Leute überblicken konnte. Auf sein Signal setzte sich dieses schreckliche Viergespann in Bewegung. Die Anstrengung war eine ungeheure, denn eines der Pferde stürzte auf das Pflaster nieder, aber die Muskeln und Nerven der menschlichen Maschine hatten dieser furchtbaren Erschütterung widerstanden. Dreimal zogen die Pferde, durch Geschrei und Peitsche angetrieben, mit aller Kraft an, und dreimal riß sie der Widerstand zurück. Man bemerkte nur, daß die Arme und Beine des Delinquenten sich unverhältnismäßig verlängerten, aber er lebte immer noch, und man hörte seine Atemzüge, röchelnd wie den Blasebalg einer Schmiede. Die Scharfrichter waren bestürzt; der Pfarrer von Saint-Paul, Herr Guéret, wurde ohnmächtig, der Greffier verbarg sein Gesicht in seinem Gewande, und in der Volksmenge vernahm man ein dumpfes Murmeln, wie den Vorläufer eines Sturmes. Als darauf Herr Boyer, der Wundarzt, nach dem Stadthause hin geeilt war und den Richtern angekündigt hatte, daß die Zerreißung nicht würde stattfinden können, wenn man den Anstrengungen der Pferde nicht durch Zerschneiden der großen Nerven zu Hilfe käme, erfolgte die Genehmigung dazu. Man hatte kein Messer zur Stelle; André Legris hieb mit der Axt in die Verbindungen der Arme und Schenkel des Unglücklichen. Fast in demselben Augenblick wurden die Pferde wieder angetrieben; ein Schenkel löste sich zuerst, dann der andere, dann ein Arm. Damiens atmete noch immer. Endlich, als die Pferde noch an dem einzigen gebliebenen Gliede rissen, öffneten sich seine Augenlider und seine Augen kehrten sich gen Himmel; der unförmliche Rumpf war zum Sterben gelangt. Als die Knechte des Scharfrichters diese traurigen Überreste von dem Sankt-Andreaskreuze losbanden, um sie auf den Scheiterhaufen zu werfen, bemerkte man, daß die Haare des Delinquenten, die, als er auf dem Grèveplatze anlangte, noch braun gewesen, jetzt weiß wie Schnee geworden waren. Dies war die Hinrichtung Damiens'. Wer sich am meisten über diese greulichen Vorgänge betrübte, war König Ludwig XV. Als man ihm erzählte, was auf dem Grèveplatze vorgegangen sei, stieß er Rufe des Schmerzes aus, floh in seine innersten Gemächer und warf sich auf sein Bett, um wie ein Kind zu weinen. Der Anteil, den die Herren Machault und d'Argenson an der Leitung dieser gräßlichen Prozedur gehabt hatten, war nicht wenig an der Ungnade schuld, in welche die beiden Minister später fielen. Der Henker und das Parlament Das Dessert nach der Jagd; der Prozeß. Jean Baptiste Sanson war im Monat Januar 1754 von einem Schlaganfalle heimgesucht worden, von dem er nie genas und der lange vor der Zeit einen hinfälligen Greis aus ihm machte. Aus seiner Ehe mit Madeleine Tronson hatte er zehn Kinder, darunter sieben Knaben, die dem düsteren Handwerk ihres Vaters gewidmet wurden. Der eine kam nach Rheims, der andere nach Orléans, die übrigen nach Meaux, Etampes, Soissons, Montpellier usw. Der Älteste, Charles Henri Sanson, den man den Herrn von Paris nannte, um ihn von seinen Brüdern zu unterscheiden, war unbestreitbar der moralisch und physisch begabteste unserer Familie. Schön und wohlgebaut, verband er mit diesen Naturgaben einen gewandten Geist, der durch eine vortreffliche Erziehung gebildet worden war. Er besaß viel Eleganz und hatte durch den Luxus seines Kostüms die allgemeine Aufmerksamkeit derartig auf sich gelenkt, daß man sich zu einem Akte der Willkür gegen ihn hinreißen ließ, indem man ihm unter dem Vorwande, es sei die Farbe der Edelleute, die blaue Farbe zu tragen verbot. Charles Henri Sanson hielt es nicht der Mühe wert, die alten Pergamente des Hauses von Longval auszukramen und die Frage zu stellen, ob das Scharfrichteramt auch den Verlust des Adels nach sich ziehe, sondern er begnügte sich, sich noch reichere Kleider, aber von grüner Farbe machen zu lassen. Er brachte diese Farbe in die Mode, und bald nahmen alle Elegants des Hofes und der Stadt, der glänzende Marquis von Létorières an der Spitze, den Schnitt und die Farbe dieser Kleider an und begannen sich à la Sanson zu tragen. Mit diesem Charles Henri Sanson, meinem Großvater, beginnt die interessanteste und diesmal ununterbrochene Folge dieser Memoiren. Ehe ich aber die bedeutenden Aufzeichnungen bringe, die er über die Revolution hinterlassen hat, möchte ich ihn noch einmal in einem Abenteuer seiner Jugend auftreten lassen, worüber er einen Bericht aufbewahrt, den ich wörtlich abschreibe:   Nach einem langen Jagdtage kam ich zur Mittagsstunde in ein Haus, in dem ich die Frau Marquise von X., die soeben von ihrem Gute nach Paris zurückkehrte, traf. Diese Dame machte mir eine tiefe Verbeugung, bot mir einen Stuhl an, und nachdem wir uns eine halbe Stunde unterhalten hatten, fragte sie mich, welches mein Amt sei. Ich antwortete natürlich, ich sei Beamter des Parlaments. Sogleich befahl sie, ein Kuvert für mich neben das ihrige zu legen, und wir nahmen zusammen ein so belebtes Mahl ein, daß es schien, von beiden Seiten spreche das Herz auch dabei mit. Nach dem Dessert ließ ich die Pferde vor meine Postchaise legen und zog mich mit vielen Danksagungen gegen diese vornehme Dame für den liebenswürdigen Empfang, den sie mir hatte zuteil werden lassen, zurück. Kaum war ich aber abgefahren, so sagte ein Edelmann von der Bekanntschaft der Marquise, der uns beisammen gesehen hatte: »Madame, kennen Sie den jungen Mann, mit dem Sie gespeist haben?« »Nein,« erwiderte sie, »er sagte mir, er sei Beamter des Parlaments.« »Es ist der Henker von Paris, ich kenne ihn sehr wohl; er hat entweder soeben eine Hinrichtung ausgeführt oder ihr wenigstens beigewohnt, denn er richtet selten mit eigener Hand.« Bei diesen Worten wäre die Marquise beinahe in Ohnmacht gefallen, sie war so bestürzt, daß sie nichts zu erwidern vermochte. Abscheu ergriff sie, und sie vergoß Tränen, wenn sie sich daran erinnerte, daß ich ihr die Hand gegeben hatte, um ihr über die Schwelle, die schwer zu übersteigen war, zu helfen; sie befahl sogleich, ihr Wasser zum Händewaschen zu bringen. Als ihre erste Bewegung vorüber war, stieg sie ganz erregt in ihre Equipage und dachte unterwegs über die Mittel nach, sich rächen zu können. Wirklich war die Marquise kaum in Paris angekommen, als sie dem Parlament ein Gesuch einreichte, in dem sie nach Erzählung des ihr Geschehenen beantragte, daß ich verurteilt würde, mit dem Stricke um den Hals sie um Verzeihung zu bitten wegen der vermeintlichen Beleidigung, die ich ihr angetan habe, und daß mir der Sicherheit des Publikums wegen befohlen würde, ein Abzeichen, das mich der ganzen Welt kenntlich machte, an meiner Person und meiner Equipage zu tragen. Der Gerichtshof forderte beide Parteien vor; ich suchte also überall nach einem Advokaten, der meine Sache verteidigen solle; mochte es aber das Ansehen der Frau Marquise, das nicht gering war, oder die Abneigung sein, die man gewöhnlich vor meinem Stande hat, niemand wollte sich mit meiner Sache befassen, und ich war genötigt, mich selbst zu verteidigen. Der Advokat der Gegenpartei vergaß nichts, um den Schimpf, den seiner Ansicht nach die Frau Marquise erlitten hatte, recht fühlbar zu machen. Er malte mit viel Beredsamkeit die traurige Lage dieser armen Dame, nachdem sie von dem Stande des Gastes, mit dem zu speisen sie das Unglück gehabt hatte, Kenntnis erhielt; er sagte, daß mein infames Amt mir nicht erlaube, mit einem einfachen Bürger zu speisen, viel weniger mit einer Standesperson, wie die Marquise von X. sei, und nach einem langen Plädoyer zog er denselben Schluß wie die Frau Marquise in ihrem Klagegesuche. Ich antwortete folgendermaßen: »Es ist ein Glück für mich, meine Herren, daß man, während man mich vor Ihnen als Verbrecher anklagt, mir nichts über meine Sitten oder meine Rechtschaffenheit vorwerfen kann. Die Ausübung meines Amtes ist kein Verbrechen, im Gegenteil, sie ist ein Akt der Gerechtigkeit; und dasselbe Prinzip der Gerechtigkeit, das Sie veranlaßt, die Strafe auszusprechen, beseelt mich, wenn der Schuldige sie zu erleiden hat. Meine Gegenpartei hat nicht überlegt, als sie mich vor Ihr Tribunal berief: wenn ich Ihre Gerechtigkeit forderte, so könnte sie sich beklagen und Sie verdächtigen. Unsere Ämter stehen in so enger Verbindung, daß Sie das meinige nicht verdächtig behandeln können, ohne dem Ihrigen einen tödlichen Stoß zu geben. Ich handle nur auf Ihre Befehle, und wenn es etwas Tadelnswertes an meinem Amte gäbe, so würden Sie es nicht verdammen können, weil nach dem Geist der Gesetze der, welcher das Verbrechen befiehlt, schuldiger als der, welcher es ausführt, und unter dieselbe Kategorie zu stellen ist. Der Gott der Waffen hat das Schwert in die Hände des Königs gelegt, um das Verbrechen zu strafen und die Unschuld zu beschützen. Da er selbst es nicht tun kann, hat er mir die Ehre angetan, es mir anzuvertrauen; ich bin der Verwalter dieses Schatzes, der von seinem Königtum und von dem Titel eines Herrschers untrennbar ist. Nicht Ihnen hat er es eigentlich anvertraut, nicht Ihre Urteilssprüche machen den Schuldigen des Todes würdig, sondern sein Verbrechen oder, besser gesagt, das Gesetz, welches die Strafe bestimmt. Sie erklären nur, daß er des Verbrechens schuldig und folglich in dem Falle ist, für den das Gesetz den Tod befiehlt, und ich als öffentlicher Diener des Staates gebrauche das Schwert, welches mir anvertraut worden, ich strafe das Verbrechen und räche die beleidigte Tugend. Das ist es, was meinem Amte den Vorzug gibt, es ist eine Stufe, die mich näher zum Throne hebt. Der Advokat meiner Gegenpartei hat, da er in der Ausübung meines Berufes nichts Verächtliches finden konnte, um ihn herabzusetzen, die Unwürdigkeit einiger Personen, denen es hin und wieder anvertraut worden, an das Licht gezogen. Des Todes schuldige Leute, sagte er, die zur Hinrichtung verurteilt gewesen, haben ihr Leben dadurch erkauft, daß sie dieses abscheuliche Amt, das niemand ausüben wollte, übernahmen. Das ist wohl hin und wieder vorgekommen, man muß es zugeben, und darin muß man eben die wunderbare Verblendung der Menschen beklagen. Viele gute Untertanen, welche der Gesellschaft in der Ausübung dieses wichtigen Amtes hätten nützlich werden können, haben sich, durch das Vorurteil verblendet, davon ferngehalten und dadurch herbeigeführt, daß es Unwürdigen überlassen werden mußte. Was beweist das aber? Wie ein hohes Amt dem Narren, der damit bekleidet worden, kein besonderes Verdienst verleiht, so kann auch die Unwürdigkeit eines einzelnen Subjekts nicht das Amt erniedrigen. Wenn ich auf dieselbe Weise in das meinige getreten wäre, so würde sein Räsonnement auf mich passen, das gebe ich zu, aber es ist ganz anders. Ich habe die Ehre, in einer Familie zu sein, die das Amt vom Vater auf den Sohn vererbt, und hätte man, wie man es hätte tun sollen, ihm den erblichen Adel beigelegt, so könnte ich jetzt wohl mit der Frau Marquise um den Vortritt streiten. Ich glaube genug gesagt zu haben, um mit der Versicherung schließen zu können, daß die Frau Marquise mit ihren Gründen abgewiesen werden muß. Ich würde ein Recht haben, gegen sie zu klagen, aber ich glaube, daß sie genug dadurch gestraft worden, daß sie so unvernünftige Anklagen vorgebracht hat; diese sind entehrender für sie als für mich. Ich beantrage schließlich nicht, daß man die behauptete Infamie meines Amtes aufhebe, denn eine solche hat es nie gegeben, sondern daß man in dem Urteil erkläre, ich sei nicht allein Mitglied des souveränen Gerichtshofes, sondern auch Chef in meinem Departement, ferner, daß mein Amt Ähnlichkeit mit dem der Waffen habe, und daß ich also die Vorrechte der Justiz und des Militärs genieße und infolge dieses doppelten Titels für adlig erklärt werde, ich und meine Nachkommenschaft. Ich zweifle nicht, daß alle Stimmen sich vereinigen werden, diese meine gerechten Forderungen zu bewilligen.« Der Gerichtshof schritt zur Abstimmung und befahl endlich, die Akten beiseite zu legen, was so viel hieß, als daß kein Urteil erlassen werden solle. Nach Verlauf fast eines Jahrhunderts veröffentliche ich dies sonderbare Plädoyer meines Ahnen, der eine Ehrenrettung, ja sogar eine Verherrlichung unseres Berufes, woran ich noch nicht gedacht habe, versuchte. Die Halsbandgeschichte Jeanne de Valois, Gräfin de la Motte; Kardinal de Rohan; Marie Antoinette; Cagliostro; Mlle. d'Oliva; Ludwig XVI.; der Prozeß und Vollstreckung. Die Geschichte vom Halsband der Königin ist so bekannt, daß es mir unnütz scheint, sie in allen Einzelheiten wiederzuerzählen. Ich werde nur einige Tatsachen anführen, welche einigermaßen die Geheimnisse dieser dunklen Intrige, die die königliche Majestät in einer so unangenehmen Weise bloßstellte, aufklären. Obgleich die ganze Halsbandgeschichte um so bedeutungsvoller ist, als sie sich in einer Zeit ereignete, wo der Volksgeist sich seiner bewußt zu werden anfing und seine Regungen den Thron in den Grundfesten erschütterten, so werde ich mich doch, dem oben ausgesprochenen Satze getreu, darauf beschränken, in möglichster Kürze über die Ereignisse zu berichten, welche bewirkten, daß der Kardinal de Rohan, Herr de Cagliostro, Herr Retaux de Billette und Demoiselle Oliva verhaftet wurden und Frau Jeanne de Valois, Gräfin de la Motte, den Händen des Henkers verfiel.   Eines Tages begegnete Frau de Boulain-Villiers, die Gattin des Oberrichters zu Paris, in dem kleinen Dorfe St. Légersous-Bouvray im Burgundischen einem kleinen Mädchen, das ihr die Hand hinhielt und sagte: »Meine schöne Frau! Schenkt, ich bitte Euch darum bei der Liebe des barmherzigen Gottes, der Urenkelin der alten Könige von Frankreich ein Almosen!« Diese Worte setzten Frau de Boulain-Villiers in Erstaunen; sie ließ ihren Wagen anhalten und fragte das Kind um eine Erklärung dieser so merkwürdigen Bettlerformel. Zufällig ging der Geistliche des Ortes vorüber; er hatte das Gespräch gehört, näherte sich und berichtete Frau de Boulain-Villiers, daß dieses Kind wahr gesprochen hätte und daß es in gerader Linie von Henry de Saint Rémy, dem ehelichen Sohne von Henry II. und Nicole de Savigny abstamme. Frau de Boulain-Villiers erbat sich weitere Aufschlüsse in betreff des Mädchens und erfuhr, daß es eine vater- und mutterlose Waise sei, die von der Barmherzigkeit der Gemeinde lebe. Da niemand Einspruch zu machen hatte, so führte die erwähnte Dame ihren kleinen Schützling nach Paris. D'Hozier untersuchte ihren Stammbaum, und so wurde sie für die kleine Jeanne de Valois anerkannt, deren Bruder und Schwester im vollkommenen und rechtlich anerkannten Besitz der väterlichen Würde waren. Frau de Boulain-Villiers ließ ein Schriftstück über das ganze Ereignis aufsetzen und es der Königin und dem Herrn de Maurepas durch den Herzog de Brankas-Céreste überreichen. Infolge dieser Schrift wurden den Kindern im Wege der königlichen Gnade Pensionen bewilligt. Der Knabe wurde in die Marine eingestellt, und er starb als Schiffsleutnant unter dem Namen eines Barons de St. Rémy de Valois. 1780 verheiratete sich Jeanne de Valois mit dem Grafen de la Motte von der königlichen Leibgarde. Herr de la Motte besaß nichts als sein jährliches Gehalt, die Mitgift seiner Frau belief sich auf eine sehr kleine Pension, und so kam es denn, daß die häuslichen Verhältnisse des Paares nicht in rechtem Einklange mit der Vorliebe der beiden Gatten für Luxus und Vergnügungen standen. Von dem heißen Verlangen erfüllt, soviel als möglich zu glänzen, stand Frau de la Motte keinen Augenblick an, in den damals bei Hofe üblichen Ränken die Quellen zu suchen, welche sich ihr nicht freiwillig öffneten. Frau de la Motte, sagt der Abbé Georgel in seinen Memoiren, besaß zwar nicht den strahlenden Glanz der Schönheit, aber sie war mit allen Reizen der Jugend ausgestattet. Ihr Antlitz zeigte viel Geist und zog jedermann an; ihr ganzes Wesen verkündete jene angeborene Vornehmheit, welche überall siegt. Abbé Georgel schreibt Frau de la Motte in seinen Erzählungen eine unwiderstehliche Beredsamkeit zu, und alle ihre Zeitgenossen stimmen darin überein, daß das verführerische Äußere der jungen Dame den Geist und die wunderbaren Anlagen der Zauberin Circe verbargen. Die ganz besondere Zuneigung, mit der der Kardinal de Rohan die Gräfin de la Motte beehrte, war somit in ihrem Ursprunge nicht ohne gewissen Eigennutz. Man wird davon doppelt überzeugt sein, wenn man sich an die leichtfertigen Sitten und Gewohnheiten des vornehmen Prälaten erinnert, und niemand wird an eine uneigennützige Freundschaft beider glauben, wenn man von seinen eigenen Lobrednern hört, daß die Großmut des Herrn de Rohan gegen die Gräfin ihn schon vor der Halsbandgeschichte für seine bezaubernde Freundin eine Summe von hundertundzwanzigtausend Livres ausgeben ließ. Obwohl sich Frau de la Motte der innigsten Zuneigung ihres Gönners erfreute, spielte sie doch keine ganz aufrichtige Rolle gegen ihn. Sie erkannte sehr wohl die geheimen Wünsche des ehrgeizigen Prälaten, sie wußte, daß Herr de Rohan nur neben ihr, einer schönen und geistreichen Prinzessin, die der Herrschaft über ihren Gatten angeklagt war, die Rolle spielen wollte, welche der Kardinal Mazarin bei Anna von Österreich gespielt hatte. Sie schmeichelte seinem Ehrgeiz und hoffte durch ihre Klugheit und die Schwäche des vornehmen Mannes ihr Glück zu machen. Die fast einfältige Gutmütigkeit, mit der Herr de Rohan in die Falle ging, welche ihm die kluge Dame stellte, kann einen Maßstab von seinem sehr beträchtlichen Dünkel geben. Die Gräfin de la Motte redete zuerst dem Kardinal ein, daß sie das innigste Vertrauen der Königin besäße. Von den seltenen Eigenschaften des Groß-Almoseniers Ein in katholischen Ländern einst fast überall, heute nur noch in Frankreich, Spanien und Rom bestehendes geistliches Hofamt. überzeugt, habe sie mit dieser Fürstin so oft und mit so viel Beredsamkeit von ihm gesprochen, daß die Königin nunmehr jene traurigen Momente vergessen hätte, die den Kardinal seit der unglücklichen Wiener Gesandtschaftsreise in Ungnade fallen ließen. Ihre Vorstellungen, versicherte die Gräfin de la Motte, wären schließlich so erfolgreich gewesen, daß Marie Antoinette Herrn de Rohan erlaubte, sich direkt bei ihr zu rechtfertigen; dann wünsche sie mit ihm einen Briefwechsel zu führen, der so lange geheim bleiben solle, bis der günstige Augenblick erschienen sei, um vor aller Welt das Wohlwollen der Fürstin kundzutun. Natürlich war nach dieser Überlieferung die Gräfin de la Motte bestimmt, bei diesem Briefwechsel Zwischenträgerin zu sein. Es ist möglich, daß die Gräfin de la Motte sich des ganz besonderen Vertrauens von Marie Antoinette erfreute, aber nach jetzt bekanntgewordenen Ansichten der Königin über ihren Schützling läßt sich nicht annehmen, daß die obige Mitteilung an den Kardinal wirklich erfolgt ist. Wie dem nun aber auch sei, das erste Wagstück der Gräfin de la Motte glückte vollständig. Der Kardinal de Rohan hörte mit Begeisterung von den glänzenden Aussichten, welche die Hofdame vor seinen Augen eröffnete. Herr de Rohan belohnte sehr freigebig die vermeintlich so großen Dienste seiner Freundin, die sie nichts weiter gekostet hatten als einige klug erdachte Lügen und ein Blatt Papier mit vergoldetem Rand, auf dem ein gewandter Fälscher die Handschrift der Königin täuschend nachgeahmt hatte. Diese unglaubliche Leichtgläubigkeit mußte natürlich Frau de la Motte in ihren Unternehmungen bedeutend ermutigen. Ludwig XV. hatte bei seinen Hofjuwelieren, den Herren Böhmer und Bassange, ein prachtvolles Halsband bestellt. Noch ehe der Schmuck fertig geworden, war der König gestorben und Madame du Barry, für die das Kleinod bestimmt gewesen, durch den neuen König in die Verbannung geschickt worden. So befand sich also das wunderbare Halsband in den Händen der beiden Juweliere. Sie hatten es der Königin gezeigt, aber durch den ungeheuren Preis, nämlich achtzehnhunderttausend Livres, erschreckt, war Ihre Majestät bei den damaligen Zeitumständen, wo Sparsamkeit notwendig, von dem Wunsche, es zu besitzen, abgestanden. Frau de la Motte hatte ebenfalls Gelegenheit, das Halsband zu sehen. Die Juweliere machten kein Geheimnis daraus, wie sehr sie die Weigerung der Königin erschreckt hätte und wie sehr sie in ihren Unternehmungen durch den Besitz eines Gegenstandes von so beträchtlichem totem Wert gehindert würden. Sie versicherten, daß sie demjenigen gern ein sehr kostbares Geschenk machen würden, durch dessen Vermittlung sie das Halsband verkaufen könnten. Die Gräfin dachte im Anfang ganz sicher nur daran, sich die versprochene Belohnung zu erwerben; ihre Hoffnungen und Wünsche wurden erst durch den Erfolg kühner gemacht. Sie beurteilte Marie Antoinette nur als Frau und nicht als Königin und setzte voraus, daß doch wenigstens da, wo die Eitelkeit im Spiele wäre, die Königin in den Hintergrund treten müßte. Ich darf zwar nicht unerwähnt lassen, daß einige Versuche, Marie Antoinette als mehr oder weniger direkte Gönnerin des Kardinals de Rohan auftreten zu lassen, fruchtlos ausfielen; dieser Mißerfolg entmutigte jedoch Frau de la Motte nicht, sondern trug im Gegenteil dazu bei, den Kreis ihrer Hoffnungen und Wünsche zu erweitern. – Mit einer Beharrlichkeit, die ihresgleichen sucht, erstrebte sie nun selbst den Besitz des königlichen Schmuckes und ließ alle Mittel gelten, um nur zum Ziele zu gelangen. Die beiden Gatten hatten übrigens in einem alten Polizeibeamten namens Marc-Antoine Rétaux de Billette, einer Art von Flugschriftsteller oder Publizisten – dem Verfasser der angeblich königlichen Briefe, – eine starke Stütze und ein gewandtes Werkzeug gefunden. Zu diesen dreien gesellte sich noch als mit die wichtigste Kraft– der Parazelsus der Rokokoepoche – der mehr berüchtigte als berühmte Graf von Cagliostro, welcher durch seine Scharlatanerien über den in vieler Beziehung zwar beschränkten Geist des Kardinals de Rohan einen dennoch ganz unerklärlich mächtigen, ja man könnte fast sagen unbegrenzten Einfluß gewonnen hatte. Frau Gräfin de la Motte war und blieb natürlich die Seele der Handlung. Sie überredete zuerst den Kardinal, daß die Königin Marie Antoinette sich ohne Wissen und Willen des Königs, ihres Gemahls, dahin entschieden hätte, das Halsband zu kaufen und es aus ihrer Privatschatulle zu bezahlen. Um nun dem Herrn de Rohan, dem Groß-Almosenier, ein Zeichen von ihrem Wohlwollen zu gewähren, so erteile sie ihm hiermit durch ihre Vertraute – nämlich Frau de la Motte – den Auftrag, das besagte Halsband für sie einzukaufen, und zwar auch unter seinem Namen. Für die ausgelegte Summe würde er einen von Marie Antoinette selbst eigenhändig ausgestellten, geschriebenen und unterzeichneten Empfangsschein erhalten, der ihm als Sicherheit dienen möchte und den er bis zur völligen Bezahlung des Halsbandes behalten sollte. Frau de la Motte säumte in der Tat nicht, den erwähnten Schein Herrn de Rohan einzuhändigen; er war von Trianon Ein Lustschloß der französischen Herrscher. ausgegeben und »Marie Antoinette de France« unterzeichnet. Es gehörte die Blindheit des Kardinals dazu, nicht zu sehen, daß diese vermeintliche königliche Handschrift durch den bekannten und gewöhnlichen Fälscher der Gräfin de la Motte gemacht worden war. Die Königin zeichnete, wie alle Fürstinnen vor ihr auf dem Thron, einfach mit ihrem Taufnamen, und so hätten schon die Worte »de France«, welche die kecke Einbildungskraft von Marc-Antoine Rétaux de Billette hinzugefügt, zur Entdeckung des Betruges hinreichen können. Aber der Groß-Almosenier Herr de Rohan argwöhnte nichts, und in dem guten Glauben, nur dem Wunsche der Königin nachzukommen, trat er mit den Hofjuwelieren in Unterhandlungen. Nach seiner ihm zur zweiten Natur gewordenen Eitelkeit nahm er keinen Anstand, den Herren Böhmer und Bassange zu sagen, daß das Halsband für die Königin Marie Antoinette sei, und zeigte ihnen sogar zur Beglaubigung seiner Worte und Erhöhung ihrer Bedeutung das in seinen Händen befindliche Schreiben seiner hohen Gönnerin. Die Juweliere nahmen die Vorschläge des Kardinals an. Am 1. Februar wurde das Schmuckkästchen Frau de la Motte nach Versailles gebracht und durch diese in Gegenwart des Herrn de Rohan einem Kammerdiener Ihrer Majestät der Königin übergeben, der das Halsband der neuen Besitzerin zu überbringen beauftragt sein sollte. Der angebliche Kammerdiener war niemand anders als Rétaux de Billette, welchen man mit einer königlichen Livree bekleidet und geheißen hatte, den Schmuck Herrn de la Motte zu überbringen. – Der freche Spaß wurde zum Schluß durch die Abreise des Grafen de la Motte nach London gekrönt. Hier spielte der Betrüger vermöge des aus dem Verkauf des Halsbandes gelösten Geldes den Millionär. Obschon im Besitze des Halsbandes, war Frau de la Motte noch lange nicht zufrieden; sie erstrebte viel mehr. Sie hoffte die Königin und den Kardinal so vortrefflich zu verwickeln, daß diese selbst bei einer Entdeckung ihres Geniestückchens sie nicht vor Gericht ziehen könnten, ohne sich vor der stets argwöhnischen und das Schlimmste denkenden Welt bloßzustellen. Frau de la Motte setzte demgemäß folgende Komödie ins Werk. Marc-Antoine Rétaux de Billette mußte von neuem zu arbeiten beginnen, und zwar neue Briefe, als wenn Marie Antoinette an den Groß-Almosenier Herrn de Rohan geschrieben, entwerfen. In diesen sprach nun die Königin davon, wie sie es bedaure, dem großherzigen Kardinal nicht öffentlich ihre Wertschätzung und Zuneigung so bezeigen zu können, wie sie es so sehnlichst begehrte; damit er jedoch sähe, wie sehr sein edles und aufopferndes Benehmen ihr Herz ihm gewonnen hätte, so wollte sie ihm im Versailler Park, zwischen elf Uhr und Mitternacht, an dem ** Tage des Monats *** eine persönliche Zusammenkunft gewähren, bei der er ihren Dank erfahren sollte, den sie ihm zu beschreiben nicht vermöchte. Als die Gräfin das Wagnis unternahm, Herrn de Rohan zu seiner vollständigen Verblendung und Täuschung das bezeichnete Stelldichein seitens der Königin zu gewähren, handelte sie trotz ihrer wunderbaren Keckheit nicht, ohne sich vorher der Möglichkeit des Gelingens ihres Planes versichert zu haben. Sie hatte ein Mädchen namens d'Oliva an der Hand, welchem sie einmal im Palais Royal begegnet und dessen wunderbare Ähnlichkeit mit Marie Antoinette ihr aufgefallen war. Diese Oliva nun mußte zur gehörigen Verwicklung des Schauspiels die Rolle der Königin spielen. Das Stelldichein ging in den Apollobädern vor sich. Mademoiselle d'Oliva spielte im gehörigen Kostüm ihre Rolle ganz ausgezeichnet. Sie überreichte dem vor Entzücken überströmenden Kardinal eine Rose und entfernte sich dann klugerweise so schnell als möglich unter dem Vorwand, ein verdächtiges Geräusch in der Nähe gehört zu haben. Indessen kam der erste Zahlungstermin heran, und die Juweliere begannen unruhig zu werden. Wiewohl ein wenig spät, wollten sie sich vergewissern, daß das Halsband auch wirklich in die Hände der Königin gelangt sei. Demgemäß entdeckten sie sich einigen Personen vom Hofe, suchten, zwar vergebens, eine Audienz bei der Königin Marie Antoinette nach, entdeckten jedoch sehr bald, daß sie die Opfer eines maßlosen Betruges geworden waren. In ihrer Verzweiflung machten sie nicht länger mehr aus dem ein Geheimnis, was ihnen Herr de Rohan als solches anvertraut hatte. – Das Gerücht von der unerhört frechen Betrügerei machte bald die Runde und gelangte so auch zu den Ohren des Herrn Baron de Breteuil, des königlichen Hausministers. Herr de Breteuil war ein persönlicher Feind des Kardinals, und so ließ er sich denn auch die Gelegenheit nicht entgehen, den Nichtsahnenden zu verderben. Am 15. August, dem Tage von Maria Himmelfahrt, mußte der Kardinal in seiner Stellung als Groß-Almosenier in der Schloßkapelle die Messe lesen. Schon war er im vollen bischöflichen Ornat, als ein Diener mit der Mitteilung an ihn herantrat, daß der König ihn in sein Geheimzimmer zu sich entbieten ließe. – Dort befanden sich der König, die Königin und Herr de Breteuil. Als der Kardinal eingetreten war, fuhr ihn der König in einem sehr gereizten Tone an: »Sie also, mein Herr, haben Böhmers Diamanten gekauft?« »Ja, Sire«, antwortete Herr de Rohan. »Was haben Sie mit dem Schmuck gemacht?« Der Groß-Almosenier zauderte ein wenig mit der Antwort, meinte aber dann: »Sire, ich glaubte, daß der in Rede stehende Schmuck der Königin übergeben worden wäre.« »Wer hat Ihnen diesen Auftrag gegeben?« »Die Frau Gräfin de la Motte-Valois, welche mir gleichzeitig ein Schreiben der Königin überreichte, das mich hoffen ließ, durch Besorgung dieses Auftrages die verlorene Gunst bei Ihrer Majestät wiedererlangen zu können.« Nach diesen Worten nahm er aus seiner Brieftasche einige angeblich von der Königin geschriebene Briefe und legte sie den Majestäten vor. Der König überflog schnell die Blätter und sagte dann, noch immer die Augen auf die Unterschrift geheftet: »Das ist weder die Hand noch die Unterschrift der Königin. – Wie, Herr de Rohan,« fuhr er alsdann mit vorwurfsvollem Blick auf den Angeredeten fort, »Sie, der Sproß eines altfürstlichen Hauses und Groß-Almosenier Frankreichs, konnten glauben, daß die Königin ›Marie Antoinette de France‹ zeichnete? Ich glaube, es gibt außer Ihnen niemand, der nicht wüßte, daß die Königinnen immer nur ihren Taufnamen in Unterschriften führen.« Der Kardinal erbleichte immer mehr und mehr, seine Knie schlotterten, und er war genötigt, sich an einem Tisch festzuhalten, um nur die vor den Majestäten geziemende Stellung bewahren zu können. Der König, welcher die schreckliche Lage des Armen sah, forderte ihn auf, sich in ein Seitenzimmer zu begeben und dort seine Rechtfertigung aufzusetzen. Herr de Rohan gehorchte; er blieb etwa eine Viertelstunde in dem ihm angewiesenen Gemach, dann kehrte er zu den Majestäten zurück und übergab sein Schreiben dem Könige, der ihm befahl, sich zurückzuziehen. An der Tür des königlichen Kabinetts stand schon Herr de Jouffroy, ein Leutnant von den Leibgarden, der offenbar den Kardinal erwartete und ihn denn auch, wie er war, in seinem bischöflichen Ornat verhaftete. Tags nach der Verhaftung des Kardinals wurde Frau de la Motte in Bar-sur-Aube, ihrem einstweiligen Zufluchtsort, gefangengenommen. Bei ihrem Verhör leugnete sie keck und entschieden, sich in die Halsbandgeschichte gemischt zu haben, und klagte den Grafen Cagliostro als Urheber jener Spitzbübereien an. Sie behauptete, nur den Herrn Kardinal zu dem Ankauf der Diamanten Böhmers beredet zu haben, diese seien jedoch von dem Italiener und seiner Frau einzeln verkauft worden, und so hätten auch bloß diese Personen einen Nutzen aus dem Unternehmen gezogen. Infolge dieser Erklärung schritt man zur Einziehung von Herrn und Frau de Cagliostro. Frau de la Motte mochte glauben, daß sie sich den Händen der Gerechtigkeit entziehen könnte, wenn sie den Kardinal und Cagliostro für den doch nur von ihr allein begangenen Diebstahl verantwortlich machte; aber sie irrte sich in ihren klugen Voraussetzungen. Mademoiselle d'Oliva, welche die Gräfin schon wer weiß wo glaubte, wurde auf ihrer Flucht nach Brüssel aufgehoben, und ihre Enthüllungen und Geständnisse begannen auf den ganzen Sachverhalt einiges Licht zu werfen. Einige Zeit nachher gelang es auch, Marc-Antoine Rétaux de Billette in Genf zu erwischen. Er wurde im Verhör Frau de la Motte gegenübergestellt, und nun begann diese endlich inne zu werden, daß all ihr Leugnen und künstliches Gespinst von Unwahrheiten sie nicht mehr retten könne. In der Nacht vom 29. zum 30. August wurden alle in die Halsbandgeschichte Verwickelten aus der Bastille in die Conciergerie gebracht, und am 5. September übergab ein Handschreiben des Königs den Prozeß dem obersten Gerichtshofe. Das erwähnte Handschreiben befahl das strengste Verfahren, besonders in bezug auf den Kardinal, und zeigte, wie erbittert der König über die sein Haus angreifenden und beleidigenden Vorkommnisse war. Man wird sich wohl leicht denken können, was ein derartiger Prozeß für Aufsehen machen mußte. Der gesamte Adel Frankreichs hielt sich in der Person eines seiner höchsten und hervorragendsten Glieder an dem Prozeß für beteiligt, und die Geistlichkeit des Königreichs, welche ihr Vorrecht geltend machte, über den Kardinal zu Gericht zu sitzen, legte bei dem Hofe Widerspruch gegen das oben bezeichnete Verfahren ein. Diese Widersprüche, die zwei Jahrhunderte vorher einen weit bedeutenderen Rechtshandel vernichtet hätten, brachten nun nicht die geringste Wirkung mehr hervor. – Selbst aus Rom erging an Herrn de Rohan die Aufforderung, vor dem Tribunal der Kardinäle zu erscheinen, um über die Vorkommnisse Rechenschaft abzulegen, und es war dieser Vorladung die bestimmte Mitteilung beigefügt, daß er, wenn er nicht erschiene, seines Titels und seiner Würden enthoben werden sollte, bis er sich gerechtfertigt haben würde. – Aber diese Erklärung des heiligen Vaters war ebenso erfolglos wie die der Geistlichkeit. Die gerichtlichen Verhandlungen nahmen am 22. Dezember früh ihren Anfang. Frau de la Motte nahm mit der ihr eigentümlichen Grazie auf ihrem Sessel Platz. Ihre Haltung, sagte ein Schriftsteller jener Zeit, war so sicher, daß sie wie in ihrem Zimmer und im weichsten Lehnsessel zu ruhen schien. Sie antwortete mit vieler Geistesgegenwart und Sicherheit auf alle Fragen des Präsidenten. Nach ihr erschien der Kardinal und nahm auf der Anklagebank der vor das Obergericht geführten Vornehmen Platz. Die Parlamentsmitglieder bezeigten ihm viel Achtung. Man konnte aus ihrem Benehmen gegen den zumeist Angeklagten deutlich herausfühlen, daß sie dem Herrn de Rohan vollständig günstig gesinnt waren, wie überhaupt die öffentliche Meinung, meist aus besserer Einsicht, bisweilen aber auch aus Widerspruchssinn, gegen den Fürsten ist. Am 29. Dezember erließ der Generalprokurator sein Urteil. Es war sehr streng in bezug auf den Kardinal und verlangte als Buße so viel Entehrendes von Herrn de Rohan, daß es nicht wahrscheinlich war, daß er sich diesem Spruch unterwerfen würde, da derselbe ihn für sein ganzes noch übriges Leben vernichtet hätte. Bei der Vorlesung dieses Beschlusses rief Herr de Barillon laut: daß dies nicht das Urteil des Generalprokurators, sondern vielmehr das eines Ministers sei, den man unschwer daraus erkennen könne. Natürlich wollte er mit diesem Minister Herrn de Breteuil bezeichnen. – Auf seinen Wunsch unterbrach der Generaladvokat Séguier sehr lebhaft den Vorleser Herrn de Fleury. Der Endbeschluß wurde am 31. Dezember abends neuneinhalb Uhr verkündet. Er lautete der Hauptsache nach wie folgt: Die dem Prozeß zugrunde liegenden, angeblich von der Königin abgefaßten und unterzeichneten Schriftstücke, Briefe usw. haben sich nach den strengsten Untersuchungen als gefälschte Machwerke herausgestellt, welche nur in betrügerischer Absicht Ihrer Majestät untergeschoben worden. Der Graf de la Motte ist als schuldig erkannt und somit zu den Galeeren verurteilt worden. Jeanne de Saint-Rémy-Valois, die Frau de la Mottes, ist verurteilt worden, den Strick um den Hals, Kirchenbuße zu tun, ausgepeitscht, auf beiden Schultern mit dem Buchstaben V gebrandmarkt und endlich auf Lebenszeit in dem Spital eingesperrt zu werden. Marc-Antoine Rétaux de Villette wird hiermit für ewig aus dem Königreich verbannt. Die Demoiselle d'Oliva darf bei Strafe nicht mehr am Hofe erscheinen. Herr de Cagliostro wird nach Beschluß des Obergerichts von jeder Anklage entlastet, und der Kardinal Herr de Rohan, in jeder Beziehung für unschuldig erklärt, hierdurch berechtigt und angewiesen, wegen der für ihn in dem Schriftstück der Gräfin de la Motte enthaltenen boshaften Beleidigungen, das ganze Urteil des Parlaments drucken und in der Öffentlichkeit verbreiten zu lassen. Dieser Beschluß wurde mit einem gewissen Enthusiasmus aufgenommen. Nachdem der König schon so unklug gewesen war, nicht mit aller Gewalt einen Prozeß zu ersticken, wo ein sehr vornehmer Name mit Betrügern und Diebinnen der gemeinsten Gattung in nahe Berührung kommen mußte, fügte er gar noch die Torheit hinzu, in allen seinen Verordnungen und Erlassen die persönliche Feindschaft gegen den Kardinal de Rohan durchblicken zu lassen. Diese offenbar hier nicht gerechtfertigte Anfeindung mußte dem Groß-Almosenier allgemeines Mitgefühl erwecken, dessen er sich sonst nimmer würdig gemacht und das er auch niemals erworben hätte. Die öffentliche Meinung sah in dem Urteil des Parlaments, welches die in den königlichen Briefen erlassene Anklageakte außer Kraft setzte, einen ersten Sieg über die Unbeschränktheit der Herrschermacht und pflichtete in jeder Hinsicht dem Widerstand der Vertreter des Gesetzes gegen den so deutlich ausgesprochenen königlichen Willen bei, freilich vielleicht schon deswegen, weil es überhaupt ein Widerstand war. Die Richter wurden so gefeiert, schreibt Herr Baron de Besenval, und so mit Lobes- und Ehrenbezeigungen bestürmt, daß sie nur mit großer Mühe sich durch den versammelten Volkshaufen einen Weg bahnen konnten, als sie nach beendigter letzter Session vom Parlamentshause zurückkamen. Erst am 21. Juni gab Herr de Fleury dem Henker das Urteil. Gleichzeitig ermahnte er ihn, alles so einzurichten, daß nur ja jedes Aufsehen vermieden würde. Charles Henri Sanson erkundigte sich hierauf bei dem Gefängniswärter nach den Gewohnheiten der Frau de la Motte und vernahm über dieselbe, daß sie mit seiner Frau besonders gut stehe und die Frau Gräfin denn auch in ihrer Gefangenschaft bediene. Den Vorschriften des Scharfrichters gemäß begab sich eines Morgens die Gefängniswärterin in die Zelle der Verurteilten und meldete ihr, daß jemand aus dem Palast nach ihr frage. Frau de la Motte lag auf ihrem Ruhebett; infolge der mehrfach wiederholten Mitteilung wandte sie sich um und sagte: »Man möge wiederkommen; ich habe diese Nacht nicht schlafen können und will nun am Morgen wenigstens ausruhen.« Unterdessen war aber auch Charles Henri Sanson zu einer Seitentür eingetreten, hatte die Türen verschlossen und hielt nun auf der Schwelle zu dem Zimmer der Gräfin Wache. Frau de la Motte blieb vor ihm stehen und betrachtete ihn mit funkelndem Blick. Die Gräfin, sagt mein Großvater, war eine sehr gut gebaute Person, jedoch mehr stark als mager. Ihr Gesicht konnte man trotz der Unregelmäßigkeit der Züge schön nennen. Die Nase glich der eines Wiesels auf ein Haar, der so ausdrucksvolle Mund war groß, fast zu groß, und die Augen, die wie Brillanten strahlten, hatten das zu wenig, was der Mund zu viel besaß; bei alledem aber ließen Frau de la Motte die Pracht und Fülle ihres Haares, die Weiße ihrer Haut und die angeborene Zierlichkeit, Grazie und Feinheit in allen ihren Bewegungen bemerkenswert erscheinen. Die unglückliche Frau war auch in der Gefangenschaft noch sich der Bedeutung ihres Äußeren bewußt. An dem obenerwähnten Morgen trug sie ein geschmackvolles seidenes Hauskleid mit braunen Streifen und kleinen weißen Rosenbuketts und auf dem Kopfe ein kleines niedliches Spitzenhäubchen, welches die prächtige Haarfülle in angenehmer Weise hervorhob. Während Charles Henri Sanson von der Gräfin mit dem drohenden Auge einer gereizten und zum Sprunge bereiten Löwin betrachtet wurde, hatten dieselbe einstweilen die Henkersknechte und noch vier andere Gehilfen umringt. Frau de la Motte schien bei sich selbst die Ungleichheit des Kampfes zu erwägen und sah ein, daß sie unterliegen müßte. Da öffneten sich ihre Nasenlöcher, sie fing an zu keuchen, und nach einer kleinen Pause fragte sie meinen Großvater, der den Hut vor ihr abgenommen hatte: »Was wollen Sie von mir?« »Sie sollen Ihr Urteil hören, Madame!« antwortete der Henker. Bei diesen Worten sah man ein Zittern über den ganzen Körper der Gräfin gehen, ihre geballten Hände lösten sich und die Finger begannen ängstlich mit dem breiten Bande zu spielen, welches schärpenähnlich ihrem Überwurf als Gurt diente. Eine Minute blieb die Dame nachdenklich und mit niedergeschlagenen Augen stehen, dann erhob sie stolz das Haupt und sagte: »Wohlan denn, lassen Sie uns gehen!« Die beiden Henkersknechte, welche sie zuerst an den Armen ergriffen hatten, näherten sich wieder, aber Frau de la Motte stieß sie mit der verächtlichen Gebärde einer vornehmen Dame zurück und schickte sich an, vor ihnen her zu gehen. Als man in das Gemach gekommen, wo der Parlamentsausschuß für diese besondere Gelegenheit versammelt war, begann ein Gerichtsbeamter sofort mit der Verlesung des Parlamentsbeschlusses. Bei den ersten Worten, welche ihre Schuld behaupteten, prägte sich die unbändige Wut Frau de la Mottes, die Heftigkeit ihrer Gefühle auf ihrem Antlitz aus. Die Augen rollten unstät und wild in ihren Höhlen, die Zähne knirschten schauerlich aneinander und bissen wild in die eingezogenen Lippen, daß blutige Spuren darin zurückblieben. Kein Zug in dem Gesicht der Frau, die so oft so verführerisch aussah, verriet mehr ihren früheren Charakter; aller Liebreiz war von ihr gewichen und nur das Äußere einer Furie geblieben. Charles Henri Sanson, der den einbrechenden Sturm ahnte, hatte sich ihr genähert, und er hatte guten Grund dazu. In demselben Augenblicke, wo der Gerichtsbeamte zu dem Endurteil des Parlaments gelangte, brach die Wut der Unglücklichen so ungestüm aus, wie man es kaum hätte erwarten können. Sie warf sich so kraftvoll hintenüber, daß sie sich, wenn mein Großvater sie nicht aufgefangen hätte, den Kopf auf den Steinplatten zerschmettert haben würde. Von furchtbaren Krämpfen befallen, stieß sie ein wahres Wolfsgeheul aus. Fünf starke Männer hielten die Frau, aber obwohl sie alle ihre Kräfte anstrengten, gelang es ihnen nur, die Unglückliche vor einer Verwundung oder einem tödlichen Fall zu schützen. Man mußte auf die vollständige Verlesung des Urteils Verzicht leisten. Die Kräfte von Frau de la Motte schienen mit ihrer Wut zuzunehmen. Durch die Krämpfe waren sie so wenig erschöpft worden, daß die Gräfin sogar und nicht ganz erfolglos mit den Leuten zu ringen vermochte, die sie zu binden suchten. Wenigstens zehn Minuten vergingen, ehe die fünf Männer über den wahrhaft übermenschlichen Widerstand zu siegen vermochten. Endlich gelang es meinem Großvater, die Verurteilte abführen zu lassen, und man begab sich in den großen Palasthof hinab. Dort war das Schafott errichtet worden, und zwar gerade unter dem Gatter, das ganz offen stand. Aber zu dieser frühen Morgenstunde, noch sollte nämlich die Uhr sechs schlagen, und wegen der Beschleunigung der Strafvollstreckung war die Zuschauerschaft ziemlich klein. Als Frau de la Motte, auf der Plattform des Schafotts ausgestreckt, gestäupt wurde, begann sie ein wildes und wütendes Geschrei auszustoßen, welches bis zu Ende währte. Mit zorniger Stimme, der nachgerade alles Menschliche abzugehen schien, klagte sie besonders den Kardinal de Rohan wegen ihres Unglücks an. Sie gab ihm die entehrendsten Namen, und zwischenein konnte man sie murmeln hören: »Meine Schuld ist's, daß ich diese Schmach erleide; ich brauchte nur ein Wort zu sagen und ich wäre aufgehenkt worden.« Nach Parlamentsurteil empfing die Gräfin zwölf Rutenhiebe. Bis dahin hatte man sie, sogar nicht einmal bei dem Ausbruch ihrer vorhin geschilderten entsetzlichen Verzweiflung, keine Träne weinen sehen. Jetzt waren, als man sie vom Boden aufhob, ihre Augen voll Wasser; aber anstatt daß die Tränen auf die Wangen herabglitten, tropften sie von den Wimpern nieder und fielen auf die heftig wogende Brust, wahrscheinlich durch eine krampfartige Zusammenziehung und Ausweitung der Nerven so weit geworfen. Vielleicht hatte ihr früherer Wutanfall, wie das ja oft genug vorkommt, einer Abspannung der Seele und des Körpers Platz gemacht; vielleicht hatte sie auf die Endbestimmung des Parlaments nicht gehört: kurz, als man sie auf die Plattform hinsetzte, blieb sie einige Augenblicke stumm, unbeweglich, wie geistesabwesend und gegen alles Kommende gleichgültig. Charles Henri Sanson glaubte diesen Zustand zur Vollstreckung des noch nicht erfüllten Teils des Urteils benutzen zu müssen, und da das Kleid der Gepeitschten bei dem Kampfe vorher aufgerissen worden und die Schulter entblößt war, so nahm er das Markeisen, welches nicht weit von ihm in einem Kohlenbecken schon weiß glühte, näherte sich von hinten der Gräfin und brannte ihr auf der Haut das Zeichen ein. Frau de la Motte stieß ein Geschrei aus, wie es etwa eine verwundete Hyäne tun würde, drang auf einen der sie haltenden Henkersknechte ein und biß ihn mit solcher Wut in die Hand, daß sie, als man sie losriß, ein großes Stück Fleisch zwischen den Zähnen hielt. Dann begann sie, obwohl noch gerade zur rechten Zeit gebunden, sich zu verteidigen. Die Nachsicht, welche die Knechte in dem Kampfe gegen ein Weib ausübten, wußte die Gräfin nur zu gut zu benutzen; sie lähmte lange Zeit alle ihre Bestrebungen, und infolge des furchtbaren Ringens konnte nur sehr unvollkommen die linke Schulter der Verurteilten gebrandmarkt werden. Endlich war der Gerechtigkeit genug getan. Frau de la Motte wurde in einen Wagen gesetzt und nach Salpêtrière Ein Zuchthaus in Paris. gebracht. In dem Augenblick, wo man sie aus der Kutsche hob; versuchte sie sich unter die Räder zu stürzen, und einige Minuten nachher wollte sie sich ersticken und steckte sich ihre Bettdecke in den Hals. Hätte Frau de la Motte gewußt, wie kurze Zeit sie gefangen sein sollte, so würde sie vielleicht geduldiger gewesen sein: denn schon sechs Monate nach ihrer Inhaftierung hörte ihre Einsperrung auf. Im Monat April gelang es ihr zu entwischen. Vielleicht, daß die Regierung ihre Flucht in der Furcht erleichtert hatte, Herr de la Motte, der nach London entkommen war, würde aus der Schule schwatzen und dort unangenehme Aufschlüsse über das Pariser Kabinett geben; vielleicht, was sehr wahrscheinlich ist, daß Herr de la Motte die Gefängniswärter bestochen hatte; vielleicht auch, daß irgendeine der Zuchthäuslerinnen, bei denen sich die größte Verderbtheit der höchsten Achtung erfreut, leidenschaftliche Liebe zu der traurigen Heldin gefaßt hatte – kurz, Frau de la Motte und mit ihr eine andere Gefangene des Zuchthauses entkamen aus Salpêtrière. Eines Tages sah die unter dem Fenster der verhafteten Gräfin aufgestellte Schildwache eine Person auf sich zukommen, welche kurz vorher noch mit einer der bedienenden und darum frei umhergehenden Zuchthäuslerinnen gescherzt hatte. Besagter Mensch trug einen königsblauen Überwurf, darunter ein schwarzes Wams und schwarze Beinkleider, Schnürstiefel, einen runden, hohen Hut, weiße Lederhandschuhe und in der einen Hand eine Reitgerte. Unter dieser Verkleidung steckte Frau de la Motte, und vermöge ihrer Geistesgegenwart, ihres Mutes, ihrer Sicherheit und wohl auch infolge der trefflich gewählten Maske gelang es ihr, aus dem Zuchthause zu entkommen und nach London zu ihrem Gatten zu gelangen. Das Autodafé auf der Place de Saint Louis in Versailles Meister Mathurin Finanzielle Notlage Frankreichs; die Neuerer; die Notablenversammlung. Im Jahre 1788 wurde die Strafe des Räderns in Frankreich zum letztenmal verhängt. In folgendem will ich über diesen Fall etwas Näheres berichten. Zu Versailles, in der Rue de Montreuil, wohnte ein Hufschmied namens Mathurin Louschart. Das war noch so einer aus der alten Zeit, ein echter Handwerksmann von einst, mit allen Vorurteilen und Abneigungen eines solchen, voller Zunfthaß und Innungsdünkel. Ganz durchdrungen von den Vorzügen seines Handwerks vor allen anderen, hatte er noch nie daran gedacht, sein dickes, fahlledernes Schurzfell, welches ihm bis an die Knöchel reichte, mit dem langen Rock eines Gerichtsbeamten oder dem kleinen, kurzen Wams eines Abbé zu vertauschen. Trotz seiner schlichten Tracht und vielleicht gerade wegen seiner patriarchalischen Sitten hatte Mathurin etwas unbeschreiblich Würdevolles an sich. Seine ganze Stellung und seine Gebärden, wenn er das Eisen mit der Zange auf dem Amboß herumdrehte, ihm durch den Hammer die gehörige Form gab, es streckte, bog und rundete, zeigten so viel Gewandtheit, Kraft, Sicherheit der Hand und sogar Zierlichkeit, daß man wohl schwer heutzutage ihresgleichen finden dürfte. Da nun aber Mathurin so ganz ein Mann von altem Schlag war, haßte er natürlich den neuen Zeitgeist. Die Montmorencys, die Rohans seines Zeitalters hatten lange nicht den Widerwillen gegen die allgemach in die Mode kommende Gleichheit der Stände wie er. Der alte Hufschmied Louschart betrachtete diese Neuerung als eine nur in der Einbildung von Toren beruhende Erfindung, und so sagte er denn auch: man solle nur ruhig dem Esel die Ohren verkürzen, es würde doch nimmer ein Pferd daraus werden. Meister Mathurin war reich; er hatte es für seine Pflicht gehalten, wenigstens betreffs der Erziehung seinen Sohn die Vorzüge seines Wohlstandes genießen zu lassen. Demzufolge war Louis auf dem Collège du Plessis erzogen worden, ganz so wie die anderen dort befindlichen Söhne reicher Bürger. Scheinbar im Gegensatz zu dem vorigen glaubte jedoch der Hufschmied zufolge seiner Ansichten von gesellschaftlichen Fragen, vielleicht auch nach der Vorliebe für seinen Stand, daß der junge Mann gar keinen anderen Lebensberuf haben und wählen könne, als denjenigen, welchen bisher alle seine Vorfahren bekleidet hatten. »Seitdem die Welt steht,« sagte Meister Mathurin sehr oft, »sind die Louscharts Hufschmiede gewesen; wenn einmal einer von ihnen Kaufmann oder Notar werden sollte, so kann der Weltuntergang nicht mehr fern sein.« Zuerst mochte es wohl dem Schüler des Collège du Plessis schwer genug geworden sein, seine ruhigen Studien, die Schulkameraden und jenen Vorgeschmack eines vornehmen und angenehmen Lebens aufzugeben, um das Handwerkerkleid und das rohe Schurzfell anzulegen, glühendes Eisen zu bearbeiten, an dem Blasebalg tätig zu sein und so mitten unter Arbeit und zweifelhaften Freuden das Geschäft seines Vaters zu teilen. Es läßt sich wohl denken, daß das Rauhe in dem neuen Beruf, welcher doch gar so wenig mit der bisherigen Beschäftigung des Studierenden im Einklang stand, zuerst seine Seele mit einem gewissen Schauder vor der neuen Bestimmung erfüllt haben mochte. Aber Louis war von Kindheit auf an eine blinde Unterwerfung unter den väterlichen Willen gewöhnt. Dann war aber auch die Freude, mit der Meister Mathurin seinen verständigen Nachfolger im Amte begrüßte, so aufrichtig, der gute Alte ein so beredter Lobredner seines Handwerks, daß sich der junge Louschart schon entschließen mußte, in den für ihn gewählten Stand zu treten. Zu seinem Unglück verstand der junge Mann es nicht, die philosophischen Meinungen, welche ihn unaufhörlich mit den Grundsätzen seines alten, strengen Vaters in Widerspruch brachten, in sich niederzukämpfen, und so setzte es von jetzt ab manchen harten Zwist mit dem Hufschmied, der seine Ansichten mit nicht geringerer Bestimmtheit und Festigkeit aussprach als das Viergestirn am literarischen Himmel des achtzehnten Jahrhunderts. Voltaire, Rousseau, Montesquieu und Diderot. Der junge Mann hatte den väterlichen Stolz geerbt doch war dies Gefühl bei ihm, wenn es bei seinem Vater in Grobheit oder Spott ausartete, vermöge seiner Erziehung zu einem ernsten Selbstbewußtsein geworden. Jean Louis wurde in seinen Ansichten immer noch mehr befestigt. Allmählich erfaßte auch ihn das Revolutionsfieber, welches in dem Luftkreis jener Zeit lebte. Der junge Louschart besaß stets zu viel Achtung vor seinem Vater, um nicht seine geheime Gesinnung zu verbergen und zu verschweigen; aber einmal gemachte Beobachtungen hatten den alten Hufschmied aufmerksam und argwöhnisch gemacht. In der Stellung, im Lächeln, selbst im Schweigen seines Sohnes fand er die Ideen der neueren Zeit vertreten, und er gewöhnte sich, aus Blicken wie aus einem offenen Buche zu lesen. Alsdann, da er nicht schweigen konnte, brachte er das Gespräch stets auf den ersten, schon bekannten Gegenstand zurück. Die Mäßigung und Würde des Jungen entwaffneten den Alten nicht mehr; er gewöhnte sich daran, ihn weniger als Sohn, vielmehr als einen Gegner zu betrachten. Sein Geschmack an Wortgefechten hatte zugenommen. Ein Feind, der sich ergab, ohne sich für besiegt zu erklären, war nicht seine Sache. Des alten Mathurin Kampfeswut bedurfte jemandes, mit dem er ringen, dem er das Bein stellen, den er niederschlagen konnte, und wie die Stierkämpfer, wendete er Eisen und Feuer an, die verletztendsten Worte, um nur Jean Louis zum Sprechen und Streiten zu bringen. So verwickelt die Sachlage schon war, durch scheinbar mit diesem Hause in gar keiner Verbindung stehende Ereignisse wurde sie es noch mehr. Durch die wachsende Staatsschuld gedrängt, der man überdies in keiner Weise mehr begegnen konnte, rief das Ministerium die erste Notablenversammlung Versammlung der angesehensten Staatsbürger, etwa nach der Art eines preußischen Herren- oder Abgeordnetenhauses, mit dem Unterschiede, daß alle bürgerlichen Notablen von der Krone gewählte Vertrauensmänner waren. zusammen, um neue Abgaben auszuschreiben. Um den Bedürfnissen des Staatshaushalts wenigstens für den Augenblick zu genügen, führte der König bedeutende Einschränkungen am Hofe ein. Meister Mathurin Louschart wurde von den neuen Bestimmungen nicht gerade in eigener Person betroffen, und nur seine Kundschaft litt unter ihnen; indessen so viel Personen bei dem Hufschmied arbeiten ließen, es gab doch keinen, der von dem ganzen Ereignis so heftig erregt worden wäre, als er. Als er sich vergegenwärtigte, wie langmütig der König doch gewesen sei, daß er sich so des schönsten seiner Vorrechte begab, wurden ihm die Augen naß. Er hob seine schwarzen, schwieligen Hände zum Himmel und, als wenn die Wolke, welche seinen Augen die Zukunft verhüllte, plötzlich von unsichtbarer Hand zerrissen worden wäre, rief er mit kläglicher Stimme: »Armer König, wohin wird dich deine Schwäche bringen?« Selbstverständlich spielte bei solchen Akten sein Sohn auch mit und nahm unter den Verwünschten den ersten Platz ein. Mit der Naivität seines Standes machte er Louis für den aufrührerischen Geist verantwortlich, welcher damals alle Stände durchdrang und in ihm den bittersten Feind hatte. Das Herz des Meisters Mathurin verhärtete sich allgemach in seinem Zorn und in der Abneigung, welche ihm der vermeintliche Abfall seines Sohnes von Sitte und Recht einflößte. Er sprach seine Gefühle nicht mehr offen aus. Szenen wie die früher beschriebenen wurden immer seltener, aber indem sie an Heftigkeit verloren, wurde das Gefühl, welches sie hervorrief, immer stärker, nahm an Festigkeit zu, und schließlich wurde aus der politischen Leidenschaft des Meisters Hufschmied ein ganz unerträglicher Fanatismus. Bisweilen auf seinem Amboß sitzend, mit verschränkten Armen, den Kopf auf die Brust gesenkt, ließ er zu seinem Sohne hinüber wilde Blicke gleiten, und man hörte ihn ganz leise feindliche und drohende Worte murmeln. Eines Sonntags – die Werkstatt war geschlossen, der Herd finster und alles darin stumm – sah Jean Louis von dem Fenster seiner Kammer aus den alten Mathurin, gefolgt von der Magd, aus der Messe zurückkehren. Er bemerkte, daß der früher so feste Schritt des alten Hufschmieds zitternd und unsicher geworden war, und zum ersten Male entsetzte er sich über das furchtbare Leiden, welches diese Züge kennzeichneten. Er beschloß, das endlich auszuführen, wozu er sich schon längst entschlossen hatte. Er stieg schnell die Treppe hinab, um endlich einmal die Aussprache herbeizuführen, die nach seiner Meinung die Ruhe im Hause wieder herstellen mußte. Aber Jean Louis hatte eine böse Stunde gewählt. Es war an den königlichen Marställen eingeführt worden, daß Meister Mathurin alle Vierteljahr dem Stallmeister sein Rechnungsbuch für das königliche Haus überbringen mußte, damit dieser Beamte die Richtigkeit prüfe und durch Namensunterschrift bezeuge. Erst dann wurde durch den Schatzmeister die Zahlung geleistet. Tags vorher nun hatte der alte Hufschmied dem Beamten seinen vierteljährlichen Besuch abgestattet, dieser die Rechnungen geprüft, alles in Ordnung gefunden, nichtsdestoweniger aber mit einem traurigen Lächeln dem Handwerker das Buch zurückgegeben. Auf die Verwunderung Mathurins entspann sich folgendes Gespräch. Der Schatzmeister sagte: »Dies Vierteljahr, lieber Herr Louschart, werde ich das Vergnügen haben, Euch zweimal statt früher einmal zu sehen. Seit einiger Zeit setzen uns unsere Gläubiger so sehr zu, daß wir nicht mehr wissen, wo aus noch ein, und so viele machen Forderungen an uns geltend, daß ich Euch eben nur eine Abschlagssumme bieten kann.« Das Gesicht des Meisters Mathurin hatte sich bei diesen Worten in tausend Falten gezogen und eine Grimasse geschnitten, über deren Bedeutung der Schatzmeister nicht im unklaren bleiben konnte. »Haben Sie, mein Herr,« sagte der Hufschmied endlich, »meine Rechnungen geprüft und für richtig erkannt?« »Bei Gott, wir kennen Euch doch schon lange genug und wissen, daß Ihr ebenso rechtschaffen wie geschickt seid, lieber Herr Louschart.« »Weiter brauche ich nichts, mein Herr!« hatte der Hufschmied geantwortet, aus seinem Buche die Rechnungen gerissen, sie in seinen breiten Händen zusammengeballt und ins Feuer geworfen. »Was zum Teufel tun Sie da?« rief der Schatzmeister. »Mein Herr!« entgegnete kalt der Hufschmied, »ich bin nicht einer von den Unglücksvögeln, welche die Hand, die sie ernährt hat, zerfleischen, wenn sie leer ist; der König schuldet mir fünftausendachthundertzweiunddreißig Livres und sechs Sous, das ist alles. – Der König kann mich bezahlen, wann es ihn gutdünkt. Und wenn ich jemals in meinem Leben bedauert habe, nichts mehr als Mathurin Louschart zu sein, so ist dies heute, um nicht mit Fug und Recht Seiner Majestät sagen zu können: Sire, hier sind zweihundertzwanzigtausend Livres! Den größten Teil davon habe ich in Eurer Majestät Diensten erworben, nehmen Sie sie hin und seien Sie überzeugt, daß Eurer Majestät Hufschmied sich der hohen Ehre, ein Gläubiger des Königs von Frankreich sein zu dürfen, bis zum Lebensende würdig zu erweisen bemühen wird!« Ohne die Danksagungen und freundlichen Reden des Schatzmeisters länger anzuhören, war Meister Mathurin nach Hause gegangen, voll Schmerz und Kummer über die Armut des Königs. Innerlich fluchte er über diejenigen, welche Gott und den König verließen. Die Gegenwart seines Sohnes trug nicht dazu bei, ihn milder zu stimmen und die in seinem Herzen neu erwachende Wut zu besänftigen. Bei den ersten Worten des jungen Mannes zwar, welche den Wunsch ausdrückten, dem alten Vater seine Tage zu erleichtern, bei der Betrübnis, die des jungen Louis Antlitz zeigte, bei der Verzweiflung, mit der er von den in letzter Zeit eingetretenen Zwistigkeiten sprach, glaubte Meister Mathurin, daß Gott ihm auf sein Gebet den verlorenen Sohn wiedergeschenkt habe, und er öffnete seine Arme, um ihn in dieselben aufzunehmen. Schon wollte sich der junge Mann überglücklich dem Alten an die Brust stürzen, da ließ mit einem Male derselbe die Hände sinken und trat mit ernstem Blick einen Schritt zurück, den erschrockenen Sohn durch eine verweisende Gebärde zurückdrängend. Bevor er Jean Louis seine Verzeihung bewilligte, verlangte er von ihm, daß er folgende Worte ausspräche: »Ich entsage hiermit Satan, seinem Gepränge und seinen Werken, den philosophischen Ansichten, den Grundsätzen der Freiheit und staatlichen Gleichheit.« Jean Louis schrak vor der Lüge zurück und stutzte. Ohne geradezu auf die Frage des Greises zu antworten, sagte er mit der ihm eigentümlichen Gewandtheit, sich auszudrücken, daß es doch für ihn recht traurig sei, zu sehen, daß der Vater einen so ungeheuren Wert auf die Verschiedenheit der politischen Meinung lege. Ihn würden derartige Ansichten nimmer dahin führen, seinen Vater weniger zu achten und seinem Willen ungehorsam zu sein. Der Greis ließ ihn nicht zu Ende kommen. Da er einer so bescheidenen und doch so sicheren Festigkeit begegnete, wo er Unterwerfung und Reue, auf die zu zählen er ein Recht zu haben glaubte, zu finden hoffte, so brach nun das lange niedergehaltene Unwetter von neuem los. Vergebens suchte sein Sohn ihn zu beruhigen. Meister Mathurin hörte nicht mehr. In einem Anfall der gefährlichsten Wut erklärte der alte Hufschmied seinem Sohne, daß er mit ihm, dem Abtrünnigen, nicht mehr unter einem Dache schlafen wolle, und befahl ihm, sofort das Haus zu verlassen. Die Nachbarn und die Dienerin, welche auf das Geschrei des Meisters Louschart herbeigeeilt waren, zogen Jean Louis hinweg, aber sein Vater hörte nicht auf, zu fluchen und zu schimpfen, als ihn sein Sohn schon lange nicht mehr hören konnte. Jean Louis vermochte sich einige Tage kaum in die Trennung zu finden. Wochenlang irrte er noch um das väterliche Haus herum, immer in der Hoffnung, daß seine Abwesenheit den Zorn des Alten abgekühlt haben, daß der Hufschmied durch die Leere, welche bei ihm entstanden, sich seiner erinnern und ihn an seinen Platz im väterlichen Hause zurückrufen werde. Die Dienerin, welche Louis erzogen hatte und ihn aufrichtig liebte, versprach, für den Sohn beim Vater zu bitten. Sie versuchte es auch; aber bei den ersten Worten, welche sie ausgesprochen, hatte Meister Mathurin sie schief angesehen und der Ausdruck auf seinem Gesicht der guten Frau gezeigt, daß sie nicht ungestraft die Sache eines Abwesenden vertreten würde. Demgemäß riet sie dem jungen Manne, Geduld zu haben und zu warten. Jean Louis besaß noch einige Verbindungen mit Gelehrten und Kaufleuten, deren Sitten und Gewohnheiten sich auf vorteilhafte Weise von denen seiner Herren Kollegen am Herd und Amboß unterschieden. Diese jungen Leute kamen ihm zu Hilfe; der eine von ihnen, bei dem Hofleinewandhändler Herrn Lecointre angestellt, sprach mit seinem Prinzipal von Jean Louis Louschart. Herr Lecointre wollte den jungen Mann kennenlernen und war von seiner Bildung überrascht. Angezogen durch die Art, in der Jean Louis über sein Unglück sprach, nahm ihn der Hofleinewandhändler gegen ein Jahresgehalt von achthundert Livres in sein Haus. Was nun den alten Meister Mathurin betraf, so vollendeten die neuesten Handlungen seines Sohnes vollständig den Bruch. Er verbot, in seiner Gegenwart den Namen seines Sohnes zu nennen, und wenn er sich jemals nach dessen persönlichen Verhältnissen erkundigte, so fügte er hinzu, daß er sich für aller Bande ledig, aller Verpflichtungen eines Vaters frei erachte. Bald verkündete er seinen Nachbarn, daß er sich wieder zu verheiraten beschlossen habe. Die von ihm getroffene Wahl war ein neues Zeugnis für den Haß, welchen er schon lange gegen seinen Sohn im Herzen trug. Elisabeth Verdier und ihre Tochter Die Tat. Seit etwa fünf Jahren wohnte eine Kusine von Meister Mathurin in dessen Hause. Diese Frau hieß Elisabeth Verdier; ihr Mann war Stallknecht im großen Marstall, sie selbst in der Wäschekammer des königlichen Schlosses angestellt gewesen. Herr Verdier war tot, und seine Frau hatte wegen einer immer mehr zunehmenden Augenschwäche ihre bescheidene Stellung aufgegeben. Die Tanten des Königs ließen sich durch die unglückliche Lage der Witwe, von der man ihnen erzählte, dazu bewegen, ihr eine Pension von zweihundert Livres auszusetzen. Jedoch Elisabeth Verdier hatte eine Tochter, und so reichte diese Unterstützung nicht hin, die allerbescheidensten Bedürfnisse zweier Personen zu befriedigen. Da war nun Meister Mathurin bei der Hand und half, soviel er helfen konnte. Helene Verdier, so hieß das kleine Mädchen, war damals neun Jahre alt und ein Kind, dessen seine und regelmäßige Züge schon im voraus die künftige große Schönheit verkündeten. Da der junge Hufschmied, wie es in seinem Alter gewöhnlich zu sein pflegt, einen nicht geringen Stolz auf sein Wissen besaß, so war er sehr erfreut, bei dieser Gelegenheit seine Gelehrsamkeit auf eine nützliche Weise anwenden zu können; er übernahm die geistige Ausbildung Helenens und gab ihr Unterricht im Lesen und Schreiben. Freilich glaubte Jean Louis lange Zeit hindurch, in Helenen nichts anderes als eben nur seine fleißige und gelehrige Schülerin zu lieben, deren Fassungsgabe und große Fortschritte ihm als ihrem Lehrer Ehre machten. So suchte er denn auch nicht das ihm ungefährlich erscheinende Gefühl zu unterdrücken, und erst nach seiner gewaltsamen Entfernung aus dem väterlichen Hause und der damit verbundenen Trennung von dem jungen Mädchen wurde es ihm zur schmerzlichen Gewißheit, daß er Helene liebte, ja daß seine zärtliche Neigung zur unauslöschlichen Leidenschaft geworden war. Er beschloß, sich ihr um jeden Preis wieder zu nähern. Er wartete zwei Tage lang in einer Sackgasse auf sie, wo sie gewöhnlich in einem daselbst befindlichen Laden ihre kleinen Lebensbedürfnisse zu holen pflegte. Aber er wartete vergebens und sah sie in den bezeichneten Laden weder hineingehen noch aus ihm herauskommen. Auf eine Frage bei der alten, schon erwähnten Dienerin erfuhr er, daß seit einiger Zeit Helene ihre Mutter nicht mehr verlasse und daß von da ab, nach dem ausdrücklichen Befehl des Meisters Mathurin, sie, die Magd, ihre kleinen Bedürfnisse einkaufen müsse. Da seine ersten Versuche mißglückten, schlug Jean Louis nun andere Wege ein. Er wartete den Augenblick ab, wo Arbeiten außer dem Hause seinen Vater aus der Wohnung riefen, und begab sich, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, schnell nach der väterlichen Behausung. Ebenso schnell stieg er die zwei Treppen hinan und trat in das Zimmer der Frau Elisabeth Verdier. Die Überraschung, welche er dort hervorrief, bewies dem jungen Manne, daß Helene eine nur schwesterliche Zuneigung zu ihm besaß. Das Benehmen der Witwe gegen Jean Louis war kalt, zurückhaltend, ja fast streng. Kaum forderte sie den Besucher auf, Platz zu nehmen. Endlich wurde Jean Louis Herr seiner Bewegung; aber immer noch unter dem Einfluß der Leidenschaft, welche ihn hierher getrieben hatte, bestanden seine ersten Worte in der Bitte, Helene sehen zu dürfen. Die Witwe Verdier antwortete ihm, daß ihre Tochter so beschäftigt sei, daß er sie nicht stören dürfe. Jean Louis seufzte. Ohne große Umschweife und Einleitungen erzählte er darauf Madame Verdier, wie er die Entdeckung gemacht habe, daß er seine junge Kusine liebe. Er schilderte ihr mit der Begeisterung seiner aufrichtigen Neigung das allmähliche Entstehen seiner Liebe und schloß mit der Bitte an die Witwe, ihm Helene zur Frau zu geben. Als Madame Verdier dies gehört hatte, legte sich ihr Gesicht womöglich noch mehr in Falten. Sie antwortete dem Antragsteller ganz kurz und in überaus strengem und verweisendem Tone, daß jetzt, wo er den gerechten Zorn seines Vaters verdient und seine Zukunft in Frage gestellt habe, doch nicht der geeignete Moment für solche Pläne sei und daß er doch lieber an andere Dinge denken möge. Was übrigens die ganze Werbung anbelange, so hätte sie betreffs ihres Kindes andere Absichten und würde es auch nimmer einem jungen Manne geben, dessen Grundsätze alle rechtschaffenen Leute verdammten. Jean Louis beging die Unklugheit, sie an ihre früheren Ansichten zu erinnern. Diese Berufung auf eine Vergangenheit, auf welche sie sich nicht mehr gern zu besinnen schien, glich allzusehr einem Tadel, um den Unwillen der Witwe nicht noch zu steigern. Bis dahin war die Mutter Helenens nur hart und streng gewesen, jetzt wurde sie angesichts einer schwachen und verwundbaren Stelle des jungen Mannes unverschämt. Sie befahl ihm, ihre Wohnung zu verlassen, und drohte ihm mit seinem Vater, wenn er es wage, jemals wieder einen Fuß über ihre Schwelle zu setzen. Einige Tage nach dem erzählten Auftritt vertraute die alte Magd Jean Louis an, daß Kusine Verdier in dem Hause eine Rolle spiele, über die sich jedermann wundere und welche sie selbst beunruhige. Bald war die Ursache dieses Einflusses für niemand mehr ein Geheimnis, und nach dem umlaufenden Gerücht hieß es, daß der alte Hufschmied Mathurin Louschart die Tochter der armen Witwe, welche er bei sich aufgenommen habe, heiraten werde. Als Jean Louis dies hörte, war es ihm, als wenn ihn jemand in das Gesicht geschlagen hätte. Sein Schmerz war so heftig, daß er zuerst kein Mittel fand, ihn zu offenbaren. Als er am folgenden Tage in das Kontor hinabkam, fiel dem Leinwandhändler die Verzweiflung in dem Gesicht Louis', die Verstörung, welche sich in den Zügen des jungen Mannes ausprägte, auf, und er fragte ihn nach dem Grunde dieser plötzlichen Veränderung. Anfänglich konnte Jean Louis nur mit Tränen antworten; als aber Herr Lecointre, hierdurch neugierig gemacht, ihn seiner Schwäche wegen verspottete, gewann es der junge Mann endlich über sich, seinem freundlichen Prinzipal das zu erzählen, was ich vorhin berichtet habe. Lecomtre war durch die Erzählung seines Schützlings gerührt und sein Auge naß geworden. Mitleidig versuchte er den Unglücklichen zu trösten und ließ sich dabei natürlich nicht die Gelegenheit entgehen, gegen alle Gattungen der Tyrannei loszudonnern. In einer Art und Weise, die keine Erwiderung zuließ, erklärte er dem jungen Manne, daß diese Tränen nicht die Sache eines Patrioten wären. Bei den bevorstehenden Zeitereignissen müsse sich jeder Mann von Geist und Herz glücklich schätzen, dem Vaterlande einen freien Arm anbieten zu können. Übrigens wäre ja auch das Mädchen, welches er so schmerzlich vermißte, schon deswegen, daß sie den Vater dem Sohne vorzöge, seiner Liebe unwürdig, und um ihn den schädlichen Einwirkungen einer täglich mit neuer Stärke erwachenden Leidenschaft zu entziehen, wolle er ihn gleich am anderen Tage auf einige Monate nach Flandern schicken, um daselbst für das Haus Einkäufe zu machen. Um die Wahrheit zu gestehen, so fand Jean Louis das Heilmittel schlimmer als das Übel, und die Aussicht auf die baldige Abreise flößte ihm einen derartigen Schrecken ein, daß er es ganz vergaß, seinem Prinzipal für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit Dank abzustatten. Gegen neun Uhr abends verließ er das Kontor des Herrn Lecointre, der ihm noch die letzten Verhaltungsbefehle gegeben hatte. Aber er blieb nicht zu Hause. Etwa um zehn Uhr sah ihn ein alter Arbeiter seines Vaters, namens Perlet, auf dem Nachhausewege, wie er hinter dem Schirmdach der Bude einer Fruchthändlerin stand und das gegenüber gelegene Haus des alten Hufschmieds fortwährend aufmerksam betrachtete. In dem väterlichen Hause schien schon alles zu schlummern; die geschlossenen Fenster hoben sich, schwarz wie sie waren, kaum von der dunklen Fassade ab, und kein Lichtschimmer bezeichnete dem Jüngling das geringste Leben. Jean Louis blieb, in seine Betrachtungen versunken, bis lange nach Mitternacht stehen. Um vier Uhr morgens dachte er endlich daran, daß es Zeit sei, nach Hause zurückzukehren. In dem Augenblick, wo er in die Rue de l'Orangerie einbog, sah er im Schatten die Gestalt eines weiblichen Wesens, welches an den Eckstein gelehnt stand, der gerade an der Verbindung der genannten Straße mit der Rue Satory aufgestellt war. Bei der Annäherung Jean Louis' erhob sich die Person. Einen Augenblick schien sie unschlüssig zu sein, dann eilte sie dem Kommenden entgegen und forderte ihn auf, sie zu begleiten. Jean Louis hatte schon Helene erkannt. In einer Bewegung, die er nicht bemeistern konnte, umfing er sie mit seinen Armen und preßte sie ans Herz. Aber gleichzeitig fiel ihm ein, daß die Wahl seines Vaters dieses junge Mädchen für ihn unverletzlich mache, deshalb stieß er sie fast ebenso schnell, wie er sie umarmt, zurück und fragte, was sie zu so vorgerückter Nachtzeit noch außerhalb ihrer Wohnung auf der Straße mache. Helene zitterte und stammelte einige unverständliche Worte. Vergebens versuchte sie zu antworten. Ihre Stimme erstickte unter lautem Schluchzen. Sie verbarg das Antlitz in ihren Händen, und erst als Jean Louis ihr dringende Vorstellungen machte, entschloß sie sich, zu reden. Sie erzählte ihm, daß sie die Unterhaltung gehört hätte, welche er mit ihrer Mutter gepflogen, und daß eine Vereinigung mit ihm das größte Glück für sie wäre, welches sie auf Erden hoffen könnte. Nach seinem Hinweggehen, fuhr Helene schluchzend fort, habe sie die Kammer verlassen und sich ihrer Mutter zu Füßen geworfen, um deren festen Willen zu beugen. Die Antwort dieser sei jedoch folgende gewesen: daß man zwischen einem armen Sohne und einem begüterten Vater, der sie überdies zur Frau zu haben wünsche, gar keine Wahl mehr haben könnte. Helene gestand Jean Louis, daß ihre Mutter zuerst ihren Wünschen lebhafte Vorstellungen, später Drohungen entgegengesetzt habe, bis sie schließlich fortgesetzten Bitten durch rohe Mißhandlungen ein Ziel gesetzt. Hierauf, versicherte das arme, schöne Kind, hätte sie ganz den Kopf verloren und geduldig wie ein Opferlamm alles mögliche mit sich machen lassen. Erst in den letzten Tagen war ihr der Gedanke an Flucht gekommen, und diesen hatte sie nun heute ausgeführt. Ihre Absicht war gewesen, zu dem zu gehen, den sie liebe, und ihn um Hilfe zu bitten, damit er sie vor einem Ehebündnis bewahre, welches nur zu ihrem und des Geliebten Unglück geschlossen werden könnte. Einige Stunden vorher, und Jean Louis Louschart hätte gar keinen anderen Gedanken gehabt, als nur auf irgendeine Weise an dem Ort bleiben zu können, wo es ihm vergönnt war, Helene wenigstens bisweilen zu sehen. Jetzt, wo er das schöne Mädchen, welches ihn mit so zärtlich bittendem Blick ansah, in den Armen hielt, stieg ein anderes Gefühl in ihm auf. Helene hatte ihm soeben ihre Liebe gestanden, er selbst eine Flucht vorschlagen wollen, die ihm ihren Besitz sichern konnte – da erwachte plötzlich in der Brust Louis' eine Opferfreudigkeit, die er vorher nie besessen. Eine geheime Stimme sagte ihm, daß es nun an ihm wäre, diesem unverhofften Glück mit mutigem Herzen zu entsagen. Der junge Louschart behauptete dies vor Gericht, und die folgenden Ereignisse beweisen, daß er die Richter nicht belog. In dem bezeichneten Augenblick hatte er nur den einen Gedanken, seiner Freundin die Pflichten klarzumachen, welche ihnen beiden diese so eigentümlichen Verhältnisse auferlegten. Jean Louis ermahnte seine ehemalige Schülerin mit einer bewunderungswürdigen Entsagung, sich in das Unvermeidliche zu schicken und die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen. Helene zeigte sich der großen Seele ihres Geliebten ebenbürtig, denn etwa eine Stunde vor Tagesanbruch gingen beide in der Richtung nach dem Hause des Hufschmieds zu. Das junge Mädchen hatte den Schlaf ihrer Mutter benutzt, aufzustehen und das Haus zu verlassen; Jean Louis wünschte demnach, daß sie, ohne bemerkt zu werden, in das Haus zurückkehrte, damit ihre heimliche Entfernung für Frau Verdier nicht der Vorwand zu neuen Mißhandlungen würde. Die Werkstatt von Meister Mathurin wurde jeden Abend fest verriegelt und durch große Querbalken vor Einbruch geschützt. Der Hufschmied selbst schlief in einer hinter dieser Werkstatt gelegenen Kammer. Auf dieser Seite des Hauses ging ein kleines Seitengäßchen hinab, welches in einen engen Hof mündete; von hier aus führte eine Außentreppe direkt in die oberen Stockwerke des Hauses. Die Eingangstür zu dem Seitengäßchen war stets offen, und da Helene in ihrer Angst auch vergessen hatte, die Tür, welche zu der Wohnung ihrer Mutter führte, zu schließen, schien die Rückkehr des jungen Mädchens bedeutend erleichtert. Bald standen beide vor dem Hause. Es schien alles finster und ruhig darin. Da Jean Louis die Bewohner schlafend glaubte, atmete er erleichtert auf. Er geleitete Helene bis an die Pforte zu dem Gäßchen; weder er noch das junge Mädchen hatte die Kraft, das Wort »Adieu« auszusprechen. Ihre tränenfeuchten Blicke begegneten sich; ihre Hände schlossen sich fest ineinander. Aber jeder Augenblick Zögerung konnte möglicherweise große Gefahren bringen, daher öffnete Jean Louis endlich selbst die Tür. Ohne das mindeste Geräusch ging sie auf. Der junge Mann löste gewaltsam die zarten Finger der Geliebten, welche krampfhaft seine rechte Hand umfaßt hielten, und floh, denn er fühlte, wie allmählich der Mut, den er bis dahin bewahrt hatte, zu weichen begann. Eben wollte er über die Straße gehen, um unter dem Schirmdach der Fruchtbude aufzupassen, daß Helene auch ja keine Gefahr liefe. Da – er war noch keine zehn Schritte gegangen – unterbrach ein furchtbares Geschrei die nächtliche Stille. Er erkannte nur zu gut die Stimme des jungen Mädchens, welches ihn zu Hilfe rief. Jean Louis stürzte, zu Tode erschrocken, nach der erwähnten Pforte zurück. Das vorher vollkommen dunkle Gäßchen war jetzt von einem schwachen Lichtschimmer erhellt, der aus dem weitgeöffneten Zimmer des Meisters Mathurin kam. Auf der Türschwelle stand der alte Hufschmied selbst, die Arme gekreuzt und das Haupt auf die Brust geneigt. Aber Jean Louis sah nicht auf seinen Vater, er sah nur Helene, auf dem holprigen Steinpflaster ausgestreckt, und die Mutter des jungen Mädchens, welche, einer Furie ähnlich, das arme Kind an den Haaren schleifte und ihren Kopf zu wiederholten Malen und immer heftiger auf die spitzigen Steine des Bodens stieß. Jean Louis stürzte vor, um seine Geliebte den Händen dieses wütenden Scheusals zu entreißen; aber der alte Louschart trat in das Gäßchen und versperrte dem Herbeieilenden den Weg, ohne ein Wort zu sagen. »Mein Vater!« schrie Jean Louis, ganz außer sich über diese Erscheinung, »sie ist unschuldig! Bei dem Andenken an meine geliebte Mutter beschwöre ich Euch! Wollt Ihr es denn dulden, daß man das arme Kind vor Euren Blicken mordet?« »Je lieber das Kind, je schärfer die Rute, Jean Louis! Du machst mir fast Lust, dich, wie du hier vor mir stehst, zu züchtigen, obwohl ich dich heute kaum noch lieb habe!« »Mein Vater! Im Namen Gottes beschwöre ich Euch, beruhigt Euch!« »Gottes? Du rufst den Namen Gottes an und glaubst nicht an Gott? Du, dessen Aufführung seit zwei Jahren so gotteslästerlich war?« »Sprecht nicht so. Helene ist unschuldig. Noch einmal, ich schwöre es! Ich werde Euch alles sagen, Vater!« »Unschuldig?« rief Frau Verdier mit kreischender Stimme. »Sie würde es ohne dich sein. Elender! Du bist es, der die Unglückliche verführt hat!« Der alte Louschart wiederholte traurig, mit einer wahren Grabesstimme: »Elender!« »Mein Vater, ich habe Euch durch meinen Widerstand gekränkt, indem ich meine Meinung der Eurigen, meine Ansichten den Eurigen entgegensetzte. Ich bitte Euch jetzt reuevoll und demütig um Verzeihung. Ich werde meine liebsten und teuersten Gefühle Euch opfern. Ich werde alles, was mir meine Vernunft sagt, ableugnen. Ich werde mich fortan, ohne zu fragen, Eurem Willen unbedingt unterwerfen, nur verweigert mir jetzt meine Bitte nicht! Glaubt mir, wenn ich ihre Unschuld bezeuge, wenn ich schwöre, daß sie nicht aufgehört hat, Eurer würdig zu sein.« »Ah!« rief der Hufschmied unter spöttischem Gelächter, »das ist also der Grund, der dich bestimmt, Abbitte zu tun? Du liebst sie wohl recht sehr, Jean Louis, meine Zukünftige?« Der junge Mann machte eine verzweiflungsvolle Gebärde. »Elender!« wiederholte der alte Louschart, dessen bisher leichenblasses Gesicht nunmehr purpurrot zu werden begann. Unter dem Einfluß dieser Beleidigungen und rohen Vorwürfe, die Jean Louis nicht verdient zu haben glaubte, begann allgemach sein Mut wieder zu wachsen. Er hatte den Kopf erhoben, und seine Blicke ertrugen ruhig das zornige Anstarren seines Vaters. »Ja, Elender!« sagte zum dritten Male der Hufschmied, der den Unwillen bemerkt hatte, welchen dies Wort bei seinem Sohne hervorgerufen. »Elender! Ja, ja, sieh nur her, das ist der Name, den wir rechtschaffene Menschen mit Fug und Recht solchen Abtrünnigen wie dir geben können.« »Bin ich denn meiner Gesinnung abtrünnig geworden, mein Vater?« fragte Jean Louis ungeduldig. Aber der Alte hörte ihn nicht an und setzte seine Rede fort: »Ich mußte deine Religion und dein Gott sein, wenn du glaubtest, des Gottes da droben entbehren zu können. Ach!« sagte er wie im Selbstgespräch, »ich, der ich so glücklich war, wie ich dich noch als ganz kleinen Buben in meinen Händen halten konnte. Ich erzog dich so zufrieden und stolz und liebte dich – wie man nur sein herrlichstes Gut lieben kann. Wie oft sagte ich zu mir: auch du wirst bald das einzige Gut deines Kindes sein! Alter Narr!« Jean Louis wollte ihn unterbrechen, aber der Greis begann nun einmal zu schwärmen und ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Ach,« setzte er seine Rede fort, »das Pferd, dessen Huf ich beschlage, ist erkenntlicher als mein eigenes Kind. Es schlägt nicht aus, wenn ich es verwunde, und das Kind, welches ich so sehr geliebt habe, hat mich zu Tode verletzt. Mein Vertrauen zu Gott, welches aus mir einen rechtschaffenen Handwerker gemacht, hat mein Sohn als Schwäche verlacht! Meine Verehrung des Königs nannte er eine Torheit und hatte kein Mitleid mit ihr, der er doch alles verdankte. Er hat meinen Namen den Namen von Spöttern und Verschwörern zugesellt. Mein Sohn hat sich so viel zuschulden kommen lassen, daß ich mich seiner schämen muß und ärmer und niedriger als ein Bettler geworden bin. Ich, der ich früher so sehr das Recht hatte, stolz zu sein. Oh, daß ich sehen mußte, daß ein Louschart der Freund eines jener feilen Verbrecher wurde, welche unser Unglück und unseren Untergang vorbereiten.« »Mein Vater,« rief Jean Louis, »überhäuft mich mit allen möglichen Beleidigungen, aber beschimpft nicht einen Mann –« »Lecointre beschimpfen?« rief der Greis lachend. »Einen Judas beschimpfen?« »Herr Lecointre ist ein Ehrenmann!« sagte Jean Louis mit starker Stimme. »Ein Ehrenmann wie du, der nach der Hand beißt, welche ihn ernährt. Wenn das so ist, werde ich deinem Lecointre den Schädel spalten, wie ich ihn dir jetzt zerschmettern will.« Bei diesen Worten schlug der alte Louschart mit der ganzen Gewalt seiner nervigen Faust seinen vor ihm stehenden Sohn ins Gesicht. Seit Beginn dieser schrecklichen Szene hatte Frau Verdier ihre Tochter verlassen, und diese war nun allmählich wieder zu sich gekommen. Noch viel zu schwach, um aufzustehen, hatte sich Helene, mit dem Rücken gegen die Hofmauer gelehnt, wenigstens in eine sitzende Stellung gebracht. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen, und man hörte nur ein schmerzliches Stöhnen, in dem sich ihre Brust Luft machte. Frau Verdier stand neben dem Hufschmied, die Arme in die Hüften gestemmt, und schürte durch ihre Zurufe den törichten Zorn des Alten, der doch ohnehin so leicht ausbrach, immer noch mehr. Als der Vater seinem Sohne jenen blutigen Schlag versetzt hatte, brach die Megäre in ein teuflisches Hohngelächter aus. Jean Louis, der bei dem Schlage stumm geblieben war, wurde durch das widerwärtige Gekreisch wieder an sich selbst erinnert. Er schritt drohend auf das Weib zu. »Mein Vater kann mich schimpfen und schlagen,« rief er, »aber von Euch werde ich nichts dulden, Ihr Rabenmutter!« »Ja,« spottete der Alte, »du wirst es ihr freilich nicht verzeihen können, daß sie so wenig Nachsicht für deine Buhle hat.« »Mein Vater,« schrie Jean Louis mit einer furchtbaren Stimme, »mein Vater, sprecht nicht also –« »Du drohst mir? – Was, du drohst deinem Vater? Oh, ich habe dich nicht gesucht, Jean Louis, ich hatte dich verflucht und es Gott überlassen, mich zu rächen. Aber nun kommst du hierher, mir in meiner eigenen Wohnung Trotz zu bieten! Jean Louis, das ist unzweifelhaft ein Fingerzeig Gottes, daß ich selber dich für deine Freveltaten bestrafen soll.« Nachdem der alte Louschart diese Worte gesprochen, hatte er schon eine der neben ihm an der Hauswand angelehnten Eisenstangen ergriffen und führte nun mit ihr einen schrecklichen Schlag nach seinem Sohne. Jean Louis wich behende dem Streich aus, aber schon sah er seinen Vater zu einem zweiten ausholen. »Fliehe, fliehe!« rief Helene ihm zu. Und in der Tat konnte Jean Louis nur noch in der Flucht seine Rettung finden. Er machte schnell einen Sprung nach der Tür zu, welche auf die Straße führte. Aber schneller als er hatte Frau Verdier in ihrem schrecklichen Verlangen nach einem blutigen Ausgange dieser Szene sich an diesen Punkt begeben und verwehrte ihm nun entschlossen den Ausgang. Gegen sie, die sich ebenfalls bewaffnet hatte, kämpfen, hieß seinem Vater Gelegenheit zum Schlagen geben, und nur mit größter Mühe wich er dem zweiten Streiche aus, den der Greis schon in halber Raserei nach ihm getan hatte. Den Augenblick, wo der Hufschmied seine Eisenstange eben wieder aufhob, benutzend, flüchtete sich Jean Louis schnell in das Zimmer des Alten und von da in die Werkstatt, aus welcher er auf die Straße entwischen zu können hoffte. Jean Louis hörte seinen Vater, der ihm auf den Fersen war, und die Stimme Helenens, welche um Hilfe rief. Die Tür der Werkstatt war fest verschlossen. Schon hatte Jean Louis den Schlüssel umgedreht und zog am Riegel, schon bemerkte der Flüchtling eine kleine Öffnung oben an der Tür und sah durch sie einen schwachen Schein des anbrechenden Tages, als eine schwere Eisenmasse donnernd über seinem Haupte dahinfuhr und, einen der Türbalken treffend, große Splitter herumfliegen ließ. Der alte Louschart war es, der seine Eisenstange niedergelegt und nun, mit einem furchtbaren Hammer bewaffnet, diesen entsetzlichen Streich gefühlt hatte. Die Verwirrung oder besser Verrücktheit des Greises hatte einzig und allein noch zum dritten Male das Leben des jungen Mannes retten können. Er wollte sich aus dem Bereiche des schweren Hammers flüchten, aber eine Hand, welche ihn wie eine Zange packte, zog ihn heftig am Arme zurück. Jean Louis begriff jetzt, daß er verloren wäre und sein Leben nicht mehr retten könnte, wenn er sich nicht einem Kampfe unterzöge, den er bisher schaudernd vermieden hatte. Er hielt die Hand seines Vaters in dem Augenblick zurück, wo sie zum vierten Male die mörderische Waffe über seinem Haupte schwang, und suchte sich des Hammers zu bemächtigen. Aber der Hufschmied besaß noch außergewöhnliche Kraft, und die blinde Raserei, welche ihn ergriffen hatte, verdoppelte seine Gewalt: er hielt fest. Um neuen Angriffen zu begegnen, mußte Jean Louis sich mit der ganzen Schwere seines Körpers auf den Vater werfen. Vater und Sohn rangen eine Sekunde lang miteinander; der eine, um seinen Gegner niederzuwerfen und um so sicherer zu töten; der andere, um sein Leben zu retten. Endlich begannen die Knie des alten Louschart zu wanken, die bisherige Kraft verließ ihn, und der Vater stürzte rückwärts nieder, seinen Sohn mit sich ziehend. Erst während des Falles hatte seine Faust sich geöffnet und Jean Louis sich des Hammers bemächtigen können. Er riß sich aus den Armen seines Vaters los, welcher ihn mit blinder Wut festhielt, erhob sich und stürzte hinaus. Als er auf der Türschwelle stand, warf er unwillkürlich den schweren Eisenklumpen, den er noch in der Hand hielt, in das Zimmer zurück und flüchtete, von einem unnennbaren Grauen ergriffen. In der Eile, mit welcher der Sohn das väterliche Haus verließ, in der Verwirrung seines Geistes hörte er nicht den Aufschrei, welcher in der Werkstatt in dem Augenblicke ertönte, da er den Hammer hineinwarf. Diesen Schrei hatte Meister Mathurin ausgestoßen und damit zugleich seinen Geist aufgegeben. Der schwere Eisenhammer hatte ihn gerade über dem rechten Auge getroffen und dem alten Manne den Kopf zerschmettert. Das Autodafé Die Menge. Jean Louis wurde in Sèvres durch reitende Polizei überrascht, verhaftet und inmitten eines immer mehr wachsenden Menschenhaufens, der ihm unter Flüchen folgte, nach Versailles zurückgeführt. Als man sich seiner bemächtigte, hatte er große Verwunderung darüber an den Tag gelegt. Erst diejenigen, welche ihn geleiteten, erzählten ihm den Mord seines Vaters und die Anklage, welche sein Haupt mit dem Verbrechen belastete. Der erste Schrei des jungen Louschart war ein Schmerzensruf. Die Trauerbotschaft beschäftigte seinen Geist so vollständig, daß er auf weiter nichts acht hatte, nicht einmal auf den Verdacht, der ihn schon in aller Munde als Mörder seines Vaters bezeichnete. Aber bald wurde ihm das Wort: Vatermord in seiner ganzen furchtbaren Bedeutung klar. Er begriff, welcher Schandtat man ihn beschuldigte, und rief mit lebhaftem Unwillen aus: »Kann man denn wohl seinen Vater töten?« So oft er den gräßlichen Vorwurf hörte, legte er immer dagegen einen entschiedenen Widerspruch ein. Man brachte ihn zuerst in das Gefängnis von Versailles. Erst am Abend schleppte man den vermeintlichen Mörder aus seiner Zelle und ließ ihn einen Wagen besteigen. Jean Louis war so trostlos, daß er nicht fragte, wohin man ihn führte. Als der Wagen in der Rue de Montreuil hielt, folgte er maschinenmäßig der Gerichtsperson, welche ihn begleitete, und schien nicht einmal das Haus wiederzuerkennen, in welches diese ihn eintreten ließ. Plötzlich befand er sich in einem Zimmer zusammen mit einer auf dem Bett ausgestreckten Leiche, in der er seinen Vater wiedererkannte. Ohne auf die Fragen zu hören, die der Gerichtsbeamte an ihn richtete, warf sich Jean Louis über den Leichnam, schloß ihn in seine Arme und bedeckte das bleiche und blutige Antlitz des alten Hufschmieds mit Küssen und Tränen. Als man ihn fragte, ob er den Toten kenne, antwortete er mit Sanftmut: »Wie können Sie daran zweifeln, mein Herr? Und was meinen angeblichen Mord betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken: würde ich wohl diesen Körper, wenn ich ihn selbst getötet hätte, in diesem Augenblicke zu umarmen wagen?« Aber die Aussage der Frau Verdier war so klar und bestimmt, daß das Gericht in der Antwort Jean Louis' nur die niederträchtigste Heuchelei eines ganz ausgefeimten Bösewichts erblicken konnte. Der Prozeß wurde dem Châtelet übergeben, und dieses ging nun mit vollem Eifer ans Werk. In der öffentlichen Meinung war unterdessen eine allgemeine Änderung eingetreten. Der große, von jedem gehegte Abscheu gegen den vermeintlichen Mörder und die gewaltige Erregung, die der plötzliche und gewaltsame Tod des Meisters Mathurin Louschart hervorgebracht hatte, wurden durch Nachdenken über die Sachlage vermindert. Diejenigen, welche von vornherein Jean Louis verdammt hatten, bemitleideten ihn nun, nachdem sie die Vorgänge in jener verhängnisvollen Nacht näher in Erfahrung gebracht. Zur selben Zeit blieben die Freunde Jean Louis' nicht untätig. Sie stellten ihn als das Opfer der Tyrannei des Greises dar, sie gingen auf die frühere Zeit zurück und erwähnten, mit welcher Geduld und Sanftmut der junge Louschart die ungerechtesten Anfeindungen seines Vaters ertragen hatte. Sie beriefen sich auf die zahllosen Opfer ihres Freundes und auf alle jene Einzelheiten, die dem Hufschmied zum Vorwand gegen seinen Sohn gedient hatten, und zwar taten sie dies alles, um das Mitgefühl des Volkes für den Angeklagten wachzurufen. Es glückte ihnen so vortrefflich, daß diese ganze Kriminalsache mehr das Ansehen und den Umfang eines politischen Prozesses für die Bewohner von Versailles annahm. Indes, wie Jean Louis vorhergesagt, verteidigte er sich nicht, und ungeachtet der verschiedenen gerichtlichen Wege, die man ihm einzuschlagen geraten und an die Hand gegeben hatte, wollte er gegen das Zeugnis der Frau Verdier nicht ankämpfen. Angesichts dieser stillschweigenden Zugeständnisse ließ der Gerichtshof die Strenge des Gesetzes in seiner ganzen Kraft obwalten. Der gerichtliche Erlaß vom 31. Juli 1788 verurteilte Jean Louis Louschart an Armen, Beinen, Schenkeln und Rückgrat auf einem Schafott lebendig gerädert zu werden, welches zu diesem Zweck in Versailles auf dem Platze, wo das Verbrechen begangen worden war, aufgerichtet werden sollte. Darnach sollte der Körper, das Angesicht zum Himmel gerichtet, bis zum Tode aufs Rad geflochten und hernach auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden. Schließlich hatten die Richter ihrem Erlaß ein Retentum hinzugefügt, welches folgenden Inhalt hatte: »Das Gericht hat sich vorbehalten, daß der in Rede stehende Jean Louis Louschart nicht einen Schlag lebend bekommen und daß er, bevor das Rad zum erstenmal seine Glieder berührt, insgeheim vorher erdrosselt werden soll.« Aber dem Volke blieb diese menschliche Verordnung der Richter unbekannt, und die Nachricht von der Verurteilung des jungen Louschart, auf dessen Unschuld jetzt ein jeder schwur, erregte in der Stadt den lebhaftesten Unwillen, ja man könnte sagen, mehr als das. Die Vollstreckung des Urteils über Jean Louis wurde auf den 3. August festgesetzt. Jean Louis Louschart war in einer der Zellen zu ebener Erde eingesperrt worden. Eben lag er noch in tiefem Schlummer auf seiner Matratze. Bei dem Geräusch, welches die vom Gefängniswärter weggezogenen Riegel verursachten, richtete er sich von seinem Lager auf und betrachtete ruhig die in seine Zelle Eintretenden. Ein Gerichtsbeamter las ihm das Urteil vor, und er hörte es mit großer Aufmerksamkeit an. Als die Vorlesung zu Ende war, murmelte der junge Louschart einige unverständliche Worte vor sich hin, unter denen man nur die beiden verstehen konnte: »Armer Vater!« Dann fügte er ganz laut hinzu: »In zwei Stunden werde ich mich vor ihm rechtfertigen; aber nein,« unterbrach er sich selbst leiser und mit vor Erregung zitterndem Tone und wandte sich dabei an den eben eintretenden Geistlichen der Kirche St. Louis, »er hat nicht glauben können, daß sein Sohn ihn mit Wissen und Willen tötete. Ist es nicht so, mein Herr?« Der Priester näherte sich ihm und umarmte ihn. Die Gerichtsdiener zogen sich zurück und ließen die beiden allein. Ein Befehl der gerichtlichen Kommissarien unterbrach die fromme Unterredung. Charles Henri Sanson steckte seinen Kopf durch die Öffnung über der Tür und gab dem Verurteilten ein Zeichen, welcher eben vor dem Priester kniete und die Absolution empfing. Jean Louis Louschart bemerkte dieses stumme Zeichen und sagte, sich zu dem Henker umwendend, unter einem schmerzlichen Lächeln: »Sind Sie nicht bedrängter als ich, mein Herr?« Um viereinhalb Uhr morgens bestieg man den Karren. Die richterlichen Kommissarien hatten gehofft, daß infolge der geheimen Anordnungen alles beendet sein würde, bevor die Bevölkerung der Stadt erwacht wäre. Als man das Gefängnis verließ, sah man erst ein, wie unnütz die Verheimlichung der getroffenen Bestimmung gewesen war. Trotz der frühen Morgenstunde flutete schon vor den Pforten des Gefängnisses das Volk auf und nieder. Der Henkerkarren wurde durch eine Flut von Schimpfnamen empfangen, und nur unter Anwendung der größten Mühe gelang es, dem Fuhrwerk in dem Haufen einen Weg zu bahnen. Der Verurteilte vermutete nicht, daß diese Bewegung eine Folge des Mitgefühls für ihn sein könnte. Vielleicht sah er sogar darin noch die Anzeichen des allgemeinen Abscheus und der wilden Wut, die ihn nach seiner Verhaftung bei dem Einbringen in Versailles empfangen hatte. Er hörte mit frommer Ergebung die Ermahnungen seines Beichtigers und wagte es nicht einmal, die Augen auf seine Umgebung zu richten. Am Ausgange der Rue de Satory indessen ereignete sich etwas, das ihn seinen frommen Betrachtungen entriß. Plötzlich erscholl ein Mark und Bein durchdringendes, gellendes Geschrei, ein verzweifelter Ruf übertönte das Lärmen der Menge. Wie mit einemmal trat Totenstille ein, und man sah ein junges, totenbleiches Mädchen, welches ein Taschentuch schwenkte und offenbar die Aufmerksamkeit des Verurteilten hierdurch auf sich zu ziehen suchte. Bei dem Tone dieser Stimme, welche bei dem Volke eine so merkwürdige Stille hervorgebracht, hatte Jean Louis Louschart den Kopf erhoben und sich augenblicklich, trotz der Ketten, welche seine Arme und Beine schwer belasteten, von seinem Sitze aufgerichtet. Er wendete sein Gesicht nach der Seite, wo er das junge Mädchen sah, das von den Begleitern des Henkerkarrens an weiterer Annäherung verhindert wurde. Seine Augen waren voll Tränen, die ersten, die man ihn an diesem Morgen vergießen sah. Er versuchte zu lächeln, dann aber rief er in einem herzzerreißenden, wehmütigen Tone: »Lebe wohl, Helene! Lebewohl!« In demselben Augenblicke drängte sich ein riesenhafter Mann vor, ein Grobschmied, welcher, seitdem der Henkerkarren das Gefängnis verlassen, diesem unmittelbar vorangegangen war, sprang auf die Deichselstange und schrie mit einer furchtbaren, alles übertönenden Stimme: »Du mußt sagen: auf Wiedersehen, Jean Louis! Darf man denn rechtschaffene, makellose Männer, wie dich, rädern?« Einer der den Karren begleitenden Bewaffneten stieß ihn zurück; aber das Beifallsgeschrei, welches bei den Worten des Schmiedes ausbrach, zeigte deutlich, daß er nur die allgemeine Meinung ausgesprochen hatte. Wunderbarerweise kam man ohne irgendwelchen Angriff am Fuße des Schafotts an. Auf der Place St. Louis war der Volksandrang ungeheuer; sämtliche Straßen spieen die in ihnen flutende Menge auf ihn aus. In dem Augenblicke, da der Karren hielt, richtete Jean Louis Louschart eine Frage an den Geistlichen von St. Louis, und mein Großvater hörte diesen antworten: »Um Euch zu retten.« »Nein, mein Vater,« sagte der Verurteilte mit fieberhafter Stimme und einer gewissen Ungeduld. »Wenn ich auch unschuldig in betreff der bösen Absicht bin, welche erst eine Tat zum Verbrechen macht, so sind meine Hände doch immer nicht frei von Blut. Ich muß sterben, ich will sterben. Beeilen Sie sich, mein Herr!« fügte er hinzu, indem er sich zu meinem Großvater herumwendete. »Mein Herr,« antwortete ihm dieser und zeigte auf die furchtbaren Volksmassen, welche eben in entfesselter Wut gegen die Umzäunung anstürmten, »wenn jemand seine letzte Stunde erwartet, so hat es mit Ihnen gerade die mindeste Eile!« Charles Henri Sanson hatte noch nicht vollendet, als ein wahrhaftes Sturmgeheul losbrach, man könnte fast sagen das Wutgebrüll des Volkslöwen. Die Umzäunung flog in tausend Stücke, und mit einemmal wälzte sich der Haufe an das Schafott heran. Der Grobschmied, welcher schon beim Ausgange der Rue de Satory das Wort an Jean Louis Louschart gerichtet hatte, war der erste auf dem Schafott. Er ergriff den Verurteilten, zerschnitt, da die Ketten schon gelöst worden waren, die den Unglücklichen fesselnden Stricke, hob ihn in seinen nervigen Armen in die Höhe und setzte ihn auf seine Schultern, um Jean Louis Louschart so im Triumph davonzutragen. Da entspann sich eine bisher noch ganz unerhörte Szene. Ein zum Tode Geführter kämpfte gegen seine Befreier und stieß sie zurück. Er tadelte diese Leute, daß sie ihn der Strafe, die er mit Recht verdient zu haben glaubte, entziehen wollten, er wendete sich zu seinen Henkern, rief sie zu Hilfe, er bat sie sogar in dem ängstlichsten Tone, mit dem man sonst um das Leben fleht, um seine Hinrichtung, welche seine kindlich fromme Liebe zur Sühne für notwendig erachtete. Aber schon hatten ihn seine Freunde umgeben. Ihre vereinten Bemühungen trugen über seinen Widerstand den Sieg davon, und sie brachten ihn in sicheren Gewahrsam. Bei allen diesen Vorgängen wurde die Lage meines Großvaters eine sehr unbehagliche und unsichere. Getrennt von seinen Leuten, umgeben von einer über ihren leichten Sieg freudetrunkenen und rohen Volksmenge, die ihn nur als Henker kannte und deren ganzes Bestreben nur auf seinen und der Seinigen Tod gerichtet zu sein schien, blieb Charles Henri Sanson nur das eine übrig: sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Sein Gesicht drückte ganz klar die feindseligen Gedanken aus welche ihn im Innern beschäftigten; so klar, daß der riesenhafte Grobschmied, der den unschuldig Verurteilten befreit hatte, sich ihm näherte, ihn am Arme ergriff und ihm zuschrie: »Hab keine Furcht, Schinder; Französisch: »Charlot«, die Volksbezeichnung für den Henker. wir wollen nicht dich, sondern dein Handwerkszeug. Merke dir es wohl, Schinder, wenn du Kundschaft hast, so mußt du sie töten, um sie aus dem Wege zu räumen, aber nicht auf das Schafott schleppen, um sie zu quälen! Überlassen wir die Höllenqualen dem lieben Gott! Hörst du wohl, Schinder?!« Und sich zu dem Volkshaufen wendend, rief der Grobschmied mit lauter Stimme: »Laßt ihn hindurch und merkt euch wohl, daß, wer irgend etwas gegen den Schinder sagt, für einen Gebrandmarkten, der sich jetzt rächen will, gehalten werden wird!« Auf diese kluge Drohung öffneten sich die Reihen, und mein Großvater entrann. In kürzerer Zeit, als man es niederschreiben kann, waren das Schafott und all das schreckliche Zubehör in tausend Stücke zertrümmert. Man warf die Überbleibsel in den für den Leichnam des Hingerichteten bestimmten Scheiterhaufen, oben darauf das grauenhafteste aller Henkerwerkzeuge, das Rad, den letzten Vertrauten so vieler Dulder. Das Feuer schlug bald und wie frohlockend über den Schandwerkzeugen zusammen; Männer und Frauen bildeten, sich an der Hand haltend, eine unermeßliche Kette, deren letzte Glieder so fern waren, daß sie kaum die Glut des Brandes sehen konnten. Die dem Scheiterhaufen zunächst stehenden Kreise jubelten laut auf, wenn der Brand immer von neuem aufflammte, und die Freude pflanzte sich wie ein elektrischer Funke von einem zum anderen fort, daß der Platz und die daranstoßenden Straßen bald widerhallten von unermeßlichem Jubelgeschrei. Bis gegen Mittag hin tobte das Volk, und hie und da wurden schon die vorderhand noch verpönten, aber bald darauf so gang und gäbe gewordenen Revolutionsgesänge hörbar. Ich habe dies den Geschichtschreibern unbekannte oder doch wenigstens von ihnen außer acht gelassene Ereignis sehr ausführlich erzählt, jedoch lediglich deswegen, weil ich darin das erste revolutionäre Volksfest zu erkennen glaube. Vor der Revolution Der Marquis de Favras Die Nationalversammlung; die Truppen auf dem Marsfeld; Augeau, de Besenval; der Hof. In der Geschichte von Jean Louis Louschart hat mich die Natur meiner Erzählung selbst veranlaßt, einen kleinen Überblick über die Stimmung des Volksgeistes und seiner nachmaligen Bestrebungen zu geben. Zwar sind eben diese ersten Regungen schon die sicheren Vorboten der Revolution, aber noch konnte ich sie ohne große Abschweifungen meinem Buche einverleiben. Etwas anderes ist es mit den furchtbaren Ereignissen einer zum Bewußtsein erwachten Nation, der Revolution selbst. Soweit diese nicht irgendwie auf den Gegenstand meiner Schilderung bezug hat, nämlich die Memoiren meiner Ahnen, gestatte man mir, sie mit Stillschweigen übergehen zu dürfen. Übrigens sind sie auch bereits so allgemein bekannt, daß ich den Hauptsachen nach immer nur alte Dinge berichten könnte. Charles Henri Sanson hatte mit der ganzen klaren Umsicht und Fülle der Überlegung, die man in der Einsamkeit und Zurückgezogenheit erlangt, alle Fortschritte der Revolution beobachtet und verfolgt; die Kämpfe des Königtums gegen das Parlament, die Einführung der Zivilehe, die Notablenversammlungen, alle diese neuen, nichts weniger als monarchischen Erscheinungen hatten ihm klar das Drohende der ganzen Sachlage enthüllt. Die Vereinigung der drei Stände in der Nationalversammlung ließ ihm keinen Zweifel mehr, daß der Staat an einem Punkte angelangt war, wo er mehr oder minder gewaltsam andere Formen annehmen mußte. Ich würde einen ungeheuren Fehler begehen, ja in den Memoiren meines Großvaters Lücken lassen, wenn ich nicht sagen wollte, daß auch er sich mit Begeisterung den Ansichten seiner Zeit anschloß. Aber ich muß hinzufügen, daß Charles Henri Sanson ungeachtet seiner Bewunderung für die Grundsätze des Jahres 1789, in denen er eine frohe politische Botschaft für die Zukunft erblickte, ungeachtet seiner Ergebenheit der neuen Ordnung der Dinge gegenüber, welche er mit aufrichtiger Sehnsucht herbeiwünschte, nimmer aufhörte, der Monarchie und der Person des Königs treu ergeben zu sein. Charles Henri Sanson gehörte so recht eigentlich zu der sehr zahlreichen Partei, welche damals alle ihre Wünsche und Hoffnungen auf die Errichtung eines konstitutionellen Königtums setzte und sich nur zu ihrem und Frankreichs Unglück durch Schwärmer, ganz gesetzlose Hitzköpfe oder Bösgesinnte von ihrer ursprünglichen Ansicht abbringen ließ. Gegen Ende des Jahres 1789, das an Ereignissen so reich war, kam auch die Frage betreffs einer Umgestaltung und Erneuerung der französischen Gesetzgebung in der großen Nationalversammlung auf. Wenn seither nichts diese Vereinigung der bedeutendsten Köpfe Frankreichs ausgezeichnet hätte, so würde sie schon die Beantwortung der bezeichneten Frage, welche ein Muster in ihrer Art ist, mit Ruhm bedecken. Etwa im Monat Oktober hatte der Doktor Guillotin, Deputierter des dritten Standes in Paris, einen Antrag gestellt, demzufolge die Todesstrafe gleichmäßig ohne Standesunterschied über jedermann verhängt werden sollte. In besagtem Antrage war die Enthauptung als die sicherste, schnellste und am wenigsten schmerzhafte Weise, jemanden vom Leben zum Tode zu bringen, betrachtet worden.   In diesem Zeitraum schwebten drei große Prozesse bei dem Châtelet, welches den Rang eines obersten Gerichtshofes erlangt hatte; alle drei Prozesse erregten in gleicher Weise die heftigsten Volksleidenschaften. Der erste richtete sich gegen den Generalpächter Augeard, der angeklagt war, dem Könige Gelder verschafft zu haben, mit denen er die auf dem Marsfelde zusammengezogenen Truppen besolden konnte. Der zweite Prozeß war gegen den Baron de Besenval, Generaloberst der Schweizergarde, der im vorigen Monat Juli auf dem Marsfelde kommandiert hatte, anhängig gemacht, und endlich der dritte gegen den Marquis de Favras, den man beschuldigte, zur Nachtzeit Truppen nach Paris einführen gewollt zu haben, um die Hauptbeamten der ersten Verwaltungszweige zu stürzen, die Nationalversammlung aufzuheben und den König und die königliche Familie nach Peronne zu führen. Die Herren Augeard und de Besenval waren bestochen worden; dies hatte den Unwillen des Volkes aufs höchste erregt, und täglich erscheinende Schmähschriften und Flugblätter vermehrten noch die Erbitterung. Die Lage des Marquis de Favras wurde durch diese Vorgänge sehr gefährlich. Zu dieser Zeit gab es nicht einen königlichen Beamten der Monarchie, der, was die Rettung des Königs anbetraf, nicht auch einen solchen Plan gehabt hätte. Aber der unternehmende Charakter des Marquis de Favras konnte sich nicht bloß mit einer unnützen königlichen Flucht zufriedengeben; er beschäftigte sich mit mehr Eifer als Umsicht damit, die Mittel und Wege zu finden, sein Vorhaben in Ausführung bringen zu können. Der Marquis de Favras trug sich zuerst mit dem Gedanken, ein Heer von dreißigtausend königlich Gesinnten zu vereinigen, deren Zusammenziehung und Bewaffnung so heimlich als möglich geschehen sollte, daß niemand etwas vor dem Augenblicke der Tat gewahr würde. Drei Werber, namens Morel, Turcati und Marquies, verrieten ihn, und in der Nacht vom 25. Dezember ließ das zur Untersuchung des Staatsverbrechens von der Nationalversammlung eingesetzte Komitee den Marquis und seine Gemahlin an der Place Royale verhaften. Etwa seit dem 8. Januar 1790 versammelten sich dann täglich beträchtliche Volksmengen, vor dem Châtelet die das Haupt des Angeklagten forderten. Am 18. Februar erschien er vor seinen Richtern. Im Augenblicke, wo man ihn ins Verhör führte, wurden einige Ausrufungen laut, welche die dem Gerichtshofe wie dem Angeklagten schuldige Achtung nicht hatte unterdrücken können. Sie und das Schweigen der Zuhörerschaft, sowie die stumme und düstere Haltung der obrigkeitlichen Personen mußten Herrn Marquis de Favras die Überzeugung bringen, daß er schon von vornherein verurteilt worden war. Diese Überzeugung störte aber weder seine Ruhe noch seine Geistesgegenwart. Er antwortete mit vielem Gleichmut und überaus großer Artigkeit auf alle Fragen, die an ihn gestellt wurden. »Ich glaubte,« sprach er, »durch das Châtelet von Paris gerichtet zu werden, aber ich habe mich betrogen, ich werde binnen kurzem durch eine spanische Inquisition verurteilt sein.« Der Marquis de Favras sah klar ein, daß er das arme Opfer sein sollte, welches die Herren vom Châtelet in ihrem sehnlichen Bestreben, die verlorene Gunst des Volkes wiederzuerlangen, dem allgemeinen Wunsche darbringen würden. Überall herrschte Entrüstung über die kurz vorher dagewesenen Bestechungsfälle, und das Châtelet hatte sich bei ihnen nachsichtig bewiesen. Deswegen galt es, die getäuschte Erwartung der Masse zu sühnen. Herr de Favras ahnte übrigens auch, daß der König und seine Partei sich nur zu wohl hüten würden, zu seinen Gunsten einen gefährlichen und doch vielleicht nutzlosen Schritt zu tun, und somit ergab er sich in sein Schicksal mit heldenmütiger Festigkeit. Am 29. Februar sprach das Châtelet sein »Schuldig« aus. Der Marquis de Favras wurde verurteilt, aufgehangen zu werden, nachdem er an der Hauptpforte der Kirche Notre-Dame öffentliche Ehrenbuße getan. Sein Gesicht zeigte nicht die geringste Bewegung, selbst nicht, als der Berichterstatter ihm nach Vorlesung des Urteils sagte: »Mein Herr, es bleibt Ihnen nun kein anderer Trost mehr übrig als der, den Sie in der Religion finden.« Herr de Favras antwortete mit der größten Ruhe: »Verzeihen Sie, mein Herr, es bleibt mir auch noch der, den mir mein gutes Gewissen geben wird.« In demselben Augenblicke, wo die Vorlesung des Urteils begann, gab man dem Henker den Befehl, auf dem ???Grèveplatz einen Galgen zu errichten. Er ging aus dem Gerichtssaal hinweg und sofort an die Arbeit, und niemand wußte von dem Schrecklichen, das soeben im Châtelet geschehen. Die gräßliche Eile bei den Vorbereitungen war so groß, daß mein Großvater erst in dem Augenblick, wo er mit dem Verurteilten den Karren besteigen wollte, bemerkte, daß er vergessen hatte, den Vorschriften des Urteils nachzukommen und Herrn de Favras zu entkleiden. »Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich muß Sie Ihrer Kleider entledigen.« Herr de Favras antwortete nicht, aber als man ihm die Hände losgebunden hatte, unterstützte er die ihn entkleidenden Henkersknechte und stand bald barhäuptig und mit nackten Füßen nur im Hemde da. Alsdann brach in dem ungeheuer zahlreichen Volkshaufen, der mit erschrecklicher Gier allen Vorbereitungen gefolgt war, ein furchtbares Geschrei aus. »Den Strick um den Hals! ... Den Strick um den Hals!« rief man. Der Verurteilte wurde angewiesen, Charles Henri Sanson zu gehorchen, und er tat es. Bei der Berührung der Hanfschnur, die ihm das Leben nehmen sollte, zitterte er nicht. Nachdem man dem Verurteilten eine gelbe Wachskerze in die Hand gegeben hatte, setzte sich der Zug in Bewegung. Das Zuströmen des Volkes war so ungeheuer, daß auf der Notre-Dame-Brücke die bewaffnete Macht, welche den Henkerkarren begleitete, geraume Zeit brauchte, um ihm einen Weg zu bahnen. Während der Haltezeit wurde das Geschrei der erregten Masse zu einem wahren Sturmgebrüll; der Verurteilte hörte es mit einer Teilnahmlosigkeit, die nicht erheuchelt war, und ohne Verachtung oder Zorn zu zeigen. Auf dem Vorplatz der Kirche mußte der Delinquent vom Karren herabsteigen, niederknien und, nachdem ihm noch einmal das Urteil vorgelesen worden, die Bußformel aussprechen. Herr de Favras nahm das Papier aus den Händen des Greffiers, las es mit einer lauten, wohltönenden Stimme vor und fügte folgendes hinzu: »Bereit, vor Gott zu erscheinen, verzeihe ich allen meinen Anklägern; ich sterbe unschuldig. Das Volk verlangt meinen Tod unter wildem Geschrei. Wenn es eines Opfers bedarf, so ist es mir lieber, daß seine Wahl auf mich fällt, statt auf einen vielleicht schwachen Unschuldigen, den die Annäherung eines nicht verdienten Todes zur Verzweiflung bringen müßte. Ich werde mit meinem Tode Verbrechen sühnen, die ich niemals begangen habe!« Dann kniete er nieder und betete einige Augenblicke still für sich. Als er wieder aufstand, war sein bis dahin lebhaft gewesenes Gesicht ein wenig bleich. Er wünschte zu trinken, dann stieg er festen Schrittes wieder auf den Karren hinauf, wo seine Haltung fest und würdig blieb. Als man auf dem Grèveplatz ankam, verlangte er noch einmal nach dem Hotel de Ville zu gehen. Herr Quatremère, der königliche Rat im Châtelet, empfing die Erklärungen des Marquis de Favras, die man noch lange nachher das Testament des Toten nannte. Dieses Todesvermächtnis, welches einige Tage nach der Hinrichtung gedruckt wurde, nannte niemand, doch fand sich darin ein Satz, der eine schreckliche Anklage gegen eine Person enthielt, in der die Geschichtschreiber den Grafen von Paris zu erkennen glaubten. Diese Stelle hatte folgenden Wortlaut: »Ich bitte, mein Todestestament dem Hofe zu übergeben und ihm, der mich gerichtet hat, anzuzeigen, daß es der letzte Wunsch seines Opfers ist, ihm Vorsicht anzuraten, wenn er Todesurteile ausspricht und ein Anderer Angeklagter vor ihm steht, der so seltsam wie ich in etwas verwickelt worden ist.« Nachdem Herr de Favras seine Erklärung diktiert, erbat er und erhielt auch die Erlaubnis, einige Briefe zu schreiben. Indessen war die Nacht herangerückt; man mußte der schon hereingebrochenen Dunkelheit wegen der Beleuchtung des Grèveplatzes zu Hilfe kommen und illuminierte deshalb das Hotel de Ville mit Windlichtern; wegen der Hinrichtung geschah dasselbe mit dem Galgen, welcher sich aus der ihn umgebenden Nacht wie ein von Feuer bekränztes Schattenbild heraushob. Nachdem Herr de Favras alles, was er gewünscht, getan, verließ er das Hotel de Ville und begab sich mit gleichmäßigen, festen, militärischen Schritten nach dem Ort, wo der Galgen aufgerichtet war. Der bewunderungswürdige Mut, den er entfaltete, setzte in Erstaunen und rührte alle diejenigen, deren Reihen der Delinquent durchschritt und die von seinem Heldenmute somit Zeuge waren. Plötzlich hörte man in diesem Augenblick durch die Drohungen und Wutausbrüche viele tausend Stimmen schreien: »Gnade!« In dem Moment, wo Herr de Favras sich der Leiter näherte, rief jemand, vielleicht einer von denen, welche noch am Morgen trinklustig die Wirtshäuser der Stadt durchlaufen hatten: »Vorwärts, rette dich, Marquis!« Herr de Favras blieb bei dieser letzten Beleidigung unbeweglich und wendete nicht einmal den Kopf herum. Er schritt einige Sprossen hinauf, und als er hoch genug war, um den Haufen übersehen zu können, rief er mit weithin hallender Stimme: »Bürger, ich sterbe unschuldig, betet für mich!« Er wiederholte diesen Protest bei jeder der drei Stufen, die ihm zu ersteigen noch übrig blieben. Bei der letzten wendete er sich zu dem Henkersknecht, der, rittlings auf dem Arm des Galgens sitzend, sich gerade über ihm befand, und sprach: »Und du tue deine Pflicht.« Er hatte kaum vollendet, als infolge eines lebhaften Stoßes, den er noch schnell seinem Körper gegeben hatte, dieser schon in der Luft schwebte ... Und dasselbe rohe und entmenschte Volk, das Volk, welches einige Tage zuvor sich versammelt hatte, um zwei Menschen, die ihre Verbrechen mit dem Tode gebüßt, die letzte Ehre zu erweisen, wollte nun die traurigen Überreste des Marquis de Favras der frommen Sorgfalt seiner Familie entreißen. Es bedurfte des Dazwischenkommens der Nationalgarde, um den Leichnam des Gehenkten den Mißhandlungen der furchtbaren Menge, welche Flesselles und de Launay bis in den Tod verfolgt hatten, zu entreißen, und man mußte in aller Eile die sterblichen Überreste von de Favras in der Kirche von Saint-Jean-en-Grève unter die Erde bringen, um sie nur so der rasenden Volkswut aus den Augen zu schaffen. Der Henker vor der Nationalversammlung Das Bürgerrecht; Robespierre, Marat. Es ist nicht ohne Interesse, meine Leser von den Vorgängen in der Sitzung der Nationalversammlung am 23. Dezember 1789 zu unterrichten, in der die Bürgerrechtsansprüche meines Großvaters zum Vortrag kamen, und ihnen die Verteidigungen und Entgegnungen mitzuteilen. Unter den Verteidigern stand der Graf de Clermont-Tonnerre obenan, der nach seiner gewohnten Freimütigkeit und in energischer Kürze den Antrag einbrachte: »Es gibt anscheinend schädliche Gewerbe, die es jedoch in der Tat nicht sind. Wären sie es, so läge die Schuld an der Gesellschaft, die sie ohne Säumen unterdrücken müßte; sind sie es nicht, so muß das Gesetz mit der Gerechtigkeit, welche die Quelle des Gesetzes ist, gleichen Schritt halten. An der Gerechtigkeit ist es, Mißbräuchen abzuhelfen und nicht den Baum niederzuschlagen, der wieder aufgerichtet oder gepfropft werden soll. Unter den von mir bezeichneten Gewerben gibt es zwei, die ich hier berühren muß; aber in den Augen der Gesetzgeber darf nur Gut und Böse getrennt sein. Ich spreche von den Vollstreckern der Todesurteile und den Schauspielern. Betreffs des ersten dieser beiden Gewerbe behaupte ich, daß es sich nur darum handelt, das Vorurteil zu beseitigen; dasselbe ist unbestimmt, leichtsinnig und entbehrt aller vernünftigen Gründe. Zumeist hält es sich nur an die Form, und man muß also die Form ändern, um ihre Folgen, ein so verächtliches Vorurteil, zu vernichten. Wenn nach militärischem Gebrauch jemand zum Tode oder irgendeiner anderen Strafe verurteilt worden ist, so wird es niemandem einfallen, die das Urteil vollstreckende Hand für ehrlos zu halten. Alles, was das Gesetz befiehlt, ist gut. Das Gesetz befiehlt den Tod eines Verbrechers: der Henker hat nur dem Gesetz zu gehorchen und weiter tut er nichts. Es wäre blödsinnig, wenn das Gesetz zu dem Manne sagen wollte: Tue dies, und wenn du es tust, wirst du ehrlos sein.« Abbé Maury kämpfte gegen diese kalte Vernunftsprache mit einer der ihm geläufigen Berufungen auf das Gemüt an: »Die Ausschließung der Henker von den gewöhnlichen Rechten beruht nicht auf einem Vorurteil! Das Gefühl, welches uns angesichts dessen, der mit kaltem Blute seinen Mitbruder mordet, Schauder und Abscheu empfinden läßt, ist in der Seele jedes Menschen tief begründet. Man sagt, daß das Gesetz die Hinrichtung befiehlt; aber befiehlt auch das Gesetz einem Manne, Henker zu sein? Das Vorurteil gegen diesen Stand beruht auf dem Ehrgefühl, welches in einer Monarchie vor allen Dingen geachtet werden muß.« Aber schon hatte sich ein andrer Redner erhoben und schritt auf die Rednerbühne zu. Es war ein bleicher Mann, eine vertrocknete, knochige Gestalt. Mit zusammengekniffenen Lippen sprach er in bissigem Tone folgendes: »Man wird niemals in dieser Versammlung mit Erfolg behaupten können, daß eine notwendige gesetzliche Handlung durch das Gesetz selbst entehrt werden könne. Man muß das Gesetz ändern, und der grundlose Vorwand wird verschwinden.« Dieser Redner war ein unbekannter Deputierter aus Artois namens Maximilian Robespierre. Man beachtete ihn kaum auf den Bänken der Nationalversammlung, und doch, so oft er die Stimme erhob, hatte sein Wort so viel Entschiedenes und Willenskräftiges an sich, daß es wie mit der unerbittlichen Schärfe eines Schwertes die Erörterungen förmlich abzuschneiden schien. Vermutete vielleicht schon zu jener Zeit dieser kleine Rechtsgelehrte, daß er in dieser Sache seine eigene verteidigte und daß er, für den Henker auftretend, für den rechten Arm seiner zukünftigen Politik spräche? L'ami du peuple (Volksfreund ), redigiert von Marat, widmete der Frage folgende Zeilen: »Obgleich es nicht dem Plane unseres Journals entspricht, so können wir dennoch uns des Vergnügens nicht enthalten, unseren Lesern ein Meisterwerk in bezug auf Empfindung, Geschmack und Gelehrsamkeit vorzuführen: dies ist das Schriftstück des Herrn Maton de la Varenne, eines ebenso schätzenswerten Rechtsgelehrten wie ausgezeichneten Schriftstellers, desselben, welcher mit soviel Wärme, Entschlossenheit und Erfolg gegen die Verleumder von Herrn Sanson gesprochen hat. Das Vorurteil, welches die Scharfrichter für ehrlos erklärt, wird in dieser Denkschrift, die man nicht ohne Rührung lesen kann, vollständig vernichtet, und die Nationalversammlung, an die sie gerichtet ist,, kann eben nur den an sie gestellten Forderungen entsprechen, denn es beruhen dieselben ja auf nicht zu leugnenden Rechten der Menschen, den Geboten der Vernunft und der Philosophie.« Robespierre sprach mit seiner gewohnten energischen Kürze in der Sitzung am 24. Dezember: »Ich glaube nicht, daß es eines Gesetzes bedarf; diejenigen, welche nicht ausgeschlossen werden, sind zugelassen.« Übrigens kam die Zeit immer näher und näher, wo die von meinem Großvater gesuchte Genugtuung ihm zur Genüge wurde. Bald sollte sein unersättlicher Ehrgeiz durch die amtlichen Beglückwünschungen, die Freudenbezeigungen des Volkes in der grausamsten Weise gesättigt, Charles Henri Sanson selbst eine der wichtigsten Personen im Staate werden. Die Guillotine Dr. Guillotin; Schmidt, Ludwig XVI. Doktor Guillotin hatte mit seltener Beharrlichkeit das einmal von ihm begonnene Unternehmen verfolgt. Nachdem man, wie bekannt ist, in der Sitzung vom 1. Dezember 1789 betreffs seines Antrags vom 28. November, der eine Gleichheit der Todesstrafen für gleiche Verbrechen verlangte, durch ein Dekret zustimmend geantwortet hatte, nahm Doktor Guillotin am folgenden 21. Januar von neuem das Wort, um andere Vorschläge zu unterstützen, die bis dahin vertagt worden waren. Doktor Guillotin hatte über eine menschliche Bestrafung nachgesonnen, die ein langes Martern verhindere, nicht gerade durch Menschenhand geschehe und nach vollendeter Hinrichtung die traurigen Überreste des Opfers den Augen des Volkshaufens entzöge. Charles Henri Sanson hatte alle diese Dinge zu nahe und zu oft gesehen, um darüber nicht das beste Urteil fällen zu können. Man zog wohl ganz leicht einen fast entseelten Körper am Galgen hinauf, oder man flocht ihn auf ein Rad, aber es war etwas ganz anderes, ihn auf seinen Knien ganz fest und unbeweglich in dem Augenblick zu erhalten, wo er den tödlichen Streich empfangen sollte. Man mußte sich an Montmorency, Lally-Tollendal und la Barre erinnern, um künftighin solchen erneuten Greuelszenen vorzubeugen. Ließe man den Delinquenten durch Henkersknechte halten, so wäre dies erstens sehr schwierig und hieß ferner auch diese unnütz einer vielleicht gefährlichen Verwundung aussetzen. Charles Henri Sanson bestand also lebhaft auf der Forderung, daß man ein Mittel finde, den Hinzurichtenden in eine wagerechte Lage zu bringen, welche ihm das Gewicht seines Körpers zu tragen erspare und gleichzeitig die Freiheit seiner Bewegung verhindere. Glücklicherweise besuchte meinen Großvater seit einiger Zeit ein deutscher Mechaniker namens Schmidt, und mit diesem hatte er bisweilen von seiner und Doktor Guillotins Bedrängnis gesprochen. Dieser Schmidt, damals Klavierfabrikant, war in bezug auf Mechanik sehr erfahren und geschickt, auch wie fast alle seine deutschen Landsleute ein leidenschaftlicher Musiker. Nachdem er die Bekanntschaft meines Großvaters durch einige an ihn verkaufte Instrumente gemacht, hatte er an diesem Gefallen gefunden und kam nun wöchentlich mehrere Male in das Haus des Scharfrichters. Sei es, daß einmal ein Klavier zu stimmen war, oder erschien er aus anderen geschäftlichen Rücksichten, kurz, der Mechanikus Schmidt galt bald in meiner Familie als ein ganz unentbehrlicher Gast und Hausfreund. Die Vorliebe für Musik knüpfte zwischen ihm und Charles Henri Sanson, der auch ein Musikverehrer war und ganz leidlich die Violine und das Violoncell spielte, ein inniges Freundschaftsband; die Aufführung Gluckscher Musikstücke näherte sie einander mehr und mehr. Schmidt kam bald alle Tage. Während er auf dem Klavier spielte, ließ Charles Henri Sanson seine Violine oder sein Violoncell ertönen. Eines abends, gerade nach einer Arie aus »Orpheus« und vor einem Duett aus der »Iphigenia in Aulis«, kam man, das heißt mein Großvater, auf den sehr beliebten Instrumentenwechsel, wenn ich dies schreckliche Wortspiel hier anwenden darf; man vertauschte nämlich Klavier und Geige mit der fraglichen Enthauptungsmaschine, deren Gestalt Charles Henri Sanson mit so fieberhafter Hast und Ungeduld Tag und Nacht in Erwägung zog. »Hören Sie, ich glaube, daß ich eine Maschine nach Ihrem Wunsche erfinden könnte,« antwortete Schmidt, nahm einen Bleistift und entwarf schnell mit einigen Strichen eine Zeichnung: Dies war die Guillotine! Die Guillotine war es mit ihrer breiten, scharfschneidenden Stahlklinge, welche zwischen zwei Balken hing und vermöge eines einfachen Seiles leicht bewegt werden konnte. Da lag auch der Delinquent seiner ganzen Leibeslänge nach auf ein Schaukelbrett derartig gebunden, daß, wenn sich das Brett senkte, der Hals gerade auf die Stelle kam, wo das Messer im Fallen ihn treffen mußte. Die Schwierigkeit war besiegt, das Problem gelöst: Schmidt hatte endlich das Mittel gefunden, den zum Tode Verurteilten in wagerechter Stellung hinzurichten und ihn außerstand zu setzen, durch eine krampfhafte Bewegung den tödlichen Zweck des Streiches zu vereiteln. Charles Henri Sanson konnte einen Ausruf der Überraschung und Genugtuung nicht zurückhalten. »Ich wollte mich eigentlich in die ganze Geschichte nicht mischen, und zwar – sehen Sie, weil das den Tod eines Mitmenschen anbetrifft; aber ich habe es endlich satt, Sie ewig und immer so zerstreut zu sehen. So, nun ist die Frage abgetan, und wir können diese kleine Arie aus »Armide« wieder beginnen, welche wir gestern und vorgestern eingeübt haben.« »Von Herzen gern, mein guter Schmidt,« antwortete mein Großvater, der sofort einsah, daß dem Freunde ein längeres Verweilen bei dem Gespräch über den Nutzen der eben gemachten traurigen Erfindung peinlich sein müßte. Und Klavier und Violoncell klangen so schön zusammen wie nie vorher. So wurde also die Guillotine inmitten eines Konzertes erfunden. Tags nach dieser kostbaren Erfindung benachrichtigte Charles Henri Sanson den Doktor Guillotin davon, dessen Freude alle Grenzen überstieg, als er den vorzüglich aufgefaßten Plan vor sich sah, und man wird es kaum glauben können, wie zärtlich er immer und immer das Blatt Papier mit dem rohen Entwurf an sein Herz drückte. Aber so ist es mit den Menschen, die irgendeiner Idee Herrschaft über sich gegeben haben; zuletzt hören und sehen die unter dem Einfluß des bestimmten Gedankens Stehenden nichts weiter als die Verwirklichung desselben. In der Sitzung am 30. April 1791 teilte Doktor Guillotin der Nationalversammlung etwas näheres über seine Maschine mit. Begeistert durch die Erfindung und hierdurch fortgerissen, wählte er unglücklicherweise Worte, die, anstatt freudiges Erstaunen hervorzurufen, den Ausbruch einer törichten Heiterkeit zur Folge hatten und den Erfolg seiner Sache entschieden in Frage stellten. Bei der Behauptung, daß diese menschliche Hinrichtungsweise kein langes Leiden verursache, sagte Doktor Guillotin, daß der Delinquent ganz im Gegenteil eine leichte Frische auf dem Halse verspüren werde. War schon diese Redensart ein wenig gewagt, so mußte es die folgende noch mehr erscheinen. Der gute Doktor fügte nämlich mit der Begeisterung des Schwärmers hinzu: »Mit dieser Maschine will ich in einem Augenblick Ihnen das Haupt von den Schultern herabtanzen lassen, ohne daß Sie nur das geringste verspüren.« Sämtliche Mitglieder der Nationalversammlung brachen in ein derartiges Gelächter aus, daß man zur Tagesordnung übergehen mußte, um die Gemüter nur einigermaßen zu beruhigen; trotzdem soll diese Sitzung eine der heitersten gewesen sein, welche nur jemals stattgefunden haben. Obgleich nun auch Doktor Guillotin, wie oben erwähnt, das erstemal mit seiner Maschine soviel Unglück hatte, so war die Nationalversammlung doch immer durch ihre erste Entscheidung gebunden und mußte den ganzen Plan der Beratung unterwerfen. Infolgedessen trat nun ein ziemlich starker Briefwechsel zwischen Guillotin, dem Generalprokurator Herrn Roederer, dem Finanzminister Clavères und meinem Großvater ein. Die Nationalversammlung beauftragte endlich den Doktor Antoine Louis, sein schriftliches Gutachten über die neuerdings vorgeschlagene Art und Weise der Enthauptung abzugeben. Doktor Louis war der Leibarzt des Königs, und so erfuhr sein königlicher Gebieter, womit man den gelehrten Mediziner betraut hatte. Man kennt die Neigung dieses Fürsten für das Schlosserhandwerk und sein Geschick, in Eisen zu arbeiten. Er wollte dem Arzt bei dessen Arbeit Ratschläge erteilen und ließ sich somit über eine Frage genau unterrichten, bei der er, wie er sagte, als Fürst Anteil nähme, weil sie die Kriminalgerichtsbarkeit seines Volkes beträfe. Beide, sowohl der König wie sein Arzt, waren neugierig, den Entwurf der durch Doktor Guillotin vorgeschlagenen Maschine zu prüfen. So wurde dieser nun durch den Doktor Louis in den Tuilerienpalast beordert, und zwar mit dem heimlichen Bemerken, sich von meinem Großvater begleiten zu lassen, den eine dritte, bei der Beratung gegenwärtige Person um sein doch sehr wesentliches Urteil befragen wollte. Diese Zusammenkunft fand am 2. März 1792 statt. Der Tuilerienpalast war weiter nichts mehr als das baldige Grab einer ersterbenden Königsherrschaft. Als Charles Henri Sanson mit Doktor Guillotin diese großen Vorzimmer, diese langen, früher von dem Haufen goldstrahlender Höflinge angefüllten und heute fast verlassenen Vorsäle durchwanderte, wo sich nur hier und dort einige bleiche, sorgenvolle Gesichter zeigten, fühlte sich mein Großvater noch schmerzhafter beängstigt als früher zu Versailles, wo der Glanz eines prächtigen Hofes wenigstens die Stimme seiner ängstlichen Ahnungen hatte unterdrücken können. So kamen sie endlich in das Gemach des Doktor Louis, den sie auf einem Stuhle vor einem Tische sitzend fanden, über den eine grüne Sammetdecke mit goldenen Fransen gebreitet lag. Nach einigen artigen kollegialen Begrüßungsformeln zwischen den Medizinern wünschte Antoine Louis den Plan zu der neuen Maschine zu sehen. Guillotin gab ihm die Zeichnung von Schmidt, der mein Großvater eine ausführliche Erklärung beigefügt hatte, indem er durch Buchstaben den Gebrauch jedes Stückes anzeigte. Während man eben dabei war, die Arbeit zu prüfen, ging plötzlich eine Tapetentür auf, und ein neuer Ankömmling erschien im Gemach. Doktor Louis, der bis dahin gesessen hatte, erhob sich. Der Angekommene warf auf Gouillotin, der sich tief verbeugte, einen kalten Blick, wendete sich dann kurz zu Antoine Louis und sprach zu ihm: »Nun, Doktor, wie denken Sie darüber?« »Diese Maschine erscheint mir vollkommen,« antwortete der Doktor, »sie rechtfertigt alles das, was Herr Guillotin mir davon gesagt hat. Übrigens urteilen Sie selbst.« Mit diesen Worten überreichte er dem Herrn die Zeichnung. Dieser betrachtete sie einen Augenblick stillschweigend, dann schüttelte er zum Zeichen einigen Zweifels den Kopf und sprach: »Wird dieses sichelförmige Eisen wohl auch vollständig seinen Zweck erfüllen? Glauben Sie, daß ein so gerundetes Eisen auch auf alle Hälse passen wird? Ich halte dafür, daß es für manchen zu groß sein wird und andere wiederum nicht umfassen dürfte.« Seit dem Eintritt dieser Persönlichkeit hatte Charles Henri Sanson weder einen Blick noch ein Wort von ihr sich verlorengehen lassen. Der Ton dieser Stimme lieferte ihm den Beweis, daß der erste Eindruck ihn nicht betrogen hatte. Der mittelgroße Mann im dunklen Anzüge ohne Orden auf der Brust war der König. Durch seine ganze Haltung zeigte er offenbar, daß er nicht für den König gehalten werden und den Anschein erwecken wollte, als sei er lediglich wegen eines wissenschaftlichen Gesprächs hierhergekommen. Charles Henri Sanson wurde eigentümlich von der richtigen Bemerkung des Königs berührt, und indem er unwillkürlich die Augen auf den Hals des Königs richtete, den die breite weiße Halskrause immer offen ließ, bemerkte er, daß dieser im ganzen sehr kräftig gebaute Fürst einen muskulösen Hals besaß, dessen Umfang den durch den Bleistift Schmidts bezeichneten Halbkreis um vieles übertraf. Nach dieser Entdeckung bemächtigte sich seiner ein unfreiwilliges Zittern, und obwohl er in einer Art stummer Betrachtung versunken blieb, hörte er doch die Stimme des Königs, welcher, auf ihn mit einem Blick deutend, den Doktor Louis fragte: »Ist dies der Mann?« Der Leibarzt bejahte durch eine Verbeugung. »Fragen Sie ihn um seine Meinung,« bemerkte Ludwig XVI. ganz leise. »Sie haben die Bemerkung dieses Herrn gehört,« sagte der Leibarzt, »in welcher Gestalt denken Sie sich das Fallmesser am besten?« »Der gnädige Herr hat vollkommen recht,« antwortete mein Großvater, indem er die Worte »gnädiger Herr« ziemlich stark betonte; »die halbmondförmige Gestalt des Fallmessers könnte dann und wann einige Schwierigkeiten herbeiführen.« Der König lächelte mit einem gewissen Blick der Befriedigung; sodann nahm er eine Feder vom Tisch des Doktor Louis und verbesserte die Zeichnung, indem er anstelle des halbmondförmigen Fallbeils ein Messer mit schräg zulaufender Schneide setzte. »Übrigens kann ich mich irren,« fügte er hinzu, »und wenn man die Frage lösen will, wird man schon beide Arten Fallmesser versuchen müssen.« Darauf grüßte er freundlich mit der Hand und zog sich durch die Tür, durch welche er gekommen war, wieder in seine Gemächer zurück. Fünf Tage nach dieser Zusammenkunft in den Tuilerien, nämlich am 7. März, reichte Antoine Louis der Nationalversammlung seinen Bericht ein, in welchem er klar und einfach den durch Schmidt gezeichneten Mechanismus darstellte und den Vorschlag machte, je nach dem Erfolg von Versuchen sich der einen oder der anderen Form für das Fallbeil zu bedienen. Am 20. März nahm die Nationalversammlung den Antrag in der jetzt erlangten Gestalt an und Doktor Louis wurde beauftragt, die erste Enthauptungsmaschine bauen zu lassen. Am 17. April 1792 wurde in dem Hofe von Bicêtre unter dem Beisein der Doktoren Antoine Louis, Philipp Pinel und Cabanis zum ersten Male die Enthauptungsmaschine in Tätigkeit gesetzt. Nachdem die Maschine in allen Teilen sorgfältig untersucht und instandgesetzt worden, schritt man zur Enthauptung der drei Leichname, welche die Direktion der Pariser Spitäler zu diesem Zwecke nach Bicêtre geschickt hatte. Die beiden ersten Versuche mit dem Fallbeil von schräger Schneide, wofür der König gestimmt hatte, glückten; der dritte mit dem halbmondförmigen Messer nach der Zeichnung von Schmidt erwies sich als höchst mangelhaft. Infolgedessen entschied man sich für das Beil mit schräger Schneide. Acht Tage nachher hatte mein Großvater mit dieser neueingeführten Maschine einen lebendigen Menschen hinzurichten: Jacques Nicolas Pelletier, der am vorhergehenden 24. Januar wegen Diebstahls auf öffentlicher Heerstraße, verbunden mit Gewalttätigkeit, zum Tode verurteilt worden war. Man war nicht ohne einige Sorge um das Verhalten des Volkes beim Anblick dieses neuen Todeswerkzeuges, wie dies auch das folgende, von dem Generalprokurator Roederer an Lafayette, den kommandierenden General der Nationalgarde, gelichtete Schreiben beweist: »Paris, den 25. April 1792. Mein Herr! Die neue Hinrichtungsweise – ich meine damit die Enthauptung durch die Maschine – wird sicher einen großen Volkshaufen nach dem Grèveplatz ziehen, und es liegt viel daran, Maßregeln zu ergreifen, damit die Maschine nicht etwa auf irgendwelche Weise herabgewürdigt wird. Ich halte es also für durchaus notwendig, daß Sie den bei der Hinrichtung anwesenden Gensdarmen befehlen, in genügender Anzahl auf dem Platze und an den Mündungen der benachbarten Straßen zurückzubleiben, damit die Errichtung des Schafotts und der Maschine ungehindert vonstatten gehen kann. Roederer.« Man erinnert sich vielleicht der Geschichte des jungen Louschart, dessen Räderung durch das Volk vereitelt wurde. Wahrscheinlich hatten auch die Behörden jenes Ereignis noch gut im Gedächtnis und fürchteten nun, daß die gärende Volkswut an der Enthauptungsmaschine einen neuen Anstoß nehmen könnte, welche die einen bereits nach Doktor Louis »Louisen« oder »Louisette«, andere nach Doktor Guillotin »Guillotine« nannten. Man weiß, daß letztere Bezeichnung den Vorzug behalten hat. Am Tage der Hinrichtung sah man jedoch ein, daß alle Besorgnisse überflüssig gewesen waren. Wenn die über Pelletier verhängte Strafe auch wirklich zu streng gewesen wäre, so war der Verurteilte doch nichtsdestoweniger einer jener gemeinen Verbrecher, deren Schicksal nimmer das Mitleid des Volkes erwecken kann. Ungeachtet des ungeheuren Zuströmens der Volksmenge ging alles in der größten Ordnung und Ruhe vor sich. Diese Hinrichtung bestätigte vollkommen die dem Justizminister mitgeteilten Beobachtungen meines Großvaters. Pelletier war von einer so vollständigen Schwäche befallen worden, daß er nicht imstande war, zu der Hinrichtung zu gehen, sondern vielmehr getragen werden mußte. Hätte er nun mit dem Schwerte hingerichtet werden sollen, so würde man ihn geradezu auf der Erde haben zerhacken müssen, weil er sich in dem natürlichen Drange, sein Leben zu erhalten, unzweifelhaft auf den Boden würde niedergeworfen haben. Vielleicht wäre das hier der geeignete Ort, zu prüfen, ob die Guillotine in der Tat die am wenigsten schmerzhafte Hinrichtungsart ist. Man könnte fragen, ob sie den menschenfreundlichen Wünschen und Hoffnungen ihrer Erfinder entsprochen hat, oder ob sie, wie einige ein wenig seltsam gestimmte Anatomen zu behaupten versucht haben, im Gegenteil den Hinzurichtenden schreckliche Leiden bereitet? Was besagte Anatomen anbetrifft, so sagen dieselben, daß, wenn das Abschneiden des Kopfes sehr schnell erfolgt, das Leben nicht sofort entflieht, sondern das Gefühl, das Bewußtsein und überhaupt alles, was Mensch heißt, noch eine gewisse Zeit, nachdem der Kopf vom Körper getrennt ist, in letzterem zurückbleiben und den Hingerichteten den Schmerz des Halsabschneidens noch nachträglich in der gräßlichsten Weise empfinden lassen. Jedoch über alles dies hinweggehend ziehe ich es vor, ein eingehenderes Studium über diese wichtige Frage auf einen Zeitraum zu verschieben, wo ich bei Erzählung meiner eigenen Erinnerungen durch diese Besprechung den geringen Kreis meiner Beobachtungen und persönlichen Eindrücke werde erweitern können. Jetzt drängt die Zeit, und wir nähern uns so ungeheuren Ereignissen, daß es nicht zu entschuldigen sein würde, wenn wir den Lauf unserer Schilderungen verzögerten. Das Ende des Königtums Das Tribunal vom 17. August 1792 Die Konstituante; die Legislative; Jakobiner und Kommune; der 20. Juni, der 10. August; Gefangensetzung des Königs, das Tribunal, die Septembermorde; Assignatenfälscher. Immer schneller folgten die Ereignisse aufeinander, wie Donnerschläge bei einem schon sehr nahen Gewitter. Die Stunde näherte sich, wo die Geschichte des Schafotts und die Frankreichs eins werden und der Fall des dreieckigen Guillotinebeils immer einen neuen Akt des Dramas, welches die Welt in Aufregung erhielt, abschließen sollte. Noch einige Tage, und der verhöhnte Genosse oder vielmehr Meister bei allen früheren traurigen Schauspielen dieser Art war ein blutiger Mordfürst, seine Waffe, die fürchterlich Maschine, das Hauptwerkzeug in den Händen der Gesetzgebenden und Regierenden geworden. Bisher hatte der Henker, wenn man auf ihn einen verächtlichen Blick warf, seine Spötter höchstens fragen können: »Wenn ihr mich verachtet, verachtet ihr dann auch die Gesetze?« Die blutige Schwärmerei eines ganzen Volkes gab ihm bald das Recht, auszurufen: »Es scheint, daß ihr nur für mich die Revolution gemacht habt!« Wir stehen im Monat August des Jahres 1792. Die Konstituante Die gesetzgebende Nationalversammlung im Beginn der Revolutionszeit. war verschwunden und hatte die Verfassung von 1791 als ihr Werk zurückgelassen, ein Werk, dem zuerst alle zugejauchzt hatten und das kurze Zeit darauf alle verlästerten und zu vernichten wünschten. Die Partei der Aufwiegler nannte sich Patrioten; sie gehörte der Kommune und den Jakobinern an. Die Jakobiner sprachen damals lauter von der Rednerbühne und wurden lieber gehört als selbst die Stimme der Legislative. Auf die erste gesetzgebende Nationalversammlung, die Konstituante, folgte eine zweite, gleich gebildet und mit gleichen Rechten, die Legislative genannt. Die bürgerliche Macht der Kommune glich den gesetzlichen Einfluß der Vertreter der Nation aus, und die Kommune war es, welche besagte zweite Nationalversammlung mit einer siegreichen Erhebung bedrohte und zur Abdankung nötigte. Am 20. Juni war die Revolution bis selbst in den Palast gedrungen, aber noch war die Frechheit nicht so weit gegangen, sich mit Verbrechen zu belasten, und die revolutionären Eindringlinge hatten sich damit begnügt, dem Könige die grausamsten Beleidigungen zuzufügen. Jetzt galt es alles oder nichts, und das Attentat vom 20. Juni hatte das furchtbare Schauspiel des 10. August zur Folge. An diesem schrecklichen Tage sah man den Monarchen vor einem bewaffneten Revolutionsheer fliehen. Die ohnmächtige Nationalversammlung dachte an den 20. Juni und erkannte in der mächtigen Hand der Kommune ein höheres Gesetz als welches sie selbst gab. So sollte endlich dieses ein Jahr alte verfassungsmäßige Königtum wie ein mastenloses Schiff in dem wildbrandenden Meere des Volksaufruhrs scheitern und untergehen, ohne daß nur eine einzige Hand den Versuch machte, es dem Schiffbruch zu entreißen. Die legislative Nationalversammlung hatte sich dahin entschieden, daß der König nach Luxembourg geführt werden sollte, die Kommune verlangte, daß der König als Gefangener in den Temple Das alte Tempelherrenhaus in Paris. käme, und die Nationalversammlung gehorchte. Die Kommune und ihr Aufsichtskomitee, dem Marat präsidierte, verlangte unter großem Geschrei die Bestrafung der Verschwörer vom 10. August. Da erschien Robespierre im Namen der gesamten Bürgerschaft im Schlosse, wo die Nationalversammlung tagte, und brachte den Volkswillen herrisch zum Ausdruck. Nach vergeblichen Widerstandsbemühungen gab die Nationalversammlung endlich nach und betraute die Wahlversammlung mit Ernennung der Mitglieder für ein außergewöhnliches Tribunal, welches die am 10. August begangenen Verbrechen bestrafen sollte. In gleicher Weise hatte man bestimmt, daß das Urteil dieses Gerichtshofes ein für allemal gelten und kein Widerspruch oder Appellation an eine andere Instanz möglich sein solle. Das Tribunal unterstützte die Absichten derer, welche seine Herstellung verlangt hatten, nur sehr unvollkommen. Das Tribunal vom 17. August hatte noch keine sogenannte revolutionäre Gerechtigkeit aufzuweisen. Obwohl es in seinem Schoße Männer zählte, die als große und gewaltige Redner bekannt sind, z.B. Fouquier-Tinville, bedienten sich doch alle dieser Waffe mit einer gewissen Mäßigung, welche deutlich genug bewies, daß aus der Seele derer, die das Tribunal bildeten, noch nicht jede Regung des Edelmutes und alle Gesetzeskenntnis verbannt waren. Erst von den, Septembertagen ab darf man eigentlich von Schrecken sprechen. Am 20. August hatte die Furcht und die Trunkenheit von Blut noch nicht die Herzen versteinert und alles Menschlichkeitsgefühl verlöscht. – Von 1791 bis zum Monat August 1792 nahm die Zahl der Angriffe gegen Personen und Eigentum immer mehr und mehr zu. Das Papiergeld der neuen Staatsordnung reizte, ungeachtet der schrecklichen Strafe, die auf den Scheinen selbst der Nachahmung angedroht war, die Gier der Fälscher. Natürlich sah die politische Leidenschaft in denen, welche ihre Bankzettel nachdruckten, nicht die Verbrecher aus Habsucht, sondern geradezu Personen, welche der Sicherheit und dem Wohle des Staates gefährlich zu werden drohten, und als solche aus dem Wege geräumt werden mußten. Während der kurzen Zeit von ungefähr sieben Monaten, vom 1. Januar bis 20. August, wurden fünfzehn solche Personen, die man damals Assignatenfälscher Assignaten (französisch: Assignats) waren Anweisungen von Renten auf unbewegliche Staatsgüter, Staatsschuldscheine. nannte, auf dem Grèveplatz geköpft. In dieser Zeit politischer Stürme und Ungewitter war die Verteidigung nicht weniger erbittert und heftig als der Angriff selbst. Die königlich gesinnten Schriftsteller kämpften mit Ungestüm und bisweilen Erbitterung gegen ihre Widersacher von der patriotischen Partei. Zwei Journalisten, Suleau und Durosoy, hatten wegen der Heftigkeit und fast unbändigen Sprache sich die gefährliche Ehre verdient, den glühendsten Volkshaß gegen sich gerichtet zu sehen. Der erste von beiden hatte, als ein Mann der Wissenschaft und schnellen Tat, als ein Kämpfer mit dem Degen und mit der Feder am 10. August den Thron mit den Waffen in der Hand verteidigt. Durch Théroigne de Méricourt erkannt, welches Weib der kühne Witzbold mit seinem Hohne verfolgt hatte, und der er, die ganze Sache ins Lächerliche und Zweideutige ziehend, den Abgeordneten Populus (Volk) zum Liebhaber gegeben, wurde der Redakteur der »Apostelgeschichte« in dem Hofe der Feuillantiner Feuillantiner, Mönche vom Bernhardiner-Orden. in Stücke zerrissen, dank der tigerhaften Wut der blutdürstigen Amazone. Weniger glücklich als sein Genosse, hatte Durosoy, der Redakteur der Gazette de Paris und des Royaliste, die ganze Angst und Qual der Hinrichtung zu erdulden, welche bis dahin nur für wirkliche gemeine Verbrecher aufbewahrt worden war. Nachdem er am 26. August verurteilt worden, fand die Hinrichtung am folgenden Tage statt und Durosoy starb mit großer Seelenruhe und erwarb sich durch seine große Charakterfestigkeit selbst noch in den letzten Augenblicken wenigstens die Achtung des rohen Haufens. Ein alter Offizier namens Collinot d'Angremont, der der Seelenverkäuferei und der Mitwisserschaft und Teilnahme an dem angeklagt, was man die Verschwörung vom 10. August nannte, folgte ihm auf dem Schafott. Am 29. August erlitt Laporte, der Intendant der Zivilliste, die Todesstrafe für eine Menge von Anklagen und Beschuldigungen, welche sämtlich unbegründet waren. Am 31. August richtete man Sellier und Desperriers hin, die nach Beschluß des Kriminalgerichts wegen Ausgabe falscher Assignaten zur Strafe der Enthauptung verurteilt worden waren. Als bei Gelegenheit der Hinrichtung Collots von dem aufgeregten Volkshaufen die Enthauptungsmaschine und das Schafott nach dem Karussellplatz geschafft worden waren, hatte man den Pranger allein vergessen; er blieb auf dem Grèveplatz stehen, und deswegen mußten etwaige Ausstellungen auch immer dort stattfinden. Am 1. September hatte mein Großvater einen Mann namens Jean Julien, einen Fuhrmann zu Vaugirard, der zu zwölf Jahren Kettenstrafe und zum Pranger wegen Diebstahls verurteilt worden, in das Halseisen gelegt. Jean Julien behauptete fortwährend seine Unschuld und zeigte wahrend der ganzen Zeit, da er am Pranger stand, eine große Entrüstung. Noch während man ihn auf den Grèveplatz führte, hatte er mehrmals denen, die ihn fühlten, wiederholt, daß er den Tod dieser entehrenden Strafe vorziehen würde. Man hatte diese Worte für alberne Prahlerei gehalten und keine Achtung darauf gegeben. Als man über ihm an den Balken, an dem er befestigt war, die Schrift annagelte, sprach er Verwünschungen gegen die Richter und gegen die Regierung aus. Charles Henri Sanson forderte ihn auf, sich ruhig zu verhalten, widrigenfalls er ihn knebeln lassen würde. Aber in demselben Augenblick, obwohl bis dahin noch nichts in den Worten Jean Juliens gezeigt hatte, daß er ein königlich Gesinnter sei, begann der Mann aus allen Kräften zu schreien: »Es lebe der König! Es lebe die Königin! Ein Hurra für den kühnen Feldherrn Lafayette! Zum Teufel die Nation!« Die Szene, welche diesen Worten folgte, läßt sich, wie leicht begreiflich, nicht schildern. Der unglückliche Jean Julien hatte noch nicht vollendet, als ein Hagel von Wurfgeschossen aller Art an das Brett des Prangers anschlug. Fast gleichzeitig war der Unglückliche auch schon von dem Schandpfahl hinweggerissen und sollte ungeachtet der Bemühungen und selbst des tätlichen Einschreitens von seiten des Henkers und seiner Knechte in wenigen Minuten tausendfach zerfetzt werden. Von diesem schrecklichen Tode wurde er durch die Dazwischenkunft des Prokuratorsyndikus Manuel, der dabei sine Probe von ungeheurem Mute gab, errettet. Manuel stürzte sich mitten in den dichtesten Haufen hinein, rang mit den Wütendsten und brachte es endlich dahin, den unglücklichen Julien bis ins Rathaus zu schleppen und dort für den Augenblick zu sichern. Als der Volkshaufe sah, daß ihm die Beute entrissen war, kannte seine Wut keine Grenzen mehr, und die allgemeine Aufregung drohte sich in offene Empörung umzuwandeln. Man konnte die wilden Massen nur dadurch besänftigen, daß man befahl, den Schuldigen unverweilt vor den außerordentlichen Gerichtshof zu stellen. Die Mitglieder des Tribunals wurden in aller Eile zusammenberufen und der Vorgeführte zum Tode verurteilt. Jean Julien wurde tags darauf enthauptet. Den dritten September feierte die Guillotine. – Nachdem nun Tag für Tag die Guillotine eine mehr als reiche Kopfernte gehalten hatte, murrten einige noch darüber, daß man dem Tribunal gestattet hatte, seinen Dienern für diese vierundzwanzig Stunden Ferien zu bewilligen. Aber lassen wir das. In der peinlichen Aufgabe, die ich mir gestellt habe, erwächst mir glücklicherweise nicht die traurige Verpflichtung, die Geschichte der Septembertage zu zeichnen, wo ein Haufe ruchloser Mörder sich unser schreckliches Amt anmaßte und die Gefängnisse durch Menschenschlächtereien besudelte, die der rohesten Barbaren der Urzeit würdig gewesen waren. Wie viele von diesen Elenden, die sich mit Spießen und Säbeln bewaffnet hatten und mit einer rasenden Wut und Blutgier alles niederstießen, was ihnen entgegentrat, verstanden es wohl, jenes traurige Amt zu verwalten, das man als das Eigentum des Henkers begreift? Und dennoch, welchen Namen soll man ihnen geben, deren Hände doch sämtlich von selbstvergossenem Menschenblut besudelt waren? Meiner Ansicht nach ist die Bezeichnung Mörder noch viel zu mild und schwach! Das Tribunal vom 17. August hatte das Châtelet zum Aufenthalte gewählt. In dem Augenblick, wo die Menschenschlächterei begann, war gerade Sitzung, und soeben verurteilte man den Major Bachmann, einen Offizier der Schweizergarde. Das Heulen und Röcheln der Opfer, das wilde, blutdürstige Geschrei der Halsabschneider drang bis in die Gerichtszimmer und unterbrach mehrmals das Verhör. – Bis zu der Zeit, wo der König hingerichtet werden sollte, verminderte sich die Anzahl der Hinrichtungen nicht, aber sie erreichte bei weitem nicht die Ausdehnung, welche sie einige Monate später annahm. Die Kommune Lafayette; Gironde und Berg; der Konvent; die Nationalgarde. Bisher habe ich nur einen allgemeinen Überblick der Septembertage gegeben, wo man Tausende von Henkern – wenn es nicht anders eine Herabwürdigung dieses Namens wäre, mit ihm solche Mörder zu bezeichnen – oder besser die Henker nach Tausenden und aber Tausenden zählte. Ich habe diesen Todeskampf des Königtums, dessen schreckliche und doch erwähnenswerte Augenblicke der 20. Juni und 19. August waren, nur mit großen Zügen entworfen; jetzt, wo es sich um die Einzelheiten der Vernichtung eines Königs handelt, muß ich schon ausführlicher und weniger wortkarg zu Werke gehen, weil es das traurige Los meines Großvaters war, diese erhabenen Opfer der Revolution zu töten. Der Sturz des Königs und seine Gefangennahme auf dem Wege nach dem Temple hatten in allen rechtschaffenen Gemütern, selbst bei den den neuen Ideen Ergebensten, großen Eindruck gemacht. Allgemein wurde der abgesetzte Monarch beklagt, und vielleicht verzögerte sich auch wegen der großen und innigen Teilnahme an seiner Lage der Prozeß so bedeutend. Lafayette, der so lange das Ideal seines Volkes gewesen, in dem die heiligsten und köstlichsten Nationalgefühle und Vorzüge des französischen Volkes des achtzehnten Jahrhunderts so glücklich vereinigt und so vollkommen schön dargestellt schienen, gab zuerst das hervorstechendste Beispiel von der Schwäche, welche alle wahrhaften Freunde der Freiheit ergriffen hatte, indem er schnell und hastig den Oberbefehl über seine Armee aufgab und in der Fremde seine Rettung suchte; ein Beweis, welch trauriger Aufenthalt ein französisches Staatsgefängnis der damaligen Zeit sein mußte. Die ungeduldige und leidenschaftliche Revolution hatte andere Führer angenommen. Noch wurde zwischen den zwei Parteien, die sich untereinander zu vernichten bereit waren, um den Vorrang gekämpft. Diese beiden jetzt nur in Kraft stehenden Gruppen nannten sich die Gironde und der Berg. Beide nahmen sich wohl in acht, einander in die Hände zu fallen. Beide bemühten sich soviel als möglich, für sich den Sieg davonzutragen. Nur in etwas stimmten die wie Tag und Nacht einander gegenüberstehenden Parteien überein, nämlich in der Ansicht, daß in den Besitz der Alleinherrschaft käme, wer am besten verstände, den gierigen Leidenschaften der Menge zu schmeicheln, welche nur daran dachte, blutige Erpressungen gegen das Königtum, gegen die bevorzugten Stände, in ihren Augen die einzig Schuldigen, auszuüben. Die ziemlich energischen und doch zugleich phantastischen Reden, welche immer und immer in den Sälen der Klubs widerhallten, stützten und hielten fortwährend diese fieberhafte Aufregung der großen Massen, die nur durch sie zur Erstürmung der Tuilerien, zu den Gefangennahmen und entsetzlichen Schlächtereien vom 2. und 3. September 1792 aufgehetzt worden waren. Unter solchen Verhältnissen war selbst der Konvent nur ein reines Schattenbild und vollkommen machtlos. Meistens genötigt, unter den Eingebungen jener entstehenden, Gewalt habenden Gruppe, die man Kommune nannte, zu handeln und sich ihrem Willen zu beugen, war die Mehrzahl seiner Erlasse lediglich ein Erzeugnis der Furcht. Wenn man bedenkt, daß die Kommune nichts anderes war als die Vertretung eines möglichst organisierten Aufstandes, so wird jeder einsehen, daß jene Dekrete gerade das, was sie verhüten sollten, in vollstem Maße bewirkten, nämlich das Signal zu einer weit tolleren Gesetzlosigkeit gaben, als die war, welche zur Zeit schon das unglückliche Frankreich verheerte. In der Tat, diese Kommune spielte unter einem bescheidenen bürgerlichen Namen eine überaus wichtige Rolle und übte eine fast unumschränkte Gewalt aus. Wie hätte sie es sonst wagen können, eine Nationalversammlung, die doch den unumschränkten Willen des Volkes vertrat, sich vollständig unterzuordnen und ihr in der vollsten und umfassendsten Bedeutung des Wortes Befehle zu geben? Alle früheren gesellschaftlichen Bande waren vernichtet, selbst der liebe Gott aus den ihm erbauten Kirchen vertrieben und durch menschliche Gesetze ersetzt; die Königsherrschaft von Schmähungen aller Art überhäuft, endlich gefangengenommen und für immer in ihrem vertretenden Oberhaupt vernichtet worden. Für diese neuen Zeiten gehörten neue Menschen, und ungeachtet des energischen Widerstandes der Girondisten, ungeachtet des furchtbaren Gewichts der mächtigen Individualität Dantons, des Septembermannes, sah man nur zu bald die blutige Diktatur Robespierres hereinbrechen und fühlte seine Hand mit eiserner Schwere auf den Tagesfragen lasten. Das Leben des Königs war der erste Einsatz bei dem Kampfe der beiden Parteien, welche den Konvent zu beherrschen wünschten. Die Gironde wollte nicht aus Grundsatz den Tod Ludwigs XVI., denn sie hatte die traurige Vorahnung, daß dieser politische Mord nicht der letzte sein und der Revolutionsherrschaft ein übles Ende bedeuten würde; aber eingeschüchtert durch das wahnsinnige Geschrei draußen, durch die frechen Lästerungen des »Berges« ließ sie sich von einem künstlich erregten Blutdurst des Volkes die Bewilligung zu jener Hinrichtung entreißen. Einige Monate nachher, nachdem sie schon der tollen großen Masse, der sie hatte schmeicheln wollen, die blutige Bürgschaft gestellt hatte, wurde sie selbst durch dieselben Haufen im Stich gelassen und endete auf demselben Schafott, wo der unglückliche König seine Berühmtheit und Kleinmütigkeit mit dem Leben bezahlen mußte. Wer war nun eigentlich das Volk? War es die Menge, welche die Tribüne des Konvents umlagerte, um je nachdem sie im Sinne oder nicht im Sinne ihrer wilden Leidenschaften sprachen, den Rednern Beifall zu klatschen oder sie auszuzischen? Oder war es vielleicht der Haufe, welcher alle Tage da draußen über die Straße zog nach dem Schalle der Trommel und mit Waffengelärm, um überall seine unaufhörlichen Revolutionsgesänge und sein wildes Geschrei erschallen zu lassen? Waren es vielleicht die Männer, welche abends in den Klubs Vorträge hielten und glühende Worte sprachen, die wie Feuerfunken in dem Umkreis leicht erregter Gemüter hellodernde Scheiterhaufen anzündeten? Oder war das Volk endlich jene wilde, rohe Masse, die von Zeit zu Zeit die Hemdärmel aufstreifte und die Arme bis an die Schultern in Blut tauchte? Wenn sie alle das Volk sind, so gestehe ich gerne zu, daß ich es nicht kenne, daß ich es nicht kennen mag. Aber ich glaube nicht, daß das Volk eine so auserlesene Sammlung von Henkersknechten sein kann. Man sah zu jener unglücklichen Zeit auf den Spitzen der Lanzen und Spieße wie rühmliche Siegeszeichen mehr abgeschnittene Menschenköpfe durch die Straßen tragen, als mein Großvater und seine Vorfahren jemals abgeschlagen hatten. Man sah die entmenschten Horden mehr verstümmelte Leichname über das Pflaster dahinschleppen, als in einem Jahrhundert nach dem Urteil des Kriminalhofes von dem Schafott zur letzten Ruhestätte getragen worden waren. Alles das mußte, wie ich es auch schon früher erwähnt habe, Charles Henri Sansons Enthusiasmus für die Revolution bedeutend vermindern. Infolgedessen hielt er sich so fern als möglich von den Ereignissen der Zeit, was um so besser ging, als damals sein Sohn, mein Vater, schon sieben- bis achtundzwanzig Jahre alt war. Dies ist so wahr, daß man am 10. August 1792 in meiner Familie die Erstürmung des Tuilerienschlosses gar nicht einmal erfahren hatte. Bei den Offizier- und Unteroffizierwahlen der Nationalgarde wurden mein Großvater und mein Vater zu Sergeanten ernannt; mein Großonkel Charlemagne Sanson erhielt die Würde eines Korporals. Diese Ämter verpflichteten sie, einen tätigeren Anteil, als ihnen lieb war, an den politischen Ereignissen zu nehmen. Meine Verwandten füllten erst kurze Zeit jene Stellen aus, als man schon im Konvent über die Anhängigmachung des Prozesses gegen den königlichen Gefangenen zu debattieren begann. Der Tod Ludwigs XVI. Ich will nicht all der Debatten und Wortkämpfe gedenken, die sich der Berg und die Gironde im Konvent bei Gelegenheit der Prozeßverhandlungen über das erhabene königliche Opfer lieferten. Mit Stillschweigen will ich all die heldenmütigen Bestrebungen des Lanjuinais übergehen, diese wichtige Frage, die später Desèze so energisch in jenem glänzenden Satz konzentrierte: »Ich suche unter euch Richter und sehe nichts als Ankläger!« Am 11. Dezember 1792 war es, wo der unglückliche Monarch auf der Anklagebank des Konvents erschien. Es führte gerade Barère den Vorsitz, dessen kalte Beredsamkeit einen so entscheidenden Einfluß auf das Endurteil ausübte. Am 17. Januar 1793 wurde endlich das königsmörderische Urteil gesprochen. Zuerst war das allgemeine Erstaunen so groß, daß man nicht glauben mochte, daß die Stimmensammlung auf rechtmäßige Weise zugegangen sei, und so mußte man tags darauf, am 18., diese Handlung noch einmal vornehmen. Das Ergebnis der Sitzung des vorigen Tages wurde durch diese zweite Stimmensammlung vollständig anerkannt und Vergniaud, der an diesem Tage im Konvent den Vorsitz führte, bestätigte, daß das über Ludwig Capet gefällte Urteil auf Tod laute. Die Sitzung des 19. Januar wurde durch die Prüfung der Aufschubsfrage ausgefüllt. Da versuchten noch alle diejenigen, welche bisher so furchtsam für den König gesprochen hatten, ihr Möglichstes. Eine Majorität von 690 Stimmen über 380 erklärte, daß die Hinrichtung des königlichen Verurteilten ohne Nachteil für die Nation keine Frist erlangen könnte. Dies war die erste Mitteilung, die uns mein Großvater brachte, nachdem er mit einer immer steigenden Angst diesem entsetzlichen Prozeß von Tag zu Tag gefolgt war. Der 20. Januar sollte für ihn ein Familienfesttag werden; es war nämlich der Jahrestag seiner Verheiratung mit meiner guten Großmutter, welche in ihr sechzigstes Jahr eintrat und nun neunundzwanzig Jahre mit Charles Henri Sanson in glücklicher Ehe lebte. Mein Großvater wollte ihr das Ereignis verheimlichen, das einen Trauerflor über diesen ihnen so lieben Tag warf, aber die Verwirrung seiner Züge erlaubte ihm nicht, seine Angst zu verbergen. Mein fast ebenso unruhig bewegter Vater antwortete gleichfalls nur mit sichtlichem Zwang auf die gewöhnlichen Fragen seiner Mutter nach den neuesten Vorfällen. Das ganze Haus zeigte eine ernste und würdige Traurigkeit. Um nicht den Verdacht meiner Großmutter zu erregen und nachdem sie allen Hausbewohnern ein entschiedenes Stillschweigen auferlegt hatten, machten sich mein Großvater und mein Vater auf den Weg und gingen durch die Stadt, um sich über die immer mehr und mehr verbreitenden Gerüchte in Kenntnis zu setzen. Hier erfuhren sie denn auch, daß der König einen Aufschub von drei Tagen verlangt habe, um sich zum Tode vorzubereiten. Der Konvent wagte nicht, ihn zu bewilligen, und Charles Henri Sanson, der sich bis an die offenen Pforten des legislativen Palastes vorgedrängt hatte, wußte mit Bestimmtheit, daß die letzte und einzige dem Könige von Frankreich gewährte Gunst die war, von seiner Familie Abschied nehmen zu dürfen und bei der Hinrichtung von einem Priester seines Glaubens begleitet zu werden. Es war also nicht mehr daran zu zweifeln, daß die Hinrichtung am folgenden Tage stattfinden würde. Mein Großvater kehrte ganz außer sich und voll Angst vor diesem nächstfolgenden Tage nach Hause zurück. Mein Vater war ihm schon mit ebenso traurigen Botschaften zuvorgekommen. Im Verlauf des Tages fanden sich mehrere Personen ein, die Charles Henri Sanson zu sehen und mit ihm zu sprechen wünschten. Unter den verschiedenen Papieren, die ihm eingehändigt wurden, befand sich auch der verhängnisvolle Befehl, in der Nacht das Schafott aufrichten zu lassen und daselbst den Verurteilten um acht Uhr morgens zu erwarten. Die anderen Papiere waren Briefe, die Mehrzahl von ihnen ohne Unterschrift, in welchen man den Henker benachrichtigte, daß für die Befreiung des Königs während des Transportes vom Temple bis zum Revolutionsplatze alle Maßregeln getroffen worden wären und daß bei dem geringsten Widerstande, den Sanson etwa diesem Unternehmen entgegensetzen wollte, er von tausend Dolchstichen durchbohrt sein Leben aushauchen sollte. Andere Briefe wieder enthielten, ohne ähnliche Drohungen auszustoßen, die flehentlichsten Bitten, sich ja einer etwaigen Befreiung des Königs nicht zu widersetzen. Ja, in einigen dieser Briefe beschwor man Charles Henri Sanson, sich mit den Befreiern des königlichen Opfers zu verbinden und die Hinrichtung in die Länge zu ziehen, um so wohlentschlossenen Männern Gelegenheit zur Ausführung ihres Planes zu geben. Letztere würden, vorher unter dem Volkshaufen verborgen, plötzlich die Reihen des Militärs durchbrechen und den König noch auf dem Schafott befreien. Dies letzte Mittel, das mein Großvater für unmöglich und ganz unausführbar hielt, preßte ihm wahren Angstschweiß aus. Ich überlasse nun betreffs des genauen Berichts das Wort Charles Henri Sanson, der in seinem Tagebuche höchst interessante Nachrichten darüber hinterlassen hat.   »Das Opfer ist gebracht! ... Ich bin diesen Morgen um acht Uhr aufgebrochen, nachdem ich vorher meine arme Frau, die mich nicht wiederzusehen fürchtete, und meinen Sohn umarmt hatte; ich habe mich mit meinen beiden Brüdern Charlemagne und Louis Martin in einen Fiaker gesetzt. Die Volkshaufen waren in den Straßen so groß, daß nicht mehr viel an neun Uhr fehlte, als wir auf dem Revolutionsplatze anlangten. Gros und Barré, meine Gehilfen, hatten die Guillotine schon auf dem Schafott aufgestellt und alles aufs beste geordnet. Meine Brüder und ich waren gut bewaffnet. Wir hatten unter unseren Regenmänteln außer dem Degen kurze Dolchmesser, in unserem Gürtel vier Pistolen, eine Pulverbüchse und unsere Kugeltaschen. Wir hielten es gar wohl für möglich, daß man versuchen würde, den unglücklichen Fürsten zu befreien, und daß wir nur zu vieler Mittel bedürfen könnten, ihm einen Weg durch die Menge zu bahnen. Als ich auf dem Revolutionsplatze ankam, suchte ich sofort mit den Augen meinen Sohn und bemerkte ihn auf wenige Schritte Entfernung von mir mit seinem Bataillon. Er betrachtete mich mit einem verständlichen Blick und schien mich ermutigen zu wollen, indem er mir mit der Hoffnung schmeichelte, daß ich diesmal nicht würde den Becher bis zur Hefe austrinken müssen. Ich horchte aufmerksam nach jener Gegend hin, woher der König kommen mußte; nichts entging meiner sorgfältigen Beachtung. Aber vergebens glaubte ich dann und wann in der Ferne ein Geräusch zu vernehmen, welches das Anzeichen eines jener Befreiungsversuche sein konnte, die man mir gestern verkündet hatte. Ich will es gestehen, ich freute mich bei dem Gedanken, daß vielleicht in diesem Augenblicke der König seiner bewaffneten Bedeckung entrissen sei und unter dem Schutze vertrauter Freunde fliehe. Und wenn mich dann die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses für den Moment beunruhigte, stellte ich mir wieder im Geiste vor, wie das unbeständige und leicht bewegliche Volk, dessen Gefühle sich so schnell ändern, den zum Tode geführten Monarchen vielleicht unter seinen allmächtigen Schutz nehmen und aus der ihm angedrohten Hinrichtung eine Huldigung machen könnte! Während ich mich noch in solchen Träumen wiegte, während meine Seele sich Bilder aller Art vorführte, um nur nicht an die Wahrheit glauben zu müssen, da erwartete mich schon ein Erwachen, das nicht fürchterlicher hätte sein können! Von Zeit zu Zeit hefteten sich meine Augen ängstlich auf den Ausgang der Rue de Madeleine. Plötzlich sah ich ein Kavalleriekorps herangesprengt kommen und dahinter einen von zwei Pferden gezogenen Wagen, von einer doppelten Reihe Kavalleristen umgeben und von einer zweiten Abteilung derselben Waffengattung gefolgt. Da war kein Zweifel mehr, kein Traum mehr möglich, denn dort erschien der königliche Märtyrer. Es wurde mir schwarz vor den Augen, ein förmliches Zittern überfiel meine Glieder; ich warf einen schnellen Blick auf meinen Sohn und sah auch dessen Gesicht leichenblaß werden. Indessen kam der Wagen an. Der König saß hinten rechts, ihm zur Seite ein Priester, sein Beichtiger; auf dem Rücksitz befanden sich zwei Gendarmen. Der Wagen hielt, die Tür öffnete sich; zuerst stiegen die beiden Gendarmen aus, nach ihnen der verehrungswürdige Priester in einer Kleidung, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, und endlich der König, würdiger, ruhiger und majestätischer, als ich ihn nur je in Versailles und in den Tuilerien gesehen hatte. Als ich ihn sich der Treppe nähern sah, warf ich einen verzweiflungsvollen Blick um mich, überall bemerkte ich nur Soldaten. Das hinter diesen Waffenreihen stehende Volk schien vor Staunen erstarrt zu sein und beobachtete ein düsteres Stillschweigen. Übrigens würde das unaufhörliche Rasseln der Trommeln seine Stimme erstickt haben, wenn es auch einen Ruf des Mitleids hätte ertönen lassen wollen. Wo blieben nun alle jene zahlreichen Retter, die sich tags vorher gemeldet hatten? Charlemagne und ich waren erstarrt; Martin, jünger und entschlossener, trat vor, entblößte ehrfurchtsvoll sein Haupt und bemerkte dem Könige, daß man ihm laut Regel und Vorschrift seine Kleidung abnehmen müsse. »Das ist unnütz, man kann mit mir zu Ende kommen, wie ich da bin.« Mein Bruder bestand darauf und fügte hinzu, daß es ebenso unerläßlich sei wie das Binden seiner Hände. Diese letzte Mitteilung schien den König noch mehr zu empören und machte ihn bis zur Stirn erröten. »Ach was,« sagte er, »Ihr werdet es nicht wagen, die Hand an mich zu legen! Da nehmt, da ist mein Rock, aber rühret mich nicht an!« Indem er dies sagte, zog er selbst seinen Rock aus. Charlemagne kam Martin zur Hilfe. Obgleich es ihm schwer wurde, mit diesem erhabenen Opfer zu sprechen, welches ihn mit Blicken betrachtete, die tief in seinem Herzen zu lesen schienen, so sagte er, um nicht die wilden Banden, welche das Schafott umstanden, aufzureizen, zu dem Könige in kaltem Tone, während Tränen seinen Augen entquollen: »Das Binden der Hände, das mein Bruder verlangt, ist unbedingt notwendig. Die Hinrichtung ist ohne dieses unmöglich.« Endlich an meine Pflicht erinnert, flüsterte ich, da ich nicht mehr länger die ganze Verantwortung auf den Schultern meiner Brüder ruhen lassen konnte, in das Ohr des Priesters: »Herr Abbé, ersuchen Sie den König darum, ich bitte Sie inständigst. Während man ihm die Hände binden wird, gewinnen wir Zeit; es ist unmöglich, daß das Volk nicht einem solchen Schauspiele seiner besseren Überzeugung gemäß ein freudiges Ende machen sollte!« Der Abbé wendete sich mit einem traurigen Blicke, in dem sich gleichzeitig Verwunderung, Ungläubigkeit und Fassung aussprachen, zu mir um, neigte sich aber dann zu dem Könige und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme: »Sire, willigen Sie auch in dieses letzte Opfer, durch welches Sie sich im voraus der Belohnung Gottes versichern werden.« Sofort bot der König seine Arme zum Binden dar, während sein Beichtiger ihn das Bild Christi küssen ließ. Zwei meiner Gehilfen banden die Hände, die einst das Szepter geführt hatten. Mir war, als ob dies das Zeichen einer Gesinnungsänderung der Volksmassen werden müßte, welche nun zugunsten des königlichen Opfers ausbräche. Aber es ließ sich nichts vernehmen als das höllische Gerassel der Trommeln. Durch den würdigen Priester unterstützt, stieg der König langsam und majestätisch die Stufen zu dem Schafott hinauf. »Wollen denn die Trommler gar nicht aufhören?« fragte er Charlemagne. Dieser gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß er nichts darüber wisse. Auf der Plattform des Schafotts angekommen, trat der König auf die Seite, wo er die größten Volkshaufen sah, und gab durch eine Kopfbewegung den Trommlern ein befehlendes Zeichen des Schweigens. Diese hörten einen Augenblick auf, und nur wenige rührten noch die Schlägel. Trotz des immer noch vorhandenen Lärms sprach der König mit starker Stimme: »Franzosen, ihr seht euren König bereit, für euch zu sterben. Könnte doch mein Blut euer Glück besiegeln! Ich sterbe ohne Schuld an alledem, dessen man mich angeklagt ...« Er wollte noch weitersprechen, als Santerre, welcher sich an der Spitze seines Generalstabes befand, den Tambouren ein Zeichen gab, worauf deren Trommeln in verstärktem Maße wieder zu rasseln begannen, so daß kein Wort mehr würde verstanden worden sein. In einem Augenblick war der König auf das verhängnisvolle Brett gebunden, und als das Fallbeil herniederblitzte, konnte er noch die tiefe Stimme des frommen Priesters vernehmen, der ihn bis aufs Schafott begleitet hatte und jetzt folgende Worte sprach: »Sohn des heiligen Ludwig, steig auf zum Himmel!« So hat dieser unglückliche Fürst geendet, den tausend entschlossene Menschen in diesem letzten Augenblicke, wo schon, außer unter der bewaffneten Mannschaft, sich ein wahres Mitgefühl zu regen begann, hätten retten können. Das kleinste Zeichen hätte genügt, um eine Entscheidung zu seinen Gunsten herbeizuführen, denn als mein Gehilfe Gros das unter dem Guillotinenbeil gefallene Königshaupt den Umstehenden zeigte, stießen nur einige Rasende ein Triumphgeschrei aus, die Mehrzahl wendete sich ab, von tiefem Schauder und schmerzlicher Zerknirschung ergriffen.«   Der Bericht, den ich soeben gegeben habe, unterscheidet sich in vielem von anderen, z.B. von dem des Herrn de Lamartine in seiner Geschichte der Girondisten. Aber wie groß auch das Ansehen und die Glaubwürdigkeit eines so hervorragenden Schriftstellers ist, wird sie sich hier doch nicht mit der Genauigkeit eines Mannes messen können, der das Unglück gehabt hat, einen so tätigen Anteil an dem traurigen Drama nehmen zu müssen. Das königliche Blut, das der Konvent eben vergossen hatte, machte ihn noch mehr trunken. Der Kopf Ludwigs XVI. hatte einen weiten Abgrund geöffnet, in dessen Tiefe die Häupter derjenigen hinabrollten, die den König unter das Beil der Guillotine geschleppt hatten. Die Sühnemesse (Balzac.) Der Tod Ludwigs XVI. brachte eine gewaltige Erschütterung, eine vollständige Ideenverwandlung bei Charles Henri Sanson hervor. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, diesen seltsamen Charakter zum Verständnis zu bringen, der sich eben nur in der Umgebung, worin er sich gebildet, vorfinden konnte. Charles Henri Sanson war der würdige Enkel von Martha Dubut. Von der frühesten Jugend mit den Ideen und Grundsätzen seiner Großmutter genährt, glaubte er an die Rechtmäßigkeit seines Standes, an seine soziale Mission; er betrachtete sich als eine mit einem furchtbaren Amte bekleidete Magistratsperson, mit einem Amte, welches schwer auszuüben, aber in jeder zivilisierten Gesellschaft dennoch zur Aufrechthaltung der Gesetze und der Ordnung notwendig sei. Aus dieser Überzeugung schöpfte er Mut und Stärke, die grausamen Pflichten zu erfüllen, welche jedenfalls seiner natürlichen Empfindung widerstrebten. Da er vierzig Jahre lang nur genötigt war, das Schwert des Gesetzes auf die Köpfe schmachvoller Verbrecher fallen zu lassen, so hatte er sich in jenem Gedanken befestigt. Zuweilen hatte die Grausamkeit der Züchtigung, wie bei Damiens, diesen starken Glauben an seinen Beruf erschüttert; in anderen Augenblicken hatte der vornehme Rang der Opfer und die Teilnahme, die ihnen noch nach ihrer Verurteilung gezollt wurde, in der schrecklichen Stunde der Hinrichtung seine Hand zittern oder sein Herz erschauern lassen; denn er hatte sich gefragt, ob dies wohl ein Schuldiger oder ein Unschuldiger sei, den er treffen sollte. Aber das starre Amtsbewußtsein gewann die Oberhand und seine Bedenken und Zweifel verschwanden vor der Gewißheit, daß die Richter und nicht er, das blinde Werkzeug ihres Urteilspruchs, die Verantwortlichkeit über das vergossene Blut zu tragen hätten. Bei einer solchen Theorie, der man eine strenge Logik nicht wird abstreiten können, mußte er also den Widerwillen, der sich gegen seine Amtsverrichtungen wendete, als ein Vorurteil der schlimmsten Art betrachten, welches mit aller Würde und Kraft zu bekämpfen sei. Dies erklärt seine Verteidigungsrede vor dem Parlamente im Jahre 1766 und seine Gesuche bei der Nationalversammlung von 1789. Solcher Art war also bis zum Tode Ludwigs XVI. der unbeugsame Charakter meines Ahnherrn in allem, was er die Ehre seines Amtes nannte, gewesen: der Glaube an die Todesstrafe, die Achtung vor der Würde des Vollstreckers, Krieg bis aufs äußerste dem Vorurteil, welches diesen Beamten mit Schmach bedecken wollte. Das Blut, das der Konvent ihn zu vergießen verurteilte, fing an, ihm die Augen zu klären. Als er ein ganzes soziales Gebäude, welches er zu verehren gewohnt war, Stück für Stück zertrümmern sah, fragte er sich, was es auf der Erde Sicheres und Heiliges gäbe; ob es noch erlaubt sei, an das Schafott zu glauben, nachdem man den Thron hatte fallen sehen; ob in einer Gesellschaft, wo alles gefesselt wird, die Zerstörung der Königswürde nicht auch den Henker in Frage stelle und endlich, ob seine Mission noch die der Vorsehung und der göttlichen Ordnung sein könnte an dem Tage, wo sie darin bestand, den Gesalbten des Herrn zu enthaupten. Es war eine angstvolle Qual für den Geist Charles Henri Sansons, von der er in der schrecklichen Nacht vom 20. zum 21. Januar 1793 gefoltert wurde. Am 21. Januar 1793 erschien mein Großvater, der gewöhnlich so häuslich war, nur einige Augenblicke unter dem Dach seiner Familie. Nach der Hinrichtung empfing er die Umwarmungen seiner Frau und seines Sohnes zitternd, als wäre er dieser Liebkosungen nicht würdig; dann entzog er sich ihren Tröstungen und verschwand, um erst bei vorgerückter Nacht wieder nach Hause zu kommen. Meine Großmutter, welche nie, ohne ihn zu sehen, zu Bette gegangen wäre, wurde bereits von einer tötlichen Unruhe befallen, als Chesneau, der stets mehr als Freund und Vertrauter denn als Diener angesehen wurde, ihr einige tröstliche Worte sagte. »Fürchten Sie nichts, Madame,« sprach er, »ich glaube zu wissen wohin der Herr gegangen ist.« »Und wohin denn, mein Gott, an einem solchen Tage?« »Der Herr hat mir ein Geheimnis abgefragt, welches ich ihm nicht länger verhehlen mochte: die Adresse des ärmlichen Hauses, wo sich der alte Priester und die Nonnen versteckt halten, für die ich ihn um Hilfe gebeten hatte.« Charles Henri Sanson kehrte zwischen ein und zwei Uhr morgens zurück, immer noch düster, aber ruhiger, und aus einer angemessenen Zurückhaltung befragte man ihn nicht weiter. »Chesneau,« sagte er, »ich habe deine Schützlinge gesehen; der Winter ist rauh; man muß ihnen morgen früh Holz und einige Lebensmittel bringen und diese Gabe nach einigen Tagen erneuern.« Nach diesen wenigen Worten zog sich mein Großvater mit der Überzeugung zurück, daß seine Wünsche erfüllt würden. Am nächsten Morgen erzählte er meiner Großmutter, daß er sich in der Tat nach La Villette begeben habe, in eine ärmliche Behausung, welche einem unbeeidigten Priester, der dem Gemetzel bei den Karmelitern entronnen war und zwei aus ihren Klöstern vertriebenen Nonnen als Zufluchtsort diente; daß er von der Barmherzigkeit des Priesters eine Messe bewilligt erhalten hatte, weniger der Seelenruhe des Königs wegen, dem sein Märtyrertod ohne Zweifel die Tore des Paradieses geöffnet, als um des Friedens seines eigenen, unter der Last seines Amtes erschütterten Gewissens willen. Das Geheimnis dieser Sühnemesse wurde während der Lebenszeit meines Großvaters getreulich bewahrt; nach seinem Tode aber meinten meine Großmutter und mein Vater, daß dieser Zug seinem Gedächtnisse Ehre machte, und konnten nicht umhin, denselben einigen Freunden mitzuteilen. Die Sache kam auch zur Kenntnis eines berühmten Schriftstellers, Balzac, welcher dieselbe bestätigt zu hören und die Einzelheiten aus dem Munde meines Vaters selber kennen zu lernen wünschte. Der letztere genügte seinem Wunsche und ihre Unterhaltung lieferte den Stoff zu einer Erzählung, die in der Einleitung zu den in der Restauration veröffentlichten unechten Memoiren benutzt worden ist: Gegen Ende des Monats Januar 1793 kam eine alte Dame in Paris den Abhang hinunter, welcher vor der Kirche Saint-Laurent in der Vorstadt Saint-Martin endigt. Es mochte ungefähr acht Uhr abends sein. Es hatte den ganzen Morgen so geschneit, daß die Schritte kaum auf dem Pflaster zu hören waren. Überdies war es kalt. Die Straßen waren verödet und die natürliche Furcht, welche diese Stille einflößte, wurde noch durch den Schrecken vergrößert, der zu jener Zeit auf Frankreich lastete. Die alte Dame war noch niemandem begegnet. Auch war ihr geschwächtes Auge nicht fähig, in der Ferne beim Schein der Laterne einige Vorübergehende zu bemerken, die auf der unendlich langen Straße, dieser Vorstadt wie dünn gesäte Schatten erschienen. Mutig ging sie allein durch diese Öde, als böte ihr Alter ihr einen Talisman gegen jedes Unglück. Als sie die Straße der Toten passiert hatte, glaubte sie den schweren und festen Schritt eines Mannes hinter sich zu hören. Dann bildete sie sich ein, sie vernähme dieses Geräusch nicht zum erstenmal. Sie erschrak bei dem Gedanken, daß man ihr gefolgt sei und versuchte schneller zu gehen, um einen hell erleuchteten Laden zu erreichen, in der Hoffnung, beim Scheine dieses willkommenen Lichtes ihren Verdacht als unbegründet zu erkennen. Sobald sie in dem wagerechten Lichtschimmer war, welcher die Straße erhellte, wendete sie schnell den Kopf und erblickte einen Mann, dessen Gestalt sich in dem Nebel nicht deutlich zeichnete. Diese unbestimmte Erscheinung genügte. Einen Augenblick schwankte sie unter dem Eindruck des Schreckens; denn sie zweifelte jetzt nicht länger, daß sie von diesem Unbekannten seit dem Augenblick verfolgt würde, da sie ihr Haus verlassen hatte. Der Wunsch, diesem stummen Verfolger zu entschlüpfen, verlieh ihr Kraft und unwillkürlich verdoppelte sie ihre Schritte, ohne zu bedenken, daß sie einem Manne, der ihr an Behendigkeit überlegen war, nicht entrinnen konnte. Nachdem sie einige Minuten gelaufen war, gelangte sie zu dem Laden eines Pastetenbäckers, trat ein und setzte sich oder sank vielmehr auf einen Stuhl, der vor dem Ladentisch stand. In dem Augenblick, als sie die Klinke der Tür berührte, blickte eine junge Frau von ihrer Stickerei auf. Als sie durch die Fensterscheiben den Mantel von antikem Schnitt und violette Seide erblickte, in den die alte Dame gehüllt war, öffnete sie schnell ein Schubfach, als wolle sie etwas herausnehmen und es ihr zustecken. Die Gebärden und die Miene der jungen Frau drückten sogar den Wunsch aus, sich schnell der Unbekannten wie einer Person, mit der man nicht gern zu tun hat, zu entledigen. Als sie das Schubfach leer fand, entschlüpfte ihr ein Wort der Ungeduld. Ohne die Dame anzublicken, verließ sie schnell den Ladentisch, ging nach dem hinteren Teil des Ladens und rief ihren Mann, der sogleich erschien. »Wohin hast du es denn gelegt?« fragte sie mit geheimnisvoller Miene, indem sie mit dem Auge nach der alten Dame blinzelte. Sie vollendete ihre Rede nicht; denn kaum hatte der Pastetenbäcker nur den großen schwarzen Seidenhut mit violetten Bandstreifen, den die Unbekannte trug, erblickt, so verschwand er sogleich, nachdem er seiner Frau einen Blick zugeworfen, welcher zu sagen schien: »Glaubst du denn, daß ich dies in deinem Ladentisch lassen würde?« Erstaunt über das Stillschweigen und die Unbeweglichkeit der alten Dame trat die Kaufmannsfrau zu ihr heran und konnte sich bei ihrem genaueren Anblick nicht einer Regung des Mitleids oder vielmehr der Neugierde erwehren. Obgleich die Gesichtsfarbe dieser Frau von Natur bleich war wie die einer Person, welche sich geheimen Bußübungen unterworfen hat, so war doch leicht zu bemerken, daß eine kürzliche Aufregung diese außerordentliche Blässe noch gesteigert hatte. Ihr Kopfputz war der Art geordnet, daß man ihr wahrscheinlich vor Alter gebleichtes Haar nicht sehen konnte; die Sauberkeit ihres Kragens ließ schließen, daß sie sich des Puders nicht bediente. Der Mangel jedes Zierrats verlieh ihrem Gesicht eine Art religiöser Strenge. Ihre Züge waren ernst und stolz. Früher waren die Manieren und Gewohnheiten der Leute von Stande so ganz verschieden von denen der übrigen Klassen, daß man leicht eine adlige Person erkennen konnte. Die junge Frau wurde auch unwillkürlich überzeugt, daß die Unbekannte eine ehemalige Adlige sei und früher am Hofe gelebt habe. »Madame« begann sie unwillkürlich und ehrfurchtsvoll, indem sie vergaß, daß dieser Titel geächtet war. Die alte Dame antwortete aber nicht. Sie hielt ihre Blicke auf die Scheiben des Ladens geheftet, als ob sich ein fürchterlicher Gegenstand dort abgezeichnet hätte. »Was fehlt dir denn, Bürgerin?« fragte der Hausherr, der jetzt erschien und die Dame aus ihrem Nachdenken weckte, indem er ihr ein mit blauem Papier bedecktes Pappkästchen hinhielt. »Nichts, nichts, meine Freunde,« antwortete sie in sanftem Tone. Sie erhob ihr Auge auf den Pastetenbäcker, als wollte sie ihm einen Blick des Dankes spenden. Als sie aber eine rote Mütze auf seinem Haupte sah, stieß sie einen Schrei aus. »Sie haben mich verraten!« Die junge Frau und ihr Mann antworteten mit einer abwehrenden Gebärde, worüber die Unbekannte, sei es aus Scham über ihren falschen Argwohn, sei es aus Freude, errötete. »Entschuldigen Sie mich!« fuhr sie mit kindlich sanfter Stimme fort. Dann zog sie einen Louisdor aus ihrer Tasche und bot ihn dem Pastetenbäcker. »Das ist der Preis, den wir abgemacht hatten«, fügte sie hinzu. Es gibt eine Dürftigkeit, welche die Dürftigen erraten. Der Pastetenbäcker und seine Frau blickten einander an und deuteten auf die alte Frau, als wollten sie sich einen und denselben Gedanken mitteilen. Dieser Louisdor mußte ihr letzter sein. Ihre Hände zitterten, als sie ihn darbot; sie betrachtete ihn mit Schmerz, aber ohne Geiz; sie schien den ganzen Wert des Opfers zu erwägen. Fasten und Elend waren ebenso leserlich wie Furcht und Bußübungen in den Zügen ihres Gesichts ausgeprägt. Ihre Kleidung waren die Überreste ehemaliger Pracht. Es war abgenutzte Seide; ein altmodischer reinlicher Mantel, sorgfältig geflickter Spitzenbesatz, die Lumpen der Pracht. Die Bürgersleute, schwankend zwischen Mitleid und Eigennutz, suchten zuerst ihr Gewissen durch Worte zu erleichtern. »Aber Bürgerin, du scheinst mir sehr schwach.« »Will Madame irgend etwas zu sich nehmen?« fragte die Frau, indem sie ihrem Manne ins Wort fiel. »Wir haben sehr gute Fleischbrühe«, sagte der Pastetenbäcker. »Es ist kalt und Madame wird unterwegs sehr gefroren haben; Sie können sich aber hier ein wenig ruhen und wärmen.« »Wir sind nicht so schlimm wie wir aussehen!« rief der Pastetenbäcker. Durch den Ton des Wohlwollens, der in den Worten des mitleidigen Pastetenbäckers lag, gewonnen, gestand die Dame, daß ihr ein Mann gefolgt sei und sie sich fürchte, allein nach Hause zurückzukehren. »Ist es weiter nichts?« fragte der Mann mit der roten Mütze. »Warten Sie, Bürgerin!« Er reichte den Louisdor seiner Frau, und indem er jene Art Erkenntlichkeit fühlte, welche einen Kaufmann beseelt, wenn er für mittelmäßige Ware einen außerordentlichen Preis empfängt, warf er sich in seine Nationalgarde-Uniform, nahm seinen Hut, spannte den Hahn und schulterte das Gewehr. Seine Frau hatte jedoch inzwischen Zeit zum Nachdenken gehabt und darüber war, wie bei vielen Menschen, ihr Wohlwollen geschwunden. Unruhig und befürchtend, ihr Mann könne sich in böse Händel einlassen, suchte sie ihn am Rockschoße zurückzuhalten; der Pastetenbäcker folgte jedoch seinem Gefühl des Mitleids und bot sich der alten Dame zur Begleitung an. »Der Mann, welchen die Bürgerin fürchtet, scheint noch vor dem Laden umherzuschleichen«, sagte die Frau hastig. »Ich fürchte es«, antwortete die Dame unbefangen. »Wenn es ein Spion wäre! wenn es ein Verschwörer wäre! Gehe nicht mit und nimm ihr die Schachtel wieder fort!« Diese Worte, welche die Frau dem Pastetenbäcker ins Ohr flüsterte, benahmen ihm mit einem Male seinen früheren Mut. »Aber ich will ihm zwei Worte sagen, um ihn auf der Stelle loszuwerden!« rief der Pastetenbäcker, indem er die Tür öffnete und hinausstürzte. Die alte Dame setzte sich wie ein geduldiges Kind wieder auf ihren Stuhl. Bald erschien der ehrliche Kaufmann wieder; sein Gesicht, welches von Natur gerötet und noch überdies von dem Feuer des Backofens erhitzt gewesen war, erschien plötzlich bleich und fahl, seine Beine bebten vor Schreck und seine Augen sahen gläsern wie die eines Trunkenen aus. »Willst du, daß man uns den Hals abschneide, Aristokratin?« rief er mit vor Wut erstickter Stimme. »Mach, daß du fortkommst, laß dich niemals wieder hier sehen und rechne nicht darauf, daß ich dir die Mittel zu einer Verschwörung in die Hände spielen werde!« Bei diesen Worten suchte der Pastetenbäcker der alten Dame die Schachtel, die sie in eine ihrer Taschen gesteckt, wieder zu entreißen. Kaum aber hatte der Pastetenbäcker die Kleidung mit dreister Hand berührt, als die Unbekannte es vorzog, sich schutzlos der Gefahr draußen zu übergeben, als die eingekaufte Ware wieder zu verlieren; mit jugendlicher Schnelligkeit nach der Tür stürzend öffnete sie dieselbe und entschwand den Augen der Frau und des erstaunten und zitternden Gatten. Kaum sah sich die Unbekannte im Freien, als sie so schnell wie möglich lief; aber bald fühlte sie sich von ihren Kräften verlassen. In der Tat hörte sie den Schnee unter dem schweren Schritt des Mannes, der ihr unbarmherzig folgte, knistern. War sie genötigt, still zu stehen, so hielt auch er an. Sie wagte es weder, mit ihm zu sprechen noch ihn anzublicken, entweder infolge der Furcht oder aus Mangel an Überlegung. Sie setzte nun ihren Weg mit langsamem Schritte fort und er verzögerte gleichfalls seine Geschwindigkeit, so daß er nur in der nötigen Entfernung blieb, um sie zu überwachen. Er schien der Schatten der alten Frau zu sein: es schlug neun Uhr, als dieses schweigende Paar wieder an der Ecke Saint Laurent vorüberkam. In der Natur der menschlichen Seele, selbst der schwächsten, liegt es, daß einer heftigen Aufregung immer das Gefühl der Ruhe folgt; daraus erklärt sich vielleicht, daß die Unbekannte, als sie von ihrem mutmaßlichen Verfolger kein Leid erfuhr, sich einbildete, es sei ein geheimer Freund, der sie zu schützen beabsichtige. Sie suchte alle Umstände, welche mit der Erscheinung des Fremden verbunden waren, dieser tröstenden Meinung anzupassen, und so gelangte sie dazu, eher eine gute als eine böse Absicht in ihm zu vermuten. Indem sie den Schrecken vergaß, den er dem Pastetenbäcker eingeflößt hatte, ging sie festeren Schrittes der oberen Gegend des Faubourg Saint Martin zu. Nachdem sie eine halbe Stunde gegangen war, gelangte sie an ein Haus, welches an dem Vorsprunge lag, der durch die Hauptstraße des Faubourg und durch die nach der Barrière Pantin führenden Straße gebildet wird. Dieser Ort war einer der ödesten in ganz Paris. Der Wind, der über die Hügel Saint Chaumont und Belleville wehte, strich zwischen den Häusern oder vielmehr den Hütten in diesem fast unbewohnten Teile hindurch. Nichts konnte die Öde besser darstellen, als dieser Ort, der die natürliche Zufluchtsstätte des Elends und der Verzweiflung zu sein schien. Der Mann, der sich an die Fersen des armen Geschöpfes heftete, das kühn genug war, diese schweigenden Straßen bei Nachtzeit zu durchschreiten, schien von dem Schauspiel, welches sich seinen Blicken darbot, betroffen. Er blieb gedankenvoll und schwankend stehen. Er wurde von dem Schein eine Straßenlaterne, der den Nebel kaum durchdrang, schwach beleuchtet; aber die Furcht schärfte das Auge der alten Frau und als sie einen düsteren Zug an dem Unbekannten wahrnahm, fühlte sie alle Furcht wieder erwachen. Die Unentschlossenheit, in welcher der Mann stehen blieb, benutzend, eilte sie in dem Schatten der Tür des einsamen Hauses zu, drückte an die Klinke und schlüpfte mit wunderbarer Geschwindigkeit hinein. Der Mann blieb unbeweglich stehen und betrachtete dieses Haus. Es glich einigermaßen den übrigen Wohnungen, welche den Vorstädten von Paris ein so klägliches Aussehen geben. Diese schwankende Hütte war aus Bruchsteinen erbaut und mit einer Lage gelblichen Gipses überzogen, dabei aber so baufällig, als ob der geringste Windstoß es über den Haufen werfen könnte. Das braune und mit Moos bedeckte Ziegeldach senkte sich an mehreren Stellen derart, daß man hätte glauben sollen, es würde dem Druck des Schnees erliegen. Jedes Stockwerk hatte drei Fenster, deren Läden, von Feuchtigkeit und den Einwirkungen der Sonne verfault, kundgaben, daß die Kälte in die Zimmer eindrang. Dieses verlassene Haus glich einem alten, von der Zeit nicht völlig zerstörten Turme. Ein schwaches Licht schien durch die drei unregelmäßig angebrachten Dachfenster im obersten Stockwerk und der übrige Teil des Hauses befand sich in völliger Dunkelheit. Die alte Frau stieg nicht ohne Mühe die steile und plumpe Treppe hinauf, an welcher ein Seil an Stelle des Geländers diente. Sie klopfte geheimnisvoll an die Tür der Wohnung im Dache und setzte sich hastig auf einen Stuhl, den ihr ein Greis darbot. »Verbergen Sie sich! Verbergen Sie sich!« sagte sie zu ihm; »denn obgleich wir nur selten ausgehen, sind unsere Schritte bekannt und ausspioniert.« »Was gibt es denn?« fragte eine andere alte Frau, die am Feuer saß. »Der Mann, der schon seit einigen Tagen das Haus umschleicht, ist mir heute abend gefolgt.« Bei diesen Worten blickten sich die drei Bewohner der Dachstube an und in ihren Zügen zeichnete sich der höchste Schrecken. Der Greis war am heftigsten erregt, vielleicht weil er am meisten in Gefahr war. Wenn man sich unter der Last eines großen Unglücks und unter dem Joche der Verfolgung befindet, so beginnt ein mutiger Mann damit, daß er sich gleichsam als Opfer seiner selbst betrachtet und seine Tage als ebenso viele über das Schicksal gewonnene Siege zählt. Aus den Blicken, welche die beiden Frauen auf den Greis hefteten, konnte man leicht erraten, daß er den einzigen Gegenstand ihrer lebhaften Besorgnis ausmachte. »Weshalb sollten wir an Gott verzweifeln, meine Schwestern?« sagte er mit dumpfer aber klangvoller Stimme. »Wir sangen sein Lob mitten unter dem Geschrei, welches die Mörder und die Sterbenden im Kloster der Karmeliter ausstießen. Wenn er wollte, daß ich aus dieser Schlächterei gerettet wurde, so geschah es ohne Zweifel, weil er mich einer Bestimmung vorbehielt, die ich ohne Murren hinnehmen muß. Der Herr beschützt seine Priester Und kann über sie nach seinem Willen verfügen. Ihr müßt euch mit euch selber und nicht mit mir beschäftigen.« »Nein«, sagten die beiden alten Frauen. »Sobald ich mich außerhalb der Abtei de Chelles sah, betrachtete ich mich als gestorben!« rief diejenige von den beiden Nonnen, welche in der Ecke am Kamin saß. »Hier sind die Hostien,« sprach die Angekommene, indem sie dem Priester das Schächtelchen reichte; »aber,« rief sie plötzlich, »ich höre jemand die Treppe heraufkommen!« Bei diesen Worten lauschten alle drei. Das Geräusch hörte auf. »Erschrecket nicht,« sagte der Priester, »wenn jemand versucht, zu uns zu gelangen. Eine Person, auf deren Treue wir zählen können, hat sicherlich die geeigneten Maßregeln getroffen, um die Grenze zu überschreiten, und wird die Briefe abholen, die ich an den Herzog von Lorges und an den Marquis von Bethune geschrieben habe, damit dieselben euch diesem schrecklichen Lande und dem Tode oder dem Elend entreißen.« »Und Ihr werdet uns nicht folgen?« riefen die beiden Nonnen im Tone der Verzweiflung. »Meine Stelle ist da, wo es Opfer gibt!« antwortete der Priester mit der größten Ruhe. Sie schwiegen und betrachteten ihren Wirt in stummer Verwunderung. »Schwester Martha,« sagte er, indem er sich an die Nonne wendete, welche die Hostien geholt hatte, »dieser Bote wird antworten: Fiat voluntas! auf das Wort: Hosanna!« »Es ist jemand auf der Treppe!« rief die andere Nonne, indem sie ein Versteck öffnete, das geschickt unter dem Dache angebracht war. Dieses Mal ließ sich bei der tiefen Stille deutlich der Schritt eines Mannes auf den Treppenstufen vernehmen. Der Priester barg sich mit Mühe in einer Art von Schrank und die Nonne warf einige Lumpen über ihn. »Ihr könnt schließen, Schwester Agathe!« sagte er mit erstickter Stimme. Kaum war der Priester verborgen, als drei Schläge an die Tür die beiden frommen Schwestern erbeben machten; ohne ein Wort zu sprechen, befragten sie sich mit den Blicken. Sie schienen beide etwa sechzig Jahre alt zu sein; seit vierzig Jahren von der Welt getrennt, glichen sie den Pflanzen, welche, an die Treibhausluft gewöhnt, sterben, wenn man sie daraus entfernt. An das Leben des Klosters gewöhnt, konnten sie ein anderes nicht begreifen. Eines morgens waren ihre Gitter zerbrochen worden und sie erbebten, als sie sich frei fanden. Man kann sich leicht vorstellen, welchen betäubenden Eindruck die Ereignisse der Revolution auf ihre unschuldigen Gemüter ausgeübt hatte. Da sie nicht imstande waren, ihre klösterlichen Begriffe mit den Beschwerlichkeiten des Lebens in Einklang zu setzen und sogar ihre Lage nicht verstanden, so glichen sie Kindern, für die man bis dahin Sorge getragen hatte und die, plötzlich von ihrer mütterlichen Vorsehung verlassen, beteten anstatt zu schreien. Auch vor der Gefahr, die sie in diesem Augenblick vorhersahen, blieben sie stumm und leidend, denn sie kannten keine andere Verteidigung als die christliche Ergebung. Der Mann, welcher Eintritt verlangte, deutete dieses Schweigen in seiner Weise: er öffnete die Tür und zeigte sich plötzlich. Die beiden Nonnen zitterten, als sie in ihm dieselbe Person erkannten, welche seit fünf oder sechs Tagen um das Haus schlich und sich über sie zu unterrichten schien. Unbeweglich betrachteten sie ihn mit sorgenvoller Neugierde, wie wilde Kinder schweigend die Fremden betrachten. Dieser Mann war von mittlerem Wuchs und ein wenig beleibt, aber nichts in seiner Haltung, in seiner Miene und in seinen Gesichtszügen deutete auf einen bösen Menschen. Er ahmte die Unbeweglichkeit der Nonnen nach und ließ seinen Blick langsam in dem Zimmer umherschweifen. Zwei Strohmatten, die auf Brettern lagen, schienen den beiden Nonnen als Bett zu dienen. Ein einzelner Tisch stand in der Mitte des Zimmers. Darauf befand sich ein kostbarer Leuchter, einige Teller, drei Messer und ein rundes Brot. Im Kamin brannte ein sehr bescheidenes Feuer und einige in einem Winkel aufgehäufte Holzstücke zeugten von der Armut der beiden Klausnerinnen. Die mit einem sehr alten Anstrich betünchten Mauern befanden sich in demselben schlechten Zustande wie das Dach; denn Flecke, braunen Leisten ähnlich, zeigten an, daß der Regen durchgedrungen war; eine wahrscheinlich bei der Plünderung der Abtei von Chelles gerettete Reliquie lag auf dem Kaminmantel. Drei Stühle, zwei Kisten und eine schlechte Kommode vollendeten die Geräte dieses Zimmers. Eine neben dem Kamin angebrachte Tür ließ mutmaßen, daß noch ein zweites Zimmer vorhanden sei. Die Person, die sich unter so trüben Anzeichen mitten in diese Haushaltung eingeführt hatte, überblickte in zwei Sekunden das Inventarium dieser Zelle. Ein Zug des Mitgefühls drückte sich in seinem Antlitz aus und er warf einen Blick des Wohlwollens auf die beiden Frauen. Er schien wenigstens ebenso verwirrt wie sie, und die seltene Stille, in welcher alle verharrten, währte ungefähr eine Minute. Endlich erriet er die Schwäche und Unerfahrenheit der beiden armen Geschöpfe und versuchte eine sanfte Stimme anzunehmen, indem er sprach: »Ich komme hier nicht als Feind, Bürgerinnen ...« hier hielt er inne und verbesserte dann: »meine Schwestern. Wenn euch ein Unglück zustieße, so glaubet mir, daß ich es nicht veranlaßt habe. Ich komme, um euch um eine Gunst zu bitten ...« Sie schwiegen noch immer. »Wenn ich euch lästig fiel, wenn ... ich euch störte, so saget es frei heraus! Ich werde mich zurückziehen; aber ihr könnt glauben, daß ich euch ganz ergeben bin ... daß, wenn ich euch einen guten Dienst leisten kann, ihr ohne Furcht auf mich zählen möget ...« Es lag ein aufrichtiger Ausdruck in diesen Worten. Die Schwester Agathe, diejenige von den beiden Nonnen, welche dem Hause von Béthune angehörte und deren Manieren verrieten, daß sie ehemals den Glanz der Feste gekannt und die Hofluft geatmet hatte, deutete daher auf einen Stuhl, als wollte sie ihn zum Sitzen nötigen. Als der Unbekannte diese Gebärde wahrnahm, zeigte er einen Ausdruck von trübseliger Freude, wartete aber, ehe er Platz nahm, bis die beiden ehemaligen Klosterschwestern sich gesetzt hatten. »Ihr habt«, fuhr er fort, »einen ehrwürdigen, unbeeidigten Priester bei euch aufgenommen, der wunderbarerweise dem Gemetzel bei den Karmelitern entronnen ist ...« »Hosanna!« sagte die Schwester Agathe, indem sie dem Fremden ins Wort fiel und ihn erwartungsvoll anblickte, »So heißt er nicht, glaube ich,« antwortete er. »Aber, mein Herr,« sprach Schwester Martha hastig, »wir haben hier keinen Priester und ...« »Dann wäre mehr Vorsicht und Sorgfalt nötig ...« entgegnete der Fremde in sanftem Tone, indem er den Arm nach dem Tisch ausstreckte und ein Brevier in die Hand nahm. »Ich glaube nicht, daß ihr Lateinisch versteht und ...« Er fuhr in seiner Rede nicht fort, denn die außerordentliche Aufregung, welche sich in den Zügen der beiden armen Nonnen ausdrückte, ließ ihn befürchten, daß er zu weit gegangen sei. Sie bebten und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. »Fasset Mut,« sprach der Unbekannte in freimütigem Tone, »der Name eures Gastes und auch die eurigen sind mir bekannt. Seit fünf Tagen weiß ich von eurer traurigen Lage und eurer Aufopferung für den ehrwürdigen Abbé von ...« »Still!« rief Schwester Agathe besorgt, indem sie einen Finger auf ihre Lippen legte. »Ihr sehet, meine Schwestern, daß, wenn ich die schreckliche Absicht hätte, euch zu verraten, ich dieselbe schon ausgeführt haben könnte.« Als der Priester diese Worte vernahm, verließ er sein Gefängnis und erschien in der Mitte des Zimmers. »Ich kann nicht glauben, mein Herr,« sagte er zu dem Unbekannten, »daß Sie einer von unsern Verfolgern sind, und ich will Ihnen vertrauen ... Was wollen Sie von mir?« Das heilige Vertrauen des Priesters, der Edelmut, der in allen seinen Zügen lag, hätte sogar die Mörder entwaffnet. Die geheimnisvolle Person, welche diesen Auftritt der Angst und Hingebung hervorgerufen hatte, betrachtete einen Augenblick diese drei Wesen; dann nahm der Fremde einen zutraulichen Ton an und wendete sich an den Priester mit den Worten: »Mein Vater, ich kam, um Euch zu bitten, ein Totenamt zu halten für die Seelenruhe ... eines ... einer Person, deren Körper niemals in heiliger Erde ruhen wird ...« Der Priester erbebte unwillkürlich; die beiden Nonnen verstanden noch nicht, wovon der Unbekannte sprechen wollte, und blieben mit vorgestrecktem Halse, das Gesicht auf die beiden Redenden gerichtet, in einer Haltung neugieriger Erwartung. Der Geistliche betrachtete forschend den Fremden. Die Angst war deutlich in seinen Mienen und seinem flehenden Blicke zu lesen. »Nun wohl,« antwortete der Priester, »kommen Sie heute um Mitternacht wieder und ich werde bereit sein, das einzige heilige Amt zu vollziehen, welches der Sühne eines Verbrechens förderlich sein kann ...« Der Unbekannte zitterte, aber das Gefühl einer sanften und ernsten Befriedigung schien über einen geheimen Schmerz den Sieg davonzutragen. Nachdem er den Priester und die beiden frommen Schwestern ehrfurchtsvoll gegrüßt hatte, verschwand er mit einem stummen Dankesblick, der von den drei großmütigen Seelen verstanden wurde. Ungefähr zwei Stunden nach diesem Auftritt kehrte der Unbekannte zurück; nachdem er leise an die Tür der Dachstube geklopft hatte, führte ihn Fräulein von Charost herein. Sie leitete ihn in das zweite Gemach dieser bescheidenen Wohnung, wo alles für die heilige Zeremonie schon vorbereitet war. Zwischen die beiden Ofenröhren hatten die Nonnen die alte wurmstichige Kommode gestellt, deren altertümliche Formen von einer grünseidenen Altardecke verhüllt waren. Ein großes Kruzifix von Ebenholz und Elfenbein ließ die gelbe Mauer, woran es befestigt war, in ihrer ganzen Nacktheit erscheinen und fesselte notwendigerweise die Blicke. Vier ärmliche Kerzchen, welche die beiden Schwestern mit gelbem Wachs auf den improvisierten Altar festgeklebt hatten, verbreiteten ein fahles, von der Mauer spärlich zurückgestrahltes Licht. Dieses schwache Licht erhellte kaum den übrigen Teil des Zimmers; da es aber nur heiligen Dingen seinen Glanz lieh, so glich es einem vom Himmel auf diesen schmucklosen Altar gefallenen Strahl. Das Fenster war feucht. Das Dach, welches, wie gewöhnlich in den Dachwohnungen, sich von beiden Seiten schräg herabsenkte, zeigte einige Spalten, durch die ein eisiger Wind hereinwehte. Nichts konnte weniger prächtig, aber auch nichts feierlicher sein, als diese traurige Zeremonie. Ein tiefes Stillschweigen, wobei man das leiseste Geräusch auf der Straße hätte hören können, verbreitete eine düstere Majestät über diese nächtliche Szene; und die ganze Verhandlung stand in so strengem Gegensatz mit der Armut der Umgebung, daß das Gemüt sich von religiösem Schauer befallen fühlte. Zu beiden Seiten des Altars knieten die beiden Klausnerinnen auf den achteckigen Ziegelsteinen des Fußbodens; ohne sich um die schädliche Feuchtigkeit zu kümmern, beteten sie, während der mit seinem Ornate bekleidete Priester einen goldenen, mit Edelsteinen geschmückten Kelch, wahrscheinlich ein aus der Plünderung der Abtei von Chelles gerettetes heiliges Gefäß, hinstellte. Neben diesem Ziborium, dem Denkmal königlicher Pracht, standen in zwei schlechten Gläsern das Wasser und der Wein, welche zu dem heiligen Amte bestimmt waren. In Ermangelung eines Betpultes hatte der Priester sein Brevier auf eine Ecke des Altars gelegt, eine gemeinschaftliche Schüssel war zum Waschen der unschuldigen, vom Blute reinen Hände bestimmt. Alles war großartig, aber klein; ärmlich aber würdig; profan und zu gleicher Zeit heilig. Der Unbekannte kniete andachtsvoll zwischen den beiden Nonnen nieder. Als er aber plötzlich den Kelch und das Kruzifix mit Krepp verhüllt sah, denn da man den Zweck dieser Totenmesse nicht anders ausdrücken konnte, hatte man das Sinnbild Gottes selbst in Trauer gehüllt, da wurde er von so quälender Erinnerung ergriffen, daß Schweißtropfen von seiner breiten Stirn herabrieselten. Die vier schweigend handelnden Personen dieses Auftritts sahen sich geheimnisvoll an; dann tauschten ihre Seelen unwillkürlich ihre Empfindungen aus, indem sie sich zu religiösem Gefühl vereinigten. Es schien, als rief ihr Gedanke den Märtyrer zurück, dessen Überreste von ungelöschtem Kalke verzehrt waren; als stünde sein Schatten in voller Majestät vor ihren Augen. Sie feierten ein Obit , ohne den Körper des Verstorbenen. Unter diesen Ziegeln und diesen lückenhaften Latten verwendeten sich vier christliche Herzen bei Gott für einen König von Frankreich und beteten ohne Leichenzug, ohne Sarg. Es war die reinste Hingebung, eine Handlung aufopfernder Treue ohne alle Nebengedanken. Die ganze Monarchie war in dem Gebete eines Priesters und zweier armen Jungfrauen vertreten; vielleicht war auch die Revolution dargestellt durch diesen Mann, dessen Antlitz zu herbe Gewissensbisse verriet, als daß man nicht an die bitterste Reue hätte glauben sollen. Anstatt der lateinischen Worte: Introibo ad altare Dei etc. betrachtete der Priester die drei anderen Personen, welche das christliche Frankreich vorstellten, und sprach zu ihnen: »Wir treten in das Heiligtum Gottes! ...« Bei diesen mit feierlicher Salbung gesprochenen Worten wurden die beiden Nonnen und der Fremde von heiligem Schauer ergriffen. Unter den Wölbungen von Sankt Peter zu Rom konnte sich Gott nicht in größerer Majestät zeigen, als jetzt in diesem Asyl des Elends vor den Augen dieser Christen; so wahr ist es, daß zwischen ihm und dem Menschen jede Vermittlung unnütz ist und daß seine Größe in ihm selber liegt. Die Inbrunst, welche der Unbekannte fühlte, war aufrichtig. Die Gebete dieser vier Diener Gottes und des Königs wurden aus übereinstimmenden Herzen gesprochen. Die heiligen Worte ertönten wie himmlische Musik inmitten der Stille. Es kam ein Augenblick, wo die Tränen den Unbekannten überwältigten. Dies war beim Pater noster. Der Priester fügte folgendes lateinische Gebet hinzu, welches ohne Zweifel von dem Fremden verstanden wurde: »Et remitte scelus regicidis sicut Ludovicus eis remisit semet ipse«. »Und verzeihe den Königsmördern, wie Ludwig XVI. ihnen selber verziehen hat.« Die beiden Nonnen bemerkten, daß zwei große Tränen die männlichen Wangen des Unbekannten hinabrollten und auf den Boden fielen. Die Totenmesse wurde gelesen. Das Domino salvum fac regem (Gott segne den König), mit leiser Stimme gesungen, rührte diese treuen Royalisten. Sie dachten daran, daß das königliche Kind, für welches sie in diesem Augenblick den Allerhöchsten baten, gefangen in den Händen seiner Feinde sei. Nachdem der Trauergottesdienst beendigt war, gab der Priester den beiden Nonnen ein Zeichen, worauf sich dieselben zurückzogen. Als er sich mit dem Unbekannten allein sah, trat er mit sanfter und trauriger Miene zu ihm und sprach in väterlichem Tone: »Mein Sohn, wenn Sie Ihre Hände in das Blut des Königs-Märtyrers getaucht haben, so vertrauen Sie sich mir an. Es gibt keinen Fehler, der sich in den Augen Gottes nicht durch eine so rührende und aufrichtige Reue, wie Sie gezeigt haben, auslöschen ließe.« Bei den ersten Worten des Geistlichen machte der Fremde unwillkürlich eine Bewegung des Schreckens; dann wurde seine Miene wieder ruhig und er sah den erstaunten Priester fest an. »Mein Vater,« sagte er zu ihm in gerührtem Tone, »niemand kann unschuldiger an dem vergossenen Blute sein, als ich.« »Ich muß Ihnen glauben!« sprach der Priester. Es entstand eine Pause, während welcher er den Büßenden von neuem prüfte. Dann hielt er ihn für eines jener furchtsamen Konventsmitglieder, die ein unverletzliches und geheiligtes Haupt opferten, um das ihrige zu retten, und hob in ernstem Tone wieder an: »Bedenken Sie, mein Sohn! um von diesem großen Verbrechen losgesprochen zu sein, genügt es nicht, daß man dabei nicht mitgewirkt habe. Diejenigen, die den König verteidigen konnten und doch ihr Schwert in der Scheide ließen, werden schwere Rechenschaft vor dem Herrn des Himmels abzulegen haben. Oh,« fuhr der Priester fort, indem er ausdrucksvoll das Haupt schüttelte; »eine schwere Rechenschaft! Denn indem sie müßig blieben, wurden sie unwillkürlich die Mitschuldigen dieser entsetzlichen Missetat.« »Ihr glaubet,« fragte der Unbekannte erstaunt, »daß eine mittelbare Teilnahme ebenfalls strafbar sei? ... Der Soldat, der befehligt wurde, das Spalier zu ziehen, ist also auch schuldig?« Der Priester schien unentschlossen. Erfreut über die Verwirrung, in welche er diesen Puritaner des Königtums brachte, indem er ihn zwischen das Dogma das passiven Gehorsams, welches nach der Meinung der Anhänger der Monarchie das Militärgesetz beherrschen soll, und das ebenso wichtige Dogma, welches die dem Könige schuldige Ehrfurcht heiligt, trieb, deutete der Fremde das Zögern des Priesters zugunsten seines gequälten Gewissens. Dann, um den ehrwürdigen Jansenisten nicht länger grübeln zu lassen, fügte er hinzu: »Ich würde erröten, wollte ich Euch irgendein Honorar für das Totenamt bieten, welches Ihr für die Ruhe der Seele des Königs und zur Beruhigung meines Gewissens gehalten habt. Eine unschätzbare Handlung kann man nur mit einer Spende bezahlen, die ebenfalls über jeden Preis ist. Seien Sie so gütig, mein Herr, das Geschenk anzunehmen, welches ich Ihnen in einer heiligen Reliquie mache! Vielleicht wird ein Tag kommen, wo Sie den Wert derselben begreifen.« Bei diesen Worten bot der Fremde dem Geistlichen ein außerordentlich leichtes Schächtelchen. Der Priester nahm es gewissermaßen unwillkürlich, denn der feierliche Ton, mit welchem der Mann diese Worte sprach, und die Ehrfurcht, mit welcher er jene Schachtel hielt, hatten ihn ins höchste Erstaunen versetzt. Sie traten darauf wieder in das Gemach, wo die beiden Nonnen sie erwarteten. »Sie wohnen,« sagte der Unbekannte zu diesen, »in einem Hause, dessen Besitzer, der Gipser Mucius Scävola, in dem ganzen Stadtteil wegen seines Patriotismus berühmt ist; aber im Geheimen ist er ein Anhänger der Bourbons. Er war ehemals Bereiter des Prinzen von Conti und verdankt ihm sein Vermögen. Wenn Sie dieses Haus nicht verlassen, so sind Sie hier sicherer, als an irgendeinem Orte Frankreichs. Bleiben Sie hier! Fromme Seelen werden für Ihre Bedürfnisse sorgen und Sie können dann ohne Gefahr bessere Tage abwarten. – In einem Jahre, am 21. Januar ... (bei den letzten Worten konnte er eine unwillkürliche Rührung nicht verbergen) wenn Sie diesen traurigen Ort als Asyl behalten, werde ich wiederkommen, um die Sühnemesse mit Ihnen zu begehen ...« Er sprach nicht weiter, sondern grüßte die schweigenden Bewohner der Dachstube, warf noch einen letzten Blick auf die Zeugen ihrer dürftigen Lage und verschwand. Für die beiden unschuldigen Nonnen hatte diese Begebenheit alle fesselnden Eigenschaften eines Romans. Sobald der ehrwürdige Abbé sie von dem geheimnisvollen Geschenk, welches ihm jener Mann feierlich überreicht hatte, in Kenntnis setzte, stellten sie die Schachtel auf den Tisch, und die drei Gesichter, vom Lichte spärlich beleuchtet, zeigten eine unbeschreibliche Neugierde. Fräulein von Charost fand darin ein langes Taschentuch aus feinem Battist. Dasselbe trug einige Schweißflecke. Nachdem alle drei es mit Sorgfalt bei Lichte betrachtet hatten, erkannten sie einige vereinzelte schwarze Punkte, als ob das Tuch mit Kot bespritzt wäre. »Es ist Blut!« sagte der Priester mit tiefer Stimme. Die beiden Schwestern ließen die Reliquie entsetzt fallen. Für diese beiden unschuldigen Seelen blieb das Geheimnis, in welches sich der Fremde hüllte, unerklärlich; der Priester gestattete sich seit diesem Tage nicht mehr, es zu erklären. Bald wurden die drei Gefangenen inne, daß eine mächtige Hand sie sogar in der schlimmsten Schreckenszeit beschützte. Anfänglich erhielten sie Brot und Lebensmittel; dann errieten die beiden Nonnen, daß sich eine Frau mit ihrem Beschützer verbunden hatte, denn man schickte ihnen Leinenzeug und Kleidungsstücke, wodurch es ihnen gestattet wurde, auszugehen, ohne durch die aristokratische Mode der Kleider, die sie gezwungenerweise aufbewahrt hatten, erkannt zu werden. Endlich verschaffte ihnen Mucius Scävola zwei Aufenthaltskarten. Oft gelangten auf Umwegen Warnungen, welche die Sicherheit des Priesters erforderlich machte, zu ihnen, und sie erkannten in allen diesen Ratschlägen soviel Zweckmäßigkeit, daß dieselben nur von einer Person ausgehen konnten, die fortwährend mit allen Staatsgeheimnissen vertraut war. Trotz der Hungersnot, die auf Paris lastete, fanden sie vor der Tür ihrer Dachstube Rationen Weißbrot, die ihnen regelmäßig von unsichtbaren Händen dargebracht wurden. Doch glaubten sie in Mucius Scävola den geheimnisvollen Agenten dieser so sinnreichen wie rührenden Wohltätigkeit zu sehen. Die würdigen Bewohner der Dachstube konnten nicht länger zweifeln, daß ihr Beschützer dieselbe Person sei, welche zu ihnen gekommen war, um in der Nacht des 21. Januar 1793 die Sühnemesse zu begehen. Derselbe wurde auch für diese drei Wesen, die nur auf ihn hofften und von ihm lebten, der Gegenstand eines eigenen Kultus. Seinetwegen hatten sie ihren Gebeten noch besondere Bitten hinzugefügt. Abends und morgens beteten diese frommen Seelen für sein Glück, für seine Wohlfahrt und für sein Heil. Sie baten Gott, von ihm alle Gefahr fernzuhalten, ihn von seinen Feinden zu befreien und ihm ein langes und friedfertiges Leben zu gewähren. Mit dieser Dankbarkeit, die sich gleichsam jeden Tag erneuerte, verband sich notwendigerweise das Gefühl einer von Tag zu Tag zunehmenden Neugierde. Sie unterhielten sich über die Umstände, welche die Erscheinung des Fremden begleitet hatten. Sie sprachen tausend Vermutungen über ihn aus und durch diese Zerstreuung, deren Veranlassung er war, widerfuhr ihnen eine neue Wohltat. Sie nahmen sich vor, ihn, wenn er seinem Versprechen gemäß zurückkehren würde, um den traurigen Jahrestag des Todes Ludwigs XVI. zu feiern, ihrer Freundschaft nicht entrinnen zu lassen. Diese so sehnlich erwartete Nacht kam endlich. Um Mitternacht erscholl der schwere Schritt des Unbekannten auf der alten hölzernen Treppe. Das Zimmer war zu seinem Empfange geschmückt. Der Altar war errichtet. Dieses Mal öffneten die Schwestern die Tür im voraus und beide beeilten sich, die Treppe zu beleuchten. Fräulein von Charost stieg sogar einige Stufen hinab, um ihren Wohltäter früher zu sehen. »Kommen Sie,« sagte sie mit gerührter und dankbarer Stimme, »kommen Sie ... man erwartet Sie ...« Der Mann erhob den Kopf, warf einen düsteren Blick auf die Nonne und gab keine Antwort. Es fiel wie eine eiserne Hülle auf sie und sie schwieg. Der Unbekannte trat ein; bei seinem Anblick erstarb der Dank und die Neugierde in aller Herzen. Vielleicht war er weniger kalt, weniger schweigsam, weniger schrecklich, als er diesen Seelen erschien, welche durch ihre inbrünstigen Gefühle zu den Ergüssen der Freundschaft getrieben wurden. Die drei armen Gefangenen sahen ein, daß dieser Mann für sie ein Fremder bleiben wollte: und sie ergaben sich darein. Der Priester glaubte zu bemerken, daß ein Lächeln auf den Lippen des Unbekannten plötzlich schwand, als er sah, daß man Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen hatte. Er hörte die Messe, betete und verschwand, nachdem er die Einladung des Fräuleins von Charost, eine bereitgehaltene Mahlzeit mit ihnen einzunehmen, mit einigen höflichen Worten abgelehnt hatte. Bis der katholische Gottesdienst durch den ersten Konsul wieder eingesetzt wurde, feierte man das Sühneamt in geheimnisvoller Weise in der Dachwohnung. Als die Nonnen und der Abbé sich ohne Furcht wieder zeigen durften, sahen sie den Unbekannten nicht wieder. Dieser Mann blieb ein Rätsel in ihrem Andenken. Die beiden Schwestern fanden bald Hilfe in ihren Familien, von denen einige Mitglieder es durchsetzten, aus der Liste der Emigranten gestrichen zu werden. Sie verließen ihr Asyl, und Bonaparte, der die Dekrete der gesetzgebenden Versammlung ausführte, wies ihnen die Pensionen an, welche ihnen zukamen. Sie kehrten wieder in den Schoß ihrer Familien zurück und setzten ihre klösterlichen Gewohnheiten dort fort. Der Priester, der kraft seiner Geburt auf eine Bischofsstelle Anspruch machen konnte, blieb in Paris und wurde Gewissensrat einiger aristokratischer Familien des Faubourg Saint Germain. Der Unbekannte in dieser bewundernswerten Erzählung war Charles Henri Sanson. – Das Revolutionstribunal Reviers-Mauny, Beaulieu. Der Boden des Revolutionsplatzes war noch feucht vom Blute des Königs, als die Klubs und die Gemeinden ungestüm den Tod der Freunde des Königtums forderten. Noch an dem Tage, welcher dem Tode des Königs folgte, richtete man einen unglücklichen Eisenkrämer namens Durand hin, dessen Niedergeschlagenheit und Verzweiflung einen seltsamen Gegensatz zu der Fassung und Geistesgegenwart des Monarchen bildeten. Donnerstag, den 24., an dem Tage des Leichenbegängnisses von Lepelletier-Saint-Fargeau, fielen fünf Köpfe auf dem Schafott. Obgleich das Pantheon im theatralischen Pomp wetteiferte, so hatte jenes Schauspiel doch eine außerordentliche Menge Zuschauer nach dem Revolutionsplatze gezogen; bei dieser Hinrichtung zeigten sich zum ersten Male diejenigen Frauen, welche später unter dem Namen der Furien der Guillotine eine so scheußliche Berühmtheit erlangen sollten. Fünf bis sechs Frauen in der ersten Reihe (sie waren zu jener Zeit noch nicht zahlreicher) beschimpften die Delinquenten und vorzugsweise Bertsilly, der bis zum letzten Augenblick seine Unschuld beteuerte. Von diesem Tage an ruht sich die Guillotine aus, als hätte sie nötig, Kräfte für die schreckliche Arbeit zu sammeln, die ihr der heftige Zorn des Volkes vorbehält. Der Ruf: »Das Vaterland ist in Gefahr!« vom Jahre 1792 hatte die Septembertage geboren. Die Erhebung in Masse vom Jahre 1793 gab uns das Revolutionstribunal. Am 9. März erstattet Chaumette, der Generalprokurator der Gemeinde, dem Konvente Bericht über die Aushebung der Bürger von Paris; er verlangt Hilfe für die Familien der Abziehenden und einen Gerichtshof ohne Appellation, um die schlechten Bürger zu bewachen und zu richten. »Ohne ein solches Tribunal« – sagten die Sektionen, deren Redner er war – »könnt ihr niemals die Hartnäckigkeit der Egoisten besiegen, die weder kämpfen, noch denjenigen, welche sich für sie schlagen, Hilfe leisten wollen.« Jean-Bon Saint-André besteigt die Tribüne und unterstützt das Gesuch des Redners der Kommune. Derjenige, welcher den furchtbarsten Gebrauch von diesem Ausnahmegesetze machen, derjenige, dessen Andenken durch sie für immer scheußlich werden sollte: Carrier nämlich, verwandelt das Gesuch in einen Antrag und besteht darauf, daß dieser Antrag dem Gesetzgebungskomitee überwiesen werde, damit dasselbe schon am folgenden Morgen eine Organisationsplan zu dem Revolutionstribunal vorlege. Vergeblich will Lanjuinais diesen Plan, den er ein öffentliches Unglück nennt, amendieren; von Levasseur verfaßt, wird Carriers Antrag abgestimmt und angenommen. Am nächsten Tage sind zwei Gesetzentwürfe auf der Tagesordnung: der über das Revolutionstribunal und ein anderer über die Organisation der Ministerien. Folgendes war der Entwurf von Lindet: »Das Revolutionstribunal soll aus neun vom Konvente ernannten Mitgliedern bestehen. Sie sollen in betreff der Untersuchung an keine Form gebunden sein. Sie erlangen die Überführung der Schuld durch alle möglichen Mittel. Das Tribunal wird sich in zwei Abteilungen teilen. In dem für das Tribunal bestimmten Saale wird ein Mitglied beauftragt sein, die Meldungen der Angeber in Empfang zu nehmen. Das Tribunal richtet diejenigen, welche ihm durch ein Dekret des Konvents zugeschickt werden. Dasselbe kann unmittelbar verfolgen diejenigen, welche aus Mangel an Bürgersinn die Ausübung ihrer Pflichten unterlassen oder vernachlässigt haben; diejenigen, welche durch Handlung oder Schrift oder durch die Stellung, die sie unter der alten Regierung einnahmen, die Vorrechte zurückverlangen, welche die Despoten sich anmaßten.« Am 28. März erließ der Konvent auf Chazals Vorschlag ein Dekret, welches befahl, daß das außerordentliche Kriminalgericht, obwohl unvollständig, sogleich in Tätigkeit treten sollte, und am 6. April vollzog man bereits das erste Urteil einer Institution, welche durch eine unglaubliche Lästerung sich Revolutions-Gerichtshof nannte, ohne zu überlegen, welcher Widerspruch in der Verbindung dieser beiden Wörter lag. Seit dem Tode Ludwigs XVI. war die Guillotine auf dem Reunionsplatze errichtet. Die beiden großen roten Arme, welche sich an dem gräulichen Tone der Atmosphäre und der Monumente abzeichnete, hätten einen sehr unschuldigen Anblick dargeboten, ohne die Überzeugung, die sich nur zu bald rechtfertigte: daß sie ihre Beute erwarteten. Am 30. April wurde die alte Guillotine weggebracht und eine neue aufgestellt, an welcher Charles Henri Sanson alle Veränderungen hatte vornehmen lassen, die zur Ausführung mehrerer aufeinander folgender Hinrichtungen nötig waren. Es ist interessant genug, den Zeitgeist aus den Betrachtungen, die man über dieses Todeswerkzeug anstellte, zu studieren. Folgendes sagt darüber eines der gemäßigtsten Journale von 1793: »Man hat die letzte Hand an die Guillotine gelegt; es läßt sich nicht leicht ein Todesgerät denken, welches besser dasjenige vereinigt, was man der Menschlichkeit schuldig ist und was das Gesetz fordert, wenigstens solange die Todesstrafe nicht abgeschafft ist. Man sollte aber auch die Hinrichtungszeremonie verbessern und alles, was an das alte Regime erinnert, daraus verbannen. Der Karren, worauf man den Verurteilten zur Richtstätte fährt; die auf den Rücken gebundenen Hände, wodurch der Verurteilte zu einer knechtischen und gezwungenen Haltung genötigt wird; der schwarze Talar, mit welchem sich der Beichtiger vermummen darf, ungeachtet ein Dekret den geistlichen Ornat verbietet: diese ganze Zurüstung geziemt sich nicht für eine aufgeklärte menschliche und freie Nation. Es ist vielleicht auch unpolitisch, einem Reaktionär, einem Verschwörer in seinen letzten Augenblicken den Beistand eines Priesters zu gewähren. Die Gewalt, welche die Religion auf das Gemüt ausübt, kann den Delinquenten veranlassen, einem Beichtvater wichtige Dinge zu vertrauen, wovon jener in der Folge Mißbrauch macht. Ein anderer Vorwurf, den man dieser Todesstrafe machen kann, besteht darin, daß man den Verurteilten zwar den Schmerz, aber dem Zuschauer nicht den Anblick des Blutes erspart; man sieht dasselbe von der Schneide der Guillotine herabfließen und das Pflaster an der Stelle, wo sich das Schafott befindet, benetzen; ein so widriges Schauspiel sollte den Augen des Volkes nicht geboten werden, und man könnte leicht diesem Übelstand abhelfen, der übrigens von größerer Bedeutung ist als man glaubt, da er das Volk mit dem Gedanken des Mordes bekannt macht, und wenngleich solcher Mord im Namen des Gesetzes ausgeübt wird, so wird durch seine Wiederholung doch jede Teilnahme zu einer bloßen kaltblütigen Neugierde abgestumpft. Hört man nicht bereits die Menge sagen, daß diese Todesstrafe für die Verbrecher, die man bis jetzt hingerichtet hat, viel zu sanft sei, und in der Tat haben mehrere derselben das Ansehen gehabt, als trotzten sie dem Tode; das Volk wird so entsittlicht, daß es auf Rache sinnt, anstatt sich mit der Gerechtigkeit zu begnügen!« Der letztere Satz ist wahrscheinlich der einzige, welcher die wahren Empfindungen des Verfassers dieses Artikels ausspricht; ich kann nicht glauben, daß der Bürger Loustalot, der ihn schrieb, wirklich den Wunsch gehegt habe, daß man den Sterbenden den letzten Trost raube; aber es war zu jener Zeit bereits weise, seine Gedanken wie seinen Kopf unter eine rote Mütze zu bringen und seine Worte in die Falten einer Karmagnole zu hüllen. Am 9. begab sich mein Großvater auf Fouquier-Tinvilles Befehl in die Conciergerie. Das Tribunal hielt Gericht über François Jacques de Reviers, ehemaligen Grafen von Mauny, Exmajor der Schweizergarden des Grafen von Artois, der Emigration beschuldigt, und Louis Alexandre de Beaulieu, der ihn bei sich aufgenommen hatte. In dem Augenblick, als mein Ahne durch die Gittertür schritt, stieß ihn ein junger Mensch an, der mit besonderer Hast an ihm vorüberlief. Da rief ihn jemand bei Namen und er bemerkte zu gleich er Zeit, daß der junge Mann, als er diesen Namen hörte, plötzlich stehen blieb und sich umwendete. In diesem Augenblick überzeugte sich auch Charles Henri Sanson, daß jener eilfertige Jüngling, wie er gleich beim ersten Anblick vermutet hatte, eine Frau in Mannskleidern sei. Eine solche Verkleidung war jedoch in jener Zeit so häufig, daß er darüber nicht weiter erstaunte; er ergriff daher den Arm der Person, die ihn angerufen hatte, und beide wanderten plaudernd auf dem Hofe des Palais auf und nieder. Als diese Person ihn verlassen hatte und er die Hand auf die Klinke der schweren Gefängnistür legte, fühlte er sich leicht an der Jacke gezogen und bemerkte an seiner Seite den jungen Mann, dessen weibliche Miene ihn einen Augenblick interessiert hatte. Es war in der Tat eine Frau, die vielleicht dreißig Jahre alt sein konnte; ihre Züge waren so regelmäßig, ihre ganze Erscheinung so vollkommen, obgleich ihr Gesicht außerordentlich blaß war, daß man unwillkürlich von ihrer Schönheit betroffen wurde. In ihren aufgeregten Gesichtszügen spiegelte sich zu gleicher Zeit Verzweiflung und Zorn; ihre blassen Lippen zitterten krampfhaft und ihre Augen funkelten in fieberhaftem Glanze; sie zog Charles Henri Sanson in die Mitte des Hofes und fragte ihn ohne weitere Einleitung mit zitternder, halb erstickter Stimme: »Willst du fünfzig Louisdors gewinnen, indem du einen Verurteilten rettest?« Mein Großvater erbebte und warf unwillkürlich einen Blick um sich. Als er zu seiner Befriedigung bemerkte, daß sie allein waren, sagte er: »Ich würde ihn umsonst retten, wenn Sie mir sagen wollen, wie ich es anfangen soll.« »Kannst du nicht auf einen Tag, auf einige Stunden verschwinden?« »Das ist ein schlechtes Mittel; sind nicht meine Gehilfen da? Wir sind nicht mehr in der Zeit, wo man mit dem Schwert oder dem Beile hinrichtete. Der Scharfrichter ist heut nur noch ein Räderwerk an einer Maschine; wenn er fehlt, vertritt der erste beste seine Stelle. Was Sie wünschen, ist unmöglich, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, auf Ihren Plan zu verzichten.« »Ich verzichte nicht darauf!« rief die Unbekannte im Tone höchsten Unwillens. »Eine Größere als Sie hat Verzicht leisten müssen.« Die junge Frau verstand die Anspielung und ließ den Kopf sinken. Als sie wieder aufblickte, war in ihren Mienen eine vollständige Umwandlung zu lesen; ihre trockenen und brennenden Augen waren feucht, Tränen rieselten an ihren Wangen herab und unter Seufzern, die ihre Brust zu ersticken drohten, murmelte sie: »Der Elende! der Elende!« Charles Henri Sanson fragte sie, wen sie damit meine. »Ich meine einen Schändlichen, dem ich ein teures Haupt mit Gold abgekauft habe, der gestern noch schwur, ihn zu retten und der soeben von den Richtern seinen Tod verlangte; ich meine Fouquier-Tinville.« Diesen Namen sprach sie mit lauter Stimme; mein Großvater winkte ihr zu, leise zu reden und führte sie unter eine der Wölbungen, indem er sagte: »Wie konnten Sie seinen Versprechungen Glauben schenken? Wie konnten Sie glauben, daß er diesen Kaufvertrag halten würde? Ich sagte Ihnen eben, ich sei nur ein elendes Räderwerk der Guillotine, ein Räderwerk, welches tötet; Fouquier spielt eine nicht weniger erbärmliche Rolle an einer anderen Maschine; wir gehorchen beide einem Willen, der aller menschlichen Macht überlegen ist. Einen Augenblick Stillstand und wir würden zerbrochen sein, ohne auch nur den Trost zu haben, daß wir ein Opfer gerettet hätten. Sollte es nicht die Hand Gottes sein, die uns treibt, Madame« – fuhr mein Großvater, wie mit sich selber redend, fort – »Gottes, der schon sooft an den Kindern die Sünden und Fehler ihrer Väter heimgesucht hat?« Die junge Frau ließ ihren Tränen freien Lauf. »Mein Gott! Was bleibt mir zu tun übrig?« stammelte sie. »Nichts, als sterben lernen, indem wir unsere Geliebten sterben sehen, Madame!« »Könnte ich nicht wenigstens seinem Leichnam die letzte Pflicht erweisen, mein Herr? Könnte ich nicht noch einmal über seiner Leiche weinen? Oh, seien Sie nicht unerbittlich; er heißt ...« »Ich will seinen Namen nicht wissen, Madame; der Leichnam eines Verbrechers gehört der Republik und die Republik ist eine eifersüchtige Haushälterin, die nicht duldet, daß man ihr Eigentum antastet. – Aber dort kommt einer meiner Gehilfen, der mit mir sprechen will; ich lasse Sie mit ihm allein, vielleicht willigt er ein, Ihnen in der Aufgabe, die Ihnen die Liebe auferlegt, behilflich zu sein; was mich betrifft, so kann ich Ihnen nur versprechen, daß ich die Augen dabei zudrücken will.« Mein Großvater verließ darauf die junge Frau und begab sich in die Conciergerie, wo man ihm Reviers-Mauny und Beaulieu überlieferte, welche beide zum Tode verurteilt worden waren. Das Herannahmen der letzten Stunde hatte ihre Gesichtszüge nicht verändert; auf dem Karren nebeneinander sitzend, unterhielten sie sich vertraulich, ohne ihren Mut durch das Geschrei der Menge auch nur einen Augenblick erschüttern zu lassen. Als das Gefährt auf dem Revolutionsplatze still hielt, bemerkte Charles Henri Sanson in dem Augenblick, wo er die Verurteilten absteigen ließ, daß Reviers-Mauny noch auf dem Wagen stehen blieb und erbleichte. Er folgte mit den Augen den Blicken des Verurteilten und erkannte in der Menge die junge Frau, mit welcher er einige Stunden vorher in dem Hofe des Palais gesprochen hatte. Er erschrak über die möglichen Folgen, welche eine solche Unvorsichtigkeit für die unglückliche Frau haben konnte, und rief seinen Gehilfen; dies war ein Mann, dem das Schicksal in einer jener seltsamen Launen, die ihm eigen sind, den Namen eines der mächtigsten Minister der Monarchie gegeben hatte: er hieß Louvois. »Louvois,« sagte mein Großvater zu ihm, »Du hast fünfzig Louisdors von einer als Mann verkleideten Frau erhalten, damit du den Leichnam eines dieser beiden Verurteilten beiseite schaffen möchtest; wir müssen zeigen, daß wir ehrlicher sind als der Bürger Ankläger, der, wie es scheint, heute Morgen sein Geld gestohlen hat; du mußt deine fünfzig Louisdors ehrlich verdienen. Sie steht dort auf der rechten Seite der Guillotine in der fünften oder sechsten Reihe, habe acht auf sie!« Louvois zwinkerte mit den Augen und Charles Henri Sanson traf die Vorkehrungen zur Hinrichtung. Beaulieu starb zuerst. In dem Augenblick, als das schon blutige Messer zum zweiten Male niederfiel, ließ sich ein Schrei hören, der einen tiefen Schmerz und zu gleicher Zeit eine Verwünschung ausdrückte und aus der dem Schafott am nächsten stehenden Gruppe hervordrang. Wie Charles Henri Sanson vorausgesehen hatte, war es der armen Frau nicht möglich gewesen, ihren Schmerz zu beherrschen; sie war es, welche jenen Schrei ausgestoßen hatte. Sogleich erhob sich auch ein Unheil verkündender Lärm um sie her, ihre nächsten Nachbarn ergriffen sie und von allen Seiten hörte man drohende Bemerkungen über die Verkleidung der Unglücklichen und über die aristokratischen Gefühle, die sie soeben bekundet hatte. Man sprach bereits davon, sie vor das Revolutionstribunal zu führen, als Louvois sich einen Durchgang bahnte, sie der Menge entriß, mit der einen Hand ergriff und ihr mit der andern ein paar Ohrfeigen gab, indem er sagte: »Ha, verräterisches Weib! Ich wußte wohl, daß du mich betrogst, aber ich hielt dich nicht für so schändlich und ahnte nicht, daß du dich mit einem Aristokraten abgäbest. Glücklicherweise hat das Volk seine eigenen Angelegenheiten und gleichzeitig auch die meinigen in Ordnung gebracht; fortan wird dein Geliebter ebensowenig mein Bett wie den Boden der Freiheit besudeln. Hast du dich an seinen Grimassen erfreut? Aber ich glaube gar, du heulst noch! Wollt ihr es glauben, Bürger, daß dieses schurkische Weib noch frech genug ist, über ihren Geliebten vor den Augen ihres Ehemannes zu weinen?« Das unbefangene Geständnis, welches Louvois über sein vorgebliches eheliches Unglück machte, rief einige Witzworte in der Menge hervor. Man lachte, sprach nicht mehr von dem schrecklichen Tribunal und überließ es dem Gatten, seine schuldige Ehehälfte zu bestrafen. Am Abend wurden die Leichname der beiden Hingerichteten nach der Madeleine gebracht; aber Louvois, der seine gute Tat nicht unvollendet lassen wollte, verschaffte der jungen Frau einen Paß, womit sie über die Grenze gelangte. Es war eine vornehme Dame, deren Namen ich aus Rücksicht, welche der Leser billigen wird, nicht nenne, obgleich derselbe schon in einigen Memoiren genannt worden ist, und zwar bei Gelegenheit, wo es sich darum handelte, die Käuflichkeit Fouquier-Tinvilles zu beweisen. Sie belohnte ihren Befreier auf großmütige Weise und setzte ihn in den Stand, sein Handwerk aufzugeben. Marats Tod; Charlotte Corday Im Jahre 1792 nahm man in der öffentlichen Meinung die Deklamationen Marats eher mit Widerwillen als mit Zorn, eher mit Verachtung als mit Haß auf. Viele Leute hüteten sich, die Ergießungen dieses wilden Verzückten, welche ebenso spaßhaft wie kläglich waren, ernsthaft zu nehmen. Das Burleske mit dem Lächerlichen verwechselnd, obgleich jenes schrecklich werden kann, überließen sie es dem gesunden Menschenverstand, darüber zu urteilen. Indem die Gironde ihn Mann gegen Mann angriff, verwandelte sie diesen Zwerg in einen Riesen; sie unterlag in dem Kampf und Marat wurde um hundert Armlängen höher, indem die Leichen der großen besiegten Redner ihm als Fußgestell dienten. Da man zu gleicher Zeit sah, daß das System der Ächtungen, welches er gepredigt hatte, das Wohlfahrtsgesetz der Republik wurde, so machten oberflächliche Geister den Schluß, er wäre der unerschütterliche Gebieter über das Schicksal der Nation, und setzten die eigentlichen Schreckensherrscher in die zweite Reihe. Von übertriebener Verachtung ging man ohne Zwischenstufe zu übermäßigem Schrecken über. Die begüterten Leute, die aufrichtigen Patrioten sahen Marat wie eine Art Alten vom Berge an, von dem jedes Wort als Mordbefehl galt und der die ganze Demagogie zum Schildträger hatte. Die Überreste der Gironde die sich um Wimpffen versammelt hatten, da dieser die Fahne der gemäßigten Republik erheben wollte, verbreiteten diese Ansicht weiter. Indem sie Marat als das Haupt der Partei, bezeichneten, die sie proskribiert hatte, widmeten sie diese Partei dem öffentlichen Abscheu und empfahlen sich zugleich selber der Begeisterung aller edlen Herzen. Zu Caen lebte damals ein junges Mädchen, deren männliche, begeisterte Seele täglich durch die fleißige Lektüre der großen Geschichtsschreiber des Altertums mit dem Heldenmute vertrauter wurde. Sie hieß Maria Anna Charlotte Corday d'Armont; sie war in Ligneries, einem kleinen Dorfe in der Umgegend von Argentan, geboren. Ihre Familie war von Adel und zählte unter ihren Vorfahren eine der ruhmwürdigsten Größen der französischen Nation; ihr Vater Jacques François von Corday d'Armont stammte im dritten Grade von Maria Corneille, der Schwester des Verfassers des Cid. Herr von Corday war arm; sein Einkommen betrug nicht über 1500 Livre. Frau von Corday starb, als Charlotte noch ein Kind war. Dieser frühzeitige Schmerz und die darauf folgende Verlassenheit übergaben sie schon frühzeitig dem ernsten Unterricht der Einsamkeit und der Sammlung. Von Grundsätzen für die Revolution begeistert, begrüßte sie die Morgenröte derselben mit Entzücken; sie machte den Zweck derselben mit allem Eifer aufrichtiger Überzeugung zu dem ihrigen. Wie oben erwähnt, wurde die revolutionäre Bedeutung Dantons und Robespierres für die Provinzen durch die düstere Persönlichkeit Marats verdunkelt, dessen Namen man mit allen Mordtaten und Plünderungen in Verbindung brachte. Die Entrüstung der jungen Patriotin war zu stark, als daß sie sich mit der Lösung eines politischen Rätsels der Zukunft abgequält hätte. Marat erstickte nicht nur die Republik, sondern er entehrte sie auch; es war also Marat, den der Himmel ihrem Dolche zuwies. Der Tod des Volksfreundes wurde mit ruhigem und sanftem Stoizismus entschieden, dessen Größe sich in keinem Tyrannenmörder, den die Geschichte gefeiert hat, wiederfindet. Sie widerstand der Versuchung, ihre Freunde, die Girondisten, ihrem glorreichen Plane Beifall zollen zu sehen; sie vergrub diesen Plan in ihren Busen, wie in ein Grab. Sie verließ Caen, um den Segen ihres Vaters zu holen, um von allem, woran sie in dieser Welt gefesselt war, Abschied zu nehmen, und am 9. Juli stieg sie in die Kutsche, welche sie von Argentan nach Paris bringen sollte. Nachdem sie am Donnerstag den 11. gegen Mittag in dieser Stadt angekommen war, stieg sie in der alten Augustinerstraße Nr. 17, im Hotel de la Providence ab, welches ein gewisser Groslier hielt. Diese Reise von achtundvierzig Stunden hatte sie ermüdet. Sie verließ ihr Zimmer nicht, ging um fünf Uhr zu Bett und schlief ein; erst am folgenden Tage um acht Uhr morgens erwachte sie wieder. Barbaroux hatte ihr einen Empfehlungsbrief an seinen Kollegen Duperret mitgegeben. Am Sonnabend, ehe sie zu der mit Duperret verabredeten Zusammenkunft ging, schrieb sie an Marat ein Billett, worin sie ihn um eine Unterredung bat, und gab dasselbe auf die Post; dann verfügte sie sich in Begleitung des Repräsentanten zu dem Minister. Da Duperret aber wegen seiner Verbindung mit den Geächteten schlecht angeschrieben war, so konnte er die gewünschte Audienz nicht erlangen; er führte Charlotte wieder bis zu dem Garten des Palais Royal, wo er sie verließ. Nun ging sie zu einem Messerschmied und kaufte dort ein langes und scharfes Messer mit Ebenholzgriff; dann kehrte sie nach ihrem Hotel zurück, wo sie Marats Antwort zu finden hoffte. Marat war krank. Das beständige Fieber, welches in seinem Blute brannte, artete in einen scheußlichen Aussatz aus, gegen welchen die Mittel der ärztlichen Kunst nichts vermochten; seit einigen Tagen ging er nicht mehr in den Konvent. Charlotte Corday konnte ihn nicht auf dem Gipfel der Berges treffen, wie sie beabsichtigt hatte; es blieb ihr nichts übrig, als ihn in seiner Höhle aufzusuchen. Am Sonnabend den 13. gegen 11 Uhr stellte sie sich zum ersten Male bei Marat ein und wurde nicht angenommen; sie kehrte in ihr Hotel zurück und schrieb für den Fall, daß man ihr wieder eine Unterredung verweigern würde, ein zweites Billett folgenden Inhalts: »Paris, am 13. Juli im Jahre II der Republik. Dem Bürger Marat. Ich habe heute Morgen an Euch geschrieben, Marat. Habt Ihr meinen Brief erhalten? Ich kann es nicht glauben, da man mir Eure Tür verweigerte. Darf ich auf einen Augenblick Gehör hoffen? Ich wiederhole es Euch, daß ich von Caen komme. Ich habe Euch die wichtigsten Geheimnisse für das Wohl der Republik zu enthüllen. Außerdem werde ich um der Freiheit willen verfolgt, ich bin unglücklich: dies wird genügen, um Anspruch auf Eure Achtung zu haben. Charlotte Corday.« Nachdem sie dieses Billett geschrieben hatte, steckte sie es in die Tasche, verbarg das gekaufte Messer in ihrem Busen, nahm einen Fiaker und ließ sich bis vor die Tür Marats fahren, welcher Nr. 20 in der Rue des Cordeliers wohnte. Sie trug ein weißes, geköpertes und getüpfeltes Hauskleid, auf dem Kopfe einen Hut mit einer dreifachen Randschnur und einer schwarzen Kokarde. Marat war auf das beste bewacht; eine Frau, Catharine Evrard und die Schwester derselben, Simone, wachten über ihn mit der doppelten Sorgfalt der Liebe und des Fanatismus. Die erstere verweigerte hartnäckig der jungen Normannin, welche lange Zeit mit ihr unterhandelte, den Eintritt. Als Marat eine frische, weibliche Stimme hörte und daraus erkannte, daß es die Person sei, welche ihm diesen Morgen geschrieben hatte, befahl er Catharine Evrard in nachdrücklichem Tone, sie einzulassen. Er war in seinem Bade und hatte den Kopf mit einem Taschentuch umwickelt; ein schmutziges Tuch bedeckte die Badewanne; vor ihm lag ein Brett, welches ihm als Schreibpult diente. Er wollte wissen, wie es in Caen herging, und fragte Charlotte über die Namen der Deputierten, welche sich in diese Stadt geflüchtet, und über die der Verwalter der Departements Calvados und de L'Eure. Während der Unterhaltung schrieb er, und als er geendigt hatte, rief er aus: »Binnen hier und wenigen Tagen werden sie auf die Guillotine gehen!« Diese Drohung erinnerte Charlotte Corday an ihre Mission, welche sie eine Zeitlang über dem Abscheu vor dem Morde vergessen hatte; sie näherte sich der Badewanne, zog ihr Messer und senkte es Marat in die Brust. Der Stoß wurde von so fester Hand geführt, daß die Waffe bis zum Hefte eindrang und die Stämme der Halspulsadern durchschnitt. Marat schrie um Hilfe und verschied. Auf seinen Schrei stürzten ein Kommissär namens Laurent Basse, welcher in einem Nebengemach Journale faltete, Catharina Evrard und ihre Schwester in das Zimmer. Charlotte Corday stand unbeweglich vor dem Fenster, ohne einen Fluchtversuch zu machen. Der Kommissär schlägt sie mit einem Stuhle zu Boden. Sie erhebt sich wieder, aber Basse packt sie um den Leib und wirft sie aufs neue zur Erde, wo er sie unter sich festhält, während die Evrard und andere Nachbarinnen unter dem Beistand eines Chirurgen namens Clair Michon de la Fondée, welcher der Hauptmieter des Hauses war, Marat auf sein Bett tragen. Bei dem Lärmen und dem Geschrei der Weiber liefen die Nachbarn herbei; bald darauf erschienen auch einige Nationalgardisten von der Wache des Theatre français, welche Charlotte Corday festnahmen. Am 14. beauftragte ein Konventsdekret das Revolutionstribunal, die Untersuchung gegen die Mörderin Marats und ihre Mitschuldigen einzuleiten. Nachdem sie am 16. morgens in die Conciergerie gebracht worden war, vollendete sie am Abend den Brief, den sie in der Abtei angefangen und an Barbaroux adressiert hatte: »An den Bürger Barbaroux, Deputierten des Nationalkonvents, jetzt Réfugié zu Caen, in der Karmeliterstraße, Hotel der Intendanz. Im Abteigefängnis, in dem Gemach, welches ehemals Brissot bewohnte, am zweiten Tage der Vorbereitung zum Frieden. Sie haben gewünscht, Bürger, daß ich Ihnen die Einzelheiten meiner Reise mitteile, und ich werde Ihnen nicht die geringste Anekdote schenken. Ich war mit Reisenden abgefahren, welche ich bald für offene Montagnards erkannte. Ihre Gesinnung, ebenso dumm wie ihre Personen, war unangenehm und langweilte mich außerordentlich. Ich ließ sie schwatzen, soviel sie wollten, und schlief ein. Einer dieser Herren, der wahrscheinlich die schlafenden Frauen sehr gern hat, wollte mich, als ich erwachte, überreden, ich wäre die Tochter eines Mannes, den ich niemals gesehen habe, und ich hätte einen Namen, von dem ich niemals hörte. Endlich trug er mir noch sein Herz und seine Hand an und wollte auf der Stelle zu meinem Vater reisen, um ihn um seine Einwilligung zu bitten. Diese Herren boten alles auf, um meinen Namen und meine Adresse in Paris zu erfahren; ich weigerte mich aber, sie ihnen zu nennen und blieb jenem Grundsatz meines lieben und tugendhaften Raynal getreu: Man schuldet die Wahrheit nicht seinen Tyrannen. In Paris angekommen, nahm ich mein Quartier in der alten Augustinerstraße, Hotel de la Providence. Dann suchte ich Duperret, Ihren Freund, auf. Ich weiß nicht, wie das Sicherheitskomitee von der Unterredung, die ich mit ihm hatte, Kenntnis erhielt. Sie kennen den festen Charakter jenes Mannes und er hat ihnen die Wahrheit geantwortet; ich habe seine Aussage durch die meinige bestätigt; es liegt nichts gegen ihn vor, wenn nicht seine Festigkeit ein Verbrechen ist. Ich ersuchte ihn, Sie zu besuchen, er ist aber so eigensinnig. Sollten Sie wohl glauben, daß Fauchet als mein Mitschuldiger verhaftet ist, er, der nichts von meinem Dasein wußte? Ich bin durch Chabot und Legendre verhört worden. Chabot sah aus wie ein Narr. Legendre wollte mich durchaus am Morgen in seinem Hause gesehen haben, obgleich ich niemals an diesen Mann gedacht habe. Ich vermutete in ihm nicht so große Talente, um ihn für einen Tyrannen seines Vaterlandes zu halten, und hegte nicht die Absicht, die ganze Welt zu züchtigen. Übrigens ist man gar nicht damit zufrieden, niemand weiter als eine Frau zu haben, die man den ???Manen des großen Mannes opfern kann. Verzeihung, o Menschen! Dieser Name entehrt euer Geschlecht: es war ein wildes Tier, der ganz Frankreich mit dem Feuer der Bürgerkrieges verheert hätte. Nun können wir rufen: Es lebe der Friede! Dank dem Himmel, er war kein geborener Franzose! Ich glaube, man hat die letzten Worte Marats gedruckt, zweifle aber, daß er solche ausgesprochen hat. Folgendes sind die letzten Worte, die er zu mir sprach, nachdem er alle Eure Namen und auch die der in Evreux wohnenden Verwalter von Calvados erfahren hatte; er sagte mir zum Trost: in wenigen Tagen würde er Euch in Paris guillotinieren lassen. Diese letzten Worte entschieden über sein Geschick. Wenn das Departement sein Bild dem des Saint-Fargeau gegenüberstellt, so kann es jene Worte mit goldenen Buchstaben darunter schreiben lassen. Ich will Ihnen die Einzelheiten der großen Begebenheit nicht erzählen; die Journale werden davon melden. Ich gestehe, daß ich vollends zu der Tat entschieden wurde durch den Mut, mit welchem sich unsere Freiwilligen am Sonntag den 7. Juli einschreiben ließen; Sie erinnern sich, wie entzückt ich darüber war. Ich versprach mir, Pétion dafür zu strafen, daß er meine Gefühle in Verdacht hatte. Er fragte mich nämlich: ›Würden Sie böse darüber sein, wenn sie nicht hingingen?‹ Endlich überlegte ich, daß, wenn viele brave Leute nach Paris kämen, um den Kopf eines einzelnen Mannes zu suchen, sie denselben vielleicht fehlen oder daß mit seinem Untergange das Verderben vieler guten Bürger verbunden sein könnte. Er verdiente nicht so viel Ehre; die Hand eines Weibes war genügend. Ich gestehe, daß ich eine treulose List anwendete, damit er mich empfinge. Als ich von Caen abreiste, rechnete ich darauf, ihn inmitten der Bergpartei des Nationalkonvents zu opfern; er ging aber nicht mehr dorthin. In Paris begreift man nicht, wie eine unbedeutende Frau, deren Leben zu nichts taugt, sich mit kaltem Blute opfern kann, um ihr Vaterland zu retten. Ich hatte erwartet, auf der Stelle zu sterben. Mutige Männer, die über jedes Lob erhaben sind, schützten mich vor der sehr verzeihlichen Wut derjenigen, welche ich unglücklich gemacht hatte. Obgleich ich kaltblütig war, tat mir doch das Geschrei einiger Frauen leid; wer aber sein Vaterland rettet, darf nicht in Anschlag bringen, wieviel es ihn kostet. Möchte der Friede so schnell, wie ich es wünsche, eintreten! Ein großer Verbrecher ist gestürzt; ohne dies hätten wir jenen Frieden niemals erhalten. Ich genieße des Friedens seit zwei Tagen. Das Glück meines Vaterlandes macht das meinige aus. Ich hoffe nicht, daß man meinen Vater quälen wird, der schon über meinen Verlust Kummer genug empfindet. Ich hatte ihm neulich geschrieben, daß ich aus Furcht vor einem Bürgerkrieg nach England gehen würde. Ich hegte den Plan, Marat als eine Unbekannte zu töten, und ich wollte die Pariser vergeblich nach meinem Namen forschen zu lassen. Ich bitte Sie, Bürger, und Ihre Kollegen, meine Verwandten zu schützen, wenn man sie beunruhigt. Ich habe nur ein Wesen gehaßt und meinen Charakter offen gezeigt. Diejenigen, die mich betrauern, werden sich freuen, mich in den elyseischen Gefilden mit Brutus und anderen Helden des Altertums vereinigt zu sehen; denn die neueren reizen mich nicht, weil sie zu niedrig sind! Es gibt wenig wahre Patrioten, die für ihr Vaterland zu sterben wissen; sie sind fast alle Egoisten. Um mir die Zeit zu vertreiben, hat man mir zwei Gendarmen beigesellt; für den Tag habe ich dies sehr angenehm gefunden, aber nicht für die Nacht. Ich beklagte mich über diese Unschicklichkeit; das Komitee hat es nicht für angemessen gefunden, darauf zu achten. Ich glaube, es ist Chabots Erfindung, denn nur ein Kapuziner kann einen solchen Einfall haben. Nun hat man mich nach der Conciergerie gebracht und die Herren von der großen Jury versprachen mir, Ihnen meine Briefe zuzuschicken. Ich fahre also fort: Ich habe ein langes Verhör bestanden und bitte Sie, es sich zu verschaffen, wenn es veröffentlicht ist. Ich hatte bei meiner Verhaftung eine Ansprache an die Freunde des Friedens bei mir; ich kann Ihnen dieselbe nicht schicken, werde aber auf ihre Veröffentlichung antragen, freilich wohl vergebens. Gestern abend hegte ich den Gedanken, mein Bildnis dem Departement du Calvados zu schenken, aber das Sicherheits-Komitee, an welches ich mich mit der Bitte wendete, hat mir keine Antwort zukommen lassen; jetzt ist es zu spät. Ich bitte Sie, meinen Brief dem Bürger Bougon, Generalprokurator und Departementssyndikus, mitzuteilen. Ich richte denselben aus mehreren Gründen nicht an ihn; zuerst bin ich nicht sicher, ob er sich gegenwärtig in Evreux befindet; außerdem fürchte ich, daß er, von empfindsamer Natur, über meinen Tod sehr betrübt sein könnte. Doch halte ich ihn für einen so guten Bürger, daß er sich mit der Hoffnung auf den Frieden trösten werde; ich weiß, wie er denselben liebt und hoffe, daß ich, indem ich zur Erreichung desselben beitrug, seine Wünsche erfüllte. Sollten einige Freunde eine Mitteilung dieses Briefes verlangen, so bitte ich Sie, denselben niemandem vorzuenthalten. Der gebräuchlichen Form gemäß bedurfte ich eines Verteidigers. Ich habe den meinigen von der Bergpartei genommen, nämlich Gustav Doulcet-Pontécoulant; ich dachte mir, daß er diese Ehre ablehnen werde, obgleich es ihn nur wenig Mühe kosten würde. Ich habe auch daran gedacht, Robespierre oder Chabot zu verlangen. Es ist bewundernswert, daß das Volk mich von der Abtei nach der Conciergerie bringen ließ; das ist ein neuer Beweis für seine Mäßigung. Erzählen Sie das unseren guten Einwohnern von Caen! Diese erlauben sich zuweilen kleine Aufstände, die sich nicht so leicht bewältigen lassen. Morgen um acht Uhr wird man mich richten. Wahrscheinlich werde ich um Mittag gelebt haben, wie sich die Römer ausdrückten. Fortan wird man an den Mut der Einwohner von Calvados glauben, da selbst die Frauen von Calvados der Entschlossenheit fähig sind. Übrigens weiß ich nicht, wie die letzten Augenblicke meines Lebens verlaufen werden; und nur das Ende krönt das Werk. Ich brauche keine Gleichgültigkeit über mein Schicksal zu erheucheln, denn bis jetzt empfinde ich nicht die geringste Furcht vor dem Tode. Ich achtete das Leben immer nur nach dem Nutzen, den es dem Gemeinwohl gewährte. Ich hoffe, daß morgen Duperret und Fauchet in Freiheit gesetzt werden. Man behauptet, der letztere habe mich auf eine Tribüne im Konvent geführt. Warum gibt er sich damit ab, Frauen dorthin zu führen? Als Deputierter soll er nicht auf den Tribünen erscheinen und als Bischof dürfte er sich nicht mit Frauen abgeben. Das ist also eine Strafe. Aber Duperret hat sich nichts vorzuwerfen. Marat wird nicht in das Pantheon kommen; dennoch verdiente er es wohl. Ich beauftrage Sie, die nötigen Stücke zu seiner Leichenrede zu sammeln. Hoffentlich werden Sie nicht die Angelegenheit der Madame Forbin vergessen. Dies ist ihre Adresse, wenn Sie an dieselbe schreiben müssen:›Alexandrine Forbin in Mandrens, über Zürich, in der Schweiz‹. Ich bitte Sie, ihr zu sagen, daß ich sie von ganzem Herzen liebe. Ich will noch ein Wort an meinen Vater schreiben. Meinen übrigen Freunden sage ich nichts; ich verlange nur, schnell vergessen zu werden; ihr Kummer würde mein Andenken entehren. Sagen Sie dem General Wimpffen, daß ich der Meinung sei, ich hätte ihm mehr als eine Schlacht gewinnen helfen, indem ich den Frieden ermöglichte. Leben Sie wohl, Bürger! Ich empfehle mich dem Andenken der Freunde des Friedens. Die Gefangenen in der Conciergerie, weit davon entfernt, mich, wie die Leute auf der Straße, zu beleidigen, scheinen mich im Gegenteil zu beklagen. Das Unglück macht immer mitleidig: dies ist meine letzte Betrachtung. Corday.« Ich habe keine Zeile von diesem Schriftstück unterdrücken wollen; augenscheinlich ist dies nicht ein vertraulicher Brief, den ein Freund an einen Freund richtet, die letzte Ergießung eines Herzens, welches zu schlagen aufhören wird, sondern es ist das letzte Vermächtnis von Charlotte Corday. Sie erschien am 17. vor den Revolutionstribunal. Doulcet de Pontécoulant hatte den Brief nicht empfangen, in welchem Charlotte Corday ihn mit ihrer Verteidigung beauftragte. Er erschien nicht vor dem Gerichtshofe und der Präsident ernannte beim Anfang des Audienztermins von Amtswegen Chauveau-Lagarde zum Verteidiger der Angeklagten. Die Journale der Bergpartei verraten mitten unter ihren Verwünschungen doch den Eindruck, welchen die sanfte und stolze Festigkeit der Charlotte Corday auf die Richter und die Zuhörer hervorbrachte. »Man hat bemerkt,« sagt Chauveau-Lagarde, »daß alle, Richter wie Zuschauer, die Angeklagte selber für ihre Richterin zu halten schienen, welche die anderen vor ihr höchstes Tribunal berufen habe.« Folgendes sind nach Chauveau-Lagarde einige Antworten, welche sie dem Präsidenten Montans gab; man glaubt den großen Corneille durch den Mund seiner Nichte sprechen zu hören. Der Präsident: »Wer hat Ihnen denn solchen Haß gegen Marat eingeflößt?« Angeklagte: »Ich bedurfte nicht des Hasses anderer; ich hatte schon an dem meinigen genug.« Präsident: »Aber der Gedanke, ihn zu töten, mußte Ihnen doch durch irgend jemand eingegeben sein?« Angeklagte: »Man führt schlecht aus, was man sich nicht selber vorgenommen hat.« Präsident: »Was haßten Sie denn in seiner Person?« Angeklagte: »Seine Verbrechen.« Präsident: »Was verstehen Sie unter seinen Verbrechen? Angeklagte: »Die Verheerung Frankreichs, die ich als sein Werk ansehe.« Präsident: »Was Sie die Verheerung Frankreichs nennen, ist nicht sein Werk allein.« Angeklagte: »Das ist möglich, aber er mußte alles anwenden, um die allgemeine Zerstörung zu erzielen.« Präsident: »Was hofften Sie, als Sie ihn töteten?« Angeklagte: »Ich wollte meinem Vaterlande den Frieden wiedergeben.« Präsident: »Glauben Sie denn, alle Marats ermordet zu haben?« Angeklagte: »Da jener tot ist, werden die übrigen vielleicht Furcht bekommen.« Ein Gerichtsdiener zeigte ihr den Dolch vor, dessen sie sich bedient hatte und fragte sie, ob sie denselben wiedererkenne. Nur in diesem Augenblick verriet ihr Gesicht eine innere Bewegung; sie wendete das Antlitz an, stieß den Dolch mit der Hand zurück und sagte mit erstickter Stimme: »Ja, ich erkenne ihn, ich erkenne ihn.« Sie hatte Marat im Bade angetroffen und ihm folglich das Messer senkrecht in die Kehle gestoßen. Fouquier-Tinville bemerkte, sie hätte wahrscheinlich den Stoß in dieser Weise geführt, um ihr Opfer nicht zu fehlen, denn in wagerechter Richtung hätte sie auf eine Rippe treffen können; er fügte dieser Bemerkung die Worte hinzu: »Sie müssen in diesem Verbrechen sehr geübt sein?« »O das Ungeheuer!« rief die Angeklagte. »Er hält mich für eine Mörderin!« Diese Antwort, sagt Chauveau-Lagarde, welche gleich einem Blitzstrahl wirkte, endigte die Sitzung. Beim Beginn des Audienztermins hatte sie bemerkt, daß ein junger Mann sie aufmerksam betrachtete und ihre Züge zeichnete; sie wendete sich ihm zu, damit er ihr Bildnis leichter entwerfen könnte. Dieser junge Mann war ein Maler namens Hauer, damals zweiter Kommandant im Bataillon der Cordeliers. Chauveau-Lagarde befleißigte sich in seiner Verteidigungsrede der lakonischen Kürze seiner Klientin; er verteidigte sie, wie sie es wünschte, mit wenigen Worten und indem er die Annahme einer vorbedachten Handlung eher bestätigte als entkräftete. Charlotte Corday, die nichts so sehr fürchtete, als ein demütigendes Gnadengesuch, zeigte sich ihm dankbar dafür. Als die Jury den Spruch getan hatte, der sie zum Tode verurteilte und der Präsident sie fragte, ob sie über die Vollziehung der Strafe noch etwas zu bemerken habe, ersuchte sie die Gendarmen, sie zu ihrem Verteidiger zu führen. »Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »ich danke Ihnen für den Mut, mit welchem Sie mich in einer Weise verteidigten, die Ihrer und meiner würdig ist. Jene Herren (bei diesen Worten wendete sie sich an die Richter) konfiszieren mein Eigentum; ich bin Ihnen aber einen Beweis meiner Erkenntlichkeit schuldig und ersuche Sie daher, das zu bezahlen, was ich in dem Gefängnis schuldig bin, wobei ich auf Ihre Großmut rechne.« Jene Schuld belief sich auf die Summe von sechsunddreißig Livres, welche sie größtenteils für einen Hut ausgegeben hatte, um anständig vor ihren Richtern erscheinen zu können. Es war zwei Uhr nachmittags. Man brachte sie in ihren Kerker zurück, den sie erst verließ, als man sie zum Tode geführt wurde. Der Schließer Richard und seine Frau erwarteten sie unten an der Wendeltreppe. Der letzteren hatte sie versprochen, mit ihr zu frühstücken, und entschuldigte sich jetzt, indem sie auf ihren bevorstehenden Tod anspielte. In diesem Augenblicke näherte sich ihr ein Priester und bot ihr seinen religiösen Beistand an; sie wies denselben aber sanft zurück. »Sagen Sie,« sprach sie, »den Personen, welche Sie geschickt haben, meinen verbindlichsten Dank für diese Aufmerksamkeit, aber ich bedarf Ihres geistlichen Amtes nicht.« Kaum befand sie sich zehn Minuten in ihrem Kerker, als Richard aufs neue erschien. Er brachte den Maler, der ihr Bildnis während der Sitzung flüchtig entworfen hatte und jetzt um die Erlaubnis bat, es zu vollenden. Sie war gern dazu bereit. Hauer machte sich an das Werk. Während der anderthalb Stunden, welche die Sitzung dauerte, plauderte sie mit dem Künstler. Die Unterhaltung war nicht leichtfertig, aber ruhig und heiter; sie sprach über ihren Prozeß und über die Folgen, welche Marats Tod haben würde, schien aber über das Schicksal, welches sie in der nächsten Zukunft erwartete, nicht im mindesten besorgt. Hauer hatte seine Skizze vollendet und sie ersuchte ihn, ihren Eltern ein Kopie zugehen zu lassen. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie etwas vergessen habe; sie ergriff eine Feder und begann einen Brief zu schreiben. Noch hatte sie nicht zwei Zeilen geschrieben, als man an die Tür klopfte; der wachthabende Gendarm öffnete. Als Charlotte Corday sich umwendete, bemerkte sie im Halbschatten drei Männer: der eine hielt ein Pack Papier in der Hand, ein anderer trug eine Schere und das rote Hemd der Vatermörder. Es waren die Gerichtsdiener und der Vollstrecker der Todesstrafe. Ich habe bereits vorher gesagt, daß Charles Henri Sanson während einer gewissen Periode der Revolution ein Tagebuch nicht nur über die Hinrichtungen, denen er beigewohnt, sondern auch über seine persönlichen Empfindungen geführt habe. Dieses Tagebuch wurde erst gegen das Ende des Brumaire 1793 regelmäßig geführt; über den Tod der Charlotte Corday hat er uns aber einen Bericht hinterlassen, der umständlicher und ausführlicher ist, als alle diejenigen, welche bei den Mitteilungen über die Prozesse der ersten Revolutionsphase benutzt worden sind. Ich werde diesen Bericht, ebenso wie später das Tagebuch, mitteilen, ohne die unzusammenhängende Form desselben zu ändern, da diese einfache Fassung gerade den Verfasser charakterisiert und der Notiz einen um so höheren Wert verleiht: Diesen Mittwoch, am 17. Juli im Jahre 1 der einen und unteilbaren Republik, wurde die Bürgerin Corday von Caen als Verschwörerin und Mörderin des Patrioten und Konvents-Deputierten Marat hingerichtet. Diesen Mittwoch, am 17. desselben Monats, um zehn Uhr Morgens, ging ich, den Befehl des Bürger Fouquier einzuholen. Der Bürger Fouquier war in der Sitzung und ließ mir antworten, ich sollte warten und mich nicht entfernen. Ich ging wieder hinunter und nahm einen Imbiß bei dem Bürger Fournier. Gegen ein Uhr nachmittags sagte mir ein Bürger, der aus der Sitzung kam, das Mädchen sei verurteilt. Ich ging hinauf und befand mich in dem Zeugenzimmer, als der Bürger Fouquier mit dem Bürger Montané vorüberging. Er sah mich nicht, denn er stritt heftig mit dem erwähnten Montané, den er beschuldigte, er sei der Angeklagten günstig gestimmt gewesen. Sie blieben länger als eine Stunde in dem Kabinett eingeschlossen. Beim Hinausgehen erblickte mich der Bürger Fouquier und fragte mich zornig: »Bist du noch da?« Ich bemerkte ihm, daß ich keine Befehle erhalten habe. In demselben Augenblick trat der Bürger Fabricius mit einer Abschrift des Urteils ein; nachdem diese unterzeichnet war, gingen wir in die Conciergerie hinunter. Während ich mit Bürger Richard sprach, bemerkte ich, daß seine Frau ganz bleich war und zitterte. Ich fragte, ob sie krank wäre; sie antwortete mir: »Wartet nur, in kurzem wird Euch der Mut mehr sinken als mir.« Der Bürger Richard führte uns in das Gemach der Verurteilten. Die Bürger Tirrase und Monet, Gerichtsdiener des Tribunals, traten zuerst ein, während ich an der Tür blieb. In dem Zimmer der Verurteilten befanden sich zwei Personen: ein Gendarm und ein Bürger, der ihr Bildnis zeichnete. Sie saß auf einem Stuhl und schrieb auf einem Buchdeckel. Sie bemerkte die Gerichtsdiener nicht, aber mich und. winkte mir zu warten. Als sie geendigt hatte, begannen die Bürger Tirrase und Monet das Urteil zu lesen, während welcher Zeit die Bürgerin Corday das Papier, welches sie beschrieben hatte, zu einem Briefe faltete und es dem Bürger Monet mit der Bitte zustellte, es dem Bürger-Deputierten Pontscoulant zugehen zu lassen. Dann rückte sie ihren Stuhl in die Mitte des Zimmers, setzte sich nieder, nahm ihre Haube ab und löste ihr hellbraunes Haar, welches sehr lang und schön war und gab mir ein Zeichen, es abzuschneiden. Seit Herrn de la Barre war mir ein solcher Todesmut nicht vorgekommen. Wir waren unserer sechs oder sieben Bürger, deren Handwerk nicht viel Rührung zuläßt; sie schien aber weniger bewegt, als wir alle, und ihre Lippen hatten nicht einmal ihre Farbe verloren. Als ihr Haar gefallen war, gab sie einen Teil davon dem Maler, der sie gezeichnet hatte, und das übrige dem Bürger Richard für seine Gattin. Ich reichte ihr das rote Hemde, welches sie sich selbst überwarf und ordnete. Als ich mich anschickte, sie zu binden, fragte sie mich, ob sie ihre Handschuhe anbehalten könnte, denn bei ihrer Verhaftung hätte man sie so stark geschnürt, daß sie noch die Narben am Handgelenk davontrüge. Ich sagte ihr, sie möchte es nach ihrem Belieben halten; diese Vorsicht wäre aber unnütz, denn ich würde sie fesseln ohne ihr wehe zu tun. Lächelnd sprach sie: »In der Tat, jene Männer sind nicht so geübt wie Ihr«, und sie reichte mir ihre bloßen Hände hin. Wir stiegen in den Karren. Es waren zwei Sitze, und ich forderte sie auf, sich niederzusetzen, sie weigerte sich aber; ich sagte darauf, sie täte recht, denn auf diese Weise würde sie weniger von den Wagenstößen leiden, und sie lächelte, ohne mir zu antworten. Sie blieb stehen und stützte sich auf die Wagenleitern. Fermin, der hinten saß, wollte den Sessel nehmen, ich hinderte ihn aber daran und stellte denselben vor die Bürgerin, damit sie ein Knie darauf stützen könne. Es regnete und donnerte in dem Augenblick, als wir auf dem Kai ankamen; aber das Volk, welches in großer Zahl auf unserem Wege versammelt war, zerstreute sich nicht wie gewöhnlich. Als wir die Arkade verließen, schrie man laut; je weiter wir aber kamen, desto schwächer und seltener wurde dies Geschrei. Fast nur diejenigen, die uns zunächst umgaben, beleidigten die Verurteilte und machten ihr Marats Tod zum Vorwurf. An einem Fenster in der Straße St. Honoré erblickte ich die Bürger Robespierre, Camille Desmoulins und Danton, Deputierte des Konvents. Der Bürger Robespierre schien sehr aufgeregt und sprach eifrig mit seinen Kollegen; aber diese und namentlich der Bürger Danton, schienen nicht auf ihn zu hören, sondern blickten aufmerksam auf die Verurteilte. Ich selber wendete mich jeden Augenblick um, um sie anzusehen, und je öfter ich sie ansah, desto größere Lust empfand ich, sie zu betrachten. Und doch war es nicht wegen ihrer Schönheit, so groß diese auch war; aber es schien mir unmöglich, daß sie bis zum Ende so sanft und mutig bleiben könnte, wie ich sie sah. Ich wollte erfahren, ob sie auch ihre Schwächen hätte wie die übrigen; aber ich weiß nicht, weshalb ich jedesmal, wenn ich meine Augen auf sie richtete, sie schwach zu finden fürchtete. Dennoch geschah, was ich für unmöglich hielt. Während der zwei Stunden, die sie an meiner Seite blieb, haben ihre Augenwimpern nicht gezuckt. Ich sah keine Bewegung des Zorns oder des Unwillens in ihrem Gesicht. Sie sprach nicht; sie betrachtete nicht diejenigen, welche den Karren umgaben und sie mit unflätigen Reden beschimpften, sondern die Bürger, die sich in den Fenstern zeigten. Es waren so viele Leute auf der Straße, daß wir nur langsam weiter kamen. Als ich sie seufzen hörte, wagte ich die Worte: »Nicht wahr. Sie finden den Weg sehr lang?« Sie antwortete: »Pah! wir können immer sicher sein, anzukommen.« Dabei war ihre Stimme so ruhig und wohlklingend wie im Gefängnis. In dem Augenblick, als wir den Revolutionsplatz erreichten, stand ich auf und stellte mich vor sie, damit sie die Guillotine nicht sehen sollte. Sie neigte sich aber vorwärts mit den Worten: »Ich habe wohl das Recht, neugierig zu sein, denn ich habe sie noch niemals gesehen!« Ich glaube jedoch, daß ihre Neugierde sie erbleichen machte; dies dauerte aber nur einen Augenblick und sogleich erhielt sie ihre lebhafte Gesichtsfarbe wieder. In dem Augenblick, als wir von dem Karren stiegen, bemerkte ich, daß sich unbekannte Personen unter meine Leute gemischt hatten. Während ich die Gendarmen aufforderte, mir bei der Säuberung des Platzes behilflich zu sein, war die Verurteilte schnell die Treppe hinaufgestiegen. Als sie auf der Plattform ankam und Fermin ihr in roher Weise ihr Halstuch abriß, warf sie sich selber hastig auf das Fallbrett, wo sie festgeschnallt wurde. Obgleich ich nicht auf meinem Posten war, hielt ich es doch für grausam, die Todesqual dieses mutigen Weibes auch nur eine Sekunde zu verlängern und gab Fermin, der an dem Pfahle rechts stand, ein Zeichen, das Fallbeil herunterzulassen. Ich stand noch am Fuße des Schafotts, als einer der Leute, die sich gern in fremde Angelegenheiten mischen, ein gewisser Zimmermann Legros, der während des Tages bei der Ausbesserung der Guillotine geholfen hatte, das Haupt der Bürgerin Corday aufnahm und es dem Volke zeigte. Ich bin an derartige Schauspiele gewöhnt und dennoch fürchtete ich mich dieses Mal. Es schien mir, als richteten sich diese halb geöffneten Augen auf mich und als bemerkte ich noch diese rührende und unwiderstehliche Sanftmut, die mich in Erstaunen gesetzt hatte. Auch wendete ich den Kopf ab. Erst aus dem Murren um mich her erfuhr ich, daß der Schändliche den Kopf geohrfeigt hatte. Andere versicherten mir, ihr Antlitz sei bei dieser Gelegenheit errötet. Als ich nach Hause zurückkehrte, ging die Prophezeiung der Bürgerin Richard in Erfüllung. In dem Augenblick, als ich mich zu Tisch setzte, fragte mich meine Frau: »Was fehlt dir denn und warum bist du so bleich!« Der Prozeß der Königin Die Nelke; Fouquier-Tinville, Hébert, de Rougeville, Chauveau-Lagarde, Trouson-Ducoudray; Prozeß und Hinrichtung. Nach dem Tode Ludwigs XVI. schien man die königlichen Gefangenen im Temple-Gefängnis vergessen zu haben. Der Haß, welchen das Pariser Volk gegen Ludwig XVI. hegte, war durchaus politisch und richtete sich mehr gegen den König, als gegen den Menschen; der Haß des Volkes gegen Marie-Antoinette war im Gegenteil zugleich politisch und persönlich. Die Königin hatte unversöhnliche Feinde nicht nur unter den Neuerern, welche die Monarchie zu stürzen oder umzuändern strebten, sondern auch unter ihren eigenen Hofleuten, sogar unter den Mitgliedern ihrer Familie. Am 1. August erließ der Konvent ein Dekret, welches bestimmte, daß Marie-Antoinette vor das Revolutionstribunal gestellt werden sollte. Am 2. August um zwei Uhr morgens wurde der Königin dieses Dekret bekanntgemacht; sie hörte es, ohne die geringste Erschütterung zu verraten, packte ihre Kleidungsstücke zusammen, küßte ihre Tochter (seit dem 3. Juli hatte man ihr den Dauphin genommen), empfahl ihre Kinder der Madame Elisabeth und folgte mit festen Schritten den Munizipalsoldaten. Als sie unter einem Türbogen hindurchschritt, vergaß sie, sich zu bücken und stieß sich so heftig den Kopf, daß das Blut aus der erhaltenen Wunde floß. Der Munizipalgardist Michonis fragte sie, ob sie sich weh getan hätte. Sie antwortete: »Nein, mir tut jetzt nichts mehr weh...« Die Untersuchung zog sich in die Länge. Je näher man auf die der Königin zur Last gelegten Tatsachen einging; desto weniger Beweise fand man für die Verbrechen, von denen man so fest überzeugt gewesen war. Fouquier-Tinville verlor den Schlaf darüber, und die Anklage, die er zu formulieren hatte, gestaltete sich in seinen Augen zu einem unlösbaren Rätsel. Inzwischen hatten einige mutige Männer den Entschluß gefaßt, die Königin zu retten; unglücklicherweise mußten sie sich aus Furcht vereinzelt halten. In jener Schreckenszeit konnte es geschehen, daß zwei gleich ergebene Männer sich kreuzten und begegneten, ohne eine gegenseitige Mitteilung zu wagen. Einer der Diener des gestürzten Königtums, der Chevalier von Rougeville, gelangte durch Michonis' Vermittlung in Marie-Antoinettes Kerker und reichte ihr eine Nelke, welche er in seinem Knopfloch trug. Diese Nelke enthielt einen Zettel, worin er der Königin seine Dienste anbot. Die Gefangene fürchtete, der junge Mann würde Mittel finden, sich abermals bei ihr einzuführen. Sie wollte aber keines Menschen Leben in Gefahr setzen, um ihr eigenes, auf welches sie so wenig Wert legte, zu retten, und stach daher eine verneinende Antwort mit der Nadel in das Papier. Plötzlich trat einer der wachhabenden Gendarmen ein und bemächtigte sich des Billetts. Dieser Vorfall wurde in die Anklage mit aufgenommen, welche durch die Schriftstücke, die das Sicherheitskomitee aus den in den Tuilerien aufgefundenen Papieren entnommen, noch vervollständigt wurde. Am 22. Vendemiaire stellte Fouquier-Tinville den gerichtlichen Antrag. Liest man dieses seltsame Schriftstück, in welchem gegen den gesunden Verstand und die Wahrscheinlichkeit in gleichem Maße wie gegen die Regeln des Stils gesündigt ist, so kann man sich eine Vorstellung von der Verlegenheit machen, worin sich der Ankläger befand; ich will die wichtigsten Sätze desselben wiedergeben: »Ich, Antoine-Quentin Fouquier, öffentlicher Ankläger beim außerordentlichen Kriminalgericht usw., melde folgendes: Marie-Antoinette, Witwe Louis Capets, ist infolge eines Konventsdekrets vom vergangenen 1. August vor das Revolutionstribunal gestellt, angeklagt der Verschwörung gegen Frankreich; ein anderes Dekret vom 3. Oktober bestimmt, das Tribunal solle sich unverzüglich und ohne Unterbrechung mit der Untersuchung beschäftigen; – der öffentliche Ankläger erhielt die Schriftstücke, welche die Witwe Capet betreffen, am 19. und 20. des ersten Monats des zweiten Jahres, in gewöhnlicher Sprache am 11. und 13. Oktober; ein Richter des Tribunals ist unverzüglich zum Verhör der Witwe Capet geschritten; – die Untersuchung aller Schriftstücke durch den öffentlichen Ankläger hat ergeben, daß gleich den Messalinen Brunehilde, Fredegunde und Medicis, welche man früher Königinnen von Frankreich nannte und deren gehässige Namen niemals aus der Geschichte ausgelöscht werden können, die Witwe Louis Capets, Marie-Antoinette, während ihres Aufenthalts in Frankreich die Geißel und der Blutsauger der Franzosen gewesen und bis zu der glücklichen Revolution, welche dem französischen Volke seine Souveränität wiedergab, mit dem Manne, den man König von Böhmen und Ungarn tituliert, in Einverständnis gestanden, einem Einverständnis, welches dem Interesse Frankreichs widersprach. In Verbindung mit den Brüdern Louis Capets und dem schändlichen und verabscheuungswerten Calonne, damals Finanzminister, hat sie die Finanzen Frankreichs (den Schweiß des Volkes) in abscheulicher Weise vergeudet, um ihre Ausschweifungen zu bestreiten und die Agenten ihrer verbrecherischen Ränke zu besolden. Es steht fest, daß sie zu verschiedenen Zeiten dem Kaiser Millionen zukommen ließ, um den Krieg gegen die Republik zu nähren, und daß sie durch diese außerordentlichen Verschwendungen den Nationalschatz erschöpft hat. Seit der Revolution hat die Witwe Capet nicht einen Augenblick aufgehört, Einverständnisse und verbrecherischen Briefwechsel zum Nachteile Frankreichs zu unterhalten, sowohl mit den fremden Mächten wie im Innern der Republik durch ihr ergebene Agenten, welche sie durch den ehemaligen Schatzmeister der Zivilliste besoldete. Zu verschiedenen Zeiten hat sie alle Kunstgriffe angewendet, die sie für ihre schändlichen Pläne, eine Konterrevolution ins Werk zu setzen, geeignet hielt. Unter dem Vorwande einer nötigen Vereinigung der ehemaligen Garde du Corps und der Offiziere und Soldaten des Regiments von Flandern ließ sie am 1. Oktober 1789 für die beiden Korps eine Mahlzeit herrichten, welche nach ihrem Wunsche in eine wahrhafte Orgie ausartete; unmerklich wußte sie die Gäste dahin zu bringen, die weiße Kokarde aufzustecken und die Nationalkokarde mit Füßen zu treten. Ferner hat sie im Einverständnis mit Louis Capet in dem ganzen Bereiche der Republik konterrevolutionäre Werke drucken und in großer Zahl verbreiten lassen. Durch ihre Gehilfen ließ sie in den ersten Tagen des Monats Oktober 1789 in Paris und der Umgegend eine künstliche Hungersnot erzeugen, welche einen neuen Aufstand hervorrief, infolgedessen eine unzählige Menge von Bürgern und Bürgerinnen sich am 5. desselben Monats nach Versailles begaben. Diese Tatsache ist unwiderleglich bewiesen durch den Überfluß, welcher am Tage nach der Ankunft der Witwe Capet in Paris herrschte. Die Witwe Capet hat nach ihrer Rückkehr von Varennes ihre verdächtigen Zusammenkünfte wieder aufgenommen, in denen sie selbst den Vorsitz führte. Im Einverständnis mit ihrem Günstling Lafayette wurden die Tuilerien geschlossen und die Bürger dadurch verhindert, die Höfe des ehemaligen Schlosses der Tuilerien frei zu passieren. In denselben verdächtigen Zusammenkünften wurde das schreckliche Gemetzel beschlossen, das am 17. Juli 1791 stattfand, bei welcher Gelegenheit die eifrigsten Patrioten auf dem Marsfelde niedergemacht wurden. Die Witwe Capet ließ nichtswürdige Minister und, für die Stellen in der Armee und bei den Behörden, solche Männer ernennen, welche der ganzen Nation als Verschwörer gegen die Freiheit bekannt waren. Im Einverständnis mit der freiheitmörderischen Partei, welche die gesetzgebende Versammlung und auch eine Zeitlang den Konvent beherrschte, hat die Witwe Capet dem Könige von Böhmen und Ungarn, ihrem Bruder, den Krieg erklären lassen; durch diese Kunstgriffe und schändlichen Ränke wurde der erste Rückzug der Franzosen vom belgischen Gebiete veranlaßt. Mit ihren nichtswürdigen Gehilfen hat die Witwe Capet die schreckliche Verschwörung zustande gebracht, welche am 1. August ausbrach und nur durch die vereinten Anstrengungen der mutigen Patrioten vereitelt wurde. In der Besorgnis, daß diese Verschwörung nicht den erwünschten Erfolg haben könnte, ist die Witwe Capet am 7. August gegen halb zehn Uhr abends in dem Saale erschienen, wo die ihr ergebenen Schweizer und andere Personen damit beschäftigt waren, Patronen anzufertigen; während sie die Männer zur Beschleunigung der Arbeit anfeuerte, nahm sie selber daran teil und half Kugeln gießen. Endlich hat die über alle Begriffe entsittlichte Witwe Capet, eine neue Agrippina, welche mit allen Verbrechen vertraut ist, ihre Eigenschaft als Mutter und die Grenzen, welche die Naturgesetze vorschreiben, außer acht gelassen und sich nicht gescheut, sich mit ihrem Sohne Louis Charles Capet, nach dem eigenen Geständnis dieses letzteren. Unsittlichkeiten hinzugeben, bei deren Namen man allein schon vor Abscheu schaudert. Nach den vorstehenden Auseinandersetzungen erhebt der öffentliche Ankläger hiermit die Anklage gegen Marie-Antoinette, welche sich in dem Verhör von Lothringen-Österreich nannte, die Witwe Louis Capets, wegen folgender absichtlichen Verbrechen: 1. Im Einverständnisse mit den Brüdern Louis Capets und dem nichtswürdigen Exminister Calonne in schändlicher Weise die Finanzen Frankreichs vergeudet, unzählige Summen dem Kaiser überliefert und auf diese Weise den Nationalschatz erschöpft zu haben; 2. sowohl selbst als durch ihre konterrevolutionären Gehilfen einen lebhaften Briefwechsel mit den Feinden der Republik unterhalten und dieselben Feinde mit den im Rate beschlossenen Kriegs- und Angriffsplänen bekanntgemacht zu haben; 3. durch ihre Ränke und die Kunstgriffe ihrer Agenten Verschwörungen und Komplotte gegen die innere und äußere Sicherheit Frankreichs angezettelt, zu diesem Zwecke den Bürgerkrieg in verschiedenen Gegenden der Republik entzündet, die Staatsbürger gegeneinander bewaffnet und durch dieses Mittel das Blut einer unzähligen Menge Bürger vergossen zu haben. Gegen den Artikel 4, Sektion I, Titel I zweiten Teils des Strafgesetzes und gegen Art. 11, Sekt. 11, Titel II desselben Gesetzbuches. Infolgedessen usw. gez. Fouquier.« Weiter unten unterzeichneten sich, auf das gerichtliche Gesuch des öffentlichen Anklägers eingehend: Armand Martin Joseph Herman, Etienne Foucaut, Gabriel Toussaint Sellier, Pierre André Coffinhal, Gabriel Deliège, Pierre Louis Ragmer, Antoine Marie Maire, François Joseph Denisot, Etienne Mayon; sämtlich Richter beim vorgenannten Tribunal.   Ein Edelmann hatte die Rettung der Königin versucht; zwei Advokaten, Chauveau-Lagarde und Tronson-Ducoudray, nahmen die Ehre in Anspruch, sie zu verteidigen; eine Ehre, die nicht ohne Gefahr war, ihre Namen aber für die Zukunft mit dem der Unglücklichen in Verbindung setzte. Am 13. Oktober (22. Vendemiaire) benachrichtigte man die Königin, daß sie am folgenden Tage vor ihren Richtern erscheinen sollte. Am folgenden Tage um zehn Uhr holte man sie ab. Sie schritt durch ein doppeltes Spalier von Gendarmen, welche man von der Tür ihres Gefängnisses bis zum Gerichtssaal aufgestellt hatte. In den letzteren wurde sie durch einen Offizier der Gendarmerie eingeführt. Sie ging langsamen Schrittes, mit jener majestätischen Feierlichkeit, welche sie bei Hoffesten gezeigt hatte; sie trug den Kopf hoch, ihr Antlitz zeigte eine imposante Würde; ihre Gesichtszüge bekundeten weder Verwirrung noch die Absicht, ihren Richtern Trotz zu bieten; sie war kalt, ruhig und fast gleichgültig; ihr weißes Haar und die Runzeln auf der Stirn und um den Mund, der breite rötliche Rand um ihre Augen und der zuweilen ausdruckslose Blick zeugten von den ausgestandenen Seelenleiden; aber dieses unbewegliche Gesicht schien die Starrheit des Marmors angenommen zu haben, als ob die besiegte Seele sich schon dem Märtyrertum entzogen hätte. Sie setzte sich auf einen Lehnstuhl, dem Gerichtshofe gegenüber; Tronson-Ducoudray und Chauveau-Lagarde nahmen an ihrer Seite Platz. Der Gerichtshof bestand aus den Bürgern Herman, dem Präsidenten; den Richtern Coffinhal, Maire, Doujé-Verteuil; dem öffentlichen Ankläger Fouquier-Tinville und dem Gerichtsschreiber Fabricius Paris. Antonelle, Renaudin, Souberbielle, Fiévé, Besnard, Thoumin, Chrétin, Gannecy, Trinchard, Nicolas, Lumière, Desboisseaux, Baron, Sambart und Devèse waren die Geschworenen. Herman richtet die herkömmlichen Fragen an die Angeklagte: »Wie heißen Sie?« »Marie-Antoinette von Lothringen-Österreich.« »Ihr Stand?« »Die Witwe Ludwigs, ehemaligen Königs der Franzosen.« »Ihr Alter?« »Siebenunddreißig Jahre.« Nachdem die Anklage verlesen war, schritt man zum Zeugenverhör. Nach jeder Aussage richtete der Präsident eine Reihe von Fragen an die Königin, welche dieselben mit großer Festigkeit und Geistesgegenwart beantwortete. Hébert war der dritte aufgerufene Zeuge; seine Aussage bleibt ein Denkmal scheußlicher Abgeschmacktheit und gemeiner Unverschämtheit. Folgendes ist die Aussage, wie sie der Moniteur mitteilt: »Jacques-Réné Hébert, Substitut des Gemeindeanwalts, sagt aus, daß er in seiner Eigenschaft als Gemeindemitglied vom 10. August mit wichtigen Geschäften beauftragt worden, welche ihn von der Verschwörung Antoinettes überzeugt hätten; namentlich fand er eines Tages im Tempel ein Gebetbuch, welches ihr gehörte, und in demselben eines jener konterrevolutionären Zeichen, bestehend in einem von einem Pfeile durchbohrten brennenden Herzen, mit der Inschrift: ›Jesu, miserere nobis‹ . Ein anderes Mal fand er in Elisabeths Zimmer einen Hut, den er als den Louis Capet zugehörigen erkannte; diese Entdeckung ließ ihn nicht zweifeln, daß einige seiner Kollegen sich zum Dienste der Tyrannei herabließen. Er erinnerte sich, daß Toulan eines Tages mit seinem Hut in den Turm gegangen und barhaupt mit den Worten: er hätte seine Kopfbedeckung verloren, herausgekommen sei. Er fügt hinzu, daß Simon ihn eines Tages wissen ließ, daß er ihm etwas Wichtiges mitzuteilen habe; er begab sich in Begleitung des Maire und des Gemeindeanwalts in den Tempel. Hier erhielten sie von dem jungen Capet eine Erklärung, woraus hervorgeht, daß zur Zeit der Flucht Louis Capets nach Varennes La Fayette und Bailly zur Erleichterung jener Flucht beigetragen haben; daß sie zu diesem Behufe die Nacht im Schlosse zugebracht; daß während ihres Aufenthalts im Tempel die Gefangenen beständig von den Vorfällen draußen unterrichtet worden und daß man ihnen Briefe in die Kleider und Schuhe gesteckt habe. Der kleine Capet nannte dreizehn Personen, welche zum Teil zur Unterhaltung dieses Einverständnisses mitgewirkt hätten; einer derselben habe ihn mit seiner Schwester in einen kleinen Turm geschlossen und, wie er gehört, zu seiner Mutter gesagt: »Ich werde Ihnen Mittel verschaffen, alle Nachrichten zu erfahren, indem ich Ihnen täglich einen Kolporteur schicke, der in der Nähe des Turms die Abendzeitung ausruft.« Endlich ertappte Simon den jungen Capet, dessen körperlicher Gesundheitszustand sich mit jedem Tage verschlechterte, bei geheimen, der Gesundheit nachteiligen Sünden; als er ihn fragte, wer ihm dieses schändliche Laster gelehrt habe, antwortete er, daß er es der Unterweisung seiner Tante verdanke. Aus der Erklärung, welche der junge Capet in Gegenwart des Maire von Paris und des Gemeindeprokurators ablegte, bemerkt der Zeuge, geht hervor, daß jene beiden Frauen mit dem Sohne Capets die zügellosesten Ausschweifungen trieben. Es ist wohl Grund zu der Vermutung, daß dabei die politische Absicht vorlag, die Gesundheit dieses Kindes zu untergraben, welches man noch für einen Thron bestimmt hielt und auf das man sich durch dieses Verfahren einen moralischen Einfluß sichern wollte. Seitdem der junge Capet nicht mehr bei seiner Mutter ist, kräftigt sich auch seine Gesundheit wieder.« Diese schändlichen Aussagen wurden unter tiefem Stillschweigen ausgesprochen. Als Hébert geendigt hatte, lief ein Schauer des Schreckens durch die Zuhörer. So unerbittlich auch der Haß der Anwesenden war, so schwand derselbe doch jetzt; aller Herzen empfanden Mitleid und empörten sich im Gegenteil gegen den Elenden, der diese nichtswürdige Aussage gemacht hatte. Marie-Antoinette schien unempfindlich gegen diesen Schimpf; sie hörte ihn, ohne den Urheber dieser Abscheulichkeit auch nur eines Blickes zu würdigen. Der Präsident nahm jetzt das Verhör wieder auf. Präsident (zur Angeklagten): »Was haben Sie auf die Aussagen des Zeugen zu antworten?« Angeklagte: »Ich habe keine Kenntnis von den Tatsachen, von denen Hébert spricht; ich weiß nur, daß mein Sohn das erwähnte Herz von seiner Schwester erhielt; der Hut, von welchem er gleichfalls spricht, ist ein Geschenk, welches meiner Schwester bei Lebzeiten des Bruders gemacht wurde.« Präsident: »Brachten die Administratoren Michonis, Jobert, Marino und Michel nicht andere Personen mit sich, als sie zu Ihnen kamen?« Angeklagte: »Ja, sie kamen niemals allein.« Präsident: »Wieviel Personen hatten sie jedesmal bei sich?« Angeklagte: »Oft drei oder vier.« Präsident: »Waren diese Personen ebenfalls Administratoren?« Angeklagte: »Ich weiß es nicht.« Präsident: »Waren Michonis und die andern Administratoren mit ihren Schärpen bekleidet, als sie sich zu Ihnen begaben?« Angeklagte: »Ich erinnere mich dessen nicht.« Der Bürger Hébert bemerkt, daß seinem Gedächtnis ein wichtiger Umstand entfallen sei, der jedenfalls den Bürger-Geschworenen unterbreitet werden müsse; derselbe würde von der politischen Gesinnung der Angeklagten und ihrer Schwägerin Zeugnis ablegen. Diese beiden Frauen behandelten den kleinen Capet mit derselben Unterwürfigkeit, als ob er König gewesen wäre; bei Tische hatte er den Vorsitz über seiner Mutter und seiner Tante, er saß am obersten Ende und wurde immer zuerst bedient. Präsident (zur Angeklagten): »Fühlten Sie nicht eine freudige Erregung, als Sie sahen, daß Michonis eine Privatperson, welche eine Nelke trug, in Ihr Zimmer in der Conciergerie führte?« Angeklagte: »Da ich seit dreizehn Monaten eingesperrt war, ohne eine bekannte Person zu sehen, so zitterte ich vor Besorgnis, daß jener Herr meinetwegen in Ungelegenheiten kommen könnte.« Präsident: »War diese Privatperson einer von Ihren Agenten?« Angeklagte: »Nein.« Präsident: »War er nicht am 20. Juni in dem ehemaligen Schlosse der Tuilerien?« Angeklagte: »Ja.« Präsident: »Und wahrscheinlich auch in der Nacht vom 9. zum 10. August?« Angeklagte: »Ich erinnere mich nicht, ihn dort gesehen zu haben.« Präsident: »Hatten Sie nicht eine Unterredung mit Michonis? Haben Sie ihm nicht gesagt, Sie fürchteten, daß er nicht in die neue Munizipalität gewählt werden würde?« Angeklagte: »Ja.« Präsident: »Welches war Ihrerseits der Grund zu einer solchen Befürchtung?« Angeklagte: »Weil er sanft und menschlich gegen die Gefangenen war.« Präsident: »Sagten Sie nicht an demselben Tage zu ihm: Vielleicht ist es das letzte Mal, daß ich Sie sehe?« Angeklagte: »Ja.« Präsident: »Weshalb sagten Sie das?« Angeklagte: »Weil er den Gefangenen große Teilnahme schenkte.« Ein Geschworener: »Bürger Präsident, ich ersuche Sie, der Angeklagten bemerkbar zu machen, daß sie noch nicht auf die von dem Bürger Hébert erwähnten Tatsachen in bezug auf die Vorfälle zwischen ihr und ihrem Sohn geantwortet hat.« Der Präsident stellt die Frage darüber. Angeklagte: »Wenn ich nicht geantwortet habe, so geschah es, weil sich die Natur gegen eine solche Beschuldigung, wenn man sie einer Mutter macht, sträubt. (Hier erschien die Angeklagte im höchsten Grade aufgeregt.) Ich berufe mich auf alle Mütter, die anwesend sind.« Der Moniteur und die Tageszeitungen berichten von der Aufregung der Königin, hüten sich aber wohl, hinzuzufügen, daß dieselbe vom Publikum geteilt wurde. Als sie gezwungen wurde, auf eine Beschuldigung zu antworten, welche sie durch ihre Verachtung zurückzuweisen gehofft hatte, war das starre Gesicht der Königin plötzlich belebt geworden; ihre ausgetrockneten Augen, diese Augen, welche keine Tränen mehr hatten, schleuderten Blitze und von ihren zitternden Lippen erscholl die einzige, aber rührende Berufung, welche in aller Herzen nachhallte, so daß die Frauen selbst, die nur gekommen waren, um sich an der Erniedrigung ihrer ehemaligen Herrscherin zu werden, in ihrem Muttergefühl verletzt, dem einzigen Gefühl, welches ihre Verworfenheit überlebt hatte, plötzlich in lautes Schluchzen ausbrachen. Der Präsident Herman beeilte sich, einen andern Zeugen aufzurufen. Der Gerichtshof vernahm darauf mehrere Zeugen, die über den Vorfall mit der Nelke, welche der Königin in der Conciergerie zugestellt wurde, aussagten. Der Graf von Estaing, Vizeadmiral, sagte, er habe die Angeklagte, solange sie in Frankreich sei, gekannt, und sich selber über sie zu beklagen; er erkläre aber dennoch, daß er nichts wüßte, was eine Anklage gegen sie rechtfertige. Über die Vorfälle vom 5. und 6. Oktober befragt, antwortete er: »Ich hörte die Räte des Hofes zu der Angeklagten sagen, daß das Volk von Paris heranzöge, um sie zu massakrieren, und sie antwortete ihnen in erhabener Gesinnung: »Wenn die Pariser herkommen, um mich niederzumachen, so werde ich zu den Füßen meines Gemahls sterben, aber nicht fliehen.« Antoine Simon, früher Schuhmacher, gegenwärtig als Erzieher von Charles Louis Capet, dem Sohne der Angeklagten, angestellt, legte nur eine geringfügige Aussage ab. Der Präsident hütete sich wohl, ihn über die Tatsachen zu befragen, von denen er, nach Héberts Erklärung, der Hauptzeuge sein sollte. Marie-Antoinette hatte wenigstens den Trost, zu sehen, daß ihre Richter selber die Schändlichkeit der Anklage, welche der pére Duchesne verbreitet hatte, einsahen. Ein gewisser Jean Baptiste Labenette behauptete, die Angeklagte hätte drei Personen bestochen, ihn zu ermorden; aber trotz der ernsten Verhandlung erregte diese Behauptung Lächeln unter den Zuhörern. Beim Beginn der Sitzung vom 25. stellte Fouquier-Tinville seine Anklage. Chauveau-Lagarde und Tronson-Ducoudray hatten die Verteidigung der Königin übernommen; der erstere hielt eine sehr glänzende Rede, worin er wirksame Beredsamkeit an den Tag legte; der zweite widerlegte in seiner Verteidigungsrede alle Anklagepunkte nacheinander. Beiden hörte man mit ehrerbietigem Stillschweigen zu. Als Tronson-Ducoudray seine Rede beendigt hatte, führten die Gendarmen Marie-Antoinette ein und Herman begann einen summarischen Bericht über die Verhandlungen vorzutragen, gab aber nur eine Umschreibung von Fouquier-Tinvilles Antrag. Den Geschworenen wurden vier Fragen vorgelegt: 1. Ist es erwiesen, daß Handlungen und Unterhandlungen mit den fremden Mächten stattgefunden und daß diese Unterhandlungen zum Zweck gehabt, jenen Geldunterstützungen zu liefern, ihnen Zutritt auf das französische Gebiet zu verschaffen und die Erfolge ihrer Waffen zu erleichtern? 2. Ist Marie-Antoinette von Österreich, die Witwe Louis Capets, überwiesen, bei diesen Handlungen mitgewirkt und jene Einverständnisse unterhalten zu haben? 3. Ist es erwiesen, daß ein Komplott und eine Verschwörung bestanden, welche zum Zweck gehabt, den Bürgerkrieg im Innern der Republik zu entzünden? 4. Ist Marie-Antoinette von Österreich, die Witwe Louis Capets überwiesen, an diesem Komplott und dieser Verschwörung teilgenommen zu haben? Nach einstündiger Beratung kehrten die Geschworenen zurück und bejahten alle ihnen vorgelegte Fragen. Die Angeklagte wird wieder in den Verhörsaal geführt; Herman liest ihr die Erklärung der Jury vor; Fouquier stellt den Antrag, die Angeklagte zum Tode zu verurteilen und nachdem der Präsident die Stimmen seiner Kollegen gesammelt, spricht er folgendes Urteil: »Nachdem der Gerichtshof nach einstimmiger Erklärung der Geschworenen dem Strafantrage des öffentlichen Anklägers zustimmt, verurteilt derselbe, den bereits angeführten Gesetzen gemäß, die besagte Marie-Antoinette, genannt von Lothringen-Österreich, Witwe Louis Capets, zur Todesstrafe; und erklärt, laut dem Gesetz vom 19. März vorigen Jahres, ihre Güter, wenn sie solche auf französischem Boden besitzt, für gerichtlich eingezogen.« In ihr Gefängnis zurückgekehrt, hüllte sie ihre Füße in eine Decke, warf sich angekleidet auf ihr Bett und entschlief. Die lange Dauer der Verhandlung hatte ihre Kräfte erschöpft. Die Sitzung hatte um neun Uhr morgens begonnen und endigte erst spät abends, so daß die Leidende aufs höchste gefoltert worden war. Sie hatte Hunger und Durst ausgestanden, und so seltsam waren die Leidenschaften jener Zeit, daß ein Gendarmerieoffizier namens Busne sich rechtfertigen mußte, weil er ihr ein Glas Wasser gereicht hatte. Als die beiden wachthabenden Gendarmen sie nicht hörten, wurden sie besorgt; einer von ihnen trat in das Zimmer und sah sie ruhig und friedlich schlummern. Dieser Schlummer dauerte kaum drei Viertelstunden. Dann erwachte sie und bat einen ihrer Wächter, den Schließer Bault zu rufen. Als dieser kam, fragte sie, ob sie Schreibmaterialien bekommen könne. Bault antwortete, daß Fouquier diesem Wunsche zuvorgekommen sei und befohlen habe, Papier und Tinte zu ihrer Verfügung zu stellen; er schickte auch sofort einen Gendarmen danach. Am 22. Februar 1816 wurde dieser Brief der Königin von Herrn von Richelieu den beiden Kammern vorgelesen. Folgendes ist der Inhalt dieses bewundernswerten Testaments, welches in jeder Beziehung dem Ludwigs XVI. würdig zur Seite steht: »An Dich, meine Schwester, schreibe ich zum letzten Male. Ich bin verurteilt worden, nicht, eines schmachvollen Todes zu sterben – denn der gebührt nur den Verbrechern – sondern Deinen Bruder wiederzusehen. Ich hoffe dieselbe Festigkeit wie er zu zeigen. Es tut mir schmerzlich leid, meine armen Kinder verlassen zu müssen; Du weißt, daß ich nur für sie und für Dich lebte. Du hast in Deiner Freundschaft alles geopfert, um bei uns zu leben; in welcher Lage lasse ich Dich! Aus der Verteidigungsrede beim Prozesse habe ich erst erfahren, daß meine Tochter von Dir getrennt ist. Ach, das arme Kind! Ich wage nicht, ihm zu schreiben, denn es würde meinen Brief nicht erhalten; ich weiß nicht einmal, ob derselbe Dir zugehen wird. Nimm meinen Segen für sie! Ich hoffe, daß sie sich eines Tages, wenn sie erwachsen sein werden, wieder mit Dir vereinigen, und Deiner zärtlichen Sorgfalt in Frieden genießen können; mögen sie stets der Lehre gedenken, die ich ihnen immer einzuflößen suchte: daß ihre Freundschaft und ihr gegenseitiges Vertrauen ihr einziges Glück ausmachen; möge meine Tochter eingedenk sein, daß sie, durch ihr reiferes Alter befähigt, ihrem Bruder mit allen Ratschlägen beistehen soll, welche ihre Erfahrung und ihre Freundschaft ihr einflößen; mögen beide bedenken, in welche Lage sie auch kommen, daß sie nur durch Eintracht wahrhaft glücklich sein können. Möchten sie doch an uns ein Beispiel nehmen! Wieviel Trost hat uns unsere Freundschaft im Unglück gewählt; und des Glücks genießt man doppelt, wenn man es mit einem Freunde teilen kann; wo kann man zärtlichere und teuerere Freunde finden, als im Schoße der eigenen Familie? Mein Sohn soll niemals die letzten Worte seines unglücklichen Vaters, die ich ihm ausdrücklich wiederhole, vergessen: Er trachte niemals danach, unsern Tod zu rächen. Ich habe nun noch von einer Sache zu sprechen, die meinem Herzen peinlich ist; ich weiß, wieviel Mühe Dir dieses Kind machen muß. Verzeihe ihm, teure Schwester, bedenke sein zartes Alter und wie leicht es ist, einem Kinde einzureden, was man will und was es selber nicht versteht! Hoffentlich wird dereinst ein Tag kommen, wo er Deine Güte und Zärtlichkeit für ihn und seine Schwester besser zu würdigen wissen wird. Es bleibt mir noch übrig. Dir meine letzten Gedanken anzuvertrauen. Ich wollte Dir beim Beginn des Prozesses schreiben; aber abgesehen davon, daß man mich nicht schreiben ließ, war der Verlauf so schnell, daß ich auch keine Zeit dazu gehabt haben würde. Ich sterbe in der römisch-katholischen apostolischen Religion, in welcher ich mit meinen Brüdern erzogen wurde und zu welcher ich mich stets bekannte; ich habe keinen anderen geistlichen Trost zu erwarten, denn ich weiß nicht, ob überhaupt noch Priester dieser Religion vorhanden sind und ob sie sich nicht großen Gefahren aussetzen würden, wenn sie den Ort, wo ich mich befinde, zu betreten wagten; ich bitte aufrichtig Gott um Verzeihung für alle Fehler, die ich bei meinen Lebzeiten begangen habe. Ich hoffe, daß er in seiner Güte meine Seele in seinen barmherzigen Schutz aufnehmen werde; ich verzeihe allen meinen Feinden das Übel, das sie mir zugefügt haben. Ich bitte alle diejenigen, die ich kenne, und Dich, meine Schwester im besonderen, um Verzeihung für alle Mühe, die ich Euch ohne meinen Willen verursacht habe. Ich sage meinen Tanten und allen meinen Geschwistern Lebewohl. Ich hatte Freunde, und der Gedanke, von ihnen und ihrer Liebe für immer getrennt zu werden, verursacht mir großes Leid in meinem Tode; mögen sie hierdurch wenigstens erfahren, daß ich bis zu meinem letzten Augenblicke an sie dachte! Lebe wohl, meine gute und zärtliche Schwester; o möchte dieser Brief zu Dir gelangen! Denke immer an mich! Ich umarme Dich von ganzem Herzen ebenso wie jene armen, geliebten Kinder. Mein Gott, wie herzzerreißend ist es, sie auf immer verlassen zu müssen! Lebewohl! Lebewohl! Ich darf mich jetzt nur mit meinen geistigen Pflichten beschäftigen; da ich nicht über meine Handlungen frei verfügen kann, so wird man mir vielleicht einen Priester zuführen; aber ich erkläre hiermit, daß ich demselben nicht ein Wort sagen und ihn wie ein durchaus fremdes Wesen behandeln werde.« Als der Brief beendigt war, küßte die Königin alle Seiten desselben, faltete ihn zusammen und gab ihn an Bault, mit der Bitte, ihn Madame Elisabeth zuzustellen. Der Gefängniswärter antwortete ihr, daß die Erfüllung ihrer Bitte nicht von ihm abhinge und er genötigt sei, das Schreiben Fouquier-Tinville zu übergeben, der dasselbe an seine Bestimmung gelangen lassen würde. Die Königin blieb stumm; sie stützte ihr Gesicht in ihre Hände und verharrte einige Zeit in dieser Stellung. So saß sie noch, als Bault ihr meldete, daß jemand mit ihr zu sprechen wünsche; sie erhob langsam das Haupt und als sie einen schwarz gekleideten Mann erblickte, stand sie vom Bette auf. Bault erriet, daß die Königin vermutete, der Besucher melde ihr den nahen Tod und beeilte sich daher, sie aus diesem Irrtum zu reißen. »Es ist der Bürger Girard, Pfarrer von Saint-Landry«, sagte er. Marie-Antoinette schüttelte den Kopf und murmelte: »Ein Pfarrer! Es gibt kaum noch einen solchen.« Der Schließer wollte sich entfernen, um sie mit dem Abbé Girard allein zu lassen; aber die Königin befahl ihm zu bleiben. Gleich darauf beklagte sie sich über Kälte in den Füßen. Der Abbé Girard riet ihr, dieselben in ihr Kopfkissen zu wickeln; sie tat es und dankte ihm für seinen Rat. Durch die wohlwollende Miene Marie-Antoinettes ermutigt, bat der Abbé Girard sie, den geistlichen Trost, den er ihr bringe, nicht zurückzuweisen, und fügte hinzu, daß, wenn sie irgend Widerwillen gegen seine Person hege, ein anderer Priester, der Abbé Lambert, Generalvikar des Bischofs Gobel, auf dem Flure zu ihrer Verfügung stehe. Einige Minuten lang betrachtete sie den Abbé Girard, der ein Greis von würdigem Aussehen war; dann dankte sie ihm für seinen Eifer, erklärte aber, daß ihre Grundsätze es ihr nicht gestatteten, die Gnade des Herrn durch eine andere Vermittlung als einen Priester ihrer eigenen Religion zu empfangen. Als der Priester noch auf seiner Bitte bestand und sehr gerührt schien, ersuchte sie ihn mit großer Sanftmut, nicht weiter in sie zu dringen, denn ihr Entschluß sei ebenso unerschütterlich wie ihr Glaube. Der Abbé Girard zog sich mit Tränen in den Augen zurück, in Begleitung des Abbé Lambert, der kein Wort an die Königin gerichtet hatte. Charles Henri Sanson hat uns keinen so vollständigen Bericht über den Tod der Königin, wie über den Tod des Königs hinterlassen; die Einzelheiten, welche ich erzählen werde, sind, ebenso wie die vorhergehenden, mehreren Notizen entnommen, die er zum Zweck einer späteren umständlicheren Erzählung niederschrieb oder sind die Früchte der Erinnerungen, welche meine Großeltern von diesen Ereignissen bewahrt hatten. Charles Henri Sanson ließ den Karren vorfahren und trat mit dem Bürger Gerichtsdiener, den Offizieren, den Gendarmen und meinem Großvater in die Conciergerie. Die Königin saß im Saale der Toten auf einer Bank, den Kopf gegen die Mauer gelehnt; die beiden Gendarmen, welche sie bewachten, standen einige Schritte von ihr mit dem Schließer Bault; die Tochter des letzteren stand weinend vor Marie« Antoinette. Als die Königin die Eskorte sah, stand sie auf und wollte den Scharfrichtern entgegengehen, allein eine Bewegung von Baults Tochter verhinderte sie daran; sie blieb stehen und umarmte das Mädchen mit großer Zärtlichkeit. Sie war weiß gekleidet, ein ebenfalls weißes Umschlagetuch bedeckte ihre Schultern und auf dem Kopfe trug sie eine weiße, mit einem schwarzen Bande befestigte Haube. Sie sah außerordentlich blaß aus; dies war aber nicht die bleiche Farbe, welche eine vergeblich versteckte Furcht verrät, denn ihre Lippen waren rot geblieben und ihre Augen, umgeben von einem breiten Rande, der von ihren schlaflosen Nächten zeugte, glänzten lebhaft. Mein Großvater und mein Vater hatten das Haupt entblößt; viele der Anwesenden grüßten ebenfalls, nur der Gerichtsdiener Nappier und einige Militärpersonen enthielten sich dieses Zeichens der Hochachtung der großen Unglücklichen gegenüber. Ehe jemand Zeit hatte, das Wort zu ergreifen, trat Marie-Antoinette vor und sprach in einem Tone, der nicht die geringste Aufregung verriet: »Ich bin fertig, meine Herren, wir können aufbrechen.« Charles Henri machte ihr bemerkbar, daß es nötig sei, einige Vorkehrungen zu treffen, und Marie-Antoinette wendete sich um, indem sie ihm ihren Nacken zeigte, von dem das Haar schon abgeschnitten war. »Ist es so recht?« fragte sie. Zu gleicher Zeit streckte sie ihm die Hände hin, um dieselben binden zu lassen. Während mein Vater dies besorgte, trat ein Priester, der Abbé Lothringer, in den Saal der Toten und bat um die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen. Der Abbé Lothringer, ein vereidigter Priester, wie die Abbés Girard und Lambert, hatte sich bereits nach dem Abgange jener beiden vorgestellt, war aber ebenfalls abgewiesen worden, denn die Königin beharrte in ihrem Entschlusse, den Trost einer mit einem Schisma behafteten Religion von sich zu weisen. Die Zudringlichkeit des Priesters schien der Königin sichtlich unangenehm und sie antwortete: »Wie es Ihnen gefällig ist, mein Herr.« Der Zug setzte sich unmittelbar darauf in Bewegung. Die Gendarmen schritten vor der Königin, an deren Seite der Abbé Lothringer sich mit lebhaftem Eifer zu halten suchte; hinter ihr gingen der Gerichtsdiener, der Scharfrichter und andere Gendarmen. Als Marie-Antoinette in den Hof trat, bemerkte sie den Karren; sie blieb einen Augenblick stehen und ein Ausdruck des Schreckens zeigte sich in ihren Mienen. Der Priester erriet, welche Gefühle sie bestürmten; in seiner halb deutschen, halb französischen Mundart ermahnte er sie, der Entsagung Christi nachzuahmen, welcher auch sein Kreuz getragen, und indem er von der Buße sprach, bediente er sich des Wortes: Verbrechen. »Sagen Sie: Fehler, mein Herr«, entgegnete die Königin und schritt dann, ohne weiter auf ihn zu hören, schnell nach dem Karren. Um ihr das Einsteigen zu erleichtern, hatte man einen Schemel hingestellt; dieser Schemel schwankte einen Augenblick, als sie den Fuß darauf setzte; nachher dankte sie denen, welche sie unterstützt hatten. Die Türen öffneten sich; die Königin erschien in der Mitte der düsteren Geleitschaft. Sogleich begann das auf den Kais und den Brücken angehäufte Volk wie ein unruhiges Meer zu schwanken und ein tausendfaches Geschrei von Verwünschungen und Todesdrohungen auszustoßen. Die Menge hatte sich so dicht zusammengedrängt, daß der Karren nicht vorwärts zu bewegen war; das erschrockene Pferd bäumte sich in den Schwangbäumen; es entstand ein Augenblick so schrecklicher Verwirrung, daß mein Vater und mein Großvater, welche vorn auf den Karren saßen, aufstanden und sich vor Marie-Antoinette stellten. Auf einigen Punkten drangen die Wütenden durch die Reihe der Eskorte und die meisten Gendarmen unterstützten ihre Beleidigungen mit eigenen Schimpfwörtern, anstatt die aufgeregte Menge zurückzudrängen und ihren übertriebenen Haß zu besänftigen. Nourry, Grammonts Sohn, wie sein Vater Offizier in der Revolutionsarmee, war feige genug, die geballte Faust drohend gegen das Gesicht der Königin zu erheben. Der Abbé Lothringer stieß ihn jedoch zurück und warf ihm mit heftigen Worten das Unwürdige seiner Handlung vor. Dieser Auftritt dauerte zwei oder drei Minuten. Niemals – dies wiederholte mir mein Vater oft – hat sich Marie-Antoinette ihres hohen Ranges würdiger gezeigt. Sie war eine wahrhafte Königin, diese Frau, welche ohne sich zu entfärben oder die Augen niederzuschlagen, die wilden Blicke des souveränen Volkes aushielt; ohne zu zittern das Brüllen des Löwen hörte, dem man sie zur Beute vorwarf; die wie der römische Cäsar, sich aufrechthielt, ohne das Knie zu beugen; für welche der scheußliche Karren noch ein Thron war und der es sogar in der Erniedrigung, zu der man sie gebracht, gelang, durch die Kraft ihrer Seele des Mitleids unfähige Herzen zur Ehrfurcht zu nötigen. Grammont, der Vater, war mit einigen Reitern vorauf geritten und es gelang ihm endlich, einen Durchgang für den Zug zu gewinnen. Als sich darauf der Karren wieder in Bewegung setzte, verminderte sich der Lärm und man hörte nur von Zeit zu Zeit noch den Ruf unter der Menge: »Tod der Österreicherin! Tod der Madame Veto!« Sobald aber der Wagen die Rufenden erreichte, schwiegen sie. Marie-Antoinette stand aufrecht in der Mitte des Karrens; der Abbé Lothringer, der sich auf die rechte Wagenleiter stützte, sprach zu ihr mit mehr Lebhaftigkeit als Salbung; sie antwortete ihm indes nicht und schien nicht einmal auf ihn zu hören. In dem Maße, wie die Haltung der Volksmenge, an der sie vorüberkam, ruhiger wurde, verloren auch ihre Augen den leuchtenden Glanz und schweiften gleichgültig über die Menge und ihre Bewegungen. Als sie an dem Palais Egalité vorüber war, schien sie unruhig zu werden und blickte auf die Nummern der Häuser mit einem Ausdruck, der mehr als Neugierde verriet. Die Königin hatte vorausgesehen, daß man keinem Priester der römischen Kirche gestatten würde, ihr den letzten Trost der Religion zu spenden; sie hatte sich darüber beunruhigt, und ein nicht vereidigter Geistlicher, der Abbé Magnien, der zu Richards Zeit in die Conciergerie gelangt war, hatte ihr versprochen, sich an ihrem Todestage in einem Hause der Straße Saint Honoré einzufinden und über ihrem Haupte die Absolution in extremis auszusprechen, zu welcher die Kirche auch ihre niedrigsten Diener bevollmächtigt. Die Nummer dieses Hauses war Marie-Antoinette angezeigt und diese suchte sie; sie fand dieselbe und als sie auf ein Zeichen, das nur ihr verständlich war, den Priester erkannt hatte, neigte sie die Stirn und betete mit großer Sammlung; dann entrang sich ihrer Brust ein Seufzer der Linderung und man sah ein Lächeln auf ihren Lippen. Als sie auf dem Revolutionsplatze ankam, blieb der Karren gerade der großen Allee der Tuilerien gegenüber halten; einige Augenblicke schien die Königin in schmerzliche Betrachtungen versunken; sie wurde um vieles bleicher, ihre Augenlider wurden feucht und man hörte, wie sie mit dumpfer Stimme die Worte murmelte: »Meine Tochter! Meine Kinder!« Bei dem Lärm, welcher die Zurichtung des Schafotts veranlaßte, schien sie wieder zu sich zu kommen und schickte sich an, vom Karren herabzusteigen, wobei sie von meinem Vater und meinem Großvater unterstützt wurde. In dem Augenblick, als sie den Fuß zur Erde setzte, sagte Charles Henri Sanson, der sich über sie lehnte, mit leiser Stimme: »Mut, Madame!« Die Königin wendete sich schnell um und schien erstaunt, Mitleid in dem Manne zu finden, der sie zum Tode führen sollte. »Ich danke, mein Herr, ich danke«, sprach sie mit fester Stimme. Nur wenige Schritte trennten den Karren vom Schafott; als mein Vater sie noch weiter unterstützen wollte, wies sie ihn mit den Worten zurück: »Nein, ich werde, Gott sei Dank, Kraft genug haben, bis dahin zu gehen.« Sie ging mit gleichem, weder hastigem noch langsamem Schritt und stieg die Stufen mit der Majestät hinauf, als ob es die Stufen der großen Treppe zu Versailles gewesen wären. Als sie auf der Plattform ankam, entstand ein Augenblick der Verwirrung. Der Abbé Lothringer war ihr bis dorthin gefolgt und setzte seine vergeblichen Ermahnungen fort; mein Vater stieß ihn sanft zurück, um dieser schmerzlichen Qual ein Ende zu machen. Nun bemächtigten sich die Gehilfen des erhabenen Opfers. Während sie die Königin auf das Fallbrett banden, hob sie die Augen gen Himmel empor und rief mit lauter Stimme: »Lebt wohl, meine Kinder! Ich werde euren Vater wiedersehen!« Kaum hatte sie diese Worte vollendet, als das Fallbrett an seine Stelle gelegt wurde und das Messer auf ihr Haupt herabfiel. Bei dem Geräusch des Fallbeils erhob sich der Ruf: »Es lebe die Republik!« allein dieser Ausruf beschränkte sich nur auf die nächste Umgebung des Schafotts. Grammont, der seinen Säbel wie ein Besessener schwang, befahl Charles Henri zu wiederholten Malen, dem Volke den Kopf zu zeigen. Einer seiner Gehilfen trug hierauf die scheußliche Trophäe, deren Augenlider noch krampfhaft zitterten, um das Schafott herum. Der Körper der Königin wurde in einen schlechten Sarg von rohem Holze eingeschlossen und in eine Kalkgrube des Magdalenenkirchhofes versenkt; ihre Kleider wurden unter die Armen der Hospitäler verteilt.