Richard Voß Die Auferstandenen – Zweiter Band Erstes Kapitel. Mehr und mehr arbeitete sich Anna Pawlowna in einen Gemütszustand hinein, der ihr allmählich gefährlich zu werden drohte. Sie durchwühlte ihr Inneres nach Empfindungen, die sie in dem Glauben bestärken sollten, daß sie im Grunde ihres Herzens eine Nihilistin sei. Sie analysierte ihre Gefühle, um den Nerv zu entdecken, der sie mit dem Volke verband. Unbefriedigt vom Leben, in ihrer Frauenehre tödlich beleidigt, suchte sie fieberhaft nach einer Erhebung ihrer ganzen Existenz und glaubte dieselbe mehr und mehr in der Hingebung an eine Sache zu finden, die sich durchaus als das Gegenteil dessen dartat, was ihre gewohnte Umgebung ausmachte. Sie erhitzte ihre Phantasie, denn nur so konnte es kommen, daß sie die Gestalt des Mannes aus dem Volke, durch dessen Liebe sie sich von der erlittenen Schmach reinigen wollte, in einem künstlichen Dämmerlichte, in einer Beleuchtung sah, die sie von Sascha nur das erkennen ließ, was sie selbst von ihm erkennen wollte. Während sie solchermaßen sich von ihrem ganzen Leben loslöste und sich innerlich für ein vollständig anderes Dasein vorbereitete, fand sie Haltung genug, dem Prinzen in gewohnter Weise gegenüberzutreten. Allerdings sah sie ihn nur bei den Mahlzeiten, zu denen stets Gäste geladen waren. Der Prinz war eifrig mit den Vorbereitungen des Kaiserfestes in seinem Hause beschäftigt, wobei Anna Pawlowna ihm nicht nur keinen stillen Widerstand entgegensetzte, sondern ihm sogar entgegenkam. Übrigens konnte der Termin für die Reise des Zaren nicht bestimmt werden, ehe nicht von allen Seiten Vorsichtsmaßregeln getroffen waren. Man sprach davon, daß über diesen Vorbereitungen der Sommer vergehen konnte. Dem Verlangen des Prinzen jedoch, Natalia Arkadiewna aus dem Hause zu entfernen, widerstrebte Anna Pawlowna auf das entschiedenste. Solange der Prinz in Moskau blieb, mußte die Kammerfrau bei der Prinzessin schlafen, eine Einrichtung, über welche im Palais viel geflüstert wurde. Ein einziges Mal, kurz vor der Abreise des Prinzen, sprachen die beiden Gatten allein; nur wenige Worte. »Sie lieben, Madame?« »Ja.« »Ihren Vetter, Boris Alexeiwitsch.« Anna Pawlowna zuckte verächtlich die Achseln. »Also dann einen andern.« »Suchen Sie!« »Das werde ich, und ich werde ihn finden und töten.« »Oder er Sie.« Sie wandte ihm den Rücken und ging langsam Zum Zimmer hinaus. Denselben Abend reiste der Prinz fort. Eine große Erregung bemächtigte sich Anna Pawlownas. Sie blieb mehrere Tage auf ihrem Zimmer und empfing nur Wera, in deren Gegenwart sie ruhiger ward, deren unerschütterliche Entschlossenheit einen starken Eindruck auf sie machte und sie dem Nihilismus näher brachte, als alle ihre Sophistik das vermochte. Die Prinzessin verstand es, das Gespräch jedesmal auf Sascha zu bringen und erfuhr auf diese Weise alles, was sie zu erfahren wünschte. Begierig hörte sie auf Weras enthusiastische Schilderungen. Etwas wie Neid erwachte in ihr, Neid, daß sie bis dahin von einem so reinen Dasein nichts gewußt, nichts mit einem solchen gemein hatte. Unwillkürlich zog sie Vergleiche, durch deren Ergebnis sie sich tief gedemütigt fühlte, denn gerade der Vergleich zeigte ihr die Unsittlichkeit, ja Verworfenheit mancher Zustände, die sie bis dahin gedankenlos, als hergebracht, hingenommen hatte. So kam sie schließlich allen Ernstes dahin, Heil und Rettung für sich und für die Gesellschaft einzig in einer Vereinigung mit dem Volke, in einer Läuterung durch das Volk zu sehen. Endlich raffte sie sich gewaltsam zu einem Entschlusse auf, durch dessen Ausführung sie die Brücke hinter sich abzubrechen gedachte: sie ließ Sascha sagen, daß sie sich nach ihrem Landhaus in Kunzewo begebe und ihn dort zu sprechen wünsche. Noch in derselben Stunde verließ sie die Stadt, nur von einem Diener und ihrer vertrauten Kammerfrau begleitet. Kunzewo lag nur neun Werst von Moskau entfernt und war mit der Bahn bequem zu erreichen. Viele vornehme Familien besaßen dort Landhäuser, zierliche Gebäude aus Holzwerk mit schönen Parks. Gärtner und Hausmeister erschraken, als sie die Barina so unerwartet ankommen sahen. Nichts war vorbereitet, doch gab es im Garten eine Fülle von Blumen und das Wetter war köstlich, hell und warm, der Himmel von kleinen weißen Wölkchen bezogen, die von Düften durchströmte Luft berauschend, daß sie zu Kopf stieg wie junger Wein, die Seele mit heißer, süßer Sehnsucht füllend. Während das Haus geöffnet und in aller Eile für einen mehrtägigen Aufenthalt der Herrin hergerichtet wurde, ging Anna Pawlowna in den Garten. Sie entsann sich des ersten Frühjahrs, das sie in Kunzewo zugebracht hatte. Gleich nach der Trauung war sie mit ihrem Manne angekommen und hatte hier ihre Flitterwochen verlebt. Die Erinnerung an diese Zeit überkam sie, daß sie stehenblieb und beide Hände vor das Gesicht schlug. Übrigens mußte sie sich gestehen, daß ihre Ehe nur durch einen Zufall vor der gewöhnlichen Entwicklung solcher Verbindungen bewahrt geblieben: sie war stolzer als andere Frauen, vielleicht auch kälter. Die Leidenschaft, der sie sich jetzt mit kühler Reflexion hingeben wollte, war etwas so ganz anderes, als alle anderen derartigen Verhältnisse, daß sie ohne Scham daran denken konnte. Andere Frauen wollten glücklich sein – sie wollte beglücken! Immer von neuem legte sie sich ihre Beweggründe zurecht, immer von neuem kam sie zu der Überzeugung, daß ihre Handlungsweise das einzige Mittel sei, ihrem Leben noch einigen Wert zu verleihen. Wenn er kam – was sollte sie ihm sagen? Nichts; er liebte sie ja. Aber er schaute zu ihr auf wie zu einer Gottheit. So würde die Gottheit sich zu ihm herabneigen müssen. Sie stellte sich dabei sein Gesicht vor, ein so strahlendes, von Glück verklärtes Menschenantlitz! Anna Pawlowna schloß die Augen und stand so lange Zeit, das Haupt der Sonne zugewendet. In tiefen Zügen atmete sie die Frühlingsluft ein; eine nie gekannte Empfindung von Ruhe und Sicherheit überkam sie. Dabei fühlte sie mit einer Art von seligem Schreck, wie jung sie noch immer war und wie das Leben noch vor ihr lag. Sie brauchte es nur zu erfassen. Als sie die Augen wieder öffnete, erschien ihr alles schöner, reicher, strahlender. Mit Entzücken sah sie, wie die Sonne die jungen Blättchen durchleuchtete, daß sie gleich Smaragden an den Bäumen glänzten; wie am Himmel das goldige Gewölk zerflatterte; wie die Schwalben hin und her schossen, bald mit der weißen Brust die Erde streifend, bald hoch durch die Lüfte fahrend; wie an den bunten Blumen gelbe und weiße Schmetterlinge hingen, Bienen und Käfer alles Blühende umsummten. Dann pflückte sie Narzissen und violette Krokus und steckte sie sich an die Brust und ins Haar. Nun ging sie ins Haus. Zweites Kapitel Die Kammerfrau wollte die Vorhänge zuziehen und Licht anstecken; aber die Prinzessin befahl, beides zu unterlassen. Um zehn Uhr kam der letzte Zug von Moskau, mit diesem würde der Erwartete bestimmt eintreffen. Sie konnte seine Ankunft auf die Minute voraus berechnen. Der Himmel hatte sich bezogen, ein feiner, warmer Regen stäubte herab. Anna Pawlowna warf einen Schleier über den Kopf und begab sich wieder ins Freie, um Sascha entgegenzugehen. Sie war ganz ruhig, und ihr Herz schlug nicht stärker als sonst. Diese Wahrnehmung erstaunte sie selbst. Sollte ich bereits mit allen Empfindungen fertig sein, ehe ich überhaupt nur empfunden? fragte sie sich selbst und fühlte eine Art von Enttäuschung darüber, daß sie nicht heftiger bewegt war. Es war ein Frühlingsabend, wie man ihn nur in Rußland erleben kann. Selbst dem Boden schien Duft zu entströmen; in dem matten Dämmerlicht behielt alles seine Farbe, nur gedämpfter, tiefer schattiert. Zwischen den Rabatten und Beeten schlängelten sich die mit Kies bedeckten Wege wie silberhelle Bäche dahin, bis sie in den Finsternissen des Parkes verrannen. Vom Regen beschwert, beugten die Blumen ihre Kelche nieder, und wenn ein Luftzug durch die Bäume strich, sprühte es, leise rauschend, herab. Jetzt mußte er kommen. Denselben Augenblick sah sie ihn. Um den Umweg, den die Straße machte, abzuschneiden, kreuzte er eine Wiese. Er lief fast. Er wird ganz naß werden. Wie unverständig! Mitten im Wege blieb sie stehen, ihr Gesicht ihm zugewandt. Er war noch zu entfernt, um sie erkennen zu können; wie hätte er sie auch dort vermuten sollen! Während Anna Pawlowna ihn erwartete, beobachtete sie sich. Sie blieb ruhig. Jetzt öffnete er die Gartentür – das Schloß wollte gar nicht aufgehen! Unter seinen schweren, hastigen Schritten knirschte der Kies. Nun erkannte er sie. Er schien betroffen, er kam zögernd näher; gewiß machte er ein äußerst erstauntes Gesicht. Der Gedanke daran war ihr in einer Weise unangenehm, daß sie sich abwandte, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Und plötzlich begann ihr Herz zu schlagen, daß es sie wie ein heftiger Stich durchfuhr, plötzlich überkam sie eine Unruhe, eine Angst. Da war er schon neben ihr. »Ich erhielt Ihre Nachricht so spät, ich hatte so viel zu tun. Glücklicherweise kam ich noch zur rechten Zeit zur Bahn. Wie gütig von Ihnen, mir zu schreiben. Es ist hoffentlich nichts vorgefallen, Sie sind wohl?« »Ich wollte Sie sehen, ich habe mit Ihnen zu reden.« »Es ist hoffentlich nichts vorgefallen?« wiederholte er angstvoll. Er sah sie an und erkannte, daß ihre Wangen gerötet waren. Sie hat geweint, dachte er und erschrak, daß es ihm den Atem versetzte. »Es ist vieles vorgefallen,« erwiderte Anna Pawlowna mit fester, lauter Stimme, auf ihre eigenen Worte lauschend. »Ich habe erkannt, wie die Menschen sind und wie Sie sind. Ich bin von Ekel ergriffen worden. Ich würde am liebsten aufhören zu leben, so fühle ich mich von allem angewidert, so – –« Aber er unterbrach sie. »Sie sind unglücklich! Sie möchten sterben! So jung, so gut, so schön! Das ist nicht möglich.« Er stand vor ihr, sie voller Entsetzen anblickend, bebend, totenblaß. »Das ist nicht möglich, nicht möglich!« murmelte er in einem fort, mit zitternden Händen seinen Rock auf- und zuknöpfend. »Wie kann so etwas möglich sein? So jung, so gut, so schön!« Große Tränen traten ihm in die Augen und rannen langsam seine Wangen herab. Er achtete erst darauf, als Anna Pawlowna in einem ganz eigentümlichen Ton ihn fragte: »Sie weinen? Weinen Sie um mich?« Hastig wandte Sascha sich ab, etwas Unverständliches stammelnd. Er mußte an Marja Carlowna denken, die auch so schön und so unglücklich war, um die er auch geweint hatte. Freilich, jene war schlecht! schlecht! schlecht! Und er schämte sich seiner um sie vergossenen Tränen. Denn wenn er schon um Marja Carlownas Schicksal geweint hatte, was sollte er dann tun, wenn Anna Pawlowna so vor ihm stand, mit einem solchen Gesicht! Wenn Anna Pawlowna zu ihm sprach, mit einer solchen Stimme: »Ich bin unglücklich und ich möchte am liebsten aufhören zu leben.« Er stöhnte laut auf. »Sie weinen um mich,« wiederholte die stolze Frau leise. Und noch leiser setzte sie hinzu: »Sie, der Sie mich retten können.« »Ich?« Es klang wie ein Schrei. »Begreifen Sie denn nicht, sehen Sie denn nicht – –« Aber er begriff nichts, er ward von Schwindel erfaßt. Er sah nichts; wie dichter Nebel legte es sich vor seine Augen. Durch alle seine Sinne klang und tönte es: sie möchte sterben und ich kann sie retten. Ich, ich! »Kommen Sie ins Haus,« hörte er sie endlich sagen, wiederum mit jenem Ton in der Stimme, der ihn erbeben machte bis in sein tiefstes Herz hinein. Gleich einem Berauschten ging er neben ihr dem Hause zu. Es war ihm, als sproßten vor ihr am Wege Blumen auf, als bedeckte sich die ganze Erde mit Blüten. Waren plötzlich am Himmel Sonnen aufgewirbelt oder sonst Wunder geschehen, es hätte ihn nicht in Erstaunen versetzt; denn: diese Stimme, dieser Ton! Und daß er sie sollte retten können – – Auch Anna Pawlowna fühlte, daß sich etwas Großes in ihrer Seele vollzog. Sollte ich ihn wirklich lieben können? dachte sie und erschrak beinah über das, was sie bei dieser Vorstellung empfand. Ich würde ihn überreich machen, ich würde an ihn verschwenden, ich würde – – Aber das ist ja Tollheit! Tollheit! Mein Gott, wenn es doch möglich sein könnte, wenn ich doch noch glücklich würde; für eine Stunde, einen Augenblick, einen Atemzug glücklich – – Und sie hätte in dieser Stunde für einen solchen Augenblick ihr Leben gegeben. Drittes Kapitel Die Kammerfrau trat in das Speisezimmer und die Prinzessin fuhr aus ihrer Vision auf. »Laß uns allein!« rief sie der Vertrauten zu. Die Lampe war angezündet worden, sie nahmen an dem Teetisch Platz; Anna Pawlowna schenkte ihm ein und legte ihm vor, was ihn so aufregte, daß er keinen Bissen zu essen vermochte. Während er trank, saß sie ihm gegenüber und sah ihn unverwandt an. Sie empfand, wie jede Minute sie der Erfüllung ihres Geschickes näher brachte. Welche Komödie das Leben ist, dachte sie. Es macht müde und das Herz bleibt leer. Ich muß diese Leere ausfüllen, der leeren Brust ein Herz geben, eines anderen Herz! Wie – das Herz eines Bauern? Und das sollte keine Posse sein?! Dem Vater ließ ich die Knute geben und den Sohn möchte ich küssen. Ich bin toll! Aber das Herz ist mir wie gestorben und will doch auch einmal leben. Man ist doch schließlich auch ein Geschöpf! Aus diesem Nichts in jenes Nichts überzugehen, ohne jemals etwas empfunden zu haben, es wäre zu sinnlos. Als er endlich mit seiner Tasse fertig war, nahm sie das Gespräch wieder auf: »Ich muß es Ihnen noch einmal sagen: Sie sind viel zu vertrauensvoll, viel zu kindlich dem Leben gegenüber. Das ist sehr hübsch, aber sehr unpraktisch. In der Welt muß man weltklug sein. Ich hatte keine Ahnung, daß es einen Mann gäbe wie Sie. Mir sind Sie übrigens am liebsten so wie Sie sind, aber ich bin nicht die Welt. Das Leben kann sehr schmutzig sein und Sie sind so rein, so unberührt.« Was für eine Frau! dachte Sascha; was für eine Frau! Sie ist unglücklich, sie möchte aufhören zu leben und sie denkt an mich! Wie ist das nur möglich? Wer bin ich, daß sie an mich denkt? Ein Mensch, nicht wert, ihre Füßchen zu küssen! Und sie ist unglücklich, sie so schön, so gut, so mächtig – – Darüber kam er nicht heraus, Anna Pawlowna fuhr fort: »Wer mit Ihnen lebt, muß ein besserer Mensch werden. Ich kann begreifen, daß Wladimir Wassilitsch glaubt, Sie vor mir warnen zu müssen.« »Warum?« stammelte Sascha, heftig atmend. »Mich vor Ihnen warnen – –« »Nun ja. Als ob Wladimir Wassilitsch nicht versucht hätte, Ihnen Argwohn gegen mich einzuflößen. Was hat er Ihnen von mir gesagt? Daß ich nur Ihretwegen zu den Euren gehöre, daß ich mit Ihnen spiele, daß ich Sie einschläfern, Sie unglücklich machen würde?« »Das alles hat er mir gesagt,« bekannte Sascha voller Verzweiflung. Er fühlte, daß er den Mann, der ihm das alles von Anna Pawlowna gesagt, der ihn vor Anna Pawlowna gewarnt hatte, haßte, daß er diesen Mann töten könnte, und wenn er sein bester Freund, sein Bruder wäre. »Wie? Und Sie lassen sich trotzdem – –« Sie verstummte und sah ihn an, mit einem Blicke, der ihn wie eine Flamme traf. Als handelte es sich um Tod und Leben, begann Sascha zu reden: »Sie wissen, was für ein Fanatiker Wladimir Wassilitsch ist, und Sie wissen, wie ich an Sie glaube. Es ist ein schrecklicher Irrtum Wladimirs, Ihnen zu mißtrauen, ein großes Unrecht! Welch andere Absichten als die besten, als die allerbesten könnten Sie haben? Bedenken Sie doch die Gefahren, denen Sie sich unsertwegen aussetzen! Und wir würden Sie nicht einmal beschützen können. Natürlich würde ich es versuchen, aber was könnte ich helfen? Sie tun so viel für uns, Sie opfern so viel, Sie würden gern noch mehr für uns tun. Es kann aber natürlich alles nur langsam geschehen und die Unseren sind so unvernünftig. Das hat gar nicht meine Billigung, ich bin sehr traurig darüber. Es ist nicht das Rechte, es hilft dem Volke nichts, das Volk wird dadurch nur noch unglücklicher werden. Es ist alles sehr schlimm. Sie sind so klug, Sie sollten – – Ach, ich kann mich so schlecht ausdrücken, ich bin so unbeholfen. Sie haben ganz recht: ich bin unmännlich. Ich weiß so wenig, ich habe gar keine Kenntnisse. Alles verwirrt mich. Ich habe die besten Absichten, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mich nicht verachten. Sie verachten ja auch das Volk nicht; ach nein, gar nicht! Ich weiß, daß Sie das Volk sogar lieben.« »Ich liebe Sie!« Sie sagte es laut und fest, ohne sich zu rühren. Sascha fuhr in die Höhe, wollte auf sie zu, taumelte, blieb stehen, starrte sie an, murmelte: »Ach, Anna Pawlowna, was haben Sie gesagt?« »Die Wahrheit!« Das Zimmer kreiste um Sascha. Er zitterte und hielt sich am Stuhle fest. Endlich brachte er mit Anstrengung hervor: »Nun ja, Sie sind sehr schon. – – Ich kann nichts denken! – – Sehr schön! – – Ich weiß, Sie lügen nicht. Das kann man gar nicht, wenn man so schön ist. Da muß man auch gut sein. Ich weiß nicht, was Sie sagten; aber das schadet nichts. Reden Sie nur weiter. Sie haben eine solche süße Stimme. – – Ach, Anna Pawlowna, ich bin ja aber eines Bauern Sohn!« Anna Pawlowna erhob sich und ging auf ihn zu. »Ich habe das nicht vergessen. Ich glaube, gerade deshalb muß ich Sie lieben. Sie kennen die Männer nicht, mit denen ich so lange leben mußte, an deren einen ich verkauft ward. Da ist alles so matt, so verbraucht, so entnervt. Zuletzt wird man ebenso. Es steckt an, man wird mit vergiftet. Fort mit ihnen! Wir wollen sie wegwerfen und über sie lachen. Ja und wir wollen sie verachten, denn sie verdienen nichts Besseres. Sie aber liebe ich!« »Soll ich mich töten?« stammelte Sascha. »Sagen Sie es mir; es wäre vielleicht das beste. In meinem Kopf wirbelt es durcheinander. Mein Gott, ich werde doch nicht den Verstand verlieren?« Feierlich sprach sie: »Sie sind eines Bauern Sohn – immer will ich daran denken! Meine Väter haben Ihre Väter mißhandelt, Sie sollen sie an mir rächen! Ihre Väter waren unsere Knechte, Sie sollen mein Herr sein! Ich habe viel zu sühnen. Aber Sie wissen nicht, wie eine Frau alles wieder gutzumachen vermag. Sie kennen nicht die heilende Macht einer Frau. Und kämen Sie zu mir mit zerrissenen Gliedern, meine liebkosende Hand würde Ihre Wunden heilen. Und wäre ich eine Bettlerin, ich würde Sie reich machen, Krösusschätze über Sie schütten. Was ich bin und habe, gehört Ihnen und den Ihren. Aber nicht ich bin es, welche gibt, sondern Sie. Sie geben mir, Sie! Ach Sascha, ich möchte diesen Glanz von mir werfen und ein Bauernweib werden. Befehlen Sie es mir! Es muß schön sein, sich von Ihnen befehlen zu lassen. Ich mochte vor sie alle hintreten und ihnen sagen: Das ist er, den ich liebe, den ich verehre, der mich zu sich erhebt, der mich gut und sich gleich macht, der mich zu einem Ebenbilde Gottes erschafft. Was für Gesichter sie machen würden, diese Puppen! Ach ich bin sinnlos!« »Ich wußte nicht, daß es so etwas auf der Welt gibt,« rief Sascha außer sich. »Niemand hat mich bis jetzt geliebt. Und Sie – – Ich kann es nicht fassen! Sehen Sie doch nur, was für Hände ich habe. Und Sie – solche Händchen!« Ei beugte sich herab und küßte leidenschaftlich die schlanken blassen Finger. »Erschrecken Sie nicht, wenn ich wild bin. Es liegt wohl in meiner Natur. Aber so treten Sie mich doch mit Füßen! – – Ich will nichts denken, als das eine Wort, das Sie gesagt haben. Nein, sagen Sie es nicht wieder, ich muß Sie sonst – – Ach, Sie haben so weiße Zähne und so rote Lippen! Und was für Haar! So weich, so seidig, so duftig! Ich will es auflösen und Sie sollen mich damit in Banden schlagen, wie – – Ich habe den Namen vergessen.« »Sie hieß Lillith. Aber sei still.« Viertes Kapitel Eine volle Woche blieb er bei ihr – – Und das Götterbild neigte sich, neigte sich tief herab. Der arme Sterbliche, um derentwillen es aus seiner olympischen Höhe niederstieg, wußte nicht, wie ihm geschah. Er stand da und sah es vor sich gehen, und seine arme Seele tat den ungeheuren Sturz mit; tief hinab in den Abgrund. Denn das unsägliche Entzücken, das ihn beim ersten Neigen ihres stolzen Hauptes ergriffen, verwandelte sich in einen namenlosen Schmerz, da er sein Idol zu seinen Füßen sah. Ihr Kuß brannte auf seinem Munde, und als ob sie ihm die Seele aus dem Leibe geküßt hätte, stand er vor ihr wie leblos. Wieder mußte er Marja Carlownas gedenken, Marja Carlownas, die schlecht war und von der er sich abgewendet hatte. Am liebsten hätte er das auch jetzt getan. Am liebsten hätte er seine Wange an die Anna Pawlownas gelegt, daß ihre Tränen zusammengeflossen wären, hätte dann stumm Abschied genommen und wäre davongegangen, irgendwohin in die weite Welt, die nun für ihn nichts Hohes mehr besaß, denn sein Höchstes war ihm genommen: sein Glaube an die Heiligkeit der Frau. Und Marja Carlowna hatte keinen Mann, dem sie Treue gelobt und den sie hinterging. Die Frühlingsnacht erhellte mit mattem Schimmer das Zimmer, wo sich die beiden bleich und stumm gegenüberstanden, einander mit Entsetzen in die Augen blickend. Denn die Frau begriff, was in dem Manne vorging und daß sie in ihm eine Welt zerstört hatte, die keine Gottheit wieder aufbauen konnte. Ihr Blick wurde starr und wild. Sie öffnete die Lippen, sie wollte etwas sagen, einen Schrei ausstoßen, aufstöhnen. Aber sie konnte keinen Laut hervorbringen. Sie wollte ihn fortstoßen, sie wollte fliehen, aber sie blieb stehen wie angefesselt. Hätte sie eine Waffe bei sich gehabt, so hätte sie sich vor seinen Augen getötet. Sie glaubte den Verstand verlieren zu müssen. Der Gedanke, daß er sie verachten könnte, brachte sie von Sinnen, denn sie liebte ihn! Sie rief, schrie es ihm zu. Sie war es sich klar bewußt. Während sie sich von ihm verworfen fühlte, erwachte in ihr eine Liebe, eine Leidenschaft, der sie weder Halt gebieten konnte, noch wollte. »Aber ich liebe dich ja!« Es war ein Zauberwort, das, von ihrem Mund gesprochen, jeden Widerstand lähmte, jede Kraft brach. Dann flüsterte sie: »Und sieh, ich war so unglücklich; ich lebte dahin, stumpf und dumpf. Alles in mir war tot. Habe Erbarmen mit mir! Ich fühle in mir eine solche Sehnsucht nach Glück. Du weißt nicht, was es heißt, sich mit tödlicher Sehnsucht hinschleppen zu müssen. Der Mensch verkommt dabei. Du bist rein und stark, du kannst nicht wissen, zu welchen Gedanken man gelangt, bei einem Leben, wie ich es führe. Alles in mir ist leer, öde, kalt. Ich friere, mein Herz friert.« Sie schmiegte sich an ihn. Er fühlte, wie sie zitterte, wie sie erschauerte, und er umschlang sie. Plötzlich rief er, aufstöhnend: »Und Ihr – –« Sie fiel ihm angstvoll ins Wort: »Still! Von ihm darfst du nicht reden; auch nicht an ihn denken. Er gehört zu jener Klasse von Männern, die wie Gift sind; jede Berührung mit ihnen verpestet. Auch mich hat er verdorben. Das ist nun vorbei. Ich habe dich, du wirst mich besser machen. Es ist so schön, daß ich dich liebe, gerade dich! Es liegt Versöhnung darin. Wir wollen uns dem Volke zuwenden. Mit vereinten Kräften wollen wir an seiner Befreiung arbeiten. Alles was ich besitze, gehört dir – gehört dem Volke, Du sollst glücklich werden.« Sie drängte ihr Gesicht an seines und er küßte sie mit geschlossenen Augen. Dann entriß er sich ihren Armen. »Ich muß fort.« »Es geht heute kein Zug mehr.« »Ich darf nicht länger bleiben.« »Aber du liebst mich?« »Ja! Ja! Ja!« »Du bist glücklich?« »Ja.« »Morgen mußt du wiederkommen, du kommst doch?« »Morgen – –« »So geh!« Er ging; aber sie rief ihn noch einmal zurück. »Ich begleite dich durch den Park. Es wird uns niemand sehen; und wenn auch – –« Sie ging ins Schlafzimmer, aus dem sie, einen schwarzen Schleier um den Kopf, gleich wieder heraustrat. Sie schien nicht mehr dieselbe Anna Pawlowna, die sie vordem gewesen. Selbst ihr Gang, ihre Bewegungen waren anders; freier und leichter. Anders war ihre Stimme; inniger und weicher, anders der Ausdruck ihres Gesichts; heiter und jugendlich, die Augen strahlend in einem sanften Glanz, die Lippen von Saschas Küssen gerötet. Er sah nichts als ihre Schönheit. Auch für ihn war sie gänzlich verwandelt. Sie hatte den Kelch mit dem Zaubertrank an seine Lippen gesetzt; nun er davon einen Tropfen genossen, würde er unersättlich sein. Sie mochte sich hüten! Auch er war ein anderer geworden. Als ob sie das empfände, sagte sie: »Weißt du, daß ich mich vor dir fürchten könnte, du großes Kind! Wenn du mich ansiehst, wie eben jetzt, fürchte ich mich vor dir. Was hast du eigentlich für Augen? Sind sie grau oder blau? Laß mich sehen!« Sie faßte seinen Kopf mit beiden Händen, bog ihn zu sich herab und sah ihm ernsthaft forschend in die Augen. »Ich glaube, sie sind wie die meinen, und meine Augen sind grün,« entschied sie und lachte. »Unsere Augen passen zusammen, überhaupt gefällt mir dein Gesicht. Und am meisten gefällt mir, daß du nicht schön bist. Aber dein Mund ist schön. Deine Lippen könnten einem antiken Bacchus gehören. Jetzt gehören sie mir.« Und sie küßte ihn. Dann löschte sie das Licht und beide verließen das Haus leise und heimlich. Draußen hing sie sich an seinen Arm. »Was meinst du, wenn wir beide fortgingen und gar nicht wiederkämen? Ich habe genug gelebt und wäre mit dem Ende meines Lebens zufrieden. Ist denn gar kein Fluß in der Nähe? Du dürftest mich freilich nur bis ans Ufer begleiten.« Sie sagte das lächelnd, aber hätte er diesen Augenblick ihr in die Augen sehen können, er würde sich vor ihrem Lächeln entsetzt haben. Stumm ging er neben ihr. Alles ringsum war still. »So rede doch!« rief Anna Pawlowna plötzlich mit Heftigkeit. »Sage mir, woran du denkst, was du fühlst. Frage mich, ob ich nicht träume.« »Was solltest du träumen?« »Was?« »Du liebst mich.« »Nun ja, aber du dachtest doch Übles von mir; du verachtest mich doch; vorhin tatest du's. Lüge nicht!« »Wir wollen nicht davon reden, es ist geschehen; ich habe jetzt keine Gedanken.« »Du wirst dir Gedanken machen; vielleicht heute noch, morgen gewiß. Du wirst über alles nachdenken und mich dann von neuem verachten. Du wirst es! So seid ihr Männer. Nein, so bist du. Deswegen eben liebe ich dich.« »Deswegen?« »Begreifst du das nicht?« »Nein. Was ist an mir Besonderes? Aber ich glaube dir; dir glaube ich alles. Mich verachte ich, mich muß ich verachten; aber dich – –« Und mit plötzlichem Schiecken: »Wenn du nun aufhörtest, mich zu lieben?« »Darüber sei ohne Sorge. Du kennst mich noch nicht. Ich bin nicht wie andere Frauen. Warum siehst du mich so an?« »Natürlich bist du nicht wie andere Frauen. Wer ist wohl so schön wie du? Und welche Frau, die so schön ist, wird einen Mann lieben wie mich? Ich bin ein Bauer gewesen, ich bin es noch. Freilich, deshalb liebst du mich ja, du liebst mich, weil du das Volk liebst, das ist es. Ich habe es ihnen immer gesagt, daß du das Volk liebst.« »Wem hast du das von mir gesagt?« »Wladimir Wassilitsch und den anderen. Du weißt, daß sie dir mißtrauen.« »Ich weiß es. Was kümmert das uns, dich und mich?« »Nichts. Sie werden dich noch kennen lernen.« »Willst du es ihnen sagen? Meinetwegen darfst du es. Meinetwegen mögen sie wissen, daß ich deine Geliebte bin.« »Keiner würde mir das glauben. Du darfst aber nicht so von dir sprechen.« »Warum nicht? Ich bin, was ich mich nenne: deine Geliebte. Es ist keine Schande, oder hältst du es dafür? Ich bin stolz darauf. Sagtest du etwas?« Aber er hatte nichts gesagt. Sie nahmen keinen Abschied und vermieden es, sich anzusehen. Langsam kehrte Anna Pawlowna nach Hause zurück. Nein, dachte sie, nein, ich bereue es nicht. Er ist gut, und ich mache ihn glücklich. Mein Dasein hat einigen Wert erhalten, ich werde ein neues Leben beginnen. Übrigens liebe ich ihn. Wer hätte das gedacht. Sie blieb stehen und horchte auf seine Schritte. Er ging schnell davon; es klang beinahe, als entflöhe er. Fünftes Kapitel Die Fürstin Danilowsky klagte über Migräne. Worth hatte eine Toilette geschickt, auf die sie große Hoffnungen gesetzt und die auf dem gestrigen Rout bei Madame Lawrow nicht durchgeschlagen hatte. Ihr letzter Teeabend war schwach besucht gewesen, einige der jüngeren Damen hatten laut über die dunkle Beleuchtung geklagt, und weder Anna Pawlowna, noch Boris Alexeiwitsch waren gekommen. Besonders erregte sie das Ausbleiben des letzteren, der sich überhaupt seit einiger Zeit von der Fürstin fernhielt. Die Leidenschaft der alternden Weltdame für den jungen Lebemann war in ein Stadium getreten, daß sie alle Herrschaft über sich verlor. Die Kaltherzigkeit ihres Freundes brachte sie zur Verzweiflung, und sie war bereits so weit gelangt, kein Mittel zu verschmähen, um den spröden Schönen zu ihren Füßen zu sehen. Aber Boris hatte für alle ihre Künste, wenn er sich überhaupt herabließ, sie zu bemerken, nur ein kaltes Lächeln. Die Fürstin war außer sich. Stunden verbrachte sie vor dem Spiegel. Nicht das kleinste Fältchen entging ihr. Trotzdem meinte sie an dem Glauben festhalten zu dürfen, immer noch begehrenswert zu sein. Boris zuliebe änderte sie ihr Leben vollständig und empfing, ihn erwartend, niemanden. Er kam nicht. Sie schrieb ihm, doch er antwortete nicht. Was tat er, wo war er? Sie ließ seinem Leben und Treiben nachspüren und brachte in Erfahrung, daß er sein Verhältnis zu der Wiener Operettensängerin gelöst hatte. Diese Entdeckung bestärkte sie in dem Verdachte, daß eine neue Leidenschaft ihn fesselte. Wer war die Frau? Und die Fürstin suchte. Bald fand sie eine Spur, die in die Preobraschenskaja-Vorstadt führte, in das einsame, scheinbar verlassene Haus, welches Anna Pawlowna gehörte. Jeden Tag begab sich Boris Alexeiwitsch dorthin. Anstatt in der eleganten Welt zu sein, verbrachte er also seine Abende mit Studenten und deren Weibern an einem abscheulichen Orte. Es war ihm demnach Ernst mit seinen nihilistischen Neigungen? Unbegreiflich! Die Fürstin wurde nachdenklich. Eine Sache, um derentwillen dieser Mann sich kompromittieren konnte, mußte eigentümliche Reize haben. Von Neugierde und Eifersucht getrieben, beschloß sie, den Nihilismus näher kennen zu lernen. So fuhr sie denn eines Vormittags in die Preobraschenskaja-Vorstadt, ließ ihre Equipage vor dem ehemaligen Gärtnerhause halten, befahl dem Diener, zurückzubleiben, und begab sich in den Hof, darauf gefaßt, eine Art von Räuberhöhle und eine Schar russischer Blusenmänner und Petroleusen vorzufinden. Colja gärtnerte in dem Kohlfeld, sah die Dame, hielt sie für die Barina und kümmerte sich nicht im mindesten um sie. Seitdem er sich in der Stadt befand, hatte er einen Haß auf die ganze Menschheit geworfen. Er sah sehr schlecht aus, als wäre er von einem schleichenden Fieber befallen, und seine kleinen Augen lagen tief eingesunken in den Höhlen. Lange mußte die Fürstin stehen und rufen, bis er sich endlich von der Stelle bewegte. »Ist jemand im Haus?« »Wird wohl jemand drinnen sein.« »Wer?« »Das Täubchen Tania Nikolajewna. Wer anders?« »Kennst du Boris Alexeiwitsch?« »Wie sollte ich den nicht kennen? Boris Alexeiwitsch! Das ist ein Väterchen! Den kenne ich!« Er machte die Gebärde des Zuschlagens und spie aus. »Kommt er oft hierher?« »So, so.« »Zu Tania Nikolajewna, nicht wahr?« Coljas Augen funkelten. Er sah die Fürstin so wild an, daß diese sich entsetzte. »Was hast du? So rede doch!« »Der zu Tania Nikolajewna, der! Er soll nur kommen.« Und er wiederholte seine Bewegung von vorhin, eine Pantomime, die nicht mißzuverstehen war. »Führe mich zu ihr.« Doch Colja rührte sich nicht. »Hörst du nicht?« »Was wollen Sie von dem Täubchen?« Die Fürstin war zuerst nicht geneigt, Antwort zu geben, aber der Mensch flößte ihr Furcht ein. Auch ließ sich vielleicht durch ihn etwas erfahren. Sie sagte also: »Ich will Tania Nikolajewna über Boris Alexeiwitsch fragen.« »Dann müssen Sie zu Wera Iwanowna gehen.« »Zu Wera Iwanowna? Wer ist das?« »Wera Iwanowna aus Eskowo. Sie wohnt bei der Barina. Ich glaubte zuerst, Sie wären Anna Pawlowna. Aber so ist es: Wenn Sie etwas über Boris Alexeiwitsch wissen wollen, müssen Sie Wera Iwanowna fragen.« »Nun gut. Indessen muß ich zuerst mit Tania Nikolajewna sprechen,« sagte die Fürstin entschlossen. »Also bringe mich zu ihr.« Colja überlegte. Dann meinte er, halb für sich selbst: »Sie sitzt immer allein, den ganzen Tag allein. Und wenn sie allein ist, so denkt sie an dies und das. An ihr Mütterchen, das sie verlassen hat, an Eskowo, daraus sie fortgegangen ist, an das Birkenwäldchen, wo niemand mehr ihr liebes, hübsches Gesicht sehen wird. Sie pflückt auch keine Blumen mehr, sitzt immer allein, denkt und denkt. Das ist nichts für ihr Köpfchen. Sie sollten es ihr sagen. Wollen Sie?« Das letztere flüsterte er ihr eindringlich zu, sie dabei flehentlich ansehend. Die Fürstin wußte nicht, was sie davon denken sollte, versprach jedoch, es Tania zu sagen. Coljas Gesicht strahlte auf. Er neigte sich tief, faßte das Kleid der Fürstin und drückte es an seine Lippen. Dann öffnete er vor ihr die Tür, die in das Arbeitszimmer der »Auferstandenen« führte. Tania befand sich allein. Sie saß am Tische, in ihrer Hand ein Stück Linnen, das sie beim Öffnen der Tür zu verbergen suchte: Wladimir würde schelten, sie bei einer solchen Arbeit zu treffen; für das Weib eines Terroristen gab es andere Dinge zu tun. Da sah sie die fremde Dame, stand auf und blieb am Tische stehen. Mein Gott, welche Schönheit! dachte die Fürstin, sich Tania nähernd und bemüht, ein möglichst liebreiches Gesicht zu machen. Colja steckte den Kopf durch die Tür, nickte Tania hinter dem Rücken der Fürstin heftig zu, machte einige unverständliche Handbewegungen, stieß einen dumpfen Laut aus und verschwand. »Sie suchen gewiß Wladimir Wassilitsch,« begann Tania schüchtern. »Sind Sie seine Frau?« fragte die Fürstin aufs Geradewohl, indem sie sich setzte. Die arme Tania errötete, schlug die Augen nieder und wagte nicht, eine Antwort zu geben. Die Fürstin wußte sogleich, woran sie war. »Nun, so sind Sie seine Geliebte,« sagte sie nachlässig. »Mein Gott, was kommt darauf an? Sie scheinen noch sehr jung zu sein. Wie alt sind Sie?« »Achtzehn Jahre.« Die Fürstin unterdrückte einen Seufzer. »Nun, Gott behüte Sie. Sie wissen gar nicht, wie glücklich Sie sind. Ist Wladimir Wassilitsch nicht eifersüchtig?« »Auf wen sollte er eifersüchtig sein?« Und sie schlug ihre sanften, strahlenden Augen auf. »Wie unschuldig Sie sind! Wie ich höre, kommt jeden Abend ein gewisser Boris Alexeiwitsch in Ihr Haus?« Dabei fixierte sie Tania scharf, ohne jedoch eine Spur von Erregung oder Verlegenheit an ihr zu entdecken. Die Fürstin atmete auf. »Sie kennen Boris Alexeiwitsch?« »Nein.« »Wie ist das möglich? Da er doch jeden Abend kommt – –« »Abends bin ich immer in meiner Kammer. Aber ich weiß, daß er kommt. Sie sprechen oft von ihm.« »Wer spricht von ihm?« »Nun, Wladimir Wassilitsch, Sascha und die anderen.« »Und Wera Iwanowna?« »Sie kommt auch jeden Abend. Gewöhnlich ist sie bei mir, aber Wladimir Wassilitsch läßt sie jedesmal herausrufen.« »Weshalb?« »Das weiß ich nicht.« Das heißt, du willst es mir nicht sagen, meditierte die Fürstin. Dann fragte sie: »Ihr Liebhaber ist Student? Vielmehr Nihilist.« »Ich werde Ihnen nichts sagen,« erwiderte Tania erblassend. »Fragen Sie mich also nicht.« »Sie haben recht, nichts verraten zu wollen. Aber ich bin eine Freundin von Anna Pawlowna, ihre Cousine. Nun werden Sie begreifen. Ich komme her, um Wladimir Wassilitsch meine Dienste anzubieten. Sie dürfen mir also Vertrauen schenken. Nicht wahr, mein Kind, diese Wera Iwanowna ist die Geliebte von Boris Alexeiwitsch?« »Wera Iwanowna ist niemandes Geliebte. Wenn Sie sie kennten, würden Sie das nicht von ihr denken. Sie ist stolz und stark, viel besser als ich und – –« Sie verstummte. Ihr fiel ein, daß Wladimir wünschte, Wera sollte die Geliebte Boris Alexeiwitschs werden; sie erinnerte sich, daß er ihr befohlen hatte, Wera über Boris Alexeiwitsch auszuforschen. Die Fürstin stand auf. »Das muß ja ein wunderbares Wesen sein, Ihre Freundin Wera Iwanowna. Kann man sie nicht kennen lernen und wo?« »Sie wohnt bei Anna Pawlowna.« »Was hat Anna Pawlowna mit ihr zu tun?« »Das müssen Sie die Barina selbst fragen.« Überall Geheimnisse, dachte die Fürstin. Aber ich werde sie kennen lernen. Mich hintergeht man nicht. Da hörte Tania jemanden kommen und erkannte Wladimirs Schritt; hastig raffte sie ihre Arbeit zusammen, stammelte einige Worte und ging in die Kammer. In demselben Augenblick trat Wladimir Wassilitsch ins Zimmer. »Sie hier, Fürstin?« »Sie kennen mich?« »Ich erwartete schon längst, Sie hier zu sehen,« erwiderte Wladimir nachlässig. »Wie kommen Sie dazu?« Das gleichgültige Wesen Wladimirs beleidigte sie. Sie nahm ihre fürstliche Miene an, mit der sie sehr hoheitsvoll aussehen konnte. Wladimir lächelte leicht. »Sie sind über Boris Alexeiwitsch beunruhigt, haben gehört, daß er jeden Abend dieses Haus besucht und kommen, um zu erfahren, was Boris Alexeiwitsch abhält, Ihnen zu Füßen zu liegen. Ich will es Ihnen sagen: Die Ursache ist ein Mädchen, namens Wera Iwanowna, eine Nihilistin. Boris Alexeiwitsch ist leidenschaftlich in sie verliebt und wird über kurz oder lang seinen Zweck erreichen. So stehen die Sachen.« Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben verlor die Fürstin die Fassung. Sie erblaßte unter dem Puder und machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Doch blieb sie. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?« fragte Wladimir höflich und schob ihr einen Stuhl hin. »Ich hoffe, daß Sie sich bei Tania Nikolajewna nicht gelangweilt haben. Sie versteht freilich nicht, Konversation zu machen.« »Die junge Person ist reizend. Ich sah selten so schönes Haar und niemals so traurige Augen.« »Finden Sie?« Er sah sie scharf an und runzelte die Stirn. »Dabei betet das arme Ding Sie an.« »Lassen wir das.« Die Fürstin lächelte. Sie hatte ihre Haltung wiedergefunden. »Da Sie alles zu wissen scheinen, wird Ihnen wohl auch bekannt sein, daß ich die Gesinnungen meiner Cousine teile.« »Sie setzen mich in Erstaunen.« »Wirklich?« »Auch Boris Alexeiwitsch ist einer der Unseren. Oder sollte Ihnen das unbekannt sein?« »Durchaus nicht. Ist er es doch, der mich belehrt hat. Wir haben oft miteinander über dieses Thema gesprochen. Ich hatte anfänglich gar kein Verständnis für die Sache; aber er besitzt eine große Fähigkeit, die Gemüter mit sich fortzureißen und zu seinen Ansichten zu bekehren. Mit einem Wort, ich kam her, um Sie kennen zu lernen und – –« Er unterbrach sie. »Sie wissen, daß wir keine Spielerei treiben. Die Sache ist so ernst, daß sie Ihnen das Leben kosten kann. Eine Entdeckung von seiten der Regierung hat Verschickung nach Sibirien, ein Verrat an unserer Sache den Tod durch uns zur Folge. Natürlich wollen Sie nicht der Sache willen eine der Unseren werden, sondern weil Sie hoffen, dadurch für Boris Alexeiwitsch neue Anziehungskraft zu gewinnen.« Was diese Art von Menschen für Manieren hat! dachte die Fürstin. Aber es ist interessant, auch das kennen zu lernen. Sie nahm die Lorgnette und betrachtete den jungen Terroristen genau. Er gefiel ihr ungemein, selbst sein zynisches Lächeln, mit dem er ihren Blicken begegnete, hatte einen gewissen Reiz für sie. Mit diesen blonden Locken, dem rosigen, schönen Gesicht, den weichen, roten Lippen und einem Geist, der vor nichts zurückscheute, war es jedenfalls ein Mensch, dessen nähere Bekanntschaft zu machen lohnen konnte. So sagte sie denn, seinen Blick erwidernd: »Verfügen Sie über mich.« »Sie wollen es wagen?« »Ja.« »Dann kommen Sie diesen Abend her. Wera Iwanowna wird hier sein und – Boris Alexeiwitsch.« »Das ist mir sehr gleichgültig; aber ich werde kommen.« Wladimir Wassilitsch lächelte. Sechstes Kapitel Wenn Boris Alexeiwitsch sich in der letzten Zeit seiner Lieblingsbeschäftigung, der Selbstanalyse mehr als je hingab, so mußte er sich das Geständnis machen, daß er sich nicht mehr begriff. Ähnlich wie bei Anna Pawlowna, entsprang die heftige Neigung, die ihn für Wera ergriffen, einem letzten Rest von Sehnsucht nach den Idealen der Menschheit. Beide waren sich dessen wohl bewußt, beide reflektierten darüber und freuten sich ihrer Empfindung. Doch bestand zwischen ihnen der große Unterschied, daß sich die Frau aus Widerwillen gegen ihre sittlich verpestete Umgebung dem Volke zuwendete, während Boris Alexeiwitsch vor sich selbst und seinem eigenen angefaulten Leben Ekel empfand. Bei beiden entwickelten sich indessen die Dinge ganz anders, als sie selbst vermutet hatten. Anna Pawlowna wollte sich zu ihrem ehemaligen Leibeigenen wie eine Gottheit hinabneigen und stürzte dabei selbst zu Saschas Füßen; Boris Alexeiwitsch' erschlaffte Sinne wurden durch Weras stolze Schönheit gereizt; er hoffte auf ein Abenteuer von außergewöhnlichen Aufregungen begleitet und verfiel dem Banne einer Leidenschaft, welche die erste wahre und starke Empfindung seines Lebens war. Gern erinnerte er sich jenes einen Augenblicks der Rührung über sich selbst. Er grübelte darüber nach, und ruhte nicht eher, als bis er entdeckte, daß das Gefühl, welches er an jenem Abend gezeigt hatte, aufrichtig gewesen, daß er in Wahrheit der bessere Mensch sei, als welcher er damals zu Wera geredet. Er sah sie, wie sie in dem Arbeitszimmer der Nihilisten vor ihm gestanden, von dem blassen Schimmer der Frühlingsnacht umflossen, ihr schönes Gesicht zu dem seinen aufgehoben, mit dem Ausdruck, wie er ihn bei einer Frau noch nie gesehen. Wenn er an ihren Blick, an den Glanz ihrer Augen dachte, entwich aus dieser verlotterten Seele jede gemeine Regung. Gleich einem guten Engel folgte ihm ihr begeisterter, feierlicher Blick, ihm die Versicherung gebend: Mein Seelenheil würde ich lassen, das deine zu retten. Er versuchte anfangs, sich dem Zauber zu entreißen, er verhöhnte sich selbst, er setzte sein altes Leben fort, um eines Tages gänzlich damit zu brechen. Ja, er legte sich das Schwerste auf, indem er es vermied, Wera wiederzusehen. Sie sollte vor ihm verschont bleiben, sie durfte nicht von ihm gestört werden, sie, die Reine, durfte nicht so jammervoll untergehen. Denn das stand bei Boris Alexeiwitsch fest, daß es nur von seinem Willen abhing und sie wäre die Seine und wurde von ihm zugrunde gerichtet. Daß er das nicht wollte, daß er zauberte, es zu wollen, rechnete er sich hoch an. Doch schon nach wenigen Tagen war er wieder bei ihr. Er nahm sich vor, stark zu sein und der brüderliche Freund des seltsamen Mädchens zu bleiben. Ihr Einfluß sollte ihn wandeln, er wollte ihr folgen, wohin sie ihn führte, an das Herz des Volkes, das ihm zugleich mit dem ihren entgegenschlug. Es war ein wunderlicher Zustand, darin sich die beiden befanden. Boris, von seinen wechselnden Stimmungen aus einer Empfindung in die andere gejagt; Wera ruhig, klar, sicher, von dem festen Willen getragen, auch diese Aufgabe zu erfüllen und den Vetter Anna Pawlownas für die Sache des Volkes zu begeistern. Einigemal hatte er ihr Blumen mitgebracht; sie sah ihn jedoch so erstaunt an, daß er sich verwirrt abwandte und fortan mit leeren Händen zu ihr kam. Sehr beunruhigte ihn, daß diesem Mädchen gegenüber ihn seine ganze Unterhaltungskunst im Stich ließ. Er saß da und hörte ihr zu, die niemals um Worte verlegen war. Was sie ihm erzählte, wie sie es ihm erzählte, ergriff ihn. Es waren Erlebnisse aus dem Dorfe, die kleinen Freuden des Volkes, seine großen Leiden. Anderes vom Leben wußte sie nicht. Mit demselben heiligen Eifer, mit dem sie in Eskowo versucht hatte, den Kindern von ihren dürftigen Kenntnissen mitzuteilen, bemühte sie sich jetzt, diesen lebenssatten Elegant in der Redeweise des Volkes zu unterrichten, einer Sprache, von der Boris Alexeiwitsch nicht einmal das Abc verstand und nimmer verstehen würde. Aber er war wenigstens begierig, zu lernen, sich von ihr belehren zu lassen. Sie bemerkte diesen Erfolg und wurde dadurch zu immer größerem Eifer angespornt. Das gab ihrem Wesen einen neuen Reiz, sie wurde liebenswürdig. Ihre Gedanken beschäftigten sich viel mit Boris. Er hatte ihr und dem Volke Böses zugefügt und sie ihn dafür gehaßt, ihn für schlecht und schändlich gehalten, für ihren und des Volkes schlimmsten Feind; da mußte sie plötzlich entdecken, daß er besser sei als sie geglaubt, um vieles besser! Das quälte sie unsäglich. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, übereilt und ungerecht geurteilt zu haben, sie fühlte sich schuldig und legte sich für ihre Schuld strenge Buße auf. Wenn ihr hinfort an Boris Alexeiwitsch etwas mißfiel, wenn sie sich durch eine leichtfertige, ihr unverständliche Äußerung abgestoßen fühlte, so klagte sie sich nun selbst an, dachte an das Unrecht, welches sie ihm in Gedanken zugefügt, entschuldigte ihn und zeigte ihm ein immer milderes Gesicht, ein immer freundlicheres Lächeln. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, sich vor seinem Kommen zu fürchten, unruhig zu werden, wenn sie seinen Schritt hörte, erleichtert aufzuatmen, wenn er ging. In seiner Gegenwart half sie sich dadurch, daß sie mit ganzer Seele tat, was zu tun sie sich vorgenommen. Das nahm ihr ihm gegenüber jede Befangenheit. Zuweilen erschien bei diesen Besuchen Natalia Arkadiewna, ein Umstand, der Wera jedesmal stumm, Boris Alexeiwitsch dagegen jedesmal aufgeregt gesprächig machte. Die zarte, gebrechliche Gestalt mit dem feinen, durchgeistigten Gesicht flößte beiden Scheu ein. Überdies fühlte sich Boris von Natalia erkannt. Und hatte er sie ihrer abgeschnittenen Haare und ihrer volkstümlichen Wäsche wegen, schon immer unerträglich gefunden, so glaubte er jetzt alle Ursache zu haben, sie für seine Feindin zu halten. An demselben Tage, an dem die Fürstin Danilowsky ihren Besuch in der Preobraschenskaja-Vorstadt machte, waren die beiden wieder beisammen. Wera fühlte sich beunruhigt. Seit Tagen hatte sie weder von Sascha noch von Anna Pawlowna etwas gesehen oder gehört. Die Dienstboten zeigten ihr verdrießliche Gesichter und behandelten sie schlecht, was ihr wehe tat, da es von ihresgleichen kam. Wera scheute sich, die auffällige Abwesenheit Anna Pawlownas und Saschas mit Natalia Arkadiewna zu besprechen, und um keinen Preis hätte sie mit Boris Alexeiwitsch darüber reden können. Sie erschrak fast, als er selbst davon anfing. »Anna Pawlowna befindet sich noch immer auf dem Lande?« Sein Ton berührte sie peinlich. Sie bejahte gelassen und fügte hinzu: »Wir haben so schöne Tage und Anna Pawlowna fühlte sich leidend.« Boris Alexeiwitsch sah sie groß an. Sollte sie wirklich nichts wissen, oder verstellte sie sich? Sie wich seinem Blick aus. Aber es ist unmöglich, dachte er, sie hat in ihrem Leben noch niemals geheuchelt. Dazu ist sie viel zu stolz! Vielleicht ist es gut, wenn sie es erfährt. So fügte er denn in seiner leichtfertigsten Weise: »Wenigstens hat sich Anna Pawlowna nicht über Langeweile zu beklagen.« Aber Wera verstand ihn nicht; Boris Alexeiwitsch wurde ungeduldig. »Nun denn, da Sie es doch einmal erfahren müssen: Sascha ist bei ihr, Ihr guter Freund Sascha! Ganz Moskau redet davon.« Sie fühlte ihr Herz sich krampfhaft zusammenziehen, sie fühlte einen Schmerz, daß sie hätte laut aufschreien mögen. Ihre erste Empfindung sagte ihr, daß es wahr sei. Dann aber überfiel sie eine Scham vor sich selbst, daß sie das denken konnte; gleich darauf eine namenlose Angst, daß sie es würde glauben müssen. »Sie sind alle gleich,« hatte Wladimir Wassilitsch damals ihr gesagt. Aber Sascha, ihr Sascha und diese vornehme Dame – – »Ich weiß nicht, was Sie damit bezwecken, mir mitzuteilen, daß Sascha und Anna Pawlowna zusammen auf dem Lande sind. Warum sollten sie nicht? Es kann nichts Böses dabei sein. Ich verstehe nicht, weshalb Sie es mir sagen, weshalb Sie es mir in solcher Weise sagen. Das ist nicht recht von Ihnen.« Mein Gott, welche Unschuld, welche Kindlichkeit! dachte Boris und fühlte eine Art von Bedauern mit ihr, als sollte er mit seinen Worten ihren Glauben an Gott und die Menschen zerstören. Trotzdem sagte er geradeheraus: »Sascha ist Anna Pawlownas Liebhaber.« Sie erwiderte nichts, sie überwand ihren Schmerz und blieb ruhig. Dieser fremde Mann sollte sie nicht um ihren Freund, ihren Bruder weinen sehen. Er blickte sie so sonderbar an. »Wenn ich Sascha sehe, werde ich ihn fragen,« meinte sie einfach; »und wenn es wahr ist – – Er unterbrach sie. »Was werden Sie dann tun?« »Dann werde ich sehr einsam auf der Welt sein,« sagte Wera leise, wie zu sich selbst. »Ich bin Ihr Freund.« »Sie?« »Zweifeln Sie?« fragte er leidenschaftlich. »Warum sollten Sie nicht mein Freund sein?« »Sie haben diesen Sascha geliebt?« »Wir wuchsen zusammen auf und haben viel miteinander gelitten, viel zusammen gehofft. An so vieles geglaubt! Er war rein und gut und nun – Er hat mir einen großen Schmerz zugefügt.« »Sie kennen die Welt nicht, sonst würden Sie anders reden.« »Ich habe mit dem Volke gelebt und nichts von allen diesen Dingen gewußt. Warum ist es denn nötig, die Welt kennen zu lernen? Es macht nicht glücklich. Schlimmer als das, es macht schlecht!« Ihre Stimme klang gepreßt, sie blickte nicht auf. »Sie denken zu hoch von den Menschen.« »Ich verstehe nicht, wie man niedrig von ihnen denken kann,« entgegnete Wera in tiefster Traurigkeit und heftig atmend. »Ich wenigstens möchte nicht länger leben, wenn ich so denken müßte.« »Sind Sie Nihilistin geworden, weil Sie groß von den Menschen denken?« fragte Boris mit ehrlichem Erstaunen. »Geben auch Sie mir diesen Namen?« klagte Wera. »Dieser Name ist unser Unglück. Wenn wir uns Volksfreunde nennen würden, so müßte das in Rußland ein Ehrenname sein.« »Sie weichen mir aus. Unmöglich können Sie bei den Feinden des Volkes Edelmut und Tugend voraussetzen. Ihre Menschenliebe und Ihr Glaube an die Menschen erstrecken sich also wohl nur auf die Unterdrückten und Unglücklichen?« »Nein, nein!« rief Wera in heftiger Bewegung. »Ich kann Wladimir Wassilitsch nicht glauben. Ihr seid nicht alle gleich! Wenn die Feinde des Volkes erkennen würden, wie elend und hilflos wir sind, so brauchte es keine Nihilisten und Terroristen zu geben. Und es sind doch so manche darunter, die es gut mit uns meinen. Denken Sie doch, da ist Natalia Arkadiewna! Da ist Anna Pawlowna! Und da –« sie zauderte etwas, »da sind Sie. Noch viele solcher, und das Volk wird nicht nur frei, sondern auch glücklich sein.« »Ich muß wiederum eine Ihrer Illusionen zerstören,« erwiderte Boris Alexeiwitsch und beschäftigte sich mit seinen Nägeln. »Natalia Arkadiewna ist in Wladimir Wassilitsch verliebt, Anna Pawlowna in Sascha und ich – – Mein Gott, ich will mich auch nicht besser machen als ich bin; ehe ich Sie kennen lernte, war mir die ›Sache‹ sehr gleichgültig. Da sehen Sie selbst, wie wir sind!« Wera stand und bemühte sich, zu begreifen, was sie gehört hatte. Natalia Arkadiewna verliebt in Wladimir, Anna Pawlowna verliebt in Sascha, und Boris Alexeiwitsch – – Was war mit Boris Alexeiwitsch? Warum sah er sie so an? Was meinte er mit ihr? Was hatte sie mit ihm zu tun? Während sie mit ihren qualvollen Empfindungen rang, stieg plötzlich das Bild Grischas vor ihr auf. Eine heftige Sehnsucht überkam sie, wieder den Duft der Narzissen und des Flieders zu atmen, wieder in das ehrwürdige Gesicht des Mütterchens zu sehen, wieder mit dem »Prachtmenschen« über die Felder zu gehen und die Lerchen singen zu hören. Sie stand so versunken, daß sie aufschreckte, als Boris Alexeiwitsch sie anredete: »Ich habe Ihnen heute das Buch mitgebracht.« »Welches Buch?« »Puschkins Onegin. Sie baten mich darum.« Wera errötete. »Ich hätte Sie gebeten? Sie sagten, daß Sie mir das Buch bringen wollten. Es ist lange her. Ich dachte, Sie hätten es vergessen; aber es ist sehr gütig von Ihnen.« »Durchaus nicht. Sie kennen noch gar nichts, ja noch gar nichts von der russischen Literatur. Da muß ich, als Ihr Freund, Ihnen doch behilflich sein und Ihnen das Beste, was wir besitzen, zuführen. Neulich sagten Sie, daß Sie noch nie ein Gedicht von Puschkin gelesen hätten. Es ist unglaublich!« »Ich bin sehr unwissend.« »Darf ich Ihnen vorlesen?« »O nein. Es würde Ihnen Mühe machen. Danke, danke.« Er winkte ihr, allen Dank ablehnend, mit seiner weißen Hand, schlug das Buch auf und begann mit leiser, weicher Stimme zu lesen. Wera saß ihm gegenüber. Zuerst war sie so unruhig und aufgeregt, daß sie nichts verstand. Es dauerte aber nicht lange, so hingen ihre Augen an den Lippen des Vorlesers. Ihr ward wunderlich zumute, als träte sie aus einem dunklen Raum ins Licht, als würde sie aus einer Tiefe aufgehoben, hoch und höher. Unter ihr lag die Erde, um sie war alles Glanz. Als Boris gelegentlich vom Buche aufsah und einen forschenden Blick auf Wera warf, sprang er in die Höhe. »Was haben Sie? Sie weinen!« Ohne ihre Tränen zu trocknen, bat sie ihn mit einer flehenden Gebärde, weiterzulesen. Siebentes Kapitel Anna Pawlowna erwachte aus schwerem, traumlosem Schlaf mit einer Empfindung, als ob es besser für sie wäre, es bliebe immer Nacht und sie brauchte sich nicht mehr zu regen. Sie schloß die Augen wieder, lag lange Zeit, ohne eine Bewegung zu tun, und versuchte, sich über ihren Zustand Klarheit zu verschaffen. – – Was war geschehen? Sie hatte sich hingegeben, aus Liebe, sich selber zur Sühne und Läuterung. Sie wollte ein neues Dasein beginnen. Als die Geliebte dieses Bauernsohns, vereint mit ihm und den Seinen, wollte sie helfen, Gesellschaft und Regierung zu stürzen und das Volk auf den Thron der Menschheit heben, das nach Branntwein und Schweiß stinkende russische Volk! War sie von Sinnen? Und wenn sie es war, so wollte sie von Sinnen bleiben; bleiben mußte sie es, sonst – – Bei dem Sonst standen ihre Gedanken still. Sie erhob sich endlich, wie mit gelähmten Gliedern, ohne nach der Kammerfrau zu läuten. Auch konnte sie sich nicht entschließen, den Vorhang vom Fenster zu ziehen und in das Tageslicht zu schauen. Bei der Dämmerung, die in dem Gemach herrschte, kleidete sie sich an, langsam und mühsam. Als sie fertig war, löste sie ihr langes, prachtvolles Haar, trat vor den Spiegel und schaute hinein, das schattenhafte Bildnis ihrer Schönheit, welches sie im Glase sah, mit Augen betrachtend, als erblickte sie es zum erstenmal. Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich von ihrem Spiegelbilde ab, schritt zum Fenster, öffnete die Vorhänge, um sogleich vor der blendenden Helle das Gesicht mit beiden Händen zu schützen. Dann ließ sie die Arme sinken und stand da in dem vollen Glanz des Tages, die ganze Gestalt von Strahlen umleuchtet. Ohne etwas zu genießen und die Kammerfrau hinwegwinkend, begab sie sich hinaus in den Garten, und schlug denselben Weg ein, den sie im Morgengrauen mit Sascha gegangen war. Sie sah auf dem weichen Boden ihrer beider Fußstapfen. Neben dem Abdruck der zierlichsten Pariser Stiefeletten der plumpe große Schuh des Mannes aus Eskowo. Sie dachte: Welche Gegensätze! Nun bemühte sie sich, jedes Wort, welches er und welches sie selbst auf diesem Wege gesprochen, sich ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie hatte sterben wollen, nachdem sie eine Stunde an der Brust dieses Mannes gelebt hatte. Wie war das möglich? Und es war noch dazu ihr heiliger Ernst gewesen. Immerhin; sie liebte ihn. Sie hatte es ihm gestanden, ihm zugerufen, zugejubelt: Ich liebe dich! Und er – – Wütende Leidenschaft hatte auch ihn ergriffen, nachdem er über den Fall seines Ideals heiße Tränen vergossen, nachdem für ihn die Göttin gestorben war. Jetzt war sie selbst für diesen Schwärmer nur noch ein Weib. Von ihren Gedanken getrieben, eilte sie wieder ins Haus zurück, rief der Kammerfrau und befahl den Wagen für den nächsten Zug, der nach Moskau ging. Nachdem sie das getan, atmete sie auf. Aber sie vermochte kaum zu erwarten, bis es so weit war, daß sie abreisen konnte, und wäre am liebsten zu Fuß nach dem Bahnhof gegangen. Um mit der Zeit fertig zu werden, kleidete sie sich mit Hilfe der Kammerfrau noch einmal von Kopf bis zu Füßen um und wählte ein Kostüm, in dem Sascha sie noch nicht gesehen hatte. Wie Beruhigung kam es über sie, als sie im Zuge saß; doch als der Zug hielt und sie in Moskau aussteigen mußte, ward sie von neuem von Unruhe erfaßt. Gewiß war Sascha auf dem Bahnhof, um sie zu empfangen. Sie zitterte. Wenn er nun plötzlich auf sie zugeeilt kam und sie mit Jubel begrüßte. Wie schrecklich! Aber er würde es nicht wagen, er würde von ferne stehen und sie mit seinen Blicken verschlingen. Sie zog den Schleier vor das Gesicht und begab sich, um möglichst schnell hinauszugelangen, in das Gewühl der Angekommenen. Sie blickte erst auf, als sie in ihrem schönen Landauer saß und durch die Straßen Moskaus rollte. Die Menschenmenge und der betäubende Lärm der großen Stadt taten ihr gut, und sie fühlte beim Anblick der prächtigen Basare und Kaufläden, der eleganten Fuhrwerke und Spaziergänger ein Behagen, welches ihr eine vollständig neue Empfindung gab. Sie grüßte verschiedene Bekannte, und ihr Gruß war lange nicht so müde und apathisch wie sonst; überhaupt war ihr, als käme sie nach langer Abwesenheit zurück und hätte die Zeit, die sie fort gewesen, in tiefster Einsamkeit und Öde verbracht. Vor ihrem Palast angekommen, ließ sie den Wagen warten und begab sich in ihre Gemächer. Sie kam durch den kleinen Salon mit dem goldenen Blumengitter und dem Friese – der Triumphzug der Venus, eine Allegorie ihrer Persönlichkeit: Anna Pawlowna als Göttin der Liebe! Und sie ging unter dem Bilde vorbei, als ob die Augen von Tausenden auf sie gerichtet wären, sie vor den Augen von Tausenden nackt dastünde. Eine große Anzahl von Besuchern war während ihrer Abwesenheit dagewesen; die silberne Schale füllten Visitenkarten und ihren Schreibtisch bedeckten Briefe und Einladungen. Der Prinz hatte geschrieben. Anna Pawlowna riß das nach Veilchen duftende Billett auf und überflog mit einem Blick die flüchtigen, eleganten Schriftzüge. Die Reise des Zaren nach Moskau realisierte sich mehr und mehr. Also wirklich – – Wer alles war dagewesen? – Die halbe Welt, wie es schien. Aus Neugierde waren sie gekommen, ob die Prinzessin noch immer nicht zurück sei. Nein, noch immer nicht. Wie sonderbar, um diese Jahreszeit die Stadt zu verlassen! Natürlich war die »Kaprice« der Prinzessin bereits in aller Mund. Was kümmerte es sie? Es war wenigstens taktvoll, daß man sie auf ihrem Landsitz unbelästigt gelassen hatte. Von dem Kammerdiener erfuhr sie, daß Boris Alexeiwitsch jeden Tag dagewesen sei. »Aber sagten Sie ihm denn nicht, wo ich war?« Der Kammerdiener hatte es Boris Alexeiwitsch mitgeteilt, aber Boris Alexeiwitsch hatte jeden Tag der Bäuerin Wera Iwanowna seinen Besuch gemacht. Die Prinzessin wollte auffahren, biß sich auf die Lippen und schwieg. Was ging sie Boris Alexeiwitsch und seine Passion für Wera Iwanowna an? Also deshalb hatte er nicht einmal den Versuch gemacht, sie auf dem Lande zu besuchen. Sie hatte es eigentlich erwartet – es gefürchtet und den Befehl gegeben, daß sie für ihn nicht zu sprechen sei. Sascha sollte sich von diesem Manne nicht hochmütig behandeln lassen; sie wollte es nicht dulden. Ihre Besorgnis war unnütz gewesen, Boris Alexeiwitsch war gar nicht gekommen, Boris Alexeiwitsch hatte in Moskau anderes zu tun gehabt. »Es ist gut. – – Worauf warten Sie?« »Wladimir Wassilitsch hat diesen Brief abgegeben.« »Legen Sie hin. Was ist noch?« »Der Student Alexander Dimitritsch – –« »Wie?« »Er hat heute dreimal nach Durchlaucht gefragt.« »Sollte er wiederkommen, so – – Aber nein, ich muß ausfahren. Ich bin heute für niemand zu sprechen; hören Sie wohl, für niemanden.« Der Kammerdiener ging, Anna Pawlowna blieb allein. Sie stand mitten im Zimmer, sah steif vor sich nieder, wobei ihr schönes Gesicht mehr und mehr etwas Starres und Entgeistertes annahm. Dann entriß sie sich ihren Gedanken und las den Brief, den Wladimir Wassilitsch für sie abgegeben. Er enthielt nur die Notiz, daß am Abend im Gärtnerhause eine Beratung stattfände, zu welcher die Prinzessin erwartet würde, es handele sich um wichtige Dinge. Nachdem Anna Pawlowna gelesen, zündete sie ein Licht an und verbrannte das Schreiben zu Asche; darauf ließ sie den Wagen vorfahren und machte bis zum Abend Besuche. Sascha befand sich in einem unsagbaren Zustande. Als er mit dem Frühzug in Moskau ankam und ausstieg, wußte er zuerst gar nicht, was er mit sich und seinem Leben zunächst anfangen sollte. Er ließ sich auf dem Bahnhof herumstoßen und anschreien, stand unter den Menschen und schaute mit leerem Blick auf das Gewühl. Man hielt ihn für betrunken und riet ihm lachend, sich nach Hause zu begeben, sich ins Bett zu legen und seinen Rausch auszuschlafen. Endlich ging er. Aber wohin. Nach Hause? Dort war Marja Carlowna. Also dann nach dem Gärtnerhäuschen. Dort war Wladimir Wassilitsch, der ihn mit spöttischem Lächeln begrüßen würde, worauf es ein Unglück geben mußte. Er konnte sich heimlich in sein Laboratorium oder in die Druckerei schleichen. Aber jetzt Dynamit verfertigen, jetzt Reden an das russische Volk drucken, wo für ihn die Welt neuerschaffen schien, für ihn auf der ganzen Welt nur ein Menschenpaar war: Die Prinzessin Anna Pawlowna und der Bauernsohn Alexander Dimitritsch. Die Küsse dieses einen einzigen Weibes brannten auf seinen Lippen wie Flammen, die ihm die Seele verzehrten, seine Adern mit Feuerströmen füllten, aus seinen Augen als Fieberglut loderten. Er ging weder nach der Teeschenke noch begab er sich in die Vorstadt, sondern geradeswegs zum Palast Petrowsky. Natürlich war sie nicht da. Wie wäre das möglich gewesen? Er hatte sie in der Villa verlassen. Doch war sie immerhin in diesem Hause gewesen und würde heute wieder da sein, um ihn zu sehen, ihn allein! um sich von ihm küssen zu lassen, von ihm allein! Sascha erbebte und blickte scheu auf die ihm Begegnenden, ob nicht alle auf ihn sähen, nicht alle ihm von der Stirn abläsen: das ist der Liebhaber Anna Pawlownas! Ist es möglich? Dieser grobe Bursche, dieser Nihilist, dieser Sohn eines geknuteten Bauern? Er war's! Nicht nur ihr Liebhaber, sondern ihr Knecht, ihr Sklave, ihr Ding. Und er wunderte sich, daß die Leute so gleichgültig an ihm vorübergingen. Ja, dachte er, wenn ihr wüßtet; ihr würdet Augen machen. Er verbrachte den Morgen dem Palast Petrowsky gegenüber, vor der in Restauration begriffenen Kirche, an derselben Stelle, wo er so manche halbe Nacht gestanden und kein Auge von dem Tempel gewendet, der seine Göttin umschloß. Und jetzt! Wäre sie dagewesen, so würde er zu ihr gegangen sein, die mit Teppichen belegte Marmortreppe hinauf, in ihre prächtigen Gemächer hinein. Er brauchte nur zu wollen und die Diener, die ihn mit tiefster Verachtung behandelten, bückten sich vor ihm bis zum Boden; nur zu wollen brauchte er und es erfuhr alle Welt, daß sie ihn liebte, daß sie sein war. Wenn er es so recht bedachte, wirbelte es in seinem Kopf, daß der Boden um ihn zu kreisen begann. Aber es war gar nicht zu denken – gar nicht auszudenken! So etwas war auf der Welt noch nicht dagewesen; eine wirkliche Prinzessin und der Sohn eines wirklichen Bauern! Nachdem er sich lange genug vor dem Palast herumgetrieben, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, hinzugehen und den Portier zu fragen, ob Anna Pawlowna zu Hause und zu sprechen wäre? Als er ihren Namen sagen wollte, schnürte es ihm fast die Kehle zu; doch brachte er das Wort glücklich heraus, und hatte seine stille Freude daran, wie grob der vornehme Türhüter ihn anfuhr. Anna Pawlowna sei nicht zu sprechen. Sascha entschuldigte sich höflich, dankte, begab sich wieder auf die andere Seite der Straße hinüber und setzte sein Wächteramt fort. Dann sah er Boris Alexeiwitsch herangeschlendert kommen, schön, elegant, ein Herrchen wie aus Marzipan. Boris Alexeiwitsch ging in den Palast, ohne den sich bis auf den Boden verneigenden Wortschick eines Blickes zu würdigen. Sascha dachte: Der begibt sich jetzt zu Wera Iwanowna. Und plötzlich fühlte er einen Schmerz, als ob an seinem Herzen gerissen würde. Aber, beruhigte er sich, Wera Iwanowna ist stolz; Wera Iwanowna ist stark. Boris Alexeiwitsch wird sich wundern. Und wenn er erst wüßte – – Doch das würde er nicht glauben; das ganz sicher nicht! Wie könnte er auch? Er würde wütend sein. Wera Iwanowna wies ihn, Boris Alexeiwitsch, zurück und Anna Pawlowna – – Rasen würde er. Es war seine Cousine und er bewunderte sie ungemein – natürlich. Sascha wurde unruhig. Er begab sich hinweg, irrte durch die Straßen, immerfort an Boris Alexeiwitsch denkend und daß dieser Anna Pawlowna natürlich auf das höchste bewunderte. Und Anna Pawlowna? Sie verachtete ihn. Das war ein Trost. Wenn er nur nicht ein gar so seines, schönes, duftendes, freches Herrchen gewesen wäre. Aber sie verachtete ihn ja! Er machte kehrt; fast, daß er lief. Atemlos kam er beim Palast an. Ob Anna Pawlowna noch immer nicht zurück, noch immer nicht zu sprechen wäre? Der Wortschick jagte ihn fort, und als er nach einer Weile zum drittenmal kam, hätte er mit seinem langen Stock fast nach Sascha geschlagen. Nun ging er nach der Teeschenke, allen seinen Mut zusammennehmend, um Marja Carlowna in die Augen zu sehen. Die schöne Wirtin, die seit jener Nacht in ihrem Wesen gegen ihn eine Scheu und eine Demut zeigte, welche Sascha höchst peinlich waren, teilte ihm mit, daß Wladimir Wassilitsch nach ihm gefragt und die Botschaft hinterlassen habe, er möge sich am Abend bei ihm einfinden. Das wird wieder etwas Rechtes sein, dachte Sascha. Wir werden schwatzen und schwatzen und unterdessen wartet Anna Pawlowna auf mich. Welche Torheit! Achtes Kapitel Am Abend traf man sich in der Preobraschenskaja-Vorstadt. Die Läden des Gartenhauses waren fest geschlossen, so daß kein Lichtstrahl hindurchdringen konnte; überdies hielt Colja auf dem Hofe Wache. Sowohl die Fürstin wie Anna Pawlowna kamen zu Fuß, Boris begleitete Wera und Natalia, Sascha kam allein. Er war der letzte. Man begrüßte sich und wartete auf Wladimir Wassilitsch, der bereits seit dem Morgen von Hause abwesend war. Jeder war in seinem Gemüt mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als mit denjenigen, um derentwillen man sich zusammengefunden. Einer beobachtete den anderen und fand in dem Benehmen eines jeden dieses und jenes Auffällige. Boris Alexeiwitsch mußte lächeln, als er die Fürstin Danilowsky erblickte, in einem eigens für diese Gelegenheit komponierten Kostüm, darin die Dame wie eine Salonpetroleuse aussah. Natürlich merkte er sofort, warum sie gekommen war; er drückte indessen sein höchstes Erstaunen darüber aus, sie in der Preobraschenskaja-Vorstadt zu treffen, beglückwünschte sie zu ihrem Entschlusse, der Sache des Volkes angehören zu wollen und stellte ihr Wera vor, deren Schönheit auf die Fürstin einen geradezu vernichtenden Eindruck machte. Kaum vermochte sie sich zu beherrschen. Wera sah sie mit großen Augen an, vollständig ahnungslos, wodurch sie das Mißfallen der vornehmen Dame erregt haben könnte. Mit Sascha sprach Wera kein Wort und vermied es, ihn anzusehen; so bemerkte sie denn nicht, daß auch Sascha sich am liebsten vor ihr verborgen haben würde. Anna Pawlowna hatte sie bei ihrem Kommen auf die Wange geküßt und freundlich angeredet, aber keine Antwort erhalten. Selbst Natalia Arkadiewna gegenüber hatte Wera das Gefühl, als ob sie sich von ihr entfernt hätte. Ihre Einsamkeit drückte ihr das Herz zusammen. Boris Alexeiwitsch mußte sie verstehen; denn wenn er zu ihr redete, hatte seine Stimme etwas so Weiches, Mildes, Trauriges; mit solchen Augen und solcher Stimme dachte sie sich Puschkins Onegin. Als Tania mit einer Lampe eintrat, erschrak sie fast. Unwillkürlich wandte sich Wera Boris zu, als wollte sie aus seinem Gesicht ablesen, welchen Eindruck auch auf ihn die holdselige Erscheinung machte. Tania war ja Puschkins Tatjana! Es versetzte ihr den Atem, als sie sah, wie Boris Alexeiwitsch Tania voller Erstaunen anblickte. Aber nur einen Augenblick. Dann wandte er sich wieder zu ihr, sie fragend, ob er morgen kommen dürfe, um ihr das Gedicht weiter vorzulesen? »Warum wollen Sie mir das Buch nicht lassen?« meinte sie leise. »Bitte, geben Sie es mir.« Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Das geht nicht. Sie müssen sich mein Vorlesen wohl oder übel gefallen lassen. Es macht mir überdies ein unsägliches Vergnügen, denn Sie haben ein wahres Genie, zuzuhören.« »Wie?« »Sie erleben, was Sie hören.« »Soll ich das nicht?« »Gewiß. Ein Dichter müßte glücklich sein, Ihnen sein Werk vortragen zu dürfen.« »Ich verstehe aber nichts von Poesie.« »Das ist es eben! Wenn Sie die Poesie ›verständen‹, so würden Sie bald aufhören, sie zu empfinden. Und Empfindung – das ist alles.« »Ich wußte gar nicht, daß es so Herrliches auf der Welt gäbe.« »Wie die Poesie es ist?« »Wie das Gedicht, das Sie mir vorlesen.« »Aber gestehen Sie nur, Onegin selbst ist Ihnen verhaßt. Seien Sie aufrichtig!« »Ich fürchte mich vor diesem Manne. Er wird Tatjana unglücklich machen – er muß es.« »Muß er?« »Gewiß. Das liegt in seiner Natur, er kann gar nicht anders.« »Wie gut Sie ihn verstehen!« »Ich verstehe ihn gar nicht,« erwiderte Wera eifrig. »Aber ich fühle, daß es so sein muß. Er tut mir leid.« »Onegin? Er geht auch in der Tat durch Tatjana zugrunde. Ein schöner Tod. Sehen Sie nur, wie die Fürstin uns beobachtet.« Wera blickte um sich. »Warum sieht sie immer her? Habe ich ihr etwas getan?« »Sehr viel.« »Was?« »Sie sind schöner als sie.« »Mein Gott!« »Mit einem Wort, sie ist eifersüchtig.« »Auf mich?« »Sicher.« Wera trat schnell von ihm fort; mit einer solchen heftigen Gebärde, einem solchen finsteren Blick, daß Boris sich auf die Lippen biß. Wera ging auf Tania zu, welche die Lampe auf den Tisch gestellt hatte und nun in einer Verlegenheit dastand, die sie reizend kleidete. Ihre Freundin grüßte sie. »Ach, Tania, wie freue ich mich, dich zu sehen. Wie geht es dir?« »Recht gut. Wladimir Wassilitsch hat mir erlaubt, den Tee für die Herrschaften zu machen.« Auch Natalia Arkadiewna näherte sich Tania und flüsterte ihr zu: »Du darfst dich nicht so grämen. Liebste. Jeder merkt dir an, daß du Kummer hast. Ist Wladimir Wassilitsch unfreundlich gegen dich?« »Nein, nein! Wie kannst du denken! Er ist sehr nachsichtig, aber ich – –« Sie begegnete einem Blicke Weras und verstummte, Wera mußte sich Gewalt antun, sich nicht zwischen die beiden zu drängen. Es war ihr unerträglich, Natalia Arkadiewna neben Tania zu sehen. Boris Alexeiwitschs Worte: »Sie ist in ihn verliebt,« der Ton, mit dem er sie gesprochen, das Lächeln, mit dem er sie begleitet, wollten ihr nicht aus dem Sinn. Und wie hatte sie zu Natalia Arkadiewna aufgeschaut! Aber vielleicht war es nicht wahr. Sie nahm sich vor, mit Natalia Arkadiewna zu reden. Dabei fiel ihr ein, daß sie auch mit Sascha sprechen würde, sprechen müsse. Sie nahm sich vor, ihn um seinen Besuch zu bitten. In Anna Pawlownas Hause wollte sie ihn fragen, wollte sie seine Antwort hören. Oder noch besser, sogleich. Und sie näherte sich ihm. Sascha saß in einer Ecke und starrte zu der Prinzessin hinüber, die sich in einem eifrigen Gespräch mit der Fürstin und ihrem Vetter befand. Jede ihrer Mienen beobachtete, bewachte er. Wie sie mit diesem feinen, schönen Herrn sprach; ganz anders als mit ihm! Zum erstenmal, seit sie sein geworden, sah er sie mit ihresgleichen verkehren. Nicht ein einziges Mal blickte sie zu ihm herüber, obgleich sie wissen mußte, wie es in ihm aussah, wie er nur Augen und Ohren hatte für sie, wie er nichts dachte und fühlte als sie. Plötzlich war sie ihm entfremdet, ihm entrückt und entrissen. Selbst ihre Bewegungen kamen ihm anders vor, und anders, ganz anders klang ihre Stimme. Vielleicht war sie froh, daß sie sich nicht mit ihm allein befand, nicht seine Küsse dulden, seine Küsse nicht erwidern mußte. Vielleicht stellte sie gerade jetzt, während er sich in Qualen verzehrte, Vergleiche an zwischen ihm, dem Bauernsohn, mit diesen Gliedern, diesem Gesicht, mit solchen groben Gedanken und Empfindungen, mit solcher wütenden Leidenschaft, und dem anderen, Boris Alexeiwitsch. Er fühlte, wie es in ihm kochte, wie es zu seinem Gehirn drang, wie ein dumpfer Druck sich darauf legte. Er schloß die Augen. Da hörte er dicht neben sich Weras Stimme. Aber er öffnete die Augen nicht. Um keinen Preis der Welt hätte er sie jetzt ansehen können. »Komm heraus, in den Hof, ich habe dich etwas zu fragen.« Er wußte sofort, was sie ihn zu fragen hatte, aber er sagte: »Wir können uns nicht von hier fortstehlen; Wladimir Wassilitsch wird gleich kommen. Es sollen wichtige Dinge beraten werden.« »Wichtige Dinge habe ich dir zu sagen. Also komm.« Es war ein Ton in ihrer Stimme, dem nicht zu widerstehen war. Sie trat von ihm fort und verließ nach einer Weile das Zimmer. Da stand auch Sascha auf, warf noch einen Blick auf die Prinzessin und folgte seiner Freundin. Anna Pawlowna, welche die beiden beobachtet hatte, sah ihm mit einem eigentümlichen Blicke nach. Auf dem Hofe erwartete ihn Wera und ging, ohne ein Wort zu sagen, ihm voraus, dem Schuppen zu. Es war eine finstere Nacht, nur wenige Sterne am Himmel. Sascha war die Dunkelheit lieb, konnte Wera ihm doch nicht ins Gesicht sehen. Während er möglichst langsam hinter ihr herging, legte er sich zurecht, was er ihr sagen wollte. Anna Pawlowna sei eine Göttin und er nicht wert, den Saum ihres Kleides zu küssen. Aber Wera Iwanowna – Was mußte Wera von ihr denken? Von ihr, die er bis in den Himmel erhob? Da redete sie ihn an: »Sascha!« »Nun ja, ich bin's. Warum hast du mich herausgerufen? Welcher Unsinn! Du hättest ebensogut drinnen mit mir reden können. Was soll das heißen?« Er sprach wie in früheren Zeiten; unsicher und stockend. Sie ließ ihn ausreden und begann, als ob er nichts gesagt hätte, von neuem: »Wir haben einander lange nicht gesehen.« »Es sind einige Tage her. Nennst du das lange?« »Wo warst du? Doch danach will ich dich jetzt nicht fragen.« »Und warum nicht? Frage nur.« »Du wirst mir später alles von selbst sagen.« »Es ist kein Geheimnis. Ganz Moskau kann es wissen, alle Welt! Ich war – –« Aber sie unterbrach ihn. »Schweige! Du würdest mir ja doch nicht die Wahrheit sagen; jetzt noch nicht.« Und Sascha schwieg. Sie standen nebeneinander in der Finsternis. Beide mußten jener Osternacht gedenken, wo sie vor ihrem heimatlichen Steppendorfe auf der Landstraße beisammen gestanden und Wera ihre Augen angestrengt hatte, in das Gesicht ihres Freundes zu spähen. Aber Sascha blickte von ihr weg nach dem Hause hinüber, das in diesem Augenblick Anna Pawlowna beherbergte. Und er war nicht bei ihr. Was hatte er hier draußen bei Wera zu stehen, wenn sie dort drinnen bei Boris Alexeiwitsch war. »Wo willst du hin?« »Ins Haus.« Und er war schon einige Schritte von ihr entfernt. »Einen Augenblick wirst du wohl noch bleiben können. Ich habe dich seit Wochen täglich erwartet, immer vergebens. Ich wußte, daß du heute hier sein würdest. Hauptsächlich deshalb kam ich.« Zögernd und widerwillig zurückkommend, meinte er mürrisch: »Sprich nur; aber sprich schnell. Ich muß wirklich hinein.« »Wir wollen wie gute Freunde miteinander reden, uns beraten und besprechen wie Bruder und Schwester.« »Du bist sehr gut, du weißt, daß ich dich immer sehr liebgehabt habe; du bist weit besser als ich,« meinte er, nur um etwas zu sagen. »Laß das,« erwiderte sie herbe. Dann sprach sie mit leiser, weicher Stimme weiter: »Als ich noch in Eskowo war, nicht aus noch ein wußte, meine Hände nicht regen konnte und meine Seele wie tot in mir fühlte, da kamst du zu mir. In der Osternacht kamst du und wecktest mich. Jetzt komme ich zu dir, möchte dich wecken, stehe vor dir und rufe dich an: »Sascha, Sascha! Was ist aus dir geworden?« »Was soll aus mir geworden sein?« Wera sprach weiter: »Schon als Kinder waren wir beide getreue Kameraden, zwei recht ehrliche kleine Leutchen. Das waren gute Tage: Weißt du noch? Im Sommer spielten wir zusammen auf der Wiese und im Birkenwäldchen und pflückten Blumen. Sie waren das einzige Schöne in unserem Leben. Anna Pawlowna – – Was hast du? Soll ich still sein?« »Sprich nur; ich höre.« »Und Anna Pawlowna war damals schon eine junge Dame und schon damals sehr stolz. Einmal sahen wir sie lachen, als vor ihrem Fenster ein Bauer geprügelt wurde – –« Sascha fuhr auf: »Das war damals! Jetzt liebt sie das Volk. Sie lügt nicht!« rief Sascha heftig. »Das war damals,« sprach Wera Sascha nach. »Damals verachtete Anna Pawlowna das Volk, damals hatte sie Lust an seinen Leiden, damals haßtest du sie.« »Ich, Anna Pawlowna – –« »Du.« »Wie ist das möglich? Wie konnte ich so schlecht sein? Ich Anna Pawlowna hassen; sie, die so gut, so stolz, so schön ist! Übrigens solltest du nicht in solcher Weise von ihr reden; wirklich nicht! Du begehst ein großes Unrecht gegen sie. Gerade wie Wladimir Wassilitsch und alle die anderen. Du kennst sie eben nicht. Ich kenne sie und ich – – Ich verehre sie. Das solltest du auch. Wirklich.« Er stieß jedes Wort mühsam hervor und schwieg wie erschöpft von der Anstrengung, die das Sprechen ihn kostete. Wera wartete eine Weile und nahm dann in ihrer ernsten, eindringlichen Art ihre Rede wieder auf: »Damals kam Boris Alexeiwitsch nach Eskowo; er war hochmütig und gar nicht gut. Mich haßte er, weil – nun, weil ich auch stolz war. Du aber sagtest: Wenn ich ein Mann geworden bin, schütze ich dich vor ihm.« Sie schwieg, nach einer Pause schloß sie leise: »Jetzt bist du ein Mann geworden.« »Aber Boris Alexeiwitsch tut dir ja nichts,« rief Sascha. »Du mußt wirklich nicht so wunderlich sein. Wovor soll ich dich schützen? Du schützest dich selbst, du bist stark.« »Nenne mich nicht so!« fuhr Wera heftig auf. »Stark! Als ich noch in Eskowo war und dem Starosten verwehrte, sich mit Branntwein zu betrinken und Ungerechtigkeiten zu begehen, da war ich stark. Als ich in meiner Einsamkeit wartete und harrte, jahraus, jahrein, da war ich stark! Und ich war's, als du kamst und mich ins Leben hinausholtest, allmächtiger Gott, mit welchen Hoffnungen, mit welchem Glauben! Aber jetzt – –« »Es tut mir weh, dich so reden zu hören,« murmelte Sascha. »Sehr weh tut es mir.« Da trat sie auf ihn zu, umschlang ihn mit beiden Armen und flüsterte leidenschaftlich, mit ersticktem Schluchzen: »Sascha, mein treuer, lieber Freund, halte jetzt, was du als Knabe versprochen. Schütze mich! Schütze uns beide! Nicht vor der Welt, sondern vor uns selbst. Wir wollen einander helfen, stark zu sein, wir wollen miteinander leiden, zwei treue, ehrliche Kameraden, wie wir es als Kinder gewesen sind. Hilf uns beiden, daß wir – Sascha! Sascha! daß wir nicht beide schlecht werden.« »Schlecht?« Er löste sich von ihr und trat zurück. »Schlecht?« wiederholte er mit heiserer Stimme. »Wie meinst du das?« Wera hörte ihn mit Anstrengung Atem holen, sie wußte, was in diesem Augenblick in ihm vorging; aber sie durfte ihn nicht schonen, nicht ihn und nicht sich selbst. »Ich meine,« sagte sie langsam und beinahe laut, »daß wir beide in Gefahr stehen, hier schlecht zu werden, hier an Leib und an Seele zu verderben; du durch Anna Pawlowna, ich durch Boris Alexeiwitsch.« Sascha hörte nur den Namen seiner Geliebten. Er durch sie schlecht werden, er durch sie an Leib und Seele verderben! Und Wera war es, die ihm das sagte, Wera Iwanowna aus Eskowo! Er fühlte sich plötzlich von seiner Jugendfreundin durch einen Abgrund geschieden. »Du weißt nicht, was du sprichst,« erwiderte er kalt. Wera rief: »Ich weiß, daß wir fremd in dieser Welt sind und bleiben werden. Ich weiß, daß wir mit jenen nichts gemein haben und auch nichts gemein haben können. Ich weiß, daß wenn Anna Pawlowna dich jetzt an ihr Herz nimmt, sie dich über kurz oder lang mit Füßen treten wird. Ich weiß, daß es dir das Herz brechen wird, aber erst, nachdem du zu hassen gelernt, was du jetzt liebst, nachdem du verabscheust, was du jetzt verehrst, erst wenn jedes Gefühl in dir verwandelt und entstellt worden ist.« Sascha wollte ihr antworten; er wollte ihr sagen, daß er ihr nicht glaubte, daß Anna Pawlowna seine Göttin bleiben werde, daß er ein glückseliger Mensch sei. Aber jemand kam von der Straße her auf den Hof, gewahrte sie und ging auf sie zu. Es war Wladimir Wassilitsch. Er fuhr sie an, was sie draußen zu suchen und miteinander zu tuscheln hätten, und gebot ihnen, mit ihm ins Haus zu gehen. Große Dinge seien geschehen, über dem Haupt des russischen Volkes loderten die Flammen des neuen Tages, blutrot werde die Sonne aufgehen. Neuntes Kapitel Wladimir Wassilitsch stürzte in das Zimmer, in welchem sich Anna Pawlowna und ihr Vetter mit der Fürstin und Natalia Arkadiewna befanden. Er rief: »Sie sind uns auf der Spur!« Die Fürstin stieß einen Schrei aus und wäre für ihr Leben gern dem schönen Nihilisten bewußtlos in die Arme gesunken; Anna Pawlowna und Boris blieben vollkommen gelassen. Auch auf Wera und Sascha, die Wladimir auf dem Fuße folgten, machte die Nachricht keinen besonders starken Eindruck. Tania stand am Tische, wandte kein Auge von ihrem Geliebten und sah wie eine schöne Tote aus. »Wer ist uns auf der Spur?« Es war Anna Pawlowna, die sprach. Sie dachte: Mir ist es gleich! Meinetwegen mögen sie uns entdecken? Was ist mir daran gelegen? Aber die Sache begann sie doch aufzuregen; wider ihren Willen nahm sie Anteil daran, so daß sie selbst darüber erstaunte. War es immer noch das »Neue«, was sie reizte? Oder weil jetzt das Spiel auf Tod und Leben ging? »So erzählen Sie doch!« rief Natalia, deren Augen im Feuer glühten, obgleich sie als die Ruhigste von allen erschien. Und Wladimir erzählte. Von allen Seiten waren Nachrichten eingetroffen, welche die Situation unaufhaltsam ihrem Höhepunkt zutrieben und eine Katastrophe herbeiführen mußten. Attentate waren mißglückt, Minen und Geheimdruckereien entdeckt. Es hatten aller Orten Verhaftungen stattgefunden und geradezu Furchtbares vernahm man aus Sibirien. Überall bezahlte die Regierung ihre Spione. Das Exekutivkomitee erklärte sich zu jeder Gewalttat bereit, proklamierte den politischen Mord als ein sittliches Mittel gegen die Übergriffe der Staatsgewalt, forderte alle Parteien auf, ihr Äußerstes zu tun, fällte und vollstreckte Todesurteile. Es war in Wahrheit zu einem Kampf gekommen auf Leben und Tod. Wladimirs glühende Schilderung der Sachlage riß schließlich alle hin. Natalia Arkadiewna und Anna Pawlowna waren die am meisten Aufgeregten; aber selbst Boris Alexeiwitsch gab seine kühle Haltung auf und überließ sich für einen Augenblick gänzlich der wilden Romantik der Situation, indem er sich für einen Augenblick wirklich einbildete, daß es der Mühe wert sei, sein Leben an diese Dinge zu setzen. Es war immerhin ein würdigerer Abschluß eines untätig verbrachten Daseins, als bei Onegin, der um eines Weibes willen endete. Sehr eigentümlich war der Vorgang, der sich in der Fürstin vollzog. Nachdem sie eingesehen, daß weder Boris noch Wladimir sich im mindesten um ihre Angst kümmerten, beschloß sie, beider Aufmerksamkeit durch ihren Herorismus auf sich zu ziehen. Sie erholte sich demzufolge sogleich von ihrem Entsetzen und fand bald aufrichtiges Vergnügen an der Sache, ähnlich, wie sie es bei einem spannenden Roman, einer hohen Wette, einer Fuchsjagd oder einem gesellschaftlichen Skandal empfand. Sie dachte mit Entzücken an den Effekt, den sie in Baden oder Cannes durch ihre Erzählungen hervorbringen würde und stellte sich bereits vor, wie man sie auf der Promenade den Fremden zeigte: Voilà la princesse Danilowski. Vous savez, cette dame russe – und so weiter. Der Reiz des Neuen war so groß, daß sie darüber sogar ihre unglückliche Leidenschaft für den schönen Flüchtling und ihre wütende Eifersucht gegen Wera vergaß. Man befand sich in lebhafter Debatte, als plötzlich Colja hereintaumelte und meldete, Polizisten umzingelten das Haus. Wladimir stürzte zur Tür und verriegelte sie. »Das verdanken wir Ihrem Vater!« raunte er Natalia Arkadiewna zu. »Er hat uns ausgespürt. Ich führe Dokumente des Exekutivkomitees bei mir, die unseren ganzen Anschlag verraten würden, falls sie gefunden werden.« »Vernichten Sie sie doch! Verbrennen Sie sie doch!« schrie die Fürstin. »Das darf ich nicht.« Ein Tumult entstand. »Geben Sie mir die Papiere,« sagte Natalia Arkadiewna, welche vollkommen gelassen blieb. »Bei mir wird mein Vater sie nicht suchen.« »Darin könnten Sie sich täuschen.« »Können wir uns nicht verteidigen?« fragte Wera. »In der Kammer sind Revolver.« »Ja, geben Sie uns allen Waffen,« rief Anna Pawlowna. »Wir werden uns ihnen nicht lebend überliefern.« Sie sah Sascha an und trat an seine Seite. Die Waffen wurden gebracht, Boris Alexeiwitsch untersuchte und verteilte sie. Als er Wera das Pistol gab, senkte sich sein Blick tief in ihre Augen und er flüsterte ihr zu: »Ich kann nicht mit dir leben, aber ich will mit dir sterben.« Wera empfing die Waffe aus seiner Hand. »Sterben,« hallte es in ihr nach. Diesmal dachte sie nicht an Grischa. Da wurden Schritte auf dem Hofe vernehmbar. »Hört mich!« rief Natalia Arkadiewna mit einer Stimme, daß alle auf sie sahen. »Wir werden uns nicht überwältigen lassen; denn ehe dieses geschieht, feure ich meinen Revolver auf die Flasche Nitroglyzerin ab, die lediglich zu diesem Zweck in dem Schranke dort aufgehoben wird. Wera, nimm sie heraus und stelle sie auf den Tisch. Wir alle sind bereit zu sterben; aber wir würden sterben, ohne genützt zu haben. Laßt mich deshalb einen Versuch machen, uns zu retten. Begebt euch alle in die Kammer und verhaltet euch ruhig, was auch hier geschehen möge. Ich will meinen Vater empfangen und mit ihm reden. Gelingt mein Vorhaben nicht, so ist für das andere immer noch Zeit. Überlegt nicht lange! Geht, geht!« »Ich sehe nicht ein, was das helfen soll,« meinte Wladimir mürrisch. »Aber da es nichts schaden kann, mag es sein. Kommt also.« Alle, außer Colja, begaben sich in die Kammer, die Natalia hinter ihnen abschloß; den Schlüssel verbarg sie auf ihrer Brust. »Gehe in den Hof,« gebot das mutige Mädchen Tanias Getreuem, »und lasse dich ruhig festnehmen. Ich weiß, daß du deine Herrin und ihre Freunde nicht verraten wirst.« Colja brummte etwas, schielte nach der Tür, durch die er Tania halb bewußtlos hatte hinausschwanken sehen und trollte sich fort; die Zurückbleibende hörte, wie er auf dem Hofe angehalten wurde. Gleich darauf drangen sie ins Haus. Natalia nahm die Lampe, öffnete die Tür und leuchtete auf den Flur. »Wer ist da?« Sie stand ihrem Vater gegenüber. Gang und Hof waren von Polizisten besetzt. Einen Augenblick verlor der Geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow die Fassung beim Anblick seiner Tochter; sie war so verändert, daß er sie kaum erkannte. Seine junge, hübsche, elegante Tochter mit kurzem Haar, in schmutziger Kleidung, das Gesicht entstellt und mit einem Ausdruck in ihren eingesunkenen glühenden Augen, wie ihn der Staatsrat nur bei Mörderinnen gesehen hatte. »Lassen Sie Ihre Leute warten, Arkad Danilitsch Niklakow,« sagte Natalia laut und ruhig. »Und kommen Sie mit mir herein. Ich habe mit Ihnen zu reden.« Der Staatsrat wandte sich um. »Bleibt, bis ich euch rufe. Die Posten um das Haus sind zu verdoppeln.« »Nehmen Exzellenz einige Mann mit hinein,« bat der Sergeant. »Ich kenne das Frauenzimmer; es ist ein gefährliches Geschöpf, zu allem entschlossen.« »Tun Sie, wie ich Ihnen befahl.« Er wandte sich zu Natalia. »Gehen wir ins Zimmer. Was haben Sie mir zu sagen?« Die Tür schloß sich hinter ihnen. »Was haben Sie mir zu sagen?« fragte der Staatsrat noch einmal. Er war ein stattlicher Herr, mit einem schönen, strengen Gesicht und von bedeutendem Wesen. Er galt für unbestechlich, eine Eigenschaft, die ihn in Petersburg berühmt gemacht hatte. Die Nihilisten haßten ihn als einen ihrer gefährlichsten Feinde. Er wußte, daß er von den Terroristen zum Tode verurteilt worden, ließ sich jedoch durch nichts abschrecken, seine Pflicht zu tun und sie zu verfolgen. Seine Tochter hatte er leidenschaftlich geliebt und ihr Abfall hatte ihm namenlosen Jammer bereitet. Ungerührt blickte Natalia auf ihres Vaters gebleichtes Haar – erblichen durch ihre Schuld! Sie sagte: »Sie sind alle nebenan in der Kammer; aber Sie werden Ihre Gewalt nicht gebrauchen, sondern Ihren Leuten sagen, daß Sie nichts gefunden haben. Das werden Sie!« »Und wenn ich es nicht tue?« »So schieße ich Sie nieder. In dem Augenblick, wo Sie den Mund öffnen, um nach Ihren Leuten zu rufen, sterben Sie.« Sie nahm den Revolver, der neben der Flasche Nitroglyzerin auf dem Tische lag, und richtete den Lauf des Pistols aus ihren Vater. »Du wolltest mich töten?« rief der Staatsrat entsetzt. »Sie können mir ja zuvorkommen; Sie werden doch wohl auch eine Waffe bei sich führen. Gebrauchen Sie dieselbe gegen mich, wenn Sie am Leben bleiben und meine Freunde gefangennehmen wollen.« Der Staatsrat war sehr bleich geworden. Er zog aus seiner Rocktasche einen Revolver hervor und warf ihn zu Boden. »So töte denn deinen Vater, elendes Geschöpf!« rief er aus. »Die Welt mag erfahren, bis zu welchen Gräßlichkeiten euer Wahnsinn führt. Alle Bande der Natur werden gelöst, alles Bestehende wird umgestoßen; Töchter morden ihre Väter! Der Schuß der Wera Saffulitsch gab den russischen Frauen das Signal zum Elternmorde.« In Natalias Augen flammte es auf. »Höre, Vater,« sagte sie, ohne das Pistol sinken zu lassen, »mit dir rechten kann und will ich nicht. Du hast deine Überzeugungen, ich habe die meinen. Es gilt hier aber nicht dein und mein Leben, sondern Höheres. In jener Kammer befinden sich Männer und Frauen, die zu allem entschlossen sind. Sie alle wollten gegen dich stehen; ich bewog sie aber, sich zu entfernen, denn ich kenne dich. Ich weiß, du willst nicht, daß ich dich töte; ich bin deine Tochter und du hast mich einmal geliebt. Du bist ein frommer Mensch, du glaubst an das Fortbestehen der Seele nach dem Tode, du willst nicht, daß die Seele deiner Tochter durch einen solchen Mord der ewigen Verdammnis überliefert werde, du hast Erbarmen mit ihr; ist sie doch schon auf Erden zu so vielen Qualen verdammt! Sieh mich an, mein Vater: Ich bin eine Sterbende.« Der Staatsrat war erschüttert. »Kehre um! Komme zur Besinnung! Lasse mich dich zu deiner Mutter bringen, die um dich verzweifelt.« »Nicht doch. Sobald du mit mir dieses Zimmer verlässest, würdest du mich richten, würdest du mich verurteilen müssen zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien. Dieses ›lebenslänglich‹ würde für mich allerdings nicht lange dauern.« Der Staatsrat unterdrückte ein Stöhnen. »Entscheide dich, die Zeit verstreicht.« »Ich kann nicht. Was du von mir verlangst, ist Übertretung meiner Pflicht.« »Entscheide dich.« »Wer sind deine Freunde?« »Von mir erfährst du nichts. Aber du kannst nachsehen.« »Angenommen, ich falle – von deiner Hand! Der Schuß würde meine Leute herbeirufen und du würdest deine Freunde doch nicht retten können.« »Ein zweiter Schuß trifft diese Flasche, deren Inhalt das Haus in die Luft sprengt. Du siehst, wir sind auf alle Fälle gerüstet. Entscheide dich also.« Dem Staatsrat stand der Angstschweiß auf der Stirn, er fühlte, wie sein Gesicht sich verzerrte. Aber er durfte nicht zurückweichen; seine Beamten-, seine Mannesehre stand auf dem Spiel. Jedoch seine Tochter, seine Tochter! Er kannte sie. Sie würde tun, womit sie ihm drohte, sie würde den Mord an ihm begehen, sie würde für alle Ewigkeit verdammt werden. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Was er tun wollte – was er tun mußte, wenn er seinen Leuten Befehl gab, das Haus zu räumen, ohne der Verschwörer habhaft geworden zu sein, war etwas Furchtbares; aber durch dieses Furchtbare rettete er seine Ehre und bewahrte seine Tochter vor dem Vatermord. So entschied er sich denn. »Lebe wohl. Gott möge dir barmherzig sein.« »Du gehst?« »Lebe wohl.« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie sich an seine Brust oder ihm zu Füßen stürzen. Aber sie bezwang sich und rührte sich nicht; nicht eher, als bis ihr Vater das Zimmer verlassen hatte. So, mit erhobener Waffe, traf sie sein letzter, verzweiflungsvoller Blick. Sie hörte seine Mitteilung an die Leute, daß er nichts gefunden, hörte seinen Befehl, das Haus zu räumen, hörte, wie alle sich entfernten, wie Colja vom Hofe ins Haus gepoltert kam. Da ermannte sie sich, legte den Revolver auf den Tisch, ging zur Kammertür, öffnete und rief: »Kommt herein, mein Vater ist fort. Laßt uns in Ruhe alles beraten.« Wladimir warf Natalia einen Blick zu; es war ein Blick, der die Nihilistin erbeben machte. Zehntes Kapitel. Natalia Arkadiewna konnte sich nicht entschließen, zu Bette zu gehen; ihre Gedanken waren ohne Unterlaß bei ihrem Vater. Was wird er tun? dachte sie. Um mir einen Vatermord zu ersparen, hat er seine Pflicht verletzt. Das erträgt er nicht. Er ist nicht wie die anderen Beamten Rußlands. Ich liebe ihn, ich bewundere ihn! Trotzdem konnte ich mein Pistol auf ihn richten, trotzdem hätte ich losgedrückt; denn mehr als sein Leben gilt mir die Sache. Auch ich hatte eine Pflicht zu erfüllen. Aber je mehr sie ihre Handlungsweise vor sich selbst zu begründen suchte, um so angstvoller ward ihr zumute. Ihres Vaters letzter, verzweiflungsvoller Blick verfolgte sie unablässig. Endlich hielt sie es nicht länger aus. Sie warf einen Mantel über, verließ das Zimmer und weckte den Wortschick, der ihr das Haus öffnen mußte. Fast laufend eilte sie die Straßen dahin; nach der Roschdestwenka, wo das Hotel Andrewja lag. Mit jedem Schritte steigerte sich ihre Bangigkeit. Er wird etwas tun, tun muß er etwas. Aber was, was? Etwas Fürchterliches! Sie nahm sich vor, zu warten, bis es Tag geworden, bis ihr Vater heraustreten würde, und ihn dann anzuflehen. Aber um was anzuflehen? Daß er das Fürchterliche nicht tun sollte. Atemlos, zum Tod erschöpft erreichte sie das Hotel. In einem Zimmer des zweiten Stockes brannte noch Licht. Dort mußte ihr Vater sein. Auch er schlief sicher noch nicht. Wie konnte er schlafen, mit jenem entsetzlichen Bilde in seiner Seele; seine Tochter stand vor ihm und zielte nach seinem Herzen! Der schwache Schein, der von oben auf die Straße herab fiel, war Natalia wie ein Stück von dem Leben ihres Vaters selbst. Nach und nach wurde sie ruhiger. Seltsame Gedanken, Erinnerungen aus der Kinderzeit stiegen in ihr auf. Wie lange hatte sie nicht daran zurückgedacht. Sie entsann sich der freudigen Aufregung, die sich jeden Morgen ihrer bemächtigte, wenn ihre Wärterin sie zum Vater brachte. Wie gütig war er stets gegen sie gewesen! Seine Augen hatten aufgeleuchtet, wenn das kleine, zierliche Wesen ins Zimmer getrippelt kam, um sich ihm ungestüm an den Hals zu werfen. Als sie größer wurde, kümmerte er sich weniger um sie; aber sie fühlte, daß sie zärtlichst von ihm geliebt wurde, daß es dem ernsten, strengen Manne freier ums Herz ward, wenn sie zu ihm kam, daß sie sein Bestes und Teuerstes war. Später lebte sie gedankenlos hin, bis sie so furchtbar aufgeweckt wurde. Sie hatte damals eine Unterredung mit ihrem Vater, nur eine einzige. Was war das für eine Stunde! Er war mild und gütig, er bat sie, er weinte um sie. Aber nichts konnte sie rühren, sie blieb starr. Das gedankenlose, leichtlebige, sonnige Geschöpf verwandelte sich in wenigen Tagen in ein düsteres, fanatisches Wesen, das ohne eine Träne von Vater und Mutter schied, um als Verkünderin des Heils der Freiheit und Gleichheit unter das Volk zu gehen. Ohne zurückzublicken, setzte sie ihren Weg fort, bis zu dem Augenblick, da sie mit erhobener Waffe ihrem Vater gegenüberstand. Und auch jetzt wollte sie nicht zurück. Hinter den niedergelassenen Vorhängen des erleuchteten Zimmers, darin sie ihren Vater vermutete, zeigte sich ein Schatten. Natalia hielt den Atem an: wenn er den Vorhang öffnen, wenn er sie sehen würde – – »Vater!« rief sie laut. Aber er hörte nicht. Der Schatten oben verschwand. Es war besser so. Am besten war es, sie ging wieder fort. Was hätte sie ihm auch sagen können? Geschehen war geschehen. Sie würde leben müssen, mit dem letzten Blick ihres Vaters in ihrer Seele und leben müssen würde ihr Vater, mit dem Bewußtsein, um seiner Tochter willen seine Pflicht verletzt zu haben, er, dieser Mann und Beamte von Ehre. Langsam wandte sie sich, ging einige Schritte, Plötzlich blieb sie stehen, zitternd am ganzen Leibe und von Grausen gepackt. Sie hatte einen Schuß gehört. Es war nur ein dumpfer Ton gewesen, den sie vernommen. Aber sie wußte, daß es ein Schuß war, ein Schuß, der oben in jenem Zimmer gefallen, darin das Licht ruhig fortbrannte; sie wußte plötzlich, womit ihr Vater die Übertretung seiner Pflicht bezahlt und sein Verbrechen gesühnt hatte. Sie wußte, daß er in diesem Augenblick dort oben am Boden lag; mit zerschmettertem Haupte hauchte er seinen letzten Seufzer aus, wand sich vielleicht in gräßlichen Qualen – vielleicht noch lebend! Sie stürzte die Straße zurück, taumelte gegen die Tür, riß an der Nachtglocke. Endlich wurde geöffnet. Der verschlafene Portier prallte bei ihrem Anblick zurück; er mochte sie für eine Wahnsinnige halten. »Hier wohnt – –« Aber sie konnte sich nicht auf den Namen besinnen, unter dem, wie Wladimir ihr gesagt hatte, ihr Vater in Moskau auftrat. »Hier wohnt ein Herr aus Petersburg – –« »Hier wohnen viele Herren aus Petersburg.« »Der Geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow.« »Der wohnt nicht hier.« »Doch! In der zweiten Etage.« »Machen Sie, daß Sie fortkommen.« »In der zweiten Etage hat sich soeben jemand erschossen.« »Sie sind verrückt! Scheren Sie sich hinaus.« Da sie nicht gehen wollte, packte sie der Mann, stieß sie auf die Straße und schloß hinter ihr zu. Sie warf sich gegen die Tür, pochte und schrie, bis zwei Polizisten kamen und sie festnahmen. Sie sagte den Männern, daß sie die Tochter des Geheimen Staatsrats Arkad Danilitsch Niklakow aus Petersburg wäre und daß ihr Vater sich soeben im Hotel erschossen hätte. Man glaubte ihr nicht und führte sie schließlich mit Gewalt fort, nach dem Polizeilokal, wo sie mit aufgegriffenen Dirnen zusammen in ein abscheuliches Gelaß gesteckt wurde. Unter Qualen verstrich Stunde auf Stunde. Als der Tag graute, erwachten die Gefangenen und fingen an, sich miteinander zu unterhalten. Natalia lag auf ihrer Pritsche, mußte alles mitanhören und dachte, wie nun der Morgen durch die geschlossenen Vorhänge auch in das Zimmer dämmerte, darin der blutige Tote lag. Die verglasten Augen hatte er weit offen, mit demselben Blick, mit dem er sie gestern zum letztenmal angesehen. Jetzt wußte sie, daß dieser Blick ihr sagen sollte: Ich nehme die Todsünde von dir und begehe sie selber – statt deiner, für dich! Bei den religiösen Ansichten des Staatsrats war der Selbstmord eine Tat, für die es keine Vergebung gab. Dennoch hatte er sie begangen, um ihretwillen. Als das Haftlokal geöffnet wurde, durften die meisten frei fortgehen. Neue Gefangene kamen hinzu, und von diesen schändlichen Lippen erfuhr Natalia den Vorfall der letzten Nacht. Im Hotel Andrejew hatte der Geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow sich das Leben genommen. Einige behaupteten, er wäre von den Nihilisten erschossen worden und zwar von einer Frau, die sich für seine Tochter ausgegeben, in der Nacht zu ihm gedrungen war und ihn niedergeschossen hatte. Sie sei bereits gefangen und der Tat geständig. Natalia vernahm ausführlich, in welchem Zustand man den Toten gefunden und daß er wahrscheinlich bis zum Morgen gelebt hatte. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht aufzuspringen und zu rufen: »Ich bin seine Tochter, ich habe ihn umgebracht!« Der Tod des Staatsrats erregte im Gefängnis einen wahren Rausch des Entzückens. Man pries die Mörderin, man klagte um sie. Natalia kam dem Wahnsinn nahe. Was diese Diebinnen und Prostituierten aussprachen, waren ihre eigenen Überzeugungen, waren dieselben Theorien, die sie hundertmal dem Volke gepredigt hatte, fast mit denselben Worten. Sie konnte auch jetzt nichts davon widerrufen, blieb auch jetzt ihrem Standpunkt getreu; aber, daß dieser blutig Gestorbene gerade ihr Vater war, daß dessen Tod gerade von solchen Lippen so wild bejubelt ward, erschien ihr wie eine wüste Fieberphantasie. Dann führte man sie zum Verhör. Sie sagte aus, was sie bereits ausgesagt hatte, daß sie die Tochter des Staatsrats sei, daß sie gestern nacht die Ankunft ihres Vaters erfahren, diesen trotz der späten Stunde hatte aufsuchen wollen und auf der Straße den Schuß gehört habe. Man stellte sie dem Portier des Hotels gegenüber, der sie sogleich erkannte und ihre Aussage bekräftigte; mittags kam Anna Pawlowna und bewirkte ihre sofortige Freilassung. Anna Pawlowna war heftig erschüttert. Sie teilte Natalia mit, daß gleich nach dem Selbstmorde ihres Vaters das Haus in der Preobraschenskaja-Vorstadt durchsucht worden sei; doch habe man nur Tania und Colja gefunden und kein einziges kompromittierendes Schriftstück, Die Waffen und die Flasche mit Nitroglyzerin seien noch in der Nacht von Wladimir und Colja in die Druckerei geschafft worden, darin sich Wladimir verborgen halte, in der Gewißheit, daß demnächst die Haussuchung wiederholt werden würde. »Hat mein Vater nichts hinterlassen? Hat er nichts aufgeschrieben? Kein Wort für mich?« »Man hat nichts gefunden.« »Weiß es meine Mutter bereits?« »Ich habe ihr telegraphiert.« »Gleich die volle Wahrheit?« »Ich habe sie auf die volle Wahrheit vorbereitet.« »Sie wird den Tod davon haben! Wir töten unsere Väter und Mütter. So sagte mir auch mein Vater.« »Grüble nicht darüber nach.« »Was hülfe es auch?« Zu Hause, in Nataliens Zimmer, fanden sie Wera, totenblaß und tränenlos. Boris war bei ihr, Natalia bat, daß man sie allein lassen möchte. »Willst du deinen Vater sehen?« fragte Anna Pawlowna. »Nein. Wann soll er begraben werden?« »Am Sonntag. Die Stadt bereitet ihm ein fürstliches Leichenbegängnis.« »Dem Selbstmörder?« »Man nimmt an, daß er in seinem Berufe gestorben sei, einen Heldentod.« Natalia winkte, daß sie gehen möchten. Auch den nächsten Tag ließ sie niemand zu sich; dann erschien sie wieder und nahm, als ob nichts geschehen wäre, ihre Tätigkeit von neuem auf. Sie schickte nach Wladimir Wassilitsch, mit dem sie lange Unterredungen hatte, deren Inhalt für jedermann ein Geheimnis blieb. Mehr als einmal geschah es, daß der junge Terrorist das entstellte Gesicht Natalias mit demselben eigentümlichen Blicke ansah, wie damals nach ihrem Gespräche mit dem Staatsrat. Sein Benehmen gegen die schwer Leidende war auffallend rücksichtsvoll, fast weich und sorgsam. Der Tag des Begräbnisses kam; halb Moskau war in Bewegung, alle Glocken läuteten. Der Leichenzug, der sich mit glänzendem Pomp durch die Straßen bewegte, wollte kein Ende nehmen. In der Katharinenkirche wurde die Leiche feierlich eingesegnet. Zwischen den Spalieren von Polizisten und Soldaten folgte der höchste Adel dem Sarge. Es wimmelte von Popen, ein Meer von Kerzen erstrahlte, Weihrauch dampfte, und Moskaus Gärten schienen für den Toten allen ihren Blumenschmuck hergegeben zu haben. In der Nähe des Kirchhofes entstand ein Tumult, Betrunkene beschimpften den Verstorbenen, viele Verhaftungen wurden vorgenommen. Natalia folgte dem Zuge nicht. Während ihr Vater in die Gruft gesenkt wurde, setzte sie mit Wladimir Wassilitsch das Todesurteil für einen hohen Beamten in Odessa auf, welches diesem von dem Exekutivkomitee zugesendet werden sollte. So konnte selbst der blutige Leichnam ihres Vaters diese Tochter nicht von dem Wahnsinn heilen, den sie »die Sache« nannte. Elftes Kapitel Der Selbstmord des Staatsrats und das Aufsehen, welches derselbe erregte, vereitelten für den Augenblick alle Pläne der Terroristen. Moskau wimmelte von Polizeiagenten und Spionen. Die revolutionäre Partei mußte die äußerste Vorsicht gebrauchen, ihre Versammlungen gänzlich einstellen, sich überhaupt mit ihrer Tätigkeit vollständig im dunkeln halten. Wladimir war außer sich, und die arme Tania verzehrte sich in Sorge und Angst. Er verbrachte die Tage in der Druckerei, wo er glühende Reden an die Partei und das Volk niederschrieb und sogleich druckte. Aber niemand von denen, an welche diese wilden Ergüsse gerichtet waren, bekam sie zu lesen, denn sie konnten weder ausgeteilt noch verschickt werden. In dieser Zeit wich Natalia nicht von der Seite ihres Freundes, obgleich die Luft in dem unterirdischen Raume Gift für sie war. Er las ihr seine Aufsätze vor, entwickelte vor ihr seine Ideen, die immer mehr einem sozialistischen Wahnsinn zustrebten und raste sich aus bei ihr. Sie hatte Verständnis für jede seiner wilden Regungen, feuerte ihn an, tröstete ihn, beruhigte ihn. Es war ein seltsames Bild, diese beiden Menschen miteinander in dem Gewölbe, das einer Grabkammer glich. Der Mann an Schönheit einem griechischen Halbgott gleich, die Frau mehr einem Schatten als einer Lebenden ähnlich. Beide sich erschöpfend in den Ausbrüchen ihres Hasses, beide trunken von Träumen, darin sie alles Bestehende in einer blutigen Sintflut untergehen sahen. Nur widerstrebend ließ sich Wladimir in diesen Tagen die Nähe Tanias gefallen. Nicht, daß er weniger Zärtlichkeit für sie empfunden hätte. Im Gegenteil! Er wollte nur nicht dulden, daß dieses Gefühl zum Ausdruck, wohl gar zum Ausbruch kam; es hätte ihn von der Sache abziehen können! Nahm daher Tania sich einmal das Herz zu einer schüchternen Liebkosung, so wehrte er sie rauh ab, während er sich gewaltsam zurückhalten mußte, sie nicht an seine Brust zu reißen und mit Küssen zu ersticken. Er wollte nichts anderes lieben als das Volk und tobte gegen seine Empfindungen, wenn er entdeckte, wie sein ganzes Wesen seiner reizenden Geliebten zustrebte, nichts verlangend, als zu lieben und geliebt zu werden. So erwachte in ihm von neuem der Asket, den Tanias Liebesflüstern für eine kurze Weile in Schlummer geraunt hatte. Nachts kam er erst dann aus der Druckerei ins Haus, wenn er sie bereits schlafend wußte, er jagte Colja aus dem Zimmer und brachte die Nacht vor ihrer Kammertür zu, ohne ein Auge zu schließen, in einem Fieber, das seine Kräfte verzehrte. Am liebsten hatte er sie wieder zurück nach Eskowo zu ihren Eltern geschickt; aber sie dauerte ihn! Außerdem mußte er sie endlich für die Sache beschäftigen; denn sein Weib durfte nicht zurückbleiben, wo andere Frauen ihr Leben wagten. Aber was sollte er ihr zu tun geben? Sie war so zart, so furchtsam, so kindisch. Vergebens grübelte er darüber und beschloß, nicht eher zu ruhen, als bis auch Tania in Wahrheit eine der Ihren geworden – eine Nihilistin und »Auferstandene«. Um einen Anfang zu machen, nahm er Tania mit sich in die Druckerei. Sie setzte sich dann in eine Ecke, sah unsäglich traurig und geängstigt aus, hörte schweigend alle die von Haß erfüllten, Vernichtung fordernden Ergüsse ihres Geliebten an, verstand nichts und – billigte alles; denn Wladimir mußte in allem recht haben. Hätte die arme Tania den treuen Colja nicht gehabt, sie wäre verkommen wie eine Frühlingsblume im heißen Sommer; aber Colja erlaubte das nicht. Immer war Colja da, an alles dachte Colja. Und wie gesprächig war er geworden! Es war erstaunlich! Geschichten wußte er plötzlich zu erzählen; solche hübsche, lustige, dumme Geschichten. Man mußte darüber lachen! Das tat Tania freilich nicht, aber sie lächelte doch; Colja erzählte so lange, bis sie wenigstens lächelte. Dann wußte er nicht, was er vor Freude angeben sollte; er redete die tollsten Dinge, und zuletzt mußte sie doch über ihn lachen. Ob er wohl jemals noch brummte, murrte und knurrte? Gewiß nicht! Er war ein ganz freundlicher, heiterer, gutmütiger Colja geworden. Und wie er arbeitete! Nämlich zusammen mit seiner Herrin, dem Täubchen Tania Nikolajewna. Das Haus war von oben bis unten blitzblank, so blank es eben zu machen war. Und die Sauberkeit, die auf dem Hofe herrschte, mußte dem kaltherzigsten Menschen Staunen und Freude bereiten. Der Birnbaum zum Beispiel war einfach ein Wunder; bis hinauf in die obersten Zweige hatte Colja die Bohnen klettern lassen. Und wie sie voller Schoten hingen! Das Täubchen konnte davon einsalzen und trocknen, soviel es wollte. Das gab eine Lust, als die Bohnen gebrochen wurden; und es ist gar nicht zu sagen, was für Possen dieser närrische Colja dabei trieb. Und der Kohl! Das würde im Winter eine Kohlsuppe geben! Was für Köpfe! So groß wie ein Kürbis und ebenso fest. Ob er wohl eine einzige kleine Raupe daran ließ? Gott bewahre! Und was für ein Gesicht er machte, wenn das Täubchen ihm nicht traute und selbst nachsah und natürlich nichts fand. Dann murrte er, aber man konnte ihm nicht böse sein. Ganz unmöglich! Ein Stück Feld, das zum Häuschen gehörte, war mit Zuckererbsen bebaut; ihr wißt, mit solchen kleinen, zarten, süßen. Auf die Zuckererbsen konnte das Täubchen stolz sein. Die Melonen, die sie mit Hilfe Coljas zog, waren vollends eine Pracht. Tania dachte daran, sie in Honig einzumachen, und freute sich, Wladimir damit zu überraschen. Himbeeren und Johannisbeeren gab es in Hülle und Fülle. Und Blumen! Colja hatte Blumen gepflanzt, ein ganzes Beet voll: Nelken und Feuerlilien, Sonnenblumen und Malven. Natürlich waren es Tanias Lieblingsblumen und natürlich blühten sie vor Tanias Fenster. Es war eine wahre Herrlichkeit! Und was für Sträuße sich daraus binden ließen! Colja riß vor Erstaunen seine kleinen Augen weit auf, so daß Tania häufig nur deshalb Blumen pflückte, um sein seliges Gesicht zu sehen. Heimlich wand sie sogar Kränze, die brachte sie heimlich, mit Coljas Hilfe natürlich, in eine Kirche und hing sie vor dem Muttergottesbild auf. Dann betete sie und schluchzte und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Colja sah von weitem zu ihr hinüber und die dicken Tränen liefen ihm über die Wangen in den Bart hinein. Kam das Täubchen aber dann zu ihm, ganz erschöpft vom Beten und Weinen, so schnitt er ein solches grimmiges Gesicht, daß sie alle ihre Liebenswürdigkeit aufbieten mußte, um ihn wieder gut zu machen. Darüber vergaß sie natürlich ihr eigenes Leid und wurde zuletzt selbst ganz heiter. Ja, dieser Colja! Und die Hühner, die Enten, die Tauben nicht zu vergessen! Alles hatte Colja herbeigeschafft, niemand ahnte, durch welche List und welche Mittel. Vielleicht hatte er sie gestohlen oder auf der Straße gefunden, oder er konnte zaubern, oder irgend jemand hatte ihn angefleht, dem Täubchen Tania Nikolajewna doch um des Himmelswillen die hübschen, weißen Tauben zu bringen. Tatsache war, daß sie da waren und einen wunderhübschen kleinen Verschlag hatten, darin Tania sie täglich besuchen und ihnen Futter streuen konnte. Sie hatte ihre helle Freude daran, wie alles Federvieh sie kannte. Wenn Tania in den Hof trat, schlug der große, bunte Hahn gewaltig mit den Flügeln und begann ganz mörderisch zu krähen. Um seine Hühner kümmerte er sich dann gar nicht mehr. Die waren so eifersüchtig auf die schöne Tania, daß sie ihr fast auf die Schultern geflogen wären, um ihr vor Ärger die Augen auszupicken. Aber auf Tanias Schultern, Kopf und Armen saßen bereits die Tauben, girrten und gurrten. Colja lachte das Herz im Leibe, und wenn zuletzt auch noch die Enten angewatschelt kamen und die größte Eile bezeigten, um zu Tanias Füßen ihr Futter zu empfangen, so war dieser mürrische Colja ein glücklicher Mensch. Wenn sie gar traurig war – und sie war es recht oft – nahm dieser abgefeimte Bursche seine Zuflucht zu einer List, zu einer ganz gemeinen List! Er stellte sich nämlich krank und tat so jammervoll, daß sie in ihrer Sorge um ihn sogar aufhörte, sich um Wladimir zu ängstigen und ihn pflegte und hätschelte, als ob der große, alte, garstige Colja ein allerliebstes kleines Coljachen wäre. Als sie immer stiller und bleicher ward, half es ihr nichts, sie mußte mit Colja weite Wanderungen antreten, bis hinaus auf die Felder, wo sie alsdann über jeden Baum, über jede Blume eine kindische Freude empfand, sich in Heimatserinnerungen verlor, von Eskowo zu plaudern begann und wie schön es sein könnte, wenn – – Doch da standen ihr schon wieder die Tränen in den Augen und Colja fing an zu singen, so greulich falsch, daß sie es nicht mit anhören konnte und selber sang, nur damit er aufhören sollte. Er wurde auch sogleich ganz still, warf sich auf den Boden und hörte zu. Sie sang dann gewöhnlich alle ihre Lieder, mit einer Stimme, daß Colja die Lerchen nicht begreifen konnte, die ganz frech in den Lüften weiter sangen und sich nicht schämten, neben Tanias Stimme ihr Jubilieren ertönen zu lassen. Es waren doch recht herzlose Vögel! Zwölftes Kapitel Es begann in Moskau heiß zu werden, die meisten der vornehmen Familien befanden sich bereits auf ihren Gütern und Landsitzen. Die prächtige Stadt verödete, das Leben zog sich in die Vorstädte und in die ärmeren Quartiere zurück; in der grellen Sommersonne, unter dem glühenden Himmel, den während des Tages meist eine gelbliche Dunstwolke umqualmte, glich Moskau mit seinen bunten strahlenden Kuppeln mehr noch als sonst einer orientalischen Stadt. Auch Anna Pawlowna hatte mit einem großen Teil ihrer Dienerschaft ihr Landhaus in Kunzewo bezogen. Gern wäre Wera zurückgeblieben, aber Wladimir hatte ihr befohlen, der Prinzessin zu folgen und dieselbe auf Schritt und Tritt zu bewachen; denn nach wie vor hegte er gegen die Wahrhaftigkeit ihrer Gesinnungen starken Verdacht. Sascha war nicht mitgenommen worden, bewohnte sein altes Quartier bei Marja Carlowna, befand sich jedoch häufig in Kunzewo. Ein beständiger Gast in dem Landhause war Boris Alexeiwitsch, der elend aussah, sich von seinem Kammerdiener nicht mehr frisieren ließ und auf sein Taschentuch aus feinstem Batist kein Parfüm mehr goß. Seltsamerweise machte die Fürstin Danilowski keinerlei Anstalten, Moskau zu verlassen, was sonst um diese Zeit stets geschehen war. Sie lebte bei geschlossenen Läden in einer fortwährenden Dämmerung, trug weiße, dünne Gewänder, ließ ihr Haar frei herabhängen und ernährte sich von Limonade, Schlagsahne und Konfekt. Da ihre sämtlichen Bekannten Moskau verlassen hatten, so gab sie sich ganz dem Studium von Alexander Herzen und Michael Bakunin hin, las Moleschott und Schopenhauer, deklamierte Leopardi und schickte alle Tage nach Wladimir Wassilitsch, der sich auch zuweilen bei ihr einfand, kurze Zeit blieb und stets eine große Summe mit sich fortnahm, die für nihilistische Zwecke sofort nach allen Himmelsrichtungen versandt wurde. Auf allen Gemütern schien die Schwüle des heißen Sommers zu lasten; die lange Reihe schöner Tage wirkte allmählich ermattend auf die Geister. Anna Pawlowna schloß sich fast ganz von den andern ab; sie war ernstlich leidend, dabei herrlicher als je. Etwas Eigentümliches, nicht zu Erklärendes hatte sich über ihre majestätische Schönheit gelegt. Ihre Bewegungen waren matt, ihr Blick hatte etwas Seelenloses. Sie zeigte sich erst bei Tafel, die am späten Nachmittag in der Gartenhalle und stets mit einem gewissen Zeremoniell abgehalten wurde. Am Büfett präsidierte der französische Haushofmeister, hinter Anna Pawlownas Lehnsessel stand ein Kammerdiener, zwei Lakaien servierten. Auch wenn keine Gäste anwesend waren, erschien die Prinzessin in Dinertoilette und Boris Alexeiwitsch in weißer Krawatte. Wera, in einem schwarzseidenen Kleide, das die Prinzessin für sie von ihrem Pariser Schneider hatte anfertigen lassen, aber mit ihrer alten ländlichen Haartracht, von welcher Boris Alexeiwitsch entzückt war, speiste regelmäßig mit. Sie sah in dem modernen Anzug ungemein stattlich aus – »fast vornehm«, wie Boris Alexeiwitsch es nannte. Aber sie bewegt sich schlecht, kritisierte er im stillen. Schade, daß sie so gar nicht eitel ist, daß es so ganz unmöglich ist, ihr einen Begriff von ihrer Schönheit beizubringen. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen! Sie sieht sich doch im Spiegel, sie ist doch schließlich auch ein Weib. Mit diesem Kopf würde jede andere Wunder vollbringen – nun, ein Wunder hat sie an mir vollbracht. Ein creme-weißes Mousselinkleid müßte ihr prachtvoll stehen. Ich muß mich doch hinter meine Cousine stecken; aber mit der ist jetzt nichts anzufangen. Wera sprach bei Tische nur dann, wenn sie angeredet wurde. Sie litt wahre Qualen, schämte sich ihres seidenen Kleides und trug es lediglich, weil es Anna Pawlownas Wunsch war, und weil Wladimir ihr befohlen hatte, sich den Wünschen der Prinzessin schweigend zu fügen. Die mit Silber überladene Tafel, das kostbare Service, die vielen Speisen und teuren Weine flößten ihr Abscheu ein. Sie genoß so wenig als möglich und bei jedem Bissen war ihr, als beginge sie einen Diebstahl an dem Volke. Bei diesen Mahlzeiten bemühte sich Anna Pawlowna nicht im geringsten, ihre Stimmung zu verbergen. Ihr Gesicht sagte immer von neuem deutlich: Ich bin dieses Lebens überdrüssig. So führte denn Boris Alexeiwitsch die Unterhaltung allein. Er tat es mit vielem Geschick und Takt, mit so vieler Anmut, daß es ihm gelang, alle über die peinliche Situation, die Anna Pawlowna durch ihr seltsames Wesen verursachte, hinwegzubringen; zum erstenmal in ihrem Leben zollte die Prinzessin ihm Anerkennung. Eine merkwürdige Wandlung vollzog sich in Wera. Seit dem Augenblick wo Boris ihr zugeflüstert hatte, daß er glücklich sei, mit ihr sterben zu dürfen, war ihr Leben ein beständiger qualvoller Kampf gegen Gewalten, welche mehr und mehr Macht über sie gewannen. Es war ein Meisterstreich des großen Virtuosen in der Kunst der Verführung gewesen, ihr zu sagen, daß er mit ihr sterben wollte, da er nicht mit ihr vereint leben konnte. Es war der einzige Gedanke, dessen sie sich in jeder Minute klar bewußt war. Er hatte mit ihr sterben wollen! Alles andere ging unter in diesem einen; eine ganze Welt, die sie in sich aufgebaut, ging darüber zugrunde, wurde dadurch in Trümmer geschlagen. Er wollte mit ihr sterben! Es lähmte, es brach ihre Kraft, es zermalmte ihre Seele, es zerstörte fast ihre Sinne. Er wollte mit ihr sterben. Er mußte ein reiner Mensch sein . Dieser Glaube an ihn wurde immer stärker. Sie richtete sich daran auf, sie beruhigte damit alle Gewissensqualen, alle Angst und alle Zweifel. Er ist ein reiner Mensch ! Ich bin doch im Grunde ein guter Kerl! glaubte schließlich auch Boris Alexeiwitsch von sich selbst, gewann mehr und mehr eine hohe Meinung von seinen sittlichen Eigenschaften und bildete sich allen Ernstes ein, daß er bisher vollständig im unklaren über sich geblieben war. Nun hatte seine Leidenschaft zu Wera, hatte seine Liebe ihn zu dem entwickelt, was er eigentlich immer gewesen. Nach dem Diner fuhr die kleine Gesellschaft gewöhnlich eine Stunde spazieren; darauf trennte man sich, um spät abends noch einmal zusammenzukommen, wo dann auf der Terrasse der Tee eingenommen wurde, den Wera bereiten durfte. Wenn er nicht vorlas, setzte Boris sich ans Klavier und begann zu spielen, zu phantasieren. Boris spielte vortrefflich. Er war ein Verehrer Chopins, dessen virtuose Kunst und leidenschaftliche Natur mit seinem eigenen Wesen verwandt war. Aber Wera verstand den genialen Komponisten nicht. Ihr ward bei Chopin unsäglich beklommen zumute, gerade wie in ihrem eleganten Seidenkleide. Sobald Boris das merkte – und ihm entging nichts, was sie betraf – schlug er auf dem Klavier eine ganz andere Sprache an, eine Sprache, von der er wußte, daß Wera sie verstand: volkstümliche Melodien, Lieder und Gesänge. Alle waren wehmütig und sehnsuchtsvoll, in allen liebte das russische Mädchen und der russische Jüngling, liebten und litten. Es war immer dasselbe Thema, das er hundertfach variierte; überzeugt, damit zu Weras Herzen zu sprechen. Ebenso umsichtig, wie bei seinem Klavierspiel, benahm er sich bei der Wahl seiner Lektüre. Onegin war längst gelesen und hatte auf Wera einen überwältigenden Eindruck gemacht. Da Boris Verse, bei denen er sein weiches volles Organ in allen Klangfarben spielen lassen konnte, vortrefflich las, so hätte er am liebsten nur Gedichte vorgetragen: Puschkin und Lermontoff. Aber er bemerkte, daß Wera den Gedichten nicht dieselbe Aufmerksamkeit schenkte, wie den Erzählungen. Sie wollte ein Begebnis hören, sich an Personen halten und nicht sich von Stimmungen beeinflussen lassen. Mit einem Wort, sie wollte miterleben und mitleiden. So griff Boris denn zu Turgenieff und hätte gar nicht klüger wählen können. Denn Wera, die sich als Kind ablehnend gegen Saschas Märchen verhalten hatte, lauschte jetzt mit der Leidenschaft eines Kindes den Erzählungen des russischen Meisters. Sie hörte das »Tagebuch eines Jägers«, die »Frühlingsfluten«, »Faust« und »Rauch«; zuletzt gar nicht mehr in der Wirklichkeit lebend, so daß sie zuzeiten ihr eigenes Dasein vollkommen vergaß. Erwachte sie dann aus diesem Traumleben, so war der Jammer groß. Blaß und verstört ging sie umher, sah Menschen und Dinge mit erstaunten, fremden Augen an, wußte nicht, was mit dem Leben beginnen. Es war ein Glück, daß Boris sie scharf bewachte und stets mit einem neuen Betäubungsmittel zur Hand war. Er bezweckte bei dieser Methode, Wera davon abzuhalten, über sich selbst nachzugrübeln. So ward sie allmählich ihrer eigenen Seele entfremdet. Niemals sprach er mit Anna Pawlowna über sie. Überhaupt hatte sich zwischen ihm und seiner Cousine ein seltsames Verhältnis herausgebildet, das besonders stark in Saschas Anwesenheit hervortrat. Bisher hatten die beiden Verwandten nichts Gemeinsames gehabt; das war nun anders geworden. Sie empfanden auf einmal, daß sie zusammengehörten, daß sie durch ein unlösliches Band miteinander verbunden waren, weniger durch ihre Bluts- als vielmehr durch ihre Standesverwandtschaft. Sie entdeckten, daß sie vielfach nicht nur dieselben Ansichten, sondern auch dieselben Neigungen hatten; zwar vermieden sie es, beisammen zu sein, doch ihre Blicke begegneten sich zuweilen mit einem sonderbaren Ausdruck. Saschas Name wurde niemals zwischen ihnen genannt. Boris haßte den Bauernsohn, ein Gefühl, das von diesem aufrichtig erwidert wurde. Gar zu gern hätte der elegante Edelmann den plumpen und groben Plebejer lächerlich gefunden und in den Augen seiner schönen Cousine lächerlich gemacht. Aber in Saschas Haltung, seinem Benehmen, seinem Blick, selbst in dem Klange seiner Stimme lag seit kurzem etwas, das dem blasierten, hochmütigen Herrn unwillkürlich Respekt einflößte. Anna Pawlowna beobachtete die beiden kaltblütig, aber mit einer gewissen Neugier. Was wird aus der Geschichte werden? Wie wird sie sich dabei benehmen? Wird er seinen Zweck erreichen? Natürlich! Wann wohl? Sehr bald! Und dann – was wird dann? Vielleicht tötet sie sich (wenn sie nicht ihn tötet) und er – – Er fällt in eine andere Passion. Wer wird die nächste sein? Eigentlich ist es doch erbärmlich. – Aber sie tat nichts, um Wera über Boris aufzuklären. Zuweilen fuhr es ihr freilich durch den Sinn: Ich sollte dieses Mädchen retten. Sie nahm sich vor, mit Wera oder mit Boris zu reden; doch es blieb bei der Absicht. Sie hatte zu viel mit sich selbst zu tun, um sich um andere kümmern zu können. Und schließlich – – War sie etwa weniger stolz gewesen als Wera? Und schließlich war auch sie geworden, was andere waren. Dennoch hatte diese seltsame Frau Stunden, wo sie sich zu überreden suchte, daß sie Sascha immer noch liebe; Stunden, wo sie sich zu belügen vermochte, wo sie die Lüge glaubte. Dann sah sie in ihm, in seiner Leidenschaft für sie, in ihrer Liebe zu ihm ihre einzige Hoffnung, ihr Heil und ihre Rettung. Dann schickte sie nach ihm, dann ging sie in der Nacht ihm entgegen, schlich sich mit ihm ins Haus, demütigte sich vor ihm, klagte sich bei ihm an, bat ihn um Verzeihung, um Erbarmen, überschüttete ihn mit leidenschaftlichen Liebkosungen, zwang ihn durch ihre Liebesgewalt, machte ihn selig, trunken, halb von Sinnen; ihn und sich selbst. Solchen Stunden der Raserei folgten Tage der Entrüstung, der Verzweiflung, der Ermattung. Einmal kam sie für einige Zeit nach Moskau, bezog ihren Palast, ließ alle Gemächer öffnen, empfing ihren Liebhaber am hellen Tage, vor aller Augen, fuhr mit ihm aus, gebot der Dienerschaft, ihm zu begegnen, als ob er der Prinz wäre. Sie ist toll, dachte Boris und zuckte die Achseln. Indessen allmählich bereitete sich in dem Verhältnis Anna Pawlownas die Katastrophe vor. Sie hatte ihn lange nicht gesehen, lange nicht, weder nach ihm geschickt noch an ihn geschrieben; sie beabsichtigte Gäste einzuladen und ließ es ihn wissen – – durch ihre Kammerfrau! Diese Person sagte ihm, daß es jetzt der Prinzessin unmöglich sei, ihm zu begegnen, daß er auch nicht schreiben sollte, daß er sich gedulden möchte. Und Sascha »geduldete« sich. Er hatte nichts in Moskau zu tun; denn selbst die Dynamitfabrikation mußte fürs erste eingestellt werden. Er war ruhelos. Seine Wirtin Marja Carlowna war seine erklärte Feindin geworden und gönnte ihm kein Wort und keinen Blick. Sie sah elend aus, als ob sie krank wäre; Sascha scheute sich vor ihr. Er beschäftigte sich mit nichts, rührte kein Buch an und mied seine Gesinnungsgenossen wie und wo er nur konnte. Selbst die »Sache« war ihm gleichgültig geworden. Stundenlang schlenderte er in Moskau umher, in den Straßen, durch die er einmal mit der Prinzessin gefahren war; stundenlang stand er vor ihrem Palast, den er einmal mit ihr bewohnt hatte und blickte zu den verschlossenen Fenstern auf, bis er mit einem tiefen Seufzer zur Besinnung kam. Dann lief er fort. Er besuchte Teeschenken und öffentliche berüchtigte Lokale, in denen er bald eine bekannte Persönlichkeit ward; doch ließ er sich mit niemandem in ein Gespräch ein. Jeden Tag begab er sich zu Wladimir, oder vielmehr zu Colja, mit dem er große Freundschaft schloß. Die beiden hatten einander nichts zu sagen, aber sie verstanden sich. Tania behandelte er mit scheuer Ehrfurcht, als wäre sie ein lebendig gewordenes Heiligenbild; mit Natalia Arkadiewna hätte er gar zu gern über die Prinzessin gesprochen, wagte es indessen nicht, da Natalia ihm mit tiefster Nichtachtung begegnete, was ihn sehr betrübte. Wladimir wich er aus, denn er fürchtete dessen abscheuliche Weise zu lächeln, ohne jedoch noch daran zu denken, ihn um seines Lächelns willen erwürgen zu wollen. Wladimir übrigens war auch so mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß er Sascha gar nicht beachtete. Einmal besuchte dieser sogar die Fürstin, die ihn aus Neugier zwar empfing, ihn aber äußerst geringschätzig behandelte, so daß er sich voller Zorn und Scham entfernte. Manchen Tag verließ er sein Zimmer gar nicht, blieb im Bett liegen, trank fortwährend Tee, der stark mit Rum vermischt war, und führte leidenschaftliche Gespräche mit Anna Pawlowna. Das setzte er so lange fort, bis er in ein dumpfes Hinbrüten und schließlich in eine völlige Betäubung verfiel. Plötzlich konnte er sich aufraffen, hastig seine Kleider anziehen und hinaus nach dem Bahnhof stürzen, ganz gleich, ob es Mittag oder Mitternacht war. Ging gerade kein Zug nach Kunzewo ab, so lief er den weiten Weg dahin zu Fuß. Unterwegs dachte er sich aus, wie er Anna Pawlowna entgegentreten, was er ihr sagen, auf welche Weise er sich ihr gegenüber benehmen wollte. Er studierte seine Rede Wort für Wort ein. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, seine Pulse schlugen rasch und unregelmäßig, und je näher er Kunzewo kam, desto mehr nahm sein Fieber zu. Er fühlte, wie seinem Gedächtnisse jedes Wort entschwand, wie seine Gedanken sich verwirrten. Erblickte er endlich ihr Haus, so verließ ihn jede Fassung. Er blieb stehen, überlegte, ob er nicht umkehren sollte. Einigemal tat er dies auch wirklich; kehrte wirklich wieder zurück – um am nächsten Tage von neuem unterwegs zu sein. Oder er umschlich das Haus, in der Hoffnung, eine Gelegenheit zu erspähen, um ungesehen in ihr Zimmer zu schlüpfen. Vielleicht auch, daß Anna Pawlowna im Park spazierenging und er ihr begegnen konnte. Fand er den Mut, das Haus zu betreten, so bildete er sich ein, daß die Diener ihm ins Gesicht lachten und hinter seinem Rücken Grimassen schnitten. Da jedoch Anna Pawlowna ihrer ganzen Dienerschaft auf das strengste befohlen hatte, ihm mit größter Ehrerbietung zu begegnen, so wagte niemand eine andere Miene als die der größten Dienstfertigkeit zu zeigen, was ihn bei seiner Stimmung vollständig zu Boden drückte. Allein schon das Zeremoniell des Anmeldens verursachte ihm ein unangenehmes Gefühl; die französische Einrichtung der Zimmer, die herrlichen Bilder, die hohen Spiegel, die Samt- und Seidenmöbel brachten ihn immer von neuem in Verwirrung. Das Parfüm, welches das ganze Haus durchdrang, versetzte ihm den Atem. Jetzt erst begann er als echter Nihilist den Luxus und Reichtum zu hassen, jetzt erst wünschte er den ungeheuren Besitz der einzelnen aufgehoben, in seinem Herzen Anna Pawlowna einen schweren Vorwurf machend, daß sie ihre Schätze noch nicht von sich geworfen hatte. Es kam vor, daß sie ihn warten ließ – antichambrieren! Das ging über seine Begriffe. Früher hatte sie ihn tagelang vor ihrer Tür stehen lassen können und er hätte es ganz natürlich gefunden. Ließ sie ihn dann eintreten in ihr kleines Kabinett, das ein Nest von Gold und Atlas war, mit Blumen gefüllt, von Wohlgerüchen duftend, so bemächtigte sich seiner jedesmal eine fast wilde Erregung. Er hätte sie am liebsten mit sich fortgeführt, mit sich fortgerissen aus dieser Pracht. Und sie selbst in ihrem weißen Spitzen-Negligé oder in helle Seide gekleidet, ein funkelndes Geschmeide um den Hals – alle Besinnung verließ ihn. Wie ein blutiger Schleier legte es sich vor seine Augen, daß er nichts sah. Sie sagte etwas, etwas ganz Alltägliches, Gleichgültiges, Kaltes. Er hätte laut aufschreien mögen. Aber er bezwang sich. O, er war stolz, er wollte ihr zeigen, daß auch er – – Was wollte er? Nichts, gar nichts! Es war ja alles Tollheit. Er trat auf sie zu, aber er konnte nicht reden. Was hätte er ihr auch sagen sollen? Sie mußte ja alles wissen; sein ganzes Elend und daß er von Sinnen kam. Ach, wie schön sie war? Diese Lippen – – er durfte sie nicht mehr anrühren. Weshalb nicht? War er plötzlich ein anderer geworden, liebte er sie plötzlich weniger, hatte sie plötzlich eine andere Seele bekommen? Ich habe sie geküßt und ich will sie wieder küssen, immer, immer wieder! Das war der Ausgangspunkt aller seiner Reflexionen, das einzige, was er klar und deutlich begriff. Doch er wollte ja wohl »auch« stolz sein. Und er war es, fünf Minuten lang! Dann lag er zu ihren Füßen und beschwor sie, ihn nicht von sich zu stoßen, flehte sie an, ihn zu ihren Füßen zu dulden, schluchzte, weinte, verzweifelte. Sie stand vor ihm mit starrem Gesicht. Ihre Hand war kalt, ihr Blick war stier. Aber sie duldete, daß er sein Gesicht in ihr Haar drückte. Er lachte und jubelte, schluchzte und weinte vor Glückseligkeit! Dann erst gewahrte er ihre Entgeisterung. Und nun brach er aus in Vorwürfe, in Anklagen, in Drohungen. Der Sohn der wilden Steppe ward in ihm lebendig; fast erhob er seine Hand gegen sie. Sie ertrug seinen Zorn, seine Wut, wie sie seine Liebe und Zärtlichkeit ertragen hatte, bis ihm vor ihr zu grauen begann und er wie ein Rasender davonstürzte. Sie erlaubte ihm, in Kunzewo zu bleiben. Kam er, so schickte sie ihn niemals fort; aber auch niemals forderte sie ihn zum Bleiben auf. Sie behandelte ihn als den, der er war, also als ihren Liebhaber, nur daß er sich nicht die geringste Liebkosung herausnehmen durfte. Bei Tafel saß er neben ihr, die wenig aß und häufig auf seine großen, roten Hände blickte, wie er den Fisch mit dem Messer zerlegte und dieses in den Mund führte. Aber als er einmal über Hitze in einem Zimmer klagte, ließ Anna Pawlowna ihm die großen, kühlen Gemächer des Prinzen anweisen. Und Boris Alexeiwitsch mußte sich wieder einmal gestehen, daß er diese Frau niemals auslernen würde. Dreizehntes Kapitel »Du liebst mich nicht mehr!« »Quäle mich nicht!« »Warum bist du so kalt gegen mich?« »Ich sage dir, du quälst mich.« »Das ist nicht wahr. Es ist dir ganz gleichgültig, was ich dir sage.« Anna Pawlowna zuckte die Achseln, lehnte sich in den Sessel zurück und schloß die Augen. Hoffentlich geht er jetzt, dachte sie. Doch er ging nicht. Er stand ihr gegenüber und verschlang sie mit den Blicken. Aber, ich könnte mich jetzt umbringen, und sie würde nicht aufsehen, dachte er, und hätte sie am liebsten auf die Probe gestellt. »Wenn du mich nicht mehr liebst,« begann er endlich von neuem mit leiser, unsicherer Stimme, »so solltest du mir sagen: Ich liebe dich nicht mehr. Geh! Sage es, und ich werde gehen.« Er wartete, Todesangst in seinen Blicken, die er nicht von ihr wandte. Wenn sie es wirklich sagte, wenn er wirklich gehen müßte, gehen, um niemals wiederzukommen. Was sollte er dann noch in der Welt? Anna Pawlowna überlegte. Vielleicht vermöchte ich jetzt frei von ihm zu werden. Aber ich will nicht. Konnte ich in den Irrtum verfallen, so will ich auch dafür büßen. Ich werde es doch nicht mehr lange ertragen. Um so besser! Ich bin ernstlich leidend. Sie sah ihn an. »Anna, Anna,« stammelte er, unter ihrem Blicke erbebend. »Wenn es wahr wäre, wenn du mich nicht mehr liebtest, würdest du es mir sagen, denn du kannst nicht lügen. Sage es mir! So wie es ist, ertrage ich es nicht länger. Es ist unserer nicht würdig, weißt du. Wenn du wüßtest, in welcher Verzweiflung ich lebe, wie ich langsam zugrunde gehe. Habe Erbarmen! Vielleicht wünschest du doch, daß ich gehe, und willst mir nur ersparen, es dich sagen zu hören. Denn du bist gut; ja, das bist du. Ich verspreche dir, daß ich mich aufraffen, daß ich stark sein will. Dieser Zustand kann nicht dauern, er ist eines Mannes unwürdig. Das mußt du doch einsehen! Vielleicht überlegst du es dir. Sieh; ich bin und bleibe ein Bauernsohn und du – – Freilich, du liebst das Volk. Aber du bist und bleibst eine vornehme Dame, eine Prinzessin. Allerdings diese Unterschiede werden jetzt aufhören, jetzt werden alle gleich werden, es wird keine Schande mehr sein, wenn eine Fürstin einen Bauernsohn liebt. Im Gegenteil! Aber du bereust es vielleicht doch; und was soll dann daraus werden? Wenn du mir nur die Wahrheit sagen wolltest! Die Wahrheit! Anna! Vielleicht ist es noch Zeit. Ich gehe fort und komme nicht wieder und – und lebe weiter; jammervoll, elend, aber doch würdiger und männlicher als jetzt. Du sollst kein Wort der Klage von mir hören. Sage es mir nur; sage mir jetzt nur die Wahrheit und ob ich gehen soll.« Aber sie schwieg und hielt die Augen gesenkt. »Bedenke,« fuhr Sascha nach einer Pause in höchster Aufregung fort, »bedenke, daß, wenn du es mir jetzt nicht sagst, es leicht zu spät werden könnte. Es sieht schlimm in mir aus. Ich erschrecke oft vor mir selbst, ich möchte etwas begehen, etwas Fürchterliches. Es läßt sich nicht ausdenken, wohin ein Mensch kommen, wohin Leidenschaft und Unglück ihn bringen kann. Es gibt eine solche Verzweiflung, wir vermögen solche finstere Gedanken zu denken, solchen schrecklichen Gewalten zu verfallen. Und wenn ich dich ansehe – – Weißt du, daß ich oft denke, ich möchte dich töten.« »Ein sehr kluger Gedanke.« Sie schlug die Augen zu ihm auf und sah ihn an, mit einem Blicke, als sähe sie ihn zum erstenmal. Dann erhob sie sich, nickte ihm freundlich zu, streckte ihm die Hand hin und sagte: »Eine kleine Weile wird es wohl noch auszuhalten sein. Habe Geduld mit mir.« »Anna!« Nach diesem Gespräch kamen für Sascha noch einige glückliche Tage. Anna Pawlowna schien einen festen Entschluß gefaßt zu haben, und war seit langer Zeit wieder umgänglich, gesellig, auf Augenblicke sogar heiter. Diese Stimmung der Prinzessin veränderte das Leben im Landhause vollständig; denn Anna Pawlowna ließ nun sofort nach allen Seiten hin Einladungen ergehen, und das Haus füllte sich mit Gästen. Sascha mußte ein Zimmer im Dienerhause beziehen, denn es kamen mehr Menschen, als sich in der Villa beherbergen ließen. Bei Tafel saß er fortan ganz unten neben Wera und ward von niemandem beachtet. Das war ihm lieb. Diese eleganten Damen und Herren, die sich benahmen, als ob sie in Kunzewo zu Hause wären, und kein Wort Russisch sprechen zu können schienen, flößten ihm einen heftigen Widerwillen ein. Anfänglich war er, wie gesagt, mit seiner obskuren Stellung ganz zufrieden, denn Anna Pawlowna benahm sich nach wie vor gütig gegen ihn, ganz besonders gütig. Wenn er sie sah, in strahlender Schönheit, die Herrlichste von allen, so schwellte sein noch immer gläubiges Herz ein Gefühl des Glückes und Stolzes, daß ihm war, als zersprenge es ihm die Brust. Immer wieder berauschte sich so der Ärmste; denn immer wieder gönnte Anna Pawlowna ihm ein heimlich geflüstertes Wort, einen verstohlenen Blick. Das täuschte ihn so vollständig, daß keine Regung von Furcht oder Eifersucht in ihm aufkam. Stumm saß er neben Wera, von der er wie durch einen Abgrund getrennt war. Sie sprachen niemals miteinander und schienen einander gar nicht zu kennen. Wera bedurfte ihrer ganzen Kraft, um nicht ihren Empfindungen zu erliegen; denn Boris Alexeiwitsch hatte plötzlich eine neue Taktik eingeschlagen. Er kümmerte sich nicht mehr um sie und gab sich, gerade wie Anna Pawlowna, mit ganzer Seele den Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens hin. Er ließ alle seine Talente spielen, sprühte von Witz und war in Erfindungen von gesellschaftlichen Zerstreuungen unerschöpflich. Anna Pawlowna mußte seine Grazie bewundern und sich das Geständnis machen, daß er liebenswürdig sei. Ihre Phantasie fing an, sich eine Gegenfigur zu Sascha zu schaffen, welche mehr und mehr, ihr selbst unbewußt, die schönen, schlaffen Züge und eleganten Manieren ihres Vetters annahm. Zum Unglück war Sascha immer da, wie zum Vergleiche bereit. Wera litt unsäglich. Doch war es nicht Eifersucht, was sie empfand, wenn sie sah, wie Boris nur Augen und Sinn für andere hatte, für diese schönen vornehmen Frauen, die so laut lachten und so leise flüsterten, so leuchtende Blicke mit ihren Kavalieren wechselten und sich so sicher bewegten. Was sie am meisten quälte, war tiefe Scham, daß er zu ihr das heilige Wort Liebe hatte aussprechen können, daß er früher in derselben Weise vertraulich mit ihr plaudern, ihr dieselben strahlenden Blicke hatte zuwerfen können, wie jetzt den anderen. Und sie war doch so ganz anders als jene! Aber waren es wirklich dieselben Blicke? Sie wollte ihm nicht unrecht tun; und so saß sie denn, ihn beobachtend und kein Auge von ihm wendend. Zu gleicher Zeit kam sie sich so unwürdig, so tief gesunken vor, in ihrem Stolze so ganz gebrochen und um nichts besser als Sascha, den sie doch verachtete. Boris wußte genau, wie es um sie stand und erleichterte ihr nichts. Seine Leidenschaft für sie nahm mit jedem Tage zu; aber je heftiger sie wurde, um so kaltblütiger ging er vor. Während sie scheinbar gar nicht mehr für ihn existierte, berechnete er bereits im stillen, wie lange ihr Widerstand noch dauern könnte, wann sie sich ihm würde ergeben müssen. Mit Entzücken bemerkte er, wie alle Versuche seiner Freunde, Weras Gunst zu gewinnen, abgewiesen wurden, mit einer Haltung und Miene, die einer Königin würdig war. Und plötzlich nahm ihr ganzes Wesen etwas Vornehmes an. Sie hörte auf, sich in ihrem Kleide zu bewegen, als ob sie noch immer das russische Kostüm trüge und sich der neuen Tracht wie einer Maske schämte. Sie benahm sich mit natürlichem Anstand und einer Würde, die etwas Imponierendes hatte. Im Ausland hätte er sie in jedem Salon einführen können. Vierzehntes Kapitel Das Leben in Kunzewo gestaltete sich immer geräuschvoller. Es kamen Regentage, die im Hause zugebracht, für die Zerstreuungen gefunden werden mußten. Anna Pawlownas Benehmen bekam etwas unnatürlich Aufgeregtes. Sie trank viel Champagner, sprach laut und lebhaft und beteiligte sich am Spieltisch, den die Herren eingerichtet hatten; mit einem Wort, sie versuchte, sich zu betäuben. Zwischen ihr und Sascha fielen von neuem peinliche Auftritte vor, die jetzt auch von ihrer Seite einen leidenschaftlichen Charakter annahmen. Sehr bald war der alte Zustand wieder da. Doch schien derselbe diesmal ziemlich hoffnungslos zu sein, denn Sascha fühlte sich tödlich beleidigt. Er verließ jedoch das Landhaus nicht, behielt seinen letzten Platz am Ende der Tafel bei, ließ sich nach wie vor übersehen, war aber in seinem Innern vollständig verwandelt. Wie ganz anders erschien er sich jetzt unter ihren Gästen. In den Blicken aller meinte er zu lesen, daß sie ihn verachteten. Dennoch blieb er. Erst mußte sie es ihm gesagt haben, mit klaren, deutlichen Worten. Aber auch dann würde er nicht gehen, denn jetzt war es zu spät. Er würde nicht mehr von ihr weichen; in diesem Leben nicht mehr. Er würde ihr Schatten sein, ihr Ankläger, ihr Richter. Mehr und mehr bemächtigte sich seiner ein dumpfer Zorn. Zum erstenmal begann er über die Lehrsätze Wladimirs nachzudenken und fand sie unumstößlich. Äußerlich blieb er ruhig, so daß er selbst Anna Pawlowna täuschte, die in der Folge ein Gefühl von Geringschätzung nicht unterdrücken konnte; sie hatte etwas anderes erwartet. Boris hatte recht; sie knurrten gegen die erhobene Peitsche und krochen doch vor ihr. Die Idealgestalt des Volkes, die sie sich zusammen geträumt, erblich mehr und mehr. Es war ein furchtbarer Irrtum gewesen, dem sie verfallen. Sie hatte ihrem öden Dasein einen Inhalt geben wollen und sich das Ideal des freien russischen Volkes geschaffen, des Volkes, das sich ihr in Sascha, in dem Bauernsohn, in dem Manne mit den roten Händen, verkörperte. Aber es gelang ihr nicht. Je mehr sie sich zum Volke hinabneigte, desto mehr fühlte sie sich von demselben geschieden. Mit Entsetzen entdeckte sie, daß es unmöglich war, daß sie bleiben mußte, was sie war: in jeder Empfindung die Aristokratin, die in keiner Empfindung das Volk verstand, nicht verstehen konnte ! Was vermochte sie dagegen? Zu ihrem Unglück war ihr Verstand viel zu scharf, um sich nach diesem einen mißlungenen Versuche weiteren Täuschungen zu überlassen. So gab sie denn ihren veränderten Gesinnungen nach, vollkommen darauf gefaßt, unter den Trümmern ihres eingesunkenen Luftschlosses begraben zu werden. Aber eins mußte sie tun. Und während sie zum erstenmal in ihrem Leben sich mit einer Art von Genugtuung den geselligen Zerstreuungen ihres Standes hingab, schrieb sie ihrem Gatten, der sich mit dem Hof in Zarskoje-Sselo aufhielt, daß sie die Scheidung verlange. Auch die Fürstin kam, in Begleitung von Wladimir. Ihrer Gewohnheit gemäß machte sie aus ihrer Leidenschaft für den schönen Terroristen keinen Hehl, Sie gebürdete sich empfindsam, phantastisch und jugendlich, kleidete sich altrussisch, ließ ihr Haar in Zöpfen herabhängen, sang Volkslieder und wand aus Feldblumen Kränze. Wladimir hatte für alles nur sein zynisches Lächeln und benahm sich in der vornehmen Gesellschaft so ungezwungen, als verkehre er mit seinesgleichen. Sofort nach seiner Ankunft hatte er eine lange Unterredung mit Wera, die ihm alle ihre Wahrnehmungen mitteilen mußte. Doch fragte er nur nach Anna Pawlowna; nach dem, was Wera ihm von dieser berichtete, war er über ihren Zustand bald im klaren. Ein Festprogramm ward aufgestellt, dessen Hauptnummern in einem ländlichen Ball, einer Vorstellung mit lebenden Bildern bestanden. Alle amüsierten sich vortrefflich, die Stimmung stieg von Tag zu Tag; nur Sascha und Wera waren einsam. Jedes für sich, wie ausgeschlossen von den allgemeinen Freuden. Eines Abends befand sich Wera in ihrem Zimmer, das unter dem Dache lag. In Anna Pawlownas Bibliothek hatte sie den »Onegin« gefunden, das Buch heimlich eingesteckt und war damit geflohen, als hätte sie einen Diebstahl begangen. Sie las das herrliche Gedicht. Dabei stellte sie sich den Klang von Boris' Stimme vor, die Verse mit seiner Betonung, die sie noch im Ohre hatte, laut vor sich hinsprechend, von ihrer eigenen Stimme durchschauert. Sie erinnerte sich, was er bei dieser und jener Stelle zu ihr gesagt, wie er sie dabei angesehen hatte. Jedes Wort, jeder Blick war ihr im Gedächtnis haften geblieben. Immer von neuem verglich sie diese Blicke mit denen, welche er für jene anderen hatte, und sie mußte sich schließlich gestehen, daß er sich gegen sie doch anders benommen hatte, viel rücksichtsvoller, zarter, ehrerbietiger! Er hatte ja auch mit ihr sterben wollen, und nun – – nun lebte sie dahin, von einem Tage zum anderen, immer tiefer in Nacht versinkend. Puschkins Onegin von neuem lesend, erstand alles wieder in ihr, was sie an Sehnsucht jemals empfunden. Aber wie anders war diese Sehnsucht geworden. Wo war der heiße Drang geblieben, der dem Glück des Volkes galt, für das sie sich wollte ins Gefängnis werfen, nach Sibirien verbannen, auf das Schafott führen lassen? Schlecht hatte sie sich selbst Wort gehalten, eidbrüchig war sie der Sache geworden. Auch ihre starke Natur war dem allgemein Menschlichen erlegen. Ein Martyrium hatte sie auf sich nehmen wollen und zu einem Liebeskummer war es gekommen. Sie las mit glühenden Wangen. Tatjana hieß eigentlich Wera und Onegin eigentlich Boris. Und Tatjana liebte Onegin; aber dieser – – Onegin hatte auch die arme Tatjana geliebt. Jawohl; die arme Tatjana! Sie erhob sich. Mit auf die Brust herabgesunkenem Haupt wanderte sie in der Kammer auf und ab. Einmal fuhr sie zusammen, blieb stehen und lauschte auf die fröhlichen Stimmen, die von unten herauf klangen. Es mochte bald Mitternacht sein. Dann fiel ihr etwas ein. Sie nahm das Licht und kramte aus ihren Sachen ein kleines, buntes Muttergottesbild hervor, das in ihrer heimatlichen Hütte zu Eskowo gehangen, das sie mit sich genommen und daran sie erst heute wieder dachte. Sie stellte das Bild auf den Tisch, holte ein Glas mit Blumen, setzte dieses daneben, stand und blickte das Bild an. Aber sie konnte nicht beten. So begann sie denn nach einer Weile von neuem im Onegin zu lesen; der Charakteristik dieses russischen Don Juan. Die Leidenschaft verließ ihn plötzlich; Statt ihrer liebelte er nun. Ein Korb war ihm oft ganz ergötzlich, Verrat ein Grund, um auszuruhn, Er sucht die Frauen ohne Schwärmen, Verläßt sie, ohne sich zu härmen, Gleichgültig, ob geliebt, gehaßt – – Ist das möglich? Sie starrte auf das Buch, ohne die Buchstaben zu sehen. Es kann nicht möglich sein! dachte sie. Einen solchen Mann gibt es nicht. Und das Mädchen liebt ihn. Das ist alles so schön und so wahr. Gott, Gott, so wahr und schön. Wie ein Mensch so etwas denken kann. Aber wie? Wenn das eine wahr ist, kann auch das andere nicht gelogen sein. Doch wenn Onegin wirklich so wäre, wie Puschkin ihn beschreibt, könnte Tatjana ihn unmöglich lieben. So etwas fühlt man. Der Mensch kann nicht lieben, was nicht von seinem eigenen Selbst ist. Das ist wider die Natur. Sie legte ihre kalte Hand an die Stirn. »Das ist wider die Natur!« wiederholte sie laut. Dann verlor sie sich von neuem in Grübeleien. Warum hat er wohl damals mit mir sterben wollen, wo er doch schon jetzt nichts mehr von mir weiß? Wenn ich nur das herausfinden könnte. Freilich! Was hätte daraus werden sollen? Sein Weib könnte ich ja doch wohl nicht werden; er hat also ganz recht. Dabei blieben ihre Gedanken stehen. Sein Weib könnte ich ja doch wohl nicht werden. Weiter gelangte sie nicht. Damit suchte sie sich alles begreiflich zu machen, ihn ganz zu entschuldigen. Was hätte daraus werden sollen, da ich ja doch nicht sein Weib werden kann. Sie hörte Schritte, die sich der Kammertür näherten und begann heftig zu zittern. Es klopfte. Sie wandte ihr Gesicht der Tür zu und rief mit Anstrengung: »Herein!« Es war Wladimir. Er mußte getrunken haben, sein Gesicht war gerötet, die Augen hatten einen fahlen Glanz. Er sah Weras Unwillen, brach in ein Gelächter aus und rief mit schwerer Zunge: »Was tust du hier oben so allein? Geh hinunter.« »Was soll ich unten.« »Dich ansehen lassen. Ich habe dir schon einmal gesagt – –« »Und ich erwidere dir noch einmal, daß ich dich nicht hören will.« »Hoho! Sprichst du so mit mir?« »Ich will dich nicht hören.« Er trat ihr näher. »Du sollst ihn ja nicht lieben, du sollst ihn sogar hassen dürfen, wie Sascha Anna Pawlowna haßt. Erst wenn ihr sie haßt, werdet ihr der Sache dienen können.« »War das deine Absicht?« »Von jeher. Begreifst du endlich?« »Ich begreife, daß du ein fürchterlicher Mensch bist.« Wladimir zuckte die Achseln: »Das will in unserer Zeit nicht viel sagen. Übrigens habe ich mit dir zu reden.« Er sah sich im Zimmer um; sein Blick fiel auf das Muttergottesbild und die Blumen. Über das aufgeschlagene Buch hatte Wera, als sie klopfen hörte, ein Tuch geworfen. »Ich bin sehr unzufrieden mit dir,« begann Wladimir, »du dienst der Sache sehr schlecht, vielmehr: du dienst ihr gar nicht. Das muß anders werden! Was bedeutet es zum Beispiel, daß du, die Nihilistin, ein Heiligenbild hast?« Er wollte es vom Tische herunterreißen, aber Wera streckte schützend die Hände davor. »Wage nicht es anzurühren! Dieses Bild ist mein und mein ist meine Seele, an der du auch Gewalt üben willst. Ich sage dir: Auch an meine Seele lasse ich nicht rühren! überhaupt – wenn ich nur erst begreifen könnte, was ihr bezweckt. Alles ist für die Sache, immer ist es die Sache! Und die Sache soll ja wohl das Volk sein! es ist die Sache des Volkes, welche wir führen. Sobald aber alles nur des Volkes wegen geschieht, aus Liebe zum Volk, aus blutigem Mitleid mit dem Volk – welch ein Wahnsinn ergreift euch, daß ihr im heiligen Namen des Volkes Verbrechen über Verbrechen begeht. Zeigt mir die Steine und den Mörtel, womit ihr das neue Haus aufrichten wollt, nachdem ihr das alte eingerissen. Ich sehe nur Einsturz und Zerstörung, Zerstörung überall!« Und sie schlug jammernd die Hände zusammen, ließ sie aber wie gelähmt sinken, als Wladimir ihr höhnend zurief: »Du sagtest, du ließest nicht an deine Seele rühren. Deine Seele ist ja in Boris Alexeiwitsch Händen wie in des Satans Klauen, mit deiner Seele lässest du ja spielen wie mit einem Ball. Die lässest du dir ja zermalmen und zerquetschen. Du nicht an dich rühren lassen? Du bist ja seine Leibeigene geworden an jedem Gliede. Und das ist gut, das gefällt mir! Das ist das einzige, was mir noch an dir gefällt; nur möchte ich, daß dabei ein Gewinn für die Sache herauskäme. Aber du, von der ich so viel für uns gehofft, was tust du? Nichts! Was tut Sascha? Nichts! Was werdet ihr tun? Nichts! Sascha hätte aus Anna Pawlowna machen können, was er gewollt; ein blindes Werkzeug für unsere Sache. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann er nichts mehr, denn jetzt verabscheut sie ihn. Du könntest Boris Alexeiwitsch zum Sklaven unserer Sache machen – – Was hast du?« Wera stand wie betäubt. Sie murmelte: »Keinen Gott, keine Liebe, keine Tugend; nichts, nichts, nichts! Der Mensch kein Mensch mehr. Und dafür wollte ich meinen Hals auf das Schafott legen. Dafür?« »Bist du toll geworben?« schrie Wladimir sie an und schüttelte sie. Sie aber, ohne noch ein Wort zu reden, machte ihm ein Zeichen, sie allein zu lassen. Und er ließ sie allein. Wera schob hinter ihm den Riegel vor, stand und lauschte, bis sie seinen Schritt nicht mehr vernahm. Dann fiel sie mit einem Schrei nieder und lag am Boden wie ohne Bewußtsein. Endlich erhob sie sich; sie hatte einen Entschluß gefaßt. Sie wollte fort, gleich jetzt, wie sie ging und stand, ohne sich zu besinnen, ohne zu denken. Das Denken konnte sie um den Verstand bringen. Aber sie stand mitten im Zimmer und regte sich nicht. Sie wollte nie mehr wiederkommen – natürlich nicht! Sie wollte wieder nach Eskowo zurück, dort die Kinder kämmen und sie in dem unterrichten, wovon sie selbst nichts wußte. Es fiel ihr auch ein, wie jung sie immer noch war, wie lange es noch dauern konnte, dieses lebendige Todsein, von dem sie ihre Seele von neuem ergriffen fühlte. Aber fort! Schnell fort! Langsam bewegte sie sich der Tür zu. Sie hörte nicht den leisen Schritt im Gange, sie hörte nicht, wie jemand vor der Kammer stehenblieb. »Boris!« Sie hatte geöffnet und sah ihn vor sich. Er wollte reden; aber mit einer Gebärde unbeschreiblichen Entsetzens streckte sie ihm abwehrend beide Hände entgegen und wich vor ihm in die Kammer zurück, bis in die hinterste Ecke, wo sie hinsank, immerfort die Arme gegen ihn erhoben. »Wera!« Mit welchem Ton er das sagte, mit welchem Blick. »Vergib mir.« Und er ging auf sie zu. Sie wollte auffahren, sie wollte rufen: »Rühre mich nicht an!« Aber sie konnte weder reden noch sich bewegen; auch dann nicht, als er ihre Arme sanft niederdrückte und die hilflose Gestalt zu sich aufzog, an seine Brust. Er küßte sie auf den Mund. Sie litt es. Ihre Lippen waren kalt und sie schauderte zusammen. Fünfzehntes Kapitel Wieder war er bei ihr, droben in ihrer Kammer. Lange hatten sie geschwiegen; das langweilte ihn endlich und er begann: »Sage mir eines deiner Volkslieder her. Du hast nämlich eine wunderbare Stimme, eine solche Weichheit darin und zugleich solche Kraft.« »Das findest nur du,« entgegnete ihm Wera erglühend. »Du meinst, weil ich in dich verliebt bin?« »Weil du mich liebst,« verbesserte sie und sah ihn voll an. »Und ich liebe dich,« fügte sie mit einer Feierlichkeit hinzu, als ob sie das Sakrament nähme. »Und hast mir so lange widerstrebt?« Dabei legte er seinen Arm um sie. »Du weißt ja,« begann sie leise und stockte. »Daß du ein eigentümliches Geschöpf bist? Ja, das weiß ich, das hast du mich gelehrt.« Wera senkte die Augen. »Ich bin sehr glücklich!« flüsterte sie, schwieg, sagte dann mit einem Beben in der Stimme: »Und du? Bist auch du glücklich? Denn wenn du es nicht wärst, wenn meine Liebe dich nicht glücklich machte, so wäre sie nichts wert. Ich bin so gar nicht liebenswürdig. Tag und Nacht muß ich daran denken! Du gibst mir vieles, gibst mir alles und ich gebe dir nichts. Das ist etwas Ungleiches, das kann keine guten Folgen haben. Es scheint mir auch unnatürlich, denn in der Liebe muß die Frau dem Manne gleichstehen – muß sie über dem Manne stehen. Das soll nicht hochmütig sein. Ich drücke mich nur schlecht aus; du mußt immer bedenken, daß ich die Wera Iwanowna aus Eskowo bin. Die Frauen aus deinem Stande können ganz anders reden als ich.« »Tu' mir den Gefallen und schweige von den Frauen aus meinem Stande,« rief Boris. »Ich bin ihrer überdrüssig! Sie langweilen mich, daß ich gähnen muß, wenn ich nur von ihnen reden höre. Wer mag schalen Wein trinken? Ein Trunk frischen Quellwassers ist dagegen eine wahre Gottesgabe. Du willst etwas sagen.« »Es tut mir leid, daß ich doch davon reden muß, von den Frauen aus deinem Stande nämlich. Mir ist, als müßte ich meine ganze Seele vor dir ausschütten wie ein Tuch voll Blumen. Ich habe so viele Jahre lang immer nur in mich hineingelebt, daß ich erst lernen muß zu sagen, was ich denke. Es ist eben doch nicht das Richtige zwischen dir und mir. Es ist gerade, als stünden wir beide an einem Strom, aber ich auf der einen, du auf der anderen Seite. Wir suchen nach einer Brücke, doch wir finden sie nicht. Was sollen wir anfangen? Ich fühle Todesangst in mir und dann wieder ein solches unbändiges Lebensglück! Am liebsten stürzte ich mich in den Strom hinein mit offenen Augen. Du wirst mich ja wohl nicht untergehen lassen.« »Ich bleibe dabei, du bist das merkwürdigste Geschöpf unter der Sonne,« meinte Boris nachdenklich. »Eine Romantikerin pur sang .« »Du sprichst wieder einmal, daß ich dich nicht verstehen kann,« erwiderte Wera traurig. »Bitte tue das nicht, ich fühle mich dann so hilflos. Was möchtest du anders an mir haben? Belehre mich; lehre mich, dich zu verstehen und deine Sprache zu sprechen. Daß ich einmal glauben konnte, durch dich schlecht zu werden! Was wäre ich ohne meine Liebe. Ich habe so lange nach Gott gesucht und ihn nicht finden können und nun ist mir, als ob ich ihn immer besessen hätte. Ich möchte immer nur knien und meine Liebe stammeln, wie ein Gebet; ich möchte sie hinströmen lassen, wie eine Blume ihren Duft. Mir ist, als ginge jede Stunde von neuem die Sonne auf. Du mußt mich nicht darum verachten, daß ich dir meine Seele so nackt und bloß zu Füßen lege.« »Sieh mich nicht so unheimlich ernsthaft an!« rief Boris aus. »Beim Himmel! Wera, ich liebe dich!« Und er zog sie in seine Arme. »Ich bin glücklich,« flüsterte sie, sich an ihn schmiegend. »Weißt du, was ich tun sollte? Ich sollte dich unter alle mitten in den Saal stellen und sie auffordern, dich zu betrachten. Dann sähen alle, was sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen haben: Tugend nämlich.« »Du wolltest ja wohl ein Volkslied von mir hören!« entgegnete sie, machte sich von ihm los und sprach ihm eines ihrer wehmütigen Lieder vor. So war Wera glücklich. Kein Schauder warnte sie mehr, sie war der Erde wie entrückt. Mit verklärtem Blick wandelte sie umher. Sie sah nicht, was um sie vorging, daß Anna Pawlowna und alle ihre Verzückung und deren Ursache bemerkten, daß sie von allen beobachtet ward, daß sie und Boris das Tagesgespräch bildeten, wie einst Anna Pawlowna und Sascha. Dieser wohnte wieder in Moskau, kam aber täglich zu Fuß nach Kunzewo, wo er nicht mehr bei Anna Pawlowna vorgelassen wurde. Stundenlang umschlich er das Haus oder beobachtete, im Gebüsch versteckt, die Prinzessin, zitternd, daß er gesehen und verjagt werden könnte. Eines Abends wagte er sich ins Haus und hinauf in Weras Kammer. Wera befand sich allein und im Begriff zu Bett zu gehen. Sie hatte ihr Haar aufgelöst und stand am Tische neben der brennenden Lampe, als jemand ohne vorher anzuklopfen die Tür öffnete und Sascha auf die Schwelle trat. Wera erkannte ihn zuerst nicht, hob die Lampe und leuchtete in sein Gesicht. »Sascha! Sascha!« Stumm standen sie sich dann gegenüber. Wie er sie ansah! Mit einem Blick, darin der Wahnsinn aufstieg. »Komm doch von der Tür fort,« sagte sie endlich. »Setze dich.« »Sei mir nicht böse.« »Wie du redest. Ich bin nur traurig, ach, Sascha, Sascha, todtraurig.« Er seufzte und ging mit schwankenden Schritten zu einem Stuhl, darauf er niedersank. »Es ist schlimm eingerichtet in der Welt,« sagte er langsam mit tonloser Stimme, »schlimm ist es, daß es Traurigkeit darin gibt. Selbst die Hunde haben traurige Augen und traurige Augen hat das russische Volk.« Wera trat zu ihm und faßte seine Hand. »Du bist krank, Sascha. Deine Hand ist eiskalt.« »Ich friere nicht. Im Grabe ist es freilich kalt, aber da fühlt man es nicht. Das ist nun wieder sehr gut eingerichtet.« »Sprich nicht so,« bat Wera mit Tränen im Auge. »Es ist schrecklich, dich so reden zu hören und nichts tun zu können. Komm, ich will mit dir nach Moskau zurück, zu unseren Freunden, zu Tania und Colja.« »Zu unseren Freunden? Ich habe keine Freunde. Die Menschen sind recht einsam auf der Welt.« Ihre Erschütterung bezwingend, erwiderte Wera »Was bildest du dir ein? Bin ich nicht deine Freundin?« In Saschas Brust begann es mächtig zu arbeiten. Plötzlich stöhnte er auf, warf sich vor Wera nieder, umfing sie, preßte seinen Kopf gegen ihren Leib und begann krampfhaft zu schluchzen. »Sascha! Sascha!« war alles, was Wera hervorzubringen vermochte. »Rufe mich nur an,« sagte Sascha und richtete sich etwas auf. »Rufe nur, du weckst mich doch nicht, Ich will auch nicht geweckt werden. Schlafen ist schön. Nacht! Nacht! Der Tag hat so grelles Licht. Das sticht in die Augen und das Herz klopft sich todmüde nach einem anderen Herzen. Schlafen, schlafen, ohne zu träumen, ohne je wieder zu erwachen. Müßte das guttun! Da könnte das Herz ausruhen. Die Erde ist eine solche liebevolle Mutter, die ihr Kind in ihren Schoß nimmt, es weich und fest zudeckt, daß keine Stimme es aufwecken kann. Ewig schlafen. Was das für ein schönes Wort ist.« »Dein Gesicht glüht!« rief Wera angstvoll, »du sprichst im Fieber, ich will nach einem Arzt schicken.« Er hielt sie zurück. »Bleibe! Geh nicht von mir! Nein, ich habe kein Fieber. Krank bin ich freilich und kann auch nicht wieder gesund werden. Aber wozu einen Arzt fragen? Verzeihe, daß ich dich erschreckt habe; es hatte sich mir auf das Herz gewälzt und mußte einmal heruntergerissen werden. Nun kann ich doch wieder atmen!« »Du kannst mir nicht sagen, was geschehen ist?« fragte Wera liebevoll. Er wich der Frage aus. »Was soll geschehen sein? Auf der Welt geschieht jeden Augenblick so viel Wunderliches. Mich überkam eine solche Angst. Ich mußte zu dir. Und als ich dich wiedersah, ward mir wohl, als wäre ich jahrelang fortgewesen und wieder nach Hause zurückgekehrt.« »Du mußt von jetzt an öfter zu mir kommen. Ich mache Tee, wir plaudern, von Eskowo und den guten, alten Zeiten. Du darfst mich nicht wieder so lange einsam lassen.« »Einsam? Du bist doch nicht einsam in diesem Hause? Übrigens darfst du nicht etwa denken, daß Anna Pawlowna – – Ich verehre sie hoch. Jeder muß sie verehren und bewundern. Sie ist eine herrliche Frau. Und wie sie das Volk liebt! Man kann ihr glauben, sie sagt nie eine Lüge. Wie? Du glaubst ihr nicht?« »Sei doch nicht so aufgeregt!« suchte Wera ihn zu beruhigen. »Ich glaube nichts Schlechtes von ihr; ich glaube das von niemandem und rede mir immer ein, daß alle gut seien.« »Das ist recht!« rief Sascha lebhaft. »Man muß sehr vorsichtig sein in der Beurteilung eines Menschen. Wie leicht kann man sich täuschen! Und einem Menschen seine Ehre nehmen, das ist so gut wie ein Mord. Denn die Ehre ist sein Bestes, sein Höchstes, das einzige Eigentum des Armen. Wenn ein Mensch seine Ehre verliert, sei es vor anderen oder vor sich selbst, so wird er elend, erbärmlich und verächtlich; vor anderen verächtlich und vor sich selbst – – Warum starrst du mich so an?« »Ach, Sascha,« rief Wera beklommen, »ich sehe dich gar nicht an; ich blicke ja zu Boden.« »Das ist auch nicht das Rechte,« tadelte er, immer verstörter in Blick und Ton. »Der Mensch muß frei aufsehen können, frei und stolz; sonst steht es schlimm um ihn. Verstehst du mich?« »Ja,« sagte Wera leise, »ich verstehe dich.« Sascha versank in Brüten, darin Wera ihn nicht zu stören wagte. Der Morgen graute bereits, als er endlich fortschlich. Dieser Vorgang mit ihrem alten Jugendfreunde legte sich wie Mehltau auf Weras junges Liebesglück. Sie bekam das Bild seiner zerrütteten Mannheit nicht aus ihrer Seele. Vergaß sie seiner auf kurze Zeit, so machte sie sich Vorwürfe, daß sie glücklich sein konnte, während er mit dem Wahnsinn rang. Übrigens sah sie ihn nicht mehr; er mußte nach Moskau zurückgekehrt sein und sich entschlossen haben, dort zu bleiben. Sie schrieb an Natalia, die sie bat, ihr Nachricht von ihm zu geben, ohne jedoch auf ihren Brief eine Antwort zu erhalten. Das Fest, an dem die lebenden Bilder gestellt werden sollten, stand bevor. Auch Wera wirkte mit. Als Boris sie darum anging, weigerte sie sich zuerst auf das entschiedenste; doch er wußte es ihr abzutrotzen, abzubetteln, abzuschmeicheln; sie würde die Schönste, die Allerschönste, er der Glücklichste, der Allerglücklichste sein! Diesem letzten Argument widerstand sie nicht. Boris hatte für sie die Darstellung einer Madonna aus der umbrischen Schule gewählt. Sie trug über einem stahlblauen Untergewand einen roten Mantel, ihr prachtvolles Haar umwallte sie wie ein goldener Schleier, auf ihrem schönen Haupt glänzte die Himmelskrone. Mit stillem Lächeln sah sie vor sich nieder auf einen Lilienzweig, den sie in beiden Händen hielt. Vor ihr kniete der Donator des Bildes mit seiner Familie. Den schönen Jüngling, welcher der heiligen Jungfrau zunächst kniete und wie in Verzückung zu ihr aufsah, wollte Boris selbst darstellen. Einen heftigen Kampf kostete es, bis eine von den Damen zu bewegen war, sich bei diesem Bilde zu beteiligen. Aber gerade das hatte sich Boris in den Kopf gesetzt; sie sollten vor Wera knien. Er setzte in der Tat seinen Willen durch; Anna Pawlowna selbst übernahm die Figur. Die erste Probe fand statt. Wera hatte sich in ihrer Kammer angekleidet, Boris ging zu ihr hinauf, um an ihr Kostüm die letzte Hand zu legen. Er brachte das Kleid in die rechten Falten, ordnete den Mantel und breitete ihr Haar um sie her. Nun sollte sie lächeln. Aber das ging nicht so leicht. Es paßte so wenig zu ihr, und selbst ihre Liebe hatte sie es nicht gelehrt. Sie sah aber so holdselig und lieblich, so marienhaft aus, daß Boris, obgleich hingerissen von ihrer Schönheit, keine Liebkosung wagte. Er führte sie hinunter in den Saal, wo die Vorstellung stattfinden sollte und wo die Bühne mit dem Rahmen bereits aufgeschlagen war. Weras Erscheinen erregte Sensation. Es dauerte einige Zeit, bis man begann, sich zu gruppieren. Die Herren, die zu ihren Füßen zu knien hatten, blickten mit wahrer Andacht zu der schönen Himmelskönigin empor. Aber auch Anna Pawlowna gewährte einen herrlichen Anblick. Sie war in einem purpurfarbenen Samtkostüm, das rote Haar hoch aufgesteckt, den Blick gerade vor sich hingerichtet. Der Abend kam, Wera kleidete sich an, mehr als jemals in einer seligen Dumpfheit befangen. Staunend sah sie an sich herunter: sie, Wera aus Eskowo, in solchem Gewande; aber es waren bereits so viele Wunder mit ihr vorgegangen und dieses eine veränderte nur ihr Äußeres. Es war ein schwüler, dunkler Abend. Ein Gewitter stand am Himmel, gleich einem riesigen, schwarzen Schatten, der regungslos über der Erde hing. Wera hatte das Gefühl, als ob die finsteren Wolkenmassen sich herabsenkten, als ob dann die ganze Welt zerquetscht werden müßte. Es litt sie nicht in ihrer Kammer, obgleich sie viel zu früh fertig geworden war. Die Gäste und Diener waren sämtlich im Hause, die einen mit ihrer Toilette, die anderen mit Vorbereitungen zum Fest beschäftigt. Im Park würde ihr sicher niemand begegnen, eine halbe Stunde in der Luft bei ihrer Beklemmung ihr gut tun. Sie mußte heute abend sehr ruhig sein; es wäre schrecklich, wenn sie sich rührte; die geringste Bewegung würde das ganze Bild zerstören. Sicher würde sie zittern. Du mußt ruhig werden, sagte sie zu sich selbst, du darfst nicht so aufgeregt sein. Sie faßte ihr Gewand zusammen, lauschte, ob niemand zu sehen und zu hören war, schlüpfte hinaus. Kein Hauch regte sich. Die Blumen atmeten einen betäubenden Wohlgeruch aus, die Luft war trocken und heiß. Wera ging die Wege, die in den Park hineinführten, erschreckend, wenn unter ihren Füßen der Kies knirschte; überall glaubte sie in dem Schatten der Gebüsche und Bäume Gestalten zu sehen. Da hörte sie lautes Reden. Die Sprechenden mußten sich auf ihrem Wege befinden und ihr entgegenkommen. Wera trat, um nicht gesehen zu werden, hinter ein Taxusgebüsch. Sie lauschte und glaubte die Stimmen zu erkennen. Es waren zwei Gäste Anna Pawlownas, junge Lebemänner, neben Boris die elegantesten Herren der Gesellschaft. Wider ihren Willen mußte Wera das Gespräch mitanhören. Sie gingen sehr langsam und sprachen sehr laut. »Diese Wera ist ein herrliches Geschöpf! Welche Augen! In der steckt Rasse! Boris hat wieder einmal ein rasendes Glück. Ich bin neugierig, wie lange er sie behält.« »Jedenfalls länger als eine andere.« »Pah!« »Wollen wir wetten?« »Wenn du Lust hast zu verlieren.« »Zu gewinnen.« »Wetten wir! Ich gebe der Sache, gut gerechnet, volle vier Wochen.« »Welcher Unsinn! Boris hat sie noch gar nicht.« »Wird sie bekommen. Oder glaubst du, daß er die Bilder zu unserem Vergnügen arrangiert? Heute hat er sie und nach vier Wochen kannst du sie dir nehmen.« »Es wäre schade.« Aber er lachte. Die Schritte entfernten sich, die Stimmen wurden undeutlich. Zuletzt war alles still – auch hinter dem Taxusgebüsch. Dann, nach einer langen Weile, trat Wera hervor, blieb stehen, besann sich, schritt wieder weiter, zurück dem Hause zu, langsam, langsam, als hätte sie Ketten an den Füßen. Sie hatte nicht nur alles verstanden, sie hatte auch alles begriffen; mehr begriffen, als ihr Verstand zu ertragen vermochte. Dennoch, obgleich sie vollkommen betäubt war, fühlte sie sich noch im Besitz aller ihrer Gedanken. Sie wußte sogar, was sie zu tun hatte. Es war etwas, das keinen Aufschub erlitt, nicht den geringsten Aufschub! Sie näherte sich dem Hause, das, glänzend erleuchtet, weit in die Nacht hinausstrahlte. Ein Mann ging dicht an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken. Sie aber erkannte ihn, blieb stehen und sah ihm nach. Sie wollte ihn eigentlich zurückrufen, unterließ es jedoch. Ganz allein mußte sie damit fertig werden. Er konnte ihr auch nicht helfen, so wenig wie sie ihm hatte helfen können. Halblaut sagte sie vor sich hin: »Sascha, ach, Sascha! Armer Sascha, lieber Sascha.« Dann stand sie vor dem Hause, hinter welchem die schwankende Gestalt verschwunden war. Fortwährend kamen Gäste an, Equipagen fuhren vor, Diener rissen die Wagenschläge auf, Herren und Damen stiegen aus, schritten über den Teppich, zwischen den aufgestellten Blattpflanzen ins Haus. Einige aber blieben stehen, blickten nach Wera hin, schienen zu verstummen, flüsterten zusammen. Wera merkte, daß man sie gesehen hatte, und fort, zurück in den Schatten des Parkes. An der Hinterseite, auf der Dienertreppe wollte sie in ihre Kammer, von ihrem Eigentum etwas zusammenraffen und dann fort! fort! fort! Warum waren jene wohl stehengeblieben? Warum hatten sie so staunend zu ihr hinübergeblickt? Was hatten sie zusammen über sie geflüstert? »Seht! Dort steht Wera Iwanowna, die Geliebte von Alexeiwitsch! Nach vier Wochen, gut gerechnet, kann ein anderer sie nehmen, er mag sie dann nicht mehr.« Freilich hatte einer der beiden im Park wenigstens gemeint: »Er hat sie noch nicht.« Aber der zweite erwiderte: »Er wird sie haben! Diese Nacht noch.« Und: Er wird dich haben – wird dich haben – wird dich haben, schrie es in Weras Seele. Ganz laut sagte sie hinzu: »Diese Nacht noch.« Jetzt hatte sie das Haus umschritten, jetzt konnte sie sich hinein stehlen, hinauf schleichen – gerade wie Sascha, wie der liebe Sascha, der arme Sascha. Und wieder murmelte sie vor sich hin: »Ach, Sascha, Sascha!« Eben wollte sie ihr Vorhaben ausführen, als auf der Treppe ein Diener ihr entgegenkam: »Da sind Sie ja! Man sucht Sie im ganzen Hause. Das erste Bild hat bereits angefangen und Sie stehen im dritten. So kommen Sie doch!« Ja so; die Bilder! Die Bilder hatte sie ganz vergessen. Und Boris Alexeiwitsch hatte doch eigens die Bilder arrangiert, um sie zu bekommen – diese Nacht noch! Schade, daß sie ihm den Spaß verderben würde. Gott im Himmel, sie ging immer noch als heilige Jungfrau gekleidet! Welche Gotteslästerung! Und sie mußte hinein, sie mußte den Kelch leeren; der Diener wich nicht von ihrer Seite. Allerdings hätte sie Boris Alexeiwitsch sagen lassen können, sie wäre plötzlich erkrankt. Es wäre aber gelogen gewesen, denn sie fühlte sich wohl, durchaus wohl, und sie wollte um dieses Menschen willen nicht lügen. In Gottes Namen denn! Dem Diener folgend, dachte sie: Nun, das wird schnell vorübergehen. Nur das Leben nicht, das dauert lange, so lange. Sie wandte sich, um sich in den Saal zu begeben, Boris kam ihr entgegen; eilig, aufgeregt. »Wo bist du? Was soll das heißen? In welche Verwirrung bringst du uns! Sollen wir deinetwegen die ganze Gesellschaft warten lassen? Schnell hinein! Du mußt den Mantel höher fassen. Hier sind die Lilien. Jetzt brauchst du die Blumen noch nicht anzusehen.« Sie schlug die Augen auf. »Mein Gott, was ist dir?« »Mir ist wohl.« Sie hatte erwartet, daß sie nicht würde reden können, daß ihr die Stimme versagen würde. Nun konnte sie nicht nur reden und das ganz ruhig, ganz gelassen; ihre Stimme klang sogar wie gewöhnlich. Seltsam! Sie sah ihn an. Er war in seinem Kostüm herrlich. Zum erstenmal fiel ihr auf, daß er ein schöner Mann sei. Daran hatte sie noch niemals gedacht; sie mußte es diesen Augenblick denken, sich wundernd, daß sie es denken konnte. Boris ging mit ihr dem Saale zu. Sie kamen durch das Gewächshaus, das matt erleuchtet und ganz einsam war. Er riß sie an sich. »Küsse mich!« Und sie küßte ihn zum erstenmal. »Wera! Wera!« Aber sie löste sich von ihm, ging von ihm fort und trat in den Saal, wo sich in einem abgeschlossenen Raum die Mitwirkenden versammelten. Wera sah nicht auf. Auch jetzt flüsterte man, als sie hereinkam. Es war erstickend heiß, die Kerzen flimmerten, ein Summen gedämpfter Stimmen drang herüber; dann begann die Musik, dann ging vor dem zweiten Bilde der Vorhang auf. Rauschender Applaus. Das Bild, darin Wera stand, war von Boris, weil man sie nirgends finden konnte, verschoben worden; es sollte das letzte sein. So hatte sie denn Zeit. Boris befand sich auf der Bühne, aber andere Herren näherten sich ihr und machten ihr Komplimente über ihre Schönheit. Wera hörte alles mit an, ohne eine Miene zu verziehen. Dann und wann erwiderte sie etwas, irgendein gleichgültiges Wort. Auf einmal sah sie sich mit Anna Pawlowna allein. Diese trat auf sie zu, blickte ihr starr in die Augen und murmelte: »Du liebst ihn?« Wera schwieg. »Antworte!« »Ich liebe ihn.« »Aber er liebt dich nicht.« »Das weiß ich.« Die Prinzessin starrte sie an, als ob sie eine Wahnsinnige vor sich hätte. »Woher weißt du das?« »Ich weiß es.« »Und das sagst du so ruhig?« »Warum nicht? Übrigens, was geht es Sie an?« »Was es mich angeht?« »Da Sie doch die Geliebte Saschas sind – –« Anna Pawlowna wurde totenblaß, ihr schönes Gesicht verzerrte sich, sie ballte ihre Hand und erhob sie. »Schlagen Sie nur zu,« sagte Wera kalt, ohne zurückzutreten. Mit einem Laut, wie das Zischen einer Schlange, ließ Anna Pawlowna den Arm sinken. »Wera Iwanowna, Ihr Bild kommt an die Reihe, Gehen Sie, bitte, auf die Bühne.« Wera ging auf die Bühne, stellte sich hin, neigte den Kopf und sah auf den Lilienstengel. »Wera Iwanowna, Sie müssen lächeln,« rief Boris ihr zu. »Lächeln Sie.« Und Wera lächelte. Dann fühlte sie, daß er an ihrer Seite niederkniete und zu ihr emporsah; mit einem Ausdruck, einem Blick voller Anbetung, Verzückung, Seligkeit – – Jemand rief: »Bewegt euch nicht, es fängt an!« Die Musik begann, der Vorhang ging in die Höhe. Wera regte sich nicht und lächelte. – – Der Vorhang schlug rauschend zusammen und ging dann wieder auf, vier-, fünfmal. Das Publikum konnte sich nicht satt sehen. Die Gestalten lösten sich; Wera fühlte sich festgehalten, hörte flüstern: »Meine Heilige!« Sie zuckte zusammen wie von einer Natter gestochen. Boris trat von ihr weg, zu Anna Pawlowna, der er die Hand küßte. »Sie waren wunderbar.« Sechzehntes Kapitel Wera ging auf ihr Zimmer und machte Licht. Sie stand dem Spiegel gegenüber und sah ihr blasses, wunderschönes Gesicht. Voller Erstaunen blickte sie es an, als sähe sie es zum erstenmal; um dieses Gesichtes willen so viel Trug und Lug, so viel Herzleid und Jammer! Alles nur, weil sie schön war! Wäre sie häßlich gewesen, so würde nichts von allem geschehen sein. Nur um ihres schönen Gesichtes willen hatte er seine ruchlosen Hände nach ihr ausgestreckt; denn von ihrer Seele hatte er nichts gewußt, wo sie doch nur seine Seele geliebt hatte, diese unlautere, unheilige, häßliche Seele. Wie Strähne gesponnenen Goldes glänzte ihr im Glase ihr Haar entgegen und plötzlich schämte sie sich, auf ihrem armen Haupte solchen Reichtum zu tragen. Wenigstens das konnte sie sich abreißen! Sie nahm eine Schere und schnitt die prachtvollen Flechten ab, daß nichts davon übrigblieb. Gern wäre sie mit allem so verfahren, was er an ihr schön gefunden und geliebt hatte; aber sie wagte nicht, Hand an ihre gottgeschaffene Gestalt zu legen. Dann entkleidete sie sich und zog ihr altes Bauerngewand an. Jedes Stück des fremden Schmuckes ordnete sie sorgsam auf dem Tische; ihr Haar ließ sie am Boden liegen. Er wurde gewiß bald kommen, um sie zu nehmen, um sich für alle seine Mühe den Lohn zu holen endlich! Sie raffte sich auf, löschte das Licht, entriegelte die Tür und schlich hinaus. Einen Augenblick blieb sie auf der Schwelle stehen. Hier hatte sie die glückseligsten Stunden ihres armseligen Lebens verträumt. – – Was war das? Wer seufzte so kläglich? Sie war es selbst. Sie machte die Tür hinter sich zu und verließ das Haus. Der Saal, in welchem sich noch immer die Gesellschaft befand, lag im Erdgeschoß; sie mußte daran vorüber. An einem der Fenster stand ein Mann und spähte in den Saal hinein. Natürlich war es Sascha. Seine Augen suchten unter den vielen glänzenden Gestalten nach Anna Pawlowna. Dort leuchtete ihr rotes Haar. Sie trug noch ihr Kostüm; schimmernd tauchte aus dem düstern Purpur ihr Nacken auf. Sie sprach mit Boris Alexeiwitsch, heimlich, vertraulich, wie es schien leidenschaftlich erregt. Durch Saschas verstörten Sinn schoß ein toller Gedanke. Was hatte sie damals zu ihm gesagt? Damals! Sie wollte mit ihm, dem Bauernsohn, mitten unter jene treten, daß alle wüßten, wie stolz sie sei auf seine Liebe. Diesen Triumph sollte sie haben. Und er wandte sich dem Eingange zu. Wera war stehengeblieben. War das nicht Sascha gewesen? Erst als sie schon bei ihm vorüber war, fiel es ihr ein. Was tat er so spät noch an dem Fenster? Auch mit ihm war es ja längst vorbei. Warum ließ er seinen Geist immer noch so gespenstisch umgehen? Sie wollte ihm zurufen, zu ihr zu kommen, sie wäre nun wie er. Aber da sah sie ihn in das Haus treten und sie ging weiter; sie konnte nicht warten, bis er seinen Verstand wiedergefunden. Es wäre leicht möglich gewesen, daß sie unterdessen den ihren verlor. Das Leben würde sie wohl noch einmal zusammenbringen. So setzte sie denn ihren Weg fort in die Nacht hinein. Immer noch war es schweigsam in den Lüften, immer noch stand regungslos das Gewitter am Himmel. Wera ward das Atmen schwer. Die Natur schien entgeistert zu sein, ihr Leben in den letzten Zügen zu liegen. Es war barmherzig von Gott, daß er seiner Schöpfung auch einmal Ruhe gönnte; sie mußte ja todmüde sein von all dem Jammer, den sie auf sich zu tragen hatte. Ja, nun war alles vorüber, alles von ihr abgefallen; alles Glück, aber auch alle Schwäche. Sie war im Paradiese gewesen, das erste Weib zusammen mit der schönen, schimmernden Schlange. Diese hatte mit dem glänzenden Apfel gelockt und gelockt, bis Wera danach die Hand ausgestreckt, bis sie davon genossen, worauf auch ihr die Erkenntnis geworden, eine Erkenntnis, die sie mit feurigem Schwert aus dem Paradiese vertrieb. Und sie erkannte, daß ihr recht geschehen; ihr Platz auf der Welt war eine Scholle, die das russische Volk mit seinen Tränen genäßt, mit seinem Blute gedüngt, mit seinen Leiden bepflanzt; sie aber hatte sich ein Elysium begehrt. Zur Scholle zurück kehrte sie wieder mit einer vom Schwert des Engels zu Tode verwundeten Seele. Auf dieser Scholle wollte Wera bleiben, sie mit ihren Tränen netzen, mit ihrem Herzblut düngen, mit ihren Leiden besäen, so lange, bis sie unter der Scholle zu ruhen kam. Wie wohl mußte es dem unsterblichen Menschen sein, wenn er zu Staub geworden! Wera wanderte die Straße, die nach Moskau führte, wurde aber bald so müde, daß die Knie unter ihr zusammenzubrechen drohten. Sie setzte sich an der Straße hin, unter eine Birke, die ihre Zweige tief herabhängen ließ, wie in Mitleid mit der Verlassenen. Nicht lange und es begann über ihr zu säuseln und zu sausen; schwache Blitze zuckten durch das schwarze Gewölk und nach einer Weile rollten dumpfe Donnerschläge. Wera vermochte freier zu atmen. Da sah sie auf der Landstraße eine dunkle Gestalt heranwanken, hörte Stöhnen und lautes Sprechen. Jetzt lachte der Mann auf. »Sascha!« Er blieb stehen und starrte nach der Richtung, von wo der Ruf gekommen, sah indessen niemand und erkannte auch die Stimme nicht; und sie klang doch so voller Liebe, so voller Erbarmen. Horch! und jetzt wieder. »Sascha! Mein armer, lieber Sascha, mein guter, alter Freund! Ich bin's: Wera, deine Spielgefährtin, deine Schwester. Komm zu mir.« Sie stand auf, damit er sie sähe; aber er regte sich nicht. Da ging sie zu ihm, faßte seine Hand und führte ihn mit sich fort. »Nun sage mir, was wieder geschehen ist.« »Wieder geschehen – – « »Warum bist du auf der Landstraße? Haben sie dich auch hinausgejagt?« »Ja, hinausgejagt wie einen Hund.« Und er lachte wieder. Dann fragte er: »Was hast du dich in der Nacht auf der Landstraße herumzutreiben? Weißt du nicht, daß sich das gar nicht schickt? Bist du ihn jetzt schon überdrüssig geworden?« »Ich werde dir alles sagen, aber zuerst will ich von dir hören. Ich bin jetzt für dich verantwortlich,« erwiderte Wera in ihrer klaren, festen Weise. »Was tatest du im Hause Anna Pawlownas? Ich war vorher selbst nicht recht bei Besinnung, sonst wäre ich dir gefolgt und hätte dich zurückgehalten; denn ich sah dich hineingehen. Was wolltest du bei ihr?« »Sie küssen,« murmelte Sascha. »Vor aller Augen küssen! Sie wollte es damals tun, damals, weißt du? Damals war sie stolz darauf, mich zu lieben. Sie eine Prinzessin! Sie wollte es der ganzen Welt zeigen, die ganze Welt sollte darüber in Erstaunen geraten, was mit der Gottheit geschehen war, zu wem sie sich hinabgeneigt hatte. Deshalb ging ich heute zu ihr in den Saal, wo sie mit Boris Alexeiwitsch stand und flüsterte und Augen machte und –« »Mit Boris Alexeiwitsch?« »Ich glaube, es war Boris Alexeiwitsch. Warum sollte er es nicht gewesen sein?« »Freilich, warum sollte er es nicht gewesen sein?« »Er oder ein anderer.« »Es ist gleich – – Du gingst hinein?« »Ging hinein.« »O Sascha, Sascha!« »Ging hinein; gerade auf sie zu. Sie sah mich kommen, sah meine Augen und – –« »Was tat sie?« »Nichts; was hätte sie tun sollen? Sie wandte sich mit Abscheu von mir ab; mit Abscheu! – mit Abscheu! – mit Abscheu! – –« Er sagte das Wort wohl zehnmal vor sich hin, bis ihm die Stimme versagte. Wera umklammerte seine Hand, als ob sie sie zerbrechen wollte. Nach einer langen Pause fragte sie ihn leise: »Und dann?« »Nun und dann – – Dann ließ Boris Alexeiwitsch mich von den Dienern hinauswerfen.« »O!« »Ja, so war's – – Ließ Boris Alexeiwitsch mich von den Dienern hinauswerfen. Ich wehrte mich. Aber sie gaben mir einen Schlag auf den Kopf und warfen mich hinaus.« »Und Anna Pawlowna?« »Stand dabei und sah zu.« »Nein! Nein!« »Und sah zu!« schrie der Unglückliche auf. Sie gingen weiter; bald darauf brach das Gewitter aus. Bei jedem Blitz blickten sie sich in ihre blassen, entstellten Gesichter. Wie in Flammen stehend, tauchten ihre schwankenden Gestalten aus der Finsternis auf, um sogleich wieder darin zu versinken. Lange Zeit sprachen beide kein Wort, sahen sich an, wenn es blitzte und hörten auf den Donner, welcher knatterte und krachte, als ob der Himmel, von den Blitzen zerspalten, niederschmettern müßte. Als das Gewitter vorüber war, ohne daß es zum Regen gekommen, begann Wera: »Wieder erinnere ich dich an die Winternacht, wo wir beide auch Hand in Hand die Landstraße hingingen. Als wir nach Eskowo kamen, läuteten die Osterglocken und wir nannten uns ›die Auferstandenen‹. Jetzt ist es Sommer und keine Glocken läuten und es wäre schön, wenn man von uns beiden, die wir auch jetzt noch die ›Auferstandenen‹ heißen, wie von Gestorbenen reden würde. Aber Sascha, Sascha, ich sage dir, durch den Tod, den jetzt unsere Seelen erleiden, werden wir bald unsere Auferstehung finden.« Sie sprach zu ihm in der feierlichen Weise, die ihn in jener Osternacht so tief ergriffen hatte. Heute ward ihm wunderbar ruhig dabei. »Ja, rede zu mir,« sagte er leise. »Damals faßten wir uns bei der Hand, um uns bald wieder loszulassen. Das war meine traurigste Zeit, wo du mir nicht die Hand geben wolltest; denn da war ich am schlechtesten und unwürdigsten. Nun du sie wieder gefaßt hast, wirst du sie immer halten.« »Immer.« »Das weiß ich. Ich sagte dir damals gleich: Du bist stark! Siehst du nun, daß ich recht hatte; denn du bist immer noch stark, wo ich ganz gebrochen bin. Wenn du deine Hand von mir abziehst, sinke ich zu Boden und kann zertreten werden von jedem, der des Weges kommt.« »Gewiß nicht, denn du stehst auf, du erhebst dich, hoch, hoch.« »Wodurch kann ich das?« »Durch die Arbeit!« »Du meinst, durch die Arbeit für das Volk?« »Das meine ich.« »Ach, Wera, wir können nichts tun.« »Jetzt werden wir etwas tun.« »Jetzt freilich.« Wera drückte seine Hand und sagte: »Ich weiß, was du denkst. Es ist allerdings schlimm, daß wir erst jetzt etwas tun werden, erst jetzt, nachdem wir das erfahren haben, nachdem wir dadurch für unsere Arbeit vorbereitet worden sind. Aber vielleicht mußten wir es erst erfahren, vielleicht mußten wir erst vorbereitet werden, schwach wie wir beide waren. Ach Sascha, es ist furchtbar, daß unsere Tatkraft nicht aus unserer Liebe zum Volke kommen konnte, sondern aus unserem Haß hervorgehen mußte. Es ist nicht das Rechte, und wir wollen bitten, daß es nicht an uns gerächt werde.« »Das wäre mir gleich. Wladimir Wassilitsch wird sich freuen.« »Das wird er. Er hat bei uns erreicht, was er bezweckte.« »Du wirst alles tun, was er dir aufträgt?« »Alles.« Sie schwiegen und sprachen auch nichts mehr bis sie in Moskau ankamen. Eben graute der Tag. Sascha brachte Wera zum Palast der Prinzessin. Wera wollte mit Natalia Arkadiewna reden und sich dann sogleich zu Tania begeben, die Sascha unterdessen von ihrer Ankunft benachrichtigen sollte. Das Haus war noch geschlossen. Sie mußten warten, bis es vollends Tag geworden und der Wortschick erwacht war. Da Wera bemerkte, daß der Anblick des Hauses Sascha von neuem in die höchste Auflegung versetzte, schickte sie ihn fort, in die Vorstadt. Noch eine Stunde mußte sie warten, bis sie zu Natalia Arkadiewna gelangen konnte. Natalia Arkadiewna zeigte nicht die geringste Überraschung, Wera so unerwartet und so früh am Morgen zu sehen. Sie lag zu Bette und schien schwer zu leiden. Wera setzte sich zu ihr, beugte sich auf das Gesicht der Kranken hinab und sagte ihr alles, was vorgefallen. »Du bist dir selbst treu geblieben,« erwiderte Natalia, ohne zu versuchen, Wera zu trösten. Sie wollte aufstehen, war aber so schwach, daß sie wieder zurücksank. »Ruhe dich, schone dich!« bat Wera. »Ich darf nicht. Vom Exekutivkomitee ist mir ein Auftrag erteilt worden. Ich muß ihn ausführen.« »Was ist es?« »In Dawidkowo eine Bauernrevolte anzuzetteln.« »Mußt du gehorchen?« »Ich will gehorchen.« »Laß mich statt deiner gehen.« »Gregor Michailitsch liebt dich zwar; aber gehe nur statt meiner. Es mag die Buße für deine Liebe zu Boris Alexeiwitsch sein.« Siebzehntes Kapitel Dawidkowo lag in aller Pracht des Sommers da. Mit breiten Wipfeln beschatteten die Linden das Häuschen und die Sonnenstrahlen hatten Mühe, durch das dichte Laub zu dringen. Wie die Vögel mußten sie von Zweig zu Zweig hüpfen, bis sie endlich, an den braunen Stämmen niederfunkelnd, über den Boden schlüpfen konnten, um sodann die Efeuwände des Häuschens emporzuklettern. Auf den Blättern wiegten sich die Strahlen, und wenn ein Lufthauch die Äste bewegte, so gab es ein Schimmern und Flimmern, als würden über das Häuschen Gold und Smaragden geschüttet. In dem Efeu, in den Fliedersträuchern und Goldregenbüschen nisteten die Vögel, die im Frühling gesungen. Sie hatten um das Häuschen eine vollständige Kolonie angelegt, hielten Dawidkowo besetzt, hatten es gewissermaßen okkupiert und waren in dem Bewußtsein ihrer Sicherheit ganz frech geworden; denn sie fanden es kaum der Mühe wert, ihre Nester zwischen Geäst und Blattwerk zu verbergen. Gegen Morgengrauen gab es jeden Tag ein Wispern und Zwitschern, daß das Mütterchen regelmäßig davon erwachte und kein Auge mehr zutun konnte. Ja, traulich schön und friedlich war es rings um das Häuschen; aber drinnen stand es schlimm. In dem kleinen bunten Stübchen war zwar nichts anders geworden: kein Stäubchen lag auf den vielen hübschen Sachen und Sächelchen, keine Decke, kein Teppich zog eine Falte, kein Gegenstand war verrückt, die Fensterscheiben blinkten und blitzten und die Dielen waren so weiß, wie Dielen nur sein konnten. Im Bauer pfiff der Stieglitz gerade so lustig wie sonst; gerade wie sonst zischte und dampfte morgens, mittags und abends der Samowar; gerade wie sonst seufzte das Mütterchen den hellen Tag über und gerade wie sonst brummte und murrte Dame Anuschka im Hause umher. Und doch war alles anders, ganz anders. Wie war das so geworden, so jammervoll traurig? Das Mütterchen dachte darüber nach, immerfort, immerfort. Sie tat gar nichts anderes mehr, als daß sie darüber nachdachte. Wenn sie ihre Blumen begoß, ihr Gemüse pflegte, nach ihren Pfirsichen, Äpfeln und Birnen sah – immer, immer dachte sie daran. Sie machte ihre berühmten Honigfrüchte ein, ihre unübertrefflichen Gurken, ihren herrlichen Ingwer, ihre wundervollen Melonen und immer, immer dachte sie daran! Sie dachte daran, wenn sie ihrem »armen« Grischa bei Tisch gegenüber sah, in dessen verändertes Gesicht spähend und von diesem und jenem zu ihm sprechend, was er gar nicht zu hören schien. Sie dachte daran, wenn sie betete oder in ihrem Andachtsbuche las, oder Sonntags in der Kirche war. Und sie dachte daran die ganzen langen, endlosen Nachte hindurch, wo sie wachend in ihrem Bette saß und hinüberblickte zum Muttergottesbild, vor dem das Lämpchen brannte; sie dachte: Wodurch ist mein Grischa, mein lieber, guter Sohn, wohl so ganz anders geworden? So jammervoll traurig! Mit Natalia Arkadiewnas »Bekehrung«, die diese mit Grischa vorgenommen, fing es an. Allmählich hatte seine strahlende Laune, sein Frohsinn und überschäumender Lebensmut ihn verlassen; ganz allmählich. Doch behielt er noch lange Zeit sein prächtiges, dröhnendes Lachen, seine glänzenden Augen und sein behagliches Wesen. Er gab seinen Bauern Land und Pferde und Getreide; und hätte ihnen gern noch mehr gegeben; denn sie befanden sich in ihrem Rechte, ganz in ihrem Rechte! Sie hatten seit Jahrhunderten Unrecht gelitten, waren unterdrückt, immer unterdrückt worden. Dann brachte Natalia Arkadiewna ihre Freundin mit und Grischas hübsches Gesicht ward ganz rot vor Vergnügen über den Besuch, und nie hatte sein Mütterchen ihn so lachen hören, nie seine Augen so leuchten sehen! Es war aber auch ein Prachtmädchen! Von solchem, gerade solchem Mädchen hatte das Mütterchen für ihren Grischa geträumt, seitdem aus dem kleinen prächtigen Grischa ein großer prächtiger Grischa geworden. Und als sie damals am Abend in ihre Kammer ging, wußte sie nichts Besseres und Frommeres zu tun, als die uralte Familientruhe aufzuschließen und den uralten Familienschmuck hervorzukramen; alle die schweren goldenen, mit Perlen und Türkisen besetzten Spangen und Ketten, welche von alters her die Mutter der Braut des Ältesten am Hochzeitstage umgehangen. Wie schön die Braut des Grischa darin aussehen würde, wie das Weib ihres Grischa ihren Sohn glücklich machen würde! Auch in jener Nacht konnte das Mütterchen kein Auge schließen, denn es hatte so viel zu tun. Es mußte anordnen und das Hochzeitsmahl bestimmen; alle die vielen, vielen Gerichte! Und bei jedem Gerichte fand Anuschka etwas zu tadeln. Aber das Mütterchen ließ nicht nach, obgleich sie über ihre Kühnheit in großen Schrecken geriet und setzte schließlich alles durch, was und wie sie es haben wollte. Nur im Geiste natürlich! Sie braute im Geiste den herrlichsten Kwas, kochte den wundersamsten Tschi, dämpfte Schnepfen, briet Truthühner und Gänse und Enten, buk Fleischpiroggen und Fischpiroggen und Pasteten und Fruchttörtchen und Ingwerkuchen. Es war eine Lust! Und wie es dem Bräutigam schmeckte! Aber Anuschka brummte und brummte. Jedoch das Mütterchen kümmerte sich nicht darum; nicht im geringsten! Vor Entsetzen über ihre Untat erwachte das Mütterchen ... Das waren damals gute Zeiten gewesen! Damals schmeckte es Grischa auch noch. Freilich nicht lange mehr; dann kam es so – nun ebenso jammervoll, traurig! Und Anuschka brummte und brummte. Aber das Mütterchen, obgleich es wachte und sich seines Frevels vollständig bewußt war, ließ Anuschka brummen; denn Grischa war krank und ward mit jedem Tag kränker. Das Prachtmädchen war fort und das Prachtmädchen kam nicht wieder! Solche Dummheit! Warum kam sie nicht wieder? Was kümmerte es das Mütterchen, ob der Vater des Prachtmädchens Iwan oder Stephan oder Peter hieß, wenn sie dabei doch solches Prachtmädchen war und ihr Sohn Grischa sich zu Tode härmte? Sie sollte wiederkommen! Was machte sie in der großen Stadt unter den vielen, vielen Menschen, wo es so unchristlich zuging? Als ob sie nicht wüßte, wie es mit Grischa stand, und als ob es in der Welt einen zweiten Grischa gäbe und ein zweites Dawidkowo? Was wollte sie eigentlich? Wo fand sie solche Linden, solche Blumen, solche Gurken, solche Melonen und – einen solchen Grischa! Aber sie kam und kam nicht wieder und mit Grischa ward es schlechter und schlechter. Vor den Augen seines Mütterchens verfiel er in Schwermut, magerte er ab, ward er traurig und bleich – ihr Grischa mager, traurig und bleich! Er verlor allen Appetit und gewiß auch allen Schlaf; selbst der Tee schmeckte ihm nicht mehr. Und das Mütterchen verlor alle Lust am Leben und verbarg den Brautschmuck in den tiefsten Grund der Truhe. Die Braut kam nicht! Aber was für eine Welt es war! Dem Mütterchen stand der alte Kopf still. Ungeheure Sachen gingen vor, Sachen, die kein Mensch begreifen konnte. Von allen Seiten liefen Unheilsnachrichten ein, aus der ganzen Umgegend kamen Gerüchte von Aufständen und Tumulten, versetzten die verständige Anuschka in Wut und das gute Mütterchen in Todesangst. Grischas Bauern verlangten von dem Besitz ihres Herrn auch noch das zweite Drittel und stießen heftige Drohungen gegen ihn aus. Denn ihr Herr wollte nichts hergeben, nicht einen Fuß breit! Sein Mütterchen kam in ihrer Herzensangst zu ihm gelaufen, weinte, bat und beschwor ihn: »Gib es ihnen! Es bleibt immer noch genug für uns. Besser weniger Land und längeres Leben. Ein Weib nimmst du ja doch nicht mehr. Grischa, mein Sohn, gib es ihnen!« Aber, obgleich er »nun ja doch nicht mehr« ein Weib nahm, wollte er den aufständischen Bauern nichts mehr geben. Was hätte sie davon denken müssen, sie, die nicht wiederkam? Er hatte es ihr versprochen. Dem Versprechen, welches er ihr gegeben, treu zu bleiben, war noch sein einziger Trost. Jeden Tag ging er denselben Weg, den er an jenem Morgen – dem einzigen Maimorgen seines Lebens – mit ihr gegangen war; durch den Lindenwald, darin die Veilchen längst verblüht waren, nach dem Gemüsegarten und den Obstspalieren. Mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete er jedes Obstbäumchen, vor dem er mit Wera gestanden hatte, höchlichst unzufrieden, wenn die Frucht nicht seinen Erwartungen entsprach, und glücklich, wenn sie schwoll und reifte. Jedesmal, wenn er den Gärtnerburschen sah, rief er ihn zu sich und beschenkte ihn, hatte doch der Knabe Weras Blumen genommen und nach Hause getragen. Aus dem Garten begab er sich auf den Hof, ging, in tiefes Sinnen verloren, durch die verödeten Ställe, sah mit Besorgnis überall die Unordnung, die Verwilderung und den Verfall, überlegte, wie er den schmählichen Zuständen abhelfen würde – sobald sie erst da wäre! (Sie mußte ja jeden Tag wiederkommen!) Geduldig hörte er die Klagen des frechen Gesindes, die unverschämten Forderungen der rebellischen Bauern, sowohl bei ihrem Murren wie bei ihren Drohungen seine Ruhe bewahrend, immer denkend: Wenn sie erst da ist, wird das alles anders werden. Und sie konnte ja schon morgen wiederkommen! Er ging hinaus auf das Feld, aber in den Lüften war es stumm. Er blieb oft stehen, lauschte und wunderte sich, daß es so still war. Das Getreide stand hoch aufgeschossen, goldgelb, mit schweren Ähren. Grischa betrachtete es mit den Blicken des Landmanns, aber es gehörte seinen Bauern: Wo die Frucht schön stand, gehörte das Feld stets seinen Bauern und wo sie kümmerlich ober gar nicht wuchs, war es sein Eigentum. An seinem Eigentum ging er vorüber, ohne einen Blick darauf zu werfen. So kam er an den Acker, wo damals der Bauer die Pferde halb zu Tode geprügelt; seine Pferde! Jedesmal blieb er stehen und blickte auf den Fleck, wo Wera gestanden. Wie schön hatte sie ausgesehen in ihrem Zorn! Hier war es auch gewesen, wo sie ihm das Versprechen abnahm. Er ging weiter und weiter, bis zu dem Birkenwald, den er ihr damals aus der Ferne gezeigt hatte, Es war schön dort! Der Sumpf mit seinen hohen Binsen, dem schwankenden Röhricht und der regungslosen Flut, darin sich der blaue Himmel spiegelte und die Wipfel der Bäume. Jedesmal ärgerte er sich, daß er ihr diesen Teil seines Besitzes nicht gezeigt hatte und freute sich darauf, ihr denselben zu zeigen, vielleicht morgen schon! Am Rande des Sumpfes, unter einer Birke liegend, sann er nach, sann und sann. Spät abends erst begab er sich nach Hause. Wenn sie ihm jetzt entgegengegangen käme. Er atmete schwer, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herzschlag schien zu stocken. Wenn er jetzt im Lindenwald plötzlich ihre hohe, schlanke Gestalt sehen, plötzlich ihre ernste, klangvolle Stimme hören würde. Was sollte er dann wohl tun? Sie an seine Brust reißen, in seine Arme nehmen, sie auf seinen Armen in sein Haus, zu seinem Mütterchen tragen. Aber sie kam nicht. Je mehr er sich dem Hause näherte, desto mehr beschleunigte er seine Schritte. Zuletzt lief er fast; sie konnte ja bereits angekommen sein und ihn überraschen wollen. Trat er dann ins Haus, so sah er sich nach allen Seiten um, spähte hinter die Schränke, in die Ecken. Aber sie stand nirgends verborgen! Trat er ins Zimmer, so suchten seine Blicke die Augen seines Mütterchens; die würden ihm ihre Gegenwart sicher sogleich verraten! Sie verrieten auch jedesmal etwas: Sorge, Angst, tiefsten Kummer. Dann wandte er sich traurig ab. Recht zum Überfluß schielte er noch hinüber nach dem Tisch, ob dort vielleicht für vier Personen gedeckt wäre? Aber er sah stets nicht mehr als drei Teller. Wenn sein Mütterchen doch nur ein einziges Mal sein altes, herzliches, dröhnendes Lachen wieder gehört hätte! Sie würde für dieses Lachen ihres Sohnes mit tausend Freuden den Rest ihres alten Lebens hingegeben haben. Dieser Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr. Sie sann sich etwas für sie Unerhörtes aus und ging daran, es auch durchzuführen. Sie mußte es heimlich, ganz heimlich anfangen; nicht einmal Anuschka durfte darum wissen – um Gottes willen nicht Anuschka! Aber Mischka zog sie in ihr Vertrauen. Zwar war Mischka ein rechter Nichtsnutz, war seinem guten Herrn entgegen und hielt es mit den aufrührerischen Bauern. Aberdas Mütterchen wußte sich in Gottes Namen keinen anderen Rat. Sie schenkte dem Taugenichts von Mischka einen großen Krug voll Kwas, eine große Schüssel voller Tschi mit Grütze – solchen wie Anuschka für Grischa kochte – und sonst noch allerlei Gutes und Nützliches – natürlich alles ganz heimlich! Damit nicht genug, traf sie noch andere geheimnisvollen schwierigen Vorbereitungen, alles unter fortwährendem, halblauten Beten, Seufzen, Ächzen. Auch schloß sie sich in ihr Schlafzimmer ein, packte und kramte, und das mehrere Nächte hintereinander. Darauf lockte sie Mischka zu sich, machte ihm die schönsten Versprechungen und beredete die Sache mit ihm in höchster Heimlichkeit, unter fortwährender Todesangst vor Anuschka. Wenn sie dahinter käme, was für große, zornige Augen würde sie dann dem armen Mütterchen machen! Gewiß wußte sie bereits alles und wartete nur den rechten Augenblick ab, um mit ihrer Entdeckung hervorzubrechen. Den letzten Tag vor der Ausführung des großen Planes schlich daher das Mütterchen wie eine arme Sünderin umher; fast hätte sie noch im letzten Augenblick allen Mut verloren. Aber gerade diesen Abend hatte Grischa einen so hoffnungslos traurigen Blick, war so bleich und stumm, daß das Mütterchen kaum erwarten konnte, ihren Entschluß auszuführen. Gelang ihr derselbe, so würde sie ihren Sohn wieder lachen hören, so kräftig, so herzlich! Am andern Morgen, lange vor Sonnenaufgang, stand die Kibitla hinter dem Lindenwald fertig und bereit. Das Mütterchen, den Kopf vierfach mit Tüchern umwickelt, in alle ihre Mäntel gehüllt, schlüpfte aus einer Seitentür des Hauses, schlich durch den Wald, ließ sich von dem ganz gleichmütig lächelnden Mischka in das Gefährt heben, empfahl ihre Seele dem Herrn, und fort ging es, auf der Moskauer Landstraße der schrecklich weiten und schrecklich großen Stadt Moskau zu. Schon bei dem Gedanken an diesen ungeheuren Sündenpfuhl war die gute Frau mehr tot als lebendig; und nun wollte sie sich gar mitten hinein begeben, um darin die eine, einzige zu finden, die ihrem Grischa sein Lachen zurückgeben konnte. Mischka pfiff und sang, schmeichelte seinen Pferdchen, knallte mit seiner Peitsche, mit einem Wort: Mischka tat, als ob nicht das mindeste vor sich ginge. Von Zeit zu Zeit drehte er sich ganz gemächlich nach dem Mütterchen um, grinste dieses an und schielte dabei auf den mächtigen Kober voller Proviant, den das Mütterchen, um wenigstens dem furchtbaren Hungertode zu entgehen, in tausend Ängsten vor Anuschka heimlich gepackt und heimlich auf den Wagen hatte schaffen lassen. Unterdessen stellte das Mütterchen sich vor, wie sie zu Hause aufwachten, wie Anuschka nach ihr suchte, nirgends sie fand und nun Alarm schlug. Dann würde man auch die Abwesenheit Mischkas, der Pferde und der Kibitka entdecken. Wie, wenn Anuschka ihnen nachsetzte, sie einfing und zurückbrachte?! Das Mütterchen nahm sich vor, ein Zetergeschrei anzuheben, dann würde man sie wohl in Frieden weiterziehen lassen. Sie waren noch keine fünf Werst von Dawidkowo entfernt, als Mischka einen ganz merkwürdigen Laut ausstieß und mit der Peitsche vor sich auf die Landstraße deutete. Dem Mütterchen fuhr der Schreck sogleich in alle Glieder. Es kreischte: »He, Mischka, was ist? Was siehst du?« »Nu, da ist sie!« »Wer? Anuschka!« schrie das Mütterchen auf. »Nu, da ist sie!« wiederholte Mischka, drehte sich wiederum in aller Gemütlichkeit zum Mütterchen um, machte ein pfiffiges Gesicht und ließ seine Pferdchen im Schritt gehen. »Da ist sie, kommt geradeswegs von Moskau, zu Fuß, muß die ganze Nacht durch gelaufen sein, läuft wohl geradeswegs nach Dawidkowo zu unserem Grischa; die andere ist nicht bei ihr. He, Mütterchen, Mascha Minitschna, da ist sie!« Und mit einem »Hu!« hielt der Treffliche den Wagen an. Wera kam näher, erkannte den Kutscher und das Mütterchen und hätte sich am liebsten verborgen. Aber es war kein Busch in der Nahe. So ging sie denn ruhig weiter, wandte, als der Wagen sie erreichte, den Kopf ab und wollte vorübergehen. »He! Da ist sie!« erklärte Mischka dem Mütterchen nochmals. Sogleich begann das Mütterchen heftig zu schreien, zu schluchzen und zu weinen und wollte sich mit allen ihren Tüchern und Mänteln aus dem Wagen wälzen, gcradeswegs auf die Landstraße hinunter. Da blieb Wera stehen, drehte sich um und konnte nun nicht anders als hinzugehen. »Nun bist du da, und nun nehme ich dich mit, und nun wird mein Grischa wieder gesund; wieder gesund und glücklich! Ach, und wie er lachen wird! Gott sei mir gnädig; nun mache ich zum Herbst eine Wallfahrt. Aber was wird Anuschka dazu sagen –« Achtzehntes Kapitel Es war für das Mütterchen bei allem Glück ein großer Kummer, daß Wera sich nicht zu ihr in die Kibitka setzen wollte, und da half kein Bitten und Betteln, kein Seufzen und Stöhnen. »Aber du willst doch nach Dawidkowo?« »Ich will nach Dawidkowo!« »Was wird mein Sohn Grischa sagen, wenn ich dich zu Fuß gehen lasse. Er verwünscht ja wohl sein altes Mütterchen. Daß der Herr sich erbarm'! Ich darf ihm ja wohl nie mehr vor Augen kommen. Heilige Mutter von Kasan, sei mir gnädig! So steige doch ein, mein Täubchen – Ach, ich bin ganz sinnlos vor Freude! Steig ein, mein Liebchen!« Aber Wera stieg nicht ein. Stumm und blaß stand sie auf der Landstraße; unsäglichen Jammer im Herzen, aber entschlossen, alles zu tun, was zu tun sie übernommen hatte. Das Mütterchen jedoch war nicht so schnell abzuweisen. In großer Aufregung, so daß sie sich unter ihren Mänteln und Tüchern förmlich wand, redete sie auf Wera ein: »Wo, denkst du wohl, daß ich hinfahren wollte? Du rätst es gewiß nicht. Nun, rate einmal: Wohin wollte ich wohl?« »Nach Moskau.« »Gott sei meiner armen Seele gnädig, du hast es erraten!« rief das Mütterchen triumphierend. »Und was, denkst du wohl, wollte ich in Moskau, in dem Sündenpfuhl, in dem Sodom und Gomorrha? Ja, was wollte ich wohl?« »Ich weiß nicht.« »Nun, rate mal!« »Ich weiß wirklich nicht.« Das Mütterchen kicherte vor eitel Glückseligkeit, und Mischka grinste und schnitt Gesichter, und die Pferde schüttelten die Köpfe und schlugen mit den Schweifen und schienen auch ihre helle Freude daran zu haben. »Sie weiß es wirklich nicht. Hörst du, Mischka, sie weiß es wirklich nicht! Sie weiß nicht, o Mischka, was wir beide mit den Braunen in dem Sündenpfuhl wollten, weshalb wir der Anuschka bei Nacht und Nebel fortgelaufen sind; sie kann's und kann's nicht raten. O Mischka, Mischka.« So schwatzte das Mütterchen, den grinsenden Mischka anredend, teils im Tone hellsten Frohlockens, teils voll tiefsten Vorwurfs, wobei sie immerfort Wera ansah, ihr zunickte und zublinkte und geheimnisvolle Zeichen machte. »Wollen wir es wohl dem Täubchen sagen?« fuhr das Mütterchen glückselig fort. »He, wollen wir, Mischka? Was meinst du: Ob wir wohl der Anuschka fortgelaufen sind und nach dem Sündenpfuhl kutschieren, um daselbst ein gewisses hübsches Täubchen zu suchen? He, guter Mischka, ob wir wohl? Und ob wir wohl das Täubchen gefunden haben? Leibhaftig gefunden! Mit seinem schönen, stolzen Gesichtchen und ganz wie es geht und steht. O Mischka, Mischka, ob wir wohl?!« Und das Mütterchen kicherte, daß sie ächzen und stöhnen mußte, und Mischka grinste, was er konnte, und die Pferde nickten zu allem mit den Köpfen, stampften und scharrten. Es war wunderschön. »Um mich zu suchen, wollten Sie nach Moskau?« rief Wera tödlich erschrocken. »Warum wollten Sie mich suchen?« »Nu höre nur, Mischka!« rief das Mütterchen entrüstet. »Warum wir sie wohl in dem Sündenpfuhl suchen wollten? Hörst du das, Mischka? Weißt du etwa, warum wir das Täubchen suchen und nach Dawidkowo bringen wollten? Ist es zu glauben, Mischka? Als ob das Mütterchen keinen Sohn hätte, keinen Grischa, keinen Augapfel, kein Herzblatt?! Frage sie doch, ob sie das nicht wüßte? Ob sie nicht wüßte, wem das Mütterchen das Täubchen bringen wollte; aus dem Sündenpfuhl, dem Sodom und Gomorrha! O Mischka, Mischka!« »Ihrem Sohn Grigor Michailitsch wollten Sie mich bringen?« »Hörst du das, Mischka?« schrie das Mütterchen in Ekstase. »Sie fragt, ob wir sie etwa meinem Sohn bringen wollten. Nein, das wollen wir gar nicht. O behüte! Wie sollten wir? Ach, was bist du für ein Täubchen!« »Ist Grigor Michailitsch krank?« rief Wera, kaum wissend was sie sprach. Aber da stürzten dem Mütterchen die Tränen aus den alten, schwachen, trüben Augen so unaufhaltsam, daß es kein Wort hervorbringen konnte und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. »Was ist mit deinem Herrn geschehen?« wandte sich Wera an Mischka, der verlegen an seiner Mütze drehte. »I, dem! Was sollte dem wohl geschehen sein? Doch ist es mit ihm nur so so.« »Frage sie doch, Mischka,« schluchzte das Mütterchen, im Genuß ihrer Rührung schwelgend. »O Mischka, Mischka, frage sie doch, zu wem sie wohl will, wenn sie nach Dawidkowo geht, auf der Landstraße, zu Fuß, aus dem Sündenpfuhl dahin, wo die Anuschka wohnt und – nun wer wohl sonst noch? Solche Heuchlerin, solche liebe, schöne, stolze Heuchlerin!« »Ich muß nach Dawidkowo zu den Bauern,« sagte Wera in ihrer alten herben Art. »Gott sei dir barmherzig Kind!« zeterte das Mütterchen, gleich am ganzen Leibe bebend. »Was willst du wohl bei den Dieben, den Räubern, den Mördern? Machen meinem Grischa nichts als Kummer und Not; wollen sein Land haben; soll ihnen sein Land geben! Aber will er wohl? Nein, er will nicht! Du mußt meinem Grischa sagen, daß er den Räubern sein Land geben soll, sonst schlagen sie ihn tot, die Diebe! Er ist reich genug, wozu braucht er noch Land und so was? Sag's ihm, hörst du? Wenn du es ihm sagst, tut er's. Er tut alles, was du ihm sagst, das Herzblatt, und nichts, was sein Mütterchen ihm sagt, wenn es auch noch so sehr bittet und weint. Die Gottesmutter und alle Heiligen seien gelobt und gedankt, daß ich dich nach Dawidkowo bringe, denn nun wird alles gut.« Und wieder begann das Mütterchen zu betteln, zu bitten, daß Wera doch einsteigen möchte. Aber Wera blieb hartnäckig; sie müßte zu Fuße gehen! Da wollte auch das Mütterchen zu Fuße gehen, und schrie, daß Mischka ihr aus der Kibitka heraushelfe. Wera verbot es dem Knecht und ging fort. Nun ließ das Mütterchen den Wagen im Schritt neben Wera herfahren, fortwährend plaudernd und schwatzend; bald jammerte und seufzte es, bald freute es sich und kicherte vor sich hin. Endlich ward es still und begann im Geiste sich auszumalen, was ihr Grischa wohl sagen und tun würde, wenn er plötzlich das Täubchen sah. O weh und Anuschka! Aber der Jubel behielt doch über alle Furcht und Sorge die Oberhand. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie schrie Mischka an, daß er schnell zufahren sollte; so schnell die Pferde laufen könnten. Kaum daß sie sich Zeit nahm, Wera einige geheimnisvolle Pantomimen zu machen. Im Trab fuhr die Kibitka davon. Wera ging langsam weiter. Jetzt fährt sie voraus und sagt es ihrem Sohn; ich käme! Und der gute Grischa freut sich und – – Was war nur das? Sie sprach so wunderlich von ihrem Sohne. Er sei krank, aber nun ich käme, wäre alles gut. Sie wollte nach Moskau, um mich zu holen. Heimlich hatte sie sich auf den Weg gemacht. Was bedeutet das alles? Gott sei mir gnädig! Es war also wirklich wahr, Grigor Michailitsch liebte sie! Sie war so erschrocken, so fassungslos, so außer sich, daß sie stehenblieb, die Hände rang und in Tränen ausbrach. Der Unglückliche! Er liebt mich, und ich komme, um seine Bauern gegen ihn aufzuwiegeln! Er freut sich, er wird jubeln, daß ich wieder da bin, und ich komme, um ihn zu verderben! Ich komme, um ihn und sein Mütterchen ins Unglück zu stürzen. Gott sei mir gnädig. Plötzlich fiel ihr ein: Er hat mir versprochen, kein Land mehr zu verteilen; denn er hatte bereits genug gegeben, mehr als genug, und wäre durch seine Bauern zugrunde gerichtet worden. Und nun soll ich seine Bauern veranlassen, sich gegen ihn zu erheben, weil er ihnen nicht mehr Land geben will, weil er es mir versprochen, weil er sein Versprechen gehalten hat. Durch mich wird er zugrunde gerichtet, durch mich vielleicht getötet; und – er liebt mich. »Schrecklich! Schrecklich!« Sie überlegte weiter: Natalia Arkadiewna hat vom Exekutivkomitee den Befehl erhalten, die Bauern von Dawidkowo zur Empörung aufzuwiegeln, und ich habe es statt ihrer übernommen. Das mußte ich. Nicht allein aus Sühne und Buße für mich, sondern auch aus Mitleid und Erbarmen gegen ihn, der so gut, so herrlich gut ist! Vielleicht, daß ich meine Aufgabe erfüllen und dennoch sein Leben zu retten vermag – was Natalia Arkadiewna wohl nicht getan haben würde. Deshalb mußte ich kommen, und deshalb darf ich nicht wieder umkehren. Gott sei uns allen gnädig! Dann sah sie Dawidkowo vor sich liegen, von der Morgensonne beleuchtet, so freundlich, traulich und friedlich, recht geschaffen, um die Heimat glücklicher Menschen zu sein. Sie blieb stehen und betrachtete das liebliche Bild, prägte es ihrem Herzen ein und nahm zugleich Abschied davon. Es war vielleicht der letzte Morgen, wo die Sonne auf das grüne Haus scheinen würde. Wera hatte von vielen Gutshöfen gehört, die von den rebellischen Bauern zerstört und in Brand gesteckt worden waren. Dergleichen geschah jetzt in Rußland jeden Tag zu allen Stunden. Vielleicht schon morgen beleuchtete die Morgensonne einen Schutthaufen und eine graue Rauchwolke stieg in die blaue Luft: Ihr Werk! Sie stand noch und schaute hinüber, als sie auf der Landstraße einen Mann erblickte, der ihr entgegengelaufen kam, ohne Mütze, in höchster Aufregung mit beiden Armen ihr zuwinkend. Wera erkannte ihn schon von weitem; langsam, langsam ging sie ihm entgegen. Gott im Himmel, wie er aussah! Welches strahlende Gesicht! Nun stand er vor ihr. Aber er konnte nicht reden, die Tränen liefen ihm über die Wangen. »Aber, Grigor Michailitsch, so beruhigen Sie sich doch! Mein Gott, was ist Ihnen? Ich bitte Sie, weinen Sie nicht.« »Verzeihen Sie,« stammelte Grischa. »Was müssen Sie von mir denken? Aber Sie sind so lange fort gewesen, ich habe so lange gewartet, hatte gar keine Hoffnung mehr, glaubte bereits, ich würde Sie nie mehr wiedersehen. Und da kommt heute mein Mütterchen angefahren (ich fürchtete schon, ihr wäre ein Unglück zugestoßen) und weint und lacht in einem Atem, daß ich denke, sie hat den Verstand verloren. Und Anuschka fängt schon an zu jammern und nach dem Popen zu schreien. Da sagt mir mein Mütterchen, Sie kämen! Wera Iwanowna käme aus Moskau, wäre den weiten Weg zu Fuß gegangen, die ganze Nacht durch, wäre meinem Mütterchen begegnet und wollte nicht fahren, käme zu Fuß! Und da – sehen Sie, Wera Iwanowna, da bin ich – da mußte ich – – Mein Gott, verzeihen Sie nur! Ich bin so glücklich, Sie wiederzusehen. Aber das können Sie nicht verstehen, ganz und gar nicht! Übrigens – wie befindet sich Natalia Arkadiewna?« So sprach er alles durcheinander, in einem unbeschreiblichen Zustande von Verwirrung und Glückseligkeit. Wera hörte alles, was er hervorstammelte, ohne ein Wort der Erwiderung zu finden; sie kam sich vor, als ob jeden Augenblick etwas Ungeheures mit ihr vorgehen, sie vor diesem reinen; herrlichen Menschen plötzlich als Mörderin und Brandstifterin dastehen müßte. »Aber kommen Sie, kommen Sie!« drängte Grischa. »Mein Mütterchen stirbt sonst vor Ungeduld oder überwirft sich wohl gar mit Anuschka. Gewiß läßt sie zu Ihrem Willkommen sämtliche Blumen abreißen, und Anuschka muß sämtliches Mehl, sämtliche Eier und sämtlichen Honig zu Kuchen einrühren. Sie glauben nicht, wie mein Mütterchen sich freut, denn Sie wissen nicht, wie sie sich gesorgt und gegrämt hat – über mich natürlich. Aber nun sind Sie wieder da, und nun gehen Sie nicht wieder fort, nie wieder! Nun bleiben Sie bei uns, immer, immer, immer! Als meines Mütterchens liebstes Kind, als ihre Tochter, ihr Augapfel, ihr Herzblatt, Wera Iwanowna, als mein Weib.« Er stand vor ihr, der mächtige Mann, zitternd, wie ein Kind, voller Todesangst ihrer Antwort harrend und doch wieder voller Zuversicht; denn sie war ja zu ihm gekommen, zu Fuß von Moskau her, die ganze Nacht durch, mutterseelenallein. Aber sie sagte nichts. »Wera Iwanowna, ich wäre gestorben, wenn Sie nicht gekommen wären, und ich werde sterben, wenn Sie mich nicht lieben und wieder von mir gehen.« Aber sie sagte noch immer nichts, sie tat keinen Laut! Regungslos stand sie vor ihm, mit einem Gesicht wie entgeistert. »Ich liebe Sie!« Ohne zu sprechen, erhob sie beide Hände. »Hören Sie mich, um Gottes willen hören Sie mich! Sagen Sie mir ein Wort!« stieß der unglückliche Grischa hervor. »Wera Iwanowna, ich liebe Sie!« Da kam es von ihren Lippen mit einem Ton wie ein Stöhnen: »Sie dürfen nicht!« »Ich dürfte nicht – –« Wahrscheinlich wußte er gar nicht, was sie gesagt hatte, noch was er selbst sagte. Wera sprach weiter, mühsam jedes Wort suchend, mit Anstrengung hervorstoßend, mit ersticktem Jammer in der Stimme: »Denn ich bin nicht würdig, von Ihnen geliebt zu werden, von Ihnen, einem so prächtigen Mann, einem so herrlichen Menschen, der nur ein gutes, reines Weib lieben darf, der des höchsten Glückes wert ist – –« »Sie kein gutes, reines Weib, Sie nicht, Sie nicht – –« Er stammelte, lallte, die Stimme brach ihm. »Nein, Grigor Michailitsch, ich bin Ihrer nicht würdig. Sie müssen alles vergessen. Ich darf Sie nicht belügen und betrügen, Sie müssen alles wissen, damit Sie aufhören mich zu lieben, damit Sie beginnen, mich zu verachten und zu hassen.« »Ich Sie verachten – hassen – vergessen? Ich Sie?« »Ach, mein armer Grischa, das müssen Sie. Es wird Ihnen wehe tun, es wird Ihnen das Herz zermalmen und alle Freude am Leben nehmen; aber es muß sein.« Wera schwieg. Sie wollte ihm Zeit geben, sich zu fassen, doch mit schwerer Stimme sagte Grischa: »Sprechen Sie nur zu mir. Ich höre alles, was Sie sagen.« Und Wera sprach zu ihm: »Als ich zuerst zu Ihnen kam, wäre ich Ihrer großen und starken Liebe vielleicht würdig gewesen, denn damals war ich noch gut. Seitdem ist vieles geschehen.« »Vieles geschehen,« sprach Grischa ihr nach und starrte sie aus hohlen Augen an. »Seitdem hat mich ein anderer Mann auf den Mund geküßt, ein Mann, der mich nicht geliebt, der von mir nur meinen Leib begehrt hat. Aber küssen ließ ich mich doch von ihm! Und ich kann seinen Kuß nicht wieder von mir nehmen, mein Mund muß ihn Zeit meines Lebens als Brandmal tragen. Kein anderer Mann darf mich je wieder küssen, am wenigsten einer, den ich achte und verehre, der besser, viel besser ist als ich.« Aber er hatte nichts gesagt. Wera sprach weiter: »Sie sehen ein, daß Sie mich nicht lieben dürfen, daß ich nicht wert bin, von Ihnen geliebt zu werden, daß Sie mich vergessen müssen. Nicht wahr, Sie sehen das ein?« Grischa nahm seine ganze Kraft zusammen. Sich von ihr abwendend, sagte er leise: »Warum sind Sie dann wiedergekommen, ach, Wera Iwanowna, warum? Das hätten Sie sich nicht antun sollen!« Ich muß sein Leben retten, dachte Mera und erwiderte: »Ich bin wiedergekommen, Sie um etwas zu bitten.« »Um was?« »Ich hörte in Moskau, daß Sie kein Land mehr unter Ihre Bauern verteilen wollen. Ist das wahr?« »Das ist wahr.« »Nun, dann bitte ich Sie, geben Sie Ihren Bauern auch noch das zweite Dritteil Ihres Besitzes. Wollen Sie?« »Nein.« »Warum nicht? Sie wollten es doch damals tun, als ich das erstemal zu Ihnen kam.« »Damals mußte ich Ihnen versprechen – mußte ich Ihnen mein Ehrenwort geben, keinen Fußbreit unter meine Bauern zu verteilen. Ich halte mein Versprechen.« »Wenn ich Sie aber bitte, es zu brechen. Grigor Michailitsch, ich bitte Sie.« Er sah sie lange an, mit einem Blicke, der ihr durch und durch ging. Dann sagte er feierlich: »Als Sie damals zu mir kamen, waren Sie noch rein und gut und wollten mein Bestes; darum nahmen Sie mir damals das Versprechen ab. Was Sie heute von mir wollen, wo Sie – wo Sie nicht mehr so sind, wie Sie damals waren, das mag auch zu meinem Besten sein. Aber heute tue ich es nicht, sondern ich bleibe bei dem, was ich Ihnen damals versprechen mußte, wo Sie würdig waren, geliebt zu werden, so sehr ein Mann ein Weib lieben kann. Leben Sie wohl! Wera Iwanowna, leben Sie wohl!« Er wandte sich langsam, ging langsam, mit schleichenden Schritten und gesenktem Haupte von ihr fort, seinem Hause zu, das sein Mütterchen unterdessen zum Empfang der Braut mit ihren schönsten Blumen geschmückt hatte. Neunzehntes Kapitel. Wera verließ die Landstraße und ging quer über das brachliegende, verwilderte Land, das ihrer heimatlichen Steppe glich. Dieselben Blumen blühten hier, wie sie um diese Zeit des Jahres in Eskowo blühten. Wera kannte den Namen jeder Blume und ihre Heilkräfte und pflückte mechanisch diejenigen Pflanzen, von denen sie wußte, daß sie für Verwundungen gute Dienste leisteten. Sie dachte an ihren Auftrag und daran, wie sie denselben ausführen sollte. Man hatte ihr viele Papiere mitgegeben, darunter verschiedentliche Dokumente mit großen, prächtigen Siegeln. Sogar einen kaiserlichen Ukas führte sie bei sich. Ob das alles wahr war? In diesem Ukas gab der Zar den Bauern die Versicherung seines väterlichen Wohlwollens und gebot ihnen, sich gegen die Gutsbesitzer zu erheben. Das gebot der Zar! Um das Gebot des Zaren dem Volke mitzuteilen, war Wera ausgesendet worden. Würde das Volk dem Gebote des Zaren gehorchen? Das russische Volk liebte seinen Herrscher. Dieser war für das russische Volk das »milde, gute Väterchen«, von dem alle Segnungen ausgingen, eine große, heilige, mystische Persönlichkeit, welche, nicht anders wie die Vorsehung, das Schicksal der Menschen bestimmte und erfüllte. Immer wieder stieß Wera in der Empfindung des russischen Volkes auf die völligste Hingabe an sein Herrscherhaus, auf eine ungeheure, unsterbliche Sehnsucht, seinen Regenten zu lieben und von ihm geliebt zu werden. Es war dieselbe Sehnsucht, von der sie selber beseelt wurde; und wohin hatte dieser mächtige Drang sie geführt? Vom Volke fort in die Arme eines Boris Alexeiwitsch! Die Sonne stieg höher und höher. Wera begann müde zu werden und setzte sich unter einem Brombeerstrauch, der voll großer, tiefschwarzer Früchte hing, bei deren Anblick Wera plötzlich fühlte, daß sie Hunger hatte. So pflückte sie denn von den Beeren und aß. Sogleich nahmen ihre Gedanken eine andere Richtung. Jetzt war Grigor Michailitsch längst wieder zu Hause. Was würde er tun? Vielleicht lag er in diesem Augenblick gerade an der Brust seines Mütterchens, klagend, daß es nun mit allem Leben und allem Glück für ihn vorbei sei. Und sein Mütterchen konnte ihn auch nicht trösten. Er liebte sie, dieser gute, gute Grigor Michailitsch, er hatte sie verehrt, er hätte sie so gerne angebetet – – Jetzt hatte er sich von ihr abgewendet. Und das war gut so! Wehe ihm, wenn er sie noch immer lieben würde, wehe ihr, wenn sie nicht alles getan hätte, seine Liebe aus seinem Herzen zu reißen, ihn nicht gelehrt hätte, sie zu verachten. Aber er wollte sein Versprechen halten; und daß er dadurch, gerade dadurch verderben mußte und verloren war, das war es, was Wera um den Verstand zu bringen drohte. Sie würde hingehen müssen, sie würde den Bauern den Ukas des Zaren überbringen, sie zum Aufstande reizen müssen. Sie kam und schwang den Feuerbrand, sie warf die Fackel in das Haus, die Flammen stiegen, loderten, lohten, das Feuer griff um sich, weiter, immer weiter! Sie stand dabei und sah, ohne eine Hand regen zu können, dem von ihr entfachten Brande zu, und ging fort von dem qualmenden Aschenhaufen, um von neuem die Fackel zu schwingen über Schuldige und Unschuldige, bis es auch für sie einmal ein Ende nahm; in den Kerkern Moskaus, in den Bergwerken Sibiriens, auf dem Schafott. Aber – war der Ukas des Zaren echt? Sie zog das Schriftstück aus ihrem Kleide. Ein Pergament mit einem goldenen Rand, mit der Unterschrift des Kaisers Alexander des Zweiten und den Siegeln der Kommissare versehen. So etwas konnte doch wohl nicht gelogen sein? Alle die milden, gütigen und weisen Worte, die der Zar dem russischen Volke sagen ließ, waren in Wirklichkeit von ihm gespendet worden. Sie hielt in der Hand, was von der Person des Zaren ausgegangen war; sie hielt das Glück des russischen Volkes in Händen. Und Wera beugte sich auf das Papier herab, um die Unterschrift des Kaisers zu küssen. Denn es war wahr! Nicht als Lügnerin und Betrügerin würde sie heute vor die Bauern treten, sondern als eine Abgesandte des Kaisers. Das gab ihr neue Kräfte. Sie las noch einmal sorgfältig ihre Instruktionen durch, dann kniete sie auf freiem Felde nieder und betete, betete, wie sie nie zuvor gebetet hatte. Bis zum Abend trieb sie sich auf der Steppe umher, fortwährend Dawidkowo im Auge behaltend. Sie gelangte in das Birkenwäldchen, zu dem Lieblingsplatze Grischas, den dieser ihr damals auf ihrem Spaziergange mit so glühenden Farben geschildert hatte. Ihr erster Gedanke war, dem Orte zu entfliehen. Aber sie blieb bis die Nacht einbrach, bis es Zeit war, ihr Vorhaben zu beginnen. Nun begab sie sich direkt nach dem Dorfe. In die erste Hütte ging sie hinein und fragte nach dem Bauern Timoteus Petrowitsch. Die Leute starrten sie an wie ein wildes Tier; endlich führte die Frau sie zu dem Dorfältesten, den Wera genannt hatte. Aber der Mann war viehisch betrunken, und Wera versuchte vergebens, ihm verständlich zu machen, um was es sich handle. Bei dem Namen des Kaisers schlug der Berauschte das Kreuz und murmelte ein Gebet; darauf brach er in Verwünschungen aus gegen seinen Herrn, weil dieser ihn und die Bauern ins Unglück gestürzt habe, da er ihnen von seinem Lande nur ein Dritteil gab. Es blieb Wera nichts anderes übrig als zu warten, bis der Mann nüchtern geworden. Sie bat also das Weib des Bauern um ein Nachtlager, welches ihr jedoch im Stalle angewiesen wurde. So ging sie hinaus, entschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen. Unwillkürlich richtete sie ihre Schritte nach dem Herrenhause. Wie eine dunkle Mauer stieg der Lindenwald, darin das Häuschen lag, vor ihr auf. Bald gewahrte sie durch die Stämme Licht. Wie gewaltsam angezogen, ging sie näher und näher, bis sie dicht vor dem Fenster stand. Sie konnte das ganze Zimmer übersehen. Da war der Teetisch mit dem Samowar, da war das Mütterchen und Grischa, Anuschka mußte in der Küche sein. Wie hell und friedlich es drinnen aussah! Aber die Bewohner schienen davon nichts zu fühlen. Sie saßen sich gegenüber und blickten sich an und sagten nichts, denn ihr Leid war zu groß für Worte. Wie alt das Mütterchen erschien! Es waren erst zehn Stunden, daß Wera sie nicht gesehen; aber das Mütterchen war seitdem um zehn Jahre gealtert. Wie lange würde es dauern und jener Mann war allein auf der Welt. Langsam, langsam schlichen für ihn die Tage dahin, einer wie der andere, und immer bohrte der gleiche Schmerz in ihm: du mußt »sie« verachten! Und jetzt glitt das Mütterchen von ihrem Sitz herunter ihrem Sohn zu Füßen, schmiegte sich an seine Knie und streckte ihre zitternden Hände zu ihm auf. Was mochte sie ihm sagen? – – »Dein altes Mütterchen ist bei dir; dein altes Mütterchen liebt dich; bringe dein altes Mütterchen doch nicht in die Grube.« Aber Grischa saß stumm und starr und konnte der alten Frau zu seinen Füßen nicht antworten: »Ich will leben, für dich!« Wera wich vom Fenster zurück, bis in den Wald hinein. Da stand sie und vermochte sich nicht loszureißen von dem Anblick des Häuschens und des Lichtes. Mitternacht war längst vorüber, als dieses endlich erlosch. Beim Morgengrauen begab sich Wera in das Haus des Ältesten, weckte den Knecht und schickte ihn zum Bauern, um ihm zu sagen, wer da sei. Es dauerte auch nicht lange, so kam der Gerufene; er war nüchtern, wie es schien. Wera gab sich zu erkennen und wurde von dem Manne sofort ins Haus geführt. Der Bauer schickte sein Weib hinaus, verschloß die Tür, und die beiden besprachen sich miteinander. In der nächsten Nacht wollte der Älteste sämtliche Bauern zusammenberufen auf das Feld, an einen bestimmten Platz. Dort sollte der Ukas vorgelesen und die Leute aufgefordert werden, die Gebote des Zaren zu erfüllen. Nachdem das beschlossen war, nahm Wera Trank und Speise zu sich und hielt sich während des ganzen Tages in der Hütte verborgen. Gegen Abend bat sie ihren Wirt, er möchte zu Grigor Michailitsch gehen und diesen im Namen der Gemeinde nochmals auffordern, seinen Landbesitz Zu verteilen. Der Mann willigte ein und ging, kam aber sehr bald zurück, mit dem Bescheide, daß Grigor Michailitsch von keiner Teilung wissen wollte; sie mußten also den Willen des Zaren gewaltsam durchsetzen. In der Nacht versammelten sie sich auf einem Hügel mitten in der Steppe. Timoteus Petrowitsch zündete eine Wachskerze an, steckte sie in die Erde, legte daneben das Evangelienbuch und darauf das Kreuz, kniete vor diesen heiligen Gegenständen nieder und las den Bauern den geheimen kaiserlichen Ukas vor. Darin hieß es, daß der Zar seinen Bauern längst den ganzen Grund und Boden zum freien Genuß überlassen und sie von allen Steuern befreit hatte, daß aber die Gutsbesitzer, die Geistlichkeit und die Beamten diesen Ukas vor den Bauern versteckt hielten. Deshalb erlasse der Zar dieses geheime Manifest, auf Grund dessen sich die Bauern im geheimen zu einem Bunde vereinigen, sich Waffen anschaffen und sich gegen die Gutsbesitzer erheben sollten. Der Inhalt dieser gefälschten Urkunde machte auf die Bauern einen unbeschreiblichen Eindruck. Alle drängten sich zu dem Evangelium hin, legten ihre Hände darauf und gelobten, den Willen des Kaisers zu erfüllen. Nun berichtete Timoteus Petrowitsch, daß von den »Kommissären des Kaisers« allen Bauern in der Umgegend von Moskau heimlich Waffen gebracht worden wären und daß sich auch in Dawidkowo ein Vorrat von Gewehren und Munition befände, den er in dem Birkenwäldchen hätte eingraben lassen. Sogleich brachen die Leute dahin auf. Der Älteste schritt mit dem Evangelienbuche und dem Kreuze voraus, Wera trug neben ihm die Kerze. So bewegte sich, wie eine Prozession, der Zug durch die Nacht über Feld und Steppe dem Walde zu. Timoteus Petrowitsch wies den Bauern den Ort, wo die Waffen verscharrt lagen; man grub sie hervor, verteilte sie und zog darauf, wie man gekommen war, zum Dorf zurück in die Kirche, wo die heiligen Gegenstände feierlich auf den Altar niedergelegt wurden und der Älteste eine Rede hielt. Dann brach die Empörung aus. Weras Auftrag war erfüllt; sie war gehorsam gewesen. Jetzt galt es zu verhüten, daß sie auch zur Mörderin würde. Es galt, das bedrohte Leben des Gutsherrn zu retten, oder mit ihm zu sterben. Sie eilte den Rebellen voraus. Ihre Todesangst um Grischa gab ihr ihre ganze Kraft und Entschlossenheit zurück; sie wußte genau, was sie zu tun hatte, daß sie Grischa sagen mußte: Rette dich, fliehe und nimm mich hin! Dem alten, seelenguten Mütterchen würde niemand ein Leids zufügen. Es war eine dunkle Nacht, kein Stern glänzte am Himmel. Wera stürzte in den schwarzen Wald hinein, rannte gegen die Stämme an, stolperte über die Wurzeln, verlor die Richtung. Das hielt sie auf, Schon vernahm sie hinter sich die Stimmen der Empörer, denen sich auch die Weiber angeschlossen zu haben schienen. Während Wera verzweiflungsvoll vorwärtsdrang, fiel ihr ein, daß sie bei der Verlesung des Ukas unter den Männern auch Mischka gesehen hatte, dessen hübsches Gesicht von fanatischer Leidenschaft entstellt war. Ihr begann zu grausen. Dieser Mischka war der Spielgefährte Grischas gewesen, der Liebling des Mütterchens; auch Grischa liebte ihn und nun war auch dieser dabei, seinen Herrn zu verraten! Wenn Grischa ihn erblickte, es würde sein gütiges Herz wie ein Dolchstoß treffen. Wehe dem russischen Volke, wenn es viele solcher Knechte besaß, die gegen solche Herren die Hände erhoben. Gott sei Dank; sie hatte einen Vorsprung gewonnen! Sie lief aus dem Wald, sie stürzte zum Hause, das schwarz und tot dalag, sie warf sich gegen die Tür, sie pochte und schrie: »öffnet, öffnet! Um des Himmels willen, öffnet!« Aber es blieb im Hause dunkel und still. Von neuem vernahm sie die wilden Stimmen der Aufrührer. »Grigor Michailitsch! Grigor Michailitsch! Ihre Bauern kommen, Sie zu ermorden.« Kein Ton antwortete ihrem wilden Geschrei. »Gregor Michailitsch, ich habe die Bauern angestiftet, gegen Sie zu ziehen und Sie zu töten; ich, Wera, die Sie lieben, die sich Ihnen jetzt zu Füßen werfen will. So hören Sie doch! Aus Erbarmen! Grigor Michailitsch – Grischa! Grischa!« Sie vernahm drinnen ein Geräusch; man hatte sie gehört. Wera warf sich vor der Tür nieder. Wenn er öffnete, sollte er sie vor sich sehen, Zu seinen Füßen. Auf ihren Knien wollte sie ihn um sein Leben bitten. Aber er öffnete nicht. Und sie kamen! Grischa hatte seinen Namen rufen hören, hatte Weras Stimme erkannt, hatte verstanden, was sie so fürchterlich schrie. Er befand sich in seinem Zimmer und saß vollständig angekleidet auf seinem Bett. Er war klar bei Gedanken, durchaus ruhig, überlegte und faßte einen Entschluß. Also das Weib, welches für ihn gleich einem leuchtenden Sternbilde gewesen, hatte sich von einem Begehrlichen küssen lassen, war schlecht geworden und gefallen! Also seine Bauern, denen er Wohltaten über Wohltaten erwiesen, kamen, ihn zu töten – – Ekel ergriff ihn, ein unaussprechlicher Überdruß am Leben, eine unsägliche Verachtung alles dessen, was Mensch war. Aber sein Mütterchen! Er konnte seinem Mütterchen nicht helfen; das mußte ein Stärkerer tun als er. Er war ein schwacher, hilfloser Wicht, ein vom Sturm gebrochener Halm, Fort mit ihm! Immer noch rief sie draußen seinen Namen; voller Verzweiflung, voller Flehen, daß er am Leben bleibe. Aber er öffnete nicht! Und jetzt kamen sie, jetzt waren sie da. Grischa erhob sich. Er wollte zu seinem Mütterchen gehen; sein Mütterchen sollte ihn segnen. Dann war er fertig mit dieser Welt. Johlend und heulend kamen die aufrührerischen Bauern vor das Haus gezogen, Timoteus Petrowitsch und Mischka führten sie an, sämtliche Weiber waren dabei, selbst Kinder. Wera warf sich den Wütenden entgegen und beschwor sie, ihres Herrn Leben zu schonen und ihm nur sein Land zu nehmen. Aber die Bauern schrien auf sie ein, was ihr in den Sinn gekommen sei. Sie habe den Ukas des Zaren nach Dawidkowo gebracht. Unterdessen war man im Hause endlich erwacht. Die draußen vernahmen das Jammergeschrei des Mütterchens und das Geheul der Mägde. Jetzt erschien Anuschka an einem Fenster, riß es auf, begann zu schelten und zu zetern; sie sollten sich nach Hause scheren! Ein Bauer legte an, schoß ab, traf aber nicht. Wera hörte die Stimme Grischas; ein zweiter Schuß fiel. Nun stürmten die Bauern das Haus, dessen Tür nach einigen Augenblicken gesprengt war. Wera hatte sich vorgedrängt; die ersten, die in das offene Gebäude stürzten, rissen sie mit hinein. Ihn retten oder mit ihm sterben! Nicht fähig, etwas anderes zu denken, spähte sie nach ihm aus und, während die Rotte im Erdgeschoß sogleich zu plündern und zu zerstören begann, eilte sie die Treppe hinauf in das Schlafzimmer des Mütterchens. Dort war er! Er hatte sich vor seinem Mütterchen niedergeworfen und hielt die zitternde Gestalt mit beiden Armen umschlungen, fest an sein Herz gedrückt. Als Wera ihn anrief, zuckte er heftig zusammen, dann löste er sich langsam, zaudernd von dem heiligen Leib, der ihm das Leben gegeben. »Fliehen Sie! Retten Sie Ihr Leben! Um Ihres Mütterchens willen, um – meinetwillen!« Grischa richtete sich auf, sah Wera an und übergab ihr mit einer leichten Bewegung seines Hauptes das Leben seiner Mutter, dieses zu schützen und zu retten. Im nächsten Augenblick war das Zimmer von den wilden Gestalten der Bauern erfüllt und Grischa umringt. Halb von Sinnen vor Jammer machte Wera einen letzten Versuch, ihn zu retten; er sollte wenigstens sein Leben verteidigen. Sie entriß einem Bauern das Gewehr, brach sich Bahn, flog auf Grischa zu und hielt ihm die Waffe hin. Aber dieser wies sie zurück; mit demselben Blick, mit derselben Gebärde, mit der er sich auf der Landstraße von ihr abgewandt hatte. In diesem Augenblicke traf ihn ein Schuß und Mischka drängte sich vor; Grischa taumelte gegen die Wand und brach, seinen Blick auf Wera gerichtet, zusammen. * Es war Herbst geworden. Wenn der Lindenwald von der Sonne beschienen ward, glich er einem hohen Hügel aufgeschütteten Goldes. Aber sobald ein Luftzug sich regte, rieselte es flimmernd und schimmernd langsam, langsam auf den Boden herab, den bereits ein dichter, gelber Teppich bedeckte. Und die goldigen Blätter fielen auf ein Grab, darin ein Mann ruhte, dessen Herz gebrochen war, ehe es eine Kugel getroffen. Und die goldigen Lindenblätter flatterten durch die sonnigen Lüfte, wie Schwärme lichter Schmetterlinge; sie gaukelten um das grüne Häuschen; sie flogen gegen die Fensterscheiben, als wollten sie zugleich mit den Sonnenstrahlen in das hübsche bunte Zimmer dringen, das öde und leer stand, denn das Mütterchen war fort, nicht tot und begraben wie ihr Sohn, sondern fort mit dem Mädchen, welches ihr Sohn geliebt hatte, und welches das Mütterchen nicht mehr verlassen wollte, trotzdem sie es war, die ihren Sohn, ihren Grischa, ihren Augapfel, ihr Herzblatt zum ewigen Schlummer unter die welken Lindenblätter gebettet. In der Natur war es, als feierte die Welt Fest auf Fest. Der Himmel blaute herunter in einer Pracht, wie wenn das Leben der Erde begänne und es Frühling werden sollte. Die Luft war so klar, daß die fernen dunklen Wälder deutlich dastanden, als wären sie um Meilenweite näher gerückt. Schwärme von Vögeln zogen hin und her, sich sammelnd für die weite, weite Fahrt über Länder und Meere; die Schwalben, die Kraniche, die Reiher und die wilden Schwäne. Weiße feine Gespinste schwebten durch die Luft, hefteten sich an Sträucher und Zäune, breiteten sich über die Stoppelfelder, und die Dorfkinder sagten: Da zieht der Sommer hinweg. Alles war wie sonst; nur das Leben der Menschen war geändert und gewandelt. Zuerst, als unter den Linden das Grab aufgeworfen worden, in welches der Mann hineingelegt ward, der so treu und stark geliebt hatte – da war alles Triumph und Jubel gewesen. Das Mütterchen ließen sie am Leben, denn das fremde, schöne Mädchen schützte es. Aber des Mütterchens Linnen, das dieses selbst gesponnen, gebleicht und gewebt, wurde aus den Schranken und Truhen herausgerissen, und die Bauernweiber schlugen sich darum; des Mütterchens eingemachte Früchte, ihre berühmten Salzgurken und getrockneten Schwämme, ihren herrlichen Ingwer und ihre wundervollen Melonen, Anuschkas Schinken und in Schmalz eingelegte Schnepfen, alles erlitt dasselbe Schicksal! Die hübsche bunte Stube wurde bis auf den letzten Gegen-* stand geleert, das eine Stück in diese, das andere in jene Hütte geschleppt, so daß von dem Häuschen nichts übrigblieb als die Mauern. Eine Zeitlang dauerte die allgemeine Freude, denn wie die Weiber unter sich das Haus, so teilten die Männer das Land; und wie die Weiber sich bei des Mütterchens Linnen und Salzgurken gegenseitig in die Haare fuhren, so schlugen sich die Männer bei den Kühen und Pferden, bei den Äckern und Wiesen, daß die Fäuste blutige Spuren zurückließen. Dabei wurde soviel Branntwein getrunken, als es Branntwein zu trinken gab. Kaum hatten sie sich im Rausch versöhnt, als sie sich im Rausch von neuem verfeindeten. So lebten sie in Hader und Zwist, bis eines schönen Tages die Gendarmerie ins Dorf rückte, die meisten Bauern zu Gefangenen machte und nach Moskau hinwegtrieb. Als sich die Bauern auf den Ukas ihres Väterchens, des Zaren, beriefen, durch welchen ihnen alles Land und das Leben aller Edelleute zu eigen gegeben war, erfuhren sie, daß sie belogen und betrogen worden. Doch sie hatten sich betrügen lassen und mußten dafür büßen; sie und andere. Die Kerker in den großen Städten füllten sich, es mehrten sich die Gefangenentransporte nach Sibirien; wo aber der Herr tot war, da kam der Beamte und nahm das herrenlose Gut in Beschlag. So geschah es in Dawidkowo und so geschah es in manchen anderen Dörfern. Bei der Untersuchung über jenen Aufstand war viel von einer Nihilistin Wera Iwanowna aus Eskowo die Rede; aber die Bauern wußten nichts anderes von ihr, als daß sie gekommen und wieder gegangen war, gegangen mit ihres toten Herrn altem Mütterchen, dessen Leben sie beschützt und gerettet, gegangen mit der Amme Anuschka, die von dem Mütterchen nicht hatte lassen wollen. Man wußte, daß die drei sich auf den Weg nach Moskau begeben hatten. Das junge Mädchen stützte die wankende Greisin und leitete sie; so waren sie den Augen der Dorfbewohner entschwunden und von ihnen nicht wieder gesehen worden. Und der Herbst überzog mit seinem Gold und Purpur ganz Rußland, ganz Rußland prangte in den Kaiserfarben! Um das Landhaus der Prinzessin stiegen die hohen bunten Laubpyramiden auf, die Blätter fielen auf die Kieswege, wo sie liegen blieben, denn die Herrin war fortgezogen. Das große, prächtige Haus stand mit verschlossenen Türen und Läden und sah so öde und tot aus, als hätte es niemals in seinen Mauern ein glänzendes, festliches Leben gesehen, ein Leben, darin an dem einen Tage vergessen wurde, was an dem andern geschehen. Das Haus war still und stumm; aber in Weras Kammer stand auf dem Tisch das Marienbild und sah so blaß und traurig drein, als wisse es von dem Jammer der Menschheit. Und der Herbstwind wehte goldige Blätter in den Hof des kleinen Gärtnerhauses in der Nowaja-Andronowka-Vorstadt. An dem Fenster stand ein junges, blasses, wunderholdes Weib und sah den Blättern zu, wie sie herangeweht wurden und zu Boden fielen, wie sie wieder aufflatterten, höher und höher, in den Glanz der Lüfte hinein. Und Tanias Blicke sagten: Ach, daß ich euch nachsterben, daß ich auch so vom Stamme fortgerissen, auch so verweht werden könnte. Zwanzigstes Kapitel. Wera hatte bei Marja Carlowna Aufnahme gefunden. In einem der Zimmer der öden Wohnung, wo Sascha jetzt wieder Dynamit fabrizierte, hauste sie mit dem Mütterchen und Anuschka. Die Polizei stellte ihr nach, sie mußte sich Tag und Nacht verborgen halten, was sie auch von allen Dingen am liebsten tat; denn in ihrer Seele war es so dunkel, daß das Sonnenlicht ihr Schmerzen bereitete, und in ihrem Herzen fühlte sie sich so einsam, daß sie den Anblick von Menschen nicht zu ertragen vermochte. Mit den beiden Frauen war sie indessen den ganzen Tag zusammen, und einige Zimmer von dem ihrigen entfernt arbeitete Sascha; statt für das Volk zu agitieren, lebte Wera ausschließlich für sie, und wenn etwas sie mit ihrem Dasein aussöhnen konnte, so war es die völlige Hingabe an diese drei Menschen. Marja Carlowna hatte ihr Leinwand zu nähen gegeben, so daß Wera so glücklich sein konnte, durch ihrer Hände Arbeit die ganze kleine Familie zu erhalten. Wie waren alle verwandelt; aus dem guten, milden Mütterchen war ein schwankender Schatten geworden, der mit Gott und allen Heiligen haderte. Aber eines Tages kam ihr in den Sinn, daß sie der Mutter Gottes eine Wallfahrt gelobt, und mit Gewalt wollte sie auf und davon, um zu Fuß die lange Pilgerschaft anzutreten, der Mutter Gottes geweihte Kerzen zu opfern und an dem Altar der Himmelskönigin dieser für das Glück ihres Grischa zu danken. In solchen Stunden durfte Wera nicht von ihrer Seite weichen, dann konnte nur Wera sie beruhigen. Denn Wera war es, die ihr Sohn geliebt hatte, die ihren Sohn glücklich gemacht haben würde. Und welches Wunder war mit der ewig murrenden, polternden, zankenden Anuschka geschehen! Wera und das Mütterchen kannten jetzt nur eine weichherzige, gutmütige, prächtige Anuschka, eine Anuschka, die mit dem Mütterchen wahren Götzendienst trieb; die Wera stets ihr Täubchen, ihr Liebchen und Herzblättchen nannte, und die sogar gegen den armen, bleichen Sascha das Wohlwollen und die Herzensgüte selbst war. Sie sorgte für die Wirtschaft, lief jeden Morgen durch halb Moskau, wobei sie ein unendliches Vergnügen darin fand, die kleinen Vorräte, deren sie für den Haushalt bedurfte, Stück für Stück einzukaufen; zu den allerbilligsten Preisen, unter jammervollem Seufzen und Stöhnen über die schlechten Zeiten. Dann stand sie am Herde, kochte und briet, und rühmte bei Tische selber ihre Kochkünste, um den anderen Appetit zu machen und war seelenvergnügt, wenn es dem Mütterchen oder Wera zu schmecken schien. So oft Wera sich von dem Mütterchen fortschleichen konnte, ging sie hinüber zu Sascha und setzte sich mit ihrer Arbeit zu ihm; sprach auch keines von beiden ein Wort, so fühlte doch jedes die Gegenwart des andern als das einzige, was ihm vom Leben übriggeblieben. Nachts, wenn die beiden Frauen schliefen, wachten die zwei Gefährten zusammen und Sascha lernte Wera an, ihm bei seiner Tätigkeit Hilfe zu leisten. Denn es wurde wieder viel Dynamit gebraucht, für Moskau sowie für ganz Rußland. Die politische Atmosphäre Rußlands glich der Schwüle vor dem Ausbruch eines Gewitters, und die Nihilisten, die sich in Moskau so lange nicht hatten rühren dürfen, begannen von neuem eine fieberhafte Tätigkeit. Wladimir Wassilitsch schlug die Anlegung verschiedener Minen vor und erlebte den Triumph, daß das Exekutivkomitee seine kühnen Projekte akzeptierte. Die Welt sollte erleben, daß es in Rußland etwas Unsterbliches gab, den Nihilismus. Als Wera eines Morgens Sascha besuchte, fand sie diesen auf einem Stuhle sitzen, in der Hand ein Papier, darauf er starr hinsah. »Sascha!« rief sie ihn an; doch er blickte nicht auf. »Was ist das für ein Papier? Darf ich lesen?« Sascha nickte. Wera nahm ihm das Schreiben aus der Hand, las es, verfärbte sich, legte das Papier auf den Tisch. »Wann hast du diesen Befehl erhalten?« »Gestern abend.« Sie warf einen Blick nach der Ecke hinüber, wo Saschas Bett stand. Es war unberührt. »Du hast die ganze Nacht hier gesessen?« »Die ganze Nacht.« »Und hast darüber nachgedacht.« »Und habe darüber nachgedacht.« »Was wirst du tun?« »Was ich tun werde – –« »Wirst du gehorchen?« »Ja.« Wera trat von ihm fort und schritt schweigend im Zimmer auf und ab, wobei sie von Zeit zu Zeit nach Sascha hinüberblickte. Doch der saß da, ohne sich zu regen, mit starrem Blick, den Ausdruck eines furchtbaren Entschlusses in den bleichen Zügen. Wera wurde das lange schwere Schweigen unheimlich. Sie ging zu Sascha und blieb vor ihm stehen. »Wann sollst du anfangen?« fragte sie flüsternd. »Heute noch. Wladimir Wassilitsch hat mich bei den Arbeitern untergebracht, welche die Kirche renovierten; du weißt, jenes Gebäude, das dem Palast gegenüberliegt. Ich schlafe auch dort. Den Tag über muß ich arbeiten, ich glaube Steine tragen, und die ganze Nacht hindurch graben. Das heißt, zuerst muß ich in den Keller des Popen die Werkzeuge hinunterschaffen. Es muß sehr heimlich geschehen.« »Du wirst es nicht durchführen können,« rief Wera. »Ich werde es durchführen; das weiß Wladimir Wassilitsch auch recht gut. Darum hat er mich dafür bestimmt.« Beide sahen sich an. Dann wieder eine lange Pause. »Du weißt doch,« sagte Wera leise, »daß sich Anna Pawlowna von ihrem Manne trennen will?« »Ich weiß es. Übrigens wird der Prinz trotzdem im Palast dem Zaren ein Fest geben, wenn der hier nach Moskau kommen sollte, wie er das fest zu beabsichtigen scheint.« Wera überhörte die Bemerkung Saschas und fuhr fort: »Weißt du, wer jetzt bei Anna Pawlowna wohnt?« »Nein.« »Du möchtest es wohl auch nicht wissen?« »Warum sollte ich es nicht wissen mögen? Ich kann es mir sogar denken.« »Bei Anna Pawlowna wohnt jetzt Boris Alexeiwitsch.« »Und das sagst du so ruhig?« »Warum sollte ich es nicht ruhig sagen? Das ist ja längst vorüber! Seitdem ist vieles geschehen.« »Freilich, freilich. – – Gestern hat Wladimir Wassilitsch mir den Plan von Moskau geschickt.« Er stand auf, holte den Plan und breitete denselben auf dem Tische aus. Wera trat hinzu. »Dieser rote Punkt,« begann Sascha ihr den Plan zu erklären, »dieser rote Punkt ist der Palast Petrowsky. Du siehst ihn doch?« »Ganz deutlich.« »Gut! Dieses blaue Kreuz hier bezeichnet die Lage der Kirche. Dazwischen liegt die Straße. Die Straße wird ungefähr zehn Meter breit sein. Von dem Keller des Popen bis unter den Tanzsaal Anna Pawlownas beträgt die Entfernung gute zwanzig Meter. Bis unter den Tanzsaal soll nämlich die Mine führen. Du siehst, daß ich keine Zeit zu verlieren habe und daß es wirklich eine schwere Arbeit ist. Aber ich werde sie ausführen. Wladimir Wassilitsch kann sich darauf verlassen.« »Wenn Wladimir Wassilitsch den Palast in die Luft sprengen will,« schaltete Wera ein, »warum läßt er dann nicht Dynamit in den Keller des Palastes selbst schaffen? Wozu diese Mine? Natalia Arkadiewna wohnt ja im Hause.« »Aber nicht lange mehr. Sie ist schwer krank, man erwartet täglich ihren Tod. Auf Natalia Arkadiewna kann sich Wladimir Wassilitsch nicht mehr verlassen. Überdies soll sie in die Nowaja-Andronowka-Vorstadt geschafft werden; Tania will sie pflegen. Ich werde Wladimir Wassilitsch bitten, daß er mir Colja zur Hilfe gibt; er kann ja des Nachts zu mir kommen. Es ist nur, damit wir zur rechten Zeit fertig werden.« »Da Wladimir Wassilitsch die Mine vorbereiten läßt, so hat er wohl sichere Nachricht über die Reise des Zaren nach Moskau?« fragte Wera. »Davon weiß ich nichts. Ich glaube, Wladimir Wassilitsch würde die Mine auch dann legen und aufsprengen lassen, wenn der Zar auf seiner Reise gar nicht durch Moskau käme.« »Auch dann? Sascha, auch dann?« rief Wera. »Nun ja, was willst du? Wladimir Wassilitsch behauptet, daß auch alle die anderen aus Rußland vertilgt werden müßten – nämlich alle die Reichen und Vornehmen. Du weißt ja, er haßt sie alle! Er behauptet, sie wären alle gleich. Einer wäre wie der andere.« »Meinst du, daß er recht hat?« »Ja,« sagte Sascha fest und bestimmt. »Und dann meint Wladimir Wassilitsch, es wären solche Verräter. Und du weißt ja, daß bei uns auf Verrat der Tod steht. Auch Boris Alexeiwitsch weiß das und – und Anna Pawlowna.« »Aber hat Anna Pawlowna uns wirklich verraten?« Zum erstenmal kam eine leidenschaftliche Bewegung über Sascha. Der starre Ausdruck in seinen Augen verschwand, seine Züge belebten sich unheimlich. Mit heiserer Stimme stieß er hervor: »Anna Pawlowna tut nichts mehr für die Sache; ja, sie weigert sich entschieden, noch etwas dafür zu tun. Wladimir Wassilitsch hat ganz recht gehabt, in allem recht! Nie hat sie das Volk geliebt, nie, nie! Sie hat mit dem Volke gespielt. Sie weiß nichts von ihm, nichts von seinem Herzen, nichts von seinen Leiden. Alles war Lüge, Lüge, Lüge! Und deshalb – – Und deshalb läßt Wladimir Wassilitsch diese Mine legen, deshalb hat Wladimir Wassilitsch mir diesen Auftrag erteilt, und deshalb werde ich seinen Auftrag ausführen.« Lange schwiegen beide; plötzlich fuhr Sascha auf: »Sagtest du nicht, Boris Alexeiwitsch wohne bei Anna Pawlowna?« »So hat man mir erzählt. Ich glaube, unsere Wirtin Marja Carlowna tat es; in ganz Moskau redet man davon, aber sie kümmert sich nicht darum. Sie soll ihn liebhaben. Warum auch nicht? Er ist ein schöner Mann und vornehm! So vornehm, daß er das Volk mit Füßen tritt, dem Volke ins Gesicht schlägt, dem Volke das Herz zerfleischt. Ist es nicht so?« »So ist es. Ich wollte, Wladimir Wassilitsch trüge mir auf, dir graben zu helfen,« rief Wera ausbrechend. »Du wirst auch dabei zu tun bekommen. Wladimir Wassilitsch zählt auf dich.« »Hat er mit dir davon gesprochen?« »Ja, er fragte mich, wie du mit Boris Alexeiwitsch stündest.« »Und du sagtest ihm – –« »Ich sagte ihm, er hätte recht gehabt. Darauf fing er an zu lachen.« »Aber welchen Auftrag hat er für mich?« fragte Wera ungeduldig. »Was kann ich dabei tun?« »Du sollst mir Dynamit zutragen. Auch sollst du auf einen Beobachtungsposten gestellt werden; ich *glaube in der Anstalt, dem Palast Anna Pawlownas gegenüber. Du weißt, in dem Hause für sittlich verwahrloste Mädchen.« »Wie soll ich da hineinkommen?« »Dafür wird Wladimir Wassilitsch Sorge tragen, Er hat überall seine Mittel und Wege. Von den Zimmern des obersten Stockwerkes aus kann man in den Tanzsaal hineinsehen. Du sollst uns das Zeichen geben, wenn es Zeit ist. Ein wichtiger Posten. Wirst du es tun können?« »Ich werde alles tun können, was man mir aufträgt.« »Soll ich das Wladimir Wassilitsch sagen?« »Ja.« Einundzwanzigstes Kapitel. Anna Pawlowna hatte aufgehört, über sich selbst zu reflektieren. Sie lebte jetzt, wie tausend andere Damen der russischen Gesellschaft lebten, von einem Tag zum andern, von einer Zerstreuung zur andern. Und was das Seltsamste dabei war, sie lebte mit Genuß in dieser großen, glänzenden Gedankenlosigkeit. Überdies war sie durch ihre Verhältnisse mit Sascha und Boris eine gesellschaftliche Berühmtheit geworden. Ihre Schönheit stand in der Blüte und ihre Schönheit zu pflegen und bewundern zu lassen, beschäftigte sie im Augenblick derartig, daß sie für nichts anderes mehr einen Gedanken zu haben schien. Mit großer Kunst wußte sie Toilette zu machen. Sie erfand selbst ihre Kostüme und strengte dabei ihre ganze Einbildungskraft an. Bald sprach man denn auch von den Toiletten der Prinzessin, wie man einst von den Teeabenden der Fürstin gesprochen hatte. Diese neuen Toiletten Anna Pawlownas versetzten sogar die russische Gesellschaft in Aufregung. Die Männer bewunderten sie, die Damen skandalierten darüber und – ahmten ihr nach. Zuerst begnügte sich Anna Pawlowna damit, Boris Alexeiwitsch zu gefallen, der anfangs entschieden solcher Mittel bedurfte, um von der schönen Frau gefesselt zu werden. Aber sehr bald reizte es sie, auch auf andere Männer Eindruck zu machen. Seit ihrem großen Irrtum hatte sie alle Brücken hinter sich abgebrochen und schien nichts anderes zu bezwecken, als möglichst schnell in den Abgrund zu stürzen. Sie wollte es mit offenen Augen tun, erhobenen Hauptes. Mit der Fürstin war sie von neuem sehr intim, doch hatte sich das Verhältnis der beiden Frauen zueinander vollständig verändert; alle Scheu der Fürstin vor ihrer schönen, majestätischen Cousine war verschwunden, Sie behandelte dieselbe bisweilen beinahe patronisierend. Anna Pawlowna zuckte dazu die Achseln, biß sich auf die Lippen, ließ es sich indessen doch gefallen, als die Vertraute der lächerlichsten und – galantesten Modedame Moskaus zu gelten. Sobald sämtliche vornehmen Familien vom Lande zurückgekehrt waren, richtete die Fürstin wieder ihre Teeabende ein, unter einem größeren Zudrange denn je. Die seltsamsten Gestalten erschienen in dem Salon, um in dessen Dämmerung vollständig zu verschwinden. Die Unterhaltungen wurden so leise geführt, daß das Geräusch des kochenden Samowars das Flüstern der Stimmen häufig übertönte. Die Fürstin in ihrer Robe aus weißer Crêpe de Chine leuchtete wie eine Marmorstatue durch das Dunkel, doch war sie an ihren Teeabenden wie gewöhnlich im höchsten Grade nervös, denn wie gewöhnlich wartete sie auf den einen oder den anderen, der – gewöhnlich nicht kam. Wer indessen regelmäßig erschien, war Anna Pawlowna in der Begleitung von Boris Alexeiwitsch, dessen Gesicht in jedem Zuge wieder den alten, matten, gelangweilten Ausdruck angenommen hatte. Zuweilen kam das Gespräch auf die neuesten sozialen Bewegungen Rußlands; man hörte Namen fallen wie: »Das russische Volk«, »die soziale Frage«, aber Anna Pawlowna hielt nie wieder eine Rede, darin sie sich vor ganz Moskau kompromittierte und Boris Alexeiwitsch brauchte nie wieder eine Dame in einer solchen bedenklichen Angelegenheit zu sekundieren. Zuweilen besuchte ein Nihilist die Teeabende der Fürstin: Wladimir Wassilitsch! Und wenn er nicht kam, so war die Fürstin hochgradig erregt. Kam er aber, so stieg ihre Aufregung noch höher, denn der Gast kümmerte sich fast gar nicht um die Wirtin, sondern schlürfte ein Glas Tee nach dem andern, ohne sich jemals in die Unterhaltung zu mischen. Er saß da mit seinem Lächeln, das die Dämmerung verhüllte, mit Blicken, darin sich außer Haß und Verachtung die Zuversicht eines baldigen Sieges aussprach. Jeder dieser Gänge kostete ihn einen gewaltsamen Entschluß; aber er bedurfte dieser Besuche, um sich immer wieder von neuem gegen die Feinde des russischen Volkes aufzustacheln, seinen Haß durch seine Beobachtungen zu nähren und aus seiner erhitzten Einbildungskraft immer von neuem Pläne zu schöpfen, die sämtlich auf das eine Ziel hinausliefen: auf die Vernichtung einer Menschenrasse, die für ihn an allem Unheil, das seit Jahrhunderten über das russische Volk gekommen, die Schuld trug. Trotz der Vertrautheit der Fürstin mit Anna Pawlowna, trotz des großen Andranges zu ihren Teeabenden, beabsichtigte die Fürstin im Laufe des Winters Moskau zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Aber sie wollte nicht allein reisen. Zuerst hatte Wladimir ihre Vorschläge, sie nach Paris und später nach Nizza zu begleiten, brüsk abgelehnt, plötzlich zeigte er sich denselben geneigter. Die Fürstin war glückselig, wäre am liebsten gleich mit ihm abgereist. Aber Wladimir wußte die Reise immer von neuem hinauszuschieben, ließ indessen von der Fürstin die Pässe besorgen; nicht nur für sich und ihn, sondern auch für eine neue Kammerfrau, von welcher die Fürstin lange nichts wissen wollte, bis sie sich schließlich Wladimirs Willen fügen mußte. Die Pässe lagen bereit und Wladimir versprach der Fürstin, mit ihr abzureisen, sobald es ihm »möglich« sein würde. So standen die Dinge beim Beginn des Winters, über Moskau schien sich eine ewige Dämmerung herabzusinken; in totenfarbenem Grau lag die Erde, auf die der Himmel niederdrückte wie der Deckel eines Sarges. Dann begann es zu schneien, tagelang, wochenlang, bis das Wintergewand Rußlands fertig gewebt war. Endlich wurde es klar und kalt. Der Himmel strahlte in tiefstem Blau, und obgleich die Sonne nur schwach schien, war alles Glorie und Glanz. Die Dächer, die Türme und Kuppeln Moskaus leuchteten, als waren sämtliche Diamanten des Kreml darüber ausgeschüttet. Mit den ersten Schneeflocken, die herabrieselten, fiel in dem Gärtnerhause in der Nowaja Andronowka-Vorstadt ein junges Menschenkind in das Leben hinein, und die holdseligste Mutter beugte sich über das kleine Gesichtchen, das Kind anlächelnd, als sei es auf die Welt gekommen, die Menschen zu erlösen. Die Mutter hatte es erlöst! Tanias ganzer Jammer war verschwunden, vor dem Blick ihres Kindes vergangen, wie Reif am Sonnenschein. Nun konnte sie ihr Kind an der Brust halten und darüber ihre Lieder raunen, bis die Augen ihres Lieblings sich schlossen. Wie eine lange, bange Winternacht lag das vergangene Jahr hinter ihr, wie ein ewiger strahlender Sommertag lag vor ihr die Zukunft, darin ihr Kind sie anlächeln würde. Es war ein Knabe. Wladimir Wassilitsch war ein Sohn geboren worden! Wie im Traum ging er umher, alle Dinge schienen ihm verändert, das ganze Leben hatte für ihn eine andere Gestalt gewonnen. Wieder erwachten Empfindungen in ihm, von denen dieser Terrorist nichts geahnt hatte, gegen welche er vergebens ankämpfte. Er, der bisher in allen klaren Augenblicken immer nur an »die Sache« gedacht, konnte seine Gedanken jetzt nicht mehr von einem Wesen hinwegbringen, so klein und winzig, daß er es mit seinen Händen hätte bedecken können, mit einem so schwachen Lebensfunken in sich, daß jeder rauhe Windhauch denselben auszulöschen vermocht hätte. Schon bei dem Gedanken an eine solche Möglichkeit wurde der Vater von einer wahren Todesangst ergriffen, als ob mit dem einen Leben das Leben der ganzen Welt vertilgt werden sollte. Er hatte wieder Nächte, in denen er, an das Kind und die Zukunft des Kindes denkend, kein Auge schloß, wo er im Bette aufrecht saß, angstvoll lauschend, ob nebenan in der Kammer alles ruhig blieb. Während dieser Mann mit kaltem Blute daran dachte, Hunderte von Menschenleben zu vernichten, klopfte ihm ängstlich das Herz, wenn in der Kammer sein kleiner Sohn schrie. Am Tage war es fast noch ärger. Wladimir mußte den größten Teil desselben außer dem Hause zubringen, in einer Tätigkeit, die alle seine Kräfte in Anspruch nahm. Mit den Verschwörern von ganz Rußland stand er in unausgesetzter Verbindung, hier einen Putsch vorbereitend, dort ein Attentat arrangierend; dazwischen schrieb er Pamphlete, diktierte Aufrufe an das Volk, richtete Drohbriefe an die Regierung; alles, was er sann und dachte, was er tat und trieb, war voller Blutgeruch, und durch alles klang das Lallen seines Kindes. In sein Leben war ein Wechseln von Empfindungen getreten, von Haß zu Liebe, von Härte zu Weichheit, so daß sein Gemüt unter den heftigsten Erregungen hin und her schwankte. Es kamen Stunden, in denen er wieder begann, seine alten Theorien auszuspinnen, daß der Mensch nichts lieben sollte, nichts als seine Ideen, diese einzig wahrhaft edlen Leidenschaften, denen er alles opfern müsse: Häuslichkeit und Heimat, Weib und Kind, das eigene Wohl und die eigene Glückseligkeit. Je schwächer er sich Tania und seinem Sohne gegenüber fühlte, desto mehr versuchte er mit dem ganzen Raffinement des Selbstquälers sich gegen sie zu verhärten. Aber in seiner Handlungsweise zeigten sich bereits große Inkonsequenzen. Er war ein Todfeind des christlichen Glaubens; und obgleich er wohl wußte, daß es ihm nicht gelungen war, Tania auch nur mit einem Gedanken von Gott abwendig zu machen, obgleich er wußte, daß sie sich, wie früher in ihrem Jammer, so jetzt in ihrem Glück in die Mysterien des Glaubens versenkte, fand er dennoch nicht mehr den Mut, sie von Gott hinwegzureißen. So duldete er auch, daß über dem Lager seines Sohnes ein Heiligenbild hing, daß Tania über ihrem Kinde die heiligen Zeichen machte und an seinem Bette inbrünstig betete. Ja, als er eines Tages seinen Knaben küssen wollte und auf der Brust an einer Schnur ein kleines silbernes Muttergottesbild entdeckte, tat er, als wenn er es nicht gesehen hätte. Wie ward Tania, die zitternd, gleich einer ertappten Sünderin, daneben stand, als Wladimir ihr den Knaben sanft in den Arm legte und schweigend das Zimmer verließ. Sie warf sich an der Wiege auf die Knie nieder, betete, weinte und dankte dem Himmel, denn sie war auf einmal der Zuversicht geworden, daß Wladimir in seinem Herzen wieder zum Glauben zurückgekehrt sei. Fortan ging sie jeden Tag nach Moskau in die Kirche, brachte der Himmelsmutter geweihte Kerzen dar und ergoß sich in glühenden Lobpreisungen für das Wunder, das in der Seele des Vaters ihres Kindes geschehen war. Und seltsam, höchst seltsam! War Wladimir jetzt mit seinen Mordplänen beschäftigt und dachte er dabei seines Knaben, so war es ihm eine Beruhigung zu wissen, daß die Mutter für sein Kind betete. Was aber war die Wonne Tanias, was das heimliche Glück Wladimirs über die Geburt des Kindes, verglichen mit dem Stolz Coljas! Colja ging mit einem Gesicht umher, als ob er der Vater wäre, und wurde fast hochmütig. Natürlich war es bei ihm eine ausgemachte Sache, daß niemals, solange die Welt bestand, ein solches Kind geboren worden, niemals, solange die Welt bestehen würde, wieder ein solches Kind geboren werden könnte. Wenn er in die Nähe des kleinen Wesens kam, ging er auf den Zehen. Niemals hatte er gewagt, in der Gegenwart des Wunderknaben ein lautes Wort zu sprechen; in der Kirche sprach man auch nicht! Und wo Tania mit dem Kinde weilte, da waren für Colja alle himmlischen Heerscharen versammelt. Am liebsten hätte er getan wie einer der heiligen drei Könige aus dem Morgenlande und das göttliche Kind angebetet. Seine Begeisterung für dieses Kind kannte keine Grenzen. Diese Händchen, diese Füßchen, dieses Gesichtchen – es war nicht zu glauben! Und was es für ein Stimmchen hatte; wie fein und zugleich wie kräftig! Durch das ganze Haus war sein Schreien zu hören und Colja lauschte darauf, als ob er ein Orakel vernähme. Es war gar nichts mehr mit ihm anzufangen. Er schien die Absicht zu haben, von jetzt an sein Leben lang nichts anderes mehr zu tun, als das Kind anzustaunen. Unsäglichen Kummer bereitete es ihm, als einmal das kleine Wesen bei dem Anblick seines bärtigen Gesichts jämmerlich zu schreien anfing. Ganz entsetzt über sich selbst, mit Tränen in den Augen schlich er davon und blieb den ganzen Tag über niedergeschlagen. Aber dann welches Glück, als Tania ihn später herbeirief, das Händchen ihres Sohnes nahm und mit diesem Colja durch den struppigen Bart fuhr; welche Wonne, als das kleine Dingelchen ganz herzhaft zugriff, ganz tüchtig packte und zerrte; etwas so Wundersames war Colja in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Er wurde jetzt sogar auf seinen Bart stolz und hätte jeden als Feind betrachtet, der diese höchste Zierde seiner Person nicht anerkannt haben würde. Ganz empört war er, daß es Winter war und er für das Kind keine Blumen schaffen konnte, oder Himbeeren, oder Vogeleier. Er nahm es für eine persönliche Beleidigung des Himmels gegen sich und sann Tag und Nacht darüber nach, womit er dem Kinde wohl Freude machen könnte. Nur um seinem mächtigen Liebesdrang Genüge zu leisten, verfertigte er, denn es war ja Winter, aus Birkenholz einen kleinen Schlitten mit höchst kunstreichen Schnitzereien, die er gelb und blau bemalte. Es ward ein wahres Wunder von Schlitten, aber für das wundervolle Kind lange nicht wunderschön genug! Colja lief hinaus in die winterliche Steppe und kam nicht eher zurück, als bis er einen prächtigen Fuchs gefangen hatte, dessen Fell er abzog, um daraus für das Kind eine Decke zu verfertigen. In dem Zimmer, darin früher Wladimir und Sascha schliefen, wohnte jetzt Natalia Arkadiewna und wurde von Tania auf das Zärtlichste gepflegt. Das Leben dieser jungen Fanatikerin zählte nach menschlicher Berechnung nur noch nach Tagen; aber mit ihrem gewaltigen Willen hielt sie es fest, sie wollte nicht sterben. Nicht eher, als bis für die »Sache« etwas Gewaltiges geschehen war, als bis die Nihilisten etwas Großes vollbracht hatten. Man mußte sie von allem, was vorfiel, genau unterrichten, und in ihrem Zimmer, an ihrem Bette, das sie nur selten verlassen konnte, wurde die Verschwörung gegen das Leben des Zaren organisiert. Angefeuert durch die dämonische Leidenschaft der Sterbenden, die mit schwacher Stimme glühende Reden hielt, den Terrorismus in wahren Dithyramben pries und prophetische Worte raunte, hielt das Komitee seine Beratungen. Wladimir war viel um sie, denn er bedurfte ihrer; er fühlte, wie sie Geist war von seinem Geiste, Seele von seiner Seele. Alles besprach er mit ihr, nur nicht, was Tania und das Kind anbetraf. Aber Natalia erkannte den Zwiespalt in seiner Natur und sah die Möglichkeit, daß er, der ihr Held war, sich und seinem Lebensideal treulos werden könnte aus Leidenschaft für seine Geliebte und aus Liebe zu seinem Sohne. Mit allen Kräften drängte sie ihn daher zu neuen Taten, unablässig bemüht, die Flamme seines Fanatismus zu schüren und ihn die Zukunft des russischen Volkes in leuchtenden Bildern sehen zu lassen. Sie schilderte ihm die Wonne eines Märtyrertums und gelobte, sich mit ihm einkerkern zu lassen, mit ihm nach Sibirien zu wandern, auf das Blutgerüst zu steigen. Wenn er sie so reden, mit ihrem Totengesicht solche Zukunftspläne machen hörte, packte ihn Grausen. Sie fühlte das und sagte mit einem Lächeln: »Ich schwöre dir zu, daß ich mein Gelübde halten werde, denn etwas in mir ist stärker als der Tod. Ich werde leben bleiben und ich werde dir folgen, wohin es auch sei.« Und in der Tat schien sie sich noch einmal zu erholen. Sie begann ihr Bett zu verlassen und erzwang es, jeden Tag länger aufzubleiben. Sie wußte es durchzusetzen, daß man ihr bei dem Moskauer Putsch eine Rolle zuwies. Mit Wladimir zusammen wollte sie die Mine, die den Palast Petrowsky in die Luft sprengen sollte, anstecken; und als man anfing zu befürchten, daß der Stollen, den Sascha mit Hilfe Coljas des Nachts grub, sich mit Wasser füllen würde und infolgedessen der Schwefelfaden versagen könnte, war es Natalia, die das Entzünden der Mine mittels einer Lunte vorschlug. Natürlich wurden alle diese Pläne vor Tania geheimgehalten. Zweiundzwanzigstes Kapitel Es fehlte den Nihilisten an Geld. Die Agitation verschlang Summen, von denen ein Teil des russischen Volkes hätte gekleidet und genährt werden können. Wladimir erhielt den Auftrag, bis zu einem gewissen Zeitpunkt ein gewisses Kapital zu beschaffen; aber seine Hilfsquellen waren erschöpft. Außerdem war der Termin ziemlich nahe und das benötigte Kapital recht bedeutend. Er wußte keinen Rat. Denn auch die Fürstin begann schwierig zu werden, wenn Wladimir mit einer neuen Forderung kam, so daß es diesem in der letzten Zeit jedesmal gewesen war, als ob Scham und Ekel ihn ersticken müßten. Er war wütend auf Sascha, welcher aus Anna Pawlowna eine Goldgrube für die Sache hätte machen können; und wütend war er auf Wera, die nicht einmal den Versuch gemacht hatte, Boris Alexeiwitsch im Interesse der Sache auszubeuten, wo dieser Wüstling bereit gewesen wäre, in den Schoß des schönen Mädchens ein Vermögen zu werfen. Da war er ein anderer. Er hatte sich für die Sache verkauft und sich königlich bezahlen lassen. Und eine andere würde Natalia Arkadiewna sein, wäre sie gesund und schön gewesen: Glied für Glied würde sie zum Besten der Sache geopfert haben. Das war ein Weib! Hätte Wladimir nicht die holde Tania geliebt, so würde er die sterbende Natalia geliebt haben. Aber er mußte das Geld auftreiben! Nicht nur, daß es seine Pflicht war, seinen Auftrag auszuführen, er brannte auch aus anderen Gründen auf die Erfüllung desselben. Von der Beschaffung der Summe, die, wie gesagt, ziemlich hoch war, hing im Süden Rußlands ein großer Putsch seiner Partei ab; er hatte das Geld auf alle Fälle herbeizubringen. Ein solches hochherrliches Vorhaben durfte nicht aus Mangel an diesem elenden Mammon scheitern. Wladimir zerbrach sich Tag und Nacht den Kopf, ohne etwas auszugrübeln. Und die Zeit drängte. In übelster Stimmung befand er sich eines Nachmittags bei Natalia, der gegenüber er sich, wie gewöhnlich, vollständig gehen ließ, die ihn aber diesmal auch nicht zu beruhigen vermochte. Wäre ihre Mutter reich gewesen, so würde Natalia von ihr, nötigenfalls durch die Drohung, sich selbst der Polizei angeben zu wollen, Geld erpreßt haben; doch der Geheime Staatsrat war, ein in Rußland seltener Fall, gestorben, ohne Schätze zurückgelassen zu haben. Während die beiden noch zusammen berieten und nichts fanden, vernahmen sie plötzlich, aus den unteren Räumen des Hauses herauftönend, leisen Gesang, unsäglich wehmütig, voll bestrickenden Wohllauts. Es war Tania, die ihren Knaben in Schlummer sang. Die beiden wurden still und lauschten auf die liebliche Stimme; aber als Natalia zufällig einen Blick auf Wladimir warf, erschrak sie. »Was haben Sie? Sprechen Sie, Wladimir Wassilitsch! Ist Ihnen unwohl geworden! Wie sehen Sie aus!« Wladimir stand vor ihr, bleichen Gesichts, nach Fassung ringend. »Hören Sie doch!« stieß er hervor. »Tania singt.« »Ja, Tania.« »Wie kann Sie das erschrecken?« »Sie hat eine solch süße Stimme!« »Ihre Tania ist eine russische Nachtigall.« Wladimir erwiderte nichts. Wiederum schwiegen sie und lauschten. Tania sang: »Eine rote Rose ging auf im tiefen Schnee. Warum tut mir mein Herze so bitterlich weh? Gott hilf, Gott hilf! Die Blume, die dort so blutig glüht, Sie ist aus meinen Tränen – ach, Tränen aufgeblüht.« Erst als Tania zu singen aufgehört hatte, entriß sich Wladimir der Entgeisterung, die über ihn gekommen war. Ohne ein Wort zu sagen, ging er, seine Freundin in Sorge und Zweifel zurücklassend. Wladimir stieg langsam die Treppe hinab. Unten angekommen blieb er stehen, unentschlossen, ob er bei Tania eintreten oder gleich weitergehen sollte. Da hörte er sie mit dem Kinde, welches noch nicht eingeschlafen war, leise plaudern und kosen und – schlich an der Tür vorüber. Wenn er sie sah, mit dem Knaben, würde es ihn in seinem Entschlüsse wankend machen, es würde seine Willenskraft lähmen, würde ihn völlig entmannen. Und er wollte seinen Vorsatz durchführen, um der Sache willen. Tania sollte endlich der Sache nützen, seine Geliebte, die Mutter seines Sohnes, sollte bei den großen Dingen, die vor sich gingen, nicht gänzlich untätig bleiben, die einzige, welche ihre Hände in den Schoß legte und nichts, gar nichts tat, als daß sie ihn und seinen Knaben abgöttisch liebte. Es lag etwas Unwürdiges in solcher Existenz, etwas geradezu Erniedrigendes. Das Weib nur Weib, des Mannes Geliebte, die Amme seines Kindes. Aber es war seine eigene Schuld! Warum hatte er sie so lange müßig bleiben lassen, warum hatte er ihr nicht früher ihren Teil an seiner großen Arbeit gegeben, wie es ihr zukam, wie sie es von ihm für sich verlangen durfte, warum hatte er sie nicht erzogen, ein Kind der Sache zu sein, eine Zeitgemäße und Auferstandene?! Ihre Seele befand sich noch immer in totenähnlichem Schlummer, er hatte ihre Seele noch immer nicht geweckt; immer blieb es bei schwachen Versuchen, immer zeigte er sich feig. Es war höchste Zeit, sich aufzuraffen und die Schwäche von sich zu werfen; gleich diesen Abend wollte er den Anfang machen; gleich morgen sollte Tania beginnen, der Sache zu dienen. Dann würde er freier aufatmen können. Wladimir begab sich in die Stadt, geradeswegs zu einem gewissen Dimitri Sassinow. Dieser Herr Sassinow war eine der bekanntesten Persönlichkeiten Moskaus, Besitzer eines großen Vergnügungslokals, einer sogenannten »Spezialitätenbühne«. Herren und Damen aller Nationalitäten produzierten in dem Saale des Herrn Sassinow jeden Abend sowohl ihre Kunststücke, wie ihre Person. Es gab auf der ganzen Welt keine Abnormität, keine Geschicklichkeit, keine »Kunst«, welche Herr Sassinow dem verehrungswürdigen Publikum nicht präsentiert hatte; jede Ausgeburt des menschlichen Geistes, welche sich in der menschlichen Figur verkörpern ließ, führte in dem Etablissement des Herrn Sassinow Abend für Abend unter dem Beifallsjubel einer zahlreich versammelten Zuschauerschaft ihre Sprünge auf. Diese Zuhörer bestanden aus einer etwas gemischten Gesellschaft: Handwerker mit ihren Weibern oder Geliebten, Dirnen mit ihren Zuhältern oder zeitweiligen Besitzern, der Moskauer jeunesse dorée . Denn Herr Sassinow selbst war eine Spezialität in der Auswahl der Genüsse, die er einem verehrungswürdigen Publikum Abend für Abend vorsetzte. Besonders was den zarten Teil des reichhaltigen Menüs anbetraf, ließ Herr Sassinow es sich angelegen sein, den Besuchern seines Etablissements stets das Allerfrischeste und Allerpikanteste Zu offerieren (darunter häufig »Kaviar fürs Volk«). So bildete Herrn Sassinows ausgezeichnetes Warenmagazin eine Bezugsquelle für die leiblichen Bedürfnisse der halben eleganten Moskauer Welt. Diesen Wohltäter der Menschheit suchte Wladimir auf und lernte an Herrn Dimitri Sassinow einen ältlichen, feisten Altrussen kennen, der nach Fett und Branntwein stank, in einem von Schmutz starrenden Kaftan steckte, einen langen, gelben Bart und lange schwarze Fingernägel hatte. Diese angenehme und würdevolle Persönlichkeit empfing Wladimir in seinem »Bureau«, einem dunkeln höhlenartigen Raum, der auf einen brunnenähnlichen Hof hinausging und von den Gerüchen seines Bewohners infiziert war. »He, wer sind Sie und was wollen Sie?« schrie der Würdige mit grober, schnarrender Stimme Wladimir an. Dann betrachtete er sich denselben näher und änderte seinen Ton. »Welche Spezialität haben Sie? Was fordern Sie für den Abend? Ich will Sie engagieren. Verstehen Sie sich auf das Trapez? Ein Mensch von Ihrer Figur sollte sich auf das Trapez verstehen. Ich hoffe, daß Sie kein Taschenspieler sind; als Taschenspieler könnte ich Sie nicht brauchen; nur in Trikot!« Wladimir wurde zornig. »Seien Sie doch nicht unverschämt, hören Sie! Für wen halten Sie mich? Ich bin kein Possenreißer.« »Was sind Sie denn? Wenn Sie nicht das Trapez können und nicht in Trikot gehen wollen, so scheren Sie sich hinaus. Verstehen Sie!« Wladimir mäßigte sich um der Sache willen. »Ich wollte Sie fragen, ob Sie Lust hätten, eine Sängerin zu engagieren?« »He?« »Eine Bäuerin aus einem Steppendorf, die eine reizende Stimme hat.« »Was tu' ich mit der reizenden Stimme? Ist die Person jung?« »Achtzehn Jahre.« »Hübsch?« »Eine Schönheit.« »Blond wahrscheinlich?« »Allerdings.« »Gut gewachsen?« »Was geht das Sie an?« »Was mich das angeht? Sind Sie verrückt? Wenn die junge Person nicht gut gewachsen ist, so kann ich sie nicht brauchen!« »Nun, sie ist gut gewachsen.« »Ist es Ihre Schwester?« »Nein.« »Ihre Geliebte?« »Ja.« Es waren geradezu Qualen, die Wladimir während dieses Verhörs litt; aber er hielt sie aus. Herr Sassinow fuhr fort: »Warum haben Sie die Person nicht gleich mitgebracht?« »Ich wollte Sie erst fragen, ob Sie dieselbe brauchen könnten.« »Welche Frage – wenn sie jung und hübsch ist.« »Was werden Sie zahlen?« »Ich muß sie erst gesehen haben.« »Sie können mit mir kommen und sie sich betrachten.« »Ich mit Ihnen kommen – – Ich glaube wirklich, der Mensch ist toll.« »Die junge Person hat ein kleines Kind und ist sehr schüchtern, sehr zart, sehr – –« Wladimir suchte nach dem rechten Worte und stockte. Herr Sassinow fing an zu begreifen. »Ich verstehe: Sie wollen die junge Person verkaufen, Sie wollen ein Geschäft mit der jungen Person machen. Nun, das kommt vor, das ist mir schon vorgekommen. Wahrscheinlich ist die junge Person Ihnen ungemein zugetan. Übrigens, wer sind Sie eigentlich?« »Ich bin Student.« »Nun ja, ich sehe, wie die Sachen stehen. Die junge Person weiß natürlich von nichts.« »Von nichts.« »Wie viel wollen Sie denn für sie haben?« Wladimir nannte eine Summe, der Würdige schrie: »Sie sind toll! Scheren Sie sich hinaus! Ich sage, daß Sie toll sind! Wollen Sie wohl gleich gehen? He, wollen Sie wohl!« Wladimir blieb ruhig stehen: »Sie bekommen sie nicht um eine Kopeke billiger.« »Lassen Sie mich zufrieden!« »Sie wollen also nicht?« »Machen Sie, daß Sie fortkommen!« »Ich gehe, Sie brauchen sich gar nicht zu ereifern. Herr Peter Petrowitsch wird das Geschäft mit mir machen.« Herr Peter Petrowitsch war der Konkurrent des Herrn Dimitri Sassinow. Wladimir setzte seine Mütze auf und schritt ohne ein weiteres Wort zur Tür; doch ehe er dieselbe erreichte, schrie Herr Sassinow, ganz braun im Gesicht: »So warten Sie doch; ich gehe ja mit Ihnen. Ist es weit? Wir können eine Droschke nehmen. Wollen Sie nicht vorher ein Gläschen trinken? Sind Sie aber hitzig!« Wladimir wollte kein Gläschen trinken, so daß Herr Sassinow es für nötig fand, für ihn und für sich zwei Gläser zu sich zu nehmen. Darauf gingen sie, mieteten eine Droschke und fuhren in die Vorstadt. Unterwegs gab Wladimir Herrn Sassinow einige Verhaltungsregeln, so daß dieser immer begieriger wurde, die junge Person kennen zu lernen. Als der Wagen vor dem Garten hielt, stand Tania, das Kind im Arm, am Fenster und als Wladimir über den Hof ging, hielt sie den Knaben empor, den Kleinen seinem heimkehrenden Vater weisend. Dann bemerkte sie den Fremden, erglühte über das ganze Gesicht und verschwand. »War sie das?« »Das war sie.« »Und wie viel verlangen Sie dafür, daß sie bei mir singt?« »Genau so viel, wie ich Ihnen gesagt habe.« »Aber ich sagte Ihnen, daß Sie toll sind! Bedenken Sie, was die junge Person sich nebenher verdienen kann. Das ist ja die Hauptsache! Andere pflegen mir dafür zu zahlen, daß ich sie bei mir auftreten lasse. Was haben Sie?!« »Wenn Sie nicht gleich schweigen – –« Herr Sassinow schwieg. Herr Sassinow war über den Ausdruck in Wladimirs Gesicht, über Wladimirs Blick, über Wladimirs Stimme so entsetzt, daß er sofort schwieg. Nach einer Weile flüsterte er: »Also die Sache ist abgemacht.« »Das heißt?« »Das heißt, daß ich Ihnen für die junge Person zahle, was Sie verlangen.« »Soll sie Ihnen nicht vorher etwas singen?« »Ist nicht nötig! Wann kann sie zum erstenmal bei mir auftreten?« »Morgen.« »Morgen erhalten Sie das Geld.« »Sie wissen, gleich die ganze Summe.« »Die ganze Summe, die ganze Monatsgage pränumerando ausgezahlt.« »Abgemacht.« Herr Sassinow dachte: Es ist ein gutes Geschäft; es ist ein sehr gutes Geschäft! Hoffentlich ist sie nicht gar zu tugendhaft. Obwohl – mir kann es gleich sein; ich mache auf jeden Fall ein gutes Geschäft. Es ist mir um ihretwillen! Um ihretwillen wünsch' ich, daß sie den schönen Burschen bald los wird. Das war ja vorhin ein wahrer Mörderblick. Schade, daß er nicht das Trapez kann. Eine prachtvolle Figur für Trikot! Und die junge Person, wer weiß – – Am Abend unternahm es Wladimir, Tania vorzubereiten. Er schickte Colja fort und als der Knabe zu Bett gebracht und eingeschlafen war, rief er Tania ins Zimmer hinüber; um keinen Preis hätte er drinnen in der Kammer bei dem Kinde davon reden können. »Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich.« Tania setzte sich auf den Platz, den Wladimir ihr mit einer Kopfbewegung anwies. Er selbst stellte sich an das Fenster und schaute hinaus in die leuchtende Winternacht. »Ich weiß, daß du mich liebhast,« begann er und stockte. Tania sah zu ihm hinüber, mit einem Blick, einem Lächeln, einem Ausdruck, ganz Liebe, Hingabe, Glauben, Anbetung. Aber sie sagte nichts. Wladimir mußte wohl oder übel fortfahren: »Nun gut, du brauchst es mir nicht erst zu versichern. Ich weiß es; deine Liebe für mich ist groß. Und so ist die meine für dich, wenn ich auch zuweilen rauh erscheinen mag – – Weine nicht! Du weißt, ich kann Tränen nicht ausstehen! Tränen reizen mich, bringen mich auf, machen mich wild, und ich möchte gern sanft und gütig gegen dich sein.« Sie bezwang sich, die Tränen, welche er nicht leiden konnte, tapfer zurückdrängend. Nur in ihren Augen blieben sie funkelnd stehen und um ihren Mund zuckte es schmerzlich. Dann versuchte sie ein Lächeln; aber er sah nichts davon. Wladimir begann mit größerer Ruhe: »Ich habe viele Aufregungen, schwere Szenen, heiße Kämpfe, alles Dinge, mit denen ich dich nach Möglichkeit verschont habe; viel zu viel! Doch wie du nun einmal bist – und ich mache dir keinen Vorwurf daraus – kannst du deiner weichen Natur nach mein inneres Leben unmöglich teilen. Ich habe zuweilen schrecklich zu leiden; du weißt nichts davon.« Ob sie wirklich nichts davon wußte? Hatte er ihren Blick gesehen, in ihrem Blicke die Todesangst, den Jammer, die unsägliche Liebe gelesen! Aber er sah sie nicht an, und sie blieb stumm. »Es geht indessen nicht länger so,« sprach Wladimir weiter. »Du mußt endlich davon erfahren, du mußt mich endlich dabei unterstützen, mir dabei helfen.« »Ach, Wladimir!« Wladimir fuhr zusammen. Dieses Wort seines Weibes war wie ein Freudenschrei gewesen, wie ein erstickter Jubelruf. Sich den Schweiß von der Stirn wischend, murmelte er: »Es wird dir schwer fallen, obgleich es im Grunde genommen gar nichts ist; es wird dir viele Tränen kosten, töricht wie du bist. Aber weil du mich liebhast, und weil du doch eigentlich mein Weib bist, und weil ein Weib die Arbeit des Mannes teilen soll – – überdies, es geschieht für die Sache, für die du noch keinen Finger gerührt hast, für das Volk, welches dir ganz gleichgültig zu sein scheint, für das Glück des Volkes. Mit einem Worte, es geschieht aus den stärksten Ursachen, aus den treibendsten Gründen. Was sagst du?« »Daß ich mich freue; ach, so sehr!« »Du freust dich?« »Daß ich dir helfen darf – endlich! endlich!« »Du weißt ja noch gar nicht, was du tun sollst.« »Du wirst es mir sagen und ich werde es tun und es wird gewiß das Rechte sein.« »Meinst du? Natürlich ist es das Rechte.« »Also, was soll ich tun?« Sie war in ihrer Erregung aufgestanden und zu ihm getreten. Aber Wladimir starrte immer noch, von ihr abgewendet, zum Fenster hinaus. Sie mußte es noch einmal sagen: »Was soll ich tun?« »Es ist nur für kurze Zeit, nicht länger als für einen Monat, höchstens. Du mußt jeden Abend, wenn das Kind schläft, dich hübsch anziehen und mit mir fortfahren. Denn ich bleibe bei dir, ich weiche nicht von deiner Seite, keiner soll sich unterfangen, dir nahe zu kommen.« Und er ballte bei dem bloßen Gedanken, daß einer sich unterfangen könnte, ihr nahe zu kommen, seine Hände, knirschte mit den Zähnen und stöhnte laut auf. »Wladimir! Wladimir!« Ihr angstvoller Ruf brachte ihn zur Besinnung. »Kurz und gut,« bedeutete er ihr mit rauher Stimme, »du sollst einen Monat lang jeden Abend in einem großen Saal, darin sich viele Menschen befinden, eine Viertelstunde singen; Volkslieder und was du sonst weißt. Es ist das wenigste, was du für die Sache tun kannst; das mußt du doch einsehen. Genug; ich befehle es dir und du wirst gehorchen.« Er stampfte mit dem Fuße auf, drehte sich um nach ihr und sah sie mit rollenden Augen an. Sie war sehr bleich und zitterte, sagte aber, daß sie es ganz gut einsähe, daß es in der Tat wenig von ihr verlangt sei, daß sie es gern tun würde; jeden Abend, einen Monat lang und noch länger. Mit einer schüchternen Bewegung legte sie ihre Hand auf seine Schulter und lächelte ihn an. Herr Sassinow machte es anders als andere; andere machten Reklame, stießen gewaltig in die Posaune, rührten nach Kräften die Trommel. Herr Sassinow tat nichts dergleichen. Alles, was am nächsten Tag in dem Programme der Spezialitätenbühne Herrn Sassinows über Tanias Debüt zu lesen stand, beschränkte sich auf die einfache Konstatierung der Tatsache, daß vor der ersten großen Pause die Bäuerin Tania aus Eskowo Volkslieder singen würde. Das war alles! Herr Sassinow verschmähte es, die Bäuerin Tania und sein Etablissement an die große Glocke zu hängen. In aller Frühe stieg Wladimir zu Natalia hinauf, die noch im Bette lag und eine schlechte Nacht verbracht hatte. »Sie haben etwas,« rief Natalia dem Eintretenden zu und fuhr in die Höhe. »Nichts, das der Rede wert ist,« erwiderte Wladimir mürrisch. »Seien Sie nicht so aufgeregt, das schadet Ihnen. Sie sind ja fast so ängstlich und nervös wie Tania Nikolajewna. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie den Tag über liegenbleiben und erst am Abend aufstehen möchten. Ruhen Sie sich also.« »Was geschieht heute abend?« »Eine Lächerlichkeit; aber ich möchte, daß Sie mit mir zugegen wären.« »Sie wollen mit mir ausgehen?« »Werden Sie kräftig genug sein?« »Sicher! Das wissen Sie ja.« »Das weiß ich. Übrigens, was sagen Sie dazu? Ich werde noch heute jene Summe erhalten, die ganze Summe.« »Wie mich das freut! Ich hegte indessen gar keinen Zweifel daran, daß Sie das Geld auftreiben würden; Sie können alles, was Sie wollen. Ich bewundere Sie.« »Diesmal bin nicht ich es, sondern Tania, welche das Geld schafft.« »Tania?!« »Sie wird heute abend in dem Tingeltangel des Herrn Sassinow Volkslieder singen. Sie sollen mich begleiten und Tania singen hören. Herr Sassinow zahlt mir heute die ganze Summe aus; wir haben ein festes Abkommen für einen Monat getroffen.« »Wladimir!« schrie Natalia auf. »Was haben Sie sich angetan! Und ich vermag Ihnen in nichts beizustehen, ich habe keinen Balsam für Ihr blutendes Herz; Sie geben Ihr Heiligtum hin und alles, was ich tun kann, ist, daß ich hier liege und mit dem Tode ringe und den Tod bezwingen werde, bis ich Sie als den Helden des russischen Volles anerkannt weiß.« Und sie wälzte sich auf ihrem Lager, ächzend und in Qualen sich windend. Tania wich den ganzen Tag keinen Augenblick von ihrem Kinde; auch während sie für Natalia Sorge trug, hatte sie ihren Knaben bei sich. Wenn sie mit dem Kleinen in das Krankenzimmer trat, war ihr's jedesmal, als müßte der Anblick des Kindes Natalia gesund machen, als brachte sie ein Heiligtum zu der Schwerkranken. Aber Natalia kümmerte sich nicht um den Wunderknaben, welcher die Augen seiner Mutter hatte, und alles, was sie mit Wladimirs Geliebten über deren Sohn sprach, war, daß sie ihr glühende Reden hielt, das Kind zu einem leidenschaftlichen Anarchisten, zu einem echten Sohn seines Vaters zu erziehen. Sie pries Tania, daß sie der Sache des Volkes einen Sohn Wladimirs schenken konnte, daß sie auserwählt und gewürdigt worden, die Mutter eines zukünftigen Helden zu sein. Tania hörte ihr stumm zu, mit leiser Hand ihr Kind fester an die Brust drückend; und hatte sie die Kranke verlassen, so saß sie wohl eine Stunde, zu dem Knaben raunend und ihn anlächelnd, damit die wilden Worte der Nihilistin seiner jungen Seele keinen Schaden zufügen sollten. Als Tania heute mit dem Kinde zu Natalia kam, sagte diese nichts, gönnte Tania keinen Blick, sondern wandte sich von ihr ab, der Wand zu. Zum erstenmal war sie eifersüchtig auf das Weib des von ihr geliebten Mannes. Colja erfuhr an diesem Tage noch nichts. Wladimir würdigte den »viehischen Burschen« überhaupt selten eines Wortes und Tania nahm sich vor, es ihrem Freunde möglichst lange zu verhehlen. Sie mußte aber immerfort an ihn denken und was er wohl dazu sagen würde. Um Coljas willen schmerzte es sie und um Coljas willen schämte sie sich; denn sie wußte, daß Colja darüber heftigen Schmerz und glühende Scham empfinden würde. Es war nicht ganz recht von ihm. Am Nachmittage rief sie ihn endlich und sagte mit ihrem leuchtendsten Lächeln: »Wladimir Wassilitsch wünscht, daß ich ihn heute abend in die Stadt begleite. Natürlich muß ich mit ihm gehen. Es ist sehr freundlich von ihm, Weißt du. Nun würde ich zu Hause bleiben müssen, wenn ich dich nicht hätte, wegen des Kindes; du verstehst. Da du aber hier bist, kann ich ruhig fortgehen, denn bei dir ist das Kind ebensogut aufgehoben wie bei mir. Überdies gehe ich erst, wenn es eingeschlafen ist, und nach einer Stunde bin ich wieder da.« Keine Worte nennen Coljas Wonne, Stolz und Glückseligkeit. Hätte man ihm die Krone des Zaren zu bewahren gegeben, es würde keinen Eindruck auf ihn gemacht haben. Aber Tanias Kind, den Wunderknaben behüten zu dürfen – Colja wunderte sich nur, daß er nicht plötzlich um einen Kopf größer ward. Später kleidete Tania sich sorgfältig an, wählte ihren besten Putz und wand blaues und rotes Band durch ihre Flechten. Auch tat sie alle ihre Ketten und ihren sonstigen Schmuck um. Dann säugte sie das Kind, brachte es zu Bette, sang es in Schlaf, rief Colja herbei (der sich vor Ungeduld und Erregung nicht zu lassen wußte) und begab sich hinauf, wo Wladimir mit der zum Ausgehen gerüsteten Natalia bereits auf sie wartete. Dann gingen sie alle drei. Wladimir, der heute für den Liebreiz seiner Geliebten tausend Augen hatte, führte Natalia. Draußen stand eine Droschke bereit und sie fuhren nach dem Etablissement des Herrn Dimitri Sassinow. Die arme Tania! Wie ward ihr, als sie jenen Tempel betrat, durch einen besonderen Eingang, der nur für die »Künstler« und die »Künstlerinnen« bestimmt war; als sie durch die trüb erleuchteten, feuchten Gänge schritt, treppauf, treppab; als sie die heiße, schlechte Luft des Bühnenraumes einatmete. Welch ein Augenblick für sie, als Herr Dimitri Sassinow sie mit frecher Vertraulichkeit begrüßte; als sie diesen Herrn ihrem Geliebten Geld auszahlen sah; als dieser Herr sie in ein großes, kahles, überheiztes Zimmer führte und mit den »Künstlern« und »Künstlerinnen« seines Kunstinstituts bekannt machte, mit verschiedentlichen Damen und Herren in Trikot, den Akrobaten und Akrobatinnen, den Trapezkünstlern und Künstlerinnen, den Frosch- und Schlangenmenschen beiderlei Geschlechts und einem ganzen Heer anderer Spezialitäten ersten Ranges. Was waren das für Männer, was für Weiber! Da war eine spanische Tänzerin und eine französische Sängerin, da waren deutsche, italienische und griechische Schönen in langen, seidenen und samtnen Schleppkleidern oder kurzen Gazeröckchen, Wesen aus einer andern Welt, von der das Bauernmädchen aus Eskowo nichts wußte. Und alle blickten auf sie, alle tuschelten miteinander über sie, allen war auch sie eine neue Menschenart. Wladimir führte die Zitternde in eine Ecke, wo er sich mit ihr und Natalia niedersetzte. Sie hörten die Unterhaltungen der Künstler und Künstlerinnen, Gespräche, die Wladimir das Blut ins Gesicht trieben, Natalia dagegen vollständig gleichgültig ließen. Dann begann die Vorstellung. Sie vernahmen gedämpfte Musik und Beifallsgetöse. Die Herren und Damen, die an die Reihe kamen, verließen das Zimmer, vom Saale her drangen einige Exemplare der Moskauer goldenen Jugend herein, es gab ein Gelächter und Geschrei, daß niemand sein eigenes Wort verstehen konnte. Sehr bald hatten die Besucher die »Neue« entdeckt. Tania wurde aus der Ferne von frechen Blicken gemustert, aber Wladimirs blasses, finsteres Gesicht, das wieder einmal seinen »Mörderausdruck« hatte, hielt Wache bei ihr. Noch eine Nummer und die Reihe sollte an Tania kommen. Herr Sassinow in eigner Person teilte es der Debütantin mit, sie auffordernd, ihm zu folgen. Wladimir und Natalia erhoben sich; auch Tania stand auf. Sie war halb bewußtlos und klammerte sich an Wladimir. Wieder richteten sich aller Augen auf sie, wieder gab es ein Zischeln und Flüstern. Als die drei hinaus waren, brach man hinter ihnen in ein Gelächter aus; die meisten begaben sich bald darauf gleichfalls auf die Bühne, um dem Auftauchen des neuen Sterns beizuwohnen. »Denke an mich, daß du mich liebst, daß du es mir zuliebe tust, daß ich dich liebe, von ganzem Herzen, meine arme Tania, mein geliebtes Weib.« Diese Worte, die Wladimir Tania zuraunte, als alle drei hinter einer Kulisse standen, wirkten wie ein Zauber auf sie. Sie belebte sich und erwiderte: »Du bist so gut! Habe keine Sorge um mich. Ich werde nur an dich und an das Kind denken. Gewiß, ich fürchte mich gar nicht mehr. Wenn mein Gesang ihnen nur gefällt; ich kann es mir nicht denken.« »Dein Gesang gefällt mir! Du hast eine solch süße Stimme. Wenn du singst, könnte ich immer stehen und dir zuhören.« Nun hatte sie Mut. Herr Dimitri Sassinow war ein schlauer Herr, ein Herr, der sein Geschäft verstand, der in der Tat würdig war, einem verehrlichen Publikum die ersten Spezialitäten der Welt vorzufühlen. Die Nummer vor Tania war eine französische Chansonettensängerin, eine ältliche, stark geschminkte, tief dekolletierte Dame, die mit heiserer Stimme Pariser Gassenhauer absang; die Stimme war auch bei dieser Künstlerin gänzlich Nebensache; Hauptsache waren die Bewegungen und Pantomimen, womit die Dame ihren Gesang begleitete und welche von einer Art waren, daß das Publikum außer sich vor Entzücken geriet. Mindestens sechs Piecen mußte die Sängerin zugeben; Tania schien für den Abend gar nicht mehr an die Reihe zu kommen. Endlich hatte das Publikum genug gerast, es trat Stille ein, Tania erschien auf der Bühne. Es blieb still, keine Hand regte sich, die Debütantin zu empfangen. Das war in dem Kunstinstitut des Herrn Sassinow etwas durchaus Ungewöhnliches; aber Herr Sassinow hatte es gar nicht anders erwartet. Als Tania schwankend von Wladimir hinwegtrat, ergriff Natalia Wladimirs Hand, die feucht und eiskalt war. Wahrend der ganzen Zeit, die Tania auf der Bühne stand, ließ Natalia die Hand ihres Freundes nicht los. Tania begann zu singen; ein Wiegenlied. Im Publikum wurde gelacht, einige zischten, andere schrien »lauter«. Dann wurde Stille geboten. Und es wurde still, so still, wie es noch niemals in dem Kunsttempel des Herrn Sassinow gewesen war. Und es blieb still. Tania beendete ihr Lied und begann ein zweites, ohne daß eine Hand sich geregt hätte. Sie stand mitten auf der Bühne, ziemlich im Hintergrund, sah vor sich nieder und sang, nicht lauter als sonst, sang, was ihr gerade einfiel. Sie dachte, daß Wladimir sie hörte und daß ihr Gesang Wladimir gefiel, ihn entzückte! Tränen standen in ihren Augen, aber sie war ruhig, und fast glücklich. Sie sang ein fünftes, ein sechstes Lied. Dann trat Herr Sassinow in eigner Person auf die Bühne, um die Sängerin fortzuführen. Aber da erhob sich ein wahrer Sturm gegen ihn: Tania sollte bleiben, Tania sollte weitersingen. Und Tania sang. Einen solchen Erfolg hatte Herr Sassinow nicht erlebt, solange er mit seinen Spezialitäten Moskau beglückte, doch es überraschte ihn gar nicht. Dreiundzwanzigstes Kapitel Das Mütterchen und Anuschka waren von Wera verlassen worden, aber die Wirtin Marja Carlowna hatte sich der beiden einsamen Frauen angenommen; doch hörte das Mütterchen nicht auf, nach Wera zu jammern. Es wurde allmählich stumpfsinnig, das gute Mütterchen. Da es Wera nicht mehr sah, bildete es sich ein, diese wäre zu Grischa gegangen und war nun böse mit ihr, daß sie Grischas Mütterchen nicht mitgenommen hatte. Vor Marja Carlowna zeigte es große Furcht, trotzdem diese sehr gut gegen die arme, alte Frau war, ihr einen Samowar schenkte, darin das Mütterchen fortan den ganzen Tag Tee bereitete, vor dem es den ganzen Tag saß, in der Erwartung, Wera werde zurückkommen und Grischa mitbringen. Anuschka mußte Ingwerkuchen backen, das Mütterchen nach Möglichkeit herausputzen, sich selbst festlich ankleiden und dann Geschichten erzählen, jeden Tag dieselbe Geschichte: Die Legende von Christus, dem Anarchisten. Aber sie gefiel dem Mütterchen gar nicht. Denn daß man seine Salzgurken, seine Himbeermarmelade und sein Quittenmus unter das Volk verteilen mußte, war doch recht jammervoll. Anuschka hatte viel zu beruhigen und zu trösten. Daß Wera das Mütterchen verlassen hatte, war folgendermaßen geschehen. Nachdem Wladimir seiner Geliebten diese Tätigkeit für die Sache gefunden, ging er mit verstärktem Eifer daran, den großen Putsch, der anläßlich der Reise des Zaren nach Moskau geplant war, ins Werk zu setzen. Zuerst erhielt Sascha vom Exekutivkomitee bestimmte Instruktionen und gleich darauf auch Wera. Eines Tages trat Wladimir zu Wera ins Zimmer und kündigte ihr an, auf was sie sich vorzubereiten hätte; und obgleich dies etwas geradezu Ungeheuerliches war, stieß er auf keinen Widerstand. Als Wera von Sascha gefragt worden war, ob sie es tun würde, hatte Wera mit einem festen »Ja« erwidert; und dieselbe Antwort gab sie Wladimir: »Ja, ich will es tun.« Gemäß der ihr erteilten Verhaltungsmaßregel, entfernte sie sich am Abend von ihrer Wohnung und begab sich in einen Teil der Stadt, welcher im übelsten Rufe stand. In einer bestimmten Gasse ging sie langsam auf und ab. Halbtot vor Scham, mußte sie es dulden, daß sie angeredet wurde, mußte sie sich die Schmach antun, den Fragestellern zu erwidern. Sie hatte stets dieselbe Antwort, die sie tonlos hervorstieß, sie hätte für den Abend bereits ein Abkommen getroffen und warte nur auf jemand. Als Wera am Morgen von Wladimir instruiert worden war, hatte sie ihn flehentlich gebeten, sie nicht zu lange in jener entsetzlichen Straße bleiben und das, was unumgänglich notwendig war, bald geschehen zu lassen. Wladimir hatte es ihr auch versprochen; aber sie mußte ihre Lage beinahe zwei Stunden ertragen, bis sie von einem Beamten der Sittenpolizei aufgefordert wurde, ihn zu begleiten. Dann der Transport zusammen mit gemeinen Weibern, das Verhör vor einem hohen Tribunal, dem die Konstatierung folgte, daß sie einen schändlichen Lebenswandel führe, ohne dazu die Befugnis zu haben; endlich die Überführung in jene Besserungsanstalt für sittlich verwahrloste Mädchen, die dem Palast Petrowsky gegenüber lag und zu deren Protektorinnen Anna Pawlowna gehörte. Welch ein Aufenthalt für eine Frauennatur wie die Weras! Sie, die Allerreinste und Keuscheste, gleichgestellt den Verworfensten ihres Geschlechts; die in dergleichen Dingen gänzlich Unwissende Gefährtin von Geschöpfen, deren natürlicher Beruf die Prostitution war, welche die Natur selbst zu Dirnen geschaffen. Was half es ihr, daß ihre Erscheinung und ihr Wesen sogar auf diese Verlorenen Eindruck machte, daß keine wagte, sie vertraulich kollegialisch zu behandeln, daß in ihrer Gegenwart die Gemeinheit verstummte, und eine jede unwillkürlich für kurze Zeit den Schein von Gesittung annahm – sie war doch für alle immerhin eine von ihnen. Die Oberin wollte ihre Verderbtheit nicht glauben, schielte nach ihr, ließ sie kommen, sprach ihr gütig zu, Vertrauen zu ihr zu haben. Aber Wera mußte stumm bleiben, mußte schweigend eingestehen: Ich bin schlecht und schändlich! mußte sich wieder abführen, sich wieder zu ihresgleichen zurückbringen lassen. Welche schrecklichen Stunden, wenn sie nachts schlaflos lag und mitanhören mußte, was ihre Nachbarinnen sich leise erzählten. Sie lebte erst wieder auf, als sie, gleichfalls durch die Vermittlung Wladimirs, aus dem Saal entfernt wurde und ein Zimmer angewiesen erhielt, welches sie nur noch mit einer anderen aus der Anstalt teilte. Die Kammer, welche die beiden Mädchen bewohnten, hatte ein einziges Fenster, nach der Straße hinaus. Von dem Fenster aus konnte man den ganzen Palast Petrowsky überblicken und tief in den Speisesaal hineinsehen. Von diesem Fenster aus hatte Wera den Verbündeten das Zeichen zum Aufgehen der Mine zu geben. Damit durch Weras Gefährtin nicht etwa eine Entdeckung herbeigeführt werden könnte, erhielt Wera den Auftrag, dieselbe für die Sache zu gewinnen. Das schien keine schwere Aufgabe zu sein, denn Fania war ein zügelloses Geschöpf, das sich natürlich ganz gegen ihren Willen in der Anstalt befand. Sie raste in der Kammer umher, wie ein wildes Tier im Käfig. Von frühmorgens bis spät in die Nacht hinein war Wera Zeugin der wütenden Ausbrüche des Mädchens. Mit erstarrten Lebensgeistern stand sie vor dem Abgrund, darin sie diese Frauennatur untersinken sah in eine bodenlose Tiefe. Aber ihr Entsetzen steigerte sich bis zur Verzweiflung, als sie die Entdeckung machen mußte, daß dieses Weib, ohne jemals ein Wort von Nihilismus gehört zu haben, im Grunde ihrer Seele eine Nihilistin war; eine Nihilistin mit allen jenen Grundsätzen und Überzeugungen, welche ihr, der Reinen und Guten, wie die Lehren eines neuen Glaubens, wie die Verkündigung eines neuen Weltheilands erschienen waren. Wie ward ihr, als sie manches, was sie selbst gedacht, empfunden und ausgesprochen hatte, nun aus einem Munde vernehmen mußte, über dessen Lippen niemals ein lauteres Wort gekommen war. Dem Gebote Wladimirs ge-* horchend, wollte sie diese Nihilistin bekehren, aber zu einer Weltanschauung, die gerade das Gegenteil von dem war, was der wilde Schwärmer als einziges Heil der Welt proklamierte, und was sie selbst bis dahin geglaubt hatte. Und mit der Begeisterung einer Missionärin schickte sie sich an, diese verlorene Frauenseele dem Himmel zuzuwenden. Aber dafür schien keine Hoffnung vorhanden zu sein. Der Himmel war die Liebe und diese Frauenseele ward von Haß erfüllt. Fania erzählte ihrer Gefährtin ihre Geschichte, welche natürlich die einer Verführten war. Es drohte Weras Herz zu zermalmen, als sie fast dasselbe vernahm, was sie selber erlebt hatte. Ein junger Adliger, den Fania leidenschaftlich liebte, hatte das siebzehnjährige Mädchen um seine Ehre gebracht. Der Beginn der Geschichte dieser Gesunkenen hätte auch der Anfang von Weras Geschichte sein können; dann freilich war bei jener nach dem ersten Fall sehr schnell der Abgrund gekommen. Wer aber trug daran die Schuld? Ja, wer trug die Schuld daran? Es war immer das eine, das in ihrer Seele aufschrie, das alle anderen weichen Laute übertönte: Wer trägt die Schuld daran? Und immer war es dieselbe Antwort, die sie sich selbst gab, die sie sich selbst geben mußte, so mächtig sie auch rang, etwas anderes zu finden, etwas, das von jenen die Schuld nehmen könnte. Aber es half ihr nichts; und bald ertönte nur eine Stimme in ihrem Innern: »Sie, die wir hassen, sie, denen wir Rache geschworen, sie, die uns zerstören und verderben an Seele und Leib – sie tragen die Schuld!« Wenn sie daran dachte, was beschlossen worden und was geschehen sollte, so wurde sie zwar von Grausen gepackt, aber sie blieb stark. Das Entsetzen, welches sie fühlte, lähmte sie nicht. Von ihrem Kammerfenster aus beobachtete sie die Bewohner des Palastes, lebte sie deren Leben mit. Sie sah Boris Alexeiwitsch bei der Prinzessin aus und ein gehen; sie sah ihn mit seiner Geliebten zusammen ausfahren; sie sah ihn bei ihr in ihren Gemächern. Entweder waren Gäste anwesend, wurden Gesellschaften und Feste gefeiert, die bis in den grauenden Tag hinein dauerten, oder niemand war bei der Prinzessin – nur Boris Alexeiwitsch. Täglich erblickte sie die beiden am Fenster zusammenstehend und miteinander sprechend. Sie waren ihr so nahe, daß sie sich oft einbildete, sie hörte sie reden. Wera meinte seine glühenden Versicherungen, seine umstrickenden Worte zu hören. Sie erkannte, was sein Gesicht für einen Ausdruck hatte und wie er die Prinzessin ansah: und oft mußte sie sich Gewalt antun, nicht bis dicht an die Scheiben vorzutreten und sich den beiden gegenüber zu zeigen. Nachts gewahrte sie das Licht in Anna Pawlownas Schlafzimmer, und sie stand die halben Nächte lang mit bloßen Füßen am Fenster, zu dem matten Scheine hinüberstarrend und denkend, denkend, sie tragen die Schuld daran – sie, sie! Was Wera in diesen furchtbaren Nächten außerdem dachte, das war, daß für jene dort drüben, während sie sich küßten, unter ihren Füßen das Grab gegraben wurde und daß ihnen recht geschähe. Wenn auch die Grundsätze des Nihilismus Wera mehr und mehr mit Abscheu erfüllten und sie dieselben ihrer Zimmergenossin gegenüber mit der ganzen Kraft ihrer Empörung zu bekämpfen suchte, wenn auch der blutige Schatten des gemordeten Grischa in Weras Leben getreten war, so sagte sie doch: Es geschieht ihnen recht! Es war nicht der Verrat, der an ihr begangen worden, der sie so unerbittlich machte; aber Boris Alexeiwitsch hatte nicht nur sie allein, sondern, ebenso wie Anna Pawlowna in Sascha, hatte er in ihr das Volk verraten und auf diesen Verrat stand auch für Wera die terroristische Strafe des Todes. Sie war zu dieser letzten und äußersten Konsequenz Wladimirscher Theorien durch einen Kampf gelangt, bei dem es sich um Tod oder Leben, um Wahnsinn oder Vernunft handelte. Doch nun war sie fertig damit und – es geschah ihnen recht! Das Exekutivkomitee hatte das Urteil gefällt, und das Urteil mußte vollstreckt werden. Und wo befand sich Sascha? Er war eines Tages aus seiner Wohnung verschwunden, niemand wußte, wohin. Marja Carlowna geriet darüber in große Unruhe. Sie führte wieder ihr altes, wildes Leben, kämmte sich im Kreise ihrer Gäste das Haar, wobei sie ihre leidenschaftlichen Heimatslieder sang. Die Schenke kam bald in Verruf, Trotzdem hielt die Wirtin nach wie vor gute Freundschaft mit den Polizisten, die indessen nach wie vor nichts von dem Treiben der Nihilisten in Erfahrung bringen konnten; obgleich sie es an keinem Mittel fehlen ließen, war Marja Carlowna die Verschlossenheit und das Schweigen selbst, übrigens wußte diese, daß ein großer Schlag vorbereitet wurde und daß Sascha eine Rolle darin spielen würde. Sie hatte mit ihm zu reden und suchte daher seinen Aufenthalt zu ent-* *decken. Aber Sascha hatte alle Spuren so sorgfältig verwischt, daß es der ganzen Verschlagenheit, Willenskraft und Zähigkeit dieses leidenschaftlichen Weibes bedurfte, um in ihrer Suche nicht nachzulassen. Sie überließ die Schenke Knechten und Mägden und durchstreifte Moskau nach allen Richtungen, besonders in jenem Teile der Stadt, in welchem sich der Palast Petrowsky befand. Eines Tages gewahrte sie, das Haus Anna Pawlownas umschleichend, einen Arbeiter, der an der Restauration der Kirche beschäftigt war, die dem Palast gegenüber lag. Der Mann trug Steine, und sie würde ihn nicht erkannt haben, wenn Sascha sie nicht erblickt hätte und erschrocken zusammengefahren wäre. Marja Carlowna tat, als bemerkte sie gar nichts, und ging ruhig ihres Weges weiter. Von nun an blieb sie zu Hause. Übrigens war Sascha in der Tat kaum wiederzuerkennen. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen, kämmte das Haar wie ein russischer Bauer tief in die Stirn hinein und trug einen langen Kaftan aus ungebleichter Leinwand. Der Bauaufseher behandelte ihn wegen seiner Faulheit wie einen Hund, seine Mitarbeiter scheuten oder haßten ihn; denn er schien ein finsterer Mensch, dessen bleiches Gesicht und unsteter Blick den Leuten unheimlich waren. Mit niemandem wollte er in Verkehr treten, kaum, daß er einem ein Wort gönnte. Jeden Tag sah Sascha an einem der Fenster des Besserungshauses Wera in ihrer dunkelgrauen, häßlichen Tracht, das Haar unter einer unförmigen schwarzen Haube verborgen. Die Blicke der beiden begegneten sich, ruhten eine Weile ineinander, dann wandte Wera ihre Augen von der Straße ab, nach dem Palast Petrowsky hinüber, worauf Sascha seine Arbeit fortsetzte. Und jeden Tag erblickte er, wenn er Steine trug, Anna Pawlowna. Er sah sie mit ihrem Liebhaber in ihre Equipage steigen und von der Spazierfahrt zurückkehren; und es geschah häufig, daß der Wagen der Prinzessin ihm Kleider und Gesicht mit Schmutz bewarf. Er sah seine ehemalige Geliebte in strahlender Schönheit an der Seite von Boris Alexeiwitsch und lediglich dieser tägliche Anblick der beiden Frauen gab ihm die Kraft, das Unmögliche möglich zu machen. Denn hatte er den ganzen Tag über Steine getragen, so begab er sich eiligst in eine nahe Teeschenke, genoß etwas Warmes und suchte dann seine Lagerstatt auf, die ihm durch Wladimirs Verbindungen im Hause des Popen eingeräumt worden war. Taumelnd vor Müdigkeit, in vollständiger Ermattung, sank er nieder, um sogleich in einen totenähnlichen Schlummer zu verfallen. Aber schon nach einer Stunde wurde er von Colja geweckt. Im Augenblick war Sascha ermuntert. Er zündete eine Laterne an und die beiden schlichen in den Keller hinab. Hierhin hatten sie ihre Werkzeuge geschafft, welche sie hinter allerlei Gerümpel versteckt hielten. Sie zogen Haue und Schaufel hervor, entfernten von der einen Mauer eine Bretterwand und begannen ihre Arbeit. Kein Wort sprachen sie dabei miteinander; was sie sich zu sagen hatten, sagten sie sich durch Zeichen und Gebärden. Sascha wühlte wie ein Maulwurf. Wenn seine Arme erlahmten, wenn die Schaufel seinen Händen zu entfallen drohte, ließ er das Bild Anna Pawlownas vor sich treten, wie er sie während des Tages gesehen, und seine Arme wurden wieder stark, und er grub und grub, als gälte es sein Leben. Mit jedem Spatenstiche warf er eine Scholle mehr aus dem großen Grabe auf, welches er für Anna Pawlowna grub. Mochte sie hineinstürzen in strahlender Schönheit, an der Seite ihres Boris Alexeiwitsch! Er würde graben, bis die Gruft groß genug war für beide, groß genug für Hunderte von ihresgleichen. Colja schaffte die Erde fort. Zum Teil tat er sie in leere Fässer, deren sich eine große Anzahl in den Kellern befanden und darin er die Erde feststampfte; zum Teil trug er sie hinaus auf den Hof, wo er in dem Bauschutt weite Gruben auswarf, die er mit Erde füllte und dann Kalk und zerbröckelte Ziegel darüber schüttete. Was Colja dachte, war lauter Glanz und Glorie; denn Colja dachte an Tania und ihren Sohn. So arbeiteten diese beiden Nacht für Nacht; tiefer und tiefer höhlte es sich vor Sascha aus. Nicht lange mehr und das Grab stand offen. Ob Boris Alexeiwitsch und Anna Pawlowna es ahnten? Sie lebten scheinbar nur mit dem Leben beschäftigt. Sich keinen Augenblick über die Gefahr, in der sie sich befanden, täuschend, machten sie doch keine Miene, sich derselben zu entziehen. Vielleicht wußten sie, daß sie von Spionen umgeben waren, daß jeder ihrer Schritte belauert wurde, daß jeder Versuch, Moskau zu verlassen und zu fliehen, das Zeichen zu ihrem Tode gegeben hätte. Vielleicht hofften sie, vergessen worden zu sein, oder daß man sich scheute, Hand an sie zu legen. Beiden war die »Sache« niemals als etwas anderes denn als eine Phrase erschienen und trotzdem hatten sie sich aufrichtig bemüht, die Redensart mit ernster Miene auszusprechen. Sie hatten die schöne Floskel mit dem Anschein im Munde geführt, als sprächen sie Überzeugungen aus; sie hatten sich in der Tat alle erdenkliche Mühe gegeben, an die Phrase zu glauben. Es war nicht ihre Schuld, wenn es ihnen nicht gelungen war, wenn sie erkennen mußten, daß sie, mit dem Volke sich vereinigend, gegen ihre eigenste und innerste Natur gehandelt hatten. Einmal wurde Wera von Boris Alexeiwitsch gesehen. Wera Iwanowna in einer Besserungsanstalt Er glaubte zu träumen. Vierundzwanzigstes Kapitel Jeden Abend sang Tania in dem Tingeltangel des Herrn Dimitri Sassinow Volkslieder und jeden Abend war der Saal überfüllt. Wladimirs Geliebte war der Liebling von ganz Moskau geworden, in ganz Moskau sang man die Lieder der Bäuerin Tania, auf den Gassen, in den Schenken, in den Salons. Es gehörte zum guten Ton, daß selbst Damen der besten Gesellschaft den Tempel des Herrn Sassinow besuchten, um die Bäuerin Tania singen zu hören. Ihr Auftreten bildete auf der Spezialitätenbühne das Ereignis des Abends; und Abend für Abend erschien sie wie beim ersten Mal. Sie grüßte nie, stand fast im Hintergrund, sah vor sich nieder; und wenn im Hause der Sturm sich gelegt hatte, begann sie zu singen, niemals sehr laut. Es herrschte während ihres Gesanges stets dieselbe Stille, welcher stets derselbe Aufruhr folgte; das Publikum konnte sich nicht satt hören, und Tania mußte singen und singen. Selbst die Pariser Chansonettensängerin und die Künstler und Künstlerinnen auf dem Trapez vermochten gegen die Bäuerin aus Eskowo nicht aufzukommen. Wladimir hielt Wort; er wich nicht von Tanias Seite. Nie wieder durfte sie in jenem abscheulichen Saal warten, bis an sie die Reihe kam. Herr Sassinow hatte für sie ein eigenes Kabinett herstellen lassen, in das nicht einmal diese moralische Persönlichkeit Zutritt erhielt. Zum erstenmal in seinem ereignisvollen Leben geschah es Herrn Sassinow, daß er nicht wußte, was er davon halten sollte? Die junge Person, die noch dazu die Geliebte eines verbummelten Studenten war, schien in der Tat tugendhaft zu sein, in der Praxis des Herrn Sassinow ein so unerhörter Fall, daß dieser erfahrene Spezialist sich einem Problem gegenüber befand, welches für seinen Verstand unlösbar war. Alle Aufforderungen, alles Drängen seiner zahlreichen Kunden, bei der delikaten Angelegenheit den freundlichen Vermittler zu machen, wies Herr Sassinow mit einem schwermütigen Kopfschütteln, einem Achselzucken, einem schmerzlichen Seufzer zurück. Als der Monat sich seinem Ende näherte, wollte Herr Sassinow mit Wladimir für den nächsten Monat abschließen – für eine ganze Reihe von Monaten! Doch Wladimir mochte nicht. Herr Sassinow bot das Doppelte und glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als Wladimir auch die doppelte Summe ablehnte. Herr Sassinow bot also das Dreifache und wurde, als Wladimir eisig blieb, in einer Weise grob, wie er es in seinem ganzen Leben noch nicht geworden war. Als selbst dieses nichts half, brach Herr Sassinow in Tränen aus. Das Brüderchen sollte ihn doch nicht ruinieren! Aber das Brüderchen schien nichts lieber zu tun. Wladimir befand sich, solange Tania auf der Bühne stand, jedesmal in einem solchen Grade von Erregung, als müßte er seinen Verstand verlieren und dieser Zustand steigerte sich von Abend zu Abend. Diese Schaustellung seiner Geliebten war ihm eine Prostituierung derselben. Von seinem Platz hinter den Kulissen aus konnte er sehen, wie sich hundert Augengläser auf Tania richteten und nicht von ihr abließen. Mit seiner zerrütteten Einbildungskraft stellte er sich vor, wie sie von allen diesen Blicken gemustert wurde, wie an ihr Glied für Glied von diesen Blicken gewissermaßen betastet und entkleidet wurde, bis sie zuletzt nackt und bloß in ihrem ganzen Liebreiz vor den Augen aller der Begehrlichen stand. Dann mußte er sich gewaltsam zurückhalten, daß er nicht vorstürzte um Tania von ihren Schändern fortzureißen. Wäre er nicht schon für sie bezahlt worden, er würde sie für keinen Preis länger haben auftreten lassen; hätte er die Mittel besessen, er würde Herrn Sassinow das Dreifache der empfangenen Summe vor die Füße geworfen und sie mit sich genommen, sie irgendwo versteckt, sie lebendig begraben haben. So kam es, daß Wladimir in seinem Haß gegen alles, was nicht »Volk« war, jedes Maß überschritt, und daß ihn schließlich eine wahrhaft neronische Vernichtungswut ergriff. Hatte er Tania, ohne ihr ein Wort zu gönnen, nach Hause gebracht, so lief er zu Sascha, um zu inspizieren, wie dieser vorwärts kam; oder er ruhte bei Natalia aus, sich gemeinsam mit dieser Fanatikerin an wahnsinnigen Vorstellungen von einer Vernichtung alles Bestehenden, an Visionen von Massenmorden berauschend. Oder er hielt mit dem Exekutivkomitee Versammlungen ab, die nachts auf freiem Felde, mitten auf der winterlichen Steppe stattfanden. Denn die Verschworenen glaubten nicht genug Sicherheitsmaßregeln treffen zu können, welche sie vermehrten und steigerten, je näher die Katastrophe heranrückte. Wenn Wladimir den Palast Anna Pawlownas betrachtete – und er umschlich ihn stundenlang – so sah er ihn bereits in rauchenden Trümmern liegen; wenn er die Prinzessin mit ihrem neuesten Liebhaber oder irgendeinem anderen von »jenen« erblickte, so mußte er denken, du gehörst gleichfalls zu denen, die wir zerreißen werden! Nur eins tat ihm leid, daß er nicht auch das Kunstinstitut des Herrn Sassinow in die Luft sprengen konnte, wenn alle jene es füllten, die seine Geliebte reizend fanden und ihren Gesängen Beifall zujauchzten. Während sein Geist unter diesen Gewalten stand, bereitete er sich vor, von Tania und ihrem Sohn zu scheiden, für ewig sich von diesen beiden zu trennen. Denn mehr und mehr schwand ihm die Hoffnung, bei dem Putsch mit dem Leben davonzukommen, in dem Fall wenigstens, daß die Mine mit einer Lunte entzündet werden mußte, was durchaus wahrscheinlich, was ziemlich gewiß war. Es schien ihm überflüssig, für eine andere Möglichkeit Sorge zu tragen. Sollte er indessen am Leben bleiben, so war alles ins Werk gesetzt, um mittels der Pässe der Fürstin ohne diese Dame ins Ausland zu fliehen. Wenn Wladimir gegen Morgen zurückkam, fand er immer weniger den Mut, sich ins Haus zu begeben. Er sah in dem Zimmer das Licht brennen, und er stand draußen in der grauen Dämmerung, bei grimmiger Kälte und starrte zu dem Lichtschein hinauf. Er wußte, drinnen saß Tania und wartete auf ihn; er bildete sich ein, ihre Stimme zu hören, und fühlte die Versuchung, ins Haus zu stürzen, sein Weib und seinen Knaben an die Brust zu reißen und mit ihnen leben zu bleiben. Aber mit einem Ächzen riß er sich vom Anblick des Lichtes los, schlich hinein in die Kammer, wo Natalia Arkadiewna ihn erwartete; den Terroristen die Terroristin, die so lange leben bleiben wollte, bis sie mit ihm sterben konnte, und die Tag und Stunde zählte, bis ihre toten Glieder sich mit den seinigen vereinigen würden. Als Colja erfuhr, wohin Wladimir sich Abend für Abend mit Tania begab und was dort geschah, ging er schweigend aus dem Zimmer und weinte bitterlich; weder zu Tania noch zu Sascha sprach er ein Wort von der Sache. Eines Abends mußte Wladimir notwendig das Komitee aufsuchen und sich daher entschließen, Tania einmal nicht zu begleiten. Statt seiner sollte Colja gehen und Natalia bei dem Kinde bleiben. Als Wladimir jedoch dem Knecht die Mitteilung machte, weigerte sich Colja entschieden zu gehorchen; Wladimir wurde wütend und schlug ihn, was Colja sich gefallen ließ, ohne eine Miene zu verziehen. Aber begleiten wollte er das Täubchen nicht, Wladimir konnte sein wichtiges Vorhaben nicht ausführen und Colja blieb zu Hause. Auch sonst verursachte Colja seiner Gebieterin seit kurzem viel Kummer. Colja hatte Geheimnisse vor ihr; Tanias getreuer Colja Geheimnisse! Wenn das möglich sein konnte, was in der Welt wäre dann nicht möglich gewesen?! Tania wußte es auch nicht. Aber Tania beobachtete Colja und Tania blieb dabei, daß es nichts gab, was unmöglich gewesen wäre; denn Colja hatte Geheimnisse. Jede Nacht – sie wußte es ganz genau – schlich er sich fort, kam erst gegen Morgen zurück, war den Tag über verschlafen und mürrisch und hatte selbst für Tanias Knaben nur Murren und Gebrumm. Es war ihm ganz gleich, ob das Kerlchen ihn tüchtig an seinem Zottelbart packte; das Kerlchen mochte daran zerren und reißen, so mächtig es konnte, Colja lachte nicht mehr darüber. Diese völlige Umwandlung ihres Getreuen kostete Tania viele Tränen. Colja sah es ruhig mit an, zwinkerte wohl mit den Augen, blieb jedoch der verdrießliche, mürrische Colja. Was sollte er tun? Er hätte es dem Täubchen ja doch nicht sagen können, daß er, Colja, sich seit kurzem auf das Nachdenken verlegt hatte; niemand würde es ihm geglaubt haben. O, es war ein kluger Colja! Keiner sagte ihm etwas, und er wußte alles. Er wußte, daß das große Grab bald fertig sei und daß nächstens Begräbnis war. Es konnten drei und fünf Tote – es konnten drei- und fünfhundert sein. Ferner wußte er, daß der Faden vermutlich nicht brennen würde, daß man vermutlich mit einer Lunte anzünden mußte und daß derjenige, der das tat, dabei umkam. Und dieser kluge Colja wußte, wer hinabsteigen wollte, um auf ein Zeichen die Fünfhundert in die Luft zu sprengen, die Fünfhundert und sich selbst. Aber Colja hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß ein anderer die Sache tun müßte. Und zwar mußte es einer sein, um dessen Tod dem Täubchen das Herz nicht brach. Sie sollte leben bleiben! Denn sie sollte über ihren Knaben lachen, wenn dieses Wunderkind seine Kapriolen aufführte. Sie sollte aber auch weinen um einen, der sie geliebt hatte und der für sie gestorben war, der sich aus der Welt geschlichen hatte, aus der wunder-, wunderschönen Welt, in welcher Tania und ihr Knabe zurückblieben. Sie sollte um ihn weinen, ihn dann vergessen und glücklich sein. Und dieser merkwürdige Colja grübelte noch etwas anderes aus. Er hatte gehört, daß jene sterben müßten, weil sie die »Feinde« des Volkes wären. Die Feinde des Volks – – Colja kam auf ganz wunderliche Gedanken. Wie, wenn man zuerst diejenigen aus der Welt schaffte, die sich die Freunde des Volks nannten? Was wollten sie eigentlich? Solange das russische Volk geknutet worden war, hatte es sich ganz wohl befunden; aber als man aufhörte, das Volk als »Seelen« zu betrachten, stand es da wie einer, der etwas verloren hatte und der nun suchte und suchte. Gar zu gern hätte Colja gewußt, was die Freunde des Volks dem Volke eigentlich zu schenken gedachten? Soviel Colja auch sann, darauf kam er nicht, daß die Freunde des Volks diesem mit Gewalt zu Seelen verhelfen wollten. Kurze Zeit vor Ostern vernahm man in Moskau, daß der Zar seine Reise angetreten hatte, mit einem großen Gefolge, unter dem auch Prinz Petrowsky genannt wurde. Über die näheren Dispositionen der kaiserlichen Reise verlautete nichts, ebensowenig wie die Route bezeichnet war, die der Zar durch sein Reich zu nehmen gedachte. Doch nahm man für sicher an, daß der Monarch zu Ostern in Moskau sein würde; wenigstens sollte am ersten Ostertag im Palast Petrowsky ein Fest stattfinden, zu welchem der ganze Adel der Stadt Einladungen erhielt. Es wurde erzählt, daß Anna Pawlowna den Palast vom Keller bis zum Boden hatte untersuchen lassen, daß man indessen nicht das geringste Verdächtige gefunden, daß jedoch das Haus trotzdem Tag und Nacht polizeilich bewacht würde. Auch sonst wurden die Nachforschungen nach nihilistischen Umtrieben mit neuem Eifer betrieben; um Bahnhof und Kreml wurden vollständige lebendige Ketten gezogen, der zehnte Mann in Moskau war ein Spion oder Geheimpolizist, wiederum fanden massenhaft Gefangennehmungen statt. Aber man entdeckte nichts. Auch nach Sascha und Wera wurde gefahndet, Wladimir mußte sich bei Tag und Nacht in der geheimen Druckerei verborgen halten, und Natalia entging einer schweren Haft lediglich durch das Zeugnis des Arztes, welcher die Erklärung abgab, daß ihr Leben nur noch nach Tagen zählte. Auf Tania fiel kein Verdacht, ebensowenig auf Colja; geradesogut hätte man einen Hofhund oder Blödsinnigen anarchistischer Umtriebe wegen verhaften können. So rückte Ostern heran. Der Zar sollte in der Tat an diesem Tage eintreffen; aber die Stunde seiner Ankunft ward so streng geheimgehalten, daß sogar die Spione des Exekutivkomitees sie nicht zu erfahren vermochten. Wahrscheinlich würde der Zar sich erst den Bewohnern Moskaus zeigen, wenn er nach dem Palast Petrowsky fuhr; denn es blieb dabei, daß das Fest in der heiligen Osternacht stattfinden sollte und daß Anna Pawlowna zu demselben den Kaiser erwartete. Nach langer, langer Finsternis dämmerte endlich der Morgen auf, der für das russische Volk den Tag bringen sollte. Wladimir begrüßte den ersten fahlen Lichtschein dieses Tages, welcher für ihn der letzte sein sollte, in tiefer Ergriffenheit. Er hatte die ganze Nacht über in der Druckerei gesessen und geschrieben; dann begab er sich ins Haus zu den Seinen. Fünfundzwanzigstes Kapitel Als Tania erwachte, dachte sie: Ach, heute nacht ist ja Ostern! Da muß ich das ganze Haus reinigen und herrichten. Und Piroggen muß ich backen, von Fleisch und Fisch. Auch Tschi mit Grütze muß es geben – Colja muß heute nacht Tschi und Grütze haben! Wäre nur Wera da, daß sie mir helfen könnte. Ich habe solche Sehnsucht nach ihr. Sie hat ja noch nicht einmal den Knaben gesehen. Ist das möglich? Was sie wohl zu dem Kinde sagen würde? Sie würde auch staunen. Wo sie wohl sein mag, wo man sie wohl hingeschickt hat? Sie und Sascha. Ja, wenn Wera da wäre. Aber ich habe heute schrecklich viel zu tun. Ist das herrlich! Sie blieb indessen ruhig liegen. Der Knabe schlief noch fest, Tania vernahm seine tiefen Atemzüge; sich in die Höhe richtend lauschte sie darauf, mit einer Andacht, als ob sie die Engel singen hörte. Dann sank sie wieder in die Kissen zurück und träumte mit offenen Augen weiter. Vor einem Jahr war ich noch in Eskowo, Colja schenkte mir Osterpalmen und nachts ging ich in die Kirche; heute werde ich keine Osterblumen haben und um die heilige Mitternacht werde ich in keine Kirche gehen. Aber es ist doch alles besser geworden, viel, viel besser! Wladimir hat mich von Herzen lieb und ich habe meinen Knaben. Es ist wirklich wie ein Wunder! Die liebe Gottesmutter muß mir gnädig sein, wie könnte es sonst so wunderbar zugegangen sein? Ich kann recht glücklich sein; ich bin's auch. Wenn das mit der Sache nur nicht wäre, und wenn Colja nur keine Heimlichkeiten vor mir hätte. Es ist recht töricht von ihm. Nun stand sie auf, kniete vor dem erleuchteten Muttergottesbild und ihrem Kinde nieder, betete inbrünstig, öffnete dann den Fensterladen. Welch ein Morgen! dachte sie. Das scheint ja heute gar nicht Tag werden zu wollen. Sie kleidete sich vollends an, möglichst leise, um das Kind nicht zu wecken, und ging hinaus. Wie erstaunte sie, als sie in das Zimmer trat. Es war bereits warm drinnen, im Ofen prasselte das Feuer und der ganze Raum war festlich geschmückt: der Boden blank wie ein Tisch und dicht mit Buchs bestreut, gerade wie vor einem Jahr in Eskowo in der elterlichen Hütte! An den Fenstern waren hohe Wacholderzweige aufgestellt, auf einer mit einem gestickten Tuche bedeckten Bank stand ein großes funkelndes Heiligenbild, vor dem brannten zwei lange bunte Wachskerzen (die sicher geweiht waren); es war mit arabischem Harz geräuchert worden und auf Tanias Platz am Tisch befand sich ein Topf voll der schönsten, hellgrauen Osterpalmen. Tania stand, betrachtete alles und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Das hatte Colja getan; ganz heimlich, mit unsäglicher Mühe hatte er alles vollbracht. Wie war es ihm nur möglich gewesen? In der Stadt Buchs und Wacholder und die herrlichen Osterpalmen! Die mußte er ja schon vor einem Monat zu ziehen begonnen haben; in warmem Wasser, hinter dem Ofen, in aller Verborgenheit. Das also waren seine Heimlichkeiten, derentwegen sie ihm gegrollt hatte; das also! Die ganze Nacht mußte er aufgeblieben sein, um, während sie schlief, das Zimmer zu putzen und auszuschmücken. »Colja! Colja!« Sie rief ihn wieder und wieder, mit lauter Stimme, gar nicht bedenkend, daß sie das Kind wecken könnte; sie suchte im ganzen Hause nach ihm; aber kein Colja war zu finden. Endlich ging sie ins Zimmer zurück, betrachtete alles noch einmal und begann von neuem zu weinen. Darauf hörte sie Wladimir kommen und trocknete sich hastig die Augen. Er würde über die feierlichen Vorbereitungen gewiß böse sein. Vielleicht befahl er ihr, alles augenblicklich fortzuschaffen, was sie aber nicht tun wollte; wie hatte sie so schlecht sein können! Ängstlich erwartete sie daher seinen Eintritt; sie würde es gleich an seinen Augen sehen, ob es für sie ein gesegnetes Ostern gäbe oder nicht. Wladimir kam und Tania erschrak fast. Wladimir sagte ihr über den Schmuck des Zimmers kein böses Wort. Er ging schweigend auf sie zu, zog sie an seine Brust und küßte sie herzlich. »Ach Wladimir, sieh doch; alles das hat Colja getan. Was für herrliche Osterpalmen!« Aber Wladimir teilte ihr Entzücken nicht, Wladimir war eifersüchtig auf diese Bestie von Colja. Dieser Mensch hatte seiner Geliebten die letzte reine Freude in ihrem Leben bereitet. Colja kam auch später nicht, die beiden blieben allein. Tania strahlte vor Glück, denn es war gar nicht zu sagen, wie freundlich Wladimir an diesem gesegneten Tage gegen sie war, ordentlich zärtlich. Sie bereitete für ihn, der die heiligen Feste nicht hielt, das Frühstück, setzte sich neben ihn und sah zu, wie er aß. Aber es schmeckte ihm nicht, und sie hatte ihm doch schon jetzt ein Festessen vorgesetzt – Gott verzeih ihr die Sünde! Da kam der große Moment: das Kind erwachte! Tania lief in die Kammer, hob den kleinen Burschen auf und brachte ihn, in eine Decke gewickelt, seinem Vater. Und der Knabe, obgleich noch ganz verschlafen, mit hochrotem Gesichtchen, lachte Wladimir an, strebte mit Händen und Füßen nach ihm hin, wobei er Laute ausstieß, welche Tania voller Entzücken für des Kindes erstes Wort erklärte: Papa! Darauf sah Wladimir zum erstenmal zu, wie sein Sohn gebadet wurde, wobei der Zukünftige große Volksmann so jammervoll schrie, daß es Wladimir angst ward, das lauwarme Wasser könnte seinem Erstgeborenen ernstlichen Schaden zufügen. Nachdem das Schreckliche vorüber, der junge Held sich beruhigt hatte, abgerieben und in das weißeste und weichste Linnen gebettet worden war, durfte Wladimir seinen Sohn auf den Arm nehmen, ihn schaukeln und wiegen, mit ihm im Zimmer umherspazieren und ihm nach Herzenslust Kapriolen vormachen, damit der kleine Herr der Schöpfung nur ja zufrieden war und still blieb, denn sein Mütterchen konnte sich jetzt nicht mit ihm abgeben, unmöglich! Sein Mütterchen mußte für die Osterfestnacht Kuchen mengen und kneten, backen und braten, hatte keinen Augenblick Zeit für Vater und Sohn und lief doch jeden Augenblick von ihrem Mehl, ihren Eiern und Gewürzen fort, um zu sehen, was die beiden ohne sie wohl anfingen. So verstrich der Morgen, ohne daß Colja gekommen wäre; Tania dachte schließlich gar nicht mehr an ihn. Später begaben sich alle drei hinauf zu Natalia, die immer erst gegen Mittag erwachte, und brachten ihr heißen Tee. Sie fanden die Kranke bereits aufgestanden und völlig angekleidet am Fenster sitzen. Natalia war sehr heiter und sagte, daß sie sich so wohl befände, wie seit langem nicht; jetzt würde sie sich gewiß schnell erholen und bald wieder vollkommen gesund sein. Sie war überaus freundlich gegen Tania und tat, was sie noch niemals getan, sie liebkoste das Kind. Auch am Mittag war von Colja nichts zu hören und zu sehen; Wladimir blieb mit Tania allein und wich nicht von ihrer Seite. Selbst als Tania das Kind säugte, entfernte er sich nicht, war dann auch dabei, wie sein Sohn zu Bette gebracht und von der Mutter in Schlaf gesungen ward. Als das Kind fest schlummerte, begaben sich beide ins Zimmer zurück und Wladimir sah den Knaben nicht wieder. Es begann zu dämmern. Sie saßen beide auf der Bank am Ofen und blieben lange Zeit stumm. Als die Schatten des Abends mehr und mehr das Zimmer füllten, der Schein der Kerzen vor dem Heiligenbild heller und heller ward, fing Wladimir zu sprechen an, so leise, daß Tania Mühe hatte, ihn zu verstehen: »Colja ist eigentlich ein guter Mensch.« »Das ist er.« »Und wie der grobe Bursche an dir hängt.« »Es ist wahr.« »Ich glaube, das Kind betet er an.« »Freilich.« »Colja wird dich und das Kind niemals verlassen.« »Natürlich nicht.« »Natürlich nicht! Du hast recht; darüber kann ich ruhig sein.« Er schwieg. Nach einer Weile begann er von neuem: »Eigentlich warst du in Eskowo recht glücklich.« »Ach, Wladimir – –« »Nun ja, warum soll man nicht davon reden?« »Reden können wir davon.« »Ich habe nämlich daran gedacht, dich nach Eskowo zu schicken – mit Colja natürlich! Es ist mir erst vor einigen Tagen eingefallen. Was hast du?« »Du schickst mich fort von dir?« »Nein! Nein! Welch ein Gedanke! Wie würde ich mich jemals von dir und dem Kinde trennen. Ich glaubte nur, es möchte dich freuen, wenn du für einige Zeit mit Colja nach Eskowo zu deinen Eltern gingest, um diesen das Kind zu zeigen. Deine Eltern würden dich doch freundlich aufnehmen?« »Gewiß würden sie das. Meine Mutter hat mir schreiben lassen, daß sie mir vergeben hätten.« »Das freut mich! Aber jetzt ist es wohl noch zu kalt, um mit dem Kinde die weite Reise zu machen?« »Wir haben schon recht schöne Tage gehabt.« »Ich will es überlegen. Vielleicht begleitet euch Wera Iwanowna.« »Wo ist sie? Ist sie in Moskau? Warum kommt sie nicht?« »Sie war abwesend; aber heute kommt sie wieder zurück, spätestens morgen; gleich morgen kommt sie zu dir.« »Wie mich das freut!« »Und Sascha auch.« »Der gute Sascha.« »Wera und Sascha sind gleichfalls deine treuen Freunde. Sie haben dich sehr lieb.« »Alle sind gut gegen mich. Ich habe von den Menschen nur Liebes und Gutes erfahren,« »Ja, du – –« Er verstummte, ließ den Kopf sinken, drückte die Hand vor sein Gesicht. »Was ist dir, Lieber?« »Ich bin müde, ich will einen Augenblick ruhen, bleibe sitzen.« Er umfing sie mit beiden Armen, legte seinen Kopf an ihre Brust und schloß die Augen. Tania glaubte ihn eingeschlafen und regte sich nicht. Es ward dunkel. * Tania war allein. Vor dem Muttergottesbilde brannten die Kerzen noch immer und Tania deckte den Festtisch. Dann zog sie ihr weißes, feierliches Gewand an, löste sich das Haar und wand sich einen Zweig Osterpalmen um die Stirn. Nachdem sie das getan hatte, setzte sie sich und wartete auf Wladimir, der versprochen hatte, bis Mitternacht zurück zu sein, und auf Colja, der immer noch abwesend war. Endlich kam er. Noch war er auf dem Hofe, als Tania ihn bereits an seinen schweren, stampfenden Schritten erkannte. Sie wollte ihm entgegengehen und ihn mit Schelten empfangen, dafür, daß er sich den ganzen Tag nicht um sie gekümmert hatte; aber sie blieb ruhig sitzen und als er polternd eintrat, lächelte sie ihn an. Dieser Colja! Da stand er, ließ die Tür weit offen und starrte auf seine Gebieterin, als hätte er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Tania mußte ihn laut anrufen. »Aber Colja, so mach doch die Tür zu, es wird ja ganz kalt.« Colja machte die Tür zu. »Aber Colja, so komm doch.« Colja kam. »Aber Colja, so sprich doch!« Colja sprach. Es wurde ihm nicht leicht, indessen er sprach, mürrisch genug. »Täubchen Tania Nikolajewna, nun ja!« Tania mußte lachen; gleich darauf traten ihr die Tränen in die Augen. »Ach, Colja, was hast du getan!« Colja erschrak, als hätte ihn das Täubchen bei einem Diebstahl ertappt. Er brummte: »Was soll ich denn getan haben?« »Alles so herrlich ausgeschmückt. Ach, Colja, Colja!« Sie stand auf, ging zu ihm und reichte ihm die Hand. »Sogar Wladimir Wassilitsch hat sich darüber gefreut. O du guter, guter Colja!« Der gute, gute Colja machte ein Gesicht, so finster und mürrisch, wie auf der ganzen Welt nur er es machen konnte. Er schien sich überhaupt in übelster Stimmung zu befinden, und Tania bot alle ihre Liebenswürdigkeit auf, um ihn nur wieder gut zu machen; doch ihr reizendstes Lächeln, ihre freundlichsten Blicke, ihre süßesten Worte sollten an diesem Stock, diesem Brummbaß, diesem Bären von Colja verschwendet sein. »Aber Colja, willst du dich nicht setzen?« Colja setzte sich. Tania plauderte: »Wo stecktest du nur den ganzen Tag? Aber danach frage ich dich gar nicht, denn so bist du immer! Du wirst gewiß hungrig sein? Wladimir Wassilitsch und Natalia Arkadiewna haben trotz der heiligen Fasten heute gegessen; Natalia Arkadiewna ist allerdings krank und Wladimir Wassilitsch – – Aber du bist auch ein Heide. Sei nur ganz still! Ich habe Fischpiroggen gebacken und Tschi mit Grütze gekocht, eigens für dich. Nun ja, jetzt machst du Augen. Ich sehe es dir schon an, daß du auch nicht bis Mitternacht wartest und weißt doch, daß es eine Sünde ist. Aber so bist du!« Colja war allerdings der Ansicht, daß es keine Sünde sei zu essen, selbst zu der allerheiligsten Zeit, was das Täubchen Tania Nikolajewna eigens für ihn gekocht und gebacken hatte; und er äußerte diese seine innerste Überzeugung mit solchem Ernste, daß Tania auch wirklich ging und ihm Piroggen und Grütze auf den Tisch setzte. Colja aß, ohne ein Wort zu reden, so lange, als etwas zu essen da war; er aß wahrhaftig alle Piroggen auf und die ganze Grütze. Nachdem er endlich gesättigt war, bekam er die große Neuigkeit zu hören. »Denke dir, Wladimir Wassilitsch will mich und das Kind nach Eskowo schicken, natürlich mit dir! Wir fahren miteinander nach Eskowo, Colja! Als Wladimir Wassilitsch heute fortging, sprach er davon, daß wir vielleicht schon morgen reisen würden – schon morgen, Colja! Schon morgen mit dir und dem Kinde nach Eskowo. Was sagst du dazu? Aber du freust dich ja gar nicht.« Freilich, Colja freute sich. Und wie er sich freute, ganz unbändig! Er wäre lieber heute als morgen nach Eskowo gegangen, mitten durch Eis und Schnee, den ganzen weiten Weg zu Fuß auf der wilden, einsamen Steppe, natürlich nicht ohne Tania und das Wunderkind. »Das ist herrlich! Nach Eskowo! Mit dem Kinde und – mit mir! Natürlich mit mir! Prächtig ist's, ganz prächtig! Das wird eine Lust. Hahaha!« Später mußte Colja fort. Tania war böse, daß er sie in der heiligen Osternacht allein lassen wollte, ernstlich böse. Aber Colja mußte fort. Sie bat ihn zu bleiben und mit ihr und Wladimir die heilige Nacht zu feiern. Aber Colja konnte nicht, Colja mußte fort. Sie schmeichelte ihm und bettelte. Aber Colja blieb dabei, daß er fort müßte; um ein Uhr wollte er wieder zurück sein. Doch das war Tania ganz gleich; wenn er überhaupt ging, brauchte er gar nicht wiederzukommen. Colja ging und Colja kam noch einmal zurück: Das Täubchen Tania Nikolajewna möchte ihm den Osterkuß geben, da er um Mitternacht nicht da sein würde. Tania schmollte mit ihm und wollte nicht; aber Colja bestand darauf, von dem Täubchen geküßt zu werden, und Tania küßte ihn. Wladimir hatte sich, als er Tania verließ, zu Natalia hinauf begeben, die ihn in fieberhafter Erregung erwartete. Als er bei ihr eintrat, erhob sie sich, ging mit festen Schritten auf ihn zu, umarmte und küßte ihn und sagte: »Dies ist der glücklichste Tag meines Lebens, an dem ich mit dir, den ich liebe, sterben kann.« Wladimir bat sie: »Lassen Sie mich allein die Mine anstecken.« Natalia blieb stumm; da sagte auch Wladimir nichts weiter. Sie setzten sich nun zusammen hin und besprachen noch einmal die Zukunft des russischen Volks miteinander. Endlich schrieb Wladimir einen Zettel für Tania und schickte Natalia damit hinunter. Wladimir meldete seiner Geliebten, sie sollte sogleich alles zur Abreise rüsten – weshalb, würde er ihr durch Colja sagen lassen. Gleich nach Mitternacht sollte vor dem Hause ein Schlitten halten. Wenn es möglich wäre, käme er selbst, ihr Lebewohl zu sagen; sei er um ein Uhr nicht dort, so sollten sie abfahren. In spätestens einer Woche würde er bei ihr in Eskowo sein. Nach kurzer Zeit kam Natalia zurück. »Was sagte sie? Sie teilten ihr doch nicht mit, daß ich noch im Hause sei?« »Nein.« »Wie nahm sie die Botschaft auf?« »Zuerst erschrak sie, aber es gelang mir, sie zu beruhigen; und nun – –« »Und nun? So reden Sie doch!« »Nun ist sie glücklich.« »Ist Colja bei ihr?« »Colja war eben fortgegangen.« »Er wird doch bald wiederkommen?« »Tania sagte, er hätte ihr versprochen, spätestens bis ein Uhr zurück zu sein.« »So wäre alles besorgt.« »Alles. Wollen wir gehen?« »Komm!« Sechsundzwanzigstes Kapitel Auch Wera dachte als sie erwachte daran, daß in der nächsten Nacht Ostern begann; auch sie blieb noch eine Weile auf ihrem harten Lager liegen, sich des letzten Osterfestes erinnernd. Erst ein Jahr sollte seitdem verflossen sein? Seit dem Tage, wo ihre Seele in ihrem dumpfen Schlaf, von Licht und Freiheit träumend, aufgeschrien hatte nach Erlösung und Leben – seit der Nacht, wo Sascha zu ihr gekommen, wo sie geweckt worden, wo sie auferstanden war – seit diesem gebenedeiten Tage sollte erst ein Jahr vergangen sein? Es war damals noch Winter gewesen, dann ward es Frühling, Blumen erblühten und Blumen verblühten, Herbst kam, Winter; und wieder sollte es jetzt Frühling werden. Die Birken auf der Steppe waren seitdem um ein weniges in die Höhe geschossen, die Kinder in Eskowo, die damals Säuglinge gewesen, würden nun wohl bald das Laufen lernen; und wenn sie aufstand und sich im Spiegel ansah, so war es dasselbe Gesicht, wie vor einem Jahr, kaum etwas bleicher als damals. Aber sie selbst war eine andere geworden, so verändert, daß sie sich selbst nicht wiedererkannt haben würde, wenn sie von ihrer Seele ein Bild hätte sehen können, wie sie ein solches nun ihren Zügen erblickte. Und diese Untat hatte das Leben an ihr vollbracht! Des einen Antlitz machte es lächeln, die Mienen des andern entstellte es, schuf es zu einem Zerrbilde um. Es war solche Willkür dabei! Dann fiel ihr ein, daß sie die Anstalt in der allernächsten Zeit als »gebessert« verlassen sollte. Beinahe tat es ihr leid. Ohne daß sie es gewahr geworden, hatte sie sich in ihre Umgebung eingelebt. Wenn sie hätte bleiben können, strenge Pflichten auf sich nehmen und erfüllen, wäre es vielleicht noch eine Rettung ihres ganzen Lebens gewesen. Und man wollte sie bleiben lassen, man bat sie sogar zu bleiben. Ihrer außerordentlichen Führung wegen hatte die Oberin ihr den Vorschlag gemacht, nach Ablauf ihrer Strafzeit die Anstalt nicht zu verlassen und darin die Stelle einer Aufseherin zu übernehmen, ein Vertrauensposten, den nur Frauen von stärkstem Charakter und außerordentlichen Eigenschaften erhielten. Wera hatte das Herz hoch geschlagen, es war seit langem wieder der erste glückliche Augenblick für sie gewesen; aber sie mußte ablehnen, unfrei wie sie war, Dienerin einer Partei, Sklavin der »Sache«. Die Oberin stellte ihr vor, daß man sie liebgewonnen, daß sie sich die Achtung und das Vertrauen aller erworben, daß sie in der ihr angetragenen Stellung würde wirken, nützen, helfen können. Wirken, nützen, helfen – Wera hätte laut und jammervoll aufschreien mögen. Um zu wirken, zu nützen und zu helfen war sie vor einem Jahre ausgezogen, mit welcher Sehnsucht, welchem Glauben, welchen Hoffnungen! Und nun – – Nun hätte sie nützen und helfen können! Sie hätte es, diesmal war es kein Wahn. Denn sie hatte bereits genützt und geholfen. Die wilde Fania war durch ihren Einfluß vollständig verwandelt. Unter diesen Verlorenen lebend, hätte sie eine Reihe von Rettungen vollbringen können, die einer Reihe von Taten gleich gewesen wären. Aber sie konnte nicht, sie mußte fort; von neuem wurde sie hinausgestoßen, vertrieben aus diesem Zufluchtsort, dieser Ruhestätte, diesem Asyl, hinausgejagt in die Welt, die sie nicht begriff und niemals begreifen würde. Weiter mußte sie taumeln, von Irrtum zu Irrtum, von Wahn zu Wahn, von Schuld zu Schuld. Von dem Ort, wo sie friedlich hätte leben können, in die Gemüter von Verworfenen den Samen des Guten streuend und die aufgehende Frucht pflegend, mußte sie fort, um Revolutionen zu erregen, Minen zu wühlen, Dynamit zu verschleppen, Bomben zu werfen. Statt Belehrung zu empfangen und zu verbreiten, statt anderen und sich selbst zur Erkenntnis zu verhelfen, mußte sie umstürzen, vernichten, töten. Was half es ihr, daß sie so weit gekommen – daß sie dahin gebracht worden war, sich einreden zu können, jenen geschehe recht! Was half es ihr, daß sie die Tat beging, ohne sie zu bereuen. Ihre Seele wurde dennoch davon zermalmt. Die Betglocke läutete, Wera fuhr erschrocken empor. Sie war schon zweimal von Fania angerufen worden und hatte es vollständig überhört. Hastig kleidete sie sich an und begab sich mit ihrer Gefährtin in den Saal, wo bereits alle zur gemeinsamen Andacht versammelt waren. Auch Wera kniete nieder. Welche Lüge, dachte sie, Gott, Gott, welche Lüge! Ich tue, als ob ich bete und meine Seele weiß nichts davon. Denn wie könnte ich beten, wo heute nacht das Fürchterliche geschehen soll. Ich will auch nicht beten, es wäre zu gräßlich. Möchte der Himmel uns allen barmherzig sein. Des heiligen Festes wegen fielen in der Anstalt an diesem Tage die gemeinsamen Arbeitsstunden aus. Alle Mädchen beteiligten sich an den Vorbereitungen für die Osternacht, die auch in diesem Hause mit großer Feierlichkeit begangen wurde. Zuerst reinigten sie den Saal, dann schmückten sie denselben mit Buchs, steckten geweihte Kerzen auf, deckten den Festtisch und halfen bei der Zubereitung der Osterspeisen. Damit nicht geschwatzt werden sollte, mußte Wera aus den Heiligenlegenden vorlesen. Sie wählte die Geschichte der heiligen Agnes, welche auf ihre seltsame Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck machte. Viele weinten dabei. Es dämmerte bereits, als Wera mit Fania in ihre Kammer zurückkehrte. Fania wollte die Vorhänge schließen und Licht anzünden; aber Wera bestand darauf die Vorhänge offen zu lassen und im Finstern zu bleiben. Sie nahm einen Stuhl, trug ihn in die Ecke, die dem Fenster gegenüberlag, setzte sich und verwandte kein Auge von dem Palast der Prinzessin. Mehr und mehr bemächtigte sich ihrer eine dumpfe Bangigkeit; es war ihr zumute, als ob sie gewürgt würde, als ob sie ersticken müßte. Wie der Deckel eines Sarges senkte sich die Finsternis auf sie herab und sie konnte nicht einmal aufschreien: »Ich lebe ja!« Es wurde tief dunkel in der Kammer. Fania beklagte sich, weil sie kein Licht anzünden durfte; aber Wera seufzte statt aller Antwort so schmerzlich auf, daß das Mädchen nichts weiter sagte. Lange Zeit saßen die beiden stumm im Dunkeln, plötzlich begann Fania heftig zu weinen. »Worüber weinst du, Fania?« »Über die heilige Agnes. Ach, wer doch auch ein Martyrium auf sich nehmen könnte!« Wera zuckte zusammen – – Ein Martyrium hatte auch sie auf sich nehmen wollen und ein Martyrium erlitt sie. Sie hatte aufstehen wollen und wandeln; wandeln mit zerrissener Seele, mit blutendem Herzen bis in den Kerker, bis in die Bergwerke, bis auf das Schafott. Aufgestanden war sie, und gewandelt, und jetzt hatte sie ihr Ziel erreicht: Fünfhundert und mehr sollten diese Nacht auf ihren Wink sterben. Waren alle Schuldige? Das ging sie nichts an, darüber durfte sie nicht nachdenken. Sie hatte über den Tod des einen nachgedacht und ihren Verstand behalten, und sie wollte ihren Verstand nicht verlieren um des Lebens jener fünfhundert anderen willen. Aber Gott hätte Sodom und Gomorrha nicht zerstört, wären darin drei Gerechte gewesen – – Kalte Schauer schüttelten sie. Sie bemühte sich, auf die Worte Fanias zu hören, vernahm aber nichts davon. Da war ihr, als hörte sie von drüben her Musik. Sie fuhr auf und lauschte. Es war nicht möglich, es mußte noch viel zu früh sein! Mit Anstrengung erhob sie sich und trat an das Fenster. Alles war still. Alles war noch dunkel. Gott sei Dank! Sie schlich zu ihrem Platz zurück, und da Fania gar nicht aufhörte, über die heilige Agnes zu seufzen, sagte Wera endlich: »Bete lieber.« Fania fragte, was sie beten sollte? »Bete für die Sterbenden.« »Wer stirbt?« »Weißt du das nicht? Weißt du nicht, daß in jeder Sekunde Tausende und aber Tausende sterben? Bete, aber daß ich es höre.« Und Fania betete. So oft sie müde ward und verstummte, rief Wera: »Bete für die Sterbenden! Bete, bete!« Und immer wieder betete Fania. Nun wurden im Palast die Lichter angezündet. Bei dem ersten Lichtschein, der von drüben in die dunkle Kammer fiel, schrie Wera schrecklich auf und bedeckte die Augen mit beiden Händen. Fania kam zu ihr gelaufen und war so erschrocken, daß sie zitterte. Wera sagte, sie sollte weiter beten, es wäre ihr nichts, sie hätte an einen Toten denken müssen. Fania betete weiter und Wera nahm nach einer Weile ihre Hände von den Augen fort. Nun saß sie regungslos da, schaute zu, wie im Palast die Diener alle Kerzen ansteckten und dachte an die Lichter der Kinder, welche vor einem Jahr in der Osternacht die Hütte des Starosten von Eskowo mit Glanz gefüllt hatten. Als der ganze Palast wie ein Feenschloß in die Nacht hinausstrahlte, erhob sich Wera, ging zum Fenster und preßte die Stirn gegen die Scheiben. Wenn sie dieselben zertrümmerte, gab sie Colja, der auf der Straße lauerte, damit das Zeichen, Colja lief hin und sagte es Wladimir, der im Keller war. Und dann – – dann geschah es. Wer war dort drüben jener Mann? Sascha! Der mußte heute auch stark sein. Sie war es! Wera Iwanowna aus Eskowo, die ist stark.« So hatte Sascha damals von ihr zu Boris Alexeiwitsch gesagt, und Boris Alexeiwitsch hatte damals gewiß im stillen über die starke Wera Iwanowna gelächelt. Und Sascha hatte hinreisen und sie für Boris Alexeiwitsch holen müssen. Aber sie war stark gewesen, stark, stark! Sie preßte die Zähne auf ihre Lippen und rief: »Bete, daß ich stark bleibe, stark, stark!« Sie mußte an ihn denken. Vielleicht freute er sich auf das Fest. Er würde Anna Pawlowna sehen und Anna Pawlowna würde sehr schön sein, würde sehr bewundert werden; und sie gehörte ihm, ihm allein! Jemand kam. Es konnte nur die Aufseherin sein, aber Wera wurde von Grausen gepackt und sah mit irrem Blick auf die Tür. Die Wärterin Lisa kam mit der Meldung, Wera möchte hinunter in das Sprechzimmer kommen; es wollte jemand mit ihr reden. Ausnahmsweise hätte es die Oberin gestattet. Es wird Sascha sein oder Wladimir, dachte Wera. Er wird mir einen Auftrag zu erteilen haben. Ich werde das Zeichen nicht geben sollen, die Mine ist entdeckt worden, er wird leben bleiben, leben – Die Wärterin führte sie in das Sprechzimmer und entfernte sich dann. Der Besucher saß mit dem Rücken gegen die Tür; jetzt erhob er sich. Es war Boris Alexeiwitsch. Keines Lautes, keiner Bewegung mächtig stand Wera vor ihm. Boris war bereits zum Feste der Prinzessin angekleidet; er trug eine glänzende Uniform, und hatte darüber den Pelz geworfen. Er sah sehr bleich aus. »Ich habe dich vor einigen Tagen am Fenster gesehen, aber erst heute konnte ich die Erlaubnis erhalten, dich zu sprechen. Ich bin nicht gekommen, um dich zu fragen, wie du hierher geraten bist, wie es möglich ist, daß du hierher gerietest. Ich kam, um dir zu sagen, daß ich dich von hier fortnehmen werde und zwar sogleich; verstehst du mich: Und zwar sogleich!« »Nein, Boris Alexeiwitsch, ich verstehe Sie nicht.« Sie sprach diese Worte laut und deutlich, obgleich mit schwerer Zunge. »Warum liefst du damals aus Kunzewo fort?« fragte Boris, ihr näher tretend. »Ich werde Ihnen auf nichts antworten! also fragen Sie mich nicht.« »Aber, Mädchen, du liebtest mich doch!« »Ich werde Ihnen nichts antworten,« murmelte Wera, starr vor sich hinsehend. »So muß ich denn zu dir reden,« rief Boris Alexeiwitsch mit einem Gesicht, das seine wütende Leidenschaft entstellte. »Ich liebte dich! Du hättest alles aus mir machen können, du wärst imstande gewesen, mich in einen guten Menschen zu verwandeln. Da verließest du mich. Ich habe dich gesucht – durch ganz Moskau! Niemand wußte von dir. Ich habe dich gesucht, bis ich dich an dem Fenster dieses entsetzlichen Hauses sah. Begreifst du nicht? Begreifst du nicht, daß ich halb toll bin, halb toll vor Liebe, vor Sehnsucht, vor Qualen – –« »Gehen Sie hinüber und sagen Sie das Anna Pawlowna, Anna Pawlowna wird Ihnen darauf Antwort geben.« »Du sollst mir darauf Antwort geben und du wirst mir darauf Antwort geben; denn du liebst mich noch immer!« »Nein.« »Das lügst du!« »Glauben Sie, was Sie wollen. Ich gehe jetzt, Leben Sie wohl!« Und sie näherte sich der Tür. Boris folgte ihr, faßte sie am Arm, hielt sie fest. »Höre, Wera,« raunte er ihr zu, »du bist von Sinnen, aber du wirst zur Besinnung kommen. Morgen verlasse ich Moskau – mit dir! Du wirst es dir überlegen und du wirst mir Antwort geben, noch heute! Drüben, bei der Prinzessin, ist heute nacht ein Fest; ich kenne das Fenster des Zimmers, das du bewohnst; eins der Fenster des Saales liegt dem deinen gerade gegenüber. Wenn du an das Fenster trittst, so heißt das, daß du es dir überlegt hast und zur Besinnung gekommen bist. Morgen hole ich dich dann. Wirst du mir Antwort geben?« »Boris Alexeiwitsch, leben Sie wohl.« Aber er ließ sie nicht fort. Ganz fahl im Gesicht, stieß er zuckenden Mundes hervor: »Ich will dich haben! Du bist in meiner Macht und ich will dich haben! Wenn du mir heute nacht keine Antwort gibst, wenn du den Versuch machst, mir ein zweitesmal zu entfliehen: deine Freunde sind in meiner Gewalt, ihre Freiheit, ihr Leben hängt von mir ab. Vielmehr von dir! Denn wenn du – – Aber es ist ja Tollheit! Welcher Unsinn von mir, dir zu drohen, welcher Wahnsinn von dir, mir trotzen zu wollen. Du mir trotzen! Als ob du diese ganze Zeit an etwas anderes gedacht hättest, als daß du mich liebst und mich geküßt hast und in deiner Seele mein ewiges Eigentum bist! Als ob du dich nicht nach mir gesehnt und die Nächte wachend verbracht hättest, in heller Raserei deines Verlangens nach mir! Du müßtest nicht auch ein Weib sein. Aber dein unsinniger Stolz! Doch jetzt hast du mir genug Widerstand geleistet, du hast deinem Stolz Genüge getan; denn wie ich dich kenne, eine Schwärmerin die du bist, hast du dich aus Sühne in dieses abscheuliche Haus sperren lassen; aus Sühne, weil du im Geiste hundertmal die Meine gewesen. – – Wie diese graue Kutte und diese niederträchtige Haube dich entstellen! Nicht wahr, Wera, du bist jetzt verständig? Wir sind beide jung, wir wollen beide leben, oder bist du etwa eifersüchtig auf Anna Pawlowna? Das ist dir zum Trotz geschehen, und weil ich mich ohne dich halb zu Tode gelangweilt. Daran bist du schuld, du und meine unsinnige Liebe zu dir! Weißt du: dein Haar, das du dir abgeschnitten hattest, habe ich mit mir genommen.« Wera war nicht imstande, ihn länger anzuhören. Von einem unsäglichen Ekel gefaßt, unsägliche Verachtung im Blick, wandte sie sich von ihm: »Ich werde Ihnen Antwort geben.« Er jubelte auf. »Dann kommst du auch mit mir,« rief er triumphierend. »Ich habe es gewußt.« »Boris Alexeiwitsch – ich werde Ihnen diese Nacht auf Ihre Frage Antwort geben.« Und sie ging. Kaum in ihre Kammer zurückgekehrt, rief der Ostergottesdienst sie wieder hinunter. Aber während desselben überfiel sie eine Schwäche, daß Fania sie hinaufführen mußte. Sehr bald erholte sie sich; indessen sollte Fania bei ihr bleiben. Dann vernahmen sie das Ostergeläut. Es war wie ein Sturm himmlischer Töne. Wera raffte sich vom Bette auf, trat schwankend ans Fenster, blickte hinaus. Noch war es nicht Zeit, noch waren drüben die strahlenden Säle leer; aber die Straße wimmelte von Volk. Wera sah, wie sich die Leute in die Arme sanken und sich küßten, hörte sie sich mit dem Ostergruß grüßen: »Glückseliges Auferstehen!« Auch Fania warf sich an Weras Brust, küßte sie auf Mund, auf Stirn und Wangen und sprach die heiligen Worte: »Wera Iwanowna – glückseliges Auferstehen!« »In Ewigkeit, Amen,« erwiderte Wera feierlich. Dann schickte sie Fania hinaus. Siebenundzwanzigstes Kapitel Seit Anbruch der Dämmerung trieb sich Sascha vor dem Palast Anna Pawlownas umher. Er sah die letzten Vorbereitungen zum Fest, wie in der Einfahrt die Teppiche gelegt und die Blumen aufgestellt wurden. Darauf begab er sich zum letztenmal in das Haus des Popen und hinunter in den Keller, wo er eine Kerze anzündete und mit dem Licht in den Stollen kroch. Wie erstaunte er, als er das Wasser, welches sich in dem engen Graben in großer Menge angesammelt hatte, gefroren fand. Der ganze Gang war mit Eis und Reif überzogen; wo der Schein von Saschas Kerze hinfiel, war's ein Flimmern und Funkeln, als ob sämtliche Brillanten der Welt um den Nihilisten aufgehäuft lägen. Sascha fand das Sprengmaterial an Ort und Stelle; wie eingemauert steckte es im Gestein! Auch der Zündfaden war in bester Ordnung und vollkommen trocken, so daß er vortrefflich brennen würde und von einem Anstecken der Mine vermittels Lunten nicht länger die Rede zu sein brauchte. Hierüber völlig beruhigt verließ er den Stollen. Im Keller stieß er auf Colja, der ihn suchte und ihm ein Billett vom Exekutivkomitee überbrachte, das Sascha las und dann, trotzdem es in einer Geheimschrift geschrieben war, sorgfältig über dem Lichte verbrannte. »Höre, Colja.« Colja hörte. »Wenn du Wladimir Wassilitsch siehst, so sage ihm doch, daß ich den Befehl erhalten hätte, gleich nach Mitternacht, gleich nachdem die Sache geschehen – du verstehst – nach Petersburg abzureisen. Bestelle ihm das.« Colja verstand und Colja wollte es Wladimir Wassilitsch bestellen – wenn er ihn sehen sollte. »Natürlich siehst du ihn, wenn du in den Keller kommst, um ihm zu sagen, daß Wera auf der Straße das Zeichen gegeben hat.« Richtig; natürlich sah Colja Wladimir Wassilitsch. Er hatte es ganz vergessen. »Und dann sage Wladimir Wassilitsch doch, daß das Wasser im Stollen gefroren sei; auch der Faden ist ganz trocken, die Lunten sind unnötig.« Diese Nachricht regte sogar Colja auf. Er murmelte und brummte und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Was? Das Wasser im Stollen gefroren? Auch der Faden ganz trocken? Die Lunten waren nicht mehr nötig? Das wäre denn doch – – »Ja,« meinte Sascha, »man kann jetzt ganz ruhig sein. Furcht ist unnötig.« Als ob Colja Furcht gehabt hätte? Als ob er nicht ruhig gewesen wäre?! Dann schickte sich Sascha zum Gehen an. »He, Colja, kommst du nicht mit?« Nein, Colja wollte bleiben, er mußte ja auf Wladimir Wassilitsch warten. »Den siehst du später. Daß du ja auf der Straße bist, wenn Wera das Zeichen gibt.« Colja versprach, alles zu rechter Zeit zu tun; jetzt wollte er noch im Keller bleiben. Er würde dann schon hinaufgehen und aufpassen. Als Sascha gegangen war, löschte Colja das Licht, steckte es in die Tasche, wo er auch die Zündhölzer hatte und setzte sich auf eines der von ihm mit Erde gefüllten Fässer. Er war vollständig verwirrt im Kopfe. Die Nachricht, daß das Wasser im Stollen gefroren sei und man die Mine mittels des Fadens anzünden konnte, verschob auf einmal alle seine Begriffe. Er hatte sich alles so prächtig ausgedacht; mit solcher Mühe und solchem Aufwand von Schlauheit, daß seine Geisteskräfte vollständig erschöpft waren. Was bedeutete das nun wieder? Was hatte das Wasser zu frieren und der Zündfaden trocken zu sein? Welcher Unsinn! Wie die Dinge standen, konnte Wladimir Wassilitsch jetzt die Mine wunderschön anzünden, ohne daß ihm dabei ein Haar gekrümmt würde. Nun gut! Wladimir Wassilitsch würde es tun, die Mine würde aufspringen, die Menschen würden sterben, von Wladimir Wassilitsch umgebracht werden. Dann war er ein Mörder. Aber das Täubchen Tania Nikolajewna sollte mit ihren süßen, heiligen Lippen keinen Mörder küssen, und der Wunderknabe sollte keinen Totschläger zum Vater haben; also durfte Wladimir Wassilitsch die Mine nicht anzünden; statt seiner mußte es ein anderer tun – Colja natürlich! Soweit war die Sache ganz klar; doch nun kam der Wirrwarr. Denn Colja konnte für Wladimir Wassilitsch den Todschlag begehen und trotzdem am Leben bleiben; war das Wasser doch gefroren, war der Faden doch trocken. Was waren das für Geschichten! Seit Wochen hatte er sich darauf vorbereitet, für das Glück des Täubchens Tania Nikolajewna zu sterben, er hatte bereits von dem Täubchen feierlichen Abschied genommen, sich zum Abschied von dem Täubchen küssen lassen und nun sollte plötzlich alles anders werden? Daraus mochte ein Klügerer klug werden! Zum Glück bekam Colja in dieser höchsten Not einen ganz besonders schlauen Einfall. Wenn er die Mine mittels des Fadens anzündete und am Leben blieb, so mußte er mit Tania Nikolajewna nach Eskowo. Dagegen blieb Wladimir Wassilitsch in Moskau zurück, und es würde die alte Geschichte werden mit dem Minenlegen, dem Sengen und Morden nämlich! Kam aber Colja bei der Sache um, so mußte Wladimir Wassilitsch Tania Nikolajewna nach Eskowo begleiten, denn Wera war ja eingesperrt, und Sascha sollte, gleich nachdem die Sache geschehen war, nach Petersburg. Wer anders als Wladimir Wassilitsch konnte also mit dem Täubchen nach Eskowo – wenn nämlich kein Colja mehr da war. Denn natürlich mußte Wladimir Wassilitsch doch das Täubchen und den Wunderknaben in Sicherheit bringen. War er über erst einmal mit Tania in Eskowo, wer weiß, wie dann alles wurde, ob er dann nicht die Lust an der Sache verlor. Denn wie konnte man mit Tania Nikolajewna in Eskowo auf der Steppe sein und dennoch wieder nach Moskau zurück wollen! Colja atmete auf. Die Heiligen seien gelobt, das wäre also in Ordnung! Wie er es sich ausgedacht, so war es am besten, überdies hatte er sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, es ginge gar nicht anders, als daß er für das Täubchen Tania Nikolajewna sterben müßte, und was dieser Colja sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das war so leicht nicht wieder herauszubringen. Noch an eines mußte er denken, wahrend er im Dunkeln saß und den weisen Entschluß faßte, sich an das gefrorene Wasser und den trockenen Faden einfach gar nicht zu lehren. Man hatte ihm gesagt, eine ganze Menge von Menschen würde sterben, wenn die Mine zu rechter Zeit aufsprang. Warum gleich eine ganze Menge – –? Colja wollte sich die Sache überlegen. Als Sascha sich wieder auf der Straße befand, zauderte er nicht länger, die Tat, die er beschlossen hatte, zur Ausführung zu bringen. Anna Pawlowna sollte sterben. Sie war von dem Exekutivkomitee verurteilt worden und sie sollte gerichtet werden; nur in einer anderen, weniger gräßlichen Weise: er selbst wollte an ihr das Urteil vollstrecken. Ihr herrlicher Leib sollte nicht in Stücke gerissen, ihr himmlisches Antlitz nicht grauenvoll verstümmelt werden; es sollte eine schöne, eine wunderschöne Tote sein, nur mit einer kleinen, ganz kleinen, blutroten Wunde über dem Herzen, als hätte der Tod, in Liebe für sie erglühend, sie auf das Herz geküßt. Sascha mußte eilen; es war die höchste Zeit. Sobald die ersten Gäste anlangten, war es zu spät; auch wurde dann wahrscheinlich die Straße vor dem Palast für das Volk abgesperrt. Sascha begab sich nach der Hinterseite des Palastes, wo sich der Eingang für die Dienerschaft befand. Er wollte sich gerade einschleichen, als ihm eine Frau entgegentrat; sie hatte einen langen dunklen Mantel übergeworfen und den Kopf mit einem Tuche verhüllt. »Alexander Dimitritsch!« »Was wollen Sie? Wer sind Sie?« Es war die Wirtin der Teeschenke, Maria Carlowna und sie wollte mit ihm reden. »Ich habe jetzt keine Zeit, Sie sehen ja! Später also!« »Nein, jetzt.« »Aber so gehen Sie doch! Wie Sie zudringlich sind! Ich habe im Palast Petrowsky zu tun.« »Bei Anna Pawlowna?« »Ganz recht; bei Anna Pawlowna.« »Sie sind ihr Liebhaber?« »Was kümmert Sie das?« »Ich wollte es nur wissen, von Ihnen selber wissen.« »Nun gut; aber jetzt gehen Sie mir aus dem Weg.« Doch Marja Carlowna blieb vor ihm stehen. »Sie erinnern sich meiner?« »Sie sind wunderlich, Marja Carlowna.« »Ich habe Sie geliebt und ich bin vor Ihnen auf den Knien gelegen und Sie haben mich liegen lassen. Sie haben mich verschmäht und sind der Liebhaber Anna Pawlownas geworden, die mit Ihnen gespielt, die Sie aufgenommen und dann fortgewiesen hat, die jetzt Sie verschmäht und verachtet. Aber Sie, Sie lieben sie immer noch.« »Ich frage Sie nochmals: Was geht das Sie an?« »Sie bereuen nicht, was Sie mir angetan haben?« »Was sollte ich zu bereuen haben? – – Aber nun ist es genug.« Die beiden hatten dieses Gespräch mit unterdrückter Stimme geführt; dann schob Sascha die Wirtin fort und ging, hart an ihr vorüber, ins Haus. Ohne angehalten zu werden, gelangte er in das zweite Stockwerk hinauf, bis vor die Tür von Anna Pawlownas Toilettenzimmer; er hörte sie drinnen mit der Kammerfrau reden. Entweder wollte er sich in der Nähe verbergen, bis sie heraustrat, ober er wollte hineingehen und es drinnen tun, seinethalben im Beisein der Kammerfrau. Einen Augenblick zauderte er, dann trat er entschlossen auf die Tür zu, faßte den Griff – – Die Tür war unverschlossen, Sascha öffnete, trat ein, machte hinter sich zu. »Wer ist da? – – Was wollen Sie, was unterstehen Sie sich?« »Ich habe mit Ihnen zu reden, Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Schicken Sie Ihre Kammerfrau hinaus.« Anna Pawlowna war aufgestanden und maß ihn mit ihren Blicken. Sie sah seine Entschlossenheit, seinen furchtbaren Ernst und gebot: »Geh hinaus, Anuschka!« Die Kammerfrau ging, Sascha verschloß hinter ihr die Tür, stellte sich Anna Pawlowna gegenüber und sah sie an. Sie war bereits in voller Toilette. Er erblickte ihre stolze Gestalt wie in einem glanzvollen Nebel, aus dem sich gespenstisch ihre marmorblassen Schultern hoben, und das weiße Antlitz mit dem leuchtenden Haar, welches sie zu einer Krone aufgesteckt hatte. Eine vollaufgeblühte, mächtige, dunkelrote Rose lag gleich einem Blutfleck auf dem goldigen Schimmer. Sie war bei Saschas Eintritt im Begriff gewesen, sich ihre Diamanten umhängen zu lassen, hatte der Kammerfrau den Schmuck abgenommen und hielt ihn in der Hand. Fremd und kalt ruhten ihre Augen auf dem Eindringling. Er will mich töten, dachte sie. Aber sie fühlte keine Furcht. »Ich frage Sie noch einmal, was Sie von mir wollen?« fragte sie laut, ohne das leiseste Beben in ihrer Stimme. »Zwischen uns ist alles aus, wie Sie wissen.« »Ich weiß es.« »Ersparen Sie mir daher jede Auseinandersetzung; sie würde zu nichts führen.« »Zu gar nichts.« »Also was wollen Sie?« »Wie Sie reden! Als ob Sie mich niemals geliebt hätten.« »Niemals!« »Dann haben Sie gelogen.« »Ja!« »Warum lügen Sie?« »Ich belog mich selbst. Nun wissen Sie es und jetzt gehen Sie!« Da er keine Bewegung machte, auch nichts sagte, wandte sie ihm den Rücken, trat an den Spiegel und begann, ohne sich im geringsten um ihn zu kümmern, ihre Diamanten anzulegen. Sascha faßte nach der Brusttasche seines Rockes, darin sein Revolver steckte, und schlich sich hinter sie. Sie bemerkte im Spiegel alles, ihr Blick wurde starr, ihre Hand schwer und eiskalt. Aber sie fuhr fort, das schwere Halsband zuzuhaken. »Anna,« rief Sascha mit unterdrückter Stimme, »Anna, warum hast du dich selbst belogen?« Sie blieb stumm. »Antworte!« Sie wußte, daß es in ihrer Macht stand, ihn von neuem zu belügen. Sie brauchte sich nur umzuwenden, ihn anzusehen, und sie würde am Leben bleiben. Aber sie sah starr in den Spiegel und bedeckte ihren Hals mit den Brillanten. Sascha zog das Pistol hervor und spannte den Hahn. Sie sah im Spiegel jede seiner Bewegungen; die Kälte und die Schwere durchdrangen jetzt ihren ganzen Körper. »Anna!« Er trat dicht hinter sie. »Schieß nur!« flüsterte sie und nickte ihm zu. »Anna! Anna! Anna!« Aber sie sagte nichts mehr. Da riß er sie an sich, setzte ihr das Pistol auf die Brust, drückte ab. Sie blieb an seiner Brust ruhen, blickte ihn an, seufzte und starb. Sascha ließ sie sanft auf den Teppich niedergleiten, stand vor ihr und betrachtete sie. Sie war schön, eine wunderschöne Tote! Niemand mußte den Schuß gehört haben, niemand kam. Sascha löschte die Lichter, tastete sich zur Tür, schloß auf und entfernte sich langsam. Wladimir und Natalia befanden sich unter dem Volk, das sich aufgestellt hatte, um den Zaren in den Palast Petrowsky einfahren zu sehen. Niemand wußte mit Sicherheit zu sagen, ob der Kaiser kommen würde. Man wußte im Volk nicht einmal, ob der Monarch überhaupt in Moskau eingetroffen sei. Die Nihilisten wußten es. Die beiden hatten sich so aufgestellt, daß sie sowohl den Palast wie das ehemalige Kloster übersehen konnten; sie wollten nur kurze Zeit unter der Menge bleiben und sich sodann, ehe die Straße gesperrt wurde, in das Haus des Popen begeben. Welches Glück, daß als Zeichen zum Aufstiegen der Mine das Zertrümmern einer Scheibe bestimmt worden war; sollte Colja nicht auf der Straße Posten nehmen können, so erreichte er seinen Zweck ebensogut, wenn er sich im Flur des Popenhauses versteckt hielt, wo er das Klirren des brechenden Glases deutlich vernehmen mußte.– – Daß Wera das Zeichen nur nicht früher gab, als bis der Kaiser den Saal betreten! Doch sie hatte die bestimmtesten Instruktionen erhalten, war klug und würde gehorsam sein. Wie gut war es, daß die Mine gelegt worden war; wie viel besser, als wenn sie dem Kaiser eine Bombe geworfen hätten. Massenmord war immer sicherer! Also sowohl Anna Pawlowna wie Boris Alexeiwitsch glaubten wirklich, daß man nicht wagen würde, etwas Großes zu unternehmen, wähnten wirklich, daß der Nihilismus eine leere Redensart, daß man unentschlossen, furchtsam und feige sei – – – Welche Verachtung des Volksgeistes sprach sich in diesem Glauben aus, welche Verhöhnung einer Sache, der sie doch angehört hatten. Allerdings ließ die Prinzessin Palast und Umgebung einer genauen Untersuchung unterziehen; aber sie hatte sich doch, als man nichts vorfand, vollkommen beruhigt, sich in dem Glauben gewiegt, daß sie nichts unternehmen, daß sie es nicht wagen. Nun, sie sollte an den Nihilismus glauben müssen. Die gewaltige Tatsache, daß der Nihilismus kein leerer Wahn sei, hatte Wladimirs und Natalias letztes Gespräch gebildet, als beide sich auf dem Weg nach dem Palast Petrowsky befanden – auf ihrem letzten Gange. Nun schwiegen sie und fühlten sich im Vergleich zu den wütenden Aufregungen der letzten Wochen sehr ruhig. Beide beobachteten sich selbst und beide waren erstaunt, daß man in der letzten Stunde seines Lebens, vor einem Ende, wie es ihnen bevorstand, so gelassen sein konnte. Dann kam das Ostergeläut, dann kam der Auferstehungsjubel des Volkes, dann war es Zeit, daß die beiden »Auferstandenen« sich in ihre Gruft begaben. »Da steht Wera bereits am Fenster,« flüsterte Natalia Wladimir zu. »Die Aufregung wird sie auf ihren Wachtposten treiben, denn es ist ja noch viel zu früh! Noch ist nicht ein einziger Gast da.« »Doch; einer ist schon da, einen sehe ich.« »Wen?« »Boris Alexeiwitsch.« »Wo ist er?« »Im Saal, dort oben dem Fenster Weras gerade gegenüber.« »Was bedeutet das? Er wird sie erkennen! Warum bleibt sie stehen?!« »Ich glaube, er hat sie bereits erkannt. Er blickt steif zu ihr hinüber und jetzt – jetzt macht er ihr Zeichen.« »Teufel!« In diesem Augenblick marschierten Polizisten auf und drängten die Menge zurück. Plötzlich entstand ein Tumult. »Was ist geschehen?« rief Wladimir. Irgendwer rief einem anderen zu: »Sie haben ihn festgenommen.« »Einen Taschendieb?« »Einen Nihilisten! Der Kerl wollte unserem Väterchen, dem Zaren, an sein heiliges Leben.« Kaum war das bekannt geworden, als das Volk in ein Wutgeheul ausbrach. Alles drängte nach der Stelle hin, wo die Polizisten den Mann, der sich gar nicht zu wehren schien, ergriffen hatten. Wladimir und Natalia wurden mit fortgerissen. Man schrie in der Menge: »Er hat einen Revolver bei sich! Er wollte den Zaren töten! Schlagt ihn tot, den Hund! Nieder mit dem verdammten Nihilisten! Nieder!« Nun sahen Wladimir und Natalia den Gefangenen. Es war Sascha. Die Polizisten hatten einen dichten Kreis um ihn gebildet und verteidigten ihn gegen das Volk, welches wie rasend war. Ein Trupp Männer brachte ein junges Weib herbei, es war Marja Carlowna! Sie führten die Wirtin im Triumph herbei, denn sie war es, die den Nihilisten entdeckt und ihn der Polizei angegeben hatte. Plötzlich ertönten schreckliche Schreie aus dem Palast Petrowsky: »Die Prinzessin ist ermordet worden!« Der wahnsinnige Aufschrei eines Weibes folgte diesem Ruf. Dann stürzte Marja Carlowna zu den Polizisten, die Sascha umringten: »Er ist unschuldig! Ich habe ihn fälschlich angeklagt: Laßt ihn frei! Er ist unschuldig, unschuldig – –« Sie gebärdete sich wie von Sinnen; aber niemand achtete auf sie; ihr Jammergeschrei verschlangen die Stimmen des erregten Volkes: »Mörder! Mörder! Man hat die Prinzessin gemordet! Man wollte den Zaren morden! Mörder! Mörder!« Was war das? Die Menge kreischte auf vor Entsetzen und stob auseinander. Ein gewaltiger Krach, dem ein furchtbares Getöse folgte. Sämtliche Fensterscheiben des Palastes und der zunächstliegenden Häuser zersprangen, der Boden bebte, die Mauern schienen zusammenzustürzen, aus dem ersten Stockwerk des Palastes wälzte sich Dampf. »Die Nihilisten!« Es war wie ein einziger Schrei. Ja, die Nihilisten! – Die Mine war aufgeflogen – viel zu früh! Achtundzwanzigstes Kapitel Wieder feierten die Russen das Auferstehungsfest. In Moskau dachten einige daran, was in der letzten Osternacht Furchtbares geschehen war; daß die Prinzessin Petrowsky von einem Nihilisten ermordet worden, daß die Nihilisten ein Attentat auf den Kaiser geplant hatten, und daß die Mine zu früh aufgeflogen war – viel zu früh! In der ganzen Stadt, im ganzen Lande hatte man deswegen Dankgottesdienste abgehalten, das ganze Land hatte das verfrühte Aufstiegen der Mine gefeiert. Wera stellte sich vor, was geschehen wäre, wenn das Attentat geglückt und die Mine zu rechter Zeit aufgeflogen wäre – ein Massenmord! So wie es gekommen, hatte das Unglück die kleinsten Dimensionen angenommen. Bei der Nachricht von der Ermordung der Prinzessin war die Dienerschaft, die gerade im Saale beschäftigt gewesen, davongestürzt. Nur einige leichte Verwundungen geschahen, die meisten davon unter dem Volk auf der Straße. Der Haß gegen die Urheber des verruchten Attentats wuchs im Volk von Tag zu Tag. »Nihilist« ward ein Schimpfname, ein Fluchwort. Aber die Nihilisten hörten nicht auf, das Schicksal des russischen Volkes gestalten zu wollen; sie fuhren fort, das russische Volk zu befreien, das russische Volk zur Menschenwürde zu erheben, für das russische Volk zu Helden, Märtyrern und Mördern zu werden. Vieles von jenem Attentat blieb in Dunkel gehüllt. Man hatte den Nihilisten Alexander Dimitritsch, denselben, der die Prinzessin Petrowsky ermordet, gefangengenommen, später noch eine Nihilistin, und man fand in dem Stollen den Leichnam desjenigen, der die Mine in die Luft gesprengt. Niemand erfuhr, wer es gewesen, dem Moskau die Verhinderung des Massenmordes zu danken hatte – niemand bekümmerte sich darum: dem verfluchten Kerl war recht geschehen! Man nahm allgemein an, daß dem Betreffenden entweder das Zeichen zum Aufstiegen der Miene zu früh gegeben worden war, oder daß er irgendein anderes Geräusch für dieses Zeichen genommen hatte. Rätselhaft blieb auch, weshalb der Mensch zum Entzünden der Mine sich nicht eines Schwefelfadens bedient hatte. Was man von dem Leichnam des Nihilisten an verbrannten und verkohlten Stücken auffand, wurde irgendwo eingegraben! Verdammt sei sein Andenken! Verdammt sei sein Andenken! So oft Wladimir des treuen Knechtes Tanias gedachte, hatte er für den Namen Coljas diese Verwünschung. Es kam ihm nicht in den Sinn zu grübeln, weshalb Colja die Mine in Brand gesteckt hatte – mittels einer Lunte ober seines Lichtes. Er nahm an, daß Colja neugierig geworden. – Colja und neugierig; neugierig bei etwas, das die »Sache« anbetraf! – daß er in den Keller geschlichen, in den Stollen gekrochen war, die Mine betrachtet, sich dem Sprengstoff mit dem Lichte genähert, und so durch eine unerhörte Unvorsichtigkeit die Mine in die Luft gesprengt hatte – viel zu früh! viel, viel zu früh! Von diesem »zu früh« konnte Wladimir seinen Geist gar nicht losreißen; dieses »zu früh« marterte ihn Tag und Nacht, brachte ihn fast um seinen Verstand. Als die Mine aufflog, hatte er laut aufgeschrien: »Zu früh!« Wären der Lärm, den die Katastrophe verursachte, der Tumult und das Geschrei der Menge nicht so ungeheuer gewesen, man hätte ihn hören und durch seinen Ausruf als einen der Attentäter erkennen müssen; wahrscheinlich, daß er dann von den Rasenden gelyncht worden wäre, wie das beinahe mit Sascha geschehen war. »Zu früh, viel zu früh!« Wladimir war hingestürzt, hatte sich mit der Wut des ausbrechenden Wahnsinns zu dem Hause des Popen Bahn gebrochen und war in den Keller hinuntergetaumelt. Aber er konnte auch nichts anderes tun als rasen und verzweifeln. Natalia war ihm gefolgt und Natalia rettete ihn. Er lag auf dem Hof am Boden und schon drängten sie von der Straße herein. Da warf Natalia sich zu ihm nieder, umfing sein Haupt, drückte ihr Gesicht gegen seines und flüsterte ihm ins Ohr, daß er jetzt am Leben bleiben müsse – nicht für Tania und seinen Sohn, sondern für Rußland, für das Volk, für die Sache, für sein Prinzip, um die verlorene Schlacht durch einen herrlichen Sieg vergessen zu machen. Mit glühenden, gewaltigen Worten raunte sie ihm, von seiner Berufung zum Helden und Märtyrer: »Tröste dich! Es ist ein Glück, daß es so gekommen ist; sowohl für dich, wie für das russische Volk. Du durftest noch nicht zugrunde gehen, du mußtest noch leben bleiben, leben, weil du Größeres vollbringen sollst, als dieses gewesen wäre. Lasse dich nicht finden, lasse sie nicht auch noch diesen Triumph haben, lasse dich nicht von diesen Bestien in Stücke reißen. Denn sie sind nicht das russische Volk! Raffe dich auf, fliehe, rette dich! Geh nach Petersburg, dringe bis zum Kaiser, töte den Tyrannen, morde ihn mit eigner Hand, befreie Rußland, werde der Begründer einer neuen Zeit – du, du allein!« So die Fanatikerin. Und Wladimir hörte auf sie, Wladimir raffte sich auf, floh mit ihr und rettete sich. Mit Natalia und Tania zusammen begab er sich nach Eskowo. Aber auch in dem Steppendorf war er nicht sicher; wenigstens drängte ihn Natalia von dort hinweg, ins Ausland. Sie konnte ihm nicht weiter folgen und mußte bei Tania zurückbleiben; doch sie erlebte es noch, daß sein erster Brief, der an sie gerichtet war, in Eskowo ankam. Wladimir schrieb, er befände sich in Genf in vollkommener Sicherheit und mit vielen Gesinnungsgenossen zusammen. Sie hätten einen großen Plan gefaßt. Sobald der Augenblick zur Aktion gekommen, würde er mit einigen anderen – darunter ein junges Mädchen – wieder nach Rußland zurückkehren, nach Petersburg! Wladimir beschwor Natalia, noch das nächste Osterfest zu erleben. Aber bei Natalia half keine Beschwörung mehr, selbst nicht, wenn sie von solchen mächtigen Lippen kam. Sie starb an dem Tage, an dem sie Wladimirs Brief empfing; sie starb in dem heiligen Glauben, daß der Auserwählte seine Mission erfüllen und der Messias des russischen Volkes werden würde, sie starb, ohne jede Hoffnung, daß sie, die beiden »Auferstandenen«, sich jemals in einem anderen Leben wieder begegnen könnten. Gesegnet sei sein Andenken! Tania segnete es; mit jedem Gedanken, den sie den Toten weihte, segnete sie das Andenken ihres Getreuen. Hätte Colja erfahren können, wie viele Tränen von den Augen seines Täubchens ihm nachgeweint wurden, er wäre der Seligste der Seligen gewesen; und zugleich hätte der Schmerz, welchen eine, die noch lebte, um ihn fühlte, seinem Geist keine Ruhe im Grabe gelassen, so daß er hätte zurückkehren müssen auf die Welt, um das Täubchen über den Tod ihres selig verstorbenen Colja zu trösten. Tania wußte, wie er umgekommen, wo und warum er die Mine angezündet hatte und das viel zu früh! Sie wußte es, als ob sie in der Seele des Toten gelesen. Um ihretwillen war er eines Helden- und Märtyrertodes gestorben! Und Tania ahnte auch, daß das Opfer seines Lebens ein vergebliches sein würde. Als ihr kleiner Sohn zu sprechen anfing, war das erste Wort, welches sie dem Kinde lehrte, der Name Colja; und erstaunlich, geradezu erstaunlich war es, wie schnell der Wunderknabe den Namen lernte; Colja wäre darüber in helles Entzücken geraten. Ostern wurde gefeiert, als drei Frauen aus Moskau eine Wallfahrt nach Kasan antraten; das Mütterchen, Anuschka und die Wirtin Marja Carlowna. Das Mütterchen hatte nicht eher Ruhe gelassen, als bis die weite Wanderschaft unternommen wurde; sie hatte ein Gelübde getan, wenn ihr Grischa und Wera Iwanowna ein Paar würden, wollte sie aus Dankbarkeit zur heiligen Mutter Gottes von Kasan pilgern, Nun waren die beiden ein Paar geworden, denn Grischa war tot und tot war Wera Iwanowna, das Mädchen, welches ihr Grischa liebgehabt, lieber noch, als selbst sein altes Mütterchen, und im Himmel hatte man die Hochzeit der beiden gefeiert, mit allem himmlischen Pomp, mit allen Heiligen als Gäste. Da half kein Reden Anuschkas, daß Wera Iwanowna noch am Leben und nur zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien verdammt sei – das Mütterchen blieb dabei, daß Wera Iwanowna tot war und tot war Grischa, und die beiden Toten hatten Hochzeit gehalten, und das Mütterchen mußte zur heiligen Mutter Gottes nach Kasan. Also ging Anuschka mit dem irrsinnigen Mütterchen nach Kasan, und Marja Carlowna, bei der die beiden immer noch wohnten, ging mit ihnen, denn Marja Carlowna wollte einen Bußgang tun, und wäre am liebsten mit bloßen Füßen gegangen, durch Disteln und Dornen. Das Gericht war noch damit beschäftigt, dem Nihilisten und geständigen Mörder Alexander Dimitritsch den Prozeß zu machen, als man ein Mädchen vor die Schranken führte, eine gewisse Wera Iwanowna aus Eskowo. Diese Wera Iwanowna war eine der Moskauer Polizei seit langem verdächtige Persönlichkeit, auf welche man nach jenem mißglückten Attentat eifrig, aber vergeblich gefahndet hatte. Plötzlich stellte sie sich selbst den Gerichten. Sie gab vor, daß Gewissensbisse sie peinigten und legte ein umfassendes Geständnis ab, Dinge über ihre nihilistische Tätigkeit aussagend, die ihre Sache zu einem nicht minder schweren Fall machten, als diejenige eines gewissen Alexander Dimitritsch war, der übrigens gleichfalls aus dem Steppendorf Eskowo kam. Wera Iwanowna klagte sich an, den Bauernaufstand in Dawidkowo erregt zu haben und die Schuld an der Ermordung des Gutsherrn zu tragen. Ferner hatte sie bei dem großen nihilistischen Putsch in der Osternacht eine Hauptrolle gespielt; sie hatte bei der Fabrikation des Dynamits geholfen und hätte das Zeichen zum Auffliegen der Mine geben sollen. Das Urteil lautete auf Transportation nach Sibirien und auf lebenslängliche Zwangsarbeit. Dieselbe Strafe erhielt der Nihilist Alexander Dimitritsch zuerteilt. Wie Marja Carlowna alles versuchte, den Mörder Anna Pawlownas zu retten, so tat Boris Alexeiwitsch vergeblich die verzweifeltsten Schritte, um für Wera Gnade zu erwirken. Erst als er sich von der vollkommenen Hoffnungslosigkeit der Sache überzeugt hatte, verließ er Moskau. Vorher wollte er Wera noch ein letztes Wal sprechen; aber Wera weigerte sich, ihn zu sehen. Boris Alexeiwitsch ging nach Paris, wohin die Fürstin ihm folgte. Und Ostern war es wieder – – Noch immer war es tiefer Winter. Die ungeheure, wilde Steppe lag verschneit und vereist mit erstarrten Lebensgeistern. Nach allen Richtungen hin erstreckte es sich unabsehbar, unendlich, als würde von diesem Punkt der Erde aus die ganze Welt mit Schnee und Eis überzogen. Wera blickte auf die trostlose Landschaft und erinnerte sich, was sie in der Osternacht vor zwei Jahren, als sie mit Sascha auf der Straße nach Eskowo wanderte, wie eine Vision vor sich erblickt hatte – die Wildnisse Sibiriens! Und in der Öde zwei einsame menschliche Gestalten, welche kettenbeladen dahinschwankten. Kettenbeladen schritt sie dahin durch die ungeheure sibirische Steppe, kettenbeladen wanderte neben ihr Sascha – kettenbeladen schwankten vor ihr und hinter ihr andere lebenslänglich Verurteilte, Männer und Frauen, darunter Greise, die dem Grabe zuwankten, Jünglinge, die das Leben eben erst begonnen. Und Wera erinnerte sich der Stimme, die sie in jener Nacht zu hören geglaubt: »Das leiden wir für die Freiheit des russischen Volkes!« – Und fast hätte Wera laut geantwortet: »Nein, das leiden wir durch unsere Schuld! Und wir leiden es für diejenigen, die uns unsere Schuld gegeben haben.« Aber Wera war stark. Ob das Eisengewicht an ihren Händen und Füßen sie auch beinahe zu Boden niederriß, stark war sie trotzdem, die Stärkste von allen. Und alle erkannten es, alle erhoben sich an ihrer Kraft, allen war sie Hoffnung, Trost und Zuversicht. In den sibirischen Wüsten würde Wera erfüllen, wonach sie ein so gewaltiges Verlangen getragen, was sie mit aller Macht ersehnt und erstrebt hatte: In der Gefangenschaft und Verbannung würde sie wirken, nützen, helfen und das lebenslänglich. »Ja, Wera Iwanowna – die ist stark!« Es war Sascha, der diese Worte zu einem der Verdammten über seine Freundin sprach. Er sah dabei zu ihr hinüber, und als sie ihm zunickte, lächelte er. Um die Osterzeit war's, da kam der große Augenblick, von dem Wladimir an die sterbende Natalia geschrieben; er kam und ganz Europa, die ganze zivilisierte Welt schrie auf vor Entsetzen und Empörung: Alexander der Zweite wurde in Petersburg von den Nihilisten ermordet. Einer der welthistorischen Mörder war Wladimir. Er wurde mit den anderen zum Tode verurteilt und durch den Strang gerichtet. Sein letzter Gedanke war: »Daß Natalia Arkadiewna dies erlebt hätte, daß dein Sohn dich sterben sehen könnte!« Tania überlebte das Gräßliche. Ihr Knabe erfüllte herrlich die Meinung, die Colja von ihm gehegt hatte, und half das Wunder ihres Weiterlebens vollbringen. Es heißt, die Witwe Wladimir Wassililschs dächte daran, den Sohn des großen Nihilisten für das Kloster zu erziehen. In diesem Heiligtum soll der wilde Geist Wladimirs in seinem Sohn zu einem besseren Leben auferstehen.   Ende.