Richard Voß Alpentragödie Roman aus dem Engadin 1 Gräfin Oberndorff mit Kammerfrau aus Schloß Franken – stand mit großen, vornehmen Schriftzügen auf dem Anmeldeschein, den der Kellner dem Wirt vom »Steinbock« in Chur mit der Bemerkung übergab: es sei etwas sehr Feines! Die Gräfin hatte telegraphisch Zimmer bestellt und sofort nach ihrer Ankunft für den nächsten Morgen, Schlag sechs, Extrapost und Gepäckwagen befohlen: über den Albula ins Engadin und auf den Maloja. Sie schien eine ebenso verwöhnte wie vornehme Dame zu sein; denn sie hatte für die kaum nach Stunden zählende Dauer ihres Aufenthalts einen Salon in der ersten Etage gewünscht und führte ein Gepäck mit sich, daran die vier kräftigen Vintschgauer Gäule schwer zu ziehen haben würden. Die Gräfin Oberndorff war einer der ersten Gäste für das Engadin. Auf beiden Übergängen nach dem berühmten Hochtal, dem Albula sowohl wie dem Julier, lag noch eine Menge Schnee. Zwar war erst kürzlich Bahn gemacht worden, doch hatte die Fahrt bei der frühen Jahreszeit immerhin ihre Bedenken, besonders über den wegen seiner Lawinenstürze berüchtigten Albulapaß. Der Wirt des alten renommierten Hotels »Zum Steinbock« hielt es daher für seine Pflicht, die Frau Gräfin, für welche die Fürstenzimmer reserviert worden waren, persönlich zu warnen. Das geräumige Schlafzimmer, aus dem selbst für die eine Nacht das zweite Bett entfernt werden mußte, befand sich derartig voll Gepäckstücke, daß sich die Gräfin im Salon frisieren ließ. Auf dem Armleuchter vor dem hohen Wandspiegel brannten die Kerzen, und die Kammerfrau hatte auf einem Marmortisch das Necessaire aufgestellt: alle die Büchsen und Flakons, deren kosmetischen, nach allen Wohlgerüchen Arabiens duftenden Inhalt eine elegante Frau zur Schönheitspflege bedarf. Sämtliche Gegenstände waren aus Kristall und Gold, mit den Initialen der Gräfin und der Krone gezeichnet. Ob die Frau Gräfin den Wirt empfingen? ... Was wünschte der Mann? Aber er sollte nur eintreten. Der Mann trat ein und behauptete später, in seinem ganzen Leben etwas Ähnliches nicht gesehen zu haben. Er meinte jedoch nicht das schier königliche Necessaire, sondern die herrlichen Haare – sie hatten eine wahre Flammenfarbe, wie Abendsonnenstrahlen – der Dame, die über einem Hausgewand aus plissiertem schwarzen Seidenkrepp einen mit Spitzen besetzten Frisiermantel trug. Die Kammerfrau war beschäftigt, die Flechten aufzulösen, was eine schwere Arbeit sein mußte. Dann rückte sie einen Stuhl heran und breitete in Gegenwart des Wirtes die entfesselten Strähnen über die vergoldete Lehne, von der herab sie auf den roten Samt des Polsters niederflossen. »Sie wünschen?« Der höfliche Wirt überhörte die Frage. Er stand im Rücken der Fremden und sah im Spiegel ihr Gesicht. Als sie ankam, war sie tief verschleiert gewesen; sonst wäre dem menschenkundigen Manne dieses Gesicht gleich aufgefallen. Es war schmal und blaß, beinahe weiß, mit großen hellblauen Augen. Und diese lichten Augen überschatteten lange, düstere Wimpern, was den feinen Zügen einen eigentümlich geheimnisvollen Reiz verlieh. Dazu das prachtvolle Haar, darin sich die zarte Gestalt wie in einen Mantel hätte einhüllen können. Und was für ein Hals! Wie ein Blumenstengel so schlank! Wie alt mochte sie sein? Vielleicht dreißig, vielleicht zwanzig Jahre. Der Wirt vom »Steinbock« sah alljährlich viele Damen in das Engadin reisen, darunter sehr vornehme, sehr elegante, mit Wagenladungen von Gepäck: Französinnen, Engländerinnen, Amerikanerinnen. Höchst sonderbare Frauenwesen gingen über die beiden Alpenpässe in das Land der Blumenwiesen und Lärchenwälder, der Eisgefilde und Gletscherseen. Aber bei keiner hatte der Wirt vom Hotel »Steinbock« solche Haare und solche Augen gesehen. Gräfin Oberndorff aus Franken ... Nicht einmal etwas Erotisches, Fragwürdiges, Abenteuerliches; sondern alter fränkischer Hochadel. »Sie wünschen?« Die Gräfin wiederholte ihre Frage. Etwas von dem Ausdruck der Augen lag in dem Ton der Stimme. Es war ein Ton, der sogar einem Hotelier auffiel. Erst auf diese zweite Frage hin brachte er sein Anliegen vor: »Frau Gräfin täten besser, für einige Tage im ›Steinbock‹ Aufenthalt zu nehmen.« »Weshalb?« »Um abzuwarten, bis der Übergang weniger gefährlich sein würde.« »Ich fahre, wie ich bestimmte.« »Wenn Frau Gräfin darauf bestehen ... Dann rate ich, über den Julier zu fahren.« »Der Albula soll schöner sein.« »Um diese Jahreszeit gehen häufig Lawinen ab; und ...« »Ich fürchte mich nicht. Gute Nacht.« Mit tiefer Verbeugung zog sich der Wirt zurück, bedauernd, daß die Gräfin Oberndorff keine Furcht vor Lawinen hatte, daß er seine teuren Fürstenzimmer nicht besetzt halten konnte und daß er keine Gelegenheit fand, die Kammerfrau auszufragen. Es war wirklich eine sehr vornehme und zugleich sehr eigentümliche Dame.   Während das selbst von einem Hotelier bewunderte Haar der schönen Frau mit leiser Berührung ausgekämmt, vorsichtig zusammengebunden und kunstgerecht auf dem zierlichen Kopf wieder befestigt wurde, dachte die Gräfin: Weshalb gehe ich eigentlich so früh ins Engadin? Weshalb gehe ich überhaupt dorthin? Was kümmern mich Felsen und Gletscher? Und weshalb gehe ich auf den Maloja, anstatt nach Sankt Moritz, wo ich mich wenigstens gut unterhalten könnte? As ob ich mich nicht überall oder nirgends gut oder schlecht unterhielte. Ja, und weshalb lege ich mir diese Fragen erst heut vor, gerade heute? Sie verlor sich in Sinnen. Ein Name fiel ihr ein. Es war der Name eines Mannes, eines Künstlers: Sivo Courtien. Daß dieser Name ihr heute erst wieder einfiel! Daß sie nicht oft, sehr oft des Namens und des Mannes gedacht hatte – Sivo Courtiens! Vielleicht hatte sie es oft, sehr oft getan, ohne daß sie es wußte: in ihren Träumen, in ihrem geheimsten Innern, in all den öden, dunklen Stunden ihres öden, dunklen Lebens.   Sivo Courtien! ... Die Gräfin Oberndorff hatte seinesgleichen nicht ein zweites Mal kennengelernt. Wie sollte sie auch? In der Welt, die ihre Welt war und die »große« Welt hieß, gab es solche großen Naturen nicht. Vielleicht geschah es aus diesem Grunde, daß sie jeden Gedanken an den Mann namens Sivo Courtien gewaltsam zurückdrängte. Seiner gedenkend, hätte sie vielleicht die Leere ihres Daseins noch bitterer empfunden. Sivo Courtien ... Auf dem Wege in Sivo Courtiens Heimat den Namen aussprechend, mußte sie an einen Alpengipfel denken, dessen in Sonnenglorie leuchtende, in ewigem Eisglanz funkelnde Krone nur die Schwingen eines Adlers streiften, nur etwas königlich Stolzes berührte. Wann und wo hatte sie den Namen das erstemal gehört? Vor fünf Jahren war es gewesen, in Rom, wo sie den dritten Winter nach ihrer Heirat verbrachte und zugleich ihren zwanzigsten Geburtstag feierte. Graf Oberndorff wollte seine junge und so eigenartig schöne Frau malen lassen. In Paris oder in London hätte er dafür bessere Gelegenheit gefunden; doch befand er sich nun einmal in Rom, weniger wegen der Sixtinischen Kapelle als um der Fuchshetzen in der Campagna willen. Also sollte das Porträt der Gräfin in Rom gemacht werden. Von wem? Dem Grafen wurden viele Namen genannt, darunter Namen mit großem Klang. Dem jungen Ehemann schienen sie jedoch nicht klangvoll, nicht berühmt genug. Irgend jemand sprach in einer Abendgesellschaft von einem »gewissen« Sivo Courtien. Graf Oberndorff überhörte den ihm vollkommen unbekannten Namen; die Gräfin horchte auf. »Wer ist das?« »Gräfin hörten nichts von Sivo Courtien?« »Kein Wort.« »Merken Sie sich den Namen. Sie werden ihn in Zukunft oft nennen hören.« »Also ein großes Talent?« »Ein Genie, wie Arnold Böcklin behauptet.« »Das ist ja sehr interessant. Erzählen Sie, bitte!« Und der Irgendjemand erzählte:   Einmal ruhte er auf einem Fels, der aus der Schneedecke wie ein Sessel aufragte. Er hielt den speerähnlichen Bergstock in der Hand und begann damit gedankenlos auf der strahlenden Fläche nachzuzeichnen, was er zufällig vor sich sah: die monumentalen Umrisse des Crest Alta mit der prachtvollen Margna darüber. Zuerst war es ein bloßes Spiel. Ohne daß der Knabe es merkte oder verstand, wurde aus dem Spiel eine Leidenschaft, ein Lebenstrieb, das Leben selbst. Eine innere Gewalt zwang den kleinen seltsamen Künstler, nachzumalen, was er sah, so wie er es sah: das blanke, blitzende Schneefeld als Riesentafel zu seinen Füßen, die scharfe Eisenzinke seines Steckens als Stift. Bald mußte er einsehen, daß sein Abbild der Wirklichkeit nur in den Umrissen entsprach. Und auch das kaum. Diese Erkenntnis packte den Knaben mit solcher Wut, daß er noch schweigsamer, noch schwermütiger und scheuer wurde, als er bereits von Natur war, von der Natur der Leute von Maloja. Trotzdem konnte er nicht unterlassen, sein unermeßlich großes eisiges Zeichenbuch mit den Umrissen der Landschaftsbilder seiner Heimat und mit jenen Gestalten zu füllen, die auf geheimnisvolle Weise zu ihm kamen, gewaltsam zu ihm drängten und die er auf seine wunderliche Weise darstellte, wie er mit seinen inneren Augen sie sah. Jeder neue Schneefall bedeckte, jeder Sturm verwehte sie. In früheren Jahren verzehrte sich der Knabe wahrend des endlos langen, trostlos traurigen Winters in Sehnsucht nach dem ersten Föhn, der heulend aus dem Bergell auffuhr, gleich einer Schar von Dämonen über den Paß stürmte und an den Steinwänden der elterlichen Hütte riß. Die wilden Töne erschienen Sivo Musik, die einzige, die er kannte; dort oben kennt der Mensch nicht Sang, nicht Klang, keine Lebenslust und Daseinsfreude. Mit dem tosenden Süd kam der Frühling gezogen; spät genug, oft erst im Juni. Aber der lenzbringende Wind schmolz Sivos weißes Blatt, darauf er seine Seele niederschrieb, die noch die Seele eines spielenden Kindes und doch bereits eine Künstlerseele war: voller Glut und Leidenschaft, Sehnsucht und Qual – Glauben an sich selbst und Selbstverzweiflung. Die Leute von Maloja besaßen damals für ihre Kinder noch keine Schule. Weshalb sollten ihre Kinder in die Schule gehen? Das Lehrbuch, das sie zu ihrem Leben bedurften, war die Natur. Und sie war eine heilige, göttliche Schrift. Diese lasen die Leute von Maloja, diese verstanden sie, mit dieser erfüllten sie ihr Inneres. Und sie erfüllten es mit dem Gotteswort, das ihnen ihr greiser Pfarrer jeden Sonn- und Feiertag in dem vielhunderjährigen baufälligen Gotteshause am Ausgange des Murettotals verkündigte, und das sie in ihrem Kinderglauben als Botschaft alles Heils vernahmen. Mit dem Zeichnen auf dem weißen Winterboden war es also für Sivo mit Frühlingsanfang vorbei; denn um seine Phantasien auf glänzendem Glimmer und eisenhartem Granit zu verewigen, hätte der Hirtenknabe den Meißel führen und ein jugendlicher Michelangelo sein müssen. Wie er beschaffen war, wollte er's – ohne es freilich zu wissen – zu einem Raffael bringen. Vielmehr zu einem Velasquez! Denn seine Gottheiten waren Wahrheit und Wirklichkeit. Aber auch das wußte er nicht. Er malte seine sonderbaren, leicht vergänglichen Gemälde an den einsamsten Orten in der ungeheuren Einsamkeit, wo kein anderes Auge als das des Adlers und Falken sie schauen konnte. Wie lange auf dem hohen Alpenpasse der Sommer, wie lange der Herbst dauerte! Die schneefreie Jahreszeit volle drei Monate ... Es konnte allerdings auf dem Maloja auch im Sommer schneien, mitten in die bunte Blütenpracht der Wiesen hinein. Aber die leichte, lichte Hülle ergab für Sivos scharfen Griffel kein Skizzenbuch. Also mußte er auf den Winter warten, wollte er nicht bis zu den Firnen des Murettogletschers emporklettern, um diese zu seinem Skizzenbuche zu machen. Der Sohn des Gemeindehirten von Maloja, der bereits als achtjähriger Knabe selbst Hirte war, besaß eine Freundin. Das war die um drei Jahre jüngere Maira à Mara, die Tochter des Mesners Gian à Mara, der aus einem uralten herabgekommenen Engadiner Hause stammte; von den Rhätern, wie eine phantastische Familientradition behauptete. Die kleine Maira faßte für den einsamen versonnenen Knaben eine leidenschaftliche Zuneigung, die sie jedoch unter einem scheuen Trotz verbarg. Wenn Sivo im Morgengrauen mit seinen Geißen auszog, lauerte die kleine Maira ihm auf, hinter einem Wacholderstrauch sich verbergend, um ihm alsdann nachzuschleichen, hinauf zu den höchsten Weideplätzen an dem Cavalocciosee und dem Fornogletscher. Da Sivo, anstatt seine Geißen zu hüten, stundenlang auf dem Rücken lag und offenen Auges in den Himmel starrte, geschah es häufig, daß ein Tier von der Herde sich entfernte und weit sich verstieg. Machte sich der Knabe endlich auf, um das Verlorene zu suchen, war es bereits gefunden: von dem Dingelchen, der Maira. Und häufig war das Wiedergefundene mit einem Kranze von Alpenblumen oder würzigen Kräutern geschmückt. In der Ferne stand die glückliche Finderin, schüttelte ihre braunen Fäustchen gegen den schlechten Hirten und rief ihm höhnische Worte zu, um ihn trotzdem wie ein Dialchen zu geleiten und mit sorgender Liebe zu umgeben. Die Dialen sind die Schutzgeister des Engadiner Alpenvolkes: liebenswürdige, liebreizende Elfen, jedoch zum Zeichen ihrer unirdischen Art mit häßlichen Ziegenfüßen behaftet. Noch auf andere Weise machte sich das Mesnertöchterlein dem Hirtensohne bemerkbar: es entdeckte seine weißen Zeichnungen, bekränzte sie mit Zweigen von Wacholder, Arven und Alpenrosenkraut; und stets waren diejenigen am schönsten geschmückt, die dem jungen Künstler die liebsten waren. Wütend zerstörte Sivo Rahmen und Bildnis und suchte sich für seine künstlerische Tätigkeit noch einsamere Stätten. Als Maira merkte, daß ihren Freund das Schmücken seiner Werke verdroß, unterließ sie es, fuhr indessen fort, ihm nachzuschleichen, um heimlich seine bleichen Malereien zu bestaunen. Eines schönen Wintertages erschien bei dem Pfarrer Romuli Calander die damals zehnjährige Maira à Mara. Die Kleine hatte ihren Sonntagsstaat angelegt, der selbst bei den Kindern der Leute von Maloja aus schwarzem harten Zeug besteht und von unkleidsamem Schnitt ist. In sonderbar feierlicher Weise redete das Kind den alten Seelenhirten an: »Ihr müßt mit mir kommen.« »Wohin?« »Kommt nur.« »Ist deinen Eltern etwas geschehen?« »Ich will Euch etwas zeigen.« »Was?« »Etwas von Sivo Courtien.« »Was ist's mit dem?« »Ihr müßt ihm helfen.« »Fehlt ihm etwas?« »Ihr müßt ihm helfen, von hier fortzukommen.« »Sivo Courtien soll fort von Maloja?« »Dorthin, wo die vielen Häuser und die vielen Menschen sind.« »So sage doch nur ...« »Kommt!« Und mit großem Ernst führte das Kind den Guten zu einem Platze in der Nähe des Gottesackers zwischen Kirche und Dorf. »Seht!« »Das ist merkwürdig.« »Sivo Courtien hat es gemacht. Es ist schön! Betrachtet es und helft ihm.« Auf flimmerndem Schneefelde war mit feinsten Strichen ein gewaltiges Gemälde eingeritzt, die Berge von Maloja mit dem altertümlichen Kirchlein darstellend. Die Tür des kleinen Heiligtums stand weit offen, und aus dem Inneren drängte sich ein Zug Gestalten, in wallende Gewänder gekleidet. Der Prozession voraus schritt Hand in Hand ein bekränztes Kinderpaar. Die Gesichter aller waren derartig charakterisiert, daß der Pfarrer von einzelnen die Züge erkannte. Es waren Leute von Maloja. Aber alle, die im Zuge schritten, waren Gestorbene und nur die beiden Kinder die Porträte Lebender; denn es waren die kleine Maira und der Knabe Sivo. Der gespenstische Zug bewegte sich über das Schneefeld jener Stätte zu, wo unter Wacholder und Alpenrosen von niedriger, zerbröckelnder Mauer umfriedet, der Kirchhof des Hochdorfes liegt. »Das hat Sivo Courtien gemalt? Auf dem Schnee? Der Knabe ist ja ein Künstler!« »Was ist das?« »Ein Mensch, der eines Gottes voll ist. Aber das verstehst du nicht, kleine Maira.« »Ist es etwas Gutes?« »Etwas Großes, Heiliges.« »Wenn Sivo Courtien von hier fortgeht ...« Lächelnd unterbrach der Pfarrer das beständig mit feierlichem Ernste redende Kind: »Möchtest du unseren Hirtenknaben gern von hier fort haben?« Ohne Ton und Miene zu ändern, erklärte die Kleine: »Wenn Sivo Courtien fort ist, werde ich vielleicht sterben. Aber fort von hier muß er, dorthin, wo die vielen Häuser und die vielen Menschen sind; denn bei uns bleibt er immer nur Ziegenhirte.« Der gute Geistliche mußte beistimmen. »Darin hast du recht. Bei uns könnte Sivo Courtien nicht einmal Pfarrer werden, geschweige ein Künstler. Nur Ziegenhirt oder Heuer. Aber – daß du sterben willst, wenn er fortgeht? Und daß ich ihn trotzdem fortschicken soll?« »Was tut das, wenn ich sterbe? Wenn er nur das wird, was ich nicht verstehen kann. Helft ihm! Ihr müßt ihm helfen!« Und das Kind sah dem alten Pfarrherrn mit einer Eindringlichkeit in die Augen, als forderte es von ihm eine Verheißung. Das erste, womit Pfarrer Calander dem kleinen Künstler »half«, war, ihm Zeichenpapier und Stift zu schenken. Zu diesen Herrlichkeiten kam später ein bescheidener Farbenkasten, den der Gute für den Schützling des Mesnertöchterleins in Samaden erstand. Jetzt war es Sivo gleich, ob auf Maloja Sommer oder Winter war, ob es schneite und stürmte oder grünte und blühte: für den knabenhaften Ziegenhirten von Maloja hatte ein neues Leben begonnen. Auf die Sommerweide nahm er sein Handwerkszeug mit, zeichnete und malte, seine Herde in Gottes Namen dem Himmel überlassend. Und er zeichnete und malte während der schier unendlichen Winterzeit. Solange es Tag war, kauerte er in der elterlichen Hütte vor dem lochartigen Fenster; wurde es dunkel, so hockte er am Herd, wo das Feuer ihm leuchtete, oder unter einem brennenden Kienspan. Er zeichnete und malte das, was er sah; malte dies, wie er es sah. Verglich er dann Urbild und Abbild, so zerstörte er Zeichnung oder Malerei, um, dasselbe Werk neu beginnend, auch diese Arbeit wieder zu vernichten; denn niemals erschien sie ihm dem Vorbilde auch nur annähernd ähnlich. Am unzufriedensten mit sich war er, am verzweifeltsten fühlte er sich, wenn er sich vornahm, Gewölk und Nebel wiederzugeben. Und gerade das über die weißen Alpendome und grauen Felsenkuppeln aufsteigende prachtvolle Gewölk, gerade der in den Schluchten brauende, die Gipfel umhüllende Nebel oder ein vom Sturm gepeitschtes, heranjagendes Gewitter zog ihn mächtig an, daß er immer wieder und wieder versuchte, es nachzubilden. Bereits als Knabe sah Sivo mit seinem inneren Gesichte die wilde und große Natur des Oberengadin bevölkert von geisterhaften Gebilden. Fels und Firn, Wiese und Wald, Gletscherspalt und Gewölk, Nebel und Mondscheindunst offenbarten sich ihm in Gestalten, für die er vergeblich Verdeutlichung anstrebte, qualvoll mit seiner Unfähigkeit ringend, das auszudrücken, was er in sich trug. Die meisten seiner weiblichen Figuren trugen die fremdartigen und geheimnisvollen Züge der kleinen Maira, in deren schmalem blassen Gesicht etwas lag, das die Legende über den Ursprung der à Mara von ihrem sagenhaften Urstamm glaubhaft machte. Da Sivo seine künstlerischen Versuche, mitleidslos gegen sich selbst, stets wieder zerstörte, so war es für den Pfarrer nicht leicht, einige Blätter sich anzueignen. Endlich verschaffte ihm Maira dieses und jenes Stück. Das Erhaltene packte der gute Greis sorgfältig ein, verfaßte ein langes Schreiben, in dem alles, was er von dem merkwürdigen Knaben wußte, mitgeteilt wurde – auch von der kleinen Mesnerstochter war darin zu lesen – und sandte Skizzen und Brief an den »Illustrissimo Pittore Arnoldo Boecklin ...« Arnold Böcklin antwortete nicht ... Aber den nächsten Frühling kam der große Künstler von Chiavenna mit der Malojapost durch das Bergell angefahren, um das Wunder von einem Oberengadiner Hirtenknaben mit eigenen Augen zu sehen.   Jetzt wurde Mairas Wunsch erfüllt: Sivo Courtien ging fort aus seiner hohen, seiner herrlichen Heimat; dorthin, wo die vielen Häuser und die vielen Menschen waren, dorthin, wo das Leben war mit seinem Wünschen und Hoffen, seinem Glück und Jammer, seinen Leidenschaften und Qualen, seiner gewaltigen Arbeit und seinem mächtigen Tatendrang – allen seinen schmerzlichen Enttäuschungen und allem trostlosen Entsagen und Entbehren. Nach Zürich ging Sivo Courtien, um in der schönen Stadt an dem blauen See ein Künstler zu werden. Der Kanton unterstützte seinen genialen Sohn, und – Arnold Böcklin beschützte ihn. Als Sivo Courtien von den Leuten in Maloja Abschied nahm, wollte er auch der Tochter des Mesners Lebewohl sagen. Maira war jedoch nirgends zu finden. Vergeblich suchte er sie im Murettotal, am Cavalocciosee, vergeblich bis zu den Grenzen des Eismeeres, die Schluchten mit dem Wohllaut ihres Namens füllend. Aber ihm tönte nur die eigene Stimme zurück. Erst in der Nacht, die seiner Abreise folgte – er ging mit der Post über den Albula –, kam die Gesuchte wieder: blaß und still, mit einem Ausdruck in Miene und Blick, als sei sie länger kein Kind mehr. Ein Gemälde des jungen Engadiner Malers erhielt auf einer Ausstellung in Basel den großen Kantonspreis. Er schloß für den Glücklichen die schöne Bedingung in sich, auf ein Jahr studienhalber nach Rom zu gehen. Das preisgekrönte Gemälde führte den seltsamen Titel: »Totenvolk auf Maloja.« Was der Knabe auf der winterlichen Schneefläche seiner Heimat in wunderlich phantastischem Spiele skizziert hatte, malte der Jüngling auf eine große Leinwand mit genialer Kraft. Das Bild erregte Aufsehen; nicht nur durch seinen dramatisch gespenstischen Gegenstand, sondern auch durch seine Technik – besonders was das Landschaftliche anbetraf. Noch niemals hatten die Schweizer ihre Berge in solcher Plastik, solcher Wirklichkeit gesehen: die Schneealpen des winterlichen Maloja bei fahlem Mondlicht, das durch sturmgepeitschtes Gewölk brach. Und auf dem bleichen Gefilde der Zug der Gestorbenen, aus dem Waldkirchlein dem armseligen Gottesacker zuwallend: lebensgroße Gestalten, Männer und Frauen, Greise und Kinder – Volk der Hochalpen, der Einsamkeit, der Felsenwildnis; Volk einer düsteren, gewaltigen, grausamen Natur, die ihre Kinder mit Schrecken und Tod umgibt und trotzdem von ihnen geliebt wird. Vielleicht gerade deswegen leidenschaftlich geliebt. Die Gesichter der Gestorbenen erzählten ergreifend die Geschichte der Lebenden. Es war die Geschichte eines Daseins voller Mühsale und Entbehrungen, voll unerbittlichen Ernstes, eines Daseins ohne Lebensfreude, selbst ohne Sehnsucht danach. Grauenvoll war der Ausdruck aller Gesichter. Es waren Gestorbene, denen ihr gespenstisches Erwachen Entsetzen einflößte. Mit erstaunlicher Kunst war dargestellt, daß alle diese Menschen einmal – gelebt hatten. Aber keine bekränzten Kinder schritten Hand in Hand dem Geisterzuge voraus – ein junges Paar bildete die Hauptgruppe. Es war ein Hochzeitspaar, dem die Gäste folgten: nicht unter Anführung lustige Weisen spielender Musikanten, sondern einer weiblichen Nebelgestalt: der »Totenfrau von Maloja«. Sämtliche Hochzeitsgäste waren mit Sterbehemden bekleidet; nur die Neuvermählten trugen die schwarze heimatliche Festtracht, mit der sie in den Sarg gelegt werden. Kein Kranz schmückte die Braut, und des Jünglings Stirn ward von einer klaffenden Wunde gezeichnet, aus der das rinnende Blut über das Gesicht strömte: der Bräutigam war ein Abgestürzter und die Braut ihm im Tode gefolgt. Der gespenstische Bräutigam war der Künstler selbst, die kranzlose Geisterbraut Maira à Mara. Der Sturm jagte die Wolken über die Mondsichel hin; aber die Gewänder der Gestorbenen bewegte kein Windhauch. Im Zuge der letzte, der aus der offenen Kirchtür schritt, war der Pfarrer Romuli Calander. Auch er ein Gestorbener. Um Mitternacht war das bräutliche Paar aus seinem gemeinsamen Grabe gestiegen, hatte die Toten von Maloja zu Gaste geladen und war in die Kirche vor den Altar getreten, vor dem sie im Leben nicht vermählt worden waren. Nun führte die Totenfrau alle zu ihren letzten Ruhestätten wieder zurück: hin zu dem von niedriger, bröckelnder Mauer umfriedeten Gottesacker, wo inmitten des weißen Schneefeldes die aufgeborstenen schwarzen Grüfte gähnten ... Einen vollen Winter über war Sivo Courtien auf Maloja gewesen, um sein großes Gemälde an Ort und Stelle zu malen – vom ersten bis zum letzten Pinselstrich in freier Natur, und jede Gestalt eine Porträtfigur. Es war seine erste Heimkehr. Und wie kehrte er heim! Womöglich noch schweigsamer, umdüsterter, noch einsamer; womöglich noch verträumter und weltfremder. Seine Eltern waren tot, tot war Pfarrer Calander, und das Mädchen, das verstanden hätte, was aus dem Hirtenknaben geworden war: ein genialer Künstler – dieser einzige Mensch weilte in der Ferne. Maira à Mara befand sich in Genf auf einem Seminar; denn die Tochter des Mesners von Maloja sollte für die Malojakinder eine Schule gründen und machte das Lehrerinnenexamen. Aber ihr Bild malte Sivo Courtien trotzdem. Er malte die ferne Maira, wie er sich vorstellte, daß sie jetzt aussah; und die Leute von Maloja sagten einstimmig: »Das ist Maira à Mara!« Und sie sagten: »Das sind wir. Und wir sind Gestorbene. Sivo Courtien hat uns gemalt, wie wir sein werden, wenn wir tot sind. Er hat uns gemalt, wie wir in unseren Gräbern keine Ruhe finden. Nicht einmal die ewige Ruhe gönnt er uns!« Es war wie ein Aufruhr. Furcht und Grauen packte die kleinen Gemüter des weltfremden Völkleins. Auch das erfüllte sie mit Entsetzen, daß Maira eine kranzlose Braut war! Denn unter dem Hirtenvolk über den smaragdgrünen Seen des weißen Engadins gab es wohl viele Abgestürzte mit Todeswunden auf der Stirn; aber es gab auf Maloja keine Bräute, die ohne Kranz zur Kirche gehen mußten. 2 Gräfin Josette hatte die Kammerfrau fortgeschickt. Mit ihrer, als rotgoldene Tiara um das Haupt gewundenen, Haarpracht blieb sie vor dem Spiegel sitzen, sah im Glase ihr weißes Gesicht, schaute zu, wie die Flamme gierig die Kerzen verzehrte, und gedachte des Mannes mit dem fremdartig klingenden Namen. Jener Irgendjemand, der in dem Salon der römischen Weltdame einer eleganten Gesellschaft die Geschichte des Engadiners zum besten gab, konnte nicht sagen, was an seiner Erzählung Wahrheit und was daran Dichtung sei. Denn gedichtet schien manches zu sein, wie die Schneegemälde und die romanhafte Gestalt der Mesnerstochter. Die elegante Gesellschaft hörte denn auch ziemlich gelangweilt zu; Graf Oberndorff mit jenem Lächeln, das seine schlaffen Züge für seine junge Frau so gespenstisch belebte. Er fuhr fort zu lächeln, als die Gräfin in ihrer gleichgültigen Art zu ihm sagte: »Der Mann interessiert mich. Laß uns morgen sein Atelier besuchen.« »Wenn es dir Vergnügen macht ...« Der Irgendjemand bemerkte: »Sivo Courtien empfängt keine Atelierbesuche.« »Immerhin könnte man den Versuch wagen. Einen Käufer wird der Herr schwerlich die Treppe hinunterwerfen.« Aufstehend erwiderte die Gräfin, ohne die Stimme zu dämpfen: »Seit wann verstehst du dich auf Künstlerseelen?«   Jedes Wort fiel ihr heute wieder ein auf dem Wege nach Sivo Courtiens Heimat. Lebhaft erinnerte sie sich des Frühlingstages, an dem sie mit ihrem Gatten das Atelier des Mannes besucht hatte, der keine Besuche empfing. Es lag, nahe bei ihrem fashionablen Hotel de Russie, in einer der Künstlerkasernen der Via Margutta. Aus dem dunkeln, schmutzigen Hausflur auf den Hof hinaustretend, über den es zu den Ateliers ging, erblickten die Fremden ein echt römisches Bild: sonnenbeschienen ein grüner, mit gelben Azaleen bewachsener Pincioabhang, von der Mandelblüte weiß umhüllt; darüber der dunkle Steineichenwald der französischen Akademie, feierlich wie ein antiker Hain; auf dem Hofe Zitronenbäume, Marmorblöcke und Fragmente von Antiken. Aus einem offenstehenden Bildhaueratelier drang zu dem pochenden Geräusch des Meißels ein schwermütiger Gesang, und die Frau des Kustoden wusch in einem altrömischen Sarkophag, der als Brunnentrog diente, ihren Salat ... Der Hirtensohn von Maloja mußte sich in dem Glanz eines römischen Frühlingstages wie verzaubert vorkommen. Der »Pittore svizzero« wohnte im höchsten Stockwerk, war zu Hause, empfing jedoch keine Besuche. Letzteres wußte auch der Kustode. Trotzdem stiegen die Herrschaften die fünf Stockwerke hinauf. Jeder der scheibenlosen Fensterbogen gewährte einen Überblick auf Roms Gartenhügel, einen Blick, der von Stockwerk zu Stockwerk freier und köstlicher wurde. Die Gräfin freute sich, daß der Engadiner so wundervoll römisch hauste. Höher hinauf ging es nicht. Sie befanden sich vor einer Tür, an der kein Name stand. Graf Oberndorff läutete. Es wurde jedoch nicht geöffnet. Er läutete ein zweites, ein drittes Mal. Endlich wurde die Tür – nicht geöffnet, sondern aufgerissen wie in Zorn über die Störung. So sah der Mann aus, der ein Genie sein sollte ... Der Graf warf seiner Frau einen triumphierenden Blick zu: ihre Neugierde – denn etwas anderes war ihr »Interesse« nicht – würde gestillt sein. Gräfin Josette beachtete nicht das Ungeschlachte und Verwilderte der mit größter Nachlässigkeit gekleideten Gestalt; die vornehme Dame beachtete nicht, daß das Gesicht unschöne, grobe Züge hatte – auf den ersten Blick erkannte sie die trotzige Kraft und den unbeugsamen Stolz, der aus den Augen des Mannes von Maloja leuchtete. Es waren die Augen eines Gottbegnadeten. »Sie wünschen?« »Man sagte uns, Sie empfingen keine Besuche. Entschuldigen Sie also ...« Der Graf sprach mit jener nachlässigen Höflichkeit, die seine Frau stets als eine Beleidigung des Angeredeten empfand: als die Beleidigung eines Hochgestellten gegen den sogenannten Niedrigstehenden, des »Grandseigneurs« gegen den Plebejer. Ein wirklicher »Grandseigneur« beleidigt nicht den geringeren Mann. Das war ja eben das Unglück dieses Frauenlebens: daß dieser Aristokrat mit sechzehn Ahnen eine Plebejerseele hatte. »Weshalb kommen Sie, da man Ihnen sagte, ich empfinge keine Besuche?« »Meine Frau wünschte es. Ich bitte nochmals um Entschuldigung.« »Ist das Ihre Frau?« »Die Gräfin Oberndorff.« Courtien überhörte den Namen. Was kümmerten ihn Namen? Vollends ein adeliger, gräflicher. Er hatte bis dahin nur den Herrn angesehen und sofort eine heftige Antipathie gegen den tadellosen Kavalier empfunden, eine fast feindselige Abneigung. Jetzt erst wandte er sich zu der Dame, mit seinem sprühenden, bohrenden Künstlerblick die ganze Erscheinung umfassend ... Dann sagte er nicht wieder, daß er keine Besuche empfinge. Er sagte nichts. Aber er trat in den Vorraum zurück, ließ die Tür offen, und die beiden folgten ihm. Ein kahler Raum, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, ganz anders als sonst Künstlerwerkstätten, wie auch der Mann ein ganz anderer war. Auf der Staffelei ein angefangenes Gemälde, das der Maler bei Eintritt der Fremden sofort umkehrte; an den Wänden Farbenskizzen und Zeichnungen: ungewöhnlich bedeutend, außerordentlich in jeder Beziehung – das erkannte sogar Graf Oberndorff, der sich im allgemeinen schlecht auf Künstlerseelen verstand. Auffällig war, daß unter sämtlichen Entwürfen nichts Römisches sich befand. Weder ein »Blick auf die Sankt Peterskuppel«, noch ein altrömischer »Aquädukt mit dem Sabinergebirge«, oder »Schafherde in der Campagna«. Auch kein Modell von der spanischen Treppe. Weder ein männliches noch ein weibliches. In Rom lebend, malte der Engadiner Gletscher, Firnen, Felsenöden, Alpenwildnisse; er malte diese Landschaften bei grellem Sonnenschein und von jagenden schwarzen Wolkenmassen überschattet, bei stillem Mondesglanz und in stürmischer Nebelnacht. Alle Entwürfe behandelten Motive aus Courtiens Heimat, in einer Wirklichkeit geschaut, mit einer Wahrhaftigkeit dargestellt, daß die Sonne auf dem Schnee blendend funkelte, die Nebel aus den Schluchten vor den Augen des Beschauers aufzusteigen schienen. Die aufsteigenden, vom Sturm gepeitschten Nebel – in zwanzigfachen qualvollen Versuchen immer dasselbe unmöglich zu lösende malerische Problem ... Der Künstler stand in der Mitte des öden Raumes, sprach kein Wort, ließ den Herrn und die Dame sich umsehen. Er machte ein Gesicht, als müßte er einen leidenschaftlichen Ausbruch niederkämpfen, weil er die Tür hatte offenstehen und die Fremden eintreten lassen. Graf Oberndorff äußerte sich übertrieben höflich, übertrieben bewundernd. Die Gräfin blieb stumm. Wie zufällig näherte sie sich der Staffelei, darauf das vorhin von dem Maler umgekehrte Gemälde stand. Sie blieb davor stehen und blickte zu Courtien hinüber: ihm gerade in die Augen schauend, unverwandt und ruhig. Da ging er und zeigte der schönen Frau das Bild, das die Fremden nicht sehen sollten. Sie dankte mit einem Lächeln. Dann betrachtete sie das nur ihr gezeigte Gemälde. Ein abgrundtiefer Gletscherspalt, in den der Mond herabscheint, die Kluft mit unirdischem Licht füllend. In dem grünlichen, magischen Glanze taucht aus der Tiefe ein junges Weib empor, gehüllt in die Pracht ihres Haares, umflossen von einer Flut goldigrötlichen Schimmers, der – zugleich mit dem Mondlicht – den wie aus Silber und Elfenbein modellierten blumenschlanken Leib umsprüht. Die Gletscherfrau drückt ihre Glieder eng gegen die funkelnde Wand und erhebt ihr Gesicht, das einen Ausdruck hat wie ein auf Beute lauerndes Raubtier. In ihren weißen Augen glüht unersättliche Gier. Sie streckt beide Arme steif über sich aus, um das Opfer zu empfangen, das sie mit ihrem Nixenlachen angelockt hat. Es kann auch ein leises jammerndes Weinen gewesen sein. »Wer ist dieses unheimliche Wesen?« »Wer? ... Ein Weib ... Das Weib!« Sie fragte ihn, und er antwortete ihr mit unterdrückter Stimme, als ob der Dritte sie nicht hören sollte. Plötzlich bemerkten beide, daß sie leise, fast flüsternd sprachen. Courtien erblaßte, sagte laut und mit einer Stimme, darin es wie mühsam unterdrückter Zorn klang: »Sie wollen wissen, wer das ist? Das Gletscherweib. Wir Engadiner haben unsere besonderen Geister. Unsere Natur steckt voll von ihnen. Sie sind furchtbar und dem Menschen feind – wie unsere Natur es ist. Das heißt – nur dem Schwachen sind unsere Geister verderblich. Dieses hier ist das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia in meiner Heimat Maloja. Sie müssen nämlich wissen, daß ich von Maloja bin. Also ein Gletschermensch, ein Alpenbauer.« Graf Oberndorff versicherte: Sivo Courtien sei ein bekannter Name, und die Welt wisse von ihm. Ohne den höflichen Herrn zu beachten, beständig die Gräfin anblickend, nur zu ihr redend, sprach Courtien weiter: »Das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia ist von allen unseren Geistern der schlimmste; denn es ist – eben das Weib. Eine Teufelin ist es. Der Mann, der es einmal sieht, findet nicht eher Ruhe, als bis er in seinen Armen den Tod fand. Es stürmt empor aus dem Gletscherspalt, wirft ihm ihr leuchtendes Haar als Schlinge um den Hals, trinkt sein Blut, saugt ihm die Seele aus, jauchzt auf, daß der Gletscher birst und bricht, der Firn zerreißt, der Gipfel bebt. Eine Teufelin, sage ich Ihnen.« »Wie Sie vorhin wundervoll richtig bemerkten, eben das Weib. Übrigens sahen Sie das Gletscherweib bis jetzt noch nicht – da wir das Vergnügen haben, uns in Ihrer Gegenwart zu befinden.« Auch jetzt beachtete Courtien den vornehmen Herrn nicht im geringsten und fuhr fort, nur zu der Gräfin zu sprechen, als ob nur sie anwesend sei und gefragt habe. »Ich sah das Gletscherweib bis jetzt noch nicht. Und wenn auch. Ich besitze einen Talisman wider böse Geister.« »Sie meinen die Kunst?« » Meine Kunst!« Als der Mann, der ein Gletschermensch und Alpenbauer war, das sagte, sah er prachtvoll aus: Zoll für Zoll ein Künstler! Ihm fest in die Augen blickend, erwiderte die Gräfin: »Nein, Sie bekommt das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia nicht.« Lächelnd hörte Graf Oberndorff den beiden zu, die sich in weiter Ferne auf einer öden Insel zu befinden schienen. Plötzlich erkundigte er sich auf das höflichste bei dem Künstler: ob dieser »geneigt« wäre, das Porträt der Gräfin zu malen? »Das Porträt Ihrer Frau?« »Ich wünsche es in Lebensgröße. Über die Auffassung können wir reden.« »Ich pflege meine eigene Auffassung zu haben.« »Meine Hochachtung! ... Wie viele Sitzungen würden Sie benötigen?« »Ich male keine Porträte.« »Auch nicht das meiner Frau?« »Auch das nicht.« »Du wurdest von Herrn Sivo Courtien abgelehnt, meine Liebe.« Jedes Wortes, das damals in dem hohen Atelier in der Via Margutta gesprochen wurde, erinnerte sich die schöne Frau heute. Und sie erinnerte sich ihrer Empfindung bei jenem Besuche: etwas wie leises Staunen, wie leise Freude – Freude auch darüber, daß Herr Sivo Courtien sie »abgelehnt« hatte. Er hielt es nicht einmal für nötig, sich zu entschuldigen. Denn es war keine Entschuldigung, als er erklärte: »Ich kann nur Bauern und Bäuerinnen malen: Volk von Maloja.« Graf Oberndorff ergänzte mit seinem matten Lächeln, dem Lächeln des kosmopolitischen Lebemanns: »Und schönhaarige Teufelinnen, die uns armen Männern das Herzblut aussaugen ... Immerhin ist Maira à Mara keine Bäuerin.« »Was wissen Sie von Maira à Mara?« »Ich sagte Ihnen ja, daß die Welt Sivo Courtien kennt. Also kennt sie auch die junge Dame, die zu Ihrer Geschichte gehört.« Die Gräfin sah den Künstler an. Sie sah, wie es in seinen Augen aufleuchtete, wie in seiner Seele bei Nennung des wohllautenden Frauennamens – aus diesem Munde – etwas aufgewühlt wurde wie von einem Sturm. »Maira à Mara gehört zu meiner Geschichte? Und das wissen die Leute? Darüber reden sie? ... Die Leute wissen nicht, wie wenig ich mich um sie kümmere. Aber wer den Namen meiner Freundin anders ausspricht als mit –« Er brach ab, als hielte er es für unwürdig, weiter zu sprechen: mit diesem vornehmen Herrn, mit dem er nichts gemein hatte! Und nichts gemein haben wollte er mit der vornehmen Frau, die das Haar und die Augen seines Gletscherweibes vom Monte della Disgrazia hatte und deren Porträt er malen sollte. Weshalb hatte er sie auch in sein Atelier eingelassen? Und daß er unter dem Banne ihres Blickes hingegangen war und ihr sein Gemälde gezeigt hatte! Wenn auch nur ihr ... Jetzt hörte er sie sagen: »Wir vernahmen von dem jungen Mädchen nur Gutes. Sie muß ein merkwürdig groß angelegtes Geschöpf sein. Hat sie ihr Ziel erreicht?« »Was verstehen Sie unter ihrem ›Ziel‹?« »Für die Malojakinder eine Schule zu gründen.« »Sie ist Lehrerin auf Maloja. Sie vollbringt alles, was sie will. Sie könnte Berge versetzen – da sie den Glauben dazu hat.« ›Da sie zu dir die Liebe hat‹ – dachte die Gräfin, plötzlich in sich eine heftige Abneigung gegen jenes »groß angelegte« fremde Mädchen entdeckend. Mit außerordentlicher Höflichkeit verabschiedete sich Graf Oberndorff von dem Engadiner, ohne ihm jedoch die Hand zu geben. Das tat seine Frau. Für einen Augenblick ruhte ihre schmale, silbergrau behandschuhte Aristokratenhand in der Hand Sivo Courtiens, die wie ein Wahrzeichen des Stammes und der Art des Mannes war: uralter Bündner Stamm, grobe Bergbauernart. Trotzdem die Hand eines Künstlers, eines Schöpfers. Als ihre Rechte die seine leise berührte, fühlte sie das Erzittern der bäurischen Hand, die Meisterwerke schuf ... Die Gräfin Oberndorff war seit jenem römischen Frühlingstage, an dem sie das hohe Atelier in der Via Margutta besuchte, viel bewundert, viel geliebt worden. Aber daß Sivo Courtiens Hand in der ihren gezittert hatte, blieb für sie nicht nur ihr höchster, sondern auch ihr schönster Triumph. Daran dachte die einsame Frau vor ihrem Spiegelbild bei dem flackernden Schein der Kerzen, die die Flamme verzehrte.   Und sie dachte daran, wie ihr Mann in den römischen Salons in ihrer Gegenwart den Künstler karikierte und lächerlich machte, der eleganten Gesellschaft voller Behagen erzählend: Herr Sivo Courtien habe die Gräfin Oberndorff abgelehnt. Es wurde allgemein sehr spaßhaft gefunden. Gemalt wurde die Gräfin Oberndorff in Rom aber doch: lebensgroß, in einer Toilette aus silbergrauem Samt, mit der vielreihigen Perlenkette, dem berühmten Oberndorffschen Familienschmuck. John Lavary übernahm den Auftrag gegen ein kleines Vermögen als Honorar. Der Meister eleganter Frauenschönheit befand sich zufällig für den Winter in Rom, hatte sein Atelier in der Via Margutta, in dem nämlichen Hause wie der Engadiner, und war von der eigentümlichen geheimnisvollen Schönheit der Gräfin fasziniert. Er soll von ihr gesagt haben: »Sie ist eine Frau, die nie glücklich sein wird, die nicht glücklich sein kann – da sie nicht zu beglücken vermag. Aber sie kann unglücklich machen. Ich will versuchen, diese Eigentümlichkeit in meinem Porträt auszudrücken.« Jeden Vormittag fuhr die Gräfin in großer Toilette in die Via Margutta Nummer 59. Die Kammerfrau mit dem Schmuckkasten begleitete sie. In den ersten Tagen mußte sie sich von der Jungfer jedesmal daran erinnern lassen, daß Lavarys Atelier im zweiten Stockwerk lag: sie wollte jedesmal höher steigen. Schlag zwölf holte der Graf sie ab. Er war von dem Bilde begeistert – besonders von der unvergleichlichen Eleganz. Wunderbar und wundervoll, wie die Spitzen, wie die Perlen gemalt waren! Nur John Lavary konnte Spitzen und Perlen so malen. John Lavary hatte für das Lob des Kavaliers ein stilles Lächeln, das der auf Künstlerseelen sich schlecht verstehende Graf für den Ausdruck geschmeichelter Künstlereitelkeit hielt. Dieser feine Irländer war doch ein ganz anderer Mensch als jener Malojabauer. Ein Gentleman, mit dem ein Gentleman reden konnte, war John Lavary! Die Gräfin stand auf dem Bilde, in der Haltung der großen Dame, vor einem silberdurchwirkten Vorhang, und schaute mit einem Ausdruck, als suchte sie einem anderen Blick zu begegnen, geradeaus über den Beschauer hinweg, gleichsam in unendliche Fernen. Zu ihren Füßen lag ein weißer Blütenzweig, der ihrer niederhängenden Hand entfallen war. Sie trug ihr prachtvolles Haar als dreifache Krone, die das feine Frauenhaupt – wie alle Kronen zu tun pflegen – schmerzlich zu drücken schien. Wenigstens lag auf dem schönen Gesicht ein Zug tiefer Müdigkeit. Graf Oberndorff bestellte bei John Lavary ein zweites Porträt: seine Frau in ihr aufgelöstes Haar gehüllt, mit ihrem reizenden Lächeln, das bisweilen dem Lächeln eines Kindes glich. Das Bild wäre des berühmten Künstlers Meisterstück geworden. Aber die Gräfin wollte sich nicht zu einer zweiten Sitzung verstehen, was ihren Gemahl, den Grandseigneur, so wütend machte, daß er ausrief: »Von dem Engadiner Gletschermenschen hättest du dich sicher auch ein drittes Mal malen lassen!« Die gelassene Antwort lautete: »Vielleicht.«   Eines Frühlingsabends sah sie ihn auf der Landstraße vor Porta Furba wieder. Sie war allein. Der Graf mußte in Rom »Jours« besuchen, wozu sie keine Lust verspürte. So war sie denn in die Campagna hinausgefahren, die – wie Graf Oberndorff lächelnd bemerkte – ja wohl etwas sehr Merkwürdiges und Erhabenes sein sollte. Auf der Landstraße nun kam ihrem Wagen Sivo Courtien entgegen. Er schien einen weiten Weg gemacht zu haben und war staubbedeckt. Seine nachlässige Kleidung, sein ungepflegtes Haar, sein Bartgestrüpp – in einem Salon wäre der Mann entschieden unmöglich gewesen. Was war es nur, das ihn für die vornehme Dame so seltsam anziehend machte? Es mußte in seinen Augen liegen, wenn sie blitzgleich aufleuchteten – in seiner Seele, wenn der Sturm der Leidenschaft sie aufwühlte. Das neugeprägte Wort »Herrenmensch« fiel ihr ein, als sie ihn durch den Staub der Landstraße ihr entgegenkommen sah: stark und hoch, das Haupt emporgewendet, mit Blick und Seele von der Erde fort das Unendliche, das Unerreichbare suchend. Ohne die schöne Frau in der eleganten Equipage eines Blickes zu würdigen, wollte er vorübergehen. Da rief sie ihn bei Namen, dem Kutscher befehlend, zu halten. Zaudernd näherte sich der Angerufene dem Wagen. Ebenso unhöflich war sein Gruß. Aber auch in diesem widerwillig erteilten Gruß lag für Josette ein Triumph. »Sie kommen von Frascati?« »Von weiter, von Tusculum her. Dort sind Gegenden, die kein Mensch kennt: kein Kulturmensch. Eine Wildnis, sage ich Ihnen. Groß wie der Gott der Sixtinischen Kapelle ist dort die Welt.« »Trotzdem leiden Sie an Heimweh?« »Woher wissen Sie das?« »Wann kehren Sie wieder zurück?« »Wohin zurück?« »In Ihr Gletscherland?« »Kennen Sie es?« »Nein.« »Sie gehören auch nicht dorthin.« »Ganz und gar nicht. Ich wüßte nicht, was ich dort anfangen sollte.« »Nein, Sie wüßten nicht, was Sie in einer großen Natur anfangen sollten ... Übrigens wird sie jetzt herrlich hergerichtet, kultiviert, verfeinert, gewissermaßen salonfähig gemacht. Man sagte mir: Maloja sollte ein Monte Carlo oder Baden-Baden werden. Das danken wir Ihnen. Ich meine: den feinen Leuten.« »Weshalb lassen Ihre Landsleute uns herein?« »Weil sie Krämerseelen sind.« »Wollen Sie mit mir fahren?« »Nein. Danke.« »So steige ich aus und gehe ein Stück Weges mit Ihnen.« Sivo Courtien antwortete nicht, ließ sie sogar den Wagenschlag selbst öffnen. Seine Unhöflichkeit kränkte sie auch jetzt nicht. Bemerkte sie doch, daß er bleich geworden war und in seinen Augen jenes gewisse Leuchten aufzuckte. In ihrem englischen Kostüm – selbst die Feindinnen ihrer eigenartigen Schönheit mußten ihr lassen, daß sie sich »gut« anzog – schritt sie neben dem Wildling durch den Staub der Landstraße einher, instinktiv fühlend, daß in seiner Seele ein Aufruhr tobte und er am liebsten davongelaufen wäre, als drohte ihm an ihrer Seite eine Gefahr. Aber er blieb. War er doch nicht der Mann, der vor einer Gefahr geflohen wäre: er, Sivo Courtien, für den die Todesgefahren seiner Heimat bei Lawinensturz und Föhnsturm Lebenselement waren ... Trotzdem wollte er ihr Porträt nicht malen. Weshalb nicht? Sollte sie ihn danach fragen? Heute, wo sie mit ihm durch Roms Campagna wanderte und ihn aller Wahrscheinlichkeit nach das letztemal im Leben sah ... fragen mußte sie ihn; denn sie mußte es wissen. Aber sie schwieg. Es war heute für diese Frage weder der rechte Ort noch die rechte Stunde. Die würde jedoch kommen. Irgendwo würde sie ihm sicher wieder begegnen; denn – es durfte heute nicht das letztemal sein. Was konnte ihr daran gelegen sein, jene Frage zu tun? Was sie bewegen, auf jene Stunde zu warten? Sie, deren Leben eine Reihe fortgesetzter Triumphe war und sein würde: des Sieges ihrer geheimnisvollen, fast mystischen Schönheit, des Sieges einer unglücklichen Frau; denn – ja, ja, ja, das war sie! Erst jetzt richtete er wieder das Wort an sie: »John Lavary malt Sie? Ich meine: John Lavary malt Ihre Toilette, Ihren Schmuck, Ihr Haar, Ihre Züge, die Farbe Ihrer Augen. Besonders Ihre Toilette malt er: den Schnitt Ihres Kleides, die Falten, Stickereien, Spitzen, Juwelen.« »Das Porträt wird sehr bewundert.« »Weil John Lavary es malt. Es wird ja wohl auch glatt und glänzend genug sein. Wer kann Sie malen? Ich wollte sagen: wer kann überhaupt einen Menschen malen? Sein Wesen, seine Seele; eben den Menschen. Die Alten konnten es. Velasquez konnte es. Aber wir Armseligen ... Ich malte meine Mutter. Das konnte ich. Aber meine Mutter kannte ich. Sie machten von dem Bilde großes Geschrei, und Böcklin wollte, ich sollte es ausstellen. Ich tat es, tu es jedoch nie wieder. Überhaupt dieses Ausstellen ... Ich werde nie wieder ein Porträt malen; denn ich werde nie wieder einen Menschen so kennenlernen, daß ich ihn malen könnte ... Sie fragten vorhin, wann ich wieder ins Engadin zurückkehrte? Am liebsten liefe ich morgen von hier fort. Auf bloßen Füßen liefe ich zurück! ... Wissen Sie, weshalb ich in Rom bleibe? Eines Gottes wegen. Sein Haus ist die Sixtinische Kapelle, und sein Name Michelangelo. Jetzt wissen Sie's! Ich komme von dem Buonarotti nicht los. Ich liebe ihn nicht nur nicht, sondern hasse ihn. Der Mann ist eine Gewalt. Ein Element ist er! Und einem Element muß der Mensch sich beugen; er mag wollen oder nicht ... Aber weshalb sage ich Ihnen das? Gerade Ihnen!« Er sprach wie mit mühsam gebändigtem Ingrimm, weil er ihr, gerade ihr, das sagen mußte. Mit der Gewandtheit der Weltdame erwiderte sie leichten Tones: »Sie sagen es mir, weil Sie fühlen, daß ich Verständnis für Sie habe.« »Verständnis?« »Oder Neugier. Vielleicht gefällt dieser Ausdruck Ihnen besser.« »Er ist richtiger. Inwiefern mache ich Sie neugierig?« »Neugierde liegt in uns Frauen. Kennen Sie uns sowenig?« »Ich kenne sie überhaupt nicht.« »Und Sie wollen uns auch nicht kennenlernen?« »Gewiß nicht.« »Wenn Sie es mir nicht sagten, würde ich's nicht glauben.« »Was nicht glauben?« »Daß ein Mann die Frauen nicht kennenlernen will.« »Glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht: ich bin ein solcher Mann.« »Es scheint so.« Darauf schwiegen beide; und sie hörte, wie er neben ihr tief Atem holte. Plötzlich fuhr es aus ihm heraus: »Wissen Sie, daß Sie die erste Dame sind, mit der ich rede?« »Wie ist das möglich?« »Im Engadin haben wir keine Damen. Nicht in meinem Engadin. Sonst wimmelt es im Engadin davon – dank dem Krämergeist meiner lieben Landsleute.« Die Gräfin wünschte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Wenn Sie keine Porträte malen wollen, also nicht das Interessanteste, was der Künstler schaffen kann: nicht den Menschen – was halten Sie sonst für einen Ihrer Kunst würdigen Gegenstand?« »Die Natur. Die Natur, wie sie ist. Die Natur meiner Heimat: Gletscher und Fels; Sonnenschein und Mittagsgluten; Schneetreiben und Winterstürme; jagendes Gewölk und ziehende Nebel.« »Ist das überhaupt zu malen?« »Ich werde es malen.« »Ja, denn Sie haben den Glauben an sich selbst.« Sivo Courtien rief: »Ein Künstler, der nicht an sich selbst glaubt, muß an sich selbst verzweifeln; und Selbstverzweiflung bedeutet Selbstvernichtung. Wenigstens bedeutet es das für mich.« »Also gehen Sie Ihrer Selbstvernichtung entgegen, wenn Sie darstellen wollen, was darzustellen unmöglich ist: ein Bild der Natur, wie sie ist. Sagten Sie nicht so?« »Alles andere ist Stümperei, ist Verrat an der Natur, Entheiligung. Ich will anbeten.« Auch als Künstler war dieser Mann anders als alle anderen, die so genannt wurden und die sie kannte. Sie mußte ihn unwillkürlich ansehen, wie er so stolz sprach; mußte zu ihm aufsehen ... In seinen Augen leuchtete etwas von dem Glanz der sonnenbeglänzten Firnen des Engadins. Wie mußte es sein, wenn dieses Mannes Blick aufflammte in leidenschaftlicher Liebe zu einer Frau – Aber Sivo Courtien wollte nicht die Frau in seinem Leben. Nicht die Liebe wollte dieser Mann, nicht die Leidenschaft ... Wirklich nicht die Leidenschaft? Dieser Mann, der in jedem Nerv, jedem Atemzug Leidenschaft war; in dessen Seele die Leidenschaft tobte wie ein Orkan, wie der Föhnsturm, der Felsen zersplitterte und die Riesenfichten des Engadins brach! Dieser Mann unterfing sich, die Leidenschaft vom Manne zum Weibe für sich »nicht zu wollen«? Die Natur wollte er an sich reißen und umfassen wie eine Geliebte. An ihrer Brust wollte er sein glühendes Antlitz bergen, seine leidenschaftliche Seele mit der ihren verschmelzen. Was aber, wenn es ein vergebliches Ringen sein sollte? wenn die Göttin von dem Menschen sich nicht fassen ließ? Auch nicht von diesem Manne, der nicht die Frau lieben, sondern die Natur anbeten wollte: die Gottheit in der Natur, in der Wahrheit. Sie näherten sich der großen Stadt, die in der Geschichte die ewige hieß. In einiger Entfernung vor dem Tore blieb die Gräfin stehen, sagte leise und weich: »Ich danke Ihnen.« »Wofür?« »Daß Sie mich für Ihre gute Freundin hielten; denn nur zu einer Freundin spricht man so! Sehr bald verlassen wir Rom und gehen nach London zur ›season‹ . Sie verstehen nicht, was das bedeutet. Fragen Sie meinen Mann. Die ›season‹ in London ist das Höchste im Leben. Als Dank für Ihre freundlichen Worte sage ich Ihnen: leider verlassen wir Rom sehr bald.« Sie hörte seine mühsamen Atemzüge, hörte ihn mit stockender Stimme antworten: »Ich werde Ihren Mann nicht fragen. Es ist mir gleich, was für Ihren Mann das Höchste bedeutet. Es war ja doch wohl Ihre freie Wahl, das ›Höchste‹ im Leben mit Ihrem Manne zu teilen? Also wünsche ich Ihnen glückliche Lebensfahrt zu den Höhen des Daseins empor.« Was war das? Seine Stimme hatte einen Klang, der ihr alles Blut aus dem Gesicht trieb, so daß sie auf offener Landstraße mit todbleichem Gesicht vor dem Manne stand, dessen Stimme einen Ton von Verachtung hatte: weil es ihre freie Wahl gewesen war, die Gräfin Oberndorff zu werden. Er zog seinen Hut, ging, ließ sie stehen. Mitten auf der Landstraße stehend, sah sie ihm nach, bis seine hohe Bündnergestalt in dem dunklen Eingang des Tores verschwand. Sivo Courtien verachtete die Gräfin Josette von Oberndorff! Er verachtete sie, weil sie zu ihm, dem Fremden, im verächtlichen Ton von dem Manne gesprochen hatte, dessen Namen sie trug; er verachtete sie, weil sie verraten hatte, daß sie nicht nur ohne Liebe, sondern auch ohne Achtung die Frau des Grafen Oberndorff geworden war. Welche Demütigung für sie! Und sie hielt sich doch für eine stolze Frau. Durfte eine Frau stolz sein, die sich nicht nur ohne Liebe, sondern auch ohne Achtung einem Manne gab? Sivo Courtien verneinte die Frage. 3 An demselben Tage, an dem die schöne Gräfin unbekümmert um die Gefahr, über den von Lawinen bedrohten Albulapaß in das noch fremdenleere Engadin fuhr, schritten auf Maloja ein hochgewachsener, jugendlicher Bergsteiger und ein der aufrechten Gestalt ebenbürtiges junges Mädchen durch die von blühenden Nelken rosig gefärbte Seewiese dem alten Dorfkirchlein zu. Die beiden paßten in die große Alpenlandschaft, in eine Welt von Fels und Firn, von Schweigen und Einsamkeit: ein Mann und ein Weib, für solche starre und stolze Natur geschaffen, also füreinander geschaffen. Aus beider Mienen sprach eine leidenschaftliche Willenskraft. Beider Augen hatten einen schwermütigen, fast düsteren Ausdruck, und den Mund zeichnete ein gemeinsamer Zug, als könnten diese zwei Menschen weder scherzen noch singen. Auch nicht lächeln. Das Haupt trugen beide hoch, den Gipfeln, der Sonne zugewendet. Es waren Menschenhäupter, die kein Sturm – und brauste er auch aus dem Bergell als wütender Föhn herauf – zu beugen vermochte. »Du willst schon jetzt fort und hinauf?« Das Mädchen stellte die Frage. Ihre Stimme klang herb, fast hart. Daß diese Frauenstimme einen weichen oder gar einen zärtlichen Ton haben, daß sie Liebesworte flüstern, einen Laut des Entzückens stammeln könnte – das sich vorzustellen war die Phantasie des Mannes außerstande. Übrigens kam es ihm nicht in den Sinn, seine Einbildungskraft dafür anzustrengen. In seiner Stimme lag etwas von der Ungeduld, von der Sehnsucht, die er empfand, »fort und hinauf« zu kommen, als er der Fragenden zur Antwort gab: »Heute will ich nur nachsehen, wie lange ich noch warten muß, bis ich das Haus beziehen kann.« »Du wirst dich nach dem Hause durch den Schnee graben müssen.« »Was tut das?« »Nichts.« Sie schwiegen. Dann nach einer Weile der Mann: »Diesen Winter bleibe ich überhaupt droben, lasse mich einschneien und male den ganzen Winter über an meinem Bilde.« »Du willst etwas Unmögliches.« »Ich will das, was ich kann.« »In deiner Kunst gewiß. Aber den ganzen Winter über in der Gletscherhütte –« Heftig rief der Mann, der alles konnte, was er wollte: »Würdest du dich etwa um mich sorgen, daß ich dort oben verhungern, erfrieren oder lebendig begraben werden könnte?« Um des Mädchens Mund zuckte eine plötzlich aufsteigende starke Empfindung. Sie bezwang sich jedoch und sagte in ihrer gewöhnlichen ernsthaften Weise: »Jedenfalls dürfte meine Sorge dich nicht abhalten, zu tun, was du für das Richtige hältst.« »Du brauchst keine Sorge zu haben; denn du weißt eines.« Er sagte ihr nicht, was dieses eine sei. Sie wartete eine Weile, fragte ihn alsdann und erhielt zur Erwiderung: »Du weißt, daß ich ein Gefeiter bin. Ehe ich mein Werk nicht vollendet habe, kann mir nichts geschehen. Auch nicht dort oben in Todesgefahr. Das weißt du. Wer könnte es besser wissen?« »Ja.« Kein weicher Ton in dieser herben Stimme! Aber wie das Mädchen das eine kleine Wort aussprach: die Bestätigung ihrer unerschütterlichen Zuversicht zu ihres Freundes Unüberwindlichkeit, klang ihr »Ja« wie ein feierliches Bekenntnis: »Ich glaube an dich!« Die beiden hatten sich zufällig am Seeufer bei den Hütten von Cresta getroffen. Maira befand sich auf dem Spaziergang, den sie, bevor sie ihre Lehrtätigkeit begann, Winter und Sommer bei Wind und Wetter an jedem frühen Morgen unternahm; Sivo war unterwegs vom Crap da Chüern nach dem Cavalocciosee, um in der Ausrüstung eines Hochtouristen nach den Schneeverhältnissen des Fornogletschers zu sehen. So waren sie denn miteinander weitergegangen: den nämlichen schmalen Wiesenpfad, der sie als Kinder jeden Sonntag in das Kirchlein zum Hochamt geführt hatte. Ihre dunklen Gestalten schienen über der Nelkenblüte auf einer rosenfarbenen Flur zu wandeln, die der Morgenwind leise bewegte. Das Spiel gelber Schmetterlinge umgaukelte, die Musik summender Insekten umtönte sie. Von der smaragdgrünen Fläche des Malojasees, aus den Schluchten des Piz Materdell brauten von der Sonne durchstrahlte Nebel auf, und aus dem leuchtenden Dunst des jungen Tages streckte die große Margna ihr schneeiges Haupt in den Azur des Himmels, der über kein Alpental der Schweiz mit solchem Glanz sich spannt wie über das Engadin. Courtien blieb stehen, das Schauspiel der hin- und herwogenden Nebel beobachtend. Seine Züge nahmen dabei einen gespannten, gequälten Ausdruck an, als müßte er mit seinem Blick das Geheimnis ergründen: wie seine Hand diese wogenden und wallenden, diese flutenden und flatternden, bald auseinanderströmenden, bald ineinanderrinnenden Dämpfe und Dünste auf die Leinwand bannen könnte. Maira stand daneben, schweigend und scheinbar gleichgültig. Aber auch in ihre Züge kam etwas von dem gequälten Ausdruck in dem Gesicht ihres Jugendfreundes ... Nach einer Weile setzte der seinen Weg fort; doch schien er im Geiste noch immer mit dem Problem beschäftigt, wie das Hin und Her, das Auf und Ab der brauenden Nebel auf der Leinwand darstellbar sei. An dem Waldkirchlein vorüber gelangten die beiden nach dem Kirchhof Malojas. Das war eine trostlose und zugleich herrliche Stätte: trostlos durch ihre Verwahrlosung, ihre Verlassenheit; herrlich durch ihre Einsamkeit und Feierlichkeit. Es war ein grüner Platz, von einer bröckelnden Mauer umfriedet, von Arven, Wacholder und Alpenrosen überwachsen, mit einigen morschen schwarzen Kreuzen und versinkenden Grabsteinen inmitten der schimmernden Pracht von Schneegipfeln und Gletschern. Beide hatten an dieser Stätte denselben Gedanken. Er betraf jene zwei Gemälde Sivo Courtiens: »Totenvolk von Maloja.« Das eine Bild in phantastischem Knabenspiel auf der hartgefrorenen, winterlichen Schneefläche umrissen; das andere in Farben auf Leinwand: das erste bewußte Werk des jungen Künstlers, die Offenbarung eines Genies, leidenschaftlich bewundert, leidenschaftlich getadelt und schließlich preisgekrönt. Des Mädchens Seele hätte bei dieser Erinnerung an die Vergangenheit stiller Stolz, ein geheimes, großes Glück bewegen können: ›Du hast ihn auf den Weg gebracht! Und es ist ein Weg zur Höhe, zum Gipfel empor!‹ Sie hatte jedoch niemals an sich selbst gedacht, würde niemals an sich selbst denken. Daß seine jetzige ernsthafte Begleiterin es gewesen war, die seine ersten künstlerischen Schritte geleitet hatte, fiel auch Sivo Courtien nicht ein, der niemals an andere, sondern immer nur an sich selbst dachte, vielmehr: immer nur an seine Kunst; denn diese war er selbst. Aber der sonst so verschlossene Mann wurde durch seine Gedanken bewogen, von sich zu reden: zu dem Mädchen, dessen Mund kein Liebeswort sprechen konnte: »Sie wollen mich nicht. Ich bin ihnen zu besonders, zu abgesondert. Ein Einsamer bin ich. Einer, der mit ihnen nichts gemein hat – nichts gemein mit der Herde. Sie hassen mich und möchten mich am liebsten aus der Welt schaffen. Ich bin für sie ein Sturmbringer, Umstürzler, Empörer. Weil ich nicht zu ihren Götzen bete, soll ich keinen Gott haben. Ich werde ihnen den Gott zeigen!« »Ja.« Auch dieses Mal sprach die Lehrerin von Maloja das vielsagende kleine Wort durchaus einfach und selbstverständlich, dabei auch dieses Mal so feierlich wie ein Kredo. Courtien fuhr fort, aus seinem Innersten zu sprechen. Die Leidenschaftlichkeit seiner Empfindung bebte in seiner Stimme, flammte in seinem Blick: »Aus der Tiefe stieg ich hinauf: über Schneefelder und Gletscher zu Gipfeln. Dort baute ich mir das Haus. So einsam und stolz gründete sich niemals ein Mensch seine Behausung. Es gibt auf Erden kein königlicheres Wohnen, den Adler als meinen Mitbewohner, als Gefährten die Winde, die Wolken und alle Gestirne. Was ich dort oben erlebe, stelle ich dar. Ich male, was ich sehe, wie ich es sehe. Sie schreien über mich; denn sie sehen mit ihren Augen und ihrem Geist, der ein Geist der Tiefe ist. Auf meinem Gemälde lasse ich die Berge des Engadin aufsteigen; ich lasse die Lüfte des Engadin um die Gipfel blauen, die Sonne des Engadin leuchten. Sie sind nicht imstande, es mir nachzumachen; und weil sie das nicht vermögen, gelte ich ihnen als Sturmbringer, Umstürzler, Empörer. Deshalb hassen sie mich. Aber ebensosehr wie sie mich hassen, fürchten sie mich; denn sie sind schwächer als ich.« »Du bist stark!« »Und wodurch bin ich das?« »Wodurch –« »Du bist der einzige Mensch, der es wissen müßte.« »Weil ich dich kenne!« »Weil du das nämliche bist.« »Das nämliche wie du?« »Ein eben solch einsamer Mensch.« »Dann wäre ich eine schlechte Lehrerin. Ich muß von Kindern umgeben sein.« »Auch deine Kraft besieht in der tiefen Einsamkeit deiner Seele. Diese behältst du für dich. Den Kindern gibst du nur einen kleinen Teil deines Wesens.« Als müßte sie sich dagegen verteidigen, daß sie Sivo Courtien ähnlich sei, rief das Mädchen: »Es muß mein bester Teil sein, den ich den Kindern gebe.« Durch das in verrosteten Angeln hängende hölzerne Tor traten die beiden in den Kirchhof, diesen Totengarten der Alpenwildnis. Sie standen auf demselben Platz, wo sich auf dem preisgekrönten Gemälde des Engadiner Malers das Grab des neuvermählten Geisterpaares öffnete: der kranzlosen Braut und des Bräutigams mit der Todeswunde auf der Stirn – Maira à Mara und Sivo Courtien: Es lag mit den Häupten der Kirche und dem See von Maloja, mit den Füßen dem sonnigen, wonnigen Süden zugewendet: dem in weicher Schönheit prangenden Bergell. Hingerissen von der Macht des Augenblicks wagte Maira die Frage nach Courtiens neuem, großen und so geheimnisvollen Werk, daran er bereits zwei Sommer in seinem Alpenhause malte: hoch über dem hohen Maloja, auf einem Felseneiland, einer sogenannten Isola inmitten des Gletschermeeres, das mit erstarrtem Wogenschlage die Gipfelgruppe des Monte Sissone und Monte della Disgrazia umwogt. »Mein neues Werk? Es ist mein Lebenswerk. Du sollst es sehen.« »Ich darf zu dir kommen?« »Eines Tages, wenn ich dich rufe ... Du allein darfst zu mir kommen! Von allen Menschen nur du: die Einsame zu dem Einsamen.« Es überlief sie bei seinen Worten. Eines Tages würde er sie rufen; sie, als einzige ... bei ihm bleiben zu dürfen; immer, immer bis zur Todesstunde! Sie als einzige, die Einsame bei dem Einsamen ... Aber selbst ihre Stimme zwang sie zur Ruhe, als sie sich erkundigte: »Wann wird dein Bild fertig sein?« »Fertig? Vielleicht in einem Jahr; vielleicht in fünf, sechs Jahren. Vielleicht niemals.« »Dein Lebenswerk niemals fertig! Dann bliebe dein Leben selbst unvollendet.« Jetzt klang es aus der ruhigen Frauenstimme wie geheime Angst. Schwer und langsam gab Courtien zur Antwort: »Es wird vollendet werden.« »Da du es vollenden willst ... Gabst du deinem Gemälde bereits einen Namen?« »Alpentragödie.« »Es klingt groß.« »Es ist groß!« Sie bat ihn: »Wenn du mir erzählen könntest –« Und er erzählte ihr – auf dem Kirchhof von Maloja, an der nämlichen Stelle, wo seine gewaltige Phantasie für sie beide, die sich im Leben nicht angehören sollten, das gemeinsame Grab bereitet hatte. Zu ihr sprechend, sprach er jedoch nur zu sich selbst: »Eine Riesenleinwand! Michelangelo hätte daran seine Freude gehabt und sie für eine weiße Wand genommen. Die Tragödie der Alpen des Engadin, Malojatragik: die Welt von dort oben, wo es kein Menschengeschlecht gibt. Es ist eine Welt, in der das Menschengeschlecht, wenn es mühselig herauskriecht, Gewürm gleicht; ist die vereiste Welt des letzten Tages, des Weltuntergangs. Eine Vollmondnacht ist's, und Sturm braust auf. Er treibt ein Gewitter vor sich her, reißt Nebel aus den Schluchten, jagt sie zu den Gipfeln empor, über den Mond hinweg. Es sind die aufsteigenden, jagenden Nebel, deretwillen ich das Bild male. Man muß sie nämlich aufsteigen sehen! Jetzt umziehen sie einen Grat, umhüllen einen Gipfel, bedecken einen Abgrund – jetzt lichtet sich das dunkle Gewölk, zerreißt, wallt weiter, einem anderen Grat, einem anderen Gipfel, anderen Abgrund zu, neue Nebelnacht verbreitend. Aus der Wetterwolke, die über den Mond hintreibt, zuckt ein Blitz. Du mußt auf den Donner lauschen; mußt glauben, ihn zu hören ... Und siehe – in dieser zu Eis erstarrten, ungeheuerlichen Welt, in dieser sturmdurchrasten, blitzdurchzuckten, gespenstigen Mondnacht ein atmendes Wesen, ein Mensch. Er scheint auf Erden der letzte Mensch zu sein, kämpfend mit den Elementen, mit den Göttern. Eismauern vor ihm, hinter ihm. Abgründe neben ihm. Wenn der Sturm die blitzschleudernde Gewitterwolke über ihm nicht herabreißt, kann er Sieger werden. Aber der Sturm zerrt den schwarzen Himmel auf die weiße Erde nieder, peitscht die verderbenbringenden Dünste auf den Einsamen zu. Sie werden ihn einhüllen, zudecken, begraben. Und ich sage dir: du mußt das alles vor deinen Augen sich erfüllen sehen, mußt meine Alpentragödie erleben.«   In diesem Ausbruch seiner im Innersten verschlossen gehaltenen leidenschaftlichen Empfindung sprach sich der ganze Mensch aus: Sivo Courtien, mit den Augen des Sehers sein Werk erfüllt schauend, sein »Lebenswerk!«; Sivo Courtien, der als Kind die Schneeflächen seiner Heimat zu seiner Zeichentafel gemacht hatte; der als Künstler die Berge seiner Heimat, die Lüfte und die Sonne des Engadin darstellte in einer Wirklichkeit, daß es die Menschen erschreckte und sie seine Schöpferkraft scheuten. Es war der Ausbruch des Übermenschen Sivo Courtien, der über Gletschern wohnte und in seiner Königseinsamkeit des liebenden Weibes zur Gefährtin, zur Gehilfin nicht bedurfte. Der Menschen und der Götter nicht bedurfte! Nur der göttlichen Natur, die er auf seiner Leinwand wiederschuf: eine Natur, die ihm gleich war. Sein südlich blasses Gesicht mit den lichten, sprühenden Augen, umrahmt von der Wirrnis schwarzen Haares und dem wallenden Mosesbart, ließ ihn in diesem Augenblick wie den dämonischen Genius des Ortes erscheinen. Das junge Weib, dessen Liebe und Leben Sivo Courtien nicht bedurfte, stand bei ihm und schaute ihn aus tiefen Augen schweigend an. Dann sagte die Liebende leise: »Gehören zu einer Tragödie nicht zwei? Du hast auf deinem Gemälde nur einen: nur den Mann.« »Nur ... Gerade, daß es nur der Mann ist, macht mein Bild zu einem Drama. Verstehst du das nicht?« »Vielleicht werde ich es später verstehen.« »Sicher wirst du das. Nicht einmal das Gletscherweib darf den Mann aus seiner Einsamkeit fortlocken. Ewiges Eis, Felsenmauern und Abgründe; Sturm, Gewitter und Gewölk sind die Gewalten, mit denen er ringt. Es ist ein Titanenkampf.« Maira, ihm in die Augen sehend, sprach seine Worte nach: »Nicht einmal das Gletscherweib ... du maltest es damals in Rom.« »In Rom ... Damals.« »Es ist dein bestes Bild. Du willst es jedoch nicht ausstellen?« »Nein.« »Auch nicht verkaufen, obgleich –« Sie schwieg und wandte sich von ihm ab. Sivo sprach für sie weiter: »Du meinst: obgleich es mir gewaltig not täte ... Das Bild ist unverkäuflich.« »Du machtest Schulden, um dein Gletscherhaus bauen zu können.« Er fuhr auf. »Ich verkaufe nicht, was ein Stück von mir selbst ist.« Da schaute sie ihn wieder an: »Ist das Gletscherweib ein Stück von dir selbst?« »Etwas davon war einmal in meiner Seele. Ich riß es heraus. Immerhin ... zehnmal hätte ich das Bild hergeben können: für viel Geld. Schon damals in Rom. Aber welcher Künstler verkauft, was Seele von seiner Seele ist?« »Dann wirst du niemals ein Bild verkaufen. Deine Alpentragödie am wenigsten.« Leidenschaftlich rief der Künstler: »Daran denke ich auch nicht. Nicht an Verkauf! Willst du etwa, daß ich daran denken soll?« »Gewiß nicht. Aber –« Er ließ sie nicht ausreden. »Erinnere dich an mein ›Totenvolk von Maloja‹.« Als ob sie das jemals vergessen könnte! Vergessen, daß er sein Bild, das den Kantonspreis erhalten, gleich darauf selbstmörderisch zerstört hatte. Überwältigt von der Erinnerung rief Maira aus: »Es war grausam gegen dich selbst!« Er aber triumphierte, als hätte er mit der Zerstörung seines Bildes eine große Tat begangen: »Ich zerstörte mein Werk, weil mein Vaterland es nicht haben wollte. Zuerst machen sie davon ein Geschrei, und dann wollen sie es nicht! Ich hätte es ihnen schenken können. Denn geschenkt hätten sie es genommen, die Krämerseelen! Ich weiß, was du sagen willst: daß es Totschlag war. Es ist jedoch barmherziger, sein Kind totzuschlagen, als es betteln gehen zu lassen. Was übrigens meine Schulden betrifft – Arnold Böcklin gab mir und gibt mir. Ich bezahle ihm meine Schulden mit meinem Gemälde, mit meiner Alpentragödie. Für mich male ich sie und ihm soll sie gehören. Inzwischen hungere ich, wenn es sein muß. Was tut das? Arnold Böcklin versteht mich – er! Ist das ein Kerl – Herrgott! Ein ganzer Künstler und ein ganzer Mensch! Von einem solchen zu nehmen ist keine Schande. Das macht im Gegenteil stolz. Er glaubt an mich. Erst vorige Woche schrieb er mir: ich sollte an nichts anderes denken als an mein Bild, und malte ich zehn Jahre lang daran. Wenn es fertig ist, will er dafür in Zürich ein eigenes Haus bauen lassen ... Mein Bild fertig! Aber daran will ich nicht denken! Arbeiten will ich – malen. Diesen Herbst lasse ich mich oben einschneien. Und dann – eines Tags –, wenn ich dich brauchen sollte ... Würdest du kommen?« »Ja.« »Durch Schnee und Eis; über Gletscherspalten und Abgründe; durch Sturm und Nebelnacht, Verderben und Todesgefahr kämst du herauf zu mir, wenn ich dich rufe?« »Ich komme.« Er näherte sein Gesicht dem ihren und prüfte mit seinem Adlerblick jeden Zug ihres Gesichts. Nach einer Weile schweigenden Anschauens sagte er leise, wie staunend: »Ich glaube wahrhaftig, du kämst.« Und als sähe er sie zum erstenmal, rief er plötzlich: »Weißt du eigentlich, daß du schön bist?« Innerlich erbebte sie. Aber ihre Stimme klang wie immer, als sie die einfache Antwort gab: »Ich weiß es nicht, freue mich jedoch, wenn du es findest.« Courtien war nicht so leicht beruhigt. Kein Auge von ihr lassend, bemerkte er: »Schöner bist du als selbst das Gletscherweib. Freilich ist deine Schönheit von ganz anderer Art. Immerhin hätte ich sie früher sehen müssen.« »Weshalb hättest du das?« »Weil ich ein Künstler bin ... Aber hier stehen wir und schwatzen, und ich muß mich durch den Schnee zu meinem Hause hinaufgraben.« »Verzeih, daß ich dich aufhielt. Du läßt dich doch vom Kapuzinerjäger begleiten?« »Von dem seltsamen Heiligen! Wenn ich ihn in seiner Zelle nur antreffe. Das ist auch einer!« »Ein Echter und Rechter! ... Guten Berggang, Sivo!« »Du gehst nun und lehrst die Kinder?« »Für mich ein großes Glück.« »Schon als Kind träumtest du davon. Dein Kindertraum hat sich erfüllt.« »Ja, Sivo.« »Und warum hat er sich erfüllt?« »Warum?« »Weil du es wolltest. Das eben ist es mit dir und mir: dein Wille und mein Wille sind Geschwister.« Dabei lächelte er. Niemals zuvor hatte die Lehrerin von Maloja ihren Jugendfreund lächeln sehen. Aber selbst das Lächeln dieses Mannes war traurig.   Sivo Courtiens Lächeln in der Seele, setzte ihren Weg allein fort: scheinbar ruhig, als hätte sie heute nicht das Größte ihres ganzen Lebens erfahren. Er sprach zu ihr aus seinem Innersten heraus: von seiner Kunst, seiner geheimnisvollen Arbeit, seinem Lebenswerk. Eines Tages durfte sie zu ihm kommen: über Abgründe, durch Sturm und Gewitter, Nebelnacht und Todesgefahr. Zu ihm kommen durfte sie, wenn er sie rief. Aber – würde er sie rufen? Und wann? Gewiß erst nach langer Zeit. Er fand sie schön. Zum erstenmal sah er heute, daß sie schön war ... Seltsam, daß sie schön sein sollte ... Ihr Wille und sein Wille waren Geschwister. Also waren ihre Seele und seine Seele Geschwisterseelen. Ihre Seelen waren vereinigt – wenn er auch nicht ihrer Liebe und ihres Lebens bedurfte. Des eben Erlebten gedenkend, überkam sie ein Gefühl, als müßte sie den Gipfel des Maloja ersteigen und, dort oben stehend, beide Arme aufheben, um in Sonnennähe das Wort zu jubeln, das niemals über ihre Lippen kommen durfte: das Geständnis ihrer Liebe, das sie nicht einmal sich selbst abzulegen wagte. Und es war doch eine Liebe, die sich zum Opfer dargebracht hätte, ohne nur zu wissen, daß es ein Opfer war: ein Menschenopfer, bei dem Herzblut floß. Inmitten der Nelkenflur blieb sie stehen und sah vor sich hin mit einem Blick, in dem ein stiller Glanz lag. Plötzlich bückte sie sich und pflückte Blumen – einen großen Strauß. Das hatte sie seit ihren Kinderjahren nicht mehr getan: nicht mehr seit jenem Winter, in dem sie Sivos Schneegemälde mit immergrünem Alpenkraut heimlich bekränzt hatte. Ohne an ihrem Wege eine Blume zu pflücken, war sie ihren einsamen Pfad durch das Leben gegangen. Das fiel ihr erst ein, als sie den rosigen Strauß, von dem ein schwerer Wohlgeruch ausging, in Händen hielt. Ihr ganzes Wesen erglühte. Plötzlich entfielen ihr die Blumen. Sie schlug beide Hände vor ihr Gesicht und ließ das Wundersame über ihr Gemüt hingehen wie einen Sturm. Als sie die Hände wieder sinken ließ, waren ihre Züge still und streng wie immer. Aber sie war sehr bleich. Dann ging sie weiter durch den Frühlingstag, das Leuchten der Malojafirnen, den Glanz der Malojalüfte über ihrem Haupte. Und wie Strahlen von oben herab quollen durch ihre Seele die Gedanken: ›Schön findet er mich. Seine Künstleraugen sehen eben an mir etwas, das sonst niemand sieht. Ich bin glücklich. Es ist doch etwas Wundersames um das Leben.‹ Jetzt lächelte auch sie, wie vorhin Courtien gelächelt hatte. Aber auch über ihrem Lächeln lag es wie ein Schleier, wie der Morgendunst über den Wassern des Malojasees, diesem leuchtenden, die Schönheit der Welt spiegelnden Auge der Alpen. Maira erhob sich über ihre Gedanken, die mit ihr selbst sich beschäftigten. Des Freundes gedachte sie, der Arbeit, die sein Lebenswerk war: ›Alpentragödie‹ – ›Wie er aussah, als er mir den Namen nannte! Wie von einer inneren Sonne durchleuchtet. Das ist seine Künstlerkraft ... Dort oben will er sein Werk vollenden: in der Urwelt, am Herzen seiner Heimat, wo diese am einsamsten und unnahbarsten, also am göttlichsten ist. Es ist ein Gottversuchen. Und wenn er nun nicht ... Daran darf ich nicht denken: er vollendet dort oben sein Werk! Wenn ich Zweifel daran hege, begehe ich ein Verbrechen an seinem Genius. Er will sein Werk vollenden; also wird er es. Wer auf der Welt könnte das verstehen, wenn nicht ich, die ich von seinem Willen, von seiner Seele bin. Sollte es daher geschehen, daß sein Wille dort oben in der grauenvollen Einsamkeit schwach und krank wird, so habe ich meinen Willen, der ihm helfen wird, den seinen wieder stark und machtvoll zu machen ... Was denke ich nur heute? Sein Wille schwach und der meine eine Kraft, die ihn unbezwinglich machen soll! Ich glaube, das Glück dieses Tages stieg mir zu Herzen, daß sein heißer Schlag mir die Besinnung nimmt.‹ Sie näherte sich dem Dorfe. Neben den Hütten, die schon die Vorfahren der Leute von Maloja errichtet, in deren Mauern viele Geschlechter des Alpenvolks dem Wüten des Föhns und dem Wintergrausen getrotzt hatten, wurden stattliche Neubauten aufgeführt, mit hübschen Schnitzereien verziert, fromme oder weise Sprüche in das blanke Holzwerk geschnitten. Mit den neuen Häusern hielt die neue Zeit auf Maloja triumphierenden Einzug. Obgleich Maira selbst die neue Zeit in ihren Heimatsort bringen half – die erste Schule auf Maloja! –, so schaute sie doch unfreundlich auf die machtvoll redenden Zeugen einer anbrechenden Epoche, die auf Maloja selbst von den Steinen verkündet wurde. Es waren reiche Fremde, die zwischen den Hütten der armen Malojaleute ihre kostbaren Berghäuser aufführen ließen ... Maira fuhr in ihrem Gedankenmonolog fort: ›Sivo haßt die fremden Eroberer. Allein schon ihretwillen würde er hingehen, wo das Engadin noch einsam ist. Hoch muß er steigen, um dem Gewimmel entrinnen zu können ... In welchem eigentümlichen Ton er heute von Rom sprach. Er muß in Rom etwas erlebt haben. Was kann es wohl sein? In Rom malte er das Gletscherweib. Er sagte heute: etwas davon sei damals in seiner Seele gewesen. Also etwas, das mit seinem Bilde zu tun hat – mit dem Gletscherweib ... Wer sie gewesen sein mag? Eine von diesen wunderschönen Römerinnen, die keine Seele haben sollen? Und die Sivo Courtien geliebt hat? ... Sivo Courtien lieben ... Er sagte ja doch, daß er nur eine Gottheit haben darf und haben will! Niemals ein Weib, niemals eine Geliebte ... nein, nein! Dieser Mann muß vom Weibe so frei bleiben wie ein katholischer Priester. Bleibt er das nicht, so vollendet er nicht sein Werk, welches sein Lebenswerk sein soll ... Frei bleiben vom Weibe – das liegt nun einmal in seiner Natur, und des Menschen Natur ist sein Schicksal.‹ Über der kleinen Ortschaft, unweit des Sees, zwischen den Hütten von Cresta und den Felsen des Piz Lunghin, ragte ein neues Haus auf, mächtig und prächtig wie ein Palast. Es war das Malojahotel, eine kühne Unternehmung, die in dem mit eleganten Fremdenherbergen überreich gesegneten Lande ihresgleichen nicht hatte. Ein vornehmer Herr, ein belgischer Graf, war der Gründer, der – Spekulant. Den Luxus europäischer Großstädte hatte der Mann vereinigt und auf den wilden Maloja gebracht. Wie die Burg eines siegreichen Feindes überragte das neue Haus die armseligen Wohnstätten der Malojaleute, deren »Krämerseelen« den gefährlichen Gegner hineinließen in ihr freies, von geldgierigen Spekulanten bis dahin noch unberührtes Gebiet. Maira wandte sich ab von dem Anblick des neuen Maloja. Aber auch dem Dorfe kehrte sie den Rücken, dem väterlichen Mesnerhause zuschreitend. Es lag am äußersten und höchsten Punkt der Felsenhalde, die sich vom See hinauf nach der Paßhöhe erstreckte, und war das älteste Gebäude auf dem ›maloggio‹ , an der Stelle errichtet, wo einstmals ein Wachtturm der Urbewohner gestanden. Trümmer dieses Bollwerks gegen die in die Alpenwildnis vordringenden Römer hatten dem ersten Erbauer des Mesnerhauses als Material gedient, und das graue Gemäuer beherrschte auch jetzt noch den Ausblick sowohl ins Bergell, nach Italien, wie nach dem Engadin, in die Schweiz: eine Umschau, der würdige Sitz eines Alpenkönigs. Da Maloja noch kein eigenes Schulgebäude besaß, so hatte die Gemeinde die Schule in das Haus der Gründerin verlegt, darin sich einige unbenutzte Räume befanden. Es waren zwei gewölbte und getäfelte Zimmer, zur Schule nicht für die verschiedenen Geschlechter, sondern für die verschiedenen Alter bestimmt. Das junge Unternehmen gedieh so kräftig, daß die Gemeinde beschloß, der strebsamen Lehrerin einen Hilfslehrer beizugeben. Das war gerade jetzt geschehen und die Wahl auf einen jungen, der ladinischen Landessprache mächtigen Bergeller gefallen, der den Malojaleuten jedoch bereits als »Welscher« galt. Die Ankunft des neuen Lehrers wurde seit Tagen erwartet. Indem sie der Paßhöhe zuschritt, kehrten Mairas Gedanken abermals zu dem Gespräch mit dem Jugendfreunde zurück. Ihre bewegte Seele spann daran weiter wie an einem lichten Gewebe, darin sie sich in grauen Zeiten einhüllen wollte. Es war indessen ein dunkler Einschlag dabei: ›Das Unheilsweib vom Monte della Disgrazia – er behält es bei sich, damit niemand es sehen, niemand wünschen soll, es zu kaufen. Weshalb trennt er sich nicht von dem Bilde? Gewiß hat es damit eine eigene Bewandtnis. Auch mir gegenüber bleibt er stumm. Als spräche er jemals zu mir von Dingen, die er selbst sinnt! Nur heute. Als könnte ich von ihm fordern, sich mir anzuvertrauen! Er muß auch der Freundschaft fernbleiben, der Dankbarkeit. Dankbarkeit. Von ihm zu mir gesprochen, ist es ein häßliches Wort. Gegen Arnold Böcklin darf er dankbar sein ... Seine Schulden an ihn bezahlt er mit seinem Lebenswerk: sowohl seine Ehrenschulden wie seine Liebesschuld. Trotzdem sollte er das Bild mit dem rothaarigen Weibe verkaufen. Es zu behalten, ist von ihm nicht recht; es ist – schwach.‹ Sie erschrak. Der Gedanke, der Courtien der Schwäche zieh, war eine Beleidigung des Freundes. Und sie war es, die ihm eine solche zufügte, wenn auch nur in ihren geheimsten Gedanken. Konnte auch in dieses Mannes Seele menschliche Schwäche sein? Gewiß, da auch dieser Mann ein Mensch war. Sivo Courtiens Schwäche, an die Maira heute schon zum zweitenmal denken mußte, gab ihr eine ganz neue, qualvolle Vorstellung. Sollte er wieder einmal ihr gegenüber eine gute Stunde haben, so wollte sie ihm ihre Gedankensünde beichten und ihn zugleich bitten, das Bild zu verkaufen, um von seiner Doppelschuld an Arnold Böcklin die eine zu zahlen. Gewiß überwand er seine Schwäche und trennte sich von dem unheimlichen Bilde. Wer sein Haus dort oben baute, wohin der Weg durch sturmgepeitschtes, von Blitzen durchzucktes Nachtgewölk führte, über Gletscherspalten hinweg, an Abgründen entlang – diesen Mann sollte menschliche Schwäche wie Schwindel befallen können? Sie stand jetzt selbst auf freier Höhe. Unter ihr das grüne Bergell, durchzogen von der weißen, weithin schimmernden Straße, die hinabführte, wo die Luft milder wehte, die Sonne heißer schien, die Welt voller Anmut war. Niederwärts blickend vernahm sie fernes, leises Rauschen. Es war die Stimme der Maira, die auf Maloja entsprang und nach der sie genannt worden war. Tiefer unten sollte das wilde Gletscherkind im Schatten von Kastanienhainen zwischen Rebgefilden sanft dahinfließen; wohlgestaltete, fröhliche Menschen sollten an seinem Ufer wohnen, und in schönen Sommernächten lauschten Liebesleute auf seine leise Musik, die dort unten gewiß eine zärtliche Melodie hatte. Das Mädchen, das Sivo Courtien liebte, würde niemals solche süße Weisen hören ... deshalb tauschte es doch nicht mit den Glücklichen in der sonnigen Tiefe. Später am Tage schickte der Gemeindevorsteher einen Boten nach dem Schulhause hinauf: der welsche Lehrer sei eingetroffen. Ob er beim Mesner Quartier bekommen könnte? Der Herr Pfarrer, bei dem deswegen angefragt worden, habe sagen lassen: ihn gehe die Schule nichts an. Wohin also mit dem Lehrer? Es sei ein feiner Mensch, blutjung. Und der Gemeindediener fügte hinzu: »Der richtige Welsche! Weshalb wir wohl hier oben die Welschen brauchen?« »Weil für das Geld, das die Gemeinde dem Manne zahlt, von dem sie ihre Kinder unterrichten läßt, kein Ladiner zu uns heraufkommt. Wir müssen daher für unsere Kinder einen Fremden haben. Franzosen, Amerikaner und Engländer bringen uns das Geld, und die Italiener bauen unsere Straßen, mähen unsere Wiesen und sollen jetzt auch unsere Kinder für den kärglichsten Lohn unterrichten. Des Geldes wegen haben wir hier oben die Fremden: solche, die uns das meiste bringen, und solche, die uns das wenigste nehmen. Der Lehrer, der ein feiner Mensch sein soll, erhält einen Hungersold. Müßte er davon auch noch seine Wohnung zahlen, könnte ihn die Gemeinde bald begraben lassen. Also mag er bei uns wohnen.« Maira erteilte diesen Bescheid in ihrer gewöhnlichen gelassenen Art. In ihrer Stimme sowohl wie in ihrem ganzen Wesen mußte jedoch heute etwas Besonderes liegen; denn der alte Mesner, der den Gemeindeboten zu seiner Tochter gebracht hatte, meinte erstaunt: »Was hast du nur heute? Du ärgerst dich wohl über den Pfarrer, weil er den Lehrer nicht bei sich wohnen lassen will? Es ist nun einmal so, daß dem geistlichen Herrn dein Schulwesen nicht recht ist. Ich habe deswegen genug von ihm auszustehen. Jetzt nimmst du gar den Lehrer ins Haus, damit wir ihm in allem entgegen sind.« Die Getadelte entgegnete herb: »Über den Pfarrer spreche ich nicht. Er wandelt seinen Weg zum Himmel, und ich gehe den meinen auf der Erde. Das sind zwei Straßen, die nirgends und niemals zusammentreffen. Nicht einmal in der Kirche beim Hochamt.« Der Alte klagte: »Du trotzest dem Pfarrer, und dein Vater ist Mesner. Das nimmt kein gutes Ende.« Maira brach das Gespräch ab und kam wieder auf den Ankömmling zu reden: »Da ich nun einmal für die Schule einstehe und da sie in keinem anderen Hause den Mann, der ihre Kinder unterrichten soll, ohne Bezahlung aufnehmen, so bitte ich dich, ihn bei uns wohnen zu lassen. Wir haben ja das Zimmer der Mutter leer.« »In diesem soll der Fremde wohnen?« »So tut die Mutter noch im Tode Gutes. Gib also deine Einwilligung.« »Was hülfe mir's, gäbe ich sie nicht? Selbst der Pfarrer wird verstehen, wenn ich ihm sage: ›Meine Tochter Maira wollte den Lehrer im Hause wohnen haben.‹ Wo ist er jetzt?« Der Gemeindediener berichtete: »Ich brachte ihn zum geistlichen Herrn und ließ ihn dort, obwohl er gleich anfangs mit mir heraufkommen wollte. Er muß wohl von der Lehrerin gehört haben. Denn er fragte mich beständig nach ihr aus; und ob es wahr sei, daß –« Die Lehrerin fiel dem Redseligen verweisend ins Wort: »Ich frage Euch nicht nach ihm aus.« Der Mesner war neugierig geworden. »Weshalb brachtet Ihr den Welschen eigentlich zum Pfarrer, dem die Schule ein Ärgernis ist? Ihr hättet ihn gleich zu uns führen sollen.« »Der Vorsteher wollte es so«, entschuldigte sich der Gemeindediener. »Es scheint ihm schicklicher, wenn der Lehrer bei dem Herrn Pfarrer wohnen würde.« Maira verstand die Meinung des Vorstehers nicht gleich; aber sie wiederholte unwillkürlich: »Schicklicher? – Und jetzt ist der Lehrer noch immer bei dem Herrn Pfarrer?« »Und wartet dort auf Bescheid. Er ist, wie gesagt, blutjung. Und bildhübsch. Wäre er woanders Lehrer, würden ihm die Frauenzimmer nur so nachlaufen. Bei uns hier oben ist nicht Brauch, was sonst überall Brauch ist, wo es junge Burschen und junge Mädchen gibt. Wir hier oben kennen keine Liebschaften.« Der Mann lachte. Aber die Tochter des Mesners machte zu seinem Scherz ein ernstes, fast finsteres Gesicht. Das machte sie freilich immer. Deshalb scheuten die Kinder sie auch, die sie doch lieben sollten ... Der Bote erkundigte sich: ob Vater und Tochter die Sache mit dem Lehrer überlegt hätten und er den Fremden wirklich heraufholen sollte? Der Mesner warf seiner Tochter einen unsicheren Blick zu; Maira jedoch erteilte dem Boten den Bescheid: »Ihr hörtet, daß für den jungen Mann im Hause Platz ist. Was fragt Ihr noch?« »Es ist ja nur der Leute wegen. Freilich gibt es bei uns keine Liebschaften.« Der Mann wollte wieder lachen; aber der Blick der Lehrerin, den sogar die Kinder scheuten, machte ihn verstummen. Jetzt erklärte der Mesner, selbst zum Pfarrer zu gehen, um mit dem Hochwürdigen ein Wort über den Lehrer zu reden. Da er ein feiner Mensch sein sollte, hatte der geistliche Herr vielleicht Gefallen an ihm gefunden und behielt ihn doch bei sich in seiner großen Einsamkeit – was immerhin besser und schicklicher sein würde. Doch äußerte er nichts von dieser leisen Hoffnung. Maira rief die ladinische Magd, um inzwischen für den unerwarteten Gast das Zimmer richten zu lassen. Es war seit dem Tode der Mutter nicht benutzt worden. Die verstorbene Mesnerfrau hatte darin ihren Webstuhl aufgestellt gehabt, an dem jetzt während des langen Winters in der großen gemeinsamen Wohnstube die alte Dienerin mit steifen Händen das Schifflein warf. Als das junge Mädchen die Tür öffnete, schlug ihr eine dumpfe Luft entgegen, so daß sie in der offenen Tür unwillkürlich stehenblieb und schwer Atem holte ... War es klug, die Tür, die so lange verschlossen blieb, für einen Fremden wieder zu öffnen? Sie fragte jedoch niemals nach dem, was klug sei, sondern nur nach dem, was recht war. Und unter den gegebenen Verhältnissen war es das Rechte, dem erbärmlich besoldeten Lehrer die Wohnungskosten zu sparen. Also überwand sie ihr Unbehagen, trat entschlossen in den dämmerigen Raum und stieß den Fensterladen auf. Plötzlich strömte Licht, Luft und Schönheit herein, die ganze leuchtende Malojaherrlichkeit. Aus dem Fenster blickte man tief in das grüne Bergell hinab, nach dem wonnigen Italien hinüber, und in schlaflosen Nächten konnte der Bewohner des Zimmers auf das Rauschen der jungen Maira lauschen, die an ihrem Ursprung nur wilde Weisen hatte. An Sommertagen übertönte jedoch das schrille Gezwitscher der Schwalben jeden anderen Laut. Die traulichen Vögel schossen zu Scharen vor dem Mesnerhause über dem Abgrund hin und her, wie in angstvoller Flucht vor einem unsichtbaren Feinde. Maira ließ an das Fenster einen Tisch stellen. An diesem Tisch konnte der junge Lehrer schreiben und arbeiten. Richtig – er war jung. Auf Maloja gab es keine jungen Männer. Die männliche Jugend von Maloja verließ ihren hohen, wilden Heimatsort. In alle Fernen zog sie aus, zu fremden Nationen, um bei Fremden Geld zu erwerben, was sie auf Maloja nicht konnte. Geld erwarben auf dem öden Alpenpaß nur diejenigen, die am Ufer des Sees den Riesenpalast erbauten, um aus Malojas erhabener Schönheit, seiner Alpenluft und seinem Firnenglanz Millionen zu prägen. Es gab auf Maloja keine jungen Männer ... War Sivo Courtien kein junger Mann? Bei ihm dachte niemand an seine Jugend, sondern nur daran, daß er anders, ganz anders sei, als sonst junge Männer sind: eben – Sivo Courtien! Die junge Lehrerin von Maloja kannte also keinen jungen Mann. Jetzt würde sie einen kennenlernen. In wenigen Stunden sollte das alte Haus auf der Paßhöhe einen Mitbewohner bekommen, den ihr Wille in das Haus brachte. Würde das junge Leben dem alten Hause zum Segen gereichen? Das Zimmer für den Unbekannten herrichtend, mußte sie wider Willen sich vorstellen, wie er wohl aussehe? Ein feiner Mensch sollte er sein; nicht nur blutjung, sondern auch bildhübsch. Gewiß würden die Kinder ihn liebgewinnen. Die Kinder! Darauf kam es an; darauf allein. Der junge Lehrer mußte den Kindern seinen ganzen Menschen geben; sie mußten von ihm lernen, ihre Seelen von ihm vorbereiten lassen für das Leben, das auf Maloja hart und rauh war. Denn was der geistliche Herr an den Seelen der Kinder tat, war für das Leben nicht genug – obgleich es Gottes Wort war: das strenge, starre Bibelwort, Buchstabe für Buchstabe. Zu einer guten Vorbereitung für das Menschenleben gehörten auch Menschenworte. Deshalb hatte sie Lehrerin werden wollen. Aber ihr Wissen, das Wissen eines jungen Weibes, das die Welt nicht kannte, war zu gering. Es galt, aus Knaben Männer zu erziehen. Das vermochte nur der Mann. Also hatte sie nicht geruht, bis sie ihrer Schule für die Knaben den Mann beschafft. Würde dieser für Maloja der rechte sein? Blutjung nannte ihn der Bote. Ein Älterer wäre besser gewesen. Auch »schicklicher« als Hausbewohner – nach der Meinung der Leute. Die Leute würden reden. Über wen? Über sie und den blutjungen, bildhübschen Lehrer, der zu ihnen herauf aus »Welschland« kam, wo die Maira zum Geflüster glücklicher Paare zärtliche Melodien rauschte. Sie wollte den Leuten von Maloja zeigen, was das Gerede ihr galt. Als hätte sie an nichts anderes zu denken! Als wäre die Frau, die eine große Liebe in ihrer Seele trug, nicht gefeit und geweiht! Was die Leute reden und flüstern würden, wenn sie erst wüßten – Die Magd hatte das Bett gerichtet, war hinausgegangen, kam jetzt zurück, die Schürze voller Wacholderzweige. Sie fand die Herrin mitten im Zimmer stehen, mit verlorenem Blick, verträumtem Lächeln vor sich hinschauend, kaum merkend, daß die Dienerin die blanke Diele mit dem graugrünen Blattwerk bestreute und leise wieder hinausging. Das ärmliche Gemach sah in dem Schmuck der Zweige fast festlich aus. Mit dem verlorenen Blick und verträumten Lächeln vor sich hinsinnend, geleitete Mairas Seele den Freund durch Schnee und Lawinengefahr zu seinem hohen Hause hinauf: ›Jetzt wird er oben sein. Hoffentlich traf er am See Gian Vital, den Kapuzinerjäger, der »auch einer« ist. Vielleicht konnte er trotz dessen Hilfe nicht ganz hinaufgelangen. Dann käme er schon morgen wieder zurück ... Schon morgen wieder zurück kommt er bestimmt. Will er heute doch nur nachsehen, ob sein Haus überhaupt zu erreichen ist ... Wie schön, daß er wieder zurückkommt! Wie schön, einen geliebten Menschen erwarten zu dürfen! Schön auch dann, wenn dieser geliebte Mensch selbst nichts davon weiß. Wozu braucht er's zu wissen? Als ob es ihn etwas anginge?‹ Indem sie des fernen Freundes gedachte, legte sich ihre Unruhe über die Ankunft des Fremden. Nein – ihre Liebe ging den Geliebten nichts an. Die Vorstellung: er könnte davon jemals erfahren, besaß für sie etwas unsäglich Quälendes. Ihre Liebe mußte ihr Geheimnis bleiben. Mit solchem Geheimnis in der Seele lebt eine Frau mitten im Gewühle der Welt und gebannt in die Tiefe wie auf Alpengipfeln. Es würde sie hinunterreißen, hörte ihre Liebe auf, Geheimnis zu sein ... Es sollte für die Frau schwer sein, ihrer Liebe zu entsagen, sollte das schwerste aller Martyrien sein, ein lebendiger Tod. Es gab jedoch Frauen, die eines solchen lebendigen Todes sterben und dabei lächeln konnten. So denkend, lächelte Maira ... In diesem Augenblick hörte sie auf dem Flur ihren Vater nach ihr fragen und gleich darauf eine fremde Stimme voller Weichheit und Wohllaut – die Stimme des neuen Hausgenossen. Niemals hatte Maira solche Männerstimme gehört. Es lag Musik darin, die seelenumstrickende Anmut des Südens. Sivo Courtien würde die weiche, klangvolle Stimme nicht leiden können, würde sie unmännlich, weibisch finden, Und wie die Stimme würde ihm sicher der ganze Mensch widerwärtig sein. Wie ungerecht von ihr, daß auch sie, bei dem bloßen Klang der fremden Stimme, eine heftige Abneigung gegen den Mann empfand, der ihr Hausgenosse sein sollte, den sie selbst dazu gemacht hatte. Es hatte etwas Erschreckendes, wie jeder ihrer Gedanken, jede ihrer Empfindungen von ihrer Liebe beherrscht wurde; und zwar in einem Maße, daß es sie zu Ungerechtigkeiten verleitete. Dagegen mußte sie sich wehren. Wozu hatte sie denn ihren Willen, der in ihr ja doch eine Kraft war? Ihr Wille lehnte sich auf gegen ihr Gefühl, das dem Fremdling unfreundlich begegnen wollte. Jetzt traten die beiden Männer in das Zimmer. Mit vergnügtem Gesicht rief der Mesner seiner Tochter zu: »Hier bringe ich ihn! Er heißt Dionisio Fidora und freut sich wie ein Kind, daß er bei uns wohnen darf. Ich sagte ihm, du wünschtest es so, und was du wünschtest, müßte sein. Darüber wollte er sich totlachen. Er lacht immer. Auch Mandoline spielt er und singt. Denke doch – bei uns oben ein Mensch, der immerfort lacht, spielt und singt! Der Pfarrer hätte ihn gewiß nicht fortgelassen, wenn er nicht der Lehrer wäre ... Das also ist meine Tochter Maira, und dieses Ihr Zimmer.« Während der Mesner ganz gegen seine Gewohnheit fröhlich schwatzte – nicht anders, als hätte der Jüngling mit dem dionysischen Namen dem mürrischen Alten etwas von seiner sonnigen Heiterkeit gegeben –, standen Maira und der »Welsche« einander gegenüber und sahen sich an: schweigend, beobachtend, prüfend. Trotz der Ärmlichkeit seines Anzugs war der Fremde wirklich ein »gar feiner« Mensch. Auch »bildhübsch«. Das Mädchen von Maloja hatte nicht gewußt, daß ein Mann etwas so Anmutiges und Leuchtendes haben könnte. Aber ohne ihren Vorsatz, nicht voreingenommen zu sein und keine Ungerechtigkeit zu begehen, würde sie den Fremden entschieden mit den Augen Sivo Courtiens angesehen haben, den die fast frauenhaft zarte Schönheit des jungen Lehrers sicher abstieß. Trotz ihres Vorsatzes konnte sie eine Wallung von Erregung nicht unterdrücken, als sie in dem unverwandt auf sie gerichteten Blick des Jünglings unverhohlene Bewunderung las; etwas wie Staunen darüber, daß sie die Lehrerin von Maloja sein sollte und daß sie noch so jung und – so schön sei. Unter den bewundernden Blicken des Fremden erbleichend – als Sivo Courtien ihr heute sagte, daß sie schön sei, stieg ihr eine heiße Blutwelle ins Gesicht –, wollte sie zurücktreten und sich abwenden. Aber Dionisio Fidora brach plötzlich in ein helles Lachen aus. Maira hatte noch niemals einen Menschen so hell lachen hören, hatte gar nicht gewußt, daß ein Mensch so sonnig lachen – überhaupt so sonnig jung sein könnte. Es klang so siegreich, als ob von dem Lachen des Fremden ein Zauber ausginge. Vielleicht, daß diesem nur Frauen verfielen. Jedenfalls waren es dann Frauen von einer anderen Art als sie ... Was für weiche, rote Lippen er hatte! Sie glühten förmlich in dem südlich bleichen Gesicht ... Ein Unheil konnte von diesem großen Knaben für das Mesnerhaus übrigens keinesfalls kommen; und die Kinder würden den jungen Lehrer lieben – gerade um seines leuchtenden Lachens, seines Lautenspiels und Gesanges willen. Der Jüngling mit dem Namen des großen griechischen Gottes würde inmitten der Kinderschar sitzen, ihnen Mandoline vorspielen, Lieder vorsingen; würde Melodien, Jugend und Lebenslust nach Maloja bringen, drei göttlich schöne Dinge, die sie selbst den Kindern von Maloja nicht geben konnte. Aber sie freute sich, daß ein anderer gekommen war, das schöne Liebeswerk an den jungen Seelen zu vollziehen. Das Lachen des Lehrers flog wie ein Sonnenstrahl durch das Zimmer. Erst jetzt schien dieses seinen Schmuck zu erhalten; und Maira hatte doch vorhin geglaubt, die duftenden Zweige hätten des Gastes Kammer festlich gemacht. Der Tochter des Hauses die Hand entgegenstreckend, sagte Dionisio Fidora: »Jetzt weiß ich, weshalb es mich nach Maloja hinauftrieb: weil Sie hier oben sind!« Maira hatte die ihr entgegengestreckte Hand genommen und wollte die ihre sogleich wieder zurückziehen, fühlte sich jedoch festgehalten. Der »große Knabe« hatte eine Hand so weich und zart, als könnte sie nur die Laute spielen. Aber ihr Druck war so stark, daß Mairas Hand schmerzte, als sie diese gewaltsam aus der Umklammerung löste. Der heutige Tag hatte für Mairas Seele Sturm gebracht. Ihrer Gewohnheit gemäß suchte sie Beschwichtigung des inneren Aufruhrs in der Natur. Stets gab ihr dieses Allheilmittel die Ruhe zurück, und ihre Ruhe war jene Kraft, um derentwillen ihr Freund sie hochhielt. So ging sie denn hinaus. Das von den Gluten des Sonnenuntergangs entzündete Schneegebirge spiegelte sich in der veilchenblauen Seeflut, auch diese in Brand setzend. Himmel und Erde waren voll der feierlichen Schönheit des scheidenden Tages, und allen Menschen schien die Botschaft verkündigt: Friede auf Erden! Sivo Courtien hätte an diesem Abend keine Beobachtungen für sein Lebenswerk anstellen können: es war eine Welt, darin Stürme und jagende Nebel Traumgebilde zu sein schienen. Von ihrer Sehnsucht nach dem Entfernten getrieben, suchte Maira sein Haus auf, jene Hütte des toten Gemeindehirten am Crap da Chüern. Auf dem Wege dahin kam sie an dem »Grand Hotel« vorüber. Der steinerne Palast lag noch öde da, doch war alles für den Empfang vieler Gäste vorbereitet. Das junge Mädchen warf im Vorübergehen einen flüchtigen Blick in die prächtige »hall« . Unter blühenden Orangenbäumen waren orientalische Teppiche gebreitet und englische Möbel aufgestellt. In der von Glaswänden umschlossenen Galerie promenierten die wie Kammerdiener gekleideten Kellner, und ein betreßter Portier faulenzte im Portal. ›Diese ungeheure Fremdenherberge ist für Maloja unheilvoller als der Monte della Disgrazia‹ – dachte Maira voller Groll und warf einen feindseligen Blick auf den Koloß. Wo die Landstraße hart am Seeufer hinführte, kam der einsamen Spaziergängerin eine Extrapost entgegen. Die Pferde jagten förmlich, so daß Maira unwillkürlich beiseitetrat, um den Wagen vorüberzulassen. ›Wer war das? Welch eigentümliches Gesicht! Weshalb sah die Dame mich an? Es war ein böser Blick. Wäre ich aus dem schönen Lande Italien, würde ich glauben, sie hätte den Malocchio und dieser mich getroffen. Sivo müßte dann ein großes Unglück geschehen; denn nur das wäre auch eins für mich ... Ob sie schon ein Gast für Maloja ist? ... Welches Haar, welche Augen! Und schön wie – die Sünde! ... Welche törichte, häßliche Redensart! ... Wer mag sie sein?‹ Maira stand und blickte dem Wagen nach. Er fuhr nicht die Straße, die nach der Paßhöhe hinaufführte, sondern bog ab, dem Hotel zu. Sie sah, wie Portier und Kellner herausstürzten, wie der Wagen hielt, wie der Direktor herbeieilte und die schöne Frau mit den unheimlichen Augen empfing, vor ihr sich verneigend, als wäre sie eine Fürstin. ›Sie scheint erwartet zu sein, scheint zu bleiben. So einsam in dieser Einsamkeit! ... Wüßte ich nur, an wen sie mich erinnert? Ich kenne ja doch niemand, der ihr gleichen könnte; kenne überhaupt keine Dame. Und gar solche ... Ich werde dieses Gesicht, diesen Blick niemals vergessen!‹ Erst nach Anbruch der Nacht kam Maira nach Hause. Schon von weitem klangen ihr Mandolinenspiel und Gesang einer weichen Männerstimme entgegen. In dem alten ruinenhaften Hause auf der wilden Paßhöhe Spiel und Gesang! Was sang der Fremde mit dem sonnigen Lachen, der sie heute aus erstaunten Augen mit bewundernden Blicken betrachtet hatte und der fortan mit ihr unter einem Dache leben sollte: jahraus, jahrein; während des kurzen, traumhaften Sommers und während des endlos langen, trostlos traurigen Winters? Während des Winters, wo Sivo Courtien nicht auf Maloja war, sondern sich droben begrub unter Schnee und Eis, an seinem Lebenswerk, seiner »Alpentragödie« arbeitend. Und dieser Fremdling spielte und sang, lachte und – Und würde sich sterblich verlieben, wenn er nicht auf Maloja Lehrer wäre, wo es keine Liebespaare gab. Plötzlich ertappte sich das junge Mädchen, das Sivo Courtien liebte, dabei, daß sie in der dunklen Nacht vor dem Hause stand und, mit einer Sehnsucht im Herzen, daß es ihr Herz zu zersprengen drohte, dem Spiel und Gesang des dionysischen Jünglings zuhörte: »Ti vogli ben assai, E tu non pensi a me ...« 4 Sivo Courtien ging den ihm wohlbekannten Weg zum Cavalocciosee, und auch diesen einsamen Wanderer begleiteten seine Gedanken. Schon da er den nämlichen Weg als Kind gegangen war, bildeten sie seine einzigen Gefährten. Vom Hirtenknaben zum Künstler ... Auch das war ein Weg gewesen, einen hohen Berg steil empor, über Felstrümmer, durch Öden, an Abgründen hin. Zumal der Weg dieses Künstlers, der nur unbetretene Pfade schreiten wollte, die breite Heerstraße verlassend, von der Menge sich scheidend, über den Haufen sich erhebend, der Mühsale einer solchen Künstlerlaufbahn nicht achtend – alle Mühsale verachtend. Außer seinem Glauben an sich selbst wirkte in ihm noch eine andere Kraft, ohne die wohl auch dieser tüchtige Bergsteiger ermüdet am Wege hingesunken wäre: die Treue gegen sich selbst. Eine neue Kunst wollte er den Menschen geben: die Kunst unbestechlicher Wahrheit, unerbittlicher Wirklichkeit. Wer seine Landschaftsbilder sehen würde, sollte vergessen müssen, daß er Leinwand und Farbe sah. Aus dem Gletschermeere sollte dem Beschauer die Kälte des Eises entgegensteigen, der Glanz der Firnen seine Augen blenden, die Felsenöde der Alpen seine Seele mit allen Schauern umfangen. Ihn sollte der Sturm umbrausen, aus dem schwarzen Gewölk sollten zuckende Blitze hart neben ihm einschlagen, jagende Nebel ihn einhüllen – Und nun vollends sein gewaltiges Drama: die Alpentragödie! Der Zuschauer selbst sollte der Held derselben sein. Erzählten doch alte Geschichten von den beiden griechischen Künstlern, die im grauen Altertum erreicht hatten, was Sivo Courtien anstrebte: von den Früchten des einen wollten die Vögel naschen; und der zweite wurde gebeten, den Vorhang von seinem Bilde zu heben, damit das Gemälde zu sehen wäre. Etwas anderes, Größeres und Unmöglicheres wollte auch der Engadiner nicht erreichen. ›Wie rette ich mich vor diesem heranziehenden Gewitter, diesem aufsteigenden Gewölk? Im nächsten Augenblick kann der Blitz mich treffen, der Nebel mich begraben!‹ – Das sollte bei dem Gemälde empfunden werden, und Sivo Courtien würde der Welt die neue Kunst geschenkt haben, die doch nur eine uralte war. Seinem hohen Hause zusteigend, machte er mit jedem Blick, den er auf die Landschaft warf, im Geiste einen Pinselstrich an seinem Gemälde. Sein Sehen war ein beständiges Malen, Verbessern, Verwirklichen; denn sein Auge drückte seinem Gehirn beständig eine unendliche Reihe von Anschauungen ein, die er bei Bedarf nur zu nehmen und auf die Leinwand zu bringen brauchte. Ein leidenschaftlich Liebender kannte das Antlitz der Geliebten, Miene und Ausdruck, Lächeln und Blick nicht besser, als Sivo Courtien jeden wechselnden Schatten, jede Lichtwirkung auf dem Alpenfeld seiner Heimat. ›Wie konnte ich es dort unten nur so lange aushalten? Daß ich in der Enge nicht umkam, in der dumpfen Luft nicht erstickte! Und erst in Rom ... Rom mit seinem ewigen mörderischen Schirokko, seinem widrigen Fremdengewühl. Was schert mich Rom? Das mag für andere die Stadt der Städte sein. Ich bin nur dafür geschaffen, was für die anderen – nicht ist ... Rom, die Via Margutta, und – Was mag aus ihr geworden sein? Ein Gletscherweib, eine männerumstrickende, seelenwürgende Teufelin! Es ist nicht schade um solche, die sich vom Weibe verderben lassen. Aber dieses Weib ... Eine Dame, eine vornehme Dame ... Unsereiner kann sich nicht vorstellen, was für ein Geschöpf das ist. Es sind ganz besondere Wesen mit ihrer verfeinerten Kultur, ihren betäubenden Wohlgerüchen, ihren eleganten Verderbtheiten. Das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia ist tausendmal weniger unheilvoll.‹ Ihm wurde heiß. Mit einer Bewegung, als wollte er eine Last abwerfen, riß er sich Weste und Hemd auf, die nackte Brust dem Bergwind aussetzend. Seine Gedanken konnte er jedoch nicht verwehen lassen: ›Malen sollte ich sie für diesen Menschen, dem sie sich verkauft hatte. Ein käufliches Weib, das eine vornehme Dame sein will – pfui, o pfui! Wie kann eine Frau sich anrühren lassen von einem, den sie nicht liebt? Eine stolze Frau doch gewiß nicht? Wie heiß muß eine stolze Frau einen Mann lieben, um von ihm sich anrühren – nur sich anrühren zu lassen ... Ich kann es nicht ausdenken. Eine wahrhaft stolze Frau muß unberührbar sein. Auch der Mann muß es sein. Was gehört dazu, bis ein wahrhaft stolzer Mann sich einer Frau hingibt ... Mir fehlt der Ausdruck dafür. Seinen Leib und seine Seele einem anderen Wesen zu geben: einem ganz fremden, von dem wir nichts wissen, nichts wissen können. Es muß wie Selbstvernichtung sein!‹ Hoch über Sivos Haupt kreiste ein Adlerpaar. Auch dieser königliche Vogel hauste zu zweien in Himmelshöhen. Aber Sivo Courtien wollte allein sein. Der Mann, der es verschmähte, auch in dem Allermenschlichsten, in der Liebe, ein Mensch wie alle zu sein, mußte sich gefallen lassen, daß das Bild der Frau aus Rom in der Bergwildnis mit ihm ging und nicht von ihm abließ. ›Sie weiß, daß ich sie verachte. In das Gesicht hinein sagte ich es ihr. Es muß sie wie ein Schlag getroffen haben. Sehr fein war es nicht von mir, nicht gerade sehr ritterlich ... Aber weshalb sprach sie mich auf der Landstraße an? Sie hatte ja doch aus meinem eigenen Munde gehört, daß ich sie nicht malen wollte. Das allein war eine Beleidigung. Trotzdem ließ sie den Wagen halten, stieg aus mit aller ihrer Vornehmheit und ging mit mir durch den Straßenstaub: die elegante Dame mit dem bäurischen Engadiner. Mich packte eine wahre Wut, und – da sagte ich ihr's. Freilich hätte ich mir gleich darauf selbst ins Gesicht schlagen mögen. Schändlich war's von mir. Wie konnte ich nur gegen eine wehrlose Frau ... Pfui, o pfui! Schäme dich, Sivo Courtien!‹ Er wollte ihr leuchtendes Bild dadurch aus seiner Seele bannen, daß er das Gefühl seiner Verachtung für sie in sich heraufbeschwor. Und jetzt mußte es ihm geschehen, daß bei der Erinnerung an die letzte Begegnung mit der schönen Frau die Scham wie ein Gluthauch in ihm aufstieg. Er mußte stehenbleiben und Atem schöpfen, als hätte er bereits einen beschwerlichen Weg zurückgelegt. Erst nach einer Weile ging er weiter; und mit ihm weiter gingen seine Gedanken: ›Sie hat es nicht vergessen. Immer noch gedenkt sie des Frühlingsabends auf der römischen Landstraße. Während sie sich bewundern und feiern läßt, brennen ihr meine Worte im Herzen. Sie kann mir nicht verzeihen; sie muß mich hassen. Das ist gut. Sie hat mit mir ebensowenig gemein wie ich mit ihr. Wir zwei sind getrennte Welten. Ich käme leichter über einen Alpenabgrund als hinüber zu ihr. Zwischen uns beiden besteht Rassenhaß.‹ Aber er begriff, daß andere sie liebten, denn: ›Jeder, der sie sieht, muß sie lieben – jeder, der anders beschaffen ist als ich. Da sie sich dem ersten verkauft hat, schenkt sie sich gewiß dem zweiten. Also auch Ehebrecherin. Das soll bei diesen Leuten nichts Schändliches sein ... Was für ein Bauer bin ich doch, das nicht zu begreifen ... Mir sollte ein Mädchen sich verkaufen! Oder eine Frau mir die Ehe brechen! Oder die Frau eines anderen mit mir die Ehe brechen ... Das würden nun wieder diese Leute nicht verstehen. Um so schlimmer für sie.‹ Plötzlich fiel ihm Maira ein, an die er sonst selten dachte: ›Ja sie – Maira! Sie gehört zu den Unberührbaren. Nicht um ein Königreich würde sie von einem Manne sich anrühren lassen ... Sie müßte denn den Mann lieben – leidenschaftlich, über alles Maß, mit einer Liebe, stärker als der Tod ... Maira und einen Mann lieben. Unmöglich! Weshalb unmöglich? Daß ich daran niemals gedacht habe! Sie lebte nicht immer hier oben ... Unmöglich sage ich! Ich kenne keinen, von dem ich mir vorstellen könnte, daß – Er kann jeden Tag kommen. Irgendein Fremder, der im Hotel wohnt und sie zufällig sieht, kann es sein. Im nächsten Winter soll das Hotel überhaupt nicht geschlossen werden. Es soll darin zugehen wie in London, Paris und Rom: Liebschaften, Hasardspiele, Bälle, Konzerte, Theater. Auf dem gefrorenen See wollen sie Feste geben: Schlittenfahrten ins Murettotal, Karneval auf dem Fornogletscher. Schändlich, schändlich! Nein – ich bleibe den ganzen Winter dort oben!‹ Er gelangte zum Cavalocciosee, einem kleinen Gewässer mit dunkler regungsloser Flut, von einer Schwermut und Trauer, als würde die fühllose Natur gepackt von dem Jammer der Menschheit und schlüge an dieser Stätte ein weinendes Auge auf. Am Ufer lag noch Schnee. Aber wo die starre, weiße Decke gewichen war, blühten auf den bräunlichen Matten zartviolette Krokus und goldgelbe Primeln. Courtiens Weg von Maloja bis zum See hinauf begleitete die feierliche Frühlingsmusik der Alpen: dumpfer Lawinendonner, vieltönigen Widerhall weckend. Mit dem Zerfließen der Morgennebel und der steigenden Sonne wurden die Schneestürme häufiger, massiger, dröhnender. Donner folgte auf Donner. Es rollte und grollte, als tobte bei wolkenlosem Himmel ein Gewitter in den Schluchten. Durch den silbrigen Schleier der weichenden Dünste sah der Bergsteiger von den leuchtenden Wänden ein Stück des Schimmers sich lösen: ein Strom von Glanz floß lautlos nieder, einen Sprühregen flimmernder Flocken verbreitend. Er wuchs von Augenblick zu Augenblick, schwoll mächtig an, riß neue Massen Schnees mit sich nieder, dazu Felsblöcke und loses Erdreich. Ein Sausen und Brausen in den Lüften wie heranjagender Orkan! Dann – mit schwerem Falle schlug die Lawine auf dem Felsengrund auf. Weißes Gewölk stäubte empor, und das Echo erwachte. Drei-, vier-, fünfmal warfen die Wände den Donner zurück, bis der letzte Laut allmählich erstarb. Aber schon blitzten in der Höhe neue Glanzwellen auf: hier und hier, dort und dort! Ringsum löste es sich von Grat und Gipfel. Die Berggeister schienen zu kämpfen, und grimmig tobte die Schlacht, als stritten Giganten wider Götter. ›Auch das kann der Mensch nicht malen! ...‹ Und durch Sivo Courtiens Seele lief ein leises Erbeben.   Auf dem Dache seines aus Lärchenholz gezimmerten Blockhauses kauerte Gian Vital, der »Kapuzinerjäger«, und besserte die Schäden, die der grimmige Malojawinter dem festen Bau zugefügt hatte. Schindeln und Steine – wahre Felsblöcke – flogen um die hünenhafte Gestalt des Jägers von Maloja, der Mönch hatte werden sollen und den die Gemeinde als Hüter des gemsenreichen Malojareviers angestellt hatte, weil er sonst der verwegenste Wildschütz im Lande geworden wäre. Längst hatte der Dachausbesserer den einsamen Bergsteiger, mit dem ihn Landsmannschaft und Jugendgenossenschaft verbanden, von seinem hohen Posten aus erspäht und über ihn seine Betrachtungen angestellt: ›Das ist einer, der am liebsten die himmlische Sonne herunterholte und der eines schönen Tags über einen Stein stolpern wird.‹ Erst als Courtien, bereits nahe beim Hause, ihn laut anrief, richtete sich der Philosoph auf dem Dache in seiner ganzen Länge in die Höhe, den Ankömmling mit einem Lachen grüßend, so mächtig, daß es den Widerhall hatte wecken können: »Willst du mir helfen auf der Margna Bären jagen, weil du mit Seil, Eispickel und Schneeschuhen zu mir heraufkommst? Die Büchse kannst du von mir haben.« »Ich will nach meinem Hause sehen, und du sollst mich begleiten. Kann aber auch allein gehen.« »Oho, Bürschlein! So schnell lass' ich mich von solchem Knirps nicht abtun. Mußt mich schon mitnehmen, damit jemand da ist, der dich aus dem Schnee wieder herausholt, wenn du steckenbleibst.« »Du scheinst mich für einen rechten Narren zu halten.« »Daß ich ein Narr wäre! Gerade deine Narrheit gefällt mir an dir. Die Verständigen kann ich nicht ausstehen.« Damit sprang er auf den Boden, als ob das hohe Dach ein Schemel wäre, und stand nun gleich einem Riesen vor dem Maler, dem er die Hand schüttelte, als wollte er ihm den Arm ausrenken. Courtiens Rechte hielt Widerstand. Er mußte bei dem Händedruck des Wildlings an die Geschichte denken, die die Malojaleute von Gian Vital erzählten: er habe, da er noch ein Knabe war, auf der großen Margna eine Bärin, die ihn anfiel, bei der Kehle gepackt und so lange gewürgt, bis das mächtige Tier unter seinem Druck verröchelt war. Mit aufrichtigem Wohlgefallen betrachtete der Maler den Naturmenschen, in dessen braunen Krauskopf eine Tonsur hatte geschnitten werden sollen. »Da du so zudringlich bist, muß ich dich wohl oder übel mitlaufen lassen.« Mit diesen Worten ließ sich Courtien die Begleitung des jungen Giganten gefallen – als ob er ihn nicht selbst aufgefordert hätte, mit ihm zu gehen. »Schön Dank, Bübchen. Ich muß sowieso auf der Isola nachsehen, wie es mit meinen Gemsen aussieht. Gewiß schlimm genug. Das war wieder einmal ein hübsches Winterchen. Auf meinem Dach lag der Schnee zehn Schuh hoch. Da kann auf deinem Haus ein ganzer Berg gelegen haben.« »Meine Eisenbalken tragen ihn.« »Du bist eben ein gescheiter Narr. Je weiter fort von den Menschen, um so schöner die Welt! Wenn zu den Menschen nur nicht auch die Frauenzimmer gehörten.« »Ohne die für dich der Himmel selbst kein Himmel wäre. Und solch einer sollte Kapuziner werden!« »Sollte, Jüngelchen.« Und der Bergriese lachte auf, daß es wie ein Dröhnen klang. Dann machte er mit bestem Anstand den Wirt: »Erst sitz nieder und iß. Seeforellen gibt's, frisch gefangen. Geräuchertes Bärenfleisch wär' auch da, wenn du warten kannst, bis es weich gesotten ist. Inzwischen könnte der Weg zu deinem Haus hinauf schneefrei werden.« Aber der Maler meinte: »Etwas zu lang dauerte mir's doch. Also muß ich für dieses Mal auf den Bärenbraten verzichten.« Während der buntgesprenkelte Fisch, an einen Wacholderstecken gespießt, kunstgerecht über dem offenen Feuer briet, schaute Sivo zu, wie vom Herde der Rauch als zartes, blaues Gewölk durch die offene Tür in den sonnigen Tag hinauszog, lauschte auf die Symphonie der Lawinen und wiederholte plötzlich gedankenlos, was er vor einer Viertelstunde gesagt hatte: »Und ein solcher sollte Kapuziner werden!« »Mit Leib und Seele.« »Weil deine Mutter es wollte?« »Weil in der Familie ein Ehrwürdiger sein sollte. Wäre ein kurioser Heiliger geworden.« »In der Kutte stecktest du schon?« »Fuhr aus der Kutte wieder heraus. Sie war mir viel zu kurz und zu knapp.« »Dem Kloster entliefst du?« »Hätten mir aus dem Kloster nachlaufen können: von Chiavenna bis zur großen Margna. Und die große Margna hinauf. Wären gleich zurückgelaufen und nicht wiedergekommen.« »Weshalb wurdest du eigentlich nicht Mönch?« »Weshalb wurdest du eigentlich nicht Ziegenhirt?« »Es war wider die Natur.« Da fuhr der Mann am Herde auf, daß der bereits sich bräunende Fisch fast in die Flammen gefallen wäre: »Ja, Sivo Courtien, wider meine Natur war's! In eine Zelle wollten sie mich sperren, nicht größer als ein Mauseloch. Vergittert! Aus dem Fasten hätte ich mir weiter nichts gemacht. Aber beten, beten, beten. Statt Bäume auszureißen und Felsblöcke aufzuheben – beten; statt Gemsen nachzuklettern, Bären aufzulauern und junge Adler aus dem Horst zu nehmen – beten, beten! Dazwischen Litaneien singen und Knie beugen. Denke doch, Sivo Courtien: wie ein altes Weib knicksen und sich bücken! Statt Alpstock, Eispickel und Seil den Rosenkranz. Mit solchen Armen, solchen Fäusten! Zu Tode geschämt hätte ich mich. Und der Herrgott selber würde mich aus dem Himmel gewiesen haben, wenn ich einmal als Kapuziner hineingekommen wäre und er mich gefragt hätte: ob ich mit solchen Armen und Fäusten nichts Besseres tun konnte als den Rosenkranz halten? Aus dem Himmel gejagt hätte mich Gottvater; denn – es ist wider meine Menschennatur, die mir der Himmel selber gegeben.« »Jedenfalls bist du gründlich aus der Kutte heraus. Übrigens braucht man nicht gerade Mönch zu werden, um wegen der himmlischen Liebe der irdischen zu entsagen.« »Oho, Mönchlein!« Und der Fischbrater riß mit heftigem Ruck den Spieß vom Feuer zurück, hob ihn wie eine Waffe und schritt damit drohend auf seinen Gast zu. »Weshalb schiltst du mich Mönch?« »Weil du wegen deiner himmlischen Liebe der irdischen entsagen willst; weil das wider die Natur ist, und weil alles, was wider die Natur ist, einem Frevel gleichkommt wider den Heiligen Geist. Wider die heilige Natur sündigst du, obgleich du mit deinen Malereien ihr Verkündiger bist. Gib acht, wenn die Strafe kommt. Überdies bist gerade du der rechte Mann, um auf ganz menschliche Weise irdisch zu lieben.« »Wieso gerade ich?« »Wirst es schon einmal erleben.« »Niemals!« »Verschwör's nicht.« Aber Sivo Courtien erklärte: »Wenn ich auch Künstler bin, kann ich trotzdem den katholischen Priester verstehen. Wäre ich Mönch geworden, so wäre ich Mönch geblieben. Der Mensch braucht seine Seele nur mit etwas Großem und Göttlichem zu füllen, um des Irdischen nicht zu bedürfen.« »Nennst du die Liebe zum Weibe etwas Irdisches, du Gotteslästerer?« »Es gibt etwas, das mehr vom Himmel ist.« Da bekam der Künstler seine Kapuzinerpredigt: »Vom Himmel versteh' ich nicht viel, verstand wenig davon, als ich im Kloster und dem Himmel nahe war. Aber das eine sag' ich dir: wenn ich bei meinem Mädchen bin, fühl' ich mich dem Himmel näher als im Kapuzinerkloster zu Chiavenna ... Jetzt komm und iß, obgleich dir meine guten Forellen zur Strafe deiner Missetaten gar nicht schmecken sollten.« Trotz dieses wenig christlichen Wunsches wurde Sivo der größte und am leckersten gebräunte Fisch auf blankgescheuertem Holzteller vorgelegt. Ein Stück nicht sehr frischen und nicht sehr weißen Brotes bildete die kräftige Zukost zu dem lukullischen Gericht, dem der Verächter der irdischen Liebe übrigens alle Ehre antat: in seinem Eispalast gab es keine frischgerösteten Seeforellen, und der frühe Gang hatte auch den Aszeten hungrig gemacht. Erst nach dem letzten Bissen stellte Courtien dem Gefährten aus der Kinderzeit die Gewissensfrage: »Sage mir nur, weshalb heiratest du dein Mädchen nicht?« »Weil auch das wider die Natur wäre – wider meine Natur.« »Steht's so mit dir?« Da bekannte der Gemeindejäger von Maloja: »Es ist schlimm, aber es ist so. Ein Schuft, wer sich besser macht, als der Himmel ihn schuf.« »Und wie schuf er dich?« »Daß ich kein Weib mit mir betrügen kann. Deshalb nehme ich kein Weib.« »Und dein Mädchen?« »Halte ich wie mein Weib. Gleich das erstemal sagte ich: ›So bin ich und nicht anders. Ich will dich als mein Weib halten, kann dich aber nicht zum Weib nehmen. Du kannst mich also fortschicken. Ich rühre dich nicht an, wenn du nicht willst. Und du wirst nicht wollen – da du jetzt Bescheid weißt.‹« »Sie schickte dich nicht fort?« »Nein. Da ging ich von selber.« »Und?« »Und stieg hinauf, so hoch ich konnte, jagte Bären, Gemsen und Adler, soviel ich konnte, und – kam nicht wieder zu ihr.« »Das war brav.« »Da kam sie zu mir. Nach langer Zeit! Lange Zeit hatte sie auf mich gewartet. Und – da kam sie eben zu mir, konnte nicht anders.« »So sehr liebte sie dich?« Mit einem Aufleuchten in seinen Augen, aber mit leiser Stimme erwiderte der Wildling: »Sie kann von mir nicht lassen.« »Trotzdem nimmst du sie nicht zur Frau?« »Trotzdem nicht. Versteh's, wer kann.« Alsdann brachen sie auf. Die Hütte ließ Vital offen. Hätte es darin auch etwas zu stehlen gegeben, so gab es doch auf Maloja keinen Dieb.   Courtien drang mit dem Gefährten tiefer und tiefer in das Mysterium der Alpenwelt ein. Die Felsen waren Granit, darüber ein rosiger Schein lag. Oder die Wände überzogen gelbe Flechten, daß sie wie vergoldet strahlten. Das Felsental, das sie durchschnitten, bildete den Vorhof des höchsten Heiligtums. Die weißen Gipfel stiegen als Kuppeln auf, die Gletscher erhoben sich als die in Edelsteinglas funkelnden Altäre, und der Donner der Lawinen war die Stimme des Predigers in dieser Wüste von Fels zu Eis. Um von den abstürzenden Schneemassen nicht verschüttet zu werden, mußten die Wanderer wie auf Schleichwegen emporsteigen, häufig unter senkrechten Schroffen hin, deren Rand die gefrorenen Schollen oft weit überragten. Wäre der Bärenjäger des Malers Todfeind gewesen, so hätte er nur seine Büchse von der Schulter zu reißen und abzufeuern brauchen, um aus den Lüften den »weißen Tod« niedersausen zu lassen. Die beiden wären freilich zusammen begraben worden. Sie gelangten zum Fornogletscher und überquerten das Eisfeld, beständig vorsichtig prüfend, ob die Schneedecke, die Scharten und Gründe überbrückte, auch trage. Senkrechte Wände hinauf, in welche die Sprossen einer eisigen Leiter eingehauen werden mußten, führte der Weg zu dem Alpenhaus, das ein Maleratelier war. Auf dem Gletscher sahen die beiden, tief verschneit, die Fornohütte am Fuße der Cima di Rossi. Auch sie war eine Gründung des vornehmen belgischen Herrn. In dieser Gletscherwelt ein mit allem Luxus ausgestatteter Pavillon, darin die Gäste des Palasthotels wie in einem Restaurant an der côte d'azur ihren afternoontea nahmen, serviert mit kleinen, noch heißen Kuchen, Sandwiches und Horsd'oeuvres. Da sich die beiden an einer Stelle befanden, wo keine Lawinengefahr drohte, konnten sie einander bessere Gesellschaft leisten. Sie sprachen von dem Teehause am Rande des Gletschers, von den eleganten Herren und Damen, die es im Sommer besuchten, und welch eine fremde, über das wilde Hochtal Gold ausstreuende Welt mit ihnen nach Maloja gekommen war: eine Welt des Luxus, der Verfeinerung, des Lasters. Denn man raunte: es bestünde die Absicht, aus Maloja ein Monte Carlo zu machen. »Bis jetzt wagen sie's noch nicht: bis jetzt nehmen sie noch eine Maske vor. Wie lange wird's dauern, und sie zeigen ihr wahres Gesicht. Ein Erdbeben sollte ihre Lasterhöhle vernichten wie ein Kartenhaus!« »Da es auf Maloja keine Erdbeben gibt und weder der Piz Lunghin noch die Salecina über Maloja zusammenstürzen, so –« Der aus dem Kloster entlaufene Mönch brach ab. In seiner Stimme, in diesem unterdrückten heiseren Ton lag etwas, das Courtien veranlaßte, seinem Begleiter ins Gesicht zu sehen. Er sah die fahle, verzerrte Miene eines Fanatikers. »Was ist dir? Woran denkst du? Wie kommst du zu solchen Gedanken?« »Zu welchen Gedanken?« »Zu mörderischen, teuflischen. Besinne dich!« Vital besann sich. Schwer Atem holend stieß er hervor: »Ich versteh's auch nicht. Bisweilen kommt's über mich. Dann besinn' ich mich auf nichts mehr. Nicht auf Gott, nicht auf mich selbst. Im Kloster geschah mir's zum erstenmal: als sie mich eingesperrt hatten; als ich beten, immerfort beten sollte; als ich meine Sünden beichten sollte und keine Sünde wußte; als sie mir den Geißelstrang gaben; als sie mich behandelten wie einen Verbrecher und Mörder – darum wie einen Verbrecher, weil ich an mir selbst kein Verbrechen begehen, meinen eigenen Menschen nicht totschlagen wollte. Da kam's über mich.« »Sollte es wieder einmal über dich kommen, so steige auf den höchsten Gipfel unserer Berge, hebe dein Gesicht auf, der Sonne entgegen, und es wird von dir weichen.« »Ich will dir sagen, was ich zu tun pflege, wenn über mich der Dämon kommt, der mich zum erstenmal in heiligen Mauern heimsuchte. Dir wird's jedoch grausen.« »Ich bin dein Freund. Also sprich.« »Wenn meine dunkle Stunde kommt, geh' ich, wie du mir rätst, hinaus und hinauf. Aber nicht, um auf Gipfeln zu beten. Ich nehme meine Büchse und töte – morde. Es sind unschuldige Tiere, die ich niederschieße, könnten indessen ebensogut Menschen sein. Ich muß Blut sehen. Ob Jagdzeit oder Schonzeit – ich töte, morde. Ich verdiente, keine Büchse tragen, keinen Schuß tun zu dürfen; verdiente Strafe und Gefängnis, Verachtung und Schande. Verachte mich also.« »Ich bedaure dich.« »Sag mir: ist's möglich, daß so etwas in einer Seele sich zutragen kann?« Mit leiser Stimme erwiderte Courtien: »Ich kenne wenig vom Menschen, glaube aber, es gibt nichts, was der Mensch nicht sein oder tun könnte – nichts Unmenschliches. Auch in einem sogenannten guten Menschen ist alles sogenannte Böse möglich.« Da rief Gian Vital: »Wenn's so ist, hätte Gott die Menschheit nicht schaffen dürfen. Und er soll doch nicht nur ein allwissender, sondern auch ein allgütiger Gott sein. Und dann – wie sieht's wohl damit? Durch seinen Kreuzestod soll Jesus Christus uns erlöst haben. Wo aber ist unsere Erlösung? Wir sind nach wie vor arme Sünder, werden nach wie vor unserer Sünden wegen verdammt. Unsere Sünde heißt die Erbsünde. Was können wir also dafür? Und wie war es auf der Welt, bevor Christus durch seinen Tod die Christen ›erlöst‹ hat? Waren zuvor alle Menschen verdammt? Auch die Guten und Reinen? Und weshalb sind nur die Christen durch Christi Tod erlöst? ... Diese Fragen stellte ich denen im Kloster. Sie gaben mir darauf keine Antwort. Oder doch nur schlechte Antwort. Das ist auch eine der Ursachen, weshalb es so weit mit mir kam. Jetzt such' ich den Menschen, der mir sagen könnte: Was und wie ist unsere Erlösung? Es ist auf der Welt bei dem alten Jammer geblieben. Bist du vielleicht der Mensch, den ich suche und der mir Bescheid geben kann?« Sivo Courtien gab ihm Bescheid: »Ich bin's nicht.«   Die Bergsteiger erreichten die »Isola«. Sie lag in dem gewaltigen Gebirgsstock des Monte Sissone und Monte della Disgrazia und bestand in einem großen, vielfach zerklüfteten Felsenriff inmitten des Gletschermeers, das hier in hohem Wogengang emporschlug: grüne und graue, blaue und violette sturmgepeitschte und plötzlich durch einen Zauber erstarrte Wogenkämme, den Firnschnee als blassen Gischt. In langen Ketten sich aufbäumend, verharrten sie regungslos in den Lüften; einzelne Wellen schienen emporzusprühen und wie gebannt nicht wieder in die Tiefe zurücksinken zu können. Das wilde Felseneiland war Schutzgebiet: »Gemsfreiheit«. Es wimmelte von Wild, das sich hier vor Gian Vitals unfehlbar treffenden Kugeln sicher wußte. Nicht einmal, daß die sonst so scheuen Tiere bei dem Nahen der Männer sich in die Klüfte zurückzogen. Auf einer ebenen Stelle des Riffs stand die »Sivo-Courtien-Hütte«, ein hoher Bau aus Felsblöcken und Eisenwerk. Die Fenster einer großen Glashalle waren für den Winter mit starken Brettern verschalt. Dieses höchste und gewiß seltsamste Maleratelier schien inmitten des Eismeeres auf einer Scholle zu treiben, die bei einem Orkan in Gefahr stand, gegen die Wände des Monte Sissone geschleudert zu werden, an denen sie zerschellen mußte, und in dieser arktischen Welt hauste ein Künstler! Es war so, wie Sivo vorausgewußt hatte: um bis zu seinem Hause zu gelangen, mußte durch die gefrorenen Schneemassen ein Pfad gehauen werden. Nach vielen Mühen gelang es, die Tür zu öffnen. Vor der offenen Tür stehend, sagte der Hausherr: »Ich erweise dir schlechte Gastfreundschaft; denn ich lade dich nicht ein, mit mir einzutreten. Ich möchte allein nach meinem Bilde sehen. Nimm mich für den, der ich bin: für einen Narren, so wird dich meine Ungastlichkeit nicht kränken.« Gleichmütig versetzte der Abgewiesene: »Ich kenne ja doch Sivo Courtien. Übrigens bin ich nicht leicht zu kränken, um so leichter jedoch zu beleidigen. Während du dein Bild betrachtest, will ich nach meinen Gemsen sehen.« »Laß die Büchse hier.« »Was denkst du von mir?« »Ich denke daran, daß es vorhin ›über dich‹ kam.« »Die Isola ist Schutzgebiet, Sivo Courtien!« Gian Vital sagte es mit heiserer Stimme, wandte sich rasch ab und schritt davon, auf dem weißen Gefilde eine hochragende, schwarze Gestalt. Courtien stand und schaute ihm nach, als ob er zauderte, die Schwelle zu überschreiten, die zu seinem Lebenswerk führte. Mit einem schweren Atemzug betrat er endlich sein Haus. Geisterhaft leuchtete ihm durch die Dämmerung die Riesenleinwand seines Gemäldes entgegen. Um besser sehen zu können, mußte er einige der Bretter vor der Glashalle entfernen ... Jetzt erst trat er vor sein Bild. Eine Stunde brachte er davor zu. Als er das Haus wieder verließ, war er sehr bleich. Vor der Tür wartete der Jäger auf ihn, sah ihm ins Gesicht und fragte: »Ist deinem Bilde etwas geschehen?« »Weshalb fragst du?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, erklärte er: »Nichts ist an meinem Bilde geschehen. Ich fand alles in bester Ordnung. In zwei Wochen kann ich das Haus beziehen.« Er schloß hinter sich zu.   Als die Gletscherwanderer die Hütte am Cavalocciosee wieder erreichten, brach die Dunkelheit herein und deckte die weiße Alpenwelt schwarz und schwer zu. Vital forderte den Maler auf, bei ihm zu übernachten, ein gutes Lager aus getrocknetem Alpengras und ein zweites leckeres Fischgericht verheißend: geräucherte Lachsforelle in einen Eierkuchen gebacken, eine festtägliche Fastenspeise der frommen Väter von Chiavenna. Courtien, der auf dem Rückweg kein Wort sprach, wollte jedoch mit sich allein sein. Also trennten sie sich nach kurzem Gruß. Nur einem Sohn des Landes war es möglich, bei der Finsternis durch die Schlucht den Weg zu finden, und selbst diesen kostete es Mühe, vorwärts zu gelangen. Sivo ließ sich von dem Rauschen der jungen Orlenga geleiten. Die Sicherheit, mit der er dem Lauf des Eisbaches folgte, besaß etwas von der Unfehlbarkeit eines Nachtwandlers. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, nicht um die Richtung zu suchen oder auszuruhen, sondern gleichsam, um besser auf die Stimme zu hören, die in ihm erwacht war und ihm beständig mit Geisterton zuraunte: »Die Nebel steigen nicht auf: sie haften an der Leinwand! Das Gewitter zieht nicht heran: es bleibt stehen! Du fühlst nicht den Sturm, der die Dünste emportreibt und vor sich hinjagt. Es ist weiße und graue, schwarze und blaue Farbe; ist nichts anderes als Farbe auf Leinwand!« Courtien ging an dem Rande der brausenden Orlenga hin, an den Abgründen, diesen offenen Grüften, vorüber und murmelte, als gäbe er seiner inneren Stimme zur Antwort: »Ich beginne von neuem. Das nächste Mal wird es mir besser gelingen. Das nächste Mal wird die Farbe Nebel sein, den der Sturm peitscht; wird sie mit Blitzen geladenes Wettergewölk sein, das herangebraust kommt. Ich will, daß es das nächste Mal mir gelinge!« Und immer wieder in ihm die Geisterstimme: »Nichts anderes als Farbe auf Leinwand ...« Sivo wollte auf die Frühlingsmusik der Alpen lauschen, um die innere Stimme nicht hören zu müssen. Aber die Lawinen sangen bei der Nachtkälte nicht mehr ihren Donnergesang; und als er bei den ersten Hütten von Ordeno die Richtung änderte und den Wildbach verließ, ward die Nacht lautlos. In seiner schwermütigen Stimmung erschien ihm bei dem tiefen Schweigen die Schöpfung der Finsternis noch göttlicher. Aber es war ein furchtbarer Gott, der diese Alpennatur schuf, sie mit Todesgefahr und allen Schrecken der Elemente erfüllend, um die Menschen von ihr fernzuhalten, als sollte sie von dem schwülen Hauch der Menschheit unberührt bleiben, in unnahbarer Majestät. Sivo erkannte jetzt die Umrisse eines jeden Grates, jeden Gipfels: blasse Linien auf schwarzem Grunde, an dem die Sterne funkelten. Sie schienen aus den weißen Häuptern der Bergriesen zu sprühen und als leuchtende Funken in die Unendlichkeit geschleudert zu werden. Wiederum gelangte Sivo zu dem stillen Ort, wo die Toten von Maloja schliefen, in ihren von Alpenrosen und Wacholder überwucherten Grüften der Auferstehung harrend. Hatte er doch das darstellen können: gespenstische Gestorbene, denen man ansah, daß sie einstmals gelebt hatten. War seiner Kraft bereits damals ein solches Vollbringen möglich gewesen, mußte ihm doch jetzt etwas flatterndes Gewölk gelingen. Schon als kindischer Knabe hatte er das erstrebt; also würde er es doch als Mann erreichen können. Es galt ja nur einige aufsteigende wallende Nebelstreifen darzustellen ... Er stand bei der bröckelnden Kirchhofsmauer und starrte auf die eingesunkenen Grabstätten mit einem Blick, als müßten vor seinen Augen die Grüfte sich öffnen und ihre Toten herausgeben: seine Toten von Maloja! Gleich würde an dem einsamen Gotteshause die Uhr die Mitternachtsstunde schlagen, gleich würde die Glocke zu läuten beginnen – Als das Schweigen andauerte und die Gräber geschlossen blieben, setzte Sivo seinen Weg fort: über die Felsenhalde, durch die Nelkenflut nach Cresta und zum See hinunter. Alsdann an der Fremdenherberge vorbei und hin zu der Landstraße, die nach Crap da Chüern und zu seinem dunklen Hause führte. Im ersten Stockwerk des Grand Hotel war Licht. Fremde mußten angekommen sein, die ersten Gäste. Die Fenster des Eckzimmers, die nach dem See und dem Kirchhof hinausführten, waren geöffnet. Courtien sah den Schimmer einer Seidentapete, sah die vergoldete Stukkatur des Plafonds, sah – Eine weibliche Gestalt erschien am Fenster. Die Dame lehnte sich hinaus, blickte hinüber nach dem See, an dessen Ufer der Einsame stand, zu dem jetzt keine innere Stimme warnend sprach: »Hüte dich!« 5 Wirklich war die Gräfin Oberndorff in diesem besonders späten Frühling auf Maloja der erste Gast. Das Riesenhaus schien eigens für die schöne Frau eröffnet, eigens für sie erbaut zu sein: auf Paßhöhe, am Gestade des Bergsees, inmitten einer erhabenen Natur ein Palast mit marmorschimmernden Hallen, ausgestattet mit jedem Luxus einer verfeinerten Kultur, seinen Gästen als höchstes Raffinement diesen Luxus moderner Verfeinerung und im Gegensatz dazu eine Felsenöde bietend. Die Gräfin bewohnte in der ersten Etage zwei Gemächer, von denen der Salon ein Eckzimmer war. Der vornehme Gründer hatte auch die Gastzimmer nach seinem Geschmack, dem Geschmack des Mannes von Welt, eingerichtet, so daß sich Gräfin Josette bei herabgelassenen Stores in Paris, in London oder in sonst einer ihren Lebensgewohnheiten angemessenen Umgebung fühlen durfte. Der Salon hatte Stukkaturen und Seidentapeten, hatte Möbel im Stile Louis XVI. und war in künstlerisch abgetönten matten Farben gehalten. Die Gräfin ließ sich die Mahlzeiten auf dem Zimmer servieren. Der Oberkellner glich einem Hofkurier, seine Untergebenen schienen Lakaien zu sein; Porzellan und Silber trugen die gekrönten Initialen des gräflichen Gründers, und die Speisen waren nicht von einem gewöhnlichen perfekten Pariser Koch, sondern von einem großen Gastronomen bereitet: man dinierte auf Maloja wie bei dem Herzog von Soundso oder im Savoy-Hotel. In dem wohlriechenden Wasser der Kristallschale, darein Gräfin Josette ihre schönen Hände tauchte, schwammen Parmaveilchen, und ihren Frühstückstisch schmückte an jedem Morgen ein frischer Strauß »maréchal Niel« . Die Illusion von Paris und London hörte indessen auf, wenn die Bewohnerin des eleganten Zimmers bei geöffnetem Fenster an dem zierlichen Schreibtisch saß und hinausblickte: hier die von rötlichbraunen Felsenmauern umschlossene leuchtende Seeflut, dahinter in der Ferne ein zweiter Bergsee blaute; dort die von roten Nelken glühende Halde mit dem altertümlichen Dorfkirchlein. Und ringsum die Korona der Alpenmajestäten, eine Welt, nicht geschaffen für die sogenannte große Welt, sondern für ein Geschlecht anderer Art, als jenes war, welches sich für den Genuß des Lebens geboren fühlte – nur für den Genuß. Es geschah zum ersten Male, daß eine große Natur die Gräfin Oberndorff zu Betrachtungen nötigte, wie solche – nicht in ihrer Natur lagen. Nie zuvor war ihr das Leben so wenig des Lebens wert erschienen. Nichts dieser Alpennatur Ebenbürtiges, nichts Großes war darin. Dagegen viel Kleines, Unechtes, Unwürdiges. War ihr Leben doch ein Fest der Eitelkeiten ohne Ende, ein immerwährendes Vanity fair , eine zu einem Gesellschaftsstück zurechtgestutzte, prächtig ausgestattete Komödie voll äußeren Glanzes und innerer Leere – inneren Dunkels. Als Sivo Courtien sie damals fragte, weshalb sie die Gräfin Oberndorff geworden sei, hätte sie ihm nur die eine Antwort erteilen können: »Weil ich in Luxus leben wollte!« Deshalb also! Deshalb der Handel, der Verkauf: für ein Leben voller Luxus ein Leben ohne Liebe, also ohne Glück. Als ob bei Frauen, wie die Gräfin Oberndorff, Liebe zum Leben gehörte! Als ob Männer, wie Sivo Courtien, das Recht hätten, solche Frauen deswegen niedrig zu halten und zu verachten! Dieses Mannes Verachtung ... Daß sie in Sivo Courtiens Heimat den Gedanken daran nicht los ward! Bereits bei ihrer Ankunft auf Maloja hatte sie das Mädchen gesehen, das Sivo Courtien hochhielt, von dem er geliebt wurde. Denn es mußte Maira à Mara gewesen sein, die ihr am Seeufer begegnet war. Und diese Maira war ein schönes, stolzes Geschöpf, das sich nicht verkaufen würde und das – gleich ihrem Jugendfreunde – die Frau verachtete, die aus sich eine Ware machte. Die nämliche Frage, die damals Sivo Courtien ihr gestellt, hatte sie seitdem oft an sich selbst gerichtet und oft sich selbst die Antwort erteilt. Immer die nämliche. Längst war sie zur Erkenntnis gelangt: schon damals in Rom. Schon damals war über sie die große Sehnsucht gekommen, die schließlich jedes Frauenherz einmal empfindet: die Sehnsucht nach dem Hohen und Höchsten des Lebens, das dieses zum Leben erst macht. Ihr Mann hatte sie niemals geliebt, sondern nur begehrt. Nur begehrt hatten sie andere Männer. Sie hatte es erkannt und davon sich abgewendet, mit jenem Ausdruck in ihrem schönen Gesicht, der es so rätselhaft machte. So blieb denn ihre große Sehnsucht ungestillt. Auch daran mußte sie jetzt häufig denken: »Weshalb ließest du dich eigentlich von deinem Mann nicht scheiden? Wenn Sivo Courtien es zufällig gehört hätte; vielleicht daß er dich dann – weniger verächtlich gefunden.« Ja – weshalb war sie eigentlich die Gräfin Oberndorff geblieben? Eine große Müdigkeit war über sie gekommen; eine mehr und mehr sich steigernde Gleichgültigkeit gegen alles; eine Hoffnungslosigkeit, die Trostlosigkeit war. Und so blieb sie die Gräfin Oberndorff. Vor zwei Jahren war der Graf gestorben. Er fiel in einem Duell wegen einer Operettendiva. Ein unwürdig hingebrachtes Leben endete mit einem unwürdigen Tode. Immerhin war es der Tod eines Kavaliers. Seine »Witwe« hätte sich befreit fühlen können; aber Müdigkeit, Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit waren stärker als das Gefühl von Erlösung. Vernichtender als je hatte sie die Empfindung, durch ihre Heirat befleckt zu sein und sich reinigen zu müssen. Wodurch? Durch eine andere Heirat mit einem jener anderen Männer? Es wäre dasselbe gewesen. Für eine Frau, die sich als Gattin wie eine Gefallene fühlt, gibt es nur eine Art von Reinigung, die zugleich die Erhebung der Frau ist: Liebe. Konnte sie lieben? Im Grübeln darüber verging die Zeit, währenddem sie äußerlich ihr Leben fortsetzte, dieses Leben der Leere und Öde und einer Sehnsucht, die niemals gestillt werden sollte. Ein Einfall, eine Laune führte sie in diese wilde Gegend. Plötzlich gedachte sie des Mannes, für den es das Weib nicht gab: nur die Kunst als Lebensinhalt. Des Mannes erinnerte sie sich plötzlich, der sie verachtete und den sie – vielleicht gerade deswegen – im Grunde ihres Herzens niemals vergessen hatte. Sivo Courtien ... Immer wieder dieser Name! Seitdem sie in Sivo Courtiens Heimat war, lauschte sie auf dieses Namens Klang in ihrer Seele. Von ihrem Fenster aus sah sie den rötlichen Felsvorsprung in die bald smaragdgrüne, bald türkisblaue Seeflut sich erstrecken, darin das Spiegelbild der Schneealpen hinabtauchte: »Das ist Crap da Chüern, wo seine elterliche Hütte steht.« Und sie sah das armselige Gotteshaus auf der Felsenhalde, umgrünt von Zwergkiefern, Wacholder und den Dickichten der Alpenrosen; sah das kleine Totenfeld mit der niedrigen bröckelnden Steinmauer und den eingesunkenen Gräbern der Leute von Maloja, darüber die Wildnis hinwogte; sah die Schneegefilde und die Gletscher der großen Margna und des Monte del Forno; sah hinüber, wo die in die Purpurpracht ihres Haares gehüllte Teufelin ihres Opfers harrte. Und sie sah das junge Mädchen, dessen Liebe dem Künstler die Wege bereitet hatte. Es mußte für eine Frau etwas Großes sein, einen Mann zu lieben, wie diesen Sivo Courtien ... Eine seltsame Scheu hielt sie ab, sich nach dem Maler zu erkundigen. Sie hätte nur ein Kind zu fragen brauchen. Sicher wußte jedes Kind auf Maloja von ihm! Und in der Seele der Frau, die zu den Frauen gehörte, die nicht glücklich machen, also nicht selbst glücklich sein konnten, ging mehr und mehr etwas Ungewöhnliches vor. Damals in Rom hatte sie den Ausspruch John Lavarys über sich erfahren, dem jedoch keine Beachtung geschenkt: es war so gleichgültig, ob sie einen Menschen glücklich machen konnte oder nicht. Und selbst glücklich sein ... Wußte sie doch damals nicht einmal so recht, daß sie eine unglückliche Frau war. Sie besaß das, was ihre Natur verlangte: Reichtum, Luxus, Schönheit. Liebe verlangte ihre Natur nicht: weder geliebt zu werden, noch selbst zu lieben. Währte es doch eine Weile, bis sie sich der Leere ihres Lebens überhaupt bewußt ward und zu der Erkenntnis gelangte, daß ein Leben voller Luxus nicht immer auch ein Leben voller Schönheit sei. Nur zu oft das Gegenteil davon. Zum Beispiel für die Frau eines ungeliebten Mannes. Dann konnte des Lebens Schönheit zu des Lebens Häßlichkeit werden. Wenn sie dem Manne, von dem sie sich verachtet wußte, sagen könnte: »Diese Schönheit ist Häßlichkeit!« Wenn sie ihrem Leben jetzt noch die Schönheit geben könnte, bevor es zu spät war? Einen Lebensinhalt, einen Lebenswert! Durch Beglücken selbst beglückt werden; durch Hingabe des ganzen Seins eines Mannes Welt ausmachen – es war doch eigentlich Frauenberuf, der einzig wahre. Zugleich das einzige, was das Leben der Frau lebenswert machte ... Die Entdeckung, daß auch sie solcher Empfindungen fähig sei, erregten einen Aufruhr in ihrem Innern. Konnte der Mensch leben, ohne so zu empfinden? Konnte die Frau leben? Die Frau ohne Liebe war keine Frau, sondern ein Gespensterwesen, ein Schatten und Schemen. Ein solches war sie durch Jahre und Jahre gewesen. An den totengleichen Zustand ihrer Seele denkend, graute ihr's. Auch ihre Welt war eine Welt der Leidenschaften. Oft war ihr zumute, als wären Weib und Mann nur für das eine geschaffen. Es war das Ewigeinzige von Mann und Weib: Leidenschaft zu erwecken und Leidenschaft zu empfinden. Oft hatte sie vor dem großen, grauenvollen Mysterium der Geschlechter Entsetzen ergriffen – unberührt, wie sie selbst von der Schlammflut geblieben war. Schließlich war sie auch dagegen gleichgültig geworden.   In den ersten Tagen ihres Aufenthalts auf Maloja blieb die Gräfin in ihrem Zimmer. Sie fühlte sich wie eine Schwerkranke. Vielmehr: sie fühlte, daß sie eine Schwerkranke gewesen sei. Sie ließ einen Diwan an das geöffnete Fenster rücken und lag stundenlang in tiefer Ermattung, hielt die Augen geschlossen, sann und sann, konnte den Vorgang, der mit ihr geschehen war, nicht fassen, verlor sich in Staunen darüber, sich plötzlich verwandelt zu fühlen. Wenn sie die Augen öffnete, grüßte sie die Majestät der Alpen. Aber sie liebte sie nicht. Sie fand nichts Gemeinsames zwischen sich und dieser Welt. Sie flößte ihr Furcht ein. Noch immer nicht war Courtiens Name über ihre Lippen gekommen. Da sie ihn einmal nennen mußte, bereitete sie sich darauf vor. Sie übte sich förmlich, den wohllautenden Namen auszusprechen. Einmal ertappte sie sich dabei, daß sie ihn mit einem weichen, zärtlichen, einem leidenschaftlichen Tone nannte. Sie erschrak und wurde böse; dann lächelte sie über ihren Schrecken sowohl wie über ihren Zorn. Wenn er nicht auf Maloja war? Diese Möglichkeit hatte sie gar nicht bedacht. Und wieder erschrak sie – wieder mußte sie lächeln. Diese Möglichkeit war eine Unmöglichkeit: Sivo Courtien gehörte in seine Heimat, wie die Berge dahin gehörten. War er doch sogar in Rom heimwehkrank gewesen! Wenn sie mit geschlossenen Augen ruhte, konnte sie sich Träumen und Phantasien hingeben, daß sie sich selbst nicht wiedererkannte. Die Vergangenheit versank in Dunkelheit, und die Zukunft leuchtete auf. In dem magischen Glanz sah sie sich selbst. Aber sie war nicht allein. Der Mann, der mit ihr war, hatte sie einstmals verachtet und jetzt – liebte er sie, betete er sie an; jetzt lebte er für sie, in ihr: in ihrem Wort, Lächeln, Blick – in ihrer Schönheit, die so herrlich war, daß sie selbst diesen Mann betört hatte. Seine Liebe war so groß, daß sie dem Haß glich. Aber hassende Liebe war die machtvollste Liebe; war die Liebe, die das Leben bezwang, stärker als der Tod, über das Grab hinaus. Er wollte nicht lieben, der Tor, der Narr! Die Liebe des Mädchens, welches seinesgleichen war, verschmähte er, um der Liebe der Frau zu verfallen, die seinesgleichen nicht war. Was galt die vornehme Frau dem Mann aus dem Volke, der einen tief eingewurzelten, ererbten Haß wider die Aristokratie empfand? Als Teufelin, als Unheilsweib: als das Weib vom Monte della Disgrazia! Aber gerade der vornehmen Frau würde er nicht widerstehen. Je mehr er in seiner Seele ein Sproß seines Volkes war, je mehr Bergbauer – um so sinnloser würde er sich betören lassen, um so rettungsloser dem Zauber verfallen: dem Reiz der Dame der großen Welt mit ihrer parfümierten Kultur, ihrer Überfeinerung und allen jenen Extravaganzen, die er im Grunde seines Herzens verabscheute. Und gar, wenn der große Demokrat ein großer Künstler war! Je größer als Künstler, um so leidenschaftlicher als Liebhaber – er mochte sich noch so sehr wehren, dagegen sich empören mit der ganzen Wucht seiner Bauernnatur. Nicht auf den Willen des Mannes aus dem Volk kam es an, sondern auf den Willen der vornehmen Frau. Und diese wollte! Sie kannte Beispiele; oh, sie kannte Beispiele! Die vornehme Frau und der Dichter, der Künstler, Gelehrte ... Diese waren ganz andere Männer als jene, welche die Umgebung der vornehmen Frau, der Dame der großen Welt, bildeten. Es waren stolze Seelen, starke Naturen, Adelsmenschen, erhaben über die Niedrigkeiten, Häßlichkeiten, Gemeinheiten des Lebens. Und gerade darum ... Die vornehme Frau besaß die Kunst, die Kraft, um den Stolz dieser vornehmen Männerseelen zu brechen. Die Gräfin Josette Oberndorff kannte Beispiele genug. Aber sie wollte Sivo Courtiens starke und stolze Künstlerseele nicht brechen – gewiß nicht! Den Gottesleugner wollte sie die Gottheit der Liebe erkennen lassen und ihn dadurch der Gottheit erst recht nahebringen. Seine Kunst sollte seine erste Göttin bleiben; doch sollte sie nicht die einzige sein. Daneben wollte sie stehen, selbst anbetend, selbst die Seele von einer Gottheit erfüllt. Sie hatte gedacht, wie es sein müßte, wenn dieser Mann liebte; jetzt mußte sie denken, wie es sein würde, wenn sie liebte, sie, in deren Seele der Götterfunke der Sehnsucht gefallen war. Mit geschlossenen Augen wachend, versuchte sie das Wundersame sich vorzustellen. Ein Strahlenmeer umwogte, goldene Lilien umglühten sie. Es war wie ein himmlischer Frühling. Mit ihrer Seele untertauchend in den Glanz, fühlte sie sich emporgehoben.   Als sie sich wiedersahen, erschraken beide. Gräfin Josette hatte sich auf dieses Wiedersehen vorbereitet. Ausgemalt hatte sie es sich mit ihrer geschäftigen Frauenphantasie, deren Träumereien durch lange Jahre gegenstandslos geblieben waren. Um so glühendere Farben hatte sie gemischt und aufgetragen. Jedes Wort, das sie bei dem Wiedersehen zu Courtien sagen wollte, hatte sie zu sich selbst gesagt, und dabei auf den Klang ihrer Stimme gelauscht. Häufig mußte sie sich verbessern: Worte und Stimme mußten gleichgültiger klingen, weniger erregt. Hätte sie sich nicht vor sich selbst geschämt, so würde sie vor dem Spiegel ihre Miene probiert haben, damit sie zu ihren möglichst gleichgültigen Worten ein möglichst gleichmütiges Gesicht machte. Dann kam es doch anders. Sie trafen sich am Seeufer auf dem schmalen Wege, der von Maloja nach der dem Crap da Chüern gerade gegenüberliegenden kleinen Ortschaft Isola führt, einem nur aus wenigen grauen Hütten bestehenden Weiler am Fuße der Margna. Ein Ausweichen wäre auf dem Pfade zwischen Flut und Fels nicht gut möglich gewesen. Courtien hatte in den Alpenhöfen zu tun gehabt und befand sich auf dem Rückwege. In wenigen Tagen wollte er fort ... Da begegnete ihm auf dem schmalen Pfade zwischen Flut und Fels sein Schicksal. Als er sie kommen sah, glaubte er eine Vision zu haben: die Frau, die er nicht vergessen konnte, die einzige Frau, die ihn zwang, ihrer zu gedenken, wandelte ihm leibhaftig entgegen! Er erkannte sie an ihrer Gestalt, ihrer Haltung, ihrem Gang und erschrak, wie gut er sie kannte: als wäre sie nicht nur ein einziges Mal, sondern viele Male an seiner Seite auf der römischen Landstraße dahingeschritten. Aber – die Gräfin Oberndorff auf dem wilden Maloja? Dann erst fiel ihm ein, daß viele vornehme Damen in das große Hotel kamen. Also war sie's wirklich! Wie damals fühlte er plötzlich eine Erregung, heiß wie Fieberschauer. Und zugleich auch jetzt ein Gefühl von Feindschaft, Groll, Haß gegen diese fremde Frau. Weshalb trat sie ein zweites Mal in seine Welt menschenöder, himmelhoher Einsamkeiten, die der ihren in nichts glich? Und zu all diesen qualvollen Regungen plötzlich die für ihn ganz neue Empfindung des Schreckens über ihre Anwesenheit, über ihren Anblick, über ihre Schönheit, ihre Frauenherrlichkeit. Er nahm sich vor, sie zu grüßen, respektvoll beiseitezutreten und – sie an sich vorübergehen zu lassen. Ganz gegen seine Art sollte sein Gruß tief und ehrerbietig sein. Vielleicht erkannte sie ihn nicht? Dann wäre sein Gruß unnötig gewesen. So blieb er denn stehen, ohne zu grüßen, und wartete ab, ob sie ihn erkennen würde ... Ja – nein. Gott sei Dank, nein! Aber trotz dieses »Gott sei Dank« das Gefühl einer Enttäuschung ... Da stand sie vor ihm, und ihr Blick sagte ihm: auch sie hatte ihn sofort erkannt, auch sie hatte ihn nicht vergessen. Er sah, daß sie sehr bleich war und daß ihre Lippen zuckten, als sie ihn ansprach. Nur seinen Namen nannte sie: »Sivo Courtien!« Ihre zuckenden Lippen und das Zittern ihrer Stimme ließen sie ihm als eine ganz andere erscheinen als die, die er seit langen Jahren im Gedächtnis trug. Und da er trotz seines Bergbauerntums im Grunde seines Wesens ein ritterlicher Mann war, fühlte er sich beschämt: er hatte dieser Frau in Gedanken zu tausend Malen schweres Unrecht zugefügt; denn zu tausend Malen hatte er ihrer in falscher Weise gedacht. Jetzt forderte seine Ritterlichkeit von ihm, sein Unrecht zu bekennen und womöglich zu sühnen. Ihr unerwarteter Anblick und seine plötzliche Erkenntnis erweckten in Courtiens Gemüt einen Sturm, dessen Gewalt sich in seinen Zügen verriet. Es kostete ihn körperliche Anstrengung, sich die Worte abzuringen, die er sagen wollte, um ihr seine Schuld zu bekennen. Waren sie ausgesprochen, hatte er das seine getan und war frei von ihr – für Zeit und Ewigkeit frei! So sprach er denn: »Ich wußte, wir würden uns noch einmal im Leben begegnen. Es mußte so sein. Weshalb Sie nach Maloja kamen, ahne ich nicht. Vielleicht mußten Sie kommen, damit ich Ihnen heute begegnen und sagen konnte: ›Verzeihen Sie mir!‹« Wider seinen Willen sprach er rauh und feindselig: feindselig, wo er doch »sühnen« wollte. Mit einem großen Staunen in Blick und Stimme erwiderte die schöne Frau: »Was sollte ich Ihnen zu verzeihen haben?« Courtien rief heftig: »Sie wollen großmütig sein. Aber ich bin nicht der Mann, gegen den irgendein Mensch großmütig sein kann. Auch nicht eine Frau, eine Dame, die ich gekränkt, vielmehr geradezu beleidigt habe. Das wissen Sie sehr gut, Sie wissen, daß ich Ihnen damals Unrecht tat: damals, auf der römischen Landstraße. Und überhaupt ... Sooft ich Ihrer gedachte! Beständig tat ich Ihnen in Gedanken Unrecht. Als besäße ich überhaupt ein Recht, mich mit Ihnen zu beschäftigen! Verzeihen Sie also. Ich habe noch niemals einen Menschen um Verzeihung gebeten, weder Mann noch Weib.« »Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen.« »Wie dürfen Sie das sagen? Sie mir, dem Manne, der Sie beleidigte.« »Ich habe Ihnen nicht nur nichts zu verzeihen, sondern ich muß Ihnen danken.« »Sie mir?!« »Nach allen diesen Jahren, in denen wir uns nicht sahen. Aber ich konnte nicht früher kommen ... Das ist nicht wahr. Ich hätte früher kommen können, war jedoch nicht imstande, mich aufzuraffen. Ich war zu schwach dazu. Um herkommen und so zu Ihnen sprechen zu können, mußte ich viel erlebt haben, ich mußte erkennen ... Alles dessen bin ich mir erst seit kurzem bewußt geworden, um auch das noch zu sagen; denn ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Will das nicht vor Ihnen.« Sie hatte wieder Gewalt über sich gewonnen, sprach sehr ruhig, sehr einfach. Ohne Absicht sagte sie jedes Wort in einer Weise, als redete sie in einer anderen Sprache, als die seine war, und müßte sich bemühen, sich ihm in der ihren verständlich zu machen. Ihm aber war's, als würde er von einem Schwindel ergriffen. Unwillkürlich sprach er ihr nach: »Sie wollen sich nicht besser machen? Wollen das nicht vor mir? ... Ich verstehe nicht –« Er schwieg und hörte sie sagen: »Sie verstehen nicht, daß eine Frau sehr einsam sein und sich sehr unglücklich fühlen kann; verstehen nicht, daß diese Frau den Mann nicht vergessen kann, der den Mut besaß, ihr zu sagen: ›Dir geschieht recht, wenn du einsam und unglücklich bist‹ ... Mir geschah recht. Aber erst Sie haben es mir zum Bewußtsein gebracht. Es ist das, wofür ich Ihnen heute danke.« Sie reichte ihm die Hand. Courtien wußte nicht, daß er ihre Hand nahm, in der seinen festhielt und sie unverwandt ansah, als hätte er alle diese Jahre darauf gewartet, diese schmale, vornehme Frauenhand zu fassen und in dieses blasse, schöne Gesicht zu sehen. Es wurde jetzt von einer jähen Röte überzogen, die es fast mädchenhaft erscheinen ließ.   Als Gräfin Josette ihm ihre Hand entzog und weiterging, setzte er seinen Weg nach Maloja nicht fort, sondern kehrte auf dem Wege, den er soeben gekommen war, wieder um. Es wäre ihm unmöglich gewesen, nicht umzukehren. Das wußte sie. Und sie wußte noch mehr: daß sie fortan über diesen Mann Macht besaß und daß es nur auf sie ankam, wie weit ihre Macht gehen sollte. Vielleicht unermeßlich weit, vielleicht nur in einen nahen Abgrund. An ihrer Seite ging er den Weg wieder zurück. Zur Linken die blaue, unergründliche Seeflut; zur Rechten die grauen, unzugänglichen Felswände. Und zwischen Flut und Fels der schmale Pfad, auf dem Sivo Courtien seinem Schicksal begegnet war ... Auf diesem Pfade zwischen Flut und Fels gab es für ihn kein Entrinnen.   Jetzt schwiegen beide. Jeder dachte dasselbe: Wie ist das nur möglich? Was ist das nur mit mir? Zwischen uns besteht nichts Gemeinsames. Nie habe ich das so klar erkannt wie nach diesem Wiedersehen. Und dennoch ... Es kann nur ein Unglück geben. Und dennoch ... Was ist das nur mit mir? Aber es ist schön, daß der Mensch so etwas erleben kann. Sie gingen möglichst langsam, als könnten sie dadurch Weg und Beisammensein ausdehnen. Und jeder von ihnen dachte: Wenn wir uns jetzt wieder trennen müßten? ... Und wir müssen uns trennen! – gab Courtien seinen eigenen Gedanken zur Antwort und mußte sich Gewalt antun, nicht laut auszurufen: »Wir müssen uns trennen!« Er zwang sich, umzuschauen. Es war seine Heimat, war der Maloja, das Engadin. Er kannte diese leuchtende Alpenwelt, die trotz allem Fremdengewimmels voll unnahbarer Majestät blieb, wie ein Liebender das Antlitz der Geliebten. Jeder Gipfel war ihm ein vertrauter Freund. Dort drüben spiegelte sich das wilde Crap da Chüern in der Seeflut, und er sah das graue Dach der elterlichen Hütte, die sein Zuhause war. Wie konnte es nur geschehen, daß er, neben dieser fremden Frau hinschreitend, für nichts anderes Blick und Empfindung besaß als für sie? Seine Empfindungslosigkeit erschien ihm als Untreue gegen die Heimat, die seine Welt war; als Untreue gegen die Arbeit, die sein Lebenswerk war; also als Untreue gegen sich selbst. Diese Vorstellung gab ihm von seiner verlorenen Besinnung so viel zurück, daß er sich vornahm, noch einmal zu ihr zu sprechen. Seine Worte würden den Bann von ihm nehmen: »Da Sie nicht wissen, wie es mir inzwischen erging, will ich's Ihnen sagen. Ich bin noch weltfremder geworden, als ich bereits in Rom war; und noch deutlicher als damals in Rom habe ich Zweck und Ziel meines Daseins erkannt: ich lebe nur, um zu arbeiten, will nur dafür leben, kann die Menschen nicht ausstehen, die für etwas anderes auf der Welt sind. Zum Beispiel: für den Genuß des Lebens, für Vornehmheit, Eleganz und was dergleichen nutzlose Dinge mehr sind. Solche Menschen sind für mich Schmarotzer des Lebens, also schädliche Geschöpfe. Zwischen ihnen und mir besteht Feindschaft. Es gibt keine größere Feindschaft zwischen dem einen und dem anderen, als Verschiedenheit der Rassen. Es entsteht Rassenhaß daraus. Wenn zwei einander in nichts gleichende Menschen zusammenkommen und sich nicht sofort wieder trennen, muß einer von ihnen zugrunde gehen. Der Schwächere natürlich ... Ich glaube, etwas Ähnliches sagte ich Ihnen schon damals in Rom. Nur nicht so brutal. Da Sie mir nichts zu verzeihen haben wollen, bitte ich Sie auch jetzt nicht um Verzeihung, obgleich ich fühle, daß ich plump und grob bin und für Sie etwas beständig Aufreizendes, beständig Abstoßendes haben muß. Aber es ist gut so, wie es ist. Für mich wenigstens ist es so gut.« Er verstummte, als ob er ihre Bestätigung erwartete – oder ihre Ablehnung. Da das eine sowohl wie das andere ausblieb, zwang er sich weiter zu sagen, was er sich vom Herzen losreden wollte. Aber statt der erhofften inneren Befreiung empfand er den Druck auf seiner Seele nur um so lastender und quälender. Trotzdem sprach er weiter: »Ich habe mir eine gewaltige Aufgabe gestellt. Sie entfernt mich von den Menschen. Auch äußerlich. Ich gehe hin, wohin niemand mir folgen kann. Aber mich freut, daß ich Sie sehen und Sie um Verzeihung bitten konnte – wenn Sie mir auch nichts zu verzeihen haben. Es nahm mir eine Last ab. Fortan werde ich in meiner Arbeit und meiner Einsamkeit noch stärker sein können; denn ich gestehe Ihnen, daß mich mein Unrecht gegen Sie alle diese Jahre über gedrückt hat – wenn es mir auch erst heute so recht zum Bewußtsein kam. Fassen Sie dieses Geständnis auf, wie Sie mögen.« Wieder schwieg er; und wieder wartete er, daß sie sprechen würde. Sie blieb jedoch auch jetzt stumm. Plötzlich fiel ihm ein, daß er nur von sich gesprochen und mit keinem Wort nach ihrem Ergehen und Leben gefragt hatte. »Hoffentlich ging es Ihnen nicht immer schlecht?« begann er wieder. »Es ging mir so, wie ich's verdiente.« »Immer?« »Jahre und Jahre.« Ohne es zu wollen, sagte sie das, gerade das, was diesem Manne gegenüber das Richtige war; und sie sagte es in einer Weise, die mit der »vornehmen Dame« nichts gemein hatte; sagte es wie eine arme gequälte Menschenseele, die viele schlaflose, viele tränenvolle Nächte kannte. Mit dem untrüglichen Instinkt der Frau hatte sie, ohne es zu wollen, durch ihre Antwort das Mitgefühl, das Mitleid dieses Mannes angerufen, der wähnte, ungestraft unter Felsengipfeln, über Gletschermeeren leben zu können. »Die ganze Zeit über waren Sie unglücklich?« rief er aus. »Und ich – sooft ich an Sie dachte, stellte ich Sie mir vor: geliebt, bewundert, in Glanz und Herrlichkeit. Auch dieses Bild, das ich mir von Ihnen malte, soll falsch gewesen sein? Denn Jahre und Jahre lebten Sie elend!« Mehr als seine Worte verriet seine leidenschaftliche Erregung seine Empfindung. Aber noch war es zu früh für diesen Triumph, der ihr größter Sieg sein würde. Es war jedoch etwas Tieferes, das sie bei diesem Gedanken erfüllte; etwas ihr selbst völlig Neues, das sie über alle Fraueneitelkeit erhob. Sie begann zu ahnen, daß ihre Sehnsucht, zu lieben und wiedergeliebt zu werden, alles, was gut in ihr war, auslösen würde; daß diese Stunde eine Entscheidung, eine Schicksalswendung enthielt. Wehe ihr, ließ sie den Augenblick vorübergehen. Er würbe nicht wiederkehren. So wollte sie ihn denn fassen und festhalten. Also setzte sie ihr Bekenntnis fort: in fast mädchenhaft schüchterner Weise, die sie ihm mehr und mehr als eine andere erscheinen ließ, als eine, die ihn verwirrte und zugleich entzückte. Die vornehme, elegante Frau, mit der er nichts gemein hatte, nichts gemein haben wollte – wie er beständig sich selbst wiederholte –, die für ihn bis dahin alle Parfüms der großen Welt umduftet hatten, bekam plötzlich etwas Rührendes, Hilfloses, der Schonung und Großmut des starken Mannes Bedürftiges. Die Gräfin sagte: »Sie baten mich um Verzeihung, und ich wußte nicht, was ich Ihnen hätte verzeihen sollen; denn Sie sind, es, der mir vergeben muß.« »Ich? ... Ihnen!« Es klang wie ein erstickter Aufschrei ... Erst nach einer Weile sprach sie weiter: »Sie hatten mich damals wachgerüttelt, und ich beharrte trotzdem in meinem unwürdigen Zustand. Anstatt meine Ehe zu lösen und dadurch meine Selbstachtung wiederzuerlangen, blieb ich schwach, feige – verächtlich. Lassen Sie mich das Wort aussprechen, das Sie zu fühlen mich lehrten. Es mag heute meine Buße sein. Sie ist leicht genug; denn sie besteht nur in einem Augenblick der Demütigung für die Schuld von Jahren.« Mit seinen Blicken an ihrem Munde hängend, brach Courtien aus: »Demütigung! Wie darf mir gegenüber dieses Wort über Ihre Lippen kommen?« »Gerade Ihnen gegenüber; denn gerade Ihnen bin ich dieses Wort schuldig. Überdies sind Sie der letzte Mensch, der von mir verlangen würde, eine Wahrheit unausgesprochen zu lassen. Ich müßte Sie nicht kennen.« Der Mann aus dem Volk, den die vornehme Frau zu kennen glaubte, wehrte sich gegen diesen Ausspruch: »Sie mich kennen? Was bilden Sie sich ein! Ich bin für Sie ein Fremder, wie Sie mir eine Fremde sind. Und dann – fühlen Sie nicht, daß Sie mich demütigen, wenn Sie in solcher Weise über sich zu mir sprechen?« »In solcher Weise zu Ihnen zu sprechen, gaben Sie mir selbst das Recht.« »Wann hätte ich das getan?« »Damals bei unserer letzten Begegnung, als Sie mir Dinge sagten, wie kein Mensch zuvor es gewagt hatte. Trotzdem blieb ich meines Mannes Frau.« »Ist Graf Oberndorff mit Ihnen auf Maloja?« »Ich bin allein hier. Ich bin hier, um Sie wiederzusehen. Nur darum.« Erst nach einer Weile sagte sie ihm, daß Graf Oberndorff tot sei.   Sivo Courtien war gewohnt, sich gegen Stürme zu wehren. Ungebeugten Hauptes trotzte er ihnen: denen des Lebens sowohl wie denen, die aus dem Bergell auffuhren und als Orkan über Maloja hinrasten. Wenn der Föhn auf dem hohen Paß durch Tage und Wochen wie das wilde Heer tobte und heulte, so waren es für ihn Heimatstimmen. Auch dem Sturm in seinem Innern ergab er sich nicht. Aber es rüttelte und riß doch mächtig an dem Mann, für den seelischer Aufruhr ein Element war, dessen Dasein er bis dahin geleugnet hatte, das für ihn nicht da sein sollte. Jetzt hatte es ihn doch gepackt. Sie bat ihn um Verzeihung, klagte sich vor ihm an, demütigte sich vor ihm, ihm eine Schuld bekennend, die er ihr erst zum Bewußtsein gebracht hatte. Sie sagte ihm, sie besäße das Recht, so zu ihm zu sprechen – nachdem er zu ihr gesprochen hatte, wie es zuvor noch niemand »gewagt« hatte ... Und dies alles war nichts gegen das eine : daß sie seinetwillen gekommen war; um ihm zu begegnen, um so zu ihm sprechen zu können. Ihr Mann war tot ... Hätte Graf Oberndorff noch gelebt, wäre sie noch seine Frau gewesen, so würde er gegen sie gefeit geblieben sein; denn die Frau eines anderen ... Welche Phantasien! Ob sie die Frau eines anderen war oder nicht, was kümmerte das ihn? ... Nur zu sehr; denn um seinetwillen war sie gekommen, und – Graf Oberndorff war tot. Dazu ihre zarte, blasse Schönheit, die ihm noch nie so wundersam erschienen war. Das feine Haupt beugte sich unter der Überfülle des seidenweichen, schimmernden Glanzes. Oder war es ihr Unglück, das auf sie drückte, daß sie gebeugten Hauptes neben ihm herging, der Enge des Weges wegen ihm so nahe, daß ihr leise rauschendes Kleid ihn streifte und er sich hüten mußte, sie nicht zu berühren? Aller Sonnenschein des Engadins schien das reizende Frauenhaupt zu umleuchten, so strahlend war die Pracht ihres Haares, darin sie sich hätte hüllen können wie das Gletscherweib vom Unheilsberge, das ihr gelöstes goldiges Gelock als Schleier um sich wob. Mit ihrem gesenkten Haupt hatte sie, die für ihn bis dahin das Vorbild einer vornehmen Dame gewesen, etwas fast Kindliches, das sie unendlich rührend machte. Und immer wieder der eine Gedanke: ›Deinetwegen kam sie! Nur um deinetwillen ...‹ Courtien mußte sich wehren gegen den wütenden Sturm, der seine Seele packte, mußte ungebeugter Seele auch diesen Orkan bestehen. Wofür war er Sivo Courtien? Die Hände geballt, die Lippen zusammengepreßt, stieß er hervor: »Mir tut leid, daß Sie um meinetwillen kamen. Sie hätten es nicht tun sollen. Überdies muß ich morgen schon fort ... Jawohl, schon morgen! Wenn Sie wüßten, wie es oben ist: wie in der Urwelt! Wie ich oben Hause: als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Groß ist's dort oben! Grausen würde Sie fassen vor solcher Größe. Hier unten bin ich schwach. – Ich bin es diesen Augenblick an Ihrer Seite. Wenn ich von hier fortgehe und hinaufsteige, werde ich stark sein. Dort oben, Gräfin, bin ich ein Herrenmensch, ein Übermensch ... Sie dürfen mich wegen meines Größenwahns auslachen.« Die Gräfin Oberndorff lachte jedoch nicht, sie sagte: »Wenn Sie wirklich schon morgen fortgehen und so bald nicht wiederkommen – aus Ihrer Höhe nicht so bald wieder in unsere Tiefe hinabsteigen, so gehören Sie heute noch mir. Nur heute. Überdies ist der Tag bald zu Ende; bald ist es Abend. Also bekomme ich Sie nur für wenige Stunden. Wollen Sie mir diese geben?« »Da es zum letztenmal im Leben ist –« »Zum letztenmal!« Sie sagte es, als wenn sie hätte sagen wollen: »Zum erstenmal!« 6 Der Gedanke, daß es das letztemal sei, beschwichtigte den Aufruhr in Courtiens Seele mehr, als alle Auflehnung gegen seine Empfindung vermocht hatte. Nur noch heute! Und dann – nicht erst in einigen Tagen, sondern morgen schon ... Hinauf, hinauf! Es würde ein Loslösen von der Erde, ein Befreien von dem Menschlichen sein, das auch für ihn etwas allzu Menschliches haben konnte, wie er heute voll Empörung über sich selbst erkennen mußte. Mit tiefem Atemzuge, als wäre ihm die Brust zusammengeschnürt, sah er um sich. Ihm war wie einem Wiederkehrenden zumute, den ein böser Zauber weit fortgeführt hatte. Durch seinen Vorsatz, schon morgen hinaufzugehen, hatte er den Bann gebrochen. Nun erkannte er wieder die Heimat, die er, ein zweiter Schöpfer, in seiner ganzen Herrlichkeit darstellen konnte wie keiner außer ihm. Als wäre er seiner großen, seiner einzigen Liebe untreu geworden – wenn auch nur für einen Augenblick –, blickte er auf See und Strand, auf Fels und Firn, durchdrungen von einem heißen Glücksgefühl: etwas zu besitzen, das er lieben konnte mit einer Liebesgewalt, die auch ein Element war, ein stärkeres und reineres als jene Naturmacht, die er heute hatte erkennen und fürchten lernen. Wenn die Leute, darunter selbst seine Feinde, ihn ein Genie nannten, so wußten sie nicht, daß er allerdings ein Genie besaß: das zu lieben. Und an seiner Seite in dieser großen Natur das wundersame Frauenwesen aus einer Welt, die sich selbst die »große Welt« nannte. Gräfin Josette trug ein Kleid aus mattviolettem Tuch mit reicher Stickerei, Buketts von Parmaveilchen darstellend. Mit großen Sträußen Parmaveilchen war der breitkrempige violette Filzhut, war der violette Seidenschirm garniert. An die Brust hatte sie frische Maréchal-Nielrosen gesteckt. Die in die zarten Farben gekleidete feine Gestalt hob sich von dem dunklen Azur der Seeflut überaus reizend ab, und Courtien besaß nun einmal Künstleraugen. Auch in der Seele der schönen Frau regte sich mehr und mehr ein zuvor niemals empfundenes Lebensgefühl. Es hatte für sie etwas Berauschendes, als brächte ihr diese Begegnung endlich die Erfüllung eines einstmals geträumten leuchtenden Jugendtraums. Und es sollte heute das allerletzte Mal sein, wo es für sie doch das allererste Mal war: die Erkenntnis der Möglichkeit, daß auch sie lieben – auch sie leben konnte? Aber dieser eine Sommertag gehörte ihr: Sivo Courtien gehörte ihr an diesem einen Tage! Was konnte an einem Tage nicht geschehen, wenn es auch bald Abend sein würde? »Wohin gehen wir eigentlich?« Sie blieb vor ihm stehen, ihm in die Augen blickend, als wollte sie ihn mit ihren Augen festhalten, mit diesen unergründlichen Augen, von denen Courtien nicht wußte, welche Farbe sie hatten. Gerade jetzt leuchtete es darin auf wie in der leise bewegten Seeflut, darauf die Sonnenlichter flimmern und funkeln. »Ja, wohin gehen wir eigentlich? ... Wohin Sie wollen.« »Wohin ich will –« Sie sprach ihm die gleichgültigen Worte mit einem Ausdruck nach, als legte sie ihnen eine symbolische Bedeutung bei, als spräche sie eine Beschwörung, die bewirkte, daß er den Weg schreiten mußte, den sie ihn führen würde. Nun setzten sie ihren Weg fort. Es war so gleichgültig, wohin sie miteinander gingen, wenn sie nur miteinander gingen. Mit innerem Frohlocken, das ihr Herz schwellte, verglich die Gräfin ihren Begleiter auf dem schmalen Pfad zwischen Fels und Flut mit den Männern aus ihrer Welt. Gerade, daß er kein sogenannter schöner Mann war, gefiel ihr an ihm. Übrigens hatte er sich seit Rom sehr verändert – zu seinem großen Vorteil. Es war etwas Urwüchsiges, Urkräftiges an ihm, etwas von Mutter Erde. Selbst seine ungepflegte schwarze Haarmähne und sein düsterer Prophetenbart gefielen ihr heute. Mit seiner tiefbraunen Hautfarbe glich er einem Südländer. Sein Gesicht, dessen fast finsterer Ernst so überaus charakteristisch für den Mann war, hatte große Züge. Und in diesem machtvollen Rassegesicht strahlten die Augen eines Künstlers. Wie prächtig er sein Haupt trug! Als wäre er ein Herrscher dieser Felsenwelt, ein Alpenkönig. Diesen Eindruck milderte auch nicht das Unkultivierte seiner Erscheinung: die dunkle, derbe Bergtracht, die etwas Zeitloses hatte. Sivo Courtien in einem von einem englischen Schneider verfertigten Gehrock oder einem tadellos sitzenden Frack mit weißer Krawatte, Sivo Courtien mit geschorener Lockenfülle, Sivo Courtien salonfähig gemacht, mit anderen Damen und Herren der guten Gesellschaft, war eine Vorstellung, bei der die Gräfin lächeln mußte. Ihr Lächeln war für sie ebenso befreiend wie für Courtien der Gedanke an das »allerletzte Mal«. Jetzt war auch in ihr der Bann gebrochen. Mit jener feinsten Kunst der Konversation, deren nur die vollendete Dame mächtig ist, begann sie zu plaudern, beständig mit dem erlösenden Lächeln auf ihrem Gesicht und in ihrer Seele. Sie sprach vom Maloja, und sie sprach davon in einer Weise, als fühlte sie die leuchtende Schönheit des Engadins bis zur Begeisterung, zur Ergriffenheit. Da wurde auch Courtien beredt. Niemals hätte er geglaubt, daß sie so sprechen, so empfinden könnte! Obgleich sie einer anderen Welt angehörte und er mit ihr auch jetzt nichts gemein haben wollte, fühlte er trotz dieses Vorsatzes zwischen der Fremden und sich ein geheimnisvolles magisches Band. Ihr vertraut fühlte er sich: er, Sivo Curtien, vertraut der Gräfin Oberndorff! Von allem Wundersamen, das er heute erlebte, erschien ihm dies als das Wundersamste. Es war die schöne Zeit der Wiesenblüte auf Maloja, und diese Blüte war ein Blumenzauber. In bunten Strömen ergossen sich die Frühlingsfluten von den Felswänden, darüber der Glanz der Firnen strahlte, in alle Tiefen nieder. Das wilde Land war ringsum überschwemmt von einem Blühen ohne Ende. Die rosigen und violetten, die blauen und gelben Blumenbäche schienen von allen Seiten her in den dunklen Bergsee niederzufließen, der ihr farbiges Spiegelbild zurückwarf. Scharen von Schmetterlingen und Käfern gaukelten über den Kelchen, und das Summen der Insekten tönte wie der Frühlingsgesang der Flur. Vor üppigem Blühen war von Gräsern und Halmen nichts zu sehen. Und den blumigen Wiesen entströmte ein Wohlgeruch, als wäre die Erde eine Opferschale, zu dieser Feier der Schönheit von der Sonne entzündet. Plötzlich bog Josette vom Wege ab und stieg mitten hinein in die Blumenflut. Die Schritte der reizenden Frau zogen eine tiefe Spur durch das Gefilde, das ein einziges Gartenbeet war. »Im Engadin ist das Betreten der Wiesen verboten. Man wird Sie einfangen und dem Richter ausliefern«, rief Sivo, ihr nacheilend. Aber nicht, um sie zurückzuhalten, sondern um sich mit ihr erwischen und strafen zu lassen. Mit Entzücken hingen seine Augen an ihrer Gestalt, die die zarte Anmut einer Psyche, das Ebenmaß einer Antike hatte. Jede ihrer Bewegungen war voller Rhythmus. Sie erschien ihm wie ein menschgewordener Akkord, wie eine verkörperte Melodie. Und wie jung sie noch war! Er konnte sich nicht vorstellen, daß sie eine Frau sein sollte, die viel erlebt, viel gelitten hatte. An das eine mußte er beständig denken: an ihr vieles Leiden bei ihrer großen Jugend. Und sie war gewiß zur Freude geboren, ein Sonnengeschöpf, ein Liebling des Glücks ... Gleich darauf beständig sein zweiter Gedanke: ›Wie unrecht hast du ihr getan. Du hast dich an ihr geradezu versündigt!‹ Mit ihrem verklärten Lächeln und ihrer Kinderfreude über die Blumenfülle fand er sie, eingedenk ihrer vielen Leiden und des ihr von ihm zugefügten Unrechts, wert des schönsten Glückes und einer Liebe, dafür seine Sprache keinen Ausdruck besaß. Also – nach diesem schon sinkenden Tage würde er sie nicht wiedersehen. Niemals wieder. Sie ging ihren Weg, der sie in ihre Welt zurückführte; er ging den seinen, der ihn aus der Welt fort in Öden leitete, zu Gipfeln hinauf, in stolze, in starre Einsamkeiten. Ihre Wege mußten sich trennen. Hätte er dann nur einmal von ihr gehört, daß sie nicht mehr elend, daß sie glücklich sei – über alle Maßen; daß sie geliebt ward – über allen Ausdruck. Er gönnte ihr das maßlose Glück; aber er gönnte sie nicht jenem unbekannten Manne, der es ihr bringen sollte ... Was für Gedanken der Tag heute in ihm aufwühlte, nie zuvor gedachte! Dabei erfüllte ihn solches Gefühl von Jugend, Kraft, Sehnsucht! Jawohl: auch von Sehnsucht. Zugleich das seiner tiefen Einsamkeit. Dabei war es diese, die das Leben für ihn erst lebenswert machte, ohne die er kein Künstler hätte sein können. Er würde aufhören, ein Künstler zu werden, je mehr er aufhörte, ein einsamer Mensch zu sein. Sie stiegen die Hänge hinauf und erreichten einen Pfad, der aus der Tiefe durch die Blumenfluten steil aufwärts führte. Gräfin Josette wandte sich ohne weiteres der Höhe zu, als wollte sie den Mann, der ihr widerstandslos, willenlos folgte, von den Menschen weit fort und in jenes Reich locken, in dem außer Sivo Courtien nur noch das Unheilsweib vom Monte della Disgrazia hauste. Seltsam, daß sie plötzlich jenes Gemäldes gedenken mußte! Noch seltsamer, daß er es gemalt hatte, bevor er sie gesehen ... Was fuhr ihr heute nur durch den Sinn? Als ob sie ein Dämon sei, der sein Verderben wollte? Lieben wollte sie ihn, ihn beglücken; ihn lehren, was es heißt: zu lieben und glücklich zu sein. Gerade für den Künstler bedeutete die Liebe das Leben; gerade für diesen Mann. Wie prachtvoll sie stieg! Als ob der Weg eben führte und sie eine geübte Bergsteigerin wäre – in ihrem modischen Kostüm, mit dem Wunderwerk von Sonnenschirm als Bergstecken. Keinen Blick von ihr wendend, dachte er: ›Du könntest mit ihr die Margna besteigen! Und du hast ihr nur Schwäche zugetraut. Als sie auf der römischen Landstraße neben dir herging, war sie freilich eine ganz andere: eine Müde, zum Umsinken Ermattete. Es war überaus edel von dir, keine Rücksicht auf sie zu nehmen und fast zu laufen. Wundervoll ritterlich gegen eine Dame war's. Schäme dich, Sivo Courtien!‹ Heute würde er sie bei besonders schwierigen Stellen »ritterlich« gestützt haben. Aber sie bedurfte seiner Hilfe nicht. »Wie schön Ihre Heimat ist!« Sie blieb stehen, schaute um sich, über sich selbst erstaunt: ›Was ist das nur mit mir? Ich finde es wirklich schön. Diese entsetzlichen Berge gefallen mir plötzlich. Und wie leicht das Steigen mir wird, wie gut es mir tut. Macht das die berühmte Luft des Engadin oder ... Oder was?‹ Die Freude über ihre Bewunderung seiner Heimat machte Sivo so froh, wie er sich niemals gefühlt hatte. Er wurde gesprächig, zeigte ihr seine Lieblinge, nannte die Namen aller Gipfel, schilderte das Leben der Bewohner, ihren beständigen Kampf mit dieser mörderischen, dieser heißgeliebten Natur, malte der schönen Frau die schreckliche Pracht eines Malojawinters, ließ für sie die Stürme aufbrausen und die Nebel aufsteigen, die den einsamen Wanderer verschlingen und dem Todessturz zuführen, erzählte ihr Alpentragödien mit dem beredten Munde eines Dichters, so daß sie hingerissen zuhörte. Als er mit einem tiefen Atemzuge seinen Bericht schloß, blieb sie stumm. Aber ihre Blicke sprachen; und Courtien, der sein Herz für so starr hielt wie den Gipfel der großen Margna, überlief bei dieser wortlosen Sprache ein Schauer. »Und wo ist der Monte della Disgrazia?« Sie stand neben ihm, so nahe, daß die Glut ihrer Jugend von ihrem Körper zu ihm überströmte, und tat die Frage mit leiser Stimme, fast flüsternd, als berührte sie eine geheime Saite seines Inneren, davon nur er und sie wußten – nur er und sie wissen durften. Ebenso leise und heimlich gab er zur Antwort: »Dort drüben. Sie können den Berg von hier aus nicht sehen. Ihm gegenüber steht mein Haus. Wenn Sie wüßten, wie stolz meine Einsamkeit ist, so würden Sie –« Er verstummte, erbebte. Ihm war's, als hätte er plötzlich eine Vision. Mit diesem zweiten Gesicht sah er sich selbst: dort oben, wo er König war, und an seiner Seite das junge, verführerische Frauenwesen, das jetzt neben ihm stand und ihn ansah mit diesem rätselhaften Blick und den leise geöffneten, lächelnden Lippen. Er brauchte nur seinen Kopf zu neigen und – Er dachte es. Und während er es noch dachte, hatte er es bereits getan: er hatte das zu ihm emporgehobene Gesicht mit beiden Händen gefaßt und an seine Brust gerissen, hatte sie auf ihre Augen, ihre Stirn, ihre Lippen geküßt. Seine Küsse hatten ihre Augen, ihre Lippen geschlossen.   So war es denn geschehen, wie es geschehen mußte. Sivo Courtien hatte auf diesen Frauenmund einen Kuß der Ewigkeit gedrückt; denn für alle Ewigkeit war er durch seinen Kuß dieser Frauenseele verfallen. Es war der erste Kuß seines Lebens gewesen.   Jetzt begann Sivo Courtiens tiefer Traum. Wortlos folgte er, wohin sie ihn führte. Und sie führte ihn auf schmalem Pfade zwischen Blumengefilden, an Abgründen vorüber höher und höher. Nach einer Stunde Steigens gelangten sie auf eine ebene Halde, mit großen blauen Enzianen wie mit einem Stück wolkenlosen südlichen Sommerhimmels bedeckt. Sie sahen die wonnige Flur erst, als sie, um einen scharfen Felsvorsprung biegend, sie betraten. Sivo wäre gern umgekehrt, denn auf der Genzianenwiese befand sich eine fröhliche Gesellschaft, deren Stimmen und Lachen den beiden Schweigenden wie ein Ruf des Lebens entgegendrang: lustige Kinderstimmen, glückseliges Kinderlachen. Die Schule von Maloja, Mädchen und Knaben, hatten an dem schönen Frühlingsnachmittag einen Ausflug unternommen, angeführt von Lehrer und Lehrerin: von Maira à Mara und dem Jüngling mit dem dionysischen Namen, dem dionysischen Wesen. Die Knaben pflückten die blauen Glocken und brachten sie den Gefährtinnen. Diese kauerten mitten unter dem blühenden Azur um Maira geschart und wanden nach Mädchenart Kränze aus den blauen, blattlosen, strahlenden Kelchen. Auch die Lehrerin wand eine Blumenkrone. Aber sie tat es mit so ungeschickten Händen, daß die Schülerinnen die Meisterin auslachten. Der junge Lehrer – Courtien sah ihn zum ersten Male – hatte seine Mandoline mitgebracht. Noch deckte die beiden der Fels, noch hätten sie unbemerkt zurücktreten können. Sie sahen den jungen Mann die Laute nehmen, hörten ihn spielen und singen: »Ma bella val, mi Engadina ...« In dem Traum, zu dem Sivos Leben geworden war, hörte er den Fremden das geliebte Lied der Engadiner mit einem Ausdruck singen, daß der schöne Jüngling inmitten der Kinderschar einem Zauberer glich, dessen Melodien die Menschen aus der Tiefe emporgezogen hatten – emporgezogen auch Maira. Das Lied war zu Ende. Diejenigen von den Mädchen, die mit ihren Gewinden fertig waren, setzten sie einander unter Jubel und Lachen auf; und da Mairas Hände sich als zu ungeschickt erwiesen, um Blumen zu flechten, so kam eines der Kinder – das jüngste und lieblichste – und kränzte auch das Haupt der Lehrerin. Das nämliche geschah dem Sänger, der sich die Blumenkrone gefallen ließ, als müsse er sie tragen. Die zwei jungen schönen Menschen sahen in dem gleichen Blumenschmuck wie ein Brautpaar aus. In diesem Augenblick trat Gräfin Josette vor und wurde sofort mit ihrem Begleiter, der ihr auch jetzt folgte, von der Jugendgefährtin erkannt. An der Seite der vornehmen Frau schritt Sivo auf Maira zu. Die Lehrerin erhob sich. Weit offenen Auges sah sie den beiden entgegen: Sivo Courtien zusammen mit der Fremden, die sie schon kannte, die ihr Bewunderung und zugleich Furcht eingeflößt hatte. Plötzlich wußte sie davon den Grund: die Fremde war das Gletscherweib, die Unheilsfrau. Und sie war gekommen, um – – Die Kinder, die den Sänger nach Beendigung seines Liedes jauchzend umringt hatten, waren still geworden. Scheu traten sie zurück. Dionisio sah nicht die fremde, elegante Dame, sondern Maira an, die mit ihrem blauen Kranze und ihrem bleichen Gesicht von geradezu unheimlicher Schönheit war. Dazu ihr Blick! Was war zwischen ihr und diesem Manne? Es mußte Sivo Courtien sein. Nur er konnte so aussehen. Zugleich hatte der junge Lehrer die Empfindung: ›Dieser Mann ist dein Feind. Aber auch du hassest ihn! Zwischen ihm und dir geschieht einmal etwas Verhängnisvolles, Furchtbares.‹ Sivo hörte die Gräfin sagen: »Das ist gewiß Ihre gute Freundin Maira, von der ich schon damals in Rom vernahm. Bei meiner Ankunft bin ich ihr auf der Landstraße am See begegnet. Ich erkannte sie sofort.« Und er hörte die Gräfin die Lehrerin begrüßen und ansprechen: »Ich bin von Rom her eine alte Bekannte Ihres Freundes. Stellen Sie sich vor: er wurde gebeten, mein Porträt zu malen, und schlug es ab. Ich war nicht einmal beleidigt. Wir sprachen auch von Ihnen. Doch wollte Ihr Freund vor Fremden von Ihnen nicht sprechen.« Sivo hörte zu und wollte sich freuen, wie einfach und natürlich die Gräfin zu seiner alten, guten Freundin sprach, war jedoch zu traumumfangen, um zum Verständnis der Wirklichkeit gelangen zu können. Er bemerkte, daß die Gräfin kein Auge von der Lehrerin wandte. Die beiden schienen sich mit den Blicken zu messen: ›Wer von uns ist die Stärkere?‹ ›Ich bin's‹ – sagten die Augen Mairas. Und die Augen der Dame der großen Welt erwiderten: ›Arme Törin. Was kannst du gegen mich? Ich bleibe Siegerin!‹ ›Die Stärkere von uns beiden bin ich dennoch‹ – lautete die stumme Antwort des Mädchens aus dem Volke. Ohne der Gräfin eine andere als diese schweigende Erwiderung zu geben, wandte sich Maira an Sivo: »Du kennst den neuen Lehrer noch nicht. Er heißt Dionisio Fidora. Daß Herr Fidora bei uns wohnt, wirst du gehört haben. Die Kinder gewannen ihn gleich am ersten Tage lieb.« Zu dem Lehrer sagte sie nur: »Das ist Sivo Courtien.« Die Männer begrüßten sich, wie sich Gegner begrüßen. Maira wußte sofort, daß sie recht gehabt hatte: Sivo Courtien würde den neuen Lehrer nicht ausstehen können – trotz seiner leuchtenden Schönheit, die doch sogar das Mädchen, das den Künstler liebte, an der Jünglingsgestalt sehen mußte. Erst jetzt fiel ihr ein, daß sie vor der Fremden und dem Freunde als Bekränzte stand. Sie errötete vor Unwillen über ihre Gedankenlosigkeit, nahm sich mit beiden Händen den Kranz ab, den sie zu Boden fallen ließ. Dionisio dagegen behielt den seinen auf. Der eitle Jüngling ärgerte sich, daß die vornehme Dame ihn nicht ein einziges Mal staunend betrachtete: war er sich doch bewußt, wie ein junger Gott auszusehen: vollends neben der düsteren Gestalt des Engadiners, von dem die Leute solch Aufhebens machten und den zwei Frauen – liebten. Erst jetzt sprach Sivo Courtien Maira an: »Morgen geh' ich hinauf.« »Also sage ich dir jetzt Lebewohl.« »Ich komme noch zu dir.« »Wie kannst du das, da du morgen schon fort willst?« »Ich komme heute abend zu dir.« Als hörte sie nicht, wünschte sie ihm: »Habe gute Arbeit.« »Das will ich.« »Du lässest dich gewiß bald einmal sehen?« »Wie kommst du darauf? Du weißt, daß ich oben bleibe.« »Ja, das hattest du vor.« »Und du weißt, daß ich mein Vorhaben halte.« Er sprach, als schliefe er mit wachen Augen. Maira sah den Kampf. Alles sah sie, alles erkannte sie: die ganze Größe der Gefahr. Aber er würde die Gefahr überwinden, auch er würde Sieger sein. Unerschütterlich glaubte sie an seine Kraft, seinen Willen. Noch glaubte sie daran ... Nachdem die beiden von der Gesellschaft sich getrennt hatten, ward es anders zwischen ihnen. Sie hätten nicht sagen können, was in den wenigen Augenblicken des Zusammentreffens mit den Kindern, mit Lehrer und Lehrerin sich geändert hatte; doch jeder fühlte die Wandlung und befand sich unter diesem Bewußtsein wie unter einer fremden Gewalt, gegen die einer von ihnen sich auflehnte: der Mann. Er tat es voller Groll, voller Empörung wider sich selbst: ›Als du an der Seite dieser fremden Frau plötzlich Maira gegenüberstandest, erschien dir deine alte Jugendfreundin als Fremde, während die andere – Nicht nur fremd fühltest du dich der treuen Gefährtin gegenüber, sondern sogar feindselig ... Weshalb brachte sie auch jenen widrigen Gesellen nach Maloja? Der Mensch ist ja in sie verliebt! Er wagt es! Als ob man sich in dieses Mädchen verlieben könnte? Überhaupt verlieben ... Ich versteh's nicht. Es ist etwas so Blasses, Mattes, Schwächliches. Lieben: leidenschaftlich, verzehrend, toll und sinnlos; in Liebe sein Schicksal finden, sein Verhängnis, seinen Untergang ... Bis vor kurzem verstand ich auch das nicht: nicht bis heute ... Liebe muß etwas Großes, Gewaltiges, etwas Grausiges sein. Ich weiß es nicht ... Um so besser begreife ich eines Mannes Liebe zu seiner Arbeit, seiner Kunst. Diese als Schicksal, meinetwegen als Untergang, das würde sich des Untergangs wenigstens lohnen; würde sich lohnen, gelebt zu haben.‹ Und an der Seite der schönen Frau versank Courtien in Grübeleien. Gedankenvoll blieb auch die Gräfin. Mairas unerwarteter Anblick auf der azurblauen Flur in der jubelnden Kinderschar, die stolze Haltung der Volksschullehrerin von Maloja, ihr mit Enzianen bekränztes Haupt hatten auf Josette starken Eindruck gemacht. Zugleich erhob sich in ihr eine warnende Stimme: ›Von diesem Mädchen droht dir Gefahr. Es haßt dich; denn es liebt den Mann, der dein werden soll, besser und stärker als du. Diese Maira wird ihn vor dir schützen, ihn dir entreißen wollen ...‹ Da er ihr für den Rest dieses einen ersten und – letzten Tages gehörte, so fragte er die Herrin nach ihrem Befehl. Es kostete ihn Anstrengung, zu sprechen. Durch Eis und Schnee, unter Gefahr von Lawinen und Steinschlag einen Pfad zu seinem Alpenhause zu bahnen, war leichter, als jetzt auf verhältnismäßig ebenem Wege neben ihr hinzugehen. Wieder wäre er am liebsten mächtig ausgeschritten; und er wunderte sich über sich selbst, daß er seinen Schritt dem ihren anpaßte, ängstlich bedacht, keine Eile zu verraten. »Wohin befehlen Sie also?« Gräfin Josette antwortete nicht sogleich. Sie lauschte auf seine Stimme, die einen ungewohnten Klang hatte. Und ebenso neu für sie war, was er in diesem eigentümlichen Ton zu ihr sagte. Sie sollte »befehlen«. Es wurde ihm schwer, das Wort auszusprechen; er kämpfte mit dem fatalen Wort, stieß es mit verhaltenem Ingrimm hervor. Aber – er sprach es aus! Selbst ihr, der Weltgewandten, gelang es im Augenblick nicht, in leichter Weise zu erwidern: sie bitte um sein Geleit an einen Ort, der ihm besonders lieb sei; denn schön sei es überall in diesem wundersamen Lande. Später dann – »Später führe ich Sie in mein Ihnen verhaßtes Palasthotel. Sie werden dort mit mir speisen und werden sehen, daß es gar nicht so schlimm ist. Danach ... Richtig! Sie versprachen Ihrer Freundin, heute auch von ihr Abschied zu nehmen. Ich werde Sie daher noch vor Ablauf meines Rechtes auf Sie huldvollst entlassen ... Wissen Sie übrigens, daß dieses Fräulein Maira eine Schönheit ist?« »Ich weiß.« »Wie Sie das sagen!« »Wie, wenn ich fragen darf?« »Böse, zornig.« »Ich liebe nicht, von ihr sprechen zu hören. Nicht in solcher Art.« »In welcher Art, wenn ich fragen darf?« Er überhörte, daß sie seine eigene Redewendung brauchte, und murmelte: »Überhaupt von ihr sprechen zu hören.« »Ach so!« Nur eine Frau konnte die zwei kleinen Worte mit solchem Ausdruck sagen; nur eine Frau, die zu horchen, zu belauschen, zu verstehen vermochte – auch die leiseste, die verhüllteste Regung einer Männerseele. Die Gräfin verstand, daß dieses Mädchen Courtien zu teuer sei, ihm zu hoch stehe, um ihren Namen aus dem Munde einer anderen Frau zu hören. Vollkommen zusammenhanglos rief ihr Begleiter plötzlich: »Übrigens ist sie kein Fräulein.« »Sondern?« »Ein Mädchen aus dem Volk, ein Weib von Maloja – wie ich kein Herr bin, sondern ein Oberengadiner, ein Alpenmensch, ein Mann aus dem Volk. Mein Vater war Hirte. Ich will Ihnen das Haus meiner Eltern zeigen. Vielmehr die Hütte. Wollen Sie?« »Gewiß, lieber Freund.« Es war für Courtien der Tag großer Erlebnisse: jeder Augenblick brachte ihm eine Erkenntnis. Wie auf einen Wohllaut horchte er auf den Klang dieser Frauenstimme, begierig, den Ton zu hören, und fühlend, wie er in seiner Seele nachhallte. Aber – hatte diese leise faszinierende Stimme nicht während all der Jahre zu dem Einsamen gesprochen? Hatte er sie nicht in seinen Träumen wieder, immer wieder vernommen? Und schien es ihm jetzt nicht, als ob es etwas durchaus Natürliches sei, daß sie zu ihm sprach; als käme überhaupt alles so, genau so, wie es kommen mußte? Nur noch heute würde er auf ihre Stimme lauschen können, diese Stimme schon von morgen an nur in seinen Träumen wieder vernehmen: durch Sturm und Lawinendonner, leise, lockend, wie Zaubersang, wie das girrende Lachen des Gletscherweibes vom Monte della Disgrazia. Es geschah diesen Augenblick, daß er plötzlich wußte, weshalb er sich von seinem Gemälde nicht trennen wollte – obgleich er von dem Erlös seine Schulden hätte zahlen können: sein Gletscherweib mußte die Stimme der schönen Frau haben, deren Bild zu malen er sich geweigert hatte und die gerade deshalb ihr Bild in seiner Seele zurückließ. »Gian Vital!« Sie hatten den Seestrand wieder erreicht. Ganz nahe vom Ufer ruderte der Kapuzinerjäger vorüber. Im Nachen befand sich noch ein Mädchen. Courtien kannte es nicht, dachte, im Geiste seinen Jugendfreund anredend: ›Also das ist sie, die du vor dir selbst warntest, weil du sie mit dir nicht betrügen wolltest. Dann kam sie zu dir – da du nicht zu ihr kamst. Und jetzt liebst du sie so wild und toll, daß du von ihr nicht mehr lassen kannst – nicht kannst! ... Wie seltsam ist das alles: sinnlose Leidenschaft für ein Weib ... Und was solche aus dem Manne macht! Freilich nicht aus jedem Manne!‹ Vital hatte auf den Anruf hin sein Fahrzeug nach der Stelle gelenkt, wo sein Freund und die fremde Dame standen, als erwarteten sie ihn. Aus großen Augen sah der Bärenjäger auf die beiden: Sivo Courtien zusammen mit einer Frau? Mit dieser Frau! Also geschahen noch immer Wunder und Zeichen. Sollte auch für diesen Mann die Stunde geschlagen haben? Sivo Courtien und die fremde, seine Dame. Das konnte kein gutes Ende nehmen. »Was soll's?« »Du sollst uns nach Crap da Chüern hinüberfahren.« »Steigt ein!« Einsteigend betrachtete Courtien das Mädchen, das über das Herz des Wildlings solche Gewalt besaß. Sie war noch blutjung, schmächtig, blaß – häßlich. Wahr und wahrhaftig häßlich! Gar nicht wie ein Mädchen, wie ein Menschenwesen, sondern wie ein Geschöpf der Sage, wie ein Bergkobold, ein Alraunchen. Auch so braun von Angesicht. Aber die Augen! In diesen fast gelben Augen flackerte und flammte eine verzehrende Glut. Und Lippen wie blutig geküßt. Nie zuvor hatte Sivo solche Frauenaugen und Frauenlippen gesehen. Das fremdartige Wesen saß nicht im Nachen, sondern kauerte darin, einem gefangenen bösartigen Raubtier gleich. Unverwandt starrte es die Gräfin an, etwas Beutegieriges im Blick. Um des Mädchens willen war dem Jäger die Begegnung mit dem alten Freunde unangenehm. Nun kannte dieser seinen Schatz, und nun wunderte er sich. Mochte er! Was wußte er davon, wie seine Wildkatze küssen konnte. Das war's ja eben, was ihn nicht losließ: das beständige Einfangen, Zähmen, Bändigen. Jeden Tag von neuem das nämliche. Solch gelbes, garstiges Ding; und er kam nicht los davon. Begreif es ein anderer. Sie fuhren über den regungslosen Alpsee, der dunkel und schwermutvoll war wie die Seele eines Einsamen. Aber die Gewaltigen des Engadin tauchten mit all ihrer Herrlichkeit in die stillen Fluten hinab, daß es war, als glitten die Fahrenden über Gipfel und Gletscher unmittelbar in einen in Purpurschein und Rubinglanz leuchtenden Abendhimmel hinein. Courtien stellte der Gräfin ihren Fährmann vor: »Das ist mein Jugendfreund Gian Vital. Im Engadin gibt es nur einen wie ihn. Er fängt Bären, als wären es Murmeltiere. Wenn ich dort oben bin, müssen Sie ihn einmal am Cavalocciosee besuchen. Nur in seinem Hause können Sie ihn kennenlernen. Es lohnt der Mühe.« Gian Vital brummte etwas, das höflich sein sollte, jedoch ziemlich bärenmäßig klang. Die Gräfin wollte ihm liebenswürdig erwidern, fühlte sich indessen diesem alpinen Nimrod gegenüber von ihrer Weltdamenkunst verlassen. Ohne sich um die Gegenwart der Fremden zu kümmern, berichtete der Schiffer dem Freunde: »In Chasté holte ich sie ab. Sie will ins Hotel. Denke doch! Aber – sie will eben. Was kann ich tun? Die im Hotel wollen sie für die Fornohütte haben. Dort soll sie Gäste bedienen: feine Herrschaften. Sie weiß, daß ich sie – Aber sie will eben; obwohl sie weiß. Sie soll sich in acht nehmen! Sie und die ganze Sippe!« Er sagte die wilden Worte durchaus gleichmütig. Courtien bemerkte jedoch in seinem Blick jenes Aufglühen, das ihn damals bei dem Aufstieg zu seinem Alphause mit Entsetzen vor dem Mann erfüllt hatte, mit Grauen. Er sah das Mädchen an. Das kauerte im Boot, kümmerte sich um nichts, stierte auf die Gräfin, schien Blut auf den Lippen, Flammen in den Augen zu haben. Bald darauf landete das Boot an dem Felsenufer vom Crap da Chüern. Courtien half Josette aussteigen. Als er sich zurückwandte, hatte der Jäger das Boot bereits abgestoßen. »Morgen bezieh' ich meine Hütte. Du hilfst mir doch hinauf?« rief er hinüber. »Bleib lieber gleich unten«, tönte es vom See zurück.   »Hier wuchsen Sie auf?« »Gefällt's Ihnen nicht?« »Ich bewundere Sie.« »Weshalb?« »Daß Sie's aushielten. Es macht Ihnen Ehre.« »Schande hätt' es mir gemacht, wär' es anders gewesen. Sie natürlich begreifen nicht, wie man ohne Luxus leben kann. Sogar sehr gut leben. Und daß man auch in einer Hütte etwas werden kann. Sogar etwas Tüchtiges.« »Sie wurden in dieser Höhle ein Genie.« »Nennen Sie mich nicht so!« »Ich wollte Sie nicht beleidigen ... Weshalb finden Sie es natürlich, daß ich ein Leben ohne Verfeinerung nicht begreifen soll? Gerade ich nicht begreifen?« »Weil das gerade in Ihrer Natur liegt. Es gibt keine größeren Gegensätze als Ihre und meine Natur.« Da er der Gräfin seine elende Behausung zeigte – sie war auch jetzt nicht viel mehr als eine Hirtenhütte – reizte es Courtien, der vornehmen Frau die »Gegensätze ihrer Naturen« gewissermaßen greifbar vor Augen zu führen: die Umgebung eines Alpenbauern, die sein Zuhause war, und sie selbst in ihrer Pariser Toilette, ihrer Kultur, ihrem »certain air de grande dame« . Sie merkte es wohl, empfand genau das nämliche, empfand in dieser ihm heimischen Umgebung ein starkes Unbehagen, wandte sich ab, trat ans Fenster, öffnete es und ließ die Majestät der in Sonnenuntergangsgluten strahlenden Gletscherwelt in das dürftige Gelaß leuchten. Nach einem beklommenen Schweigen fand sie sich wieder, lächelte über sich selbst und ihren vorhin gehabten Schrecken – er hatte ja so trostlos recht mit den Gegensätzen ihrer Naturen! – konnte ihm ihr lächelndes Gesicht zeigen. Da gewahrte sie im Zimmer einen Gegenstand, der sie, die etwas Anmutiges, etwas Heiteres sagen wollte, plötzlich stumm und ernst machte – ernst bis zur Ergriffenheit. In dem öden Raum, der, nur mit dem Unentbehrlichsten ausgestattet, Wohngemach und Atelier zugleich war, stand auf einer Staffelei ein Gemälde, das die Gräfin Oberndorff nur zu gut kannte. Die Purpurflamme der Abendsonne ließ den Leib des schönen Weibes erglühen, das aus dem Gletscherspalt emportauchte, erhobenen Angesichts, mit ausgebreiteten Armen, auf den Lippen die Melodien des Liebessangs, mit dem sie den Unseligen lockt, eine Sirene, ein Dämon, eine Verderberin: das Weib vom Unheilsberg! Die Gräfin Oberndorff stand vor dem Gemälde und betrachtete es so lange, bis der schimmernde Frauenleib und das emporgehobene Antlitz in die Schatten der anbrechenden Dämmerung sanken. Von den beiden, die auch jetzt noch stumm einander gegenüberstanden, sprach keiner aus, daß mit dem Gemälde, seitdem es die Gräfin in Rom zum erstenmal gesehen hatte, eine Veränderung vorgegangen war: an dem Gesicht des Alpengespenstes, das dort oben in der Eiswüste Hausen sollte, wo Sivo Courtien sein Lebenswerk schuf, seine »Alpentragödie«. 7 Courtien verschloß das Haus hinter seinem Gast ... Erst als die Gräfin vor seinem Bilde gestanden, als er in ihrem Gesicht die jähe Veränderung gesehen hatte, ward er sich bewußt, daß er ihr Porträt, das zu malen er sich damals weigerte, schließlich doch gemalt hatte. Größer noch als der Schrecken über diese plötzliche Erkenntnis war die Scham, die ihn dabei befiel. Ihm war zumute, als enthüllte er ein angstvoll gehütetes Geheimnis. Und es war sie, vor der er sich so hüllenlos zeigte. Jetzt wußte sie's! Jetzt wußte sie, daß er sie immer geliebt hatte; seit jener ersten Stunde geliebt ... Es mußte eine hassende Liebe geben. Denn was er in diesem Augenblick für die Geliebte empfand, kam dem Haß gleich. Von der Möglichkeit all dieser Dinge hatte er nichts gewußt – nichts bis heute. Was sollte er beginnen, um diese Schwäche zu neuer Stärke zu machen, seine Scham über sich selbst zu neuem Selbstbewußtsein? Würde ihm das jemals gelingen? War er nicht für sein ganzes Leben gedemütigt, erniedrigt, beschimpft? ... Es gibt Männer, die ihren Stolz erst erkennen, wenn er gebrochen ist. Was konnte dann helfen? Im Augenblick fiel seinem durch seine Schwäche tödlich beleidigten Männerstolz keine andere Hilfe ein, als in finsterer Versunkenheit an ihrer Seite auf der längs des Sees sich hinziehenden Landstraße dem Hotel zuzuschreiten. Noch war der Tag nicht vorüber, noch »gehörte« er ihr. Das Wort besaß für sein Ohr einen fatalen Klang, dem von Leibeigenschaft ähnlich; und keine Faser seines Wesens sollte einem anderen Menschen zu eigen sein! Also wähnte er noch immer, trotz seines Kusses, frei von ihr zu sein, wo er doch bereits mit unzerreißbaren Ketten an sie gebunden war.   Das Hotel! Eine strahlende Halle; Teppiche, Blumen, Luxus; ein Kellnerheer in Lakaienlivree; Damen und Herren aller Nationen in Gesellschaftstoilette; eine fremde Kulturwelt, plötzlich, gleichsam über Nacht, in diese Welt einsamer Alpenherrlichkeit verpflanzt. Dem Sohn der Alpen preßte es das Herz zusammen, so daß er nur mühsam Altem holen konnte. Seine Erscheinung an der Seite der eleganten Frau erregte Aufsehen. Man starrte ihn an, man flüsterte. Der Direktor des Etablissements, der wie ein Grandseigneur aussah, erkannte ihn, grüßte ihn fast ehrerbietig, und nach wenigen Augenblicken wußten es alle: ›Sivo Courtien! Das ist Sivo Courtien! Der berühmte Künstler, der Stolz von Maloja. Ein Sonderling, ein Menschenfeind. In der Nähe des Monte della Disgrazia hat er sich ein Haus gebaut. Man denke! Er malt dort ein Bild, das ein Unikum sein soll. Kein Mensch bekommt es zu sehen ... Sivo Courtien im Hotel? Mit einer Dame: mit der schönen Gräfin Oberndorff! Was will er bei ihr? Was will sie mit ihm? Seltsam! ... Jedenfalls ist er ein merkwürdiger Mann, Und – auch – jedenfalls ist es eine merkwürdige Sache.‹ Sivo Courtien sah nicht die Blicke; aber er fühlte sie. Er hörte nicht die Worte; aber er wußte, daß sie gesprochen wurden. Er erbebte. Seinetwillen steckten sie die Köpfe zusammen, über ihn flüsterten sie – Wenn er sich jetzt, vor allen diesen gaffenden, tuschelnden Menschen, schweigend vor der Gräfin verneigt und sich entfernt hätte? Welche Schwäche, welche Feigheit! Er biß die Zähne zusammen und folgte ihr. Unwillkürlich ballten sich seine Hände, als griffe er nach einem unsichtbaren feindlichen Etwas. Er faßte es, zerdrückte es in seiner geballten Hand: seine Schwäche, seine Feigheit ... Jetzt befand er sich in ihrem Salon, in dem sie ihn allein gelassen hatte, um ihr Kostüm zu wechseln. Im Nebenzimmer hörte er sie mit der französischen Kammerfrau sprechen. Er stand und sah sich um, mehr und mehr die Wirklichkeit als unwirklich empfindend. Noch niemals hatte er sich in einem von einer Dame bewohnten Räume aufgehalten. Das Gemach der feinen Frau erfüllte ein Wohlgeruch wie ein exotischer Frühling. Courtien hätte am liebsten ein Fenster aufgerissen, um die Kälte und Kraft der nächtlichen Alpenluft in das Zimmer strömen zu lassen. Alles daran verriet die Gegenwart der Frau: gestickte Kissen und seidene Decken auf den Diwans; Majolikavasen und Kristallschalen voller Blumen – Parmaveilchen und Maréchal-Nielrosen; niedliche Sächelchen in Silber und Email, die eine verwöhnte Dame selbst auf Reisen mit sich führt; Bücher in prächtigen Einbänden: französische, englische, italienische. Kein einziges deutsches Buch! Courtien bemerkte alles, fand alles seiner Natur zuwider, empfand in allem einen sonderbaren, prickelnden, beunruhigenden, quälenden Reiz. Unwillkürlich stellte er sich Mairas Kämmerlein vor: dort oben in dem alten Gemäuer auf der Paßhöhe, über dem Abgrund mit der Königsschau auf Bergell und Engadin. Und erst sein Atelierhaus auf der Gletscherinsel! ... Heute abend, wenn er seiner guten Freundin Lebewohl sagte, wollte er ihr von diesem Salon erzählen. Beide wollten darüber lächeln. Sie kam noch immer nicht. Ja – bis solche Dame Toilette gemacht hatte! Aber Kellner kamen und deckten den Tisch. Er ärgerte sich über das freche Gesindel, trat an das Fenster, zog den Vorhang auseinander, starrte hinaus ... In der schwarzen Seeflut spiegelten sich die Sterne, der Glanz des erleuchteten Palasthotels lag darauf, und durch die Dunkelheit blaßten die fernen Firner herüber, als wären die Alpenriesen gestorben und stünden noch im Tode aufrecht, eine Schar gespenstischer Herrscher in Leichentücher gehüllt – die Phantasie eines Fiebernden, wie Courtien sich selbst sagte, um das Spukbild abzuschütteln. Endlich! Seide umschimmerte sie, Perlen schmückten sie, ein königlicher Schmuck. Wie schön sie sich gemacht hatte. Für ihn! Sie mußte doch wissen, daß er für dergleichen Dinge unempfänglich war: malte er doch keine Damen in großer Toilette, war er doch kein John Lavary! Aber der gelbliche Atlas stand herrlich zu ihrem flammenden Goldhaar; dazu der matte Glanz der Perlen um ihren blütenweißen Hals ... Es war von ihr geschmacklos, so prunkvoll zu erscheinen, wo er wie ein Bauer vor ihr stand. Beleidigend für ihn war's! Er wollte sie durch seine Gleichgültigkeit strafen: nicht ein Wort über ihre Herrlichkeit sollte ihm entschlüpfen. Auch jetzt las die schöne Frau in des Mannes Seele, als sei sie ein aufgeschlagenes Buch. Sie brauchte nur hineinzusehen, nur umzublättern. Auf jeder Seite standen dieselben tief eingegrabenen Worte: »Ich will dich nicht lieben; denn du gehörst nicht zu mir ... Ich muß dich lieben: leidenschaftlich, verzehrend, ohne Maß und ohne Ende; denn ich gehöre dir!« »Und ohne Ende« ... Nein, das letzte Blatt schlug sie nicht auf ... Was würbe wohl auf der letzten Seite zu lesen sein?   Voll strahlender Heiterkeit rief die Gräfin ihm zu: »Sie sind mir böse, weil ich mich ›schön machte‹, wie wir aus Höflichkeit gegen uns selbst zu sagen pflegen. Es geschah für Sie, mein zürnender Herr. Das verstärkt natürlich nur Ihren Zorn. Jedem anderen würde es schmeicheln; Sie sind freilich kein ›anderer‹. Haben Sie Mitleid mit der Eitelkeit einer armen schwachen Frau, die schließlich nichts hat als – eben ihre Schwäche ... Nachen Sie kein solch finsteres Gesicht – es gefällt mir, nebenbei gesagt, von Ihren vielen verschiedenen Gesichtern am besten – und seien Sie mir willkommen. Es wäre eine Redensart, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich freue, Sie bei mir zu sehen; und Ihnen gegenüber macht man keine Redensarten. Das weiß ich schon von Rom her und will nicht wieder eine Lektion haben – so gut mir jene eine getan hat. Aber immerhin ... Unser letztes Beisammensein soll freundlich ausklingen. Darauf kommt es bei jeder Freundschaft an: auf einen guten Schlußakkord. Wohlverstanden spreche ich nur von Freundschaft. Was das andere betrifft: Liebe, Leidenschaft ... Sooft ich von zweien höre, die sich leidenschaftlich lieben, die einander angehören, als wären sie ein Mensch, und die sich dann in Feindschaft, in Haß trennen ... Ich kann es nicht verstehen, finde es namenlos traurig, finde es trostlos. Das sind jedoch Dinge, über die Sie sicher nie nachdachten.« »Niemals. Woher wissen Sie das?« »Weil ich Sie kenne.« »Sie mich kennen?« »Kein Mensch kennt Sie so gut. Nicht einmal Ihre wunderschöne Freundin.« »Sie sollen nicht von ihr sprechen!« »Gut. Wir wollen an sie nur denken. Sie denken nämlich beständig an sie.« »Sagten Sie nicht soeben: Sie kennten mich so gut?« »Und das empört Sie. Ihre Herrenseele will einsam sein und bleiben, so unnahbar wie einer Ihrer unzugänglichen Gipfel. Wehe dem, der zu Ihnen hinauf will, um die Einöde mit Ihnen zu teilen. Sie möchten den frechen Eindringling am liebsten in den Abgrund hinabschleudern. Sehen Sie nun, wie gut ich Sie kenne ... Wollen wir noch lange so feierlich stehenbleiben?« Nun saß er ihr gegenüber, und die Livrierten trugen das Diner auf, nach allen Regeln höchster Tafelkunst serviert. Nach jedem Gange verschwanden sie lautlos im Vorzimmer, um erst wieder zu erscheinen, wenn die Gräfin die kleine Silberklingel neben ihrem Teller bewegte. Courtien aß wenig und rührte sein Glas nicht an; auch dann nur stumm dankend, als sie mit liebenswürdigster Anmut ihm zutrank. Sie freute sich über seine gute Haltung und gestand sich freimütig, daß sie sich vor diesem Essen etwas gefürchtet hatte: vor den schlechten Manieren des Unkultivierten! Denn wenn er wie ein Älpler, wie ein Bauer gegessen hätte – Es war erstaunlich, wie die Natur bisweilen ihre Menschen schuf. Einem Genie, das von Hirten abstammte, gab sie in einer ihrer Schöpferlaunen die Vornehmheit des Adelsmenschen. An diesem Mann war alles edel! Und die Gräfin Oberndorff mußte an den Blick, an das Lächeln denken, mit dem ihr Gatte ihr damals in Rom den Engadiner vorgestellt hatte: ›Betrachte ihn dir recht genau. Das ist er, der berühmte Bauer! Gänzlich ungefährlich für die Gräfin Oberndorff. Gänzlich ungefährlich für jede Frau von Welt. Ich kann mit aller Ruhe riskieren, dich von ihm malen zu lassen, da du die geschmackvolle Phantasie hast, dich für dieses Original zu interessieren.‹ Graf Oberndorff riskierte also und – wurde abgelehnt. Als das geschah, betrachtete sich die Gräfin Sivo Courtien sehr genau und ... Ja, und bereits damals begann das Spiel mit dem Schicksal, das jetzt seine Fortsetzung nahm, davon sie das Ende nicht wußte – nicht wissen wollte. Sie plauderte, und er hörte ihr zu, gierig auf jedes ihrer Worte. Von dem glanzvollen Gewande umschimmert, den vielfachen Perlenketten umwunden, erschien sie ihm von neuem fremd. Das erregte ihn von neuem. Alles an ihr paßte sich dem festlichen Schmuck an, war gemessen und hoheitsvoll. Das empörte ihn und entzückte ihn zugleich. Die mit Silber und Kristall besetzte, mit Blumen reich verzierte Tafel; die hohen Kandelaber mit den brennenden Wachskerzen flößten ihm ein nie zuvor gefühltes ästhetisches Wohlbehagen ein; und er mußte sich widerstrebend gestehen, daß Luxus zugleich Schönheit sein konnte. Selbst Frauenschönheit, die auch im ärmlichsten Kleide höchste Erdenherrlichkeit war, empfing dadurch etwas Verklärtes, freilich zugleich auch Unnahbares. Und diese Hoheit in Weibesgestalt wollte von ihrem Thron zu ihm herabsteigen, wollte ihn zu sich erheben? ... Als ob er der Mann wäre, der einen Menschen zu sich »herabsteigen«, von einem Menschen sich »erhöhen« ließ! Die Gräfin hätte es verstanden, ihren Gast zum Reden zu bringen. Sie wollte ihn jedoch schweigsam haben, stumm ihr zuhörend: mit diesem Blick, diesem Ausdruck, den sie noch in keines anderen Mannes Augen und Gesicht gesehen. Keine Schmeichelei, keine Huldigung, die sie jemals erfahren – und das von den Ersten der Nationen –, schmeichelte und huldigte ihr in ähnlicher Weise wie diese unverwandt auf sie gerichteten verstörten und zugleich trunkenen Blicke, diese blasse, leidensvolle Miene. Es hätte der Ähnlichkeit des Gletscherweibes auf seinem Gemälde mit ihrem eigenen Gesichte nicht bedurft, um sie mit Siegeszuversicht zu erfüllen. Ihr Triumph sollte sie jedoch nicht hochmütig machen: Demut sollte der Sieg über dieses starre Männerherz, diese stolze Künstlerseele sie lehren. »Sie müssen jetzt gehen; müssen mir hübsch artig Ade sagen und ein Aufnimmerwiedersehen. Ihre Freundin erwartet Sie.« »Ich muß jetzt gehen. Danke.« »Wofür?« »Daß Sie mich erinnerten. Es ist spät geworden und – Und ich muß jetzt gehen.« »Leben Sie wohl, lieber Freund.« Sie erhob sich, stand vor ihm, sah ihn an. In ihren Augen war ein Schein wie an ihrem Halse der Perlenschimmer ... Wie weiß und fein dieser Hals war, bis tief in den reizenden Nacken hinab von dem matten Gold ihres Haares umringelt. Auch jetzt überkam es ihn plötzlich gleich einer Vision. Er sah sich selbst, sah sein eigenes todblasses, von Leidenschaft entstelltes Gesicht, wie er es in den kühlen Glanz ihres flutenden Haares barg, als wollte er darin sich begraben; sah sich selbst, wie seine Lippen auf den schneeigen Schmelz ihres Halses, ihres Nackens sich preßten und daran haftenblieben, bis er unter seinem Kuß ihr Blut rieseln fühlte, Und der Mann, der heute zum erstenmal in seinem Leben ein Weib geküßt hatte, trank in seiner Vision dieses heiße, flutende Frauenblut, trank gierig, unersättlich, gleich einem Verschmachtenden. Schwindel ergriff ihn. Seine Knie wankten. Er drohte hinzustürzen, mit einem Seufzer, einem Stöhnen wie ein erstickter Sterbeschrei. Da, mit letzter versagender Kraft, ohne Worte, ohne Gruß entfernte er sich von ihr, tastete wie ein plötzlich Erblindeter mit zitternden Händen nach der Tür, öffnete sie, ließ sie hinter sich ins Schloß fallen, sank dagegen, verharrte in dieser Stellung wie von einer Ohnmacht befallen, belebte sich und ging schwankenden Schrittes davon, kaum fähig, die Augen offen zu halten. Er stieg die Marmortreppe hinunter, schritt durch die Prachthalle, durch die ihn anstarrenden Menschen, schritt hinaus in die Sternennacht, hinaus in die nächtliche Alpenwelt, in Einsamkeit, Schweigen und Größe. Auf der Heide, an einer Stelle, wo er ihr Licht sehen konnte, fiel er zu Boden. Das Licht brannte die ganze Nacht über in ihrem Zimmer. Die ganze Nacht über blieb Sivo Courtien auf seinem Platz und bewachte den Schein, der über die Schönheit der geliebten Frau seinen Glanz warf. Er wußte: sie wachte und dachte an ihn. 8 Obgleich Maira wußte, daß ihr Freund nicht kommen würde, wartete sie auf ihn. Sie löschte die Lampe, öffnete das Fenster, blieb am Fenster stehen, schaute hinaus, lauschte auf das feierliche Schweigen der Nacht, lauschte auf einen Schritt den Felsenpfad empor. Sie wußte, daß er nicht kam und lauschte doch. Sie konnte nichts tun als müßig dastehen und warten, gleichsam mit gebundenen Händen, gelähmten Lebensgeistern, obwohl sie den Freund in einer Gefahr wußte, verderblicher als Steinschlag und Lawinensturz, mörderischer als wütender Föhnsturm und hoffnungslose Nebelnacht hoch, hoch dort oben, wo er sich das Haus gebaut hatte, in dem er sein Lebenswerk vollenden wollte: die »Alpentragödie«. Heute begann für ihn ein Drama mit anderem Titel, anderem Inhalt: »Leidenschaft«. Das Mädchen von Maloja wußte nichts von diesen dunkeln Gewalten in des Menschen Seele; aber sie fühlte, daß sie in dem Leben eines Künstlers – in dem Leben des Mannes überhaupt – früher oder später einmal kommen mußten, hereinbrechend als ein Element, das Felsen zersplitterte und den Bach zum reißenden Strom anschwellen ließ. Während sie den Freund vergeblich erwartete, wußte das Mädchen, daß auch für ihn die Zeit gekommen war. Die Flut brach den Damm und trat, wie der junge Bergfluß, dessen Namen sie führte, tut, wenn zur Frühlingszeit die Schneefelder schmelzen, die Lenzstürme rasen, der Dämon der Alpen entfesselt ist, über die Ufer. Ob sie auch in seiner letzten Not so machtlos, tatenlos dastehen mußte? Oder würde sie dann die Hände regen und mit ihren starken Armen den Freund helfend, rettend umfassen können? Als wäre Frauenliebe nicht auch eine Kraft! Und das mehr von »oben herab«, als jene dunklen Gewalten in der Seele des Mannes waren! Sie mußte sich nur gedulden, bis ihre Stunde kam. Das sollte dann kein vergebliches Warten gewesen sein ... Maira hielt es im Hause nicht aus, als ob sie Courtien draußen näher wäre und ihn durch ihre größere Nähe zu sich heranziehen könnte. Am liebsten wäre sie nach Maloja und zum See hinabgestiegen. Sie hätte jedoch am Hotel vorüber müssen und ihm am Ufer leicht begegnen können, wenn er von der fremden Frau kam und den Weg zu ihr hinauf nicht mehr fand. Vom Nachtwind umweht, stand sie auf schmaler Felsenscheide, schlank und stark, einem wachthaltenden Genius gleich, auf der Schwelle des Engadin, dessen herrlicher Sohn der Geliebte war. Das Rauschen der Maira, diese Musik ihrer Heimat, drang zu ihr empor wie eine raunende Mutterstimme: ›Sei ruhig, ruhig, mein Kind!‹ Aber der junge Mairastrom wandte sich ab von seiner eisumstarrten Erzeugerin, verließ seine wilde Wiege und wogte dem Süden zu, um unter Kastanienwipfeln und von Rosen durchrankten Lorbeerdickichten sanft hinzufluten, mit seiner Wellenmelodie das Leben eines Volkes begleitend, das heiße Herzen besaß und dazu singen und lachen konnte. Glückliche Menschen das! Schließlich war der Mensch geboren, um glücklich zu sein. Was aber war des Menschen Glück? Was war es für die Frau? Es gab für die Frau nur ein einziges wahres Glück: dem geliebten Manne anzugehören und ihn durch ihre Liebe zum glücklichen Manne zu machen. Das waren Gedanken, die sie nicht denken, war eine Sehnsucht, die sie nicht empfinden durfte: in ihrem Leben gab es jenes einzige Frauenglück nicht. Sie horchte auf. Ein Geräusch, ein Schritt! Einen Augenblick glaubte sie wirklich, es könnte der Freund sein – nur einen Augenblick. Denn der Schritt des Mannes, der zu ihrer einsamen Warte emporstieg, war von ganz anderer Art: so mühelos, elastisch und jung, als führte der Pfad nicht steil aufwärts. Wie konnte sie diesen Schritt nur einen Augenblick mit dem anderen, so gut gekannten verwechseln? Den Ankömmling am Schritt erkennend, sah sie ihn im Geist: ein Bild blühender Jugend aus dem Lande der heißen Herzen, des Lachens und Liebessangs. Sivo Courtien erwartete sie vergeblich und sollte Dionisio Fidora begegnen. Sie wollte zurück ins Haus. Er konnte sie jedoch bereits erblickt haben, und es hätte ihm dann ihr hastiges Fortgehen wie ein Entweichen erscheinen können. Warum sollte sie fliehen vor dem Manne, den dort unten, in seiner sonnigen, wonnigen Heimat, Mädchen und Frauen anlachten? Warum sich fürchten vor ihm, der etwas so Strahlendes, Siegreiches hatte, als gäbe es keinen Widerstand, sobald er siegen wollte – siegen auch über sie, ihres Freundes Freundin! ... Wie recht sie mit ihrer Annahme gehabt: daß der dionysische Jüngling Courtien mißfallen würde. Als die beiden heute auf der Enzianenflur einander gegenüberstanden, betrachteten sie sich, als wollten sie sich messen, mit den Blicken einander ins Gesicht sagend: ›Wir sind Gegner!‹ Obgleich sie die Begegnung mit dem neuen Hausgenossen als körperliches Unbehagen empfand, zwang sich Maira zum Bleiben. Mit freudigem Ausruf eilte der junge Mann auf sie zu: »Sie noch auf? Und hier draußen? Warten Sie immer noch auf Sivo Courtien?« Ohne zu antworten, wandte sich Maira ab. Mit welchem Recht richtete der Mensch an sie diese Frage? Wenn sie gewußt hätte, daß auch er unten, wo der Pfad hinanstieg, auf Sivo Courtien gewartet hatte, so leidenschaftlich beunruhigt wie sie selbst, so überzeugt wie sie selbst, daß er vergeblich warten würde, und über sein vergebliches Warten triumphierend! »Bleiben Sie. Bitte! Ich wollte Sie nicht beleidigen. Verzeihen Sie mir!« Sie blieb und sagte in ihrer kühlen, herben Art, die den Bergeller als etwas bis dahin Ungekanntes unwiderstehlich anzog: »Wodurch hätten Sie mich beleidigt?« »Weil ich andeutete, Ihr berühmter Freund hätte vergessen können, Ihnen heute abend Lebewohl zu sagen – wie er Ihnen in Gegenwart der fremden Dame versprach. Übrigens war er gewiß schon bei Ihnen.« »Nein.« Wie leicht hätte sie ›ja‹ sagen, wie leicht lügen und ihn beschämen können! Wußte sie doch, daß ihre schmerzliche Enttäuschung ihn freute. Er stand neben ihr und blickte ihr steif ins Gesicht, als sei er begierig, in diesen stolzen Zügen ein verräterisches Zucken zu sehen. Aber Mairas Gesicht blieb so unbewegt wie ihre Stimme. Jetzt fragte er sie: »Sie kannten die Dame, mit der der Herr Maler uns überraschte?« »Ich kannte sie nicht, wußte jedoch, wer sie war.« »Eine alte Bekannte Courtiens?« »Von Rom her. Sie waren ja dabei, hörten also. Weshalb fragen Sie dann?« Der junge Mensch dachte, ihr steif ins Gesicht sehend: ›Weshalb? Um dich zu quälen! Weil du so stolz bist; weil ich dich liebe; weil du den anderen liebst und ich umkomme vor Eifersucht. Das weißt du und fragst mich: weshalb?‹ Als wollte er für ihre grausame Frage sich rächen, erkundigte er sich eindringlich: »Sie scheinen die Dame sehr schön zu finden?« Ihre mit größter Ruhe erteilte Antwort lautete: »Ich sah nie ähnliche Frauenschönheit.« »Und sie ist doch mit der Ihren nicht zu vergleichen! Das muß auch Herr Courtien sehen.« »Gute Nacht.« »Jetzt sind Sie mir ernstlich böse!« Er verfiel sogleich in einen anderen Ton: in den eines großen Knaben, der unartig war, reuig um Verzeihung bittet und sicher ist, ihm werde verziehen. Während er zu ihr sprach, mußte Maira darüber nachdenken: wie eine Menschenstimme solchen Wohllaut haben konnte. Die ganze glanzvolle Heiterkeit und Jugend des Südländers sang und klang in dieser Jünglingsstimme, die über die Gemüter seiner Schulkinder eine Gewalt ausübte wie das Geigenspiel des Zauberers von Hameln. Es kostete die Lehrerin leichten Zwang, unverändert fremd und kalt zu äußern: »Haben Sie die Empfindung, Sie hätten mir Ursache gegeben, Ihnen zu zürnen, so ist hoffentlich dieses Bewußtsein Strafe für Sie.« Ungestüm rief Dionisio: »Ihre Gleichgültigkeit gegen mich und alles, was ich tue und nicht tue, was ich sage und nicht sage, ist meine größte, meine grausamste Strafe. Verstehen Sie denn nicht? Ich soll Kinder unterrichten und erziehen und bin selbst ein unerzogenes Kind, das eines Lehrmeisters bedarf; und zwar eines sehr strengen. Wenn Sie meiner Erziehung sich annehmen wollten! Nur etwas! Und immer nur tadelnd, mahnend, strafend. Ich würde ein wahres Wunder von Gelehrigkeit und Folgsamkeit sein. Bitte, bitte!« Er lachte sie an; allerdings nicht sehr siegesgewiß. Trotz seiner leuchtenden Augen und lächelnden Lippen stand er demütig vor ihr. Sie mußte ihn ansehen und erkennen, wie das Sternenlicht seiner fremdartigen Schönheit etwas fast Unirdisches gab. Um mit ihren Gedanken, die nach dem Geliebten schrien, in der schlummerlosen Nacht nicht allein sein zu müssen, blieb Maira in der Gesellschaft des Mannes, der sie gebeten hatte, zu bleiben. Vielleicht tat sie ihm unrecht, war sie ungerecht gegen ihn. Sie kannte ihn noch so wenig, trotz der Hausgenossenschaft und obgleich es leicht schien, ihn zu kennen – sozusagen auf den ersten Blick: in seiner knabenhaften Jugend, mit seinem sonnigen Wesen, seinem Lachen und Gesang. Die Kinder von Maloja erkannten ihn sogleich, liebten ihn sogleich. Und sie, die den Jüngling nach Maloja gebracht, die ihn zum Mitbewohner des einsamen Hauses gemacht hatte, hegte Mißtrauen gegen ihn, scheute ihn, als ginge von ihm etwas Bedrohendes aus. Weshalb Mißtrauen? Weil er anders war als alle ihr bekannten Männer? Namentlich so ganz anders als Sivo Courtien! Weshalb Scheu? Weil ihn eine fremdartige Schönheit begnadete, eine Anmut, die ihr, der Anmutlosen und Herben, als etwas des Mannes Unwürdiges erschien; weil der ganze Mensch strahlende Daseinsfreudigkeit und heißer Lebensdrang war, erfüllt von Sehnsucht ... Sehnsucht! – Das war es! Dieser Jüngling lehrte sie, sich zu sehnen nach einem geheimnisvollen, fast mystischen Etwas, dafür sie keinen Namen fand, das sie beunruhigte, quälte. »Erzählen Sie mir –« »Wovon?« »Von sich. Von Ihren Eltern, Ihrer Heimat, Ihrem Leben.« Auf dem schmalen Felsenrande schritten sie auf und ab. Gerade noch, daß Dionisio neben Maira hergehen konnte – so schmal war der Pfad. Zwischen den beiden Ländern, die der Paß schied, wandelten sie über Abgründen, symbolischen Gestalten jener Nationen gleich, hoch und schlank von dem schwarzen, schroffen Grat zu dem gestirnten Nachthimmel aufsteigend: das Mädchen des vom Fels umstarrten, von Eis umschlossenen, schwermütigen Maloja und der Jüngling aus dem von Reben und Rosen umkränzten Veltlin. »Von mir wollen Sie hören?« »Auch von Ihnen, wenn Sie zu einer Fremden von sich sprechen wollen.« »Zu einer Fremden?« Maira ließ den Einwurf – er klang wie ein Vorwurf – unbeachtet und sagte: »Ich stelle mir Ihr Leben vor ... Ja, wie denn nur? Ich weiß selbst nicht recht. Sehr verschieden von dem meinen, oder von dem der Malojaleute; denn von mir will ich nicht reden.« »Nein. Um von sich zu reden – überdies zu mir – sind Sie viel zu stolz.« Maira blieb stehen und sah ihren Begleiter mit einer Überraschung, einem Staunen an, daß er hell auflachte: »Das sieht Ihnen ähnlich. Ich hätte mir's aber denken können! Sie wissen selbst nicht, was Sie sind; wissen nicht, daß Sie gerade königlich stolz sind. Ich kenne nichts Stolzeres als Sie ... Ich muß immer wieder um Vergebung bitten.« »Weil Sie mich auslachen?« »Weil ich frech bin.« Sie war ihm über diese Frechheit wieder nicht »böse«. Aber sie forderte von ihm: »Sprechen Sie nicht von mir. Niemals von mir – wenn Sie wünschen, daß wir gute Freunde werden.« »Ob ich das wünsche? Gute Freunde? Und erst ›werden‹? ... Aber freilich müssen wir es erst werden. Sie haben wieder einmal nur zu sehr recht.« Er sagte es lachend, um den tiefen Sinn seiner Worte zu verstecken. Maira würde diesen jedoch gar nicht verstanden haben, hätte er auch ernsthaft gesprochen. Sie freute sich jetzt, geblieben zu sein, um dem Jüngling, der ihr unheimlich war, kein »Unrecht« zu tun, um gegen ihn »gerechter« zu werden. Mit dem starken Willen, mit dem sie alles tat, was sie einmal sich vornahm, wollte sie es wenigstens versuchen. »Sie waren gewiß immer glücklich? Von Kindheit an.« »O ja. Ich glaube, ich war's. Übrigens ... Ich kann gar nicht anders sein als glücklich, verstehe nicht, daß es unglückliche Menschen geben soll. Als ob wir dafür geschaffen wären? Die Vorstellung ist empörend!« Trotz allem guten Willen fühlte Maira bei dem leichtfertigen Ton des jungen Mannes ihre alte »ungerechte« Abneigung sofort wieder erwachen. Zugleich mußte sie sich gestehen: es sei etwas Beneidenswertes um eine solche Weltanschauung. Wohl dem, der sie haben konnte ... Aber nein! Besser, tausendmal besser das andere: das Erkennen und Empfinden des Unglücks in der Welt, das Selbstunglücklichsein. War sie es eigentlich? Unglücklich? Sie mit ihrer Ruhe, ihrer Kraft! Sie hätte die Frage auch anders stellen können: war sie eigentlich glücklich? In ihrer herbsten Art erwiderte sie: »Sie sprechen gerade, als gäbe es nur lachende und leuchtende Menschen gleich Ihnen; als wäre die Welt ohne Jammer und Elend, ohne Sorge und Not, ohne Leidenschaften und Leiden, gebrochene Herzen und zermalmte Seelen; als wäre nicht im Menschen das Menschliche.« Lebhaft verteidigte der Jüngling seine Ansicht: »Da wir nun einmal Menschen sind ... Unser Menschlichstes ist unsere Selbstsucht. Ich bin aus Selbstsucht glücklich. Je selbstsüchtiger wir sind, um so glücklicher; und je glücklicher, um so menschlicher. Das ist ein höchst einfaches Prinzip. Würden wir alle danach leben, wäre alles viel besser auf Erden.« Voll ehrlicher Entrüstung brach Maira aus: »Alles wäre elender, erbärmlicher, menschenunwürdiger! Und mit solchen Ansichten wurden Sie Lehrer, wollen Sie Kinder erziehen? Das nenne ich unsittlich.« Triumphierend rief der junge Mann: »Jetzt sind Sie mir wirklich böse? Endlich! Und gerade dieses Mal tun Sie mir unrecht. Sie zürnen mir, sind empört über mich, weil ich den Mut habe, mich Ihnen zu zeigen, wie ich bin; weil ich wünsche, Sie sollen mich kennenlernen: meinetwegen in meiner ganzen Erbärmlichkeit. Sie können mich ja fortschicken lassen, wenn ich Ihnen für Ihre unschuldigen Kleinen als ein unmoralischer Lehrer erscheine. Es ist sowieso ein elendes Handwerk, zu dem ich kam, ich weiß nicht wie: weil ich ein armer Schlucker bin und von der Gemeinde meines armseligen Heimatortes auf Gemeindekosten zum Lehrer ausgebildet wurde. Ich hätte ihnen fortlaufen und Sänger werden sollen, über sonst dergleichen etwas. Jedenfalls etwas recht Leichtsinniges, Vagabundenhaftes. Das kann übrigens noch immer geschehen. Jung genug bin ich noch zu allem; besonders zu allem Schlechten und Bösen! Und das wird geschehen, wenn Sie mich von hier fortjagen. Seitdem ich hier oben bin, seitdem ich Sie täglich sehen, täglich in Ihrer Nähe leben darf, bin ich übrigens nicht nur ein glücklicherer, sondern auch besserer Mensch, als ich es mein Lebtag gewesen ... Jetzt haben Sie meine Beichte angehört. Absolvieren Sie mich, oder verdammen Sie mich!« Maira war dazu nicht imstande. Was wußte sie von den Menschen, um sich das Recht anmaßen zu können, ein Urteil zu fällen? Voll unverwüstlicher Heiterkeit stand das große Beichtkind vor ihr, nichts weniger als ein Sünder, lachenden Mundes und Geistes ihr eine fremde Wesenheit erschließend, davon sie in ihrer engen Welt nichts wußte, davor sie zurückschreckte, und die doch einen geheimen Zauber auf sie ausübte – wie sie in ihrer aszetischen Ehrlichkeit sich gestand. Und dann –. Daß sie über diesen offenherzigen Selbstling Macht besaß, daß ihre Gegenwart ihn besser machte ... »Besser« – so sagte er, und sein lachendes Gesicht bekam plötzlich einen eigentümlichen Ausdruck, fast ernsthaft, fast schwermütig. Sie hätte keine Frau sein müssen, um sich durch solches Bekenntnis nicht beeinflußt zu fühlen, zugleich darüber grollend, daß es ihr abgelegt wurde; und zwar aus keinem anderen Grunde, als um dadurch Macht über sie zu gewinnen. Ablenkend und zugleich abwehrend bemerkte das junge Mädchen: »Sie sollten mir von Ihrem Leben erzählen.« »Ich wiederhole Ihnen: Sie wollten mich ja wohl kennenlernen? Übrigens, wenn die Entdeckung meiner krassen Selbstsucht Sie entsetzt – und das tut sie –, so möchte ich Ihnen doch sagen: Ihr berühmter Freund ist nicht weniger Egoist als ich. Er nennt es nur anders: seine Arbeit, seine Kunst. Das hat solchen großen Klang! Wie klein und kläglich hört sich im Vergleich dazu an, wenn ich offenherzig bekenne: ich lebe, um glücklich zu sein! Lebe, weil ich den Sonnenschein liebe, Gesang und Lachen, Schönheit und ... Ja, und die Liebe. Ich lebe, um zu lieben! Es ist für mich das Schönste, das Höchste vom Leben – das Göttlichste ... Ich würde mein Leben hassen, wenn ich nicht lieben könnte – nicht wieder geliebt würde. Sie hier oben ahnen nicht, wie unirdisch das Leben sein kann. Oder – sollten Sie es vielleicht gar wissen?« »Nein.« Das Wort hatte in ihrem Munde einen Klang, als gäbe es für sie nichts Unirdisches, nichts Göttliches im Erdenleben; als gäbe es für sie keine Liebe; als verschmähte sie die Liebe, entsagte ihr, erhöbe sich darüber: über alle Frauensehnsucht zu den Gipfeln eisiger Gefühllosigkeit empor. Das winzige Wort, so herb und hart im Klang von diesen jungen Frauenlippen gesprochen, feite sie gegen alle Wünsche und Begierden des Mannes, der sich selbst unsittlich nannte. Dionisio Fidora stand betroffen. Er war nicht der Mensch, der den tiefen Sinn dieses »Nein« hätte fassen können. Trotz seiner großen Jugend glaubte er die Frauen zu kennen – wie es in der Sprache solcher Erfahrenen heißt. Er empfand das kleine Wort wie einen Schlag ins Gesicht. Seine Eitelkeit war verletzt. Dieses stolze Geschöpf, das von der Liebe nichts wissen wollte – ebensowenig wie er von der Unnahbarkeit der Frau – sollte davon wissen müssen! Und zwar von seiner Liebe. Das sollte dann ein Triumph sein. Vorher würde es freilich einen schweren Kampf kosten. Um so köstlicher war dann der Sieg. Gesegnet die fremde Dame! Sie half ihm siegen ... Wie dieses Mädchen, das ihn verschmähte, trotz ihres Widerstandes Sivo Courtien liebte! Sie würde aus Eifersucht auf die vornehme Frau Qualen leiden und keinen Laut sich entreißen lassen. Jetzt sagte sie ihm mit ruhiger, klarer Stimme: »Wenn die Liebe für Sie das Leben ist, so hätten Sie nicht zu uns heraufkommen dürfen. Unsere Welt ist zu hoch für das, was Ihnen das Höchste ist. Wir Malojaleute kennen Höheres. Sehen Sie sich um! Sehen Sie unsere Gipfel. Sie weisen von der Erde fort zum Himmel hinauf. Die Leute von Maloja kennen daher die himmlische Liebe besser als die irdische ... Noch einmal: Sie hätten unten bleiben sollen.« »Wollen Sie hören, weshalb ich heraufkam?« »Ich will nichts mehr hören.« »Eines Tages werden Sie es hören müssen; und dann –« Sie unterbrach ihn: »Sie sprachen von der Selbstsucht Sivo Courtiens, nannten meinen Freund in einem Atem mit sich selbst und Ihrer Lebensanschauung. Was wissen Sie von Sivo Courtien? Das eine sollten Sie jedoch wissen: daß das, was Sie Sivo Courtiens ›Selbstsucht‹ nennen, die Selbstsucht des Schöpfers ist, der, um der Menschheit sein Selbst zu geben, eine Welt erschafft. Ein großer Künstler muß selbstsüchtig sein; und dieses Allgemeinste und Gemeinste wird durch ihn zum Höchsten und Herrlichsten. Das können Sie allerdings nicht verstehen; ich hätte es Ihnen also gar nicht zu sagen brauchen.« Damit entfernte sie sich von ihm und ging ins Haus. Er stand und starrte ihr nach. Sein schönes Gesicht war entstellt, das Dionysische wie ausgelöscht. Sie verachtete ihn! Aber – Aber von ihm sich küssen lassen, sollte sie trotzdem! Zur nämlichen nächtlichen Zeit, da Sivo Courtien des Menschen Tiefstes und Höchstes an seiner eigenen Seele erfahren mußte und, auf den Boden seiner Heimat hingeworfen, mit seiner Leidenschaft rang; in derselben Stunde, in der Maira während ihres vergeblichen Wartens sich ihrer Liebe als einer Gewalt bewußt ward, durchtobte der Sturm aufgewühlter Empfindung noch ein anderes Gemüt. Es war, als sei das göttliche Element der Leidenschaft in dieser über den Dunst der Tiefen erhobenen Welt von Felsenwüste und Gletscherwildnis ein Föhn der Seelen. Er wühlte in dem Empfinden der Menschen Abgründe auf, rüttelte an dem Fels ihres Willens und machte den Grund ihres Wesens erzittern. Gian Vital ruderte seinen braunen Schatz über den See und mußte es über sich gewinnen, seine Herzenskönigin in eigener Person der ihm verhaßten Fremdenherberge zuzuführen. Während einer der Beamten die Nerina für die Fornohütte engagierte, verharrte der Gemeindejäger von Maloja vor dem Hotel mit einer Miene, als lauere er an dieser Stelle auf ein Wild: auf eine Bärin, um sie gleich mit dem ersten Schusse niederzuknallen. Dabei war er voller Wut über sich selbst, weil er vor dem fatalen Hause stehen und auf das Mädchen warten mußte, von dem er nicht lassen konnte. Nerinas Rückkehr harrend, dachte er an sie: ›Sie hat mich verhext, mir einen Trank eingegeben! Wär' ich wirklich Mönch geworden, würd ich sie als Hexe anzeigen müssen. Es waren gute Zeiten, da man solche Unholdinnen verbrannte; denn im Wasser kommen sie nicht um: das Feuer muß es tun. Wie hübsch das schwarze Ding brennen würde! ... Wo bleibt sie nur so lang? Ich sollte sie drinnen lassen und fortgehen. Was hülf' mir's? Wär' ich tot und begraben, müßt' ich wiederkommen, müßte hier stehen und auf sie warten. Eine Hexe ist sie, sag' ich! ... Und nun kommt sie in die Fornohütte zu den feinen Fremden, die samt und sonders der Fornogletscher verschlucken möge. Zum Glück ist sie zu schwarz und zu garstig für die vornehmen Herren. Sonst gäb's ein Unglück. Aber wenn sie wüßten, wie das Ding einen Mann umringeln und ihm das Blut aussaugen kann ... Eine Hexe, sag' ich, und eine Schlange obendrein!‹ Endlich kam sie mit den geschmeidigen Bewegungen einer Wildkatze und einem Gange, der etwas seltsam Schleichendes hatte. Wer nur sah, wie sie ging und sich bewegte, den entzückte die Anmut dieser überschlanken Gestalt; blickte er ihr dann ins Gesicht, in ihre glühenden, sprühenden Augen, erschrak er; und war der Mann ein Südländer und abergläubisch, dachte er wohl: ›Die hat den malocchio !‹ Und er machte schleunigst das gegen bösen Zauber feiende Zeichen. Vital fuhr sie an: wo sie so lange bliebe und ob sie sich dem fremden Gesindel wirklich verkauft hätte? Sie betrachtete ihn von der Seite, schielte zu ihm auf, und sogleich verstummte der Wildling. Schweigend schritten sie nebeneinander her auf schmalem Wege dem Murettotal zu, hart am Rande der Orlenga hin. Das Mädchen hatte sich ein schwarzes Wolltuch um den Kopf gebunden und tief über die Stirne gezogen, wodurch das schmale Gesicht wie verhüllt erschien und in dieser Umschleierung etwas Geheimnisvolles erhielt. Sie trug die Tracht der Malojafrauen, die diese als Geschöpfe der Malojanatur erscheinen ließ: als eine Menschenart, geboren für eine Welt einsamer Alpengröße, sanglosen, freudlosen Lebens und dunklen Gemüts, gewaltsam und unheilvoll in ihren Leidenschaften, wurden solche einmal geweckt. In der Nähe des Totenackers, der in Courtiens Künstlerleben so bedeutungsvoll geworden war, begegnete dem eigentümlichen Paar der Pfarrer Briccius Ladien, eine Aszetengestalt, deren Haltung und Miene fanatisch predigten: ›Seht mich an! Ich dulde an mir keine Menschenschwachheit, keine Erbsünde. Also müßt auch ihr die Sünde von euch werfen wie ein aus Nesseln und Dornen gewebtes Gewand! Weigert ihr euch – nicht etwa dem Herrn, der die Gnade ist, sondern mir, der ich die Strenge bin, zu folgen, so verdamme ich euch gnadenlos im Namen des Herrn!‹ Widerwillig bot der Gemeindejäger dem geistlichen Gemeindehirten den Gruß, und er mußte sich Gewalt antun, um auf dem schmalen Wege für den Ehrwürdigen zur Seite zu treten. Die Nerina dagegen bückte sich geschmeidig und haschte begierig nach des Geweihten Hand, um darauf inbrünstig ihre Lippen zu pressen. Aber ihr Liebster riß sie zornig zurück und stieß zwischen den Zähnen hervor: »Laß dir's nicht einfallen, dem die Hand zu küssen – dem! Als wüßtest du nicht, was wir für den sind: Ärgeres als Pestkranke oder Heidenvolk. Ich besonders! Und weswegen gerad' ich? Weil ich zu ehrlich gewesen, um heucheln zu können; weil ich nicht wider den heiligen Geist der Menschennatur, also wider den heiligen Geist des Herrn, sein wollte. Darum bin ich für den ein Heiligenschänder, Todsünder und Schuft; darum ein Gottloser, den er nicht in seine Kirche einläßt, weil ich Gottes Wort von Gott selber predigen hör' in Gottes Natur. Ich kenne sie! Zum Gottesleugner wollten sie mich machen, dort unten in Chiavenna! Wenn ich solcher geworden wär' – sie hätten die Schuld daran. Gut, daß ich's einem von ihnen einmal ins Gesicht sagen kann.« »Ja, Jäger! Gut, daß wir zwei uns einmal begegnen.« Und der geistliche Herr blieb vor dem Manne stehen, aus dessen Seele der Haß wie eine Flamme hervorbrach. »Habt auch Ihr mir etwas zu sagen? Ich wüßt' nicht was.« »Werdet es gleich zu hören bekommen.« »So sagt's. Aber macht's kurz. Ob ich jedoch zuhören werde? So zuhören, wie Ihr's hofft! Bin ich Euch zu schlecht, um in Eurer Kirche dem Hochamt beizuwohnen, so bin ich mir selbst zu gut, um in meinem Gotteshause auf Euer Geschwätz groß zu achten ... Hör du! Geh du voraus!« »Laßt sie bleiben. Ihr gilt's nicht minder.« Der Jäger rief das Mädchen, das sich bereits entfernt hatte, zurück, und wandte sich wieder dem Geistlichen zu: »Wundert Euch nicht, wenn auch sie für Eure Predigt auf beiden Ohren taub ist. Denn auf eine Predigt wird's wohl herauskommen. Den Text kenn' ich. 's ist immer der gleiche bei Euch und bei allen, die zu Eurem geistlichen Rock Euer geistliches Gesicht haben. Predigt also! Aus Eurer Kirche predigt Ihr die hinaus, die mühselig und beladen zu Euch kommen; hier werdet Ihr sie nicht hineinpredigen.« Der Priester von Maloja gab zur Antwort: »Nicht solche, die mühselig sind durch ihre Sünde, beladen mit ihrer Schuld.« Gian Vital rief: »Um unserer Sünde und Schuld willen starb Jesus Christus am Kreuz. Er müßte noch einmal, müßte noch dreimal auf die Welt kommen und noch dreimal sich kreuzigen lassen, damit Euresgleichen wüßte, weshalb der Gottessohn für uns starb. Aber Ihr würdet es kein einziges Mal erkennen; denn jedesmal würdet Ihr helfen, den Christ ans Kreuz zu schlagen.« Jetzt sagte Pfarrer Briccius Ladien als guter Hirte dem verlorenen Schafe seiner Herde, was er ihm zu sagen hatte: »Ihr seid die längste Zeit Gemeindejäger von Maloja gewesen.« »Oho! Wollt Ihr mich abtun?« »Ich werde bewirken, daß die Gemeinde Euch entläßt, daß sie Euch ausweist. Ihr seid nicht der einzige, den es treffen wird.« Voller Hohn ward ihm entgegnet: »Ihr seid ja ein eifriger Gottesmann, Pfarrer!« »Ich wache über die mir anvertrauten Seelen nach bestem Vermögen.« »Was tu' ich Euch? Wodurch schad' ich Euch?« »Durch Euer schlechtes Beispiel.« »Weil ich nicht zu Euch in die Kirche komm', zu Euch nicht beichten geh'? Ihr wißt den Grund.« »Weil Ihr nicht Pönitenz tun wollt.« »Ich soll mich öffentlich in der Kirche als Sünder erklären, soll an der Kirchentür mich an den Pranger stellen. Ihr wollt Gericht halten über mich!« »Über einen, der als Abtrünniger aus dem Kloster entwichen ist. Ich könnte Euch ganz anders zur Verantwortung ziehen.« »Ihr wißt, daß ich noch kein Gelübde geleistet hatte. Zieht mich also zur Verantwortung. Ich würde öffentlich aussagen, weshalb ich ein ›Abtrünniger‹ ward.« »Weshalb?« »Weil ich kein Scheinheiliger, kein schlechter und schändlicher Mönch, kein Heuchler und Lügner werden wollte. Das wißt Ihr. Ihr aber fordert von mir, meine Wahrhaftigkeit zu bereuen, für meine Ehrlichkeit Buße zu tun ... Ich bereue nicht, büße also nicht, Pfarrer Briccius Ladien.« »So werdet Ihr die Folgen tragen müssen, Gian Vital.« Dieser sagte dem geistlichen Herrn selbst, was die Folgen sein würden: »Ihr werdet mich wieder zu dem machen, was ich war: zu einem Aussätzigen, Verfolgten, Gehetzten. Zu einem Übeltäter und Verbrecher werdet Ihr mich machen, wenn Ihr mich in meiner Heimat keinen ehrlichen Mann sein und bleiben laßt. Ihr wißt, was ich gewesen bin, bevor die Gemeinde mich als ihren Jäger anstellte: ein Wilderer, ein Wildtöter, ein Untäter. Ich muß schießen und jagen – wie Ihr Messe lesen und predigen müßt. Aber Ihr tut es nur von Berufs wegen, als Broterwerb; und ich muß es von Natur wegen, aus Naturnotwendigkeit. Darf ich auf rechtliche Art kein Wild mehr erlegen, so kann's geschehen, daß ich auf Übeltäterart Menschenjagd anstelle. Ihr habt's zu verantworten.« Damit kehrte er dem frommen Manne den Rücken ... Der Pfarrer stand einen Augenblick wie betäubt. Dann rief er: »Gian Vital!« »Was soll's noch? Wir zwei haben in diesem Leben miteinander ausgeredet.« »Laßt von dem Weibe!« »Von wem?« Es klang wie ein erstickter Aufschrei. »Von der Dirne dort.« »Wie nennt Ihr sie?« »Das, was sie ist.« Fahl im Gesicht rief der Jäger: »Laßt Ihr von Eurem Herrgott! Ihr habt ihn freilich gar nicht; und der Mensch kann nur von dem lassen, was sein ist.« »Auch das Weib muß aus der Gemeinde, der es zur Schande gereicht.« Eine große Ruhe kam über den Jäger. Bei dem Anruf des Pfarrers war er stehengeblieben. Jetzt kehrte er um, ging zu dem Geistlichen zurück, stand vor ihm, sah ihm steif ins Gesicht, sagte mit unterdrückter Stimme: »Die Leute reden: Ihr hättet als blutjunger Mensch ein Mädchen liebgehabt. Aber – Ihr wurdet Pfarrer, Gesalbter, Geweihter; wurdet einer, der dem Herrn Gelübde ablegte. Also mußtet Ihr von dem Mädchen lassen. Sie reden: das Mädchen sei darüber ein schlechtes Weib geworden, eine Dirne. Die Nerina gehört nur einem einzigen Menschen auf Erden: nur mir! Ich halte sie gleich meinem ehelichen Weibe. Ihr habt sie heute beschimpft. Daran denkt, wenn der Tag kommt, an dem wir zwei miteinander Abrechnung halten.« Mit einem Gesicht, als hätte seine Seele in ihrem Heimlichsten und Menschlichsten einen Schlag empfangen, gab der Geistliche nach langem, schwerem Schweigen Bescheid: »Ihr sollt mich zu jeder Stunde bereitfinden ...« Und nach einer Weile in anderem Ton: »Wenn Ihr mir sagt: Ihr hieltet das Mädchen Eurem Weibe gleich, warum macht Ihr es dann nicht zu dem, wie Ihr es nennt?« »Ihr meint, warum ich die Nerina nicht auch zu meinem Weibe vor Gott und den Menschen mache?« »Das mein' ich.« »Würdet Ihr uns zusammengeben?« »Nachdem ich Euch absolviert habe, gewiß.« »Nachdem ich gebeichtet und bereut habe? Also erst nach öffentlicher Kirchenbuße und Schmach!« »Ich muß vorher Eure Reue und Buße fordern.« »So muß die Nerina in Gottes Namen ohne Euch und Euren Segen vor Gott und vor mir selber mein Weib sein ... Komm, du!« Seinem »Weibe« zurufend, ging er ... Die Nerina blieb stehen, sah dem ruhig Fortschreitenden scheu nach, faßte dann des Priesters Hand, küßte sie, flüsterte: »Laßt mich zu Euch kommen! Laßt mich beichten und büßen! Gebietet mir, was ich tun soll ... Darf ich kommen?« Sie stand auf und wartete auf die Antwort des Ehrwürdigen, als hinge davon ihr Seelenheil ab. Die Erwiderung lautete: »Komm!« Jetzt schlich sie ihrem Liebsten nach ... Dieser hatte sich nach ihr nicht umgesehen. 9 Sivo Courtien war der Welt entrückt. Sie lag so tief unter ihm, daß ihm zumute war, als könnte von ihr nichts zu ihm hinaufdringen, als könnte er nie wieder zu ihr herabsteigen. Zu keiner Zeit seines Lebens hatte er – so glaubte er – mit solcher Wucht die Größe seiner Welt empfunden; zu keiner Zeit – so sagte er sich selbst täglich von neuem – mit solchem Glücksgefühl seine Einsamkeit und Unabhängigkeit von den Menschen genossen; und dennoch – Es war nicht mehr, wie es gewesen war. Anders war es geworden, beunruhigend, beängstigend, anders. Und das doppelt qualvoll, weil er nicht den Mut fand, sich den Grund einzugestehen; weil er – jeden Tag von neuem – über die Ursache sich belog. Er fühlte diesen Zustand innerlicher Unwahrheit; und der Mann, dem die Lüge das feigste und schändlichste aller Laster war, litt darunter, wie er nie gelitten hatte. Fels und Eis – Eis und Fels. Darüber der Himmel. Darüber Nebel und Gewölk. Immer das gleiche und doch niemals das gleiche. Jetzt ein Wolkenschatten – jetzt ein Sonnenstrahl, im Augenblick alles verändernd, jede andere Stunde eine andere Welt von Fels und Eis schaffend. In dem ungeheuren Schweigen beständig die Stimme dieser großen, dieser grausamen Natur. Lawinendonner bald fern, bald nah; jetzt gewaltig anschwellend, jetzt im letzten matten Echo verhallend. Dumpfes Gepolter abbrechenden Gesteins; heiserer Adlerschrei; der schrille Pfiff einer Gemse; der pfeifende Zuruf der aus ihrem Winterschlaf erwachten Murmeltiere. Und niemals der Laut einer Menschenstimme! Sivo Courtien wäre es wie eine Geisterstimme erschienen, wenn er in der geräuschvollen Lautlosigkeit plötzlich diesen Ton vernommen hätte. Trotzdem lauschte er beständig, ob er den Gespensterton nicht vernehme. Er hätte den nämlichen leisen Wohllaut haben müssen, der beständig in seinem Inneren erklang, den zu ersticken er beständig bemüht war und auf den er doch lauschte, als müßte er diese leise, seine Seele liebkosende Stimme plötzlich rufen hören: »Ich komme!« Er hätte dann zurückgerufen, laut und jubelnd: »Ich habe auf dich gewartet; denn ich wußte, du würdest kommen. Kommen mußtest du! Jetzt bist du da, und jetzt –« Und er wäre ihr entgegengestürzt ... Weil er auf die Geisterstimme in seinem Inneren nicht hören durfte, mußte er versuchen, sie zu betäuben – da er sie nicht ersticken konnte! Betäuben durch seine Arbeit; betäuben durch die Stimme seines Genius, die seines Lebens Stimme war und einen Klang hatte wie Meeresrauschen, wie Sturmesbrausen, darin alle anderen Töne, die von der Welt waren, untergehen mußten. Also – Arbeit, Arbeit! Er hatte sich eingerichtet in seinem seltsamen Atelier, das einer meteorologischen Warte auf einem mit ewigem Eise bedeckten Alpengipfel glich. Das gewaltige, nach Norden liegende Fenster ließ sich zur Seite schieben, so daß der Raum zur offenen Halle ward, mitten hineingestellt in die Alpenwelt. Sie bildete in dieser Arena von Fels und Eis die Loge für das Künstlerdrama: »Alpentragödie.« Da auf seinem Kolossalgemälde die Nebelmassen noch immer nicht »wie in Wirklichkeit« aufbrauten, sondern noch immer als starre, regungslose Masse verharrten, das Gewitter noch immer nicht heraufzog, so daß der Beschauer glaubte, im nächsten Augenblick den Blitzstrahl aufflammen zu sehen, den Donner rollen und grollen zu hören – begann Courtien mit dem Selbstverstümmelungswahn des Fanatikers zum dritten und vierten Male einen Teil seines Bildes zu zerstören, um zum dritten und vierten Male neu zu beginnen. Da hatte er nun sein Vorbild vor Augen: Fels und Firner und Gletscher; Luft und Licht; Wolkenschatten und Nebelwallen; und mit seiner ganzen Kunst kämpfte er gegen diese gewaltige Alpennatur, deren heißliebender Sohn er war und die ihm zur Todfeindin wurde. Er kämpfte wie ein Titan. Bereits im Morgengrauen erhob er sich von seinem, mit einer schweren Friesdecke belegten Lager aus getrockneten Alpenkräutern. Er hatte sich in einer Weise abgehärtet, daß er unbekleidet aus seinem Hause trat, hinaus auf das Schneefeld. Hoch und schlank stand er auf dem eisigen Glanz, das Haupt wie anbetend erhoben, dem aufglühenden Tage entgegen, als hätte Gott der Herr in dieser Wüste von Fels und Eis seinen ersten Menschen geschaffen: aus Fels und Eis! Noch war der Mensch einsam: noch fehlte dem ersten Manne das erste Weib; war also noch nicht durch das Weib in Schuld und in jene Sünde verfallen; die der Menschheit »Erbsünde« werden sollte. Bei jedem Wetter eines jeden Tages stählte Courtien auf dem Schneefelde seinen Körper durch gymnastische Übungen. Er rieb mit der eisigen Feuchte Gesicht und Glieder, ließ sich vom Alpenwind trocknen, der oft zum Sturm anschwoll. Bei dem Brausen des Elements überkam ihn ein derartiges Lebensgefühl, ein solches Bewußtsein seiner Kraft, daß er einen Schrei ausstieß, der etwas von dem Laut eines Urwesens hatte. Die Adler des Monte della Disgrazia kannten Courtiens »Jauchzen«, kreisten langsam über seinem Haupte und ließen ihren Königsruf in die Stimme des Menschen ertönen. Unmittelbar nach dem Luftbade begann seine Arbeit. Fehlte es in der Landschaft an der für seine Gemälde notwendigen Beleuchtung und Stimmung, so machte er Studien, Skizzen: immer das nämliche Motiv in stets neuer Auffassung. Er hätte dort oben hundert Jahre alt werden und bis zu seinem letzten Tage dasselbe studieren und skizzieren können, ohne an seinem letzten Lebenstage mit dem einen Motiv fertig geworden zu sein. Erst nachdem er einige Stunden gearbeitet, bereitete er sich sein Frühmahl aus Polenta und gebratenem Speck; von diesen kräftigen Lebensmitteln besaß er große Vorräte. Er hatte sich gewöhnt, nur zwei Mahlzeiten zu halten, und die zweite erst nach Anbruch der Dunkelheit: wiederum die Volksspeise des Südens mit einer Zutat von geräuchertem Wildbret oder Fisch, womit ihn bislang der treue Vital versorgt hatte. War er von der Arbeit derartig ermüdet, daß seinen Händen Palette und Pinsel nahezu entfielen, oder packte ihn vor seiner Riesenleinwand Verzweiflung, so stürmte er aus dem Hause, das er nicht zu verschließen brauchte. Er schritt über den Firnschnee, überquerte den Gletscher, durchkletterte die Klippen des Wildschutzgebietes und lauschte aus diesen Irrwegen wiederum beständig aus die Stimme seines Inneren, die ihm wie Sirenengesang zurief: ›Ich komme!‹ Und er ließ seine sehnsüchtige Seele zurückrufen: ›Ich wußte, du würdest kommen! Kommen mußtest du!‹ Noch ein anderer Spuk gab ihm zu schaffen. Bei seinen wilden Gletscherwanderungen, die Todeswege waren, wurde ihm in seiner Phantasie die uralte Malojasage vom Gletscherweib des Monte della Disgrazia von neuem lebendig. So geschah es denn, daß der Geisterruf der geliebten Frau in seiner Brust mit dem Lockgesang der Unholdin sich mischte und so beide Stimmen zu einer wurden: zu der Stimme der Zauberin, der Verderberin. Trotzdem mußte er darauf lauschen, trotzdem zur Antwort geben: ›Ich wußte, du würdest kommen! Kommen mußtest du! Und jetzt bist du da!‹ Was geschah, wenn sie »da« war? Ein Traum der Ewigkeit, geträumt in einem Augenblick. Und was kam hernach? Das Ende, das Nichts ... Die Phantasien eines Fiebernden. Also – Arbeit, Arbeit! Alles andere war eben das Ende, das Nichts. Wie konnte es geschehen, daß es plötzlich für ihn etwas anderes gab als seine Arbeit, sein Gemälde, sein Lebenswerk? Solchen Paroxysmen folgte physische und seelische Ermattung und dieser neues gewaltsames Aufraffen und Arbeiten bis zur neuen gänzlichen Erschöpfung aller Lebensgeister. Dann stürmte er hinaus, um in der grauenvollen Wildnis der Eisalpen gegen Mächte zu kämpfen, denen die Menschen der Tiefe erlagen. Weshalb erlagen sie? Weil sie sich nicht zu Gipfeln emporringen konnten; weil sie nur das Klein-Menschliche wollten; weil sie sich nicht das Ziel des Übermenschen gesteckt, kein Titanenwerk als Lebenswerk vorgenommen hatten. Und was war jetzt mit ihm, daß ihn Zweifel beschlichen? Zweifel an seinem Können, seiner Kunst, an sich selbst. Solche Zweifel waren dem Tode gleich: dem Tode des Künstlers sowohl wie des Menschen. Tod ... Konnte er sterben, bevor er sein Werk vollendet hatte? Wenn er früher Wanderungen unternahm, bei denen ihn ein Schritt, eine Bewegung in Abgründe reißen konnte, so hatte er jeder Todesgefahr gelacht. Für ihn gab es keine Gefahr. Er konnte nicht wie ein gewöhnlicher Sterblicher abstürzen und zerschmettern. Sein Leben war gefeit durch sein Werk. Und jetzt? Jetzt mußte er bisweilen daran denken, daß auch er nur sterblich sei. Und wodurch war er es plötzlich geworden? Durch eine große, eine gewaltige Empfindung! Sie sollte den Menschen aus Dunst und Tiefen zu Gipfeln erheben; erst durch sie sollte der Mensch sein Menschlichstes erkennen, das zugleich sein Göttlichstes war. Mächtige Leidenschaft gab dem Menschen das Gefühl von Unsterblichkeit; denn – »Kein Ende, kein Ende!« Und gerade für ihn sollte es alles Lebens Ende bedeuten, wenn er seiner Leidenschaft für die schöne Frau sich hingab; wenn er sie wiedersah und sie zu ihm kam. Denn er kam nicht zu ihr! Er blieb droben in seiner Gletscherhütte, unter Felsen und Firnern; bei Adlern und den Tieren der Alpenwildnis; bei seiner Riesenleinwand und seiner Arbeit. Sie zu ihm hinaufkommen ... Die Nerina konnte zu dem Bärenjäger kommen; aber die Gräfin von Oberndorff niemals zu Sivo Courtien. Tollheit war's! Er sagte es sich selbst, verhöhnte, verachtete sich selbst und – träumte den Fiebertraum weiter, ließ von dem Wahnsinn sich packen ...   Der Frühling in dem Gletschergebiete des Monte Sissone und Monte della Disgrazia war schön. Föhnwind und Sonnenschein tauten den Schnee auf den Klippen, und diese bedeckten sich mit der Lenzflora jener hohen Zone, mit leuchtend gelbem und violettem Krokus, so daß die Felseninsel als buntes Eiland inmitten des in allen Farben spielenden Gletschermeeres lag. Aber in diesem wundersamen Garten gaukelten nur selten Schmetterlinge von Blüte zu Blüte, und die sanfte Sommermusik, das Summen schwärmender Bienen und Käfer, ward darin nicht gehört. Das zahlreiche Wild, dem die »Gemsfreiheit« ein Refugium bot, freute sich des sprießenden zarten Grases, das einen lichten Schleier um die braune Wildnis webte, und ließ sich beim Äsen durch ihren menschlichen Mitbewohner nicht stören: das Tier der Wildnis mochte den einsamen Mann für ein Geschöpf halten, darauf Jagd gemacht wurde und das, gleich ihm, hier oben eine Zuflucht fand, wohin kein Verfolger gelangen konnte, wo kein Schuß abgegeben werden durfte. Da war es denn seltsam, die Hütte des Einsiedlers wie von frommen Heiden umgeben zu sehen. Es fehlte freilich das helle Geläut der Glocken. Nicht nur bis unmittelbar vor das Haus traten die Gemsen; einmal geschah's sogar, daß Courtien in seinem Atelier den Besuch eines stattlichen Bockes empfing. Der würdige alte Herr stand erstaunt vor des Künstlers Leinwand, nahm sie jedoch nicht wie die Vögel das Bild des griechischen Meisters für Wirklichkeit – zum Glück für das Gemälde! Vital kam, brachte Vorräte und Neuigkeiten: er sei über Nacht von der Gemeinde entlassen worden. Aus welchem Grunde? Danach sollte Courtien den Pfarrer Briccius Ladien fragen. Der wisse es ... Was wisse der geistliche Herr? ... Daß er ein miserabler Christ sei! Es könne jedoch leicht geschehen, daß sehr bald ein noch ärgerer Heide aus ihm werde ... Was er nun beginnen wolle? Ob er nicht Lust habe, bei seinem guten Freunde zu bleiben? Sie wollten gute Kameradschaft halten ... Schönen Dank. Einstweilen könne er die Sache bedenken. Vielleicht komme er im Winter herauf – wenn der Maler wirklich so verrückt sein sollte, auch winters hier oben zu sitzen ... Ja! Der Maler werbe so verrückt sein. Bei vollem Verstand so verrückt! ... Nun, dann könnten sie sich zusammen einschneien und im Schnee begraben lassen. Das Lebendigtotsein wäre doch etwas pläsierlicher. Und die Nerina? Oh, die! Die sei drunten in der Fornohütte und warte den feinen Fremden auf. Die werde jetzt selber fein: in einem Kostüm aus blankem, schwarzem Tuch mit weißer Spitzenschürze und weißer Spitzenhaube auf dem schwarzen Kopf, rings um das braune, garstige Gesicht, darin die Augen glitzerten wie gelbe Lichter, und die Lippen glühten wie rotes Blut. Die Nerina – Oh, die! ... Ob er von dem Mädchen denn gar nicht lassen könne? Ganz und gar nicht! Zeitlebens nicht! Auch im Tode nicht! In aller Ewigkeit nicht! Sie habe es ihm nun einmal im Namen alles Bösen angetan, habe ihn verhext, ihn toll gemacht. Sivo Courtien werde selbst erfahren, was das für einen Mann bedeute, wenn er von einem Weibe nicht lassen kann. Da fuhr Sivo Courtien auf: »Sprich nicht von mir! Ich bin nicht du. Und die Frau, die du meinst, ist keine Nerina.« Ihm wurde gleichmütig erwidert: »Weib ist Weib. Du brauchst nicht gleich wild zu werden ... Sie steckt übrigens noch immer drunten und wartet auf dich. Und wenn du kommst, geht in Gottes Namen deine ganze Mannheit zum Teufel. Was ich sagen wollte –« »Ich will von dir hören, was du zu beginnen denkst? Du mußt etwas tun. Arbeiten mußt du! Hart und schwer arbeiten; im Schweiße deines Angesichts arbeiten; arbeiten, bis du vor Todmüdigkeit hinsinkst, damit du nicht gleich wieder deinen alten, wilden Leidenschaften verfällst.« »Damit ich nicht gleich wieder Blut sehen muß ... Meinetwegen sei ohne Sorge, Malerlein. Einstweilen bin ich prächtig versorgt: in dem feinen Gasthof ... Reiß nur die Augen auf. Hab's der Schwarzen nachgemacht. Gleich nahmen sie mich. Überdies um vieles Geld. Bekomme jetzt in einem Monat mehr als sonst im ganzen Jahr. Bergführer, verstehst du. Führe die feinen Damen und Herren, wohin sie geführt sein wollen. Meinethalben dorthin, wo sie sich den Hals brechen können. Auch mit deiner Gräfin bin ich schon gegangen. Das ist eine! Ich sag' dir, Bürschchen ... Sieht aus wie eine Puppe, wie ein Kinderspielzeug, das zerbricht, wenn du's nur anfaßt; aber ... Die kann's! Die kann alles, was sie will.« Courtien wandte sein Gesicht ab, um den neuen Führer vom Malojahotel nicht sehen zu lassen, welchen Eindruck es auf ihn machte, daß Vital mit der Gräfin Bergtouren unternahm, daß der wilde Gesell in der Gesellschaft der holden Frau sein konnte, jederzeit ihre Schönheit schauen, ihre Stimme hören durfte, die auch er vernahm: in seiner Seele; und auf die er lauschte, mit angehaltenem Atem, pochenden Herzens, fiebernden Pulses. Gian Vital, dem nichts entging, fuhr fort: »Sie will, ich soll sie womöglich jeden Tag führen. Für die ganze Zeit will sie mich in ihren Dienst nehmen: solange sie auf Maloja bleibt. Und sie bleibt lange: bis in den Herbst hinein. Vielleicht den ganzen Winter über – da das Hotel dieses Jahr den ganzen Winter über offen sein soll ... Du weißt natürlich nicht, weswegen sie gerad mich immer um sich haben will und warum sie so lange bleibt?« Sivo Courtien antwortete nicht: er mußte sein Erbeben bekämpfen. Der Kapuzinerjäger beobachtete ihn scharf, erkannte alles, dachte voll Ingrimms: ›Dich hat's auch fest gepackt! Wüßt' ich nur, wie ich dich losbringen könnt'? Du sollst mir noch einmal so von oben herab von der Schwarzen sprechen und mich einen Schwächling schimpfen. Aber um dich ist's mehr schade. Tausendmal mehr! Wehr du dich nur. Sie fängt dich doch!‹ Laut meinte er: »Was gibst du mir dafür, wenn ich sie wohin führ', wo sie sich den Hals bricht? 's ist leicht getan. Nichts leichter als das. Du brauchst mir nicht einmal ein ›Vergelt's Gott‹ dafür zu sagen; und wärst sie los, bevor sie dich hat. Darum müßt's gleich geschehen. Nachher geht's schwerer, geht's gar nicht. Überleg's also. Was tut man nicht für einen guten Freund!« Nach einer Weile schweren Schweigens stieß der Befragte plötzlich hervor: »Wovon spricht sie mit dir?« »Wovon sollte sie wohl mit mir sprechen?« »Quäle mich nicht!« »Ich muß ihr von dir erzählen. Immerfort nur von dir. Jetzt weißt du's. Als ob du's nicht gewußt hättest!« Courtien schritt langsam von Vital fort, trat an seine Leinwand, nahm Palette und Pinsel und malte. Seine Hand zitterte. Das war ihm noch nie geschehen. Er mußte krank sein. Damit wollte er fertig werden. Und das leichter als mit – dem anderen ... Er und krank! Wer hätte das denken können? Er selbst gewiß nicht. Der Mensch muß eben alles an sich selber erleben. Auch das Kranksein. Bevor der neue Fremdenführer von Maloja den Maler verließ, sagte er: »Nach Maira fragst du nicht?« »Gibt's etwas von ihr zu sagen?« »Ich meinte nur, du würdest gern von ihr hören.« »Da es ihr gewiß gut geht –« »Die ist wie du. Ihr beide paßt zueinander wie zu unseren Bergen die Firner und Gletscher.« »Wir sind gute Kameraden, bleiben es auch. Daran ist nicht zu rühren.« »Nicht zu rühren. Und doch ist sie eifersüchtig.« »Wer eifersüchtig? Auf wen?« »Du fragst noch!« »Hat sie dir etwas gesagt?« »Die und etwas sagen! Nein – sie ist doch nicht wie du. Wenn sie sterben sollte, und wenn ein Wort sie retten könnte, so würde sie schweigen und sterben. Von euch zweien ist sie die stärkere. Also wird sie fertig damit.« »Mit ihrer Eifersucht auf die Gräfin?« »Und mit ihrer Liebe zu dir. Obgleich ihre Liebe zu dir ihr Leben ist.« »Mensch!« »Schon als sie noch ein Kind war, hat sie dich lieber gehabt als ihr Leben ... Denk drüber nach, wenn du noch an etwas anderes denken kannst. Zeit zum Nachdenken hast du genug, und allein genug bist du auch. An die Maira à Mara denke. Es wird dir gut tun, und du brauchst gute Gedanken.« Er schickte sich an, zu gehen. »Bleib noch! 's ist gar zu einsam!« »Ich muß herab zur Fornohütte, muß zu der Schwarzen. Und darum ... Bürschlein, darum kenne ich das alles: es packt einen und läßt einen nicht los. Selbst nicht, wenn man ein ganzer Kerl ist. Und ganze Kerle sind wir beide. Du hast's übrigens besser: du kannst an die Maira denken. Während ich – Wenn mir der Pfarrer die Nerina nicht zur Frau gibt, damit ich sie für alle Ewigkeit hab', so –« Überrascht rief Sivo: »Du willst heiraten? Trotz allem, was du immer gegen das Heiraten sagtest!« »'s ist eine Schande! Ich meine, daß ein Mann auf einmal anderen Sinnes werden kann. Einer wie ich, der ich doch ein ganzer Kerl sein will. Und zwar anderen Sinnes wegen eines Frauenzimmers! Obenein wegen solchen schwarzen Dings, solcher häßlichen Hexe. Aber – kann sein, daß ich dann von ihr loskomme. Jetzt weißt du, weshalb ich heiraten will – wenn der Briccius Ladien mich heiraten läßt. Aber er läßt mich nicht! Nicht eher, als bis ich ihm zu Kreuz kroch. Und das – Herrgott, und das wegen eines Frauenzimmers! Es würde mich würgen; umbringen würd's mich. Vor solchem sich demütigen, der trotz seiner Hochehrwürdigkeit ein zehnfach schlechterer Christ ist als ein entlaufener Klosterschüler, als der unbußfertige Unchrist Gian Vital ... Ist das eine Narrenwelt dort unten! Hast recht, Malerlein, hier oben zu sitzen. Bleibst hier oben ein besserer Mensch.« Ohne weiteren Abschied und Gruß ging er. Courtien sollte in seiner tiefen Einsamkeit bei seiner Arbeit an Maira à Mara denken – und dachte nur an die Frau, auf die seine treue Jugendfreundin, seine gute Kameradin eifersüchtig war; denn diese hatte ihn schon als Kind geliebt, »mehr geliebt als ihr Leben«. Aber sie würde eher sterben, als es ihm sagen. 10 Sie kam nicht zu ihm hinauf; sie kam ihm jedoch näher: in die Fornohütte, am Rande des Fornogletschers, unterhalb des Piz dei Rossi. Das »Teehaus« des Grand Hotel Maloja ward von der Gräfin Oberndorff um ein kleines Vermögen für den ganzen Sommer gemietet und mit allem in jener Höhe erdenklichen Komfort versehen. Ein junger Koch besorgte die Küche; der von der Gemeinde jählings entlassene, aus dem Dienst gejagte Kapuzinerjäger war Proviantträger, Lakai und Bergführer; die Nerina fungierte als Dienerin und Zofe. Denn die Französin hatte sich geweigert, dieser »Kaprice« ihrer Herrin nachzugeben, und war auf der Stelle entlassen worden: da »Madame la Comtesse« dort oben nicht Toilette machte und sich sogar selbst frisierte, bedurfte sie keiner Kammerfrau. In Sankt Moritz hatte sie sich für ihre eigentümliche Villeggiatur equipiert: für den Tag und für ihre Exkursionen ein dunkles Lodenkostüm; für den Abend ein kleidsames, aber höchst einfaches Gewand aus weißem Wollstoff. Sie hatte Bücher mitgenommen und eine kunstvolle Stickerei. Beides sollte für die trüben Tage und die vielen einsamen Abende dienen. Ein Tag wie der andere stieg jedoch glanzvoll auf in diese Welt des Glanzes, und abends fühlte sie eine schwere und zugleich süße Ermattung, die ihr neues Leben mit sich brachte und die sie sogar daran hinderte zu denken, zu grübeln: wie wunderlich – wundersam all dieses sei; wie es werden solle; wohin führen? Jedenfalls zum Leben, zum vollen, flutenden, glühenden! Die Leidenschaft, die den starken Mann wie ein Blitzstrahl traf und seine Kraft verzehrte, übte auf die Frau einen Zauber aus, der Ungeahntes in ihr weckte und selbst ihre Schwäche in Stärke verwandelte. Es mag dies in der Natur von Mann und Frau begründet sein. Wenigstens war es begründet in den Naturen dieses Mannes, dieser Frau. Inzwischen führte Vital die Gräfin ein in die Mysterien des Engadiner Alpengebiets; denn für die Weltdame waren es Geheimnisse, die sich ihr allmählich auftaten. Sie würden ihr auch jetzt verschlossen geblieben sein, wären in ihrer Seele nicht Tore aufgesprungen, durch die sie in das Allerheiligste eines anderen göttlichen Reiches einschritt, staunend über das Wunder, das mit ihr sich begab. Viel beschäftigte sie sich mit der Frage: ob wohl jede Frau einmal erlebte, was mit ihr jetzt vorging? Und was aus der Frau wurde, wenn das Große unerlebt blieb? War solches Nichterleben des Wunderbaren nicht gleich einem Verkümmern, einem allmählichen Hinsterben der Frau? Nicht gleich einem lebendigen Tode? Kein Wunder, daß Dichter aller Zungen in allen Tönen, bald schwermutsvoll und leise, bald triumphierend und jubelnd das Hohelied der Liebe sangen, dieses Lebenslied der Frau. Auch dann ihr Lebenslied, wenn seine letzte Strophe Unglück und Jammer, Verzweiflung und Sterben sein sollte.   Sie sprach mit ihrem Führer von dessen berühmtem Landsmann, versuchte von dem Wildling alles zu erfahren, was diesem über den Einsiedler vom Monte della Disgrazia bekannt war. Aber Vital war wortkarg. Und wenn es ihrer Kunst gelang, dem Widerstrebenden etwas zu entlocken, war es nicht das, was sie vernehmen wollte, war es so gut wie nichts von Sivo Courtien, dagegen viel von Maira à Mara, die zu Courtien zu gehören, von ihm unzertrennlich zu sein schien wie der junge, schäumende Mairafluß vom Bergell. Einmal sagte er ihr geradeheraus: »Sie ist für Sivo Courtien das rechte Weib. Das einzig rechte! Entweder sie oder keine. Noch erkennt er's nicht. Aber er wird's erkennen, und dann – das gibt dann ein Paar!« Da wurde die stolze Frau blaß und stumm ... Er führte sie auf Grate und Gipfel; führte sie über die Schrunde des Fornogletschers und die Schneefelder des Bacone. Den Weg in die Wildnisse des Monte Sissone und Monte della Disgrazia schien er nicht zu kennen. Und gerade diesen Weg wollte sie gehen. Um diesen zu gehen, war sie heraufgestiegen: nur darum! Ihm entgegen! Weiter konnte sie nicht, durfte sie nicht. Nur den Weg wollte sie wissen, den er zu ihr gehen würde: oft und oft! Zu ihr über Gletscherschründe; zu ihr an Abgründen entlang; zu ihr bei Nebel und Sturm – bei Todesgefahr. Vom Wege aus wollte sie sein Haus erblicken. In der Ferne wollte sie stehen. So lange in der Ferne, bis der Tag kam, an dem er sie hinauf und in sein Haus führen würde, ihr sagend: ›Siehe meine mehr als mein Leben geliebte Arbeit, du über alles Geliebte!‹ Sie wußte, daß der Tag kommen würde. Aber Geduld mußte sie haben, warten mußte sie können. Da Gian Vital alle Wege mit ihr ging, außer jenem einen, und da sie ihm nicht sagen mochte: »Führe mich diesen!« – so entschloß sie sich, den gefährlichen Pfad ohne Führer zu gehen, und sandte, damit er sie an ihrem Unternehmen nicht hindern konnte, Vital bereits in aller Frühe mit Aufträgen nach Maloja hinab. Und in aller Frühe brach sie auf, erfüllt von der dunklen Empfindung eines großen Ereignisses, das der Tag ihr bringen würde, zugleich voll eines unbestimmten Angstgefühls. Denn als sie aus der Hütte trat, umfing sie die Feierlichkeit der Morgendämmerung in dieser gewaltigen Alpenwelt wie etwas Feindseliges, Furchtbares, das sie bedrohte und nach ihrem Leben trachtete. Es war kalt, sie fröstelte. Einen Augenblick dachte sie an Umkehr. Sie schalt sich jedoch eine Törin, bezwang die Schauer, die solche Erhabenheit ihr einflößte, verließ das Felsengebiet der Hütte, betrat den Gletscher, dieses von einem Orkan gepeitschte, im höchsten Wellengange plötzlich zu Eis erstarrte Meer. Sie schritt darüber hin ... Mystisch war's, ein Hochamt der Alpennatur! Zwischen Erde und Himmel schwebend eine vom Tagesanbruch entzündete Wolkenschicht, ein flammendes, flutendes Nebelgewoge, daraus die eisigen Gipfel als weißglühende, lodernde Riesenfackeln aufstiegen, zu einem violetten Morgenhimmel empor. Inmitten des Purpurglanzes konnte der Schöpfer erscheinen, um seine Erde mit der Glorie der ersten Sonnenstrahlen zu segnen. Erfüllte sich doch jeden Tag von neuem das göttliche Wort: »Es werde Licht!«; vollzog sich doch jeden Tag von neuem das große Sonnenwunder. Die religiöse Empfindung, die sich der Seele der Bergsteigerin mehr und mehr bemächtigte, verdrängte schließlich das Grauen vor der überwältigenden Allmacht der Landschaft. Sogar fromm machte die Liebe die Frau, die im Leben das Beten verlernt hatte! An dem Morgen dieses einsamen Kirchgangs wurden ihre Gedanken zum Gebet: ›Glücklich sein heißt gut sein. Ich werde sehr glücklich, also sehr gut sein! Ich muß es werden! Er liebt mich. Die Stunde, in der er mir's sagt, muß kommen. Er ist so stolz, ist so ungewohnt, zu lieben und glücklich zu sein. Seine Liebe muß seinen Stolz brechen. ›Wie alles werden wird? Ich weiß es nicht, will's nicht wissen. Zusammen sein, zusammen glücklich sein. Seine Arbeit, seine Kunst, sein Ruhm. Er soll das alles behalten. Und dazu sein Glück, seine Liebe. Es wird Überschwenglichkeit sein. Natürlich darf er nicht dort oben bleiben. Er wird mit mir gehen: aus Wolkenhöhen auf die Erde hinab; unter Menschen, in die Kultur. Sein Leben und seinen Ruhm soll er genießen. Ich werde seinem Ruhm die Wege bereiten – ich! Welche Aufgabe für mich, welche Mission! Im Sommer dann ... Nun ja, sommers kehrt er zurück in diese wilde Welt, die nun einmal seine Welt ist. Ich will sie ihm nicht entreißen; will helfen, sie ihm zu erhalten, als Lohn dafür, daß er mir von hier fort in meine Welt folgt. Es soll allmählich die seine werden.‹   Was geschah? Der Dunst, der die Gipfel umlagerte, zog sich plötzlich zusammen; die Wolkenfetzen schoben sich wie durch Zauberschlag ineinander und bildeten mit Blitzesschnelle über dem Eismeer einen gespenstischen Nebelsee. Die unheimliche graue Decke ward dicht und dichter, senkte sich tief und tiefer, das Tageslicht ausschließend, als legte sich eine schwere, schwarze Scheibe zwischen Erde und Himmel. Eine fahle Dämmerung verbreitete sich. Die Wandlung erfolgte so rasch, daß die einsame Gletscherwanderin sie erst bemerkte, als sie sich bereits vollzogen hatte. Sie blieb stehen und sah um sich ... Zu ihren Füßen grünliches und bläuliches, ins Graue und Violette schillerndes Eis, vielfach durchfurcht und zerrissen, zu Spalten und Schrunden geborsten; über ihrem Haupte regungslose Nebelnacht, schwarz und schwer, tief und tiefer sich senkend. Die Gräfin begriff sogleich die Gefahr. Auf dem Wege, auf dem sie Gedanken des Lebens gedacht hatte, konnte ihr Leben ein Ende nehmen. Welch ein Ende! Ein qualvolles, grausiges – wenn sie den Weg zur Hütte nicht zurückfand oder kein aufwehender Windstoß die Nebel faßte, zerriß, auseinandertrieb. Also zurück! Aber – wie zurück? Tief und tiefer senkte sich die regungslose, schwere, schwarze Nebelflut. Der Einsamen war zumute, als würde der dichte Dunst zu dem Deckel ihres Sarges, der auf sie herabsank und sie lebendig begrub. Sie stand und streckte beide Hände auf, als könnte sie mit ihren aufgestreckten Händen den schrecklichen Tod von ihrem atmenden Haupte fernhalten. Senkte sich der gespenstische Sargdeckel noch um ein weniges mehr, so mußte sie darunter ersticken. Und sie wollte doch leben – leben! Sie, die liebte; sie, die geliebt wurde! Es mußte auch sein Herz tödlich treffen, wenn sie auf dem Wege zu ihm so grausig grauenvoll umkam. Tiefer, tiefer und tiefer das Regungslose und doch Sichniedersenkende. Und jetzt – jetzt traf es sie, begrub es sie! Sie war eingehüllt in Nebelnacht. Nicht die Hand vor Augen konnte sie sehen; nicht einen Schritt vorwärts, keinen Schritt rückwärts tun. Wie gefesselt stand sie auf dem Eise des Gletschers, wie eingemauert von dem schwarzen Gewölk. Neben ihr, dicht neben ihr konnte das Eis geborsten sein, konnte ein Abgrund sich öffnen: dicht neben ihr konnte ihr Grab sein. Ein Schritt, eine Bewegung, und sie sank hinab. Sie, die das Leben an sich reißen wollte wie ein Verdurstender den Trunk aus der Quelle fühlte sich von Todesnähe umschauert. Konnte sie sterben? Feite sie nicht ihre Liebe gegen Untergang? ... Wenn die Nebelnacht auch nicht weichen, der düstere Vorhang sich nicht heben sollte, so würde für sie ein Wunder geschehen. Neben einer offenen Gruft stehend, von den Nebeln wie von feuchtem Flor, ihrem Bahrtuch, umschleiert, fühlte sie, daß durch ihre Liebe ein Hauch von Ewigkeit sie beseelte, der sie unsterblich machte. Die Zeit verstrich ... Es verstrich Stunde um Stunde. Sie stand und regte sich nicht, durfte sich nicht regen, wenn ihr Leben ihr lieb war. Und sie liebte es wie den Geliebten selbst. Um die regungslose Frau immerfort das schwarze, schwere, regungslose Gewölk. Kein Hauch in der Luft; kein Laut in dem Schweigen. Nur bisweilen ein knisternder, knirschender, klirrender Ton wie aus weiter, weiter Ferne dumpf hinüberdringend: das Bersten des Eises, die Stimme des Gletschers. Und die Zeit verstrich, Stunde um Stunde ... Sie wußte nicht, wie weit sie sich von der Hütte entfernt hatte; sie hatte jede Erinnerung an Weg und Richtung verloren. Jedenfalls war von ihr die Richtung eingeschlagen worden, die sie, längs des Fornogletschers, dem Monte Sissone zuführte: dem Hause des Geliebten zu! Vielleicht war sie diesem schon nahegekommen? Die Nebelschicht konnte es ihr verborgen haben. Ganz nahe von dem Geliebten stand sie gefesselt, eingemauert, lebendig begraben. Wenn er es wüßte! Wenn er wüßte, daß sie ganz nahe von ihm sterben mußte ... Er würde zu ihr kommen, um mit ihr zu sterben, konnte er sie nicht retten. Aber seine Arbeit, sein Gemälde, sein Lebenswerk? Was kümmerte ihn das, wenn es seine Liebe – wenn es sein Leben galt? Denn sein Leben war ihre Liebe. Er wußte es nur nicht. Wenn er sie dem Tode nahe fand, würde ihm die Erkenntnis zuteil werden. Sie mußte rufen, schreien. Vielleicht hörte man sie in der Fornohütte; oder es hörte sie Sivo Courtien. Er mußte sie hören! Sie rief, sie schrie. Aber sie rief nicht um Hilfe: seinen Namen rief sie; immer wieder seinen Namen: »Sivo! Sivo! Sivo!« Der Name des Geliebten war ihr Ruf nach Hilfe und Rettung, nach Leben und Glück. »Sivo! Sivo! Sivo!« Konnte sein Ohr sie nicht hören, so würde doch sein Herz ihren Ruf vernehmen. Unmöglich, daß sie in Todesangst nach ihm rufen konnte und von ihm nicht gehört ward! Daß sein Herz ihren Hilferuf vernahm, würde das große Wunder sein, das für sie und ihn sich erfüllen mußte. Daran glaubte sie, und ihr Glaube gab ihr Kraft, auszuharren. Ohne diesen Glauben wäre sie zusammengebrochen, wäre sie hingesunken. Oder wäre fortgetaumelt, wäre in den Abgrund zu ihren Füßen gestürzt, in das offene Grab. Und die Zeit verstrich, Stunde um Stunde.   Immer noch die Nebelnacht, von keinem Windhauch bewegt ... Sie rief nicht mehr. Auch ohne ihren Ruf würde er die Stimme ihres Herzens vernehmen, die ihn anrief in ihrer höchsten Not. Sie wurde matt und matter. Trotz ihres Glaubens an die Erfüllung des Wunders verließ ihre Kraft sie allmählich. Dann ward es so dunkel um sie, daß sie annehmen mußte, sie hätte seit dem Morgen, hätte den ganzen Tag über dagestanden und die Nacht wäre angebrochen. Sie fühlte die erstarrende Kälte des Eises. Vom Boden zog es zu ihr hinauf: Eiseskälte bis in ihr Haupt, bis in ihr Hirn, ihre Gedanken erstarrend. Wenn sie hinsänke, würde sie einschlafen, würde sie nicht mehr erwachen ... Um nicht hinzusinken, mußte sie sich bewegen. Also zwang sie ihre starren Glieder, bewegte sie sich. Tastend schritt sie vorwärts, fühlte plötzlich den Boden unter sich weichen, riß sich von dem Gletscherspalt zurück, schlug eine andere Richtung ein, befand sich über einem anderen furchtbaren Schrund, mußte wiederum stehenbleiben: regungslos mit schwindenden Kräften – schwindendem Glauben. »Sivo! Sivo! Sivo! Hilf mir! Rette mich! Komm! Laß mich nicht sterben! Nicht sterben, ohne gelebt zu haben! Sivo! Sivo! Sivo!« Sie wußte nicht mehr, daß sie rief. Ihre Sinne verwirrten sich. Mit ihren verwirrten Sinnen hörte sie einen Ton, einen Ruf: den Ruf einer Stimme, die sie kannte. Aber es war wie im Traum, wie Alpdruck, Fieberphantasie. Sie sank hin in ihrem Traum, in ihren Phantasien, beständig ihn rufend und zu ihm redend; ihm ihre Liebe in allen Tönen sagend; ihm sagend, daß sie ohne ihn starb und daß ihr letzter Seufzer sein Name war: »Sivo! Sivo! Sivo!« Sie wußte nicht mehr, daß es seine rettenden Arme waren, die sie umfingen; daß das Wunder für sie sich erfüllt hatte. 11 Sommer! Selbst auf der Felseninsel im Eismeer sproß jetzt üppig das Gras und blühten bunte Sommerblumen. Es waren die in der Tiefe längst verwelkten, wie Saphire strahlenden Genzianen und die zartgefiederten, rosigen Federnelken, die flammenden Feuerlilien und die orangegelbe, wohltätige Arnika. Purpurschwarze, betäubend duftende Brünellen umhüllten den Fels mit ihrer Farbe, und den Gletscher säumte ein breites Band von lila- und rotblühenden, zarten, winzigen Moosen. Es war, als würden die rauhen Klippen von leuchtenden Geweben umsponnen. Diesen wie durch einen holden Zauber aus dem Eisgefilde emporgehobenen Garten bevölkerten die Tiere der Alpenwildnis ohne jede Scheu vor ihren mörderischen, mit der Büchse bewaffneten Feinden, des Schutzes bewußt, den sie an dieser Stätte genossen. Furchtlos, aus großen Augen, schauten sie auf das Menschenpaar, das in diesem alpinen Eden wie in einem Traumland lebte, ohne zu denken, daß es eine Erde und eine Wirklichkeit gab. Mittags kamen sie von der Fornohütte heraufgestiegen und abends geleitete der Mann die schöne Frau hinunter, um sie sich am nächsten Morgen wieder zu holen; denn sie wollte jeden Tag oben bei ihm sein und durfte den Weg nicht mehr ohne Führer – nicht ohne diesen Führer! – machen. Gelangten die beiden an den Ort, wo die Frau in Todesnöten geschwebt hatte und durch das Wunder gerettet worden war, so pflegten sie daselbst kurze Zeit zu verweilen und in ergriffenem Schweigen einander in die Augen zu blicken. Die Stelle, wohin sich die Bergsteigerin an jenem Tage bei dem plötzlich einfallenden Nebel verirrt hatte, erwies sich als eine der gefahrvollsten des ganzen Gletschergebietes. Einem Wunder gleich erschien es schon, daß sie überhaupt dahingelangt war: auf einen scharfen Kamm der Eiswoge, die zu drei Seiten jäh abstürzte. Die Gerettete konnte von jenen Stunden des Grauens nicht sprechen. Genug, daß sie lebte; daß sich ihr, angesichts der Vernichtung, des Lebens ganze Herrlichkeit offenbart hatte. Der Retter dagegen erzählte – und mußte auf ihre Bitte immer wieder erzählen – »wie alles so wunderbar gekommen sei«. »Ich freute mich des prachtvollen Morgens. Auf einmal sah ich den Nebelstreif und wußte sogleich: ›Das wird heute schlimm – obgleich es nur erst ein Streif ist. Wer sich jetzt auf einer Hochtour befindet und nicht einen Führer hat, dem geht's heute schlecht, den holt heute das Gletscherweib.‹« Josette schrak zusammen: »Wer?« »Die Unholdin vom Monte della Disgrazia. In der Volkssage heißt's: wenn sich an dem Berg plötzlich ein Nebelstreif zeige, so winke das dämonische Weib mit seinem Schleier, so sei das ein Zeichen: ›Ich komme!‹« »Und sie kam an jenem Morgen?« »Du kamst!« »Das Unheilsweib ... Wie ward's weiter?« »Plötzlich war aus dem Streif ein Gewölk geworden, aus dem Schleier der Teufelin ihr Gewand, in dessen, schweren, schwarzen Faltenwurf sie das Opfer verstrickte. Ich wollte zu arbeiten anfangen, sah jedoch auf einmal nichts mehr: am hellen Tage brach die Nacht an ... Da ich nicht weitermalen konnte, trat ich heraus und beobachtete die Nebel. Sie wurden dicht und dichter, senkten sich tief und tiefer. Wer das hätte malen können!« »Du kannst es malen!« »Und ich dachte während des Nebelziehens an dich. Aber ich dachte immer an dich! An dich und an meine Arbeit. Ich konnte dich von meiner Arbeit, also von meinem Leben, nicht mehr trennen; und meine Arbeit nicht mehr von dir, also nicht mehr von meinem Leben.« »Geliebter!« »Ich will weiter erzählen ... An jenem Nebelmorgen, an dem es nicht wieder Tag werden wollte, glaubte ich dich in deiner Hütte gesichert und geborgen – allen guten Geistern sei gedankt! Ich dankte, weil ich mir einbildete – schilt mich einen Narren! –, du kämst eines schönen Tages zu mir heraufgestiegen. Zu mir heraufsteigen müßtest du! Denn ich wäre nicht zu dir hinuntergekommen; nie, niemals! ... Du lächelst und denkst: Er wäre gekommen! Und das bald! ... Nie, niemals! Du kennst mich nicht; weißt nicht, was für einen Liebsten du hast: mit einem Kopf, starr wie Engadiner Granit. Freilich, mein Herz – aus meinem Herzen hast du ein Ding gemacht, das du in der Hand hältst. Gekommen wäre ich trotzdem nicht. Eher wäre ich umgekommen an Seele und Leib: umgekommen vor Sehnsucht. Es half dir nichts: du mußtest den Weg gehen: über einem Grabe zu meinem Herzen.« Ihm tief in die Augen sehend, sagte Josette: »Du gingst mir entgegen. Erzähle weiter, wie's kam.« »Es ward Mittag und blieb Nacht. Arbeiten konnte ich nicht. In die Nebel hineingehen auch nicht. So wartete ich denn nicht auf dich. Ich wußte: ›Heute kommt sie nicht!‹ Auf den Wind wartete ich; auf den Sturm, der in den Nebel fahren, ihn peitschen, auseinanderreißen und verjagen würde. Das wollte ich sehen, studieren. Ich kann's nicht oft genug sehen, nicht genau genug studieren, um es darstellen zu können. Du weißt ja!« »Ich weiß. Weiter!« »Und ich wartete ... Da erging mir's wunderlich. Plötzlich faßte mich eine Bangigkeit, als ob sich der schwarze, schwere Nebel auf meine Seele legte – als ob das Gletscherweib sich über mich neigte. Ich konnte nicht atmen. Von Minute zu Minute wuchs meine Angst. Mir war's, als befände sich mein Liebstes und Bestes in Todesgefahr; in Todesgefahr mein Leben. Und mein Leben warst du.« Er schwieg, um sie zu küssen. Sie aber drängte ihn, weiter zu erzählen: »Wie kam's dann?« »Plötzlich hörte ich dich rufen. Durch den Nebel vernahm ich deine Stimme so deutlich, als stündest du neben mir. Du riefst meinen Namen. Immer wieder meinen Namen.« »Ich rief: Sivo, Sivo, Sivo! Aber hören konntest du mich nicht. Unmöglich! Ich war an jenem gräßlichen Ort viel zu weit von dir entfernt.« »Unmöglich konnte ich dich hören. Es war heller Wahnsinn! Und doch hörte ich dich und mußte dir antworten: ›Ich komme!‹ – mußte dir entgegeneilen, hinein in die Nebelnacht.« Sie rief: »Hinein in den Tod!« »Ich ging und ging. Vielmehr: ich tastete mich wie ein Blinder vorwärts: Schritt für Schritt.« »Woran dachtest du dabei?« »An mein Bild: daß ich's nun doch nicht vollenden würde.« »Und gingst dennoch vorwärts? Schritt für Schritt! Weil du in deinem Herzen mich rufen hörtest, gingst du weiter? Denn du konntest mich nur in deinem Herzen rufen hören.« »Und du riefst: Sivo, Sivo, Sivo! Ich kam fast von Sinnen.« »Aus Liebe zu mir, aus Sehnsucht nach mir, aus Angst um mich.« »Ich mußte kommen!« Da jubelte die Frau: »Und du kamst!« »Plötzlich hörte ich deine Stimme dicht neben mir. Heller Wahnsinn war's.« »Das Wunder war's!« »Du lebst!« »Ich lebe, und du liebst mich ... Sag mir's! Du mußt es mir immer wieder sagen.« »Ich liebe dich!« »Und du liebtest mich schon damals in Rom; liebtest mich gleich im ersten Augenblick? ... Sag's, sag's!« »Gleich im ersten Augenblick liebte ich dich.« »Hieltest aber deine Liebe für Haß ... Ich will's von dir hören. Immer wieder und wieder.« »Geliebte Törin: ich hielt meine sinnlose Liebe für sinnlosen Haß.« »Du Kind, du Knabe, du – Ach du mein Geliebter, mein Heiland und Gott ... Schweige! Du hast mich geschaffen. Ich bin dein Geschöpf! Gott und Geschöpf gehören zusammen. Das weißt du doch?« »Ich gehöre dir. Nichts kann uns trennen; nichts dem Geschöpf seinen Gott entreißen!« Und sie küßte ihn, als wäre sie das Gletscherweib der Malojasage und hätte sich in all ihrer triumphierenden Schönheit aus einer leuchtenden Woge des Eismeers erhoben, um dem Mann, dessen sie harrte, mit ihrem wehenden Nebelschleier zu winken, ihn in ihr schwarzes Wolkengewand zu verstricken und von seinen Lippen sein Herzblut zu trinken.   Aus großen Augen schauten die Tiere der Wildnis auf das Menschenpaar, das in dem Alpgarten der Menschen vergaß und keines Schicksals gedachte: war es sich doch selbst zum Schicksal geworden. 12 Das neue Leben überwältigte Courtien. Der Mann, für den es die Liebe zum Weibe, dieses Allermenschlichste des Mannes, nicht geben sollte, ging unter in der Leidenschaft für das Weib, das nicht von seiner Art war: nicht Seele von seiner Seele. Wie die Wogen einer Sturmflut schlug es über ihm zusammen, daß auch ihn nur ein Wunder retten konnte. Aber er wußte es nicht, wartete also nicht darauf, hielt den Untergang, dem seine rasende Leidenschaft ihn zutrieb, für einen Aufstieg zum Gipfel des Lebens. Mehr als je wollte er arbeiten, wie nie zuvor; und nie zuvor konnte er so wenig und so schlecht arbeiten. Immerhin arbeitete er. Und zwar arbeitete er, ob sie bei ihm oder nicht bei ihm war. In ihrer Gegenwart ward ihm sein höchstes Glück jedoch vollends zur Qual. Denn dann konnte er nicht seine Leinwand ansehen, sondern mußte auf dem von Frauenliebe völlig unbeschriebenen Blatte seiner Künstlerseele ihr Bildnis malen: immerfort ihr Bildnis mit allen Farben seiner Phantasie, mit seiner ganzen Kunst. Hatte sie, von ihm begleitet, das Atelierhaus verlassen und kehrte er allein zurück, so empfand er ihre Abwesenheit als das Aufhören aller Dinge, seine sonst so geliebte Einsamkeit als etwas Grauenvolles, davon er nicht begriff, wie er es ertragen konnte. In solchem Gemütszustand trat er dann vor seine Leinwand ... Hatte Courtien schon früher in seiner Kunst das Höchste erreichen wollen, so forderte er jetzt von sich noch eine Steigerung dieses äußersten Anspruchs; also noch mehr das Unmögliche. Sein Werk sollte seiner Liebe ebenbürtig sein, und seine Liebe erschien ihm als Gottheit. Zur Arbeit sich zwingend, zählte er, der sich in früheren Tagen zum Ausruhen hatte zwingen müssen, die Minuten bis zu dem Wiedersehen mit der geliebten Frau: ›Jetzt ist's noch so lange bis zum Wiedersehen!... Und jetzt sind wieder so viele Minuten verstrichen –.‹ Er hätte die Zeit, die ihn von ihr trennte, jagen – die Zeit, die sie bei ihm zubrachte, in Fesseln schlagen mögen. Früher hatte er bisweilen an das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia denken müssen; nun er dieser Frau verfallen war, schien ihm die uralte Sage der Malojaleute aus dem Gedächtnis vollkommen entschwunden zu sein. Eines Tages besann er sich auf das Bild, das er von jener volkstümlichen Gestalt geschaffen hatte, und erinnerte sich des ihm dafür gemachten hohen Angebots. Er raffte sich auf, schrieb an den Züricher Kunsthändler einige hastige Zeilen, ließ das Schreiben durch Vital zur Post bringen und gab dem Boten Auftrag, das Gemälde aus seinem Hause zu holen, zu verpacken und dem Briefe nachzusenden. Als das geschehen war, kam ihm der Gedanke: ›Das wird Maira freuen!... Jetzt kann ich meine Schulden bezahlen.‹ Maira! Seine gute Freundin, seine getreue Kameradin ... Was sie wohl sagen würde? Wozu sagen? Maira, die Starke, die Gute und Reine – zu seiner Leidenschaft für die fremde, schöne Frau ... »Laßt die Toten die Toten begraben!« Diese Maira war tot für ihn; und die tote Maira ... Wie das klang! Hatte er nicht einmal, lang, lang war's her – auf einem Bilde ... Richtig! Die tote Maira à Mara und der tote Sivo Courtien ... Nicht daran denken! An das eine nur denken, an das einzige: an das Leben der Geliebten, Herrlichen, Wunderbaren! Wie es wohl wäre, wenn sie nicht lebte? ... Es würde eine Welt ohne Himmel und Himmlisches sein. Doch sie war auf der Welt! Es gab für ihn einen großen Augenblick, als er sie das erstemal vor sein Gemälde führte. Zum erstenmal schlug diesem Mann angstvoll das Herz: seinem Lebensglück zeigte er sein Lebenswerk! Was würde sie sagen? Würde sie empfinden, was ihm der Augenblick bedeutete? Würde sie sein Werk empfinden: die Nebel steigen, das Gewitter aufziehen sehen – geradezu sehen! Geradezu sehen, wie der einsame Mann in dem Grausen dieser Welt seinem Untergang entgegenschritt, sobald die Nebel ihn einhüllten? Denn kein Wunder konnte ihn retten! Würde die geliebte Frau, vor seinem Gemälde stehend, seine »Alpentragödie« erleben? Sein Atem ging schwer; er wagte nicht, aufzublicken, wagte nicht, sie anzusehen. Mit angstvoll pochendem Herzen und angehaltenem Atem wartete er. Stumm stand sie vor der Riesenleinwand ... So mußte es sein! Sie konnte nichts sagen, konnte nur empfinden; nur in tiefem Schweigen, tiefster Ergriffenheit sein Werk fühlen. Er erinnerte sich des Eindrucks, den damals in Rom sein »Gletscherweib« auf sie gemacht hatte, jenes im Vergleich zu diesem so ärmliche Bild. Heute war's eine andere Stunde als damals. Und es war ein anderes Werk! Noch immer schwieg sie, ganz Schauen, Verstehen, Empfinden. Jetzt sah er sie an. Wie schön sie war mit diesem ihr ganzes Wesen vertiefenden – ihr ganzes Wesen erhebenden Ausdruck in Miene und Blick. Konnte das Weib so schön sein? Sivo Courtien erlebte in diesem Augenblick, was Faust erlebt hatte. Und dieses unbegreiflich schöne Weib war sein, würde sein bleiben; unzertrennlich von ihm, ein Teil seines Wesens, ein Stück Ewigkeit von ihm. Denn solche Liebe war der Ewigkeiten voll. Jetzt redete sie! Die geliebte Stimme! Es durchzuckte ihn bei dem leisen, weichen Wohllaut. Sie sagte: »Das ist gewiß sehr schön, sehr groß. Zugleich sehr seltsam; aber –« »Aber?« Er stieß das kleine Wort hervor, als würgte ihn eine unsichtbare Hand. Was würde sie weiter sagen? »Aber – ich bin eifersüchtig darauf.« Das war es! Nichts anderes als das! Eifersüchtige Liebe war's! Er atmete auf, als sänke die unsichtbare mörderische Hand von ihm ab, als könnte er weiter leben – wieder leben! Sein Lebensglück war eifersüchtig auf sein Lebenswerk ... ›Maira würde es nicht sein‹ – mußte er plötzlich denken; ›Maira würde ...‹ Er wollte ja doch die Toten die Toten begraben lassen. »Liebste!« Sie sah ihn an. Mit ihrem reizendsten, ihrem berückendsten Lächeln stand sie vor seinem Gemälde. Wie ein Kind konnte sie bisweilen aussehen. In solchen Augenblicken war sie für ihn am fremdartigsten, rätselhaftesten, wundersamsten; in solchen Augenblicken erkannte er in ihr das Mystische, das in jedem Weibe ist: Sphinx und Sirene zugleich, Dämon und Göttin zugleich. Gerade dann, wenn er ihre Doppelnatur erkannte, übte sie die größte Gewalt über ihn aus. Auch er lächelte jetzt, sagte: »Du bist eifersüchtig auf meine Kunst?« »Auf deine größte Liebe, die ich sein muß, nur ich! Ich wäre ja doch keine Frau mit allen Schwächen und Eitelkeiten der Frau, würde ich auf deine erste Liebe nicht eifersüchtig sein. Wenigstens für eine kleine Weile will ich keine andere Gottheit neben mir haben.« Er schrie auf: »Eine kleine Weile, sagst du, wo wir uns für Zeit und Ewigkeit angehören!« Sie lächelte noch immer, während er totenbleich geworden war. Mit ihrem Kinderlächeln bedeutete sie dem Erblaßten: »Vor deinem Werke erkenne ich heute, daß die Zeit kommen wird, wo du wieder ganz deiner Kunst angehören mußt; wo du, um das zu können, mich von dir stoßen mußt, damit du ganz deiner Kunst angehörst – wie es war, bevor ich auf dem schmalen Wege am Malojasee in dein Leben trat – zum zweitenmal! Heute und hier, vor deinem Werke, verstehe ich das plötzlich ... Was siehst du mich so an?« »Weil ich dich plötzlich nicht mehr verstehe.« »Du verstehst nicht meine Entsagung, also nicht meine Liebe? Entsagung ist die höchste Liebe.« »Wem willst du entsagen?« »Dem Glück, immer dein alles zu sein; immer deine ganze Welt. Jetzt bin ich's noch; jetzt will ich's noch sein. Darum meine Eifersucht.« Mechanisch sprach Courtien nach: »Jetzt willst du's noch sein; und ich dachte schon ... Ein toller Gedanke! Denn das Undenkbare, das Unmögliche ist Tollheit.« Mit der Geliebten vor seinem Werke seinen »größten Augenblick« erlebend, fiel er vor ihr nieder, umfing sie, drückte seinen Kopf, darin der tolle Gedanke aufgestiegen war, gegen ihren Leib und schluchzte auf. Sie stand eine Weile regungslos. Jetzt auch sie mit erstorbenem Lächeln, auch sie so blaß wie er. Dann beugte sie sich zu ihm herab, legte wie beschwichtigend, wie beschwörend ihre beiden Hände auf sein Haupt und flüsterte: »Du sollst mich ja nicht fortschicken. Jetzt noch nicht! Auch nicht schon bald. Aber doch einmal. Und dann nicht darum mich fortschicken, weil du mich nicht mehr liebst, sondern weil du mich zu sehr liebst ... Sei doch nur still; sieh mich doch nur an! Sivo Courtien liegt einer Frau zu Füßen; Sivo Courtien weint. Denke doch: Sivo Courtien!« Als ob der Schrecken über den knienden, das Entsetzen über den weinenden Sivo Courtien ihn gewaltsam emporrisse, sprang er auf.   Wie zwischen Himmel und Erde lebten sie seit jener Stunde von neuem auf dem Blüteneiland im Eismeer unter den Tieren der Alpenwildnis, die mehr und mehr zu ihren Gefährten wurden. Es war ein Sommer, wie ihn Courtien in seinem geliebten Engadin noch nicht erlebt hatte: ein Tag so wolkenlos und strahlend wie der andere. Keine Nebel, kein Gewitter, keine Todesgefahr, keine – »Alpentragödie«. Wenn Courtien mit der Geliebten in der Fornohütte weilte, war er weniger weltvergessen: er verspürte dann Erdennähe. Das auch in dieser Höhe mit dem Luxus des gräflichen Entdeckers von Maloja eingerichtete Alpenhaus machte ihn unbehaglich; und des Lebens Verfeinerung in dieser Natur erschien ihm als Unnatur. Eines Tages machte Josette ihm den Vorschlag, die Fornohütte mit ihr zu bewohnen. Er erwiderte darauf kein Wort und brach plötzlich auf mit einem fremden Ausdruck in Miene und Blick. Durch die Gletscherwogen stieg er zu seinem hohen Inselhause hinauf, ohne stehenzubleiben, ohne zurückzuschauen. Er wollte seine Gedanken zwingen, mit ihm zu schreiten und nicht bei der in einer heißen Aufwallung verlassenen Geliebten zu verweilen, mußte jedoch erkennen, daß er über seine Gedanken die Herrschaft verloren hatte. Er selbst konnte sich von der geliebten Frau losreißen; seine Gedanken ließ er jedoch bei ihr zurück. Heute grollten sie ihr, klagten sie die »Weltdame« bei dem Künstler aus Engadiner Bauernstamm an; aber nur, um sie in einem Atem wegen seines Grolls und seiner Anklage um Verzeihung zu bitten und ihr heiße Liebesworte zuzuraunen. Trotzdem kehrte er nicht um, wenigstens seinen Füßen gebietend. Da gelangte er an die Stätte ihrer Todesnot und mußte sich vorstellen, wie es sein würde, wenn er in jener Stunde ihren Hilfeschrei nicht in seiner Seele vernommen, sie also nicht gerettet hätte – wenn dieser Ort ihr Grab geworden wäre. Er stieß einen Schrei aus, als sähe er sie vor seinen Augen in die grausige Gruft versinken. Aber sie lebte ... Er mußte sich ihres Lebens versichern, mußte ihr gerettetes Leben fühlen, es in seinen Armen halten, die sie damals wieder zum Licht der Sonne emporgetragen hatten. Jetzt kehrte er um. Er eilte zurück, als wäre das wilde Eismeer eine Blumenflur und er ein aus weiter Ferne nach Hause hastender Knabe. Sie empfing ihn, als hätte sie sein Fortgehen gar nicht bemerkt. Aber sie war weich und voller Hingebung. Seine fiebernde Erregung milderte sich in ihrer Gegenwart zur tiefen Bewegung. Er hätte beide Hände aufheben und beten mögen; beten zu jenem göttlichen Geist, der seinen Menschen ihr Göttlichstes gab – die Liebe vom Manne zum Weib, vom Weib zum Mann. Wie hatte er nur so lange ohne dieses Göttlichste bestehen können? Seit jenem Ereignis war Courtien häufiger und häufiger bei der Geliebten unten in dem behaglichen »Teehause« des Malojahotels, kam sie seltener und seltener zu ihm hinaufgestiegen, so daß die schöne Frau für die Tiere der Alpenwildnis, die dort oben ihr Asyl hatten, allmählich zu einer fremden Gestalt wurde. Und seltener, immer seltener kam Sivo Courtien zu seiner Arbeit. Zuerst litt er unter seiner Untätigkeit, so daß es ihm physischen Schmerz bereitete; zuletzt merkte er es kaum noch. Zuletzt beherrschte ihn nur noch ein Empfinden, nur noch eine Sehnsucht: bei ihr zu sein, immer und immer bei ihr! Eine große Leidenschaft soll den Menschen verfeinern, veredeln, verklären und den Staubgeborenen zu Bergeshöhen erheben. Sie soll dem durch Dunkelheit Irrenden einen Funken himmlischen Sonnenscheins ins bange Gemüt schleudern; soll die sehnsüchtige Seele des Sterblichen mit einem Hauche der Gottheit berühren und sie Ewiges empfinden lassen. Der Liebende soll einherschreiten wie von einem unsichtbaren Purpur umhüllt, wie mit einer unsichtbaren Rosenkrone bekränzt; denn er ist ein König des Lebens. Wenn eine große Leidenschaft schon den Menschen der Tiefe erhöht und mit neuen Daseinskräften durchdringt – wie mußte sie dann erst auf einen Mann wirken, der in seinem Leben und in seiner Kunst auf einem Gipfel stand: über den Wolken, in Sonnennähe! Und dieser Mann besaß ein Empfinden von herber, schier asketischer Keuschheit; selbst in seinen Träumen unberührt von Wunsch und Begierde. Und jetzt – was war durch seine Leidenschaft aus ihm geworden? Niemals zuvor gedachte Gedanken, niemals zuvor gehegte Wünsche erregten ihn bis zum Fieber. Ihm, dem Künstler, für den bislang die Schönheit der Erde das Höchste und Heiligste war, galt jetzt als Höchstes – und auch als Heiligstes – die Schönheit des Weibes. Und er sah sie nicht etwa mit der reinen Wonne des Bildners, sondern mit dem ungestillten Verlangen des Liebenden. Die ganze Vergangenheit lebte in ihm auf. Nicht nur seine eigene, sondern auch die der geliebten Frau. In dieser Vergangenheit war er nicht der erste, nicht der einzige! Der erste und einzige zwar, den sie liebte; aber nicht der erste und einzige, dem sie angehört hatte. Die Vorstellung, daß sie eines anderen Eigentum gewesen, bemächtigte sich seiner Phantasie und schuf ihm Qualen. Immer wieder begehrte er aus ihrem Munde zu hören, daß sie nur ihn geliebt hätte, nur ihn liebte, nur ihn lieben würde. Immer wieder mußte sie ihm diese Versicherung in allen Tönen leidenschaftlicher Zärtlichkeit geben. Sie fügte sich seinem Verlangen und empfand dabei immer wieder das Bewußtsein ihres Sieges, das jauchzende Triumphgefühl: ›Also auch dieser Mann! Selbst dieser Mann!‹ Und zu dieser Tragödie von Mann und Weib die Szenerie einer Welt von Fels und Eis! Ihre Leidenschaft war ihr Schicksal gewesen – war zu ihrem Unglück geworden, schon lange, bevor sie sich dessen bewußt wurden. Auf weichen Sohlen war es leise, heimlich herbeigeschlichen. Und jetzt stand es hinter, dicht hinter den beiden, lautlos seine schwarzen Fittiche über sie breitend, zum Zeichen: Eure Seelen sind mir verfallen! 13 Winter auf Maloja! Plötzlich war er da: über Nacht, nach einem sonnenheißen, sommerschwülen Tage, bei sausendem Süd. Mittags begann es in Strömen zu regnen. Graues Gewölk umbraute die Alpen. Sie schienen verschwunden, versunken. Plötzlich wechselte der Wind. Aus Norden kam er angebraust, fuhr eisig in den Wüstenodem des Föhnsturms, und in Augenblicksschnelle wandelten sich die Regengüsse zu Schneefällen. Nun war's, als schüttelten die in Wolkendunst gehüllten Malojariesen ihre weißen Häupter und ließen in die Schluchten, auf den Hochpaß, auf die Menschenwohnungen leuchtende Lasten niederrieseln, als wollten sie alle Tiefen mit ewigem Winter zudecken, alles Erdenleben begraben. Dann legte sich der Sturm, und feierliche Lautlosigkeit trat ein. Es war wie bei einem Hochamt, bei dem die Gottheit selbst am Altar stand. Die fallenden Schneemassen füllten die Luft mit unirdischem Glanz. Nichts war zu sehen als dieser langsam, lautlos niedersinkende eisige Schimmer. Es schneite auf Maloja Tag und Nacht; und noch einmal Tag und Nacht ... Als dann die Malojaleute erwachten, war der Winter da. Aber – wie war er da! Nicht als grämlicher Greis, sondern in Pracht und Herrlichkeit, umkleidet von weißer Majestät, mit strahlender Silberkrone, in Brillantgefunkel, über ihm der Baldachin eines wolkenlosen Himmels von dem tiefen Blau der Enziane. Die Dämmerung tauchte diese glanzvolle Welt in Purpur und dunkles Azur. Kein Lüftlein regte sich; es zeigte sich kein Wölklein, und es war frühlingsmild. Lenzwarme leuchtende Erdenschönheit war's!   Winter auf Maloja! Die große Margna hatte in den Jahrtausenden, die sie Winter für Winter zu blinkenden, blitzenden Himmelssäulen schufen, manches Seltsame erlebt: Heereszüge fremder feindseliger Nationen durch die Schneemassen unaufhaltsam sich Bahn brechend; Siegreiche und Besiegte eigener Landgenossenschaften in unseligen Religionskämpfen vordringend und flüchtend, und was des Außergewöhnlichen und Außerordentlichen mehr war. Aber das absonderliche Wesen, auf das jetzt die Uralte aus ihren Wolkenhöhen niederschaute, war etwas niemals Gesehenes; also, daß das Wort jenes Weisen: »Alles schon einmal dagewesen!« in diesem Winter auf Maloja sich nicht erfüllte. Das Grand Hotel, die Gründung des Grafen aus Belgien, blieb dieses Jahr auch über Winter einem internationalen Fremdenverkehr geöffnet. Wie der Palast des Winterkönigs erhob es sich in all dem blendenden Schimmern und Flimmern, von haushohen Schneemauern umwallt, von Anbruch der Dämmerung bis Mitternacht mit seinem Lichtglanz märchenhaft hinausstrahlend in die weißen Finsternisse. Über Tag belebte die lautlose Winterfeierlichkeit des Hochpasses ein Gewimmel fremder Gestalten: Herren und Damen der großen und reichen Welt, die das Winterleben des Engadin als neuesten Sport, neuesten Nervenreiz, neueste Kulturverfeinerung, als letzten Luxus und »dernier cri« der Mode für sich entdeckt hatten – so nur empfand Sivo Courtien das winterliche Fremdenleben von Maloja in seinem von Leidenschaften umdunkelten Gemüt. Eisbahnen und Eisbelustigungen; Laufen auf norwegischen Schneeschuhen und Schlittenfahrten über die gefrorenen Seen bis weit über Sankt Moritz hinaus; Eisfeste auf dem Cavalocciosee und dem Fornogletscher, der bis zur Fornohütte wegbar gemacht worden war; Maskeraden und Konzerte unter freiem, Tag für Tag glanzvollem Himmel; Liebhabertheater, lebende Bilder, Bälle, Routs in den Sälen des Palasthotels; heimliches Spiel der Leidenschaften und Intrigen; heimliches Hasardspiel mit Karten und Roulette. Von Süden und von Norden her täglich Eilposten. Sie brachten den Blumenfrühling der Riviera und die Delikatessen aus aller Herren Ländern nach Maloja hinauf. Und das häufig unter Lebensgefahr! Oft mußten die Posten von den Hilfskolonnen ausgegraben werden; oder sie konnten bei dem Schneesturm nicht weiter gelangen, wollten sie nicht riskieren, in Abgründe zu stürzen. An solchen Tagen gab es im Grand Hotel zum Diner keine frischen Hummern, und die holländischen Nelken für den Tafelschmuck trafen erfroren ein ... Sivo Courtien war nicht so »verrückt« gewesen, in seinem himmelhohen Atelierhause sich einschneien – sich lebendig begraben zu lassen: schon vor den ersten Schneestürzen hatte er seine Arbeit eingestellt, sein Haus verwahrt und war aus dem Grauen seiner Gespensterwelt niedergestiegen zu des Lebens Wirklichkeiten: von dem Gipfel seines Daseins hinabgesunken zu den Tiefen des Menschlichen, das auch sein Wesen war. Die geliebte Frau hatte ihn hinabgelockt, und er hatte sich locken lassen: er, Sivo Courtien! Seinetwillen war sie auf Maloja geblieben: ihm zuliebe. Es war dieses Wort, dessen Klang eine eigentümliche Macht innewohnte. Sie sprach es aus und schwang es wie einen Zauberstab über seiner Seele; sie sprach es aus, und seine Seele blieb ihr verfallen: »Dir zuliebe bleibe ich auf Maloja! Den ganzen Winter über dir zuliebe! Nun mußt du mir zuliebe tun, um was ich dich bitte.« »Wenn ich kann.« »Was könntest du mir nicht zuliebe tun? Es gibt nichts, das deine Liebe nicht zu vollbringen vermöchte. Deiner Liebe ist kein Ding unmöglich. Sie könnte Berge versetzen, wie es der Glaube vollbringen soll. Ich fordere von deiner Liebe keine solche Wundertat.« »Ich ließ meine Arbeit im Stich, weil du es fordertest; ich ward mir selbst ungetreu, weil du es fordertest. Was also forderst du noch?« »Daß du mich lieben sollst; daß du mich nicht lassen sollst; daß du jetzt tust, um was ich dich bitte. Denn meine Forderung ist eine Bitte, mein Freund.« »Nenne mich nicht so! Du weißt, daß du mich nicht so nennen sollst! Es klingt so – eben so freundschaftlich.« »Liebster!« Er hörte auf das Wort, als ob sie es zum ersten Male zu ihm sagte. Dann kam ihm eine Erinnerung: »Als ich dich das erstemal vor mein Gemälde führte, warst du es, die vom Lassen und Verlassen sprach: einmal würde der Tag kommen, an dem du mich verlassen müßtest. Und jetzt –« Er konnte nicht weitersprechen, fühlte an seinem Halse wiederum die würgende Hand. Sie antwortete auf sein ersticktes »Und jetzt«: »Jetzt habe ich erkennen müssen, daß ich dich nicht lassen kann; daß ich mich in jener Stunde stärker glaubte, als ich bin. Ich erkannte die Schwäche meiner Liebe. Zugleich ihre Unendlichkeit.« Seit langem hatte sie nicht in solcher Weise zu ihm gesprochen. Es hatte Stunden gegeben, wo in ihm Zweifel aufgestiegen waren, ob er je wieder ein weiches Wort von ihr hören würde. Das waren dann Stunden von einer Dunkelheit gewesen, wie er ähnliche in seiner verfinsterten Künstlerseele niemals erlitten hatte. Er mußte erkennen: es sei für manchen Mann verhängnisvoller, an der Liebe einer über alles geliebten Frau zweifeln zu müssen, als an seiner Künstlerschaft und an sich selbst. Das war aus Sivo Courtien durch seine Leidenschaft geworden! Das schon jetzt, schon so bald. Als ihn die Geliebte der Unendlichkeit ihrer Liebe versicherte, erfaßte ihn wieder der Rausch des Glaubens: es könnte solche Unendlichkeit geben. Gab es diese, so bedeutete das für ihn ein Ende seiner Künstlerschaft. Darüber ward er sich klar, während er ihr noch zuhörte und sich von dem Taumel neuen Glücks erfaßt fühlte. Und er versuchte ein letztes Mal gegen ein derartig jammervolles Schicksal sich aufzulehnen. »Ich bin glücklich, ich liebe dich. Aber – nicht wahr: meine Liebe und mein Glück werden mich nicht immer hindern, zu arbeiten? Das ist doch nicht möglich! Die Zeit wird wiederkommen, wo ich mit doppelter und dreifacher Kraft schaffen kann. Bedenke doch! Es ist Wahnsinn, zu denken, daß ich ... Es bringt zum Wahnsinn. Ich glaube, ich sagte dir dasselbe schon einmal, weiß es nicht mehr, sage dir's daher jetzt. Zugleich bitte ich dich flehentlich: hilf mir wieder zu arbeiten. Du wirst mir helfen! Mit aller deiner Liebe wirst du es; und deiner Liebe ist kein Ding unmöglich, deine Liebe vollbringt Wunder. Laß sie an meiner Arbeitskraft das Wunder vollbringen, wie sie es an meinem Lebensglück vollbracht hat. Und nicht erst nächsten Frühling, sondern schon jetzt. Josette! Josette!« Er sprach mit Todesangst, wie im Todeskrampf. Ihren Namen rief er, wie sie seinen Namen gerufen hatte, als sie in der Nebelnacht neben dem offenen Grabe gestanden. Ihren Hilferuf, den sein Ohr nicht hatte hören können, hatte damals seine Seele vernommen. Würde sie jetzt auf seinen verzweiflungsvollen Notschrei Antwort geben? Er wartete mit Todesangst, wie im Todeskampf ... »Du sollst arbeiten! Ich helfe dir! Du sollst Meisterwerke schaffen! Du sollst der Ruhm deiner Kunst werden, der erste von allen.« »Josette!« »Aber nicht dein Riesenbild, nicht jenes ungeheure, jenes unmögliche Werk, das du dein Lebenswerk nennst – nicht deine Alpentragödie.« Wiederum jener erstickte Aufschrei ihres Namens. »Denn es ist ein unmögliches, ein verfehltes Werk. ... Was ist dir?« Sie wußte es nicht, wußte es wahr und wahrhaftig nicht! Die Frau, die ihn liebte, die durch ihn ihr »Leben« empfangen hatte, von ihm »geschaffen« worden war, wußte nicht, was in dem Augenblick in dieses Mannes Seele vorging. Die Frau, die von Sivo Courtien geliebt wurde mit der furchtbaren Gewalt entfesselter Elemente, wie sie in seiner Heimat durch die Schluchten, um die Gipfel, über die Eisgefilde rasten – diese Frau besaß keine Ahnung von der Erschütterung der Mannesseele, die eines großen Künstlers Seele gewesen war, bevor dieser Orkan der Leidenschaft sie packte, diese Sturmflut aufgewühlter Empfindungen darüber hinwogte. Sein Werk ein verfehltes – dieses Werk! Und das aus ihrem Munde – mit einem Kinderlächeln, als sagte sie ihm irgend etwas Heiteres, Gleichgültiges. Was sollte er tun? Kein Wort erwidern, aufstehen, davongehen – ohne ein einziges Wort! Und danach? Nicht wiederkehren! Was aber dann beginnen? Durch die Schneemassen einen Weg sich bahnen: hinauf, hinauf! Einen Weg mit seinen Händen sich graben, um durch die Schneewälle hinaufzugelangen! Das Unmögliche möglich machen! Wodurch möglich? Durch die Kraft seiner Liebe zu seiner Arbeit. Und droben angelangt – sein Haus ausgeschaufelt und aufgeschlossen, an seine Leinwand getreten, sein »verfehltes Lebenswerk« – nicht wieder zerstört, sondern daran weiter gearbeitet, gestählt und gefeit durch das Martyrium seiner unseligen Leidenschaft für die fremde Frau, die ihm auch in dem seligsten Augenblick ihrer Hingabe eine fremde Frau geblieben war. Und so, als neuer Mensch, schuf er jetzt – erst jetzt – sein Werk, das nicht verfehlt sein würde.   Er erwiderte kein Wort. Aber – er stand nicht sogleich auf und verließ sie wortlos. Als er endlich ging, blieb er nicht fort. Schon am nächsten Abend kam er wieder und fand sie, ihn erwartend, in dem mit allem Luxus eines verfeinerten Lebens ausgestatteten Salon, wo sie ihn an jenem ersten unheilvollen Juniabend empfangen hatte. Auch den nächsten Abend saß er ihr gegenüber an dem runden Tisch, der für beide gedeckt war, geschmückt mit ultramarinblauen Passionsblumen, die sich um die Silberkandelaber mit den feierlichen Wachskerzen rankten. Sie bestrahlten das Gesicht des Mannes, auf dem die Geschichte seiner Leidenschaft, die Geschichte seiner Leiden mit unverwüstlichen Lettern geschrieben stand; bestrahlten das immer gleich schöne Antlitz der Frau mit dem Kinderlächeln und der Sphinxseele. Denn das hatte der diesem Lächeln und dieser Seele verfallene Mann erkennen müssen: daß eine Frau einem Kinde gleichen und trotzdem ein Rätselwesen sein kann, das keine Liebe zu enträtseln vermag. Aber als sie ihm in dem saalähnlichen, prächtigen Gemach, an der festlichen Tafel, in großer Toilette auch heute abend lächelnd gegenübersaß, fühlte er gegen sie etwas von jener Empfindung, die er seine »hassende Liebe« genannt. Er saß ihr gegenüber und mußte sich gewaltsam daran erinnern, daß die geschmückte, fremde Frau ihm gehörte, ihm ewig zu eigen ... »Ewig«. In dem Wort müßte ein Ton gellen wie satanisches Hohnlachen über die »ewige Liebe« und den »ewigen Besitz« des Menschen, der nur Ewigkeiten von Monaten, Tagen, Stunden – Augenblicken sein eigen nennt. Zu den beiden drang aus den unteren Sälen Musik herauf, Stimmen aus einer anderen Welt. Darauf horchend und sie anschauend, mußte Courtien darüber grübeln: ob auch sie jener anderen Welt gedachte, der sie so nahe war und von der er sie fernhielt? Grübeln mußte er: ob sie auch jetzt, in seiner Gegenwart, danach sich sehnte – zurücksehnte? Denn von daher war sie zu ihm gekommen! Seinem Brüten, das wie ein Alp auf ihm lag, entriß ihn jetzt ihre Stimme. Allein mit dem Wohllaut ihrer Stimme schwang sie über seiner Seele den Zauberstab. Er war von dem nämlichen Baum, dem die Hexe auf dem wonnigen Fels im Tyrrhenischen Meere das Zepter entnahm, womit sie die Gefährten des edlen Helden Odysseus um ihre Menschengestalt brachte ... Die Gräfin Oberndorff sagte mit leiser, weicher Stimme zu ihrem schweigsamen Gefährten: »Ich wollte dir gestern eine Bitte äußern. Aber du warst wieder einmal so seltsam –« Er sah sie »so seltsam« an, daß sie nicht zu Ende sprach. »Ich war wieder einmal so seltsam ... So seltsam war ich, daß du deine Bitte nicht äußern konntest? Vielleicht kannst du's jetzt? Oder bin ich auch jetzt wieder einmal –« Josette fühlte, es sei für ihre »Bitte« auch jetzt nicht der rechte Augenblick. Sie nahm sich vor, den abzuwarten. Wußte sie doch, der rechte Augenblick würde kommen ... So sagte sie denn etwas ganz anderes, als sie beabsichtigte: »Ich wollte dich bitten, mein Porträt zu machen. Oder willst du mich auch jetzt ablehnen?« »Dein Porträt!« »Eigentlich müßte ich gekränkt sein. Du lässest mich dich um etwas bitten, das du ohne meine Bitte längst hättest tun müssen; längst hättest du nichts anderes malen dürfen als mich. Immer nur mich! Dichter und Künstler pflegen die Geliebte in ihren Werken zu verherrlichen und unsterblich zu machen. Du hattest freilich ›dein Werk‹.« Mit seiner seltsamen Miene, seinem seltsamen Blick sprach er ihr auch jetzt noch nach: »Freilich hatte ich mein Werk, mein Lebenswerk – wie ich's nannte. Es ist verfehlt. Und jetzt ... Jetzt mache ich statt dessen das Porträt meiner Geliebten, verherrliche ich sie.« »In allen Gestalten.« »In allen ...« Plötzlich durchzuckte ihn eine Empfindung von solcher Gewalt, daß es wie physischer Schmerz war. Sie wollte sich von ihm in »allen« Gestalten malen, in »allen« Gestalten sich verherrlichen lassen ... Als ob er sie nicht schon in einer Gestalt gemalt hätte? Als das Gletscherweib der Malojasage. Das war allerdings – Die Gräfin Oberndorff, die vornehme Dame und elegante Frau, konnte allerdings unmöglich eine Unholdin sein. Jene Verherrlichung der Geliebten war eine Kränkung der Geliebten. Außerdem war es die Vision seiner fiebernden Phantasie gewesen; denn er hatte damals in Rom das Fieber gehabt, das er sich an dem glühendheißen Nachmittag auf der Via Appia geholt und durch Jahre und Jahre in sich getragen: in seinem Geist, seinem Gemüt. Eigentümlich, daß er sich dieses Umstandes erst jetzt bewußt ward. Immerhin war es gut, sich auch darüber klar geworden zu sein. Er saß ihr gegenüber, hörte auf die Tafelmusik unten im Speisesaal, vergaß ganz, daß sie ihn um etwas gebeten und er ihr noch nicht geantwortet hatte. Sie mußte ihn daran erinnern: »Nun, Lieber?« Wie zartfühlend von ihr, ihn in diesem Augenblick nicht »Freund« zu nennen. Ihm zuliebe nannte sie ihn nicht so. Also wollte er ihr zuliebe ihre Bitte erfüllen. »Ich werde dein Porträt machen. Immer nur dein Porträt! Fortan nichts anderes mehr als dein Porträt: dich in allen Gestalten. Es soll fortan mein Lebenswerk sein – da mein anderes verfehlt ist.«   14 Winter auf Maloja! Der wilde Hochpaß eine fast flache Tafel von strahlendem Weiß, daß die Augen, die lange darauf hinsehen, schmerzen und, geblendet von dem Glanz, sich schließen müssen. Ganz Maloja mit seiner hartgefrorenen Schneedecke gleich einer Riesenleinwand, darauf Sivo Courtien sein Riesenwerk hätte schaffen können – wäre seine Hand nicht matt, sein Geist nicht schwach, seine Seele nicht müde des Kämpfens und Ringens geworden ... Für die Kinder von Maloja war die lange Winterzeit eine lange Festzeit. Zwischen hoch aufgeworfenen Schneemauern gingen sie zur Schule. Bei Sonnenschein war's, als hätte man für die Kleinen den Weg durch mit Brillantstaub bestreute Silberberge gebahnt. Die Knaben, die sich bereits den Schneeschuh der Erwachsenen anschnallten, spotteten über jene, die durch den funkelnden Hohlweg mühsam zur Paßhöhe aufsteigen mußten. Selbst die Schlittenfahrer wurden von den »Großen« verächtlich angesehen. Aber ob klein, ob groß – alle zogen in heller Winterfreude zur Schule, mit geröteten Wangen und blitzenden Augen einer Schar jubelnder Bergkobolde ähnlich. Man sah es den Eltern dieser fröhlichen Schar nicht an, daß einstmals auch sie lustige, glückliche Kinder gewesen. Das waren sie auch nicht gewesen. Eltern und Großeltern und Urgroßeltern dieser kleinen Malojaleute waren als Kinder stille, ernsthafte Menschlein, denen man schon ansehen konnte, daß aus ihnen stille, ernsthafte Frauen und Männer werden würden, von so dunkler Gemütsart wie das Gewand, das sie trugen. Es war der erste Winter, daß auf Maloja solche jubelnde Kinderschar zur Schule zog. Jeden Tag von neuem mußte die Lehrerin von Maloja diese eigentümliche Erscheinung bemerken und darüber sich in Gedanken verlieren: sie selbst hatte den Kindern keinen solch fröhlichen Schulgang bereiten können; nicht mit allem guten Willen, allem strengen Pflichtgefühl, aller Liebe zu den Kindern, die eigentlich keine rechte Liebe war, sondern eben nur Pflichterfüllung. In der Frühe eines jeden Tages stand Maira am Fenster, um die Kinder zur Schule kommen zu sehen, auf ihren Jubel zu lauschen und über die Wandlung zu sinnen, die mit den jungen Seelen sich vollzogen hatte – sich vollzogen durch einen anderen. Diese Erkenntnis erregte nicht ihren Neid, gewiß nicht – schuf ihr jedoch ein leises Weh: nicht etwa über die Lust, die nicht sie den Kindern geschenkt, sondern über die Ohnmacht ihres Willens, an dessen Wunderkraft sie geglaubt und der nicht einmal Kindern Lachen und Lust geben konnte. Sie glaubte nicht mehr daran. Wie aber sollte sie mit ihrem erschütterten Glauben dem Freunde helfen, der gleichfalls seiner Güter Höchstes verloren? Sie waren beide um ihren Talisman, ihren Lebensquell, ihren Lebensinhalt gekommen! Und beide schon jetzt, schon so bald! Wodurch darum gekommen? ... Der Mann durch seine Leidenschaft. Und die Frau? Mit dem ganzen Ernst ihres Wesens legte sie sich beständig diese Frage vor, streng sich prüfend, unerbittlich sich erforschend. Als sie sich dann die Antwort erteilte, erfuhr sie eine tiefe Erschütterung: Durch ihre Liebe hatte ihr Wille seine Kraft verloren! Auch sie, selbst sie, ward durch das höchste und herrlichste Gefühl einer Frau in ihres Wesens Kern geschwächt; auch sie war erkrankt. Ihre Liebe hatte sie verleugnen wollen, wie der Jünger seinen Herrn und Heiland verleugnete. Aber die Gotteslästerung hatte sich an ihrer Seele gerächt und dieser die Kraft genommen, als sei ihre Seele von einem Gebresten, einem Todesübel befallen worden. Sie hatte ihre Liebe ersticken und erwürgen, sie fassen und in einen Abgrund werfen wollen, als wäre sie ein Ding. Aber ihre Liebe hatte ihr mit Posaunenton zugerufen: ›Ich lebe in dir! Und sieh – ich bin göttlichen Ursprungs! Du kannst nicht töten, was unsterblich ist.‹ Alle ihre Entsagung war nicht Entsagung, ihre Hoffnungslosigkeit nicht Hoffnungslosigkeit gewesen. Das war es: daß ihre Liebe nach Leben schrie. Sie wollte ausgesprochen sein, aufgejubelt zu der Gottheit, die ihren Menschen als höchstes und letztes aller Sakramente die Liebe gab. Hätte sie den Mut besessen, Sivo Courtien das Geheimnis ihrer leidenschaftlichen Liebe, die in keinem Atemzuge Schwesterliebe war, wissen zu lassen – ganz gleich, ob sie wieder Liebe empfing –, so hätte das Heldenhafte dieses Geständnisses ihrem Willen jene Kraft gegeben, die keine Gewalt zu biegen und zu brechen vermochte. So wenigstens glaubte sie in den dunklen Stunden, die seit dem Sommer über sie kamen. Wie sie litt! Wie sie die Empfindung ihrer Schwäche als Geißel über ihrer Seele schwang, bis diese blutende Wunden davontrug. Mit blutender Seele ließ sie ihrem Munde keinen Schmerzenslaut entschlüpfen. Sie war jedoch auf diese Kraft nicht stolz. Nie mehr würde eine Kraft sie beseelen, auf die sie stolz sein durfte: auch ihr Stolz war gebrochen. Was konnte diese in Finsternis gesunkene Frauenseele wieder zu lichten Höhen erheben? Welche Tat, welche Liebestat? Wenn sie in aller Frühe an dem Fenster ihrer hohen Warte stand, auf das weiße Land hinausschaute und auf den Jubel der zur Schule ziehenden Kinder lauschte, mußte sie an ihre eigene Kindheit, an die Kindheit ihres Freundes zurückdenken, die ohne Kinderfreude gewesen war. Ob sie und er wohl andere Menschen geworden wären, wenn sie beide eine frohe Kindheit gehabt hätten? Was für »andere« Menschen? War Sivo Courtien etwa kein glücklicher Mann? Sie hatte gehört, er sei nicht in seinem Atelierhause geblieben; er sei hinuntergezogen. Andere hatten es ihr erzählt. Auch weshalb er nicht oben geblieben. Alle sprachen davon. Nur einer schwieg. Und – Maira dankte dem jungen Lehrer sein Schweigen. Mehr als je scheute sie sich, unter Menschen zu gehen; denn sie wußten es alle und flüsterten es einander zu: deshalb kam Sivo Courtien herunter! Nur von anderen hatte sie's gehört, ihn selbst sah sie nicht. Zu ihr kam er nicht. Er mied sie, floh sie. Scheu und Scham hielten ihn fern von ihr. Wie sie sich schämte, daß Scham den Freund hinderte, zu ihr zu kommen! Und sie konnte nichts tun, um dieses qualvolle Erröten vor ihr aus seiner Seele zu nehmen, die so rein gewesen war wie die Luft des Engadin an einem glanzvollen Wintertage, von Leidenschaften so unbefleckt wie die Schneegefilde, darauf der Knabe seine ersten Künstlergedanken niederschrieb, die ihre liebevolle Hand heimlich mit Arvenzweigen und dem immergrünen Laube der Alpenrosen bekränzte. Das waren gute Zeiten gewesen! Gute Zeiten auch die Jahre, in denen er in der Ferne verweilte, um ein Künstler zu werden, dessen Name zusammen genannt ward mit dem seiner Heimat; gute Zeiten, als sie, das unwissende Mesnerkind, erreicht hatte, fern von dem Freunde zu streben und zu streben, zu lernen und zu lernen, um seiner Heimat die erste Schule zu geben – um des geliebten Mannes weniger unwürdig zu sein. Denn nur darum hatte sie ihr Liebeswerk vollbracht! Daß sie es nur darum getan, war eine Schuld; und jede Schuld auf Erden wurde gerächt. Wie weit lagen jene guten Zeiten hinter ihr; wie gleichgültig war ihr selbst das Gefühl ihres Unrechts geworden, seitdem er sich schämen mußte, sie wiederzusehen ... Da drängte die fröhliche Kinderschar in das Haus, dessen Gemäuer den wüsten Lärm römischer Kohorten gehört hatte, und erfüllte die greisen Wände mit Jugendlust. Aber – Maira lauschte jeden Morgen darauf – die Kinder wurden schweigsam und scheu, sobald sie das Zimmer betrat. Auf dieses in ihrer Gegenwart plötzlich eintretende Schweigen lauschte das junge Mädchen. Dann erschien gewöhnlich auf der Schwelle des daranstoßenden Raumes, in dem die älteren Kinder – Mädchen und Knaben zusammen – unterrichtet wurden, der Lehrer, und im Augenblick war jede Scheu verschwunden, ertönte wiederum fröhliches Stimmengewirr. Denn jeden neuen Morgen wußte Dionisio Fidora einen neuen Scherz, mit dem er die Kinder begrüßte. Sie brauchten nur seine leuchtenden Augen zu sehen, um sogleich über das ganze Gesicht zu strahlen. Wie sie zu ihm eilten, ihn umringten, sich an ihn hängten! Der Jüngling, umgeben von den Kindern, war jeden Tag ein Bild, auf das Maira voll aufrichtiger Freude schaute. Dies wurde auch dadurch nicht beeinträchtigt, daß sie wußte, was ihr junger Mitbewohner bei dieser stürmischen Begrüßungsszene jedesmal dachte: ›Siehst du, wie sie mich lieben! Ich brauche nur mein Lachen leuchten zu lassen, und die Seelen sind mein!‹ Ihre Gedanken erwiderten dann wohl den seinen: ›Aber nicht meine Seele! Die gehört mir ... Nein – sie gehört dem Geliebten!‹ Dann hielten Lehrer und Lehrerin Schule. Die Klasse der Älteren begann jeden Tag mit einem Gesange. Worte und Melodien waren von Dionisio eigens für die Kinder gedichtet und komponiert. Sein Mandolinenspiel begleitete die Lieder, wobei er die führende Stimme sang. Es waren nur heitere Weisen, welche die Kinder auch außerhalb der Schule anstimmten. Die Leute von Maloja hörten staunend auf den Gesang ihrer Mädchen und Knaben. Es ereignete sich, daß die Ernsthaften und Stillen von ihren Kindern diese und jene Melodie lernten: der Jüngling aus dem grünen Bergell brachte in die stumme Malojawelt Klang und Sang. Heiter wie der Anfang gestaltete sich der ganze Unterricht der älteren Knaben und Mädchen. Das schwere, freudlose Lernen wurde ihnen bei ihrem jungen Lehrer zur hellen Lustbarkeit, zum vergnüglichen Spiel. Trotzdem lernten sie gut. Die Kleinsten freuten sich auf das Größerwerden; denn sie kamen alsdann von Maira fort zu den Großen, die in der Klasse solche hübsche Lieder sangen und so lustig lernten, daß sie lieber in der Schule waren als zu Hause, Und – die Lehrerin wußte das. Wie still es in ihrer Klasse zuging, wie schwer ihr das Unterrichten fiel, wie schlecht die Kinder bei ihr lernten! Deshalb mußte der Lehrer bleiben, sollte sie auch für sich sein Fortgehen mehr und mehr wünschen müssen. Wollte sie gerecht gegen ihn sein – und das blieb ihre feste Absicht –, so mußte sie gestehen, daß er ihr keinen Grund gab, ihn »mehr und mehr« fortzuwünschen; keinen anderen als das unheimliche, an Grauen streifende Gefühl, das sie bisweilen in seiner Nähe befiel. Dann schalt sie sich auf das heftigste; dann, um ihrer Empfindung unrecht zu geben, sah sie auf seine triumphierende Schönheit, hörte auf sein sonniges Lachen, erinnerte sich der Liebe, die er den Kindern einflößte, und rief sich mahnend zu: ›Wer von Kindern geliebt wird, muß ein guter Mensch sein! Kinder können nur gute Menschen lieben!‹ Sie bedachte nicht, daß sie, die Gute und Reine, seit langer Zeit vergeblich um die Liebe der Kinder rang, die dem Jüngling aus dem Süden in erster Stunde zugefallen war. Nie wieder hatte sich dieser seiner Hausgenossin gegenüber vergessen wie in jener sternenhellen Nacht, wo Maira vor ihrem Hause vergeblich gewartet hatte; nie wieder hatte er in ihrer Gegenwart den Namen ausgesprochen, den beständig ihr Herz rief. Die Rücksicht, mit der der Fremde die Tochter des Mesners behandelte, war Zartheit; sein Benehmen fast ehrerbietig. Dabei ließ er keine Absicht merken, als ob diesem Betragen ein besonderer Zweck zugrunde läge. Alles an ihm war freie, natürliche Anmut, wie sie Maira bis dahin an keinem Manne gesehen. Sie war eine Eigenschaft jenes glücklichen Menschenschlages, mit dem das rauhe Volk der Alpen nichts gemein hatte – nichts gemein haben wollte. Welch schlechte Lehrerin Maira war! Wie sie den Kindern, die sie lieben sollte, nicht nur nichts von ihrem Herzen, sondern auch wenig von ihren Gedanken geben konnte; denn ihre Gedanken weilten selbst während ihrer Lehrstunden nicht bei ihrer Pflicht. Wäre sie in Wahrheit die ehrliche Natur gewesen, die sie doch sein wollte, so hätte sie der Gemeinde erklären müssen: ›Ihr vertraut mir eure Kinder an. Ich kann jedoch das große und schöne Amt nicht ausüben, bin nicht wert, eure Kinder zu erziehen, muß zurücktreten von dem, was ich schuf. Entlaßt mich meines Amts als dessen unwürdig – wie ihr Gian Vital verjagtet. Und Gian Vital war euer getreuer Diener!‹ ... Zu allem Schweren ihrer Lebensbürde auch noch die Last ihrer Selbsterkenntnis! War der Unterricht aus, so atmete sie auf; denn dann kam das Beste des Tages: des Tages Feierstunde. Da manche Kinder von der Schule weit entfernt wohnten, so wurde – zuerst nur für diese, später für alle – im Schulhause eine kräftige heiße Suppe bereitet, und Maira konnte sich als sorgendes Hausmütterlein erweisen. Dann verwandelte sich das Schulzimmer der Älteren zum Bankettsaal, dessen Tafel Dionisio stets einen festlichen Schmuck zu geben wußte, und wenn der auch nur aus mächtigen Sträußen von Arvenzweigen bestand, in alte, bunte Majolikagefäße gesteckt – er wußte eben in allem Anmut zu verbreiten, ohne dieser Tugend sich bewußt zu sein. Wenigstens hatte es so den Anschein, und selbst Maira mußte ihm darin gerecht sein. Dabei fühlte sie sich in Gegenwart des jungen Lehrers von aller Anmut verlassen. Was hatte sie auch mit dieser Göttin zu schaffen? An diesen Mahlzeiten der Kinder nahmen Lehrer und Lehrerin teil. Dionisio unterhielt die Gesellschaft mit Geschichten. Er erzählte so gut, wie er die Mandoline spielte und Lieder sang. Aber während er nur daran zu denken schien, den Kindern Vergnügen zu bereiten, dachte er nur daran, daß Maira zuhörte. Für sie erfand er diese hübschen, lustigen Geschichten, für sie gestaltete er diese schwermütigen und oft tiefsinnigen Sagen. Und wenn er gewahrte, daß sie aufmerksam lauschte, daß ihr Blick gedankenvoll auf seinem Gesicht ruhte, oder wenn gar ein Lächeln über ihre stillen Mienen glitt, so konnte der Erzähler zum Poeten werden. Dann hätte er durch seine Begeisterung, zu der er seine Erregung zu steigern wußte, jede andere hingerissen; bei dieser Zuhörerin mußte sich seine Eitelkeit indessen mit Geringerem begnügen. Sie tat es auch. Und wenn ihm Maira in ihrer herben Art einmal sagte: »Das ist schön!« so fühlte er sich mehr belohnt, als wenn ihm »jede andere« entzückt zugelächelt hätte. Je fremder und ferner sich das ernste Mädchen von der glänzenden Jünglingsgestalt hielt, um so unlöslicher schlug sie dessen Phantasie in Banden: auch für dieses Mannes Seele gab es kein Befreien und Erlösen. Bisweilen kam es vor, daß die Kinder – sie blieben bis zum Nachmittage – sich verspäteten und daß bei umwölktem Himmel eine frühzeitige Dunkelheit anbrach. Dann steckte jedes Kind in seiner kleinen Laterne ein Lichtlein an, und es war schier märchenhaft, wie alle die Flämmlein von der Paßhöhe niederfuhren zur Tiefe. Auf Schneeschuhen und Schlitten glitten die Kleinen pfeilschnell herab, mit Gesichtern, die plötzlich aufleuchteten im Lichtschein und sogleich wieder verschwanden, als würden sie von der Finsternis verschlungen. Aber noch lange schallten Lachen und Jubel empor zur Höhe, wo es nun einsam und still ward. Änderte sich nach einem schönen Tage plötzlich das Wetter, kam starker Schneefall oder gar Sturm, so mußte das junge Malojageschlecht in der Schule übernachten, was ein Fest bedeutete. In dem einen Zimmer bereiteten sich die Knaben ein duftendes Heulager, in dem anderen die Mädchen; und das ganze Haus hatte mit den kleinen Nachtgästen zu tun. Maira verrichtete bei ihren schweren Gedanken die vermehrte Arbeit nicht immer sehr freudig und schämte sich vor Dionisio, der dann seine besten Stunden hatte und sich als getreuer Hausgenosse erwies. Bei zwar bedenklicher, aber nicht bedrohlicher Witterung traten die Kinder unter Anführung ihres Lehrers den Heimweg an. Nächsten Tags wußten sie nicht genug zu rühmen, wie sorglich sie geleitet wurden: jedes Kind sicher zurück zu den Seinen. Wenn Dionisio bei Nacht und Nebel die Kinder heimbegleitete, fragte sich Maira bisweilen, wie es wohl wäre, wenn sie zu Haus auf seine Rückkehr warten würde? Mit Sorge, mit Angst warten, sollte das Wetter sich verschlechtern und zum wilden Schneetreiben, zum Orkan werden! Wie es wohl wäre, wenn sie des glücklich Wiederkehrenden schnellen Schritt, seine helle Stimme, sein sonniges Lachen vernehmen und ihm entgegeneilen würde: »Da bist du ja, Lieber! Wie sehr habe ich mich um dich gesorgt! Gott sei Dank, daß du da bist!« Und wenn sie, die jetzt Einsame und Unglückliche, den Wiedergekehrten mit beiden Armen hätte umfassen und ihr Haupt an seine Brust bergen können, darin ein starkes, reines Herz für sie schlug? Welche Gedanken, welche Vorstellungen! Und das nur, weil sie einsam und unglücklich war. Aber auch sie ein Geschöpf Gottes, erfüllt von der Sehnsucht nach Glück, dem Verlangen nach Liebe ... Ein Wintertag nach dem anderen verstrich; aber keinen Tag wartete Maira auf den Freund, den Scham abhielt, zu der Freundin seiner Kindheit zu kommen. Wie unglücklich mußte er sein! Unglücklich trotz seiner glückseligen Liebe. 15 Winter in Maloja! Gian Vital konnte es dieses Jahr nicht dem Murmeltier gleichmachen und sich in der Hütte am Cavalocciosee verkriechen, um daselbst einen langen Schlaf zu tun, während die Welt draußen tief und tiefer in weißen Glanz versank. Wie es jetzt um den Mann stand, hätte er's nicht viel besser gehabt als das Wild, das der einstmalige Wilderer und Gemeindejäger nicht mehr jagen durfte und das sich in Felsspalten und unter überragenden Klippen verkroch, das herbe Nadelholz aus dem Schnee kratzend und benagend, um nicht elend Hungers zu sterben. Aber Gian Vital hatte es besser; denn er wohnte am Crap da Chüern bei dem Manne, der seine stolze Höhe und sein mächtiges Werk verlassen hatte und der geliebten Frau in die Tiefe gefolgt war. Gian Vital stand nicht mehr in Diensten des Malojahotels. Es war damit nicht länger gegangen: der Wildling taugte zum Herrendiener ebensowenig wie zum Gottesknecht. Er besaß außer seiner Leidenschaft für Jagd nur noch eine starke Begabung: die zur Liebe, und mußte um beides ein Martyrium erdulden. Als Courtien ihn als Hausgenossen bei sich aufnahm, bot er ihm ein brüderliches Willkommen. Danach deutete er auf eine Stelle an der Wand des gemeinsamen Wohnzimmers und sprach mit tiefem Ernst: »Dort hänge deine Büchse auf! Denn du sollst sie immer vor Augen haben. Der Anblick deines Gewehrs soll für dich eine beständige Versuchung, eine beständige Prüfung sein: weiß ich doch, du wirst sie bestehen und wirst deine geliebte Waffe nicht anrühren: nicht eher, als bis du dazu berechtigt bist. Aus deinem täglichen Kampf mit deiner Begierde – deinem täglichen Siege über dich selbst wird dir eine große Kraft erwachsen. Du siehst, wie sehr ich dir vertraue.« Gian Vital schaute dem Sprecher fest ins Auge und erwiderte ruhig: »Ei, Bürschlein! Wann und wo hast denn du das Predigen gelernt? Etwa diesen Sommer in der Fornohütte? ... Malerlein, hättest Mönch werden sollen! Von dir wären die Gelübde ja wohl gehalten worden, und du hättest nicht vor lauter Sündhaftigkeit auszureißen brauchen. Was für ein elender Schächer bin ich doch gegen dich! ... Übrigens danke ich dir für dein gutes Zutrauen. Schade, daß ich nicht auch dir vertraut habe; dann hättest du die Prüfung gewiß auch bestanden. Da mußte ich solch niederträchtiges Mißtrauen gegen dich haben – Mönchlein, gegen deine Menschennatur.« Courtien war erbleicht. Er wollte heftig auffahren, bezwang sich aber und ging zu seinem Eckart, dessen Treue ihm nicht hatte helfen können, legte dem Freunde die Hand auf die Schulter, schaute ihn schweigend an – mit einem Blick voll solcher Trauer, solcher Trostlosigkeit, daß Vital sich abwenden mußte. Bald darauf ging dieser aus dem Zimmer ... Als er nach einer langen Weile zurückkam, brachte er seine Büchse mit und hängte sie an dem Platz auf, wo er sie beständig vor Augen hatte: eine Versuchung, eine Prüfung, die er bestehen würde. Courtien versuchte fortan den Blick auf jene Stelle der Wand zu vermeiden ... Mit der Jagd war dem guten Gian so ziemlich das halbe Leben genommen. Damit war's jedoch nicht genug. Auch um die andere Hälfte seines Daseins sollte er gebracht werden: um sein qualvoll-seliges, wunderliches Liebesleben. Fast war es zu viel selbst für diese machtvolle Natur, zu viel gewaltsamen Schwächens ihrer besten Kraft. Die Nerina entzog sich ihrem Liebhaber völlig: die Nerina wurde plötzlich fromm. Das Unheil kam so allmählich über ihn, schlich so lautlos herbei, überfiel ihn so hinterrücks, daß er es nicht begriff, als es schon da war. Aber selbst dann wollte er nicht daran glauben, denn: »Ich halte sie ja doch wie mein eheliches Weib, betrachte sie als solches. Wozu brauchen wir also erst des Pfarrers? Als ob solche christlichen Ehen nicht häufig sehr unheilige Ehen wären!« »Sagtest du mir nicht diesen Sommer, du seist entschlossen, eine christliche Ehe mit deinem Schatz einzugehen?« fragte Courtien, dem des abgewiesenen Liebhabers starre Ruhe unheimlich war. »So etwas sagt man wohl; aber – ein Mensch wie ich. Denke doch! Vorerst Kirchenbuße und Schande. Ein Mensch wie ich, Sivo Courtien! Erst dann Absolution. Das Allerheiligste würde in meinem Herzen zum Allerunheiligsten. Zum Sakrileg würde bei mir das Sakrament! Wie darf ich also! ... Und wenn ich sie nehmen und mit ihr fortgehen würde – wohin wir auch kämen, kein Pfarrer gäbe uns zusammen, bevor ich nicht gebeichtet und gebüßt hätte. Auch will sie nicht mit mir fortgehen. Denke doch: sie will nicht! Deine Gräfin selbst hat ihr zugeredet. Und weil sie das getan hat – siehst du, Bürschlein ... Sie hat viel Unheil angerichtet, wird noch mehr anrichten. Mir aber hat sie dadurch Gutes erweisen wollen. Das soll ihr von Gian Vital nicht vergessen werden.« Courtien war seiner Leidenschaft so völlig verfallen, daß er für die Liebesqual seines Kameraden keine rechte Teilnahme fühlen konnte. Lediglich Josettes Interesse an der Sache beschäftigte ihn: es war so gütig von ihr! Und je mehr Güte er bei ihr entdeckte, um so zärtlicher liebte er sie. »Sie ist herrlich! Es freut mich, daß du dein Unrecht gegen sie einsiehst und ihr dankbar bist. Es macht dir Ehre. Und wie gütig von ihr, der Nerina sich auch sonst anzunehmen. Das Mädchen ist gar nicht wiederzuerkennen. Und es war doch eigentlich ein halbwildes Geschöpf. Die Gräfin behauptet: sie habe ein erstaunliches Talent zur Zofe, und will sie für sich ausbilden lassen.« Aber da fuhr Vital auf: »Das danke ich ihr nicht, das nicht! Besser, sie wäre das halbwilde Geschöpf geblieben – tausendmal besser für sie und für mich! Nun will sie auch von deiner Gräfin nicht fort, ist fein geworden, lebt in dem verdammten Fremdenhause wie eine Prinzeß, tafelt mit den Kammerfrauen und Kammerdienern der anderen Herrschaften und läßt sich von dem Lakaiengesindel hofieren ... Wenn das ein gutes Ende nimmt – Malerlein, Malerlein! Ein frommer Christ soll beten: ›Und führe uns nicht in Versuchung‹. Da hängt ja wohl auch meine Büchse, damit ich das Gebet lernen soll. Aber ob ich's je lern'? ... Und ob ich dieser Versuchung nicht erliegen werde? ... Wir armseligen Menschlein wissen gar nicht, was in uns vorgehen und mit uns geschehen kann. Wüßten wir's, so möchte uns grausen. Da wir uns unsere Gedanken nicht selbst geben, sollten wir beten, daß uns gute Gedanken gegeben würden. Denn sonst können wir nicht für uns einstehen. Ich kann's nicht! Nein, nein, nein: ich kann's nicht!« Der Mann war außer sich.   Vital wollte die Nerina in der verhaßten Fremdenherberge nicht aufsuchen: er verlangte von ihr, sie sollte zu ihm kommen. Das tat sie jedoch nicht. Nun entbrannte auch in dieser heißen Mannesseele der Kampf gegen die dunklen Gewalten in seiner Brust, von denen er nichts wußte. Da Gian Vital nicht mit Bären kämpfen konnte, so lauerte er dem Raubtier in seiner Brust auf und rang mit diesem; denn ihm war zumute, als müßte er einen Totschlag begehen, wenn er nicht in sich selbst etwas totschlug, das er in sich trug, das er aus sich nicht ausbrechen lassen, das er in Fesseln schlagen mußte; und er hatte mitunter die körperliche Empfindung, als würde seine Brust von Ketten umschnürt. Daher quälte ihn die Furcht, es könnte eine Stunde kommen, welche die Bande sprengte. Was dann – wo er die Prüfung doch bestehen sollte? Eines Tages unternahm er einen schweren Gang: hinauf zur Paßhöhe, zum Mesnerhause. Es dauerte lange, bis der erste Gedanke zum Entschluß, der Entschluß zur Tat ward. Er wälzte in seinem Gemüte den Vorsatz, als sei dieser ein Felsblock, den er einen hohen Berg hinaufschaffen mußte. Beständig entglitt die Gedankenlast seinem Geist, und fast wäre Gian Vital zu einem Sisyphus geworden, wäre ihm schließlich nicht doch gelungen, den Stein zu packen und zu halten. Dann aber stand es bei ihm fest: ›Ich muß mit Maira sprechen; der Mann geht an dem Weibe zugrunde. Nur eine kann ihm helfen: Maira à Mara. Helfen muß sie ihm! Aber ich muß es ihr sagen, muß es für ihn von ihr fordern. Wenn Courtien es wüßte, würde er mich aus dem Hause jagen, als ob ich sein schlimmster Feind wäre. Und bin doch sein bester Freund ... Hinausjagen soll er mich – wenn ihm nur geholfen wird! Ich vermag es nicht.‹ Also trat er den schweren Gang an. Lieber wäre er durch den Malojawinter zu Courtiens verschneitem Atelierhause aufgestiegen ... Unterwegs hatte er eine Begegnung, die ihm das Blut ins Gesicht trieb. Seine Hochwürden, Pfarrer Briccius Ladien, in Begleitung des jungen Lehrers, des »Welschen«! Selbst dem geistlichen Herrn hatte es der Dionysische mit seinem Lachen und dem Leuchten seines Wesens angetan. Die beiden waren so eifrig im Gespräch, daß sie Vital nicht gleich bemerkten. Dieser hörte den Geistlichen mit seiner scharfen, harten Stimme sagen: »Dieses Mädchens Todsünde ist sein Stolz. Erst müßte sein sündhafter Stolz gebrochen werden, bevor der Herr es erleuchten könnte. Dann aber –« Dann aber sah der Sittenprediger den abtrünnigen Klosterzögling, brach mitten im Satz ab, und es geschah das Seltsame, daß der Geistliche den Verhaßten zuerst grüßte: mit eigentümlicher Freundlichkeit, eigentümlicher Miene. Gian Vital grüßte nicht wieder. Als er an den beiden vorüber war, hörte er den Pfarrer mit lauter Stimme sagen: »Mit dem ist's genau dasselbe: bei dem muß zuerst der sündhafte Trotz gebrochen werden. Dann aber kommt er ... Glauben Sie mir, mein lieber, junger Freund: er wird kommen!« Der »liebe, junge Freund« bestätigte lachend: er glaube auch, daß »er« kommen werde. Vital blieb stehen ... Sollte er umkehren und den beiden Antwort geben? Welche Antwort? Eher käme der Fornogletscher zum Pfarrer Briccius Ladien in Beichtstuhl und Kirche als er! ... Durfte er das sagen und beschwören? Konnte der Mensch für sich einstehen? ... Wie sollte er zum Pfarrer kommen? Mit gebrochenem Trotz? Was sollte seinen Trotz brechen? ... Das war's ja eben! Seine leidenschaftliche Liebe sollte seinen sündhaften Trotz brechen; was des Mannes Bestes und Höchstes, zugleich sein Stärkstes war, sollte ihn schwach machen und demütigen. Auf die Knie sollte es ihn niederzwingen. Aber nicht vor der Gottheit, sondern vor dem Priester ... Wenn das je geschehen sollte, wenn er je »kommen« würde: durch die Liebe zum Weibe, um des Weibes willen, so sollte er – Um der Nerina willen lügen und heucheln, wo er es selbst um Gottes willen nicht getan hätte ... Gott möge ihm die Sünde verzeihen, wenn sie ihn dazu bringen sollten. Es würde eine Todsünde sein. Noch wehrte er sich, blieb standhaft und stark. Bisweilen jedoch war's ihm, als müßte ihm das Begehen der Gotteslästerung, die der Priester im Namen Gottes von ihm forderte, die Fesseln von der Seele reißen; als müßte der Untäter, der in ihm lauerte, dann aus ihm hervorbrechen: wenn sie ihn dahin bringen würden, der Nerina wegen öffentliche Kirchenbuße zu tun. Es gelang ihm, sich zu beherrschen. Er wandte sich nicht einmal nach den beiden um, ging mit einem tiefen Atemzuge des Wegs weiter, seine Gedanken nicht ohne Mühe von sich selbst abbringend: ›Welches Mädchen meinte der Pfaff? ... Maira! Nur sie konnte er meinen! Er sprach zu dem Laffen von ihrem Stolz, und daß dieser erst gebrochen werden müßte – gebrochen! Durch welches Mittel, zu welchem Zweck? ... Der Zweck wenigstens ist klar: um auch dieses schwarze Schaf der Herde dem guten Hirten wieder zuzuführen. Wodurch? Doch nicht etwa –‹ Trotz des Unsinnigen seines blitzgleich in ihm aufzuckenden Argwohns ballte Gian Vital seine Rechte, hob sie wie zu einem Schlage und ließ sie niederfallen, als hielte er eine Waffe und wollte damit das Haupt des Verruchten zerschmettern. Dabei hatten seine Augen den Blick, der Blut sehen mußte. Es war auf diesem schweren Gange eine schlimme Begegnung gewesen, und schlimme Gedanken begleiteten den Mann zur Höhe hinauf. Maira führte mit ihrem Vater ein erregtes Gespräch. Dem Mesner erschien der fremde Hausgenosse von neuem nicht nur unbequem, sondern auch nicht unbedenklich. Er drang daher auf ein anderes Quartier für den Lehrer. Da stellte Maira den ängstlichen Mann zur Rede, ihrer Art nach ohne alle Umschweife und Milderungen: »Gewiß hat dir der Pfarrer deshalb zugesetzt? Denn ich höre aus deinen Reden den hochwürdigen Herrn.« Lebhaft verteidigte sich der Beargwohnte: »Du tust mir wieder einmal unrecht. Diesmal sogar auch dem Pfarrer. Wahr und wahrhaftig! Du wirst mir's nicht glauben; ich versteh's selbst nicht recht.« Der Mann wurde nachdenklich und verstummte. Seine Tochter mußte in ihn drängen, ihr zu sagen, was er von dem geistlichen Herrn nicht verstünde. »Daß er mir's gar nicht mehr nachträgt.« »Was sollte der Pfarrer dir weiter nachtragen?« »In unserem Hause den Fremden! Den jungen Mann, dem du Quartier bei uns gabst.« Nun erst fiel Maira der Auftritt wieder ein, den sie damals mit ihrem Vater gehabt hatte, als der Pfarrer den Lehrer nicht bei sich wollte wohnen lassen. Sie hatte nie mehr daran gedacht – so wenig blieb an ihr haften, was sie als kleinlich und nichtig empfand. Richtig! Die Leute fanden es unschicklich, daß der junge Lehrer im Mesnerhause mit der jungen Lehrerin unter einem Dache wohnte. Welche Leute? Doch nicht die Bergbauern und Bäuerinnen von Maloja? ... Der geistliche Herr in seiner strengen Sittlichkeit nahm Anstoß daran, und der Mesner hatte unter dem verletzten Sittlichkeitsgefühl des Hochwürdigen den ganzen Sommer über schwer zu leiden gehabt – was der Mann aus Scheu vor dem verächtlichen Lächeln und dem leisen Stirnrunzeln seiner Tochter zu Hause ängstlich verschwiegen hatte. Jetzt erklärte er ihr: »Ich kenne mich mit dem Pfarrer nicht mehr aus. Weil er mit dem Bergeller jetzt so gut Freund ist – der Sakramenter versteht es, jeden herumzubekommen –, so dacht' ich: wir könnten ihn auf gute Manier loswerden, und der Hochwürdige nähm' ihn uns ab. Obenein mit Freuden! Also sprach ich gestern mit ihm.« Maira hatte teilnahmlos zugehört: was ging das alles sie an? Aber jetzt atmete sie unwillkürlich auf: es wäre eine Erleichterung ihrer Lebensbürde gewesen, wenn der junge, alle Welt bezaubernde Mann, der ihr ein geheimes Grauen einflößte, gegen den sie »ungerecht« war und blieb, wenigstens nicht mehr ihr Hausgenosse sein würde. Schließlich jedoch – als ob sie solche Entlastung überhaupt fühlen würde? Das war bei einem großen Leid das Gute: es gab daneben keine kleinen Leiden mehr. Also zwang sie sich, zu sagen: »Nun, und der Pfarrer?« »Und dem Pfarrer ist's sehr recht, daß der Lehrer bei uns wohnt. Jetzt auf einmal! Der Pfarrer will ihn uns nicht fortnehmen, den reizenden, jungen Mann, dem man gut sein müßte. Und das alles ganz liebreich. Dann fragte er mich nach dir.« »Etwa auch liebreich?« »Väterlich gütig.« »Pfarrer Briccius Ladien?« »Zum Erstaunen, nicht wahr? Weil du jetzt keinen Sonntag in der Kirche fehlst.« »Der Kinder wegen! Denn in der Kirche des Pfarrers Briccius Ladien kann ich nicht beten. Es ist nämlich seine Kirche und nicht Gottes. Aber der Kinder wegen muß ich hinein. Lügen und heucheln muß ich. Zu allem anderen auch das noch!« Nicht zu ihrem Vater sprach sie, sondern zu sich selbst. Obgleich sie die Stimme kaum erhob, schrie aus ihr solche Seelenqual, daß der Mesner sie fassungslos anstarrte. Ihres Vaters erschrockener Blick brachte ihr erst zum Bewußtsein, daß ein anderer sie hörte. Wenn es auch ihr eigener Vater war, so schämte sie sich dessen, als hätte sie vor fremden Augen ein Stück Seele enthüllt. Und lieber sich selbst verstümmeln, als ihr Inneres entblößen. Als antwortete sie erst jetzt, erklärte sie ruhig: »Ich erkannte, es sei als Lehrerin meine Pflicht, den Gottesdienst regelmäßig zu besuchen. Pfarrer Ladien hatte recht, mir vorzuwerfen, ich sei in Erfüllung meiner Pflicht lässig. Er hätte mich meines Amtes ebensogut entsetzen können wie Gian Vital.« Der Mesner, dem seine Tochter ein so fremdes Wesen war, als sei sie das Kind anderer Eltern, bestätigte: »Das meint auch der Pfarrer. Er wollte der Gemeinde nur kein neues Ärgernis geben, sonst hätte er dich nicht Lehrerin bleiben lassen dürfen. Auch hoffte er immer, du würdest dein Unrecht erkennen und deine Christenpflicht tun. So geschah's ja auch. Wir müssen ihm dankbar sein, weil er Geduld hatte und wartete. Es würde noch immer besser mit dir werden.« »Inwiefern?« Das Wort klang scharf und hart. Eingeschüchtert gestand der Befragte zögernd: »Du würdest noch bei ihm zur Beichte gehen.« »Ich zur Beichte bei Briccius Ladien ...?« »Er ist der festen Zuversicht, gerade wie bei Gian Vital. Der käme auch eines Tages! Und wie würde er kommen!« »So, so! Gerade wie bei Gian Vital ...« »Er sprach wirklich ganz väterlich. Sogar eine Bitte soll ich dir von ihm bestellen.« »Tu's also.« »Wenn du mich so ansiehst ... Ob du nicht Sonntags mit dem Lehrer in der Kirche singen wolltest? Zu seinem Tenor müßte deine Altstimme wundervoll passen. Die beiden Stimmen würden in der Kirche zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gemeinde herrlich zusammenklingen. Es kämen jetzt schon Sonntags die Fremden aus dem Hotel in die Kirche, um den Lehrer singen zu hören. Obgleich der Pfarrer den Fremden gewiß nicht hold ist, freut's ihn, daß sie in seiner Kirche dem Gesang des Bergellers so fromm zuhören. Letzten Sonntag war auch die schöne Gräfin beim Gottesdienst. Du mußt sie übrigens gesehen haben ... Sagtest du etwas?« »Ich habe die schöne Gräfin letzten Sonntag in der Kirche gesehen. Sie ist wirklich sehr schön.« »Vielleicht käme auch Sivo Courtien in die Kirche, wenn du mit dem Lehrer zusammen singen würdest – meinte der Pfarrer.« »Ich werde nicht singen.« »Auch nicht, wenn der Pfarrer dich bitten läßt?« »Auch dann nicht.« »Das wird ihn sehr betrüben; da er's doch so väterlich gut mit dir meint ... Übrigens soll ich dir von ihm sagen –« »Noch mehr?« »Es sei gewiß nur böses Gerede. Du solltest dir's nicht zu Herzen nehmen.« »Ich verstehe dich nicht.« Sie verstand ihn sofort, verstand sofort die Meinung des Pfarrers. Der Pfarrer meinte: das böse Gerede über die Gräfin und Sivo Courtien – über sie und Sivo Courtien – sei bittere Wahrheit. Der Pfarrer meinte: sie solle es als Strafe für ihren unchristlichen Hochmut hinnehmen, solle in sich gehen und bereuen. Pfarrer Briccius Ladien, der wider Gian Vital und die Nerina eiferte, mußte das Gerede über Sivo Courtien und die Gräfin Von Oberndorff – über Sivo Courtien und Maira à Mara – für Verleumdung erklären, sonst hätte er auch gegen Sivo Courtien sprechen müssen. Aber der Mann war Seiner Hochwürden zu mächtig. Er wartete, bis der Mann durch seine unselige Leidenschaft noch mehr geschwächt war: Briccius Ladien konnte warten. Während der Mesner über den Trotz seiner Tochter selbst dem hochwürdigen Herrn gegenüber schalt und klagte, trat Gian Vital ins Schulhaus. Der Alte verstummte. Die plötzliche Erscheinung des von der Kirche Gebannten erschreckte ihn ... Was würde der Pfarrer sagen, wenn er erführe, daß der verstockte Sünder seinen Mesner besucht hatte? Maira dagegen schien sich zu freuen. In ihr blasses Gesicht stieg eine feine Röte. Sie ging auf den allgemein Gemiednen zu, gab »hm die Hand und nannte ihn auch heute nicht anders, als sie ihn seit ihren Kinderjahren genannt hatte: »Lässest du dich auch einmal bei uns sehen? Sei willkommen!« Sie wußte, daß Vital am Crap da Chüern wohnte, daß der Geliebte dem Verfemten die Treue hielt; und als sie ihm die Hand reichte, behielt sie die seine einen Augenblick in der ihren. Mit kräftigem Druck faßte der Wildling die Mädchenhand, die sich ihm so traulich überließ. Aber er hatte es von dieser Hand nicht anders erwartet; er dürfte auf sie vertrauen wie auf seine eigene starke Rechte. »Dir bin ich willkommen. Das seh' ich ... Habe keine Furcht, Mesner, von dir will ich nichts. Wärst du ein Jäger, so könntest du deine Büchse nehmen und mich in deinem Hause niederknallen; denn ich bin in der Gemeinde ein Freiwild, seitdem sie mich auf Befehl ihres Pfaffen davongejagt hat. Zu deiner Tochter komm' ich. Bei der hat ein Verfolgter Freistatt; bei der trifft keine Kugel. Ich wollte, das wüßt' auch ein anderer. Wird's noch einmal wissen. Wenn's dann nur nicht zu spät ist.« Der Mesner murmelte etwas von unchristlichem Lebenswandel; aber Maira ließ ihren Vater nicht ausreden. Sie sagte, zu Vital gewendet: »Da du mit mir sprechen willst, so komm mit mir.« Sie ging ihm voraus in das Schulzimmer, bot ihrem Besuch einen Sitz, während sie selbst, ihm zugekehrt, beim Fenster stehenblieb, so daß ihr Gesicht für Vital umdunkelt war. Behutsam begann dieser, unwillkürlich mit leiser Stimme sprechend: »Bevor es zu spät wird, möcht' ich mit dir reden. Deshalb komm' ich.« »Du bist ein treuer Mann. Aber deshalb hättest du nicht kommen sollen.« Auch das Mädchen sprach so leise, als befände sich im Zimmer ein Schwerkranker; und seltsam war's, wie beide vermieden, einen Namen zu nennen. »Zu wem hätt' ich wohl sonst kommen sollen, wenn nicht zu dir? Denn nur bei dir ist Hilfe.« »Nichts vermag ich, nichts bin ich. Keiner weiß, wie hilflos ich bin. Ich kann nicht einmal den Kindern helfen, daß sie mich gern haben und bei mir lernen. So steht's um mich.« Vital vermied, zu ihr hinüberzusehen. Er glaubte, selbst sein Blick müßte dieser wunden Seele weh tun. Und es war solch stolze Seele ... Mit einer so weichen und linden Stimme, als spräche er zu einem kranken Kinde, sagte der wilde Mensch: »So steht's mit dir? ... Ich seh's, und – Und bald wird's mit dir ganz anders stehen. Oder ich will nie mehr eine Büchse abschießen; also nie mehr ein rechter Kerl sein ... Du solltest die Kinder nicht lehren können, dich gern zu haben? Als käm's darauf an? Du wirst einen Mann lehren, dich zu lieben, als ob in dir alles Heil sei ... Das ist für dich das rechte Wort! Heil – heilen – eines Menschen Heiland sein ... Wär' ich nicht ein armseliger Klosterschüler geblieben, wäre ich nicht davongelaufen, sondern hätte Gelübde getan und wäre ein frommer Kapuzinerpater geworden, so könnt' ich dir das Heil, das für den Mann von Frauenliebe kommt, besser verkünden. Mir selber ist davon freilich nur Unheil gekommen. Vielleicht weiß ich gerade deshalb Bescheid damit. Ein anderer wird's anders erfahren. Wenn der Tag kommt, will ich auf die Margna steigen oder auch auf den Monte della Disgrazia. Dann will ich dort oben meine Büchse abschießen: auf kein Tier noch auf sonst ein lebendiges Geschöpf. Zur lieben, himmlischen Sonne hinauf will ich schießen und dabei deinen Namen rufen. Es soll mein Dank an dich sein.« »Dank, wofür? Daß ich deinem Freunde niemals das Heil bringen kann? ... Du sollst mich nicht so hochstellen! Ich verdien's nicht. Ich will nicht für etwas anderes gehalten werben, als ich bin. Es beleidigt mich, demütigt mich!« »Erniedrige dich jetzt nur selbst. Mein Gipfeltag wird doch kommen.« »Gian Vital, was willst du von mir?« »Eine Liebestat von dir fordern. Nur du kannst sie tun.« »Ich sagte dir, ich sei zu schwach.« »Du und zu schwach? Du kannst noch ganz anderes vollbringen.« »Fordere also!« »Du mußt mit ihr reden. Denn mit ihm zu reden nützt nichts.« »Deshalb kamst du zu mir?« »Deshalb! Er muß los von ihr. Und das bald. Sonst ist's zu spät. Sie muß ihn loslassen – da er nicht von ihr los kann. Damit sie ihn losläßt, mußt du mit ihr reden. Du mußt! Es ist das einzige, das letzte!« »Das kann ich nicht, will ich nicht!« »Das wirst du!« »Nein, nein!« »Ja, ja! Du wirst deine stolze Seele bezwingen, wirst zu ihr gehen und ihr's sagen. Wirst es von ihr verlangen.« »Mit welchem Recht?« »Mit dem Recht deiner besseren, deiner stärkeren Liebe.« »Er würde mir dieses Recht absprechen.« »Sprich dir's nur selbst zu.« »Er würde empört über mich sein.« »Kümmert dich das, wenn es ihn von ihr losbringt? Bist du eine Seele, die das kümmert?« »Er würde denken, es sei von mir –« Aber sie brachte das Wort nicht über die Lippen ... Vital konnte jetzt sehen, wie bleich sie war, wie sie litt. Es war Qual. Das bleiche Mädchen still betrachtend, mußte der Mann, der seiner Liebe wegen auch eine Marter erduldete, denken: ›Da wird dieser Mensch von solchem Herzen geliebt und muß in die andere toll vernarrt sein. Gerade in diese andere! Er könnte der Glücklichsten einer sein und ist einer der Unglücklichsten. Und dann sagen die Leute, es sei keine wunderliche Welt. Schlimmer als das ist's: eine verrückte Welt, in die man hineingeschleudert wird, man mag wollen oder nicht. Im Kloster hätt' ich davon weniger gespürt. Das eben ist's ja! Weil man im Kloster nur lieben darf, was vom Himmel ist, führt man darin solch kommodes Leben ... Immerhin lieber alles Erdenleid tragen, als ohne Leid gemächlich einem anderen Leben zugehen ... Helfen wird sie ihm doch. Diese verrückte Welt wäre sonst eine zu gemeine Welt für einen ehrlichen Christenmenschen, der schließlich auch ein gottloser Heide sein kann.‹ Laut richtete er an das bleiche Mädchen die Frage: »Bin ich vergebens zu dir gekommen?« Ohne eine Antwort zu geben, bat sie ihn zu gehen. Sie sah dabei so leidensvoll aus, daß er ohne weiteres gehorchte.   Als Vital aus dem Hause trat, erschrak er fast über die Herrlichkeit der Winterwelt seiner Heimat ... Das weiße Alpengebiet lag von Purpurröte bedeckt unter einem veilchenblauen, von gewaltigen Strahlen durchschossenen Himmel. Sie gingen von dem Gipfel aus, dahinter die Sonne versunken war, und schienen die Welt zu erfüllen. Die Menschenqual auf Erden war unermeßlich wie das Meer; aber die Schönheit der Welt war göttlich, von keinem Jammer zu entstellen. Selig, wer sie schauen konnte. Es war in diesem Augenblick, daß Vital eine Greisin gewahrte, die sich an einem hohen Stecken den Pfad hinauftastete: eine Blinde, die zu Maira wollte. Blind zu sein! Auf dieser göttlich schönen Erde zu leben, all ihr Leid erdulden zu müssen und ihre Herrlichkeit nicht schauen zu können ... Wie ein Schmerz durchzuckte Vitals Seele das Mitleid mit dem blinden Weibe, das in seinem armseligen dunklen Gewande einer symbolischen Erscheinung glich: »Ich bin das Elend der Welt!« Es gab so viele Blinde in dem wunderschönen Alpenlande, und keiner hatte Mitleid mit ihnen: alle mußten die bekannten Pfade am Stecken hintasten. Nicht einmal der geistliche Herr kümmerte sich um sie. Er pries sie sogar! Denn mit blinden Augen konnte der Mensch klarer in sich blicken, seine Sündhaftigkeit erkennen und sich vorbereiten, dermaleinst die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Vital eilte auf die Blinde zu, um sie zu führen, über sein plötzliches Mitgefühl selbst betroffen. Aber die Alte sagte: sie habe ihren Stab und wisse den Weg. Sie sagte es unfreundlich, fast feindselig. »Willst du hinauf zur Maira?« Sie wollte zur Maira hinauf. »So spät noch?« Was tat ihr das? »Es wird bald Nacht!« Für sie war's Nacht auch am hellsten Tage. »Was willst du im Mesnerhaus?« »Zuhören. Still dasitzen und zuhören.« Maira erzählte ihr Geschichten: hübsche, helle. In Mairas Geschichten sah die Blinde die Sonne scheinen, sah sie die schöne, wunderschöne Welt! Maira rollte sie auf vor ihren armen, lichtlosen Augen in ihrer dunklen, nach Schönheit und Sonne verlangenden Seele. Sie tastete sich oft in ihrer tiefen Finsternis den Pfad zum Mesnerhause hinauf. »Du hast sie wohl gern, die Lehrerin da oben?« »Was kümmert's dich?« Die Alte murmelte böse vor sich hin. Aber über dem seiner Sehkraft beraubten welken Gesicht lag die Liebe zu dem jungen, guten Weibe, welches ihr hübsche, helle Geschichten erzählte, wie ein Abglanz von dem Abendschein am Firmament. Und dieselbe Maira konnte nicht die Kinder lehren, sie gern zu haben ... 16 »Ich werde doch wieder arbeiten können?« war Courtiens Angstruf an die geliebte Frau gewesen. Diese hatte ihm zugelächelt: »Du wirst arbeiten können! Ich bürge dir dafür! Ich, die Frau, die du liebst!« Und jetzt arbeitete er. Er malte die Gräfin Oberndorff. Vielmehr: er machte Studie auf Studie, Skizze auf Skizze. Jeder Entwurf war eine Huldigung, eine Adoration. Seine Arbeit war Kultus: der Priester hielt Gottesdienst. So wurde die armselige Hirtenhütte am Crap da Chüern zum Tempel. Denn Courtien bestand darauf, daß die Sitzungen nicht im Hotel stattfanden: er wollte in seiner Künstlerwerkstatt sein. Mit ungeschickten Händen versuchte er dem öden Raum ein festliches Aussehen zu geben. Zu diesem Zweck holte er Zweige von Arven und Wacholder herbei, Vitals Hilfe unfreundlich ablehnend. Auch das immergrüne Laub der Alpenrosen sollte zum Schmucke dienen. Es war mühselige Arbeit: mußte er doch das Strauchwerk aus dem Schnee graben. Je schwieriger das Wintergrün herbeizuschaffen war, um so mehr freute es ihn: war es doch alles, was er zum Empfange der Geliebten tun konnte. Als sie kam, war sie bewegt. Der häßliche Raum glich einer Laubhütte, die Decke bildete ein grünes Gewölbe, und über dem Estrich lag ein natürlicher Teppich gebreitet. In keinem Fürstensaale war der schönen Frau jemals in ähnlicher Weise gehuldigt worden. Das fühlte sie, und das rührte an ihr Herz. Dann begann die Erhörung seiner Bitte, die ein inbrünstiges Gebet seiner verirrten, gequälten Künstlerseele war: »Ich werde doch wieder arbeiten können?!« Es war, als lernte er die Schönheit der Geliebten erst jetzt kennen, da er sie nachbildete. Sie erschien ihm wie das Hohelied der Schöpfung, das er, der arme Sterbliche, nachzudichten sich unterfing. Er tat es mit solcher Versenkung, solcher Andacht, daß ihm die Herrlichkeit des Weibes Ehrfurcht einflößte, als wäre sie ein göttliches Mysterium. Mit solcher Hoheit der Empfindung mochte Leonardo da Vinci das Porträt der Mona Lisa geschaffen haben. In den ersten Tagen kam es gar nicht zu einem Beginn. Er ließ sein geliebtes Modell immer neue Posen annehmen und wurde von jeder in Entzückung versetzt. Sie mußte für ihn alle ihre reichen Gewänder, ihren ganzen köstlichen Schmuck anlegen, und die Nerina konnte sich als geschicktes Zöfchen erweisen. Er drapierte sie mit schimmernden Schleiern und feierlichem Faltenwurf: etwas, das seiner ganzen Kultur fernlag, dafür er in früheren Zeiten, als eines Künstlers unwürdig, Verachtung empfunden hätte, Und diese völlige Wandlung seines innersten Wesens kam dem Manne nicht einmal zum Bewußtsein! Gräfin Josette ermüdete nicht, alle die Stellungen und Wendungen anzunehmen, alle die Umkleidungen zu vollziehen, die Courtien immer wieder von ihr erbat. Noch niemals hatte sie die leidenschaftliche Liebe dieser Männerseele so sehr als Anbetung empfunden. Ihre eigentümliche Schönheit, deren sie sich voll bewußt war, erhielt jetzt für sie selbst etwas nahezu Geweihtes: erlebte sie doch Tag für Tag die Verzückung, darein sie den Freund versetzte. Und dieser von ihr Gottbegeisterte war auch jetzt noch – auch in seinem völligen Verlorensein – ein großer Künstler! Darein sie den Freund versetzte ... Den Namen, mit dem sie ihn nicht nennen durfte, gab sie ihm jetzt stets in Gedanken. Sie hätte sich selbst belügen müssen, hätte sie ihm einen anderen Namen gegeben: den des Geliebten. Und sie besaß den Mut der Wahrhaftigkeit gegen sich selbst. Es ward ihr nicht leicht, kostete sie Kampf um Kampf: jeden Tag von neuem; aber – nein, nein, nein: sie liebte ihn nicht mehr! Sie wollte es nicht glauben, hielt es für unmöglich, daß aus dem Geliebten allmählich der Freund geworden war. Wodurch hatte sich die Wandlung in ihr vollzogen? So schnell! Ihre Liebe zu diesem Manne hatte ihr Seelenleben gleichsam vom Scheintode geweckt; es war wie ein Auferstehen, wie ein Ostersonntag ihrer toten Seele gewesen. Sie hatte – und das noch vor kurzem – an eine Unendlichkeit ihrer Liebe geglaubt, von einer Ewigkeit geträumt. Das große Mysterium der Menschheit war ihr zur Offenbarung geworden; und nun mußte sie erkennen – ›Was erkennen?‹ – so rief sie sich selbst an – ›Den Irrtum, die Täuschung, den Selbstbetrug? Wie solltest du mit dieser Erkenntnis weiterleben können? Was war es – was ist es mit dir? Du mußt ihn lieben! Um deinetwillen mußt du, wenn nicht aus Mitleid mit ihm. Mitleid. Wie darfst du dieses Wort nur denken! Mit ihm Mitleid empfinden, aus Mitleid ihn lieben, würde für diesen Mann Demütigung und Erniedrigung bedeuten. Als ob er nicht schon genug gedemütigt, nicht schon genug erniedrigt wäre! Wodurch erniedrigt? Das fragst du dich? Durch seine Leidenschaft, die du geweckt, die du geschürst und zur Flamme entfacht hast. Wenn sie ihn jetzt verzehrt, so ist es dein Werk!‹ Und sie sprach weiter zu sich selbst: ›Wenn du los von ihm kämst! Er ist ja doch nicht deinesgleichen. In deinem Liebesirrtum war Unnatur. Das fühlst du jetzt jeden Tag, jede Stunde. Du fühlst es in seiner Gegenwart und noch mehr in seiner Abwesenheit. Denn in seiner Gegenwart empfindest du die Gewalt seiner Liebe, die Macht seiner Persönlichkeit als etwas Bezwingendes, Überwältigendes. Noch immer empfindest du das. Und trotzdem – wenn du von ihm loskamst! Als ob das so leicht wäre. Das ist's ja eben! Der Fluch der Leidenschaft ist es ... Wie kühl du das denken kannst! Er ist nicht der Mann, von dem eine Frau »los« käme. Selbst wenn er dich loslassen wollte. Er hält dich fest! Mit eisernen Banden! ... Wenn du plötzlich abreisen, ihm plötzlich entfliehen würdest? ... Sollte das das Ende sein? Wie traurig, wie trostlos!‹ Und die Gräfin Oberndorff wehrte sich gegen das trostlos Traurige eines solchen Endes ... Den Gedanken eines gewaltsamen Sichlösens denkend und verwerfend und wieder denkend, fühlte sie sich zugleich von neuem gefesselt. Und auch darüber reflektierte sie: ›Welche Doppelnaturen wir Frauen doch sind! Auch wir Frauen haben eine zweite Seele. Gerade wir Frauen! Wir sind alle – Faustnaturen ... Ich möchte mich von ihm losreißen und möchte ihn unlöslich an mich fesseln. Welch ein Widerspruch! Ich selbst von ihm frei – er doch mein Geschöpf! Ich selbst will keinen Schmerz fühlen und könnte ihn doch ein Martyrium der Leidenschaft erdulden lassen. Ist es uns Frauen denn Wollust, Qual zu bereiten, wo wir Liebe erwecken? Oder bin ich eine Ausnahme? Früher wußte ich davon nichts. Den Grafen Oberndorff zu quälen, wäre mir nie eingefallen. Und jetzt plötzlich! Dieser Mann gab mir meine höchste Empfindung und zugleich meine niedrigste. Es läßt sich nicht ausdenken.‹ Derartige Betrachtungen anstellend, verhalf sie inzwischen Courtien zur Erfüllung seines vornehmsten Gebets: »Meine tägliche Arbeit gib mir heute!« Während sie als spendende Gottheit sich fühlte, erfaßte sie der Rausch des Gebens und Sich-Hingebens. Bis jetzt war der Künstler ausschließlich Liebender gewesen, den sie beseligt hatte – ihre Schönheit nachbildend trat dieser vor jenem zurück; und der Gedanke: ›Du begeisterst ihn zu Werken, die dich überleben werden!‹ war wie ein Gottesgnadentum, das über sie kam. Ihre Liebe verfiel durch ihre Frauennatur dem Lose alles Irdischen; aber ihre Schönheit sollte durch des Meisters Kunst Unsterblichkeit empfangen. Das war eine andere Ewigkeit als die eines Liebeswahnsinns. So wurde denn die Spenderin zur Verschwenderin, bis sie dem Künstler das Letzte und Höchste des Weibes gab – bis die letzte Hülle sank. Danach war dann kein »los von ihm« mehr möglich. Die Kette schloß sich um beide, und der Schlüssel ward fortgeworfen.   »Sivo!« »Ich höre.« »Du malst. Vielmehr: du phantasierst auf deiner Leinwand. Fiebernde hören nicht.« »Bewege dich nicht. So herrlich sah ich dich nie! Nur jetzt keine Bewegung!« »Muß ich auch schweigen?« »Sprich nur.« »Wenn du doch nicht hörst?« »Alles! Nur noch eine Stunde so, und – Wüßtest du, wie herrlich du bist!« »Dann darf ich dich um etwas bitten?« »Du meinst: mir etwas befehlen. Also befiehl.« »Du wirst allmählich sogar galant.« »Allmählich werde ich – was?« Sie unterbrach ihn: »Übrigens wollte ich dich schon einmal bitten – dir schon einmal befehlen. Du warst jedoch stets übler Laune.« »Verzeih.« »Ich habe nämlich gewaltige Angst vor dir. Du kannst fürchterlich sein in deinem Zorn.« »Zorn gegen dich? ... Ich muß arbeiten! Aber – sprich nur.« »Du sollst dich mit mir nicht noch länger vergraben. Es ist sowieso trostlos genug.« »Was?« »Diese Nordpolwelt, diese Einsamkeit, Abend für Abend.« »Abend für Abend zusammen mit mir! In der großen Fremdenherberge, wo es von deinesgleichen wimmelt! Von seinen Herren und Damen. Alle bemitleiden dich, niemand begreift dich. Ich weiß! Weiß alles! Kenne das Opfer, das du mir bringst: Abend für Abend! Nicht nur Abend für Abend, sondern Tag für Tag. Wenn du mit mir allein sein und meine üble Laune ertragen mußt, so hörst du vom Saal herauf die Musik, so sehnst du dich ...« »Sei still oder ich bewege mich.« »Bitte, nein! Ich muß arbeiten. Muß den Augenblick festhalten. Er ist zu köstlich, zu groß ... Du wolltest mich um etwas bitten?« »Nicht jetzt.« »Ich bin wieder ganz ruhig.« »Mit solchem bleichen Gesicht, solchem zuckenden Munde. Und erst dein Blick!« »Er erfaßt deine Schönheit.« »Ich rege mich nicht.« »Was soll ich tun? Ich will alles tun dir zuliebe! Tust du doch dies alles aus Liebe zu mir ... Sprich mir's nach.« »Aus Liebe zu dir ...« »Josette!« »Bleibe! Sonst falle ich dir um den Hals; sonst küsse ich dich. Und ich darf mich nicht regen ... Und nun höre.« »Zauberin!« »Aus Liebe zu mir ... (Du sollst es mir leise, ganz leise nachsprechen.) Also aus Liebe zu mir wirst du anfangen, mit mir etwas unter Menschen zu gehen ... Erschrick nicht, fahr nicht auf! Nur anfangen sollst du, und nur etwas, und nur aus Liebe zu mir. Ich bin so stolz auf dich und will meinen Stolz zeigen. Du wirst empfangen werden wie ein König ... Nun lässest du aus Zorn und Grimm den Pinsel fallen, und ich stehe doch wie zur Statue entgeistert.« Courtien ließ den seiner Hand plötzlich entfallenen Pinsel am Boden liegen und sagte, als hätte er zwar gehört, aber nicht verstanden: »Ich soll ... du willst, daß ich soll ... Unter diesen feinen Herren und Damen ... Wo doch alle wissen, alle hinter mir herreden, über mich spotten ... Das sollte ich ertragen? Das könntest du ertragen? Und dir zuliebe sollt' ich –« »Ja, Lieber! Mir zuliebe sollst du meine Welt und meine Menschen kennenlernen. Und du sollst dich in meiner Welt frei und souverän fühlen. Es soll mein stolzester Triumph sein.« Sie erregte sich nicht, stand in all ihrer Frauenherrlichkeit vor dem Künstler. Trotzdem hob dieser den Pinsel vom Boden nicht auf. Aber – ihre Bitte wurde erfüllt.   Im Malojahotel gab es eine Sensation, als die Gräfin von Oberndorff ihren »Freund«, den berühmten Maler Sivo Courtien, einführte. Dieses Mal mußte er das fatale Wort anhören, ohne dagegen protestieren zu können. Der Mann von Maloja stand unter den Fremden wie ein gefangener Monarch der Berge. Aber fast hochmütig schaute er auf sie herab, seinen Ingrimm, sich in der Gesellschaft zu sehen, hinter seinem Stolz verbergend. Dabei empfand er mit physischer Qual, daß er gar kein Recht mehr besaß, stolz zu sein. Hatte sie ihm zuliebe das ungeheure Opfer gebracht, sich seinetwegen so lange von der Welt, die ihre Welt war, fernzuhalten, so wollte er ihr beweisen, daß er ihr zuliebe seine Welt verlassen könne, ohne daß sie es ihm als Opfer anrechnen sollte. Was es ihn kostete, ging nur ihn an. Er war in seinem Hochlandskostüm, das ihn so gut kleidete; und seine vornehme Freundin bekam wieder Ursache, heimlich zu staunen, mit welchem natürlichen Anstand die Natur ihre Lieblinge ausrüstet: die vollendete Form all dieser Männer von Welt hatte etwas Kleines im Vergleich zu dem großen Stil von Courtiens Persönlichkeit. ›Ich glaube: ich liebe ihn doch noch immer ... Welche Rätselwesen wir Frauen doch sind! Was ist das nur mit uns? Ich begreife, daß man uns schwer versteht. Verstehen wir uns doch selbst nicht ... Los von ihm wollte ich kommen? ... Wie diese Frauen ihn ansehen! Er braucht nur zu wollen, um – »Glück« bei den Frauen zu haben ... Ich glaube wahrhaftig, ich könnte eifersüchtig werden ... Erst werden? Als ob ich es nicht bereits wäre!‹ Und die Gräfin dachte an das Mädchen, dessen Namen sie in Courtiens Gegenwart nicht nennen durfte ... Ob er auch jetzt wieder eifersüchtig war? Auf diese »feinen Herren«? Ob zu all dem Demütigenden, das seine Leidenschaft für ihn brachte, auch jetzt wieder jene qualvollste und zugleich erniedrigendste Empfindung kam, die jeden Mannesstolz bricht? Die Vorstellung eines solchen Sturzes seiner Menschenwürde erschreckte Josette immer von neuem. Schlimm genug seine Eifersucht auf die Vergangenheit der geliebten Frau – die Gegenwart mußte frei davon bleiben. Danach handelte sie. Um ihn durch nichts zu verletzen, trug sie sogar ihr bescheidenes, dunkles Kostüm, als sie eines Nachmittags Courtien hinabführte in die »hall« des Hotels, in der die Gäste beim »five o' clocktea« saßen. Sehr bald war sie umringt von Herren, die der schönen Frau huldigen wollten. Aber ihre Haltung war abweisender denn je. Mit dem zartesten Takt verstand sie dem weltfremden Künstler die Situation zu erleichtern. Er bemerkte es und dankte es ihr. Übrigens machte seine Persönlichkeit starken Eindruck. Ohne es zu wollen, wurde er zum Mittelpunkt. Ohne daß er sich dessen bewußt wurde, war sein Eintritt in jene »andere« Welt ein voller Erfolg. Je unbewußter er blieb, um so mehr freute sich die Gräfin über Courtiens Triumph; denn ein solcher war es. Sie war stolz darauf. Viel schneller, als er erwartet hatte, erlöste sie ihn dann und forderte ihn zu einem Spaziergang auf. Er verabschiedete sich von den Damen, denen er vorgestellt war, und grüßte die Herren, welche die Gräfin ihm vorgestellt hatte, in tadelloser Manier, atmete aber befreit auf, als die Sache vorüber war. In bester Stimmung plauderten sie: »War's nun wohl so schlimm?« »Es ging an. Du warst sehr gütig. Ohne dich wäre es allerdings recht schlimm gewesen.« »Unsinn! Du benahmst dich eminent. Geradezu imponiert hast du ihnen.« »Das lag durchaus nicht in meiner Absicht.« »Eben darum wirktest du so stark ... Ich wußte gar nicht, daß du so gut französisch sprichst.« »Ich studierte zwei Jahre in Paris.« »Richtig, in Paris ... Das wäre reizend.« »Was?« »Wenn wir im Frühling nach Paris gingen.« »Im Frühling geh ich hinauf.« »Darüber sprechen wir noch.« »Darüber ist nicht zu sprechen.« »Heute nicht.« »Überhaupt nicht.« »Wie du willst.« Aber sie dachte: ›Nächstes Frühjahr gehen wir nach Paris.‹ Und nach einem bedeutungsvollen Schweigen: »Du erzähltest mir niemals von deiner Pariser Zeit. Überhaupt sprichst du niemals von dir selbst.« »Allerdings nur selten.« »Vielleicht schweigst du über dich, weil du glaubst, daß ich – ...« Sie unterbrechend erklärte er: »Ich habe nichts von mir selbst zu erzählen. Weder dir noch sonst einem Menschen ... Nein, auch sonst keinem! In Paris arbeitete ich, wie ich in Rom arbeitete.« »Und die Pariserinnen?« »Was meinst du damit?« »Wenn ich nun auch auf deine Vergangenheit eifersüchtig wäre?« Courtien stieg das Blut zu Kopf. Er holte schwer Atem und sagte mühsam: »Du weißt, daß ich keine Vergangenheit habe, auf die du eifersüchtig sein könntest; weißt, daß du die erste bist, die einzige ... Das ist es ja eben! Es wäre mit mir nie so weit gekommen; ich wäre nie so erbärmlich geworden. Alle meine Mannheit ist untergegangen: in dir, in dem Weibe! Es rächt sich furchtbar an mir. Und jetzt ist es zu spät.« Er erbebte wie von Fieberschauern gefaßt, schwankte wie ein Trunkener. An einen Fels mußte er sich anlehnen, um nicht hinzusinken. Aber die Frau, die diesen Ausbruch verursachte, war mehr entsetzt als bewegt. Sie rief aus: »Weshalb sollte es zu spät sein? Da deine Leidenschaft dich zerstört, so darf es nicht zu spät sein! Ich will die Verantwortung nicht auf mich nehmen. Löse dich von mir! Ermanne dich! Ich werde abreisen. Du wirst mich vergessen, wirst wieder erstarken. Deine Freundin wird dir helfen. In deinem Hause dort oben sagte ich dir, daß die Zeit kommen würde, wo ich dich lassen müßte. Sie ist gekommen. Wir wollen scheiden.« Während sie ihm diese Worte zurief, fühlte sie, daß alle ihre Worte leerer Schall waren. Sie fühlte: dieser Mann hatte recht – es war zu spät! Sie konnten sich trennen, sie konnte abreisen; aber zu spät war es doch! Er würde ihr folgen, würde alles verlassen, wurde an ihr Leben sich heften, würde zu ihrem Verhängnis werden, zu ihrem Verderben. Sie selbst würde untergehen in dem von ihr entzündeten Brande. Nun mußte sie sehen, wie es zu tragen war. 17 Gottesdienst auf Maloja! Die Morgenröte entzündet auf dem silberschimmernden Altar der Wintererde die Kerzen. Hoch droben, in Himmelsnähe, zeigt sich plötzlich eine mystische Glut. Sie wächst, ergreift die höchsten Gipfel, steckt die Eisgefilde in Brand, wälzt sich über die weißen Klippen, loht geheimnisvoll auf, wird zu flammendem Purpur. Violette Schatten decken die Tiefen, veilchenblaue Dünste steigen auf. Wo sie in das himmlische Feuer quellen, verwandeln sie sich zu glühenden Dämpfen, welche die lodernde Alpenkette umbrauen. Der Himmel färbt sich über dieser Welt winterlichen Morgenglanzes mit dunklem Widerschein. Der fernste Gipfel wird zum Fanal. Über den verschneiten Seen von Maloja und Silvaplana zeichnet sich auf der schimmernden Scheibe des Äthers der edle Umriß der Crestalata ab. Die Gluten erblassen ... Plötzlich schießen über dem Bacone gewaltige Strahlen auf, eine biblische Glorie! Die lauschende Seele vernimmt in der Feierstille das Brausen der Sphären. Sonnenaufgang! Noch bleibt die hohe Himmlische dem Auge unsichtbar; aber ihr flutendes Gold umrieselt bereits die Alpenspitzen, die noch soeben in Morgenröte erstrahlten. Über dem weißen Gipfel leuchtet es auf. Zuerst nur ein Punkt. Jetzt schon ein Streifen. Und jetzt – alles ist Glorie und Glanz! Die Sonne, die Sonne! Das Allerheiligste schwebt feierlich, siegreich über Maloja empor. Aber die kleine Gemeinde der Alpenbauern, für deren Leiden Christus am Kreuz starb, will das Allerheiligste in der Kirche haben, in dem dürftigen Bethause auf der Hügelwelle, die der Schnee geebnet hat. Das Glöcklein ertönt; und die Mühseligen und Beladenen ziehen herbei. Aus den Hütten, die Höhlen gleichen, kommen sie hervor in den Glanz des Wintersonntags zu der großen Feierstunde ihres Lebens, in der auch für sie der Wein sich wandelt in göttliches Blut, auch für sie aller Wunder wunderbarstes und wundervollstes sich vollzieht. Es kommt die Lehrerin von Maloja, die ihr Kreuz trägt, ohne daß ihr der Herr dabei hilft, aus eigener Kraft. Sie muß sich gefallen lassen, daß sie nicht allein kommt. An der Seite des fremden Jünglings schreitet sie, als wäre sie in der Heimat eine Fremde und müßte einem inneren Zwange folgen. Gefallen lassen muß sie sich, daß alle auf sie blicken. Sie weiß, alle empfinden: ›Obgleich du eine der Unseren bist, gehörst du nicht zu uns!‹ Und alle empfinden den Gegensatz zwischen den beiden jungen Menschen – selbst diese biederen, dumpfen Malojaleute! Selbst sie blicken scheu dem Mädchen in das von einer dunkeln Seele umschattete Gesicht und freuen sich über das Leuchten in dem Antlitz des Jünglings, der ihre Kinder Melodie und Lied lehrt. Sie sollen ihn heute in der Kirche singen hören: einen Hymnus der Lebensfreude zum Preise der Gottheit. Die Kirchgänger grüßen Lehrer und Lehrerin. Aber nur der junge Mann dankt, nach allen Seiten hin nickend und lächelnd, als empfinge ein Fürst die Huldigung seines treuen Volks. Er hat die Souveränität der Jugend und Schönheit, dieser Sohn armer Seidenweber aus dem Bergell. Maira merkt nichts von dem, was um sie vorgeht. Sie blickt so tief in sich hinein, daß sie von der Welt nichts gewahrt; nicht einmal die heilige Morgenschönheit des Sabbats. Auch jetzt schaut sie nicht auf. Aber sie scheint zu fühlen, wer ihnen in der Nähe der Kirche auf dem weißen Pfade entgegenkommt. Dionisio gewahrt es sofort; und er weiß: jetzt verspürt sie einen Schmerz, als würde ihre Seele gesteinigt; jetzt erschauert die ruhige Gestalt an seiner Seite, die für ihn wie in Wolken gehüllt dahinwandelt, in seiner nächsten Nähe unnahbar für ihn, unberührbar selbst für den Hauch seines Mundes. Er freut sich der Qualen, die sie leidet. Sein Lächeln und ganzes Wesen wird womöglich noch sonniger. Ein nichtswürdiges Empfinden ist's! Der junge Mensch ist sich dessen vollkommen bewußt. Er wirft jedoch alle Schuld dafür auf sie, die es ihm einflößt. Sie hat ihn dahin gebracht! Und sie wird ihn noch zu anderem Schlechten und Schändlichen bringen. Diese Gedanken und Gefühle auf dem Gange zur Kirche, wo er als Gottessänger dem Herrn dienen soll ... Plötzlich weiß er: die vornehme Dame, deren Nähe seine Begleiterin erbeben machte, geht zur Kirche, um ihn singen zu hören. Es schmeichelt ihm nicht – bei aller seiner Eitelkeit nicht! Singt er doch in der Kirche nicht etwa für den Herrn des Himmels und der Erde, sondern für Maira à Mara. Nur für sie! Und nur ihretwegen freut es ihn, daß die Geliebte Sivo Courtiens kommt, um seinen Gesang zu hören; denn auch Maira wird die Ursache ihres Kommens erraten, und es muß Eindruck auf sie machen: selbst von dieser vornehmen Frau wird der Mann geehrt, der für die Tochter des Mesners nicht auf der Welt ist ... Maira sah auf. Aber sie dachte bei dem Anblick der Gräfin nicht, daß die schöne Frau gekommen sein könnte, um sie durch ihr Erscheinen zu demütigen. Sie sprach im Geiste die in der Schönheit einer Liebesgöttin leuchtende Nebenbuhlerin an: ›Du Glückliche! Du siehst ihn, hörst ihn. Tag für Tag! Du lebst in seinem Anblick, in dem Klang seiner Stimme, die dir zärtlich zuflüstert, heiße Worte zu dir spricht, Beteuerungen, Schwüre. Dir gehört er. Du kannst über dein Eigentum schalten. Er ist ganz dein. Und du weißt nicht, was dir gehört; denn du zerstörst ihn. Sieh, ich muß dich hassen. Nicht deshalb, weil er dein eigen ist, sondern weil du seine Verderberin bist. Und darum, Gräfin Oberndorff, wird der Tag kommen, an dem ich ihn dir abfordern werde. Er muß bald kommen. Der treue Mann hat recht.‹ Ihre Augen begegneten dem Blick der Rivalin, ihrem lächelnd auf sie gerichteten Blick! Und ihre Gedanken gaben zur Antwort: ›Lächle nur. Ich sehe den Freund nicht; aber ich weiß, er vergeht vor dem Glanz deines Lächelns. Es ist dein bestrickendes Lächeln, das dir das Urteil spricht; denn du hast ihn damit um sein Unsterbliches gebracht, das seine Kunst war.‹ Ein Zufall wollte, daß beide Frauen im gleichen Augenblick vor der Kirchentür anlangten. Die Gräfin schien zu zaudern, schien Maira ansprechen zu wollen. Aber die Lehrerin verweigerte der großen Dame die Anrede und trat vor ihr ein. Die Abgewiesene bewahrte ihre Haltung; und nur ein Zucken, das über ihr Gesicht glitt, verriet ihre Empfindung. ›Jetzt weiß ich, warum ich ihn nicht lassen will, obwohl ich ihn nicht mehr liebe. Denn – nein, nein, nein: ich liebe ihn nicht mehr! Ihn lassen, hieße: ihn dir lassen. Und dir lasse ich ihn nicht! Nicht du sollst ihn haben, die du, in den Stolz deiner Tugend gehüllt, mir voranschreitest. Nicht du darfst von uns beiden Siegerin sein!‹ Im Augenblick wird diese Gedankenfolge unumstößlicher Entschluß ... Plötzlich vollkommen beruhigt, wollte sie der Nebenbuhlerin nachgehen, blieb jedoch zurück. Unter dem kleinen Vordach stand, vor der offenen Kirchentür ehrerbietig der vornehmen Frau Platz machend, mit einem eigentümlichen Ausdruck der junge Lehrer, von dem sogar die Fremden im Hotel sprachen, dessen wundervolle Stimme Aufsehen erregte und den singen zu hören Courtiens schöne Freundin diesen sonntäglichen Kirchgang tat. Der Sänger schien am Eingang auf sie zu warten, mit einem Lächeln, wie sie selbst es haben konnte, wenn sie bezaubern wollte – wie sie es noch nicht hatte, als sie damals in Rom den auch für sie verhängnisvollen Atelierbesuch machte. Die Gräfin Oberndorff sprach Dionisio Fidora an: »Wir begegneten uns schon einmal.« »Es war im Sommer, und die Enzianen blühten.« »Auf der Alpenwiese war's. Sie trugen eine blaue Blumenkrone.« »Ein Knabenspiel!« »Ihr Haupt ist geschaffen, um Kränze zu tragen.« »Kronen des Lebens!« Josette wurde aufmerksam. Ein eigentümlicher Mensch! Ein Dorfschullehrer, und führte solche Sprache! Dazu die Schönheit eines Epheben ... Wie kam er hierher? Was wollte er hier? Weswegen blieb er hier bei seiner seltenen Begabung? ... Er stand leicht von ihr abgewandt, daß sie den klassischen Schnitt seines Profils bewundern konnte, und schaute in die Kirche hinein. Der Gräfin Blick folgte dem seinen und traf die hohe dunkle Gestalt der Lehrerin. Maira hatte hart bei der weißen Wand Stellung genommen, neben einem mühseligen, alten Weiblein, dem sie ihren Platz überlassen zu haben schien; und sogleich wußte die Gräfin, aus welchem Grunde der junge Mensch mit dem strahlenden Lächeln und der glanzvollen Zukunft auf Maloja blieb. Es reizte sie, dem Verliebten etwas zu sagen, das ihn versuchen sollte. Noch vor einem halben Jahre wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, diesen jungen Unbekannten anzusprechen. Was kümmerte er sie? Und jetzt gab sie ihm gegenüber einer unedlen Empfindung Ausdruck. Sie sagte: »Sie sind Künstler! Was haben Sie mit diesen Bauern zu schaffen? Sie sollten machen, von hier fortzukommen und Ihre Stimme ausbilden zu lassen.« »Das will ich.« »Wann?« »Sobald ich –« Er stockte. Auch während er mit der vornehmen Dame sprach, hing sein Blick unverwandt an der schlanken Mädchengestalt, die so regungslos neben der weißen Wand stand, als wäre sie eine Bildsäule: eine Statue der Unbefleckten selbst – so edel waren die Linien des jungfräulichen Leibes. Als wollte sie den Jüngling nicht aus seinem verzückten Anschauen reißen, meinte die Gräfin leise: »Ich komme, um Ihren Gesang zu hören. Aus dem Hotel kommen Ihretwegen viele an diesen heiligen Ort: Sie machen uns Weltleute fromm. Dennoch dürfen Sie nicht in solcher Öde bleiben.« »Nein.« »Wenn ich Ihnen helfen kann, von hier fortzukommen –« »Gnädige Gräfin sind sehr gütig,« »Also vielleicht auf Wiedersehen.« »Vielleicht.« Dionisio wußte kaum, was er seiner neuen Gönnerin zur Antwort gab, sah kaum, daß sie, huldvoll ihn grüßend, an ihm vorüber in die Kirche ging, hatte nur Augen und Sinn für die Madonnengestalt neben der weißen Wand ... Sie mußte doch empfinden, was soeben am Eingange geschah, mußte sich umwenden ... Wenn sie ihn dann mit der Frau sprechen sah, von der sie gehaßt ward ... Mit dieser vornehmen Dame hätte er leichteres Spiel gehabt, obgleich – Dionisio mußte sich Gewalt antun, um nicht verächtlich aufzulachen. Auch über den Mann, der ein großer Künstler sein wollte und an einer Gräfin Oberndorff zugrunde ging, während die himmlische Liebe selbst nach ihm ihre Anne ausstreckte. Ein Wahnsinniger der Mann, der sie nicht sehen wollte ... Ein Wahnsinniger aber auch der, für den sie sich niemals öffnen würden und der trotzdem darauf wartete ... Wirklich niemals? Das Leben war so wunderlich! Was konnte sich in diesem wunderlichen Leben nicht ereignen? Deshalb wollte er noch eine Weile in der Öde ausharren ... Unter solchen Betrachtungen begab er sich an seinen Platz auf dem dunklen, engen Chor, um mit dem Wohllaut eines Cherubs den Preis des Höchsten anzustimmen: nicht Gott zur Ehre, sondern weil das Mädchen ihm zuhörte, das den Sivo Courtien liebte und von Dionisio Fidora geliebt wurde; noch immer! Viele kamen aus dem Grand Hotel, um den Lehrer von Maloja beim Hochamt singen zu hören: Herren und Damen der großen Welt. Sie füllten das kleine Gotteshaus und drängten die Malojaleute aus dem dürftigen Heiligtum, das von ihrer Armut erbaut, von ihren Seufzern geweiht, ihrer Erdennot und Lebensqual geheiligt war. Vor der offenen Tür standen sie, stolz auf den Ruf ihres Gottesdienstes, auf den Zulauf der Vornehmen. Im Schnee sanken sie auf ihre Knie, wenn drinnen das Glöcklein ertönte und das ewig neue Wunder der Wandlung auch für sie sich vollzog, begleitet von dem Jubelgesang der jungen, schmelzenden Männerstimme. Gerade ging Gian Vital vorbei. Als der ehemalige Klosterschüler und Gemeindejäger die von den Fremden hinausgedrängte Schar andächtiger Beter gewahrte, blieb er wie gebannt stehen und schaute steif hinüber, mit einem Blick, als stiege vor seinen Augen eine Blutwelle auf; mit einem Zucken seiner Hand, als wollte er nach der Waffe greifen, die an der Wand von Courtiens Elternhause hing ... Erst nach einer Weile setzte er seinen Weg fort, der den von der Gemeinde Verbannten ins Murettotal führte, in sein altes Jagdgebiet, und dort so hoch hinauf, wie er auf seinen Schneeschuhen unter schwerer Mühsal gelangen konnte: bis an die Grenze der Vegetation, wo auf dem Felsboden nur noch mühselig hinkriechende Föhren und spärliches Alpenkraut gedieh. Aber schon unterwegs verrichtete er das seltsame Werk, deswegen er den Aufstieg unternahm: mittels scharfer Hacke lockerte er die zu Eis gefrorenen Schneemassen und legte Buschwerk und Gestrüpp frei. Das tat er jetzt Tag für Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Es war des Arbeitslosen Lebensbeschäftigung, sein »Lebenswerk«, im Schweiße seines Angesichts vollbracht, bei Todesgefahr: genügte doch bei Föhnwind der Schall der Axt, um eine Lawine ins Rollen zu bringen und dem seltsamen Schneeschaufler das Grab zu bereiten. Hatte er ein gutes Teil seines Tagwerkes vollbracht, so gönnte er sich, hinter einem Strauch verborgen, wohltuende Rast, die zugleich seiner harten Arbeit Lohn war, und harrte der hungrigen Gäste, für die in der grausamen Winterwelt die Tafel bestellt. Wenn sie dann kamen, leuchteten seine Augen auf. Es war jedoch ein anderer Blick als der, bei dem Sivo Courtien ein Grauen anwandelte. Leuchtende Freude war's, helles Frohlocken. Das Wild, das der wilde Jäger nicht mehr schießen durfte – nicht mehr schießen wollte –, wurde von ihm liebevoll gehegt und durch seiner Hände Arbeit gefüttert. So spärlich das Futter war, kaum etliche Brosamen von dem verschneiten Tisch der Natur, war es doch freigelegt durch eine heimliche Liebestat. Sie konnte als Sühne gelten für die Mordlust des Mannes, der zuzeiten Blut sehen »mußte«. 18 Die Wintergäste im Grand Hotel hatten bei ihrem Schnee- und Eissport zwei neue Teilnehmer erhalten. Wie war das gekommen? Da Dionisio Fidora in der Kirche zur Ehre Gottes seine herrliche Stimme erschallen ließ, konnte er dies auch zur Unterhaltung der Menschen in dem prächtigen Musiksaal des Hotels vor einem sich langweilenden, distinguierten Publikum. Also erging an den Sänger von der Direktion die Aufforderung, an einem der endlos langen Winterabende zur Mandoline italienische Lieder zu singen. Der Eingeladene erschien in seinem besten, immer noch sehr bescheidenen, dunklen Röcklein, das er mit einem Anstand trug, als sei es ein perfekt gemachter Frack; er sang Tosti nebst einem Dutzend italienischer Volkslieder und wurde nach der Produktion zum Bleiben aufgefordert. Er nahm auch diese Auszeichnung an und betrug sich derartig »gentlemanlike« , wie es von einem Dorfschullehrer einfach unerhört war, so daß man ihm erlaubte, wiederzukommen. Als die Gesellschaft erfuhr, der Dorfschullehrer habe das reiche Honorar, das ihm die Direktion bei seinem Fortgang in einem Kuvert zustecken wollte, mit einer grandiosen Gebärde abgelehnt, galt Dionisio Fidora den Gästen des Grand Hotel als ein junger Mensch von einem Takt, wie er bei »diesen Leuten« selten zu finden. So ereignete es sich, daß die Fremden in der eleganten Langeweile des Malojawinters etwas zu flüstern bekamen; denn augenscheinlich interessierte sich die Gräfin Oberndorff für den schmucken Jüngling mit dem lockenumwallten Haupt, das bestimmt schien, eine Krone des Lebens zu tragen, geflochten von den zärtlichen Händen liebenswürdiger Frauen. Es blieb nicht bei Lautenspiel und Gesang allein: auch an den Amüsements auf dem gefrorenen See, den Schlittenfahrten nach Sankt Moritz und Pontresina, den Touren auf Schneeschuhen ins Murettotal und zum Fornogletscher durfte der Begünstigte teilnehmen, einer der liebenswürdigsten Gesellschafter, der anmutigsten Plauderer, von einer Laune, so leuchtend wie ein wolkenloser Engadiner Wintertag ... Bei den Eisspielen und dem Schneelauf rang Dionisio Fidora mit Sivo Courtien um die Meisterschaft. Als Josette ihren Freund nicht mehr damit quälte, einer der Ihren – einer der Gesellschaft vom Palasthotel – zu werden, wurde es Sivo Courtien ungebeten. Er wurde es, weil er ohne die Geliebte, die seine Freundin geworden, nicht mehr sein konnte. Das Hohelied der Leidenschaft, das diese elementare Mannesseele wie einen Hymnus anstimmte, hatte sich in schrillen Mißton, in einen gellenden Aufschrei verwandelt: ›Ich kann nicht mehr ohne dich sein.‹ Befand er sich nicht bei ihr, so war er ein gebrochener Mann, den der treue Vital wie einen Schwerkranken, einen von der Gottheit Geschlagenen behandelte. Bereits in der Nacht, vor Anbruch jedes Tages, begann das Ringen mit dem Wahnsinn seiner Leidenschaft, zu dem seine Liebe sich verzerrt hatte. Er wollte stark sein, wollte sich ermannen, wollte wieder Sivo Courtien werden: endlich wieder Sivo Courtien! Gleich heute sollte es geschehen. Sie hatte ihm gestern versprochen, vormittags zu kommen – es geschah jetzt nicht oft –, damit er an ihrem Bilde weitermalen konnte: an einem der vielen, die er begonnen, und von denen er keines vollendet. Denn jedes zeigte nur ihr Gesicht, ihre Züge, ihr Lächeln, ihren Blick. Nicht ihr Wesen, ihre Seele! Auf keine Leinwand hatte er auch nur einen Teil ihres. Wesens und ihrer Seele bannen können. Nun wollte er doch versuchen, einen Teil auszudrücken, damit er wenigstens ein Stück ihrer Seele auf der Leinwand behielt, wenn er sie einmal lassen mußte. Trotzdem nahm er sich noch in der Nacht vor, gleich in aller Frühe Vital ins Hotel zu schicken: »Die Gräfin möchte heute nicht zur Sitzung kommen. Auch nicht morgen!« Wie sollte er ihr's sagen lassen? Ohne weiteres als Botschaft vom Portier, von einem Kellner ausgerichtet? ... Der Mensch würde bei der Meldung lächeln; und die bloße Vorstellung dieses frechen Lächelns machte ihn erbeben. Vital selbst konnte ihr die Bestellung überbringen; aber Vital ging nicht zu ihr: der Zofe, der Nerina wegen, die der Mann wie sein eheliches Weib gehalten hatte. Courtien mußte ihr schreiben ... Und mitten in der eiskalten Winternacht erhob er sich von seinem Lager, kleidete sich an, machte Licht, begann zu schreiben ... Was? Es müsse aus sein zwischen ihnen beiden; er ertrüg's nicht länger, er gehe zugrunde; er sei ein Elender, ein Erbärmlicher und Feigling! Er müsse los von ihr, wolle sie am Vormittag nicht sehen – wolle sie nie mehr wiedersehen. Los von ihr! Sie nie mehr wiedersehen! Das eben war's ja! Er zerriß das Schreiben in winzige Fetzen, sprang auf, lief im Zimmer auf und ab, beständig dieselben Worte murmelnd, als wären sie seine einzige Sprache geworden: »Los von ihr! Sie nie mehr wiedersehen!« Im nächsten Augenblick würde er es laut schreien müssen, Vital würde davon erwachen und ihn für toll halten. Damit sein Aufschrei Vital nicht weckte, verließ er das Haus, lief auf die Landstraße zum See; lief weiter und weiter in die Nacht hinaus, in die Winterwildnis hinein: »Los von ihr! Sie nie mehr wiedersehen!« Er lief bis zur Ermattung, schrie, bis er vor seiner eigenen Stimme sich entsetzte ... Als der Tag aufdämmerte, kehrte er zurück, ein gebrochener Mann, ein von der Gottheit Geschlagener. Er trat in das Haus, darin er seine Kinderspiele gespielt; er trat in das Zimmer, darin sein toter Vater, seine tote Mutter aufgebahrt gewesen: armselige, ehrliche Leute, die ihren einzigen Sohn liebgehabt hatten. Nun stand dieser geliebte Sohn im fahlen Morgenlicht und schaute sich um. Er sah das dürftige Gemach mit grünen Zweigen festlich geschmückt; er sah den mit einer schönen Decke belegten Podest, sah die Skizzen, die Entwürfe, die ganze Galerie unvollendeter Bilder. Sie zeigten sämtlich die eine Gestalt, das eine Gesicht: sie – sie – sie! Ihr Antlitz, ihr Hals, ihre Arme leuchteten aus dem Purpur des Mantels; ihr weißer Leib schien sich aus Wellenschaum zu heben, der Sonne entgegen, die Sonne bringend; ihre Augen – die Augen dieser einen und einzigen – sahen ihn an: unnahbar, hoheitsvoll und schrankenlos hingebend; streng versagend und heiß verkündend; mit der Entrücktheit der Priesterin und dem leeren Blick der Weltdame, der Zärtlichkeit der Geliebten. Und dann sie nicht wiedersehen – »nie mehr« wieder! Er fühlte sich zu Tode ermattet, wollte sich jedoch nicht mehr auf sein Lager werfen, wollte Körper und Seele nicht Ruhe gönnen. Er hätte vom Schlummer überwältigt werden, die Zeit ihrer Ankunft verschlafen können und durfte von ihrer Gegenwart nicht einen Augenblick verlieren. »Wahnsinn« nannte er selbst seine Leidenschaft ... Wahnsinn war' es gewesen, wenn er seiner Leidenschaft sich hätte entziehen, von der Geliebten sich losreißen – wenn er sie hätte nie mehr wiedersehen wollen. Um der Ermüdung Herr zu werden und sich beständig mit ihr beschäftigen zu können, sprach er halblaut mit ihr, als ob sie bereits bei ihm wäre. Er sagte ihr Dinge, die er ihr selbst nicht sagen würde – jetzt nicht mehr: »Mein Leben könnte ich hinbringen, zu dir redend. Du brauchtest mir nicht zu antworten, brauchtest mich nur anzuhören. Gab es je eine Zeit, wo ich nicht zu dir sprechen konnte, wo ich dich nicht liebte? Und wir sollten uns trennen können – trennen müssen? ... Mir ist, als sagte ich dir einmal: jeder von uns beiden gehöre einer anderen Welt an. Du und ich waren getrennte Welten ... Wie konnte ich dir das nur gesagt haben? ... Wir wurden füreinander geschaffen! Die Elemente selbst führten uns einander zu in einem Schöpfungssturm. Die Wonne unserer Liebe – unserer Liebe Qual schweißten unsere Seelen zusammen. Und jetzt sind sie zu einer Seele geworden! »Meine Kunst ... Ich wollte meine Kunst nicht hingeben für meine Liebe. Wahnsinn, Wahnsinn! Meine Liebe zu dir ist meine Kunst; denn sie ist mein Genie. Ich bin nur groß in dem einen und einzigen: dich zu lieben ... Entsetzest du dich vor der Gewalt meiner Leidenschaft? Hast du das nicht gewußt? Nicht gewußt, wie ein Mann meiner Art ein Weib von der deinen liebt? Verzehrend, vernichtend! Meine Liebe sollte dich töten. Dann erst wäre sie Vollkommenheit ... Lächelst du über den Sinnlosen? Dich töten, hieße der Schöpfung größtes Kunstwerk zerstören; und ich sollte doch wissen, daß ein Kunstwerk göttlich ist.« So brachte der Unselige die Zeit hin, bis das Tageslicht ihm gestattete, einen der Entwürfe, eine der Phantasien zu nehmen – irgendeine! – die Skizze auf die Staffelei zu stellen, die Palette vorzubereiten. Er bedurfte ihrer Gegenwart nicht, um den Entwurf zu vollenden: trug er doch ihr Gesicht, ihre Gestalt in sich, daß er nur in sich zu blicken brauchte, um das Geschaute auf die Leinwand zu bringen. So begann er denn. Unmöglich! Es war nur ein mattes Bild ihrer Frauenherrlichkeit, undeutlich, wie umschleiert. Er mußte sie selbst haben! Nicht einmal in seiner Seele hatte er sich ihr Bildnis ganz zu eigen machen können – da sie sich ihm nie ganz zu eigen gegeben. Er mußte ihr Leben besitzen, ihre Wirklichkeit; mußte sie atmen sehen, sie fühlen können. Und wenn es nur ihr Gewand war, das er berührte. Bald mußte sie kommen ... Wenn sie nun nicht kam? Wenn sie in der Nacht heimlich abgereist wäre? Wohin? Fort von ihm! ... Er würde ihr nachreisen, würde sie suchen, sie finden. Aber wenn sie fort wäre – »Vital! So höre doch! Vital! Ich kann nicht länger allein sein!« Der Gerufene kam nicht. Courtien suchte ihn in seiner Kammer: er mußte ein Menschengesicht sehen, eine Menschenstimme hören. Die Kammer war leer. Richtig! Mühsam besann er sich. Gian Vital ging jeden frühen Morgen fort, um – Weshalb wohl? Es ging ihn nichts an; er fragte nicht; ihn kümmerte auf Erden nur eines. Da er es allein nicht aushielt, verließ er das Haus. Er ging ihr entgegen. Dann würde er sie früher sehen! Sie liebte es nicht, daß er ihr entgegenging; aber – zweimal, dreimal, viermal ging er bis in die Nähe des Hotels, wartend, wartend, wartend ... Endlich kam sie! Er sah sie. Niederfallen hätte er mögen und ein Dankgebet stammeln; aufjauchzen hätte er mögen, daß die Berge widerhallten von dem Jubel seines Glücks. Nur, daß er sie sah, wieder ihre Stimme hörte, in ihrer Gegenwart wieder leben konnte. Allein das war Glücks genug. Sie kam. Er mußte sich zusammennehmen, mußte ruhig scheinen. Nichts durfte ihr verraten, welch ein Orkan diese Nacht seine Seele durchtobt, wie er gelitten hatte. Er mußte ihr sein Leiden verhehlen, mußte sich verstellen, lügen. Sie wollte keine Szenen. Das Ende kam sonst – noch früher ... Welches Ende? Würde das Ende nicht Verzweiflung sein? Und hatte er früher nicht einmal für unmöglich gehalten, ein Ende könnte je kommen? 19 Seitdem der Lehrer von Maloja an dem Schnee- und Eissport der Wintergäste teilnahm, war also auch der Maler von Maloja dabei. Er schämte sich nicht mehr seiner Eifersucht, die nun einmal zum Wesen der Leidenschaft zu gehören schien. Der Mensch konnte durch Eifersucht um seine Menschenwürde gebracht werden; sie konnte das Ebenbild Gottes zum reißenden Tiere verwandeln, das tötete – mordete. Courtien hatte von solchen Taten sinnloser Leidenschaft gehört, ohne sie zu begreifen. Das war früher gewesen. Seitdem hatte sich mit ihm eine Wandlung vollzogen, die bewirkte, daß er auch das Unbegreifliche begreiflich fand. Eigentlich geschahen merkwürdig wenig Untaten, wenn man das ganze ungeheure Gebiet der Leidenschaften in Betracht zog. Sinnlose Liebe zum Weibe sollte den Mann viel häufiger zum Mörder machen: entweder an dem Nebenbuhler oder an dem Weibe selbst! Und der sinnlos Liebende versuchte, alles, was er jemals von derartigen Beispielen vernommen hatte, sich ins Gedächtnis zurückzurufen; alles in seinem eigenen Innern erlebend: vom ersten matten Erglimmen des mörderischen Gedankens bis zum furchtbaren Entschluß, bis zur entsetzlichen Tat. Er beging sie in seiner Einbildung, ohne Grauen, ohne Reue; stellte sich selbst dem Gericht und wurde gerichtet. Aber – keine Reue auch dann! Wen würde er töten, wenn er so weit gebracht werden sollte? Den Mann oder das Weib? Mußte der Mann nicht in Schuld verfallen durch des Weibes berückende Schönheit? Jeder, der die wunderschöne Frau sah, die wie ein Kind lächeln und wie ein Dämon küssen konnte, mußte sie lieben: grenzenlos, sinnlos, bis zum Verbrechen ... Der Mann sollte leben bleiben. Dann also – das Weib! Um von ihr loszukommen, sie töten? Hand an ein Kunstwerk der Schöpfung legen, an des Schöpfers Meisterstück? ... Eher hätte er Leonardo da Vincis Mona Lisa die Brust durchstechen oder der Venus von Milo das Haupt abschlagen können. Aber – zurückschaudernd vor dem ersten Aufdämmern des Gräßlichen, begann seine Phantasie bereits damit zu spielen. Und es war die Phantasie eines Kranken! Von seinem Fieber getrieben, beteiligte sich Courtien in wachsender Erregung aller Sinne krampfhaft an den Lustbarkeiten der Fremden, die diese bei Tag und bei Nacht in der glanzvollen Festhalte von Malojas Winterwelt und in den Prunksälen des Hotels veranstalteten. Von frühester Kindheit an geübt, auf Schneeschuhen über die gefrorenen Gefilde, über Höhen und Tiefen zu gleiten, erntete er die ungeteilte Bewunderung der Gäste. Er ward plötzlich ein anderer. Sein ihn verzehrender Liebesgram schien abgestreift; seine schwermütigen Augen leuchteten; er trug den Kopf hoch, schlug den Blick auf zum Himmel, dessen verlorener Sohn er geworden. Dionisio Fidora dagegen war in dieser auch den Traurigen frohmachenden Winterlust ein vollkommener Neuling: jenseits des Hochpasses konnten die Winter zwar hart sein, blieben jedoch fast schneefrei. Als der junge Lehrer sich daher zum ersten Male die Schneeschuhe anschnallte, war's ein Unternehmen, das dem Jüngling gefährlich werden konnte. Es ergab sich indessen zum allgemeinen Erstaunen, daß der »Welsche« nicht nur den Malojakindern eine heitere Jugendzeit geben, nicht nur Mandoline spielen, Liebeslieder und Choräle singen konnte, sondern er schleuderte auch auf dem Eise die schwere Holzscheibe wie ein griechischer Diskuswerfer und flog wie ein Norweger über den gefrorenen See bis tief ins Fextal hinein, oder der vereisten Orlenga entlang zum Cavalocciosee und den überschneiten Fornogletscher hinauf, in dessen behaglich durchwärmter Hütte die Gräfin Oberndorff die Herren und Damen des Hotels empfing wie in ihrem Pariser Salon. Wenn die elegante Gesellschaft an Vitals Futterplätzen vorübersauste, verscheuchte sie die hungrigen Gemsen, die gierig das für sie mit unendlicher Mühe freigelegte Gestrüpp benagten. Dann geschah es wohl, daß hinter den Fröhlichen die düstere Gestalt des durch den Pfarrer verjagten Gemeindejägers sich zeigte, eine drohend geballte Hand sich erhob, ein von Haß entstelltes Gesicht, mit Augen, vor deren Blick es zuzeiten wie Blut schwamm ... Weihnachten nahte. Das heilige Fest sollte auch in der Hütte am Crap da Chüern gefeiert werden; denn die Gräfin versprach, dort am Nachmittag zu erscheinen. Abends mußte sie im Hotel sein, wo ein prächtiger Baum angezündet werden und eine reiche Bescherung für die Schulkinder stattfinden sollte. Bereits seit dem Herbst strickten die Damen an warmen wollenen Kleidungsstücken für die frierenden Kleinen. Das übrige und Hauptsächliche wollte man aus Sankt Moritz beschaffen. Natürlich begleitete der Lehrer die Kinder. Auch die Lehrerin durfte dabei sein. Das war übrigens ein eigentümliches Frauenwesen! Nur wenige kannten sie. Wer sie in der Kirche sah oder ihr zufällig auf einem Spaziergange begegnete, stets auf den einsamsten Wegen, auf den machte das Mädchen starken Eindruck. Sie war sehr schön. Und sie war – Es ließ sich schwer sagen, was sie außerdem war. Fremdartig, obgleich eine Einheimische; unjugendlich, obgleich noch jung; Miene und Blick so umdunkelt, als könnte kein Sonnenglanz sie aufhellen. Sie schien immer allein zu sein; mutterseelenallein, wie man von solcher armen Seele sagt. Und mit diesem Wesen lehrte sie Kinder! Einer lebte in Maloja, der genaue Auskunft über sie geben konnte: war er doch der Jugendfreund des seltsamen Mädchens! Für die Lehrerin war er mehr. Sie sollte ihn lieben. Unglücklich natürlich! Denn Sivo Courtien – Die Arme! Übrigens bekam sie Chancen! Denn Sivo Courtien – Und man flüsterte, lächelte, zuckte die Achseln. Ja; und eines Abends wurde Sivo Courtien im Hotel wegen Maira à Mara förmlich zur Rede gestellt. Auch der Lehrer war anwesend, so weltgewandt plaudernd, als wäre er nicht mit dem Ränzlein auf dem Rücken im Schweiße seines Angesichts angewandert gekommen, um das wenige Geld für einen Platz in der Post zu sparen. Plötzlich wandte sich eine Dame der Gesellschaft zu dem schweigend dasitzenden Maler und nannte ihm den Namen, der in seiner Gegenwart nicht genannt werden durfte: Maira à Mara. Dionisio verstummte und schaute Courtien erwartungsvoll an. Das tat auch die Gräfin. Alle taten es; denn alle hatten gesehen, wie er bei Nennung des Namens zusammenfuhr. Alle sahen jetzt, wie er mit sich kämpfte, wie er litt. Er dauerte keinen. Dieser Mann hatte nichts an sich, was Mitleid erregte. Unter den Blicken sämtlicher Anwesenden bezwang er sich. Er selbst sah von allen Gesichtern nur eines: das schöne, leuchtende Antlitz der geliebten Frau, auch in diesem Augenblick lächelnd, wo sie doch wußte, daß er Qualen ausstand. Seine Augen unverwandt auf die Gräfin gerichtet, daß alle es sehen mußten, beantwortete Courtien die an ihn gestellte Frage. Er sprach sehr langsam, sehr ruhig: »Über Maira à Mara wollen Sie von mir hören? Was soll ich Ihnen sagen? Ich müßte Ihnen eine ganze Geschichte erzählen, und ich bin ein schlechter Geschichtenerzähler.« »Erzählen Sie! Wir werden an Ihren Lippen hängen! Bitten Sie doch auch, liebe Gräfin.« Es wurde gerufen: »Bitten auch Sie! Wenn Sie Herrn Courtien bitten, wird er erzählen: die Geschichte von Maira à Mara. Der Name allein klingt wie ein Märchen.« Der Blick, mit dem Courtien sie vor allen diesen Leuten betrachtete, reizte die Gräfin zu sagen: »Sie hören, was man von Ihnen verlangt. Auch ich soll Sie bitten: um die Märchengeschichte von Maira à Mara ... Also, lieber Freund –« Diesmal durchfuhr Courtien bei diesem Namen nicht der brennende Schmerz wie sonst: war er doch seit langem andere Qualen gewöhnt! Qual wollte sie ihm auch jetzt bereiten, indem sie ihn aufforderte, vor allen diesen Leuten von Maira zu sprechen. Sie selbst bat ihn darum! Er wollte ihre Bitte erfüllen. Mochte sie zusehen, wie sie die Erfüllung ertrug. Also begann er: »Da ist hier, auf Maloja, hinter dem Monte Forno und Monte Sissone, ein gewaltiges Gletschergebirge, davon es unter uns Malojaleuten eine wilde Sage gibt. Sie mag ihren Ursprung in dem Unheil haben, das auf dem Unheilsberge häufig geschieht – häufiger als auf jedem anderen unserer Gipfel und Gletscher. Jedes Jahr verschlingen die Wogen seines Eismeeres unvorsichtige Bergwanderer; die Nebel, die aus den Schlünden aufsteigen, umhüllen den einsamen Steiger und führen ihn dem Abgrund zu. Selbst die Toten gibt der Monte della Disgrazia nicht wieder heraus. Und so sagt denn das Volk von Maloja –« Noch immer wandte Courtien kein Auge von der Frau, die ihn bat, zu erzählen, und die seinen Blick lächelnd erwiderte. In diesem Augenblick haßten sich die beiden, die sich geliebt hatten. Vor allen diesen Leuten erzählte Courtien weiter: »Das Volk von Maloja sagt von dem Berge: es sei das Haus eines wunderschönen Weibes, einer Unholdin, eines Dämons. Von Zeit zu Zeit steigt sie aus ihrem Eispalast zur Oberwelt, um sich unter den Söhnen des Engadin ein Opfer zu suchen; denn von Zeit zu Zeit muß sie eine Menschenseele haben, um sich unsterblich zu erhalten. Sie steigt empor, und der Gletscher beginnt zu singen, der Fels zu klingen. Sie lächelt zu der Musik des Berges. Ihr Lächeln loht und leuchtet über die Schneegefilde, webt Strahlen durch die Luft, glänzt und gleißt. Mit dem Glanz ihres Lächelns zieht sie den Mann zu sich ... Ich erzähle erbärmlich!« »Wie ein Dichter ... Was aber hat das schreckliche Gletscherweib mit dem jungen Mädchen zu tun?« »Sie werden gleich hören.« »Erzählen Sie! Bitte. Bitte!« Er sah Josette an ... Hätte sie ihm jetzt in die Augen gesehen, mit einem Blick, der ihn bat: ›Erzähle nicht weiter!‹ – vor allen diesen Leuten hätte er sie um Verzeihung gebeten ... Aber kalt, gleichgültig, fremd ruhte ihr Blick auf ihm. So erzählte Courtien denn weiter: »Eigentlich läßt es sich nicht erzählen! Man muß es erlebt haben.« Und er gedachte des Grafen Oberndorff: wie der Mensch in seinem römischen Atelier vor ihm stand und ihn dafür pries, daß er das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia nicht erlebt hatte. Es war der Mann, dem sich die wunderschöne Frau verkauft ... Seitdem hatte er der nämlichen Frau seine Seele verkauft, hatte er das Gletscherweib vom Monte della Disgrazia erlebt. Er mußte weiter erzählen: »Da weilt man in dunkler Tiefe und sehnt sich hinauf zur Höhe, zum Licht, nach dem Gipfelglanz göttlichen Glücks. Man steigt empor, schaut den Schein, wird davon eingehüllt, davon umstrickt, wird hingezogen, wird hin abgezogen und ist allem Glanz und Glück, ist der Gottheit verloren.« Courtien schwieg ... Vor allen diesen Leuten diese Geschichte, die seine eigene war, was alle diese Leute wußten! Er hatte seine eigene Geschichte erzählt, den Blick in den der Gräfin gebohrt. Und alle hatten es gesehen! Es war ein Eklat! Eines Dramas vierter Akt war's! In der tiefen Stille, die zu unterbrechen niemand den Mut fand, ertönte plötzlich die Stimme des Erzählers von neuem: »Sagte ich nicht, der Mann wäre der Gottheit verloren? ... Er wurde der Gottheit gerettet! In der alten Malojasage heißt es nämlich: eines reinen Weibes Schwesterliebe könne den Mann aus dem Abgrund, darein seine Leidenschaft ihn gestürzt, zur Gottheit wieder emporziehen. Es müsse jedoch eine Liebe sein mit einem Glauben, der Berge versetzt; einer Kraft, die Wunder vollbringt; einer Stärke, die den Tod bezwingt ... Solcher Liebe würde das Mädchen, nach dem Sie mich fragten, fähig sein, wenn sie den Mann fände, der solcher Liebe wert wäre. Sie findet ihn nicht ... Gute Nacht, Herrschaften.« Er ging. 20 Courtien ging. Ihm war zumute, als hätte er seine Seele entblößt. Vor diesen Leuten! Er schämte sich der Nacktheit, in der seine arme, durch Leidenschaft geschändete Seele vor den Augen aller gestanden: im Beisein der geliebten, der gehaßten Frau. Was hatte ihn nur so weit bringen, ihn so tief sinken lassen können? Denn bei allem Wirrwarr seiner im dunkelsten Grunde aufgewühlten Empfindungen war er sich mit grausamer Klarheit bewußt, daß er soeben seinen tiefsten Sturz getan habe. Ihr Lächeln war es gewesen! Vor allen diesen Leuten hatte sie ihn angelächelt; seine Qual erkennend, hatte sie ihn angelächelt; in seine Seele blickend und deren Wunden schauend, hatte sie ihn angelächelt! Sie tat es in Gegenwart jenes Verhaßten, mit dem sie spielte, um seine Marter zu verschärfen. Und alle, die ihr Lächeln sahen, die seine Geschichte hörten, wußten es nun. Er hatte diesen Fremden seine und ihre Geschichte erzählt; hatte vor ihnen sein Geheimnis preisgegeben, sein Heiligstes entweiht. Zu diesem Sakrileg hatte ihn ihr Lächeln getrieben. Mit welchen Mienen blieben sie wohl zurück? ... Mit den allergleichmütigsten, allergleichgültigsten. Diese Leute verstanden die Lebenskunst, über menschliche Qual gelassen hinwegzublicken, sie mit einer leichten Handbewegung abzuweisen: »Wir haben damit nichts zu schaffen! Es ist uns unbequem, davon nur zu wissen! und alles Unbequeme existiert nicht für uns« ... Gewiß unterhielten sie sich bereits wieder über irgendeine Nichtigkeit. Vielmehr, sie machten darüber Konversation. Oder der Sänger mußte ihnen zur Mandoline »Vorrei morir« singen; und sie fanden es »reizend«. Auch die Gräfin Oberndorff machte bereits wieder Konversation und beteiligte sich an dem allgemeinen »reizend«. War sie doch eine von jenen! Das hatte er freilich von jeher gewußt. Aber erst jetzt hatte er es erlebt ... Eine gewaltige Alpentragödie wollte er mit seiner stärksten Künstlerkraft schaffen und war der schwächste Held einer tristen Liebestragödie geworden. Das eine sollte etwas ohnegleichen, etwas Einziges werden; und das, wobei er mitagiert hatte, war etwas so Alltägliches und Banales wie die Tatsache, daß Menschen geboren werden, eine Zeitlang leben und schließlich sterben. Liebe, Leidenschaft – unglückliche Liebe, unselige Leidenschaft ... Dem einen streift das Geschoß des großen Gottes kaum die Haut, den anderen trifft es ins Herz oder macht ihn zum Krümel. Es ist die nämliche Kugel, abgeschossen von dem nämlichen Schützen. Wer nur gestreift wird, begreift nicht, wie der andere fallen konnte. Er hätte dem tödlichen Geschoß so leicht nach links oder nach rechts ausbiegen können! Nun liegt er am Boden, ein stiller Mann. Courtien stand vor dem Hotel, das seinen festlichen Lichtglanz weit hinaus über die schimmernde Schneefläche warf. Gian Vital, sein wilder, treuer Freund, hatte recht mit seinem tollen Haß. Was konnte aus diesem Hause, was von diesen Menschen Gutes kommen für Maloja und diejenigen, die dort ihre Einfalt und alte Sitte, ihre redliche Arbeit und ihren Frieden gehabt hatten? Feinde waren die Fremden! Der Mensch soll sich wehren gegen den Feind, der in sein Land einfallt, soll sein Land verteidigen; und die Malojaleute überließen es dem Einbrecher, womöglich voller Dank, daß er kam, sah und nahm. Gewiß voller Dank! Brachte der Ankömmling doch das Geld zu ihnen hinauf: Gott Mammon, der da ist der alleinige Gott, der Weltenregierer und Seligkeitspender. Erhielten sie auch das göttliche Geld nicht selbst, so konnten sie doch in seinem Abglanz sich sonnen ... Wie gelähmt an Seele und Leib stand Courtien vor dem Hause der Fremden in dem von ihm ausgehenden grellen Lichtschein und starrte in den weißen Dämmer der Winternacht, darüber die Gestirne funkelnde Schleier wirkten. In seiner Kindheit hatte Courtien die schönen schimmernden Sterne für die Gedanken des Schöpfers gehalten, der seine Menschenkinder liebt. Nun stand er wie ein von der Gottheit Verlassener, und kein göttlicher Gedanke fiel von dem funkelnden Himmelsgewölbe in die Nacht eines Menschenherzens herab, das sich selbst verlassen und verloren hatte. Er mußte gehen ... Wohin? ... Nach Hause! Er bewegte sich mit Anstrengung, entfernte sich auf unsicheren Füßen, glaubte den Weg nach Crap da Chüern anzutreten, schlug eine andere Richtung ein: nach Kirche und Kirchhof. Er gelangte zu diesen Stätten, schritt schwankend daran vorbei, ohne es zu merken; schritt weiter, wandte sich der Paßhöhe zu, erreichte sie, erkannte, wo er sich befand: vor dem altertümlichen Hause, darin Maira wohnte, jene reine Jungfrau, die retten und erlösen konnte durch eine Liebe mit einem Glauben, der Berge versetzte; durch eine Liebe, deren Kraft Wunder vollbrachte, deren Stärke den Tod bezwang. Aber der Mann mußte solcher höchsten Liebe würdig sein. Also nicht ihn konnte Maira aus den dunklen Tiefen der Leidenschaft zu dem himmlischen Glanz des Tages emporziehen. Er stand vor dem Hause, das schwarz dalag, als sei es der Fels, daraus es aufwuchs, und keine menschliche Wohnstätte. Seltsam, daß im Hause alles dunkel war. Es hätte darin ein Licht leuchten müssen – für ihn! Wenn Maira ihn auch nicht retten konnte, so saß sie doch gewiß Nacht für Nacht auf bei der Kerze, die sie Nacht für Nacht anzündete. Denn es mußte einmal die Nacht kommen, wo er durch das Dunkel seines Lebens den Weg zur Höhe suchte und wo Mairas Licht ihn den Weg finden ließ: zurück zu ihr, der Freundin, Gefährtin, Schwester. Den Weg zu ihr zurück ... Abgründe lagen dazwischen, Eiseswüsten mußten unter einem sternenlosen Nachthimmel durchschritten werden; und seiner Seele Schwingen waren gebrochen, seine Füße voller Wunden, zerrissen auf dem Dornenwege der Leidenschaft. Vor ihrem Hause stehend, ihr so nahe, daß sie seinen Seufzer hatte hören können, fühlte er sich durch Unermeßlichkeiten von ihr getrennt. Wenigstens wollte er in ihrer Nähe kurze Rast halten, allein ihre Nähe würde ihm Kraft geben ... Kraft wozu? Um dieses Leben weiterzuleben – Vor ihrem Hause sank er hin in der weißen Winternacht, über sich das Sternenheer, ein funkelnder Ozean von Welten, flimmernde Unendlichkeiten, die ihre Bahnen wandelten von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und da krümmte sich der Menschenwurm in seiner winzigen Qual, weniger als ein Atom in diesem ungeheuren All ... Ringsum erhoben sich die Alpen, als wollten sie hinaufweisen von der Erde zum Himmel, vom Menschlichen zum Göttlichen. So wiesen sie bereits seit dem ersten Schöpfungstage den Seelen den Weg, würden ihn weisen bis zum letzten Tag. Aber starr wie diese Empordeutenden sah die Gottheit den Jammer ihres hingeworfenen Geschöpfes. Um aufrecht zu stehen, das Antlitz zur Sonne gewendet, ward es geschaffen. Da kam das Leben, faßte den Lebenden, rang ihn nieder, warf ihn zu Boden. Da liege du nun! Courtien preßte das Gesicht gegen die Schneedecke, als wollte er das mit dem Male seiner Schande gezeichnete Antlitz vor dem Sternenhimmel am Herzen von Mutter Erde verbergen. Als er so dalag, mußte er der Sommernacht gedenken, in der er sich auch so zerbrochen niedergeworfen und seinen ersten Kampf gekämpft, seine erste Niederlage erlitten hatte. Damals wäre es noch Zeit gewesen! Auch den Weg zur Freundin, der Reinen und Starken, hätte er damals noch finden können. Sie aber, an die der Hingesunkene, der auf allen Linien Geschlagene in seiner Zerrüttung dachte, hatte wieder ruhelose, schlaflose Nächte. Sie selbst wehrte dem Schlaf nach Möglichkeit. Denn der Schlummernde träumt, und Maira fürchtete sich zu träumen. Sogar in ihren Träumen wandte sich der Geliebte feindselig von ihr ab. Nur ein einziges Mal hatte er sich zu ihr niedergebeugt und sie bleich und still, aber freundlich angeschaut. Von seiner weißen Stirn war es langsam, langsam niedergeronnen wie blutiger Schweiß. Mit solchem Gesicht und solcher blutenden Stirn hatte er auf seinem großen Bilde sich selbst gemalt, neben der bleichen, kranzlosen Geisterbraut: neben Maira! Und nun sah sie ihn so im Traum ... Gräßlich schrie sie auf: »Lebe! Du mußt leben! Denn du mußt dein Lebenswerk vollenden! Statt deiner laß mich sterben! Ich darf ja doch keinen Kranz tragen!« Als sie erwachte, fand sie sich aufgerichtet im Bette mit ausgebreiteten Armen, als könnte sie ihn von seinem Todessturz abhalten. Durch Tage und Wochen ging das Traumbild ihr nach. Seitdem kämpfte sie nur noch heftiger mit dem Schlaf, dem sie sich erst hingab, wenn Ermattung sie niederwarf. Bisweilen ging sie noch mitten in der Nacht ins Freie: die eisige Winterluft scheuchte die Müdigkeit! Doch mußte erst der junge Hausgenosse heimgekehrt sein. Damit er sie nicht noch wach wissen sollte, löschte sie frühzeitig das Licht. Diese Nacht hörte sie auf dem gefrorenen Schnee Schritte, glaubte den Lehrer vom Hotel zurück, nicht beachtend, daß er die Tür nicht öffnete, hinter sich zuschloß und in seine Kammer ging: der Mensch hatte jetzt immer etwas Heimliches, Schleichendes, wenn er nach Hause kam! Häufig erst nach Mitternacht. Also trat sie heraus, erblickte den Hingesunkenen, erkannte ihn sogleich – So kam er zu ihr zurück! Wenn tiefstes Mitleid des Menschen höchste Liebe ist – und der Frauen höchste Liebe ist es! – so wurde Maira in diesem Augenblick derartig von höchster Liebe erfüllt, daß sie dem Gekreuzigten hätte nachsterben können, ohne zu leiden. Sie hätte bei ihrem Kreuzestod nur das Glück empfunden: aus tiefstem Mitleid – aus höchster Liebe ihr Leben lassen zu dürfen. Sie stand bei ihm, neigte sich über ihn, legte ihre Hand auf sein gedemütigtes Haupt, rief ihn leise bei Namen. Ihre Berührung war so lind, ihre Stimme so sanft, daß es ihn vom Boden aufhob, als würde er von einer Wunderkraft emporgezogen. Als er aufrecht stand, umfaßte sie ihn. Aber sie tat es in einer Weise, als umschlänge und hielte er sie ; als wäre er der Starke, an den sie sich in dem Schiffbruche ihres Lebens anklammerte und der sie dem Strande zuführte. Wie von ihm gestützt, leitete Maira ihn in das Haus und in ihre Kammer, die noch kein Mann betreten hatte. Sie zündete kein Licht an. Nur der Sternenschein sollte leuchten, wenn er sein Gesicht zu ihr aufhob und zu ihr sprach. Der matte Himmelsglanz sollte sein entstelltes Antlitz verklären; denn nur in Verklärung wollte sie es sehen. Er sprach jedoch nicht – er weinte. Es war ein Strom lautloser Tränen. Das Schluchzen erstickte ihn fast. Sivo Courtien weinen zu hören: so lautlos, fürchterlich weinen – jede Träne mußte als glühender Tropfen in seine Seele fallen. Sie fühlte in der ihren seine Tränen brennen, daß sie hätte aufschreien mögen. Aber sie tat keinen Laut. Still stand sie neben ihm, ohne ein Wort des Trostes. Nur die Hand preßte sie wieder auf seine fiebernde Stirn. Ihre Schwesterhand fühlend, weinte er sich aus, und es legte sich seine Qual, er wurde ruhiger. Dann versuchte er zu sprechen. Er wollte ihr sagen, wie alles gekommen war. Mit einer feierlichen Gebärde beschwor sie ihn, zu schweigen; und er verstummte sogleich. Er wollte ihr danken. Ihre Hand wollte er küssen. Da küßte sie ihn auf den Mund ... Ihr Kuß hätte einen großen Sünder entsündigt. Denn die Lippen eines reinen Weibes können mehr weihen als Priesterhand. Heiligsprechen können Frauenlippen den schuldigen Mann. Wandelt doch in Gestalt einer liebenden Frau die Gottheit auf Erden.   Nicht mit Worten fragte sie ihn, was jetzt geschehen sollte – nur ihr Blick tat die angstvolle Frage. Er verstand die bange, stumme Sprache und gab zur Antwort: »Ich gehe fort.« »Wohin?« »Fort!« »Soll ich mit dir gehen?« »Ich muß allein gehen.« »Ja, ja.« Sie schwiegen. Erst jetzt hob er sein Gesicht zu ihr auf. Die Sterne schienen zu hell! Sie mußte die Verwüstung dieses für sie schönsten und edelsten Männerangesichts sehen. Hätte sie doch weinen können! Aber ihre Augen blieben trocken. Nur ihre Seele weinte. Ihre Augen würden nie mehr weinen können. Dann sprachen sie wieder, so leise, als teilten sie einander große Geheimnisse mit: »Wann willst du fort?« »Gleich morgen.« »Das ist gut ... Du wirst mir nicht schreiben?« »Nein.« »Auch das ist gut.« Von neuem schwere Stille ... Während ihre Seele weinen hörte, dachte Courtien beständig das eine: ›Fort! Gleich morgen! ... Das ist gut! Ist am besten!‹ Wie im Traum vernahm er die flüsternde Frauenstimme wieder: »Und dein großes, herrliches Bild?« »Ach ja. Mein großes, herrliches Bild –« »Im Sommer kommst du zurück. Schon im Frühling. Dann malst du wieder an deinem Bilde; dann vollendest du's. Das wird schön!« »Wunderschön ... Was hast du?« Selbst in seinem Dämmerzustande merkte er, daß sie erschrak. Sie hörte Schritte: der Hausgenosse kam zurück! ... Was war das? Er ging nicht ins Haus; blieb draußen, sprach etwas, rief einen Namen. Und jetzt! Ein lautes Auflachen –- Der Lehrer wußte, daß Courtien hinaufgestiegen war, wußte ihn im Hause; bei Maira, in ihrer Kammer – Sie fragte: »Ließest du deinen Mantel draußen?« »Möglich.« »Da du schon morgen fort willst – und du mußt gleich morgen fort – so darfst du nicht länger bleiben.« »Nein.« »Du mußt schlafen, ausruhen.« »Das will ich. Danke. Gute Nacht.« »Ich begleite dich.« »Das wird schön sein. Mit dir zusammen den Weg hinunter, in der Nacht, bei der Winterherrlichkeit.« »Versprich mir eines.« »Alles.« »Versprich mir, dich nicht um den Menschen zu kümmern.« »Nicht um wen?« »Um den Lehrer.« »Um den –« »Er steht vor dem Hause, weiß, daß du bei mir bist, wartet draußen, bis du hinauskommst. Er würde bis zum Morgen warten.« »Du willst, daß ich –« »Daß du ihn gar nicht sehen sollst. Willst du?« »Dir zuliebe ... Das Wort darf ich nicht sagen. Nie mehr. Das ist vorbei. Das habe ich verscherzt und verloren. Für immer.« »Komm, Lieber.« »Wie gut du bist!« »Nicht doch.« »Ich sage dir nicht Lebewohl.« »Nicht heute.« »Niemals.« »In Ewigkeit nicht.« Sie verließen das Zimmer, traten zusammen aus dem Hause. Vor dem Hause wartete Dionisio, den vergessenen Mantel im Arm. Courtien schritt hin, nahm ihm wortlos den Mantel vom Arm, begab sich zu Maira zurück. Dann setzten sie zusammen ihren Weg fort, den sie so oft miteinander gegangen waren: als Kind und später. Beiden war's, als gingen sie den Gang das letztemal. Sie sprachen nicht. Kein Menschenlaut sollte das Schweigen der Nacht stören: Menschenlaut war gellender Mißton in der ewigen Harmonie der Natur, welcher der Sternenschein eine Verklärung gab, wie sie Maira auf dem Antlitz des Geliebten sehen wollte. Sie kamen zum Gottesacker – verweilten nicht; sie kamen zum Kirchlein – gingen weiter; sie gelangten zu dem großen, prächtigen Hause, in dem die schöne Frau gewiß den sanften Schlaf der Gerechten schlief. Courtien blieb stehen ... Da rührte Maira leise an seinen Arm und – sie gingen vorüber, gingen die Straße längs des Sees, kamen zum Crap da Chüern – »Gian Vital! Treuer Mann! Wach auf! Öffne! ... Lieber Freund, höre!« Und Gian Vital hörte: »Morgen geht er fort!« Aber Gian Vital glaubte die Botschaft nicht. 21 Sivo Courtien war fort. Wenigstens ließ er sich nirgends blicken. Auch nicht im Hotel. Niemand sah ihn, niemand wußte von ihm. In der großen Fremdenherberge gab es viel Flüsterns. Der Maler des Engadin war aus dem Engadin verschwunden ... Die Gräfin Oberndorff erwartete ihn weder den ersten noch den zweiten und dritten Tag. Nach seinem brutalen Benehmen an jenem Abend war sein Ausbleiben natürlich: er hatte sie vor allen Leuten kompromittiert und scheute sich, sie wiederzusehen. Seltsamerweise fühlte sich Josette nicht beleidigt. Der leidenschaftliche Auftritt, der ein Ausbruch war, schmeichelte ihr fast, und das Urteil der Welt kümmerte sie wenig: hatten die Menschen sie doch gelehrt, das Urteil der Welt zu verachten. Die Szene, die er ihr gemacht hatte und die seine tiefste Niederlage bedeutete, war ihr höchster Triumph – mochte man die Sache noch so »empörend taktlos« finden und die Urheberin des Auftritts noch so diskret bedauern. Im Grunde genommen war der Ruhm ihrer siegenden Schönheit dadurch nur gestiegen ... So konnte sie denken, konnte sie fühlen? Seit wann? Alle ihre Anschauungen hatten sich gewandelt. In ihrer Seele war etwas erstarrt. Nur so konnte es geschehen sein, daß sie das, was sie früher wie einen Schlag ins Gesicht empfunden hätte, jetzt fast wie ein Schmeicheln und Streicheln empfand. Und sie war sich dessen bewußt. Indem sie über die Wandlung ihres ganzen Wesens in Sinnen verfiel, kam ein Zug um ihren Mund, ein Ausdruck in ihren Blick, der sie entstellte: etwas wie Hohn über das Erhebende, das Läuternde und Verklärende einer großen Leidenschaft; wie Spott über sich selbst, wie Selbstverachtung. Als Courtien auch am dritten Tage nicht reumütig bei ihr erschien, begann sie ihn zu erwarten: am nächsten Tag kam er sicher! Unmöglich, daß er nicht kam. Er fühlte sich zu fest an sie gekettet, war mit jedem Hauch seiner Seele zu sehr ihr Eigentum. Eher konnte sich von der Margna der Gipfel lösen als er sich von ihr. Also mußte er wiederkommen! Wenn nicht am nächsten, so doch sicher am übernächsten Tag ... Er kam auch dann nicht. Jetzt wurde sie unruhig. Obgleich sie ihn nicht mehr liebte, er nur noch ihr »Freund« war und sie zu hundert Malen die Trennung gewünscht und bei sich erwogen hatte, wurde sie jetzt doch unruhig. Dieser Mann spielte in ihrem Leben, das sie bis zu ihrer Ankunft auf Maloja in einem Dämmerzustande hingebracht hatte, eine zu große, zu verhängnisvolle Rolle; denn er lehrte sie den Dämon der Leidenschaft kennen. Vielleicht hatte er sich getötet? Um ihretwillen! Sie hatte ihn in den Tod gejagt! Diesen Mann, der ein Genius war, jagte seine Leidenschaft für sie in den Tod ... Wie oft geschah das! Sie wußte von Männern genug, die sich selbst getötet; Frauen genug, die den Mann in den Tod gejagt hatten. Wenn sie sich recht prüfte, so hatten derartige Liebesdramen für sie stets einen leisen Reiz gehabt ... Schließlich war erst solcher Liebestod höchste Liebesgewalt.   Heute begab sich die Gräfin nach Crap da Chüern, um selbst zu sehen und zu hören. Sie wollte Vital sprechen. Und dann nach den Bildern sehen. Alle Entwürfe und Skizzen, die Courtien von ihr gemacht hatte, die ganze Josettegalerie. Es befanden sich darunter Gemälde, auf die keine fremden Augen fallen durften, verräterische Zeugen ihrer grenzenlosen Hingabe an den Künstler. Noch nie war die Gräfin diesen Weg gegangen, ohne sich von Courtien erwartet zu wissen. Wie erwartet! Wie ein verzückter Priester das Erscheinen der Gottheit erwartet. Und heute? Es erschien ihr unmöglich, daß er ihr nicht entgegengeeilt kam – mit einem Leuchten auf seinem vergrämten Gesicht. Bei jedem Schritt näher seinem Hause erwartete sie, ihn zu sehen. Sämtliche Fensterläden des Hauses waren geschlossen, und geschlossen war die Tür. Tot lag das einsame Haus auf dem weißen Fels über dem weißen See: wie aufgebahrt. Tot auch sein Haus! Sie hatte auch seines Hauses Leben getötet. Welch traurige Leiche Sivo Courtiens armseliges Haus war! Unentschlossen, was zu tun, stand sie davor ... Plötzlich vernahm sie, wie von innen aufgeschlossen ward. Ein schwerer Eisenriegel wurde klirrend zurückgeschoben ... Sie hatte es ja gewußt: er befand sich in dem toten Hause, er lebte! Er lebte, um wieder zu ihr zurückzukehren, von ihr sich wieder küssen zu lassen. »Sivo!« Nur Gian Vital trat aus der geöffneten Haustür, die er sogleich wieder hinter sich schloß. Ganz unnötigerweise pflanzte er sich mit seinem finsteren Gesicht breit davor auf, als wollte er ihr gewaltsam den Eingang verwehren. Da er schwieg, mußte sie sprechen. »Courtien ist im Hause?« Keine Antwort. Die Gräfin mußte fortfahren zu fragen: »Weshalb kommt er nicht zu mir?« Keine Antwort. Sie verlor ihre Ruhe und rief: »Ich warte auf ihn seit Tagen.« »Ich auch.« »Das lügt Ihr.« »Also lüg' ich.« »Weshalb ist das Haus geschlossen, als ob – Laßt mich hinein!« »Ich lasse niemanden hinein.« »Auch mich nicht?« »Gewiß nicht.« »Er ist also im Hause?« »Nein. Aber ich lüge vielleicht.« »Wo ist er?« »Fort.« »Ihr wißt, wo er ist?« »Ich weiß es.« »Sagt's!« »Nein.« »Ich will's erfahren!« »Dann lüg' ich eben.« Sie mußte in anderer Weise mit dem Wildling reden: vertraulicher, aufrichtiger. So sagte sie denn: »Ihr wißt, daß er mich liebt?« »Wer wüßt's nicht?« »Vital, ich bin Eure gute Freundin. Auch das wißt Ihr.« »Sie wollten mir Gutes erweisen und haben mir Böses angetan: das Böseste, das ein Mensch mir antun konnte. Ebenso machten Sie's mit Sivo Courtien.« »Wenn sie Euch doch nun einmal nicht mehr will.« »Dann freilich. Wenn sie mich doch nun einmal nicht mehr will –« »Ich verspreche Euch, ihr zuzureden; ich werde –« »Nichts werden Sie und nichts dürfen Sie! Da sie mich nun doch einmal nicht mehr will.« Sie hörte seinen keuchenden Atem. Da bat sie noch einmal: »Wo ist er? Sagt mir's. Ich will zu ihm.« Da sagte ihr Vital: »Weil Sie mir Gutes erweisen wollten, werden Sie von mir nicht erfahren, wo er ist; denn Sie sollen keine neue Schuld auf sich laden.« »Ist es meine Schuld, daß er –« Aber sie verstummte unter des Türhüters Blick. Nach einer Weile begann sie von neuem: »Verschweigt mir also seinen Aufenthalt. Was tut das? Er kommt ja doch wieder zurück.« »Zu Ihnen?« »Gewiß, zu mir.« »Er darf nicht zu Ihnen wieder zurückkommen!« »Wollt Ihr ihn hindern?« »Ich? ... Nein.« »Also!« »Courtien hindern, zu Ihnen zurückzukehren, wird jemand anders.« »Maira?« »Maira à Mara!« Immer wieder dieses Mädchen! Josette fand keine Erwiderung. Sie mußte ihre ganze Weltdamengewandtheit aufbieten, um die heftige Wallung zu bezwingen. Welche Demütigung, wenn dieser Mensch ihr anmerken sollte, was in diesem Augenblick durch ihre Seele ging. Demütigte es sie doch genug vor sich selbst ... Als sie sich gefaßt hatte, stellte sie ihre letzte Frage: »Werdet Ihr Euren Freund sehen?« »Vielleicht.« »Solltet Ihr ihn sehen, so sagt ihm –« »Nicht eine Silbe.« »Sagt ihm von mir, daß ich in seiner Heimat auf ihn warte: so lange, bis er zurückkommt – wenn auch nicht zu mir.« »Warten Sie also.« Damit trat er ins Haus zurück und schloß hinter sich zu. Sie hörte, wie der schwere Eisenriegel klirrend vorgeschoben ward ... Länger vor dem toten Hause stehenzubleiben, hatte keinen Sinn. Also ging sie. Immerhin hatte sie das eine erfahren: Er lebte! Da er lebte, so würde er zurückkehren: zurück nach Maloja, zurück zu ihr! Wenn aber nicht zu ihr? ... Nun, dann – Schon einmal war sie nach Sivo Courtiens hohem Hause unterwegs gewesen. Nur daß sie dieses Mal den Weg nicht bei Nebel gehen würde.   Als die Gräfin vom Crap da Chüern zurückkehrte, begegnete ihr Dionisio Fidora und grüßte sie ehrfurchtsvoll. Sie wollte an dem jungen Menschen vorübergehen. Da er jedoch gesehen haben mußte, woher sie kam, so sprach sie ihn an. Es kostete sie Überwindung. Des jungen Mannes respektvoller Gruß erschien ihr wie Hohn: ›Er entgeht dir doch!‹ »Ich war am Crap da Chüern, um mich selbst bei Vital nach Courtien zu erkundigen.« »Courtien ist fort.« »Ich weiß.« »Natürlich kommt er bald wieder.« »Vielleicht.« »Sicher.« »Jedenfalls bleibe ich hier.« »Um ihn hier zu erwarten?« »Ja ... Sie erhielten doch die Einladung für unsere Christbescherung am Weihnachtsabend?« »Jawohl.« »Auch Ihre Kollegin kommt.« »Sie wird sich sehr freuen.« »Glauben Sie?« »Nun ja.« »Sie wissen sehr genau, daß Fräulein Maira lieber die große Margna bestiege, als zu uns ins Hotel hinabzukommen.« »Allerdings –« »Warum sagen Sie also, was nicht wahr ist? Warum sagen Sie es mir?« »Wenn gnädige Gräfin befehlen – ich kann auch aufrichtig sein. Übrigens ist schließlich alles konventionelle Lüge.« »Alles?« »Sehr vieles.« »Also lügen Sie einmal nicht konventionell.« »Gnädige Gräfin beehren mich mit Ihrem Vertrauen.« »Durchaus nicht. Ich will Sie nur fragen, was Sie von Sivo Courtien wissen?« »Nur, daß er in der Tat fort ist.« »Sehr plötzlich, in der Tat ... Sie wissen wirklich nicht mehr?« »Ich weiß noch mehr.« »Wenn Sie mir's sagen können, so –« »Gewiß. Fräulein Maira macht durchaus kein Geheimnis daraus. Sivo Courtien selbst übrigens auch nicht.« »Woraus kein Geheimnis?« »Nachdem Sivo Courtien der Gesellschaft im Hotel seine Geschichte erzählt hatte ... Ich fand sie, nebenbei gesagt, etwas sehr phantastisch.« »Fanden Sie?« »Der Herr ist eben nicht nur ein großer Maler, sondern auch ein großer Dichter.« »Vor allem ein großer Mensch.« »Vor allem! ... Als er dann so überraschend, so plötzlich aufbrach, begab er sich nicht nach Hause.« »Sondern?« »Hinauf.« »Woher wissen Sie das?« »Ich sah ihn von seiner Freundin fortgehen: nach Mitternacht. Sie begleitete ihn, kam erst am Morgen von ihm zurück.« »Auch das wissen Sie?« »Auch das ... Gleich am nächsten Morgen war er fort.« »Er suchte seine Freundin noch in der Nacht auf, um ihr zu sagen –« »Um von ihr Abschied zu nehmen. Es kann auch anders gewesen sein.« »Inwiefern?« »Es kann gewesen sein, daß sie ihn zum Fortgehen bewog.« »Ach so ... Sie könnten recht haben! Erst sie wird ihn – Denn er – Ich danke Ihnen.« »Es war, wie gesagt, kein Geheimnis. Ich war also nicht indiskret.« »Durchaus nicht ... Sie machen einen Spaziergang?« »Ich wollte nach Sils Maria ... Darf ich gnädige Gräfin nach dem Hotel begleiten?« »Ich will Sie nicht aufhalten ... Wir bekommen wieder einen herrlichen Tag. Dieser Malojawinter ist ein Schneewunder und Sonnenzauber zugleich.« Sie grüßte ihn, wie eine große Dame einen kleinen Schullehrer zu grüßen pflegt. Noch niemals hatte die Gräfin Oberndorff den jungen Mann, den die vornehme Hotelgesellschaft gütigerweise akzeptiert hatte, so herablassend gegrüßt. Sein Gegengruß war um so ehrfurchtsvoller ... Dann stand Dionisio Fidora auf der Landstraße und sah der schönen Frau nach. Langsam, wie lustwandelnd, setzte sie ihren Weg fort. Bekannte aus dem Hotel kamen ihr entgegen. Die Herrschaften blieben stehen, plauderten, lachten. Dionisio hörte die Sirenenstimme der Gräfin, hörte ihr Nixenlachen, sah sie von Sonnenglorie umglüht und murmelte: »Grüße mich nur wie einen Lakaien, nachdem du mich benutzt hast! Wirf mich nur fort wie einen schlechten Handschuh! Ich habe dich heute doch gedemütigt! Gedemütigt mit ihr! Mit dieser kleinen Dorfschullehrerin, gegen deren Frauenherrlichkeit deine ganze Weltdamenmajestät verblaßt. Halte uns nur für Plebejer, für Proletarier. Die Stunde wird doch für uns schlagen, wo wir – wir die Großen, Mächtigen, Herrschenden sind.« Und der junge Volksschullehrer, der im Grunde seines Herzens ein wütender Anarchist war, lachte, der Gräfin Oberndorff nachschauend, auf offener Landstraße ein Lachen, das sein dionysisches Antlitz entstellte. 22 Nachdem Vital den vornehmen Besuch abgefertigt und das Haus wieder verschlossen hatte, als sei es ein Gefängnis, er selber aber Gefangener und Schließer zugleich, begab er sich in Courtiens Kammer. Dort lag ein todkranker Mann, der von der Welt nichts mehr wußte, dessen irrender Geist in wilden Phantasien zwischen Himmel und Erde kreiste. In diesem Zustand hatte Vital den Freund gefunden, als er ihn am frühen Morgen nach jener Nacht tragischer Ereignisse wecken wollte, um ihm über den Paß durch das Bergell bis nach Chiavenna hinab das Geleit zu geben. Denn Courtien beabsichtigte, nach Florenz zu gehen: zu Arnold Böcklin, dessen von Oliven umschimmertes Landhaus auf den wonnigen Höhen Fiesoles dem von den Furien der Leidenschaft Verfolgten ein Asyl bieten sollte. Nun erkannte er den Freund nicht mehr, mit dem er seine Wanderung, die eine Flucht war, antreten wollte. Aber Vital erkannte die Krankheit, und daß es sich bei Sivo Courtien um Leben und Sterben handelte. »Ich würde dich ruhig sterben lassen, wenn ich wüßte, daß du wieder ein schwacher Mensch werden könntest. Aber du wirst es nicht wieder werden. Dafür sorgt Maira. Also muß ich jetzt dafür sorgen, daß du am Leben bleibst, Bürschlein; und wär's nur, damit ich recht behalte. Verstehst du, mein Junge?« Da der Fiebernde nichts verstand, weder Stimme noch Wort oder Sinn, so schickte sich Vital an, am Crap da Chüern den Krankenwärter zu spielen, darauf gefaßt, dieses Amt für einige Zeit versehen zu müssen. Er ganz allein; denn, so sprach er zu sich: ›Selbst Maira darf nichts erfahren; selbst für sie muß er fort sein. Keine lebende Seele darf an ihn heran, außer meiner eigenen, die in einem ewigen Höllenpfuhl brennen soll, wenn ich ihn nicht durchbringe; zum Ärger der schönen Dame, die ihn nicht wiederbekommt‹ ... Er wurde nachdenklich: ›Brennen muß meine arme Seele sowieso. Bin ich ja doch ein gottverdammter Sünder noch von der Klosterschule zu Chiavenna her. Dann also: in Gottes Namen – brenne, liebe Seele! ... Auch einen Doktor brauchen wir nicht. Von meiner einstmaligen geistlichen Lehrzeit her habe ich wohl das Kniebeugen und Rosenkranzdrehen so ziemlich vergessen, dieweil ich nun einmal ein scheußlicher Heide bin. Aber vom barmherzigen Samariter ist seltsamerweise einiges bei mir steckengeblieben – dank dem guten Bruder Apotheker, dem ich helfen durfte, seine Tränklein zu brauen und Pulver zu mischen. Tränke und Pulver braucht's bei diesem Patienten nicht einmal. Der ist billiger zu behandeln: mit Eis und Schneewasser. Also selbst der Apotheker bekommt an ihm nichts zu verdienen.‹ Schon während dieses Monologs war der Samariter von Maloja eifrig ans Werk gegangen. Jetzt legte er dem im Delirium Rasenden Eis auf das glühende Haupt, steckte ihm Eisstücklein in den durstenden Mund, wusch seine brennenden Glieder mit Schneewasser, trocknete sie danach sorglich. Das ganze Haus richtete er für die schwere Erkrankung vom Herrn des Hauses ein, schloß sämtliche Läden und ließ nur die Fenster selbst offen, damit in dem engen Raum stets gute Luft war. In einem Gelaß nebenan bereitete er sich die Lagerstatt, pflegte, wartete, wachte Tag und Nacht – rang Tag und Nacht mit dem Knochenmann um seines Freundes Leben. Der Tod stand an Courtiens Bett, streckte die Arme nach ihm aus, wollte ihn fassen, jeden Tag von neuem. Aber jeden Tag von neuem entriß Gian Vital mit seinem starken Menschenarm dem großen Bruder des weltentrückenden Schlafes die Beute. Schrecklich war's, wenn der Wärter wider seinen Patienten Gewalt anwenden mußte; wenn das Delirium zum Toben ward und der wild Phantasierende auf seinem Lager festgehalten werden mußte. Oft konnte Vital ihn nur dadurch ans Bett fesseln, daß er mit ihm kämpfte wie mit einem Feinde; nur bewältigen, indem er sich über ihn warf. Stundenlang, halbe Tage lang saß der Getreue in der verdunkelten Kammer und lauschte auf die wirren Reden des Fiebernden. Es war immer das nämliche: jenes eine, das für Sivo Courtien zum einzigen geworden war. Immer nur sie – sie – sie! Die wunderschöne Frau aus der anderen Welt; die Sphinx mit dem Kinderlächeln; das Gletscherweib vom Unheilsberg. Beim endlos langen Zuhören faßte den Mann, der Mönch hatte werden sollen und ein von der Kirche Geächteter geworden war, kaltes Grausen: das war Leidenschaft, so war Leidenschaft! ... Gian Vital begriff es. Nicht ein einziges Mal kam über Courtiens Lippen ein anderer Name; niemals rief er nach der Freundin, der Helferin und Retterin. Der Name Maira war verklungen in seinem wirren Geist, ausgelöscht aus seinem kranken Hirn, als wäre er für Sivo Courtien niemals ein Name des Lebens gewesen. Dann war der Tag gekommen, an dem vor dem Hause am Crap da Chüern die Gräfin Oberndorff erschien, um sich persönlich nach dem Verbleib des Freundes zu erkundigen. Wenn der Kranke, der ihren Namen mit Verwünschungen rief, um ihn gleich darauf voll sinnloser Zärtlichkeit zu lallen, ihre Nähe geahnt hätte – Zufällig sah Vital durch einen Spalt des geschlossenen Ladens die schöne Frau kommen. Er erschrak heftig. Ihm schien es, der Fiebernde müßte empfinden: »Sie kommt! Sie ist da!« Zum Glück lag er gerade ruhig, so daß sein Wärter ihn für kurze Zeit verlassen konnte. Also empfing Vital den vornehmen Besuch, den er unhöflicherweise vor der Tür ließ ...   Weihnachtsabend kam die Krisis. Es waren Stunden der Todesqual für den Kranken, der Todesangst für den Wärter, den Freund. Immer von neuem dachte dieser: ›Ich ließe dich sterben, ließe dich elend verderben, wüßt' ich gewiß, das alte Unheil gewänne über dich wieder Gewalt. Denn das sag' ich dir, Bürschlein: bleibst du durch meine Schuld am Leben, so trag' ich für dich die Verantwortung. Also überleg', ob's nicht gescheiter wär', du kämst gar nicht erst wieder hinein.‹ Einmal in diesen schrecklichen Stunden wurde selbst Gian Vital von Schwäche befallen, so daß er Kraft sammeln und frischen Atem schöpfen mußte: draußen in der feierlichen Winterwelt, angesichts der glänzenden Schneealpen. Als er aus dem Hause trat, sah er im Hotel Maloja den Kerzenschein des brennenden Weihnachtsbaums. Er hörte Gesang. »Stille Nacht, heilige Nacht!« drang es zu dem Einsamen herüber, gesungen von solchen, die der Herr, der in dieser Nacht geboren wurde, zu sich kommen ließ. Auch Gian Vital wollte Weihnachtsandacht halten. Still dastehen wollte er, die Hände falten und auf das fromme Lied lauschen. Zu seinem Gott wollte der Gottlose beten ... Aber Gian Vital konnte nicht beten. Nicht einmal in der heiligen Weihnacht! Es geschah zu viel Ungerechtigkeit, zu viel Unheil auf Erden; die Welt war zu voll von Jammer, die Menschheit zu sehr dem Elend des Lebens verfallen. Auch zu sehr voller Sünde und Schuld – zu wenig erlöst durch den Menschensohn, der das Leid und die Schuld der Menschheit auf sich nahm und am Kreuz darum starb. So geschah es, daß in der Nacht, darin den Menschen der Heiland geboren, über Gian Vital eine seiner dunklen Stunden kam, in denen seine Seele finsteren Gewalten verfiel. Dann aber – als in der Frühe die Glocke des Kirchleins das arme Volk von Alpenhirten zur Weihnachtsmesse rief, damit es die Botschaft vernehme – gerade zu dieser heiligen Stunde war am Crap da Chüern die Krisis vorüber: Sivo Courtien blieb dem Leben erhalten! Und Gian Vital hatte dafür die Verantwortung übernommen! Erst jetzt kam die Zeit, wo der Freund sich erweisen konnte; denn jetzt hieß es, den Mann, der dem Leben wiedergeschenkt war, am Leben zu erhalten. Eine zärtliche Mutter konnte ihr todkrank gewesenes Kind nicht sorgsamer hegen und pflegen; und zu einem schwachen Kinde war Sivo Courtien geworden. Außer dem Jagen war das Kochen Vitals größte Kunst. Für Courtien erfand sein Küchengenie allerlei leckere und zugleich stärkende Speisen, deren Zutaten er in Sankt Moritz einkaufte. Auch schweren Wein, davon er ihm nur löffelweise verabreichte. Noch konnte der Genesende nur mit Anstrengung den Kopf heben; sein Gedächtnis war geschwächt, die Erinnerung schien verloren. Er lag jedoch so ruhig, daß sein Pfleger ihn ohne Sorge verlassen konnte, um seine Botengänge zu besorgen, die er niemals in Maloja machte. Erstaunlich war, welcher kurzen Zeit er bedurfte, um talabwärts und wieder aufwärts zu kommen, ein Schnellläufer auf sausenden Schneeschuhen. Es war schlimm, daß der Mensch nicht zweien Herren dienen konnte! Vital vermochte nur den kranken Freund zu pflegen und nicht auch für seine hungernden Gemsen das Gesträuch und Gestrüpp aus dem Schnee zu graben. Das machte ihm Kummer, an dem er fast schwerer trug als an seinem Liebesgram um das Mädchen, das von ihm nichts mehr wissen wollte und das er trotzdem nicht vergessen konnte. Eines Tages, an dem Courtien in seinen gewöhnlichen totenähnlichen Schlummer der Ermattung verfallen, schickte sich Vital zu einem längeren Ausflug an: ins Bergell hinab, bis nach Soglio hinunter, wo der Winter bereits etwas milder war. Auf einen Sessel am Bett stellte er sorgsam Wein und Milch, legte daneben einen Zettel mit mächtigen Lettern beschrieben, damit der Geschwächte keine Mühe hätte zu lesen: ›Bis Abend bin ich zurück. Bleibe ruhig. Ich trage für Dich die Verantwortung. Also bleibe ruhig, weil ich doch für Dich einstehen muß.‹ Am Abend kam Vital zurück. Ihm war freier ums Herz als seit langem. Courtiens Genesung schritt vor, und in Soglio hatte der Freund gefunden, was er suchte: gute Unterkunft für den Rekonvaleszenten, der nicht länger auf Maloja bleiben konnte, teils des grausamen Klimas, teils der schönen, argen Frau wegen, die zwar hinab nach Sankt Moritz gezogen war, doch immer wieder heraufstieg: immer wieder den Flüchtling erwartend, voller Zuversicht, daß er kommen – zu ihr zurückkehren würde. Also mußte er fort! Und er mußte so lange fortbleiben, bis es Sommer war und er wieder stark genug, um sein Alpenhaus zu beziehen. Dort würde er sicher sein: Maira bei ihm! Dann hatte Gian Vital das seine getan. Er erreichte das Haus am Crap da Chüern, schloß auf, ging hinein. Da im Hause tiefe Dunkelheit herrschte, zündete er Licht an. In das große Wohnzimmer tretend, das dem Maler zum Atelier diente, stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Sivo Courtien war dort. Nicht doch! Sivo Courtiens Schatten, sein Geist. Und was hatte das Gespenst Sivo Courtiens vollbracht? Es hatte dessen sämtliche Malereien von den Staffeleien, von den Wänden herabgerissen; hatte sie sämtlich zerstört: alle die Entwürfe und Skizzen; alle die Porträte; alle die Gräfinnen Josette Oberndorff. Sie lagen am Boden, durch den ganzen Raum verstreut; mit abgeschnittenen Köpfen, zerfetzten Leibern; Glied für Glied zerrissen wie von der Wut eines Wahnsinnigen. Die Lippen all der Gemetzelten lächelten noch; aber die Augen – alle die lächelnden, lockenden, leuchtenden Augen waren durchstochen. Zu dem von Grausen Gepackten sagte Sivo Courtien: »Ich habe die Gräfin Oberndorff gemordet und muß mich dem Gericht stellen. Nicht dem Gericht der Menschen, sondern meinem eigenen. Dieses verdammt mich, der des Todes schuldig ist, zum Leben! Zu einem neuen, besseren Leben, das ich so lange führen muß, bis ich das Werk meines Lebens vollendet ... Fürchte nicht, du Getreuester der Getreuen, daß zu dir ein Wahnsinniger spricht. Der Mann, der dir sein Urteil verkündet, ist ein von seinem Wahnsinn Geheilter. Siehe – ich habe die Götter versucht und wurde dafür von ihnen bestraft. Sie seien gepriesen!« Gian Vital eilte auf seinen Freund zu, umschlang ihn, legte das vom Fluch der Leidenschaft getroffene Haupt an seine Brust und weinte über dem armen Haupte die ersten Tränen seines Lebens. 23 Und dann fuhren die Dämonen der Frühlingsstürme über Maloja: den »schlimmen« Ort menschlicher Wohnstätten, den Unheilsort unter dem Berge des Unheils. Aus den Lüften sausten sie herab; aus den Schlünden brausten sie herauf. Sie heulten gleich höllischen Heerscharen, rüttelten an den Gipfeln, rissen den Schnee von den Graten, peitschten durch die Schluchten den Staub der Lawinen, deren Donner das Getöse des Föhns verschlang. Sie schmolzen die starre Schneedecke von der Felsensohle, lösten den Eismantel der Wasserfälle, der Bäche, Rinnsale, Seen. Es seufzte und stöhnte, knirschte und krachte, barst und brach. So war's Tag und Nacht: Tag und Nacht eine Gespensterwelt, die den Bewohnern Grauen einflößte. Sie blieben in ihren Wohnungen. Keine Posten gingen und kamen. Die wenigen Gäste im Grand Hotel mußten einige Tage mit Konserven vorliebnehmen. Es konnte keine Schule gehalten werden, und in der Kirche hätte der hochwürdige Herr Briccius Ladien nur für die Windsbraut Messe gelesen. Sie drang durch die geschlossene Tür ins Heiligtum, fuhr in wilder Wut um den Altar, um Kreuz und Ziborium, entblätterte die welken Totenkränze, ließ sich nicht durch die Weihe der Stätte beschwören: »Apage Satanas!« Auch an diesem stürmischen Märznachmittag glich Maloja einer toten Stätte. Keine Seele ließ sich blicken ... Oder doch – da war ein Mensch: eine jugendlich schlanke, fast zierliche Männergestalt. Sie bog sich bei dem Aufruhr des Elements wie eine Binse, hielt sich jedoch aufrecht, immer wieder den kurzen schwarzen Mantel um sich schlagend und den dunklen weichen Filz tief in die Stirne drückend. Der kühne Sturmwanderer stieg von der Paßhöhe hernieder und begab sich ins Hotel. Hier war die schöne Halle durchwärmt; hier waren Reichtum und Behagen, Luxus und Schönheit zu Hause. Und hier wurde Dionisio Fidora erwartet. Als der junge Mann dem Orkan entronnen war, die Wärme des festlich heiteren Vestibüls ihn umfing, schwere, schimmernde Vorhänge die wilde Landschaft hinter ihm abschlossen und er seinen Fuß auf weiche Teppiche setzte – da geschah's, daß Dionisio Fidora in wenigen Augenblicken sein ganzes vergangenes Leben zurückerlebte, in einer Reihe von Visionen. Er sah sich selbst in seinem Elternhause, das den höhlenähnlichen Hütten von Cresta und Casacc' glich. Nur daß der Knabe die Armseligkeit weniger empfand, weil die Natur des Südens Feigenbäume darüber wachsen ließ, Reben darum webte und zum Überfluß die Pergola in verschwenderischer Fülle mit Rosen durchrankte; weil die von heiterem Leben erfüllte, von Klang und Sang durchtönte Straße die eigentliche Wohnstätte war und die Sonne des Südens funkelndes Gold über das arme Dorf der Spinner und Weber streute; weil die Menschen das Lachen der Lebensfreude hatten, Melodie und Lied – trotz aller Dürftigkeit Lebensfreude, Melodie und Lied! Selbst Not und Hunger taten hier weniger weh. Immerhin waren es Not und Hunger! Und wenn eines Jahres die Seidenraupen nicht gediehen, ein großes Sterben unter die kostbaren Würmer kam, die niedrigen Löhne der Spinner und Weber noch tiefer herabgedrückt wurden ... oder wenn die Seidenpreise so niedrig waren, daß die Fabriken die Arbeit einstellten, wenn Streik ausbrach, so verwandelte sich das fröhliche Lachen in Murren, das Klagen in Drohen; so wurde aus den heiteren Melodien wüstes Geschrei der Empörung, aus den Liebesliedern gellende Verwünschung. In den mit Reben und Rosen umkränzten Häusern gab es kein Weib, das seine Kinder mit der Muttermilch nicht zugleich auch mit Haß gesäugt hätte. Und es war Haß gegen jeden, der mehr zu essen hatte als verdorbene Polenta und graues Brot, besser zu trinken als den letzten Aufguß der Trauben. Haß gegen jeden war's, der ein gutes Gewand trug; also Haß gegen jeden Besitzenden. Am wildesten aber lohte die verderbliche Flamme – sie galt dem Volk der Spinner und Weber von Kind an als Lebenslicht – wider die Männer, die dem Volk zu spinnen und zu weben gaben, und wider deren Frauen, Söhne, Töchter. Unter den Reben und Rosen hauste eine Völkerschaft von Todfeinden der Gesellschaft, die der Stunde harrte, wo sie ihren Hunger nach dem, was sie »Vergeltung« nannten, stillen konnten in Verwüstung und Vernichtung, in Feuer und Blut. Gierig lauschten Ohren und Seelen nach dem Machbar hinüber: galt doch Italien als das gelobte Land der Anarchie; das nahe Mailand als die goldene Stadt, wo des Volkes Wünsche sich erfüllen sollten, das Volk sich sättigen konnte – endlich, endlich einmal! Und alle warteten, lauschten, hofften: Alter und Jugend, Mann, Weib und Kind. Auch Dionisio Fidora wurde von hassenden Eltern erzeugt und empfing das Erbe seines Stammes als einziges Gut. Von der Natur ausgestattet, um als junger Gott durch das Leben zu schreiten, von unersättlicher Genußsucht, lernte er bis zur Stunde nur das heiße Ersehnen – nur das grausame Entbehren kennen. Denn die Früchte, die er am Wege pflückte, kostete und hinwarf, gaben ihm kaum Erquickung, geschweige denn seinem Durst Stillung. Er träumte von ganz anderen Freuden, Wonnen, Erfüllungen. Nur wußte er zu diesem Ziel nicht den Weg. Er wußte ihn jetzt und würde ihn schreiten: festen Fußes, unaufhaltsam! Auf Maloja ward ihm die Bahn gewiesen. Er übersah sie von der öden Höhe aus bis in die fernsten Fernen, die für seine Augen ein Schimmer umwob. Alles, was er Maira bei ihrer ersten nächtlichen Begegnung von sich erzählt hatte, war unwahr gewesen. Dieser junge Mensch konnte keinem anderen Menschen gegenüber wahrhaftig sein. Er konnte es nicht einmal gegen sich selbst. Wenigstens nicht früher; nicht vor seiner Malojazeit. Er kam herauf, weil es damals die einzige Aussicht war, die sich ihm eröffnete: der armselige Lehrer einer armseligen Alpengemeinde zu werden. Da sah er die Lehrerin von Maloja, von der er nur wußte, daß sie existierte, und da erging es ihm seltsam. Hier fand er ein erstes, großes Ziel; ein bewußtes, starkes Wollen regte sich in ihm, zugleich ein erstes Erproben seiner Kraft: um diese unzugängliche Seele, diesen unantastbaren Körper zu erobern! Je unerreichbarer ihm die Erfüllung erschien, um so unverrückbarer stand bei ihm sein Entschluß. Und des Mädchens bloße Nähe machte den Jüngling über sich selbst klar, machte ihn sich selbst gegenüber wahrhaftig: Dionisio Fidora erkannte in sich das Böse. Die Entdeckung entsetzte ihn nicht, erfreute ihn fast. Er wollte schlecht sein in dieser gemeinen Welt, wo das Schlechte, Falsche, Niedrige – wo das Gemeine Herrscher war. Nur dieses! Erst auf Maloja kam ihm der Gedanke: ›In dir steckt ein Künstler!‹ Und der Künstler erwirbt Ruhm, Geld, Frauen. Vor allem Geld und Frauen! Frauen waren es, die ihn des Lebens Bedeutung erkennen ließen, ihm das Geheimnis des Daseins erschlossen: Geld und Frauengunst von allem Hohen das Höchste! Die vornehmen Damm im Grand Hotel, ihr Wohlgefallen an seinem schönen, äußeren Menschen, das sie ihm offenkundig zeigten; ihre Schmeicheleien, die sie schon jetzt dem zukünftigen Künstler zollten – all dieses baute ihm die erste Stufe der Leiter, darauf er des Lebens Höhen erklimmen wollte – ein Gipfelmensch auch er! Jetzt aber durchschritt er im Grand Hotel die prächtige Vorhalle, stieg die mit Brüsseler Teppichen belegte Treppe hinan, die Verkörperung anmutiger Jugend und sonniger Heiterkeit ... Im ersten Stockwerk wartete jemand auf ihn. Schon seit einer Stunde stand das Mädchen bei der Tür, daran Dionisio vorüber mußte, um in den Salon der Gräfin Oberndorff zu gelangen, die wieder auf Maloja war. Die schmächtige Gestalt bebte in fiebernder Erwartung, das Gesicht war fahl vor Erregung, die Augen – nur an ihren Augen, an dem Raubtierblick dieser funkelnden, flammenden Augen wäre die Nerina zu erkennen gewesen, das halbwilde Geschöpf, das ein treuer Mann liebhatte, um seine Liebe Qualen erduldend. Ein feines Zöfchen war Gian Vitals braune Liebste geworden, mit wohlgepflegten, zarten Händen und einer Pariser Frisur, die ihr Koboldsgesicht grisettenhaft hübsch machte. Als der Erwartete endlich kam, schoß sie auf ihn zu wie ein Schlänglein. Auch ihr Flüstern hatte einen zischenden Laut: »Gestern abend ließest du mich umsonst warten!« »Ja.« »Du wirst heute kommen?« »Nein.« »Elender!« »Wenn man dich sieht und hört, wird es deine Herrin erfahren. Sie wird dich fortjagen.« »Die!« Selbst auf Dionisio machte es Eindruck, mit welchem Haß das leidenschaftliche Geschöpf das kleine Wort hervorstieß. Dazu ihre Miene, ihr Blick! Er fand jedoch sofort seinen Gleichmut wieder. Mit fast heiterer Gelassenheit warnte er: »Du weißt, sie würde dich fortjagen wie einen Hund in den Sturm hinaus! Heute noch.« »Sie soll nur. O sie soll –!« »Sie wird.« »Dann käm' ich zu dir.« »Kämst du?« »Und bliebe bei dir. Du würdest mich dann nicht wieder los. Nie mehr.« »Meinst du?« »Nie mehr!« »Ich würde dich gar nicht erst zu mir hineinlassen.« »Du!« »Fortjagen würd' ich dich! In den Sturm hinaus!« »Das würdest du?« »Wie einen Hund.« Es war, als suchte das Mädchen an seinem Leibe nach einer Waffe: einem Dolch oder einer Pistole, um ihren Verführer niederzumachen – »wie einen Hund«. »Besinne dich, du! Oder –« »Oder was?« »Wenn du wieder Vernunft annimmst, so – Nerina! Wilde Nerina! Kleine, liebe Nerina!« Sie erbebte bei seinen Worten; nicht anders, als ob er sie umfaßt und geküßt hätte. Sie stammelte: »O du, du, du!« »Siehst du!« »Du willst wieder gut zu mir sein? Willst mich wieder liebhaben? Eine kleine Weile noch?« »Ich will. Solange meine Wildkatze ein Täublein ist.« Sie stieß einen Laut des Entzückens aus. Er warnte: »Nur so lange ... Bist du jetzt verständig?« »Alles, was du willst! Alles! Madonna, Gottesmutter! ... Wenn du nur wieder gut zu mir bist; nur wieder zu mir kommst, mich wieder in deine Arme nimmst ... und wäre es nur noch ein einziges Mal! Mein Herr bist du, mein Gebieter! Du kannst mich schlagen, mißhandeln, töten. Nur nicht mich fortjagen. Denn das ist schlimmer als Tod ... Du jagst mich nicht fort. Niemals!« »Nein, nein. Sei nur ruhig.« »Ganz ruhig ... Gehst du zu deiner Gräfin?« »Schwatz keinen Unsinn!« »Sie ist verliebt in dich. Du sollst der zweite sein. Bevor das geschieht –« »Fängst du schon wieder an?« »Ich hasse sie, hasse sie, hasse sie!« »Wenn du dich noch einmal wie ein Tier gebärdest, so – behandle ich dich wie ein Tier.« »Sie wird dich auch verderben, wie sie den anderen verdarb. Um dich war's freilich nicht schad'. Dir geschäh's recht. Freuen würd' ich mich. Lachen würd' ich, tanzen, singen. Lieben würd' ich sie darum, wenn sie auch dich umbrächte. Und nach dir kommt ein dritter. Mit dem ersten fing's an. Sie ist auch nicht besser als andere. Die und besser? Tausendmal schändlicher ist sie! Und, dabei eine vornehme Dame. Sie sei verwünscht!« »Jetzt ist's genug. Hörst du?« Er packte die Rasende beim Arm, sah ihr steif ins Gesicht. Sein Griff war eisern, sein Blick der eines Bändigers wilder Tiere. Sie begann zu zittern, als packte sie ein Krampf. Plötzlich schluchzte sie auf und fiel vor ihm hin. Er riß sie empor, führte sie in ihr Zimmer zurück, ließ sie allein. Einen Augenblick stand er auf dem Gange und atmete tief auf. Er sah um sich. Der Korridor war leer. Also hatte niemand gesehen und gehört. Ihm wär's schließlich gleichgültig gewesen. Immerhin war es so besser. Wahnsinnige konnten gefährlich werden, und – Eine kleine Weile mußte er es noch hinausschieben ... Jetzt begab er sich nach dem Salon der Gräfin. Er klopfte an, hörte das »Herein« der schönen Frau und folgte der Aufforderung mit einem Gesicht wie ein glanzvoller Frühlingstag. Der Volksschullehrer Dionisio Fidora machte mit der Gräfin Oberndorff italienische Konversation. Auch die »Promessi sposi« lasen sie zusammen. Wenigstens war es für die Dame eine Zerstreuung während ihres neuen Aufenthalts auf Maloja, der bei aller Öde von neuem einen eigentümlichen Reiz auf sie ausübte: die Erwartung eines wundersamen, eines ungeheuerlichen Ereignisses. Denn wundersam, geradezu ungeheuerlich mußte es sein, wenn Sivo Courtien zu ihr zurückkehrte. Und das würde er! 24 Noch einmal öffnete sich an diesem wilden Sturmtage die Tür des Mesnerhauses auf der Paßhöhe, und jemand trat aus dem Schutz der festen Mauern hinaus in das Unwetter: die Lehrerin von Maloja. Ihr tat der Sturm nichts. Sie war stark genug, um dem Wüten zu trotzen. Wenigstens dafür stark genug, nachdem sie sich in dem Sturm des Lebens herzlich schwach erwiesen hatte. Immer wieder war es die alte Anklage, die sie gegen sich selbst erhob; sich selbst ihre Schwäche nicht verzeihend, sie nicht einmal vor sich selber entschuldigend: die schwere Schuld forderte eine schwere Sühne. Auf glitschigem, schwierigem Pfade sturmumbraust niedersteigend, freute sie sich, den Freund der Wut des entfesselten Elements entrückt zu wissen. Für Sivo Courtien wäre freilich die Heimat auch jetzt das Herrlichste auf der Welt gewesen. Sie wußte nicht, wo er sich aufhielt; wußte jedoch: wo er auch sein mochte, würde er nach seinem vom Föhn durchrasten Engadin schmerzliches Heimweh empfinden, im Herzen erst ganz genesend, wenn die Margna wieder über ihm leuchtete und er am Ufer des Cavalocciosees wieder die Sonnenstrahlen wie Sterne auf der düsteren Flut tanzen sah: ein märchenhaftes Funkenspiel! Noch mußte er fernbleiben; denn noch blieb die arge Frau. Er hatte der Freundin nicht geschrieben. Das war zwischen ihnen ausgemacht worden. Von Gian Vital, der des Abwesenden Haus betreute, wußte sie, daß er unter einem weniger rauhen Himmel verweile und vor der Gletscherfrau, deren Geschichte er am letzten Abend im Hotel den Herrschaften erzählt, in Sicherheit sei. Maira erfuhr die Sache und litt darunter; denn daß er sich so weit konnte hinreißen lassen, offenbarte ihr mehr die Tiefe seines Jammers als sein nächtlicher Zusammenbruch vor ihrem Hause. Er sollte vor den Fremden auch von einem Mädchen gesprochen haben, deren machtvolle Liebe den Verlorenen gerettet hatte ... Dieses Mädchen konnte nicht sie sein. Als sie am Weihnachtsabend den schwersten Gang ihres Lebens tat und sich mit den Kindern ihrer Klasse ins Hotel hinabbegab, sah man sie dort wunderlich an. Sie beachtete es nicht, ließ die Kinder das Weihnachtslied singen, führte sie an die unter dem brennenden Baume hergerichteten Tische, half ihnen die Scheu überwinden, die reichen Gaben empfangen und dafür sich bedanken. Auch die Lehrerin erhielt Geschenke; aber sie gab das Ihre den Kindern, als wüßte sie nicht, daß es für sie bestimmt sei. Sie dankte im Namen der Kinder nicht nur den fremden Herrschaften, sondern auch der Gräfin Oberndorff. Als sie zu dieser Dame ging und sich stumm vor ihr verneigte, fühlte sie aller Blicke auf sich gerichtet. Und vor aller Blicken hatte ihr Freund sein Innerstes enthüllt! Die Scham darüber trieb ihn danach zu ihr hinauf ... Glücklich erreichte Maira an dem wilden Föhntage das Ziel ihres Ganges, auf dem der Sturmgesang der Alpen sie begleitete: das Malojafrühlingslied! Ihr Ziel war das Haus des Gemeindevorstehers, kaum eine bessere Wohnstätte als die Hütten der Leute von Cresta oder Ordeno. Nur mit Mühe vermochte das junge Mädchen die Haustür zu öffnen; es war gerade, als wehrte der Sturm ihr den Eintritt. In dem dunklen, dumpfen Zimmer saß die Frau des Gesuchten am Webstuhl. Sämtliche Kinder der Eheleute drängten sich in dem engen und niedrigen Raum. Die kleine Justa, der Liebling der Lehrerin, stand bei der Mutter und schaute eifrig dem Wurf des Weberschiffleins zu. Es schien so leicht und sah sich so lustig an! Mairas Erscheinen erregte Befremden, keine Freude. Auch nicht bei der Schülerin, die Courtiens Freundin lieb war. Nachdem Maira alle begrüßt hatte, sagte sie ihr Anliegen: »Ich habe mit dem Vorsteher zu reden.« »Mein Mann ist nicht zu Hause.« »Bei dem Unwetter!« »Geht doch auch Ihr aus.« »Um Euren Mann sicher zu treffen.« »Er ist beim Pfarrer. Habt Ihr's so notwendig?« »Einmal muß es gesagt werden.« Die Frau wurde neugierig: »Heiratet Ihr den Lehrer und kommt wegen der Papiere? Denn Sivo Courtien –« Sie sah Maira an, verstummte und meinte dann entschuldigend: »Es war nicht bös gemeint. Die Leute reden eben so. Sie reden vieles.« »Über die Lehrerin ihrer Kinder, die sie von Kind an kennen, reden die Leute Schlimmes?« Die Frau des Vorstehers glaubte, die lästernden Leute entschuldigen zu müssen: »Freilich sind Liebessachen bei uns nicht Brauch. Aber zwei so junge und so saubere Leute immer beisammen! Da heroben bei uns! Selbst der Pfarrer meint, das nähme einmal kein gutes End'.« »Selbst der Pfarrer Briccius Ladien? ... Nein, Frau! Ich will den Lehrer nicht heiraten. Obgleich der Lehrer ja wohl mein Schatz ist, heirate ich ihn doch nicht; und es nimmt auch kein gutes Ende. Der Pfarrer hat also recht. Denn es ist schlecht und schändlich, wenn die Eltern der Lehrerin ihrer Kinder, die diese wenigstens achten sollen, in Gegenwart ihrer Kinder dergleichen ins Gesicht sagen. Aber wenigstens ist es das Ende.« Die schwer Gekränkte sprach sehr ruhig, damit die Frau jedes Wort gut verstehen sollte. Als sie ausgesprochen hatte, wollte sie sich ohne Gruß entfernen. Sie besann sich, blieb stehen, ging zu den Kindern und gab jedem die Hand. Die kleine Justa zog sie an sich, küßte sie, sagte freundlich: »Bald bekommst du eine andere Lehrerin, eine bessere. Es wird eine junge und lustige sein. Ich will dafür sorgen, daß die neue Lehrerin jung und lustig ist. Nicht wahr, das freut dich?« Eifrig nickte die Kleine: »Wird die neue Lehrerin so lustig und hübsch sein wie der Herr Lehrer?« »Hoffentlich wird sie das sein.« Mairas Stimme klang womöglich noch herzlicher, ihr Blick war womöglich noch milder. Dann ging sie. Selbst das Kind, das ihr lieb war, freute sich, weil es mit der ersten – der »alten« – Lehrerin von Maloja bald ein Ende nahm.   Jetzt war sie dem Freunde gleich geworden! Ihm gleich an Demütigung, die sie wie er als Erniedrigung empfand, und ihm gleich an Scham. Nur daß sie keinen Menschen besaß, zu dem sie sich in dieser Stunde hätte flüchten können. Sie mußte auch jetzt einsam bleiben und ihre Erhebung von diesem Sturz in sich selbst suchen. Ihre Seele war beschmutzt! Sie, die nur in Reinheit zu atmen vermochte, hatte geglaubt, das könnte nicht geschehen; und sollte es dennoch geschehen können, so würde sie imstande sein, des Lebens gemeinen Staub mit einer leichten Bewegung abzuschütteln. Jetzt traf es sie, und es blieb an ihr haften. Die Leute, denen sie Gutes erwiesen, hoben den Stein auf, warfen den Stein – ihrer Heimat Volk! Die Kinder dieses Volkes unterrichtend und sie nach besten Kräften in allem Guten unterweisend, sollte sie die Geliebte des Lehrers der Kinder sein; die Geliebte des anderen, den sie zum Manne nehmen wollte, weil Sivo Courtien der vornehmen Dame gehörte ... Auf das junge Weib, das sich geschändet fühlte, leuchteten die Berge ihrer Heimat herab, diese starren und stolzen, diese reinen Gipfel, die selten eines Menschen Fuß betrat, die von der Berührung des Menschen sich rein badeten in den ersten Sonnenstrahlen, in dem letzten Tagesschein, dem Schimmer des keuschen Mondes und der ewigen Sterne. Ihre Lippen mußten stumm bleiben; aber ihre Seele rief es – schrie es: ›Sivo! Sivo! Wie recht hattest du doch, die Menschen zu meiden und von ihnen fort emporzusteigen zu Gletscher und Fels. Wie schön, du Geliebter, bautest du dir dort oben dein Haus. Als du dann herabstiegst und mit den Menschen lebtest, empfingst du in deiner Seele das Gift, das von ihnen ausgeht. Die Menschenkrankheit befiel dich, das Todübel des Menschlichen! Und selbst dort oben konntest du nicht genesen, solange davon noch ein Keim in dir zurückblieb. Dir mußte erst Erkenntnis zuteil werden. Jetzt ward sie dir, und jetzt – Wenn du jetzt wieder hinaufsteigst, wirst du unter dir lassen, was deine Seele in Abgründe zog; wird dir zu eigen werden, was sie wieder erhebt: deine Seele und deine Kunst! Sie ward mit dir verzerrt und wird mit dir wieder zum Ebenbilde Gottes sich wandeln. Dann kommt auch die Stunde, wo du mich rufst. Jetzt weiß ich, daß sie kommt! Du wirst rufen, und ich – werde kommen! Bis dahin will ich hier unten bleiben. Warten will ich und wachen, wenn du dort oben bist über den Wolken – über den Menschen. Das Übel der Tiefe lasse ich nicht hinauf zu dir. Das soll meine Tat sein, die meine Schwesterliebe für dich begeht und die mich dir gleichmacht in deiner Erhebung, wie ich es heute in meiner Erniedrigung bin.‹ Nein – der Sturm der Alpen beugte sie nicht, die eine Tochter war dieser grausamen, dieser großen Natur. Hochaufgerichtet schritt sie unter dem Wüten und Brausen dahin ... Welchen Weg? Zu welchem Ziel? ... Wieder nach Hause? ... Nicht doch! Sie wollte vollführen, wozu sie ausgegangen war. Beim Pfarrer befand sich der Vorsteher? Weshalb sollte sie diesem im Pfarrhause nicht sagen, was sie ihm zu sagen hatte? Auch der Hochwürdige mußte es erfahren ... Also zum Pfarrer Briccius Ladien! Durch die ältliche Magd ließ sie beim geistlichen Herrn sich melden, der mit dem Vorsteher Gemeindesachen besprach. Sie wartete im Flur und hörte drinnen die harte Stimme, die Milde verkünden sollte, der Dienerin erwidern: »Die Jungfer Lehrerin? So, so! Sie möge warten.« Also wartete Maira. Sie hätte lächeln können. Wie klein das war! Und der fromme Mann wähnte, ihr etwas Großes anzutun, eine Kränkung ... Als nach einiger Zeit der Vorsteher heraustrat, sagte sie zu dem Manne: »Ich kam, um Euch in des Pfarrers Gegenwart zu sprechen. Fragt den geistlichen Herrn, ob ich darf? Es betrifft die Schule.« Obgleich den Seelenhirten von Maloja die Schule von Maloja nichts anging, wollte er anhören, was die Lehrerin darüber zu sagen hatte. Eigentlich erwartete Briccius Ladien etwas ganz anderes: Maira à Mara sollte zu ihm kommen in der Kirche, zum Beichtstuhl, eine reuige Sünderin, die er, Briccius Ladien, wieder dem Himmel zuführte, der den Menschen in Schuld verfallen läßt, um ihn von den Armen der Kirche zu sich emportragen zu lassen. In Schuld ließ der Himmel sogar diese starre Frauenseele verfallen, und das gerade ihrer Starrheit willen. Aber nicht deshalb kam Maira à Mara zu dem geistlichen Herrn! Heute nicht! Sie würde ein nächstes Mal deshalb kommen. Auch Briccius Ladien hatte warten gelernt. Die Lehrerin trat ein, grüßte den Geistlichen, der ihr, ohne aufzustehen, mit einer würdevollen Handbewegung einen Sitz bot. Sie tat, als bemerkte sie's nicht. Vor beiden Männern stehend, gab sie den Grund ihres Kommens an: »Ich gebe der Gemeinde heute meine Kündigung als Lehrerin.« Der Vorsteher, der ein gescheiter und redlicher Mann war, erwiderte bedächtig: »Das überlegt sich die Jungfer Lehrerin wohl noch?« »Das ist überlegt worden. Lange und reiflich. Ihr kennt mich, Vorsteher. Wenigstens solltet Ihr mich kennen. Ihr besser als die anderen.« »Demnach wäre darüber nichts mehr zu reden?« »Nichts mehr.« »Mir tat's leid, wenn's bei dem Wort der Jungfer bleiben sollte.« »Seht, Vorsteher, das freut mich. Und ich sag's Euch gerade heraus.« »Und der Jungfer sag' ich gerad' heraus: ich find's von ihr nicht recht, wo sie uns doch die Schule gegeben hat. Und das wahrlich unter harter Mühsal. Keiner weiß es besser als ich. Und wenn die Jungfer meint, in Maloja würd' ihr's nicht gedankt –« Maira unterbrach den ernstlich bekümmerten Mann: »Das mein' ich nicht, Vorsteher. Ich tat's nicht Dankes wegen. Ich will keinen Dank. Auch das wißt Ihr, der Ihr mich kennt.« »Das weiß ich. Und gerade deswegen betrübt mich der Jungfer Entschluß um so mehr.« Der Hochwürdige hörte scharf zu. Im Mesnerhause war etwas vorgefallen. Was? Etwas mit dem jungen Lehrer! Jetzt mischte sich Briccius Ladien ins Gespräch: »Da werden doch wohl Gründe sein, weshalb die Jungfer gehen will? Gar so plötzlich!« »Gewiß, Herr Pfarrer.« »Darf man sie wissen?« »O ja.« »Da bin ich begierig.« »Die Gründe sind sehr einfach. Ich bin eine schlechte Lehrerin.« »Oh!« Der Ausruf des Erstaunens war aufrichtig. Dieses junge Mädchen verließ, was sie mühselig geschaffen hatte, weil sie ihr Amt schlecht verwaltete. Sie klagte sich selbst an. Und das vor Pfarrer und Vorsteher! Wenn alle Vorsteher und Pfarrer, die schlechte Diener der Herren, schlechte Vertrauensmänner ihrer Gemeinden waren, sich selbst anklagen und ihres Amtes für unwürdig erklären würden, so wäre das – Dahinter mußte etwas anderes, ganz anderes stecken. Der Vorsteher schwieg. Sein Gesicht war ernst, sein Blick nachdenklich. Der Hochwürdige warf salbungsvoll ein: »Wenn die Gemeinde mit der Lehrerin aber doch zufrieden sein sollte? Und ich glaube, sie ist es?« Der Befragte nickte bedächtig: »Sie ist es.« Maira erklärte: »Sie kann's nicht sein; denn ich selbst bin unzufrieden mit mir. Längst hätte ich gehen sollen. So lange zu bleiben war unrecht.« Da rief Briccius Ladien: »Ist's etwa, seitdem die Gemeinde auf eifriges Betreiben der Jungfer einen jungen Lehrer angestellt hat, daß die Kollegin mit sich unzufrieden ist?« Dem Blick des Geistlichen ruhig begegnend, bestätigte die Tochter des Mesners: »Ganz recht, Herr Pfarrer. Es ist erst seitdem, hätte jedoch viel früher sein können und müssen. Herr Fidora ist ein vorzüglicher Lehrer. Gerade das hat mir meine eigene Unzulänglichkeit zum Bewußtsein gebracht. Der Herr Pfarrer hat also wirklich ganz recht!« Dem Mädchen war nicht beizukommen! In ihrem Gesicht zuckte nicht eine Miene; und ihre Stimme blieb so gelassen, wie ihre ganze Haltung war. Mit aufrichtigem Bedauern erkundigte sich der Vorsteher: »Die Jungfer hat doch gewiß bedacht, wie's ohne sie mit der Schule werden soll?« »Die Gemeinde nimmt eine andere Lehrerin, eine bessere; und die Schule bleibt im Mesnerhause. Einstweilen wenigstens.« »Und der Lehrer?« Der Pfarrer tat die Frage. »Auch der Lehrer kann bleiben – wenn er zu bleiben wünscht. Wir schicken ihn nicht fort. Auch jetzt nicht. Der wir's waren, die ihn ins Haus nahmen.« Auch jetzt vollkommen gelassen! Ohne ein Beben der Stimme, ohne ein Zucken der Lippen. Der Pfarrer konnte sich nicht enthalten, heftig zu rufen: »Mein Mesner war dagegen. Es war seine Tochter, die den Fremden durchaus im Hause haben wollte. Trotz der großen Unschicklichkeit.« »Die Unschicklichkeit, Pfarrer Ladien, ging mich nichts an.« »Auch heute nicht?« »Heute genau so wenig wie damals; weil ich heute genau wie damals das tue, was ich für recht halte ... Bei der neuen Lehrerin bleibt's also, Vorsteher. Im Mai muß sie hier sein.« Sie grüßte beide Männer, wandte sich zum Gehen, kehrte bei der Tür um, ging zum Vorsteher zurück, dem sie die Hand reichte: »Nochmals Dank für Euer gutes Wort. Es kam zur rechten Zeit. Wenigstens einer, der mein Fortgehen bedauert. Mehr als eines Guten und Gerechten bedarf der Mensch nicht, um seinen Weg bis zum Ende zu gehen. Grüßt Eure Hausfrau von mir.« Ihren Weg bis zum Ende ... Er sollte hinaufführen! 25 Dann leckte der Föhn mit feuriger Zunge gierig den letzten Schnee von dem Hochpaß. Gelb und braun lag das Land, das kein Getreide tragen konnte, seinen Bewohnern nicht ihr tägliches Brot gab, daraus aber Blumen aufsprießen sollten, die Öden in paradiesische Fluren verwandelnd. Zunächst kamen blasse Krokus, darauf mattgelbe Primeln, denen Blüten von mehr und mehr freudiger, mehr und mehr leuchtender Farbe folgten: Enzianen und Nelken, die orangegelbe Arnika und die purpurblütige Alpenrose. Die Alpenrosenblüte war die Zeit, wo der wilde Maloja einen Kaisermantel über sich warf unter seiner schimmernden Edelweißkrone ... Maira hatte der »Neuen« Platz gemacht, einem jungen, hübschen, heiteren Frauenzimmerchen aus dem nahen Samaden. Ohne Sang und Klang war die Gründerin der Schule Malojas ausgeschieden. Der Vorsteher wollte eine öffentliche Danksagung veranlassen; aber die Scheidende hatte allen »herzlich« gedankt. Bereits am nächsten Tage nach Mairas Austritt herrschte in der Klasse der Jüngsten ein überaus fröhliches Schultreiben. Es war hohe Zeit gewesen, daß die eine ging und die andere kam. Gegangen war auch der Lehrer. Vorerst nur aus dem Hause! Maira hatte ihn nicht gehen heißen: mit keinem Wort! Als die Neue eintraf, machte es sich so von selbst. Jetzt wohnte im Mesnerhause die Lehrerin, und den Lehrer hatte der geistliche Herr bei sich aufgenommen: weil doch der junge Mann in der Kirche sang! Malojas größte Neuigkeit jedoch war: Sivo Courtien war zurückgekehrt! Nicht in sein elterliches Haus am Crap da Chüern, sondern oben auf das Klippeneiland im Eismeer des Gletschergebietes des Monte Sissone und Monte della Disgrazia über dem Fornogletscher. Außer Gian Vital sah niemand ihn wiederkommen. Aber alle wußten: ›Er ist wieder da!‹ Auch das wußten alle: ›Es muß ihm schlecht gegangen sein; denn er sieht jammervoll aus. Um zehn Jahre gealtert.‹ Sivo Courtiens treuer Freund und Haushüter half ihm, sein Atelierhaus einrichten und mit allem Notwendigen versorgen. Auch hernach verließ er ihn nicht. Aber der ehemalige Kapuzinerjäger und Wilderer kam ohne seine Büchse: die hing unten im Hause am Crap da Chüern und sollte dort hängenbleiben. Obgleich ohne Gewehr, wollte Gian Vital oben gute Weidmannswache halten, und unten wachten über Sivo Courtiens Geschick zwei andere Augen. Das aber wußte nur Dionisio Fidora, den es von Maloja nicht fortließ. Gebannt hielt es den jungen Mann auf Malojas Felsenscholle, wie mit unsichtbaren, unzerreißbaren Banden am Orte gefesselt. Es lag darin beinahe etwas Mystisches: als würde sich in Maloja auch sein Schicksal erfüllen! Und seinem Schicksal kann der Mensch nicht entgehen. Auch mußte Dionisio Fidora mit der Gräfin Oberndorff wieder Italienisch treiben. Sie lasen jetzt Dante zusammen.   Vital war heruntergekommen, um in Maloja für das Gletscherhaus verschiedenes einzukaufen. Er besorgte alles auf das beste, wurde aufgehalten, konnte den Rückweg nicht mehr antreten und beabsichtigte am Crap da Chüern zu übernachten. Die Dunkelheit war bereits angebrochen, als er dem Hause sich näherte, darin Sivo Courtien Gericht gehalten: über sich selbst und über die Frau, die ihn gegen sich selbst untreu gemacht hatte. Vitals scharfes Jägerauge bemerkte schon von weitem vor der Tür eine dunkle Gestalt. Sie kauerte auf der Schwelle wie hingesunken, wie zusammengebrochen. Dann erkannte er sie. Die Nerina war's! Die Nerina erwartete ihn vor dem verschlossenen Hause; die Nerina kam zu ihm zurück ... Ein Schwindel ergriff den starken Mann. Für Schwäche war jedoch keine Zeit. Im nächsten Augenblick erreichte er sie. Sie regte sich nicht, hob ihr Gesicht zu ihm auf, sah ihn an, gleichsam mit erloschenen Augen. Wie elend sie aussah! »Was tust du hier?« Sie antwortete nicht. »Wußtest du, daß ich in Maloja war, mich verspätet habe und hier übernachten muß?« Sie sagte nichts. »Was willst du von mir?« Auch jetzt blieb sie stumm. Mit ihren erloschenen Augen sah sie ihn unverwandt an. Er wollte wild werden; aber plötzlich ward es sonderbar still in ihm. Als spräche er zu einer Schwerkranken, fragte er sie: »Sie hat dich fortgeschickt?« Jetzt sprach sie ... Er mußte sich tief zu ihr herabbeugen, um sie verstehen zu können: »Fortgejagt wie einen Hund.« ›Warum?‹ So wollte er fragen, fragte jedoch nicht. Er wußte es. Ihre erstickte Stimme und erloschenen Augen sagten es ihm. »Wer? Ich will ihn totschlagen wie einen Hund. Also – wer, wer?« »Schlag mich tot.« »Du willst den Namen nicht nennen?« »Nein.« »Ich will den Namen wissen!« »Niemals.« »Den Namen oder –« »Schlag mich tot.« Die nämlichen Worte sagte sie wieder und wieder, als ob es die einzigen wären, die ihr von der Sprache im Gedächtnis geblieben: »Schlag mich tot! Schlag mich tot!« Es schwamm ihm vor den Augen: Blut! Ihn packte sein Dämon, der ihn zwang, Blut zu sehen – Blut zu vergießen. Sein ganzer Mensch ging unter in der roten, gräßlichen Flut. Er stieß das Mädchen beiseite, schloß auf, stürzte ins Haus, ins Zimmer, wo an der Wand die Büchse hing. Er riß sie herab, stürzte mit der Waffe hinaus. Sie war geladen. Er brauchte nur den Hahn zu spannen, nur zu zielen, loszudrücken – Blut mußte er sehen! Wie hatte er dieses Geschöpf geliebt! Nicht nur geliebt, auch geachtet, sie gehalten wie sein vor Gott ihm angetrautes Weib. Wäre er mit Sünden beladen, daß er unter ihrer Last zusammenbrach, so hätte seine Liebe ihn reingewaschen, ihn entsühnt von aller seiner Schuld. Und das vor dem strengsten Richter, wäre dieser ein gerechter Richter gewesen. Aber jetzt, da sie wiederkam: so wiederkam – Blut mußte er sehen! Wiederum ihre Stimme, klanglos wie die einer bereits Gestorbenen, Getöteten: »Schlag mich tot! Schlag mich tot!« Ein Weib töten? Ein schuldiges, ein wehrloses Weib? Gian Vital! ... Weshalb nicht? Hatte er doch, wenn die Blutwut über ihn kam, schuldloses Getier getötet! Weshalb also nicht dieses verworfene Geschöpf? »Schlag mich tot! Schlag mich tot!« Wieder und wieder aus ihrem Mund diese Worte; immer und immer die Blutflut vor seinen Augen und in seiner Seele ... Er hob die Büchse, die nicht mehr anzurühren er sich selbst gelobt hatte; aber er hob sie nicht gegen das schuldige Weib, sondern gegen sich selbst. Nicht das schuldige Weib wollte er töten, sondern sich selbst. Was sollte er noch auf der Welt, wo das aus seiner Liebe – das aus seinem Leben geworden war? Und so schied er denn aus der Welt als feiger, elender Selbstmörder. Ein Aufschrei gellte. Die Nerina schrie so gräßlich auf. Sie sprang in die Höhe, wollte dem Sinnlosen die Büchse entreißen, rang mit ihm. Der Schuß ging los und traf. Aber er traf nicht Gian Vitals Herz, sondern sein Gesicht, seine Augen. Traf Gian Vital in seine beiden Augen!   Courtien verstand nicht, weshalb sein guter Genosse so lange ausblieb? Er hatte versprochen: »Dann und dann bin ich wieder hier.« Und wenn Gian Vital etwas sagte, geschah es, wie er's gesagt hatte. Er mußte daher zur bestimmten Zeit wieder zurück sein. Er war es nicht. Am Nachmittag des nächsten Tages wurde Courtien ernstlich beunruhigt. Da Vital nicht kam, mußte ihm etwas zugestoßen sein. Was konnte es sein? Das Wetter war klar – konnte Gian Vital beim Heraufsteigen über den Fornogletscher ein Unglück zugestoßen sein? Es gab Dinge, die eben nicht geschehen konnten! Da waren freilich die Adlerwände mit dem überhängenden Schnee, den ein lauter Schall zum Bersten und Brechen brachte. Der Gletscherpfad zum Monte Sissone führte dicht unter den Wänden hin. Aber Gian Vital kannte die Gefahr. Selbst wenn er sich gestern in Maloja verspätet und den Aufstieg bei Nacht unternommen hätte, wäre für Gian Vital ein Unglück nicht möglich gewesen. Trotzdem begann Courtion sich zu sorgen. Er unterbrach seine Arbeit, verließ sein Haus und schickte sich an, nach dem Ausgebliebenen auszuspähen. Auf der Gletscherinsel befand sich ein hoher Fels, der eine weite Umschau gewährte. Die »Hexennadel« – wie das Volk das Riff nannte – wollte der Beunruhigte ersteigen, und er war sicher, Vital von dort aus kommen zu sehen. Wenn nicht, mußte er hinab; denn es hatte dann ein Unglück gegeben! Courtien scheute Maloja, als könnte er durch den bloßen Anblick jenes Orts von neuem in Krankheit, in Wahnsinn verfallen: war er doch noch immer erst ein von Krankheit und Wahnsinn Genesender ... In diesem Augenblick gewahrte er einen Aufgestiegenen. Es war jedoch nicht Vital, sondern die Nerina! Die Nerina in einem schlechten Gewande; die Nerina mit todblassem Gesicht und erloschenen Augen. Sie schleppte die Sachen herauf, die zu besorgen Vital herabgestiegen war; mußte sich selbst mühsam schleppen. Courtien eilte ihr entgegen. »Wo ist Vital?« »In Eurem Hause.« »Er ist krank!« »Blind.« »Was sagst du? Du redest irr!« »Er ist blind auf beiden Augen.« Mit ihrer Last sank sie hin ... Nachdem Courtien sie wieder zur Besinnung gebracht hatte, wollte er wissen, wie das Unfaßliche sich zugetragen hatte. Gian Vital blind auf seinen beiden Augen! Gian Vital! Mit ihrem erloschenen Blick und ihrer erstorbenen Stimme berichtete die Nerina: »Die Büchse ging eben los.« »Vitals Büchse?« »Sie hing in Eurem Hause.« »Ich weiß!« »Nun also.« »Er wollte sie nicht mehr anrühren.« »Er tat's doch.« »Der Unglückliche, Unselige! Blind! Tausendmal lieber tot. Denn – Gian Vital seine Berge nicht mehr sehen, nicht mehr sein Maloja, sein Engadin –« Courtien weinte ... Nach einer langen Weile, während der das Mädchen wie leblos dastand und Gian Vitals Freund weinen hörte, sagte es: »Wenn Ihr die Sachen, die er gestern für Euch einkaufte, mir jetzt abnehmen wolltet. Ich muß nämlich gleich wieder zurück.« »Das kannst du nicht. Du mußt mit mir ins Haus und dich ausruhen. Morgen früh dann –« »Ich muß gleich wieder zurück.« »Zu Vital?« »Nun ja.« »Pflegst du ihn?« »Wer sollte ihn sonst pflegen?« »Ich!« »Er läßt Euch grüßen: Ihr möchtet ja und ja nicht herabkommen. Zu ihm herabkommen dürftet Ihr nicht! Er würde nicht ertragen können, Euer Gesicht – nicht sehen zu können.« Courtien stöhnte: »Gian Vital blind!« »Ihr sollt ihm durch mich versprechen lassen, ja und ja nicht herabzukommen. Erst später. Erst wenn er's besser ertragen kann.« »Wie erfuhrst du das Unglück? Schickte er nach dir?« »Ich erfuhr's eben!« »Weshalb schickte er nicht nach Maira? Da du von dem treuesten Manne nichts mehr wissen willst.« »Jetzt bin ich bei ihm.« »Und bleibst bei ihm?« Das Mädchen wich der Antwort aus. Sie mußte noch eine zweite Bestellung machen: »Da er nicht bei Euch sein kann – nicht fürs erste – so bittet er Euch, jemand anders bei Euch sein zu lassen. Ihr wüßtet schon wen. Er bittet Euch herzlich darum. Ihr sollt ihm die Wohltat erweisen, wenn Ihr sie Euch nicht selbst erweisen wollt. Auch darüber soll ich ihm Euer heiliges Versprechen zurückbringen. Es würde ihn mehr heilen und ihm besser helfen als alles andere ... Was soll ich dem Blinden sagen?« »Ich würde jemand anders bei mir sein lassen: um seinet- und meinetwillen.« »Ich soll sie für Euch rufen – läßt er Euch sagen. Die Stunde sei gekommen – läßt er Euch sagen ... Laßt Ihr ihm darauf durch mich etwas wieder sagen?« »Sage ihm, daß meine Augen um die seinen geweint haben und daß die Stunde gekommen sei.«   Mit Courtiens Botschaft kehrte die Nerina zu dem Blinden zurück. Es war ein Tag so voll Glanzes, daß Gian Vital voller Entzücken auf die Herrlichkeit der Welt geschaut haben würde: auf sein in ewiger Schönheit leuchtendes Engadin. 26 An Maira erging der Ruf, und sie hörte ihn. Der brüderliche Freund rief die schwesterliche Freundin zu sich hinauf in seine felsumstarrte, eisumstrahlte Gipfelwelt, wo er sich durch seine hohe Kunst in heißer Arbeit wieder zu einem Gipfelmenschen emporrang: langsam, sehr langsam, aber sicher der Tiefe entsteigend, zu der ein Wiederhinabgleiten nur möglich gewesen wäre, wenn Maira den Ruf nicht gehört hätte. Sie hatte sich darauf vorbereitet, ihn zu vernehmen. Seit der Stunde, wo er es ihr auf Malojas Gräberfeld gesagt, war ihr Leben nichts anderes gewesen als ein einziges Sichvorbereiten auf den großen Augenblick, der ihr die Erfüllung ihres Lebens brachte. Denn auf eine noch schönere, noch leuchtendere Erfüllung hoffte sie nicht – hatte sie niemals gehofft. Der Freund bedurfte ihrer Gegenwart, ihrer Kraft. Daß er ihrer bedurfte, gab ihr die Kraft. Jetzt konnte die Tat von ihr gefordert werden, die Liebestat. Ihrem Vater erklärte sie: »Ich gehe fort.« »Wohin?« »Hinauf.« »Wohinaus?« »Zu Sivo Courtien.« »Wurdest du ganz verrückt?« »Hier unten bin ich keinem Menschen notwendig. Auch nicht dir. Oben ruft ein Mensch nach mir. Also gehe ich hinauf zu dem, der mich ruft.« »Weißt du, was die Leute dazu sagen werden?« »Ich weiß.« »Dennoch willst du gehen?« »Dorthin, wo ich nützen und helfen kann. Hier könnt' ich's nie. Hier half ich nicht einmal meinem Vater, nicht einmal kleinen Kindern.« »Hör du!« Und ihr Vater sagte es ihr ... Wenn sie hinaufginge, dürfte sie nicht mehr herunterkommen: nicht mehr zurück ins Vaterhaus. Nie mehr! Wenn Sivo Courtien sie zu sich einließ, schloß ihr Vater sie aus. »Das mußt du wohl. Schon um der Leute willen. Und wegen des Pfarrers.« »Du gehst?« »Für alle Zeiten aus meinem Vaterhause.« Und Maira ging. Zunächst nach Crap da Chüern zu dem Verwundeten, dem Erblindeten. Er lag auf dem nämlichen Lager, darauf sein Freund als Todwunder gelegen. Eine Binde bedeckte die Augen, die keine Augen mehr waren. Er wußte aber sogleich, wer leise in die Kammer trat. Die Nerina saß neben dem Bett, regte sich nicht, starrte vor sich hin. Sie hatte noch immer den erloschenen Blick; aber – sie konnte doch sehen. »Geh hinaus.« Gehorsam erhob sie sich und schlich davon ... Maira trat an das Bett, setzte sich, ergriff Vitals Hand, behielt sie in der ihren, blieb stumm. Endlich fragte er sie: »Du kommst, Lebewohl sagen?« »Ich gehe hinauf.« »Du mußt noch immer über ihn wachen. Weißt du das?« »Ich weiß.« »Denn er ist noch immer nicht ganz geheilt; und sollte er sie wiedersehen, so – Noch immer ist er etwas schwach. Du weißt auch das?« »Ich weiß auch das.« »Deshalb mußt du für ihn stark sein.« »Ja.« »Wenn sie hört, daß du bei ihm bist, wird sie versuchen, zu ihm zu kommen ... Ich sehe sie zu ihm kommen.« »Du siehst –« »Alles. Ich sehe dich, sehe Sivo Courtien, sehe die Nerina. Ich sah euch nie so genau. Um dich ist ein Glanz. Er blendet mich fast, Und ich sehe den See; sehe Berg und Tal, Gipfel und Gletscher. Ich sah sie nie so schön! Die Gemsen seh' ich, die guten Tiere. Sie haben solche traurige Augen. Ihre traurigen Augen schmerzen die meinen ... Und ich sehe die arge Frau zu ihm hinaufsteigen. Sie darf nicht!« »Nein.« »Also wache gut.« Er sagte ihr noch, daß sie einen Knaben nehmen müßte, der ihnen oben hausen helfe, Botengänge besorgen, Vorräte und Holz für den Winter hinausschaffen. Er wußte einen jungen Burschen: geschickt, kräftig, die furchtbare Einsamkeit nicht fürchtend. Dabei immer guter Dinge! Schon morgen wollte er den Knaben Servaz hinaufschicken. An alles dachte er; denn alles sah er mit seinen blinden Augen. »Höre! ... Ich muß dir's leise sagen.« »Die Nerina ist nicht hier.« »Trotzdem leise.« Also beugte sich Maira zu ihm herab. Er flüsterte: »So ungeschickt von mir! Von einem Jäger! Eine wahre Schand'! Und ich hatte Courtien heilig versprochen, das Ding nicht mehr anzurühren; es an der Wand hängen zu lassen. Da packte mich's. Solch alter Wilderer, du verstehst. Eine Schand' war's! Hätt' ich wenigstens etwas höher geschossen. Oder etwas tiefer. Aber so! ... Auch das will ich dir sagen: ich würd's heut wieder tun: würd' wieder meine Büchse von der Wand nehmen. Diesmal für mich selbst und diesmal geschickter. Da ist jedoch die Nerina ... Ich hab' sie nämlich in die Schand' gebracht, Schandkerl, der ich bin! Also muß ich ... Wenn Briccius Ladien uns zusammengeben will. Und ich muß ... Meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit muß ich an dem armen Geschöpf tun. Denn noch so jung sein und einen blinden Mann haben ... Und das Leben kann so lang dauern ... 's ist hart für die Nerina. Ich kann ihr nicht helfen; ich –« Er sprach immer leiser, immer mühsamer. Zuletzt atmete er so schwer, daß es wie ein Keuchen war; zuletzt bewegte er nur noch die Lippen. Maira stand über ihn niedergebeugt. Sie wartete, ob er noch sprechen würde? Da er stumm blieb, neigte sie sich noch tiefer. Sie neigte sich auf seine Hand herab. Sie küßte die Hand des Mannes, der ein »Schandkerl« war.   Von keinem anderen hatte sie Abschied zu nehmen. In ihrer Heimat, der zuliebe die Tochter des Mesners die Heimat verlassen hatte, nicht von einem einzigen anderen! Um Lehrerin von Maloja zu werden, hatte sie im fremden Lande gearbeitet und gearbeitet, gedarbt und gedarbt. Die Nächte durch hatte sie deshalb gearbeitet, Not hatte sie darum gelitten ... Nein! Nicht »darum«. Das eben war's ja! Um Sivo Courtiens willen hatte sie gestrebt und hatte sie erreicht. Hätte sie ihre Liebestat, die Gründung der Schule, nur aus Liebe zur Heimat getan, so hätten sich ihr heute sicher viele Hände entgegengestreckt: »Geh nicht von uns fort!« So hätte ihr heute von all dem Abschiednehmen das Herz gewiß schmerzlich und zugleich glücklich gepocht. Denn es war doch etwas Großes darum, geliebt zu sein und entbehrt zu werden. Das Größte war's! Wenigstens für die Frau. Um an dem Hotel nicht vorüber zu müssen, wollte sie einen Umweg machen. »Das ist feig!« schalt sie sich selbst und setzte ihren Weg fort: am Seeufer entlang und weiter den Hütten von Cresta zu. Sie gedachte des Tages, an dem sie auf dieser Straße dem Reisewagen mit der vornehmen Fremden begegnet war; gedachte des unerklärlichen, ahnungsvollen Gefühls, das sie damals jählings befallen hatte; und sie dachte an alles, was der Begegnung gefolgt war. Bild um Bild stieg in ihrer Seele auf. Heute das letzte: sie, Maira, an dem großen, prächtigen Hause vorübergehend, darin die Fremde von neuem wartete; sie, Maira, hinaufschreitend durch Felsenwildnis, durch Eiseswüste zum Gipfel auf, zum Freunde hin. In dem Kampfe der beiden Frauen um diesen Mann war das Mädchen aus dem Volk Siegerin geblieben ... Hatte sie denn gekämpft? ... Nein! Nur gelitten hatte sie. Demnach durfte sie sich heute, an dem Palast der Fremden vorübergehend, nicht als Siegerin fühlen. Sie hätte mit der Unheilsfrau sprechen sollen. Der Mann, dessen Hand sie heute ehrerbietig geküßt, hatte es von ihr gefordert. Sie war jedoch stumm geblieben. Ohne sie hatte des Freundes Geschick sich erfüllt, das ihre Worte nicht hätten aufhalten können. Sie wußte: diese blieben ihr nicht erspart. Wie die Stunde kommen würde, wo er sie zu sich rief, ebenso bestimmt würde auch die andere Stunde kommen, wo sie reden mußte: Maira à Mara mit der Gräfin Oberndorff! Sie wollte beten, daß ein guter Geist ihren Worten Macht geben möge ... Maira war eine schlechte Beterin. Auf dem Gange hinauf zum Geliebten kam sie an dem Kirchlein vorüber, darin er die gespenstische Trauung mit ihr hatte vollziehen lassen. Das kleine Gotteshaus in der großen Alpenwelt stand offen. Sie ging vorüber, gelangte zu dem verwilderten Totenacker, wo über die Gräber der Malojaleute Wacholder und Alpenrosen hinfluteten. Sie blieb stehen; aber nicht zum Gebet. Wäre sie eingetreten und hätte sich auf die Knie geworfen, um zu der Gottheit, die sie heute diesen Weg führte, ein Gebet emporzustammeln, so wäre das nicht ihre Art zu beten gewesen. Aber ihre Seele beugte sich dem höchsten Herrn; ihre Seele betete an, pries, dankte, Und sie ließ ihre niedergebeugte Seele als Gebet Courtiens Worte wiederholen, die er an dieser Stätte zu ihr gesprochen: »Wenn ich dich brauchen sollte, würdest du kommen? Durch Schnee und Eis; über Gletscherspalten und Abgründe; durch Sturm und Nebelnacht, Verderben und Todesgefahr kämst du herauf zu mir, wenn ich dich riefe?« »Ja!« Und sie kam!   Höher und höher hinauf! Der Erde mehr und mehr entrückt, dem Himmel näher und näher. Es war ein glanzvoller Tag. Die Lüfte schienen von Strahlen durchschossen zu werden, und dem Schimmer enttauchten die Schneegefilde wie eine über sommerliche Tiefe zur Sonne emporgehobene Winterlandschaft unzugänglicher Gipfel. Höher und höher hinauf stieg mit der Bergwanderin ihre Seele. Ihre jauchzende Seele hielt heute immerfort Kirchgang. Sogar das Sakrament empfing sie auf diesem Wege zur Höhe, welche die Höhe ihres Lebens war: die Schönheit der Welt verwandelte sich für ihre anbetende Seele zu dem Göttlichen selbst. Aus einer Schlucht stieg ein feines Gewölk auf. Die Sonne durchleuchtete den zarten Dunst, daß es die wilden Klippen wie goldene Schleier umfloß. Maira grüßte den wallenden, schimmernden Nebelstreif. ›Er zwingt dich doch auf seine Leinwand! Jetzt zwingt er dich! Da ich zu ihm komme, da ich bei ihm bleibe. Die schwarze Wolke wird aus seiner Seele weichen; seine Lebenssonne, der Glaube an sich selbst, wird wieder scheinen. Unter diesem Zeichen wird er siegen. Ich trage den Sieg zu ihm empor. Hosianna in der Höh'!‹ Ein Adlerpaar! Es umkreiste einen Gipfel des Barone. Ein einziger majestätischer Flügelschlag trug die königlichen Vögel weit dahin. Sie horsteten über den Wolken ... Über den Wolken, über der Erde würde sie mit dem Geliebten leben, jeder von ihnen einsam; dennoch beide zusammen! Sie lebend in dem Klang seiner Stimme, dem Leuchten seines Blicks, der Herrlichkeit seiner Gegenwart. Mehr wollte sie nicht für sich. Schon das war fast zuviel; schon das der Leiden wert, die sie gelitten. Sie grüßte das Adlerpaar. Vielleicht sah auch er es, bei ihrem Anblick der Freundin gedenkend: daß sie jetzt zu ihm kam, bereits unterwegs zu ihm war. Dem Kreisen der beiden Adler zuschauend, gewahrte sie, daß einer der stolzen Vögel plötzlich den anderen verließ. Er schwebte höher und höher, schien zur Sonne aufzusteigen, in die Sonne hinein. In der Glorie entschwand er dem Auge. Der verlassene Vogel versuchte, dem Gefährten nachzusteigen, konnte ihm nicht folgen, sank wieder herab, umkreiste einsam mit flatternden Schwingen den Fels, stieß einen heiseren Schrei aus. Es war wie ein Schmerzenslaut, wie ein Verzweiflungsschrei. Gewiß war es das Weibchen, das dem starken Sonnensegler nicht nachkam und in der Tiefe zurückbleiben mußte. Mairas Seele sollte dem Freunde auf seinem Himmelsflug folgen können! ... Da hörte sie ihren Namen! ihren Namen von der geliebten Stimme rufen. Er kam ihr entgegen, sah sie, grüßte sie: »Maira!« Und noch ein zweites, ein drittes Mal: »Maira! Maira!« Weiter sagte er nichts: sagte ihr Name doch alles! Sie streckte ihm die Hand entgegen, nickte ihm zu, lächelte ihn an. Dann stiegen sie zusammen hinauf, höher und höher und höher. Sie sprachen kein Wort. Als sie oben anlangten, faßte er ihre Hand und führte sie in sein Haus, dessen Tür für die Eintretende weit offenstand. 27 Dem Pfarrer Briccius Ladien wurde gemeldet: jemand wollte ihn sprechen. Wer? Ein Blinder. Der Mann solle hereinkommen. Gian Vital kam herein – wurde hereingeführt. Die Nerina führte ihn mit fast mütterlich zarter Sorge. Bei der Tür blieb er stehen. Mit seinen Augenhöhlen schaute er hin, wo er glaubte, daß der geistliche Herr sich befand. Er schwieg. Auch der Hochwürdige konnte nicht gleich reden: die leeren, toten Augen des Mannes waren gräßlich zu sehen! Der ganze Mensch unkenntlich! Dabei hilflos wie ein Kind, das noch nicht gehen kann. Und wie es in dem entstellten Gesicht zuckte! ... Gian Vital hatte jetzt die schwerste Stunde seines Lebens. Er schickte seine Führerin hinaus: »Wart vor dem Hause. Nicht etwa drinnen! Hörst du? Der Pfarrer läßt dich rufen, sobald ich mit ihm ausgeredet hab'. Es wird schnell geschehen sein.« »Gib ihm zuerst einen Stuhl.« Aber Gian Vital wollte in diesem Hause nicht Platz nehmen. Die Nerina schlich hinaus. Schweigen. Der Hochwürdige mußte es brechen: »Gian Vital! ... Gian Vital, da kommt Ihr ja doch zu mir.« »Da komm' ich, Pfarrer Briccius Ladien.« »Ihr hattet ein schweres Unglück.« »Mein Ungeschick. Wie könnt' ich nur so ungeschickt sein? Ein alter Jäger! Mir geschah recht. Verdiente Strafe, geistlicher Herr.« Allen Leuten, die ihn bedauerten, sagte er das nämliche in einem Ton, als habe er die Rede auswendig gelernt, Wort für Wort seinem Gedächtnis mühsam eingeprägt. »Und jetzt führt Euch Euer Unglück zu mir. Vielmehr zum Herrn. Denn der Herr leitete Eure Hand und ließ sie ungeschickt sein. Eures Ungeschicks bedurfte der Herr, um Euch zur Erkenntnis zu bringen. Denn Ihr habt doch erkannt?« »Ich hab' erkannt.« »Und bereut?« »Und bereut.« »Dann heiß' ich Euch in diesem Hause willkommen.« Der Willkommengeheißene gab keine Antwort. Wiederum mußte Briccius Ladien sprechen; er mußte weiterfragen: »Was wollt Ihr also von mir?« »Der Pfarrer meint gewiß, was ich vom Herrn will, da ich beim Pfarrer ja wohl beim Herrn bin?« »Jawohl.« »Und da der Herr ja wohl barmherzig ist, ein Gott der Gnade –« »Und der Gerechtigkeit, Gian Vital.« »Und der Gerechtigkeit, Pfarrer Briccius Ladien!« »Ihr braucht nicht so laut zu sprechen.« »Verzeiht. Der Herr wird auch meine leise Rede hören. Liest er doch des Menschen Gedanken, prüft Herz und Nieren.« »So ist es.« »Und so ist es gut! Gut ist, daß der Herr den Menschen nicht nach seinen lauten Worten richtet.« »Ich fragte Euch, was Ihr von mir wünscht.« »Euch bitten ...« Mühsam brachte der Blinde das demütige Wort über die Lippen. Es klang wie ein Stöhnen, wie ein erstickter Aufschrei. Aber er sprach es. Mit seinen toten Augen glaubte er das Gesicht des geistlichen Herrn zu sehen, das dieser bei seiner demütigen Rede machte. Er erbebte. »Um was bittet Ihr mich? ... Was murmelt Ihr? Ich kann nicht verstehen.« »Und führe uns nicht in Versuchung ... So bete ich jetzt vor Euch, Pfarrer Briccius Ladien; so hätte ich beten müssen, als ich mein Gewehr von der Wand nahm, wo es hing, damit ich bei seinem täglichen Anblick dieses Gebet lernen sollte. Ich lernte es nicht. Und weil ich es nicht lernte, muß ich heut kommen, um Euch zu bitten, mir die Nerina zur Frau zu geben.« »Also wollt Ihr das Mädchen doch heiraten?« »Da ich das Mädchen in die Schande brachte ... Ihr könnt mich richten, Hochwürden. Ich meine, wegen der Schande.« Aber Pfarrer Briccius Ladien richtete nicht: Gian Vitals tote Augen schauten den geistlichen Herrn zu furchtbar an.   Der Blinde hatte noch eine zweite Bitte: daß ihm die öffentliche Kirchenbuße erspart bleiben möge – da er ja doch gebeichtet und bereut habe. Der Pfarrer hatte die öffentliche Kirchenbuße von dem von der Kirche Abgefallenen als Zeichen seiner Rückkehr und Unterwerfung damals gefordert, mußte daher auf seiner Bedingung bestehen. Es war kein Richtspruch des Pfarrers, sondern eine Forderung der Kirche. Das eine konnte unterbleiben, das andere mußte geschehen. »Ich will's tun. Aber ich tu's wegen der Schande, in die ich das Mädchen brachte, nicht wegen des anderen, derentwillen Ihr mir die Schande antun wollt ... Ist's Euch recht? Sonst –« Um diesen großen Sünder zu gewinnen, mußte es dem Pfarrer recht sein. Wenn der Sünder die ihm auferlegte Buße vollzog, kam es schließlich nicht auf das ›Warum‹ an. Der Gemeinde gab es jedenfalls ein erfreuliches Schauspiel: Gian Vital tut Kirchenbuße! »Es ist mir recht.« »Vergelt Euch Gott Eure Gerechtigkeit ... Welche Buße muß ich des Mädchens wegen vollziehen?« Briccius Ladien machte es milde. Drei Sonntage hintereinander sollte Gian Vital beim Hochamt in schwarzer Kutte, barhaupt, vor der Kirchentür stehen und Almosen einsammeln: für ein neues Gewand der unbefleckten Gottesmagd, die den Sohn Gottes geboren: das unschuldige Lamm, das für die Sünde der Welt geschlachtet wurde, um die Welt von der Sünde zu erlösen. Gian Vital behauptete freilich noch immer: die Welt sei durch das vergossene Gottesblut nicht erlöst worden; aber der über ihn verhängten Buße unterwarf er sich.   Drei Sonntage hintereinander in schwarzer Kutte, barhaupt, vor der Kirchentür – Die Nerina stand neben dem Büßer. Sie hielt mit beiden Händen ein zinnernes Becken und bat: »Es ist um ein neues Gewand für unsere liebe Frau!« Alle gaben von ihrer Armut ein Scherflein. Das alte Gewand der Bildsäule der heiligen Jungfrau in Malojas uraltem Kirchlein war so schlecht, die toten Augen Gian Vitals waren so fürchterlich anzuschauen, und die Nerina bat so flehentlich, als ob sie selbst die Sünderin, die Büßerin sei. Gian Vitals öffentliche Kirchenbuße brachte von der Armut der Malojaleute so viel ein, daß die Madonna ein Gewand aus Seide erhielt ... An keinem dieser drei Sonntage sang Dionisio Fidora beim Hochamt. Also besuchte die Gräfin Oberndorff an keinem Sonntag die Kirche; auch sonst niemand von den vornehmen Gästen des Grand Hotel. Alle hörten: »Es soll fürchterlich sein, wie dieser Mensch dasteht und einen ansieht.« »Ansieht? ... Er soll blind sein.« »Er sieht Sie an«, versichere ich. »Es ist grausig, wie der Mensch Sie ansieht!« Am dritten Sonntage von Gian Vitals Kirchenbuße wurde das Paar getraut: die Braut in einem schlechten Kleid, ohne Kranz; der Bräutigam in schwarzer Büßerkutte. Beiden war's gleichgültig. Der junge Ehemann dankte dem geistlichen Herrn für die Trauung, die junge Ehefrau schwieg. Dann gingen sie. Die Hochzeiterin führte den Hochzeiter hinaus und davon: sorgsam wie eine Mutter ihr Kind, das noch nicht gehen gelernt. In ihrem Hause am Crap da Chüern angelangt, sagte Gian Vital zu dem Weibe, das er über alles geliebt hatte: »Dein Kind wird meinen Namen tragen; du aber bist nur dem Namen nach meine Frau – bleibst meine Frau nur dem Namen nach. Wenn du willst, kannst du mich verlassen. Ich bin zwar blind, meinen Weg durchs Leben find' ich jedoch allein; denn ich sehe und erkenne jetzt alles.« Sie flehte ihn an, trotz seines inneren Gesichts bei ihm bleiben zu dürfen.   Keine Hochzeitsnacht für die beiden Unglücklichen; wohl aber eine Hochzeitsfahrt. Gian Vital bestand darauf, sie zu unternehmen. Hinauf zum Gletscherhause, wo die beiden anderen Unvermählten lebten. Mit seinen blinden Augen wollte er wieder den Weg gehen: an der rauschenden Orlenga entlang, zum Cavalocciosee, an seiner alten Jagdhütte vorüber und weiter, zum Fornogletscher, über diesen hinweg, höher und höher ... Noch in der Nacht brachen die beiden auf. Für den Mann war's gleich, ob die Sonne schien, ob Mond und Sterne leuchteten oder tiefe Finsternis herrschte; und die Frau kannte den Weg, führte so sorgsam, so zärtlich. Sie wollte dem Blinden sagen, wo sie gerade gingen; wollte ihm erzählen, wie alles war: das Tal und die Berge, die Blumen am Wege und die Vögel in der Luft. Aber Gian Vital brauchte nichts erzählt zu bekommen; denn er sah alles. Und alles sah er leuchtend in Schönheit, verklärt von der Glorie einer unirdischen Sonne, die sein Inneres erhellte. So stiegen auch diese zwei armen Seelen aus Finsternissen und Tiefen zu glanzvollen Gipfeln empor. 28 Gian Vital brachte den erschütterten Freunden ein Gastgeschenk mit: seine Büchse, die Unglückswaffe. »Eigentlich müßte ich sie unten in der Kirche aufhängen lassen, damit sie an einem heiligen Ort als Sühnopfer geweiht werde. Denn viel unschuldiges Blut ist durch sie vergossen worden! Was zuletzt floß, war gewiß nicht das edelste; das Blut eines schuldlosen Tieres ist köstlicher als das Blut eines Menschen meines Schlags ... Also von Rechts wegen gehört mein alter Kamerad in die Kirche. Ich bringe ihn jedoch zu euch herauf: in die allerhöchste, allerheiligste Kirche, darin kein Pfarrer Briccius Ladien das Wort Gottes verkündigt. Bei euch soll die Büchse bleiben. Dort an der Wand, deinem Bilde gegenüber, soll sie hängen zu meinem Gedächtnis. Wenn ihr sie anseht, sollt ihr meiner gedenken als eines Mannes, der nicht betete: ›Herr, führe uns nicht in Versuchung‹, und der daher der Versuchung erlag. Ihr zwei werdet sie bestehen – sollte sie über euch kommen. Und nicht einmal, daß ihr darum zu beten braucht.« Als das Gewehr des Weidmanns, der seinen letzten Schuß getan hatte, an dem von ihm gewählten Platz hing, gingen die beiden Frauen; suchten Edelweiß, wanden daraus einen Kranz und schlangen das edle, blühende Weiß der Alpen um die Waffe, die ihrem Herrn seine toten Augen und sein inneres Gesicht gegeben hatte. Die alte Büchse sah in dem festlichen Schmuck gar feierlich aus: als hätte eine Braut der Alpen ihre Hochzeitskrone darum geschlungen. Gian Vital sprach: »Im Rohr steckt noch immer eine Kugel. Ich ließ sie darin stecken für einen, dessen Namen ich nicht kenne. Ich werde ihn kennenlernen. Der Name eines Verführers und Verderbers ist's. Der Schuft ist jedoch nicht wert, von einer ehrlichen Jägerkugel ins Schurkenherz getroffen zu werden. Mit meinen Händen will ich –« Die Nerina war nicht anwesend, als ihr Mann diese Worte sprach. Für die beiden, die sie hörten, war's entsetzlich, Zeuge zu sein, welchen Ausdruck die augenlosen Züge dabei annahmen: als sähe der Blinde mit seinem neuen, inneren Gesicht, was seine Hände, diese zuckenden, packenden, würgenden Hände, an jenem Schurken vollführen würden, wenn er dessen Namen erfahren und ihn gefunden hatte ... Ihn gefunden! Er, Gian Vital, der hilflose Mann, der er geworden war. Nachdem der heftige Anfall vorüber, kam etwas wie Frieden über Courtiens Gast. Siam Vital teilte mit dem Wirt dessen Kammer, während die beiden Frauen und der Knabe Servaz, der sich als ein fröhlicher, hilfreicher Jüngling erwies, in zwei seitlich angebauten, für Vorräte und Malsachen bestimmten Verschlagen hausten. In dem wilden Alpengarten voll seltener Blumen von seltsam glühender Farbe und seltsam starkem Duft, wo vor einem Jahre Sivo Courtien mit der wunderschönen Frau seinen kurzen Liebestraum träumte, verweilte diesen Sommer halbe Tage lang der blinde Jäger. Jeden frühen Morgen geleitete seine Führerin ihn durch das Felsgeröll auf einen Platz, den der leuchtendste Moosteppich deckte, um den die flammendsten Feuerlilien prangten, purpurblumige Brünellen betäubend dufteten. Die liebliche Stätte bot zugleich die erhabenste Umschau; denn zu einer solchen geführt zu werden, verlangte Gian Vital. Halbe Tage lang saß er inmitten der Blumenpracht und Erdenherrlichkeit und starrte regungslos hinüber zu dem Bilde Engadiner Alpenmajestät: Grat an Grat, Gipfel an Gipfel, Gletscher an Gletscher. Regungslos vor sich hinschauend, sang Gian Vital leise das Lied, das er als kleiner Knabe gesungen; das Lied, bei dessen Melodie jedes Engadiners Herz höher pocht, jedes Engadiners Auge heller aufleuchtet: das Hohelied der Liebe des Engadiners zu seinem herrlichen, seinem heiligen Heimatland: »Ma bella val, mi Engiadina ...« Gian Vitals tote Augen konnten bei dem Klang der Volkshymne nicht mehr aufstrahlen; und oft, oft mußte er seine Hand auf sein pochendes, zuckendes Herz drücken: drohte sein starkes Herz doch zu springen vor mächtigem Leid und gewaltiger Liebe.   Und die Tiere der Alpenwildnis, die zu jagen Gian Vitals ungebändigte Lust gewesen, gewöhnten sich in dem Schutzgebiet der Gemsfreiheit an die regungslose Gestalt in dem Garten voll leuchtender Blumen. Die scheuen Murmeltiere trieben um den Einsamen ihre lustigen Possen, die sie in der gewaltigen Arena von Gletschern und Gipfeln zu den Clowns der Tierwelt machen; die Alpendrossel flötete dicht neben dem Blinden ihre schmelzendsten Weisen, und die Gemsen konnten für fromme Geißen gehalten werden, die der blinde Hirte auf diese blumige Weide trieb, davon im Sonnenbrände ein heißer Wohlgeruch aufstieg, wie in der Kirche beim Hochamt aus dem Weihrauchbecken. Der Einsame lauschte auf das Pfeifen der Murmeltiere und den Drosselgesang, und er spürte die Nähe des Gemswildes; und wenn er bei den Freunden war, berichtete er: »Da war heute wieder der alle Bock, dem ich längst auflauere. Prächtig stand der Greis da! Der ehrwürdige Herr kann von Glück sagen, daß ich meine Büchse nicht bei mir hatte; denn für diesen Burschen gelten keine Schonzeit und kein Schutzgebiet. Solch feister Kerl! ... Heut abend gab's wieder ein Glühen! Nicht anders, als sei die Hölle ausgebrochen, um für die Engel ein Feuerwerklein anzustecken, während sie zum Abendbrot ihren himmlischen Kindsbrei verzehren. Mir ward beim Zuschauen angst, all das Eis und all der Schnee könnten schmelzen und auf uns arme Sünder niederströmen. Das gäb' eine Sintflut, bei der unser festes Haus eine schlechte Arche Noah wär‹.« Auch zu anderen Zeiten bestrebte sich Gian Vital, seine toten Augen zu verleugnen, deren Höhlungen ihm in seinem entstellten Gesicht brannten, als wären sie mit glühenden Kohlen ausgefüllt. Verweilte er nicht draußen auf dem wundersamen Blumeneiland im Eismeer, so saß er im Atelier, dem Riesengemälde gegenüber, und tat, als sähe er jeden frischen Pinselstrich: »Jetzt wird's, Malerlein! Hätt's nicht geglaubt; aber bei meiner armen Seel': jetzt wird's! Und es wird prachtvoll! Bist doch ein Riesenkerl – obgleich du im Vergleich mit mir stets nur ein Knirps warst. Hast du etwa jemals einer Bärin die Jungen davongetragen und dabei mit der Frau Mutter ein Schwätzchen gehalten? ... Schlecht und schändlich war's eigentlich. Denn, wenn ich bedenk' ... Hat die Nerina erst ihr Kindlein, und es käm' einer, der ihr's nehmen wollt' – würgen tät' ich den Kerl, wie ich die Bärin gewürgt ... Was ich sagen wollt': Maloja wird stolz sein auf seinen Sivo Courtien, wenn er sein Bild fertig hat. Und er bekommt sein Riesenbild fertig, das Bürschlein! Wahr und wahrhaftig! Erst jetzt wird Maloja stolz auf ihn sein. Das ganze Engadin oben und unten. An die Margna wollen wir deinen Namen schreiben:   Sivo Courtien!   Und wenn der Bub den Namen lesen wird – denn ein Bub muß es sein und ein ehrlicher Jägersmann muß er werden – spricht sein Vater zu ihm: ›Ja, der! Sivo Courtien! Hut ab vor dem Namen, Büblein! Vor dem bloßen Namen macht der Engadiner seine Reverenz – anders als damals zu Küßnacht vor dem Hut des Tyrannen. Dein Vater, Büblein, kennt den Mann, der so heißt. Er ist des Mannes Freund, hat zugesehen, wie er sein Bild malte. Also auch Hut ab vor deinem Herrn Vater, du Jüngelchen!‹« Dann zogen die seltsamen Hochzeitsfahrer wiederum talwärts. Es wehte starker Föhn. Courtien warnte die Führerin des Blinden heimlich vor einer gewissen Wegstelle, die wegen ihrer häufigen Lawinenstürze berüchtigt war: »Du bist des Wegs doch nicht sehr kundig. Wenn ihr zu den Adlerwänden gelangt – und ihr müßt dicht darunter hinweg –, so tut ihr gut, das laute Sprechen zu unterlassen. Der Schnee hängt dort über, daß ein Jauchzer die Lawine auf euch herabbringen kann. Dein Mann kennt die Stelle genau; aber da er jetzt ... Übrigens wirst du gleich sehen, wo die Gefahr ist. Hüte dich also. Am besten wär's, ich ginge mit euch.« Maira bat: »Laß mich sie bis zu der bösen Stelle begleiten.« Da Courtien gerade prachtvolles Licht und einen guten Arbeitstag hatte, willigte er ein, zurückzubleiben. Beim Abschiede sagte Vital: »Diesen Winter wirst du wohl oben bleiben und dich mit deinem Bilde einschneien lassen, du wunderlicher Heiliger?« »Diesen Winter sicher.« Er sah Maira an, die ihm zulächelte. Das hatte sie noch nie getan. Wie jung sie aussah mit diesem Lächeln auf ihrem ernsten Gesicht; wie ihr Lächeln sie schmückte! Es war ein so anderes Lächeln als auf jenem anderen Frauengesicht, das dem Maler noch immer in allen Träumen leuchtete und ihn lockte. Mairas Lächeln war heilig. Sie sprach dem Freunde nach: »Diesen Winter bleiben wir oben ...« »Und laßt euch einschneien, in Schnee begraben.« »Und vollenden mein Werk ... Ich sage: »wir vollenden! Denn ohne Maira vermag ich's nicht.« Wie er das sagte! Mit größter Innigkeit, tiefster Ergriffenheit, Maira dabei ansehend: ihr in die Augen – in die Seele schauend, daß sie erglühte, erblaßte: sie half ihm sein Werk vollenden! Ohne sie vermochte er es nicht. Sein Werk würde auch das ihre sein ... Vital rief triumphierend: »Freilich werdet ihr zwei damit fertig: du und sie – Maira! ... Die Nebel steigen schon jetzt auf. Der einsame Herr dort oben wird seinen Weg sicher verlieren und in den ersten besten Abgrund stürzen. Schon jetzt seh' ich aus der Gewitterwolke den Blitz zucken.« »Du siehst es?!« Über Courtiens Gesicht flog ein Freudenschimmer, der auch dieses blasse, vergrämte Antlitz plötzlich wieder jung erscheinen ließ. Er vergaß in diesem Augenblick vollkommen, daß seine aufsteigenden Nebel, seine drohende Wetterwolke von zwei – blinden Augen »gesehen« wurden. Maira mußte sich abwenden; aber der Scheidende plauderte fröhlich weiter: »Ich würde mich mit euch einschneien lassen. Der Winterschnee würde mich jedoch zu sehr blenden, ihr versteht mich, und dann muß ich bei der Nerina bleiben. Vielleicht kann ich euch noch vor dem ersten tiefen Schneefall Botschaft hinaufschicken, daß am Crap da Chüern ein Junge eintraf. (Natürlich ein Junge!) Hätt' ich für das Büblein nur schon den Namen. Denn Gian Vital ... Er soll's besser haben als Gian Vital; obgleich der es eigentlich ganz gut gehabt ... Mönch wird der Junge auch nicht. Jäger wird er; und was für einer! ... Was ich sagen wollt': euer Bub, der Servaz, ist ein Prachtbub. Ich hab' ihn die Zeit über beobachtet. Auf den könnt ihr euch verlassen. Der gräbt euch aus einem viele Klafter tiefen Schneegrabe aus. Laßt ihn nur für genügend Holz sorgen; an alles andere, was ihr sonst braucht, denk' ich. Schickt daher den Buben gleich das nächste Mal zu mir, damit ich alles mit ihm bereden und selber nach allem sehen kann ... Schade, schade.« Er verstummte, wurde nachdenklich, wurde traurig. Courtien, um ihn seinem Brüten zu entreißen, erkundigte sich, was ihm leid täte? »Schade, daß ich euch durch den Buben keinen fetten Bärenschinken heraufschicken kann. Mit solchen Leckerbissen ist's nun bei Gian Vital nichts mehr. Vielleicht senden euch die guten Heiligen, die über euch wachen mögen, einen lebendigen Bären ins Haus. Eine Büchse habt ihr. Denkt daran, daß noch eine Kugel im Lauf steckt: Gian Vitals allerletzte.« Sie schieden. Maira begleitete sie bis zu der bewußten gefährlichen Stelle, welche die drei unter tiefem Schweigen glücklich passierten. Über ihren Häupten hing der weiße Tod in der Luft. Hätte ihn ein lautes Wort auf die Wanderer herabgerissen, so hätten sie hier ein ewiges Grab gefunden ... Als Maira im Gletscherhause wieder anlangte, fand sie Courtien noch immer bei emsiger Arbeit. Er rief ihr zu: »Willkommen! Willkommen! Ich glaube, unser armer Freund sah richtig! Meine Nebel beginnen wirklich zu steigen, Sturm und Gewitter wirklich heraufzuziehen. Endlich bin ich auf dem richtigen Weg, das unlösliche Problem zu lösen – Dank dir, du Liebe, Getreue, Starke; Dank deiner heilenden, deiner helfenden Gegenwart.« Ja! Auf Sivo Courtiens Kolossalgemälde begannen die Dünste zu steigen: empor zu den Gipfeln. Empor zu dem einsamen Alpenwanderer, dessen Schicksal keine Menschenseele jemals erfahren sollte: ob ihn die dichten Dünste dem Abgrund zutrieben oder ein Wunder ihn rettete. Mairas Augen, die keine Tränen hatten, wurden feucht, als auch sie erkannte, daß Gian Vital richtig gesehen: des Freundes Werk nahte seiner Vollendung! Das Riesenwerk, das seinesgleichen nicht hatte, konnte vollendet werden; aber – Aber sie mußte immer noch wachen; denn noch immer wartete der Freund in seiner geheimsten, dunkelsten Seele auf die Wiederkehr des Gletscherweibes vom Monte della Disgrazia. Des Berges weiße Herrlichkeit glänzte zu ihm nieder: Ganz von oben herab. Geheilt war er erst dann, geholfen war ihm erst dann, wenn dieser Himmelsschein auch seine Seele erfüllte. 29 Die Gräfin Oberndorff hielt sich nach wie vor viel in Sankt Moritz auf. Etwas Unstetes war in ihr Leben gekommen, eine ruhelose Erwartung. Niemals hatte sie solche Leere, solche Öde gefühlt, wie sie jetzt in sich trug. Wie war das möglich? Nachdem sie doch etwas Großes, etwas Ungeheures erlebt hatte! Eine große Leidenschaft, die sie anfangs selbst empfunden: ein ungeheures Schicksal, das sie dem Manne bereitet, von dem sie geliebt – von dem sie verlassen worden war. Verlassen worden ... Das war's, wodurch diese Ruhelosigkeit, diese neue, noch trostlosere Leere ihr erwuchs. Daß er stark genug war, sich wirklich von ihr zu lösen! Er sich von ihr, anstatt sie sich von ihm! ... Was sie auch sagen mochte, um sich zu überreden, sie sei's gewesen, die ihn aufgegeben hatte; durch welche Schlüsse sie sich auch zu überzeugen suchte, in diesem Kampf zwischen Weib und Mann sei das Weib Siegerin geblieben – es gelang ihr nicht, sich über die Wahrheit hinwegzulügen. Aber er würde wiederkommen; und dann – würde sie ihn fortschicken: mit Haß und Hohn! Das war aus einer Leidenschaft geworden, die sie für die leuchtende Erfüllung ihres Lebens gehalten hatte, für ihres Daseins Vollendung. Haß und Hohn! Konnte dergleichen möglich sein unter Gottes himmlischer Sonne? Sie erinnerte sich der römischen Tage. Wie gut sie damals gewesen war, wie edel und vornehm: damals, wo er sie seine Verachtung hatte fühlen lassen, weil sie eines ungeliebten Mannes Weib geworden. Und jetzt? Was war sie jetzt? Nicht mehr gut, nicht mehr edel, nicht mehr vornehm: sie, die vornehme Dame! Aber wiederkommen mußte er! Er konnte ohne sie nicht leben, da er erst durch sie wirklich gelebt hatte. Daß er auch jetzt ohne sie nicht mehr leben konnte, sollte ihre Rache dafür sein, weil ihre Liebe zu ihm, anstatt sie zu adeln, sie unedel gemacht. Jeden Morgen, wenn sie erwachte, war ihr erster Gedanke: ›Heute kommt er!‹ Jeden Abend ihr letzter: ›Heute kommt er nicht; er kommt morgen!‹ Und mit jedem Tage wuchs ihre Erwartung, ihre Ruhelosigkeit, ihre Angst: ›Er kann doch ohne dich leben!‹ Sie wollte für immer fort von Maloja, ließ die Jungfer sämtliche Koffer packen, bestellte in Paris ein Quartier ... Die Koffer wurden ausgepackt, das Quartier wurde abbestellt; denn sie blieb und – wartete auf Sivo Courtien. Gerade an dem Tage ihrer Abreise hätte er kommen können!   Da er nicht kam, führte sie im Engadin ein ruheloses Wanderleben. Sie unternahm Ausflüge nach Pontresina, nach den Gletschern und auf den Berninapaß. Wenn er kam und sie nicht antraf, aber hörte, sie sei in der Nähe und komme bis Abend wieder zurück, so würde er auf sie warten. Sie gab Befehl: »Sollte während meiner Abwesenheit jemand kommen, so –« Das ganze Hotel wußte, wer dieser »Jemand« sei; und das ganze Hotel wartete mit ihr, ob dieser »Jemand« kommen werde. Kehrte die Gräfin abends von einem Ausfluge zurück, so bereitete sie sich während des Heimwegs vor, ein gleichmütiges Gesicht zu machen, für den Fall, daß ihr im Hotel gemeldet werden sollte: »Jemand fragte nach Frau Gräfin. Wie Frau Gräfin befahlen, wartet er oben im Salon.« Die Meldung ward ihr jedoch niemals gemacht.   Immer häufiger leuchteten in Sankt Moritz die Schönheit ihres blassen Gesichtes und die Sonne ihrer flammenden Haarkrone über Gerechte und Ungerechte. Da sie sich nicht amüsieren konnte, so versuchte sie, sich zu zerstreuen. Sie machte vornehme und interessante Bekanntschaften, ließ sich bewundern, sich huldigen, jagte förmlich nach Bewunderung und Huldigung, fand nicht einmal die fast angstvoll gesuchte Zerstreuung. Dieses elegante Wesen war so farblos, schal und nichtig. Es erschien ihr noch mehr ein Nichts zu sein als damals, wo sie eine unglückliche Frau war mit Sehnsucht nach Glück in der Seele, mit heißem Hunger nach Glück ... Die Gräfin Oberndorff wurde in beiden Sankt Moritz nachgerade Mode. Ihr vorgestellt zu werden, gehörte für die elegante Welt, die dieses fashionable Alpeneden bevölkerte, zum Leben in Sankt Moritz. Der kosmopolitischen Demimonde am Ufer des lieblichen Bergsees erstand in der Gräfin Oberndorff eine Rivalin, die jene Damen sogar in ihren Toiletten besiegte ... So trostlos hatte sich die Gräfin Oberndorff während eines kurzen Jahres verändert; und das in den reinen Lüften Malojas, der edlen Schönheit des Engadin. Seltsam war auch, daß sie nicht mehr lächelte. Ihr Gesicht war wieder so ganz ohne Lächeln, wie es in Rom gewesen war, als sie Sivo Courtien kennenlernte ... Kein Kinderlächeln – kein Sirenenlächeln mehr auf diesem schönen Frauenantlitz, das dem des Gletscherweibes auf Sivo Courtiens berühmten Gemälde glich. Dieses Gletscherweib vom Monte della Disgrazia war das einzige Porträt der Gräfin Oberndorff, das der Künstler vollendet hatte.   Mit Dionisio Fidora las sie Manzoni und Dante. Des Jünglings außergewöhnliche Schönheit bemerkte sie kaum, seine hellenische Grazie dünkte sie weichlich. Sie verglich ihn nicht mit Courtien; aber dieser erschien ihr, sah sie ihn in ihrer Phantasie, neben dem Epheben als Heros. Und sie sah ihn stets und stets! Aber etwas Geheimnisvolles zog sie immer wieder zu der schimmernden Erscheinung des Dorfschullehrers, der unter ihrem generösen Protektorat zu einem Bühnensänger ausgebildet werden sollte. Es war ein Bündnis, das beide miteinander schlossen, ohne jemals die Namen zu nennen, um derentwillen es geschlossen ward: Sivo Courtien – Maira à Mara. Mit dem Instinkt des Liebenden verstand der Lehrer alles, was in dieser zerrütteten Frauenseele vorging – mit dem Takt des Südländers äußerte er nichts. Auch er hatte die Empfindung, dem letzten Akt eines Dramas beizuwohnen. Wie würde es enden? Um dieses Ende zu erleben, blieb auch er – wartete auch er. Beide wußten: seine Freundin ist bei ihm. Er rief sie zu sich, und sie kam auf seinen Ruf. Würde die Freundin dort oben in der ungeheuren Einsamkeit seine – Freundin bleiben? Würde in diesem gewaltigen Tempel der Natur die Menschennatur beider sich erfüllen? Die Gottheit jener ewigen Schöpfung in ihren Geschöpfen das Ewige auslösen? Würden Mann und Weib dort oben über den Wolken, über der Erde zu Mann und Weib werden?   Wieder wohnte die Gräfin in der Alphütte auf dem Fornogletscher. Alles wollte sie genau so haben, wie es vergangenen Sommer gewesen, als könnte sie dadurch hinwegleugnen, daß – nichts mehr so war. Wenn er hörte – und er mußte es hören –, daß sie ihm wieder die Hälfte Wegs entgegenkam, würde er sicher die andere Hälfte tun, trotz seiner Hüterin, seiner Wächterin. Ihr Dante-Vorleser war für einige Zeit verabschiedet worden; denn sie mußte allein sein, wenn der Wiederkehrende plötzlich bei ihr eintrat: »Da bin ich! Ich konnte nicht anders! Ich mußte kommen! Und – da bin ich!« Seltsam! Vergangenen Sommer hatte er in seinem Gletscherhause auf sie gewartet; und, sie erwartend, zu sich selbst gesprochen, die nämlichen Worte, die sie jetzt in ihrer Phantasie ihm in den Mund legte. Sie trug dasselbe Kleid wie damals, kleidete sich abends in das nämliche weiße, weiche, schleppende Gewand. Spät abends würde er kommen! Er sollte sie wiederfinden, wie er sie verlassen hatte. Verlassen ... Da sie ohne Liebe die Gattin des Grafen Oberndorff ward, hatte sie sich weniger entwürdigt gefühlt als jetzt. Das mußte aus ihrer Seele genommen werden, oder – Oder wenn er nicht kam, so mußte sie ... Sie brauchte ja nur bei ihm einzutreten, ihn nur anzusehen, nur anzulächeln ... Und wenn er dann ihre Stimme wieder hörte: »Da bin ich! Ich konnte nicht anders! Ich mußte kommen! Und – da bin ich! ...« In Gegenwart der anderen wollte sie es ihm sagen, und diese Maira schwand neben ihr zum Schatten dahin; diese Maira war tot für ihn, sobald sie für ihn wieder lebte. 30 Auch am Crap da Chüern wurde über Courtiens Leben, das seine Leidenschaft war, und über seines Lebens Werk von einem Getreuen Wache gehalten. Durch den Knaben Servaz sandte der Blinde an Maira Botschaft hinauf: ›Die arge Frau ist in der Fornohütte. Von der Hexennadel aus übersieht man den Weg bis zu den Adlerwänden und weiter. Nur die hellen Tage sind zu fürchten; und diese nur, wenn auch mittags kein Nebel ist.‹ So kam es, daß Maira an hellen Tagen die aus dem Felsengewirr jäh sich aufbäumende »Hexennadel« erstieg. Courtien merkte ihre lange Abwesenheit kaum: so herrlich konnte der Mann arbeiten! Aber er konnte es nur in dem Bewußtsein: ›Maira ist bei mir. Mein guter Genius, mein Schutzgeist!‹ Und der sonst so tief Schweigende sprach zu seiner Gefährtin von dem, was er empfand: »Nicht meine Krankheit hat mich gerettet, sondern du. Du bist meine Genesung, meine Gesundheit. Weißt du noch, wie ich dir sagte: Von dir geht eine Kraft aus wie von Mutter Erde! Solltest du mich heute verlassen, wäre ich bereits morgen wieder ein siecher Mann. Ich habe zu viel gelitten: durch mich selbst; und ich kann mir selbst noch immer zu wenig zutrauen. Deshalb bedarf ich deiner, wie eine arme Witwe für ihre hungernden Kinder des Brotes. Es mußte einmal gesagt werden; denn du mußt wissen, was du mir geworden bist.« Was sie ihm geworden war ... Als wüßte sie's nicht? Freundin und Schwester war sie ihm von jeher gewesen; Genossin und Wärterin war sie ihm geworden. Beides für Zeit ihres Lebens, wenn – die andere nicht wiederkam. Diese brauchte nur wiederzukommen, nur da zu sein – und es gab für Sivo Courtien wieder keine Maira à Mara mehr, und Sivo Courtien war wieder ein siecher, ein todkranker Wann. Dieses Mal für Zeit seines Lebens ... Eines anderen Tages sprach er zu ihr von seinem Bilde. Plötzlich von neuem voller Schwermut und Schwäche, voller Zweifel. Einen kalten Schrecken in ihrer Seele, entgegnete sie mit ihrem Lächeln, das sie schöner schmückte als ein Kranz leuchtender Enzianen: »Damals sagte ich dir, daß ich an dich glaube, und ich glaube heute an dich.« »Du hattest damals gar nicht das Recht, an mich zu glauben; denn ich war damals noch vollkommen ungeprüft. Ich habe die Prüfung nicht bestanden.« Mit ihrer starken Milde tröstete sie ihn: »Das ist vorbei!« Sie wußte jedoch, daß es nicht vorbei war ... Wenn Courtien nicht arbeitete, erging er sich mit Maira in dem Alpgarten. Sie führten stille Geschwistergespräche und verstummten bei dem für beide täglich neuen Schauspiel der Sonnenuntergangsgluten auf dem Eisgebirge. In keinem Sommer war ihnen der alltägliche Vorgang so übermächtig herrlich erschienen; und wenn nach dem Erlöschen der himmlischen Flammen die bleiche Welt plötzlich wieder in düsterem Purpurglanz geisterhaft auflohte, so ward die Natur zu einem Mysterium, gleich dem Herzen des Menschen: auch im Menschenherzen loderten erloschene Leidenschaft und tote Sehnsucht in wildem Brande plötzlich von neuem auf. Erst danach kam die Nacht, die sternenlose, sturmdurchbrauste Finsternis sein konnte ... Auch an dieses einsame Menschenpaar gewöhnten sich die Tiere der Alpenwildnis und schauten aus großen Augen auf die beiden, die geschwisterlich miteinander wandelten und deren Geschick sich noch nicht erfüllt hatte.   Als das längst Erwartete geschah, und Maira eines nebelfreien Mittags von ihrer hohen Warte aus auf dem Glanz des Gletschers eine dunkle Gestalt gewahrte, mußte die Ruhige und Starke um Fassung und Kraft ringen. Dann stieg sie herab ins Haus, nahm den Alpstecken und rief ins Atelier hinein: »Der Tag ist so schön. Ich habe Lust zu einer Gletscher-Wanderung.« Courtien fuhr fort zu malen. Also hatte sie ihre Stimme in Gewalt gehabt. Dadurch ermutigt, wagte sie die Aufforderung: »Willst du mich nicht begleiten?« »Nein, Liebe. Du siehst ja doch –« »Verzeih. Ich sehe, du bist wieder herrlich bei Stimmung.« »Herrlich!« »Also geh' ich.« »Sieh, was ich heute machte ... Wo steckst du nur?« »Ich bin hier.« Sie trat in die Tür ... Wenn er sich jetzt nach ihr umwandte, so mußte er es ihr ansehen; denn auf ihrem Gesicht mußte geschrieben stehen: ›Eine Frau kommt über den Gletscher. Sie kommt allein. Das ist sie! Denn sie will allein zu dir kommen. Und wenn sie kommt; wenn sie nur zu dir spricht, nur dich ansieht, so –‹ »Gefällt dir nicht, was ich heute machte? Mir scheint, es gehört zu meinem Besten.« »Ja, lieber Freund.« Ohne sich umzuwenden, malte er eifrig fort, sagte heiter: »Ein einfaches Ja von dir ist für mich eine lange Rede ... Habe eine gute Stunde.« »Ich will an dich denken.« »Als tätest du das nicht immer!« »Was du dir einbildest ... Ade!« Ganz heiter hatte sie sprechen können, obwohl sie kaum zu atmen vermochte. Ja – sie würde stark sein. Brauchte sie doch nur des Freundes zu gedenken. Sie wollte gehen. Ihr Blick fiel auf Gian Vitals Büchse. In dem feierlichen Schmuck des Edelweißkranzes hing sie dicht bei der Tür. Maira brauchte die Hand nur auszustrecken, die Waffe nur leise herunterzunehmen ... Das Gewehr war geladen: mit Gian Vitals letzter Kugel! Wollte sie einen Mord begehen, wenn – Sie konnte über dieses verhängnisvolle, dieses unheilbringende »Wenn« in diesem Augenblick nicht nachdenken. Gian Vitals letzte Kugel steckte in dem Lauf; und wenn – Das war ja Wahnsinn! ... In ihrem Wahnsinn streckte sie die Hand aus nach der Büchse, nahm sie leise herab ... Als sie plötzlich auch den Edelweißkranz in der Hand hielt, erschrak sie so heftig, daß ihr die Blumen fast entfallen wären: der weiße Kranz glich einer Totenkrone! ... Courtien merkte nicht, was hinter seinem Rücken vorging: Maira konnte die gefährliche Waffe wieder an ihren Platz hängen. Sie wollte es tun, hängte jedoch nur den blassen Kranz wieder auf. Mit Gian Vitals Büchse schlich sie hinaus. Maira stieg hinab, schritt der Emporsteigenden entgegen und gelangte zu den Wänden, darüber die Schneemassen niederhingen, die ein lauter Schall aus der Höhe herabreißen mußte. Sie blieb stehen, Gian Vitals geladenes Gewehr schußbereit. War sie hier auf Anstand? Lauerte sie hier auf ein Wild? Wollte sie hier einen Mord begehen? Der gräßliche Gedanke war ihr vorhin in einem Anfall von Sinnesstörung gekommen ... Sie ging weiter. Nur eine kleine Strecke, bis zu einer Felsenecke, unmittelbar hinter den gefährlichen, den todbringenden Wänden. An dieser Stelle wartete Maira auf die Gräfin. Hier wollte sie mit ihr reden – wie sie es Gian Vital versprochen hatte. Seine Büchse lehnte sie neben sich gegen das Gestein.   Nun standen die beiden Frauen einander gegenüber, und Maira sprach mit der Feindin: »Sie wollen hinauf?« »Zu Sivo Courtien.« »Sie werden nicht zu ihm gehen.« »Sie verwehren mir's?« »Ja.« »Also lauerten Sie mir auf?« »Ich sah Sie heraufsteigen, wußte, zu wem Sie wollen, und wartete auf Sie.« »Und Sie glauben mich aufhalten zu können?« »Ich glaube, daß Sie nicht zu Sivo Courtien gehen weiden.« »Hören Sie! ... Sie hören mich doch?« »Gewiß.« »Weshalb stellen Sie sich zwischen mich und den Mann, der ja wohl – nur Ihr Freund ist?« »Nur mein Freund ... Sie wollen wissen, weshalb ich Sie hindern werde, zu Sivo Courtien zu gehen?« »Weil Sie ihn lieben und weil Sie vor Eifersucht toll sind; weil Sie ihn mir nicht lassen wollen.« »Ja, Frau Gräfin.« »Sie geben zu, daß ich recht habe?« »Ich liebe Sivo Courtien und will Ihnen den Mann nicht lassen.« »Und das sagen Sie mir?« »Ich werde Ihnen noch mehr sagen.« Die Gräfin mußte sich besinnen. Träumte sie? In solchem Tone sprach dieses Mädchen mit ihr? Ohne eine Miene zu verziehen, ganz gelassen, fast gleichgültig, fast – verächtlich. »Weiß Sivo Courtien, daß Sie wagten, mir entgegenzugehen, um mich von ihm zurückzuhalten? ... Aber wenn er es wüßte, wäre er mir entgegengekommen: glücklich, glückselig! Also weiß er nichts von Ihrem Gange?« »Nichts.« »Er soll es erfahren. Alles! Und das in Ihrer Gegenwart. Sie werden dann selbst sehen.« Ohne eine Miene zu verziehen, erwiderte Maira: »Wenn es so käme – es kommt nicht so! – dann würde ich sehen, daß Sie meinen Freund von neuem unglücklich – unselig machen.« »Genug. Ich darf mich nicht länger aufhalten. Sie können mich begleiten und mir alles Weitere unterwegs sagen.« »Ich sage Ihnen hier, daß Sie zu Courtien nicht hinaufkommen werden.« Während Maira mit so ruhiger und leiser Stimme sprach, als stünden beide unmittelbar unter der Klippe, die den Tod zu ihnen hinabsenden konnte, kreisten ihre Gedanken wie im Fieber: ›Wenn du es vollbringen mußt, wenn sie dich dazu zwingt, so mußt du mit ihr sterben ... Unglückliche, du mußt leben bleiben! Jetzt mußt du noch! So lange noch, bis er sein Werk vollendet hat! Er bedarf deiner noch! Du weißt es ja doch! Also lebe, lebe! ... Dann muß sie allein sterben, wenn –‹ Die beiden Frauen gewahrten nicht den Späher, welcher der einen heimlich gefolgt war und sich in einiger Entfernung von der Stelle, wo Mairas Unterredung mit der vornehmen Dame stattfand, hinter einer Gletscherwoge verborgen hielt. Der Mann zitterte vor Erregung wie vom Fieber geschüttelt. Was würde geschehen? Welche von den Kämpferinnen würde siegen? Denn ein Kampf war es, von beiden Seiten unerbittlich geführt. »Bevor Sie weitergehen, hören Sie mich hier ein letztes Mal.« »Also ein letztes Mal! Seien Sie kurz.« Maira sagte der Gräfin, daß Courtien sein großes Werk niemals vollenden würde, wenn sie ihre Absicht ausführte; sie gestand der früheren Geliebten ihres Freundes, daß dieser von dem Wahnsinn seiner Leidenschaft noch immer nicht geheilt war und daß eine vollständige Genesung erst mit der Vollendung seines gigantischen Gemäldes erhofft werden konnte; sie beschwor die vornehme Frau im Namen alles Guten und Großen, im Namen des Genius des Mannes, den sie von neuem in ihre Kreise ziehen wollte, von ihm abzustehen. Sie bat und flehte; sie forderte und drohte; sie gebot: »Sie müssen ihn von sich frei bleiben lassen!« »Ich gehe zu ihm.« Maira rief mit erstickter Stimme: »Ein Seelenmord an einem großen Künstler begangen, ist ein Totschlag, fluchwürdiger als durch Gift oder Kugel. Begehen Sie den Mord nicht! Er würde an Ihnen als dreifacher Totschlag gerächt werden müssen.« »Ich gehe zu Sivo Courtien!« Hätte Mairas Fußfall, hätte ihre tiefste Demütigung die Gräfin von ihrem Vorhaben abhalten können, so wären Fußfall und Demütigung erfolgt. Aber sie erkannte: in der Seele dieser Frau war ein Dämon erwacht, der ihr gebot, auf ihrem Wege weiterzugehen.   Die Zurückgebliebene stand wie entgeistert. Einen Augenblick nur! Sie belebte sich, stürzte der Davonschreitenden nach. Einige Schritte nur! Sie kehrte zurück und faßte die Büchse. Die Gräfin ging weiter, stieg höher ... Wenige Schritte, und sie erreichte die Wand, darüber der Tod niederhing. Sie ahnte nicht die Gefahr. Und sie gedachte doch gerade diesen Augenblick jener schrecklichen Stunden, wie sie sich damals im Nebel verirrte, an den Rand eines Grabes gelangte und von Courtien gerettet ward: von dem Manne, an dessen Künstlerseele sie zum zweiten Male einen Totschlag begehen wollte – wie das vor eifersüchtiger Liebe rasend gewordene Mädchen ihr ins Gesicht gesagt hatte. Was geschah? Plötzlich sah der verborgene Späher die Zurückgebliebene mit erhobenem Gewehr. Er wollte aufschreien. Seine Stimme versagte jedoch vor Entsetzen; er wollte vorstürzen, fühlte sich jedoch wie gelähmt. Der Schuß fiel. Im nämlichen Augenblick in der Luft ein dumpfes Knarren und Knistern, Poltern und Prasseln, Sausen und Brausen, Dröhnen und Donnern. Die Lawine stürzte herab. 31 Bis zu ihrer letzten Stunde begriff Maira nicht, wie sie diesen Augenblick hatte überleben können. Die Felsen schienen zu beben, die Eisgefilde zu bersten. Ein Schneegewölk hüllte sie ein und drohte sie zu ersticken. Aber sie lebte – überlebte den Augenblick! Grauenvoll war auch, wie sie, als sie ihr Leben wieder empfand, plötzlich einen anderen Lebenden neben sich fühlte; als eine Menschenstimme zu ihr sprach – nicht die Stimme der Gräfin Oberndorff. Sie war nicht allein gewesen, da sie das Gräßliche vollbracht: ihre große, ihre ungeheuerliche Liebestat, die einem Morde gleichkam, hatte einen Zeugen gehabt. Der Mensch dicht neben ihr sprach zu ihr. Er sagte ihr flüsternd: er habe alles mit angesehen, könne alles bezeugen, werde alles beschwören. Er stammelte ihr sein Entsetzen und Grausen, seine Bewunderung und Entzücken; er gestand ihr seine Liebe, gelobte zu schweigen wie das Grab, das über der Verschütteten zu einem hohen Hügel eisigen Glanzes sich wölbte. Er flehte um Erhörung. Um Erhörung, wenn auch nicht jetzt; wenn auch nicht bald, so doch einmal! Einmal sicher, da sie in seiner Gewalt war; da er seinen Schwur nur zu brechen, nur zu sprechen und zu bezeugen brauchte – Von allem Furchtbaren der Stunde war dieses das Furchtbarste. Sie gab keine Antwort, blieb dem teuflischen Versucher gegenüber so stumm wie – jetzt die andere war. Gian Vitals Büchse, daraus die letzte Kugel abgeschossen worden, hielt sie krampfhaft umklammert: das Gewehr mußte wieder an seinen Platz gehängt werden, der Edelweißkranz, die Totenkrone, darüber. Tiefheimlich mußte es geschehen; denn in der Stunde, die seit dem heimlichen Fortnehmen der Waffe verflossen, war sie eine Verbrecherin, eine Mörderin geworden ... Jetzt mußte sie sich bewegen. Sie mußte schreiten, davongehen; mußte wieder auswärtssteigen: den nämlichen Weg, den sie vor kurzem gekommen war, um einer zu begegnen, der sie nie mehr begegnen konnte, und gäbe sie ihr Leben darum. Auf dem Rückweg mußte sie einen Hügel umgehen, der sich inzwischen unterhalb der Adlerwände gewölbt hatte: in der weißen Landschaft ein weißes, gewaltiges Grab. Die grelle Nachmittagssonne schien darauf. Es war ein Funkeln und Flimmern, ein Glühen und Glänzen, als bildeten die köstlichsten, zu einem Hügel aufgeschütteten Diamanten die Gruft der schönen Frau. Es würde sie sicher von Sinnen bringen; aber – sie mußte daran vorüber! Der Mensch ging mit ihr, dicht neben ihr; sprach beständig in sie hinein, flüsternd, wie raunend. Er schwur beständig von neuem, wie das Grab zu schweigen, wenn sie – Und sie hatte aus Gian Vitals Büchse die letzte Kugel verschossen! Sie antwortete nicht; sagte nicht nein und nicht ja ... Endlich ließ er von ihr ab, und endlich war sie allein. Sie brach zusammen. Aber dann raffte sie sich auf, umklammerte wieder das Gewehr, ging weiter, stieg höher ... Sie kam an, schlich zum Hause, schlich hinein, hängte das Gewehr an seinen Platz, darüber den weißen Kranz ... Courtien hatte Feierabend gemacht. Er befand sich in dem Alpgarten und beobachtete die aus den Tiefen aufsteigenden Schatten der Nacht. Noch lag auf den höchsten Gipfeln Tagesschein. Gerade als der letzte schwache Schimmer erlosch und Leichenfarbe die Gletscherwelt einhüllte, sah er Maira aus dem Hause treten, um ihn zu suchen. Er rief ihr zu: »Da bin ich! Wo bleibst du so lange? Ich fing schon an, mich zu sorgen.« »Um mich?« »Eine Lawine ging ab. Es gibt Föhn. Man merkt es an dem Dunst. Er steigt auf, gerade wie auf meinem Gemälde!« »Siehst du wohl! Lieber, o Lieber! Siehst du wohl!« »Ja, Maira – ich sehe die Nebel steigen!« Er sprach in mächtiger Ergriffenheit, mit einem Ausdruck im Blick, als habe er eine Vision: sein vollendetes Werk! Dann riß er sich kraftvoll wieder auf die Erde zurück: »Du warst auf dem Gletscher?« »Ich komme von dort.« »Dann mußt du's auch gehört haben.« »Was?« »Ein Schuß fiel.« »Wann?« »Als die Lawine abging ... Herrlich, daß du wieder zurückkamst!« »Wie könnte ich nicht zurückkommen?« »Unmöglich! Als du fort warst, und als ich anfing, mich um dich zu sorgen, mußte ich denken: wie es sein würde, kämst du nicht wieder zurück ... Es wird kalt, und du frierst.« »Wir wollen ins Haus.« »Wo du zu Hause bist!« Er wollte ihr die Hand geben; aber sie fror plötzlich so heftig, daß sie ihm vorauseilte in das Haus, das ihr Zuhause war.   Es konnte Courtien in seiner märchenhaften Einsamkeit verschwiegen bleiben, daß die Lawine, deren Donner er vernahm, ein Menschenleben begrub: die Frau, die sein unheilvolles Schicksal gewesen. Dieses Schweigen war aber nur für eine Weile zu erhalten: nur für die Dauer seiner Arbeit. Bis er diese beendet hatte, mußte daher von neuem über ihn gewacht werden. Der Lehrer von Maloja war Zeuge des Unglücksfalles gewesen, der einzige Zeuge! Er wollte die Gräfin in der Fornohütte aufsuchen, erfuhr von ihren Leuten, sie habe an dem herrlichen Tage eine Gletscherwanderung unternommen, allein ohne Führer, und wurde besorgt. Obgleich bei dem durchaus sicheren Wetter jede Gefahr ausgeschlossen war, eilte er der Bergsteigerin nach. Plötzlich – so erzählte er – sah er dicht vor sich eine Schneemasse wie schwebend in der Luft, wie durch einen Zauber über einer jäh abstürzenden Wand, unmittelbar über dem Gletscher gefesselt, und erblickte im nämlichen Augenblick die Gräfin – unmittelbar unter dem in den Lüften hängenden Verderben. Vor seinen Augen geschah es ... Ein wahres Wunder, daß er mit dem Opfer der Berge nicht zusammen begraben wurde. Es betäubte ihn nur. Als er sein Bewußtsein wiedererlangte und das Entsetzliche begriff, eilte er halb sinnlos zurück, um das Furchtbare in der Fornohütte zu melden und aus Maloja Hilfe zu holen – obgleich jede Hilfe unmöglich. Man vermochte nicht einmal den Leichnam zu bergen, mußte den nächsten Sommer abwarten – wahrscheinlich sogar den nächsten Herbst, wenn das ungeheure Schneegrab mehr in sich zusammengesunken, die erzharte Eiskuppel über der Gruft einigermaßen abgeschmolzen war. Bis dahin mußte die Gräfin Oberndorff in ihrer Katakombe ruhen. Ein Königsgrab unter dem Gipfel des Monte Sissone, inmitten des Eismeers und ewiger majestätischer Einsamkeit ... Der junge Servaz – er war an dem Unglückstage auf einem Botengange in Maloja gewesen – brachte die Nachricht herauf. Er teilte sie in aller Heimlichkeit Maira mit – so hatte ihm Gian Vital befohlen. Des weiteren ließ Gian Vital seiner Freundin über den Wolken – über den Menschen – mit seinem Gruße melden: die Nerina gehe ihrer schweren Stunde entgegen. Maira möge freundlich der Nerina gedenken; denn das Gedenken einer Guten und Reinen werde der Nerina mehr helfen als eine Fürbitte des Pfarrers Briccius Ladien. Maira begab sich in ihre Kammer und rang in wildem Jammer die Hände: ›Das Gedenken einer Guten und Reinen.‹ Noch eine andere Sache hatte Gian Vital dem Knaben aufgetragen: »Hier hast du eine Kugel! Oben hängt meine Büchse. Die nimmst du herunter, daß weder er noch sie es sehen, und ladest die Büchse mit dieser Kugel! ... Man kann nicht wissen dort oben in der Einsamkeit – Aber besser: die beiden merken es nicht. Wenn du nur Bescheid weißt. Du weißt doch mit einer Büchse Bescheid?« Da warf sich der junge Servaz in die Brust: »Ich will einmal auch Bären jagen!«   Der tragische Tod der schönen Gräfin Oberndorff auf dem Fornogletscher erregte ungeheures Aufsehen. Das ganze Grand Hotel Maloja unternahm Ausflüge nach der Unglücksstätte. Von Sankt Moritz und aus Pontresina kamen große Welt und nicht große Welt. Und es kam die große halbe Welt. Man umstand den Unheilsort, fühlte sich bewegt, legte Kränze nieder, streute Blumen. Die Zeitungen brachten Artikel und Abbildungen; das Gemälde John Lavarys wurde veröffentlicht ... Der Gründer des Grand Hotel Maloja, jener Graf aus Belgien, erteilte Auftrag zu einem prunkenden Denkmal. Es sollte aus rosenfarbenem Granit vom Monte della Disgrazia gemeißelt werden, als Grabschrift einen Bibelspruch tragen und unter dem Namen der Toten die feierlichen Worte: »Ruhe in Frieden!« 32 Als Dionisio Fidora von Maira ablassen mußte, erwachten in seiner Seele alle bösen Gewalten. Begierde kämpfte mit Haß, Bewunderung mit Entsetzen. Und zu diesem Chaos wilder Empfindungen als letztes der eiserne Entschluß: ›Sie muß dein werden!‹ Der satanische Jubel: ›Sie wird dein! Nicht jetzt, wahrscheinlich nicht bald, einmal jedoch sicher. Du brauchst nur zu warten, mußt nur Geduld haben.‹ Aus Liebe zu diesem Sivo Courtien zur Mörderin zu werden ... Wo auf Erden war das Weib, das dessen fähig gewesen wäre? Und nicht aus Eifersucht beging sie das Gräßliche, sondern aus einer Empfindung heraus, wie solche nur Fanatikerinnen, nur Märtyrerinnen beseelen konnte. Denn es war etwas anderes, etwas Höheres als irdische Liebe der Frau zum Mann. Diese schreckliche, diese herrliche Verkünderin höchster und zugleich reinster Frauenliebe sich zu eigen machen, wäre wert gewesen, selbst deswegen zum Mörder zu werden ... Wie sie aussah, nachdem sie die Tat vollbracht! Das Antlitz der sterbenden Meduse konnte nicht von entsetzlicherer Schönheit gewesen sein. Groß wie Judith stand sie vor ihm. Er sprach zu ihr, und sie hatte für ihn weder Wort noch Blick. Er raunte ihr zu, was jenseits von Gut und Böse war, und sie ließ das Unmenschliche sich zuflüstern. Die Mordwaffe wie das heilige Symbol ihrer Liebe vor sich hertragend, schritt sie von ihm fort, unbekümmert, ob er ihr folgte oder zurückblieb. Er folgte ihr, blieb ihr zur Seite, blieb dicht neben ihr, dicht neben ihr raunend und flüsternd: »Einmal wirst du doch mein!« Ohne Wort und Blick für ihn schritt sie weiter, vorüber an der Gruft der Verschütteten, deren Tod ihm Gewalt über sie gab. Sie erbebte nicht, schaute nicht auf, schritt vorwärts, stieg aufwärts, unaufhaltsam den Weg, den sie gekommen war, um zu vollbringen, was sie vollbracht hatte. Und er beständig dicht neben ihr, beständig ihr zuraunend. Dann mußte er aber doch von ihr ablassen wie der Versucher von einer Seele, darüber ein Cherub wacht ... Nun war er allein in dieser Welt des Schreckens, in der die Vernichtung in den Lüften, über dem Haupte des Lebenden schwebte. Grausen trieb ihn über das weite, weiße Totenfeld. Und es hetzten ihn seine Gedanken ... Fühlte er Mitleid mit dem Opfer von dieses Mädchens fanatischer Liebe? ... Die unter eitel Glanz Begrabene war gegen ihn gütig gewesen, wie zuvor niemals ein Mensch Und sie war eine vornehme Frau, eine große Dame, unnahbar für jeden, außer für den einen, den sie zuerst geliebt und zuletzt gehaßt hatte; durch den sie sich zuerst hoch erhoben fühlte und um dessentwillen sie in ein Grab gestürzt wurde. Der junge Mensch beobachtete sich selbst. Es reizte ihn, sich zu erforschen, als sei er ein fremder Gegenstand, dessen Eigenschaften er ergründen wollte wie der Gelehrte die seines Objekts. Fühlte er Mitleid? ... Nein! Nicht ein Zucken von Mitgefühl für die so grauenvoll aus dem Leben Geschiedene, die ihm Güte erwiesen. Alle Empfindung, deren er fähig war, gehörte dem Mädchen, das ihn nicht eines Wortes, nicht eines Blickes gewürdigt, obgleich es in seiner Gewalt war und wußte: ›Er wird seine Gewalt über dich ausnützen bis zum letzten, äußersten. Und er ist ebenso ohne jedes Erbarmen mit dir, wie du es mit – jener gewesen.‹ Weiter prüfte sich Dionisio Fidora auf diesem Gespenstergang über den Gletscher ... Empfand er auch keine Dankbarkeit gegen die Tote? Sie hatte für ihn – erst kürzlich war es geschehen – in einem Schweizer Bankhause eine Summe deponiert, die für den armen Volksschullehrer ein Vermögen ausmachte. Mit dem Gelde sollte er seine Ausbildung zum Bühnensänger bestreiten. Im Herbst sollte er von Maloja fortgehen: nach Mailand, um ein Schüler von Italiens erstem Gesangslehrer zu werden. Das Geld der Toten sollte ihm die erste Stufe bauen zu der Ruhmesleiter, die er ersteigen wollte und würde. Denn nicht allein Sivo Courtien hatte einen gewaltigen Willen ... Ein gewaltiger Willen, den ein Frauenmund dem Manne aus der Seele küßte! Der armselige Volksschullehrer hohnlachte über des berühmten Künstlers Willensgewalt. Die seine sollte nichts brechen. Selbst Maira à Maras heroische Hilflosigkeit nicht. Die Gräfin Oberndorff war tot; ihr Geld verhalf ihm zu einem Leben, das ein einziger Rausch sein würde, ein Künstlerrausch! Denn sein Leben würde Ruhm sein, Ruhm und Frauenliebe! In diesen beiden höchsten Gütern des Mannes würde er schwelgen. Ruhm! Den seinen wollte er hinnehmen, wie er die Krone aus blauen Blumen hinnahm: als etwas ihm Gebührendes. Genau so selbstverständlich sollte der Lorbeer sein Haupt kränzen: dieses leuchtende Jünglingshaupt, das geschaffen war, Kränze zu tragen. Die symbolischen Worte hatte zu ihm die Tote gesprochen. Nun wohl – ihre Worte erfüllten sich! Sie erfüllten sich durch die Tote ... Frauenliebe! Auch sie würde Dionisio Fidora nehmen, wie man eben nimmt, was geboten wird; und was man ebensogut verschmähen oder wieder wegwerfen kann. Alle Frauenliebe, die er nehmen und wieder wegwerfen würde, war für ihn des Wegwerfens wert im Vergleich zu dem, was er von Maira empfing: nicht jetzt; auch noch nicht bald; aber doch einmal. Seine größten Zukunftssiege sollten ihm nichts bedeuten gegen den Triumph über das Mädchen, das eine Mörderin war. Aber das Geld der Gräfin Oberndorff! Er würde es nehmen und mit dem Gelde der Toten sein neues Leben beginnen ... Nein! Er bedurfte nicht dieses Geldes, er verschmähte es. Nicht nur Sivo Courtien sollte den Glauben an sich selbst haben können – der Glaube an sich selbst, an seine große Begabung zum Sänger, dieser Talisman war auch Dionisio Fidora zuteil geworden – auf dem öden Maloja, wo Sivo Courtien den seinen verloren. Das sollte dem Sohne notleidender Seidenweber aus dem Bergell nicht geschehen! Sivo Courtien, der einem Alpenkönig glich, sollte auch hierin von dem Jüngling besiegt werden, den die Götter mit einer fast frauenhaft zarten Anmut begabten. Wer von beiden war wohl der Stärkere? Das Geld der Gräfin Oberndorff, für die Dionisio Fidora weder Mitleid noch Dankbarkeit fühlte, stolz verschmähend, glaubte er sich schon jetzt die Krone des Lebens aufzusetzen, die zu erringen er der Toten in kindischem Größenwahn vor der Tür der Malojakirche verheißen hatte.   Zum Gemeindevorsteher kam Dionisio Fidora: »Ich zeige dem Vorsteher meinen Austritt an.« Obgleich die Kinder von Maloja den jungen Lehrer liebten und ihm anhingen, nahm der Vorsteher die Meldung mit großer Gelassenheit auf. Als die Lehrerin, die von den Kindern gescheut wurde, bei der die Kinder schlecht lernten, ihren Austritt anzeigte, hatte die Sache den sonst so bedächtigen Mann fast erregt. Dem allgemein beliebten Lehrer antwortete er mit der kurzen Frage: »Sie wollen gewiß gleich fort?« »Gleich. Ich erlebte hier Schreckliches, und die Kinder haben immer noch Ferien.« »Wenn sie das auch nicht hätten – bei uns kommt es nicht so sehr darauf an. Sie können also gleich austreten.« »Danke.« »Unnötig.« »Ich denke wiederzukommen.« Den Ausspruch überhörend, erkundigte sich der Vorsteher so gleichgültig, als fragte er nach dem Wetter: »Sie gehen nach Mailand?« Dionisio Fidora, durch die sichtliche Nichtachtung des Mannes gereizt, sagte mit erhobener Stimme: »Da ich denke wiederzukommen, möchte ich hier ein gutes Andenken zurücklassen.« »Weshalb?« »Und auch sonst. Selbstverständlich auch sonst.« »Der Herr Pfarrer hält große Stücke auf Sie.« Der Gekränkte rief aus: »Sie werden bald in einem anderen Ton mit mir reden!« »Ist mein Ton dem Herrn nicht recht?« »Er ist beleidigend!« »Wie der Herr es eben aufnimmt.« »Hören Sie also! ... Die auf dem Fornogletscher verunglückte Gräfin Oberndorff hinterließ mir eine ziemlich bedeutende Summe Geldes.« »Ich wünsche dem Herrn Glück.« »Dieses mir hinterlassene Geld will ich nicht annehmen.« »Nicht?« »Ich will das Geld der Gemeinde von Maloja übergeben ... Der Gemeindevorsteher scheint darüber wenig erfreut zu sein.« »Die Gemeinde wird es gewiß sein!« »Und Sie? Es ist ein ganzes Vermögen!« »Ich bin nicht die Gemeinde ... Wie wünscht der Herr soll die Gemeinde über das viele Geld verfügen?« »Eine Schule soll davon gebaut werden.« »Eine Schule ... Für die Gemeinde ist es eine große Sache.« »Ich will's meinen! ... Wird das Geld zu dem von mir bestimmten Zweck angenommen oder nicht?« »Ich habe kein Recht, das Geld nicht anzunehmen.« »Sonst würde der Vorsteher es ablehnen?« »Auf den kommt's nicht an ... Der Herr wünscht gewiß, daß die Gründung seinen Namen tragen soll?« »Einen ganz anderen Namen.« »Welchen wünscht der Herr?« »Den Namen der Gründerin der ersten Malojaschule.« »Also?« »Die Maira-Schule ... Was meint der Herr Vorsteher dazu?« »Ist der Name eine Bedingung des Gebers?« »Ja.« »Der Vorsteher, der kein Herr ist, sondern ein Malojabauer, meint: die Gründerin der ersten Schule auf Maloja müsse zuerst gefragt werden, ob sie genehmigt, daß die Stiftung des Herrn ihren Namen erhält.« »Und wenn sie nicht ›genehmigt‹?« »Müßte die Gemeinde bedauern, die Schenkung des Herrn nicht annehmen zu können!« »Ich verstehe. Aber –« »Was soll alsdann mit dem vielen Gelde des Herrn geschehen?« »Ich will mir's überlegen.« »Wohin darf ich dem Herrn eine Mitteilung zukommen lassen?« »Nach Mailand.« Er gab dem Vorsteher seine Adresse. »Gute Reise, Herr ... Der Herr wird das viele Geld in Mailand gewiß für sich selbst brauchen.« »Möglich.« Ohne Gruß entfernte sich der Abgewiesene.   Ganz anders gestaltete sich für Dionisio Fidora sein Abschied von Maloja im Grand Hotel. Die Kunde von dem edlen Verzicht des Lehrers auf das Geld der Verstorbenen – es war zu einer Hinterlassenschaft geworden – drang bis in die große, glanzvolle Fremdenherberge am Seegestade und erregte dort Bewunderung, die sich durch die hübsche Person des Verzichtenden bei den Damen zu Begeisterung steigerte. Um sich von dem beklemmenden Eindruck des tragischen Todes der schönen Gräfin zu erholen, inszenierte die Hofgesellschaft – das Wetter war föhnig und daher sommerlich warm – am Seeufer ein Vollmondfest, zu dem bis nach Sankt Moritz und Pontresina Einladungen ergingen. Eine Einladung erhielt auch der scheidende Lautenspieler und Sänger. Ja, er durfte sich gewissermaßen als Ehrengast betrachten. Ungebeten brachte er seine Mandoline mit, um auf Maloja ein letztes Mal Tosti und italienische Volkslieder zu singen, bevor er auszog, um dort draußen, in der weiten, weiten Welt ein aufgehender Bühnenstern zu werden. Als wäre er als neues Gestirn am Himmel der Kunst schon aufgestrahlt, wurde Dionisio Fidora bei diesem eleganten Nachtfest gefeiert. Am Seeufer waren Teppiche ausgebreitet und Zelte aufgestellt. Ein kaltes Büfett war errichtet. Vornehme Frauen boten Erfrischungen und verteilten Blumen. Am Gestade tanzten Elfen. Über den See kam die »Engiadina« im Gefolge der Geister des Engadin nach Maloja gezogen. Ein Feuerwerk wurde abgebrannt, und obgleich Mondschein war, erstrahlte auf dem See und am Ufer ein grüner und blauer, ein rubinroter Lichtzauber. Vom Monte della Disgrazia kam das Gletscherweib niedergestiegen. Über das schleppende, schimmernde Gewand der schönen Frau ergoß sich die Flut ihres Haares, das ein Kranz aus Edelweiß durchleuchtete. Sie lockte und lächelte, wurde frenetisch beklatscht und bejubelt, und – überreichte dem scheidenden Dionisio Fidora ein goldenes Zigarrenetui, darauf die Initialen der vornehmen Spenderinnen in Juwelen geschrieben waren. Der beglückte Sänger übertraf sich an diesem Abend selbst. Besonders effektvoll gelang ihm das »reizend« gefundene »Vorrei morir« . Die Damen umringten Dionisio Fidora nach seinem Gesange: »Wenn die arme Gräfin Sie heute abend gehört hätte!« »Ich denke beständig an sie!« »Morgen früh verlassen Sie uns wirklich?« »Ich komme wieder.« »Wann?« »Das kann ich nicht sagen.« »Jedenfalls wird man bald von Ihnen hören.« »Sie sind sehr gütig.« »Fahren Sie mit der Chiavennapost?« »Zu Fuß als armer Wanderer kam ich; zu Fuß als armer Wanderer zieh' ich fort.« Bald darauf ein anderes Gespräch: »Was werden die Kinder von Maloja ohne ihren geliebten Lehrer beginnen?« »Es sind – Kinder.« »Wir hörten, die Schule wolle Ihnen morgen das Geleit geben. Sämtliche Knaben und Mädchen! Auch die Jüngsten. Es ist wie in einer Ballade.« »Sie bleibt ungedichtet.« »Weshalb?« »Der Gemeindevorsteher verbot es den Kindern.« »Der Mann soll ein Bauer sein.« »Eben ein Mann von Maloja. Dafür geleitet mich der Pfarrer ein Stück Wegs.« Und Dionisio mußte lächeln über die große Komödie des Lebens. – Zu dem einsamen Hause am Crap da Chüern stiegen die Raketen, glänzte der bunte Lichtschein herüber. Und herüber klangen Saitenspiel und der Gesang einer Männerstimme von bestrickendem Wohllaut: »Vorrei morir« . Die Nerina wollte sterben – so schwer waren ihre Wehen. Gian Vital war bei ihr, schaute sie aus toten Augen an und beschwor die Frau, die sterben wollte: ihm bei seiner alten, gewaltigen Liebe zu ihr des Schurken Namen zu sagen. Die Frau aber schwieg ... Und immer noch festlicher Lichtschein; immer noch Klang und Gesang vom anderen Seeufer herüber: »Vorrei morir ...« Der Sänger mußte das »reizende« Lied da capo singen. In Gian Vitals schwerem Leben war es seine schwerste Stunde. Denn wenn die Nerina gestorben wäre, ohne jenen Namen zu nennen, so hätte er dem Leben geflucht. Die Nerina gebar in dieser Nacht unter Qualen einen Knaben, der den Namen seines Vaters nicht tragen sollte. Die Mutter blieb leben. Also würde Gian Vital den Namen doch erfahren! 33 Winter auf Maloja! Eingeschneit, in Schnee begraben, die beiden in dem hohen Hause über dem Fornogletscher, angesichts des Monte Sissone und des Monte della Disgrazia ... In der arktischen Welt konnten kühne Nordpolfahrer ein ähnliches Winterquartier haben. Nur daß ihnen arktische Winternacht dunkelte, während auf Sivo Courtiens Haus die himmlische Sonne herabschien, über all das Winterleuchten ein Glanzmeer sich wälzte. Der junge Servaz hatte sich mit begraben lassen und erwies sich mehr und mehr als nützlicher, dienstbarer Geist. In dem ungeheuren Schweigen erscholl seine helle Stimme wie eine Stimme des Lebens selbst. Keine Schauer und Schrecken dieses Malerateliers ohnegleichen konnten seine Heiterkeit trüben. Im Morgengrauen begann er bereits sein Tagewerk, das hauptsächlich darin bestand, das Haus von den hohen Schneemauern freizulegen; und jede müßige Stunde benutzte er zu kecken Weidmannsunternehmungen: auf seinen Schneeschuhen stellte er dem um diese Jahreszeit jagdbaren Wild nach: den Schneehühnern und Schneehasen, so daß Mairas Küche stets mit Braten versehen war. Dann verwandelte sich der junge Alpennimrod zum gewandten Küchenjungen, der häufig auch den geschickten Koch machte. Die in dieser Gipfelregion Überwinternden hatten es im Hanse nicht nur hell, sondern behaglich warm. Auch dafür hatte Servaz gesorgt, den guten Rat des getreuen Gian Vital eifrig befolgend. Während des ganzen Sommers hatte er auf seinem Rücken aus der Tiefe das Material, das den Menschen die heitere Flamme spendete, zur Höhe geschleppt: eine ganze Latschenwaldung war seinem unersättlichen Beile gefallen! Sie ward oben zerstückt und kunstgerecht rings um das Haus hoch aufgeschichtet, daß es die Wände mit einer, Sturm und Kälte abwehrenden, dichten Hülle umschloß. Für genügende Vorräte an Speck und Geräuchertem, an Mais und Mehl, Salz und Schmalz war Gian Vital bedacht gewesen. Es fehlte sogar nicht an allerlei Leckerbissen für Sonn- und Festtage, in langen Reihen schimmernder Blechdosen bewahrt. Als Trank diente kondensierte Milch, in Eiswasser gelöst. Hunger und Durst hatten die von aller Menschheit Abgesperrten daher nicht zu befürchten. Der Winter in dieser Höhe war noch um vieles erhabener als auf dem hohen Maloja; und selbst Sivo Courtien hatte sein Engadin niemals von solcher Majestät umkleidet gesehen. Die Landschaft gab ihm durchaus neue, mächtige Eindrücke, also ganz neue bedeutende Wirkungen für seine Kunst und sein Bild. Daß er dieses infolgedessen in einigen Teilen wieder umarbeiten mußte, bereitete ihm jetzt reines Glück; denn seine Arbeitskraft besaß nicht nur Dauer, sondern wuchs von Tag zu Tag. Es war ein freudiges, ein seliges Schaffen! Augenblicke kamen von einer stillen Heiterkeit, wie er sie selbst in seinen besten Zeiten nicht gekannt; und die Augenblicke dehnten sich bisweilen zu Stunden. Das geschah hauptsächlich an den langen Abenden, die für die Eingeschneiten anfangs doch etwas Gespenstisches hatten. Nachdem sie in der warmen Küche gespeist, zündete Servaz im Atelier nochmals den Ofen an und begab sich auf seine Lagerstatt. Dann waren die beiden allein. Im Ofen flammte und knisterte das harzige Kienholz, die Lampe brannte, durch das mächtige Fenster strahlte der gestirnte Himmel, leuchtete die weiße Gipfelwelt, von der Courtiens Riesenbild ein Teil zu sein schien: Natur von dieser Natur! An dem Tisch aus rötlichem Arvenholz saß Maira. Der Lichtschein fiel auf ihr Gesicht, das sich von dem dunklen Kleide seltsam blaß abhob, verklärt vom Flammenschein und einem Leuchten der Seele. Dieses schöne, stille Gesicht zeigte jetzt immer einen Ausdruck, wie solchen Abgeschiedene zu haben pflegen, die im Leben ein schweres, heimliches Leiden getragen, daran sie gestorben sind. Aber gestorben als Menschen, die das Leben überwunden hatten; gestorben als Erlöste, als Sieger. Das lichte Frauenantlitz betrachtend, fühlte sich Courtien durch den Anblick stets an jene Maira erinnert, die er auf seinem »Totenvolk von Maloja« als Braut aus dem Grabe auferstehen ließ, damit sie in der Geisterstunde mit ihrem gestorbenen Geliebten vermählt wurde. Maira hatte ihre Bücher mit heraufgebracht. Sie las dem Freunde vor: Homer und Goethe und Gottfried Kellers »Grünen Heinrich«. Courtien saß und hörte zu, bald sein Gemälde, bald Maira betrachtend. Es tat ihm wundersam wohl, auf ihre ruhige Stimme zu lauschen. Wie anders wirkte sie auf ihn als jener umstrickende Wohllaut! Etwas alles Unheil Beschwörendes lag in Mairas Stimme; etwas, das böse Gewalten vertrieb, Zauber löste und von Banden befreite. Wenn ihre Stimme in der Sprache jener großen Dichter zu ihm redete, hielt seine Seele Kirchgang ... Aber wie still sie jetzt immer war! Oft von einer Feierlichkeit, als nähme ihr Geist Abschied von der Erde, Abschied von ihm. Maira von ihm sich trennen – Ein jähes Weh durchzuckte ihn bei der Vorstellung, als ob Mairas Trennung von ihm das Scheiden seines besten Lebens bedeute. War diese Schmerzempfindung etwa das Anzeichen beginnender Heilung von dem seelischen Todübel, daran er im geheimen immer noch krankte, davon alle Pflege des getreuen Mannes bei seiner schweren Erkrankung ihn nicht hatte befreien können? Sollte er erst jetzt, erst durch Maira seine völlige Genesung finden? War es möglich, daß des Menschen Leben so voller Wunder sein konnte? In den Abendstunden, wo Maira nicht vorlas, pflegte sie irgendeine Handarbeit zu verrichten. Dann ging er durch den großen Raum auf und ab und sprach zu ihr; dann hörte sie ihm zu. Und auch das war wundersam: wie Sivo Courtien zu Maira sprechen konnte! Wie er niemals zu der anderen hatte sprechen können. Nicht einmal zu sich selbst. Mairas stille Gegenwart machte ihn beredt! Nur durch ihr aufmerksames Zuhören bewirkte sie dieses Aufschließen und Emporströmen seines innersten, höchsten Wesens. Sie saß vor ihm, richtete ihr dunkles, schwermütiges Auge auf ihn; und er hatte nie zuvor gedachte Gedanken: große Gedanken über Kunst und Leben, über Menschheit und Gottheit. Seines Genius Schwingen regten sich in der Nähe der Ernsten und Bleichen, breiteten sich mächtig aus, trugen seinen Geist zur Sonne empor, die Freundin mit sich hinanführend. In solchen Augenblicken konnte sie zu ihm aufschauen mit einem Ausdruck, einem Blick, dafür es keine Worte gab. Es war der Ausdruck einer Beseligten, der Blick einer in Verzückung Scheidenden. Einer Sterbenden Blick war's. Aber – ihr tat das Sterben nicht weh.   Wieder kam Weihnacht. Dieses Mal feierten Courtien und Maira das schönste und heiligste der christlichen Feste. Sie begingen es zusammen, das einsame Menschenpaar, für das in den Kirchen aller christlichen Länder die Weihnachtsglocken erklangen: »Friede auf Erden!« Sogar einen Weihnachtsbaum und eine Weihnachtsbescherung hatten sie. Der junge Servaz brachte es fertig, zu Tal zu fahren. Mit einem Fichtenbäumlein, mit bunten Kerzen und allerlei schimmerndem Ausputz kam er zurück. Und mit Grüßen von Gian Vital! Der Sohn, den ihm die Nerina geboren, gedieh prächtig; und die Nerina hatte für Courtien eine Kappe aus Bärenfell, für Maira einen Kragen aus dem Pelz des nämlichen Tieres verfertigt. Es stammte von Gian Vitals eigenhändig gewürgter Bärin ... Der Weihnachtsbaumbringer erhielt seine erste Pfeife; dazu den Stoff, der sie füllte und der sie erst zu einem köstlichen Eigentum machte. Pfeife und Tabak schufen aus dem Knaben Servaz über Weihnacht einen Mann. Jetzt hätte der Winter dort oben bis übers Jahr dauern können! Unter dem brennenden Baume wurde der Weihnachtsbraten verzehrt: ein dampfender Schinken! Courtien braute Glühwein als Festtrunk, und Maira überraschte die Männer mit selbstgebackenem Weihnachtskuchen. Es ging bei den dreien fast lustig zu. Ja – und unter dem brennenden Baume sprach Sivo Courtien zum ersten Male von der Zukunft: von seiner Zukunft als Künstler und Mensch; von seiner Zukunft zusammen mit Maira. Wie blaß sie war! Aber so leuchtend, so verklärt ... In der Christnacht war Vollmond. Da gingen die beiden um die Mitternachtsstunde hinaus. Sie schnallten sich die Schneeschuhe an, faßten sich bei der Hand und flogen Hand in Hand durch den Glanz: Glanz über, Glanz unter sich. Sie flogen über Schründe und Abgründe, über Vernichtung und Tod; sie fühlten sich wie von Schwingen getragen, fühlten sich emporgehoben, zu strahlenden Gipfeln ausschweben: zwei ewig Vereinte. 34 Sivo Courtien hatte den tragischen Tod der Gräfin Oberndorff erfahren und war stark geblieben, an Leib und Seele gesund. Eines Tages kam ihm ein gräßlicher Gedanke. Einen Augenblick zuvor, ehe jene mörderische Lawine von den Adlerwänden sich löste, fiel ein Schuß ... Was Courtien dachte, war Wahnsinn! Trotzdem stürzte er zur Wand, wo Gian Vitals Büchse hing, riß sie herab und untersuchte sie – Die Büchse war mit Gian Vitals letzter Kugel geladen ... Nächsten Tags sollte an seinem vollendeten Gemälde das Letzte geschehen: es sollte aus seiner hohen Welt herabgeschafft werden in die Tiefe und – der Welt übergeben werden. Zum letzten Male sahen Sivo und Maira das Bild in der Natur, davon es ein Teil zu sein schien. Da tat Maira eine seltsame Frage: »Weshalb ist die einsame Gestalt, darüber die Nebelflut zusammenschlägt, ein Mann?« »Weshalb? ... Ich verstehe dich nicht.« »Könnte es nicht auch eine Frau sein, an der sich dort oben ein Schicksal erfüllt?« »Aber Maira!« »Mir kam plötzlich der Gedanke.« »Wie sollte eine Frau in diese Welt gelangen können?« »Gelangte doch ich hinauf.« »Zusammen mit mir!« »Das ist wahr.« Sie nahmen von dem Bilde Abschied ... In der edlen Stadt Zürich wurde Sivo Courtiens Gemälde »Alpentragödie« in einem eigens dafür errichteten Gebäude aufgestellt. Die ganze Schweiz, alle fremden Nationen, die sie sommers über bevölkerten, strömten herbei, das Riesenwerk zu schauen. Der Name Sivo Courtien wurde in einem Atem genannt mit dem ehrfurchtgebietenden Namen Arnold Böcklin. Denn Arnold Böcklin hatte den genialen Schöpfer der »Alpentragödie« entdeckt. Aus seinem von dem schönsten Baume des Südens umleuchteten Hause, hoch über der Blumenstadt Florenz, kam der große Meister herbei, um das Werk des Jüngeren zu schauen. Das war für Sivo Courtien eine große Stunde! Denn Arnold Böcklin bewunderte sein Bild, das der Kanton ankaufen wollte. Aber Sivo Courtiens Lebenswerk sollte seiner Heimat verbleiben.   Sivo Courtien befand sich in Zürich, und bewohnte mit der Familie Gian Vital und dem jungen Servaz das Haus am Crap da Chüern. Denn dorthin gehörte sie fortan. Fern von dem Freunde erlebte sie mit ihm dessen Erfolg, der ein Sieg war: der Triumph einer bis dahin ungekannten Kunst der Malerei – einer neuen Kunst. Und diese war zugleich eine große Kunst. Da erhielt sie aus Zürich von Sivo Courtien einen Brief, dessen Inhalt sie im voraus wußte. Sie ließ das Schreiben uneröffnet und begab sich damit hinaus. Am Cavalocciosee, über dessen regungsloser schwarzer Flut die Sonnenlichter des scheidenden Tages wie niedergesunkene Gestirne hintanzten, las sie den Brief. Sivo Courtien begehrte Maira à Mara zum Weibe ... Wenige Tage darauf traf an sie ein anderes Schreiben ein. Es kam aus Mailand, die Adresse von zarter, fast weiblich zierlicher Handschrift. Maira kannte die Schrift und wußte den Inhalt auch dieses Briefes, den sie ungelesen in die reinigende Flamme des Herdfeuers warf. Jetzt war's für sie Zeit.   Noch am Abend des nämlichen Tages sagte sie zu Gian Vital: »Morgen früh will ich hinauf.« »Ins Gletscherhaus?« »Ich habe oben zu tun.« »Es ist spät im Jahr. Wir bekommen Nebel und Sturm.« »Ich nehme den Servaz mit.« »Wann kommst du wieder?« »Einen Tag möchte ich oben bleiben.« »Wenn du den Servaz mitnimmst, bin ich ruhig.« »Du kannst ganz ruhig sein.« »Grüße von mir meine Büchse. Es waren doch schöne Zeiten.« »Das waren sie ... Ich will dir den Edelweißkranz mitbringen. Er hängt noch immer um deine alte Waffe.« »Der ist längst verwelkt.« »Das tut nichts.« In der Nacht stand sie auf. Sie stieg hinab zum See und badete ihren jungfräulichen Leib in der kristallklaren Flut, kleidete sich sorgfältig an und legte sich Sivo Courtiens Werbebrief auf ihr auch jetzt ruhig schlagendes Herz. Sie weckte im Hause niemand – auch nicht den jungen Servaz. Noch herrschte geheimnisvolles Dunkel. Über dem See lagerte eine dichte Nebelschicht. Nebel umhüllten die Gipfel; Nebel Himmel und Erde. Es war wie eine Nebellandschaft Sivo Courtiens ... Maira schlug den gewohnten Weg ein: vom Crap da Chüern die Landstraße längs des Seeufers hin, auf der sie der Gräfin Oberndorff zum ersten Male begegnet war; vorüber am Grand Hotel, das wegen Bankerotts seines gräflichen Gründers geschlossen war; vorüber an den Hütten von Cresta der Kirche und dem Friedhofe zu. Sie hielt sich nicht auf. Wenn Gran Vital entdeckte, daß sie ohne den jungen Servaz gegangen war, bei dem dichten Herbstnebel, würde er ihr den Buben nachsenden, um sie zurückzuholen. Oder – Oder wußte Gian Vital vielleicht, weshalb sie gegangen war – weshalb sie gehen mußte! Bei dem Nebel mutterseelenallein ... Weiter ging Maira. Zur wilden Orlenga kam sie, die der Tochter Malojas den letzten Heimatsgruß rauschte. Sie ging weiter und weiter. Wind erhob sich. Er fuhr durch das Nebelmeer, machte es wallen und wogen, trieb es hin und her, auf und ab. Es war Sivo Courtiens wallende, wogende Nebelflut! Plötzlich sah es Maira auf sich zuziehen: ein seltsam fahler, leichenhafter Dunststreif in Gestalt einer Frau. Vom Monte della Disgrazia her kam es so gespenstisch gezogen! War es das Gletscherweib, das Unheilsweib? ... Vor diesem hatte Maira Ruhe; denn Ruhe hatte die Frau, welche die Lawine begrub. Die Totenfrau war's! Die Totenfrau von Maloja! Aus dem Murettotal kam sie Maira entgegengeschwebt, um die ewige Braut zu ihrem ewigen Bräutigam zu führen. Ohne Kranz war die Braut ... Um den Kranz sich zu holen, war sie mitten in der Nacht ausgegangen. Es würde eine Totenkrone sein. Denn schon schlug die Nebelflut, gepeitscht von dem aufbrausenden Sturm, über die einsame Gestalt in wilder Woge zusammen. 35 Gian Vital liebte den Sohn der Nerina und wurde von diesem abgöttisch wiedergeliebt. Es war aber auch ein prachtvoller Knabe, von feiner, fremdartiger Schönheit und seltenem Liebreiz. Die Malojaleute priesen des Kindes Anmut vor des Vaters toten Augen und flüsterten darüber hinter seinem Rücken. Von jedem, der zu ihm kam, ließ der Blinde des Knaben Schönheit sich schildern, begierig auf eines jeden Bemerkung lauschend, förmlich darauf lauernd, förmlich Jagd darauf machend. Stundenlang konnte Gian Vital den kleinen Sivo auf dem Schoß haben und dem Kinde mit seinen toten Augen ins Gesicht starren, als müßte und müßte er die Züge sehen und erkennen: wem sie wohl ähnlich wären? Als der Knabe fünf Jahre alt war, hörte Gian Vital eines Tages im Hause ein helles, feines Stimmchen singen »Vorrei morir ...« Als sähe er ein Gespenst, als hörte er dieses sprechen – singen, so lauschte der Blinde auf den Kindergesang ... Er tastete sich zu dem kleinen Sänger, der bei seinem Anblick voll Schrecken verstummte, riß ihn zu sich auf, hielt des Knaben Gesicht an das seine, fragte mit heiserer Stimme: »Wer lehrte dich das Lied?« »Mutter.« Gian Vital ließ das Kind fallen, tastete sich aus dem Hause, blieb bis tief in die Nacht hinein fort, niemand wußte, wo. Von diesem Tage an war der Mann wie verwandelt. Er berührte den Sohn der Nerina nicht mehr, sprach zu dem holden Knaben nicht mehr ein Wort, und man durfte des Kindes in seiner Gegenwart nicht mehr erwähnen. Um die helle, unschuldige Kinderstimme nicht mehr hören zu müssen, blieb er während halber Tage vom Hause fort. Kaum, daß er zu den Mahlzeiten kam. Wie jenes alte, blinde Mütterlein, dem er eines Abends auf dem Rückwege vom Mesnerhause begegnet war, konnte er sich jetzt ohne Führer die Wege und Pfade von Maloja hintasten, nur von seinem langen Stecken geleitet: vom Crap da Chüern bis zum Kirchhof und dem Grabe Mairas; vom Kirchhof bis zur Paßhöhe und längs der rauschenden Orlenga zum Cavalocciosee ... Der Knabe, der seinen »Vater« abgöttisch liebte, bekam Scheu vor ihm; die Scheu wurde zur Furcht, die Furcht zur leidenschaftlichen Abneigung, zum Haß. Es waren schlimme Zeiten in dem Hause am Crap da Chüern. Die Malojaleute bedauerten Mutter und Kind, sie sprachen: »Gian Vital ist tiefsinnig geworden!« Denn Gian Vital sann und sann und sann ... Da sagte ihm einmal irgendwer: »Erinnerst du dich noch des jungen Lehrers, dem die Weiber so nachliefen? ... Was ist dir?« »Was sollt' mir sein? Ich erinnere mich des jungen Menschen sehr wohl. Was ist's mit ihm?« »In den Zeitungen steht von ihm geschrieben.« »Daß er tot ist?« »Daß er ein berühmter Sänger ist.« »Wo? Wo?« »In Italien drüben.« »Italien ist groß.« »In der Stadt Mailand.« »Dank für die Neuigkeit ... Sehr gut erinnere ich mich des Dionisio Fidora, dem die Weiber so nachliefen.« »Glaub' dir's, daß du den hübschen Burschen nicht vergessen hast.« »Wieso glaubst du das?« »Nun eben ... Brauchst nicht gleich wild zu werden, als wärst du noch der alte Gian Vital.« »Du hast recht: der bin ich nicht mehr.« Den nächsten Tag war Gian Vital wie gewöhnlich von Hause fort. Aber auch zur Nacht kam er nicht wieder zurück. Die Nerina gebärdete sich wie sinnlos: »Ihr Mann habe sich ein Leids angetan. Sie sei schuld daran!« Die Malojaleute schickten sich bereits an, den Verschwundenen, den Verunglückten, den Selbstmörder zu suchen. Da brachte ein Knabe aus dem Bergell der Nerina die Nachricht: »Ein blinder Mann schickt mich zu dir und läßt dir sagen: du sollst dich nicht um ihn sorgen. Er würde schon einmal wiederkommen.« Da lachte und weinte die Nerina wie sinnlos vor Freude, daß sie auf Gian Vitals Rückkehr warten durfte, der »einmal« wiederkommen wollte.   An seinem Stecken tastete sich der Blinde über den Paß ins Bergell hinab. Sooft ihn auf der Landstraße ein Fuhrwerk einholte, blieb er stehen und rief den Kutscher an: »Ich bin blind und will nach Chiavenna. Kannst du mich mitnehmen?« Einige konnten das nicht. Dann fand er eine gute Seele, die ihn bis Soglio fuhr. So bat er sich weiter bis zur Station der Eisenbahn. »Ich bin blind und will nach Mailand. Bitte, helft mir.« Ein freundlicher Arbeiter führte ihn an den Billettschalter, löste für ihn die Fahrkarte, half ihm in den Zug. Er kam in Mailand an ... Seitdem Gian Vital wußte, wer des Knaben Vater war, hatte er eine eigentümliche, eine unheimliche Gewohnheit angenommen: mit seinen beiden mächtigen Händen machte er die Bewegung, als packte er jemand und würgte ihn. Stundenlang konnte er dasitzen und den grausigen Griff tun. Bei der Fahrt im Wagen und auf der Bahn bemühte er sich, seine Hände ruhig zu halten. Nur zuckten sie ihm beständig wie in einem Krampf. Mit seinen toten Augen schaute er unentwegt auf seine geballten, zuckenden Hände. Dabei hatte seine Miene einen Ausdruck, daß man ihn für einen Wahnsinnigen hielt. Aber er erreichte glücklich die alte Hauptstadt der von Reben durchrankten lombardischen Ebene. Auf dem Perron des Bahnhofs stand er inmitten des Gewühls. Unbeweglich stand er und sagte: »Ich bin blind und will zu einem Mann, der Dionisio Fidora heißt. Er soll ein berühmter Sänger sein. Seid so gütig, mir zu sagen, wo ich den Mann finde.« Jemand sagte es ihm: »Dionisio Fidora singt heute abend in der Scala.« »Was ist das?« »Das große Opernhaus.« »Wo liegt das?« »Wollt Ihr hin?« »Ich will heute abend den berühmten Sänger singen hören.« »Kennt Ihr ihn denn?« »Sehr gut.« »Ihr werdet keinen Platz mehr bekommen.« »Seid so gütig und bringt mich hin.« Der Gütige führte Gian Vital zu einem Wagen, ließ ihn einsteigen, setzte sich zu ihm, fuhr mit ihm zur Scala, hieß ihn im Wagen warten, drängte sich zur Kasse und sagte: »Da ist ein Blinder, der von weit herkommt, um Dionisio Fidora heute singen zu hören. Geben Sie mir für den sonderbaren Kauz einen Platz. Irgendeinen!« Es geschah, und der Gütige leitete Gian Vital auf seinen Platz in dem Riesenhause. Jedermann in des Blinden Nähe blickte auf ihn. Gian Vital schaute mit seinen toten Augen unverwandt auf seine wie im Krampf zuckenden, wie zu einer furchtbaren Tat geballten mächtigen Hände.   Im Theater war ein Getöse wie fernes Meeresrauschen. Plötzlich trat tiefe Stille ein. Musik ertönte. Gesang. Plötzlich tosender Beifall. Wieder Gesang. Eine Männerstimme voll wundersamen Wohllauts sang ein unendlich trauriges, unendlich süßes Lied. In Gian Vitals tote Augen traten Tränen. Wiederum Applaus, begeisterte Rufe. Gian Vital fragte seinen Nachbar: »Ich bin blind. Wer sang so wunderbar, und wem jubeln sie zu?« »Das wissen Sie nicht?« »Ich bin blind.« »Dionisio Fidora sang.« Dionisio Fidora sang, und Gian Vitals arme tote Augen mußten bitterlich weinen ... Er wußte nicht viel von einem gottbegnadeten Künstlertum des Gesangs. Aber er konnte nicht einen Mann mit seinen Händen erwürgen, der mit dem Wohllaut seiner Stimme Tausende zu lautem Jubel hinriß, Tausende von Herzen bewegte und seine tränenlosen Augen das Weinen lehrte.   Dann bat sich der Blinde von Mailand in seine Heimat zurück. Während der ganzen Dauer der Fahrt hielt er seine Hände gefaltet, als betete er. Er hielt sie aber nur deshalb so feierlich ruhig, damit sie nicht zucken sollten. Er erreichte Maloja und das Haus am Crap da Chüern. Die Nerina stürzte ihm entgegen und sank vor ihm auf die Knie, um ihm für seine Rückkehr zu danken. Aber der Knabe Sivo versteckte sich vor dem Heimgekehrten; und Gian Vital mußte um die verlorene Liebe des Kindes zu werben beginnen. Das tat er fortan sein Leben lang ... Kein Mensch erfuhr jemals, wo er während seiner Abwesenheit geweilt und weshalb er fortgegangen. Es war, als hätte der ehemalige Kapuzinerjäger eine Wallfahrt getan: eine Pilgerfahrt zum heiligen Herzen der süßen Gottesmutter, die den Erlöser im Arm hält. So hatte Gian Vital doch seinen Gipfeltag gehabt.   Einmal im Hochsommer mußte die Nerina den Blinden ins Murettotal und zu einer Stelle geleiten, wo Edelweiß wuchs. Auch der kleine Sivo durfte mit: es war des Knaben erster Berggang. Glücklich angelangt, mußte Gian Vitals Sohn Edelweiß pflücken: nur die allerschönsten, allerleuchtendsten! Aus den von unschuldigen Kinderhänden gepflückten edelsten Blüten der Alpen mußte die Nerina einen Kranz winden. Als der Kranz fertig war, nahm ihr Mann ihr das Gewinde ab. Sie fragte: »Willst du den Kranz der Madonna bringen, für deren Gewand du damals Buße tatest? Um meinetwillen, du armer, lieber Mann!« Der Gefragte erwiderte: »Ich will den Edelweißkranz freilich einer Jungfrau bringen, einer reinen, heiligen.« »Darf ich dich begleiten?« »Diesen Gang muß ich allein gehen, liebe Frau.« »Bete für mich! Danke für mich der guten Himmlischen, daß sie mir dein Herz wiedergeschenkt hat.« »Das will ich.« Allein ging Gian Vital zum Kirchhof und legte die leuchtende Blumenkrone auf das Grab der reinen Jungfrau, der kranzlos gestorbenen Braut, um die Sivo Courtien sein Leben lang trauerte und um deren Todesursache auf Erden nur ein einziger Mensch wußte, dessen tote Augen alles gesehen hatten. An Mairas Grab stehend, faltete Gian Vital die Hände und betete: »Ich legte meine Rache in eines Höheren Hand. Du würdest mit mir zufrieden sein, die du die heilige Liebe gewesen.« Sivo Courtiens Riesenwerk, das sein Lebenswerk sein sollte, war vollendet. Der Mann würde jedoch in seinem Leben noch andere Werke vollenden; denn er war voller Schaffensdrang und Schaffenskraft. Eine ganze Reihe großer Werke würde den Weg seines Lebens bezeichnen: Station auf Station, bis der Mann selbst ein Vollendeter ward. Landschaften seiner Heimat, Gestalten seiner Heimat: Malojavolk und Malojawelt würde er auf seine Leinwand bannen, in einer Gegenständlichkeit und Wirklichkeit, daß der Beschauer bei dem Anblick glaubte, von den Lüften Malojas sich umweht zu fühlen; glaubte, die Sonne Malojas scheinen zu sehen ... Und von Maloja stieg Sivo Courtien in seine tiefere Heimat hinab, um deren Gipfeln und Gletschern, deren Menschen und Volk Gestalt und unvergängliches Leben zu geben. Er, der große Sohn des Engadin, dichtete das Hohelied des Engadin. Und wenn für ihn die Zeit sich erfüllte, wenn von ihm der Erde gegeben ward, was der Erde war, so mischte sich sein Staub mit dem seiner Heimat!   Auf dem kleinen, verwilderten Totenacker, den die bröckelnde Mauer umfriedete, wurde dem unsterblichen Toten neben einer anderen Ruhestätte das Grab gegraben, das kein Kreuz und kein Denkmal bezeichnete; das Grab, darauf die Firner niederglänzten, darüber der Wacholder seine silbergrauen Zweige mit blauer Beerenfülle breitete, die Alpenrosen hinfluteten, die schmucklose Künstlergruft mit ihrem duftenden Purpur umhüllend, mit dem Königsmantel des Engadin! Von der Majestät der Alpen bewacht, harrt Sivo Courtiens Sterbliches des Tages, wo die Grüfte bersten und die Posaunen zur Auferstehung erbrausen. Dann stürmt auch das Totenvolk von Maloja mit Föhngewalt aus seiner Heimatserde empor gegen die geöffneten Himmel.