Rudolph Stratz Karussell Berlin 1 Winke, Schupo – winke! In endlosen Wogen umbrandet dich, auf deiner Verkehrsinsel, am frühen Herbstabend Berlin. Mit tausend Tönen umtost dich, auf dem Ottoplatz, der Goldene Westen. Aus fünf Straßenschluchten, Schupo Peschke, stürzt in Flut und Ebbe Berlin auf deine Insel zu: Tuten und Surren weißäugiger Wagenburgen, schwärzliche Ameisenzüge von Fußgängern, wanderndes Pilzgewimmel von Regenschirmen über feucht spiegelnden Asphalt. Um dich, Friedrich Peschke, dreht sich das ewige Lichterkarussell. Um dich dreht sich Berlin. Berlin nimmt kein Ende. Du hebst den rechten Armstulp und gebietest Berlin. Und bist doch nur ein Schupo – ein junger Schupo – untersetzt und stämmig – humoristisch zwinkernd das runde, bartlose Gesicht unter dem Tschako. Und neben dir auf der Verkehrsinsel steht auf einmal ein Mädel. Ein Mädel aus dem Volk. Kaum zwanzig. Zierlich und sauber, wie die richtige kleine Berlinerin, ihre schmächtige Gestalt im grauen Warenhaus-Mäntelchen mit Kaninbesatz. Dünn die bananenfarben florbestrumpften Beine in gelben Halbschuhen. Schmal das hübsche, blasse Gesicht mit dem feinen Naschen unter dem roten Topfhut. Starr die kessen, hellbraunen, jungen Augen. Zwei fiebrige Fingerchen zupfen den Schupo leidenschaftlich am Arm. Atemlos: »Herr Wachtmeister! Herr Wachtmeister! Sehen Sie den Mann drüben unter der Laterne, der Ihnen den Rücken zudreht?« »Den Eleganten, Mittelgroßen, in dem kurzen, hellen Paletot?« »Verhaften Sie ihn schnell – ehe er mich sieht! Das ist der gefährlichste Mensch von Berlin!« »Ihnen gefährlich, Fräulein?« frug der Schupo Peschle philosophisch. »Oder wem sonst?« »Lesen Sie keine Zeitung, Herr Wachtmeister? Das ist der Kerl, von dem ganz Berlin seit Monaten spricht! Das ist der Ale!« »Der Nachtdoktor? ...« »Der Ale Werbistedenn!? Das schreibt er doch bei jedem Einbruch da, was so die Millionäre sind, an die Wand! Er bricht doch nur bei Millionären ein! Schnell! ... Schnell! O Gott: Jetzt schaut er 'rüber!« Der Herr drüben hatte einen Augenblick den Kopf über die Schulter gedreht. Er zeigte ein bartloses Profil zu Anfang Dreißig, undeutlich im Zwielicht. Er schlüpfte plötzlich rascher durch das Menschengedränge. Er hob hastig seinen silbernen Spazierstock. »Er winkt einer Taxe!« schrie das Mädel auf der Insel. Der Schupo Peschke sprang auf den Fahrdamm, mitten in das Gewühl. Mit kreischenden Vierradbremsen stoppten die Wagen vor der Obrigkeit. Er bahnte sich im Benzindunst eine Gasse zwischen Tanks und Kühlern. Ein riesiges Lastauto sperrte ihm die Aussicht. Er umlief es und erreichte die Bordschwelle drüben. Da, fünfzehn Schritt vor ihm, stieg der Herr im kurzen, hellen Herbstpaletot, ihm den Rücken zuwendend, gerade in einen Taxameter. Fuhr davon. Berlin verschluckte ihn. Nicht einmal die Droschkennummer hatte der Schupo Peschke noch erkennen können. Erhitzt, enttäuscht stand er da. Auf dem Platz stauten sich, seiner Hand harrend, die mahnend tutenden Wagen, die ungeduldig bimmelnde Elektrische. Friedrich Peschke eilte auf seine Insel zurück. Sie war leer. Das Mädchen verschwunden. Er hob gebieterisch den Arm. Befriedigtes Klingeln und Hupengrunzen die Antwort. Langsam, wie ein Eisgang, setzte sich der Strom in Bewegung. Winke, Schupo – winke! Um dich dreht sich Berlin. Um dich dreht sich das Leben. Brautkutsche und Müllfuhre, Feuerwehr und Fußgänger, grüner Polizeiwagen und Leichenwagen – von der Wiege bis zur Bahre ... Winke, Schupo – winke! Eilig! Eilig! Eilig! Es flutet um dich und deine Insel. Es wimmelt. Es hupt. Es flimmert. Es schimpft ... ... Da neben dem Schupo schimpfen sie, weil sie warten müssen. Da hält ein lautlos pulsender Auto-Riese. Innen leer. Der Fahrer am Steuer in einer schwarzen Lederjoppe, eine Sportkappe schief hinten auf dem rötlich-blonden Stoppelhaar, die Zigarette schräg zwischen den energischen, bartlosen Lippen. Ein junger Mann aus dem Volk zu Anfang Dreißig. »Nur keine unjesunde Eile – wat?« sagt er zu den Kollegen am Steuer und beugt sich dann freundlich lächelnd zu dem Schupo vor. »Herr Wachtmeister: Ich hab' nämlich mit meiner Jroßmutter jewettet, wer zuerst übern Platz is! Aber da drüben läuft se schon wie 'ne Biene – die olle Frau! Nanu? Fahrt? Schon? Nee – so wat!« Ein Zungenschnalzen. »Los, Mäuseken!« 2 Das Mäuseken war eine hundertpferdige, himbeerfarbene Limousine. Ihr zwölfzylindriger Mammut-Motor zitterte gedrosselt in den ewigen Stockungen der Verkehrsecken. Rot ... Gelb ... Grün ... Weiter ... Langsam weiter – eine Straße um die andere. Hinaus in den Berliner Osten. Nun schon die krummen, alten Gassen der City. Wieder ein Halt. Feiernde Wagen in langer Reihe. Der junge Mann steckte den frischen, fröhlichen Kopf aus dem linken Vorderfenster. »Wat's denn nu wieder los?« »Da kann keen Aas vorbei! Vor der Bankfiliale drüben stehen die Leute knüppeldick!« »Wollen die ihr Jeld retour?« »Fremdes Jeld hat sich eener heut nacht holen wollen!« Ein hemdsärmeliger Budiker wies nach der kleinen Fremdenpension im eisten und zweiten Stock des Hauses über dem Firmenschild ›Wiebeling \& Co‹. »Da ist gestern abend einer aus Holland abgestiegen – ein mittelgroßer Dicker mit 'nem roten Vollbart – mit zwei mächtigen Koffern – und hat gesagt, er sei müde von der Reise und hat sich gleich in die Klappe gelegt.« »So um Uhre zwei hat er dann zum Nachtportier gesagt, er hätte Kopfweh und müsse spazierengehen!« Der Grünkram-Mann verstärkte seinen heiseren Naß. »Adjö Sie! Auf den warten sie jetzt noch! Den Gummibauch und den roten Bart – den hat er hinter Schloß und Riegel in der Bedürfnisanstalt uff dem Platz drüben abgelegt und is 'raus, wie die olle Dame gerade nicht hingeschaut hat ...« »Sehen Sie die Strippe, die da von der Decke hängt!« Der Budiker wies wie ein Schaubudenerklärer in den hellen Bankraum. »Tet is nämlich 'ne seidene Strickleiter. Da hat der Bruder oben ein Loch in den Boden gebohrt, 'nen Regenschirm durchgesteckt und unten uffgeklappt, damit die Kalkbrocken nicht 'runterplumpsten und Lärm machten – verstehnse – und so hat er sich sachtemang 'nen Durchschlupf gemacht und hat sein Handwerkszeug 'runtergelassen und ist hinterher geklettert ...« »Und denn?« »Das war der reine Zufall, daß zwei Amerikaner mitten in der Nacht 'ne Depesche kriegten, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Hamburg aufs Schiff müßten. Nu die den Bankier Wiebeking 'rausgeklingelt, und der hat ihnen 'nen Beamten mitgeschickt, daß er ihnen ihre mächtigen Wertsachen, die sie da drinnen liegen hatten, 'rausgeben sollt'! Wie der nu uffsperrte, da haben sie alle drei Mund und Nase uffgesperrt, wie sie die Bescherung sahen!« »Und der Kunde war weg?« »Der hatte sich in Wohlgefallen uffgelöst! Alles stehn und liegen lassen! Jekriegt hat er nischt! Aber was der für Helfershelfer gehabt haben muß – wat? – daß er jleich erfahren hat, daß die Drei unterwegs waren! Det is zauberhaft, Herr!« Der junge Chauffeur fuhr zehn Schritte weiter und mußte wieder stoppen. Die zahnlose Zeitungsfrau neben ihm schrie: »Der Ale war da!« »Haben Sie ihn jesehen, Mutter?« »Natierlich war's der Ale!« »Er hat's ja innen an die Wand geschrieben!« sprach behaglich der Mann aus dem Grünkramkeller. »... ›Eijentum is Diebstahl!«‹ hat er hingeschrieben!« »Wenn das schon heute nacht war ...« frug der Rotblonde am Steuer der Luxuslimousine. »... ›der Mann im Dustern‹ hat er drunterjeschrieben!« »... warum stehen denn die Leute dann jetzt noch da?« »Sie beaugenscheinigen die Behörden! Die sind da drinnen! Jetzt sperren sie ihre Hühneraugen uff und wundern sich, daß den Menschen heutzutage nischt mehr heilig ist!« Durch die hellerleuchteten Fenster sah man von der Straße aus eine Gruppe von Herren in dunklen Mänteln und Hüten in erregtem Gespräch. »Wer is drinnen der kleene Graubärtige mit der Glatze und Brille, um den sie alle 'rumstehen?« »Det is der Bankbesitzer selber – der Jeheimrat Wiebeking!« erklärte der Fahrer der haltenden Himbeerkarosse. »Der hat in Berlin noch 'n halbes Dutzend solche Filialen außer dem Hauptjeschäft. Ick möchte mein Lebenlang nur so viel haben, wie der Olle an einem Tag verdient!« Kopfnickendes Schweigen der andern. Der Führer des Luxuswagens aus dem Westen mußte es ja wissen. Das heisere Meckern einer Mumie eines alten Kutschers vom Bock einer Pferdedroschke. »Dem Mann sieht man det ville Jeld ooch nich an!« Der Geheimrat Dr. h. c. Albert Wiebeking war breitschulterig und hielt sich straff aufrecht. Willensstark entsprang die kurze Nase unter den durchdringenden grauen Augen und der hohen, stark gewölbten Stirn. Seine Bewegungen waren rasch. Seine Sprache kurz und schnell. Er sagte, inmitten seines Stabs von Direktoren und Prokuristen, zu einem vor ihm stehenden, kräftigen, bürgerlich dunkelgewandeten Mann, mit einem aufgedrehten Schnurrbärtchen in dem runden, jovialen, völlig ausdruckslosen Gesicht: »Nun erklären Sie mir bloß, Herr Kriminalkommissar, wie war doch Ihr Name? Richtig: Herr Dürisch! ... die Schweinerei hier – das war doch dieser vielgenannte Ale?« »Da hat er ja, nach seiner Gewohnheit, eine seiner Visitenkarten zurückgelassen!« Der Kommissar wies auf die großen Kohlen-Schriftzüge an der weißgetünchten Wand des Kassenraums. »›Traugott Ratemal, Dr. noct., Spezialist für Vermögenstransaktionen. Sprechstunde jederzeit. Ihr merkt's nur nicht!‹´...« »Also nu bitte, Herr Kommissar: Wie konnte dieser Ale nur wissen, daß meine Geschäftsfreunde, die Amerikaner, während ihres Abstechers nach Wien ihren versiegelten Wertkoffer gerade hier bei mir deponiert hatten?« »Vermutlich haben es die Amerikaner ihm wie andern Gästen Ihres Hauses bei Gelegenheit erzählt, Herr Geheimrat.« »Was?« »Sie haben wahrscheinlich schon oft selbst mit ihm gesprochen und wissen es nur nicht!« Die schläfrigen Züge des Kommissars Dürisch belebten sich für einen Augenblick. »Sie haben den Feind im eigenen Lager, Herr Geheimrat! Er lebt und verkehrt mitten in den höchsten Kreisen des Berliner Reichtums, und das macht mir, der ich die Raubzüge dieses Ale seit Monaten bearbeite, die Nachforschungen so schwer – ja fast unmöglich ...« »Na – hören Sie mal, Verehrtester ...« »Woher hat denn dieser Ale oder der Mann im Mond oder der fremde Herr aus Kottbus oder wie er sich in seinen blödsinnigen hinterlassenen Inschriften nennt – woher hat er denn diese nachtwandelnde Orts- und Personenkenntnis der ersten Berliner Gesellschaft? Warum geht er mit tödlicher Sicherheit immer nur da an den Speck, wo in den Millionärsvillen etwas ganz Ungewöhnliches zu holen ist? Warum weiß er genau, wenn solche Herrschaften verreist sind und das Haus leer steht? Warum ...« »Das wäre ja ein unheimlicher Gedanke ...« »Sie können Ihrem Schöpfer danken, Herr Geheimrat, daß diesmal – zum erstenmal – dem Ale sein Nachtangriff mißlungen ist!« »Nein. Schaden ist mir nicht weiter entstanden!« sagte der kleine Geheimrat Wiebeking nachdenklich. »Aber ich werde es mir zur Lehre dienen lassen! Morgen leite ich die nötigen Abwehrmaßregeln ein!« Draußen auf der Straße ruckte die Wagenburg langsam an. Ein Taxameter frug den Rotblonden am Steuer der himbeerfarbenen Limousine neben ihm: »Mensch – wat jrienste denn so? Dir kommt det hier wohl komisch vor – wat?« »Ick habe halt so ein frohes Jemüt am Leibe!« Der junge Mann lächelte und schaute versonnen in die hellen Fenster der Bankfiliale. Ein Schupo trat heran. »Na – wollen Sie nicht auch mal lostrudeln?« Der Fahrer des Zwölfzylinders schrak auf. »Jewiß doch, Herr Wachtmeister! Allens, wat die Obrigkeit befiehlt!« versetzte er und fuhr weiter nach dem Berliner Osten. Und hinter ihm verhallten an den Straßenecken die Rufe der Zeitungshändler mit den Abendblättern: »Neues vom Nachtdoktor!« ... »Zum ersten Mal hette der schwarze Peter Pech!« ... »Mißglückter Einbruch bei Wiebeking und Kompanie ...« 3 Geflute und Getute des lichthellen Ostens. Abendfieber Berlins, im eintönigen Grau der Hausfronten. Endlos scheinbar die schwarz wimmelnden Straßen unter dem rötlich widerstrahlenden Nachthimmel. Durch sie lenkte der junge Mann ortskundig, mit geübtem Fingergriff und Fußspitzendruck, die Millionärmaschine, ruhig das freundliche Gesicht, prüfend die blauen Augen, schief die Kappe auf dem rötlichen Kurzhaar. Er tutete warnend und bog quer über den Bürgersteig in den Hof einer Autoreparaturwerkstatt. Stoppte. Stieg aus. Stand, mittelgroß, schmalschulterig und straff gewachsen. Stapfte steifbeinig in die Arbeitshalle. Viele kranke Wagen blinkten – schwarz und grün und blau und grau in deren elektrischer Helle. Die Hämmer klopften. Die Schweißbrenner zischten. Draußen platschten die Wassergüsse der Wäscher. »Die Probefahrt jing prima, Herr Zwickel! Der Kasten läuft wieder tipptopp!« meldete der Fahrer der Himbeerlimousine. Ein Lackierer brummte neben ihm über seine Spritze: »Na – denn kann die Puppe ja wieder damit ins Schaufenster segeln!« »Seien Sie doch froh, Staubitz, daß die Dame das gerade hier an der Ecke geschafft hat!« sagte der Garagenmeister Zwickel zu dem Lackierer. »Sonst hätten wir hier im Osten den Lambert Zwölf nicht zu Gesichte gekriegt!« »Und passiert is ja auch weiter nischt!« Fritze, der Tankwart, kam, stark nach Benzin riechend, von seinen gelben und roten Zapfsäulen im Hof. »Bloß, daß der Chauffeur sich uff acht Tage mit 'ner jeschwollenen Neese in die Charité zurückgezogen hat!« rief der Monteur Nonnenmacher aus der Ecke durch das Brausen der Galvanisierung an einem wunden Schlauch. »Jeschieht ihm recht! Wat läßt der ooch hier mitten in Berlin die Jnädige an den Bolang?« »Das rechnet er ihr hoch an!« meinte trocken über seinem Leimtopf Lämmert, der Tischler. »Muß er ooch! Die haben Jeld wie Heu – da draußen im Jrunewald – die und ihr Mann!« »Bei denen sollte der Nachtdoktor mal einsteigen! Da is was zu holen!« »Schreib' ihm doch 'ne Postkarte, Mensch – dem Ale!« »Wenn eener wüßte, wohin! Der Mann lebt ja im schärfsten Inkognito!« »Heute hat sie schon zweimal angehimmelt und gebarmt: ›Wo bleibt denn mein Wagen – mein süßer Wagen?‹.« Der Garagenmeister wandte sich lachend an den jungen Fahrer. »Werner – Sie können Frau Hüsgen morgen die Limousine hinaus nach der Westallee bringen! Ich gebe Ihnen nachher die Adresse. Aber fahren Sie nicht zu zeitig vor. So feine Damens finden nicht so früh aus dem Bett!« »Nee – ich werde der hohen Frau schon nich beschwerlich fallen!« Der junge Fahrer in Sportmütze und schwarzer Lederjoppe hatte die Haube seines Ungetüms aufgeklappt und betrachtete mit tiefem sachlichem Ernst den heiß dünstenden Motor. Er hatte dabei einen in sich verlorenen, forschenden Blick. Er bastelte mit seinen großen, arbeitsharten Händen, aber voll feinen Fingerspitzengefühls, an den Ventilen. Dann hob er den runden, eigenwilligen Kopf. »Kann ick für heute jehn, Herr Zwickel?« »Nee – Werner! Augenblick: Ich hätt' noch was für Sie!« Der Garagenmeister tippte dem Fahrer auf die ölfleckige Lederbrust. »Eine feine Herrschaftsstellung! Heute nachmittag hat ein Fabrikbesitzer an der Oberspree bei uns angefragt. Gute Zeugnisse natürlich Bedingung!« »Nee – danke sehr, Herr Zwickel!« »Na, warum denn nicht? Andere würden sich heutzutage alle zehn Finger danach lecken! Sie passen doch dazu! Sie sind doch ein sicherer Fahrer und ein gelernter Schlosser. Und so was Herrschaftliches – worauf der Mann besonderen Wert legt, haben Sie auch – so was Wohlgefälliges fürs Auge!« »Uff den fliegen sie – die Mächen!« sagte hinten der Monteur Nonnenmacher über seinem notleidenden Luftschlauch zu dem Lackierer. »Danke wirklich, Herr Zwickel!« »Mensch – nehmen Sie doch Vernunft an! Sie sind doch bei uns nur zur Aushilfe eingestellt! Das kann Ihnen jeden Tag passieren, daß Sie abgebaut werden!« »Na – denn findet sich wat anderes, Herr Zwickel! Danke schön!« Der junge Mann lüftete die Sportkappe von dem energischen, rötlichen Rundkopf und ging. Der Lackierer schaute ihm nach und pfiff durch die Zähne. »Merkste wat, Paule?« »Nee!« Der Tischler sprach es undeutlich, den Mund voll Nägel, und klopfte an einer Polsterung. »Zwei Märker zahlt der Junge uff'n Tag drüben in Feuerstakes Hotel für sein Zimmer. Nu frag' ich dich: Warum zieht er denn nich in 'ne Schlafstelle?« »Det's ein Silbenrätsel!« »Werd' ich dir auseinanderpolken! Im Hotel – da schreibt er einfach in den Fremdenschein: Karl Werner, Monteur aus Magdeburg. Aber in der Schlafstelle muß er sich beim Revier melden. Da sind die Brüder neugierig, wo er in Magdeburg abgemeldet is – und so – verstehste?« »Na – ich bin doch keen Dussel!« Der Lackierer Staubitz blinzelte und spritzte seinen blauen Sprühregen auf den Wagenschlag. »Da bleibt dem Jungen die Spucke weg! Nu sag' doch mal selber: Wenn der Werner aus Magdeburg is, warum spricht denn der dann richtiggehendes Berlinisch? Oder ganz feines Deutsch? Kann er ooch! Ick hab' mal unbemerkt im Laden hinter ihm gestanden, wie er sich Zigarren gekooft hat ...« »Er sieht gar nicht so aus, als ob er was ausjefressen hätte!« »So? Und nu das Fernere: Zeugnisse! Der Fabrikbesitzer will gute Zeugnisse sehen! Hat der Werner nich! Weil er wahrscheinlich gar nicht Werner heißt! Darum kriegt er kalte Füße! Verstehste mir?« »Na – mich jeht der Werner nischt an!« sprach der Lackierer und spritzte. 4 »Na – Herr Werner – noch 'n Bummel durch die Nacht?« Herr Lungwitz frug es, der Geschäftsführer im Hotel Feuerstake – Portier, Buchhalter, alles in einem – schmalbrüstig wie der abgebröckelte, zweistöckige Gasthof selber, mit seinen vier kleinen Fenstern Front nach der engen, lärmenden Gasse im Herzen Berlins. »Wenn man den ganzen Tag hinter dem Steuer gesessen hat«, der Garagenschlosser Karl Werner – jetzt in billigem, grauem Anzug von der Stange – zwängte sich in dem schmierigen Flur zwischen verschnürten Reisekörben, verbeulten Musterkoffern, Teppichrollen, einer Steige mit lebendem Geflügel hindurch ... »denn muß man sich abends die Beine 'n bißchen vertreten!« »Wie? Wegen der Perserteppiche? Herr Dunkelblau aus Jassy? Ist weggegangen!« Der bleiche Geschäftsführer Lungwitz telephonierte mit listig rollenden Augen hinter dem Hornzwicker am schwarzen Band. Er hüstelte lungenleidend in den Hörer. »Herrn Schafarek? Können Sie auf'n Abend hier genießen samt seiner Kollektion! Da drüben steht seine Verdrußkiste! Maxe!« Er gab einer Rübe von Pikkolo einen Schwung. »Führ' die Damen zur Frau Mehlig hinauf – Sie meinen doch die mit die Bettfedern en gros aus Hinterpommern?« Er telephonierte wieder. »Nee – nee – Fräulein – kommen Sie mir nich mit so Zicken! Hier is ein Familienhotel – Ihnen gesagt! Wegen Ihnen Ihren schönen Augen leg' ich mich noch lange nich mit'n Revier an!« Er hängte an und wandte den abgespannten Langschädel über die Schulter. »Sie – Herr Werner – nanu – weg is er!« Der Garagenschlosser Karl Werner schlenderte schon draußen durch die Straßen von Alt-Berlin. Berlin umher. Berlin stundenweit. Berlin ohne Ende. Nach allen Seiten die langen, gelben Flimmerreihen der Laternen, die langen Gleisschlangen der Elektrischen, die Leuchtketten der Ladenscheiben. Er ging weiter, ins tiefste Berlin hinein. Nächtig schweigende Gassen, in denen sich nichts regt. Eine huschende Katze. Zwei dunkle Gestalten im Torschatten, Hausmädchen und Hausdiener. Küßt euch nur, Kinder ... Da ist das dunkelste Berlin. Schweigend, schwarz verschwimmend, spärlich Lichter spiegelnd, die weite Fläche der Spree. Vereinzelt nur helle Fensterpunkte drüben am nächtigen andern Ufer. Der Garagenschlosser Werner ging den Fluß entlang. Plumpe Zillen ankerten da. Die hellen Schornsteine der vertäuten, kleinen Dampfer leuchteten in der Dämmerung. Ein paar Köter kläfften von den Kähnen. Von irgendwoher trug der Wind Menschenstimmen über das Wasser und verwehte. Nachdenklich stand der Schlosser Werner und einsam, die Hände in den Rocktaschen, und rauchte seine Zigarette, die als ein rotes Pünktchen durch die Nacht glimmte, und schaute hinaus auf das dunkle, das unbekannte Berlin. Und da sah er etwas ... ... Er warf seine Zigarette weg und ging leise und schnell über den breiten Kai an den Fluß heran. Ein wüster Wirrwarr von Sandhaufen, Röhren, Klamottentürmchen, Eisenschrott, Schubkarren, Bretterstapeln schattete auf dem Pflaster. Zwischendurch war ein junges Mädchen bis an den Holzzaun getreten, der den Kai von der Spree schied. Sie stand an einer Stelle, wo unten das Wasser frei, ohne die Last schlafender Kähne, an der Backsteinböschung gluckste. Sie beugte sich über die Planken und schaute hinab auf den nachtschwarzen Spiegel. Nun machte sie wieder ein paar Schritte rückwärts und schritt langsam, unschlüssig, längs des Flusses auf und ab. Sie kam in den Lichtschein einer Laterne. Der Schlosser Werner sah im Zwielicht, daß sie jung und mittelgroß und dünnbeinig und zierlich von Gestalt war, in einem grauen, pelzbesetzten Mäntelchen. Ein roter Topfhut und ein Paar gelbe Halbschuhe schimmerten als Farbenflecke durch den zähen Nachtnebel. Jetzt war sie wieder dicht am Geländer. Plötzlich schwang sie gelenkig ein Bein hinüber, war im Begriff, die Planke zu überklettern. Von da ging es senkrecht hinunter in die Flut. »Nanu – Fräulein!« »Lassen Sie mich!« »Fräulein – was machen Sie denn da für Dummheiten?« »Ob Sie mich in Ruhe lassen ...« »Fräulein ... Strampeln Sie nicht! Ich bin doch stärker! Sehen Sie: Ich zieh' Sie ganz sauber über das Geländer zurück!« Er stellte das Mädchen drüben wieder auf die Füße. Sie stand vor ihm – atemlos – am ganzen Leib zitternd – einen halben Kopf kleiner als er. Nun sah er sie deutlich: Ein schmales, wachsgelbes Gesicht mit feinem Näschen und starren, hellbraunen Augen. Dunkle Haarsträhne unter dem verschobenen roten Hut. Sie rückte ihn sich mit zitternden, feinen Fingern zurecht. Ihre helle Berliner Stimme klang erstickt. »Was geht das Sie an – möcht' ich bloß wissen!« »Wenn Sie erst tot sind, tut's Ihnen morgen früh leid!« sagte der Schlosser Werner herzlich. Er hatte gute blaue Augen und einen teilnehmenden Zug um den Mund. Er legte vorsichtig den Arm um ihr dünnes Kaninpelzmäntelchen. »Ist ja viel netter so, Püppchen!« tröstete er sie sanft. »Denken Sie mal: Nun schwämmen Sie schon da unten als 'ne tote Wasserleiche! ... Vergessen Sie doch den Kerl und nehmen Sie sich 'nen andern. Gibt ja genug!« »Gehen Sie – ja ...« »Das sind mir Männer ja gar nicht wert! Ich muß das doch wissen. Ich gehör' doch selber zu der Ware!« »Ach – wenn's das wäre ...« Die kleine Berlinerin setzte sich matt auf einen Haufen verrostete Eisenträger. Ihr Köpfchen fiel ihr vornüber auf die Knie. Davor preßte sie noch die mageren Kinderhände an Stirn und Schläfen. Ihr Körper zuckte. »Nicht weinen, Kind! Ist ja noch gut abgegangen ...« »Das sagen Sie! ... Haben Sie denn 'ne Ahnung ...« »Warum haben Sie denn eigentlich ins Wasser wollen?« »Die schmeißen mich ja doch ins Wasser!« Die Kleine sprang auf und starrte verstört um sich. »Wer denn? Weswegen?« »Weil ich ihn verpfiffen hab' – heut' nachmittag bei dem Schupo auf dem Ottoplatz! Das hat er doch jesehen ... Hui! – War der weg! Der Dussel, der Schupo, hat ihn nicht mehr gekriegt!« »Er? Wer? Wen haben Sie bei dem Schupo angezeigt?« Das Mädchen antwortete nicht. Er hörte nur ihr stoßweises, angstgepreßtes Atmen. Dann ein gebrochenes: »Da ist's doch besser, man macht selber ein Ende, ehe die Brüder über einen kommen!« »Vorläufig bin ich doch noch da!« sagte der Schlosser. »Kind – wo wohnen Sie denn?« »Gerade da drüben über der Spree!« »Bei wem?« »Bei meinem Stiefvater! Der hat da 'ne Destille!« »Also – ich bring' Sie hin! Los!« Der Schlosser Werner wandte sich in der Richtung zur nächsten Brücke, die weit flußabwärts ihren Laternenglanz in dem Wasser spiegelte. Das Mädchen aus der Nacht hielt ihn erschrocken am Arm zurück. »Nur man nicht da lang!« »Wir können doch nicht durch die Spree schwimmen! ... Hallo! Ich glaub', die Krabbe will schon wieder ins Wasser! Ob Sie gleich schön hier oben bleiben ...« »Nee – nee – Kommen Sie nur!« 5 Das junge Mädchen glitt, ein leichtfüßiger Schatten, ein Dutzend Schritte am Ufer hin. Da war ein Durchlaß in dem Bretterzaun. Eine schmale Steintreppe führte steil hinab zum Wasserspiegel. Über dem wölbten sich, reihenweise nebeneinander, in plumper, dämmernder Länge, die Verdecke der Spreezillen. Ein würziger Apfelgeruch stieg aus ihrer schlafenden Stille. Die Kleine steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen gellen, kläglich trillernden Pfiff aus. »So quieken doch die Ratten, wenn sie 'ne Holzpantine an'n Kopf kriegen! Das ist mein Signal mit dem Paule!« sagte sie und beugte sich spähend nach unten, wo schwere Schritte über schattenhafte Planken tappten. »Paule! Fahr' uns 'rüber!« Unten im Zwielicht stand ein junger Spreeschiffer, hemdsärmelig, in hohen Stiefeln, mit einem freundlichen, wettergebräunten Gesicht. Er musterte schweigend den Schlosser, spuckte ins Wasser und stemmte stumm einen Kahn vom Ufer. »Der Paule Räder ist mein Freund! Das ist ein anständiger Mensch!« raunte, zwischen den Ruderschlägen des Spreeschiffers, auf der Rückbank die Kleine zu dem Monteur. Der frug: »Warum sollten wir denn nicht über die Brücke gehen?« »Der Dicke ist imstand und lauert mir da irgendwo auf ...« »Wer ist denn der Dicke?« Das blasse, junge Ding zog krampfhaft die Schultern hoch, duckte sich in sich zusammen und antwortete nicht. Ein ganz leiser, weinerlicher Wehlaut der Angst verzitterte aus ihrem Mund in der kühlen, feuchten Luft über den gurgelnden schwarzen Wassertrichtern der Ruder. »Ist das der, den Sie heute nachmittag dem Schupo haben anzeigen wollen?« »Nein ...« Kurzatmig, in unterdrückter Angst: »Gotte doch! Der is hoch über dem Dicken! Der is draußen im Westen. Der is einer von den ganz Feinen! Der läßt sich doch hier bei Vätern nicht sehen!« »Püppchen – was gehen denn Sie die beiden Kerle an?« »Na – der Dicke schickt mich doch immer zu ihm!« Sie stieß es hervor ... »Damit die nicht merken, daß die Zwei was zusammen haben!« »Wer soll's denn nicht merken?« »Na – die Polizei ...« Der Spreeschiffer vorn konnte, im Plätschern seiner Ruder, nicht hören, was die beiden sprachen. Er arbeitete stumm, mit kräftigen und heftigen Schlägen. »Also was Verbotenes, Kind?« Die Stimme des Schlossers Werner klang sehr ernst. »Sie merken aber auch alles!« »Warum lassen Sie sich denn da schicken?« Das junge Mädchen stöhnte leise vor sich hin, wie in einem Frostschauer aus der kühlen Flut heraus. »Das hilft Ihnen gar nichts, daß Sie mich nicht ins Wasser gelassen haben und hier nach Hause bringen!« sagte sie plötzlich ganz ruhig. »Der Dicke macht mich jetzt doch kalt!« Das andere Ufer rückte schattenhaft heran. Hohe alte Eichenpfähle ragten aus dem Wellengezitter. Drüben glommen nur vereinzelte Lichter. Undeutlich hob sich längs des Flusses ein Gewirr von windschiefen, niederen Häusern, Holzbuden, Ruinenplätzen. Das Boot landete an ein paar verwitterten Eichenstufen. Der Schlosser Werner hielt im Aussteigen ein Fünfzigpfennigstück zwischen den Fingerspitzen. Aber der Spreeschiffer schob die schroff zurück. »Behalt' du man deinen Zaster!« »Immer ist er eifersüchtig!« sagte das Mädchen. »Du kannst jetzt wieder türmen, Paule!« Sie führte, während die zornigen Ruderschläge verhallten, den andern die brüchige Hühnerleiter empor. Oben stand er in tiefer, freier Nacht. Er fühlte unter den Stiefelsohlen Backsteinbrocken, Scherben, Grasbüschel. Er stieß mit dem Hut gegen eine ausgespannte, leere Wäscheleine. Allmählich erkannte er um sich im Dunkel wie Katakomben die Kellerwölbungen abgerissener Häuser. Aus den Trümmern glucksten Hühner im Schlaf. Irgendwoher, aus einem Holzverschlag, meckerte eine Ziege. Ihm war, als sei er gar nicht mehr in Berlin. »Dufter is es hier ...« Die Kleine stieg ihm ortskundig voraus durch die Nacht. »Das is 'ne mulmige Gegend! Allein tät' ich Ihnen nicht raten, hier ... So ... da geht's 'rein ... Die richtige olle Achtgroschenbude – nich?« Schattenhafte, schief vornübergeneigte, hundertjährige Häuschenwände, durch schräge Stemmbalken vor dem Einsturz bewahrt. Schmuddelige Höfe. Ein feuchter, dunkler Tordurchlaß. Fauliger Geruch. Eine einsame Laterne. Wieder ein Schmutzwinkel von Hof. Das Mädchen klinkte eine morsche Hinterpforte auf. In einem dämmerigen Flur standen Sauerkrautfässer, leere Biertonnen, Eimer mit Heringsköpfen und Kartoffelschalen. Sie wies auf eine Glastür, durch die ein Grammophon dudelte: ›Es war einmal ein blauer Husar‹ ... »Danke schön!« Sie hatte einen sonderbar starren Ausdruck in den hellen Berliner Augen, wie sie da, in ihrem verkehrt geknöpften Mäntelchen, den roten Topfhut immer noch schief auf dem blassen, hübschen, dunklen Köpfchen, bleich und jung sich aus dem Dunst und Moder hob. »Ich laß' Sie jetzt vorn durchs Lokal hinaus!« »Nein! Ich setz' mich jetzt noch mit Ihnen da ein bißchen hin!« »Kümmern Sie sich doch nicht um mich! Mit mir ist's ja doch alle!« »Sie sollen mir noch was von sich erzählen!« »Was interessiert denn Sie das?« »Ich bin nun mal so, daß mich andere Menschen interessieren!« Es klang weich und teilnehmend. Das junge Mädchen schien willenlos. Sie trat stumm in den Wirtsraum. Er folgte ihr und schaute sich um. Eine geräumige Destille, wie viele tausend in Berlin. An den Holztischen, spärlich da und dort, Leute aus dem Volk, wie man sie überall in Berlin in den Budiken sah. Plakate mit Maibock und altem Nordhäuser an den Wänden. Eine Anrichte mit Buletten, Soleiern, Rollmöpsen neben dem Schenkschragen. Von dem her schlurfte, als die beiden sich gesetzt hatten, ein kleiner, gemütlicher Kerl mit pfiffigen Zwinkeraugen, Glatze und flott aufgedrehtem Schnurrbärtchen, eine bierfeuchte, einst weiße Schürze über den kurzen Säbelbeinen, in grünen Pantoffeln. Seine Kropfkehle krächzte. »Na – wo steckste denn den janzen Abend, Fränze?« »Du denkst wohl, das olle Zeug, das sortiert sich von alleine!« sagte das Mädchen feindselig, und dann zu dem Schlosser Werner: »Ich helf' doch dem Jakob Grünspan den Tag über in seinem Geschäft. Der kauft Altpapier auf. Aber heut' is er schon wieder um sechse weg!« »Er is in der Dragonerstraße bei dem Lefkowitz, dem koscheren Geflügelhändler!« schrie es durch das Töpfegeklapper von nebenan. Ein unförmlich dickes, schlampiges Weib steckte den herdgeröteten Grauschädel mit dem Anflug eines schwarzen Schnurrbärtchens durch die offene Türe. »Zusammen mit dem Scholem Gewürz!« ergänzte eine hagere, junge Frauensperson, die in der Ecke an einem Strohhalm saugte. »Gott – die Jalizier!« Der säbelbeinige, kleine Destillenwirt beäugte neugierig den Monteur Werner. »Was haste denn da für 'nen Freier mitgebracht, Fränze?« »Verstich deinen Bräutigam in der Matratze« riet im Hintergrund ein Frauenzimmer mit großem Federhut. Und die neben ihr, eine billige, weiße Pelzstola über dem schäbigen Mantel: »Dat 's doch der Lustmörder von Johannistal!« »Ich werd' mich gerade mit der Simili-Berta anlegen!« Die Fränze machte nur eine verächtliche Bewegung mit der mageren Schulter. »Halt' die Schnauze, Ulanen-Guste!« Der Schmuddelfritze in der biernassen Schürze beugte sich diensteifrig vor. »Was soll's sein, Herr?« »Der Herr trillert 'n Nordlicht. Und zwei Mollen!« sagte die Fränze. Sie stützte, während der Wirt weglatschte, das feine, schmale Gesichtchen auf Hohlhand und Ellbogen und starrte leer vor sich hin. Dann nach einer Weile: »Dat's mein Stiefvater!« »Und die Frau in der Küche Ihre Mutter?« »Der olle Drachen? Nich in de Hand! Das is seine zweite Frau. Die verdient er. Meine Mutter is schon vor fünf Jahren gestorben. An dem da!« »Ja – und Ihr Vater?« »'n Vater soll ich auch noch haben?« Die Fränze lachte kurz auf. »Von dem weiß ich nichts. Als Kind angenommen hat mich der dort drüben auch nicht. Der hat selber drei Bollen. Wie Mutter tot war, bin ich hier so hängengeblieben ...« Plötzlich reckte sie sich in den Schultern. Sie ballte verbissen die Hände. »Aber ich will hier 'raus – und wenn's in die Spree ist! Ich halt' das Leben nicht mehr aus. Ich bin gar nicht so. Ich hab' in der Volksschule im Betragen immer »Gut« gehabt. Ich bin durch alle Klassen. Der Herr Pfarrer hat mich sauber konfirmiert ... ach ... das is mit mir schon ein Jammer ...« 6 Die Fränze war tränenschluckend verstummt. Sie schrak zusammen. Sie frug einen koketten, schwarzgelockten Riesen mit verwegen aufgedrehtem schwarzem Schnurrbärtchen und kleinen Messingringen in den Ohren, der aus einem verschlossenen Nebenzimmer kam: »Ist der Dicke schon drinnen?« »Nee! Da mußte deine Sehnsucht noch bezähmen! 'Nacht!« »Wer das war?« Die Kleine atmete auf. »Ein Preisringer. Den nennen sie Goldhäschen. Der trägt nur Spitzendamenwäsche. Aber von Damen selber will er nichts wissen! Im Gegenteil!« Wieder bekam sie das Zittern. Sie wandte das blasse Köpfchen nach der Straßentüre. Ein behäbiger, spießbürgerlicher Mann mit Zwicker und Aktenmappe ging von da quer durch das Lokal nach dem Seitenraum. »Butterkopf – weißte, wo der Dicke steckt? Nee?« »Der ist der Kassierer von den ›Veilchen‹ da drinnen«, sagte, als er weg war, die Fränze. »Na ja – so nennen sie sich doch, weil sie im Verborgenen blühen! Er hat die Unterstützungskasse vom Verein!« »Für Krankheitsfälle?« »Nee doch! Wenn einer wieder freikommt und steht nu da!« »Also das sind Verbrecher?« »Na – was haben Sie denn gedacht ...?« Die Fränze preßte grüblerisch die blassen, weichen Lippen mit den kleinen, etwas schadhaften Zähnen. Sie schaute den Schlosser Werner an. »Ich glaube, Sie sind ein guter Mensch!« sagte sie. »Ich meine es gut mit Ihnen!« »Was sind Sie denn von Profession?« »Chauffeur 2b und 3b .« »In Stellung? Kleben Sie? Haben Se 'ne feste Wohnung? Ja? Denn is gut! Denn glaubt Ihnen der Wachtmeister auf dem Revier ...« »Was denn?« »Ich droh' jetzt den Brüdern, wenn die mir was tun wollen, daß Sie morgen hier nach mir fragen und, wenn ich nicht mehr da bin, gleich zur Polizei laufen! Vielleicht hilft das!« »Ich werde kommen! Wie heißen Sie denn?« »Franziska Häselich. Fragen Sie nur nach der Fränze! ... 'Tag, Äppelröschen!« Sie gab über die Schulter einem hereinkommenden, blutjungen Straßenmädchen die Hand. Es war ein zartes, strohblond gefärbtes Geschöpf mit einem spitzigen Kindergesicht – rote Flecke von Schminke und Schwindsucht auf den Backenknochen. »Röschen – was machste für Geschäfte?« »Mies ...« »Haste was von dem Dicken gesehen?« »Der is schon unterwegs hierher!« Das verlorene Mädchen hatte eine feine Stimme. Sie ging und setzte sich zu der Simili-Berta und der Ulanen-Guste. Die Fränze schaute ihr verstört nach. »Um das Äppelrüschen ist es schad'! Das ist'n feiner Kerl! Die hat so viel Gemüt ... Wie? Der Dicke, der jetzt gleich kommt – das ist der Vorsitzende von dem Verein drinnen. Der hat sie alle in der Mache!« »Und Sie, scheint's, auch!« Die Kleine schluckte vor Angst. Sie krampfte die Fingerchen ineinander. Sie setzte das Bierglas an die Lippen und, ohne zu trinken, wieder ab. »Was soll ich denn gegen den Dicken machen? Wenn der sagt: ›Nu gehste‹ – denn geh' ich ...« »Zu wem?« »Na – zu dem, der hinter dem Dicken und seiner Kolonne steckt! Dem gehorchen sie doch blind. So einer war doch noch nicht da! Aber zu sehen kriegen sie ihn nicht. Dazu ist er zu vorsichtig. Da darf ich immer laufen und Post zwischen ihm und dem Dicken bestellen!« »Wer ist es denn?« »Weiß ich denn? Ich treff' ihn doch immer nur in irgend 'ner Kaschemme! Hier nennen sie ihn den Ale ... Zeitung lesen Sie wohl nie? Da ist doch immer alles voll von dem Nachtdoktor ... Erst heute nacht – da haben sie das Ding bei Wiebeking'n – in dem Bankhaus – schief gedreht! 'mal marschieren wir noch alle in Moabit auf, wie wir gewachsen sind! Davor gruselt's mir bis in die Knochen!« Die Fränze schluckte hastig, in einem plötzlichen Schauder, ein paar Schluck von dem dünnen, gelben Bier. Ihre hellen, jungen Berliner Augen hefteten sich über dem Glasrand lichtbraun, schreckensweit auf den Schlosser Werner. »Nu hatt' ich heut' im Westen von dem Jakob Grünspan drüben, wo ich tagsüber Zeitungen sortier', 'ne Rechnung zu zahlen, für Altpapier – damit handelt er doch – der Schlemihl – und da seh' ich doch auf dem Rückweg zufällig auf dem Ottoplatz den Ale in Lebensgröße ...« »Wie sieht er denn aus?« »Gott – auch nicht viel anders wie Sie ... auch so um die Dreißig und mittelgroß und glattrasiert – und fein in 'nem kurzen Paletot und da ...« Die Fränze hob sich halb vom Stuhl. Sie keuchte ... »Da hat's mich plötzlich gepackt: Nu machste mal Schluß! ... Nu bringste den Ale ins Kittchen und die ganze Kolonne mit ...« »... aber sich selber doch auch ...« »Kann ich denn dafür? Ich muß ja! Ich möcht' ja nicht! Ich möcht' ja gern ordentlich leben! Aber sie zwingen einen ja ... Der Dicke macht ja Hackepeter aus mir, wenn ich nicht ... Da täten sie mit mir noch ein Einsehen haben – bei's Gericht! Und wenn ich 'n Jahr auf'm Barnim 'runterhau' oder zwei – lieber als das Leben hier! Aber der Schupo – bis der Großpapa seine krummen Beene zusammengefunden hatte, da war der Ale schon weg ...« Sie biß in Todesangst in ihr zerknülltes Taschentuch. »Aber er hat mich gesehen! ... Das wird jut mit mir ...« »Kinders – die Wechsel-Lotte!« schrie hinten eines von den drei Frauenzimmern mit Federhüten und Boas. Die Ruine einer alten Frau wankte auf Krücken herein. Ärmlich gekleidet. Ein verwüsteter Graukopf. Die Ulanen-Guste sprang mit gierigen Augen auf sie zu. »'raus mit dem Koks!« »Die handelt mit dem weißen Pulver!« sagte die Fränze. »Irgendwo hat sie die Briefchen im Rockfutter versteckt!« »... damit du hier bei mir abgeklappt wirst, olles Aas!« Der Säbelbeinige wankte vom Schenkschragen heran. »Hier is 'n Familienlokal! Verklopp' du deinen Dreck draußen unter der Laterne!« Die Ulanen-Guste bückte sich wild nach dem grauen Wollstrumpf der Alten, in dem sie das Kokain vermutete. Die hielt sich schmerzhaft, hüstelnd, die gedunsene Hand vor die Brust. Sie krächzte erloschen. »Erst de Pinke!« »Lotte – laß mich nur einmal schnupfen!« drängte die Simili-Berta. »'raus!« Der Kneipwirt packte das gebrechliche Bündel Lumpen und Krücken an der Schulter. Es war ein Getümmel. Das Äppelröschen sah von seinem Tisch aus still zu. In der Eingangstüre standen zwei Männer, dunkel angezogen, in Schlapphüten. Der eine in den Vierzigern, wohlbeleibt, kleinbürgerlich-solide, ein Schnurrbärtchen in den ausdruckslosen Zügen. Der andere – jung, untersetzt, mit vergnüglichem, rundem, bartlosem Gesicht – zwinkerte kaum merklich nach dem Tisch, an dem der Garagenschlosser mit der Fränze saß. »Nu ist's doch gut, Herr Kommissar, daß Sie mich heute auf die Streife mitgenommen haben! Die Göre dort drüben – das ist die, die mir heute nachmittag auf dem Ottoplatz den großen Unbekannten gezeigt hat!« »Und der Kerl neben ihr?« »Kenn' ich nicht!« »Kommen Sie, Peschke! Die Gesellschaft braucht mich nicht erst zu bemerken! Ich bin hier überall bekannt wie ein bunter Hund!« Der Kriminalkommissar verständigte sich, über das Gezerre um die zu Boden gefallene alte Kokainhändlerin weg, durch einen Augenwink mit dem blassen, jungen Frauenzimmer in der Ecke, die teilnahmlos an einem Strohhalm saugte. »Das ist die Jräfin. Eine von unseren Vigilantinnen. Die ist nun schon im Bild!« Und draußen, auf der Straße, zu ein paar schnurrbärtigen Männern, die ihn da erwarteten: »Hier – im elften Lokal, haben mir nun endlich Glück gehabt. Herr Schupo Peschke hat da drinnen das Mädel vom Ottoplatz heute nachmittag wiedererkannt! Na – die und die Veilchen und die ganze Kaschemme kennen wir schon lange. Nun wollen wir uns vor allem den neuen Freund von der Bolle merken – der mit ihr am Tisch sitzt!« »Für heute«, er wandte sich an den Schupo Peschke, »brauche ich Sie nicht mehr! Sollten Sie noch irgend etwas in Erfahrung bringen, so wissen Sie meine Adresse auf dem Präsidium: Kommissar Dürisch!« Die düstere Gasse draußen lag menschenleer. Nur drüben, in dem nächtigen Pompeji abgebrochener Wanzenbaracken, bewegte sich zuweilen der Schatten eines, von dem Kommissar zurückgelassenen, polizeilichen Beobachters gegenüber dem verwitterten Schild ›Restaurant Daniel Krüger‹ über den sechs rot verhängten, hellen Fenstern im Erdgeschoß des windschiefen, niederen Hauses. Die alte Rauschgifthändlerin kam, sich vorsichtig umsehend, auf ihren Krücken herausgehumpelt. Sie wimmerte vor sich hin: »Is det 'ne Welt!« Innen im Lokal beugte der Schlosser Werner seinen frischen und freundlichen, lebhaften Kopf zu dem dunkeln Wuschelhaar der Fränze Häselich und sagte: »Also ich verspreche Ihnen, daß ich nicht nur morgen komme, sondern Ihnen überhaupt helfe!« »Ach! Sie haben ja selber nischt!« »Soviel schon! Sie müssen hier 'raus! Das ist das erste! Dafür werde ich sorgen! Sie müssen nur Zutrauen zu mir haben, Kind!« Der Fränze blinkten Tränen in ihren blanken Berliner Augen. »Wenn die mich nicht bis morgen in die Spree geschmissen haben!« versetzte sie hoffnungslos. Ein junger Herr schlenderte leise pfeifend an ihr vorbei, den Hut im Genick, stutzerhaft herausgemustert, eine riesige Wachsperle im feuerroten Schlips. Er ähnelte einem Korpsstudenten, mit den paar langen, rot verharschten Schmissen in dem übernächtigen Gesicht. Aber außerdem lief dem Elegant noch eine furchtbare fingerbreite Narbe halb um den hageren Hals. Er zwickte im Vorbeigehen die Fränze scherzhaft in die Schulter. Sie stieß seine Hand zurück. »Laß die Zicken, Blaumüller – ja?« »Na – wart' nur! Der Dicke kommt gleich hinter mir! Der is heut' scharf uff dir!« Der Zuhälter lachte und trat in das Sonderzimmer. Die Fränze stand schnell auf. Sie gab dem Schlosser Werner ihre eiskalte, kleine Hand. »Gehen Sie jetzt man! Jetzt klappt's! Sie können hier doch nichts helfen! Gegen all die Kerle! Aber kommen Sie morgen! Bitte – – bitte – kommen Sie!« Draußen stand der Schlosser Werner. Er prägte sich die Nummer des schmierigen, abgebröckelten Gebäudes ein, ohne auf einen Mann zu achten, der breitschulterig, wuchtig über das holperige, halbdunkle Pflaster seinen Weg zur Krügerschen Wirtschaft nahm und mit einem harten Ruck deren Türe aufstieß. Dann schritt der Fahrer Werner weiter, die finstere, einsame Ruinengasse entlang. An der Ecke las er: Schlünzigstraße. Und an der nächsten Ecke war auf einmal wieder Berlin. Licht. Leben. Litfaßsäulen. Menschen ... immer noch Menschen am späten Abend. Menschen ... Mengen ... Millionen ... Und der Garagenschlosser Karl Werner ging, und es ging ihm durch den Kopf: Wohin zieht ihr, ihr Millionen – unter dieser unheimlichen rötlichen Feuersbrunst am Nachthimmel über der Stadt ohne Nacht? Nacht und Not, Küsse und Kummer, Tanz und Tod – es ist ein Wandern – ein Brausen – ein ewig fließendes Riesenrätsel. Und seine Lösung nur, wenn du in all den vieltausend Gesichtern immer wieder dein eigenes Menschenantlitz erkennst ... 7 Der Mann, der draußen an dem Monteur Werner vorbeigegangen war, stand, ein Stammgast, stämmig, massig, mitten in der Destille. Ein Paar schläfrige Augäpfel rollten suchend in dem großen und groben Gesicht. Zwischen der weitflügeligen Nase und dem Sack des Doppelkinns lief ihm ein breites Lächeln um die bartlosen Lippenwülste. Er steuerte seine plumpe Leibeswucht zu dem Tisch, an dem die Fränze, fast ohne zu atmen, saß – blutleer gelb die Wangen, gläsern der Blick, wie eine Gestalt im Wachsfigurenkabinett. Er setzte sich schwerfällig ihr gegenüber und sagte nur unheimlich aufmunternd: »Na ...?« Die Fränze starrte ihn schweigend an – mit halboffenem Mund – unbewegt – gelähmt ... wie das Vögelchen die Schlange. »Wat wird denn nu mit dir?« Drüben kein Laut. Kein Angstzittern. Willenlosigkeit. »Haste dein Testament jemacht – du Kröte?« Plötzlich Leben in der Fränze. Ein Haßblick der Verzweiflung. »Morgen fragt hier einer nach mir! Ein reeller Mensch! Der meldet mich bei die Vermißten! Denn kannste das Zuchthaus wieder mal von innen bekieken!« Der Dicke hob seine mächtige, fein beflaumte Tatze. Eine blaue Tätowierung – ein vom Liebespfeil durchbohrtes Herz – spielte auf dem muskelgeschwellten Unterarm. Die Fränze duckte sich gewohnheitsmäßig unter der Maulschelle aus der tabakblauen Luft. Aber es kam keine. Der drüben ließ die Boxerfaust wieder sinken. »Sag' dem Stiesel – wenn er noch mal kommt – bezieht er von mir meinen Öpperkötter! Hausmarke! Unter Kennern jeschatzt! Kostet ihn 'n künstliches Jebiß! Nu jeh! Zum Pipel-Ede! Du weißt: der Keller am Schlesischen Bahnhof!« »Wat – soll ich – dort?« Die Fränze sprach es mechanisch. »Dort is der Ale ...« »Der ... Ale ...« »... den du heut' nachmittag hast verpfeifen wollen – du Luder! ... Wat der mit dir anfangen wird, das hat er sich selber vorbehalten!« »Da – komm' ich – ja – nicht – wieder!« »Det Wort sollste wahr haben! Nu mach' mal den Spazierjang! Von dem werden dir die Beine ooch nich krumm!« Die Fränze erhob sich langsam. »Und komm' dem Ale nur nich erst mit rotgeheulten Augenklappen! Das macht auf den jar keinen Eindruck! Na – wird's?« Die Fränze tat zwei schwankende Schritte in das Lokal hinein. Blieb stehen. Die Frauenzimmer in Federhüten sahen neugierig, das Äppelröschen zwischen ihnen mitleidig, zu. »Marsch! Aber nimm dich in acht! Es steht ein Spanner draußen!« Die Fränze ging, die Augen schon in der Ferne, weiter. Zögerte zitternd. »'raus!« Die Fränze Häselich stand auf der windumpfiffenen, herbstdunkeln Schlünzigstraße. Sie schritt, immer mit halboffenem Mund, wie eine geängstigte Nachtwandlerin durch das verlorene Viertel an der Spree – in Laternenhelle hinein – auf wimmelnde Bürgersteige – Berlin um sie – der unermeßliche Ameisenhaufen des Ostens. Immer nach Osten. Nicht weit. Da war der Schlesische Bahnhof, mit seinen vielen kleinen Hotels, dem Gewimmel der engen Gassen, den zahllosen Destillen, Bierstuben, Amorgrotten, Nymphendielen – den merkwürdig vielen Menschen – junge Burschen – Mädchen – ältere Männer – die, jetzt noch, am späten Abend, scheinbar zwecklos vor den Häusern lehnten und auf den Bürgersteigen lungerten. An den Straßenecken standen die Schupoposten vier Mann stark. Die Fränze ging scheu an ihnen vorbei und stieg eine ausgetretene Kellertreppe zur Unterwelt hinab. Ein niederer, menschenheißer, übeldünstender Raum im Tabaknebel und Stimmengewirr, alles voll von stehenden und sitzenden Gästen. Alle die Hüte auf dem Kopf. Frauenzimmer dazwischen. Die Fränze hob sich auf die Fußspitzen und schaute sich um. Aus einer Runde Ostjuden in schwarzen Kaftanen, hohen Stiefeln, schwarzen Schirmkappen, mit Schläfenringeln und Prophetenbärten, zupfte sie einer vertraulich am Mantel. »Was ze handeln, Fräulein?« Die Fränze drängte sich wortlos weiter. Hinter ihr ein Schütteln der Patriarchenköpfe. »Kennt Ihr sie, Sime Mordchai? Kennt Ihr, Lipkin? Nix kennt man!« Die Fränze stand und spähte. Drüben ein geschwenktes Bierglas. »Laß man die Jarde aus der Jrenadierstraße! Hier setzste dich!« Hamburger Zimmerleute mit schwarzen Huttellern und schwarzen, geschweiften Glockenhosen. Die Fränze schaute von ihnen weg. Ein Neger in der Ecke bezog den Blick auf sich und zeigte feixend die weißen Zähne. Nein – kein Neger. Ein Kohlenarbeiter, dem das Weiß der Augäpfel in dem verrußten Gesicht rollte. »Christus ist nahe!« Sanfte Stimmen. Zwei Schutenhüte der Heilsarmee. Zwei blasse, junge Mädchen. Sie verteilten Traktätchen. Sie wiederholten eintönig, leidend, mechanisch: »Christus ist nahe!« Die Fränze ließ achtlos den Heilsruf fallen, den ihr die eine Soldatin in die Hand drückte. Dort drüben, dicht am Eingang, nickte ihr ein bebrillter bartloser, jüngerer Herr kurz und eifrig zu. Er war dunkel und schäbig angezogen. Unter dem Arm trug er eine abgegriffene Aktenmappe. Er ähnelte einem Winkelkonsulenten. Er klomm, ohne sich weiter nach der Fränze Häselich umzuschauen, mit behenden, krummen Knieen – sonderbar katzengleich – die Kellertreppe empor. Das Halleluja-Mädchen hob das Erbauungsblatt auf und glättete es vorwurfsvoll. »Fräulein ... Gottes Wort! ... Wer weiß, wie bald der Mensch vor Gott steht!« »Das sagen Sie ausgerechnet mir!« Die Fränze murmelte es. Sie folgte dem Mann mit der Mappe, der eben da oben auf die Straße hinaufstieg. Sie ging hinter ihm her, die Straße entlang. Sie wußte, daß er wußte, daß sie ihm folgte. In die Nacht hinaus. In die tiefe Nacht. Weithin verschwimmendes, unbestimmtes Schwarz drüben über der mächtigen Fläche des Küstriner Platzes. Der große Varieté-Palast in seiner Mitte schon geschlossen, still und dunkel. Leiser Wind. Leere umher. Nur da und dort ein paar schattenhafte Gestalten. Eine blieb stehen und wartete. Das war er. Sie ging auf ihn zu – nicht schnell, nicht langsam – gleichmäßig, so wie sie mußte – und machte vor ihm halt. Kein Mensch in der Nähe. Und gleich darauf seine gedämpfte Stimme – hell, schnell, eindringlich, fast übersprudelnd, mit nervösem Klang. »Aber so was müssen Sie doch nicht machen, wie heute nachmittag! Hat doch gar keinen Zweck – nicht wahr? Ich existiere doch gar nicht – nicht wahr?« »Manchmal glaubt man, Sie sind verrückt!« sagte die Fränze mühsam zwischen den Zähnen. »Also nu bitte ... Wie soll man mich denn da fassen? Wenn ich überhaupt nicht vorhanden bin?« Die flüsternden, vertraulichen Worte überstürzten sich. »Nein. Nein. Derlei hält uns nur auf – nicht wahr? Das gehört nicht zur Sache!« »... aber ich weiß, daß Sie nicht meschugge sind, sondern sehr helle – und deswegen sage ich Ihnen ...« »... Sie müssen mehr an die Sache denken – nicht wahr?« »Ich hab' nämlich 'nen Freund!« Die Kleine holte entschlossen, drohend, tief Atem. »Und wenn ihr mich jetzt hier kalt macht ...« »Davon ist gar keine Rede! Davon ist gar keine Rede, Verehrteste! Darum handelt es sich ja ...« Die Stimme wurde immer schneller. »... dann bring' ich euch noch, wenn ich tot bin, in den jrünen Wagen! Dann sitzen euch die Rüben locker auf dem Hals ...« »Das ist es ja eben! Das will ich ja nicht, daß Ihnen was geschieht! Deswegen hab' ich dem Dicken gesagt, nicht wahr, daß er Sie mir ... nicht wahr – mir schickt!« Die Sätze hasteten »... und mir überläßt! ... Ich verzeihe Ihnen – Sie verstehen...« Die Fränze Häselich schwieg ungläubig. Vor ihr redete rasch, eifrig, mit eiligen Handbewegungen ein Schatten im Dunkel. »Meine Mission verträgt kein Blut! Sie würden mir viel zu leid tun – nicht wahr? Sie sind jung. Sie wissen nicht, was Sie taten ... Aber Sie tun es nicht wieder – nicht wahr?« Die Fränze fing hilflos an zu weinen. »Gehen Sie zum Dicken und sagen Sie, es wäre alles in Ordnung!« Die Stimme schwang jetzt in einem warmen, besorgten Ton. »Ein zweites Mal kann ich Sie vor ihm nicht schützen! Bedenken Sie nur: Wir beide haben es da mit ungebildeten Menschen zu tun – aus der Hefe des Volks. Es ist peinlich – wenn es nicht so herrlich wäre ...« »Ach Gott – – – ach Gott ...« »Ein zweites Mal – bei derartigen Verbrechernaturen ... Leider ... die Spree ist tief – nicht wahr?« »Ich hab' heute schon in die Spree springen wollen! Da hat mich einer zurückgehalten ...« »So. So. So.« Der ihr gegenüber stand im Begriff zu gehen. »Wer war denn das?« »Gott ...« sagte die Fränze, während der andere zerstreut, schnellbeinig, die Mappe unterm Arm, ohne ihre Antwort abzuwarten, in die Nacht davonlief »... 'n Garagenschlosser! Mehr weiß ich auch nicht!« 8 Der Garagenschlosser Werner betrat am nächsten Morgen, tief im Herzen Berlins, das Büro rechts vom Eingang der engbrüstigen, alten Hausfront, über der ›Feuerstakes Hotel‹ stand. Da drinnen telephonierte Herr Lungwitz, die Seele des Betriebs, rechnete, notierte, hüstelte in seinen schütteren Spitzbart, äugte durch den Hornzwicker am schwarzen Band. »Tja – Herr Werner – wo hier ganz in der Nähe eine solide Unterkunft auf ein, zwei Tage für ein durchreisendes Fräulein zu haben wäre? ... 'Augenblick ... die Leute bimmeln einem die Seele aus dem Leib!« Das Ohr am Hörer: »Der Sowieso? Na – ich möcht' nich gerade 'n silberner Löffel sein, wenn der Mann in die Stube tritt! Aber sonst 'n netter Mensch! Bitte!« »Also – bei uns hier soll das Fräulein nicht wohnen? Verstehe! Verstehe! Wie? Was wünscht der Herr? Nee – Herr Feinstein wohnt hier nicht! ... Tja – Herr Werner ... Fragen Sie doch mal gerad' dort, zehn Häuser weiter, in dem Südfruchtkram nach!« Eine kleine Farbeninsel drüben, im lärmenden Grau des Alltags – Orangengold, Dattelbraun, Zitronengelb, Traubenblau, Immergrün. Ebenso freundlich leuchtete der bloße, warm blauäugige, rötlich-blonde Stoppelkopf des Monteurs Werner in der Sonne, wie er, in seiner schwarzen Fahrerjoppe, die Zigarette schief in dem vergnüglichen Mundwinkel, auf das Lädchen zubummelte, schmalschulterig, mittelgroß, aber sehnig-straff gewachsen, ein junger Mann, den die Mädchen mit ihren Marktkörben auf dem Bürgersteig seelenvoll und seitlings mit sanften Blicken sengten. Er trat in die Kühle des von den Wohlgerüchen Italiens durchdufteten, kleinen Raums. Im Hintergrund beugte sich ein unordentlicher, brauner Haarschopf, eine Hand an der Schläfe, weltversunken über ein Buch. Dann, auf das Räuspern an der Schwelle, hoben sich zwei verlorene braune Augen in einem regelmäßigen, jungen Gesicht und fanden sich allmählich in diese Welt zurück. Das Mädchen stand auf, schmächtig, schmal, in schwarzem Kleid und weißer Schürze. Sie strich sich mit der Hand über den Wirrkopf. Aber es blieb etwas Phantastisches – auch um den melancholischen Mund. »Der Herr wünschen?« frug sie mechanisch. »Entschuldigen Sie, Fräulein, daß ich störe!« Der Schlosser Werner trat lachend näher. »Was lesen Sie denn da Schönes?« »Der Herr wünschen?« »Sie lesen wohl riesig gern?« Das Mädchen schaute ihn an. Er kannte dieses plötzliche, träumerische Interesse. Er wußte: dann wirkte etwas in seinem Wesen auf das kurzhaarige Geschlecht. Übrigens – sie war recht hübsch, wie sie da immer noch ein wenig geistesabwesend stand, in der Linken eine halb abgebissene, faulig gefleckte Banane. »Lesen ist doch ein Ersatz für Leben!« sagte sie. »Sie leben doch! Gott sei Dank!« Das Mädchen schaute sich in ihrer kleinen Obstkammer um, als wollte sie antworten: ›Aber wie?‹ Dann wiederholte sie ihr Sprüchlein: »Der Herr wünschen?« Werner, der Chauffeur, warf sein glimmendes Rauchkraut weg, nahm ihr die Banane aus der Hand, biß am andern Ende ein Stück ab und gab sie ihr zurück. »So – nun Sie wieder drüben! Und dann wieder ich! In der Mitte kommen wir zusammen! Die Menschen sollten mehr zusammenkommen! Das ist das ganze Unglück!« Das Mädchen mußte lachen. Sie sah auf einmal sehr niedlich und jung aus, mit ihrem schmalen, eigensinnigen Gesicht und den lebhaften, dunkelbraunen Augen. Sie hatte kleine, weiße, dichte Zähne. Mit denen knabberte sie ab und warf den Rest in den Abfallkorb zur Seite. »Die Banane ist maukig«, sagte sie, »dann darf ich sie futtern. Immer, was übrigbleibt – das alte Zeug ...« »Aber Sie sind jung!« »Hier läßt man ja seine Jugend! Und wofür? Der Herr wünschen?« »Sind Sie mit dem Leben nicht zufrieden?« Ein träumerisches Schweigen. »... wo Sie doch so 'nen netten Laden haben!« »Der gehört meiner Tante! Ich bin Waise!« »Aha!« Der junge Mann setzte sich. »Geben Sie mir mal die Hand! Gegen die Tante müssen wir beide jetzt Sturm laufen!« Das Mädchen musterte ihn. Mißtrauisch. Ungewiß. Wohlgefällig. Sie mußte wieder lachen. »Sind Sie immer so?« »Immer Mensch unter Menschen, Fräulein!« »Na – aber ein komischer Mensch ...« Sie schüttelte, zwei zähe, in sich verbissne Grübchen in den Wangen, den unordentlichen, braunen Scheitel. »Ich komm' gar nicht dazu, mich zu frisieren!« sagte sie plötzlich verwirrt. »Um Uhre viere muß ich frühmorgens schon drüben in der Markthalle sein! Und jetzt ist die Tante wieder hinaus auf das Grab von ihrem Seligen!« Sie unterbrach sich und legte die leer lächelnde Höflichkeitstünche des Ladenfräuleins über ihre unruhigen, jungen Züge. »Der Herr ...« »Der Herr – empfohlen durch Herrn Lungwitz ...« »Gott – der ...« »Der Herr wünschen eine bescheidene Unterkunft für ein, zwei Tage!« »Für Sie?« frug sie unwillkürlich schnell. »Leider nicht! Für ein junges Mädchen, auf der Durchreise, das aufs Land soll!« »Ach so!« Sie zuckte verächtlich die Achseln, drehte sich auf dem Schuhabsatz und machte sich an einem Stapel Feigenkränze zu schaffen. »Haben wir nicht!« »Haben Sie wohl! Sie wollen bloß nicht! Sehen Sie: das ist nicht recht von Ihnen! Die Menschen müssen einander helfen!« »Was geht mich Ihre Braut an?« »Braut – das ist 'ne optische Täuschung! Das ist ein unglückliches, kleines Ding, das ich aus seiner niederträchtigen Umgebung retten will! Himmelherrgottdonnerwetter – ich bin nun mal so! Wenn ich seh', ich kann jemand aus'm Dreck ziehen, dann tu' ich's – statt daß ich dasitz' und mit dem Schicksal maul' wie Sie!« »Und wer kümmert sich denn um mich?« »Ihnen geht's noch ganz gut! Da gibt es ganz anderes Elend in Berlin! Also – Fräulein – wie heißen Sie denn?« »Hilde!« »Weiter im Text!« »Hilde Lüders.« »Also – Hilde Luders!« Er legte der Obstverkäuferin kameradschaftlich die Hand auf die Schulter und näherte sein frisches, freundliches Gesicht ihrem kleinen Ohr mit dem widerspenstigen Haargeringel. »Wenn ich Sie bitte, können Sie doch nicht ›Nein‹ sagen! Sehe ich Ihnen doch an! Ja – schauen Sie nur weg! Also heute nachmittag bringe ich die Kleine!« »Ich kann doch nichts ohne meine Tante abmachen! Die kommt jetzt gleich zurück!« »Schön, Fräulein Hilde! Ich muß 'nen Wagen einfahren und abliefern! In einer Stunde komme ich mit dem Kasten hier vorbei und hol' mir das Einverständnis der ollen Dame! Recht so? Hand darauf! Wiedersehn!« Das Obstfräulein Hilde Lüders sah lange und versonnen dem Schlosser Werner nach. Ihr Gesicht war weich geworden. Sie ging träumerisch in den Laden zurück. Sie setzte sich und schaute still vor sich hin ins Leere. Dann seufzte sie auf und griff wieder nach ihrem Buch und versank, den zerzausten Kopf auf Hohlhand und Ellbogen gestützt, wieder in ihre Kinowelt von Verbrechern, Detektivs, Unschuldsengeln, Bösewichten irgendwo da draußen ... da draußen ... 9 Ein paar Minuten nur las das Obstfräulein Hilde Lüders. Dann fielen die Schatten von zwei Männern vom Eingang her auf die Blätter. Der eine, jung, untersetzt, lächelte angenehm überrascht. Sie sah es seinem bartlosen, humoristischen Gesichtsrund an, daß sie ihm auf den ersten Blick gefiel. Der andere, unauffällig, schnurrbärtig, mit ausdruckslosen Zügen, frug schnell und kurz: »'Morgen, Fräulein! Eben war doch ein Chauffeur bei Ihnen im Laden?« »Na wenn schon!« Hilde Luders strich sich unwirsch einen Wuschel aus der niederen Stirne. »Was wollt' er denn?« »Sonst geht's Ihrer Frau Großmutter gut?« »Was heißt das?« »Na – wenn Sie so neugierig sind, bin ich's auch!« »Kriminalpolizei! Kommissar Dürisch!« Der Schnurrbärtige zog eine Blechmarke aus der Tasche und wies den preußischen Adler. »Keine Bange, Fräulein! Wir tun Ihnen nichts! Wir möchten bloß wissen, was der Chauffeur hier getan hat!« »Quartier gemacht – für irgendein Mädel!« »Aha! Schön!« Ein Blick des Einverständnisses von dem Kriminalkommissar zu seinem Begleiter, dem Stämmigen, Humoristischen. Der erwiderte ihn nicht, sondern schaute zerstreut und still befriedigt auf das schlanke, junge Obstfräulein. Der andere nickte. »Danke, Fräulein! Erzählen Sie dem Chauffeur nicht, daß die Polizei nach ihm gefragt hat! Ich verlasse mich darauf! Verstanden! Adieu!« Und draußen zu seinem Gefährten: »Ich lasse die Fränze Häselich und ihren Freund, diesen merkwürdigen Chauffeur, heute nachmittag hier verhaften und inzwischen den Laden samt der Verkäuferin beobachten. Ob die die Hand mit im Spiel hat ...« »Die da drinnen?« Der Schupo Peschke fuhr entrüstet und verklärt aus seinen Träumen auf. »Aber, Herr Kommissar! Für die leg' ich die Hand ins Feuer! Das ist doch ganz was Apartes! Was die für Augen hat! ... Ein ganz merkwürdiges Mädchen ...« »Na – na – Peschke! Vergucken Sie sich nur nicht ...« An der Bordschwelle gegenüber den gelbleuchtenden Obstkörben bremste eine Stunde später eine mächtige, himbeerrote Limousine. Der Lenker, die Sportkappe in der Stirne, in einem alten, ölfleckigen, bis zu den halben Waden reichenden Ledermantel, wollte aussteigen. Aber da trat das Obstfräulein schon schnell aus dem Laden an den Schlag, einen Hut auf dem jetzt manierlich frisierten, kurzen, braunen Haar, nett angezogen, eine Jacke über dem Arm. »Die Tante hab' ich 'rumgekriegt!« meldete sie. »Danke schön! Wenn ich Ihnen mal einen Gefallen erweisen kann ...« »Das können Sie gleich!« »Na bitte! Warum sind Sie denn so aufgeregt?« »Ach – es ist nur: Ich möchte so rasend gern mal in so 'nem herrlichen Wagen fahren! Darf ich nicht ein Ende lang neben Ihnen sitzen? Die Tante ist jetzt im Geschäft!« »Na – wenn ich Sie am Tiergarten absetzen kann ...« Der Chauffeur Werner nickte. »Da halt' ich Güntherstraße 3, ehe ich den Wagen draußen im Grunewald abliefere? Also in Gottes Namen 'rin in die Schatulle!« Der himbeerfarbene Koloß wand sich brüllend durch Alt-Berlin, die Linden entlang, im Wagengewimmel dem Brandenburger Tor zu. Der junge Mann am Steuer lachte. »Warum sitzen Sie denn so blaß und stumm da, Fräulein Hilde? Es passiert nischt!« Lang – schnurgerade die Charlottenburger Chaussee. Ein lustiger Seitenblick aus sachlich aufmerksamen blauen Augen. »Ich bin doch 'n abgebrühter Benzinonkel! Sie verderben sich ja mit der Angstmeierei das ganze Pläsier!« »Ich bin doch nicht für's Pläsier mitgefahren!« »... sondern?« Er beschrieb einen Bogen um die Elektrische. »Nehmen Sie sich in acht!« »Vor Ihnen?« Er nahm dem ratternden Riesen Gas. »Hilde: mein Herz ist rein!« »Ach – machen Sie keine Witze! ... Das ist ja so ernst ... Das ist ja gräulich ...« »Was denn?« Ein Schweigen nebenan. Nun näherten sie sich schon dem Großen Stern. Er bog links ein. »Gleich sind wir da!« sagte er. »Können Sie nicht mal halten?« Ihre Stimme zitterte. »Ich muß Sie was fragen!« »Na – bitte!« Der Wagen stand auf dem einsamen Pflasterweg zur Lichtensteinbrücke. »Aber Hildchen – Kindchen – Sie machen ja ganz wildromantische Augen! Sie schlucksen ja vor Aufregung! 'raus damit!« »Was – was haben Sie denn eigentlich ausgefressen?« »Ich?« Der Schlosser Werner zeigte lachend die weißen Zähne. »Mir können Sie's ja sagen!« »Ja – was denn – Sie verdrehtes kleines Huhn?« »Ich bin doch nicht so!« Hilde Lüders legte ihre fiebrigen Fingerspitzen auf den fleckigen rechten Lederärmel neben ihr. »Ich muck' doch selber auf – in mir – natürlich! ... Ich hab' furchtbar viel übrig für Leute, die sich nicht alles gefallen lassen ...« »Vom Staatsanwalt?« »Ja! Und von den Gerichten!« »Kind – Sie sind klassisch!« »Ich tat's auch nicht! Warum haben wir's schlecht und andere gut? Aber unsereiner ist zu schwach! Der muß sich ducken und auf sich 'rumtrampeln lassen! Um so mehr bewundere ich die, die's können ...« »... und zu fremdem Eigentum sagen: Ei was!« Der Fahrer Werner entzündete sich belustigt eine Zigarette. »Fräulein Hilde: Sie erweisen mir zuviel Ehre! ... Ganz still begeistert guckt sie einen doch an ...« »Da sind gewiß ganze Kerle darunter ...« »Und was bin ich in Ihren Augen: Flatterfahrer? Leichenfledderer? Ringnepper?« »Ach – auf so was kommt man doch bei Ihnen nicht!« sagte das Obstfräulein vorwurfsvoll. »Also 'n ausgetragener schwerer Junge? Räuberromantik ...? Dabei wird dem Hildchen warm ums Herz – scheint's ...« »Ach – ich darf ja nicht reden! Aber nehmen Sie sich in acht!« »Ich glaube. Sie schmökern zuviel!« Der Fahrer Werner brachte den Wagen wieder in Gang. »Die sind schon hinter Ihnen her! Die wissen, wer Sie sind!« »Ein simpler Garagenschlosser! Kann jeder auf meiner Arbeitsstelle erfahren – und wenn Sie zehnmal geheimnisvoll den Kopf schütteln! Ich danke Ihnen für die übertrieben hohe Meinung, die Sie von mir hegen, Fräulein Hilde! Aber hier sind wir an der Güntherstraße! Da müssen Sie nun 'raus aus dem Vergnügen! Also auf Wiedersehen heute nachmittag!« 10 Der Fahrer Werner wartete, bis die schmächtig schlanke Gestalt der Hilde Lüders, den Kopf eigensinnig im Nacken, ohne sich umzuwenden, mit schnellen, unruhigen Schritten um die Ecke gebogen war. Er fuhr dann die Limousine langsam eine Reihe von Häusern weiter, in die letzten, noch still vornehm gebliebenen Straßen des Tiergartenviertels hinein. Die schloßähnliche, weiß und mächtig auf grüner Rasenfläche hingelagerte Villa, vor der er stoppte, trug am Straßenportal ganz klein und einfach das Namensschild ›Wiebeking‹. Herbstbuntes Parkgehölz reckte hinter ihr seine Wipfel über Türme und Dächer. Zur Rechten standen noch die Palmen im Freien vor den Gewächshäusern. Links wölbten sich die Einfahrtstore der Garagen für ein Vierteldutzend Wagen. Einige Herrschaftschauffeure standen davor. Sie verbeugten sich ehrerbietig, als der Schlosser Werner auf das Haus zuschritt, und rissen ihre Kappen von den Köpfen. Er nickte ihnen freundlich zu, zwei Finger am Mützenrand. Innen im Vestibül warf er dem herbeieilenden Diener seinen Fahrermantel hin, unter dem er einen modernen Sakkoanzug trug, und trat, ohne anzuklopfen, in den schweren Reichtum einer Flucht von Gesellschaftsräumen. »... 'Tag, Mama!« Eine kleine, zarte Dame trat ihm entgegen, leicht übersilbert der blonde Scheitel, und sagte, während er ihr die Hand küßte: »Tauchst du mal wieder aus dem Volk auf, Werner?« »Nur für ein paar Minuten, Mama!« »Was du für Hände hast – schrecklich!« »Ja – ein Salontiroler der sozialen Frage bin ich nicht!« Der junge Millionär betrachtete befriedigt seine roten, riesigen Arbeitsfäuste. »Das ist nicht der Zweck der Übung! Ich habe da gerade gestern abend einen Einblick getan! Ich habe da so ein Menschenskind aus der Spree gefischt – oder wenigstens dichtebei. Das arme Ding muß aus ihrer elenden Umgebung 'raus! Die muß aufs Land! Wir haben ja Platz genug auf unseren Gütern in Hinterpommern ... Bei den Gärtnersleuten in Groß-Kietz, unter Aufsicht vom Pfarrer ... Abgemacht? Nun brauche ich nur noch Papa's Plazet! Er ist doch noch nicht auf die Bank?« »Es sind noch zwei Herren bei ihm! Architekten! Du hast doch von dem schrecklichen Einbruch vorvorige Nacht gehört?« »Ich bin sogar gestern abend an unserer mißhandelten Filiale vorbeigefahren!« Der Sohn lachte ... »Und habe Papa drinnen sittlich entrüstet über die Schlechtigkeit der Welt zwischen den Häschern stehen sehen! Aha – da hört man ja nebenan seine Befehlsstimme!« »Nein – meine Herren: die Geschichte vorgestern nacht geht mir doch über den Spaß!« Der Geheimrat Dr.+jur.+Dr.+h.+c. Albert Wiebeking lehnte klein, graubärtig, energiegeladen, in seinem Arbeitseckraum an der Kante des riesigen Schreibtisches. »Ich habe mich kurz entschlossen. Ich lasse nicht nur die Stahlkammern in meinen sämtlichen Filialen modernisieren, sondern auch das Panzergewölbe im Hauptgeschäft selber!« »Ein Einbruch in eine Hauptbank, Herr Geheimrat, war in Berlin noch nicht da!« sagte der eine der Architekten, ein kleiner, zarter Herr. »... und so ein Gegner wie dieser Ale oder Nachtdoktor oder wie er sich auf seinen hinterlassenen Schmieralien an den Wänden nennt, war auch noch nicht da!« sagte der Geheimrat. »Es würden ihm in der Hauptbank unberechenbare Werte in die Hände fallen!« Er dämpfte, aus seinem grauen Vollbart heraus, unter der kurzen, willenskräftigen Nase, die Stimme. »... und dies Nachtgespenst weiß genau, wo diese Werte sind! Denn es gehört offenbar zu uns! Zu unsern Kreisen. Wir verraten ihm unsere Geheimnisse, ohne es zu wissen, wahrscheinlich alle Tage! Vielleicht befindet er sich heute abend unter meinen Gästen. Angenehm, nicht?« »Ja ... wie Sie meinen, Herr Geheimrat ...« versetzte der zweite Architekt, ein dickleibiger Mann. »Ich meine, daß ich auch in meinem Hauptgeschäft das Verfahren wider Unbekannt eröffne! Ich lasse heute noch die Baupläne und Grundrisse des Gewölbes aus der Bank hierher bringen, damit Sie, wenn Sie morgen wiederkommen, gleich im Bild sind und mir möglichst bald die nötigen Vorschläge machen können!« »Zu machen ist alles, Herr Geheimrat! An dem gehärteten Stahlfutter unserer neuen Eisenbetonwände versagt jeder Schneidebrenner!« »Unser klingelndes elektrisches Tresorpendel ... unser Lauschermikrophon mit Verstärker ...« »Die neueste Schikane: die unsichtbaren und unfühlbaren, ultraroten Spiegelreflexwellen, die ein Läutewerk in Bewegung setzen, sowie jemand durch das Panzergewölbe geht und ahnungslos die Strahlenbündel durchbricht ...« »Na schön! Also auf morgen, meine Herren!« Der Geheimrat nahm, allein zurückgeblieben, eine Karte vom Tablett des Dieners. »Herr Kriminalkommissar Dürisch? Ich lasse bitten! So eilig, Herr Dürisch? Ich habe es nämlich auch eilig! Ich muß auf die Bank!« »Jede Minute ist kostbar!« Der unauffällig bürgerlich gekleidete, schnurrbärtige Mann mit dem ausdruckslosen Gesicht sprach außer Atem. »Der große Unbekannte, der den Nachtkrieg gegen Sie und Ihre Kreise führt ...« »Haben Sie ihn?« »Ich weiß wenigstens, wo er möglicherweise augenblicklich ist!« »Nämlich?« »Hier! In Ihrem Haus!« »Nanu!« »Gestern nachmittag zeigte ihn ein junges Mädchen auf dem Ottoplatz einem Schupo. Leider entkam er, ohne daß man ihn genau erkennen konnte ...« »Dafür zahl' ich meine Steuern!« »Gestern abend saß die Person in einer Kaschemme in aufgeregtem, leisem Gespräch mit einem unbekannten Individuum zusammen, der er wahrscheinlich war ...« »... und den sie ins Gefängnis bringen wollte ...« »... inzwischen ist sie vielleicht wieder unter seine Macht geraten! Das geht bei den Frauenzimmern rasch. Die stehen oft unter der Hörigkeit von Verbrechern!« »Na – und?« »Vorhin stieg der Kerl vor einem Obstladen in der Innenstadt, den ich beobachten lasse, in eine große, himbeerfarbene, von ihm selbst gesteuerte Limousine und nannte einer andern, in seiner Begleitung befindlichen Frauensperson, vor den Ohren eines danebenstehenden Vigilanten als Fahrtziel die Güntherstraße drei!« »Mein Haus?« »Er muß inzwischen hier eingetroffen sein!« »Na, hören Sie mal ...« »Bitte! Da draußen steht die rote Limousine!« »Donnerwetter ja ...« »Du, Papa, verzeih die Störung! Aber ich muß weiter!« Der rötliche blonde, blauäugige Kopf eines frischen, jungen Mannes schob sich durch den Türspalt. »Was gibt's denn, Werner? Ich bin jetzt ...« »Nur 'nen Moment!« Der Herr im modischen grauen Sakkoanzug trat ein und zog, mit einer kurzen, entschuldigenden Verbeugung gegen den Kriminalkommissar, vertraulich den Hausherrn beiseite. »Ich hab' Mama schon breitgeschlagen«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Es handelt sich um ein armes Mädel, aus dem wir draußen bei uns in Groß-Kietz einen ordentlichen Menschen machen wollen! Einverstanden? Danke! Nu muß ich weiter! Die Brautkutsche da draußen bei ihrer holden Besitzerin abliefern. Das heißt: Ob sie hold ist, weiß ich nicht! Ich kenn' sie nicht! Adieu! Adieu!« Der junge Mann eilte mit Siebenmeilenschritten hinaus. Der Kommissar Dürisch stand starr. »Das ist ... doch nicht ... Ihr Sohn?« »Na und ob! Mein Einziger! Der Dr.-Ing. und Volkswirtschaftler Werner Wiebeking!« »Aber das ist doch ein Mann aus dem Volk!« »Ein Volkswirtschaftler gehört ins Volk! Gerade heutzutage! Bücherwürmer haben wir von jeher genug!« »Das ist mir doch in meiner Praxis ...« »Das ist die neue Lebenspraxis eines neuen jungen Mannes – das, wofür wir leider zu alt sind«, versetzte der Geheimrat. »Der Werner hat das ganz richtige Gefühl: ich bin einmal, kraft meines Reichtums, dazu berufen, am Volkswohl mitzuarbeiten. Wie soll ich das, wenn ich das Volk nicht kenne?« »Und da ...« »Da ist er schon seit drei Monaten, unter dem Namen Karl Werner, zwischen andern Arbeitern in einer Auto-Reparaturwerkstatt draußen im Osten tätig!« »Zwischen anständigen Arbeitern ...« »Auf sie kommt es ihm, als künftigem großem Arbeitgeber, doch natürlich an!« »Und Krügers Kaschemme?« »Das Lokal ist mir fremd!« »Das glaub' ich! Aber mir nicht! Dort sitzt ein ausgekochtes Gesindel. Und mitten darunter – ich sah es gestern abend – Ihr Herr Sohn! Ich sage es nur zur Erklärung meines irrtümlichen Verdachts!« »Mein Sohn ist dreißig Jahre alt und mündig! Er weiß selber, was er tut!« Der Geheimrat horchte auf ein Hupen draußen. »Sehen Sie, da fährt er los! Im dreckigen Arbeitsmantel und Kappe! Meinen Segen hat er!« 11 Die himbeerrote Limousine fraß sausend den Weg. Das Häusermeer der Millionen verschwamm schon fern hinter ihrem Tank. Rings Fichten und Föhren. Sand und See. Und, mitten im kargen, ernsten märkischen Forst, in den Baustilen aller Zeiten und Völker, die Ansitze der tausend Reichsten von Berlin. Eine Villa darunter – eine große, moderne, weiße Villa in der Westallee zwischen Teppichbeeten und Springbrunnen, Rosenflor und Rasenflächen. Vor ihr, an der Einfahrt, erwartungsvoll, mit bloßem, blondem Kopf, eine kleine, zarte, junge Frau in Weiß. »Gott sei Dank ...« Zwei blaue Augen leuchteten beglückt in ihrem weichen Kindergesicht. Sie lief auf den gebremsten Wagen zu. Sie streichelte zärtlich die heiße Haube. »Da ist er wieder – der gute – liebe...« »Heil und munter!« Der Chauffeur Werner stieg lachend vom Sitz. »Ich soll den Wagen bei Frau Hüsgen abliefern!« »Das bin ich!« sagte die junge Frau. Das Lächeln verschwand langsam wieder von ihren Zügen. Die wurden still und versonnen. »Gnädige Frau können sich auf den Wagen verlassen! Ich hab' ihn mit aller Sorgfalt eingefahren!« Er klappte die Haube auf. Die beiden standen nebeneinander und betrachteten sachlich den Lambert Zwölf. Die kleine Frau kramte aus ihrem Handtäschchen einen Zwanzigmarkschein. »So! Das ist für Sie!« »Danke sehr, gnädige Frau! Es könnte höchstens sein, daß die Stechbolzenmuttern an der Zylinderkopfdichtung noch 'ne Idee nachgeschraubt werden müssen! Das zeigt sich erst bis morgen!« »Schauen Sie doch morgen um die Zeit noch mal nach! Ja?« »Gewiß, gnädige Frau!« »Sie kriegen dafür ein Trinkgeld extra!« »Zu gütig, gnädige Frau!« Die Augen des Fahrers Werner hingen verstohlen an dem träumerisch in den Anblick des Autos versunkenen Profil der jungen Frau. Er nahm sich zusammen. »Wollen nicht gnädige Frau den Wagen einmal probieren?« Frau Hüsgen fuhr aus ihren Sinnen auf und stieg ein. Er fetzte sich neben sie. Sie töffte hinaus, die Straße entlang. Er sah von der Seite ihre kleine, weiße, blasse Hand, an der ein Ehering funkelte, unruhig am Steuerrad. Sie gab wenig Gas. Er merkte: sie wagte nicht, dem Koloß seine letzten Kräfte abzulocken. Sie fürchtete sich fast vor ihm. Er frug: »Warum fahren gnädige Frau eigentlich einen so schweren Wagen?« »Ach – er hat mir neulich im Schaufenster im Vorbeigehen so riesig gefallen, und da hat mein Mann, wie er so ist, ihn mir auch gleich auf der Stelle geschenkt!« »Fand der Herr Gemahl denn nicht auch, daß der Wagen ein wenig groß für eine Dame ...« »Mein Mann?« Jetzt verwandelte sich ihre gespannte Fahrermiene in herzliches Lachen. »Von Autos und so was hat er keine Ahnung! Wenn es Bilder wären – da kauft er alle fingerlang welche ... Und dazwischen mal eben den Wagen ...« Geld ... Geld spielte hier keine Rolle ... Der Fahrer Werner beobachtete stumm, wie Frau Hüsgen um das Grunewaldrondell schwenkte. Es ging nicht ganz glatt. Sie mußte mit dem langen Kasten Rücklauf nehmen. »In der Stadt säuft solch ein starker Wagen nur so das Benzin, gnädige Frau! Das ist ein teurer Spaß!« Sie zuckte nachlässig die Achseln. Es war ihr offenbar ganz gleich, ob irgendein Ding etwas kostete und wieviel. Sie steuerte den Lambert Zwölf wieder zur Einfahrt der Villa und bugsierte ihn, rückwärts schauend, mit zusammengebissenen Lippen, etwas im Zickzack in die Garage. Als er stand, sagte sie im Aussteigen: »Natürlich bin ich dem Wagen nicht gewachsen! ... Aber so geht's einem ja immer ...« »Der Wagen läuft gut! Aber – wenn gnädige Frau verzeihen wollen – als Fachmann gesprochen: Gnädige Frau fahren etwas nervös!« »Das macht der Schrecken von neulich! Bei der Panne!« Frau Hüsgen sprang blondköpfig, weißschimmernd, mit ihren kleinen, schmalen Halbschuhen auf den sonnenflimmernden, gelben Kies. »Aber ich muß vorläufig selber kutschieren. Mein Chauffeur liegt doch noch im Krankenhaus ... Und einen Fremden laß' ich nicht 'ran!« »Und heute ...« Sie überhörte sich gedankenvoll wie ein Kind seine Schulaufgaben, »... muß ich nachmittags hinaus nach Roseneck zum Blau-Grün-Turnier. Da spielen doch die Amerikanerinnen. Und dann in der Nähe hier zum Bridge. Und abends in die Stadt – ins Theater. Und hinterher noch irgendwo was ... Herrgott: was war das nur ...?« Sie schüttelte den Kopf und verstummte. Der Chauffeur Werner stand ehrerbietig, die Mütze in der Hand. »Gnädige Frau: darf ich bitten, die Empfangsquittung zu unterschreiben!« »Ach ja – kommen Sie nur mit herein!« Es war kein Haus – es waren die weiten, feierlich dämmerigen Hallen eines großen Kunstmuseums, in das sie traten. Der Garagenschlosser Werner schaute sich stumm zwischen den durch zwei Stockwerke gehenden Wänden voll alter Meister, den tausendjährigen Marmorstatuen, den antiken Möbeln, dem ehrwürdigen Porzellan und Steingut, den Gobelins Flanderns und Teppichen Asiens um. »Wundervoll!« sagte er dann halblaut für sich. Die kleine Frau hörte es. Sie kauerte mit hochgezogenen Knieen an einem Malachit-Tischchen und unterzeichnete und frug, während sie den Schein zurückgab: »Gefällt Ihnen das hier?« »Das sind ja fabelhafte Sachen, gnädige Frau – das heißt ...« Er verbesserte sich schnell ... »Unsereiner versteht ja nichts davon!« »Doch! Das würde meinen Mann freuen, daß Sie das sehen! Er ist doch einer der ersten Kunstsammler von Berlin. Haben Sie nie von der Sammlung Hüsgen gehört?« »Nein, gnädige Frau! Ich kenne nur die großen Hüsgenwerke am Rhein! Die kennt in Deutschland jeder in meiner Branche!« »Nun – aus der Familie Hüsgen stammt ja mein Mann. Er ist Teilhaber der Firma. Aber er hat keine Freude an der Industrie. Er lebt als Privatmann und sammelt ...« 12 Die kleine Frau sagte das so knapp und sachlich, als sei sie selber ein Hauptstück in dem Museum ihres Gatten. Rund um sie war die Weite, die Kühle, die Stille der hohen, gotischen Halle. Die Rembrandts und Tizians an den Wänden, die marmornen Götter und holzgeschnitzten Madonnen schwiegen. Nichts regte sich zwischen den Drachenvasen und Renaissancetruhen. Draußen stand blau und sonnenheiß der Herbsthimmel über dem Rotbraun der Föhrenstämme und dem fern durchblinkenden Silberspiegel der Havel. Die kleine Frau unterdrückte ein Gähnen. Vor der Villa hupte es. Sie fuhr zusammen. »Gott – ich hab' ja heute 'ne Masse Leute zum Frühstück!« murmelte sie. »Also – sagen Sie bitte: Wie heißen Sie denn – damit ich Sie nötigenfalls heute in der Werkstatt anrufen kann!« »Monteur Karl Werner, gnädige Frau!« »Mahlzeit, Ilselott!« Ein Kleeblatt junger Gents verdunkelte die Butzenscheiben des Eingangs – glattrasiert alle drei, herbstfroh die bunten Krawatten, schlotternd weit die Bügelhosen. Der Schlosser Werner ging in respektvollem Bogen um die Jünglinge herum. Frau Hüsgen winkte ihm freundlich nach. »Also auf morgen, Herr Werner!« »Patenter Kerl – dein neuer Chauffeur, Ilselott!« »Wie ein Gentleman ...« »In diesem Hause geht alles nach der Schönheit!« »Seit wann haste denn die Perle, Ilselottchen?« »Das ist ganz einfach der Mann, der mir meinen Wagen wiedergebracht hat!« Frau Hüsgen sah mißbilligend ihrem Bruder in das glattrasierte, großohrige, spitznasig-vergnügliche Lebemännchen-Gesicht. »Das ist ein nützlicherer Mensch als du, Lüttchen! Dazu gehört allerdings nicht viel! Gut, daß du kommst und ich dir den Kopf wasche. Papa ist grimmiger Laune gegen dich!« »Papa ist Erster Staatsanwalt! Mach du's mal einem Staatsanwalt recht! Ich habe Mitleid mit dem alten Herrn!« »Auf der Bank hat man dich seit drei Tagen nicht mehr gesehen!« »Gott – ob da ein Volontär mehr 'rumwimmelt! Ich kann die allgemeine Pleite auch nicht aufhalten!« »Und wo schwiemelst du denn so eigentlich herum?« Die Schwester wandte sich zu den beiden andern Gents. »Und Sie unterstützen ihn noch in seinem Lebenswandel!« »Oh – ich studiere Berliner Sitten und Gebräuche!« sprach langsam der eine, fad blond, farblos, dürftig gewachsen, in schlechtem Englisch-Deutsch. Und der andere, der hornbebrillte, weichliche Antinouskopf mit der lächelnden Schwermut um den üppigen Frauenmund, versöhnlich und weich: »Der Kurfürstendamm ruft, gnädige Frau! Er ruft Tag und Nacht!« »Gott sei Dank: da kommt mein Mann! Gebhard – lies mal dem Lüttchen die Leviten!« Ein schmächtiger Herr mit versonnenem, glattrasiertem Gelehrtenkopf lief vom Eingang her durch das Museum. Zwei andere rechts und links von ihm. Er bewegte sich bei aller Eile vorsichtig, fast auf den Fußspitzen, als fürchtete er, bei jedem Schritt an einen seiner Kunstschätze zu stoßen. »Verdreifachen wir lieber gleich die Einbruchversicherung!« sagte er schnell, ohne auf seine Frau zu hören, zu seinem Begleiter rechts, und blickte auf den rotwolligen, dickbäuchigen, weltkundigen Silen zu seiner Linken. »Herr Rösing steht uns bei der Schätzung als Experte zur Seite!« »Na – na – gleich verdreifachen, Herr Doktor Hüsgen?« Der feuerbärtige Kunsthändler zwinkerte zweifelnd durch die goldene Brille. »Doch! Doch!« Der magere, blauäugige Mann blieb stehen und stampfte nervös mit dem Fuß. Seine Stimme hatte einen weinerlichen, geängstigten Klang. »Ich muß mich gegen diesen Nachtmenschen schützen! ... Er kommt sicher auch einmal zu mir! ... Er kommt sicher mal ...« »Zu holen ist für den schwarzen Mann hier freilich genug!« »Ich schlafe schon nachts nicht mehr wegen diesem Nachtdoktor! Und wenn ich schlafe, dann träume ich von dem Geschöpf! ... Nein! Da muß ... Was willst du denn, Ilselott? Ich bin jetzt ...« »Gebhard! ... Der Lüttchen bummelt in letzter Zeit doller wie je! Meine Eltern haben gar keinen Einfluß mehr auf die Rübe! Nimm du ihn dir mal vor!« »Brauchst du Geld?« Gebhard Hüsgen schaute zerstreut aus seinen milden, blauen Augen auf den Schwager. Der kleine Asphalttreter lächelte nur ironisch und überlegen und lupfte nachlässig eine Faustvoll loser Tausendmarkscheine aus der Hosentasche. »Lüttchen – woher hast du das Sündengeld?« rief die Schwester. »Liegt in Berlin ja auf der Straße!« Der junge Mann entzündete sich kühl eine Zigarette. »Man braucht nur ein ausgeruhtes Köpfchen!« »Nun – dann ist ja gut!« Dr. Hüsgen huschte erleichtert mit den beiden Herren in die Hinterräume seiner Sammlung. Dort schritt er aufgeregt hin und her. Er liebkoste träumerisch mit dünnen, langnägeligen Fingerspitzen die kobaltblaue Wölbung einer halb mannshohen Meißner Vase, als sei sie ein lebendes Wesen. Er rückte geschäftig den Serpentinsockel eines Dionysostorsos zurecht. Seine Sprache schwang jetzt, unter seinen Kunstschätzen, in einem leidenschaftlichen, schreienden, begehrenden Ton. »Ehe wir mit der Versicherung beginnen«, er blätterte fiebrig in einem dicken, bilderreichen Katalog, »notieren Sie doch schnell, lieber Rösing, meine Aufträge für die große Auktion Ende dieses Monats! ... 117: der Teller aus der Tsing-Dynastie! Spätestens aus der Zeit des Kaisers Khang-Hi! Das Nien-Hao ist noch nicht in Siegelschrift!« »Nummer 117! Ich verrate nicht, daß ich in Ihrem Namen steigere! Sonst klettern die Preise gleich wie im Fieberthermometer!« »Sie verderben mit Ihrer unbeschränkten Kapitalsstärke die Preise, Herr Doktor Hüsgen!« sagte der andere. Der Sammler wehrte ungeduldig ab. »Nummer 228. Die Gravierung der Ruinen von Hancock! Weiter nichts! Ich muß alle meine Kräfte für den Andrea del Sarto zusammenhalten!« »Sie mit Ihren ungemessenen Mitteln!« »Trotzdem ...« »Ihre Hüsgenwerke verteilen sogar dieses Jahr noch fünfzehn Prozent Dividende!« »Gott sei Dank, daß ich den Andrea del Sarto kaufen kann! Es ist eine nie wiederkehrende Gelegenheit!« »Herr Doktor Hüsgen hat ganz recht, daß er sich für die Auktion dick wattiert!« sagte der Kunsthändler. »Es sind eigens Museumsdirektoren aus Amerika gekommen. Der Andrea del Sarto wird fabelhaft hoch getrieben werden!« »Ich muß ihn haben! Ich muß!« Der Sammler lief nervös auf und nieder. »Und ich werde es schaffen! Aber jetzt wollen wir uns gegen diese Bestie in Menschengestalt – diesen Nachtkönig – sichern ... Er soll mir nichts stehlen ...« Er stützte sich, halb schützend, halb Schutz suchend, an einen lebensgroßen, altbayerischen Heiligen. »Die Sachen gehören mir!« »Ich habe Waffen!« Der schmale, schwächliche Mann zog ungeschickt eine Pistole aus der Schublade eines Rokoko-Putztischchens. »Ich hab' in jedem Raum welche versteckt! Ich verteidige mich rücksichtslos! Ich schieße jeden nieder!« »Na – so weit sind wir ja noch nicht!« versetzte der dicke, rotbärtige Rösing phlegmatisch. »Sie haben doch schon Schutzvorrichtungen genug!« »An jedem Fenster ein elektrisches Läutewerk, wenn einer einsteigt!« Der Hausherr lächelte matt und triumphierend. »Bitte – überzeugen Sie sich ...« Er öffnete zwei Scheiben. Er fuhr mit einem Gurgeln des Schreckens zurück. Der Versicherungsvertreter sprang hinzu. »Was ist? ... Um Gottes willen: die Leitungsdrähte sind ja durchschnitten ...« »... und sauber wieder aneinandergelegt, damit man es nicht merkt ...« »... die Schnittfläche noch ganz frisch ...« »Das ist ein Zeichen, daß Ihrem Haus wirklich Gefahr droht!« sagte der Kunsthändler, jetzt auch sehr ernst. »Ich würde die Villa von heute nacht ab von ein paar ganz zuverlässigen Männern bewachen lassen, Herr Doktor Hüsgen! Auf die Kosten kommt es Ihnen ja nicht an!« »Er hört Sie ja gar nicht! Er wird ja ohnmächtig!« schrie der rote Rösing. »Da – lassen Sie ihn in den Renaissancefauteuil fallen! So! Klingeln Sie nach Wasser! ... Jesus! ... Jesus ... der Mann hat schwache Nerven!« »Sagen Sie meiner Frau nichts!« stöhnte Gebhard Hüsgen. »Nein – nein – Herr Doktor ...« »Sie ängstigen sich ganz unnütz ...« »Die gnädige Frau merkt ja nichts! Sie hat ja drüben Gäste!« 13 In der Vorderhalle stellte Ilselott die Anwesenden einander vor. »Mr. Harris aus Chicago. Ein Freund meines Bruders ...« »Vater drüben unanständig reich!« flüsterte Lüttchen sorgenvoll. »Zweiter Freund aus Berlin ... Herr Aster ...« »Solo-Erbe des Bankhauses Aster und Kompanie! Na – wie wird euch?« murmelte der Großohrige, Ilselotts Bruder. »... weniger Banksprößling als angehender Film-Tenor!« Der Antinous senkte lächelnd das krausgebrannte klassische Haupt. Ein zarter Maiglöckchenduft umhauchte ihn von der Hornbrille bis zu den Lackschuhschleifchen. »Und hier ...« Ilselott wies auf die beiden neu gekommenen Ehepaare ... »Baron und Baronin Sempt – meine Freundin Aloscha aus Livland.« »Flüchtlinge aus Litauen, Ilselott!« »Kieselbach – Flüchtling aus der Berliner Börse«, machte sich ein kleiner, dicker, beweglicher Herr mit schwarzem Schnurrbärtchen selbst bekannt. »Himmel – haste 'n Parapluie? Koblank Tiefbau heute zweiundzwanzig! Mies! Das einzige Wertvolle an mir ist noch meine Frau!« »Nämlich hier meine Freundin Iris«, Ilselott wandte sich zu einer dunkeln, schönen Frau. Sie war groß, schlank, mit matt bräunlichen, stillen Zügen und mandelförmigen schwarzen Augen. »Traum im Süden – nenn' ich sie mit Vorliebe!« Der kleine, dicke Kieselbach drängte sich an die Hausfrau heran. »Gnädigste – da steht nämlich noch 'ne unbekannte Größe! Ich war so frech, ihn auf 'nen Augenblick mitzubringen! Er ist einer meiner besten Bankkunden! Sehr reich! Die Großeltern waren noch bessere Millionenbauern draußen im Osten ... Ihnen gesagt: Ein verdrehter Mensch ...« »So ...« »Er leidet an sozialen Komplexen – warum er soviel Geld hat und andere nicht! Lebt unbeweibt als Privatgelehrter ganz eingezogen der Fürsorge für entlassene Strafgefangene. In den Kaschemmen zwischen dem Wedding und dem Schlesischen Bahnhof ist er bekannt wie 'n bunter Hund. Den faulen Westen flieht er!« »Ja – und was ...?« »Er hat ein Anliegen an Sie! Gnädige Frau – darf ich Ihnen Herrn Doktor Josef Schraubt vorstellen?« Der sich etwas verlegen und unbeholfen verbeugte, war ein bartloser, plump gebauter, mittelgroßer Mann in der ersten Hälfte Dreißig. Die buschigen, über den tiefliegenden Augen fast aneinanderstoßenden Brauen gaben seinem starken, runden, kurz braunbehaarten Schädel etwas Düsteres. Die groben Züge waren von ruhiger Intelligenz, mit aufgeworfenen, forschend vorgeschobenen Lippen. Ilselott bot ihm einen Stuhl im Nebenraum und setzte sich ihm gegenüber. »Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?« »Gnädige Frau! Ich komme nicht für mich – sondern für die Elendesten der Elenden ...« Die Stimme des Dr. Schraubt war rauh und dunkel ... »die Parias unserer Zeit, die aus angeborener Willensschwäche – ich versichere Sie – nicht aus bösem Trieb – also eigentlich ohne Verschulden – immer wieder zu Verbrechern werden. Ihnen zu helfen betrachte ich als meine Lebensaufgabe und suche Mithelfer da, wo ich irgend hoffen kann, welche zu finden. So auch bei Ihnen!« »Ja – und wieso kann man denn diesen Leuten behilflich sein?« »Jeder mit dem, was er hat! In diesem Hause hier mit Geld!« »Ich denke, Sie sind selbst so reich!« »Ich bin es, unverdientermaßen, gnädige Frau, und ich verwende meinen Reichtum ausschließlich für diese Zwecke. Aber ich möchte auch andern vom Glück begünstigten Menschen Gelegenheit geben, sich von der Last des sozialen Gewissens zu befreien!« Die Worte des Dr. Josef Schraubt fielen schwer, gedämpft, langsam wie Tropfen in einer Grotte. »Wer über Einkünfte verfügt wie Sie ...« »Ich? Nicht 'nen Groschen! Staatsanwälte wie mein Vater sammeln keine irdischen Schätze! Und mütterlicherseits – na – wie es jetzt in alten preußischen Familien ausschaut, das weiß jeder. Das gehört alles hier meinem Mann!« »Dann also ...« »... und der ist mehr für die Bilder als für die Leute, die ihm die Bilder stehlen wollen! Ich darf ihn jetzt dahinten nicht stören! Aber ich werde nachher mit ihm sprechen, Herr Doktor! Bitte, machen Sie uns das Vergnügen und bleiben Sie zu Tisch!« »Ich nehme dankend an, gnädige Frau!« Dr. Schraubt trat mit ihr wieder in die Vorhalle, zu der schönen, stillen, dunkeln Frau Kieselbach. Er sprach leise mit ihr. Ilselott stand im Geschwurbel der andern. Es schlug an ihr Ohr: ›Nein – ganz flach und breitrandig, mit dünnen Roßhaarspitzen‹ – ›Nach Ägypten im Winter? Ist doch doof!‹ – ›Also das nennen die Bridge: Süd paßt. West drei Sans‹ – ›Paß auf: Ein Viertel Gordon Gin, ein Viertel Cointreau, ein Schuß Angostura Bitter ...‹ »Das sind die Sorgen von Berlin!« Der schwere Schatten von Dr.. Josef Schraudt stand plötzlich wieder zwischen ihr und dem Fenster. »Aber es gibt auch ein anderes Berlin. Das kennen Sie hier nicht!« Er deutete mit der breiten, kurzfingerigen Hand in das Gewimmel der Föhrenstämme hinaus. »Sehen Sie die Kähne dort ganz hinten auf der Havel schwimmen? Auf dem einen geht ein Mann von vorn nach hinten und stakt mit der Stange. Und wenn er hinten angekommen ist, dann lehrt er um und fängt vorn wieder an und stakt und stakt ... den ganzen Tag ... jeden Tag ... sein Leben lang ... Gibt Ihnen das nicht zu denken? Der Mann stakt und stakt ...« 14 Der Flußschiffer Räder, der am Abend zuvor die Fränze Häselich und den Monteur Werner fern im Osten Berlins über die dunkle Oberspree gerudert hatte – der Schiffer Paule Räder stakte hochgestiefelt, hemdsärmelig, sonnenbraun, im Schweiß seines Angesichts, die ziegelsteinschwere, nur ein paar Handbreit über den Seespiegel ragende Zille zusammen mit deren Eigentümer das Havelufer am Grunewald entlang hinaus nach Spandau. Dort vertäuten sie, bei einbrechender Dämmerung, am Einlauf der Spree den Kahn. Paul Räder ging von Bord und fuhr mit der Straßenbahn und dann weiter mit der Stadtbahn nach Berlin. Und Berlin zog als Wandelbild an seiner Fensterscheibe vorbei. Hinter den Kiefernwipfeln der Jungfernheide die ersten Polypenarme der Straßen, die ersten Saugnäpfe der Häuser der Weltstadt. Eine Stadt in ihr, riesig, rauchend, rötlich schattend, das Siemensreich. Bewimpelte hölzerne Gartenstädtchen, weithin die Laubenkolonieen. Jäh aufblendend, in allen Farben gleißend, taghell, das Amüsierviertel am Kurfürstendamm-Kopf. Herbstflammend deutscher Wald, der Tiergarten. Geschäftiges, schwarzes Ameisengekribbel durch den endlosen, schnurgeraden Schacht der Friedrichstraße. Feierlich, im Abendlicht, die große Vergangenheit! Die graue Masse des Schlosses. Die Domkuppel. Steinharnische auf flachen Simsen. Eine Griechenstadt unter nordischem Himmel, die Spreeinsel. Säulengänge und Tempel der Museen. Niedrig, unscheinbar, drüben am Fluß der Tempel der Zeit: die Börse. Und weiter nach Osten, wo die grauen Häuser sind, ... das alte Berlin. Mammutbauten vereinzelt über seinen Tausenden von niederen Dächern. Ein Stück New York die Wolkenkratzer am Alexanderplatz. Und immer dunkler die Welt – da, wo der Spreeschiffer Räder ausstieg. In verlorenen Gassen ein Gelungere der Parasiten, der Pestträger der Millionenstadt: Bleiche Fratzen, die Mütze im Genick. Geschminkte Backen unter grellen Hüten. Graubärte mit Fuchsaugen. Häuserlabyrinthe, so groß wie Kleinstädte. Tausende unter einem Dache. Tausende in drei, vier Hinterhöfen. An einer Torwölbung stellte sich der Schiffer Räder auf. Drinnen im Hof zausten winkelverfangene Windwirbel mit Haufen Altpapier. Er kannte den Händler Jakob Grünspan, der da zwischen den schmierigen Stapeln seiner Makulatur stand, im Gespräch mit den Geschäftsfreunden, dem koscheren Gänsehändler Lefkowitz und dem Russen Lipkin und dem Simon Mordchai. Ein farbloser Menschenstrom spülte jetzt, am Feierabend, aus dem staubgrauen Massenhaus: Frauen in Umschlagtüchern, Zeitungsträgerinnen, Männer mit Aktenmappen, Fabrikmädel, Hausierer, Kinder, Geschäftsboten, Tippfräulein, Bürodiener, Arbeiter. Und dann Fränze Häselich. Sie ging hastig ihres Wegs, den bloßen, dunkeln Wuschelkopf scheu gesenkt, sich bang nach allen Seiten umsehend. Ihr junges Gesicht mit dem feinen Näschen war blaß, als der Spreeschiffer plötzlich vor ihr stand, rüstig in seinen hohen Transtiefeln und dem grauen Wollwams, ein rotes Tuch um den freien Hals, ein freundliches Lächeln auf den freimütigen, wettergebeizten, schnurrbärtigen Zügen. »Gott – Paule!« »Ich hab' draußen in Spandau ausgeholfen. Nu bin ich wieder retour!« Sie gingen zusammen die graue, lärmende Straße entlang. Sie mußten schreien, um sich zu verstehen. »Ich hab' hier auf dich gewartet, Fränze!« »Ja – das seh' ich!« »Was tust du denn hier? Was haste davon, daß du den ganzen Tag in dem dreckigen Papier 'rumfingerst?« »Wenn ich nicht auf Arbeit geh'«, sagte die Fränze, »dann muß ich drüben beim Stiefvater in der Budike aushelfen! Den schweren Jungen Bier schleppen – und den Frauenzimmern Kaffee – pfui Deibel! Lieber beim Grünspan! Und am liebsten 'raus aus der ganzen Zucht! Nur endlich mal 'raus!« »Kannste doch jeden Augenblick haben! Wir brauchen uns bloß zu heiraten! Dann ist's gut!« »Das ist es eben nich!« »Warum nicht? Ich mag dich schon leiden, Fränze! Das derfste glauben!« »Ich hab' dich auch ganz gern! Du bist ein anständiger Mensch – nicht so wie die aus'm Verbrecheralbum – beim Krüger ...« »Wenn ich dich erst als meine Frau aufm Kahn hab' – ich kauf' mir dann doch 'nen eignen Kahn – dann sollen die Brüder mir nur kommen!« »Natürlich kommense!« Die Augen der Fränze wurden glasstarr. Drüben blinkte, zwischen düstern Gassenwänden, laternenzitternd ein Stück Spreespiegel. »Das hab' ich dir doch schon hundertmal auseinandergepolkt: Solange als du mit dem Kahn auf der Spree fährst, mußt du immer wieder hier lang. Du mußt immer wieder hier anlegen. Da finden sie mich gleich! Meinste, der Dicke, der läßt locker?« »Nee!« Sie blieb stehen. Die beiden waren jetzt in einen der finstersten Winkel Alt-Berlins geraten. Rings menschenleeres Dunkel. »Nee! Ich muß weg! Ganz weg aus Berlin! Wo keiner weiß, wo ich bin! Sonst krieg' ich vor denen keine Ruh'!« »Das mußte einsehen, Paule!« sagte sie weicher und drückte ihm kameradschaftlich die Hand. »Ich muß nu da lang! Ich hab' Eile! Gute Nacht!« Der Spreeschiffer Räder sah ihr nach, stillen Kummer auf den gutmütigen Zügen, wie ihre zierliche, mittelgroße Gestalt leichtfüßig in die düstere Schlünzigstraße einbog, in der das Gelb einer einsamen Laterne die Inschrift ›Krügers Restaurant‹ an einer windschiefen, bröckeligen Hauswand erhellte. Das Lokal war, in der frühen Abendstunde, fast leer, als die Fränze eintrat. Der Stiefvater humpelte auf kurzen Säbelbeinen vom Schankschragen ihr entgegen, pfiffig, schmuddelig, flott aufgedreht das graue Schnurrbärtchen in dem gedunsenen Gesicht. Bier- und rauchheiser die Kehle. »Du – dein Freier von jestern is vorhin dagewesen!« »Den Stiesel halt dir man warm!« riet, von einem Tisch voll Frauenzimmern, die Ulanen-Guste. »Er will nachher wiederkommen – hat er jesagt!« Die Fränze setzte sich. Von drüben rief die Simili-Berta, die schäbige, weiße Boa um die Schultern: »Der is nich koscher! ... 'n Achtgroschenjunge is es!« »Der is von der Polizei!« bestätigte die Guste mit dem großen Federhut. Ein spillriges, knallblond gefärbtes, noch halb kindliches Geschöpf, rote Flecken auf den Backenknochen des blutjungen Gesichts, kam, die Zigarette in der Hand, von dem Tisch der Weiber herüber und setzte sich zu der Fränze. »Trau' man bloß dem von jestern nich«, sagte sie leise und schnell, »dem im jrauen Anzug – dem Hübschen – den du mit ins Lokal gebracht hast!« »Was weißt denn du, Äppelröschen?« »Ich mein' es gut mit dir – ungelogen!« Das verlorene kleine Geschöpf näherte die blutrot geschminkten Lippen dem Ohr der Fränze. »Durch dich is gestern nachmittag auf'm Ottoplatz um ein Haar die ganze Kolonne verschütt gegangen!« »Sie dürfen mir ja nichts tun!« Die Fränze blickte bang nach dem offenen, leeren und dunkeln Seitenzimmer. »Der Ale hat's verboten!« »Trau' denen doch nicht! ... Fränze – laß dir warnen! ... Der Jraue – der Hübsche – der is janz ausgekocht! Der kommt heimlich vom Ale! Der Ale hat einen geschickt, den keiner kennt ...« »Ach – Äppelröschen – mach doch deinen Brotladen zu – nich?« »Der verschleppt dich irgendwohin! Da macht er dich kalt – ohne viel Jeräusch! Denn haben se hier keene Unjelegenheiten nich mit dir ...« »Na – denn macht er mich kalt!« Die Fränze stützte trotzig das Kinn auf die Fäuste. »Mir auch recht! Statt dem Hundeleben!« Aus dem dunkeln Nebenzimmer kam ein tiefes Gähnen. Die Fränze schrak zusammen. »Da drinnen is ja einer!« »Da pennt der Amtmann!« verkündete die Ulanen-Guste. Ein bleicher, hagerer, hohläugiger Mensch, Stoppeln um das Vogelkinn, schlurfte verschlafen aus dem Zwielicht. Er hielt der Fränze die abgezehrten, langen Spinnenfinger, zu einer kränklichen, aber drohenden Faust geballt, dicht unter das feine Näschen. »Nimm dir in acht!« sagte er heiser, mit halb erloschener Stimme. Die Fränze duckte sich und schwieg verstört. »Mit deinem Freier von gestern – det riecht mir sengerig!« Der Mensch flüsterte nur, mit Anstrengung des kranken Kehlkopfs. »Da kommt der Bräutijam anjetippelt!« Die Ulanen-Guste spähte durch die Fensterscheibe. »Ick zieh' mir wieder da drinnen ins Privatleben zurück!« Der Amtmann schob sich langsam in das Dunkel des Nebenraums. Ein stechender Blick über die Hängeschulter nach rückwärts: »Nu paß uff, du Kröte – daß du dir nich verhedderst!« 15 »... 'n Jlas Helles ... aber hastenichjesehn – bitte! Ich hab' nich viel Zeit!« Der Chauffeur Werner trat rasch von der Türe her auf den Tisch der Fränze zu, die Mütze schief auf dem rotblonden Stoppelkopf, mit frischen, blauen Augen, ein freundliches Lächeln um die bartlosen Lippen. Mißtrauische Blicke auf ihn drüben, bei den verschlissenen Federhüten und Kaninchenboas – neugierige auf die Fränze, was die nun tun würde. Ein mitleidiges Hüsteln der kleinen Blonden mit den Kirchhofsrosen auf den geschminkten Backen. Der glatzköpfige Vater Krüger pflanzte schnaufend, mit roten Wurstfingern die Molle auf den Holztisch. Der Gast zahlte gleich, trank, beugte sich zur Fränze vor. »Alles in Ordnung!« sagte er fröhlich und gedämpft. »Ich habe für heute Notquartier in der Nähe hier für Sie gemacht! Morgen – spätestens übermorgen – geht's mit Ihnen 'raus in die Natur – das heißt um Gottes willen: Wie alt sind Sie denn eigentlich?« »Zweiundzwanzig!« »Na Gott sei Dank – also großjährig! Kann Sie keiner halten, wenn Sie hier ausrücken! ... Nu packen Sie schleunigst Ihre sieben Zwetschgen – das heißt nur das Allernötigste – was Sie heut und morgen brauchen. Für das Weitere wird dann schon in Hinterpommern gesorgt ...« »... aber dabei brauchen Sie doch nicht so zu schreien!« sagte die Fränze. »Nanu?« Der Garagenschlosser Werner war etwas verwundert und abgekühlt. »Es kann uns doch hier niemand hören ... Das Kaffeekränzchen da drüben schon gar nicht ... Also ...« Er machte Miene, sich zu erheben. »Ich wart' draußen unter der Laterne und führe Sie zu einem Laden, wo es Obst und andere Südfrüchte und ein ganz verdrehtes Fräulein gibt, und für Sie oben ein Stübchen. Drüben in der Färberstraße ... Ich wohne dichtebei im Hotel Feuerstake. Nun lassen Sie mich nicht zu lange da draußen auf der Straße stehen – Kind – was ziehen Sie denn für einen störrischen Flunsch?« »Nee! Auf den Kalmus piep' ich nicht!« Die Fränze war sitzengeblieben und schüttelte verbissen den dunkeln Wuschelkopf. »Kindchen – sind Sie meschugge geworden?« »Ich kenn' Sie ja gar nicht!« Ein schiefer, mißtrauischer Wimpernaufschlag der Fränze zu dem Schlosser Werner, der seine mittelgroße, sportstraffe Gestalt lachend über den Tisch lehnte. »Na – was ist denn da schon groß zu kennen? Visitenkarten wie die Barone hab' ich ja leider nicht bei mir ...« »Ich weiß ja gar nicht, wo Sie mich hin verschleppen! Ich geh' nicht mit Ihnen!« Die Fränze sprach das mit auffallend lauter Stimme durch das Lokal. »Das is 'n Mädchenhändler! Junge – dir kenn' ich schon lange!« schrie von drüben die Ulanen-Guste. Und die Simili-Berta heiser: »Oller Lustmolch!« Der junge Mann fuhr sich ungläubig und betroffen mit der Hand über die Stirne. »Aber liebes Kind ...« »... Liebes Kind? ... Nu wird's helle! Ich bin nicht Ihr Verhältnis. Ich bin für Sie das Fräulein Häselich! ... Und das Fräulein Häselich fährt nicht mit Ihnen nach Hamburg – und dann aufs Schiff nach – wie heißt die Stadt ...« »Arjentinien ...« rief von drüben die Ulanen-Guste. »Ja. Die mein' ich! ... Nee – nischt zu machen, Herr! Ich bin mit Spreewasser getauft!« »Verrückt!« Der junge Mann richtete sich auf. Aus dem dunkeln Nebenraum schritt schnell ein bleicher Mensch mit spitzem Vogelgesicht an ihm vorbei und durch die Ausgangstüre. Die Simili-Berta guckte ihm nach und pfiff erwartungsvoll durch die schadhaften Zähne. »Det setzt noch 'ne kalte Abreibung unter der Laterne, wenn der Fränze ihr Freier an de frische Luft 'rauskommt!« Der hatte sich noch einmal gesetzt. Er hatte die Fingerspitzen unter dem Kinn gefaltet. Er sprach warm, mit einem herzlichen Klang in der Kehle, auf die Kleine ein. »Ich meine es doch so gut mit Ihnen, Fräulein Häselich! Ich hab' es Ihnen doch bewiesen. Ohne mich schwämmen Sie jetzt tot der Elbe zu! Na – und jetzt sitzen Sie da und leben! Lachen Sie doch ein bißchen. Haben Sie Mut!« »Nee – nee – ich hab' auf Sie keine Traute ...« »Sie wissen nicht, wie gut ich es mit Ihnen meine ... Ich hab' das Gefühl: Wir sollten besser zueinander sein! Dann würde alles in der Welt besser! Gerade auch bei Ihnen!« »Wenn Sie noch was wären!« sprach die Fränze laut und mit Anstrengung. »Aber was haben Sie denn in Ihrer ollen Garage! Das Leben und sonst nischt! Nee – danke!« »Herrgott – ich will Sie doch nicht heiraten!« »... aber helfen können Sie mir nich! Sie haben schon 's große Los, wenn Sie sich selber durch das Jammertal bringen! Nee – mir gefällt's hier ganz gut! Ich bleibe bei Stiefvatern!« »Und nu gehen Sie ...« Sie lief zur Ausgangstüre und spähte in das Dunkel und stampfte drängend, plötzlich angstvoll, mit dem Absatz. »Schnell doch – schnell!« Sie schob den Schlosser Werner an den Schultern über die Schwelle. »Machen Sie, daß Sie um die Ecke von der Schlünzigstraße kommen – ehe Sie hier einer um Feuer bittet!« Die Fränze lehnte mit bloßem Kopf und gekreuzten Armen an der Haustüre und schaute gespannt dem jungen Manne nach. Weg! Ihr schmales Gesichtchen beruhigte sich. Sie lauschte hinaus in die Nacht. Nichts. Doch. Da. Sie mußte lachen. »Na – Amtmann ... Wen haste denn alles in der Eile aufjelesen?« Sie musterte die Schatten im Dunkel. »Den Bellevue? ... Den Halbtoten? Den Länglich? Na – kommt nur 'rin!« »Is er drinnen?« Die Stimme des Kehlkopfkranken raunte erloschen. »Der fremde Herr? Nee! Der hat zum Zug müssen! Ätsch!« Die Fränze steckte den Kerlen auf dem Pflaster die Zunge heraus. »Ich bin müde! Ich zieh' jetzt 'rauf in meine Stube!« 16 Draußen – durch das nächtige Alt-Berlin – durch Ladenlicht und Gassen – durch das Volk der Arbeit – ging der Garagenschlosser und Dr.-Ing. Werner Wiebeking – langsam – den Kopf gesenkt. Um ihn der brausende Bienenstock Berlin. Menschen ... Menschen ... wo seid ihr, denen man helfen kann, wo man doch nach besten Kräften helfen will? Ein zu dummes, kleines Mädel! ... Glücklich Gespenster im Spatzenkopf ... Also, in Gottes Namen, in den Obstkram und dem versonnenen Fräulein dort melden: ›Ihre Kamurke oben bleibt leer‹ ... Hilde Luders kauerte nicht wie sonst im Hintergrund des Ladens, den unruhigen Braunkopf zwischen den Händen, die phantastischen Braunaugen über dem Schmöker. Sie stand, biegsam, schmächtig, den schwermütigen Mund erwartungsvoll halb offen, mitten im Geschäft, zwischen ihren Orangenkörben, Feigenkränzen und Bananenbüscheln, und hob sich leidenschaftlich auf die Fußspitzen, als die Eingangsschelle schrillte. Nein! Nicht der trat ein, den sie erhofft hatte ... Ein fremdes Gesicht – jung, berlinisch humoristisch – rund, auf stämmigen Schultern. Nun erkannte sie es wieder. Ein feindseliger, abwehrender Schatten lief über ihre blassen, regelmäßigen Züge. Drüben ein freundlich-verlegenes: »'n Abend, Fräulein Lüders! Ich war nämlich heut' früh schon hier ... Mit dem Kommissar vom Alex ... wissen Sie ...« »Sie sind von der Kriminalpolizei?« Hilde übersah die freundschaftlich dargebotene Hand. »Leider noch nicht!« Der Besucher zog mit einem vorwurfsvollen Blick die Rechte zurück. »Aber was nicht ist, kann noch werden! Ich hab' den gewissen Ehrgeiz in mir – sozusagen –, mit dem's der Mensch im Leben weit bringt!« »Was für Obst soll's denn sein?« »Vorläufig bin ich noch Schupo!« »Hier vom Revier?« »Ach nein – Fräulein! Ich müller' im Westen! Ich will Sie nicht aufschreiben! Sie sehen ja: ich bin in Zivil. Mein Herz ist rein. Da ist ganz was anderes drin. Na – ich werd' Sie doch noch ansehen dürfen ...« »Messina-Blutorangen kann ich empfehlen!« sagte das Obstfräulein geistesabwesend, die Augen auf die Straße gerichtet. »Dattelpackung gefällig?« »Ach nee! Ein Gefallen von Ihnen ist gefällig! Peschke ist mein Name ... Peschke.« Der junge Schupo trat unsicher von einem Fuß auf den andern. »Wissen Sie – mit mir steht das so: Ich muß 'ne Spreewaldamme mit ihrem Balg über den Ottoplatz draußen führen, und inzwischen fangen sie hier die großen Nummern für Moabit ... Sie werden ja so blaß ...« »Ach – kümmern Sie sich nicht um meine Gesichtsfarbe – ja?« »Aber ich hab' den Geist in mir – verstehen Sie – den Mumm ... Ich möcht mir einen Namen machen – für mich – in aller Stille und dadurch zur IV B – zur Kriminalpolizei kommen!« »Da kann ich Ihnen nicht dazu helfen!« »Doch, Fräulein! Gestern ist auf dem Ottoplatz ein Mädel zu mir gekommen und hat mir einen Kerl gezeigt. Der Kerl hat für das Mädel hier bei Ihnen Quartier gemacht ...« »Die beiden sind noch nicht gekommen!« »Aber wenn sie kommen ...« »Lassen Sie mich bloß mit der Polizei zufrieden ...« »Sie sollen mich nur hier still im Laden sitzen lassen, Fräulein Lüders – so wie einer, der ins Geschäft gehört – ein Gärtner von draußen oder so was – und das Pärchen beobachten, wenn es auf der Bildfläche erscheint ... Wer weiß, was ich da seh' und hör' ... Vielleicht ist das der Kerl – der Schrecken von Berlin! Dann steh' ich groß da!« »Wenn mir nur der Kommissar Dürisch nicht 'nen Strich durch die Rechnung macht«, setzte er sorgenvoll hinzu, »und läßt die beiden schon auf der Straße festnehmen ...« Die schlanke Gestalt im weißen, langen Ladenkittel fuhr jäh zu ihm herum. Er sah das bange, regelmäßige Gesicht mit den weit geöffneten braunen Augen. »Das ist möglich?« »Na, sehr ... Er redete heute früh schon davon. Er braucht mich nicht mehr – hat er zu mir gesagt. Er hat ja seine eigenen Leute. Aber er ist sehr vorsichtig ... Er wartet immer gern noch mal zu ...« Stille in der orangenwürzigen Kühle des Lädchens. Draußen eintönig Lärm der Straße. Durch ihn die Stimme des Schupos Peschke: »Sie sind zu nervös, Fräulein! Sie leben zu einsam hier. Das sieht man Ihnen an. Sie müssen mehr 'raus ... Unter Menschen!« Wieder nach einer Pause, ungewiß, mit zögernder Wärme: »Mein Vater – der ist nämlich noch feste auf dem Posten – der alte Mann!« »So ...« »Der arbeitet draußen in Siemensstadt. Da haben die Eltern 'ne Laube! Also – propper – sag' ich Ihnen! ... An meinen dienstfreien Tagen helf' ich da oft mit ins Gemüse ...« Das Obstfräulein hörte kaum zu. Sie atmete schwer und schaute auf die Straße. »Da an der Ecke – da geht immer einer auf und ab!« sagte sie verstört mehr zu sich als zu dem andern. »Und drüben auch einer!« »Besonders am Sonntagnachmittag ...« Dem Schupo Peschke entgingen ihre Worte im Dröhnen eines Lastwagens auf dem Pflaster. »Da ist es draußen in der Laubenkolonie riesig nett. Es ist eine mächtige Kolonie. Die richtige Stadt. Sie müßten sich das mal ansehen, Fräulein Lüders!« »... und gegenüber – da steht noch so einer sich die Beine in den Leib ...« »Kann ich Sie nicht am Sonntag mal abholen, Fräulein? 'n bißchen frische Luft! ... Tut gut! ... Aber Sie hören ja gar nicht ...« »Was ist ...?« Sie schaute leer über die Schulter. »... ob Sie nicht mal mit mir zu meinen Eltern in die Laubenkolonie da draußen kommen ...« »Ich glaube, Sie sind ...« Das Obstfräulein machte ein paar Schritte in den Laden und schüttelte den blassen Kopf, als zweifelte sie an seinem Verstand. Er murmelte kummervoll und betreten: »... wenn man so was doch ganz ehrbar meint ...« »Das heißt ...« Es war eine plötzliche Veränderung auf Hilde Lüders' fiebrigen Zügen. »... Schließlich ... wenn sich's gerade mal so trifft ...« Sie griff unauffällig in einen Stapel leerer Fruchtkörbchen mit grellen grünweißroten italienischen Firmenzetteln, zog hastig einen schon geöffneten leeren Faktura-Umschlag heraus und schob ihn in die Seitentasche ihres Leinenkittels. Ein erschrockener Blick auf die Wanduhr. »Herrjeses – da liegt ja noch der Geschäftsbrief nach Bozen! ... Das Theater von der Tante, wenn der heute nacht noch mitkommt! 'Augenblick, Herr Peschke! Ich muß nur schnell 'rüber zum nächsten Kasten!« Der Schupo Peschke war verblüfft. Er sah sie draußen bloßköpfig in ihrem Ladenmantel wie einen flinken, weißen Strich über den Fahrdamm gleiten, den Brief in der Hand. An dem Pflastertreter an der Straßenecke vorbei. Um die Ecke. Weg. Außer Sicht schritt Hilde Lüders langsam im Zwielicht der Laternen. Sie schaute den vorbeikommenden Herren ängstlich ins Gesicht. Die meisten verstanden das falsch. Sie mußte den Kopf abwenden und eilig weitergehen. Jetzt setzte sie sich in Trab – mit großen, phantastischen Augen auf einen jungen Mann zu. Er stand erstaunt still. »Nanu – Hildchen – Können Sie's nicht erwarten? Leider umsonst! Das Fräulein streikt!« »Um so besser!« »Ärgern kann man sich über so eine unvernünftige Göre!« Er mußte trotzdem lachen. »Hilde – so sollte man Sie photographieren! Was haben Sie für einen Rausch der Romantik in Ihren braunen Pupillen!« »Wenn Ihnen der grüne Wagen romantisch vorkommt!« Ihre Lippen flatterten. »In dem enden Sie todsicher, wenn Sie noch fünfzig Schritte weitergehen!« »Hildchen – Ihre Phantasie geht mit Ihnen durch!« »Rings haben sie meine Bude umstellt!« »Zuviel Ehre! Für einen schlichten Mann aus dem Volk!« »Sie werden schon wissen, mit wem sie's zu tun haben! Ach – reden Sie doch nicht! Sie sind einer von den ganz Großen!« »... die die Polizei sucht? Und das bewundern Sie scheint's an mir?« »Klappen lassen sollen Sie sich nicht!« Sie drängte, mit einem verklärten Fernblick in eine Welt voll von Abenteuern und Gefahren: »Das wäre doch zu schade! Einer wie Sie!« »Hilde – Sie lesen zuviel Verbrechergeschichten!« »Warten sie dort auf Sie oder nicht?« Sie streckte den Finger förmlich triumphierend nach ihren Obstfenstern. »Der Kriminalkommissar hat doch schon heute früh nach Ihnen gefragt! Ich soll's nicht wiedersagen! Ich red' mich noch vors Gericht! Ach – egal!« »Träumen Sie eigentlich, Kind? Oder ...« »Ich muß retour, daß die nicht Verdacht schöpfen, daß ich nicht bloß 'nen Brief in den Kasten gestochen hab'! Womöglich steigt einer hinter mir her und sieht nach! ... Schnell doch mit Ihnen, da seitlings die kleine Gasse 'rein und weiter! Schnell! Schnell!« Die Hilde Lüders schaute düster bewundernd, mit einer rebellischen Genugtuung, dem jungen Mann nach, dessen Kopfschütteln die schwarze Nacht der Gasse verschluckte. Sie rannte zurück, über die Straße, in den Laden, stützte sich auf einen Hügel goldbrauner Ananasköpfe und zappte nach Luft. »Gerade noch zurecht!« keuchte sie zu dem Schupo Peschke. »Eben hatte der Postonkel seinen Sack an den Kasten gemacht ... Das piekt einem in die Milz!« Sie legte die Hand an die linke Seite. Immer noch atemlos. »Sind die beiden unterdessen nicht gekommen?« »Nee! Leider Gottes!« »Komisch! Wo mag der Kerl mit seinem Frauenzimmer nur hin sein?« Die dunkle Gasse, durch die der Garagenschlosser Werner schritt, war nur kurz. Da mündete sie wieder in den lichten Straßenlärm, gerade vor Feuerstakes schwindsüchtigem, schmalbrüstigem Hotel. Er wollte um die Ecke biegen. Von hinten näherte sich ihm eiliges Atmen. Ein fester Griff in seinen Rockärmel. Er wandte sich um. Er riß die Augen auf. »Ist's die Möglichkeit! ... Fränze ...« »Da bin ich nu!« »Sind Sie vernünftig geworden?« »Ich mußte doch so tun – mit Ihnen!« Das schmale, hübsche Gesicht der Kleinen hob sich unter dem roten Topfhut vertrauensvoll zu ihm empor – Gerissenheit in den kessen, haselnußbraunen Berliner Augen. »Die Brüder hätten mir schön was verpaßt, wenn ich mir hätt' was merken lassen! Ich bin in meine Stube. Und dann heimlich durch den Hof davon!« Sie trug ihr billiges, pelzbesetztes Mäntelchen, ihre Florstrümpfe, ihre gelben Halbschuhe. Nichts in den Händen. »Ich hab' so fortmüssen, wie ich da steh'! ... Gotte doch ... Ist das dort drüben der Obstladen, wo ich hin soll?« »Ja. Aber vor dem Laden wartet schon die Polizei auf uns, Fränzchen!« »Die mit die Hundemarke?« Sofort die Sprungbereitschaft. Irgendwohin ins Düstere. Etwas von einem kleinen Tier des Waldes ... »Was nun?« Der Garagenschlosser Werner fuhr sich mit der schwieligen Rechten über die Stirne. »Da steht man nun mit Ihnen nachts auf der Straße!« »Zurück kann ich nicht! Da schlagen sie mich tot!« »Und hier im Hotel geht's auch nicht! Da findet man Sie gleich. Und nirgends sonst 'ne Hoffnung auf Unterkunft – abends – ohne Sachen!« Vor Feuerstakes Hotel fuhr ein Taxameter vor. Ein Reisender stieg aus. Der Schlosser Werner winkte der Droschke. »Da gibt's nur einen einzigen Ausweg«, sagte er zu der Fränze. Und dann zu dem Mann auf dem Lenksitz: »Fahren Sie ans Ende vom Tiergarten! Güntherstraße drei. Sie müssen aufpassen, daß Sie's im Dunkel finden! ... 'ne große Villa mitten im Park. An der einen Säule vom Einfahrtstor steht ganz klein: ›Wiebeking‹, Da ist's!« 17 »Sie fragen mich, was mein Sohn seit Monaten in Berlin O verloren hat«, sagte in seiner Villa im Tiergarten der Geheimrat Dr.h.c. Albert Wiebeking, bei der Verdauungshavanna nach dem Diner, zu den graubärtigen, bebrillten Wirtschaftsköpfen um ihn im Rund der Klubsessel. »Mein Gott: Er sucht als neuer Mensch die neue Zeit! Helfen kann ihm da keiner! Überlieferung gibt es ja bei uns nicht mehr!« »Uns hier«, er lehnte mit einer unwirschen Handbewegung das Servierbrett des Dieners mit den verbotenen Likören ab, »war ja seinerzeit vom ersten Tage an unsere Weltanschauung mit einem blauen Schleifchen wie ein silberner Patenlöffel an die Wiege gebunden. Gegen unsere heutigen Dreißigjährigen sind die Amerikaner Menschen voll alter Überlieferung. Hinter einem jungen Mann aus New York stehen anderthalb Jahrhunderte. Hinter einem jungen Deutschen anderthalb Jahrzehnte. Und was für welche!« »Deswegen war ich ganz dafür, daß mein Sohn sich ein paar Jahre in Amerika umgeschaut hat – sogar im wilden Westen. Und wenn er sich jetzt im wilden Berliner Osten umschaut, vielleicht kommt ihm auch da aus dem Osten die Erleuchtung. Es muß jeder selber wissen, wie er sich mit der Gegenwart auseinandersetzt! Wie? Wer will mich persönlich am Telephon ...?« Er drehte den bebrillten Elfenbeinschädel zum Diener. »Ach so ... der Kriminalkommissar Dürisch! Ich komme!« »Heute abend noch?« Kurz die Worte aus dem grauen Vollbart in den Draht. »Wenn es so dringend ist – Sie finden mich daheim!« »Gestern nachmittag zeigt die Fränze Häselich dem Schupo Peschke das monatelange Ziel meiner Sehnsucht – den glücklich wieder ausgekniffenen Nachtdoktor«, sagte in der durch den dunklen Tiergarten sausenden Autodroschke der Kommissar Dürisch zu dem Mann zu seiner Linken, der wie ein schnurrbärtiger Feldwebel von einst in Zivil aussah. »Die Häselich steht also mit der unheimlichsten Existenz von Berlin in irgendeiner nahen Verbindung!« »Klar, Herr Kommissar!« »Ein paar Stunden darauf hockt diese angehende Zuchthausblüte in einem niederträchtig beleumdeten Lokal in dicker Freundschaft mit Herrn Dr.-Ing. Wiebeking zusammen!« »Auffallend, Herr Kommissar!« »Heute früh macht derselbe Herr Dr.-Ing. Wiebeking der Rübe ein Geheimquartier bei dieser auch höchst verdächtigen Appelsinen-Jule! Gekommen ist er bisher dorthin noch nicht! Ehe er mir das Mädel, das für mich der Dietrich zu meinem unbekannten Freund Ale ist, völlig irgendwohin auf Nimmerwiedersehen verschiebt, lasse ich lieber die Häselich jetzt eben in der Budike ihres Stiefvaters, des Ganeffs – des ollen Krüger – verhaften!« »Und der Herr Doktor Wiebeking?« »Den Herrn und seinen merkwürdigen Verkehr muß ich sorgfältig im Auge behalten! Aber ihn finden? Er lebt offenbar unter einem falschen Namen als Chauffeur oder so was Gott weiß wo da draußen im Osten!« »Deswegen fahren Herr Kommissar noch so spät abends zu dem Geheimrat Wiebeking?« »Nur so eine harmlose, beiläufige Frage im Lauf des Gesprächs nach der gegenwärtigen Adresse des Herrn Filius. Der Alte muß doch wissen, wo der steckt. Erst heute vormittag war der Sohn ja noch in der Villa zu Besuch!« Sie stiegen vor dem geschlossenen Einfahrtsgitter in der Güntherstraße 3 aus. Der Kommissar tastete im Halbdunkel nach dem Klingelknopf. Hielt inne und schaute über die Schulter. Es hupte dumpf aus der Finsternis des Tiergartens heraus auf dem Fahrdamm. Ein zweiter Taxameter rollte heran. Stoppte vor dem Portal. »Kommen Sie mal ein paar Schritte hier ins Düstere, Krause!« sagte der Kommissar Dürisch gedämpft. »Wir wollen 'nen Augenblick warten! Ich möchte nicht gerade mit andern Leuten zusammen ins Haus hineinschneien!« »Da steigt ein Herr aus und krabbelt unter der Laterne nach'm Fahrgeld!« »Krause – Herrgott ja ...« »Was denn, Herr Kommissar?« »Da haben wir ihn ja!« »Den Doktor Wiebeking?« »Na und ob!« »Nu entwickelt sich noch ein Fräulein aus der Droschke!« »Himmel – hast du keine Flinte ...« Der Kommissar faßte in seiner Aufregung den Arm des Kriminalwachtmeisters. »Das ist ja die Häselich! Die Häselich selber!« »... die jetzt schon im grünen Wagen sitzen sollte ...« »Da steht sie in Lebensgröße! ... Nu fällt Ostern und Pfingsten auf einen Tag.« Ein Kopfschütteln des Kommissars. »Er schickt wahrhaftig die Taxe weg! Er ist imstand und bringt das Mädel seinen Eltern ins Haus!« »Er sperrt das Gitter auf!« »Sie tippelt hinter ihm durch den Garten!« »Er öffnet das Haustor und schiebt sie 'rein!« »Bibbern Sie nicht so, Kind!« sagte in der hellen Halle der Dr.-Ing. Werner Wiebeking zu dem blassen, zierlichen Ding mit dem schiefen roten Topfhut, dem schiefgeknöpften, grauen Kaninpelzmäntelchen, den schiefgetretenen gelben Halbschuhen. Er hatte auf die beiden Männer draußen nicht geachtet. »Hier frißt Sie keiner!« Er wandte sich zu dem Diener. »Ach – bitten Sie doch die gnädige Frau von mir aus, ob sie nicht einen Augenblick von den Gästen hier herauskommen könnte!« Die kleine Geheimrätin Wiebeking trat, in ausgeschnittener, abendlicher, grauer Seide, aus dem Stimmengewirr innen unter die Palmen der Halle. Ihre feinen, noch von der Gesellschaft belebten Züge erstarrten unter dem silbernen Scheitel. Sie legte die schmalen, reich beringten Hände zusammen. »Werner – was soll denn das bedeuten?« »Ich sprach dir doch heute vormittag, Mama, von einem jungen Mädchen, dem wir helfen wollten ...« »Doch nicht hier im Haus – um zehn Uhr nachts ...« »Ihr habt mir versprochen ...« »... sie bei uns in Pommern bei den Gärtnersleuten unterzubringen, wenn der Pastor dort ... Ehe nicht die Antwort aus Groß-Kietz da ist ...« »Aber das Mädel kann doch nicht inzwischen hier vor die Hunde gehen ...« »Ich bitte dich: mitten in Berlin!« »Was wißt ihr hier von Berlin? Das arme Wurm ist verloren, wenn es jetzt wieder in die Nacht hinaus muß!« Neben der Tür stand das Mädchen aus der Nacht, mit furchtsam hochgezogenen Schultern, angstvoll offen der Mund in dem schmalen, hübschen Gesicht, scheu an der Geheimrätin vorbeisehend die hellen, braunen Augen. »Sag' mir wenigstens, Werner, wo du die eigentlich aufgegabelt hast!« »Ach – frag' lieber nicht! Sie ist nun mal da!« »Aber mich interessiert das auch!« Der Geheimrat Wiebeking kam klein, rasch und straff aus den Gesellschaftsräumen, die Zigarre in der Hand. »Ich höre da eben, ... Werner: Ich halte doch hier kein Nachtasyl!« »Aber das Mädchen braucht ein Asyl für die Nacht!« »Er behauptet, sie sei von irgendwelchen Menschen verfolgt, Albert!« sagte die Geheimrätin schon etwas weicher. »Na – dann telephonieren mir das Revier an! Die Polizei kann sie abholen! Auf der Wache passiert ihr für die Nacht nichts!« Bei dem Worte ›Polizei‹ stieß die Kleine einen schwachen Angstlaut aus. Sie zitterte wieder heftig. Der Sohn des Hauses legte ihr die Hand auf die schmale Schulter. »Ihr müßt doch nicht so sein!« sagte er vorwurfsvoll zu den Eltern. »Mensch ist doch Mensch!« »Ja. Sie ist am Umfallen, Albert!« »Wir sitzen hier als die Reichmeier von Berlin!« schrie der Sohn plötzlich heftig. »Und da kommt nun mal von draußen so'n Häufchen Unglück zu Besuch! Reichtum verpflichtet! Mich wenigstens!« »Ich glaube, Albert, der Werner hat recht!« »Habt doch ein wenig Vertrauen zu mir! Herrgott – ich weiß doch auch, was ich tu'!« »Also tut, was ihr nicht lassen könnt! Ich muß wieder zu den Gästen, Anna!« Der Geheimrat ging. Seine Frau wandte sich zu der Jungfer im Hintergrund. »Elise! Das junge Mädchen hier hat sich in der Dunkelheit im Tiergarten verirrt. Sie bleibt bis morgen früh hier im Hause!« Die bebrillte Jungfer Elise sah den Gast an. Sie sagte nichts. »Wir wollen sie in einer der leeren Kammern hinten unterbringen! Warten Sie! Ich gehe lieber selbst mit!« Der Dr.-Ing. Wiebeking setzte sich und wartete. Er stützte den frischen, rotblonden Kopf auf die Hand. Er träumte. Die Fränze und ihre Welt versank. Er schaute still auf die große Standuhr. Zehn Uhr abends ... Noch vierzehn Stunden ... Morgen mittag meldete sich der Monteur Werner wieder draußen in der Museumsvilla im Grunewald bei Frau Ilselott Hüsgen ... bei der süßen, kleinen Frau ... Er stand mit ihr noch einmal prüfend vor dem Wagen ... ganz dicht neben ihr ... Vielleicht hatte sie heute schon mit ihrer Chauffiererei wieder irgendein Malheur in der Maschine angerichtet ... Vielleicht hatte der Himmel ein Einsehen ... dann durfte man wiederkommen – als Reparaturschlosser – sie immer wieder sehen ... die süße kleine Frau ... Er fuhr auf. Die Geheimrätin kehrte zurück. Sie zuckte die Achseln. »Nichts aus dem Mädel 'rauszubringen, als daß sie die Stieftochter von einem Budiker aus dem Osten ist!« sagte sie. »Tee hat sie gekriegt. Ich habe sie selber mit Stullen gefüttert und ihren Wuschelkopf gestreichelt und ihr mütterlich zugeredet. Aber das Geschöpfchen ist ja ganz verprellt!« »Sie hat Schweres hinter sich ...« »›Nur fort aus Berlin‹ ... dabei klappern ihr die Zähne ... ›nur fort‹ ...« »Das glaub' ich!« sagte der Sohn. »Mit dem Kerl, dessen Gewalt sie sich entziehen will – mit dem Kerl ist nicht zu spaßen!« 18 Draußen, auf der dunklen Güntherstraße, im Nachtschatten des Tiergartengeästs, stand immer noch der Kommissar Dürisch mit seinem Begleiter und schaute nach den hell verhangenen Fenstern der Villa Wiebeking hinüber. »Das ist eines der reichsten Häuser von Berlin«, sagte er langsam. »Und da drinnen sitzt nun glücklich die Braut von dem Nachtdoktor ...« »Braut, Herr Kommissar? ... Wo den das Mädel doch gestern selber der Polizei anzeigen wollte ...?« »Am Nachmittag. Bis zum Abend ... Sie wissen doch, wie rasch solche Geschöpfe in ihre Hörigkeit zurückfallen – Jedenfalls: der Sohn des Hauses hat diesen Vorposten aus der Kaschemme bei seinem Vater installiert ...« »Daran ist nicht zu tippen!« »... in dessen einer Bankfiliale erst vorgestern nacht der Ale seine Visitenkarte: ›Nawerbinichdenn?‹ an die Wand geschmiert hat!« »Und darunter: ›Spezialist für Vermögens-Transaktionen‹ ...« »Gezeichnet: ›Der fremde Herr aus Kottbus‹! Das sind doch keine Hirngespinste, Krause – das sind doch Tatsachen!« »Das soll wohl sein, Herr Kommissar!« »Und diese Tatsachen ergeben, aneinandergehalten, lückenlos die bewußte und freiwillige enge Verbindung des Doktor Wiebeking mit einem Frauenzimmer aus der Verbrecherwelt!« »Vielleicht will er nur aus Humanität die kleine Bolle ...« »Das ist ja eben das Schreckliche von unserem Metier, Krause: Wir glauben nicht an die edlen Regungen in der Menschenbrust – wie der Dichter so schön sagt –, weil uns die edlen Menschen nicht unter die Finger geraten, sondern immer das Gegenteil. Je älter ich werde, je mehr werde ich das verkörperte Mißtrauen – auch in diesem Falle ...« »Herr Kommissar glauben doch nicht um Gottes willen ...« »Na – was denn?« »... daß der Doktor Wiebeking und der Ale ...« »Ich glaube nichts!« sagte der Kriminalkommissar Dürisch schnell. »Ich werde mich hüten.« Er versank in ein brütendes Gemurmel. »Ohne Beweise? ... Ohne Motive ...? Geld ...? Spekulationen ...? Spiel? Weiber? ... So viel kann einer ja in einer Nacht gar nicht rauben, als das Bankhaus Wiebeking am hellen Tag reell und bar einbringt! Hemmungslosigkeit durch Kokain oder Morphium ...?« »Ich wollt', ich säh' so kerngesund aus wie der Doktor Wiebeking, Herr Kommissar!« »Bleibt nur Spleen eines viel zu reichen, verbrecherisch veranlagten, jungen Menschen, der rein aus Spaß an der Sache mit der Gefahr und mit der Polizei und mit seinen Mitmenschen Schindluder treibt ...« »Den Eindruck macht er nun gar nicht, Herr Kommissar!« »Na – jedenfalls: die Häselich ist nun hier besorgt und aufgehoben!« »Werden Herr Kommissar sie jetzt gleich verhaften lassen?« »Krause – Sie träumen wohl ...?« Der andere erschrak. »Wenn ich 'nen Kunden im Scheunenviertel einstecke, danach kräht kein Hahn! Aber hier – die Polizei nachts in diesem Hause – das Gerede morgen in Berlin – auf der Börse – Schlagzeile in allen Blättern auf der ersten Seite – und dann womöglich ein Irrtum – ein Mißgriff ...? Nee: So setze ich nach zwanzigjähriger Dienstzeit mein Renommee nicht aufs Spiel! Da ist vorläufig gar nichts zu machen, als die Villa samt Inhalt Tag und Nacht liebevoll zu beobachten!« »Da kommt der Doktor Wiebeking eben allein heraus!« »Folgen Sie ihm unauffällig. Krause, und stellen Sie fest, wo er da draußen im Osten wohnt! Dann gehe ich gar nicht erst in die Villa hinein, sondern melde dem Geheimrat, die Sache sei erledigt! Ich brauchte nicht mehr zu stören!« Der Dr. Wiebeking kümmerte sich nicht, in Gedanken an die kleine, süße Frau im Grunewald versunken, um den schnurrbärtigen Schatten im dunkeln Schlapphut und Überzieher zwanzig Schritt hinter ihm. Er ging quer durch das Schwarz des Tiergartens und fuhr dann mit der Stadtbahn nach Osten. In den fernen, den großen Osten. Anders als am hellen Tag. Sie kleben mit dem Kleistertopf an den Litfaßsäulen – die Menschen der Nacht. Sie stehen vermummt Wache vor den Haustoren. Sie gehen, eine Tasche in der Hand, zum nächsten Bahndienst. Sie hämmern, in roter Flackerglut, grell gegen das Schwarz der Nacht, an Straßenbahnschienen. Kellner laufen mit hochgeklapptem Rockkragen heim. Männer mit dem Geigenkasten unterm Arm. Zigarrenstummel sammeln sie mit dem Greifer am Stock – die Menschen der Nacht. Zigaretten tragen sie vor sich in dem Bauchladen. Warme Würste. Abseits stehen sie – scheinbar müßig – in Gruppen und lungern – die Menschen der Nacht ... Licht noch im Flur von Feuerstakes Hotel. Herr Lungwitz, der nervöse Geschäftsführer, mit Hornzwicker und schütterem Spitzbart, saß im Kontor über seinen Büchern. »'n Abend, Herr Werner! Das Fräulein aus dem Obstladen drüben hat zweimal nach Ihnen gefragt! Sie hat Ihnen da was aufgeschrieben!« Der Schlosser Werner öffnete den dünnen Briefumschlag. Er las das Bleistiftgekritzel auf der Rückseite eines Rechnungsformulars. »Seien Sie so früh wie möglich morgen in der Zentralmarkthalle – da, wo die Apfelsinen abgeladen werden. Ich sehe Sie schon.« »Liebesbrief?« scherzte Herr Lungmitz. »Ich glaube, das Fräulein ist nicht schlecht für Sie entflammt!« »Na ja ...« Der Schlosser Werner gähnte, steckte das Zettelchen ein und stieg hinauf in seine Stube. 19 Die paar Stunden vor dem ersten Hahnenschrei und Morgendämmern – da liegen die Straßen weithin, endlos, leer. Die Hupen schweigen. Die Räder ruhen. Die Schienen. Die Schellen. Man hört beinahe unheimlich die Stille. Berlin schläft. Berlin schläft nicht, da, vom Alexanderplatz bis zum Bahnhof Börse. Da ist, die Nacht hindurch, die Nacht laut von Stimmen, hell von Lichtern, bewegt von Gestalten, voll von Wagen und Waren. Bald wird er knurren – der Magen Berlins. Am Alexanderplatz rollt es heran. Da karrt es. Da schleppt es. Fische aus Fluß und See. Kreatur aus Feld und Stall. Früchte aus Nord und Süd. Grünkost und was tausend Hühnerställe geben, und Molkereien und Kartoffeläcker und Gärtnerbeete. Es türmt sich zu bunten Gebirgen, es ordnet sich zu farbigen Paletten unter den weiten, niederen, verglasten Gewölben. Bald wird er es schlucken – der Magen Berlins. Es war schon spät, nach der Wanduhr der Zentralmarkthalle, zwischen sieben und acht Uhr morgens, als sich der Schlosser Werner eilig seinen Weg durch das Schlaraffenland bahnte. Aber noch stauten sich in den Gassen zwischen der Dircksen- und der Neuen Friedrichstraße die Wagen- und Karrenburgen. Noch standen die offenen Güterwaggons neben den offenen Schuppen. Hundert Hände hantierten auf freier Straße. Kisten stapelten sich auf den Bürgersteigen. Packpapierfetzen, Gemüseabfälle, Strohwische, Roßäpfel deckten die Fahrbahnen. Ein Geruch von Orangen, Käse, blutigem Fleisch, Blumen kämpfte in der staubgrauen Luft. Zwischen den Händlern, den Helfern, den Hausfrauen, den Gastwirten, den Kutschern lief die Gontardstraße entlang die Hilde Lüders, unfrisiert, bleich, übernächtig, mit fiebernden hellbraunen Augen. Sie blieb stehen. Sie legte die Hand aufs Herz. Sie holte Atem. »Na, endlich ...« »Ja. Ich hab' nämlich verschlafen!« sagte der junge Mann vor ihr heiter. »Aber da bin ich ja nun – noch vor Toresschluß!« Es zuckte ihm gutmütig und amüsiert um die Mundwinkel, wie er dem blassen Obstfräulein in die verwirrten und aufgeregten Züge sah. »Na – Sie Räuberbraut ...? ... Ich glaube, Räuberbraut wären Sie am liebsten! ... den guten Menschen ein Schnippchen schlagen ... Romantik – und wenn's Katzen hagelt ...« »Ach – ich bin in solcher Angst ...« »Haben Sie heute nacht tüchtig von Verbrechern und Verbrecherkellern geträumt?« »Ich hab' nicht viel Zeit zum Träumen ...« Die Worte fielen dem Obstfräulein abgerissen, verstört von den blutleeren Lippen. »Ich muß jeden Morgen um vier Uhr 'raus und in der Halle einkaufen. Das wird nachher schon in den Laden gebracht. Ich bin jetzt frei. Kommen Sie da lang! Ich muß mit Ihnen reden!« Und im Weitergehen mit erstickter Stimme: »Ich hab' Sie doch gestern abend schon gewarnt! Sie sind doch in Gefahr! Sie können doch hier nicht bleiben! Die Polizei muß Sie ja finden!« »Na, wenn schon!« »Sie müssen fort! Sie werden seit gestern abend beobachtet! Ich ja natürlich auch! Zwischen meinem Laden und Ihrem Hotel – da bummeln sie hin und her ... Die tun so, als wären sie Arbeitslose. Die haben sich von mir aussortierte Tiroler Äpfel schenken lassen. Den einen vom Revier – den kenn' ich schon – den mit dem schwarzen Vollbart!« »Aha!« »Ach – da ist nichts zu lachen! Vielleicht wartet der jetzt schon bei Feuerstake auf Sie! Deswegen hab' ich Sie ja hierher an die Markthalle bestellt, damit man uns nicht dort beisammen steht! Ich will Ihnen doch helfen!« »Das ist nett von Ihnen!« »Kommt Ihnen das wirklich komisch vor? Mir verschlägt's 'rein die Puste! ... Gotte doch: Ich seh' Sie ja schon Tüten kleben!« »... oder Wolle zupfen ...« »Ist denn das eine Beschäftigung für einen Mann wie Sie? Und wenn Ihnen selbst an Ihrem Leben nichts liegt, dann denken Sie doch an Ihre Leute! Sie bringen ja Ihre ganze Kolonne mit ins Schlamassel!« »Wen? ... Ach so: meine Spießgesellen? ... Ja – das ist die gefürchtete Höllenkolonne – wissen Sie ... die immer als Erkennungszeichen die blutige Hand an die Litfaßsäulen klatscht!« »Und wenn Sie mich zehnmal veräppeln!« Das Obstfräulein rang mit Tränen. »Nach Ihnen soll sich der Staatsanwalt umsonst die Finger lecken!« »Bravo!« »Ich hab' heut' nacht – ich hab' natürlich nicht schlafen können ... Ich zappel' ja mit allen Nerven – da hab' ich mir überlegt: Bei mir, oben in der Kamurke, da kann ich Sie nicht verstecken! Das schnüffeln sie ja gleich heraus ...« »Ja. Das sind dolle Burschen, die Detektivs, mit der Stummelpfeife und den hellseherischen Nasenlöchern. Das kenn' ich vom Kino! Sie sind wohl Stammgast im Kino, Hilde?« »Aber da hab' ich 'ne Freundin. Die tippt. Draußen in der Frankfurter Allee!« »Ist die auch so romantisch veranlagt wie Sie?« »Die macht so was gleich mit! Begeistert! Die bringt Sie bei sich unter! Na – und dann helfen Ihnen doch Ihre Leute weiter – nachts im Auto – nicht wahr?« »Freilich! Das ist eine verzweifelte Bande!« »Geld habt ihr doch immer?« »Na – wozu bricht der Mensch sonst ein?« »Sonst ...« Die Hilde Lüders zögerte, mit einem warmen Schein auf den blassen Wangen. »Ich könnte ja auch von meinem Ersparten ...« »Sie haben ein goldenes Herz, Hilde!« Der junge Mann blieb nachdenklich an einer Straßenbahnhaltestelle stehen. »Nun sagen Sie nur eines: Warum bestärken Sie mich in meinem sündhaften Lebenswandel? Ich hätte mir gedacht, Sie würden mir zureden, künftig ein guter Mensch zu werden!« »Pah – was hat denn der Mensch davon, daß er gut ist?« Die Hilde Luders warf den wirren Braunkopf in den Nacken. »Ich leb' so bei der ollen Tante, wie's die Leute wollen! Ich lass' mir nichts zuschulden kommen! Na, und? Man verwelkt. Irgendwo draußen ist's Leben! Aber nicht für unsereinen. Keiner dankt's einem! Aber mein Herz wenigstens – das gehört euch!« »Danke!« Der Schlosser Werner nahm die feinen, langen Finger des Obstfräuleins in seine braune Arbeitshand. »Ich danke Ihnen wirklich, Hilde! Sie meinen es gut mit so einem Fehlschuß der Schöpfung wie mir! Aber nun muß ich da in die Elektrische! Wohin? Na – auf meinen Arbeitsplatz! Machen Sie nicht so ein unglückliches, enttäuschtes Gesicht. Auf Wiedersehen! Ich komme gerade noch um acht Uhr zurecht!« In der Reparaturwerkstatt standen die vierräderigen Kampfunfähigen vom Schlachtfeld der Straße. Geknickte Stoßstangen. Verbeulte Kotflügel. Tropfende Kühler. Luftlose Schläuche. Gesplitterte Scheiben. Schwerverwundete mit krankem Motor, gebrochenen Wellen. Gummischlangen am Boden. Benzingeruch. Dröhnender Hammertanz. Grünliches Flammenzischen. Wassergeplantsch. Ventilgeknatter. Durch den Lärm der Garagenmeister Zwickel: »Die Frau Hüsgen hat ja nun ihren Wagen! Was will sie denn noch, Werner?« »Ja – ich soll heute noch mal nachschauen!« »Der Lambert Zwölf ist doch in Ordnung?« »Na, völlig! ... Aber sie ...« »Sie hat doch vorhin telefonieren lassen, daß sie sich darauf verläßt, daß wer kommt!« schrie der Tankwart Fritze von der sprudelnden Zapfsäule im Hof »... ›Aber derselbe Mann wie gestern!‹ hat die Anjestellte durch die Strippe gepiepst! ›Zu dem hat die jnädige Frau Zutrauen!‹ ...« »Heirate ihr, Mensch!« rief der Lackierer Staubitz in einem regenbogenfarbenen Leinenmantel. Und der Monteur Nonnenmacher, die Flügelschrauben eines Rads festzwickend: »Denn wirste Alpenfahrer –!« »Die wird gerade auf Wernern warten!« »Wat denn? Heutzutage is nischt unmöglich! Kesser Junge wie der! Der knickt die Herzen aus'm Handjelenk!« »Die is leider schon vergeben!« Der Schlosser Werner zog seine blaue Bluse an. »Also, Herr Zwickel: mittags trudel' ich 'raus zu Frau Hüsgen in den Grunewald!« 20 Die Torflügel der Garage an der Villa Hüsgen im Grunewald waren offen. Drinnen stand, wie ein himbeerfarbener Elefant, der Lambert Zwölf. Der Monteur Werner davor. Er sah niemanden, bei dem er sich melden konnte. Hinter dem Hause hörte er Stimmen. Er bog um die Ecke in einen Gemüsegarten hinein. »Hände hoch oder ich schieße!« An der feuerroten Bohnenwildnis der Pfadkrümmung sprang ihm ein bloßköpfiger, schmächtiger Herr in den Weg, das schwarze Glotzauge eines Revolvers in der unsicher erhobenen Rechten. »Wieviel wollen Sie mir denn vorschießen?« Der Fahrer blieb stehen und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Was haben Sie sich hier herumzutreiben? Sie haben sich am Hauseingang zu melden!« »... wo ich doch in die Garage bestellt bin!« »Wer sind Sie denn?« Der nervöse Herr senkte die ungeschickt gehandhabte Waffe. Er blinzelte mit den kurzsichtigen, blauen Augen. Sein versonnenes, feinsinniges Gelehrtengesicht wurde milder. Durch den Garten kam rasch eine helle Frauenstimme näher. »Gebhard – bist du denn bei Trost? Das ist doch der Berliner Monteur!« und dann, außer Atem, zu dem Mann aus dem Volk: »Seien Sie nicht böse! Er hat eine so furchtbare Angst vor Einbrechern.« Der Kunstsammler warf bei dem Worte ›Einbrecher‹ einen sorgenvollen Blick nach den Fenstergittern des Hinterhauses, an denen ein halbes Dutzend Handwerker mit elektrischen Drähten und Signalglöckchen bastelten. Er bot dem Schlosser zerstreut die Hand. »Entschuldigen Sie!« versetzte er leise und höflich und ging in das Haus. Die zwei andern schauten ihm nach. Es zwinkerte von verhaltener Heiterkeit in den frischen, blauen Augen des Monteurs Werner. Und ebenso zuckte es um die Mundwinkel in dem weichen Kindergesicht der zarten, kleinen, blonden Frau in Weiß. Dann schien ihr einzufallen, daß sie beide über ihren Mann lachten, und sie wurde plötzlich sehr ernst – eine Dame, die mit einem Chauffeur sprach. »Kommen Sie, bitte, Herr Werner!« sagte sie, und, als sie beide in der Garage sachlich vor dem Zwölfzylinder standen, wieder in vertrauensvollem, etwas klagendem Ton eines verwöhnten Kindes: »Gestern hab' ich ihn gefahren ...« »Er ist nu mal für gnädige Frau zu schwer!« »Und da hat er auf einmal gequietscht – aber so gequietscht ...« »Muß er auch!« Der Fahrer duckte sich prüfend in dem ölfleckigen Leinenmantel. »Gnädige Frau haben jedenfalls zu scharf gebremst!« »Ja – sollte ich den Radler überfahren?« »... und beim Bremsen muß sich der Belag streng in die Trommel legen. Sonst taugt der Reibungskoeffizient nichts!« Er merkte an dem Gesichtsausdruck der kleinen Frau, daß sie nur noch – von der Prüfung in Charlottenburg her – einen schwachen Schimmer von diesen Dingen hatte. »Berühmt ging's überhaupt nicht!« Sie hob kummervoll die langen, blonden Wimpern zu ihm auf. »Da hinten bin ich mit dem Wagen auch an eine Ecke gebumst! Das sind immer noch die Nerven – von neulich! Und nun der Chauffeur in der Charité!« »Und ich muß doch jetzt zum Tennisturnier hinaus.« Frau Ilselott fuhr wie schuldbewußt mit dem rosig gefärbten Nagel über den abgeschilferten Lack des Duplex-Halters. »Wenn ich da heute, bei den Amerikanerinnen, fehle – das verzeiht man mir ja nie!« Der Monteur Werner stand ehrerbietig, die Mütze in der Hand. »Ich kann gnädige Frau ja rausfahren!« sprach er knapp. Plötzlich wurde sie ein wenig rot. Sie sah dadurch noch viel hübscher aus. »Geht das?« »Es kommt gnädige Frau nur teuer! Das kostet Stundenlohn nach Tarif!« »... und was extra für Sie! ... Warten Sie! ... Ich bin gleich zurück!« Der Schlosser Werner warf den Motor an und hob bei dessen erstem dumpfen Donner die Augen dankbar zu seinem Schöpfer im Himmel. Dann sprang er und öffnete den hinteren Kutschenschlag. Ilselott Hüsgen kam fahrtbereit, sich die Handschuhe zuknöpfend, das Handtäschchen zwischen den kleinen weißen Zähnen, aus dem Haus. Sie stieg leichtfüßig an ihm vorbei in den Wagen. Das windgerötete, freundliche und fröhliche Gesicht des Fahrers übersonnte sich noch mehr: die kleine Frau setzte sich nicht, wie es sich gehörte, hinten in die Limousine, hinter die trennende Glasscheibe, sondern vorn auf den Platz neben seinem Führersitz. »... damit ich unterwegs was von Ihnen profitiere ...« sagte sie. Und, wie sie in rasender Fahrt lossausten, voll stiller Bewunderung: »Herrgott ja – Sie können was!« Eine jähe Kurve warf sie nach links, gegen den Fahrer Werner. »Verzeihung, gnädige Frau! Unsereins ist gar nicht gewohnt, daß eine Dame neben einem sitzt!« »Ach – das macht nichts!« Die beiden saßen kameradschaftlich eng beieinander. Er konnte den Kopf nicht wenden. Er antwortete, den Blick geradeaus, der hellen Stimme zu seiner Rechten. »Wie lange sind Sie denn schon in der Garage?« »Erst ein paar Monate, gnädige Frau!« »Und wo waren Sie vorher?« »In Magdeburg in Stellung!« »Sagen Sie mal: was ist nun Ihr Vater?« »Lokomotivführer, gnädige Frau!« »Und wo stammt Ihre Mutter her?« »Vom Land. Aus der Altmark. Die Großeltern haben acht Kühe!« »Aha ...« Lange Reihen von Privatwagen und Taxen parkten draußen vor den sonnenhellen Tennisgeländen des Blau-Grün-Klubs. Der Monteur Werner stoppte an der Vorfahrt, schwang sich vom Sitz, lief um den Kühler herum und half mit abgezogener Kappe Frau Ilselott Hüsgen beim Aussteigen. Er sah sofort, daß sie ein Stern der Berliner schönen Welt hier draußen war. Rechts und links, im Gewühl herbstlich modischer Damen und Herren um die Kassenschalter, ihre Bekannten. Ein blühender, dickbäuchiger Silen, taubengrau bis zu den weißen Gamaschen, zog ihre Hand, ohne sich selber zu beugen, zu seinem rotwollenen Vollbart hinauf und küßte andächtig die schmalen Fingerspitzen. »Schöne Frau ...« »'Tag, Herr Rösing! Ohne Sie geht's natürlich nicht!« »Wo bin ich nicht? Wen kenn' ich nicht? Berufssache! Mein Berlin ist Gott sei Dank nur 'ne Kleinstadt! Die paar Leute, die heutzutage noch Bilder kaufen ...« Die schlauen Augen des Kunsthändlers liebkosten hinter der goldenen Brille die zarte Gestalt der eleganten kleinen Frau. »Natürlich wieder Strohwitwe! Nichts hier – der Betrieb für den Gatten!« »Sie kennen ihn doch, als sein Kunstberater, besser als ich! Ich fahre ja immer allein!« »Oder vielmehr: Sie ziehen um! Denn eigentlich sind Sie ja hier in einem Möbelwagen gekommen!« Der rotbärtige Rösing musterte die mächtige Limousine. Dann, plötzlich betroffen, den Mann am Steuer. Zu dem wandte sich vertraulich Ilselott: »Es dauert natürlich ein paar Stunden, Herr Werner! Sie können ruhig, wenn Sie wollen, in der Kantine essen!« »Danke sehr, gnädige Frau!« »Aber ziehen Sie um Gottes willen den Zündschlüssel vorher ab!« »Sehr wohl, gnädige Frau!« »Na schön!« Ilselott nickte ihm freundschaftlich zu und trat neben dem dicken Rösing, die Kinokarte vorweisend, auf den Kiesweg des Innern. »Wenn ich nicht wegen der Amerikanerinnen hätte kommen müssen«, sagte sie eifrig zu dem Kunsthändler, »dann wegen der Herbsttoiletten ...« »Liebe Frau Ilselott ...« Der rote Rösing spähte nach der seitwärtsfahrenden Limousine zurück und räusperte sich bedeutungsvoll. »Es ist höchste Zeit, daß man sich umschaut, was eigentlich diesen Winter Mode wird! Sehen Sie mal diesen Traum in Silbergrau und Weißfuchs!« »Hm ... Wie sag' ich's nur meiner schönen Freundin?« »Wissen Sie: Ich glaub' nun mal nicht an die langen Röcke vor acht Uhr abends ...« »Liebste ... Verehrteste ... Gnädigste ...« Der Kunsthändler blieb mit gefalteten Händen stehen. »Zürnen Sie mir nicht! Aber die Chose ist ein bißchen brenzlig. Es könnte da wirklich mal Mißverständnisse geben! Jetzt eben habe ich ja zum Glück allein den jungen Wiebeking, wie er mit Ihnen vorfuhr, erkannt ...« »Wen haben Sie erkannt?« Die blauen Kinderaugen vor ihm weiteten sich verständnislos. »Na – Ihren hohen Herrn Chauffeur!« »Das ist nicht mein Chauffeur, sondern nur ein ausgeborgter Berliner Schlosser. Er heißt auch nicht Wiebeking, sondern Werner!« »Na, Spaß! ... Ich kenn' doch den ollen Wiebeking. Ich kenn' doch den Filius! Schon, wie er noch kurze Hosen getragen hat, hab' ich ihn gekannt! Und wenn er auch jetzt jahrelang in Amerika drüben war – wenn es das Pech will, steht doch irgend jemand hier, wenn er mit Ihnen wieder wegfährt, wer er ist! ... Das gibt doch unnütz Gerede, gnädige Frau! Ohne allen Grund natürlich! Ich meine ja nur, weil es sich da wirklich nicht um den ersten besten handelt!« »Ja – wer soll der Mann draußen nach Ihrer Meinung sein?« »Gnädigste: der Name Wiebeking ist Ihnen doch hoffentlich nicht fremd? Eine der größten Privatbanken, die es in Berlin noch gibt!« »Ja ... mir ist so ...« »Davon ist er der einzige Sohn und Erbe! Erbe von Millionen! Und sitzt friedlich draußen als Ihr Chauffeur am Steuer! Sieht dem jungen Mann ähnlich! Aber so war er immer!« 21 Am Telephon in der Kantine: »Dort Garagenmeister Zwickel? Hier Werner! Ich habe Frau Hüsgen den Wagen hier auf den Tennisplatz hinausfahren müssen! Wie? Ja – mir kam's natürlich auch sehr ungelegen! Aber wenn so 'ne Dame was im Kopf hat! Also heute wird's für mich zu spät in die Werkstatt! Recht? Ja? Wiedersehen!« Der Fahrer Werner setzte sich wieder hinter seine Tasse Kaffee zwischen die andern Chauffeure. »Vom nächsten Ersten ab arbeitslos?« sagte er zu dem neben ihm. »Wieviel Kinder? Auch gleich drei? Unnötig, Mensch! Na – ich will sehen, ob ich nich ...« »Ach – sei man froh, daß du selber noch ...« »Jib mir auf alle Fälle deine Adresse!« Der Garagenschlosser Werner steckte das Blatt ein. Er saß, die Mütze schräg auf dem rotblonden Stoppelkopf, die Zigarette schief in dem stillvergnügt verzogenen Mundwinkel, in dem schwülen Brodem von Tabak, Eisbein, Sauerkohl, Leder, auf seinem Platz am Fenster. Treibende Herbstfäden draußen in der Luft. Aber der Himmel ist blau und die Sonne scheint über Berlin, dem unendlichen Berlin – der trüben Lichtverfärbung dort in der Ferne – immer rauchiger, immer fahler, je weiter gen Osten der Schein verschwimmt ... Von dem unsichtbaren Spielplatz her, hinter den über mannshohen Holzplanken, durch die Stille plötzlich einmal ein kurzes, stürmisches Händeklatschen. Sehen konnte man von der Kantine aus davon nichts. Der Fahrer Werner erhob sich und bummelte draußen, die Hände in den Manteltaschen, vor dem Eingang auf und ab. Da wirrte, undeutlich weit drüben, das weiße Spiel. Das Taubengeflatter von vier Damen in schneeigem Flanell. Schwarz, wie Fliegen um dem Zucker, um den roten Kiesgrund die Bänke voll Menschen. Hoch vor dem hellen Himmel Herren auf Leitern. Dumpfer Prall der Bälle auf dem Schlägergeflecht. Irgendwo dort saß sie. Irgendwo ... Der Fahrer Werner dachte sich: In dies Land des Lächelns gehörst du hinein, wo Luxus und Leben dasselbe ist! Ein verflogener Paradiesvogel. Für dich ist die Welt draußen zu rauh ... Und er – dein Mann – baut dir ja den goldenen Käfig. Du warst ja vorsichtig in deiner Wahl ... »Aber das ist ja schrecklich, Herr Rösing!« Ilselott Hüsgen stand drinnen, abseits von den Menschen und Bällen, mit dem dicken Weltkenner. Ihr weiches Kindergesicht war verwirrt und geängstigt. Sie nagte an der Unterlippe. »Tja – gnädige Frau ...« »Am liebsten möchte ich auf der Stelle nach Hause fahren!« »Dabei wird Herr Wiebeking vielleicht wieder durch Zufall gesehen!« »Nein. Allein. Ich hab' ja III b . Aber ich bin so aufgeregt. Ich richte heilig noch ein Unglück an!« Über den Kies trottete geschäftig ein junger, bartloser, spitznasiger Gent auf die kleine Frau zu, sorgenvolle Nacht-Bar-Falten um das goldgefaßte Einglas, schlotternd weit die Hosen, neckisch, talergroß nur, die rosa Flügelbinde am weichen Kragen. »Eben telefonieren sie nach New York den zweiten Satz, Ilselott!« meldete er matt. »Die ganze Welt ist in höllischer Aufregung!« »Wo dich doch sonst nur die Halbwelt interessiert«, sagte die junge Frau. »Darf ich Ihnen meinen Bruder vorstellen, Herr Rösing!« »Arbeitsloser vom Kurfürstendamm!« Der bleiche Jüngling verbeugte sich. »Arbeitslos bei Tag ...« »Wieso bei Tag, Ilselott?« Lüttchen hob schnell den dürftigen Kopf. Er hatte tiefe, blaue Schatten unter den unruhigen Spieleraugen. »... weil du in letzter Zeit scheint's jede Nacht am Kartentisch tätig bist!« »Ach so ...« Das Nachtgeschöpf rieb sich beruhigt die Nase. Er hatte die halbzölligen, spitz zugeschnittenen, sorgfältig polierten Fingernägel eines Spielers, auf denen beim Kartenmischen jedesmal die Blicke einer ganzen Runde ruhten. Er sah jetzt wieder auffallend töricht aus. »Ich bin lieber bei Nacht Bankhalter als bei Tag Bankvolontär!« sagte er. »Verbummelt bist du!« »Minderwertig!« Der junge Mann lächelte triumphierend. »Damit macht man heutzutage das Rennen! Leider überfüllter Beruf! Du ...« Er wurde plötzlich lebhaft. »Seit gestern hab ich 'nen neuen Roadster ... na – ich sage – – – Draußen steht er! Die Karre ist ihre achtzehntausend Emmchen wert ...« Ilselott wandte sich rasch zu ihm. »Hast du einen Chauffeur mit? Dann laß ihn bitte hinterherfahren und fahr' mich in meinem Wagen heim. Ich bin heute zu nervös zum Steuern!« »Schön! ... Los! ... Was willste denn in der Kantine?« »Nur einen Augenblick!« Drinnen, zwischen den Chauffeuren, sprang der Fahrer Werner bei Ilselotts Eintritt auf und warf seine Zigarette weg. »Hier bin ich, gnädige Frau!« »Geben Sie mir den Zündschlüssel!« »Wie? ...« »Den Zündschlüssel ...« »Den kann ich doch selber ...« »Nein! Ich!« Und leiser, daß es die andern nicht hören konnten, blaß und aufgeregt und schmerzlich zu ihm aufschauend: »Sie sagen mir, Sie seien der Monteur Werner ...« »Der bin ich auch!« Der junge Mann wandte sich zu einem hinausstapfenden Taxenkutscher. »Sie ... 100 011 ... Sehen Sie mich nicht an Ihrer Ecke immer in die Werkstatt gehen?« »Na – jeden Morgen!« »Ach so ...« Ein sanfter Schein auf Ilselotts Zügen. »Dann verwechselt Sie der Dicke drinnen mit einem Doktor Wiebeking ...« »Der bin ich auch!« »Ich versteh' nicht ...« »Ich gebe nur ein Gastspiel im Osten! ... Eigentlich ...« »Das hätten Sie mir sagen müssen ... Den Zündschlüssel! ... Danke!« Er stand und sah der kleinen Frau nach. Ein Kollege neben ihm erkundigte sich heiser: »Wat hat denn deine Olle zu meckern?« Der Monteur Werner antwortete nicht. Draußen surrte der Wagen. 22 »Ilselottlein – du hast ja feuchte Augen!« sagte Lüttchen am Steuer zu der neben ihm sitzenden Schwester. Er lenkte den dahinsausenden Koloß mit einer Kaltblütigkeit und Sicherheit, die seiner hohlwangigen, hängeschulterigen, abgelebten Leiblichkeit widersprach. »Was ist mich das mit dir?« »Ach – laß mich! Ich bin traurig!« Die kleine Frau schüttelte den Kopf. Sie wandte ihn rückwärts und schaute nach dem ihnen folgenden Straßenrenner ihres Bruders. »Traurig um mich? Weine nicht, Schwesterlein! Ich blühe ja wie junger Flieder!« »Du machst mir auch Sorgen!« sagte Ilselott, sich die Lider tupfend. »Dein neuer Wagen kostet ein Vermögen. Von der Bank bekommst du nichts! Von Papa willst du nichts. Dabei immer die Taschen voll Geld ...« »Wenn du noch mal von Geld anfängst, fahre ich dein Kleinauto in den Graben!« Lüttchen ließ den Zwölfzylinder, gelenkig mit der Gefahr spielend, dicht am Straßenrand laufen. »Wirst du wohl ... ... Lüttchen ... Es schenkt dir doch keiner was!« »Doch! Gute Menschen geben mir von dem Ihrigen ab! Du findest sie täglich zwischen zwölf und drei in der Burgstraße.« »In der Börse?« »Dorthin lege ich jeden Morgen um zehn Uhr vom Bett aus telephonisch meine Ordres!« sprach das Nachtgeschöpf nachlässig und entbrannte, sich vorbeugend, mit Taschenspielerkunst, ohne das Rad loszulassen, eine Zigarette. »Immer mies – mieser – am miesesten! Fixen hat einen goldenen Boden!« »Davon versteh' ich nichts!« »Dazu muß man so trübe in die Zukunft schauen wie ich! Hellseher gibt's an der Börse nicht. Also bin ich Schwarzscher. Das bringt Segen! So! Da bist du!« Der kleine, bleiche Gent bremste. »Was macht denn dein Mann?« »Gott ...« Ilselott stieg aus, langsam, müde. »Er hat seine Bilder im Kopf – nun wieder einen Andrea del – ich weiß nicht, wie er heißt! Ich weiß nur, daß er wahnsinnig teuer werden wird ...« »Hat's ja – der Gute ...« »... und krankhafte Angst hat er um seine Bilder!« »Grüße ihn von mir! Und der tägliche Einbruch würde bestimmt demnächst bei ihm steigen! Das hätte mir ein Unbekannter heute nacht um drei auf dem Kurfürstendamm zugeflüstert! Na – ich brause nu nach dem Kurfürstendamm. Adieu!« Wenig Tuschelpärchen jetzt, am frühen Nachmittag, in den Dämmernischen der Likördiele. Die weißgetünchte Barmaid klapperte schläfrig hinter der Marmorplatte mit ihren Shakers und Tumblers. Es sah aus, als hätte sie blutige Fingerspitzen. Aber das war nur der rote Lack der Nägel. Als Lüttchen geschäftig hereinschlurfte, hob sie belebt die fuchsfarbene Riesentolle. »Endlich, Herr Doktor!« »Nachtarbeiter wie ich ...« murmelte Lüttchen. »Schlaf vor Mittag der gesündeste ...« Er kletterte flink wie ein Affe auf den Drehstuhl hinauf. »Einen Martini mit Trommeln und Pfeifen!« beorderte er weinerlich rittlings von seinem Hochsitz. »Noch keener da?« »Eben kommt Herr Baron Sempt!« Der Litauer Flüchtling trat ein, gebückt, hüstelnd, einen rötlichen Haarkranz um die Glatze, liebenswürdig lächelnd das längliche, verhaltene Gesicht. »Einen Ohio!« rief er in rauhem Deutsch. Er setzte sich in eine Ecke. Ihm folgte ein klassisch gewachsener, nach dem letzten Ukas des Prinzen von Wales gekleideter junger Mann, verächtliche Schwermut auf dem bebrillten Antinouskopf. Eine plastische Filmbewegung des Arms, eine wohltönende Tenorstimme. »Ein House of Lords, Lory!« »Gern, Herr Aster! ...« sagte die Weißgetünchte seelenvoll. Lüttchen krabbelte von seinem Drehturm herunter. Er äffte eifersüchtig mit hoher Fistelstimme nach: »Gern, Herr Aster! ... Ihr verfluchten Frauenzimmer ...« Er piepste »... ach Aster ... mein Aster ... du süßer Hund ...« »Ein Millionär, der zum Tonfilm will – beliebe: Wer kann da widerstehen?« Der Baron Sempt blinzelte nachsichtig nach der Bar. Dort war jetzt noch ein zweites knallblondes, dickbäckiges Fräulein zum Dienst angetreten. »... und dem der Vater die Temporalien sperrt ...« miaute Lüttchen. »Kein Groschen ...« »Das wird mich an meiner Berufung zur Leinwand nicht hindern!« Der Antinous lächelte mit einem weichen, herzförmigen Frauenmund. Er hatte wunderschöne Augen, wie er jetzt die Eulenbrille abnahm. Ein schwüles Parfümgewölk umwehte ihn. Blutig moskaurot schrie die Krawatte unter der Schminkglasur der Züge. Er warf einen Tausendmarkschein über den Tisch. »Könnt ihr schon wieder nicht 'rausgeben, Kinder? Es ist schon ein Jammer mit dem Dalles am Kurfürstendamm!« »Vielleicht kann ich mit Kleingeld ...« Der hagere, schmächtige, salopp angezogene Baron Sempt kramte in Bündeln von Lits und Lats und Eesti-Kronen-Noten. Aber Lüttchen schnippt schon dem roten Fräulein einen Hundertmarkschein an die gepuderte Nasenspitze. »Kauf' dir für den Rest ein Rittergut, Lory!« »Danke!« Die Barmaid schob den Schein in ihre Privatsparkasse unter dem rechten Strumpfhalter. »Haste gesehen, Claire?« sagte sie leise zu ihrer Kollegin. »Der Kleene hat doch wieder die ganze Juchtentasche dick voll brauner Lappen!« »Wo die Jungens nur den Zaster herkriegen!« Ein junger Mann zu Anfang Dreißig schlenderte herein und setzte sich zu den drei andern. Fad blonder, glattrasierter Alltag. Einer von tausend täglich überall auf der Welt ... »Well, Mr. Harris!« Die Rothaarige schwenkte Eisstückchen. »Gordon Gin? All right!« »Ich wollt', ich könnt' auch Englisch quasseln!« sagte die Strohfarbene neidisch. »Wenn man mal ein Vierteljahr in London konditioniert hat, dann machen einem die Gentlemänner nischt mehr vor!« Die andere schüttelte den Zinnbecher und schielte über dessen Rand nach der Ecke. »Da stecken sie schon wieder die Köpfe zusammen.« Sie bugsierte als Schlußstück die Kirsche in den Cobbler. »... Ich möcht' bloß wissen, wovon die immer reden!« Die Blondgefärbte hörte nicht recht zu. Sie spannte die Abendzeitungen in die Halter. Neben ihr feilte sich die Kollegin sinnend die purpurnen Nägel. »Ich sag' immer wieder, Claire: Wo die nur das Geld her haben? Der Baron – der kam aus Rußland hier an, mit 'nem Hemd auf'm Leib und Schluß ...« »Das erzählen sie, so lang der Kurfürstendamm ist!« sprach die Claire zerstreut. »Der Lüttchen darf auf seiner Bank Marken lecken! Außer dieser freien Verpflegung kriegt er sonst dort nichts als mal 'nen Schnuppen! Der Alte 'n kleener Beamter!« »Staatsanwalt ...« »Na, wenn schon ... Den schönen Oswald hat sein Papachen trockengelegt, solang' er den Filmfimmel hat! Na – und der Amerikaner ... Gott ... Amerika ist groß ...« »Da kann jeder kommen ...« »Also – wenn du die Vier zusammenlegst – noch nicht zum Stempeln tät's bei denen langen! Statt dem zahlen sie jeden Tag mit großen Scheinen!« »Und die Scheine sind echt ...« Die Knallblonde zuckte plötzlich über einem Zeitungsblatt zusammen. »Wo sticht dich denn 'n Floh, Claire?« »Da, kiek mal die Bekanntmachung!« »Fünfzigtausend Mark Belohnung, wer über den Einbruchsversuch in der Wiebekingschen Bankfiliale solche Angaben ... Donnerlitzchen ... Das möcht' ich verdienen!« »Der läßt sich's was kosten!« »Der? Wenn der nach Tisch 'n Nicker macht, dann ist er, wenn er aufwacht, schon wieder um funfzigtausend Emmchen reicher!« »Woher weißte denn das?« »Ich war doch vor meinem Aufstieg Jungfer in feinen Berliner Häusern!« sagte die Fuchsrote. »Na – wer sollte da Wiebekingen nicht kennen? Das ist die große weiße Villa ganz am End' vom Tiergarten!« 23 Weiß leuchtete auf weiter Parkfläche die mächtige Villa Wiebeking im ersten Nachtnebel von den nahen Seeflächen des Tiergartens her. Aber im Hof hinten stand noch ein Stuhl. Und auf dem Stuhl saß die Fränze Häselich und nähte sich etwas, den dunkeln Wuschelkopf mit dem hübschen, blassen Wangenrund und dem feinen Näschen über Faden und Finger gebeugt. Still für sich. Niemand in der Nähe. Nur argwöhnische Blicke durch die Fenster der großen Herrschaftsküche auf sie. Und die Köchin, rot vom Herdfeuer, zu dem zweiten Chauffeur Klappert: »Wo der Doktor sich die Pflanze gezähmt hat ...« »Und der Jeheimrat erlaubt's!« sagte im Kauen Markwart, der erste Fahrer, und Meinecke, der kriegsversehrte Portier, hatte sein Gesichtszucken. »Auf 'n Revier is se nich gemeldet! will die Olle!« Vor der kleinen, zarten Geheimrätin stand drinnen, in den Empfangsräumen, die bebrillte Jungfer Elise und schloß: »Ich bin doch nun soundso viele Jahre im Haus, gnädige Frau, und da möchte ich mir die Erlaubnis nehmen: Es gibt böses Blut unterm Personal – mit so einer unter einem Dach! ... Wir sind ehrlich. Aber wenn der Balg nun maust ...« »So steht sie nicht aus!« »Weiß man denn, wo die Kleene her is? Die schweigt sich aus. Die macht bloß wilde Augen, wenn man sie danach fragt. Gnädige Frau – die gehörte als Muster ohne Wert retour dahin, wo sie der Herr Doktor ...« »... bloß daß ich das tue, was ich für richtig halte!« sagte die Geheimrätin. »Darin bin ich nun einmal komisch! Da müßt ihr euch drein schicken!« Sie nahm dem eingetretenen Diener eine Karte ab. »Führen Sie Herrn Doktor Schraudt herein!« »Sehr gütig, daß Sie meiner Bitte, mich zu besuchen, so rasch Folge leisten!« Sie bot dem schwerfällig sich verbeugenden, mittelgroßen, bartlosen Gast einen Stuhl. Er saß ihr gegenüber, ein plump gewachsener, starkschulteriger Mann zu Anfang der Dreißig, den braunfilzigen Rundschädel aufmerksam vorgestreckt, die großen, schwach beflaumten Hände über den Kniebauschen der Hosenbeine gefaltet. »Ich weiß, Herr Doktor Schraudt, daß Ihre Zeit als Privatgelehrter kostbar ist ...« »Ich bin nicht nur Stubengelehrter, gnädige Frau!« »... sondern Sie verwenden Ihr großes Vermögen und Ihre praktische Hilfe für den Dienst an den schiffbrüchigen Elementen Berlins ...« »... vor allem an den strafentlassenen Verbrechern ...« »Sie leben so eingezogen, daß ich bisher nicht die Ehre hatte, Sie zu kennen. Deshalb entschloß ich mich, Ihnen zu telephonieren!« »Und worum handelt es sich, gnädige Frau?« Die Stimme des Dr. Schraubt kam dunkel und halblaut aus den aufgeworfenen, forschend vorgeschobenen Lippen. Die über den tiefliegenden, kleinen Augen fest zusammengewachsenen Brauen gaben seinen groben, breiten und massigen Zügen einen düstern Ausdruck. »Es schlägt in Ihr Fach, Herr Doktor! Sie tun ein gutes Werk ...« »Das sollten alle, gnädige Frau, die nicht wissen, warum sie gerade ererbten Reichtum besitzen und die andern nicht!« »Sie sind ein Kenner der Berliner Unterwelt wie wenige! Nun schleppt mir mein Sohn mir nichts, dir nichts ein Mädel aus dieser Welt ins Haus – ein armes Ding – man muß ihr helfen – gewiß – aber heute telegraphiert mir von unserm Gut in Pommern, wo ich sie unterbringen wollte, der Ortspastor, er könne solch ein schwarzes Berliner Schaf nicht aufnehmen – aus Sorge um seine Herde! Und unsere dortigen Gärtnersleute schlügen auch ein Kreuz bei dem Gedanken! Was nun? Meine Leute hier im Haus fangen auch schon an zu streiken. Da dacht' ich in meiner Not an Sie! Sie haben doch gewiß Beziehungen ...« Der Dr. Josef Schraubt hörte aufmerksam zu. Schwerfällig wie seine Umgangsformen war auch seine Sprache. »Ich müßte vor allem das Mädchen einmal sehen!« sagte er. Die Fränze Häselich kam herein, sehr leichtfüßig, sehr zierlich, verwirrt die kessen, hellbraunen, jungen Berliner Augen. Sie machte einen ängstlichen Knicks und blieb stehen. Plötzlich huschte ein verstohlener Schein über das scheue Gesichtchen, schwand sofort wieder. Der Sonderling im Sessel drüben blickte sie unverwandt an, ohne eine Miene zu verziehen. »Kennen Sie den Herrn, Kind?« frug die Geheimrätin etwas verwundert. »Es kann leicht sein, daß sie mich schon einmal irgendwo gesehen hat!« sagte Dr. Schraubt ruhig. »Ich komme oft in solche Kaschemmen! ... Ist's so?« »Na ja ...« Die Kleine schaute schnell und verwirrt zur Decke. »Bei meinem Stiefvater ... dem Krüger ...« »Das ist ein ganz verrufenes Lokal, gnädige Frau! ... Ist da nicht dieser Verein, Fräulein? ... der Dicke ...?« »Ja.« Die Fränze zuckte jäh zusammen und wurde bleich. Ein Blick des Dr. Schraubt zu der Geheimrätin hinüber. »Kennen Sie den?« »Ja ...« stieß die Fränze hervor. »Und seinen Anhang?« »Ich kenn' die Brüder alle! Ich will da fort!« Die Fränze schluckte vor Angst. Ihre Augen waren starr. Sie begann leise zu zittern. »Nur Ruhe, Fräulein! Es geschieht Ihnen nichts!« Die Stimme Josef Schraudts war tief und tröstend. Er rollte suchend die halb verborgen liegenden Augen. »Gestatten Sie, gnädige Frau, daß ich jetzt gleich hier an Ihrem Schreibtisch einen Brief an den Sozialpfarrer Mühlmeister hier in Berlin schreibe! Er hat gute Verbindungen mit derartigen Anstalten in der Provinz. Ich werde ihm die Sache dringend ans Herz legen. Ich denke, das ordnet sich in den nächsten Tagen!« »Hier in Berlin ist das Mädchen in unmittelbarer Gefahr!« sagte er halblaut im Gehen. Und noch leiser: »Und seien Sie selber auf der Hut, gnädige Frau! Man darf solchen Geschöpfen nicht über den Weg trauen!« »Ich werde sie jetzt gleich auf die Probe stellen! Bitte, Herr Doktor, lassen Sie mir den Brief hier! Und besten Dank!« Die Fränze war gerannt und brachte dienstfertig Hut und Mantel, der verspätete Diener entrüstet hinter ihr her. Sie half dem Besucher mit einem scheuen, dankbaren Lächeln in die Hüllen. Er nickte ihr kurz, fast befehlend zu, verbeugte sich steif gegen die Dame des Hauses und ging. Gleich darauf nahm die Geheimrätin sein Schreiben an den Pfarrer vom Tisch. »Fränze: In dem Brief steckt Ihr Schicksal! Werfen Sie ihn mal flugs selber in den Kasten gegenüber!« Die Fränze stieß einen leisen Laut des Glücks aus. Sie duckte sich und küßte hastig die Hand der Geheimrätin, die den Brief hielt, und nahm ihn und rannte davon. Frau Wiebeking beobachtete sie durch das Fenster. Da stürmte sie schattenhaft durch den dunkeln Vorgarten, glitt bei Laternenlicht, im Trab der dünnen, bananenbestrumpften Beine, über den Fahrdamm, schob das Schreiben in die Klappe, fühlte sorglich mit der Hand nach, ob es auch wirklich durchgerutscht sei. Die Geheimrätin nickte beruhigt und ging vom Fenster. 24 Die Fränze kehrte langsameren Schritts zurück, ein wenig außer Atem und doch tief aufatmend, mit einem befreiten Blick zu dem dunkeln Nachthimmel hinauf. Sie überquerte die Straße. Sie ließ den Wirrkopf, hoffnungsvoll vor sich hin lächelnd, hängen, während sie sich über den finsteren Kiesweg des Vorgartens trollte. Sie prallte an eine verschwommene Männergestalt vor ihr und fuhr mit einem leisen Schreckensschrei zurück. »Ob de die Puste an dich hältst?« Eine Faust packte sie am Arm und zerrte sie seitwärts in den Schatten einer Taxushecke. »Kiek' mir mal ganz nahe ins Jesicht – in dem Schummer da – Kennste mich nu'?« »Ja ...« »Du denkst wohl: Du kannst dir verkrümeln, du Lause-Aas? Ja – wenn ick nich wäre – wat?« »Ja ...« »Siehste – da haste gleich keinen Mumm mehr, wenn der Dicke erst antritt ...« Jetzt, wo das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnte, starrte deutlich vor der Fränze das steingraue, große Gesicht mit den schläfrig grausamen, kleinen Augen, der breitflügeligen, gequetschten Nase, dem Doppelkinn unter den brutalen Kiefern. »Dich mach' ich doch noch mal kalt!« »Ja ...« sagte die Fränze gehorsam. »Glaubste, wir kennen den Jungen nicht, der dich hierhergebracht hat? Wat der Ale is, der weiß alles! Der weiß genau, daß der Bengel hier Kupongs schneidet und draußen bei uns sich uff 'n Schlosser aufspielt ... Verstehste?« »Ja ...« Die Fränze schlotterte nicht. Sie stand wie gelähmt, wie der Vogel vor der Schlange. »Nu hat der Ale jesagt – Dicker – hat er jesagt – jeh mal nach det Haus ... Mir is recht, daß die Fränze da mang is! Da soll sie bleiben! Da können wir die gerade brauchen ...« »Ja.« »Wie – det wirste morgen erfahren! Da kommste nachmittags bei Krügern 'ran ...« »Nein. Ich bleib' hier ...« »Wat?« Ein heißer Atem wie von einem Raubtier wehte der Fränze ins Gesicht. Dicht vor ihr zwei böse Funkelaugen. Sie fiel mit einem leisen, wehen Klagelaut vornüber auf die Kniee. »Kommste?« »Ja ... ... ...« »Is jut! Aber weh' dir ... Nu laß deine Madame drinnen nicht warten!« Weg. Die Fränze lag allein mit den Händen und Knieen im Dunkeln auf der feuchten Erde. Sie raffte sich langsam auf. Sie schritt wie eine Nachtwandlerin um das Haus herum nach dem hinteren Eingang. Aber gerade da, rückwärts, auf dem Flur zur Küche, traf sie die Geheimrätin. »Kind – Sie schauen ja aus wie der Tod!« »Ich bin im Dustern gestolpert – nich? – und hingefallen!« Die Fränze fuhr sich mit der Hand über die Erdflecken auf dem Knierand des kurzen Rockes ... »und da hab' ich mich so erschrocken!« »Gerade wollt' ich nach ihr fragen!« Von vorne kam, rasch, elastisch, mit freundlicher Miene, der Sohn des Hauses, in ölfleckigem Fahrermantel und Mütze. »'Tag, Mama! Na – da ist sie ja noch!« »Und bleibt in Gottes Namen noch ein paar Tage hier!« sagte die Mutter. »Nur – wenn jnädige Frau gestatten –« Die Fränze sprach es tonlos, an den beiden vorbei, wie unter einem fremden Willen ... »dann möcht' ich morgen nachmittag bei Krügern meine Sachen holen ...« »Aber Kind Gottes – das geht doch nicht!« »Ich habe doch nischt anzuziehen, gnädige Frau, als was ich auf dem Leib hab!« »Man kann ja schreiben! Oder schicken!« »Die geben doch nischt her! Die sind doch so boshaft! Wenn Krüger erst im Tran ist ... und gar sie, die olle Ziege! ... Ich hab' doch auch meine Papiere dort – wie ich heiße und so – Ohne das nehmen sie mich doch nicht ... wenn der Herr Pfarrer ...« »Aber Sie können sich doch jetzt nicht dorthin wagen?« »Oh – die tun mir nischt! Die wissen, daß das zuviel Unannehmlichkeiten setzt – von hier aus – von einem so mächtigen Mann wie der Herr Geheimrat ...« Frau Wiebeking überdachte. Sie legte der Fränze die Hand auf die Schulter. »Man muß immer das beste von seinen Mitmenschen glauben. Also ich glaube Ihnen, Fräulein Häselich! Fahren Sie morgen! Aber abends sind Sie wieder hier!« »Ich danke der gnädigen Frau!« Die Fränze sagte es tonlos, den Blick irgendwo. Sie ging schleppend den Flur entlang, tappte mit der Hand an der Wand, schwankte, fiel lautlos hin. »Ohnmächtig ...« Die kleine, energische Geheimrätin Wiebeking leitete selbst den Transport des leichten Körpers, den die Köchin und ein paar Hausmädchen mit frostigen Mienen unter den Armen und den Kniekehlen gefaßt hielten und hinüber in Fränzes Stübchen schafften. »Wir müssen ihr die Kleider aufmachen! Werner – du bist dabei nicht zu gebrauchen!« Der junge Mann ging nach vorn. Nach kurzem folgte ihm seine Mutter. »Sie hat sich wieder erholt!« sagte sie. »Aber es sitzt etwas in ihr. Sie hat offenbar schon viel Furchtbares durchgemacht. Sie braucht viel Güte!« »Na – die wird sie bei dir ja finden! Da bin ich unbesorgt! Nun kann ich mich also beruhigt wieder nach dem Osten verflüchtigen! Gute Nacht, Mama!« 25 Dort im Osten stand, vor Feuerstakes Hotel, die Hilde Lüders. Bloßköpfig, wie sie aus dem Obstladen drüben gelaufen war, in ihrem leinenen Verkaufskittel ein langer, weißer Strich unter der Laternenhelle, an dem undeutlich, eilig, wie Treibholz in trübem Strom, die Menschen der Färberstraße vorbeifluteten. Angstvoll schweiften ihre dunkelbraunen Augen. Halboffen stand ihr in banger Erwartung der blasse, widerspruchsvolle, in den Winkeln herabgezogene Mund. Ein heller Schein über das verträumte, regelmäßige Gesicht. Ein paar hastige Sätze zwischen den Leuten durch, einem schmal und sehnig gewachsenen, rotblonden, blauäugigen, jungen Mann entgegen. Ein Lachen über sein frisches, bartloses Antlitz. »Na, Hildchen? Schon wieder phantastisch?« »Ich steh' mir schon die Beine nach Ihnen in den Leib, Herr Werner!« Atemlos: »Es ist Gefahr ...« »Romantik ...« sagte der Schlosser Werner. »... Unter den Dächern von Berlin ... ... Sehnsucht hat jeder ... nach irgendwas! Ich auch! Haben Sie wieder 'ne Räubergeschichte gelesen?« »Sie haben nichts zu lachen! ... Wo Ihnen das Revier auf den Hacken ist ...« »Richtig! Ich bin ja ein Verbrecher!« »Ich warte hier, um Sie zu warnen! Vorhin sind schon zwei in Zivil von der Polizei ins Hotel und zu Ihnen auf die Stube hinauf!« »Na – dann werd' ich die Herren mal begrüßen! Hildchen – lassen Sie mich los! Machen Sie hier kein Theater! ... Ich schreib' Ihnen noch 'ne Postkarte vor meiner Hinrichtung!« Der Schlosser Werner ließ das verstörte Obstfräulein stehen und stieg zum zweiten Stock empor. Richtig: bei ihm, auf Nummer 19, zwei Männer in dunklen Röcken, stehend, die Hüte auf dem Kopf. Seine heitere Stimme: »Aber, Herr Oberwachtmeister! Was ist ...?« Ein Stocken. Nanu ... Das war ja gar nicht die Polizei. Den kleinen, säbelbeinigen Kerl, mit aufgedrehtem Graubärtchen unter den wässerigen Zwinkeraugen – den kannte er doch – die heisere Berliner Sprache ... »Ick bin der Krüger – von's Restorang drüben in der Schlünzigstraße! Wo haben Sie meine Stieftochter jelassen? – Die Fränze?« Und der neben ihm – bleich, hohläugig, hager, Stoppeln um das Vogelkinn, aus halb erloschener Schwindsuchtskehle: »Ick hab' sie noch mit Ihnen zusammensitzen gesehen – bei Krügern!« »Amtmann! Laß mir reden!« Der schmuddelige Glatzkopf des andern drängte sich heran. »Hand uffs Brusthaar: Wo is det Mächen verstochen?« »Daß die Fränze nich verschütt jeht – Mensch!« flüsterte es daneben. »Sonst kannste wat besehen!« »Die Fränze ist gut aufgehoben!« »Det kann jeder sagen! Der Grünspan, der Jeneraldirektor in Altpapier, hat ooch schon nach der Fränze jefragt!« Scharfer Gilkadunst witterte zwischen den schadhaften, gelben Zähnen des Gastwirts Krüger. »Ich brauche det Mächen! Ick weiß, wat ick mir als Stiefvater schuldig bin!« »Da kiekt ja so wat in die Stube ...« Der Schwindsüchtige hustete. »Nee – det is se nich!« »Herrgott – Hilde! Sie haben hier gerade noch gefehlt!« sagte der junge Mann. Das Obstfräulein im weißen Kittel stellte sich vor ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe schützen. »Lassen Sie Ihre Pistolen stecken!« keuchte sie. »Ich hab' gar keine, Kind!« »Verteidigen Sie sich nicht erst! Die Polizei ist in der Überzahl!« »Das halten Sie für die Polizei, Hildchen?« »Es kommen noch drei die Treppe 'rauf! Ich bin an ihnen vorbeigerannt! Da sind sie!« »Stell' du dich mal links neben den Herrn, Blaumüller!« raunte der Tonlose zu einem übernächtigen Elegant mit einer falschen Riesenperle im blutroten Schlips, verharschte Messerschnitte auf den Backen, eine furchtbare rote Narbe um den halben Hals. »Und du rechts, Goldhäschen!« Das war ein koketter Riese, Messingringe in den Ohren des schwarzen Krauskopfs, eben noch sichtbar der Spitzensaum eines Damennachthemds auf dem muskelstrotzenden Unterarm. »Und der Butterkopf hinter ihn!« Ein behäbiger Mann mit Zwicker, einem kleinen Magistratsbeamten ähnlich, bezog seine Stellung. »Und wir pflanzen uns nu mal zwanglos vor den Herrn hin!« Die Flüsterstimme erlosch fast. »... und klappen unsere Messer uff ...« »... und fragen den Achtgroschenjungen in aller Jüte ...« Der Säbelbeinige hielt sich vorsichtig hinter dem Rücken des Amtmanns. »Hilfe!« schrie die Hilde Lüders. »... wo er die Fränze ...« »Hilfe! Hilfe!« »Biste still!« Das riesige Goldhäschen preßte ihr seine reichberingte Preisringertatze auf den Mund. Das Obstfräulein rang mit ihm und hieb ihm wie eine Katze die spitzen Nägel ins Gesicht. »Lassen Sie das Fräulein los!« Der Schlosser Werner warf sich dazwischen. Fäuste griffen nach ihm. Messerblinken zuckte auf. »Paß uff, Junge! Dir werden wir gleich selber ...« »Na wat denn – wat denn – wat denn?« donnerte es von der Türe. Der plumpe, breitnüstrige Mensch auf der Schwelle schüttelte mißbilligend den steingrauen, brutalen Stoppelschädel. Ein Grollen zwischen den aufgeworfenen, bartlosen Lippen. Plötzliche Stille. Eine Stimme: »Der Dicke ...« »Wißt ihr nich ...« das Knurren einer Bulldogge, ... »daß ihr nischt ohne den Ale und mich machen sollt? Wo ihr doch zu dämlich dazu seid ...« »Jerade wegen dem Ale ...« flüsterte die Schwindsuchtstimme. »Wenn den die Fränze wieder verpfeift – da, wo sie jetzt is ...« »Wo sie jetzt is ...« Ganz leise der Baß des Dicken, daß die beiden drüben – der Schlosser Werner und die Hilde Lüders – es nicht hören konnten – »det is dem Ale jrade recht, wo der Herr, der da steht, sie hinjebracht hat ...« Und noch gedämpfter, nur mehr ein Raunen: »Wat wißt denn ihr Dussel, wen der Ale alles zur Hand hat? Da wird in nächster Zeit det jrößte Ding jedreht, wat je in Berlin da war – sag' ich euch!« »Also det jeht richtig!« Noch ein Blick der stechenden, kleinen Augen auf das Paar. Auf einmal viel lauter: »Wir sind doch friedliche Leute! Wir tun doch niemand nischt! Schämt euch wat! Und nu kommt!« Und auf der Treppe zu den andern, die hinter ihm hinuntertappten: »Laßt mir den Kunden auf Nummer 19 unjeschoren!« 26 Auf Nummer 19 im zweiten Stock von Feuerstakes Hotel wandte am nächsten Morgen der Monteur Werner, das Rasiermesser in der Rechten, gut ausgeschlafen und wohlgelaunt, das lebhafte, blauäugige Antlitz von dem fliegenblinden Wandspiegelchen zur Türe. »'rein! Na – was verschafft mir so früh die Ehre, Herr Direktor?« Der bleiche Herr Lungwitz – Portier, Betriebsleiter, Buchhalter – Mann für alles im Hotel – drückte die Klinke vorsichtig hinter sich ins Schloß. Er zwinkerte nervös hinter dem Hornzwicker am schwarzen Band. Er zupfte sich zögernd an dem schütteren, blaßblonden Spitzbart. »'Morjen, Herr Werner – ja – also was ich sagen wollte – hier is doch nu mal ein Familienhotel – nicht?« »Hab' ich je 'ne Dame mitgebracht?« Der junge Mann scheuerte sich mit nassem Handtuchzipfel den weißen Seifenschaum von den wetterbraunen Wangen. »Nee – nee – das nicht! Alles, was recht is! Aber bei mir geht's gutbürgerlich zu. Dafür hab' ich meine Konzession!« »Bin ich im Tran nach Hause gekommen?« Karl Werner furchte mit ausgezahntem Kamm eine Scheitelspur durch die rotblonden Stoppeln. »Hab' ich geklaut? Wem? Wo?« Der Garagenschlosser fuhr in den Rock und stopfte die Zehnuhrstulle in die Blechkapsel. »Tja – tja ...« »Also wieso hat bei Ihnen eine Familie durch mich graue Haare gekriegt?« Karl Werner stülpte sich die staubfleckige Mütze auf den Hinterkopf. Der Hotelleiter rieb sich hüstelnd die Hände. »Herr Werner – ich bin nicht zu neugierig mit meinen Gasten – hier mittenmang Berlin ... Aber wenn nu die Polizei neugierig ist? ... Seit vorgestern beobachtet die mein Haus! Haben Sie 'ne Ahnung, wem das gilt? Ihnen!« »... wenn die Polizei nichts Besseres zu tun hat ...« »Und haben Sie 'ne Ahnung, warum sie das tut? Was waren denn das gestern spät abends für ein Haufen Männer zu Besuch bei Ihnen? ... Schwere Jungen waren's! ... Zuhälter ... 'n Kaschemmenwirt ... Glauben Sie, ich kenn' die Sorte nicht, wo ich seit fuffzehn Jahren hier in der Gegend zu Haus bin?« »Ich hab' die Herrschaften ja auch hinauskomplimentiert!« Der Schlosser Werner wandte sich zur Türe. Herr Lungwitz vertrat ihm den Weg. »Aber es waren doch Bekannte von Ihnen? Die Polizei hat's gesehen! Wenn nu die Polizei nach Ihnen fragt – haben Sie denn Ausweise?« »Die sind noch in Magdeburg!« »Aha! In Magdeburg! Und wenn Sie danach schreiben ...« »... das wird schon 'ne Zeit dauern, bis die kommen ...« »Dacht' ich mir! Herr Werner – tun Sie mir 'nen Gefallen! Ziehen Sie aus! ... So schnell wie möglich! ... Lassense sich woanders verhaften! Sehnse – der Ruf von meinem Haus ...« »Sie haben ganz recht!« sagte der junge Mann. »Ich will das Renommee von Feuerstakes Hotel nicht untergraben! Bis Nachmittag sind Sie mich los! Bitte – keinen Dank! Aber nun muß ich in die Garage!« Dort in der Reparaturwerkstatt begannen eben die Hämmer und Hobel, die Pumpen und Lackspritzen ihr Tagewerk. Die Schweißkolben zischten, die Motoren rasselten, Flämmchen flackerten. Es roch nach Gummi, Politur, Benzin, Holz, Leder, Staub. In all dem Betrieb zog der Garagenmeister Zwickel den Schlosser Werner in einen Hofwinkel voll lebensmüden Kautschuks und verschlissener Leinwand. »Ich muß ein ernstes Wort mit Ihnen reden, Herr Werner! Das heißt: die andern reden – die Arbeitskollegen – über Sie ... Ihre Arbeit tun Sie ja – nicht daran zu tippen – aber 's weiß keiner so recht, was mit Ihnen eigentlich los ist ... Es wird da gemunkelt ...« »Das scheint mein Schicksal zu sein ...« »Überlegen Sie mal: Bei mir sind lauter anständige, ehrliche Arbeiter!« »Famose Leute! Ich hab' mich gefreut, dazuzugehören!« »Aber ich freu' mich nicht, Herr, wenn da gestern ein Kriminalschutzmann von's Revier kommt und mich vertraulich nach Ihnen fragt. Ich hab' geantwortet: Ich kenn' den Mann weiter nicht. Ich hab' ihn als Hilfsarbeiter eingestellt, mit täglicher Kündigung! Es tut mir leid, Werner – ich muß die Kündigung aussprechen! Ich kann Sie meinen Arbeitern nicht mehr zumuten! Holen Sie sich Ihren Lohn und gehen Sie lieber jetzt gleich. Den Tag schenke ich Ihnen!« »Und ich Ihnen den Lohn!« »Dann lassen Sie sich's gut gehen!« »Ich bin schon auf dem Weg dazu!« nickte der Schlosser Werner. »Ich hab' seit gestern 'ne prima Stellung beim Geheimrat Wiebeking in der Güntherstraße – draußen im Tiergarten!« »Der hat sich gar nicht bei uns nach Ihnen erkundigt ...« »Nein. Der hat mich auf mein ehrliches Gesicht hin Knall und Fall angenommen!« »Hm ... Soso! ...« Ein sehr mißtrauischer Blick von drüben. »Fein! Ich hab's da wie der Sohn vom Hause!« »Sie reden mir lange ... Na – was geht's mich an? 'Morgen, Herr Werner ...« ... Ziehe weiter, Werner Wiebeking! Deine Uhr im Osten ist abgelaufen. Du warst lange genug da draußen im bleichen Reich. Drei Monate warst du da – nicht wo die letzten Häuser sind, sondern wo die vielen Häuser sind – wo die vielen, die allzu vielen Menschen sind, unter dem grauen Himmel, am grauen Spiegel der Spree ... Du hast die Menschen der Arbeit gesehen – du warst ihresgleichen, Werner Wiebeking ... Nimm ihr Bildnis und Gleichnis mit in deine Welt ... Und der Monteur Werner ging in das Hotel Feuerstake zurück und schnürte sein Bündel. 27 »Sehen Sie, Hildchen – blaue Blume der Romantik – nun tue ich Ihnen wirklich den Gefallen und flüchte vor meinen zahllosen Verfolgern ...« Der Schlosser Werner betrat um die vierte Nachmittagsstunde das Stückchen Süden in der fahlen, eintönig lärmenden Färberstraße – goldener Orangenglast drinnen – üppiges Immergrün – Würzduft fremder Zonen. »Ich verlege von heute ab meinen Schwerpunkt nach dem Westen! Da mögen mich die Häscher suchen!« Das Obstfräulein hob den leidenschaftlichen, regelmäßigen Kopf von ihrem Schmöker. Sie schüttelte sich die dunkelbraunen Kringel aus der krausen Stirne. Eine stille Begeisterung spielte verräterisch um ihre blassen Lippen. »Das war ja gestern bei Ihnen auf der Stube gar keine Polizei!« Sie reichte dem frischen, sportschlanken, blauäugigen, jungen Mann mit einem geheimnisvollen Freimaurerdruck die fieberheiße Hand. Sie sah auf einmal sehr hübsch aus in dem Schein heller Verliebtheit, der ihre schmalen Wangen rötete. »Das waren ja richtiggehende Verbrecher ...« »Meine Leibgarde, Hilde!« »... die Ihnen zu Leibe wollte ...« »Mißverständnis!« »Wenn der gräßliche dicke Kerl nicht im letzten Augenblick dazwischengetreten wäre ... ...« »Und dabei hab' ich keine Ahnung, warum ...« Ein langer, trauriger Blick des Obstfräuleins. »Mir verraten Sie natürlich nichts!« sagte sie schmerzlich. »Aber das hab' ich doch aus den Worten des Dicken gemerkt: Sie sind ein viel Größerer, als die andern geahnt haben!« »Hilde – Sie überschätzen mich ...« »Einer von den heimlichen, ganz Großen in Berlin! Ach – es ist ja eigentlich herrlich!« ... Die phantastischen Augen der Hilde Lüders überflogen aufgeregt die Straße. »... wie die alle sich vor Ihnen geduckt haben wie vor dem Tierbändiger im Zirkus ...« »... aber nun schauen Sie um Gottes willen, daß nicht von der andern Seite die Blauen Sie fassen! Vorhin bummelte schon einer vorbei – den kenn' ich – der war schon ein paarmal bei mir im Laden! ... 'n Schupo in Zivil! Da!« Sie zog in ihrem langen Leinenkittel schreckhaft die Schultern hoch »... der Kleine, Stämmige mit dem vergnügten Vollmond als Visage ... Da steuert er direktemang aufs Lokal zu ...« »Der ist nämlich noch außerdem in mich verknallt!« Sie lachte plötzlich und wurde jünger, mädchenhaft übermütig. »Und Sie?« Ein stiller, seelenvoller Augenaufschlag nur als Antwort ... ... »Na – dann wimmeln Sie ihn sich doch ab, Hilde!« »I wo werd' ich denn, Herr Werner!« Das schlanke Obstfräulein wurde auf einmal ganz praktisch und nüchtern, in der Leidenschaft der Liebe. Sie zwinkerte vertraulich und gerissen mit den braunen Pupillen. »Im Gegenteil: dem Freier komm' ich entgegen – natürlich nur mit dem kleinen Finger ... heißt das ...« »Und warum diese Selbstverleugnung?« »Na – wegen Ihnen, Herr Werner! Damit ich von dem erfahr', was er gegen Sie im Schilde führt! Ich warne Sie dann!« Sie drängte den Schlosser Werner nach dem Hintergrund des Lädchens. »Sie müssen mir Ihre Adresse im Berliner Westen geben!« »Ich besuche Sie dieser Tage mal, Hilde!« »Ach – wie schön! ... Aber seien Sie nur vorsichtig! ... Treten Sie da hinten in den Verschlag! Von da können Sie alles hören! Wenn's not tut, ist da auch durch den Hof ein Ausgang auf die kleine Gasse! ... Ja bitte, Herr ...« Die Hilde Lüders warf die Verbindungstüre ins Schloß und lief, im Schrillen der Ladenschelle, nach vorn. »... Herr ...« »Peschke ...« Der Schupo im Bürgerkleid stand, kaum mittelgroß, breitschulterig, braungebrannt von Sonne und Wind seiner Verkehrsinsel. Er nickte humoristisch. Er trat etwas verlegen und feierlich von der einen derben Stiefelsohle auf die andere. »Friedrich Peschke – merken Sie sich doch meinen Namen, Fräulein Lüders ... Mir ist der Name Lüders heilig ...« »Quatsch!« »Ich bin nämlich heute auf meine Bitte beurlaubt ...« »Na – und nu?« Das Obstfräulein kehrte ihm ihren dünnen, langen Rücken zu und wirtschaftete heftig mit einem Stapel Meraner Traubenkörbe. »Ja – da bin ich eben mal wieder hier 'ran ...« »Das seh' ich!« Eine Ananas kullerte über den Boden. Friedrich Peschke hob sie auf und stäubte sie liebevoll mit seinem Schnupftuch ab. »Mir geschieht bitter Unrecht, Fräulein Lüders!« »Ich denke, die Polizei hat immer recht ...« »Ich bin doch der Vater von's Ganze! Zu mir ist doch auf dem Ottoplatz das Mädchen gekommen und hat mir den Nachtdoktor gezeigt, den sie seit Monaten wie 'ne Stecknadel suchen!« »Wenn ihr bloß hinter den Leuten herschnuppern könnt und sie einlochen!« Die Traubenkörbe flogen. »Wissen Sie, woran Sie mich erinnern? An so 'nen Polizeihund an der Strippe – mit der Nase auf'm Pflaster ...« Der Schupo Peschke schwieg gekränkt. Es war eine Pause. Er räusperte sich. »Um von was anderem zu reden, Fräulein Lüders! ... Meine Eltern lassen Sie schön grüßen!« »Danke! Ich habe nicht das Vergnügen!« »Aber meinen Eltern wäre es ein Vergnügen gewesen, Ihnen mal ihre Laube draußen in der Kolonie bei der Siemensstadt zu zeigen. Morgen, am Sonntagnachmittag, ginge das so gut. Mutter kocht Kaffee. Und wenn mir da 'ne Schnecke einstippen, könnten mir über so vieles gemütlich miteinander reden ... Aber wenn Sie so eklig sind, dann hat es ja gar keinen Zweck, daß ich erst davon anfange ...« »Ach – ich schnappe ganz gern einmal ein paar Happen frische Luft ...« »Sie wollen kommen?« »Na – in Gottes Namen! Weil Sie's sind, Herr Peschte!« Der Schupo strahlte. »Nu wird mir wieder leichter ins Jemüt!« sprach er dankbar. »Und daß ich auf die Übeljesonnenen scharf bin, Fräulein Lüders, das dürfen Sie 'nem ehrgeizigen, jungen Mann vom polizeilichen Gewerbe nicht krummnehmen. Dazu bin ich mal auf der Welt!« »Ich lass' nicht locker!« setzte er hinzu. »Und wenn mich der Kommissar Dürisch und seine Kriminellen zehnmal nicht an den Zucker 'ranlassen! Die finden ja doch nischt! Ich – der bescheidene Schupo Peschke – werde mich eines schönen Tages mit Ruhm bedecken!« »Ich vigiliere für mich im Stillen 'rum, Fräulein Lüders ... In der Gegend zwischen hier und dem Krüger seinem Lokal in der Schlünzigstraße – da scheint's mir zu brennen mit dem Nachtdoktor. Ich hab' vorhin so'n bißchen bei dem Krüger 'reingeschaut ...« »Senge werden Sie da noch mal besehen!« »... und wer sitzt da? Ich denke, der Affe laust mich! Das Mädel sitzt da – die Fränze Häselich, die mir auf dem Ottoplatz die ganze Gesellschaft gesteckt hat! Und um sie 'rum 'ne Bande – na – ich sage Ihnen: Feine Nummern – von dem Ringklub dort! ... Mit denen hat sie den Kopf zusammengesteckt ... Leise beraten haben sie miteinander! Was – das kann sich 'n Waisenknabe denken ... Was war denn das für ein Gepolter da nebenan?« »Gott ... die Katzen ...« »Ja ... Na – nun muß ich weiter! ... Ich bin ja so froh, Fräulein Luders! Ich freu' mich wie ein Kind auf morgen! Darf ich Sie so um Uhre drei abholen? ... Fein!« Ein Händedruck. Klingelnd schloß sich die Ladentüre hinter dem Schupo Peschke. Kaum war er draußen, so stürzte die Hilde Lüders nach rückwärts. Stand mit einem tiefen Seufzer der Enttäuschung auf der Schwelle zu dem kleinen Hinterraum voll leerer Fruchtkisten und Körbe. Höhnisch flimmerten die farbigen Frachtzettel des Südens. Zu spät! Die Kammer war leer. Der Schlosser Werner durch den Hof davon. Das Obstfräulein setzte sich auf einen leeren Lattenverschlag für Preßdatteln aus der Sahara und brach in Tränen aus. Und der Schlosser Werner, um dessen Flucht ohne Abschied sie meinte, lief inzwischen mit langen Beinen durch Berlin O hinüber in Krügers Restaurant in der Schlünzigstraße. 28 Dort wischte sich in seiner Destille Daniel Krüger, der säbelbeinige, kleine Schankwirt, die bierfeuchten Wurstfinger an der fleckigen, grünen Schürze und drehte die Glatze vom Zapfhahn nach dem Türspalt zur Küche. »Gleich bezähmste deine Klappe unter deinem Schnurrbart, Mutter!« rief er heiser dem schlampigen Graukopf zu, der auf einem krötenartig aufgequollenen Leib zornfunkelnd in den Rauchnebel schielte. »Da is se wieder!« krächzte es über der schmutzigen Hausjacke. »Da sitzt se – die Fränze! Wo hast du dir denn die Nacht um die Löffel jeschlagen, du Stücke – he ...« »Laß ihr!« »Jleich jehste bei und jestehste ...« »Ick werde doch noch 'n Wurfjeschoß ...« Das gemütliche Kerlchen mit dem aufgedrehten, grauen Schnurrbart und den pfiffigen Zwinkeraugen suchte und fand einen grifffesten, hölzernen Bierschlägel. Aber seine zweite Frau schwabberte nur noch still vor Zorn mit dem schweren Körper auf der Schwelle. »Det janze Jeschäft mit der Fränze jeht joldrichtig!« Es kam drohend aus seiner Kropfkehle. »Du siehst doch, det die Fränze wartet. Uff den Dicken wartet sie! Nu stör' ihr nich!« Und als die Schnurrbärtige verschwunden war, zu einer einzelnen, nicht mehr jungen Frauensperson, die am Tisch dicht vor ihm Kaffee trank: »Det jeht über der ihr Verstehstemich! Zu dämlich seid ihr Weiber durch de Bank!« »Daniel – quatsch' nur nich zuviel mit der Jräfin!« rief es von hinten, von einem Tisch voll Federhüte und Kaninchenboas. »Die läuft briehwarm damit uff'n Alex!« »Det is alljemeine Volksstimme, daß die es mit der Polente hält!« »Kinder – zankt doch nich ejal!« Das sanfte, strohblond gefärbte Äppelröschen war selbst noch ein halbes Kind, spillrig das flache Körperchen, Schwindsuchtsflecke auf den geschminkten Backen. Die Jräfin – lang, schlank, von vornehmer Figur, zuckte verächtlich die Achseln. »Ihr könnt mich ...« sagte sie höflich und herablassend und ging hinaus. Hinter ihr ein Kopfschütteln des Kaschemmenwirts. »Det is 'ne Polizeivigilantin – det möcht' ich uff'n Zeugeneid genehmigen!« Er klatschte in die roten Hände. »Fränze! Wach uff! Det Mächen sitzt da wie ein ausjestoppter Kanaillenvogel!« Aber die Fränze rührte sich nicht. Sie starrte aus leeren Augen vor sich hin. Der Blaumüller, der elegante, messernarbengezeichnete Zuhälter, rief vom Tisch der Frauenzimmer: »Weine nicht! Eben kommt dein Freier – der Spreeschiffer!« Der junge Mann, die Kappe auf dem freundlichen, wetterbraunen Kopf, mit bloßem Hals, in blauem Wollwärmer, die alten, grauen Kriegshosen in schweren Wasserstiefeln, ging, ohne sich um die Straßenmädchen zu kümmern, auf die Fränze Häselich zu. Er setzte sich neben sie und schaute ihr aus seinen klaren Augen, in denen etwas von Wasser und Wind und Weite, fern von Berlin, war, in das hübsche Gesicht, mit dem feinen Näschen und dem blassen, herzförmigen Mund. Jetzt kam Leben in die Fränze. Sie hob den dunkeln Wuschelkopf unter dem roten Topfhut und machte eine halb ungeduldige, halb hilflose Schulterbewegung. Der Schiffer Räder zog ein trauriges Gesicht. Sie schwiegen beide eine Weile. Dann ein Seufzer: »Ach – laß man, Paule!« »Fränze ...« »Ich seh' dir ja an, wovon du wieder anfangen willst ...« »So hör' doch ...« »... daß du mich heiraten möchtest ...« »Ja. Das wär' wohl gut!« »... und mit auf deinen Kahn nehmen ... Und der Kahn kommt immer wieder hierher ... und legt immer wieder hier an ... immer wieder ... da bleib' ich lieber gleich ganz hier ... statt daß ich immer wieder her muß ...« Die Worte der Fränze tröpfelten langsam, tonlos ... »Du brauchst nur bloß zu wollen ...« Die Fränze fuhr sich mit der mageren, kleinen Hand vor den Augen hin und her, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. Sie schüttelte den Kopf und schloß die Lider. »Wolle du mal ...« sagte sie hoffnungslos. Sie duckte sich in den Schultern und schaute bang zur Türe. »Ich muß hier auf den Dicken warten!« »Ich möcht' bloß man wissen, wie der Kerl det macht!« Die mahagonibraune, mit einem blauen Anker tätowierte Faust des Spreeschiffers hämmerte leise und gereizt auf der Tischplatte. »Det der dich an seinem Schnupptuch tanzen läßt wie 'nen Hampelmann ...« »Ach – der Dicke is gräßlich!« sagte das Mädchen erschöpft. »Du möchtest doch fort von dem Kerl ...« »Der kann die Zuchthausordnung von rückwärts aufsagen!« »Du fürchtest dich nur vor ihm ...« »Der hat schon Menschen umgebracht ... damit tut er sich noch jroß, wenn er besoffen is!« »So laß doch den Swinegel schießen!« »... mal bringt er mich auch um!« Die Fränze Häselich lächelte plötzlich vor sich hin. »Das sagt er oft. Dann ist's ja gut!« »Und darauf wartet sie noch ...« Der junge Schiffer stand erbittert auf und stieß den Stuhl von sich. »... daß ich sie mit 'm Haken aus der Spree zieh', statt daß sie mit mir auf der Spree fährt!« »Ach – Paule, das verstehste nich!« Die Fränze stemmte trübe die Schläfen zwischen die Hände. »Das is nu mal so ...« Und dann ein langer, bitter verzweifelter Augenaufschlag von unten. »Ich muß doch tun, was er will!« Sie begann zu keuchen. Sie zerrte den Schiffer flehentlich an seinem groben Rockärmel. »Tu mir's zulieb', Paule! Eh' der Dicke kommt ... geh man!« Und als der Paule Räder düster und kopfschüttelnd in seinen schweren Kniestiefeln hinausgestapft war, saß sie wieder wie ein Wachsbild und schaute leer zu der räucherigen Decke und harrte, den Kopf auf die Hand gestützt. Und begann leise am ganzen Körper zu zittern. Immer mehr. Vom Eingang hörte sie eine grobe, kellerdunkle Stimme. Ein massiger Kerl, breit wie ein Preisboxer, schob sich heran, schief die Mütze auf dem starren Borstenhaar über dem steingrauen Bulldogg-Gesicht. Eine ganz dünne farbige Damenzigarette kräuselte süßliche Parfümwölkchen zwischen seinen aufgeworfenen Lippen. »Na – da biste ja, Fränze!« nickte er grausam gemütlich. Das Mädchen antwortete nicht. Das Beben der Angst hatte bei ihr aufgehört. Sie hob ganz ruhig, aufmerksam und gehorsam wie ein gutdressierter Pudel, die Augen zu ihm auf. Der Dicke blieb neben ihr stehen und legte ihr halb drohend, halb vertraulich die breite, dünn behaarte Tatze auf die Schulter. »Nu pass' mal Obacht! Der Ale erwartet dich! Jetzt gleich! Der hat jetzt 'n Ding vor – da steht Berlin für 'n Jahrhundert Kopp! Aber dazu braucht er dich!« Er spuckte aus und schielte mißtrauisch über die Schulter nach der Türe. »Nee – mit 'rinjekommen is se nich!« murmelte er. »Möcht' ich ihr ooch nich jeraten haben, ihre Nase in jeden Dreck zu stecken, der sie nischt anjeht!« »Wer denn?« frug die Fränze mechanisch. »Die Jräfin! Die kann sich nächstens ooch mal ihre Knochen sortieren!« brummte der Dicke. Draußen, auf dem dunkeln Pflaster, stellte sich die Polizeispionin auf die Fußspitzen. »Durch den Spalt im Vorhang können Sie ihn sehen, Herr Peschke!« flüsterte sie zu der untersetzten Gestalt eines Mannes neben ihr. »Das ist der Dicke. Der Vorstand vom Ringklub ›Veilchen‹. Die Kolonne will bald was zaubern! Das merk' ich! Prägen Sie sich bloß den Dicken ein!« »Ich werd' mir 'nen Knoten ins Gehirn machen«, nickte der Schupo Peschke. Innen im Lokal beugte der, den er beäugte, den bleichen, brutalen Stoppelkopf breit grinsend über die Stuhllehne der Fränze. »Ja. Det setzt 'ne Millionenerbschaft – vastehste! Aber verfall' man bloß nich in Jrößenwahn, weil du da mitmachen darfst. Ich sag's dir nur, damit du deinen Jrips zusammennimmst!« Die Fränze erhob sich langsam vom Stuhl und fuhr geistesabwesend in ihr mausgraues Mäntelchen mit Kaninbesatz. Sie hörte dumpf, dicht an ihrem Ohr: »Damit 's fix geht, nimmste dir draußen 'ne Taxe bis zum Stettiner Bahnhof. Da haste Jeld. Dann jehste aus der Chausseestraße in den langen, dustern Fußgängertunnel unterm Jüterbahnhof. Den kennste?« »Wo werd' ich nicht?« murmelte das Mädchen gehorsam. »Der Ale kommt von der andern Seite, aus der Gartenstraße. Irgendwo in der Mitte trefft ihr euch! Nu mach fix!« 29 Niedrig die altersgrauen Dächer des Ostens an der Oberspree. Riesig, mit ragenden Schloten, die Fabrikburgen im Norden. Breit, schnurgerade, seltsam leer, dann wieder jäh menschenwimmelnd, die Straßen des Nordens. Rote Laternen von Nachtlokalen um die dunkle, öde Flache vor dem Stettiner Bahnhof. Taxen rollten heran und hielten an seinem Portal. Aus der einen stieg die Fränze. Ging rasch wie eine Reisende in die Halle. Drückte sich da herum. Ließ sich dann still, so als sei sie eben angekommen, in einem Menschenstrom von der Sperre her wieder ins Freie tragen. Links vom Bahnhof lärmte ladenhell die Chausseestraße. Die Fränze schob sich nachtwandelnd durch das farblose Gedränge des Bürgersteigs, machte nach kurzem unauffällig halt, schlüpfte, wie eine Maus ins Loch, in den Verbindungstunnel. Der Gang unterhalb der Güterbahngeleise oben war viele hundert Schritte lang, spärlich in Abständen erhellt, schmal, nur mit Raum für ein paar Menschen nebeneinander, fast leer. Man war plötzlich außerhalb Berlins, wie in einem steinernen Bergwerksstollen. Die leichten Schritte der Fränze Häselich hallten an den niedern Wänden. Ein paar Eisenbahner kamen ihr entgegen. Eine alte Frau. Eine Weile niemand. Der Tunnel knickte sich jetzt in einem flachen Winkel. Da stand im Zwielicht einer. Die Fränze machte jäh halt. Ebenso rasch trat der drüben auf sie zu, die Uhr in der Hand. Eine schnelle, helle, hochdeutsche, nervös-eindringliche Stimme: »Wo bleiben Sie? Erzählen Sie doch mal ... Warum lassen Sie mich warten – möcht' ich gehorsamst wissen ...« »Der Dicke hat mir eben erst ...« »Ich hab' doch noch mehr zu tun – nicht wahr?« Die Worte sprudelten flüsternd und vertraulich ... »ich muß doch in den Westen zurück! In Gesellschaft! Nicht wahr? Westen – Osten – mal da – mal dort – das ist mein Vorteil, daß ich nicht existiere! Komisch – was?« »Verrückt sind Sie!« sagte die Fränze in einem unwillkürlichen Schauder. »Oder Sie stellen sich so an!« »Verrückt – nicht wahr?« Die Sätze hasteten. »Sind Sie wieder bei Trost – ja? Brauchbar – ja?« »... aber zu nischt Verbotenem ...« »Peinlich – Ihnen? ... Mir auch! Nicht wahr? Ach – es ist ja so herrlich!« Ein Kichern drüben. Ein Händereiben. »Die Welt ist ja so witzig ...« »Find' ich nicht ...« »Die Berliner werden lachen, wie sie noch nie gelacht haben – nicht? Sie lachen mit ...« »Losheulen möcht' ich!« Die haselnußhellen Augen der Fränze Häselich glänzten feucht – in einer verbissenen, starren Wildheit. Drüben ein Schnalzen mit der Zunge. »Wiebeking ... Wer will Wiebeking morden? Wer mordet Geheimräte? Ich kann kein Blut sehen. Das macht mich krank. Der Geheimrat Wiebeking – nicht wahr – fährt jetzt gerade, in der sechsten Abendstunde, mit seiner Frau Gemahlin übers Wochenende auf sein Gut in Pommern – nicht wahr?« »Woher wissen Sie denn das schon wieder?« »Der junge Wiebeking – der Sie ins Haus gebracht hat – nicht zu bezahlen! Dieses Kamel ...« Ein Handkuß mit zwei Fingern schwärmerisch durch die Nacht gen Westen, zu der Villa im Tiergarten geschnippt. »Junger Mann – abends nicht daheim ... Personal fliegt am Sonntagabend aus. Haus leer. Das Fenster in Ihrem Zimmer zur ebenen Erde – hintenheraus – nach dem dunklen Garten offen – durch Sie – nicht wahr?« »Ich soll ...« »Für mich!« Eifrige Handbewegungen des Schattens im Dunkel. »Ich muß morgen abend das ganz allein ... Es kann mir dabei niemand helfen ...« Ein Zittern plötzlicher, wahnsinniger Leidenschaft in der geheimnisvoll gedämpften Stimme. »Die Sache ist zu groß! ... Die Sache ist heilig – nicht wahr?« »Wenn einer nachts klaut ...?«« »Ich nehme nichts im Hause fort – nicht wahr? Ich tue niemandem was im Hause – nicht wahr? Ich halte mich nur zehn Minuten im Hause auf – nicht wahr? Sie passen auf, daß ich nicht gestört werde – nicht wahr?« »Und wenn man uns doch klappt ...?« »Dann ist es auch kein Unglück! Dann bin ich eben in Geschäften gekommen und habe den Herrn Geheimrat nicht getroffen und wollte ein paar Zeilen auf seinem Schreibtisch hinterlassen – nicht wahr? Fällt bei einem Herrn wie mir nicht weiter auf – nicht wahr?« »Wer sind Sie denn?« »Ich bin nicht! Das hab' ich schon vorhin gesagt, nicht wahr? Passen Sie besser auf, wenn ich rede! Sonst sag' ich's dem Dicken!« »Nein – ach Gott – nein!« »Sie wissen: der Dicke spaßt nicht!« »Ja.« »Wenn Sie nicht gehorchen – noch einmal kann ich Sie nicht vor ihm schützen – nicht wahr?« »Ja.« »Also morgen abend nach elf Uhr am Fenster Ihres Kämmerleins. Tralla!« Die bartlose, in den Dreißigern stehende Gestalt im Schatten lief langbeinig den Gang dahin, leise und vergnügt vor sich hin trällernd, nervös vornübergebeugt, die Hände in den Seitentaschen des Paletots. Die Fränze schaute ihm nach, raffte sich zusammen und ging schleppend, leise in sich hineinweinend, in der Richtung nach dem andern Ausgang weiter. 30 Da, wo die Fränze Häselich aus dem Tunnel wieder in das Berlin unter den Nachthimmel hinaustrat, dehnte sich breit, menschenleer, düster die Gartenstraße, graue Häuser auf der einen Seite, auf der andern die hohe Böschung der Stettiner Bahn. Sie schritt die dunkle Zeile des Berliner Nordens hinunter und weiter durch das Gassengewirr des innersten Berlin. Es war ein weiter Weg bis zur Spree. Die Straßenbahnwagen rollten vorbei. Sie stieg in keinen. Sie ging zu Fuß, immer langsamer, als könnte sie dadurch etwas, was kam, verzögern. Sie versuchte stehenzubleiben und mußte doch weitergehen – nicht weil die Menschen im Gewühl des Molkenmarkts sie schoben, sondern weil ein verzweifelter, blinder Gehorsam sie trieb. Und da war schon das dunkle Land. Das dunkelste Berlin, in seinen versprengten, schwarzen Oasen zwischen dem Scheunenviertel und dem Schlesischen Tor. Unheimlich, wie ein Filmgebilde, mit Ketten abgesperrt, die Wolfsschlucht des Krögel. Gleich dabei, schwarz, weit, lichtzitternd die Spree. Da, zum Fluß hinab, rechts die nachtverschwommene, einsame Ruinenwelt abgerissener Baracken, links windüberpfiffen, menschenleer die Schlünzigstraße. An der einen schiefen Hauswand eine Reihe rot erhellter, ebenerdiger Fenstervorhänge unter der verwitterten Tafel ›Krügers Restaurant‹. Rauchblaue Glühluft, in die die Fränze eintrat. Geruch von Bier, ungewaschener Menschenhaut, Bratkartoffeln. ›Ich möcht' einmal wieder in Grinzing sein!‹ flennte mit Wiener Schmalz die Schallplatte. Wehmütige Weiberstimmen sangen, im Geschunkel, mit. Ihre Freunde, die Hüte auf dem Kopf, schauten zu. Die Fränze stand und starrte ratlos die Stammgäste ihres Stiefvaters an, verzweifelt, verängstigt, wie ein von den Hunden gestelltes Stück Wild: Den übernächtigen, eleganten Blaumüller. Den behäbigen Butterkopf. Den schwindsüchtigen Amtmann. Goldhäschen, den gelöckelten Riesen in Damenwäsche. Den Halbtoten. Den Länglich. Den Blitz-Ede. Den Feldprediger. Die ganze Kolonne. Und dann saß drüben allein am Tisch einer – ein frischer, sportzäher, junger Mann, rotblond, blauäugig, bartlos das forsche, kluge Gesicht. Der sprang bei ihrem Anblick empor und trat mit unwillig gekrauster Stirne auf sie zu. »Ja aber – Fränze! Vorhin hört' ich, Sie sitzen wieder, als wäre nichts geschehen, mit der ganzen Schwefelbande zusammen, und bin hierher, um mich selber zu überzeugen! Dazu hab' ich Sie doch weiß Gott nicht in das Haus meiner Eltern gebracht!« »Ich hol' doch bloß meine Sachen, Herr Doktor! Die gnädige Frau hat's doch erlaubt!« »Warum trödeln Sie denn dann hier seit Stunden herum?« »Der Korb ist schon gepackt! Ich hol' ihn gleich 'runter ...« »Und Ihre bisherigen Freunde lassen Sie wirklich damit ohne weiteres ausrücken?« »Herr Doktor sehen's ja! ... Ach ... das sind ja ganz friedliche Menschen! Die haben nur so 'nen Ruf ...« »Das ist ja 's Neueste ...« »Sie treten ja Herrn Doktor auch nicht auf die Stiefelkappe!« »Nee! Im Gegenteil! Ich genieße hier, scheint's, allgemeine Achtung! Warum – wissen die Götter ...« Die Fränze zuckte zusammen. Sie stand mit hängendem Kopf traurig und stumm. Er nickte ihr jetzt wieder freundlich und aufmunternd zu. »Also los! Aber machen Sie bißchen fix, Kind! Sie gehen ja wie 'ne alte Frau!« Die Fränze sagte nichts. Sie schaute ihn nicht an. Sie schluckte schuldbewußt und schleppte sich widerwillig, die wirren Augen am Boden, die Treppe empor. Unter rief Werner Wiebeking: »Bitte, Herr Wirt – zahlen!« Aber der Säbelbeinige hinter dem Schrägen zwinkerte pfiffig und leutselig. »Det Jlas kostet nischt, Herr!« »Wie komme ich denn zu der Ehre?« »Na – Jott – unter Jeschäftsfreunden!« Der kleine Kerl scheuerte verschmitzt mit seiner schmuddeligen Schürze die Rollmopsreste von einem Teller. »Was machen mir denn für Geschäfte miteinander?« »Na – hoffentlich jute!« ... Der rote Wurstfinger wies nach den Tischen. »Die Jungen drüben grienen ooch schon so hoffnungsvoll!« »Gestern auf meinem Zimmer waren sie nicht so gemütlich!« sagte der junge Mann. »Bis dann so 'ne Art Preisboxer auf der Bildfläche erschien und ...« »Der Dicke? Der is vorhin weg. Aber der Dicke is treu wie Jold! Auf den Dicken können Sie vierstöckige Häuser bauen!« »Ich ...?« »Na – es is doch dicke Luft um den Dicken!« Vertraulich, im Schäumen des Bierhahns: »Es liegt doch wat in der Luft. Aber ick halt' de Luft an! ... Immer! ... Neulich – bei 'ner Vernehmung uff'n Revier, ob ick nich mal jesprächsweise im Lokal wat von dem Nachtdoktor jehört hätte – da haben se gemeckert: ›Mensch – nu redense doch!‹ und ick: ›Bedauere! Der Brotladen is jeschlossen!‹ ...« »›Ick bin kein Lautsprecher‹ – hab' ick jesagt ...« Der Kleine grinste. »›Det Lautsprechen‹ – hab' ick jesagt – ›überlass' ick vertrauensvoll dem Herrn Wachtmeister!‹ ... Sich ausschweigen in allen Lebenslagen – det 's immer jesund für die Brust! Na – det wissen Sie ja selber! ... Nu ...« der Glatzkopf schmunzelte schmierig-väterlich, »da kommt se ja ... unser Fränzchen ... mit's Jepäck ...« »Ich werde gehen und sehen, wo ich hier 'ne Taxe auftreib'!« sagte der Dr.-Ing. Wiebeking. Der Pfiffikus hinter dem Schenktisch zwinkerte vertrauensselig mit den wässerigen Schnapsäugelein. »Is schon von mir jefummelt! An der Ecke von der Schlünzigstraße hält eine! Wissense – so direktemang vor's Lokal hab' ick nich jern die Uffahrt von den Herrschaften! Ich bin 'n stiller, alter Mann!« »Na – denn fassen Sie mal an, Fränze! Denn tragen wir den Korb zusammen hin!« »Nee – lassen Sie man! Det können ja wir!« Zwei von den Kerlen an den Tischen sprangen auf. Sie schleppten diensteifrig die Habe der Fränze Häselich bis zur Droschke. Die ging hinterher. Sie spähte auf der totenstillen, spärlich nur laternenhellen Straße scheu nach einem Schrägbalken, der eine einsturznahe Hauswand stützte. »Hinter dem Gerüste steht wieder 'n Spanner, Herr Doktor!« flüsterte sie. »Der Kommissar – das is 'n Hund! ... Der läßt mich egal beobachten!« »Na – die Gestalt rührt sich ja gar nicht!« Die Fränze atmete tief auf. »Gott sei Dank, daß ich ohne die Polizei bei Krügern 'raus bin! Gestern abend – da waren dort Zwei mit die blechernen Marken und haben nach mir gefragt! Ich möcht' schwören: die wollten mich gleich mitnehmen, und keine Laus hätte hier nach mir gepiept ...! Aber da war ich schon mit dem Herrn Doktor nach der Villa unterwegs! Vor so 'ner feinen Villa da draußen – da haben sie Manschetten!« Der Halbtote und der Länglich hatten den Korb in der Droschke verstaut. Sie wiesen das Markstück in der Hand des jungen Mannes zurück. »Wat denn? Wat denn? Es is ja jerne jeschehen! Uff Wiedersehen!« »Nun geht's ins neue Leben, Fränze!« sagte Werner Wiebeking, während der Wagen dahinrollte. Der Schatten des Mädchens neben ihm blieb stumm. »Ich hoffe, Fränze, daß Sie jetzt eben zum letztenmal bei Ihrem Stiefvater in dieser stänkerigen Bude waren! Sie müssen ein für allemal aus dieser Welt hier 'raus! Sie müssen einen Strich unter Ihr bisheriges Dasein ziehen! ... Warum zittern Sie denn so? Ich fühl' es an meinem Ellbogen!« Es kam keine Antwort. »Wir wollen einen ordentlichen, anständigen Menschen aus Ihnen machen! Sie haben das Zeug dazu! Aber Sie müssen auch den Willen dazu haben und das Vertrauen. Wir meinen es gut mit Ihnen ... deswegen brauchen Sie nicht zu weinen ...« Ein banges, verbissenes Keuchen neben ihm. »Ich weiß nicht, Fränze, warum Sie so angstvoll stöhnen! Es tut Ihnen ja niemand was!« »... Herr Doktor ... hören Sie ... Herr Doktor ...« »Wollten Sie was sagen, Fränze?« Ein irres Kopfschütteln im Zwielicht des Droschkeninnern. Ein Schweigen. »Leicht fiel mir's nicht, meine Eltern 'rumzukriegen, daß sie Sie in ihr Haus aufnahmen, Fränze!« Ein ersticktes Atmen nur neben ihm. Draußen schon schwindend die Lichterhelle der Linden. »Aber ich habe nun einmal Zutrauen zu Ihnen, Fränze! Ich hab' meinen Eltern gesagt: ›Für das Mädel steh' ich ein!‹« »Herr Doktor ...« »›Es ist ein armes, unglückliches Mädel! Aber sie hat das Herz auf dem rechten Fleck!‹« »Herr Doktor! Bitte – lassen Sie halten!« »Warum denn?« »Lassen Sie mich aussteigen!« »Wir sind ja mitten im Tiergarten!« »Da ist die Spree nicht weit!« »Was wollen Sie denn zum Kuckuck schon wieder mit der Spree?« »Da such' ich mir eine Stelle – da hält mich nicht wieder einer, wenn ich ›reinspring‹!« »Unsinn!« Werner Wiebeking drückte streng den schmächtigen, zitternden Schatten neben ihm an den Schultern auf den Sitz zurück. »Sie dürfen Ihren Nerven nicht so nachgeben, Kind! Köppchen hoch! Zum Donnerwetter!« Er zündete sich eine Zigarette an. Er rauchte und wartete. »Natürlich wenn man kein vernünftiges Wort aus Ihnen 'rauskriegt ... Aber man darf mit Ihnen nicht rechten! Man darf nicht hart zu Ihnen sein, kleine Fränze! Sie haben Schweres hinter sich!« »Herr Doktor ...« »Was den?« »Nichts!« »Das ist nicht viel! Na – lassen wir's für heute!« Werner Wiebeking stieg vor der Villa seines Vaters aus der Droschke und zahlte. »Wollen Sie da drinnen sitzenbleiben, Kind? Krabbeln Sie doch endlich 'raus! Mein Gott – geht das langsam! ... So! ... Nun sagen Sie doch mal aus Herzensgrund: ›Uff!‹, wenn Sie jetzt bei uns eintreten! Hier in dieses Haus folgt Ihnen der Dicke und sein Troß nicht! Den sind wir nun los, Fränze!« 31 »So? Meine Eltern sind übern Sonntag nach Groß-Kietz hinüber! Na – Elise – dann nehmen Sie sich wieder des kleinen Fräuleins an!« Der junge Mann schob der mißgünstig wortlosen, bebrillten Jungfer die Fränze Häselich wie eine willenlose Wachspuppe zu. »Nu pennen Sie mal ordentlich, Kind!« Er gab der Fränze die Hand. »Hu ... was für eiskalte Fingerchen! Na – morgen kieken Sie schon wieder munterer in dieses Jammertal! Gute Nacht!« Er drehte sich unruhig auf dem Absatz. »Machen Sie mal fix vorne hell, Leopold!« Unter dem Knipsen des stillen, ältlichen Dieners leuchtete der schwere, schweigende Reichtum der Reihe von Gesellschaftsräumen auf. Werner Wiebeking durchschritt sie hastig, bis zum Ende der Zimmerflucht hinten, dem saalartigen Arbeitskabinett seines Vaters. Auf der riesigen Schreibtischfläche stand zwischen Stößen von Drucksachen und Schriftstücken das Telephon. Er schlug das danebenliegende Adreßbuch auf, suchte halblaut: ›Dr. Gebhard Hüsgen. Grunewald. Westallee 17.‹ – wiederholte sich die Nummer, streckte die Hand nach dem Sprechtrichter, ließ sie halbwegs wieder unschlüssig sinken. Er schüttelte mißmutig den Kopf und zog sich zögernd von dem Apparat zurück. Im Nebenzimmer stand vor ihm ein frischer, junger, gesunder Mann aus dem Volk, im Arbeitsanzug, die Kappe schief hinten auf dem rotblonden Stoppelkopf. Das war sein eigenes Ebenbild im Wandspiegel, der Monteur Karl Werner. Dahinter, an der Türe, stumm, besorgt, fast einen stillen Kummer auf den faltigen Zügen, der Diener des Hauses. Er mußte lachen. »Mich mißbilligen Sie in dem Aufzug immer gründlich, Leopold! Weiß ich! Na – freuen Sie sich! Damit hat's nun geschnappt! Von jetzt ab wohn' ich wieder hier!« »Das ist gut, daß der Herr Doktor endlich von Berlin O genug haben!« »Nee! Der Osten hat mich 'rausgeschmissen! Glauben Sie nur nicht, daß die Menschenkinder dort duldsamer sind als hier bei uns! Nun richten Sie oben meine Zimmer, während ich bade, und legen Sie Wäsche und 'nen Anzug heraus!« Da ist man also wieder das, was die Vorsehung nun einmal mit einem will ... Der Dr.-Ing. Wiebeking sah nach einer halben Stunde, auf der Schwelle zu dem väterlichen Arbeitskabinett, in dem großen Wandspiegel einen andern Doppelgänger als vorhin: einen mit vornehmster Unauffälligkeit gekleideten, modernen jungen Mann, dessen rauhe und rote Hände allein dem weltmännischen Schnitt des grauen Herbstanzugs widersprachen. Er kämpfte mit sich. Er näherte sich vorsichtig, fast auf den Fußspitzen, wieder dem Fernsprecher auf dem Arbeitstisch des Vaters, prägte sich noch einmal aus dem Adreßbuch halblaut Amt und Nummer der Villa Hüsgen ein, drehte sich plötzlich wieder um und ging eiligen Schritts nach hinten. »Na – schläft die Häselich schon?« frug er auf dem Gang zur Küche die Jungfer Elise. Und die würgte bleich unter ihrer Brille: »Na die! Mir zittern ja noch die Beine ...« »Vorhin haben wir sie glücklich zurückgebracht!« Nervöses Gesichtszucken begleitete die Worte des kriegsversehrten Portiers. »Ich hab' ihr doch noch den Korb 'rinjetragen!« Die dicke, rote Köchin drängte sich vor. »Wird sie wohl ›Dank schön‹ sagen? Nichts als ›Huch! Laßt mich!‹ und in ihre Stube!« »Da war sie nun 'ne Zeitlang mucksstill«, ergänzte die Elise, »... und wie ich nun denke, sie schläft, und schau' leise nach ...« »... da rennt sie doch rasch wie 'ne Ratte mit bloßem Kopf an mir vorbei aus dem Haus, in der Richtung nach dem Kanal.« Auf dem schnurrbärtigen Gesicht des Portiers zuckte es noch heftiger. »Ich ihr nach ...« »Ich mit ...« sprach leise und sorgenvoll der Diener. »Will das Frauenzimmer ... will das Fräulein doch weiß Gott ins Wasser! Wir hätten sie nicht mehr eingeholt! Aber gebrüllt haben wir wie die Wilden! Gottlob – da haben sich ihr noch zwei Herren in den Weg gestellt! Nu konnten wir sie in Schutzhaft nehmen und wieder ins Haus zurückführen!« »Jetzt sitzt sie in ihrer Stube und muckscht!« schloß die ältliche Elise. »Nichts aus ihr 'rauszukriegen!« »Fränze!« Der Sohn des Hauses trat vor den Stuhl inmitten des kahlen Kämmerchens, auf dem die Kleine wild atmend und zerstrubelt hockte, die geballten Fäuste auf den Knieen. »Was sind nur das für blödsinnige Streiche? Ist denn das der Dank?« »Fränze!« Er beugte sich nieder und schrie ihr ins Ohr. »Wachen Sie auf!« »Fränze! Antworten Sie gefälligst!« Er schüttelte sie in seiner Ungeduld an der Schulter. Diese Handgreiflichkeit brachte sie zu sich. Das schien sie gewohnt. Sie hob das schmale, hübsche Gesicht aus dem dunklen Wirrhaar über den hellbraunen Augen. Werner Wiebeking bedeutete mit einem Kopfwink das hinter ihm gescharte Personal, das Zimmer zu räumen, und schloß die Türe. Nur die Jungfer Elise blieb zurück. »Fränze: Ich will Ihnen jetzt nicht den Kopf waschen, wie sich's eigentlich gehörte. Sie sind vorläufig nicht in der Verfassung dazu. Aber in Ihrem eigenen Interesse beschwöre ich Sie: Seien Sie doch vernünftig! Bezwingen Sie doch diese kindische Angst! Sie sehen ja nur Gespenster! Sie stehen ja hier unter meinem Schutz!« Ein leises Weinen. »Und wenn Sie gar keinen Rat mehr wissen, Kind ...« Er streichelte ihren zerzausten Scheitel. »Dann kommen Sie gleich zu mir. Wenden Sie sich nur an das Fräulein Elise Die wird dafür sorgen, daß Sie mich jederzeit sprechen können, wenn Sie mich sprechen wollen! Nicht wahr, Elise?« »Wie der Herr Doktor meinen ...« versetzte die kleine, ältliche Person knapp. Das Schluchzen der Fränze wurde heftiger. Werner Wiebeking klopfte sie ermunternd auf die nasse Backe. »Also abgemacht, Fränze, nicht wahr? ... Aber Sie werden doch nicht ...« »Doch!« Es klang erstickt. »Ihnen muß man die Hand küssen!« »Geben Sie mir lieber die Hand, Kind! So – und nun schlafen Sie gut!« Der Dr.-Ing. Wiebeking kehrte in die Vorderräume zurück. Auf der Schwelle zu dem Arbeitskabinett seines Vaters stutzte er. Da drinnen hantierten zwei fremde Männer. »Nanu!« rief er mit starker Stimme und sprang in das Zimmer, auf die beiden zu. Aber neben denen hob, mit seinem gewohnten, ruhigen und sorglichen Gesicht, Leopold, der Diener, beschwichtigend die Hand. »Es sind zwei Kassenboten aus dem Hauptgeschäft!« er flüsterte immer mehr als er sprach. »Herr Doktor kennen sie!« »Natürlich! Der Schultz und da – der Teichgräber – entschuldigen Sie das Mißverständnis, meine Herren!« »Bitte sehr, Herr Doktor!« Die beiden verbeugten sich ehrerbietig und stellten vorsichtig eine Anzahl halb mannshohe, steife Kartenrollen aufrecht auf den Teppich. »Sie haben die Grundrisse vom Hauptgeschäft nicht früher bringen können, Herr Doktor«, erklärte der Diener. »Für die Besprechung übermorgen mit dem Herrn Architekten. In den Kassenschrank gehen sie nicht. Der Herr Geheimrat hat hinterlassen, man soll sie, wenn sie zu groß sind, einstweilen in die Ecke hier am Fenster stellen!« »Na – dann tut das! Aber so schnell's geht – nicht wahr? Ich hab' nämlich nachher hier dringend zu telephonieren!« Und diesmal griff Werner Wiebeking, allein geblieben, mit einem raschen Entschluß wirklich nach dem Hörer und ließ sich mit der Villa Hüsgen im Grunewald verbinden und frug mit schwankender Stimme: »Bitte: Ist die gnädige Frau zu Hause?« »Bei uns ist doch heute hier italienische Nacht!« »Dann bestellen Sie doch: der Monteur Werner – nee – was rede ich denn da: der Dr.-Ing. Wiebeking ließe dringend bitten, ob er nicht die gnädige Frau einen Augenblick selber sprechen könnte!« Er horchte. Er hörte sein Herzklopfen. Sein Gesicht verklärte sich. »Gnädige Frau! Hier, am andern Ende, ist ein reuiger Sünder!« »Und was wollen Sie noch?« Ganz leise, ganz von fern her, die weiche Stimme. »... meiner Zerknirschung Luft machen – ich habe die ganze Zeit mit mir gerungen, ob ich so unverschämt sein soll, und mir endlich gedacht: Ach was – ich probier's, und frage mit gerungenen Händen, ob ich einmal bei Ihnen meine Aufwartung machen und verzweifelt um Verzeihung flehen darf?« »Bereuen Sie denn auch wirklich ...?« sanft, zögernd, die Worte aus der Weite. »Ach entsetzlich, gnädige Frau! ... Wenn ich Ihnen nur erklären dürfte, wie ich dazu kam! Schließlich hab' ich ja nicht geschwindelt! Ich war ja wirklich als Garagenfahrer zu Ihnen geschickt!« »Ja – das mildert die Sache!« klang es leise durch den Draht. »Wann darf ich kommen? ... Wann darf ich kommen?« Drüben ein Schweigen. »Gnädige Frau – haben Sie Mitleid!« »Ich überlege nur ...« Wieder eine kleine Pause. Dann rascher die ferne Stimme: »Wir haben eben hier ein Gartenfest. Im Straßenanzug. Kommen Sie doch in Gottes Namen!« 32 Leuchtende Augen beim Auflegen des Hörers. Lange Sprünge durch das würdevolle Schweigen der Prunkräume in der Halle. »Leopold ...« Der Dr.-Ing. Wiebeking klatschte in die Hände. »Stiller im Lande ... man fix ...« Und als das faltige, ältliche Dienerantlitz sorgenvoll auftauchte, »... Sie tranken gerade Ihren Abendtee? Meinetwegen, Mann Gottes! ... Hut und Mantel! Der Markwart soll schleunigst vorfahren! ... Der ist mit meinen Eltern nach Pommern? Und der Klappert? Hat heut' Ausgang? Na – einer von den Dreien soll doch immer ...« »Der Wietrich hat heute Dienst! Er ist nur gerade fix für 'nen Augenblick auf die Straße!« Das Gesicht des stillen Leopold verzog sich schmerzlich. »Wenn die Minna drüben abends die beiden Pekinesen von der Frau Generalkonsul lüftet, dann ist der Wietrich nicht zu halten!« »Na – dann die nächste Taxe, die vorbeifährt!« Werner Wiebeking sprang in die Droschke. »Grunewald, Westallee siebzehn. Leopold: Dort soll auch der Wietrich, wenn er wieder Mensch ist, zur Rückfahrt auf mich warten! Los!« Der Diener Leopold eilte in die Villa zurück, in der das Telephon schrillte. Er horchte hinein. Seine gemessenen Züge runzelten sich in mißfälligen Falten. »Warten Sie mal!« sprach er knapp und begab sich mit seinen lautlos gleitenden Bewegungen hinüber zu der bebrillten Jungfer. »Nun rücken einem die Brüder vom Wedding schon sachte auf den Leib, Elise! Da draußen hängt der Stiefvater von der Berliner Pflanze an der Strippe. Er sei Steuerzahler mit geistigen Getränken, dem sie ohnedies egal auf die Finger kiekten, und es stände ein Wachtmeister vom Revier hinter ihm! Der wolle mit der Fränze Häselich selber sprechen, ob sie wirklich hier wäre und nicht von der Kolonne irgendwohin verschoben!« Die Jungfer Elise überlegte. »Ehe es noch Krach mit der Polizei gibt ... Der Doktor und die Olle haben ja 'nen Narren an dem Balg gefressen.« Sie öffnete die Türe zu der Kammer, in der die Fränze immer noch mit braungläsernen Augen auf dem Stuhl hockte. »Fräulein: Ihr Revier hat 'ne liebevolle Pupille auf Sie geworfen! Stillen Sie mal dem seinen Wissensdurst!« Die Fränze ging willenlos, schleppenden Schritts, an den Apparat. Sie nahm den Hörer ans Ohr. Sie begann leise zu zittern ... »Kennste die Kehltöne?« Ein tiefer, heiserer Baß raunte durch den Draht. »Als wie icke – der Dicke! Der Dicke in Lebensgröße! Verstehste mir? Nun sag' mal erst artig: ›Guten Abend, Herr Wachtmeister!‹ ...« »... Guten Abend, Herr Wachtmeister ...« »Ick hab' eben mit dem Ale gesprochen. Er sagt, er hätte dir jenau auseinanderjepolkt, was du morgen nacht zu tun hast ... Sag: ›Jawohl, Herr Wachtmeister ...‹ Es steht sicher jemand neben dir und hört zu!« Die Fränze Häselich schaute einen Augenblick scheu nach der Jungfer Elise, zwei Schritte von ihr. Ihre Stimme erlosch fast. »Jawohl, Herr Wachtmeister!« »... und ick sag' dir nur eines: Paß uff, Mächen, und halt' die Klappe wie'n toter Leichnam uff'm Kirchhof um Mitternacht ... Na – was sollste antworten: ›Jawohl, Herr Wachtmeister!‹ ...« »Jawohl, Herr Wachtmeister ...« »Nimm dir zusammen und verpfeif' den Ale nicht noch mal! Sonst hau' ick dich kurz und klein, daß du deine Knochen im Schnupftuch sammeln kannst! Na – wie is es mit der Antwort?« »... Jawohl, Herr Wachtmeister!« »Ick verlaß' mich auf dich – dein guter Freund – der Dicke! ... Nu sprich – so recht aus'm Jemüt: ›Ich bin hier bei guten Leuten, Herr Wachtmeister‹ ...« »Ich bin hier bei guten Leuten ...« stöhnte die kleine Häselich. Die Jungfer Elise trat mißtrauisch einen Schritt näher. »Aber die Herrschaften sind über Land ...« »Die Herrschaften sind über Land ...« »Was ziehen Sie denn für einen komischen Flunsch, Fräulein?« forschte gedämpft die Stimme der kleinen, spillrigen Person nun dicht neben ihr. »... ›Ich weiß noch nicht, was aus mir wird‹!« sprach es dumpf im Draht vor. »›Vielleicht rufen mich der Herr Wachtmeister morgen noch einmal an‹!« »Ich weiß ... noch nicht ...« Die Fränze schrie es plötzlich. Sie hängte mit einem milden Griff den Hörer an den Haken. Sie floh von dem Apparat – den Gang entlang – in die noch hellen Vorderräume hinein. Die Jungfer atemlos hinterher. »Wo ist der Herr Doktor?« »Fräulein – da vorne haben Sie gar nichts zu suchen!« »Wo ist der Herr Doktor ...?« Die Fränze Häselich rannte weiter durch die totenstille, feierliche Zimmerflucht. »Ich muß dem Herrn Doktor was sagen ...« »Ob Sie stehenbleiben ... Nein! Läuft doch das Frauenzimmer im Haus herum, als ob es ihr gehörte ...« »Herr Doktor – um Gottes willen ... wo ist er?« »Fräulein ... Schluß mit dem Theater!« »Hu ...« Die Fränze prallte mit einem Kreischen des Entsetzens auf der Schwelle zum Arbeitskabinett des Geheimrats Wiebeking zurück und streckte den zitternden Zeigefinger aus. »Da sind schon welche eingestiegen! Da stehen sie im Dustern in der Fensterecke!« »Quietschen Sie doch nicht so unchristlich!« »Ganz kleine Kerle haben sich da verstochen – einer neben dem andern ...« »Das sind die Rollen von den Bauplänen, die die Kassenboten vorhin für den Herrn Geheimrat gebracht haben!« sagte die Jungfer Elise trocken und faßte die Kleine am Arm. »Das könnte Ihnen so passen – was? ... Gleich hier im Hause die Bekanntschaft mit dem Nachtdoktor machen ...« »Hu ... Hu ...« »Nun kommen Sie vor allem gefälligst da 'raus! In die guten Stuben hier sind Sie weiß Gott nicht großgezogen!« Die Fränze ließ sich ohne Widerstand bis in die Halle zurückführen. Aber dort riß sie sich von der Spinnenhand der Jungfer los. Die keifte: »Sie sollen nicht so rasaunen! Das gehört sich nicht in einem so feinen Haus!« »Ich will zum Herrn Doktor! Er hat gesagt, Sie müssen mich jederzeit zu ihm führen, wenn ich ...« »Der Herr Doktor ist doch weg!« Draußen surrte ein Stadtwagen vor. Ein junger Chauffeur stürzte herein und schaute sich ratlos um. »Nun kriegen Sie Ihren Schnaps, Wietrich! Das kommt davon, daß Sie egal mit der Minna poussieren!« sagte die Jungfer. »Herrgott – wie kann ich denn wissen ... die Ollen sind abjestunken! Und daß der Doktor auf einmal wieder hier in der Villa pennt ...« »In 'ner ganz gemeinen Taxe is er abgefahren! Und Sie sollen, sobald Sie von Ihrem Liebeskummer genesen sind, hinterdrein! Westallee siebzehn!« »Na – ick sause ...« »... und ich mit!« schrie die Fränze. »Marsch jetzt nach hinten!« »Ich fahr' mit!« Die Kleine kämpfte gereizt wie eine Katze mit der kurzsichtigen Elise. Sie verdrehte ihr, mit einem blitzschnellen Fingergriff, die haltenden Hände. Die Jungfer rieb sich die geröteten Knochen. »Was sind denn das für Kaschemmenkniffe von der Rübe ...« »Der Herr Doktor hat gesagt: Ich darf immer zu ihm kommen!« Die Fränze stemmte herausfordernd die Fäuste in die Seite und beugte sich kampflustig vor. »Is wahr – oder nich?« »Gesagt hat er's ...« »Sie haben die Verantwortung«, die Fränze Häselich schrie es mit irren Blicken, »wenn durch so 'ne olle Spinatwachtel ...« »Spinatwachtel sagt sie auf mich – die ausverschämte Puppe ...« »... wenn da das größte Unglück hier im Hause geschieht ...« »Zugehen tut's hier im Haus, seit die da ist, Wietrich!« sagte die Jungfer Elise erschöpft. Und der Chauffeur ungeduldig: »Für mich ist's höchste Zeit! Soll ich ihr nu mitnehmen oder nich?« »Stoppen Sie sie in Gottes Namen neben sich!« Ein Blick zum Himmel durch die Brille. »Der Herr Doktor will's! Ich wasche meine Hände in Unschuld!« Der Wagen raste durch Charlottenburg. Der Fahrer Wietrich frug, in polizeiwidrigem Schwung um die Straßenecken, die kleine Berlinerin, die stumm, mit bloßem, dunkeln Wirrkopf und in einem dünnen Jäckchen, zu seiner Rechten kauerte: »Was haste denn dem Doktor zu melden, wo's brennt?« Keine Antwort. »Na – dann schweige dir man aus!« Hinter der Halenseebrücke verstärkte der Chauffeur Wietrich sein Tempo auf sechzig, auf siebzig Kilometer. »Heute können sie mir aufschreiben! So 'ne dammlige Taxe hol' ich noch lange ein! Ich bin noch vor dem Doktor an Ort und Stelle! Dahinten – der kleene Luna-Park mit den vielen bunten Laternen – wo die Wagen alle vorfahren – das muß det Lokal sein!« Er stieß im Halten einen leisen Freudepfiff durch die Zähne. »Da steigt der Doktor eben aus seiner Droschke!« Er kletterte hastig vom Sitz und lief schuldbewußt auf Werner Wiebeking zu, der dem Kutscher zahlte. »Herr Doktor ... Herr Doktor ... Da bin ich ... Herr Doktor – ich war gerade nur 'nen Moment vor's Haus ...« »Ich freue mich, daß Sie soviel Interesse für Hundezucht haben! Pekinesen sind etwas Seltenes und Schönes!« sagte der Dr.-Ing. Wiebeking statt der gefürchteten Strafpredigt, und, während der Chauffeur erleichtert aufatmete: »Nun hemmen Sie hier nicht den Verkehr, sondern bauen Sie sich seitlings auf!« »Herr Doktor, das Mächen wollte partuh mitkommen!« »Nanu?« Der junge Mann erkannte im dunkeln Rahmen der Fensteröffnung des Stadtwagens das wachsbleiche, schmale Gesichtchen der Fränze Häselich – den Mund schreckensweit offen – die Augen starr aufgerissen. Er trat näher und half ihr heraus. »Kind – was ist denn passiert?« Er zog sie mit sich über den breiten Fahrdamm auf den dunkeln und leeren, baumüberdachten Bürgerweg gegenüber dem Haus Hüsgen. Viele Italienfahrer und Italienfahrerinnen bewegten sich vor der Villa in neckisch-südlichen, herbstlich-lichten Reisekleidern, mit grünen Autoschleiern und umgehängten Opernguckern und roten Baedekern auf dem taghellen, grünen Rasen unter den farbigen Glühwürmern der Papierlaternen, und immer neues Berlin W strömte der frösteligen Riviera zwischen den Grunewaldföhren zu. Alle Fenster der Villa leuchteten in die Nacht. Leise Musik webte hinter den hohen Scheiben des heute in Tanzsäle umgewandelten Museums. »Nun reden Sie, Kind! Es muß sich doch um etwas ganz Besonderes handeln!« »Herr Doktor – der Dicke ...« »Ach Gott – der Dicke – wenn's weiter nichts ist ...« Die Fränze rang nach Luft. Sie schauderte leise. »Stehen Sie nicht da wie ein Ölgötze, Fränze! Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß! Denken Sie sich: Ich bin den unheimlichen Kerl los für immer ...« »Herr Doktor ...« »Beißen Sie die Zähne zusammen!« Die Zähne der Fränze Häselich klapperten. »Ja ...« »Sagen Sie sich: Ich will!« »Ja. Ich will!« schrie die Fränze Häselich plötzlich wild. »So ist's recht!« »Ich will! Ich will!« Ihre Lippen flatterten. Ihre Augen flackerten. Ihr Körper zitterte. »Ich will Ihnen sagen, was mit dem Ale ist ...« »Na – da bin ich gespannt ...« Und nach einer Sekunde: »Ja – so reden Sie doch ...« Aber die Fränze Häselich stand entgeistert. Sie hob langsam den rechten Arm. Sie deutete nach dem hellbewegten Nachtbild der vorfahrenden Wagen, der aussteigenden Menschen im farbigen Lichterglanz des Portals drüben. »Fränze – ist Ihnen ein Gespenst erschienen?« »Herr Doktor ... ...« Sie flüsterte geistesabwesend. Ihr Blick hing gelähmt am Eingang der Villa. »Na?« »Der Ale ...« »Der Ale ... Der Ale ...! Also was ist mit dem Ale?« »Herr Doktor – da geht der Ale eben ins Haus!« »Was?« »Da geht der Ale eben ins Haus!« »Sind Sie verrückt?« »Na – ich kenn' ihn doch! Das ist der Ale!« »Wer?« »Der jüngere Herr ...« »Wo denn nur?« »... der mittelgroße, glattrasierte ...« »Zeigen Sie mir ihn doch, um Gottes willen!« »Der Diener kennt ihn gut! Er verbeugt sich tief vor ihm!« »Wenn ich ihn nur sehen könnte ...« »Jetzt ist er schon drinnen!« »Der Nachtdoktor in dem Haus?« »Ja.« »Wahr und wahrhaftig?« »Und wenn die mich kalt machen – ja!« »Warten Sie hier, Fränze!« sagte der junge Mann hastig. »Ich spreche drinnen mit der Dame des Hauses! Bleiben Sie stehen, wo Sie sind! Versprechen Sie mir das?« »Ja.« »Mein Chauffeur drüben paßt auf Sie auf! Ich komme gleich wieder und hole Sie!« 33 »Na – so eilig, Sie Verwandlungskünstler? Die schöne Frau läuft Ihnen nicht davon! Im Gegenteil!« Die schlauen Augen des Kunsthändlers Rösing blinzelten vielsagend in dem blühenden Silengesicht, dessen rotwollener Vollbart das Schneeweiß seines Flanellanzuges vom Lido überlohte. Er drehte den bauchigen Korpus zu dem brünetten Glatzkopf neben ihm. »Darf ich Sie mit Herrn Chauffeur Wiebeking bekannt machen, Herr Kieselbach?« »Nu Spaß ... Wiebeking ... Weiß jeder ...« Der kleine, schnurrbärtige Bankier verbeugte sich beflissen. Werner Wiebeking drückte ihm geistesabwesend die Hand. Er hob sich auf die Fußspitzen, um die Gruppen ringsum besser zu übersehen. Der rote Rösing nieste. »Herbstfest an der Riviera? Schnuppen an der Riviera! Man sieht ja den Atem! Morgen hab' ich 'ne Frühgeburt von Grippe – Frau Ilselott zu Ehren!« »Sehen Sie irgendwo Frau Hüsgen?« »Dort drüben spricht sie mit meiner besseren Hälfte ...« Der Börsenmann Kieselbach wies mit stillem Stolz auf die große, schlanke, dunkle Frau zu Ende Zwanzig mit den schwermütigen, mandelförmigen Augen in dem stillen, schönen, mattgetönten Antlitz. »Da tun sie hier dem Süden Gewalt an!« sprach er. »Aber die Iris – nu sagen Sie selbst: Ist das nicht reell ›Traum im Süden‹? Dagegen nu das süße, blonde Köppchen von Frau Hüsgen! Das Tableau is mir lieber als die ganze Börse in Frack und weißer Binde!« Die beiden Freundinnen wandelten Arm in Arm. Es war, als ob die ernsten Züge der Iris Kieselbach immer nur ein wenig leer lächeln, nie recht lachen konnten. Aber die kleine Frau neben ihr, die ihr nur bis zum Kinn reichte, nickte seelenvergnügt ihren Gästen zu und sonnte sich harmlos im farbigen Glanz ihrer italienischen Nacht. »Reizend sieht sie sogar neben Ihrer schönen Gattin aus, wenn sie sich so wie 'n Kind amüsiert – was – Kieselbuch?« sagte der Kunsthändler. »Schweres Opfer, das der Mann ihr heute abend mit dem Zauberfest bringt! Drinnen läuft der gute Hüsgen innerlich verzweifelt von einem Saal in den andern, in Todesangst, daß sie ihm was von seinen Kunstschätzen zerteppern!« »Aber nu da: das läßt tief blicken ...« Der kleine Louis Kieselbach schüttelte nachdenklich das kluge Köpfchen. »Schauen Sie mal Frau Hüsgen an, während Wiebeking junior auf sie zusteuert!« »Verstellen kann sich die Frau nicht!« »Habt Sonne im Herzen – nee – auch auf'm Gesichte ...« »Der junge Mann drängelt sich auch eiligst zu ihr durch! Na – na ...« »Aber merkwürdig ernst sieht er dabei aus!« »Nun wird sie's auch, wie er mit ihr spricht!« »Sie ziehen sich beide in den Hintergrund des Hauses zurück! Was bedeutet denn das?« »... daß der Herr des Hauses lieber auf dies Hauptstück seiner Sammlung aufpassen sollte!« sprach der dicke Rösing phlegmatisch. »Na – mich geht's nichts an!« Ganz hinten in der Villa Hüsgen, in einem Seitenkabinett, von dem aus man das ganze, lichterhelle Gewirr der Menschen, der Statuen, der Bilder, der Gobelins, übersah, standen Werner Wiebeking und Ilselott Hüsgen. Die sanften Züge der kleinen Frau waren blaß geworden und still gekränkt. »Daß ein Mann wie Sie sich von dem ersten besten Mädel solchen Unsinn vorreden läßt ...« sagte sie, dem Weinen nahe. »Gnädige Frau – das Mädel kennt die Geheimnisse von Berlin besser als wir!« »Sie verderben einem ja den ganzen Abend ...« »Ich bin selbst verzweifelt, gnädige Frau! Aber die Sache ist zu dringend!« »Stören Sie nur nicht auch noch den andern das Fest!« »Das wird nicht nötig sein!« »... und vor allem sagen Sie meinem Mann kein Wort, daß der Nachtdoktor bei ihm im Hause sei! Sonst kann ich gleich nach dem wirklichen Doktor schicken!« »Die Nerven Ihres Herrn Gemahls werden geschont! Verlassen Sie sich darauf!« »Da bin ich! Husch! Husch! vom Kurfürstendamm!« Ein spitznasiger, hohlwangiger junger Mann mit großen Ohren wankte heran. Dürftig. Bartlos. Mager. Ironisch ältlich die übernächtigen Züge. Aus seiner abgetragenen Sommerkleidung baumelten ihm umgestülpt die sämtlichen Taschen. »Lüttchen – bist du bei Trost?« »Ich bin doch unzurechnungsfähig! Das ist doch gerade meine Forsche!« sagte Ilselotts Bruder. »Was bedeuten die leeren Taschen?« »Zurück von Monte Carlo! Auch ein Rivieratyp!« Lüttchen strahlte. Dann wurde seine Miene wichtig. »Aber nicht meiner! Euch zugeflüstert: Gestern nacht habe ich erst den wackeren Sempt erschossen! Ob das Barönchen auch hier ist, Herr Wiebeking? Da drüben können Sie sich bedienen! Da steht er mit einem Chicagoer Arbeitslosen – einem gewissen Harris!« Am Büffet sättigte sich der Litauer Flüchtling, ein schmächtiger Mann zu Anfang der Dreißig, mit spärlichem, rötlichem Haarkranz über dem bartlos bleichen, sinnigen, liebenswürdig lächelnden Gesicht, und neben ihm, in seinem Alter und glattrasiert wie er, der Amerikaner Arthur T. Harris, farblos blond, mittelgroß, eine Erscheinung wie tausend. Lüttchen winkte matt mit der spitznägeligen Spielerhand und trottete zu seinen Freunden hinüber. »Ich hab' gut hundert Leute hier zusammengetrommelt!« Die weiche Stimme Ilselotts klang erstickt vor Kummer. »Darunter schauen mindestens zwanzig, dreißig genau so aus, wie Sie sich Ihren Nachtdoktor vorstellen!« »Ja. Das seh' ich!« »Zum Beispiel, der da malerisch an der Säule posiert – auch ein Freund von meinem Bruder – der schöne Mensch mit dem gekrausten Haar – als Gondoliere kostümiert – nun ja – er will ja zum Film – aber sein Vater hat doch die Firma Aster ...« »Das genügt!« »Wollen Sie jemand wie den jungen Aster und diese Herren alle auf ein Lastauto laden und zu Schimpf und Schande für mein Haus auf die Polizei fahren lassen? Für nichts und wieder nichts!« »Davon ist ja keine Rede, gnädige Frau!« »Wenn ich das gewußt hatte, dann hätt' ich Ihnen nicht telefoniert zu kommen!« »Kommen Sie, gnädige Frau! Es könnte dem Betreffenden, den ich suche, auffallen, wenn mir hier zu lange miteinander tuscheln!« »Es gibt gar keinen!« sagte die kleine Frau weinerlich. »Wir wollen durch den großen Saal nach vorn gehen und dabei ...« Ein schwerfälliger Mann in den Dreißig, glattrasiert, von massiger, mittelgroßer Gestalt, trat den beiden in den Weg. Auf den groben Zügen des starken, braunbehaarten Rundschädels wuchsen die buschigen Brauen fast zusammen und gaben den tiefliegenden Augen einen finsteren Blick. Er beugte sich, in einfachem Straßenanzug, ungelenk über Ilselotts Hand. »Sie hatten die Güte, mich zu heute abend einzuladen, gnädige Frau!« »Ja, Herr Doktor Schraubt! Ich wollte Sie wegen Ihrer Fürsorgeangelegenheit, in der Sie mich vorigen Donnerstag besuchten – für entlassene Verbrecher – ja – mit meinem Mann zusammenbringen! Entschuldigen Sie mich nur noch eine kurze Weile!« Der Privatgelehrte zog sich stumm zurück. Er trat zu der schönen, dunkeln Iris Kieselbach. Die beiden gaben sich als alte Bekannte die Hand und plauderten miteinander. Ilselott Hüsgen und der Dr.-Ing. Wiebeking gingen weiter. Er sagte leise und bittend: »Gnädige Frau! Ich bin ein unglücklicher Mensch! Ich hatte mir den Abend so schön gedacht! Ich verwünsche diesen Nachtkönig ja auch in den Abgrund der Hölle. Aber es gibt doch Pflichten – nicht nur gegen einen selbst, sondern auch gegen die Gesellschaft. Also eine Bitte ...« »Soll ich die Gäste in Reih' und Glied aufstellen?« »Erlauben Sie mir nur, das bewußte Mädel, das draußen auf der Straße steht und wartet, möglichst unauffällig durch den Hintereingang hereinzuholen und drüben in der Ecke hinter der Säule zu postieren! Von da aus soll sie ihren Ale, ohne daß er es ahnt, zeigen. Das ist für heute abend genug, daß wir das große Geheimnis gelüftet haben, wer er ist! Alles Weitere findet sich dann mit Hilfe der Polizei in den nächsten Tagen! Also darf ich? Danke!« 34 Da draußen, jenseits des Fahrdamms, stand unter den dunkeln Bäumen, genau an der Stelle, wo der Dr.-Ing. Wiebeking sie vor einer halben Stunde verlassen hatte, die Fränze Häselich. Sie zitterte ohne Mantel und mit bloßem Kopf in der Herbstkühle. Sie glotzte dumpf vor sich hin. Ihr Gesichtsausdruck kam ihm verändert vor. Er trat frisch an sie heran. »Na – Fränze – nu Kopf hoch!« Es war, als hörte sie nicht. Er nickte ihr aufmunternd zu: »Fränze – jetzt geht's um die Wurst!« Die Kleine hatte den Mund offen und schwieg. Der junge Mann wurde ungeduldig. »Kind – nun wachen Sie mal gefälligst auf!« Das schmale, hübsche Gesicht blieb leblos. Es schien ihm blutleer bleich in dem Zwielicht. Er faßte die Fränze am Arm und führte sie ein paar Schritte weiter unter eine Laterne. »Fränze – Schluß mit dem Stumpfsinn! ... Schauen Sie mich mal an!« Die kessen, hellbraunen Berliner Augen der Fränze Häselich drehten sich ihm merkwürdig gläsern zu. »Zum Kuckuck – was ist denn in Sie gefahren?« Ein Schütteln des Kopfes. Mehr Abwehr als Antwort. Werner Wiebeking musterte ungewiß die Kleine. Er ging über die Straße zu seinem haltenden Wagen. »Wietrich – haben Sie auf das Mädchen aufgepaßt, wie ich Ihnen gesagt habe?« »Ich hab' sie dauernd im Auge behalten, Herr Doktor!« »Ist etwas Besonderes in der Zwischenzeit mit ihr passiert?« »Aber auch gar nichts! Sie hat mucksstill dagestanden wie 'ne Puppe im Schaufenster.« »War jemand in ihrer Nähe? Hat jemand mit ihr gesprochen?« »Keine Menschenseele, Herr Doktor! Hätt' ich ja sehen müssen!« Der Dr.-Ing. Wiebeking kehrte zu dem schmalen, leise schlotternden Schatten unter den Bäumen zurück. »Nu fix, Fränze!« sagte er, als sei nichts geschehen. »Sie kommen jetzt mit mir in die Villa – hinten in 'ne Ecke vom Saal – und zeigen mir den Ale!« »Wenn ich ihn nur erkennen tu' ...« Es war das erste, was die Fränze sprach. Es klang stumpf, matt, fast teilnahmlos. Er riß die lebhaften, blauen Augen auf. »Was reden Sie da?« »In das Haus sind doch so viele Herrschaften gegangen!« »... und da war er doch mit darunter – haben Sie mir selbst gesagt!« »Nu da einen 'rausfinden ...« »Zum Donnerwetter! Sie haben ihn mir doch selbst beschrieben: Mittelgroß. Glattrasiert. In den Dreißig!« »Gotte doch – So sehen doch so viele aus!« »Was hat er denn für eine Haarfarbe?« »Weiß ich nicht!« sagte das Mädchen müde. »... wo Sie ihn so oft gesehen und gesprochen haben!« »... wenn er doch immer den Hut auf hatte, Herr Doktor ...« »Und was hat er für Augen? Blaue? Braune? Grüne?« »Weiß ich auch nicht!« Es klang trübe, hoffnungslos. »Das müssen Sie doch wissen – zum Kuckuck noch mal!« »Ich hab' ihn doch immer im Dustern getroffen – an 'ner Straßenecke und so ...« Trotz erwachte in der erloschenen Stimme der Kleinen. »Da hab' ich ihm doch nich mit'm Zündholz vor den Augen 'rumfummeln können ... nich?« »Fränze ...« »Da hätt' ich was besehen ...« Nun klang weinerliche Angst in den Worten. »Jetzt reißt mir aber bald die Geduld!« »Vielleicht war er's auch gar nicht, der vorhin da 'reingegangen ist ... Das ging so schnell ... da vor der Villa ...« »Das werden wir ja feststellen! Vorwärts!« Die Fränze Häselich stand störrisch still. Ihre Stimme schleppte ins Leere hinaus. »Nachher zeig' ich auf'n Falschen, und er ist's gar nicht, sondern einer von den ganz Hohen, und der läßt mich gleich auf die Polizei bringen ...« »Dafür bin ich doch da!« »Nee – nee ... dann krieg' ich's von allen Seiten! Und werde bei Ihnen 'rausgeschmissen! Und der Stiefvater schmeißt mich 'raus! Und dann muß ich in die Spree oder retour zum Dicken!« »Der Dicke! ... natürlich der Dicke! Das ahnte ich doch!« »... wenn mich der Dicke nicht auch totschlägt! Wenn der jesoffen hat ...« »Kind – schlagen Sie sich doch das Schreckgespenst aus dem Kopf! Das ist ja unheimlich, was dieser Kerl sogar aus der Entfernung auf Sie für eine Macht hat!« »Denken Sie mal nich an den Dicken, wenn man sich hier alleine nachts die längste Zeit die Beine in den Leib steht!« Das Mädchen aus der Nacht sagte es tonlos, leidenschaftslos, unter fremdem Willen. »Also Worte helfen hier nichts! Das seh' ich!« Werner Wiebeking nahm ihre kleine, eiskalte Hand. »Seien Sie jetzt brau, Fränze, und lassen Sie sich ruhig von mir in das Haus führen!« Aber die Fränze Häselich sträubte sich stumm und verbissen. Sie riß sich los. Sie witschte, an Raufereien mit Männern gewöhnt, schmächtig und behend unter Werner Wiebekings Arm durch, sprang mit ihren dünnen, flinken Beinen zehn Schritte zurück, streckte schützend den mageren, rechten Arm vor, stammelte: »Ich gehe nicht, Herr Doktor!« »Fränze – Sie können einen wahnsinnig machen ... mit Ihrer kindischen Angst vor dem Dicken!« Er stampfte mit dem Fuß. »Es hat gar keinen Zweck nicht ...« »... daß Sie mir den Ale ...« »Es gibt gar keinen Ale ...« »Das ist das Neueste ...« »Das bildet ihr euch nur ein! – hier draußen mit dem Ale – weil ihr nichts von dem Geschäft versteht! Das ist immer nur der Dicke mit seiner Kolonne, der bei euch den Masematten ...« »... wo Sie selbst fortwährend von dem Ale geredet haben ...« »... wie unsereiner so quatscht, Herr Doktor! Bei Krügern nehmen sie sich so was von mir gar nicht erst an!« Der junge Mann biß sich auf die Lippen. Er winkte den Chauffeur zu sich heran. »Wietrich! Sie stehen mir dafür, daß sie nicht wegläuft! Ich muß noch einmal in die Villa!« »Ich habe einen Fehler gemacht!« sagte er dort leise und schnell, wieder in der Säulengalerie am Ende des großen Saals, zu Ilselott Hüsgen. »Ich habe das Mädchen zu lange da draußen in der dunkeln Nacht mit sich und ihren Gedanken allein gelassen! Ich habe nicht bedacht, daß man bei solchen Wesen sofort die erste Aufwallung benutzen muß, sonst verfliegt die, wie sie gekommen ist!« »Und jetzt ...« »Jetzt ist sie wieder rückfällig! Ganz in der Furcht des Herrn! Ihres Herrn! Eines rüden Patrons im Osten! Ich kenn' ihn persönlich: Mehr Bulldogge als Mensch! Diese armen Dinger sind willenlos in ihrer Hörigkeit unter solchen Kerlen! Es ist wie ein Fluidum da draußen auf den Gassen und in den Kaschemmen ...« Er schaute erbittert durch den Saal. »Wenn man denkt, daß jetzt alles nur an einem Wort von dem Balg – an einem Fingerzeig hing ...« »Ich bewundere Ihre Leichtgläubigkeit, Herr Doktor!« sagte die kleine, blonde Frau. »Mir als Frau scheint das viel einfacher! Das Mädchen draußen hat sich ein bißchen interessant machen wollen! Und jetzt, wo es Ernst damit wird, kriegt sie es mit der Angst! Das ist wirklich sehr naheliegend ...« »... daß sie mich zum Besten hält?« »Das will sie wahrscheinlich gar nicht. Sie folgt vielleicht nur einem plötzlichen Impuls. Womöglich hat sie in dem Augenblick selber daran geglaubt!« »Ja – unberechenbar sind ja so Geschöpfe! Aber die Fränze schien mir doch was Besseres!« »Oder sie hat es sich krampfhaft eingeredet! ... Gewiß sind viele solche unglückliche Mädchen von Haus aus hysterisch!« sagte die kleine Frau mitleidig. »Bringen Sie sie möglichst bald aus ihrer Umgebung und aus Berlin weg! Das ist das Beste!« »Ja – das scheint mir auch!« Unmutig trat der junge Mann wieder vor die Villa auf die Fränze Häselich zu. Da stand sie am selben Ort. Der Chauffeur neben ihr trollte sich auf einen Wink seines Dienstherrn zum Wagen. »Fränze – nu mal ehrlich: War das am Ende alles Schwindel?« Er sah im Halbdunkel, daß ihr bleiches Gesichtchen in Tränen schwamm. Ihre leise Stimme schluchzte. »Ach – Herr Doktor ...« »... 'raus mit der Wahrheit ...« »Seien Herr Doktor nicht böse ... Ich hab' mich drüben in der Villa vom Herrn Doktor in meiner Kammer so gefürchtet, weil doch das ganze Haus leer war und ich bei jedem Geräusch gedacht hab', der Dicke kommt und holt mich! Da wollt' ich zum Herrn Doktor, daß er mich vor dem Dicken schützt – und da war auch gerade der Wagen ...« »... und da?« »... da mußt' ich dann doch etwas sagen, warum ich mitgefahren bin, und da hab' ich so dumm dahergeredet! Ich habe ja keine Bildung nicht und keinen Verstand! Herr Doktor müssen Mitleid mit mir haben!« Der Dr.-Ing. Wiebeking maß die verheulte Kleine mit einem Blick, halb Arger, halb Mitgefühl. Er zuckte die Achseln. »Also fahren Sie sie jetzt nach Hause, Wietrich, und kommen Sie dann wieder hierher!« rief er nach dem Wagen hin und kehrte in die Villa Hüsgen zurück. Und dort sagte, im Lichterglanz über Menschen und Mumien, im Niggerjazz zwischen Griechengöttern, im Gelächter und Stimmengeschwirr unter Raffaels und farbigen Papierlaternen, ein paar Stunden später, der dicke Rösing zu der schönen, dunkeln Iris, die mit Dr. Josef Schraubt zusammenstand: »Dauernde Schönwetterlage bei Ihrer Freundin! Ich beobachte es die ganze Zeit! Frau Ilselott und Herr Wiebeking junior ein Herz und eine Seele!« 35 Sonntagsstille am nächsten Vormittag. Ganz von weitem das tiefe Summen der Kirchenglocken. Ilselott ... Ilselott ... Werner Wiebeking stand am offenen Fenster im Erdgeschoß des Elternhauses. Feiertäglich leer drüben der Asphalt. Rot, braun, gelb starb dahinten im Tiergarten der Altweibersommer. Blaßblau darüber der Himmel. Fern das Läuten: Ilselott ... Ilselott ... Er trat unmutig zurück und drückte auf den Klingelknopf. »Leopold! Sagen Sie dem Kriminalkommissar Dürisch, der da durch den Garten kommt, mein Vater sei in Pommern!« Aber der schnurrbärtige, biedere Mann in dunklem Sonntagsanzug unten hatte ihn schon gesehen. Er lüftete eilig den Schlapphut und winkte geschäftig mit der Hand. »Morjen, Herr Doktor! Ich muß Sie sofort sprechen! Ja: Sie!« Er nahm im Arbeitskabinett des Geheimrats gegenüber dem Sohn des Hauses Platz. Sein rundes Gesicht war nicht so ausdruckslos wie sonst. Verhaltene Aufregung zuckte unter dem gemütlichen Lächeln. »Es horcht doch keiner?« Er sprang auf und äugte in die Fensterecke. »Was hockt denn da? ... Ach so ... nee! Gerollte Kartons ...« »Mein Vater hat sich die Grundrisse zu den Bankgewölben im Hauptgeschäft kommen lassen!« »Kann mir schon denken, warum! Na – da kann ich mich ja wieder setzen ... So ... Tja ...« Der Besucher rieb sich die Hände. »Ich bin, wie Sie wissen, auf dem Kriegspfad, Herr Doktor ...« »Ich finde hauptsächlich, daß Sie mich beobachten lassen!« sagte der junge Mann kühl. Die treuherzigen Augen ihm gegenüber waren die Unschuld selbst. »Aber, Herr Doktor ...« »Warum allerdings ...« »Herr Doktor ...« Der joviale Herr legte die Hand aufs Herz. »Sie tun mir bitter unrecht!« »Was verschafft mir also das Vergnügen – wenn Sie mich nicht für diesen Ale halten?« »Herr Doktor: Seit zwei Stunden bin ich dem Ale auf der Spur!« Der junge Mann hob rasch den Kopf und sah den andern schweigend und gespannt an. »Herr Doktor – Sie waren gestern abend auf dem Gartenfest von Frau Hüsgen ...« »Sehen Sie: das wissen Sie auch schon von mir!« Der Kommissar Dürisch überhörte es. »Herr Doktor – es gibt einen gewissen Arthur T. Harris ...« »Den hab' ich gestern dort kennengelernt!« »Haben Sie nicht!« »Herrgott – wenn ich Ihnen doch sage ...« »Und wenn ich Ihnen sage, daß ich gestern nachmittag an das Bankhaus Harris und Kompanie in Chicago gekabelt habe ... ein Mordsbankhaus ...« »In der ganzen Welt bekannt!« »Heute morgen die Drahtantwort! Bitte! Darf ich Ihnen vorlesen?« Die Finger der Kommissars zitterten über dem Papier. Er räusperte sich erregt. »Mr. Harris junior hält sich beständig in Paris auf – Stop – wo er gestern mittag mit Freunden bei Ritz lunchte – Stop – und von vielen Leuten gesehen wurde – Stop.« Der Kommissar Dürisch ließ das Blatt sinken. »Was sagen Sie dazu?« »Mehr wie merkwürdig ...« »Zu gleicher Zeit in Berlin und in Paris sein – das kriegt nicht einmal ein Amerikaner fertig. Also haben wir es hier in Berlin mit einem Kriegsersatz des eigentlichen Mr. Harris zu tun ...« »Und dieser Gentleman«, die Stimme unter dem aufgedrehten Schnurrbart dämpfte sich, »ist von einem Haufen Spieler unzertrennlich. Geld verjuxen tun sie alle. Das weiß ich. Preisfrage: Womit setzen die jungen Herrn jede Nacht den Kurfürstendamm in Nahrung? Da ist ein Baron Sempt aus dem Osten ...« »Der war gestern auch da.« »Osten ist heute ein weiter Begriff – Baron auch – Da ist der junge Aster ...« »Auch der verschönte den gestrigen Abend.« »Schön! Ja! Film? Er filmt gar nicht. Er bummelt ... Weiber! Und solang' er bummelt, sperrt ihm der Papa alle seine mächtigen Moneten!« »Und nun noch ...« Der Kommissar beugte sich besorgt vor. Seine Stimme wurde ganz leise »... gestern der Bruder der Frau des Hauses ...« »Den Lüttchen nimmt doch niemand ernst!« »Der Vater Staatsanwalt! Respekt! Aber wovon schmeißt der junge Herr Bankvolontär, den man nie mehr auf der Bank sieht, mit seinem Freund Harris das Geld mit vollen Händen auf den grünen Tisch und an die Barmaids und Balalaika-Primasse und Nachtkellner und was weiß ich?« Der Kommissar brach erschöpft ab. »Ich muß ja da unglaublich vorsichtig vorgehen!« sagte er dann. »Jeder falsche Schritt – na – ich danke – Können Sie sich ja vorstellen ...« »Und wieso kann ich da ...« »Herr Doktor!« Der schnurrbärtige Herr rückte vertraulich näher. »Es gibt einen Nachschlüssel zu der guten Stube voll schlechter Leute, die wir suchen! Einen lebendigen Dietrich – sozusagen! Das ist die Fränze Häselich. Daß das Mädel eng mit dem Nachtdoktor und seinem Volk zusammenhängt – na – denken Sie nur, wie sie den großen Unbekannten schon vorigen Mittwoch auf dem Ottoplatz dem Schupo verpfeifen wollte.« »Herr Doktor!« Der Kommissar legte in seiner Erregung dem andern die Hand auf den Arm. »Sie haben sich dieses Mädels angenommen! Sie haben sie hier im Hause Ihrer Eltern untergebracht! Durch dies Haus hier geht die Brücke irgendwohin in die Unterwelt! Das Mädel ist doch noch hier im Haus?« »Wahrscheinlich schläft sie noch! Ich habe noch nicht nach ihr gefragt! Ich habe mich gestern abend zu sehr über den Balg geärgert!« »Herr Doktor!« Der Kriminalkommissar Dürisch erhob sich. Er wurde dienstlich. »Gestatten Sie, daß ich jetzt sofort die Häselich in ihrem Zimmer aufsuche!« »Wollen Sie sie verhaften?« »Da sei Gott vor! Nur jetzt nicht ihre schleierhaften Freunde warnen! Nein: Ich versuch's! Ich trete ein, peu à peu , wie's Donnerwetter! Ich sag' ihr auf den Kopf zu: ›Nu gesteh' oder ...‹ ...? Glauben Sie mir: Mit dem Hausmittel der Überrumpelung haben wir schon mehr als einen zur Strecke gebracht!« »Sie handeln im Dienst! Ich darf Sie nicht hindern!« Werner Wiebeking klingelte. »Leopold: Ist die Häselich in ihrer Kammer? Gut! Ich führe Sie selbst hin, Herr Kommissar!« »Und nicht wahr, verehrter Herr Doktor«, der Kommissar Dürisch blieb auf dem Weg durch die Vorderräume noch einmal stehen, »... Sie hegen nicht mehr den kränkenden Verdacht, als ob ich gegen Sie ... Ist ja absurd, Herr Doktor! Kam mir nie in den Sinn ...« »Ich glaube: Ganz trauen Sie mir jetzt noch nicht!« sagte der junge Mann gleichmütig. »Na – bitte!« Er ging mit dem Kommissar den Hinterflur entlang. Er pochte an eine Kammer. »Fränze! Ich bin's!« Im Stübchen blieb es still. Der Dr.-Ing. Wiebeking wollte öffnen. »Abgeriegelt!« sagte er. »Fränze – machen Sie auf!« Es rührte sich drinnen nichts. Der junge Mann wandte sich ärgerlich zu dem versammelten Personal. »Was heißt denn das? Habt ihr sie schlecht behandelt?« »Die Minna ist schuld, Herr Doktor!« Die bebrillte Jungfer Elise wies auf das Küchenmädchen. »Wie der Leopold uns gesagt hat, der Herr Kommissar käme mit dem Herrn Doktor nach hinten, da ist die Minna an die Türe von dem Frauenz... von dem Fräulein gelaufen und hat gerufen: ›Nu kommen sie und holen dir uff die Polizei!‹ Da hat die Bolle innen einen Schrei getan und sich eingesperrt!« »Fränze! Es tut Ihnen niemand was!« »Die bockt, Herr Doktor!« »Hol' mal jemand den Schürhaken aus der Küche!« Werner Wiebeking stemmte mit ein paar geübten Schlossergriffen die dünne Türe auf. »Ich glaube, die hat sich vergiftet ...« Die Portiersfrau faltete andächtig die Hände vor dem Bauch. »Nee! Det sind bloß die fliegenden Nerven!« Das herdfeuerrote Gesicht der Köchin lugte wie ein Vollmond über die Schultern der andern. »Krämpfe hat sie!« Elise, die bebrillte Jungfer, füllte ein Glas aus der Wasserleitung. Auf ihrem Bett lag die Fränze in wilden Zuckungen, den dunkeln Strubbelkopf in das blauweißgestreifte Kissen gewühlt, bis über die Ohren unter der Decke verkrochen. Sie klammerte sich mit den Fäusten an die Eisenstäbe der Bettstelle, um nicht herausgerissen zu werden. Sie keuchte abgerissene, bittende, wehe Töne eines geängstigten, kleinen Kindes in die Tapetenwand hinein. Werner Wiebeking beugte sich über das Bett. »Fränze ...« »Nehmen sich Herr Doktor in acht! Die strampelt mit die Spazierhölzer!« »Dat's ein Theater!« »Fränze ...« Unter der leichten Schulterberührung fing die Fränze an zu schreien. »Laßt mich! Laßt mich! Zu Hilfe!« »Wenn man 'nen Arzt ...« »Das macht's nur noch schlimmer, Herr Doktor!« sagte die Küchenmatrone. »So'n Anfall braucht seine Zeit! Sonst tritt er ins Geblüt! Die kann man jetzt nur in Ruhe lassen!« »... ja ... ich fürchte auch, Herr Kommissar!« sagte Werner Wiebeking und zuckte die Achseln. »Ich warte sehr ungern!« Der Kommissar Dürisch trat auf den Flur. »Aber vorläufig ist da ja nischt zu wollen!« »Herr Doktor Schraudt sitzt vorn«, meldete leise und besorgt der Diener Leopold seinem Herrn. »Kenn' ich! Kennt jeder bei uns vom Bau!« sagte der Kommissar. »Was will denn der hier?« »Meine Mutter bat ihn, für das Mädel zu sorgen!« »Wohltäter der Menschheit ... Na – die Menschheit, die sich Herr Doktor Schraudt nachts so um den Schlesischen Bahnhof 'rum zusammenklaubt ... Ich glaub' nicht an die Besserung von dem Gesindel! ... 'Mahlzeit, Herr Doktor!« 36 Schwerfällig erhob sich im Salon der Dr. Schraudt. Tief unter den starkbuschigen, finsteren Brauen ein suchender Blick. Ein Lächeln des Erkennens über die groben, massigen Züge. Ein Druck der breiten, flaumbehaarten Hand. »In Abwesenheit Ihrer Frau Mutter muß ich Sie bemühen, Herr Wiebeking! Ich versprach ihr vorgestern, für die Häselich zu sorgen. Der Soziale Hilfsdienst, mit dem ich mich in Verbindung setzte, hat für das Mädchen eine Unterkunft in Ostpreußen ermittelt. Sie kann morgen fahren!« »Na – gottlob ...« »Herr Doktor – wäre hier irgendwo ein Raum, wo ich das Nähere mit der Häselich ungestört ... Ich verhandele immer gern unter vier Augen mit meinen Schutzbefohlenen! Es ist ähnlich wie im Beichtstuhl. Man erfährt dann erst die volle Wahrheit!« »Leider ist die Göre zur Zeit unzurechnungsfähig!« sagte der junge Mann. »Die Polizei war da ...« »Ja. Ich habe den berühmten Herrn Dürisch gesehen! Aber ich bin nicht die Polizei!« »Wenn Sie dies Geschrille und Gezappel mitangesehen hätten ...« »Ich kenne das seit Jahren, Herr Doktor!« Der braungeschorene, wuchtige Rundschädel des Privatgelehrten nickte ernst. »Die Menschheit, aus der das Mädel stammt, ist hemmungslos. Sie folgt dem Zwang des Augenblicks ...« »Das hab' ich gestern abend leider nicht bedacht ...« »Es ist die angeborene Willensschwäche, gegen die wir ja auch bei allen Verbrechern ankämpfen müssen. Durch den äußeren Zwang der Strafanstalten wird diese Willenlosigkeit nur noch gefördert, und der in Freiheit gesetzte Häftling tritt nur noch energieärmer in die menschliche Gesellschaft zurück, als er sie verlassen. Das ist das Problem meines Lebens!« »Die Fränze ist ja keine Verbrecherin! Sie hat sich ehrlich mit dem Sortieren von Altpapier ernährt. Und sie ist noch jung. Man kann ihr noch das Rückgrat steifen!« sagte Werner Wiebeking. »Aber augenblicklich befindet sie sich in einem Zustand der Hysterie ...« Er klingelte. »Leopold: Heult das Mädchen noch?« »Im Gegenteil, Herr Doktor! Wie sie vorhin gehört hat, daß ich den Herrn Doktor Schraudt anmeldete ...« Ein rätselhafter Blick des stillen Dieners auf den Besucher. »... da hat sie sich mächtig gefreut und ist mit einem Schlag ganz vernünftig geworden!« »... weil sie sich vor mir nicht fürchtet, Herr Wiebeking!« »... und ist aufgestanden – sie hat sich ja, wie der Herr Kommissar kam, in den Kleidern ins Bett verkrochen – und hat sich zurechtgemacht. Und wie wir 'reingucken, steht sie doch vor dem Spiegel und lacht und pfeift sich eins!« »Das wechselt schnell bei diesen armen Wesen!« Die Stimme des Gastes klang tief und dunkel. »Nun bibbert sie nur vor Sorge, der Herr Doktor Schraudt könnte wieder weggehen, ohne sie zu sprechen!« »Ist sie in ihrer Kammer?« »Ich hab' sie nicht halten können. Sie ist hinter mir hergelaufen wie ein Pudel! Draußen vor der Türe steht sie!« »Na – dann lassen Sie sie in Gottes Namen herein!« Die Fränze Häselich trat ein und machte bescheiden hinter der Schwelle halt. Ihr dunkler Kopf war notdürftig frisiert, das verwirrte Gesichtchen blaß, mit blauen Schatten unter den hellbraunen Berliner Augen, aber ganz friedlich. Der junge Mann musterte sie ernst. »Fränze – nun sprechen Sie mir mal nach: ›Ich will ein braves, gutes Mädchen sein!‹ ...« »Bin ich doch nicht ...« Es klang erstickt. »Na – dann sagen Sie: ›Ich will es werden!‹« »Will ich auch!« Plötzlich atemlos, verzweifelt-leise die Stimme: »Es ist mit mir ja gar nicht so schlimm! Ich lüg' ja immer nur! Ich tu' ja immer nur dicke – so wie gestern abend! Ja. So bin ich!« »Und neulich auf dem Ottoplatz?« »Ach, Herr Doktor, da, wo ich herkomme, da haben die Männer ja keine Bildung! Sie knuffen einen und sie puffen. Und sie geben einem schlechte Worte. Und da wird man auch mal tück'sch!« »Also das auf dem Ottoplatz wäre bei Ihnen auch Schwindel gewesen?« »Der Kunde dort – der hatte mich mal im Winter auf dem Witwenball versetzt, und mir nachher noch 'ne Ohrfeige gelangt – vor allen Damen – und da wollt' ich ihn ein bißchen ärgern, wie ich ihn auf der Straße gesehen hab', und hab' ihn angezeigt! Daß der Kerl wirklich was ausgefressen hatte und Leine zog – davon hatt' ich keine Ahnung! Sie können mich im grünen Wagen wegfahren lassen, wenn's nicht wahr ist!« »Fränze ...« Der Dr.-Ing. Wiebeking blickte der Kleinen nachdenklich in das schmale Gesichtchen. »Sie spielen seit Tagen mit dem Tod. Ich hab' Sie am Mittwochabend an der Spree aufgegriffen! In der nächsten Nacht rannten Sie von hier nach dem Kanal ...« »Ach – ich wär' doch nicht 'reingesprungen, Herr Doktor!« Ein kindlich verschmitztes Lächeln. »Das sagen Sie jetzt! Damals war es Ihnen Ernst! Das ist das Unglück mit Ihnen, Fränze: mal so – mal so! Man weiß nie, woran man mit Ihnen ist!« »Na – dann schmeißt mich doch ins Wasser!« schrie die kleine Häselich plötzlich wild. »Dann seid ihr mich los! Was liegt denn an mir? Ich kann nicht schwimmen! Ich geh' unter wie 'ne bleierne Ente! Is gut!« »Reden Sie keinen Unsinn, Fränze!« »Ich will doch bloß fort von hier – von all den ruppigen Brüdern! Von nichts mehr hören und sehen! Ich will ja bloß aufs Land! Ganz weit weg von hier!« Die Fränze schrie immer lauter. Sie hob, mit vor Angst schiefem Mund und wirren Augen die kleinen, gerungenen Hände. »Ach – bitte ... bitte ... bringt mich doch aufs Land!« »Fränze – hier neben mir steht ein Herr! ...« »Fräulein Häselich – wer ich bin, ist ja gleich ...« »Sie kenn' ich doch!« sagte die Fränze freudig, noch mit nassen Wimpern. »Sie hab' ich doch schon bei Krügern gesehen!« »Auch dort komme ich hin!« Die massige Gestalt des Dr. Schraubt überragte breitschulterig die zutraulich wie zu einem alten Freund zu ihm aufblickende kleine Berlinerin. »Fräulein Häselich – von heut' ab fängt für Sie ein neues Leben an!« »Gott – wie gern!« »Eine hellere Zukunft liegt vor Ihnen! Darüber möchte ich jetzt noch ein paar Worte mit Ihnen sprechen! Darf ich mit Fräulein Häselich vielleicht in dem Nebenzimmer ...? Danke sehr, Herr Doktor!« Werner Wiebeking wartete. Es dauerte eine Viertelstunde, bis die Fränze wieder herauskam. Ihr frühreifes, feines Gesicht lachte. Die kessen, haselnußfarbenen Augen glänzten. Die Flügel des zierlichen Näschens bewegten sich in einem Zittern des Glücks. »Morgen früh darf ich nach Ostpreußen fahren, Herr Doktor!« Jubel in der jungen, scharfen Berliner Kehle. »Nee – wie ich mich freue! Ich kann's gar nicht erwarten!« »Nun machen Sie aber Herrn Doktor Schraubt dort auch Ehre! Alles Gute, Kind!« Werner Wiebeking gab ihr die Hand. »Und halten Sie sich heute still hier im Haus! Ich muß jetzt weg!« »Schönsten Dank auch im Namen meiner Mutter!« sagte er vor der Villa zu dem Privatgelehrten, der mit ihm in das Freie hinaustrat. »Darf ich Sie in meinem Wagen 'ne Ecke nach Westen mitnehmen? Nein? ... Auf Wiedersehen!« Er stieg ein, »Wietrich – Westallee siebzehn – nach der Villa Hüsgen!« Drinnen in seinem Elternhaus stand die Fränze Häselich noch allein, mit halboffenem Mund, mit hängenden Armen, unbewegt in den Vorderräumen. Die Jungfer Elise näherte sich ihr unwirsch. »Na – wollen Sie hier noch 'nen Schuhr abhalten? Wenn die Herrschaften bloß so was vom Pflaster aufpicken können! Damit machen sie ein Wesen! Unsereiner ... Laufen Sie man! Ihr Polizeirevier ist wieder am Telephon ...« »Warum haste denn jestern abgehängt? Hat am Ende einer mitjestöpselt?« »Jawohl, Herr Wachtmeister!« »Dacht' ich mir doch! Na – alles in Ordnung? Biste unter der Fuchtel?« Schweigen. »Ob du unter der Fuchtel bist – he?« »Jawohl, Herr Wachtmeister!« »Also heut' nacht um Uhre elf. Das wird das Dollste, wat der Ale noch je jefingert hat! Da kannste dir von oben bis unten mit Ruhm bekleckern! Daß du mir uff'n Posten bist, wenn dir dein Leben 'nen Groschen wert is!« »Jawohl, Herr Wachtmeister!« 37 Viele Heilige leuchteten in ihren Rahmen. Viele Marmorgötter träumten auf ihren Sockeln. Lebende Menschen saßen nur zwei, Sessel dicht an Sessel, in der weiten, kühlen, stillen Halle. Sie sprachen unwillkürlich halblaut miteinander. Jedes Wort widerhallte so sonderbar von diesen Wänden voll toten Lebens. Und Werner Wiebeking dachte sich: Zwei Jahrtausende – drei Erdteile – rings um eine einsame, kleine Frau ... »Sie tun mir so leid!« sagte er. »Mir geht es sehr gut!« »Ich möchte Ihnen so gern helfen ...« »Sie wollen immer retten ...« Ein kaum hörbares Seufzen »... auch, wo es nichts zu retten gibt!« »Doch! Es steht geschrieben: ›Eile! Rette deine Seele!‹ ... Dies Haus hier ist entseelt ...« »Ich hab' ja gewußt, was ich tat ...« »Und warum taten Sie's?« »Ich war sehr jung.« »Und wenn Sie die Wahl hätten – würden Sie es wieder tun?« »Es ist geschehen«, sagte Ilselott Hüsgen sehr ernst, »und damit mein Leben entschieden!« »Es ist so schade um Sie ...« »Ach – lassen Sie es jetzt! Machen Sie nicht sich und mich unruhig!« Zwei Gestalten kamen vom Eingang her. Durch die Halle hüstelte die helle, zarte Kehlstimme des Dr. Gebhard Hüsgen. Er bemerkte die beiden in den hohen Lehnstühlen nicht. Er stand schmächtig, in sich versonnen, mit dem dicken Rösing, dem Kunsthändler, drüben vor der einen Wand. Seine milden, blauen Augen schmeichelten liebevoll und still eine Stelle an ihr in halber Höhe. »Hier wäre das richtige Licht für das göttliche Werk – nicht, Rösing?« frug er. Und, auf das Nicken des blühenden Rotbarts, in plötzlicher Angst: »Wenn ich es auf der Auktion kriege! Ich muß es kriegen! Ich muß!« Der Dr. Hüsgen glitt vorsichtig, geräuschlos und doch in nervöser Hast, zwischen seinen Kunstschätzen nach hinten. Der rote Silen folgte ihm gemächlich. Er sah alles. Er sah auch Ilselott und ihren Besucher drüben im Winkel. Er schmunzelte. Seine bebrillten Augen zwinkerten eine Sekunde, unendlich schlau, über die Schulter zurück. Dann tat er, als hätte er nichts gesehen. Ilselott hatte unbefangen seinem Blick standgehalten. Sie schüttelte traurig den weichen, blonden Kopf, während die Schritte des Kunstsammlers und des Kunsthändlers verhallten. »Ach – dieser Andrea del Dingsda!« sagte sie. »Wie? Andrea del Sarto? Ich wünschte, die Versteigerung wäre schon vorbei! Mein Mann spricht von nichts anderem mehr!« »... und Sie Ärmste müssen zuhören?« »Dazu bin ich da!« »Aber das ist ja, um die Wände hochzugehen!« »Was kümmert's Sie?« »Sie haben mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern und persönlich nachzufragen, wie Ihnen der Abend gestern bekommen ist ...« »... ja – aus einem bestimmten Grund ...« »Das galt also nicht mir?« Es klang enttäuscht. Die beiden sahen sich an und schmiegen. Werner Wiebeking lächelte wieder. Er wußte genug. Die kleine Frau begann: »Es handelt sich nur um meinen Bruder. Der Lüttchen wird gleich hier sein! Ich hör' ihn schon draußen ...« »Was tut der junge Mann eigentlich?« »Nichts!« »Dafür lebt er nicht schlecht!« »... und ohne daß er jemals die Mittel meines Mannes in Anspruch nimmt ... Wenn man schon selber nichts hat und hat einen Schwager, hinter dem der riesige Hüsgen-Konzern steht, und braucht ständig Geld – woher nimmt er's nur?« »Ich hab' so wahnsinnig zu tun ...« Ilselotts Bruder trottete mit matten Hängeschultern heran, glattrasiert, spitznasig, großohrig, in Schlotterhosen und kurzem Schuljungenjäckchen. Er kniff beim Anblick des Dr.-Ing. Wiebeking nachsichtig das linke Auge zu. »Was soll ich mir bei dir holen?« »Deine Brieftasche samt Inhalt!« sagte die Schwester, »die du in deinem Leichtsinn gestern hier hast liegenlassen! Zum Glück sind meine Leute ehrlich!« »Danke!« Lüttchen stopfte das dick geschwellte Juchtenfutteral lässig in seine Tasche. »Mich wegen dem Dreck hierherzusprengen!« »Zwanzigtausend Mark!« »Ich gehe nie ohne etwas Kleingeld aus!« Ein unterdrücktes Gähnen. »Man könnte unterwegs 'ne kleine Ausgabe haben!« »Woher hast du das Geld?« »Ich gewinne bei näherer Bekanntschaft!« sprach Lüttchen. »Nein. Du verlierst beim Spiel. Das versichern alle deine Klubkumpane!« »Wißt ihr, daß ich 'nen neuen Klub gegründet habe? Die Polizei war mir schon zu aufdringlich ...« sagte Lüttchen interessiert. »›Notgemeinschaft der Obdachlosen‹ ist sein Name. Meine Erfindung! Heute nacht steigt die erste Sitzung!« Er wandte sich plötzlich an Werner Wiebeking. »Doktor – seien Sie kein Frosch! Machen Sie mit! Sie haben's ja dazu! Wir brauchen frische Kräfte in dieser ernsten Zeit!« »Ich versammle mich gegen acht Uhr im ›Flamingo‹ am Kurfürstendämmchen!« fuhr er fort. »Kennen Sie doch? Mit der blonden Berta! Kennen Sie nicht? Jammer, wie wenig Berliner ihre Vaterstadt kennen!« »Ich schleiche mich jetzt in das Städtchen zurück!« Er schob sich vor dem Spiegel den Krawatten-Schmetterling neckisch schief. »Überbürdet ... Berufskrankheit ... Seid nicht zu traurig, daß ich euch allein lass'! Aber es gibt zuviel Genießer, die auch was von mir haben wollen ...« Draußen raste sein Roadster davon. Ilselott blickte dem kümmerlichen Klümpchen am Rad der Rennmaschine nach. »Wir sind alle viel zu unerfahren in Berlin bei Nacht – mein Mann – meine Eltern – ich –« sagte sie. »Bitte, überzeugen Sie sich doch einmal davon, was der Lüttchen eigentlich so tagsüber oder besser nachtsüber treibt! Gehen Sie doch mir zuliebe in Gottes Namen heute abend in seinen Klub!« »Ich werde versuchen, in die Geheimnisse Berlins einzudringen! Eigentlich bin ich seit ein paar Tagen schon mitten darin!« Der Dr.-Ing. Wiebeking erhob sich und schaute nach hinten. »Man könnte durch eine Gazebespannung vor dem Eckfenster das Licht für den Andrea del Sarto noch verbessern!« Aus der Ferne der Galerie näherte sich die leidenschaftliche Fistelstimme des Hausherrn. Ilselott reichte Werner Wiebeking rasch die Rechte. Er beugte sich über den schmalen Handrücken. »Auf Wiedersehen, Ilselott!« sprach er schnell und ging hinaus und stieg in seinen Wagen und fuhr durch den himmelblauen Herbstsonntag Berlins und seiner Millionen, die sich rüsteten, für den Nachmittag der Häuserenge zu entfliehen. 38 Berlin da drinnen – das Herz Berlins – war jetzt, am frühen Sonntagnachmittag, so still und tot wie sonst nur in den letzten Stunden vor Tag und Tau. Ausgestorben, sonnenhell, menschenleer die unter der Woche donnernden und flutenden Straßen. Der Schupo Peschke hörte seine raschen, vergnügten Schritte an den Hauswänden widerhallen, wie er, in feiertäglichem Bürgergewand, tief in der Altstadt, die verlassene Färberstraße entlangging, an Feuerstakes Hotel vorbei, auf das geschlossene Obstlädchen drüben zu. Sein bartloses, rundes, humoristisches Gesicht strahlte. »Da sind Sie wirklich, Fräulein Lüders!« Das Obstfräulein stand wartend, blaß und aufgeregt, auf dem Bürgersteig vor der großen Ladenscheibe, hinter der grellgelb ihre Orangen und Zitronen schimmerten, kleidsam in rosa Sonntagsputz die lange, schmale Gestalt. Unter dem Schutenhut mit rosa Schleife liefen unruhig die romantischen, braunen Augen in dem regelmäßigen Gesicht. Sie reichte dem Schupo stumm und eilig die Rechte. »Was Sie für eine kalte Hand haben, Fräulein Lüders!« »Das ist ja nur äußerlich! Also gehen wir auf die Reise! Es ist doch eine Reise – da hinaus nach der Siemensstadt.« Sie schritt neben ihm und blieb stehen. »Zur Untergrundbahn müssen wir da links!« Aber Friedrich Peschke winkte einem Taxameter und stieg ein. »Bis zum Bahnhof Zoo!« beorderte er stolz. Und während sie durch das leere Berlin dahinfuhren. »So bin ich! Ich hab' Ihnen mündlich was anzuvertrauen, Fräulein Lüders! ... Das dürfen um Gottes willen fremde Leute um einen 'rum nicht hören! Sehen Sie da an der Litfaßsäule das rote Plakat der Polizei: Zehntausend Mark Belohnung – von dem Bankhaus Wiebeking – dem, der Angaben macht, die zur Ermittlung des Einbruchsversuchs Dienstag nacht in der Filiale – na also kurz –: Wer den Nachtdoktor ans Tageslicht zieht!« »Den kriegt ihr doch nicht!« sagte Hilde Lüders neben ihm mit dem stillen Lächeln einer Wissenden und ordnete die rosa Falten ihres Kleides. »Zehntausend Märker. Da ist man ein gemachter Mann. Kann heiraten ... Meinten Sie was, Fräulein Lüders?« »Nein. Reden Sie nur weiter! Das interessiert mich!« »Nicht wahr? Die zehn Mille – die stechen mich in die Nase!« »Sie haben doch nichts mit der Untersuchung zu tun?« »Die vom Alex – die ziehen unsereinen natürlich nicht 'ran! ... Aber ich schaff' es still für mich! Ich hab' ein paar Tage Urlaub herausgeschunden! Fräulein Lüders – nun erschrecken Sie nur nicht! Ihnen allein verrate ich das große Geheimnis ... Ich bin dem Nachtdoktor auf der Spur! Ich hab' ihn sozusagen schon beim Wickel!« »Ach ...« Das Obstfräulein sah ihren Nachbar unruhig an. Sie wurde sehr blaß. »Passen Sie auf!« Er rückte aufgeregt dicht an sie heran. »Da ist doch der Kerl – der Werner – Sie wissen ...« »Ja – ja ...« »Der Garagenschlosser! Das heißt: Garagenschlosser nennt er sich ...« »Was ist mit dem?« »Der hat nu 'ne Stelle als Chauffeur – im Westen – Güntherstraße drei – in einem pikfeinen Haus – und bei wem? – Sie werden lachen ...« »So reden Sie doch ...« »Ausgerechnet bei dem Geheimrat Wiebeking, in dessen Filiale sie eben erst eingestiegen sind! Ich glaube, der alte Herr ist schon 'n bißchen taprig! Auf den Einbruch setzt er zehntausend Mark Belohnung. Aber den Einbrecher nimmt er zugleich zu sich ins Haus! Gottvoll – was?« »Erzählen Sie doch weiter!« »Das kommt noch besser! Nu staunen Sie mal: Der Herr Chauffeur hat die Unverfrorenheit und bringt dem altersschwachen Bankonkel auch noch seine Geliebte ins Haus!« »Seine Geliebte ...« »Schreien Sie doch nicht so! Das Auto wird ja scheu!« »Was für eine Geliebte?« »Na – die dunkle Bolle aus Krügers Kaschemme, die mich am Mittwoch auf dem Ottoplatz angeredet und mir ihren Freund Ale gezeigt hat. Mit dem hat sie sich inzwischen wieder ausgesöhnt. Pack schlägt sich und Pack verträgt sich. Daß dieser Herr Chauffeur Werner und kein anderer der Nachtdoktor ist, den sie in ganz Berlin mit der Laterne suchen ...« »Meinen Sie wirklich ...?« »... das wird sich nächstens zeigen – aber durch meiner Mutter Sohn! Ich geh' dem Chauffeur Werner und seiner Liebsten nicht mehr von den Hacken!« »Ach Gott ...« »Und daß die beiden jetzt im Haus dieses vertrauensseligen Greises was Neues und ganz Besonderes auskochen – na – das flüstert einem ja ein Waisenknabe zu! Aber ich beobachte meinen Herrn Werner! Darauf kann er sich verlassen!« »Und der ahnt von nichts?« »Wie sollt' er sich von mir was versehen? Mich kennt er gar nicht! Ich bin ja aus'm Revier – im Westen ... 'n kleiner Mann ...« »Ja freilich ...« »Aber wenn ich die Belohnung hab' – ein großer Mann! 'ne gute Partie! Finden Sie nicht auch, Fräulein Lüders?« Das Obstfräulein schwieg. Sie warf ihm nur einen sanften, sinnenden Blick zu. Der Schupo Peschke wurde ein wenig rot vor Glück, während er aus der haltenden Droschke stieg und zahlte. Der Stadtbahnhof Zoologischer Garten spülte hier, an dieser tosenden Ecke, Menschenströme über seine Treppen hinunter. Der Untergrundbahnhof daneben schluckte sie wie ein Wirbeltrichter in seine Tiefen. Die Elektrischen entluden bimmelnd ihre lebende Fracht. Gepäckdroschken rollten. Der Schupo Peschke bahnte sich und dem Obstfräulein durch das Gewühl einen Übergang zu den Schalterreihen drüben auf der Straße. »Warten Sie 'nen Momang, Fräulein Lüders! Ich nehme schnell zwei Karten für uns, nach dem Siemensplatz!« Er mußte in der Schlange stehen. Endlich hatte er die Pappstücke in der Hand. Er drehte sich um. »Fräulein Lüders!« Er schaute in die Runde. Er lief suchend hin und her. Er störte den Verkehr. Er wurde von seinem eigenen diensttuenden Kollegen gefragt, ob er aus Kyritz sei – aber die Hilde Lüders war nirgend mehr zu sehen ... Der Schupo Peschke stand. Er hoffte. Er harrte. Umsonst. Vielleicht war sie, als sie ihn verloren hatte, nach dem Siemensplatz vorausgefahren und erwartete ihn dort ... Friedrich Peschke stürzte sich in das Köpfegewoge treppenabwärts. Ein Menschenknäuel trug ihn und quetschte ihn in den Untergrundbahnzug hinaus gen Westen. Unter dem blauen Himmel breitete sich da, eine Stunde im Umfang, das Barackengewimmel der Laubenkolonie im Sonnengold. Unzählige farbige Fähnchen feindlicher, deutscher Parteien flatterten über den schwarzen Dachpappefirsten. Geranien, Astern, Sonnenblumen blühten herbstbunt zwischen dem silbergrauen Holz der Hütten. Weiße Hemdärmel leuchteten auf grünem Rasen. Grammophonmusik wehte im Wind. Hundegebell. Hähnekrähen. Hundertfaches Kindergeschrei. Gleich am Eingang ein bekanntes Gesicht. Da buddelte ein junger Vater mit vier Bübchen Kartoffeln und buk sie im Feuer auf dürrem Kraut. »Rödicke – Mensch – hat 'n Fräulein nach mir gefragt? Nicht? ... Herrgott – über die Frauenzimmer!« »Na, na – Herr Peschke!« Die kleine Frau Rödicke, die auf der Bank vor der Hütte Bohnen pahlte, mußte lachen. »Heiraten Sie lieber nicht!« riet, auf seine Schaufel gestützt, ein bleicher Intellektueller mit Zwicker und Stehkragen. Der Monteur Rödicke brummte: »Sie müssen's ja wissen, Herr Doktor!« und zu Peschke: »'n Doktor! Und was is er nu? Abgebauter Kellner!« »Dort drüben lief vorher so eine 'rum!« meldete der Müllkutscher Weiß, der von Hütte zu Hütte in einem alten Sack Gras für seine Karnickel daheim sammelte. Der Schupo Peschke rannte den Weg entlang. Ein Haufen junger Arbeitsloser würfelte da um Groschenstücke in einer Mütze. Ein Mädel hockte dazwischen ... Die Hilde Lüders war es nicht ... ... »Na – ooch mal wieder hier, Herr Wachtmeister?« Mutter Hille, die Portiersfrau, fütterte ihre Hühner. Ihre beiden Töchter knieten vor einer Lattenkiste. Sie wies stolz auf das Gegrunze darin. »Ich bin doch vom Lande. Schauen Sie nur, wie det Schwein jedeiht!« »Es ist zu süß!« rief die Stenotypistin. Und das Ladenfräulein neben ihr: »Nee – das rosige Schnäuzchen ...« »Und dabei sammelt Vater schon Wacholder zum Räuchern!« »Ich krieg' keinen Bissen 'runter von dem lieben Tier!« Friedrich Peschke hastete weiter. Der alte Lokomotivführer a. D. Bründel, der beschaulich dasaß, nahm die Pfeife aus dem Weißbart und deutete damit zur Nebenlaube. »Wat Ihre Eltern sind – die kieken schon nach Ihnen aus!« »Fritze – wo steckste denn?« Vater Peschke, der alte Arbeiter, wandte den verwitterten Graukopf von dem Gänsemarsch seiner Enkel, die mit seinem Schwiegersohn, dem Straßenbahner, in Gießkannen Wasser für die letzten Gemüsebeete schleppten. »Ein Fräulein?« sprach er bedächtig. »Nee – mein Sohn! Wenn die kommen sollte, denn hat die dir versetzt! Wat, Mutter?« Mutter Peschke faltete die gichtsteifen Finger über dem Sonntagsrock. »Fritze – wat ziehste denn für 'n Flunsch?« »Die Seinige kommt nicht!« lachte der Schwiegersohn, der Straßenbahner Schüßler. »Nee – sie kommt nich!« Der Schupo Peschke setzte sich und schaute gramvoll in das bunte Sonntagsbild umher. »Ich möcht' nur wissen, wo die Hilde Lüders geblieben ist!« 39 Die Hilde Lüders war, während der Schupo Peschke am Untergrundbahnschalter stand, so schnell sie konnte, vom Bahnhof Zoo nach dem Tiergarten zurückgelaufen. Gott sei Dank: Bis zur Güntherstraße an dessen Rand war es ganz nahe. Immer den Lattenzaun des Zoologischen Gartens entlang, über den hinweg krummnasige Adler und Geier von ihren hohen Horsten mißtrauisch auf das eilige Obstfräulein herabschielten. Sie stürmte durch den Strom der Sonntagsfamilien, der Pärchen, der Kinderwagen und Hunde. Sie stand atemlos vor der Villa Wiebeking. Still lag das mächtige Haus in parkartigem Garten. Kein Mensch zu sehen. Das Gittertor der Einfahrt offen. Aber das war der Eingang für Herrschaften. Die Hilde Lüders ging, scheu spähend, daran vorbei. Da, seitlich, die Garage. Auch mit gähnenden Torflügeln. Man konnte auf der Seitenstraße, außen längs der Mauer, nahe herangehen. Man sah von da hinten in den Hof. Dort saß im Sonnenschein auf einem Stuhl ein junges Mädchen, den dunkeln Wuschelkopf mit dem zierlichen Näschen über einen Strumpf auf ihrem Schoß gebeugt. Sie stopfte emsig. Sie sah nicht auf. Dann schien sie fertig. Sie ließ die Hände ruhen und starrte geistesabwesend vor sich hin. Geraume Zeit. Schließlich packte sie ihren Kram zusammen und ging langsam in das Haus. Nun webte nur noch die sonntägliche Stille um die weißen Mauern, die herbstbunten Bäume. Das Obstfräulein stand unschlüssig. Sie trat unruhig von einem Fuß auf den andern. Sie schritt hinüber nach der entgegengesetzten Seite der Villa Wiebeking. Da sperrte die grüne Glasveranda des Gewächshauses jeden Einblick. Von der Straße tönte ein Tuten. Eine Limousine schoß heran, durch die Einfahrt, schwenkte seitlings, war weg. Die Hilde Lüders hatte es eben noch gesehen. Sie eilte, schmal und schmächtig, mit langen Beinen und nervösen Augen um das Haus herum zurück. Sie kam gerade zurecht. Aus der Garage trat ein frischer, junger Mann in elegantem grauem Herbstanzug und schüttelte, als er ihrer ansichtig wurde, gottergeben den blauäugigen, rotblonden Kopf. Sie winkte ihm leidenschaftlich zu. Sie sah jetzt sehr hübsch aus, wie sie, aufgeregt lächelnd, die kleinen, dichten, weißen Zähne in dem regelmäßigen Gesicht zeigte. Er näherte sich und reichte ihr über das Gitter die Hand. »Das müssen Sie aber nicht machen, Hildchen!« sagte er freundlich. »Mich hier überfallen! Ich hab Ihnen doch versprochen, Sie zu besuchen!« »Ja.« Sie legte außer Atem die Hand auf die Brust. »Sie sind hier in Stellung! Ich kann mir ja denken, daß es die Herrschaft vielleicht nicht gern sieht ...« »Die Herrschaft ist über Land. Die kommt erst abends zurück!« »Na – dann ist es ja gut!« Das Obstfräulein musterte ihn bewundernd, träumerische Phantastik in den dunkelbraunen Augen. »Aber fein schauen Sie aus! Wie ein Kavalier!« »Tja – am Sonntag, Hilde ...« »Ach – mich wundert's nicht!« Sie beugte geheimnisvoll den blassen Kopf vor. »Wie? ... Na – im Film natürlich!« »Ach so ...« »Da geht ihr doch auch immer mal so fein angezogen, damit euch keiner kennt ...« »Aha ...« »Und dann wieder bei den Apachen – mit einem Schal um den Hals – So möchte ich Sie einmal sehen, wie Sie da ausschauen!« Gläubige Hingebung in den dunkeln Augensternen der Hilde Lüders. Der junge Mann lachte. »Tja – ich setze ein halbes Dutzend Detektivs täglich leicht in Nahrung! Das bringt das Metier so mit sich! Und nun meiden Sie meine Nähe, Kind! Sonst werden Sie noch eines Tages mitgeköpft!« »Herr Werner!« Das Obstfräulein hob sich bang auf die Fußspitzen. »Sie sind einer von den ganz Großen von Berlin ...« »Hilde! Nun ist's genug!« »Sie bereiten 'ne ganz wilde Sache vor!« »Nun bremsen Sie mal Ihre Romantik!« »Ach – ich freu' mich ja so wahnsinnig darauf! Wenn das dann in den Zeitungen steht und alle zerbrechen sich die Köpfe und ich weiß es. Ich bin dann stolz auf Sie!« »Adieu, Hilde!« »Natürlich sind Sie tollkühn!« Das blasse Obstfräulein nahm die dargebotene Hand nicht. »Sonst würden ja die andern nicht gerade Sie zum Führer ... Aber ich fleh' Sie an: Denken Sie an sich! Spielen Sie nicht unnötig mit der Gefahr! Sie haben einen Feind ...« »Wer hat den nicht, Kind?« »Einen unscheinbaren, aber eben deswegen furchtbar gefährlichen Feind!« »Schön!« »Lachen Sie nicht! Ich kenn' ihn! Es ist ein Schupo! Er heißt Peschke!« »Na – grüßen Sie Herrn Peschke von mir!« »Er hat sich in den Kopf gesetzt, Sie zur Strecke zu bringen ...« »Ja. So gehen heutzutage die Besten hin!« »Ich bitt' Sie um Gottes willen: Hüten Sie sich vor ihm!« »Hütet euch vor Peschke! Ich werd' mir einen Knoten ins Schnupftuch machen!« »Ich zittere so für Sie!« Das Antlitz der Hilde Lüders verklärte sich. Es wurde weich. Sie hob flehend die gefalteten Hände. »Herr Werner: Kann ich denn nicht ein bißchen helfen?« »Nanu?« »Kann ich mich denn nicht ein bißchen nützlich machen?« »Sie meinen doch nicht ...«? »Sie brauchen doch Menschen, denen Sie vertrauen können – die für Sie durchs Feuer gehen – bei dem, was Sie vorhaben ... Kann ich nicht irgendwo stehen und ein geheimes Zeichen geben – oder eine geheime Botschaft überbringen?« »Nun wird's aber zu bunt, Hilde! Fahren Sie jetzt heim und schmeißen Sie Ihre Schmöker ins Küchenfeuer ...« »Herr Werner ...« »Sonst kommen Sie noch in des Deubels Küche! Glauben Sie nur nicht, daß wir hier nicht beobachtet werden! Sehen Sie: dort drüben steht ein Mensch den ganzen Tag und bietet den Vorübergehenden Schuhsenkel an. Der ist von der Kriminalpolizei!« »Huch!« Die Augen der Hilde Lüders glänzten. »Geschenk des Herrn Kriminalkommissar Dürisch, wie es an den Käfigen im Zoo drüben heißt! ... Ich hab' mir heute vormittag bei dieser armen Kreatur zum Spaß ein paar Schuhsenkel gekauft ... Gar nicht schlecht übrigens ...« »Ach – Sie sind groß!« »Nun aber wirklich Schluß, Räuberbraut! Auf Wiedersehen!« Werner Wiebeking drückte dem Obstfräulein die Hand, winkte ihr noch einmal freundlich zu und ging in das Haus. 40 Leer, im leeren Haus, der Berliner Sonntagnachmittag ... Ilselott ... Ilselott ... Wer ist denn da? Ach so – der Diener Leopold! Er flüstert sorgenvoll, ob Herr Doktor noch Befehle haben? Er hat heute Ausgang. »Zu Ihrer Brüdergemeinde, Leopold?« »Jawohl, Herr Doktor! Es ist Familien-Erbauungsabend!« Der Stille im Lande zieht sich geräuschlos zurück. Er besitzt eine besondere Gabe, mit dem Rücken gegen die Türe den Ausweg zu finden, so als hätte er hinten Augen. Sonntag ... draußen vor den Fenstern die spießigen Spaziergänger. Ilselott ... Ilselott ... Du machst einen ungerecht gegen die Mühsamen und Beladenen, die da Erholung suchen ... Ilselott ... Man denkt an dich. An sich. Statt an die Menschen, denen man helfen möchte. Allmählich vertröpfeln sie draußen im Dämmern. Der Abend kommt ... Auf ein Klingelzeichen, statt des Leopold, die bebrillte, ältliche Jungfer. »Elise – was macht denn das Mädel?« »Sie sitzt hinten in ihrer Kammer, Herr Doktor!« »... und freut sich wohl unbändig auf die Reise nach Ostpreußen morgen?« »Ich weiß nicht, Herr Doktor! Sie ist sehr still. Gedrückt – möcht' man sagen ... Man kriegt kaum ein Wort aus ihr heraus. Gegessen hat sie jetzt eben zu Abend fast nichts!« »Ja – was fehlt dem Balg denn nu wieder?« »Wahrscheinlich tut's ihr leid, und sie kriegt's mit dem Heimweh nach ihrer Kaschemme. Glauben Sie mir, Herr Doktor, solch Volk zieht's immer wieder in seine Welt zurück!« »Sie soll sich zeitig schlafen legen – das ist das Gescheiteste – und Kräfte für morgen sammeln!« »Ich schick' sie jetzt zu Bett, Herr Doktor!« Werner Wiebeking war wieder allein. Er ging unruhig im Zimmer auf und ab. Er sah auf die Uhr. Er lächelte vor sich hin. Er trat zum Tischtelephon und ließ sich verbinden. Er neigte stehend den rotblonden Stoppelkopf zum Hörer. Seine Augen lachten. Sein frisches Gesicht verklärte sich. »Sind Sie selbst am Apparat, liebe Freundin?« Ein paar leise Worte durch den Draht. Er lachte ein wenig verlegen. »Ach so, ja ... warum ich Sie wieder anrufe? Ach Gott – furchtbar einfach – weil ich's nicht ausgehalten hab'! Ich mußte noch einmal Ihre Stimme hören ...« Er lauschte auf das weiche Flüstern im Apparat. Er versetzte schuldbewußt: »Ihnen macht es doch so wenig Mühe, mir guten Abend zu sagen, und mir so 'ne Riesenfreude ... ja – jetzt lachen Sie! Ich auch! ... Aber im Ernst: Ich habe zu melden, daß ich im Begriff bin, Ihren Auftrag zu vollziehen. Ich suche Ihren Bruder Lüttchen in seinem Hauptquartier am Kurfürstendamm auf ...« Wieder aus der Ferne die sanfte Stimme. Er nickte. »Ich werde die Augen offen halten! Die Sache interessiert mich selbst! Wie? ... Ach – aus einem bestimmten Grund ... Man kann das nicht gut am Telephon ... Ich erstatte Ihnen morgen Rapport über meine Eindrücke ...« Und ganz schnell, schon im Abhängen, auf der Flucht vor einer Abwehr drüben: »Gute Nacht, Ilselott!« Lüttchen ... Lüttchen im Smoking mit Gardenie im Knopfloch und weißer Weste ... Lüttchen – großohrig, spitznasig, dürftig, mit abendlich belebten Eulenaugen ... Lüttchen, von der Bar der Flamingo-Diele aus matt das Jazzgequäke und Lockschuhgeschurr im kleinen, runden Tanzsaal nebenan beobachtend, Lüttchen, eigenhändig und sorgenvoll sich auf der Marmorplatte seinen Drink mixend. »Die Prärie-Auster – eigentlich die einzige bleibende Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts ...« Er schüttete behutsam einen Teelöffel scharfe Worcestersauce über ein Eigelb und reichte dann sitzend dem eintretenden Dr.-Ing. Wiebeking die Hand. »Edel von Ihnen, daß Sie gekommen sind!« Er tröpfelte Essig auf das Gemisch. »Was macht Ilselottchen? Aber nicht wahr: Ihr bleibt züchtig, Kinder?« »Da möchte ich aber doch allen Ernstes bitten ...« »Ich habe da strenge Grundsätze!« Das Nachtgeschöpf streute mit gerunzelter Stirne roten Paprika auf seine Mischung. Er schluckte und schnitt eine Grimasse. »Möchten Sie auch 'nen Pick me up? Nee? Na – dann wollen wir jetzt unser karges Abendbrot verzehren!« Lüttchen über der Speisekarte. Seufzend: »O Gott – o Gott – das Leben ist doch schwer!« Weinerlich zu Werner Wiebeking: »Da gibt es noch weite Kreise in Berlin, die den Kaviar gesalzen essen! Hier: Malossol – silberkörnig – im Flugzeug von Moskau – das nenn' ich Kultur ...« »Ich mache in Berlin seit Jahren meinen vollen Einfluß zugunsten der Ente à la Rouen geltend ...« Ein ganzer Kreis von Gents hatte sich allmählich um Lüttchen gesammelt. »Hinrichtung des Vogels durch den Schlag einer elektrischen Batterie! Blut bleibt in der Ente! Aber es ist ja kaum mehr möglich, in Berlin etwas Genießbares aufzutreiben!« »Zur Arbeit ist es noch zu früh!« Ein Tausendmarkschein in Lüttchens zahlenden, abgezehrten Spielerfingern. »Machen wir unsern abendlichen Rundgang, ob am Kurfürstendamm auch alles in Ordnung ist!« Taghell draußen die Stadt ohne Nacht zwischen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Uhlandeck. Blaurote Riesenlettern. Farbige Lampenschnüre. Gelb zuckende Lichtbänder. Grellweiße Scheinwerfer. Leuchtend die Läden. Dielen. Cafés. Kabaretts. Kinos. Likörstuben. Weinhäuser. Getute. Geklingel. Gedränge. Nervöse Gesichter. Das Vergnügen mit der Uhr in der Hand ... ... Und grau, düster, vor Werner Wiebekings Augen, fern der Berliner Osten. Schweigen über dem schwarzen Spiegel der Spree. Spärliches Laternenzittern. Einzelne Lichtpunkte im Dunkel. Leben von Millionen ... Bartriesen in Livree vor den Amüsierlokalen am Kurfürstendamm. Neger in Dreß. Aushänge: ›Wegen Überfüllung zeitweise geschlossen.‹ Zigeunergeigen. Balalaika-Geklimper. Lüttchen mit seinem Troß in einem Kaffeehaus. Langmähnige Bohémiens an den Tischen. Zigarren rauchende Frauen. Bürger mit Weib und Kind. Provinzialen. Verhältnisse. Unbestimmbare Kavaliere. Auch da kennt Lüttchen Gott und die Welt. Drückt Hände. Zeigt Geld ... Geld ... Zahlt für alle im Kabarett. Hitze. Rauch. Die Menschen gepreßt wie die Sardinen. Der Ansager-Jüngling mit Monokel vorwurfsvoll zum Publikum: »Wer hat denn nu wieder Großmutter verkehrt auf den Nachtstuhl gesetzt?« Aufwiehern. Helles Aufkreischen von Frauenkehlen ... »Verehrte Steuerhinterzieher – ich meine es ernst ...« Plötzlich ein Russenlokal. Rotkitteliger Bauerntanz an die Wände gemalt. Papyrossenwolken. Slawische Laute. Hier wird die Aloscha aufgefischt, die mongolisch häßlich-hübsche Frau des Baron Sempt, aus einem Schwarm Russinnen heraus – lauter frühere Fürstinnen – der Kellner mit den grauen Diplomaten-Bartstreifen ein Minister. Der Koch ein General ... Und draußen wieder – ein tosendes, taghelles, viertelstündiges Lichtband – der Kurfürstendamm ... Köpfegewimmel ... Konzertmusik ... Palmenhaine mit Papageien ... hoch am Nachthimmel leuchtende Dachgärten – Geld spielt keine Rolle ... Woher hat Berlin das Geld? Woher hat Lüttchen das Geld? ... Und Lüttchen, ernst, in der Mitte der Seinen, auf dem Bürgersteig: »Kinder! Auch der Müßiggang hat seine Grenzen! Es wird Zeit, daß wir an den Ernst des Lebens denken!« In einer stillen, dunkeln Querstraße, zwei Treppen hoch in einem bescheidenen, bürgerlichen Haus, wohnt der Ernst des Lebens. Er erschließt sich nur auf dreimaliges Klopfen am Haustor. Dann öffnet ein verstörter, vollbärtiger Bürger, der wie ein städtischer Lehrer oder mittlerer Beamter ausschaut. Man steht förmlich den Angstschweiß auf seiner Stirne. Lüttchens Stirne ist gewichtig hochgezogen. »Ich lege nämlich seit heute das Ei des Kolumbus, Herr Wiebeking! Ich miete jede Nacht eine andere Wohnung, damit einem nicht wieder so 'n Staatsanwalt oder sonst 'n kleiner Beamter die kostbare Zeit stiehlt!« Lüttchens Ernst des Lebens oben in der guten Stube einer kleinbürgerlichen Behausung. Eingerahmte Familienphotographieen auf der Blümchentapete. Paneelsofa mit Umbau und Troddeln. Eine Perlenstickerei darüber: ›Zufriedenheit das höchste Gut‹. Aber in der Mitte, weißgedeckt, wie zu einem Fest, der lange Eßtisch. Nur Kerzen darauf. Karten. Chips. Lüttchen hält die Bank. Er verliert. Fort und fort. Mit leutseligem Grinsen. »Seine gewohnte Pechsträhne ...« Eine Stimme neben dem Dr.-Ing. Wiebeking. Eine andere: »Macht ihm scheint's gar nischt aus!« Ja – wo hast du das Geld her, Lüttchen? Eine sonderbare Gesellschaft um ihn herum, vor Werner Wiebekings unauffällig musternden Augen – diese neue Notgemeinschaft der Obdachlosen – Herren – Damen – alte – junge – nicht zu erkennen, welcher Art. Auch untereinander kennen sich lange nicht alle. Aber ein paar bekannte Gesichter sind doch da. Das finnige bleiche Antlitz des Barons Sempt – des Flüchtlings aus dem Osten ... Der hornbebrillte, weichlich-schöne Antinouskopf Oswald Asters. Arthur T. Harris, der Amerikaner. Fad blond. Glattrasiert. Ein Typ von tausend ... Alle sind sie da, die nicht säen und ernten – die Genossen Lüttchens – alle diese Vögel unter dem Himmel – unter dem im Widerschein fahlroten Nachthimmel des Goldenen Berliner Westens. Stille unter den Spielern des Kurfürstendamms. Nur das Schnalzen der Karten. Lüttchen, der Bankhalter, saß sinnend, das Blatt in der Hand. Entschloß sich. Kaufte. Legte hin. Strahlte. Tot ... »Bist du denn verrückt, darauf zu laufen?« »Verrückt nicht, aber pleite!« Lüttchen zahlte mit großartigen Handbewegungen an alle aus und erhob sich emsig. »Total ausgemistet! Wer nimmt inzwischen die Bank? Ich hol' mir nur eben fix von zu Haus Kleingeld ...« »Aus welcher von deinen drei Wohnungen denn?« »Ich hab' in jeder 'nen Notpfennig auf Lager. Weint nicht! In 'nem Stündchen bin ich wieder da!« Der bleiche, rothaarige Baron Sempt setzte sich auf Lüttchens Platz. Mischte. Gab. Es fiel Werner Wiebeking auf, daß immer einer der Spieler wie zufällig hinter dem neuen Bankhalter stand. Dann bemerkte er, daß ein anderer untätig auf dem Kanapee an der Wand saß und schläfrig seine Blicke bald von dem Amerikaner Arthur T. Harris, bald von dem Oswald Aster zu dem Flüchtling aus dem Osten und zurück gleiten ließen. Trauen euch eure eignen Nachtklubgenossen nicht? Steht ihr im Verdacht des Falschspiels? Ihr Sperlinge Gottes? Lebt ihr davon? Jetzt augenblicklich jedenfalls nicht. Die Einsätze gingen hin und her. Wurden mählich kleiner. Die Stimmung ebbte. Eine Wolke von stummem Stumpfsinn lagerte über dem Tisch. Lüttchen, das belebende Nachtgeschöpf, mit den sorgenvollen Eulenaugen und dem großen Portemonnaie, fehlte. Alles wartete auf seine Rückkehr. Niemand achtete darauf, daß der Dr.-Ing. Wiebeking nach einer halben Stunde leise das Zimmer verließ. Er schritt auf den Fußspitzen den Gang entlang. Nahm Hut und Mantel vom Haken. Die Türe zum Schlafgemach nebenan war nur angelehnt. Er sah da drinnen den vollbärtigen, angstvollen Wohnungsinhaber, der unten das Tor aufgemacht – den städtischen Lehrer oder mittleren Beamten – und seine Frau. Beide eng aneinandergedrückt, Hand in Hand, zitternd, hoffend. Wenn nur diese Nacht glücklich vorbeigeht, ohne daß etwas passiert – ohne daß plötzlich unten die Tschakos wimmeln und die Schupo pocht. Einmal die Todesangst und nie wieder! Aber da auf dem Tisch liegt der große Versucher – der Tausendmarkschein! Und daneben der rote Baedeker, mit dem man so oft schon in Gedanken – nur in Gedanken – nach dem Lande Italien gefahren ist! Es hat nie dazu gelangt. Man wird allmählich alt und grau. Nur die Sehnsucht bleibt. Die deutsche Sehnsucht ... Und da, auf dem Tisch mit dem Tausender, erfüllt sich die Sehnsucht eines Lebens: Rom. Der Golf von Neapel. Die Venus von Medici ... Lieber Gott – sei barmherzig – laß die Polizei nicht kommen ... Wir möchten doch so gern nach Italien – die Thekla und ich! Wir haben ja so wenig vom Dasein gehabt. Immer nur Müh' und Arbeit ... Der Mann im Angstschweiß hatte den Dr.-Ing. Wiebeking geräuschlos auf die Straße gelassen. Werner Wiebeking stand vor dem stillen Haus. Er merkte sich die Nummer. Die Straße. Den seitlichen, geschlossenen Toreingang nach dem Hinterhof. Und nickte in Gedanken: Wenn ich mir jetzt die Fränze lange und mich mit ihr in das Dunkel der Wölbung stelle – einmal tröpfeln, gegen Morgen, die da oben aus dem Haus! Bis dahin ist auch der Lüttchen längst wieder zurück und unter ihnen ... Ich fahr' und hole die Fränze ... Er winkte seinem abseits haltenden Wagen ... Dann muß die mir zeigen, ob am Ende der Ale mitherauskommt ... 41 »Das ist wegen der Berliner Pflanze dahinten, daß ich's heute nacht so eklig mit den Nerven hab', Frau Meinecke!« sagte in der Portierwohnung der Villa Wiebeking die Jungfer Elise. »Morjen früh wird se ja abjeschoben! Meinen Sejen hatse!« »Aber bis dahin ...« »Na – wat soll denn nu schon bis dahin passieren?« Die Portierfrau Meinecke gähnte. »Wo steckt denn Ihr Mann heute abend wieder, Frau Meinecke?« Die ältliche Person sah sich unruhig in der guten Stube um. »Der? Der is doch Schriftführer bei die Belgischen Riesen. Wenn da Sitzung in seinem ollen Karnickelklub is, is er nich zu halten. Ich mag das Kroppzeug nich – wenn sie so schnoppern, mit ihre Schlappohren! Die Biester stinken!« »Und der Leopold ...« »Der sitzt jetzt mittenmang seine Halleluja-Brüder!« »Und der Markwart is mit der Herrschaft über Land. Und der Klappert außer Haus mit dem Doktor seinem Wagen. Und der Wietrich is ausgebummelt ...« »... mit der Minna von drüben ... Na – ick sag' Ihnen: det Mächen ...« »... und Gärtners wohnen für sich. Und die Küchenmädels und alles ist tanzen.« »Die olle Marie is daheim! ... Und wir beide ... Uns stiehlt keiner mehr ...« »Aber kein Mann is zur Hand, Meinecken!« »Na – das genügt doch, wenn wir jesetzte Weiblichkeit det Haus hüten ...« »Nicht, solange die Häselich im Hause ist!« Die bebrillte Jungfer erhob sich. »Mir ist's heut' nacht graulich – mit dem Stücke ... Ich hab' egal Herzklopfen ...« »Kriechen Sie man jetzt auch in die Klappe, Fräulein Elise!« »Ich kann doch nicht! Gott weiß, wann die Herrschaft heut' nacht aus Pommern zurückkommt. Ich dussele gerade nur so'n bißchen auf dem Stuhl. Aber vorher schau' ich noch mal nach, was der Balg dahinten treibt!« »Fräulein Häselich! Machen Sie auf!« Die Jungfer Elise klopfte. Keine Antwort. Sie drückte auf die Klinke. Kein Riegel innen vor. Sie trat in die Kammer. Knipste Licht. Aus dem rotweiß gestreiften Kissen der eisernen Bettstelle in der Ecke blinzelte ein dunkler Wuschelkopf schlaftrunken in die Helle. »Na – Sie schlummern schon so sachte, Fräulein Häselich?« »Ja. Was dachten Sie denn?« »Denn ist ja gut!« Wieder dunkel. Schlurfende Schritte draußen. Stille. Die Franze lag mit offenen Augen. Sie hielt einen Zipfel der Flanelldecke mit beiden Fäusten umkrampft und biß darauf, um ihr leises, verzweifeltes Weinen zu unterdrücken. Die Augen gewöhnten sich wieder an die Dunkelheit. Das Stübchen dämmerte im Zwielicht. Die Fränze lag und starrte zur Decke. Allmählich ebbte das wilde, stoßweise Wogen ihrer Brust. Sie setzte sich langsam auf. Horchte. Hob willenlos ein Bein aus dem Bett. Schleppend das andere. Da stand sie. Nicht weiß, als Nachtwandlerin im Hemd, sondern ein dunkler Umriß – völlig angekleidet und beschuht. Zögernde, leise Katzenschritte – wie auf fremden Befehl – auf Fußspitzen zum Fenster. Leise die Innenläden auf. Die Scheiben. Kühle Nachtluft von draußen. Das schwache Rauschen der Gartenbüsche. Die schwarze Wölbung des Gewächshauses. Die Fränze lehnte stumm am Fenster. Hörte nur ihr Herzklopfen. Sah nur die Nacht. Wartete. Atmete befreit auf. Niemand da ... »Immer trödelig – nicht wahr? ... Die Zeit ist kostbar – nicht wahr? ... Nun mal schleunigst – wenn ich gehorsamst bitten darf ...« Das war das nervöse, trockene, überstürzte Gezischel, das die Fränze kannte. Sie beugte sich vor. Gerade unter ihr, an der Hausmand, stand der Schatten. »Ich hab' doch warten müssen, bis die doofe Nuß, die Jungfer – ich hab' mir doch gedacht, daß die noch mal bei mir 'reinkiekt ...« »Machen Sie Platz – nicht wahr? ... daß ich aufs Fenster hinauf kann! Die Sache ist eilig – Sie begreifen, mein Fräulein!« »Nee – ach Gott – nee! Bleiben Sie unten!« »Gehen Sie vom Fenster weg – nicht wahr?« Atemlos schnell, leidenschaftlich irr das Geraune. »Es ist ein Wächter im Garten!« »Immer auf der anderen Seite, als wo ich bin ...« Ein belustigtes, hüstelndes Gemecker unten, kaum hörbar. »Immer auf der andern Seite – nicht wahr?« »Und draußen auf der Straße vigiliert auch noch einer von der Kriminalpolizei!« »Beschäftigt – nicht wahr?« Kindlich sanft plötzlich unten das Geflüster des Schattens. »Abgelenkt durch zwei Herren meiner Bekanntschaft – nicht wahr – die sich verdächtig um das Haus zu schaffen machen!« »Die Herrschaften sind so gut zu mir ...« »Das Leben ist schwer, mein Fräulein!« Eindringlich von unten der heisere Wortsturz. »Aber es muß doch sein – nicht wahr?« »Der junge Herr ist so gut zu mir ...« »Wenn man doch muß – nicht wahr?« Geheimnisvoll der zischende Ton. »Ich will jetzt ein ordentliches Mädchen werden!« Ein geschäftiges Kichern unten. »Es handelt sich hier um die höchsten Güter der Menschheit – nicht wahr? ... Ich habe eine Sendung zu vollbringen – nicht wahr? ... Was liegt dabei an Ihnen? Sie sind nicht wichtiger als ein Streichholz!« »Ich lasse Sie nicht herein!« »Dann sage ich es dem Dicken! Ihrem Freund!« Die Fränze zuckte zusammen. »Der Dicke ist nicht weit von hier!« Die Fränze stöhnte leise auf. »Der Dicke rechnet mit Ihnen ab.« Die Fränze ließ langsam die Hände sinken, die sie wie zur Verteidigung auf das Fensterbrett gestemmt hatte. »Dem Dicken entgehen Sie nicht. Der Dicke findet Sie überall in Deutschland, wo Sie auch sind!« Die Fränze trat schwankend vom Fenster zurück. »Platz!« Der Nachtschatten kroch gelenkig in die Kammer. Stand da – undeutlich – hager – mittelgroß. Rieb sich behaglich die Hände. »Nun führen Sie mich leise nach vorn in das Arbeitszimmer – nicht wahr?« Und da die Fränze immer noch nicht sich regte – geheimnisvoll: »Es geschieht doch nichts – nicht wahr? Es ist doch gar niemand da! Ich existiere doch nicht – nicht wahr?« »Da stehen Sie doch ...« »Das bilden Sie sich nur ein! Das träumen Sie, mein Fräulein! Sie werden ja sehen: Es wird nichts im Hause fehlen! Es wird nichts vermißt! Es wird keine Spur da sein ... Es ist, als wäre ich nicht dagewesen ...« »Ach Gott ... ach Gott ...« »Vorwärts!« Die Fränze Häselich ging dumpf, mit den Händen tastend, den Gang entlang. Ihr war, als werfe sie in der Dunkelheit einen Schatten. Hinter ihr glitt der lebendige Schatten ... Feierlich still, vorn, die Räume. Die Fränze blieb an einer Tür stehen. Ein Nicken neben ihr. »Da? Gut! Warten Sie! Augenblick! Kleinigkeit! In zehn Minuten zurück – nicht wahr?« Eine Viertelstunde Schweigen. Durch die Dämmerung wie von irgendwoher das Tacken einer Wanduhr. Das Hammerwerk des Herzens. Innen alles still. Leise die Türe. Neben der Fränze, befriedigt kichernd, eilfertig, die undeutliche Gestalt. »Herrlich, mein Fräulein – herrlich! Das Leben ist herrlich! Man muß oft so lachen! ... Schnell jetzt!« Vor ihr her, jetzt schon ortskundig, betriebsam, huschend, der Schatten. Ungeduldig. »Bleiben Sie nicht stehen, mein Fräulein! Unnötig – nicht wahr?« »Da vorn hör' ich jemanden gehen!« Die Fränze legte die Hand aufs Herz. Sie schaute über die Schulter. Ihr schmales Gesicht verzerrte sich vor Angst. »Da wird's hell! Da steckt jemand in einem Zimmer nach dem andern die Birnen an!« »Er soll sie wieder auslöschen! Es ist nichts. Nichts. Nichts!« Vor ihr lachte es still in sich hinein. Der dunkle Umriß wehte durch die offene Tür in die Kammer der Fränze. »Sagen Sie nur: es sei gar nichts!« Es saß etwas auf dem Fensterbrett – glitt außen hinab – löste sich in die Nacht. Die Fränze stand auf dem Gang. Der erhellte sich jäh durch einen Handgriff der Jungfer Elise nach dem Schalter neben der Tür zu den Vorderräumen, aus denen sie kam. Ein durchbohrender Blick durch die Brille. »Was machen Sie denn hier auf dem Flur – he? Ein Glück, daß ich noch mal das Haus durchgehe ...« Die Fränze rang nach Luft. Ihr ganzer Körper zitterte. »Antwort, Fräulein Häselich! Flugs!« »Ich kann nichts dafür!« keuchte die Fränze mit irren Augen, im jähen Trieb der Selbsterhaltung. »Mich dürft ihr nicht einlochen!« »Na was denn? Was denn?« »Hilfe! Hilfe!« Es gellte jäh aus der Kehle der Fränze Häselich durch das Haus. »Was ist denn los?« »Er war selber da!« Ein wildes, atemloses Gestotter. »Ich hab' nichts gegen ihn machen können!« »Wer denn?« »Hilfe! Hilfe!« schrie die Fränze Häselich. »Wer wird denn hier umgebracht?« Die dicke Köchin holperte in Nachtjacke und Unterrock von hinten. »Sie redet von einem Einbrecher!« »Da ist er durchs Fenster 'raus!« leuchte die Fränze und deutete auf den Garten. »Er selber! Der Ale!« »Das Mädel hat sich, Frau Meinecke!« »Da geht draußen der Wächter durch den Garten! Der Dussel sieht ihn natürlich nicht. Aber da steckt der Ale noch jetzt irgendwo – bis der olle Mann vorbei ist! Er kann noch nicht weg sein ...« »Man muß nach der Polizei ...« »So! ... Jetzt kann der Ale weiter! ... So holt doch Männer bei! Die kriegen ihn noch!« ächzte die Fränze. »Es sind doch keine da ...« »Und bis die Polizei kommt ...« »Unterdes ist er davon!« schrie die Fränze. »Ich hab's satt! ... Ich will aus allem 'raus! Und wenn sie mich totschlagen! ... Ich hab' so'n Leben satt ...« »Nu krabbelt sie doch richtig auf's Fensterbrett!« »Wenn keiner sich traut, denn lauf ich ihm nach ...« ächzte es von dort. »Halten Sie sie doch, Elise! Die is imstand und springt in die Nacht 'raus!« »Ich geh hinter ihm her, bis ich 'nen Schupo sehe!« Abgerissen, erstickt, die Worte der Fränze Häselich. »Diesmal tu ich's! ... Nicht wie auf dem Ottoplatz!« »Die kriegt schon wieder ihre Anfälle! Nee – über so eene ooch!« »Hiergeblieben! Verstanden?« »Lassen Sie mich, Sie Affe, mit ihrer Brille!« Die Fränze rang mit der Jungfer. »Ich will ein anständiger Mensch werden! Ich spuck' dem Dicken in die Augen! Ich fürcht' mich nicht mehr vor ihm ...« »Die phantasiert!« »Ich krieg' den Ale noch zu fassen! Ich krieg' ihn!« Die Fränze sprang in den Garten. Sie drängte sich durch das dunkle Gebüsch. Die Zweige schlugen ihr ins Gesicht. Hinter sich hörte sie die Rufe der Frauen. Weiter nach dem Gitter. Scharf die Zacken. Man mußte behutsam, mit gerafftem Rock, hinübersteigen. Es kostete Zeit ... Zeit! Gott sei Dank ... im Freien ... Um die Ecke ... Lang, menschenleer die Straße. Zwei flimmernde Laternenreihen. Ein leiser Schrei aus dem offenen Mund der Fränze. Da hinten – ganz hinten – da ging er – ruhigen Schrittes, wie auf dem Ottoplatz, in modisch kurzem Herbstpaletot, den eleganten Filzhut im Genick. Er drehte ihr den Rücken. Er sah sich auch nicht um. Er ahnte keine Gefahr. Es war auch keine für ihn. Es war zu weit, viel zu weit, um ihn im Schritt einzuholen. Und sowie man lief, warnte ihn ja der Trab der Schritte. Und kein Mensch in der Nähe. Die Fränze stand verstört, mit bloßem Kopf, unter einer Laterne. Sie schaute verzweifelt suchend umher. Da – ein Auto – eine Taxe – nein – kein Würfelstreifen! Ein Privatwagen. Aber er hielt. Ein junger Mann saß drinnen am Steuer. Der neben ihm beugte sich heraus. »Sie sehen so geängstigt aus! Können wir Ihnen helfen?« »Ach – nehmen Sie mich nur die paar hundert Schritte mit – bis zu dem Herrn, der da vorn geht!« »Aber mit Vergnügen!« Der junge Mann setzte sich neben sie auf die Hinterplätze des Wagens. Die Fränze Häselich bat mit fliegendem Atem: »Aber nicht ganz dicht zu ihm 'ran! Laden Sie mich bitte ein bißchen hinter ihm ab! Ich will ihn überraschen! Aber so halten Sie doch! Da ist er ja schon! Um Gottes willen – so halt ...« Eine Hand preßte sich ihr auf den Mund. Ein Arm legte sich eisenfest um sie, so daß sie sich plötzlich nicht rühren konnte. Der Wagen sauste, an dem Herrn auf dem Bürgersteig vorbei, davon in die Nacht. Er wich, in schnellem Bogen, einem andern Privatauto aus, das ihm um die Straßenecke entgegenkam. Der zweite Wagen fuhr weiter und hielt vor der Villa in der Güntherstraße drei. Werner Wiebeking stieg aus, öffnete mit seinem Schlüssel Gartengitter und Haustor, trat in das Innere und sah sich erstaunt um. »Warum ist denn alles so festlich beleuchtet? Elise? Was?« Er furchte die Stirn. »Einbrecher?« »Sagt das Mächen!« »Wo ist sie?« »Davongelaufen, Herr Doktor!« »Durchs Fenster!« ergänzte die Portierfrau. »Das Fräulein, das der Herr Doktor ...« »Nur Ruhe!« Werner Wiebeking nahm einen Revolver aus einer Schublade, entsicherte ihn und hielt ihn schußbereit in der Hand, während er prüfend durch die Räume schritt. »Ich kann nicht das geringste von einem Einbruch entdecken!« sagte er, zurückkehrend, zu den aufgeregten Dreien – der Jungfer, der Köchin, der Portierfrau. »Das hab' ich mir gleich gedacht, Herr Doktor! Was das Mächen da zu melden hatte ...« »Elise! Die Herrschaften kommen!« unterbrach sie die Köchin. Der Reisewagen des Geheimrats Wiebeking rollte, pommersche Landstraße an den Rädern, in die Einfahrt. Der graubärtige, kleine Herr stieg aus, hörte, schob sich die goldene Brille auf der hochgebuckelten Gelehrtenstirn zurecht und eilte schweigend in sein Arbeitszimmer. Nach einiger Zeit kam er kopfschüttelnd wieder. »Bei mir ist nichts angerührt, Anna!« sagte er zu seiner Frau. »Alles in vollster Ordnung!« »Und ebenso das Silber. Der Schmuck im Stahlschrank. Die Bilder!« Frau Wiebeking kramte noch mit der schadenfroh lächelnden Jungfer in allen Winkeln. »Das muß ein merkwürdiger Dieb gewesen sein!« »Oder er wurde durch die Kleine gestört!« meinte ihr Sohn. »Denn müßte das Mädchen, wenn sie ihn hat festnehmen lassen wollen, doch sachte mal wieder hier antreten!« »Das wird sie ja auch, Elise! Wir wollen noch warten!« Aber eine Stunde verstrich. Und noch eine. Dann sprach die bebrillte Jungfer Elise, die langjährige Stütze des Hauses: »Mit dem Fräulein Häselich haben die Herrschaften viel zu ville Geduld gehabt!« »Ja. Es scheint so. Leider!« »Die hat vorhin bloß heimlich ausrücken wollen – zu ihren Leuten zurück, weil ihr das gesittete Dasein nicht injeht! Und wie ich sie dabei auf dem Gang erwischt hab', hat sie das Theater mit dem Einbrecher gemacht. Gott sei Dank: Das Mächen kommt nicht wieder!« 42 »Ja – wie gesagt – leider ist das Ergebnis des gestrigen Abends gleich Null plus minus Null!« Der Dr.-Ing. Wiebeking beugte sich im Sattel vor und entzündete sich zwischen den langen Zügeln eine Zigarette. Er ritt neben Ilselott Hüsgen im Schritt durch den Grunewald. Stille zwischen den fuchsbraunen Föhren. Blaßblau über ihren struppigen Köpfen der Herbsthimmel der Mark. Fern irgendwo Berlin und seine Sorgen ... »Aber Lüttchen hat wieder verloren ...?« »... so als wollte eine so gerissene Jeuratte wie er die Bank mit Gewalt loswerden! Wer kauft denn um Gottes willen auf sechs? Es war, als suchte er nur eine Gelegenheit, sich zu empfehlen, weil er etwas anderes vorhatte!« Werner Wiebeking nahm auf dem glitschigen Wurzelgeschlängel seinen Braunen zusammen. »Bald nach ihm habe ich mich auf französisch empfohlen!« sagte er. »Ich wollte ebenso wie Ihre brüderliche Liebe wiederkommen und vorher noch schnell daheim aus einem bestimmten Grund nach meinem dortigen Schützling sehen. Wie ich erscheine, hat das unselige Kind das ganze Haus auf den Kopf gestellt! Das Mädel ist eben hysterisch! Sie kennen sie ja von vorgestern abend ...« »... wo sie vor meinem Haus Gespenster gesehen hat ...« »... und jetzt bei uns angebliche Einbrecher! Hinter denen ist sie in der Nacht her! In Wirklichkeit einfach ausgerückt! Vielleicht mit einem Freund, der draußen auf sie wartete. Jedenfalls auf Nimmerwiedersehen!« »Sie meinen es immer zu gut mit den Menschen!« sagte die kleine, blonde Frau im schwarzen Reitrock, die langsam links von ihm auf ihrem Schimmel ritt. Er zuckte die Achseln. »Die Ente fliegt wieder nach dem Sumpf. In diesem Fall nach der Oberspree. Offenbar in ihre angestammte Kaschemme in der Schlünzigstraße zurück. Von dort hat die Polizei sie wahrscheinlich inzwischen schon hinter Schloß und Riegel gebracht ... Es tut einem leid. Aber ich lasse die Dinge jetzt laufen!« »Ich hab' jetzt anderes im Kopf!« setzte er nach einer Weile träumerisch hinzu. Die kleine Frau antwortete nicht. Sie verkürzte den rechten Zügel. Der Gaul fühlte leise das Reitstöckchen auf dem rechten Schenkel. Galopp durch den Grunewald. Tausendfach im weißen Streusand verwitternd die Stullenpapiere. Konservenblech. Orangenpellen. Eierschalen. Flaschenscherben. Massenhaft ringsum weiß die Verbottafeln. Tiefblau rückte die Havel zwischen dem Kieferngewimmel näher, mit ihrem grünen Schilf, den roten Ziegelkähnen, den am andern Ufer leuchtenden, weißen Häusern. Kein Laut als das immer raschere Prusten des Braunen und des Schimmels, der gleichmäßige Dreischlag der Hufe. Eine Schwenkung. Auf die Chaussee. In der Richtung nach Berlin zurück. Schritt. »Nicht wahr – so reiten mir jetzt öfters?« frug Werner Wiebeking lächelnd und leise. Das zarte Profil unter der steifen Krempe des schwarzen Rundhuts wandte sich ihm nicht zu. Es war gesenkt und ernst. »Ich glaube – es war heute das erste und letzte Mal!« sagte Ilselott endlich. »Ja – warum denn – um Gottes willen?« »Weil ich aus Berlin weg möchte – auf einige Zeit ...« Er riß erschrocken die blauen Augen auf. »Weg?« »Ja!« »Bald?« »Wenn's geht, schon in den nächsten Tagen!« »Wohin denn?« »Wo's jetzt im Herbst noch ein bißchen warm und sonnig ist – vielleicht Südtirol ...« »Mit Ihrem Mann?« »Nein. Der bleibt jedenfalls hier – bei seinen Kunstschätzen! Der hat jetzt bald seine große Auktion. Den Andrea del Sarto – endlich kann ich mir den Namen merken –, ohne den er scheint's künftig nicht mehr leben kann!« »Aber er wird mich schon reisen lassen, wenn ich ihn darum bitte!« Ilselott seufzte leise. »Er hat mich ja lieb. Auf seine Art. Er läßt es mir an nichts fehlen!« Sie ritten eine Weile stumm im Schritt dahin. »Was wollen Sie denn in Südtirol machen, Ilselott?« »Über mich nachdenken ... und so alles ...« Nach einer Pause: »Das muß man mal ... Man lebt doch so hin ...« Und wieder nach einem Schweigen: »Oder man hat so hingelebt ... Bisher ...« Die Hufe der Pferde klapperten. »Also Meran, Ilselott ...?« »Ja – oder Bozen ... Da sind bequeme Zugverbindungen mit Berlin!« »Nicht wahr?« Der junge Mann strahlte. »Da können Sie dann in Meran sein und ich in Bozen!« Die kleine Frau hob den weichen Kopf und sah ihn still aus ihren blauen Kinderaugen an. Aber doch nicht überrascht – schien es ihm. »Da können wir uns dann so nett – rein durch Zufall – treffen. Mit dem Wagen ist's ja nur ein Katzensprung bis Bozen!« »Was wollen denn Sie in Bozen?« »Auch mal ausspannen! Drei Monate habe ich im Osten in der Reparaturwerkstatt als Schlosser geschuftet! Meine Nerven sind angegriffen, Ilselott!« »Das sieht man Ihnen wirklich nicht an!« Ein schwaches, schwermütiges Lächeln drüben. »Das muß ich doch wissen, wie ich mich fühle! Ohne Sie fühle ich mich in Berlin todunglücklich und fliehe!« »Das sollten Sie nicht tun!« »Das tu' ich ganz gewiß! Wenn Sie nach Meran gehen, gehe ich nach Bozen! Wenn Sie abreisen, ist das für mich ein Zeichen!« Berlin kam langsam näher. Die ersten Villen des Grunewalds. Menschen, Autos. »Machen Sie es mir doch nicht so schwer!« Ilselott hielt den Blick über die Pferdeohren auf die Landstraße gerichtet. »Schwer?« »Wenn ich mich einmal finden und sammeln möchte ...« »Wollen Sie denn wirklich allein sein?« Es kam keine Antwort. »Ilselott ...« Es sprach eindringlich, halblaut zu ihrer Rechten. »Sie brauchen einen Freund! Es ist besser für eine Frau geführt zu werden, als daß man es ihr nur an nichts fehlen läßt. Dann ist man für den Betreffenden nur eine Nebensache. Und das ist für eine Frau wie Sie ...« »Seien Sie jetzt still ...« In der Seitenstraße drüben schimmerte weiß im Rasengrün die Villa Hüsgen. Ilselott hielt vor dem Tor. Der Pförtner rannte um zu öffnen. »Ilselott – erlauben Sie mir, Ihr Freund zu sein?« Sehr blaß geworden war vor ihm das sanfte Gesicht. Stumm. »Lassen Sie mich wissen, wenn Sie sich entschlossen haben, zu fahren! Ja?« »Ja.« 43 Einsam, langsam der Ritt zurück nach Berlin W ... Deine Heimat, Werner Wiebeking, du Sohn des Goldenen Westens ... du Erbe des reichen Mannes. Und drüben Berlin O – deine Wahlheimat für ein Vierteljahr. Und der Berliner Osten mahnt: Komm – folge mir ins dunkle Land hinab – du Garagenschlosser Werner. Und von drüben, über die Alpen, weht ein weicher Wind: Kennst du das Land ... das Land für Liebende ... du Verliebter? Und man wird das Gewissen nicht los – die Pflicht des Sonntagskinds an den Mühsamen ... Und man wird die Liebe nicht los ... Herrgott ... man ist doch selber auch ein Mensch ... Nun eine beides, Werner Wiebeking! ... Der Dr.-Ing. Wiebeking stieg vor dem Haus der Eltern ab und gab den Gaul dem Gärtner zum Heimführen in die Pensionsstallung. Innen, in der Halle, kam, auf sein leises Sporenklirren, die kleine Geheimrätin ihm entgegen, den feinen, silbergrauen Kopf von Unmut bewölkt. »Also kein Lebenszeichen von deiner lieben Schutzbefohlenen! Einfach davon! Es soll mir eine Lehre sein! Und du sei künftig vorsichtiger, wen du mir angeschleppt bringst! Noch einmal kommt sie mir nicht ins Haus! Das bitte ich mir aus!« »Diese Sorge werde ich dir sofort abnehmen, Mama!« Der Sohn trat an den Fernsprecher und ließ sich verbinden. »Ist dort ...« »Hier bei Krügern?« tönte es heiser durch den Draht. »Wat is denn?« »Spreche ich mit Herrn Krüger selber?« »Den Vorzug jenießense, Herr ...« »Hier Wiebeking! Ihre Stieftochter, die Fränze, ist also glücklich heute nacht wieder zu Ihnen zurück ...« »Wat?« »Dem Mädchen ist nicht zu helfen! Also behalten Sie sie jetzt bitte! Wir verzichten ...« »Die Fränze ...« »Ihre Sachen werden heute zu Ihnen geschickt. Und damit Schluß ...« »Herr ... hier bei mich, ihrem ollen, ehrlichen Vater, is die Fränze nich! Gott weiß, wo die sich 'rumtreibt und mit wem?« »Nanu ...« »... und wer da drüben an der Strippe hängt! Bei Wiebekings is det sicher nich! Det merke ich schon an Ihrer Schnapskehle! ... Biste einer von der Kolonne? Wo haste denn die Fränze verstochen – he ...« Werner Wiebeking hängte ab. Er ging hinüber in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Geheimrat saß mit zwei Herren, einem Kleinen und einem sehr Dicken, an dem riesigen Tisch. Halb mannslange Kartonrollen lagen und standen zwischen ihnen umher. »Ich habe die Grundrisse der jetzigen Panzergewölbe im Hauptgeschäft schon vorgestern abend hierherschaffen lassen, damit Sie heute gleich im Bilde sind!« sagte er zu den Architekten. »Das ist also der jetzige Status, der mir nun einmal nach den nächtlichen Erfahrungen der letzten Zeit ungenügend erscheint ...« »Wir dachten schon daran, den ganzen Tresor nach amerikanischem Muster auf Säulen zu setzen, Herr Geheimrat, um den Knackern die Anlage eines Tunnels unmöglich zu machen!« »Jedenfalls möchte ich mit einem ganz modernen Umbau sofort beginnen – und wenn alle Weisen von Berlin mir schwören, daß ein Einbruch in eine Hauptbank ein Ding der Unmöglichkeit ist! ... Was hast du, Werner?« Der Vater drehte den energischen, bärtigen Graukopf zur Tür. »Ich bin augenblicklich sehr beschäftigt!« »Ich muß dich leider stören! Denk' mal, die kleine Häselich ...« »Bitte – laß mich mit diesem Frauenzimmer in Ruhe!« sagte der Geheimrat ärgerlich. »Ich hatte euch in Gottes Namen nachgegeben! Ich wasche meine Hände in Unschuld! Seid froh, daß ihr sie wieder los seid!« »Aber ...« »Ich habe wirklich Wichtigeres im Kopf als dies Mädchen aus der Fremde, auf das du 'reingefallen bist! Ich wünsche davon nichts mehr zu sehen und zu hören!« »Herr Kriminalkommissar Dürisch!« meldete der Diener. »Was will er?« »Es sei dringend wegen des Fräulein Häselich!« »Werde ich denn dieses Geschöpf nicht los?« Der kleine Geheimrat sprang erbittert auf. »Ich halte doch hier keine Rettungswache für jugendliche Verwahrloste! Augenblick, bitte – meine Herren! Komm mit, Werner! Du bist an der ganzen Pastete schuld!« Und, als er im Nebenzimmer dem schnurrbärtigen Herrn in unauffälliger Bürgerkleidung gegenübersaß, ungeduldig mit den Fingern auf den Knieen trommelnd: »Ich glaube, Herr Kommissar, daß fünf Minuten meiner Zeit für das deutsche Wirtschaftsleben wichtiger sind als diese ganze Hasenfratz oder wie heißt sie? – zusammen ...« »Ich höre erst heute morgen – leider hat mein Vigilant sich nachts in der entscheidenden Zeit durch zwei Helfershelfer der Häselich ablenken lassen –, daß sie sich nachts aus Ihrem Haus entfernt hat!« »Ab für Sie!« »... bei Ihrem Stiefvater ist sie, wie ich mich selbst überzeugte, nicht eingetroffen! Wo ist sie?« »Ja – da erlassen Sie bitte ein Preisausschreiben!« Der Geheimrat sah auf die Uhr. »Entschuldigen Sie mich jetzt! Besprechen Sie gütigst das Weitere wegen dieser mikroskopischen Existenz mit meiner Frau! Ich muß wieder in meine Konferenz!« »Wenn ich das vorausgeahnt hätte, gnädige Frau!« sagte der Kriminalkommissar höflich, aber vorwurfsvoll, »daß die Überwachung in Ihrem Hause so lax gehandhabt würde ...« »Ja – mir ist es ja auch schrecklich ... ich war nicht da ...« »... dann hätte ich die junge Person, so peinlich es mir gewesen wäre, lieber gleich verhaftet. Nun ist sie mir bis auf weiteres entwischt, und wir dürfen ihre Spur wie eine Stecknadel in Berlin suchen – eine Spur, die unterirdisch Gott weiß wohin überall führt ...« »Finden Sie sie nur, ehe ein Unheil passiert!« »Ich werde mein Bestes tun! Die Flucht der Häselich ist auch für Sie nicht unbedenklich, gnädige Frau – nachdem das Mädchen jetzt in Ihrem ganzen Hause Bescheid weiß. Ich empfehle Ihnen jedenfalls für die nächste Zeit größte Vorsicht!« »Besonders mir gegenüber, Mama!« sagte Werner Wiebeking lachend, als der Kommissar das Zimmer verlassen. »Er ist sich nämlich immer noch nicht ganz sicher, ob ich nicht am Ende der Ale bin!« »Ist er denn bei Trost?« »Ich werde auch von andern Leuten dafür gehalten! Zum Beispiel von einem Obstfräulein im Osten! Na – ich mache mich jetzt schleunigst auf den Weg!« »Wohin?« »Ich habe das Mädchen hierhergebracht!« Der Sohn fuhr in einen billigen Mantel und stülpte sich einen alten Filz auf den strohblonden Stoppelkopf. »Ich trage die Verantwortung. Gott sei Dank sind mir die Kreise der Fränze da draußen nicht fremd. Ich bin Stammgast in ihrer wenig salonfähigen Welt. Ich muß mal selber nachsehn, wo sie eigentlich geblieben ist!« 44 »Du – det is er – der bei Wiebeking'n im Haus als Schofför 'n jroßes Ding dreht!« Der Dr.-Ing. Werner Wiebeking hörte hinter sich, im Begriff, in die Krügersche Destille einzutreten, die halberloschene Stimme. Der hagere Mensch, der draußen zwischen den Baracken und Ruinen herumlungerte, blinzelte ihm mit entzündeten Lidern bedeutungsvoll nach. Ein kehlkopfschwindsüchtiges Gelispel zu seinem Gefährten: »Wir haben nich jewußt, Mensch, det der zu uns jehört! Wußte nur der Dicke! Der hat uns im letzten Momang uffjeklärt, wie wir den Kunden am Freitagabend bei Feuerstaken verhauen wollten ...« »Warum det wir ihm verhauen wollten?« Der hohläugige Vogelkopf hustete ... »weil er die Fränze ooch zu Wiebeking'n verschleppt jehabt hat! ... Jehörte doch hin – die Fränze – vastehste – wejen der jroßen Sache – um zu helfen! Sahen wir nu erst ein!« »Und was tut det Luder, die Fränze, dort? Will uns heute nacht wieder verpfeifen!« Die geröteten Fieberaugen über dem Stoppelkopf glühten. »Na – die is besorgt und uffjehoben!« »Wo denn?« »Mußte den Herr Schofför von Wiebeking'n drinnen fragen – wenn er's dir uff die Nase bindet!« »Amtmann – wer is denn der Schofför?« »Kennen wir nich!« »Kommt er aus'm Kittchen?« »Oder der Dicke hat ihn sich aus Hamburg bezogen!« Der rauchige Raum innen schwelte heiß von Menschendunst. Männer, die Hüte auf dem Kopf, stehend an der Theke. Frauenzimmer an den Tischen. Scherbelnde Schuhe in der Ecke – schon am Mittag. Wehmütig das Grammophon: ›An meiner Mutter Grab ...‹ Achtungsvolle Blicke auf Werner Wiebekings bartlosen, frischen, rotblonden Stoppelkopf. Der Schlag einer mächtigen, schneeweißen und blautätowierten, reichberingten Ringerhand auf seine Schulter. Die Stimme eines schwarzgelöckelten Riesen, kokette Ringe im Ohr, die Spitzenkante eines Damenhemds unter dem Adamsapfel sichtbar. »Det haste jut jemacht, det du de Fränze noch jerade abjeklappt hast!« Dann die trockene Kehle eines danebensitzenden behäbigen Mannes mit Zwicker und Aktenmappe, der wie ein kleinbürgerlicher Beamter aussah. »Geschieht dem Aas recht!« »Det du die Luft anhältst, Butterkopf!« schrie hinter dem Zapfhahn der Budiker Krüger. Die heiseren Worte sprudelten dem Glatzkopf unter dem flott aufgedrehten, grauen Schnurrbärtchen wie das Bier in das Glas. »Verjreife dir nich an den Jefühlen eines Vaters!« »Stiefvater – meenste?« »Jerade weiß ick dann, wat meine elterliche Pflicht is!« Der erboste, kleine Kerl trocknete sich die roten Wurstfinger an der schmuddeligen weißen Schürze. »Leben wir mang die Wilden oder genießen wir die Segnungen der Jesittung? Die Fränze muß wieder bei! Det sage ick! Sonst mach' ick Klamauk!« »Die Fränze – die stoppen sie einfach nach Hamburg!« sprach hinten die Ulanen-Guste zur Simili-Berta. »Und dann?« Auf dem strohblond gefärbten, zarten Kinderkopf des Äppelröschens brannte noch die Atemlosigkeit des Tanzes über den Schmink- und Schwindsuchtsflecken der Backenknochen. »Na – denn jeht's mit Mutter Dömich nach Argentinien! Bei Mutter Dömich jibt's nich lang Menkenke!« »Ach – das arme Ding!« »Die soll dir woll noch leid tun – wat?« Der Elegant mit der feuerroten Narbe rund um den halben Hals hob die Hand. Das spitze Gesichtchen des Äppelröschens wurde weinerlich vor Angst. Sie duckte sich in sich zusammen, wie ein geängstigter, kleiner Vogel und schwieg. Von der Küche schrie ein krötenplumpes Weib in schlampiger Nachtjacke, ein schwarzes Schnurrbärtchen auf der Herdröte der bösen Züge. »Von dem Dicken – da wird die Fränze noch wat besehen!« »Wo habt ihr die denn – he?« Ihr Mann, der kleine Kerl mit den pfiffigen Zwinkeraugen, schwappte zornig einen Kümmel in einen großen gläsernen Weißbiernapf. Das Appelröschen sprang empor und auf Werner Wiebeking zu. Sie war im Äußern noch ein halbes Kind. Schmächtig. Flachbrüstig. Schmalschulterig. Sie legte bittend die durchsichtig dünnen Hände zusammen. »Ach – tut doch bloß der Fränze nischt! Bringt sie bloß nich um! Bitte! Bitte! Die Fränze tut mir so leid. Dat's so ein propperes Mächen! Die hält auf sich! Nich wie unsereine!« »Was kann ich dabei tun?« »Sie sind doch einer von die janz Schweren! Sie haben det mit der Fränze in der Hand! Sie können ...« »Na – ich werde sehen!« Werner Wiebeking trat ganz nahe an den Wirt heran. Er dämpfte, die Hand mit der Zigarette vor dem Mund, die Stimme: »Wie ist das nun eigentlich mit der Fränze!« »Allens in Ordnung!« Die wässerigen Schnapsäugelein drüben plinkerten vertraulich. »Sie haben auf die telephonische Anfrage aus der Güntherstraße geantwortet, Ihnen sei nichts von der Fränze bekannt ...« »Wissen Sie ooch schon?« Es grunzte pfiffig aus dem Kehlkopf, um den sich ein rotes Sacktuch knotete. »Komm mal mit, Mensch! Hier vor den Kunden kann ich dir das doch nicht auseinanderpolken!« Daniel Krüger watschelte geschäftig auf seinen kurzen, in alten, grünen Schlappen steckenden Säbelbeinen vor dem andern her in den Zwiebel- und Fettdunst der Küche. »Hier murkst nur meine Olle 'rum!« Er blieb stehen. »Det Scheusal is natürlich injeweiht! Also, Mensch: det Ding hat geklappt! Jestern nacht haben die Zwei die Fränze sauber im Wagen hier abgeliefert! Wer die Brüder sind, weiß ich nicht! Du kennst sie natürlich!« »Klar!« »Is jut! Also die Zwee nu wieder weg ...« »Und die Fränze?« »Na – wie ihr vorgeschrieben habt!« Der Glatzkopf zwinkerte zu der fliegenschwarzen Küchendecke. »Oben in ihrer Stube haben mir die injesperrt! Da sitzt sie nu!« »So – da ist sie!« »Es war schon vorhin eener vom Revier da und hat angefragt, ob wir nichts von der Fränze wüßten! Ick habe gesagt: Vergrößern Sie den Kummer von 'nem Vater nich! Det's 'n ungeratenes Kind – die Fränze! Die hat sich 'nem Lebenswandel ergeben! Gott weiß, wo! Aber ich nicht!« »Da ist er wieder weg?« »Na ja! Det die Bolle da ob injespunnen is, det hab' ick dem Herrn Wachtmeister schamhaft verschwiegen!« »Kann sie da nicht 'raus?« »Det Aas wird was Saures besehen, wennse nur piept!« Die schwammige, schnurrbärtige Hexe am Herd lärmte mit den Kasserollen. »... oder um Hilfe schreien?« »Det Fenster jetzt nach dem Hof! Den Hof hab' ick unter Uffsicht! ... Nee – det jibt's nich! ... Dem Mächen is jetzt bange! ... Die liegt uff'm Bett und steckt den Kopf unter die Decke, vor Angst, wenn man nur 'rinkiekt!« »Na – ich halt' sie auf Abruf bereit!« Der schmierige, kleine Mensch geleitete seinen Gast durch das Lokal bis zum Ausgang. »Ick hätt' ja lieber 'ne lebendige Klapperschlange hier in't Haus, als jetzt det Mächen. Mir juckt ejal der kleene Finger, als ob die Blauen heut' wiederkommen und alles nach der Fränze durchsuchen!« »Bringt sie doch vorher fort!« schrie das Weib vom Herd. »Wohin denn, Mutter, wo sie uns nicht wieder verpfeift, unter fremden Leuten? Hier is sie wenigstens unter Uffsicht ... Nee – nee – det's Sache von dem Dicken ... hoffentlich kommt er bald! Na ...« er schloß die Türe hinter dem jungen Mann: »Jutes Jeschäft!« Draußen auf dem holperigen Pflaster der Schlünzigstraße stand, als der Dr.-Ing. Wiebeking hinaustrat, ein junger, wettergebräunter Spreeschiffer in hohen Wasserstiefeln, trotzig und drohend über dem blauen Wollwams das freundliche, offenherzige Gesicht. Er versperrte mit einem Schritt dem andern den Weg. »Bitte – machen Sie mir Platz!« »Erst sagen Sie mir, wo ihr die Fränze habt?« »Wer sind Sie denn?« »Mich könnten Sie ja woll wiedererkennen! Als ob ich Sie nicht mit der Fränze vor bald 'ner Woche über die Spree gerudert hätte!« »Richtig ...« »Ich bin der Schiffer Paul Räder. Ich bin der Fränze ihr Freund. Ich bin ein anständiger Mensch. Nu is die Fränze weg! ... Davon reden sie drinnen im ganzen Lokal. Ich habe da still gesessen und mein Bier getrunken. Und wie Sie nu gekommen sind, haben sich die da alle zugenickt: Das is er! Der mit der Fränze ...« »Ich habe ihr kein Leid zugefügt! Im Gegenteil!« »Also lebt sie noch! Wo? ... Mann ... Nu geben Sie mir Antwort ...« »Haben Sie nur ein wenig Geduld!« »Geben Sie mir Antwort ... hier auf der Stelle ...« »Ich verspreche Ihnen: Sie werden bald hören, daß es der Fränze gut geht!« »Tat lügen Sie! ... Ich will mir dat Mädchen holen! ... Wo ist sie?« »Rücken Sie mir nicht so auf den Leib, ja?« »Ich werd' Ihnen noch ganz anders kommen, wenn Sie nicht ...« »Mann – wenn Sie mich anrühren, box' ich ...« »Na – denn man tau! Kennste den Schifferhaken – ja?« Der Fausthieb von drüben streifte nur den Hut von Werner Wiebekings Kopf. Er hatte sich gewandt geduckt. Sein Handgriff fing die Rechte des Schiffers auf. Ihre Arme umschlangen einander. Sie torkelten ringend gegen die schiefe Hausmand des Restaurants Krüger. Dessen Türe flog auf. »Wart' mal. Junge! Nu spuckste Zähne!« Sechs gegen einen. Ein halb Dutzend von drinnen wider den Schiffer Paule Räder. Der Butterkopf. Der Blaumüller. Der Blitz-Ede. Der Feldprediger. Goldhäschen, der riesige Ringer. Der greise Palisaden-Karl. »Laßt man die Messer im Sack! Immer mit die Sachte!« Die Hiebe hagelten. Der junge Spreeschiffer lag am Boden. Rotes Getröpfel auf die Pflastersteine, vom Blut aus Mund und Nase. Er keuchte. Er war halb betäubt. Er erhob sich langsam. »Nu sammel' deine Knochen und verzieh' dir!« »Sonst wird's hier ungemütlich!« flüsterte mit erloschener Stimme der kehlkopfschwindsüchtige Amtmann. »Det et in Berlin so ungebildete Menschen jibt!« Daniel Krüger, der Wirt, schüttelte den gemütlichen, grauschnurrbärtigen Glatzkopf hinter dem Schiffer Räder her, der, ein Sacktuch vor der Nase, mit einem düsteren Rückblick seiner ehrlichen, feuchten Augen zur Spree hinabhinkte. Die andern drängten sich um Werner Wiebeking. Sie hoben ihm den Hut auf und rückten ihm den Mantelkragen zurecht. »Danke!« sagte er trocken. »Is jern jeschehen!« »Na ... Mahlzeit!« »Mahlzeit!« 45 Der Dr.-Ing. Wiebeking ging von Krügers Kaschemme weiter durch den Berliner Osten. Die Straßen lärmten. Auf der Brücke pfiff der Wind über die graue Spree. Drüben wieder das graue Bild: Grau die Häuser. Grau die Menschen. Grau die Welt trotz der Herbstsonne. Aber da lachte, in dem fahlen Alltag, eine kleine Farbeninsel des Südens. Orangengold hinter den Scheiben. Zitronengelb. Dattelbraun. Feigensilber. Bananengrün. »Da bin ich, Hildchen! Ich habe ja versprochen. Sie zu besuchen!« Werner Wiebeking stand an der schrill klingelnden Ladentür. Das blasse Obstfräulein schrak mit einem leisen Schrei des Glücks von ihrem Schmöker auf. Sie eilte ihm, lang und schlank, in ihrem weißen Ladenkittel, entgegen. Die braunen Augen flackerten in dem regelmäßigen Gesicht mit dem, immer wie in Erwartung eines Abenteuers, halb offenen Mund. Er schüttelte ihr die schmalfingerige, nervöse Hand und nahm auf der nächsten leeren Ananaskiste Platz. »Nun müssen Sie mir aber auch einen großen Gefallen tun, Hilde!« sagte er. »Habt ihr was vor?« Es klang aufgeregt. »Na und ob!« Er zog bedeutsam die Augenbrauen hoch. »Kann ich dabei helfen?« »Aber sehr!« »Gott sei Dank!« Die blassen Wangen der Hilde Lüders wurden heiß vor heimlicher Wonne. Sie setzte sich neben den jungen Mann und strich sich tatendurstig die Leinenfalten glatt und flüsterte wie eine Verschwörerin. »Was soll ich tun?« »Gar nicht viel, Hilde! Sie hatten mir vorige Woche versprochen, ein junges Mädchen für eine Nacht aufzunehmen!« »Das gnädige Fräulein sind aber nicht gekommen!« »Aber jetzt kommt sie!« »So ...?« Das Obstfräulein dehnte die Stimme. »Heute noch!« »Ach nee!« Sie stand auf und schüttelte mißmutig den Kopf. »Aber Hilde ...« »Lieber nicht ...« »Hilde ... Hilde ...« »Nee – ich danke!« »Hilde – nennen Sie das Romantik?« Der junge Mann hob von seiner Kiste unten vorwurfsvoll die blauen Augen zu ihr empor. »Ich soll die Dumme sein ...« Tränenschlucken in der Kehle. »Eifersucht! Schickt sich das denn für eine Räuberbraut?« »... und Ihnen Ihre Geliebte ...« »Ist sie nicht!« »... oder Sie dürfen sie jetzt heiraten – auf Ihre Chauffeurstellung hin ... Und da soll ich ...« »Eifersüchtig kann jeder sein! Wir sind doch höhere Menschen. Wir kennen doch so etwas nicht. So steht das doch auch in Ihren Büchern!« »Ach – das ist viel von mir verlangt!« Das Obstfräulein strich sich traurig mit der Hand über das ewig phantastische Haar. »Natürlich verlangen ungewöhnliche Dinge ungewöhnliche Opfer, Hilde! Aber ein so ungewöhnliches Wesen wie Sie ...« Die Hilde Lüders warf ihm einen dankbaren Blick zu. Sie vergrub die kleinen, weißen Zähne in der blassen Unterlippe. Sie sah sehr hübsch aus, mit dem schmerzlichen Ausdruck auf den schwärmerischen Zügen. »Es ist gefährlich!« sprach sie warm, mit einem Augenaufschlag. »Für Sie nicht, Hilde! Sie wissen ja von nichts!« »Aber das Leben ist so langweilig ...« Ein abenteuerlicher Schein wie verliebtes Wetterleuchten auf dem Antlitz der Hilde Lüders. »... und wenn ich bitte ...« »Für Sie – für einen ganz Großen wie Sie – da tu ich's!« »Also schönen Dank, Hildchen!« Ein Händedruck. »Wenn heute Abend wird, dann gehe ich – in der Schummerstunde – jawohl – ganz richtig – mitten mang die Verbrecher, und lang' mir oben in Krügers Restaurant die Kleine und bring' sie her!« 46 Der Dr.-Ing. Wiebeking winkte vor dem Obstladen einem Taxameter. Er fuhr heim und stieg in sein Arbeitszimmer im ersten Stock des Elternhauses hinauf. Eine Weile ging er dort versonnen zwischen den hohen Bücherschränken auf und ab. Dann entbot er den einen Chauffeur. »Wietrich!« Es klang aufgeregt. »Halten Sie sich von morgen früh ab mit dem kleinen Reisemagen bereit. Es kann jeden Augenblick sein, daß ich nach Südtirol fahren muß! ... Bremsen nachsehen! Vier neue Reifen! Route – Kesselbach-Straße – Zirler Berg – Brenner – Bozen! Wir haussieren abwechselnd, damit wir vorwärtskommen! ... Danke! ... Was wollen Sie wissen, Elise?« »... was mit den hiergebliebenen Sachen der Häselich geschehen soll?« »... die Häselich ...« Werner Wiebeking sammelte seine Gedanken aus dem Süden. »Das wird sich in wenigen Stunden klären! Da wird das Mädchen wieder zum Vorschein kommen ...« »Doch nicht hierher, Herr Doktor?« »Keine Angst! In einem Obstladen im Osten! Dahin muß man der Häselich dann noch heute abend ihren Kram bringen!« Die bebrillte Jungfer ging. Werner Wiebeking begann unruhig, Schubladen in seinem Zimmer aufzuziehen, Bücher zu schichten, seinen Paß herauszukramen. Mitten in den Reisevorbereitungen klingelte das Telephon. Er hörte am Ohr eine Frauenstimme. Er zuckte leidenschaftlich zusammen. Nein: es war am Telephon eine ältere Dame. »Hier Fürsorgestelle! Das Mädchen, das heute früh nach Ostpreußen fahren sollte, ist nicht erschienen!« »Es kam leider etwas dazwischen, gnädige Frau! Entschuldigen Sie! Ich bring' sie morgen um die gleiche Zeit persönlich an den Zug!« Er zündete sich eine Zigarette an, warf sie ungeduldig weg, griff wieder nach dem Sprachrohr. »Dort Hauptkasse? Bitte gleich durch Boten nach Privatwohnung auf Konto Eigen ein Akkreditiv über zweitausend Dollar für Bozen! Es eilt!« »Herr Doktor Schraubt möchte den Herrn Doktor sprechen!« meldete in der Türe der stille, sorgenvolle Diener Leopold. Werner Wiebeking ging hinunter. Aus dem Salon seiner Mutter hörte er das Grollen einer dunkeln, starken Männerstimme. Die über den tiefliegenden Augen fest zusammenstoßenden, buschigen Brauen gaben dem Dr. Josef Schraubt immer etwas Finsteres. Jetzt waren seine bartlosen, groben und klugen Züge noch mehr von dumpfem Mißvergnügen umwölkt. »Herr Doktor Schraubt ist mit Recht ungehalten, Werner!« sagte die Heine Geheimrätin. »Erst bemühen wir ihn wegen dieses Mädchens ...« Der Sonderling drüben hatte seine plumpe Gestalt eines guten Dreißigers schwerfällig aus dem Sessel gelüftet und dem Sohn des Hauses die Hand gedrückt. »Die Häselich ist, wie ich höre, aus Ihrem Hause geflüchtet ...?« Er setzte sich wieder. »Das eigentlich nicht ...« »Wieso?« Es klang rasch. »Na – lassen mir diese Geheimnisse von Berlin!« Der junge Mann lachte im Stehen. »Suchet – so werdet ihr finden!« »Sie wissen, wo sie ist?« Ein stechender Blick von unten. »In ein paar Stunden habe ich die Häselich im Osten in einem ordentlichen Quartier untergebracht! Ich gebe Ihnen dann sofort Nachricht, Herr Doktor, und morgen früh kann das gute Kind zu allgemeiner Erleichterung abdampfen!« »Das wäre ja sehr erfreulich!« Der Privatgelehrte küßte der Dame des Hauses ungelenk die Hand. Er verbeugte sich förmlich gegen Werner Wiebeking. Er ging. Die Geheimrätin hob gespannt den silbernen Scheitel. »Wo hast du denn die Häselich aufgetrieben, Werner?« »Lasse mich jetzt bloß mit dem unseligen Balg in Ruhe, Mama! Ich ordne das alles heute noch im Lauf des Abends. Aber ich habe jetzt wirklich anderes im Kopf!« Werner Wiebeking lief in seine Räume hinauf. Ging da untätig, unstet, auf und nieder. Sah zuweilen unruhig auf die Uhr. Stunden verstrichen. Es fing ganz leise an zu dämmern. Da – das Telephon! Er eilte an den Apparat. Lauschte. Ein halblauter Ausruf des Entzückens. »Ilselott – sind Sie's?« »Ja ... ich ...« Fern die leise Stimme durch den Draht. »Gott sei Dank!« »Sie wollten wissen, ob ich nach Meran fahre ...« Ein Zögern. »Ja – ja ...« »Ich fahre mit dem Fern-D-Zug morgen früh ...« »Und ich mit dem Wagen vormittags nach Bozen ... Ich hab' nur noch vorher etwas hier zu erledigen!« Die Worte überstürzten sich auf Werner Wiebekings Lippen. »Ich fahre Tag und Nacht durch! Übermorgen abend werde ich in Bozen aus ... Ilselott ... sind Sie noch da?« Keine Antwort mehr ... Aber auch gut ... Genug ... Er lachte, während er abhängte. Er ging stürmisch atmend durch das Zimmer. Er stand verklärt am Fenster und schaute lange hinaus in das Abendgrauen des Tiergartens. Dann gab er sich einen Ruck in die Wirklichkeit zurück. Er kleidete sich in ein Räuberzivil. Er beorderte wieder den Chauffeur: »Sie halten an einer Stelle an der Spree, wo ich es Ihnen sage, und warten da!« »Jawohl, Herr Doktor!« »Ich gehe dann noch ein paar hundert Schritte zu Fuß weiter«, Werner Wiebeking steckte eine Repetierpistole in die Hosentasche, »und komme dann nach einiger Zeit mit einer Frauensperson zurück – na – die Häselich ... Sie kennen sie ja! Die liefern wir auf der andern Seite vom Fluß in der Färberstraße ab! Los!« 47 Frühe Nacht über Berlin. Berlin wimmelt und kribbelt. Rasselt und rollt. Läutet und lacht. Tutet und flutet. Scheinbar immer dieselben Gesichter im Kreislauf der Millionen. Und doch verändert sich dort im dunkelsten Berlin das Gesicht Berlins: Müßig beisammenstehend bleiche, junge Kerle, die Mützen im Genick. Schlampige Weiber an den Straßenecken. Bärtige Patriarchen, wie vom Filmregisseur zurechtgemacht, in schwarzen Torhöhlen. Schatten in den Hinterhöfen. Langsam durch den aufgerührten Bodensatz der Weltstadt wandelnde Schupo-Zwillinge ... ›Heute abend Tanz‹ – Werner Wiebeking las es auf dem Weg von seinem zurückgelassenen Wagen zur Schlünzigstraße. ›Löffelerbsen mit Speck‹ ... ›Café zur Gemütlichkeit‹ – und da, einsam, dunkel, nahe der Spree: ›Krügers Restaurant‹. Um diese Stunde ganz leer. Hinter den rot erleuchteten Fenstervorhängen dusselte Vater Krüger einsam zwischen den Rollmöpsen und Soleiern seiner Theke und rieb sich gähnend die verschlafenen Schnapsäugelein. »Da biste ja schon wieder, Mensch! ... Setz dir! ... Wat willste haben?« »Nichts! Ich will die Fränze abholen!« sagte Werner Wiebeking. »Ach nee!« »Jetzt wo's duster is und niemand im Lokal! Ich soll sie anderswohin bringen!« »Auftrag vom Dicken?« »Du darfst noch viel höher 'raufraten, du Dussel!« »Weiß ick doch, det du janz injeweiht bist!« Daniel Krüger erhob sich achtungsvoll auf seine kurzen Säbelbeine. »Na – ick danke meinem Schöpfer! Ick jenehmige mir 'nen Hochachtungsschluck, wenn ick det Jewürm jlücklich aus dem Haus hab' ... Na komm!« Und auf der Treppe zum Oberstock, geschäftig vorauswatschelnd, heiser: »Bisher hat noch keener vom Revier wieder nach der Fränze jemeckert! Aber ick bin 'n oller, erfahrener Mann – ick traue der Polente nich!« Er sperrte eine Tür auf. »Fränze – mach' dir fertig! Dein Freier is da! Et jeht nach Italien!« »Fränze!« Der junge Mann stand ungeduldig vor dem schmalen, eisernen Bett, auf dem etwas, unter der Decke vergraben, zuckte und schluchzte. »Ich bin's! Kommen Sie!« »›Sie‹ sagt er ooch noch uff det Balg!« Vater Krüger feixte. »Fränze!« Er flüsterte ihr ins Ohr: »Ich bring' Sie zu einem freundlichen Fräulein in der Färberstraße. In einen netten Obstladen. Da können Sie nach Herzenslust ...« und laut: »Aber nun 'mal auf!« »Det is nich wejen der Schenierlichkeit! Sie is ja janz anjepellt! Sie will bloß nicht 'raus – das Luder ...« »Fränzel! Ich mein' es doch gut ...« »Aber ich bin so schlecht!« stöhnte es unter der vermotteten, alten Wolldecke. »... Wo ich ihn doch zuerst gestern bei euch 'ringelassen hab'!« »Hat sie einen bei euch nachts ausbaldowern lassen?« Daniel Krüger rieb sich die speckige Glatze. »Na – det stimmt einen ja schon milder!« »Und hinterher dann ... ach – ich weiß ja gar nicht mehr, was ich tu'!« keuchte es in den Kissen. »Fränze – das erzählen Sie mir alles nachher! Aber jetzt ...« »Schmeißt mich doch in die Spree! ... Ich verdien' nich zu leben! Erst bring' ich da Unglück – denn bring' ich dort Unglück! Durch mich geht alles verschütt! Ich kann Ihnen nicht ins Gesicht sehen, Herr Doktor!« »Herr Doktor is jut!« Der alte Krüger drängte den andern zur Seite. »Du machst det viel zu gebildet, Mensch!« Plötzlich brüllte er los. »Willste warten, bis der Dicke kommt?« Die Fränze sprang, völlig angekleidet, auf die schmalen, in gelben Halbschuhen steckenden Füße. Sie starrte entsetzt um sich. Sie langte nach ihrem kaninbesetzten Mäntelchen. »Na – schnell – schnell!« drängte der Stiefvater. »Det ick bloß erst uff'm Alex mit propperem Jewissen die Finger uffheben kann, det du mir hier nich mehr bewußt bist ...« Die Fränze suchte nach ihrem roten Topfhut. Sie flatterte irr in der Stube herum wie ein gescheuchter Spatz. »Fertig, Fränze?« Werner Wiebeking trat mit ihr auf die morschen Dielen des halbdunkeln Flurs. »Vorwärts!« »Nee – nu laßt det mal unterwejens!« Der kleine Krüger horchte und spuckte aus. »Warum sollen wir nicht die Stiege 'runter?« »Weil et zu spät is, Mensch!« Ein Grinsen drüben unter der Glatze. »Haste deine Ohren zujeknöppt? Da kommt doch der Dicke die Treppe 'rauf!« Und ein schadenfrohes Zwinkern gegen die Fränze hin und nur die zwei Worte: »Nu aber ...« Es stieg wuchtig die krachenden, ausgetretenen Stufen empor. Eine breitschulterige Boxergestalt im Zwielicht. Ein steingraues, schläfrig-bösartiges Bulldogg-Gesicht mit breitflügeliger Nase und aufgeworfenen Lippen unter starrem Borstenhaar. Ein grimmiges: »Na – wat denn – wat denn? Wer vergreift sich denn da an der Puppe? Det is meine Sache!« »Na – den Kunden kennste doch ...« »Wer soll denn det sein?« »Den Kunden haste uns doch selber warm ans Herz jelegt – neulich – wie sie ihn bei Feuerstaken versohlen wollten! ... Da haste dich doch noch vor ihn gestellt und jesagt: ›Wat der tut, det jetzt richtig!‹ Deswegen hab' ick mir jetzt injebildet, der holt die Fränze in eurem Auftrag ...« »Den muß ick mir doch bekieken!« Der Dicke trat, brutal durch das Zwielicht zwinkernd, näher. Plötzlich wiegte er sich breitbeinig, mit vorgestrecktem Oberkörper, und ballte die mächtigen Fäuste. »Sie sind's!« Und zu dem Säbelbeinigen. »Det jing damals in Ordnung – bei Feuerstake – aber nu nich mehr!« Er drehte wieder die breitgewölbte Brust gegen Werner Wiebeking. »Seitdem is uns 'ne Jasbeleuchtung uffjejangen, wer Sie sind!« Er grinste. »Ick hab' die Fränze unterdessen schon bei Ihren verehrten Herren Eltern im Jarten besucht. Sie haben det bloß in der Zerstreutheit nich bemerkt!« Die kleine Häselich heulte leise. Er packte sie als sein Eigentum am Arm. »Det könnte Ihnen so passen: det Mächen auf die Polizei bringen – und uns ins Loch – durch das, was sie da quatscht ...« »Ich bringe das Mädchen in Sicherheit!« sagte der Dr.-Ing. Wiebeking. »Kommen Sie mit mir, Fränze!« »Fränze – untersteh dir! ... Und Sie ... Ick jebe Ihnen eine Minute, det Sie sich unsichtbar machen! Det jeht um Ihr Leben!« »Ich glaube, ich nehme es noch mit Ihnen auf!« Werner Wiebeking griff im Halbdunkel nach dem Browning in der Hosentasche und entsicherte den Stellhebel. »Lassen Sie mich jetzt mit dem Fräulein Häselich durch!« »Fräulein Häselich – so 'n Stiesel!« Der Glatzkopf kicherte. Dumpf der Dicke: »Nu wird's Tag!« »Fräulein Häselich ist großjährig!« »Et is mir nich wejen Ihnen!« Die kleinen Augen drüben funkelten bösartig. »Nur wegen der Aaserei hinterher, mit der Polizei! Det 's nämlich 'n Millionär, Krüger! Da regen sich die uff – beim Leichenbegängnis!« »Kommen Sie, Fränze!« »Zurück – sag' icke!« »Mutter – stör' jetzt det zärtliche Zwiejespräch nich!« schrie Daniel Krüger. Der schwammige, schnurrbärtige Koloß keuchte die Hühnerleiter empor. »Die Polente – die Polente ... Zum Glück hat's die Juste an der Straßenecke jesehen ... Sie sind schon dabei, det Haus zu umstellen ...« »Fürchten Sie sich nicht, Fränze! Halten Sie sich immer hinter mir! Hier in der Ecke, bis die Polizei kommt!« In der Faust des Dicken schnurrte etwas Schuhlanges, Stählern-Elastisches wie eine Schlange durch die Luft. Es traf Werner Wiebeking, während er den Browning in Drohbereitschaft hob, auf Hut und Kopf. Die Waffe plumpste dumpf auf die Dielen. Er knickte in den Knieen und stürzte hinterdrein. Der Dicke packte die Fränze am Arm. Er rannte den Flur entlang. Er spähte: »Da – im Hof sind sie noch nicht! Wirste gleich mitkommen!« Die Fränze lief willenlos wie ein Lamm im Trab nebenher. Fort. Daniel Krüger hastete die Treppe hinab zu seinem Schanktisch. Nebenan scheuerte seine Frau emsig Kasserollen blank. Er spülte Biergläser aus und wandte, als die Straßentüre aufflog, leutselig den verschwiemelten Kopf: »'n Abend, Herr Kommissar! Bei mir brauchen Sie sich doch nicht erst zu bemühen und die Marke vorzeigen! Ick habe doch die Ehre Sie zu kennen! Razzia? Sie sehen: det janze Lokal jlänzt durch Abwesenheit! Schlechte Zeiten!« »Wo ist Ihre Stieftochter – die Fränze Häselich?« »Da fragen Sie mich zuviel!« Der Säbelbeinige kam unschuldig hinter dem Schragen hervor. »Weg! Det is der Freiheitsdrang ... die heutige Jugend – wissen wir ja, Herr Kommissar – wir waren ja ooch mal jung ... Und wer sich so rüstig erhalten hat wie der Herr Kommissar ... Sie wollen Haussuchung halten? Bitte – bedienen Sie sich!« Schwere Tritte im Oberstock. Türenschlagen. Dann die laute Stimme des Kriminalkommissar Dürisch. »Kommen Sie sofort herauf!« »So schnell 'n oller Mann kann! Na – Sie sehen ja, Herr Kommissar: alle Türen uff! Alle Stuben leer! Alles im Stande der Unschuld! Wie det so mit Daniel Krüger is ...« »Wer ist der Mann, der hier bewußtlos liegt?« »... 'n Mann, sagen Sie?« Der kleine Kerl faltete erschüttert die Hände. »Na – wie kommt denn der daher?« »Und da liegt der Totschläger!« Ein Beamter hob die biegsame kinderarmdicke Rolle aus gewickeltem Zaundraht. »Damit wird er sich den Schlag wohl selber beigebracht haben!« »Reden Sie keinen Unsinn! Was ist hier geschehen?« »Ja. Der muß sich wohl heimlich eingeschlichen haben! Ick hab' keine Ahnung! Ick war die janze Zeit unten im Lokal und meine Frau in der Küche! Ick habe nischt jehört und nischt jesehn!« »Na – das wird ja die Untersuchung ergeben! Krause – leuchten Sie mal dem Mann auf dem Boden ins Gesicht ...« »Äußerlich verletzt ist er nicht! Nur schummerig von dem Hieb! Aber – Herr Kommissar ... Herr Kommissar ... Nun sehen Sie nur, wer das ist!« »Nanu?« Der Kommissar Dürisch beugte sich vor. Sein energisches, schnurrbärtiges Dienstgesicht wurde noch ernster. »Der Doktor Wiebeking selber, Herr Kommissar!« Der Kriminalkommissar Dürisch schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. »Herr Wiebeking junior! Nun frag' ich Sie, Krause: Was tut der Mann in der Verbrecherwelt? Was treibt ihn dahin? Welche Rolle spielt er?« »Das wird er uns in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht verraten, Herr Kommissar!« »Nein! Besorgen Sie schleunigst 'ne Droschke, Krause! Wir wollen ihn vor allem mal ohne Aufsehen nach Hause bringen!« 48 Der Münchener Schlafwagenzug bremste frühmorgens auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin. Auf der Leinwandhülle der Handtasche, die die blasse, blonde Dame durch das Abteilfenster dem Träger reichte, klebte eine Hotelmarke von Meran. Die kleine Frau ging, langsamer, müder als die andern Reisenden, hinter dem Mann her zur Sperre. Ihr zartes Gesicht war übernächtig und still. Ehe sie unten in die Droschke stieg, stand sie einen Augenblick und sah geistesabwesend, beinahe erstaunt, aus großen, blauen, traurigen Augen auf dieses kühle, nüchterne, morgendliche Berlin unter dem grauen Herbsthimmel und sein farbloses Gewimmel eiliger Fräulein und Herren mit Mappen von der Straßenbahn her in die Büros und Läden. Sie schüttelte leise den Kopf und seufzte. »Kutscher! Grunewald. Westallee siebzehn.« Die Villa Hüsgen lag verschlafen. Das öffnende Mädchen prallte zurück. »Herrjeses – die gnädige Frau ...« »Nun – was ist denn daran?« Die kleine Frau schlüpfte matt aus dem Reisepelz. »Ich wollte ein paar Wochen in Meran bleiben! Heute ist Montag – nicht? Also gerade eine Woche!« »Aber daß gnädige Frau nicht telephoniert haben ...« »Beruhigen Sie sich jetzt, Agnes! Ist der Herr schon auf?« »Herr Doktor ist beim Frühstück!« Tasse und Teller standen, achtlos zurückgeschoben, unberührt, neben Gebhard Hüsgen. Er saß vorgebeugt am Tisch, den feinen Mund grüblerisch zusammengepreßt, und zerwühlte mit nervösen Händen ein Gewirr von Briefen und Zeitungsausschnitten, las, verglich. Er hob die milden, blauen Augen zerstreut zu Ilselott. »Der einzige, den ich bei der Auktion morgen fürchte«, sagte er geheimnisvoll, »das ist Sam Wynstock ... Mein Gott – du weißt doch: der große Kunsthändler aus New York. Er bietet für MacLean selber. In dessen Sammlung fehlt ein Andrea del Sarto. Das ist bekannt!« Angst bebte in seiner Kehle. »Wenn natürlich solch ein Dollarkönig sich darauf verbeißt ...« Plötzlich kam er zu sich. Er sah seine Frau an und strich sinnend über das schmale, asketische Gelehrtengesicht. »Du bist doch in Meran ...« »Wie du siehst, nicht mehr!« Ilselott setzte sich müde und goß ihm Kaffee ein. »Frühstücke jetzt! Du bist wieder nicht von dieser Welt!« »Warum bist du denn so plötzlich aus Meran fort?« »Ach – die Luft bekam mir nicht. Ich schlief schlecht. Und ich fand auch nicht so recht Verkehr ...« »Wie lange warst du eigentlich fort?« »Einerlei! Vermißt hast du mich scheint's nicht sehr!« »Ach, Ilselott!« Gebhard Hüsgen lächelte sie freundlich an. Es war ein warmer, liebevoller Schein in seinen blauen Augen. Gleich darauf schattete da wieder der stille Fanatismus. Er vertiefte sich gespannt, ängstlich, in eine amerikanische Zeitung. Es zuckte bitter um die weichen Lippen der kleinen Frau. Sie erhob sich. »Ich mach' mich jetzt erst mal oben menschlich! Auf nachher, Gebhard!« »Hoffentlich bin ich dann noch da!« Er nickte gütig und flüchtig, den Blick auf dem Blatt. Oben stand Ilselott Hüsgen eine Stunde später am Telephon. Sie streckte die Hand nach dem Hörer aus. Sie ließ sie halbwegs wieder sinken. Sie wandte sich ab und ging hinunter. »Wo ist der Herr, Agnes?« »Herr Doktor ist vor einer Viertelstunde weggefahren! Er hat hinterlassen, er müsse dringend zu einer Besprechung mit Herrn Rösing, wegen der großen Kunstauktion morgen. Er könne nicht länger warten!« »So? ... Er hat nicht länger warten können ...« Die kleine Frau sagte es leise, mehr zu sich als zu dem Mädchen. Sie stieg wieder in ihre Räume hinauf. Sie ließ sich am Telephon verbinden. »Hier Diener bei Wiebeking!« »Bitte – ist der junge Herr zu Hause? Sagen Sie ihm, eine Dame möchte ihn selber sprechen!« »Herr Doktor darf noch nicht ans Telephon!« klang es diskret hüstelnd durch den Draht. »Wer verbietet ihm denn das?« »Der Arzt!« »Ist er denn krank?« »Leider.« »Seit wann?« »Seit heute vor acht Tagen!« »Gerade seit letztem Montag? Aber da war er doch spätnachmittags noch ganz wohl ...« »... und abends ist der Herr Doktor drinnen in der Stadt auf der Straße auf einer Bananenschale ausgeglitten und gestürzt und mit dem Kopf angeschlagen!« »Ach – und war das denn so arg?« »Herr Doktor blieb bewußtlos liegen!« »Um Gottes willen ...« »Zum Glück hat die Polizei in seiner Brieftasche seine Visitenkarten gefunden und ihn in einer Droschke hierhergebracht!« »Und wie geht es ihm jetzt?« »Herr Doktor fühlt sich schon wieder wohl. Er wird bald ganz hergestellt sein!« »Ist er auf?« »Schon seit vorgestern!« »Dann holen Sie ihn ans Telephon!« »Ich darf nicht! Ich habe strengen Auftrag vom Arzt! Herr Doktor soll noch Ruhe haben. Es wird ja den ganzen Tag nach seinem Befinden gefragt ...« »Sagen Sie mir die volle Wahrheit ...« Ilselotts Stimme zitterte. »Steht es am Ende mit ihm nicht viel schlimmer?« »Herr Doktor hat nur noch etwas Kopfschmerzen und Schwindel. Sonst fehlt ihm nichts!« »Ich glaub' es nicht! Ich hab' so eine entsetzliche Ahnung ...« »Verzeihung! Ich werde abgerufen!« Ilselott Hüsgen stand, die Hände ineinandergekrampft. »Agnes!« »Gnädige Frau?« »Ist der Wagen schon zurück?« »Eben fährt er ein!« »Er soll warten! ... Hut – Mantel – irgendwas ... nur schnell ...« Unten hielt die mächtige himbeerfarbene Limousine. Ilselott setzte hastig den Fuß auf das Trittbrett. »Nach der Villa Wiebeking am Tiergarten! Güntherstraße drei!« 49 Der Wagen hielt vor dem Gittertor der Villa Wiebeking. Die blasse, blonde, kleine Frau saß nervös in die Ecke gedrückt. Sie sagte zu dem Chauffeur, der den Schlag öffnete: »Ich bleibe hier drinnen sitzen. Gehen Sie ins Haus und sehen Sie, ob ich nicht den Diener, mit dem ich vorhin telephoniert hab', einen Moment sprechen kann!« Der Diener Leopold folgte dem Chauffeur auf den Hacken, bloß den stillen, faltigen, ältlichen Kopf. Er rieb sich sorgenvoll die Hände, während er mit einer Verbeugung an die Limousine herantrat, und sah Ilselott schweigend an. Sie neigte ihm hastig das bleiche, weiche Antlitz entgegen. »Also hören Sie doch mal ... seien Sie doch so gut ... Herr Doktor Wiebeking möchte doch hier an den Wagen kommen ...« »Unmöglich, gnädige Frau!« »Wenn er den Wagen sieht, weiß er schon, wer drin ist!« »Ich darf Besuch in keinerlei Form melden, gnädige Frau!« Ein Flüstern des Stillen im Lande. »Sie müssen eine Ausnahme machen ...« »Der Arzt hat es verboten ...« »Dann geht es Herrn Doktor Wiebeking auch gar nicht so gut, wie Sie sagen ...« Ilselott Hüsgen faltete verstört die Hände vor der Brust. »Doch, gnädige Frau!« »Dann ist er gar nicht auf und geht herum ...« Der Diener Leopold hob stumm und leidvoll die eine Schulter und wollte sich zurückziehen. Die junge Frau überlegte. Sie biß sich auf die Lippen. Sie winkte ihm mit dem Kopf zu bleiben. Sie beugte sich aus dem Wagenfenster. »Ist Frau Geheimrat Wiebeking zu Hause? Jawohl? Fragen Sie die gnädige Frau, ob sie mich eine Minute empfangen will! Hier meine Karte!« »Die gnädige Frau lassen bitten!« Der ältliche Mensch glitt aus der Villa durch den Garten zurück. »Es ist ja wahnsinnig unverschämt von mir, einfach bei Ihnen so unbekannterweise einzudringen.« Ilselott Hüsgen saß, sehr blaß, der Hausherrin gegenüber. »Bitte – gnädige Frau – der Name Ihres Gatten als Kunstsammler ist so bekannt wie die Firma Hüsgen in der Finanzwelt!« »Nicht wahr? Das gab mir auch Mut!« Die kleine Frau schaute verwirrt vor sich nieder. »Es ist nämlich – ja – ich war verreist. Und wie ich heute wiederkomme – da höre ich ...« »Ihr Herr Sohn und ich sind nämlich gute Freunde!« Ein offener, klarer Blick der blauen Augen auf die ältere Dame gegenüber. »Das ist ja heutzutage nichts so Ungewöhnliches – nicht wahr – man ist doch nicht mehr wie früher, daß man gleich ...« »Aber bitte, gnädige Frau!« »Wir kennen uns noch nicht lange. Aber trotzdem ... Nun soll er, während ich weg war; verunglückt sein! Ihr Diener hat so etwas Zurückhaltendes, wenn man ihn fragt – so als ob es schlimmer sei, als er zugeben will ...« »Nein – nein – gnädige Frau!« »Da dacht' ich mir, ich bin so frei oder ich bin so frech und frage einfach Sie! Ich wollte nicht etwa Ihren Herrn Sohn sprechen – da sei Gott vor! – nur von Ihnen hören ...« »Ich kann Sie zum Glück beruhigen!« sagte die Geheimrätin. »Die alte Unsitte, Obstreste aufs Pflaster zu werfen ... Da hat er einen bösen Sturz getan ... Zufällig befand sich auf der Polizeiwache, wohin man ihn brachte, ein uns bekannter Kriminalkommissar – ein Herr Dürisch – und hatte die Freundlichkeit, selbst den Transport hierher zu übernehmen ...« »Transport? ... Ach Gott: da liegt er doch wohl schwerkrank im Bett?« »Du, Mama ...« Ein junger Mann trat eilig ein. »Was ist denn das für ein großer, himbeerroter Wagen, der draußen hält? Den kenn' ich doch!« Er blieb stehen und sprach kein Wort mehr. »Sie sehen, gnädige Frau: Er ist auf!« Die Geheimrätin Wiebeking sagte es milde. Sie erhob sich und ging in den offenen Nebenraum und beschäftigte sich da mit einem Wassersprüher an ihren Azaleen. Drinnen eine ausgestreckte, zitternde, kleine Hand. »Gott sei Dank ... Adieu ...« Er hielt die Hand fest. »Ilselott ...« »Ich kann Sie doch hier nicht besuchen! Wir sehen uns ja bald bei mir!« »Ich bin so glücklich ...« »Und ich war so steinunglücklich in Meran! Ich hatte ja keine Ahnung ...« »Und ich wußte doch deine Adresse dort nicht! Ich kann auch erst seit ein paar Tagen wieder vernünftig schreiben.« Sie sagte nichts dagegen, daß er sie du nannte. Sie atmete heftig. Sie machte sich los. Sie ging zur Tür, Sie lächelte schmerzlich. »Ach – ich war ganz auseinander ...« »Ja – an so einer Bananenschale hängt es nun ...« »Wer weiß ...« Sie blieb noch einmal stehen ... »wozu die Bananenschale gut war ...« »Ilselott ... Wenn du und ich in Meran ...« »Nein. Nein. Wir müssen vernünftig sein!« Sie drückte ihm hastig die Hand und beugte sich nebenan über die Rechte der alten Dame. »Tausend Dank, gnädige Frau! Entschuldigen Sie die Störung! Adieu!« Draußen brummte die rote Limousine. Die Geheimrätin sah ihren Sohn an. Sie sagte nichts. Er auch nicht. Er stand am Fenster und schaute andächtig dem davonrollenden Wagen nach. Er wandte den noch sehr blassen Kopf. Er nickte ermunternd dem stillen Diener Leopold zu, dessen lautloses Erscheinen ihn vom Alleinsein mit der Mutter befreite. »Na – Mann Gottes – was gibt's? Drucksen Sie nicht!« »Herr Kriminalkommissar Dürisch will sich nicht abweisen lassen! Es sei dienstlich!« Drüben im Rauchzimmer saß der Kommissar, ein guter Bürger im Äußern, schnurrbärtig, jovial, vertraulich die Fingerspitzen auf den Knieen zusammenklappend. »Na – gottlob, Herr Doktor – soweit wieder auf dem Posten? Noch ein bißchen Brummschädel – was? Ging noch gut ab! So'n Totschläger ... Also nur ein paar Minuten – im Interesse der Untersuchung ...« »Die Kriminalpolizei in Berlin kriegt doch in neuerer Zeit mit tödlicher Sicherheit jeden Verbrecher am Kragen! Also hoffentlich halten Sie mich infolgedessen nicht mehr länger für den Ale!« Der junge Mann befühlte seinen rotblonden Stoppelschädel. »Ich bezweifle wenigstens, daß dessen Getreue so mit ihm umspringen ...« »Na – Spaß ...« »Allerdings – man liest ja auch von homerischen gegenseitigen Kämpfen in der Unterwelt!« Werner Wiebeking schob seinem Besucher den Zigarrenkasten hin. »Vielleicht daß ich mit einer anderen Verbrecherkolonne in Todfeindschaft lebe ...« »Gott – Herr Doktor ...« Der Kommissar zuckte nur lächelnd die Achseln und brannte sich die Havanna an. »... und mich, trotz meiner unheimlichen Praxis in solchen Chicagoer Komplexen, in eine Falle locken ließ ...« »Spaß beiseite ...« Das Gesicht drüben blieb schläfrig-ausdruckslos. Nur die Hand mit der glimmenden Zigarre bewegte sich eindringlich. »Freut mich, daß Sie Ihren Humor wiedergefunden haben! Aber im Ernst: Herr Doktor – vertrauen Sie es mir doch endlich an ...« »Na bitte ...« »Was treibt Sie, einen hochgebildeten Mann der ersten Gesellschaft – einen Millionär – immer wieder in diese Verbrecherkreise? Sie sehen ja, was dabei herauskommt!« »Es handelt sich immer nur um dieses arme Ding – die Fränze Häselich!« »Ja – was interessiert Sie denn eigentlich an so 'nem ersten, besten Mädel aus der Kaschemme?« »Das Schicksal hat sie mir vor bald vierzehn Tagen nachts, als sie gerade in die Spree springen wollte, über den Weg geführt«, sagte der junge Mann ernster als bisher. »Ich wollte ihr helfen, sie retten! Ja – ich bin nun mal so merkwürdig veranlagt, daß ich mich um meine Mitmenschen kümmere ...« »Zum Dank lief sie Ihnen aus dem Hause!« »Nein – sie wurde auf der Straße gestohlen!« »Nanu! Von wem?« »Das weiß ich nicht! Ich holte sie bei ihrem Stiefvater ab!« »Dort war sie also? Er behauptet, nichts von ihr zu wissen!« »Das lügt der alte Knabe!« »Das ist mir sehr wichtig in der Untersuchung gegen den Kerl, den einzigen von der Gesellschaft, den wir vorläufig greifbar haben!« Der Kommissar stenographierte. »Und dann ...?« »... Dann war ich leider so ungeschickt, mich von einem Individuum, das auf den Namen ›der Dicke‹ hört, ausknocken zu lassen, und weiß von da ab von nichts mehr!« »Also der Dicke war's? Aha? Deswegen ist der Kunde mit seiner ganzen Kolonne seitdem wie vom Erdboden verschluckt!« »Und die Fränze, Herr Kommissar?« »Spurlos verschwunden!« »Gott – das arme Tierchen ...« »Und – was sehr auffallend ist – seit acht Tagen läßt auch der Nachtdoktor durchaus nichts mehr von sich spüren!« »Vielleicht ist er krank!« sagte der junge Mann belustigt und schaute den Kommissar an. Der klappte sein Notizbuch zu. »Nur noch eines, Herr Doktor, was mir direkt rätselhaft ist: Wieso hat diese üble Nummer, der Krüger, Sie mir nichts, dir nichts zu der Häselich hinaufgelassen? Das tut so ein Kaschemmenvater doch nur bei Individuen seiner Art, die ihm genau bekannt sind ...« »Ja. Ich genoß bis dahin das Vertrauen dieser Kreise! Ich weiß auch nicht, warum ...« »Sie sagen mir nicht alles ... Sie sagen mir nicht alles, Herr Doktor!« Der Kommissar stand kopfschüttelnd auf. »Doch. Wirklich alles ... Es ist alles furchtbar einfach. Wahrscheinlich zu einfach ...« »Nun ...« Der Kommissar erhob sich. »Sie sind noch sehr angegriffen ...« »Sowie Sie weg sind, leg' ich mich ein bißchen hin!« »Also ich danke sehr, Herr Doktor!« 50 Werner Wiebeking schloß, allein geblieben, eine Sekunde die Augen. Immer noch ein bißchen Schwindelgefühl von neulich. Oben, in seinem Bücherzimmer, streifte er Stehkragen und Binde ab, vertauschte den Rock mit einem grauen Wollschlüpfer und warf sich auf den Diwan. Er fuhr wieder auf und klingelte. »Was ist denn das vor dem Haus für ein Spektakel, Leopold? Man kann ja gar nicht schlafen!« »Der Meinecke schafft schon Ruhe, Herr Doktor!« »Sie sind wohl als Kind zu heiß gebadet worden, Fräulein – wat?« Es zuckte unten, im Fensterchen der Portiersloge, nervös über das Gesicht des kriegsversehrten Pförtners. »Bimmelt sie doch schon wieder mir nichts, dir nichts vorn am Eingang für Herrschaften Sturm!« »... weil sie mir hinten gesagt haben, hier im Hause gäb' es keinen Chauffeur Werner!« »Das hab' ich Ihnen in dieser Woche schon zweimal gesagt, wie Sie gekommen sind und mir molestiert haben! Werner is nich!« »Wo ich ihn doch kenne ... Wo er es mir doch erzählt hat ...« »Kann ick für die ungesunde Phantasie von Ihrem Bräutigam?« »Wo ich selber schon mit ihm hierhergefahren bin – in einer riesigen, roten Kutsche ...« »Rot haben wir nich! Rot is unfein! Bloß, daß ick Sie endlich loswerd' ... kommen Sie mal mit!« Der Portier Meinecke ging mit der langen, schlanken, aufgeregten, jungen Frauensperson hinüber nach den Garagen. Dort standen die Chauffeure des Hauses. »Heißt du Werner oder heißt du Wietrich? Und du Klappert oder nich? Und du Markwart? Wat? Stimmt? Wißt ihr wat hier von 'nem Kollegen Werner? Unbekannte Jröße!« »Ach – ihr macht mir ja nur ein Theater vor!« »Fräulein – machen Sie lieber nich so milde Augen und halten Sie nich Ihren Sprechapparat vor Schrecken offen, sondern verziehen Sie sich mal geräuschlos an die frische Luft – da ums Haus 'rum und hinten am Jewächshaus vorbei auf die Seitenstraße, wenn ick jebieterisch bitten darf!« Der Portier kletterte mit grimmigem Gesichtszucken in seine Loge hinunter. Das junge Frauenzimmer ging trotzig – schmal und lang – den angewiesenen Weg. Sie ließ sich absichtlich Zeit. Ihre rebellischen, braunen Augen suchten mißtrauisch umher. Widerspenstige Falten furchten sich unter den krausen Stirnlöckchen. Zwei eigensinnige Grübchen umspielten die Mundwinkel. Auf einmal prallte sie mit einem leisen Aufschrei zurück und preßte die Hände auf die Brust. Ein junger Mann war aus der Villa getreten, ohne Kragen und Krawatte, in einfachem, grauen Wollwams und Pumphosen. Er stand vor ihr. Er drohte, halb ärgerlich lachend, halb strafend, mit dem erhobenen Zeigefinger. »Hildchen ... Hildchen – abenteuerliche Seele – was ist mich das?« »Da sind Sie ja ...« Ein ersticktes Aufatmen des Glücks. »Ich hab' Sie aus dem Fenster gesehen! Da bin ich heraus ...« »Und drüben behaupten die Schofföre mit eiserner Stirn, Sie wären hier nicht in Stellung!« »Ich genieße sogar eine Vertrauensstellung im Hause!« sagte der junge Mann. »Warum lügen einem dann die Brüder die Hucke voll?« »Das ist der Neid, Hilde! Da muß sich unsereins daran gewöhnen!« Werner Wiebeking musterte sehr ernst das vor Seligkeit zitternde Obstfräulein. »Heißt denn das nun brav sein – was? Sie sollten doch hübsch warten, bis ich zu Ihnen komme!« »Sie sind aber nicht gekommen – heute vor acht Tagen – den ganzen Abend hab' ich gewartet – die ganze Woche – ich war ja in Verzweiflung ... Ich hab' schon gedacht, die Polizei hat Sie gekriegt ...« »Ach so ...« »Da mußt' ich mir Gewißheit verschaffen ...« »Sie sehen: ich bin noch in Freiheit! Es kam nur damals etwas dazwischen ...« »Und das Fräulein, das Sie bringen wollten, ist auch nicht gekommen!« »Wenn der Mensch Pech haben soll, Hilde: Wie ich die aus der Schlünzigstraße abholen wollte, bin ich dort, gerade vor Krügers Restaurant, verunglückt.« »Verung... « Die Hilde Lüders trat näher und faltete die Hände. »Sie sehen ja elend aus ...« »Es geht mir schon wieder gut!« »Sind Sie überfallen worden? Haben Ihre Leute Ihnen denn nicht gegen die andern geholfen? Ach – ich weiß doch – es sind doch immer so furchtbare Kämpfe in der Unterwelt! Neulich im Film ...« »Bezähmen Sie Ihre Romantik, Räuberbraut! Es war nur eine Bananenschale, über die ich ausglitt!« »Die Bananenschalen kennt man!« Die Augen des Obstfräuleins leuchteten leidenschaftlich. »Hätt' ich nur was helfen können!« »Da war nichts zu machen, Hilde! Acht Tage saß ich nun dank der glitschigen Obstpelle hier fest!« »Aber das hätte mir doch Ihre ... Ihre gute Freundin, die Sie mir aufladen wollten, sagen können! Die hätte mir doch melden können, warum sie nicht kommen konnt' – die Pute!« »Das arme Ding ist doch verschleppt worden, Hilde! Unbekannt, wohin!« sagte der junge Mann ernst. »Von wem? Da tritt nun wirklich die Unterwelt in Erscheinung! Ja – da gruselt's Ihnen angenehm ...« »Ich weiß doch, wer Sie sind ...« Es flüsterte geheimnisvoll, mit einem blinden Lächeln. »Unsinn! ... Ja – das arme Mädel ist von Berlin verschluckt! Bei ihrem Stiefvater, dem Kaschemmenwirt, dem Krüger in der Schlünzigstraße, ist sie nicht mehr. Das habe ich jetzt eben durch die Polizei erfahren!« »Und es liegt Ihnen viel daran, sie in Berlin aufzutreiben!« »Sehr viel, Hilde! Ich habe eine Pflicht übernommen.« »Ich verstehe! Sie brauchen sie für das, was Sie hier im Hause vorhaben!« »Lassen Sie endlich diese Dummheiten, Hilde! Ich habe gar nichts mit Verbrechern zu tun!« »Natürlich nicht!« Es lief ein still belustigter, bewundernder Schein über die blassen Züge der Hilde Lüders. »Unbelehrbar ...« Drüben ein unterwürfiges, ein eifriges Lächeln der Dienstbereitschaft. »Wie heißt sie denn, Herr Werner?« »Fränze Häselich – wenn Ihnen das was sagt – bisher Altpapiersortiererin bei Jakob Grünspan. Und nun ist sie weg!« Der junge Mann blickte ungeduldig in den herbstbunten Tiergarten hinaus, in der Richtung nach dem fern brausenden Berlin und seinem grauen Osten an der Spree, »Und ich muß hier krummliegen und vertrödele die Zeit, in der ich die Fränze vielleicht noch retten könnte! Es ist, um die Wände hochzugehen!« »Und nun husch, husch nach Hause, Hildchen!« Er drückte die vor Erregung froschkalte schlanke Hand des Obstfrauleins und schaute ihr streng in die verliebt glänzenden braunen Augen. »Das war Ihr letzter Husarenritt hierher! Das bitt' ich mir aus! Nun Schluß mit der Romantik! Ein für allemal! ... Schütteln Sie nicht so verbissen den Kopf. Sie wissen ja gar nicht, wer ich bin!« »Nein, Herr Werner!« Die Hilde Lüders unterdrückte ein begeistertes Lachen. »Aber wenn ich alles so genau wüßte, als daß Sie nicht der Chauffeur Werner sind ...« »Was kein Verstand der Verständigen sieht ...« sagte der junge Mann. »Sowie ich wieder ganz auf dem Damm bin – in den nächsten Tagen – komm' ich bei Ihnen 'ran und erzähle Ihnen, wie ich wirklich heiße!« »Ach – wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken – was würde mich das beglücken!« »Aber jetzt ...« Er geleitete das Obstfräulein bis zum Hinterausgang, »marschieren Sie artig da durch die Gartentür ab und auf die Straße! So!« 51 Das Obstfräulein war wieder bei sich im Osten. Im Zittern der Zimmerwände unter dem Rädergerassel der Straße, im schrillen Gebimmel der Elektrischen: Vorwärts! ›Von der Wiege ...‹ und dem dumpfen Antwort-Getute der Hupen: ›Bis zur Bahre!‹ Ein Geißelgeschwirre: Eilt euch! Eilt euch! auf den Gesichtern, von denen der Stuck des Lebens abgefallen war wie der Mörtelputz von den grauen Häusern. Und mitten in der fahlen Hast ohne Rast lachte grün und golden, ein Gruß vom blauen Mittelmeer, die kleine Fruchtinsel der Hilde Luders. »Ich hab' so furchtbar lang warten müssen beim Zahnarzt!« sagte sie beim Eintreten zu der Tante. »Und heute nachmittag um vier muß ich noch mal hin!« Die Tante rieb rotbackige Tiroler Äpfel mit Seidenpapier blank. Sie sah nicht wie eine Witwe aus, sondern wie eine mißvergnügte, magere, mittelalterliche Jungfer. »Und was aus dem Mittagbrot wird ...« Sie ließ die Äpfel Äpfel sein und humpelte nach hinten, die Treppe zur Küche hinauf. Ein knappes Kinnzucken dabei nach der Ecke. »Die Polizei sitzt da und wartet auf dich!« »Die Polizei ...« Ein phantastisches Zusammenfahren des Obstfräuleins. Eine Gedankenjagd hinter der niederen, wirr überkrausten Stirn ... Mitgefangen ... Moabit ... die todbringenden schwarzen Talare ... Nein ... das war keine strenge Verhaftungsmiene drüben. Dies bartlose, junge Gesichtsrund schaute tief bekümmert und gekränkt darein. »Gott – Herr Peschke! Sieht man Sie auch mal wieder!« »Es hat mich Seelenkämpfe genug gekostet, mich noch einmal zu zeigen!« Der Schupo Peschke stand düster auf. »Nachdem Sie mich vor acht Tagen am Zoo so schmählich versetzt haben!« »Ich?« Die romantischen braunen Augen des Obstfräuleins waren die Unschuld selber. »Das war nicht schön von Ihnen, Fräulein Lüders, so mit den reellen Gefühlen eines Mannes zu spielen – nein – das war nicht schön!« »Daran war doch nur der gebildete, alte Herr Schuld! Der meckerte neben mir: ›Flugs, Gnädige! Ihr Bräutigam ist schon voraus in die Untergrund!‹ Ich stürze hinunter und bilde mir ein, ich sehe Sie da in einem Wagen und drängele mich im letzten Moment mang den Heringssalat – und los!« »Ach so ...« Der freundliche Vollmond drüben verklärte sich. »... und dann waren Sie's gar nicht, und die olle Pestleiche, der gebildete, alte Herr da oben, hat sich mit mir 'nen schlechten Witz gemacht und mir war der schöne Tag verdorben. Fragen Sie nur die Tante: drei Schnupftücher hab' ich beim Heimkommen vollgeheult!« »Ein andermal passiert uns das nicht wieder, Fräulein Hilde!« sprach der Schupo Peschke gerührt. »Nun ist zwischen uns ja alles wieder gut!« »Von mir aus war es nie anders, Herr Peschke!« Ein sanfter, seelenvoller Aufblick von drüben über die Tiroler Apfel hinweg, die ihre schlanken Finger polierten. Dann, unvermittelt, schnell: »Haben Sie denn nun den Ale?« Ein Seufzen als Antwort. »Ich denke. Sie geistern immer um die Villa im Tiergarten 'rum, wo er drin ist?« »Hab' ich auch getan! Aber er zeigt sich seit 'ner vollen Woche nicht mehr! Und wenn man so unter der Hand nach ihm fragt, dann sagen sie, es gäbe gar keinen Schofför Werner im Haus. Da stimmt was nicht! Und das Mädel – die Häselich – sei Sonntag vor acht Tagen nachts davongelaufen – sagen sie ...« »Herr Peschke – wissen Sie vielleicht zufällig, wohin?« »Keine Ahnung! Da werd' einer klug draus! Nee – die zehntausend Eier Belohnung – auf die hin unsereiner flott aufs Standesamt stiefeln könnte, Fräulein Lüders – meinen Sie nicht?« »Möchten Sie 'nen Apfel?« »Danke! – ja – die Gelder sind vorläufig noch ein schöner Traum! Ich muß jetzt in den Dienst! Sind Sie morgen um die Zeit im Laden? Ich kann's da, wenn ich Glück hab', so wie heute, mit 'ner Zeugenvernehmung vor dem Amtsgericht Mitte, einschmuggeln, daß es zu 'ner Minute hier langt!« »Ich freu' mich immer, wenn Sie kommen, Herr Peschke!« Das Obstfräulein blinzelte spitzbübisch hinter dem liebevoll lächelnden, sich mit Überwindung entfernenden Schupo Peschle her. Sie hantierte aufgeregt mit ihrem Früchtekram. Sie bediente zerstreut die Kunden. Sie fuhr hastig, als die Tante um vier Uhr von ihrem Nachmittagsschlaf heruntertappte, aus ihrem weißen Arbeitskittel. »Wenn's dich im Backenzahn so piekte, Tante, dann hielten dich auch keine zehn Pferde vom Zahnarzt zurück! Zwei Zähne sind im Jahr frei! Wozu soll ich der Kasse was schenken?« »Wann ich wiederkomm'?« Die Hilde Lüders stand ungeduldig, lang und dünn, in dunkelm Hut und Mantel in der Ladentür. »Kann ich wissen, wie viele vor mir dran sind? Wenn ich hellsehen könnt', tät' ich nicht Äppel verkaufen! Mahlzeit!« 52 Das war das Dämmern über dem breiten, grauen Spiegel der Spree. Das war schon die nahende Nacht über dem baufälligen Barackengewirr am Ufer. Das war Windgezischel hinter dem Plankenzaun der Ruinenflächen abgerissener Wanzenburgen. Seltsame Laute, mitten in der Weltstadt, aus den zum schwarzen Himmel gähnenden Kellergewölben – Hühnergegacker – Ziegengemecker ... das weltschmerzliche Gewieher eines Esels. Stille ... Selten Tritte von Menschen ... Und was für Menschen ... Unser Herrgott hat viele Kostgänger hier in der dunklen Welt ... Der Hilde Lüders klopfte das Herz. Sie stand in der einsamen Gasse mit den paar spärlichen Laternen, deren gelbe Monde vom nahen Fluß her ein feuchter, weißlicher Nebel umbraute. Sie schaute sich um. Das war die Schlünzigstraße, von der ihr heute draußen in der Villa Wiebeking im Tiergarten der Chauffeur Werner gesprochen. Das war das Restaurant Krüger, aus dem er das Mädchen hatte holen wollen, als er auf der Bananenschale ausglitt. Bananenschale ... sagte er ... Glauben tut's keiner! Die Augen der Hilde Lüders rollten, abenteuerlich, suchend, in der Nacht. Sie näherte sich wie auf dem Kriegspfad der Krügerschen Destille. Das windschiefe, alte Haus lag stumm und tot. Kein Licht hinter den Scheiben. Kein Laut. Und da – an der Glastüre – sie trat dicht heran und las. Ein herausgerissenes Schreibheftblatt mit ungelenken, großen Bleistiftbuchstaben: ›Geschlossen!‹ »Da kannste nich 'rin!« flüsterte um die Ecke herum ein Pennbruder. »Wat Krüger is, den haben se heute nachmittag zu 'ne Landpartie uff'n Alex abjeholt. Der Dürisch war es! Det Aas kenn' ick!« Die Hilde Lüders war angstvoll zehn Schritte geflohen. Von da beäugte sie wieder das Haus. Dem war nicht beizukommen. Es stand eingepreßt in einem Gewinkel ähnlicher morscher Fuchsbauten. Man ahnte nur dahinter enge Höfe, dunkle Schlupfe, Trümmerstätten bis hinunter zum schweigenden Schwarz der Spree. Man machte sich verdächtig, wenn man so ziellos auf dem leeren Bürgersteig herumschlich ... Oder man wurde für so eine gehalten, wenn ein Mann die Straße nach Frauen abbummelte ... Zögernd ging die Hilde Lüders weiter. Da drüben schlenderte wieder solch ein Mann – den hatte sie in der letzten halben Stunde schon ein paarmal gesehen – er kam ihr immer wieder über den Weg – oder sie ihm – so als suchte auch er etwas hier in der Nacht. Ein junger Mann, der wie ein Spreeschiffer aussah – in hohen Stiefeln, Wollwams und Schirmkappe. Jetzt entfernte er sich wieder langsam, zuweilen stehenbleibend, in der Richtung nach dem Fluß. Der war eine Wasserratte. Der wußte wohl hier am Ufer Bescheid. Wenn man ihm unauffällig folgte, schlüpfte man hinter ihm vielleicht in das Labyrinth dieser alten Häuser hinein. Konnte irgendwie irgendwas von irgendwem erfahren ... ... Aber der Schiffer machte kopfschüttelnd kehrt, kam zurück. Die Hilde Lüders ließ ihn im Dunkel vorübergehen. Sie war überzeugt, daß er sie nicht bemerkte. Sie heftete sich wieder an seine Fersen. Er wandelte die Schlünzigstraße hinauf. Machte plötzlich halt. Sah sich schnell um. Kam zu ihrem Schrecken gerade auf sie zu. Sie fing an zu zittern. Dabei waren es, in dem Laternenschein, treuherzige Züge ihr gegenüber, tiefgebräunt, schnurrbärtig. Klare Augen. Breit und kräftig die Sprache. »Wenn Sie für'n paar Groschen von den Kaschemmenbrüdern hinter mir her sind ...« »Ich ...?« »... dann bestellen Sie denen: noch einmal verhauen sie Paule Rädern nicht! Jetzt hält' er 'nen siebenschläfrigen Schießprügel im Sack! Für soviel Löcher im Leib langt's, als die Woche Tage hat!« »Aber ich ...« »... und ich ließe mich von der ganzen Chawrusse nicht abhalten, nach der Fränze zu suchen ...« »... nach der Fränze Haselich?« »Ja – wen dachten denn Sie?« »Die such' ich ja auch!« »Sie ...« »Ja – wie 'ne Stecknadel ...« »Warum denn?« »Ich kenn' sie doch von früher so gut! ... Das ist doch die kleine Papiersortiererin bei dem Grünspan ...« »Na freilich ...« »Und nun auf einmal weg. Ich bin ganz außer mir ...« »... und ich erst, Fräulein ...« Die beiden Menschen in der Nacht sahen sich an. Voll instinktivem Berliner Mißtrauen ... Und doch wieder die Kameradschaft der dunkeln Nacht ... Zweifel ... Hoffnung auf Hilfe ... einer vom andern ... »Wer sind Sie denn, Fräulein?« »Gott – 'ne Verkäuferin – aus der Färberstraße drüben ...« Sie gingen langsam, planlos wieder zum Fluß zurück. Der Schiffer schaute sich um. »Da kraucht nämlich noch eine hinter mir her!« brummte er. Dann plötzlich hart, argwöhnisch: »Sind Sie wirklich nicht von der Polizei?« »Wenn die mich bloß im Geschäft in Ruhe läßt ...« »Und auch nicht von der Kolonne?« »Gott – sehen Sie mich doch an ...« Die beiden blieben stehen und blickten nach den Stützbalken und Mauerrissen in der vornübergeneigten Hauswand mit der Tafel: ›Krügers Restaurant‹. »Da drinnen ist sie sicher nicht mehr!« sagte der Schiffer Räder. »Det Rieselfeld hat die Polizei ausgemistet!« »Aber wo ...?« »Wenn Berlin man nich so groß wäre ...« Paul Räder spuckte aus und lugte die Straße entlang. »Da hinten is das andere Frauenzimmer wieder! ... Dreht die am Ende mit Ihnen hier zusammen die Mangel? ... Was habt ihr denn vor? Wo habt ihr denn eure Freunde? Sollen nur kommen ...« »Ich suche nur die Fränze Häselich!« »Pst! Nicht so laut! Die Kleine drüben hat das gehört ...« »Nun kommt sie auf Sie zu ...« »... als ob sie was zu sagen hätte ...« »... und schaut sich dabei voller Angst um ...« »Die kenn' ich doch! Gott – das Äppelröschen ...« Zwei Kirchhofsrosen blühten noch heller rot als die Schminke auf den Backen des spitzigen, blutjungen Gesichts, Strohgelb gefärbt die Haare unter dem giftgrünen Topfhut. Ein spillriges Figürchen, dünngliedrig, flachbrüstig. Das Äppelröschen war noch ein halbes Kind. Sie trat dicht an den Spreeschiffer heran und zerrte ihn zehn Schritte seitwärts. Ein vertraulicher, aufgeregter Blick zu dem Mann empor. »Räder – Sie halten's doch mit der Fränze?« »Das weiß ganz Berlin ...« Das Äppelröschen hielt die Kinderhand vor die hustenden, geschminkten Lippen. Ein Flüstern: »Ich weiß, wo die Fränze is!« »Herrgott ...« »Ich bin doch immer auf der Straße unterwegens – Ist doch mal mein Beruf – nich? Und da seh ich die Leute. Und da sah ich den Dicken seit 'ner Woche vier-, fünfmal am Tag immer in dasselbe Haus gehen ...« »Wo ...?« »Drüben im Scheunenviertel«, sagte das verlorene Mädchen. »In der Pionierstraße. Nummer fünf, 'ne ganz olle Kabache. Unten is 'n Uhrenladen. Da schieben sie Ringe und Diamanten. Hat mal dabeigelegen! Lauter Tineff. Aber der Dicke steigt immer die Treppe in den ersten Stock hinauf!« »Und da ist die Fränze?« »Da muß sie sein! Vorgestern hat sich auch der Blaumüller mal verschnappt und zum Halbtoten was von der Pionierstraße gesagt, wie ich dabei war ... Gotte doch: Wenn der Blaumüller wüßte, daß ich Ihnen das sage ... Na – die Bimse ...« Wieder ein Husten des geschminkten Kindes. »Aber die Fränze tut mir zu leid ... die hat so was Propperes in sich – die steckt nich so mittenmang den Dreck wie ich ...« »Denn man zu, Äppelröschen ...« »Nee – nee – ich komm' nich mit!« Eine entsetzte Abwehr drüben. »Und Sie dürfen sich auch nicht selber zeigen, Räder – Sie kennen die schweren Jungens doch auch! Und schwören Sie mir beim Grab von Ihrer Mutter, daß ich Ihnen nichts gesagt hab' ...« »Bei der Großmutter selig! Meine Mutter lebt noch – Gott sei Dank! Äppelröschen ... hören Sie mal ...« Das Kind der Straße lief schon, von hinten klein und schmächtig wie eine Halbwüchsige, im spärlichen Laternenlicht davon, der nächsten Ecke zu. Berlin tat seinen Rachen auf und schluckte es wieder – das dunkelste Berlin. Der Schiffer Räder trat entschlossen zu der andern jungen Frauensperson, die wie ein langer, schmaler Schatten seitwärts in der Finsternis stand. »Fräulein ... Es geht um die Fränze! ... Ich hab' keine Wahl nich! Ich muß mich auf Sie verlassen! Haben Sie Courage?« »Für drei!« Ein schwärmerisches, verliebtes Leuchten auf den blassen Zügen des Obstfräuleins. »Dann kommen Sie jetzt mal mit mir! 'nen Sprung 'rüber in die Pionierstraße!« 53 Die Pionierstraße lag hinter dem Bülowplatz. Vorhin hatte es auf dem Bülowplatz die gewöhnlichen Unruhen gegeben. Jetzt gähnte die weite Fläche mit dem weißen Theaterbau in der Mitte in schwarzer Leere. Die Schupos überwandelten sie gemessen, jeweils zu viert, die kurze, graue Gummischlange mit dem kupferbraunen Köpfchen hiebbereit zur Linken. Vereinzelt noch auf dem Platz dunkle Blasen aus dem Sumpf des dunkelsten Berlin. Undeutliche Gruppen. Nächtliche Rattenkönige von ein, zwei Dutzend Burschen. Sie standen, die Hände in den Hosentaschen, die Hüte im Genick. Die Hauptmasse war in das anstoßende Scheunenviertel hineingefegt. Da brodelte es in den engen Gassen. Gesichter aus hellerleuchteten Fenstern. Gelle Pfiffe. Plötzliches Gekreisch und Gerenne vor dem Aufblinken der Tschakos. Der Schiffer Räder stand mit seiner Begleiterin vor dem niedrigen, schmierigen, alten Haus Nummer fünf in der von Gemüseresten, Papierfetzen, Roßäpfeln überkrusteten engen Pionierstraße. Rechts zur ebenen Erde war da die wilde Diamantenbörse, von der das Äppelröschen gesprochen. Unstet stechende Augen des Ostens lugten hinter den staubgrauen Scheiben besorgt auf den Tumult hinaus. Auf der andern Seite des offenen Haustors schnörkelten sich die hebräischen Lettern einer Handlung mit Talmudschriften und Gebetartikeln der Synagoge. Graubärte in kostbaren Pelzmänteln steckten drinnen die schwarzen Schirmkappen auf den Patriarchenköpfen in gedämpftem Gespräch zusammen. Steil, halbverschwommen, stufte sich im Hintergrund des dunkeln Hausflurs eine ausgetretene Stiege zum ersten Stock. Der junge Schiffer nickte. »Das Äppelröschen hat nicht gelogen. Da ist's! – Da muß man 'rauf und nachsehen! Aber wenn oben welche sind – mich kennen sie! Erst vor 'ner Woche haben sie mich in der Schlünzigstraße verwalkt – sechs gegen einen! Es ist mir nicht wegen der Bange – die hab' ich nicht – aber für die Fränze wird's nachher nur noch schlimmer!« »Mich erkennen vielleicht welche da oben auch wieder!« sagte die Hilde Lüders, ... »wenn es von denen sind, die neulich in Feuerstakes Hotel waren!« »Dann geht's mit Ihnen also auch nicht?« »Ich geh' trotzdem 'rauf! ... Den Kopf wird's nicht gleich kosten!« »Haben Sie so viel Traute, Fräulein?« »Zur Not sag' ich, ich hätt' mich im Haus geirrt!« Die Hilde Lüders stieg die drei glitschigen Steinstufen von der Straße empor. Ein Dunst von Lumpen, Zwiebeln, Moder wehte ihr aus der feuchten Dämmerung des Flurs bis in die Lungen. Die alten Holzstufen der Hühnerleiter krachten. Oben eine Türe. Ein undeutliches, undeutsches, vielstimmiges Kauderwelsch dahinter, daß niemand ihr Pochen hörte. Sie öffnete. Ein großer, einmal weißgetünchter Raum mit Wanzenflecken an den Wänden. Die staubigen Bodenbretter durch Kreidestriche in vier einzelne Wohnquartiere geteilt. Jedes Geviert mit Matratzen, Sardinenbüchsen, Kleiderbündeln, Körben voll kleiner Kinder belegt. Dazwischen kauernd, kochend, schlafend, flickend, Galizien. Vier kopfreiche Familien. Vom Großvater bis zum Enkel. Ein Greis faßte die Hilde Lüders am Arm. Sie verstand sein Jiddisch-Deutsch nicht. Und er nicht ihr Berlinisch. Sein Handwink nach dem Teergepinsel auf vernagelten Kisten ließ erraten, daß der polnische Ghetto auf dem Weg nach Amerika war. Dann wies er aufgeregt in der Runde. »Sucht Ihr die Blume Blumenreich? – die Taube Klavier? – die Fanja Allerhand? – die Mirel Gewürz? ...« Die Hilde Lüders entzog sich seinem zutraulichen Griff. Sie sah gegenüber eine Tür. Sie stieg über die Auswanderer am Boden hinweg, durch den brütenden Menschenmuff, den östlichen Dunst von Schmierstiefeln, Papyrossen, staubigem Pelzwerk, und drückte drüben die Klinke nieder. Ein Trödellager füllte dahinter bis zur niedrigen Decke eine dunkle Kammer. Motten flatterten gespenstig aus längst verschobenem, verschollenem Heeresgut des Weltkriegs: Feldgraue, vom Entlausen papierdünne Waffenröcke mit kreuzweis vernähten Schußlöchern. Abgeschabtes Altleder von Kummeten und Koppeln. Grünspan der Jahre auf Türmchen kupferner Führungsringe. Stapel regen- und schweißgebleichter Feldmützen. Ein Geruch von einst ... von einst ... den die Hilde Lüders nicht kannte ... Sie ging den Engpaß zwischen den Wänden voll düsterem, weltgeschichtlichem Warenkram hindurch. Der Lattenverschlag an seinem anderen Ende gab auf den ersten Handgriff nach. Da öffnete sich ein kleiner, ziemlich heller Gang. Er war völlig leer, bis auf einen Krankenwagen, der ganz hinten vor einer Türe stand. Eigentlich nur ein Stuhl auf Rädern. Ganz kurz. Denn das schwammige Geschöpf, das darauf saß und schläfrig rauchte, hatte keine Beine. Zwei mit altem grauem Armeetuch verkleidete dicke Stumpfe gleich unterhalb der breiten Hüften streckten sich der Hilde Luders entgegen. Darüber bauchte sich eine unförmlich dicke Leibwölbung bis zu dem Specknacken. Der feiste, grauköpfige Krüppel nahm die Zigarre aus den gewalttätigen Kiefern. Er fletschte eine Reihe gelber Zähne. Er knurrte drohend wie ein bißbereiter Wachhund. »Wie kommen Sie denn hier 'rin?« »Bitte – wohnt hier Frau Nathansohn?« »Quatsch! Hier hat keener wat zu suchen! Adjö – aber schnelle! Ick hab' Knallerbsen im Sack!« »Entschuldigen Sie!« Das Obstfräulein zog sich zurück. »Oben sitzt 'n Kerl wie 'ne Tonne«, meldete sie auf der Straße, »der hat keine Beine. Aber Knallerbsen hätt' er – spricht er!« »Handgranaten! Oder tut so!« sagte der Schiffer Räder. »Auf alle Fälle muß gleich netto 'n Dutzend Jungens zu gleicher Zeit über ihn her, damit er gar nicht erst zum Schmeißen kommt – wenn er wirklich welche hat ...« »Aber woher so Leute kriegen?« »Unter meinen Freunden auf den Spreekähnen schon – für so 'ne gute Sache – bloß – für nischt is nischt ...« »Ich hab' doch mein Erspartes ...« »Wollen Sie sich da was von der Seele reißen?« »Ich geb's Ihnen gern! Kommen Sie mit mir in meinen Laden!« »Und vor acht Uhr abends, ehe die da ihre Saftbude zumachen«, der Schiffer Räder musterte die schmuddelige Front des Hauses Nummer fünf, »müssen mir uns alle so sachte hier in der Pionierstraße verkrümelt auf dem Posten halten!« 54 Oben, in einem Hinterzimmer der Pionierstraße Nummer fünf, krümmte sich ein Häufchen Todesangst, in eine alte Wolldecke gewickelt, auf einem schmalen, eisernen Bett, das Gesicht gegen die Wand. Man sah nur von hinten den dunkeln Wuschelkopf. Hörte ein ersticktes Keuchen. Mitten in dem kahlen Raum, steingrau das bartlose Bulldogg-Gesicht unter braunem Borstenhaar, ein massiger, breitschulteriger Kerl, in seinem grellkarierten Mantel und Mütze sportähnlich, wie ein englischer Buchmacher ausstaffiert. Um ihn zwei andere. Finstere Blicke nach dem zitternden Klümpchen in der Ecke. Der eine, ein behäbiger, bürgerlicher Mann mit Zwicker, halblaut: »Nur noch 'n paar Tage – dann steigt doch die größte Sache, die je in Berlin ...« »Pscht ... det kleene Biest drüben hat Ohren ...« »... denn machen wir uns doch alle dünne! Denn können se sich in Deubels Namen die Fränze in Gold fassen ...« »Und wenn vorher wat passiert? Hier is sie nu mal nich sicher!« »Die is nirgends sicher! Die verrät uns immer wieder! Wo wir sie auch hinbringen! Die hat det so in sich!« »Denn mach' ihr doch kalt, wenn du ihr den Brotladen uff immer zusperren willst! Aber dazu haste keenen Mumm nich! Feige biste, du oller Preisringer!« Der schwarzgelöckelte, weichliche Riese mit den koketten Ringen in den Ohren machte eine ängstliche Bewegung mit der mächtigen, schmuckbeladenen, weißen Hand, an deren Gelenk die Spitzenkante eines Damenhemds ans Licht lugte. Wieder ging die gedämpfte Kehle des guten Bürgers: »Und wenn's 'rauskommt, wackelt dir die Rübe uff'm Kopp! Mensch: Bloß die Rübe oben behalten! Im Zuchthaus wirste doch über kurz oder lang begnadigt oder du seilst dir als milder Mann aus der Charité! Du kommst immer mal wieder unter die Menschen. Aber dot is dot!« »Und außerdem – wenn man ihr umbringt – wohin nachher mit ihr – mitten in Berlin!« murmelte das riesige Goldhäschen bang. »Die Spree ist 'ne Viertelstunde von hier. Dahin kannste nich hinterher mit 'nem Sack und der Fränze drin 'nen Spaziergang riskieren. Das merken sie! Und hier in irgend 'nem Haus finden sie sie erst recht gleich und kommen uns auf die Spur ...« »Dann muß sie vorher aus Berlin 'raus!« »Tut se nich! Die geht nich gutwillig mit einem von uns 'raus in die Natur! Die denkt sich schon ihr Teil! So dumm is se ooch nich!« »Nu horch mal, was der Dicke sagt!« »Mit mir läuft se wie 'n Schaf, wohin ich will!« Es raunte dumpf und heiser unter der breitflügeligen Nase von den aufgeworfenen Lippen. »Überlaßt det doch mal mir!« Er schob die andern zur Tür hin. Ein kaltes Funkeln in den kleinen Pupillen. Ein Murmeln. »Ick mach' jetzt, heute noch, mit ihr 'ne Landpartie nach Stralau 'raus, wo die Spree hübsch breit und tief ist! Wenn ick denn morgens alleene zurückkomm', denn hat det nich viel weiter zu bedeuten!« Ein bedauerndes Zucken der breiten Schultern. »Denn hat det eben leider ein kleines Mißverständnis gegeben, wie det unter Verliebten vorkommt! Ick bind' ihr 'nen tüchtigen Stein um die Taille. Dann kommt sie nich wieder hoch! Die war' ja sonst imstand' und verpfeift uns noch als Wasserleiche!« Allein geblieben tat die vierschrötige Gestalt drei wuchtige Schritte gegen die Lagerstätte an der Wand. Ein finsterer Baß. »Ufjestanden, Fränze! Du jehst auf Reisen!« Drüben nur ein Schlottern. »Du reist doch so jerne! Du hast doch nach Ostpreußen wollen! Nu fährste mit mir! Na – nu freu' dir doch!« Nur ein Keuchen als Antwort. »Vorwärts! Soll ich dir Beene machen? Det wäre det erstemal, det du mir nich parierst! ... Siehste woll ... so ... da fängt sie an, sich zu entwickeln! ... Du kommst doch mit?« »Ja.« »Wohin es mir jefällig is?« »Ja.« »Na – siehste – Puppe – da sind wir ja schon einig!« »Also hören Sie mal, Verehrtester – das geht doch nicht – nicht wahr?« Der Schatten eines mittelgroßen, glattrasierten Mannes war in das dämmerige, von einer Lampe durchblinzelte Zimmer gehuscht. Seine aufgeregte Fistelstimme überschlug sich in der nervösen Hast des leisen, vertraulichen Sprechens. »Na – wat denn – wat denn ...« Der Dicke trat unschlüssig, unwillig etwas vom Bett zurück. »Ich sah da eben unten den Butterkopf und das Goldhäschen ... Goldhäschen ... hähä ..« Es kicherte. Zwei magere Hände rieben sich ineinander. »Diese peinlichen Menschen wissen nicht, wer ich bin – nicht wahr – die sehen mich nur des Nachts bei der Arbeit – nicht wahr – wo ich mir aus Gesundheitsrücksichten, wie es mir der Doktor verordnet hat, einen schwarzen Schal um Mund und Nase zu binden pflege ... hi – hi – der Mörtelstaub reizt doch sonst meine Lunge – Sie verstehen ...« Ein geschäftiges Hüsteln. »Aber ich kenne sie! Die Schnauzen dieser Raubtiere sagten mir eben nichts Gutes – Sie verstehen ... wegen der Fränze ...« »Wat sein muß – det – muß – doch – sein ... nicht ...?« »Ich muß mich hier selber mit Ihnen treffen, da wir uns der Fränze nicht mehr als Galopin bedienen können! Und Ihr Besuch bei mir würde doch auffallen – nicht wahr?« Ein belustigtes, trockenes Lachen. »Da liegt die Fränze!« Wieder ein sachliches, verbindliches Händereiben, wie das eines Hoteliers. »Sie wollen sie umbringen – nicht wahr?« Der Dicke stand geduckt wie ein verprügelter Jagdhund. Er schwieg störrisch und unsicher. »Das gibt's nicht – nicht wahr? Das gibt's nicht!« Unvermittelt ein schneidender, unheimlicher Ton in dem atemlosen Geflüster. »Der Besitz muß nachts richtiger verteilt werden – nicht wahr? Ekelhaft – aber herrlich! Besorge ich – nicht wahr? Liegt im Interesse der Menschheit – nicht wahr? Aber Blut macht mich krank! Da müßte ich weinen! Die Fränze wird nicht angetastet! Sie verstehen! Das befehle ich – der Ale ... ohne den ihr Dreck seid ... päh ... päh ... pah ... Dreck ...« »Ick wasche meine Hände in Unschuld!« Der Dicke betrachtete seine blautätowierten, riesigen Boxerfäuste. »Wenn det Aas ...« »Es kann gar nichts durch die Fränze passieren – weil ich doch gar nicht existiere – nicht wahr?« Es raunte eindringlich, überzeugend in die spitzen Verbrecherohren des Dicken. »Das ist doch so lustig – nicht wahr?« Ein hartes, meckerndes Herrschen. »Die Fränze bleibt am Leben! Fertig! Sie verstehen? Sie verstehen gut? Kommen Sie an die frische Luft, verehrter Freund und Kupferstecher!« Sie traten vor das Haus Nummer fünf. Die aufgeregte Pionierstraße strudelte um sie von Gestalten der Nacht. Gejohle im Laternengeflimmer. Gelaufe Halbwüchsiger. Geschrille von Frauenzimmern. Vom Bülowplatz her ein wirres hundertstimmiges Kampfgeschrei. Das kurz bellende ›Klack! Klack!‹ von Schreckschüssen der Polizei. Die beiden mischten sich eilig in das Getümmel, trennten sich und wurden zu nichts in der Nacht. Neben dem Eingang des Hauses Nummer fünf sahen ihnen ein Mann und ein Mädchen nach. »Haben Sie sich den Preisbullen betrachtet, der eben 'rauskam, Fräulein?« sagte der Schiffer Räder. »Das war der Dicke selber!« »Den kenn' ich von Feuerstakes Hotel her ...« Das Obstfräulein zog leise schauernd die Schultern hoch. »Das war 'n Theater! Ich danke! Ohne den hätten sie mich damals womöglich abgemurkst!« »So? Das ist Ihr Wohltäter?« Der Paule Räder schüttelte etwas mißtrauisch den gebräunten Kopf. »Mir ist's lieber, daß wir ihn da oben nicht treffen! Der nimmt's allein mit sechsen auf! Na – der wird sich wundern, wenn er den Schaden besieht!« »Und der andere – der mit ihm?« »... ist mir unbekannt ...« Der Spreeschiffer Paule Räder hob sich auf die Spitzen seiner hohen Wasserstiefeln, schaute umher, steckte zwei Finger in den Mund und sandte einen gellen Signaltriller über die Straße hin. In deren Lärm fiel ein Pfiff mehr nicht auf. Gleich darauf stapfte er gemächlich die drei Steinstufen empor in das Haus. Mit ihm, hinter ihm, pomadig schlendernd wie er, ein paar junge Männer – noch mehr – ein Dutzend. Braun vom Wind überm Wasser alle gleich ihm. Es polterte die Treppen hinauf. Wurde still. Unten harrte die Hilde Lüders. Nach zwei Minuten tröpfelten die ersten zurück, plinkerten ihr vielsagend zu: ›Das Geschäft is richtig‹ ... wieder welche – verteilten sich rasch und unauffällig im Wirrwarr der Gasse. Dann kam der Schiffer Räder mit vier Freunden, in ihrer Mitte ein zerstrubbeltes, wie eine Nachtwandlerin wankendes, wachsbleiches Mädel. »Na – das war ein schmerzloses Zahnausziehen, Fräulein!« Das offene und freundliche Gesicht des Spreeschiffers strahlte zu der Hilde Lüders. »Nicht gemuckt hat der Kerl ohne Beine da oben – so fix ging's – hatte gar keine Handgranaten ... das verlogene Schwein ...« »Hat der denn seine Beine im Krieg verloren?« »Tüten geklebt während dem Krieg hat er«, keuchte die Fränze Häselich. »Und wie er dann später mal im Januar aus'm Zuchthaus ausgebrochen ist, da hat er die Nacht durch bis an den Bauch unter den Weiden im kalten Fluß gestanden. Da sind ihm die Spazierhölzer abgefroren! Nu verwenden sie ihn so ...« »Nicht laufen, Fränze! Das fällt auf!« »Gotte doch – der Dicke!« Der Kleinen klapperten die Zähne. »Gerade vorher is er weg! Wenn der noch oben ...« »Mit dem wären wir auch noch fertig geworden! Wer war denn der mit ihm – der Jüngere – Glattrasierte?« »Das war doch der Nachtdoktor – der Ale selber!« Die Fränze kroch zitternd in eine an der Straßenecke bereitstehende Droschke. Der Schiffer Räder und seine Freunde hinterher. »Das war der Ale nicht!« Das Obstfräulein schüttelte, neben dem Taxameter auf dem Bürgersteig stehend, mitleidig den Kopf. »Freilich war er's! ... Macht schnell! ... Ich hab' so Angst ...« »Das müssen Sie andern als mir erzählen ...« Ein still belustigtes Lächeln. »Na – ich weiß doch wahrhaftig, wer der Ale ist!« klang es erstickt aus dem dunkeln, menschenvollen Inneren des Wagens. »Mich machen Sie nicht dumm!« sagte die Hilde Lüders träumerisch. »Wenn ich alles so genau wüßte, als daß der Ale in diesem Augenblick am andern Ende von Berlin ist – in 'ner Villa im Westen – dicht am Tiergarten!« 55 In der großen Villa am Tiergarten lachte am andern Tag, mit den strahlenden, großen, blauen Augen eines großen Jungen, Werner Wiebeking in das Telephon. »Guten Morgen, süße kleine Frau! Wie geht's dir? Mir? Danke! ... Wunderbar, seit du wieder in Berlin bist! ... Ach so – mit meinem Brummschädel? Der Doktor hat mir für heute nur ein ganz bißchen Bewegung vor dem Haus erlaubt, um mich an die frische Luft zu gewöhnen! Aber ich kümmere mich den Kuckuck um seine Verbote! ... Ilselott – was machst du den Vormittag?« »Ich sitze daheim!« klang die weiche, ferne Stimme durch den Draht. »Allein?« »Natürlich allein! Ich bin immer allein! Mein Mann ist vorhin schon in die Stadt gefahren ... käseweiß vor Aufregung ...« »... daß du plötzlich zurück bist?« »Ach – was liegt ihm denn an mir? Heute ist doch die große Kunstauktion!« »Hat er denn noch nicht genug alten Kram?« »Gegen Mittag kommt das Hauptstück – der Andrea del Sarto – zur Versteigerung! Es sind eigens Amerikaner herübergekommen, um den zu kaufen! Gott gebe, das Gebhard ihn trotzdem kriegt, sonst ist mir um ihn angst und bange – Mir ist überhaupt um ihn bange in letzter Zeit!« »Höre – kleine Strohwitwe: Mittags steht ein armer wandernder Verliebter vor deinem Haus! Darf er 'rein?« »Ja.« Leise das kurze Wort aus der Weite. Der Dr.-Ing. Wiebeking drehte sich stürmisch um. Er lief in die Halle. Er machte sich zum Ausgehen fertig. Er sah an dem Haustor den Schatten eines straffen, energischen Herrn mit Schlapphut und Lodenmantel, in eindringlichem Wortwechsel mit dem Diener. »Herr Geheimrat wirklich nicht zu sprechen?« »Herr Geheimrat ist für den ganzen Tag über Land gefahren, Herr Kommissar!« »Auch nicht telephonisch zu erreichen?« »Herr Geheimrat wollte mit dem Wagen eine ganze Anzahl Betriebe in der Provinz Sachsen besichtigen! Es ist ganz unbestimmt, wo er gerade ist!« »Wann kommt er zurück?« »Gegen Abend sicher!« »Na – da ist schlimmstenfalls auch noch Zeit! Also hören Sie mal, Verehrtester! Sowie der Herr Geheimrat aus dem Wagen steigt, bestellen Sie ihm, der Kommissar Dürisch sei dagewesen und spräche abends wieder vor und bäte dann, unter allen Umständen auf der Stelle empfangen zu werden! Es sei ganz außerordentlich dringend – verstehen Sie – ganz fabelhaft wichtig – Es dürfe keine Minute verloren werden!« »Haben Sie am Ende jetzt den Ale?« frug Werner Wiebeking. »Vorläufig noch nicht!« Der Kommissar drückte abseits von dem Diener Leopold dem Sohn des Hauses aufgeregter die Hand, als sich sonst ausdruckslose Ruhe auf seinem schnurrbärtigen Gesicht spiegelte. »Sonntag vor acht Tagen – ich erinnere mich doch – da sagten Sie mir, Sie seien dem Ale auf der Spur!« »Leider eine Fehlspur ... damals ... Herr Doktor!« »Mit dem Amerikaner – dem Mr. Arthur T. Harris?« »Vom Welthaus Harris und Kompanie in Chicago! Stimmt nämlich! Er ist da der Erbprinz! Wissen Sie, wie der Gentleman das Kunststück fertiggebracht hat, zu gleicher Zeit in Berlin und Paris zu sein?« »Na?« »Beispiel: Freitag vor acht Tagen nachmittags wurde der junge Herr noch in einer Diele am Kurfürstendamm gesehen. Am Abend darauf nahm er an einem Gartenfest im Grunewald teil – in der Villa Hüsgen –« Ein rascher Seitenblick. »Ich glaube, Sie verkehren auch dort zuweilen, Herr Doktor!« »Sie merken aber auch alles!« sagte der junge Mann. »Zugleich luncht aber derselbe Mr. Harris dazwischen am Sonnabendnachmittag mit prominenten Amerikanern bei Ritz in Paris. Dazu hat er mit einem schnellen Sonderflugzeug irgendwo aus der Nähe von Berlin bis Paris vielleicht noch nicht sieben Stunden gebraucht und war Freitag spätabends dort. Und ebenso, nach einem Nachmittagsflug, am nächsten Abend wieder in Berlin. Das trieb der junge Herr allwöchentlich ein paarmal ...« »Und warum?« »Gott – natürlich ein Frauenzimmer! Eine gewisse Rosemonde de Claramont, seine Pariser Freundin, tanzte, mit mehreren Perlenketten bekleidet, allabendlich den Berlinern etwas vor. Das unerfahrene Kind durfte er nicht allein in der Fremde lassen. Er flog wie ein verliebter Käfer hinterher. Jetzt ist sie nach Paris zurückgedampft und er prompt mit! Seine Freunde gaben beiden das Geleit zur Friedrichstraße. An der Spitze Herr Oswald Aster!« »Der verhinderte Filmstar ...« »Der Jüngling ist nicht mehr verhindert! Der Vater sperrt ihm nicht länger die Bezüge! Es hat sich herausgestellt, daß die Mutter – die stammt doch aus dem großen Züricher Konzern – Gütertrennung –, daß die das Söhnchen heimlich die ganze Zeit aus eigenen Mitteln verschwenderisch unterstützt hat und auch für die Zukunft hartnäckig wie ein Maulesel dabeibleibt. Nun also der Alte: ›In Gottes Namen – mag er filmen!‹ Nee – mit der ganzen Fährte war's Essig! Da ist jetzt was anderes! Also heute abend ... heute abend ... vergessen Sie's ja nicht, dem Herrn Geheimrat zu melden! Adieu!« Der Kommissar Dürisch eilte davon. Werner Wiebeking trat langsam nach ihm vor die Villa. Er atmete im Garten, mit der Andacht des Genesenen, die klare, dünne Berliner Herbstluft ein. Er schritt durch das Gittertor. Er blieb unmutig stehen. Da kam etwas, von den Bäumen drüben, quer über den Fahrdamm, lang, schmal, hastig, mit phantastisch glücklichen braunen Augen und atemlos halb offenen Lippen auf ihn zu. »Ich steh' hier schon die längste Zeit Posten, Herr Werner! Der Portier, der klimpert ja mit den Wimpern und schneidet Gesichter, wenn er mich nur sieht!« »Hilde – was soll denn das schon wieder? Nun werde ich wirklich mal ernstlich böse!« »Werden Sie nicht, Herr Werner!« Ein eifersüchtiges Lachen der Hilde Lüders, halb erbittert, halb triumphierend. »Also das Fräulein, das Ihnen so am Herzen liegt ...« »Ja?« »Das haben mir gestern abend glücklich freigekriegt! Fein – nicht? Ja – lassen Sie mich nur erzählen!« »Ein Spreeschiffer?« sagte der Dr.-Ing. Wiebeking, als die Hilde Lüders geendet. »Paule nannten sie ihn? Ein junger Mann mit einem Schnurrbart und einem biederen, braunen Gesicht? Den kenn' ich! Das ist der Fränze ihr Freund! Ich hab' mich zwar neulich mit ihm feste geboxt. Aber das ist ein anständiger Mensch!« »Die andern auch! Die wollten gar nicht jeder 'nen Taler von mir annehmen! Nee – für ihren Freund Paule machten sie gern so 'ne Kiste auf!« »Und wo ist die Fränze jetzt?« »Sie wollten sie erst mal zu 'nem Schiffer und seiner Frau auf 'nen Kahn hinter der Jannowitzbrücke bringen! Was dann wird, wußten sie selber noch nicht! Das ging ja alles so schnell – wie im Film!« »Und auf dem Kahn entdeckt ihr Volk die Fränze heute noch, und es gibt einen neuen blutigen Rummel um den Balg!« Der junge Mann schüttelte unmutig den Kopf. »Das Mädel muß vor allem weg aus Berlin! Nach Ostpreußen, wie das ja schon alles vorbereitet war! Kommen Sie mal mit nach dem Droschkenstand, Hilde!« »Halten Sie erst mal vor irgendeinem Zigarrenladen«, beorderte er dort den Kutscher, »und sehen Sie drinnen im Telephonbuch nach, wo Herr Doktor Schraubt wohnt! Verstehen Sie: Schraubt! Dann fahren Sie dorthin!« »Ich habe ganz vergessen, Ihnen zu danken, Hilde!« sagte er, als der Wagen sich vor dem Eckladen wieder in Bewegung setzte. »Das war was für Sie – was? Sie sehen jetzt noch ganz abenteuerlich aus!« »Ach – es war so romantisch! So gefährlich war's!« »Wirklich gefährlich?« »Ja. Vorher – da kam ein Kerl aus dem Haus – vor dem könnt' man sich fürchten! Und wissen Sie, wer's war? Der Mensch, der Sie und mich damals bei Feuerstake gerettet hat, wie die Brüder schon ihre Messer aufgeklappt hatten ... Erinnern Sie sich nicht, Herr Werner?« »Der Dicke!« »Ja – so haben sie ihn genannt! ... Aber mir hat doch vor ihm gegraut!« »Warum lachen Sie denn dabei?« »Gott – weil die Leute doch so ausverschämt lügen!« Das Obstfräulein schüttelte aufgeregt den blassen, schmalen, nervösen Kopf. »Da ging noch einer neben dem Dicken – na – so mittelgroß und glattrasiert und auch ungefähr so alt wie Sie – und was glauben Sie, Herr Werner, was die meckerten: das wär' der Ale!« »Was?« Der junge Mann fuhr auf. »Na ja – der Ale! Ist das nicht zum Wälzen, Herr Werner?« »Wer hat das gesagt?« »Die Kleine selber – die Häselich ...« »Die muß es doch weiß Gott wissen! Das ist ja – Herrgott ... und das erzählen Sie mir jetzt erst so beiläufig ...« »... was so eine zusammenlügt ...« Ein stiller, verständnisvoller Augenaufschlag. »Warum soll sie denn lügen?« »Aber Herr Werner – ich weiß doch, daß der Ale wo anders ist!« Das Obstfräulein hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und lächelte geheimnisvoll vor sich nieder. »Herrgott ... Kind ...« »Herr Werner ...« Es klang träumerisch glücklich. »So fein, wie Sie da neben mir sitzen, geht doch kein Chauffeur. Und im Haus wollen sie nichts von 'nem Werner wissen. Sie haben sich da unter einem andern Vorwand eingeschlichen ...« »Hilde – es ist jetzt nicht die Zeit, Ihnen das zu erklären ...« »Um Sie ist da ein Geheimnis! Das ist ja eben das Große an Leuten wie Ihnen. Damit bereiten Sie in der Stille Ihre Pläne vor!« »Hilde – bezähmen Sie jetzt Ihre Filmphantasie! Begreifen Sie denn nicht, was das heißt, daß wir jetzt an Ihnen einen zweiten Menschen haben, der weiß, wie der Nachtdoktor aussieht? Auf die Fränze ist ja nicht zu rechnen! Die versagt ja jedesmal vor Angst, im entscheidenden Augenblick!« »Wie der Nachtdoktor aussieht, weiß ich seit Donnerstag vor acht Tagen«, sagte die Hilde Lüders sanft lächelnd und hartnäckig. »Dann halten Sie mich in Gottes Namen für den Ale!« schrie der junge Mann. »Also drücken wir uns lieber so aus: Würden Sie den Mann, der gestern neben dem Dicken ging, unbedingt wiedererkennen?« »Na, jederzeit!« »Und auf den ersten Blick?« »Im Dustern!« Das Obstfräulein zuckte geringschätzig die Schultern. »Viel zu sehen ist an dem nicht!« »Gut! Dann müssen wir nachher sofort die Nachforschungen aufnehmen! Sowie ich die Fränze dem Doktor Schraubt auf die Seele gebunden hab'! Da scheint er zu wohnen! Kommen Sie mit hinauf, Hilde! Er hat die Sorge für das Mädchen übernommen! Erzählen Sie ihm, was Sie von der Fränze Häselich wissen!« 56 Die Fränze Häselich stand um die gleiche Zeit fern im Osten in der Färberstraße. Noch blaß, aber munter, das rote Topfhütchen über den kessen, hellbraunen Augen, die Hände in den Taschen des mausgrauen Warenhausmäntelchens. Neben ihr, in seiner Schiffertracht, der Paule Räder. »Das ist der Obstladen, wo das Fräulein gestern das Geld geholt hat, das die Jungs nachher gar nicht haben wollten«, sagte er. »Fränze – das ist guter Schick, daß du dir hier noch mal bei ihr bedankst! Wenn das Fräulein gestern nicht so dreist gewesen wäre und wäre da hinauf mang die Galizier und bis zu dem Schwemmkloß ohne Beine gestiegen ...« »... dann hätte mich der Dicke heute nacht in die Spree getunkt ... Auf Nimmerwiederschauen!« Die Kleine zeigte rachsüchtig die weißen Zähne. »Ich hab's wohl unter der Decke gehört, wie's ihm der Ale verboten hat ...« »Gegen den Ale hab' ich nichts. Der hat seitdem meinen Segen!« Sie näherte sich mit dem Spreeschiffer der Farbenpalette der Früchtehandlung im Gassengrau. »Aber der Dicke ... Wenn er noch ein bißchen lieb hätte zu mir sein wollen, ehe er mich kalt macht – aber gerade nur ausspucken: ›Komm' ich eben alleene heim! Na – wat denn weiter?‹ ... Pfui – da is kein Zartgefühl nich ...« »Aber ich fürchte mich vor dem Dicken nicht mehr!« Die Fränze blieb stehen. Ihr feines Gesichtchen war verzerrt vor Zorn. »Wenn ich's bloß dem Dicken noch so recht feste besorgen könnt', ehe wir abfahren, Paule ... daß der wieder mal seinen Blauen Heinrich im Zuchthaus zu löffeln kriegt – Aber unsereiner ... der gilt ja nicht mehr wie 'ne Laus ...« »Dem Dicken schneidet schon mal ein Herr im Frack und weißen Handschuhen sauber den Kopf ab!« Der Schiffer Räder trat, schwer in seinen Wasserstiefeln, in den Laden. »Guten Morgen! Ist das Fräulein nicht da? Wir wollen ihr nämlich Adieu sagen – ich und meine Braut, weil wir ins Ausland machen!« »Meine Nichte?« Die leidende ältere Dame hinter dem Ladentisch funkelte durch die Brille. »Die ist heute früh weggelaufen – ich weiß nicht, wohin, und wann sie wiederkommt. Wenn Sie sie zufällig in Berlin sehen sollten, dann sagen Sie ihr, daß sich hier eine gesetzte Witwe ihretwegen die Krampfadern in den Leib steht!« »Und nun noch die Polizei!« Sie wandte kummervoll den dünnen, grauen Scheitel zur Türe. »Herr Schupo – sind Sie schon wieder da ...?« »Ich hab' dem Fräulein Lüders gestern um die Zeit versprochen, daß ich heute morgen hier 'rankomm'!« »Aber mein geehrtes Fräulein Nichte ist nicht da! Das hab' ich eben schon den Herrschaften hier ...« »Halt!« Der Schupo Peschke sprang mit einem Satz rückwärts zur Tür und stellte sich mit ausgespreizten Armen als Straßensperre davor. Sein rundes, braunes, vergnügtes Antlitz härtete sich in jähem Diensteifer und glühendem Tatendrang. »Halt – hiergeblieben ... jawoll: Sie! ... Fränze Häselich ...« »Jesus – woher kennen Sie mich denn, Herr Wachtmeister?« »So! Wer ist denn vor vierzehn Tagen auf dem Ottoplatz zu mir auf die Insel gekommen und hat geflötet: ›Dort geht der gefährlichste Mensch von Berlin – der Ale ... Verhaften Sie den!‹ Und wie ich zurückkomm', waren Sie weg!« »Das waren Sie?« »Und vor acht Tagen von Wiebekings weg – jawoll – weiß ich auch! Warum denn – he?« »Wenn die mich doch vor der Villa aufgegriffen haben – und mich eingesponnen – bis gestern!« Die Fränze beugte sich zornig vor. Dann verlegte sie sich, mit gefaltet erhobenen Händen, aufs Bitten: »Herr Kriminalrat – lassen Sie mich doch laufen! Ich bin ja nicht schlecht. Ich war ja nur unter schlechten Menschen. Von denen will ich nur weg. Da, mit meinem Bräutigam – der ist Flußschiffer – nach Holland. Da wollen wir heiraten!« »Jawoll! Ohne Papiere!« »Hab' ich!« schrie die Fränze Häselich. »Alles sauber beisammen – schon wie ich bei Wiebekings war, hab ich mir's von zu Hause geholt, weil ich am andern Morgen nach Ostpreußen sollt'! Da, im Rockfutter hab' ich's eingenäht!« »Ich habe keine Untersuchung gegen Sie zu führen!« Friedrich Peschkes Stimme klang feierlich. »Wegen mir verziehen Sie sich bis an den Nordpol! Aber vorher müssen Sie mir den Ale ans Messer liefern! Wie Sie mir's damals auf der Verkehrsinsel versprochen haben!« »Ich hab' schon hundertmal gesagt«, die kleine Häselich rang verzweifelt die Hände, »ich kenn' ihn doch – den Ale – wenn ich ihn seh! Aber ich weiß nicht, wer er ist und wie er heißt und wo er wohnt! Und wenn ihr mich totschlagt!« »Und ohne den Ale war' ich heute schon eine tote Wasserratte!« Sie ließ die Arme sinken. »Wenn ich es auch müßte, so tat' ich den Ale nicht anzeigen! Das war' doch ordinär von mir – nich?« Plötzlich lief ein weißer Schein von Haß auf Tod und Leben über ihr schmales Gesicht. Sie trat wie eine Katze drei Schritt auf den Schupo zu. »Aber der Dicke ...« flüsterte sie. »Kennen Sie den?« »Glauben Sie, ich hätt' euch alle beisammen nicht bei Vater Krügern, dem ollen Schweinehund ... na ja ...« »Dürfen Sie ruhig von meinem Stiefvater sagen! Stimmt!« »... ich hätt' euch da nicht beobachtet?« »Is gut! Also der Dicke ... das Aas serviere ich Ihnen mit Wonne! Heute noch!« »Können Sie das?« »Kann ich!« Die Kleine raunte aufgeregt. »Er hat ja 'ne unangemeldete Schlafstelle, drüben, nahe bei die Friedrichsgracht – in dem Haus, wo sie mal die Rauschgifte verschoben haben – erinnern Sie sich? Aber da ist er selten! Er pennt mal da, mal dort! Und denn kommt er von irgendwoher ins Bild!« »Und nu gestern spät am Nachmittag ...« die Stimme der Fränze Häselich wurde fast unhörbar, »hat er sich bei mir im Zimmer in der Pionierstraße mit Zweien von der Kolonne – dem Goldhäschen und dem Butterkopf – für heute vormittag auf halber elfe an den Untergrundbahnhof Sachsenplatz verabredet!« »Wie weit is es bis dahin?« »Noch nich fünf Minuten!« »Jetzt ist es gleich halb elf!« Der Schupo Peschke sah auf die Uhr. »Wir kommen gerade noch zurecht!« 57 Der Untergrundbahnhof trieb jetzt, am frühen Vormittag, spärliche Menschenklümpchen aus seiner Tiefe an das Tageslicht. Ein robuster Gentleman tauchte da auf, massig in breitkariertem Mantel, eine Mütze auf dem steingrauen Bulldoggenkopf. Er schritt oben an einem riesenhaften, schwarzgelöckelten Kerl vom Äußeren eines Preisringers vorbei. Die beiden schauten sich nicht an. Nur die wulstigen, bartlosen Lippen des Mannes, der wie ein englischer Buchmacher aussah, bewegten sich fast unmerklich mit einer Weisung von zwei Worten. Der Hüne, mit dem aufgedrehten Schnurrbärtchen, schlenderte davon, sich kokett, im Vollgefühl seiner weibischen, brünetten Schönheit, in den mächtigen Schultern wiegend. »Das Goldhäschen!« murmelte die Fränze. Sie stand abseits mit dem Schupo Peschke. Der Schiffer Räder hielt sich, seitdem sie den Obstladen verlassen, argwöhnisch zehn Schritte hinter ihnen. »Haben Sie keine Angst! Der Dicke drüben darf Ihnen nichts tun!« Friedrich Peschkes Stimme zitterte im Jagdfieber. »Wenn ich auch in Zivil bin! Heute war mir's gerade möglich!« »Ach –jetzt auf offener Straße – am hellen Tag – da trauen sich die Brüder nicht! Der Dicke dreht sich ja auch gar nicht um! Der ahnt nicht, daß ich hinter ihm her bin!« Der vierschrötige Mensch mit den Bulldoggkiefern stand jetzt neben einer behäbigen Alltagsgestalt mit Zwicker und Aktenmappe – einem kleinen Beamten oder derlei. Sie sprachen kurz miteinander und trennten sich mit einem Händedruck. »Da radelt der Butterkopf davon!« Die Fränze schaute den wehenden Mantelschößen nach. »Die drehen hier irgendwo 'ne Sache! Da nehm' ich drauf Rattenjift! Sehen Sie mal da drüben: der Schwindsüchtige mit dem Vogelkopf! Da kranewankt auch noch der Amtmann 'ran! Gott sei Dank ... Nu steigt er in die Destille und sieht mich nicht!« »Kommen Sie! Wir gehen vorsichtig hinter dem Dicken her!« Ein paar hundert Schritte weit. An die Grenze zwischen der Berliner Altstadt und dem ältesten Berliner Westen. Zeiten von einst in Stein und Stuck. Zopfbauten von einst noch vereinzelt in den stillen Straßen zwischen den niederen Bürgerhäusern von heute. Wie ein verwitterter Grandseigneur unter betriebsamen kleinen Leuten überragte solch ein altfränkisches Patrizierhaus des achtzehnten Jahrhunderts grau und massig die aufdringlich angeklebten Ziegelfirste der Nachbarschaft. Kunstvolle Schmiedeeisengitter im Barockstil wölbten sich vor seinen hohen, ebenerdigen Scheiben. Ein Pförtner mit Tressenmütze bewachte den Treppeneingang, dessen Steinsims in schwärzlichen Goldschnörkeln die Aufschrift »Wiebeking \& Co.« krönte. Der grobknochige Gentleman mit der Stummelpfeife zwischen den brutalen Kiefern, dem der Schupo und die Fränze folgten, bog, ohne sich um den altmodischen Bankpalast zu kümmern, zwanzig Schritte vorher in die Torwölbung eines unansehnlichen Gebäudes ein. Hinter den kleinen Fenstergardinen der bürgerlichen Vorderwohnung blühten friedlich Geranien. Im Hof hämmerten und schweißten und schraubten einige Arbeiter einer Kraftradhandlung. »Da erwartet schon wieder der Butterkopf den Dicken!« flüsterte die Fränze. »Und der grauköpfige Arbeitsmann, der da an der verbogenen Lenkstange 'rumpetert, das ist der Palisaden-Karl, der Vater vom Bellevue! Alt, aber oho! Dem ist das Zuchthaus immer gut angeschlagen!« Innen knatterte längere Zeit durchdringend ein Motor. Ein Fahrer schoß heraus und sauste unter der Toraufschrift: ›Matthias Wanner. Krafträder. Reparaturen aller Art‹ davon. »Der Länglich!« sagte die Fränze. »Das riecht hier sengerig!« »Man müßte mal die Neese in das Lokal stecken!« zischte Friedrich Peschke. »Mich kennen sie da drinnen!« Ein Flüstern der Kleinen, »Aber Sie nicht! Gehen Sie nur dreist 'rin!« »Und Sie machen unterdes hier lange Beene!« »Ich bleibe! Wenn ich nur dem Dicken was einreiben kann, dann schieb' ich noch morgen früh hier Posten!« Ein zweifelnder Blick des Schupo Peschke auf das blasse, verbissene Ding im mausgrauen Mäntelchen. Dann betrat er geschäftig, die Zigarre im Mund, die Hände in den Taschen des Zivilpaletots, den Hof. »'Morgen! – hat mein Lehrling mein Rad schon hergeschoben? Brösel ist mein Name. Ludwig Brösel. Es war da was mit der Zündung ...« »Ich werd' mal nachsehen!« Der vorausgeradelte gemütliche Spießbürger von vorhin ging in einen Kontorverschlag im Innern der offenen Werkstatt. Friedrich Peschke wartete, schaute gähnend um sich, sagte zu dem zurückkehrenden Werkmeister: »Ich bin nämlich Geschäftsmann ... Ich wohn' ein ganzes Ende von hier! Aber ich bin mit dem dortigen Händler nicht zufrieden. Darum bin ich zu Ihnen! Ich brauche das Rad. Da drinnen knattert die olle Maschine ja wieder!« »Das ist eine andere, Herr! Ihr Rad ist noch nicht da!« »Donnerwetter – sollte der Bengel das Lokal nicht gefunden haben? Am Ende haben Sie das jetzt erst aufgemacht?« »Seit 'nem halben Jahr schon im Betrieb, Herr!« »... So? ... Na – wenn ich bloß heut noch mein Rad krieg'! Wann machen Sie denn Feierabend?« »Tag- und Nachtschicht, Herr! Ja – kommen Sie in ein paar Stunden noch mal vor! Mahlzeit!« Draußen an der zweiten Straßenecke stand die Fränze, Friedrich Peschke nickte ihr fieberhaft zu. »Da sind Sie ja noch in Lebensgröße, Fräulein!« »Eben ist der Halbtote 'reingegangen! – in 'ner blauen Monteurbluse! Na – ich hinter die Litfaßsäule! ... Die ganze Gegend ist voll von den Brüdern. Haben Sie den Dicken gesehen?« »Nee – der hat sich im Hintergrund Gott weiß wohin verkrümelt! Ich hab' 'nen Ahnimus! die sitzen da drinnen dicht am Speck! Da stößt man durch Sie vielleicht auf 'ne ganz große Sache, Fräulein!« »Na – sehen Sie woll!« Die kleine Häselich lächelte rachgierig. »Aber morgen sind Sie über alle Berge ...« »Ich türm' jetzt nicht aus Berlin, eh' ich den Dicken nicht ins Kittchen gebracht hab'! – dafür, daß er mich hat in Stralau heut nacht das Schwimmen lernen wollen ...« »... und unsereiner darf ja nichts von sich aus machen! Man hat ja keine Vollmacht nicht, einzugreifen ...« »Wenn Sie zurückzoppen, dann lauf' ich selber auf den Alex und zeig' es an!« Die Fränze hängte sich in den Arm des herangetretenen Schiffers Räder ... »und wenn sie mich gleich dort behalten!« »Nee – lassen Sie nur mich aufs Präsidium, Fräulein!« Der Schupo Peschke winkte eifrig ab. »Dort meld' ich jetzt gleich dem Kommissar Dürisch den faulen Zauber hier! Der Mann wird mir dankbar sein! Der Mann greift durch!« »Mir tät's nur leid«, sagte die Fränze Häselich, »wenn sie den Ale selber kriegten! Der hat mir gestern abend das Leben gerettet! Der Ale is 'n Kavalier!« 58 »Sie müssen mir heute noch den Ale zeigen, sobald ich die Geschichte mit der Fränze bei dem Doktor Schraubt in seinem Sprechzimmer da drinnen geordnet hab'!« sagte zu gleicher Zeit draußen im Norden Berlins Werner Wiebeking zu der Hilde Lüders. »Oder – da Sie wieder Ihre eigensinnigen Naslöcher aufsetzen – den Mann zeigen, den Sie gestern in der Pionierstraße gesehen haben!« »Das sowieso!« sprach das Obstfräulein träumerisch vor sich hin lächelnd. »Herr Doktor Schraubt ist nur noch einen Augenblick beschäftigt!« Eine alte Haushälterin schlurfte aus dem Nebenzimmer, in der Hand die Karte, die ihr der Dr.-Ing. Wiebeking wortlos, etwas abseits von der Hilde Lüders, gegeben. Der junge Mann nickte. Er sah sich in dem kahlen, weißgetünchten Raum voll hoher, offener Büchergestelle um. Er stand auf und las die nächsten Titel: Archive für Kriminalwissenschaft in drei, vier Sprachen – Polizei-Fahndungsblätter – Zeitschrift für produktive Strafentlassenen-Fürsorge, herausgegeben von Dr. Josef Schraubt – es dünstete aus der Bibliothek dieselbe Stickluft von Gerichtssälen und Gefängniszellen, die als Armeleutegeruch in dem saalartigen, leeren Warteraum brütete. Werner Wiebeking trat an das Fenster. Rund um das alte, düstere Haus, das der Sonderling mit seiner Wirtschafterin allein zu bewohnen schien, dehnte sich jene seltsame, einsame, menschenleere Gegend des Berliner Nordens, in der die Weltstadt sich in ein weitläufiges, stilles Gewirr von Krankenhäusern, Wäldchenstücken, Kirchen, Lagerplätzen, Friedhöfen, Museen auflöste. Es war, als sei man gar nicht mehr in Berlin. Der Dr.-Ing. Wiebeking fuhr aus seinen Gedanken auf und drehte sich hastig um. »Um diesen Ale zu ermitteln, Hilde ...« »Das wird lange dauern, bis ich die vier Millionen Berliner alle besichtigt hab'!« sagte das Obstfräulein ironisch. »... dafür gibt es einen Weg! Der große Unbekannte hat vor nicht langer Zeit an einem Gartenfest in einer Villa im Grunewald teilgenommen. Ich war auch dort!« »Das glaub' ich, Herr Werner!« »Unter den paar Dutzend glattrasierten, jüngeren Herren, die damals in der Villa Hüsgen waren, muß er sich befunden haben!« »Ganz gewiß!« »... und mit diesen Leuten muß ich Sie der Reihe nach unauffällig zusammenbringen – und dadurch auch einmal mit dem Ale selber ...« »Sie sind ja schon dabei!« Die Hilde lachte. »Nun versprechen Sie mir eines: Wenn Sie irgendwie plötzlich den bewußten Mann von gestern erkennen ...« »Ja.« »... dann geben Sie mir ein unmerkliches Zeichen! Tun Sie, als sei Ihnen etwas ins Auge gekommen, und fahren Sie sich rasch einige Male mit dem Zeigefinger über die Lider ...« »Gern.« »Lächeln Sie nicht immer so wahnsinnig! Es macht einen ganz nervös!« »Es ist zu komisch, wie Sie hinter sich selber her sind!« Das Obstfräulein sah träumerisch zur Decke. »Es ist wahrhaftig nichts Komisches an dieser Jagd hinter einem unsichtbaren Menschen, der zwischen uns herumgeht ...« »Uns, Herr Werner?« »Nein – ich meine ... in Kreisen herumgeht, in denen jeder Verdacht geradezu lächerlich wäre! Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: der Doktor Schraubt da drinnen war an jenem Abend auch unter den Gästen ...« »Herr Doktor läßt bitten!« meldete die Haushälterin. Eine entlassene, junge, freche Lasterfratze schob sich aus dem Nebenzimmer über die Schwelle und an den beiden vorbei. Innen erhob sich die massige Gestalt des Privatgelehrten hinter einem riesigen Arbeitstisch. Die Sonne schien hell auf den mächtigen, kurz behaarten Rundschädel mit den großen Ohren. Die groben Züge blickten klug und finster. Eine platzanweisende Bewegung der breiten, flaumbedeckten Hand. »Dies Fräulein hier, Herr Doktor, soll Ihnen berichten, wie sie gestern unsere Schutzbefohlene wiedergefunden hat!« Die Hilde Lüders saß dem Menschenfreund gegenüber. Sie sah ihm frei ins Gesicht. Sie hielt die Hände im Schoß verschlungen. Sie rührte sich nicht, während sie erzählte. Als sie geendet, folgte drüben ein beifälliges Nicken. Eine dumpfe Stimme. »Danke sehr, Fräulein! Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Doktor ...« ... Herr Doktor ... Das Obstfräulein hörte es und schaute rasch nach Werner Wiebeling hinüber und verbiß ein Lachen. »... daß wir die Fränze Häselich umgehend nach Ostpreußen bringen! Ich werde sofort suchen, sie auf ihrem Spreekahn zu ermitteln und halte Sie über die Angelegenheit auf dem laufenden! Guten Morgen, meine Herrschaften!« »Da ist nun schon einer aus der schwarzen Liste ausgeschaltet, in der sich der, den Sie gestern in der Pionierstraße gesehen haben, befindet!« sagte lachend auf der Treppe der junge Mann zu der Hilde Lüders, und die schüttelte energisch den Kopf. »Nein – der Herr da oben – der war es ganz bestimmt nicht!« 59 »Ich werde Sie heute noch mehr als einem glattrasierten Herrn in den Dreißig gegenüberstellen, Hilde!« sagte Werner Wiebeking, während die Droschke aus der stillen Gartenstadt des Nordens in das Tosen des Westens rollte. »Und hoffentlich darunter dem meistgesuchten Mann Berlins!« »Nach Ihnen, Herr Werner!« »... und daraus, daß ich einen Verbrecher suche, können Sie schon sehen, daß ich selber kein Verbrecher bin!« »Man kennt doch eure Kämpfe gegeneinander in der Unterwelt!« »Ich bin von dieser Welt, Hilde!« »Und warum sind Sie dann so scharf auf diese Ganoven in der Pionierstraße? Ach – das begreife ich, daß für zwei wie euch Berlin zu klein ist!« »Unsinn, Kind!« »Ach – das ist himmlisch! Das ist wie in Chicago!« »Hilde ... Räuberbraut ...« »Was ist dagegen der Film?« Ein Schweigen. »Hilde – ich habe ein schlechtes Gewissen ...« »Ein Mann wie Sie braucht das nicht!« »Wenn ich Sie nun aus allen Himmeln reiße und Ihnen sage, daß ich ein Sohn aus reichem Hause bin – vielleicht der Sohn des Geheimrats Wiebeking selber ... Da lacht sie los ...« »Ein Millionär aus 'm Tiergartenviertel, der Schlosser im Osten ist und in den Kaschemmen 'rumsitzt! ... Für zu dumm müssen Sie mich auch nicht halten, Herr Werner!« »Sie sehen doch, daß ich in dem Hause Wiebeking aus und ein gehe ...« »Das ist ja das Große an euch, daß ihr euch überall einschleicht ...« »... wie wenn ich da hineingehöre ...« »... und mitten unter den Verbrechern genießen Sie das größte Ansehen – denken Sie nur neulich an den Dicken und seine Leute in Feuerstakes Hotel – und bieten alles auf, das kleine Kaschemmen-Mädel zu retten ... Nein! ... Mir machen Sie nichts vor! Ich habe einen zu tiefen Einblick getan! Ich weiß, wer Sie sind!« »Also erzähle ich Ihnen das in Gottes Namen ein andermal wieder! Vielleicht glauben Sie's dann! Wenn ich jetzt weiter versuche, Ihre Illusionen zu zerstören, schnappen Sie mir womöglich vor Enttäuschung ab! Und ich brauche Siel« »Gegen Ihren Todfeind in der Pionierstraße!« »Hilde – wenn Sie diesen Herrn irgendwo erkennen – wer es auch sei – geben Sie mir sofort das Zeichen mit dem Zeigefinger überm Auge! Abgemacht?« Das Obstfräulein nickte begeistert. Sie saß kampfdurstig aufrecht. Ihre Augen glänzten über den Kurfürstendamm. Werner Wiebeking ließ den Wagen halten. »Da ist die Flamingo-Diele! Kommen Sie 'nen Sprung mit 'rein, Hilde!« Die Nachtbar lag jetzt, gegen Mittag, noch halb im Morgenschlaf. Die hohen Reitstühle standen leer vor dem Marmorschragen. Dahinter hielt die weißgetünchte Lory mit der fuchsroten Riesentolle übernächtig die gestrigen Sporttelegramme zwischen den purpurlackierten Fingernägeln und übersetzte der wild gähnenden knallblonden Berta die Rennquoten von Auteuil. Nur am Stammtisch in der Ecke saßen ein paar Gents. Ein finniger, engbrüstiger Herr hob die gebückten Schultern und drehte die rötlich umkränzte Glatze liebenswürdig zur Tür. Hart, östlich sein Deutsch. »Belieben Siel Treten Sie näher, Herr Doktor Wiebeking! Hier ist Platz für Sie und die Jnäddige!« »Ich muß leider gleich weiter, Baron Sempt!« Der Dr.-Ing. Wiebeking schaute rasch auf Hilde. Die fuhr sich nicht ans Auge, sondern stand teilnahmlos mit hängenden Armen. »Ich suchte nur Ihren Freund Lüttchen!« »Er ist eben zu seiner schönen Schwester im Grunewald hinausgefahren!« »In 'ner ganz miesen Stimmung!« rief die rote Lory von der Bar. Die blonde Berta ergänzte. »Wenn der man nich in der Burgstraße schief liegt!« Noch ein Seitenblick auf die Hilde Lüders. Sie rührte sich nicht. Der Dr.-Ing. Wiebeling verließ mit ihr den »Flamingo«. »Der Baron war es nicht?« frug er draußen. »Das olle Ekel? Nich in die Hand!« »Und auch von den andern keiner?« »Haben noch nicht mal danebengelegen, Herr Werner! Einer, der Ihnen ebenbürtig ist, der sieht doch interessanter aus!« »Kutscher! In den Grunewald! Westallee siebzehn.« »Sie werden ja auf einmal ganz blaß, Herr Werner! sagte ungläubig die Hilde Luders, als der Wagen vor der Villa Hüsgen stillstand. »Gibt es denn wirklich etwas auf der Welt, wovor Sie sich fürchten?« »... daß jetzt da drinnen ein bestimmter Mensch der Gesuchte sein könnte – davor allerdings ... Hilft nichts! Passen Sie auf, Hilde: Hier haben Sie meine Brieftasche! Bleiben Sie jetzt in der Droschke sitzen! Wenn Sie dann gerufen werden, dann folgen Sie dem Mädchen mit der Brieftasche in der Hand ins Haus!« »Die gnädige Frau kommt gleich! Sie sucht noch nach etwas oben in ihren Zimmern!« meldete drinnen die Jungfer. »Aber der Herr Bruder sitzt unten in der Halle!« Das Nachtgeschöpf reichte, großohrig, spitznasig, kümmerlich, aus den Tiefen eines Klubsessels mit einem wehmütigen Lächeln auf den ältlichen, blau umschatteten, bleichen Zügen dem Dr.-Ing. Wiebeking zwei sorgfältig manikürte Spielerfinger. »Ich bin doch 'n wertvoller Mensch, Doktor! Nich? Sagen alle, die mich kennen!« Er sog tiefsinnig an seiner Zigarette. »Aber was macht man aus sich?« Ein Rauchwirbel. »Kaff!« »Im ›FIamingo‹ sagte mir Ihr Freund aus dem Osten ...« »Freund? Dieser rothaarige Tscherwonzenschieber ...« Weinerlich die Worte des Kleinen. »Schieber?« »Schieberkönig ... Warum soll ich jetzt noch aus der Wahrheit 'ne Mördergrube machen?« »Der Baron Sempt?« »Baron? Kammerdiener war er mal bei 'nem wirklichen Sempt, der drüben in der Revolution verschollen ist! Dieser asiatische Schwerverdiener ist kein Verkehr für einen christlichen Jüngling wie mich. Ich geh' jetzt in mich, so ungemütlich das Lokal auch ist!« Lüttchen stützte kummervoll den Kopf in die Hand. »Es geht so mit mir nicht weiter!« »Ich habe einen furchtbaren Entschluß gefaßt!« Die großen Nachtaugen richteten sich auf den andern. »Ich werde von jetzt ab arbeiten! Ich muß! Was sagen Sie dazu?« »... mal was Neues!« »Nicht wahr. Sie Schmeichler! Na – da kommt sie endlich! Ilselott: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Schönheitsköniginnen!« Die kleine Frau beachtete den Bruder kaum. Sie war sehr erregt. Sie hatte Mühe sich zu beherrschen. Sie drückte Werner Wiebeking hastig die Hand. Sie schwieg mit einem hilflosen Blick auf Lüttchen. »Du siehst aus wie ein besserer Geist!« sagte der kleine Spieler trübsinnig. »Aber ich muß dich trotzdem sprechen!« »Ein andermal ... bitte! ... Was suchen Sie denn so erschrocken in Ihrem Rock, Herr Doktor?« »Meine Brieftasche, gnädige Frau! Hoffentlich habe ich sie in der Droschke draußen liegenlassen! Darf ich einen Augenblick meine Sekretärin, die darinsitzt, hierherkommen lassen?« »Bitte!« »Bisher war ich das Dukatenmännchen vom Kurfürstendamm ...« fuhr Lüttchen fort, während die Jungfer vor das Haus lief. »Lüttchen ... man erwartet dich gewiß am Kurfürstendamm ...« »Ich war der Stolz von Berlin ...« »... während wir hier uns auch ohne dich behelfen können ...« »... aber ich stehe vor dem Sturz!« »Die Sekretärin ist da!« meldete das Mädchen. »... und hat gottlob die Brieftasche!« Werner Wiebeking sprang auf und schob die Ledermappe in den Rock. Die Hilde Lüders hatte sich vor der Dame des Hauses verbeugt. Jetzt stand sie, die Fingerspitzen mit herabhängenden Armen verschlungen, gleichgültig mitten im Zimmer und wartete. Es war eine kurze Stille. »Danke, Fräulein!« Die Hilde Lüders zog sich mit einer zweiten Verbeugung zurück. Werner Wiebeking atmete tief auf. Neben ihm meckerte es kläglich: »Ilselott ... leihe mir eines deiner reizenden Öhrchen! Mein Nimbus wankt! Die Lage ist verzweifelt, aber nicht ernst!« »Kein Mensch nimmt dich ernst, Lüttchen! ... Bitte – komm morgen wieder ... Heute bin ich wirklich nicht in der Verfassung ...« »Ich habe das dunkle Gefühl, als ob ich hier störte ... Feinfühlig bis in die Fingerspitzen, wie ich nun einmal bin! Auf Wiedersehen, Schwesterseele! Adieu, Sie Seelenarzt!« Lüttchen kniff vielsagend ein Auge zu, seufzte und ging. Werner Wiebeking faßte die kleine blonde Frau angstvoll an den Händen. »Ilselott – was ist dir?« »Ach – ich bin ganz verstört! Ich bin außer mir!« »Warum?« »Stell' dir vor: Mein ganzer Schmuck ist aus der Wandkassette in meinem Ankleidezimmer gestohlen!« »Und du hast keinen Verdacht?« »Vom Personal war niemand im Zimmer – außer in meiner Gegenwart die Jungfer! Von außen kann niemand gekommen sein! Alle Fenster mit den elektrischen Läutevorrichtungen meines Mannes sind unversehrt. Das Haustor war die Nacht über fest verschlossen. Draußen die Wächter! Die haben pünktlich ihre Kontrolluhren gestoppt.« »Wann hast du denn die Bescherung entdeckt?« »Vor einer Stunde – zufällig ... Ich wollt' einen Ring aus dem Safe nehmen. Das Safe war aufgeschlossen und leer! Ich hab' noch niemandem was gesagt! Ich wag' es gar nicht meinem Mann zu sagen! Der regt sich ja wahnsinnig auf!« »Wann hast du den Schmuck zuletzt in Händen gehabt?« »Gestern abend! Da habe ich ihn selber in die stählerne Wandkassette gesperrt, nachdem die Gäste gegangen waren ...« »Was für Gäste?« »Mein Mann hatte gestern amerikanische Kunstsammler zum Abend mitgebracht – fünf oder sechs!« »Waren die zum erstenmal im Haus?« »Ein paar sind schon lange in Berlin. Die waren neulich schon bei meiner italienischen Nacht!« »Jüngere, glattrasierte Herren?« »Ja. Wie Amerikaner so sind. Ich kenn' sie kaum. Gebhard hat mit ihnen seine Kunstgeschäfte – gerade jetzt während der großen Auktion. Der weiß ihre Namen und Adressen. Viel mehr wahrscheinlich auch nicht!« »Gingen sie spät weg?« »Ja.« »Alle zusammen?« »Ja.« »Kann sich nicht einer von ihnen, ohne daß deine schon verschlafenen Leute es bemerkten, sich haben im Haus einschließen lassen, statt sich zu entfernen, und morgens, wie das Tor wieder geöffnet wurde, ebenso heimlich empfohlen haben?« »Wie soll ich das wissen? ... Ach – es ist mir gräßlich. Aber ich muß jetzt meinen Mann mitten in seiner großen Auktion wegen des Diebstahls im Hause antelephonieren ...« »Sind diese Gentlemen von gestern auch bei der Auktion?« »Sicherlich! Alle!« »Dann lasse den Apparat in Frieden! Und lasse nicht erst deine Himbeerkutsche ankurbeln! Ich hab' 'ne Taxe draußen! Wir müssen sofort zur Versteigerung!« »Und dort?« »... die Amerikaner feststellen ...« »Aber Werner – die werden uns gerade erzählen, ob sie's waren!« »Die können sich ausschweigen! Die brauchen sich bloß, ohne daß sie's ahnen, besichtigen zu lassen! Ich hab' draußen in der Droschke eine Hellseherin sitzen ...« »... das Fräulein, das eben hier war?« »... die erkennt euern Gast von gestern abend mit tödlicher Sicherheit wieder – im Fall, daß es am Ende der Ale selber war! Dein Mann hat ja schon lange seinen Besuch erwartet!« 60 Die Droschke stoppte. Lange Wagenreihen parkten vor der Front des Luxushotels. Werner Wiebeking half Ilselott heraus. Sie mußten zwanzig Schritt zu Fuß gehen, um das vollgefahrene Eingangsportal zu erreichen. Die Hilde Lüders hielt sich hinter ihnen. »Ist deine Sekretärin auch zuverlässig?« »Meine Sek ... Ach so – das ist sie eigentlich nicht, sondern ein Geschäftsfräulein aus dem Osten. Aber von einem Feuereifer wie ein gelehriger Jagdhund – rein aus Liebe zur Sache ...« »Mir scheint mehr aus Liebe zu dir!« sagte die kleine Frau. »Wenn man ihre aufgeregten Augen ansieht ...« »Phantastisch ist sie! Wenn man gleichzeitig Apfelsinen verhökert und Verbrechergeschichten schmökert ... aber gerade deswegen ... Wir müssen da rechts durch die Halle. Im Saal hinten ist die Auktion! ... Herrgott ... ist das voll ... Kein Stuhl frei ... An den Wänden stehen sie noch lang ...« Ein Doppelposten trennte an der Türe das geschäftig summende Durcheinander in der Halle von der tiefen Stille im Saal. Der Eingang war quer vor dessen Mitte. Die Glatzen drinnen, die einzelnen Damenhüte, die Köpfe alle rührten sich nicht die enggedrängten Sitzreihen lang. Durch das gespannte Schweigen gellte eine helle, fast kreischende Stimme leidenschaftlich: »... und zehn!« »Da bietet mein Mann ...« »Nun wieder!« »Und dreißig« ... Die Kehle überschnappte sich jetzt fast. Drinnen eine leise Bewegung durch die Menschenmauern. »Bitte, die Eintrittskarten, meine Herrschaften!« »Haben wir nicht!« »Tut mir leid, mein Herr! Dann darf ich nicht ...« »Aber ich bin doch Frau Hüsgen ... die Frau des Doktor Hüsgen, der da drinnen bietet ...« »Das würde ich ja gerne glauben, gnädige Frau! Aber ohne Ausweis ...« »Lassen Sie die Herrschaften durch – auf meine Kappe« sagte jenseits des Eingangs ein dickbäuchiger, blühender Silen, der selbst wie ein Gebilde von Rubens aussah, und zog mit einem vertraulichen Schmunzeln Ilselotts Hand an die rotbärtigen Lippen. »Gott sei Dank, Herr Rösing, daß Sie ...« »Sie kommen gerade zurecht. Gnädigste!« Der Kunsthändler schüttelte den schlauen, goldbebrillten Kopf. »So etwas wie dieser homerische Zweikampf um den Andrea bei Sarto war noch nicht da ...« »Und fünfzig!« gellte es drinnen. Ein Rauschen durch die Reihen hinterher. »Glauben Sie nicht, gnädige Frau, daß das die ersten Zehntausend sind. Die beiden sind schon über ein ganzes Ende Hunderttausender hinaus ...« »Herrgott ... ist denn mein Mann ...« »Ja. Es wird nachgerade ein bißchen sehr viel!« »Und siebzig!« »Aber den andern hört man ja gar nicht!« »Mein Kollege Wynstock aus New York – ganz vorn in der ersten Reihe – der bleiche, junge Mann – der bietet nur durch Fingerheben. Für den Multimillionär MacLean drüben!« »Aber da kann mein Mann ja nicht mit!« »Hab' ich ihm auch gesagt! Da hat er mich beiseitegeschoben und steigert selbst ...« »Und neunzig!« Eine Dame im Saal schrie vor Aufregung hell auf. Ein paar Leute erhoben sich von den Stühlen. Rufe: »Sitzenbleiben! ... Sitzenbleiben!« »Das Bild ist ja längst weit überzahlt! Aber die beiden lassen nicht locker!« »Und nochmal zehn ...« Beinahe verzweifelt die Fisteltöne. Jetzt rauschte eine dumpfe Bewegung durch den ganzen menschenvollen Raum. »Hören Sie nur diese wilde Stimme meines Mannes! Man könnte sich geradezu fürchten!« »Ja – Gnädigste – ich bin auch in Sorge ... Er fiebert geradezu seit heute früh. Ich hätte am liebsten heimlich den Hotelarzt beigezogen! Steigen Sie auf meinen Stuhl, schöne Frau! Da können Sie besser sehen ... Pardon, Herr Doktor Wiebeking ... der Stuhl ist nicht für die andere Dame ...« »Doch! Lassen Sie das Fräulein da oben stehen! Ich bitte Sie! Ich darf Ihnen nicht sagen, warum!« Die kleine Frau half selbst der Hilde Lüders hinaufzuklettern. Da ragte sie lang und schmal, im Jagdfieber zitternd, etwas vorgebeugt, mit halboffenem Mund und starrte aus romantisch leuchtenden Augen in den Saal. Werner Wiebeking stand unten neben ihr. Er sagte halblaut: »Nutzen Sie die Gelegenheit, Hilde! Sie kommt nicht wieder! Alles schaut wie hypnotisiert auf Doktor Hüsgen und Mr. Wynstock. Niemand achtet darauf, wen Sie unterdessen fixieren!« »Ja ... ja ...« »Gucken Sie nicht kreuz und quer durch das Lokal! Gehen Sie methodisch vor! Eine Reihe nach der andern! Bis Sie ihn haben!« »Ja.« Atemlos, leise, den Blick im Saal. Im Saal jäh ein Sturm nach der Stille. Der bleiche, junge Kunsthändler aus New York rückte plötzlich seinen Stuhl, nahm achselzuckend seine Mappe und stieg behutsam über die Beine der Nebensitzenden zur Türe. Er zeigte durch seine gesucht gleichgültige Miene, daß ihn die Sache nichts weiter anging. Drüben erhob sich, mit mild leuchtenden blauen Augen in dem glattrasierten Gelehrtengesicht, triumphierend die schmächtige, mittelgroße Gestalt eines Mannes in den Dreißigern. »Zum ersten ... zum zweiten ... zum dritten ...« Ein Stimmenbrausen hinterher durch den ganzen Raum. Der Kunsthändler Rösing mußte schreien, um sich verständlich zu machen. »Ihr Gatte hat den Andrea del Sarto, Gnädigste! Das war eine Schlacht! Hat 'ne Stange Gold gekostet! Na – er hat's ja dazu!« Dr. Gebhard Hüsgen schüttelte drüben, dicht umdrängt, Hände über Hände. Er sah jetzt sehr erschöpft aus. »Vorwärts, Hilde!« drängte leise am Eingang Werner Wiebeking. »Ja – ja ...« »Es kommt jetzt nach dem großen Ereignis die Mittagspause. Gleich löst sich die ganze Korona in Wohlgefallen auf. Dann ist's nur noch Sache des Zufalls, ob Sie ihn entdecken!« »Ja ... ja ...« Die Augen der Hilde Lüders irrten. »Sehen Sie noch nichts?« »Da!« Die Hilde Lüders streckte oben auf dem Stuhl mit einem halblauten Aufschrei den langen, dünnen Arm in der Richtung nach der ersten Bankreihe. »Was denn?« »Da ... der eben das Bild gekauft hat ... dem alle Glück wünschen ... « »Na ja – der Doktor Hüsgen ... der Gatte der gnädigen Frau hier ...« »Sie haben gesagt, ich soll unter allen Umständen die Wahrheit sagen!« »Ja.« »Das ist er!« »Was ...?« »Das ist er!« »Sind Sie denn verrückt?« »Das ist der Mann aus der Pionierstraße!« »Haben Sie denn eine Wahnsinnige mitgebracht?« Die kleine Frau trat entsetzt neben die beiden. »Sie zeigt doch weiß Gott auf Gebhard!« »Hilde – nehmen Sie Ihr bißchen Verstand zusammen! Machen Sie keinen Skandal!« »Das ist er!« »Hilde ...« »Links von dem Dicken ist der gegangen!« »Ihre Nerven gehen mit Ihnen durch!« »Ich seh' ihn noch vor mir!« »Kommen Sie sofort 'runter, Hilde!« Die Hilde Lüders stieg gehorsam vom Stuhl. Der junge Mann sah sie zornig an, dann Ilselott. »Verzeihen Sie, gnädige Frau! Sie ist ja immer überspannt. Aber wenn ich geahnt hätte, daß sie sich so verrückt benehmen würde ...« »Seien Sie nicht hart zu ihr. Sie weint schon!« sagte die kleine blonde Frau sanft. »Es gibt ja so furchtbar viel Menschen in Berlin. Sie hat sich durch irgendeine Ähnlichkeit irreführen lassen!« »Und es ist doch der von gestern in der Pionierstraße!« keuchte die Hilde Lüders mit geballten Fäusten. »Still jetzt!« »Und wenn man mich totschlägt ...« »Sie blamieren ja nur sich und mich ... Es ist ja unerhört!« »Ach – lassen Sie doch die arme Person!« Ilselott dämpfte ihre Stimme. »Sie ist nicht normal! Man sieht es ihr ja an!« Durch das Gewühl des sich langsam leerenden Saals kam, von allen Seiten von neugierigen Blicken verfolgt, Gebhard Hüsgen auf seine Frau zu. Er sah zehn Jahre älter aus als sonst, mit fieberheißen Wangen und starren Augen. Er zwang sich zu dem alten, milden Lächeln. »Das ist ja eine liebe Überraschung von dir, Ilselott, daß du zu meinem Sieg gekommen bist! Es war ein schwerer Sieg!« »Bist du krank, Gebhard? Wenn man dich ansieht ...« »Das ist nur der Rückschlag nach der Nervenspannung ... Denke nur: Immer wieder die Erwartung: Wird der Wynstock nachgeben oder nicht!« Dr. Hüsgen gähnte. »Ich bin müde, Ilselott!« »Komm mit nach Hause!« »Ja. Ich brauche Ruhe nach diesem größten Erfolg meines Lebens!« »Er war es doch!« sagte, mit Werner Wiebeking zurückgeblieben, die Hilde Lüders spitzbübisch, unter tränenfeuchtem Lächeln. Auf den Lippen des jungen Mannes lag eine heftige Antwort. Er sah das Obstfräulein zornig an. Er bezwang sich. »Man darf mit Ihnen nicht rechten, Hilde! Sie sind nun einmal eine hoffnungslos verdrehte Person. Es war mein Fehler, daß ich Sie ernst nahm und es zu dieser unglaublichen Szene hier kommen ließ!« »Herr Werner – warum haben Sie denn den andern im letzten Augenblick wieder verleugnen müssen, wo er doch der Todfeind in Ihrem Reich ist?« »Himmelherrgottdonnerwetter – Hilde – jetzt habe ich's aber dick! Ich bin kein Verbrecher! Ich sage Ihnen jetzt zum letztenmal, daß ich der ganz uninteressante und ehrbare Dr.-Ing. Wiebeking aus der Ihnen bekannten Tiergartenvilla Güntherstraße drei bin!« »Das ist eben das Fabelhafte an euch«, die Hilde Lüders nickte, »daß ihr so überzeugend lügen könnt!« »Bitte sehr, Herr Geheimrat! Eben habe ich den Herrn Doktor noch hier gesehen!« Ein Empfangsherr des Hotels bahnte dienstbeflissen einem kleinen, straffen, vollbärtigen Herrn den Weg durch die Gruppe. Der rotbärtige Kunsthändler verbeugte sich tief. »Ich habe die Ehre, Herr Geheimrat Wiebeking! Hier steht Ihr Sohn!« »Was machst du für Geschichten?« sagte der Vater knapp und zornig. »Mama ist außer sich! Sie hat mich beschworen, dich heimzubringen! Der Doktor hat dir einen kurzen Bummel vor dem Haus erlaubt! Statt dessen setzt du dich in die nächste Taxe – man hat's vom Haus aus gesehen – und fährst los!« »Es mußte sein ...« »Ich könnt' mir zum Glück denken, wohin! In der Villa Hüsgen sagten sie mir am Telephon, du seist zu der Kunstversteigerung gefahren! Was tust du denn nun wieder hier?« »Nun müssen Sie es wohl glauben, Hilde!« sagte der junge Mann statt einer Antwort zu dem Obstfräulein, »daß es so wie in der Oper heißt: ›Mein Vater Parsifal trägt seine Krone! – Sein Filius – ich – bin Wiebeking genannt‹ ...« Die Hilde Lüders stand stumm, mit zusammengebissenen Lippen, entgeistert, als verstände sie die Welt nicht mehr. »Aber wir wollen Freunde bleiben, Hilde! Auf Wiedersehen, wenn Sie mir auch mit Ihrer Romantik eben einen schönen Possen gespielt haben!« Die Mundwinkel der Hilde Lüders zuckten bitterlich. In ihren braunen Augen kämpfte noch ein ungläubiger Schein. Werner Wiebeking war schon drei Schritte von ihr, als sie hilflos, geistesabwesend murmelte: »Und der war es doch – in der Pionierstraße – neben dem Dicken!« 61 »Den Dicken und seine Kolonne haben Sie am Vorabend einer großen Sache gesichtet?« sagte der Kriminalkommissar Dürisch. »Damit melden Sie dem Einbruchsdezernat nichts Neues, Herr Peschke! Wir leben hier ja nicht auf dem Mond!« Nein – das war nicht der Mond, sondern der Alex – die Riesenspinne im Riesengewebe Berlins, die rasch auf allen Fäden in alle Ecken des Netzes glitt und ihre Leute griff. Das war das Polizeipräsidium von Berlin, mit all seinen Behörden und Unterbehörden, seinen Räumen für das Publikum und seinen Arrestzellen, seinen grünen Wagen und blauen Schupos, seinem Verbrecheralbum und Kriminalmuseum, seinem wimmelnden Ein und Aus vom Alexanderplatz her über die vielen Treppen, die langen Gänge, die Hunderte von numerierten Amtsstuben, in deren einer der Kommissar vor dem Schupo stand. »Wir sind doch weiß Gott nicht so dumm, Herr Peschle! Es ist doch schließlich eine unbestrittene Tatsache, daß die Berliner Kriminalpolizei im Lauf der letzten Jahre beinahe jedes Kapitalverbrechen prompt entdeckt hat!« »... deswegen möchte ich ja auch zum Kriminalfach ...« »Um Sie als angehenden Kriminalstudenten zu orientieren: dieser Motorradbetrieb in unmittelbarer Nähe der Bank wird von uns seit einem halben Jahr liebevoll überwacht. Bisher ohne Ergebnis. Aber in den letzten Tagen verdichteten sich die Verdachtsmomente reißend. Seit heute früh steht es nach meinen Beobachtungen außer Frage, daß der Dicke und seine Kolonne sich da unterirdisch nach dem Bankhaus Wiebeking daneben durchwühlt. Irgendwie hängt dieser kühne Plan natürlich mit dem Auftauchen und Verschwinden der Häselich in der Villa Wiebeking zusammen ...« »Herr Kommissar! Die Fränze Häselich ist wieder ...« »Bitte, lassen Sie mich ausreden! Die Kerle arbeiten fieberhaft. Sie sind in Zeitnot, weil in diesen Tagen der Umbau der Panzergewölbe bevorsteht. Ist Ihnen nicht das muntere Motorgeknatter auf dem Hof aufgefallen? Wissen Sie den tieferen Zweck der Übung? Solange auf ein Zeichen von oben der Spektakel dauert, hört man die dumpfen Schläge des Tunnelbaus unten nicht! Auch nicht in der Nachtstille!« »Lassen Sie sich weiter belehren, Herr Peschke! In der lärmfreien Zwischenzeit schaffen sie die ausgebuddelte Erde aus dem Tunnel! Wohin? Na – und die vielen leeren Transportkosten im Hintergrund der Werkstatt? Da schütten sie den Segen 'rein, soweit sie nicht das Kistenholz unten zum Absteifen des Schachts brauchen! Übrigens kein Spaß, so auf dem Bauch liegend den Schutt mit den Händen in Körbe zu füllen, in steter Gefahr, unter dem einstürzenden Erdreich langsam zu ersticken!« »Aber was tut der Mensch nicht für seine höheren Ziele!« fuhr der Kommissar fort. »Wenn kein Grundwasser dazwischengekommen ist – scheint aber nicht – der Nachtdoktor hat seinen gewohnten Dusel – dann, bin ich überzeugt, finden wir den Tunnel heute nacht gerade fertig!« »Na – und damit Sie, mit Ihrem regen Interesse für die Sache, ganz im Bild sind, Herr Peschke: das bißchen Tandelzeug, um die Leitungen zu zerstören und die leichten Safeverschlüsse aufzuknacken – die paar Drahtscheren und Maulzangen und Vierkante und Ringelbohrer und Scharnierflöten – die sind längst in die tüchtige Kraftradwerkstatt eingeschmuggelt! Das fällt in einem gutassortierten Betrieb nicht auf. Das ist ja nicht wie bei armen Leuten! Sonst würde ich mich ja nicht heute nacht als stiller Teilhaber melden!« »Also der Herr Kommissar greifen jetzt doch zu!« »Solange die Geschichte mit dem Nachtdoktor sich in die höheren Regionen verzieht – ja – da tappt man im Dunkeln. Man muß sich vor jedem falschen Schritt hüten. Man darf nicht auf bloßen Verdacht hin was riskieren. Ich kann nicht in 'nen feinen Salon im Westen wie in eine Kaschemme treten: ›Flebbe vorzeigen!‹ Man steht da vor einer chinesischen Mauer ...« »Aber hier bei dem Dicken und seinen Leuten, die das Zuchthaus alle von innewendig kennen ...« Der Kommissar Dürisch lachte. »Da gibt's so zarte Rücksichten nicht. Wissen Sie, ich bin nicht für die moderne Feinfühligkeit, daß man den Giftmischerinnen die Zellen mit Blumen und Spiegeln tapeziert und Bunte Abende für die Lustmörder veranstaltet. Der Dicke kriegt bei mir einen rauhen, aber herzlichen Empfang!« »Herr Kommissar! Ich habe vorhin den Dicken selber gesehen! Die Fränze Häselich ist wieder da! Sie hat ihn mir auf der Straße gezeigt!« »... und sie hat Ihnen vor vierzehn Tagen den Ale selber auf dem Ottoplatz gezeigt, und nachher wollte sie von nichts wissen! Die Sorte Frauenzimmer kennen wir doch! Lassen Sie mich bloß mit der Häselich in Frieden! Mit der hat die Polizei ohnedies noch ein Hühnchen zu pflücken! Sobald sie sich zeigt! Aber ich kann ihr Erscheinen abwarten! Ich brauche sie vorläufig nicht!« »Also bin ich auch überflüssig, Herr Kommissar?« Der Schupo zog sich betreten zur Türe zurück. »Na – ein Mann von Ihrem schönen Eifer ... Haben Sie heute nacht Dienst?« »Ich kann mich frei machen!« »Dann melden Sie sich hier um zehn Uhr abends und machen Sie die Chose mit! Ich hab' so eine stille Hoffnung – wenn mir Glück haben, dann fangen wir heut' nacht den Ale selber ...« 62 Aus der Hörmuschel des Telephons die leise, weiche, ferne Stimme. »Werner – bist du's?« »Ich, Ilselott ... ich ...« »Ach ... Werner ... Werner – – – mir ist so bang ...« »Um deinen Mann?« »Nun ist es doch schon Abend! Ich dachte, er würde sich im Lauf des Nachmittags beruhigen. Aber er konnte nicht schlafen. Er läuft seit Stunden wieder unten in der Halle auf und ab!« »Kannst du ihm nicht gut zureden?« »Er hört gar nicht hin! Er ist ganz in sich versunken! Und ich bin selbst so auseinander! Ich habe mich heute so aufgeregt über diese Person, die du da mitgebracht hast ...« »Die ist ja unzurechnungsfähig, Ilselott!« »Natürlich ist sie verrückt! Aber es ist so unheimlich hier im Haus! ... Auf einmal ist mein Schmuck weg!« »Hast du's denn deinem Mann schon gesagt?« »Ich mag's ja gar nicht ... in seiner jetzigen Verfassung ... Er schnappt mir ja ganz über! ... Werner ... ich weiß gar nicht, was ich tun soll ...« »Warte mit dem Schmuck bis morgen! ... Bis dahin hat er vielleicht seine Nerven wieder! Schließlich: Ihr seid ja reich! Du kannst es verschmerzen ...« »Aber die Angst, daß irgend jemand im Hause war – man weiß nicht wer ... ach ... Werner ... ich wollte, du wärest bei mir ...« »... und ich erst ...« »Du bist doch daheim? Den Abend? Gott sei Dank! Ich ruf' dich bald wieder an!« Ilselott Hüsgen stieg scheu und zögernd hinab in die hellerleuchtete Halle. Aus dem feierlichen Schweigen von leuchtender Leinwand und weißem Marmor, buntem Porzellan, farbigem Geknüpfe und Gewebe hastete es in eindringlichen, atemlosen Fisteltönen. »Da! – Sehen Sie, Rösing – sehen Sie – sehen Sie – da an der Wand rechts – Es wird ein Wallfahrtsort für Berlin ... MacLean aus dem Felde geschlagen ... die Amerikaner besiegt ... Ganz Europa ist morgen in Jubel ...« »Ich dachte, der Andrea del Sarto sollte in die Mitte der Wand kommen!« »Nein!« Der Kunstsammler legte schalkhaft, mit einer geheimnisvollen Bewegung, die schmalen Finger vor den feingeschnittenen Mund und schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um. Er flüsterte: »Da kommt der Tiepolo hin ...« »... der nächsten Monat in Amsterdam versteigert wird?« »Ja ... ja ... ja.« Die zarten, an das Gestreichel kostbarer Kunstwerke gewöhnten Hände rieben sich fieberhaft aneinander. »Herrlich – nicht?« »Aber, Herr Doktor Hüsgen – das ist doch selbst für einen Mann von Ihren Mitteln ...« Der schmächtige Sammler neben ihm hörte gar nicht zu. Seine großen, blauen Augen glühten in träumerischer Andacht auf der leeren Fläche vor ihm. »Da hängt er morgen!« murmelte er verzückt. Dann plötzlich verbissen leise: »Mir gehört er ... mir ...« »Sie hatten heute noch große Auslagen – die Sicherheitsstellung bei der Auktion! Warten Sie! Ich bring' Ihnen das Geld!« Gebhard Hüsgen wurde plötzlich geschäftlich nüchtern. Er glitt lautlos, gewandt, zwischen seinen Kunstschätzen davon. Der dickbäuchige Rösing wandte seinen roten Vollbart zu Ilselott. »Gnädige Frau! – Ich muß mal ernst mit Ihnen reden! So geht das mit Ihrem Gatten nicht weiter ...« »Nicht wahr?« »... oder es gibt ein Unglück. Das sage ich gerade als Freund und Kunstberater Ihres Mannes. Er ruiniert sich. Die Summen, die er heute gezahlt hat und weiter zahlen will, hält auf die Dauer selbst das dickste Portemonnaie in Deutschland nicht aus. Sie müssen ihm das klarmachen ...« »Ich versteh' doch gar nichts von Geschäften ...« »Sie müssen Einspruch erheben!« »Es ist doch sein Geld und nicht meines! Es kommt doch aus den Hüsgenwerken ...« »Dann muß von dort ein vernünftiger Mann des Wirtschaftslebens ... Es sind doch alles seine Verwandten ...« »Ja. Johannes Hüsgen ...« »Der große Hüsgen ...?« »Der Leiter vom Ganzen – das ist sein richtiger Onkel!« »Bitten Sie ihn, daß er so bald wie möglich hier nach dem Rechten sieht! Glauben Sie mir: es tut not ...« »Ich werde ihm nachher gleich telegraphieren! Mir schwankt der Boden unter den Füßen. Ich komme immer mehr in eine Todesangst ...« »So!« Gebhard Hüsgen lief geschäftig zurück, dicke Bündel von Banknoten in den Händen, unter dem Arm. »Zählen Sie es bei sich zu Hause nach. Dieser Krempel ist mir langweilig! Gute Nacht ...« Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Gute Nacht! Gute Nacht!« Er gähnte nervös, als der Kunsthändler kopfschüttelnd aus der Türe war. Sein feines Gelehrtengesicht verfiel. »Ach, Ilselott! – Du hast recht! Ich lege mich jetzt am besten hin. Ich brauche Ruhe! Sieh, daß mich bis morgen früh keiner stört!« Eine Stunde später flüsterte wieder Ilselotts Stimme durch den Draht hinüber zu der fernen Tiergartenvilla an Werner Wiebekings Ohr: »Du – jetzt schläft er! ... Endlich! ... Ich bin ganz erlöst! ... Aber ich kenn' mich gar nicht wieder! Denk' dir: Ich fürchte mich hier in dem stillen Haus wie ein kleines Kind!« »Ach – wenn ich nur bei dir sitzen könnte und dir sagen, wie lieb ich dich hab'!« »Mir ist zumut, als würde ich hier von Gespenstern gefangengehalten! Wenn ich durch die Halle geh', dann ist mir, als bewegten die Bilder die Augen! Hu – nicht? Und die Gobelins werfen so komische Falten, als stände heimlich einer dahinter! Und die Mumie in der Ecke grinst so frech! Ach – ich hasse all das Zeug – ich hass' es! Es wird noch einmal mein Unglück!« »Morgen scheint wieder die Sonne, süße, kleine Frau!« »Ach – ich hoff' auf morgen und auf dich! Wenn ich dich nur erst wiederseh' ...« Verklungen die weiche Stimme aus der Weite. Dunkel draußen der Herbstabend. Der Dr.-Ing. Wiebeking stand am Fenster. Er sah einen schnurrbärtigen Herrn in Lodenmantel und Schlapphut durch den Garten auf die Villa zuschreiten. Er erkannte den Kriminalkommissar Dürisch. Er dachte sich: ›Wenn er nur mich ungeschoren läßt‹ ... und als es an seiner Tür still blieb: ›Na – Gott sei Dank! Er sitzt unten bei meinem Vater ...‹ Es dauerte eine halbe Stunde, bis sich dort der Besucher von dem Hausherrn verabschiedete. »Also – wie gesagt, Herr Geheimrat: Unverbrüchliches Schweigen gegen jedermann, wenn der Schlag heut' nacht glücken soll!« »Na, selbstverständlich ...« »Wir betreten zunächst die Bank mit keinem Fuß, um nicht das geringste Aufsehen zu erregen! Erst wenn es so weit ist, wird es sich als notwendig erweisen, auch vorne einzudringen. Damit dabei kein unnötiger Aufenthalt entsteht, brauchen wir dazu die Gegenwart eines ortskundigen Bevollmächtigten der Bank!« »Ich werde Ihnen zwei langjährige, mit allen Einzelheiten der Gewölbe vertraute Beamte samt den nötigen Schlüsseln und Vollmachten zur Verfügung stellen ...« »Sehr schön ...« »... und wenn Sie gestatten, mich hinterher persönlich vom Stand der Dinge überzeugen!« »Ich beabsichtige Punkt Mitternacht loszuschlagen, Herr Geheimrat! Eine Viertelstunde später finden Sie uns hoffentlich erfolgreich in der größten Sache, die seit Jahren ... Also Hals- und Beinbruch ... Auf Wiedersehen heute nacht!« Von seinem Fenster oben, an dem er versonnen lehnte, sah Werner Wiebeking den Kommissar rasch und straff in die Berliner Nacht hinausgehen. Dann wandte er sich hastig in das Zimmer zurück. Das Telephon klingelte. »Werner – um Gottes willen ... Werner ...« »Ilselott ...« »Werner ... es ist schrecklich ... Denk' dir ...« »Ja?« »Eben will ich noch mal außen an der Türe horchen, ob mein Mann auch wirklich schläft! Drinnen alles still! Um ganz sicher zu sein, mache ich leise auf – geh' auf den Fußspitzen hinein ... fahr' zurück: das Bett ist leer ... das Zimmer leer ...« »Und er ...?« »Er muß heimlich aufgestanden sein. Er ist nirgends im Haus zu finden. Er muß sich unbemerkt hinausgeschlichen haben! Wohin denn nur – um Gottes willen?« »Ja – das wissen die Götter!« »... ohne mir ein Wort zu sagen! ... Aber morgen früh schick' ich zum Arzt!« »Tu das ja!« »Ach – wenn nur diese Nacht vorbei wäre ...« 63 Die große Nacht ... Zum erstenmal, Friedrich Peschke, darfst du auf der Jagd nach menschlichem Großwild der Weltstadt dabeisein! Sonst müllerst du friedlich auf deiner Verkehrsinsel. Jetzt siehst du, wie man vorsichtig zweibeinige Raubtiere einlappt, wenn Berlin unter dem Sternenhimmel dunkelt und der gute Bürger sich allgemach zu Bette gähnt. Er würde nichts Auffallendes bemerken, um das Bankgebäude Wiebeking herum, der gute Bürger. Das liegt stumm und verschlossen. Draußen patrouilliert der Wächter mit seinem Hund. Die Fensterfronten zu beiden Seiten schlafen mit herabgerollten Läden hinter ihren Eisengittern. Auch die Kraftradhandlung Matthias Wanner hat heut keine dringenden Reparaturen. Sie macht keine Nachtschicht und keinen Lärm. Sie ruht in Frieden. Er würde auf den menschenleeren Straßen dieser stillen Stadtgegend nichts Auffallendes bemerken – der gute Bürger. Ab und zu ein Vorübergehender. Ein verlorenes Mädchen. Ein Pärchen im Dunkeln. Er würde in den Häusern nichts Auffallendes bemerken, der gute Bürger. In den wenigsten noch Licht. Die Scheiben des großen Bierrestaurants, eine Straßenecke weiter, leuchten noch hell in die Nacht. Drinnen sitzen spärlich die Gäste. Ein Ehepaar aus der Provinz dicht am Fenster. Ein rauchnebeliger, lauter Tisch von vier Skatspielern und ein paar Kiebitzen. Ein Jüngling mit seinem Verhältnis, in illustrierten Zeitschriften blätternd ... Aber wer jetzt die Augen des Gesetzes hat, wie du, Schupo Peschke, der sieht da draußen auf der Straße die Masken des Gesetzes: der fliegende Händler, der mit seinem Bauchladen von Zigaretten den Bürgersteig entlangwandelt, ist kein fliegender Händler, und das Straßenmädchen, das im Vorüberstreichen eine Lippe riskiert, hat keinen Männerfang im Sinn, und der alte Herr, der sich an seinem Stock längs der Bank vorbeitastet, hat unter seinem weißen Hängebart die Vierzig noch nicht überschritten. Und du kannst nicht wissen, Friedlich Peschke, ob der bleiche Mensch, der mit dem Zangenstock Zigarrenstummel vom Asphalt auffischt, nicht ein Spanner der Gegenpartei von drüben ist. Oder der behäbige Herr, der nachts noch unter der Laterne aufmerksam die Litfaßsäule studiert, ob der nicht Schmiere steht. Das offenbart im Kampf der Masken und der Maulwürfe erst die Mitternacht. Da ist die Mitternacht ... Und plötzlich lebt die Mitternacht ... läuft ... leuchtet ... lärmt ... Wo kommen – Schlag zwölf – die Männer in Mänteln und Tschakos her, die hastig, vom Überfallauto gesprungen, die Straßenecken besetzen und abriegeln? Sie kommen gerade zurecht, den Herrn von der Litfaßsäule abzufangen, der wie ein Rasender davonrennt. Warum stößt mit einemmal der Zigarrenstummelsammler einen durchdringenden Warnungspfiff aus und huscht wie eine gescheuchte Ratte die Hauswände entlang, den Blauen drüben in die Arme? Und gellender als sein Pfiff zwischen zwei Fingern das Trillern einer Signalpfeife. Der Kriminalkommissar Dürisch führt sie an die schnurrbärtigen Lippen. Und von rechts, von links, von rückwärts, schrillt das Echo der Pfeifen der Kriminalpolizei als Zeichen: der Kriegsschauplatz ist rings umstellt. Warum, Friedrich Peschke, läßt in dem Bierlokal plötzlich der Herr aus der Provinz seine Ehehälfte im Stich und der zeitungblätternde Jüngling seine Liebste und laufen hinaus? Warum fliegen dahinten die Karten auf den Tisch, und die Skatspieler und ihre Kiebitze, all die bisherigen heimlichen Beobachter der Reparaturwerkstatt auf der andern Straßenseite, stürmen zwischen den Stühlen durch die erschrockenen Spießer, nach dem Ausgang? Was eilen auf dem Fahrdamm die Gestalten in Schlapphüten und Mänteln auf das verschlossene Hoftor der Kraftradhandlung des Matthias Wanner zu? »Aufgemacht! Im Namen des Gesetzes!« Tiefe Stille dahinter. Stemmeisen her! ... 'ne Königin von England ... ein Kuhbein ... einerlei ... die Torflügel knirschen und spalten sich. Hinein! Als erster, seinen Leuten voraus, der Kommissar Dürisch, den dünnen, wie ein Spazierstöckchen wippenden Totschläger mit dem Bleiknopf in der Rechten, die Linke in der Tasche am Pistolenkolben. Und drüben – am Bankeingang läutet es Sturm. Ein graubärtiger, würdiger Greis steht da inmitten einer dunkeln Männergruppe. Er blickt, einen Begleiter neben sich, kurzsichtig zu dem Nachtpförtner empor, der aus seiner Luke blinzelt: »Ach – bitte – Schliephake! Ich bin's – der Prokurist Mörius ... und hier neben mir Herr Baumann, von der Firma! Beide im Auftrag des Herrn Geheimrats! Die Polizei will in die Bank ...« Du hast wohl als Bub einmal aus Mutwillen einen Ameisenhaufen aufgestöbert, Schupo Peschke! So bringt ihr – du und die Polizei – jetzt die Häusergevierte ringsum zum Wimmeln. In wenigen Minuten kribbeln die Straßen hinter den Tschakoketten. Die Fenster erhellen sich. Menschen in Nachtgewand beugen sich hinaus. Drunten ist ein Gewühl. Ein Stimmengewirr. Ein dumpfes Tuten. Langsam bahnt sich die Limousine des Geheimrats Wiebeking, von einem Schupo neben dem Chauffeur behütet, ihren Weg. Hält vor der Bank. Der kleine, vollbärtige Herr steigt rasch aus. Eilt in das Innere. Ein Kriminalschutzmann faßt ihn warnend am Arm: »Vorsicht, Herr Geheimrat! Da unten im Gewölbe wird geschossen!« Zwei-, dreimal, dumpf wie Hammerschläge, der Widerhall der Pistolenknalle aus der Tiefe. Der Kommissar Dürisch kam die rechteckig gewinkelte Treppe von der Stahlkammer herauf. »Die Kerle waren viel weiter, als wir dachten, Herr Geheimrat! Sie hatten schon eine Reihe Safes aufgesprengt. Aber es kann nichts weggekommen sein. Wir haben die ganze Kolonne festgenommen!« »Und die Schüsse?« »Das ist der Führer. Der sogenannte Dicke. Der weiß, daß er diesmal lebenslänglich kriegt. Der will sich nicht ergeben! ... Hier, bis zum Treppenabsatz, können Sie vorsichtig hinuntersteigen, Herr Geheimrat! Aber um Gottes willen keinen Zoll weiter!« Ein halbes Dutzend Beamte standen da in Deckung. Zuweilen feuerte einer hinter der Mauerkante her einen Schuß in das leere, hell erleuchtete Gewölbe, in dessen wüstem Wirrwarr von Schuttbrocken, Aktenstücken, Schmuckkästen, aufgerissenen Briefen die durchschnittenen Alarmdrähte an den Wänden hingen. Hinter dem Knall klang ein Aufschlag auf Metall. Die gestauchten Bleipilze der Kugeln lagen abgeprellt rings um das schwarz klaffende Einsteigloch am Boden. »Der Kerl hat sich in das große, aufgesprengte Schließfach ganz drüben in der Ecke geduckt!« sagte der Kommissar. »Er benutzt die Safetüre als Schutzschild und bestreicht durch ihren fingerbreiten Spalt ein winziges Stück der Wand gegenüber. Wenn es gelänge, da unversehrt vorbeizukommen, so könnte man die Türe von außen zudrücken und ihn einfach in seinem Kasten einsperren! ... Aber man kriegt vorher sicher sein Loch in den Leib! Herr Peschke ... Sie sind wohl verrückt!« »Da springt er los!« »Nee –« Ein Schrei durch den Krach des Schusses von drüben. »Da liegt er!« »Finte, Mensch! Hat sich vorher hingeworfen und den Schuß über sich weggehen lassen! Nu schnell wieder auf! Drüben an die Wand in Deckung!« »Donnerwetter! Der Junge kann was!« »Nu ist der Dicke geliefert!« »Nu kraucht er aus seinem Loch!« Hinter der auffliegenden niederen Stahltüre hob sich breitnüstrig ein steingraues, wutfunkelndes Bulldogg-Gesicht. Eine blautätowierte Boxerfaust hob die Pistole gegen den Schupo Peschke. Aber schneller noch knatterte vom Treppenabsatz her ein Vierteldutzend Schüsse zugleich. Das Gewölbe donnerte. Durch den Rauchschleier klappte drüben ein vierschrötiger Körper zusammen. Breite Blutbäche krochen eilig unter ihm hervor. Ein paar Beine zappelten krampfhaft in der Luft. Eine halbe Minute war es in dem bläulich-bitter schwelenden Gewölbe so still, daß man nur das Trommeln der Stiefelabsätze auf dem Zement des Bodens und ein ersticktes Gurgeln hörte. Dann verstummte das Geröchel. Die Beine streckten sich. Lagen starr und steif. »Der is alle, Herr Kommissar!« Der Schupo Peschke stand stramm. Sein rundes, bartloses Gesicht lächelte dienstlich, befriedigt. »Na – das vergesse ich Ihnen nicht, Peschke! Morgen fordere ich Sie an!« »Er blutet immer noch wie ein Schwein!« »Na – denn 'raus mit ihm, ehe die Sachen am Boden schmutzig werden!« Auf dem Pflaster vor der Bank lag der Dicke. Auf dem Pflaster der Stadt, in der er ein halbes Jahrhundert gehaust. Mit vierzehn Jahren hatte er sein erstes Verbrechen begangen. Mit zwanzig hatte der Staat ihn wieder zum Kampf gegen seine Bürger hinausgeschickt. Die Hälfte seines Lebens hatte er im Zuchthaus verbracht. Ungezählte Tausende von Mark an Steuern sorgengeplagter Familienväter hatte die Gesellschaft durch anderthalb Menschenalter ausgegeben, um den Dicken zu beköstigen, zu behüten, zu bekleiden. Gelehrte hatten seinen Schädel gemessen, Professoren seinen Geisteszustand untersucht, Sachverständige lange Gutachten über ihn abgegeben, Gerichtshöfe sich über ihn den Kopf zerbrochen, Ärzte und Schwestern ihn in der Krankenabteilung betreut, Intellektuellen-Komitees sich zu seinem Schutz gebildet, mitleidige Damen ihm Weihnachtslieder vorgesungen, Machthaber ihn begnadigt. In regelmäßigen Zeitumständen war er in Freiheit gesetzt, nach der nächsten Missetat wieder eingesungen und nach einiger Zeit wieder auf die Menschheit losgelassen worden. Nun war der Dicke tot. Man hatte noch keine Hülle gefunden, um ihn zu bedecken. Er lag im Laternenschein frei vor den neugierigen und bangen Augen der Menge hinter der Schupokette. Inmitten der Menschen trat, soweit es ging, ein Mädchen aus der Nacht. In ihrem schmalen, hübschen Gesicht mit dem zierlichen Naschen starrten unter dem roten Topfhut die hellbraunen Augen auf den Toten. »Dem hab ich's besorgt, Paule!« sagte sie leise zwischen den kleinen, weißen Zähnen, und es klang wie ein erstickter Aufschrei der gequälten Kreatur. »Nimm dich in acht, Fränze!« »Wenn ich nur wüßte, ob sie den Ale gekriegt haben! Wenn sie ihn jetzt nicht gekriegt haben, dann kriegen sie ihn nie. Der Dicke ist hin. Und der Dicke ist der einzige Mensch, der gewußt hat, wer der Ale ist!« »Du hast den Dicken bei Wiebekings ins Haus gelassen, Fränze! Na – und auch vorher allerhand ...«, sagte der Spreeschiffer Paule Räder. »Wenn sie dich hier aufpieken, dann laden sie dich gleich zu 'ner netten, kleinen Spazierfahrt nach dem Alexanderplatz ein!« »Ach – der olle Alex kann mich gernhaben! ... Wir gondeln morgen früh nach Holland!« Die Fränze Häselich hängte ihren Arm in den des Schiffers und ging leise mit ihm nach hinten. »... und da heiraten wir. Und da bleiben wir, bis der ganze Klimbim mit dir verjährt und vergessen ist ...« »... und da wird man nun endlich ein anständiger Mensch! Hab' ich doch mein Leben lang gewollt! Aber die andern nich!« Die Kleine blieb stehen und schaute noch einmal nach dem Berliner Nachtbild zurück. »... und was 'mal meine Kinder sind – die erzieh' ich propperer, als das mir vergönnt gewesen ist! Darauf dürfen die Bälge heut' schon Gift nehmen!« »Rasch! Sonst sieht dich drüben der Dürisch! Da kommt er gerade mit dem ollen Leidtragenden, dem Millionäser, aus der Bank!« »Ja – geglückt und doch nicht ganz geglückt, Herr Geheimrat – zunächst wenigstens!« versetzte der Kommissar. »Vorerst ist die Geschichte – entschuldigen Sie den harten Vergleich – 'n Bandwurm ohne Kopf. So'n Kopf bildet, wie Sie wissen, prompt neue Glieder, und der Ale, wenn mir ihn nicht heute kriegen, morgen 'ne neue Kolonne!« »Aber Sie sagen doch, er sei dabeigewesen?« »Die schweren Jungen, die ich eben einzeln in aller Eile vernommen hab', behaupten es einstimmig! So wie gewöhnlich – unkennbar mit seinem schwarzen Schal vor Mund und Nase!« »Wo ist er denn hin?« »Irgendwo hier an Ort und Stelle verborgen! Wir müssen den ganzen Kampfschauplatz durchsuchen!« »Was das Bankgebäude betrifft – mein Herr Mörius ist seit dreißig Jahren im Haus! Der kennt jeden Winkel! Schliephake ... haben Sie Herrn Prokuristen Mörius nicht gesehen?« »Der ist mit Herrn Baumann hinüber nach der Fahrradhandlung gegangen, um sich die Bescherung auch dort mal anzusehen, Herr Geheimrat!« meldete der verdatterte Nachtpförtner. »Na – da finden wir ihn ja! Kommen Sie, Herr Kommissar!« »Fabelhaft, wie weit die Frechheit der Kerle gegangen ist!« Der beleibte, kurzatmige Prokurist Mörius wandte inzwischen drüben auf dem von Schupomänteln blauen Hof der Werkstatt den grauen Bart zu seinem Kollegen von der Bankfirma. »Sehen Sie nur, Baumann, was der Herr da hat!« »Das ist ja – und in größtem Maßstab – eine Blaupause des Gewölbes!« »... mit dessen Umbau die Architekten dieser Tage beginnen sollten!« »Wo kommt denn der Grundriß her?« »Ein Rätsel für mich und meinen Sozius!« sagte der danebenstehende Architekt. »Wir beide haben bisher überhaupt nur Notizen gemacht und die Originale noch gar nicht kopiert. Diese Pläne liegen wohlverwahrt im Arbeitszimmer des Geheimrats Wiebeking! Und nun fährt auf einmal das Ding hier auf dem Boden herum! Ach – halten Sie es doch bitte einen Augenblick! Ich muß nur noch dort drüben jemandem etwas sagen!« Er schritt durch die Schupokette auf der Straße nach der dahinter gestauten Menschenmauer. Von der Bank her rannte atemlos der Schutzmann Peschke den Bürgersteig entlang hinter dem Bankherrn und dem Kommissar drein. »Herr Geheimrat ... Herr Geheimrat ... Wer ist der Herr, der sich da vor uns eben in die Leute 'reindrängt?« »Ich kenn' ihn nicht ...« »... ich seh' ihn ja nur von hinten! Aber genau so hat damals auf dem Ottoplatz der von hinten ausgesehen! Genau so ein kurzer Herbstpaletot! Genau so hat er den Kopf ein bißchen schief gehalten!« »Herr Mörius ... Wer ist der Herr, mit dem Sie da eben sprachen?« »Der Architekt, Herr Geheimrat!« »Ich habe keinen Architekten bestellt ...« »Aber Herr Geheimrat ... Er sagte mir doch selber, er wäre es!« »Die beiden Architekten sehen ganz anders aus – der eine klein – der andere auffallend dick ...« »Aber er hat doch die ganze Zeit hier auf dem Hof gestanden – mit dem Plan in der Hand und ihn studiert und den Kopf geschüttelt ...« »Über Sie!« »... und sich mit mir gut zehn Minuten über den Einbruch unterhalten ...« »Und weil ihn die Polizei mit Ihnen, dem Vertreter des Bankhauses, im Gespräch gesehen hat, hat sie ihn jetzt eben unbeanstandet durchgelassen ...« »Man muß hinter ihm her ...« Das zerkrampfte Pausblatt entfiel der Hand des Herrn Mörius. Der Kommissar Dürisch hob es auf und glättete es. »Nun ist es zu spät!« sagte er. »Nun ist der Ale wieder über alle Berge!« 64 »Bitte nehmen Sie Platz, Herr Professor!« Ilselott setzte sich dem Arzt gegenüber. Sie atmete schwer. Sie zerballte das Taschentuch zwischen den im Schoß gekrampften Händen. Der Besucher tat, als bemerkte er es nicht. »Sie telefonierten mir gestern abend in meiner Abwesenheit, gnädige Frau«, sagte er ruhig, »ich möchte mich möglichst früh heute zu einer Konsultation bei Ihnen einfinden!« »... und ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie gleich gekommen sind! Ich weiß ja, wie wahnsinnig Sie Ihre Praxis in Berlin in Anspruch nimmt!« »Wenn es sich um einen Namen wie den Ihres Gatten handelt ...« »Es handelt sich um meinen Mann ...« »Ich kenne ihn leider nicht persönlich!« Das Antlitz des Arztes war glattrasierte, fünfzigjährige, menschenkundige Ruhe. »Sie sehen sehr blaß aus, gnädige Frau. Sind Sie um die Gesundheit Ihres Herrn Gemahls besorgt?« »Sie sind eine Autorität in Nervensachen, Herr Professor! Und die Nerven meines Mannes sind total kaputt!« »Überarbeitung?« »Nein! Seine Sammelwut ...« Die junge Frau sprang verzweifelt auf. Sie wies verstört durch die weite Halle. »Diese Marmorstatuen und Madonnen und Mumien und Teppiche und Porzellane ...« »Wunderbare Sachen ...« »An denen krankt mein Mann!« »In welcher Form?« »An diesem blindwütigen Fanatismus, immer neu und wieder zu kaufen – um jeden Preis! Er schläft nicht mehr. Er fiebert! Er verfällt! Gestern hat er wieder eine direkt wahnsinnige Summe für ein Bild gezahlt ...« »Ich las es heute früh in der Zeitung ...« »Und seitdem flößt mir sein Zustand geradezu Schrecken ein! Schon den Tag über war er gestern mit den Nerven auseinander, wie ich ihn noch nie gesehen hab' ... Dann blieb er die halbe Nacht über außer Haus!« »Wo war er denn?« »Das sagt er nicht! Er ist auch sonst öfters eine Nacht in Geschäftsreisen für seine Sammlungen weg. Aber diesmal kam er zwischen zwei und drei Uhr morgens geradezu atemlos, wahnsinnig aufgeregt, ganz erschöpft wieder heim und preßte krampfhaft ein Päckchen Papiere an die Brust. Das streichelte er immer zärtlich wie ein kleines Kind und gab ihm gute Worte und lachte vor sich hin. Mir hat förmlich gegraut!« »Was waren das für Schriftstücke?« »Es schienen mir Briefe oder so was! Ich hab' es nicht erkennen können! Ich hatte die Nacht durch aufgesessen und auf ihn gewartet, ohne daß er es wußte. Wie er mich sah, steckte er das Bündel rasch in die Tasche, damit ich es nicht bemerken sollte, und lief in sein Zimmer und schloß sich gleich ein und antwortete auf nichts!« »Und jetzt?« »Heute morgen ... Ach – ich bin in Todesangst ... mal sitzt er und hält die Schläfen zwischen den Händen und starrt verzweifelt ins Leere und murmelt unhörbares Zeug vor sich hin. Dann auf einmal kichert er wieder und reibt sich die Hände und springt auf und läuft geschäftig im Zimmer herum und macht ein geheimnisvoll glückliches Gesicht – warum? – das geht über meinen Verstand!« »Hm!« »Dummerweise frug ich ihn, was das für so wichtige Papiere gewesen seien, daß er sie mitten in der Nacht habe holen müssen! Da geriet er in helle Wut und sprang auf und schrie mich an – ganz anders als sonst – sonst ist er immer sanft und freundlich zu mir – und kreischte, ob ich den Verstand verloren hätte? Das befürchte er schon seit längerer Zeit ...« »So ... so ...« »Und was das für eine fixe Idee von Briefen bei mir wäre? Es gäbe keine Briefe! Das bildete ich mir nur in meinem krankhaften Gemütszustand ein!« »Sie, gnädige Frau, sind ganz gesund ... hm ... Und jetzt hat er sich wieder beruhigt?« »Vorläufig ja! Nun ist auch noch zu allem Unheil vorgestern nacht hier bei uns im Haus auf rätselhafte Weise eingebrochen worden. Mein ganzer Schmuck ist verschwunden. Mein Mann weiß noch von nichts. Er wird sich entsetzlich aufregen! Ich wage gar nicht, es ihm noch so schonend beizubringen! Er erklärt mich womöglich gleich wieder für verrückt! ... Ach, Herr Professor ...« »Na – Kopf hoch, gnädige Frau! Wir werden ja sehen! Ist Ihr Herr Gemahl in seinem Zimmer? Kann ich ihn möglichst unauffällig sehen und sprechen?« »Ein Freund von mir hat mir Gott sei Dank vorhin am Telephon einen Rat gegeben: Ich sollte meinem Mann sagen, Sie hätten die Bitte ausgesprochen, seine Sammlungen zu besichtigen, von denen, besonders nach dem Triumph gestern in der Auktion, ganz Berlin spräche!« »Eine sehr gute Idee von diesem Herrn!« »Wie mein Mann ist, war er gleich Feuer und Flamme, als er das hörte! Er könne es gar nicht erwarten, sagt er, einer Berühmtheit wie Ihnen seine Sachen zu zeigen! Er führt Sie sicher selber überall herein!« »Das gibt die beste Gelegenheit ...« »Glauben Sie mir, es steht viel auf dem Spiel, Herr Professor! Nicht nur wegen der Gesundheit meines Mannes, sondern auch wegen seines Geldes. Er hat mich ja in seiner Art sehr lieb, wie seine Kunstschätze! Aber wenn er mit dem Ankauf von Kunstschätzen so weitermacht ... Er ist ja sehr reich ...« »Hüsgenwerke! Der Name sagt in Deutschland genug!« »... dann ruiniert er sich! Hoffentlich kann da Ihre ärztliche Kunst ihn seelisch beeinflussen! Kommen Sie, Herr Professor! Ich führe Sie hinauf!« »Aber lassen Sie mich dann bitte mit ihm unter vier Augen, gnädige Frau!« Ilselott Hüsgen kehrte allein in ihr kleines, altchinesisches Schreibzimmer zurück. Ihre Stimme schwankte am Sprachrohr des Telephons: »Werner ... ich danke dir für den guten Rat! Eben ist der Professor gekommen! Es ist die höchste Zeit! Mein Mann ist in einer Verfassung ... ganz irre – Ich möchte geradezu heulen ...« »Wie?« Sie weitete ihre großen, blauen Augen, das Ohr an der Muschel. »Heute nacht bei euch in der Bank ein Einbruch? Davon steht ja gar nichts heute morgen in der Zeitung!« »Das kann noch nicht!« tönte es durch den Draht. »Die Geschichte stieg erst nach Mitternacht. Aber die ganze Stadt redet schon davon! Nein! Gestohlen worden kann nichts sein! Die ganze Bande wurde ja mitten in der Arbeit festgenommen! Die Polizei hat das sehr nett gedeichselt!« »Gott sei Dank!« »Nur gegen den Ale selber kann auch die Polizei nichts. Das Nachtgespenst ist wieder durch die Lappen! Toller Kerl!« »Ach ...« »Nun sag ... Wann darf ich zu dir kommen? Ich sitze hier auf dem Sprung!« »Erst muß der Professor ... ich kann jetzt nicht weiterreden, Werner! Eben schneit mir da mein Bruder ins Zimmer!« Das großohrige, nachtäugige, bleiche Geschöpf hatte bei dem Wort »Werner« schmerzlich gefeixt. Er stand und sog tiefsinnig am Platinaknopf seines Spazierknüppels. »Lüttchen – was fällt dir denn eigentlich ein, daß du hier unangemeldet ...« »Bitte – ich folgte errötend den Spuren deiner Jungfer!« »Agnes – was haben Sie denn?« »Herr Juwelier Bauer ist am Apparat und möchte gnädige Frau selber sprechen!« meldete das Mädchen. »Bestellen Sie dem Herrn Kommerzienrat, ich fühlte mich nicht wohl! Ich ließe ein andermal bitten!« Die Jungfer zog das Häubchen aus dem Türspalt zurück. Lüttchen hob bedeutsam seine übernächtigen Augen zum Himmel. Ein tiefes Seufzen: »Mit mir ist's alle, Ilselott! ... Ich war zu schön für diese Welt!« Und nach einem vergeblichen Warten auf den Eindruck: »Du denkst wohl, ich werde mich erschießen! Nein – das tu' ich der Menschheit doch nicht an ... Weißt du, was passiert ist ...?« »Bitte – geh jetzt wieder!« Lüttchen trottete trübe auf seine Schwester zu und machte gebrochen halt. »Heute morgen ist sie gestorben!« sprach er erstickt. »Wer?« »Tante Spittko!« »Gibt's in unserer Verwandtschaft nicht!« »Aber in meiner Wahlverwandtschaft. Ihr verflossener Mann war Berliner Grundstückspekulant ... Respekt ...« »Du siehst doch, daß ich ...« »... bei Lebzeiten ein listiger, alter Knabe! Hat ihr, bei den miesen Zeiten, ein Mordsvermögen hinterlassen!« »Lüttchen – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht ...« »In dem alten, ehrlichen Zoppot habe ich in seligen Maientagen Tante Spittko kennengelernt. Ich saß neben ihr. Sie setzte immer auf Rouge ... die gute Frau! Sie konnte ja meine Mutter sein ...« Lüttchen schnaubte sich erschüttert in ein drachengesticktes Schnupftuch aus hauchdünner, goldfarbener, chinesischer Seide. »Und sie war es auch. Ich erinnerte sie so an ihren verstorbenen Sohn – sagte sie. Der wäre auch solch ein Taugenichts gewesen ...« »Verschone mich ...« »In der Schummerstunde saß sie immer und hielt meine Hand in ihrer und weinte sanft vor sich hin ... Es war ja auf die Dauer öde ... Aber ich duldete still, wenn sie mir ihr Herz und ihr Scheckbuch öffnete.« »Davon hast du dein Geld?« »Gehabt!« sprach Lüttchen düster. »Tante Spittko ist tot! Und ihre Erben sind schnöde Banausen. Sie haben keinen Sinn für mich als wertvollsten Nachlaß der Verblichenen. Sie wollen ihr Geld für sich behalten! Kannst du das begreifen?« »Lüttchen – ich kann dich jetzt nicht anhören!« »Es braucht mich auch nur dein Mann anzuhören! Gebhard der Reiche! Wozu war ich vorsichtig in der Wahl meines Schwagers? Ich will ihm großmütig das glänzende Geschäft zuwenden, mich neu zu finanzieren!« »Gebhard ist unpäßlich! Der Arzt ist bei ihm! Ich gebe dir Nachricht, wann du ihn sprechen kannst! Aber jetzt lasse mich um Himmels willen in Ruhe!« Ilselott schob den Bruder an seinen dürftigen Schultern zur Türe hinaus. Sie stand allein im Zimmer. Sie wandte verzweifelt den bleichen Kopf zur Tür. »Agnes – was stören Sie denn schon wieder?« »Herr Juwelier Bauer läßt sich nicht abweisen, gnädige Frau! Es sei nur eine Kleinigkeit! Ich habe in Gottes Namen umgeschaltet!« »Verzeihung, gnädige Frau – nur, damit wir einig gehen ...« tönte, während die Jungfer verschwand, aus der Muschel die trockene Stimme eines alten Herrn. »An Ihrem großen Kollier ist doch die eine Perle vorläufig imitiert?« »Gewiß! Bis die echte wieder im Stand ist! Die war doch matt geworden!« »Nun – dann ist ja alles in Ordnung, gnädige Frau! Es ist ja nur, weil ich für den ganzen Schmuck einstehen muß, gegenüber meiner Bankverbindung, die ihn beliehen hat ...« »Meinen Schmuck ...?« »... den Sie uns gestern durch Ihren Herrn Gemahl haben bringen lassen ... Mein Gott ... kein Wort, gnädige Frau ... Ich verstehe ja vollkommen ... Diskretion Ehrensache ... heutzutage ... da braucht selbst ein Doktor Hüsgen einmal Kasse – zumal bei dem großen Bilderkauf gestern ...« »Ja ... ja ...« »... und die Bank berechnet sich ja auch ihre kräftigen Zinsen ...« »... ja ...« »Und es ist ja nur ein Überbrückungskredit auf ganz kurze Zeit, wie Ihr Gatte sagt ...« »Ja ... ja ... davon versteh' ich nichts ...« »Ist ja auch nichts für Damen, gnädige Frau!« »Ja ... ja ... Aber ich habe natürlich gern eingewilligt ... als mein Mann mich bat ... Herr Kommerzienrat ...« »Das nenne ich doch noch eine liebende Gattin, die sich stoisch von ihrem Schmuck trennt ... ha ... ha ... Also, gnädige Frau – dann darf ich gehorsamst guten Morgen wünschen!« 65 Ilselott Hüsgen saß starr, die Hände im Schoß. Sie hielt geistesabwesend eine Besuchskarte in der Hand. Die hatte sie mechanisch vom Tablett der eingetretenen Jungfer genommen. Sie las mit leeren Augen den einfachen Namen auf dem großen, weißen Karton: ›Johannes Hüsgen‹. Sonst nichts. Sie nickte verloren. Die Zofe öffnete die Tür. Aus der Halle unten klang einen Augenblick die leidenschaftliche, sich überstürzende Fistelkehle des Hausherrn: »Und hier, Herr Professor, sehen Sie eine Früharbeit des unbekannten Tiroler Meisters aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ...« Die Stimme verstummte. Die Tür schloß sich. Der Seniorchef der Hüsgenwerke stand im Zimmer, Ilselott gegenüber, weißköpfig, lang und hager, Energielinien um die dünnen, bartlosen Lippen, stahlblau der Blick hinter dem Zwicker. »Da bin ich, Ilselott! ... Wir haben uns lange nicht gesehen! Ich befinde mich zufällig gerade zu einer Aufsichtsratssitzung in Berlin. Deine Depesche wurde mir nachtelephoniert!« »Danke!« Johannes Hüsgen setzte sich. »Ich bin jetzt eben unten an deinem Mann vorbei. Er war so vertieft darin, einem Herrn seine Kunstschätze zu erläutern, daß er mich gar nicht bemerkt hat. Ich wollte ihn nicht erst anreden, sondern zuerst mit dir sprechen. Denn es handelt sich doch um Gebhard?« Und nach einer Pause: »Ilselott ... komm doch zu dir ... Du sitzst ja da wie eine Salzsäule!« »Onkel ... wie ist das möglich ... Herrgott ... Onkel ... wie ist das möglich ...?« »Rede nicht so traumverloren, Ilselott ... Was ist möglich ...?« »... daß mein Mann mir heimlich meinen Schmuck stiehlt und verpfändet!« »Es gibt keinen Diebstahl zwischen Ehegatten! Strafgesetzbuch so um Paragraph zweihundertfünfzig 'rum ...« »Aber warum tut er's? Er hat's doch nicht nötig! Du weißt doch selber am besten, wie reich wir sind!« »Das weiß ich nicht!« »Gebhard ist doch dein Neffe!« »Wieviel Geld ich und meine Söhne haben, das ist mir bekannt! Was mein Neffe mit seinem Vermögen gemacht hat, da fragst du mich zuviel!« »Aber es steckt doch bei euch in der Firma. Und die Firma geht doch sogar heutzutage gut! Das sagen doch alle!« »Hat dein Mann nie mit dir über seine Finanzen gesprochen?« »Nein. Ich hätt' es doch nicht kapiert!« »Das hättest du schon begriffen, daß er, nach eurer Heirat, sich seinen Anteil an den Hüsgenwerken hat bar auszahlen lassen!« »Davon war doch nie bei euch die Rede ...« »Die Hüsgenwerke, Ilselott, sind eine der wenigen noch vorhandenen großen Firmen in reinem Familienbesitz. Wir sind nicht verpflichtet, unsere Bilanz zu veröffentlichen. Und unnötig gibt, bei der heutigen Geldknappheit, kein Unternehmen, im Interesse seines Kredits, gern zu, daß es sich durch die Abfindung an deinen Mann eines immerhin beträchtlichen Bruchteils seines Betriebskapitals hat entäußern müssen! Es handelte sich schließlich doch um Millionen. Wo die seitdem geblieben sind ...« »Eingefroren in den Sammlungen deines Mannes!« Johannes Hüsgen schüttelte den weißen Kopf. »Es ging uns nichts an, und wir hatten kein Recht, dareinzureden. Aber wir konnten die Summen doch ungefähr nachrechnen! Wir frugen uns oft, wie lange das so weitergehen sollte! Er mußte, im Vertrauen gesagt, nach unsern Aufstellungen schon seit etwa einem halben Jahr völlig am Ende seiner Mittel sein!« »Ach Gott ...« »Ich wohne in dem Hotel, in dem gestern die Kunstversteigerung war. Es gibt auch unter uns Wirtschaftsmenschen Sammler. Und die sagten mir, daß der Preis, den dein Mann gestern für die paar Quadratfuß Leinwand anlegte, der helle Wahnsinn war!« »Aber was bedeutet demgegenüber das bißchen Geld, für das er meinen Schmuck verpfändet hat?« »Er besaß offenbar gar kein Geld mehr, weil er sich wahrscheinlich um keinen Preis von einem seiner Museumsstücke trennen und es verkaufen will, und brauchte doch den für die Versteigerung vorgeschriebenen Kautionsbetrag!« »Aber wovon zahlt Gebhard denn dann heute die fällige ungeheure Summe für das Bild?« »Ja – woher nehmen und nicht stehlen?« »Stehlen ... ...« »Spaßeshalber gesagt ... da der fanatische Kunstsammler doch schon heimlich Zwangsanleihen bei seiner eigenen Frau macht! Aber im Ernst: Wenn ihm der liebe Gott nicht heute nacht ein Vermögen im Schlaf beschert hat ...« »Heute nacht ...« »Ilselott ... was ist dir?« Der Oheim sprang auf. Er drückte auf den Klingelknopf. Er wandte sich zu der Jungfer. »Schnell ... ein Glas Wasser ...« »Um Jesu willen ... die gnädige Frau wird ja ohnmächtig ...« »Wohnt ein Arzt in der Nähe?« »Es ist ja einer im Hause ... Ein richtiger Professor ...« »Der Herr unten? Holen Sie ihn gleich herauf!« Johannes Hüsgen wandte den weißen Kopf zur Tür. »Herr Professor! Ich bin jetzt hier das fünfte Rad am Wagen! Ich überlasse meine Nichte Ihren Händen!« 66 »Bleiben Sie noch auf dem Diwan liegen, gnädige Frau, bis Sie sich ganz erholt haben! Muten Sie Ihren Nerven nicht zuviel zu!« »Ich brauche jetzt meine Nerven, Herr Professor!« »Ja – das fürchte ich auch, gnädige Frau!« Ilselott richtete sich auf dem aufgestützten Ellbogen empor. Sie saß aufrecht dem Arzt gegenüber. Sie warf einen Blick in den Wandspiegel. »Ich sehe aus wie ein Geist ...« Sie strich sich über die Stirn. »Und dabei weiß ich noch gar nicht, was Sie mir sagen werden!« Eine Stille ... Dann langsam von den weltkundigen glattrasierten Lippen drüben: »Um Ihretwillen würde ich gern mit dem noch warten, was ich Ihnen zu sagen habe, gnädige Frau!« »Kümmern Sie sich jetzt nicht um mich, sondern nur um meinen Mann!« »Aber eben wegen Ihres Herrn Gemahls muß ich als Arzt sofort reden! Es ist Gefahr im Verzug ...« »Er ist krank ...?« »Ich habe ihn beobachtet, während er mir seine Sammlungen zeigte – krankhaft fanatisiert – mit einer pathologischen Hingabe an seinen Besitz ...« »... von dem er nie genug bekommt ...« »Darüber habe ich mich mit ihm lange unterhalten! Ich habe ihn zum Schluß unseres Gesprächs mit äußerster Vorsicht gefragt, ob er nicht lieber einmal seinen Nerven ein wenig Ruhe gönnen und eine Zeitlang mit dem Sammeln aufhören wolle ...« »Um Gottes willen – das meinem Mann ...?« »Ich mußte es tun, um auf diese Art seinen Gemütszustand zu sondieren! Und wie notwendig diese Untersuchung war ... gnädige Frau – Sie sehen – meine Krawatte ist zerrissen ... der Kragenknopf gesprungen.« »Großer Gott ...« »Ich sah an seinem verzerrten Gesicht die Krise kommen! Plötzlich packte er mich am Halse und würgte mich und heulte: ›Verrat! Jetzt durchschaue ich Sie! Sie sind ein Spion meiner verrückten Frau!‹ ...« »Gebhard – und gegen einen Menschen tätlich ... Dann war er nicht bei sich!« »Nein, gnädige Frau! Es war das klinische Bild eines jäh ausgebrochenen Tobsuchtsanfalls. Ich machte mich mit ein paar Griffen frei ...« »Und er ...?« »Er stand und starrte mich unsicher an. Ich kenne diese wolkig getrübten Augen. In diesem Augenblick kam Ihr Mädchen laut schreiend die Treppe heruntergestürzt, um mich zu Ihnen zu holen, und er an ihr vorbei, drei Stufen auf einmal, in den Oberstock hinauf. Ich konnte ihm nicht so rasch folgen. Ich mußte ja auch zu Ihnen. Ich hörte nur, wie er sich da oben in einem Zimmer einschloß.« Ein schweres Schweigen. Ilselott hob den Kopf. »Sagen Sie mir die volle Wahrheit, Herr Professor!« »Fühlen Sie sich stark genug, sie zu hören?« »Ja.« »Gnädige Frau: das menschliche Gehirn kann scheinbar normal funktionieren und doch in einem Teil seiner Windungen erkrankt sein ... Man nennt das die fixe Idee. In diesem Fall die Sammelwut!« »Mein Mann ist ...« »Gnädige Frau: Sie leben, ohne zu wissen, an der Seite eines Geistesgestörten.« Ilselott Hüsgen erhob sich langsam. Der Professor stand neben ihr, bereit sie zu stützen. Aber sie hielt sich aufrecht. »... und zwar schon seit geraumer Zeit, gnädige Frau!« »Und jetzt ...« »Gnädige Frau – wir müssen den Patienten sofort in eine geschlossene Anstalt überführen. Derartige Gemütskranke sind, im Zwang ihrer fixen Idee, zu direkten Verstößen gegen die Gesetze fähig!« Der Nervenarzt drückte auf den Klingelknopf. Er frug das eintretende Mädchen: »Wo ist Herr Doktor Hüsgen jetzt?« »Er hat sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen! Aber wie eben Herr Rösing gekommen ist und geklopft hat, hat er ihm aufgemacht.« »Na – seit wann verschanzen Sie sich denn in Ihren eigenen vier Wänden, Verehrtester?« sprach der rotbärtige Kunsthändler Rösing, behaglich in seinem Sessel, zu dem Dr.. Gebhard Hüsgen, der mit unsteten, kleinen Schritten in seinem Schlafzimmer auf und ab lief. »Tja – weswegen ich hier in Erscheinung trete, können Sie sich ja lebhaft vorstellen! Nu singen wir die Berappigungsarie! Vorher ziert der Andrea del Sarto nicht dies Haus!« »Er muß zu mir ins Haus!« »Herrgott – schreien Sie doch nicht so!« »Heute noch!« »Lassen Sie doch meinen armen Rockknopf in Ruhe! Man könnte sich ja vor Ihnen fürchten!« »Heute mittag hängt er unten an der Wand!« »Wenn Sie so rasch die Moneten vorweisen können ...« »Kleinigkeit für mich!« Gebhard Hüsgen faßte sich geheimnisvoll lächelnd an die dick geschwellt unter dem Rock sich abzeichnende Brusttasche. »Haben Sie womöglich das Geld bar darin?« »Nicht bar ... aber ich hol's!« »Famos! Mann, kommen Sie! Mein Wagen streikt heute! Ich hab' 'nen Taxameter unten! Wie?« Der rote Rösing blickte über die Schulter nach dem auf der Schwelle erschienenen Hausmädchen. »Die gnädige Frau möchte mich dringend sprechen? Na – dann entschuldigen Sie mich 'nen Moment, verehrter Freund und Gönner!« »Herr Rösing!« Ilselott stürzte in ihrem Zimmer dem Kunsthändler entgegen. »Mein Gott ... gnädige Frau – wie sehen Sie aus?« »Mein Mann ist krank ...« »... 'bißchen aufgeregt – geb' ich zu!« »Hier – der Herr Professor wird Ihnen erklären ... Gebhard darf keinen Schritt aus dem Haus ...« »Da draußen läuft er ja ohne mich durch den Garten ...« Der rote Rösing faltete betroffen die Hände vor dem Bauch. »Mir nichts, dir nichts auf meine Droschke zu ...« »Kutscher! Der Herr, mit dem Sie gekommen sind, braucht Sie nicht mehr!« Gebhard Hüsgen hatte in Sätzen quer über die Blumenbeete das Einfahrtstor erreicht und flüchtete hastig in das Innere des draußen auf dem Fahrdamm haltenden Taxameters. »Ich nehm' Sie! Fahren Sie mich nach Berlin hinein! Schnell!« Unterwegs rief er mit heller Fistelstimme durch die Scheibe: »Halten Sie mal an irgendeinem Geschäft, wo ich das Telephonbuch nachsehen kann!« Und im Herauskommen aus dem Laden atemlos geschäftig, heiter: »So – nun weiter – nicht wahr? ... Zum Doktor Josef Schraubt ... nicht wahr?« »Wo soll denn das sein, Herr?« »Ach so! Da hab' ich es aufgeschrieben. Oben im Norden. Da nehmen Sie den Zettel ... Sie verstehen – nicht wahr?« Ein neues Kichern. »Also zu Doktor Schraudt!« 67 Der Dr.. Josef Schraudt stieg wuchtig und langsam die Treppe seines großen, leeren Hauses empor. Er trat in das kahle Bücherschränkegeviert seines Arbeitszimmers und schaltete über dem papiernen Wirrwarr des Schreibtisches den gelben Lichtkreis der großen, grünen Lampe. An die Scheiben klopfte außen schon die Nacht. Er trat an das Fenster und schaute in die stille Gartengegend des Berliner Nordens hinaus. Spärlicher Schein flimmerte drüben aus Krankenhäusern. Steil schattete ein Kirchturm. Das Herbstlaub des undeutlich dunkeln Friedhofs unten rauschte. Aus einer Buschwildnis zwischen Plankenzäunen schrie eine Katze. Fern die finstere Masse eines Museums. Auf der Schwelle des Raums erschien die alte Haushälterin: »Ein Herr möchte Sie dringend sprechen, Herr Doktor!« Da folgte er ihr schon auf dem Fuß. Sprudelnd die Worte, zuckend die Lippen, zappelig das Händespiel. »Dreimal war ich im Lauf des Tages schon hier und fand Sie nicht!« »Ah – Herr Hüsgen – bitte nehmen Sie Platz ...« »Ich laufe seit heute morgen in Berlin herum und warte auf Sie!« »Ich brachte heute in aller Frühe einen reuigen, jungen Leichenfledderer zu einem Bäckermeister in der Uckermark in Lehre ...« »Und ich ... Meine Zeit ist doch auch kostbar – nicht wahr? Ich habe doch über wichtige Dinge mit Ihnen zu reden – nicht wahr?« »Womit kann ich dienen, Herr Doktor?« »Wir sind doch alte Freunde – nicht wahr?« »Ich erlaubte mir wenigstens neulich, im Interesse meiner Gefangenenfürsorge, Ihr Haus aufzusuchen, und Ihre Frau Gemahlin hatte die große Güte, mich bei dieser Gelegenheit unter die Gäste des Hauses aufzunehmen!« »Pah! ... Pah! ... Pah! ... Wir kennen uns schon länger! Wir haben einen gemeinsamen Freund!« Gebhard Hüsgen rieb sich geschäftig die Hände. »Ich habe Sie doch schon vor einem halben Jahr mit dem Dicken in der Kaschemme sitzen sehen ...« »Mit dem Dicken? ... Ach so ... dem schauderhaften alten Zuchthäusler und Zuhälter ... Ich erinnere mich dunkel ...« »Ungefähr um die Zeit, als ich mit dem Dicken in Geschäftsverbindung trat! Ich bin Kunstsammler – nicht wahr?« »Gewiß – aber was hat das damit ...« »Manchmal findet man in Trödelkellern ein Kleinod. Es kommen da aus Rußland zuweilen noch wunderbare Sachen in wilde Pfandleihen im Berliner Osten. Seit Jahren treibe ich mich da herum. Bei einer solchen Gelegenheit lernte ich den Dicken kennen und schätzen ...« »Herr Hüsgen – es ist meine frei gewählte Lebensaufgabe, daß ich mit dem Abschaum der Menschheit verkehre. Also vielleicht auch ein- oder zweimal mit dem Dicken! Aber was einen Mann in Ihrer Lage veranlaßt, sich mit einem solchen Kerl zu befassen ...« »Zuerst bezog ich von dem Dicken gestohlene Kunstgegenstände – Sie verstehen ...« »Nein. Ich verstehe Sie nicht!« »Hi – hi – die halt' ich gut verwahrt! Die seht ihr nicht! Die betrachte ich nur heimlich des Nachts!« »Herr Hüsgen ...« »Denken Sie mal an!« Gebhard Hüsgen lachte herzlich. »Auf einmal konnt' ich vor einigen Monaten dem Dicken bei Nacht nichts mehr abkaufen und dem Rösing nicht bei Tag! Hoppla: Mein vieles, vieles, vieles Geld war bis auf den letzten Groschen weg! Alles für mein Museum!« »Hören Sie mal ...« »Woher Geld nehmen und nicht stehlen? Da sagt' ich mir ...« Der Gemäldesammler hob verklärt den feinen Kopf: »Warum nicht selber stehlen? Alle Menschen außer uns beiden sind doch verrückt – nicht wahr? Die geben ihr Geld für Aktien und Seidenschleppen und Hummern aus! Da nimmt man es den großen Kindern doch lieber weg und verwendet es für die heilige Kunst ...« »Machen Sie sich über mich lustig?« Drüben zogen sich düster die buschigen Brauen über den finsteren, tiefliegenden Augen zusammen. Der Besucher achtete nicht darauf. Er beugte sich vor und nickte schalkhaft. »Diebstahl ist auch eine Kunst. Eine große Kunst. Was versteht der Dicke und sein Volk davon? Dürftigste Volksschulbildung – nicht wahr? ... Unwissende, täppische Halbmenschen ... nicht wahr?« »Erklären Sie mir endlich ...« »Was wüßten die, wo im Westen was zu holen war? Hinterm Stehlen muß der Sturmwind sein – nicht wahr? – das heilige Feuer ... Ich hab' erst Schwung in die Kolonne gebracht! Seitdem kennt und schätzt uns ganz Berlin ... nicht wahr?« »Sind Sie bei Trost?« »... bis zu dem Einbruch heute nacht! ... Die Krönung meines Lebens – die große Zwangsanleihe bei der Hauptbank ist mißglückt! Das wissen Sie ja ...« »Nein.« »Seit zwei Stunden schreien es die Zeitungsverkäufer auf allen Straßen – nicht wahr?« »Ich komme eben vom Bahnhof! Ich habe kein Abendblatt gelesen!« »So ... so ... so ... Ja ... Weißt du ... Ich bin ein Napoleon ohne Heer. Meine alte Garde ist bis auf den letzten Mann gefangen!« »Herr Hüsgen – ich weiß nicht, warum Sie mein Interesse an den Parias der Gesellschaft mißbrauchen, um mir diese Räubergeschichten aufzubinden! Wenn ich ein Wort davon glaubte, müßte ich Sie ja der Polizei übergeben!« »Das werden Sie nicht!« Eine sanft abwehrende Handbewegung drüben. »Sie werden schweigen wie das Grab! Nicht wahr?« Ein schmerzliches Zungenschnalzen. »Die ganze Kolonne abgefaßt. Der Dicke tot. Ich stand selbst an seiner Leiche. Er allein hat gewußt, wer ich bin!« »Herr Hüsgen: Ist das eine Wette, wie lange meine Leichtgläubigkeit oder meine Geduld reicht? Jedenfalls bitte ich jetzt ernstlich: Machen Sie ein Ende!« »Nein – mich kriegen sie nicht!« sprach der Kunstsammler sinnend. »Ich bilde mir schon wieder eine neue Kolonne. Aber das braucht natürlich seine Zeit, und ich habe eine dringende, große Zahlung! Die wollt' ich mir heute nacht bei dem Bankhaus Wiebeking besorgen ...« »Wo ...?« Der Dr.. Schraudt fuhr hastig auf. »Das wäre ein Schlag gewesen wie keiner!« Der schmächtige, nervös in sich schlotternde Mann trällerte leise und leidvoll vor sich hin. »Man steht schon im Panzergewölbe des Hauptgeschäfts ... Man hat schon die ersten fünf, sechs Stahlkammern geöffnet – nicht wahr? ... Darunter auch Ihre, Herr Doktor Schraubt ... Sie verstehen ...« »Was phantasieren Sie da ...« Bebend die dunkle, dumpfe Stimme. Leise zitternd die jäh aufgesprungene, massig in dem halbdunkeln Zimmer vor dem Besucher stehende Gestalt. »... da wird man gestört ... Gott sei Dank ... Ich habe vorher den sechsten Sinn – nicht wahr? ... Ich war gerade zehn Minuten vorher durch den Tunnel mit meinem Fund nach dem Ausgangspunkt in die Werkstatt zurückgekrochen – nicht wahr ...?« »Welchem Fund ...?« »... der allein ein Vermögen wert ist ...« Gebhard Hüsgen lächelte zutraulich. »ch weiß: Sie haben Ihr riesiges Vermögen ganz wo anders liegen. Sie haben es bei dem Bankhaus Kieselbach – dem guten Kieselbach in Verwaltung ... Geht einem auf die Nerven – nicht wahr? ... Das Kerlchen mit seinen ewigen Berliner Börsenwitzen – nicht wahr? Schade um die schöne Frau ...« »Ich weiß nicht, was ich dabei zu tun habe ...« »Aber es ist ja ganz begreiflich – es ist ein Gebot des Feingefühls – nicht wahr? ... daß Sie der Stahlkammer des Herrn Kieselbach nicht gerade die Liebesbriefe seiner Frau an Sie anvertraut haben – nicht wahr?« »Sie haben sie doch nicht ...« »Doch. Ich habe sie!« Der Sammler nickte schelmisch und zog ein Päckchen Papiere aus der Brusttasche. »Da. Ich zeige sie Ihnen! Aber nur von fern! Sie verstehen! In der andern Hand hab' ich 'nen Revolver, wenn Sie näher kommen!« Neugierig. »Haben Sie keinen Revolver?« »Ich habe nie eine Waffe!« Gebhard Hüsgen steckte die Briefe wieder sorglich ein. »Das kommt davon! sprach er vertraulich. »Frau Kieselbach schreibt Ihnen nicht nur immer wieder, daß sie sich wegen ihrer beiden Kinder nicht von ihrem Mann trennen kann – nicht wahr?« »Die Briefe ...« »... sondern sie bittet Sie auch in jedem Brief, den Brief sofort zu verbrennen – nicht wahr? Das haben Sie nicht getan. Sie waren zu verliebt. Sie verstehen ...« »Um Gottes willen ... die Briefe ...« »... und führten sich deswegen als Wohltäter der Menschheit bei meiner verrückten Frau ein, um sich mit ihrer Freundin Iris Kieselbach dort unauffällig zu treffen – nicht wahr?« »Die Briefe ...« Der Privatgelehrte stürzte an das Telephon. »Ist dort Bankhaus Wiebeking? ... Ich komme eben von der Reise ... Ist heute nacht wirklich ein Einbruch ...? Meine Stahlkammer? ... Doktor Schraudt ist mein Name ...« Er horchte. Er furchte die Stirne. »Nein. Danke. Es braucht keine Verhandlungen! Ich erhebe keine Entschädigungsansprüche. Ich hatte nur ein Paket Geschäftspapiere in dem Safe, die für einen Dritten wertlos sind!« Er setzte sich. Er stützte den massigen Rundschädel in die breiten Hände. Er fuhr auf. »Geben Sie mir die Briefe!« »Ich verkaufe sie!« sagte der Sammler sanft. »Sie können sie ja zum Glück zahlen!« fuhr er heiter fort. »Für heute brauche ich nur hunderttausend Mark bar, als Anzahlung auf den Andrea del Sarto. Sie verstehen – die späteren größeren Zahlungen – nicht wahr – geben Sie mir in Wechseln. Darüber einige ich mich mit den Leuten schon. Ihre Unterschrift ist ja bar Geld! Zug um Zug kriegen Sie von mir die Briefe!« »... und Sie mein ganzes Vermögen ...« »Ich leihe es doch nur!« belehrte der Irre milde. »Ich sagte Ihnen doch schon: Ich bilde sofort eine neue Kolonne. Sowie die im Betrieb ist, erhalten Sie Ihr Darlehen zurück!« »Durch Raub und Diebstahl ...« »Sie leben ja selbst für die Räuber und Diebe!« »Ich rette Menschen!« »Und ich sammle Kunstwerke!« kreischte es drüben. »Und ein Rembrandt ist mehr als ein Einbrecher. Und eine Raffaelsche Madonna mehr als eine alte Ladendiebin!« »... wo Sie selbst sich mit dem Gesindel Verbrüdern ...« »Ich benutze es zu meinen höheren Zwecken! Für Sie ist es Selbstzweck! Sie sind für die Krankheit ... Ich bin für die Schönheit!« »Sie vernichten meine Lebensaufgabe!« »Ich erfülle meine! Die steht höher!« »Ich kann mich nicht von meinem Werk trennen!« »... und ich mich nicht von meinen Kunstwerken!« Der Irre stand behutsam auf. Er schob sich, mit dem Rücken gegen die Türe, geräuschlos gleitend, nach dem Ausgang. Er behielt den finsteren, plumpen, wild keuchenden Mann im Lichtkreis der grünen Lampe drüben unverwandt im Auge. Er rieb sich verbindlich die Hände. »Nun ...?« »Nein!« »Ich gehe jetzt zu Herrn Kieselbach! Sie verstehen – nicht wahr ...?« sprach der Sammler friedlich. »Es wird vorn schon zu sein. Aber es ist ja noch früher Abend. Er arbeitet sicher noch in seinem Privatkontor! Nicht wahr?« »Warten Sie! Ich komme mit!« »Und dort, Herr Doktor Schraubt ...?« Ein verschmitztes Blinzeln in den wolkig-gläsernen Augen. »Ich zahle Ihnen in Gottes Namen die Summe! Kieselbach sperrt mir zuliebe schon seinen Kassenschrank auf!« »Dann brauche ich mich dort bei ihm nicht zu zeigen, sondern warte auf Sie draußen vor der Bank – nicht wahr?« sprach Gebhard Hüsgen erfreut. »Gehen Sie vor mir die Treppe hinunter, Herr Doktor! ... Sie verstehen ...« Und unten mit heller Fistelstimme: »Nein – ich hab' vor Ihnen Angst! Ich setze mich nicht neben Sie in eine dunkle Droschke! Wir gehen zu Fuß! Ich schleiche still hinter Ihnen ...« Und auf dem Weg längs des Schiffahrtskanals zum Humboldthafen, ein kichernder Schatten: »Mich verlieren Sie nicht!« Weit und öde dunkelten zur Linken der beiden einsamen Fußgänger, mit Haufen von Ziegelsteinen, Holzstapeln, Schichten von Eisenschienen die verschwimmenden Pflasterflächen der Kais. Zur Rechten spiegelte sich schwarz das Wasser des Kanals. Wenig Menschen kamen vorbei. Gerhard Hüsgen hielt vorsichtig zehn Schritte Abstand von der wuchtig stiefelnden, breitschulterigen Gestalt vor ihm. Der Irre lächelte. Er versank immer mehr in feine Gedanken. Sein hageres Gesicht gewann einen frommen, verträumten Ausdruck. Eine plötzliche Kehrtwendung auf dem Absatz – da vor ihm ... der Boxhieb einer Bauernfaust auf seine Stirne, zwischen die Augen – hart, im Sturz, das Pflaster ... Ein Schnaufender, Wütender kniet auf ihm – hält ihm die nach der Waffe krabbelnde Rechte fest ... die andere fremde Hand reißt ihm Paletot und Rock auf, daß die Knöpfe rollen, fingert fiebrig in die Tasche, zieht Papiere heraus. Josef Schraudt stand schwer atmend neben dem am Boden Liegenden. Er öffnete seinen Mantel, schob die Briefe der Iris Kieselbach hinein. Seine beiden Hände waren beschäftigt. Ein Würgeriff umkrallte ihm die Kehle. Gebhard Hüsgen war aufgesprungen. Die drosselnden Finger des Irren hatten Riesenkräfte. Die Finger drohten, im Gestolper der beiden längs des Kais, den mächtigen Mann zu ersticken. Er riß sich mit letzter Anstrengung los. Er versetzte, halb betäubt, dem Gegner einen Abwehrstoß vor die Brust, daß dessen schmächtige Gestalt rücklings über den Rand der steinernen Kanalböschung taumelte. Vereinzelt ankerten, an dieser einsame Stelle des Wassers, im Dunkel Kähne. In der einen Kajüte saß der Schiffer mit seiner Frau beim Abendessen. Er hob den Kopf von den Kartoffeln mit Grieben. »Hast du nischt gehört, Mutter?« »Wat soll's denn sein, Hinrich?« »Da hat's eben drüben so 'nen Plumpser getan ...« Beide horchten. Die Frau schüttelte den Kopf. »Nee – lat man gut sin! Da is ja woll allens wieder still!« 68 »Ilselott ... dein Mann war ja schon lange krank. Er mußte nicht mehr, was er tat, als er sich und uns durch seinen Sprung ins Wasser erlöst hat!« »Ilselott: Es ist jetzt Zeit, daß ich dir das entscheidende Wort sage. Es ist jetzt eine Woche her, daß man ihn im Kanal gefunden hat. Er liegt unter der Erde. Vor dir liegt das Leben!« »Bisher hab' ich mein Leben verträumt, Werner ...« »Komm für dein künftiges Leben zu mir!« »Erst muß ich zu mir kommen! Von einem goldenen Käfig in den andern – da wäre ich dir zuwenig!« »Ilselott – du brauchst Hilfe – auch in äußeren Dingen. Das Erbe deines Mannes ist beschlagnahmt. Du besitzest nichts mehr. Du bist allein dem Leben nicht gewachsen!« »Ich will ihm gewachsen sein! Ich habe eine große und ernste Bitte an dich, Werner! Die mußt du recht verstehen!« »Sprich ...« »Lasse mich deinem Beispiel folgen und eine Weile draußen auf eigenen Füßen stehen und selber für mein tägliches Brot sorgen!« »Warum?« »Damit ich weiß, was das wirkliche Leben ist. Das hast du ja auch getan – als Garagenschlosser – mitten im Volk. Das ist doch gerade in deinem Sinn gedacht und gehandelt, Werner! Das geschieht für dich!« »Und dann?« »Ja. Dann.« Werner Wiebeking ging mit dem letzten Kuß auf den Lippen. Neugierige standen draußen vor der Villa Hüsgen. Blauer Herbsthimmel strahlte über dem Grunewald und dem Tiergarten. Am Rand des Tiergartens stieg der Dr.-Ing. Wiebeking aus seinem Wagen und betrat das Haus seiner Eltern. Der Pförtner Meinecke zuckte nervös mit dem Gesicht. »Ein Schutzmann erwartet Herrn Doktor in der Halle!« »Wollen Sie mich verhaften?« Werner Wiebeking blieb freundlich stehen. »I wo, Herr Doktor! Bloß mich zur Stelle melden!« Es leuchtete humoristisch über das bartlose, runde Antlitz des Schupo Peschke. Der junge Mann vor ihm lachte und streckte die Hand zum Gruß aus. »Ach Gott – Hildchen! Da stehen Sie ja in Lebensgröße! Sind Sie nun kuriert, Kind? Sie sehen: Ich bin tatsächlich ein ganz uninteressanter Fall!« »Ja. Aber hier der Peschke ...« Die romantischen braunen Augen des Obstfräuleins glühten. »Der ist wirklich mang die Räuber gegangen! Der hat sich neulich nacht mit Ruhm bedeckt. Den nehmen sie jetzt zur Kriminalpolizei!« »Gratuliere!« »Und daraufhin haben wir beschlossen, uns zu heiraten ... der Fritze und ich!« sagte die Hilde Luders. »Und so was Schönes wollte ich Ihnen doch selber erzählen, Herr Doktor!« »Und beim ersten Jungen steh' ich Pate!« »Danke, Herr Doktor!« Der Schupo Peschke strahlte und schüttelte Werner Wiebeking die Rechte. »Ja. Herr Doktor – da mögen die Gelehrten sagen, was sie wollen – aber es ist 'ne bucklige Welt! Wer hätte sich das gedacht, wie vor drei Wochen die Fränze Häselich quer übern Ottoplatz auf meine Verkehrsinsel zugesteuert kam ...« »Heute morgen hab' ich Grüße von ihr und dem Paule Räder aus Holland gekriegt!« Das Obstfräulein zeigte eine Postkarte. »Die zwei werden's dort schon schaffen!« Friedrich Peschke sah auf die Uhr. »Entschuldigen Sie, Herr Doktor! Ich muß in den Dienst! Heute zum letztenmal als Verkehrsschutzmann!« Der Schupo Peschke stand auf seiner Insel. Der Donner Berlins umbrandete ihn. Aus fünf Häuserschluchten stürzten sich, in Flut und Ebbe, auf ihn die Wagenburgen und wimmelten die Fußgänger. Radler und Rosse, Straßenbahn und Feuerwehr, Geheimrat und Spreewälderin, Brautkutsche und Leichenwagen harrten seiner erhobenen Hand. Winke, Schupo – winke! Um dich dreht sich Berlin. Berlin nimmt kein Ende.